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Das Café zum Glück

von Nadin Maari (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Coffee to go? Nicht für Claire, deren Herz für ihr gemütliches Café Coffee To Stay schlägt, eine duftende Kaffee-Oase inmitten Berlins. Neben ihrem Café liebt Claire auch ihren Freund Tobias über alles - und das gummibärchengroße Baby in ihrem Bauch. Aber dieses Geschenk bleibt vorerst ihr Geheimnis.
Bis zur Nasenspitze mit Glück gefüllt, möchte Claire Tobias schließlich die freudige Nachricht mitteilen. Doch kommt er ihr mit einer eigenen Überraschung zuvor, denn er hat die Chance, einen tollen Job in Kalifornien zu ergattern.
Claire muss sich entscheiden: to stay oder to go?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe August 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-619-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-629-8

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
© elesi, © Markushon, © attapoljochosobig, © Jul_g, © Macrovector und © Phonlamai Photo/shutterstock.com, ©NiroDesign/depositphotos.com,
© Annalise Batista und © Ricardo Cerqueira /pixabay.com
Lektorat: SL Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Minsi

 

Weil Du das Coffee To Stay genauso liebst wie Claire.

I love you 3.000

 

Kapitel 1

C wie Coffee To Stay

Café

Der behaglichste aller Orte, eine duftende Kaffeeoase voller delikater Köstlichkeiten, lädt herzlich zum Verweilen ein.

Es heißt, Nektar sei das Getränk der Götter. Dem möchte ich nicht widersprechen, denn Götter gehören gewöhnlich nicht zu meinem alltäglichen Umgang. Was ich aber definitiv weiß: Kaffee ist das Getränk von uns Menschen. Egal ob groß oder klein, dick oder dünn, monitorblass oder solariumbraun, für alle gibt es die perfekte Tasse Kaffee.

Nehmen wir einen überspannten, müden, vom Lernen gebeugten Studenten mit Prüfungsangst. Was würde den armen Kerl aufrichten? Ein schnöder Filterkaffee sicherlich nicht. Nein, hier brauchen wir mehr Raffinesse, hier brauchen wir ein Kaffeedessert – wie wäre es mit einem Affogato al caffè? Süßes, sinnliches Vanilleeis wird übergossen mit einem heißen Espresso, geröstet aus hawaiianischen Kona-Bohnen. Die Wärme der Bourbonvanille und das Feuer des Espressos wecken den Geist und den Körper unseres Studenten und lassen ihn durch sein Examen tanzen.

Froh, endlich die Kaffeelösung für ihn gefunden zu haben, mache ich mir in Gedanken eine Notiz für den müden Studenten, der immer mittwochs und freitags gegen halb vier in mein Café Coffee To Stay schleicht.

Zufrieden mit mir und der Kaffeewelt schnuppere ich an meiner dampfenden Tasse, randvoll gefüllt mit einem Cappuccino con panna. Die süße Sahne trifft auf die fruchtige, zartherbe Würze eines Monsooned Malabar und wickelt meine Sinne ein. Wäre ich jetzt eine Katze, ich würde schnurren.

Allerdings fühle ich mich in meiner menschlichen Form ebenfalls recht zufrieden, auch ohne schnurren zu können.

Ich lasse meinen Blick über die fünf Tische gleiten, die auf der Terrasse vor mir auf Gäste warten. Seidige Tischtücher flattern in einer lauen Frühlingsbrise, und aus den Kristallvasen darauf recken sich himbeerrote Akeleien einem blitzblauen Maihimmel entgegen, von dem die Sonne herunterlacht.

Für einen Moment schließe ich die Augen und strecke mein Gesicht der Wärme entgegen. Nach dem langen, nasskalten Winter, der sich skandalöserweise bis weit in den April hinzog, giert jede Zelle meines Körpers nach dem Licht der Sonne. Auf meiner Nase kribbelt es und Dutzende sandfarbener Sommersprossen erwachen darauf zum Leben.

Da es in den letzten Tagen herrlich warm geworden ist, haben mein Mitarbeiter Arian und ich gestern die schmiedeeisernen Tische und Stühle nach draußen vor das Café gestellt. Ich spüre es bis in meine hellroten Haarspitzen, die sich in alle Richtungen kringeln, dass uns ein phänomenaler Sommer bevorsteht. Zumindest so phänomenal wie ein Sommer nördlich der Alpen – sehr weit nördlich der Alpen – für Berliner Verhältnisse nur sein kann.

Mit einer Hand beschatte ich meine Augen und sehe über den breiten Kiesweg zum Rosenpark, der sich vor mir erstreckt. Dort stellen die ersten wilden Frühlingsrosen verschwenderisch ihre Blütenpracht zur Schau, und dahinter glänzt in der Sonne das Charlottenburger Schloss. Leise dringt der Lärm der Großstadt in unser adrettes Blumenviertel, fröhliches Lachen und gemurmelte Gespräche bestimmen den Alltag in meiner duftenden Kaffeeoase.

»Hei, Claire! Schon etwas zu sehen?« Kuka, die Besitzerin des Lakka, dem Blumenladen neben dem Coffee To Stay, gesellt sich zu mir. Ihr unverwechselbarer, herbfrischer Gartenduft, der sie immer umgibt, vermischt sich mit dem letzten Dufthauch aus meiner Kaffeeschale.

»Noch nicht, aber lange kann es nicht mehr dauern.« Mein Blick wandert quer über das holperige Kopfsteinpflaster auf die andere Straßenseite, nach oben zu der Schnörkeluhr an der schiefen Kirchturmspitze der Kleinen Kirche am Rosenpark. Just in diesem Augenblick lassen die alten Bronzeglocken elfmal ihr tiefes Läuten ertönen.

Gespannt starren Kuka und ich auf die mächtige Holzpforte der Backsteinkirche, doch sie bleibt verschlossen.

»Das reicht noch locker für einen Kaffee«, murmelt Kuka, ohne ihren Blick von dem Tor zu nehmen, gerade so, als würde sie es beschwören, weiterhin für mindestens eine Kaffeelänge geschlossen zu bleiben. Kuka misst alles in Kaffeelängen, in finnischen Kaffeelängen. Einen Geburtstagsstrauß zu binden dauert zwei Kaffeelängen, einen Brautstrauß vier, und Oma Gundel aus Hausnummer 27 bei der wöchentlichen Wahl ihres Gerberastraußes zu beraten oft fünf Kaffeelängen.

Ich bin ein echter und bekennender Kaffeemensch und ohne dieses dunkelbraune Gold mag ich nicht sein, doch Kuka steckt mich locker in ihre Gärtnertasche. Auch wenn ihr finnischer Lieblingskaffe zu neunundneunzig Prozent aus heißem Wasser besteht, dem ich in homöopathischen Dosen hell gerösteten Casa-Ruiz-Espresso beifüge – die Menge macht es, und hier reden wir von Litermengen!

Während ich hineingehe, um Kukas Kaffee zu holen, zupft sie bedächtig an dem einen oder anderen Blatt der Federnelken und Herzblumen, die sie letzte Woche in die Terrakottatöpfe rund um die Terrasse des Cafés gepflanzt hat. Dabei murmelt sie der Blütenpracht fremde Worte zu, die sich in meinen Ohren eher nach einer Blumensprache anhören als nach Finnisch.

Die Terrassentür des Cafés steht weit offen und die weiche Mailuft versüßt das Coffee To Stay. Dank der großen Fenster ist es darin genauso hell wie draußen. Der lichtdurchflutete Raum mit den hellen Birkenholzmöbeln und der weißen Kaffeetheke mit den passenden Regalen dahinter lädt zum Verweilen ein. Das klare skandinavische Design zählt zu meinen Favoriten, seitdem ich das erste Mal als Erstklässlerin mit wippenden Pippi-Langstrumpf-Zöpfen mit meinen Eltern den Sommer in Schwedens Schären genoss.

Eigentlich wäre es mal wieder Zeit, in die herrlichen Weiten des Nordens zu ziehen. Warum eigentlich nicht? Tobias und ich haben für diesen Sommer noch keine Urlaubspläne geschmiedet. Da das Café im Sommer natürlich gut besucht ist, wäre es unklug, einen langen Urlaub zu machen, aber ein paar Tage Richtung norwegische Fjorde? Ich werde einfach bei Gelegenheit mit Arian sprechen. Er hat sowieso vorgeschlagen, in den vollen Sommermonaten eine ehemalige Kommilitonin als Mitarbeiterin einzustellen.

Momentan ist das Café leer, denn die Berlintouristen finden in der Regel erst am Nachmittag in unsere verborgene Idylle. Meist haben sie dann bereits das Brandenburger Tor, den Kurfürstendamm und auch den Prenzlauer Berg abgehakt und fangen an, die Selfiesticks wegzupacken und sich abseits ihrer Handykameras umzusehen. Woraufhin sie den Rosenpark entdecken und unsere Altberliner Straßen mit den wundervollen, stuckverzierten Häusern, und nicht mehr weitergehen mögen.

Vormittags ist Einheimischenzeit, doch die meisten Bewohner unseres Viertels befinden sich gerade bei der Hochzeit in der Kirche. Ob offiziell eingeladen oder nicht, die Hochzeiten in der Kleinen Kirche am Rosenpark sind Ehrensachen, genau wie die Taufen und hin und wieder die Beerdigungen.

Die Leute in der Gegend verehren ihre Kirche, wobei die meisten von ihnen alles andere als gläubig sind, geschweige denn katholisch. Und dennoch, unser Pfarrer Ewald liebt sie alle, und trotz seiner nicht immer zielführenden Predigten hören die Kirchengäste ihm gern zu. Es ist jedes Mal großes Theater, wenn er über den schmucken Altar hinwegdonnert. Er deklamiert dann Schwänke über Sünden und die Hölle und erwähnt dabei mindestens einmal die Sintflut und/oder Evas wunderschöne Äpfel. Schließlich landet er bei Themen, welche jedem Bischof die Mütze vom Kopf katapultieren würden.

Was es wohl heute sein mag?

Versonnen schnuppere ich an der silbernen Kaffeedose mit den Arabica-Bohnen aus Panama, die ich heute Morgen frisch geröstet habe. Sie duften nussig und blumig nach Mandeln und roten Johannisbeeren, während ich sie fein mit einer Handmühle mahle. Da Kukas sehr heller, leichter Kaffee bei den anderen Gästen nicht gewünscht ist, reicht mir die übersichtliche Menge. Wobei ich für Kuka mehrmals am Tag übersichtliche Mengen mahle, insgesamt also doch auf einen recht großen Haufen komme. Egal, ich liebe meine alte, schnuckelige Handmühle mit dem von jahrelanger Nutzung weich polierten Eichenholz. Die Mühle hütete schon meine Mutter wie einen Schatz. Zur Eröffnung des Coffee To Stay vor drei Jahren schenkte sie sie mir, zusammen mit einer vollautomatischen Espressomaschine, die ich Bessy getauft habe, wofür ich ihr bei der Zubereitung jedes einzelnen Espressos auf Knien dankbar bin. In Kombination mit meiner Siebträgermaschine gelingt mir gewissermaßen jede Kaffeespezialität diesseits und jenseits des Äquators.

Kukas Kaffee auf finnische Art bereite ich freilich mit meiner wunderschönen Karlsbader Kanne zu, die mich an Madame Pottine erinnert und mich zum Summen diverser Disney-Klassiker animiert. So wie in diesem Augenblick, als ich Voll gerne summend nach einer Keksdose unter dem Tresen angele.

Abrupt muss ich mich beim Aufrichten festhalten, denn statt Sonnenstrahlen sehe ich schwarz-weiße Pünktchen vor den Augen. Mir ist schwummerig und ich brauche einen Moment, bis mein Kreislauf wieder mitmacht.

Tja, ich werde auch nicht jünger, denn bisher kannte ich Wetterfühligkeit nur vom Hörensagen.

Auf einem Tablett bringe ich Kukas Kaffee nach draußen. Sie ist derweil dabei, der letzten Blume in den Kübeln einen recht guten Morgen zu wünschen. Da ich weiß, wie hungrig Kuka immer ist, leistet ein Latte macchiato Cupcake dem Kaffee auf dem Tablett Gesellschaft.

»Mmh, vielen Dank Claire, es duftet herrlich.« In der einen Hand die Kaffeetasse und in der anderen den fluffigen Cupcake mit der gekringelten Cremehaube linst Kuka erneut hinüber zu der Kleinen Kirche am Rosenpark. Da öffnet sich das Tor und begleitet von einem Schwall mächtiger Orgelmusik schreitet das frischverheiratete Paar heraus. Dahinter strömen die Gäste aus der Kirche und bilden eine schnatternde Menge.

Palina, die Fotografin, die ihr Fotostudio auf der linken Seite des Coffee To Stay hat, steckt mit ihrer Fotobegeisterung alle an und animiert selbst den fotofaulsten Teenager der Hochzeitsgesellschaft zu einem strahlenden Lächeln.

Nach Tonnen von geworfenem Reis und mindestens so vielen Gruppenfotos, bei denen sich die Gäste mal hierhin und mal dahin schieben, schlendert Palina mit ihrer Assistentin Wibke und den Eheleuten in den Park.

»Auf geht es«, murmele ich, während Kuka mir leicht auf den Rücken klopft und zurück in ihren Blumenladen tänzelt.

»Mein Job ist getan«, ruft sie mir noch zu, ehe sie sich die pinke Gießkanne schnappt, die sie wie ein Kunstwerk auf einem geschnitzten Holzstück neben dem Eingang präsentiert.

In der Tat hat Kuka vorzügliche Arbeit geleistet. Was ich aus der Ferne von dem Brautstrauß in den Armen der Braut erkennen kann, ist ein Traum aus tiefem Granatrot und Gletscherweiß, der perfekt mit dem eleganten, langen Spitzenkleid der Braut und ihrer feuerroten Hochsteckfrisur harmoniert.

»Meine liebe Claire, es ist mir eine Ehre, auf diese wundervolle Trauung bei Ihnen mit einer guten Tasse Bohnenkaffee anstoßen zu dürfen, derweil wir auf das wunderschöne Brautpaar warten.« Pfarrer Ewald ist wie immer der Erste, der das Coffee To Stay betritt, begleitet von Waltraud, seinem Schatten, ich meine natürlich seiner Haushälterin. Danach folgen in streng hierarchischer Reihenfolge die illustren Bewohner unseres Blumenviertels, angefangen bei Britta Waldheim, der Inhaberin des Strickreichs, bis hin zu den Eltern des Bräutigams, die hier die Neuen sind.

»Fräulein Claire«, flüstert mir Waltraud Hagen zu, während sie darauf bedacht ist, mich ein Stück von Pfarrer Ewald wegzuziehen, der gewohnheitsmäßig alle Tische gründlich inspiziert, um seinen heutigen Lieblingsplatz zu erwählen. »Den guten Bohnenkaffee für den Herrn Pfarrer machen’s bittschön net so stark, gell? Am besten wär er mir ja ohne Koffein und Saures, sie wissen schon, sein Magen und so. Am liebsten wär mir ja ein Pfefferminztee. Aber ich glaub des merkt er, oder Fräulein Claire, was meinen’s?«

Waltraud Hagens kugelrunder Kopf mit den kugelrunden Silberlöckchen wendet sich zwischen Pfarrer Ewald und mir hin und her. Wobei mit jedem Blick all ihre Zuneigung zu dem alten Pfarrer sichtbar wird, als würde man eine Taschenlampe darauf richten. Mütterliche Liebe versteht sich, auch wenn sie beide in den Fünfzigerjahren geboren wurden.

»Ich glaube auch, dass wir uns ziemlichen Ärger mit dem verehrten Herrn Pfarrer einhandeln würden, wenn ich ihm einen Pfefferminztee statt eines Bohnenkaffees bringen würde.« Beruhigend streiche ich Waltraud Hagen über den Arm. »Ich nehme meine mildesten Bohnen und überbrühe sie schonend in der Chemex-Karaffe.«

»Ach, Fräulein Claire, können’s nicht eine gute alte Kaffeemaschine nehmen statt ihrer kämischen?«

Meine Augenbrauen schieben sich in Richtung meiner Locken. Ich kann wirklich gut mit Kritik umgehen, aber nicht bei Kaffee! Deshalb nicke ich nur vage, wobei sich das anfühlt, als hätte ich einen steifen Hals.

»Liebe Frau Hagen, Sie legen jetzt erst einmal in Ruhe Ihren Hut und Ihre Strickjacke ab und suchen sich ein schönes sonniges Plätzchen und ich kümmere mich um den Kaffee.«

»Wenn’s meinen. Nur nicht zu sonnig, ich vertrag die Hitze nimma so recht. Hach, als ich noch so jung war wie Sie, Fräulein Claire, da hat mir das warme Wetter nix g’macht.«

Abermals nicke ich, dieses Mal schon viel ausdrucksstärker. Mit einem Lächeln wende ich mich von ihr ab und den anderen Gästen zu.

Die Vorlieben der meisten Anwesenden kenne ich auswendig und bin entsprechend vorbereitet. Selbst wenn einer mal Lust auf einen anderen Kaffee als den üblichen hat, ahne ich dies oft im Voraus und kann denjenigen mit einer entsprechenden Leckerei erfreuen.

Dennoch statte ich jedem Tisch innerhalb und außerhalb des Cafés einen Besuch ab und lausche den Wünschen meiner Gäste. Als ich alles beisammenhabe, zupft mich Pfarrer Ewald an meiner Spitzenschürze und bedeutet mir, mich zu ihm herunterzubeugen. Mit einem Seitenblick auf Waltraud, die vor der Kuchenvitrine die Törtchen begutachtet, flüstert er mit mir. »Fräulein Claire, nicht vergessen, ich möchte bitte einen guten deutschen Bohnenkaffee. Keinen modernen Schnickschnack mit Häubchen und Pülverchen und Zischen und Dampfen. Und wenn Waltraudl mir einen Pfeffitee bestellt hat, dann vergessen Sie den ganz schnell! Tee ist kein Kaffee!«

Grinsend nehme ich Pfarrer Ewalds heutigen Geschmack zur Kenntnis und werde wie immer einen Kompromiss aus bestem gewünschten Kaffee und Fürsorge zubereiten. Wozu gibt es schließlich so zahlreiche unterschiedliche Bohnensorten, Röstungen und Mahlgrade? Genau dafür bin ich hier.

Bald nachdem auch das frisch verheiratete Paar im Café eingetroffen ist, vibriert das Coffee To Stay mit zufriedenen Menschen.

Vergnügt summend mahle ich Bohnen aus Santo Domingo und Jamaika, vermische sie mit charaktervollen Bohnen aus Soconusco und Java, schlage Sahne und schäume Milch zu zuckersüßen Wölkchen, die besonders bei den Kindern und älteren Leuten für glänzende Augen sorgen, vor allem, wenn ich noch das eine oder andere Stückchen Nugat in dem warmen Schaum schmelzen lasse.

Zwischen Espresso-Gugelhupf, Macarons à la Café au lait und Mokka-Käsekuchen wird dem Brautpaar mit mehr oder weniger langen und spritzigen Reden gehuldigt und je nach Fasson mächtig gekichert oder geschluchzt.

Am frühen Nachmittag ziehen sich die beiden unter Applaus zurück und fahren, begleitet von heftigem Winken, in einem Rolls-Royce im herrlichen Berliner Sonnenschein von dannen.

Ein wenig wehmütig sehe ich ihnen hinterher. Mit bereits gepackten Koffern fahren sie jetzt zum Flughafen und besteigen einen Flieger in Richtung Neuseeland, um dort die nächsten Wochen in verliebter Zweisamkeit im Land von Mittelerde zu verbringen.

Nach und nach verabschiedet sich der Großteil der Gäste und lässt eine erlesene Stammrunde zurück, die sich an den Fenstertischen neben der Terrasse zusammenfindet und völlig abgeschieden vom Rest der Großstadt in Vierergruppen Doppelkopf spielt. Hin und wieder fülle ich die altmodische Kaffeekanne aus Nymphenburg-Porzellan in ihrer Mitte nach, versuche aber ansonsten weitestgehend, bei diesem ernsthaften Spiel nicht zu stören.

Wie vermutet, trudeln die ersten Touristen im Café ein und beugen sich staunend über die Kaffeekarten, die meine Freundin Ella wundervoll schnörkelig mit saphirblauer Tinte gestaltet hat. Eine jede ist ein Unikat und wird von mir gehegt und gepflegt.

Zwischen sächsisch, bayrisch und plattdeutsch entziffere ich die Kaffeewünsche, und hilft die Sprache nicht weiter, reicht ein Zeigen auf die wunderschönen Kaffeeillustrationen.

Die genießerische Ruhe, die sich im Café ausbreitet, nutze ich für eine Pause. Der Tisch neben der Terrassentür ist frei und so setze ich mich für ein Roggensandwich, das ich mir heute Morgen bereits angerichtet habe, in die Sonne. Ein dampfendes Schalerl Gold komplettiert meinen Nachmittagssnack.

Kaum habe ich den ersten Bissen aus Saftschinken und zartschmelzendem Mozzarella im Mund, vibriert mein Mobiltelefon in der Schürzentasche. Bedächtig kaue ich und schlucke den Bissen hinunter, doch das Vibrieren hört leider nicht auf.

Ich werfe einen schnellen Blick auf das Display und schlage seufzend die Beine übereinander, ehe ich rangehe.

»Hey, Mama.«

»Claire, mein Schatz, ich muss dir unbedingt vorlesen, was heute in deinem Horoskop steht!«

Die Stimme meiner Mutter schallt mit Überdruck aus dem Handy und die Energie, die sie naturgemäß umgibt, lässt kurz den alten Kirschbaum neben Kukas Blumenladen erzittern.

Ich kann mir ein unwilliges Knurren nicht verkneifen, doch das hält meine Mutter nicht davon ab, weiterzureden.

»Nun hör erst einmal zu, bevor du murrst! Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir alle ahnen. Die Astrologie ist eine uralte Wissenschaft und hat immer einen wahren Kern.«

Nur meine Mutter kann die Wörter Astrologie und Wissenschaft in einen Satz quetschen und das ernst meinen. Warum auch immer sie dieses Faible hat, denn im Grunde ist sie eine moderne, aufgeklärte, gebildete Frau mit einem preisgekrönten Job als Kostümbildnerin bei der Komischen Oper. Dazu lässt sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen und sich schon gar nicht veralbern. Aber sobald sie in die Nähe eines Horoskops kommt, wird sie zu einem anhänglichen Welpen.

Für meinen Vater erstellt sie mindestens dreimal täglich ein Horoskop, was ihn mit überhöhter Geschwindigkeit aus der Haut fahren lässt. Ich glaube fast, das ist auch der Grund, warum sie es macht – einzig und allein, um ihn zu ärgern.

Allerdings mich gerade auch.

»Also, hör zu, dir steht nämlich Großes bevor! Stier, zweite Dekade, Aszendent Widder, Sonne in Haus 1 und Mond in Haus 7: Eine Nachricht aus dem Universum wird dich in den nächsten Tagen erreichen und dein Leben in eine neue Richtung drehen. Du wirst eingetretene Pfade verlassen und neue Wege beschreiten. Die Liebe in deinem Leben wird auf ein neues Niveau gehoben.«

Ich höre meine Mutter atmen, während ich sacht den nächsten Bissen von meinem Sandwich nehme.

»Sag schon was!«

»Mh, war’s das?«, mümmele ich mit halbvollem Mund.

»Verstehst du denn gar nicht, was das bedeutet, Clairchen?«

Kopfschüttelnd schlucke ich den Bissen hinunter. »Sicher. Wir fangen in den nächsten Tagen an, die Feier anlässlich des Dreijährigen vom Coffee To Stay zu planen. Und ich habe allerhand außergewöhnliche Kaffeekreationen im Kopf, die ich so noch nicht angeboten habe. Die Leute werden diese Kaffees lieben.«

»Ach, Clairchen, sieh bloß mal über den Rand deiner Kaffeetasse hinweg, man könnte fast meinen, du wärst kaffeesüchtig.«

»Dem möchte ich entschieden widersprechen, ich bin nicht kaffeesüchtig, ich bin lediglich chronisch unterkoffeiniert.«

»Wie auch immer! Das Wichtigste ist heute dein Horoskop, es bedeutet nämlich, dass Tobias dir in den nächsten Tagen einen Antrag machen wird und ihr endlich heiraten werdet. Der neue Weg ist der Weg zum Traualtar und damit hebt ihr eure Liebe auf eine völlig neue Stufe!«

Prustend stelle ich die Tasse ab und versprühe in feinen Tröpfchen den herrlichen Kaffee, den ich gerade zu trinken versucht habe, über das weiße Tischtuch. Verstört dreht sich eine rotwangige Familie zu mir um. Lächelnd winke ich ab und nach ein paar Hustern habe ich mich wieder gefangen.

»Mama, wie kommst du denn auf so etwas?«, zische ich ins Telefon, dabei tupfe ich hektisch mit einer Serviette auf dem Tischtuch herum, was den Kaffeefleckschaden leider nur vergrößert.

»Die Sterne lügen nicht und deine Verweigerungshaltung diesem Sachverhalt gegenüber kommt bloß dadurch, dass dein Mondzeichen Skorpion dich daran hindert, wahre Gefühle zu zeigen.«

Ich rolle mittlerweile so doll mit den Augen, dass sie mir fast herauskullern. »Mama, ich liebe Tobias wirklich sehr und ich weiß, auch er liebt mich. Dennoch, eine Hochzeit steht uns erst einmal nicht ins Haus. Irgendwann später bestimmt, aber …« Mein Satz trudelt aus, denn so recht weiß ich selbst nicht, was hinter dem Aber folgen soll.

»Was aber?«, hakt meine Mutter natürlich sofort ein.

»Nichts aber.«

»Wenn du meinst! Tatsache ist jedoch, Tobias kommt mir in den letzten Wochen immer häufiger abwesend vor und ich sage dir, er plant den Heiratsantrag, vermutlich sogar schon die ganze Hochzeit, mit der er dich dann überrascht. Schließlich ist er ein Wassermann und damit schwimmt er nur so in Ideen. Und durch seinen Aszendenten Krebs findet er bei dir die emotionale Geborgenheit, nach der er sich sehnt. Basta. Und nun entschuldige mich, dein Vater ruft nach mir. Seitdem er pensioniert ist und seine Schüler nicht mehr durch die Gegend jagen kann, jagt er mich durch das Haus!«

Noch ehe ich mich von meiner Mutter verabschieden kann, legt sie mit einem gebrüllten »Was suchst du denn jetzt schon wieder!« auf.

Ein Heiratsantrag? Ab und zu haben wir über das Thema Hochzeit geredet, doch nie so richtig ernsthaft. Tobias und mir geht es gut und es ist genau richtig, wie es ist.

Meine Augenlider drücken plötzlich schwer nach unten und ich habe Mühe, sie offen zu halten. Überhaupt fühle ich mich in letzter Zeit häufig müde. Zum zweiten Mal an diesem Tag denke ich über mein Alter nach. Vor wenigen Tagen hatte ich Geburtstag und in einem Jahr um diese Zeit werde ich dreißig sein. Bisher habe ich daran nicht unbedingt scharenweise Gedanken verschwendet … vielleicht sollte ich langsam mal damit anfangen?

Ein Heiratsantrag – eigentlich wäre das wirklich ganz cool, oder?

Kapitel 2

L wie Liebe

Latte macchiato

Warme Milch, aufgeschäumt zu fluffigem Milchschaum, übergossen mit einem heißen, aromatischen Espresso aus dunkel gerösteten Bohnen, handgepflückt an den Berghängen von Guatemalas Vulkanen.

»Bedienung!«

Vor Schreck zucke ich zusammen und stoße mir das Knie an der Tischkante. »Autsch!«

Ich war tatsächlich so tief in Gedanken versunken, dass ich den Gast übersehen habe, der an der Kaffeetheke im Coffee To Stay steht und mit den Fingern auf die polierte Holzplatte trommelt.

Um Haltung bewahrt rappele ich mich vom Stuhl hoch und eile in das Café. Mit meinem nettesten Gästelächeln auf den Lippen will ich ihn soeben begrüßen, als er mir zuvorkommt.

»Einen Coffee to go, schwarz mit dreimal Zucker.«

Haben? Trinken? Malen? Bitte? TO GO?

»Leider kann ich Ihnen keinen Kaffee zum Gehen anbieten. Aber Sie können sich gern setzen und ich brühe Ihnen einen köstlichen Azúcar

Er starrt auf mich herunter und ich bin mir nicht sicher, ob ich womöglich in der falschen Sprache mit ihm spreche.

»Wo gibt’s denn keinen Coffee to go?«, poltert der Fels vor mir.

»Im Coffee To Stay, wie der Name bereits sagt.« Ich weise auf den kunstvollen Schriftzug an der linken Wand des Cafés, der mich jedes Mal mit Zuneigung und Stolz für meine geliebte Kaffeewelt erfüllt. »Einen Kaffee sollte man genießen, ihn riechen, schmecken, fühlen. Nicht im Gehen herunterschlingen.«

»Dann hole ich ihn mir eben bei der Konkurrenz!«

»Junger Mann, wenn Sie Zeit haben, sich woanders einen Kaffee zu holen, dann haben Sie auch Zeit, sich hier an einem zu erfreuen.« Pfarrer Ewald unterbricht tatsächlich seinen Doppelkopfzug und dreht sich zu dem Kaffee-zum-Gehen-Mann um.

Waltraud Hagen nickt so heftig, dass ihre Silberlöckchen aufgeregt mitwippen. »Und einen besseren Kaffee als hier finden’s eh nirgends.«

»Nun?« Mit geneigtem Kopf strahle ich ihn an.

»Also, hören Sie lieber auf, mit dem netten Fräulein Claire herumzudiskutieren und trinken Sie Ihren Kaffee ordentlich«, spricht der Herr Pfarrer, dreht sich zusammen mit seiner Haushälterin um und klatscht die Karten auf den Tisch. »Schwein!«

»Ich will doch nur einen Kaffee …«

Mein Lächeln verrutscht zu einem Grinsen, welches ich schnell in ein Hüsteln verwandele. »Azúcar

Er schielt abwechselnd von mir zu den silbernen Kaffeedosen hinter mir und den süßen Törtchen, die sich verlockend in der Kuchenvitrine präsentieren.

Er spricht mit mir, doch was in meinen Ohren ankommt, ist lediglich »Brumm, brumm, brumm«. Dennoch lässt er sich schwer auf einen Stuhl vor der Kaffeetheke fallen und beobachtet jede meiner Handbewegungen, wie ein Chirurg, der zum ersten Mal seinem Assistenzarzt die Näharbeit überlässt.

Für den Showeffekt benutze ich nicht meine Siebträgermaschine, um einen vollmundigen Espresso zu brühen, sondern meinen Kaffee-Siphon. Der Azúcar möge mir diese winzige Abweichung vom Protokoll verzeihen, wird er doch mindestens genauso aromatisch schmecken.

Der süße, beerige Duft des Brasil Cerrado San Rafael schwebt über der Kaffeemühle, als ich ihn mittelfein mahle. Die Estate-Arabica-Bohnen habe ich während des Röstens leicht kandiert, sodass der Kaffee eine süße Nuance erhält, ohne gezuckert zu sein.

In die bauchige Glaskammer des Siphons fülle ich heißes Wasser und stelle alles auf eine Edelstahlheizplatte. Bald steigt das Wasser in die obere Glaskammer, und bevor ich das Kaffeepulver dazugebe, rühre ich das Wasser um. Es sieht spektakulär aus, wie sich das Kaffeepulver von dem Wasserstrudel mitreißen lässt, und mein felsiger Gast reißt seine Augen auf. Zugleich steht sein riesiger Mund offen.

Sehr schön, exakt die Reaktion, die ich beabsichtigt habe. Dieser Mann trinkt nie wieder schnöden Wegwerfkaffee.

Nach ein paar Sekunden bildet sich eine Kruste auf dem Kaffee, die ich mit einem Löffel durchbreche, um das Ganze erneut umzurühren. Ich entferne die Heizplatte und kurz darauf strömt durch den Unterdruck in der unteren Glaskammer der gefilterte Kaffee herab.

Voilà!

Die Doppelkopfrunden applaudieren und ordern eine Tischrunde für alle. »Also Fräulein Claire, Ihre Kaffeekunststücke sind doch immer wieder sensationell.« Waltraud Hagen prostet mir mit ihrem leeren Glas zu und wendet sich dann an den stummen Gast vor mir. »Sehn’s, da ham’s!«

Als i-Tüpfelchen schenke ich den Kaffee in eine Tasse, deren Rand mit einem Schnurrbart bedruckt ist, und schiebe sie über die Theke dem Mann zu. »Kaffee zum Verweilen, bitte sehr.«

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich seinen Blick als angstvoll deuten. Aber wovor sollte dieser Bär von Mann Angst haben?

Misstrauisch schnüffelt er an dem herrlichen schwarzen Getränk und nimmt vorsichtig seinen ersten Schluck. Und – es ist eigentlich kaum möglich – ein Lächeln ziert sein Gesicht.

Er trinkt einen weiteren Schluck und noch einen, dann sieht er zu mir. »Unglaublich, für so eine winzige Person sind Sie unglaublich.«

Wie schön, er hat seine Sprache wiedergefunden, und so wie er den Kaffee weiterschlürft, habe ich einen neuen Stammkunden gewonnen. Das winzig lasse ich lieber unkommentiert stehen, denn es handelt sich hier um einen winzigen Punkt, der meinem Selbstbewusstsein mehr als winzigen Schaden zufügen könnte.

 

Am späten Nachmittag lösen sich die Doppelkopfrunden auf und Pfarrer Ewald und Waltraud Hagen trollen sich zu ihrem Abendgottesdienst. Bald folgen auch die anderen, bis auf Britta Waldheim, die ihr Strickzeug auspackt und sich an einem Nicht-Kaffee in Form einer heißen Schokolade mit Sahne erfreut.

Mein neuer Coffee-To-Stay-Freund, Panos mit Namen – wie passend – verlangt nach einer Wiederholung meines Siphon-Kunststückes, dazu nach einem Mokka-Käsekuchen und einem Cappuccino-Windbeutel. Und so nach und nach gewöhne ich ihn auch an ein Bitte hinter dem Ich will.

Die Gäste kommen und gehen, und ehe ich mich’s versehe, ist es bereits halb sechs. Die Tische auf der Terrasse sind voll besetzt mit fröhlich trinkenden und essenden Gästen, sodass ich kurz Gelegenheit habe, mich zu Britta Waldheim zu setzen, um meine Beine auszustrecken.

»Na Mädel, siehst müde aus.« Ohne auf die fliegenden Stricknadeln in ihren Händen zu achten, sieht sie mich prüfend an. Am heutigen Hochzeitssonntag trägt sie dem Anlass entsprechend ein selbstgestricktes Ensemble aus silberschimmerndem Garn. Es besteht aus einem glockigen Rock, der ihre Knie umspielt, und einem Pullover, der ihren Busen gekonnt in Szene setzt. Gesegnet mit einer Brigitte-Bardot-Figur nimmt es Britta Waldheim locker mit uns Jüngeren auf – und das in selbstgestrickten Klamotten!

»Bin ich auch. Verspätete Frühjahrsmüdigkeit würde ich sagen.« Hinter vorgehaltener Hand gähne ich dezent. Gern hätte ich es unterdrückt, denn in Brittas damenhafter Gegenwart fühle ich mich immer ein wenig unbeholfen. Wenn sie neben mir sitzt, halte ich mich automatisch gerader, und wenn wir beieinanderstehen, drücke ich meinen Rücken durch nach dem Motto: Schultern zurück, Bauch rein. Selbst wenn ich an sie denke, nehme ich automatisch eine strammere Haltung ein.

»Also ich würde etwas anderes sagen.« Jetzt legt sie sogar ihr Strickzeug im Schoß ab und betrachtet mich noch intensiver.

Ich taste in meinem Gesicht herum, während mir heiß wird. »Was? Habe ich meine Wimperntusche verschmiert oder irgendwo Kaffeepulver verteilt?« Möglicherweise sind es auch meine Haare? Ich weiß ja selbst, dass meine langen Locken ungern in einem Zopf bleiben, und nach einem Tag im Café kann ich froh sein, wenn überhaupt etwas von der Frisur übrig ist, die ich am Morgen versucht habe zu gestalten.

»Ist dir übel?« Britta zieht ihre linke, fein gezupfte Augenbraue einen halben Millimeter in die Höhe.

»Ein bisschen«, muss ich zugeben. »Aber ich habe bis auf ein Sandwich am Nachmittag noch nichts gegessen.«

»Hast du Appetit?«

»Auch ein bisschen.« Auf Currywurst und Pizza!

Britta nickt und nimmt ihr Strickzeug wieder auf. »Du bist schwanger, mein Mädel.«

»So ein Quatsch! Das wüsste ich ja wohl!« Ich schüttele so vehement den Kopf, dass mein Haarband endgültig aufgibt und zu Boden segelt.

Scheinbar ungerührt zuckt Britta mit den Schultern und strickt weiter ein kompliziertes Muster aus riesigen Maschen. »Wie du meinst.«

Und nun? Mir fällt nichts ein, deswegen stehe ich auf und räume das leere Glas ab. »Darf ich Ihnen noch etwas bringen, Frau Waldheim?«

»Nein danke, nur die Quittung, bitte.«

Die Gedanken in meinem Kopf plappern laut durcheinander und es gelingt mir nicht, einen davon herauszupicken.

Erst wurde mir heute vorausgesagt, dass ich bald heiraten würde – obwohl ich diese Absicht bis dahin nicht einmal heimlich für mich gehegt habe – und nun bekomme ich angeblich ein Kind. Hallo? Was ist hier los? Steht die Sonne im Elefanten oder der Mond in der Giraffe? Oder liegt es an der milden Frühlingsbrise, die alle Leute kirre macht, wie der Mistral, der in der Provence die Menschen auf den Kopf stellt?

Schwanger! Pfff, wie das denn? Ich meine, ich weiß natürlich wie, allerdings … Und wenn doch?

Mit einem Mal herrscht Ruhe in meinem Kopf, alle Grübeleien ordnen sich und finden wie Puzzleteile zueinander. Ich träume von meinem Baby. All die Liebe, die ich je bekommen und gegeben habe, strömt in meiner Seele zusammen und lässt mich erahnen, welches Glück mir gerade zuteilwird. Für einen Moment hält die Welt für mich den Atem an.

Sodann stößt sie ihn kräftig wieder aus und eiskalte Panik greift nach mir. Ich weiß bei einer Windel nicht einmal, wo hinten und vorn ist. Gibt es überhaupt ein Hinten und Vorn? Was ist, wenn das Baby schreit und ich es nicht beruhigen kann? Meine Güte, meine Freundin Ella hat fünf Kinder und ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, dass sie eventuell Angst vor diesen kleinen Wesen hat!

»Frau Herzog, geht es Ihnen gut?«

Die Umgebung klärt sich wieder, und ich sehe den jungen Postboten, der in unserem Viertel die Briefe austrägt. »Max, ich habe dich doch schon mehrfach gebeten, mich Claire zu nennen, okay? Wenn du Frau Herzog zu mir sagst, komme ich mir vor wie meine Mutter – und das wollen wir beide nicht.«

Max senkt den Kopf und schüttelt ihn dann. »Nein, natürlich nicht, Frau Herzog. Äh, ich meine Claire.«

Ich atme tief durch und zur Sicherheit gleich noch ein zweites Mal. Netterweise hat dies den Nebeneffekt, dass meine Babypanik verpufft. Es ist unwahrscheinlich, dass ich schwanger bin. Punkt.

Schön wäre es trotzdem gewesen.

Glaube ich.

»Was darf ich dir bringen, Max?« Froh, eine Beschäftigung zu haben, gehe ich hinter die Kaffeetheke, um Britta Waldheims Quittung zu schreiben. Sie besteht immer auf einer handschriftlichen Quittung mit Stempel. Ich solle es nicht persönlich nehmen, hat sie mir mal gesagt, schließlich müsse alles im Leben seine Ordnung haben. Jede Masche gehöre dorthin, wo sie hingehöre.

»Äh nichts, Frau … Claire, ich möchte keine Umstände machen.«

»Ach Max, dir einen Kaffee zuzubereiten ist mein Job. Zudem macht es mir keine Umstände, sondern Freude.«

Pling. Max’ Gesicht leuchtet von jetzt auf gleich wie eine Glühbirne, was einen interessanten Kontrast zu seinen rabenschwarzen Haaren bildet. Dieser junge Mann muss wahrlich noch das eine oder andere über das Leben lernen, wenn er gleich bei jeder winzigen Nettigkeit so reagiert. Im Duden findet sich das Wort schüchtern garantiert unter M wie Max.

»Herr Lindner, wie nett, Sie hier zu sehen.« Britta Waldheim gesellt sich zu uns und reicht mir einen Geldschein über die Theke, noch ehe ich ihr die Quittung geben kann. »Stimmt so, Claire. Es war wie immer ausgezeichnet.«

Max schrumpft gefühlte zwanzig Zentimeter neben Britta zusammen, obwohl er sie locker um zwei Köpfe überragt. »Ich, äh, ich bringe Frau … Claire die Post.«

»Am Sonntag?« Erneut der durchdringende Britta-Blick mit der Ein-Millimeter-Braue.

Max windet sich wie ein Regenwurm am Angelhaken. »Vielleicht ist es wichtig.«

»So, so. Nun gut. Ich wünsche euch allen einen wundervollen Sonntagabend. Und du, Claire, solltest dich morgen gründlich ausruhen, das Café macht das immerhin auch.«

Britta rauscht zur Terrassentür hinaus und lässt Max und mich aufatmend zurück.

»Was hältst du von einem schönen Doppelten Einspänner?«, wende ich mich an ihn und beginne sogleich, eine Handvoll kräftig gerösteter Bohnen aus dem Jemen staubfein für einen großen Mokka zu mahlen. Der starke Kaffee in Kombination mit viel cremiger Schlagsahne wird in dem jungen Mann vor mir bestimmt mancherlei Lebensgeister wecken.

Wie erwartet nickt Max gehorsam und blickt sich dezent um. Mit dem Kopf deute ich auf den Barhocker neben dem Fenster vor der Kaffeetheke und er lässt sich seufzend darauf nieder. Wo Max die Portion Mut gefunden hat, um aus seinem Minidorf im Norden von Brandenburg hierher nach Berlin zu kommen, wird mir ewiglich ein Rätsel bleiben.

»Lass es dir schmecken.« Zusammen mit dem Doppelten Einspänner schiebe ich Max den einzigen verbliebenen Coffee Cupcake hin und gehe hinaus, um bei den letzten Gästen des Tages abzukassieren. Die Luft fühlt sich weich und mild an und im Rosenpark gegenüber flanieren reichlich Menschen über die Kieswege.

Auch wenn ich in Florenz geboren bin und nach meinem Studium für ein Jahr in den schönsten Ecken Frankreichs gearbeitet habe, so finde ich es nirgendwo schöner als hier in Berlin, vor allem in meinem geliebten Blumenviertel. Mit Stolz drehe ich mich zu meinem Café um, welches malerisch an der Ecke thront, wo sich der Rosenweg und die Ranunkelstraße treffen. Derweil ertönt die Glocke der Kleinen Kirche am Rosenpark sechs Mal und erinnert mich daran, dass es Zeit wird, das Coffee To Stay für den Feierabend vorzubereiten.

Zuerst beginne ich, die schmiedeeisernen Tische auf der Terrasse aufzuräumen, um sie mit einer Schutzhülle abzudecken. In unserer Gegend ist es nicht notwendig, die Terrassenmöbel mit Ketten zu sichern, wofür ich sehr dankbar bin, denn angekettete Tische und Stühle sehen für mich deprimierend aus.

»Darf ich bitte helfen?« Max kommt zu mir auf die Terrasse und nimmt eine der durchsichtigen Abdeckungen.

»Das ist wirklich sehr nett, Max, aber du bist hier Gast und sollst nicht arbeiten. Außerdem hast du heute deinen freien Tag.«

»Ich mache es wirklich gern, Claire.« Der Satz kommt direkt und klar aus Max’ schüchternem Mund und es findet sich auch nicht der pastelligste Hauch von Röte in seinem Gesicht, sodass ich seine Hilfe dankbar annehme. Sie ist genau das, was ich heute brauchen kann.

Im Nu haben wir die Terrasse aufgeräumt und arbeiten drinnen weiter, während ich Max von lustigen Erlebnissen mit Gästen berichte, denn das Schweigen, welches er so gut beherrscht, liegt mir gerade gar nicht. Ständig malt mir meine Fantasie neue Bilder, seien es welche, die mir ein Hochzeitskleid für eine Hochzeit vorgaukeln, die noch gar nicht geplant ist, oder Namen für ein Baby, das lediglich in meinen Gedanken existiert.

»Alles okay?« Max reicht mir die silbernen Kaffeedosen aus dem Regal hinter der Theke, nach denen ich vergeblich angele, während ich überlege, welche Kaffeespezialitäten ich meinen Hochzeitsgästen anbieten würde.

Mit einem schiefen Lächeln nehme ich die Dosen entgegen. »Alles prima, danke. Ich war nur gerade in Gedanken. Ich glaube, ich bin ein wenig müde.«

»Na dann werde ich dich mal ordentlich aufmuntern! Was hältst du von einem spontanen Theaterbesuch?«

Vor Schreck stoßen Max und ich mit den Ellenbogen aneinander, als wir uns zu der fröhlichen Stimme umdrehen, die ich so gut kenne. Und liebe.

»Tobias! Was machst du denn hier?« Mit einem doppelten Salto meines Herzens, den es immer vollführt, wenn ich Tobias sehe, schiebe ich mich an Max vorbei und sause zu meinem Freund, der mich fest in die Arme schließt.

Sein Polohemd duftet nach Frühling und fühlt sich angenehm warm an meiner Wange an. Auf Zehenspitzen küsse ich ihn zärtlich und schmiege mich an ihn. Es ist so selten geworden, dass Tobias Zeit findet, mich im Café zu besuchen. Zeit zu zweit ist zu einem wahren Luxusgut für uns geworden.

»Die Präsentation vorhin lief so gut, dass wir schneller als erwartet damit fertig waren. Linus und ich haben uns redlich einen freien Abend mit unseren Herzensdamen verdient. Morgen geht es dann mit dem nächsten Teil weiter.«

»Wow, ihr legt euch ordentlich ins Zeug. Habt ihr immer noch mit diesem Dingsbums zu tun, der euch so akribisch unter die Lupe nimmt?«

Mit einem Blick auf die Uhr über der Eingangstür schiebt mich Tobias ein Stück von sich und beginnt, die Stühle auf die Tische zu stellen. »Nope. Der hieß übrigens Gandalf!«

»Gandalf, stimmt ja!«, quietsche ich.

»Gandalf, wie der Gandalf aus Herr der Ringe?«, rutscht es Max heraus, und er legt erschrocken die Hand auf den Mund.

»Ich denke schon.« Tobias grinst sein wunderbar schiefes Grinsen, welches ihn so jungenhaft wirken lässt. So ganz anders, als wenn er in seriösen Anzügen mit ernster Miene seine Kunden bei ihren architektonischen Luftschlössern berät. »Wir arbeiten jetzt direkt mit der Projektleiterin von den Andancas zusammen, Enja.«

»Dann hoffen wir mal, dass Enja nicht so altmodisch wie der alte Gandalf jeden eurer Striche hinterfragt.«

Tobias zuckt mit den Schultern. »Selbst wenn sie doppelt so alt wäre wie er, ist die Zusammenarbeit mit ihr um Längen besser. Ich vermute mal, sie ist in etwa so jung wie ich, erst Mitte dreißig. Aber wie auch immer, sie ist echt gut und dadurch, dass sie wie Linus und ich noch keine eigene Familie hat, genauso flexibel wie wir.«

Erst Mitte dreißig! Wie locker er mit dem Alter umgeht. Ich werde nächstes Jahr dreißig! Und was meint Tobias damit, er habe keine eigene Familie? Bin nicht ich seine Familie? Ist er durch mich etwa unflexibel?

Warum beschäftigt mich das heute bloß so? Ich schnappe mir den Wischmopp und klatsche ihn härter als notwendig auf den Boden, bis alles patschnass ist – und sauber.

»Fertig.« Max schiebt die letzte Kaffeedose in das Regal, das ich sonst immer sonntags reinige, und sieht mich an wie meine Papageiendame Holly, wenn ich es wage, sie mit nur der Hälfte eines hartgekochten Eies abspeisen zu wollen.

»Vielen Dank für deine Hilfe, Max. Das war wirklich sehr nett.« Mit dem Wischmopp in der einen Hand umarme ich Max mit der anderen. Ich spüre seinen Herzschlag, der es fast auf Kolibrifrequenz schafft, durch sein T-Shirt. Schnell lasse ich ihn los. So richtig wohl fühlt sich der arme Kerl anscheinend nicht. Dabei ist er so ein Bild von einem Mann.

Möglicherweise braucht Max endlich mal eine Freundin. Oder hat er eine? Nein, ich glaube nicht. Wie auch.

Mit einer Gesichtsfarbe, die bereits ins Violette changiert, schnappt sich Max seinen Rucksack und stolpert aus dem Café. Ohne mir meine Post gegeben zu haben.

»Hab einen schönen Sonntagabend«, rufe ich ihm hinterher.

»Bis morgen.«

»Morgen ist Ruhetag.«

»Bis Dienstag.« Weg ist er.

Mit gerunzelter Stirn blickt Tobias Max hinterher. »Meine Güte, dieses Kerlchen liebt dich aber.« Dann wandert sein Blick zu mir. »Muss ich mir Sorgen machen?«

Die dritte kuriose Weissagung des Tages – na Halleluja – und auf diese werde ich schon gar nicht mehr eingehen.

Stattdessen hole ich meine Handtasche unter der Kaffeetheke hervor, betätige den Hauptschalter, schließe die Terrassentür ab und öffne die Eingangstür, die direkt an der Ecke des Cafés nach draußen führt.

»Kommst du?«, fordere ich Tobias auf, der folgsam auf mich zutrottet und noch immer nicht alle Falten von seiner Stirn gewischt hat.

Zufrieden mit meinem Kaffeetag schließe ich ab, schiebe meine Hand in Tobias’ und spaziere mit ihm in Richtung Rosenpark. »Zu welchem Theaterstück lädst du mich eigentlich ein?«

»Einer deiner Lieblingsfilme wurde als Theaterstück adaptiert: Die Braut, die sich nicht traut

Na war ja klar, aber so was von klar!

Kapitel 3

A wie Assistent

Almkaffee

Cremig frisches Eigelb, verrührt mit Zucker und feurigem Wieser-Wachau-Rum, trifft auf heißen Kaffee. Verquirlt man diese Köstlichkeiten miteinander, entsteht ein feiner Schaum, den nur noch flüssige süße Sahne toppen kann.

»Guten Morgen, Siebenschläfer.«

Ein leichter Kuss landet zwischen meinen Augenbrauen und holt mich aus der Traumwelt in die Wirklichkeit.

Meine Güte, es kann doch höchstens fünf Uhr morgens sein. Um meine Augen nicht mit allzu schnellen Bewegungen zu stressen, hebe ich ein Lid nach dem anderen gemächlich an.

»Du bist ja bereits fertig angezogen«, murmele ich und sehe mich aus meiner Schräglage Tobias’ dunkelblauer Krawatte mit den winzigen weißen Punkten gegenüber.

Tobias lächelt und spendiert mir einen weiteren Kuss, der dieses Mal meine linke Augenbraue beglückt. »Die Arbeit ruft.«

»Ich höre nichts, schon gar nicht um fünf Uhr morgens.«

»Nix fünf Uhr morgens, es ist kurz nach sieben.«

»Na, wenn das so ist.« Sieben Uhr finde ich auch nicht besser, denn ich bin noch genauso müde, als wenn es fünf Uhr wäre.

Tobias, der vor dem Bett kniet, erhebt sich und streicht die Anzughose glatt, die seine muskulösen Läuferbeine versteckt. Schade, ich hatte gehofft, wir würden heute gemeinsam ausschlafen, denn in den letzten Tagen musste ich immer früh aufstehen.

Ich schiebe meine Bettdecke zur Seite und richte mich auf, achte dabei aber darauf, dass ganz zufällig der Spaghettiträger meines Nachthemds über meine Schulter rutscht. Mit einer Hand fahre ich mir durch meine Lockenmähne und lasse sie dekorativ an mir herabfließen, mit der anderen winke ich Tobias zu mir herab. Brav, wie nur ein Mann in solch einer Situation sein kann, beugt er sich zu mir.

Ich schlinge meine Arme um ihn und presse meinen schlafwarmen Körper an seinen, dabei spüre ich, wie sich sein Herzschlag beschleunigt. Genüsslich platziere ich federleichte Küsse auf seinem Hals, die ihn dazu verleiten, seine Hände an meinem Rücken abwärts gleiten zu lassen. Sehr schön, da geht noch was.

»Claire, ich muss wirklich los«, glaube ich ihn an meinem Ohr murmeln zu hören.

Ich schmiege mich fester an ihn und verschließe ihm den Mund mit einem Kuss. Erst ganz zart, verwandelt er sich schnell in Feuer.

Jetzt habe ich ihn. Meiner Sache gewiss, löse ich mich ein wenig von Tobias, um ihm die Krawatte zu lockern und sein Hemd aufzuknöpfen. Leider reicht ihm die Sekunde, um sich daran zu erinnern, dass er eigentlich zur Arbeit gehen muss. Er nimmt meine Hände in seine und drückt mir einen Kuss auf die Stirn, was wohl so viel heißt wie: Ich geh dann mal.

»Letzt Nacht war wundervoll«, gurre ich und neige meinen Kopf zur Seite, um ihn von schräg unten anzusehen. Sanft befreie ich meine Hände aus seinen und streiche über die festen Bauchmuskeln unter seinem Hemd.

»Du meinst wohl die frische Brezel, die ich dir im Theater spendiert habe.« Seine nun freien Hände nutzt er, um mit meinen Locken zu spielen, während er mich angrinst, was das Grübchen an seinem linken Mundwinkel erweckt.

»Auch«, hauche ich und beginne, ihm das Hemd aus der Hose zu ziehen.

Tobias’ Gesicht nähert sich meinem und Nase an Nase sieht er mich an. »Der riesige Eisbecher hinterher war natürlich auch großartig.«

»Auch …«

»Oder meinst du etwa all die unaussprechlichen Sachen, zu denen du mich nach dem Eisbecher verführt hast?« Seine dunklen braunen Augen glänzen und sein warmer Tobiasduft bringt meine Körpertemperatur zum Sieden. Mit der ganzen Kraft seines sportlichen Körpers drückt er mich nach hinten aufs Bett und keine fünf Minuten später verschlingen wir uns nackt ineinander.

Mmh, so lasse ich mich gern wecken.

 

Warm und satt von Liebe bummele ich in den Morgen hinein. Montags hat das Coffee To Stay geschlossen. Nichtsdestotrotz gibt es auch an diesem Tag den einen oder anderen Termin, doch alles ganz gemütlich.

Am Abend treffe ich mich wie jeden ersten Montag im Monat mit Ella. Seit Kind Nummer Fünf letztes Jahr bei ihr und ihrem Mann Daniel eingezogen ist, finden die Treffen meist bei ihr statt. Was ich gern mag, fast lieber als unsere Treffen in irgendwelchen schrammeligen Bars, von denen wir eine Zeit lang geglaubt haben, dass wir sie besuchen sollten, wenn wir schon das Privileg haben, in Berlin zu leben. Na ja, auch wir werden älter und weiser, meist leider nur älter, aber hin und wieder auch weiser.

Nackt und rosig stehe ich vor dem Kleiderschrank und begutachte meine Kleiderauswahl. Hosen nehmen einen äußerst bescheidenen Platz in meinem Klamottenreich ein. Die ziehe ich allein unter Zwang an und ich zwinge mich selten. Dafür ruft heute mein seidenes Glockenkleid in der Farbe von poliertem Kupfer nach mir, welches so perfekt mit meinen roten Haaren harmoniert. Es mag sein, dass es nicht das perfekte Outfit für einen Abend inmitten von fünf Kindern und einer müden Mama ist, aber egal. Packe ich halt obendrein mein Jeanskleid mit in den Rucksack.

»Claire lieb! Claire lieb!«, krächzt eine heisere Stimme, und Holly, meine Gelbkopfamazone, flattert zur Schlafzimmertür herein.

Ich strecke Holly die Hand entgegen und sie lässt sich mit dramatischem Flügelgeschlage darauf nieder. Sie ist und bleibt eine Diva. Der zarte, gelbgrüne Vogel streckt mir sein Köpfchen entgegen und lässt sich von mir ausgiebig kraulen. Seit ich Holly vor fünf Jahren im Rosenpark gefunden habe, bin ich die Liebe ihres Vogellebens, und diese Liebe duldet keine Gesellschaft: keinen Vogelmann, auch keine Vogelfrau und schon gar nicht Tobias, was mitunter zu recht drolligen Eifersüchteleien zwischen den beiden führt. Oder zu Wie-werde-ich-ihn/sie-unauffällig-los-Aktionen. Glücklicherweise konnte ich bisher sowohl Holly als auch Tobias vor einem ungewollten Auszug retten.

Zufrieden mit meinen Streicheleinheiten schlägt Holly kräftig mit den Flügeln, sodass feine grüne Federn sacht durch die Luft schweben.

»Claire geh!«, befiehlt mir der verrückte Vogel, denn alles, was er zum Leben braucht, sind meine Streicheleinheiten, sorgfältig zubereitetes Futter – frisch und biodynamisch gewachsen – und die Wohnung für sich allein. Holly fliegt zu der Kommode, in der ich meine Unterwäsche aufbewahre, und patrouilliert auf dem rötlichen Kirschbaumholz auf und ab.

»Ach du«, seufze ich und ziehe die oberste Schublade auf.

Mein Lieblings-BH aus Seide, passend zum Kleid in einem warmen Rotgold, schmeichelt meiner Haut, als ich ihn anziehe.

Oh nein! Unschön quillt mein Busen rechts und links aus den exquisit bestickten Körbchen heraus. Das liegt allerdings nicht an der Fülle, die ich mein Eigen nenne, sondern vielmehr daran, dass Tobias das gute Stück wahrscheinlich in der Waschmaschine getötet hat!

Nicht unbeträchtlich in meiner guten Laune gestört, pfeffere ich den BH auf den Boden, was Holly sofort als Aufforderung versteht, Beute zu machen. Schwankend flattert die Papageiendame mit ihrem Fang aus dem Zimmer. Ich hoffe nur, sie verheddert sich nicht allzu sehr darin.

Trotz meines Missmutes muss ich über Holly lächeln und ziehe mir trotzig mein Kleid mit dem engen Oberteil und dem glockenförmigen Rock über den Kopf, ohne einen BH darunter. Ich kann auch verwegen sein.

Leider stellt sich als Nächstes der Reißverschluss im oberen Teil des Kleides quer, aber ich schaffe es, ihn zuzuziehen, zwar mit ausgiebigem Nachdruck, doch zu ist zu. Und bleibt es hoffentlich auch.

Pikiert funkele ich mich selbst im Spiegel an. Heute keine süßen Teilchen, spreche ich telepathisch mit meinem Spiegelbild. Was in dem Moment bereits hinfällig ist, in dem ich es denke, denn ich bin gleich mit Arian im Fiadone verabredet, der kleinen Boulangerie schräg gegenüber vom Coffee To Stay.

 

Das Fiadone grenzt an der rechten Seite an das Gemeindehaus, welches sich an die Kleine Kirche am Rosenpark schmiegt und wo auch in der Wohnung darüber Pfarrer Ewald und Waltraud Hagen residieren. Zur Linken lädt eine Goldschmiede zum Staunen darüber ein, was alles mit Metall machbar ist. Weniger einladend ist der karge Meister selbst, von dem keiner bis heute auch nur den Namen kennt, aber das gleicht seine Angestellte Zoey mehr als zehnfach aus, die mit ihrem Charme sogar einem Ritter im Ruhestand eine vergoldete Dritt-Rüstung verkaufen könnte.

Die Straßen in unserem Blumenviertel mit den altehrwürdigen Gründerzeithäusern, die mit ihren aufwändig gestalteten Fassaden Altstadtflair verbreiten, sehen zum Verlieben idyllisch aus. Gerade jetzt, in der klaren Maisonne, die die sattgrünen Blätter der Linden auf den Gehwegen zum Leuchten bringt.

Beschwingt spaziere ich in die kleine Bäckerei, jedoch nicht, ohne vorher einen liebevollen Blick auf mein Café schräg gegenüber zu werfen.

»Guten Morgen«, flöte ich beim Eintreten. Sofort umfängt mich süßer Duft nach warmen Croissants, durchmischt mit Aromen von Marzipan und Vanille.

So wie mein Coffee To Stay als duftende Kaffeeoase der Berliner Großstadt trotzt, so reise ich hier jedes Mal wieder in eine feine Boulangerie in die sonnige Provence, abseits der Touristenrouten, fest in der Hand einer französischen grand-mère.

»Bonjour!« Mit einer eleganten Bewegung, wie es lediglich waschechten Französinnen gelingt, kommt Éloïse hinter der Verkaufstheke hervor und umarmt mich herzlich. Südfranzösin durch und durch, küsst sie mich viermal auf die Wangen. Von mir aus kann sie das auch gern vierzigmal machen, denn Éloïse duftet unwiderstehlich nach Kokosblütenzucker, Wacholder und dunkler Schokolade. Ihre Wangen fühlen sich zart wie Babyhaut an meinen an und ihre Lippen haben einen Schwung – oh, là, là. Von einer grand-mère ist Éloïse definitiv noch an die hundert Jahre entfernt.

»Claire, wie schön, setz disch nach draußen in die Garten’öf. Arian ist auch schon da.« Wenn Éloïse meinen Namen ausspricht, wie nur sie ihn ausspricht, krabbelt mir jedes Mal eine Gänsehaut den Rücken hinauf, wie sonst nur bei Tobias, wenn er mich küsst. Auch Arian klingt bei ihr nicht mehr nach schnödem Arian, sondern mehr wie Orijon. Und ich glaube, Orijon ist ein klitzekleines bisschen verliebt in Éloïse, was er natürlich never ever zugeben würde.

Mit begehrlichen Blicken Richtung Kuchenauslage lasse ich mich von Éloïse zur Terrassentür schieben, die nach draußen in einen lauschigen Garten führt.

Unter zwei Birnbäumen und einem Apfelbaum steht ein langer, schmiedeeiserner Tisch mit passenden Stühlen. Hierher dürfen nur Éloïses Freunde. Kunden dürfen gern ihr süßes Gebäck kaufen und dieses gleichwohl in Ruhe zu Hause genießen, aber nicht mehr und nicht weniger. Immerhin sei sie eine Boulangerie und kein Café. Was an einem Café so schlimm sein soll, habe ich zwar bis heute nicht verstanden, aber sei’s drum, so lange ich zum erlesenen Kreis der Eingeweihten gehöre, die hier rasten dürfen, soll es mir recht sein.

»Hey, Claire.« Arian blickt kurz von seinem Laptop auf und nickt mir zu. Ich versuche erst gar nicht, ihm mit mehr als einem Hallo zu antworten oder gar in ein Gespräch zu verwickeln, denn wenn er, wie gerade, im Businessmodus läuft, unterfliegt alles andere sein Radar.

Außer man ist eine Frau namens Éloïse.

»Warte Éloïse, ich helfe dir.« Schwupps ist der Laptop zugeklappt, mir in die Hände gedrückt, Arian aufgesprungen und auf Éloïse zugeeilt. Mit einem Lächeln und Augen, die gerade die Strahlen der Maisonne geklaut haben, nimmt er Éloïse das Tablett ab, das sie zu uns herausträgt.

»Merci beaucoup, Arian.« Mit einem leichten Nicken unterstreicht sie das Gesagte und setzt sich seufzend an den Tisch. »Isch abe das Fermé-Schild an die Tür ge’angen, so können wir in Rü reden.«

Da Éloïse sich immer sehr elegant ausdrückt, weiß ich nicht so recht, ob dies der Auftakt zu einem ungezwungenen Babil sein soll oder ob mehr dahintersteckt. Auch lassen mich die filigranen Petit Fours stutzen, die sich auf dem Tablett befinden. Sie sind nicht wie sonst in Pink und Himmelblau gehalten, sondern Tiefviolett und längst mehr Schwarz als Rot.

Den Kaffee für das Fiadone bekommt Éloïse aus meinem Café, denn sie bezeichnet sich selbst als völlig phobique de caféine. Somit gibt es montags in der Bäckerei keinen Kaffee und ich begnüge mich mit einer Erdbeerschorle, die uns Éloïse mit einem Spritzer Wildblütenhonig versüßt. Es prickelt auf meiner Zunge, als ich per Strohhalm den ersten Schluck trinke, woraufhin es ziemlich schnell in meiner Kehle zu brennen beginnt.

»Du meine Güte, Éloïse, womit hast du denn die Erdbeerschorle aufgegossen?«, keuche ich hustend.

»Ô, nun sei nisch so deutsch. Isch brauche ’eute einen güten Pastis.« Damit greift sie nach ihrem Glas und trinkt es in einem Zug halb leer.

Arian macht es ihr nach, schafft dagegen nur zwei Schlucke, ehe auch er hustend aufgibt. Sein Blick saugt sich an Éloïse fest und ich meine fast, Bewunderung darin zu sehen.

Nun sind meine Alarmglocken endgültig entstaubt und ringen mir in den Ohren. »Was ist los, Éloïse? Du bist doch sonst nicht so trinkfreudig.«

Éloïse dreht das Glas in ihren Händen hin und her, trinkt einen Schluck und dreht es weiter. Ihr Blick ist gesenkt, sodass ihre langen, schwarzen Wimpern Schatten auf die Wangen werfen.

Sie trinkt einen weiteren Schluck, seufzt tief und blickt mich an. »Meine grand-mère ist gestürzt, mit die Rad, als sie auf dem Weg in ihre Boulangerie war. Sie musste werden operiert an ihre Knie. Es wird eine Weile dauern, ehe sie wieder kann laufen.«

»Oh Éloïse, das tut mir so leid.« Voller Mitgefühl stehe ich auf und knie mich vor sie hin. Sanft nehme ich ihr das Glas aus den kalten Händen und umschlinge sie mit meinen eigenen, um sie zu wärmen. »Aber es geht ihr gut und sie wird bald wieder laufen können, richtig?«

Éloïse nickt sacht.

Mir gelingt ein zittriges Lächeln, denn ich weiß, wie sehr Éloïse ihre grand-mère liebt, und muss an meine Eltern denken, von denen ich ausgehe, dass sie noch mindestens fünfundneunzig Jahre leben werden. »Du hast dich bestimmt ziemlich erschrocken.«

»Meine Eltern riefen mich gestern Abend an, da war grand-mère bereits aus die Narkös erwacht. Sie ist fein.«

»Na siehst du.« Mit Nachdruck tätschele ich Éloïses Hände. »Es gibt also gar keinen Grund, hier am helllichten Montagvormittag in Alkohol zu baden, auch nicht, wenn es sich um französischen Pastis handelt.«

Éloïses dunkelblaue Augen sehen unheimlich traurig aus, als sie sich mit Tränen füllen. »Isch werde nächste Woche zu grand-mère nach Cassis abreisen und mich um ihr Petit Flan gümmern.«

Arian und ich quieken gemeinsam auf.

»Aber … aber … du bist doch so gern hier. Du liebst dein Fiadone …« Okay, das war jetzt vermutlich nicht gerade hilfreich, denn nun schluchzt Éloïse zu Herzen gehend.

»Mais j’aime aussi ma famille«, flüstert sie schließlich.

Arian fummelt fahrig an seiner Laptoptasche herum und zuppelt ein zerknautschtes Päckchen Papiertaschentücher hervor. »Hier«, murmelt er und hält es Éloïse hin. »Die schenke ich dir.«

»Merci beaucoup, Arian, isch werde disch sehr vermissen.« Oha, schwingen da etwa auch in Éloïse Liebesgefühle für Arian? Ich kann mir einen Seitenblick auf ihn nicht verkneifen, doch offensichtlich erinnert er sich gerade daran, dass Éloïse bald nicht mehr hier sein wird. Oder halt, vielleicht meint sie nur ein, zwei Wochen. Auch wenn das Häufchen französischen Elends vor mir auf dem Stuhl nach mehr aussieht.

»Du kommst doch bestimmt bald zurück, oder?«, spricht Arian meine Gedanken aus und wir halten beide den Atem an.

»Zu Besuch bestimmt. Gewiss isch ’ätte schon längst grand-mère in ihre Petit Flan unterstützen müssen. Das schlechte – wie sagt ihr ’ier – conscience …«

»Gewissen«, murmelt Arian.

»Richtisch, das schlechte Gewissen quält mich seit lange. Grand-mère ist achtundachtzig Jahr alt.«

»Achtundachtzig!«, rufe ich aus. »Und da fährt sie noch Fahrrad?«

»Und Motorrad und an ihren klapperigen Renault aus dem letzten Jahr’ündert mag isch gar nischt denken.«

Für einen Moment schweigen wir und ich lausche einer Amsel, die in dem Apfelbaum über unseren Köpfen fröhlich tiriliert.

»Es wird Zeit, dass isch nach ihr sehe. So wie sie früher nach mir.« Éloïse versucht es mit einem schiefen Lächeln, während ihr noch Tränen an den langen Wimpern hängen.

»Leben nicht auch deine Mutter und deine Schwester in Cassis?«, versuche ich es vorsichtig.

»Oui, oui. Aber meine maman ist Göchin und meine sœur ebenso.«

»Na das sind doch beste Voraussetzungen, um ein Café, Entschuldigung, eine Boulangerie zu führen, oder?« Arian unterstützt vehement meine Idee und kniet sich ebenfalls vor Éloïse.

»No, no, ihr versteht nischt. Sie sind Göchinnen.«

»Ja, und?« Ich verstehe wirklich nicht, was Éloïse uns zu sagen versucht.

Die rollt ob so viel Unverstands die Augen. »Göchinnen in Frankreich backen nischt, sie gochen. Grand-mère und isch sind boulangère, maman und sœur cuisinière.«

Nun gut, das nehme ich erst einmal so hin, denn Éloïse sieht sehr ernst aus, als sie Arian und mir diesen Sachverhalt erklärt.

Dann steht sie auf, zieht Arian und mich beiläufig hoch und richtet ihre weiße Seidenbluse. »So, genüg ge’eult, isch ’abe noch meine eigenen Boulangerie zu führen. Morgen ist Morgen.« Damit drückt sie Arian und mir jeweils nur einen (!) Kuss, dafür einen langen, auf die Wangen und geht mit schwingenden Hüften ins Fiadone.

Die Amsel im Apfelbaum beendet ihr Lied, als Arian und ich mit hängenden Schultern Éloïse hinterherblicken, als wäre sie längst weit weg in Frankreich und nicht nur eben in ihrer kleinen Bäckerei verschwunden.

Arian wirkt blass, obwohl er sonst immer einen leicht getönten Teint sein Eigen nennen darf.

»Du bist traurig, nicht wahr?«

»Ich glaube schon.« Schwer lässt er sich auf einen der Stühle fallen und stellt seinen Laptop vor sich hin. »Wir sollten jetzt endlich mit der Planung für die Geburtstagsfeier des Cafés anfangen. Dafür sind wir immerhin hier.«

»Wir können es auch noch um ein paar Tage verschieben«, biete ich ihm an. »Vielleicht möchtest du dich ja mit Éloïse aussprechen oder so.«

Arian hackt auf der Tastatur herum und fährt sich zwischendurch wiederholt durch die Haare. Nach und nach gibt seine akkurate Frisur auf und verstrubbelt sich.

»Bloß nicht, wir haben nur noch wenige Wochen und es gibt mehr als genug zu tun bis dahin. Und wenn das Wetter so schön bleibt, worauf gerade alle Prognosen hindeuten, können wir die Gäste im Café stapeln.«

Langsam setze ich mich neben Arian, nehme das hellvioletteste Petit Four von dem Servierteller und teile es in zwei Hälften. Die eine schiebe ich Arian hin, die andere halte ich hoch. »Auf Éloïse.«

»Auf Éloïse«, stößt Arian mit seiner Hälfte des Petit Fours traurig mit mir an.

Kapitel 4

I wie Infekt

Intermezzo

Tiefschwarzer Mokka trifft auf heiße Schokolade und schokobraune Crème de Cacao. Vervollkommnet mit einer Haube aus Schlagsahne und zwei Mokkabohnen.

Zwei Stunden und keinen weiteren Petit Four später steht unser Konzept für den dritten Jahrestag des Coffee To Stay. Wir wollen eine klassische Geburtstagsfeier veranstalten mit Kuchen, Luftballons, bunten Gastgeschenken, entsprechender Deko und Unmengen von Kaffeekreationen. Jeder Gast soll sich an diesem Tag wie das Geburtstagskind fühlen.

Arian streckt sich ausgiebig und ich beneide ihn mal wieder um seine Größe. Ich finde ja, von seinen einen Meter und neunzig könnte er mir ruhig fünfzehn Zentimeter abgeben.

»Na, spekulierst du erneut, wie du mich um ein paar Zentimeter kürzen könntest?« Ein wenig Farbe ist in seine Wangen zurückgekehrt, aber trotz seines Scherzes, von dem wir beide wissen, dass er nur halb gescherzt ist, lächelt er nicht richtig.

»Bild dir mal bloß nichts ein, du Riese. Sieh lieber zu, dass das Konzept fertig wird und wir uns die Arbeit aufteilen können.«

»Zu Befehl, Chefin. Trotzdem düse ich jetzt erst mal zum Flughafen. Luis kommt heute wieder.«

Wir erheben uns, und während Arian den Laptop und die Unterlagen in seine Ledertasche räumt, sammele ich das Geschirr ein und stelle alles auf ein Tablett.

»Wo war er denn dieses Mal?«

Um Arians Mundwinkel spielt ein freches Grinsen. »Auf Goa.«

»Goa«, gluckse ich. »Mit Mitte siebzig ist das doch das perfekte Reiseziel für deinen rüstigen Lieblingsmitbewohner.«

Luis ist das, was man gemeinhin als Unruheständler bezeichnet. Mehrmals im Jahr lockt ihn das Fernweh, woraufhin er einfach seinen uralten Koffer packt, der nicht einmal Rollen besitzt, und zum Flughafen loszieht. Und was ihm da auf der Anzeigetafel gerade so gefällt, das erwählt er sich als Reiseziel.

Als wir die Bäckerei betreten, kommen wir dort kaum vorwärts. Dicht an dicht stehen die Leute in Grüppchen zusammen, nibbeln an Croissants, Baguettes, Tartelettes und Pain au chocolats. Sie flüstern und raunen miteinander. Der Buschfunk in unserem Viertel funktioniert zuverlässiger als jegliche News App.

Eine Hand mit eisigen Fingern legt sich auf meinen sonnenwarmen Arm, den ich sogleich erschrocken zur Seite ziehe und mir selbst dabei den Ellenbogen in die Rippen stoße.

»Hamse schon jehört, Fräulein Claire«, wispert mir die alte Frau Bergmann zu und platziert ihr eiskaltes Händchen arglos wieder auf meinem Arm. Beim Sprechen kommt sie mir beträchtlich nah und in den süßen Duft der Madeleines mischen sich störende Komponenten aus Hackepeter und kaltem Pulverkaffee. »Dit is doch ne Schande, dit jeht doch nich ohne ordentlichen Bäcker hier, nich wahr!«

Da in meinem Magen aufgrund der reichlich schwerverdaubaren Nachrichten eine gewisse Grundflauheit herrscht, sinkt meine Bereitschaft, auf Frau Bergmanns Kümmernis einzugehen, gegen Null. Was mir wirklich ein wenig leidtut, denn eigentlich ist sie eine ganz reizende Dame mit ihren fliederfarbenen Löckchen und ihrer Henkel-Handtasche, die sie wie ihr Vorbild, die Queen, durch die Gegend trägt. Ihr Hang zu Mettbrötchen mit Zwiebeln verdirbt meinem Magen allerdings gerade die Laune.

Deshalb tätschele ich leicht die Hand auf meinem Arm, bevor ich sie von ihm löse. »Frau Bergmann, das wird schon wieder. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich habe noch einen Termin.«

»Ick find ja, die Eluise hat och an uns alte Leute zu denken, wo wir hier schon so viele sin. Bei die Franzosen jibts jenuch Bäcker.« Frau Bergmanns geschminkte Panda-Augen beginnen verdächtig feucht zu schimmern. Tja, die Berliner Morgenpost hat nicht ganz unrecht, denn es ist wohl wirklich Berlin, wenn es härter gesagt wird als gemeint. »Also mir jeht dit ja nüscht an, aba wat machen Sie denne, Fräulein Claire, so ohne der Eluise ihrem Kuchen? Sie können doch nur Kaffee kochen.«

Huh, das war jetzt wirklich sehr viel härter gesagt als hoffentlich gemeint. Ich zwinge mir ein Lächeln auf die Lippen und nicke Frau Bergmann zu, die mich endlich aus ihrem Kreis entlässt und sich nach dem nächsten Gesprächspartner umsieht.

Tja, was mache ich ohne Éloïse? Selbst backen? Da muss sogar mein Alles-ist-möglich-Ich schallend lachen. Fertigkuchen aus der Plastikverpackung kommt aber auch nicht infrage.

Éloïse mit ihrem Fiadone und ich mit dem Coffee To Stay sind ein eingespieltes Team. Sie bäckt mir all die herrlichen Köstlichkeiten, die ich für meine Gäste möchte, und ich versorge sie mit Café natur für ihre Kundschaft, selbstverständlich handgebrüht in meiner antiken Fayence-Porzellankanne.

Man mag meinen, dass ein Café auf der einen Seite und eine Bäckerei auf der anderen Seite eine Lokalität zu viel wäre. Dem ist aber nicht so, ganz im Gegenteil, Éloïse und ich ergänzen uns perfekt – wie ein Kaffeepuzzle.

Leider bricht es gerade auseinander und sowohl sie als auch ich stehen jeweils mit der Hälfte der Teile da, getrennt durch eine Staatsgrenze.

Ich winke Éloïse im Vorbeigehen zu, doch trotz der langen Schlange an hungrigen Kunden kommt sie hinter der Theke hervor und zieht mich am Arm nach draußen.

»Diese Mitleid da drinnen macht mich verrügt.« Éloïse atmet tief durch und ich bewundere sie dafür, wie tapfer sie die Stellung hält. Wenn ich nur daran denke, wie es wohl wäre, wenn ich mein geliebtes Coffee To Stay aufgeben müsste … das mag ich mir gar nicht vorstellen. Mein Herz beginnt zu rasen und innerlich schüttele ich mich. Das wird nicht passieren! Tobias und ich leben hier in Berlin und wir wollen gar nicht woanders sein! Punkt und Ausrufezeichen!

Fest nehme ich Éloïse in den Arm und wiege sie leicht hin und her. »Ich werde dich vermissen. Cassis kann stolz darauf sein, dich zu haben.«

»Danke Claire. Und isch weiß ja, dass du ’ier die Stellung ’ältst. Üm deine Küchen musst du disch auch nicht sorgen. Isch ’abe Miela aus dem Teetässchen gebeten, meine Küchen für disch zu backen.« Éloïse löst sich aus unserer Umarmung und lächelt mich an.

»Aber das kann ich doch nicht annehmen!«

»Aber sischer gannst du das. Isch kenne Miela gut und ich ’abe ihr meine Rezepte für deine Törtchen gegeben. Sie würde sich sehr freuen, für disch mitzubacken. Und gegen einen guten café hat sie im Gegensatz zu mir nischts einzuwenden. Voilà.«

Sprachlos stehe ich vor ihr und zucke hilflos mit den Schultern. »Danke, Éloïse.«

»Turlututu. Wir sehen üns in die schöne Cassis.« Damit küsst sie mich viermal auf die Wangen, winkt mir zu und geht zurück in die verheißungsvoll duftende Bäckerei.

 

Und nun? Irgendwie fehlt mir der Schwung für was auch immer, deshalb schlendere ich ziellos zum Rosenpark und setze mich dort auf meine Lieblingsbank direkt am Seerosenteich. An Montagen um die Mittagszeit ist hier nicht viel los, hin und wieder summt eine Biene an mir vorbei und eine Handvoll Kohlmeisen lässt mich an ihrem Gezwitscher teilhaben. Nicht mal Hundespaziergänger oder Eltern mit Kinderwagen sind zu sehen.

Da reißt mich das Brummen meines Handys aus der Stille. Spontan sitze ich aufrecht und fummele in meinem Rucksack nach dem Telefon. Mama blinkt es mich an, als ich es endlich gefunden habe.

Ich atme tief durch und gehe ran, den Blick starr auf eine roséfarbene Seerose vor mir gerichtet.

»Und?«, tönt die Stimme meiner Mutter an mein Ohr. »Gibt es schon Neuigkeiten?«

Ein Lächeln, welches durchaus von Außenstehenden als spitzbübisch interpretiert werden könnte, stiehlt sich auf meinen Mund, als ich nicke. »Ja, gibt es …«

Prompt kommt ein Schrei aus der kabellosen Leitung. »Ich wusste es! Die Sterne lügen nie! Erzähl!«

»Wenn du mir das Wort lässt, gern. Éloïse geht zurück nach Frankreich und muss das Fiadone schließen.«

Eins, zwei, drei, vier, fünf … »Äh, ja, das ist natürlich bedauerlich. Aber das meinte ich nicht.« Ich sehe regelrecht vor mir, wie meine Mutter ihr Telefon schüttelt, um mich zum Reden – dem richtigen Reden – zu bringen.

»Nö, sonst gibt es nichts Neues.« Keinen Heiratsantrag, kein Baby, keine heimliche Liebe. Alles wie immer.

»Halt die Augen offen, Clairchen. Ich werde zur Sicherheit dein Horoskop heute Abend neu …« Die Stimme meiner Mutter wird übertönt von kreischendem Gesang, der durch den Telefonhörer dringt.

»Wo bist du denn?«, rufe ich ins Handy, mein Mund regelrecht auf das Display geklebt.

»Ich … nicht verstehen, Cl… muss Schluss ma… Ciao!«

Und Ruhe.

Ich bin eben im Begriff, das Handy zurück in den Rucksack zu stecken, da brummt es erneut und identifiziert meinen zweiten Elternteil als Anrufer. Ich fühle mich äußerst umsorgt an diesem wunderschönen Tag am See.

»Hallo Papa.«

»Claire, du musst sofort herkommen! Eine Katastrophe bahnt sich an!«

Die Stimme meines Vaters ist nicht viel mehr als ein Flüstern und mir fährt kurz der Gedanke durch den Kopf, dass er vielleicht entführt worden sein könnte. Nein! Mein Vater ist frisch pensionierter Gymnasialdirektor – ein altmodischer, konservativer, pensionierter Gymnasialdirektor. So etwas würden seine ehemaligen Schüler nie wagen! Oder doch?

»Wo bist du denn?«, flüstere ich vorsichtshalber mit.

»In der Küche.«

Mein Vater in einer Küche! Der Entführungsgedanke blinkt nun in Fettschrift. »In welcher Küche?«

»Selbstverständlich zu Hause, in meiner Küche. Warum sollte ich mich auch in einer anderen Küche befinden? Außer ich möchte hypothetisch eine neue Küche kaufen, dann befände ich mich jetzt in einer dieser Ausstellungsküchen. Allerdings habe ich nicht vor, eine Küche zu kaufen. Ergo befinde ich mich in meiner eigenen Küche.«

Logisch, wie konnte mir das auch nur entgehen. »Und wobei brauchst du Hilfe und warum flüstern wir überhaupt?«

»Deine Mutter ist in letzter Zeit, wie soll ich sagen, angespannt«, flüstert er unvermindert weiter. »Und da dachte ich mir, ich tue ihr einen Gefallen und mache mich nützlich.«

So, mein Vater hat es endgültig geschafft. Ich bin davon überzeugt, dass er mit Gewalt und gegen seinen Willen in der heimischen Küche meiner Eltern festgehalten wird. »Rühr dich nicht vom Fleck«, rufe ich in den Hörer, »ich bin gleich bei dir.«

 

Die Stadtautobahn ist mir und meinem quietschroten Volvo Kombi hold und so trudele ich keine halbe Stunde später vor dem Haus meiner Eltern in Lankwitz ein.

Die gute Nachricht ist, die alte, verschnörkelte Villa meiner Eltern steht noch. Die schlechte Nachricht beinhaltet einen älteren Herrn, der vor der Eingangstür hin und her trottet und sich seine weißen, dichten Haare zerzaust, sodass ihm eine frappierende Ähnlichkeit mit Herrn Einstein nicht abzusprechen ist. Es handelt sich jedoch nicht um Albert, sondern um Jakob, seines Zeichens mein Vater.

Hastig und wenig StVO-konform parke ich den Wagen am Straßenrand und eile zu ihm.

»Du stehst zu weit auf der Straße, mein Kind, du solltest sorgfältiger einparken.«

Super, selbst nicht Auto fahren, aber mir Tipps geben. Ich verkneife mir einen Kommentar, der eines Teenagers würdig wäre. Lieber lasse ich mich von meinem Vater in die Arme schließen und verschwinde in dieser Umarmung. Meine Körpergröße geht eindeutig auf das genetische Konto meiner Mutter, denn mein Vater ist riesig. In seinen Umarmungen bin ich nicht mehr zu sehen und ich muss zugeben, mich darin herrlich geborgen zu fühlen, nicht viel anders als eine Fünfjährige auf Papas starken Armen.

Wie immer tipptopp rasiert und korrekt gekleidet in Hemd, Pullunder und Fliege, blickt er schließlich zu mir herunter. Seine grauen Augenbrauen sehen dabei ähnlich zerzaust aus wie seine Haare.

»Nun sag schon, was ist los?«, ermuntere ich ihn.

Mein Vater blickt sich in alle Richtungen um, ehe er sich zu mir herabbeugt und flüstert: »Ich glaube, deine Mutter hat eine krisenhafte Phase in der Mitte ihres Lebens.«

Ich bin wirklich stark bemüht, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen und ziehe deswegen mehr als nötig meine Stirn kraus, quasi damit die Lachmuskeln rund um den Mund entlastet werden. »Und was bringt dich auf diese sogenannte Midlife-Crisis?«

»Sie ist in letzter Zeit so komisch, so wie, ja also, so wie damals, als sie mit dir schwanger war. Das sind bestimmt die Hormone, nur andersherum.« Mein Vater zwinkert mir doch tatsächlich mit einem Auge zu und ich schlucke schwer, sehr schwer an meinem Lachen.

Um meinem Vater den nötigen Tochter-Respekt zu erweisen, versuche ich, das Problem gewissenhaft zu analysieren. »Ist sie möglicherweise ungefähr seit deiner Pensionierung im Februar so komisch

Mein Vater streicht sich gedankenvoll über die Nasenwurzel und sein Blick schweift in die Unendlichkeit seines Wissensspeichers. Ich kann nur erahnen, wie viele Schüler er mit dieser Geste und dem Ergebnis, welches kurz bevorsteht, in die pure Verzweiflung getrieben hat.

»Ich meine«, und es geht los, »dieser These kann ich durchaus etwas abgewinnen. Wenn ich jedoch an die Antithese der Zufälligkeit anknüpfe, wird es schwierig, hieraus eine vernünftige Synthese zu ziehen. Ich meine fast, die Dialektik ist hier nicht sauber anwendbar.«

»Genau!«, stimme ich uneingeschränkt zu und hake mich bei ihm unter, um ihn ins Haus zu ziehen. »Da dies aber ein wirklich sehr weites Feld ist, schlage ich vor, dass du deine Überlegungen in der Stille deines Studierzimmers, äh, überlegst. Jetzt sag mir erst einmal, wie ich dir praktisch in der Küche helfen kann?«

Ich spüre, wie mich mein Vater von schräg oben kritisch ansieht. Denn blöd ist er sicherlich nicht, unbeholfen in Lebensdingen außerhalb der Schule – ja, unbeholfen in sozialen Situationen außerhalb der Schule – ja und unbeholfen bei Aktivitäten außerhalb der Schule – dreifach ja.

In der Küche meiner Eltern gibt es nichts Auffälliges zu sehen, ich meine, nichts Auffälliges für mich. Auf Außenstehende mag die Küche sehr bunt und voll wirken, aber ich kenne sie nicht anders. Meine Mutter hat ein Faible für Kochbücher und jedes Mal, wenn sie eines gekauft hat, wird streng nach dieser Kochbibel gelebt. So haben sich im Lauf der Jahre in meiner Elternhausküche Woks aus der asiatischen Küche angesammelt, Nudelmaschinen, die italienische Bücherwurzeln haben, Samoware aus schwermütigen russischen Büchern, Sandwichtoaster, Dampfgarer, Mixer, Smoothie Maker, Grills, Allesschneider, Fritteusen, Raclettes, Vakuumierer, Brotbackautomaten, Zuckerwattemaschinen, Sous-Vide-Garer und von all diesen das jeweilige Zubehör in Schwarz, Weiß, Silber, Bunt.

»Hier ist doch alles gut.« Sicherheitshalber sehe ich in die angrenzende Speisekammer, schließe diese aber aus Selbstschutzgründen sofort wieder. »Der Herd ist aus, die Kühlschranktür geschlossen, der Backofen kalt. Warum warst du denn vorhin so in Panik?«

»Deine Mutter hat heute früh zu mir gesagt, ich solle mich nützlich machen. Und sie sagte noch, dabei meine sie nicht die neuen Geschichtsdaten, die ich gerade sammele und archiviere.«

Noch nicht ganz im Bilde, hake ich nach. »Und da dachtest du …?«

»… dass ich mir etwas zu essen machen soll.«

»Du? Dir? Selbst?«

»Das ist doch nützlich, oder? Außerdem habe ich Hunger, deine Mutter kommt nämlich erst morgen wieder.«

»Du wolltest ernsthaft kochen?«

Mein Vater greift hinter sich und nimmt das Kochbuch des Monats vom Ständer auf der Arbeitsfläche. Mit dem Zeigefinger tippt er auf den Titel: Clean Cooking. Darunter abgebildet ist eine Möhre, die sich um einen Kohlrabi wickelt.

»Das ist einfach, du nimmst dir eine Möhre und einen Kohlrabi und …«

»Das habe ich zuvor. Die Möhre schmeckte tüchtig sandig, aber der Kohlrabi war okay, vielleicht ein wenig bitterer als sonst.«

»Hast du das Gemüse geschält?« Ich öffne eine der Schubladen und greife nach einem Strauß Sparschäler.

»Selbstverständlich nicht, unter der Schalenoberfläche befinden sich nachgewiesenermaßen die meisten Vitamine.«

Mit Schwung schmeiße ich die verschmähten Schäler zurück in die Schublade und knalle diese zu. »Habt ihr Werbebroschüren vom Pizzadienst?«

»Das entzieht sich meiner Kenntnis.«

»Warte kurz.« In Rekordzeit sprinte ich zum Auto und hole meinen Rucksack. Zurück in der Küche befrage ich das Handy nach der nächsten Pizzeria, die meinen Vater beliefern würde. Um ganz sicher zu sein, bestelle ich ihm drei Mahlzeiten, die zu unterschiedlichen Zeiten warm und frisch geliefert werden.

»Dann kann ich mich jetzt wieder meinen Daten widmen?« Mein Vater atmet so erleichtert auf, dass ich Mitleid habe und ihm noch schnell ein Butterbrot mit Himbeermarmelade schmiere.

 

Mir selbst spendiere ich auch gleich ein Himbeermarmeladenbrot mit Honig, ehe ich nach Mitte düse, um mich dort mit Joãoin in seinem Torração zu treffen. Joãoin röstet Kaffee, wie Mozart Musik komponierte. Ich weiß kaum, mit welcher Kreation ich zuerst meine Nase und später meinen Gaumen beglücken soll.

So reiße ich mich erst kurz nach sechs Uhr los und mache mich auf den Weg, mein Auto zu suchen, welches ich in Ermangelung an Parkplätzen gefühlte siebzehn Straßen weiter parken musste. Dazu brummt obendrein vehement mein Handy und ich friemele es im Gehen aus dem Rucksack.

Ella!

Na, so spät bin ich nun auch nicht dran, dass mir Ella hinterhertelefonieren muss.

»Ich bin gleich da«, keuche ich ins Telefon und erhöhe gleichzeitig mein Tempo.

»Sag bloß, du rennst meinetwegen«, zieht mich Ella auf. »Noch liegst du locker im akademischen Viertel.«

»Danke für diese freundliche Mitteilung, dann kann ich ja jetzt im Spaziertempo mein Auto suchen.«

»Wieso suchst du dein Auto? Spielt ihr etwa Verstecken ohne mich?«

»Genau! Weil du so eine schlechte Verliererin bist, dachten Volvo und ich, wir spielen eine Runde allein.«

»Wenn das so ist, sind wir ab sofort keine besten Freundinnen mehr. Zukünftig gehe ich mit meiner Waschmaschine ins Kino.«

»Wie du willst, aber sieh bloß zu, dass sie nicht wieder durchdreht, wenn der Film zu gruselig wird, Transformers fällt somit definitiv weg.«

Beide prusten wir gleichzeitig los und kichern miteinander, wie wir es schon seit Kindergartentagen am besten können.

»Daniel verdreht die Augen«, flüstert Ella zwischen zwei Lachern.

»Klar, als Autor von hochliterarischen Texten muss Daniel mit dem notwendigen Ernst durchs Leben wandeln.«

»Gut beobachtet, Kaffeetante. Aber ich rufe dich nicht an, damit du meinen Ehemann analysierst, wenn auch treffend, sondern weil ich eine schnöde Handreichung von dir benötige. Du bist doch auf dem Weg hierher, oder?«

»So gut wie.« Wenn ich endlich mein Auto finden würde. »Was brauchst du denn?«

»Kind eins hat sich gerade das Knie in der Größe von Alaska aufgeschürft und verlangt nach Pflastern in eben dieser Größe. Kind drei, Kind vier und Ehemann eins teilen sich seit achtundvierzig Stunden einen grüngelben Schnupfen, der vom Mars stammt, und haben dementsprechend meinen Nasentropfenvorrat auf wenige Milliliter geschrumpft, sodass ich davon schnellstens Nachschub brauche.«

»Du hast Kind zwei und fünf vergessen.«

»Kind zwei begutachtet seit gestern Abend völlig fasziniert seine erste Zahnlücke und Kind fünf schnarcht zufrieden seit drei Stunden auf meinem Arm.«

Baby Viviana hat es gut, denn nach vier Jungs genießt sie als erstes Mädchen Prinzessinnenstatus. Die Kleine ist aber auch honigsüß. »Alles klar, eine Großpackung Großpflaster und zwei Liter Nasentropfen. Brauchst du sonst noch etwas aus der Apotheke?«

»Alles andere habe ich da. Logisch, oder?«

»Bis gleich, und sieh zu, dass Vivianchen wach ist, wenn ich komme.«

»Ich werde mich hüten, ein schlafendes Baby zu wecken.«

Bergstraße, Torstraße, Gartenstraße … wo, ach hier. Okay, war es halt die Tieckstraße. Froh, mein Auto wiedergefunden zu haben, bin ich versucht, ihm übers Dach zu streicheln. Was ich wirklich auch nur ganz kurz mache.

Da es in Berlin Apotheken gibt wie nicht vorhandene Parkplätze, steuere ich die nächstgrößere Eckapotheke mit einem eigenen Parkplatz an.

Sie gleicht einem Kauflandladen, allerdings mit mehr gesunden Sachen. Ehe ich mich bis zu den Pflastern vorgetastet habe, liegen drei Sorten Hustenbonbons in meinem Einkaufskorb (die sind lecker), dazu ein Paket Papiertaschentücher mit Märchenfiguren (für die Kinder), ein Haarshampoo mit wildem Honig für lockiges Haar (Shampoo kann ich nie genug haben), ein Tee, der nach Kaffee schmecken soll (unglaublich) und sechs Plüschtiere mit Lavendel im Bauch (auch für die Kinder – und Holly).

Bei den Pflastern gibt es drei Größen, die ungefähr der Größe von Alaska entsprechen, und diese jeweils in den Varianten normal, sensitiv, wasserdicht, elastisch und universal. Fertig zugeschnitten oder zum Selbstabschneiden. Für das doppelte Geld oder die Hälfte. Mit bunten Bildchen darauf, weiß oder beige.

Langsam mangelt es meinem Einkaufskorb an Platz, also setze ich meine Scheuklappen auf und reihe mich in die Kundenschlange ein, die bunt und vielfältig vor mir mäandert. Gelangweilt lasse ich meine Scheuklappen wieder sinken und begutachte das Regal neben mir.

Darin liegen längliche Päckchen in rosa und blau: Schwangerschaftstest mit Wochenbestimmung (?) lese ich und Schwangerschaftstest mit ausgeschriebenem Ergebnis (??) und Schwangerschaftstest mit Früherkennung (???) und Schwangerschaftstest plus (????) und Schwangerschaftstest mit färbender Testspitze (?????).

Mein Bauch produziert spontan Lava, während meine Finger sich in Eiszapfen verwandeln. Meine Knie bestehen aus Gelee und mein Puls klopft mir spürbar im Hals.

Was hat meine Mutter geweissagt? Das Universum wird mich erreichen, nein, Blödsinn, eine Nachricht wird mich erreichen … neue Wege … Liebe …

Ohne Zutun meines Gehirns greift meine linke Hand nach einer rosa Packung – ein Mädchen. Wie wundervoll wäre es, ein Mädchen in meinen Armen zu wiegen! Oder einen Jungen? Meine Hand schwenkt zu der blauen Packung. Oder einen Jungen und ein Mädchen, Zwillinge, wie bei Ella. Nicht nur mein Bauch fühlt sich heiß an, nun steigt die Hitze auch in mein Gesicht.

»Der Nächste, bitte.«

Ich blicke nach vorn. Die Apothekerin fordert mich mit ihrem Lächeln auf, näher zu treten, ich bin an der Reihe. Hinter mir fordern mich die Leute mit gemurmelten Berliner Liebenswürdigkeiten auf, weiterzugehen.

Schnell greife ich nach jeweils einer rosa und einer blauen Packung, und ohne weiter darüber nachzudenken, stelle ich meinen Einkaufskorb auf den Verkaufstresen.

»Ich würde gern mit Karte zahlen.«

Kapitel 5

R wie Rosa

Rüdesheimer Kaffee

Man gebe drei Stück Würfelzucker in eine Rüdesheimer Kaffeetasse, gieße diese mit Asbach Uralt auf und entzünde das Ganze. Dann lasse man herrlich heißen Kaffee bis unter den Becherrand fließen, setze eine Haube aus süßer Vanilleschlagsahne darauf und bestreue dies zur Krönung mit ein paar Schokostreuseln.

»Teer!«

Ohne Vollbremsung nehmen mich Ellas hüpfende Kinder in Empfang. Kaum aus dem Volvo in der Einfahrt ausgestiegen, umschlingt ein sechsjähriges Zwillingspaar mein linkes Bein und ein dreijähriges Zwillingspaar mein rechtes. Dabei quietschen und quieken die vier Blondschöpfe in einer nur ihnen vertrauten Sprache. Ohne die Grammatikregeln näher zu kennen, lärme ich deshalb einfach mit.

»Das ist lieb von euch, dass ihr mich hier draußen abholen kommt, und das in euren schicksten Schlafanzügen. Aber mit euren nackten Füßchen solltet ihr jetzt ganz schnell wieder hineingehen.«

»Aba du tommst mit!« Felix, der Jüngste der jüngeren Zwillingsbrüder, schiebt mir sein Händchen in die Hand und beobachtet mit himmelblauen Kulleraugen streng, wie ich ihm folge. Beherzt wischt er sich dabei mit dem Ärmel seines Astronautenschlafanzuges über die Nase und befreit sich so, zumindest für den Moment, von einer grellgrünen Substanz in der Konsistenz von Honig.

»Moment«, bremse ich ihn kurz aus. »Ich muss noch etwas aus dem Kofferraum holen.«

»Oh, Geschenke«, kräht Alexander, der Ältere des älteren Zwillingspaares. »Für uns?«

Ich schüttele so doll den Kopf, dass meine Locken schwingen. »Nö. Dieses Mal bringe ich Geschenke für Mia und Mo mit.«

»Triegen Tatzen auch Deschenke?« Felix, meine Hand noch immer fest in seinem klebrigen Griff, runzelt die Stirn. Er sieht dabei so unglaublich süß aus, ich muss mich einfach zu ihm runterbeugen, ihn schwungvoll hochheben und abknutschen. Zum Glück gehört dieser kleine Kerl zu den Kindern, die fröhlich zurückknutschen, anstatt sich mit Igitt empört abzuwenden. So wie die anderen drei Exemplare, die um meine Beine herumwuseln.

Nachdem ich den Kofferraum geöffnet habe, springen die Jungs vor Neugier fast hinein.

»Bin ich froh, dass ihr so starke Männer seid. Helft ihr mir tragen?«

Felix angelt von meinem Arm aus nach dem Rucksack, den ich heimlich von unten stütze, während seine Brüder sich die Geschenketüten aufteilen und stolz, wie nur Kindergartenkinder es sein können, ins Haus tragen.

In der Tür steht Ella mit Baby Viviana auf dem Arm, schlafend – das Baby, selbstverständlich. Ellas langer, geflochtener Zopf liegt dabei fest in der winzigen Babyfaust.

Wir küssen uns zur Begrüßung auf die Wange und voller Faszination nehme ich Ellas süßen Geruch wahr.

»Hast du ein neues Parfum?« Ich kann gar nicht aufhören zu schnuppern.

»Du Scherzkeks, ich bin seit 2010 nicht mehr in die Nähe eines Parfums gekommen. An den meisten Tagen bin ich froh, es überhaupt bis zur Badtür zu schaffen, ohne aufgehalten zu werden.«

Was sie offenbar nicht sonderlich stört, so wie sie lächelt und verliebt auf Baby Viviana hinuntersieht.

Seufzend schiebe ich mich an ihr vorbei in die Eingangshalle – jawohl, Halle. Das Haus der Familie Seidel ist nicht unbedingt das, was man sich unter einem Einfamilienhäuschen im Grünen vorstellt. Grün ist es zwar rundherum, aber inmitten des Gartenparadieses thront ein hypermodernes Haus der Art, die ich bis zum Bau nur aus Tobias’ Architekturzeitschriften kannte. Nicht ganz unstolz bin ich auf die Tatsache, dass Tobias bei Familie Seidels Hausbau Chefarchitekt war.

Das Haus ist lichtdurchflutet, selbst an trüben Tagen, den deckenhohen Fenstern sei Dank. Elegante Treppen aus hellem Buchenholz verbinden die offenen Ebenen zu einem harmonischen Ganzen. Dicke, flauschige Teppiche und kunterbunte Möbel machen die Zimmer gemütlich und laden zum Verweilen ein.

Ausgenommen das Wohnzimmer im Erdgeschoss, das als kinderfreie Zone eine Oase der Ruhe im Haus bildet. Hier dominiert ein weißes Wildledersofa in der Größe von Monaco.

Ella dirigiert uns daran vorbei in die Wohnküche gegenüber, wo Daniel gerade dabei ist, die Kochinsel zu schrubben.

»Mmh, Spaghetti Bolognese«, begrüße ich ihn herzlich mit einer Umarmung – mit nur einem Arm, denn auf dem anderen döst mittlerweile Felix. »Da ist doch bestimmt noch ein Tellerchen für mich übrig, oder?«

Daniel brummt etwas ganz und gar Unverständliches, wendet sich von mir ab und schnäuzt kräftig in ein Taschentuch. Ella verdreht die Augen, ehe sie sie für einen Moment schließt und tief ausatmet.

»Ella hat auch noch nicht gegessen. Ich gehe gleich mit den Kindern zu Bett, dann habt ihr eure Ruhe.«

»Kommt ihr?« Alexander hüpft in der Küchentür auf und ab, die Haare verstrubbelt und die Wangen rot vor Aufregung. »Wir haben deine Päckchen im bunten Wohnzimmer ordentlich hingelegt.«

Ella blickt ihren Sohn streng an und ehe sie ihm einen Vortrag über Bescheidenheit und Zier halten kann, gehe ich unpädagogisch dazwischen. »Richtig! Die Geschenke für Mia und Mo. Wie konnte ich die nur vergessen.«

Alexander springt kichernd von dannen und Ellas strenger Blick wandert zu mir. »Du bringst den Katzen Geschenke mit?«

»Du kennst mich doch.«

»Etwa deinen verrückten Papagei als Mitternachtssnack oder was?«

»Also du bekommst schon mal kein Geschenk von mir und meine geliebte Holly erst recht nicht!«, antworte ich schnippisch.

»Deschenke …«, murmelt es schläfrig an meinem Hals, gefolgt von einem Geräusch, wie es nur einer Nase gelingt, die so richtig voll ist.

 

Im Nu sind meine Mitbringsel ausgepackt und da sich die beiden Katzendamen nicht blicken lassen, kommen die Kinder unter Gejohle in den Genuss der Geschenke in Form von heißgeliebten Pixi-Büchern mit Minischokoladentafeln und den eben erstandenen Kuscheltieren und Märchentaschentüchern.

»Nun aber ab mit euch in eure Nester«, scheucht Ella die Bande auf, die sich erstaunlich widerspruchslos erhebt und mit starren Blicken in ihre Bücher im Gänsemarsch nach oben spaziert.

Ella blickt in die Wiege, wo Viviana schlummert. »Bleibst du hier? Sie wird gleich wach.«

Ich sehe in die Wiege und kann nichts feststellen, was dieses Baby zum Aufwachen bringen sollte. »Du meinst, dieses kleine Menschlein wacht heute noch auf?«

Ella nickt weise und verlässt mit leichten Schritten den Raum. Einen Moment später kommt sie zurück. »Kannst du mir bitte die Sachen aus der Apotheke geben? Wenn Daniel nicht gleich Nasentropfennachschub bekommt, reicht er womöglich die Scheidung ein.« Lachend krempelt Ella die langen Ärmel ihrer weißen Flatterbluse hoch.

Innerlich klatsche ich mir mit der Hand an die Stirn. Oh nein, oh nein, oh nein – die Nasentropfen!

Wie immer kann Ella meine Gedanken lesen und runzelt prompt die Stirn. »Du hast die Nasentropfen vergessen?«

Hektisch krame ich im Rucksack nach einer Lösung. Doch leider habe ich auch keine Nasentropfen gekauft, ohne es zu merken. Und keine alten übrig, von irgendwann, wobei, habe ich überhaupt schon mal Nasentropfen gekauft? Egal. Mit einem Blick auf die Armbanduhr ziehe ich den Autoschlüssel aus der Hosentasche. »Bring du die Kleinen – und deinen großen Ehemann – ins Bett, ich fahre schnell noch mal los.«

»Wohin fährst du denn?« Alexander steht neben Ella und kuschelt sich an die Beine seiner Mutter.

»Blut!«, rutscht es mir heraus und ich starre entsetzt auf Alexanders Knie.

»Ich habe das alte Pflaster ganz allein abgemacht.« Stolz hält der Junge sein Knie hoch und beobachtet die Blutspur, die sich über die Wade und den Fuß hinweg den Weg auf das mahagonifarbene Parkett sucht.

Ella zieht einen Flunsch und greift nach der Packung Märchentaschentücher, die ich ihr reiche. »Du sollst doch nicht an der Wunde polken.«

»Habe ich nicht.«

»Nein, die ist ganz allein wieder aufgegangen.«

»Ich war das nicht.« Tränchen stehlen sich in Alexanders Augen.

Ich knie mich vor das zitternde Kerlchen und neben Ella, die versucht, die rote Bescherung von Bein und Boden zu tupfen. Aus meinem Rucksack ziehe ich diverse Pflasterpackungen. »Ich habe zwar keine Nasentropfen, aber dafür Pflaster in allen Farben und Formen.«

»Cool«, schnieft Alexander in den Schopf seiner Mutter, »auch welche mit Schtar Wors drauf?«

 

Nach dem ungeplanten zweiten Besuch in der Apotheke, dem geplanten Aufwachen – und erneutem Einschlafen – von Baby Viviana und einem halben Dutzend mehr oder weniger schwerwiegender Zwischenfälle in Form von verschwundenen Zahnbürsten, gestohlenen Kuscheltieren und der Sehnsucht nach hundert Gute-Nacht-Küssen kehrt im Hause Seidel Ruhe ein.

Ella lümmelt auf ihrer Lieblingsseite der weißen Sofalandschaft und genießt einen Tee, der merkwürdig nach gegrilltem Heu riecht und den ich dankend ablehne. Dafür nippe ich an einem angenehm würzigen Australien Skybury mit dezenter Schokonote, den ich mir mitgebracht habe, da Kaffee in diesem Haushalt wie der Schwippschwager der dritten Cousine der geschiedenen Stiefschwester behandelt wird. Wie Ella und ich angesichts dieser trennenden Tatsache jemals beste Freundinnen werden konnten, bleibt ein Rätsel. Bereits im Kindergarten habe ich köschtlichen Kaffee in unsere Puppentässchen gefüllt, sie aber daraus guden Tee getrunken.

»Wie entfernst du abends eigentlich das ganze Koffein aus deinem Körper, bevor du schlafen gehst?« Ella grinst mich über ihr Teeglas mit dessen schlammigem Inhalt hinweg an und bedient sich dabei großzügig aus der Gummibärchentüte zwischen uns.

Ich schnalze mit der Zunge und atme demonstrativ den delikaten Duft meines Kaffees ein. »Für mich ist Koffein wie ein essenzielles Vitamin. Jede Zelle meines Körpers braucht es, um gesund und schön und prall zu sein.«

Ella spiegelt ihr Gesicht im Teeglas. »Fein, dass ich endlich hinter dein Schönheitsgeheimnis komme. Seit Jahren versuche ich schon, es dir abzuluchsen.«

»Hört, hört, Fishing for Compliments.« Ich betrachte meine Freundin genauer. Ihr blondes Seidenhaar, das selbst eine Skandinavierin brünett erscheinen lässt, befindet sich ordentlich geflochten in einem Zopf, der sich kunstvoll an ihrem Kopf entlangschlängelt. Unter langen Wimpern blitzen ihre lichtblauen Augen, während ein Lächeln den roten Schneewittchenmund umspielt. Lediglich haarfeine Fältchen rund um ihre Augen und ein blasslila Schatten darunter verraten, dass wir beide keine zwanzig mehr sind.

In Ellas Gegenwart fühlt sich das Leben leicht wie ein Windhauch an, ihre Energie ist noch zu spüren, wenn sie längst den Raum verlassen hat. Daniel und die fünf Kinder sind ihr Lebenselixier, ihr Blog FünfMalWir bricht alle Rekorde und ihre Leidenschaft fürs Tanzen bescherte ihr schon zweimal den Sieg bei den Berliner Rumba-Meisterschaften. Wenn sie nicht meine Freundin wäre, würde ich sie neidvoll ignorieren.

»Gabriela!«, tönt es aus der Küche gegenüber.

Ella kneift die Augen zusammen, streckt sich ausgiebig und erhebt sich langsam. »Ich hasse es, wenn er meinen vollen Namen benutzt. Leider ist es dann ernst.«

Ein wenig schläfrig schließe ich die Augen und höre auf das gleichmäßige Atemgeräusch von Viviana, welches ab und an unterbrochen wird von weltschwerem Seufzen. Behutsam lege ich mir die Hände auf den Bauch …

»Hey, du kannst doch jetzt nicht einschlafen! Wenn ich jemanden schlafen sehen will, gehe ich zu den Kindern hoch.« Ella plumpst neben mich auf das Sofa und hält mir einen Teller Spaghetti Bolognese mit einer dicken Haube aus geriebenem Parmesan unter die Nase, den ich ihr gierig abnehme.

Wir rutschen vom Sofa und lassen uns im Schneidersitz an dem niedrigen Glastisch davor nieder, um unsere Nudeln zu futtern. Schweigend wickelt Ella die hauchzarten Spaghetti mit ihrer Gabel auf. Schweigen? Ella?

»Ist mit Daniel und dir alles in Ordnung?«, murmele ich zwischen zwei Bissen.

»Sicher«, nuschelt Ella zurück und schweigt schon wieder.

Das veranlasst mich dazu, meine Gabel sinken zu lassen und meine Freundin mit geneigtem Kopf anzusehen, bis sie zu mir herübersieht. Statt einer erneuten Nachfrage hebe ich lediglich die Augenbrauen.

»Daniel hängt seit Wochen am ersten Satz für seinen neuen Roman fest.« Auch Ella legt ihr Besteck zur Seite und lehnt sich zurück. »Er ist deswegen, sagen wir mal vorsichtig, unausgeglichen.«

Ich, ganz unschriftstellerisch begabt, sehe darin keinen Grund, nölig zu sein. »Kann er nicht einfach mit dem zweiten Satz beginnen?«

Ella lächelt ein schiefes Lächeln. »Ich glaube, das würde er ja machen, wenn er eine Geschichte für seinen Roman hätte.«

Vermutlich ist es problematisch, einen Roman zu schreiben, für den man keine Geschichte hat. Gerade so, als würde ich einen Café noir zubereiten, ohne Kaffee zur Hand zu haben.

»Weißt du, was er stattdessen macht?«

Offensichtlich erwartet Ella eine plausible Antwort von mir, denn sie sieht mich fragend an. »Äh, Papierflieger basteln?«

»Auch.« Ella setzt sich gerade hin und fuchtelt mit dem Zeigefinger vor meinem Gesicht. »Er schreibt Artikel für meinen FünfMalWir Blog! MEINEN FünfMalWir Blog!«

Ganz kurz muss ich überlegen, wie ich diese Schreibinformation in meine Kaffeewelt übertragen könnte und lande dabei, wie Arian mir Kaffeebohnen aus der Hand nimmt, die ich gerade rösten möchte, mich aus der Küche schickt, dann aus dem Coffee To Stay, um anschließend die Tür hinter mir zu schließen und mir durch die Scheibe ein schönes Leben zu wünschen.

»Oh ja, das nervt!«

»Nerven?« Ella sieht ehrlich verwirrt aus nach meiner brillanten Analyse. »Er nervt mich nicht mit dem, was er schreibt. Im Gegenteil, seine Beiträge sind großartig.«

Nun befinde ich mich erneut am Anfang meiner Gedankenkette, denn ich verstehe das Problem nicht. Deshalb zucke ich lediglich mit den Schultern und vertilge die letzten Nudeln.

»Warum schreibt er in meinem Blog, aber nicht an seinem Roman? Offensichtlich macht es ihn total unzufrieden.«

»Vielleicht mag er ja auch nur seinen Schnupfen nicht«, sinniere ich und ernte dafür einen Ja-schon-klar-Blick von Ella. Dieser Meinung pflichtet nun auch Viviana bei, denn sie brüllt von jetzt auf gleich mit der Lautstärke eines Punkrockers los. Vor Schreck stoße ich mir mein Schienbein am Tisch, als ich aufspringe, wohingegen Ella nicht einmal zuckt. Geradeso als wäre sie an spontane, trommelfellperforierende Lautstärkeäußerungen gewöhnt – was sie mit ihren fünf Kindern vermutlich auch ist.

Mein pochendes Herz beruhigt sich nur langsam, und ehe ich das Zittern meiner Hände ganz unter Kontrolle habe, geht eine weitere Kindersirene eine Etage über uns los. »Mamiii …«

»Ei, ei, dieser Schrei deines großen Bruders geht leider vor, mein Schatz«, gurrt Ella ihre empörte Tochter an, um sie mir in die Arme zu drücken. »Schaukel sie rhythmisch, dann schläft sie gleich wieder ein.«

Unsicher, wie ich das Baby zu schaukeln habe, wiege ich es sanft hin und her. Leider nimmt die Entrüstung der Mini-Person eher zu als ab und ich ändere den Rhythmus. Mir ist heiß, als spielte ich gerade in einer Sauna Tennis. Voller Verzweiflung tanze ich langsame Walzerschritte durch das Wohnzimmer und in der Tat wird das Gebrüll auf meinem Arm leiser. Himmelblaue Augen mit tiefschwarzen Wimpern, die Schatten auf die Bäckchen darunter werfen, sind auf mein Gesicht gerichtet. Stille kehrt in das Zimmer zurück, doch ich tanze weiter einen Walzer zu Musik, die nur ich hören kann.

»Ich glaube, sie schläft.«

Abrupt bleibe ich stehen und tauche aus meinem La La Land auf. Vor mir steht Ella und sieht mich an. Ihre Augen wirken silbrig in dem gedimmten Licht des Zimmers und ich weiß, sie spürt, welcher Sturm gerade in mir tobt.

»Ella …«

Sie lächelt mich an und wartet darauf, dass ich weiterspreche. Zärtlich lege ich Viviana zurück in die Wiege.

»Mami, mein Knie tut weh.« Hinter Ella taucht Alexander auf, wankend vor Müdigkeit. Erleichtert atme ich aus, obwohl mir nicht einmal bewusst war, dass ich die Luft angehalten habe. Um ein Haar hätte ich den Floh ausgeplaudert, den mir meine Mutter mit ihrem vermaledeiten Horoskop ins Ohr gesetzt hat.

Ella hebt ihren Sohn liebevoll hoch und der Kleine legt sein Köpfchen an ihren Hals. »Ob da wohl eine heiße Milch mit Honig hilft?«, flüstert sie ihm ins Ohr.

Der Wuschelkopf nickt und schmiegt sich enger an Ellas Halsbeuge.

»Magst du auch ein Glas heiße Milch, Claire?«

Ich schüttele den Kopf und streiche Alexander über den Rücken. »Es wird Zeit für mich, und du brauchst auch Ruhe.« Ich küsse Ella auf die Wange und greife nach meinem Rucksack neben dem Sofa.

»Claire?« Ella nimmt meine Hand.

»Alles gut. Tobias arbeitet recht viel in den letzten Wochen und wir verbringen nur noch wenig Zeit miteinander. Deswegen bin ich manchmal ein bisschen traurig.«

Mit dieser Erklärung verlasse ich fast fluchtartig das Haus und eile zum Auto. Merkwürdigerweise habe ich mir das bis dahin nicht einmal selbst eingestanden.

 

Kurz vor zehn bugsiere ich den Volvo in eine Parklücke gegenüber unseres Hauses. In unserer Wohnung in der obersten Etage brennt kein Licht. Entweder ist Tobias bereits zu Bett gegangen – oder kann es sein, dass er noch gar nicht zu Hause ist?

Als ich über die Straße laufe, geht in unserer Küche das Licht an. Mein Herz macht einen beruhigten Hüpfer und ich beschleunige meine Schritte.

Nach vier Etagen Vorfreude stürme ich in die Wohnung. »Ich bin wieder da.«

»Claire da! Claire da!« Holly fliegt mit überhöhter Geschwindigkeit durch den Flur auf mich zu, während Tobias gemächlich hinterher bummelt. Als sie ihn sieht, setzt sie sich auf meine Schulter. »Mein Claire! Mein Claire!«

Tobias hat keine Chance, mir auch nur das spärlichste Küsschen zu geben. Kopfschüttelnd winkt er mir zu, bestrebt, heute keinen Konkurrenzkampf anzufangen. »Ich bin auch gerade erst rein. Möchtest du einen Espresso mittrinken?«

Das Angebot nehme ich gern an, und während Tobias zwei Köstlichkeiten mit unserem alten italienischen Herdkännchen zubereitet, bringe ich Holly ins Bett oder vielmehr auf die Stange. »Schlaf gut«, wünsche ich der verrückten Papageiendame und decke den Käfig ab.

Leider stellt sich Tobias bei unserem Abendkaffee als recht einsilbig heraus und auch auf sonst begeistert aufgenommene Fragen nach seiner Arbeit erfahre ich nicht wirklich viel. Im Gegenteil, er scheint weit, weit weg mit seinen Gedanken zu sein.

Bald schlurft er ins Bad und kurz darauf ins Bett.

Unruhig wandere ich zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Müssten die Yuccapalme und der Gummibaum nicht mal ordentlich gegossen werden? Und wie der Spiegel im Flur aussieht! Flink hole ich Glasreiniger und ein Tuch und poliere ihn blitzblank. Wie den Spiegel im Bad. Und ganz leise den Spiegel im Schlafzimmer.

Wieder im Wohnzimmer angelangt sortiere ich meine Kaffeebücher neu. Das wollte ich ohnehin schon sehr lange mal angehen. Es dauert eine Weile, bis ich alle Kaffeeromane nach Alphabet und alle Kaffeesachbücher nach Farbe und Größe sortiert habe. Das Ergebnis lohnt sich! Mein Kaffeebuchregal sieht fabelhaft aus und ich bin über so manche Kaffeeköstlichkeit gestolpert, die ich unbedingt in nächster Zeit ausprobieren möchte. Wir könnten auch eine Tombola für einen guten Zweck zum Geburtstag des Cafés durchführen und als Preise Kaffeebücher stiften.

Gähnend reibe ich mir die Augen und beschließe, ebenfalls zu Bett zu gehen. Auf dem Weg ins Bad komme ich an meinem Rucksack vorbei und bleibe nach drei Schritten stehen. Mein Puls trommelt mir in den Ohren und sämtliche Muskeln in meinem Körper spannen sich an, als würde ich jeden Augenblick losrennen. Doch ich bleibe starr stehen.

Los Claire, geh weiter, es ist nur ein blödes Horoskop, die vermeintliche Nachricht aus dem Universum kann alles sein. Zum Beispiel Éloïses Abschied oder Daniels Schreibblockade oder … eine andere.

Ohne hinzusehen, greife ich in den Rucksack, fingere eines der beiden Päckchen heraus und flüchte ins Bad. Hinter mir schließe ich ab, ehe ich mich mit überkreuzten Beinen auf den Badezimmerboden sinken lasse und mit klopfendem Herzen die rosa Verpackung mit dem tonnenschweren Inhalt in meinen Händen anstarre.

Kapitel 6

E wie Eigentlich

Espresso

Dunkel geröstete Kaffeebohnen, vermahlen zu feinstem Pulver, durch das weiches, heißes Wasser gepresst wird. Mit einer Krone aus goldfarbener Crema auf dem tiefschwarzen Körper.

Es gibt Tage – oder in meinem Fall eher Nächte – im Leben einer Frau, da muss es einfach ein Kaffee Kirsch sein. Mit einem Espresso schwarz wie die Hölle und einem Kirschwasser, das wie das Feuer in eben dieser Espressohölle brennt.

Gleich einer kostbaren Rosenthal-Tasse lege ich das rosa Päckchen auf den Badewannenrand. Meine Finger prickeln, als das Blut nach der krampfhaften Umklammerung wieder zu fließen beginnt, und meine Knie beschweren sich knacksend über das lange Stillsitzen auf dem harten Boden.

Im Dunkeln schleiche ich mich in die Küche. Dort ist mir das Kaffeeglück hold, denn ich finde noch einen Rest kalten Espressos, den Tobias vorhin vorsorglich aus dem Herdkännchen in eine Glasflasche umgefüllt hat.

Den meisten Menschen mag kalter Kaffee ein Graus sein, aber ich finde, damit lassen sich herrliche Köstlichkeiten anrichten. Am liebsten tränke ich frisches Weißbrot mit kaltem Espresso oder aromatisiere eine heiße Schokolade damit oder verrühre ihn zum Dessert mit cremigem Vanilleeis.

Jetzt muss es unter allen Umständen vollmundiges Schwarzwälder Kirschwasser aus wilden Kirschen sein. Mit einem satten Plopp löst sich der Korken aus der Flasche und sofort umfangen mich schwere Kirschdüfte und ein Hauch von herber Schokolade, vermischt mit einer Andeutung von Bittermandel.

Halt! Stopp!

Abwechselnd starre ich auf das Kirschwasser in meiner Hand und die Tasse mit dem Espresso vor mir auf der Anrichte. Ich bin gerade im Begriff, einen Schwangerschaftstest zu machen! Ich darf keinen Alkohol trinken! Und keinen Kaffee! Glaube ich.

Kein Kaffee in der Schwangerschaft? Ist das so ein altes Märchen wie etwa, dass Ohrenkneifer in die Ohren krabbeln oder der Storch die Babys bringt, nachdem ein Bienchen ein Blümchen bestäubt hat?

Mein Herz rast und während meine Füße wie Eisklötze an mir hängen, beginnt mein Bauch zu sieden. Das kann doch alles nicht gut sein für das Baby!

Komm schon Claire, atme! Ein und aus und ein und aus. So ist es gut – und nun google endlich, was es mit Kaffee und Schwangerschaft auf sich hat!

Was ist bloß mit mir los? Meine beste Freundin war dreimal mit insgesamt fünf Kindern schwanger und ich schiebe hier Panik wegen eines Tässchens Espresso. Wo war ich eigentlich die drei mal neun Monate?

Mit zittrigen Händen fülle ich ein Glas mit frischem, kaltem Wasser und trinke es in winzigen Schlucken. Wasser kann nur richtig sein.

Und wirklich hört das Zittern allmählich auf, meine Körperwärme verteilt sich wieder gleichmäßig von Kopf bis Fuß und mein Verstand rastet dort ein, wo er hingehört.

Schnell und leise verschließe ich die Flasche mit dem Kirschwasser und stelle sie zurück in den Schrank, den kalten Espresso schütte ich weg, und anschließend räume ich das benutzte Geschirr in den Geschirrspüler.

Ohne zu zögern gehe ich zurück ins Bad, öffne die rosa Verpackung und hole das Teststäbchen heraus.

Drei Minuten später liegt das Ergebnis vor mir.

 

Um Tobias nicht zu wecken, gleite ich fast lautlos unter die Bettdecke.

»Da bist du ja endlich«, brummt er an meinem Ohr, legt mir einen Arm um die Taille und zieht mich näher zu sich heran.

»Sorry«, flüstere ich zurück, »ich wollte dich nicht wecken.«

»Du weckst mich nicht, ich schlafe …« Ein kraftloser Kuss landet in meinem Nacken.

Vorsichtig drehe ich mich in Tobias’ Arm um. »Ich bin schwanger.«

»Wow, großartig …« Damit wird sein Atem regelmäßiger, was mir anzeigt, dass mein Freund eingeschlafen ist.

»Ich bin schwanger«, wispere ich mir selbst die magischen Worte zu. »Wir werden Eltern.«

 

Schon früh am nächsten Morgen weckt uns Tobias’ Wecker. Wie immer springt Tobias mit dem ersten unbarmherzigen Ton auf, schaltet das uralte Ding aus und sprintet ins Bad. Keine zehn Minuten später höre ich ihn schon telefonieren.

Nun gut, unser Aufwachen heute habe ich mir letzte Nacht anders ausgemalt. Kann es sein, dass Tobias doch mehr im Schlafland war als in der Realität, als ich ihm von der Schwangerschaft erzählt habe? Habe ich das vielleicht nur geträumt?

Zärtlich lege ich mir die Hände auf den Bauch, der sich flach wie immer anfühlt. Oder? Spüre ich da nicht eine klitzekleine Erhebung in der Mitte? Ich beschließe, dass dies so ist und streiche zart darüber.

Und ich beschließe noch etwas: Ich werde die Schwangerschaft erst einmal zwei, drei Tage lang für mich behalten, sie ganz allein genießen, mich daran gewöhnen, um dann dieses Glück zu teilen.

Auch bei meinen Geburtstagsgeschenken liebe ich es, das Auspacken hinauszuzögern. Morgens ein Päckchen, mittags eines, und wenn ich Glück habe, ist abends noch eines übrig.

Da ich mich trotz der kurzen Nacht ausgeruht wie schon lange nicht mehr fühle, krabbele ich ebenfalls aus dem Bett und mache mich fertig für die Arbeit. Einträchtig verlassen Tobias, sein Handy an seinem Ohr und ich unsere Wohnung und spazieren durch den frischen Frühlingsmorgen unserem Tagewerk entgegen. Wobei, Tobias eilt hektisch nach links seinem Tagewerk entgegen, wohingegen ich nach rechts schlendere.

Die zwanzig Minuten von der Wohnung ins Coffee To Stay genieße ich mit jedem Schritt. Wie sattgrün die Linden mittlerweile ihre Blätter der Maisonne entgegenstrecken und wie viele Vögel so früh am Morgen ihr Konzert geben! Ich staune im Rosenpark über ein Eichhörnchen, welches gewagte Sprünge über meterweite Distanzen hinlegt, dazu auf Ästen, die so dünn sind, dass selbst ein Spatz zu schwer wäre.

Die Kirchturmglocke der Kleinen Kirche am Rosenpark läutet siebenmal und exakt nach Verhallen des siebten Schlages schließt Waltraud Hagen das Tor der Kirche. Just als zwei Nachzügler um die Ecke hetzen. Na, das gibt heute Morgen eine Extrapredigt mit erhobenem Zeigefinger von Pfarrer Ewald.

Immer noch grinsend schließe ich das Café auf und öffne sämtliche Türen und Fenster, um den Frühling hereinzulassen.

Die Sonne scheint frontal in das Café und zaubert bunte Lichtreflexe auf die silbernen Kaffeedosen im Regal. Die Espressomaschine schillert in Regenbogenfarben und das Glas der Kuchenvitrine funkelt.

Rührselig lege ich erneut die Hände auf meinen Bauch, den ich gut unter der feinen Seide meines Vera-Wang-Kleides spüre, welches mir, über und über bestickt mit bunten Blumen, bis zu den Knöcheln reicht. In diesem Kleid fühle ich mich so frei, wie ich mir fröhliche Hippies aus den Siebzigerjahren vorstelle. Passend dazu werden meine roten Locken heute durch ein dünnes Band zurückgehalten.

So früh am Morgen gibt es im Café noch nicht viel zu tun, denn wir öffnen erst um zehn Uhr. Gut, die ersten Gäste kommen häufig schon um acht oder spätestens um halb neun, wenn der Morgengottesdienst zu Ende ist, aber das passt meist.

Arian wird sich nachher um die Tische und Stühle auf der Terrasse kümmern und die Geräte vorheizen, sodass ich mich einer meiner Lieblingsaufgaben widmen kann: dem Rösten von Kaffeebohnen. Dafür habe ich mir extra in der angrenzenden Küche eine Rösttrommel gegönnt. Und jede einzelne Bohne ist es wert. Agathe ist halt die Beste.

Heute freue ich mich auf Kaffee, der von einer Plantage in Guatemala stammt, aus der Gegend am Chichoj-See. Das Quellwasser des Wasserfalls, der zum Anwesen des Flor del Rosario gehört, wird für die Plantage verwendet. Und nicht nur das ist spektakulär, auch der Ausblick von dem hochgelegenen Gut, das im Herzen Guatemalas thront, ist die abenteuerliche Reise wert.

Während unserer Studienzeit haben Ella und ich für drei Monate Mittel- und Südamerika bereist und dabei gelegentlich auf Kaffeeplantagen gearbeitet, was meine Kaffeeliebe noch mehr entfachte und Ellas endgültig auf Eis legte.

Im Gegenzug habe ich sie zwei Jahre später nach Nordindien begleitet, wo sie ihre Teezuneigung auslebte. Ich dagegen verstehe bis heute nicht den Unterschied zwischen Orange Fannings, Pekoe Fannings, Tippy Golden Flowery Orange Fannings und wie sie alle heißen.

Meine Kaffeeröstgrade sind klar und strukturiert: je dunkler, desto intensiver. Kein GFOF, oder war es GFOP?

»Bonjour! Alles güt in deine ’Exenküche?« Éloïse linst unter ihrem sorgsam frisierten Pony durch den Türspalt. Ihre Nase kräuselt sich angesichts der Symphonie aus kaffeeigen, fruchtigen und schokoladigen Aromen im Raum. Ich halte ihr eine fertig geröstete Bourbon-Arabica-Bohne hin, doch Éloïse schüttelt nur den Kopf. Grinsend stecke ich mir die Bohne in den Mund und lutsche sie wie einen Himbeerdrops.

Ich folge Éloïse in das Café, wo mehrere Konditoren-Kartons darauf warten, ausgepackt zu werden. Neugierig schmule ich in den ersten hinein und sehe ein Dutzend Vanille-Cupcakes. Ein Dutzend köstlicher, honiggelber Vanille-Cupcakes. Ohne Hemmung greife ich zu und beiße mitten hinein in eines dieser Kunstwerke aus fluffigem Kuchen und sahniger Creme.

»Danke fürs Bringen, Éloïse. Aber solltest du nicht lieber bei deinen Gästen im Fiadone sein?« Meine Güte, sind die köstlich.

Éloïse blinzelt, während sie mir beim Essen, oder eher Schlingen, zusieht. »Offensichtlisch gomme isch exactement zür rechten Zeit. Nicht, dass du es vor Ünger nischt mehr in die Boulangerie geschafft ’ättest.« Éloïse öffnet einen anderen Karton, zaubert aus diesem ein Stück toffeebraunen Gugelhupf mit einer zuckrigen Kruste hervor und reicht es mir. »Und meine Gunden gönnen warten.«

Ja, ich vergaß, Éloïse bedient nicht Gäste, sondern Kunden. Den Unterschied kennt allerdings nur sie.

Da sie heute extra mit meiner Lieferung ins Coffee To Stay gekommen ist, hat sie vermutlich etwas auf dem Herzen, denn sonst holen Arian oder ich das Backwerk bei ihr ab, da das Café später öffnet als die Bäckerei.

»Darf ich dir eine Rhabarbersaftschorle anbieten?«, nuschele ich über meinem Gugelhupf.

»Gern. Ünd isch decke uns draußen einen Tisch.«

Immerhin, schlimmer als Éloïses gestrige Nachrichten können die heutigen nicht werden.

Durch das seitliche Fenster sehe ich Kuka an den Pflanztöpfen werkeln, während Éloïse lachend auf sie einredet. Daher bereite ich schnell eine Kanne finnischen Blümchenkaffee zu.

Ich bin versucht, daran zu nippen. Da mir dieses Wasser mit dem Spurenelement Kaffee aber nur im Notfall schmeckt – und dies ist eindeutig noch kein Kaffeenotfall – und ich erst das Dilemma Koffein versus Schwangerschaft klären möchte, widerstehe ich dem Impuls und schnuppere stattdessen nur daran.

»Guten Morgen, Kuka.« Schwungvoll stelle ich das Tablett mit unseren Getränken auf den Tisch vor dem Café.

»Hyvää huomenta«, murmelt es aus den Tiefen der weißen Federnelken vor mir zurück. Schließlich taucht Kuka mit Erdkrümeln auf der Nase aus dem Minidschungel unserer Pflanztöpfe auf und setzt sich zu Éloïse und mir an den Tisch. Seufzend, als hätte ich allen Weltschmerz von ihr genommen, greift sie nach der Kaffeetasse, die ich ihr gerade fülle – mit farblosem Wasserkaffee.

Éloïse bedient sich derweil an der Rhabarbersaftschorle, doch plötzlich halten beide mitten in ihrer Trinkbewegung inne, als ich mir selbst meine einschenke und trinken möchte. Zwei weit aufgerissene Augenpaare sowie zwei ähnlich geöffnete Münder starren mich an und ich reiße vor Schreck mein Glas vom Mund weg.

»Was!«, schreie ich und untersuche die rosa Flüssigkeit darin. »Schwimmt eine Wespe in meiner Schorle?«

Éloïse und Kuka starren sich gegenseitig an. Ich kann förmlich ihre Gedanken hin und her fliegen sehen, verstehe aber das französisch-finnische Kauderwelsch nicht.

Letztendlich kehren ihre Blicke wieder zu mir zurück, doch immerhin schließen sich ihre Münder und ihre Augen zoomen zurück auf Normalgröße.

Ich werde hoffentlich keine Wespe verschluckt haben? Mulmig schlucke ich mehrfach nach. Quatsch! Ich hatte ja noch nicht einmal getrunken. »Was ist los?« Genervt kneife ich die Augen zusammen.

Beide antworten mir gleichzeitig: »Warüm trinkst du keine café?« und »Warum trinkst du eine Schorle?«

Nun ist es an mir zu schweigen. Ich habe das Recht dazu und eigentlich will ich es ja für mich behalten …

»Ich bin schwanger«, flüstere ich. Na gut, Flüstern ist die Vorstufe von Schweigen.

Beide Frauen springen von ihren Stühlen auf und umarmen mich so stürmisch, dass ich mit dem Stuhl nach hinten kippele.

»Aber eigentlich …«, stottere ich zwischen all den Glückwunschküssen, die mich treffen.

»Eigentlich willst du es noch für disch be’alten«, vollendet Éloïse meinen Satz und streicht mir eine wildgewordene Locke hinters Ohr.

»Schweigen ist unsere Natur.« Kuka hebt zwei Schwurfinger und nickt ernst. »Nirgends auf der Welt wird so schön geschwiegen wie in Finnland.«

»Wir Franzosen schweigen nischt«, schüttelt Éloïse ihren schwarzen Schopf. »Immer’in, da isch es nün weiß, ’abe isch geinen Gründ darüber zu rede.«

Grinsend setzen sich beide zurück auf ihre Stühle und wir prosten uns zu, mit zwei Gläsern Rhabarbersaftschorle und einer Tasse Wasserkaffee.

»Guten Morgen, die Damen. So früh schon am Feiern?« Arian schlendert um die Ecke auf uns zu. Lässig schiebt er sein Rennrad im Wert eines deutschen Mittelklassewagens neben sich her und der schnittige Helm auf seinem Kopf schmälert nicht die Coolness des Auftrittes.

Éloïse setzt sich noch aufrechter hin, als sie ohnehin schon sitzt, und lächelt Arian auf eine Art an, dass selbst mir die Knie weich werden und ich froh bin, zu sitzen. Kuka winkt nur kurz und widmet sich dann wieder ihrer wohldosierten Koffeinaufnahme.

Mit einem Salut geht Arian an uns vorbei zum Hofeingang, der neben dem Lakka abzweigt.

Nun ist es an mir, Éloïse fragend anzusehen.

»No, no, meine Liebe. Du willst eigentlisch nicht über die bébé in deine Bauch rede und ich eigentlisch nicht über äh, über etwas anderes.«

Bis Arian sich mit einem Mokka zu uns setzt, hängt eine jede von uns ihrer eigenen Grübelei nach und ich kann nur im Ansatz erahnen, wohin Éloïses Gedankenreise geht.

»Isch ’abe mittlerweile mit die Vermieter gesprochen«, ergreift sie schließlich das Wort und jeglicher Schalk verschwindet aus ihrer Stimme. »Leider lässt er mich nicht eine würdige Nachfolger für die Boulangerie suchen. Er meint, es gibt große Nachfrage in ünserem Viertel für Mieter und er ’ätte da schon jemanden, der ihm gefällt. Isch schätze, es ist eher der Geldbeutel, der dem alten vaurien gefällt.«

»Weißt du, wer Nachmieter wird?« Da sich Éloïse wütend anhört und ihre Augen fast schwarz funkeln, wird mir doch ein wenig mulmig zumute.

»No! Natürlisch nischt! Das würde er mir nie sagen. Aber isch fühle mich, wie sagt ihr ’ier, isch meine die situation ist difficile. Meine Kündigung dauert sechs Monate. So lange kann isch nischt warten, um grand-mère zu ’elfen.«

»Und er lässt dich früher raus, wenn du dich nicht querstellst, richtig?« Kuka schenkt sich langsam einen neuen Kaffee ein und bietet auch Arian die Kanne an.

Der schüttelt entsetzt den Kopf und deckt seine Tasse sicherheitshalber mit einer Hand ab, ehe er sich an Éloïse wendet. »Damit macht er ja auch nichts falsch, ganz im Gegenteil, er muss dich nicht früher aus dem Mietvertrag lassen.«

»Richtig macht er es aber auch nicht«, murmele ich.

Arian verzieht den Mund, es ist bestimmt nur sein Mastertitel im Gastronomiemanagement, der ihn hier zu sachlichen Korrekturen zwingt. Ob die uns gefallen oder nicht.

»Ich meine ja nur«, versuche ich, mich zu erklären. »Zum Beispiel dort, wo der griechische Feinkostladen von Egeas im Krokusweg hinter der Kirche war, da ist jetzt eine hochgestylte Cocktailbar von irgend so einer amerikanischen Promikette, die das entsprechende Publikum in unser Viertel ziehen soll. Wenn die Leute Lust auf ein gutes Olivenöl haben, können sie sich nur noch in dieser Schickimicki-Bar eine Olive aus ihrem Martini fischen, falls es dort solch schnöde Getränke überhaupt gibt.«

Arian schiebt Kukas Kaffeekanne noch ein Stück weiter von sich weg. »Ich weiß, was du meinst, Claire. Aber die Bar ist schon nicht so verkehrt in unserer Gegend. Allerdings sind die Methoden des alten Greiner mehr als fragwürdig und wir Kleinen müssen aufpassen, nicht ausradiert zu werden.«

Kuka richtet eine Akelei in der Vase vor sich und seufzt. »Ich bin echt froh, dass die Häuser auf unserer Seite einem anderen Eigentümer gehören.«

»Nün güt, es ist, wie es ist. Isch muss jetzt wieder in die Fiadone. Madame Roderich war so nett, sich für eine Moment üm meine Günden zü gümmern und ihr wisst ja, wie sie ist, vermütlich kostet sie an jedem süßen Teilchen, welches sie verkauft.«

Oh ja, Martha Roderich, die in der Wohnung über der kleinen Bäckerei wohnt, hilft gern in der Nachbarschaft aus, und sie macht das auch richtig gut und mit Leidenschaft und Zuverlässigkeit. Ihre Widerstandslosigkeit gegenüber allem Süßen ist allerdings legendär. Es würde mich nicht wundern, wenn heute auf dem einen oder anderen Macaron ein Deckelchen fehlt.

»Für mich wird es auch Zeit.« Kuka erhebt sich zusammen mit Éloïse und streckt sich ausgiebig. »Auf mich warten zwei Fünfziger und ein Achtzehnter.«

Ich nehme an, sie meint Blumensträuße und nicht Herrenbesuch, aber so ganz darauf wetten würde ich bei Miss-ich-bin-schnell-verliebt-Kuka nicht.

Arian springt mit Schwung auf und reicht mir galant die Hand. »Wir sollten auch, Chefin.«

»Dein Wunsch sei mir Befehl, Angestellter.«

»Hast du Bauchweh oder so?« Arian stutzt, als er mein Glas und die leere Flasche Rhabarbersaftschorle auf ein Tablett stellt.

»Ähm nein, ich meine ja. Also nicht richtig, nur so in der Art.«

Aus den Augenwinkeln sehe ich Éloïse grinsen. »Vielleicht solltest du Claire einen camomille gochen, Arian.«

»Mach ich.« Damit schnappt er sich das Tablett und geht in das Café.

Ich drehe mich zu Éloïse um. »Vielen Dank!«

Éloïse kichert mir fröhlich ins Gesicht und umarmt mich dann fest. »Lass ihn dir schmecken und pass güt auf dein Bäuchlein auf.«

Kamillentee, ausgerechnet Kamillentee bestellt sie mir! Wir haben zwar Tiroler Kamillentee auf der Karte, jedoch nur, weil ich mehrfach danach gefragt wurde. Da ich kennen möchte, was ich auf der Karte führe, habe ich das blassgelbe Zeug gekostet und tapfer ein oder zwei Schlucke auch wirklich geschluckt. Das reichte. Warum meine Gäste zuweilen dieses Gebräu einem guten Arabicaaufguss vorziehen, das weiß lediglich der Teegott allein.

»Claire, kommst du mal bitte?«

Vorsichtig betrete ich das Café. Der Kamillentee wird doch nicht schon fertig sein?

Arian hat alle Kuchenverpackungen geöffnet und zählt murmelnd die Stücke darin. »Komisch, es fehlt ein Vanille-Cupcake und ein Stück Gugelhupf. Éloïse muss wirklich durch den Wind sein, sie hat noch nie die falsche Anzahl geliefert.«

»Hat sie auch nicht, den fehlenden Kuchen habe ich gegessen.« Als wäre es das Normalste der Welt, dass ich meinen Gästen den Kuchen wegfuttere, nehme ich einen der Kartons an mich und trage ihn zur Kuchenvitrine, um die Reste hübsch in der Auslage anzurichten. »Möchtest du auch ein Stück?«

Arian schüttelt den Kopf und ich meine, ihn etwas in Richtung Disziplin und Unsitten oder so ähnlich brummen zu hören, ehe er zurück auf die Terrasse geht, um die restlichen Tische und Stühle für den Start in unseren Cafétag vorzubereiten.

Einen Moment später steckt er seinen Kopf zur Tür herein. »Dein Tee steht übrigens trinkbereit neben Bessy.«

Ich warte, bis Arian wieder mit den Stühlen draußen beschäftigt ist, ehe ich das dampfende Teeglas nehme, um damit diskret unsere Pantoffelblumen zu gießen. Doch das warme Aroma nach Honigvanille lässt mich innehalten. Ist das der Kamillentee, der so duftet? Misstrauisch schnuppere ich aus sicherer Entfernung an dem Glas, anschließend intensiver aus der Nähe. Worauf ich den Tee, nach einem Blick in alle Richtungen, ob ich auch ja nicht beobachtet werde, vorsichtig koste. Süß, blumig, fruchtig und beträchtlich lecker, findet meine Zunge. Ehe ich mir eine halbwegs passable Erklärung für mein untypisches Verhalten einfallen lassen kann, habe ich den Tee ausgetrunken.

Mein Blick schweift über den Kuchen in der Vitrine, wo zwei Stück fehlen, und zurück auf das Glas, das bis eben noch mit Tiroler Kamillentee gefüllt gewesen ist. Zum Schluss blicke ich auf meinen Bauch und lache laut und glücklich auf.

In der Tat dreht sich mein Leben gerade in eine neue Richtung und ich hüpfe voller Vorfreude von meinem gewohnten Weg herunter. Nicht nur eigentlich ist in meinem Leben noch unglaublich viel Platz für ganz viel Liebe.

Kapitel 7

S wie Schwangerschaft

Schalerl Gold

Dunkler, herber Kaffee, gefärbt durch weiße, süße Schlagsahne, verwandelt sich in einen goldenen Genuss.

Grappa ohne Alkohol. Kastriert. Schonkaffee.

Kaffee ohne Koffein genießt nicht unbedingt den besten Ruf. Und ganz ehrlich, für mich ist entkoffeinierter Kaffee schlicht und ergreifend kein Kaffee. Den gibt es in meiner Kaffeewelt einfach nicht. Bis jetzt.

In den letzten Tagen habe ich jede freie Minute, und auch manche beschäftigte, genutzt, mich entkoffeinierungstechnisch weiterzubilden. So kompliziert, wie es sich anhört, ist das gar nicht. Es gibt ein ganz akzeptables Verfahren, den Kaffeebohnen das Koffein zu rauben. Koffein ist eine wunderbare Laune der Natur, bringt es doch unser Blut in Wallung und schützt die arme Kaffeepflanze vor Parasiten und gemeinen Fressfeinden.

Jedoch! Keiner hat es verdient, verquollen und mit flüssigem Kohlendioxid umspült zu werden. Das würde jedem von uns die Kräfte rauben. Ich bin sehr froh, dass einer meiner bevorzugten Lieferanten von biodynamischen Fairtrade-Kaffees in diesem für mich recht sensiblen Bereich in die Bresche springt. Zwar leide ich weiterhin mit jeder Bohne, die diese Tortur über sich ergehen lassen muss, aber es gibt Tage im Leben einer Frau, da muss es einfach entkoffeinierter Kaffee sein.

Mit Fingerspitzengefühl experimentiere ich seit Stunden mit der Veredelung von handverlesenen Bohnen, einer mit Leidenschaft geführten Kooperative aus Nicaragua, in der Nähe von Matagalpa. Bei einer niedrigeren Temperatur als üblich versuche ich, durch verlängerte Röstzeiten den bedauernswerten Kaffeebohnen das perfekte Aroma zu entlocken.

Es duftet schon ganz gut, brombeerig und haselnussig, aber, aber, aber. Vielleicht sollte ich einfach ganz auf Kaffee verzichten in den nächsten Wochen? Oder wohl eher Monaten! Okay, einen Versuch wage ich noch.

Dieses Mal stoppe ich die Röstung nach zwölfeinhalb Minuten und lasse die Bohnen nach ihrer Schwitzkur liebevoll auskühlen. Das haben sie sich allemal verdient.

In der Zwischenzeit gehe ich auf der Suche nach etwas Essbarem ins Café. Arian hat bereits aufgeräumt und saubergemacht und sitzt, über den Laptop gebeugt, an der Theke.

»Wie sieht es aus an der beschnittenen Kaffeefront?«, murmelt er, ohne aufzublicken.

Arian steht meinem Kaffeeexperiment so skeptisch gegenüber wie ein texanischer Rinderzüchter einem veganen Feriengast.

»Das wird schon noch was«, gebe ich mich zuversichtlich. »Außerdem sind wir unseren Gästen einen koffeinfreien Kaffee schuldig.«

Nun sieht er doch auf, allerdings nur, um mich mit einem Blick zu bedenken, den ich im großmütigsten Fall als nicht nett bezeichnen würde.

»Wer bitte, bestellt bei uns entmannten Kaffee?«

»Viele.«

»Wer?«

»Na Touristen, zum Beispiel.«

»Bei mir noch nicht und ich habe an die achttausend Bestellungen im Kaffeebusiness aufgenommen.«

»Dann warst du halt gerade nicht da. Oder hast nicht hingehört. Oder hast es vergessen. Oder hast es ignoriert.«

»Wie du meinst, Chefin.« Arian rutscht vom Barhocker und streckt sich ausgiebig, grinsend schaut er von ganz oben ganz tief runter zu mir. »Ich bin fertig für heute. Die Zucker- und Milchbestellungen sind raus und einen neuen Fensterputzer habe ich uns auch organisiert. Wir sehen uns dann morgen und ich hoffe, ich muss nicht wieder sterilisierten Kaffee probieren.« Mit einem Knuff in meinen Oberarm lässt er mich allein im Café zurück und ich schließe hinter ihm ab.

Keine Angst, mein Freund, dir werde ich morgen einen Kaffee präsentieren, der deiner Männlichkeit gerecht wird. Und ich werde dir erst hinterher genüsslich deutlich machen, dass er ganz ohne Koffein war. Selbst wenn ich dafür schwindeln muss.

In schließe auch die Terrassentür. In ihrer Scheibe spiegelt sich meine gerunzelte Stirn. Vielleicht sollte ich Arian über die wahren Gründe meiner neu entdeckten Leidenschaft für entkoffeinierten Kaffee aufklären. Oder lieber noch nicht gleich, im Moment genieße ich mein Geheimnis viel zu sehr.

Bei den Gedanken an das Baby in meinem Bauch setzt zuverlässig diese zauberhafte Schwangerschaftsmagie ein und die trotzigen Gedanken gegenüber Arian trollen sich, während prickelndes Glück sich dort ausbreitet, wo ich gerade noch grummelig war.

Seit fast einer Woche bin ich mir jetzt dieses kleinen Wesens in mir bewusst und schwebe mit ihm zusammen in einem Wolkenkuckucksheim, mal in einem blauen und mal in einem rosaroten, je nach Stimmung. Ab und an trübt ein mittelschwerer Angststurm die grandiose Aussicht, doch meist gelingt es mir recht schnell, den Kopf einzuziehen und das Unwetter verstreichen zu lassen.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960876199
ISBN (Buch)
9783960876298
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495147
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    Nadin Maari (Autor)

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Titel: Das Café zum Glück