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Sommer im Gutshof zum Glück

von Dolores Mey (Autor)

2014 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Sarah liegen die Männer zu Füßen. Doch genau davon hat sie gründlich die Nase voll! Sie will mehr sein als nur ein hübsches Vorführhäschen. In Daniel glaubt sie endlich den Mann gefunden zu haben, der das respektiert – bis er über ihren Kopf hinweg eine gemeinsame Zukunft im Ausland plant. Wütend und enttäuscht verlässt sie ihn und übernimmt kurzentschlossen für sechs Wochen den Job ihrer Freundin Rike auf einem Gutshof mit Ferienkindern. Eigentlich will sie in der Provinz zur Ruhe kommen, aber die Männer auf dem Land, allen voran der gutaussehende Hendrik von Freyenhof, sind alles andere als langweilig …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe August 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-864-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-887-2

Copyright © April 2014, Dolores Mey im Selfpublishing
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits April 2014 bei Dolores Mey im Selfpublishing erschienenen Titels Sommergastspiel.

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
© Chrislofotos /shutterstock.com, © Eric Isselee/shutterstock.com und © naKornCreate/shutterstock.com
Korrektorat: SL Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Als Du zur Welt kamst, regnete es.

Nicht weil es regnen sollte, sondern weil

der Himmel um den süßesten Stern weinte,

den er verloren hatte!

(Sesambrötchen)

1.

Der Koffer lag offen und bereits gut gefüllt auf dem Bett. Sarah Kunzmann stand an diesem sonnigen Junimorgen in ihrem WG-Zimmer vor dem Kleiderschrank und blickte unschlüssig auf die Reste ihrer überschaubaren Sommergarderobe. Sie zog ein buntes Shirt-Kleid aus dem Fach, was sie seit einer gefühlten Ewigkeit besaß. Mit dem Fuß gab sie der offenstehenden Zimmertür einen Schubs, sodass diese zufiel. Quadratische Spiegelkacheln kamen auf der Rückfront zum Vorschein. Mit skeptischer Miene ließ Sarah das Kleid vor der Brust nach unten fallen. Na ja, für den Strand würde es noch gehen. Ihr Blick wanderte zu den bereits eingepackten Sachen. Obenauf lag der neue Bikini. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie legte das Kleid zur Seite und holte ihn wieder hervor. Herrje, wenn sie so weitermachte, würde sie nie mit dem Packen fertig werden. Ihre Finger fühlten das seidige Gewebe und sie dachte daran, wie angenehm es sich auf ihrer Haut angefühlt hatte. An den Preis mochte sie allerdings nicht mehr denken. Für ihre Verhältnisse war der Bikini sündhaft teuer gewesen. Fünfundneunzig Euro für so ein bisschen Stoff. Doch bei dem frechen Karo in Pink und Marine hatte sie einfach nicht widerstehen können. Ein Teil des angesparten Taschengeldes für den Urlaub war damit verbraucht. Aber schließlich hatte sie den Bikini auch nur wegen der Reise gekauft. Bis heute war es ihr ein Rätsel, wie sie in das noble Wäschegeschäft geraten war. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit war sie an diesem Tag einen anderen Weg nach Hause gegangen. Warum, wusste sie schon gar nicht mehr. Nur, dass sie das Glück in jeder einzelnen Pore gespürt hatte, daran erinnerte sie sich noch gut. Es war am Tag nach der Bekanntgabe der Prüfungsergebnisse gewesen. Ab diesem Moment konnte sie sicher sein, bestanden zu haben. Da durfte man doch auch mal unvernünftig sein, oder? Und dann stand sie vor der Auslage. Bei schöner Wäsche wurde sie immer schwach. Egal, in welchem Laden. Also war klar, nur mal kurz am Schaufenster die Nase plattdrücken. Doch zweifellos war dies kein Geschäft für junge Studentinnen. Eher wohl für Professorengattinnen. Und trotzdem konnte sie nicht weitergehen. Nach dem Preis fragen wird schließlich erlaubt sein, dachte sie. Sogar erwünscht, wie die nette Verkäuferin meinte, die so ganz anders war als das Personal in den Läden, wo sie sonst einkaufen ging. Die sehr attraktive Dame um die fünfzig bat sie herein und fand es überhaupt nicht merkwürdig, dass Sarah sich nur mal umsehen wollte. Nachdem die Verkäuferin, vielleicht war es auch die Inhaberin des Ladens, wusste, was die junge Kundin interessierte, legte sie eine Auswahl von Bademoden vor. Doch kein Bikini gefiel ihr so gut wie der im Stil der 50er Jahre aus dem Schaufenster, bei dem sie am Ende doch geblieben war. Die nette Dame ermunterte sie, ihn anzuprobieren. Vielleicht würde er dann gar nicht mehr so gut aussehen, hoffte Sarah insgeheim, nachdem sie das Preisetikett entdeckt hatte. Leider stellte sich das Gegenteil heraus. Bei dieser Figur und mit etwas Bräune würde sie Personenschutz beantragen müssen, hatte die Verkäuferin gemeint. Sarah hatte die Aussage schmunzelnd hingenommen. Schließlich war bekannt, dass in Verkaufsgesprächen gern übertrieben wurde, insbesondere bei dem Preisniveau. Viel mehr interessierte sie Daniels Reaktion. Dabei erwartete sie keine großen Komplimente, so ein Typ war er nun mal nicht. Trotzdem freute sie sich darauf, endlich wieder ein bisschen mehr Spaß in ihr Leben zu lassen. Die letzten Wochen waren von Prüfungsvorbereitungen und dem Job im Bistro beherrscht worden. Endlich lag jetzt alles hinter ihr. Noch immer konnte sie es nicht glauben, träumte nachts von überfüllten Hörsälen und verpatzten Diplomarbeiten. Doch mittlerweile lag die Examensurkunde in einem neuen, extra dafür angeschafften Ordner im Sekretär. Und niemand konnte ihr diesen Erfolg nehmen. Jetzt musste nur noch eine der Schulen, an denen sie sich beworben hatte, eine Zusage schicken und alles, na ja fast alles, wäre perfekt. Sie betrachtete sich im Spiegel. Definitiv war jetzt erst mal Spaß angesagt. Sie wollte nicht schon wieder an Pflichten denken. Ob Daniel die gleichen Sehnsüchte hatte? Er redete nicht viel, schon gar nicht über Gefühle, doch wenn man ihn brauchte, war er da. Das schätzte Sarah sehr an ihm. Es war so lange her, dass sie richtig Zeit füreinander gehabt hatten. Das könnte doch reizvoll sein, ein bisschen so, als würden sie sich neu entdecken. Sie strich sich ihr volles, weizenblondes Haar zurück und band sich einen Zopf. Wenn sie nicht bald aufhörte zu träumen, würde sie morgen noch hier stehen. Das Klingeln des Telefons unterbrach ihre Gedanken.

„Daniel, hi, was ist los? Um die Uhrzeit hast du ja noch nie angerufen. Geht’s dir gut?“

„Ja, ja, ich bin okay, aber ich muss dringend mit dir reden.“

Er machte eine bedeutungsvolle Pause und atmete tief aus, bevor er weitersprach.

„Sarah, ich hab ein Angebot von meinem Chef bekommen. Das kann ich unmöglich ausschlagen. Ich klettere die Karriereleiter gleich drei Stufen nach oben, wenn ich sofort für zwei Jahre in die USA gehe.“

„Oh, heißt das, wir fahren nicht nach Spanien?“

Sarah setzte sich aufs Bett. Ein leichter Druck kam aus der Magengegend. Enttäuscht sah sie auf den offenen Koffer neben sich. Seit Jahren hatte sie keinen richtigen Sommerurlaub mehr gemacht.

„Ja, leider. Ich muss nächste Woche schon hin. Es ist jemand ausgefallen. Herzinfarkt. Tut mir leid, ich habe auch erst gestern Abend davon erfahren." Daniel hielt kurz inne und sprach dann schnell und eindringlich weiter. „Schatz, ich möchte, dass du mitkommst. Es ist an der Ostküste, nicht in den Südstaaten. Es wird dir gefallen, ich habe schon Bilder gesehen, es ist wunderschön dort, nicht weit bis zum Atlantik. Du müsstest also nicht auf den Urlaub verzichten.“

Sarah schluckte, sollte sie ihm jetzt etwa dafür dankbar sein, dass er sich an ihre Abneigung gegen Schlangen und Skorpione erinnerte?

„Und was ist mit dir? Du musst doch arbeiten, oder?“

„Ja leider, ähm, es geht nicht anders. Deswegen bekomme ich ja diese Chance, verstehst du? So eine Möglichkeit kommt so schnell nicht wieder.“

Natürlich konnte sie ihn einerseits verstehen, aber andererseits, würde das jemals aufhören? Seit sie Daniel kannte, bestimmte der Job sein Leben. Sicher wäre es reizvoll, für ein paar Wochen die Ostküste der USA zu bereisen. Aber nicht so. Sie schüttelte den Kopf. Nein, ihr Traumurlaub mit Daniel sah anders aus.

„Wie stellst du dir das vor? Soll ich etwa allein in einer fremden Wohnung im Ausland Urlaub machen, während du den ganzen Tag arbeitest und dann spät abends erschöpft aus dem Büro kommst? Tolle Vorstellung. Und wie lange soll das gehen? Du weißt doch, wie wichtig mir das ist, dass ich Ende August in einer Schule mein Lehramt antreten kann und damit endlich auf eigenen Füßen stehe.“

„Ja, aber manchmal ändern sich die Dinge auch. Du kannst dich doch auf mich verlassen.“

„Ja, aber … hör doch mal zu …“

„Nein, kein aber! Ich finde, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um zu heiraten, damit du siehst, wie ernst mir das ist", unterbrach er sie.

Sarah stöhnte innerlich auf. Besonders romantisch war Daniel nie gewesen, aber dass er ihr einen Heiratsantrag am Telefon machen würde, hätte sie ihm dann doch nicht zugetraut.

„Daniel, was ist mit dir los? Spinnst du? Wir müssen doch erst mal zusammenziehen, um zu testen, ob das mit uns überhaupt funktioniert.“

„Ich war noch nie so klar. Das passt, das weiß ich auch so. Sarah, du bist 28 Jahre, im besten Alter für Kinder. Dein Beruf läuft dir nicht weg, du kannst doch später wieder einsteigen.“

Sarah lachte schrill.

„Wie bitte? Darüber hast du noch nie mit mir gesprochen. Vielleicht kannst du dir mal kurz ins Gedächtnis rufen, dass man, um Kinder zu kriegen, Sex haben muss. Ich kann mich an das letzte Mal kaum erinnern.“

„Äh, da mach dir mal keine Sorgen, das ändert sich, das verspreche ich dir.“

Sarah wurde es zu bunt. Energisch schnitt sie ihm das Wort ab.

„Hör bitte auf, du machst dir was vor! Dein Job ist dein Leben. Das ist okay, aber ich habe auch nicht nur zum Spaß studiert. Tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass sich an deinem Leben was ändern wird. Mir wird gerade klar, dass du nie viel Zeit für mich haben wirst. Bisher hat das für mich gestimmt, aber jetzt nicht mehr. Ich kann nicht all meine Zukunftspläne komplett über den Haufen schmeißen und sie so einfach gegen neue ersetzen. Das musst du verstehen. Das würdest du umgekehrt auch nicht tun.“

„Und, wie soll es dann weitergehen?“

„Fahr doch erst mal hin und schau, wie es für dich ist, dann werden wir sehen.“

„Tja", Daniel räusperte sich, „was soll ich sagen, ich hab die Tickets und das Hotelzimmer schon gebucht.“

„Wiiie?" Sarah holte tief Luft, um die Übelkeit zu unterdrücken, die in ihr hochkam. „Ohne mich vorher zu fragen?“

„Ich bin davon ausgegangen, dass du dich darüber freust.“

Sarah stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Sie öffnete das Fenster und die Tür zum Flur. Sie kam sich vor, als hätte sie Fieber. Wie ein Flächenbrand breitete sich Wut in ihr aus. Wieder atmete sie tief ein und aus und spürte, wie die Entrüstung einer tiefen Traurigkeit wich.

„Bist du noch da?", rief Daniel in den Hörer.

„Natürlich! Wo soll ich denn schon sein?", fuhr sie ihn gereizt an. Noch einmal holte sie tief Luft. Sich gegenseitig anzuschreien brachte einfach nichts. Sie zwang sich zu einem ruhigeren Ton. „Daniel, ich mag keine Entscheidungen, die über meinen Kopf hinweg gefällt werden. Ich dachte, das wüsstest du. Wann haben wir das letzte Mal über uns gesprochen? Ich fühle mich total übergangen von dir.“

„Willst du es beenden?"

„Ich wollte eigentlich mit dir in den Urlaub fahren und unsere Beziehung auffrischen. Oder findest du das, was wir in den letzten Monaten hatten, normal?“

„Na ja, es war nicht unbedingt optimal, das gebe ich zu, aber für mich gibt es nur dich. Nur, damit du nicht auf falsche Gedanken kommst.“

„Daran hab ich keine Zweifel, aber besser wird die Situation deswegen trotzdem nicht. Du siehst das Problem zu einfach. In den letzten zwei Tagen hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob ich einen Mann will, der seine ganze Erfüllung in der Arbeit sieht. Ich hatte gehofft, dir in unserem Urlaub wieder etwas näherzukommen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass du mich überhaupt nicht brauchst.“

„So einen Quatsch hab ich lange nicht gehört", rief er dazwischen.

„Doch", ließ sich Sarah nicht beirren. „Du willst doch nur deshalb eine Beziehung, weil es zu deinem Lebensplan gehört, eine zu haben. Daniel … darüber haben wir gesprochen. Nur zum Vorzeigen tauge ich nicht, wie oft denn noch. Verdammt! Und ich hab wirklich geglaubt, du bist anders.“

„Ich habe dich nie so behandelt wie dein Ex", rief er entrüstet in den Hörer.

„Ja, gut, das stimmt, du hast mich nicht so vorgeführt", räumte sie ein. „Aber trotzdem. Du vermisst mich nicht mal, wenn wir uns nicht sehen können.“

„Woher willst du das wissen?", rief Daniel empört. „Du tust gerade so, als ob du meine Gedanken lesen könntest. Ich hab dir gesagt, es wird sich ändern, und dann ist das auch so, glaub mir.“

„Woher ich das weiß?" Sarahs Stimme überschlug sich. „Möchtest du wirklich, dass ich dir jetzt die ganzen Wochenenden aufzähle, an denen du wegen deiner Termine und Geschäftsreisen keine Zeit für mich hattest? Oder die Abende, an denen du frühzeitig gegangen bist, weil dir dein Schlaf wichtiger war als neben mir aufzuwachen? Für manche Antworten braucht man keine Beweise. Das fühlt man einfach. Füüühlen, Daniel. Und versuch jetzt nicht, mir was zu versprechen, was du sowieso nicht halten kannst. Wenn du dir nur mal kurz die Zeit nimmst, darüber nachzudenken, wirst du sicher zum gleichen Schluss kommen.“

Sarah krächzte. Ihre Stimme verlor an Lautstärke. Für einen Moment herrschte Schweigen. Das Gesagte stand wie eine unüberwindbare Mauer zwischen ihnen.

„Ich kann dich nicht umstimmen, oder?“

„Nein. Tut mir leid, das geht nicht. Ich brauche Zeit.“

Bevor er noch etwas sagen konnte, hatte sie den roten Knopf gedrückt. Erschöpft legte sie sich aufs Bett und schloss die Augen. Das Gefühl einer großen Leere durchflutete sie. Wieso fühlte sie keinen Schmerz und warum kamen keine Tränen? War sie etwa gefühlskalt?

Das Telefon klingelte erneut. Daniels Nummer blinkte im Display. Sarah ließ es klingeln. Es war alles gesagt.

Der Schlüssel drehte sich im Türschloss. Rike, ihre Freundin und Mitbewohnerin, kam nach Hause. Sie teilten sich die kleine Zweizimmerwohnung und kamen bestens miteinander aus. Auch Rike studierte Lehramt, hatte aber noch zwei Jahre vor sich, bevor sie das Referendariat machen konnte. Seit Kurzem schwebte sie im siebten Himmel, weil sie in einen jungen Polizisten namens Sebastian verliebt war.

„Hi, bin wieder da", rief sie. Mit wenigen Schritten stand sie in der offenen Tür von Sarahs Zimmer und grinste über das ganze Gesicht. Sarah setzte sich auf und blickte suchend an ihrer Freundin vorbei.

„Bist du allein?“

Seit Tagen machte Rike keinen Schritt ohne Sebastian.

„Ja, Basti muss in die Spätschicht und ich brauche unbedingt eine große Portion Schlaf." Sie deutete auf das Telefon, das blinkend und nach wie vor klingelnd auf dem Nachttisch lag. „Willst du nicht rangehen?“

„Nee, lass es bimmeln! Das ist Daniel, wir haben eben genug geredet.“

Rike runzelte die Stirn und kam näher, ihr Gesicht wurde ernst. Das Telefon schwieg.

„Ihr habt gestritten?" Rike wirkte ehrlich überrascht. „Wahnsinn! Das habe ich ja noch nie erlebt.“

Stimmt, dachte Sarah ironisch, wie auch, wenn man sich so fremd war.

„Streiten kann man das nicht nennen. Ich würde eher sagen, es ist aus.“

Sarah berichtete ihrer Freundin von dem Gespräch mit Daniel. Sie gingen in die Küche, um sich einen Kaffee zu brühen.

„Was hast du jetzt vor? Fährst du trotzdem nach Spanien?“

Sarah holte die Milch aus dem Kühlschrank.

„Nee, auf gar keinen Fall. Erstens hat Daniel alles gebucht und außerdem kann ich mir das allein nicht leisten." Sie stutzte.

„Mist, jetzt hab ich das Bistro schon gekündigt. Aber, ach, da will ich auch nicht mehr hin.“

Rike nickte verständnisvoll. Sarah setzte sich ihr gegenüber an den kleinen Tisch.

„Wegen Martin? Hat er immer noch nicht kapiert, dass er nicht bei dir landen kann?“

Martin Küllmer, Mitte dreißig und geschieden, war der Chef des Bistros, in dem Sarah mehr als drei Jahre gejobbt hatte. Von Anfang an war er hinter ihr her gewesen. Selbst die Tatsache, dass sie mit Daniel zusammen war, konnte ihn nicht davon abhalten, sie anzubaggern.

„Das kapiert der nie. Egal, dann muss eben was anderes gehen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mehr als sechs Wochen Zeit habe, um mir einen Kopf wegen meines verkorksten Lebens zu machen, werde ich verrückt. Ich muss was tun, was mich auf andere Gedanken bringt.“

„Sechs Wochen!" Rike riss die Augen auf und hielt für einen Moment die Luft an, bevor sie japsend weitersprach. „Das ist mein Stichwort! Warte mal, da fällt mir was ein. Mensch Sarah, das gibt’s nicht. Du bist meine Rettung. Supii", rief sie und riss die Arme in die Luft, so als hätte sie gerade den Weltrekord im Hochgeschwindigkeitsdenken gebrochen. Sarah konnte ihre Mitbewohnerin nur erstaunt ansehen. Doch dann dämmerte es ihr. Rikes begeisterte Berichte über das Waldecker Hofgut fielen ihr wieder ein. Seit der Teenagerzeit half sie jedes Jahr während der Ferienzeit auf einem Reiterhof im Waldecker Land aus. Sozusagen als Mädchen für alles, aber im Besonderen sorgte sie für die Verpflegung der kleinen Gäste. Als Arbeit konnte man die Betreuung von Kindern und Jugendlichen kaum bezeichnen. Die Beschäftigung als Küchenhilfe und Zimmermädchen war überschaubar und wurde gut bezahlt. Rikes Familie kam aus dem kleinen Ort in der Nähe des Edersees. Schon ihre Mutter hatte hin und wieder auf dem Gut ausgeholfen. Es war also nicht ganz einfach für sie, diesen Einsatz so kurzfristig und kommentarlos zu streichen. Doch Rike wollte um jeden Preis die Ferien mit Sebastian verbringen. Sie glaubte, ihrer großen Liebe begegnet zu sein. Sebastians Jahresurlaub stand nun dummerweise genau zum selben Zeitpunkt an wie der Aushilfsjob. Noch dazu bekam er die Möglichkeit, kostengünstig die Ferienwohnung seiner Eltern auf Sylt zu beziehen. Aber nur genau während dieser Zeit. Sonnenklar, dass Rike den Liebesurlaub der Betreuung fremder Kinder vorzog.

Rike sprang auf und lief in die Diele, wo ihre Tasche stand, kam mit dem Handy zurück und umarmte ihre Freundin.

„Es gibt doch für alles eine Lösung. Was bin ich froh. Seit Tagen wähle ich mir die Finger wund. Doch keine von denen, die das schon mal gemacht haben, konnte einspringen. Ich könnte die ganze Welt umarmen.“

Erschrocken hielt Rike inne.

„Entschuldige! Ich bin taktlos, schließlich hast du gerade eine Trennung hinter dir und ich denke nur an mich.“

Rike machte ein zerknirschtes Gesicht, doch Sarah winkte verständnisvoll ab.

„Halb so wild, ich wundere mich selber, wie cool ich bin, aber dich hat’s ja ganz schön erwischt.“

„War das am Anfang mit Daniel und dir nicht auch so?“

Rike sah ihre Freundin verwundert an. Die Wohngemeinschaft der beiden Frauen war erst vor anderthalb Jahren entstanden. Da waren Sarah und Daniel bereits ein Paar gewesen. Sarah blickte zur Decke und dachte nach.

„Du meinst, ob wir tagelang nicht aus dem Bett gekommen sind und so?“

„Zum Beispiel.“

„Nein, nicht wirklich." Sarah runzelte die Stirn und sah Rike wieder an. „Daniel ist nicht so triebhaft. Es war natürlich mehr als in den letzten Monaten, aber so wie bei euch war es nicht." Sie hob hilflos die Schultern.

„Und du hast nichts vermisst?" Rike schüttelte ungläubig den Kopf. „Dann ist es wirklich gut, dass er nach Amerika muss. So nüchtern, wie du über Sex mit Daniel redest, könnte man meinen, ihr hättet eine wissenschaftliche Studie darüber verfasst. Was du brauchst, ist ein anständiger Kerl, ein guter Lover. Verstehst du?" Rike sah sie beschwörend an. „Damit du weißt, wovon ich rede. Du hast ja keine Ahnung, was du verpasst.“

Sarah zog die Brauen hoch. Was sollte sie dazu sagen? Ihrer Meinung nach war ihr nichts entgangen. Sie dachte an die beiden Beziehungen vor Daniel. Manuel – mit ihm hatte sie das erste Mal erlebt und sich gefragt, warum alle so ein Trara darum machten. Mit der Zeit fand sie etwas mehr Gefallen daran. Dann kam Lukas, der mehr Erfahrung hatte. Doch einfühlsam konnte er nur sein, solange er noch nicht am Ziel war. Anfangs beeindruckte sie sein draufgängerisches Verhalten noch, sie hielt es für Liebe, aber nach einer Weile fühlte sie sich von ihm nur noch benutzt. Weitere Erinnerungen gab es nicht. Besonders spektakulär konnte der Sex also nicht gewesen sein, gestand sie sich ein. Oder hatte sie die Erinnerung daran nur verdrängt? Daniel war von Anfang an liebevoller und zärtlicher mit ihr gewesen. Er respektierte ihre Gefühle und ließ ihr Zeit. Sie fühlte sich verstanden, aber nach Rikes Schilderungen waren sie wohl über die Mittelmäßigkeit nicht hinausgekommen. Bestimmt war Rike einfach nur ein viel heißblütigerer Typ. Sarah starrte in ihre Kaffeetasse. Woran erkannte man, ob jemand leidenschaftlich war? Tatsächlich zeigte Rike, wenn es um Sebastian ging, ganz neue Seiten, denn ansonsten war sie eine eher bodenständige und realistische Person. Im letzten Sommer, konnte sich Sarah erinnern, war ein Tobias der erklärte Favorit ihrer Freundin gewesen, was den Job auf dem Reiterhof aber nicht infrage gestellt hatte. Ein Danach gab es nicht mehr, weil Tobias keine kalten Betten mochte. Rike hatte das mit Fassung aufgenommen. Seltsam. Bei Sebastian schien jetzt alles anders zu sein. Sarah betrachtete Rike eindringlich und schüttelte dann über die eigenen Gedanken den Kopf. Schluss damit, es gab Wichtigeres, als über Beziehungen und Sex nachzudenken. Rike tippte gerade eine Nummer in die Tastatur ihres Mobiltelefons. Kurz darauf begrüßte sie erfreut eine Maritta. Mit wenigen Worten erklärte sie die Situation und schilderte Sarahs Küchenfertigkeiten sowie ihren Werdegang. Im Nu war alles geklärt. Maritta war anscheinend einverstanden.

„Samstag um 10 musst du da sein.“

2.

Hendrik von Freyenhof bog mit dem Jeep auf den Zufahrtsweg zum Gut ein, als sein Handy am Armaturenbrett in der Freisprechhalterung klingelte. Bounty, die Bordercolliehündin seines Vaters, bellte. Für die Zeit seines Reha-Aufenthaltes kümmerte sich Hendrik um das Tier. Die Hündin hatte einen Narren an ihm gefressen und außerdem konnte er sie bei seinen täglichen Erledigungen meistens mitnehmen. Aufgeregt sprang sie auf und sah aus der Heckscheibe. Mit ihren knapp zwei Jahren hatte sie sich noch immer nicht an das Geräusch gewöhnt. Egal, welchen Ton er auch auswählte.

„Ruhig jetzt, Bounty. Aus.“

Auf dem Display erschien Hannelore, seine Mutter. Hendrik verzog ärgerlich das Gesicht. Schon wieder! Seit sein Vater vor drei Tagen mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus gekommen war, ging das schon so. Er wappnete sich innerlich und tippte aufs Smartphone.

„Mama, was gibt’s? Ich bin gleich da, stehe sozusagen schon vor der Tür.“

„Gut, ich wollte nur sichergehen, dass du unsere Besprechung nicht vergisst.“

„Nein, natürlich nicht. Wie auch? Es ist heute das dritte Mal, dass du mich daran erinnerst.“

„Entschuldige, aber ich weiß doch, an was du alles denken musst", versuchte sie, sich zu rechtfertigen.

„Es gab im Sägewerk noch Probleme mit der Hebebühne, deshalb bin ich etwas später.“

„Gut. Wir sind im Arbeitszimmer. Bis gleich.“

Hendrik war inzwischen auf dem Hof angekommen. Er parkte und ließ Bounty aus dem Jeep springen, bevor er die wenigen Treppenstufen des Haupthauses hinaufeilte. Eine Besprechung. Bisher waren Familienangelegenheiten beim gemeinsamen Essen, was an den meisten Tagen abends eingenommen wurde, beredet worden. Als wenn dafür jetzt Zeit wäre. Hendriks Blick streifte flüchtig das u-förmig angelegte, weitflächige Anwesen mit seinen altehrwürdigen Fachwerkgebäuden, deren Mauern teilweise bis in das 17. Jahrhundert zurückreichten. Gut Freyenhof zählte zu den größten in der ganzen Region. Einst galt es, insgesamt 750 Hektar Wald- und Freiflächen zu bewirtschaften. Mittlerweile waren Teile der Ländereien verpachtet oder auch verkauft. Die Forstwirtschaft stellte die größte Einnahmequelle dar. Doch das reichte nicht, um das Familienerbe zu bewahren. Schon in den 1980er Jahren hatte sein Vater Hans-Hermann, mit Zustimmung seines Großvaters Wilhelm-Konrad, die unrentable Landwirtschaft in weiten Teilen aufgegeben und den Betrieb umstrukturiert. Die alten Gemäuer wurden modernisiert und zu einem Reiter- und Ferienhof aus- und umgebaut. Der herkömmlichen Pferdezucht stand das nicht im Weg. Ein weiteres, stattliches Haus, das etwas außerhalb des Hofgebäudes stand und früher als Gesindehaus diente, wurde bereits in den 1950er Jahren zu einem Hotel mit Restaurant umfunktioniert. Seit dem Abschluss seines Studiums vor einem Jahr stand Hendrik nun seinem Vater im Betrieb voll zur Seite, wobei sein Hauptaugenmerk auf der Bewirtschaftung des Waldes mit dem dazugehörigen Sägewerk lag, denn das hatte er studiert.

Er betrat das nach westfälischer Art erbaute Herrenhaus. Das Gebäude beeindruckte allein schon wegen seiner Größe. Rechteckig, geradlinig, schnörkellos und trotzdem imposant. Eilig durchquerte er die großzügige Diele und betrat das Büro seines Vaters. Bounty immer vorweg. Sie kannte den Weg. In dem mit Eichenholz ausgestatteten Raum fühlte man sich zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit. Der schwere Schreibtisch aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts beherrschte den Raum ebenso wie die mit Büchern und Akten gefüllten Regale an den Wänden. Das einzige Zugeständnis an die Neuzeit war der Computer, gefolgt vom Faxgerät, Kopierer und Drucker. Dem gegenüber stand ein Ledercouchensemble im englischen Stil mit passendem Tisch. Durch das Fenster konnte man die Pferdeweiden sehen. Bounty lief schwanzwedelnd auf Eike zu, der mit Dorit auf der bequemen Couch saß, um sich ihre Streicheleinheiten abzuholen. Vor Dorits Füßen rollte sie sich schließlich zufrieden zusammen und verfolgte das Geschehen um sie herum mit wachsamen Blicken. Über der Sitzgruppe hingen Urkunden, Auszeichnungen und Ölgemälde, auf denen vor allem Pferde zu sehen waren. Einmal mehr eine Veranschaulichung der langen Tradition des Gestüts. Hannelore legte den Telefonhörer aus der Hand und kam auf Hendrik zu.

„Setz dich, ich will euch von eurem Vater berichten. Ich war heute Morgen im Krankenhaus und habe eben nochmal mit der Stationsschwester telefoniert.“

Wortlos setzte er sich zu seinem Bruder und dessen Frau, während Hannelore auf und ab ging, bis sie abrupt stehenblieb.

„Gott sei Dank." Sie presste eine Hand auf ihr Dekolleté und holte tief Luft. „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass ich euch das jetzt so weitergeben kann. Eurem Vater geht es schon viel besser. Es war nicht, wie anfangs vermutet wurde, ein Herzinfarkt, sondern Angina Pectoris, was eine Art Verkrampfung des Herzens ist.“

Dorit stand auf und umarmte ihre Schwiegermutter. „Ich kann mir vorstellen, wie erleichtert du bist. Wir freuen uns auch. Aber wie geht’s jetzt weiter?“

Auch die Brüder waren aufgestanden und drückten ihre Mutter liebevoll.

„Danke Kinder, ich weiß, dass ihr euch genauso viele Sorgen gemacht habt wie ich. Euer Vater geht morgen für mindestens drei Wochen nach Rotenburg zur Reha. Wie ihr euch vorstellen könnt, kommt sein Zustand nicht von ungefähr. Die vielen Verpflichtungen und Termine. Ja, und ich weiß auch, was ihr dazu sagen wollt, er hat sich nicht davon abbringen lassen. Gut, das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Die Ärzte haben ihm gehörig den Marsch geblasen. Doch nun müssen wir mit den Aufgaben, die anstehen, fertig werden.“

Hendrik, Eike und Dorit setzten sich wieder und Hannelore nahm ihnen gegenüber Platz. Sie holte tief Luft und jeder wusste, woran sie dachte. Wie jedes Jahr um diese Zeit stand das Springturnier mit Auktion in gut zwei Wochen an. Außerdem musste die erste Welle von Ferienkindern bewältigt werden, die am Sonntag anreisen würden.

Hans-Hermann von Freyenhof war ein leidenschaftlicher Reiter und Pferdezüchter. Als junger Mann war er so erfolgreich gewesen, dass er es bis in die Reihen der Olympioniken geschafft hatte. Besonders stolz war er auf das über die Grenzen des Landes hinaus bekannte, internationale Springturnier, das jährlich auf dem Gut stattfand.

„Die Unterbringung und Bewirtung ist bereits in trockenen Tüchern. Das zusätzliche Personal ist schon angeheuert. Also für meinen Teil kann ich sagen, wir sind gerüstet", meldete sich Eike zu Wort und Dorit nickte zustimmend.

Hendrik betrachtete die beiden neben sich, die so zufrieden wirkten. Eike, mit seinen dreiunddreißig Jahren vier Jahre älter als er, wusste seit seiner Jugend, dass er Sternekoch werden wollte. Nach der Ausbildung in einem Spitzenrestaurant in Kassel absolvierte er weitere Schulungen fürs Hotelmanagement, wo er dann die Konditorin Dorit kennen- und lieben lernte. Die beiden waren seit vier Jahren ein Paar und hatten im vergangenen September geheiratet. Von Anfang an stand für seine Eltern fest, dass damit die Zuständigkeiten auf dem Gut klar geregelt waren. Hendrik dagegen sprang überall mal ein, selbst im Hotel half er hin und wieder aus, wenn Not am Mann war.

Er zog leicht verärgert die Augenbrauen hoch und räusperte sich. „Ja, leider kann ich das von mir noch nicht sagen. Mir war klar, dass das jetzt alles auf mich zukommt. Aber es ist schließlich das erste Mal, dass ich mich um die Organisation kümmern muss. Bisher habe ich Vater nur dabei geholfen, wenn es zeitlich mit meinem Studium passte." Er räusperte sich wieder. „Mit Uwe Ritter habe ich schon gesprochen. Er wird das Sägewerk für die nächsten drei Wochen weitgehend ohne mich leiten. Die Waldarbeiter wissen auch Bescheid. Wenn es Probleme gibt, können sie sich an ihn wenden. Auf Uwe ist Verlass.“

„So war das doch nicht gemeint. Ich wollte damit nur sagen, dass ich für das, was in meiner Verantwortung liegt, vorbereitet bin", Eike hob beschwichtigend die Hand. „Ich habe keine Ahnung, welche Vorbereitungen für das Turnier getroffen werden müssen und wüsste gar nicht, wie ich dir dabei helfen könnte.“

Hannelore sah die Brüder eindringlich an und Eike schwieg.

„Bitte, keine Diskussionen, das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können, ist Streit." Sie wandte sich Hendrik zu. „Ich habe mir darüber auch meine Gedanken gemacht. Wir müssen uns nichts vormachen. Selbst wenn euer Vater jetzt zurückkäme, könnte er nicht da weitermachen, wo er aufgehört hat. Das wird wahrscheinlich in dieser Form gar nicht mehr möglich sein. Und ich werde es nicht zulassen, dass er seine Gesundheit noch einmal so gefährdet. Hendrik, es verlangt niemand von dir, dass du alle Aufgaben deines Vaters eins zu eins übernehmen sollst. Das ist unmöglich.“ Hannelores Lippen umspielte ein Lächeln. „Tja, und weil das so ist, habe ich Gesine angerufen und sie um Hilfe gebeten." Sie machte ein zufriedenes Gesicht, als sie weitersprach. „Gesine ist wirklich ein sehr nettes Mädchen, pardon, eine junge Frau, und sie war sofort einverstanden. Sie hat mir versprochen, überall einzuspringen, wo Not am Mann ist. So, das ist meine Überraschung. Nun müssen wir alle Aufgaben nur noch neu verteilen.“

Die Brüder sahen sich entgeistert an. Dorit, die das beobachtete, hob fragend die Augenbrauen. Mit aufeinandergepressten Lippen, bewegte Hendrik unruhig seine Beine und studierte die Maserung des in die Jahre gekommenen Orientteppichs. Eike und Dorit sahen sich vielsagend an. Er schüttelte unauffällig den Kopf, als sie zu einer Frage ansetzen wollte. Beide sahen erschrocken auf, als Hendrik ruckartig aufstand und begann, durch den Raum zu laufen. Er konnte einfach nicht länger sitzen bleiben. Als Bounty ihm folgte, streichelte er die Hündin liebevoll und deutete ihr mit dem ausgestreckten Zeigefinger an, dass sie sich wieder hinlegen sollte.

„Hältst du das wirklich für nötig?" Er blieb schließlich vor seiner Mutter stehen. Seine Stimme klang ruhig, obwohl er sich sehr beherrschen musste. „Sie hat doch mit ihrem Job genug zu tun! Soviel ich weiß, greift sie ihrem Vater bei der Büroarbeit unter die Arme. Da kann man ihr doch nicht noch mehr zumuten. Ich bin sicher, wir kriegen das auch ohne sie hin."

Entschlossen sah Hannelore zu ihrem Jüngsten auf, der jetzt vor ihr stand. Hendrik bemerkte die Falte, die sich über ihrer Nasenwurzel bildete. Ein sicheres Zeichen, dass sie keinen seiner Einwände gelten lassen würde. Sie hatte bereits entschieden. Resigniert wandte er sich ab. Sein Blick suchte die Hündin.

Eike und Dorit, die die Szene schweigend beobachtet hatten, erhoben sich und gingen zur Tür. Eike hob die Hand. „Die Arbeit wartet, oder war noch was Wichtiges?“

„Nein." Hannelore machte einen Schritt nach vorn, „das war’s fürs Erste. Wir sehen uns später." Hendrik, der bereits die Klinke der noch offenen Tür in der Hand hielt und hinterhergehen wollte, wurde von seiner Mutter gestoppt. Sie ignorierte die Hündin, die ungeduldig hechelnd neben ihrem Herrchen mit dem Schwanz wedelte.

„Warte. Mach noch mal zu. Ich merke doch was los ist. Wo ist dein Problem mit Gesine?“

Einen Seufzer unterdrückend schloss er die Tür und musterte seine Mutter kühl. „Ich hab gar kein Problem mit ihr, dafür ist sie mir nicht wichtig genug. Ich bin nur der Meinung, dass Fremde keinen Einblick in unsere Interna haben sollten, das ist alles.“

„Aber sie ist doch keine Fremde. Unsere Familien sind seit Ewigkeiten miteinander befreundet. Das weißt du doch. Es sind Menschen, die sich bestens auskennen, weil sie die gleichen Voraussetzungen haben. Warum bist du so misstrauisch?“

„Ich sehe das anders und ich bin mir sicher, dass wir ihre Hilfe nicht brauchen werden. Als Onkel Friedrich vor zwei Jahren so schwer erkrankt war, wurde da einer von uns um Hilfe gebeten? Oder, viel wichtiger, hast du schon Einsicht in ihre Bücher bekommen? Nein. Sie haben das ohne externe Hilfe geregelt. Das ist alles, was ich damit sagen will.“

„Gut, ich verstehe deine Bedenken. Ich werde darüber nachdenken, aber sie ist bereits auf dem Weg hierher, und wenn sie sich nützlich machen will, freue ich mich und das solltest du auch. Ich versichere dir, sie wird nur den Einblick bekommen, den ich ihr gewähre.“

3.

Rike steuerte Sebastians Golf auf den Randstreifen. Sie parkte vor dem Mietshaus, in dem sie mit Sarah wohnte. Sarahs Gepäck, ein Rucksack und eine große Reisetasche, waren schnell eingeladen, sodass sie sich gleich auf den Weg ins Waldecker Land machen konnten. Sie kamen zügig voran, denn der Verkehr in der Kasseler Innenstadt war an diesem Samstagmorgen überschaubar. Als Rike die Autobahn Richtung Fritzlar erreichte, sah sie kurz rüber zu ihrer Freundin.

„Wie fühlst du dich?“

„Alles okay. Vielleicht ein bisschen müde. Ich konnte nicht so gut schlafen. Aber das gibt sich auch wieder.“

„Bist du sicher? Ich meine, schließlich habe ich dich ziemlich überrumpelt. Wenn ich es mir recht überlege, hast du gar nicht richtig ja dazu gesagt, dass du den Job übernehmen willst." Rike machte ein zerknirschtes Gesicht. „Es ist nur … ich bin so froh, dass du mir das abnimmst.“

Sarah, die sich sehr wohl an ihre Zustimmung erinnerte, konnte sich nicht verkneifen, Rike ein wenig zu foppen. Sie legte den Finger an die Stirn und verdrehte die Augen. „Ja richtig, jetzt wo du’s sagst … vielleicht weiß ich nun doch nicht mehr so genau, was ich will. Du musst verstehen, in meiner Situation, nach so einer Trennung, da kann man schon mal ein bisschen verwirrt sein." Sarah grinste von einem Ohr zum anderen, als sie das erschrockene Gesicht ihrer Freundin sah.

„Oh du …", Rike klatschte Sarah freundschaftlich aufs Bein.

„Au! Geht man so mit Menschen um, die einem aus der Patsche helfen? Klar will ich dahin", rief Sarah. „Ich bin froh, auf andere Gedanken zu kommen. Natürlich wäre ich jetzt lieber auf dem Weg zum Flughafen, aber … ach, was soll’s." Sie stockte und sah einen Moment zum Fenster raus. „Ist dann jetzt eben so, da kann man nichts machen." Sie sah Rike an. „Hör auf damit, dir Sorgen zu machen, ich geh gern dahin. Du kennst mich. Lange doof rumsitzen ist nicht mein Ding.“

Rike stieß erleichtert die Luft aus. „Genau, so will ich dich hören. Gut, wenn das so ist, dann werde ich dir jetzt mal ein bisschen was über den Ort erzählen." Rike schob sich die Sonnenbrille auf die Nase und drehte das Radio leiser. „Also, das Gut liegt in dem kleinen Örtchen Bergfreyheit. Meine Heimat. Die Gemeinde gehört zu Bad Wildungen und ist wirklich idyllisch, weil es im Kellerwald liegt. Vielleicht hast du schon mal was davon gehört. Soviel ich weiß, gehört der Kellerwald zum Weltkulturerbe. Da staunst du, was? Aber jetzt kommt noch was ganz Besonderes. Es geht die Sage, dass sich dort die Geschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen zugetragen haben soll. Deswegen hat Bergfreyheit auch den Namen Schneewittchendorf.“

„Wirklich? Ist ja spannend.“

„Ja, und zwar soll ein ortsansässiger Theologe damals die Geschichte den Gebrüdern Grimm erzählt haben und die haben das dann aufgeschrieben, so wie die anderen Märchen auch.“

„Aha.“

„Leider hat diese Geschichte einen traurigen Hintergrund. In Bergfreyheit wurde früher Kupfer abgebaut. Die Gänge im Berg waren jedoch sehr eng und schmal. Also mussten Kinder die Arbeit verrichten. Wegen des mangelnden Tageslichtes sind die Kleinen dann schnell vergreist und sahen aus wie alte Leute. Das waren im Märchen die Zwerge. Eine Tochter des Grafen von Waldeck, die schöne Margareta von Waldeck, wurde wohl wirklich von ihrer Stiefmutter vom Hof geschickt und ist dann bei den einfachen Leuten mit den Arbeiterkindern, sprich den Zwergen, untergekommen. Das war das Schneewittchen.“

Sarah sah Rike aufmerksam an. „Das ist ja interessant. Weißt du noch mehr?“

„Ja schon, aber diese Geschichte ist damit eigentlich erzählt. Im Ort werden zu dem Märchen jedes Jahr Theaterstücke aufgeführt. Hm, und der Ort liegt an der Deutschen Märchenstraße, das wars eigentlich auch schon. Ich wollte dir das auf jeden Fall gesagt haben. Alles Weitere wirst du sicher von den anderen erfahren. Allzu viel Zeit für private Freizeitvergnügungen wirst du eh nicht haben. Du wirst sehen, die sechs Wochen gehen hier schnell um.“

„Das ist schon in Ordnung so, aber warum hast du mir nie von der Schneewittchengeschichte erzählt?“

„Hat sich nicht ergeben. Muss halt immer so passen.“

Rike fuhr mittlerweile auf der Landstraße. Sarah betrachtete die beruhigende Waldlandschaft ringsherum. Auch wenn sie – trotz Rikes Berichten – keine konkreten Vorstellungen von dem Ferienjob hatte, freute sie sich doch auf die Aufgaben und Eindrücke, die auf sie zukamen.

Kurze Zeit später bogen sie in die Hofeinfahrt von Gut Freyenhof ein, und Rike ließ die Freundin aussteigen. Die beiden verabschiedeten sich herzlich.

Staunend, wie riesig sich das Gehöft präsentierte, blieb Sarah kurz stehen und sah sich um. Vor einem Treppenaufgang ließ sie Reisetasche und Rucksack auf den Boden fallen. Wow, sie musste an die Bilder denken, die ihr durch den Kopf geflogen waren, als Rike ihr vom „Hof" erzählt hatte. Die konnte sie getrost alle vergessen. Sie kam sich vor, als wollte sie bei den Guldenburgs ihren Dienst antreten, nur, dass das Haupthaus nicht so majestätisch daherkam wie in der gleichnamigen Fernsehserie, die sie sich als Kind so gern angeschaut hatte. Sie drehte sich noch einmal kurz nach Rike um, die bereits wendete und schon wieder zur Straße fuhr. Gern hätte die Freundin noch eine gewisse Maritta begrüßt, was aber nicht ginge, weil sie sich dann sicher total verquatschen würde, hatte sie in ihrer sympathisch-direkten Art gemeint. Dazu fehle ihr absolut die Zeit. Um kurz nach zwölf wollte Rike im Zug neben ihrem Sebastian Richtung Sylt sitzen und jetzt war es bereits kurz vor zehn. Sarah war so froh, dass Rike sich trotz der eigenen Urlaubspläne bereit erklärt hatte, sie noch zu dem fünfzig Kilometer entfernten Reiterhof zu fahren.

Sie nahm das Gepäck wieder auf und ging weiter in den Hof. Der Geruch von Pferdemist kroch ihr in die Nase. Es war ein typisch deutscher Sommertag. Die Sonne ließ sich ab und zu hinter den vorbeiziehenden Wolken blicken und es war angenehm mild. Als sie das Wiehern der Pferde aus einem der Pferdeställe auf der linken Seite des Hofes hörte, gab es keinen Zweifel mehr daran, dass sie sich auf einem Gestüt befand. Neugierig streckten einige der edlen Vierbeiner ihre Köpfe aus den halboffenen Stalltüren. In der Mitte der zum Teil gepflasterten und geschotterten Fläche des Innenhofes machte Sarah ein ovales Rasenstück mit einer mächtigen Eiche aus. Eine steinerne Bank und ein Brunnen unterstrichen die ländliche Idylle perfekt. Vor den Ställen entdeckte sie drei Mädchen im Teenageralter, die Ponys striegelten. Den Immenhof gab’s doch nicht nur im Film, dachte sie und bewegte sich schmunzelnd auf die Teenies zu. Sicher konnten die ihr helfen, den Weg ins Personalbüro zu finden. In der Eile hatte Rike ihr nicht gesagt, wo sie hin musste. Doch bevor sie etwas sagen konnte, hörte sie: „Hallo, du musst Sarah sein!" Eine weibliche Stimme erklang hinter ihr. Sarah drehte sich um und blickte auf eine sympathisch wirkende Frau mit brünetter Kurzhaarfrisur. Sie konnte nur aus der Tür direkt neben dem Hauptgebäude gekommen sein, dem sie den Rücken zugekehrt hatte.

„Ja, die bin ich, dann sind Sie bestimmt Maritta, oder?"

Die Frau streckte ihr die Hand entgegen und unterzog Sarah einer schnellen Musterung. „Ja, ich bin Maritta Ritter." Sie machte eine kurze Pause, so, als wollte sie Sarahs Reaktion auf ihren Namen abwarten. Dabei fiel Sarah auf, dass ihr Gegenüber das R in einer Form aussprach, nämlich intensiv rollte, wie es die Nordhessen üblicherweise nicht taten. Dennoch ließ sie sich nichts anmerken. Sie lächelte nur höflich.

„Hört sich gut an, nicht?" Maritta zuckte mit den Schultern. „Aber die Männer wählt man nun mal nicht nach dem Namen aus. Und bitte, du musst mich nicht siezen. Wir werden die nächsten Wochen hoffentlich gut zusammenarbeiten und da ist das Du einfach besser. Glaub mir, ich verschaffe mir schon Respekt.“

Rike hatte nicht zu viel versprochen. Maritta schien in Ordnung zu sein. Sarah betrachtete ihr Gegenüber genauer. Eine Frau, die gleich auf den Punkt kam. Sie war drahtig, ein bisschen burschikos, aber nicht unweiblich. Anscheinend kam sie nicht von hier. Aber ganz offensichtlich war sie eine Frau, die anpacken konnte. Logisch, dachte Sarah, was anderes konnte man auf einem Gutshof auch nicht gebrauchen. Sarah ließ Marittas Hand wieder los.

„Ich soll dir schöne Grüße von Rike ausrichten. Sie hatte leider keine Zeit mehr, um dich zu begrüßen." Sarah warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „In knapp zwei Stunden fährt ihr Zug, der sie nach Sylt bringt.“

„Danke. Schade, ich hätte sie gern mal wieder getroffen, aber das ergibt sich bei Gelegenheit. So, dann will ich dir mal alles zeigen.“

Maritta deutete auf Sarahs Gepäck. Am besten wird sein, wenn wir erst mal deine Sachen wegbringen. Komm mit.“

Maritta schnappte sich den Rucksack und ging voraus. Mit der Reisetasche folgte Sarah ihr zu dem Gebäude neben dem Haupthaus. Der Weg führte durch den Flur in einen großen Raum mit vielen Tischen, Stühlen und Bänken. In den Regalen an den Wänden lag alles, was Kinderherzen Freude machte. Spiele, Bücher und Bastelutensilien. Jede Menge Licht kam durch die großen Fenster mit den für den westfälischen Bauernhausstil so typischen Holzkreuzen. Einen Raum weiter befand sich eine riesige Wohnküche, unschwer an den langen Arbeitsplatten und hohen Einbauschränken zu erkennen. Zwei große Kühlschränke standen rechts und links neben einer Tür, die zu einer Vorratskammer führte. Sarah registrierte erleichtert, dass es auch zwei Industriespülmaschinen gab. Wie schon im Speisesaal konnte man von hier aus in den Innenhof sehen.

Maritta blieb stehen. „Das ist für die nächsten Wochen dein Reich. Wir bereiten hier Frühstück, Nachmittagskaffee und Abendbrot für die Ferienkinder zu. Das Mittagessen kriegen wir in Wärmebehältern aus dem Hotel gebracht. Der Raum, durch den wir zuerst gekommen sind, ist Speisesaal und Aufenthaltsraum zugleich. Letzteres nur für die Stunden, in denen die Kinder nicht beim Reiten sind oder wenn es regnet. Abends um halb zehn müssen alle in den Betten sein. Ausnahme ist der letzte Abend, dann findet ein Abschiedsfest statt. Du bist also fast rund um die Uhr im Einsatz, ich hoffe, Rike hat dich darüber informiert?“

„Ja, natürlich. Sie hat es erwähnt. Das ist kein Problem für mich. Ich habe keine anderen Pläne und außerdem bin ich gern mit Kindern zusammen.“

„Schön, alles andere würde auch keinen Sinn ergeben, weil sie dich voll in Beschlag nehmen werden. Es ist gut, wenn du darauf eingestellt bist. Komm, es gibt noch mehr zu sehen.“

Maritta ging durch die Tür zwischen den Kühlschränken und führte Sarah in die Vorratskammer. In hohen Metallregalen, die hintereinander in Reihen aufgestellt waren, befanden sich Töpfe, Brotkörbe und Küchentücher sowie Konserven und Lebensmittel, die nicht gekühlt werden mussten. An einer Wand standen außerdem mehrere Kühltruhen.

Maritta deutete auf das Gestell des mittleren Regals, auf dem eine riesige Pfanne stand. „Hier musst du aufpassen. Die Regalgestänge sind im Boden und in der Decke verankert. Bei diesem hier hat sich die obere Halterung gelöst. Uwe hat mir seit Längerem versprochen, sie zu reparieren, aber bis jetzt ist er noch nicht dazu gekommen. Vorsicht, wenn dir das Ungetüm auf den Kopf fällt", sie deutete mit dem Zeigefinger auf die schwere gusseiserne Pfanne, „hast du eine Gehirnerschütterung.“

„Ich versuche, daran zu denken.“

Maritta winkte sie weiter. Sie liefen durch die Wohnküche, von der aus eine weitere Tür zu einem kleinen Flur mit Treppenhaus führte. Mein Gott, wie groß das alles hier ist, ging es Sarah durch den Sinn. Nach einem Blick aus einem schmalen Fenster erkannte sie, dass sie sich nun im hinteren Teil des Gebäudes befinden mussten, denn sie entdeckte einige Pferde, die auf einer Weide grasten. Maritta öffnete eine von zwei Türen und dirigierte Sarah in ein kleines Zimmer, in dem ein Bett, Nachttisch, Stuhl und Schrank standen. Sarah wusste sofort, dass dies ihre Herberge für die nächsten sechs Wochen sein würde. Ein bisschen erinnerte das Mobiliar an eine Gefängniszelle. Doch wozu hätte man den Raum noch komfortabler ausstatten sollen? Sie würde sich sowieso kaum hier aufhalten. Der Blick nach draußen entschädigte allerdings für die karge Einrichtung. Wieder erwartete sie eine Aussicht auf satte Wiesen, auf denen prachtvolle Pferde weideten.

„Das ist dein Zimmer. Eine Tür weiter findest du eine Dusche mit Toilette, aber das zeige ich dir gleich noch. Am besten, du lässt dein Gepäck hier stehen. Du kannst es später auspacken.“ Maritta ging vor ihr zurück in den Flur. „Die Treppe hoch sind die Zimmer der Mädchen. Sie haben ihre eigenen Bäder.“

Sarah verschloss die Tür mit dem Schlüssel, den sie von Maritta bekommen hatte. „Es kommen also nur Mädchen? Die Jungs haben am Reiten wohl nicht so das Interesse, was?“

Maritta nickte. „Ja, so könnte man sagen. Aber es ist auch ein logistisches Problem.“

Sarah runzelte die Stirn.

„Wir haben oben vier Zimmer mit je vier Betten“, erklärte Maritta, „und dazu zwei Bäder mit jeweils drei Duschen und sechs Toiletten. Wenn wir Jungs aufnehmen, was auch schon vorgekommen ist, müssen es pro Ferienwoche mindestens vier sein, damit wir einen Raum vollkriegen und ein Bad für sie reservieren können, ansonsten ergibt es keinen Sinn.“

„Hm, verstehe. Und wie viele Mädchen kommen morgen?“

„Wir sind die ganzen Ferien ausgebucht. Jeden Sonntag kommen sechzehn Mädchen zwischen acht und fünfzehn Jahren. Freitagabend ist Abschiedsfeier und Samstag ist Abreisetag. Der Samstag ist ziemlich anstrengend. Betten ab- und aufziehen, sauber machen und was sonst noch so anfällt.“

„Wer kauft die Lebensmittel ein?“

„Ich. Meistens mache ich das mittwochs. Du wirst dabei sein. Ich fahre dann nämlich nach Kassel in einen Großmarkt. Du hast keine Ahnung, was die Mädchen für einen Appetit entwickeln, wenn sie den ganzen Tag an der frischen Luft sind.“

Mit zügigen Schritten erklomm Maritta die hölzerne Treppe, die kaum hörbar unter dem Gewicht ächzte.

„Die Zimmer sind in unterschiedlichen Farben gehalten", erklärte sie weiter, als sie im Obergeschoss angelangt waren. „So finden sich die Kinder besser zurecht. Wir teilen sie nach dem Alter ein, das hat sich bewährt. Hast du schon mal mit Kindern gearbeitet?“

Maritta blieb vor einer offenen Zimmertür stehen und Sarah schlüpfte an ihr vorbei, um den Raum zu betreten, der ganz in Sonnengelb gehalten war.

„Ich habe einige berufsbedingte Praktika im Kinder- und Jugendbereich gemacht. Außerdem habe ich meine Referendarzeit bereits hinter mir.“

Sarah strich über die gelb-weiß gepunktete Bettwäsche. Sie lächelte wehmütig. „So hätte ich als Kind auch gern mal Ferien gemacht. Na ja schön, dass ich das wenigstens als Erwachsene mal erlebe“, sie sah kurz auf und lächelte. „Hat dir Rike erzählt, dass ich im August eine Stelle als Lehrerin antrete? Vorgestern habe ich die Zusage gekriegt.“

„Nein." Maritta war sichtlich überrascht. „Sie hat mir nur erzählt, dass du lange Zeit in einem Bistro gearbeitet hast und deshalb auch mit dieser Arbeit kein Problem haben würdest. Aber viel Zeit zum Reden blieb uns ja leider nicht. Dieser Sebastian muss schon was ganz Besonderes sein, wenn sie für ihn den Job hier sausen lässt.“

„Ja, Sebastian ist ein Schatz und ziemlich sexy dazu, aber vor allem ist er sehr in Rike verliebt. Das könnte richtig ernst werden mit den beiden.“

„Das freut mich für sie. Ich vertraue ihrem Urteil, wenn sie uns jemanden schickt. Vor zwei Jahren hatte sie eine andere Freundin zum Helfen mitgebracht und das klappte auch recht gut. Sonst hätte ich nicht so einfach zugestimmt. Du wirst schon noch sehen, wie anstrengend das hier werden kann.“

Die beiden Frauen gingen den langen Flur entlang, vorbei an weiteren Zimmern in Himmelblau, Moosgrün und Erdbeerrot, um dann zum Treppenhaus zurückzukommen, das sie wieder nach unten zum Aufenthaltsraum führte. Sarah lief hinter Maritta her und versuchte, sich all die Türen und Gänge zu merken. Wieder draußen auf dem Hof, begaben sie sich zum Haupthaus. Dort musste sie sich bei den Gutsherren anmelden.

„So, und jetzt zeige ich dir, wie du zum Büro kommst. Schließlich müssen wir den Freyenhofs sagen, dass du offiziell angekommen bist, versicherungstechnisch meine ich.“

„Ähm, ich denke, ich sollte dir noch etwas sagen", zögerte Sarah, als sie hinter Maritta herging.

Die blieb neben dem Brunnen stehen und drehte sich um. „Und das wäre?“

„Ich kann nicht reiten. Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen. Noch nicht mal auf dem Jahrmarkt im Kreis herum", gab Sarah zu bedenken.

Maritta lachte auf und wirkte erleichtert. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wenn’s weiter nichts ist. Für die Reitstunden der Kinder haben wir mehrere Mädchen aus dem Dorf. Die sind alle sattelfest. Und bereits alte Hasen im Umgang mit den Kindern. Drei von ihnen konntest du eben schon bei den Ställen sehen. Meine Tochter Saskia wird auch dabei sein. Sie reitet wie der Teufel. Mach dir also deshalb keine Gedanken. Hauptsache, du kommst klar, wenn die Bande im Haus und beim Essen ist. Ich denke, du weißt, was ich damit meine.“

„Ja, ich denke schon. Aber davor habe ich keine Angst.“

„Siehst du, Probleme werden hier sofort gelöst. Komm! Bringen wir den formellen Teil hinter uns.“

 

***

 

Maritta lief mit drahtigen Schritten vor Sarah die pyramidenförmige Treppe zum Haupthaus empor. Die dunkelgrüne Doppeltür aus massivem Holz mit antiken Messinggriffen bot keinen Widerstand, denn sie war unverschlossen. Die kleinen Scheiben im oberen Bereich waren wohl eher für den Lichteinlass gedacht und nicht dazu, um hinein- oder herausschauen zu können.

„Sie wird erst abends verschlossen", beantwortete Maritta Sarahs wortlose Frage, „das ist einfacher so. Hier ist einfach zu viel los. In die Privaträume der Familie kommt man aber nicht so leicht.“

Sarah konnte nur erstaunt nicken und fand sich in der Eingangshalle wieder. Erinnerungen an Museumsbesuche wurden wach. Beherrscht wurde der Raum von der Treppe, die rechts und links mit gedrechseltem Eichenholzgeländer nach oben führte. Der etwas abgetretene, schwarz-weiß gekachelte Steinfußboden wirkte wie ein riesiges Schachbrett und passte gut zu dem dunklen Innenfachwerk. Eine schwere Eichentruhe stand mit ihren aufwendigen Schnitzereien vor weiß verputzten Wänden. Ernst blickende Ahnen in Öl, die einen mit ihren Blicken zu verfolgen schienen, wechselten sich mit Hirschgeweihen und verschnörkelten Wandleuchten ab. Alles wirkte gediegen, fast hoheitsvoll. Ein bisschen wie bei Königs daheim, sinnierte Sarah nicht ohne Ironie. In der Mitte führte ein Flur zu weiteren Türen, zu denen Maritta sie jetzt dirigierte. In dem Moment, als sie die erste öffnen wollte, wurde diese von innen von einem jungen Mann aufgestoßen. Ein schwarz-weiß gefleckter Hund huschte zwischen ihren Beinen hindurch und schmiegte sich dann an Maritta.

Die quietschte erschrocken auf und blieb stehen. „Irgendwann bringt sie mich zu Fall, das wirst du sehen!“

Der Mann schmunzelte und war über Marittas Anblick sichtlich erfreut. Entschuldigend hob er die Schultern und zog eine Grimasse. „Was soll ich machen? Sie mag dich halt“, lachte er. Sein Gesichtsausdruck änderte sich sofort, als er Sarah ins Visier nahm. Sein attraktives Lächeln erlosch. Das Erste, was Sarah von ihrem Juniorchef wahrnahm, war sein dunkelblonder, zerzauster Kurzhaarschnitt. Sie musste zu ihm aufschauen und blickte in wachsame, grau-grüne Augen, die sie genauso fixierten wie sie ihn.

„Das trifft sich gut, Hendrik. Dann kann ich dir gleich Sarah Kunzmann vorstellen. Sie ist für Rike eingesprungen", erklärte Maritta.

Hendrik von Freyenhof streckte ihr die Hand entgegen. „Herzlich willkommen auf Gut Freyenhof", begrüßte er sie mit dunkler Stimme höflich distanziert. „Die Formalitäten erledigt meine Mutter. Sie wird Ihnen alles Weitere erklären. Ansonsten wenden Sie sich an Maritta." Mit einem kurzen Blick zu seiner Angestellten wandte er sich ab und folgte der Hündin, die bereits in der Halle schwanzwedelnd auf ihn wartete. Wie ein Bauer sieht er jedenfalls nicht aus, ging es Sarah durch den Sinn. Und das, obwohl seine Füße in derben Schuhen steckten und die abgewetzte Jeans mit dem karierten Hemd garantiert viele Male durch die Wäsche gegangen war.

Mit Formalitäten und überschwänglichen Freundlichkeiten hielt sich auch die Baronin nicht lange auf. Genau wie ihr Sohn begrüßte Hannelore von Freyenhof die neue Aushilfe mit kühler Höflichkeit und nahm sie dabei dezent unter die Lupe.

Ob man sich in diesen Kreisen so verhalten musste?

Obwohl es dafür keinen konkreten Anlass gab, wurde Sarah das Gefühl nicht los, dass die Hofherrin sie nicht mochte. Ach, was soll’s, in sechs Wochen ist es vorbei. Schließlich sollte sie sich mit allen Belangen an Maritta wenden und die, so schien es zumindest, kam mit den Herrschaften doch sehr gut zurecht. Wozu sich also Gedanken machen.

 

***

 

Hendrik atmete auf. Die Vorbereitungen für die Auktion und das Turnier liefen planmäßig. Sein Vater würde stolz auf sein Personal sein. Besonders auf Dennis. Mit seiner Erfahrung, die er sich während der Ausbildung zum Pferdewirt und den inzwischen fünf Jahren Gesellenarbeit auf dem Gut angeeignet hatte, konnte er seinen Juniorchef sehr entlasten. Fast jeden Abend telefonierte Hendrik mit Hans-Hermann und war froh, wenn er Positives berichten konnte. Sicher würde es die Genesung seines Vaters schneller vorantreiben, wenn er erfuhr, wie gut Dennis den jungen Warmbluthengst Arthur für die Körung in Form bringen konnte. Gedanklich war Hendrik schon beim nächsten Projekt, als er aus dem Schatten der Reithalle trat. Ein Termin im Sägewerk stand an. Als er über den Hof zu den Ställen lief, sah er aus den Augenwinkeln, wie Maritta mit Sarah die Treppe am Haupthaus herunterkam. Wie wohl seine Mutter auf Sarah Kunzmann reagierte? Sie mochte keine Überraschungen und schon gar keine, die aussahen wie Sarah. Warum auch immer, blonde Frauen hatten es bei Hannelore nicht leicht. Außer Cora. An der hatte seine Mutter aus unerklärlichen Gründen einen Narren gefressen.

Natürlich entging Hendrik nicht, wie attraktiv der Ersatz für Rike war, doch von solchen Äußerlichkeiten wollte er sich nicht mehr blenden lassen. Ruckartig wandte er den Blick von ihr ab und sah zum Parkplatz, wo sein Jeep stand. Er konnte froh sein, dass die Wunden endlich verheilt waren und die Narben nicht mehr schmerzten, die ihm Cora zugefügt hatte. Doch wie von einem Magnet gezogen, wanderten seine Blicke erneut zu den beiden Frauen, die so als würden sie sich bereits ewig kennen, schwatzend über den Hof liefen. An wen erinnerte ihn diese Sarah nur? Irgendeine Prominente. Wie hieß die fotogene Holländerin mit dem Fußballer als Ex noch gleich? Blonde, lange Haare, blaue Augen und eine Figur, die jeden Mann zum Träumen brachte. Sie war schön. Das ließ sich nicht verleugnen. Zu schön.

Und ausgerechnet so eine hatte sich auf Gut Freyenhof verirrt.

Mal sehen, ob die Lady noch zu was anderem taugte, außer nett auszusehen. Das musste sich erst noch zeigen. Hendrik zog die Stirn in Falten. Genau wie bei Cora warnte ihn eine leise Stimme im Hinterkopf. Auch sie hatte ihn mit ihrem Aussehen dermaßen beeindruckt, dass er ihre vielen Schwächen lange nicht wahrhaben wollte. Und das, obwohl er von ihrem Ex gewarnt worden war. Doch Hendrik hatte geglaubt, bei ihm wäre sie ganz anders, ihm würde so etwas nicht passieren. O Gott, noch heute könnte er sich wegen dieser Blauäugigkeit ohrfeigen. Und wie idiotisch er sich erst gefühlt hatte, als er genau diesem Ex – nach der Trennung, versteht sich – noch mal über den Weg gelaufen war. Es war kurz vor Ende des Studiums gewesen. Leugnen half nichts. Das Ende der Beziehung hatte sich inzwischen natürlich längst überall herumgesprochen. Die schöne Cora war wieder zu haben. So etwas blieb nicht unkommentiert. Eine so attraktive Frau wie sie war zu auffällig für verschwiegene Trennungen. Die mitleidigen Blicke seiner Freunde würde Hendrik nie vergessen.

Doch so etwas würde ihm nicht noch einmal passieren. Für keine Schönheit der Welt. Punkt!

Die beiden Frauen schlugen den Weg zum Kinderhaus ein. So wurde das Gebäude neben dem Haupthaus genannt, das sich in einer Flucht seitlich daran anreihte. Hendrik war mittlerweile bei seinem Wagen angekommen und zog den Schlüssel aus der Jeans. Gerade, als er das Auto öffnen wollte, fuhr ein unbekannter schwarzer Audi TT mit Bravour vor, bremste mit quietschenden Reifen und stellte sich direkt hinter seinen Jeep, sodass es ihm unmöglich wurde, wegzufahren. Bounty fing lautstark an zu bellen. Empört holte Hendrik tief Luft. Schon erstaunlich, was sich manche rausnahmen. Zeit, sich aufzuregen, blieb ihm allerdings nicht. Mit Verwunderung beobachtete er, wie eine junge Frau die Tür des Sportwagens aufstieß, heraussprang und ihm ohne Vorwarnung die Arme um den Hals schlang. Die Tür ließ sie offen stehen. Jetzt wurde Bounty erst richtig wütend. Wer wagte es da, sich an ihr Herrchen heranzumachen? Wie wild sprang sie bellend hin und her.

„Hallo Hendrik, da staunst du, was?", rief die Frau außer Atem. Große, hellblaue Augen lachten ihn an. „Kannst du bitte mal den Hund zurückpfeifen? Man versteht ja sein eigenes Wort nicht!" Sie grinste ihn kess an, als hätte sie alles Recht der Welt, ihm Anweisungen zu geben. Er ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn diese Selbstverständlichkeit wunderte.

„Ich konnte mich schon einen Tag früher von meiner Arbeit daheim loseisen.“

Hendrik dämmerte es allmählich, wer ihn fest umschlungen hielt. Zu fest für seinen Geschmack.

Gesine Baumbach! Bestimmt zehn Kilo leichter und mit neuer Frisur. Da passte auch das Fahrverhalten. Mit einem demonstrativen Blick auf Bounty nahm er ihre Arme von seinem Hals und trat einen Schritt zurück. Besänftigend streichelte er den Kopf seiner Hündin, die daraufhin Ruhe gab. Nur zögernd legte er Gesine den Arm um die Schulter. Es musste mindestens ein Jahr her sein, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Kokett strahlte sie ihn an, wobei sie Bounty völlig ignorierte. „Entschuldige, dass ich dich so überfalle. Du bist auf dem Sprung, wie ich sehe. Da kannst du sicher verstehen, dass ich dich wenigstens noch begrüßen wollte, bevor du fährst. Wir haben uns doch so lange nicht gesehen.“

„Gesine", Hendrik räusperte sich, so als wäre ihm die Stimme weggeblieben, „kein Problem, ich bin nur etwas überrascht. Außerdem hab ich dich nicht sofort erkannt. Ich dachte, du kommst erst nächste Woche." Hendrik registrierte aus den Augenwinkeln, dass er von Maritta und Sarah beobachtet wurde. Die beiden standen vor dem Kinderhaus. Vorsichtig rückte er von Gesine ab.

„Deine Mutter weiß Bescheid, ich hab vorhin mit ihr telefoniert. Sie hat mir das Gästezimmer schon hergerichtet. Ich freue mich doch so, wenn ich helfen kann.“

„Ja, es ist nett, dass du uns unterstützen willst." Hendrik vermied es, sie anzusehen. Er war über den Alleingang seiner Mutter noch immer verärgert. „Ich hab im Moment allerdings keine Zeit für Details. Uwe wartet im Sägewerk auf mich. Mein Vorschlag wäre, dass wir das heute Abend bei Eike im Lokal besprechen Ich bin sicher, das Abendessen hat Hannelore schon verplant, oder?“

Ob Gesine ihm zustimmte, konnte er nicht sehen, weil er auf seine Armbanduhr sah. Er wusste aber auch so, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Schließlich kannte er seine Mutter. Gesine antwortete nicht auf seine Frage, sondern hob zum Abschied nur die Hand, stieg ohne ein weiteres Wort in den Audi und räumte den Weg. Hendrik zuckte lakonisch mit den Achseln und lief los. Er hatte sie nicht bestellt. Sollte seine Mutter doch dafür sorgen, dass sie sich nicht langweilte.

4.

„So, jetzt wo wir den offiziellen Teil hinter uns haben, zeige ich dir den Hof. Es ist wichtig, dass du dich auskennst, wenn mal wieder eins von den Mädchen ausgebüxt ist.“

„Kommt das öfter vor?“

„Na ja, kommt darauf an. Die Mädels können manchmal ganz schön zickig sein, besonders die in der Pubertät.“

„Hm, verstehe.“

Maritta führte Sarah durch die Ställe, die Scheune, an dem Springreitplatz mit Reithalle vorbei und dann zu dem künstlich angelegten Schwimmteich, der eingebettet zwischen alten Laubbäumen lag. Sarah war sprachlos. Der Teich hatte die Größe eines Tennisplatzes, aber nicht rechteckig, sondern in Tropfenform. Im hinteren Bereich wuchsen Schilf und Seerosen. Vorn konnte man hineinwaten oder an der Seite von einem Steg hineinspringen. Einfach fantastisch. Das ganze Bild wurde durch eine offene Holzhütte und einen fest integrierten Grillplatz abgerundet. Mittlerweile war es Nachmittag geworden. Die Sonne hatte die Wolken verdrängt und spiegelte sich im Wasser.

„Das ist ja schön hier. Wahnsinn, da kannst du dir locker den Urlaub im Süden sparen, wenn das Wetter stimmt", rief Sarah, als sie die Sprache wiedergefunden hatte. „Das ist ja alles riesig hier.“

Sie sah über das Gelände zu den Pferdeweiden, die sich ringsherum ausmachen ließen.

Maritta lächelte wissend. Sie kannte diese Reaktion wohl. Bestimmt blieb hier kaum ein Neuankömmling unbeeindruckt.

„Ja, und jetzt kommt die gute Nachricht. In deiner freien Zeit darfst du die Anlage nutzen, und natürlich auch, wenn du mit den Kindern hier bist. Hinter der Hütte, in einem Schuppen, befinden sich Liegen und Strohmatten. Aber", Maritta machte eine bedeutungsvolle Pause, „jetzt kommt die schlechte Nachricht: Du hast leider kaum freie Zeit, eigentlich nur samstags, wenn die Bande abgereist ist. Doch vorher müssen die Zimmer und die Bäder gereinigt und die Betten frisch bezogen sein.“

„Ganz klar, erst die Arbeit und dann das Vergnügen.“

„Ich sehe, wir verstehen uns. Behalte einfach immer nur im Hinterkopf, dass wir den Kindern hier einen 5-Sterne-Urlaub bieten. Dafür bezahlen ihre Eltern nicht wenig Geld." Maritta sah auf ihre Armbanduhr. „So, ich glaube, für heute reicht der Rundgang auf dem Gut, du hast bestimmt Hunger, oder?“

„Wenn du mich so fragst, ja, ich könnte jetzt was essen. Das Brötchen vom Frühstück heute Morgen um acht ist verbraucht.“

„Gut. Gehen wir. Ich möchte, dass du bei Kräften bleibst. Aber scheu dich nicht zu fragen, wenn du was wissen willst. Das Gut ist quasi unser zweites Zuhause.“

„Unser?“

„Ja, damit meine ich meinen Mann Uwe, der im Sägewerk arbeitet, unsere fünfzehnjährige Tochter Saskia – ich glaube, die habe ich bereits erwähnt – und unseren dreizehnjährigen Sohn Manuel. Er hilft Dennis oft bei den Pferden.“

„Dann ist das also ein richtiger Familienbetrieb", stellte Sarah mehr für sich selbst fest.

„Könnte man so sagen, denn auch alle von Freyenhofs sind im Einsatz. Ansonsten wäre das hier nicht zu schaffen.“

Maritta lächelte Sarah aufmunternd zu und ging voraus Richtung Hof. Sarah folgte ihr mit langsamen Schritten. Sie konnte sich nicht sattsehen an so viel Natur, weshalb sie auch nicht bemerkte, dass Maritta einen anderen Weg als den Hinweg wählte. Es gab tatsächlich mehrere Möglichkeiten, um durch die Ställe und die Scheune zum Hof zu kommen. Sarah sah sich suchend um. Das dumpfe Stampfen von Hufen im Sägemehl drang aus der Reithalle. An die Entfernungen auf dem Gestüt musste sie sich erst noch gewöhnen. Über die halbhohe Abgrenzung der offenen Halle konnte sie sehen, wie ein Schimmel, den eine junge Frau longierte, elegant im Kreis trabte. Die Nachmittagssonne überflutete die Fläche und ließ lange Schatten zurück. Wölkchen aus Sägemehlstaub stiegen vor den Hufen des Pferdes auf. So in Gedanken verloren und ohne nach vorn zu sehen, nahm sie erst durch den warmen Atem und das Schnauben das riesige Pferd wahr, das plötzlich viel zu nah vor ihr stand. Sie erschrak und wich keuchend zurück. Noch nie war sie freiwillig einem so großen Tier so nahe gekommen.

„Nur keine Panik, die macht nichts. Bleiben Sie ruhig, damit sie nicht nervös wird.“

Die Stimme gehörte einem Mann ihres Alters in Reithosen, der neben dem gesattelten Pferd auftauchte. Sarah stieß die angehaltene Luft aus.

„Entschuldigung", stammelte sie, „ich bin wohl in die falsche Richtung gegangen. Eigentlich wollte ich mit Maritta wieder zum Hof zurück.“

In seinen blauen Augen blitzte es. Mit unverhohlenem Interesse betrachtete er sie. „Ah, ich verstehe, du bist der Ersatz für Rike. Hi, ich bin Dennis.“

An Selbstbewusstsein mangelt es dir jedenfalls nicht, dachte Sarah und nahm seine durchtrainierte Gestalt, die männlich schönen Gesichtszüge mit den blauen Augen und die blonden, kurz geschnittenen Haare wahr. Ein Mann, der sich mit Pferden auskannte. Das musste dann ja klappen mit dem schwachen Geschlecht.

„Gut erkannt. Hab ich ein Schild um?“

Der Versuch zu scherzen schlug fehl. Vielmehr starrte er auf ihren Busen. „Nein, natürlich nicht", schüttelte er irritiert den Kopf. „Es ist nur, weil du Maritta erwähnt hast.“

Sarah schenkte ihm ein versöhnliches Lächeln. Sie wollte nicht unhöflich sein. Zu dumm, dass sich ihr unverbesserlicher Hang zur Ironie so schlecht unterdrücken ließ und sie dabei gern vergaß, dass dies nicht jeder amüsant fand oder gar verstand.

„Ich bin Sarah und danke, dass du das Pferd festhältst.“

„Du hast doch nicht etwa Angst, oder? Das musst du nicht. Das ist Mira und sie ist eine ganz Liebe. Sie hat sich nur erschrocken, genau wie du.“

„Hier bist du!" Maritta kam auf sie zu. „Ich habe dich schon vermisst.“

„Entschuldige", Sarah hob die Arme und breitete sie aus, „aber ich war so in die Natur ringsherum vertieft, dass ich nicht bemerkt habe, dass du einen anderen Weg genommen hast.“

„Wenn ich hier bin, muss sich keiner Sorgen machen, da kann nichts passieren." Dennis lächelte Sarah gewinnend an, sodass ihr Frühwarnsystem für aufdringliche Männer ansprang. Er konnte ja nicht ahnen, dass diese Masche bei ihr auf wenig Gegenliebe stieß. Dennoch wollte sie kein Spielverderber sein.

„Ich werde dich heute Abend in mein Nachtgebet einbeziehen, zum Dank für deine aufopfernde Hilfe", entgegnete sie trocken und hoffte, dass er die Botschaft verstand.

Maritta fasste Sarah am Arm und zog sie mit sich.

„Ich bin etwas in Eile, weil ich meiner Familie Kaffee und Kuchen versprochen habe. Wir müssen uns also ein bisschen sputen! Die warten bestimmt schon.“

Sicherheitshalber ließ Sarah Maritta auf dem Weg zurück nicht mehr aus den Augen. Gleich darauf betraten sie die Küche im Kinderhaus. Mit ernstem Blick deutete Maritta Sarah an, sich mit ihr an den Personaltisch zu setzen.

„Hör zu, ich möchte dich nicht bevormunden, deshalb versteh das jetzt nicht falsch. Dennis ist ein wichtiger und guter Mitarbeiter und auch ein netter Kollege, aber als Mann noch sehr unreif.“

Sarah verstand. Deswegen der Vorwand mit der wartenden Familie.

„Danke für die Warnung“, winkte sie ab. „Von meiner Seite besteht da absolut keine Gefahr. Mein Bedarf an Männern ist fürs Erste gedeckt, das kannst du mir glauben. Ich bin wirklich froh, dass ich hier sein kann. Das setze ich nicht aufs Spiel.“

Maritta hob den Kopf. „Das hört sich nach Problemen an.“

„Jetzt nicht mehr.“

„Aha, du bist also solo. Wer hat es beendet?“

„Ich.“

„Die nächsten Wochen wirst du auf jeden Fall Gelegenheit haben, dich abzulenken.“

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mir das gefällt. Mach dir keine Sorgen. Ich bin voll belastbar und selbst überrascht, wie gut ich mit der Trennung klarkomme. Es bestätigt mir nur, dass meine Entscheidung nicht so falsch war.“

„Dann kann’s nicht der Richtige gewesen sein, sonst würdest du’s nicht so leicht nehmen." Maritta zog eine Grimasse, die ihr Bedauern ausdrückte. „Komm, lass uns Kaffee kochen. Der Kuchen steht hinten in der Kammer. Kannst du backen? Das wäre gut. Die Kinder lieben Kuchen am Nachmittag.“

Sarah nickte nachdenklich, auch Rike hatte so etwas Ähnliches im Zusammenhang mit der Trennung erwähnt. „Ja", beeilte sie sich dann zu sagen, „ich kann backen. Das mach ich sogar sehr gern." Die beiden Frauen erhoben sich gleichzeitig, um ans Werk zu gehen. Sarah verschwand in der Vorratskammer, um den Kuchen zu holen und Maritta deckte den Tisch ein.

„Hm, Schokoladenkuchen, den liebe ich", rief sie, als sie mit dem Gugelhupf zurückkam. „Ich werde die Tage mal den leckeren Nusskuchen meiner Oma backen. Dafür muss ich mir nur das Rezept von ihr organisieren.“

„Prima. Rezepte kann man nicht genug haben, wenn man jeden Tag backen muss. Aber in der Schublade, vorn im Küchenschrank neben der Spüle, liegen noch mehr Rezepte, die sich schon bei den Kindern bewährt haben. Da kannst du den Nusskuchen mit dazu schreiben.“

 

***

 

Der Gaststube "Zum edlen Ross" sah man auf den ersten Blick nicht an, dass es sich um ein 3-Sterne-Restaurant handelte. Das ehemalige Gesindehaus hatte seine erste Umwandlung zum Landgasthof bereits vor knapp fünfzig Jahren erlebt. Doch Eike und seine Frau wollten mehr aus dem ansehnlichen Gebäude herausholen und hatten nach ihrer Verlobung beschlossen, es umzubauen. Nach zweijähriger Planung waren dann im vergangenen Winter endlich sämtliche Renovierungsarbeiten beendet worden und die letzten Handwerker ausgezogen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Das "edle Ross" durfte jetzt den Namen "Romantikhotel" tragen, weil das Hotel mit einem luxuriösen Wellnessbereich bereichert worden war, dem es an nichts fehlte. Über allem lag die Gediegenheit des Gutshofes und des Landadels. Man fühlte sich versetzt in die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Trotz des Charmes im Stil der guten alten Zeit mangelte es nicht an modernem Komfort, auf den die anspruchsvollen Gäste in einem Hotel dieser Art Wert legten. Das Kaffeehausangebot am Wochenende und die ausgezeichneten Menüs auf der Speisekarte hatten sich im großen Umkreis herumgesprochen. Ohne Voranmeldung konnte man allenfalls in der Woche einen freien Tisch bekommen.

Hendrik traf mit Gesine gegen acht Uhr im Schankraum ein. Aus den Lautsprechern tönten leise instrumental eingespielte Evergreens. Eike, der bereits von seinem Kommen wusste, hatte für die Reservierung gesorgt. Seit Gesines Ankunft am frühen Nachmittag zerbrach sich Hendrik nun schon den Kopf, mit welcher Taktik er sie daran hindern konnte, sich allzu sehr in die Interna des Betriebes einzumischen. Er kannte sie seit Kindertagen. Die Familien waren zwar lange vor seiner Geburt befreundet gewesen, doch mit Geschäften wurde bislang immer sehr diskret umgegangen. Man half sich gegenseitig mit Wort und Tat und auch mit guten Kontakten, aber so eine Situation wie diese hatte es noch nicht gegeben. Hendrik konnte sich noch nicht einmal erklären, warum er so argwöhnisch war. Es gab keinen Grund für sein Misstrauen. Trotzdem gefiel es ihm überhaupt nicht, dass seine Mutter so tat, als würde Gesine zum engeren Kreis der Familie gehören, nur weil sie sich seit ewigen Zeiten kannten. Diese Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf, während er ihr an der Garderobe aus dem leichten Sommermantel half und sie zum Tisch führte. Verwundert bemerkte er, dass sie sich umgezogen hatte. Eine Stunde nach dem gemeinsam verbrachten Abendessen mit seiner Mutter, bei dem sie eine Hose mit Bluse getragen hatte. Was für ein Schwachsinn. In dem royalblauen Etuikleid, das sie jetzt trug, sah sie aus, als wollte sie auf den nächsten Ball. Na ja, wahrscheinlich war es ihr einfach nur ein Bedürfnis, aller Welt zu demonstrieren, welch gute Figur sie jetzt hatte, mutmaßte er. Doch für seinen Geschmack war ihr Aufzug völlig übertrieben und passte so gar nicht zu der Gesine, die er kannte. Und wozu der Aufwand? Er hatte mit ihr lediglich was trinken gehen wollen.

Unter dem Stoff des figurbetonten Kleides konnte man die schlanke Silhouette erkennen und sehen, wie sehr Gesines Körper sich durch die Gewichtsabnahme verändert hatte. Das ehemals kurze rotblonde, eher feine Haar fiel jetzt leicht gewellt und mit dezenten Blondtönen gesträhnt auf ihre Schultern. Die vormals so blasse Haut war honigbraun. Das dezente Make-up sah professionell aus, und nur allzu gut erinnerte er sich noch an die schwarzen Balken unter den wasserblauen Augen, die sie wie ein Gespenst hatten aussehen lassen. Niemals hätte er ihr eine solche Wandlung zugetraut.

„Du siehst mich an, als könntest du nicht glauben, dass ich es bin", sagte sie lächelnd, als sie Platz genommen hatten. Wenn er es nicht besser wüsste, könnte man die Art, wie sie Blickkontakt hielt, als Flirtversuch auslegen. Doch den Gedanken schob er unter der Rubrik "absurd" zur Seite.

„Deine Verwandlung ist schon beachtlich. Gratulation. Verrätst du mir den Grund dafür?“

Die Art, wie sie sich freute, machte ihn stutzig. So übertrieben und affektiert. Als hätte sie seit Monaten auf ein lobendes Wort von ihm gehofft. Seltsam.

„Ja natürlich, aber es ist nicht sehr spektakulär", erklärte sie bereitwillig. „Im letzten Jahr ging es mir immer schlechter, bis eine Lebensmittelunverträglichkeit festgestellt wurde. Danach musste ich meine komplette Ernährung umstellen. Das Abnehmen ging dabei wie von selbst", strahlte sie und fasste sich dann in die Haare. „Tja, und was meine Frisur betrifft: Eine Weile konnte ich wegen der vielen Arzttermine und meiner Arbeit nicht zum Frisör, dabei fiel mir auf, wie praktisch die längeren Haare sind. So kam eins zum anderen und das Ergebnis siehst du jetzt." Sie wischte über den Tisch. Ihre Augen glitzerten hintergründig. „Aber genug von mir. Wie läuft’s bei dir? Die Umstellung vom Studentendasein in Berlin zum Landleben auf Gut Freyenhof ist ja wohl ziemlich krass, oder?“

Ihre Augen blitzten erwartungsvoll, als sie ihn ansah. Hendrik krauste leicht die Stirn und wich ihrem Blick aus, dabei ließ er seinen durch die Gaststube wandern. Statt zu antworten, fragte er: „Was möchtest du trinken?“

Wie meistens um diese Uhrzeit besprach Eike, der mit Dorit hinter der Bar stand, mit ihr die Speisekarte für den kommenden Tag. Er legte großen Wert auf ihre Meinung. Dorit war eigentlich nur für die Desserts zuständig, hatte aber darüber hinaus auch gute Ideen für saisonale Menüs. Hendrik lächelte, er hatte Dorit von Anfang an gemocht. Eike hätte für sich selbst und auch für den Betrieb keine bessere Wahl treffen können. Die beiden ergänzten sich optimal. Bei jeder Geste, die sie füreinander hatten, konnte man spüren, wie viel Liebe in dieser Ehe steckte. Sein Bruder war ein echter Glückspilz. Als hätte er Hendriks Gedanken gelesen, sah Eike für einen kurzen Moment zu ihm hin. Hendrik gab ihm ein Zeichen, herüberzukommen. Eike fasste seine Frau am Arm, nahm die Karte und kam mit ihr zum Tisch. Hendrik erinnerte sich, dass Eike Gesine nie sonderlich gemocht hatte. So war es nicht verwunderlich, dass er Dorit zur Verstärkung mitbrachte.

„Hallo Gesine", begrüßten Eike und Dorit sie zurückhaltend freundlich. Er reichte ihnen die Getränkekarte.

„Ich nehme ein Bier", entschied Hendrik.

„Für mich einen Chablis, bitte." Gesine nahm keinen Anstoß an der Zurückhaltung des Paares. Ganz im Gegenteil, sie schien es nicht mal zu bemerken. „Die Umgestaltung ist euch wirklich gelungen“, plapperte sie unbefangen. „Im Internet habe ich gesehen, dass ihr jetzt auch Wellness anbietet. Das muss ich auf jeden Fall testen. Hin und wieder gönne ich mir eine Auszeit und hab so schon einige Hotels kennengelernt. Doch nicht alle halten, was sie versprechen.“

Eikes Begeisterung hielt sich in Grenzen, doch das war nur für jemanden ersichtlich, der ihn gut kannte. „Es freut mich, wenn es dir gefällt. Ich gebe dir unseren Flyer mit, darauf findest du alles, was du wissen musst. Spontan geht da allerdings wenig. Wir sind meistens drei Monate im Voraus ausgebucht. Die Kombination Reitsport und Wellness ist ein Renner.“

Hendrik war wirklich stolz auf seinen großen Bruder. Ganz der gestandene Geschäftsmann verlor er kein böses Wort, sondern machte nur von seinem Hausrecht Gebrauch. Ganz dezent gab er ihr zu verstehen, dass er keinen sonderlichen Wert auf ihren Besuch legte. Gesine, bei der die unterschwellige Botschaft nun offensichtlich angekommen war, blinzelte irritiert. Sie schien eine bevorzugte Behandlung erwartet zu haben. Um Haltung bemüht, rang sie sich ein „Oh, wie schön für euch, ich werde es bedenken" ab.

Eike und Dorit gingen zurück zur Bar und wenig später servierte ein Kellner die Getränke. Gesine beugte sich nach vorn über den Tisch. Dabei bot sie Hendrik einen Einblick in ihr Dekolleté. Was ein guter BH doch zu tun vermochte. Trotz ihrer bislang üppigen Figur hatte er sie eher flachbrüstig in Erinnerung gehabt. Schnell lenkte er den Blick auf ihre Augen. Als er bemerkte, wie sich ihre Mundwinkel zu einem feinen Lächeln verzogen, kräuselte er unwillig die Stirn. Wollte sie etwa ihren Marktwert abchecken? Bei ihm? Eine schlechtere Ausgangsposition hätte sie nicht wählen können. Sie würde nie der Typ Frau sein, dem er einen zweiten Blick schenkte. Jetzt nicht und auch in hundert Jahren nicht. Da nützte auch der Imagewandel nichts. Geschäftsmäßig ignorierte er ihr Verhalten und ging kommentarlos darüber hinweg.

„Du hast mir noch keine Antwort auf meine Frage gegeben." Sie nahm einen Schluck vom Wein und sah ihm herausfordernd in die Augen. „Willst du nicht darüber reden?“

Hendrik wich erneut ihrem Blick aus. Er musste sich zusammenreißen. Dieses Getue nervte ihn kolossal. Am liebsten wäre er ohne ein weiteres Wort aufgestanden und gegangen, doch damit wäre niemandem geholfen. „Da gibt es nicht viel zu berichten", entgegnete er stattdessen aalglatt. „Natürlich kann man ein Studium nicht mit dem Arbeitsleben vergleichen. Das erklärt sich von selbst! Findest du nicht?" Ihm war bewusst, wie überheblich das klang, doch das störte ihn nicht. Nicht bei ihr. Gelangweilt lehnte er sich im Stuhl zurück und betrachtete sie zurückhaltend. „Ja, schön und gut, es war eine tolle Zeit, aber sie ist vorbei. Vergangenheit. C’est la vie, ich schau lieber nach vorn als zurück.“

„Hm, ich bin überrascht, dass du ohne eine zukünftige Baronin von Freyenhof zurückgekommen bist." Unbeeindruckt von seiner offensichtlichen Abwehrhaltung bohrte Gesine weiter. „Gab es in ganz Berlin keine Frau, die dich interessiert hat?“

Hendrik stöhnte innerlich auf. Genau so kannte er sie. Sie hatte sich wirklich keinen Deut verändert. Als wenn er schon jemals ein Freund von so einer Ausfragerei gewesen wäre.

„Du machst dir doch nicht ernsthaft Sorgen um mein Liebesleben?" Mit deutlicher Ironie in der Stimme versuchte er, den Spieß umzudrehen. „Das ist wirklich nicht nötig. Glaub mir. Ich komme zurecht. Danke. Wenn sich was ändert, lasse ich es dich wissen.“ Er unterdrückte einen Seufzer. „Aber wie ist es bei dir? Deine Veränderung ist doch sicher nicht unbemerkt geblieben?" Hendrik zog eine Augenbraue in die Höhe und sah sie dabei herausfordernd an.

So in die Zange genommen, drehte sie verlegen das Glas zwischen ihren Fingern, bevor sie antwortete. „Ja, doch, es gab jemanden." Sie schluckte und zog die Mundwinkel resigniert nach unten. „Es ist vorbei. Ich habe mich in ihm getäuscht", schleuderte sie die Worte hart und trotzig hervor.

Scheiße, nahm das denn gar kein Ende? Hendrik war kurz davor, aufzuspringen und schreiend aus dem Lokal zu laufen. Genau solche hirnlosen Gespräche brauchte er heute noch! Am liebsten hätte er seine Mutter hierher zitiert. Sollte sie doch hier sitzen und sich den Mist anhören. Konversation betreiben! Ha ha! Was für eine Schnapsidee, Gesine als Helferin zu engagieren. Nur der Gedanke an seinen Vater brachte ihn zur Besinnung. Im Moment konnte niemand zusätzlichen Stress gebrauchen. Und es würde gehörigen Stress geben, wenn er die Wünsche seiner Mutter boykottierte. Also musste er sich wohl oder übel mit Fräulein Unwiderstehlich Baumbach arrangieren.

Gesine wich Hendriks ungemütlichem Blick aus, indem sie sich in der Gaststube umsah, die inzwischen gut gefüllt war. Der Tisch, an dem sie saßen, konnte man getrost als Notlösung bezeichnen. Eike hatte an diesem Samstagabend damit das Unmögliche möglich gemacht. Durch die Palmwedel der Kübelpflanzen hindurch konnte man die anderen Gäste sehen, ohne ihnen zu nahe zu sein. Unversehens schien Gesine zu erschrecken. Ruckartig wandte sie ihr Gesicht wieder in Hendriks Richtung, so als wäre ihr ein Geist begegnet. Nervös drehte sie einen Bierdeckel zwischen ihren Händen und sah erneut zum Tisch am Fenster, wo der Grund für den Schreck sitzen musste. Auch Hendrik veränderte nun seinen Blickwinkel so, dass er aus den Augenwinkeln erkennen konnte, weshalb sie plötzlich so verstört wirkte. An der Außenwand auf der gegenüberliegenden Seite der Gaststube saßen zwei Männer, die in der Speisekarte blätterten. Ein jüngerer und ein älterer. Beide waren wie Geschäftsleute gekleidet.

„Bist du sicher, dass es vorbei ist?“

„Hm, wie … woher …?

Lässig zurückgelehnt ergötzte er sich an ihrer Verblüffung. Hielt sie ihn wirklich für so blöd? Einen der beiden Typen kannte sie ganz sicher. Und wenn sie unbedingt über Privates reden wollte, bitte, kein Problem. Nur dann nicht über seine Angelegenheiten. „Willst du ihn nicht begrüßen?“

„Nein", knurrte sie, „er hat’s versaut.“

„Sei nicht so hart, jeder hat eine zweite Chance verdient.“

Sichtlich nervös nestelte sie am Kerzenständer, der zwischen ihnen stand. Abermals ging ihr Blick zu den beiden Männern und Hendrik glaubte zu sehen, dass sie nickte.

Wahrscheinlich hatte der Typ das Weite gesucht, mutmaßte Hendrik. Er wusste aus der Vergangenheit nur zu gut, wie dominant Gesine sein konnte. Als Einzelkind war sie von ihren wohlhabenden Eltern auf Händen getragen worden. O Gott, wenn er an die unzähligen Wutausbrüche und Tobsuchtsanfälle dachte, die er und Eike als Kinder hatten ertragen müssen. Gesine hatte bis zu der Teenagerzeit hin und wieder ein paar Ferientage auf Gut Freyenhof verbracht. Von zu Hause über die Maßen verwöhnt und selbstgefällig, kannte sie es nicht, Regeln einzuhalten. Schon damals nutzte sie jedes Mittel, um ihren Willen durchzusetzen. Oft musste Eike, als der Älteste im Bunde, die Vergehen ausbaden. Reue und Schuldbewusstsein gehörten dabei nicht zu Gesines Grundwesenszügen, weshalb es Hendrik schwerfiel, zu glauben, dass sich das im Erwachsenenalter geändert haben sollte. Er sah wieder rüber zu dem Tisch am Fenster. Solche Allüren ließ sich nicht jeder Mann gefallen.

„Und, was war nun bei dir? Du hast doch bestimmt nicht fünf Jahre wie ein Mönch gelebt?", hakte Gesine nach.

Hendrik blickte an ihr vorbei. Verwundert war er über ihre hartnäckige Ignoranz nicht. „Sagen wir mal so, ich habe wichtige Erfahrungen sammeln können. Schöne und weniger schöne. Wie gesagt, wenn ich mich irgendwann entschieden habe, wirst du es schon erfahren. Das muss als Antwort reichen. Ich würde nämlich jetzt gern mit dir über die nächsten vierzehn Tage reden. Das scheint mir wichtiger zu sein.“

Hendrik ärgerte sich zum einen über Gesines Neugierde und zum anderen über seine Gereiztheit. Er wollte sich durch ihre Gegenwart nicht aus der Ruhe bringen lassen. Aber das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Jetzt starrte sie schon wieder zum Platz am Fenster. Eike notierte gerade die Bestellung der beiden Männer. Sein Bruder hielt gern selbst Kontakt zu den Gästen und schulte auch sein Bedienungspersonal dementsprechend. Gute Beratung war ein Teil des hervorragenden Rufes des Hotels. Die Küche war nur noch selten sein Hauptrevier. Ein exzellenter Koch und Küchenchef übernahm derweil für ihn dort die Verantwortung. Hendrik beneidete seinen Bruder um dessen ruhige Gelassenheit. Das hatte er ihm definitiv voraus.

Wieder etwas versöhnlicher gestimmt sah er Gesine an.

„Entschuldige, aber mir schwirrt der Kopf von dem, was ich alles bewältigen muss. Für Smalltalk fehlt mir im Moment der Sinn.“

Gesine, die ihn jetzt wieder ansah, schüttelte leicht den Kopf. „Ist schon gut, ich hätte nicht so neugierig sein dürfen", räumte sie kleinlaut ein. „Was das Turnier betrifft, hat mir deine Mutter bereits vieles erklärt und mir gesagt, worauf es ankommt. Ich bin sicher, dass wir alle Aufgaben rechtzeitig zum Termin schaffen.“

Hendriks Gesichtszüge entspannten sich.

„Ja, ich glaube auch. Aber trotzdem möchte ich dich um etwas bitten.“

Fragend hob sie die Augenbrauen und er faltete die Hände, als müsste er sich besonders konzentrieren. Beschwörend sah er sie an. Jetzt galt es, diplomatisch zu sein. Sie sollte ihm genauso vertrauen wie seiner Mutter.

„Es ist so", räusperte er sich. „Es ist mir sehr wichtig, dass wir Hand in Hand arbeiten. Ich möchte meinen Vater nicht enttäuschen. Das würde seine Genesung gefährden. Ohne die Arbeit wird er schwermütig, das weiß ich. Außerdem fehlt er mit seiner Erfahrung überall. Es wäre schön, wenn du mich über alles informieren könntest, was du mit meiner Mutter besprichst und welche Pläne ihr habt. Dadurch, dass ich in den letzten Jahren während der Turniere meistens in Berlin war, fehlt mir die Routine. Damit wärst du mir eine echte Hilfe.“

Gesine legte lächelnd ihre Hand vertraulich auf seine. Hendrik hielt still, obwohl er die Berührung kaum aushielt. Was man nicht alles tat, um Schaden zu vermeiden. Wichtig war nur, dass sie keine Alleingänge machte. Sanft streichelte sie jetzt über seine langen, kräftigen Finger und hauchte: „Ich weiß. Das verstehe ich doch. Du kannst dich auf mich verlassen. Vertrau mir.“

Es schien ihr ernst zu sein. Vorsichtig entzog er ihr seine Hand und war weit davon entfernt, ihr zu vertrauen. Egal wie nett sie auch gerade war. Er brauchte nichts von ihr, weder ihre Hilfe noch den Körperkontakt.

 

Eine gute Stunde später war das Wichtigste besprochen.

Hendrik sah erst auf die Uhr und betrachtete dann das Geschehen um sich herum. Er mochte die angenehme Atmosphäre des Lokals. Wie entspannt die Gesichter der speisenden Gäste aussahen, die im Schein der Kerzen und Alabasterlampen aßen und sich unterhielten. Über dem gedämpften Gemurmel, das von leiser Hintergrundmusik untermalt wurde, hing der angenehme Duft von gutem Essen.

„So, ich denke, wir haben alles besprochen. Du bist von meiner Mutter gut instruiert worden, das kann man nicht anders sagen. Das reicht fürs Erste.“ Er klopfte auf den Tisch und erhob sich, bevor er voran zur Garderobe ging. Erleichtert atmete er aus. Vor seinem inneren Auge tauchte seine Wohnung auf. Allem voran die Couch, der Fernseher und eine Flasche Bier. Halt! Vorher musste er noch mit Bounty eine Runde um den See. Sie wartete garantiert schon ungeduldig auf ihn. Aber dann würde ihn nichts und niemand mehr von seiner Couch fernhalten können. Er wollte nur noch bei irgendetwas Anspruchslosem abschalten. Sich berieseln lassen. Keine blöde Fragen mehr und keine Erklärungen. O ja, was für ein herrlicher Zustand.

Gesine stand mit dem Rücken zu ihm und ließ sich in den Mantel helfen. Sie wirkte abwesend, seit sie Mr. X entdeckt hatte. Gemeinsam gingen sie hinaus. Die Dunkelheit setzte ein. Auf der Treppe nach draußen blieb sie stehen.

„Ach, ich hab noch was vergessen." Sie drehte sich zu ihm um, ging dann an ihm vorbei, um erneut anzuhalten. „Eike wollte mir doch den Flyer geben. Den hol ich mir noch, dann habe ich was zu lesen fürs Bett.“

Sie legte ihm kurz die Hand auf den Arm. „Geh du ruhig schon los. Wir sehen uns morgen früh.“

Hendrik zuckte lapidar mit den Schultern. „Wie du möchtest.“

„Gute Nacht.“

„Dir auch.“

Was für eine schwierige Person, dachte er, als er kopfschüttelnd die Treppen zu seiner Wohnung erklomm. Den Flyer hätte sie doch jederzeit holen können. An den Vorwand mit der Bettlektüre glaubte er nicht. Warum hatte sie nicht gesagt, dass sie mit einem der Typen reden wollte, die am Fenster gesessen hatten?

Ach, mir doch egal.

Sollte sie doch machen, was sie wollte. Solange es den Angelegenheiten des Gutes nicht in die Quere kam, waren ihm ihre Aktionen absolut gleichgültig.

 

***

 

Gesine ging zurück in die Gaststube. Ingo saß immer noch am selben Tisch. Sie hatte gewusst, dass er auf sie warten würde. Normalerweise ging er mit seinen Kunden in den Anker nach Korbach. Den ganzen Abend grübelte sie nun schon darüber, woher er wusste, dass sie auf dem Gut zu Gast war. Herausfinden konnte sie das nur, wenn sie mit ihm sprach. Daran führte kein Weg vorbei, auch wenn sie genau das so gern vermieden hätte wie in den Wochen zuvor. Auf keinen Fall sollte er ihre Pläne kaputtmachen. Also setzte sie einen Fuß vor den anderen, bis sie vor seinem Tisch stand. Sein Kollege war inzwischen gegangen. Freundlich, fast liebevoll sah er sie an, so als wäre sie nur mal eben auf dem Klo gewesen. Ingo Waßmann erhob sich, um ihr den Stuhl zurechtzurücken. Gesine setzte sich, doch den Mantel behielt sie an.

„Warum bist du hier?", fragte sie ohne Umschweife.

Ingo ließ sich nicht von ihrer finsteren Miene und der barschen Frage aus der Ruhe bringen. „Weil ich mit dir sprechen möchte", erklärte er mit gedämpfter Stimme. „Ich wüsste gern den Grund, warum du einfach aus meinem Leben gegangen bist. Ohne eine vernünftige Erklärung.“

Ingo machte eine kurze Pause und legte seine Hand zärtlich auf ihre. Sie versuchte, die angenehme Wärme, die von ihm ausging, zu ignorieren und wich seinem forschenden Blick aus.

„Und ich habe den Termin hierher verlegt, weil ich dich beim Reden ansehen will", fuhr er fort. „Das ist mir lieber. Du kennst meine Gefühle für dich. Da kannst du dir doch denken, dass ich nicht so einfach aufgebe. Also, warum gehst du mir seit drei Wochen aus dem Weg?“

Gesine entzog ihm die Hand.

„Das weißt du ganz genau. Ich sage nur Alice Burgner. Vielleicht geht dir dann ein Licht auf. Ich habe euch zusammen gesehen, das hat mir gereicht.“

Ingo machte ein verdutztes Gesicht, bevor er begriff.

„Wie bitte? Das ist ein Scherz, oder? Was redest du für einen Schwachsinn? Frau Burgner ist eine Kundin von mir. Ich denke, ich weiß, was du gesehen haben willst." Er überlegte – „Moment!" – und runzelte die Stirn, dann holte er einen Terminkalender aus der Aktentasche, schlug ihn auf und blätterte einige Seiten zurück. Dann tippte er energisch auf die Seite, wo Alice Burgners Name stand. „Wusste ich’s doch! Der Termin mit ihr war an einem Mittwochabend. Das hatte ich extra so gelegt, weil du mittwochabends immer deinen Pilates-Kurs hast. Deshalb hast du uns überhaupt sehen können. Du bist am Anker vorbeigefahren. Wahrscheinlich in dem Moment, als wir uns verabschiedet haben. Sie hat mich umarmt und auf die Wange geküsst." Ingo fasste sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. „Du hättest besser noch länger hingucken sollen, dann wäre dir nämlich aufgefallen, dass wir danach getrennte Wege gegangen sind. Sie zu ihrem zukünftigen Mann, den sie in zwei Monaten heiraten wird, und ich allein nach Hause. Mein Gott, die Frau war einfach nur dankbar, weil ich ihr aus ein paar viel zu teuren Verträgen rausgeholfen habe. Wenn du mir das nicht glaubst, kannst du sie gern selbst danach fragen. Woher kennst du eigentlich ihren Namen?“

Gesine schluckte. Sie hatte keine Ahnung, was sie ihm jetzt sagen sollte. Tatsächlich wollte sie diese ganze Diskussion nicht. Es tat nur weh. Ihr war natürlich bekannt, dass Ingo nichts Unrechtes getan hatte. Doch wie sollte sie ihm beibringen, dass es für sie beide keine Zukunft mehr gab, eigentlich nie eine gegeben hatte? Aber die Chance, die sie durch die Abschiedsszene mit Alice bekommen hatte, musste sie einfach für diese verdammte Farce nutzen. Gesine setzte sich kerzengerade auf. Nur mit Mühe konnte sie vor ihm verbergen, wie sehr ihre Hände zitterten.

„Ich kenne Alice Burgner, weil sie sich, genau wie ich, vor anderthalb Jahren für die Stelle als Berufsschullehrerin in Korbach beworben hatte. Aber ich habe die Stelle bekommen. Sie unterrichtet jetzt in Frankenberg, soviel ich weiß.“

Ingo nickte und umfasste erneut ihre eiskalten Hände.

„Und? Was sagst du dazu, dass sie bald heiratet?“

Gesine schaute nervös auf dem Tisch hin und her. Sie räusperte sich, bevor sie antwortete. „Mag sein, dass du nichts mit ihr hattest. Aber wer sagt mir denn, dass die Nächste ihre Dankbarkeit nicht ganz anders zum Ausdruck bringen will? Und du dann nicht nein sagen kannst, weil das einem lukrativen Geschäft im Wege stünde?"

Ingo starrte sie fassungslos an und brachte kein Wort heraus. Gesine betrachtete ihn. Wahrscheinlich ein letztes Mal, denn ihr war bewusst, wie sehr sie ihn mit ihren Worten verletzte. Mit den blonden Haaren und den blauen Augen war er kein Mann, der auf den ersten Blick auffiel. Doch das machte er durch seine gepflegte Erscheinung wett. Bei den Frauen kam der höfliche und aufmerksame Ingo gut an, das war ihr mehr als einmal aufgefallen. In seinem schmalen Gesicht spiegelten sich jetzt die widersprüchlichsten Gefühle. Allen voran Unglauben und Entsetzen. Das tat ihr nicht nur aufrichtig leid, sondern auch selbst weh. Doch das konnte sie ihm unmöglich mitteilen. Zu vertrackt war die Situation, in der sie steckte. Kennengelernt hatten sie sich, als sie auf der Suche nach einer privaten Krankenversicherung gewesen war, die sie wegen ihrer Verbeamtung abschließen musste. Ingo entsprach genau dem Typ Mann, der sie um den Verstand brachte. Groß, schlank, gute Manieren und ein weltmännisches Auftreten. Bis heute konnte sie nicht glauben, dass er sich für sie, so wie sie damals ausgesehen hatte, interessierte. Er war der wirkliche Grund für ihre äußerliche Veränderung gewesen, doch das hatte sie Hendrik nicht auf die Nase binden wollen. Ingo beugte sich nach vorn über den Tisch. Er hatte seine Sprache wiedergefunden.

„Ich kann nicht glauben, was du hier für einen Unsinn von dir gibst. Was willst du mir da eigentlich unterstellen? Du bist die erste und einzige Kundin, mit der ich ins Bett gegangen bin. Du weißt genau, wie wenig das mit Dankbarkeit zu tun hatte." Erregt tippte er ihr mit dem Zeigefinger auf den Arm und schüttelte fassungslos den Kopf. „Deine sogenannte Dankbarkeit hat bis vor vier Wochen angehalten. Und sie hatte mit dem Abschluss der Krankenversicherung ungefähr so viel zu tun wie Schwarzwälder Kirschtorte mit Heringssalat", schnaubte er wütend. „Verdammt, ich verstehe einfach nicht, was mit dir los ist. Ich säße nicht hier, wenn ich denken würde, du hättest mir deine Leidenschaft nur vorgespielt." Er ließ die Hand fallen. „Sag mir, was hat dich nur so verändert?" Deutlich klang die Enttäuschung aus seiner Stimme. Mit bitterer Miene fuhr er fort. „Du kannst mich nicht täuschen, Gesine. Ich habe nichts von dem vergessen, was wir gemeinsam erlebt haben. Und ich habe gespürt, wie du fühlst, auch wenn du das im Moment leugnen willst." Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. „Was machst du eigentlich hier?“

„Ich helfe der Familie bei den Vorbereitungen für die Auktion und beim Reitturnier. Hans-Herrmann von Freyenhof ist gesundheitlich angeschlagen und sie brauchen jede Hand hier. Du weißt doch, dass unsere Familien seit Langem miteinander befreundet sind.“

„Ja, das ist mir bekannt. Warum sagst du mir nicht die Wahrheit über das, was wirklich vor sich geht?“

Gesine wand sich unter seinem durchdringenden Blick. „Es ist so, wie ich es dir gesagt habe. Was soll auch sonst sein?“

Ingo lehnte sich zurück. Plötzlich strahlte er eine unbezwingbare Ruhe aus. „So schnell gebe ich nicht auf und ich werde herausfinden, was hier gespielt wird, sei dir dessen sicher. Keine Ahnung, warum du kein Vertrauen zu mir hast. Bisher habe ich dir dafür keinen Grund gegeben.“

Gemeinsam verließen sie das Lokal. Wortlos. Es gab nichts mehr zu sagen. Ohne ein Wort und ohne jede Berührung ging Ingo zum Parkplatz und Gesine zurück zum Haus. Eine Welle von Traurigkeit erfasste sie, gegen die ihre Vernunft keine Chance hatte. Es waren wunderbare Monate gewesen, die sie mit Ingo verbracht hatte. Warum musste alles nur so kompliziert sein? Gesine schluchzte auf. Sie fühlte sich unendlich müde.

5.

Sonntag, erster Anreisetag der Ferienkinder. Um sieben in der Frühe betrat Maritta mit ihren beiden Kindern die Küche des Kinderhauses. Überrascht sog sie den Kaffeeduft ein, als sie ihre Tasche auf einen Stuhl fallen ließ. Sarah stand in abgeschnittenen Jeans und rot-weißem Ringelshirt vor einem der zwei völlig gleich aussehenden Kühlschränke und steckte den Kopf hinein. Sie schien das Trio nicht bemerkt zu haben.

„Guten Morgen", rief Maritta, „suchst du was Bestimmtes? Vielleicht können wir dir ja helfen.“

Zwei locker geflochtene Zöpfe tanzten lustig um Sarahs Ohren, als sie sich erschrocken umdrehte und die mit Getränketüten gefüllte Tür zuklappte. Sie schüttelte den Kopf, so als müsste sie erst wieder im Hier und Jetzt ankommen. Maritta trat einen Schritt näher, die Kinder blieben aber wie angewurzelt neben dem Tisch stehen. „Hast du gut geschlafen? Ich bin es gewohnt, meine Leute am ersten Tag aus dem Bett zu schmeißen.“

Sarah zog gleichzeitig die Augenbrauen und die Schultern hoch, bevor sie lachend „Guten Morgen" sagte. „Es wird das Beste sein, wenn ich mir für den Anfang Zettel an die Türen mache, damit ich nicht jedes Mal alle öffnen muss, bevor ich finde, was ich suche.“

Maritta runzelte leicht die Stirn.

„Sorry, ich rede in Rätseln, stimmt’s?"

Maritta nickte.

„Also: Erstens wirst du es nicht schaffen, mich aus dem Bett zu schmeißen. Ich gehöre nämlich zu der Spezies der Frühaufsteher. Zweitens: Zettel für die Schranktüren, so, und um deine letzte Frage zu beantworten, ja, ich habe ganz gut geschlafen.“

Maritta amüsierte sich. „Es trifft sich gut, wenn du kein Morgenmuffel bist. Es könnte sonst etwas schwierig werden.“

Sie zeigte auf die Küchenzeile. „Und wenn es dir die Arbeit erleichtert, mach Schildchen dran, mich stört’s nicht. Vorne in der ersten Schublade, da wo das Rezeptbuch drin liegt, findest du auch Post-its und was zum Schreiben.“

Die Geschwister stellten sich neben ihre Mutter und taxierten die Neue. Saskia kam ganz nach Maritta, sie war genauso sportlich und drahtig. Ihre Stirn wies unter dem bis in die Augen hängenden, dunklen, fransig geschnittenen Pony die typische Teenager-Akne auf. Was verriet, dass sie voll in der Pubertät war. Sie trug Reithosen und ein Shirt, auf dem "give me a smile" stand. Manuel war ein schlaksiger Junge, der tunlichst jeden Blickkontakt mit Sarah vermied. In den Händen hielt er einen ferngesteuerten Traktor.

Sarah lächelte die beiden an. „Hey, nehmt ihr mich in euer Helferteam auf?“

Als Antwort bekam sie ein Nicken von Saskia. Manuel verzog keine Miene. Maritta unterbrach den Moment. Sie klatschte in die Hände. „Auf geht’s, nach dem Frühstück haben wir viel zu tun. Die Mädchen treffen so zwischen ein und zwei Uhr hier ein. Vorher müssen die Tische eingedeckt und die Kuchen gebacken sein. Wir haben diesmal Glück, es ist kein einziges Kind mit gesundheitlichen Problemen dabei. Es geht also ganz unkompliziert los. Ich gehe gleich ins Hotel, um die bestellten Brote und Brötchen abzuholen.“

„Was meinst du damit, es geht unkompliziert los?", wollte Sarah wissen.

„Ganz einfach, es kommt auch vor, dass Kinder Diabetes haben oder regelmäßig Medikamente einnehmen müssen. Unsere Aufgabe ist es dann, das zu kontrollieren, um Risiken auszuschalten.“

„Hm, verstehe. Daran hätte ich gar nicht gedacht.“

„Bisher war es Gott sei Dank die Ausnahme, aber leider kommt es immer häufiger vor. Viele Kinder haben Allergien. Da ist es wichtig zu wissen, was sie essen dürfen und was nicht. Mach dir keine Gedanken, wenn man’s weiß, ist es halb so wild und wird ganz schnell zur Routine.“

Sarah begann, den großen Tisch am Fenster zum Hof in der Gemeinschaftsküche zu decken. Er bot den Helfern und Bediensteten Platz, um in Ruhe zu speisen, und war gleichzeitig auch ein beliebter Treffpunkt. Weil der Kuchen, der für die Ferienkinder gebacken wurde, auch den Hofarbeitern zur Verfügung stand, herrschte nachmittags oft gesellige Stimmung, bevor die Abendrunde im Stall losging.

Saskia holte das Toastbrot aus dem Kühlschrank. „Ich gehe jetzt rüber und überprüfe die Sattelkammer.“

Maritta nickte und hob den Daumen. Sie goss den Kaffee, der mittlerweile durchgelaufen war, in die Kanne und holte Milch und Saft aus der Speisekammer.

„Und was musst du da überprüfen?" Sarah sah das Mädchen fragend an.

Saskia, die gerade das Weißbrot zum Toaster bringen wollte, hielt überrascht inne. „Willst du das wirklich wissen?“

„Ja, natürlich, sonst hätte ich dich doch nicht gefragt."

„Okay. Jedes Pferd hat seinen eigenen Sattel, Zaumzeug, Halfter und Putzzeug. Überall sind Nummern dran, woran man erkennt, welches Pony gemeint ist. Ihre Helme legen die Ferienkinder dann dazu. Ich überprüfe jetzt, ob alles an seinem Platz ist. Heute Nachmittag muss ich das den Mädchen erklären und zeigen. Sie sollen nämlich in der Zeit, in der sie hier sind, selbst dafür sorgen, dass alles ordentlich ist.“

„Och manno, jetzt gib doch mal Gas, ich hab Hunger und außerdem will ich rüber zu Dennis."

Manuel schien zum Leben erwacht zu sein, denn er nahm Saskia das Brot aus der Hand und drängte sich zum Toaster.

„Hallo, tickst du noch ganz richtig, ich muss schließlich antworten, wenn ich was gefragt werde. Du kannst das Ding auch nicht schneller machen.“

„Aber das Brot reinstecken, das kann ich. Klaro! Vom in der Hand halten wird’s jedenfalls nicht braun", ätzte Manuel und sah seine Schwester dabei verächtlich an.

„Sorry", versuchte Sarah zu schlichten und steckte eilig vier Scheiben in das Gerät. „Das war meine Schuld. Ich hab sie aufgehalten. Wenn du jemanden anbrüllen willst, dann mich, okay?"

Jetzt schämte sich Manuel sichtlich. Er zuckte hilflos mit den Schultern und konnte Sarah nicht ansehen, die versöhnlich auf ihn zuging und ihn an den Schultern fasste. „Wie wär’s, wenn du meine Portion dafür kriegst, dass du ein bisschen länger warten musstest? Wären wir dann wieder gut?"

„O Mann, der macht aber auch immer ein Drama", mischte sich Saskia ein. „Dabei hat er vor noch nicht mal einer Stunde eine halbe Tafel Schokolade verdrückt! So schlimm kann der Hunger also gar nicht sein.“

Als die Scheiben goldbraun aus dem Toaster sprangen, rangelten die Kinder darum, wer sie zuerst herausholen durfte. Maritta verdrehte die Augen und sah verzweifelt zu Sarah, die verständnisvoll nickte. So sah sie aus. Die reine Geschwisterliebe.

Der Vormittag verging wie im Flug. Inzwischen hatten auch Jana, Lisa, Friederike, genannt Fritzi, und Melanie ihre Position bei den Ponys eingenommen. Sie holten die stressgeprüften Kleinpferde von der Weide, wo sie dann vor den Ställen mit Stricken an einem hölzernen Steg festgebunden wurden. Die vier Helferinnen kannten das Zeremoniell. Wie in jedem Jahr würden die Mädchen nach ihrer Ankunft nur ein Ziel haben. Die Ponys. Doch zuvor mussten sie die Zimmer beziehen, was grundsätzlich immer erst mal zu Diskussionen führte. Wer bekam welches Bett – oben oder unten, am Fenster oder an der Tür und so weiter. Das gleiche Spiel dann bei den Ponys. Doch da verstand Maritta keinen Spaß. Sie teilte die Pferde ein. Ein kurzes Probereiten genügte, und sie sah genau, wie gut die Kinder reiten konnten. Da half kein Lamentieren.

Kurz vor eins trafen die ersten Mädchen ein. Gleich zwei Wagen fuhren auf den Hof. Die zwölfjährigen Freundinnen Maike und Franka wurden von ihren Eltern gebracht. Sarah begleitete die Familien zu den Zimmern, wo die Mädchen ihre Sachen in die Regale räumten, Taschen unter den Betten verstauten, Kuscheltiere platzierten, um dann juchzend die Treppen hinunter auf den Hof zu laufen. Ein kurzer Rundgang durch die Zimmer, die Bäder, den Aufenthaltsraum und zum Schluss über das Gut sorgte bei den Eltern für beruhigende Gewissheit und ließ sie unbesorgt abfahren. So ging der Ablauf weiter. Gegen zwei Uhr waren fast alle Mädchen angekommen. Nur eines fehlte noch. Wenn die Eltern dann endlich abfuhren, löste das jedes Mal große Erleichterung bei den Kindern aus. Nun konnte das Abenteuer mit den Pferden richtig losgehen. Maritta rief die Heerschar hinter sich her. Erstbesprechung im Kinderhaus. So viel Zeit musste sein, auch wenn einige murrten.

„Eigentlich hab ich gar keinen Hunger, ich will lieber gleich zu den Ponys", hörte man die eine oder andere murmeln.

Die Ansprache, die jetzt kam, nachdem alle Mädchen auf den Stühlen saßen, war Routine und notwendig. Maritta verschaffte sich mit einer Glocke Gehör. Die Tische im Aufenthaltsraum waren mit bunten Tellern und Bechern eingedeckt. Muffins, Schoko- und Zitronenkuchen standen portioniert in der Mitte. Sarah und Saskia verteilten Saft, Tee und Kakao, bis allmählich Ruhe einkehrte. Maritta stellte sich in die Mitte des Raumes. Mit wenigen Worten hieß sie die Kinder willkommen und erklärte die Regeln, die während des Aufenthaltes auf dem Gut galten. Sie ließ auch die Konsequenzen nicht aus, die bei Nichteinhaltung folgten. Ungeduldig hörten die Kinder zu, während sie Kuchen und Limonade in sich hineinstopften. Nach den ernsten Worten schwoll der Geräuschpegel sofort wieder an. Kaum waren Becher und Teller leer, versammelten die vier Reiterinnen die Meute hinter sich. Maritta ging allen voraus zum Hof. Sarah und Saskia blieben zurück, um aufzuräumen. Als Sarah bemerkte, wie eilig es Saskia hatte, ging sie auf das Mädchen zu.

„Herrlich, diese Ruhe, oder?“

Saskia nickte und musste lachen. „Wie eine Schar Hühner. Ich finde das lustig.“

„Möchtest du lieber zu den anderen gehen? Ich schaffe das auch alleine hier.“

Saskias Miene schwankte zwischen Zustimmung und Ablehnung. „Nein“, entschied sie sich schließlich, „Mama hat gesagt, ich soll dir zuerst helfen und erst dann darf ich gehen.“

„Okay, dann los, lass uns Tempo machen.“

Mit geübten Handgriffen räumten die beiden das Geschirr in die Spülmaschinen und Sarah war überrascht, wie effektiv Saskia an die Arbeit heranging. Der Teenager bewaffnete sich mit Eimer und Lappen und wischte die Tische ab, während Sarah Besen und Kehrschaufel schwang. Nach einem Rundumblick registrierte sie, dass bis auf paar Handgriffe die Arbeit des Nachmittags erledigt war. Sie drehte den Tischen den Rücken zu und hielt Saskia am Arm fest. Das Mädchen wollte zur Küche gehen, um die Putzutensilien wegzuräumen.

„Gib mir das und lauf los, den Rest kriege ich nun wirklich allein hin.“

„Danke, du bist nett, dann schaffe ich es, noch mitzureiten", rief Saskia. Beide drehten sich überrascht um. Ein Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit. Hendriks Bordercollie Bounty trippelte über den gefliesten Boden auf Saskia zu und fing an, vor Freude zu bellen. Ein Strahlen ging über Saskias Gesicht, während sie die Hündin streichelte und liebkoste. Hendrik von Freyenhof spazierte herein.

„Hendrik, was machst du denn hier?" Saskia ging auf ihn zu, während Bounty nicht von ihrer Seite wich.

Fasziniert beobachtete Sarah, wie sich das Gesicht ihres Chefs veränderte. Die kühle, unnahbare Miene machte einem warmen Lächeln Platz. Wow, was für eine Veränderung. Sich morgens zu rasieren gehörte anscheinend nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, denn die Bartstoppeln waren mindestens drei Tage alt. Dazwischen weiße, ebenmäßige Zähne und volle Lippen. Was für ein Typ. Mit einem Cowboyhut würde er gut nach Texas passen. Großgewachsen und gut gebaut, wie er war. Aber ein nordhessischer Gutshof mit Pferdezucht war doch mal kein schlechter Anfang. Ob ihm bewusst war, wie unwiderstehlich er wirkte? Was für eine Frage! Natürlich wusste er das. Aber wenn sie die Szene gestern im Hof richtig gedeutet hatte, war die Damenwelt um einen Traumkandidaten ärmer. Das hatte die Lady mit dem schwarzen Audi sehr deutlich mit der innigen und besitzergreifenden Umarmung zum Ausdruck gebracht.

Was mach ich hier eigentlich, dachte Sarah plötzlich verwundert. Doch gleichzeitig beglückwünschte sie sich dazu, wie analytisch sie die ganze Situation betrachten konnte. Wahrscheinlich ganz normal, dass man sich bei attraktiven Menschen Gedanken darüber machte, welches Liebesleben sie führten. Sie schüttelte unmerklich den Kopf über sich selbst. Was geht mich das an? In ihrem eigenen Leben gab es für den Begriff Liebesleben im Moment keine Zuordnung und das würde für unbestimmte Zeit so bleiben. Männerfreie Zone, egal wie attraktiv sie waren.

Hendrik streckte Sarah die Hand entgegen. „Hallo die Damen. Draußen steht eine Selina. Sie möchte hier Ferien machen. Auf der A44 hat es einen Unfall gegeben und sie mussten im Stau stehen. Deshalb die Verspätung.“

Sarah spürte einen kräftigen, warmen Händedruck, der ein angenehmes Gefühl hinterließ. Dabei sah Hendrik ihr in die Augen. Der Blick war forschend und gleichzeitig verhalten. Rückschlüsse ließen sich daraus jedenfalls nicht ziehen, sinnierte Sarah. Weder positive noch negative. Erst dann widmete er sich Saskia und gab ihr die Fünf. Bounty leckte währendessen die letzten Kuchenkrümel vom Boden auf.

„Gut, dass das Mädel da ist, sonst kommt alles durcheinander." Saskia warf Sarah einen Blick zu.

„Da hast du recht. Lauf los. Ich kümmere mich um die Eltern, sorg du dafür, dass sie noch mit euch mitkann, sonst gibt es garantiert Tränen. Die Sache mit dem Zimmer ist sowieso klar. Es ist ja nur noch ein Bett frei.“

Saskia nickte und rief im Rauslaufen: „Supi, ich versuch mal, was geht. Sie muss sich ja auch noch umziehen!“

Sarah, die noch immer Eimer und Besen in der Hand hielt, registrierte, dass ihr Chef sie beobachtete und offensichtlich erwartete, dass sie sich ihm anschloss, wenn er zurück zu den Eltern des zuletzt angekommenen Mädchens ging.

„Moment." Sie setzte sich in Bewegung. „Ich bin sofort da. Ich muss das hier nur noch wegbringen.“

Hendrik nickte. Eilig brachte Sarah die Sachen in die Küche, wusch sich die Hände und lief zurück. Sie spürte ganz genau, wie er sie taxierte. Bewundernde Blicke von Männern war sie gewohnt. Jeder, der Sarah näher kannte, wusste, dass ihr das eher lästig war. Anfangs hatte ihr das noch geschmeichelt. Bei näherem Hinsehen war das aber gar nicht so toll, von den Kerlen wie ein hübsches Anhängsel oder ein Vorzeigehäschen behandelt zu werden. Eine Trophäe, mit der man sich schmücken konnte. So, als hätte sie kein Hirn im Schädel. Im Gegensatz dazu waren Hendriks Blicke keineswegs bewundernd, sondern eher forschend und analysierend. Es fehlte nur noch, dass er ihr Gebiss sehen wollte. Bestimmt mochte er sie eben so wenig wie seine Mutter. Woher diese Abneigung kam, konnte sie sich allerdings nicht erklären. Komische Leute. Umso mehr war sie überrascht, dass er auf sie wartete. Er verzog sogar den Mund zu der Andeutung eines Lächelns. Wahnsinn, womit hatte sie das denn verdient! Wirklich komische Leute, diese Adligen!

„Ich begleite Sie. Es ist Ihr erster Tag auf dem Hof. Maritta kann jetzt nicht herkommen und Sie sind mit unseren Gepflogenheiten noch nicht so vertraut. Wir legen viel Wert auf Gastfreundlichkeit.“

„Ja natürlich", antwortete Sarah tonlos. Aha, deshalb war er also noch nicht vorangegangen. So ein Snob. Glaubte er etwa, sie wäre aus der äußersten Mongolei in die zivilisierte Welt eingereist, oder was? Er traute ihr nicht einmal zu, fremde Leute mit der entsprechenden Freundlichkeit zu begrüßen. Sie reckte die Schultern und atmete lautlos tief ein und aus. Cool bleiben, Sarah, einfach nur cool bleiben. Sechs Wochen waren schließlich kein ganzes Leben.

Gefolgt von Bounty lief Hendrik zügig in Richtung Parkplatz. Sarah, die fast einen Kopf kleiner war als er, hatte Mühe, Schritt zu halten. Als hätte er seine Unhöflichkeit bemerkt, verlangsamte er seinen Gang. Selina stand mit ihren Eltern vor der Treppe des Haupthauses. Daneben Saskia, die mit der Hand am Gepäck auf die Neuankömmlinge einredete. Sicher war das, was der Teenager den Ankömmlingen zu erzählen hatte, einem guten Empfang entsprechend, dachte Sarah sarkastisch. Einen Augenblick später war der Gedanke schon wieder vergessen, denn sie erkannte in den Leuten ihre Kollegen aus der Referendarzeit. Markus und Sonja Göbel, Lehrer der Oberstufe. Nette Personen, die sie sehr freundlich im Lehrerteam aufgenommen hatten. Und natürlich, jetzt begriff sie die Situation. Selina, die Tochter der beiden, war Sarahs Schülerin in der fünften Klasse gewesen, in der sie eine Prüfung hatte ablegen müssen. Selina war auch die Erste, die sie erkannte. Erstaunt kam sie ihr die wenigen Schritte, die sie noch voneinander entfernt waren, entgegengelaufen.

„Hallo Frau Kunzmann, was machen Sie denn hier?“

Sarah umarmte das Mädchen freundschaftlich.

„Hallo Selina! Da staunst du, was? Ich helfe hier für die nächsten sechs Wochen aus.“

„Oh, das ist ja voll gut.“

Eingehakt gingen die beiden auf die anderen zu. Hendrik hatte die Göbels schon begrüßt und zog fragend die Stirn kraus.

Sonja begrüßte Sarah zuerst. „Wer hätte gedacht, dass wir uns auf diese Weise wiedersehen. Meine Güte, man könnte meinen, du wärst selbst ein Ferienkind. Wie geht es dir? Kann ich dir gratulieren?“

„Ja, kannst du. Du kannst dir vorstellen, wie glücklich ich bin. Nach den Ferien gehe ich an das König-Heinrich-Gymnasium nach Fritzlar.“

Das Lehrerehepaar beglückwünschte Sarah zur bestandenen Prüfung und umarmte sie innig. Hendrik hielt sich vornehm im Hintergrund.

Dann verabschiedeten sich die beiden Mädels. Sie wollten rechtzeitig zu den anderen kommen.

„Ja, und da machst du nach dem ganzen Stress keinen Urlaub, sondern arbeitest nonstop durch. Das ist doch der Wahnsinn!", rief Sonja.

Ups! Aufpassen! Feind hört mit!

Tatsächlich sah Sarah aus den Augenwinkeln, wie Hendrik sie beobachtete. So, als würde sie das nicht bemerkten, lächelte sie und richtete ihren Blick wieder auf Sonja.

„Das macht mir nichts. Denk nur an die Klassenfahrt mit der 8c. Du weißt doch, wie unkaputtbar ich bin. Das ist schon in Ordnung. Ich wollte das so. Ich springe für meine Freundin Rike ein und außerdem macht es mir Spaß, was mit den Kids zu machen.“

Sonja nickte, wirkte aber noch nicht wirklich überzeugt. Während der einwöchigen Klassenfahrt vor einem Jahr hatten die beiden Frauen wahre Klönabende verbracht, weshalb Sonja sehr wohl wusste, dass es einen Mann in Sarahs Leben gab. Unbekümmert, als hätten sie keine Zuhörer, fragte sie dann auch prompt nach Daniel.

„Ja und was sagt dein …" Sonja fasste sich an die Stirn. „Wie heißt er doch noch gleich? Warte … Daniel, ja genau Daniel. Also, was sagt er dazu, dass du jetzt keine Zeit für ihn hast?“

Sarah verschränkte ihre Arme vor der Brust und bemühte sich, ein freundliches Pokerface zu machen. Sonja hatte sich kein bisschen verändert. Taktgefühl war immer noch nicht ihre Stärke. Doch es war klüger, irgendetwas zu antworten als gar nichts, sonst würde sie keine Ruhe geben. Sarah wippte auf den Füßen und sah für einen Moment auf das Kopfsteinpflaster, bevor sie Sonja mit offenem Blick anschaute.

„Das passt schon, da gibt es keine Probleme, er ist auf Dienstreise in den USA.“

Auf Sonjas Stirn standen immer noch mindestens ein Dutzend Fragezeichen, doch sie hakte nicht weiter nach.

Den Blick allerdings, den Hendrik Sarah schenkte, hätte man fast verständnisvoll nennen können, doch darauf wollte sie lieber nicht bauen. Mit einer Handbewegung wies er auf das Kinderhaus und sagte: „Wie wär’s, wenn Ihnen Frau Kunzmann jetzt die Räumlichkeiten zeigt?“

Sarah atmete erleichtert auf und machte eine einladende Geste. „Ja kommt, ich zeige euch alles. Es wird euch gefallen.“

Hendrik verabschiedete sich ins Haupthaus und Sarah machte mit den Göbels einen Rundgang über den Gutshof.

 

***

 

Zwei Tage später. Bevor Hendrik sich zum vereinbarten Gespräch mit seiner Mutter und Gesine ins Büro begab, schaute er noch kurz bei Uwe im Sägewerk vorbei. Nicht, dass er Zweifel an Uwes Fähigkeiten hatte, aber er brauchte einfach männliche Unterstützung, bevor er sich in die Höhle der Löwinnen begab. Vielleicht war der Vergleich etwas überspitzt, doch genau so empfand er es, wenn er an das „Meeting", wie Gesine es genannt hatte, dachte. Er würde da nicht viel zu sagen haben, dafür kannte er seine Mutter gut genug. Er fand Uwe, der abseits der großen Säge bei einem der Facharbeiter, Jürgen Weber, stand und sich mit ihm beriet. Die beiden besprachen Termine und Bestellungen für die Woche, so wie jeden Montagmorgen. Seit Hendrik das Sägewerk unter seiner Leitung hatte, herrschten andere Regeln als bei seinem Vater. Zunächst war Hans-Herrmann skeptisch gewesen, doch der Erfolg gab Hendrik recht. Der Teamgedanke stand, zum Wohle der Geschäfte, im Vordergrund. Anfangs scheuten sich die Mitarbeiter, ihn weitestgehend ebenbürtig zu behandeln, doch nach einer Weile hatten sich alle Männer daran gewöhnt und sprachen offen über Probleme und Möglichkeiten. Sie fühlten sich ernst genommen. Hendrik wusste, wie wichtig die Erfahrungen der Kollegen waren, und stärkte so deren Einsatzwillen und Leistungsfähigkeit. Gemeinsam mit Uwe Ritter, seinem Vorarbeiter, gelang es, neue Märkte zu öffnen und mehr Kunden zu gewinnen. Uwe war mehr als ein Angestellter für Hendrik. Über die Berührungspunkte im Sägewerk und die gemeinsame Leidenschaft für zweirädrige Fahrzeuge, mit oder ohne Motor, waren sie zu Freunden geworden, die sich mittlerweile auch über private Themen austauschten. Dabei störte es nicht, dass Uwe als verheirateter Familienvater gut zehn Jahre älter war als sein Chef. Hendrik lief durch die Halle, in der ohrenbetäubender Lärm herrschte. Schrill kreischende Sägen machten jedes Gespräch unmöglich, weshalb Hendrik nur nach allen Seiten kopfnickend grüßte. Dann trat er zu Uwe, der immer noch mit Jürgen vor dem großen Ausgangstor stand. Er gab beiden die Hand.

„Guten Morgen. Und, läuft alles planmäßig?“

Uwe nickte und legte Jürgen die Hand auf die Schulter.

„Wir sind mit allem durch, du weißt Bescheid wegen der Lieferung?“

„Geht klar", nickte Weber und ging nach draußen, wo die Laster zum Verladen warteten.

Uwe drehte sich zu Hendrik um. „Lass uns im Büro einen Kaffee trinken, da können wir reden.“

Hendrik folgte Uwe ins Büro. Ein kleiner, mit Regalen, zwei Stühlen und einem spartanischen Schreibtisch vollgestopfter Raum, der kaum Platz für zwei Personen bot, doch in dem man wenigstens die Tür hinter sich zumachen konnte, um sein eigenes Wort verstehen zu können. Uwe goss Kaffee aus der Thermoskanne in Tassen und reichte ihm eine.

„Ich dachte schon, ich kriege dich die nächsten zwei Wochen gar nicht mehr zu Gesicht bei dem Programm, das gerade bei dir ansteht.“

Sie setzten sich.

„Eigentlich dürfte ich jetzt auch nicht hier sein, aber ich musste unbedingt mal mit einem vernünftigen Menschen reden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend das mit Gesine und meiner Mutter ist. Sie beschließen, und ich muss ausführen.“

Uwe nickte verständnisvoll und konnte sich doch das Grienen nicht ganz verkneifen. „Du hast mein vollstes Mitgefühl. Was hältst du davon, wenn wir nach Feierabend eine Tour machen? Bei so viel Fremdbestimmung lasse ich dir auch die Wahl, Fahrrad oder Motorrad.“

Hendrik lachte auf. „So ist das. Jetzt werde ich von dir auch noch veräppelt. Du hast gut reden. Okay. Ich entscheide mich fürs Motorrad. Ich brauche den Rausch der Geschwindigkeit, um mich wieder besser zu fühlen.“

Uwe schüttelte den Kopf. „Das wird dir nur kurzfristig weiterhelfen. Was du brauchst, ist was ganz anderes. Es wird Zeit, dass du die Geschichte mit Cora abhakst und dich auf was Neues einlässt.“

Hendrik zog eine abweisende Grimasse. Das war definitiv Uwes Lieblingsthema. Hendrik sah seinem Freund in die Augen, während er die Tasse so fest umschlungen hielt, als wollte er sie zerbrechen. „Ich habe sie abgehakt, glaub mir. Aber mir ist danach noch keine über den Weg gelaufen, die mich interessiert hätte. Lass mir Zeit. Ich hab im Moment einfach noch keine Lust, den Liebeskasper zu geben. Auf Kommando geht das sowieso nicht, oder war das bei dir anders?“

Uwe erhob sich und stellte seine leere Tasse ins Regal. „Nee, ich hab ja noch nicht mal gemerkt, dass Maritta was von mir wollte. Du weißt doch, dass sie aus Unterfranken stammt. Ich habe sie während meiner Ausbildung im Rahmen eines Betriebspraktikums kennengelernt. Gefallen hat sie mir gleich, aber getraut hab ich mich nicht. Was glaubst du, wie froh ich war, als sie mich gefragt hat, ob ich mit ihr auf die Kirmes gehen will.“

Hendrik schmunzelte. „Interessant. Das hast du ja noch nie erzählt. Und du willst mir Ratschläge in Sachen Frauen geben?“, grinste er. „Ich hoffe, du weißt, was du für ein Glückspilz bist?“

Uwe hob den Daumen und legte die andere Hand auf sein Herz. „Worauf du dich verlassen kannst. Warum sollte das bei dir nicht auch klappen? Du hast nur einen Durchhänger, weil du dieses Schickimicki-Weib noch nicht überwunden hast. Das geht vorbei. Und die ist es echt nicht wert, dass du ihr nachtrauerst. Mensch, nach einem Kerl wie dir lechzen die Mädels doch nur so.“

Hendrik trank seinen Kaffee aus. Seinen Marktwert kannte er, nur hatte er keine Lust mehr auf weitere Experimente. Er wusste auch nicht, warum er immer an die falschen Frauen geriet. Cora war nicht seine einzige Enttäuschung gewesen.

Uwe sah seufzend auf seine Uhr. „So leid es mir tut, aber ich muss jetzt wieder raus. Lass uns heute Abend weiterreden. Wir sägen gerade für Bender. Du weißt doch, wie pingelig die sind. Da will ich lieber dabei sein. Komm nachher rüber, dann können wir ein paar Runden drehen, das bringt dich auf andere Gedanken.“

Auch Hendrik erhob sich.

„Ja gern, mit der Aussicht komm ich besser durch den Tag."

 

***

 

Als Gesine mit einem „Guten Morgen" auf den Lippen ins Büro kam, saß Hannelore bereits hinter dem Schreibtisch. Vor ihr lagen mehrere Ordner und Listen zum Bearbeiten bereit. Mit hochgezogenen Brauen blickte sie über den Rand der Lesebrille, um zu sehen, wer zur Tür hereinkam. Ihre meist strengen Gesichtszüge erhellten sich, als sie Gesine erkannte.

Guten Morgen, meine Liebe, komm rein, ich bin gleich so weit.“

Hannelore konzentrierte sich noch kurz auf den Bildschirm, drückte mehrere Tasten und druckte das Dokument aus, bevor sie den Computer schließlich ausschaltete. Dann nahm sie die Brille ab und betrachtete Gesine aufmerksam. „Du siehst gut aus. Das Grün passt ausgezeichnet zu deinen Haaren. Toll, wie du dich verändert hast.“

Gesine trug ein moosgrünes Twinset zur dunkelblauen Jeans, die ihre üppigen Hüften schmaler erscheinen ließen. Ganz wie ihre Mutter, dachte Hannelore, oben schmal und unten füllig, dagegen konnte auch eine Diät nichts ausrichten.

„Danke für das Kompliment, das hat Hendrik auch gesagt.“

Hannelore blickte überrascht auf, bevor sie den Stuhl nach hinten schob. Mit einem Kuli und mehreren Listen kam sie um den Schreibtisch herum und stellte sich vor Gesine, um ihr Gegenüber genauer in Augenschein zu nehmen.

„Was genau hat er gesagt?" Hannelore setzte sich auf das große Ledersofa und legte die Papiere auf dem Tisch davor ab. Gesine nahm ihr gegenüber auf einem Sessel Platz.

„Na ja, dass er mich kaum wiedererkennen würde, hat er gemeint, weil ich mich so zum Vorteil verändert hätte.“

Hannelore nickte anerkennend. „Das überrascht mich“, sinnierte sie laut, „er hat seit Monaten keiner Frau mehr Beachtung geschenkt. Es ist ein Jammer, wie er sich regelrecht verkriecht. Das macht uns Sorgen. Schließlich ist Hendrik in einem Alter, wo er langsam ans Heiraten denken sollte. Immerhin geht es um den Fortbestand unserer Familie." Sie schüttelte den Kopf und drehte den Kuli zwischen den Fingern. Es war offensichtlich, wie ernst sie diese Worte meinte. „Gott sei Dank müssen wir uns um Eike keine Gedanken mehr machen. Dabei hätte ich vor Jahren jeden Eid geschworen, dass Hendrik lange vor Eike unter der Haube sein würde. So kann man sich täuschen.“

Hannelore sah Gesine betrübt an.

„Was ist denn passiert?“

„Das ist schnell erzählt. Er hat sich während seines Studiums in die falsche Frau verliebt. Eine Bildhübsche, das muss man schon sagen, und auch sehr wohlerzogen. Sie war nur einmal mit hier auf dem Gut. Sie stammt aus einer angesehenen Düsseldorfer Unternehmerfamilie. Leider war es vorherzusehen, dass es nicht gut gehen würde. Ein Leben auf dem Land war für dieses Mädel nicht denkbar. Daran ist die Verbindung letztendlich auch zerbrochen. Hendrik hat furchtbar gelitten. Nicht, dass er viel erzählt hätte, ganz im Gegenteil. Er ist noch ruhiger geworden. Mit mir hat er darüber kaum gesprochen. Seinem Vater hat er mehr anvertraut.“

„Bestimmt hat sie ihn nicht genug geliebt.“

„Das denke ich auch." Hannelore griff nach einer der Listen. „Wahrscheinlich ist es besser so, Hendrik braucht eine Frau, die nicht nur zu ihm, sondern auch auf das Gut passt.“

„Vielleicht braucht er nur etwas Aufmerksamkeit von einer anderen Frau, damit er wieder Gefallen findet?“

Hannelore, die gerade dabei war, die Listen nach Dringlichkeit zu sortieren, sah auf. Ein wissendes Lächeln umspielte ihren Mund. „Er gefällt dir immer noch", stellte sie fest. „So wie damals, als ihr Teenager wart?“

Gesine errötete und wich Hannelores Blicken aus. „Es macht wohl keinen Sinn, das abzustreiten. Mir war nur nicht klar, dass du es damals bemerkt hast." Gesine sah der älteren Frau ins Gesicht. „Dann weiß er es natürlich auch", folgerte sie. „Hat er sich darüber lustig gemacht?“

Hannelore strich Gesine beruhigend über den Arm.

„Nein, der Typ ist er nicht. Ich denke, es war ihm eher unangenehm. Ihr wart doch fast noch Kinder. Jetzt ist er nicht nur älter, sondern auch reifer. Nutz deine Chance. Du würdest gut hierher passen. Meinen Segen hast du.“

Ein Strahlen ging über Gesines Gesicht. Ihr fehlten die Worte. Dass sie so schnell eine Verbündete haben würde, damit hatte sie nicht gerechnet.

Hannelore nickte zufrieden und schlug die Sponsorenliste auf. „So, jetzt aber an die Arbeit. Hans-Hermann hat vor seinem Zusammenbruch viele wichtige Dinge in die Wege geleitet. Wir müssen nun dafür sorgen, dass die Pläne eingehalten werden. Aber zwei Angelegenheiten sind noch offen, die wie jedes Jahr erst kurz vor dem Turnier geregelt werden können.“

„Was kann ich tun?“

Eine Stunde später hatte Gesine zwei DIN-A4-Seiten mit dem, was zu tun war, vollgeschrieben. Unermüdlich diktierte Hannelore zwischen Telefonaten mit Bediensteten, die Anweisungen brauchten, mit Futterlieferanten oder mit Sponsoren und Teilnehmern. Gerade, als sie die nächste Liste vom Tisch nehmen wollte, kam Hendrik herein.

„Guten Morgen, die Damen.“

„Du kommst spät", kritisierte Hannelore. „Wir sind schon seit über einer Stunde dran.“

Hendrik fuhr sich durch die Haare und setzte sich in den Sessel gegenüber der Couch. „Tut mir leid, aber ich musste noch was Wichtiges mit Uwe im Sägewerk besprechen." Er deutete auf die vielen Papiere auf dem Tisch. „Wie ich sehe, seid ihr auch ohne mich gut zurechtgekommen.“

Hannelore nickte und meinte: „Aber jetzt nicht mehr. Eben bekam ich einen Anruf von einem unserer Hauptsponsoren. Es geht um die Präsentation des Jahrgangssekts dieses Wochenende in Rüdesheim. Wir sind verpflichtet, daran teilzunehmen.“

Hendrik zog die Stirn kraus. „Und was hab ich jetzt damit zu tun? Das ist doch Eikes Baustelle. Er verköstigt die Gäste und verkauft anschließend den Wein in seinem Hotel. Meine Kenntnisse von Wein und Sekt reichen nur bis zu dem Punkt, dass ich sagen kann, was mir schmeckt und was nicht.“

Hannelore hob die Hand. „Alles richtig mein Sohn, doch in diesem Jahr ist eben alles anders. Eike hat am kommenden Wochenende eine wichtige Feierlichkeit, bei der er unmöglich fehlen kann. Die Tochter von Landrat Weinreich heiratet mit achtzig geladenen Gästen. Es ist das gesellschaftliche Ereignis des Jahres. Da kann dein Bruder unmöglich zur Weinprobe fahren. Abgesehen von der Verantwortung, die er bei diesen Gästen hat. Denk an die vielen wichtigen Kontakte, die er bei so einer Gelegenheit knüpfen kann. Bisher sind dein Vater und ich immer in solchen Fällen eingesprungen." Sie hob die Schultern und breitete die Arme in einer hilflosen Geste aus. „Es hilft nichts, du musst hinfahren.“

Hendrik sprang aus dem Sessel auf.

„Ich! Wie stellst du dir das vor? So was habe ich noch nie gemacht! Gibt es keinen anderen, der das machen kann?“

„Nein, es muss jemand aus der Familie sein. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie wichtig Angersbach als einer unserer Hauptsponsoren ist. Wir können ihn nicht brüskieren." Hannelore stand auf und ging zu ihrem Sohn. „Hendrik, du sollst doch keine Fachgespräche über Weinanbaugebiete führen. Du musst nur anwesend sein und dich interessiert geben. Außerdem musst du nicht allein fahren. Gesine ist hier, um uns zu unterstützen. Sie wird dich begleiten. Die Bestellungen werden selbstverständlich von Eike übernommen. Das ist schon geklärt. Wie du siehst, habe ich an alles gedacht.“

 

***

 

Bevor sich Hendrik mit der Aufgabenliste ans Werk machte, wollte er das Unglaubliche aus dem Munde seines Bruders hören. Er fand ihn in der Hotelküche. Doch anders als an normalen Wochentagen waren an diesem Mittag bereits alle Köche im Einsatz. Der Bauernverband hatte sich zu einem ganztägigen Meeting angemeldet. Es ging zu wie in einem Ameisenhaufen. Eike stand bei der Essensausgabe und begutachtete die Teller, bevor sie zu den Gästen an die Tische gingen. Zufrieden mit dem, was er sah, zog er seinen Bruder in eine Nische der Küche, in der etwas mehr Ruhe herrschte. Ein Minischreibtisch stand an der Wand. Die Kacheln darüber hingen voller Postkarten, typischen Bilderwitzen und Karikaturen. Bilder und Texte, die das Gastronomiegewerbe aufs Korn nahmen. Aber auch den Einsatzplan fürs Küchenpersonal konnte man dort finden. Auf die Kreidetafel daneben wurden notwendige Besorgungen gekritzelt, bevor sie auf einer ordentlichen Einkaufsliste landeten.

„Tut mir leid, aber da ist nichts zu machen", erklärte ihm Eike erwartungsgemäß. „Glaub mir, ich wäre da gern selbst mit Dorit hingefahren. Für uns ist das ein bisschen wie Urlaub. Einfach mal abschalten und genießen. Wir haben kaum noch Zeit füreinander. Allein für nächste Woche habe ich drei Tagungen mit je sechzig Leuten. Denk nicht, ich wollte mich beklagen, aber ich fühle mich auch noch nicht so alt, dass ich auf jedes Vergnügen verzichten möchte.“

„Verstehe.“ Hendrik rieb sich das Kinn. „Wenn ich könnte, würde ich dich gern hier vertreten. Aber bei den illustren Gästen ist es besser, du bist selbst vor Ort.“

„Schon gut, Dorit und ich werden das in der Nebensaison nachholen.“

Die Brüder wurden abgelenkt, weil Sarah den schweren Thermowagen scheppernd in die Küche rollte. Mit beiden Armen schob sie das sperrige Ungetüm über die groben Fliesen und Fugen, um das Mittagsmenü für die Kinder abzuholen. Auf ihrer Stirn hatten sich kleine Schweißperlen gebildet. Kurze, feine Haare kräuselten sich in ihrem Nacken, die aus dem üppigen Pferdeschwanz herausgerutscht waren. Sie trug ein rotes T-Shirt, auf dem ein Coca-Cola-Schriftzug prangte, zu einer bequemen Boyfriend-Jeans. Ihre nackten Füße steckten in Turnschuhen. Auch die anderen Köche verdrehten die Hälse, soweit es ihre Arbeit zuließ. Mario Henze, ein schlaksiger Jungkoch, der Spaghetti Bolognese für die hungrige Meute zubereitet hatte, kam ihr zur Hilfe. Nachdem der Wagen in der richtigen Position stand, reichte er ihr ein paar Topflappen. Gemeinsam hievten sie die schweren Behälter in die dafür vorgesehenen Aussparungen. Eike machte einen Schritt nach vorn, hob die Hand und lächelte Sarah freundlich an. Sie lächelte und grüßte mit dem Topflappen vergnügt zurück. Hendrik verzog die Mundwinkel leicht nach oben und nickte steif. Er wusste selbst nicht, warum er ihr gegenüber so furchtbar verkrampft war.

Eike schmunzelte, als er Mario mit Sarah beobachtete, und fragte seinen Bruder mit gesenkter Stimme: „Was habt ihr denn da für ein nettes Mädel eingestellt?“

„Mädel ist gut. Sie hat Lehramt studiert und tritt nach den Sommerferien am Fritzlarer Gymnasium eine Stelle an. So jung, wie sie aussieht, ist sie nicht mehr.“

„Aha, hört sich an, als hättest du das schon gecheckt? Wirklich kaum zu glauben, so unkompliziert und nett, wie sie ist. Die Jungs hier sind kaum zu bremsen. Die wollen alle nur noch Mittagsdienst schieben oder am liebsten ständig das Essen für die Ferienkinder kochen.“

Hendrik zuckte mit den Schultern. „Hab so viel mit ihr noch nicht zu tun gehabt. Das macht Maritta. Sie heißt Sarah Kunzmann und ist anstelle von Rike gekommen.“

„Ach so, deshalb habe ich Rike noch nicht gesehen. Sonst kam sie immer mal auf ein Schwätzchen vorbei.“

Hendrik vergrub die Hände in seiner Jeans, als Eike ihn grinsend in den Arm knuffte. „Also, wenn ich du wäre, würde ich da mal ein Auge drauf haben", raunte er und deutete mit dem Kinn in Sarahs Richtung.

„Weiß nicht. Bin nicht in der richtigen Stimmung dafür.“

„Warts mal ab, das ist wie mit den Mahlzeiten, der Appetit kommt beim Essen. Guck, was mit Mario passiert ist! Sarah kommt erst den dritten Tag, und jetzt sieh mal, wie vernünftig der Schlacks auf einmal aussehen kann.“

Jetzt musste auch Hendrik schmunzeln. Zuvorkommend und höflich ging Mario Sarah zur Hand. Sonst bekam er kaum den Mund auf und seine Kochschürze war selten sauber.

„Hat dir Mutter gesagt, dass ich mit Gesine nach Rüdesheim fahren soll?“

Eike riss erschrocken den Kopf hoch, als er das hörte. „Was? Du fährst mit Gesine nach Rüdesheim?", wiederholte er lauter, als er eigentlich wollte.

Hendrik nickte und fragte sich, warum sein Bruder so übertrieben reagierte. Auch Sarah und Mario drehten sich überrascht um. Sie waren gerade dabei, den vollgeladenen Wagen wieder aus der Küche zu schieben.

„Ja, ich dachte, du wüsstest das schon.“

Die Klapptür schnappte hinter den beiden zu.

„Nee, woher denn?" Eike sah seinen Bruder entsetzt an. „Hör zu, dann musst du aber unbedingt noch das Hotelzimmer umbuchen. Du willst doch nicht mit ihr im Doppelzimmer übernachten! Enttäusch mich da nicht. Ich bin froh, wenn sie hier wieder verschwindet.“

Hendrik hob lakonisch die Schultern. „Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst. Keine Sorge, ich habe absolut kein Interesse an ihr. Ich würde, glaube ich, noch nicht mal brüderliche Gefühle für sie aufbringen. Selbst das geht nicht. Also mach dir nichts ins Hemd, Mann. Du siehst Gespenster.“

Eike sah seinen Bruder an, als müsste er an seinem Verstand zweifeln. „Darauf würde ich an deiner Stelle nicht wetten. Tu mir nur einen Gefallen und erspar uns das.“

Hendrik kniff die Augen zusammen und sah Eike fragend an. In Gedanken war er bereits bei der unseligen Weinprobe. „Was? Ich versteh kein Wort. Was soll ich euch ersparen?“

„Mensch, jetzt stell dich nicht so blöd an, die will was von dir. Das war schon vor zehn Jahren so.“

„Ach Quatsch, das ist doch Schnee von gestern.“

Einer der Kellner kam auf seinen Chef zu.

„Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!" Eike fasste seinen Bruder am Arm. „Ich komme sofort", rief er dem Angestellten zu. „Entschuldige mich, aber ich hab jetzt echt keine Zeit mehr, die Pflicht ruft. Dann bis später.“

Eilig lief er gemeinsam mit dem Kellner hinüber zur Gaststube.

Mit einer Portion des Tagesmenüs und verwirrenden Gedanken im Kopf machte sich Hendrik auf den Weg zu seinen Räumlichkeiten im Haupthaus. Eike besaß eine gute Menschkenntnis und es war nicht das erste Mal, dass er mit seinen Einschätzungen recht behielt. Doch dieses Mal irrte er sich. Etwas anderes wollte Hendrik einfach nicht glauben.

6.

Sarah wischte ein letztes Mal über die Spüle, bevor sie den feuchten Lappen ausgewaschen und ausgewrungen über den Wasserhahn hing. Die erste Woche auf dem Gut ging dem Ende zu und Maritta war zufrieden mit ihr. Jetzt, wo die Arbeit des Mittags erledigt war und der Kuchen für den Nachmittagskaffee gebacken im Vorratsraum stand, konnte sie sich eine kleine Auszeit nehmen. Sie cremte sich die Hände ein, nahm ihr Mobiltelefon und schlenderte über den Hof. Auf der Bank neben der alten Eiche saßen Leute, die sie nicht kannte. Gesellschaft war jedoch das, was sie gerade nicht brauchen konnte. Ein längst überfälliges Telefonat mit ihrer Mutter stand an und ließ sich auch nicht länger aufschieben. Inzwischen waren ihr die vielen Wege, die über den Hof führten, vertraut. Der Himmel zeigte sich verhangen, am Morgen hatte es sogar geregnet und windig war es immer noch. Den Kindern machte das nichts aus, Hauptsache sie konnten Zeit mit den Ponys verbringen. Und so hoffte Sarah, dass sie am See ungestört sein würde. Sie nahm den Weg an den Pferdeställen und der Reithalle vorbei. Wie fast jeden Tag trug sie Turnschuhe und verursachte so kaum Geräusche. Das musste wohl auch der Grund dafür sein, warum sie Zeugin einer Szene wurde, die, so wie sie sich darstellte, ungesehen hätte bleiben sollen. Mit schnellen Schritten ging Sarah weiter nach draußen, um nicht noch entdeckt zu werden. Aus sicherer Entfernung und geschützt durch einen Baum drehte sie sich wieder um. Nein, sie hatte sich nicht verguckt. Dennis hielt eine seiner Reitschülerinnen im Arm und küsste sie. Oder küsste sie ihn? So besitzergreifend, wie sie sein Hinterteil tätschelte, war wohl eher Letzteres der Fall. Auch sah es nicht so aus, als würde sie das zum ersten Mal tun. Da die attraktive Frau, die so um die vierzig sein musste, häufiger kam, wusste Sarah von Maritta, dass es sich um eine gut situierte Dame der hiesigen Gesellschaft handelte. Wahrscheinlich fühlte sie sich von ihrem Gatten, einem erfolgreichen Geschäftsmann, etwas vernachlässigt. Sarah dachte an Daniel und fühlte sich einmal mehr in ihrer Entscheidung bestärkt. Dass Geld allein nicht glücklich machte war eine Binsenweisheit. Daniel verdiente schon jetzt sehr gut. Viel mehr als manch anderer in seinem Alter, und dennoch reichte es für sein Ego nicht. Er wollte mehr. Aber Sarah wollte Liebe und einen Mann, der da war, wenn man ihn brauchte. Egal für was. Wieder sah sie hinüber zu dem ungleichen Paar in intimer Umarmung. Auch wenn Sarah Fremdgehen prinzipiell nicht guthieß, irgendwie hatte die Frau in Dennis’ Armen trotzdem ihr Mitgefühl. Sie musste schmunzeln. Der besondere Charme der männlichen Ski-, Tennis- und Reitlehrer wirkte anscheinend ungebrochen auf die Damenwelt. Halt, sie hatte die Golflehrer vergessen. Dennis, das war von allen Seiten zu hören, war ein hervorragender Reiter und wusste sein Können auch gut an seine Schülerinnen zu vermitteln. Dazu war er attraktiv. Eigentlich tat er Sarah ein bisschen leid, doch bestimmt merkte er gar nicht, wie er benutzt wurde. Sie zuckte mit den Schultern. Nicht mein Problem, erinnerte sie sich. Entschlossen kehrte sie dem Schauspiel den Rücken und ging zum See, der tatsächlich menschenleer war. Um sicher zu sein, von niemandem gestört zu werden, suchte sie sich eine Bank am Ufer, die etwas abgelegen neben einer leeren Pferdeweide stand. Sie holte das Handy aus der Hosentasche. Schwer atmend drückte sie die Tasten und wappnete sich, als sie die vertraute Stimme hörte.

„Hallo Mama, ich bin’s.“

„Sarah!" Dagmar Schröder holte tief Luft, bevor sie weitersprach. „Ich bin so froh, dass du dich endlich meldest. Wo bist du und was machst du? Daniel hat schon x-mal hier angerufen! Was ist denn bei euch los? Ich verstehe das alles gar nicht.“

Auch das noch. Sarah stöhnte innerlich auf.

Mist. Warum habe ich da nicht eher dran gedacht? War ja klar, dass er versucht, Mama zu manipulieren.

Daniel war der Traumschwiegersohn für ihre Mutter. Die beiden hatten sich auf Anhieb gemocht. Aber es half nichts. Jetzt musste Sarah Farbe bekennen.

„Also der Reihe nach, Mama. Ich bin für Rike eingesprungen und arbeite während der Ferien auf einem Reiterhof. Es geht mir gut. Tut mir leid, dass du es so erfährst, aber es musste alles sehr schnell gehen.“

„Und was ist mit dir und Daniel?“

Sarah schluckte, jetzt kam der schwierige Teil. „Ich hab mich von ihm getrennt. Es ging nicht anders.“

„Ja aber …" Dagmar machte eine kurze Pause. Sarah wusste genau, wie schwer es ihrer Mutter gerade fiel, die Ruhe zu bewahren. „Kannst du denn jetzt darüber sprechen?" Dagmar rang mit dem Atem.

„Ja, wenn du Zeit hast zuzuhören?“

„Aber natürlich, schließlich will ich wissen, was passiert ist."

Einen Moment schwiegen beide, bevor Dagmar mit bemüht ruhiger Stimme einhakte. „Mach dich nicht verrückt. Es kommt überall mal was vor.“

„Ich mach mich nicht verrückt, Mama, es ist vorbei.“

„Aber doch nicht endgültig? Daniel hat von einer Auszeit gesprochen." Dagmars Stimme wurde schriller. Sie hatte noch nie gut mit neuen Situationen umgehen können. Und auf diese war sie überhaupt nicht vorbereitet.

„Ja, so war es auch gedacht, aber für mich gibt es kein Zurück mehr. Es hat keinen Sinn. Wir passen nicht zusammen. Er nimmt mich überhaupt nicht ernst. Nur seine Anliegen zählen. Allen voran seine Arbeit. Dabei interessiert ihn überhaupt nicht, was mit mir ist … was ich fühle oder was ich will! So funktioniert das für mich nicht. Mit niemandem." Sarah scharrte mit den Gummisohlen ihrer Turnschuhe Muster in die Erde vor der Bank.

„Aber du musst ihm doch noch eine Chance geben. Er klang so verzweifelt am Telefon.“

„Was soll denn das bringen? Ich hab doch keinen Schalter, mit dem ich Gefühle an- und ausknipsen kann.“

„Du bist einfach nur etwas durcheinander. Es war auch alles ein bisschen viel in den letzten Wochen. Wenn du wieder zur Ruhe gekommen bist, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Daniel ist ein zuverlässiger und großzügiger Mann. Und er hat dich gern. Vergiss das nicht.“

Sarah stöhnte innerlich. Genau diese Argumente hatte sie erwartet und deswegen das Telefonat so lange wie möglich hinausgezögert. Aus der Perspektive ihrer Mutter war das sogar verständlich. Dagmar Schröder, geborene Kunzmann, war eine bildhübsche junge Frau gewesen. Auch jetzt, mit Ende vierzig, konnte man sie getrost als eine attraktive Frau bezeichnen. Vor knapp dreißig Jahren hatte sie die kaufmännische Ausbildung mit Bravour bestanden. Die Berufsanfängerin konnte ihr Glück kaum fassen, als sie mit gerade mal zwanzig bei einer angesehenen Firma der Stadt eine Stelle als Chefsekretärin bekam. Ihrem Chef, der damals Mitte dreißig war, gefielen nicht nur die beruflichen Leistungen. Es kam, wie es kommen musste. Dagmar verliebte sich in den smarten, verheirateten Mann und Vater zweier Kinder. Ein gutes Jahr später wurde sie von ihm schwanger, ungewollt, denn Sarah war ein sogenanntes Tropi-Kind – trotz Pille. Jürgen Vonhoff konnte und wollte seine Familie nicht verlassen. Zu groß wäre der gesellschaftliche und wirtschaftliche Verlust für ihn geworden. Zumal seinerzeit sein Schwiegervater, als Firmengründer, die Fäden im Hintergrund zog. Dagmar kündigte und bekam ihr Kind. Jürgen zahlte all die Jahre großzügig, weshalb es Sarah möglich gewesen war, zu studieren. Doch Kontakte ließ er nicht zu. Unter keinen Umständen. Es gab im Laufe der Jahre keinerlei Treffen zwischen Vater und Tochter. Nach vielen vergossenen Tränen gab Sarah resigniert den Wunsch auf, ihren Vater kennenzulernen. Inge Kunzmann, Sarahs Oma, zog die Enkelin groß, während Dagmar eine neue Stelle antrat. So wuchs Sarah in einem reinen Frauenhaushalt auf, denn ihr Opa Heinz verstarb schon früh an Leukämie. Mit der geringen Witwenrente war es für Inge nicht immer leicht gewesen, die beiden Töchter Dagmar und Angelika großzuziehen. Genau aus diesem Grund hatte Sarah für sich beschlossen, nie von jemandem abhängig sein zu wollen.

Sie holte tief Luft. „Mama, hör zu! Ich weiß nicht, was Daniel dir erzählt hat, aber du kennst garantiert nur die halbe Wahrheit. Hat er dir auch gesagt, dass er für unbestimmte Zeit in den USA arbeiten wird?“

„Ja, schon, er hat was von zwei Jahren erzählt.“

„Vielleicht, Mama, nur vielleicht, weil er dort nämlich in Siebenmeilenschritten Karriere machen kann. Und das ist das einzige, was für ihn wirklich zählt. Seine Karriere." Sie atmete schwer. „Noch mal, Mama! Was mit mir ist, interessiert ihn gar nicht.“

„Aber er will dich heiraten. Das ist doch nicht schlecht.“

Sarah ballte die Hände zu Fäusten und stöhnte auf. „Ich kann nicht glauben, was du da sagst." Ihre Stimme überschlug sich vor Empörung. „Das kann doch nicht wahr sein! Gerade du müsstest mich verstehen. Hast du vergessen, was es heißt, von anderen abhängig zu sein? Wozu habe ich dann studiert? Damit er eine gebildete Ehefrau hat, die seine Kinder großzieht und seinen Haushalt führt? Wo er nie da ist, um noch mehr Erfolg und Geld hinterherzuhechten! O nein, ohne mich! So habe ich mir das nicht vorgestellt.“

„Nein, nein, das wird er bestimmt auch nicht wollen und das hat er so auch nicht gesagt", versuchte Dagmar, ihre Tochter zu besänftigen.

Doch Sarah ließ sich nicht beruhigen. „Okay, vielleicht hast du recht und er ändert sich diesbezüglich, was ich aber ehrlich gesagt nicht glaube. Aber was ist, wenn ihm eine andere über den Weg läuft? Eine, die ihm besser gefällt oder besser in sein Konzept passt als ich? Dann stehe ich aber schön da. Nein. Das will ich so nicht. Ich will mein Studium beenden und in meinem Beruf arbeiten. Vor allem will ich für mich selber sorgen können. Nie soll es mir mal so gehen wie dir, Mama, auf gar keinen Fall.“

„Beruhig dich doch, Kind, ich kann dich ja verstehen. Trotzdem denke ich, dass Daniel dieser Typ Mann nicht ist. Er liebt dich wirklich. Ich sage doch nur, dass du ihm eine zweite Chance geben sollst. Das hat er einfach verdient.“

Sarah zögerte einen Moment, bevor sie weiter sprach. „Weißt du, vielleicht liebt mich Daniel, mag sein, aber seine Arbeit liebt er in jedem Fall noch viel mehr." Sie sprach jetzt ganz ruhig, geradezu bedächtig. „Glaub mir, er braucht mich nicht. Es ist völlig okay für ihn, wenn wir oft getrennt sind. An seiner Art zu fühlen kann ich nichts ändern. Doch mir ist klar geworden, was ich fühle und was ich will. Ich möchte einen Mann an meiner Seite, der mir seine Gefühle zeigt, und nicht einen, der nur davon redet. Verstehst du das, Mama? Du erlebst das doch jeden Tag mit Michael. Der macht keine großen Worte, sondern zeigt dir mit allem, was er tut, wie sehr er dich liebt. Das spürt jeder, der euch zusammen erlebt. So wünsche ich mir das auch.“

Sarah fing an zu schluchzen. Bisher hatte sie den Schmerz nicht zugelassen, doch jetzt kam er mit voller Wucht aus ihr heraus.

„Um Himmels willen, natürlich kann ich dich verstehen. Ich will doch, dass du glücklich bist. Wenn es so ist, wie du sagst, dann hat es tatsächlich keinen Sinn mehr mit ihm … aber eins weiß ich! Für dich gibt es auch einen Mann, der dich so liebt, wie du es dir wünscht. Da bin ich ganz sicher. Du hast die richtige Entscheidung getroffen, ich meine … die Arbeit auf dem Reiterhof ist jetzt genau das Richtige für dich, um Abstand zu gewinnen. Vertrau mir, es wird alles wieder gut.“

Sarah beruhigte sich wieder und wischte sich die Tränen aus den Augen. Obwohl die Worte ihrer Mutter hilflos wirkten, übten sie doch einen gewissen Trost aus. Schließlich wusste Dagmar sehr gut, was es hieß, enttäuscht zu werden. Sarah erinnerte sich nur zu gut daran, wie ohnmächtig sie sich als Kind oft gefühlt hatte, wenn sie ihre Mutter weinend vorfand. Doch erst durch die aufrichtige Liebe ihres Stiefvaters hatte Dagmar es geschafft, die trostlosen Jahre und das mangelnde Selbstvertrauen, das aus der Zurückweisung ihres leiblichen Vaters entstanden war, zu überwinden. Als Sarah elf war, heirateten die beiden. Mit Felix bekam sie dann ein Jahr später sogar noch einen Bruder.

„Danke, dass du mich trösten willst“, schniefte Sarah. „Aber ich wundere mich selbst, wie cool ich bin. Er fehlt mir nicht, Mama. Wirklich, er fehlt mir überhaupt nicht. Es ist gut so, wie es ist. Bitte versprich mir, dass du ihm nicht sagst, wo ich bin. Bitte!“

„Nein, natürlich nicht. Traust du mir so was zu?“

„Nein, das nicht. Ich will ihn einfach nur nicht sehen und auch nicht hören. Bis jetzt habe ich alle Anrufe und Nachrichten von ihm ignoriert.“

„Du kannst dich auf mich verlassen, aber was soll ich ihm sagen? Er wird wieder anrufen.“

„Hm … erinnere ihn daran, dass wir eine Auszeit vereinbart haben. Dem hat er zugestimmt. Das erklärt alles. Eine Auszeit beinhaltet keine Gespräche. Bevor die Schule beginnt, werde ich mich bei ihm melden und alles klären.“

„Ja, gut. Ich werde es ihm sagen.“

Sarah warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stellte überrascht fest, dass es bereits kurz nach drei war. „Mama, ich muss jetzt Schluss machen. Ich melde mich wieder. Bis dann. Bussi.“

Sie steckte das Telefon zurück in die Hosentasche und blickte über das Wasser. Der leicht böige Wind war frisch und trieb kleine Wellen vor sich her. Fröstelnd zog sie die Strickjacke um sich und machte sich auf den Weg zurück zum Kinderhaus. Noch mehr dunkle Wolken kamen von Westen und es sah aus, als würde es jeden Moment anfangen zu regnen. Schnell lief sie entlang der Weide, auf der zwei Pferde grasten. Die schweißbedeckten Flecken auf ihren Rücken ließen darauf schließen, dass sie erst vor Kurzem geritten sein mussten. Sarah sah sich suchend um, doch es war niemand weit und breit zu sehen. Shit! Sie dachte an ihre Tränen und an die lautstarke, aufgeregte Unterhaltung mit ihrer Mutter. Hoffentlich hatte der Wind ihre Worte in eine andere Richtung getragen.

 

***

 

Nach zwei Regentagen strahlte am Samstagmorgen die Sonne wieder vom Himmel. Konnte man dem Wetterbericht Glauben schenken, sollte sich der Hochdruckeinfluss, dem diese sommerlichen Temperaturen zu verdanken waren, auch über das ganze Wochenende stabil halten. Eike sandte Stoßgebete mit Dutzenden von Danksagungen an Petrus und scheuchte seine Leute umher. Der ausdrückliche Wunsch der Landratstochter, eine standesgemäße Feier im Außenbereich des Hotels zu zelebrieren, hatte ihm mehr als eine schlaflose Nacht bereitet.

 

***

 

Währenddessen stand Hendrik vor gepackter Reisetasche und mit einem Kleidersack über dem Arm im Eingang des Haupthauses und wartete auf Gesine. Missmutig trat er von einem Bein auf das andere. Abwechselnd sah er auf die Armbanduhr und die Treppe hinauf. Er hasste es, zu warten. Mit genervter Miene lief er auf und ab und überlegte, ob das Navi richtig programmiert war, ging zum x-ten Mal in Gedanken die Sachen durch, die er eingepackt hatte, und kam zu dem Schluss, dass ihm nichts fehlte und er absolut abfahrbereit war. Sein Wutpegel stieg rasant.

Wenn sie in zwei Minuten nicht unten ist, fahre ich los.

Er wollte gerade zur Reisetasche greifen, als er Schritte von oben hörte. Gesine kam mit reumütig verzogenem Gesicht, gefolgt von seiner Mutter, eilig die Treppe hinunter. Sie trug den Koffer mit beiden Händen. Hendrik rollte die Augen, wusste der Himmel, was Fräulein Wichtig wegen einer Übernachtung und zwei, na ja, fast zwei Tagen Aufenthalt alles eingepackt hatte.

„Entschuldige", rief Hannelore gehetzt, „es war meine Schuld. Es gibt noch Unklarheiten mit zwei Teilnehmern. Das mussten wir besprechen, damit ich das heute noch klären kann. Die Zeit drängt.“

Den Blick, mit dem seine Mutter Gesine bedachte, konnte man geradezu verschwörerisch nennen, stellte Hendrik irritiert fest. Was braute sich denn da zusammen? Er konnte nicht ausmachen, was es war, doch auf ihn wirkte das Getue der beiden irgendwie unecht und verkrampft. Zeit, darüber nachzudenken, hatte er jedoch nicht, weshalb er die Bedenken beiseite schob. Seine Gedanken beschäftigten sich bereits mit der Anreise zum Weingut.

„Schon gut. Wenn es für euch besser ist, kann ich auch immer noch allein fahren. Ich will jetzt los! Niedersachsen hat seit gestern Ferien. Wer weiß, was auf der Autobahn los ist?“

„Kommt gar nicht infrage!", rief Hannelore, so als könnte Gesine nicht für sich selbst sprechen. „Zu zweit könnt ihr das Gut viel besser repräsentieren.“

Hendrik reagierte darauf nicht. Er kannte seine Mutter und wusste, was es hieß, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. Bestimmt war Gesine, genauso wie er, vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Ohne darauf zu achten, ob sie ihm folgte, rannte er mit seinem Gepäck zur Mercedes-Limousine seines Vaters. Hendriks Jeep war für diese Fahrt völlig ungeeignet und außerdem auch zu dreckig. Er dachte an Bounty und lächelte. Bei Uwe und Maritta war die Hündin in guten Händen. Nachdem auch Gesine ihren Koffer im Wagen verstaut hatte, fuhren sie endlich vom Hof.

Drei Stunden später betraten sie das Fünfsternehotel des Weinguts und fanden sich vor der Rezeption ein. Während der Fahrt, die wider Erwarten ohne Staus verlaufen war, hatten beide nicht viel gesprochen. Lediglich ein paar Details zum Restaurant waren sie durchgegangen. Stichpunkte zu Weinsorten und Jahrgängen, die Eike vorgegeben hatte. Hendrik fühlte sich so unwohl wie selten zuvor. Seine Mutter war wirklich unschlagbar, wenn es darum ging, Menschen wie Marionetten tanzen zu lassen. Hendrik hasste es, so vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, ohne sich auch nur ein bisschen darauf vorbereiten zu können. Er überließ ungern etwas dem Zufall. Seine Kenntnisse über Wein gingen gegen null. Wie hatte er zu diesem Schwachsinn nur ja sagen können! Er warf Gesine einen Blick zu. Als wenn sie ihm bei dieser Mission behilflich sein könnte. Sie wusste genauso viel beziehungsweise genauso wenig über Weine wie er. Nämlich gar nichts.

Die junge Frau hinter dem Empfangstresen sah sie freundlich an.

„Guten Tag und herzlich willkommen in unserem Haus, Herr und Frau von Freyenhof. Ihr Wagen wurde soeben in der Tiefgarage geparkt.“ Sie reichte Hendrik eine Chipkarte. „Dies ist Ihre Zimmerkarte für die Nummer 213 im zweiten Stock.“ Mit ausgestrecktem Arm wies sie ihm den Weg. „Der Fahrstuhl ist vorn rechts. Ihr Gepäck wurde bereits nach oben gebracht. Im Namen der Familie Angersbach wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

Hendrik spürte, dass ihm das Blut wie Lava in den Kopf schoss. Ihm wurde heiß und kalt.

Scheiße. Das Zimmer. Natürlich.

Er erinnerte sich an Eikes Worte. „Vergiss nicht, das Hotelzimmer umzubuchen. Du willst doch nicht mit ihr in einem Doppelbett übernachten?“

Ganz sicher nicht! Eher würde er im Wagen in der Tiefgarage nächtigen. Die knapp dreistündige Fahrt mit ihr auf engstem Raum hatte ihm definitiv an Nähe gereicht. Schlimm genug, dass es noch eine Rückreise gab. Sie war ihm fremd und er fühlte sich in ihrem Beisein nicht sonderlich wohl. Abgesehen davon wusste er nichts mit ihr zu reden. Lieber Himmel, was sollte das erst in einem Zimmer geben? Und noch schrecklicher … in einem Doppelbett! Unvorstellbar.

Gesine nahm die Situation mit stoischer Ruhe hin. Seltsam, vielleicht hatte sie noch gar nicht mitgekriegt, was los war, so abwesend, wie sie wirkte.

„Entschuldigen Sie bitte", wandte sich Hendrik der netten Hotelangestellten zu, „es handelt sich hier um ein Missverständnis, an dem ich nicht ganz unschuldig bin. Ich habe versäumt, Sie rechtzeitig über die Änderung zu informieren.“

Er lächelte und zeigte auf Gesine. „Das ist Frau Gesine Baumbach. Wir sind anstelle meines Bruders und seiner Frau angereist. Die beiden sind leider unabkömmlich. Wäre es wohl möglich, zwei Einzelzimmer anstatt eines Doppelzimmers zu bekommen?" Er sah zu Gesine, die jetzt noch steifer neben ihm stand. Ihr Mienenspiel wechselte zwischen verkrampftem Lächeln und Entsetzen. „Das wäre dir doch auch lieber, nicht?", sprach er sie an.

Gesine nickte nur. Oder schüttelte sie den Kopf? Es konnte auch beides sein. So verhielt sie sich schon den ganzen Morgen. Irgendwie passte das alles nicht zusammen.

Heilige Scheiße, auf was hatte er sich hier eingelassen? Er würde mit seiner Mutter ein ernstes Gespräch unter vier Augen führen müssen, so viel stand fest.

„Ich will sehen, was ich für Sie tun kann. Allerdings sind wir wegen der Präsentation voll belegt." Die junge Frau lächelte entschuldigend und konzentrierte sich dann auf den Bildschirm. Dabei tippte sie unentwegt auf der Tastatur des Computers. Plötzlich erhellten sich ihre Gesichtszüge. „Was für ein glücklicher Zufall“, rief sie erfreut. „Wir können einen glatten Tausch machen. Sie haben jetzt zwei Zimmer im ersten Stock. Leider liegen sie nicht direkt nebeneinander, sondern jeweils am Ende des Flurs. Zimmer 102 und 110. Ich hoffe, Sie sind damit zufrieden?“

Hendrik fiel ein Stein vom Herzen, den man größentechnisch auch Berg hätte nennen können. „Aber natürlich. Das ist perfekt. Vielen Dank für Ihre Mühe.“

„Gerne. Das Gepäck wird Ihnen selbstverständlich sofort gebracht.“

Mehr als erleichtert bedankte Hendrik sich noch einmal und gab Gesine die Karte für ihr Zimmer. Gemeinsam gingen sie zum Fahrstuhl. Gesine, die jetzt besonders blass wirkte, sprach kein Wort. Als er mit ihr allein im Fahrstuhl stand, schaute sie nur starr durch die gläserne Front in das Foyer.

Hendrik war nun doch besorgt. „Ist alles in Ordnung mit dir?“

Gesine fuhr vor Schreck zusammen, als hätte er sie aus einer Trance geweckt. „Nein“, krächzte sie schließlich. „Es ist schon gut. Ich bin nur noch nicht richtig angekommen.“

Hendrik sah sie verständnislos an. Noch nicht richtig angekommen. Das sollte verstehen, wer wollte, er jedenfalls nicht. Spontan sandte er ein Stoßgebet zum Himmel: Lieber Gott, bitte lass die zwei Tage schnell vorbeigehen. Sehr schnell!

Es war genau dieses Verhalten, das ihn bei Frauen in den Wahnsinn trieb: geziertes Getue und blöde Antworten. So ähnlich war es zum Schluss auch mit Cora gewesen. Warum mussten Frauen so kompliziert sein? Wie gut, dass er sich erst mal mit Eikes Weinliste ablenken konnte. Er wollte sich nicht vor all den Weinkennern als totaler Banause outen.

Kühl musterte er Gesines unverändert starren Gesichtsausdruck. „Ich hole dich dann um halb sechs ab."

Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er zu seinem Zimmer und beschloss, ihr seltsames Verhalten zu ignorieren.

 

***

 

 Ingo Waßmann bearbeitete an diesem Samstagnachmittag seinen Terminkalender für die kommende Woche. Dabei fiel ihm auf, dass einer der Neukunden, die ihn wegen einer Krankenzusatzversicherung angerufen hatten, ein gewisser Uwe Ritter war. Das allein hätte ihn nicht sonderlich verwundert. Stutzig geworden war er wegen der Adresse. Ganz in der Nähe des Gutes musste das sein. Dort, wo Gesine gerade aushalf. Die Aussicht, vielleicht auf diese Weise etwas über das Gut und seine Besitzer zu erfahren, ließ ihn zum Telefon greifen. Zehn Minuten später hatte er den Termin im Kalender eingetragen. Dieser Uwe Ritter schien ein sympathischer Mann zu sein. Zuversichtlich klappte Ingo seinen Terminkalender zu und dachte dabei an Gesine. Er wusste, dass sie noch etwas für ihn empfand. Dafür kannte er sie lange genug. Er würde schon noch den Grund für ihr seltsames Verhalten herausfinden. Sie konnte ihm nichts vormachen. Die Arroganz, die sie zuweilen an den Tag legte, und auf die er anfangs auch hereingefallen war, sollte nur von ihrem mangelnden weiblichen Selbstbewusstsein ablenken. Ihr größtes Problem war, dass sie nicht glauben konnte, dass er sie wirklich liebte. Hinter der ganzen Geschichte konnte nur ihr Übervater stecken. Er war auch der Grund, warum sie ihn nie mit zu sich nach Hause genommen hatte. Nur ihre Mutter wusste von der Verbindung mit ihm. Jetzt musste er Gesine seine Gefühle zeigen und kämpfen. In seinem Beruf waren Hartnäckigkeit und Durchsetzungswille wichtige Grundvoraussetzungen. Warum sollte er das nicht auch in Liebesangelegenheiten anwenden können.

 

***

 

Pünktlich um halb sechs klopfte Hendrik an Gesines Tür. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug mit einem eng anliegenden Hemd in Türkis. Auf eine Krawatte hatte er verzichtet. Er war frisch rasiert und die Haare glänzten noch etwas feucht vom Duschen. Hinter der Tür hörte er sie rufen: „Moment noch. Bin gleich so weit.“

Hendrik stellte sich wartend ans Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges, das eine wundervolle Aussicht auf die schöne Landschaft ringsherum ermöglichte. Das Hotel lag in einer sehr reizvollen Gegend am Rhein. Etwas abgelegen schloss es sich direkt am Weingut an. Mit viel Liebe zum Detail zeigte sich die Innenhofanlage zum Weingarten. Durch das Geräusch der sich öffnenden Tür drehte er sich um. Gesine trat auf den Flur. Sie trug ein ärmelloses, rostrotes Etuikleid mit einer schokobraunen Stola. Eine zierliche, goldene Lackhandtasche rundete die gelungene Auswahl ab. Die Haare fielen ihr in leichten Wellen ums Gesicht und das gekonnt aufgetragene, dezente Make-up machte sie zu einer attraktiven Erscheinung. Hendrik musste ihr zugestehen, dass es ihr gelang, das Beste aus sich herauszuholen. Anerkennend hob er die Augenbrauen.

„So, ich bin fertig, gefalle ich dir?", fragte sie atemlos.

Hendrik bot ihr den Arm. „Du siehst gut aus. Es ist wohl eher die Frage, ob du mich bei dem Auftritt noch als Begleiter akzeptieren kannst?“

Sie errötete und hakte sich bei ihm unter. „Danke. Ich könnte mir keinen besseren wünschen. Ich finde, wir passen sehr gut zusammen.“

Während sie gemeinsam nach unten zum Empfang gingen, schmiegte sie sich für seinen Geschmack viel zu nahe an ihn. Immer wieder rückte er dezent von ihr ab, was sie aber ignorierte. Vor der Präsentation lud der Hausherr zu einem kalt-warmen Büfett. Ein Kellner begrüßte sie und führte sie an einen für sie reservierten Tisch.

„So langsam fange ich an, das Ganze hier zu genießen." Sie saßen sich gegenüber und Hendrik, der sich inzwischen in die Materie eingelesen hatte, fühlte sich nicht mehr ganz so unwohl wie noch am Nachmittag. „Wann hat man schon mal die Gelegenheit, in so einem Rahmen zu essen zu gehen?“

„Aber bei deinem Bruder ist es doch ähnlich", gab Gesine zu bedenken.

„Ja schon. Aber irgendwie auch nicht. Zuhause bist du immer im Dienst.“

Sie sah ihn verständnislos an. „Wieso? Ich dachte, Eike ist der Inhaber des "Edlen Rosses"? Was hast du jetzt damit zu tun?“

Typisch Gesine, dachte Hendrik. Nur ein verwöhntes Einzelkind wie sie, konnte so argumentieren. „Wir sind eine Familie und helfen uns gegenseitig. Im "Edlen Ross" kann ich nicht so entspannen wie hier. Dort kann ich mich nie so fühlen, als wäre ich nur Gast. Dazu weiß ich zu viel.“ Hendrik schwieg einen Moment, bevor er weitersprach. „Ich kann Eike jetzt verstehen. Er war ziemlich enttäuscht darüber, dass er nicht mit Dorit herkommen konnte. Die beiden genießen den Aufenthalt hier jedes Mal wie einen kleinen Urlaub.“

„Das kann ich mir vorstellen. Die beiden sind wirklich sehr eingespannt. Immer nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Meine Güte. Das stelle ich mir schrecklich vor. Ich bin sehr froh, dass ich in der Berufsschule einen so geregelten Zeitplan habe.“ Sie grinste schadenfroh. „Und vor allem so viele Ferien.“

Ein Conférencier bat um die Aufmerksamkeit der Gäste und entband Hendrik von weiteren Ausführungen ihrer Ansichten. Simpler Smalltalk war mit Gesine nur schwer möglich. Egal, mit welchem Thema er es versuchte, jedes Wort ging ihm schwer über die Zunge, so als würden sie in unterschiedlichen Sprachen sprechen. Und Schadenfreude hatte er schon als Kind nicht gemocht. Es lag an ihm, das wusste er. Vielleicht verlernte man es, sich unbeschwert in Gesellschaften zu bewegen. Aber als er noch mit Cora zusammen gewesen war, hatte es einige Events gegeben, an denen sie aus familiären Gründen teilnehmen mussten. Er konnte sich nicht erinnern, auch nur ein einziges Mal Probleme mit Konversation gehabt zu haben. Ganz im Gegenteil, er fühlte sich in Gesellschaft eigentlich immer wohl. Doch das war vorbei. Jetzt ging es ihm am besten, wenn er allein war.

Im Raum wurde es dunkel. Nur ein Lichtstrahl war auf einen jungen Mann im dunklen Anzug gerichtet. Mit witzig-lockerer Ansprache forderte er die Gäste zum Rundgang am Büfett auf. Kaum hatte er ausgesprochen, gingen die Lichter wieder an und der Sturm am Büfett nahm seinen Lauf. Auch während des Essens sorgte der Alleinunterhalter für gute Stimmung. Ganz nebenbei informierte er über alles Wissenswerte rund um die Kellerei. Unauffälliges Personal sorgte dafür, dass die Gläser auf den Tischen regelmäßig aufgefüllt wurden. Hendrik, der normalerweise lieber zum Bier griff, trank nur wenig Wein. Gesine genoss den Service im wahrsten Sinne des Wortes in vollen Zügen. Mit der Speisefolge war der Abend aber noch nicht zu Ende. Nach dem Essen folgten die Gäste der Aufforderung des Conférenciers, in den Barbereich zu wechseln. Hendrik fasste Gesine am Arm, als er merkte, dass sie nicht mehr ganz so sicher auf ihren hohen Absätzen stand. Sie kicherte. „Oho, ich habe wohl ein Glas zu viel getrunken, hi hi.“

Hendrik schob sie weiter im Fluss der Menschenmenge, die dem Unterhalter folgte. „Könnte sein. Vielleicht trinkst du zur Abwechslung mal etwas Wasser.“

„Och, du bist ja langweilig. Ich fühle mich gut.“

Hendrik war es zu mühselig, ihr in dem Zustand zu antworten, und ignorierte ihre Worte. Sie umfasste seine Taille und schien an einer Antwort nicht interessiert zu sein. Er ließ sie gewähren. Besser war das, wer wusste schon, wozu sie in der Lage war, wenn er sie losließe.

Der Barbereich glich einem alten Weinkeller. Grobe Steine dienten als Wanddekoration. Die Lampen an den Wänden und auf den kleinen, derben Holztischen sahen wie flackernde Kerzen aus. Neben der Theke befand sich eine kleine Tanzfläche. Eine Kugel mit Spiegelstückchen hing darüber und reflektierte die Lichter des Raumes, so als würden tausend Sterne leuchten. Hendrik führte Gesine zu einem der zahlreichen, ledernen Clubsessel, die verteilt um die Holztischchen standen. Sie setzte sich und sah sich um. Der offizielle Teil des Abendprogramms war nun beendet. Die Gäste waren aufgefordert, sich zu amüsieren. Ein Discjockey legte Soulmusik aus den Siebzigern auf, was dafür sorgte, dass die Tanzfläche nicht lange leer blieb.

Gesine wippte im Takt mit den Füßen und sprang plötzlich auf.

„Bitte Hendrik, ich möchte so gern tanzen.“

Sie fasste ihn so ruckartig am Arm, dass er gerade noch rechtzeitig sein Glas auf dem Tischchen abstellen konnte. Völlig überrumpelt willigte er ein. Er mochte die Musik und es machte ihm nichts aus, sich im Rhythmus der groovigen und fetzigen Lieder zu bewegen, deshalb ging er mit. Inzwischen war eine Lautstärke im Raum, die keine Gespräche mehr zuließ. Aus den Boxen erklangen Kool & The Gang, Earth, Wind and Fire und die Bee Gees. Quer durch alle Altersgruppen tanzten die Leute und waren gut gelaunt. Meistens waren es Paare. Dann legte der DJ ruhigere Musik auf. Die unverwechselbaren Gitarrenklänge von Santana mit Samba Pa Ti erfüllten den Raum. Ein Schmuseklassiker der besonderen Art. Plötzlich lagen sich alle in den Armen. Hendrik wandte sich ab und wollte die Tanzfläche verlassen, doch Gesine hielt ihn am Arm fest und zog ihn zu sich heran. Sie schüttelte den Kopf, formte mit den Lippen bitte und legte beide Arme um seinen Hals. Notgedrungen fügte sich Hendrik in sein Schicksal, atmete tief durch und legte seine Arme um ihren Rücken. Ganz geheuer war ihm das nicht, aber andererseits, was sollte schon passieren. Er überließ sich der wunderbaren Musik und verdrängte, wen er da im Arm hielt. Gesine sah das anders. Sie schmiegte ihre Wange an seinen Hals, als gehörte sie dahin. Sie bewegten sich in wiegenden Schritten, wobei Hendrik peinlich darauf achtete, dass sich ihre Körper nicht zu nahe kamen. Nicht, dass er befürchten müsste, außer Kontrolle zu geraten. Nein. Gesine könnte nackt auf ihm liegen und bei ihm würde sich nichts regen. Es war ihm schlicht unangenehm, ihr so nahe zu sein, das half es auch nichts, dass sie sich sehr ansehnlich herausgeputzt hatte. Als der DJ jedoch ein weiteres Schmuselied auflegte, befreite er sich aus ihren Armen und gestikulierte, dass er etwas trinken müsste. Sichtlich enttäuscht folgte Gesine ihm zum Tisch und schlürfte missmutig ihren Cocktail. Der Blick, den sie ihm zuwarf, war eine Mischung aus Enttäuschung und Frustration. Genervt sah er an ihr vorbei. Nach Spielchen stand ihm nicht der Sinn, schon gar nicht mit ihr. Plötzlich schlug seine Stimmung radikal um. Der lange Tag, besonders in ihrer Gesellschaft, zeigte seine Wirkung. Wie ein Schleier legten sich Müdigkeit und Frust über ihn und er hatte nur einen Wunsch: ins Bett fallen, Augen zu und traumlos schlafen. Als er sich zu ihr beugte, um ihr das zu sagen, verstand sie die Geste falsch. Sie kam ihm entgegen. Ihre Pupillen waren unnatürlich groß und ihr Mund leicht geöffnet. Aus heiterem Himmel küsste sie ihn auf den Mund und fuhr mit der Zunge so lüstern über seine Lippen, als wenn sie allein wären. Hendrik, der damit nicht ansatzweise gerechnet hatte, reagierte geschockt. Mit einem schnellen Ruck zog er seinen Kopf zurück. Da passten für ihn gleich zwei Dinge nicht: Gesine und die Öffentlichkeit. Selbst mit Cora hatte er es vermieden, vor anderen Leuten hemmungslos zu knutschen. Gesine entglitten angesichts der unmissverständlichen Zurückweisung die Gesichtszüge. Tränen schossen ihr in die Augen.

Verdammte Hühnerkacke! Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Hendrik krümmte sich innerlich. Wie hatte es nur so weit kommen können?

Nichts wie weg hier.

Er zog sie aus dem Sessel hoch und hielt sie mit einem Arm umfangen, damit sie nicht auch noch hinfiel. Auf keinen Fall wollte er Aufsehen erregen. Das konnte er seinem Bruder unmöglich antun. Eike gehörte zu einem kleinen, wohlsortierten Kreis von Kunden, die jährlich zu diesem Event eingeladen wurden. Das war eine Ehre und keineswegs selbstverständlich, auch wenn Angersbach das Turnier sponsorte. Ohne sie anzusehen fasste er Gesine um die Taille und führte sie in den Flur zu den Fahrstühlen. Sie schien allmählich zu realisieren, welch bedauernswertes Trauerspiel sie gerade abgab, und fing sich mühselig wieder. Die Schiebetür öffnete sich und sie traten ein. Stumm starrte sie auf den Boden, worüber Hendrik nur froh war. Was hätte er auch zu ihrem Verhalten sagen sollen, ohne ausfallend zu werden? Gern hätte er sie losgelassen, doch das verhinderte sie, indem sie sich an ihn klammerte. Angetrunken und liebebedürftig. Ein Zustand, den er nur allzu gut von Cora kannte.

Schwachsinn, als wenn sich das vergleichen ließe.

Nur nicht mehr darüber nachdenken, es war schon so lange her, rief er sich selbst zur Räson.

Im Nu hielt der Fahrstuhl im ersten Stock. Der Gang bis zu ihrem Zimmer erschien ihm unendlich lang. Gesine umklammerte seinen Arm fester. Vor ihrem Zimmer angekommen, griff er nach ihrer Tasche. „Soll ich dir die Karte rausholen, oder findest du sie selber?“

„Kommst du dann noch mit rein? Wir könnten doch noch was trinken, bitte Hendrik, ich möchte noch nicht allein sein.“

Wieder schlang sie die Arme um seinen Hals, während er ihre Tasche umklammerte. „Das war eben so schön. Als wir getanzt haben, meine ich", hauchte sie ihm ins Ohr. „Es hat sich so gut angefühlt. Dir hat es doch auch gefallen. Bitte, komm noch mit rein.“

Hendriks Magen drohte damit, das Abendessen wieder von sich zu geben. Am liebsten hätte er sie wortlos stehen gelassen. Auf der Stelle und ohne Ansage. Aber das war angesichts der Tatsache, dass sie noch einen aktionsreichen Tag vor sich hatten, unmöglich. Eikes Worte tauchten als Leuchtreklame vor seinem inneren Auge auf. „Die will was von dir.“

„Ich denke, du hast für heute genug getrunken“, entgegnete er tonlos.

„Aber das macht doch nichts, dann trinken wir eben nichts mehr. Wir können doch auch … reden.“ Zur Veranschaulichung, was sie unter reden verstand, hauchte sie ihm einen Kuss auf den Hals. Ein kalter Schauer überlief ihn. Hendrik wurde es zu bunt. Verdammt, so betrunken konnte sie doch gar nicht sein, dass sie nicht bemerkte, dass er nicht auf ihre Anmache reagierte? Mit beiden Händen löste er ihre Arme von seinem Hals, trat einen Schritt zurück und schüttelte energisch den Kopf. Er atmete tief durch und besann sich. Auch wenn er noch so sauer war, er musste jetzt diplomatisch vorgehen. Warum hatte er es bloß immer mit den besonders komplizierten Weibern zu tun? Die Frage sollte er beizeiten wirklich mal mit einem Psychologen klären.

„Hör zu, ich denke, wir sind beide müde." Hendrik sprach langsam und eindringlich. „Es war ein langer Tag. Du brauchst jetzt deinen Schlaf. Morgen wird noch mal sehr anstrengend. Wir werden bestimmt vier Stunden wegen der Führung auf den Beinen sein. Glaub mir, es ist wirklich besser so.“

Völlig entsetzt starrte sie ihn an. „Sag mir doch ins Gesicht, dass du mich nicht willst!“, blaffte sie ihn an. „Ich gefalle dir also doch nicht. Das … das vorhin, war nur eine dicke fette Lüge.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Schönen Dank auch. Auf deine Almosen kann ich verzichten." Nun kullerten dicke Tränen aus ihren Augen. Hendrik harrte stumm aus, setzte lediglich einen Schritt zurück und blieb dann stehen. Er fühlte sich in einer Situation gefangen, aus der er keinen Ausweg wusste. Und was er ihr antworten sollte, wusste er noch viel weniger. Jedes Wort von ihm würde nur eine weitere Demütigung sein, also schwieg er.

„Aber du hast es doch gesagt", verfiel sie jetzt ins Weinerliche. Ein kurzer, schmerzerfüllter Blick streifte ihn, während sie ihm die Handtasche entriss, die er noch immer in der Hand hielt. Fahrig suchte sie nach der Zimmerkarte, bis sie sie schließlich gefunden hatte. Mit einer Hand verdeckte sie notdürftig ihr vom Weinen verzerrtes Gesicht und wandte ihm dem Rücken zu. Er musste mit ansehen, wie ihre Schultern bebten, als sie versuchte, die Tür zu öffnen.

„Soll ich dir helfen?“

„Nein. Ich komme klar. Verzeihung, wenn ich dich belästigt habe. Es wäre mir lieb, wenn du jetzt gehen würdest.“ Sie schluchzte auf. „Wir sehen uns morgen wie verabredet beim Frühstück. Du musst mich nicht abholen, ich finde den Weg allein."

Als die Tür mit einem Knall hinter ihr ins Schloss fiel, atmete Hendrik erleichtert aus. Dennoch wurde er das Gefühl nicht los, die Hauptrolle in einem ganz miesen Streifen ergattert zu haben. Er wusste überhaupt nicht mehr, was er denken sollte. Benahm sie sich so, weil sie betrunken war? Oder hatte sein Bruder doch recht?

Und wenn sie tatsächlich geglaubt hat, sie könnte bei mir landen?

Dann muss ich es ignorieren. Muss so tun, als wäre nichts geschehen, damit sie wieder normal werden kann. Heiliger Bimbam. Hoffentlich geht das gut.

Als Hendrik am nächsten Morgen in den Speisesaal kam, saß Gesine bereits an einem der Zweiertische. Sie sah blass aus, was auch das sorgfältig aufgetragene Make-up nicht übertünchen konnte.

„Guten Morgen", grüßte Hendrik und sah ihr dabei ins Gesicht. Ein kurzer, kühler Blick war alles, was er bekam, während sie die Kaffeetasse absetzte. „Guten Morgen."

Von dem Croissant auf ihrem Teller schien eine große Faszination auszugehen, so eingehend, wie sie es betrachtete, bevor sie ein Stück davon abbrach.

„Wird der Kaffee gebracht, oder muss man selbst losgehen?" Hendrik blieb abwartend stehen.

„Setz dich! Der Kellner fragt dich, was du trinken willst, alles andere gibt’s dort drüben", erklärte sie ohne aufzusehen und zeigte auf die Auslage, als wäre er ein anderer Hotelgast und nicht der, mit dem sie hier war.

„Gut, dann warte ich erst mal. Mir hängt der Magen auf halb acht. Zuhause habe ich um die Zeit längst gefrühstückt." Er ignorierte ihre Stimmung absichtlich und sprach weiter in freundlichem Ton. Der Kellner kam. Hendrik bestellte Kaffee und ein weich gekochtes Ei. Betont gelassen ging er zum Büfett. Er musste dringend was essen. Mit leerem Magen war ihr Verhalten überhaupt nicht auszuhalten. Trotz regte sich in ihm, als er den Teller mit Butter, Wurst und Käse belud. Was für ein gelungener Start in den Tag. Zum Frühstück eine Beleidigte. Das gab’s auch nicht jeden Tag. Hilfe, dann müsste er sich erschießen.

Natürlich konnte er ihre verletzten Gefühle verstehen. Aber sollte er jetzt für etwas zu Kreuze kriechen, wofür er gar nicht verantwortlich war? Das fehlte noch. Jetzt wurde man schon fürs Höflichsein bestraft. In Zukunft musste er mit Komplimenten vorsichtiger sein.

Gesine änderte ihre trotzige, selbstmitleidige Haltung über den Tag hinweg nicht. Hendrik ignorierte das anfangs noch und behalf sich mit Ironie und Humor, doch ihre unerträgliche Gegenwart machte auch ihn mürbe. Er wurde allmählich sauer. Eike hatte völlig recht. Gesine war eine verwöhnte Ziege.

Dank der Führung durch das Weingut und die Kellerei konnte Hendrik dem Tag doch noch etwas Gutes abgewinnen. Die Rückfahrt verbrachten sie in eisigem Schweigen. Hendrik legte seine Lieblingsmusik auf und klopfte im Takt dazu auf das Lenkrad. Gesine starrte demonstrativ gelangweilt aus dem Fenster. Nach der Ankunft auf dem Hof schnappte sie sich den Koffer und flüchtete buchstäblich ins Haus. Sollte sie doch. Hendrik wendete den Mercedes kurzerhand und hatte nur ein Ziel. Seinen Freund Uwe.

 

***

 

Montagmorgen, kurz vor sieben, Sarah deckte die Frühstückstische ein. Maritta kam, wie jeden Morgen um die gleiche Zeit, mit Saskia und Manuel in den Aufenthaltsraum. Aus dem Obergeschoss hörte man das Trippeln von Teenagerfüßen und gedämpfte Stimmen. Seit dem vergangenen Nachmittag waren sechzehn neue Ferienkinder da. Auf dem Weg in die Küche rief Manuel Sarah kurz „guten Morgen" zu. Kopfschüttelnd grüßte Sarah zurück. „Du hast ihn wieder hungern lassen!", scherzte sie. Saskia nickte und nahm ihrer Mutter die Brötchentüten aus dem Arm. Im selben Tempo rannte sie hinter Manuel her. „Dir kann man einfach nichts vormachen", ging Maritta darauf ein. Sie sah demonstrativ auf ihre Armbanduhr. „Habe ich was verpasst, fangen wir heute früher an? Du bist ja schon fast fertig!", rief sie erstaunt.

Sarah hob beschwichtigend die Hand. „Das hätte ich auch schon vor drei bis fünf Stunden erledigen können. Hab nämlich heute Nacht mein Bett nicht für mich allein gehabt.“

Maritta kam einen Schritt näher. „Wie?" Sie zog die Stirn kraus. „Nach einer heißen Liebesnacht siehst du aber nicht aus. Was war los?“

Sarah grinste selbstironisch und wischte sich müde über die Augen. „Tss … wie heiße Liebesnächte gehen … ich glaub, das weiß ich gar nicht mehr so richtig." Sie machte ein zerknirschtes Gesicht. „Nee, meine Schlaflosigkeit hat bedauerlicherweise nichts mit einem Mann zu tun, sondern vielmehr mit dem Heimweh von Luisa Becker. Sie hat die Nacht in meinem Bett verbracht. Ich habe Stunden gebraucht, bis sie endlich eingeschlafen war.“

„Aber da ist doch auch noch die große Schwester dabei.“

„Ja, Sandra. Das hat aber auch nichts geholfen. Die hat sich gestern gleich mit Caroline Paul angefreundet. Die beiden mochten sich auf Anhieb.“

„Das ist normal, beide sind im selben Alter. Luisa ist vier Jahre jünger. Und du konntest sie gar nicht beruhigen?“

„Doch schon, aber erst, als ich sie zu mir genommen habe.“

Maritta zog die Stirn kraus. „Schon klar, die Mädchen in ihrem Zimmer waren ihr alle fremd.“

Sarah nickte. „Anfangs dachte ich, es wäre gut, wenn ich Sandra zu ihr lege. Die Große war wirklich hilfsbereit, aber ausrichten konnte sie trotzdem nichts. Bis Mitternacht hat Luisa geschluchzt und gezittert. Was sollte ich denn tun? Dann hab ich sie mitgenommen. Die anderen sollten endlich ungestört schlafen können.“

Maritta nickte verständnisvoll. „Du hast schon richtig gehandelt. Tut mir nur leid für dich, du brauchst doch auch deinen Schlaf." Maritta rieb sich nachdenklich das Kinn und zog die Stirn kraus. „Heute Abend haben wir wieder den Salat, das wirst du sehen. Wo ist sie jetzt?“

„Oben im Bad bei den anderen. Ganz sicher wird es wieder genauso sein. Der Hauptgrund für den Jammer ist nämlich nicht das Heimweh!“

„Sondern?“

„Die Kleine ist nicht freiwillig hier, sie wollte viel lieber bei ihrer Mutter bleiben. Doch die hat einen neuen Freund und will ungestört sein.“

„Na, das sind ja schöne Nachrichten." Maritta rollte mit den Augen. „Und die Woche hat gerade erst angefangen.“

Die beiden Frauen begaben sich in die Küche. Manuel und Saskia saßen bereits am Tisch und verschlangen Nutellabrötchen. Sarah nahm die Bäckertüten und verteilte die knusprigen Backwaren in die Körbe. Jetzt meldete sich auch bei ihr der Hunger. Aber zuerst mussten die Kinder versorgt werden, vorher war an Essen nicht zu denken. Maritta stellte Kakaodosen und Milchtüten auf ein Tablett.

„Wenn es gar nicht anders geht, dann müssen die Eltern die Kleine eben wieder abholen. Du kannst dir doch nicht jede Nacht um die Ohren schlagen.“

„Das wird aber nicht einfach." Sarah ging mit den vollen Körben zu den Tischen. „Die Mutter ist mit ihrem Lover nach Mallorca und der Vater ist auf Geschäftsreise in der Schweiz. Du erinnerst dich? Luisa und Sandra sind die beiden Mädchen, die zwei Wochen bleiben.“

Maritta, die mit dem Tablett hinter Sarah herging, blieb abrupt stehen. „Das gibt’s doch jetzt nicht, oder? Sind die wahnsinnig? Wie kann man nur so egoistisch sein. Ich hab ja schon einiges hier erlebt, aber so was?" Sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Wie lange ist denn der Vater weg?“

„Keine Ahnung, Luisa hat mir erzählt, dass er auch eine Freundin hat und sie glaubt, dass ihre Eltern sie nicht mehr wollen.“

„Das arme Kind." Maritta verstummte, denn die ersten Mädchen kamen herunter. Aufgekratzt schnatterten sie wie die Enten, so sehr freuten sie sich auf die Ponys. Auch Sandra war unbekümmert. Luisa kam mit den letzten Mädchen in den Aufenthaltsraum. Sie hielt nach Sarah Ausschau und ging dann zielstrebig auf sie zu. Sarah goss den Mädchen Saft in die Gläser.

„Guten Morgen Luisa, da drüben neben Betty ist dein Platz, ich komme gleich und bringe dir was zu trinken.“

Nur zögernd befolgte Luisa die Anweisung und rutschte seitlich auf den Stuhl, ohne ihn nach hinten zu ziehen. In ihrem Arm hielt sie einen Schmusehasen, den sie schon die ganze Nacht nicht losgelassen hatte. Sarah kam zu ihr und rückte ihr den Stuhl zurecht, sodass sie richtig sitzen konnte.

„So ist es besser, nicht? Was möchtest du trinken, hm?" Sarah hielt in einer Hand eine Karaffe mit Kakao und in der anderen eine Flasche Orangensaft.

„Kakao.“

Erst jetzt bemerkte Sarah, dass Luisa Straßenjeans trug und keine Reithose wie alle anderen Mädchen. Die langen, dunklen Haare fielen ihe offen über die Schulter.

„Luisa, warum bist du denn noch nicht richtig angezogen? Nach dem Frühstück geht’s gleich los. Da bleibt dir fürs Umziehen und Zöpfe flechten nicht mehr viel Zeit." Sarah stellte den gefüllten Becher auf den Tisch ab und lächelte die Kleine liebevoll an.

„Ich gehe nicht mit zum Reiten. Ich möchte hier bei dir bleiben." Luisa schob die Unterlippe nach vorn.

„Aber …“ Sarahs Lächeln erlosch. „Bei mir wird es dir sicher nur langweilig sein. Da draußen bei den Kindern hast du doch viel mehr Spaß …“

„Bitte!" Der Tonfall veränderte sich gefährlich in Richtung jammern. „Ich bin auch ganz lieb.“

Sarah wusste nicht, was sie sagen sollte. Mit so einer Reaktion hatte sie nicht gerechnet, wo die Kinder doch alle ganz verrückt nach den Ponys waren. Große, weit aufgerissene Augen, die gefährlich feucht schimmerten, richteten sich bittend auf sie und warteten auf eine Antwort. Sie seufzte, wie sollte man bei so einem Junge-Hunde-Blick Nein sagen? Hilflos suchte Sarah den Raum nach Maritta ab. Jetzt musste sie sagen, was zu tun war. „Aber willst du denn nicht zu den Ponys und reiten lernen, so wie alle anderen Mädchen auch?“, versuchte Sarah es erneut. „Ich weiß, dass dir das Spaß machen wird.“

Sofort verzog Luisa weinerlich den Mund. Alarmiert stellte Sarah die Getränke ab und ging neben der Kleinen in die Hocke.

Maritta kam mit sorgenvoller Miene dazu, als sie die Lage erkannte. „Hallo Luisa Schätzchen, ist was nicht in Ordnung?“

„Ich möchte bei Sarah bleiben. Ich will nicht zu den Ponys, die machen mir Angst.“

Maritta zog Sarah hoch und lächelte Luisa beruhigend an. „Jetzt frühstücken wir erst mal. Wenn du nicht zu den Ponys möchtest, kannst du auch was anderes machen. Wir finden schon was, ja?“

Luisa nickte und die Tränen versiegten. Sie griff nach einem Brötchen.

Maritta zog Sarah hinter sich her in die Küche. „Puh, was war das letzte Woche so einfach und unkompliziert mit den Kiddies. So ist das immer. Jede Gruppe ist anders. Wäre es für dich in Ordnung, wenn sie heute bei dir bleibt?“

„Ja, kein Problem. Ich komme gut mit ihr zurecht und ich versuche, ihr Interesse für die Ponys zu wecken.“

„Gute Idee. Dann sehen wir weiter. Gibt es außer den Eltern andere Ansprechpartner, die für das Kind zuständig sind?“

„Ja, die Großeltern.“

„Schön, wenn sie in zwei Tagen immer noch so drauf ist wie jetzt, müssen wir handeln. Es geht nicht anders. Das wussten die Eltern vorher.“

„Vielleicht kriege ich es ja mit ihr hin.“

Maritta nickte und strich Sarah über den Arm. „Versuch dein Glück. Du kannst das, die Kinder mögen dich.“

Nach dem Frühstück hielt es die Mädchen nicht mehr auf den Stühlen. Maritta und Saskia versammelten die Horde hinter sich. Saskia führte sie in die Sattelkammer und Maritta danach auf den Hof. Abwechselnd wurde das allwöchentliche Startprogramm abgespult. Sarah blieb mit Luisa zurück. Gemeinsam räumten sie die Tische ab und brachten die Küche in Ordnung. Vom Basteln und Malen als Zeitvertreib wollte Luisa nichts wissen. Sie wollte Sarah helfen. Nach einer Stunde waren alle Arbeiten erledigt.

„So, jetzt können wir überlegen, was wir machen. Wir haben fast drei Stunden Zeit. Um zwölf müssen wir uns dann ums Mittagessen kümmern.“

Sarah sah nach draußen auf den Innenhof. Die Sonne schien. Sie nahm Luisa das Geschirrhandtuch aus der Hand. „Das legen wir jetzt weg. Wir brauchen es erst nach dem Essen wieder. Was hältst du davon, wenn ich dir jetzt mal den Hof zeige?“

Luisas strahlendes Gesicht war Antwort genug.

 

***

 

Seit dem Morgen fuhren pausenlos Trecker zu den Flächen neben dem Gut, die jedes Jahr für das Turnier zur Verfügung gestellt wurden. Die Anhänger waren beladen mit eingelagerten Materialien, die dem Aufbau aller Turniereinrichtungen dienten. Die Vorbereitungen liefen auf vollen Touren. Noch an seinem Brötchen kauend, machte sich auch Hendrik mit Bounty an seiner Seite auf den Weg dorthin. Für ein ausgedehntes Frühstück war heute – und nicht nur heute, sondern mit Sicherheit auch die restliche Woche – keine Zeit. Er hob den Arm und grüßte die Männer vom Sägewerk, die schon seit einer Stunde dabei waren, die einzelnen Teile der Zuschauerränge zusammenzubauen. Das Werk stand für die nächsten drei Tage still. In dieser Woche wurden alle Hände gebraucht. Auch alle anderen Angestellten halfen. Dennis steckte mit den Stallburschen zwei Weiden für den Fuhrpark der Pferdebesitzer ab und sorgte dafür, dass 230 edle Tiere beste Bedingungen vorfanden. Das ganze Dorf freute sich auf das Spektakel. Hendrik lief über den Parcours und spürte dabei jeden Schritt, den er machte. Jetzt, zwei Stunden später – wegen des Muskelkaters war er am Morgen auf allen Vieren aus dem Bett gekrochen -, konnte er sich endlich wieder einigermaßen bewegen. Die dreißig Kilometer Radrennen am vergangenen Abend waren nach der langen Autofahrt vielleicht doch etwas zu viel gewesen. Anschließend hatten sie den Abend bei Gesprächen von Mann zu Mann und Weizenbier ausklingen lassen. Uwe war ein echter Kumpel. Er nannte es eine Spezialtherapie zum Abbau von seelischem Stress. Ohne Zweifel musste Hendrik nun mehr an seine schmerzenden Muskeln als an die Vorfälle des verkorksten Wochenendes denken. Therapie gelungen. Bei all den Ablenkungen hoffte er nur, dass er nichts von den vielen Details, die ihm sein Vater angetragen hatte, vergessen würde.

Gegenüber bauten zwei Männer gerade einen Oxer auf dem Parcours auf. Hendrik blieb stehen und sah sich um. Die meisten Hindernisse standen schon. Die Jungs erledigten ihre Sache gut. Zufrieden ging er weiter. Hier gab es nicht mehr viel zu tun, der Platz war für den Wettkampf so gut wie fertig. Nur die Deko und die Bespannung für die Sponsorenwerbung an den Banden fehlten noch. An der seitlichen Linie sah das noch ganz anders aus. Dort begannen Uwe und andere Mitarbeiter aus dem Sägewerk, die Tribüne zu errichten. Sein Freund stand mit dem Rücken zu ihm. Hendrik wollte ihn begrüßen. Doch bevor er das tun konnte, hatte sich Bounty schon dazwischengedrängt.

„Geht ja richtig gut voran hier!" Hendrik klopfte Uwe auf die Schulter. Der kraulte Bounty und drehte sich um.

„Bin zufrieden. Und bei dir?“

Hendrik sah sich um. Die Sonne schien ihm ins Gesicht und er kniff die Augen zusammen. Wieder fuhr knatternd ein Treckergespann mit Latten und Stangen vor. Drei Männer fingen sofort an, abzuladen. Das große Festzelt nebenan stand schon seit Sonntag, damit genug Zeit für den Innenaufbau blieb. Hendrik widmete sich wieder seinem Freund. „Alles im grünen Bereich, wie ich sehe. Bis Mittwoch ist es noch ein bisschen hin. Wenn alles planmäßig läuft, haben wir sogar noch Luft.“

„Ach richtig, die ersten Teilnehmer kommen ja schon Mitte der Woche.“

„Ja, dann müssen wir hier auf jeden Fall fertig sein!“

Uwe sah rüber zum Festzelt, in dem Gesine den Innenaufbau des Cateringbereiches überwachte. „Das haben wir noch jedes Jahr rechtzeitig geschafft. Und, wie war’s heute Morgen? Gibt’s was Neues?“

„Nö. Na ja, bis auf den Muskelkater. So heftig hatte ich den noch nie.“

Uwe schüttelte den Kopf.

Hendrik runzelte die Stirn. Normalerweise kannte er keine Verständigungsprobleme mit ihm. Erst als sein Freund demonstrativ in Richtung Zelt blickte, dämmerte es ihm. „Ach, das meinst du." Hendrik lachte. „Sie hat sich entschuldigt. Gleich als sie zum Frühstück kam.“

Uwe grinste. „Und, was hast du gesagt?“

„Nicht viel, nur dass es für mich erledigt ist und dass ich jetzt ohne Stress das Turnier hinter mich bringen will. Und dann bin ich gegangen.“

„Dann wollen wir doch mal sehen, was als Nächstes passiert. Ich sag dir, da kommt noch was. Das hab ich im Urin.“

Hendrik schüttelte den Kopf. „Die soll mich nur in Ruhe lassen", brummte er.

Uwe zuckte mit den Schultern. „Da wäre ich mir nicht so sicher. Auf mich macht sie den Eindruck, als würde sie sich wenig dafür interessieren, was andere wollen.“

„Und wenn schon. Am Sonntag ist das Turnier vorbei. Dann kann sie sich wieder um ihr eigenes Leben kümmern.“

Autor

  • Dolores Mey (Autor)

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Titel: Sommer im Gutshof zum Glück