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Perfect Opposites

Lynne und Lex

von Daniela Kappel (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Lynne weiß genau, wie ihre Zukunft aussehen soll: Endlich hat sie ihren Abschluss in der Tasche und ihr Traumjob ist zum Greifen nahe. Doch als die überzeugte Einzelgängerin nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter deren Bar erbt, zerplatzt ihr Traum. Und plötzlich wird sie nicht nur mit unliebsamen Kindheitserinnerungen konfrontiert, sondern muss sich auch noch mit dem arroganten Barkeeper Lex befassen. Die beiden, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sofort beschließen den anderen nicht zu mögen, müssen sich zusammenraufen, um die Bar weiterhin betreiben zu können. Und zu ihrer Überraschung stellen sie schnell fest, dass ihre Gegensätzlichkeit eine explosive Gefühlsmischung in ihnen hervorruft. Als Lynne jedoch herausfindet, dass ihre Mutter in illegale Machenschaften verstrickt war, wird es gefährlich für sie und Lex ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe August 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-849-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-873-5

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
© Bokeh Blur Background/shutterstock.com, © Gabriel Georgescu/shutterstock.com, © OLaLa Merkel/shutterstock.com und © 99Art/shutterstock.com
Lektorat: typo18

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Sargnagel

Lex

Gedankenverloren wischte ich über die schwarz lackierte Holztheke. Mein Blick ging ins Leere, und meine Lippen formten lautlos den Text des Songs, der aus der Jukebox dröhnte. Schon lange nicht mehr war ich so spät – oder sollte ich besser sagen früh? – in der Bar gestanden. Es war bereits Viertel nach sieben an einem Montagmorgen, und es kam äußerst selten vor, dass ich den Laden gerade sonntagnachts bis in den Morgen hinein geöffnet ließ. Allerdings gab es auch wenig Gelegenheiten dazu, wie in diesem Fall ein Junggesellenabschied, dessen betrunkene Schar nicht hatte abziehen wollen. Was dieser Umstand für die bevorstehende Hochzeit bedeuten würde, konnte ich nur erahnen.

Das Quietschen der Eingangstür riss mich aus meiner Trance.

Wir hatten seit zwei Stunden geschlossen, verdammt, und ich hatte keine Lust auf irgendeinen besoffenen Vollidioten, der noch immer um die Häuser zog und hoffte, bei mir einen Absacker abstauben zu können.

Warum hatte ich nicht abgeschlossen? Selbst schuld, Lex!

Seufzend pfefferte ich den Putzlappen ins Spülbecken und drehte mich Richtung Tür.

Beim Anblick des ernst dreinschauenden Schlipsträgers, der mit großen Schritten auf mich zukam, blieb mir die unfreundliche Begrüßung im Hals stecken.

Dieser Kerl war nicht betrunken, und ich war mir fast sicher, dass er nicht wegen eines Drinks hergekommen war.

Er wedelte die Rauchschwaden beiseite, die von meiner Zigarette im Aschenbecher aufstiegen, und hievte seinen Aktenkoffer auf die Theke.

„Mein Name ist Eliot Jenkins. Ich bin Notar und mit der Erbschaftssache von Marian Stuart betraut“, teilte er mir mit professioneller Gleichgültigkeit mit und streckte mir die Hand entgegen.

Meine wischte ich schnell, und wie ich hoffte, unauffällig an meiner Jeans ab, bevor ich Jenkins’ schüttelte. Dabei versuchte ich mir einzureden, dass die Feuchtigkeit vom Lappen rührte und nicht meiner steigenden Nervosität zuzuschreiben war. Doch wem wollte ich eigentlich etwas vormachen? Dieser Typ war wegen Marians Vermächtnis hier. Meine Zukunft stand auf dem Spiel.

Nachdem ich seinen laschen Händedruck erwidert hatte, räusperte sich Jenkins gekünstelt und löste die Verschlüsse seines Aktenkoffers. Der Deckel klappte gespenstisch geräuschlos auf und verdeckte sein Gesicht. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und jetzt war ich mir hundertprozentig sicher, dass ich die feuchten Hände meiner Aufregung zu verdanken hatte. Ich ermahnte mich, cool zu bleiben, griff aber gleichzeitig nach meiner halb abgebrannten Zigarette und nahm einen tiefen Zug. Ich zitterte leicht, was die Asche an der Spitze hinabregnen ließ. So viel also zum Thema Coolness.

„Den bei mir hinterlegten Papieren zufolge war Marian Stuarts einziger Besitz dieses Haus, was die Bar und die beiden Wohnungen im Obergeschoss einschließt“, begann er.

Verkrampft hielt ich mich an der Thekenkante fest. Die Bar war Marians Leben gewesen und meines, zumindest seit sie mich vor knapp fünf Jahren als Barkeeper eingestellt und mir das freie Apartment neben ihrem überlassen hatte.

Ihr Tod hatte nicht nur sie aus dem Leben gerissen. In dem Moment, als ich sie reglos in ihrem Bett gefunden hatte, war meine Welt aus den Fugen geraten. Ich hatte ihren kalten Körper aus den Laken gezerrt, den Notruf gewählt und sie so lange vergeblich wiederzubeleben versucht, bis die Rettungskräfte eingetroffen waren. Einer der Sanitäter hatte auf mich eingeredet und mich irgendwann, weil ich nicht reagierte, gepackt und von Marian weggezogen. Einen Tag später hatte ich mich beim Bestatter wiedergefunden und ihr Begräbnis organisiert, bei dem gerade mal zwei weitere Personen anwesend gewesen waren, eine davon der Pfarrer, die andere ein Stammgast aus der Bar.

Und seitdem bangte ich jeden verdammten Tag darum, wie es mit mir weitergehen würde.

„Sie sind doch Alexander Richardson, oder?“

Jenkins’ Frage riss mich aus den Gedanken. „Äh … ja …, der bin ich“, antwortete ich schnell.

„Könnten Sie sich bitte identifizieren?“

„Ja, natürlich“, murmelte ich und griff mir in die hintere Hosentasche, um mein Portemonnaie hervorzuholen. „Hier.“ Ich legte meinen Führerschein neben Jenkins’ Aktenkoffer.

Nickend griff er danach und notierte sich die Nummer, bevor er ihn mir wieder aushändigte. „Miss Stuart hat Ihnen ein unbegrenztes Bleiberecht für das eine der beiden Apartments in diesem Haus eingeräumt. Das ist die Beglaubigungsurkunde.“

Jenkins streckte mir ein Blatt entgegen, das ich, ohne auch nur ein Wort davon zu lesen, zweimal faltete und hinter meine Geldbörse in die Hosentasche schob.

Missbilligend sah mich Jenkins an. „Da wäre noch etwas.“

Ich hielt die Luft an.

„Die Bar …“, begann er.

Ja, die Bar! Was, zur Hölle, passierte mit der Bar? Hatte Marian sie mir etwa ebenfalls vererbt? Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig.

„Miss Stuart hat sie ihrer Tochter vererbt.“

Ihrer Tochter? Nein, das konnte nicht sein. Marian hatte keine Tochter!

„Da muss ein Fehler vorliegen“, hörte ich mich mit rauer Stimme sagen.

„Kein Fehler. Nur ein Problem“, räumte er meinen Einwand ungerührt aus.

Eine Tochter? Meine Augenbrauen wanderten nach oben.

„Was für ein Problem?“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, kurz davor, die Geduld mit diesem stoischen Mistkerl zu verlieren.

„Wir können sie nicht erreichen. Der hinterlegte Kontakt stimmt offenbar nicht.“

Mein Hirn war wie leer gefegt. Ich konnte einfach nicht fassen, dass Marian eine Tochter gehabt und sie all die Jahre über mit keinem einzigen gottverdammten Wort erwähnt hatte. Diesem Mädchen, wer auch immer es war, gehörte nun die Bar. Marians Bar. Meine Bar. Scheiße!

Automatisch griff ich nach einer neuen Zigarette und steckte sie mir an.

Wieder wedelte Jenkins gegen den aufsteigenden Qualm an. Missmutig schloss er seinen Aktenkoffer und schob ein Blatt Papier über den Tresen zu mir. Ich schielte darauf und erkannte die Kopie eines Reisepasses. Daneben stand in Marians Handschrift eine Telefonnummer.

„Wenn Sie Miss Stuart nicht innerhalb von zehn Tagen erreichen, geht das Haus in den Besitz der Bank über, und Ihr Bleiberecht für die Wohnung erlischt leider“, erklärte Jenkins in nüchternem, geschäftsmäßigem Tonfall. Ich legte die Stirn in Falten. Was faselte er da eigentlich? Marian war doch tot und … Da verstand ich erst, was oder vielmehr wen Jenkins meinte. Er sprach gar nicht von Marian, sondern von ihrer Tochter. Diese Miss Stuart musste ich finden, wenn ich nicht in zehn Tagen alles verlieren wollte, was ich mir in den letzten fünf Jahre aufgebaut hatte.

Ich nickte steif. Zu meiner Erleichterung verschwand Jenkins und ließ nur seine Visitenkarte auf der Theke zurück.

Zischend stieß ich Luft aus, trat gegen den Sodacontainer und wandte mich zu den Spirituosen um.

Jenkins’ Karte und die Ausweiskopie von Marians Tochter ignorierte ich erfolgreich, griff mir die nächstbeste Flasche, umrundete die Theke und schloss die Tür ab.

Bevor ich die Treppe erreicht hatte, schraubte ich den Deckel ab und genehmigte mir einen großen Schluck.

Der Scotch brannte angenehm in meiner Kehle, während ich die Stufen hinaufstapfte.

Als mein Blick auf Marians geschlossene Wohnungstür fiel, setzte ich die Flasche gleich noch einmal an. Ich bog nach rechts ab und knallte die Tür meines Apartments hinter mir zu, ließ mich daran nach unten sinken und trank einen weiteren Schluck.

 

Ich hatte ein pelziges Gefühl auf der Zunge, und das Licht der untergehenden Sonne war schmerzhaft hell in meinen Augen.

Stöhnend fuhr ich mir durchs Haar, rappelte mich auf und wäre beinah gegen den Beistelltisch neben der Wohnungstür gekracht.

Ich gab einen Fluch nach dem anderen von mir, setzte die Scotchflasche etwas zu fest auf dem Couchtisch ab und schleppte mich ins Bad.

Als Erstes stellte ich das Wasser in der Dusche an, weil es immer Ewigkeiten brauchte, um warm zu werden. Dann zog ich mir das T-Shirt über den Kopf und stieg aus meiner Jeans, den Socken und Boxershorts.

Mein grimmiges Gesicht blickte mir aus dem Spiegel entgegen, und ich war drauf und dran, mit der Faust hineinzuschlagen.

Stattdessen begnügte ich mich mit einem tiefen Seufzen und stellte mich unter die laufende Brause.

Nachdem ich fertig geduscht und abgetrocknet war und mich glücklicherweise wieder einigermaßen lebensfähig fühlte, griff ich nach meinen muffigen Klamotten auf dem Fliesenboden. Als ich sie anhob und gerade in den Wäschekorb stopfen wollte, fiel mein Portemonnaie aus der Tasche, gefolgt von einem gefalteten Blatt Papier.

Die Erinnerungen holten mich ein, ließen mein Herz einen Schlag aussetzen.

Heilige Scheiße, die Tochter. Marians Tochter. Ich musste sie finden, sonst würde ich in weniger als zehn Tagen auf der Straße stehen.

Leise grummelnd schnappte ich mir Geldbörse und Beglaubigung, ging ins Schlafzimmer und zog mir frische Sachen an.

Bereits auf dem Weg die Treppe nach unten begrüßte mich der altbekannte Geruch der Bar. Eine undefinierbare Mischung aus Alkohol, Schweiß und kaltem Rauch.

Auf dem Tresen, genau dort, wo ich sie am Morgen zurückgelassen hatte, lagen immer noch Jenkins’ Visitenkarte und die Passkopie.

Ich zündete mir eine Zigarette an und holte eine Coke aus der Kühllade. Nach einigen großen Schlucken konnte ich das Unvermeidliche nicht länger vor mir herschieben. Also griff ich nach dem Blatt und betrachtete es eingehend.

Die Kopie hatte keine sonderlich gute Qualität, aber ich konnte alles lesen und das Foto einigermaßen erkennen.

Amy Lynne Stuart. Das war also der Name von Marians Tochter. Die Adresse konnte unmöglich stimmen, denn ich wüsste es, wenn sie hier wohnen würde.

Als Nächstes stach mir das Geburtsdatum ins Auge. Sie war fünfundzwanzig. Gerade mal zwei Jahre jünger als ich. Kein Mädchen also, sondern eine Frau.

Dem Foto nach zu urteilen, war sie aber bei der Aufnahme um einiges jünger gewesen. Ihre grünen Augen wirkten etwas zu groß in dem herzförmigen Gesicht, das von weichen braunen Locken umspielt wurde. Unverkennbar Marians Tochter.

Ich riss mich von dem Foto los und sah mir die Telefonnummer genauer an.

Konnte es vielleicht sein? Marian hatte gern unbeabsichtigt die letzten beiden Ziffern vertauscht. Diese kleine Marotte hatte mich bei der Kontrolle der Lagerstandslisten regelmäßig zur Verzweiflung gebracht. Was, wenn sie auch hier einen Zahlendreher eingebaut hatte, ohne es zu bemerken? Zögernd griff ich nach meinem Smartphone und tippte die Nummer ein.

Lynne

Fertig! Ich schob alle Prüfungsbögen fein säuberlich zusammen und heftete sie wieder mit der Büroklammer aneinander. Meinen Rucksack über eine Schulter gehängt, stieg ich die Stufen des Hörsaals hinunter zum Lehrerpult und musste mich zusammenreißen, damit ich nicht bei jedem Schritt hopste, wie es die glücklichen Idioten in Filmen immer taten.

Das breite Grinsen konnte ich mir aber keinesfalls verkneifen, selbst wenn ich es gewollt hätte.

Ich war frei! Das war meine letzte Prüfung gewesen, und ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich gut abgeschnitten hatte.

Professor Stevens schenkte mir das für sie typische steife Lächeln, als sie meine Prüfungsunterlagen entgegennahm.

Ein paar meiner Kommilitonen sahen zu mir auf und verfluchten mich sicherlich, doch das war mir so was von egal.

Während die meisten die Collegezeit mit wilden Partys und Bettgeschichten verbracht hatten, war ich über meinen Büchern gesessen. Hatte gearbeitet und gelernt. Gelernt und gearbeitet. Weiter nichts. Die Belohnung dafür war, mit Bestnoten und im Eiltempo mein Informatikstudium abgeschlossen zu haben.

Immer noch von dieser glückseligen Erleichterung getragen, ging ich ins Wohnheim.

Weil ich nie am letzten Tag vor einer Prüfung lernte, sondern den Stoff schon Tage vorher intus hatte, war mir gestern ausreichend Zeit geblieben, um die ersten Sachen zu packen. Den Rest würde ich jetzt verstauen, und dann nichts wie weg. Die Feierlichkeiten mit der Diplomübergabe waren kein Pflichtprogramm, daher würde ich nicht daran teilnehmen, mir meine Zeugnisse stattdessen abholen oder zuschicken lassen.

Ich betrat das halb abgedunkelte Wohnheimzimmer, das ich mir seit diesem Semester mit Emily teilte. Sie lag in ihrem Bett und stöhnte gequält, als ich die Verdunklungsvorhänge meines Fensters beiseitezog.

Schlaftrunken murmelte sie etwas in ihr Kissen, das nach „Du Monster“ klang. Ich sparte mir eine Erwiderung und zog unbeirrt mein Bettzeug ab.

Emily und ich hatten das letzte halbe Jahr in stiller Koexistenz verbracht. Na ja, ich war still gewesen. Sie war eher der laute Typ, vor allem, wenn sie jemanden, und damit meine ich Männer, mit aufs Zimmer nahm. Das waren die einzigen Momente gewesen, in denen wir miteinander gesprochen hatten, wenn wir uns stritten.

Emily hielt nicht sonderlich viel von mir, was definitiv auf Gegenseitigkeit beruhte. Wenn ich ehrlich war, konnte ich niemanden hier besonders leiden. Oder Menschen im Allgemeinen. Ich mochte Zahlen und Technik. Vor allem Computer.

Dieses College war vielleicht nicht das Beste, die Studiengebühren dafür halbwegs erschwinglich, und ich hatte meinen Abschluss, ohne Schulden gemacht zu haben, in der Tasche, weil ich nebenbei Websites und kleinere Apps programmiert hatte.

So stellte ich mir auch meine Zukunft vor. Programmieren und meine Ruhe haben. Mehr wollte ich nicht vom Leben.

Da gab es aber leider ein kleines Problem. Ich hatte keinen Job in Aussicht. Die meisten Stellen, die es für Computerfachleute und Programmierer ohne Berufserfahrung gab, hatten etwas mit Projektentwicklung oder Großraumbüros zu tun. Was hieß, viele Kollegen zu haben und mit diesen zwangsläufig zusammenarbeiten zu müssen. Das kam für mich definitiv nicht infrage. Ich träumte davon, allein zu arbeiten. Nur ich und mein Computer, ohne andere Leute, die mich nerven konnten.

Vielleicht war ich eigenartig. Ein Nerd. Eine Einzelgängerin. Aber so war ich eben, und ich wollte es nicht anders. Nicht ums Verrecken.

Beziehungen zu anderen Menschen machten einem bloß Probleme.

Der Haken an der Sache war allerdings: Ohne Job und ein festes Einkommen hatte ich nicht genügend Geld für eine eigene Wohnung. Die Immobilienpreise außerhalb des Campus waren nicht ansatzweise mit den Gebühren für mein Wohnheimzimmer vergleichbar. Nicht einmal in Addition mit den Studiengebühren.

Also würde ich die erste Zeit in meinem Wagen schlafen müssen. Das war zwar eine äußerst unangenehme Aussicht, aber allemal besser, als in eine WG zu ziehen.

Ich legte mein perfekt gefaltetes Bettzeug in den Karton oben auf meine Bücher und wollte gerade ins Bad, um meine Toilettensachen zu holen, da erklang eine Durchsage im Zimmer.

Die hohe Stimme von Mrs. Phelbs, der Wohnheimaufsicht, schallte aus den Lautsprechern. „Ein Telefonat für Miss Stuart. Bitte kommen Sie in mein Büro.“

Hatte sie das gerade tatsächlich gesagt? Ein Telefonat für mich? Wer rief mich denn an?

„Wer ruft dich denn an?“, kam es von Emily, die sich gleich darauf demonstrativ das Kopfkissen über die Ohren zog.

Eine bitterböse Vorahnung keimte in mir auf.

Es gab nämlich nur einen einzigen Menschen, der diese Telefonnummer kannte. Meine Mutter. Und die hatte mich in all den Jahren nie, kein einziges verdammtes Mal angerufen. Wofür ich ihr dankbar war. Auch wenn es ganz sicher das Einzige war, wofür ich ihr dankbar sein konnte.

Als ich mich mit sechzehn für volljährig hatte erklären lassen und von zu Hause ausgezogen war, hatten wir eine Übereinkunft getroffen. Sie ließ mich in Ruhe. Im Gegenzug sorgte ich dafür, dass sie immer eine Nummer hatte, unter der sie mich im allerschlimmsten Notfall erreichen konnte.

Was zum Glück bisher nie der Fall gewesen war. Also was, zum Teufel, musste vorgefallen sein, dass sie es jetzt tat?

Zaghaft klopfte ich an Mrs. Phelbs’ verglaste Bürotür. Scheiße, war ich aufgeregt.

„Herein.“

Scheiße. War. Ich. Aufgeregt.

Normalerweise brachte mich nichts so schnell aus der Ruhe. Ich war ein ausgeglichener Mensch, solange mir niemand auf die Nerven ging. Aber schon beim bloßen Gedanken an meine Mutter brach mir der kalte Schweiß aus.

Ich drückte die Klinke hinunter, trat ins Zimmer und schloss gleich darauf die Tür hinter mir.

Mrs. Phelbs hielt mir den Hörer ihres Festnetztelefons entgegen.

Ich musste mich regelrecht dazu zwingen, zum Schreibtisch zu gehen und ihn entgegenzunehmen, machte dann jedoch keine Anstalten, ihn mir ans Ohr zu halten. Stattdessen legte ich eine Hand übers Mikrofon und sah Mrs. Phelbs demonstrativ an.

Was auch immer meine Mutter von mir wollte, ich würde dieses Gespräch sicher nicht im Beisein von Zeugen annehmen.

Mit pikiertem Blick erhob sie sich von ihrem Schreibtischsessel. „Ich hole mir mal einen Kaffee“, teilte sie mir mit.

Ich nickte stockend und wartete, bis sie das Büro verlassen hatte.

Tief durchatmen, Lynne! Egal was sie bewegt hat, dich anzurufen, du schaffst das.

Ich hatte es immer geschafft, obwohl ich jeden Augenblick meines alten Lebens gehasst hatte.

„Ja“, krächzte ich schließlich in den Hörer.

Es raschelte in der Leitung. „Spreche ich mit Amy Lynne Stuart?“ Das war nicht die Stimme meiner Mutter, es war ein Mann. Ein Arzt? War meiner Mutter etwas zugestoßen? Lag sie im Krankenhaus?

Eine erdrückende Leere breitete sich in meinem Brustkorb aus. Plötzlich fühlte ich mich so einsam, dass es mir die Kehle zuschnürte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich geglaubt zu wissen, wie sich Einsamkeit anfühlt. Meine Mutter war praktisch nie für mich da gewesen. Hatte sich nie wirklich um mich gekümmert. Ihr war immer nur die Bar wichtig gewesen. Und der Alkohol. Ich war diejenige gewesen, die sich um sie gekümmert hatte. Die einkaufen gegangen war, die Wohnung geputzt und die Wäsche gewaschen hatte. Ich hatte sie beinah jeden Abend von der Bar die Stiegen ins Obergeschoss hochbugsiert und ihren besoffenen Hintern ins Bett verfrachtet.

Trotzdem überkam mich bei der Vorstellung, es könnte ihr etwas zugestoßen sein, ein eisiges Gefühl. Ich lebte mein Leben vielleicht ohne sie. Stand auf eigenen Beinen. War froh darüber. Aber trotzdem war es etwas anderes, die Gewissheit zu haben, tatsächlich ganz allein auf dieser Welt zu sein. Über meinen Erzeuger wusste ich rein gar nichts, hatte ihn kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Was mich anbelangte, existierte er nicht.

„Einfach Lynne“, murmelte ich ins Telefon.

Eine kurze Pause folgte. „Okay, Lynne. Ich bin Lex, ein Mitarbeiter deiner Mutter.“ Wieder eine Pause.

Jetzt spuck’s schon aus, verdammt! Ich konnte diese Anspannung keinen Augenblick länger ertragen. „Was ist mit ihr? Ist sie …?“, setzte ich an, unfähig, die Frage ganz auszusprechen.

Er fluchte leise und räusperte sich. „Marian hatte vorletzten Freitag einen Herzinfarkt. Lynne, deine Mutter ist gestorben.“

Ich hatte ein Rauschen im Ohr und fühlte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.

Meine Mutter war gestorben. Sie war tot.

Ich meinte, nicht imstande zu sein, etwas darauf zu erwidern, doch ich hörte mich mit leiser kratziger Stimme sagen: „Okay.“ Okay? Was redete ich da? Nichts war okay! Nichts, verdammt! Meine Vergangenheit, meine ganze beschissene Kindheit holte mich in diesem Moment ein, und die saftige rote Kirsche auf dem Sahnehäubchen war der Tod meiner Mum. Warum tat das so weh? Warum war es mir nicht egal? Immerhin hatte ich ihr nie das geringste bisschen bedeutet, und trotzdem trauerte ich jetzt um diese Frau, die mich zwar auf die Welt gebracht hatte, aber niemals eine richtige Mutter gewesen war.

„Okay?“, wiederholte Lex ungläubig. Sein Ton holte mich zurück ins Hier und Jetzt. Klang er vorwurfsvoll, oder bildete ich mir das ein? Was wollte dieser Kerl eigentlich von mir?

„Okay“, sagte ich noch einmal, etwas zu laut und zu schroff, aber immerhin gewann ich dadurch wieder ein wenig von meiner Fassung zurück. Sollte er denken, was er wollte. Was interessierte es mich?

„Die Sache ist die, sie hat dir die Bar vererbt“, erklärte Lex mit eisiger Stimme.

Nein! Das hatte sie nicht getan! Sie war nicht gestorben und hatte mir diese gottverdammte Kneipe hinterlassen. Was sollte ich damit? Seit meinem sechzehnten Geburtstag hatte ich jede Bar gemieden. Mein Bedarf an Barbesuchen war lebenslang gedeckt.

„Und das Apartment“, setzte Lex nach.

Apartment. Das Apartment!

Konnte ich es ertragen, in die Bar, in dieses Haus zurückzukehren? Dann hätte ich wenigstens ein Dach über dem Kopf und müsste nicht im Auto schlafen. Ich müsste mir keinen schlecht bezahlten Job suchen, sondern konnte mich, wie ich es mir vorgestellt hatte, in meinen eigenen vier Wänden verkriechen und weiter vor mich hin programmieren. Das Geld, das ich damit verdienen würde, reichte allemal für meinen Lebensunterhalt, wenn ich keine horrende Miete davon bezahlen musste. Allerdings war es in meiner Vorstellung definitiv nicht diese Wohnung gewesen.

„Lynne?“ Er klang ungeduldig.

„Du arbeitest in der Bar?“, fragte ich. Wenn er sich um die Bar kümmerte, konnte ich mit den Einnahmen das Haus halten, und mein Plan könnte tatsächlich funktionieren.

„Ja“, antwortete er gedehnt. Ich hatte das Gefühl, dass er noch mehr hatte sagen wollen, doch er schwieg.

„Okay“, erwiderte ich schließlich.

„Okay was?“ Wieder diese Ungeduld.

„Ich komme“, sagte ich ins Telefon und legte ohne ein weiteres Wort auf.

Hätte ich es nicht getan, hätte ich vermutlich einen Rückzieher gemacht. So aber stand mein Entschluss fest. Ich würde nach Hause fahren.

 

Viereinhalb Stunden Fahrt später passierte ich das Ortsschild meiner Heimatstadt. Home sweet home. Würg.

Ich war nur aus einem einzigen Grund hergekommen. Ich würde es irgendwie hinkriegen, mein Leben so zu leben, wie ich es wollte. Und der erste Schritt war nun mal, hier neu anzufangen.

Meinen klapprigen Ford Taunus, der den weiten Weg überraschend gut gemeistert hatte, parkte ich neben dem Haus, stieg aus und atmete den altbekannten Geruch von sonnengewärmtem Backstein ein, der die Gasse erfüllte.

Also gut. Ich würde einfach reinspazieren und sehen, was passierte. Entschlossen bog ich um die Ecke und blieb abrupt vor der Tür zum Pub stehen. Alles in mir schrie plötzlich, mich ganz schnell wieder umzudrehen und zu verschwinden. Ich hatte niemals wieder herkommen wollen! Nie mehr ins Gesicht meiner Mutter blicken wollen. Genau das würde ich auch nicht. Nie wieder. Sie war tot. Wirklich und wahrhaftig tot. Wenn ich diese Tür öffnen und die Bar betreten würde, wäre sie nicht da. Nicht hinterm Tresen, wie sie es stets gewesen war. Diese Tatsache hätte es vermutlich einfacher machen sollen, tat sie allerdings nicht. Ich hatte allen Grund, meine Mutter zu hassen, aber das einzige Gefühl, das mich in diesem Moment durchströmte, war Traurigkeit.

Komm schon, Lynne! Ich verpasste mir selbst einen gedanklichen Arschtritt und schob meine Emotionen beiseite.

Die Tür quietschte genauso wie früher, und der Geruch nach Zigaretten, Menschen und Alkohol empfing mich ebenfalls sofort, als ich in die Bar trat. Es waren kaum Leute da. Keine vertrauten Gesichter. Nicht verwunderlich an einem Dienstagabend.

Nervös zupfte ich am Saum meines Shirts, auf dem die Aufschrift Entschuldigung, ich spreche nur Ruby prangte. Es war alt, verwaschen und ausgeleiert, aber eines meiner liebsten Teile. Ich fühlte mich wohl darin, und genau deshalb hatte ich es angezogen, obwohl mir der Halsausschnitt immer über eine Schulter rutschte. Ich unterdrückte den Impuls, es hochzuziehen, und schlenderte mit all der Lässigkeit, die ich aufbringen konnte, zum Tresen.

Ein Kerl stand dahinter. Den Kopf über ein Glas gesenkt, das er mit dem Tuch in seiner Hand polierte. Wie klischeehaft!

War er der Typ, der mich angerufen hatte? Er musste es sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Mutter noch jemanden außer ihm eingestellt hatte. Es war ja bereits untypisch für sie gewesen, überhaupt jemanden in ihre heiligen Hallen aufzunehmen.

Sein dunkles Haar fiel ihm ins Gesicht und hinderte mich daran, mehr als einen dunklen Bartschatten erkennen zu können. Dafür ließ das eng anliegende Muskelshirt wenig der Fantasie übrig. Er war gut gebaut, aber ich hatte andere Dinge, über die ich mir Gedanken machen musste, als seine breiten Schultern und den ausgeprägten Bizeps. Die Bizepse. Äh, war das überhaupt der korrekte Plural?

Meine dämlichen Überlegungen verpufften, sobald er den Kopf hob und mich ansah. Überraschung spiegelte sich in seinen Augen, die einen warmen Karamellton hatten.

Ich schluckte und setzte ein Lächeln auf. Das immerhin beherrschte ich im Schlaf. Gute Miene zum bösen Spiel machen. Er erkannte mich, obwohl wir uns nie zuvor gesehen hatten, darauf würde ich meinen Arsch verwetten. Mir war allzu bewusst, dass ich ein Klon meiner Mutter war. Die gleichen Gesichtszüge, die gleichen braunen Locken, die dermaßen widerspenstig waren, dass ich das Haar nie offen tragen konnte, sondern es immer, wie jetzt, mit einem Band auf dem Hinterkopf zusammenfassen musste. Nur meine grünen Augen hatte ich wohl von meinem Erzeuger geerbt, zumindest vermutete ich das.

Ein finsterer Ausdruck huschte über das kantige Gesicht des Barkeepers, dann senkte er wieder den Kopf und griff sich das nächste Glas.

War das Desinteresse? Na dann. Er hatte mich wohl doch nicht erkannt. Ich war mir nicht sicher, ob ich das gut oder schlecht finden sollte.

Beim Tresen angekommen, schwang ich ein Bein über den Hocker und zog mich an der Theke hinauf. Bei meiner überschaubaren Körpergröße von knapp fünfeinhalb Fuß hätte ich genauso gut auf ein Pferd klettern können, so hoch waren diese verdammten Barhocker. Erst mit fünfzehn war ich in der Lage gewesen, überhaupt allein hinaufzukommen.

Ich schob die aufkeimenden Erinnerungen vehement beiseite und klopfte auffordernd auf den Tresen. Mr. Gläser-polieren-ist-viel-interessanter-als-Kunden-bedienen sah auf. Ein kokettes Lächeln umspielte seine Lippen. Oha! Unerhört langsam ließ er den Blick über meinen Körper wandern und lehnte sich weit nach vorne.

„Na, Schönheit, was kann ich für dich tun?“, fragte er und lächelte mich nach wie vor dermaßen frech an, dass mir heiß wurde. O Gott, der flirtete mit mir! Das waren leider die Momente, in denen mir mein analytisches Gehirn den Dienst versagte. Weder mein IQ noch das jahrelange Studium wogen in solchen Situationen die mangelnde Sozialkompetenz auf.

„Eine Coke“, antwortete ich und war gleichermaßen überrascht und dankbar, nicht so perplex zu klingen, wie ich mich fühlte.

„Keinen Drink?“

Nein, keinen Drink. „Ich trinke keinen Alkohol.“ Diesmal hatte ich meine Stimme nicht gut unter Kontrolle.

Ihm entging der Frost in meinen Worten nicht. Sein Lächeln wurde schmaler, und er zog leicht die Augenbrauen hoch, fasste sich aber schnell wieder. „Ich fürchte, dann bist du hier falsch, Schätzchen.“

Schätzchen? Echt jetzt? Ich fühlte, wie Zorn in mir aufstieg. Genug der Scharade!

So graziös wie möglich glitt ich vom Barhocker, umrundete ohne zu zögern den Tresen und zog an der ersten Kühllade neben den Bierfässern. Ha!

Ich griff mir eine Coke und öffnete den Kronkorken an der Außenkante der Theke, wie ich es Hunderte Male davor gemacht hatte.

Der Kerl sah mir seelenruhig dabei zu, ohne Einwände zu erheben oder auch nur mit der Wimper zu zucken. Entweder er ließ jeden hinter den Tresen, oder aber …

„Du wusstet gleich, wer ich bin“, stellte ich in unterkühltem Tonfall fest.

Er hob die Schultern. „Ich wollte mir erst einen Eindruck von dir verschaffen“, meinte er.

Ah ja. „Dito.“

Einen Moment schwiegen wir beide. Maßen uns mit Blicken.

„Und, wie ist dein Eindruck von mir?“, fragte er und klang so sachlich, als würde er übers Wetter sprechen. Oh, das willst du nicht wissen, Freundchen!

„Ich denke, du bist ein Typ, der alles besteigt, das nicht bei drei auf den Bäumen ist.“ Ups. Hatte ich das gerade tatsächlich gesagt?

Er lachte lauthals los.

Na, schönen Dank!

„Mag sein, aber das gilt ganz bestimmt nicht für Marians kleine Tochter. Egal wie niedlich sie aussieht“, erklärte er, nachdem er sich wieder einigermaßen eingekriegt hatte.

Niedlich? Ich würde ihm gleich zeigen, wie niedlich ich war.

Er musste mir meine Gedanken angesehen haben, denn sein Lachen erstarb nun endgültig, und er lehnte sich mit verschränkten Armen seitlich an den Tresen. „Jetzt sei doch nicht so kratzbürstig.“

Ich unterdrückte ein wütendes Schnaufen, verdrehte dafür aber die Augen und nahm einen großen Schluck aus meiner Cokeflasche.

„Also“, setzte ich an.

„Also“, wiederholte er.

„Du bist Lex?“ Ich ließ es wie eine Frage klingen, obwohl ich mir mittlerweile sicher war, dass er es gewesen sein musste, der mich angerufen hatte.

„Alexander Richardson.“ Er streckte mir sogar eine Hand entgegen. Wie ein normaler Mensch mit Manieren und nicht wie der Affe, den er bisher gespielt hatte.

Nach kurzem Zögern schlug ich ein.

„Und du bist Amy Lynne Stuart, die stolze Besitzerin dieser Bar“, meinte er, wobei sich seine Züge sichtbar anspannten. Er fand das eindeutig nicht gut, was ich ihm nicht verübeln konnte. Ich fand es ja selbst nicht besser. Er kannte mich nicht und sorgte sich bestimmt um seinen Job.

„Nur Lynne, und mach dir deswegen keinen Kopf. Ich werde dich nicht gleich feuern.“ Immerhin brauchte ich jemanden, der die Bar für mich schmiss. Auch wenn ich wusste, dass ich mich ganz schön weit aus dem Fenster lehnte, ihm einfach zu vertrauen. Ich hatte keine Ahnung, ob er verlässlich war oder mich vielleicht heimlich über den Tisch zog. Aber jemand Neues einstellen zu müssen oder gar selbst jeden Abend hinter der Theke zu stehen, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Sein Blick verfinsterte sich. „Wie großzügig von dir, Lynne“, entgegnete er gepresst.

Okay, das war jetzt vielleicht doch irgendwie falsch rübergekommen. Verdammt! „Ich …“, setzte ich an.

Er unterbrach mich. „Schon gut. Wir kennen uns nicht. Du hast keinen Grund, mir zu vertrauen.“ Wow. Ja, genau. So viel Einfühlungsvermögen und gesunden Menschenverstand hätte ich ihm nicht zugetraut. Gleichzeitig traf mich die kühle Geschäftsmäßigkeit, mit der er das sagte. Warum, wusste ich selbst nicht so richtig.

Das war mein Zuhause. Ich kannte alles hier drinnen, da sich auf den ersten Blick nichts verändert hatte. Trotzdem fühlte ich mich plötzlich so fremd, so fehl am Platz und verloren, dass mir ganz anders wurde.

„Die Fahrt war lang. Ich werde dann mal raufgehen. Wir sehen uns morgen?“, fragte ich und bemühte mich, offen und freundlich zu klingen.

Lex nickte steif und griff wieder nach einem Glas und dem Poliertuch.

Ich drückte mich an ihm vorbei zum anderen Ende der Bar und verließ sie durch die Hintertür, wo mein Ford auf mich wartete.

Nun merkte ich, wie müde ich war.

Ich schnappte mir meine Reisetasche und den Laptop, versicherte mich, dass der Wagen wieder abgeschlossen war, und stieg die abgewetzten Stufen ins Obergeschoss hinauf.

Dort angekommen, überlegte ich kurz, ob ich die zweite, leer stehende Wohnung nehmen sollte, statt die Räume zu beziehen, in denen ich aufgewachsen war. Aber da drin erwarteten mich sicherlich eine dicke Staubschicht und jede Menge Spinnweben. Dann doch lieber Mums Chaos.

Mit leichter Beklemmung griff ich nach der Türklinke und stellte überrascht fest, dass abgeschlossen war. Unter der abgetretenen Türmatte fand ich den Ersatzschlüssel, der dort bestimmt schon lag, seit ich ein kleines Mädchen gewesen war. Meine Mutter war beim Heimkommen meistens nicht in der Lage gewesen, gerade zu gehen, geschweige denn, an einen Schlüssel zu denken, und hatte daher auf das Abschließen ganz verzichtet. Warum also gerade jetzt abgeschlossen war, verstand ich nicht recht, aber ich hatte andere Sorgen.

Ich drückte die Tür hinter mir zu, die sich mit einem leisen Klicken schloss, und lehnte mich dagegen. Das Licht der Straßenlaternen drang durch die schmutzigen Fenster und beleuchtete das Wohnzimmer vor mir nur spärlich. Von unten war gedämpfte Musik aus der Bar zu hören.

Ich tastete nach dem Lichtschalter und stellte fest, dass bloß eine der ursprünglich drei Glühbirnen in der Deckenlampe funktionierte.

Trotzdem entging mir nicht, wie ungewohnt aufgeräumt es war. Es lagen keine Klamotten auf dem Boden oder leere Getränkedosen auf dem Tisch. Auf der kleinen Kücheninsel zu meiner Rechten türmten sich keine Geschirrberge. Erleichtert und befremdet gleichzeitig legte ich das Gepäck auf die Couch und schlurfte ins Bad.

Bevor ich mich auszog, drehte ich das Wasser in der Dusche auf, damit es in der Zwischenzeit warmlaufen konnte.

Als ich mir schließlich frisch geduscht meine Schlafshorts und das „All You Need Is Linux“-Top überzog, war ich hundemüde.

Erstaunt stellte ich fest, dass sogar das Bett in meinem alten Zimmer frisch bezogen war. Mein Blick schweifte durch den schuhkartongroßen Raum, und ich gab mich den Erinnerungen hin, die unweigerlich in mir aufstiegen. Hier hatte ich von einem anderen Leben, einer freien und unbeschwerten Zukunft ohne meine immerzu betrunkene Mutter geträumt.

Und jetzt war ich zurück. Ohne Mum.

Ich ließ mich aufs Bett fallen und starrte hinauf zur Decke, die ich irgendwann mit mathematischen Formeln vollgekritzelt hatte.

Eine Stunde später wälzte ich mich noch immer herum. Obwohl ich echt erledigt war, wollte sich der Schlaf einfach nicht einstellen.

Ich hätte diese verdammte Coke nicht trinken sollen. Das Koffein, gepaart mit meinem unruhigen Geist, machte es mir unmöglich einzuschlafen.

Aus der Reisetasche holte ich mir eines meiner Bücher, das nicht mehr in den Karton gepasst hatte, und lehnte mich auf dem Bett mit dem Rücken an die Wand.

 

Ein Geräusch ließ mich hochschrecken.

Was war das? Mit pochendem Herzen lauschte ich in die Dunkelheit. Schwere Schritte waren von der Treppe zu hören. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken.

Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich aufgesprungen war und nach dem Baseballschläger gegriffen hatte, der zwischen Schreibtisch und Kleiderschrank an der Wand lehnte.

Auf Zehenspitzen huschte ich durchs Apartment. Das Blut rauschte mir in den Ohren und übertönte das leise Knarzen der Dielen unter meinen nackten Füßen.

Jemand hustete draußen auf dem Flur. Direkt vor meiner Wohnungstür.

Ohne nachzudenken riss ich sie auf und stürzte mich mit einem Kampfschrei auf den Eindringling.

Ich traf seinen Kopf, und er ging in die Knie, aber ausgeknockt hatte ich ihn nicht.

Er fluchte lauthals und hob schützend die Arme über den Kopf. „Was, zum Teufel? Lynne, hör auf!“, schrie er.

Es war Lex! Mir klappte der Mund auf, und ich ließ den Baseballschläger fallen. Er polterte auf den Boden und rollte davon.

„Scheiße!“, keuchte er und drückte sich die Hand gegen die Stirn. „Wolltest du mich umbringen?“

„Nein! Ich dachte, du wärst irgendein Betrunkener oder ein Einbrecher“, stieß ich atemlos hervor und kniete mich neben ihn. Ich hatte ihn ganz schön erwischt, wie ich beklommen feststellen musste. Blut rann ihm über die Wange, und unter seiner Hand schauten die Ränder einer Platzwunde hervor.

Lex grummelte etwas Unverständliches und machte Anstalten aufzustehen, strauchelte aber und musste sich an der Wand abstützen.

Ich wollte ihn fragen, was, verdammt noch mal, er hier machte, allerdings wirkte er derartig angeschlagen, dass ich die Frage herunterschluckte. Stattdessen schnappte ich mir seinen Arm und legte ihn über meine Schulter. Mann, war der schwer!

„Komm.“ Ich hatte vor, ihn in mein Apartment zu ziehen, aber er hielt dagegen.

„Nicht da rein. Ich habe Verbandszeug in meiner Wohnung“, sagte er schwach und dirigierte mich weiter.

In seiner Wohnung? O heilige Scheiße! Er wohnte hier? Mum hatte ihn ernsthaft bei sich einziehen lassen?

Wir wankten durch die Tür und weiter ins Bad, wo er sich an der Wand nach unten sinken ließ.

„Dort.“ Lex deutete auf den kleinen Spiegelschrank über dem Waschbecken. Ich öffnete ihn und holte Desinfektionsmittel und einige Kompressen heraus.

Der war aber gut ausgestattet!

Neben ihm kniend, drehte ich sein Gesicht ins Licht und begann damit, die Wunde abzutupfen.

Er sog scharf die Luft ein, rührte sich aber kein Stück. Glücklicherweise war die Schramme weniger schlimm, als ich zuerst angenommen hatte, und blutete nicht mehr.

Mehrmals musste ich ihm ein paar widerspenstige Haarsträhnen aus der Stirn streichen, die sich unglaublich weich zwischen meinen Fingern anfühlten. Unwillkürlich stellte ich mir vor, wie es wäre, mit der Hand durch sein Haar zu fahren.

„Baseball, was? Ich hätte bei dir eher auf Yoga getippt“, murmelte er.

Ich lachte auf, und unsere Blicke trafen sich.

„Entschuldige, dass ich dich angegriffen habe“, meinte ich verlegen.

Lex zuckte mit den Schultern. „Ich schätze, ich bin selbst schuld. Du konntest ja nicht wissen, dass ich hier wohne, und ich bin froh zu wissen, dass du bestens ausgerüstet bist, wenn uns mal ein Einbrecher überrascht.“ Er grinste schwach.

Ich legte einen sauberen Tupfer auf die gereinigte Wunde und klebte sie notdürftig mit Pflastern ab. „So, das müsste gehen. Wie fühlst du dich?“, fragte ich und stand auf.

„Erschlagen“, antwortete er und lächelte wieder. Ich konnte nicht verhindern, dass sich auch meine Mundwinkel nach oben zogen.

Er ignorierte meine ausgestreckte Hand, rappelte sich hoch und betrachtete mein Werk im Spiegel.

„Also, Krankenschwester bist du schon mal nicht.“

„Ich bin Informatikerin. Programmiererin, um genau zu sein“, teilte ich ihm mit und straffte die Schultern.

„Soso.“ Lex ging durchs Wohnzimmer zur Kochnische und goss sich ein Glas Wasser ein.

„Also, ich werde dann mal“, setzte ich an und wandte mich zur Tür.

„Lynne.“ Seine Stimme ließ mich innehalten.

„Ja?“

„Danke.“

„Dafür, dass ich dich niedergeschlagen habe?“, feixte ich.

Doch Lex sah mich ernst aus seinen karamellfarbenen Augen an. „Dafür, dass du mich nicht blutend liegen gelassen hast“, meinte er und lächelte erneut. „Und dafür, dass du hergekommen bist.“ Nun war der Schalk aus seinem Gesicht verschwunden.

„Schon gut“, presste ich hervor und machte mich davon.

 

„Guten Morgen, Sonnenschein.“

Hä?

„Lass mich in Ruhe“, murmelte ich in mein Kissen und dämmerte wieder weg.

Eine große, warme Hand berührte mich an der Schulter und rüttelte sanft an mir.

Was …? Ich fuhr hoch.

„Scheiße! Was tust du hier?“, wollte ich wissen. Hatte ich denn die Tür nicht abgesperrt?

„Ich hab dir Kaffee gemacht“, meinte Lex schmunzelnd. „Du bekommst ihn aber nur, wenn du jetzt brav aufstehst.“ Boah, war der fies.

Ich warf ihm einen bösen Blick zu, stand auf und schlurfte ins Bad. „O Gott“, stöhnte ich, als ich mein Spiegelbild erblickte. Ich hatte einen Abdruck vom Kissen an der Wange, und meine Haare sahen aus, als hätte ich in die Steckdose gefasst. Kein ungewöhnlicher Anblick für mich kurz nach dem Aufstehen, aber normalerweise bekam das niemand mit.

So schnell es mir in meinem schlaftrunkenen Zustand möglich war, ging ich zur Toilette und putzte mir die Zähne. Wie spät war es überhaupt, und was wollte Lex?

Leise vor mich hin grummelnd, lief ich ins Wohnzimmer, schnappte mir die Tasse vom Tisch und hockte mich Lex gegenüber auf den Futonsessel. Die Beine untergeschlagen, nippte ich vorsichtig an dem Gebräu.

Es war richtig guter Kaffee.

„Ich wusste nicht, wie du ihn magst“, sagte Lex.

„Was?“ Ich war eindeutig nicht munter genug für Konversation. Schnell nahm ich einen weiteren Schluck.

„Deinen Kaffee“, erklärte er mir.

„Gut so“, murmelte ich. Schwarz wie meine Seele.

Er nickte bedächtig.

„Wie geht’s deinem Kopf?“, fragte ich nach einer Weile.

„Der wird wieder. Ist dicker, als man glauben möchte“, gab er zurück. Das konnte ich mir vorstellen.

„Was verschafft mir die Ehre deines frühmorgendlichen Besuchs?“

Er lachte. „Es ist zwei Uhr nachmittags.“

Okay. Ich zuckte mit den Schultern.

„Wir müssen zum Notar, der die Erbschaftsangelegenheiten deiner Mutter regelt“, erklärte er und wirkte mit einem Mal angespannt.

Mein Magen krampfte sich zusammen, aber ich zwang mich dazu, einmal zu nicken.

Lex stand auf und umrundete den Couchtisch.

„Zieh dich an und komm nach unten, wenn du fertig bist“, bat er und betrachtete meine nackten Beine.

Reflexartig zog ich ein Kissen auf meinen Schoß, doch er hatte sich bereits umgedreht und ging.

Jawohl, Sir, dachte ich genervt und trank noch einen Schluck Kaffee.

Lex

Ich hatte eigentlich keine richtige Vorstellung von Marians Tochter gehabt. Das wäre ohnehin zwecklos gewesen, denn diese Frau hatte meine Vorstellungskraft definitiv übertroffen.

Sie war eine Nummer für sich.

Frech und aufmüpfig – obwohl ich das Gefühl hatte, dass sie sich hier mehr als unbehaglich fühlte – und dabei so nerdig, wie man nur sein konnte. Fehlte bloß eine dickrandige Lesebrille und dass sie Star-Wars-Fan war.

Unter der zickigen Fassade und ihrer gelegentlichen Unbeholfenheit schlummerte aber offenbar eine Kriegerprinzessin. Mir war nie zuvor eine Frau begegnet, die sich mit einem Baseballschläger bewaffnet auf einen vermeintlichen Einbrecher stürzte. Ganz schön mutig, das musste ich ihr lassen.

Ach ja, und ihre Beine und der Po waren auch sehenswert, Vogelnestfrisur hin oder her.

Ich stellte die letzten leeren Flaschen unter den Tresen, und als ich aufsah, stand Lynne vor mir. Sie trug Chucks, eine schwarze Röhrenjeans und dazu ein schulterfreies Top mit dem Aufdruck Systemfehler.

„Können wir?“, fragte sie und nickte auffordernd in Richtung Tür. Dabei wirkte sie keineswegs, als wäre sie sonderlich erpicht auf diesen kleinen Ausflug mit mir.

Ich nickte, ging voran zur Tür und hielt sie ihr auf. Jede andere Frau hätte sich über diese höfliche Geste gefreut. Doch Lynne verdrehte die Augen und sagte nicht einmal Danke. Okay. Das würde schwerer werden, als ich gedacht hatte.

Normalerweise hatte ich keine Probleme damit, das weibliche Geschlecht um den Finger zu wickeln, aber an Lynne biss ich mir die Zähne aus. Zumindest im Moment.

Ich sperrte die Bar ab und deutete auf mein Motorrad, eine mitternachtsblaue Victory Vegas.

„Da steig ich auf keinen Fall drauf“, sagte sie sofort.

Ich zählte im Kopf bis drei und atmete tief durch. „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“ Ich war echt stolz auf mich, weil meine Stimme nichts von der aufkeimenden Ungeduld in mir verriet.

Sie zögerte und sah mich an.

„Angst?“ Betont spöttisch grinste ich ihr ins Gesicht. Jackpot! Ich konnte zusehen, wie sich ihre Miene veränderte. Von skeptisch zu entschlossen. Sie schlug wirklich keine Herausforderung aus.

„Na schön, wenn’s unbedingt sein muss“, meinte sie und streckte den Rücken durch.

„Gut.“

„Warte“, rief sie, als ich gerade ein Bein über die Maschine schwingen wollte. Was denn noch? Ich warf ihr einen fragenden und, wie ich hoffte, nicht allzu genervten Blick über die Schulter zu.

Sie wiederum blickte mich an, als würde sie vor einem Idioten stehen. Autsch. Ich hatte echt noch nie jemanden kennengelernt, der dermaßen ausdrucksstark war.

„Helme? Ohne Helm fahr ich nicht mit.“ Lynne verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Himmel!

Ich erwiderte nichts, weil ich stark vermutete, dass es ohnehin sinnlos gewesen wäre, mit ihr darüber zu debattieren, und ging zur Hintertür.

Mit zwei Helmen, einem unter jedem Arm, kam ich zurück und reichte ihr einen. Ich hatte die Dinger beim Kauf der Victory dazubekommen, allerdings nie Verwendung dafür gehabt.

„Danke“, sagte Lynne steif und wollte sich den Helm überziehen, kam aber nicht weit. Der Haarknoten an ihrem Hinterkopf war im Weg. Grummelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht entwirrte sie das Haargummi aus ihren Locken und fächerte sie über ihren nackten Schultern auf. Wow. Sie waren etwas durcheinander, und trotzdem hatte ihre weiche hellbraune Mähne etwas Sinnliches an sich.

„Warum schneidest du sie nicht einfach ab?“, hörte ich mich fragen und verfluchte mein loses Mundwerk im selben Moment.

Lynne hielt mit dem Helm über ihrem Kopf inne. „Es geht dich zwar rein gar nichts an, was ich mit meinen Haaren mache“, begann sie.

„Aber?“, hakte ich nach, als sie nicht weitersprach.

„Wenn ich sie kurz trage, sehe ich aus wie Brian May“, gestand sie und verzog das Gesicht.

Ich musste lachen und wurde dafür mit einer rausgestreckten Zunge belohnt. Also, also, Miss Stuart.

Lynne schob sich den Helm über den Kopf und nestelte am Kinnverschluss herum.

„Lass mich mal“, meinte ich und griff danach. Sie zuckte zurück und funkelte mich durch das Visier hindurch böse an.

„Hey, ich wollte dir nur helfen“, sagte ich und hob abwehrend die Hände. Lynne murmelte etwas in ihren Helm, das ich nicht verstand. „Was?“

Sie zögerte einen Herzschlag lang und klappte das Visier hoch. „Ich bin fürchterlich kitzelig“, grummelte sie und schaffte es endlich, selbst die Schnalle zu schließen.

Gut zu wissen, dachte ich bei mir, setzte meinen eigenen Helm auf und schwang mich aufs Motorrad. Ich sah herausfordernd zu Lynne. Sie war ein gutes Stück kleiner als ich, deshalb kippte ich die Victory etwas zur Seite, damit sie hinter mir aufsteigen konnte.

„Halt dich fest“, rief ich über das Startgeräusch des Motors hinweg. Sie tat nichts dergleichen. Ein Blick über die Schulter verriet mir, dass sie die Maschine nach Griffen oder Ähnlichem absuchte. Ich musste lachen. „An mir!“

Lynne starrte mich finster an, schlang aber gehorsam die Arme um meinen Bauch. Als ich anfuhr, verstärkte sich ihr Griff, und ich meinte, sie quietschen zu hören.

Auf dem Weg in die Stadt hinein vergaß ich einen Moment meine Sorgen. Das geschah immer, wenn ich auf meiner Maschine über den Asphalt glitt und der Wind an meinen Kleidern riss. Es befreite mich.

Bisher hatte ich nie jemanden mitgenommen, es war ungewohnt für mich. Nicht nur weil sich dadurch die Fahreigenschaften des Motorrads veränderten, sondern weil es einer gewissen körperlichen Nähe bedurfte, die ich in dieser Weise nie zuvor erlebt hatte.

Wenn mich eine Frau berührte, dann, wenn ich Sex mit ihr hatte, und sonst nicht. Keine Küsse außerhalb des Betts oder wo auch immer wir uns vergnügten. Keine Zärtlichkeiten oder irgendein anderer Quatsch. Diese Dinge führten bloß dazu, dass sich meine Bettgespielinnen im Nachhinein mehr erhofften, als ich ihnen zu geben bereit war. Abgesehen davon gab es mir nichts.

Das hier aber, mit Marians durchgeknallter Tochter, war irgendwie … angenehm. Oder zumindest nicht unangenehm.

Eine Viertelstunde später hielt ich vor Jenkins’ Kanzlei und stellte den Motor ab. Lynne rutschte vom Sattel und machte einen stolpernden Schritt zur Seite. Sie schaffte es, die Schnalle zu lösen, und zog sich den Helm vom Kopf. Zerzaust, aber sichtlich begeistert schaute sie mich an. Ihre Augen strahlten regelrecht. Sie waren das Einzige in ihrem Gesicht, das sie eindeutig nicht von Marian geerbte hatte.

Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das ich bis in die Zehenspitzen spüren konnte. Ihre Freude und Begeisterung steckten mich an.

„Na komm, du Bikerbraut“, neckte ich sie und ging voraus.

Lynne stieß verächtlich Luft durch die Nase, grinste aber weiter – bis wir ins Büro des Notars traten.

Lynne

Schlagartig verflog die Leichtigkeit, die ich während meiner ersten Motorradfahrt gespürt hatte. Ich begann zu zittern, und die Gedanken, die ich bis jetzt, so gut es ging, unterdrückt hatte, prasselten auf mich ein wie ein Platzregen.

„Lex, warte!“ Ich packte ihn am Arm und zog ihn ein Stück zurück. Gerade war mir etwas klar geworden, und ich verfluchte mich innerlich. Warum hatte ich ihn nicht gleich gefragt? Warum hatte er es mir nicht von sich aus erzählt? Ich war dermaßen dumm!

„Was hast du, Lynne?“, fragte er mit besorgter Stimme. Besorgnis. Eine ganz neue Seite von Lex. Ich presste die Lippen zusammen und atmete hörbar aus.

„Wie …?“ Ich stockte. „Wie ist sie denn genau gestorben?“, brachte ich mühsam hervor und lehnte mich an die kühle Steinmauer in meinem Rücken.

Ein Schatten huschte über Lex’ Gesicht, und er biss die Zähne zusammen. Sein Kiefer mahlte. Er tat ja gerade so, als wäre der Tod meiner Mutter eine Tragödie für ihn. Sie war doch nur seine Chefin gewesen. Oder war da etwa mehr zwischen ihnen gelaufen? Nein! Bitte lass meine Fantasie kranker sein als die Realität!

„Sie hatte einen Herzinfarkt. In ihrer Wohnung. In ihrem Bett. Sie ist im Schlaf gestorben, Lynne. Der Arzt meinte, sie hat es höchstwahrscheinlich nicht einmal mitbekommen. Der schönste Tod, den man sich wünschen kann“, sagte er mit ungewohnt sanfter Stimme.

Ich schluckte schwer und nickte mechanisch. „Sie hat dir viel bedeutet, oder?“ Die Worte waren heraus, bevor ich sie hatte aufhalten können.

Lex’ Reaktion überraschte mich. Er sah traurig aus. Richtig traurig.

Trotzdem lächelte er. „Sie hat mich unter ihre Fittiche genommen. Mir geholfen, als ich eine schwere Zeit durchgemacht habe. Ja, Lynne, deine Mutter hat mir viel bedeutet.“ Er kratze sich verlegen am Hinterkopf, ganz, als bereute er, mir das verraten zu haben.

Es traf mich, dass er sie auf diese Weise erlebt hatte und ich nicht. Dass sie anscheinend für ihn da gewesen war, aber niemals für mich.

„Lass uns jetzt reingehen“, sagte ich mit belegter Stimme und wandte mich zur Tür.

Lex folgte mir in Jenkins’ Büro, wo wir vor seinem Schreibtisch Platz nahmen.

„Miss Stuart, wie schön, dass Sie hergekommen sind“, begrüßte Jenkins mich.

Ja, sehr schön. Es musste nur meine Mutter sterben, damit wir uns kennenlernen durften. Ich nickte bloß, um nicht wieder mit etwas herauszuplatzen, das besser ungesagt blieb.

„Hier sind die Urkunde für das Haus, die Betriebsgenehmigung für die Bar und eine beglaubigte Kopie der Bleiberechtsurkunde von Mister Richardson“, erklärte Jenkins und legte ein Blatt nach dem anderen vor mir auf den Tisch.

Bleiberechtsurkunde? „Was hat es mit dieser Bleiberechtssache auf sich?“, wollte ich wissen und schielte zu Lex hinüber. Er musterte mich, scheinbar ruhig, abwartend. Allerdings entging mir nicht, wie angespannt seine Haltung war.

Jenkins räusperte sich. „Ihre Mutter hat Mister Richardson eingeräumt, auch nach ihrem Tod die Wohnung weiterhin behalten zu dürfen. Sie war vor ungefähr drei Jahren deshalb bei mir“, teilte er uns mit.

Vor drei Jahren? Ich konnte gar nicht fassen, dass sich meine Mutter überhaupt Gedanken über ihren Tod gemacht hatte, geschweige denn, dass ihre Fürsorge für ihren Mitarbeiter so weit gegangen war.

Lex neben mir war offenbar ebenso überrascht darüber wie ich. Er atmete hörbar ein, blieb jedoch stumm.

Jenkins schenkte unseren Gefühlsregungen keinerlei Beachtung. „Dann benötige ich bitte noch ein paar Unterschriften von Ihnen.“ Er legte ein weiteres Blatt vor mir auf den Tisch. „Hier, hier und hier“, meinte er und deutete auf die entsprechenden Stellen im Text.

Ohne einen Buchstaben des Dokuments zu lesen, unterzeichnete ich. Ich hätte genauso gut einen Pakt mit dem Teufel schließen können, es war mir egal.

Die allumfassende Leere, die ich in den letzten Jahren mit meiner Arbeit und dem Studium gefüllt hatte, nahm mich wieder in Besitz und hinderte mich daran, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

„Sind wir fertig?“, fragte ich schnell. Ich wollte raus hier. Aus diesem Büro. Aus der Stadt und am liebsten aus diesem Leben, in dem ich durch Mums Tod gelandet war.

Jenkins verabschiedete uns. Ich steckte die Papiere in das Kuvert, das er mir dankenswerterweise gegeben hatte, und klemmte es hinten in den Bund meiner Hose.

Lex voraus lief ich zu seinem Motorrad, schnappte mir den Helm und zog ihn über. Tränen brannten in meinen Augen. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war, dass er sie sah.

Lex schwieg die ganze Heimfahrt über. Hing vermutlich ebenfalls seinen Gedanken nach.

Zu Hause angekommen, sprang ich gleich ab, ging zur Hintertür und hinauf in mein Apartment. Ich blieb erst stehen, als ich mit den Schienbeinen an Mums Bett stieß. Es war gemacht. Kissen und Decke aufgeschüttelt und hübsch drapiert. Mit einer energischen Bewegung krallte ich die Finger in die Decke und zerrte sie von der Matratze. Anschließend nahm ich mir das Kissen vor, schleuderte es gegen Mums Frisiertisch und fegte damit ein paar der Fläschchen und Dosen von der Kommode.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich atmete und atmete, trotzdem gelangte irgendwie nicht genügend Sauerstoff in meine Lungen.

Stolpernd hastete ich zum Fenster und riss es auf. Das half ebenso wenig.

Hinter mir hörte ich ein Poltern, achtete aber nicht darauf. Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre ich nicht dazu in der Lage gewesen. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen, und meine Knie gaben nach. Ich kippte zur Seite, rechnete damit, auf den Dielen aufzuschlagen, aber es kam anders.

Starke Arme umfingen mich, bremsten meinen Sturz ab, und im nächsten Moment saß ich auf Lex’ Schoß.

Er redete beruhigend auf mich ein, das Rauschen in meinen Kopf machte es mir allerdings unmöglich, etwas davon verstehen zu können. Mein Blickfeld flimmerte, trotzdem nahm ich wahr, wie Lex mich behutsam absetzte, aufsprang und hektisch in einer Küchenschublade kramte. Rasch kehrte er zu mir zurück und hielt mir eine Brottüte vor den Mund. Offenbar sah ich aus, als würde ich mich jeden Moment übergeben müssen. Was gar nicht so abwegig war.

Auf das Schlimmste gefasst, atmete ich in die Papiertüte, die Lex mir verbissen entgegenhielt. Es musste lustig aussehen, wie wir dasaßen. Er auf dem Boden, ich neben ihm, mit der Tüte an meinen Lippen, die sich bei jedem meiner Atemzüge einem Luftballon gleich aufblies.

Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann konnte ich wieder normal atmen, und Lex nahm mir die Papiertüte vom Gesicht.

„Geht’s wieder?“, fragte er leise. Seine Hand streichelte sanft über meinen Rücken.

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis ich antworten konnte. Lex drängte mich nicht. Wartete und streichelte mir weiter den Rücken. Es fühlte sich gut an. Ich glaubte, mich nie zuvor derart geborgen und verstanden gefühlt zu haben.

„Noch ein erstes Mal mit dir“, flüsterte ich.

Er neigte den Kopf, um mir direkt in die Augen sehen zu können, und war mir auf einmal so nah, dass sein Atem über meine Wange strich. „Was meinst du?“

Das war zu viel. Zu viel Nähe und zu viel Kribbeln in meinem Bauch. Ich rückte von ihm ab und setzte mich ihm gegenüber auf den Boden, den Rücken an die Kommode gelehnt.

„Na ja, vorher bin ich zum ersten Mal auf einem Motorrad mitgefahren, und das gerade war wohl meine erste Panikattacke“, erklärte ich und war selbst verwundert, dass sich meine Lippen zu einem schiefen Lächeln verzogen. Offenbar hatte ich durch den Sauerstoffengpass ein paar Gehirnzellen eingebüßt.

Lex erwiderte nichts. Sah mich nur an. Dann stand er auf, und ich dachte schon, er würde mich sitzen lassen, einen Augenblick später war er jedoch wieder da. Er reichte mir eine Cokeflasche und setzte sich mit seiner eigenen in der Hand wieder auf den Boden.

„Auf erste Male“, meinte er und prostete mir mit seiner Flasche zu.

Wir tranken ein paar Schlucke.

„Hast du hier aufgeräumt?“, wollte ich wissen. Eigentlich konnte ich es mir denken, dabei interessierte mich vor allem der Grund dafür.

„Ja. Marian hatte es nicht so mit Hausarbeit“, sagte er, ohne mich anzusehen.

Ich lachte trocken. „Wem sagst du das?“

Wieder nippten wir schweigend an unseren Cokes.

„Danke, dass du dich um alles gekümmert hast, Lex.“

„Es tut mir leid, dass ich dir nicht eher Bescheid geben konnte. Ich wusste bis gestern nichts von dir.“

Meine Mutter hatte mich also nie erwähnt. Wie schön.

„Willst du zu ihrem Grab?“, fragte Lex vorsichtig.

Auf gar keinen Fall! Ich schüttelte vehement den Kopf. „Ich glaube, die eine Panikattacke reicht mir für heute“, erwiderte ich.

„Das war ganz schön gruselig“, neckte er mich.

„Und es macht hungrig“, gab ich gespielt beleidigt zurück.

„Pizza?“

„Unbedingt.“

Bartender

Lex

Nachdem wir uns die Pizzas einverleibt hatten – ich war erstaunt, in was für einem Tempo diese zierliche Person eine ganze Pizza mit Peperoni und extra Käse vertilgen konnte –, hatte ich Lynne nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sie war in ihrem Zimmer verschwunden und werkelte an ihrem Computer. Nerd.

Es störte mich nicht, etwas Abstand zwischen uns zu bringen nach ihrem Ausraster und meiner für mich untypischen Reaktion darauf. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich so gehandelt hatte. Als ich das Klirren durch die an Marians Apartment angrenzende Wand gehört hatte, war ich ohne zu zögern hinübergerannt.

Lynne war völlig aufgelöst gewesen und hatte hyperventiliert. Ich wusste aus eigener Erfahrung, wie das war und was dagegen half. Mein Verstand hatte sich verabschiedet und war erst wiederaufgetaucht, als Lynne von mir abgerückt war.

Ich versuchte mir einzureden, dass ich nur so reagiert hatte, weil sie Marians Tochter war, konnte dabei aber das Gefühl nicht verdrängen, das sie in mir ausgelöst hatte.

Okay. Ich musste mir wohl oder übel eingestehen, dass ich sie heiß fand. Dennoch … Ich seufzte schwer und trocknete unnötig fest das Glas in meiner Hand ab – sie war tabu. Eindeutig. Definitiv.

„Na, Lex, harten Tag gehabt?“, fragte Jimmy, einer unserer ältesten Stammgäste.

„Ach, der übliche Mist“, antwortete ich ausweichend. Ich würde meine verqueren Gedanken sicher mit niemandem teilen. „Noch einen?“

Jimmy nickte bedächtig und hielt mir sein leeres Whiskyglas hin. Ich griff nach der Cask-Flasche und füllte ihm nach. Ich kannte keinen anderen Menschen, der dieses Gebräu herunterbrachte. Jimmy nahm indessen, ohne mit der Wimper zu zucken, einen kräftigen Schluck. Nicht einmal seine auffallend grünen Augen, die auch nach dem dritten Glas nicht an Wachsamkeit verloren, begannen zu tränen. Jimmy war ein Cop, und obwohl ich mit seinesgleichen keine besonders guten Erfahrungen gemacht hatte, mochte ich ihn.

Die Hintertür zum Treppenhaus schwang knarzend auf. Ich konnte sie nicht einmal sehen, trotzdem reagierte mein Körper sofort auf Lynnes Anwesenheit. Meine Muskeln spannte sich an, und Unruhe überkam mich. Keine Ahnung, woran das lag. Wahrscheinlich schlichtweg daran, dass es ohne Marian und stattdessen mit ihrer Tochter im Haus furchtbar ungewohnt war.

Jimmy sah auf und erstarrte. Seine Augen weiteten sich, und er fuhr sich sichtlich nervös über den Mund. Offenbar reagierte nicht nur ich absurd auf sie.

„Wo finde ich denn die …?“ Lynne brach ab, was mich dazu veranlasste, mich zu ihr umzudrehen. Heute trug sie eine schwarze Leggings und ein viel zu großes Shirt, das über und über mit Nullen und Einsen bedruckt war. Ihr Blick lag auf dem Mittvierziger hinter mir. Lynne sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen. Ihre vollen, geschwungenen Lippen waren fest aufeinandergepresst. Die großen grünen Augen kugelrund. Dann zuckte ihr Mundwinkel. Einmal, zweimal, bevor ein breites, herzenswarmes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. Bei ihrem Anblick zog sich etwas in mir kribbelnd zusammen. Eine Empfindung, die ich nie zuvor verspürt hatte und nicht zuordnen konnte.

Glücklicherweise setzte sich Lynne in diesem Augenblick in Bewegung und umrundete schnellen Schrittes die lang gezogene Holztheke. Jimmy war seinerseits aufgesprungen und breitete die Arme aus. Lynne ließ sich mit einem erstickten Laut hineinfallen, und sie schlossen sich sofort um ihren zierlichen Körper. Wieder spürte ich dieses eigentümliche Ziehen, wenngleich es dieses Mal eindeutig unangenehm war. Was sollte diese Show? Und wie kam es, dass sich Lynne bereitwillig in Jimmys Arme warf?

„O Kleines, es tut mir so leid, das mit deiner Mum“, nuschelte Jimmy in Lynnes Haar, drückte sie auf Armeslänge von sich und betrachtete sie mit feuchten Augen. Ach, der Whisky trieb ihm keine Tränen hoch, aber Lynne? Keine Ahnung, warum, aber plötzlich war ich sauer.

„Du bist ja richtig erwachsen geworden. Ich wünschte, es hätte einen anderen Grund für unser Wiedersehen gegeben“, meinte Jimmy und setzte sich zurück auf seinen Hocker.

Lynne blieb unschlüssig stehen. Für mich sah es aus, als würde sie selbst über ihre Reaktion verwundert sein. Aber was wusste ich schon? Ich kannte sie kaum.

Schmal lächelnd stützte sie sich mit einem Arm auf der Theke ab und sah kurz zu mir herüber.

„Ich wollte nicht zurückkommen“, murmelte sie. Ihre Stimme war kratzig.

„Ich weiß“, seufzte Jimmy. Die Vertrautheit zwischen den beiden verstärkte mein Unbehagen.

„Ihr seid also alte Freunde?“, fragte ich spröde in die Runde und stellte die Spirituosenflasche etwas zu heftig ab. Beide sahen sie mich mit dem gleichen durchdringenden Blick an. Irgendwie unheimlich.

„Ich kenne Lynne seit ihrer Geburt. Früher habe ich ihr immer mit den Hausaufgaben geholfen. Weißt du noch, Kleines?“, wollte er von ihr wissen, während er mich nach der kurzen Erklärung wieder völlig ignorierte.

Lynnes Lächeln wurde erneut breiter, erreichte ihre Augen allerdings nicht mehr. „Ja, ich erinnere mich. Ohne deine Hilfe hätte ich den Abschluss wohl nicht geschafft, Jimmy“, erwiderte sie, bevor sie sich mir zuwandte. „Ich möchte mir die Abrechnungen von der Bar ansehen.“

Ich versteifte mich, nickte aber pflichtschuldig. Die Bar gehörte jetzt ihr. Es war nur vernünftig, dass sie sich die Bücher ansehen wollte. Trotzdem fühlte ich mich, als hätte Lynne mir ans Bein gepinkelt. Immerhin hatte ich mich die letzten Jahre beinah allein darum gekümmert, dass hier alles am Laufen blieb. Marian war fürchterlich schlampig gewesen, was die Buchhaltung anbelangt hatte. Na gut, wenn ich ehrlich war, nicht allein dabei, sondern generell. Sie hatte sich weder großartig dafür interessiert noch mehr getan, als unbedingt notwendig gewesen war. Erst als die Bar fast an die Bank gegangen wäre, weil wir den Kredit nicht mehr hatten zahlen können, war sie aktiv geworden.

„Liegt alles im Büro. Komm, ich zeige es dir“, meinte ich etwas zu scharf. Lynne ließ sich davon in keiner Weise beeindrucken. Sie nickte und folgte mir.

Das Büro, Schrägstrich Lager war ein schmales Zimmer ohne Fenster, das mit Regalen, Flaschen und Getränkecontainern zugestellt war. In der hinteren Ecke stand ein kleiner Sekretär, auf dem sich Papiere und Rechnungen stapelten.

„Links sind die Zahlungsbelege, rechts die Forderungen, die noch warten können“, wies ich sie ein und war mir ihrer Nähe in dem engen Raum allzu deutlich bewusst. Ein Bild blitzte in meinem Kopf auf. Lynne auf der Schreibtischplatte, ich über ihr.

Verdammt! Konzentrier dich, Lex! Ich verpasste mir eine gedankliche Ohrfeige, um den verführerischen, total unpassenden Tagtraum abzuschütteln, und bückte mich nach einem Karton, der bereits etwas Staub angesetzt hatte.

„Und das sind die Bücher der letzten Jahre“, presste ich rasch hervor, drängte mich an der verkniffen dreinblickenden Lynne vorbei und verließ fluchtartig das Büro.

Lynne

Stoisch blätterte ich durch einen Stapel Papiere. Der Aufruhr in meinem Inneren legte sich allmählich und ließ einen schalen Geschmack auf meiner Zunge zurück. Jimmy zu sehen, hatte ungefähr die Wirkung auf mich gehabt wie ein Presslufthammer, der sich durch meine Eingeweide stemmte. Er war ein fester Bestandteil meines alten Lebens gewesen. Als einer der wenigen Konstanten in meiner Kindheit hatte er eine wichtige Rolle für mich gespielt. Wie ein fürsorglicher Onkel oder dergleichen. Wenn Mum zu betrunken gewesen war, um mir etwas zu essen zu machen, hatte mir Jimmy Pizza bestellt. Er war mit mir in den Waschsalon gefahren, wenn ich wieder einmal nichts Sauberes zum Anziehen gehabt hatte. Und er hatte stets dafür gesorgt, dass meine Mum heil ins Bett kam, wann immer sie sich mit zu viel Alkohol aus dem Leben geschossen hatte.

Ohne diesen Mann wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen. Obwohl ich ihm viel zu verdanken hatte, versetzte mir seine reine Anwesenheit einen Stich. Ihn wiederzusehen, hatte mir einen unerwarteten und überaus unerwünschten Flashback beschert.

Kopfschüttelnd vertrieb ich die letzten Fetzen der unliebsamen Erinnerungen, und mein Blick klärte sich allmählich. Ich zwang mich zur Konzentration. Hier warteten jede Menge Zahlen auf mich. Zahlen waren gut. Sie würden mich beschäftigen.

Zwei Stunden später musste ich erkennen, dass diese Zahlen keineswegs gut waren. Seufzend rieb ich mir über den steifen Nacken und schlug das letzte Budgetbuch zu. Etwas zu energisch. Staub wirbelte auf und brachte mich zum Niesen. Die traurige Wahrheit war, dass die Bar nicht einmal halb so viel einbrachte, wie sie sollte. Es reichte gerade, um die meiste Zeit alle Fixkosten zu decken und die Kreditraten für die Bank aufzubringen. Darüber hinaus blieb kaum ein müder Cent übrig. Das war schlecht. Ganz, ganz schlecht. Ich hätte diese bescheuerten Papiere beim Anwalt besser durchlesen und nicht blind unterschreiben sollen. Damit hatte ich mich eindeutig in ein Wespennest gesetzt.

Abgesehen davon wiesen die aktuellen Aufzeichnungen grobe Dokumentationsmängel auf. Mum war im letzten Jahr immer wieder in Rückstand mit den Ratenzahlungen geraten. Es hatte sich eine ganz schöne Summe zusammengeläppert, die im Februar endgültig fällig gewesen war. So wie ich das sah, hätte sie die Bar um ein Haar verloren. Dann – durch ein Wunder – war, wenn man den Büchern Glauben schenken wollte, ein edler Ritter in schimmernder Rüstung aufgetaucht und hatte meine Mum vor dem Bankrott bewahrt. Ein anonymer Ritter oder, wie es in den Aufzeichnungen hieß, Spender. Ich hatte von Buchhaltung zu wenig Ahnung, um beurteilen zu können, ob eine anonyme Spende tatsächlich bei der Finanzbehörde durchging. Mich machte der untypische Geldfluss jedenfalls skeptisch. Wie auch immer es Mum geschafft hatte, das nötige Geld aufzutreiben, es hatte die finanziell miese Situation, in der sich die Bar befand, nur kurzfristig entspannt. Wenn es weiterlief wie bisher, wäre ich am Arsch und mit mir Lex.

Augenscheinlich hatte ich zwei Optionen: die Bar verkaufen, den Kredit tilgen und damit Lex und mich obdachlos machen. Oder irgendwie dafür sorgen, dass die Bar zukünftig mehr einbrachte. Es gab zwar eine weitere Möglichkeit, die verwarf ich jedoch sofort wieder. Ich hätte theoretisch Lex, der den Büchern zufolge keine Miete zahlte, vor die Tür setzen und sein Apartment untervermieten können. Abgesehen davon, dass ich das nicht übers Herz brachte, so sehr er mich nervte, hätte ich mich in diesem Fall selbst hinter die Theke stellen müssen. Und dieses Erbe war ich nicht bereit anzutreten.

Murrend fuhr ich mir durchs Haar und brachte damit den ohnehin schon unordentlichen Dutt durcheinander. Ich zog und zerrte, wuschelte, massierte mir stöhnend die Schläfen, aber nichts davon half. Ich konnte mein ausgelaugtes Hirn einfach nicht dazu bringen, eine Entscheidung auszuspucken.

Ein Räuspern ließ mich mitten in der Bewegung innehalten, eine Hand gegen die Stirn gepresst, die Finger der anderen in mein Zopfgummi gehakt, um es aus meinen verstrubbelten Haaren zu ziehen. In dieser Haltung wandte ich mich zu der Quelle des Geräusches um und sah in ein Paar karamellfarbener Augen, die amüsiert aufblitzen. Meinen Unmut darüber, dass Lex mich derart derangiert überrascht hatte, tat ich mit einem weiteren großzügigen Murren kund, das sich in ein schmerzerfülltes Quietschen verwandelte, als ich an meinem Haargummi zog. Es saß bombenfest im Gewirr meiner Haare und ließ sich nicht lösen. Ganz große Klasse.

Mit zwei langen Schritten war Lex bei mir und griff beherzt an meinen Kopf. „Lass mich mal sehen“, meinte er. Mein Anblick unterhielt ihn offenbar gut, das zumindest verrieten mir seine aufeinandergepressten Lippen, die trotz aller Anstrengung zu einem spöttischen Grinsen verzogen waren.

„Nein, was? Ich schaffe das“, gab ich trotzig zurück. Ich wollte nicht, dass er mich schon wieder berührte. Die Erinnerung an seine warme Hand, die mir sanft über den Rücken streichelte, war präsent genug und brachte mich zu sehr durcheinander, als das ich einen Nachschub davon gebrauchen konnte.

„Sei still und setz dich gerade hin“, erwiderte Lex streng und schob meine Hände beiseite.

Ja, Sir! O Mann.

Innerlich wand ich mich, hielt aber wie gewünscht ruhig. Unerwartet geschickt entwirrte Lex das Haarband aus meiner widerspenstigen Mähne und machte sich sogar daran, die größten Nester zu entknoten. Seine sanften Berührungen jagten mir einen Schauer nach dem anderen über den Körper, und es fiel mir zunehmend schwerer, mich nicht zu rühren. Endlich legte er mir die sicherlich nach wie vor verworrenen Haare über die Schulter. Dabei verharrten seine Finger einen Augenblick auf meinem Schlüsselbein. Ich hielt die Luft an, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, und wartete, was er als Nächstes tun würde. Langsam beugte er sich über mich. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Zur Hölle, seine Nähe war … war … Ich fand keine Worte dafür. Er griff nach meinen Notizen. Lauter, als mir lieb war, stieß ich die angehaltene Luft aus und fasste schnell meine Haare wieder mit dem Zopfgummi zusammen, das er auf den Tisch gelegt hatte.

Kurz schloss ich die Augen und rief mich zur Vernunft. Was auch immer dieses verstörend kribbelnde Etwas war, das er in mir auslöste, es musste aufhören. Ich musste das in den Griff bekommen. Entschlossen, mir nichts von meinen überschäumenden Hormonen anmerken zu lassen, wandte ich mich zu ihm um. Lex studierte meine Aufzeichnungen mit gerunzelter Stirn. Nach einigen Augenblicken legte er das Blatt auf den Sekretär zurück, lehnte sich mit verschränkten Armen an das Regal hinter ihm und schaute mich grimmig an. Die prickelnde Nähe war verflogen. Jetzt sah Lex ziemlich angespannt, vielleicht sogar wütend aus. Ich wurde aus diesem Mann nicht schlau. Was war eigentlich sein Problem? Sofort ging ich Abwehrhaltung.

„Was?“, fragte ich herausfordernd. Ihm gefielen die roten Zahlen nicht? Gut. Mir ebenso wenig! Sollte er mir doch erklären, was er davon hielt.

„Was willst du mit alledem?“, stellte er eine Gegenfrage. Seine Stimme war eisig, das ansehnliche Gesicht hart.

Ich schluckte und war sicher, dass er mir meine wachsende Verärgerung ansehen konnte. „Erst einmal wüsste ich gern, wo meine Mutter den riesen Batzen Geld für die Bank aufgetan hat.“

Lex zuckte mit den Schultern, als würde ihn das alles nichts angehen. Dabei war ich mir fast sicher, dass er die Bücher in den letzten Jahren geführt hatte. Es war jedenfalls nicht die unordentliche Handschrift meiner Mutter.

„Marian hat es aufgetrieben. Rechtzeitig. Mehr weiß ich darüber nicht. Sie hat mir nicht verraten, wo sie es herhatte“, erwiderte er zähneknirschend. Er ließ sich ja nicht gerade freiwillig in die Karten schauen, aber es war deutlich spürbar, dass ihm dieser Umstand nicht gefiel. Ich glaubte ihm. Er wusste vielleicht nicht, wo diese anonyme Spende hergekommen war, vom Rest der Misere musste er dagegen mehr Ahnung haben.

„Und wie, zum Teufel, habt ihr das danach weiter geregelt? Die Bar wirft absolut keinen Gewinn ab.“

Lex versteifte sich. Seine Oberarme spannten sich synchron mit seinem Kiefer an und lenkten mich einen Wimpernschlag lang ab. Lex’ verächtliches Schnaufen ließ mich die geschmeidigen Muskeln allerdings schnell wieder vergessen.

Wir maßen uns mit giftigen Blicken.

Dann veränderte sich etwas schlagartig in seinem verbissenen Ausdruck. Er resignierte, ließ seine verschränkten Arme fallen und stieß gleichzeitig hervor: „Ich habe kein Gehalt mehr ausbezahlt bekommen. So haben wir das geregelt. Belassen wir’s dabei, okay?“ Aufgebracht fuhr er sich durchs Haar, und dunkle Strähnen fielen ihm in die Stirn. Wow.

Mir fehlten wirklich und wahrhaftig die Worte. Lex arbeitete umsonst? Für Kost und Logis, oder was? Ich verstand das nicht. Aus den Büchern ging doch hervor, dass er Gehalt bekam, obwohl es kaum zum Leben reichen konnte. Okay, wenn man mit einrechnete, dass er im Gegenzug für sein mickriges Gehalt nichts für die Wohnung bezahlte … Nein, nicht einmal dann. Dieses Geständnis hatte ihm sichtlich einiges abverlangt. Ich zweifelte also nicht am Wahrheitsgehalt seiner Worte.

Luft holend öffnete ich den Mund, um ihn zu fragen, warum er das mit sich machen ließ, kam aber nicht mehr dazu. Lex drehte sich um und stapfte, offenbar ziemlich angepisst, davon.

Lex

Ich brachte den Abend mehr schlecht als recht hinter mich. Jimmy merkte sofort, dass etwas nicht stimmte, hielt aber dankenswerterweise die Klappe und sprach mich nicht darauf an. Im Normalfall war ich ein richtiger Entertainer, sobald ich hinter der Theke stand, egal wie viel oder wenig Gäste anwesend waren. Ohne mir selbst auf die Schulter klopfen zu wollen, hatte ich ein Talent dafür, immer genau zu wissen wie ich die Menschen zu nehmen hatte. Bloß bei Marians verdrehter Tochter versagte mein Können kläglich, und das machte mich schier wahnsinnig.

Um halb zwei morgens verabschiedete sich der letzte Schluckspecht torkelnd aus der Tür. Ich war nie erfreuter gewesen, die Bar abschließen zu können. Missmutig ging ich nach oben und atmete tief durch, nachdem ich mich erschöpft und durcheinander auf meine kleine Couch hatte fallen lassen. Keine fünf Sekunden später sprang ich wieder auf und tigerte umher. Mein Körper war zwar müde, mein Geist aber viel zu aufgekratzt zum Stillsitzen oder gar Schlafen. Genervt von mir selbst und der Tatsache, dass diese ausgeflippt Frau es vermochte, mein Gemüt dermaßen aufzuwühlen, stemmte ich die Arme auf das Waschbecken der Kücheninsel. Ich knurrte, wollte am liebsten Sachen durch die Gegend werfen. Das würde Lynne jedoch bei den papierdünnen Wänden mit ziemlicher Sicherheit auf den Plan rufen, und ihr jetzt entgegenzutreten, war das Letzte, was ich in meinen Zustand gebrauchen konnte. Trotz meiner Wut auf sie und zugegebenermaßen mich selbst zuckten meine Mundwinkel bei der Erinnerung daran, wie sie mit dem Baseballschläger auf mich losgegangen war, nach oben. Sie war schon ein Fall für sich. Unerschrocken und unglaublich nervtötend. Diese Frau würde mir das Leben ordentlich schwer machen, daran hatte ich keinen Zweifel.

Meine Gedanken wanderten zu unserer Auseinandersetzung im Büro und meinem stupiden Geständnis. Warum hatte ich es ihr erzählt? Wenigstens hatte ich mich davon abhalten können, ihr auch unter die Nase zu reiben, dass Marian mich immer nur sporadisch bezahlt hatte. Lynne musste mich ohnehin für völlig durchgeknallt halten. Wer arbeitete ohne jegliche Entlohnung? Vermutlich würde das niemand hinnehmen. Zumindest nicht auf Dauer. Wäre mein Leben anders verlaufen, würde ich mich bestimmt nicht damit zufriedengeben, in einer abgefuckten Bar zu schuften, nur damit ich ein Dach über dem Kopf und meine Ruhe hatte.

Bis vor wenigen Stunden jedenfalls. Ich sollte gehen. Einfach meine Sachen packen und weiterziehen. In eine andere Stadt, mir einen neuen Job suchen und Marian und ihre verfluchte Tochter vergessen. Aber ich konnte es nicht. Genauso wenig wie vor Lynnes Auftauchen.

Mein verqueres Herz hing an diesem Ort. Es war zu meinem Zuhause geworden, und ich konnte mir kein anderes Leben mehr vorstellen. Armselig, aber wahr.

Als mich Marian vor fünf Jahren aufgenommen hatte, war ich heimatlos gewesen, ziellos, ein Wrack. Und jetzt? Was, zum Teufel, war ich jetzt?

Ziemlich aus der Bahn geworfen auf jeden Fall. Marians Tod und Lynnes unsagbarer Einfluss auf mich machten es mir unmöglich weiterzumachen wie bisher. Sie löste Emotionen in mir aus, die ich nicht kannte. Ihr reiner Anblick brachte meinen Körper zum Schwingen. Ich wollte sie, wie ich nie zuvor eine Frau gewollt hatte, und das war aufregend und verstörend gleichzeitig. Wenn sie den Mund öffnete, wusste ich meist nicht, ob ich lachen, mich aufregen oder das Gesicht in den Händen vergraben sollte. Lynne kostete mich den letzten Nerv.

Aufgewühlt schleppte ich mich ins Bett. Was würde sie jetzt tun? Was erwartete mich, wenn ich ihr morgen begegnete? Diese und hunderte weitere Fragen trieben mich um, bis ich endlich in den Schlaf fand.

Lynne

Ich hatte nicht gut geschlafen. Die Überlegungen, was ich nun mit der insolventen Bar anstellen sollte, und Lex’ Geständnis hatten mich die halbe Nacht wach gehalten. Es ging einfach nicht in meinen Schädel, wie man so blöd sein konnte. Was hatte er davon, hier zu sein? Mit seinem Aussehen und dem selbstsicheren Auftreten konnte er überall einen Job bekommen. Warum also war er ausgerechnet hier gelandet? Am liebsten wäre ich zu ihm rübergegangen und hätte ihm all diese Fragen gestellt. Lex an seinen muskulösen Schultern gepackt und ihn so lange geschüttelt, bis er auch die letzte Antwort ausgespuckt hätte. Aber das kam natürlich nicht infrage. Ich mochte vielleicht kein sonderlich großes Sozialtalent besitzen und ein wenig, na gut, sehr eigen sein, aber selbst mir war klar, dass es so nicht funktionieren würde.

Also wälzte ich mich weiter im Bett herum und grübelte über meine Möglichkeiten und das Mysterium Lex nach, bis ich es nicht mehr aushielt. Meine Mutter musste einen bestimmten Grund gehabt haben, diesen Kerl in ihr Leben zu lassen. Offenbar hatte sie etwas in ihm gesehen, und wenn ich es objektiv betrachtete, sah ich es ebenfalls. Unter der harten Schale vermutete ich einen weichen, liebevollen Kern. Ein Teil von mir wollte ihn knacken, unbedingt mehr über ihn erfahren. Ach herrje, wo war ich da bloß reingeraten? Seufzend strampelte ich die Bettdecke weg und sah auf die Uhr. Es war gerade einmal halb sieben. Großartig. Es half nichts. Ich war wach und getrieben von einem undefinierbaren Tatendrang.

Meine wie Schmeißfliegen schwirrenden Gedanken folgten mir durchs Apartment ins Bad. Während ich mich unter die Dusche stellte, manifestierte sich endlich ein Plan in meinem müden Schädel. Ich hatte diese verdammte Bar geerbt und mit ihr irgendwie Lex. Was auch immer dahintersteckte, es konnte nicht sein, dass er sein Leben verplemperte, wie es meine Mutter getan hatte. Ich würde versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Verantwortung zu übernehmen. Die Bar hatte, obwohl sie momentan schlecht lief, durch ihre Lage Potenzial. In der Nähe gab es ein College, und soweit ich wusste, existierten kaum andere Möglichkeiten, sich in der Gegend zu amüsieren. Wenn ich es schaffte, die jungen Leute als Publikum zu gewinnen, würde die Kasse klingeln. Ich wäre in der Lage, den Kredit regelmäßig und pünktlich zu bezahlen, und damit die Bar am Laufen zu halten und Lex zu vergüten. Und dann … Ja, was dann? Würden Lex und ich uns zusammenraufen, sodass ich, wie geplant, in aller Seelenruhe meiner Arbeit nachgehen konnte? Oder würde er es auf Dauer nicht mit mir aushalten und weggehen? Nein. Mochte sein, dass er mich nicht besonders leiden konnte, aber er hatte bis jetzt ausreichend Chancen gehabt zu verschwinden und war noch immer da. Irgendetwas hielt ihn an diesem Ort. Was das war, wusste ich allerdings nicht. Das Geld und die schöne Aussicht sicher nicht.

Egal wie ich es drehte und wendete, ich musste dringend etwas unternehmen, um die Bar wiederzubeleben.

 

Mit dem Internetstick in der Hosentasche, dem alten Bastellaptop und einer Festplatte, machte ich mich auf den Weg nach unten. Hinter der Treppe holte ich den metallenen Werkzeugkoffer hervor. Vermutlich wäre es geschickter gewesen, erst das Technikzeug in die Bar zu tragen, denn jetzt balancierte ich zu viel Ballast auf meinen schmerzenden Armen, und es kam, wie es kommen musste. Wenige Schritte vor meinem Ziel, der steinzeitlichen Jukebox, geriet das Notebook gefährlich ins Rutschen und krachte schließlich auf den Linoleumboden. Es knackte laut, und ich war kurz davor, den Rest der Sachen gleich hinterherzuwerfen. Das fing ja gut an!

Frustriert packte ich das übrige Zeug auf einen der Tische neben der Jukebox und griff nach dem Laptop. Natürlich! Das Gehäuse war hinüber. Fluchend stellte ich ihn beiseite und angelte nach einem Schraubenzieher. Ich war zwar weit davon entfernt, mich für einen Technikguru zu halten, aber im Studium hatte ich den ein oder anderen Hardwarekurs besucht. Ich wollte immer wissen, wie die Dinge funktionierten. Von Grund auf. Es konnte also nicht allzu schwer sein, dieses alte Teil umzumodeln. Die Jukebox war nie gewartet worden, soweit ich wusste, und mehr als die Hälfte der Platten hingen. Ich bezweifelte, dass es dafür Rettung gab. Das war ohnehin egal. Ich benötigte lediglich die Verbindung zum Soundsystem. Den Rest würde das Notebook erledigen. Auch mit kaputter Außenhülle. Hoffentlich.

Flink schraubte ich den seitlichen Deckel ab, und ein ganzes Bündel bunter Kabel kam mir entgegen. Uff. Das würde wohl doch nicht so leicht werden.

 

Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich schon an den Eingeweiden der Jukebox herumhantierte, aber wenn ich richtig lag, würde das Werk gleich vollbracht sein. Zu meinem Leidwesen hatte ich den schweren Deckel mit den Schaltknöpfen abnehmen müssen. Bei dem ohrenbetäubenden Lärm, den ich beim Herunterhieven des Bauteils verursacht hatte, war ich echt verwundert, dass Lex nicht sofort in die Bar gestürmt gekommen war. Der Kerl hatte offenbar einen guten Schlaf, im Gegensatz zu mir.

Nun hing ich kopfüber im ausgeweideten Korpus der Musikbox und fummelte die letzten beiden Drähte aneinander. Um mich herum herrschte das reinste Chaos. Die Platten waren allesamt ausgeräumt und in der nächsten Ecke aufgestapelt. Den dunklen Linoleumboden hatte ich beim Wegschieben des Tastendeckels ruiniert, scherte mich aber recht wenig darum. Darunter waren schwarz-weiß karierte Bodenfliesen zum Vorschein gekommen. Ein wahrer Schatz, wie ich fand. Später würde ich den restlichen Linoleumbelag herausreißen und damit den viel schöneren Fliesenboden freilegen.

Erst einmal forderten jedoch diese verdammten Kabel meine volle Aufmerksamkeit. Sie wollte einfach nicht … Ha! Geschafft! Freudestrahlend und mit Staubfäden im Haar tauchte ich aus der Jukebox auf.

„Was, zum Teufel, machst du da?“, ertönte eine verschlafene und nur begrenzt begeistert klingende Stimme hinter mir.

Ich fuhr herum und sah in Lex’ müdes Gesicht. Er rieb sich die Augen und starrte entgeistert zu mir herüber. Zu gern hätte ich mir eine schlaue Antwort einfallen lassen, sein shirtloser Oberkörper vertrieb allerdings jeden vernünftigen Gedanken aus meinem Kopf. War er etwa nackt? Ob er nun eine Hose trug oder nicht, blieb meiner Fantasie überlassen, denn er machte keine Anstalten, hinter der Theke hervorzukommen. Das war bestimmt auch besser, denn seine durchtrainierte Brust reichte bereits, um meinen Herzschlag in die Höhe zu treiben.

Bemüht lässig zuckte ich mit den Schultern. „Ich bringe mehr Musik in den Laden.“ Neben dem Plan, die Bar auf Vordermann zu bringen, hatte ich mir fest vorgenommen, in Lex’ Gegenwart ab sofort cool zu bleiben. In jeglicher Hinsicht.

„Es sieht eher so aus, als hättest du die Jukebox abgeschlachtet“, erwiderte er trocken.

„Warte es ab“, meinte ich betont selbstsicher und schickte ein stummes Stoßgebet an Macintosh. Bitte, bitte, lass mich jetzt nicht im Stich!

Angespannt beugte ich mich wieder über die klaffende Öffnung der Box und tippte eilig auf der Tastatur des Notebooks herum. Es knackte laut in den Boxen, die überall im Raum in die verspiegelten Wände und in die Deckenplatten eingelassen waren. Yes! Innerlich legte ich einen kleinen Freudentanz hin, als Musik aus den Lautsprechern schallte. Ich hatte mich in eine schier unerschöpfliche Songdatenbank gehackt und dieses Notebook, das nun als neues Herz des alten Kastens schlug, mit meinem Arbeitslaptop verbunden. So würde ich die Musik von dort aus steuern können.

Mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen wandte ich mich wieder zu Lex um, der mich aus dunklen Augen ansah. Oha, was war denn das für ein hungriger Gesichtsausdruck? Cool bleiben, sagte ich gebetsmühlenartig zu mir selbst und klickte eilig ein anderes Lied an. Der Bartender Song in der Version von Your Favourite Martian erklang. Lex machte einen Schritt auf die Theke zu und stützte seine sehnigen Arme auf der Holzplatte ab. Sein Gesicht schien zu sagen: Dein Ernst?

„Nicht? Dann vielleicht das?“, meinte ich, verkniff mir das Lachen und wählte einen anderen Song aus, den meine Suchanfrage nach „Bartender“ ausgespuckt hatte. Nun strömte eine rauchige Stimme aus den Boxen, die nach wenigen Takten von harten Gitarrenriffs abgelöst wurde. Ich zuckte zusammen und regulierte mit verzogener Miene die Lautstärke. Bartender von (Hed) Planet Earth war mir nach der unruhigen Nacht zu punkig. Lex’ einzige Reaktion darauf war eine hochgezogene Augenbraue. Mann, der war heute wieder unterkühlt.

„Na gut, dann hätte ich noch …“, setzte ich an und wählte den nächstbesten Titel aus, in dem „Bartender“ vorkam. Swingige Elektrobeats erfüllten die Bar, und als ich mich dieses Mal zu dem halbnackten Barkeeper umdrehte, zeigten die Bemühungen, meine zugegebenermaßen etwas in Chaos ausgeartete Umbauaktion zu rechtfertigen, endlich Wirkung. Lex lachte über die Musik hinweg kaum hörbar, aber mir reichte der Anblick seiner leuchtenden Augen und hochgezogenen Lippen, zwischen denen seine Zähne hervorblitzten, völlig aus. Ich stimmte mit ein und drehte den Lautstärkenregler an der Außenseite der Jukebox weiter runter.

„Also, was sagst du zu meinem Werk?“, wollte ich wissen.

Lex grinste immer noch und schüttelte ergeben den Kopf. „Du hast zwar den Bodenbelag zerstört, aber ja, jetzt können wir, wie es aussieht, mehr als die paar verstaubten Platten für unsere Gäste abspielen“, gab er zu. Strike! „Aber du räumst die Unordnung selbst wieder auf“, setzte er nach.

„Ja“, erwiderte ich und zog das Wort in die Länge. „Ich wollte dich fragen, ob du mir vielleicht mit dem da helfen könntest?“ Mit einem Dackelblick deutete ich auf den Deckel der Musikbox, in den die mittlerweile nutzlos gewordenen Tasten eingelassen waren. Das Teil war zu schwer für mich allein. Runter war es der Schwerkraft sei Dank einigermaßen gegangen, wieder rauf brachte ich es ohne Unterstützung bestimmt nicht mehr.

Er schwieg, schien zu überlegen.

„Es muss ja nicht sofort sein“, warf ich etwas geknickt ein. Er könnte sich ruhig ein wenig entgegenkommender zeigen oder wenigstens mehr Begeisterung an den Tag legen. Immerhin hatte ich uns durch den Umbau der Jukebox einen klaren Geschäftsvorteil verschafft.

Lex’ Kiefer mahlte.

„Ich komme dann und helfe dir“, meinte er schlicht und verschwand wieder nach oben.

Baustelle

Lex

Als ich mit Kaffee abgefüllt und anständig angezogen in die Bar zurückkehrte, hing Lynne glücklicherweise nicht wieder kopfüber in der Jukebox. Der Anblick ihres in die Luft gereckten Hinterteils hatte meinem müden Geist einiges abverlangt. Sofort war ein ganz bestimmter Teil meines Körpers putzmunter und einsatzbereit gewesen. Eine äußerst unangenehme Situation, in die ich in Lynnes Gegenwart ungern erneut geraten wollte.

Um mir ein bisschen Zeit zu verschaffen, in der ich die momentane Lage abschätzen konnte, zündete ich mir eine Zigarette an. Das leise Klicken des Feuerzeugs brachte Lynne, die gerade dabei war, die letzten Schrauben an der seitlichen Öffnung der Musikbox festzuziehen, dazu aufzusehen. Ein zurückhaltendes Lächeln erschien auf ihrem herzförmigen Gesicht, das ich unwillkürlich erwiderte, wenn auch nicht so breit. Die Schmach meines gestrigen Geständnisses saß noch immer tief, obwohl Lynne es mit keinem Wort erwähnt hatte. Ich fragte mich, ob die Aktion mit der Jukebox irgendwie damit in Zusammenhang stand oder nur die verrückte Idee eines technikverliebten Nerds war.

„So, ich bin fertig. Wenn du mir jetzt hilfst, den Deckel wieder aufzusetzen, ist der erste Schritt geschafft“, meinte Lynne und wischte sich Staub von der Stirn. Erster Schritt? Was sollte das denn, bitte schön, bedeuten?

„Du meinst damit hoffentlich, dass du die Eingeweide der Jukebox wegräumen wirst?“, wollte ich mit wachsender Skepsis wissen.

Lynne blickte ertappt drein und schwieg einen Moment. „Ja und nein“, gab sie dann zögerlich zu und bückte sich nach einem Schraubenzieher, der Richtung Theke davongerollt war. Demonstrativ hielt sie ihn hoch. „Ja, ich werde natürlich zusammenräumen. Darüber hinaus wollte ich die ein oder andere kleine Umbau- und Verschönerungsmaßnahme vornehmen“, teilte sie mir mit und straffte die Schultern. Diese Geste sollte mir vermutlich zeigen, wie ernst sie es meinte.

„Definiere Verschönerungsmaßnahmen.“ Ich klang, als hätte ich eine Kröte verschluckt und, ehrlich gesagt, fühlte ich mich auch so. Was, zum Teufel, hatte dieses durchgeknallte Weibsstück vor? Die ganze Bar niederreißen?

„Hauptsächlich mal ordentlich durchputzen. Da der Linoleumbelag jetzt ohnehin hinüber ist, werde ich ihn gleich ganz entfernen. Darunter sind echt schöne Fliesen. Ja, und vielleicht die abgewetzten Hocker neu tapezieren. Ich dachte daran, dass …“

Ruckartig hob ich die Hand und brachte sie damit zum Verstummen. Ich hatte genug gehört. „Was bezweckst du mit alledem?“, stellte ich die einzige Frage, die in diesem Gespräch wirklich von Bedeutung war.

Lynnes ausdrucksstarke Augen brannten mir ein Loch ins Gehirn, während sie eisern schwieg. In ihrem verkniffenen Gesicht konnte ich das Wechselbad der Gefühle verfolgen. Dennoch hatte ich keinen Schimmer, was sie in ihrem hübschen Schädel ausgeheckt hatte. Sie schien wütend zu sein. Oder doch traurig? War das Mitleid, das da in ihrem Blick aufblitzte? Die einzige Emotion, die ich einwandfrei identifizieren konnte, war Entschlossenheit. Was auch immer sie sich da in den Kopf gesetzt hatte, offenbar würde ich es nicht abwenden können.

„Ich will es so. Können wir es dabei belassen?“, fragte sie bissig.

„Nein“, erwiderte ich ohne Umschweife. Nicht mit mir.

Lynne warf die Hände in die Luft und stieß ein Knurren aus, das ich in jeder anderen Situation unterhaltsam gefunden hätte, nur in dieser nicht. Sie rüttelte an meinen Grundfesten. Das war kein Spaß.

Jetzt war sie eindeutig wütend, stampfte auf mich zu und funkelte mich wild an. „Es ist meine Bar.“ Autsch. Das hatte gesessen. „Und ich will, dass sie mehr oder wenigstens überhaupt mal Profit abwirft.“ Ging es ihr etwa darum? Ums liebe Geld? Mit jedem Wort redete sie sich mehr in Rage. „Wir haben beide nichts davon, wenn wir in ein paar Monaten die Kreditraten wieder nicht bedienen können. Ich kenne nämlich keinen anonymen Gönner, der mir eben mal mit einem Sack voll Geld unter die Arme greift. Außerdem will ich dich für deine Arbeit bezahlen können. Es kann doch nicht angehen, dass du dir den Arsch aufreißt und nicht entlohnt wirst!“ Sie stockte und presste die Lippen fest aufeinander, als hätte sie etwas gesagt, das sie eigentlich für sich hatte behalten wollen.

Ein eigenartiges Gefühl durchzuckte mich. Es erinnerte mich an Marian, obwohl es sich in einem wichtigen Punkt von dem unterschied, was ich in Bezug auf sie empfunden hatte. Von dieser Miss Stuart wollte ich nämlich um einiges mehr, als ich es bei ihrer Mutter getan hatte. Aber das, was sie hier veranstaltete, wollte ich definitiv nicht. Weder diese unsägliche Anziehung, die sie auf mich ausübte, noch, dass sie sich um meine Angelegenheiten kümmerte. Und schon gar nicht, dass sie die Bar auf den Kopf stellte.

„Warte! Soll das heißen, du willst die Bar verschönern, damit sie mehr abwirft, um mich bezahlen zu können?“, presste ich hervor. Ich glaubte es einfach nicht. War das ihr Ernst? Warum …?

Ihre nächsten Worte unterbrachen jäh meine Gedanken. „Ja, verdammt! Finde dich gefälligst damit ab. Ich will die Bar eigentlich nicht. Ich brauchte bloß ein Dach über dem Kopf, um in Ruhe arbeiten zu können. Das kann ich aber nicht, wenn nicht alles geregelt läuft. Ich wäre dir dankbar, wenn du weiterhin hier arbeiten würdest – kann, will und werde es allerdings nicht ohne Bezahlung von dir verlangen. Egal welche Art von Vereinbarung du mit meiner Mutter hattest, ich möchte es auf meine Art machen. Also hilfst du mir jetzt oder nicht?“ Lynne atmete schwer und sah mich derartig durchdringend aus ihren grün schimmernden Augen an, dass mein Körper sofort heiß zu prickeln begann. Diese aufgedrehte, eigensinnige und unerwartet feurige Frau brachte mich zur Verzweiflung.

„Was, denkst du, das zwischen deiner Mutter und mir war?“, sprach ich das Erste aus, das mir nach ihrer kleinen Rede in den Sinn kam.

Verlegen knabberte Lynne auf ihrer Unterlippe herum und zuckte mit den Schultern. „Sag du es mir“, verlangte sie unter offensichtlicher Anspannung.

Ich musste ihr jetzt irgendetwas Plausibles liefern, sonst würde sich ihr absurder Verdacht, ich hätte etwas mit Marian am Laufen gehabt, nur erhärten. Aber wie sollte ich das anstellen, ohne gewisse Geschehnisse aus meiner Vergangenheit anzusprechen, die ich um keinen Preis mit ihr teilen wollte?

„Die Beziehung zu deiner Mutter war immer rein freundschaftlich. Wir hatten nie Sex“, stellte ich klar.

Lynnes Schultern sackten merklich nach unten, und sie stieß erleichtert Luft aus, sah mich dann aber wieder abwartend an. Offenbar wollte sie mehr hören. Verdammt noch mal!

„Sie hat mir in einer recht ausweglosen Situation eine Chance gegeben und ein Zuhause. Mehr habe ich nicht …“ Verdient. Ich zögerte und schluckte das Wort herunter, mit dem ich diesen Satz eigentlich hatte beenden wollen. Es hätte bloß weitere Fragen aufgeworfen. „… gewollt“, sagte ich stattdessen. Sie wirkte nicht überzeugt. Damit sie ja nicht auf die Idee kam, weiter nachzubohren, fügte ich schnell hinzu: „Mach mit der Bar, was du willst. Du hast recht, sie gehört dir. Ich helfe dir, die Jukebox wieder zusammenzusetzen. Darüber hinaus halte ich mich aber raus. Ich finde nicht, dass Änderungen nötig sind. Also: deine Bar, deine Verschönerungsmaßnahmen, deine Arbeit.“

Lynne

Zum Teufel mit diesem arroganten Mistkerl! Die Erleichterung, nachdem er klargestellt hatte, dass er nicht der Toy Boy meiner Mutter gewesen war, konnte mich kaum über die zum Himmel schreiende Ignoranz hinwegtrösten, die er an den Tag legte. Wie konnte man derart stur und verbissen an seinem eigenen Nachteil festhalten? Verspürte er nicht auch die Sorge, dass alles den Bach runterging? Die Bar war ihm nicht egal, das konnte sogar ein Blinder erkennen, und doch war er nicht bereit, etwas zu ändern, um damit hoffentlich eine entspanntere finanzielle Lage herbeizuführen.

„Schön“, knurrte ich und überging seinen stechenden Blick.

Lex setzte sich augenblicklich in Bewegung, peilte die Jukebox an, schnappte sich die Schaltplatte mit einer Leichtigkeit, als wöge sie nicht zwei Zentner, und setzte sie punktgenau an die Stelle zurück, wo sie hingehörte. Mir klappte der Mund auf. Ich hatte mir beinah den Hals gebrochen beim Herunterheben des Teils und Mr. Mach-doch-was-du-willst kostete es keinen Tropfen Schweiß. Die Welt war ungerecht!

Selbstzufrieden rieb er sich in bestem Alles-erledigt-Stil die Hände, bevor er mir voll triefendem Sarkasmus viel Erfolg wünschte und verschwand.

Na, das ist ja absolut blendend gelaufen. Ganz toll gemacht, Lynne, rügte ich mich selbst. Offenkundig hatte meine mickrige Sozialkompetenz nicht ausgereicht, um diese Misere positiv und Männerego schonend abzuhandeln. Lex war beleidigt. Na gut, sollte er eben schmollen!

Von grimmigem Eifer getrieben, griff ich nach einem Schraubenzieher und den rostigen Schrauben der Jukebox und machte mich daran, sie fertig zusammenzubauen. Danach sammelte ich das restliche Werkzeug und die alten Vinylplatten ein und verstaute alles im Büro.

Zurück in der Bar betrachtete ich skeptisch den beschädigten Linoleumbelag. Wenn ich ihn entfernen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als die ganzen Tische, Stühle und Barhocker aus dem Weg zu schaffen. Seufzend ging ich zur Eingangstür und schloss auf. Die warme Frühsommerluft empfing mich, und ich hatte das Gefühl, endlich wieder durchatmen zu können. Mochte sein, dass Lex nichts von meinem Vorhaben hielt. Womöglich war es zum Scheitern verurteilt. Aber das brachte mich nicht davon ab. Ich würde das durchziehen, egal ob er mich nun unterstützte oder nicht.

Mit neuem Elan räumte ich einen Stuhl nach dem anderen vors Haus. Bei den Tischen hatte ich größere Probleme. Und diese verdammten Barhocker waren dermaßen schwer, dass mir nach dem letzten die Arme schmerzend durchhingen. Der Schweiß rann mir in dünnen Rinnsalen den Rücken hinab, und am liebsten hätte ich mich auf der Stelle auf den Bürgersteig gelegt. Dabei fing die schweißtreibende Arbeit erst an. Der Boden musste raus. Also schleppte ich meinen müden Körper zum Tresen, genehmigte mir eine Coke und krempelte die imaginären Ärmel hoch.

An manchen Stellen ließ sich das brüchige Linoleum überraschend leicht ablösen. Dort aber, wo die Tische gestanden hatten, war er durch den jahrelangen Druck regelrecht festgefressen. Jedes Ziehen und Zerren war aussichtslos. Schließlich kratzte ich die klebrigen Reste auf allen vieren mit dem Spachtel ab.

Als es draußen langsam dämmerte, war ich endlich fertig. Fix und fertig, um genau zu sein. Mein ganzer Körper schmerzte. Die rechte Hand war vom Umklammern des Spachtels völlig verkrampft, daher ließen sich meine Finger nur mehr unter Protest bewegen.

Den ganzen Tag über hatte ich nichts gegessen, abgesehen von ein paar Erdnüssen aus der Bar, weshalb mir jetzt gehörig der Magen durchhing.

Im Vertrauen, dass niemand altes, abgelebtes Barmobiliar stehlen würde, ließ ich es draußen stehen, schloss ab und schlurfte mit brennenden Muskeln die Treppe nach oben. Lex hatte sich tatsächlich kein einziges Mal blicken lassen, das wurde mir bewusst, als ich nun an seiner geschlossenen Wohnungstür vorbeiging. Ich verzog das Gesicht und lenkte meine Schritte zu meinen eigenen vier Wänden.

Warum störte es mich, dass er schmollte? Es sollte mir egal sein, war es aber ganz und gar nicht. Mit schmerzender Hand betätigte ich den Lichtschalter und staunte nicht schlecht. Auf dem Couchtisch stand ein Teller mit Sandwiches. Meine Augen wurden groß, und der Sabber tropfte mir beinah aus dem Mund. Begeistert gab mein leerer Magen ein lautes Grollen von sich, und ich stürzte mich wie ein Raubtier auf das Essen. Dabei fühlte ich ein Ziehen im Bauch, das weder von meinen überbeanspruchten Muskeln noch vom Hunger kam. Lex hatte mir etwas zu essen gemacht. Ich war ihm nicht egal. Er sorgte sich um mich. Tat das, was meine Mutter nie getan hatte. Ein ungewohnt warmes Gefühl machte sich in mir breit.

Lex

Sie brachte alles durcheinander. Meinen Alltag, der nach Marians Tod ohnehin aus den Fugen geraten war. Meine Hormone, die jedes Mal zu summen begannen wie ein verdammtes Hornissennest, sobald ich in ihre Nähe kam. Mein vermaledeites Gefühlsleben, das ich versuchte, so gut es eben ging, zu ignorieren. Und jetzt noch die Bar. Ich wollte das alles nicht.

Natürlich war mir bewusst, dass es ohne Gehalt immer recht knapp sein würde, aber es reichte. Da war ich mir sicher. Lynne dramatisierte alles und machte mich damit auf so vielfältige Weise verrückt, dass ich Sorge hatte, bald Amok zu laufen. Das Schlimmste daran war, sie machte es scheinbar nicht allein dafür, um die Bar erhalten zu können. Dass sie sich nicht für das Geschäft interessierte, hatte sie deutlich gemacht. Sie tat es auch für mich. Diese dämlichen Verschönerungsmaßnahmen zumindest, durch die sie sich einen besseren Umsatz erhoffte.

Mochte sein, dass sie ihrer Mutter optisch sehr ähnelte, Lynnes Wesen und ihr Gerechtigkeitssinn hingegen schienen sich deutlich von denen Marians zu unterscheiden. Die hatte sich nie sonderlich darum geschert, ob ich anständig für meine Arbeit entlohnt wurde. Aber nicht aus Boshaftigkeit oder Desinteresse. Marian war einfach total und von Grund auf unorganisiert gewesen. Es war ihr vermutlich nicht einmal groß aufgefallen. Ich wiederum war ihr zu dankbar dafür gewesen, mich nach dem Knast aufgenommen zu haben, endlich neu anfangen zu können, dass ich kein Problem mit der Situation gehabt hatte. Lynne dagegen warf Probleme auf, wohin sie ging.

Sie hatte den ganzen Tag unermüdlich dort unten gewerkelt. Von meinem Fenster aus hatte ich beobachtet, wie diese halbe Portion die schweren Barmöbel vors Haus geschleppt hatte. Nicht nur einmal war ich drauf und dran gewesen, meine Bedenken und meinen Stolz beiseitezuschieben und mit anzupacken. In dem Fall aber hätte ich ihr und mir eingestehen müssen, dass sie recht hatte, und das brachte ich nicht über mich. Also hatte ich versucht, mich ebenfalls zu beschäftigen und den Lärm von unten sowie mein stetig größer werdendes schlechtes Gewissen auszublenden. Ich hatte Wäsche gewaschen, das Badezimmer geputzt und war einkaufen gegangen.

Die Beschäftigungstherapie hatte so lange gewirkt, bis mir aufgefallen war, dass ich den ganzen Tag über nichts gegessen hatte. Dabei waren meine Gedanken wieder zu der selbsternannten Hobbyhandwerkerin gewandert, und ich hatte mich gefragt, ob sie etwas gegessen hatte. Dann hatte ich beschlossen, wenn es mein Ego schon nicht zuließ, Lynne zu helfen, dass ich ihr wenigstens etwas zu essen machen konnte, und hatte ihr einen Teller mit Sandwiches in die Wohnung gestellt. Früher hatte ich das oft für ihre Mutter getan. Ein eigentümliches Déjà-vu hatte mich heimgesucht und die halbe Nacht wachgehalten.

Am nächsten Morgen erwachte ich durch lautes Gefluche. Mir war, als würde Lynne direkt neben mir stehen. Verschlafen und verwirrt sah ich mich im Schlafzimmer um.

„Verdammte Scheiße, warum geht das denn da nicht rein?“, erklang ihre Stimme ganz in der Nähe.

Unwillkürlich musste ich grinsen und schlug die Decke zurück. Mann, konnte die aufdrehen. Als ich aufstand, gelang es mir endlich zu orten, woher die aufgebrachte Stimme und das frustrierte Brummen kamen. Ich hechtete zum gekippten Fenster und riss es auf. Da stand sie, direkt unter meinem Schlafzimmer und hantierte mit der verdreckten Abdeckung der Leuchtreklame herum. Das U im Schriftzug Stu’s Bar, der über der Eingangstür angebracht war, leuchtete seit knapp zwei Jahren nicht mehr. Marian hatte das nie gestört, und auch ich hatte, was ich zu meiner Schande gestehen musste, nie daran gedacht, die Glühbirne auszutauschen. Lynne aber hatte zwei der wackeligen Tische und einen Stuhl aufeinandergestapelt und balancierte nun, weiterhin lauthals fluchend, darauf, bemüht, die Abdeckung wieder anzubringen. Beim Anblick ihrer schwankenden Gestalt wurde mir sofort anders. Blitzartig war ich hellwach.

„Was, zum Geier, machst du da?“, stieß ich ungläubig hervor und sah auf sie hinunter.

Ein großer Fehler, wie ich feststellen musste. Lynne erschrak und wäre beinah von dem Möbelturm gefallen, der bedrohlich zu schwanken begann. Jetzt fluchte ich ebenfalls und stürmte los, während sich Bilder von einer abgestürzten, verletzten Lynne wie Säure durch meinen Kopf fraßen. Eilig drückte ich die Wohnungstür auf. Kümmerte mich nicht darum, dass sie hart gegen die Wand schlug, und nahm immer zwei Stufen auf einmal auf meinem Weg die Treppe hinunter. In der Bar erwartete mich ein penetranter Duft nach Zitronen und ein linoleumfreier, schwarz-weiß karierter Fliesenboden, den Lynne offenbar frisch gewischt hatte. Ich kam ins Schlittern, fing mich aber wieder, bevor ich der Länge nach aufschlagen konnte, und nutzte den Schwung, um mich mit voller Kraft gegen die schwere Eingangstür zu stemmen. Sie schwang auf, und mein Blick heftete sich sofort auf Lynnes aufgerissene Augen. Unter einem Arm hielt sie nach wie vor die U-Abdeckung geklemmt. Mit der freien Hand klammerte sie sich an die Halterung der Leuchtreklame. Ein Bein des oberen Tisches war von dem darunter stehenden gerutscht, daher wurde der Sessel, der die Spitze des Turms bildete, nur mehr durch Lynnes zitternde Beine auf dem schiefen Stapel gehalten. Sie ächzte und wimmerte leise unter der Anstrengung, sich mit einer Hand vor dem Abstürzen zu bewahren. Ich positionierte mich hinter ihr und breitete die Arme aus.

„Hey, ich bin ja da. Alles wird gut. Lass dich einfach nach hinten fallen“, sagte ich so ruhig ich konnte. Dabei tobte ein Tornado in meinem Inneren. Mein Herz pochte so fest gegen meinen angespannten Brustkorb, dass es wehtat. Wenn sie sich tatsächlich verletzen würde, könnte ich mir das niemals verzeihen.

„Bist du irre?“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und wimmerte erneut, weil der Stuhl weiter unter ihren Füßen wegglitt.

„Vertrau mir“, flehte ich, und dann ging alles ganz schnell. Der Stuhl rutschte vollends unter ihr weg und krachte mitsamt dem Tisch seitlich auf den Gehweg. Lynne kreischte, verlor den Halt und kippte nach hinten. Sie landete ächzend in meinen offenen Armen. Instinktiv drückte ich ihren zitternden Körper fest an meine Brust und vergrub das Gesicht in ihrem wirren Haar. Sie roch gut, obwohl sich unter die Süße eine leicht chemische Zitronennote mischte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir so dastanden. Lynne ihre Hände fest um die blöde Abdeckung gekrallt, die sich mit jedem ihrer schweren Atemzüge hob und senkte, ich meine Arme stützend unter ihrem Rücken und ihren Kniekehlen. Langsam ebbten Panik und Adrenalin ab und machten Platz für ein anderes berauschendes Gefühl. Ich genoss jeden einzelnen Sekundenbruchteil, in dem ich ihr nah sein konnte, auf eine bittersüße Art und Weise.

Irgendwann hob sie zögerlich den Kopf und sah mir direkt in die Augen. Ihre Iriden funkelten wie flüssige Smaragde und brachten mein Blut erneut in Wallung. Lynnes zartes Gesicht war blass, nur ihre Wangen überzog eine leichte Röte. Ihre einen Spalt breit geöffneten Lippen zogen mich magisch an. Ich starrte hypnotisiert darauf, während sich mein Kopf zu ihrem senkte. Sie schnappte hörbar nach Luft, als sich mein Atem mit ihrem vermischte. Unsere Lippen waren kurz davor sich zu berühren. Der Drang, sie zu küssen, sie ganz und gar mit meinem Mund in Besitz zu nehmen, war übermächtig und verbannte jeden vernünftigen Gedanken.

„Sucht euch ein Zimmer“, rief jemand hinter mir und ließ uns erschrocken auseinanderfahren. Lynne hüpfte in hohem Bogen aus meinen Armen und sah sich ertappt nach der Quelle unserer unliebsamen Unterbrechung um. Ein junger Typ, vielleicht ein Student des örtlichen College, ging kopfschüttelnd und mit einem anzüglichen Grinsen in seinem pickeligen Gesicht an uns vorbei.

Schlagartig wurde mir wieder bewusst, dass ich lediglich ausgewaschene Shorts trug.

„Komm, lass uns reingehen“, sagte ich mit rauer Stimme, fasste Lynne am Ellenbogen und bugsierte sie an den umgefallenen Möbeln vorbei in die Bar. Sie ließ es anstandslos geschehen, legte die Abdeckung der Leuchtreklame auf den Tresen und blieb mit dem Rücken zu mir stehen. Noch immer erfüllte der penetrante Putzmittelgestank die Luft, zerrte an meinen überreizten Sinnen.

„Danke“, meinte Lynne leise und wandte sich halb zu mir um. Die weichen Züge ihres Profils hoben sich gegen das hereinscheinende Licht ab.

„Wofür?“ Dafür, dass du dir meinetwegen fast den Hals gebrochen hättest?, fügte ich in Gedanken grimmig dazu.

Lynne sah mich jetzt mit festem Blick an. „Für die Sandwiches und fürs Auffangen.“ Ihre Worte brachten etwas in meiner Brust zum Rumoren.

„Ich werde dir ab jetzt helfen“, hörte ich mich selbst erwidern, woraufhin sich Lynnes Augen überrascht weiteten.

„Offensichtlich kann man dich mit deinen Verschönerungsmaßnahmen“, ich betonte das Wort bewusst abfällig, „nicht allein lassen.“ Sie kräuselte die Lippen, und ich erwartete eine schnippische Antwort, doch sie überraschte mich mit einem hellen Lachen.

„Sieht ganz so aus“, stimmte sie mir schmunzelnd zu und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Ihre schmutzigen Finger hinterließen einen grauen Streifen direkt über ihrer linken Augenbraue. Ich erwiderte ihr Lächeln, während ich mich bemühte, das angenehme Ziehen hinter meinen Rippen auszublenden.

Lynne

Ich sah die Schlagzeile schon vor mir: Eingebildeter Barkeeper von talentierter Informatikerin ermordet. So zumindest könnte Lex’ Zukunft aussehen, wenn er mich weiterhin dermaßen in den Wahnsinn trieb. Zuerst zeigte er mir schmollend die kalte Schulter – von den Sandwiches einmal abgesehen –, obwohl ich ihm eigentlich bloß helfen wollte, dann fing er mich Superman-gleich auf und brachte damit mein Blut zum Kochen. Es ging mir so was von gegen den Strich, was er mit mir anstellte, und ich war fest entschlossen, ihn dafür büßen zu lassen.

„Den auch noch“, kündigte ich fröhlich an und warf den letzten der vier rauchgrauen Vorhänge aus dem Wohnraum meines Apartments in Lex’ Arme. Er wurde von dem schweren Stoff begraben und nieste herzhaft, wobei der Zipfel, der auf seinem Gesicht gelandet war, wieder hinunterrutschte. Sein dunkles Haar war zerzaust und elektrisch aufgeladen. Es stand ihm in alle Richtungen ab, als hätte er mit einem Luftballon darüber gerubbelt. Ich konnte mir das schadenfrohe Lachen nur mit äußerster Mühe verkneifen.

„Wofür brauchen wir das, bitte schön, alles?“, grummelte er und blies sich genervt eine Haarsträhne aus den Augen.

„Die werden zu Tischdecken umfunktioniert. Die Tische sind dermaßen zerkratzt, dass sie eigentlich auf den Sperrmüll gehören. Da uns aber das nötige Kleingeld für derlei kostenintensive Investitionen fehlt, müssen wir ein wenig tricksen.“

„Ich hätte dich gar nicht für jemanden gehalten, der sich mit Innenarchitektur-Hacks auskennt“, zog er mich auf und folgte meiner wedelnden Hand in Mums altes Schlafzimmer.

Die unbeschwert neckische Stimmung zwischen uns verpuffte schlagartig. Hier drin war sie gestorben. Hier hatte Lex seinen Erzählungen zufolge verzweifelt versucht, meine Mutter wiederzubeleben. Ich mied den Raum normalerweise, vor allem deshalb, weil ich dort zuletzt einen mittelschweren Nervenzusammenbruch erlitten hatte, aber jetzt brauchte ich etwas Bestimmtes aus Mums Kleiderschrank.

Mit verkniffener Miene beförderte ich einen Stapel bunt zusammengewürfelter Lederröcke in allen Längen und Stilrichtungen zutage. Meine Mutter war vielleicht kein Modefreak gewesen, Lederröcke hatte sie allerdings geliebt, seit ich denken konnte. Sie waren ihr Markenzeichen gewesen, wie meines die Computersprüche-Shirts waren.

„Gut, ich denke, das ist erst mal genug“, verkündete ich zufrieden und packte den Klamottenstapel oben auf die Vorhänge in Lex’ Armen.

„Denkst du, ja?“, nuschelte er ironisch an den Teilen vorbei, die sein halbes Gesicht verdeckten. Ich tat, als würde ich ernsthaft darüber nachdenken, und begegnete seinem erschrockenen Blick. Jetzt konnte ich mein Lachen unmöglich zurückhalten, nahm ihm dafür gnädigerweise ein paar der Stoffstücke ab.

Mit unserer Beute betraten wir die Bar. Der Fliesenboden war immer noch ein ungewohnter, wenn auch sehenswerter Anblick. Zum Glück war der widerlich chemische Putzmittelgeruch mittlerweile verflogen.

Wir hatten die Möbel wieder nach drinnen getragen, wobei es meine von schlimmem Muskelkater geplagten Arme Lex dankten, dass er sich um die schweren Tische und Barhocker gekümmert hatte. Bei der Erinnerung an den Anblick seiner angespannten Oberarmmuskeln lief mir gleich wieder das Wasser im Mund zusammen.

„Hallo, Erde an Lynne. Was machen wir jetzt mit dem ganzen Zeug?“ Lex schnippte mit den Fingern vor meinem Gesicht herum und riss mich damit aus meinen Tagträumen.

„Äh … ja“, gab ich intelligenzsprühend von mir und holte einige weitere Utensilien aus dem Büro.

Die Vorhänge breitete ich über der Theke aus, maß einen der quadratischen Tische ab und übertrug den Wert auf den Stoff. Voller Enthusiasmus schnitt ich einen Vorhang nach dem anderen zurecht, während mich Lex skeptisch musterte.

„Das franst doch alles aus“, meckerte er und zupfte einen Faden von der sich aufdröselnden Schnittkante des letzten Vorhangs.

„Gut erkannt, Mister Neunmalklug“, konterte ich seelenruhig und warf ihm eine in dünne Plastikfolie eingeschweißte Rolle zu. Er fing sie auf und starrte sie fragend an. „Das ist ein Saumstreifen zum Aufbügeln“, erklärte ich und griff nach der zweiten Rolle, die ich zusammen mit den Putzmitteln und den Glühbirnen im Haushaltswarenladen um die Ecke gekauft hatte.

„Wir haben aber kein Bügeleisen“, gab Lex zu bedenken.

„Aber einen Plattentoaster“, ließ ich ihn wissen. Sein Blick war unbezahlbar.

„Einen Plattentoaster?“, wiederholte er ungläubig.

Ich nickte. „Auf diese Weise habe ich ab der zehnten Klasse die Röcke und Ärmel meiner Schuluniform gekürzt“, sagte ich ernst.

Lex gab ein ungläubiges Glucksen von sich. Er dachte bestimmt, ich wollte ihn auf den Arm nehmen. Nachdem ich die Säume des ersten Vorhangs alias Tischtuchs mithilfe des schmalen weißen Bügelstreifens und unseres Plattentoasters fixiert hatte, stand Lex der Mund offen. Ich hatte ihn ganz offensichtlich überrascht. Er wiederum überraschte mich damit, es selbst unbedingt ausprobieren zu wollen, und so waren wir bald mit dem neuen Outfit für alle Tische fertig. Nachdem wir auch die Barhocker von den brüchig gewordenen Kunstlederüberzügen befreit und mit Teilen von Mums Röcken neu tapeziert hatten, betrachtete ich zufrieden unser Werk. Es sah gut aus. Das Grau der Tischdecken harmonierte wunderbar mit den Fliesen und dem dunklen Holz der Einrichtung, aber irgendetwas fehlte. Ein Hingucker.

„Komm mit, Lex“, sagte ich, nahm ihn an der Hand und zog ihn hinter mir her, bis wir vor dem Altglascontainer hinterm Haus Halt machten.

„Was wollen wir hier?“, fragte er und sah mich wieder an, als hätte ich den Verstand verloren. Konnte er sich denn nicht auf meine kreative Genialität einlassen, ohne dauernd Widerworte zu geben?

„Weniger Fragen stellen, mehr mit anpacken!“ Ich drückte Lex einen leeren Bananenkarton in die Hände. Dann schob ich den Deckel des Containers auf und lugte hinein. Darin kugelten jede Menge leere Spirituosenflaschen in unterschiedlichen Farben und Größen herum. Genau das, wonach ich suchte. Auf Zehenspitzen angelte ich mit weit ausgestrecktem Arm nach einer viereckigen Jack-Daniels-Flasche, scheiterte jedoch kläglich. Ich war einfach zu kurz geraten. Wohl oder übel musste ich zu den Objekten meiner Begierde in den Container steigen. Seufzend wollte ich mich gerade umdrehen, da packte mich ein Paar starker Arme und hob mich hoch. Überrumpelt quietschte ich wenig ladyhaft und wäre vor Schreck beinah kopfüber in die Flaschenflut gekippt, hätte mich Lex nicht festgehalten. Seine Arme hatte er um meine Oberschenkel geschlungen, seine Wange presste sich gegen meinen Po. Ach, du lieber Himmel!

„Ich … ich …“, stotterte ich blöde vor mich hin und wollte nichts lieber, als mich aus seiner Umklammerung zu winden. Sein fester Griff und diese unerwartete Nähe jagten heiße Wellen durch meine Adern.

„Mach schon“, befahl Lex mit angestrengter Stimme.

Ich gehorchte und suchte mir acht unterschiedliche Flaschen aus dem Sammelsurium heraus. Jeweils zwei klemmte ich mir links und rechts unter die Achseln, während ich weitere vier in den Händen hielt. „Fertig“, ließ ich ihn wissen.

Lex lockerte vorsichtig seinen Griff um meine Beine, sodass ich langsam und immer noch eng an ihn gepresst Richtung Boden glitt. Die berauschende Reibung unserer Körper ließ mich ein wenig schwindeln. Ich musste einen Moment innehalten, um mich zu sammeln. Verdammt, er zog mich an wie das Licht eine kleine sexhungrige Motte. Dabei war ich eigentlich gar nicht auf einen Mann aus. Ich gehörte nicht zu den Frauen, die jede Gelegenheit zum Flirten nutzten. Ja, ich wusste nicht einmal, wie das ging! Trotzdem wurden meine Knie bei diesem ganz speziellen Exemplar weich. Es war zum Heulen.

Lex schien das wenig auszumachen. Nachdem er mich abgesetzt hatte, schnappte er sich sofort die Bananenkiste und hielt sie sich vor den Bauch, bereit, mir die Flaschen abzunehmen.

„Was jetzt, MacGyver?“, wollte er wissen, mied aber meinen Blick. Seine betonte Lässigkeit, die meinem laut pochenden Herzen entgegenstand, ärgerte mich.

„Fliesenschneider“, antwortete ich bemüht gleichgültig, stellte die Flaschen in Lex’ Kiste und ging ihm voran wieder hinein.

 

Während Lex seinen Dienst in der Bar schob, verzweifelte ich an meiner eigenen selbstgefälligen Großkotzigkeit. Ich, die Bastelfee! Bah! Da hatte ich mir schön was eingebrockt. Irgendwann vor Urzeiten war ich auf Facebook über ein DIY-Dekodingens-Video gestolpert. Eigentlich hatte ich mir den Clip nur deshalb reingezogen, weil die Tante mit den mintfarbenen Fingernägeln unter anderem alte PC-Teile zu Dekoration umfunktioniert hatte. Aus purer Langeweile hatte ich ihr weiter dabei zugesehen, wie sie leere Weinflaschen mit einem Fliesenschneider am unteren Ende geöffnet und mit Kerzen befüllt hatte. Bei ihr hatte das vollkommen leicht ausgesehen, wie sie die Flaschen eingehängt und einfach ein paarmal im Kreis gedreht hatte. Schwupp war das Glas durchgeschnitten gewesen, und sie drapierte einen kitschigen Blumenstrauß darin. Ich allerdings brach mir beinah die Finger bei dem Versuch. Meine Flasche war zwar zerkratzt, dennoch weit davon entfernt, durchgeschnitten zu sein. Ich war drauf und dran, die Dinger samt des Fliesenschneiders aus dem Fenster zu werfen.

„Hey.“ Ich schreckte hoch und sah in Lex’ müdes Gesicht. War es schon so spät? „Noch immer am Werkeln?“, fragte er.

Brummend verzog ich das Gesicht. „Es klappt nicht“, gestand ich zerknirscht. Sollte er doch denken, was er wollte, mich auslachen oder mir sagen, dass er es gleich gewusst hatte. Lex aber lachte nicht oder kam mit einem besserwisserischen Spruch um die Ecke.

„Lass mal sehen“, meinte er stattdessen und zog den sperrigen Fliesenschneider zu sich herüber. „Also, wie soll das funktionieren?“, wollte er ungewöhnlich sanft wissen und strich mit dem Finger über das kleine graue Rädchen, das dafür da war, einen Ritz in die Fliesen zu schneiden.

„Man macht mit dem Folterinstrument da eine Rille in das Glas, die einmal rundherum geht. Danach stellt man die Flasche in heißes Wasser und anschließend in eiskaltes. Eigentlich sollte sie dann an der angeritzten Stelle aufbrechen“, erklärte ich.

„Klingt simpel“, erwiderte Lex und griff sich eine Flasche.

„Ist es aber nicht. Ich schaffe es nicht, eine saubere Linie ins Glas zu schneiden.“ Demonstrativ hielt ich ihm die Flasche vor die Nase, in die ich kunstvolle, aber völlig unbrauchbar krakelige Rillen gezogen hatte.

Er nickte und setzte seine eigene in den Fliesenschneider. Langsam und mit Bedacht drehte er sie einmal komplett um sich selbst. Fasziniert und zugegebenermaßen neiderfüllt sah ich ihm dabei zu, wie er am Ende wieder exakt den Ausgangspunkt traf und einen perfekten Ring in den Flaschenkörper gravierte. Er drehte die Flasche zwei weitere Runden im Kreis, bis die Rille eine ansehnliche Tiefe aufwies.

„Das kann doch nicht wahr sein!“, schimpfte ich. „Warum kriegst du das hin und ich nicht?“

Lex grinste schief. „Mir scheint, Miss Stuart, es fehlt Ihnen am nötigen Feingefühl für diese Aufgabe.“

„Ich geb dir gleich Feingefühl, du elender Angeber“, rief ich und holte mit der verhunzten Flasche aus, ohne ihn tatsächlich schlagen zu wollen.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878490
ISBN (Buch)
9783960878735
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494970
Schlagworte
New-Young-Adult-Roman-c-e Gegensätze USA-Liebe-s-roman-e Liebesromane für junge Erwachsene Urlaubsromane für Frauen Bad-boy-liebe-s-roman-c-e Nerd-Liebe-s-roman-c-e

Autor

  • Daniela Kappel (Autor)

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Titel: Perfect Opposites