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Das Glück in mir

von Mariah Stewart (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als der gefeierte Fritz Hudson verstirbt, hinterlässt er nicht nur eine große Lücke, sondern auch zwei Familien, die nichts voneinander wussten. Allie und Des Hudson sind die Kinder aus Fritz' erster Ehe. Doch nach dem tragischen Tod seiner Frau verliebte sich Fritz erneut und wurde noch einmal Vater. Obwohl Fritz seine neue Familie über alles geliebt hat, schaffte er es nie, ihr die Wahrheit über seine Vergangenheit zu sagen. Doch Fritz hinterlässt seinen Töchtern etwas, um seine Verfehlungen wieder gutzumachen: Es gibt eine große Erbschaft. Diese könnte Allie vor den immer größer werdenden Schuldenbergen schützen. Des könnte sich dadurch erlaubt, eine Zuflucht für misshandelte Tiere zu eröffenen und Cara würde das Erbe einen neuen Start ermöglichen, nachdem ihr Mann sie für ihre beste Freundin verlassen hat. Doch die Sache hat einen Haken: Die Schwestern bekommen das Erbe nur, wenn sie ihr Leben umkrempeln und zusammenarbeiten, um ein altes Theater, das ihrem Vater sehr viel bedeutet hat, neu zu eröffnen ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe August 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-731-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96443-293-3

Copyright © 2017 by Marti Robb
Titel des englischen Originals: The Last Chance Matinee

Alle Rechte vorbehalten, eingeschlossen dem Recht auf Wiedergabe im Ganzen oder in Teilen in jeglicher Form. 
Diese Ausgabe wurde veröffentlicht durch eine Übereinkunft mit dem originalen Herausgeber, Gallery Books, ein Teil von Simon & Schuster, Inc., New York. 

Übersetzt von: Silja Mende
Covergestaltung: Buchdesign Traumstoff
unter Verwendung von Motiven von
© Victoria Chudinova/shutterstock.com, © Sean Pavone/shutterstock.com und © DonLand/shutterstock.com
Korrektorat: Katharina Pomorski

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

 

Für Lorretta Bennett,

die an mich geglaubt hat, bevor ich selbst an mich glaubte.

Du wirst vermisst. 

 

Vorwort

Jeder kennt das Sprichwort „Schreib, was du kennst“; dieses Sprichwort hat viel meiner jahrzehntelangen Karriere im Verlagswesen geprägt. Aber dieses Mal war es, was ich (oder eher meine Mutter) nicht wusste, dass die Basis für dieses erste Buch meiner neuen Hudson Schwestern Reihe geformt hat.

Als meine Mutter Mitte dreißig war, bekam sie einen Brief von einer Frau namens Alice, die Frau ihres kürzlich verstorbenen Cousins Bill. Alice dankte meiner Mutter für ihre Beileidskarte, die sie ihr geschickt hatte, und schrieb am Ende ihres Briefs: „Du weißt, dass Bill dein Halbbruder war, oder?“

Äh, nein. Wusste sie nicht.

Bevor sie die Anfangstakte von „Poppa Was a Rolling Stone“ singen konnte, hatte meine Mutter Alice am Telefon. Die Geschichte, die Alice meiner Mutter erzählte, war zu verrückt, um wahr zu sein.

Fast.

Mein Großvater war von etwa 1906 bis 1915 im Varieté, und begann in der Zeit eine romantische Beziehung mit einer Frau namens Trudy. 1910 brachte Trudy einen Sohn zur Welt, den besagten „Cousin“ Bill. Drei Jahre später bekam Trudy eine Tochter, aber sowohl sie als auch ihr Baby starben. Kurz darauf, 1913, übergab mein Großvater Bill seiner Schwester, Bess, und ihrem Mann, die kinderlos waren. Und ein paar Jahre später traf und heiratete mein Großvater meine Großmutter, die nichts von seinem freizügigen Leben wusste, zumindest nicht, soweit wir es wissen. Bess und ihr Mann adoptierten Bill schließlich, dem nie erzählt wurde, dass der Mann, den er „Onkel“ nannte, eigentlich sein Vater war. Nachdem Bill gestorben war, und irgendwann vor ihrem eigenen Tod, sagte Bess schließlich Alice die Wahrheit, die die Geschichte meiner Mutter erzählt hat, die sie dann mir wiederum erzählte.

Natürlich war ich fasziniert. Mein Großvater starb, als ich vier oder fünf Jahre alt war, und ich habe nur sehr wenig Erinnerungen an ihn, außer seinem tiefen, herzlichen Lachen. Ich habe seit Jahren gedacht, dass diese Grundlage von einem unehelichen Kind und geheimen Geschwistern eine großartige Story machen würde, aber da ich nicht alle Fakten kannte, hatte ich die Freiheit, die Lücken zu füllen – und das tat ich. Jahre vergingen, bevor ich das Gefühl hatte, die richtige Geschichte im Kopf zu haben. Das hier ist diese Geschichte.

Ich hoffe, Ihnen gefällt meine Version davon, was unter diesen Umständen passieren könnte.

Ihre Mariah

 

Disclaimer (für alle meine Cousins, sollten sie sich fragen, ob ihnen jemand etwas verschwiegen hat): „Die Hudson Schwestern“ ist reine Fiktion. Es gibt kein Theater, keine Hollywood-Ehefrau, kein Yogastudio in Devlin’s Light, New Jersey (und auch kein Devlin’s Light), und definitiv kein Vermögen, was noch verteilt werden muss. Die Schwestern basieren auf niemandem, den wir kennen, und tut mir leid, aber es gibt keine geheimen Verwandten, die in einer viktorianischen Villa irgendwo in den Poconos leben.

Prolog

Cara

Devlin’s Light, New Jersey

Die Glocke läutete halbherzig über der Tür der einzigen Bäckerei in Devlin’s Light, New Jersey – die selbsternannte „beste Kleinstadt an der Delaware Bay“. Cara McCanns Blick traf den der Besitzerin und ihrer besten Freundin, Darla Kerns, und beide mussten lachen.

„Ich weiß“, sagte Darla. „Die Glocke hört sich armselig an. Ich muss mal eine neue besorgen. Steht schon auf der Liste.“

„Und manchmal ist die Liste länger als sonst.“ Cara ging zum Tresen, um ihre morgendliche Auswahl unter den frischgebackenen Muffins zu treffen.

„Also, was darf’s sein?“ Darla stützte ihre Arme auf die Platte.

Cara besah sich die Auslage. Die Auswahl ihrer einzigen kalorienreichen Nascherei am Tag bedurfte gründlicher Überlegung.

„Der Schokoladen-Zucchini-Muffin ist neu“, bemerkte Darla. „Genau wie der mit Himbeer-Zitrone.“ Noch bevor Cara nachfragen konnte, fügte sie hinzu: „Zitronenmuffin mit Himbeercreme-Füllung. Göttlich, wenn ich das so sagen darf.“

„Das klingt wirklich gut. Ich glaube, ich probiere –“

„Amber, hör mir zu. Du musst eine Entscheidung treffen, und zwar bald. Du hast nicht ewig Zeit“, dröhnte eine Stimme von hinten, die rasch näherkam.

„Hilfe“, flehte Cara Darla an.

Darla nahm einen Himbeer-Zitronen-Muffin heraus und packte ihn in eine kleine, weiße Tüte. Sie reichte ihn Cara, als die korpulente Frau, zu der die laute Stimme gehörte, aus dem hinteren Teil des Ladens auftauchte.

„Ich ruf dich später nochmal an.“ Die Frau steckte ihr Handy in die Hosentasche und begrüßte Darla mit einem breiten Lächeln.

„Guten Morgen, Boss.“

„Morgen, Angie.“

„Na Cara, wie geht’s dir heute?“ Angie Hoff zog sich ihre weiße Schürze über und band sie sich um die Hüften.

Angie machte sich nicht die Mühe, auf Caras Antwort zu warten, und stürzte sich in ihren üblichen ausführlichen Vortrag über die Hochzeitspläne ihrer Tochter, als ob sie nur so auf Neuigkeiten brannten. Als ob Amber Hoff nicht früher einmal eine von Caras besten Freunden gewesen wäre. Als ob Amber Hoffs Verlobter, Drew McCann, nicht Caras Ex-Mann wäre. Als ob Amber nicht mit Drew zusammengezogen und von ihm schwanger geworden wäre, als er noch mit Cara verheiratet war.

„Also der Florist sagt zu meiner Tochter, dass sie nun doch keine Pfingstrosen für die Sträuße und Tafelaufsätze haben kann. Irgendetwas wegen Frost, wo sie zu dieser Jahreszeit wachsen. Habt ihr so was schon mal gehört? Ein Florist kann seinem Kunden nicht das liefern, was er will? Amber weint, sie ist ein Wrack. Es ruiniert ihr die Sicht, sagt sie. Sie braucht Pfingstrosen. Sie muss weiße Pfingstrosen haben.“ Angie sah von Cara zu Darla. „Weiß eine von euch, wo wir weiße Pfingstrosen bekommen können? Ich meine, irgendwo müssen die doch Saison haben, oder?“

„Tut mir leid, ich weiß nichts über Blumen“, murmelte Cara und bezahlte ihren Muffin.

„Ich auch nicht. Ich backe nur.“ Darla machte eine scheuchende Handbewegung hinter dem Tresen und formte mit den Lippen: „Geh einfach.“

„Danke. Bis dann.“ Cara winkte und verließ den Laden, begleitet von dem fast unhörbaren Läuten der bald ausgedienten Glocke.

Sie blieb vor der Ladenfront drei Stöcke tiefer stehen und schloss die Tür auf. Caras Yogastudio, früher ein Drittel einer Eisenwarenhandlung aus den 1890er-Jahren, war der erste Teil, der verkauft worden war, als sich ihr Besitzer einem großen Filialgeschäft direkt neben der Autobahn außerhalb der Stadt hatte beugen müssen. Mithilfe der Auszahlung der Lebensversicherung ihrer Mutter hatte Cara hart daran gearbeitet, den Raum umzufunktionieren.

Damals hatte Drew ihr Vorhaben komplett unterstützt und an ihrer Seite daran gearbeitet, ihren Traum wahr werden zu lassen. Er hatte weiße und schwarze Fliesen in einem Schachbrettmuster gelegt und ihr geholfen, die Wände in einem beruhigenden Lavendelton zu streichen. Er hatte ihr das Nötigste beigebracht, damit sie dabei helfen konnte, Trockenbauwände für ihr Büro hochzuziehen. Er hatte dem Elektriker geholfen, die Tonanlage zu installieren, und die Türschlösser ausgetauscht.

Und irgendwie, während all dessen, hatte er noch die Zeit gefunden, sich von Cara zu entfernen und sich in Amber zu verlieben.

Cara hob die Post auf, die früher am Morgen durch den Schlitz geworfen worden war, und ging direkt in ihr Büro.

Sie warf die Post auf ihren Schreibtisch und ließ sich in ihren Stuhl fallen. Das Licht vom Anrufbeantworter blinkte, aber sie ignorierte es.

Sie war es so leid, von Drews kommender Hochzeit zu hören, sie war es leid, so zu tun, als ob es für sie in Ordnung wäre, wenn das Gegenteil der Fall war. War es leid, sich die Namen anzuhören, die sich Drew und Amber für ihren Sohn überlegten, der im Mai geboren werden sollte. War es leid, sich zu fragen, warum Drew so glücklich über seine baldige Vaterschaft wirkte, obwohl er sich doch immer geschworen hatte, niemals Kinder zu haben.

Das war die eine Sache gewesen, über die sich Cara und er ernsthaft gestritten hatten.

Sie hätte auf ihre Mutter hören sollen. Susa hatte versucht ihr zu erklären, dass Kinderkriegen ein grundlegendes Thema war, was man vor der Hochzeit besprechen musste. Aber Cara war sich so sicher gewesen, dass Drew schon seine Meinung ändern würde, wenn sie erst mal eine Weile verheiratet gewesen waren.

„Oh, Mom“, seufzte Cara. „Was würde ich nicht alles dafür geben, dich jetzt bei mir zu haben.“

Susa würde verstehen, dass der Schmerz tief saß, den sie mit einem Lächeln überspielte. Cara mochte die Richtung, in die ihr Leben gegangen war. Es hatte sie bis ins Mark getroffen, von jemandem, den sie liebte und dem sie vertraute, unerwartet dazu gezwungen zu werden, die Richtung zu ändern. Die meiste Zeit über kam sie damit klar. Heute durchlebte sie wieder jede Emotion und das Gefühl des Verrats so stark wie beim ersten Mal.

Sie hörte, wie sich die Tür öffnete. Die Stimmen ihrer Schüler für die Stunde um neun Uhr tröpfelten herein, und sie musste lächeln. Die meisten waren ihre Freunde geworden, und sie liebte sie. Liebte die Ruhe, die sie umgab, wenn sie sich konzentrierte und ihren Geist befreite, und sie liebte es, auch anderen den Weg zu diesem Gefühl von Frieden und Wohlbefinden zeigen zu können. Ihre Schüler brachten ihr jeden Tag Freude. Sie hatten Mitgefühl angesichts ihrer miserablen Lage gehabt und sie getröstet, als sich die Neuigkeit verbreitete, dass Drew sie für eine ihrer ältesten Freundinnen verlassen hatte. Nicht, dass die meisten nicht schon vor ihr von der Affäre gewusst hatten. Anscheinend hatte es jeder in Devlin’s Light vor Cara mitbekommen.

Das war einer der Nachteile, in der Stadt zu leben, in der man aufgewachsen war; jeder wusste über alles Bescheid. Und ja, manchmal war man der Letzte, der es erfuhr, weil niemand die Wahrheit ausspucken und einem das Herz brechen wollte.

Es wäre schön gewesen, wenn Drew und Amber nach Cape May oder Somers Point gegangen wären, nachdem sie beschlossen hatten, zusammen zu leben.

Aber nein. Jetzt wo sie schwanger war, musste Amber ja in Hörweite ihrer Mutter und ihrer zwei Schwestern bleiben.

Denk nicht mehr drüber nach, hörte Cara fast ihre Mutter sagen.

Lass es hinter dir und begrüße jeden Tag als eine Chance, neue Freude in dein Leben zu bringen. Sieh über die Vergangenheit hinweg in die Zukunft und vertraue darauf, dass das Universum dir das gibt, was du wirklich brauchst.

Das war Susa. Immer das optimistische Blumenkind, das ihre Hippie-Eltern aufgezogen hatten. Sogar als sie im Sterben lag, hatte sie gelächelt und Caras Hand gehalten. „Nicht weinen, Schatz. Ich hatte nie Angst, was als Nächstes passiert. Warum auch, das Leben ist geheimnisvoll, alles hier und alles was danach kommt, und jetzt werde ich rausfinden, was dahintersteckt …“

„Mom, bitte …“, hatte Cara gebettelt. „Nicht …“ Die Worte waren Cara im Hals stecken geblieben.

„Sag deinem Vater, dass ich es weiß.“ Susas Stimme wurde leiser, als ihr Bewusstsein schwand. „Sag ihm, dass ich es immer gewusst habe, und es ist in Ordnung …“

„Was weißt du?“ Cara hatte die Hand ihrer Mutter umklammert.

„Was hast du immer gewusst?“

Susa war daraufhin friedlich gegangen, auf ihren Lippen ein rätselhaftes Lächeln. Es war Cara zugefallen, ihren Vater anzurufen und ihm zu sagen, dass er zu spät kam. Der Herzinfarkt war tödlich gewesen. Susa war gestorben, noch bevor er in L.A. in den Flieger gestiegen war. So sehr sie auch getrauert hatte, ihr Vater war gebrochen. Er hatte während der Beerdigung geweint und weinte auch eine Woche später noch, als er Devlin’s Light verließ, um nach Kalifornien zu fliegen, wo er das halbe Jahr über lebte und arbeitete. Cara hatte vergessen, ihrem Vater die Nachricht ihrer Mutter zu überbringen. So oft sie es sich auch zwischendurch vorgenommen hatte, irgendwie war es ihr immer wieder entfallen.

Es war Susa gewesen, die Cara vor Jahren zum Yoga gebracht hatte. Nach dem Tod ihrer Mutter schätzte Cara umso mehr das Gefühl des inneren Friedens, der Zufriedenheit, der Verbundenheit mit Susa, die sie in dem Studio fand. Selbst heute, mit Bildern von Ambers Blumen im Kopf, konnte Cara ihre Schüler mit friedlichem Herzen durch eine besinnliche Stunde voll sanfter Bewegungen leiten. Susa hätte nichts Geringeres erwartet.

Voller Vorfreude auf die Stunde stand Cara auf, um sich zu ihren Schülern zu gesellen.

„Zeit, meine innere Göttin zu begrüßen.“

Sie schaffte es, sich diese Leichtigkeit den Rest des Tages über zu bewahren, aber auf dem Nachhauseweg am späten Nachmittag nagte das Gefühl an ihr, dass etwas nicht stimmte. Alles in allem war es ein guter Tag gewesen: Ihre Sitzungen waren gut besucht gewesen, und eine alte Freundin ihrer Mutter war überraschend vorbeikommen. Sie musste sogar lachen, als Darla ihr eine Zeichnung schickte, auf der Amber riesigen weißen Pfingstrosen mit Comic-Gesichtern am Strand nachjagte. Also warum war ihr auf einmal so schwer ums Herz?

Susa würde sagen, dass das Universum sie durch diese Unruhe auf Neuigkeiten vorbereiten wollte, die sie nicht würde hören wollen. Irgendwie wusste Susa immer, was es mit solchen Dingen auf sich hatte.

Cara wollte gerade nach dem Abendessen den Tisch abräumen, als das Telefon klingelte. Sie schaute auf die Nummer auf dem Display und lächelte.

„Onkel Pete. Wie geht’s dir?“, sagte sie. Peter Wheeler war seit Kindestagen der beste Freund und Anwalt ihres Vaters.

„Im Moment nicht so gut, Liebes.“ Seine Stimme klang angespannt, und das Gefühl der Besorgnis kehrte zurück.

„Was ist los?“, fragte sie.

„Liebes, du solltest dich lieber hinsetzen …“

„Was ist passiert?“

„Cara, ich weiß nicht, wie ich dir das beibringen soll, also entschuldige, wenn ich die Karten einfach auf den Tisch lege.“ Pete holte tief Luft. „Fritz ist heute Morgen von uns gegangen.“

Für einen Moment saß Cara stockstill, als ob sie es nicht gehört hätte.

„Cara? Liebes?“

„Mein … mein Vater …?“ Cara stolperte über die Worte, während sie versuchte, das Unverständliche zu begreifen.

„Was ist passiert? Ich habe doch erst vor einer Woche mit ihm gesprochen – es ging ihm gut. Was ist passiert?“

„Vor sechs Wochen wurde dein Vater mit Krebs im Endstadium diagnostiziert. Die Ärzte haben ihm einen Monat gegeben. Er hat es ein bisschen weiter geschafft, aber es gab nichts, was man noch für ihn hätte tun können. Er wollte nicht, dass du es weißt.“

„Aber es gibt doch Wege, das zu behandeln …“

„Nicht, wenn die Krankheit schon so weit fortgeschritten ist wie bei ihm. Glaub mir. Er hat ein halbes Dutzend verschiedener Ärzte besucht, und alle haben ihm gesagt, dass es zu spät ist. Es tut mir leid, Cara, aber es gab keine Behandlung, die ihm hätte helfen können.“

„Aber...“ Cara begann, leise zu weinen.

„Ich weiß, es ist ein Schock, Liebes, und es tut mir so leid, dass ich derjenige bin, der dir das sagen muss.“

„Aber er hat es dir gesagt, oder? Wie konnte er es dir sagen, aber mir nicht?“

„Er musste es mir sagen. Ich bin sein Anwalt. Es gab Angelegenheiten, um die wir uns kümmern mussten. Er wusste, dass er darauf vertrauen konnte, dass ich alles nach seinen Wünschen erledigen würde.“

„Wo ist er jetzt? Ich werde ihn herbringen müssen – er würde bei meiner Mutter sein wollen.“ Sogar jetzt im Schock begann sie, im Kopf alles Nötige zu organisieren. „Wie kann ich ihn befördern lassen? Und ich muss die kleine Kirche wegen der Beerdigung anrufen und fragen, wie–“

„Cara, es wird keine Beerdigung geben.“

„Was?“ Sie hatte sich bestimmt verhört.

„Es soll keine Beerdigung geben. Er wurde schon verbrannt, Cara. Es war sein Wunsch und Teil der ausdrücklichen Anweisungen, die er mir gegeben hat.“

Caras Kehle drohte sich zuzuschnüren und sie konnte das Schluchzen nicht zurückhalten.

„Cara, es tut mir leid. Es tut mir so leid, aber Fritz hat fest darauf bestanden, dass alles genau so gemacht wird.“

„Warum? Warum würde er das tun? Wie konnte er das nur tun?“

„Er hatte seine Gründe.“

„Was für Gründe?“

„Cara, du wirst mir jetzt einfach für eine Weile vertrauen müssen. Es wird alles so geschehen, wie er es wollte, und es ist meine Pflicht als sein Anwalt, sein Testamentsvollstrecker und sein Freund, dafür zu sorgen, dass alles aufs Genaueste befolgt wird.“

„Also, wir haben nur einen Gedenkgottesdienst und das war’s?“ Cara versuchte, die Situation zu begreifen.

„Auch keine Gedenkfeier. Das hat er explizit gestrichen.“

„Keine Gedenkfeier“, wiederholte sie. „Das kann nicht dein Ernst sein. Was ist mit all den Leuten, die ihm die letzte Ehre erweisen wollen? Was ist mit seinen Freunden? Was ist mit seinen Kunden?“, protestierte Cara. „Was ist mit mir?“

„Nach den Wünschen deines Vaters soll es keinen Gottesdienst geben“, sagte Pete nachdrücklich. „Was Freunde und Kunden angeht, werde ich jeden Einzelnen selbst anrufen. Das würde ich dir nicht aufbürden.“

„Was ist mit seiner“ – sie musste schwer schlucken – „naja, seiner Asche?“

„Die Urne wird hier in mein Büro geliefert. Ich werde sie für dich aufbewahren.“

„Warum nicht gleich direkt zu mir? Ich bin seine nächste Angehörige, die einzige lebende Verwandte.“

Er schwieg einen langen Moment. „Nochmal, er hat es so gewollt, Cara. Ich muss seine Wünsche respektieren, und du wirst mir da vertrauen müssen.“

„Ich verstehe es nicht, Onkel Pete. Mir fällt kein einziger guter Grund ein, warum er mir nicht gesagt hat, dass er sterben wird. Warum würde er sich nicht von mir verabschieden wollen, mir keine Chance geben wollen, mich von ihm zu verabschieden?“

„Was soll ich dir sagen, Liebes? Du weißt doch, dass er ein sturer alter Kauz sein konnte, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat. Wie dem auch sei, wir können nichts daran ändern. Wir können nur weitermachen.“

Sie hörte Papier rascheln. „Also, sobald alles geregelt ist, sage ich dir Bescheid und du kannst hier ins Büro kommen, damit wir die Bedingungen in seinem Testament besprechen können.“

„Bedingungen?“ Sie runzelte die Stirn. „Was für Bedingungen?“

„Wir besprechen alles, wenn du hier bist. Wir bleiben in Verbindung. Ich muss los, aber du kannst mich immer anrufen, wenn du was brauchst. Du weißt, ich bin immer für dich da.“

„Aber …“ Er hatte aufgelegt.

Sie legte das Telefon weg und gab den Tränen nach. So viele Fragen schwirrten ihr im Kopf herum. Warum hatte ihr Vater ihr nicht gesagt, dass er krank war? Warum hatte er Pete gebeten, zu warten, bis er verbrannt war, bevor er von seinem Tod erzählte? Sie war sich sicher, dass Pete genau wusste, was sich ihr Vater bei seinen Anweisungen gedacht hatte. Pete kannte ihren Vater besser als jeder andere. Also warum wollte er diese Informationen für sich behalten?

Ihr Vater war tot. Was auch immer sein Beweggrund war, es spielte doch sicherlich keine Rolle mehr. Also warum hielt er es geheim? Cara hatte ihren Vater durch ungewöhnliche Umstände verloren, gelinde gesagt, und ihr war die Möglichkeit verwehrt worden, sich zu verabschieden. Was könnte schlimmer sein?

Allie

Los Angeles, Kalifornien

Ein vereinzelter Stein hatte sich auf den sonst makellosen Weg verirrt, der zur Haustür von Allie Hudson Monroes ebenso makellosem Wohnsitz führte, und sie kickte ihn auf den Rasen, wo er hingehörte. Heute war kein guter Tag, ihr in die Quere zu kommen. Sie schloss die Tür auf und schleuderte ihr Paar Manolos mit der gleichen Aggressivität von den Füßen, mit der sie den Stein attackiert hatte.

Schon vor fünfzehn Jahren, als sie es zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie sich in das Haus verliebt, das in der Gegend wegen seines rustikalen Äußeren als das Cottage bekannt war. Sie hatte ihren damaligen Mann Clint angebettelt, es zu kaufen, aber er hatte sich quergestellt mit dem Wunsch nach etwas Größerem; jedenfalls so lange, bis er erfahren hatte, was etwas „Größeres“ in den Vororten von Los Angeles tatsächlich kosten würde. Über die Jahre hatten sie angebaut: Hinten eine größere Küche und ein Familienzimmer, auf der einen Seite ein Wintergarten, ein Büro auf der anderen. Oben gab es immer noch nur zwei Schlafzimmer, aber die Renovierungen im Erdgeschoss hatten einen größeren ersten Stock ermöglicht, zwei Badezimmer, mehrere begehbare Kleiderschränke und ein Wohnzimmer.

Es machte Allie fertig, es verkaufen zu müssen, aber die Fernsehshow, in der sie als Regieassistentin gearbeitet hatte, war vor zwei Monaten abgesetzt worden, und die Bewerbungen, die sie verschickt hatte, hatten ihr noch nicht einmal eine freundliche Absage eingebracht. Das Haus stellte den Großteil der Scheidungsvereinbarung dar, aber die erhöhte Grundsteuer und die Abwesenheit eines regelmäßigen Einkommens hatten einen Großteil ihrer schwindenden Ersparnisse aufgebraucht. Sie hatte versucht, nicht in Panik zu verfallen, aber nachdem Wochen verstrichen waren ohne Aussicht auf ein Bewerbungsgespräch, konnte Allie die Zeichen nicht länger leugnen. Daher das „Zu verkaufen“-Schild, was Allie versuchte, zu ignorieren. Es war schon sinnvoll von einem praktischen Standpunkt aus, aber trotzdem. Sie liebte das Haus, und jedes Mal, wenn sie daran dachte es aufzugeben, war sie wieder stinksauer auf ihren Exmann.

Diesen Nachmittag war sie auf einer Cocktailparty von Ivan Corrigan gewesen, ein Regisseur und ehemaliger Schauspieler, der sich einst die Kinoleinwand mit Allies verstorbener Mutter, Honora Hudson, geteilt hatte, und der, wenn man den Gerüchten Glauben schenken konnte, sie bis zu ihrem Tod vor drei Jahren glühend verehrt hatte.

Auf Honoras Begräbnis hatte Ivan an Allies Schulter geweint, und bevor er ging, hatte er ihr seine Karte gegeben und gesagt, sie sollte ihn anrufen, wenn sie mal irgendwas brauchte.

Sie hatte Ivan zwei Wochen nachdem ihre Show endete angerufen, und noch einmal zwei Wochen danach, bevor seine Sekretärin sie mit einer Einladung zu einer Party zurückgerufen hatte, um seine neueste zukünftige Hit-Show zu feiern.

Sie hatte versucht, sich nicht zu früh zu freuen, aber sie war trotzdem enttäuscht, als er sie seinem neuesten Schützling mit dem Namen ihrer Schwester vorstellte.

„Ich heiße Allie.“ Sie hatte versucht, gutmütig zu lächeln, nachdem er sie das zweite Mal Des genannt hatte.

„Stimmt. Stimmt. Des war die mit der erfolgreichen Serie damals, die so lange lief. Wie geht’s ihr eigentlich? Hat sie mal davon gesprochen, wieder ins Geschäft einzusteigen?“

Bevor Allie antworten konnte, hatte er sich zu seiner Freundin gewandt und sagte: „Erinnerst du dich an ihre Schwester, Desdemona Hudson? Hatte diese Show damals, Des Does … irgendwas, weiß den Namen nicht mehr. Tolle kleine Schauspielerin war die. So viel Talent für so ein junges Mädchen.“

Allie knirschte mit den Zähnen, bis ihr der Kiefer wehtat.

Als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, hatte er ihr auch noch auf den Rücken geklopft und gesagt: „Schade wegen deiner Show, aber weißt du, dieser Sendeplatz scheint nie für Drama zu funktionieren.“ Er hatte den Arm um seine Freundin gelegt, sich zu Allie rüber gebeugt, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken, und gesagt: „Also, ruf mich an, wenn ich irgendwas für dich tun kann.“

Darum bin ich hier, du Trottel, wollte sie sagen, aber er hatte sich schon abgewandt.

Sie hatte gewusst, dass es schwer für sie werden würde, einen anderen Job zu finden, und sie wusste, dass nur sie allein daran schuld war. Aber trotzdem, dafür, dass Ivan ihr ihre Schwester ins Gesicht geworfen hatte, wollte sie ihn am liebsten beim Kragen packen und festhalten und ihm ihren Drink über den Kopf kippen. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war daran erinnert zu werden, dass ihre Schwester die Talentierte war, die Erfolgreiche war, die, die mit neun ihre eigene Serie gehabt hatte, bis sie sechzehn wurde.

Die Party im Kopf nochmal durchzugehen, ließ Allies Kiefer erneut schmerzen. Sie ging in die Küche und goss sich den ersten Scotch des Abends ein. Ihre goldenen Armreifen klimperten, als sie ihre Post durchguckte, die sie vorher hingeworfen hatte, und gleichzeitig ihre Nachrichten abhörte, jeweils eine von ihrer Schwester; ihrem Anwalt; ihrer Freundin Blair, mit der sie jeden Mittwoch Abendessen und Klatsch teilte, aber wenig mehr; und Nikki, ihrer Tochter, in der Reihenfolge.

Sie rief zuerst Nikki zurück.

„Hi, Schatz. Ich bin’s, Mom. Was gibt’s?“

„Wärst du mir böse, wenn ich am Freitag nicht zu dir komme?“

Was das anging, war Nikki genau wie ihr Vater. Nicht um den heißen Brei reden, einfach geradeheraus sagen, was ihr durch den Kopf ging.

„Was ist denn Freitag?“ Allie ließ sich langsam auf den nächsten Stuhl sinken.

„Da ist ein großer Ball in der Schule—“

„Kein Problem. Ich kann dich danach abholen“, meinte Allie.

„Aber … weißt du, danach ist eine Übernachtungsparty bei Courtney, und da will ich wirklich gerne hin.“ Nikki machte eine kurze Pause. „Jeder geht da hin. Alle von meinen Freunden. Ich kann doch nicht als Einzige nicht hingehen.“

„Ich weiß nicht, Nik. Wir konnten schon letztes Wochenende nicht wegen des Fußballturniers.“

„Das war nicht meine Schuld“, protestierte Nikki. „Ich musste mitmachen. Ich bin Stammspielerin.“

„Habt ihr nicht diesen Samstag auch ein Auswärtsspiel?“

„Ja, aber Courtneys Mutter hat gesagt, sie fährt uns alle und geht hinterher mit uns Pizza essen.“

Allie schwieg und überlegte, was schlimmer war: Darauf zu bestehen, dass ihre Tochter das Wochenende mit ihr verbrachte und mit Schweigen gestraft zu werden oder die coole, verständnisvolle Mutter zu sein, die ihrer Tochter ihren Willen ließ, auch wenn Allie dann mehr als die Hälfte ihres Wochenendes alleine verbringen würde.

„Mom?“

„Ich denke nach.“

„Bitte? Ich möchte nicht das einzige Mädchen in der Klasse sein, das nicht zu Courtney geht. Bitte, bitte?“, bettelte Nikki. „Ich will nicht, dass alle über mich reden.“

„Wie meinst du das?“

„Naja, irgendwer redet immer über die Mädchen, die nicht da sind.“

„Wenn sie hinter deinem Rücken über dich lästern, sind sie nicht wirklich deine Freunde, Nik.“

„Mom.“

Allie seufzte. Sie würde nicht mehr Erfolg haben, diese Diskussion zu gewinnen, als letztes Wochenende, oder das Wochenende davor, als Courtneys Mutter drei der Mädchen zu einem Strandhaus in Malibu mitgenommen hatte, für ein paar Tage Spaß in der Sonne. Allie fragte sich oft, was Courtneys Vater machte, während ihre Mutter die Kinder überall hin kutschierte.

„Na gut.“ Allie verfluchte ihren Exmann innerlich. Es war seine Idee gewesen, Nikki in Woods Hall anzumelden, die noble Privatschule, die vier Blocks von dem neuen großzügigen Haus entfernt war, das Clint nach der Scheidung gekauft hatte, und siebenundzwanzig Meilen weit weg von Allies. Nikki hatte in Woods Hall einen komplett neuen Freundeskreis gefunden, von dem Allie die meisten nicht erkennen würde. In der Schule in der Nachbarschaft hatte Allie jedes Kind in Nikkis Klasse gekannt, und die meisten der Mütter.

Noch ein Grund mehr, diesen Mann zu hassen.

„Dann hol ich dich ab … wo soll ich dich abholen?“ Allie hatte vergessen, wo Courtney wohnte.

„Courtneys Mutter kann mich bei Dad rauslassen und dann kannst du mich da abholen.“

Na prima.

„Okay. Ruf mich an, wenn ihr bei der Pizzeria seid, dann mache ich mich auf den Weg.“

„Danke, danke, danke!“, quiekte Nikki.

„Du bist die beste Mom aller Zeiten! Hab dich lieb!“

„Hab dich lieber.“

Beste Mom aller Zeiten. Allie stieß auf sich an und schüttete den Scotch herunter, nachdem Nikki aufgelegt hatte.

Es war alles Clints Schuld. Ihre ursprüngliche Sorgerechtsvereinbarung sah vor, dass Nikki unter der Woche bei Allie blieb, und das Wochenende bei Clint verbrachte. Das hatte das erste Jahr über funktioniert, aber es war eines Abends im letzten Sommer in die Brüche gegangen, als Clint Nikki vom gemeinsamen Wochenende wiederbrachte. Nikki war sofort in ihr Zimmer gerannt, und Clint hatte Allie mit einer Broschüre von Woods Hall überrumpelt.

„Nikki verdient die Vorteile einer Privatschule“, hatte Clint in ernstem Ton gesagt. „Möchtest du nicht, dass sie das Beste bekommt?“

„Natürlich möchte ich das“, hatte Allie ihn angeblafft. „Aber was stimmt nicht mit der Mittelschule, in die sie letztes Jahr gegangen ist? Die ist nur ein paar Straßen weiter.“

Er zog eine Grimasse. „Wirklich, das ist gar kein Vergleich, Al. Woods Hall hat kleine Klassen, ein ausgezeichnetes Angebot an Kunst, Musik, Athletik, mehr von allem, was sie mag. Oh, und ihr Angebot an Sprachen ist unübertroffen.“

Allie rang um eine Antwort, aber fand keine. Das Kunst- und Sportangebot an den örtlichen öffentlichen Schulen war über die letzten zwei Jahre drastisch gekürzt worden, und die einzige Sprache, die noch angeboten wurde, war Spanisch. Nikki hatte zwei Sommer lang Französisch im Ferienlager gelernt und es geliebt, und sie hatte mehrmals über die Tatsache gemurrt, dass sie ihr Studium nicht während des Schuljahrs weiterführen konnte.

„Außerdem hat sie schon ein paar Mädchen aus ihrer Klasse kennengelernt, und—“

„Ach? Und wie kam‘s?“

„Einer meiner Nachbarn hat eine Tochter in Nikkis Alter, und Nik hat den Sommer über viel Zeit mit ihr verbracht, wenn sie mich besucht hat. Sie haben sich angefreundet, und als Nikki Interesse an Courtneys Schule gezeigt hat, habe ich einen Termin vereinbart, um sie sich mal anzuschauen. Wir haben gestern einen Rundgang gemacht, und Nikki war wirklich begeistert. Es versteht sich von selbst, dass sie in akademischer Hinsicht um Längen besser ist als ihre alte Schule. Du weißt, wie schlau sie ist. Denk mal nach, wie viel mehr Woods Hall zu bieten hat.“ Clint war ruhig geblieben angesichts des sich zusammenbrauenden Sturms an Emotionen von Allie, wie immer. Damit schaffte er es immer, das Drama höher zu treiben. „Also, was sagst du, Al? Gib ihr das Beste, oder sei glücklich mit dem Reste?“

„Ich hasse es, wenn du so was sagst.“

Clint hatte die Schultern gezuckt. „Was wir aneinander mögen oder nicht mögen, haben wir bereits geklärt. Jetzt gerade reden wir über die Zukunft unserer Tochter. Über ihr Leben.“

„Wie viel kostet das Schulgeld?“

„Das hat sich schon erledigt.“ Er begriff, dass er sich verraten hatte, und sagte, um es zu überspielen: „Ich kriege es zurückerstattet, wenn du beschließt, dass sie nicht gehen soll. Aber es war nur noch ein Platz in der Klasse übrig und ich wollte nicht, dass ihr das entgeht.“

„Klingt so, als ob es in dieser Diskussion nicht um die Frage geht, ob ja oder nein, sondern ob ich so fies sein werde und ihr Leben ruiniere, indem ich ihr sage, dass sie nicht zu dieser exklusiven, großartigen Schule gehen darf, auf die ihr Daddy sie schicken möchte.“ Allie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich wusste, dass du deswegen ein Theater machst.“ Er warf die Broschüre auf den Couchtisch und stand auf. „Sag mir Bescheid, wie du dich entschieden hast.“

„Du weißt, wie weit es von hier bis da ist. Und du weißt auch, dass ich um sieben bei der Arbeit sein muss.“ Allie folgte ihm zur Tür. „Wie soll ich sie morgens zur Schule bringen und pünktlich bei der Arbeit sein?“

„Ich bin sicher, dass dir was einfällt.“ Er öffnete die Tür. „Denk drüber nach, Al. Denk dran, was das Beste für sie ist, nicht, was für dich bequem ist.“

Er hatte leise die Tür hinter sich geschlossen. Sie hatte sie zuschlagen wollen, aber die Chance hatte er ihr genommen.

Allie hatte nachgegeben, aber bestand darauf, die Hälfe des Schulgeldes zu bezahlen.

Zum Beginn des Schuljahres hatte Allie Nikki jeden Morgen gefahren, was eine enorme Plage gewesen war, aber es hatte funktioniert, größtenteils weil Allie einen späteren Arbeitsbeginn ausgehandelt hatte.

Natürlich bedeutete ein späterer Start ein späteres Ende, was dazu führte, dass Nikki nach der Schule meistens zu Clint ging und dort auf ihre Mutter wartete. Aber oft verlängerte die Hauptverkehrszeit Allies Fahrt so lange, dass Nikki jeden Tag das Abendessen bei ihrem Vater einnahm. Mitte Oktober musste sogar Allie zugeben, dass diese Regelung nicht funktionierte.

Und Nikki war dem Fußballteam beigetreten, das jeden Tag nach der Schule trainierte und oft Spiele am Samstag hatte. Als Nikki Allie anbettelte, unter der Woche bei Clint leben zu dürfen und am Wochenende bei ihr zu sein, was quasi die Sorgerechtsregelung einmal umkehrte, fiel Allie kein guter Grund ein, abzulehnen. Sie hasste es, diese fünf Tage mit ihrer Tochter zu verlieren, aber, wie Clint sie bei jeder Gelegenheit erinnerte, es ging nur darum, was das Beste für Nikki war.

Es hatte Allie das Herz gebrochen zuzusehen, wie der einzige Mensch auf der Welt, den sie wirklich, innig liebte, auf dem Beifahrersitz von Clints Auto wegfuhr. Nachdem das Auto um die Ecke verschwunden war, war Allie in Nikkis Zimmer gegangen, hatte sich auf die Bettkante gesetzt und geweint. Nikki hatte ihre alte Steppdecke dagelassen, aber ansonsten das Zimmer komplett ausgeräumt. Es hatte sich leer angefühlt, ein Geisterzimmer, ein Ort, der sein Herz verloren hatte. Selbst jetzt stand Allie manchmal im Türrahmen und starrte das Wandgemälde an, das sie gemalt hatte, mit allen von Nikkis Lieblingstieren, die in einer fröhlichen Waldlandschaft herumtollten. Es hatte zwei Monate gedauert, es fertigzustellen, aber angesichts von Nikkis Freude, als es fertig war, war es jede Minute wert.

An dem ersten Montagabend seit Nikki weg war, hatte sich Allie mit einer Flasche Wein vor dem Fernseher geparkt. Sie hatten immer Castle zusammen geguckt. Es verdarb ihr den Abend, es allein zu schauen. Es war ein Schock gewesen, als sie am nächsten Morgen feststellte, dass sie auf dem Sofa eingeschlafen war, mit der leeren Weinflasche neben der Fernbedienung auf dem Boden, und zu spät zur Arbeit kam.

Einschlafen klang so viel besser als bewusstlos werden.

Danach wurden Wein und ein paar Gameshows Allies abendliches Programm. Sie kam von der Arbeit nach Hause und zog, zu einsam, um etwas für sich allein zu kochen, den Korken aus ihrer Flasche Pinot Grigio. Ehe sie sich versah, war es Morgen, und der Schmerz und die Einsamkeit, die sie am Abend vorher versucht hatte, zu ertränken, kamen wieder zum Vorschein. Irgendwie schaffte sie es durch die Arbeit, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen und wieder eine Flasche zu öffnen. Dann entdeckte Allie Scotch und kümmerte sich nicht mehr um Wein. Scotch war immer Honoras Wahl gewesen, eine Wahl, die für die einst beliebte Schauspielerin den Rausschmiss aus mehr als einem Film bedeutete, da sie unfähig war, sich ihren Text zu merken oder pünktlich da zu sein oder eine ganze Szene zu drehen. Nach einer Weile verebbten die Rollenangebote, und die gedemütigte Honora kaufte ein Farmhaus tief in den Hollywood Hills, wo sie das Getratsche ignorieren konnte, und hatte ihren Mann und ihre zwei Töchter mit zwei Papageien und einem Nymphensittich ersetzt. Die ganze Familie schien damals zu zersplittern, als Allie und Des getrennte Wege gingen und ihr Vater, Fritz, aus ihrem Leben zu verschwinden schien.

Schon lange vor ihrem Tod war Honora kein Teil mehr von ihrem Leben gewesen, aber diesen Abend, warum auch immer, fühlte Allie schmerzlich den Verlust.

Wir hätten uns näherstehen sollen. Ich hätte versuchen sollen, besser zu verstehen, was sie durchgemacht hat. Ich hätte netter zu ihr sein sollen.

Nicht so urteilend. Besonders weil ich anscheinend in ihre Fußstapfen trete, dachte Allie ironisch, während sie noch ein paar Eiswürfel in ihr Glas warf und sich noch zwei Fingerbreit des bernsteinfarbenen Drinks eingoss.

Natürlich bin ich nicht wie Mom. Ich bin eine gute Mutter. Eine tolle Mutter. Ich bin immer für Nikki da, wenn sie mich braucht. Nach dem langen Tag habe ich mir einen oder zwei Drinks zur Entspannung verdient.

Ihr fiel die Nachricht von ihrer Schwester wieder ein, und fragte sich, ob Des die Sache mit ihrer Mutter auch so bedauerte. Wenn ja, würde sie das Allie nie anvertrauen, was, wie Allie einsah, ihre eigene Schuld war. Des hatte über die Jahre hinweg versucht, Kontakt aufzunehmen, aber Allie hatte es nie geschafft, ihren Groll gegen ihre jüngere Schwester beiseite zu tun.

Ich sollte sie zurückrufen, bevor es zu spät wird …

Allie ging zur Terrasse und blickte über die Steinmauer, die den Rosengarten umgab, den sie vor fünf Jahren angelegt hatte.

Clint hatte gelacht, als er von der Arbeit nach Hause kam und sie verschwitzt und dreckig auffand, nachdem sie den ganzen Tag gegraben, gepflanzt und bewässert hatte, und gesagt, dass sie wie ein Feldarbeiter rieche; aber sie war mit der Anstrengung zufrieden gewesen und sehr stolz über die vielen Knospen, die geblüht hatten. Sie hasste die Vorstellung, dass ein anderer ihre Rosen pflückte und hübsche Blumengestecke für den Eingangsflur oder das Esszimmer machte, aber es war unvermeidlich, dass es irgendwann jemand tun würde.

Am meisten hasste sie Clint dafür, dass er ihre ganze Welt auf den Kopf gestellt hatte. Die Rosen waren nur noch eine Sache mehr, die sie aufgeben musste, weil er „es einfach nicht mehr so fühlte.“

Sie hasste das Gefühl der Bitterkeit, aber es war da.

„Clint, gibt es eine andere?“, hatte sie gefragt.

Clint hatte die Augen gerollt, mit dem Gesichtsausdruck, den sie am meisten hasste. Der, der sagte, Ach bitte, in einem übertriebenen Ton der Verzweiflung. „Wirklich, Allie, du bist so ein Klischee. Du kannst dir nicht vorstellen, dass ich mich einfach entliebt habe, ohne in jemand anderen verliebt zu sein. Ich hab’s dir doch schon gesagt. Ich fühle es einfach nicht mehr so.“

Und einfach so war ihre Ehe – ihr Leben – zerfallen.

Drinnen klingelte das Telefon, und sie eilte hinein, um ranzugehen. Vielleicht war es Nikki, um zu sagen, dass die Party am Freitag ausfiel …

„Hallo?“

„Allie, hier ist Onkel Pete. Ich fürchte, ich habe schlechte Neuigkeiten …“

Des

Cross Creek, Montana

„Du wirst so ein tolles Leben haben. Deine neue Familie wird dich verwöhnen wie verrückt. Du bist echt ein Glückspilz, Sasha.“

Die kleine, weiße Pitbull-Mischlingshündin saß auf dem Vordersitz des großen SUV, als ob er ihr gehörte, und wedelte mit dem Schwanz.

Des Hudson folgte dem GPS zu dem Haus am Seeufer von Jim und Mary Conner, das Pärchen, das bald durch das Cross Creek Animal Shelter die stolzen Besitzer von Des‘ neuestem Pflegehund waren.

„Da sind wir, Sasha.“ Des parkte am Fuß der Auffahrt. „Dann nehmen wir dich mal an die Leine. Ja, du siehst so hübsch aus in Pink.“

Der kleine weiße Hund hüpfte auf Des‘ Schoß und verteilte ein Dutzend schlabberiger Küsse auf ihrem Gesicht.

„Also, sei ein gutes Mädchen, so wie ich’s dir beigebracht habe“, flüsterte sie. „Denk an deine Manieren und sei lieb, okay?“

Des nahm den Hund und ihre Tasche und stieg aus dem Auto. Sie setzte Sasha auf den Boden und holte tief Luft. Das war immer der glücklichste und schwierigste Tag für sie, wenn ihre Mühen sich auszahlten, einen Hund auf ein neues Zuhause vorzubereiten. Wie so viele Hunde vor ihr, war Sasha zu Des gekommen, nachdem sie misshandelt und ausgesetzt worden war, und bedurfte viel Liebe und einer sanften Hand. Manchmal dauerte es länger als bei anderen, aber wenn Des soweit war, ihren Schützling seinen neuen Herrchen zu übergeben, wusste sie, dass der Hund das beste Haustier sein würde, was sie je haben würden.

Des liebte die Pflege, liebte es, den Tieren zu helfen, ein neues Zuhause zu finden; dennoch brach ihr immer fast das Herz, wenn sie einen Hund abgeben musste, der ihr ans Herz gewachsen war, und sie hatte jeden geliebt, den sie aufgenommen hatte in den letzten fünf Jahren.

Jetzt war Sashas Happy End dran.

„Da sind deine neue Mami und dein neuer Papi“, sagte Des zu Sasha. „Schnapp sie dir. Lass deinen Charme spielen. Na los, Sash. Zeit für den Abflug.“

„Oh, sie ist so süß.“ Mary Conner kniete sich hin, als Sasha mit wehender, pinker Leine die Einfahrt hochlief. Sie nahm den Hund hoch und knuddelte ihn. „Du bist so ein hübsches Mädchen.“

Jim Conner kam seiner Frau hinterher und strahlte wie ein frischgebackener Vater.

„Wir können Ihnen nicht genug danken“, rief er Des zu, die mit einem Kloß im Hals am Ende der Einfahrt stand.

Sie wusste, dass sie sich nicht so an die Hunde gewöhnen durfte, wusste, dass jeder nur eine kurze Zeit bei ihr sein würde, aber sie konnte es nicht ändern.

„Gern geschehen.“ Des holte Sashas Körbchen und eine Tasche voll Leckerlis vom Rücksitz. „Sie ist an das Körbchen hier gewöhnt, also dachte ich, Sie möchten es vielleicht haben. Ihre Lieblingsdecke und ihre Spielzeuge sind auch da drin, und ein bisschen von ihrem üblichen Futter.“

Die Conners gingen auf Des zu, während Sasha zwischen ihnen hin und her tanzte, bevor sie einem Blatt nachjagte, das über den Rasen gepustet wurde.

„Und das sind ihre Lieblingsleckerlis.“ Des überreichte die Tüte.

„Danke, Des. Wir sind Ihnen so dankbar, dass Sie sie zu uns gebracht haben.“

„Im Körbchen liegt ein Blatt mit ihrer Geschichte, ihren Impfungen und so weiter. Gut, es gibt natürlich nur einen Tierarzt und Doc Early hat all das in seinen Unterlagen, aber man weiß ja nie.“

„Danke“, sagte Mary.

„Gut, ich denke, dann haben wir‘s.“ Des sah der Hündin zu, wie sie über den Rasen jagte. „Rufen Sie mich an, wenn irgendwas ist … Oh, hatte ich Ihnen schon gesagt, dass sie Angst vor lauten Geräuschen hat?“

„Ja, das haben Sie, als wir uns das letzte Mal getroffen hatten.“ Mary drehte sich um und rief nach der Hündin. „Sasha, komm und sag Des auf Wiedersehen.“

„Oh nein, das ist nicht …“ protestierte Des, aber Sasha rannte schon mit wedelndem Schwanz zu ihr, bereit, hochgenommen und ins Auto verfrachtet zu werden. „Diesmal nicht, meine Kleine.“ Des kniete sich hin. „Du bist jetzt zu Hause.“

Sie wollte noch mehr sagen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, also beugte sie nur den Kopf, damit Sasha ihr ein letztes Mal das Kinn lecken konnte. Dann stand sie auf und gab Mary die Leine. „Rufen Sie mich an, wenn sie irgendwelche Fragen haben.“

„Das werden wir“, sagte Mary. Des stieg in ihr Auto.

Sie konnte durch das Fenster sehen, wie Sasha an der Leine zog, als sich das Auto entfernte. Die Tränen, die sie zurückgehalten hatte, fielen ihr auf die Wangen.

„Verdammt.“

Sie weinte den ganzen Weg nach Hause, und noch einmal, als sie ihre leere Wohnung betrat. Aber sie wusste, dass morgen ein anderer Hund zu ihr kommen würde, der ihre beruhigende Stimme und sanfte Art brauchte. Ein Wanderer hatte letzte Woche einen sechs Jahre alten Beagle im Wald gefunden und ins Tierheim gebracht. Der Tierarzt hatte ihn freigegeben, aber er war misstrauisch, ängstlich und unterernährt, und verbrachte die meiste Zeit in der hinteren Ecke seiner Box.

„Das arme Ding ist zu Tode erschrocken. Als er hergebracht wurde, trug er ein Halsband ohne Hundemarke. Sieht so aus, als wäre er das Haustier von jemandem, das irgendwie ausgerissen und auf Erkundungstour gegangen ist, aber den Weg nach Hause nicht mehr gefunden hat. Könnte sein, dass er schon eine ganze Weile herumwandert, was erklären würde, warum er so abgemagert ist. Wir haben ihn sauber gekriegt und werden sein Foto überall aufhängen, wie üblich. Doc sagt, er habe keinen Chip, und man könne nicht ausschließen, dass er ausgesetzt wurde. Er ist ein launischer kleiner Kerl, also habe ich natürlich sofort an dich gedacht“, hatte Fran gesagt, die langatmige Leiterin des Tierheims, fast ohne Luft zu holen. „Niemand kann so gut mit einem ängstlichen Tier umgehen wie du. Nimmst du ihn auf und schaust mal, ob du ihn rumkriegst, während wir nach seinen Leuten suchen? Wenn wir ihn nicht nach Hause bringen können, müssen wir es mit Adoption versuchen.“

„Na klar. Ich hole ihn am Mittwoch ab. Ich bringe Sasha Dienstagnachmittag zu den Conners.“

„Das war eine gute Wahl“, sagte Fran. „Die Conners werden sich gut um sie kümmern.“

„Das will ich ihnen geraten haben, oder sie kommt wieder zu mir.“

„Des, wir mussten doch noch nie einen deiner Hunde zurücknehmen.“

„Ich weiß. Ich sag’s ja nur.“

Des schaltete den Fernseher an, um die Stille zu durchbrechen. Sie stand in der Mitte des Wohnzimmers und hörte sich den Wetterbericht für die kommende Woche an. Klar und kalt die nächsten zwei Tage und Chance auf Schnee am Donnerstag. In Montana kam der Winter früh und blieb lange. Des hatte einige Zeit gebraucht, sich daran zu gewöhnen, besonders, da sie aus Südkalifornien stammte, aber sie hatte sich akklimatisiert.

Sie füllte ihre Vorratskammer und ihren Holzstapel auf, vergewisserte sich, dass ihr Generator funktionierte, und betete, dass sie genug Bücher hatte, um das Schlimmste der Jahreszeit zu überstehen.

Seit sie sechs war, hatte sie davon geträumt, in einer Blockhütte zu leben. Ihre Mutter hatte eine Rolle in einem Film gehabt, der im Wilden Westen gespielt hatte, und Des hatte zwischen den Aufnahmen immer am Set der Blockhütte gespielt. Sie war bitter enttäuscht gewesen, als die Dreharbeiten endeten und die Hütte abgebaut wurde. Vor fünf Jahren hatte sie ein paar ihrer Freunde besucht, die sich in Montana ein Zuhause aufgebaut hatten, und sich in die Stadt und den Staat verliebt. Als am Rande der Stadt ein paar Hektar Land mit Blockhaus verfügbar wurden, hatte Des sofort zugeschlagen. Das erste Jahr war hart gewesen, und der strenge Winter schien kein Ende zu haben. Mit der Hilfe ihrer Freunde hatte sie ihn überlebt, aber sie schwor sich, niemals wieder so unvorbereitet zu sein.

Sie schaltete den Fernseher aus und ging in die Küche, hob Sashas Wassernapf auf und wusch ihn aus. Es war fast sechs Uhr, also hatte sie eine Stunde Zeit, zu duschen und sich anzuziehen. Heute musste sie zum Buchclub – eine Gruppe von Frauen, die sich zu Abendessen und Gesprächen jeden zweiten Dienstag trafen. Normalerweise freute sich Des darauf. Sie genoss die Gesellschaft und die Diskussionen, aber aus irgendeinem Grund war sie heute Abend nicht ihr übliches enthusiastisches Selbst.

Sie blieb auf dem Weg zu ihrem Schlafzimmer vor der Wand über dem Kamin stehen, der gegenüber ihrem Bett lag, um sich die Sammlung an Familienfotos anzusehen: Ihre Mutter in mehreren ihrer Kinorollen, damals, als sie noch atemberaubend schön war, bevor der Alkohol seinen Tribut gefordert hatte; ihre Schwester, Allie, als Kind, und später als Mutter, die ihre neugeborene Tochter im Arm hielt; Nikki während ihrer Kindheit; und Des‘ Vater, Fritz. Was für ein Verbrecheralbum. Sie schüttelte den Kopf. Mom ist fort und Allie, Dad, und ich reden fast nie.

Dieser Gedanke hatte die letzten zwei Wochen so sehr an ihr genagt, dass sie sich vorgenommen hatte, ihren Vater und ihre Schwester am Morgen anzurufen.

Sie stieg in die Dusche, und eine Dreiviertelstunde später war sie angezogen und ging mit ihrem Buch und dem Apfelkuchen für den Nachtisch unter den Arm geklemmt aus der Tür. Dankbar für die Sitzheizung und das geheizte Lenkrad, die bei den eisigen Temperaturen echt ein Segen waren, schob Des eine CD in den CD-Player und sang zu Katy Perry den ganzen Weg zu Jenny Sanders‘ Haus zwei Meilen die Straße runter mit. Bis sie ankam, hatte sich ihre Laune gebessert, und sie war bereit für ein großartiges Abendessen mit guten Freunden und eine lebhafte Diskussion über ein Buch, was ihr gefallen hatte.

Des holte den Beagle Paolo um zwei Uhr ab, und verbrachte den Großteil des Nachmittags damit, mit dem traurigen, kleinen Hund im Hinterhof zu sitzen und leise über alles zu reden, was ihr in den Sinn kam, um Paolo an ihre Stimme zu gewöhnen. Als die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwand, sagte sie zu ihm: „Das war’s für heute, Kumpel. Es wird kalt und das California Girl hier hat jetzt genug. Zeit, rein zu gehen.“

Sie hielt die Leine und der Hund stand mit zitternden Beinen auf, aber folgte ihr nach drinnen.

„Komm, Paolo. Mal sehen, ob du jetzt Hunger hast.“ Sie bot ihm den Fressnapf an, den er vorhin nur kurz beschnuppert hatte. Sie wandte sich um, um ihren Mantel aufzuhängen, und als sie sich wieder zu ihm umdrehte, nahm er ein paar zaghafte Bissen. „Guter Junge“, lobte sie ihn.

Sie zog ihre Stiefel aus und ließ sie bei der Hintertür stehen. „Denk nicht mal dran, auf denen rumzukauen. Ich bin nebenan. Gesell dich ruhig zu mir, wenn dir danach ist.“

Sie schlüpfte in ein Paar Stoffhosen und ein T-Shirt und ging ins Wohnzimmer, wo sie eine DVD einlegte. Die nächste halbe Stunde über dehnte sich Des zusammen mit der lebhaften Zwanzigjährigen auf dem Bildschirm – der nach unten schauende Hund, der Hase, der Halbmond, die halbe Kobra – während sie versuchte, ihren Geist freizumachen und sich zu entspannen. Dann wurde sie auf eine Bewegung an der Tür aufmerksam. Paolo hatte ein paar vorsichtige Schritte in den Raum gemacht. Des ignorierte die DVD, setzte sich auf den Boden und winkte den Hund zu sich. Es dauerte ein paar unsichere Augenblicke, aber schließlich legte er sich neben sie, und bald darauf lag sein Kopf auf ihrem Bein. „Guter Junge“, lobte sie ihn sanft, und kraulte ihn hinter den Ohren, bis seine Augen zufielen und er einschlief. Des lehnte sich ans Sofa, und gerade, als sie selbst ihre Augen geschlossen hatte, klingelte ihr Telefon. Sie griff hinter sich und nahm es vom Tisch.

„Hallo?“, sagte sie leise.

„Des?“

„Hi, Kent.“ Ihr aktueller … was eigentlich? Nicht Freund. Hoffentlich-Freund? Zukünftiger Freund? Sie hatte noch nicht entschieden, wo sie ihn einordnen sollte.

„Warum flüsterst du?“

„Ich habe heue einen neuen Pflegehund aufgenommen. Er ist mit seinem Kopf auf meinem Bein eingeschlafen und ich will ihn nicht aufwecken.“

„Glückspilz.“

„Ha ha. Seine Vergangenheit war nicht so glücklich, aber ich habe große Hoffnungen für seine Zukunft.“

„Du nimmst dieses Rettungsding echt ernst, was?“ Bei ihm klang es so, als ob das vielleicht keine so gute Sache war.

„Das tue ich. Jemand muss es tun. Warum nicht ich?“

Sie seufzte, als keine Antwort kam. „Das ist halt mein Ding, Kent. Das ist mein Job.“

„Das verstehe ich.“ Als ob es ihm erst nachträglich eingefallen war, fügte er hinzu: „Ich mag Hunde auch.“

Mal abgesehen von seiner Behauptung, verstand er es offensichtlich nicht.

Des hatte keine Lust, auf all die Gründe einzugehen, warum ihre Bemühungen beim Tierheim so wichtig waren, warum es ihr so viel bedeutete, sowohl etwas im Leben der Tiere zu bewirken, die sie pflegte, als auch im Leben derer, die sie adoptierten. Die Gründe für ihre Bemühungen gingen Kent nichts an. Es gab Dinge, die Des nicht einfach so preisgab.

„Kannst du denn den Hund gerade lange genug alleinlassen, um vielleicht Freitag mit mir was essen zu gehen? Oder Samstag, wenn dir das besser passt?“

„Samstag habe ich was vor, aber Freitag würde gehen.“

Sie versuchte, den leichten Sarkasmus in seiner Stimme zu ignorieren. Die letzten Dates mit ihm hatten Spaß gemacht, und sie war noch nicht bereit, ihn abzuschreiben. Mehrere ihrer Freunde hatten ihr gesagt, dass sie immer zu schnell darin war, andere Typen abzuspeisen, und einer ihrer neuen Vorsätze war es, offener und unvoreingenommener zu sein.

„Wäre der Campfire Inn okay für dich?“

„Na klar. Ist einer meiner Favoriten.“

„Um sieben?“

„Ich werde da sein.“

In den nächsten fünfzehn Minuten wurde sie mit Kents Vortrag über den Golfausflug am Nachmittag verwöhnt, Loch für Loch, Green für Green, Put für Put. Sie lehnte sich zurück, mit dem Kopf gegen das Sofa und dem Hund schnarchend auf ihrem Bein, und hörte nur halb mit geschlossenen Augen zu. Es war nicht so, dass er langweilig war. Er war eher … gut, ja, er war langweilig, auf eine egozentrische Art und Weise. Um ehrlich zu sein, war ihr Golf völlig egal, und sie hatte wahrscheinlich genauso wenig Interesse an seinem Spiel wie er an ihren Bemühungen in der Pflege. Was nicht allzu gut klang für ihre Zukunftsaussichten. Aber vielleicht würde sie ja ihre Meinung ändern, wenn sie offen blieb und ihn etwas besser kennenlernte. Alle sagten immer, was für ein toller Kerl er sei, und sie versuchte wirklich sehr, es auch so zu sehen. Aber als sie den Klick hörte, der anzeigte, dass sie einen Anruf bekam, war sie fast dankbar, ihr Gespräch auf Halten zu legen.

„Falls ich dich verliere, rufe ich dich zurück“, versprach sie ihm. Bevor Kent antworten konnte, drückte sie die Haltetaste und sagte: „Hallo?“

„Wie geht’s meiner wackeren Lieblingspionierin?“

„Onkel Pete!“ Sie lachte leise. „Ich schlag‘ mich so durch in meiner Blockhütte. Wie geht’s dir denn?“

„Nicht gut, Des.“ Er räusperte sich. „Ich fürchte, ich habe sehr schlechte Neuigkeiten, Liebes.“

Sie runzelte die Stirn. Sie hatte noch nie diesen düsteren Ton in seiner Stimme gehört.

„Es geht um deinen Vater …“

Kapitel Eins

Peter J. Wheeler saß an dem glänzenden Mahagonischreibtisch in seinem vertäfelten Anwaltsbüro in Center City Philadelphia und übte sein Gespräch mit den Begünstigten vom Testament seines besten Freundes, wenn sie angekommen waren. Es würde keinen einfachen oder angenehmen Weg durch die nächsten paar Stunden geben, und hätte er den Verstorbenen nicht wie seinen eigenen Bruder geliebt, hätte er Fritz Hudson für seine Lage mit eigenen Händen erwürgen können. Über die Jahre hatte Pete Fritz immer mal wieder aus der Klemme helfen müssen, aber das hier … das hier war … feige. Es führte kein Weg dran vorbei. Fritz war ein Feigling durch und durch. Er war einfach gestorben und hatte Pete mit der Drecksarbeit zurückgelassen. Nicht, dass Pete Fritz nichts schuldig war – er war der Letzte, der das bestreiten würde – aber trotzdem. Gab es nicht Grenzen beim Zurückzahlen?

„Mr. Wheeler, Ms. Monroe und Miss Hudson sind da“, informierte ihn Marjorie, die Rezeptionistin der Firma, über die Sprechanlage.

Schicken Sie sie weg. Weit, weit weg …

„Schicken Sie sie rein.“

Pete stand auf und nestelte an seinen Manschetten, damit seine Hände etwas zu tun hatten, und bereitete sich seelisch darauf vor, das Testament vorzulesen – und ihnen die Neuigkeiten zu überbringen.

Die Tür öffnete sich und Fritz‘ Töchter, Allie und Des, kamen herein und begrüßten ihn mit einem Lächeln, Umarmungen und Küsschen auf die Wange. Es war kein Geheimnis, dass das Vermögen ihres Vaters ziemlich beträchtlich war, und ohne Zweifel gaben die beiden Frauen schon im Geiste ihren Anteil aus.

„Allie, Des. Schön, euch beide zu sehen“, sagte er, bevor er sich auf den traurigen Grund für ihre Anwesenheit besann. Er räusperte sich und setzte eine ernste Miene auf. „Noch einmal, mein Beileid für euch beide.“

„Für dich auch.“ Des drückte seine Hand. „Du hast ihm nähergestanden als wir. Ich schätze, du vermisst ihn mehr als jeder andere.“

„Ich würde alles dafür geben, dass er heute bei uns sein könnte.“ Damit ich ihm den Hals umdrehen kann, was ich schon hätte tun sollen, als er noch am Leben war. Oder zumindest könnte er seine eigene Drecksarbeit erledigen, wenn er heute hier wäre.

„Das glaube ich dir.“ Allie sah sich das Büro an. „Neue Ausstattung? Gefällt mir.“

„Danke. Das ganze Leder und die Bilder von englischen Jagdhunden haben mich langsam fertiggemacht.“ Er musste schmunzeln. Vor sechs Monaten hatte Fritz in Petes Büro gestanden, die Hände in die Hüften gestemmt. „Glaubst du nicht, dass es Zeit wird, diesen alten ‚Horrido!‘-Kram loszuwerden, Pete? Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Stil schon in den Neunzigern out war.“

Ich hätte ihn an Ort und Stelle an einen Stuhl fesseln sollen, ihm ein Telefon in die Hand drücken und nicht wieder gehen lassen sollen, bis er seinen Kindern die Wahrheit gesagt hat. Allen seinen Kindern.

„Allie, wie geht’s Nikki? Gefällt ihr die neue Schule?“

Pete bot der großen, schlanken Blonden, die leicht gereizt schien, einen Stuhl an.

„Es geht ihr sehr gut, danke.“

„Und dir?“

„Oh, fantastisch.“ Der Sarkasmus in Allies Stimme war unüberhörbar. „Außer, dass die Fernsehshow abgesetzt wurde, bei der ich gearbeitet habe, und ich mein Haus verkaufen muss, weil ich mir die Unterhaltungskosten und die Hälfte von Nikkis Schulgeld nicht leisten kann. Aber sonst geht’s mir einfach prima.“

„Es tut mir leid, dass die Dinge gerade nicht besser für dich laufen. Aber du wirst doch oft namentlich als Regisseurin erwähnt, oder?“

„Regieassistentin“, korrigierte sie.

„Aber trotzdem erkennt man deinen Namen wieder. Es wird sicher bald jemand anrufen.“ Er versuchte, ihr Mut zu machen, aber er sah ihr an, dass sie es ihm nicht abnahm.

„Naja, sobald Dads Vermögen aufgeteilt ist, kannst du alles sicher zum Besseren wenden.“ Des, die drei Jahre jünger und zehn Zentimeter kleiner war als ihre Schwester, hatte nicht auf eine Aufforderung gewartet, sich zu setzen. „Darum geht’s hier doch auch, nicht wahr, Onkel Pete?“

„Ähhh … naja … ja, aber …“, stotterte er. Keine Probe der Welt hätte ihn auf das vorbereiten können, was diesen Morgen vor ihnen lag.

In diesem Moment zeigte Allie auf den dritten Stuhl vor dem Schreibtisch.

Sie runzelte die Stirn. „Kommt noch jemand?“

Bevor Pete antworten konnte, klopfte Marjorie an die Tür und öffnete sie. „Mr. Wheeler …“

„Äh … ja.“ Er ging um den Schreibtisch, als eine zierliche Frau mit lockigen, hellen, kastanienbraunen Haaren das Büro betrat. „Cara. Komm rein, bitte.“ Er umarmte auch sie. „Setz dich.“

Allie und Des drehten sich verwirrt zu dem Neuankömmling um.

„Allie. Des. Das ist Cara McCann.“ Er holte tief Luft und wappnete sich für den Shitstorm, der gleich ausbrechen würde. „Eure Halbschwester.“ Er drehte sich zu Cara. „Cara, das sind Allegra Monroe und Desdemona Hudson. Deine Halbschwestern.“

Die darauffolgende Stille hätte gewaltiger nicht sein können. Die drei Frauen starrten Pete an, dann einander für eine gefühlte Ewigkeit.

Schließlich räusperte sich Allie und sagte mit giftigem Blick auf Pete gerichtet: „Was zur Hölle, Onkel Pete?“

„Zur Hölle ist, dass euer Vater ein Doppelleben geführt hat. An der Westküste hatte er Nora und euch beide“, sagte er zu Allie und Des. Zu Cara gewandt fügte er hinzu: „Und an der Ostküste …“

„Hatte er Susa und mich“, sagte Cara leise mit bleichem Gesicht, ihre Hände fest auf ihrem Schoß verschränkt und ihren Blick auf ihn gerichtet.

„Offensichtlich ist das die kurze Version. Sicher gibt es noch mehr.“

„Die lange Version ist nicht viel anders. Es geht nur darum, die Lücken zu füllen.“

„Dann schlage ich vor, dass du das tust.“ Des verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn erwartungsvoll an.

„Deswegen wollte er kein Begräbnis oder Gedenkgottesdienst“, sagte Cara. „Er wollte schnell verbrannt werden, damit wir uns nicht an seinem Grab treffen.“

„Traurig, aber wahr. Als er erkannt hat, wie nah er dem Ende war, hat er einen Nachtrag hinzugefügt, damit er sofort verbrannt wird und ihr erst danach benachrichtigt werdet.“

„Fang von vorne an“, sagte Allie, die ihn immer noch anfunkelte. „Und vielleicht kannst du ja irgendwann eine Erklärung einwerfen, warum Dad dieses Geheimnis für sich behalten hat.“

Pete seufzte schwer. „Ich habe ihm schon immer gesagt, dass das eine dämliche Lebensweise ist. Dass er mit der Wahrheit rausrücken muss, Nora sagen muss, dass er die Scheidung durchzieht. Dass er jemanden getroffen hat, der ihn glücklich macht.“ Pete schaute zu Cara und sagte mit weicherer Stimme: „Deine Mutter hat deinen Vater sehr glücklich gemacht, Cara.“

„Also willst du damit sagen, dass er unsere Mutter nie geliebt und sie ihn unglücklich gemacht hat?“, zickte Allie.

„Na klar hat sie das.“ Des sah zu ihrer Schwester. „Das wissen wir beide. Wenn man sich’s genau überlegt, hat sie uns beide auch ziemlich unglücklich gemacht. Wie kannst du jemanden lieben, bei dem du dich die ganze Zeit traurig, nicht gut genug und ungeliebt fühlst?“

„Du redest gerade von unserer Mutter, Des. Die Frau, die uns auf die Welt gebracht hat.“

„Und die es bereut hat. Seien wir ehrlich. Mom mochte die Idee von Kindern viel lieber, als tatsächlich welche zu haben. Wenn sie uns vor eine Kamera ziehen konnte, um ihr Image zu retten, wenn sie mal wieder Mist gebaut hat, haben wir ja noch einen Zweck erfüllt. Aber sonst konnte sie keine von uns wirklich gebrauchen.“

Bevor Allie antworten konnte, beugte sich Cara vor und sagte: „Warte mal. Ich glaube, ich habe was übersehen. Nochmal zurück zu der Stelle, wo du Dad erzählt hast, dass er … der anderen Frau sagen muss, dass er die Scheidung durchzieht.“

„Vorsichtig, Fräulein.“ Allie warf Cara einen tödlichen Blick zu. „Diese ‚andere Frau‘ ist unsere Mutter. Und weil sie und Dad nie geschieden waren, glaube ich eher, dass deine Mutter ‚die andere Frau‘ ist.“

„Stimmt das, Onkel Pete? War Dad noch mit ihrer Mutter verheiratet, als er meine geheiratet hat?“ Caras Blick durchbohrte ihn, und er wusste, dass ihm der Moment bevorstand, den er am meisten gefürchtet hatte.

Er ging um den Schreibtisch und setzte sich Cara gegenüber auf die rechte Seite. „Naja, theoretisch … ja.“

„Was heißt das? Entweder er war geschieden, als er mit Susa verheiratet war, oder nicht.“ Caras Augen fixierten die seinen. „War mein Vater von seiner ersten Frau geschieden, als er meine Mutter geheiratet hat?“

„Nein.“

„Hat meine Mutter das gewusst?“

„Das … das kann ich nicht genau sagen …“, murmelte Pete. Gott, er hasste Fritz in diesem Moment.

Cara lachte unerwartet. „Natürlich kannst du das. Du weißt alles über ihn.“

„Ich denke, am Anfang wollte er es ihr sagen. Aber er hat sich so sehr in Susa verliebt, dass es mit der Zeit immer schwieriger wurde, es ihr zu sagen. Er wollte sie glücklich machen, sie heiraten.“ Er zuckte die Schultern. „Und das tat er.“

„Wie konnte er ihre Mutter heiraten, wenn er noch mit unserer verheiratet gewesen ist?“, fragte Des. „Muss man da nicht einen Schein beantragen? Wird das nicht irgendwie kontrolliert?“

Pete zuckte die Schultern. „Ich weiß ehrlich nicht, wie er das alles umgangen hat. Er ist einfach eines Morgens mit einer Flasche Champagner und zwei Gläsern in der Hand aufgetaucht. Er hat mich gebeten, auf seine neue Braut anzustoßen.“ Pete hielt inne. Wenn er seine Augen schloss, konnte er immer noch das Leuchten in Fritz‘ Augen sehen. Ohne Zweifel war er glücklicher gewesen, als Pete ihn je zuvor gesehen hatte, und definitiv bis über beide Ohren verliebt.

„Und du hast was gesagt?“ Allie winkte ungeduldig, damit er fortfuhr.

„Ich weiß nicht mehr, was ich genau gesagt habe, aber wahrscheinlich war es so etwas wie … um dich zu zitieren, Allie: ‚Was zur Hölle?‘ “

„Hast du ihn wegen Mom gefragt? Hast du ihn gefragt, wann er die Scheidung eingereicht hat?“, fragte Des eindringlich. „Wobei ich vermuten würde, dass du als sein Anwalt da deine Hände mit im Spiel hättest haben sollen.“

„Ich habe ihn gefragt, und er hat rumgestottert, wie immer, wenn er über etwas nicht reden wollte.“ Er sah jede einzelne der Frauen an und fügte hinzu: „Ich glaube, ihr wisst alle, was ich meine.“

Die drei Frauen nickten.

„Also, du willst damit sagen, dass er ein Bigamist war.“ Cara standen Tränen in den Augen. „Wie konnte er meiner Mutter so etwas antun?“

„Deiner Mutter?“ Allie schnaubte. „Was ist mit unserer Mutter?“

„Hat Mom es gewusst, Onkel Pete?“, fragte Des leise.

„Soweit ich weiß, hat er es ihr nie gesagt.“

„Wahrscheinlich, weil sie kaum miteinander geredet haben.“ Allie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Also, können wir zum Punkt kommen? Was heißt das alles für Dads Testament?“

„Wir erfahren, dass Dad eine andere Frau und ein Kind hatte und alles, und du denkst nur daran, was das an deiner Erbschaft ändern wird?“, fragte Des.

„Natürlich wird es was ändern, wenn man annimmt, dass Dad sie in seinem Testament erwähnt“, antwortete Allie. „Und das nehme ich an, weil sie sonst nicht hier wäre, und es keinen Grund für diese große Offenbarung gegeben hätte. Die mir, ehrlich gesagt, völlig egal ist. Dad hatte also eine Geliebte und sie hatten ein Kind zusammen und–“

„Sie war nicht seine Geliebte“, fauchte Cara und fuhr zu Allie herum.

„Da wo ich herkomme, wenn eine Frau mit einem verheirateten Mann zusammenlebt–“

„Sie wusste nicht, dass er verheiratet war. Sie konnte es nicht wissen. Sie hätte nie …“ Cara stand auf. „Sie hätte nicht …“ Sie schluckte die Tränen hinunter. „Du kanntest meine Mutter nicht. Du weißt nicht, wer oder was sie war.“

Allie starrte aus dem Fenster hinter Petes Schreibtisch. „Oh, ich kann mir sehr gut denken, was sie war.“

„Allie, hör auf“, rief Des. „Fang nicht mit sowas an.“

„Warum nicht? Wie würdest du sie denn nennen? Sie hat mit einem verheirateten Mann geschlafen und ein Kind von ihm.“

„Lass es, Allie“, sagte Pete schlicht. In sanfterem Ton sagte er: „Cara, setz dich. Es gibt noch mehr, was ihr alle wissen müsst.“ Alle Frauen wandten sich ihm gleichzeitig zu.

„Warte, lass mich raten“, sagte Allie dramatisch. „Es gibt noch eine dritte Frau …“

Würde es ihn überraschen, wenn es so wäre? Pete verdrängte den Gedanken, kehrte zu seinem Stuhl zurück und holte tief Luft. „Ich fange mal so an: Ihr drei seid die Begünstigten von Fritz‘ Testament, mit einem–“

Allie unterbrach ihn. „Gleichwertige Begünstigte? Sie auch?“

„Ja. Gleichwertige.“ Er stützte seine Unterarme auf den Schreibtisch. „Fritz‘ Vermögen wird dreigeteilt, und daran ist nichts zu rütteln. Das weiß ich, da ich das Testament eures Vaters aufgeschrieben habe. Also komm damit klar.“

Als Allie den Mund öffnen wollte – offenbar unwillig, aufzugeben – sagte Des: „Herrgott nochmal. Dad war ziemlich reich, Al. Er war seit Jahren ein berühmter Künstlervermittler und Manager. Allein ein Drittel seines Vermögens würde dich sehr lange stinkreich machen.“ Sie schaute zu Pete. „Stimmt’s, Onkel Pete?“

Er nickte. „Ja. Euer Vater hat ein großes Vermögen hinterlassen. Die Summe, die ihr erben werdet, ist beträchtlich. Zumindest, wenn ihr die restlichen Bedingungen erfüllt.“

„Welche Bedingungen?“, fragte Cara skeptisch.

Jetzt kam der schwierige Teil. Pete räusperte sich erneut und begann den Teil der Verkündung, den er immer und immer wieder geprobt hatte.

„Euer Vater hat jeden von euch sehr geliebt. Ich weiß, dass er sich nicht immer bemüht hat, das zu zeigen.“ Diese Bemerkung war an Allie und Des gerichtet.

„Das ist noch untertrieben“, grollte Allie. „Wenn ein Anruf ab und zu aussagt, wie sehr er uns geliebt hat.“ Sie warf Cara einen stechenden Blick zu. „Aber jetzt wissen wir ja, warum er so beschäftigt war.“

Cara wollte protestieren, aber Pete hob seine Hand. „Glaubt mir, ihr werdet später noch genug Zeit haben, euch zu beschimpfen.“

„Das klingt ja ominös“, sagte Des.

Pete machte mit seiner Ansprache weiter. „Wie ich schon sagte, euer Vater hat euch alle geliebt. Er wollte mehr als alles andere, dass ihr euch kennenlernt und liebgewinnt.“

„Weshalb er sie ja auch geheim gehalten hat.“ Allie zeigte in Caras Richtung.

„Er hat mir von dir aber auch nicht erzählt“, konterte Cara.

„Meine Damen. Bitte.“ Pete legte seine Hand auf den Kopf, eine Geste, mit der er früher sein Haar zurückgestrichen hatte, was mittlerweile fast verschwunden war.

„Wenn es ihm so wichtig war, dass wir uns kennen, warum hat er es uns dann nicht selber gesagt?“, fragte Cara.

„Weil er tief im Innern ein Feigling war.“ Da. Er hatte es ausgesprochen. „Er konnte sich euch einfach nicht stellen. Ich glaube, er dachte, es wäre nicht so wichtig, weil Nora nicht mehr da war. Cara, als Susa gestorben ist, konnte er dir einfach nicht die Wahrheit sagen. Also ließ er die Sache auf sich beruhen und war überzeugt, dass der richtige Moment schon kommen würde. Wie du ja weißt, tat er das nie.“

„Und was kommt jetzt?“, fragte Des leise.

„Euer Vater wollte nicht nur, dass ihr an seinem Reichtum teilhabt, sondern auch an seinem Leben.“

„Ein bisschen spät, was das angeht“, spottete Allie.

„Was er zum Ende hin sehr bereut hat, glaub mir. Er war davon besessen, dass ihr euch kennenlernt. Und deshalb hat er euch dreien eine Herausforderung hinterlassen. Wenn ihr es schafft, erbt ihr sein gesamtes Vermögen. Wenn nicht, bekommt ihr gar nichts.“

Sie begegneten seiner Aussage mit Schweigen und leeren Blicken.

Schließlich sagte Allie: „Bitte sag, dass du uns verarschst.“

„Ich versichere euch, das tue ich nicht. Und das war übrigens auch nicht meine Idee“, erklärte Pete. „Glaubt mir. Ich habe alles getan, was ich konnte, um ihn davon abzubringen. Aber er hat es sich in den Kopf gesetzt, dass das der richtige Weg ist–“

„Was für eine Herausforderung?“, platzte Cara heraus.

„Irgendwas wie die zwölf Aufgaben des Herkules würde ich schätzen.“ Allie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Fast, Allie. Er will, dass ihr drei ein altes Theater in seiner Heimatstadt restauriert. Zusammen.“

„Moment, was?“

„Wie bitte?“

„Ein Theater restaurieren? Hat er den Verstand verloren?“

Pete gab ihnen ein paar Minuten, sich aufzuregen.

„Wenn ihr mit eurem Geschimpfe fertig seid, würde ich gerne weitermachen.“ Er blickte von Allie zu Des zu Cara und wieder zurück. Als sie sich beruhigt hatten, fuhr er fort. „Das Theater wurde von eurem Urgroßvater, Reynolds Hudson, erbaut. Es ist ein Art déco-Schatz und gehört zum National Register of Historic Places.“

„Was, wenn der Besitzer nicht will, dass es restauriert wird?“, fragte Cara.

„Fritz war der Besitzer. Jetzt ist es ein Teil des Vermögens, das ihr erben werdet. Wie gesagt, sein Großvater hat es gebaut, und es hat der Familie noch bis vor etwa zwanzig Jahren gehört. Der neue Besitzer wollte es restaurieren, aber er hat die Kosten stark unterschätzt und war pleite, bevor es fertig war“, erklärte Pete. „Als es vor einem Jahr abgerissen werden sollte, hat Fritz es zurückgekauft. Er dachte, er hätte seinen Vater und Großvater schon im Stich gelassen, als er es überhaupt aus den Händen der Familie gegeben hat. Allein, dass das Gebäude so weit heruntergekommen ist, hat ihm bis zum Schluss zu schaffen gemacht, weil es Teil seines Familienerbes ist.“

„Warum hat er es dann überhaupt verkauft, wenn es so wichtig war?“, fragte Des. „Ich habe nur gehört, dass er mal in einem Theater gearbeitet hat, als er jung war, und da Mom kennengelernt hat.“

„Ich habe davon noch überhaupt nichts gehört“, fügte Cara hinzu. „Und er hat seine Familie mir gegenüber nie erwähnt.“

„Wenn ich’s mir recht überlege, mir gegenüber auch nicht“, sagte Des. „Allie?“

„Nichts.“

„Zeit für eine kleine Geschichtsstunde, meine Damen.“ Pete machte es sich auf seinem Stuhl bequem. „Die Hudson-Familie war entscheidend für die Besiedlung von Hidden Falls, einer Kleinstadt in Pennsylvania. Fritz‘ Großvater gehörten einige Kohleminen, zu der Zeit, als Kohle noch eine große Sache war. Reynolds machte ein Vermögen und sah es als seine Verantwortung an, sein Geld zum Nutzen der Allgemeinheit in die Stadt zu investieren.“

„Also hat er ein Theater gebaut?“, fragte Allie.

„Unter anderem. Er hat außerdem Geld für den Bau des ersten Krankenhauses im Landkreis gespendet, und ein Internat, das für die Kinder seiner Minenarbeiter kostenlos war. Die örtliche Schule wurde auf Land gebaut, das er zur Verfügung gestellt hat. Die Familie war immer stolz darauf, dass die Molly Maguires von Hidden Falls fernblieben, während so viele andere Minen von der Gruppe attackiert wurden, die gegen die Arbeits- und Lebensbedingungen dort protestierten.“

„Also war er ein echter Philanthrop“, sagte Cara nachdenklich.

„Genau. Die Minen sind schon seit langer Zeit geschlossen, und das Vermögen der Familie bekam einen Knacks in den 1930er-Jahren, aber Fritz‘ Vater – euer Großvater, er hieß auch Reynolds – führte das Theater weiter. Zeigte Filme jede zweite Woche, lud jeden in der Stadt ein, sie sich kostenlos anzuschauen. Seine Frau trommelte ihre Freunde zusammen und gründete eine örtliche Theatergruppe für Kinder und Erwachsene. Die Zeiten waren ziemlich düster, aber das Theater gab den Leuten etwas, was Spaß machte. Jeden Monat konnten sie ein neues Stück sehen, immer kostenfrei. Oh ja, das Theater war fester Bestandteil der Stadt.“ Pete hielt inne. „Ich weiß noch, wie mein Vater mir immer erzählt hat, wie er als Kind mit seiner ganzen Familie dorthin gegangen ist, alle schick herausgeputzt für einen zauberhaften Abend. Das Sugarhouse – also das Theater – hat einen besonderen Platz in der Geschichte der Stadt.“

„Kein Wunder, dass Dad dachte, er hätte Mist gebaut.“ Des nickte.

„Also versteht ihr seinen Standpunkt. Er wollte wirklich das Theater selbst restaurieren, hatte schon ein paar Kostenvoranschläge für die anfallenden Arbeiten angefordert, und hat sogar schon mit der Mechanik angefangen. Ich weiß nicht, wie weit er damit gekommen ist, weil es bald offensichtlich wurde, dass er das Ende des Projekts nicht erleben würde.“ Pete zögerte, als er sich an die letzten Tage mit seinem Freund erinnerte. Er wartete, bis der Kloß in seinem Hals etwas kleiner wurde, ehe er fortfuhr. „Also versteht ihr vielleicht, warum er es zur Bedingung eurer Erbschaft gemacht hat, das Gebäude zu restaurieren und wieder als Theater in Gebrauch zu nehmen.“

„Musste wohl an seinen Medikamenten gelegen haben. Sie haben ihn wahnsinnig gemacht“, sagte Allie. „Er konnte offensichtlich nicht klar denken.“

„Oh, glaub mir, er wusste genau, was er tat. Wir haben alles in jeglicher Hinsicht durchgesprochen“, versicherte Pete.

„Warum hast du ihn dann nicht davon abgebracht?“, sagte Allie fordernd.

„Was soll ich sagen? Du kennst doch deinen Vater: Man hätte es ihm nie ausreden können. Er dachte, damit könnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ihr lernt euch kennen und das Sugarhouse wird erneuert. Eine Win-win-Situation.“

„Von dem offensichtlichen Problem damit mal ganz abgesehen, was hat er sich gedacht, wie wir das schaffen sollen?“, fragte Allie. „Sicher hat er nicht erwartet … Wo war das nochmal?“

„Hidden Falls, Pennsylvania“, antwortete Pete. „Ihr wisst, dass euer Dad und ich zusammen in Pennsylvania aufgewachsen sind, oder?“

„Ich wusste, dass er irgendwo aus Pennsylvania kommt, aber Dad wollte nie über seine Kindheit reden. Ist Hidden Falls irgendwo in der Nähe von Philadelphia? Oder Pittsburgh?“, fragte Des.

„Oder irgendeiner zivilisierten Stadt?“ Allie hielt zwei gekreuzte Finger hoch.

„Es liegt in den Poconos. Bevölkerung …“ Pete stockte. „Tatsächlich habe ich keine Ahnung, wie hoch die Bevölkerung heutzutage ist, aber es ist wahrscheinlich nicht viel.“

„Die Poconos? Ist das nicht ein Gebirge?“ Allie rümpfte mit offensichtlicher Abscheu die Nase. „Warte. Doch nicht etwa die Gegend mit all diesen kitschigen, herzförmigen Badewannen?“

„Genau die.“ Pete lächelte. „Die Welthauptstadt der Flitterwochen.“

„Ich habe jedenfalls keine Lust, bei diesem dämlichen Spiel mitzumachen.“ Allie wandte sich den anderen zwei Frauen zu. „Eine oder beide von euch können ja mitspielen, aber was mich angeht–“

„Wirst du nichts erben“, unterbrach sie Pete. „Tatsächlich wird keine von euch irgendwas erben. Das Geld wandert dann an Wohltätigkeitsorganisationen meiner Wahl.“

Bereit, zu explodieren, fuhr Allie herum. Bevor sie zu Wort kommen konnte, sagte Pete: „Wenn sich irgendeine von euch weigert, oder abreist, bevor das Theater restauriert wurde, wird keine von euch auch nur einen Cent erben.“

„Einer für alle, alle für einen“, murmelte Des.

„Du hast gesagt ‚abreisen‘“, sagte Cara vorsichtig. „Abreisen von wo?“

„Während ihr an eurem Projekt arbeitet, werdet ihr im Haus der Familie eures Vaters wohnen, das euer Urgroßvater gebaut hat.“

„Auf keinen Fall.“

„Niemals.“

„Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Ist mein voller Ernst“, sagte Pete.

„Mit ihr zusammen wohnen? Das kannst du nicht ernst meinen.“ Allie sah erschrocken zu Cara.

„Was heißen würde, dass ich mit euch beiden zusammen wohnen müsste“, antwortete Cara. „Ehrlich, ich glaube, ich komme bei dem Deal schlechter weg.“

„Okay, angenommen, wir würden all dem zustimmen“, überlegte Des laut. „Wie sollen wir die Sanierung bezahlen? Wenn das Gebäude abgerissen werden sollte, nehme ich an, dass es eine Menge Arbeit brauchen wird. Woher sollen wir das Geld nehmen?“

„Von dem Nachlass. Euer Dad hat für das Projekt Geld auf einem speziellen Konto beiseitegelegt. Wäre vielleicht eine gute Idee, eine von euch zu wählen, die für das Scheckbuch verantwortlich ist, denn wenn ihr das, was er eingeplant hat, übersteigt, müsst ihr den Rest der Kosten selber tragen.“ Er wies mit seinem Stift auf Des. „Des, das wäre vielleicht ein guter Job für dich. Dein Dad hat mir oft erzählt, wie gut du mit dem Geld umgegangen bist, das du mit deiner Fernsehserie verdient hast. Wie vernünftig du es investiert hast.“

Cara runzelte die Stirn. „Welche Serie?“

„Lange Geschichte“, sagte Des zu ihr. „Anscheinend werden wir viel Zeit haben, uns alles zu erzählen.“

„Also hat Dad erwartet, dass wir einfach so abrauschen, um einen Job zu erledigen, den er hätte machen sollen.“ Allie sprach aus, was die anderen beiden zweifellos dachten. „Wir haben ein Leben, weißt du. Was ist mit meiner Tochter? Das ist wirklich unerhört unpassend und rücksichtslos von ihm.“

„Deine Tochter kann bei ihrem Vater leben, bis die Schule vorbei ist.“ Petes Geduld ging langsam zu Ende. „Was dich angeht, du bist arbeitslos und hast keine absehbaren Perspektiven, und bist drauf und dran, dein Haus zu verlieren. Also wenn du mich fragst, ist es ein sehr passender Zeitpunkt für dich.“ Sie begann, zu widersprechen, aber Pete schnitt ihr das Wort ab. „Des, du kannst von deinen Anlagen leben und musst nicht arbeiten, und zu dieser Jahreszeit wirst du nicht viel zurücklassen außer den Winter in Montana.“

Er wandte sich Cara zu. „Du hast ein eigenes Geschäft und eine bemerkenswert qualifizierte Assistentin, die das ganze letzte Jahr über gebettelt hat, sich einzukaufen. Jetzt ist eine gute Gelegenheit, zu schauen, wie sie sich als potenzieller Partner machen würde.“ Er sah die Drei an. „Es wird keine großen Schwierigkeiten für euch geben, wenn ihr sofort anfangt. Das ist der letzte Wunsch eures Vaters. Alles, was zwischen euch und eurer Erbschaft steht, ist, ihn zu erfüllen.“

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass er es ernst meint.“ Allie drehte sich zu Des.

„Warum besorgen wir uns nicht einfach unseren eigenen Anwalt und fechten es an? Es muss einen Weg drumherum geben. Unfassbar, dass du uns so etwas antun würdest, Onkel Pete.“

„Ich mache nur das, was euer Vater wollte. Er war mein bester Freund, und ich denke, sein Wahnsinn hatte Methode. Aber wie ihr wollt.“ Pete öffnete eine Schreibtischschublade und nahm drei Umschläge heraus. Er reichte jeder der Frauen einen und sagte: „Hier ist eine Kopie des Testaments. Bitte, bringt sie ruhig zu einem Anwalt eurer Wahl. Aber ihr verschwendet damit nur Zeit und Geld. Als ich gesagt habe, dass am Testament nichts zu rütteln ist, meinte ich das auch so.“ Die drei Frauen starrten auf die Umschläge, aber keine von ihnen öffnete ihn.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum er das getan hat“, sagte Cara.

„Nun, ich habe versucht, alles so gut zu erklären, wie ich konnte.“ Pete griff in die offene Schublade und nahm ein kleines Gerät heraus. „Jetzt wird es Zeit, dass ihr direkt etwas von eurem Dad hört.“

„Was?“, fragte Cara.

„Euer Vater hat euch eine Nachricht hinterlassen. Er wollte, dass ich sie abspiele, nachdem ich die Bedingungen seines Testaments durchgegangen bin.“ Er drückte einen Schalter und lehnte sich zurück. Einen Augenblick später hörten die Frauen die Stimme ihres Vaters.

„Ist das Ding hier an? Pete, ist es an?“

„Es ist an, Fritz. Leg los.“

„Okay. Also, Mädchen, wenn ihr das hört – und wenn der alte Pete hier seine Pflicht mir gegenüber getan hat – bin ich nur noch Asche in einer Urne, und bei euch dreien ist gerade eine Bombe eingeschlagen. Ich muss mich bei jedem von euch entschuldigen, für Sachen, die ich getan und auch nicht getan habe. Ich habe nicht genug Zeit, jede Sache aufzuzählen, in der ich euch im Stich gelassen habe, aber bitte wisst, dass es mir von Herzen leidtut, dass ich nicht der Vater bin, den ihr verdient. Ihr sollt wissen, dass ich euch drei mehr als alles andere auf der Welt liebe … auf dieser, auf der nächsten. In welcher auch immer ich lande.“ Er kicherte über seinen Versuch, einen Scherz zu machen, und hustete.

Nach einem Moment fuhr er fort. „Ich möchte, dass ihr versteht, dass ich eure Mütter geliebt habe, beide, auf meine eigene Art und zu ihrer eigenen Zeit. Denkt niemals, dass ihr je schuld an meinem Handeln wart. Allie, damit meine ich dich ganz besonders. Denk einfach an unsere letzte Unterhaltung und an das, was ich dir gesagt habe.“ Er hielt inne und hustete erneut. Als er weitersprach, klang seine Stimme etwas schwächer. „Des, es tut mir leid, dass ich vor deiner Mutter nicht für dich eingestanden bin, als du es brauchtest. Ich hätte nicht zulassen sollen, dass sie dich zu etwas zwingt, was du nicht willst.“ Mehr Husten. „Cara Mia, es tut mir leid, dass ich gelogen habe. Tut mir leid, dass du und Susa meinetwegen all diese Jahre eine Lüge gelebt habt. Tut mir leid, dass ich …“ Hust, hust. „Dass ich alles Pete überlassen habe.“ Die Stimme wurde leiser, als ob Fritz sich vom Recorder abgewandt hätte. „Pete, du bist der beste Freund der Welt. Ich liebe dich wie einen Bruder …“ Noch ein Hustenanfall, länger, stärker dieses Mal.

Dann Petes Stimme. „Fritz, das ist genug.“

„Nein. Ich muss ihnen vom Theater erzählen. Warum es wichtig ist.“

„Ich werde es ihnen sagen.“

„Aber–“

„Ich werde es ihnen sagen. Versprochen.“ Ein schwerer Seufzer von Pete. „Verabschiede dich, Fritz.“

Ein noch schwererer Seufzer von Fritz. „Auf Wiedersehen, Mädchen. Seid gut zueinander. Vertraut einander und euch selbst. Tut, worum ich euch bitte, und alles wird gut werden. Versprochen. Hab euch lieb. Immer.“

Pete wischte sich die Augen und schaltete den Recorder ab. Das einzige Geräusch im Zimmer war das Schniefen der drei Frauen, denen Tränen über ihre Gesichter liefen. Er gab Cara eine Schachtel mit Taschentüchern. Sie nahm sich welche und reichte die Box weiter an Des, die sie mit Allie teilte.

Als sie sich schließlich alle gesammelt hatten, zeigte Cara zu dem nun stummen Recorder. „Wann hat er das gemacht?“

„An dem Nachmittag bevor er starb“, antwortete Pete.

„Wann hat er dir gesagt, dass er krank ist?“, fragte Des.

„Am selben Tag, an dem er es erfahren hat“, gab Pete zu. „Er hatte sehr wenig Zeit, alles in Ordnung zu bringen.“

„Was ist mit seiner Asche passiert?“, fragte Cara.

Pete deutete auf eine große, silberne Urne im oberen Fach eines Bücherregals gegenüber.

„Du meinst, er ist hier?“ Allies Augen weiteten sich. „Er war schon die ganze Zeit hier?“

„In gewisser Hinsicht, ja.“ Pete sah amüsiert zu, wie sich alle drei Frauen umdrehten und die Urne anstarrten. „Ich weiß, das ist alles ein Schock für euch, und was euer Vater von euch verlangt hat, ist … naja, ungewöhnlich, gelinde gesagt. Aber sobald ihr das Theater zum Laufen gebracht habt, beerdigt ihr seine Asche auf dem Friedhof seiner Familie neben seinen Eltern. Dann steht es euch allen frei, zu eurem Leben zurückzukehren, und ihr müsst euch nie wieder sehen.“

Er wartete auf einen Kommentar. Als keiner kam, machte er weiter.

„Okay. In den Umschlägen findet ihr außerdem eine Wegbeschreibung zu dem Haus in Hidden Falls. Euer Vater hat jedem von euch ab heute einen Monat gegeben, dort anzukommen. Denkt dran, ihr alle müsst ab dem Datum anwesend sein, ansonsten kriegt keiner auch nur einen Cent. Wenn irgendeiner von euch abreist, bevor das Theater fertig ist, geht das Geld an eine Wohltätigkeitseinrichtung. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt.“

Zufrieden stand er auf. Er hatte sein letztes Versprechen seinem alten Freund gegenüber gehalten. „Noch irgendwelche Fragen?“

Niemand sagte ein Wort.

„Gut. Also, ihr könnt mich ruhig anrufen, wenn euch noch etwas einfällt. Ansonsten nehme ich an, dass ihr alle den Wunsch eures Vaters befolgt.“ Immer noch Stille.

„Alles klärchen.“ Pete ging zur Tür und öffnete sie. „Meldet euch. Sagt mir Bescheid, wie es läuft.“ Pete umarmte jede der drei Frauen und gab ihnen einen Kuss auf den Kopf, als sie wortlos hintereinander das Büro verließen. Er begleitete sie zum Fahrstuhl, drückte den Knopf nach unten, und trat beiseite, während die Drei schweigend die Kabine betraten. Als die Tür zuging, kehrte er zu seinem Büro zurück, erleichtert, dass seine Rolle in Fritz‘ Chaos vorerst vorbei war.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte Marjorie, als Pete an ihrem Tresen vorbeiging. Pete rollte die Augen.

„Also wie wir’s vermutet haben“, antwortete sie. „Naja, es wird sicherlich interessant zuzusehen, wie das hier ausgeht.“

„Oh ja.“

„Glauben Sie, dass sie es schaffen können?“

„Wenn sie sich erst mit der Idee angefreundet haben, sicher. Aber ob sie es können, ohne sich zu zerfleischen …“ Pete zuckte die Schultern.

„Haben Sie ihnen von Barney erzählt?“

„Nö. Den Teil hab ich weggelassen.“ Pete betrat sein Büro, und fügte über seine Schulter gewandt hinzu: „Sie müssen auch etwas selbst herausfinden können.“

Kapitel Zwei

„Erzähl mir alles.“ Darla stürmte durch Caras Hintertür in die hübsche blau-weiße Küche mit einem Strauß Narzissen in einer Hand und einer Flasche Wein in der anderen. „Fang ganz von vorne an, und lass nichts aus. Pack aus.“

Darla öffnete die Flasche und warf den Korken in das glänzende Spülbecken, wo er mit einem Klingeln landete.

Cara packte alles aus.

Darla hing mit aufgerissenen Augen an ihren Lippen.

„Und so habe ich rausgefunden, dass Dad drei Töchter hatte, nicht eine. Und zwei Ehefrauen. Kann sein, dass es eine Ehefrau war und eine, die vielleicht mit ihm verheiratet war, oder auch nicht. Da bin ich mir immer noch nicht sicher.“

„Das ist ja … das ist …“ Darla suchte nach Worten. „Einfach unfassbar. Dein Vater …“

„Ich weiß. Ich kann es immer noch nicht glauben.“ Cara füllte eine Vase mit Wasser und arrangierte gedankenverloren die Blumen.

„Und du hast nie etwas geahnt …?“

„Wie denn? Wer fragt sich denn, ob sein Vater noch eine andere Frau und Kinder – eine ganz andere Familie – irgendwo geheim hält?“ Cara stellte die Blumen auf die Theke. „In unserem Fall waren wir natürlich die geheime Familie, denke ich.“

„Das klingt jetzt bestimmt dämlich. Ich meine, ich hasse es, wie einer dieser Fernsehreporter zu klingen, der jemandem ein Mikro ins Gesicht drückt und wissen will: ‚Und wie fühlt es sich an, wenn einem ins Gesicht geschossen wird?‘“ Darla goss Wein in beide Gläser und reichte Cara eins davon. „Aber wie fühlst du dich?“

„Ich weiß nicht, was das richtige Wort dafür ist. Ich weiß nicht, ob es das richtige Wort überhaupt gibt. Fassungslos. Traurig. Verraten. Wütend. Verletzt. Für mich selbst und meine Mom.“ Sie klopfte leise mit den Fingern auf ihrem Glas herum.

„Hat sie es gewusst?“

„Ich bin mir nicht sicher.“ Cara dachte an die letzten Worte ihrer Mutter zurück. „Vielleicht. Ich habe Onkel Pete gefragt, aber keine klare Antwort bekommen. Vielleicht hat sie es gewusst und es hat sie einfach nicht gekümmert. Sie hat sich nicht immer um Dinge gekümmert, die anderen wichtig waren. Sie war einfach so ein Freigeist.“

„Naja, Freigeist oder nicht, alles ist in Ordnung, solange man glücklich mit seinem Leben ist. Susa schien glücklich zu sein. Ich habe noch nie erlebt, dass sie sich über etwas beklagt hätte.“

„Sie hat immer gesagt, sie liebe ihr Leben, also ja, sie war glücklich. Sie hatte ihren Laden und ihr Yoga und ihre Gärten und ihr Stricken.“ Es war so viel einfacher, über ihre Mutter zu reden, als über ihren Vater. „Sie hat immer gesagt, wenn man über die schlechten Sachen redet, öffnet man Negativität die Türen zu seinem Leben. Besser, auf das Gute zu schauen, Dinge zu finden, die Freude bringen.“

„So wie all ihre Bastelprojekte“, erinnerte Darla sie. „Weißt du noch, als sie uns Batik beigebracht hat?“

„Wir hatten wochenlang rote Finger von der Farbe, die sie natürlich selbstgemacht hat, Susa eben.“ Cara lachte. „Ich muss immer an sie denken, wenn ich Rote Bete sehe.“

Cara legte den Kopf in die Hand, den Ellbogen auf den Tisch gestützt.

„Ich habe es immer so cool gefunden, dass meine Mutter anders war als die anderen. Sie hatte immer Zeit für mich. Sie hat mich nie weggescheucht oder ist meinen Fragen ausgewichen. Sie war so eine sanfte Seele. Offen und ehrlich. All diese Dinge – ihre Sanftheit, ihre Ehrlichkeit, ihre Einzigartigkeit, ihre Lebensfreude – hat mein Vater an ihr geliebt.“ Cara blickte für einen langen, stillen Augenblick in ihren Wein. „Ich kann das, was ich heute gelernt habe, nicht mit dem Vater in Einklang bringen, den ich kannte. Ich weiß, dass er mich geliebt hat. Ich weiß, dass er meine Mutter geliebt hat. Manchmal kam es mir so vor, sie wären so verliebt, dass sie niemand anderen brauchten, nicht mal mich. Dar, ich komme einfach nicht damit klar, dass er eine andere Frau und andere Töchter hatte.“

„Wie sind sie so? Deine Schwestern?“

„Halbschwestern“, korrigierte Cara. „Ich war nur eine Dreiviertelstunde mit ihnen zusammen, also weiß ich nicht wirklich, wie sie sind.“

„Erster Eindruck?“

„Die Ältere, Allie, wirkt bitter. Kühl. Die Jüngere, Des, kam nicht so hart rüber wie Allie.“ Cara rollte die Augen. „Aber mal ehrlich, wer nennt seine Kinder Allegra und Desdemona?“

„Ich schätze, derselbe Typ, der dich Cara Mia Starshine genannt hat.“

„Das ‚Starshine‘ war Susas Idee.“

„Ach nee.“

„Aber ich weiß, dass die beiden genauso verblüfft waren wie ich, da bin ich mir sicher. Besonders Allie. Sie war nicht sehr nett. Tatsächlich war sie ziemlich zickig deswegen.“

„Man kann es ihr nicht verdenken.“ Darla fügte hastig hinzu: „Ich will sie nicht verteidigen oder so, aber Fritz war zuerst mit ihrer Mutter verheiratet, oder? Also denkt sie vielleicht, dass du und Susa ihr was weggenommen habt. Als ob sie zuerst da war, und … oh Mist, ich weiß auch nicht, was ich hier rede.“ Darla vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Vergiss, dass ich das gesagt habe.“

„Nein, du hast ja Recht. Er gehörte zuerst zu ihnen. Ich weiß nicht, was sich zwischen Dad und ihrer Mutter abgespielt hat, oder warum und wann er sie verlassen hat – eigentlich, wenn ich recht drüber nachdenke, weiß ich nicht mal, ob er ihre Mutter überhaupt je verlassen hat. Ich hatte den Eindruck, dass sie ihn nicht oft gesehen haben. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass er sich mehr mit Susa und mir beschäftigt hat, bei der ganzen Zeit, die er hier verbracht hat; auf der anderen Seite hat er jeden Monat all diese Ausflüge zur Westküste gemacht.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Jetzt weiß ich wenigstens, warum er seine Geschäfte in Kalifornien gelassen hat und mich und Susa hier draußen in New Jersey.“

„Ich glaube nicht, dass Susa umgezogen wäre, selbst wenn er sie gefragt hätte.“

„Sie hat es geliebt, in dieser kleinen Stadt zu leben und jeden zu kennen und ihren kleinen Laden und ihre Freunde zu haben“, sagte Cara, und ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Hatte er nicht ein Glück?“

„Glück, ja, aber er kannte Mom gut genug, um zu wissen, dass sie nie L.A. besuchen wollte, selbst wenn er sie für ein Wochenende einlud. Sie hasste es, zu fliegen, und sie hat immer gesagt, sie hat genauso wenig Interesse an seinen Geschäften, wie er an ihren.“

„Und wie sahen sie aus?“

„Allie ist groß und dünn. Echt, wie ein Model. Elegant. Sehr schick. Bestimmt Designerklamotten, aber ich könnte dir die Marke nicht sagen. Lange, glatte, blonde Haare. Sie hatte einfach diesen Look, weißt du? Gefasst, hip und echt schön. Viel hübschen Schmuck.“

„Echten?“

Cara zuckte die Schultern. „So nah bin ich nicht gekommen. Aber sie hat so ausgesehen, wie ich mir eine Hausfrau aus Beverly Hills vorstelle.“

„Und die andere Schwester?“

Cara dachte einen Moment nach. „Des ist völlig anders als Allie. Zum einen ist sie kleiner und runder. Und eher hübsch als schön. Haare sehr ähnlich wie meine, nur dunkler, lockiger und kürzer. Ich schätze, ein eher einfacherer Lebensstil – hohe Lederstiefel und hübsche Jeans, ein toller Sweater, gute Lederjacke und wunderschöne Lederhandtasche. Alles an ihr wirkte entspannt und cool und teuer, aber echt auf dem Boden geblieben. Sie war so überrascht wie Allie und ich, aber sie ist nicht ausgeflippt.“

„Wie seid ihr auseinandergegangen?“

„Ich habe mit ihnen den Fahrstuhl genommen, aber keiner hat auch nur ein Wort gesagt. Als sich die Türen geöffnet haben, ist Allie einfach weggegangen, so als ob sie uns nicht kennen würde. Als wir dann draußen waren, hat Des so was gesagt wie ‚Also, ich schätze wir sehen uns dann nächsten Monat in Hidden Falls.‘“

„Was hast du gesagt?“

„So was wie ‚Ja, bis dann.‘ Komisch, ich glaube nicht, dass sie zusammen da waren. Merkwürdig, oder? Ich hätte erwartet, dass sie zusammen kommen, aber Allie ist ins Parkhaus gegangen, und Des ist über die Straße und in ihr Auto gestiegen.“

„Vielleicht leben sie in unterschiedlichen Teilen des Landes.“

„Möglich. Aber trotzdem, wenn es meine Schwester gewesen wäre, hätte ich nachher mit ihr Mittag essen gehen wollen, um über die Bombe zu reden, die bei uns eingeschlagen hat. Aber Allie ist weggegangen und Des hat nicht mal reagiert, so als ob es sie nicht überrascht hat oder es ihr egal war.“

Sie hielt inne. „Wenn sie meine Schwester wäre …“

„Das ist sie“, erinnerte Darla sie. „Sie ist deine Schwester.“

„So, wie sie sich verhalten hat, würde man nicht ahnen, dass sie mit Des oder mir verwandt ist. Sie ist einfach … zack. Weg.“

Cara schwenkte ihren Wein und nahm einen großen Schluck.

„Ich dachte, ich kannte meinen Vater so gut. Ich wusste, was ihn zum Lachen brachte, und was für Bücher er mochte – Geschichte, Bücher über Präsidenten und andere historische Persönlichkeiten. Seine Lieblingsautoren – John Meacham und Doris Kearns Goodwin, Pat Conroy und James Lee Burke. Seine Lieblingsfilme – Autorennen und Ballerfilme. Maryland-Krabben lieber als Alaska-Krabben, Muscheln, aber nie Austern. Ich wusste, dass Sommer seine Lieblingsjahreszeit war, und dass er Bier lieber mochte als Wein, und dass er sein Steak blutig mochte. Er liebte Flieder und hasste den Duft von Gardenien, mochte große Hunde und große Autos. Ich wusste, dass er es liebte, abends am Strand spazieren zu gehen, und dass er Reality TV liebte.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und doch kannte ich ihn überhaupt nicht.“

„Also, was wirst du jetzt machen?“ Darla hob ihr Glas und leerte es.

„Jetzt werde ich das Abendessen machen, was ich dir versprochen habe.“ Cara trank ihr Glas aus und schenkte dann Darla nach.

„Ich meinte–“

„Ich weiß, was du meintest. Ich werde mit Meredith reden, ob sie für eine Weile übernimmt – sie wollte sich schon länger ins Studio einkaufen, also wäre das ein guter Weg für sie, rauszufinden, ob sie das wirklich machen möchte. Dann fahre ich nach Hidden Falls, Pennsylvania. Mit Drews Hochzeit auf den Fersen – von der anstehenden Geburt seines Kindes ganz zu schweigen – habe ich nichts dagegen, eine Ausrede zu haben, eine Weile wegzugehen. Wenn ich wieder zurückkomme, ist die Hochzeit eine abgeschlossene Sache, und der Tratsch wird sich gelegt haben. Ich bin es satt, davon zu hören. Ich bin sicher, die Tatsache, dass Drew McCann Frau Nummer 1 für Frau Nummer 2 abgeschossen hat, wird bis dahin nur eine ferne Erinnerung sein.“

Cara stieß mit ihrem Glas gegen den Rand von Darlas. „Auf Hidden Falls, und was auch immer ich da finden mag.“

„Was hoffst du, da zu finden?“

Cara lehnte sich gegen die Kücheninsel.

„Meinen Dad“, sagte sie schlicht. „Ich will rausfinden, wer mein Vater wirklich war, weil er offensichtlich nicht der Mann war, für den ich ihn gehalten habe.“

Cara saß vor der Hudson Street 725, ihr Auto mit laufendem Motor auf Parken geschaltet, während die Heizung gegen den kalten Märzwind anblies, und starrte auf das große viktorianische Haus, was aus dem Vorgarten emporzuwachsen schien. Sie verglich die Adresse mit den Informationen, die Pete in den Umschlag getan hatte. Das war definitiv der richtige Ort. Das war das Zuhause der Familie ihres Vaters, der Ort, an dem er aufgewachsen war, dieser imposante Riese, der einsam auf einem Grundstück saß, das den gesamten ersten Block der Hudson Street einnahm.

Sie hätte nicht so etwas wie das hier erwartet, nicht so etwas prachtvolles, mit seiner Veranda und Türmchen, die zwei Stockwerke hoch aufragten, mit der Außenwand von leicht pinkem Backstein und weißen Zierelementen, die wie Schlagsahne auf den Türmchen und den Fenstern saßen. Überall, wo sie angebracht werden konnten, waren Verzierungen hinzugefügt worden, und ein Kutschentor streckte sich von der rechten Seite des Hauses über die Auffahrt zu etwas, das wahrscheinlich eine Remise war. Die Auffahrt wurde an einer Seite mit alten Kiefern gesäumt und mit hohen Bäumen an der anderen, alle immer noch kahl, sodass sie nicht sicher war, ob sie Ahornbäume oder Eichen waren. Cara hatte vermutet, dass ihre Großeltern gut betucht gewesen waren, dem nach zu urteilen, was Pete ihnen über ihre Philanthropie erzählt hatte, aber trotzdem hatte sie nicht erwartet, dass ihr Heim derart prunkvoll war. Cara versuchte, sich ihren Vater hier vorzustellen. Hatte er mit seinem Vater Ball gespielt oder mit seinen Freunden auf dem Hof?

Das Grundstück schien gut gepflegt zu sein, das Gras und die Büsche waren ordentlich gestutzt. Die hohen Bäume hatten keine toten oder hängenden Äste, soweit sie sehen konnte. Wer, fragte sich Cara, hatte sich um das Grundstück gekümmert? Hatte Fritz einem Team einen Vorschuss bezahlt, um sein Elternhaus in Stand zu halten?

Sie machte das Radio aus und wappnete sich dafür, auszusteigen. Einen Moment später fuhr ein Auto gemächlich vorbei, und Cara fragte sich, ob es vielleicht Des oder Allie gewesen war, aber das Auto fuhr bis zur Straßenecke weiter, wo es links abbog. Der Haustürschlüssel hing am selben Ring wie die Autoschlüssel, aber Cara konnte sich nicht dazu überwinden, die Auffahrt hochzugehen und die massive Tür aufzuschließen.

Sie wollte außerdem nicht die erste sein, die ankam, wollte nicht diejenige sein, die den anderen die Tür öffnete und sie begrüßte, wenn sie ankamen, und aus irgendeinem Grund wollte sie nicht allein in diesem Haus sein. Sie war schon nervös genug, ihre Halbschwestern wiederzusehen, besonders unter solch bizarren Umständen. Cara hatte sich selbst versprochen, aufgeschlossen zu bleiben, alles zu tun, was sie auch tun musste, um mit den anderen beiden klarzukommen, sogar zu versuchen, sie kennenzulernen, wie ihr Vater es gewollt hatte. Sie war nicht so naiv, zu glauben, dass es einfach werden würde. Nichts davon würde einfach werden.

Sie hatte seit dem Frühstück nichts gegessen, und obwohl Darla ihr einen ganzen Berg Muffins und einen Stapel Brownies mit auf den Weg gegeben hatte, wollte Cara etwas Richtiges essen. Einen Veggieburger vielleicht, und einen richtig guten Salat. Sie drehte um und fuhr Richtung Main Street, zwei Blocks weiter. Sie war auf dem Weg durch die Stadt am Hudson Diner und einem kleinen Restaurant vorbeigefahren. Jedes davon würde heute reichen.

Sie parkte auf dem kleinen Gemeindeparkplatz, stieg aus dem Auto, und ging zum Diner, aber nicht, bevor sie nicht ihren Mantel um sich gezogen und ihren Kopf gegen den Wind gesenkt hatte. Der März kam in der Tat wie ein Löwe nach Pennsylvania. Wo war das Theater?, fragte sie sich, als sie die Main Street einmal rauf und runter schaute. Wie bald konnten sie es sich ansehen? Wie würden sie die Reparaturen einschätzen, und wie würden sie und die anderen zwei den Job angehen und die Aufgabe erfüllen können, die Fritz ihnen hinterlassen hatte? Würden sie miteinander auskommen? Wie unangenehm würde der erste Abend werden?

Sie fragte sich, ob die anderen beiden zusammen anreisen würden. Diese Frage wurde ihr eine Viertelstunde später beantwortet, als Cara in einer Nische saß und den Brief noch einmal durchlas, den Pete ihr geschickt hatte. Der Brief, in dem er sie und die anderen an „die Spielregeln“ erinnerte, wie er sich ausgedrückt hatte.

„Entschuldige, Cara, aber wäre es okay, wenn ich mich zu dir setze? Würde es dir was ausmachen?“

Überrascht, ihren Namen an einem Ort zu hören, wo sie niemanden kannte, sah Cara auf. „Oh. Hi, Des.“

„Wenn es dir zu unangenehm ist, wäre das okay. Es sind noch andere Tische verfügbar, und ich kann–“

„Nein, nein. Ist in Ordnung. Wirklich. Ich war nur überrascht, dich zu sehen.“

„Ich dachte, ich hole mir was zu essen, bevor ich zum Haus fahre“, erklärte Des. „Ich war schon drüben, aber ich konnte einfach nicht … Ich wollte nicht als Erste da sein. Ich wollte nicht allein in dieses leere Haus gehen.“

„Das ging mir auch so.“ Cara bedeutete Des mit einer Geste, sich hinzusetzen. „Ich hatte Hunger nach der Fahrt, und habe nicht gedacht, dass Essen im Haus ist. Ich schätze, wir müssen einkaufen gehen, nachdem wir uns heute Abend eingerichtet haben.“

„Ich hoffe, dass irgendwas hier offen hat. Sieht hier so aus, als ob ‚Macht um acht die Schotten dicht‘ ihr Stadtmotto sein könnte.“

Cara steckte den Brief wieder in den Umschlag zurück, aber Des hatte schon gesehen, was sie gelesen hatte.

„Ich habe eben auch meine Kopie nochmal durchgelesen.“ Des glitt auf den verschlissenen Sitz der Bank und legte ihre Tasche und ihre Jacke neben sich. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich finde diese ganze Sache immer seltsamer und seltsamer.“

„Es ist … naja, ja. Es ist merkwürdig. Alles an dem hier ist merkwürdig.“

„Glaubst du, wir werden es schaffen? Lange genug durchhalten, um zu tun, was er wollte?“ Des lachte leise. „Typisch von ihm. Ein Theater restaurieren! Als ob das was wäre, was wir an einem langen Wochenende angehen könnten.“

„Ich glaube nicht, dass er dachte, es würde einfach werden. Wenn er nur gewollt hätte, dass das Theater restauriert wird, hätte er jemanden einstellen können. Ich denke, er wollte uns alle drei herausfordern. Uns zur Zusammenarbeit bringen.“

„Um uns zu zwingen, uns kennenzulernen?“ Des schüttelte den Kopf. „Es muss einen einfacheren Weg geben, als drei Fremde zu zwingen, miteinander zu leben, und zu hoffen, dass wir uns dabei annähern.“

„Ich bin die einzige Fremde“, erinnerte Cara sie.

„Die Beziehung von Allie und mir kann man kaum schwesterlich nennen. Wir sehen uns nie, und telefonieren auch nur selten. Dir ist vielleicht aufgefallen, dass sie nach dem Treffen mit Onkel Pete einfach weggegangen ist, als ob sie uns nicht kennen würde.“

„Also nehme ich an, ihr habt die Fahrt nicht zusammen gemacht?“

„Ich habe sie angerufen, um vorzuschlagen, dass wir unsere Flüge so legen, dass wir uns am Flughafen treffen und ein Auto mieten, aber sie ist nicht rangegangen. Ich habe ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber sie hat mich nicht zurückgerufen. Typisch Allie. Ich mache mir nichts mehr draus.“ Des schaute sehnsüchtig auf ein Tablett, das eine Kellnerin gerade zum Nebentisch brachte. „Hast du schon bestellt?“

„Einen Veggieburger und einen Salat.“ Cara winkte die Bedienung heran und bat um eine Speisekarte für Des.

„Du bist Vegetarierin?“

„Hauptsächlich. Aber ich bin nicht sehr streng damit. Ab und zu esse ich Eier und Milchprodukte, und manchmal auch Fisch, aber nie Fleisch. Nie etwas mit Fell oder Hufen.“

Die Kellnerin war schnell zurück und reichte Des die Karte, die sie schnell überflog.

Des klappte die Karte zusammen und gab sie der Kellnerin. „Ich hätte gerne auch einen Burger, aber mit Rind, bitte. Gut durchgebraten. Pilze und Schweizer Käse, rote Zwiebeln, keine Tomaten oder Salat. Und einen ungesüßten Eistee.“

Die Kellnerin notierte die Bestellung und ging zur Küche. Nun, da sie das anfängliche nette Geplapper erschöpft hatten, folgte eine angespannte Stille.

Schließlich sagte Cara: „Und, glaubst du, sie kommt? Allie?“

„Mich überrascht bei ihr gar nichts mehr. Aber solange sich ihre finanzielle Lage den letzten Monat über nicht drastisch verändert hat, wird sie wahrscheinlich hier sein. Sie braucht das Geld von dem Nachlass. Sie wird nicht nett dabei sein, und die komplette Zeit über eine echte Nervensäge.“ Des hielt inne. „Nimm nichts davon persönlich.“

„Das werde ich nicht. Aber es ist komisch, dass sie dich nicht mal angerufen hat, um zu fragen, wie es dir mit der ganzen Sache geht.“

„Wie es mir mit etwas geht, ist das letzte, woran sie denkt, da bin ich sicher.“ Des lehnte sich zurück, als die Kellnerin ihren Eistee servierte. „Wie gesagt, wir stehen uns nicht sehr nah. Sie kann manchmal ein bisschen gereizt sein. Das ist dir ja bestimmt aufgefallen, als wir bei Onkel Pete waren.“

„Sie schien die ganze Sache – also mich – nicht gut aufzunehmen.“

„Allie nimmt nichts gut auf, was Allie nichts nützt.“

„Wir wurden alle aus der Bahn geworfen an dem Tag. Das Letzte, was ich erwartet hatte, als ich zu Petes Büro gegangen bin, war rauszufinden, dass mein ganzes Leben eine einzige große–“

Des unterbrach sie. „Wenn du ‚Lüge‘ sagen willst, tu’s nicht. Fang gar nicht erst damit an. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Ich habe versucht, vernünftig zu sein, und es mit Dads Augen zu sehen. Ich versuche, fair zu sein.“

„Und wie klappt‘s?“

„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich es verstehe. Ich dachte wirklich, ich hätte ihn gekannt, aber jetzt …“

„Das dachte ich auch.“ Cara rührte in ihrem Eistee und versuchte, die Übelkeit zu ignorieren, die sie mittlerweile immer überkam, wenn sie über das verworrene Leben ihres Vaters nachdachte.

Des dachte einen Augenblick nach. „Ich glaube, wir kannten immer nur je einen Teil von ihm, was immer er jede von uns sehen lassen wollte. Für uns war er der hochleistungsfähige Künstleragent, der immer woanders hinflog, um sich mit einem Kunden zu treffen, der Dad, der wenig Zeit mit uns verbringen konnte, aber der uns immer riesige, sensationelle Geschenke gemacht hat, bei denen deine Freunde vor Neid erblasst sind. Ich weiß aber, dass er uns geliebt hat: Ich will hier nicht andeuten, dass er es nicht getan hat. Das war nur seine Art.“

„Das war nie seine Art bei mir. Er schien immer Zeit zu haben. Meine Mutter hätte ihm nicht gerade geraten, das riesige-sensationelle-Geschenk-Ding zu machen, aber es gab Zeiten, wo er es gemacht hat. Meine Mom war so gemäßigt. Sie hielt nichts davon, mit Geld um sich zu werfen.“

Des lachte. „Was meine Mutter anging, konnte man gar nicht genug davon werfen.“

„Komisch, dass er so anders mit uns war“, sagte Cara. „Es klingt so, als ob er sich den Frauen angepasst hätte, mit denen er zusammen war. Gemäßigte Susa, gemäßigtes Leben.“

„Teure Nora, teures Leben.“ Des nickte. „Interessant.“

Die Bedienung erschien am Tisch mit Caras Veggieburger und Salat.

„Ihr Burger kommt in einer Minute“, sagte sie zu Des.

„Cara, na los, iss was. Du musst nicht auf mich warten. Du siehst aus, als wärst du am Verhungern.“

„Das bin ich. Danke.“ Cara nahm einen Bissen von ihrem Burger. „Also, denkst du, Dad hat sich diese verrückte Angelegenheit ausgedacht, weil er wollte, dass wir das Puzzle zusammensetzen?“

„Es ist schwer rauszufinden, was er sich gedacht hat. Onkel Pete meinte, Dad sei zum Ende hin eingefallen, dass er schon vor Jahren allen die Wahrheit hätte sagen sollen.“

„Ich weiß nicht, wie das mit deiner Mutter gelaufen wäre. Meine war ein ziemlicher Freigeist, aber trotzdem, es kann sein, dass sie widersprochen hätte.“

„Sobald meine Mutter gestorben war, hätte er deiner Mutter die Wahrheit sagen sollen, und vielleicht wäre es gutgegangen.“

„Ich weiß ja nicht. Was hätte er denn sagen können?“ Cara senkte die Stimme. „‚Oh Susa, übrigens, habe ich mal erwähnt, dass ich mit jemand anderem verheiratet war, als ich dich geheiratet habe? Aber sie ist verstorben, also müssen wir uns nicht um diese lästigen Gesetze zur Doppelehe kümmern.‘“

„Vielleicht wollte er es ihr ja sagen. Es uns sagen.“ Des seufzte. „Ach was soll’s, es macht keinen Sinn, zu spekulieren, sie sind alle fort.“

„Ich glaube, Pete hatte Recht. Dad war ein Feigling, und er konnte uns nicht mit der Wahrheit unter die Augen treten.“ Cara stocherte in ihrem Salat. „Er hat dafür gesorgt, dass Pete die Neuigkeiten überbringt, und jetzt bringt er uns drei dazu, diese absurde Renovierung zu veranstalten.“

„Ich frage mich, ob das Theater wirklich so schlecht in Schuss ist, wie Onkel Pete es dargestellt hat. Vielleicht ist es nicht mal so ein großes Projekt.“ Des sah für einen Augenblick hoffnungsvoll aus. „Aber andererseits, wenn es wirklich so einfach gewesen wäre, hätte er es wahrscheinlich selbst gemacht.“

„Wir sind alle klug und kompetent, stimmt’s?“, sagte Cara. „Wir kriegen das schon hin.“

„Ich mag deine positive Einstellung.“ Des lächelte zum ersten Mal, seit sie sich hingesetzt hatte. „Ich glaube, ich werde es schön finden, dich kennenzulernen.“

„Ich glaube, ich werde es auch schön finden, dich kennenzulernen.“ Cara fügte beinahe hinzu: Und ich glaube, vielleicht finde ich es sogar gut, dich als Schwester zu haben. Aber stattdessen nahm sie noch einen Bissen von ihrem Burger. Eine Unterhaltung machte noch keine Schwester.

Die zwei aßen zu Ende und redeten Smalltalk, bis die Kellnerin an ihrem Tisch stehen blieb und fragte: „Nachtisch, die Damen?“

Cara schaute Des über den Tisch an. „Ich habe selbstgemachte Brownies im Auto.“

„Oh, na dann. Kein Nachtisch für mich“, sagte Des zu der Bedienung.

Als sie draußen waren, blieb Des auf dem Bürgersteig stehen. „Ich habe drüben an der Straße geparkt.“

„Und ich auf dem Parkplatz hinter dem Diner. Dann treffen wir uns am Haus.“

„Ich könnte auf dich warten, wenn du möchtest“, bot Des an.

„Danke, aber ich muss noch tanken. Da sind nur noch Dämpfe drin.“

„Ich habe eine Tankstelle ein oder zwei Blocks weiter gesehen. Ich fahre weiter zum Haus, aber ich werde schön in meinem warmen Auto auf dich warten.“ Des sah etwas argwöhnisch aus. „Es würde mich nicht wundern, wenn es da spukt.“

Cara lachte und ging um das Gebäude herum zum Parkplatz, ihren Kopf gegen den Wind eingezogen, und stieg in ihr Auto. Die Tankstelle war einen Straßenblock weiter, zwischen der Polizeistation und einer Bar. Cara hielt an einer der zwei Zapfsäulen, kurbelte ihr Fenster herunter, und wartete darauf, dass der Tankwart herauskam. Während sie wartete, nahm sie ihre Kreditkarte aus ihrem Portemonnaie und einen großen Schluck Wasser aus der Flasche im Getränkehalter, und checkte ihre Emails. Von Zeit zu Zeit sah sie zur Geschäftsstelle rüber. Sie konnte durch die Fenster eine ältere Frau hinter dem Tresen sehen, und zwei Männer, die sich unterhielten, von denen einer eine Polizeiuniform zu tragen schien. Einige Momente verstrichen, und immer noch kam niemand heraus, um sie zu bedienen.

Nach ganzen fünf Minuten stieg Cara aus dem Auto. Polizist hin oder her, sie musste sich auf den Weg machen.

Cara ging rasch zum Gebäude und öffnete die Tür, während der Wind ihre Haare ins Gesicht peitschte.

„Entschuldigung“, sagte sie. „Tut mir leid, Sie zu unterbrechen, aber ich brauche Benzin.“ Sie zeigte hinter sich in Richtung ihres Subarus. „Ist hier ein Angestellter im Dienst?“

Drei Augenpaare richteten sich auf sie und ruhten auf ihr.

Einer der Männer war, wie sie vermutet hatte, ein Polizeibeamter. Der andere hatte dicke, blonde Haare und trug Jeans und, trotz der Kälte, ein Sweatshirt, dessen Ärmel an den Ellbogen abgerissen waren. Er machte sich keinerlei Mühe, zu verbergen, dass er sie unverhohlen abcheckte, mit einer Mischung aus Interesse und Neugier.

„Brauchen Sie Wechselgeld?“, fragte die Frau hinter dem Tresen. Sie setzte ihre Brille auf, und es schien, als ob sie versuchte, einen besseren Blick auf Cara zu werfen.

„Nein, ich benutze eine Kreditkarte“, antwortete Cara. Sie konnte fühlen, wie sie rot wurde, obwohl sie versuchte, die Blicke zu ignorieren.

Es folgte ein merkwürdiges Schweigen. Für einen Moment rührte sich niemand. Schließlich sagte der Typ in den Jeans: „Ich kümmere mich drum, Sally.“ Er hielt Cara die Tür auf und folgte ihr dann zu ihrem Auto.

„Was brauchen Sie?“ Er öffnete die Tankklappe.

„Normal.“ Sie glitt hinters Steuer und war sich unangenehm bewusst, dass er sie dreist mit seinem Blick verfolgte. „Volltanken, bitte.“ Sie schloss zum Schutz vor der Kälte ihr Fenster und drehte die Heizung hoch.

Der Polizeibeamte kam aus dem Geschäft und winkte. Cara hörte ihn rufen: „Bis morgen früh.“

Der Angestellte winkte zurück, schraubte dann die Kappe des Tanks ab und füllte ihn auf, bis sich die Pumpe abschaltete. Er nahm den Stutzen heraus und verschloss den Tank mit einer Drehung, und ging dann zu ihrem Fenster.

„Das wären dann genau fünfunddreißig Dollar“, sagte er.

Cara gab ihm die Karte.

„Bin gleich zurück.“ Er ging in den Laden, um ihre Karte durchzuziehen. Die Frau hinter dem Tresen sagte etwas und sie lachten beide. Er kicherte immer noch, als er eine Minute später wieder rauskam und Cara den Zahlungsschein zum Unterschreiben reichte.

„Danke“, sagte Cara.

„Also, Sie sind aus Jersey.“ Er lehnte sich lässig gegen die Fahrertür.

Cara schaute hoch in sehr blaue Augen und nickte. „Lassen Sie mich raten. Das Nummernschild hat mich verraten?“

„Nee.“ Er schüttelte den Kopf, seine Augen immer noch auf sie fixiert. Cara fiel auf, dass sein Gesicht aus der Nähe eher interessant als gutaussehend wirkte. Er hatte diese hohen Wangenknochen und langen Wimpern, für die die meisten Frauen sterben würden.

Sie hasste es, es sich selbst einzugestehen, aber die Kombination aus diesen kristallklaren blauen Augen und diesen blonden Haaren war fesselnd, und vollkommen maskulin. Sein Gesicht hätte hübsch sein können, ohne den flachen Teil seines Nasenrückens, der vielleicht am falschen Ende einer Faust gelandet war, aber der ihm nichts von seiner Anziehung nahm. Wenn überhaupt, vergrößerte er sie.

„Was war es dann?“ Sie zwang sich, wegzuschauen, um zu unterschreiben, und gab ihm dann den Schein zurück.

„Wussten Sie, dass New Jersey einer von nur zwei Staaten ist, in denen ein Angestellter per Gesetz den Tank füllen muss? Oregon ist der andere, falls es Sie interessiert.“ Er nahm den Schein und trat vom Auto zurück. „Überall sonst ist Selbstbedienung. Wie hier in Pennsylvania.“ Er lächelte. „Wo jeder selbst tankt.“

Sie starrte ihn stumm an, während sie rot anlief.

„Und jetzt Ihnen eine gute Nacht.“ Er reichte ihr einen Beleg und gab ihrer Motorhaube einen leichten Klaps, bevor er mit langen und lässigen Schritten zum Geschäft zurückging.

Mit brennenden Wangen fuhr sie los zur Hudson Street. Was wusste sie denn, dass man in Pennsylvania selbst Benzin tankte? Sie hatte ihr ganzes Leben in New Jersey gewohnt und noch nie eine Zapfsäule bedienen müssen.

Kein Wunder, dass sie gelacht hatten. Sie versuchte, Empörung darüber zu sammeln, dass sie über sie gelacht hatten, sowie, dass er sie so offensichtlich abgecheckt hatte. Ihre Empörung hielt nur so lange, bis sie sich selbst daran erinnerte, dass sie ihn genauso gründlich unter die Lupe genommen hatte.

Cara fuhr in die Einfahrt hinter Des und dachte, dass sie diesen Tank sehr lange würde schonen müssen.

Als Des Cara sah, stieg sie aus ihrem Auto, öffnete den Kofferraum und begann, ihre Koffer auszuladen.

„Du hast es also ernst gemeint, nicht allein reinzugehen“, rief Cara ihr zu.

„Ich gehe da auf keinen Fall allein rein.“ Des deutete auf das Haus. „Aber guck mal – da ist Licht in einem der hinteren Räume.“

„Wahrscheinlich hat es derjenige angelassen, der sich um das Haus kümmert“, antwortete Cara. „Hast du deinen Schlüssel?“

„Ja, hier.“ Des hob ihre Hand, gerade als ein weiteres Auto hinter Cara hielt. „Das muss Allie sein.“

Die zwei Frauen hatten sich gerade auf den Weg zu dem dritten Auto gemacht, als ein Polizeiwagen heranfuhr und am Fuß der Einfahrt anhielt. Der Polizist, der ausstieg, war derselbe, den Cara an der Tankstelle gesehen hatte. Er ging auf Allies Auto zu und bedeutete Allie mit einer Handbewegung, ihre Scheibe runterzulassen.

„Oh-oh“, flüsterte Des. „Das sieht nicht gut aus.“

„Ich glaube, wir sollten hier warten“, sagte Cara. „Das sieht nicht wie ein Freundschaftsbesuch aus.“

Sie sahen zu, wie Allie ihm ihren Führerschein und Fahrzeugschein übergab. „Oh Mist, was hat sie gemacht?“

Der Polizist ging zu seinem Auto zurück und stieg ein. Nach ein paar Minuten ging er zu Allies Fenster und gab ihr etwas. Allie und er schienen ein paar Worte zu wechseln. Er wandte sich zum Gehen, und Allie stieg gerade aus ihrem Auto aus, als die Haustür des Anwesens zuschlug. Alle Augen wandten sich dem Haus zu, von dem eine große, adrette Frau mit blonden Haaren in einem karierten Flanellhemd und Jeans über den Rasen zu ihnen stapfte.

„Gibt’s hier ein Problem, Benjamin?“, rief sie dem Polizisten zu.

„Nein, Ma’am. Nur eine höfliche Erkundigung.“ Er drehte sich zu ihr um, die Hände in die Hüften gestemmt.

Die Frau blieb mit einem Lächeln auf halbem Weg zwischen Cara, Des, Allie und dem Polizeibeamten stehen. „Erkundigst du dich über ein hübsches Gesicht, das du noch nicht kanntest?“

„Nein, Ma’am. Ich wusste nichts von ihrem hübschen Gesicht, bis ich sie angehalten habe.“

Er tat so, als würde er sich an die Hutkrempe fassen. „Nacht, Ma’am.“ Er nickte Cara und Des zu. Scheinbar sagte er leise etwas zu Allie, denn sie wandte sich abrupt ab und begann, ihre Sachen vom Rücksitz zu holen.

„Grüß deine Großmutter von mir“, rief die Frau ihm nach. „Ich sehe sie dann Mittwoch beim Bingo.“

„Mache ich“, rief er zurück.

„Na, das war ja bestimmt ein netter Empfang in der Stadt.“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die drei jungen Frauen. „Nehmt eure Sachen und kommt hoch ins Haus. Ich habe gerade mit dem Abendessen angefangen, falls jemand von euch Hunger hat.“

„Dürfte ich fragen, wer Sie sind?“, fragte Cara.

„Ich bin eure Tante Bonny“, antwortete die Frau. „Aber ihr könnt mich Barney nennen. Das macht jeder. Und jetzt beeilt euch, bevor wir hier noch in dem Wind erfrieren.“

Kapitel Drei

Die drei Frauen blickten sich ausdruckslos an. Schließlich fragte Cara: „Habt ihr beide das gewusst …?“

„Nein“, antworteten Des und Allie. „Du …?“

„Dad hat nie erwähnt, dass er eine Schwester hat“, sagte Cara.

„Dad wollte nie über seine Familie reden.“ Des sah genauso verwirrt aus wie die anderen.

„Vielleicht ist sie einfach nur eine Freundin der Familie“, schlug Allie vor. „So, wie wir Pete Onkel Pete nennen.“

„Ja. Das wird’s sein.“ Des nickte.

„Genau“, fügte Cara hinzu. „Das muss es sein.“

Angetrieben von der Kälte nahmen sie ihre Taschen und eilten die Auffahrt herauf zum Haus.

„Oder vielleicht hat sie sich für uns um das Haus gekümmert, bis wir hier waren“, sagte Allie.

„Vielleicht.“ Des war sichtbar skeptisch.

Sie gingen nacheinander die Stufen hoch.

„Sollen wir klopfen?“, wisperte Des.

„Sie weiß, dass wir hier sind. Sie erwartet, dass wir reinkommen.“ Allie lehnte sich an ihrer Schwester vorbei und öffnete die Tür. „Hallo?“

„Ihr könnt eure Koffer im Flur stehen lassen und hier in die Küche kommen“, klang eine Stimme aus dem hinteren Teil des Hauses.

„Seht euch das an“, murmelte Cara. Sie hatte fast das Gefühl, als wäre sie in einen Kaninchenbau gefallen, als sie die geräumige Diele betrachtete, von der sich eine wunderschöne Treppe bis in den zweiten Stock wand, die geschnitzte Walnussvertäfelung, und den kunstvoll ausgearbeiteten Kronleuchter. Sie zeigte auf die in Öl gemalten Porträts, die in schweren Rahmen an der Wand hingen. „Wer, glaubt ihr, sind die?“

„Verwandte von Dad, würde ich schätzen.“ Allie sah von einem Bild zum nächsten. „Sie sehen alle so ehrwürdig aus. So …“

„Reich“, sagte Des leise. „Seht euch mal diese Smaragdkette der dritten Frau von rechts an.“

„Ich frage mich, wer sie war.“ Cara stand vor dem Gemälde.

„Ich frag mich, wo diese Halskette jetzt ist.“ Allie stand hinter Cara, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Es sind auf jeden Fall sehr viele“, bemerkte Des.

„Mädchen, kommt wieder her. Ihr könnt eure Mäntel da in den Schrank hängen, wenn ihr euch schon aufgewärmt habt. Ihr könnt später eine komplette Besichtigung machen, oder morgen, wenn ihr müde seid.“ Tante Bonny – Barney – erschien im Türrahmen der Küche. Sie hatte sich eine dunkelblaue Schürze übergezogen, und im Licht konnte Cara sehen, dass ihr blondes, kinnlanges, grob geschnittenes Haar mit grauen Strähnen durchsetzt war, die fast als Strähnchen durchgehen konnten. „Es gibt Hühnersuppe mit Nudeln, die ich vorhin gemacht habe. Ich wusste nicht genau, wann wer ankommt, also dachte ich, ich mache etwas, was jederzeit aufgewärmt werden kann. Ihr seid nicht zusammen angereist, sehe ich. Eine Schande, dass ihr euch alle einzeln ein Auto mieten musstet.“

Sie verschwand wieder in das Zimmer.

Cara sah die anderen an, zuckte die Schultern, und folgte ihr. Des und Allie gingen ihr nach. Für sein Alter und seine Größe fühlte sich das Haus überraschend warm an.

Die Küche war ein großer, rechteckiger Raum, und obwohl es aussah, als ob er erneuert worden war, reichte es nicht, um modern zu sein. Elfenbeinfarbene Holzschränke, einige mit Glastüren, reihten sich an zwei Wänden entlang. Gelbe Arbeitsplatten aus Resopal waren grau und grün gefleckt. Laubholz, von den Jahren gezeichnet, bedeckte den Boden, und die weißen Wände waren mithilfe einer Schablone mit grünen Efeuranken bemalt, die zur Decke hochkletterten. Eine Essecke bei einem Erkerfenster an der Seitenwand war passend zum Efeu bemalt. Die Geräte waren alle weiß, aber sie schienen in verschiedenen Jahrzehnten gekauft worden zu sein. Eine große Speisekammer diente als Brücke zwischen der Küche und dem angrenzenden Raum, der, wie Cara vermutete, das Esszimmer war, und ein großer Kamin mit brennenden Kohlen stand an der Innenwand. Der Tisch war rund, die Stühle ein eklektisches Gemisch aus Stilen. Trotzdem hatte der Raum eine Atmosphäre von Fröhlichkeit und Wärme. Während die Diele mit ihrer Wand von formellen Porträts imposant war, bot die Küche eine einladende und dringend gebrauchte Umarmung.

„Braucht ihr was zu trinken? Da sind Limonaden im Kühlschrank. Eistee von diesem Morgen. Und natürlich das gute alte Leitungswasser“, sagte ihre Gastgeberin. Sie stand mit dem Rücken zum Raum und rührte in einem Topf auf dem Herd. „In der Kanne ist Kaffee, und auf dem Herd ist Wasser für Tee, falls euch etwas Heißes lieber ist.“

Ein leckerer, herzhafter Geruch wehte durch den Raum. Obwohl die Suppe mit Hühnchen gekocht war, wünschte sich Cara, sie hätte noch nicht gegessen.

„Gläser und Tassen sind in dem Schrank dort am Ende, und Eis in der Gefriertruhe.“

Cara war die Erste, die sich regte und etwas sagte. „Etwas Heißes wäre wunderbar. Danke, Barney“, sagte sie, als würde sie den Namen ausprobieren; sie war sich immer noch nicht sicher, wer diese Person war, und wie sie zu ihren Leben gehörte, aber sie hatte sie offenbar erwartet.

Cara ging zum Schrank, um sich eine Tasse zu holen, und versuchte, nicht so unbehaglich zu wirken, wie sie sich fühlte. Im untersten Regal standen Keramiktassen, jede mit einer unterschiedlichen Vogelart verziert. Sie nahm die erste, die ihre Hand berührte, den Baltimoretrupial, und eine Erinnerung blitzte hoch, wie sie einmal mit Susa zur Cape May Vogelzählung gegangen war.

Sie drehte sich zu den anderen beiden um und fragte: „Des? Allie? Glas oder Tasse?“

„Ein Glas, bitte“, antwortete Des.

„Für mich auch“, sagte Allie.

Cara verteilte die Tassen, und Des ging zum Gefrierschrank und warf ein paar Eiswürfel in ihr Glas. Sie gab Allie die Eiswürfelform, bevor sie eine Dose Pepsi Light für ihre Schwester aus dem Kühlschrank nahm und sich selbst Eistee eingoss. „Ich mag Tee auch lieber als Limos“, sagte Barney.

Cara schüttete Kaffee in ihre Tasse, und tat dann noch ein bisschen Zucker aus einer Schale und einen Schuss Milch aus einem kleinen Kännchen hinzu.

Des nahm einen Schluck, und fragte dann: „Barney, woher wusstest du, dass ich Des bin, und nicht Allie oder Cara?“

„Du siehst deinem Vater sehr ähnlich. Fritz hat immer gesagt, dass du nach ihm kommst. Allie, meine Güte, ich hätte dich immer erkannt. Du siehst so sehr aus wie Nora, als sie in ihrer Blüte war. Aber, ich muss auch sagen, ich sehe auch etwas von mir in dir. Natürlich habt ihr alle die blauen Hudson-Augen. Blau wie ein Oktoberhimmel, haben die Leute immer gesagt.“ Sie wandte sich Cara zu. „Nach dem Ausschlussverfahren musst du Cara sein. Susas Mädchen.“

„Wieder richtig.“ Cara nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und fand ihn genauso lecker, wie er duftete. „Also, du wusstest, dass wir heute kommen?“

„Oh, sicher. Pete hat mich auf dem Laufenden gehalten. Ich weiß alles über das Testament eures Vaters und warum ihr hier seid. Und für den Fall, dass ihr es noch nicht rausbekommen habt, ich bin die Schwester eures Vaters. Eure einzige lebende Verwandte – zumindest auf der Seite der Hudsons. Ich weiß nichts über Susas Familie, aber Allie und Des, ihr habt irgendwo Cousins und Cousinen mütterlicherseits.“

„Warum haben wir nichts von dir gewusst? Warum habe ich noch nie von dir gehört?“, drängte Cara. „Wenn Dad eine Schwester gehabt hat, hätte er es uns nicht gesagt? Ich meine, es ist wirklich seltsam, dass er eine Schwester hatte und es nie für nötig gehalten hat, sie zu erwähnen.“

Eine stirnrunzelnde Barney drehte sich zu ihr um und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, die Hände in die Hüften gestemmt. „Seltsamer, als nie zu erwähnen, dass du zwei Schwestern hast? Ehrlich, ich glaube, das übertrifft noch, dir nicht von mir zu erzählen. Aber du kannst dir gerne meinen Führerschein ansehen.“

„Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht beleidigen. Aber Dad hat nie von seiner Familie oder seiner Kindheit gesprochen, außer davon, dass sie so unglücklich war, dass er nicht daran denken wollte, und dass–“, begann Cara, aber Barney unterbrach sie.

„Wovon redest du?“, forderte Barney. „Wer hatte eine unglückliche Kindheit?“

„Dad. Er hat uns gesagt, dass es nur schlechte Erinnerungen hochholt, wenn er darüber redet, also haben wir ihn nie damit bedrängt.“ Des sah zu Allie, die nickte.

„Ich denke, das ist der Grund, warum er uns nie hergebracht oder über Hidden Falls gesprochen hat“, sagte Allie.

„Das ist ja der größte Schwachsinn …“ Barney lachte. „Totaler Quatsch. Fürs Protokoll – das echte Protokoll – wir hatten eine großartige Kindheit, und ich habe noch nie gehört, dass er sich über eine verflixte Sache beschwert hätte. Er wollte nicht darüber reden, weil ihr früher oder später darum gebeten hättet, herzukommen, und weil es Bedingungen für seine Rückkehr gab, die er nicht erfüllen wollte.“

Bevor irgendwer fragen konnte, was das für Bedingungen waren, fuhr sie fort. „Allie, du warst schon mal hier. Hast fast einen Monat mit mir hier verbracht, nachdem Des geboren wurde.“

„Nein, ich bin sicher, ich war hier noch nie. Wir haben uns noch nie gesehen. Daran könnte ich mich erinnern.“ Aber noch während sie das sagte, klang Allie zögerlich, unsicher.

„Du warst erst drei, also ich denke, du warst wahrscheinlich zu jung, um dich zu erinnern, aber ich habe hier irgendwo Fotos. Die Kamera lügt nicht, Mädchen. Ich habe nach ihnen gesucht, als ich hörte, dass ihr kommt, aber ich kann sie einfach nicht finden. Ich kann nochmal nachsehen, wenn es dich interessiert.“

Der Raum war so still, dass Cara dachte, sie könnte eine Nadel fallen hören.

Schließlich sagte Barney mit gezwungenem Enthusiasmus, um die Stille zu brechen: „Also, jetzt, wo wir alle wissen, wer wir sind, wer möchte Suppe?“

„Ich habe auf dem Weg hierher in der Stadt was gegessen“, sagte Cara.

„Ich auch. Tut mir leid“, meinte Des. „Ich wusste nicht, dass jemand hier ist, und habe nicht geglaubt, dass es hier Essen gibt.“

„Ach, Gottchen. Das braucht euch nicht leid zu tun.“ Barney wischte die Entschuldigung beiseite. „Wo habt ihr angehalten?“

„Das Hudson Diner“, antwortete Cara.

„Da war ich auch“, sagte Des. „Wir haben uns da zufällig getroffen, also haben wir uns einen Tisch geteilt.“

Allie wandte sich an ihre Schwester. „Du hast was mit ihr gegessen?“ Sie zeigte mit dem Daumen in Caras Richtung.

„Sie hat einen Namen, Allie“, ermahnte Des sie.

Allie verdrehte die Augen und schüttelte fast unmerklich mit dem Kopf.

„Mir scheint, ihr werdet einander das nächste Jahr über sehr brauchen, oder wie lange auch immer es dauert, eure Aufgaben zu erfüllen“, bemerkte Barney. „Es wäre vielleicht eine gute Idee, nett zu sein. Sich vielleicht die Energie aufzuheben für das, was wirklich wichtig ist.“

„Das nächste Jahr?“ Allies Augen weiteten sich. „Willst du mich veräppeln?“

„Ich bin kein Bauunternehmer, aber ich weiß, wann Dinge nicht gut in Schuss sind und viel Arbeit brauchen. Ich könnte natürlich falsch liegen. Ich war schon eine Weile nicht mehr in dem Theater. Es könnte sein, dass sich alles magisch von allein repariert hat.“ Barney zuckte die Schultern.

„Ich kann hier nicht für ein Jahr bleiben“, explodierte Allie. „Ich habe Verantwortung. Ich habe ein Kind.“

„Sie kann gerne jederzeit hierherkommen“, versicherte Barney ihr. „Vielleicht möchte sie hier ihre Sommerferien verbringen.“

„Oh mein Gott.“ Allie sank auf dem Kissen am Fensterplatz zusammen und legte den Kopf in die Hände. „Ich könnte Dad dafür umbringen.“

„Ich fürchte, dafür kommst du ein bisschen zu spät.“ Barney nahm zwei Schalen aus dem Schrank. „Suppe, Allie?“

Allie schüttelte den Kopf, stand auf, machte sich auf den Weg zur Tür, und murmelte mit zittriger Stimme: „Ich muss Nikki anrufen.“

„Dein Zimmer ist das ganz hinten rechts auf dem kleinen Flur oben.“ Barney drehte sich zu Des und Cara. „Ihr habt jeweils euer eigenes Zimmer und Badezimmer, aber da es keinen Zimmerservice hier gibt, müsst ihr selbst aufräumen. Jede zweite Woche kommt zwar ein Reinigungsdienst, aber die Leute sind nicht meine Angestellten. Am Fuß eurer Betten sind zusätzliche Bettbezüge und eine Decke, und Handtücher in euren Badezimmern. Noch etwas, was ihr über eure Unterkunft wissen müsst?“

Des und Cara schüttelten beide den Kopf.

„Des, dein Zimmer ist direkt gegenüber von Allies, und Cara, deins ist neben Des‘. Ich dachte, es wäre am besten, euch alle im selben Teil des Hauses wohnen zu lassen.“ Barney schöpfte Suppe in eine der Schalen, und stellte sie auf den Tisch.

„Wie viele Schlafzimmer gibt es?“, fragte Des.

„Sieben, wenn man den zweiten Stock nicht mitzählt. Ich weiß noch, wie mein Dad uns erzählt hat, dass sie richtige Zimmermädchen hatten, als er klein war, die im obersten Stock gewohnt hatten, aber diese Zeiten sind lange vorbei. Der zweite Stock ist nur noch Abstellraum. Weder meine Mutter noch meine Großmutter konnten sich je von einer verflixten Sache trennen. Früher oder später ist immer alles oben gelandet, Möbel, Kleidung, alles Mögliche.“

„Klingt nach einem spannenden Ort zum Entdecken“, sagte Cara.

„Du kannst gerne jederzeit herumstöbern.“ Barney öffnete eine Schublade und nahm einen Löffel heraus. „Mädchen, seid ihr sicher, dass ihr nicht mitessen wollt?“

„Ich bin wirklich satt vom Abendessen, aber es riecht wunderbar“, sagte Des.

„Das Rezept unseres früheren Kochs, für moderne Zeiten weiterentwickelt.“ Barney setzte sich, und winkte den anderen, sich zu ihr an den Tisch zu gesellen. „Es sei denn, ihr müsst auch jemanden anrufen.“

„Nein, ich nicht“, sagte Cara, als sie sich auf einen der Stühle setzte.

„Ich auch nicht.“ Des setzte sich auf den Fensterplatz, den ihre Schwester verlassen hatte.

„Also, wer war heute im Diner an der Kasse?“, fragte Barney.

„Eine Frau mit krausem, rotem Haar“, antwortete Cara.

Barneys Lachen war tief und herzlich. „Das dürfte dann Kim gewesen sein. Sie ist einer meiner Begleiter beim Spazierengehen am frühen Morgen.“

„Du gehst morgens spazieren?“ Des lehnte sich auf dem Kissen zurück.

Barney nickte. „Jeden Morgen. An manchen Tagen ist es schwerer als sonst, da raus zu gehen, aber ich muss tun, was ich kann, um meine Knie vom Knirschen abzuhalten. Gefällt mir nicht immer. Dieses Jahr ist die Kälte etwas länger geblieben als letztes Jahr, aber bis März habe ich mich dran gewöhnt.“

Im Raum wurde es still. Schließlich wiederholte Cara ihre Frage von vorhin. „Barney, warum hat unser Vater uns nichts von dir erzählt? Du musst doch wissen, warum.“

Barney behielt einen Moment lang Suppe auf ihrem Löffel, um sie abkühlen zu lassen. Schließlich sagte sie schlicht: „Ich fand einige Dinge nicht gut, die Fritz gemacht hat.“

„Welche Dinge?“ Allie trat wieder ins Zimmer, ihr Handy noch in der Hand.

„Sie meint mich. Mich und meine Mom.“ Cara legte beide Arme auf den Tisch und lehnte sich etwas vor. „Stimmt‘s?“

Des drehte sich zu ihr um. „Warum denkst du das?“

„Sie“ – Cara nickte mit dem Kopf in Barneys Richtung – „hat gesagt, dass Allie direkt, nachdem du geboren wurdest, für ein paar Wochen hier war. Also ist Dad damals hierhingekommen und hat seine Familie mitgebracht. Ich bin fast zwei Jahre nach dir geboren, aber Dad hat keinen von uns hergebracht. Also was ist nach Allies Besuch passiert?“ Cara legte ihre Hand über ihr Herz. „Susa ist passiert. Ich bin passiert.“ Sie wandte sich Barney zu. „Das stimmt, oder?“

Barney legte leise ihren Löffel beiseite. „Ich habe deine Mutter nie getroffen, also es lag nicht daran, dass ich sie nicht gemocht hätte, und ich verurteile sie nicht. Es lag daran, dass ich nicht mochte, was Fritz tat. Ich war entsetzt, als Pete mir gesagt hat, dass Fritz eine ‚private Hochzeitsfeier‘ an einem Strand irgendwo in New Jersey gehabt hatte. Ich meinte: ‚Nora und er haben gerade erst ein Baby bekommen. Wann hatte er die Zeit, eine neue Frau zu finden und sich scheiden zu lassen?‘ Als Pete mir die ganze Geschichte erzählt hat, nun, ich wäre fast hinten über gefallen. Fritz rief an und meinte, dass er mir jemanden vorstellen möchte, aber ich habe zu ihm gesagt: ‚Hast du sie schon Nora vorgestellt?‘ und natürlich hatte er das nicht. Also habe ich gesagt: ‚Du bereinigst das mit deiner Frau – der rechtmäßigen – und dann werde ich gerne deine neue Frau kennenlernen.‘“ Sie stand auf, goss sich ein Glas Wasser ein und nahm einen großen Schluck. „Ich habe gesagt: ‚Hast du dieser Frau gesagt, dass du eine Ehefrau in Kalifornien hast?‘“

„Hat er?“, fragte Cara.

„Er hat nie darauf geantwortet. Er hat nur gesagt, dass er die Liebe seines Lebens gefunden hat, seinen Seelenverwandten, und dass er es nicht riskieren könnte, sie zu verlieren.“ Barney nahm noch einen Schluck und ging dann zum Tisch zurück. „Ich habe ihm gesagt, dass er mir Bescheid sagen solle, wenn er sich dazu entschieden habe, ein Mann zu sein und beiden Frauen die Wahrheit zu sagen, aber bis dahin wolle ich ihn nicht sehen.“

„Und du hast ihn nie wieder gesehen oder von ihm gehört?“, fragte Des.

„Oh, er hat mich jedes Jahr zu meinem Geburtstag angerufen, und ich habe immer gesagt: ‚Also, Fritz. Hast du dich mit deinen Frauen ausgesprochen?‘ Und jedes Jahr hat er gesagt: ‚Ich arbeite dran.‘ Und ich habe gesagt: ‚Okay. Dann bis nächstes Jahr.‘“

„Also hat er es ihnen nie gesagt.“ Cara dachte nach. „Und du hast ihn nie wiedergesehen?“

„Er hat angerufen, als er rausgefunden hat, dass er krank ist. Dann, als er rausgefunden hat, wie krank er genau war, hat er Pete gebeten, ihn herzufahren. Hat gesagt, dass er mich noch einmal sehen will, das Haus sehen will, die Stadt.“ Barney wischte sich mit den Fingerkuppen eine Träne weg. „Er war an diesen zwei Tagen überall in der Stadt unterwegs. Ich weiß nicht, was er alles gesehen oder getan hat – Pete hat ihn gefahren – aber er schien seinen Frieden gefunden zu haben am Ende des zweiten Tages. Bevor er abgereist ist, hat er mir gesagt, was er beiseitegelegt hat, um das Haus in Stand zu halten, damit wir es in der Familie behalten können, und für einen Moment dachte ich: ‚Da ist der Fritz von früher.‘“ Sie hob ihren Blick zur Decke. „Und dann hat er mir erzählt, was er in sein Testament über euch drei aufgenommen hat, und ich habe gesagt: ‚Und da ist der Fritz, der noch nie eine bescheuerte Idee abgelehnt hat.‘“

„Also kennst du offensichtlich alle Details seines Testaments und die Bedingungen.“ Cara klopfte mit den Fingern auf die Seite ihrer Tasse.

„Oh, ich hab’s ihm gesagt. Ich habe gesagt, Franklin Reynolds Hudson, bei allem was heilig ist, ruf die Mädchen einfach an und sag ihnen die Wahrheit, solange du es noch kannst. Aber nein. Er dachte, er wäre schlau, es würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, meinte er. Es würde die Mädchen dazu bringen, sich und ihr Hudson-Erbe kennenzulernen, und das Theater würde repariert werden.“ Sie blickte von Cara zu Des. „Hat irgendwer von euch Erfahrung auf dem Bau?“

„Ich weiß, wie man ein paar Werkzeuge benutzt“, sagte Cara. „Ich habe bei der Renovierung meines Yogastudios mitgearbeitet. Aber richtiges Bauwesen?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Überhaupt gar keine“, sagte Des.

„Allie?“

Allie hob ihren Blick von ihrem Handy und traf den von Barney.

„Dachte ich mir.“ Barney aß noch etwas von der Suppe, und fragte dann: „Habt ihr einen Plan?“

„Noch nicht“, sagte Cara. „Aber wir werden einen aufstellen.“

Barney aß ihre Suppe auf und tupfte sich mit ihrer Serviette die Mundwinkel. „Macht es euch etwas aus, wenn ich eine Idee in den Ring werfe?“

„Überhaupt nicht.“ Des sah Cara an, die zustimmend nickte.

„Mal ganz von vorne. Findet raus, was das Gebäude braucht, und was das kosten wird“, sagte Barney.

„Da keiner von uns weiß, wie man das Ausmaß der Renovierung erfasst oder die Kosten einschätzt, stecken wir ziemlich am Anfang fest“, stellte Cara fest. „Offensichtlich werden wir eine Expertenmeinung dazu einholen müssen, was genau getan werden muss.“

„Ein Freund von mir hat einen Enkel, der im Bauwesen arbeitet. Wir können ihn beauftragen, einen Blick darauf zu werfen, euch zu sagen, was getan werden muss, wie viel es kosten wird. Ich schätze, Pete hat euch gesagt, dass euer Vater Geld für die Restauration beiseitegelegt hat.“

„Das hat er erwähnt, aber woher wusste Dad, was es kosten würde?“, fragte Des.

„Auf einem Bankkonto ist ein Betrag, den er für die Sanierung geschätzt hat, aber wenn der weg ist, ist er weg. Ihr drei werdet untereinander ausmachen müssen, wie ihr ihn ausgebt, und wer für das Konto verantwortlich ist. Ich werde es nicht sein. Ich stelle euch mein Zuhause zur Verfügung – es ist auch euer Zuhause. Ich kann euch Vorschläge anbieten, aber ich kann nichts von der Arbeit machen.“

„Du kannst nicht oder du wirst nicht?“, fragte Cara.

„Ich habe meinem Bruder versprochen, mich nicht einzumischen, dass ich euch das alles selbst hinkriegen lasse. Aber wenn ich Anrufe tätigen kann, euch in die eine oder andere Richtung weisen, dann helfe ich gerne, wo ich kann. Also wenn ihr wollt, dass ich meinen Freund anrufe …“

„Ja, bitte. Je früher wir anfangen, desto früher sind wir fertig“, sagte Cara.

Barney lächelte. „Ich mag deine positive Einstellung.“

„Wir sind hergekommen, um einen Job zu erledigen“, erinnerte Cara sie. „Wir sind nicht hergekommen, um zu scheitern.“

„Also gut.“ Barney stand auf und brachte ihre Schale zur Spüle. „Wer ist bereit für eine Tour durch das alte Familienanwesen?“

Alle drei erhoben sich und folgten Barney durch die Speisekammer, die mindestens drei Meter hoch war, mit ihren Schränken mit Glastüren, die fast bis zur Decke reichten. Der Tresen hatte eine unversehrte Marmorplatte, und das Spülbecken war aus altem Speckstein. Ein schneller Blick, als sie den Raum durchquerten, ließ Porzellan, Gläser, und Schüsseln und Tabletts hinter den Glastüren erkennen. Cara würde auf diese hübschen Dinge später zurückkommen. Sie liebte altes Porzellan.

Wenn das Porzellan in der Speisekammer schon ihr Interesse geweckt hatte, fesselte sie der Schrank im Esszimmer. Das Möbelstück war fast zwei Meter hoch, aus massivem Nussbaumholz, mit geschnitzten Rosen am oberen Rand. Auf einem Silbertablett auf dem ebenso beeindruckenden Buffet stand eine Karaffe aus geschliffenem Glas und mehrere kleine passende Gläser. An den Esstisch passten locker zwölf Leute, aber extra Stühle, die im Raum standen, wiesen darauf hin, dass die Anzahl von Gästen doch noch erhöht werden konnte. Der große Kristallkronleuchter hing von einem Putz-Medaillon mit gemalten Rosen, die sich um plumpe Cherubim rankten. Zu ihren Füßen lag ein dunkler Orientteppich, der echt aussah. Ein Kamin mit einem kunstvollen Sims stand an der Wand neben der Küche und die Täfelung war schulterhoch aus dunklem Holz. Aber der erstaunlichste Gegenstand dieses prachtvollen Raums war das Wandgemälde, was über dem Buffet gemalt war.

„Barney“ – Cara zeigte auf die Wand – „das Wandgemälde … es ist …“

„Ja, exquisit. Du hast Recht.“ Barney blieb im Türrahmen stehen, durch den sie gerade ins nächste Zimmer gehen wollte, anscheinend ohne die Absicht, einen Kommentar zu dem Mittelpunkt des prächtigen Raums abzugeben.

„Die Farben … das Grün und das Blau …“ Des machte einen Schritt nach vorn, um sie sich näher anzusehen. „Der Wasserfall ist so realistisch.“

„Das ist der Wasserfall, nach dem diese Stadt benannt worden ist“, erzählte Barney ihnen überraschend uninteressiert und ohne jeglichen Enthusiasmus.

„Wer hat das gemalt?“ Sogar Allie schien zu staunen, während sie ihren Blick von einer Seite des Wandgemäldes zur anderen schweifen ließ.

„Alistair Cooper“, antwortete Barney.

„Der Alistair Cooper?“, fragte Cara.

„Wer ist Alistair Cooper?“, fragte Des verwirrt.

„Er war ein bekannter Landschaftsmaler. Ich habe in einem Kurs über Kunstgeschichte von ihm gelesen“, antwortete Allie.

„Ja, er war sehr bekannt. Er hat hier in den 1930er-Jahren etwas Zeit verbracht. Er hatte meine Großtante Josephine am College kennengelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Natürlich war ein Künstler ihren Eltern nicht gut genug. Als meine Großeltern im Urlaub im Ausland waren, hat Alistair das Wandgemälde gemalt, um ihnen zu beweisen, wie talentiert er war.“

„Was ist passiert, als sie zurückkamen und festgestellt haben, dass er ihre Esszimmerwand angemalt hat?“, fragte Allie.

„Er und Josephine heirateten im Hinterhof, mit dem Segen ihrer Eltern.“

„Es muss wirklich cool sein, hier zu Abend zu essen, mit dem Kamin und dem Kronleuchter und wenn alle Kerzen leuchten,“ sagte Cara. „Ich wette, wenn du hier Abendgesellschaften hast, ist das Wandgemälde das Gesprächsthema schlechthin.“

„Ich habe nie Abendgesellschaften. Ich benutze diesen Raum überhaupt nicht. Wenn die Wandmalerei nicht von einem bekannten Künstler gemacht worden wäre, würde ich das verflixte Ding überstreichen, damit ich es nie wieder ansehen muss.“

Die drei jungen Frauen standen in stummem Schock da, auch als Barney schon durch den gewölbten Türrahmen in den nächsten Raum gegangen war. „Das ist das Wohnzimmer. Das heißt, das kleine. Das größere ist auf der anderen Seite des Flurs …“

„Wie merkwürdig war das denn?“, flüsterte Des Cara zu, als Barneys Stimme leiser wurde und Allie ihrer Tante folgte.

„Dass sie die Wandmalerei hasst? Ja. Seltsam. Man würde denken, dass man es zeigen will, wenn man ein Wandgemälde von einem berühmten Künstler an der Esszimmerwand hat“, antwortete Cara.

„… und meine Mutter saß immer hier beim Kamin und machte Handarbeit. Wahrscheinlich war sie deshalb fast blind, als sie starb.“

„Der Raum ist hübsch“, meinte Cara, als sie und Des nachkamen. „Diese zwei dunkelpinken Stühle und das grüne Zweiersofa und diese schicke Lampe auf dem weißen Tisch lassen das Zimmer so feminin wirken.“

„Nun, daran habe ich noch nie gedacht, aber ja, ich weiß, was du meinst.“ Barney schien den Raum mit anderen Augen zu sehen.

„Das Zimmer ist so süß und gemütlich“, sagte Des. „Wenn ich hier leben würde, würde ich mich hinsetzen und lesen.“

„Fürs Erste lebst du tatsächlich hier“, erinnerte Barney sie, „also setz dich gerne jederzeit hier hin zum Lesen. Also dann, lasst uns mit dem größeren Wohnzimmer weitermachen.“

Das größere Wohnzimmer am Ende des Flurs war im gleichen viktorianischen Stil wie die anderen Zimmer eingerichtet, die sie gesehen hatten, die Möbelstücke waren stark verziert, die Polsterung der Sessel und Sofas aus blauem Samt, und die Tische von Marmor überzogen. An den Wänden hingen Gemälde mit Landschaften, Hunden, und Stillleben auf dunklen Hintergründen. Ein weiterer Orientteppich bedeckte den Boden. Im Gegensatz dazu wirkte die Einrichtung im vorderen Wohnzimmer sehr zeitgenössisch.

„Das ist mein Wohnzimmer“, verkündete Barney, als sie die schwere Schiebetür zur Seite schob. „Ich habe die meisten der anderen Zimmer so erhalten, wie sie waren, als wir aufgewachsen sind. Größtenteils deshalb, weil es eine fürchterliche Plage gewesen wäre, die Esszimmermöbel hoch in den zweiten Stock zu hieven, und ich konnte es nicht über mich bringen, sie zu erkaufen. Die Möbel im größeren Wohnzimmer sind nicht sehr gemütlich – ich hatte sie erneuert, damit zumindest die Sitze nicht voll Rosshaar sind – aber trotzdem, nichts davon war dafür gemacht, es sich mit einem guten Buch gemütlich zu machen, Fernsehen zu gucken, oder mit Freunden zu plaudern.“

„Wow. Es ist wie ein Musterzimmer von Pottery Barn“, rief Des, als sie hintereinander ins Wohnzimmer kamen.

„Es gibt einen Inneneinrichtungsservice, der sehr hilfreich war“, sagte Barney.

„Du hast hier eine wunderbare Aussicht“, bemerkte Cara. Die Seitenfenster gingen zu den Wäldern auf der anderen Seite der Auffahrt raus.

„Dieses Sofa ist sehr gemütlich.“ Allie setzte sich auf das hintere Polster des grauweißen Ecksofas. „Ich würde hier echt viel Zeit verbringen, wenn das mein Haus wäre.“

Barney lächelte und führte sie in die Bibliothek mit Bücherregalen, die bis zur Decke reichten, einem großen Messingkronleuchter, einem Kamin mit einem Sims aus massivem Eichenholz, und sehr vielen Ledersesseln.

„Mein Dad hat diesen Raum eingerichtet“, erzählte Barney, „und ich habe es nicht übers Herz bringen können, irgendetwas zu ändern.“

„Warum auch?“ Cara fuhr mit der Hand über das weiche Leder eines dunkelbraunen Sessels. „Es sieht genauso aus, wie ich mir eine Bibliothek in einem alten Haus vorgestellt habe. Die Bücherregale, der Kamin, die Ledersofas, das perfekte Licht.“ Sie hielt inne und fügte dann hinzu: „Die Porträts.“

„Wer sind all die Leute?“, fragte Allie. „Die hier und die im Eingangsflur?“

„Verwandte“, antwortete Barney mit einem Grinsen. „Viele, viele, viele Verwandte. Keine Sorge, ihr werdet sie und ihre Geschichten schon bald kennen. Aber die Sache mit den Vorfahren machen wir ein andermal. Ihr Mädchen müsst müde von der Reise sein.“

„Ich weiß nicht, was mit euch zweien ist, aber ich bin erledigt“, sagte Allie.

„Warte, was ist hinter der Tür da?“ Cara zeigte auf die Tür neben dem Kamin.

„Oh, das ist das Büro.“ Barney öffnete die Tür und machte das Licht an. „Das meines Großvaters, meines Vaters, und jetzt ist es meins.“

Dieser Raum hatte wie die anderen einen Kamin, hohe Fenster und eine dunkle Wandvertäfelung. Der übergroße Schreibtisch war aus Eichenholz, und dahinter stand ein eindrucksvoller schwarzer Lederstuhl mit hoher Lehne, der gebraucht, wenn auch nicht schäbig, aussah.

„Hast du gearbeitet, Barney?“, fragte Des.

„Ich war die Direktorin, wie mein Vater und mein Opa und mein Uropa.“

Die Info überraschte Cara. Des‘ und Allies Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatten sie die Neuigkeit auch nicht erwartet.

Barney ging zur Tür, ihre Hand auf dem Lichtschalter. „Sind wir hier fertig? Wir können morgen früh weiterreden.“

Allie schmiss ihre Handtasche auf das Doppelbett in ihrem Zimmer und versuchte, sich zu beruhigen. Es war schlimm genug, dass sie hier war – dass sie nicht in dem geräumigen Sedan vom Flughafen hierhin gefahren war, den sie explizit bestellt hatte, sondern in einem winzigen Sparauto, das die trügerischen Kurven in den Bergen auf dem Weg nach Hidden Falls kaum aushielt. Wer auch immer diese Straße entworfen hatte, hatte einen Schuss: Manchmal war kaum dreißig Zentimeter Platz zwischen der Leitplanke und dem Klippenrand bei der letzten Etappe in die Stadt gewesen. Und die Stadt! Hidden Falls war nur ein kümmerlicher Punkt auf ihrem GPS. Die Shoppingmeile war ein Witz. Sie hatte nicht einen Laden gesehen, den sie sich ansehen würde. Es gab keine süßen Boutiquen, kein hübsches kleines Café, kein Spa, kein gehobenes Irgendwas. Sie hatte sich bei dem Versuch, ihren Koffer die endlose Treppe hoch zu schleppen, den Fingernagel abgebrochen.

Sie könnte ihrem Vater wirklich den Hals umdrehen für diesen lächerlichen Plan. Wenn er dachte, dass sie durch ihren Aufenthalt hier Cara mögen oder überhaupt akzeptieren würde, wo sie doch ihre richtige Schwester kaum leiden konnte, tja, dann war er eindeutig noch verrückter, als sie gedacht hätte. Sie mochte nicht einmal an den Zeitplan denken, den Barney vermutet hatte. Ein Jahr an diesem Ort verbringen? Keine Chance. Und welche erwachsene Frau nannte sich Barney, wenn sie einen hübschen Namen wie Bonnie hatte? Und dann war da noch der Polizist. Er war ihr auf den Fersen gewesen, seit sie den Bullfrog Inn verlassen hatte, eine Kaschemme, aber anscheinend der einzige Ort in der Stadt, wo man einen Drink bekam. Sie hatte weiß Gott einen nötig gehabt, als sie am Haus vorbeigefahren war und daran gedacht hatte, was sie erwartete. Des. Cara. Ein baufälliges Theater, das zwischen ihr und ihrem Erbe stand. Ein Shot Wodka war irgendwie drei geworden, und als sie die Bar verließ, lehnte der Polizist an seinem Streifenwagen und sah zu, wie sie zu ihrem Mietwagen ging. Als sie einstieg, setzte er sich in sein Auto, und als sie den Motor gestartet hatte, hatte er dasselbe getan. Als sie losfuhr, tat er dasselbe. Er war ihr den ganzen Weg zur Hudson Street gefolgt. Natürlich war sie langsam gefahren, und versuchte, sicher zu gehen, dass er keinen Grund bekam, sie anzuhalten. Wenn sie nicht so darauf konzentriert gewesen wäre, ihn im Rückspiegel zu beobachten, hätte sie nie dieses Stoppschild übersehen.

Als sie am Haus ankam, hatte sie so weit oben wie möglich in der Auffahrt geparkt, hauptsächlich um ihr Recht zu demonstrieren, da zu sein. Er hatte vor der Einfahrt geparkt, wie um einen möglichen Fluchtversuch ihrerseits zu verhindern. Bevor sie überhaupt den Schlüssel abziehen konnte, stand er neben ihrem Auto.

Er machte eine kurbelnde Bewegung mit der rechten Hand, und als sie das Fenster runterfuhr, fragte er sie nach ihrem Führerschein, Fahrzeugschein, und Versicherungspapieren.

„Habe ich irgendwelche Gesetze gebrochen, Sir?“, hatte sie mit vorgetäuschter Ruhe gefragt. Natürlich wusste sie, dass das der Fall war.

„Ihren Führerschein, Fahrzeugschein und Versicherungspapiere, bitte, Ma’am.“

Sie machte ihr Portemonnaie auf, nahm ihren Führerschein heraus und reichte ihn ihm. Sie hatte vor langer Zeit gelernt, dass man sich eine Menge Ärger ersparen konnte, wenn man den Führerschein einfach übergab, sobald man von einem Polizisten danach gefragt wurde. „Das Auto ist ein Leihwagen“, sagte sie, als sie das Handschuhfach aufmachte. „Die Papiere sind hier drinnen …“

Sie gab ihm die Papiere. Er nahm sie zu seinem Streifenwagen mit und stieg ein. Währenddessen waren Cara und Des aus ihren Autos gestiegen und sahen zu.

Natürlich sahen sie zu.

Als der Polizist zurück zu ihrem Auto kam und ihr die Papiere zurückgab, fragte sie: „Warum sind Sie mir gefolgt?“

„Wollte nur sichergehen, dass Sie sicher an Ihrem Ziel ankommen, Ma’am.“

„Warum sollte ich nicht?“

„Drei Shots in zwanzig Minuten, und Sie haben das Stoppschild oben an der Straße übersehen.“

„Woher wissen Sie, wieviel ich getrunken habe?“

„Kleine Stadt. Eine Bar. Wenn eine Frau alleine reinkommt und Shots derart runterkippt, wird das jemandem auffallen.“

„Und jemand wird Ihnen Bescheid sagen?“

„Wenn sie mit ihren Autoschlüsseln klimpert und so aussieht, als ob sie vorhat, zu fahren, ja, Ma’am. Jemand wird mir Bescheid sagen. Jedes Mal."

Allie legte ihren Kopf in die Hände und zwang sich, nicht in Tränen auszubrechen. „Okay, also werden Sie mir einen Strafzettel wegen des Stoppschilds geben. Bringen Sie’s einfach hinter sich, Officer“ – sie sah auf sein Namensschild – „Haldeman.“

„Es ist Chief Haldeman, und ich lasse Sie diesmal mit einer Verwarnung davonkommen. Sorgen Sie dafür, dass ich es nicht bereue.“ Er senkte seine Stimme, und seine Augen verengten und verdüsterten sich in einer stummen Drohung. „Und fahren Sie nie wieder unter Alkohol in meiner Stadt.“

Bevor sie ihm dafür danken konnte, sie glimpflich davonkommen zu lassen, war Barney aufgetaucht und hatte ihm zugerufen, und er hatte seine Aufmerksamkeit von Allie abgewandt.

Alles in allem war es ein schrecklicher Start in ein sicherlich unschönes Kapitel in ihrem Leben. Wie ärgerlich, dass jemand sie tatsächlich verpetzt hatte. Und dass sie vom Polizisten – Entschuldigung, dem Polizeichef – verfolgt wurde, als ob sie eine Kriminelle wäre. Es war doppelt ärgerlich, weil sie sich sicher war, dass sie sich unter anderen Umständen nach dem Polizeichef Ben Haldeman umgedreht hätte. Gut, er war eigentlich nicht ihr Typ – dieser raue Look war nie so ihr Ding gewesen – aber er hatte etwas an sich, was sie angesprochen hätte, wenn er nur irgendein Typ gewesen wäre, und kein grinsender Polizist, der sie gerüffelt hatte, weil sie ein paar Drinks gehabt hatte und einen einzigen Block gefahren war.

Und dann war da diese Drohung: „Fahren Sie nie wieder unter Alkohol in meiner Stadt.“ Der Ton in seiner Stimme und der Blick in seinen Augen sagten ihr sehr deutlich, dass es nicht gut für sie ausgehen würde, wenn sie es tat.

Gott. Bewahre mich vor Kleinstadt-Polizisten. Sogar – besonders – vor gutaussehenden Polizisten mit grüblerischen, dunklen Augen.

Allie plumpste neben ihrem Gepäck aufs Bett, zog ihr Handy aus der Hosentasche, und wählte Nikkis Nummer im Adressbuch aus. Das Telefon klingelte mehrmals, bevor die Mailbox ihrer Tochter anging. „Hi, hier ist Nikki. Hinterlass eine Nachricht und vielleicht ruf ich zurück.“

Allie holte tief Luft und hinterließ eine Variation der Nachricht, die sie schon mehrmals vorher aufgesprochen hatte.

„Nik, hier ist Mom. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich sicher angekommen bin, und ich bin hier in Hidden Falls, im Zuhause von meinem Dad. Du würdest es hier lieben – es sieht aus wie eine dieser viktorianischen Villen, die man in Filmen oder Zeitschriften sieht. Ich werde morgen ein paar Fotos machen, wenn es hell ist, und sie dir schicken. Jedenfalls, ich bin da und ich würde mich sehr freuen, wenn du mich zurückrufst. Ich weiß, du musst heute Abend für einen Test lernen, also morgen ist auch in Ordnung. Nacht, Süße. Hab dich lieb …“

Allie legte auf und fühlte sich schlechter als vorher. Sie konnte Nikki vor sich sehen, wie sie in ihrem hübschen Zimmer bei Clint an ihrem Schreibtisch saß, ihr Geschichtsbuch offen vor ihr aufgeschlagen, falls ihr Vater vorbeischaute, ihr Handy in der Hand und mit ihren Freundinnen schrieb. Für ein vierzehnjähriges Mädchen war Klatsch und Tratsch mit ihren besten Freundinnen immer wichtiger als ein Anruf von Mom.

Sie fand die braune Tüte in ihrem Koffer und nahm eine der zwei Flaschen heraus, die sie im Spirituosengeschäft in einem Shoppingcenter am Stadtrand gekauft hatte, öffnete sie, und nahm einen schnellen Schluck. Der Wodka rann ihr die Kehle herunter, vertraut und beruhigend. Noch ein Schluck; dann machte sie es sich im Sessel gemütlich, der am Erkerfenster stand, das auf den Hinterhof rausging, und wartete darauf, dass die Anspannung nachließ. Sie fühlte sich elend und tat sich selbst leid. Sie war irgendwo, wo sie nicht sein wollte, mit Leuten, die sie entweder nicht kannte oder nicht mochte, um etwas zu tun, was sie nicht tun wollte. Allie wickelte den bunten Überwurf um sich, der wahrscheinlich von Barney über eine Armlehne geworfen worden war, und besah sich das Zimmer, das ihr zugewiesen worden war. Es gab ein Doppelbett mit dem geschnitzten hohen Kopf- und Fußende, auf dem eine grauweiße Matelassé-Decke lag, und eine Kommode, die fast einen Meter achtzig hoch war. Die obere Platte der Kommode war aus Marmor, und hatte einen Spiegel, der so breit wie hoch war. Der Teppich war noch ein Orientteppich – die Hudsons hatten anscheinend ein Faible dafür – und die Gardinen waren aus leicht verblichenem Damast. Wie in jedem Bereich des Hauses, den Allie bis jetzt gesehen hatte, waren die Zierleisten um die schweren Türen aus Kastanienholz breit und kunstvoll geschnitzt. Als sie vorhin in ihr Badezimmer gespäht hatte, hatte sie eine Badewanne auf Füßen gesehen, die in perfektem Zustand war; ein Standwaschbecken, über dem ein großer Spiegel in einem vergoldeten Rahmen hing; eine Toilette; und ein Schrank, in dem sie zusätzliche Handtücher und ein paar Putzmittel gefunden hatte. Auch wenn es nicht der schickste Ort war, an dem sie übernachtet hatte – bei Weitem nicht – war der Raum auf seine Art hübsch und elegant.

Allie starrte immer noch aus dem Fenster, und fragte sich, warum es ihr so schwerfiel, wie Des zu denken, etwas Gutes an einer Situation zu erkennen. Aber jetzt gerade fiel ihr nichts ein, das auch nur annähernd gut schien. Außer, dass sie eine Menge Geld erben würde, wenn sie diese dämliche Aufgabe erfüllen konnten, mit dem sie ein Haus kaufen könnte, was näher an Nikkis Schule lag, und Nikki wieder gemäß der eigentlichen Sorgerechtsregelung bei sich haben könnte. Das wäre sehr gut, sagte sie sich.

Sie dachte noch ein bisschen länger nach.

Erst diese Woche hatte der Makler einen Mieter für ihr hübsches Haus gefunden, also würde sie es fürs Erste nicht verkaufen müssen. Das war auch gut. Sobald die Sache mit dem Nachlass geklärt war, könnte sie es zum Verkauf stellen, wenn sie das dann tun wollte.

Oh, und erst vor Kurzem hatte der Polizist ihr keinen Strafzettel dafür gegeben, dass sie das Stoppschild übersehen hatte, also war das auch ein Plus. Natürlich war sie sich bewusst, dass das höchstwahrscheinlich daran lag, dass seine Großmutter anscheinend mit Barney befreundet war, aber der Grund spielte keine Rolle. Allie waren drei gute Dinge eingefallen, um den Albtraum auszugleichen, der sie umzingelte. Sie stieß mit einem großen Schluck von der Flasche auf sich an. Vielleicht konnte sie morgen ja einen Eiskübel und ein Glas ausgraben. Bestimmt würde sie sie bei all dem Krimskrams in der Speisekammer finden. Andererseits war sie sich nicht sicher, ob sie verraten wollte, dass sie nachts ihre eigene Happy Hour feierte. Des hätte dann ordentlich etwas dazu zu sagen, und sie wusste nicht, ob sie Lust auf die selbstgerechte Missbilligung ihrer Schwester hatte. Das letzte Mal, als sie mehr als drei Drinks in Des‘ Gesellschaft gehabt hatte, war sie mit einem fünfzehnminütigen Vortrag darüber bedacht worden, dass sie wie ihre Mutter werden würde, wenn sie nicht aufpasste.

Allie hörte Schritte im Flur, und machte die Lampe auf dem Tisch neben ihr aus, in der Hoffnung, dass derjenige denken würde, dass sie schlief, und sie in Ruhe lassen würde. Als die Stimmen näherkamen, erkannte sie Des und Cara, aber sie konnte nicht verstehen, was gesagt wurde. Allie rutschte in ihrem Sessel hin und her, und hielt den Atem an, bis sie hörte, wie die Türen der beiden Zimmer zufielen. Als alles wieder still war, nahm sie einen letzten Schluck, bevor sie die Flasche wieder zudrehte. Sie wickelte sie in die braune Papiertüte, und stellte fest, dass sie nur noch zu zwei Dritteln gefüllt war. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie so viel getrunken hatte. Sie hatte eigentlich nur einen Absacker gewollt, ein bisschen, um ihr durch die Ungewissheit in dieser Situation zu helfen. Ihr war so schwer ums Herz, weil sie so weit weg von Nikki war, besonders, weil sie keine Ahnung hatte, wann sie ihre Tochter wiedersehen würde.

Allie stand auf und stolperte auf dem Weg zum Bett, um die Tüte wieder in ihrem Koffer zu verstauen. Mit ungeschickten Fingern versteckte sie die Tüte unter einem Sweater. Sie wühlte in ihren Sachen, bis sie ein Nachthemd fand, dann ging sie langsam und bedächtig ins Badezimmer.

Zehn Minuten später schlüpfte sie mit schwirrendem Kopf ins Bett. Als sie langsam in den Schlaf glitt, fielen ihr dumpf Barneys Worte wieder ein: Allie, du warst schonmal hier.

Etwas, nicht wirklich ein Déjà-vu, durchströmte sie und stupste sie am Rand ihres Bewusstseins, aber bevor sie genauer darüber nachdenken konnte, übermannte sie der Schlaf, und dieser winzige Hauch von Erinnerung war verschwunden.

Kapitel Vier

„Das ist also das Sugarhouse.“ Cara kurbelte ihr Fenster runter, um besser sehen zu können.

„Das ist dieses großartige Theater, dem wir zu seiner alten Pracht verhelfen sollen?“ Allie schnaubte. „Ernsthaft? Das ist nur ein Haufen Holz, der zusammengenagelt wurde. Und überhaupt, wer immer das gemacht hat, hat echt blöde Arbeit geleistet.“

„Das ist Sperrholz, und ich bin sicher, dass derjenige, der das angebracht hat, das Gebäude erhalten wollte.“ Cara besah sich die Fassade, die, wie Allie angemerkt hatte, komplett mit Sperrholz bedeckt war, das willkürlich über die Front und das Vordach genagelt war. „Und wir können uns glücklich schätzen, dass sich jemand die Zeit genommen hat, alles zu bedecken. Ansonsten stünde vor uns ein Chaos durch Wetter, Vandalismus …“

„Muss an der Nachbarschaft liegen“, murmelte Allie.

Cara warf ihr einen giftigen Blick zu, fuhr aber fort. „Es gibt unzählige Sachen, die einem Gebäude passieren könnten, wenn es über Jahre ungeschützt bleibt.“

„Drinnen sieht es bestimmt besser aus.“ Des versuchte offensichtlich, optimistisch zu klingen. Von außen besaß das Sugarhouse kaum einen Reiz.

„Warum sitzen wir hier noch? Lasst uns einen Blick drauf werfen.“ Cara sprang aus dem Auto, aufgeregt und begierig darauf, anzufangen, ihre Tasche schwer von den Werkzeugen, die sie von Barney geliehen hatte.

Die Drei standen vor dem Gebäude, sahen zum Vordach hoch, und waren für einen langen Moment wie gebannt. „Ich habe Gänsehaut“, verkündete Des. „Noch wer?“

„Definitiv.“ Cara hielt ihre Arme hoch.

„Vielleicht ein bisschen“, gab Allie zu.

„Könnt ihr euch nicht auch die Leute vorstellen, wie sie ankommen, fein herausgeputzt und aufgeregt, den Film oder das Theaterstück oder das Konzert zu sehen?“ Des wandte sich Allie zu. „Das hier ist der Ort, an dem alles für Mom angefangen hat, Al. Kannst du nicht fühlen, wie begeistert sie gewesen sein muss, als sie das erste Mal ihren Namen da oben auf dem Vordach gesehen hat?“

Allie nickte schweigend, doch Cara hätte schwören können, dass Allie Tränen in den Augen standen.

„Mir ist das hier letzte Nacht gar nicht aufgefallen, als ich auf der anderen Straßenseite zum Tanken angehalten habe.“ Cara blickte zur Tankstelle und fragte sich, ob der Typ heute wieder da war, der sie beim Tanken zurechtgewiesen hatte, ob er sich immer noch auf ihre Kosten amüsierte.

„Und seht mal, direkt neben der Tankstelle ist eine kleine Bar.“ Des wies sie auf das Schild mit einem gigantischen, grünen Frosch, der auf einem Lilienblatt saß, hin. „The Bullfrog Inn. Süßer Name. Ich frage mich, ob es ein netter Laden ist. Vielleicht können wir ja mal einen Abend alle zusammen dorthin.“

„Klar.“ Cara nickte.

„Um wie viel Uhr soll Barneys Freund hier sein?“ Allie ging zur Ecke des Gebäudes, als ob sie nichts gehört hätte, und ging dann wieder zurück, da es an der Seite des Theaters nichts zu sehen gab, außer noch mehr Brettern, die wer weiß was bedeckten.

Cara sah auf ihre Uhr. „Jetzt, eigentlich.“ Sie nahm einen Hammer und einen Schraubenzieher aus ihrer Tasche, und ging geradewegs zu dem Brett, hinter dem sie den Haupteingang vermutete. „Mal sehen, ob ich das hier abbekomme.“

„Glaubst du nicht, du solltest warten?“ Des schien nervös. „Was ist, wenn jemand vorbeifährt und denkt, wir würden einbrechen? Oder die Polizei anruft?“

„Die Polizei wird es nicht allzu weit haben, da die Station direkt gegenüber ist“, sagte Allie.

„Also, das ist sicherlich bequem. Ich wette, das wirkt sich auf alkoholisiertes Fahren hier aus.“ Cara beäugte das Brett. Es war fest an seinen Platz geschraubt worden. Sie legte den Hammer auf den Boden und fing an einer Ecke mit dem Schraubenzieher an. „Ich will nicht auf den Handwerker warten. Ich möchte sehen, was drinnen ist.“

„Du weißt, wie man das Ding benutzt?“, fragte Allie.

„Das ist ein Schraubenzieher, Allie, der hat keine Einzelteile. Ich hatte nicht viel Geld, um mein Yogastudio zu renovieren, also was auch immer ich machen konnte, habe ich gemacht. Was auch immer ich nicht konnte, habe ich gelernt. Ich würde mich nicht als Expertin bezeichnen, aber ich kann einfache Dinge.“

„Wenn wir noch einen Schraubenzieher hätten, könntest du es mir beibringen“, meinte Des.

„Wenn ich noch einen Schraubenzieher hätte, würde ich das gerne machen.“ Cara lächelte. Sie begann wirklich, Des zu mögen. Sie war noch nicht mit Allie warm geworden, aber andererseits war Allie es auch noch nicht mit ihr.

Des ging zum Bordstein und sah die Straße rauf und runter. „Da ist eine Bücherei neben dem Parkplatz.“

„Vielleicht könnten wir ja da auf den Typen warten.“ Allie klang hoffnungsvoll. „Es ist kalt hier draußen.“

„Es ist nur ein bisschen windig“, meinte Des. „Hast du keine warmen Klamotten mitgebracht?“

„Wir haben März, Des,“ fauchte Allie. „Es waren 30 Grad, als ich Kalifornien verlassen habe. Woher hätte ich wissen sollen, dass hier immer noch Winter ist?“

Des hielt ihr Handy hoch. „Einfach genug, überall nach dem Wetter zu gucken.“

Cara blendete ihr Gekabbel aus und drehte an einer der Schrauben, die die rechte Seite des Bretts an seinem Platz hielten. Nach einem kurzen Kampf hatte sie die Schraube gelöst. Zufrieden mit sich steckte sie sie in ihre Hosentasche und ging zur nächsten über. Sie hatte es geschafft, noch sechs weitere Schrauben zu entfernen, bevor sie sich der Stimmen hinter ihr bewusst wurde.

Des und Allie hatten vom Bürgersteig bis zur Tür gestritten, aber sobald sie Cara erreichten, wurden sie beide still.

„Wow, du hast fast alle Schrauben rausbekommen“, sagte Allie.

„In ein oder zwei Sekunden können wir sehen, was unter all diesem Sperrholz liegt.“ Cara entfernte die restlichen Schrauben, hob die Platte hoch und stellte sie an die Seite. „Ich hätte für den Haupteingang so etwas wie Massivholz erwartet, aber nicht das.“ Die breite, dicke Tür aus Holz war aquamarin angestrichen, die obere Hälfte war aus Buntglas und zeigte die Masken von Tragödie und Komödie.

„Hübsch. Tragödie und Komödie.“ Des beugte sich über Caras Schulter. „Mom hatte diese kleinen Tattoos am Knöchel, weißt du noch, Al?“

„Das ist echt cool.“ Allie lehnte über Des. „An die kann ich mich erinnern.“

Des fuhr mit einer Hand über das Glas. „Super. Kein einziger Splitter, kein Kratzer. Wir sollten dem, der alles zugenagelt hat, dankbar sein, dass er sich so gut um das alte Mädchen hier gekümmert hat. Das Glas sieht wahrscheinlich genauso perfekt aus wie an dem Tag, als es eingebaut wurde, und die Farbe ist nicht mal verblasst.“

Sie drückte gegen die Tür, die sich jedoch nicht bewegen ließ.

„Oh. Barney hat mir einen Schlüssel geben, der vielleicht passen könnte.“ Cara durchwühlte ihre Hosentasche, und hielt dann den Schlüssel hoch. „Allie, du bist die Älteste. Möchtest du uns diese Ehre erweisen?“

„Nein, danke.“

„Ich würde es sehr gerne machen.“ Des nahm den Schlüssel. „Mein Gott, Allie. Unsere Eltern haben sich hier kennengelernt. Sie haben sich hier ineinander verliebt. Bedeutet dir das denn gar nichts?“

„Das Einzige, was mir jetzt gerade was bedeutet, ist, aus dem Wind hier rauszukommen“, antwortete Allie.

Des rollte mit den Augen, steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch, und drückte gegen die Tür. Die Tür öffnete sich in einen dunklen Raum.

„Oh mein Gott, es ist pechschwarz hier drinnen.“ Allie trat von der Tür zurück.

„Ich habe eine Taschenlampe in meinem Auto für Notfälle“, meinte Cara. „Sie leuchtet sehr hell. Bin gleich zurück.“

Einen Augenblick später kam Cara mit der Taschenlampe zurück. „Bereit, reinzugehen?“, fragte sie.

„Meinst du nicht, wir sollten auf … auf wen auch immer warten?“ Allie runzelte die Stirn.

„Wir müssen auf niemanden warten“, sagte Cara. „Uns gehört das Haus hier. Wir können endlich sehen, was uns Dad hinterlassen hat.“

„Das stimmt. Auf geht‘s.“ Des folgte Cara nach innen, aber Allie blieb im Türrahmen stehen.

Ein paar Sekunden später konnte Cara hören, wie Allie seufzte: „Ach, was soll’s. Wartet auf mich.“

Cara leuchtete auf den Boden. Ein Teppich mit goldenen Verzierungen auf dunklem Hintergrund – blau? Burgunder? Braun? – lag unter ihren Füßen.

„Ich frage mich, ob der Teppich noch etwas taugt“, überlegte Des. „Es würde uns sicherlich eine Menge Geld sparen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was es kosten würde, dieses Design nachzuahmen.“

Das Licht der Taschenlampe flackerte über den restlichen Teil des Foyers. Eine Reihe von drei hohen und breiten Bögen befand sich auf der linken Seite. In der Mitte der rechten Wand war eine hohe Doppeltür. Caras Lichtstrahl folgte den Konturen der Bögen und enthüllte dabei Malereien, die sich um jeden von ihnen schlangen.

„Wow“, rief Des. „Seht euch das an.“

„Wunderschön“, flüsterte Cara. „Das hier ist einfach …“ Sie rang nach Worten.

„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen“, sagte Allie. „Es ist wunderschön.“

Des seufzte schwer. „Wie könnten wir je so etwas restaurieren, jemanden finden, der die passende Farbe findet und-“

„Vielleicht müssen wir das ja nicht.“ Allie klang überraschend optimistisch. „Vielleicht muss es nicht restauriert werden. Wie ihr gesagt habt, es war lange Zeit mit Bretten beschlagen, also war es keinem schädlichen Sonnenlicht ausgesetzt.“ Sie fügte hoffnungsvoll hinzu: „Vielleicht.“

„Ich schätze, wir werden es genauer wissen, wenn wir es wirklich sehen können. Vielleicht sollte ein Elektriker ganz oben auf unserer Liste stehen“, sagte Cara.

Des zog einen Notizblock und einen Stift aus ihrer Tasche. „Ich mache mir Notizen. Ich glaube nicht, dass wir uns alles merken können.“ Sie schrieb „Teppich“, „dekorative Malereien“, und „Elektriker“ in ihren Block.

„Ich denke, wir sind uns alle einig, dass das Foyer ein Hingucker ist.“ Cara richtete ihren Lichtstrahl auf die Doppeltüren. „Ich vermute, der Zuschauerraum ist dort drüben.“

„Es gibt nur einen Weg, das rauszufinden.“ Allie folgte dem Licht zu den Türen und öffnete die linke.

Cara ließ den breiten Strahl ihrer hochleistungsfähigen Taschenlampe durch den Raum wandern und bemerkte: „Sieht so aus, als ob die Sitze noch hier sind. Das sollte uns etwas Geld sparen.“

„Wenn man sie noch benutzen kann.“ Allie untersuchte einen der Sitze. „Sie sehen irgendwie alt aus.“ Sie fuhr mit der Hand darüber, was eine Staubwolke aufwirbelte, und hustete. „Und staubig.“

„Du wärst auch staubig, wenn du hier, was, achtzig, neunzig Jahre sitzen würdest“, erinnerte Des sie.

„Vielleicht könnte man sie sauber machen.“ Caras Licht wanderte zum Orchestergraben. Sie stoppte am Ende der Reihe und richtete das Licht zur Decke.

„Sitze saubermachen“, schrieb Des in ihren Block.

„Hey, seht euch das an“, rief Cara ihnen zu.

Allie und Des sahen zu dem Bereich hoch, den Cara beleuchtete. Leuchtend helle Farben erschienen über ihren Köpfen – rot, gold, blau, grün – in unerfindlichen Mustern. Die Decke selbst war pfauenblau, und ein riesiger Kristallkronleuchter hing in der Mitte.

„Oh mein Gott, der Kronleuchter.“ Allie schnappte nach Luft. „Ich habe noch nie so etwas gesehen.“

„Sensationell. Und die Decke ist mit demselben Muster wie das Foyer bemalt“, stellte Des fest.

„Sie ist wunderschön.“ Cara leuchtete von der einen Seite der Decke zur anderen und wieder zurück. „Sie ist gewölbt und bemalt. Atemberaubend. Beten wir, dass sie stabil ist und das Dach immer dicht war.“

„Ich bete“, sagte Des. Sie stieß Allie den Ellbogen in die Rippen, bis ihre Schwester sagte: „Okay. Ich auch.“

Caras Licht tanzte über die gesamte Decke und an einer Wand herunter.

„Also, das Theater ist echt ein wahres Art déco-Schätzchen. “ Allie staunte. „Ich weiß nicht, in welcher Verfassung die Wände und die Decke sind, aber von hier sehen sie auf jeden Fall gut aus. Ich schätze, der wahre Test wird stattfinden, wenn alle Lichter an sind. Wir brauchen wahrscheinlich ein Gerüst, um die Decke näher zu untersuchen, aber Leute, von hier aus, muss ich zugeben, bin ich beinahe sprachlos.“

„Ich bin so aufgeregt.“ Mit leuchtenden Augen drehte sich Cara zu Des und Allie um. „Das wird ein Abenteuer. Wenn es fertig ist, wird es umwerfend sein. Ich kann’s kaum erwarten.“

„Wie lange, denkst du, wird das alles dauern?“ Allie ignorierte Caras Enthusiasmus.

„Ich denke, wir müssen abwarten, was der Handwerker sagt, wenn er hier ist“, sagte Cara.

„Er ist spät dran.“ Allie nahm ihr Handy heraus und sah auf die Uhrzeit.

„Na und? Das hat uns Zeit gegeben, uns all das hier selbst anzuschauen “, sagte Des. „Ich bin froh, dass er zu spät ist.“

Cara ging vorsichtig den Gang entlang, während das Licht vor ihr her leuchtete.

„Da ist die Bühne.“ Sie blieb stehen, um das Licht von der einen Seite zur anderen, und von oben nach unten zu schwenken. „Keine Vorhänge, aber vielleicht sind sie woanders.“

Des und Allie folgten ihr.

„Dad und Mom sind beide auf dieser Bühne aufgetreten.“ Des schüttelte den Kopf. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir tatsächlich da stehen, wo sie sich kennengelernt haben.“

„Ich muss zugeben, ich hätte nie mit allem hier gerechnet“, sagte Allie.

Caras Lichtstrahl blieb auf einer Stelle direkt vor ihnen stehen. „Da ist ein Orchestergraben. Wie cool ist das denn?“

„Leuchte mal nach oben und dann den Weg zurück, von dem wir gekommen sind“, schlug Des vor.

Cara kam ihrer Bitte nach, und Des rief: „Da! Ich wusste doch, es gibt eine Galerie!“

„Wir sollten die Treppen finden und hochgehen“, sagte Cara. „Lass uns zurück ins Foyer gehen und schauen, ob wir sie finden können.“

Die drei Frauen gingen wieder zum vorderen Teil des Gebäudes.

„Vielleicht durch die Bögen?“ Des zeigte auf eine Seite.

„Da können wir auf jeden Fall mal anfangen“, stimmte Cara ihr zu. Sie folgten dem Lichtstrahl durch den mittleren Bogen und traten in einen langen, dunklen Gang. Cara leuchtete den Gang rauf und runter. „Vielleicht hier lang“, sagte sie. „Da unten ist irgendwas.“

„Die Stufen gehen nach unten.“ Allie zeigte auf die verschwindende Treppe.

„Lass uns nachschauen, wo sie hinführen.“ Cara ging erneut vor, und sie stiegen in den Keller herab.

„Noch ein Gang.“ Des seufzte.

„Und Türen an jeder Seite. Ich möchte sehen, was alles hier unten ist.“ Cara öffnete die erste Tür und offenbarte einen kleinen Raum, der von einem großen Schreibtisch eingenommen wurde. Regale standen an zwei Wänden, und ein hoher Schrank stand neben dem Schreibtisch. Sie trat hinter den Schreibtisch und öffnete die oberste Schublade.

„Wer auch immer diesen Raum benutzt hat, hat Stifte gesammelt.“ Sie klaubte eine Handvoll auf und hielt sie hoch.

Allie trat näher. „Stifte, die sie von anderen geklaut haben – scheinbar hauptsächlich Unternehmen im Ort.“ Sie las ein paar davon vor. „‚First Bank von Hidden Falls‘. ‚Ford’s Auto Service‘. ‚Flowers Bakery’. ‘Crash Burton – Autoversicherung’. Sollen diese Namen ein Witz sein?“ Sie sah ihre Schwestern an. „Würdet ihr eine Autoversicherung von jemandem kaufen, der Crash heißt?“

„Das muss ein Witz sein“, sagte Des.

„Bitte.“ Allie verdrehte die Augen. „Das hier ist die tiefste Provinz. Es ist alles möglich. Es würde mich nicht wundern, wenn ihr Zahnarzt Dr. Payne und der einzige Arzt Blood heißen würden.“

„Warum sagst du sowas?“ Des runzelte die Stirn.

„Flowers Bakery. Verstehst du? Flours? Mehl?“ Allie starrte ihre Schwester an. „Ford‘s Auto? Alles in dieser Stadt scheint mir total abgedreht zu sein.“

„Ich weiß nicht“, sagte Des. „Ich finde sie immer entzückender. Diese Namen sind, naja, irgendwie niedlich, also auf eine kitschige Art.“

Allie rollte die Augen.

„Oh, Leute! Das müsst ihr sehen!“ Cara stand vor dem offenen Schrank und hielt etwas in beiden Händen. „Seht euch mal diese alten Filmposter an! Ich wette, die hingen in Glaskästen vor dem Theater.“

„Ich habe keine Glaskästen gesehen“, sagte Allie.

„Die sind bestimmt hinter einer der Platten“, meinte Cara.

Des und Allie gingen um den Schreibtisch, um sie sich näher anzuschauen. „Al, das ist ein Poster für einen von Moms Filmen.“ Des legte es flach auf den Tisch. „Guck mal, wie jung sie hier aussieht.“

„‚Honora Hudson in Walk of Fear‘“, las Allie laut vor. „Ich weiß noch, wie sie den Film gedreht hat. Wir sind damals mit ihr mitgegangen, erinnerst du dich? Sie hatten das Set außerhalb von LA in den Bergen aufgebaut.“

„Ich erinnere mich.“

„Ich dachte, eure Mutter hieß Nora“, sagte Cara.

„Sie dachte, Honora Hudson würde mehr nach einem Star klingen, und besser auf dem Vordach aussehen, also hat sie ihn geändert, aber jeder, der sie kannte, hat sie Nora genannt.“ Des hielt inne. „Ihr eigentlicher Name war Eleonora, aber sie fand, der klang zu altmodisch.“

„Ich frage mich, ob es noch mehr gibt“, sagte Allie.

„Gibt es.“ Cara nahm einen Stapel aus dem Schrank und ging ihn schnell durch. „Aber keins mit dem Namen eurer Mutter drauf.“

„Wie wär’s, wenn wir sie mitnehmen.“ Des sah zu Cara.

„Vielleicht nur das von eurer Mutter“, sagte Cara. „Das Zeug ist sehr staubig, und ich würde sie lieber saubermachen, bevor wir sie in Barneys schönes Zuhause bringen.“

„Guter Punkt.“ Des blickte auf das Poster auf dem Schreibtisch. „Vielleicht können wir das hier im Auto saubermachen, bevor wir am Haus ankommen.“

„Wir finden bestimmt etwas, mit dem wir es abstauben können“, meinte Cara.

Allie, die anscheinend das Interesse verloren hatte, kehrte auf den Gang zurück. Als Cara zu ihr stieß, fuhr Allie gerade mit den Händen über die Wände.

„Was machst du da?“, fragte Cara.

„Die Wände sind tapeziert, aber ich sehe oder fühle keine Stellen, wo etwas abblättert. Was gut ist, weil das heißt, dass die Wand nicht feucht war. Was ein gutes Omen für das Dach ist“, sagte Allie. „Zumindest in diesem Bereich scheint es keinen Wasserschaden gegeben zu haben.“

„Was fast ein Wunder ist, wenn man drüber nachdenkt.“ Cara fuhr ebenfalls mit der Hand die Wand entlang. „Das ist aber nur dieser eine Teil, und das Theater ist groß. Wer weiß, was wir noch alles finden?“

In dem Moment huschte etwas über Caras Fuß. Sie schrie auf und rannte zu den Stufen.

„Cara!“, rief Des. „Was ist passiert?“

„Irgendwas … Oh Gott, irgendwas Großes und Pelziges! Genau über meinen Fuß! Ih!“ Sie rannte weiter, die Lampe immer noch in ihren Händen.

„Oh, igitt“, rief Allie, und rannte hinter Cara die Treppe hoch.

„Wagt es nicht, mich hier unten allein zu lassen!“ Des ließ das Poster auf den Schreibtisch fallen und folgte ihnen.

Die drei Frauen rannten quer durch das Foyer und genau in die breite Gestalt, die ihnen im Türrahmen den Weg nach draußen versperrte. Im Tageslicht, was durch die offene Tür fiel, konnten sie sehen, dass der Mann eine Jeansjacke über einem grünen T-Shirt und verblasste Jeans trug; eine rote Baseballmütze von den Philadelphia Phillies saß umgedreht auf seinen blonden Haaren.

„Hey, Jersey.“ Er trat vor mit ausgestreckter Hand und einem Grinsen, das Cara schmerzlich bekannt war. „Schön, Sie nochmal zu sehen.“

„Natürlich sind Sie es“, murmelte Cara, und schaltete ihre Taschenlampe ab.

Er lachte gutmütig und hielt ihr weiterhin seine Hand hin. Widerwillig schüttelte sie sie.

„Ihr kennt euch?“ Des trat zu ihnen unter das Vordach der Reklametafeln. „Wann hattest du die Zeit, irgendwen kennenzulernen?“

„Wir sind uns gestern Abend begegnet.“ Cara fügte hinzu: „Kurz.“

„Aber wir haben uns nicht richtig vorgestellt. Joe Domanski.“

„Cara McCann.“ Sie befreite ihre Hand aus seinem Griff. „Also Sie sind der Enkel von Barneys Freund.“

„Jep. Ihre Tante hat heute Morgen angerufen und mich gebeten, vorbeizukommen und einen Blick auf das alte Ding zu werfen, und zu gucken, was es kosten würde, es zu reparieren. Um ehrlich zu sein, wollte ich schon immer wissen, wie es drinnen aussieht. Sorry, dass ich etwas zu spät bin“, fügte er hinzu. „Ich musste ein paar Sachen für einen Auftrag holen, an dem ich arbeite.“

Er wandte sich an Des und Allie und fragte: „Also, sind Sie auch alle aus Jersey?“

„Sehe ich echt für Sie so aus, als ob ich aus New Jersey komme?“ Allie runzelte die Stirn.

„Montana, vorher Los Angeles“, sagte Des. „Allie ist aus Kalifornien.“

„Warum fragen Sie überhaupt, ob ich aus New Jersey komme?“ Allie wirkte immer noch beleidigt.

„Weil er sich anscheinend für besonders lustig hält“, sagte Cara.

„Und, was war das mit dem Geschrei gerade?“, fragte er.

„Sie haben das bis hier draußen gehört?“ Cara zog eine Grimasse.

Er nickte. „Was ist da drinnen passiert?“

„Eine Maus–“, begann Des, aber Cara unterbrach sie.

„Eine Ratte ist über meinen Fuß gelaufen. Sie war riesig“, sagte Cara.

Er hob seine Hände ungefähr einen Fuß weit auseinander hoch. „Ungefähr so groß?“

„Größer.“ Cara bewegte seine Hände noch weiter auseinander.

„Damit hätte ich rechnen sollen.“ Er schüttelte langsam mit einem grimmigen Gesichtsausdruck den Kopf.

„Womit? Sie hätten womit rechnen sollen?“, fragte Cara argwöhnisch.

„Sie haben wahrscheinlich eine gute, alte Rattenplage.“ Er sah zum Gebäude. „Sie werden einen Kammerjäger brauchen, der sich damit auskennt, wie man sie loswird. Es hatten in der Vergangenheit nicht allzu viele Erfolg, aber vielleicht haben Sie ja Glück. Ich wette, hier sind Generationen von denen.“

„Was?“, fragte Cara. „Generationen von was?“

„Pocono Raceway Ratten.“ Seine Miene war ernst, aber das Funkeln in seinen Augen verriet ihn.

„Ich glaube, die einzige Ratte hier sind sie.“ Caras Augen verengten sich. Sie wollte ihm eine verpassen. „Sie haben sich das alles ausgedacht. Ich kenne den Pocono Raceway. Die Pocono Five Hundred, oder wie auch immer sich dieses Rennen nennt.“

Joe lachte.

„Ich dachte, das Phantom der Oper wäre hinter Ihnen her, so wie sie geschrien haben und hier rausgestürmt kamen.“

„Das ist nicht lustig, Joe.“

„Hey, wenn Sie gleich bei einer kleinen Ratte so ausflippen, sollten Sie vielleicht noch mal überdenken, was Sie hier machen.“

„Was hat Barney Ihnen erzählt?“ Cara war immer noch danach, dem Typen eine reinzuhauen, aber er hatte seinen Spaß gehabt. Jetzt war es Zeit, sich an die Arbeit zu machen. Sie konnte professionell sein, auch wenn er sich wie ein Halbwüchsiger benehmen wollte.

„Sie hat gesagt, dass ihre drei Nichten das Theater von ihrem Vater geerbt hätten und hier in Hidden Falls seien, um es zu restaurieren“, sagte er. „Und dass Sie jemanden bräuchten, der das Unterfangen beaufsichtige, da keine von Ihnen Erfahrungen im Bauwesen habe, und sie dachte, vielleicht könne dieser Jemand ja ich sein.“

„Warum Sie?“, fragte Des.

„Ich denke, weil sie mich schon mein ganzes Leben lang kennt und weiß, dass sie mir vertrauen kann, und dass ich ein irrsinnig guter Handwerker bin.“ Joe sah Cara in die Augen und fügte hinzu: „Ich fühle mich geehrt, dass sie mir ihr Familienerbe anvertrauen möchte.“

„Vielleicht ist ihr nicht bewusst, dass Sie den Humor eines Achtklässlers haben“, sagte Cara.

„Sie nimmt wahrscheinlich an, dass ich aus ihm rausgewachsen bin.“

„Es sieht Barney nicht ähnlich, sowas Offensichtliches zu übersehen“, antwortete Cara.

Sie starrten einander für etwa zehn Sekunden an.

„Also, es gibt ein paar Probleme, die unmittelbar erkennbar sind.“ Cara ging in den Geschäftsmodus über. „Offensichtlich brauchen wir einen Kammerjäger und einen Elektriker.“

„Ich kann mir vorstellen, dass der Strom vor langer Zeit abgestellt worden ist. Aber wir können den wieder für Sie anstellen lassen“, sagte er.

„Ich kann das Elektrizitätswerk selbst anrufen. Was wir von Ihnen brauchen, ist der Name eines guten Elektrikers, um festzustellen, ob die Kabel in Ordnung sind, sowas in der Art.“

„Mack Williams“, antwortete Joe. „Ich kann ihn anrufen, wenn Sie wollen, schauen, wann er sich alles anschauen kann. Er ist der Beste in der Umgebung. Ich nehme ihn für alle meine Aufträge.“

„Gut. Bitte fragen Sie, wann er vorbeischauen kann.“ Cara hatte schon beschlossen, Barney zu dem Namen zu befragen, aber wenn Joe ihn immer beauftragte, bei all dem Vertrauen, das Barney in ihn hatte, war Mack Williams wohl die richtige Wahl.

„Haben Sie Zeit, mich einen kurzen Blick nach drinnen werfen zu lassen?“ Joe sah an den drei Frauen vorbei ins Innere des Gebäudes.

„Sicher.“ Sie hob ihre große Taschenlampe.

„Ich habe eine größere Lampe in meinem Wagen. Einen Moment, ich hole sie kurz.“

Alle drei Frauen sahen ihm zu, wie er zu seinem Wagen ging.

„Er ist heiß“, sagte Des leise. „Tolle Rückansicht.“

„Er ist ein Arsch“, sagte Cara.

„Nicht mein Typ, aber ja, toller Hintern. Alles in allem ist er recht nett gebaut, muss ich sagen.“ Allie wandte sich Cara zu. „Warum ist er ein Arsch?“

„Ist eine lange Geschichte“, antwortete Cara.

„Ich bin sehr gespannt darauf, sie zu hören.“ Des piekte Cara zwischen die Schulterblätter.

Joe trottete zurück und Cara führte sie alle ins Gebäude. Sie zeigten ihm den Rundgang, den sie schon gemacht hatten.

„Hier muss wirklich viel gemacht werden. Ich meine, Malereien, Teppiche, Lichter, Decken, Sitze, und das ist erst der Anfang.“ Joe nahm seine Baseballkappe ab, strich sich die Haare aus dem Gesicht, und setzte die Kappe wieder auf. „Sind Sie sicher, dass Sie das angehen wollen?“

„Als ob wir eine Wahl hätten“, sagte Allie trocken.

Cara und Des ignorierten sie. „Ja“, antworteten sie beide.

„Also, Sie haben Recht damit, den Strom als Erstes wieder zum Laufen zu kriegen“, sagte Joe. „Wenn wir erstmal Licht haben, können wir den allgemeinen Zustand des Gebäudes beurteilen und sehen, was es kosten wird, es nicht nur zu reparieren, sondern auch an die Bauvorschriften anzupassen. Dann ist da die Technik – neben Strom gibt es noch die Rohrleitungen, die Heizung, Lüftung, und Klimatechnik – obwohl ich denke, dass der Teil mit der Klimaanlage sehr anspruchsvoll wird. Das Dach, das Fundament, und die strukturelle Integrität des Gebäudes müssen von einem Ingenieur untersucht werden.“

„Je eher wir hiermit anfangen, desto besser“, sagte Cara, als sie ins Foyer zurückkehrten.

Joe sah sich einmal in alle Richtungen um und pfiff leise. „Das wird ein Großprojekt, ohne Zweifel. Aber oh, wenn es fertig ist …“ Er schüttelte den Kopf angesichts des Endergebnisses. „Wird es nicht von dieser Welt sein.“

„Wenigstens darin sind wir einer Meinung“, sagte Cara.

„Ich wette, wir wären in ganz vielen Dingen einer Meinung.“

„Die Wette würden Sie ganz sicher verlieren. Zurück zum Geschäft.“

„Okay. Nur damit Sie’s wissen, das wird nicht über Nacht passieren. Gibt allerdings keine Möglichkeit, jetzt sofort zu sagen, wie lange. Ich kann Ihnen keinen Richtwert für die gesamte Renovierung geben, bis wir die Mechanik geklärt haben. Nachdem wir das Gebäude gesichert haben, können wir uns die Details angucken – die Farbe, den Teppich, die Beleuchtung, solche Sachen. Wie gesagt, es wird nicht über Nacht klappen.“

„Können Sie uns nach und nach Kostenvoranschläge geben?“ Des hielt in ihren Notizen inne. „Also, nachdem der Elektriker fertig ist, dann vielleicht jemand, der sich das Dach anguckt, dann das Fundament. In welcher Reihenfolge auch immer, die Sie für richtig halten, aber können Sie sie vielleicht bitten, Kostenvoranschläge zu machen, und sie uns geben, sobald Sie sie bekommen?“

„Ich werde jeden der Handwerker darum bitten, sicher.“

„Wir wären sehr dankbar.“ Des wandte sich an Cara und Allie. „Wir müssen die Ausgaben einteilen. Wenn wir eine fortlaufende Zahlung haben, wird das einfacher für uns.“

„Sehe ich auch so.“ Cara nickte.

„Können Sie heute Ihren Elektriker anrufen und mir Bescheid geben?“ Cara folgte dem Licht ihrer Lampe zum Haupteingang. „Und ich nehme an, wir müssen uns auf Ihre Rolle hier einigen. Barney dachte, Sie könnten vielleicht die Kontaktperson für die Sanierung sein. Uns helfen, Nachunternehmer zu finden, sichergehen, dass sie alle das tun, was sie tun sollen, uns nicht übers Ohr hauen.“

„Sowas wie ein Projektleiter?“, fragte er.

„Ich schätze, so würde man es nennen.“ Cara dachte einen Moment nach. Pete könnte bestimmt einen Vertrag für sie entwerfen. „Und es sollte einen Vertrag zwischen Ihnen und uns geben. Sie sollten überlegen, was Sie für den Auftrag wollen, was Geld betrifft. Angenommen, dass Sie daran mit uns arbeiten wollen.“

„Die Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen. Das Sugarhouse ist legendär. Jeder Handwerker in der Gegend wird daran teilhaben wollen.“ Joe lächelte. „Und sowieso, wenn Barney mich will, bin ich voll dabei.“

Sie kehrten ans graue Tageslicht zurück, und Cara stellte ihre Tasche auf den Boden und schloss die Tür.

„Des, hast du den Schlüssel noch?“, fragte sie.

„Genau hier.“ Des zog den Schlüssel aus ihrer Hosentasche und schloss die Tür wieder ab.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877318
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494360
Schlagworte
Famile-n-geheim-nis Schwester-n romantisch-e-r Liebe-s-roman-geschichte Verwand-t-schaft ver-erb-t-e-n Theater Hollywood

Autor

  • Mariah Stewart (Autor)

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Titel: Das Glück in mir