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Stumme Schuld

von Nima T. Decker (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als die junge Kriminalpsychologin Lea Lindman aufs Präsidium gerufen wird, rechnet sie nicht damit, dass sie der schwierigste Fall ihrer Karriere erwartet. Keiner will ihr sagen, weshalb der harmlos wirkende Junge, der jetzt vor ihr sitzt, verhaftet wurde. Und auch Tommy weigert sich zuerst mit ihr zu sprechen. Doch dann schafft Lea Lindman das, was keiner mehr geglaubt hätte: Sie dringt zu ihm durch und bringt ihn dazu, seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die sie an allem zweifeln lässt, was sie über Schuld und Gerechtigkeit zu wissen glaubt …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe August 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-860-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-852-0

Copyright © März 2019, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits März 2019 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Tränensammler.

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
© Runrun2/shutterstock.com und © PellissierJP/pixabay.com
Lektorat: typo18

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Für Christa

»Wie viel Zeit brauchst du noch?«
»Ein ganzes Leben.«
– N.T.D. 2016

–1–

Tommy

Mancherorts heißt es, Regentropfen seien wie Tränen, und wenn es regnet, teilt die Welt so ihr Leid mit. Lea hasste Regen. Und sie hasste Tränen. Letzteres sah sie bei ihrer Arbeit bereits viel zu oft.

Die Psychologin blickte von ihrem Notizblock auf. Dicke Tropfen prasselten gegen das Fenster. Wie passend. Seit Tagen regnete es ununterbrochen aus Wolken, die die Stadt in einen feuchten Schleier hüllten. Sie hingen unbarmherzig tief und ließen all das Wasser frei, das sie so lange in sich aufgenommen hatten. Oder das Leid – je nachdem, ob man dem Glauben schenken mochte. Lea beobachtete den Regen, der wild gegen die Scheibe peitschte, eine Zeit lang missmutig, schweifte kurz ab, schüttelte dann aber den Kopf, weil sie sich vom Klang der Tropfen nicht von ihren Gedanken abbringen lassen wollte. Warum war sie hier? Das fragte sie sich seit dem Anruf des Kriminalhauptkommissars an diesem Morgen, aber man hatte sie bis jetzt völlig im Dunkeln gelassen. Absichtlich. Lea atmete geräuschvoll durch die Nase. So hatte sie sich ihren ersten eigenen Fall für die Polizei nicht vorgestellt.

Seit anderthalb Jahren arbeitete sie nun schon in der Praxis von Dr. Stevens, um Erfahrung zu sammeln, aber dass ihr der Fall so vor die Füße fallen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Nicht zum ersten Mal in der letzten halben Stunde blickte sie zur Tür gegenüber und wartete, dass sich die Türklinke wie von selbst nach unten drückte. Aber sie rührte sich nicht. Bald würde sie mehr wissen. Das hatte man ihr jedenfalls gesagt. Der Kriminalhauptkommissar hatte sie mitten in einem Patientengespräch angerufen – auf ihrer privaten Nummer! – und ihr einen einmaligen Fall in Aussicht gestellt. Lea musste an das Telefonat denken, das sie vor wenigen Stunden geführt hatten.

 

Das Klingeln des Handys klang genauso eindringlich wie die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Spreche ich mit Doktor Lindman?«

Für einen kurzen Augenblick war sie so verblüfft, dass sie einen Moment brauchte, um zu antworten. »Wie bitte?«

»Doktor Lindman, spreche ich mit ihr?«

»Am Apparat.«

»Gut. Hier ist Kriminalhauptkommissar Beck. Können Sie frei sprechen?«

»Wenn Sie so fragen, ich bin mitten in einer Sitzung mit einem Patienten.«

»Sagen Sie für heute alle Termine ab!«, würgte sie der Mann ab. »Bevor wir weiterreden, die wichtigste Frage zuerst: Haben Sie heute schon die Nachrichten gesehen?«

»Nein, wieso?«, wollte Lea wissen.

»Gut, dann tun Sie es auch nicht. Lassen Sie die Finger von allen Fernbedienungen, Zeitungen, Mobiltelefonen oder was weiß ich von Geräten, auf denen Sie Zugriff auf irgendwelche Medien hätten. Haben Sie verstanden?"

»Ja, aber …«

»Keine Zeit dafür, Doktor Lindman, hören Sie mir genau zu. Ich habe einen außergewöhnlichen Fall, vielleicht sogar den Fall des Jahres, und will Sie als Psychologin dabeihaben. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, wird es sich für Sie lohnen, das verspreche ich Ihnen. So leid es mir tut, weitere Informationen kann ich Ihnen am Telefon nicht geben. Sie werden mehr erfahren, wenn Sie herkommen.«

»Wohin soll ich kommen?«

»Aufs Polizeipräsidium natürlich. Aber Sie müssen sofort aufbrechen.«

»Sofort? Sie meinen, jetzt gleich?«

»Leider gebietet der Fall höchste Eile und duldet keinen Aufschub. Eine sprichwörtliche Jetzt-oder-nie-Situation. Also, wie entscheiden Sie sich, Doktor Lindman?«

Hätte sie ablehnen sollen? Natürlich nicht. Dieser Fall konnte ihr Sprungbrett zu einer eigenen Praxis sein. Darauf hatte sie zu lange hingearbeitet, um sich von kleinen Unannehmlichkeiten aufhalten zu lassen. Eines hatte Lea bei ihrer Ankunft allerdings ein flaues Gefühl im Magen bereitet: Der Aufmarsch der Journalisten vor dem Polizeipräsidium war enorm. Dutzende Reporter standen mit ihren Blitzlichtkameras vor den Gittern der Einfahrt und riefen wild durcheinander. Doch ehe Lea im Regen durch das Stimmengewirr auch nur ein paar Sätze verstehen konnte, hatte sie bereits ein reserviert dreinblickender Mann am Rande der Menge ins Visier genommen. 

»Sind Sie Doktor Lindman?«, rief er ihr im tosenden Regen entgegen.

»Die bin ich«, antwortete sie nicht minder laut.

Er war ganz in Zivil, und nur seine ID-Karte, die ihn als Kommissar Mayer auswies, bestätigte seinen Dienstgrad. »Gut, bitte zeigen Sie mir Ihren Ausweis.«

Lea reichte ihm das Dokument.

Nachdem er ihre Identität geprüft hatte, hellte sich sein Gesicht etwas auf. »Sie also hat Doktor Stevens empfohlen! Endlich sind Sie da, alle warten schon auf Sie.«

»Können Sie mir verraten, was los ist? Als wir telefoniert haben, hatte es Ihr Chef nicht so mit Informationen. Und dass Doktor Stevens auch vor Ort ist, hat er mit keinem Wort erwähnt.«

»Er war hier. Darüber hinaus kann ich Ihnen keine Auskunft geben, sorry, Anweisung von oben.«

Lea hatte ohnehin nicht damit gerechnet. Als Mayer sie zum Hintereingang des Präsidiums führte, warf sie noch einmal einen Blick über die Schulter, direkt in das Blitzlichtgewitter. Beck hatte nicht untertrieben, es musste wirklich etwas Außergewöhnliches passiert sein. Etwas außergewöhnlich Schlimmes.

Mayer führte sie durch das Treppenhaus und vorbei an drei, vier Räumen, in denen es von Behördenmitarbeitern nur so wimmelte. Lea sah Gruppen von Polizisten in Uniform, die meistens dabei waren, von einem Kommissar in ähnlich legeren Jeans, wie Mayer sie trug und in denen das Hemd hastig hineingesteckt war, Dienstanweisungen entgegenzunehmen. Lea versuchte gar nicht erst, etwas von dem Gerede aufzuschnappen. Einerseits senkten Mayers Kollegen sofort ihre Stimmen, sobald sie die beiden erblickten, andererseits wollte sich Lea nicht selbst im Weg stehen und übereifrig sein. Auch wenn es schwer war, sie musste sich wohl an Becks Anweisungen halten, wollte sie für den Fall infrage kommen. Nachdem Mayer sie durch einen Gang zu einem Vorraum gebracht hatte, bat er sie mit einer knappen Geste, gegenüber der einzig anderen Tür Platz zu nehmen.

»Und jetzt?«, fragte Lea an Mayer gerichtet, der sich schon wieder zum Gehen wandte.

Sein Zeigefinger hob sich in ihre Richtung. »Sie warten.« Der Zeigefinger senkte sich auf seine Brust. »Ich gehe. Beck wird wissen wollen, dass Sie hier sind.« Mayer nickte ihr aufmunternd zu. »Noch etwas Geduld, Doktor Lindman, bald wissen Sie mehr.«

Dann verschwand er durch die andere Tür und ließ Lea allein. Egal. Durch das Fenster hinter ihr konnte sie wenigstens einen Blick auf den Innenhof werfen. Wenn es doch nur nicht regnen würde. Die Äste eines Baums wogten im Wind hin und her, und auch die Fensterscheibe bekam einiges an Wasser ab. Kaskadengleich peitschte es gegen das Glas und gab ein lautes Trommeln von sich.

Lea seufzte. Sie hasste Regen.

Nach einer gefühlten halben Stunde hatte das Warten schließlich ein Ende. Schnelle Schritte näherten sich der gegenüberliegenden Tür, und Lea richtete sich auf, noch bevor die Türklinke mit einem hektischen Ruck nach unten gedrückt wurde.

»Kriminalhauptkommissar Beck«, stellte sich der ältere Mann im dunklen Anzug vor.

Lea schätzte ihn auf Ende fünfzig, und sein durch und durch weißes Haar bekräftigte ihre Annahme. Das also ist der Mann, mit dem ich telefoniert habe.

»Sind Sie die Psychologin?«, fragte er und reichte ihr die Hand. Sein Griff war fest, nicht zu stark, dass er ihre Hand quetschte, aber dennoch stark genug, um Lea gebannt zu halten.

»Das ist richtig. Wir haben telefoniert«, antwortete sie.

Beck nickte. »Gut, dass Sie da sind. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« Er ließ ihre Hand los, machte einen kleinen Schritt von ihr weg und schaute sie eindringlich an. »Zuerst das Allerwichtigste: Was wissen Sie?«

Lea sprach aus, worüber sie sich den ganzen Vormittag den Kopf zerbrochen hatte. »Ich habe keine Ahnung.«

Der Kriminalhauptkommissar nickte erneut und beobachtete sie noch eindringlicher. »Sie haben seit heute Morgen keine Medien verfolgt? Keine Nachrichten, kein Internet, keine Anrufe, die die Zusammenarbeit seitens der Polizei mit Ihnen hätte aufklären können?«

»Nein, ich habe wirklich keine Ahnung, warum Sie mich herbestellt haben«, sagte sie, diesmal mit deutlicherem Unmut in der Stimme, sodass es Beck auch hören konnte.

»Ich kann Ihren Verdruss über die Unklarheit der Umstände sehr gut nachvollziehen, Doktor Lindman, aber seien Sie versichert, dass es absolut nötig ist, sollten Sie den Fall übernehmen. Den ersten Psychologen mussten wir bereits abziehen … Sie kennen Doktor Stevens, nehme ich an.«

Das war eine starke Untertreibung. »Doktor Stevens war mein Doktorvater, zurzeit assistiere ich ihm bei seinen Fällen. Aber das konnten Sie mit Sicherheit auch schon in Erfahrung bringen.«

»Natürlich …«

»Und natürlich war ich nicht Ihre erste Anlaufstelle, Hauptkommissar Beck.«

Nach Mayers Worten hatte Dr. Stevens sie empfohlen. Warum wusste sie nichts davon?

»Ich will offen sein«, fing Beck diplomatisch an, »Sie waren nicht meine erste Wahl. Doktor Stevens ist unser Kriminalpsychologe, hätte er sich nicht so für Sie eingesetzt, wären Sie auch nicht meine zweite gewesen. Dafür schienen Sie uns einfach zu unerfahren zu sein.« Er machte eine Pause, ein abschätzender Blick streifte sie. Hielt er sie für zu jung? »Wie alt, sagten Sie, sind Sie noch gleich?«

Aha. Bingo. »Ich sagte gar nichts«, entgegnete Lea kühl. Beck sollte aufhören, sie hinzuhalten, und endlich anfangen, zu erzählen, was Sache war. »Wenn Sie wissen möchten, ob ich mich einem eigenen Fall gewachsen fühle, lautet die Antwort Ja. Und ich bin siebenundzwanzig.« Ihr war natürlich bewusst, welchen Eindruck sie gerade machte, aber wenn sie schon ohne jegliche Hintergrundinformationen – wie es normalerweise üblich war – hierher zitiert und wie ein kleines Kind ob ihrer Fragen im Dunkeln gelassen wurde, dann hatte man von ihr nicht mehr zu erwarten. Hauptkommissar hin oder her.

Schon rechnete Lea damit, dass Beck sie wieder wegschickte, als sich ein Lächeln auf sein faltiges Gesicht legte. »Sie haben Feuer, Doktor Lindman. Das werden Sie brauchen«, sagte er und wirkte versöhnlicher. »Verzeihen Sie mir meine Skepsis, unsere Nerven in der Abteilung liegen blank. Stundenlang haben wir ihn zu verhören versucht, aber wir schaffen es nicht, auch nur ein Wort aus ihm herauszubekommen.«

Ihm? Lea wurde hellhörig. »Also handelt es sich um einen Mann?«

»Um einen Jungen, um genau zu sein«, erwiderte Beck.

Lea war verwirrt – so ein Aufstand wegen eines Jungen? »Aus welchem Grund mussten Sie Doktor Stevens abziehen?«, fragte sie.

»Er hat zu viel gewusst. Deshalb kann ich auch Ihnen im Moment nicht mehr sagen.«

»Was können Sie mir denn sagen? Nach unserem Gespräch bin ich so schnell hergekommen, wie ich konnte, aber niemand macht den Mund auf. Warum bin ich hier, wozu brauchen Sie mich?«

»Sie sollen ein erstes psychologisches Gutachten erstellen. Das ist Ihre Aufgabe. Deshalb sind Sie hier.«

»Ich verstehe nicht ganz, ich kann ein psychologisches Gutachten nur erstellen, wenn ich den Patienten kenne, um den es geht.«

»O, Sie werden ihn kennenlernen, aber alles zu seiner Zeit. Was ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt sagen kann, ist, dass es sich um einen siebzehnjährigen Jungen handelt.«

Großartig, einfach großartig. Ihr erster eigener Fall und gleich wurde es ihr unnötig schwer gemacht. »Wie soll ich ohne Hintergrundinformationen solch einen Fall angehen? Das sind ziemlich wenige Angaben, um überhaupt eine Analyse zu beginnen.«

»Doktor Lindman, stellen Sie Ihr Licht bloß nicht unter den Scheffel. Doktor Stevens hat Sie uns mit Nachdruck empfohlen, von Ihrem Einfühlungsvermögen sprach er in den höchsten Tönen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass es nicht leicht wird. Aber Sie müssen sich schon selbst ein Bild machen.« Beck drehte sich um, ging durch die Tür und bedeutete ihr, ihm in den Raum zu folgen, aus dem er gekommen war.

 

Lea wusste nicht recht, was genau sie erwartet hatte, aber vermutlich nicht den klischeehaften Verhörraum, wie es ihn in jeder Krimiserie gab. Er war zweigeteilt, sie befand sich mit Beck in jenem Teil, in dem man das ganze Geschehen ungestört überwachen konnte. Eine Wand, in der ein lang gezogenes Glasfenster eingefasst war, trennte die beiden vom eigentlichen Geschehen im anderen Teil. Der Tisch darin war ein simples Gestell aus Resopalplatte und Metallbeinen. Hinein kam man durch eine Tür links vom Glas, die Wände waren mattgrau gestrichen, wohl, um eine gewisse Distanz zu dem zu halten, was in solchen Räumlichkeiten gefragt und besprochen wurde. Eine Neonröhre, die an zwei kurzen Stahlseilen hing, sandte ihre kalten Lichtwellen über den Tisch in jeden Winkel des Raums.

Er war nicht leer. Beck trat vor die Scheibe und winkte Lea zu sich. Zwei Männer unterhielten sich dahinter mit einem Jungen. Mit dem Jungen. Einen der beiden, Kommissar Mayer, kannte sie bereits, den anderen hatte sie jedoch noch nie gesehen. Der trug wie Mayer Jeans – die Farbe war einen Stich dunkler – und Hemd, jedoch war seines weitaus zerknitterter als das seines Kollegen. Darüber hing ihm eine abgewetzte Lederjacke locker am Leib, die ihn in der Kombination ziemlich verwegen aussehen ließ. Den Eindruck verstärkte vor allem sein mittellanges Haar, das weniger sorgfältig gekämmt war als das von Mayer und in puncto Sittsamkeit bei Weitem nicht gegen die akkurate weiße Mähne des Hauptkommissars ankam.

Vielleicht waren sie doch nicht so dringend auf Lea angewiesen, wie es Beck ihr weismachte, denn anscheinend war das Verhör schon in vollem Gange. Zumindest sah es danach aus, als würden sie sich unterhalten, denn Lea konnte kein einziges Wort von dem hören, was in dem Raum gesprochen wurde.

»Halbdurchlässiger Spiegel«, brummte Beck und nahm ihr damit die Frage aus dem Mund. Er tippte kurz gegen das Glas. »Feine Sache, so was.«

Wäre Lea allein gewesen, hätte sie die Hände trichterförmig an die Lippen gelegt und irgendetwas gerufen, um festzustellen, ob die anderen tatsächlich nichts hörten oder nur so taten, als könnten sie Lea und den Hauptkommissar hinter der Scheibe nicht erkennen, ließ es aber doch lieber bleiben. Er schien nicht die Art Vorgesetzter zu sein, der solch ein Experiment zu schätzen wusste, deshalb verließ sie sich einfach darauf, dass sie hier tatsächlich geschützt vor den Blicken der anderen waren.

Bumm! Ein stummer Schlag mit der Faust auf den Tisch von Mayers Kollegen ließ Lea zusammenzucken und ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Szene vor sich richten. Der Kommissar gab ein überzeugend einschüchterndes Bild ab, den Jungen allerdings schien dessen Aufbrausen kaum zu berühren. In Wahrheit ließ es ihn völlig kalt. Wüsste es Lea nicht besser, fiele es ihr schwer, zu glauben, dass er der Grund war, dass vor und im Polizeipräsidium so ein Wirbel gemacht wurde, und es ließ sich nicht vermeiden, dass ihr eine zentrale Frage immer wieder vor das geistige Auge trat: Was hat er getan?

Sie musterte seine Züge genau, konnte jedoch nichts Außergewöhnliches feststellen. Er sah aus wie ein ganz normaler Teenager. Schlaksige Statur, zerzaustes kastanienbraunes Haar und dunkle Augen, unter denen Schatten lagen. Ob das von Müdigkeit oder von etwas anderem herrührte, konnte sie auf die Schnelle nicht beurteilen. Das Auffälligste an ihm war, dass er so unauffällig wirkte – nun, bis auf seine Kleidung natürlich. Er trug einen graublauen Overall, der ihm vermutlich von der Polizei zur Verfügung gestellt worden war. Blieb der Verdächtige in Untersuchungshaft, war es nicht unüblich, dass die Kleidung konfisziert wurde und der zu Verhörende erst umgekleidet werden musste.

Der Psychologin fiel in diesem Augenblick auf, dass die Männer die Einzigen waren, die sprachen, die Lippen des Jungen hatten sich bisher kein einziges Mal bewegt, was die Kommissare jedoch nicht weiter kümmerte. Mayer hatte lässig auf seinem Stuhl Platz genommen, der andere mit der Lederjacke war inzwischen aufgestanden und baute sich vor dem Jungen auf, seinen Metallstuhl weit nach hinten geschoben. Anders als die beiden konnte sich der Verdächtige nicht zurücklehnen. Er saß ihnen reglos gegenüber, und erst jetzt entdeckte Lea die Handschellen, die seine Arme auf den Tisch zwangen.

»Kommissar Bachmann«, Beck deutete auf den Mann in der Lederjacke, »und Mayer vernehmen ihn noch. Die da drinnen können uns weder sehen noch hören.« Er lenkte Leas Aufmerksamkeit auf ein neben dem Fenster eingelassenes Bedienfeld. »Jedenfalls nicht, solange wir es nicht wollen. Umgekehrt hingegen …« Er drückte einen Knopf, dann ließen die Lautsprecher an den Wänden ein kurzes Knacken ertönen. Nach einem knappen akustischen Übergang waren männliche Stimmen zu hören, und Lea konnte das Gespräch mitverfolgen, das den Lippenbewegungen der Kommissare im Verhörraum deutlich zuzuordnen war.

»Will wohl immer noch nicht mit uns reden, was?«, sagte Bachmann über den Kopf des Jungen hinweg.

»Sieht nicht so aus, als würde er in nächster Zeit mal den Mund aufmachen.« Mayer nickte zustimmend. Anders als sein Partner schien er etwas gelangweilter von der ganzen Situation zu sein. »Womöglich will er auch einfach nicht mit uns reden«, meinte er und zuckte mit den Schultern.

»Meinst du?« Bachmann setzte ein verdutztes Gesicht auf. »Wieso sollte er nicht mit mir reden wollen?«

Mayer verzog den Mund wie jemand, dessen Aufgabe es war, eine unbequeme Wahrheit zu verkünden. »Versteh das jetzt nicht falsch, aber … na ja, du kannst schon manchmal ein ziemliches Arschloch sein«, erklärte er im diplomatischen Ton.

Bachmann winkte unwirsch ab. »Das sagt meine Frau auch immer. Aber woher will er das wissen? Der kennt mich doch gar nicht!« Er baute sich seitlich vor dem Jungen auf und stierte ihn an. »Stimmt das? Hältst du mich für ein Arschloch?«

Die Spannung, die auf den wenigen Zentimetern zwischen den beiden wuchs, war selbst im Vorraum zu spüren. Lea schaute zu Beck, der all das aufmerksam verfolgte. Wie viel Freiraum gab er seinen Kommissaren bei der Befragung des Jungen? Würde er überhaupt eingreifen? Die Sekunden verstrichen unerträglich langsam, doch der Junge hielt Bachmanns durchdringendem Blick stand. Keiner der beiden schien den Drang zum Blinzeln zu verspüren, keiner wollte sich die Blöße geben und der Erste sein, der den Augenkontakt brach.

Ganz bedächtig, beinahe träge, wandte der Junge den Kopf gerade nach vorne, weg von Bachmanns imposanter Darstellung. Seine Augen blieben zwar noch kurz auf den Kommissar gerichtet, schlossen sich aber, und als seine Lider wieder aufschlugen, ging sein Blick ins Leere. Bachmann zog die Luft scharf ein und lief vor Wut rot an. Fast schien es, als überlegte er, dem Jungen eine runterzuhauen, gab sich dann aber mit der reinen Vorstellung zufrieden.

Schließlich drehte er sich zu Mayer um, ging zu seinem Stuhl zurück und klatschte dabei in die Hände. »Aus dem Jungen ist nichts rauszukriegen. Dabei glaube ich, dass er so viel zu erzählen hätte.«

Lea hielt die beiden für ein eingespieltes Team. Gewiss arbeiteten die Kommissare schon lange zusammen und waren bestens aufeinander abgestimmt. Und ihr Eindruck bestätigte sich – Mayer machte prompt an der Stelle weiter, wo Bachmann aufgehört hatte.

»Mit Sicherheit! Jugendliche in seinem Alter haben doch ständig was zu erzählen. Mein Kleiner textet mich immer zu, bis mir die Ohren abfallen.«

»Die Jugend von heute weiß eben, was abgeht«, warf Bachmann ein. »Was waren wir doch für Idioten, als wir so jung waren. Haben den ganzen Tag nur Blödsinn angestellt.«

»Wie sieht es bei dir aus?«, fragte Mayer den Jungen. »In letzter Zeit mal irgendwas angestellt, das du loswerden möchtest?« Er machte eine kurze Pause. »Komm schon, Junge, ich weiß es doch! Willst du nicht mit uns darüber reden?«

Es trat eine Stille ein, die erst wieder von Bachmann durchbrochen wurde. »Er? Niemals … Sicher hat er eine triftige Erklärung für alles. Wahrscheinlich hatte er einfach einen schlechten Tag.«

»War das der Grund?«, fragte Mayer mitfühlend. »Hattest du einen schlechten Tag?« Gespannt wartete er auf eine Regung des Jungen, der sie weiterhin strikt ignorierte und zwischen den beiden Kommissaren hindurch an die Wand schaute.

Bachmann bemühte sich, gelassen zu wirken, was ihm aber einiges abverlangte, denn sein ganzer Oberkörper war angespannt, wie unter Strom.

Was die beiden hinter dem Spiegel im Sinn hatten, war Lea natürlich klar. Sie versuchten, den Jungen zu reizen, ihn in Sicherheit zu wiegen und aus der Reserve zu locken. Es war gut durchdacht und mochte bei so manchen sicher zum erwünschten Ergebnis führen, aber nicht bei diesem Jungen. Lea schüttelte kaum merklich den Kopf – so werden sie ihn nie zum Reden bringen. Die beiden Kommissare auf diese Art auf ihn anzusetzen, würde nicht die Lösung sein.

Schließlich hielt es Bachmann nicht mehr aus. »Junge, mach den Mund auf!«, platzte es aus ihm heraus, und er fuchtelte dabei wild mit dem Arm durch die Luft. »Hey, wir verstehen dich. Wir haben es genauso gehasst wie du. Immer die gleiche Scheiße, Tag für Tag! Manchmal wäre ich auch gerne hingegangen und hätte …« Weiter kam er nicht, und Lea erfuhr nie, was genau der Kommissar getan hätte.

Beck hatte sich prompt eingeschaltet und den Knopf der Sprechanlage gedrückt. Sofort waren die Stimmen aus den Lautsprechern verstummt, dann betätigte er den benachbarten Knopf und mischte sich lautstark ein. »Das genügt jetzt! Kommen Sie raus.« Er ließ den Schalter los und wandte sich an die Psychologin. »Die beiden sind gut, das muss ich den Kollegen lassen. Aber manchmal reden sie einfach zu viel.«

 

Als die beiden Kommissare zu ihnen traten, stellte Beck ihr die beiden noch einmal vor. Bachmann nickte nur knapp, fast schon verstimmt, Mayer hingegen begrüßte sie mit einem Lächeln. Sie schienen ihre Rollen aus dem Verhörraum nicht abgelegt zu haben.

»Bachmann war bei der Verhaftung des Jungen beteiligt«, erklärte Beck, »Mayer haben wir erst später hinzugezogen, als wir angefangen haben, ihn zu befragen.«

»Da drinnen ist es wohl nicht so gelaufen wie geplant«, sagte Lea und schüttelte beiden die Hand. »Das Verhör, meine ich.«

»Scheiße, nein …« Bachmann ließ ein trockenes Lachen hören. »Ein Verhör kann man das kaum nennen.«

»Die Befragung verlief bisher ziemlich einseitig«, räumte Mayer ein.

Lea beschlich das Gefühl, dass er der Umgänglichere der beiden war, sein Partner hingegen trat ihr etwas zu forsch auf. »Hat er sich Ihnen zu irgendeinem Zeitpunkt mitgeteilt?«

»Keine Chance. Wir nehmen ihn seit Stunden in die Mangel, aber ohne Erfolg«, antwortete Mayer.

»Er weigert sich, zu reden?«, hakte sie nach.

Mayer schüttelte den Kopf. »Er weigert sich, mit uns zu reden. Seit seiner Verhaftung hat der Junge kaum ein Wort gesagt.«

Kaum? »Also hat er bereits mit Ihnen gesprochen?«

»Nur flüchtig, Doktor Lindman. Am Anfang hat er andauernd gesagt, dass er nur mit jemandem redet, der nicht weiß, was vorgefallen ist«, erklärte Mayer.

»Und Sie haben trotzdem versucht, ihn zum Sprechen zu bewegen?«, fragte Lea und unterdrückte die Anklage in ihrer Stimme nicht. Nicht zu fassen. Wenn sie ihn weiterhin bedrängten, war es vorauszusehen, dass sich der Junge immer mehr verschloss. Auf diese Art würden sie rein gar nichts aus ihm herausbekommen.

»Natürlich haben wir es weiter versucht. Wie gesagt, ohne Erfolg«, verteidigte sich Mayer. Mit einer Rüge der Psychologin hatte er nicht gerechnet. Hilfesuchend blickte er zum Hauptkommissar, doch Beistand fand er nicht bei ihm, sondern bei Bachmann, der die Arme vor der Brust verschränkte.

»Das ist immerhin unser Job. Nur aus dem Kleinen ist nichts rauszubekommen, noch nicht«, sagte er. »Unglaublich, dass er kein Wort verliert über das, was passiert ist. So einen hat man nicht alle Tage.«

»Bachmann …«, mahnte Beck den Kommissar.

»Und diese Augen …«, fuhr Bachmann fort, ohne sich um den Einwurf seines Vorgesetzten zu kümmern. »Ist euch schon mal aufgefallen, wie er mich ansieht? Keine Ahnung, warum wir überhaupt unsere Zeit mit ihm vergeuden. Der Fall ist doch glasklar. Der Staatsanwalt hat alles, was er braucht, was will er da noch ein Gutachten? Immerhin wissen wir, was er getan hat! So viele Tote, und alle …«

Es gibt also Tote! Leas Gedanken überschlugen sich, und sie versuchte, sich aus den wenigen Informationen, die sie aufgeschnappt hatte, so gut sie konnte, ein Bild zu machen. War der Junge ein Mörder? Oder waren andere Umstände verantwortlich dafür? Sie blickte durch den halbdurchlässigen Spiegel. Noch immer saß er teilnahmslos auf seinem Stuhl. Wenn sie ihn so sah, traute sie ihm kaum einen Mord zu. Aber Lea wusste, dass der Schein trügen konnte. Stille Wasser sind tief. Und dieser Junge war sehr still.

»Bachmann!«, bellte Beck den Kommissar an, der sich um Kopf und Kragen redete. »Noch ein Wort über den Fall und ich sorge persönlich dafür, dass Sie noch vor Ende der Woche wieder Streife fahren. Also halten Sie den Mund!«

Bachmann biss sich auf die Lippe und schien einen Augenblick lang hin- und hergerissen, weiterzureden, entschloss sich aber dagegen und begnügte sich damit, Lea finster anzufunkeln. Es lag auf der Hand, dass er es ganz und gar nicht komisch fand, vor einer Außenstehenden derart abgemahnt zu werden. Hinzu kam, dass sie der Grund war, weshalb er nicht offen über den Fall sprechen durfte. Lea wollte vermeiden, dass die Emotionen hochkochten – das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war ein Kommissar, der sein Revier verteidigen wollte.

Schließlich war es Mayer, der zu schlichten versuchte. »Wie auch immer«, warf er ein. »Auch Doktor Stevens hat er schnell die kalte Schulter gezeigt. Sie haben sich kurz unterhalten, aber als ihm klar war, dass wir ihn über die Geschehnisse aufgeklärt hatten, war Schluss. Von da an hat er den Doktor wie Luft behandelt.« Er nickte kurz in Richtung Verhörraum. »Eines muss man ihm lassen: Er zieht das wirklich durch – der Junge hat Schneid.«

Bachmann gab einen verächtlichen Laut von sich. »Der hat Schiss, nichts weiter«, ätzte er. »Deshalb will er Zeit schinden und stellt Forderungen. Und wir lassen uns auch noch darauf ein!« Er redete sich in Rage, Zornesröte kroch seinen Hals empor.

Mit dem Temperament wird er womöglich wirklich noch vor Ende der Woche Streife fahren, dachte Lea.

Bachmann wurde laut. »Chef, lassen Sie mich fünf Minuten mit ihm allein und ich bring ihn zum Reden. Scheiße noch mal, ich bring ihn zum Singen!«

»Das Einzige, was Sie erreichen werden, ist, dass Sie ihn noch mehr einschüchtern. Dann wird er sich niemandem mehr öffnen, auch mir nicht«, warf Lea ein.

»Das sehe ich genauso«, lehnte Beck den Vorschlag des Kommissars ab. »Die einzige Person, die sich ab jetzt mit dem Jungen unterhält, ist Doktor Lindman. Sie ist die Expertin, deshalb ist sie hier.« Und an Lea gewandt fügte er hinzu: »Was das Gespräch mit ihm angeht, haben Sie freie Hand. Nur beschaffen Sie mir das Gutachten. Ich will die ganze Geschichte und alles, was dahintersteckt!« Es folgte ein schneller Griff in seine Hosentasche. »Das werden Sie brauchen.« Er reichte Lea ein Diktiergerät.

Den Missmut darüber, der sich in ihrem Gesicht abzeichnete, verbarg Lea nicht. Sie hielt nicht viel von solchen Hilfsmitteln.

»Es muss sein«, meinte er nur.

Lea akzeptierte das, aber eine Sache war ihr dermaßen wichtig, dass sie sie dem Hauptkommissar sogleich nahelegte. Er willigte ein, Bachmann allerdings zeigte sich von ihrem Vorschlag ganz und gar nicht begeistert.

»Ihm die Handschellen abnehmen?«, platzte es aus ihm heraus. »Haben Sie den Verstand verloren?«

»Er ist noch fast ein Kind«, hielt sie kühl dagegen. »Was ich bisher gesehen habe, zeigt mir, dass er sich mir nur öffnen wird, wenn wir ihn nicht wie einen Verbrecher behandeln.«

»Aber genau das ist er!« Der Kommissar schien mit seinen Nerven am Ende. »Haben Sie überhaupt die leiseste Ahnung, was der Junge da drinnen getan hat?« Er fuchtelte mit der flachen Hand vor seinem Gesicht, aber Lea ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Nein, eben nicht. Und es liegt auch in Ihrem Interesse, dass es vorerst so bleibt! Oder möchten Sie dem Staatsanwalt erklären, dass er auf sein Gutachten warten muss, nur weil einer der Kommissare den Mund nicht halten konnte?«

Das hatte gesessen. Bachmann schnappte nach Luft und wollte bereits zu einer bissigen Bemerkung ansetzen, als ihm Beck erneut ins Wort fiel. »Schluss jetzt, alle beide!«, rief er. »Bachmann, gehen Sie raus, und holen Sie sich einen Kaffee.«

»Danke, Chef, aber ich hatte schon einen doppelten …«

»Dann holen Sie gefälligst mir einen! Nur machen Sie, dass sie Land gewinnen, ich will Sie hier nicht sehen, solange Sie Ihr Temperament nicht im Griff haben, verstanden?« Seine Stimme klang endgültig.

Von der erneuten Rüge tiefrot im Gesicht, blickte Bachmann zu Boden und brummte etwas vor sich hin, von wegen, er habe sein Temperament immer im Griff.

Beck schien das anders zu sehen. »Ob Sie mich verstanden haben?«, wiederholte er.

»Schon gut, ich hab’s kapiert.«

Mayer klopfte seinem Partner aufmunternd auf die Schulter. »Komm, ich könnte auch eine Pause vertragen. Sollen sich die anderen mit dem Jungen herumschlagen.« Er schob ihn langsam Richtung Tür, und bevor sie sich hinter ihnen schloss, warf Mayer Lea noch einen entschuldigenden Blick zu.

»Nehmen Sie ihm sein Verhalten nicht übel«, bat Beck. »Seit der Verhaftung des Jungen hat er sich rund um die Uhr mit dem Fall befasst, und bis jetzt kam nichts dabei raus. Ich kann seine Frustration verstehen, mir geht es nämlich genauso.«

Lea winkte ab, sie war nicht nachtragend, dennoch musste die Sache jetzt richtig angegangen werden. »Ich schlage vor, Sie lassen mich das tun, weshalb mich Doktor Stevens empfohlen hat. Lassen Sie mich mit dem Jungen reden, und Sie bekommen Ihr Gutachten.«

Beck nickte bedächtig. »Ich werde Sie mit ihm allein lassen, keiner wird sie beide stören. Sie können ihm sogar die Handschellen abnehmen.« Er hielt ihr einen kleinen Schlüssel vor die Augen und ließ ihn in ihre ausgestreckte Hand fallen. Er schaute sie eindringlich an. »In einem allerdings gebe ich Bachmann recht: Lassen Sie sich von seiner ruhigen Art nicht täuschen! Hätten Sie unsere Informationen, würden Sie darauf bestehen, dass er die Handschellen anbehält.«

Natürlich würde ich das, dachte Lea und lächelte schief. Beck schien das zu wundern, denn noch bevor sie die Klinke zur Tür des Verhörzimmers in der Hand hatte, fragte er, woran sie dachte.

»Dass Sie gut daran taten, mir nichts zu sagen«, antwortete sie.

–2–

Ein flüchtiger Blick. Es war die einzige Regung, die der Junge zeigte, als Lea den Raum betrat. Ansonsten saß er so, wie er es schon in Gegenwart der Kommissare getan hatte, und verlor seinen Blick wieder an der Wand ihm gegenüber. Hinter ihr fiel die Tür mit einem leisen Klicken zu. Lea wurde sich schlagartig der Isolation bewusst, in der sie beide sich nun befanden. Es gab nur noch den Jungen und sie, daran konnte auch das lang gezogene Glas nichts ändern, in dem sie, anstatt nach draußen blicken zu können, nur sich selbst sah. Hier drinnen wurde es zu einem ganz gewöhnlichen Spiegel, aber sie wusste ja, dass es keiner war. Beck stand mit seinen Kommissaren auf der anderen Seite und beobachtete alles, was sie tat. Ein beklemmendes Gefühl, und es behagte ihr ganz und gar nicht.

Wenn es ihr schon so erging, wie fühlte sich erst der Junge? Üblicherweise kamen Patienten in eine Praxis und fanden sich in einem sicheren Umfeld wieder. Hinter dem Schleier von Anonymität und Geborgenheit erzählten sie dann – und nur dann – von auferlegten Zwängen, zerreißenden Konflikten, geheimsten Sehnsüchten und tiefsten Ängsten. Und es war der Herangehensweise des Psychologen geschuldet, ob sie sich öffneten, das war Lea bewusst, aber die Räumlichkeit war ein nicht zu unterschätzender Faktor dabei.

Deshalb war Lea vom Erfolg ihres Unternehmens noch nicht völlig überzeugt. Der Raum wirkte trostlos und kalt vom weißen Licht. Er war nicht zur Gemütlichkeit konzipiert, sondern sollte einschüchtern, in Unbehagen versetzen. Verdächtige und Straftäter – nicht immer voneinander zu trennen – sollten sich isoliert fühlen, ausgeliefert, verlassen. Dadurch konnte ihr Widerstand gebrochen werden, um die benötigten Informationen zu erlangen. Meistens jedenfalls. Lea ließ den Jungen nicht aus den Augen.

An dir haben sich Bachmann und Mayer die Zähne ausgebissen. Was hast du getan, das dich heute da sitzen lässt? Und warum?

Lea stellte Bachmanns Stuhl beiseite und setzte sich auf den verbliebenen dem Jungen gegenüber. Ihre Mappe und das Diktiergerät schob sie erst einmal beiseite, beides brauchte sie noch nicht. Erst jetzt, als sie dem Jungen so nah war, sah er sie direkt an. Soll ich ihm jetzt schon die Handschellen abnehmen? Vielleicht wäre es besser, zu warten, auch wenn es sonst nicht ihre Art war – Beck hatte recht, sie durfte ihm ihr volles Vertrauen nicht so früh schenken, selbst wenn er so aussah, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Immerhin, die Presseleute vor dem Polizeipräsidium waren sicher nicht ohne Grund aufgefahren. Lea bekam eine Gänsehaut und spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Saß sie wirklich einem Verbrecher gegenüber? In ihrer Vorstellung hatten die stets anders ausgesehen. Grobschlächtige Gestalten, böswillig funkelnde Augen, spitzzüngige Münder …

Die braunen Augen, in die Lea gerade blickte, wirkten ganz und gar nicht wie die eines Killers. Kein Aufbegehren, kein Widerstand lagen darin. Nur Trauer und Schmerz, verborgen hinter einer Maske des Schweigens.

»Mein Name ist Doktor Lindman.« Lea versuchte nicht, dem Jungen die Hand zu reichen, denn sie wusste, er würde sie nicht ergreifen, selbst wenn es ihm mit den Handschellen möglich gewesen wäre. Soweit waren sie noch nicht. »Keine Angst, ich bin nicht von der Polizei«, sagte sie und ließ ihre Worte einen Augenblick wirken. »Ich arbeite als Psychologin, ich bin nur hier, um mit dir zu reden.«

Der Junge zeigte keine Regung, sie wusste also nicht, ob er sie verstanden hatte, aber er wandte die Augen auch nicht von ihr ab, ähnlich wie er es bei Bachmann getan hatte.

Also machte sie weiter. »Ich weiß, dass du bereits mit einem Kollegen, Doktor Stevens, gesprochen hast. Und dass du ihn abgewiesen hast.« Wieder eine Pause, diesmal, um ihren nächsten Worten mehr Bedeutung zu verleihen. »Ich möchte, dass du mir vertraust.«

Der Junge legte den Kopf schief und öffnete den Mund, nur um ihn wieder zu schließen. Er schien abzuschätzen, ob er das, was sie ihm erzählte, für bare Münze halten konnte. Doch das konnte er. Ganz egal, was Beck von dem Jungen hören wollte, an erster Stelle kamen für Lea die Patienten. Das war zwar nicht das übliche therapeutische Gespräch, wie sie es aus der Praxis ihres Doktorvaters kannte, aber sie konnte trotzdem erkennen, dass der Junge Hilfe brauchte.

Dafür musste er sich ihr allerdings zuerst öffnen. Sie konnte niemandem helfen, den sie nicht wenigstens in Ansätzen kannte oder verstand. Manche ihrer Kollegen behaupteten zwar, Menschen auf den ersten Blick einschätzen zu können, aber davon hielt Lea überhaupt nichts. Ihr erster Eindruck unterschied sich oft von dem, was sie nach einiger Zeit des Gesprächs in Erfahrung brachte. Der Mensch und dessen Psyche – vor allem in einem so jungen Alter wie dem des Jungen – waren zu komplex und zu vielen Reizen und Wünschen unterworfen, als dass man sich nach kurzer Zeit ein Urteil, weder über das eine noch das andere, erlauben konnte. Deswegen schenkte sie auch dem wenigen, das Bachmann gesagt und angedeutet hatte, kaum Beachtung. Sie wollte sich selbst ein Bild von dem Jungen machen.

»Mir wurde berichtet, du willst nur mit jemandem reden, der nichts von dir weiß. Deshalb hast du auch Doktor Stevens weggeschickt, nicht wahr? Du hast geglaubt, er würde dich verurteilen.« Lea machte eine kurze Pause. »Wenn du Angst haben solltest, dass mir dein Fall bereits bekannt ist, kann ich dich beruhigen. Weder weiß ich, was, noch warum du getan hast, was dich heute hier in Handschellen sitzen lässt«, fuhr sie fort und erkannte, wie sich seine Anspannung zu lösen begann. »Ich kenne nicht mal deinen Namen.«

Seine Augenbrauen zogen sich kurz zusammen, wieder öffnete er den Mund, und wieder schloss er ihn gleich darauf. Er machte es ihr wirklich nicht leicht. Immerhin zeigte er irgendeine Regung. Sie musste ihn fordern, ihn aus der Reserve locken. Lea hatte ihn bald so weit, das immerhin konnte sie spüren.

»Erzähl mir, was passiert ist«, bat sie leise. Er schwieg. »Du kannst mir vertrauen.«

Immer noch Stille. Dann …

»Tommy.« Seine Stimme war anders, als Lea erwartet hatte. Nicht eingeschüchtert oder verängstigt, vielmehr aufgeklärt, als hätte er sich mit seiner Situation abgefunden. »Mein Name ist Tommy.« Der Satz klang, als hätte er ihn bereits viele Male sagen müssen.

Er war völlig ruhig, und doch fiel ihr etwas auf. Seine rechte Hand war zur Faust geballt – vielleicht eine Kompensation für die Blöße, die er gerade gezeigt hatte. Vielleicht auch mehr. Aber dass er ihr seinen Namen genannt hatte, war schon einmal ein guter Anfang. Ein Vertrauensbeweis, den sie jetzt erwidern musste. Lea griff in ihre Anzugtasche und holte den Schlüssel hervor, den ihr Beck gegeben hatte. Sie beugte sich zu Tommy nach vorne.

»Warum machen Sie das?«, fragte er.

Sie schloss die Handschellen auf und legte sie neben sich auf den Tisch. »Weil du mir vertrauen sollst.«

»Kann ich das?« Er rieb sich die Handgelenke.

»Das kannst du.«

»Die haben Ihnen also nichts gesagt?«, wollte er wissen und nickte dabei in Richtung Spiegel.

Jetzt musste sie aufpassen. Er hatte sich etwas geöffnet, ein falsches Wort ihrerseits und er würde sich wieder in die Sicherheit des Schweigens zurückziehen.

»Die Kommissare haben mir nichts von dir erzählt, falls du das meinst«, antwortete sie. »Gar nichts. Sie haben nichts von dir verraten.« Lea hoffte, dass er es bald von sich aus tun würde.

»Dann wissen Sie nicht, was passiert ist?«, flüsterte er. »Was ich getan habe?«

»Ich habe keine Ahnung«, bestätigte sie. Tommys Anspannung schien sich noch mehr zu lösen, seine Schultern senkten sich leicht, und sein Atem ging ruhiger. Anscheinend hatte ihm das am meisten zu schaffen gemacht, und es war genau das gewesen, was er hatte hören wollen. Damit konnte Lea arbeiten. »Wie gesagt, ich weiß nicht, warum du hier bist. Und ich weiß auch nicht, was du getan hast«, fuhr sie fort. »Das ist die Wahrheit.«

»Aber Sie wollen es wissen?«, fragte er leise.

»Ja«, gab Lea zurück, »darum bin ich da. Und um dir zu helfen.« Bei diesen Worten verspürte sie ein leichtes Stechen in der Brust. Kann ich ihm überhaupt helfen? Hier drin?

Deshalb hatte sie nie mit Jugendlichen arbeiten wollen. Es bedrückte sie zu sehr, zu sehen, was mit ihnen passieren konnte. Vor allem mit jenen, die sich in so einem Raum wiederfanden. Manche hatten ihr Leben weggeworfen, anderen war keine Wahl geblieben. Sie ahnte, dass sie schon bald erfahren würde, wo sich Tommy einordnen ließ. Manche gestehen es sich nicht ein oder verleugnen es, wollen es nicht wissen. Aber Tommy war anders. Und sie wusste, dass er es wusste.

»Sie wollen mir helfen … Das können Sie.«

»Wie?«

»Lassen Sie mich reden. Vorurteilslos«, erwiderte Tommy. »Hören Sie mich an und Sie werden verstehen«, fügte er hinzu und sah sie gespannt an.

War das wirklich alles, was er wollte? Dass ihm jemand zuhörte, ohne zu urteilen? Nun, ganz so abwegig war das nicht. Lea kannte das von ihrer Arbeit. Die anderen redeten, und sie hörte zu. Nachdem sie es eingeschaltet hatte, signalisierte das Diktiergerät mit einem leisen Ton, dass es bereit war, aufzunehmen. Sie griff nach ihrer Mappe, schlug sie auf und setzte den Stift ans Papier.

»Ich werde dir zuhören«, sagte sie und startete die Aufnahme. »Und ich verspreche dir, ich werde dich nicht verurteilen, egal, was du mir erzählst.«

Tommy entgegnete nichts darauf, sondern schaute ihr nur tief in die Augen. Es schien, als versuchte er wieder, darin zu lesen, ob sie tatsächlich meinte, was sie sagte. Irgendwas an ihr schien ihm dieses Vertrauen zu geben. Er riss sich von ihrem Anblick los. Dann begann er, zu reden.

–3–

Von Löwen und Lämmern

Draußen wurde es zunehmend dunkler. Tommy blickte den Gang entlang, an dessen Ende die Treppe ins Erdgeschoss der Schule führte und den Blick nach draußen freigab. Der Notausgang stand wie alle Türen offen, um den frühen hohen Temperaturen in diesem Jahr Herr zu werden. Tommy trug nur eine kurze Hose und ein T-Shirt, mehr brauchte es nicht. Doch so wie sich der Gang verdunkelte und die Lampen an den Decken immer mehr von Nutzen waren, fragte er sich, ob er angemessen gekleidet war. Denn schon länger hieß es, dass ein Sturm aufziehen würde, und nun hatten die ersten Ausläufer der Regenwolken die Stadt erreicht. Im Gegensatz zu seinen Mitschülern freute sich Tommy darauf. Er mochte Regen. Es gab keinen besonderen Grund dafür. Weder wurde er gerne nass, noch mochte er den Duft, den der Regen verströmte, wenn er erst einmal gefallen war. Aber er mochte ihn.

Tommy befand sich im Kunstflügel im ersten Stock der Schule, sein Klassenzimmer lag ein Stockwerk höher. Hier war es recht ruhig, die Schulglocke hatte noch nicht zum zweiten Mal geläutet, und die nächste Unterrichtsstunde würde erst in ein paar Minuten beginnen. Für seine Mitschüler und ihn stand Kunst auf dem Stundenplan, die letzte Stunde vor dem Wochenende, aber es würde noch dauern, bis seine Kunstlehrerin die Türen für sie aufsperrte. Sie hatte einen gewöhnlichen Namen, der gar nicht zu ihr passte. Deswegen nannten alle sie nur Frau S.

Die Mappe mit den neuen Zeichnungen, an denen er schon seit Wochen gearbeitet hatte, war sicher unter seinen Arm geklemmt. An diesem Tag wollte er sie Frau S. endlich zeigen, doch er stand unter Strom, so gespannt war er, was sie dazu sagen würde. Im Gegensatz zu den anderen Lehrern war Frau S. relativ jung und ging offen mit ihren Schülern um, genau deswegen mochte Tommy sie, und er schätzte ihre Meinung. Bevor sie sich entschieden hatte, zu unterrichten, war sie nämlich selbst Künstlerin gewesen, hatte in Ateliers ausgestellt und sich in der Szene einen Namen gemacht.

Eine Gruppe Schüler ging an ihm vorbei und verschwand tuschelnd die Treppe hoch. Meistens war auch Ben bei ihm, aber der war gerade damit beschäftigt, Herrn Thomaser von seiner Mitarbeit zu überzeugen. Sein Freund hatte in den letzten Klausuren nicht allzu gut abgeschnitten und erhoffte sich, den Mathelehrer noch vor dem kommenden Sprechtag gnädig stimmen zu können.

Tommy stand vor dem Schwarzen Brett und las einen der vielen Zettel, die von Lehrern oder Schülern neu angeschlagen worden waren. Es war wie ein Ritual für ihn geworden – jedes Mal vor dem Kunstunterricht entfernte er sich von seinen Klassenkameraden und sah nach, ob es etwas Interessantes gab. Meistens war das nicht der Fall, aber man konnte ja nie wissen, und ab und an war wirklich etwas Lesenswertes dabei. Das Angebot reichte von Schülern, die sich etwas dazuverdienen wollten, über Plakate von Abschlussbällen à la Matura MatataAl Dente – Bald sind wir durch und Auf rauen Wegen zu den Sternen bis hin zu geplanten Klassenfahrten. Ein Zettel stach Tommy besonders ins Auge. Es handelte sich um einen Aufruf für einen Lateinkurs, irgendein Lehrer war so freundlich und half Schülern, die anfallenden Halbjahresprüfungen zu bestehen.Maximal 20 Teilnehmer, stand darauf, darunter zwei Tabellen, in denen sich die Schüler eintragen konnten. Beide waren bereits voll, und manche hatten ihren Namen sogar zwischen die Zeilen gequetscht.

Tommy staunte nicht schlecht. Anscheinend brauchten viele seiner Mitschüler ein besseres Verständnis der toten Sprache, um das Jahr zu bestehen. Was ihm aber so lange an das Schwarze Brett fesselte, war nicht etwa der Eifer seiner Schulkameraden, sondern ein Zitat. Ganz unten, am Rand des Blatts, hatte jemand in krakeliger Schrift sein Latein zum Besten gegeben. Nihil facilius quam lacrimas arescere. Daneben in derselben Handschrift die Übersetzung: Nichts trocknet leichter als Tränen. Für ihn war das nur schwer nachzuempfinden. Tommy konnte sich nämlich nicht erinnern, wann er das letzte Mal geweint hatte. Ob er überhaupt jemals geweint hatte?

Seine Mutter hatte immer erzählt, dass er schon seit der Geburt ein sehr ruhiges Kind gewesen sei. Manchmal hätte er geschrien, ja, aber nie sei auch nur eine einzige Träne über seine Wangen gelaufen. Das befreiende Gefühl, sich von allem zu lösen und in aller Öffentlichkeit fallen zu lassen, das Weinen vor Trauer und Schmerz, Angst oder Leid hatte Tommy nie erfahren. Auch wenn er diese Gefühle schon oft gehabt hatte, kannte Tommy es nur aus Filmen – oder von seiner Mutter. Seine Mutter weinte oft.

Feuchte Augen, zum Zerreißen angespannte Lider, den salzigen Geschmack auf der Zunge – er hatte es noch nie erlebt, und er fragte sich, ob er es jemals erleben würde.

 

»Was für ein Trottel! Habt ihr gesehen, wie er ihn fertiggemacht hat?«

Es war das reißerische Lachen von Luka, das Tommy aus den Gedanken und weg vom Schwarzen Brett riss. Er hatte nicht bemerkt, wie sich der Gang zum Kunstraum gefüllt hatte. Seine Mitschüler warteten in einer Traube vor der Tür darauf, dass Frau S. endlich aufsperrte. Die Jungs vertrieben sich die Zeit mit Späßen. Dahinter saßen ein paar Mädchen aus seiner Klasse im Schneidersitz gegen die Wand gelehnt und ließen ihrem von Zeit zu Zeit aufkommenden Missbehagen über die Schule freien Lauf. Unter ihnen war Michela, Lukas Freundin, wie immer die Lauteste.

»Es kann denen doch scheißegal sein, was ich anziehe«, lästerte sie mit überheblicher Stimme. Nein, es war ihre normale Stimme, denn Tommy konnte sich nicht erinnern, jemals einen anderen Tonfall bei ihr gehört zu haben. »Eine Kleiderordnung wird sich nie durchsetzen. Ich will zeigen, was ich habe. Was hat sich da der Direktor einzumischen?«, fuhr sie fort, grinste frech und presste die Hände auf ihre Brüste. »Nur weil er sie nicht anfassen darf, will er sie nicht mal mehr sehen?«

Sie war sich durchaus bewusst, welche Wirkung ihr Verhalten auf die Jungs in ihrer Nähe hatte. Manch einer hielt in seiner Blödelei inne und starrte unverhohlen auf jenen Vorbau, den Michela mit den Händen umfasst hielt. Daniel und Patrick pfiffen laut und klatschten sich ab.

Luka schien es nicht zu stören, wie die anderen seine Freundin anstarrten. Mit ihm war sie zusammen, kurz nachdem er in die Klasse gekommen war. Zwar hatte Michela schon mit mehreren Mitschülern geflirtet, aber jetzt gehörte sie zu ihm, das wusste Luka wie jeder andere an der Schule. Und jenen, die es nicht wussten, machte es Luka klar – nicht selten mit Gewalt. Robert, ein älterer Schüler, hatte Michela einmal in der Stadtdisko angetanzt. Die Nacht endete für ihn mit einer blutigen Lippe, einem lockeren Zahn und einem tiefblauen Auge. Ja, für den Direktor war Luka wahrlich kein Unbekannter, jedenfalls was Schlägereien anging. Aber zu drastischen Maßnahmen gegen ihn kam es nie. Luka verstand es zu gut, die Tatsachen zu verdrehen, und drohte anderen gezielt, dass sie zu eingeschüchtert waren, um etwas zu melden. Bei den Lehrern schleimte er sich indessen in genau jenem Maße ein, um sie völlig auf seiner Seite zu wissen.

Tommy war wohl der Einzige, der Michela keine Beachtung schenkte, seine Aufmerksamkeit war ganz auf ihren Freund gerichtet.

»Hast du von Ben geredet?«, fragte er Luka, der sich zu ihm umdrehte und ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen ansah. Mit einem Mal war sein reißerisches Lachen einem drohenden Blick gewichen.

»Was geht dich das an, Tom?«

Da war sie, die übliche Kälte, die ihm Luka schon immer entgegengebracht hatte. Mit dem gewohnten Antasten im neuen Schuljahr damals hatte es angefangen. Jeder suchte sich in einer Klasse die Gruppe aus, in die er am besten passte, und Luka hatte seine schnell gefunden. Daniel und Patrick passten zu ihm wie die Faust aufs Auge. Gab es eine Sportveranstaltung oder einen Wettbewerb an der Schule, konnte man sicher sein, dass sie unter den Besten zu finden waren. Und Luka, das musste ihm Tommy neidlos anerkennen, war nun mal im Sport der Beste und gut in so ziemlich allem, was mit Bewegung zu tun hatte. Er war eine Sportskanone – und ein Arschloch. Er nahm nie ein Blatt vor den Mund, und seine arrogante und aufmüpfige Art hatte vielen seiner Mitschüler schnell imponiert.

Tommy aber nicht.

Luka war ihm von Anfang an feindselig begegnet und hatte aus seiner Abneigung ihm gegenüber nie einen Hehl gemacht. Mit der Zeit war Tommy klar geworden, sie hatten sich gar nicht mögen können, dafür waren sie zu verschieden. Sie beide waren keine Freunde, und sie würden auch niemals welche werden.

Tommy wollte die Sache nicht auf sich beruhen lassen. »Was ist mit Ben? Was war los?«, fragte er ruhig. Er wollte Luka zwar keinen Anlass geben, ausfallend zu werden, nur fand sich der meist von selbst. Auch an diesem Tag.

»Kann dir doch scheißegal sein, worüber wir reden!«, blaffte Luka zurück.

Tommy wusste nicht, woher der Hass auf ihn rührte, aber er war da. Und die Gruppe um Luka übernahm ihn, ohne Fragen zu stellen. Patrick und Daniel hatten sich schon hinter Luka aufgebaut, und zusammen gaben sie ein einschüchterndes Trio ab. Etwas abseits gesellte sich Tobi dazu. Tobi, der Vierte im Bunde, der dicklich und kleiner war als die anderen und immer etwas schwerfällig wirkte, glotzte noch halb zu Michela, die nach wie vor die Hände auf ihren Busen presste. Er passte gar nicht zu den dreien, aber er stammte aus einer reichen Familie, und das nutzten sie aus. Wenn es einmal vorkam, dass ihn Tommy allein antraf, konnte er sich eigentlich ganz gut mit Tobi unterhalten, aber sobald die anderen dazukamen, zog er in ihrem Hass nach. Er war ein klassischer Mitläufer.

»Ich will nur wissen, ob du über Ben geredet hast«, verlangte Tommy.

»Und wie ich über den geredet habe.« Luka grinste über die Schulter. »Ich schwör’s euch«, sagte er zu Patrick und Daniel, »noch ein Wort vom alten Thomaser und Ben hätte so gezittert, den hätte man als Presslufthammer auf dem Bau verwenden können.« Er ließ ein kaltes Lachen hören, in das die anderen einstimmten. »Das Beste war, als er angefangen hat, zu heulen«, redete er weiter und erhob die Stimme, dass es jeder hören konnte. Er ahmte einen weinerlichen Tonfall nach und legte die Hände an die Wangen. »Herr Thomaser, Herr Thomaser, bitte lassen Sie mich nicht durchfallen«, rief er. »Ich tue auch alles, was Sie verlangen.«

Jetzt lachten auch schon andere aus der Klasse. Michela stimmte schrill ein. Damit hatten Bens Probleme jetzt die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse auf sich gezogen. Tommy spürte heiße Wut in sich aufsteigen. Dass sie sich auf Kosten von Ben lustig machten, gefiel ihm ganz und gar nicht, ja, er hasste es.

»Luka, hör auf damit!«, warnte er, und es fiel ihm immer schwerer, nicht die Beherrschung zu verlieren. Am liebsten hätte Tommy ihm eine verpasst, aber ihm war klar, dass er es nicht mit Luka aufnehmen konnte – und der wusste es natürlich auch.

Deswegen funkelte Luka ihn nur an, grinste noch breiter und machte in seiner Imitation weiter. »Herr Thomaser, bitte geben Sie mir noch eine Chance«, er nahm eine unterwürfige Haltung ein, »ich tue alles, was Sie verlangen, nur lassen Sie mich nicht durchfallen! Ich kraule Ihnen auch die …«

»Halt dein dreckiges Maul!«, fuhr Tommy ihn an. Er hatte genug.

Das Grinsen auf Lukas Gesicht verschwand, dafür baute er sich bedrohlich vor Tommy auf. »Was hast du gesagt?«, fragte er und stieß mit den Händen hart gegen Tommys Brust, dass er das Gleichgewicht verlor und nach hinten stolperte. »Ich hab dich gefragt, was du gesagt hast, du Wichser«, wiederholte er höhnend, gab ihm jedoch keine Möglichkeit, zu antworten.

Er stieß wieder zu, dass Tommy gegen das Schwarze Brett prallte und ihm der Kopf dröhnte. Seine Zeichenmappe entglitt ihm. Er wollte nach ihr greifen, als Luka der Mappe einen Tritt versetzte und sie über die Stufen der Treppe hinunter segelte. Dabei verteilte sich der Inhalt, alle Zeichnungen, an denen Tommy so lange gearbeitet hatte, für jeden sichtbar auf dem Boden bis ins Erdgeschoss. Die anatomischen Skizzen von Körpern und Gesichtern, die abstrakten Landschaften und nicht zuletzt das Projekt für Kunst, in das er so viel Zeit investiert hatte.

Viele aus der Klasse lachten, als sie das Schauspiel verfolgten, am lautesten Michela, der es gefiel, ihren Freund so dominant auftreten zu sehen.

Nur Tommy lachte nicht.

»Was ist dein Problem?«, fuhr er Luka an. Wutentbrannt warf er sich gegen ihn.

Doch der drängte Tommy ohne größere Mühe zurück und presste ihn gegen die Wand. Dann, ohne dass er etwas dagegen tun konnte, schlang Luka die Arme um Tommys Hals, verschränkte die Hände und zwang ihn mit dem Gesicht nach unten. Blut schoss in Tommys Kopf, sein ganzer Körper zitterte, und er versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien, doch gegen den soviel kräftigeren Luka kam er nicht an. Sein Griff war so stark und unerbittlich, dass es in seinen Ohren zu rauschen begann.

»Jetzt hast du ihn, jetzt hast du ihn«, nahm er gedämpft Daniels Rufen wahr. Er feuerte Luka an, und er hörte dunkel, wie Patrick anfing, ihn wie bei einem Ringkampf anzuzählen. »Neun … acht … sieben …« Das Lachen in seinem Kopf wurde lauter.

»Ich will von dir hören, was du gesagt hast«, raunte Luka. »Na los. Sag es noch mal. Trau dich, du kleiner Scheißer!«

»Fick dich«, keuchte Tommy. Er bekam kaum noch Luft, als Luka seinen Griff lockerte und ihn nur noch mit der Linken am Hals festhielt.

Reflexartig schloss Tommy die Augen und erwartete schon den Haken von Luka, der die Faust weit zum Schlag ausgeholt hatte. Doch jener Aufprall blieb aus, und als er die Augen wieder öffnete, sah er auch, warum.

Frau S. hatte just in diesem Moment die Tür aufgeschlossen und forderte die Ansammlung von Schülern, die vor dem Klassenzimmer stand, auf, hineinzukommen. Luka ließ die Hand blitzschnell sinken, während seine Freunde die Szenerie vor der Lehrerin abschirmten.

»Wir sind noch nicht fertig, Tom«, drohte Luka. Feindselig starrte er ihn an, und Tommy konnte sehen, wie sehr sich Luka wünschte, die Faust in sein Gesicht zu graben.

Ohne ein weiteres Wort drehte sich Luka zu seiner Truppe um und ging mit ihr in die Klasse. Frau S. grüßten sie dabei übertrieben höflich. Die Kunstlehrerin hatte von dem, was vor ihrer Tür stattgefunden hatte, offenbar nichts mitbekommen.

»Kommst du, Tommy?«, fragte Frau S. und lächelte ihm zu.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er wie angebunden zwischen Treppe und Tür stand. »Klar, Frau S.«, antwortete er und versuchte, so gut er konnte, zurückzulächeln. Anscheinend war er nicht sehr überzeugend.

»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte sie sich.

Er wollte nicht, dass die Lehrerin Wind von dem Vorfall bekam. Es war eine Sache zwischen Luka und ihm und sollte es auch bleiben.

»Ja, ich muss nur schnell meine Zeichnungen einsammeln.« Auf ihren verwirrten Blick hin deutete Tommy zur Treppe, auf der noch einige Blätter von ihm lagen.

»Herrje, wie ist das denn passiert?«, fragte sie mit besorgter Miene und wollte zu ihm hingehen.

Doch er hob abwehrend die Hände. »Alles bestens, ich bin nur ausgerutscht, und die Mappe ist die Stufen hinuntergesegelt. Ich komme gleich.« Er hoffte, sein spielerisches Lachen, bei dem er sich diesmal mehr ins Zeug legte, und sein verlegenes Kratzen am Hinterkopf ließen sie an die Lüge in seinen Worten glauben.

»Na gut, aber mach schnell. Ich kümmere mich derweil um die anderen. Man kann ja nie wissen, was sie sonst anstellen«, erwiderte sie und zwinkerte ihm zu. »Heute fangen wir endlich mit dem Impressionismus an. Du wirst die Bilder lieben, die ich vorbereitet habe.«

»Ich kann es kaum erwarten«, sagte Tommy. Er drehte sich um und fing an, seine Zeichnungen aufzusammeln. Als er die Tür hinter sich in die Angeln fallen hörte, erstarb das Lachen auf seinem Gesicht schlagartig.

Scheißluka.

Der Streit mit ihm war noch nicht aus der Welt, dafür kannte er ihn zu gut. So nachtragend, wie Luka war, würde ihm noch einiges bevorstehen.

 

Eigentlich war es nicht seine Art, Frau S. warten zu lassen. Nur der Gedanke, mit Luka eine Stunde lang im selben Raum zu sein, gefiel ihm in diesem Moment noch weniger, daher ließ sich Tommy mehr Zeit mit dem Aufsammeln seiner Zeichnungen, als nötig gewesen wäre. Er strich die Blätter gerade und ordnete sie wieder in die Mappe. Hastig blätterte er sie durch. Eines fehlte! Das Projekt für Frau S.! Jene praktische Arbeit, die sie vor einem Monat aufgegeben hatte und die mehr oder weniger die Endnote bestimmen würde. Tommy fluchte in sich hinein. Noch einmal blätterte er durch die Mappe, langsam und konzentriert diesmal, aber er fand sie nicht. Sie ist nicht da, dachte er, und sein Herz fing zu rasen an. All die Tage, an denen er gemalt hatte, all die Arbeit, die er in das Bild investiert hatte – umsonst.

»Suchst du das hier?«, fragte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und Tommy drehte sich um.

Es war Mia, Bens kleine Schwester, die die Klasse einen Jahrgang unter ihm besuchte. Sie lächelte. In ihrer Hand hielt sie ein Blatt, das sie behutsam zusammengerollt hatte.

»Danke dir«, sagte Tommy, als er es vorsichtig entrollte und erkannte, dass es sein Bild war. Es war ein Wunder, dass das Papier nicht zerknittert worden war. Ihm fiel ein Stein vom Herzen.

»Es lag irgendwo da hinten«, meinte Mia, während er das Bild vorsichtig zu den anderen in die Zeichenmappe legte. »Ich hab’s auch nicht angesehen.« Sie reckte Zeige- und Mittelfinger nach oben. »Ich schwör’s.«

»Ich glaub dir.« Tommy lachte, und auch Mia zeigte ihm ihr strahlendstes Lächeln. »Danke dafür.«

»Na ja, ich hab schon kurz mit mir gerungen, und einen Augenblick lang war ich echt in Versuchung.« Sie errötete. »Aber ich weiß ja, wie genau du das nimmst. ‚Niemand darf die Zeichnungen sehen, bevor sie nicht vollendet sind‘«, ahmte sie seine Stimme nach.

»Da hast du recht. Es soll einfach perfekt sein, wenn ich es jemanden zeige, weißt du?«

»Klar verstehe ich das. Du willst dich mit deinen Kritzeleien ja nicht blamieren. Ich bin schon sehr gespannt darauf, aber ich kann dir nicht versprechen, nicht zu lachen.«

Ein paar Sekunden standen sie da und sahen sich an.

»Was machst du hier eigentlich?«, fragte er schließlich.

»Was meinst du?«

»Hast du keinen Unterricht?«

Ihr Blick fiel auf die Wanduhr im Gang hinter ihm, und sie schreckte auf. »Au Backe, ich hab jetzt Bio beim Dander!« Sie stupste ihn mit dem Finger gegen die Brust. »Du bist schuld, wenn ich zu spät komme!« Ihre Miene verzog sich gespielt vorwurfsvoll.

»Tut mir leid. Wenn du schnell bist, trägt er dich vielleicht nicht ein.«

Mia drehte sich um und lief durch die Eingangshalle zu ihrer Klasse. »Das musst du wieder gutmachen!«, rief sie gedämpft über die Schulter, ehe sie hinter einer Biegung verschwand. Wie, sagte sie nicht. Dann war es wieder still.

 

In der Klasse war es bis auf die Stimme von Frau S. ebenfalls ruhig. Sie stand neben dem Pult und hatte mit ihrem Vortrag bereits begonnen. Der Raum war abgedunkelt, und nur die Projektion des summenden Beamers warf einen Lichtstrahl auf die Leinwand hinter ihr. Gerade zeigte er das Bild eines kleinen Bootes auf einem See im Sonnenuntergang. Tommy nahm auf einem der letzten beiden freien Stühle Platz. Anscheinend war Ben noch immer nicht aufgetaucht. Was ist mit ihm los? Warum braucht er so lange? Allmählich machte sich Tommy ernsthafte Sorgen um seinen Freund.

Aus heiterem Himmel traf ihn von irgendwoher eine Papierkugel am Kopf, prallte ab und fiel zu Boden. Tommy hob sie auf und sah nach, was in roten Buchstaben auf dem Fetzen geschrieben stand.

Du bist tot.

Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, von wem die Drohung stammte. Auch die leise, unterdrückte Lache in der letzten Reihe kannte er nur zu gut. Natürlich war es Luka.

Tommy wollte sich nichts anmerken lassen, als er das Papier in sein Mäppchen steckte. Er versuchte, wieder dem Unterricht zu folgen, doch das spöttische Tuscheln hinter ihm war nicht gerade leicht zu ignorieren. Schließlich konzentrierte er sich ganz auf Frau S., erst das wirkte.

Wie sie angekündigt hatte, ging es um die Maler des Impressionismus. Monet, Degas, Pissarro, Renoir und viele mehr. Gebannt hing er an ihren Lippen und betrachtete auf der Leinwand Gemälde von sich im Bild auflösenden Seerosen, verspielten Balletttänzerinnen und unwirklichen Sonnenuntergängen mit wirbelvollen Seen. Frau S. hatte seinen Geschmack genau getroffen, er liebte die Bilder.

Zehn Minuten vor Schluss erschien Ben schließlich doch noch zur Stunde. Er murmelte Frau S. eine knappe Entschuldigung zu – sie war schon beim Post-Impressionismus angelangt – und setzte sich direkt, die leisen Lacher aus der hinteren Reihe nicht beachtend, auf den leeren Platz neben Tommy.

»Van Gogh war ein Mensch, der die Kunst liebte, vielleicht sogar mehr als das Leben selbst«, hörte er Frau S. gerade erklären, da wandte er sich schon seinem Freund zu.

»Was ist passiert, Ben?«, flüsterte er. »Ich dachte, du wolltest nur kurz mit Herrn Thomaser reden?«

Ben starrte stur nach vorne auf die Leinwand, seine Augen, die im Schein des Lichtstrahls feucht glänzten, entgingen Tommy nicht. Er ließ sich Zeit, ehe er antworte.

»Das hab ich auch«, gab Ben schließlich leise zurück. Mehr sagte er nicht dazu, und Tommy merkte, dass Ben nicht weiter darauf eingehen wollte.

Tommy beließ es erst einmal dabei und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Frau S.

»Kaum einer konnte wie er mit Farben die Leiden und Leidenschaften der Menschen ausdrücken.« Sie sah ihn durchdringend an.

Hatte sie etwas mitbekommen? Falls ja, ließ sie sich nichts anmerken. Schließlich kam sie zur letzten Seite ihres Vortrags.

»Zu Lebzeiten verkannt, erlangte van Gogh Berühmtheit und Anerkennung erst nach seinem Ableben. Der Tod hat ihn befreit … Vielleicht.« Frau S. drückte den Schalter neben der Tür, und die Lampen wurden wieder hell. »Weiß jemand, wie er gestorben ist?«, fragte sie und blickte in die Runde.

Niemand schien es zu wissen. Schließlich war es Tommy, der antwortete. »Selbstmord«, sagte er in die Stille hinein. »Er hat sich umgebracht.«

Die Glocke läutete, die Stunde war zu Ende.

 

Tommy tat es seinen Mitschülern gleich und packte seine Sachen zusammen. Anders als zwischen den Schulstunden waren die Tische nach dem Läuten zum Schulende immer in Rekordzeit wie leergefegt. Vereinzelte »Auf Wiedersehen« und »Schönen Tag noch, Frau S.« waren zu hören, auch ein »Mahlzeit«, gefolgt von unterdrücktem Lachen, drang an sein Ohr. Er reihte sich hinter die anderen ein und wollte gerade mit Ben das Klassenzimmer verlassen, da hielt ihn Frau S. auf.

»Tommy, bleibst du bitte noch kurz?«

Ben warf ihm einen fragenden Blick zu, aber Tommy bedeutete ihm, schon einmal vorzugehen.

»Worum geht es denn?«, fragte er und trat zu ihr ans Pult.

Sie verzog keine Miene.

Etwa wegen des Flüsterns von vorhin?

Ein Hauch ihres Parfüms drang ihm in die Nase. Der Duft hatte etwas an sich, er wusste nicht, was es war, das seine Mundwinkel leicht nach oben zog, und er musste sich zusammenreißen, um bei der Sache zu bleiben. Er schluckte schwer. Dass er ihr die Mappe zeigen wollte, war spätestens jetzt komplett vergessen.

»Ich habe sie mir angesehen«, sagte sie und strahlte.

Was? Er verstand nicht, was sie meinte, aber als Tommy sie lachen sah, entspannte er sich. Für einen Moment hatte er schon befürchtet, sie würde ihn wegen der Flüsterei tadeln.

»Deine Bilder. Ich habe sie mir angesehen«, wiederholte sie. »Ich weiß, ich habe sie schon lange, aber gestern Nacht bin ich endlich fertig geworden.« Sie holte eine große Umschlagmappe unter dem Pult hervor.

Nun erlaubte auch er sich ein befreites Grinsen, denn er erinnerte sich.

Vor einem halben Jahr hatte er sie im Lehrerzimmer aufgesucht, und Frau S. hatte ziemlich überrascht gewirkt, als Herr Dander sie an die Tür geholt hatte. Noch überraschter war sie gewesen, als Tommy sie mit einer Tasche voller Zeichnungen erwartet hatte. Es waren mehr als zwanzig gewesen, und er war schon lange gespannt, endlich ihre Meinung dazu zu hören. Dass sie die Bilder alle vor ihm auf dem Pult ausbreitete, machte ihn unglaublich nervös, und dass sie noch kein Wort gesagt hatte und sie nur still neben ihm ansah, machte es nicht besser.

So lange hatte er an jedem gearbeitet, und wenn sie ihm jetzt sagen würde, dass er sein Glück trotzdem nicht in der Kunst finden konnte, würde eine Welt für ihn zusammenbrechen.

»Nun«, begann sie ernst. Das Lachen war von ihrem Gesicht verschwunden. »Deine Bilder sind …«

»Ja?«

»Deine Technik ist …«

»Ja?«

»Du hast großes Talent«, sagte sie schließlich lachend. Tommys Knie gaben fast nach vor Erleichterung. »Großes sogar. Die Fortschritte, die du von Bild zu Bild machst, sind erstaunlich. Wenn ich an deine ersten Zeichnungen zurückdenke …« Wieder schenkte sie ihm ein Lachen und nahm sich eine der Skizzen, um sie besser begutachten zu können. »Aber wie du jetzt malst. Manche davon sind wirklich gut.«

»Danke, Frau S. Ohne Sie wäre ich sicher nicht so motiviert gewesen. Jetzt muss die Welt sie nur noch sehen«, scherzte er.

»Da hast du recht, das muss sie – und vielleicht wird sie das schon früher, als du denkst«, erwiderte sie. »Was, wenn ich dir sage, dass es einen bestimmten Grund gab, warum ich so lange für die Bilder gebraucht habe?«

»Und welchen?«, fragte Tommy neugierig.

»Ein alter Freund kommt mich bald besuchen. Er hat ein Atelier, in dem ich im Sommer ab und an arbeite. Ich wollte dich erst um deine Erlaubnis fragen, aber wenn du möchtest, behalte ich die Skizzen und Bilder noch länger und zeige sie ihm. Vielleicht hat er einen Platz dafür.«

»Ist das Ihr Ernst? Natürlich will ich das! Das ist großartig, danke!«, rief er.

»Keine Ursache, Tommy«, winkte sie ab. »Ich bin selbst gespannt auf seine Meinung.« Sie nahm eine weitere Zeichnung in die Hand. Es war die erste, die er für sein Kunstprojekt angefertigt hatte.

Das Blatt wurde von einem Auge ausgefüllt, in dessen Pupille sich ein blauer Planet widerspiegelte. Der Blick war nicht leicht einzuordnen. Das Auge war von einer kühlen Distanz und Sinnlichkeit zugleich – das Auge einer Frau.

»Warum zeichnest du?«, fragte Frau S., nachdem sie ihn lange schweigend angesehen hatte. »Was lässt dich so malen?«

Die Frage traf ihn unvorbereitet. Um ehrlich zu sein, hatte er noch nie darüber nachgedacht. Tommy zögerte und ließ sich mit seiner Antwort Zeit. Er griff nach dem Bild und fuhr mit den Fingerspitzen langsam über die Ecken, als könne er das Papier und das Gezeichnete darauf aufnehmen.

»Ich zeichne, um …«, setzte Tommy an und schloss den Mund, nur um ihn wieder zu öffnen. »Ich weiß es nicht«, sagte er schlicht. Er wusste es wirklich nicht.

»Wenn ich etwas in meiner kurzen Künstlerkarriere gelernt habe, dann, dass Kunst immer ihren Grund hat. Manche nähern sich der Kunst, um ihre Gedanken auf Papier zu bannen, andere, um diese Gedanken aus ihren Köpfen zu verbannen.«

Sie war Tommy inzwischen so nah, dass er sich im Blau ihrer Iris wiederfinden konnte. Das Blau ihrer Augen sah jenem Blau auf der Skizze nun zum Verwechseln ähnlich.

»Willst du wissen, warum ich gemalt habe?«, fragte sie leise. »Es hat mich von dem fortgebracht, was ist, und brachte mich dem näher, was nicht ist oder nie sein wird.« Ihre Augen funkelten. »Flüchtest du dich in die Kunst, Tommy?«

Er blieb still. Auf solch eine Frage war er noch weniger vorbereitet gewesen. Was sollte er darauf antworten?

»Was war vorhin wirklich los?«, wechselte sie abrupt das Thema. »Vor dem Unterricht?«

»Was meinen Sie?«

»Du weißt, was ich meine«, antwortete sie. »Ich bin mir sicher, deine Zeichnungen sind nicht einfach so hinuntergefallen. Wir Lehrer sind nicht blind. Ging es um Luka? Ich habe seinen Blick bemerkt, als du hereingekommen bist. Hatte er etwas damit zu tun?«

»Es ist nichts«, wich er ihr aus. »Wirklich. Ich schaffe das allein.«

»Also war doch etwas?«

Vehement schüttelte er den Kopf. Darüber wollte er nicht reden. Nicht mit ihr. Nicht über Luka. Er hatte jetzt auch kein Interesse mehr, ihr die neuen Bilder zu zeigen. Schnell nahm er seine Schultasche.

»Ich weiß, ich bin deine Lehrerin«, fing Frau S. an, »aber wenn du Probleme hast, zu Hause oder in der Schule, möchte ich, dass du weißt, du kannst jederzeit zu mir kommen.« Sie sah ihn mit einem Blick an, den er nicht einzuordnen vermochte. War es Mitleid? Ihm war es unangenehm, so von ihr betrachtet zu werden, und er konnte es nicht länger ertragen.

So sollte es nicht sein. Nicht mit ihr.

»Danke, dass Sie sich meine Bilder angesehen haben«, meinte er knapp, ging zur Tür und griff nach der Klinke. »Auf Wiedersehen, Frau S. Schönes Wochenende.«

»Tommy …«, sagte sie nun deutlich leiser. Ihre Lippen waren zu schmalen Linien geworden. Sie wirkte traurig, und es schien, als wolle sie noch mehr sagen, überlegte es sich jedoch anders. »Vergiss bitte nicht, deinen Eltern über den Sprechtag nächste Woche Bescheid zu geben. Ich freue mich, ihnen deine gelungenen Zeichnungen zu zeigen.«

Tommy wandte den Blick nicht von der Tür ab. »Mein Vater wird nicht kommen«, war alles, was er sagte.

–4–

Als Tommy die Treppen zur Eingangshalle hinunterging, bemerkte er, dass Ben auf ihn gewartet hatte. Er hatte ihn nicht kommen hören, also klopfte Tommy seinem Freund auf die Schulter und bedeutete ihm, dass sie gehen konnten.

»Was hat Frau S. von dir gewollt?«, fragte Ben, als beide durch die Glastüren auf den Schulhof traten.

»Ach, nichts Weltbewegendes.« Tommy berichtete ihm von dem Atelier.

Ben stieß einen lang gezogenen Pfiff aus. »Das ist doch super! Glückwunsch, Mann, ich freue mich für dich!«

Tommy allerdings quittierte Bens Reaktion nur mit einem Nicken, dann zuckte er mit den Schultern.

»Dich scheint es ja nicht sonderlich zu freuen«, bemerkte Ben und betrachtete ihn skeptisch von der Seite. »Was ist los mit dir?«

Tommy blieb stehen, und Ben tat es ihm nach zwei weiteren Schritten gleich.

»Das war nicht der einzige Grund.«

»Was meinst du, Tommy?«

»Luka.«

»Was ist mit ihm?«

»Wir haben uns geprügelt, vor der Klasse … Besser gesagt, wir waren kurz davor, uns zu prügeln.«

»Was für ein mieser Wichser!«, fluchte Ben. »Man sollte ihn …«, er machte mit den Händen Bewegungen in der Luft, als wollte er jemanden würgen, »zusammen mit dem alten Thomaser!«

Der Lehrer! Den hatte Tommy beinahe vergessen. »Genau, wie lief es eigentlich mit dem?«

»Schlecht«, sagte Ben tonlos. »Er hat durchblicken lassen, dass ich das Jahr wohl wiederholen muss. Jedenfalls so, wie es jetzt steht.« Langsam, nebeneinander hergehend, ließen sie die Schultore hinter sich. »Er hat mir angeboten, dass ich nach dem Elternsprechtag noch eine letzte mündliche Prüfung machen kann.«

»Und?«

»Ich habe ihn gefragt, ob er mir nicht stattdessen seine Aufgaben schriftlich stellen kann, und ich setze mich ans Pult.«

Tommy verstand sofort, warum Ben das wollte. Er hatte ihn bereits in unzähligen Prüfungen erlebt. Sprach er vor der Klasse, wurde er schnell nervös und vergaß Sachen, die er sonst mühelos beherrschte.

»Lässt er sich darauf ein?«, wollte er wissen, worauf Ben den Kopf schüttelte.

»Keine Chance. Du kannst dir ja vorstellen, wie er reagiert hat. Hat mich voll angemacht, der Alte. Er ist richtig laut geworden und hat gesagt, von wegen ich sei keine Ausnahme und muss die Übungen an der Tafel machen wie jeder andere auch.« Er verstummte, und Tommy spürte die stille Verzweiflung in seinem Schweigen.

Er konnte ihn verstehen, er wusste, das war in Herrn Thomasers Augen Gerechtigkeit gegenüber den Mitschülern, doch wenn man einen Fisch daran maß, wie er auf einen Baum kletterte … Mitfühlend sah er zu seinem Freund.

»Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll«, sagte Ben seufzend. »Wenn ich mehr Zeit hätte, aber so doch nicht! Meinst du, er will, dass ich fliege?«

»Klar will er, dass du fliegst. Und er ist nicht der Einzige «, hörten sie Lukas Stimme in diesem Moment hinter sich. Er schloss zu ihnen auf. Wie üblich folgten ihm Patrick und Daniel, Tobi bildete das Schlusslicht. »Wir alle schmeißen eine Riesenparty, wenn sie dich aus der Klasse werfen!«, höhnte er und zeigte in die Runde.

Warum kommen sie erst jetzt aus der Schule? Tommy hatte geglaubt, da er noch mit Frau S. geredet hatte, wären Ben und er die Letzten gewesen.

»Na, du Mathegenie, hast du dem Thomaser einen lutschen müssen, dass er dich noch mal rannimmt?«, fragte Daniel.

»Welches Genie?«, warf Patrick mit einem dümmlichen Grinsen ein. »Ich sehe nur zwei Homos – der eine schwuler als der andere.«

»Schwul? Obwohl Frau S. ihn nach der Stunde zu sich holt?« Daniel stieß Patrick mit dem Ellenbogen gegen den Arm und legte die Finger, die er zu einem V geformt hatte, an die Lippen. Dann ließ er die Zunge auf und ab kreisen.

Alle lachten auf, nur Ben, Tobi und Tommy nicht. Tobi schien den Witz nicht verstanden zu haben.

»Dass er bei ihr keinen hochkriegen kann, weiß die Kunstschlampe ja nicht.«

»Halt dein Maul, Patrick!«, rief Tommy. Seit Jahren war er die Demütigungen gewohnt, aber er wollte nicht, dass Frau S. in ihre Streitigkeiten mit hineingezogen wurde. Sie war tabu.

»Schaut, wie er sie verteidigt. Patrick hat wohl einen Nerv getroffen«, meldete sich Luka grinsend zu Wort. Er wandte sich wieder an Tommy. »Ich kann es dir nicht mal verübeln. Selbst eine Schwuchtel wie du kriegt vielleicht einen hoch bei so einer Alten. Frau S. ist reif. Ich sag’s euch, ich würde sie so lange rannehmen, bis die Ritze wund ist.«

Tommy kochte vor Wut, doch er musste ruhig bleiben. Wenn er nicht darauf einging, würde Luka das Thema vielleicht fallen lassen. Und er behielt recht, auch wenn es die Sache nicht besser machte.

»Apropos wund, Ben – wie fühlt sich dein Arsch an?«, frotzelte Luka. »Du hast so lange beim Thomaser gebraucht, ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr zwei nur geredet habt. Immerhin hast du Rotz und Wasser geheult, dass man kaum gehen konnte, ohne auszurutschen, so nass war der Boden.« Er streckte den Unterarm aus und ballte seine Hand zur Faust. »Zeig mal, wie tief der alte Thomaser in dir drin war!«

Für Lukas Truppe gab es nun kein Halten mehr, sie japsten vor Lachen.

»Wenn es überhaupt Tränen waren«, warf Patrick ein. »Vielleicht hat er es auch nur laufen lassen.«

»Bah, wie eklig bist du?«, rief Daniel.

»Auf jeden Fall wird sich Mami nicht über die Unterhose freuen.« Luka grinste noch breiter. »Und Papi nicht über die Mathenoten.«

»Weil deine so viel besser sind?«, fuhr Tommy ihn an. Luka brauchte nicht groß anzugeben, er kam ebenfalls nur knapp an einer Nachprüfung vorbei. Aber Herr Thomaser mochte ihn, so wie die meisten übrigen Lehrer auch.

»Kein Plan, was du meinst«, erwiderte Luka knapp. »Ich bin nicht derjenige, der sich nächste Stunde beim Thomaser bücken muss. Soll ich dir einen Tipp geben, Ben? Schau, dass du schön tief unten bist!« Er hielt sich die Hände vor die Hüfte, als würde er einen unsichtbaren Körper vor sich halten, und machte dabei rhythmische Stöße aus dem Becken heraus. »So wie deine Mutter bei mir gestern Nacht.«

»Du nimmst aber auch, was du kriegen kannst, Luka! Bei der Vorstellung wird mir schlecht!«, spottete Patrick.

»Kotzen könnt ich auch«, meinte Luka gelassen, »aber wenn sie so bettelt, gibt man ihr halt einen Gnadenfick. Sein Vater wird’s ihr nicht mehr besorgen können.«

Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht – Ben war tiefrot im Gesicht und zitterte vor Wut.

»Schaut, er zieht wieder die gleiche Nummer ab wie vorhin beim Thomaser! Passt auf, Leute, gleich heult er wieder!«

Tommy hasste Luka.

Er hasste alles an ihm.

»Wie läuft es denn bei dir zu Hause?«, fragte er, um von Ben abzulenken. »Was ist denn mit deiner Mutter?« Eigentlich wollte er sich nicht auf dieses Niveau herablassen, aber jetzt war es ihm egal. Alles, was er wollte, war, Luka dieses dreckige Grinsen aus dem Gesicht zu wischen.

»Was soll mit ihr sein?«, fragte Luka, und alle merkten, wie die Stimmung kippte. Mit einem Schlag lag ein bedrohliches Knistern in der Luft. Niemand lachte mehr.

»Dein Vater arbeitet doch in der Stahlindustrie.«

»Na und?«

»Weißt du nicht, was man darüber sagt? Überall nur Männer, die mit harten Sachen hantieren. Ich an deiner Stelle würde mir mehr Sorgen um die Befriedigung deiner Mutter machen.«

»Halt dein Maul, du Wichser!«, fuhr Luka ihn an. »Mein Vater sitzt bald im Vorstand!«

»Hat er sich hochgefickt?«, warf Ben ein, der seine Stimme mitsamt seinem Mut wiedergefunden hatte. »Gibt es denn viele Frauen in diesem Vorstand?«

Tommy und er prusteten los vor Lachen. Es tat einfach gut, zu sehen, dass Luka diesmal rot anlief.

»Willst du sagen, dass mein Vater eine Schwuchtel ist?«, rief er. Er ließ seine Schultasche fallen, die er lässig über seine Schulter getragen hatte, und machte ein paar drohende Schritte auf Ben zu.

»Hey, Leute«, rief Tobi, »die Lehrer kommen!«

Luka warf sich die Tasche schnell wieder über. »Heute ist euer Glückstag.« Er deutete mit dem Zeigefinger auf sie. »Aber ihr seid dran, alle beide!« Dann ging er voraus, und die anderen folgten ihm.

Tommy und Ben standen noch da und sahen zu, wie sich Luka durch die Gruppe der Lehrer bewegte und sie höflich grüßte.

Alle grüßten zurück. Warum sollten sie auch nicht?, dachte Tommy voller Hass. Sie hatten ja keine Ahnung.

 

Als sie endlich wieder allein waren, beschlossen sie, Mia aus dem Café abzuholen, in dem sie sich oft nach dem Unterricht trafen. Es war nicht weit von der Schule entfernt und wurde von einer rundlichen alten Dame namens Maria geführt. Sie verdiente recht gut an den Schülern, die nach dem Unterricht schnell etwas aßen oder noch auf ein Getränk mit ihren Freunden blieben.

Außerdem kamen sie dort an Zigaretten. Maria nahm es mit dem Gesetz nicht so genau und verkaufte die kleinen Packungen unter der Theke auch an Jugendliche.

Tommy erkannte Bens Schwester schon von Weitem. An einem Stehtisch draußen vor dem Café unterhielt sie sich gerade mit einem Jungen. Als Mia die beiden bemerkte, winkte sie ihnen freudig zu, trank ihre Latte Macchiato in einem großen Schluck aus, verabschiedete sich und schloss zu den beiden auf.

»Du hättest dir mit dem Kaffee ruhig Zeit lassen können«, Tommy lächelte breit, »wir wollten euch nicht stören.«

»Du meinst Alex?«, winkte sie ab. »Er ist nur ein Freund.«

»Gut für ihn«, sagte Ben finster und schlug gespielt ernst die Faust in seine Hand. »Und besser, wenn es so bleibt.«

Tommy und Mia lachten auf, sie konnten sich Ben einfach nicht als draufgängerischen Schläger vorstellen, denn sie wussten beide, er könnte nie auch nur einer Fliege etwas zuleide tun.

»Keine Sorge, Brüderchen«, gab Mia zurück, umarmte Ben von der Seite und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Du weißt, du bist der einzige Mann in meinem Leben.« Sie zwinkerte Tommy verschwörerisch zu.

Der Streit mit Luka war nun vergessen. Er war trotz oder vielleicht gerade wegen des bewölkten Himmels bester Laune, und sie scherzten auf dem Heimweg weiter, bis sie an Tommys Haus angekommen waren und er den Schlüssel ins Schloss steckte.

»Vergiss nicht – Sonntag Abendessen bei uns«, erinnerte ihn Ben, ehe er die Haustür aufdrückte.

»Und wehe, du kommst nicht!«, drohte Mia mit erhobenem Zeigefinger. »Ich koche nämlich.«

»Du meinst, du hilfst Mutti beim Kartoffelschälen?«, neckte Ben sie, wofür er von seiner Schwester einen Klaps gegen die Schulter bekam.

»Wenn du extra kochst, komme ich auf jeden Fall«, meinte Tommy lachend. »Was gibt es denn Leckeres?«

»Das weiß ich noch nicht«, antwortete Mia. »Lass dich überraschen, es wird dir schon schmecken.«

»Ich nehm dich beim Wort.« Und an Ben gewandt: »Schau dir Mathe schon mal an. Sonntag bringe ich meine Mappe mit, und dann sehen wir ja, wo du noch Probleme hast.« Er winkte den beiden zum Abschied und zog die Tür hinter sich zu.

 

Tommy hörte seinen Magen knurren. Seit der letzten großen Pause hatte er nichts mehr gegessen, und das machte sich jetzt bemerkbar. Er ließ den Flur hinter sich, ging durchs Wohnzimmer und wollte gerade die Küchentür öffnen, da entdeckte er seine Mutter auf dem Sofa.

Sie lag zusammengekauert auf der Seite und schlief ruhig atmend mit den Händen unter dem Kopf. Der Fernsehsessel mit dem breiten Fußteil wäre dem viel zu kleinen Sofa wohl vorzuziehen gewesen, aber sie benutzten ihn nie – ein ungeschriebenes Gesetz in ihrem Haus. Tommy hatte geglaubt, sie hätte sich schon oben ins Elternschlafzimmer gelegt, wie sonst auch nach einer solchen Nacht. Wenn er jetzt anfinge, in der Küche herumzuwerkeln, würde er sie mit Sicherheit aufwecken.

»Hallo, Schatz«, murmelte seine Mutter unvermittelt. »Schön, dass du da bist.« Sie klang ziemlich verschlafen.

»’tschuldigung, hab ich dich geweckt?«, fragte Tommy leise, doch als Antwort bekam er erst einmal ein lang gezogenes Gähnen.

»Das Sofa sah so bequem aus«, sagte sie schließlich und richtete sich auf. »Eigentlich wollte ich mich nur kurz hinsetzen und auf dich warten. Dabei bin ich wohl eingenickt.« Sie sah völlig abgekämpft aus. Dunkle Augenringe prägten ihr Gesicht, und ein leichtes, aber stetiges Wippen ihres Kopfes zeigte ihm, dass sie sich nur unter großer Anstrengung wach halten konnte.

»Wann bist du heimgekommen?«, fragte er.

»Erst vor einer Stunde. Es gab viel zu tun.« Sie gähnte erneut. »Wie war die Schule?«

»Ganz okay«, antwortete Tommy knapp. Zwar schätzte er es, dass sie sich dafür interessierte, aber er wollte seine Mutter mit manchen Problemen nicht belasten. Luka gehörte dazu. Sie hatte genug eigene Sorgen.

»Du hast bestimmt Hunger«, meinte sie und raffte sich vom Sofa auf. »Ich mach dir schnell was.« Sie ging an ihm vorbei in die Küche und begann, Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu räumen.

Als sie eine Pfanne auf dem Herd heißmachen wollte, entwand Tommy sie ihr sanft, aber bestimmt. »Lass mich das machen, Mum«, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Du siehst müde aus. Tu mir den Gefallen und leg dich schlafen, bitte.« Den letzten Satz hatte er ausgesprochen, um seinen Worten die sanfte Härte zu nehmen.

Seine Mutter wischte sich durchs Gesicht und seufzte. »Ich sehe müde aus? Das hört eine Frau gerne.« Sie blickte traurig.

»Du weißt, wie ich das meine.«

»Natürlich, du hast ja recht. Eigentlich kann ich kaum noch stehen. Peter hat mir heute wieder eine Doppelschicht aufgebrummt.«

»Kannst du nicht etwas kürzer treten?«, fragte Tommy und sah sie sorgenvoll an. Eigentlich wollte er, dass sie die Arbeit ganz sein ließ, solche Nachtschichten taten ihr nicht gut. Und dann noch zwei hintereinander.

»Wir sind auf das Geld angewiesen, das weißt du.« Sie schüttelte den Kopf. »Seit dein Vater …« Sie hielt inne und wandte den Blick ab. »Lassen wir das. Ich werde mich wieder schlafen legen.«

»Tu das. Ruh dich aus.« Tommy umarmte sie und schob sie behutsam aus der Küche. »Gute Nacht, Mum«, sagte er, obwohl helllichter Tag war. Er beobachtete, wie sie langsam über die knarrenden Treppenstufen nach oben zum Schlafzimmer ging.

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte und es ruhig im Haus wurde, räumte er die frischen Sachen zurück in den Kühlschrank. Dort entdeckte er eine Frischhaltedose mit Nudeln vom Vortag, aber darauf hatte er jetzt keinen Appetit. Im Vorratsschrank über dem Spülbecken fand er, wonach er suchte. Eine Packung Toastbrot, von der er gleich vier Scheiben nahm und sie nacheinander in den Toaster schob. Nach zwei Minuten sprangen die Hälften nach oben, die er reichlich mit Schinken und Käse belegte. Anschließend klappte er alles zusammen und schlang sie in großen Bissen hinunter. Es gab nichts Besseres für den schnellen Hunger.

Nach dem Essen machte er es sich auf dem Sofa bequem und wollte gerade den Fernseher anschalten, als er hörte, wie die Klinke zur Haustür energisch nach unten gedrückt wurde.

Tommy hielt sofort inne und erstarrte in der Bewegung. Das wohlige Gefühl eines gefüllten Magens war mit einem Schlag verschwunden.

So früh hatte ihn Tommy nicht erwartet. Polternd kam er durch den Flur – seine Schritte hallten dumpf gegen die Schränke und brachten die Gläser darin zum Klirren – und stellte sich schwankend in den Türrahmen.

»Hallo, Dad.«

Sein Vater grüßte ihn nicht, sondern starrte ihn mit rot geäderten Augen an, was ihm ziemliche Mühe bereitete, denn sein Blick war schief und unstet. »Was tust du hier?«

Was sollte man auf solch eine Frage antworten? Vor allem, wenn sie der eigene Vater stellte. »Ich bin gerade erst von der Schule gekommen.«

»So spät?«, fragte er mit der Stimme eines Mannes, der nicht sein erstes und nicht sein letztes Bier an diesem Tag getrunken hatte. Er klopfte mit dem Finger gegen das Glas seiner Armbanduhr. »Scheißteil. Schon wieder hängen geblieben.«

Was Tommy mehr beschäftigte als die kaputte Uhr, war, warum sein Vater schon zu Hause war. Eigentlich sollte er an diesem Tag ein Vorstellungsgespräch haben. Das erste seit Wochen. Tommy fragte nach.

»Haben mich nicht genommen, die Schweine«, fluchte der Vater über die Schulter und kramte einen Sechserpack Dosen aus dem Kühlschrank. Laut knackend öffnete er die erste und nahm einen großen Schluck. Bier rann seine Mundwinkel hinunter.

Eine Stimme in Tommys Kopf wollte seinen Vater anschreien, er solle mit dem Trinken aufhören, aber er wusste es besser. Sein Vater trank wann und so viel er wollte – das tat er schon seit langer Zeit.

»Mann, bin ich geil. Ich hätte richtig Bock auf ’nen schnellen Fick«, sagte er. Tommy hasste es, wenn er so sprach, aber für seinen Vater war es ein Thema wie jedes andere. »Was gibt’s zu essen?«, schob er hinterher.

»Es sind noch Nudeln von gestern da. Stehen im Kühlschrank.«

»Den Fraß kann ich nicht mehr sehen«, knurrte er, zerdrückte die Dose und warf den Metallklumpen gegen den Mülleimer. Er fluchte laut und öffnete die nächste. »Wo, zum Teufel, steckt deine Mutter?«

»Oben«, antwortete Tommy kurz angebunden. Er wollte sich nicht länger mit seinem Vater unterhalten. Nicht in diesem Zustand.

»Sie soll was kochen«, murrte der.

»Mum hat sich gerade erst hingelegt.« Der flackernde Blick, den ihm sein Vater zuwarf, deutete von Unverständnis. »Sie schläft«, fügte er hinzu.

»Ach, tut sie das?«, erwiderte der Vater kalt.

»Ja. Sie hatte heute Nacht eine Doppelschicht und …«, setzte Tommy an.

»Sie soll aufstehen«, ignorierte der Vater Tommys Einwand.

»Warum?« Tommy sah das dreckige Grinsen auf dem Gesicht seines Vaters und bereute die Frage sofort.

»Deine Mutter hat Pflichten, denen sie nachkommen soll«, antwortete er und griff sich in den Schritt.

Tommy wusste, was jetzt folgte. Er hatte es schon oft genug erlebt. Dennoch versuchte er, es zu verhindern.

»Sie hatte eine harte Nacht«, sagte er schnell. »Peter hat ihr eine Doppelschicht gegeben. Wir sollten sie schlafen lassen.« Als er die Augen seines Vaters aufblitzen sah, merkte er, dass er einen Fehler begangen hatte. Er hätte den Chef seiner Mutter nicht beim Vornamen nennen sollen!

»Peter hat es ihr gegeben, sagst du?«, flüsterte er. Es war völlig aus dem Zusammenhang gerissen, aber das spielte keine Rolle. Sein Vater stapfte bereits durch das Wohnzimmer und machte sich daran, die Treppe hoch zum Elternschlafzimmer zu schwanken.

Tommy schloss für einen Moment die Augen. Er fühlte sich machtlos – und konnte nur eines tun.

»Lass sie schlafen … Tom.«

Noch ehe er das letzte Wort ausgesprochen hatte, wusste Tommy, dass er eine Grenze überschritten hatte. Sein Vater hatte noch nicht die oberste Stufe erreicht, als er sich langsam umdrehte. Tommy erkannte den tiefen Schmerz, der in seinem Blick lag. Und neben dem Schmerz erkannte Tommy noch etwas anderes: Hass, der sich seit Jahren schleichend entwickelt hatte. Tommy trat einen Schritt zurück. Er wagte es nicht, seinen Vater noch mehr zu reizen. Anders als Tommy, der es nicht mochte, von allen mit seinem Vornamen angesprochen zu werden, hasste es sein Vater, wenn es der eigene Sohn tat. Es war die eine Beleidigung, die in diesem Haus unausgesprochen bleiben musste. Sein Vater hatte es nie erwähnt, doch er musste bemerkt haben, wie der Spitzname seines Sohnes dessen Vornamen – seinen eigenen – verdrängt hatte. Und jedes Mal, wenn Tommy ihn mit seinem Namen ansprach, vergrößerte es die Distanz zwischen ihnen, und er wusste, dass es ihn verletzte.

»Was hast du gesagt?«, schnaufte sein Vater tief und umklammerte mit der Rechten das Treppengeländer so fest, dass es knirschte.

Tommy stand nur stumm da und rührte sich nicht. Ein falscher Satz aus seinem Mund, ein weiteres Wort und sein Vater würde zu ihm hinunterkommen. Würde seine Mutter in Ruhe lassen, sie schlafen lassen. Doch er schwieg.

Und sein Vater ging nach oben.

–5–

Über ihren Köpfen hatte sich die Klimaanlage angeschaltet und brachte leise brummend kühle Luft in den drückend heißen Raum. Lea atmete tief ein. Während Tommy erzählt hatte, hatte sie ihn genau beobachtet und auf alles geachtet, was er gesagt hatte, und darauf, wie er es gesagt hatte. Sie war gespannt gewesen, ob er ihr eine Lüge auftischte. Der Junge wäre nicht der Erste gewesen, der im Gespräch mit einem Psychologen nicht die Wahrheit sagte.

Doch schon nach wenigen Worten hatte sie das Gefühl bekommen, dass sie ihm glauben konnte. Alles, was er erzählte, jedes Wort seiner gerade begonnenen Geschichte. Sie bekam ein flaues Gefühl im Magen.

»Hat er …?«, setzte sie an. Hat er sie vergewaltigt? Sie wollte es nicht aussprechen. Einige Augenblicke schaute er sie nur an, und sie erkannte, dass Tommy auch so verstanden hatte.

»Nein«, antwortete er. »An diesem Tag hat er sie nur geschlagen.«

»Nur geschlagen?«

»Glauben Sie mir, es war einer der besseren Tage.« Die Klimaanlage kam kurz ins Stocken, fing sich und brummte weiter träge vor sich hin. »Er war zu betrunken. Das heißt nicht, dass er es nicht versucht hätte«, stellte Tommy klar. »Sie haben gestritten, und ich hab sie schreien hören.«

Lea nickte stumm. Es zu erleben, war schlimm genug, erneut darüber zu reden, manchmal noch schlimmer. »Dein Vater, trinkt er oft?«

»Früher kaum. Irgendwann fing es an. Und nachdem er seinen Job verloren hatte jeden Tag. Und jede Nacht. Die Zeit, die er sonst gearbeitet hätte, hat er dann in Bars verbracht.«

Lea zuckte unwillkürlich zusammen. Warum sprach Tommy in der Vergangenheit? Sie beschloss, vorerst nicht darauf einzugehen, und fragte: »Welchen Beruf hat dein Vater?"

»Er war auf dem Bau. Als meine Mutter ihn kennenlernte, wollte er immer ein eigenes Haus bauen.« Tommy redete mehr mit sich selbst. »Eines Tages ist er betrunken zur Arbeit erschienen. Es kam zum Streit, und sie haben ihn gefeuert.«

Lea beugte sich vor. »Was ist passiert?«

»Er hat seinem Vorarbeiter den Kiefer gebrochen. Der Mann musste ins Krankenhaus und konnte lange Zeit nur durch einen Strohhalm essen. Als er wieder sprechen konnte, hat er meinen Vater auf Schmerzensgeld verklagt. Mum hat ihm als Entschuldigung einen Kuchen gebacken und wollte ihn am Krankenbett besuchen. Als mein Vater das rausfand, hätte sie fast selbst eines gebraucht. An dem Abend hat er sie das erste Mal geschlagen.«

»Und deine Mutter hat das hingenommen?«

Tommy zuckte mit den Schultern. »Sie konnte nicht anders. Mum hat der Zeit hinterhergetrauert, die sie früher einmal hatten. Sie hat nie loslassen können.«

»Und du? Hast du losgelassen?«

»Mir blieb nichts anderes übrig. Ich habe meinen Vater, so wie sie ihn kannte, nie kennengelernt.«

»Was meinst du? Was hat sich geändert?«, erkundigte sich die Psychologin.

»Einfach alles. Meine Mutter wollte schon immer Kinder … Mehrere«, fügte er hinzu. »Für sie war es klar, dass sie sich um sie kümmern wird, dass sie zu Hause bleiben würde, um sie aufwachsen zu sehen. Eine Familie. Das war ihr Traum. Aber er hat sich nur bedingt erfüllt.«

Sie wollte fragen, aus welchem Grund, doch sie spürte, dass er es ihr auch so erzählen würde.

»Sie müssen wissen, ich kam zu früh«, fuhr Tommy fort. »Jedenfalls für meinen Vater. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie noch gut zehn Jahre warten können. Als er schließlich bereit war, erhielt sie die Diagnose. Sie konnte keine Kinder mehr bekommen. Es hat sie fast umgebracht. Mum hat lange Zeit nur auf dem Sofa geschlafen. Damals hat mein Vater zu trinken angefangen. Er hat seinen Job verloren und begann, sie immer öfters zu schlagen.« Der Junge sah sie mit ausdruckslosen Augen an.

»Das tut mir leid«, sagte sie.

»Er schlug sie auch, weil sie nicht mehr mit ihm geschlafen hat. Eines Abends hat er sich einfach genommen, was er wollte. Ich bin davon wach geworden. Ihr Weinen in dieser Nacht werde ich nie vergessen.«

»Ist sie nicht zur Polizei gegangen?«

Tommy schüttelte den Kopf. »Mum wollte das nicht. Seitdem hat sie wieder bei ihm geschlafen, aus Angst und um ihn zu besänftigen.«

»Vergeht er sich öfters so an ihr?«

»Lange Zeit nicht mehr. Er muss selbst gespürt haben, dass etwas zerstört war. Außerdem war sie nicht mehr oft daheim. Um von ihm wegzukommen, hat sie sich einen Job gesucht.«

»Vor allem, um nachts von ihm wegzukommen, meinst du?«, hakte Lea nach.

»Genau. Deswegen hat sie sich als Reinigungskraft bei einer Firma beworben. Die ersten Monate hat sie sich für jede Nachtschicht gemeldet, die zu haben war. Allmählich wurde es zur Gewohnheit.«

»Wie hat dein Vater darauf reagiert? Ich kann mir vorstellen, dass es ihm nicht gefallen hat.«

Tommy nickte. »Ganz und gar nicht. Er hat wohl geahnt, warum sie sich Arbeit gesucht hat, aber er konnte nichts dagegen tun. Seit seiner Entlassung ist er bei mehreren Stellen rausgeworfen worden, und bei den übrigen Bewerbungen kam er über das Vorstellungsgespräch nicht hinaus.«

»Also lässt er sie allein arbeiten?«

Autor

  • Nima T. Decker (Autor)

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Titel: Stumme Schuld