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Endless you

Kein Song mehr ohne dich

von Sandra Helinski (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Jan hat sich seinen Traum – Rockstar werden – erfüllt. Mit seiner Band Drunken Soldiers gelingt ihm der Durchbruch, zumindest solange bis ihr zweiter Gitarrist aussteigt und ihre Plattenfirma ein neues Album fordert. Damit steht die Band kurz vor dem Aus und benötigt dringend Hilfe.
Kira steht knapp davor ihr Studium zu beginnen, doch dafür braucht sie schleunigst eine Einnahmequelle. Verzweifelt nimmt sie die ihr angebotene Stelle als Bandmanagerin an – doch bei der Band handelt es sich ausgerechnet um die Drunken Soldiers. Und deren Sänger Jan ist jener Mann, den sie vor Jahren öffentlich bloßgestellt und gedemütigt hat, als sie seinen Heiratsantrag auf der Bühne vor Publikum ablehnte.
Werden die beiden wieder zueinander finden oder stellt die Vergangenheit ein zu großes Hindernis dar?

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits 2017 erschienen Titels Kein Rockstar ist auch keine Lösung.

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe August 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-838-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-878-0

Copyright © 01.08.2017, dp Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 01.08.2017 bei dp Verlag erschienenen Titels Kein Rockstar ist auch keine Lösung (ISBN: 978-3-96087-235-1).

Covergestaltung: Jasmin Braun
unter Verwendung von Motiven von © eberhardgross/unsplash.com, © popcorner/shutterstock.com

Auszug aus: Elisabeth Marienhagen. „Der Tote von Wynden Manor.“ Apple Books.
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für Lelayna und Mia,

obwohl sie noch viel zu jung sind, um Bücher wie dieses gut zu finden.

 

Und für André,

der Rockstar-Romane nie lesen würde und trotzdem stolz auf mich ist.

Kapitel 1 – Fünf Jahre zuvor

„Ich hab nachher noch eine Überraschung für dich!“ Jan grinste Kira vielsagend an, während sie die Einzelteile des Schlagzeugs auf die kleine Bühne im Keller des Jugendhauses trugen. Kira zwang sich, zurückzulächeln, stöhnte aber innerlich. Was mochte das wieder sein? Jan liebte Überraschungen, sie nicht. Das letzte Mal, als er sie überrascht hatte, waren sie kurz darauf in einer verqualmten Kellerbar gelandet, in der ein Kumpel von Jan sein erstes Konzert gegeben hatte. Gott sei Dank auch sein letztes: Es war grauenhaft gewesen.

Sie stellte die schwere Basstrommel auf dem Bühnenboden ab und strich sich die hellbraunen Haarsträhnen aus dem verschwitzten Gesicht. Es war schon jetzt unerträglich heiß hier drinnen. Die schwere, abgestandene Luft raubte ihr den Atem und ließ ihre Kontaktlinsen austrocknen. Mit Wehmut dachte sie an ihr gemütliches Zimmer zu Hause. Dort wartete ein Stapel Chemiebücher auf dem Schreibtisch darauf, dass sie endlich Zeit zum Lernen fand. Diesmal mussten es mindestens vierzehn Punkte in der Klausur werden, sonst konnte sie ihren Einserschnitt im Abi vergessen. Stattdessen war sie hier und vertrödelte ihre Zeit.

Sie richtete sich auf und sah sich um. Um sie herum krochen drei junge Männer über die staubige Fläche und verkabelten Instrumente. Bis auf einen Mitarbeiter des Jugendhauses, der ihre Aufbauarbeiten überwachen sollte, war noch niemand da. Durch die kleinen Fenster ganz oben in der Wand fielen ein paar Sonnenstrahlen und machten die staubige, verbrauchte Luft sichtbar.

Die anfallenden Arbeiten vor einem Konzert kannte sie im Schlaf, sie hatte das schon hunderte Male erledigt, dennoch fühlte sie sich oft fehl am Platz und nicht richtig zugehörig. Jan und die Jungs aus der Band waren ein Team, sie selbst kam sich eher wie ein Störfaktor in der Männerfreundschaft vor. Niemand hätte sie je so bezeichnet, aber sie sah die Blicke der anderen, wenn Jan sie mal wieder mit in den Proberaum schleppte.

Sie wünschte, ihre beste Freundin Theresa hätte heute hier sein können. Doch die lag im Krankenhaus, schon zum dritten Mal dieses Jahr. Sie war der Grund, warum Kiras Wunsch, nach dem Abi Medizin zu studieren, noch weiter in den Vordergrund gerückt war. Sie lernte in jeder freien Minute und verbesserte sich von Klausur zu Klausur. Wenn sie jetzt nicht nachließ, würde sie den erforderlichen Numerus clausus problemlos schaffen.

Jan war das genaue Gegenteil von ihr, er verfolgte keine solchen Pläne. Wenn man ihn fragte, was er nach der Schule machen wollte, antwortete er meist lapidar mit: „Musik“. Er hatte weder vor, zu studieren, noch wollte er eine Lehre anfangen. Diese Sorglosigkeit führte immer häufiger zu Streit zwischen ihnen, in dieser Hinsicht waren Kira und ihre Eltern ganz einer Meinung. Die waren von Anfang an gegen die Beziehung zu Jan gewesen, der angeblich einen schlechten Einfluss auf ihre Tochter hatte, und machten das auch bei jeder Gelegenheit deutlich. Am Anfang hatte sie sich rebellisch gefühlt, doch in letzter Zeit konnte sie die Ansichten ihrer Eltern zunehmend nachvollziehen. Sie hatte sich weiterentwickelt, war durch ihre Sorge um Theresa erwachsen geworden. Jan aber weigerte sich, ernsthaft darüber nachzudenken, was er nach der Schule machen wollte und lebte in den Tag hinein. Es lag nur noch ein halbes Jahr zwischen heute und dem Tag, an dem sie sich für ihren weiteren Lebensweg entscheiden mussten. Nicht mehr viel Zeit, um eine gemeinsame Lösung zu finden, befürchtete Kira.

Jan ließ den Ständer, den er getragen hatte, achtlos fallen und sprang von der Bühne, um sich mit dem Typ vom Jugendhaus, der ihn zu sich winkte, zu unterhalten. Kira betrachtete ihren Freund nachdenklich. Er zündete sich eine Kippe an und wippte beim Reden auf den Fußballen vor und zurück. Sein raues Lachen erfüllte den ganzen Raum. Dies hier war seine Welt. Er war Musiker mit Leib und Seele und konnte sich nicht vorstellen, je etwas anderes zu machen. Sein Plan war es, mit seiner Musik groß rauszukommen. Er war eben ein Träumer, ein Optimist. Sie hingegen hatte früh erfahren, wie unfair das Leben sein konnte.

Zwei Mädchen kamen herein. Sie sahen Jan und kicherten, als er ihnen zuwinkte. Soweit Kira wusste, waren die beiden aus der Elften, also zwei Jahrgänge unter ihr. Vermutlich arbeiteten sie heute Abend hier. Sie sah Jan mit den Augen der Mädchen: Mit seinen verstrubbelten, blonden Haaren, der schlaksigen Statur und seinen blauen Augen wirkte er gleichermaßen anziehend und frech. Sein selbstsicheres Auftreten verlieh ihm zusätzliche Attraktivität. Das war ihr schon bei ihrer allerersten Begegnung vor vier Jahren aufgefallen. Endgültig verliebt hatte sie sich nach einem Konzert seiner Band. Er wirkte wie ein echter Rockstar, wenn er auf der Bühne stand. Seine Musik war trotz harter Gitarrenriffs und durchdringendem Bass melodisch. Allein zu beobachten, wie er voller Hingabe sang, hatte sie erzittern lassen. Sein Talent war unbestreitbar. Doch im Gegensatz zu Jan war Kira sich nicht sicher, ob das reichen würde, um nach der Schule halbwegs davon leben zu können.

Während sie gedankenverloren auf der Bühne stand und ihren Freund beobachtete, sah er auf und lächelte sie an. Noch vor ein paar Wochen hätte ihr dieses Lächeln einen Gänsehautschauer über den Rücken gejagt, doch heute erreichte es sie nicht. Sie lächelte dünn zurück und drehte sich weg. Es musste noch eine Menge aufgebaut werden.

 

Erst nachdem der Einlass seine Pforten geöffnet hatte, war Kira mit den Aufbauten endgültig fertig. Die Band war hinter der Bühne verschwunden, um sich auf das Konzert einzustimmen. Kira ging an die Theke und bestellte sich eine Cola. Langsam füllte sich das Jugendhaus. Jans Band war in der ganzen Schule und mittlerweile auch darüber hinaus bekannt. Trotzdem war Kira erstaunt, wie viele unbekannte Gesichter sie in der Menge entdecken konnte.

Auf einmal wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Tür gelenkt. Ihr Herz machte einen erfreuten kleinen Hüpfer, als sie Mika dort stehen sah. Mika Ehrenbach war ein Jahr älter als Kira und studierte schon. Jura, weil er Anwalt werden wollte wie sein Vater und eines Tages dessen Kanzlei übernehmen würde. Zumindest hatte Kira das so gehört.

Sie seufzte unwillkürlich, als Mikas umherschweifender Blick sie streifte. Was machte er heute hier? Eigentlich war er öfter in der Unibibliothek anzutreffen als hier im Jugendhaus. Mika war eben schon verdammt erwachsen.

Bei seinem Anblick ging für Kira die Sonne auf. Sie bewunderte ihn. Er wusste genau, was er vom Leben wollte und zögerte nicht, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Außerdem sah er verdammt gut aus. Er war groß und schlank, hatte markante Gesichtszüge und etwas längere, dunkelbraune Haare. Bei ihm sah das allerdings nach einer durchdachten Frisur aus, nicht so verstrubbelt wie bei Jan. Man sah ihn ausschließlich in gut sitzenden Markenklamotten, meist in dunklen Tönen. Das unterstrich seine sexy seriöse Ausstrahlung. Er wirkte, als wäre alles, was er in die Hand nahm, von Erfolg gekrönt. Ausnahmslos jedes Mädchen verehrte Mika, da war sich Kira sicher. Unbewusst verglich sie ihn mit Jan, dessen Kleidungsstil nicht einmal ansatzweise erkennbar war. Jan war noch ein Junge, Mika hingegen schon fast ein richtiger Mann, auch wenn er nur ein Jahr älter war als ihr Freund.

In den gefühlten drei Minuten, die Mika jetzt schon da war, hatten sich sechs Mädchen um ihn geschart, die erfolglos nach seiner Aufmerksamkeit haschten. Er lachte über irgendwas und drängelte sich zur Theke durch. Kurz dachte Kira, er wolle vielleicht zu ihr, doch dann bemerkte sie seinen besten Freund Max neben sich. Max ging in Kiras Stufe und war das komplette Gegenteil von Mika. Er war etwas kleiner und kräftiger, hatte eher dünnes, dunkelblondes Haar und kleine Augen. Warum die beiden beste Freunde waren, wusste niemand. Tatsache aber war, dass sich Max durch die Freundschaft mit Mika Ehrenbach einen deutlich höheren Status in der Schulhierarchie verschafft hatte.

Mikas Ärmel streifte sie im Vorbeigehen, bevor er sich zu Max an die Theke stellte. Kira hielt den Atem an. Verlegen nippte sie an ihrer Cola und versuchte, ihn nicht ganz so offensichtlich anzustarren. Wie in Zeitlupe registrierte sie jede seiner Bewegungen. Er klopfte Max kumpelhaft auf die Schulter und bestellte sich einen Wodka Tonic. Mit dem Glas in der Hand drehte er sich so um, dass er die Bühne voll im Blickfeld hatte und bot Kira eine wunderschöne Aussicht auf sein perfektes Profil.

„Und? Wer spielt heute?“, fragte er niemanden bestimmten.

Alternativlos, die Band von Jan Adler aus der Dreizehnten“, hörte Kira sich sagen, noch ehe sie sich bremsen konnte. Mit hochgezogenen Augenbrauen drehte Mika sich zu ihr um und sah sie abschätzig an. Dann verzog er seine vollen Lippen zu einem Lächeln, das seine perfekten Zähne entblößte und ein Grübchen auf sein Kinn zauberte. Kiras Knie wurden weich.

„Hallo, schöne Frau. Kennen wir uns schon?“

„Nein“, krächzte Kira und räusperte sich. Warum war ihr Mund mit einem Mal so trocken?

„Verrätst du mir deinen Namen?“

„Kira … Baumeister.“ Warum konnte sie nicht mehr in ganzen Sätzen sprechen? Und warum klang ihre Stimme so unnatürlich hoch?

„Schön, dass du auch hier bist, Kira. Ich bin Mika.“ Er prostete ihr zu und lächelte sie offen an. Von ihrem Blickwinkel aus konnte sie erkennen, dass Max die Augen verdrehte. Kira wurde nun noch verlegener, als sie es sowieso schon war. Flirtete allen Ernstes der begehrteste Junge der Stadt mit ihr? Sie überlegte fieberhaft, was sie antworten konnte, als sie plötzlich ihren Namen hörte.

„Kira? Kannst du mal zu mir kommen?“

Schlagartig wurde sie rot. Es war Jans Stimme, die aus allen Boxen quer durch den Raum schallte. Ihr kam es vor, als würden sich alle Augen im Raum auf sie richten und sehen, wie sie mit Mika flirtete. Die meisten hier wussten, dass sie Jans Freundin war, bis auf Mika. Doch auch der bekam es in eben diesem Moment mit, denn Max flüsterte ihm etwas ins Ohr und sah bedeutungsvoll zwischen Kira und Jan hin und her. Ehe es noch peinlicher werden konnte, schnappte sich Kira ihr Glas und schlenderte betont gelangweilt in Richtung Bühne.

Sie musste kein schlechtes Gewissen haben, beruhigte sie sich selbst. Sie hatte nur mit Mika geredet. Eigentlich noch nicht einmal das, ihr war ja nichts Geistreiches eingefallen. Es war also gar nichts passiert. Dennoch legte sie sich in Gedanken schon mal eine Erklärung zurecht, während sie zum Seiteneingang ging, der hinter die Bühne führte.

 

Jan hatte nichts davon mitbekommen, was eben vorgefallen war … oder nicht vorgefallen war. Er wirkte glücklich und aufgekratzt wie immer vor einem Konzert, seine Augen blitzten und er vibrierte förmlich vor Aufregung.

„Das Konzert fängt gleich an“, empfing er sie und zog sie kurzerhand hinter die Tür in den schmalen Gang hinein. „Vorher zeige ich dir aber noch meine Überraschung. Du sollst sie als Erste sehen, schließlich ist sie für dich.“

Und mit diesen Worten krempelte er den Ärmel seines Langarmshirts ein Stück nach oben und präsentierte ihr stolz ein neues Tattoo auf seinem Unterarm. Kira konnte nicht gleich erkennen, was es darstellen sollte. Sie starrte nur verständnislos darauf.

„Es ist ein Herz, ein anatomisches, nicht so ein kitschiges“, half er ihr auf die Sprünge. „Weil du doch Medizin studieren wirst.“

Außer dem Herz waren auch die Aorta und die Lungenarterie zu sehen. Aus der Aorta flossen die Worte My Love und aus der Arterie My Life.

Er zeigte auf die Arterie: „Mein Leben ist wie dieses Blut.“ Dann tippte er auf die Aorta: „Deine Liebe ist für mich der Sauerstoff, durch den ich erst lebensfähig bin.“

Kira wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das Herz war in ockerfarbenen Linien mit allen Blutgefäßen und Muskeln skizziert – und unheimlich hässlich. Es wirkte mehr wie ein Bild aus einem Lehrbuch als wie das Tattoo eines Rockstars. Sie brachte mit Mühe ein „Toll“ hervor, bevor sie ihn ansah. Er wirkte so glücklich, so stolz. Da konnte sie ihn doch jetzt nicht mit ihrer wahren Meinung verletzen. Dass er verrückt sein musste, sich so ein hässliches Bild an so eine deutlich sichtbare Stelle seines Körpers stechen zu lassen. Dass sie so etwas nie gewollt hatte. Dass sie Tattoos nicht mal leiden konnte. Doch ihr war klar, dass er es für sie gemacht hatte, um ihr seine Liebe zu zeigen. Außerdem war direkt vor dem Konzert ein ungünstiger Zeitpunkt, einen Streit vom Zaun zu brechen. Also spielte sie weiter die Begeisterte.

Er verlangte von ihr sogar, das Bild anzufassen, obwohl ihm die Berührung wehtun musste. Die Haut um das Herz herum war stark gerötet, alt konnte das Tattoo noch nicht sein. Es fühlte sich an wie ein verbranntes Stück Erde, ganz heiß und trocken. Sie schluckte. Sie wollte nicht, dass er so etwas für sie tat. So etwas Unumkehrbares. Nicht, wenn sie in der Zwischenzeit mit einem anderen Jungen flirtete. Das hatte er nicht verdient.

Als sie ihm wieder in die Augen sah, seine Freude und seine Aufregung erblickte, wurde ihr bewusst, dass sie längst eine Entscheidung getroffen hatte. Sie konnte nicht länger so tun, als wäre alles in Ordnung zwischen ihnen. Sie musste das beenden. Und zwar nicht, weil ihre Eltern es so wollten, sondern weil sie selbst einsah, dass Jan ihrem Leben nicht guttat. Es tat ihr unheimlich leid, dass sie auf diesen Gedanken nicht vor diesem unsäglichen Tattoo gekommen war.

Dennoch brachte sie es jetzt noch nicht übers Herz. Sie konnte ihm nicht sein Konzert verderben. Sie würde einen günstigeren Zeitpunkt abwarten, das war sie ihm schuldig. Ihm und den anderen Jungs der Band.

Also gab sie ihm einen Kuss auf die Wange, wünschte ihm viel Glück und ging zurück in den Konzertraum zu den anderen Zuschauern. Als sie sich noch einmal umdrehte, stand Jan noch immer so da und sah ihr verwirrt nach. Ahnte er etwas? Doch dann grinste er. Wahrscheinlich hatte sie sich getäuscht.

 

Ein paar Minuten später stand er schon auf der Bühne. Sie starteten mit Feueralarm, einem ihrer stärksten Songs, die Zuschauer gingen sofort darauf ein und bewegten sich im Takt des Schlagzeugs. Auch Kira ging äußerlich mit der Musik mit. Doch innerlich überlegte sie, wie sie Jan schonend beibringen konnte, dass sie von jetzt an getrennte Wege gehen würden.

Immer wieder sah sie zu Mika. Sie hatte sich absichtlich in seine unmittelbare Nähe gestellt, doch diesmal ignorierte er sie vollkommen. Das tat seiner Attraktivität jedoch keinen Abbruch. Und da er sie nicht beachtete, konnte sie ihn ungestört anschauen. Sie ertappte sich kurz bei dem Gedanken, dass ihre Eltern bestimmt glücklich wären, wenn sie einen Freund wie Mika hätte. Vermutlich würde ihr Vater ihr anerkennend auf die Schulter klopfen und ihre Mutter sein „adrettes Auftreten“ loben.

Sie war so vertieft, dass sie nicht gleich mitbekam, dass die Musik nicht mehr spielte. Erst Jans Stimme aus den Lautsprechern brachte sie wieder ins Hier und Jetzt zurück.

„Hallo, Leute, schön, dass ihr da seid. Wir sind Alternativlos“, begrüßte er die Zuschauer. Ein paar Mädchen kreischten los, was er mit einem spöttischen Heben der Augenbrauen quittierte.

„Ich wollte euch mal was fragen“, fuhr er fort. „Geht’s euch auch so gut wie mir?“ Lautes Gegröle und Klatschen schallten ihm entgegen.

Er grinste diabolisch hinter dem Mikrofon und schüttelte demonstrativ den Kopf.

„Ich glaube euch nicht. Und wisst ihr warum? Ich habe heute was zu feiern. Seit drei Jahren ist jemand an meiner Seite, den ich liebe, der mich durch Höhen und Tiefen begleitet und ohne den ich heute nicht hier vor euch stehen würde.“ Er suchte die Menge ab, bis sein Blick auf Kira fiel. Er lächelte, doch sie konnte das Lächeln nicht erwidern. Ein stechender Schmerz begann sich in ihrem Kopf auszubreiten.

Jan sah wieder in die Menge. „Ihr fragt euch sicher: Warum zum Teufel erzählt der uns das alles?“

„Ja! Warum?“, grölte jemand weiter hinten, was allgemeines Gelächter hervorrief.

Kira presste die Fingerspitzen an ihre Schläfen und schloss die Augen. Sie wünschte sich ganz weit weg.

Jan sprach weiter: „Ich möchte euch die Person vorstellen. Kira? Komm doch bitte auf die Bühne!“

Kira spürte, wie sie von einigen Händen nach vorn, mitten auf die Tanzfläche, geschubst wurde, während sämtliche Nerven und Muskeln in ihr laut „Nein, nein, nein!“ schrien. Irgendein Witzbold von der Technik richtete einen Strahler auf sie aus, so dass sie geblendet wurde. Ein zweiter Strahler leuchtete auf und tauchte Jan in einen ebenso hellen Lichtkegel. Wenigstens konnte sie ihn jetzt erkennen. Und was sie sah, beunruhigte sie. Er hatte etwas vor, das erkannte sie deutlich an seinem schiefen Grinsen und den blitzenden Augen.

„Kira, du bist die Liebe meines Lebens.“ Seine Stimme war ganz tief geworden. Er sah ihr fest in die Augen. „Deshalb möchte ich dir heute eine wichtige Frage stellen.“

Kiras Atmung setzte einen Moment lang aus und sie spürte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach. Sie schluckte.

Bei Jans Versuch, sein Mikro zu nehmen, fiel der Ständer um. Das Gepolter vermischte sich mit dem unangenehmen Quietschen, das daraufhin aus den Lautsprecherboxen schallte. Verlegen bückte er sich, stellte den Ständer wieder auf und rieb sich die Hände an seiner Hose. Schließlich räusperte er sich, nahm das Mikro und streckte den Rücken durch. Seine Stimme klang fest. „Hier, vor all diesen Zeugen, meine liebe Kira, frage ich dich: Willst du mich heiraten?“

Es war, als hielten alle im Raum den Atem an. Eine gespenstische Stille senkte sich herab und ausnahmslos jeder starrte sie an. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf nur so durcheinander, sie bekam keinen einzigen davon zu fassen. Sie zwang sich, ruhig ein und auszuatmen. Ein Heiratsantrag. Er machte ihr einen Heiratsantrag. Ein Heiratsantrag sollte der romantischste Moment im Leben eines Mädchens sein. Warum nur fühlte sie sich dann, als hätte sie einen Einberufungsbefehl in den Krieg erhalten?

Sie sah Jans freudige Erwartung in seinen Augen. Sein Lächeln war warm und galt nur ihr. Ein Versprechen lag darin, sie für immer zu lieben und für sie da zu sein. Sie konnte die Erwartungen der Zuschauer spüren. Alle wollten an diesem romantischen Moment teilhaben und sich mit ihnen freuen. Das Pochen in Kiras Kopf wurde stärker, dann, nach einer kleinen Ewigkeit, schüttelte sie ganz leicht den Kopf.

Sie senkte den Blick und wünschte sich, sie könnte auf der Stelle im Erdboden versinken. Noch immer war kein Laut zu hören. Vorsichtig wagte sie aufzuschauen. Jan stand noch immer genauso da wie eben, doch sein Lächeln war zu einer Grimasse erstarrt und seine Haut wirkte im hellen Scheinwerferlicht seltsam fahl. Im nächsten Moment drehte er sich auf dem Absatz um, schmiss seine Gitarre auf den Boden, dass es nur so schepperte, sprang von der Bühne und verschwand durch den Nebeneingang. Gleichzeitig setzten auch die Geräusche im Raum wieder ein. Ungläubiges Raunen und Getuschel drangen von allen Seiten zu ihr. Kira rannte hinter Jan her, noch ehe sie genau darüber nachdenken konnte, was sie da tat.

Sie fand ihn in der kleinen Küche, in der die Getränke für die Band bereitgehalten wurden. Er stand mit dem Rücken zu ihr vor den Bierkästen. Als die Tür hinter ihr zufiel, drehte er sich langsam zu ihr um.

„Es tut mir leid“, sagten sie beinahe gleichzeitig. Kira sah einen leichten Hoffnungsschimmer in seinem Gesicht und er setzte an: „Ich hätte dich nicht so überfallen sollen …“

„Jan“, unterbrach sie ihn abrupt. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. „Ich kann nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Ich –“ sie stockte. „Es tut mir leid.“

„Was meinst du?“, fragte er verständnislos. Sein Blick irrte suchend über ihr Gesicht, doch plötzlich hielt er inne und riss die Augen auf. „Willst du … Schluss machen?“

Instinktiv wollte sie den Kopf schütteln. Sie fühlte sich in die Enge getrieben. So hatte sie das nicht gewollt. Doch nun gab es keinen anderen Ausweg mehr. Sie nickte betreten.

„Nein!“ Mit zwei schnellen Schritten war er bei ihr und packte ihre Handgelenke. Seine Stimme klang heiser. „Das meinst du doch nicht ernst!“

Obwohl sie am liebsten weggelaufen wäre, zwang Kira sich, ihm in die Augen zu schauen.

„Ich … ich liebe dich nicht mehr!“, presste sie hervor.

Er zuckte zusammen, als wäre er geschlagen worden. „Aber … warum? Ich verstehe das nicht.“ Verzweifelt sah er sie an. „Wegen dem Antrag? Das tut mir echt leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Wir müssen nicht heiraten. Jedenfalls nicht so bald. Wir vergessen das einfach und …“

„Nein“, unterbrach sie ihn traurig. „Ich hatte schon vorher den Entschluss gefasst. Aber ich wollte auf den geeigneten Moment warten.“

„Den geeigneten Moment?“ Seine Augen verengten sich und seine Stimme wurde schneidend. „Und das war er, der geeignete Moment?“

Sie dachte an die mitleidigen Blicke seiner Fans, nachdem sie seinen Antrag abgelehnt hatte. „Nein … ja … ach, verdammt!“ Sie sah ihn schlucken. Eine Weile lang sagte keiner von ihnen ein Wort.

Warum konnte er eigentlich kein Arsch sein, bei dem es ihr leichtfallen würde, ihm wehzutun?

„Du kannst nichts dafür.“ Ihre geflüsterten Worte waren kaum hörbar.

„Ach, ist das so?“, schrie er sie an. Sein Griff wurde eisenhart. „Dann sag mir den Grund! Hast du einen anderen?“

Sie schüttelte stumm den Kopf und sah anklagend auf ihre Handgelenke. Er ließ sie so plötzlich los, als hätte er sich verbrannt. Abrupt drehte er ihr den Rücken zu. Für einen Moment befürchtete Kira, er würde irgendetwas nach ihr werfen.

Sie rieb sich die schmerzende Haut und redete schnell weiter. „Ich habe mich verändert. Was wir hatten, war wunderschön, aber –“, sie suchte unbeholfen nach den richtigen Worten, „das reicht mir nicht mehr. Ich habe ein Ziel, ich will etwas bewegen. Du hingegen bist glücklich mit dem, was du hast.“ Sie konnte sehen, dass jedes ihrer Worte ihn wie eine Gewehrkugel traf und verletzte. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Entschlossen fügte sie hinzu: „Wir sind zu verschieden.“

Er drehte sich wieder um und sah sie einfach nur an. Aus seinem Blick erlosch sämtliche Emotion. Sie spürte, wie er sich innerlich von ihr entfernte.

„Du solltest jetzt besser gehen!“

Er hatte leise gesprochen, aber Kira hörte die unterdrückte Wut in seiner Stimme. Es war besser, seiner Aufforderung zu folgen. Also drehte sie sich wortlos um und verließ den Raum. Draußen standen noch immer die aufgebrachten Fans und starrten neugierig in ihre Richtung. Ohne jemanden anzusehen, schnappte sie sich ihre Jacke und rannte nach draußen. Erst als sie auf der Straße stand, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Was hatte sie getan?

 

Tränenblind versuchte sie sich zu orientieren. Was jetzt? Wohin sollte sie gehen? Sie konnte schlecht hier stehen bleiben und darauf warten, dass ihre Probleme sich in Luft auflösten. Sie musste hier weg.

Ich habe das Richtige getan, wiederholte sie ständig wie ein Mantra. Warum nur wollte ihr Herz ihr nicht so recht glauben? Egal! Irgendwann würde das dumme Ding sicher auch begreifen, dass es so für alle Beteiligten besser war.

„Kann ich dich nach Hause fahren?“, fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum und blickte in Mikas graue Augen. Erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass er allein war. Sie versuchte sich durch ihren Tränenschleier hindurch an einem unsicheren Lächeln und nickte zaghaft.

Er sagte kein Wort, während sie zu seinem Auto gingen. Ganz gentlemanlike hielt er ihr die Tür auf. Dankbar lächelte sie ihn an. Sie musste furchtbar aussehen, und dennoch war er so nett zu ihr. Dieser Gedanke verursachte einen neuen Heulkrampf. Etwas linkisch legte er seine Hand auf ihre Schulter.

„Bitte, weine nicht! Dazu hast du doch gar keinen Grund. Warte, ich weiß was.“ Abrupt löste er sich, schlug ihre Tür zu und stieg ebenfalls ein.

Sie bemerkte kaum, wohin sie fuhren. Erst als sie die riesige Anzeige der lokalen Tankstelle vor sich sah, wurde ihr bewusst, wo sie gelandet waren. Mika hielt an und stürzte schon fast fluchtartig aus dem Wagen, was sie ihm angesichts ihres desolaten Zustands nicht verdenken konnte, kehrte aber nur Minuten später zurück und drückte ihr einen dampfenden Kaffeebecher in die Hand. Sie verzog den Mund bei dem Gedanken an das kochend heiße, bittere, schwarze Getränk, doch dann nahm sie pflichtschuldigst einen kleinen Schluck. Die Wärme half tatsächlich. Ihre Tränen trockneten und hinterließen ein juckendes Gefühl auf ihren Wangen.

„So, und jetzt erzähl mal, was passiert ist. Ich meine, abgesehen vom Offensichtlichen“, ermunterte er sie und fuhr seinen Sitz zurück, um sich besser zu ihr drehen zu können.

Obwohl es ihn überhaupt nichts anging und sie nicht mal sicher war, ob es ihn wirklich interessierte, erzählte sie. Von ihren Zweifeln und Ängsten, von ihrer Zukunftsplanung und ihren Bedenken, dass Jan nicht der Richtige war. Es tat gut, sich das alles von der Seele zu reden. Mika war ein geduldiger Zuhörer. Er unterbrach sie kein einziges Mal, nickte nur hin und wieder. Schließlich nahm er ihr den mittlerweile kalt gewordenen Kaffee aus der Hand, öffnete seine Tür und schüttete ihn weg. Den Becher warf er in die Dunkelheit. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und grinste sie schief an. Dann beugte er sich zu ihr und schloss sie in eine feste Umarmung, die sie unheimlich tröstend fand.

Als er sie wenig später durch die dunklen Straßen nach Hause fuhr, konnte Kira sich des Gedankens nicht erwehren, dass das heute nicht nur ein Ende war, sondern auch ein Anfang. Der Anfang ihres neuen Lebens.

Kapitel 2 – Heute

Kiras Hände waren eiskalt, sie war noch nicht dazu gekommen, sich Handschuhe zu kaufen. Sie beeilte sich, die schwere Plastiktüte, deren Griffe unsanft tief in ihre Haut einschnitten, durch die Mannheimer Innenstadt zu tragen. Die vorweihnachtliche Beleuchtung in den Fenstern um sie herum versuchte eine heimelige Stimmung zu verbreiten. Aber sie kam nicht gegen die feuchte Kälte an, die Kira durch jede Faser ihrer Kleider bis auf die Haut kroch.

Sie dachte an Tommy und ging schneller. Sicher wartete er schon auf sie. Er würde enttäuscht sein, weil sie nur die nötigsten und vor allem billigsten Lebensmittel eingekauft hatte. Auch diese Woche würde es nichts außer Ravioli aus der Dose, Nudeln mit Ketchup und Tütensuppe geben, für mehr hatte ihr Geld nicht gereicht. Kira fand das nicht so schlimm, denn daran hatte sie sich mittlerweile gewöhnt. Viel mehr tat es ihr leid, dass Tommy nicht das bekam, was er mochte. Aber seine Lieblingsmarken gab es bei dem Discounter nicht, und außerdem waren sie unnötig teuer. Das konnte sie sich im Moment beim besten Willen nicht leisten.

So hatte sie sich das Leben als angehende Studentin nicht vorgestellt. Vor fast einem halben Jahr war sie aus Australien zurück nach Deutschland gekehrt, und ihre Lage sah schlimmer aus als je zuvor. Es war kurz vor Weihnachten, sie war praktisch pleite und das Semester würde nicht vor kommendem Oktober beginnen. Am liebsten hätte sie sofort nach ihrer Rückkehr mit dem Studium begonnen, doch dann war sie von der Nachricht überrascht worden, dass sie für eine Studienbewerbung den bestandenen Medizinertest vorweisen musste. Ein Test, der nur einmal im Jahr im Mai durchgeführt wurde. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie sich nicht rechtzeitig darüber informiert hatte. Jetzt wusste sie Bescheid, auch dass die Anmeldefrist für diesen Test bereits am fünfzehnten Januar endete und nur bei Überweisung der Anmeldegebühr überhaupt akzeptiert wurde. Zeit hatte sie genug, nur das Geld fehlte ihr. Sie musste sich nun fast ein Jahr lang mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten und nebenher genug Geld verdienen, um nicht nur die Anmeldegebühr, sondern auch die notwendigen Anschaffungen für das Studium zu finanzieren.

Sie dachte an die Anfangszeit in Down Under, in der sie Touristengruppen in Sydney herumgeführt hatte. Damals hatte sie noch oft daran gedacht, nach Hause zurückzukehren und zu studieren. Doch dann hatte ihre Kollegin Sheila diese Idee gehabt, Kinderpartys zu organisieren. Sheila liebte Kinder, es machte ihr Spaß, mit ihnen zu spielen und sie zu unterhalten. Kira kümmerte sich lieber um den organisatorischen Teil, das lag ihr mehr. Sie hatte sich dort wohlgefühlt, fernab von ihren eigenen Ansprüchen, eine angesehene Ärztin zu werden und entscheidende Fortschritte in der Krebstherapie zu erzielen.

Während dieser Zeit hatte sie Tommy kennengelernt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Er war einer der Gründe, warum sie so lange in Australien geblieben war. Sie hatte Tommy nicht verlassen wollen, konnte sich damals aber auch nicht vorstellen, ihn nach Deutschland mitzunehmen. Er war so glücklich in Australien. Er liebte das Wetter und seine Freiheit. Außerdem war er Australier und die versetzte man nicht einfach ans andere Ende der Welt. Tommy war ihr Begleiter und Tröster gewesen, wenn sie am Sinn ihres Lebens gezweifelt hatte. In der Nacht kuschelte er sich an sie und tagsüber, wenn sie arbeiten musste, streifte er durch die Gegend, auf der Suche nach Abenteuern.

Doch dann heiratete Sheila und wurde schwanger. Es war eine schwierige Schwangerschaft, schon bald hatte ihr der Arzt verboten, weiterzuarbeiten. Für einen allein war ihr kleines Unternehmen aber zu viel Arbeit gewesen. So hatte Kira vor der Entscheidung gestanden, sich entweder einen neuen Geschäftspartner zu suchen oder endlich den Schritt zu tun, den sie schon Jahre vorher hätte tun sollen: zurück nach Deutschland zu gehen und ihr Medizinstudium anzufangen. Sie hatte lange mit Tommy gesprochen, sich letztlich für die Heimkehr entschieden. Sie war von Amt zu Amt gelaufen, um die Formalitäten zu klären, hatte ihre wenigen Ersparnisse zusammengekratzt und ein Ticket für sich und Tommy gekauft.

 

Keuchend schleppte sie sich die vier Stockwerke hoch zu ihrer winzigen Wohnung, einen Aufzug gab es nicht. Sie schloss die Tür auf und ließ erleichtert die schwere Tüte auf den Boden fallen. Tommy stand schon in der Wohnzimmertür, um sie zu begrüßen.

„Na, mein Süßer, hast du mich vermisst?“

„Mau“, antwortete der schwarze Kater in herzzerreißendem Tonfall und schaute sie aus seinen gelbgrünen Augen vorwurfsvoll an.

 

Eine Stunde später saß Kira an ihrem Esstisch und pustete in die dampfenden Ravioli. Dabei beobachtete sie Tommy, der um seinen gefüllten Futternapf herumschlich, sich jedoch nicht entschließen konnte, etwas davon zu fressen. Er schaute zu Kira hoch und maunzte klagend. Ihr gemurmeltes „Tut mir leid“ interpretierte er offenbar als Einladung, denn er sprang kurzerhand auf den Tisch und schnupperte an Kiras Teller. Sie hielt ihm probeweise ein Stück Ravioli auf der Gabel hin. Er schnupperte, zog sich aber sofort beleidigt zurück. Kira grinste: „Siehst du, meins ist auch nicht besser.“

Etwas später saßen sie gemeinsam auf der kleinen Couch. Kira starrte gedankenverloren aus dem Fenster und träumte von ihrer Zukunft als angesehene Onkologin. Ihre Hände streichelten unaufhörlich über das weiche Fell des Katers, der sich vor Wohlbehagen hin und her wälzte. Ihr Blick fiel auf den Kater und sie musste über seine nach hinten gelegten Ohren und den etwas dümmlichen Gesichtsausdruck lachen. Davon musste sie einfach ein Foto machen.

Sie riss erschrocken die Augen auf, als sie die Uhrzeit auf ihrem Handydisplay las. Augenblicklich beschleunigte sich ihr Herzschlag und sie sprang auf. Tommy purzelte halb von ihr herunter und trollte sich beleidigt in die Küche.

In zehn Minuten begann ihre Schicht im Restaurant. Sie sah prüfend an sich herunter. Nein, so ging das nicht. Es gab nur eines, das ihr grauenhafter Chef noch mehr verachtete als Unpünktlichkeit und das war ungepflegtes Auftreten. Eilig schnappte sie sich eine frische Jeans und ein schwarzes T-Shirt aus dem Schrank und rannte ins Bad. Das Umziehen ging recht schnell, ebenso das Schminken, darum machte sie sowieso nicht viel Aufhebens. Doch als sie ihre Brille auf die Nase setzte, sah sie mit Schrecken den hellen Fettfleck auf Höhe ihres Bauchnabels.

Die Zeit reichte nicht mehr, um sich noch einmal umzuziehen, zumal sie sowieso kein anderes sauberes dunkles Shirt mehr besaß. Zwischen den vielen Schichten war sie einfach zu erschöpft, um auch noch in den Waschsalon zu gehen. Also hängte sie sich kurzerhand einen langen Schal um den Hals und hoffte, den Fleck auf diese Weise verbergen zu können.

Sie griff nach ihrer Jacke und öffnete die Tür. Beinahe wäre sie beim Rausgehen über Tommy gestolpert, der sich an ihren Beinen rieb. Zum Glück! So bemerkte sie im letzten Moment, dass ihre Füße noch in Hausschuhen steckten.

Fünf Minuten zu spät stand sie abgehetzt vor ihrem Chef und ließ seinen abschätzigen Blick über sich ergehen.

„Nimm den Schal ab, hier drinnen ist es warm genug“, war sein einziger Kommentar. Sie nickte gehorsam. Dann begann sie umständlich, sich den Stoff vom Hals zu wickeln. Damit erreichte sie, was sie beabsichtigt hatte, ihr Chef drehte sich um und wandte sich anderen Dingen zu. Also ließ sie alles, wie es war, und band sich schnell ihre Schürze um. Sofort umgab sie der übliche intensive Geruch nach billigem Waschmittel, welcher die darunterliegenden Ausdünstungen von altem Frittierfett nie ganz zu überdecken vermochte.

Die Begrüßung durch ihre Kollegen fiel nicht wirklich freundlicher aus. Seit sie vor etwas über drei Monaten hier angefangen hatte, waren sie über ein „Hallo“ nie hinausgekommen. Sie war die Außenseiterin, die Neue. Außerdem war sie keine gelernte Kellnerin wie die anderen und verdiente somit weniger. Man sollte meinen, dieser Umstand versöhnte die anderen, doch weit gefehlt. Im Gegenteil, sie vertraten die Auffassung, dass sie als billigste Kraft im Vorteil war, falls Personal abgebaut werden sollte.

„Du kannst hinten übernehmen“, brummte ihr Corinna, die älteste von ihnen, entgegen. Kira nickte nur. Das kannte sie schon. Selbst wenn sie pünktlich war, bekam sie selten die begehrten Tische vorne im Restaurant, wo die Stammgäste saßen und reichlich Trinkgeld floss. Hinten, zwischen den Toiletten und der Küche, war so etwas wie ihr persönlicher Bereich. Dorthin setzte sich meistens erst dann jemand, wenn vorn alles besetzt war. Außer es kamen größere Gruppen, diese wurden fast immer nach hinten gesetzt.

Jetzt vor Weihnachten hatte Kira häufig viel zu tun, da das Restaurant für Weihnachtsfeiern sehr beliebt war. Für heute waren gleich zwei Firmen angekündigt. Kira hatte gerade noch genug Zeit, die Tische zusammenzuschieben und einzudecken, schon kamen die ersten Gäste, allesamt Vertreter einer großen Pharmafirma. Bald darauf war Kira vollauf damit beschäftigt, die Bestellungen aufzunehmen, Getränke und Essen zu servieren und den Tisch sauber zu halten. Weil fast gleichzeitig auch die andere Weihnachtsfeier begann, verflog die Zeit rasch. Bis Kira das erste Mal an der Bar etwas zu trinken für sich selbst holen konnte, war schon mehr als die Hälfte ihrer Schicht vorbei.

 

***

 

„Lief doch ganz gut heute, oder?“ Jan rubbelte sich die Haare trocken. Die anderen waren schon beim Einpacken der Instrumente.

Hannes, der Gitarrist, lachte hohl. „Meinst du die halb leere Halle da draußen? Vermutlich war es ein Erfolg, dass sie nicht gleich wieder gegangen sind“, ätzte er. „Obwohl … du hast recht: Immerhin haben so nur die Hälfte der Leute mitbekommen, dass dein Mikro völlig übersteuert war.“ Hannes baute sich vor Jan auf, so dass sie sich nun direkt in die Augen starrten.

„Net schon wieder“, murmelte Max und schraubte die Snare Drum von seinem Schlagzeug. Er sah zu seinen Kollegen, die ebenfalls die Augen verdrehten.

„Und was sollte eigentlich dieses beschissene Solo nach der zweiten Bridge von Anna Bell?“ fragte Hannes.

Jan grinste ihn überheblich an. „Das, mein Lieber, war Kunst. Künstlerische Freiheit. Wir spielen live, das soll man auch merken!“

Hannes spuckte vor Jan auf den Boden. „Das war nicht Kunst, das war Scheiße!“

Aus dem Augenwinkel sah Jan, dass Max sich erhoben hatte und näherkam.

„Hannes, lass Jan in Ruh! Du hast auch net perfekt gespielt. Bei Only you and me warste die ganze Zeit einen Schlag hinter dem Takt.“

Jetzt drehte Hannes sich zu Max um und kniff wütend die Augen zusammen. „Ich war zu langsam? Ihr seid doch durch den Song gerannt, als würdet ihr einen verdammten Marathon gewinnen wollen. Du bist zweimal komplett raus gewesen. Wenn ich nicht deinen Job gemacht und den Takt gehalten hätte, wäre der Song total in die Hose gegangen.“

Max senkte betreten den Blick.

Hannes war nicht mehr aufzuhalten. Er wandte sich auch noch den beiden anderen zu.

„Und, Berni? Die Basslinie von Time has gone geht so.“ Er brummte ein paar Töne. „Ich habe ja keine Ahnung, was du da gespielt hast, aber Time has gone war es ganz sicher nicht.“

Bevor Berni auch nur Luft holen konnte, um sich zu verteidigen, drehte Hannes sich schon zu ihrem Keyboarder Klaas um.

„Wie oft haben wir diese Setlist eigentlich schon gespielt? Und warum kannst du dir dann verdammt noch mal nicht merken, dass wir nach der Pause mit Anna Bell anfangen und nicht mit My Love? Soll ich es dir auf den Arm tätowieren? Vielleicht auch als so hübsches Herz, wie Jan eines hat?“

„Jetzt mach aber mal halblang“, versuchte Berni einzuschreiten.

„Genau“, mischte Jan sich ein, „wer hat denn Drunken Bitch mit der alten Fender gespielt, so dass sich der Song angehört hat wie ein verdammter Discohit aus den Achtzigern?“

Hannes wirbelte herum. „Die Fender hat uns den Arsch gerettet. Ohne sie hätte ich gar keine Gitarre mehr gehabt, nachdem bei der Roten die E-Saite gerissen ist. Irgendjemand hat ja schließlich vergessen, die Ersatzsaiten für die Gitarren mitzunehmen.“ Er starrte mit hochrotem Kopf und verkniffenem Mund in die Runde. „Warum lasse ich mir das überhaupt bieten? Ihr seid blutige Anfänger. Eine Schülerband!“ Er spuckte das Wort aus, als sei es etwas besonders Ekliges. „Ich bin professioneller Gitarrist. Ich habe das studiert.“ Er sprach das Wort extra langsam und betont aus, als würden sie dessen Bedeutung nicht kapieren. „Und jetzt spiele ich hier in einer ehemaligen Schülerband die Rhythmusgitarre. Nee! Ihr könnt froh sein, dass ihr mich habt. Oder eher hattet. Denn ich bin raus!“ Er nahm seine Gitarre und legte sie unsanft in ihren Koffer.

Jan konnte ihn nur ungläubig anstarren. Er kannte die Auseinandersetzungen mit Hannes nun schon zur Genüge, der Ausstieg aus der Band war allerdings noch nie ein Thema gewesen.

Mit dem Gitarrenkoffer in der Hand stapfte Hannes wütend zum Ausgang, drehte sich aber kurz vorher noch mal um.

„Ja, da guckt ihr, was? Macht euren Scheiß von jetzt an alleine! Ihr werdet sowieso über kurz oder lang untergehen.“ Er sah einen nach dem anderen an. „Ihr könntet euch ja jetzt ins Catering setzen und bei einem Bier den Ernst der Lage diskutieren. Ach halt, nein! Das könnt ihr nicht. Ihr habt es ja nicht mal geschafft, auch nur eine Flasche Wasser für uns zu organisieren. Aber das ist jetzt nicht mehr mein Problem.“ Sie hörten ihn noch lachen, nachdem er aus dem Raum verschwunden war.

Jan konnte es nicht fassen. Er starrte Hannes hinterher und schüttelte immer wieder den Kopf, als müsse er einen störenden Gedanken loswerden. Was war da eben passiert? Es verging fast keine Woche ohne Streit mit ihrem Gitarristen. Seit Wochen gab es immer wieder größere und kleinere Unstimmigkeiten zwischen ihnen, aber normalerweise hielten sie den Rest der Band aus der Sache raus. Doch heute hatte Hannes auch die anderen direkt angegriffen. Jan ballte die Fäuste.

„Ich bin froh, dass er weg ist. Hoffentlich kommt er nicht zurück“, sagte Klaas. Ausgerechnet Klaas, der Spaßvogel der Band, der ewige Optimist. Jan sah von einem zum anderen. Wie es aussah, stimmten sie Klaasʼ Aussage zu. Das bedeutete Jan sehr viel und es ließ seine aufkommende Wut wieder abebben. Stattdessen begann sich ein Gedanke in ihm zu formen, der sich anfühlte, als würde ihm jemand langsam ein Messer in den Bauch schieben und dort genüsslich umdrehen. Es wäre eine Katastrophe, wenn Hannes wirklich nicht mehr zurückkäme. Ohne zweiten Gitarristen funktionierten ihre Songs nicht. Dann konnten sie einpacken. Das Projekt Drunken Soldiers endgültig begraben. Nach und nach räumten alle ihre Instrumente weg. Sie hingen ihren eigenen Gedanken nach, keiner sagte ein Wort.

„In einem Punkt muss ich Hannes aber rechtgeben.“, sagte Berni und Jan zuckte zusammen. Die anderen starrten ihn empört an, doch bevor auch nur einer von ihnen etwas erwidern konnte, redete er schon weiter: „Wir haben absolut nichts zu essen und zu trinken hier und ich sterbe vor Durst.“ Er lachte und nach und nach fielen auch die anderen mit ein.

„Genau. Ich habe vorhin schon auf dem Klo Wasser getrunken, weil nichts zu finden war“, pflichtete Klaas seinem besten Freund bei.

Jan stand entschlossen auf. „Richtig, Jungs, so geht das nicht weiter. Kommt! Bei einer Krisensitzung ist es besser, was im Magen zu haben.“

 

Zwanzig Minuten später saßen sie in einem mexikanischen Restaurant mitten in Mannheim, in dem sie noch nie zuvor gewesen waren, vor ihnen stand ein gutes Bier und das Essen war bereits bestellt. Schon sah die Zukunft nicht mehr ganz so düster aus.

„Ich glaube ja, dass Hannes spätestens übermorgen reumütig vor der Tür steht.“ Klaas sah sie an. Aus seinen Worten hörte Jan die Hoffnung, dass alles wieder gut werden könnte.

Doch ehe er etwas erwidern konnte, antwortete Berni: „Da bin ich anderer Meinung. Hannes ist wirklich zu weit gegangen. Und das weiß er auch.“

Max nickte heftig. „Genau, und falls der wirklich so bekloppt is und wieder angekrochen kommt, find ich, sollten ma ihm die Tür vor der Nase zuschlagen. So’n Typ wie der vergiftet die ganze Band.“

Das Essen kam und beendete die aufkeimende Diskussion. Jetzt gab es Wichtigeres, als sich über eine Zukunft mit oder ohne zweiten Gitarristen Gedanken zu machen. Also langten alle kräftig zu und sprachen während des Essens nur wenig.

Jan bemerkte durchaus, dass die Kellnerinnen immer wieder in ihre Richtung sahen und kicherten, aber so lange sie sie in Ruhe essen ließen, war es ihm egal. Daran hatte er sich gewöhnt. Seitdem sie vor zwei Jahren mit My Love, My Life einen riesigen Erfolg gefeiert hatten, wurden sie zumindest hier in der Gegend häufig erkannt.

Nach dem Essen und der zweiten Runde Bier lenkte Jan das Thema noch einmal auf die Frage, wie sie nun mit Hannesʼ Weggang umgehen sollten.

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder er kommt zurück oder eben nicht. Wir brauchen für beide Fälle einen Plan. Die Songs funktionieren nicht mit nur einer Gitarre.“ Wenn sie überhaupt funktionieren würden, setzte er in Gedanken hinzu.

„Der soll bleiben, wo der Pfeffer wächst“, regte Klaas sich gleich wieder auf.

Diesmal bekam er Schützenhilfe von Max. „Ja, seh ich auch so! Dann suchen ma halt jemand Neues. Mit Hannes will ich auf jeden Fall nix mehr zu tun haben.“

Sogar Berni nickte.

 

***

 

Auf der anderen Seite der Bar standen Corinna und Elke und unterhielten sich aufgeregt. Obwohl sie nicht absichtlich lauschte, bekam Kira einiges vom Gespräch ihrer Kolleginnen mit.

„Ich bin mir ganz sicher, dass sie es sind“, flüsterte Elke gerade Corinna zu. Beide kicherten und versuchten unauffällig zu einem Tisch zu schauen, der sich außerhalb von Kiras momentanem Blickfeld befand.

„Wahnsinn, du hast recht!“

„Ist er nicht süß heute?“ Elke seufzte übertrieben auf.

„Ich finde ihn eigentlich immer süß“, pflichtete Corinna ihr bei.

Langsam wurde Kira neugierig, von wem die beiden sprachen. Sie tat so, als müsse sie sich eine Serviette holen, und schielte vorsichtig in die Richtung, in der sie die geheimnisvollen Gäste vermutete.

Viel konnte sie nicht erkennen. Ganz am Fenster im vorderen Teil des Restaurants saßen vier Männer. Die zwei, die sie von vorn sehen konnte, sahen nicht spektakulär aus. Einer war weißblond, einer schwarzhaarig, beide schon älter als Kira und mit durchschnittlichen Gesichtern. Ob einer von denen sowohl Corinna als auch Elke in Verzückung geraten lassen konnte? Wohl eher nicht. Von den beiden anderen sah sie nicht viel. Obwohl der, dessen Profil sie zumindest erahnen konnte, sie an einen ehemaligen Schulkameraden erinnerte. Er war sehr kräftig gebaut mit deutlich definierten Muskeln, die durch seine fast durchgehenden Tattoos noch zusätzlich betont wurden. Einzig seinen Kopf hatte der Tätowierer ausgelassen und das, obwohl auf der Glatze noch viel Platz gewesen wäre. Von dem vierten konnte sie nur die blonden, etwas längeren Haare erkennen.

„Hey, hast du sie auch schon gesehen?“, fragte jemand neben ihr. Kira zuckte vor Schreck zusammen. Sie fühlte sich ertappt.

„Nein, wen?“, beeilte sie sich zu sagen, weil Elke sie immer noch fragend ansah.

Ungläubig kniff diese die Augen zusammen und nickte in Richtung des Tisches mit den vier Männern. „Na, die Jungs von Drunken Soldiers, die sitzen doch da.“

„Wer?“, fragte Kira nach. Sie hatte absolut keine Ahnung, wen oder was Elke meinte.

„Lebst du hinterm Mond oder was?“

„Was? Nein!“, empörte Kira sich. „Ich war nur sehr lange in Australien.“

„Sag ich doch.“ Elke grinste. „Hinterm Mond. Da kennt sie Drunken Soldiers natürlich nicht.“ Sie nickte Corinna zu, dann kicherten beide und ließen Kira einfach stehen.

Sie zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Die Weihnachtsfeiern waren vorbei, die Tische im vorderen Bereich waren jedoch voll besetzt. In einem solchen Fall verlangte ihr Chef, dass sie vorne mithalf. Das Trinkgeld steckten sich natürlich die beiden anderen ein, denn kassieren durfte sie nicht. Es war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, vor allem weil sie meistens die heißen, schweren Teller und die Tabletts voller Getränke tragen musste.

Sie balancierte gerade ein solches Tablett durch die engen Gänge, als jemand laut ihren Namen rief. Erschrocken drehte sie sich um, verlor dabei das Gleichgewicht und ließ das Tablett vor den Augen aller Gäste fallen.

Es krachte und klirrte fürchterlich. Sie wagte gar nicht, nach unten zu sehen. Ihre Hose war durchnässt und am Boden schwamm eine riesige Pfütze aus Scherben, Bier, Wein und Cola. Vereinzelt waren Lacher und sogar ein Klatschen zu hören. Ihr wurde heiß und sie senkte betreten den Blick. Von ihren Kolleginnen war natürlich nichts zu sehen.

Als sie mit Handfeger, Schaufel und Lappen bewaffnet zurückkam, sah sie den tätowierten Glatzkopf aus der Vierergruppe am Boden knien und die Scherben aufsammeln. Das wurde ja immer peinlicher. Er schaute hoch.

„Kira, Mensch, sorry, echt! Ich wollt dich doch net erschrecken.“

„Max?“, fragte sie entgeistert. Konnte das wirklich sein? Sie hatte Max das letzte Mal kurz nach dem Abitur gesehen. Er hatte sich seit damals stark verändert, dennoch war er es – unverkennbar. Damals in der Schule hatte er zwar noch keine Tattoos, dafür aber Haare auf dem Kopf gehabt. Max, damals bester Kumpel von Mika. Früher hatte man Max nie ohne Mika angetroffen, doch sie wusste, dass die beiden nicht mehr befreundet waren. Stattdessen blickte Kira schräg hinter Max in ein Paar hellblaue Augen, die ihr mehr als nur bekannt vorkamen.

 

„Hallo, Kira, schön dich mal wiederzusehen.“ Jans Blick wanderte von ihren aufgelösten Haaren über ihre durchnässten Klamotten bis zu ihren Händen, mit denen sie den Lappen krampfhaft umklammert hielt. Ihr Herz setzte ein paar Takte aus und kam dann mit ein paar unregelmäßigen Stolperern wieder in Gang. Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Was machte er hier?

Sie konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden. Er war erwachsen geworden. Ihr letztes Treffen war schon über vier Jahre her. Seine blonden Haare waren etwas kürzer als bei ihrer letzten Begegnung und sein Gesicht war an Wangen und Kinn kantiger geworden. Außerdem wirkte er kräftiger. Nicht dick, nein, eher sehnig. Er hatte deutlich definierte Arm- und Rückenmuskeln bekommen, unter denen sich sein weißes T‑Shirt spannte. Er war von einem schlaksigen, großen Jungen zu einem attraktiven Mann gereift. All das nahm Kira mit einem einzigen Blick wahr.

„Hi.“ War das wirklich ihre Stimme? So hoch und dünn? Sie räusperte sich und wandte sich wieder der Sauerei am Boden zu.

Max hatte mittlerweile die meisten Scherben beseitigt. Ihr blieb nur noch, unter den Augen von Jan und den anderen Gästen, die neugierig zu ihr rüber sahen, die Flüssigkeit aufzuwischen. Ihren Blick hielt sie beinahe krampfhaft gesenkt. Warum musste ausgerechnet Jan sie so sehen? Wie sie als Kellnerin scheiterte. Sie, die ihm immer vorgeworfen hatte, nichts auf die Reihe zu bekommen.

Nachdem endlich alles aufgewischt war, floh sie beinahe nach hinten in Richtung Toilette, um das Putzzeug wegzuräumen. Sie sah noch immer nur nach unten, deshalb sah sie ihren Chef erst, als sie bereits mit voller Wucht in ihn hineingelaufen war.

„Frau Baumeister!“ Wie konnte ein Name so anklagend klingen?

Unsicher schaute sie ihn an. Er war ganz rot im Gesicht und schien nach den geeigneten Worten zu suchen. Ein ungutes Gefühl überkam sie.

„Wissen Sie, was Sie da gemacht haben?“ Seine Stimme klang unnatürlich gepresst.

„Es tut mir leid. Ich habe mich erschrocken und das Gleichgewicht verloren“, entschuldigte sie sich lahm.

„Oh nein, Sie haben nicht einfach das Gleichgewicht verloren!“ Bei seinen letzten Worten wackelte er übertrieben mit dem Kopf und malte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft. „Sie haben das Ansehen unseres Hauses beschämt! Und das nicht zum ersten Mal.“

Kira starrte ihn erschrocken und verständnislos an. Sie fand seine Reaktion reichlich überzogen, doch er war nicht zu bremsen.

„Und nicht nur das, Sie haben außerdem zugelassen, dass unsere prominenten Gäste Ihren Job erledigen!“

„Was?“ Kira wollte entgegnen, dass Max schließlich an dem ganzen Malheur schuld gewesen war und er ihr deswegen nur helfen wollte, da wurde ihr bewusst, was er eben gesagt hatte.

„Welche prominenten Gäste? Meinen Sie Max Meinert?“

„Ja“, entgegnete er heftig nickend. „Max Meinert, Klaas Köhler, Berni Stokkolm und vor allem: Jan Adler.“ Seine Stimme war immer lauter geworden, die Gespräche um sie herum verstummten. „Der Besuch von Drunken Soldiers war eine einmalige Gelegenheit für uns, mehr jüngere Gäste anzulocken. Aber nach Ihrer peinlichen Aktion kann ich das vergessen. Sie vergraulen mir ja die Gäste, Sie … Sie …“ Er schnappte nach Luft, so dass Kira schon Angst bekam, er würde hier und jetzt einen Herzanfall erleiden. Seine Worte drangen nur langsam in ihr Bewusstsein. Doch bevor sie auch nur über eine angemessene Erwiderung auf seine absurden Anschuldigungen nachdenken konnte, fand ihr Chef seine Sprache wieder: „Sie sind gefeuert!“

„Wie bitte?“, schnappte Kira empört zurück. Das konnte ja wohl kaum sein Ernst sein. Seine unmissverständliche Geste in Richtung Tür, kombiniert mit der Wut in seinen Augen und den zusammengekniffenen Lippen belehrten sie jedoch eines Besseren.

Ihre Hände fingen an zu zittern. Es fiel ihr schwer, den Knoten ihrer Schürze zu öffnen. Doch dann löste er sich und sie warf ihrem Chef die Schürze wütend vor die Füße. Im Hinausgehen schnappte sie sich ihre Jacke und ihre Handtasche, die Corinna ihr schadenfroh grinsend hinhielt, und eilte an den ihr nachstarrenden Gästen vorbei nach draußen. Erst als die Dunkelheit und die kalte Nachtluft sie umfingen, konnte sie wieder einen klaren Gedanken fassen. Was nun? Ohne diesen Job stand sie buchstäblich auf der Straße.

Ratlos ging sie ein paar Schritte bis zu einer kleinen Mauer und ließ sich dort auf den Boden sinken. Erst einmal in Ruhe nachdenken. Was konnte sie tun? Sollte sie sich entschuldigen und hoffen, dass ihr Chef seine Entscheidung rückgängig machte?

Nein! So tief war sie noch nicht gesunken. Andererseits hatte sie kaum finanzielle Reserven. Ohne diesen Job würde ihr in spätestens zwei Wochen das Geld ausgehen. Wie sollte sie dann die Miete und das Essen für sich und Tommy bezahlen? Ohne Geld konnte sie auch ihr Studium vergessen. Sie musste schließlich spätestens in drei Wochen die Anmeldegebühr für den Medizinertest bezahlen.

Mutlos vergrub sie ihr Gesicht in ihren Handflächen und schloss die Augen. Wo sollte sie nur so schnell einen neuen Job herbekommen?

 

„Kira?“

Ihr Name drang durch ihre Gedanken wie durch Watte. Sie schaute suchend auf. Als sie Jan auf sich zukommen sah, drehte sie schnell den Kopf weg. Der hatte ihr gerade noch gefehlt. Musste er heute ihre schlimmsten Seiten zu Gesicht bekommen?

„Kira, es tut mir echt leid.“ Max war ebenfalls mit herausgekommen. Dicht dahinter traten die beiden anderen aus der Tür. Heute blieb ihr wirklich nichts erspart. Sie zuckte nur mit den Schultern und blickte weiter krampfhaft in die andere Richtung. Vielleicht würden sie wieder gehen, wenn sie so tat, als hätte sie sie nicht bemerkt?

„Hat dich der Typ echt grad gefeuert?“

Offensichtlich half es nicht.

„Nur weil du ʼn Tablett fallen gelassen hast?“ Maxʼ Stimme klang ungläubig.

Nun konnte sie nicht länger so tun, als würde sie die vier nicht bemerken. Sie drehte sich mit feuchten Augen zu ihnen um. Bloß nicht heulen, Kira! „Macht euch keine Gedanken!“ Sie hoffte, dass ihre Stimme fest klang. „Der hatte mich sowieso schon länger auf dem Kieker. Der hat nur nach einer Gelegenheit gesucht, mich rauszuwerfen. Und heute war’s dann soweit. Ich finde schon was Neues.“ Sie sah zu Boden und kickte ein Steinchen weg. Sie wollte nur noch weg hier und stand deshalb auf. Doch an ein Entkommen war nicht zu denken, denn Jan stellte sich ihr in den Weg.

„Können wir etwas für dich tun?“ Seine sanften Worte verstärkten das Gefühl in Kira, gleich losheulen zu müssen. Sie schüttelte den Kopf, aus Angst, dass Worte den Damm brechen lassen würden.

„Komm schon.“ Er ließ nicht locker. „Schließlich sind wir ja nicht ganz unbeteiligt an deiner Situation. Hey, wir sind Rockstars, wir könnten reingehen und ihm drohen, seinen Laden kurz und klein zu schlagen, wenn er dich nicht wieder einstellt“, schlug er augenzwinkernd vor.

Kira lachte verzweifelt. Dabei verließ eine Träne ihr Auge, die sie unwirsch mit dem Handrücken wegwischte. Erfolglos suchte sie nach einem Taschentuch, schließlich nahm sie von Max ein Tempo an und schnäuzte sich geräuschvoll.

„Es war schön, euch mal wiederzusehen. Aber jetzt muss ich nach Hause.“

Sie wollte sich an Jan vorbeidrücken, doch der hielt sie am Arm fest. Seine Berührung durchzuckte sie wie ein Stromschlag. Da er um einiges größer und stärker war als sie, versuchte sie gar nicht erst, sich loszureißen, sondern sah ihn nur vorwurfsvoll an.

„Pass auf, ich habe eine Idee.“ Seine ruhige Stimme stand ganz im Gegensatz zu ihrem aufgewühlten Innenleben. „Ich gebe dir meine Telefonnummer, dann kannst du mich jederzeit anrufen, falls du Hilfe brauchst, okay?“

Sie zuckte mit den Schultern und nickte unbeholfen. Wenn er sie dann in Ruhe ließe, war sie fast mit allem einverstanden. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und tippte die Nummer zum Entsperren ein. Erst nach einigem Suchen fand sie ihr Adressbuch. Jan schaute sich ihre Bemühungen eine Weile belustigt an, dann nahm er ihr das Gerät sanft aus den Händen.

„Lass mich mal.“

Kira wollte protestieren, aber nicht mal mehr dafür reichte ihre Kraft. Sie konnte ihm nur noch dabei zusehen, wie er ein paar Mal auf dem Display rumdrückte – anscheinend vergeblich – und laut fluchte. Sie wollte ihm das Handy abnehmen, doch er hatte es schon an den schwarzhaarigen Mann weitergegeben, den Kira nicht kannte. Dieser schaute sich das verfluchte Ding nur ganz kurz an, drückte zwei Tasten und hielt es Jan schon wieder hin, der triumphierend etwas eintippte. Kurze Zeit später bekam sie das Handy zurück.

„Unser Klaas hier bekommt noch jedes elektrische Gerät klein“, erklärte er mit einem Nicken in Richtung ihres Technikgenies.

„Wie man damit anruft, weißt du aber?“, fragte Jan augenzwinkernd.

Sie zog eine Grimasse und steckte ihr Telefon weg. Dann endlich ließ er sie vorbei. Sie hob nur kurz zum Gruß die Hand und machte dann, dass sie wegkam. Bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle war es nicht weit, doch mit den bohrenden Blicken der vier im Rücken hatte sie das Gefühl, als würde sie stundenlang laufen.

 

***

 

Jan sah ihr nach, bis sie um die nächste Ecke verschwunden war. Er schüttelte den Kopf, als er daran dachte, wie sie vor ihm in einem Haufen Scherben und verschüttetem Bier mit hochrotem Kopf gekniet und ihn angesehen hatte. Er hatte diesen Blick beinahe fühlen können.

Er schaute auf sein Handy. Auf dem Display stand die Meldung über einen verpassten Anruf. Zufrieden speicherte er die übertragene Nummer unter Kiras Namen. Er war sich selbst noch nicht ganz klar darüber, warum er das gemacht hatte.

Er lächelte vor sich hin. Das war also sein Wiedersehen mit Kira gewesen. Ganz anders als er es sich immer vorgestellt hatte, aber dennoch irgendwie befriedigend. Genauso, inmitten der Scherben ihrer Beziehung, hatte er sich vor fünf Jahren gefühlt, als sie völlig unerwartet mit ihm Schluss gemacht hatte, nur um danach mit Mika Ehrenbach zu gehen.

„Kommste mit, oder was?“, riss Maxʼ Stimme ihn unsanft aus seinen Gedanken. Er starrte in drei erwartungsvolle Gesichter. Leider hatte er keine Ahnung, wohin er mitkommen sollte. Doch egal, wo die anderen hinwollten, ihm stand nur noch der Sinn nach seinem Bett. Er schüttelte den Kopf. „Nee, Jungs, lasst mal. Ich bin völlig alle. Ich geh lieber nach Hause.“

Er verabschiedete sich von allen mit kurzem Handschlag und verschwand dann in Richtung Straßenbahn. Mit etwas Glück würde er dort sogar noch Kira über den Weg laufen.

Kapitel 3

Die ganze Nacht lang ließ Jan der Gedanke an Kira und ihr unerwartetes Zusammentreffen nicht los. Er hatte sie gestern nicht mehr gesehen, aber das war auch nicht wichtig. Sie war wieder da, nur das zählte. Wie oft hatte er in den vergangenen fünf Jahren an sie gedacht? Jedes Mal, wenn ihm etwas besonders Gutes oder besonders Schlimmes widerfahren war, hatte er das Bedürfnis gehabt, dieses Erlebnis mit ihr zu teilen. Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis er sich damit abfinden konnte, dass sie aus seinem Leben verschwunden war. Und nun war sie plötzlich wieder da.

Lange hatte er nicht Zeit, darüber nachzudenken. Schon am nächsten Morgen drängten sich die Sorgen um die Zukunft der Band wieder in den Vordergrund. Mit einem Tag Abstand sah die Situation leider nicht viel besser aus, eher noch schlimmer. Hannes hatte sich nicht mehr bei ihnen gemeldet. Er erschien auch nicht zur Probe. Damit war klar, dass sie so schnell wie möglich Ersatz brauchten. Leider spielten alle guten Gitarristen, die sie kannten, fest bei anderen Bands. Sie ließen die Probe ausfallen und hängten sich den gesamten Vormittag über an ihre Telefone. Sie setzten alles daran, irgendjemanden zu finden, der bei ihnen einspringen würde. Bisher vergeblich.

„Ich glaube, die wollen einfach nicht zu uns kommen“, seufzte Berni.

„Na ja, wenn die Kohle stimmt, kommen sie schon. Aber leider wissen wir nicht mal, ob wir überhaupt was zahlen können.“ Klaas verzog missbilligend den Mund. Das war schon lange ein Thema in der Band.

Ihnen stand laut Vertrag eine feste monatliche Gage zu. Diese reichte für ein vernünftiges Auskommen, solange sie sparsam damit umgingen. Theoretisch waren sie auch am Gewinn aus den Plattenverkäufen und aus den Konzerten beteiligt, jedenfalls ab einer bestimmten Summe. Doch niemand von ihnen wusste es genau, denn der Vertrag war so kompliziert geschrieben, dass sie das meiste gar nicht verstanden hatten. Rückblickend würden sie solch einen Vertrag vermutlich nicht mehr unterschreiben, doch damals waren sie so glücklich gewesen, überhaupt von einer Plattenfirma unter Vertrag genommen zu werden, dass sie alles unterschrieben hätten. Jedenfalls waren auf ihrem Bandkonto nie Zahlungen eingegangen, die über den monatlichen Festbetrag hinausgingen.

Jan hatte vor einiger Zeit bei Heiner Feddersen, ihrem Manager, nachgefragt, war aber nur ausgelacht und mit vagen Auskünften abgespeist worden. „Vermutlich war euer Gewinn nicht so hoch, wie ihr euch erträumt habt“, hatte Feddersen mit schlecht verhohlener Schadenfreude geantwortet.

Also lebten sie nach wie vor gemeinsam in einer WG auf einem alten Weingut und träumten von den Reichtümern, die echte Rockstars angeblich anhäuften.

„Wo ist eigentlich Max?“, fragte Jan, mehr um vom Thema abzulenken. Im selben Moment kam er um die Ecke gebogen und ersparte Klaas und Berni eine Antwort. Wortlos verteilte er ein Sixpack Bier, dann nahm er einen tiefen Schluck und ließ sich auf eine Lautsprecherbox fallen.

„Leute, ich hab ʼne Idee!“

Jan horchte sofort auf. Seitdem Max als Schlagzeuger in der Band arbeitete, war es ihm gelungen, viele wichtige Kontakte in der Musikwelt zu knüpfen. Auf ihn setzte Jan deshalb am meisten Hoffnung, wenn es darum ging, einen Ersatz für Hannes zu finden.

„Wie wärʼs, wenn wir Kira ʼnen Job geben?“

„Kira?“ Sofort dachte Jan daran, wie sie ihn gestern angesehen hatte, als sie vor ihm in den Scherben hockte. Er war wie elektrisiert gewesen. Dennoch war er von Maxʼ Einfall verwirrt. „Warum das denn? Die kann doch gar nicht Gitarre spielen, oder?“

Max schaute ihn mit gerunzelter Stirn an. „Ich will die ja net an die Gitarre stellen.“ Er sagte das so, als müsste er einem kleinen Jungen etwas vollkommen Offensichtliches erklären.

„Verstehe ich nicht.“

„Was soll sie denn machen?“, fragte Klaas dazwischen, allerdings nicht mit ganz so viel Ablehnung in der Stimme wie Jan.

„Na ja, erstens simma ja irgendwie dafür verantwortlich, dass sie gestern gefeuert wurd.“ Max sah einen nach dem anderen an. Sein Blick blieb schließlich an Jan hängen. „Unʼ zweitens brauchma sie.“

Noch immer tappte Jan absolut im Dunkeln, was die Beweggründe seines Freundes anging.

„Sie könnte so ʼne Art Mädchen für alles sein.“

„Was meinst du mit ‚für alles‘?“, fragte Klaas mit einem schmutzigen Grinsen im Gesicht. Max verdrehte die Augen.

„Und wovon sollen wir sie bezahlen?“

Maxʼ eben noch angestrengte Gesichtszüge hellten sich mit einem Mal auf, als ob er endlich das ersehnte Stichwort bekommen hätte. „Siehste, genau das mein ich. Kira kann sich ums Geld kümmern. Vielleicht kriegt sie raus, warum wir nix von den versprochenen Gewinnen sehen. Außerdem könn wir ja erst mal gucken, wie’s klappt, für ʼn paar Monate oder so.“

„Das halte ich für keine gute Idee“, warf Jan ein, bevor Max gedanklich schon einen Vertrag aufsetzte. „Um unsere Finanzen kümmern wir uns lieber selber.“

„Nur hat das bisher eher nicht so gut funktioniert“, mischte sich Berni ein. Jan schaute ihn vorwurfsvoll an. Berni zuckte nur mit den Schultern.

„Klar, jeder von uns kann was“, griff Max den Einwand auf. „Berni is’n wandelndes Lexikon. Klaas repariert alles, was ihm vor die Füße fällt. Und ich kann gut quatschen unʼ so und kenne auch paar Leuts, aber oje, wenn ich nur zwei Zahlen zusammenrechnen muss, krieg ich Herzrasen, als wär ich noch’n Schulkind.“

„Und ich? Was trage ich bei?“, fragte Jan beleidigt nach.

„Na, du bist der Kopf der Band. Du bist der Songschreiber. Ohne dich wären wir nichts“, antwortete Klaas wie aus der Pistole geschossen. Jan nickte versöhnlich.

„Ganz ehrlich, keiner von uns kann so’n staubtrockenes Zeug wie Buchhaltung, Steuererklärung oder Finanzen. Dafür brauchma jemandʼn. In der Schule hat sich Kira doch auch immer um die ganze Organisation und das Finanzielle bei Festen und so gekümmert, das kannse also.“

„Also ich finde das auch eine sehr gute Idee“, schaltete sich Berni nun wieder ein. „Sie könnte sich vielleicht auch um unsere Unterkunft kümmern, wenn wir auf Tour sind.“

„Und ums Catering“, begann sich nun auch Klaas für die Idee zu erwärmen.

„Außerdem“, argumentierte Max weiter, „früher hat se doch auch immer mit angepackt, wenn ihr die Bühne aufgebaut habt. Die weiß, wie man ʼn Schlagzeug zusammenschraubt und wie man die Saiten auf die Gitarren zieht oder wie man ʼn Keyboard einstöpselt.“

Berni nickte. „Wenn Max der Meinung ist, dass sie dafür geeignet ist, denke ich, wir sollten es versuchen. Das sind wir ihr schuldig.“

„Schlechter als bisher kann’s jedenfalls nicht mehr laufen“, stimmte auch Klaas zu.

Jan hatte verloren. Auf ganzer Linie. Drei Mann standen geschlossen gegen ihn. In der Band wurde demokratisch entschieden, das war schon immer so und würde auch so bleiben. Und wenn er ehrlich war, brauchten sie tatsächlich jemanden, der sich um all das kümmerte. Der Gedanke, Kira wieder um sich zu haben, reizte ihn, dennoch war ihm nicht wohl dabei. Aber wer sagte schon, dass Kira zustimmen würde? Vermutlich würde sie sowieso ablehnen. Schließlich hatte sie damals alles dafür getan, dieses Leben hinter sich zu lassen.

Er dachte an die Zeit nach der Trennung zurück, als er Kira noch jeden Tag in der Schule gesehen hatte. Und viel zu oft auch außerhalb, wenn sie mit ihrem neuen Lover Mika unterwegs gewesen war. Sie hatte so glücklich gewirkt an der Seite dieses stinklangweiligen Typen. Ihn selbst hatte jedes Mal die kalte Wut gepackt, wenn er mit ansehen hatte müssen, wie egal es ihr war, dass er mit gebrochenem Herzen zurückblieb. Aber vielleicht hatte sie gar nicht gemerkt, was sie ihm damit antat. Er hatte jedenfalls alles getan, um seine Umwelt davon zu überzeugen, dass er mit ihr fertig war.

Gedankenverloren strich er über sein Tattoo. Es würde ihn immer an Kira erinnern. Mittlerweile stand es aber auch noch für etwas anderes, denn dieses Tattoo war zu seinem Markenzeichen geworden, und die Worte My Love, My Life waren der Titel ihres bisher größten Hits. Die meisten gingen davon aus, dass er sich das Tattoo nach ihrem Erfolg hatte stechen lassen. Er würde den Teufel tun und diese Vermutungen richtigstellen.

 

***

 

Schon fast halb fünf. Seltsam wie die Zeit verflog. Dabei hatte Kira noch nichts von dem erledigt, was sie heute eigentlich hatte machen wollen. Der Kühlschrank war noch immer nicht geputzt und sie hatte nicht eine einzige Minute nach einem anderen Job gesucht. Auch aus dem Vorhaben, in die Bücherei zu gehen, um sich ein oder zwei medizinische Fachbücher als Vorbereitung für ihr Studium auszuleihen, war nichts geworden. Wie auch?

Seit gestern Nacht konnte sie keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. All ihre Pläne lagen in Scherben, genau wie die Gläser gestern. Die Liste, die sie mit jedem Strich pro erledigte Kellnerschicht näher an ihr Studium hatte bringen sollen, lag zerknüllt auf dem Boden. Wozu sich Gedanken um die Sauberkeit der Wohnung machen oder um ihr Studium, das sowieso noch in weiter Ferne lag, falls sie es überhaupt je antreten würde? Und warum sollte sie nach einem weiteren Aushilfsjob Ausschau halten, wenn sie sogar als Kellnerin versagte?

Sie hatte kaum geschlafen und viel geweint oder mit taubem Gefühl ins Leere gestarrt. Ab und zu war Tommy zu ihr gekommen. Sein weiches Fell, die Wärme, die von seinem Körper ausging und das beruhigende Schnurren hatten sie zumindest ein bisschen trösten können. Doch als er miauend vor dem Futternapf stand, wurde ihr das ganze Ausmaß der Katastrophe wieder bewusst, und die Tränen stiegen erneut in ihre Augen. Sie konnte nicht einmal dafür garantieren, dass ihr Kater nächste Woche noch etwas zu Fressen hatte. Und das ausgerechnet an Weihnachten. Sie hatte ihm versprochen, dass sein erstes Weihnachten in Deutschland ganz besonders schön werden würde. Sie hätte jetzt dringend jemanden gebraucht, der sie beruhigte und ihr versicherte, dass alles gut werden konnte. Sie versuchte, ihren besten Freund Mika anzurufen, erreichte jedoch nur die Mailbox. Der brütete bestimmt vor irgendwelchen Akten und hörte sein Telefon nicht. Frustriert legte sie auf und blinzelte die Tränen weg.

Ohne Vorwarnung tauchte das Bild von Jan vor ihrem inneren Auge auf. Er war einfach so wieder in ihrem Leben aufgetaucht. Das warme Gefühl in ihrem Bauch, als sie nach so langer Zeit wieder in seine hellblauen Augen geblickt hatte, verwirrte sie dermaßen, dass sie lieber nicht länger darüber nachdenken wollte. Sie nahm ihr Telefon in die Hand und suchte nach dem Eintrag mit Jans Nummer. Sie brauchte jetzt diese Bestätigung, dass er kein Trugbild gewesen war. Doch ihn einfach anzurufen, traute sie sich nicht.

Sie hätte sich selbst in den Hintern beißen können, weil sie gestern all seine Versuche, mit ihr zu sprechen, abgeblockt hatte. Sie hätte sich zumindest erkundigen können, wie es ihm ging. Seit ihrer letzten Begegnung war so viel passiert. Er war jetzt berühmt, wenn sie ihren Chef und ihre Kolleginnen richtig verstanden hatte. Ihren Ex-Chef und ihre Ex-Kolleginnen, korrigierte sie sich selbst.

 

Das Telefon in ihrer Hand begann zu vibrieren. Vor Schreck hätte sie es beinahe fallenlassen. Sie putzte sich schnell noch die Nase und räusperte sich einmal. Die Nummer kam ihr nicht bekannt vor. Hoffentlich keine weiteren schlechten Nachrichten.

„Kira Baumeister?“

„Hi, ich bin’s: Max, Max Meinert.“

Unwillkürlich setzte Kira sich auf und atmete geräuschvoll ein. Ihre Gedanken rasten. Max? Wieso rief Max sie an? Woher hatte er ihre Nummer?

„Kira?“, fragte er unsicher.

„Äh, ja?“, beeilte sie sich zu antworten.

„Hör mal, ich weiß, des kommt vielleicht ʼn bissel plötzlich, aber … gestern des is echt blöd gelaufen!“

Kira verzog den Mund zu einem ironischen Grinsen. Was du nicht sagst, dachte sie, hielt aber den Mund. Max musste sich offenbar kurz sammeln, denn er sprach erst nach einer kleinen Pause weiter.

„Jedenfalls wolltʼn ma dich was fragen … also ich. Wo du doch jetzt quasi arbeitslos bist.“

Wieder eine Pause. Musste er ihr das alles noch mal unter die Nase reiben? Sie wünschte, er würde zum Punkt kommen und sie dann in Ruhe lassen.

Er räusperte sich. „Wir spielen ja jetzt zusammen in ʼner Band, Jan unʼ ich, das haste ja gestern sicher mitgekriegt, oder?“

Bei der Erwähnung von Jans Namen durchfuhr sie ein Kribbeln, und sie atmete unwillkürlich schneller. „Ja“, antwortete sie nur, weil sie Angst hatte, ihre Stimme könnte ihren inneren Aufruhr verraten.

„Na ja, des läuft ganz gut … wir sind echt gefragt und so.“ Er holte so tief Luft, dass Kira es am anderen Ende der Leitung hören konnte. „Jedenfalls, es is so, dass ma dir ʼnen Job anbieten wollen.“ Er atmete geräuschvoll aus. Kira tat es ihm unwillkürlich gleich.

Einen Job? Sie war irritiert. Was für einen Job?

„Soll ich in der Band mitspielen?“, fragte sie verständnislos, nur um sich gleich darauf selbst einen Idioten zu schimpfen. Das hatte er sicher nicht gemeint.

Er lachte auf. „Nee, oder kannste Gitarre spielen?“

„Gitarre?“ Sie dachte an früher, als Jan ihr ein paar Akkorde gezeigt hatte. „Nur ein bisschen. Wieso? Was ist das denn für ein Job?“

„Ich hab keiʼ Ahnung, wie man sowas nennt“, druckste er herum. „Wir brauchen halt jemanden im Hintergrund, für die Finanzen und das Catering und so.“

Sie setzte sich aufrecht hin. Meinte er das wirklich ernst? Sie wagte gar nicht, daran zu denken, dass dieses Angebot vielleicht die Lösung für ihre momentanen Probleme sein könnte.

„Und? Was sagste? Kannste dir vorstellen, mit uns zu arbeiten? Mit Jan?“

Wieder ein kleiner Stromschlag in ihrem Magen. Das war der springende Punkt: Konnte sie mit Jan zusammenarbeiten? Nach allem, was damals geschehen war? Wobei die Frage wohl eher lauten musste: konnte er mit ihr arbeiten? Schließlich war sie es gewesen, die ihn damals vor versammeltem Publikum abserviert hatte. Sie konnte sich an seinen verletzten und fassungslosen Blick noch überdeutlich erinnern. In den Wochen nach diesem denkwürdigen Abend hatte er kein einziges Wort mehr mit ihr gewechselt. Er hatte einfach so getan, als würde sie nicht existieren. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Und jetzt wollte er plötzlich, dass sie für ihn arbeitete?

„Hatte Jan diese Idee?“

„Na ja, nee. Eher ich“, gab Max etwas zögernd zu. „Aber er is einverstanden“, beeilte er sich zu sagen. „Wir ham alle ʼn schlechtes Gewissen, weil wir ja quasi mit schuld sind an dem Desaster gestern.“

Wow, ein Jobangebot aus Mitleid bei ihrem Exfreund, der vermutlich dazu überredet werden musste. Dennoch war ihr klar, dass sie eigentlich gar nicht ablehnen konnte. Vermutlich war dies ihre einzige Rettung vor unzähligen, fruchtlosen Nachmittagen auf dem Arbeitsamt. Und die letzte Chance, doch noch die Anmeldegebühr für den Medizinertest zu bezahlen.

„Kira? Biste noch dran?“ Maxʼ Stimme holte sie wieder ins Hier und Jetzt zurück. „Hör mal. Mir is klar, dass das jetzt alles ʼn bissl plötzlich kommt. Unʼ wenn de noch Bedenkzeit brauchst …“

„Okay, ich machʼs.“ War sie verrückt geworden? Ja, vermutlich. Verrückt und völlig mittellos.

„Klasse, Kira“, hörte sie Max sagen. „Kannste vielleicht gleich vorbeikommen? Dann zeig ich dir alles.“

Sie notierte sich die Adresse, die er ihr nannte. Sie hätte beinahe gelacht, als sie hörte, wo sie hinfahren sollte: Weisenheim, das Dorf ihrer Jugend. Ein Stich durchfuhr sie, als sie an früher dachte. Die Zeit, in der Theresa noch gelebt hatte und sie glücklich mit dem Sänger der Schulband zusammen gewesen war. Schon oft hatte sie sich gewünscht, die Zeit einfach zurückdrehen zu können.

Sie versprach, gleich loszufahren und legte dann auf.

„Hast du das gehört, Tommy?“, fragte sie ihren Kater, der um ihre Beine strich, während sie sich eine Hose und eine Bluse aus dem Schrank zog. „Mama hat vielleicht bald wieder einen Job. Das wäre doch ein tolles Weihnachtsgeschenk für uns, nicht wahr?“

Tommy maunzte und sah seinem Frauchen zu, wie sie sich umzog und sich im Bad zurechtmachte. Den Lidstrich musste sie zweimal nachziehen, weil ihre Hände so zitterten.

Sie würde in Kürze Jan wieder gegenüberstehen. Konnte man zu hohen Blutdruck eigentlich spüren? Sie fühlte sich seltsam leicht. Und gleichzeitig krampfte sich alles in ihr zusammen, wenn sie an diese Begegnung dachte.

Sie sah noch einmal in den Spiegel, zupfte sich ein paar Katzenhaare von der Bluse, dann machte sie sich auf den Weg.

 

Eine knappe Stunde später stand sie vor der angegebenen Adresse. Ihr Herzschlag verdoppelte sich. Trotz der winterlichen Kälte wurde ihr ganz warm. Sie kannte dieses Haus. Es war ein ehemaliges Weingut, etwas außerhalb des Dorfes. Es lag malerisch auf einem kleinen Hügel, umgeben von Weinfeldern. Schon als sie noch in Weisenheim gewohnt hatte, war es nicht mehr als Weingut betrieben worden und hatte damals lange leer gestanden. Warum, wusste sie nicht.

In ihrer Schulzeit war sie oft hier gewesen. Meist gemeinsam mit Jan. Sie hatten es sehr romantisch gefunden. Ihr Traum war es, dieses Weingut zu kaufen und nach ihren Vorstellungen zu renovieren. Sie erinnerte sich daran, dass er oft hier gestanden und ihre gemeinsame Zukunft in den schönsten Farben ausgemalt hatte. Und jetzt stand sie wieder hier. Zumindest für seine Band hatte Jan sich seinen Traum erfüllen können. Dieser Gedanke gefiel ihr.

Auf dem Weg zum Eingang fühlte sie sich wie in der Zeit zurückversetzt. Doch dieses Gefühl erlosch, als sie die Klingel drückte. Damals war Kira eine andere gewesen. Sie hatte geglaubt, ihr stünden alle Wege offen. Vor fünf Jahren hatte dieses Gebäude sinnbildlich für ihre glückliche Zukunft gestanden. Heute bot es ihr lediglich die Möglichkeit, die nächste Zeit über die Runden zu kommen.

 

„Hi, Kira, schön, dass de da bist“, begrüßte Max sie, nachdem er sie hereingebeten hatte. Sie sah sich staunend um. So oft sie früher hierhergekommen war, drinnen war sie noch nie gewesen. Jetzt beschlich sie doch ein Gefühl von Freude, weil sie dieses Gebäude endlich mal von innen ansehen durfte.

Max führte sie über den Innenhof in eine Art Empfangsraum. Früher musste es mal der Verkaufsraum gewesen sein. Es gab eine Theke mit einer Vitrine dahinter und ein paar Stehtische. Alles war leer und ungenutzt. Von dem Verkaufsraum führten noch zwei weitere Türen weg, eine davon öffnete Max und ließ sie hindurchtreten.

„Ich mach dir ʼn Kaffee, dann könn ma erstmal ʼn bissl quatschen.“ Er führte sie in eine geräumige Küche. Dort bot er ihr einen Platz am großen Holztisch in der Mitte des Raumes an. Der Tisch sah aus, als hätte er schon einiges erlebt. Die Fläche war alles andere als glatt. Überall durchzogen ihn Risse und Schnitte und an einer Stelle war sogar ein Brandfleck. Er strahlte eine Gemütlichkeit aus, die die modernen Küchengeräte völlig in den Hintergrund treten ließ. Auch die überdimensionierte Kaffeemaschine, an der Max gerade herumwerkelte. Er hatte Kira den Rücken zugedreht und summte leise, während die Maschine ächzte, knirschte und stöhnte, als wäre sie hundert Jahre alt. Ein köstlicher Kaffeeduft durchzog den Raum. Kira schnupperte und sog genüsslich die Luft ein. Wenn der Kaffee nur halb so gut schmeckte, wie er roch, könnte sie sich sogar entschließen, ihn zu mögen. Normalerweise war Kira keine Kaffeetrinkerin. Meist war er ihr zu bitter. Einzig die Variante mit ganz viel geschäumter Milch mochte sie wirklich.

„Kaffee, Milchkaffee, Cappuccino oder Latte Macchiato?“, fragte Max da auch schon, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Latte Macchiato, bitte.“ Sie fühlte sich unheimlich wohl in dieser Küche.

Das dreischichtige Getränk mit dem fluffigen, weißen Milchschaum, der über den Rand des Glases ragte, hätte von einem Werbeplakat stammen können, es war einfach perfekt. Kira lief das Wasser im Mund zusammen. Sie nahm den glänzenden langstieligen Löffel, den Max ihr zusammen mit dem Zuckerglas zugeschoben hatte, und hob die Spitze des Schaumberges ab. Sie konnte es einfach nicht erwarten, die Milch in dieser festen Form zu kosten. Genießerisch schloss sie die Augen. Wunderbar.

„Wo warstʼn du eigentlich die letzten Jahre? Ich glaub net, dass ich dich nach’m Abi noch mal gesehen hab. Deine beste Freundin ist damals gestorben, nicht?“

Kira öffnete beinahe widerwillig die Augen. Über dieses Thema wollte sie lieber nicht reden. Es fiel ihr immer noch schwer, an ihre Freundin zu denken. Kurz nach dem Abitur hatte Theresa einen überraschenden Rückfall erlitten und war innerhalb weniger Wochen an Krebs gestorben. An diese grauenhaften Tage konnte Kira sich nur noch schemenhaft erinnern. Zwei Wochen nach der Beerdigung hatte sie mit gepackten Sachen und einem One‑Way‑Ticket in der Tasche am Flughafen gestanden, bereit für die Reise ans andere Ende der Welt.

Kira blinzelte die aufkommenden Tränen weg und erzählte von ihrer Zeit in Australien, ohne wirklich auf Theresas Tod einzugehen.

„Du hast echt ʼne Eventagentur für Kindergeburtstage gegründet? Unʼ des hat funktioniert? Wer gibtʼn dafür Kohle aus?“ Maxʼ Augen funkelten belustigt.

„Eine Menge Leute“, verteidigte Kira ihren Job. „In Australien werden Geburtstagsfeiern sehr ernst genommen und die von Kindern ganz besonders. Das ist nicht mit Deutschland vergleichbar.“

„Und was haste da so gemacht? Den Clown gespielt und dann die Gäste in den Zoo geschleppt?“

Kira kniff die Augen zusammen. Es ärgerte sie, wie er davon redete. Auch wenn sie sich sicher war, dass er sie nur ein bisschen aufziehen wollte. Dennoch fing sie an, ihm haarklein aufzuzählen, was alles zu ihren Aufgaben gehört hatte.

„Is ja gut“, hob er nach einer Weile abwehrend die Hände. Noch immer war sein Gesicht zu einem breiten Grinsen verzogen. „Ich habʼs kapiert. Kindergeburtstag in Australien is wie ʼne internationale Firmenfeier bei ’nem Großkonzern.“

Kira streckte ihm die Zunge raus und verschränkte die Arme. Doch wirklich böse konnte sie ihm nicht sein. Selbst in ihren Ohren klang es komisch, wenn sie jetzt mit etwas Abstand davon erzählte.

„Na ja, auf jeden Fall isses für uns praktisch.“ Max zuckte mit den Schultern. „Des klingt alles so ähnlich wie des, was de hier machen sollst. Also Planung unʼ Organisation unʼ Buchhaltung unʼ so’n Kram. Und wenn du uns hier alle erst ma kennst, wirste schnell merken, dass es hier auch oft so zugeht wie bei ʼnem Kindergeburtstag.“

Max war ihr sehr sympathisch. Ganz anders als in ihrer Erinnerung. Hatte sie ihn damals, als er noch ständig mit Mika rumhing, eher für einen Schwächling und Mitläufer gehalten, machte er jetzt einen ganz anderen Eindruck. Nicht nur äußerlich. Durch die vielen Tattoos, seine Ohrringe, die Glatze und den Ziegenbart wirkte er wie ein Türsteher eines gut laufenden Nachtclubs. Unter dieser harten Schale verbarg sich ein humorvoller und sehr netter Mann, dem Kira ohne weiteres größere Geldbeträge anvertraut hätte, wenn sie denn welche gehabt hätte.

Sie trank mit leichtem Bedauern den letzten Schluck des besten Latte Macchiato ihres Lebens und fragte Max, ob er ihr etwas mehr über ihren Arbeitsplatz erzählen könnte.

Er stand auf. „Komm, zuerst zeig ich dir mal dein Schreibtisch und dann quatsch ma über den Rest.“

Kira nickte und folgte ihm. Sie gingen eine breite Wendeltreppe hinab in den Keller und durch eine Tür. Dies war offenbar das Ziel ihrer kleinen Reise, denn mit einiger Fantasie konnte man den Raum dahinter als Büro bezeichnen. Früher war das ganz bestimmt kein Büro gewesen, eher so eine Art Lagerraum. Die Wände und die Decke waren untapeziert und voller Spinnweben. Es gab ein winziges Fenster ganz oben an der gegenüberliegenden Wand, dessen Scheibe allerdings so staubig war, dass kaum Licht hindurch fiel. Dadurch wirkte der Raum trist und gruselig. Der ganze Boden und ein kleiner Schreibtisch auf der rechten Seite waren mit Zetteln bedeckt, teilweise zerknittert und von staubigen Schuhsohlen verschmutzt. An der gegenüberliegenden Wand war ein Regal befestigt, dessen leere obere Fächer vorwurfsvoll auf das Chaos unter ihnen zu starren schienen. Im untersten Fach stand ein älterer Computer mit Monitor und Drucker. Wenn man den benutzen wollte, musste man sich auf den Boden davor legen oder setzen. So stellte sich Kira den schlimmsten Albtraum einer Sekretärin vor.

Max zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Ich hab’s dir ja gesagt, wir brauchen jemanden.“

„Und wieso denkst du, dass ausgerechnet ich das sein soll?“, fragte Kira ohne nachzudenken. Im Nachhinein hätte sie sich am liebsten die Zunge abgebissen. Das klang ja so, als würde sie sich selbst nicht für geeignet halten. „Ich meine, was genau soll ich eigentlich machen?“

„Ich vermute, dir is klar, dass ma ʼn Problem mit dem ganzen Bürokrams ham“, begann Max und schloss mit einer ausholenden Geste den ganzen Raum mit ein.

Kira nickte und grinste.

„Am wichtigsten sind eigentlich die Finanzen. Keiner von uns hat Ahnung von Buchhaltung oder Steuern. Aber du hast in de Schul immer die Partys organisiert unʼ dich um die Finanzen gekümmert. Außerdem warste die Beste in Mathe. Zahlen sind net unsers. Aber dir liegen se.“

„Ich soll also dieses ganze Zettelchaos hier organisieren und eure Buchhaltung machen? Mit Steuern kenne ich mich auch nicht aus, sorry. Aber was den Rest angeht“, sie grinste noch breiter, „da hast du Glück. Das kann ich zufällig ganz gut.“

Aus Maxʼ Lachen meinte Kira Erleichterung herauszuhören. Augenblicklich fühlte Kira sich wohler. Wie es aussah, war es doch nicht nur ein Job aus Mitleid. Sie konnte der Band also wirklich helfen, und im Gegenzug würden die Jungs ihr Leben finanzieren. Das klang fair. Obwohl, da gab es ja noch einen wichtigen Punkt zu klären.

„Was würdet ihr mir denn bezahlen?“

Max wich ihrem Blick aus. Kira hielt unwillkürlich die Luft an. An dieser Stelle konnte ihr Traum noch platzen.

„Wir dachten so an tausendfünfhundert im Monat. Du wärst dann offiziell bei der Band angestellt.“

Kira ließ die Luft wieder entweichen. Gott sei Dank. Das war mehr, als sie ohne Ausbildung erwarten konnte, und genug, um die Miete, ihr Essen und die Sonderausgaben fürs Studium zu finanzieren. Sie würde sogar noch etwas zurücklegen können. Ein Blick auf Max ließ sie jedoch vermuten, dass er eine wichtige Information zurückhielt, denn er sah überhaupt nicht entspannt aus.

„Was ist denn? Tausendfünfhundert sind echt okay“, versuchte sie ihn zu beruhigen.

Er sah kurz auf und lächelte sie an, dann senkte er den Blick sofort wieder. Seine ganze Haltung passte überhaupt nicht zu seinem sonst so selbstbewussten Auftreten. Im Moment schien er sich überhaupt nicht wohl in seiner Haut zu fühlen.

„Na ja“, begann er dann zögerlich, „ich hab dir ja schon gesagt, dass ma’n Problem mit unsren Finanzen haben.“ Jetzt sah er sie direkt an. „Deshalb weiß ich leider wirklich net, wie lang ma dich bezahlen können.“

„Oh“, entfuhr es ihr.

Er beeilte sich weiterzusprechen. „Die Idee war, erst mal ʼne Art Probezeit für drei Monate zu machen. Für die Zeit reicht’s auf jeden Fall. Danach guckʼn ma weiter. Wär des okay für dich?“

Drei Monate waren besser als gar nichts. Sie rechnete kurz durch, dass sie mit den drei Monaten Gehalt – wenn sie sparsam lebte – vielleicht ein halbes Jahr überleben konnte. Das gab ihr genug Zeit, sich etwas anderes zu suchen. Und vielleicht zeigte sich ja, dass sie doch länger bleiben konnte.

Sie hielt ihm die Hand hin und nickte nachdrücklich. „Okay. Drei Monate. Wann soll ich anfangen?“

Max schlug ein. „Prima. Am beste wär’s, du könntest noch vor Silvester anfangen. Je schneller, desto besser.“

„Soll ich dann direkt am Dienstag nach den Feiertagen kommen?“

Er nickte glücklich und stand auf. „Komm, ich zeig dir den Rest. Dann weißte schon, wo alles is. Unʼ am Dienstag kommste am besten gegen zehn. Ich weiß zwar net, ob ich da schon wach bin, aber irgendjemand macht dir schon die Tür auf.“

Das klang nach einem guten Plan.

Max zeigte Kira das Bad und erklärte, wer in welchem Zimmer wohnte. Im Obergeschoss hatte Kira Gewissheit: Die ganze Band wohnte hier zusammen. Es gab sogar einen Proberaum in der ehemaligen Scheune und ein privates Fitnessstudio, das sich ebenfalls im Keller befand.

Als sie wieder in der Küche angekommen waren, schaute Kira auf ihre Uhr. „Ich muss jetzt los, tut mir echt leid.“ Mit bedauerndem Schulterzucken hielt sie ihm zum Abschied die Hand hin.

„Ach, jo“, Max legte seine Hand auf ihren Arm. „Bleib doch noch e bissl, dann mach ich dir noch ʼn Latte.“

„Nein danke, so viel Espresso zum späten Abend vertrage ich nicht“, winkte Kira lachend ab. „Außerdem muss ich die letzte Bahn erwischen.“

Sie erschrak, als plötzlich zwei weitere Männer in der Küche auftauchten. Kira erkannte sie noch von gestern Abend, wusste aber nicht mehr, wie sie hießen.

„Hi“, grüßte der Schwarzhaarige in die Runde. „Und? Klappt alles?“, schob er mit einem fragenden Blick auf Kira hinterher.

„Was?“ Sie war verwirrt, doch anscheinend erwartete von ihr niemand eine Antwort.

„Ja, Kira fängt gleich nach Weihnachten an. Klasse, oder? Unʼ sie hat in ihrem letzten Job sogar sowas Ähnliches gemacht!“

„Du hast schon mal Rockbands gemanagt?“, fragte der Mann mit den hellen Haaren und hielt ihr zur Begrüßung die Hand hin.

„Nee, Kindergeburtstage. Is doch fast dasselbe“, antwortete Max an ihrer Stelle. Alle drei Männer lachten lauthals. Kira verzog das Gesicht ebenfalls, in der Hoffnung, dass man es als Lachen interpretieren konnte.

„Das hier is Klaas, unser Keyboarder“, stellte Max ihr den Typ mit den schwarzen Haaren vor. Er war etwas älter als Kira, sehr drahtig und mittelgroß. Der Weißblonde stand in krassem Gegensatz dazu, denn er war eher korpulent und einen halben Kopf kleiner als Klaas.

„Und das is Berni.“

„Und welches Instrument spielst du?“, fragte Kira, in der Hoffnung, dass sie hier alle duzen konnte.

Berni schlug gespielt erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. „Wie, du kennst Bernis berühmte Basslinie nicht?“ Dann brummte er ein paar Töne, die Kira überhaupt nicht bekannt vorkamen. Bedauernd schüttelte sie den Kopf. „Bis gestern kannte ich eure Band nicht mal, tut mir leid“, entschuldigte sie sich.

„Echt nicht? Wo kommst du denn her?“

„Alter!“ Max versuchte seinen Bandkollegen mit Blicken zu erdolchen.

„Na, ist doch wahr“, verteidigte sich Klaas. „Kommst du aus dem Tal der Ahnungslosen?“

„Ich war die letzten vier Jahre in Australien“, versuchte Kira, die Sache aufzulösen. Doch sie hatte nicht mit Klaasʼ Reaktion gerechnet, der sich theatralisch ans Herz griff und langsam auf einen der Stühle sank.

„Oh, nein, Jungs, sagt nicht, die Australier kennen uns noch nicht? Ich bin erschüttert!“

„Hör net auf den Clown“, bat Max und verdrehte die Augen.

„Australien? Echt?“, fragte Berni interessiert, und in kürzester Zeit war sie in eine lebhafte Diskussion über die Vor- und Nachteile des Kontinents am anderen Ende der Welt verwickelt. Dabei stellte sich heraus, dass Berni praktisch alle Fakten über Australien kannte – mehr als Kira auf jeden Fall.

Bei einem zufälligen Blick auf ihre Uhr erschrak Kira. „Oh nein! Meine Bahn, das schaffe ich nie!“ Sie sprang auf und riss ihre Jacke an sich.

„Mach dir kein Kopf.“ Max hielt sie sanft am Ärmel zurück. „Ich fahr dich nachher heim.“

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als dieses Angebot anzunehmen, denn zum Bahnhof hätte sie es auf keinen Fall mehr rechtzeitig geschafft. Erleichtert setzte Kira sich wieder hin.

Es hätte ihr auch wirklich leidgetan, gehen zu müssen, denn sie fühlte sich in dieser Runde sehr wohl, vor allem als Klaas eine Flasche Weißwein vom Weingut Adler öffnete. Jans Vater Wolfgang Adler war Winzer in der dritten Generation, seine Mutter Karin kam ursprünglich aus dem Norden Deutschlands, sie hatte sich bei einem Urlaub in den wortkargen Winzer verliebt und war bei ihm geblieben. Beide liebten ihr Leben und ihren Beruf. Der Wein von Jans Eltern war bis über die Grenzen der Region hinaus bekannt und begehrt und hatte vor einigen Jahren sogar mal einen Preis eingeheimst. Früher, als Jan noch auf dem Weingut seiner Eltern gewohnt hatte, war Kira ab und zu mal dort gewesen. Doch meistens hatten sie sich bei ihr oder irgendwo im Dorf getroffen. Obwohl es Jans Eltern wichtig war, dass er eine gute Bildung erhielt, damit ihm später alle Möglichkeiten offen standen, hegten sie im Herzen die Hoffnung, ihr einziger Sohn würde später das Weingut übernehmen. Seiner Leidenschaft für Musik hatten sie deshalb schon immer eher skeptisch gegenübergestanden. Ob sie sich wohl mittlerweile an den Gedanken gewöhnt hatten, dass Jan Musiker war?

Sowohl Klaas als auch Berni waren sehr sympathisch. Kira wurde großartig mit Anekdoten von der letzten Drunken Soldiers-Tour unterhalten. Fast hätte sie vergessen, dass noch ein Mitglied der Band fehlte. Aber nur fast, denn natürlich hoffte sie insgeheim den ganzen Abend, dass Jan noch auftauchen würde. Vergeblich.

Immer wenn sein Name fiel, hüpfte ein kleiner Gummiball in ihrem Magen auf und ab. Das passierte ziemlich oft, denn ihr Exfreund war bei den meisten der erwähnten Gegebenheiten mit von der Partie gewesen.

„Wohnt Jan eigentlich auch hier?“, fragte sie bei einer passenden Gelegenheit beiläufig, denn sie wusste es ja eigentlich schon. Schließlich hatte Max ihr vorhin auch seine Zimmertür gezeigt.

„Klar“, antwortete Klaas. „In letzter Zeit schläft er allerdings häufiger bei Nora als hier.“

Wer war Nora? Dieser Name war bisher noch nie gefallen, da war Kira sich ganz sicher, obwohl die Jungs mit dutzenden Namen, die ihr nichts sagten, um sich geworfen hatten. Doch sie hatte nicht den Mut, genauer nachzufragen. Wenn Jan so häufig bei dieser Nora übernachtete, war sie vermutlich seine Freundin. Sie spürte einen Stich, den sie sich überhaupt nicht erklären konnte. Jan konnte doch machen, was er wollte.

Dennoch war ihre Stimmung danach nicht mehr so gut und sie gähnte öfter, bis Max ihr schließlich anbot, sie nach Hause zu fahren. Nur zu gern stimmte sie zu. Es war schon nach Mitternacht, und am nächsten Tag war Heiligabend.

Sie musste noch Geschenke kaufen. Mika hatte sie schon vor einigen Wochen eingeladen, den Abend mit seiner Familie zu verbringen. Dennoch war sie nie zum Einkaufen gekommen. Morgen früh war die letzte Gelegenheit, etwas für ihren besten Freund und seine Eltern zu besorgen. Mit einem mulmigen Gefühl dachte sie daran, wie traurig es auf ihrem Konto aussah. Doch dann sagte sie sich selbst, dass sich das mit diesem Job schnell wieder ändern würde.

 

„Wow, was für ʼne Weltreise“, stöhnte Max nicht zum ersten Mal. Kira hatte ein schlechtes Gewissen, weil er sie so weit fahren musste.

„Tut mir echt leid“, entschuldigte sie sich.

Er sah sie an. „Warum? Du tust ma leid! Wie lang fährst’n zu uns?“

„Wenn alles gut geht, etwa eine Stunde.“

„Boah, echt?“

Er hielt vor ihrer Tür und schaute nach oben.

„Hier wohnste also? Is ja net die schickste Ecke hier, oder?“

Kira wusste nicht, ob sie beleidigt sein sollte. Aber er hatte ja recht. Also nickte sie nur und zuckte mit den Schultern. Sie würde gern woanders wohnen, aber die Wohnung war günstig und lag recht zentral.

Sie war schon ausgestiegen und beugte sich gerade noch einmal ins Auto, um Max ein schönes Weihnachtsfest zu wünschen, da überraschte er sie mit seinen nächsten Worten: „Wenn de willst, kannste auch bei uns wohnen. Wenn wir dich brauchen, biste direkt da. Und schöner hastes da auch.“ Sein Lächeln war offen und freundlich, er sah nicht so aus, als würde er sie veralbern wollen.

Das Angebot war wirklich verlockend. Dennoch schüttelte Kira den Kopf. „Das geht nicht. Aber vielen Dank, auch fürs Fahren und für den Rest.“ Sie schmiss die Tür zu und ging zu ihrer Haustür. Sie hörte seine Autotür klappern, drehte sich aber nicht um.

„Warum net?“, rief er ihr nach. „Wegen Jan?“

Sie grinste in sich hinein, während sie die Tür aufschloss. Dann rief sie ihm über die Schulter zu: „Nein, wegen Tommy“, und verschwand dann im Haus.

Drinnen lehnte sie sich gegen die geschlossene Tür und atmete tief durch. Plötzlich bekam sie Angst vor den Konsequenzen ihrer Entscheidung. Würde sie wirklich mit Jan zusammenarbeiten können?

 

 

Kapitel 4

Sie war im Winterwunderland. Jedenfalls fast, denn der Schnee fehlte. Weihnachtlich mit Lichterketten dekorierte Fenster beleuchteten ihr den Weg, während sie durch die Straßen der Innenstadt ging. Auf dem kleinen Marktplatz stand ein riesiger Tannenbaum zwischen den Holzbuden. Von mehreren Seiten umgaben sie die Klänge verschiedener Weihnachtslieder. Ein überwältigender Duft nach Glühwein und gebrannten Mandeln strömte ihr entgegen und vernebelte ihr die Sinne. Sie presste die Papiertüte mit den Geschenken eng an sich und drängte sich durch die Familien, die auf dem Weg vom Krippenspiel nach Hause an den Buden haltmachten. Bis gerade eben war sie meilenweit entfernt von jeglicher Weihnachtsstimmung gewesen, doch es war schwer, sich in dieser Atmosphäre nicht davon mitreißen zu lassen. Weihnachten wurde einem hier quasi mit einem überdimensionalen Tannenzweig eingeprügelt. Alles wirkte so kitschig, dass man gar nicht anders konnte, als sich geborgen zu fühlen.

Sobald sie allerdings vor der riesigen weißen Villa stand, in der Mikas Eltern zu Hause waren, verflog das Gefühl und löste sich in einer Räucherkerzenwolke auf. Der laute Gong, der ertönte, nachdem sie vorsichtig auf den verzierten Klingelknopf aus Messing gedrückt hatte, ließ sie vor Ehrfurcht erstarren. Mika hatte sich wirklich Mühe gegeben, ihre Bedenken hinsichtlich seiner Eltern zu zerstreuen, bis hin zu detaillierten Vorschlägen für die Geschenke, dennoch malte sie sich seit einigen Stunden alle möglichen Katastrophenszenarien aus. Hätte sie nur nicht zugesagt, als Mika sie eingeladen hatte. Doch nun war es zu spät.

Die Tür wurde geöffnet und Kira stand unvermittelt einer Frau mit auffälliger Frisur gegenüber, die bei ihrem Anblick herzlich lächelte und sie hereinbat. Ihre platinblonden Haare waren recht kurz geschnitten und standen in alle Richtungen vom Kopf ab. Sie sah aus wie ein überdimensionierter Igel mit dunkel geschminkten Augen und lila Lippen. Im krassen Gegensatz dazu stand ihr konservatives Kostüm in einem langweiligen Beigeton. Wenn Kira nicht schon mal ein Foto von ihr gesehen hätte, wäre sie nie darauf gekommen, dass diese Frau Mikas Mutter war.

„Hallo, Kira. Ich darf doch Kira sagen? Willkommen bei uns zu Hause.”

Kira konnte nur nicken. Ihr hatte es die Sprache verschlagen. Als dann auch noch Mikas imposanter Vater auf sie zukam und ihr die Hand hinhielt, schluckte sie. Seine kühlen grauen Augen musterten sie von oben bis unten. Er war sehr groß und sehr breit, was durch seinen tadellos sitzenden, dunkelgrauen Anzug samt blütenweißem Hemd und grauer Weste noch unterstrichen wurde. Sie fühlte sich plötzlich sehr klein und vor allem unpassend gekleidet. Dabei war es ihre beste Jeans, und statt den üblichen Turnschuhen trug sie ein Paar frisch geputzte Stiefeletten.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen”, dröhnte Mikas Vater.

Kira unterließ es, ihn darauf hinzuweisen, dass sie sich schon früher begegnet waren, als sie noch mit Mika zusammen gewesen war. Um überhaupt etwas zu sagen, räusperte sie sich kurz und bedankte sich dann artig für die Einladung.

„Schön, dass du da bist”, hörte sie plötzlich Mika direkt neben sich sagen. Sie zuckte erschrocken zusammen und drehte sich so schwungvoll zu ihm um, dass sie ihm den Ellbogen in die Brust rammte.

„Aua, nicht so stürmisch, junge Dame”, tadelte er sie mit einem Lächeln in der Stimme.

Kira fiel sofort auf, dass Mika anders war als sonst. Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht und seine ganze Haltung und Ausdrucksweise wirkte steif. Sie hoffte, dass nicht sie der Grund für seine Anspannung war. Sie kannte Mika als lockeren und humorvollen Menschen, der sich selbst nicht zu ernst nahm.

„Was kann ich Ihnen zu trinken anbieten?” Mikas Vater war hinter der Bar verschwunden und hielt bereits eine Flasche Sherry in der Hand.

Oje, was sollte sie sagen? Offenbar tranken alle etwas Alkoholisches, aber machte es einen guten Eindruck, wenn sie gleich um einen Schnaps bat?

„Kira trinkt gern einen trockenen Weißwein”, half Mika ihr aus der Klemme. Sie lächelte ihn dankbar an. Er sah so seriös aus in seinem grauen Zweiteiler. Sein dunkles Haar war ordentlich frisiert. Sein ganzes Auftreten schrie förmlich: „Anwalt!“. Vor ein paar Wochen hatte endlich seine Referendariatszeit in einer guten Anwaltskanzlei mitten in Heidelberg begonnen.

Kira wusste, wie glücklich Mika über diesen Job war. Als sie zurück nach Deutschland gekommen war, hatte er gerade mitten in den letzten Prüfungen gesteckt. In dieser Zeit hatte sie oft das Einkaufen für ihn übernommen und ihn sogar manchmal bekocht. Vor lauter Lernen war er selbst nicht dazu gekommen. Zum Dank hatte er ihr geholfen, an eine günstige Wohnung zu kommen, und ihr sogar ein paar Möbel geschenkt. Ihm tat es nicht weh, dank seiner Familie hatte er schon immer alles bekommen, was er haben wollte. Dafür hatte er auf einige Freiheiten verzichten müssen, die für Kira selbstverständlich waren. Sein Weg war streng vorgezeichnet. Wahrscheinlich war schon bei seiner Geburt klar gewesen, dass er Jura studieren würde, allerdings hatte er sich auch nie dagegen gewehrt, den Wünschen seines Vaters zu entsprechen. Dieser war ein erfolgreicher Anwalt mit einer eigenen Kanzlei hier in Frankenthal, in die Mika später einsteigen sollte. Zuerst einmal musste er aber „Erfahrungen sammeln“, wie sein Vater es ausdrückte. Was nichts anderes hieß, als ein paar Jahre in einer anderen Kanzlei zu arbeiten. Was er da groß an Erfahrungen sammeln sollte, war Kira ein Rätsel. Früher hatte sie bewundert, dass Mikas Weg so geebnet war. Heute, mit ihren eigenen Erfahrungen in Australien, tat er ihr manchmal leid.

 

Kurz darauf saß sie neben Mika auf einem der beiden Sofas, seinen Eltern gegenüber, hielt ein Glas Weißwein in der Hand und stieß mit allen auf den Heiligabend an.

„Ich freue mich wirklich, dass wir Sie heute hier begrüßen dürfen, Kira. Zumal Mika uns schon viel Positives von Ihnen erzählt hat. Ich hoffe, es ist für Sie in Ordnung, wenn ich etwas neugierig bin?“ Mikas Mutter schaute sie fragend an.

Kira nickte. Bestimmt wollte sie wissen, ob sie und Mika ein Paar waren. Sie hatte sich schon eine passende Antwort überlegt.

„Warum feiern Sie heute Abend nicht mit Ihrer Familie? Heiligabend ist doch ein Familienfest?“

Kira blickte erschrocken auf. Frau Ehrenbach hatte die Frage vollkommen neutral gestellt, dennoch fühlte Kira sich augenblicklich unwohl. Sie ruckelte unruhig auf dem Sofa herum und krallte ihre Finger um das kalte Glas.

„Mutter“, mahnte Mika, dem Kiras Unwohlsein nicht entgangen war.

„Was denn?“, fragte sie unschuldig. Sie lächelte Kira an. „Sie müssen natürlich nicht antworten, wenn es Ihnen unangenehm ist.“

Auch wenn Kira dieses Angebot gern angenommen hätte, fand sie es unhöflich, nicht zu antworten.

„Nun“, begann sie zögernd, „es ist so: Meine Eltern wohnen sehr weit weg von hier. Ich werde gleich nach den Weihnachtsfeiertagen bei einer neuen Arbeitsstelle anfangen und für so wenige Tage lohnte sich die lange Fahrt einfach nicht.“

Das war zwar nicht gelogen, aber ebenso wenig die Wahrheit. Das Verhältnis zu ihren Eltern hatte sich deutlich verschlechtert, seit sie sich entschieden hatte, länger in Australien zu bleiben, als abgemacht. Weder ihr Vater noch ihre Mutter konnten akzeptieren, dass Kira den Abstand gebraucht und dafür sogar ihren Lebenstraum nach hinten verschoben hatte. Die seelische und räumliche Entfernung zu ihren Eltern hatte sie immer weiter voneinander entfremdet. Vor zwei Jahren hatten ihre Eltern dann ihr Haus verkauft und waren zurück in die Heimatstadt ihrer Mutter in der Nähe von Berlin gezogen.

„Und Ihre Eltern wollten auch nicht herkommen?“

Kira senkte den Blick und schüttelte den Kopf. Nein, das wollten sie nicht. Sie waren nicht einmal auf die Idee gekommen, als sie vor ein paar Tagen zum letzten Mal telefoniert hatten. Ihre Eltern feierten Weihnachten grundsätzlich auf dieselbe Weise. Sie gingen an Heiligabend zum Mittagessen aus, dann trafen sie sich mit ihren Nachbarn zum „Heiligen Nachmittag“, wie sie es nannten. Später gab es Forelle, sie gingen gemeinsam in die Kirche, dann wurden die Geschenke ausgetauscht und zum Schluss wurde eine Feuerzangenbowle angezündet. Es war derselbe Ablauf wie früher in Weisenheim. Kira war schon seit fünf Jahren bei keinem ihrer Weihnachtsfeste mehr dabei gewesen, es war also nicht ungewöhnlich, dass sie allein war.

„Wo arbeiten Sie denn?“, fragte Mikas Vater in ihre Gedanken hinein. „Viele Firmen schließen in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr.“

Kira wandte sich Herrn Ehrenbach zu und versuchte es mit einem zaghaften Lächeln. Sie war froh, dass sie nicht mit „kellnern“ antworten musste.

„Ich habe das Glück, bei einer lokalen Musikband anfangen zu können. Ich kümmere mich dort um organisatorische Dinge und um die Finanzen.“

„Bei einer Band? Jazz oder Klassik?“

„Sie sind eine Rockband.“

Täuschte sie sich oder sah Mikas Vater entsetzt aus? Kira riskierte auch einen kurzen Seitenblick auf Mika, für den diese Nachricht ebenfalls überraschend kommen musste. Er verzog keine Miene, doch sie wusste, dass sie von seiner Seite später noch Fragen erwarten konnte.

„Ah, ich glaube, das Essen ist fertig!“, sagte Mikas Mutter plötzlich. Sie sprang eilfertig auf, doch Mikas Vater blieb sitzen und fixierte Kira.

„Eine Rockband? Hoffentlich ziehen die Sie nicht über den Tisch. Von diesen Drogenabhängigen kann man doch nicht viel Gutes erwarten.“

Kira schüttelte vehement den Kopf. „Die Jungs sind nicht drogenabhängig. Sie arbeiten alle sehr hart für ihren Erfolg.“ Warum sie das Gefühl hatte, die Band verteidigen zu müssen, war ihr nicht klar. Doch die Ansichten von Mikas Vater gingen ihr gehörig gegen den Strich.

„Ich würde Ihnen jedenfalls raten, lieber etwas Vernünftiges zu lernen. In der Kanzlei, in der Mika arbeitet, wird noch ein Azubi als Rechtsanwaltsgehilfe gesucht. Wäre das nichts für Sie?“

Sein Angebot ließ Kiras Mund offen stehen. Er war so anmaßend. Sie suchte verzweifelt nach den richtigen Worten, um nicht patzig oder besserwisserisch zu erscheinen.

„Kira wird im nächsten Wintersemester mit dem Medizinstudium beginnen, Vater“, antwortete Mika für sie. Sie spürte seine Hand auf ihrem Rücken und war dankbar für die Unterstützung.

Ganz überzeugt schien sein Vater nicht, dennoch stand er auf und gab damit den Startschuss, ins Esszimmer zu wechseln.

 

Das Abendessen wurde an einem langen Esstisch in einem sechseckigen Raum mit Fenstern an fast jeder Wand serviert. Wenn es draußen hell war, hatte man bestimmt einen tollen Rundumblick. Der Tisch war opulent gedeckt, Kristallgläser und das polierte Besteck funkelten im Licht des Kronleuchters um die Wette.

Das Essen selbst verleitete Kira jedoch nicht gerade zu Jubelstürmen. Es gab Karpfen, Kartoffeln und Rotkraut. Sie mochte Fisch zwar ganz gerne, aber ihre Portion schien größtenteils aus Gräten zu bestehen. Entweder hatte sie wirklich Pech mit ihrem Stück oder die anderen aßen die Dinger einfach mit, denn nur auf ihrem Teller reihten sich die spitzen Nadeln aneinander.

„Schmeckt es Ihnen?“, fragte Mikas Mutter.

Kira beeilte sich zu nicken.

„Oh“, entfuhr es Mikas Mutter plötzlich. Sie wedelte unwirsch mit ihrer Hand in Kiras Richtung. „Sie haben da etwas zwischen den Zähnen.“

Kira hielt sich erschrocken eine Serviette vor den Mund und ertastete mit der anderen Hand ein Stück Gräte. Sie wäre am liebsten im Erdboden versunken – was für ein Horrorabend.

Noch seltsamer wurde es nach dem Essen bei der Geschenkübergabe. Sie überreichte Mikas Mutter eine verpackte CD mit Rock Classics. Mika hatte ihr sogar eine bestimmte Ausgabe empfohlen. Seine Mutter war wohl ein großer Musikfan. Nur ihrem Mann zuliebe ging sie nicht mehr auf jedes Konzert in erreichbarer Nähe. Früher habe sie sogar selbst der Punkszene angehört. Kira hatte das zwar nicht richtig glauben können, doch wenn sie Frau Ehrenbachs Frisur jetzt so vor sich sah, war es wohl doch nicht so unwahrscheinlich. Ihr Geschenk kam jedenfalls gut an.

Herr Ehrenbach bekam von ihr einen Kaktus. Erst nachdem Mika ihr zum zehnten Mal versichert hatte, dass es genau das richtige Geschenk für seinen Vater sei, hatte sie sich überzeugen lassen. Sie fühlte sich noch immer unsicher, als sie ihm das stachelige Geschenk, welches zum Schutz in mehrere Lagen Packpapier gewickelt war, überreichte. Doch als sie sah, wie seine Augen zu leuchten begannen, als er den Topf vorsichtig auspackte, glaubte sie Mika endlich.

“Eine Echinopsis aurea mit Ablegern. Genau die, die mir für meine Sammlung noch fehlt. Vielen lieben Dank, Kira. Da haben Sie wirklich das Richtige getroffen.”

Hinter seinem Rücken zwinkerte Mika ihr zu, und Kira lächelte erleichtert. Die Kaktussammlung seines Vaters musste riesig sein, wenn man Mika Glauben schenken konnte. Seiner Aussage nach waren es vor allem die Dornen, die ihn an den Gewächsen faszinierten. Kira dachte an die Frisur der Mutter und die vielen Gräten im Fisch und musste innerlich lachen.

 

Kira schaffte es den ganzen Abend lang nicht, sich richtig zu entspannen. Sie war froh, als Mika ihr anbot, sie nach Hause zu fahren. Wie erwartet nutzte er die Gelegenheit und fragte sie über ihren neuen Job aus. Sie hatte sich schon ein paar Sätze zurechtgelegt, was sie sagen konnte, ohne zu erwähnen, dass es sich um Jans Band handelte. Mika hielt bestimmt nicht viel davon, dass sie für ihren Exfreund arbeiten wollte. Sie fühlte sich aber noch nicht imstande, auf seine Gegenargumente entsprechend zu reagieren, zuerst musste sie diese Information für sich selbst verarbeiten. Der Gedanke daran, dass sie bereits in drei Tagen anfangen würde, ließ sie innerlich vor Angst erstarren.

Kapitel 5

Jan fuhr sich mehrfach mit den Fingern durch die Haare. Wie konnte sich die Situation in dieser kurzen Zeit dermaßen drastisch verschlechtert haben? Gerade hatte er noch neben Nora im Bett gelegen. Er war träge und erschöpft von der heißen Nacht mit ihr und hatte sich auf ein gemeinsames Frühstück gefreut.

Sehnsüchtig starrte er auf seine Boxershorts, die außerhalb seiner Reichweite auf einem Stuhl hingen. Er fühlte sich ihr schutzlos ausgeliefert. Keine guten Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Diskussion, schon gar nicht, wenn Nora aufgebracht vor dem Bett auf- und ablief. Sie hatte sich ein weites T‑Shirt übergezogen, das jedoch nicht ihre wohlgeformten Kurven und die langen Beine verbarg. Jan fühlte sich abgelenkt.

Warum musste sie auf einmal ihr Verhältnis in Frage stellen? Alles lief doch wunderbar. Es gab überhaupt keinen Grund, etwas daran ändern zu wollen.

„Nora, Schatz, können wir nicht erstmal einen Kaffee trinken und uns dann in Ruhe unterhalten?“ Er sah sie bittend an. Da sie überhaupt nicht darauf reagierte, versuchte er es mit einem Angriff: „Ich verstehe nicht, warum du plötzlich nicht mehr weitermachen willst wie bisher.“

„Warum? Weil ich so nicht glücklich bin! Zwischen uns muss sich etwas ändern.“ Die Betonung auf dem Wörtchen ich war nicht zu überhören. Das klang so gar nicht nach ihr. Normalerweise war sie kein egoistischer Mensch. Ganz im Gegenteil. Er hatte bisher das Gefühl gehabt, dass sie ihre eigenen Interessen grundsätzlich hintenanstellte.

„Oder bin ich dir egal?“, schob sie schneidend hinterher.

„Natürlich bist du mir nicht egal“, verteidigte er sich. „Ich wusste nur nicht, dass du unglücklich bist. Bisher lief doch alles so gut zwischen uns.“

„Bisher habe ich ja auch immer gemacht, was du wolltest“, schrie sie ihn an. „Aber das ist jetzt vorbei! Ich bin kein Groupie“, wiederholte sie ihren Satz, der den Streit erst ins Rollen gebracht hatte.

„Das bist du auch nicht“, versuchte er sie zu besänftigen und schaute sie treuherzig an.

Plötzlich hielt sie inne und starrte ihn an. Er konnte Tränen in ihren Augen erkennen. „Ach nein? Wie bezeichnest du es denn, wenn jemand mit dir ins Bett steigt, derjenige aber nicht deine Freundin ist?“

„Du bist doch meine Freundin!“ Er hatte keine Lust auf diese Diskussion. Er konnte sowieso nicht mehr gewinnen.

Sie lachte hohl auf. „Ja klar. Eine Freundin mit gewissen Vorzügen, nicht wahr?“ Sie putzte sich geräuschvoll die Nase. Ihre Stimme klang nicht mehr ganz so fest wie vorhin. „Ich brauche einfach Klarheit. Entweder du liebst mich, dann solltest du das auch vor jedem anderen zugeben können. Oder du liebst mich nicht. Dann sehe ich aber auch keinen Sinn mehr darin, weiterhin als dein Betthäschen zur Verfügung zu stehen.“

Noch bevor er die Chance hatte, zu antworten, hob sie den Blick. Sie sah entschlossen aus. „Aber vielleicht hast du recht.“

Er atmete innerlich auf.

„Wahrscheinlich ist heute wirklich nicht der beste Zeitpunkt, um das hier zu diskutieren.“

Frustriert seufzte er. Seine Hoffnung, dieses Thema einfach abschließen zu können, zerstob.

„Weißt du was?“, fragte sie und fuhr fort, ohne auf seine Antwort zu warten. „Ich brauche frische Luft. Ich werde für eine halbe Stunde rausgehen. Du hast genug Zeit, um zu duschen und dann hier zu verschwinden. Wir reden ein andermal weiter.“

Noch während sie sprach, zog sie sich an, setzte ihren obligatorischen Hut auf und verschwand aus der Wohnung. Die Tür glitt mit einem leisen Klacken ins Schloss, was ihm mehr Angst machte, als wenn sie sie mit einem lauten Knall zugeworfen hätte.

 

Noras Ausbruch beschäftigte ihn noch immer, als er eine Stunde später in der Küche des Weinguts saß, sich die Schuhe von den Füßen streifte und Kaffee trank. Er hoffte, dass ihre Worte ihrem Temperament geschuldet waren und nicht wirklich ihre Meinung widerspiegelten.

Er mochte sie. Sehr sogar. Seit zwei Jahren kannte er sie und seit mehr als einem Jahr gingen sie regelmäßig miteinander aus. Anfangs nur als Freunde, doch irgendwann war es unvermeidlich gewesen, dass sie miteinander im Bett landeten. Von da an verbrachten sie fast jede Nacht zusammen, wenn Jan nicht gerade unterwegs war. Er konnte sich ein Leben ohne Nora gar nicht mehr vorstellen. Das Zusammensein mit ihr war so unkompliziert. Sie stellte keine Ansprüche. Hatte keine Ansprüche gestellt, korrigierte er sich selbst. Doch liebte er sie? Liebte er sie genug, um mit ihr richtig zusammen sein zu wollen? Im Moment war er vor allem sauer, dass sie ihm solch ein Ultimatum gestellt hatte.

Die Türklingel riss ihn aus seinen Gedanken. Wer konnte das sein? Es war noch nicht mal zehn Uhr morgens. Normalerweise war außer ihm um diese Zeit noch niemand im Haus wach. Das wussten mittlerweile sogar die Postboten und ließen sie in Ruhe. Vielleicht wieder mal jemand Neues. Na, der konnte auch gleich mitbekommen, dass Besucher so früh am Morgen nicht erwünscht waren. Schwungvoll riss er die Tür auf, bereit, seinem Ärger Luft zu machen, doch es war nicht der Postbote.

„Oh, Gott sei Dank, ich dachte schon, ich bin zu früh und es ist noch niemand wach.“ Draußen stand seine Exfreundin Kira und lächelte ihn erleichtert an. Kurz war er verwirrt, was sie von ihm wollte. Doch dann fiel ihm Maxʼ absurde Idee ein, sie als Hilfe für die Band einzustellen. Dieses Vorhaben hatte der Schlagzeuger wirklich schnell in die Tat umgesetzt.

„Guten Morgen, übrigens“, schob sie fröhlich hinterher. Sie sah grinsend auf seine Füße, dann wieder auf sein Gesicht und hob fragend eine Augenbraue.

Er wackelte unbewusst mit den Zehen, die ohne Schuhe auf dem kalten Steinfußboden unangenehm prickelten, ignorierte ihre unausgesprochene Frage jedoch.

„Morgen“, brummte er und trat ein Stück zur Seite, damit sie hereinkommen konnte.

„Du musst dir keine Mühe machen“, plapperte Kira weiter. „Ich weiß schon, wo ich hinmuss. Du kannst also machen, was immer du gerade vorhattest.“ Sie kicherte albern.

Er verdrehte die Augen, zuckte nur mit den Schultern und ließ sie wortlos stehen.

 

***

 

Was war das denn? Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem so unfreundlichen Empfang. Am liebsten wäre Kira auf der Stelle umgekehrt und zurück nach Hause gefahren. Dann aber dachte sie an Tommy, wie er sie hungrig begrüßen würde, und an ihren leeren Kühlschrank und straffte sich.

Es war keine Überraschung, dass Jan ihr die Tür geöffnet hatte, schließlich wohnte er auch hier. Es war nicht mal eine Überraschung, dass er über ihre Anwesenheit nicht sonderlich glücklich war. Doch am Freitagabend war es hier so schön gewesen, dass sie es geschafft hatte, diese Tatsache erfolgreich aus ihrem Gehirn zu drängen. Leider hatte die Wirklichkeit sie schneller wieder eingeholt, als ihr lieb war.

Sie atmete tief ein und aus. Jetzt war sie hier und kneifen galt nicht. Mit einigen Mühen fand sie schließlich das sogenannte ‚Büro‘ wieder. Etwas unschlüssig nahm sie sich einen der Papierstapel und begann diesen durchzusehen und zu sortieren.

 

„Morgen!“ Max hatte die Bürotür einen Spalt breit aufgeschoben und steckte seinen Kopf hindurch. Seine Augen waren verquollen und rot und auf seiner rechten Wange sah man den Abdruck einer Kissenfalte. Mühsam unterdrückte er ein Gähnen. Er kratzte sich verlegen den Kopf, was auf den millimeterkurzen Haarstoppeln ein schabendes Geräusch verursachte.

„Sorry. Eigentlich wollt ich mir ʼn Wecker stellen. Hab ich aber total vergessen. Aber wie’s aussieht, haste ja alleine hergefunden.“

Kira zwang sich dazu, ihm munter und fröhlich zu antworten. „Ja, kein Problem. Ich hab dann schon mal angefangen. Ich hoffe, das ist in Ordnung?“

Max nickte, trat ein und sah sich um. Er trug ein zerknittertes Sport‑Shirt, eine kurze Hose und Flipflops. Kira fröstelte bei seinem Anblick.

„Sag mal“, begann sie vorsichtig, „ist Jan überhaupt einverstanden damit, dass ich hier arbeite?“

„Jan?“ Max zog verwirrt die Stirn kraus. Er sprach langsam, so als müsste er in seinem trägen Gehirn erst mühsam nach der Information suchen, wer Jan war. „Warum solltʼn der dagegen sein? Wie kommste da drauf?“

„Er hat mich vorhin hereingelassen und er … na ja … war nicht gerade begeistert, mich zu sehen.“

Mit einem Mal machte Max einen wesentlich wacheren Eindruck. „Was hat er gesagt?“ Seine Stimme nahm einen kämpferischen Ausdruck an. „Hat er dich irgendwie blöd angemacht?“

„Nein, nein“, beeilte Kira sich zu sagen. „Alles okay. Ich wollte es nur wissen.“

Er schob mit dem Fuß einen kleinen Stapel Blätter hin und her. „Oh Mann, jetzt tutʼs mir noch mehr leid, dass ich dir net selber aufgemacht hab.“

„Ist doch kein Problem.“

„Ich machʼs wieder gut, Ehrenwort.“ Er schaute auf und grinste schief. „Weißte was? Ich geh kurz duschen, dann mach ich uns ʼnen Kaffee und dann fahrn ma in die Stadt und kaufen alles, was de für die Arbeit brauchst. Okay?“

 

Zwei Stunden später hatte Max Mühe, die Kofferraumklappe seines bis zur Decke vollgepackten Autos wieder zu schließen. Unzählige Ordner, Kisten und Tüten stapelten sich darin. Kira dachte mit Grauen an den Betrag, den Max eben ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt hatte.

„Ich dachte, ihr hättet nicht so viel Geld?“, fragte sie, als sie wieder zusammen im Auto saßen.

Er drehte sich ein Stück zu ihr um und grinste nur. „Haste Kohldampf?“, fragte er, bevor er den Motor anließ.

Ein paar Minuten später saßen sie zusammen in einem türkischen Imbiss. Der Teller vor Kira duftete köstlich, doch er war so voll, dass sie sich fragte, wie sie das jemals schaffen sollte. Sie piekte vorsichtig ein Stück Tomate auf und schob es sich in den Mund. Max hingegen schaufelte das Fleisch in sich hinein, als ob er seit Wochen gehungert hätte.

„Isch ruhig! Hier gibsch den beschten Döner der Stadt“, nuschelte er mit vollem Mund.

Ein paar Minuten lang aßen sie schweigend.

„Erzählst du mir etwas von eurer Band?“, fragte Kira und wartete, bis Max runtergeschluckt hatte.

„Gern, was willstʼn wissen?“

Sie überlegte. „Vielleicht erst mal so allgemeine Sachen, was ihr schon erreicht habt und wie es so läuft.“

Täuschte sie sich oder sah Maxʼ Grinsen mit einem Mal etwas gequält aus?

„Na ja, da gibtʼs net viel zu erzähln. Vor zwei Jahren ham ma ʼnen Megahit gelandet. Uns ham se in allen Radiostationen hoch und runter gespielt unʼwir ham dafür Platin gekriegt. Tja, unʼ seitdem versuchen ma eigentlich, den nächsten Hit zu schreiben. Sieht aber ehrlich gesagt net so aus, als würd des bald passiern.“

„Das klingt nicht sehr optimistisch.“

„Keine Ahnung, wir sind halt alle sehr gestresst. Es sind ʼn paar Dinge passiert, die net gut warn, unʼ jetzt is uns auch noch der Gitarrist abgehaun.“

„Jan?“

„Nee, net Jan. Wir hatten noch ʼn zweiten Gitarristen, darauf is unsre Musik ausgelegt. Hannes war professioneller Musiker und ich gebʼs nur ungern zu, aber es is unheimlich schwer, so jemand zu ersetzen.“

Das erklärte zumindest Maxʼ anfängliche Frage nach ihren Gitarrenkünsten.

„Heut Abend woll ma uns jemand in Mannheim angucken. Komm doch mit, des is gleich bei dir um die Ecke.“

„Warum nicht“, stimmte sie gleichgültig zu.

Max legte die Hände auf die Brust und rief gespielt enttäuscht: „Also ich hab schon erwartet, dass de dich ʼn bissl mehr freust, wenn de von einer der coolsten Rockbands der Gegend eingeladen wirst.“

Die Leute um sie herum drehten sich neugierig zu ihnen um. Kira wurde rot. So viel Aufmerksamkeit war nichts für sie. Sie stand nicht gern im Mittelpunkt.

Max sah sie an und grinste breit. „Hey, mach net so ʼn Gesicht, war doch nur Spaß!“ Dabei zwinkerte er ihr so übertrieben zu, dass sie lachen musste.

Der Rest des Arbeitstages verging wie im Flug. Es machte Kira Spaß, die neuen Ordner mit Leben zu füllen und ganz nebenbei einen Einblick in die organisatorischen Aspekte des Bandlebens zu erhalten. Sie war überrascht, als Jan plötzlich in ihrem Büro stand. Sie hatte gar keine Schritte gehört.

„Max meinte, du kommst mit uns mit?“ Jans Tonfall klang gelangweilt und eine Spur genervt. Deutlicher konnte er seinen Unwillen, sie mitzunehmen, nicht ausdrücken. Sie richtete sich langsam auf und ignorierte dabei ihren protestierenden Rücken. Die Uhr auf ihrem Handy bestätigte, dass es tatsächlich viel später war, als sie angenommen hatte. Maxʼ Angebot hatte sie schon fast wieder vergessen. Beim Gedanken daran, jetzt noch einen gezwungen fröhlichen Abend zusammen mit ihrem Exfreund zu erleben, der augenscheinlich alles andere als erfreut über diese Aussicht war, verzog sie den Mund. Sie würde einfach ablehnen und sich damit entschuldigen, dass sie müde sei.

Jan holte einen Ordner aus dem Schrank und blätterte darin herum. Ohne etwas zu lesen, klappte er ihn wieder zu und stellte ihn zurück. Als nächstes nahm er einen Stapel Blätter in Augenschein, die Kira gerade gelocht hatte. Sie hatte nicht den Eindruck, als interessiere er sich wirklich für das, was sie hier tat.

„Und?“, bellte er sie an. „Was ist nun? Wir wollen jetzt losfahren. Komm mit oder nicht, aber überleg es dir jetzt.“

Kira konnte nichts gegen den Anflug von Trotz tun, der sie mit einem Mal überfiel. Er wollte sie nicht mitnehmen? Tja, aber er würde es wohl müssen, wenn sein Bandkollege es ihr angeboten hatte.

Sie lächelte ihn übertrieben liebenswürdig an. „Okay, ich bin gleich fertig.“

Ohne ein weiteres Wort drehte Jan sich um und ging.

Kapitel 6

Sie fragte sich, ob ihre Entscheidung richtig gewesen war, als sie, eingequetscht zwischen Max und Berni, mit den Jungs zusammen nach Mannheim fuhr.

Das Blue Moon, vor dem sie schließlich hielten, lag nur wenige Blocks von ihrer Wohnung entfernt, sie war jedoch noch nie drinnen gewesen. Jazzklänge umfingen sie, nachdem sie eingetreten waren. Interessiert sah Kira sich um. Alles war in verschiedenen Blautönen gehalten, die Stimmung wurde von blauen und weißen Spots noch verstärkt. Auf den ersten Blick waren keine anderen Gäste zu sehen. Das hätte Kira zu dieser verhältnismäßig frühen Uhrzeit nicht weiter verwundert, doch beim näheren Hinsehen erkannte sie, dass die Gäste tief in den blausamtenen Sesseln und Sofas saßen, andächtig Kaffee oder Longdrinks schlürften und ansonsten ruhig zuhörten.

Berni führte sie zielstrebig zu einer unbesetzten Sitzgruppe in der Nähe der Bar. Wie er diese bei den schlechten Sichtverhältnissen überhaupt gefunden hatte und dann noch so zielstrebig und ohne Umwege, war Kira ein Rätsel. Des Rätsels Lösung stand in Form einer winzigen bedruckten Karte auf dem kleinen runden Tisch. Man hätte sie leicht übersehen können, doch einer der weißen Spots fiel genau auf sie und brachte die goldene Schrift darauf zum Funkeln. „Reserviert“ war dort eingraviert, und in Handschrift, aber ebenfalls in goldener Farbe, stand Drunken Soldiers darunter.

Von hier aus war der Blick auf die kleine, runde Bühne in der Mitte des großen Raumes und auf die Band, die darauf spielte, exzellent. Ein Cellist spielte gerade ein Solo. Der Schlagzeuger, die Sängerin und der Gitarrist saßen auf Barhockern daneben und lauschten andächtig dem Spiel ihres Kollegen.

Schon bog ein Kellner um die Ecke.

„Wir hättn gern vier Bier unʼ … Kira, was magst du trinken?“, wandte Max sich an sie.

„Ich nehme ein Wasser“, bestellte Kira das erste, was ihr einfiel.

„Hey, ich wollte heute mal einen Cocktail trinken“, beschwerte Klaas sich, als der Kellner weg war.

„Dann musste halt nächstes Mal eher was sagen. Den Cocktail kannste ja immer noch später bestellen“, verteidigte sich Max.

Als die bestellten Getränke da waren, schnappte Max sich die Karte aus Klaas Händen und hielt sie Kira hin.

„So, jetzt suchste dir mal in Ruhe was aus. Wir laden dich ein, auf die Preise musste also net achten.“

Kira nahm die Karte, bedankte sich brav und warf pflichtschuldigst einen Blick hinein. Jetzt war auch klar, was Max mit seinem Hinweis auf die Preise meinte. Selbst Kiras bestelltes Wasser kostete über fünf Euro. Wo kam das her? Importiert von einer geheimen Quelle im Himalaya? Dabei unterschied es sich weder im Aussehen noch im Geschmack von ihrem Discounter-Sprudel zu Hause.

„Und, wie findste den?“, fragte Max sie mit einem Blick auf die Band.

„Keine Ahnung“, Kira zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihn ja noch gar nicht spielen gehört.“

Max kniff verwundert die Augen zusammen.

„Also ich finde nicht, dass er zu uns passt“, mischte Berni sich ein. „Er spielt viel zu exakt. Stell ihn dir nur mal zusammen mit Jan vor.“ Er kicherte vor sich hin. Auch Klaas grinste. Beide schauten auf Jan, der sie jedoch ignorierte. Ob er sauer war, weil Kira mitgekommen war? Sie betrachtete sein Profil und stellte fest, dass sie ihn noch immer sehr attraktiv fand. Sein Blick war ernst und konzentriert, ganz anders als sie ihn von früher in Erinnerung hatte. Der Schatten seiner langen Wimpern ließ seine Wangenmuskeln deutlich hervortreten. Im Kontrast dazu stand sein weicher Mund, der zum Küssen einlud. Moment mal! Woran dachte sie hier eigentlich? Hastig drehte Kira den Kopf zur Seite.

Das nächste Lied begann und diesmal spielte die ganze Band. Jetzt hatte Kira auch endlich Gelegenheit, sich den Gitarristen in Aktion anzusehen. Sie fand eigentlich nicht, dass er so perfekt spielte, aber was wusste sie schon. Er hielt sich im Hintergrund und begleitete die anderen nur. Meistens hatte sie Schwierigkeiten, ihn überhaupt rauszuhören.

Was ihr jedoch gar nicht gefiel, war, dass er die meiste Zeit so komisch herumhampelte. Vielleicht wollte er tanzen, das gelang ihm aber nicht besonders gut. Es sah eher aus, als würde er auf heißen Kohlen stehen.

„Er ist sehr gut“, brummte Jan. Seine dunkle Stimme verursachte Kira einen wohligen Gänsehautschauer.

„Ich finde ihn eigentlich nicht so besonders“, konnte sie sich nicht zurückhalten, ihre eigene Meinung einzubringen. Warum klang ihre Stimme eigentlich so unnatürlich hoch? „Vor allem sein Herumgezappel finde ich extrem nervig.“

Wie auf Kommando drehten sich alle zu ihr um und sahen sie verwundert an. Kira schaute überrascht von einem zum anderen. Hatte sie etwas Falsches gesagt?

Max fand als erster die Stimme wieder. „Hä? Wie meinste des? Der sitzt doch die ganze Zeit nur auf seim Stuhl rum.“

Jetzt war es an Kira, verwundert aus der Wäsche zu gucken. Sie schaute noch einmal zur Bühne, um sich selbst davon zu überzeugen, dass sie sich nicht geirrt hatte. Nein, da stand er immer noch im Hintergrund und zappelte herum. Dann fiel ihr Blick jedoch auf den Cellisten, der vorn saß und völlig in der Musik versunken die Saiten seines Cellos strich.

„Ihr meint gar nicht den Gitarristen?“

Max schaute Klaas an, der wechselte einen Blick mit Berni. Dann schüttelten sie gemeinschaftlich den Kopf.

„Nee, der Typ an der Gitarre verdient den Namen Gitarrist nicht mal. Wir meinen den am Cello“, erklärte Klaas.

„Aber ihr sucht doch einen Gitarristen, oder nicht?“ Kira kam sich schrecklich dumm vor. So als sei sie die Einzige, die nicht wusste, worum es eigentlich ging.

Jetzt drehte sich auch Jan vollständig zu ihr um. Er lächelte milde. „Der am Cello heißt Frank Fabian. Er ist eigentlich Gitarrist. Er hat noch zwei andere Bands, bei denen er neben Gitarre auch noch Keyboard spielt. Und die Jazzband hier. Wir haben gehört, dass er momentan auf der Suche nach einer neuen Herausforderung ist. Tja, und wir suchen nach einem neuen Gitarristen. Deshalb schauen wir ihn uns mal an.“

Er nickte kurz zur Bekräftigung seiner eigenen Worte und drehte sich dann wieder um. Kira sah ihm stirnrunzelnd nach. Er hatte ihr das vollkommen sachlich erklärt, aber wieso kam sie sich jetzt trotzdem vor wie ein zurechtgewiesenes Kleinkind? Sie trank einen tiefen Schluck und lehnte sich zurück. Bevor sie sich heute noch weiter lächerlich machte, sagte sie lieber nichts mehr.

In der Spielpause verstrickten sich Berni und Max in eine Diskussion, ob sie diesen Frank Fabian fragen sollten, ob er eine Bandprobe mit ihnen machen würde, oder nicht. Max wollte es wenigstens probieren, doch Berni war strikt dagegen. Da sich die Diskussion immer wieder um denselben Punkt drehte, verlor Kira das Interesse. Viel lieber ließ sie ihre Blicke durch den Raum schweifen. Sie blieb an einer Gruppe aufgedonnerter junger Mädchen hängen, die an der Bar saßen, laut kicherten und sich zuprosteten. Es schien fast, als wollten sie, dass jeder sie bemerkte. Die Art, wie sie ihre Reize besonders auffällig zur Schau stellten, missfiel Kira gewaltig. Sie hatte das Gefühl, als würden sie das extra für Jan und die anderen machen. Jedenfalls schielten sie auffällig oft in ihre Richtung und drehten sich sofort weg, sobald Kira sie ansah. Dann kicherten die Mädchen blöd, nur um gleich darauf wie zufällig den Rock ein Stückchen höher zu schieben oder ihre Jacken auszuziehen.

Kira schaute sich unauffällig um. Die anderen schienen noch nichts von der Show der Mädchen mitbekommen zu haben. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie eine der drei aufstand und ihre Freundinnen aufforderte, mitzukommen. Na das konnte interessant werden.

„Hi, Jan“, sagte die mit dem kürzesten Rock gedehnt, als sie kurz darauf vor dem Tisch der Band stand. „Können meine Freundinnen und ich ein Autogramm von euch haben?“ Sie sprach in einem eigenartigen Singsang, der Kira an ihrer Intelligenz oder ihrem momentan Geisteszustand zweifeln ließ.

Jan reagierte nicht sofort. Erst als Klaas ihn unsanft mit dem Ellenbogen anstieß, riss er seinen Blick von der Bühne los und konzentrierte sich auf seine Besucher. Er setzte ein Lächeln auf, welches jedoch seine Augen nicht erreichte, und murmelte: „Sicher.“

„Kannst du es uns auch auf den Unterarm schreiben? An die Stelle, an der du dein Herztattoo hast?“, fragte die zweite im Bunde mit piepsiger Stimme. Erst jetzt fiel Kira auf, wie jung sie aussah.

Jan kniff für einen Moment die Augen zusammen. Sein Mund wurde zu einem schmalen Strich. Doch dann entspannte er sich und nickte freundlich. Eine nach der anderen hielt ihm ihren Unterarm hin, nannte ihren Namen und wartete, bis Jan ein paar unleserliche Worte darauf gekritzelt hatte.

Klaas neben ihr hibbelte auf seinem Sitz herum. Er konnte es wohl nicht erwarten, den freizügig gekleideten jungen Damen ebenfalls etwas auf eines ihrer Körperteile zu schreiben.

Doch die drei Mädchen ignorierten die anderen vollkommen. Nach den Autogrammen wollten sie noch Fotos zusammen mit Jan. Das erste Mädchen ließ sich kurzerhand auf Jans Schoß plumpsen und drückte ihre mächtige Oberweite an sein Gesicht. Er sah alles andere als glücklich aus.

Kira spürte, wie sich ein Lachen in ihr den Weg nach oben bahnte. Einerseits tat Jan ihr mächtig leid, andererseits war er erwachsen und hätte durchaus aufstehen und ihnen deutlich die Meinung sagen können, wenn er ihre Aufdringlichkeit nicht wollte. Doch das tat er nicht. Also musste sie ihn auch nicht bemitleiden.

Das erste Foto war nach mehreren Anläufen endlich so, wie das Mädchen es haben wollte. Jetzt war die Zweite an der Reihe. Sie tat es ihrer Freundin gleich und umarmte Jan. Dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange. Gleich darauf rief sie der Jüngsten, die fotografieren sollte, zu: „Hast du das?“ Diese schüttelte unglücklich den Kopf. Schon wollte sie ihren Kuss wiederholen, doch jetzt reichte es Jan anscheinend, denn er schob sie entschieden von sich runter.

„Keine Küsse, Ladys!“ Seine Stimme klang gepresst. Das Mädchen zog eine beleidigte Schnute und rauschte mit ihren Freundinnen davon, zurück an die Bar. Jan ließ sich grummelnd auf das Sofa fallen.

Wie unhöflich von den dreien, dachte Kira aufgebracht. Nicht nur, dass sie sich Jan gegenüber so respektlos verhielten, schlimmer war noch, dass sie die anderen Bandmitglieder vollkommen ignoriert hatten. Kira fand das unmöglich und wollte ihrer Meinung Ausdruck verleihen, doch sie kam nicht dazu, denn plötzlich standen schon wieder zwei Mädchen vor ihnen und baten schüchtern darum, ebenfalls ein Foto und ein Autogramm zu bekommen. Diese beiden waren anders als die drei Damen von der Bar. Es waren normal gekleidete Mädchen, wahrscheinlich Studentinnen. Und sie waren sehr nett und höflich.

Was Kira ganz besonders positiv bemerkte, war, dass sie außer Jan auch die anderen auf ihren mitgebrachten CDs unterschreiben ließen.

Noch bevor sie fertig waren, kam schon die nächste Gruppe Fans auf ihren Tisch zu. Kira fragte sich, wo die alle herkamen? Hatten sie in dunklen Ecken gelauert, bis sich die ersten getraut hatten, Jan anzusprechen und nicht gefressen wurden?

Es dauerte nicht lange, da war der Blick auf die Bühne komplett verstellt, weil mindestens fünfzehn Leute um ihren Tisch herum standen und auf ihr Autogramm warteten. Mittlerweile war Jan auch nicht mehr der Einzige, der schwer beschäftigt war. Alle schrieben munter Autogramme auf alle möglichen und unmöglichen Unterlagen und posierten für Fotos.

Kira nippte gedankenverloren an ihrem Wasser und versuchte zu ergründen, wie viele Fans sich potenziell noch in diesem Club aufhielten.

Als sich eine Lücke zwischen den vielen, vorwiegend weiblichen Fans auftat, schaute Kira gelangweilt, was sich auf der Bühne tat. Zu ihrer Überraschung saß die ganze Band schon wieder spielbereit auf der Bühne. Der Cellist und die Sängerin diskutierten irgendetwas und schauten dabei immer wieder auffällig in Richtung ihres Tisches. Dann kam ein weiterer Mann in Anzug dazu, den sie in ihre lebhafte Diskussion mit einbezogen. Auch der Mann schaute immer wieder zu Kira und den anderen, doch er zuckte nur mit den Schultern oder hob abwiegelnd die Arme.

Schließlich kam er mit zögernden Schritten zu ihnen. In Ermangelung anderer Alternativen sprach er schließlich Kira an. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn und er war ziemlich rot im Gesicht.

„Ähm, entschuldigen Sie bitte.“ Er räusperte sich. „Es ist mir sehr unangenehm, aber ich muss Sie leider bitten, die Leute wegzuschicken. Die Band möchte wieder anfangen und sie fühlt sich davon gestört, dass das allgemeine Interesse eher den Mitgliedern von Drunken Soldiers gilt als ihnen.“

„Das verstehe ich natürlich vollkommen“, pflichtete Kira ihm bei. Er atmete erleichtert aus.

„Nur leider kann ich überhaupt nichts dagegen machen“, fuhr Kira mit einem höflichen und liebenswürdigen Lächeln fort. Die Mundwinkel des Mannes sackten nach unten. Er sah aus, als ob er gleich losheulen würde. Plötzlich tat er Kira leid.

„Okay, ich schau mal, was ich tun kann“, lenkte sie ein. Sie stand auf und räusperte sich. Bis auf den Mann im Anzug, der sie neugierig musterte, nahm niemand Notiz von ihr.

„Entschuldigung!“, versuchte sie es noch einmal – wieder vergeblich. Ihre Stimme ging einfach unter.

Jetzt hatte sie zum ersten Mal die Gelegenheit, unter Beweis zu stellen, dass sie nicht nur schmückendes Beiwerk war.

„Verdammt! Könnt ihr mir mal zuhören?“, brüllte sie, so laut sie konnte. Die Mädchen um sie herum zuckten erschrocken zusammen. Nun hatte sie auch die Aufmerksamkeit der Band.

Sie lächelte liebenswürdig. „Die Autogrammstunde ist jetzt leider zu Ende. Bitte gehen Sie auf Ihre Plätze zurück! Die Band möchte weiterspielen.“ Zu ihrer eigenen Überraschung funktionierte es. Es gab zwar Gemurre und ein paar leisere Beschwerden, doch die Leute zogen einer nach dem anderen wieder ab. Zufrieden ließ sich Kira zurück auf ihren Platz fallen. Die bewundernden Blicke von Jan und den anderen nahm sie durchaus zur Kenntnis, tat aber so, als wäre ihr Eingreifen nichts besonders gewesen.

 

Nachdem endlich Ruhe eingekehrt war, begann die Jazzband wieder zu spielen, aber mittlerweile hatten die Jungs das Interesse an dem Cellisten verloren.

„Hey, habt ihr gesehen, wie er sich aufgeregt hat, als die ganzen Mädels zu uns gekommen sind und ihn links liegen gelassen haben?“, fragte Berni in die Runde.

Bitte schicken Sie die Leute weg, wir können sonst nicht spielen“, äffte Klaas mit verstellter Stimme den Manager nach.

„Ich glaub net, dass dieser Frank zu uns passt“, sprach endlich Max das aus, was alle schon lange dachten. Er schaute einen nach dem anderen an, sogar Kira, und holte sich ein Nicken oder eine andere Art der Zustimmung ab.

Kira verabschiedete sich kurz, um auf die Toilette zu gehen. Als sie gerade wieder aus der Toilettenkabine treten wollte, hörte sie, wie die Tür geöffnet wurde und eine Schar schnatternder Mädchen eintrat. Sie verharrte mit der Hand an der Türklinke, in der Hoffnung, dass sie ihnen nicht begegnen würde. Doch das Gekicher und Getuschel riss nicht ab und sie trat doch heraus, bevor es peinlich wurde.

Natürlich waren es nicht irgendwelche Mädchen, sondern ausgerechnet die drei ersten von der Bar. Sie standen vor dem Spiegel und schminkten sich nach, eine hatte sogar ein kleines Fläschchen Nagellack gezückt, mit dem sie jetzt ihren Daumennagel verschönerte.

Kira war zwar klein, aber bei weitem nicht unsichtbar. Außerdem war der Raum sehr übersichtlich. Es gab nur zwei Waschbecken, die gerade von zwei der Mädchen belagert wurden. Ohne Hände zu waschen rauszugehen, kam aber auch nicht infrage, also bat Kira höflich darum, ans Waschbecken gelassen zu werden.

„Ach nee, wen haben wir denn da?“, fragte die, die Jan ungefragt geküsst hatte.

„Die Schlampe von Drunken Soldiers“, beantwortete die Zweite die Frage.

Kira ignorierte die Mädchen so gut es ging und drehte den Wasserhahn auf.

„Hält sich wohl für was Besseres?“, höhnte die Erste.

Kira verzichtete großzügig aufs Abtrocknen, wofür sowieso lediglich einer dieser Handföhne vorgesehen war, die mit ihrem dünnen Lüftchen oft nicht einmal die Haare auf dem Handrücken bewegten, und wollte gerade gehen. Doch die Größte der drei Mädchen versperrte ihr den Ausgang. Ihr Blick funkelte vor Bösartigkeit.

„Hey, du. Hat dir noch niemand beigebracht, dass man antwortet, wenn man etwas gefragt wird?“

Kira nahm all ihren Mut zusammen, drückte den Rücken durch, kniff die Augen drohend zusammen und antwortete mit hoffentlich fester Stimme: „Ich kann mich nicht erinnern, etwas gefragt worden zu sein. Und jetzt lass mich durch!“

Ihre deutliche Aufforderung schien zu wirken, denn die Große machte tatsächlich einen Schritt zur Seite, so dass Kira nach der Türklinke greifen konnte. Doch als sie an ihr vorbei ging, zischte das Mädchen ihr ins Ohr: „Nur weil du heute von denen gefickt wirst, hast du noch lange nicht das große Los gezogen. Spätestens morgen bist du Schnee von gestern, glaub mir. Ich kenne die Jungs und ich kenne ihre Einstellung zu so etwas.“

Bösartiges Gekicher folgte ihr, als Kira endlich aus der Tür raus war und so schnell es ging – ohne zu rennen – zurück in den Clubraum lief. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie war ganz außer Atem, als sie endlich am Tisch ankam, wo die Jungs noch immer scherzten wie zuvor. Sie ließ sich dankbar in die Sicherheit des Sofas fallen und atmete erst einmal tief durch.

„Hey, alles in Ordnung?“, fragte Jan besorgt. Dabei blickte er sie dermaßen intensiv an, dass Kiras Herz schon wieder stolperte. Nichts war in Ordnung. Mit so einer Szene hätte sie nie im Leben gerechnet. Als sie nach ihrem Wasserglas greifen wollte, um ihre Nerven etwas zu beruhigen, merkte sie, dass sogar ihre Hand zitterte. Schnell versteckte sie sie hinter ihrem Rücken, damit Jan es nicht bemerkte. Doch er beobachtete sie genau.

„Was ist passiert?“, fragte er mit einer vor Dunkelheit vibrierenden Stimme. Ein Gänsehautschauer kroch ihren Rücken hoch. Sie schob es auf die Aufregung der vergangenen Minuten. Sie war jetzt einfach empfänglich für jede Art von Emotion. Tränen stiegen ihr unwillkürlich in die Augen. Sie schüttelte den Kopf, um anzudeuten, dass alles okay war. Doch Jan schaute sie noch immer prüfend an. Bestimmt hätte er noch weiter gefragt, wenn ihm Max nicht in diesem Moment unsanft auf den Rücken geschlagen hätte.

„Wollʼ ma dann langsam mal los? Ich hab jedenfalls genug gehört unʼ will lieber noch woanders hin, wo wirklich was los is. Kira, kommste mit?“

Dankbar für diese Gelegenheit verneinte Kira und verabschiedete sich. Sie hatte entschieden genug für heute und wollte nur noch ins Bett. Bei dem Gedanken daran, jetzt allerdings noch allein durch die Stadt zu laufen und dabei womöglich diesen grauenhaften Mädchen noch einmal zu begegnen, wurde ihr ganz anders.

„Gehtʼs dir net gut? Du bist ganz blass“, bemerkte Max bei einem Blick auf ihr Gesicht.

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Nein, nein, ich bin bloß müde, das ist alles. Ich gehe dann nach Hause. Danke für die Einladung und viel Spaß beim Weiterfeiern.“ Sie griff nach ihrer Jacke, trank ihren letzten Schluck Wasser aus und hoffte, dass Max es vorhin ernst gemeint hatte, dass sie eingeladen war. Max stand ebenfalls auf und schnappte sich seine Jacke. Die anderen winkten ihr zum Abschied zu.

„Was machst du?“, fragte Kira erstaunt, als Max ihr die Eingangstür aufhielt.

„Na, ich bring dich nach Haus, was glaubst du denn? Um diese Uhrzeit sollt ʼne Lady net mehr alleine durch die Stadt laufen.“

Wenn Kira in diesem Moment nicht so unendlich erleichtert gewesen wäre, hätte sie sein Angebot bestimmt vehement abgelehnt, aber so bedankte sie sich nur leise und lief dann los in die Dunkelheit hinein.

Es war nicht weit, aber sie musste durch zwei dunkle Seitenstraßen, so dass sie über ihre Begleitung mehr als dankbar war. Max plapperte den ganzen Weg lang von der Jazzband, doch Kira hörte gar nicht richtig hin.

Eine Frage ging ihr nicht aus dem Kopf. „Passiert so etwas eigentlich oft?“

„Des mit den Fans?“ Max zuckte mit den Schultern. „Vor allem Jan wird oft erkannt. Aber der is dran gewöhnt mittlerweile.“

Weil Max nicht weiterredete, ließ Kira das Thema fallen. Sie fragte sich, wie sehr sich Jans Leben in den vergangenen vier Jahren verändert hatte. Eigentlich war es ein Wunder, dass er trotz all dieser verrückten Fans noch so normal geblieben war.

Bis zu Kiras Wohnung sagten sie nichts mehr. Max wartete noch, bis sie im Hausflur stand, dann umarmte er sie zum Abschied und verschwand in die Nacht.

 

Eigentlich hatte Kira vorgehabt, sofort schlafen zu gehen. Sie war erschöpft und wenn sie am nächsten Tag pünktlich um zehn in Weisenheim sein wollte, sollte sie endlich ins Bett. Doch sie fühlte sich hibbelig und aufgedreht. Das lag bestimmt an dem Adrenalinstoß, den die neidischen Mädchen auf der Toilette verursacht hatten. Oder an Jans Frage nach ihrem Befinden. Auf jeden Fall war an Schlaf im Moment einfach nicht zu denken.

Gedankenverloren strich sie über Tommys Fell. Der Kater hatte sich laut maunzend bei ihr beschwert, weil sie so spät war und er deshalb hungrig und allein zu Hause hatte sitzen müssen. Der Futternapf war mittlerweile blitzblank ausgeleckt, und jetzt forderte er sich seine Streicheleinheiten ein. Doch auch sein Schnurren konnte sie nicht beruhigen.

Unwirsch schob sie den Kater von sich, was dieser mit einem empörten „Mau“ quittierte, und ging in die Küche. Eine Tasse Tee würde ihr sicher gut tun.

Mit der dampfenden Tasse in der einen und ihrem Handy in der anderen Hand setzte sie sich auf die Couch. Es wäre vermutlich sinnvoll, ein wenig über ihren aktuellen Arbeitgeber zu recherchieren, dachte sie sich. Dann konnte sie nicht mehr von solchen Aktionen wie heute im Club überrascht werden.

 

Eine halbe Stunde später starrte sie noch immer wie gebannt auf das Display und las sich durch verschiedene Artikel und Interviews. Der Tee war längst kalt geworden. Mittlerweile brannten ihr die Augen und sie fröstelte, doch sie konnte sich nicht losreißen. Es war einfach zu spannend, was über Drunken Soldiers berichtet wurde.

Da war zum einen dieser Song, My Love, My Life. Stand das nicht auf dem unsäglichen Tattoo, welches Jan sich damals hatte stechen lassen, um ihr seine Liebe zu beweisen? Sie konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als er es ihr gezeigt hatte. Das war der Abend gewesen, an dem sie sich von ihm getrennt hatte. So oft, wie das Tattoo in Zusammenhang mit dem Song angesprochen wurde, war eine Verbindung mehr als wahrscheinlich. Mit diesem Song hatte die Band vor knapp zwei Jahren den Durchbruch geschafft.

Mittlerweile lief My Love, My Life zum vierten Mal hintereinander, weil sie nicht hatte widerstehen können und sich den Titel prompt runtergeladen hatte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob es darin wirklich um sie ging, doch einiges sprach dafür. Das war nicht unbedingt ein angenehmes Gefühl, denn Jan ging in dem Lied nicht gerade zimperlich mit ihr um. Im Gegenteil, er beschimpfte sie und warf ihr vor, mit ihm gespielt zu haben. Sie konnte diese Sicht sogar nachvollziehen.

Frustriert stoppte sie den Song. Ganz Deutschland wusste nun, in welch peinlicher Situation sie ihren Freund abserviert hatte. Der Song stand damals sechs Wochen in Folge auf Platz eins der Hörercharts und hielt sich insgesamt vier Monate in den Top Ten. Nicht gerade eine gute Voraussetzung dafür, dass irgendjemand My Love, My Life nicht kannte. Außer natürlich, dieser Jemand war zum fraglichen Zeitpunkt am anderen Ende der Welt.

Vor zwei Jahren war die Band für alle überraschend aus dem Nichts an die Spitze der Charts geklettert. Doch genauso schnell wie sie hochkamen, ging es danach auch wieder bergab. Das Album hatte sich nicht so gut verkauft, wie der Erfolg der Single hatte vermuten lassen. Das zweite Album ein Jahr später war ein Flop. Ein drittes Album war bereits dieses Jahr erwartet worden, schien jedoch nicht in Sicht zu sein. Ein vor kurzem veröffentlichter neuer Song stieß bei den Fans zudem auf Ablehnung. „Zu hart“, „zu techniklastig“ und „zu wenig Inhalt“ waren die häufigsten Kommentare.

In letzter Zeit häuften sich die negativen Schlagzeilen. Ein Konzert war ausgefallen, was den Fans erst direkt vor Ort mitgeteilt worden war. Sie bekamen zwar das Geld für das Ticket zurück, aber auf ihren Reisekosten waren sie sitzen geblieben. Darüber wurde auf fast allen Fanseiten heiß diskutiert. Technikpannen während den Konzerten und die Probleme mit Hannes wurden ebenfalls angesprochen.

Auch privat hatte Jan schon für schlechte Presse gesorgt. Vor drei Monaten war er wegen wiederholter Raserei zu einem Monat Fahrverbot verurteilt worden, was die Medien natürlich gnadenlos ausgeschlachtet hatten. Dort war von Trunkenheit am Steuer und Drogenmissbrauch die Rede, sogar von einem Beinahecrash. Wirklich nachweisen konnte ihm jedoch niemand was, so dass er mit einem blauen Auge, einem hohen Bußgeld und dem zeitweisen Entzug des Führerscheins davongekommen war.

Wie es aussah, konnten die Jungs, was die Organisation anging, ihre Hilfe zurzeit wirklich gut gebrauchen. Ein tröstlicher Gedanke, mit dem Kira den Computer ausmachte und endlich ins Bett ging.

Kapitel 7

In den folgenden Tagen gelang es Kira, sich einen Überblick über die aktuelle finanzielle Situation der Band zu verschaffen. Es gab eine Art regelmäßiges Einkommen zum Monatsanfang auf dem gemeinsamen Konto der Band, welches allerdings nicht so hoch war, wie Kira es erwartet hätte. Auf jeden Fall waren es nicht die erwarteten Reichtümer. In den vergangenen drei Jahren war keine einzige größere Zahlung eingegangen. Aber die Jungs mussten doch von ihrem Erfolg auch etwas abbekommen haben? Kira war ratlos. Wenn sie wirklich so erfolgreich waren, wie Max behauptet hatte, war irgendetwas faul. Was, fragte sich Kira, wenn sie betrogen worden waren?

 

Der Silvestermorgen brachte eine Überraschung mit sich. Etwa eine Sekunde nachdem Kira den Klingelknopf gedrückt hatte, öffnete Jan ihr mit breitem Grinsen die Tür. Nachdem sie sich in den letzten Tagen schon daran gewöhnt hatte, dass er ihr mit griesgrämigem Gesichtsausdruck und genervtem Tonfall öffnete, war sie mehr als erstaunt und überlegte, ob sie vielleicht träumte.

Mitten in ihre Gedanken hinein hielt er ihr etwas so nah vor ihr Gesicht, dass sie nicht gleich erkannte, was es war. Sie musste einen Schritt zurücktreten. Es war ein einzelner Schlüssel mit Schlüsselring und einem Anhänger in Form einer roten E‑Gitarre.

„Hier, ich habe keine Lust mehr, jeden Morgen für dich den Türöffner zu spielen.“ Sein fröhlicher Gesichtsausdruck ließ sie daran zweifeln, ob er das wirklich ernst meinte. Er klapperte mit dem Schlüssel vor ihrer Nase herum, bis sie endlich aus ihrer Schockstarre erwachte und ihn an sich nahm. Mit einer galanten und völlig altmodischen Verbeugung bat er sie herein. Seine gute Laune war richtiggehend ansteckend. Er war wie verwandelt, ein ganz anderer Jan, als sie ihn die letzten Tage erlebt hatte. Es machte den Eindruck, als hätten sich all seine Probleme auf einmal in Luft aufgelöst.

„Ist irgendwas passiert?“, fragte sie deshalb.

„Wieso? Was soll denn passiert sein?“ Er zuckte mit den Schultern, doch seine Augen blitzten verdächtig. „Möchtest du einen Kaffee, bevor du weitermachst?“

Sein großzügiges Angebot erstaunte sie.

„Danke, ein Kaffee würde mir tatsächlich ganz gut tun. Ich bin … zeitig geweckt worden.“ Sie dachte daran, dass Tommy am Morgen mal wieder besonders schmusebedürftig gewesen war und er sie bereits ab sechs Uhr mit seinen dauernden Kuschel-, Schnurr- und Maunzattacken genervt hatte. Tommy hatte sich angewöhnt, mit leicht ausgefahrenen Krallen nach ihr zu tatzen, wenn sie auf seine Streichelaufforderungen nicht sofort einging. Das tat zwar nicht wirklich weh, war aber auch nicht so leicht zu ignorieren. Vor allem dann nicht, wenn er ihr mitten ins Gesicht patschte.

„Ach so?“ Jan drehte sich interessiert zu ihr um. „Von wem denn?“

Sie überlegte. Solange er ihr den Grund für seine gute Laune verheimlichte, würde sie auch nichts von ihrem Kater erzählen. Sollte er doch denken, auf sie warte jeden Abend sehnsüchtig ihr Freund. Sie zuckte mit den Schultern und ging weiter in Richtung Küche. Dort lagen Tüten voller frischer Brötchen, Croissants und sogar Muffins auf dem Tisch.

„Ich bin schon ein paar Stunden wach. Da bin ich beim Joggen vorhin noch beim Bäcker vorbeigelaufen.“ Er zuckte bei seiner Aussage mit den Schultern.

Kira war verwundert. Joggen passte so gar nicht zu dem Jan, den sie kannte.

Der Duft von Brötchen und Kaffee lockte bald darauf auch die anderen in die Küche. Obwohl der Raum recht groß war, wirkte er mit fünf Personen reichlich vollgestopft, vor allem da alle herumwuselten, gleichzeitig zur Kaffeemaschine wollten oder sich Geschirr und Besteck aus den Schränken kramten. Kira blieb lieber sitzen. Außerdem genoss sie es, den vier Männern zuzusehen. Belustigt nahm sie zur Kenntnis, dass Jan sich sofort, nachdem er sich gesetzt hatte, seiner Schuhe entledigte. Klaas folgte ihrem Blick und rümpfte beim Anblick von Jans gelben Socken mit Erdmännchenaufdruck die Nase.

„Boah, Mann, muss das immer sein?“

Jan zuckte nur mit den Schultern.

„Das macht er immer so“, erklärte Berni in Kiras Richtung gewandt und setzte sich neben sie. „Kaum sitzt er irgendwo, zieht er seine Schuhe aus. Wir müssen ihn immer daran erinnern, dass er das nicht auch noch in der Öffentlichkeit macht. Erinnert ihr euch noch an diese Fernsehshow …“

„Berni, lass gut sein! Das interessiert doch keinen“, unterbrach Jan ihn aufgebracht.

Berni lachte, sprach aber nicht weiter.

Dafür hatte Klaas nun etwas zu sagen: „Ich dachte, du kennst Jan von früher?“ Er schaute Kira fragend an. „Dann kennst du seine Macken sicher besser als wir.“

Kira schüttelte den Kopf. Sie konnte sehen, dass Jan sie böse anschaute, doch das war ihr egal. „Das mit den Schuhen hat er früher nicht gemacht. Aber lässt er noch immer seine halbvollen Tassen überall stehen?“

„Oja!“, bestätigte Klaas. „Keine Tasse und kein Glas werden jemals ausgetrunken. Und wenn man ihn darauf hinweist, sagt er nur –“, er sprach mit verstellter Stimme weiter, „,Das trinke ich später!‘“

Max und Berni konnten vor Lachen kaum noch stillsitzen und sogar Jan grinste.

Die gute Stimmung erinnerte Kira daran, dass sie eigentlich gar nicht hierhergehörte. Zum Frühstücken war sie schließlich nicht eingestellt worden. Bedauernd erhob sie sich.

„Guten Appetit, Jungs, ich geh dann mal wieder nach unten zum Arbeiten.“

Sie spürte plötzlich Jans Hand auf ihrem Arm. „Natürlich frühstückst du mit uns“, lud er sie ein und die anderen nickten synchron.

Etwas unsicher setzte sie sich wieder hin. Doch nach einigem Zögern griff sie ebenso beherzt zu wie die anderen.

Die Gespräche am Tisch drehten sich um die am Abend stattfindende Silvesterparty. Kira konnte heraushören, dass sie im Weingut feiern würden. Sie wünschte, sie wäre auch eingeladen. Das wäre auf jeden Fall besser, als den Abend allein mit Tommy zu Hause zu verbringen.

Als Max sie fragte, was sie am Abend vorhatte, machte ihr Herz einen freudigen Hüpfer, knallte dann jedoch unsanft auf dem Boden der Tatsachen auf, als er sich nach ihrem gemurmelten: „Ich werde den Abend wohl zu Hause verbringen“, wieder den anderen zuwandte. Keine Einladung. Sie hätte am liebsten schmollend die Unterlippe vorgeschoben.

Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit stand Kira entschlossen auf und verabschiedete sich. „Ich muss jetzt wirklich arbeiten gehen. Vielen Dank für den Kaffee und den Rest.“

Sie wünschte allen weiterhin einen guten Appetit und verschwand in ihr kleines Reich im Keller. Sie war nicht wirklich enttäuscht, zumindest redete sie sich das ein. Zur Ablenkung las sie sich durch alle Schreiben der Plattenfirma, in der Hoffnung, doch noch aufzudecken, warum die Jungs so wenig Geld hatten.

Es war ziemlich zäh. Wer auch immer diese Briefe verfasst hatte, schien Wert darauf gelegt zu haben, dass niemand ohne Jura-Studium sie verstand. Es wimmelte nur so von umständlichen Formulierungen und Verweisen auf Paragraphen in irgendwelchen Verträgen. Zahlen standen auch eine Menge drin, aber nirgendwo ein Hinweis auf einen oder mehrere größere Geldbeträge.

Die Erklärung war schließlich so unspektakulär, dass Kira, als sie sie nach zwei Stunden fand, aufstöhnte. „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“

Mit dem fraglichen Brief in der Hand rannte sie nach oben, in der Hoffnung, Jan oder Max zu finden. Doch das Haus war wie ausgestorben. Nicht mal auf ihr Rufen reagierte jemand. Waren die alle ausgeflogen? Auch im Hof und im Proberaum war niemand zu finden.

Frustriert ging sie zurück ins Büro. Jetzt hätte Jan wirklich mal Grund zur Freude gehabt und er war nicht da. Was sollte sie jetzt tun? Es war bald Feierabendzeit. Sollte sie ihnen eine Nachricht schreiben? Aber dann würde sie gar nicht mitbekommen, wie die Jungs auf die Neuigkeit reagierten.

„Selbst schuld“, murmelte sie. Wäre sie zur Party am Abend eingeladen, hätte sie es ihnen dort gesagt, so mussten sie eben bis nächstes Jahr warten.

 

Zu Hause warf sie sich auf ihr Sofa und grübelte, ob sie nicht doch lieber hätte dableiben sollen, bis die Jungs zurückkamen.

„Und wie lange hätte ich warten sollen?“, fragte sie den Kater, der auf ihren Schoß gesprungen war. Auf dem Nachhauseweg war sie im Supermarkt vorbeigegangen und hatte ihr letztes Bargeld für ein Hühnerbrustfilet, eine heruntergesetzte Packung Tiefkühlgemüse und eine Schachtel Reis ausgegeben. Sogar für eine Piccoloflasche Sekt hatte es noch gereicht. Zumindest würde sie heute ein angemessenes Abendessen für sich und Tommy zubereiten können.

In einem Anflug von Selbstironie kicherte sie, als sie daran dachte, dass sie das Jahr mit leerem Portemonnaie und leerem Konto beenden würde. Dieser Zustand musste sich im nächsten Jahr so schnell wie möglich ändern. Sie brauchte dringend Geld für die Anmeldegebühr für den Medizinertest, ohne den sie das Studium vergessen konnte. Sie musste Max unbedingt nach einem Vorschuss auf ihr erstes Gehalt fragen.

Mein erster Vorsatz fürs neue Jahr, dachte sie ironisch lächelnd.

Tommy konnte sich heute nicht beklagen. Er bekam zunächst etwas von dem noch rohen Hühnerfleisch und später sogar etwas von dem gebratenem, sorgsam dekoriert mit einer kleinen Menge Reis und einer Karotte. Diese Mühe wusste er allerdings nicht zu schätzen. Als er seinen Kopf wieder aus dem Napf hob und sich die Schnauze leckte, lagen Reis und Karotte noch unangetastet da.

Kira ließ es sich trotzdem schmecken. Vor ihrem Teller lag ein aufgeschlagenes Buch. Sie würde den Abend einfach dafür nutzen, endlich einmal ihren Roman zu Ende zu lesen, und sich später gemeinsam mit Tommy vom Fenster aus das Feuerwerk ansehen.

 

Eine halbe Stunde später gab sie frustriert auf. Die Worte verschwammen vor ihren Augen. Ihre Gedanken kreisten um Jan. Noch immer überlegte sie, was der Grund für seine gute Laune am Morgen gewesen sein könnte. Er hatte fast verliebt gewirkt. Verliebt?

Dieser hoffnungsvolle Gedanke wurde jedoch noch im Keim von der Vernunft erstickt. Wenn er wirklich verliebt war, hatte sie ganz sicher nichts damit zu tun. Vielleicht hatte er sich auch einfach nur auf die Party gefreut. Die Party, zu der sie nicht eingeladen war.

Sie klappte das Buch zu und holte ihr Handy raus. Sie hatte schon länger nicht mehr in ihr E-Mail-Postfach gesehen. Vielleicht konnte sie das ablenken.

Tatsächlich war da eine liebe Email von ihrer Freundin Sheila aus Australien, die ihr ein fröhliches Neujahr wünschte und Fotos von ihrem neugeborenen Sohn mitsendete.

Emilio ist mein Ein und Alles, schrieb sie. Mit Neid nahm Kira zur Kenntnis, dass Emilio wirklich ein Wonneproppen war, rund und rosig und wenn sie von den Fotos ausging, schlief er offenbar die ganze Zeit. Kein einziges Foto war dabei, auf dem er sich mit hochrotem Kopf die Seele aus dem Leib schrie. So ein Foto hätte Kira jetzt aber gebraucht, um sich beim Gedanken an das Glück ihrer Freundin nicht wie ein vollkommener Versager zu fühlen.

Eine einsame Träne tropfte auf das Display, wie der erste Regentropfen vor einem Wolkenbruch. Warum musste das Glück nur so ungerecht verteilt sein? Warum konnte sie nicht bereits stolze Medizinstudentin im ersten Semester sein? Warum war Jan heute so glücklich gewesen? Warum konnte Kira nicht der Grund für seine gute Laune sein? Eigentlich war das die Hauptfrage. Und sie hatte sogar eine Antwort.

Weil ich so unendlich dumm gewesen bin!

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    Sandra Helinski (Autor)

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Titel: Endless you