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Mein Herz im Sturm

von Patricia Carlyle (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Frankreich, 1792: Voller Zukunftspläne kommt die junge Engländerin Catherine Macpherson nach Paris. Doch die Französische Revolution bringt ihr Leben gehörig durcheinander und auch ihr Verlobter, der Marquis de Fontenay, ist abweisend und vollkommen anders als erwartet. Als Catherine kurz vor einer Verhaftung steht, scheint eine sichere Rückkehr nach England schier unmöglich. Und dann ist da auch noch der gutaussehende Händler und Landsmann Christopher Deverell, der ihre Gefühle auf den Kopf stellt. Sie ahnt, dass er etwas vor ihr verbirgt. Doch ist sein Geheimnis wirklich so düster wie die Mutter des Marquis ihr glauben machen will? Noch während sie versucht, dahinter zu kommen, überstürzen sich die Ereignisse. Und plötzlich ist nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das des Mannes, dem sie ihr Herz geschenkt hat, in Gefahr ...

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe August 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-866-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-870-4

Copyright © Juli 2017, Selfpublishing
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Juli 2017 bei Selfpublishing erschienenen Titels Mit einem Lächeln im Sturm (ISBN: 978-1-52176-670-5).

Covergestaltung: Cover Up Buchcoverdesign
unter Verwendung von Motiven von
© Khomenko Maryna/Shutterstock.com, © Patryk Kosmider/Shutterstock.com, © DaLiu/Shutterstock.com, © RIRF Stock/Shutterstock.com, © Potapov Alexande/Shutterstock.com, © e71lena/Shutterstock.com
Korrektorat: Katrin Gönnewig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Juli 1792

Bedächtig blätterte der fettleibige Offizier in den Papieren, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Hin und wieder warf er einen prüfenden Blick auf die ihm gegenüberstehende junge Frau, der jedes Mal ein Schauer über den Rücken lief, wenn der Beamte seinen dicken Finger in den Mund steckte, um daran zu lecken und anschließend ein Papier umzublättern. Catherine Macpherson wirkte seltsam fehl am Platz in diesem verräucherten kleinen Büro, das einen ebenso verlotterten Eindruck machte wie der Mann, der hier arbeitete. Überall stapelten sich Papiere, auf denen deutlich Fettabdrücke und Eselsecken zu sehen waren, und die Zigarrenstummel, die im ganzen Büro verstreut herumlagen, konnte man schon gar nicht mehr zählen.

Vor diesem Hintergrund bot Catherine in der Tat einen erfreulichen Anblick. Da das Trauerjahr nach dem Tode ihrer Mutter noch nicht ganz vorüber war, trug sie ein dunkelviolettes, fast schwarzes Kleid, das aus festem, derbem Material war, um sie vor dem rauen Wetter auf der Überfahrt von Dover nach Calais zu schützen. Doch statt Catherine elend und blass wirken zu lassen, hob es im Gegenteil den dunkelblauen Ton ihrer Augen hervor und brachte den rotgoldenen Schimmer ihrer Haare noch stärker zur Geltung. Obwohl es windig gewesen war, hatte Catherine kein Tuch umgebunden, sondern die Haare lediglich zu einem einfachen Knoten nach hinten gesteckt, aus dem sich nach und nach immer mehr Strähnen gelöst hatten. Catherines Augen blitzten vor Vergnügen, wenn sie daran dachte, was wohl ihre Mutter gesagt hätte, wenn sie sie so hätte sehen können. Angela Macpherson hatte stets darauf geachtet, dass die Erscheinung ihrer Tochter ohne den geringsten Tadel war. Catherine genoss ihre jetzige Freiheit. Obwohl sie beim Tod ihrer Mutter aufrichtig traurig gewesen war, hatte sie doch das Gefühl, dass jetzt ihr Leben erst richtig begann.

Dennoch dachte sie im Augenblick weniger an das Leben, das vor ihr lag, sondern ärgerte sich vielmehr über die Langsamkeit, mit der ihre Reisepapiere geprüft wurden. Hier in Frankreich schien man es wirklich besonders genau zu nehmen. Seit ihrer Ankunft in Calais waren nun bereits mehr als drei Stunden vergangen, ehe sie endlich an der Reihe gewesen war, überprüft zu werden. Sie seufzte tief auf, als sie schließlich ihre Papiere wieder in der Hand hielt und in der ratternd und holpernd dahinjagenden Kutsche ihre Reise fortsetzen konnte. Doch Calais lag erst wenige Meilen hinter ihr, als sie durch eine kleine Ortschaft kamen, in der erneut ihre Papiere kontrolliert wurden. Noch ein paar Meilen ostwärts und das Ganze wiederholte sich ein weiteres Mal, sodass Catherine gegen Abend, als sie in einer behaglichen Herberge abstieg, nur einen Bruchteil ihrer geplanten Reiseroute bewältigt hatte.

Man hatte sie gewarnt, dass in Frankreich chaotische Zustände herrschten, aber Catherine hatte alle gutgemeinten Ratschläge in den Wind geschlagen und geglaubt, dass es schon nicht so schlimm sein würde. Sie war fest entschlossen, endlich Etienne de Fontenay zu heiraten, nachdem sie nun schon über drei Jahre inoffiziell mit ihm verlobt war. Sie zerbarst fast vor Ungeduld, ihm gegenüberzustehen, denn sie hatte ihn seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen. Als Kinder hatten sie einige Male zusammen gespielt, wenn Etienne mit seiner Mutter bei ihnen in England zu Besuch gewesen war. Die Marquise de Fontenay war eine Jugendfreundin von Catherines Mutter. Catherine hatte immer eine Heidenangst vor dieser großen, dominanten Frau gehabt. Den blondgelockten Etienne dagegen, der so schlank und so ruhig und ihr wie ein Engel erschienen war, hatte sie geradezu angehimmelt. Er hatte viel Zeit mit ihr verbracht, obwohl Catherine noch ein Kind von erst neun Jahren gewesen war, während er mit seinen sechzehn Jahren schon fast zu den Erwachsenen gezählt hatte. Er schien Catherines Gesellschaft sogar der seiner Altersgenossen vorzuziehen, wofür Catherine, die von ihren drei älteren Cousins eher wie ein lästiger Plagegeist behandelt wurde, ihm in Gedanken ewige Dankbarkeit schwor. Nichtsdestotrotz hatte sein Heiratsantrag, den er ihr vor drei Jahren per Brief gemacht hatte, sie überrascht, und sie hatte gezögert, ihn anzunehmen. Doch ihre Mutter hatte ihr nur wenig Zeit gelassen, sich zu entscheiden, da sie selbst diese in ihren Augen glänzende Partie für ihre Tochter von Herzen begrüßte. So hatte Catherine sich schließlich überzeugen lassen, dass die Zuneigung, die sie für Etienne empfand, stark genug war, um eine Basis für eine gute Ehe zu bilden. Doch kaum hatte sie zugestimmt, Etiennes Antrag anzunehmen und mit ihrer Mutter nach Paris zu reisen, um sich offiziell mit Etienne zu verloben, war in Frankreich die Revolution ausgebrochen. Schweren Herzens hatten Catherine und ihre Mutter daraufhin die Reise aufgeschoben. Man hatte in England zunächst geglaubt, dass sich der Sturm in Frankreich bald wieder legen würde. Als das nicht geschah, wurden erneut Reisevorbereitungen getroffen. Aber da erreichte sie aus der Normandie die Nachricht, dass Catherines dort lebender Vater bei Bauernaufständen ums Leben gekommen war. Nun wurde es zur Gewissheit, dass die Zustände in Frankreich schlimmer waren, als man zunächst gehofft hatte. Was man aus dem Lande hörte, klang besorgniserregend. Hatten die meisten Engländer anfangs geglaubt, der Sturm der Pariser auf die Bastille sei lediglich ein Ausdruck der Unzufriedenheit einzelner Bürger und somit nichts als ein kurzer Aufstand, so erkannten sie nun, dass das Problem tiefer ging. Dem Sturm auf die Bastille folgte der Aufruhr der Bauern. Wie Catherines Vater erging es vielen Grundherren in dieser Zeit, und die ersten Adligen begannen auszuwandern.

Dennoch hielt Catherine an ihrem Entschluss, sich mit Etienne in Frankreich offiziell zu verloben, fest. Jedoch war in dem Trauerjahr, das dem Tode ihres Vaters folgte, an Verlobung und Heirat nicht zu denken, mochte ihr Angus Macpherson noch so fremd gewesen sein. So wurde der Besuch bei den Fontenays erneut abgesagt. Doch noch während Catherine ungeduldig darauf wartete, dass sich dieses Trauerjahr dem Ende näherte, erkrankte überraschend ihre Mutter und starb, woraufhin Catherine für die nächste Zeit von Angelas Familie aufgenommen wurde. Nun jedoch war auch dieses Trauerjahr fast um. In einem Brief an Catherines Tante, Lady Emily Bainbridge, hatte die Marquise de Fontenay bereits deutlich gemacht, dass es Zeit wurde, die Verlobung endlich offiziell bekannt zu geben. Lady Bainbridge hatte ihre Nichte nur unwillig in ein vom Aufruhr geschütteltes Land ziehen lassen, aber Catherine hatte weder der Besorgnis ihrer Tante noch der ihres Onkels und ihrer Cousins große Bedeutung beigemessen. Da die Heirat nun einmal beschlossene Sache war, hatte Lord Stuart Bainbridge als Familienoberhaupt die Erlaubnis zur Reise schließlich widerwillig erteilt. Und so befand Catherine sich nun in diesem fremden Land und spürte zum ersten Mal einen Hauch des Revolutionsfiebers, das Frankreich gepackt hatte.

Als sie am nächsten Morgen in den Frühstücksraum der Herberge hinunterkam, registrierte sie deutlich die feindseligen Blicke, die sie verfolgten. Man schien hier für Fremde nicht viel übrigzuhaben. Catherine hatte heute ein ausgesprochen einfaches Reisekleid aus dunkelgrauer Wolle gewählt und ihre Haare zu einem festen Knoten hochgesteckt, doch sie merkte bald, dass sie selbst in dieser bescheidenen Aufmachung auffiel wie ein bunter Hund. Während sie ihren Kaffee trank und ein trockenes Stück Brot knabberte, herrschte eisiges Schweigen im Raum, obwohl sich mehrere Leute darin aufhielten. Catherine hätte jetzt gern jemanden gehabt, mit dem sie reden könnte, um diesen düsteren Blicken auszuweichen.

Drei besonders finster dreinschauende Männer, ihrer Kleidung nach zu urteilen Bauern, saßen ihr direkt gegenüber. Scheinbar gleichgültig, um den Raum zu mustern, drehte Catherine den Kopf, und ihr Blick fiel auf einen allein sitzenden, ausgesprochen gutaussehenden jungen Mann, der gerade seine Tasse an die Lippen führte, aber in der Bewegung kurz innehielt, als er ihren Blick bemerkte. Er war wie ein wohlhabender Bürger gekleidet, mit einem schlichten braunen Rock, aus dem weiße Manschetten blitzten, dazu passenden hellbeigen Breeches, die sich um muskulöse, lange Beine spannten, und hohen, blankpolierten Reiterstiefeln. Obwohl er saß, ließ sich doch erkennen, dass er groß und schlank und darüber hinaus mit prächtig anzusehenden breiten Schultern ausgestattet war. Dunkle Haare, die locker zu einem Zopf im Nacken zusammengebunden waren, umrahmten ein markant geschnittenes, schmales Gesicht mit einer geraden Nase, feingeschwungenen Lippen und leuchtend grünen Augen, die Catherine voller Interesse musterten.

Sie bemerkte, dass ihm genauso viele feindliche Blicke zugeworfen wurden wie ihr selbst, aber anders als ihr schien es ihm nicht das Geringste auszumachen. Völlig gleichmütig nahm er sein Frühstück zu sich und lächelte sie an. Das brachte sie etwas aus der Fassung, denn sie war es nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit von Fremden angelächelt zu werden. Aber das Lächeln des Mannes, dessen Alter Catherine auf etwa Mitte bis Ende zwanzig schätzte, wirkte nicht beleidigend, und so lächelte sie zaghaft zurück.

Unterdessen kam der Kutscher herein und verkündete, dass die Fahrgäste nach Paris jetzt einsteigen müssten, sodass Catherine sich erhob. Der dunkelhaarige Fremde lächelte ihr noch einmal zu, wobei seine grünen Augen fröhlich aufblitzten, und sie nickte ihm einen Abschiedsgruß zu.

 

Christopher Deverell sah der jungen Frau bewundernd hinterher, als sie mit leichten, eiligen Schritten die Herberge verließ. Ihr schlichtes Kleid täuschte ihn nicht darüber hinweg, dass sich darunter eine anmutige Figur verbarg, die einen Mann ins Schwärmen geraten lassen konnte. Aber vor allem war er fasziniert von dem verlegenen Lächeln in diesen kornblumenblauen Augen, das sie ihm geschenkt hatte, als er versucht hatte, sie angesichts der feindseligen Stimmung im Raum etwas aufzuheitern.

Er erhob sich und schlenderte zum Wirt hinüber. Während er mit einem Blick aus dem Fenster auf die abfahrende Kutsche seine Rechnung beglich, erkundigte er sich beiläufig: „Sagen Sie, wer war die junge Dame, die allein an dem Tisch da hinten saß?“

Der Wirt blickte grinsend auf. „Sie kommt aus England, Monsieur. Genau wie Monsieur selbst.“

„Ah, das dachte ich mir. Sie hatte so etwas an sich“, lachte Christopher. „Diese Haarfarbe! Und dann diese spezielle Art, den Kopf hochzuhalten.“

„Oui, Monsieur. Sehr britisch. Oder sehr aristokratisch. Die Demoiselle sollte den Kopf lieber etwas gesenkter halten.“ Dann huschte ein Lächeln über das Gesicht des Wirts, während er die Münzen, die er von Christopher erhalten hatte, in ein Ledersäckchen gleiten ließ. „Aber es war eine sehr hübsche Demoiselle.“

„Oh ja, sehr hübsch“, pflichtete Christopher ihm augenzwinkernd bei und schwang sich seinen Reiseumhang über die Schultern.

Der Wirt wurde ernst und senkte die Stimme. „Ist nicht gut, dass sie allein reist, Monsieur. Ist viel zu gefährlich in diesen wirren Zeiten. Ich meine, es gab schon immer viel Gesindel, aber gerade jetzt … Es ist wirklich nicht gut.“

Christopher stimmte nachdenklich zu, dann trat er nach einem kurzen Abschiedsgruß ins Freie hinaus.

Die Sonne schien bereits kräftig von einem strahlend blauen Himmel herab, und es war deutlich wärmer als am Vortag, sodass er beschloss, seinen Umhang doch lieber abzunehmen und in einer seiner Satteltaschen zu verstauen. Gedankenverloren schlenderte er zu den Ställen, sattelte seinen großen, braunen Hengst und führte ihn aus dem Stall.

„Der Wirt hat recht“, raunte er seinem vierbeinigen Gefährten ins Ohr. „Die Lady sollte wirklich nicht allein reisen.“

Ein Lied summend, schwang er sich in den Sattel und machte sich auf den Weg zum Stadttor. Auch er wurde auf seinem Weg unzählige Male von bewaffneten Bürgern angehalten, die seine Papiere zu sehen verlangten, hatte jedoch keine weiteren Schwierigkeiten und durfte seinen Ritt stets schnell fortsetzen.

Er war noch nicht lange unterwegs, da erblickte er bereits die alte Postkutsche vor sich, mit der die junge Engländerin reiste. Er zügelte seinen Hengst ein wenig und überlegte kurz, ob er die Reisekutsche überholen und seinen Weg nach Paris zügig fortsetzen sollte, entschied sich dann aber nach kurzem Zögern, dem Wagen mit einigem Abstand in einem leichten Trab zu folgen. Immerhin war die junge Lady darin eine Landsmännin, ganz zu schweigen davon, dass er sie überaus anziehend fand, und so war es vielleicht nicht gänzlich unangebracht, in ihrer Nähe zu bleiben, falls es irgendwelche Zwischenfälle geben sollte. Sie schienen ja ohnehin das gleiche Ziel zu haben, und auf ein paar Tage mehr oder weniger kam es ihm bei der Dauer seiner Reise nicht an, da er die Zeit wegen der vielen Kontrollen sowieso großzügig kalkuliert hatte.

Als der Tag sich seinem Ende zuneigte und die Postkutsche auf eine kleine Herberge zurollte, seufzte Christopher erleichtert auf, dass dieser Tag ohne Vorkommnisse verlaufen war. Er übergab seinen Hengst einem Stallburschen und ging dann zur Gaststube hinüber, wo sich bei seinem Eintritt bereits die Reisenden der Postkutsche versammelt hatten und jeder einen Teller dampfender Bouillon vor sich stehen hatte. Die junge Engländerin war jedoch nirgendwo zu erblicken. Auf seine enttäuschte Nachfrage hin erfuhr Christopher, dass die englische Demoiselle es vorgezogen habe, auf eine Mahlzeit zu verzichten und sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Christopher selbst war nach einem langen Tag im Sattel einigermaßen hungrig und ließ sich neben einem alten Franzosen, der kaum noch Zähne hatte, an einem Tisch nieder. Nach der Mahlzeit ließ er sich von der Wirtin sein Zimmer zeigen, das er sich, wie es sich herausstellte, mit dem zahnlosen Franzosen teilen musste. Als dieser schon bald anfing, pfeifend zu schnarchen, war Christopher nahe daran, seinen ritterlichen Entschluss, die einsame Engländerin zu eskortieren, zu bereuen, zumal diese noch nicht einmal etwas von seiner Hilfsbereitschaft ahnte. Doch die Reise nach Paris würde noch einige Tage in Anspruch nehmen. Es sollte wohl mit dem Teufel zugehen, wenn sich in dieser Zeit keine Möglichkeit fand, die Bekanntschaft der jungen Dame zu machen, um herauszufinden, ob hinter ihrem entzückenden Äußeren ein ebenso interessantes Wesen steckte.

Als Catherine am nächsten Vormittag ihre Fahrt in der Postkutsche fortsetzte, grübelte sie noch eine ganze Weile darüber nach, wer wohl der „très charmant Anglais“ sein mochte, der sich, wie die lächelnde Wirtin ihr beim Frühstück mitgeteilt hatte, am Vorabend nach ihr erkundigt hatte. Catherine war verblüfft gewesen, doch hatte sie keine Ahnung, wen die Wirtin meinen könnte, und so gab sie ihre Grübeleien nach einiger Zeit auf, zog ein Gedichtbändchen aus ihrer Rocktasche und begann darin zu lesen, um sich die Zeit zu vertreiben.

Ihre Aufmerksamkeit wurde geweckt, als die Kutsche plötzlich anhielt und der Fahrer mit jemandem draußen erregt diskutierte. Catherine beugte sich leicht aus dem Fenster und erblickte ein umgestürztes Gefährt, vor dem zwei tote Pferde auf dem Boden lagen. Ein Mann mit einer blutigen Platzwunde am Kopf redete, wild gestikulierend, auf ihren Fahrer ein. Catherines Reisegefährten sahen ebenfalls hinaus und ließen sich dann gelangweilt in die Sitze zurücksinken.

Catherine blickte ihre Mitreisenden verwundert an und erkundigte sich in fließendem Französisch: „Verzeihen Sie, bitte, aber wissen Sie, was da draußen los ist?“

„Aber ja. Ein Getreidetransport. Ist mal wieder überfallen worden. Absolut nichts Neues, Mademoiselle“, entgegnete Monsieur Valencroix, ein alter Waffenschmied aus Bordeaux, der unterwegs nach Paris war, um sein neues Patent für die Herstellung von Munition der Armeeführung vorzuführen.

Catherine schaute wie gebannt aus dem Fenster. „Wie schrecklich. Warum werden denn Getreidetransporte überfallen?“

Die anderen Passagiere starrten Catherine an und schüttelten über ihr Unwissen tadelnd die Köpfe. „Ja, Mademoiselle, im ganzen Land herrscht doch Hungersnot. Wussten Sie das denn nicht?“

Monsieur Valencroix, der das Wort führte, blinzelte sie ungläubig an. „Sie sind zwar aus England, Ihrem Akzent nach zu urteilen. Aber hört man denn dort nicht, was hier geschieht?“

„Doch, natürlich“, versicherte Catherine errötend. „Aber ich wusste nicht, wie schlimm alles ist.“

„Nun ja, schlimm. Was heißt schon schlimm? Die Bauern erheben sich, das Volk erhebt sich. Eine ganze Nation erhebt sich. Warum? Es gibt nicht genug zu essen, nichts Anzuziehen, kein Vergnügen. Nur Arbeit und Hunger. Aber Sie werden sehen, es wird besser werden. Unser Volk ist zu Großem fähig. Wir werden einen neuen Staat schaffen, einen besseren Staat. Es dauert seine Zeit, aber der Hunger und das Elend werden abgeschafft werden, genau wie die Aristokratie, glauben Sie mir. Wenn der König glaubt, dass er sein Amt noch lange behalten kann … Er ist dumm, dieser Ludwig XVI. Das ist schlimm. Die Überfälle? Schlimm genug. Aber nicht so schlimm wie die Politik, die der König betreibt.“

Catherine schwieg betreten. Natürlich wusste man in England, dass der König in Frankreich eine schwere Position hatte. Doch bisher hatte man nach wie vor an dem Glauben festgehalten, dass er schon noch Herr der Dinge werden würde. Gewiss müsste er Zugeständnisse machen. Aber sein Amt abschaffen? Dieser Gedanke war für Catherine, für die die Monarchie, und sei sie noch so gefährdet, etwas Selbstverständliches war, völlig neu. Natürlich waren die Zustände in Frankreich nicht mit denen in England zu vergleichen. Aber dennoch, eine Abschaffung der Monarchie? - Nein! Catherine war sicher, dass dieser Gedanke nur in dem Gehirn von Monsieur Valencroix existieren konnte.

Schließlich setzte sich die Kutsche wieder holpernd in Bewegung, und Catherine fiel in einen leichten Schlummer. Aus diesem wurde sie jäh gerissen, als sie plötzlich von ihrem Sitz geschleudert wurde. Ihr Kopf prallte auf etwas Hartes, und dann verschwamm alles um sie herum in einem immer dichter werdenden Nebel, durch den nur noch der schrille Entsetzensschrei einer Mitreisenden drang.

 

Christopher Deverell war an diesem Morgen ausgesprochen schlechter Stimmung. Das Schnarchen seines Zimmernachbarn hatte ihn fast die ganze Nacht über wach gehalten, und am Morgen war Christopher durch ein lautes Poltern geweckt worden, als der alte Mann seine Stiefel anzog. Missmutig marschierte Christopher nach dem Anziehen und Frischmachen in den Frühstücksraum hinunter, der zu dieser frühen Zeit noch fast leer war, da die meisten Reisenden noch schliefen. Er hatte aber kaum Appetit, und so bezahlte er nach einigen Schlucken Kaffee seine Rechnung und machte sich auf den Weg in den Stall, um sein Pferd aufzuzäumen. Um die Müdigkeit zu vertreiben, die ihm nach der fehlenden Nachtruhe noch in den Knochen steckte, ließ er den gesattelten Hengst erst einmal stehen und machte noch einen kurzen Spaziergang in ein nahe gelegenes Wäldchen, ehe er ungefähr eine Stunde später in den Gastraum zurückkehrte. In der Hoffnung, möglicherweise die junge Engländerin beim Frühstück anzutreffen, sah er sich um. Vielleicht könnte er sich zu ihr setzen und selbst eine Kleinigkeit essen, da er inzwischen nun doch hungrig war, und bei dieser Gelegenheit etwas mehr über die junge Dame herausfinden. Doch zu seinem Verdruss erfuhr er von der Wirtin, dass die Postkutsche nach Paris bereits vor einer Viertelstunde abgefahren war. Der Fahrer hatte seine Fahrgäste zur Eile gedrängt, da es heute eine lange Strecke zu bewältigen galt. Christopher kniff verärgert die Lippen zusammen, verzichtete auf ein Frühstück und brach eilig auf.

Bald holte er die Kutsche ein und folgte ihr wie am Vortag, wobei er jedoch immer mehr am Sinn dieser Verfolgung zweifelte. Weder gestern Abend noch heute Morgen hatte er die Engländerin überhaupt zu Gesicht bekommen. Und ob wirklich eine Gefahr für sie bestand, nur weil sie ohne Begleitung reiste? Vermutlich vertrödelte er nur unnütz seine Zeit! Dann sah er den überfallenen Getreidetransport, und seine Laune verschlechterte sich noch mehr. Die Franzosen waren wirklich zu dumm! Wenn schon Nahrungsmittelknappheit herrschte, warum konnten sie das Getreide dann nicht wenigstens so sicher transportieren, dass es sein Ziel auch erreichte? Stattdessen sahen sie zu, wie ein Transport nach dem anderen überfallen wurde, wobei die Hälfte des Getreides auch noch verlorenging. Glaubte man denn in Frankreich, die Probleme mit Gewalt lösen zu können? Vor allen Dingen, da sich die Gewalt so oft gegen Unschuldige richtete. Bei seinem letzten Aufenthalt in Paris hatte Christopher gesehen, wie Frauen und Kinder aus ihren Wohnungen vertrieben, ihre Männer und Väter gefangengesetzt oder hingerichtet wurden, wie Unschuldige für die Taten derer büßten, die sich längst ins Ausland abgesetzt hatten. Beim Anblick des blutenden Getreidefahrers regte sich in Christopher erneut der Zorn. Wie konnten Menschen nur immer wieder glauben, dass ein Elend durch neues Leid beseitigt werden könnte?

In finstere Gedanken versunken, hatte Christopher seinen Hengst in eine immer langsamere Gangart fallen lassen. Als er nach einer Weile den Kopf hob, war die Straße vor ihm leer und von der Postkutsche nichts mehr zu sehen. Christopher fluchte leise in sich hinein. Der Fahrer musste ein ziemliches Tempo vorlegen, wenn sich der Abstand in relativ kurzer Zeit so vergrößern konnte!

Christopher trieb Ajax zu einem leichten Galopp an. Als er merkte, dass auch das nicht reichte, um die Postkutsche wieder einzuholen, spornte er seinen Hengst zu einer noch schnelleren Gangart an. Endlich erblickte er das Fahrzeug. Die Kutsche jagte nach seinem Empfinden in einem gefährlichen Tempo dahin. Während er nach und nach den Abstand verringerte, kam es ihm immer mehr so vor, als ob das Gefährt merkwürdig schlingerte. Und dann sah er es: Das rechte Hinterrad löste sich langsam von der Achse!

Mit einem unterdrückten Fluch auf den Lippen beugte Christopher sich weit über den Pferdehals und trieb Ajax zu einem stürmischen Galopp an. Sobald er glaubte, dass der Fahrer ihn hören konnte, rief er eine laute Warnung. Doch da passierte es auch schon. Das Gespann aus Pferden und Wagen legte sich in eine Kurve, das Rad fiel von der Achse ab, und nach kurzem Schlingern stürzte die Kutsche auf die Seite. Wie durch ein Wunder schafften es die Pferde, auf den Beinen zu bleiben, bäumten sich im Zaumzeug auf und kamen dann zum Stehen.

Christopher erreichte den umgekippten Wagen mit wenigen weiteren Sätzen seines Pferdes. Während er aus dem Sattel sprang, kam der Fahrer bereits torkelnd auf die Beine, taumelte zu seinen Pferden und streichelte ängstlich die Nüstern der aufgeregten Vierbeiner.

„Mon Dieu! Meine Kutsche! Meine Pferde! Oh, meine Tierchen, euch ist nichts passiert? Oh, mon Dieu, mon Dieu!“

Christopher kletterte geschwind auf den Wagen und riss die Tür auf, die nun in den Himmel zeigte.

„Großer Gott!“, entfuhr es ihm bei einem raschen Blick auf das wüste Durcheinander im Inneren der Kutsche. Die Engländerin und eine etwas ältere Frau lagen zwischen heruntergefallenen kleineren Gepäckstücken in einem Knäuel aus Armen und Beinen auf dem Boden. Ein männlicher Reisender sah arg zerzaust aus, rappelte sich aber bereits auf und wollte aus dem Wagen klettern.

Christopher drängte ihn rigoros zurück. „Ich brauche Ihre Hilfe! Versuchen Sie, mir die Damen nach oben zu reichen!“

„Nun ja, mais oui, ich werd’s versuchen“, murmelte Monsieur Valencroix, der sich widerwillig seiner Pflicht als Ehrenmann entsann.

Die Französin richtete sich indessen bereits mühsam auf und wandte sich mit zittriger Stimme an Christopher: „Mir geht es gut. Könnten Sie mich heraufziehen, bitte?“

Christopher tat, worum sie ihn bat, und ließ sie draußen vorsichtig auf den Boden gleiten.

„Ich bekomme Mademoiselle Macpherson nicht hoch!“, stöhnte unterdessen Monsieur Valencroix. „Ich bin zu alt für solche Dinge!“

Christopher streckte ihm mit finsterer Miene einen Arm entgegen. „Dann kommen Sie raus.“

Monsieur Valencroix kletterte schwer atmend aus der Kutsche. Sobald die Tür frei war, stieg Christopher in das Wageninnere hinab und kniete sich neben die bewusstlose junge Frau. Vorsichtig strich er ihr die Haare aus dem blassen Gesicht. Lieber Himmel, wie jung sie aussah! Und selbst in ihrem desolaten Zustand war sie noch außergewöhnlich attraktiv. An der Schläfe hatte sie einen Bluterguss, aber weitere Verletzungen konnte Christopher auf die Schnelle nicht feststellen. Ängstlich tastete er nach ihrem Puls, der zu seiner Erleichterung kräftig und regelmäßig schlug. Aufatmend lud er sich ihren schlaffen Körper über die Schulter und schwang sich dann trotz seiner Last mühelos aus der Kutsche hinaus.

 

Grell stach das Tageslicht in ihre Augen, als Catherine sie mit einiger Mühe blinzelnd aufschlug. Verwundert stellte sie fest, dass sie in einem weichen Bett in einem unbekannten Zimmer lag. In ihrem Kopf pochte es unangenehm, ihr war schwindlig, und als sie sich bewegte, verursachte ihr das überall Schmerzen. Mit einem Stöhnen schloss sie die Augen wieder, um sie aber gleich darauf beim Klang einer lachenden Männerstimme weit aufzureißen.

„Wie schön, dass Sie wach sind. Ich schätze, Sie spüren jeden Knochen in Ihrem Körper, nicht wahr?“

Verwundert starrte Catherine in das Gesicht des Mannes, der in einem Sessel neben ihrem Bett saß. Irgendwie kamen ihr die schmalen, wohlgeformten Gesichtszüge bekannt vor. Sie musterte blinzelnd den energischen und dennoch sensiblen Mund, um den es jetzt amüsiert zuckte, die feingeschwungenen, dunklen Augenbrauen und die gerade Nase, während die Erinnerung nur mühsam in ihren pochenden Kopf zurückkehrte. Als aber ihr Blick dem warmen Glanz der leuchtend grünen Augen ihres Gegenübers begegnete, wusste sie plötzlich, wen sie vor sich hatte. Es war der dunkelhaarige Fremde aus der Herberge, der ihr am ersten Morgen in Frankreich aufgefallen war! Munter blitzten seine lebhaften Augen sie an, während er ihr ein Glas Wasser reichte.

„Hier, trinken Sie das, es wird Ihnen guttun.“

Catherine war so verwirrt, dass sie automatisch gehorchte. Sie fühlte sich danach tatsächlich etwas besser und richtete sich leicht auf. „Wer sind Sie? Und was machen Sie neben meinem Bett?“

Der Mann lachte, wobei seine strahlend weißen Zähne aufblitzten, und der Klang seiner tiefen, warmen Stimme war alles andere als unangenehm: „Mein Name ist Christopher Deverell. Ich sitze neben Ihrem Bett, weil Sie krank waren und jemanden brauchten, der sich um sie kümmerte. Und da ich Sie ohnehin schon aus der umgestürzten Postkutsche geholt hatte, konnte ich das ebenso gut wie jemand anders übernehmen.“

Catherine hatte das Gefühl, sie würde bis zu den Fußspitzen erröten. Und da sie sich inzwischen bewusst wurde, dass sie ein Nachthemd statt ihrer Reisekleidung trug, keuchte sie entsetzt: „Sie meinen, Sie haben … Sie haben mich … Haben Sie mich etwa auch ausgezogen?“

Die Augen des Mannes funkelten nur so vor Vergnügen. „So gern ich's auch getan hätte, aber das hat Madame Gabelle nicht zugelassen.“

„Wer ist nun wieder Madame Gabelle?“, fragte Catherine gereizt, da sich die Situation ihrem benebelten Kopf nur langsam begreiflich machen ließ.

„Die Bäuerin dieses Hofes, auf dem wir uns befinden.“ Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Sagen Sie, erinnern Sie sich eigentlich an das, was geschehen ist? Oder wer Sie sind?“

„Natürlich weiß ich, wer ich bin! Was für eine Frage!“

Ihr Gegenüber lachte leise. „Sie waren nach dem Unfall fast zwei Tage lang bewusstlos, haben vermutlich eine Gehirnerschütterung davongetragen und eine dicke Beule auf der Stirn! Da wäre es nicht ungewöhnlich, wenn Ihnen einige Einzelheiten aus Ihrem Gedächtnis entfallen sein sollten.“

„Ich halte meinen Namen nicht gerade für eine unbedeutende Einzelheit!“, empörte sich Catherine. „Und falls Sie Zweifel haben, dass ich ihn weiß: Mein Name ist Catherine Macpherson! Genügt Ihnen das?“

„Absolut!“, lächelte der Mann, der sich ihr als Christopher Deverell vorgestellt hatte. „Und ich finde es äußerst beruhigend, dass Sie sich so gut an alles erinnern können!“

„Leider nicht alles“, gestand Catherine stirnrunzelnd, während sie insgeheim festzustellen versuchte, ob sie noch alle Gliedmaßen bewegen konnte. „Vielleicht könnten Sie mir ja zum Beispiel erklären, wie ich in dieses Haus gekommen bin?“

Christopher Deverells Mundwinkel zuckten amüsiert. „Das Haus hier liegt nur wenige Meilen von der Stelle entfernt, wo die Kutsche umgestürzt ist. Da Sie bewusstlos und nicht reisefähig waren, brachte ich Sie hierher. Madame Gabelle willigte ein, sich Ihrer anzunehmen. Da sie sich aber auch noch um ihren Hof kümmern muss, bat sie darum, dass jemand blieb, um nach Ihnen zu sehen, wenn sie selbst zu viel zu tun hat. Ich glaube, sie hätte es lieber gesehen, wenn eine Frau Sie umsorgt hätte. Aber ihre Mitreisenden waren nicht sehr erbaut von der Idee, in dieser Einöde hier festzusitzen. Sie haben ihre Reise gestern fortgesetzt, nachdem es gelungen war, die Kutsche wieder aufzurichten und das abgefallene Rad zu montieren.

„Und deshalb sind … sind Sie hiergeblieben? Weil sich sonst niemand um mich gekümmert hätte?“

Er zwinkerte ihr zu. „Ich bin vielleicht nicht die geeignetste Krankenschwester, aber da niemand sonst einspringen wollte, war ich, wie es den Anschein hat, jedenfalls die einzig verfügbare.“

Catherine schluckte und sah ihn mit großen Augen an. „Ach du großer Gott! Es ist mir so peinlich! … Oh, du lieber Himmel!“

„Ich versichere Ihnen, dass es keinen Grund für Sie gibt, sich kompromittiert zu fühlen“, entgegnete er mit einem Lächeln. „Ich habe nur ein wenig hier gesessen und auf Sie aufgepasst. Alles andere hat Madame Gabelle übernommen.“

„Dann … dann bin ich Ihnen wohl zu großem Dank verpflichtet“, stammelte Catherine voller Verlegenheit.

„Aber nicht doch. Sie können mir glauben, dass ich es sehr gern getan habe.“

Catherine starrte auf seine zuckenden Mundwinkel und das Glitzern in seinen Augen und musste unvermittelt lachen. „Oh ja, das glaube ich Ihnen tatsächlich!“

„Es freut mich, dass es Ihnen inzwischen offenbar besser geht“, grinste Deverell. „Wie sieht es aus, meinen Sie, Sie schaffen es, aufzustehen und sich anzukleiden, wenn ich einen Augenblick hinausgehe? Ich meine, ich würde Ihnen ja gern behilflich sein, aber ich fürchte, das würde mir eine Menge Ärger von Madame Gabelle einbringen.“

„Oh ja, und das vollkommen zu Recht!“, schalt Catherine mit einem tadelnden Blick in seine lachenden Augen. Doch dann lachte auch sie. „Ich bin sicher, dass ich es allein schaffe. Meinen Sie, dass wir dann vielleicht von Madame Gabelle etwas zu essen bekommen könnten? Ich habe einen fürchterlichen Hunger.“

„Ein gutes Zeichen!“, lächelte Deverell, während er sich erhob. „Ziehen Sie sich in Ruhe an, ich gehe inzwischen und besorge etwas zu essen.“

Als Catherine eine Stunde später in der geräumigen Bauernküche der Gabelles drei deftige Stücke Zwiebelkuchen und einen großen Becher Milch vertilgt hatte, fühlte sie sich schon bedeutend wohler. Das Pochen in ihrem Kopf und auch das Schwindelgefühl hatten nachgelassen. Nur eine dicke Beule auf der Stirn und einige unangenehme blaue Flecken am Körper zeugten noch von ihrem Unfall. Deverell, der schon früher gegessen hatte und nur an einem Glas Wein nippte, hatte ihr beim Essen grinsend zugesehen und gemeint, es freue ihn, dass sie so einen herzhaften Appetit habe. Catherine hatte nur genickt und sich ganz auf ihre Mahlzeit konzentriert. Als sie sich jetzt den letzten Krümel vom Mund wischte, lächelte sie ihn entschuldigend an und erklärte: „Sie müssen mich für sehr unhöflich halten. Ich habe Sie hier so lange aufgehalten, und dabei haben Sie es vielleicht eilig. Vielleicht möchten Sie, nun da es mir besser geht, gerne aufbrechen. Ich würde es bedauern, aber doch verstehen.“

„Wie lange möchten Sie denn hierbleiben? Und noch viel wichtiger, wie wollen Sie von hier wegkommen, wenn ich Sie allein lasse?“

Catherine blinzelte. „Oh. Ich dachte … die Postkutsche …“

„Die Strecke liegt zwar nur einige Meilen von hier entfernt, aber bis zur nächsten Station, wo die Kutsche hält, wäre es zu Fuß ziemlich weit. Ich könnte Sie hinbringen, sofern es Ihnen nichts ausmacht, zusammen mit mir auf Ajax zu reiten.“

Catherine hätte schwören können, dass es in seinen Augen belustigt funkelte! „Nun ja, ein wenig unkonventionell ist diese Art zu reisen ja schon“, gab sie leicht unsicher zurück. „Und ganz sicher ist es nicht die Art, die eine Lady wählen sollte.“

„Gewiss nicht. Aber die Alternative wäre, dass Sie zu Fuß gehen. Und das dürfte recht unbequem sein.“

„Na wunderbar. Und mein Gepäck trage ich dann vermutlich auf dem Rücken!“

Ihr empörtes Schnauben ließ Christopher kurz grinsen, doch dann wechselte sein Gesichtsausdruck, als er begriff, dass es ihr mit ihrem Protest ernst war. „Es tut mir leid, wenn Ihnen mein Angebot unpassend erscheint. Aber ich sehe im Augenblick leider keine andere Möglichkeit, wie Sie von hier wegkommen könnten. Ich würde den Gabelles ja einen Wagen abkaufen, wenn sie einen hätten, den sie hergeben könnten, was aber nicht der Fall ist. Wenn es Ihnen so widerstrebt, sich zu mir aufs Pferd zu setzen, könnte ich allenfalls versuchen, irgendwo in der Umgebung Pferd und Wagen aufzutreiben. Aber angesichts der angespannten Lage im Land dürfte das vermutlich schwierig werden.“

Verspätet wurde Catherine sich bewusst, wie kindisch und unvernünftig ihre Reaktion auf seinen freundlich gemeinten Vorschlag war. Mit einem entschuldigenden Lächeln blinzelte sie auf in seine Miene, die einen Ausdruck kühler Höflichkeit angenommen hatte. „Oh, Sie müssen mich wirklich für sehr dumm halten! Verzeihen Sie mir. Ich bin Ihnen so dankbar für Ihre Hilfe! Und natürlich werde ich mit Ihnen reiten!“

Das Lächeln, das in seinen Augen aufblitzte, war von geradezu entwaffnender Wärme. „Ich halte Sie keineswegs für dumm. Höchstens für ein bisschen mitgenommen, was ja auch kein Wunder ist. Aber dass Sie einverstanden sind, freut mich. Glauben Sie, dass Sie in zwei, drei Tagen kräftig genug sind, dass wir dann aufbrechen könnten?“

„Oh, es geht mir wirklich schon ganz ausgezeichnet! Ich glaube nicht, dass wir so lange warten müssen. Ich könnte sofort losreiten.“

„Meinen Sie wirklich? Sie waren so lange bewusstlos. Vielleicht wäre es besser, wenn Sie sich erst einmal ein wenig schonen.“

Gerührt von seiner Sorge, versicherte Catherine ihm, dass sie wirklich nur noch ganz wenige Schmerzen hätte und sich durchaus kräftig genug fühle, um weiterzureisen. Allerdings gab es da noch eine Frage, die sie klären musste: „Was ist eigentlich mit meinem Gepäck? Ich habe vorhin nur mein Reticule finden können, in dem Gott sei Dank zumindest meine Papiere und eine Haarbürste waren.“

„Es tut mir leid, ich konnte Ihr Gepäck auf Ajax Rücken nicht transportieren. Ich habe den Kutscher angewiesen, Ihre Taschen bis zur nächsten Poststation mitzunehmen, wo Sie sie wiederbekommen, wenn wir dort eintreffen.“

„Oh, wie umsichtig von Ihnen! Vielen Dank!“

„Nichts zu danken“, lächelte er. „Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich jetzt noch einmal kurz nach meinem Pferd sehen und mit Madame Gabelle wegen unserer geplanten Abreise reden. Dann können wir uns morgen gleich nach dem Frühstück auf den Weg machen.“

„Warum nicht schon heute?“

„Liebes Mädchen, haben Sie mal einen Blick auf die Uhr geworfen? Es ist bereits Abend und wird bald dunkel! Wir würden die nächste Poststation heute nicht mehr erreichen.“

„Ach. Wie schade. Nun, dann lässt sich das wohl nicht ändern.“

In seinen Augen begann es schalkhaft zu funkeln. „Wenn Sie allerdings gern einen Nachtritt unternehmen möchten, mit Mondschein und Romantik, dann stehe ich liebend gern zu Ihrer Verfügung.“

Catherine blinzelte empört, doch dann lachte sie hell auf. „Fragt sich, wie romantisch es noch wäre, wenn die ersten Straßenräuber aufkreuzen! Nein, ich glaube, Sie haben recht. Dann reiten wir lieber morgen los.“

„Wie Sie meinen“, grinste Deverell, und seine grünen Augen blitzen. „Obwohl ich glaube, dass es hier nicht viele Straßenräuber gibt.“

„Mag sein“, lächelte Catherine, während ihr auf verwirrende Weise gerade auffiel, dass ihr Gegenüber wirklich bemerkenswert ausdrucksvolle Augen hatte. „Aber ich glaube, ich verzichte trotzdem lieber auf die Romantik.“

„Zu schade“, murmelte Deverell ernsthaft, doch seine Mundwinkel zuckten.

 

Als Christopher und Catherine am nächsten Morgen gemeinsam auf Ajax Rücken ihren Weg fortsetzten, versuchte Catherine, mehr über ihren neuen Reisegefährten herauszufinden. Sie saß quer vor ihm auf dem Pferd, er hatte einen Arm um ihre Taille geschlungen, und mit der anderen Hand hielt er die Zügel. Wenn sie den Kopf leicht neigte, konnte Catherine ihm in die Augen sehen, und seine tiefe Stimme war dicht an ihrem Ohr zu hören. Catherine fand, dass er eine sehr klangvolle, angenehme Stimme hatte. Auf ihre Frage hin erklärte er ihr, dass er geschäftlich nach Paris unterwegs sei.

„Um was für Geschäfte handelt es sich denn?“, erkundigte Catherine sich interessiert.

„Um alles Mögliche“, entgegnete er ausweichend. „Mein Schiff transportiert Handelswaren nach England. Leider muss man -“

„Sie haben ein eigenes Schiff?“, staunte Catherine.

„Ja. Es liegt gerade vor Calais.“ Er lächelte. „Aber wie ich eben sagen wollte, man muss leider wegen jeder Kleinigkeit nach Paris reiten, um sich dort die nötigen Genehmigungen zu besorgen.“

„Deshalb sind Sie also nach Paris unterwegs. Und was wollen Sie diesmal nach England bringen?“

„Unter anderem französische Weine. Die sind auch jetzt noch in England sehr begehrt, und die Franzosen können das Geld, das sie dafür erhalten, gut gebrauchen.“

Sie runzelte die Stirn. „Warum reisen Sie nicht direkt in die Anbaugebiete? Wäre das nicht günstiger?“

„Früher ging das, da konnte man noch den Handel direkt mit den Weinbauern führen. Aber inzwischen ist das so gut wie unmöglich. Ohne die Zustimmung der zuständigen Verwaltungsinstanzen in Paris geht leider überhaupt nichts mehr.“

„Aber ist das dann nicht alles sehr umständlich? Lohnt sich da der Handel denn überhaupt noch? Ich meine, könnten Sie nicht mit Ländern Handel treiben, mit denen es einfacher wäre?“

„Vermutlich.“

„Und warum treiben Sie dann ausgerechnet mit Frankreich Handel?“

Er zuckte die Achseln. „Das hat sich eben so ergeben. – Sehen Sie mal da vorne die Herde Wildpferde. Ein herrlicher Anblick, oder?“

Catherine warf einen kurzen Blick in die angegebene Richtung. „Ja, sehr idyllisch. – Mr. Deverell, warum treiben Sie nicht Handel mit den Westindischen Inseln oder den ehemaligen amerikanischen Kolonien? Das soll sich doch jetzt richtig lohnen.“

Er warf ihr einen wenig begeisterten Blick zu. „Schon möglich.“

„Und das reizt Sie nicht? Ich meine, als Schiffseigner müsste Ihnen doch daran liegen, Ihr Schiff möglichst gewinnbringend auf Fahrt zu schicken.“

„Ich bin zufrieden, so wie es ist. Da hinten fliegt ein Falke, haben Sie den gesehen?“

„Ja, sehr eindrucksvoll.“ Sie warf ihm einen schrägen Blick von der Seite zu. „Sagen Sie, Mr. Deverell, wollen Sie vom Thema ablenken?“

Er lachte. „Finden Sie es denn so interessant, über Schiffe und Handelsinteressen zu reden? Ich dachte eher, junge Ladys interessieren sich mehr für die Schönheiten der Natur als für profane Geschäfte.“

„Das stimmt“, lächelte Catherine. „Aber bisher habe ich festgestellt, dass Gentlemen im Allgemeinen sehr gern über ihre Geschäfte reden. Sie überraschen mich also.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Aber wenn Sie nicht über Geschäfte reden wollen, können wir auch gerne das Thema wechseln. Erzählen Sie mir, wo Sie herkommen. Wo sind Sie zu Hause?“

Er zwinkerte ihr zu. „Worauf würden Sie tippen?“

„Ich weiß nicht. Auf jeden Fall England. Kent vielleicht?“

„Schon ganz gut getippt, aber falsch. Zu Hause bin ich in Surrey.“

„Surrey! Ich hätte gedacht, dass ein Schiffseigner irgendwo an der Küste lebt!“

Er lachte leise. „Das Landesinnere hat auch einiges zu bieten, finden Sie nicht?“

„Oh ja, ganz gewiss. Aber -“

„Es passt nicht in Ihr Bild von einem Schiffseigner, dass ich dort lebe, ja ich verstehe“, grinste er.

„Nun ja … vielleicht nicht ganz. Wobei Sie ja augenblicklich gar nicht dort zu leben scheinen. Immerhin haben Sie hier in Frankreich Ihr eigenes Pferd. Oder ist Ajax nicht Ihr Pferd?“

„Doch. Gefällt er Ihnen?“

„Ajax? Ein herrliches Pferd! Sie reiten ihn bestimmt sehr gern. Haben Sie ihn aus England mitgebracht?“

„Nein, er stammt hier aus der Gegend.“

„Dann leben Sie also wirklich länger in Frankreich? Was sagt denn Ihre Familie dazu? Ich meine, Sie haben doch sicher Familie in England, oder nicht?“

„Jeder hat irgendwo Familie.“

„Und findet Ihre Familie es gut, dass Sie in Frankreich leben?“

„Kommt darauf an, wen aus meiner Familie Sie fragen würden.“

„Wen könnte ich denn beispielsweise fragen? Bruder, Schwester, Eltern?“, beharrte sie, entnervt von seinen ausweichenden Antworten.

Seine Braue zuckte spöttisch in die Höhe. „Sie sind ja ganz schön hartnäckig! Sagen Sie, befragen Sie eigentlich jeden so eingehend oder nur Männer im heiratsfähigen Alter?“

Catherine schnappte hörbar nach Luft. Hochrot im Gesicht keuchte sie: „Sir, was fällt Ihnen ein! Glauben Sie etwa, ich … ich hätte es auf Sie abgesehen?“

Er lachte laut auf, und seine Augen sprühten vor Heiterkeit. „Nun, wenn ich es nicht glaube, dann muss ich denken, dass Sie sehr neugierig sind. Und sind Sie neugierig?“

„Selbstverständlich nicht, ich … Nun ja, vielleicht ein bisschen. Aber doch nur im allgemein üblichen Rahmen!“ Er lächelte zweifelnd, und so setzte sie hinzu: „Immerhin sind Sie ja Engländer, so wie ich, da ist ein gewisses Interesse doch nur natürlich!“

„Ach so, ich verstehe“, grinste er.

Sie warf ihm einen indignierten Blick zu. „Wenn ich gewusst hätte, wie empfindlich Sie sind, hätte ich Ihnen selbstverständlich keine Fragen gestellt!“

„Ich halte mich im Allgemeinen nicht für sonderlich empfindlich.“

„Wenn Sie sich nicht für empfindlich halten, verstehe ich nicht, warum Sie so ungehalten auf meine Fragen reagieren! Und überhaupt, ich weiß eigentlich gar nicht, was Sie wollen! Schließlich habe ich Sie ja nicht gefragt, ob Sie verheiratet oder verlobt sind oder ob Sie sich eine Ehefrau überhaupt leisten können. Dann könnten Sie sagen, ich hätte es auf Sie abgesehen! Und außerdem“, setzte sie etwas milder gestimmt hinzu, als sie daran dachte, dass er ihr immerhin in einer Notlage beigestanden hatte, „möchte man ja wissen, wem man sein Leben verdankt. Das ist doch nur vernünftig.“

„Ach, darum geht es? Dann bitte ich demütig um Verzeihung, dass ich Sie missverstanden habe“, versetzte er mit zuckenden Mundwinkeln.

Gefesselt von dem amüsierten Glanz in seinen Augen, blieb Catherine eine Antwort schuldig und sah ihn nur stumm und seltsam unsicher an.

Mit einem trägen Lächeln seufzte er schließlich: „Nun ja. Sie sind also aus rein vernunftmäßigen Gründen an mir interessiert und nicht mehr. Wie hartherzig, meinem Selbstbewusstsein einen solchen Schlag zu versetzen! Übrigens sind wir da.“

Er schwang sich aus dem Sattel und half Catherine beim Absteigen, die völlig versunken in den Anblick seiner funkelnden Augen gewesen war und nicht bemerkt hatte, dass Christopher Deverell sein Pferd bereits vor der Poststation gezügelt hatte. Gemessen an der aufrechten Haltung, mit der er neben ihr her ins Innere schritt, schien der Schlag auf sein Selbstbewusstsein nicht allzu kräftig gewesen zu sein, überlegte Catherine. Ihr eigenes hatte da schon mehr gelitten. Wie konnte es nur angehen, dass ein Mann, den sie erst seit einem Tag kannte, sie Dinge sagen ließ, die sie gar nicht sagen wollte? Er hatte ja recht, sie war neugierig! Zwar nicht gerade, weil sie es auf ihn abgesehen hatte, wie er meinte, aber immerhin: Wäre er alt und dick gewesen, dann hätte sie ihm höflich für seine Hilfe gedankt, ohne einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden. So aber, da er jung und attraktiv war, hatte sie ihm geradezu Löcher in den Bauch gefragt, um mehr über ihn zu erfahren. Was musste er nur von ihr denken!

Es gelang Christopher, zwei Einzelzimmer zu bekommen, auf die sie sich gleich nach dem Essen zurückziehen wollten. Catherines Gepäck war bereits am Vortag angekommen und in einem Verschlag abgestellt worden. Christopher ließ es auf Catherines Zimmer bringen und erklärte ihr auf dem Weg dorthin, dass er am nächsten Morgen gemeinsam mit ihr in der heute angekommenen Postkutsche nach Paris weiterfahren und Ajax hinten anbinden würde.

„Oh, wirklich? Das ist schön!“, strahlte Catherine, mit der Hand an der Klinke. „Aber warum tun Sie das? Haben Sie es nicht eilig?“

„Nicht sonderlich“, erwiderte er augenzwinkernd. „Und selbst wenn ich es hätte … Ich kann ja wohl schlecht eine Landsmännin in Not so einfach ihrem Schicksal überlassen.“

„Oh. Ich bin nicht in Not!“, widersprach Catherine sofort. „Und ich will Sie wirklich nicht aufhalten!“

„So habe ich es nicht gemeint. Ich tue es gern.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich“, lächelte er und verbeugte sich leicht. „Also dann bis morgen früh, Miss Macpherson. Gute Nacht. Und schlafen Sie gut.“

Unvermittelt verlegen, blinzelte Catherine zu ihm hoch. „Sie auch, Mr. Deverell. Gute Nacht.“

Er wandte sich um, um zu seinem eigenen Zimmer weiterzugehen, aber Catherine hielt ihn noch einmal auf. „Und … Mr. Deverell? – Falls ich … falls ich heute zu neugierig gewesen sein sollte … Sie nehmen mir das doch hoffentlich nicht übel?“

Verblüfft blinzelte er, doch dann lachte er plötzlich. „Nein, nicht im Geringsten.“

Catherine lächelte erleichtert. „Gut. Dann sehen wir uns beim Frühstück, ja?“

„Aber sicher.“

„Ich freue mich“, gestand Catherine errötend ein. „Es ist wirklich viel netter, mit Ihnen zu reisen, als ganz allein.“

Er lachte leise, kehrte noch einmal zu ihr zurück und lehnte sich mit einer Schulter entspannt an den Türrahmen. „Gut, dass Sie diesen Punkt erwähnen. Jetzt bin ich nämlich mal an der Reihe, neugierig zu sein: Wie kommt es eigentlich, dass Sie so ganz ohne Begleitung quer durch Frankreich reisen?“

Catherine seufzte. „Ja, ich weiß, es ist nicht gerade üblich. Aber sehen Sie, meine Zofe brach sich auf der Überfahrt von Dover nach Calais den Fuß und musste nach Hause zurückkehren.“

„Nun, eine Zofe ist ja gut und schön. Aber lässt sich eine Lady auf Reisen nicht eigentlich von einem männlichen Verwandten begleiten? Ich meine, zu ihrem Schutz sozusagen?“

Catherine warf ihm einen verlegenen Blick zu. „Ist das eine Frage oder eine Feststellung?“

Seine Augen blitzten vergnügt, und er grinste. „Eine Feststellung.“

Catherine warf ihm einen schrägen Blick unter den Wimpern zu, dann lachte sie. „Nun, Sie haben natürlich vollkommen recht! Aber es hat sich einfach niemand gefunden, der mich begleiten wollte.“

„Dann müssen Sie einen sehr zwingenden Grund haben, trotzdem zu reisen.“

Es widerstrebte ihr, in diesem Augenblick von ihrer Verlobung mit Etienne zu erzählen, und so schüttelte sie lächelnd den Kopf. „Ich glaube, ich sollte jetzt wirklich schlafen gehen, Mr. Deverell. Denn auch wenn der Tag heute überraschend schön war, so war er auch sehr anstrengend, und ich bin wirklich müde.“

„Was nicht verwunderlich ist nach Ihrer Kopfverletzung“, stimmte Deverell sofort zu. „Verzeihen Sie, dass ich vergessen hatte, wie erschöpft Sie sein müssen.“

Angesichts seines reumütigen Lächelns blinzelte Catherine verlegen. „Oh, so schlimm ist es gar nicht. Und ich bin sicher, dass ich nach einer erholsamen Nacht morgen wieder ganz frisch sein werde.“

Er nickte, wobei ein unverkennbar amüsierter Ausdruck über seine Züge huschte. „Es freut mich, dass Sie da so sicher sind. Und was mich betrifft, so verspreche ich, bis zu Ihrer Ankunft in Paris als Begleitung zu Ihrem Schutz zur Verfügung zu stehen. Natürlich nur, sofern Sie nichts dagegen einzuwenden haben.“

„Aber nein, ganz im Gegenteil“, strahlte Catherine. „Ich könnte mir keine angenehmere Begleitung wünschen.“

Seine Augen blitzten auf, ehe er sich mit einem höflichen Handkuss und einer angedeuteten Verbeugung verabschiedete. Catherine blickte ihm kurz hinterher, dann ging sie in ihr Zimmer und schloss mit einem Lächeln auf den Lippen die Tür.

 

Am nächsten Morgen setzten sie, wie geplant, ihre Reise gemeinsam in der Postkutsche fort. Entgegen Catherines Hoffnung bot sich jedoch während der Fahrt wegen der vielen Mitreisenden kaum eine Gelegenheit, ungestört miteinander zu reden. Außerdem wurde die Fahrt durch häufige Kontrollen von Bürgerwehren und Freiwilligen ständig unterbrochen, sodass sie nur im Schneckentempo vorankamen und anfangs unter den Reisenden eine bedrückte Stimmung herrschte. Dennoch wurde die Fahrt nicht eintönig, und das war, wie Catherine dankbar anerkennen musste, hauptsächlich Christopher Deverell zu verdanken. Seinem Charme gelang nämlich, was angesichts der gereizten Stimmung fast unmöglich erschien: Die Leute in der Kutsche fingen an zu lachen und sich zu unterhalten. Auch Catherine bereitete es großes Vergnügen, Deverells tiefer Stimme zu lauschen, wenn er lustige Klatschgeschichten zum Besten gab, von denen er eine Unmenge zu kennen schien. Wenn sie alleine waren – das heißt, zumindest allein an einem Tisch saßen, denn ganz allein waren sie eigentlich nie -, wurde Deverell ernster und nachdenklicher, und Catherine kam zu dem Schluss, dass er die Rolle des sorglosen Plauderers nur den anderen gegenüber spielte, um sie von den täglichen Sorgen und Nöten abzulenken.

„Sie glauben, dass sich die Zustände in Frankreich verschlimmern, nicht wahr?“, fragte sie ihn am Abend des zweiten Tages, den sie mit der Kutsche gefahren waren.

Er nickte und legte seine Gabel beiseite. Eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. „Allerdings. Und darum … Ich meine, es geht mich nichts an, aber … Nun ja, ich denke, Sie sollten lieber nach England zurückkehren.“

„Zurück nach England? Aber das geht nicht!“

Deverell zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Nun sehen Sie“, erklärte Catherine hastig, „man erwartet mich in Paris. Man würde sich Sorgen machen. Und ich habe mich so auf diesen Besuch gefreut.“

„Nun ja, gewiss.“ Zum Teufel auch, er kannte dieses Mädchen erst wenige Tage, und schon machte er sich Sorgen um sie. War er denn verrückt geworden, dass er sich in ihr Leben einmischte? – Vermutlich ja, denn irgendetwas in ihm zwang ihn zu der nächsten Bemerkung: „Sie könnten Ihren Gastgebern einen Brief schreiben und erklären, weshalb Sie nicht kommen. Noch ist es bis Calais dichter als bis Paris.“

„Das ist absolut unmöglich!“, rief Catherine aus.

Christophers Blick verfinsterte sich. „Jeder vernünftige Mensch würde verstehen, wenn Sie angesichts der augenblicklichen angespannten politischen Lage Ihren Besuch in Paris verschieben.“

„Ja, bestimmt. Aber ich habe ihn schon so oft verschoben. Und außerdem … Sie reisen doch auch nach Paris.“

„Das ist etwas ganz anderes.“

„Warum? Weil Sie ein Mann sind?“

„Unter anderem. Ja.“

„Und weil Sie geschäftlich unterwegs sind, was natürlich viel wichtiger ist als irgendeine Privatangelegenheit, nicht wahr?“, machte Catherine sich lustig.

„So ein Unsinn!“

„Warum ist es Unsinn? Nur weil Sie glauben, dass Ihre Gründe nach Paris zu reisen wichtiger sind als meine?“

„Das glaube ich ganz entschieden nicht! Besser gesagt, ich kann es kaum beurteilen, da ich überhaupt nicht weiß, warum Sie eigentlich nach Paris wollen. Wenn es allerdings wirklich nur irgendein Besuch bei Freunden oder Verwandten ist, dann -“

„Es ist nicht nur irgendein Besuch!“

Mit einer unguten Vorahnung blickte er sie durchdringend an. „Nun gut, wer erwartet Sie denn in Paris, dass Ihr Besuch dort so umwerfend wichtig und nicht zu verschieben ist?“

Catherine sah den düsteren Ausdruck in seinen Augen und seufzte. Es half nichts, dachte sie, sie musste es ihm sagen. Sie wunderte sich über sich selbst, dass es ihr so schwerfiel. Vermutlich lag es einfach daran, dass Christopher Deverell bei weitem der interessanteste Mann war, der ihr bis dahin begegnet war. Ihre drei Cousins hatten immer wie aufgeblasene kleine Gockel gewirkt. Und die Verehrer, die es gewagt hatten, ihr unter den kritischen Blicken ihrer Mutter und Tante Emilys den Hof zu machen, waren größtenteils entweder in die Kategorie wichtigtuerisch oder verblödet einzuordnen gewesen. Gewiss, ein paar nette Burschen hatte es auch darunter gegeben. Aber ein Mann, so herrlich selbstsicher und weltgewandt wie Mr. Deverell, das war etwas ganz Neues für sie.

Sie nahm eine möglichst würdevolle Haltung an, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Stimme leicht zitterte, als sie Deverells Frage beantwortete: „Mein … Verlobter.“

Äußerlich gelassen, lehnte Christopher sich zurück, aber innerlich knirschte er mit den Zähnen. So etwas Ähnliches hatte er ja befürchtet. Er ballte die Hände unter dem Tisch zu Fäusten. „Dann fahren Sie wohl zu Ihrer Hochzeit?“

Catherine zuckte unter seiner unvermittelt kühlen Stimme zusammen. Seine Miene war absolut ausdruckslos, und doch war tief in seinen Augen etwas wie Zorn und Enttäuschung zu erkennen. War es möglich, dass er eifersüchtig war? Sie kannten sich doch kaum, und trotzdem … Die Vorstellung war seltsam erregend. Catherine fühlte ihr Herz heftig pochen. Trügerisches Ding, schimpfte sie innerlich. Du heiratest Etienne, vergiss das nicht!

„Oh nein … das heißt, noch nicht“, stammelte sie. „Wir sind noch nicht offiziell verlobt, wissen Sie. Und außerdem muss ich sowieso erst noch das Ende des Trauerjahres abwarten. Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben.“

„Das tut mir leid.“ Aus Christophers Stimme klang echtes Mitgefühl, und der Ausdruck seiner Augen wurde schlagartig weicher.

Catherine lächelte ihn dankbar an. „Sie brauchen keine Angst zu haben, ich weine nicht. Meine Mutter und ich … Na ja, wir haben uns nie so besonders verstanden. Natürlich war ich bei ihrem Tod traurig, aber … Na ja, ich glaube, ich bin darüber hinweg. Und immerhin ist es jetzt ja schon fast zehn Monate her.“

Fast zehn! Dann blieben immerhin noch zwei Monate, ehe sie heiraten konnte. Solange war sie nur verlobt, und das noch nicht einmal richtig. Und verlobt - Christopher musste ein Grinsen unterdrücken - verlobt war schließlich nicht verheiratet! Es sei denn, spottete eine Stimme in ihm, sie liebte ihren Verlobten. So etwas sollte gelegentlich ja vorkommen. Aber er würde es herausfinden!

Er merkte, dass Catherine irgendeine Antwort von ihm erwartete, und langte mit einer Hand über den Tisch zu ihr herüber: „Auch wenn Sie glauben, über den Tod Ihrer Mutter weggekommen zu sein, so ist es doch verständlich, wenn Sie sich deswegen einsam fühlen. Kein Wunder, dass es Ihnen so wichtig ist, zu Ihrem Verlobten zu reisen.“

„Ich fühle mich nicht einsam“, widersprach Catherine sofort und entzog Christopher hastig ihre Hand. „Und ich wäre auch nach Paris gereist, wenn meine Mutter noch lebte. Nur, dass sie dann mitgekommen wäre. So war es eigentlich geplant, ehe sie … ehe sie plötzlich so krank wurde.“

„Woran ist sie gestorben?“

„Eine Lungenentzündung. Sie war schon immer sehr zerbrechlich, wissen Sie. So zart und … unglaublich schön. Aber eben … nie sehr gesund.“

„Dann sind Sie sicher froh, dass Sie selbst von robusterer Natur sind.“

„Oh, danke schön!“, lachte Catherine und erhob sich. „Das hört eine Dame natürlich gern, dass sie robust ist! Ich glaube, ich gehe jetzt schlafen, bevor Ihnen noch mehr solche Nettigkeiten einfallen.“

Mit einem unterdrückten Grinsen schob auch Christopher seinen Stuhl zurück und stand auf. „Normalerweise hat sich noch nie eine Lady beklagt, dass ich linkische Komplimente mache. Und wenn Sie mir nicht gerade eben erst eröffnet hätten, dass Sie so gut wie mit einem anderen Mann verlobt sind, wäre mir auch bestimmt etwas Besseres eingefallen.“

„Wirklich?“, wagte Catherine mit einem Blinzeln zu bezweifeln.

„Sie glauben mir nicht?“, murmelte Christopher und trat dichter an sie heran, sodass sie zu ihm aufsehen musste. „Nehmen wir an, Sie hätten mir nicht gesagt, dass Sie mehr oder weniger verlobt sind … Dann hätte ich Ihnen vielleicht gesagt, dass sich Ihre Schönheit hinter niemandem verstecken muss. Möglicherweise hätte ich Ihnen auch gesagt, dass Sie faszinierend blaue Augen haben, die mich an Kornblumen im Sommer erinnern, und dass Ihre Haare wie honigfarbene Seide um ihr Gesicht fließen. Bestimmt hätte ich auch noch einiges mehr gesagt. Und vielleicht werde ich es irgendwann auch tun, und wenn Sie hundertmal die Verlobte eines anderen Mannes sind!“

Catherine starrte mit angehaltenem Atem in sein schmales Gesicht, ohne den rätselhaften Ausdruck darin deuten zu können. „Mr. Deverell … Ich glaube, ich … Ich glaube, Sie sollten so etwas nicht sagen.“

„Nein, vermutlich nicht“, stimmte er mit einem Zwinkern bereitwillig zu. „Aber ich musste doch den Beweis antreten, dass ich nette Dinge sagen kann. Schließlich kann ich nicht einfach im Raum stehen lassen, dass ich etwas behaupte, das nicht stimmt.“

Catherine starrte blinzelnd auf seine zuckenden Mundwinkel. „Oh, Sie sind unmöglich!“, entfuhr es ihr mit einem Lachen. „Und ich hätte Ihnen diesen Unsinn beinahe auch noch abgenommen!“

Mit einem eigentümlichen Lächeln erwiderte er: „Da kann man mal sehen …“

 

Der nächste Tag verlief zunächst relativ ereignislos. Als sie am Abend in Beauvais abstiegen, mussten sie erneut ihre Papiere vorzeigen. Es war ihnen mittlerweile so zur Routine geworden, dass sie dem keine große Bedeutung mehr beimaßen. Umso erstaunter war Catherine, als ein schwerbewaffneter Nationalgardist mit roter Mütze ihr nach einem kurzen Blick in ihre Ausweispapiere barsch befahl mitzukommen.

Irritiert zögerte Catherine. „Mitkommen? Warum? Was ist denn los?“

„Die Fragen stellen wir hier!“, grölte der Mann, sodass Catherine zusammenzuckte. „Sie werden zum Büro unseres Ortsfunktionärs gebracht.“

Catherine blickte sich fragend nach Deverell um. „Gehen Sie mit“, riet er. „Ich begleite Sie.“

„Tut mir leid, Bürger. Wir haben nur Befehl, die Bürgerin Macpherson zum Kommandanten zu bringen. Von Ihnen ist nicht die Rede. Sie müssen wieder in die Kutsche steigen.“

Deverell maß den Gardisten mit einem abschätzenden Blick. „Ich muss überhaupt nichts“, versetzte er kühl.

„Geben Sie Ruhe, Bürger! Oder Sie werden sich eine Menge Ärger einhandeln!“

Deverell lachte spöttisch auf. „Wenn sich hier jemand Ärger einhandelt, dann sind Sie es.“ Mit der rechten Hand zog er ein Dokument aus seiner Rocktasche. „Sie werden mich schon mitgehen lassen müssen. Ich habe hier ein Schreiben von höchster Stelle, in dem mir und meinen Begleitern volle Bewegungsfreiheit in ganz Frankreich zugesichert wird.“

Die Augen des Nationalgardisten flogen hastig über die Zeilen. Hin und wieder musterte er Deverell stirnrunzelnd. „Also gut“, kam es schließlich widerwillig über seine Lippen. „Folgen Sie mir.“

Während Catherine und Christopher dem Mann hinterherschritten, warf Catherine einen neugierigen Blick auf ihren Begleiter. Wie kam Christopher Deverell zu einem solchen Schreiben? Er musste in Frankreich über bessere Beziehungen verfügen, als sie bisher geahnt hatte!

Der Stadtkommandant war zunächst ebenso unfreundlich wie sein Untergebener. Doch Deverells Schreiben und Verhalten bewirkten auch bei ihm eine erstaunliche Veränderung. „Verzeihen Sie, Monsieur Deverell“, erklärte er unterwürfig, als er Deverell zu Ende zugehört hatte. „Ich wusste ja nicht, dass Miss Macpherson sich in Ihrer Begleitung befindet. Aufgrund ihrer Papiere hielten wir Miss Macpherson für die Tochter eines flüchtigen französischen Aristokraten. Darum ließ ich sie hierherkommen. Wir dachten, sie sei eine Emigrantin.“

„Emigrantin?“, schnaufte Catherine. „Glauben Sie, ich würde nach Paris fahren, wenn ich emigrieren wollte? Außerdem bin ich das erste Mal in meinem Leben in Frankreich!“

„Ja, verzeihen Sie. Es muss wohl ein Irrtum vorliegen. Wenn Monsieur Deverell sagt, Sie sind Engländerin wie er und gehören zu ihm, dann ist die Sache in Ordnung. Sie können Ihre Reise fortsetzen.“

Völlig verwirrt verließ Catherine das Büro des Stadtkommandanten. „Ich schätze, ohne Sie wäre ich ganz schön in Schwierigkeiten gewesen“, richtete sie das Wort an Deverell. „Ich danke Ihnen, dass Sie mir geholfen haben.“

„Nicht der Rede wert“, lächelte er. Dann sah er sie prüfend an. „Ist Ihr Vater wirklich Franzose?“

„Selbstverständlich nicht. Er war Schotte. Das müsste man doch schon an meinem Namen erkennen können.“

„Da haben Sie recht“, erwiderte er stirnrunzelnd. „Aber es ist dennoch seltsam, dass eine solche Verwechslung vorgekommen ist.“

Catherine zuckte die Achseln. „Vielleicht liegt es daran, dass mein Vater die letzten Jahre in Frankreich gelebt hat. Seit ich ein kleines Kind war, habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Vielleicht hatte er in Frankreich Ländereien oder Titel erworben. Viele Schotten sind 1746 nach dem Jakobitenaufstand nach Frankreich geflohen und dageblieben. Viele von ihnen sind später eingebürgert worden. Vielleicht glaubt der Stadtkommandant, dass mein Vater zu diesen nach Frankreich geflohenen Schotten und dadurch später zum französischen Adel gehörte.“

„Mag schon sein“, stimmte Christopher nachdenklich zu, während er Catherine zur Poststation geleitete. „Auf alle Fälle sollten Sie sich in Zukunft in Acht nehmen. Wenn man Sie hier wirklich für die Tochter eines französischen Aristokraten hält, könnte es gefährlich für Sie werden.“

„Ach was“, lachte Catherine. „Sie sehen doch, das Missverständnis lässt sich ganz leicht aufklären.“

„Hm. Ich weiß nicht. Vielleicht sollten Sie doch besser nach England zurückkehren.“

Missbilligend schüttelte Catherine den Kopf. „Mr. Deverell, das Thema hatten wir doch schon geklärt. Ich fahre nach Paris.“

„Ja, ich weiß schon. Ihr Verlobter. Aber ist er es wirklich wert, dass Sie Ihr Leben für ihn riskieren?“

Catherine lachte hell auf. „Nun übertreiben Sie nicht so maßlos! Davon kann überhaupt nicht die Rede sein. Und außerdem will ich jetzt nicht darüber nachdenken. Ich habe entsetzlichen Hunger.“

Deverells Augen blitzten amüsiert auf. „Ich auch. Aber ich halte es trotzdem für unvernünftig, wenn Sie in Frankreich bleiben. Sie wissen, dass hier im Moment alles im Umsturz ist. Sehen Sie sich doch um: In aller Öffentlichkeit wird hier ein weiterer Aufstand vorbereitet, der mit Sicherheit das Ende der Monarchie bedeuten wird. Selbst wenn Sie darauf vertrauen, dass Sie Engländerin sind, ist das gefährlich. Noch führt Frankreich zwar nur mit dem Kontinent Krieg. Aber ich fürchte, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch England hineingezogen wird. Haben Sie noch nicht gehört, dass man in Paris dabei ist, eine immer größer werdende Nationalgarde aufzubauen? Und selbst falls Ihnen auf politischer Ebene keine Gefahr drohen sollte - und ich sage ausdrücklich falls -, dann laufen Sie doch ständig Gefahr, in irgendeinen Aufstand hineinzugeraten.“

„Oh, nun geben Sie doch endlich Ruhe!“, stöhnte Catherine unwillig. „Mein Verlobter und seine Mutter haben in ihrem Brief nichts davon erwähnt, dass mir in ihrem Haus irgendeine Gefahr drohen könnte. Wenn ich erst einmal dort bin, werde ich sicher sein.“

Er zog zweifelnd eine Augenbraue hoch. „Glauben Sie das wirklich?“

„Natürlich glaube ich das. Meinen Sie, sonst würde ich dorthin reisen?“

„Sagen Sie, Miss Macpherson, wie stehen Sie eigentlich zu Ihrem Verlobten? Wie lange kennen Sie ihn schon?“

Catherine zögerte einen Moment. „Ich kenne ihn von Kindheit an“, entgegnete sie dann, was ja noch nicht einmal eine Lüge war, obwohl sie wusste, dass sie damit dem eigentlichen Sinn der Frage auswich.

Deverell schwieg kurz, ehe er gedehnt erwiderte: „Nun, man sollte meinen, wenn Ihrem Verlobten genug an Ihnen liegt, würde er Sie nicht in dieses chaotische Land kommen lassen.“

„Die Einladung von seiner Mutter bestand schon so lange“, erklärte Catherine gelangweilt. Ihr war eigentlich nicht danach zumute, jetzt über Etienne zu sprechen. „Außerdem, was hätte er denn tun sollen? Wenn er Frankreich verlassen hätte, wäre er als Emigrant angesehen worden. Sein Besitz wäre beschlagnahmt worden, seine Mutter womöglich inhaftiert. Hätten Sie das für besser gehalten?“

„Natürlich nicht. Aber vielleicht hätten Sie ja noch etwas warten können, ehe Sie sich wiedersehen.“

„Aber wir haben schon so lange gewartet.“

„Dann käme es auf ein paar Monate mehr oder weniger erst recht nicht an, oder?“

Catherine zuckte die Achseln. „Wahrscheinlich nicht. Aber nun bin ich einmal hier, nun werde ich meine Reise auch fortsetzen. Daran können nicht einmal Sie etwas ändern.“

„Nicht einmal ich?“, grinste er, während er sie ins Innere der Poststation führte, wo bereits eine dampfende Schüssel Suppe und ein großer Laib Brot auf sie warteten.

Sie aßen genüsslich und unterhielten sich dabei über die am nächsten Tag zu bewältigende Reiseroute. Jedoch war Catherine nach diesem anstrengenden Reisetag und dem doch nervenzehrenden Zwischenspiel auf der Kommandantur müde und erschöpft, sodass sie sofort nach der Mahlzeit ankündigte, auf ihr Zimmer gehen zu wollen.

Christopher führte sie nach oben und wünschte ihr an der Zimmertür eine gute Nacht, ehe er zu seinem eigenen Zimmer weiterging. Doch als er schließlich irgendwann in seinem Bett lag, starrte er gedankenverloren an die Zimmerdecke und fragte sich, warum es ihm einfach nicht gelingen wollte, die Tatsache zu akzeptieren, dass Catherine Macpherson bald einem anderen Mann gehören würde.

Catherine ihrerseits war so überwältigend müde, dass sie kaum noch die Augen offenhalten konnte. Sie versuchte, an Etienne zu denken, und dass sie ihn nun endlich bald sehen würde. Aber das lachende Gesicht, das sie kurz vor dem Einschlafen vor ihrem inneren Auge sah, gehörte nicht ihrem zukünftigen Verlobten.

 

Am nächsten Morgen regnete es, und so kamen sie noch langsamer als für gewöhnlich voran. Die Stimmung in der Postkutsche war gedrückt, und selbst Christopher schien heute nicht in der Lage zu sein, die Leute aufzumuntern. Gegen Mittag kamen sie durch eine Ortschaft, sodass sie anhalten und ihre Papiere vorzeigen mussten. Sie wurden gezwungen auszusteigen, und einer nach dem anderen wurde sorgfältig überprüft. Zu ihrem Verdruss wurde ihnen mitgeteilt, dass sie ihre Fahrt erst in einer Stunde würden fortsetzen können, weil ein Mitglied des Jakobinerklubs, zu erkennen an seiner roten Mütze, auf dem Marktplatz gerade eine flammende Rede gegen die Niedertracht des Adels hielt, die vom tosenden Beifall der Umstehenden begleitet wurde. Als guter Bürger verlor der Kutscher keine Zeit, sich den Zuhörern anzuschließen. Die anderen Reisenden folgten seinem Beispiel, nur Christopher und Catherine blieben bei der Kutsche.

„Nieder mit dem Adel!“, „Nieder mit dem König!“, „Schluss mit der Monarchie!“, waren die immer wiederkehrenden Rufe, die zu hören waren. Catherine lief es kalt den Rücken hinunter.

Deverell legte beschützend einen Arm um sie. „Sehen Sie nun, was hier los ist? Wer auch immer glaubt, dass dieses Volk noch zu bändigen ist, der irrt.“

„Glauben Sie denn etwa auch, dass man dem König etwas antun wird?“

„Ehrlich gesagt -“

In diesem Moment brach ein wildes Geschrei von der Menge los, und Deverells Worte gingen darin unter. Als es wieder etwas ruhiger wurde, schlug er vor: „Kommen Sie, Miss Macpherson. Wir sollten uns einmal genauer anhören, was der Bursche da hinten zu sagen hat.“

„Nein“, wehrte Catherine ab. „Gehen Sie nur alleine. Ich werde solange hier warten.“

„Wie Sie wollen. Aber entfernen Sie sich nicht von dem Wagen. Am besten steigen Sie wieder ein.“

Catherine nickte und blickte Deverell hinterher, der sich so zu der Menge stellte, dass er dem Redner zuhören und dabei Catherine im Auge behalten konnte.

Statt einzusteigen, lehnte sie sich müde gegen die Kutsche. Es erschreckte sie, wie wild die Menge aussah. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass diese Leute sonst friedliche Handwerker, Bauern oder Händler sein sollten. Vielleicht hatte Mr. Deverell tatsächlich mit seiner Behauptung recht, dass es in Frankreich gefährlich war? Und dennoch würde sie nicht aufgeben. Ihre Verwandten hatten es ihr nicht ausreden können, nach Paris zu reisen. Warum sollte sie sich da von einem eigentlich wildfremden Mann beeinflussen lassen?

Catherine stand noch nicht lange neben der Kutsche, als wie aus dem Nichts plötzlich vier Männer auf sie zuschlenderten. Es waren finster aussehende Gesellen, von denen einer einen Knüppel in der Hand hielt und die anderen Weinflaschen. Ganz offensichtlich waren sie bereits angetrunken und auf Streit aus. Catherine hatte sie zunächst nicht bemerkt, da sie in ihre Gedanken versunken gewesen war. Als ihr die Männer nun auffielen, waren sie schon so nahe herangekommen, dass sie von ihnen umringt war. Sie blieben direkt neben ihr stehen und musterten sie mit frechen Blicken.

Catherine versuchte, an ihnen vorbei nach Christopher Deverell Ausschau zu halten, als einer von ihnen höhnte:

„Ei, du hast aber ein feines Kleidchen an. Bist wohl 'ne Hochwohlgeborene, wie?“

Mit seiner schmierigen Hand langte er nach Catherines Rock, sodass sie mit einem erschrockenen Aufschrei einen Schritt zurückwich. Ängstlich versuchte sie, Christopher Deverell in der Menge auf dem Platz zu entdecken, doch zu ihrem Entsetzen war er nicht mehr dort, wo er vorher gestanden hatte, und der Widerling kam ihr schon wieder näher! Sie keuchte entsetzt, als er nach ihrem Arm langte, doch da plötzlich war Deverell neben ihr und schob sie energisch hinter seinen Rücken.

„Steigen Sie in die Kutsche!“, raunte er ihr tonlos zu, ohne die Männer aus den Augen zu lassen, und Catherine beeilte sich mit zitternden Knien zu gehorchen. Von innen spähte sie vorsichtig aus dem Fenster.

„Willst du uns das Spiel verderben?“, knurrte einer der Männer zornig und zerschmetterte seine Weinflasche auf dem Boden.

„Warum hört ihr nicht zu, Bürger?“, fragte ein anderer, großer, bärtiger Mann, der als einziger einen Knüppel in der Hand hielt. „Warum steht ihr nicht bei unseren Genossen?“

„Wir können auch hier gut hören“, gab Christopher, trotz seiner Anspannung, äußerlich ruhig zurück.

Der Hagere von den dreien runzelte die Stirn. „Wer seid ihr? Ihr stammt nicht aus dem Volk.“

Verdammt, dachte Christopher unbehaglich, das sah überhaupt nicht gut aus, wie die vier hier mit ihm umsprangen! Doch wenn er nicht die Aufmerksamkeit der aufgewiegelten Menge auf sich ziehen und es dann vielleicht mit noch mehr Gegnern zu tun haben wollte, galt es jetzt Ruhe zu bewahren!

So kühl und gelassen wie möglich ging er daher auf die Fragen der Burschen ein: „Die Dame und ich sind Engländer. Wir wollen mit der Postkutsche nach -“

„Engländer, ja?“, höhnte der Bärtige dazwischen. „Oder vielleicht stinkende Aristokraten?“

Bevor Christopher zu einer Antwort ansetzen konnte, schwang der Mann schon seinen Knüppel. Catherine schrie in Panik auf, als er erschreckend dicht an Christophers Kopf vorbeisauste. Doch schon war Christophers Faust vorgeschnellt, und der Bärtige ging mit einem verblüfften Stöhnen in die Knie. Christopher wirbelte herum, als der Hagere auf ihn losging, und versetzte ihm einen so kräftigen Tritt, dass dieser sich krümmte. Der dritte Mann versuchte, auf Christophers Rücken zu springen, doch Christopher wich in Sekundenbruchteilen aus, sodass der Angreifer bäuchlings auf dem Boden landete. Doch nun hatte sich der Bärtige wieder auf die Füße gerappelt und griff gemeinsam mit dem Hageren an. Und auch die anderen kamen wieder auf die Beine. Christopher war zwar wendiger und fintenreicher und lieferte den angetrunkenen Gestalten einen wilden Kampf. Doch die Angreifer, von denen noch dazu einer einen Knüppel schwang, waren in der Überzahl, und so war er ihnen auf Dauer nicht gewachsen. Er wehrte sich verbissen, musste aber immer mehr Schläge einstecken, die ihn schmerzvoll nach Luft schnappen ließen.

Catherine beobachte aus der Kutsche heraus voller Entsetzen, wie Deverell zu schwanken anfing und nach einem besonders schmerzvollen Tritt in die Rippen keuchend in die Knie ging. Sie wimmerte hilflos, als er ein weiteres Mal dem schweren Knüppel nur um Haaresbreite ausweichen konnte. Panisch sah sie sich nach irgendetwas um, das sie als Waffe benutzen könnte, um ihm zu helfen, aber nichts von dem, was in der Kutsche herumlag, war auch nur im Entferntesten geeignet. Da kam ihr plötzlich der rettende Einfall. Sie riss den Verschlag der Kutsche zur anderen Seite hin auf und stürmte zu Deverells Pferd, das hinten angebunden war. Hektisch durchwühlte sie seine Satteltaschen und fand darin, zu ihrer unsäglichen Erleichterung, tatsächlich eine große Pistole. Sie hatte nur eine vage Ahnung, wie man mit einem solchen Ding umging, aber das war im Moment völlig egal, solange diese widerlichen Kreaturen sich nur irgendwie bedroht fühlten und von ihrem Opfer abließen!

„Schluss jetzt!“, schrie sie, mit der Pistole in der Hand. „Sofort aufhören oder ich schieße!“

Die keuchenden Männer starrten sie verdattert an, ließen aber widerstrebend von Deverell ab, der inzwischen am Boden lag. Verunsichert sahen die Männer sich an und versuchten offenbar abzuschätzen, wie groß die Bedrohung durch eine Pistole in der Hand einer verängstigten Frau war.

Christopher rappelte sich schwer atmend auf die Füße. Durch einen verschwommenen Nebel vor den Augen sah er, wie die Pistole in Catherines Hand zitterte, taumelte zu ihr hinüber und nahm ihr die Waffe hastig ab. Obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, lag die Pistole in seiner Hand ruhig und zielte bedrohlich auf die vier Burschen, die nun deutlich eingeschüchterter wirkten.

Unterdessen kehrten der Kutscher und die anderen Fahrgäste zurück und starrten fassungslos auf die Szene, die sich ihren Augen bot. „Was ist hier los?“, brüllte der Kutscher, ein vierschrötiger Mann.

„Eine kleine … Auseinandersetzung“, krächzte Christopher, während er darum kämpfte, auf den Beinen zu bleiben. „Die Herren Bürger waren … mit unserer Nationalität … nicht einverstanden.“

Der Kutscher warf einen grimmigen Blick auf die vier Gesellen, die, missmutig und ebenso zerschunden wie ihr Opfer, bereits den Rückzug antraten. Kopfschüttelnd schaute er ihnen hinterher. „Sacré bleu! Muss ich denn jetzt auch noch selbst auf meine Fahrgäste aufpassen? Einsteigen, es geht weiter!“

Catherine legte einen Arm um Christophers Taille und half ihm vorsichtig in die Kutsche. Obwohl er mitgenommen wirkte, zwinkerte er ihr aufmunternd zu, woraufhin sie ein zittriges Lächeln zustande brachte. Er ließ sich auf den Sitz fallen und schloss kurz schmerzvoll die Augen, riss sich aber sofort wieder zusammen und bemühte sich um ein Lächeln. Sie setzte sich dicht neben ihn, wühlte ein Taschentuch heraus und betupfte damit vorsichtig seine aufgesprungene Lippe.

„Tut es sehr weh?“, fragte sie besorgt.

„Überhaupt nicht“, log er, lehnte aber erschöpft den Kopf an die Rückwand.

„Mon Dieu, wie Sie aussehen!“, entfuhr es Madame Léfèbre, einer älteren Mitreisenden. „Was haben diese Rohlinge nur mit Ihnen gemacht! Sehen Sie sich nur Ihre Kleider an, völlig schmutzig und zerfetzt! Und Ihre Lippe schwillt schon an.“

„Das ist wirklich nicht der Rede wert“, wiegelte Christopher mit einem müden Grinsen ab.

„Oh, ich hatte solche Angst um Sie!“, gestand Catherine. „Ich dachte, diese brutalen Kerle würden Sie töten!“

„Was sie sicher auch getan hätten, wenn Sie nicht so beherzt eingegriffen hätten, Madam. Ich danke Ihnen, dass Sie mein Leben gerettet haben!“

Catherine errötete unter der herzlichen Anerkennung, die aus seinen Augen leuchtete. „Ich bin unendlich froh, wenn ich Ihnen ein wenig helfen konnte. Aber eigentlich habe ich ja gar nicht viel gemacht.“

„Oh doch, Sie haben“, beharrte Christopher mit glitzernden Augen, ergriff ihre Hand und führte sie sanft an seine Lippen. Catherine lief unter seinem Blick und der Berührung seiner Lippen ein Prickeln über den Rücken. Sekundenlang hielt sie den Atem an und blinzelte in seine grünen Augen, in denen sich unverhohlene Bewunderung spiegelte, während um seine aufgerissenen Lippen ein zärtliches Lächeln spielte.

„Ah“, kicherte Madame Léfèbre entzückt, „und ich habe euch Engländer immer für phlegmatisch gehalten!“

Hastig entzog Catherine Christopher ihre Hand. Er lachte leise, zuckte aber schmerzvoll zusammen, als in diesem Moment die Kutsche holpernd über einen Stein fuhr und er, während er durchgeschüttelt wurde, unangenehm daran erinnert wurde, dass er ein paar heftige Schläge in die Rippen hatte einstecken müssen.

Catherine biss sich voller Mitleid auf die Lippe. „Oh, es tut mir so leid, was diese Kreaturen Ihnen angetan haben! Und Madame Léfèbre hat recht, Sie sehen wirklich schrecklich aus! Und Sie sind fürchterlich blass!“

„Besten Dank!“, gab er mit einem unerschütterlichen Zwinkern zurück. „So viel zum Thema Nettigkeiten und Komplimente! Sie hätten jetzt eigentlich sagen müssen, wie tapfer und mutig ich war! Und stattdessen bekomme ich zu hören, ich würde schrecklich aussehen!“

Catherine blinzelte in seine lachenden Augen. Mit einem seltsamen Flattern im Bauch brachte sie ein unsicheres Lächeln zustande und gestand: „Ich hatte schreckliche Angst, als diese Männer auf mich zukamen. Und es war wirklich unglaublich tapfer und mutig, wie Sie mir zu Hilfe gekommen sind!“

„Das klingt doch viel besser“, grinste er und setzte dann etwas sachlicher hinzu: „Sagen Sie, woher haben Sie eigentlich gewusst, dass ich eine Pistole in der Satteltasche hatte?“

„Ich hatte sie am ersten Tag gesehen, als Sie etwas daraus hervorholten. Warum tragen Sie sie nicht bei sich? Wäre das nicht sicherer?“

„Bestimmt. Aber ich wollte mich nicht auffällig machen, indem ich in der Postkutsche eine Waffe trage. Doch der Vorfall heute war mir eine Lehre. Das war das erste und das letzte Mal, dass ich so unvorsichtig war.“

Catherine seufzte leise. „Es war alles meine Schuld. Ich hätte in die Kutsche steigen sollen, wie Sie gesagt haben, aber ich habe die Männer nicht rechtzeitig gesehen, und -“

„Es war nicht Ihre Schuld“, widersprach Christopher sofort. „Ich hätte Sie nicht allein lassen dürfen.“

„Woher hätten Sie denn wissen sollen, dass so etwas passiert!“

„Weil so etwas hier im Land augenblicklich ständig passiert“, versetzte er, nunmehr sehr ernsthaft. „Sie haben offenbar keine Ahnung, wie oft der Mob in den letzten Monaten und Wochen schon unschuldige Menschen zu Tode gehetzt, gefoltert oder missbraucht hat. Und sich einzubilden, dass wir sicher wären, nur weil wir Engländer sind … eine schöne, aber gefährliche Illusion!“

Catherine sah ihn betroffen an. „Natürlich weiß ich, dass in Frankreich zurzeit schlimme Dinge geschehen, Mr. Deverell. Mein eigener Vater ist bei Bauernunruhen in der Normandie ums Leben gekommen. Aber dennoch -“

„Ist er das?“, entfuhr es Christopher. „Und das hat Sie nicht davon abgehalten, hierherzukommen?“

Sie biss sich nervös auf die Lippen. „Nein. Irgendwie habe ich geglaubt, alles wäre trotzdem … irgendwie nicht so schlimm.“

„Und jetzt? Was glauben Sie jetzt?“

„Ich weiß nicht … Vielleicht war das ja ein Zufall heute. Es muss doch nichts heißen, oder? Ich meine … auch in England gibt es solche Leute wie die Männer vorhin.“

„Ja, die gibt es“, stimmte Christopher stirnrunzelnd zu. „Aber in England herrschen noch Recht und Gesetz. Hier dagegen lösen sich gerade sämtliche Strukturen auf.“

„Wenn Sie das alles so pessimistisch sehen … Wieso sind Sie dann noch in Frankreich, Mr. Deverell?“

Er wandte den Kopf ab und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. „Gute Frage“, versetzte er schließlich verdrossen. „Manchmal stelle ich sie mir auch.“

 

Am Abend stiegen sie in einer kleinen Ortschaft in einem Gasthof mit dem Namen La Voile ab. Das äußerlich unscheinbare Gasthaus machte im Inneren einen gepflegten Eindruck und war gut besucht. Catherine konnte sehen, dass die rechts von der Eingangstür liegende Gaststube fast voll besetzt war.

Der Wirt, der beim Koffertragen selbst mit anpackte, war sehr zuvorkommend. Er führte Catherine und Madame Léfèbre, welche die einzigen weiblichen Fahrgäste waren, auf ihre Zimmer im ersten Stock. Im zweiten Stock lagen die Zimmer der männlichen Reisenden.

„Sehen wir uns beim Essen?“, fragte Catherine, als Deverell an ihr vorbei die Treppe hinaufschreiten wollte. „Oder möchten Sie sich nach dem Vorfall heute Mittag lieber hinlegen?“

„Nein, mir geht es gut“, beteuerte er lächelnd. „Ich werde mir doch wegen ein paar blauen Flecken keine Mahlzeit in Ihrer Gesellschaft entgehen lassen.“

Catherine blinzelte errötend. „Dann treffen wir uns in der Gaststube?“

„Gewiss. Sagen wir in einer dreiviertel Stunde? Dann haben Sie Zeit genug, sich frisch zu machen, und ich kann mir auch ein paar andere Sachen anziehen.“

„Ja, gern. Hoffentlich bekommen wir noch einen Tisch.“

Ihr entging nicht, dass Deverell leicht humpelte und sich am Geländer festhielt, als er seinen Weg nach oben fortsetzte, sodass sie ihm besorgt hinterherrief: „Mr. Deverell? Ist wirklich alles in Ordnung? Oder brauchen Sie Hilfe?“

Über die Schulter entgegnete er fröhlich, nichtsdestotrotz ein wenig atemlos: „Alles bestens. Also, bis nachher.“

Eine dreiviertel Stunde später war Catherine frisch gewaschen und hatte das verstaubte Reisekleid gegen ein leichteres Musselinkleid eingetauscht. Sie hatte ihre Haare so lange gebürstet, bis sie rotgolden schimmerten. Dann hatte sie noch ein wenig Puder und einen Hauch Parfum aufgelegt. Gutgelaunt wollte sie gerade zum Abendessen hinuntergehen, als es an ihrer Zimmertür klopfte und der Wirt erschien.

„Verzeihen Sie die Störung, Mademoiselle. Monsieur Deverell lässt Ihnen ausrichten, dass er nicht zum Abendessen herunterkommen wird. Er fühlt sich nicht ganz wohl und möchte lieber auf seinem Zimmer speisen.“

„Ach du großer Gott!“, stöhnte Catherine. „Dann ist er also doch ernster verletzt, als er zugegeben hat! Hat er große Schmerzen?“

„Ich weiß es nicht, Mademoiselle. Aber nach dem, was mir der Kutscher erzählt hat, nehme ich es wohl an. Eine Schande.“

„Ja. Ich werde sofort zu Mr. Deverell gehen. Könnten Sie mir vielleicht mein Essen in sein Zimmer bringen lassen?“

Der Wirt lächelte breit. „Aber gewiss, Mademoiselle. Sofort.“

Mit besorgter Miene eilte Catherine die Treppe hinauf, die zum zweiten Stock führte, wo die Zimmer der männlichen Reisenden lagen. Am Ende des langen Ganges befand sich Deverells Zimmer. Sie klopfte kurz und sein „Herein“ erklang.

Kaum hatte sie die Schwelle überschritten, blieb sie verblüfft stehen. Sie hatte erwartet, Deverell im Bett liegend vorzufinden. Stattdessen stand er mitten im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf dem eine Flasche Wein und das Abendessen für zwei gedeckt waren.

Ziemlich verblüfft entfuhr es ihr: „Lieber Himmel, Sie liegen ja gar nicht im Bett!“

Um seine Mundwinkel zuckte es. „Nein. Es isst sich so schlecht im Bett, finden Sie nicht auch?“

„Ja, aber … Sie haben für zwei decken lassen! Woher … woher wussten Sie, dass ich auch hier essen würde?“

„Ich wusste es nicht. Ich hoffte es nur.“ Er lächelte sie auf eine sehr entwaffnende Art an. „Sehen Sie, ich wollte ursprünglich wirklich runterkommen, aber … nun ja, irgendwie ist es hier oben doch viel angenehmer. Also habe ich den Wirt gebeten, das Abendessen für uns beide hier zu servieren.“

„Ja, aber … er sagte doch, es ginge Ihnen nicht gut. Ich dachte …“

Er zog ihr einen Stuhl zurecht, und automatisch setzte sie sich. „Ich fürchtete, dass Sie nicht kommen würden, wenn ich Sie einfach so auf mein Zimmer einladen würde.“

„Da haben Sie allerdings recht!“, entgegnete Catherine empört und erhob sich sofort wieder. „Was haben Sie sich nur dabei gedacht? Ich werde auf der Stelle wieder gehen.“

„Seien Sie nicht albern!“ Er trat auf sie zu und ergriff sie an beiden Armen. „Sie werden doch einsehen, dass es sich hier oben viel gemütlicher essen lässt. Weder ist es hier so verqualmt noch so laut wie unten. Hier können wir uns wenigstens in Ruhe unterhalten.“

„Was glauben Sie wohl, was die Leute sagen, wenn ich hier mit Ihnen allein in Ihrem Zimmer bleibe! Ist Ihnen nicht klar, dass ich für alle Zeiten ruiniert bin, wenn … wenn das herauskommt?“

Mit einem unterdrückten Grinsen entgegnete er: „Was Ihren guten Ruf betrifft, so sind Sie ja nur als barmherzige Krankenschwester hier drin. Außerdem weiß es sowieso nur der Wirt. Und, falls es Sie beruhigt, ich bin wirklich indisponiert.“ Er zwinkerte ihr zu. „Zumindest ein kleines bisschen.“

Sie öffnete den Mund, um ihn voller Strenge zu tadeln. Doch in seinem Blick lag eine solch entwaffnende Wärme, dass sie plötzlich nicht anders konnte, als mit einem Lachen den Kopf zu schütteln. „Also gut, meinetwegen. Aber nur, wenn Sie endlich meine Arme loslassen. Sie zerquetschen sie ja beinahe!“

Er lockerte seinen Griff, ohne sie jedoch loszulassen, und sah mit einem eigentümlichen Lächeln auf sie herab. Ihr Herzschlag beschleunigte sich wie rasend, während sie zu Deverell aufsah, der ihr beängstigend nahe stand. Wie dunkel das Grün seiner Augen über ihrem Gesicht glitzerte! Ob er wohl die Absicht hatte, sie zu küssen? Eigentlich fand sie diese Vorstellung gar nicht so unangenehm. Aber als verlobtes Mädchen konnte sie doch unmöglich einen anderen Mann ermutigen, sich Freiheiten herauszunehmen! Mit einem Seufzer befreite sie sich aus seinem Griff und wandte sich von ihm ab. Hinter ihr erklang sein leises Lachen, während sie zögernd zum Tisch ging und auf einem der zwei Stühle Platz nahm.

„Noch einmal dürfen Sie mir einen solch üblen Streich aber nicht spielen, Mr. Deverell“, mahnte Catherine, als er sich ihr gegenübersetzte.

Er hob fragend eine Braue. „Meinen Sie, dass ich Ihre Arme zerquetsche oder dass ich Sie unter einem Vorwand in mein Zimmer kommen ließ?“

„Sie wissen genau, was ich meine. Außerdem haben Sie mich nicht kommen lassen. Der Wirt sagte nur, ich müsste allein speisen, weil Sie sich nicht wohlfühlten.“

„Richtig. Und dabei vertraute ich auf Ihr mitleidiges Herz, das Sie sofort zu mir bringen würde.“

„Eben. Ein ganz schändlicher Vertrauensbruch. Den ich mir in Zukunft verbitte.“

„Keine Angst, ich werde artig sein“, versetzte er scheinbar demütig. Doch in seinen Augen tanzten übermütige Funken.

Mit einem Schmunzeln schüttelte Catherine ihren erhobenen Zeigefinger. „Ich warne Sie, ich meine es ernst.“ Dann atmete sie tief durch, langte nach Messer und Gabel und freute sich auf den köstlichen Gemüseeintopf, der auf ihrem Teller dampfte. „Aber Sie haben recht. Es ist hier oben gemütlicher.“

Deverell grinste, aber statt nach seinem Besteck zu langen, lehnte er sich entspannt auf seinem Stuhl zurück und ließ seinen Blick in aller Ruhe über sie gleiten.

Verwundert sah sie ihn an. „Sollten wir nicht lieber essen, solange der Eintopf noch heiß ist?“

Statt ihre Frage zu beantworten, lächelte er und murmelte leise. „Wissen Sie eigentlich, dass Ihr Haar im Kerzenschein fast noch schöner ist als bei Tageslicht? Und da fand ich es schon schön.“

Verwirrt ließ Catherine ihre Gabel sinken. „Sie … sollten so etwas nicht sagen.“

„Soll ich lieber sagen, dass Sie ein ganz zauberhaftes Kleid anhaben und heute Abend entzückend aussehen?“

„Mr. … Deverell!“

Er lachte, wobei er sie bewundernd betrachtete. „Wirklich, es ist wahr! Das dunkle Kleid lässt den Rotton Ihrer Haare hervorragend zur Geltung kommen. Haben Sie diese Haarfarbe von Ihren schottischen Vorfahren? Oder sind Sie gar selbst Schottin?“

„Ich bin Engländerin!“, entgegnete Catherine so kurz angebunden, dass Deverell überrascht blinzelte und sein Lächeln erstarb. Sofort blickte sie ihn entschuldigend an. „Oh, verzeihen Sie! Ich wollte Sie nicht so anfahren! Es ist nur, weil … Nun ja, Sie wissen ja, mein Vater war Schotte.“

„Ja, das sagten Sie. Aber ich verstehe trotzdem nicht -“

„Nein, wie sollten Sie auch“, unterbrach Catherine. „Aber sehen Sie, ich sagte Ihnen ja schon, dass ich, seit ich ein kleines Kind war, keinen Kontakt mehr zu meinem Vater hatte. Er hat meine Mutter und mich allein gelassen, als ich drei Jahre alt war. Damals ist er einfach fortgegangen, nach Frankreich. Nicht einmal finanziell war für uns gesorgt, obwohl es ihm gut ging. Er hat sich meiner Mutter gegenüber so … so schäbig verhalten, verstehen Sie! Er muss ein ganz gemeiner Mensch gewesen sein! Darum … ich meine, ich habe nichts gegen Schotten im Allgemeinen, aber … nun, gegen meinen Vater habe ich etwas.“

„Und deshalb möchten Sie lieber als Engländerin und nicht als Schottin betrachtet werden?“, warf Deverell mit hochgezogener Braue ein.

„Ich bin Engländerin!“, beharrte Catherine. „Meine Mutter war Engländerin, und bei ihr und ihrer Familie habe ich mein ganzes Leben verbracht!“

Er runzelte nachdenklich die Stirn. „Haben Sie jemals Ihren Vater nach den Gründen für sein Fortgehen befragt?“

„Nein, wie denn! Er lebte doch in Frankreich.“

„Sie hätten ihm schreiben können. Vielleicht -“

„Das hätte auch nichts geändert. Er wollte doch gar nichts von mir wissen, hat mir fast nie geschrieben oder sich nach mir erkundigt! Sehen Sie, ein einziges Mal habe ich einen Brief von ihm erhalten. Das war, nachdem Etienne mir seinen Antrag gemacht hatte. Irgendwie musste mein Vater davon erfahren haben und schrieb mir einen Brief. Er schrieb sehr lieb und sehr freundlich, und ich glaubte schon, er würde jetzt doch noch Vatergefühle entwickeln. Doch der ganze Brief diente nur dazu, dass er mir am Ende davon abriet, Etienne zu heiraten. Seine ganzen lieben Worte waren nur eine Täuschung, weil er nicht wollte, dass ich Etiennes Frau werde.“

„Und warum wollte er es nicht?“

Catherine zuckte die Achseln. „Mutter sagte, er hätte Etienne und seine Mutter gekannt, und sie hätten sich nicht verstanden. Sie meinte, dass das der Grund wäre, dass Vater diese Heirat nicht wollte. Aber sehen Sie, es war so enttäuschend! Ein einziger Brief, und den hatte er nur wegen seiner Feindschaft mit der Marquise de Fontenay geschrieben!“

Christopher, der gerade an seinem Wein nippte, verschluckte sich und hustete heftig. „Seine Feindschaft mit wem, sagten Sie?“

„Der Marquise de Fontenay. Etiennes Mutter. Warum?“

Er starrte sie geradezu entgeistert an, und seine Stimme klang heiser: „Wollen Sie damit etwa sagen, dass der Marquis de Fontenay Ihr Verlobter ist?“

Catherine hörte verwundert auf zu essen. „Aber ja. Kennen Sie ihn etwa?“

„Ja. Gütiger Himmel, Catherine - das kann nicht Ihr Ernst sein! Sie können diesen Mann nicht heiraten wollen!“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Mr. Deverell“, gab Catherine gezwungen und mit einem dumpfen Gefühl in der Magengegend zurück. „Warum sollte ich ihn nicht heiraten wollen?“

Er strich sich mit beiden Händen durch die Haare und schüttelte wie benommen den Kopf. „Ich kann es Ihnen nicht sagen, Catherine. Aber glauben Sie mir, de Fontenay ist kein Mann für Sie!“

Mit aufblitzenden Augen schleuderte Catherine ihre Serviette auf den Tisch und fuhr Christopher an: „So, ist er das nicht! Wie wollen Sie das denn beurteilen können? Meinen Sie vielleicht, Sie kennen mich so genau?“

„Nein, wahrscheinlich nicht, aber -“

„Dann haben Sie auch kein Recht auf ein Urteil!“

Er starrte sie fassungslos an, stand ruckartig auf und begann, trotz seines schmerzenden Beines, im Zimmer unruhig auf und ab zu marschieren. Heftig schlug er mit einer Hand in die andere. Etienne de Fontenay - ausgerechnet!

„Lieben Sie ihn?“, fragte er zornig.

„Das geht Sie nicht das Geringste an!“, fauchte Catherine und sprang von ihrem Sitz hoch.

„Und ob mich das etwas angeht!“, gab er ebenso gereizt zurück. „Schließlich habe ich versprochen, mich um Sie zu kümmern.“

„Ja, aber nur bis wir in Paris sind! Ihre klugen Ratschläge können Sie sich sparen!“

Er starrte sie aus zusammengekniffenen Augen finster an und atmete ein paarmal tief durch. „Nun gut. Sie müssen wissen, was Sie tun. Aber wenn ich Sie wäre, würde ich Etienne de Fontenay nicht heiraten.“

„Ach. Sie meinen wohl, Sie wären eine bessere Partie?“

„In einer Hinsicht gewiss! Aber habe ich Ihnen etwa einen Antrag gemacht?“

„Nein. Aber man könnte meinen, Sie hätten es vor, so wie Sie über meinen Verlobten herziehen!“

„Seien Sie nicht albern! Das Letzte, was ich mir wünsche, ist, mich an ein törichtes Frauenzimmer zu binden!“

„Töricht! Oh!“ Der beißende Sarkasmus, der in Deverells Stimme mitschwang, war verletzender als seine Wortwahl. Catherine wirbelte herum und wandte ihm den Rücken zu. „Ich glaube, Mr. Deverell, es ist besser, wenn wir unsere Reise in Zukunft getrennt fortsetzen! Sie haben ja Ihr Pferd und können reiten!“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage! Bei dem Talent, das Sie haben, von einer Schwierigkeit in die nächste zu stolpern!“

Wütend drehte sie sich wieder zu ihm um und funkelte ihn an. „Ohne Sie würde ich weitaus besser zurechtkommen!“

„Ach, tatsächlich?“

Catherine verspürte das dringende Bedürfnis, ihm auf seine ironisch verzogenen Mundwinkel zu schlagen. „Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“, knirschte sie.

Ein hartes Funkeln trat in seine Augen. Nicht die geringste Wärme war jetzt mehr darin. „Aber gewiss. Sobald wir Paris erreicht haben.“

Sie setzte zu einem wütenden Protest an, doch Deverell schnitt ihr mit einer energischen Geste das Wort ab. „Sparen Sie sich Ihren Widerspruch. Sobald ich Sie sicher bei den Fontenays abgegeben habe, sind Sie mich los. Bis dahin stehen Sie wohl oder übel unter meinem Schutz, egal ob es Ihnen oder mir gefällt.“

Er humpelte zur Zimmertür und öffnete sie. „Betrachten Sie diesen Punkt also als erledigt, Madam!“ Mit einem Krachen flog die Tür hinter ihm ins Schloss.

Ungläubig starrte Catherine auf die Tür. Wie konnte dieses empörende Individuum es wagen, so mit ihr zu reden! Und mit welch anmaßender Arroganz er einfach über sie verfügte! Mit welchem Recht bildete er sich ein, dass sie seine Begleitung künftig einfach so hinnehmen würde? Sie bedachte ihn mit allen Schimpfworten, die ihr einfielen, und ließ sich danach matt und atemlos auf ihren Stuhl fallen.

Missmutig starrte sie minutenlang auf die noch halbvolle Flasche Wein auf dem Tisch und das kaum angerührte Essen auf Christopher Deverells Teller. Mit dem Anflug eines schlechten Gewissens dachte sie darüber nach, dass dies ja eigentlich sein Zimmer war, aus dem sie ihn vertrieben hatte. Und das, obwohl er Schmerzen hatte und sicherlich erschöpft war, nachdem er sich wenige Stunden zuvor erst ihretwegen geschlagen hatte! Ihr schlechtes Gewissen verstärkte sich, und sie fragte sich, während sich ihr Atem allmählich beruhigte, wie es möglich war, dass sie so aus der Fassung geraten war. Natürlich hatte Mr. Deverell auch bei nüchterner Überlegung kein Recht, sich einzumischen! Und schon gar nicht stand es ihm zu, auf diese empörende Art mit ihr zu reden! Aber sie hatte ihn natürlich auch gereizt. Er hatte ihr aus allen möglichen Situationen herausgeholfen, und statt ihm dankbar zu sein, hatte sie ihm in ihrer Wut zu verstehen gegeben, seine Gegenwart sei ihr unangenehm. Kein Wunder, dass er da zornig geworden war. Wenn man dann noch bedachte, dass es ihm eigentlich nicht gutging … Und wenn sie ehrlich war, wollte sie im Grunde genommen sehr gern weiter mit ihm zusammen reisen. Auch wenn er sich unmöglich benommen hatte, so tat es ihr doch leid, was sie gesagt hatte. Ohne Zweifel hatten sie sich beide falsch und hitzköpfig verhalten, und sie konnte nur hoffen, dass er genauso zur Einsicht kommen würde wie sie.

Sie seufzte, erhob sich und schritt langsam zur Tür, um aus Deverells Zimmer zu verschwinden, ehe er zurückkäme. Sie hatte keine Ahnung, wie schnell er seinen Zorn überwinden würde, aber gemessen an der Heftigkeit seiner Reaktion war es vermutlich besser, ihm an diesem Abend erst einmal aus dem Weg zu gehen. Sie öffnete die Tür und spähte vorsichtig um die Ecke. Auf dem Gang war alles ruhig, und sie schlüpfte hinaus.

Ohne jemandem zu begegnen, gelangte sie die Treppe hinunter in den ersten Stock und in ihr eigenes Zimmer, wo sie sich kurze Zeit später müde und erschöpft auf ihr Bett fallen ließ. Sie schloss die Augen, um zu schlafen, doch ein gewisses Unbehagen, wenn sie an Christopher Deverells Worte zurückdachte, hielt sie noch wach. Seltsam, dass erst ihr Vater und jetzt Deverell, so verschieden sie sicherlich waren, sie beide vor Etienne warnten. Doch die Meinung ihres Vaters zählte nichts, und Mr. Deverell - nun, über seine Gründe zu spekulieren, hatte wahrscheinlich wenig Sinn. Sie verscheuchte daher alle beunruhigenden Gedanken, sagte sich, dass morgen sicherlich alles wieder ins Lot kommen würde, und schlief ein.

Christopher hingegen fand noch lange nicht seine Ruhe. Nachdem er sein Zimmer verlassen hatte, war er hinunter in die Gaststube gehumpelt und hatte sich eine Flasche Wein bestellt. Der Wirt hatte ihn verwundert angesehen, aber den verlangten Rotwein gebracht. Mechanisch trank Christopher ein Glas nach dem anderen, obwohl ihm der Wein eigentlich nicht sonderlich schmeckte. Aber auch das half ihm nicht, auf andere Gedanken zu kommen. Mit zusammengekniffenen Augen und gerunzelter Stirn brütete er unablässig darüber nach, dass Catherine Etienne de Fontenay heiraten wollte. Jeden anderen Verlobten hätte er akzeptiert, wenn sie ihn wirklich liebte. Aber ausgerechnet de Fontenay!

Christopher schenkte sich ein weiteres Glas Wein ein und leerte es in einem langen Zug. Wütend stellte er das Glas wieder auf dem Tisch ab und lehnte den schmerzenden Kopf gegen die Wand hinter seinem Stuhl. Verdammt, jeder Knochen tat ihm weh, sein Schädel pochte unbarmherzig, und sein Magen war hohl, da er kaum etwas gegessen hatte. Er hätte es sich jetzt oben in seinem Zimmer bequem machen können, wenn er nicht so dumm gewesen wäre, in einem Wutanfall davonzurennen und Catherine dort zurückzulassen! Zum Teufel auch, er hatte sich benommen wie ein eifersüchtiger Trottel! Und natürlich hatte sie recht, wenn sie sagte, dass ihn ihre Verlobung eigentlich nichts anging, selbst wenn er noch so vernarrt in sie war! Er hatte fast von Anfang an gewusst, dass sie einen anderen Mann heiraten würde, und auch wenn es ihm schwergefallen war, das zu akzeptieren, so wusste er doch, dass ihm Ehre und Anstand keine andere Wahl gelassen hätten, als die Finger von ihr zu lassen. Aber de Fontenay! Es war nicht zu fassen!

Er presste die Lippen zusammen und verschränkte die Arme hinter dem Nacken, während der Wein allmählich seine Wirkung tat und sein Kopf zunehmend schwerer wurde. Seltsamerweise fühlte er sich durch den Alkoholnebel in seinem Gehirn in keiner Weise betäubt, auch wenn er sich das gewünscht hätte, und konnte immer noch klar denken.

Wenn es sich bloß um eine persönliche Feindschaft zwischen ihm und dem Marquis gehandelt hätte, überlegte er kopfschüttelnd, wäre er wahrscheinlich verstimmt, aber nicht so entsetzlich schockiert gewesen, als Catherine ihm den Namen nannte. Doch es war ja viel schlimmer! Und dennoch konnte er Catherine nicht so ohne Weiteres erklären, was mit ihrem Verlobten los war! Sie würde es sicher falsch verstehen oder ihn womöglich gar für einen eifersüchtigen Rufmörder halten. Also würde sie es allein herausfinden müssen. Aber wenn sie es nun zu spät erfuhr? Oder wusste sie es vielleicht sogar schon? Aber warum in drei Teufels Namen war sie dann bereit, de Fontenay zu heiraten?

Gewiss, es hatte immer Frauen gegeben, die es auf einen Titel und Vermögen abgesehen hatten, und die meisten hielten das noch nicht einmal für verwerflich. Viele meinten sogar, Geld und eine gesellschaftliche Stellung seien die beste Basis für eine gute Ehe. Gefühle spielten dabei häufig nur eine Nebenrolle. Aber war es wirklich möglich, dass Catherine Macpherson aus diesen berechnenden Gründen eine Ehe eingehen wollte? Bisher jedenfalls hatte er eher den Eindruck gehabt, dass sie sehr gefühlsbetont und warmherzig war. Sollte er sich wirklich so getäuscht haben? Sollte er auf ein hübsches Gesicht hereingefallen sein, so wie sein Vater damals kurz vor seinem Tod auf Helen Farrogate hereingefallen war?

Voller Zorn und Verbitterung trank er einen weiteren Schluck. Helen Farrogate! Diese infame kleine Intrigantin! Beinahe wäre sie seine Stiefmutter geworden, wenn es nach seinem Vater gegangen wäre! Die Hochzeit war sogar schon geplant gewesen, als dieses junge Mädchen aus guter Familie, in das sein Vater sich wie ein blinder Narr verguckt hatte, sich plötzlich einem Jüngeren zuwandte und die Verlobung platzen ließ. Gott, wenn er nur daran zurückdachte, wie er hilflos den Schmerz seines Vaters hatte ansehen müssen, ohne etwas dagegen tun zu können! Damals hatte er sich geschworen, nur eine Frau zu heiraten, die ihm ihre Liebe hundertprozentig bewiesen hätte.

Natürlich hatte er in den Jahren nach dem Tod seines Vaters manche nette Liebelei genossen. Aber er hatte niemals ernstlich sein Herz verloren. Und nun war er dabei, es aufs Spiel zu setzen für eine mehr oder weniger verlobte Frau! Er musste wirklich völlig den Verstand verloren haben!

Er stützte den Kopf auf die Hände und starrte trübsinnig in sein Weinglas. Wahrscheinlich war es sogar falsch gewesen, überhaupt anzudeuten, dass Etienne de Fontenay nicht der Richtige für sie war. Vielleicht würde sie jetzt erst recht zu Etienne halten, aus reinem Trotz heraus, selbst wenn sie herausfand, dass er -

„Verzeihen Sie, Monsieur“, unterbrach der Wirt seine Gedankengänge. „Wir müssen die Gaststube jetzt schließen. Es ist schon spät. Vielleicht wünschen Monsieur, dass ich ihm noch eine Flasche Wein aufs Zimmer stelle?“

„Nein. Danke, aber … ich glaube, ich habe genug getrunken.“

„War Mademoiselle Macpherson böse, weil Sie nicht wirklich krank sind, Monsieur?“

„Wie? … Äh, ja. Ihr gefiel mein … Verhalten nicht.“

„Machen Sie sich nichts draus, Monsieur. Ich glaube, dass Mademoiselle Macpherson Sie mag. Sie war ganz aufgelöst, als ich sagte, Sie fühlten sich nicht.“

„Wirklich? Sie scheinen Ihre Gäste ja aufmerksam zu beobachten“, brummte Christopher widerwillig.

Der Wirt grinste breit. „Als Gastwirt lernt man die Menschen kennen, Monsieur. Und vielen löst der Wein die Zunge. Man erfährt viel über die Probleme der Leute. Na ja, da fängt man dann eben an, auch auf diejenigen zu achten, die nicht von allein losreden.“

Mit hochgezogener Braue meinte Christopher: „Ist das so?“

„Nehmen Sie's mir nicht übel, Monsieur“, lachte der Wirt. „Aber es ist einfach zu offensichtlich! Denn, sehen Sie, als Sie hier ankamen, da haben Sie viel gelacht und waren freundlich. Und jetzt sitzen Sie hier ganz allein und schweigen trübsinnig vor sich hin. Da konnte ja nur die Dame dahinterstecken!“

Mit einem unterdrückten Lachen erhob Christopher sich. „Na gut, ich gebe es zu. Ich wusste nicht, dass ich so leicht zu durchschauen bin.“

„Machen Sie sich nichts draus. Ich konnte bisher noch jeden durchschauen. Und daher kann ich Ihnen auch versichern, dass Ihr Kummer unbegründet ist. Mademoiselle Macpherson mag Sie, da bin ich ganz sicher!“

Christopher zuckte die Achseln. „Ja, daran habe ich eigentlich nicht einmal einen Zweifel. Aber … Nun, was soll's. Ich glaube, ich sollte allmählich mal auf mein Zimmer gehen und schlafen.“

„Tun Sie das, Monsieur. Und Sie werden sehen, morgen ist Mademoiselle Macpherson bestimmt wieder ganz freundlich.“

 

Als Catherine am nächsten Morgen zum Frühstück herunterkam, saß Christopher Deverell bereits an einem Tisch, auf dem zwei Tassen Kaffee standen. Er erhob sich kurz bei ihrem Eintritt und zog ihr mit eisiger Höflichkeit den Stuhl zurecht, woraufhin sie mit einem unsicheren „Guten Morgen“ Platz nahm.

Schweigend saßen sie sich daraufhin gegenüber. Catherine faltete die Hände auf dem Schoß und musterte angelegentlich die karierte Tischdecke, während Deverell mit ausdrucksloser Miene durch sie hindurchzusehen schien.

Nach einigen Sekunden voller Anspannung richtete er dann doch das Wort an sie, mit kühler, unbeteiligter Stimme: „Es gibt kein Brot heute. Der Wirt sagt, die Getreidelieferung sei ausgeblieben, sodass nicht gebacken werden konnte.“

„Ach. Wie schade.“ Catherine trank einen Schluck aus ihrer Tasse. „Dafür schmeckt der Kaffee ganz vorzüglich.“

„Ja. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen?“

„Ja, danke. Und Sie?“

„Ausgezeichnet, danke.“

Sein Tonfall hätte nicht frostiger sein können, überlegte Catherine entmutigt und schwieg. Während sie darüber rätselte, wie sie mit diesem distanzierten Fremden umgehen sollte, der kaum noch eine Ähnlichkeit hatte mit dem humorvollen, warmherzigen Mann, den sie kannte, nippte sie lustlos an ihrem Kaffee.

Auch Deverell langte irgendwann nach seiner Tasse, trank kurz und stellte sie mit einem gelangweilten Blick auf die am Nebentisch sitzenden Gäste wieder ab.

Catherine biss sich auf die Lippen, nahm allen Mut zusammen und wagte einen neuen Anlauf: „Was macht Ihr Bein? Mir fiel gestern auf, dass Sie leicht humpelten.“

„Nichts von Bedeutung, danke der Nachfrage.“

„Und Sie fühlen sich gut? Ich meine … Sie sehen so blass aus.“

„Zuviel Wein auf nüchternen Magen. Kein Grund, sich Sorgen zu machen.“

„Oh. Nun … dann ist das ja immerhin beruhigend.“

„Ja. Und ich bin froh festzustellen, dass Sie sich ebenfalls von der gestrigen Aufregung erholt zu haben scheinen.“

„Sie meinen …“

„Die vier finsteren Gesellen, die uns angegriffen haben.“

„Ach so. Ja, natürlich. Ich dachte, Sie meinen …“

„Ich meine was?“

Sie antwortete nicht, sondern senkte die Wimpern. Christopher betrachtete sie verwundert, nippte an seinem Kaffee, und über den Rand der Tasse hinweg trafen sich seine und Catherines Blicke, als sie wieder aufsah. Verblüfft entdeckte er in Catherines Miene ein belustigtes Zwinkern und zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Oh, Christopher“, prustete Catherine lachend heraus. „Äh … ich meine natürlich Mr. Deverell! Das ist doch einfach entsetzlich. Diese höflichen Banalitäten! Können wir nicht bitte wieder normal miteinander reden und unseren Streit vergessen?“

Er blinzelte überrascht, doch dann blitzte ein erleichtertes Grinsen in seiner eben noch eisigen Miene auf. „Nichts lieber als das! Ich glaube, es ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht so schwergefallen, höfliche Konversation zu betreiben!“

„Mir auch nicht“, gestand Catherine mit einem befreiten Lächeln. „Und Christo… Mr. Deverell, es tut mir so schrecklich leid, was ich gestern zu Ihnen gesagt habe! Ich reise nämlich sehr gerne mit Ihnen, das müssen Sie mir glauben.“

Er zwinkerte ihr zu. „Bleiben Sie ruhig bei Christopher, das gefällt mir sehr gut. Sie sind mir also nicht mehr böse?“

Catherine schüttelte den Kopf. „Nein. Und Sie?“

Er lächelte träge. „Ich auch nicht.“

„Da bin ich aber froh. Ich hatte schon Angst, Sie wollten nichts mehr mit mir zu tun haben.“

„Hätte es Ihnen denn etwas ausgemacht?“

„Aber gewiss! Was denken Sie denn?“ Empört blinzelte sie ihn an.

Helle Lichter tanzten in seinen Augen, als er über den Tisch langte und ihre Hand ergriff. „Ich denke, dass Sie eine sehr impulsive und hitzköpfige Lady sind. Und darüber hinaus überaus anziehend und liebenswert. Ihr … Verlobter ist wirklich zu beneiden.“

Sich der Wärme seiner Hand nur zu bewusst, und das durchaus nicht unangenehm, errötete Catherine bis zu den Haarwurzeln. Dennoch schlug sie einen strengen Ton an: „Christopher, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass -“

„Ich weiß“, fiel er ihr lachend ins Wort. „Aber da wir heute schätzungsweise Paris erreichen, werden Sie mir meinen kleinen Ausrutscher verzeihen. Schließlich muss ich Sie dann Ihrem Verlobten übergeben und sehe Sie vielleicht nie wieder.“

„Heute schon?“, staunte sie. „Das ist wunderbar!“

„Catherine“, stöhnte Christopher und zog seine Hand zurück, „Sie haben es, glaube ich, wirklich auf mein Selbstbewusstsein abgesehen. Finden Sie es denn kein bisschen schade, dass sich unsere Wege dort trennen?“

„Doch, natürlich. Aber wir können uns doch auch in Paris sehen.“

„Und was sagt der ehrenwerte Marquis de Fontenay dazu?“

„Er wird es sicher verstehen.“

Christopher verzog spöttisch den Mund. „Sie scheinen ihn doch nicht so gut zu kennen, wie Sie vorgegeben haben.“

Catherine zuckte die Achseln und blieb eine Antwort schuldig. Wenn sie eines vermeiden wollte, dann war das, sich mit Christopher auf eine erneute Diskussion über Etienne einzulassen.

Christopher erhob sich seufzend. „Nun gut, dann also auf nach Paris. Sie können es ja offenbar kaum abwarten, zu Ihrem Verlobten zu kommen.“

„Ganz recht!“, nickte Catherine energisch, nicht bereit, Christopher darüber aufzuklären, dass er sich irrte. Denn wenn sie ehrlich war, hatte sie es eigentlich überhaupt nicht mehr eilig.

2

Es war der Vormittag des zehnten August, als sie endlich Paris erreichten. Es war der Tag, an dem aufgehetzte Volksmassen den Palast des Königs stürmten und Ludwig XVI. seinen Thron verlor.

Die erste Kunde von dem Aufstand erreichte die kleine Reisegesellschaft schon weit vor den Stadttoren von Paris. An der Porte Saint-Denis, einem der Triumphbögen, die zu Ehren Ludwig XIV. errichtet worden waren, zügelte der Kutscher sein Gespann und erklärte seinen Passagieren, dass die Fahrt hier ende.

Nachdem ihnen ihr Gepäck ausgehändigt worden war, machten sich die Passagiere der Postkutsche zu Fuß daran, in die Innenstadt zu marschieren. Christopher dagegen band seinen Hengst von der Kutsche los, half Catherine in den Sattel und band ihre Taschen und Koffer mit einem langen Seil notdürftig daran fest.

„Scheint sich um einen größeren Aufstand zu handeln“, bemerkte er stirnrunzelnd. „Sind Sie sicher, dass Sie ins Stadtzentrum wollen? Wir könnten auch eine Herberge suchen und morgen nach Paris reiten.“

„Aber wir sind doch fast da!“, widersprach Catherine, obwohl ihr beim Anblick der mit Piken und Heugabeln bewaffneten Menschen um sie herum ein Schauer über den Rücken lief.

„Ja, aber wir wissen nicht, was uns im Zentrum erwartet. Vielleicht wäre es klüger -“

„Meinen Sie nicht, dass wir irgendwie durchkommen? Ich wäre so gern endlich am Ziel!“

Er betrachtete sie nachdenklich und zuckte dann resignierend die Schultern. „Nun gut, versuchen wir's.“

Mit Leichtigkeit schwang er sich hinter ihr auf Ajax Rücken. Inmitten der von überall her strömenden Menschen zogen sie so im Schritttempo in die Stadt ein.

Catherine kam es vor, als bräuchten sie eine halbe Ewigkeit, bis sie sich durch die Menschenansammlungen ins Stadtzentrum vorgekämpft hatten. Je weiter sie vorankamen, desto voller und lauter wurde es. Aus allen Ecken ertönten Glockengeläut und Trommelwirbel. Aus der Ferne waren die Töne des Lieds der Rheinarmee zu hören, einer von Guichet de Lille komponierten Melodie, die man bald überall als Marseillaise kennen würde.

„Du liebe Güte!“, stöhnte Catherine, als das Geschiebe und Gedränge immer ärger wurde. „Es ist nicht zu fassen, was hier los ist.“

„Es war vorauszusehen“, versetzte Christopher lakonisch. „Sie haben doch unterwegs selbst mitbekommen, wie das Volk aufgehetzt wird.“

Ajax machte einen Satz, als ganz in der Nähe mehrere Schüsse fielen. Christopher schlang seinen Arm fester um Catherines Taille.

„Können wir denn nicht in eine Seitenstraße ausweichen?“, fragte sie mit einem mulmigen Gefühl im Magen, während ihr klar wurde, dass vermutlich ganz in ihrer Nähe Menschen im Hagel der Schüsse starben.

„Wir sind bereits in einer Seitenstraße“, entgegnete Christopher. „Ich fürchte allerdings, dass wir gleich auf eine Hauptstraße stoßen werden. Die Straßen hier sind viel zu eng und überfüllt, sodass wir unweigerlich mit der Menge ziehen müssen.“

„Auch das noch!“, jammerte Catherine, die sich ernsthaft zu ängstigen begann. Ihr entging nicht, dass auch Christopher beunruhigt wirkte. Angespannter als sonst saß er im Sattel und blickte sich aufmerksam um.

„Ich hätte auf Sie hören sollen“, gestand Catherine kleinlaut. „Es ist schrecklich. So viel Gewalt überall!“

Er nickte knapp. „Ja. Und wie es aussieht, richtet sich die Gewalt gegen den König und seine Garde.“

„Meinen Sie, wir schaffen es zum Haus der Fontenays?“

„Aber sicher“, versuchte er sie mit einem matten Grinsen zu beruhigen.

Catherine lächelte dankbar, doch sie ängstigte sich nach wie vor. Jedoch versuchte sie, es sich nicht anmerken zu lassen.

Schließlich gelangten sie über den Pont Neuf auf die Île de la Cité, auf der sich der Justizpalast und die Polizeipräfektur befanden. Hier schien das Gedränge am größten zu sein. Ein Teil der Menschen strömte auf den Justizpalast zu, während ihnen aus der Gegenrichtung ein weiterer Menschenstrom entgegenkam.

„Zu den Tuilerien! Nieder mit dem König! Auf zu den Tuilerien!“

Jubel und Rufe der Zustimmung erklangen, und ein Großteil der Leute, die mit Christopher und Catherine auf die Insel gekommen waren, kehrte um, um zusammen mit der anderen Gruppe zu den Tuilerien zu marschieren. Christopher nutzte das entstehende Wirrwarr, um Ajax vom Pont-Neuf herunter zu lenken. So gelangten sie endlich in das Viertel Saint-Germain-des-Prés, wo sich der Wohnsitz der Fontenays in der Rue des Saints-Pères befand. Selbst hier zogen ihnen noch bewaffnete Männer und Frauen entgegen, doch waren es längst nicht so viele wie auf der anderen Seite der Seine.

Endlich zügelte Christopher den Hengst vor einem beachtlichen Renaissancebau und verkündete: „Wir sind da.“

„Oh, Gott sei Dank!“, entfuhr es Catherine mit einem Seufzer der Erleichterung.

Während Christopher aus dem Sattel stieg, blickte Catherine stirnrunzelnd an der grau-braunen Fassade empor. Das Gebäude machte vom ersten Augenblick an einen abweisenden Eindruck auf sie. Die hellbraunen Fensterläden waren fest verschlossen, und der Vorgarten wirkte kahl und ungepflegt. Alles erweckte den Anschein, als sei das Haus schon seit längerem unbewohnt. Hier und da verunglimpften Schmierereien die stuckverzierten Mauern. Catherine lief ein Schauer über den Rücken, als sie die mit blutroter Farbe gekritzelten Parolen las: Volksausbeuter, Aristokratenschweine, Adelspack auf die Guillotine!

Christopher bemerkte ihre bestürzte Miene. „Sie werden sich an diese Dinge gewöhnen müssen, wenn Sie wirklich in Paris bleiben wollen. Beschimpfungen sind noch das Harmloseste, was einem widerfahren kann.“

Sie nickte, während Christopher ihr vom Pferd half, ihr Gepäck losband und sie zur Haustür begleitete. Als sie klopfte, trat er ein paar Schritte zur Seite und erklärte schulterzuckend: „Es ist besser, wenn die Marquise de Fontenay erstmal nur Sie sieht. Sie dürfte über meine Anwesenheit nicht allzu erfreut sein.“

Catherine runzelte fragend die Stirn, doch Christopher verzichtete auf weitere Erklärungen, drehte sich um und schaute in eine andere Richtung. Dann war aus dem Inneren eine Mädchenstimme zu hören, die in einem leicht ängstlichen Tonfall fragte: „Wer ist da?“

„Mein Name ist Catherine Macpherson. Ich komme aus England und bin die Verlobte des Marquis de Fontenay“, entgegnete Catherine durch die geschlossene Tür.

Aus dem Hausinneren kam keine Antwort. Erst nach geraumer Weile erklang die Stimme der Marquise de Fontenay. „Bist du es, Catherine?“

„Aber ja. Ich bin froh, dass Sie zu Hause sind, Madame. Wollen Sie mir denn nicht öffnen?“

„Aber gewiss doch.“

Catherine hörte, wie ein schwerer Riegel zurückgeschoben wurde. Gleich darauf öffnete sich die Tür, und Geraldine de Fontenay spähte über die Schwelle.

Catherine erkannte sie sofort, denn die Marquise war zwar älter geworden, hatte sich aber kaum verändert. Groß und schlank und elegant gekleidet, strahlte sie noch immer die gleiche unnahbare Kälte aus, an die Catherine sich aus ihrer Kindheit erinnerte. Einzig ein paar graue Strähnen in ihren hellbraunen Haaren und ein paar tiefe Falten in ihrem hageren Gesicht zeugten davon, dass die Jahre an ihr nicht spurlos vorübergegangen waren.

„Du bist es wirklich“, stellte die Marquise mit spröder Stimme fest. „Komm herein, meine Liebe. Ich bin sehr froh, dass du sicher angekommen bist. Es ist schrecklich, was hier im Moment los ist.“

„Oh ja, fürchterlich“, stimmte Catherine zu und sah sich nach Christopher um. „Madame, darf ich Ihnen den Gentleman vorstellen, der mich sicher herbegleitet hat?“

„Selbstverständlich“, entgegnete die Marquise mit einem kurzen Stirnrunzeln, während sie aus der Tür hinaustrat und auf Christophers Rücken schaute. „Sicher hast du gut daran getan, dir aus England einen männlichen Begleiter als Schutz mitzunehmen. - Darf ich Sie also begrüßen, junger Mann, und Ihnen danken, dass Sie die Verlobte meines Sohnes sicher hergeleitet haben?“

„Oh, ich habe keinen Begleiter aus England mitgebracht“, erklärte Catherine hastig. „Wir sind uns unterwegs kurz hinter Calais begegnet, und Mr. Deverell war so freundlich mich für den Rest der Reise zu begleiten.“

Ihre Worte fanden keinerlei Beachtung, denn in der Zwischenzeit hatte Christopher sich der Marquise zugewandt. Sprachlos starrte sie ihn an.

Christopher verbeugte sich mit einem spöttischen Zug um den Mund. „Madame de Fontenay, welch eine Überraschung für Sie, nicht wahr? Ich nehme doch an, Sie kennen mich noch.“

Die Marquise straffte die Schultern und maß ihr Gegenüber mit einem verächtlichen Blick. „Monsieur Deverell. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie mich noch einmal aufsuchen würden. Sie erwarten doch nicht etwa, dass ich Sie ins Haus bitte?“

Catherine schnappte bei dieser Unhöflichkeit entsetzt nach Luft, doch Christopher lachte nur. „Aber gewiss nicht. Ich habe lediglich Miss Macpherson begleitet. Sie wissen doch, was für gefährliche Gestalten sich überall herumtreiben.“

„Ja, und die gefährlichste davon sind Sie! Ich wünsche, dass Sie gehen, Monsieur Deverell!“

Unverhohlene Belustigung leuchtete aus Christophers Augen. „Das kann ich mir denken. Doch keine Angst, ich werde meine unerwünschte Person entfernen, sobald ich mich von Miss Macpherson verabschiedet habe.“

„Tun Sie das. Und denken Sie in Zukunft daran, dass Sie in diesem Haus nicht empfangen werden! - Also, verabschiede dich, Catherine, und dann komm ins Haus. Minette wird dein Gepäck hineintragen.“

Die Marquise schritt hocherhobenen Hauptes ins Haus zurück, während Catherine Christopher bestürzt ansah. „Lieber Himmel, Christopher, es tut mir so leid! Ich habe keine Ahnung, was das hier zu bedeuten hat. Aber ich muss mich für die Grobheit Madame de Fontenays entschuldigen.“

„Das hat nicht das Geringste mit Ihnen zu tun, glauben Sie mir. Sie brauchen sich wirklich nicht zu entschuldigen.“

„Aber, Christopher, Sie können doch unmöglich jetzt wieder gehen! Der Aufstand ist noch in vollem Gang! Die Marquise kann Sie nicht einfach so fortschicken!“

„Ich habe nie erwartet, dass sie mich hereinbitten würde.“

Niedergeschlagen ließ sie den Kopf hängen. „Ich wünschte, ich könnte Sie bitten hierzubleiben. Aber ich fürchte, ich muss mich den Wünschen der Marquise beugen. Aber seien Sie vorsichtig, ja?“

Er nickte, ergriff ihre Hand und führte sie mit einem fragenden Blick an seine Lippen. „Sind Sie sicher, dass Sie sich hier wohlfühlen werden?“

„Aber natürlich!“

„Catherine, komm herein!“, kam es ungeduldig aus dem Hausinneren.

„Ich komme gleich!“, rief Catherine zurück. „Werden Sie … trotzdem wieder herkommen? Ich meine … da wir ja so etwas wie … wie Freunde geworden sind?“

Ein herzliches Lächeln blitzte in seinen Augen auf. „Meinen Sie, dieser alte Drachen könnte mich davon abhalten? Wenn es Ihr Wunsch ist, dass wir uns wiedersehen, dann komme ich gern.“

„Oh ja, bitte, tun Sie das.“

„Catherine!“ Die Stimme der Marquise klang entschieden verärgert, und Catherine seufzte leise. „Ich fürchte, ich muss jetzt gehen. Ich möchte sie nicht noch wütender machen, als sie schon ist.“

Christopher nickte langsam. Dann streckte er unvermittelt einen Arm aus und zog Catherine an sich. Ehe sie protestieren konnte, senkte er den Kopf und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Er ließ sie sofort wieder los, blieb aber sehr dicht bei ihr stehen und lächelte mit einem verwirrend intensiven Leuchten in den grünen Augen auf sie herab.

Vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht, blinzelte Catherine zu ihm hoch und stammelte heiser: „Also wirklich, … Christopher, das war -“

„Nichts weiter als ein rein freundschaftlicher Kuss“, fiel er ihr mit einem trägen Grinsen ins Wort. „Oder sollten Sie etwa etwas anderes denken?“

Sie starrte ihn an, mit rasendem Pulsschlag, während er die Gelassenheit in Person zu sein schien. „Oh, Sie sind entsetzlich!“

„Catherine!“

„Ja, ich komme ja schon!“ Mit gerafften Röcken floh sie ins Haus.

 

Die Marquise de Fontenay erwartete Catherine in der Halle. Mit ihrer beeindruckenden Höhe und kunstvollen Fresken an der Decke, die Catherine staunend nach oben blicken ließen, erschien die Halle größer, als sie eigentlich war. Durch verschiedenfarbig gemusterte Fenster im oberen Drittel der Wände fiel nur spärliches Licht, sodass es relativ dunkel war, obwohl es ein sonniger Tag war. Die Türen zu einigen Räumen standen offen, aber da, wie Catherine schon von draußen festgestellt hatte, die Fensterläden geschlossen waren, konnte auch von dort kein Licht eindringen. Die düstere und abweisende Atmosphäre, die Catherine schon von der Straße aus empfunden hatte, war auch im Hausinneren zu spüren. Daran änderte auch Madame de Fontenays Gegenwart nichts, im Gegenteil. Unbewusst registrierte Catherine, wie vortrefflich die Ehrfurcht gebietende Grande Dame in ihr imposantes Haus passte. Catherine hatte diese resolute Frau als Kind schon gefürchtet, und sie fühlte sich auch jetzt durch sie eingeschüchtert. Allein die Art, wie sie Catherine mit halb geschlossenen Augen von oben herab musterte, jagte Catherine einen Schauer über den Rücken. Dennoch war sie fest entschlossen, ein gutes Verhältnis zu der Marquise aufzubauen, da sie ja immerhin demnächst ihre Schwiegermutter werden sollte. Doch wie schwierig das werden würde, merkte sie schon bei den ersten Worten der älteren Frau:

„Ist er fort?“, fragte sie knapp, und als Catherine nickte, setzte sie in einem befehlsmäßigen Tonfall hinzu. „Gut. Er wird auch nicht wiederkommen. Ich wünsche nicht, dass du zu diesem Mann weiter Kontakt hältst.“

Catherine reckte, trotz ihres Herzklopfens, energisch das Kinn vor. „Und warum nicht? Ich mag Mr. Deverell gern, und außerdem hat er mir sehr geholfen. Ich stehe in seiner Schuld.“

Die Marquise maß sie mit einem Ausdruck ungläubiger Verblüffung. „Du stehst in seiner Schuld?“

„Ja, er … Mr. Deverell war mir unterwegs sehr behilflich. Ohne ihn wäre ich vielleicht gar nicht hier, denn es gab Probleme mit meinen Papieren, und ich -“

„So, er war dir also behilflich!“, fiel Madame de Fontenay dazwischen und musterte Catherine voller Hochmut. Sekundenlang ließ sie ihren Blick über die Tochter ihrer Jugendfreundin wandern und schüttelte dann mit einem verächtlichen Schnauben den Kopf. „Und was glaubst du, warum er das getan hat? Meinst du, jemand wie Deverell würde einem anderen aus selbstlosen Stücken helfen? Der Mann ist ein durchtriebener Schuft, ein prinzipienloser Schurke. Du kannst sicher sein, wenn er dir geholfen hat, dann hatte er dafür seine Gründe.“

Catherine wankte einen Schritt zurück und starrte die ältere Frau entgeistert an. „Bei allem Respekt, Madame, aber … was reden Sie denn da? Mr. Deverell ist doch kein … Schurke! Wie kommen Sie dazu, so etwas zu behaupten!“

„Du redest von Respekt und stellst mein Wort in Frage?“, gab die Marquise mit versteinerter Miene zurück.

„Nein, natürlich nicht, aber … Da muss doch mit Sicherheit ein Irrtum vorliegen! Mr. Deverell ist ein Gentleman und würde -“

„Ein Gentleman!“, höhnte Madame de Fontenay. „Du meine Güte, welch unpassender, typisch englischer Ausdruck für diesen ehrlosen Abschaum!“

Catherine hatte das Gefühl, ihre Knie würden gleich nachgeben, und ihr war eiskalt zumute. Mit einer ihr völlig fremden Stimme würgte sie irgendwie hervor: „Ja, aber … was hat Christopher denn um Himmels willen getan, dass Sie so schlecht von ihm denken?“

„Christopher? Du nennst ihn Christopher?“, entfuhr es der Marquise fassungslos. Doch sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle und erklärte mit hochmütiger Miene: „Du kannst dir ein für alle Mal merken, dass in diesem Hause nicht mit Deverell verkehrt wird. Wenn du ein Mitglied dieses Haushalts werden willst, wirst du dich künftig daran halten.“

Hin- und hergerissen zwischen ängstlicher Verwirrung und wütender Empörung, richtete Catherine sich sehr gerade auf und erklärte mit bebender Stimme: „Was auch immer Sie von Mr. Deverell halten mögen, Madame, ich bin ihm sehr verbunden. Ich weiß nicht, welche Feindschaft zwischen Ihnen und ihm besteht, aber zu mir ist er immer nur freundlich gewesen. Ich halte es daher für … in keiner Weise angebracht … Mr. Deverell auch nur im Geringsten zu verstehen zu geben, dass ich … dass ich ihn weniger achten würde als bisher, nur weil … nur weil zwischen Ihnen und ihm irgendetwas vorgefallen zu sein scheint!“

Die Marquise presste verärgert die Lippen zusammen und musterte Catherine mit einem ausdauernden, missbilligenden Stirnrunzeln. Doch schließlich wurde der Ausdruck ihrer Augen milder, und sie seufzte leise. „Nun gut, wie ich sehe, muss ich dir mehr erklären, als ich dachte. Komm zum Abendessen hinunter, wenn du dich frisch gemacht hast. Dann wirst du alles erfahren.“

„Nein, solange möchte ich nicht warten! Bitte sagen Sie mir jetzt -“

„Catherine, du hast mich wohl nicht richtig verstanden. Wir reden beim Essen. Ich muss … ich brauche eine Weile, um mit dem Schock fertig zu werden, dich in Gesellschaft dieses … dieses Mannes vorgefunden zu haben. Minette hat dein Gepäck nach oben gebracht. Sie wird dir dein Zimmer zeigen. Und jetzt geh.“

Verwundert über den plötzlichen Stimmungswechsel der Marquise, aber zu aufgebracht, um einfach klein beizugeben, wagte Catherine noch eine Frage zu stellen: „Wird Etienne beim Abendessen anwesend sein?“

„Nein. Wir wussten nicht, dass du heute ankommst. Mein Sohn ist nicht im Haus und isst heute Abend bei Freunden.“

„Wie bedauerlich“, erwiderte Catherine steif, doch insgeheim war sie erleichtert, ihrem Verlobten heute Abend noch nicht gegenübertreten zu müssen. Ein wenig erstaunt über sich selbst war sie in dieser Hinsicht allerdings schon. Während sie Minette die Treppe hinauf folgte, dachte sie stirnrunzelnd darüber nach, wie eilig sie es einst gehabt hatte, Etienne wiederzusehen. Doch jetzt, da sie hier war, war ihr der Gedanke, ihn zu sehen, sogar beinahe unangenehm. Die abenteuerliche Reise hierher musste sie wohl mehr mitgenommen haben, als ihr tatsächlich bewusst war, sagte sie sich und versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken.

Zumindest war das Zimmer, das man für sie ausgesucht hatte, relativ hell und freundlich, doch war es darin unangenehm stickig, und durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden fiel auch nur wenig Licht. Catherine eilte zum Fenster, um es zu öffnen, doch Minette protestierte hastig.

„Bitte, Mademoiselle, Madame wünscht, dass alle Fensterläden geschlossen bleiben.“

Catherine wandte sich verblüfft um. „Ja, ich habe schon gesehen, dass alles verriegelt ist. Aber warum?“

„Wegen des Aufstands, Mademoiselle. Wir haben es schon erlebt, dass Steine durch die Fenster flogen und sogar brennende Fackeln. Einmal ist Monsieur Etienne dabei an der Stirn verletzt worden. Deshalb bleibt jetzt alles geschlossen. Wir lüften nur noch nachts.“

„Ach du lieber Himmel! Wie schrecklich!“ Catherine ließ ihren Blick prüfend über Minette gleiten. Das Mädchen war hübsch, stellte sie fest, dunkelhaarig und mit großen, braunen Augen, die freundlich und offen blickten. Sie mochte etwa in ihrem eigenen Alter sein und machte einen vertrauenswürdigen und zuverlässigen Eindruck.

„Sag, Minette, wie kommt es, dass du meine Koffer tragen musstest?“, erkundigte Catherine sich, als sie ihre Musterung beendet hatte. „Gibt es denn keine männlichen Dienstboten mehr bei euch?“

Minette seufzte kurz. „Die sind alle fort, Mademoiselle. Man macht sich verdächtig, wenn man weiterhin für die Hochwohlgeborenen arbeitet.“

„Ach du großer Gott! Und warum bist du noch hier? Ist es für dich denn nicht gefährlich?“

„Oh doch, Mademoiselle. Aber, sehen Sie, einer musste sich ja um Madame kümmern. Sie hat so viel zu ertragen, die arme Madame. Zuerst diese Probleme mit Monsieur Etienne. Und als dann noch diese Affäre dazu kam - na ja, Sie wissen schon, die mit Monsieur Deverell -, puh, die arme Madame, da war sie wirklich fix und fertig. Und dann kam es auch noch zur Revolution, und sie musste sich viele böse Worte anhören, weil sie eine Adlige ist, und all ihre Dienstboten sind fortgelaufen. Aber sie hat sich immer tapfer gehalten. Und sie war immer gut zu mir. Ich bin schon bei ihr, seit ich vier Jahre alt war. Meine Mutter war Zofe bei Madame. Und als meine Mutter vor fünf Jahren starb, wurde ich es.“

Catherine wurde aus dem Geplauder des Mädchens nicht recht schlau, doch für den Anfang hatte sie genug gehört. Sie wollte ihren Aufenthalt bei den de Fontenays nicht damit beginnen, dass sie beim Klatsch mit Dienstboten ertappt wurde. Sie bedankte sich daher bei Minette freundlich für ihre Hilfe und setzte sich, als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte, an einen Frisiertisch aus Ebenholz, der ebenso wie die übrigen Schränke und Truhen in ihrem Zimmer aufwendig mit Schnitzereien verziert war. Die Zimmerwände waren mit dem gleichen zartgeblümten rosa Seidenstoff bezogen wie das Dach des riesigen Himmelbettes, während die Samtvorhänge an den Fenstern in einem etwas dunkleren Ton gehalten waren, und auf den knarrenden Dielenbrettern lagen üppige Teppiche, auf denen es sich angenehm weich gehen ließ. Irgendwie war alles hier ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte, und dabei dachte sie nicht nur an die Einrichtung. Schon diese merkwürdigen Andeutungen Minettes über Etienne waren mehr als seltsam. Aber am meisten bedrückte sie, dass zwischen Christopher und den Fontenays etwas Schlimmes vorgefallen sein musste. Sie fing an zu verstehen, dass Christopher nicht gerade begeistert gewesen war, dass sie mit einem Fontenay verlobt war, bei dem Empfang, den man ihm hier bot. Sie ärgerte sich, dass sie nicht darauf bestanden hatte, die Gründe für seine Ablehnung zu erfahren. Wenn er sie ihr erklärt hätte, könnte sie jetzt vielleicht besser verstehen, was hier eigentlich los war.

Eine halbe Stunde später war sie umgezogen und frisch frisiert und begab sich nach unten in die Halle, wo Minette schon auf sie wartete und ihr den Weg ins Esszimmer zeigte.

Die Marquise de Fontenay thronte am Fuße einer langen Tafel aus glänzendem Mahagoniholz. An ihrer rechten Seite war für Catherine gedeckt. Sobald sie Platz genommen hatte, kam Minette mit einer Schüssel Suppe hinein und füllte davon kleine Portionen in die Teller. Dann zog sie sich leise zurück.

Während der Mahlzeit herrschte zunächst eine angespannte Atmosphäre. Die Marquise erkundigte sich höflich nach Catherines Familie in England, und Catherine gab ebenso höfliche Antworten, obwohl sie vor Ungeduld beinahe zerbarst zu erfahren, was zwischen den Fontenays und Christopher vorgefallen war.

Als der zweite Gang aufgetragen wurde, geriet Catherine zum ersten Mal ins Staunen. Es gab gebratene Gans und verschiedene Gemüsesorten und dazu einen leichten Weißwein. Anschließend servierte Minette Käse und Rotwein. Von der Hungersnot, die überall im Lande herrschte, war in diesem Haushalt offenbar nichts zu spüren. Ebenso wie über das üppige Essen wunderte Catherine sich über Madame de Fontenays Fähigkeit, langatmig über Belanglosigkeiten zu plaudern, statt ihre seltsame Beziehung zu Christopher Deverell zu erklären. Erst als Minette ein Dessert in Form einer leichten Karamellcreme auf den Tisch gestellt hatte und Catherines Geduld nahe daran war, an ihre Grenzen zu stoßen, kam die Marquise de Fontenay endlich auf Christopher zu sprechen: „Nun, Catherine, du wirst dich sicher fragen, warum ich vorhin so … gereizt reagiert habe, als ich Deverell in deiner Begleitung sah.“

„Ja, das tue ich. Aber Sie werden mir sicher den Grund dafür erklären“, entgegnete Catherine mit, wie sie fand, bemerkenswerter Selbstbeherrschung.

„Gewiss. Und ich bin überzeugt, du wirst mein Verhalten dann verstehen.“ Die Marquise räusperte sich. „Nun, es ist nicht so leicht, darüber zu reden.“

„Lassen Sie sich ruhig Zeit, Madame“, murmelte Catherine, obwohl sie vor Neugierde beinahe platzte.

„Nun, ich werde es am besten schnell hinter mich bringen.“ Die ältere Frau betupfte mit einem Zipfel ihrer Serviette ihre Lippen, und Catherine registrierte erstaunt, dass die Hand der Marquise dabei leicht zitterte. „Die Geschichte ist ein wenig … nun, wie soll ich sagen … kompliziert. Etienne hat … eine jüngere Cousine. Eine Cousine zweiten Grades, etwas älter, als du es bist. Sie war Etienne vor einigen Jahren sehr zugetan. Und mein Sohn … nun, er erwiderte ihre Gefühle. Ihre Mutter und ich hofften, dass es eines Tages zu einer Verbindung zwischen den beiden kommen würde.“

„Oh. Das wusste ich gar nicht!“, entfuhr es Catherine überrascht.

Die Marquise räusperte sich. „Eines Tages lernte dieses Mädchen durch einen unglücklichen Zufall Deverell kennen. Sie war noch sehr jung und unerfahren, und Monsieur Deverell … nun, du weißt es ja sicher selbst. Er kann sehr charmant sein, wenn er es will.“

Catherine brachte ein knappes Nicken zustande und hörte nun sehr aufmerksam und angespannt zu, wobei sie das köstliche Dessert vor sich völlig vergaß.

Madame de Fontenays Blick wanderte gedankenverloren durch den Raum, und sie seufzte, ehe sie fortfuhr: „Das arme Kind war schließlich so verliebt, dass sie … oh Gott, wie soll ich es nur sagen! Nun, sie ließ sich von ihm verführen!“

Catherine schnappte entgeistert nach Luft. Die Marquise nickte grimmig. „Unglücklicherweise blieb dieser Vorfall nicht ohne Folgen. Die arme, kleine Antoinette … sie hatte wohl wirklich geglaubt, dass Deverell ehrenhafte Absichten gehabt hätte. Aber dieser niederträchtige Lebemann dachte gar nicht daran, sie zu heiraten. Natürlich gab es einen entsetzlichen Skandal. Am Ende war die Arme vollkommen entehrt und ruiniert.“

Plötzlich sehr blass und mit einer ihr völlig fremden Stimme, krächzte Catherine: „Das … das ist schrecklich! Das wusste ich nicht. Aber -“

„Bedauerlicherweise war das noch nicht alles“, versetzte die Marquise, sodass Catherine mit wachsendem Unbehagen dem Fortgang ihrer Geschichte lauschte: „Wie du dir denken kannst, hörte Etienne natürlich von der Sache und wurde sehr wütend. Den Gepflogenheiten entsprechend forderte er Deverell zu einem Duell. Zuerst lachte der ihn aus, aber als Etienne ihm in aller Öffentlichkeit eine Ohrfeige gab, musste er natürlich annehmen. Am nächsten Morgen trafen sie sich auf dem Place Royale.“

„Oh Gott! Was ist passiert?“

Die Marquise holte tief Luft, ehe sie, Catherines Blick ausweichend, erklärte: „Nachdem Etienne und Deverell sich aufgestellt hatten, zählte der Unparteiische bis zehn. Dann sollten beide schießen. Er war erst bei acht - da feuerte Deverell seine Pistole auf Etienne ab. Er traf ihn am Arm, sodass ein Knochen splitterte. Etienne wäre an dem Fieber beinahe gestorben.“

„Das glaube ich nicht!“, fuhr Catherine impulsiv auf. „So etwas würde Christopher niemals tun!“

„So, meinst du?“, versetzte Madame de Fontenay kalt. „Er hat aber!“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Christopher so feige gewesen sein soll!“

Geraldine de Fontenays Blick glitt abschätzend über Catherines bestürzte Miene. Etwas sanfter erklärte sie: „Du bildest dir ein, diesen Mann zu kennen. Aber ich sage dir, er hat Unglück über unsere Familie gebracht. Und was das Duell angeht, da … Er wird große Angst gehabt haben. Etienne war allgemein als exzellenter Schütze bekannt, der nie sein Ziel verfehlte. Deverell hingegen, selbst nur ein mittelmäßiger Schütze, hat sich von seiner Angst hinreißen lassen, vorzeitig zu schießen.“

„Ja, aber -“

„Es war schon schlimm genug, was er der armen Antoinette angetan hat! Aber dann auch noch aus Feigheit zu schießen! Aber er ist ein schlechter Schütze, Gott sei Dank, denn er hat Etienne nur am Arm verletzt, obwohl er ihn mit Sicherheit töten wollte.“

„Aber das passt alles überhaupt nicht zu Mr. Deverell!“, rief Catherine aus, hin- und hergerissen zwischen Ungläubigkeit und Entsetzen.

„Glaubst du wirklich, du würdest diesen Schurken so gut kennen? Ich sage dir, es ist die Wahrheit. Und was für einen Grund sollte ich haben, dich zu belügen?“

Catherine legte ihren Löffel beiseite und lehnte sich mit bleicher Miene auf ihrem Stuhl zurück. Was für einen Grund sollte die Marquise haben, sie zu belügen? - Kein vernünftiger Grund wollte ihr einfallen. Sie wehrte sich vehement dagegen, der Marquise zu glauben, aber wie konnte sie ihre Worte bezweifeln? Sie hatte das Gefühl, ihr Herz wäre plötzlich tonnenschwer, und ihr Verstand wollte nicht mehr richtig arbeiten. Wie durch dicke Watte hindurch drang Madame de Fontenays Stimme an ihr Ohr, aber sie hörte nicht mehr hin und wusste nicht, was die Marquise weiter sagte. Alles, was sie wusste, war, dass sie sich noch nie so betrogen und allein und verlassen gefühlt hatte wie in diesem Moment. Madame de Fontenays Enthüllungen über Christopher Deverell erschütterten sie bis tief in ihr Herz, und sie hatte Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. Bisher hatte sie Christopher Deverell für einen ehrenhaften Gentleman voll warmherziger Hilfsbereitschaft und Humor gehalten. Jetzt aber machte die Marquise ihr klar, dass sie sich in ihm gründlich getäuscht hatte. Diese Erkenntnis tat so weh, dass ihr schmerzlich bewusst wurde, wie sehr sie Deverell eigentlich schon ins Herz geschlossen hatte. Sie hatte ihre Zuneigung einem Mann geschenkt, der es nicht wert war! Einem Mann, dem es nichts ausmachte, das Leben einer jungen, gutgläubigen Frau zu ruinieren und den Mann, der die Ehre dieser Frau verteidigte, beinahe zu töten! Und sie selbst wäre um ein Haar auch auf ihn hereingefallen! Sie war wütend auf sich selbst, dass sie so leicht zu täuschen war, und noch zorniger auf Christopher, weil er nicht das war, wofür sie ihn gehalten hatte.

In maßloser Enttäuschung sammelte sie schließlich ihre sieben Sinne und bemühte sich, zumindest halbwegs vernünftig auf Madame de Fontenays Erklärungen einzugehen. „Als Christopher … ich meine, als Mr. Deverell zu früh geschossen hat … Hatte das für ihn denn gar keine Konsequenzen?“

„Nun, gesellschaftlich hat er sich natürlich unmöglich gemacht. Aber ansonsten hatte er nicht viel zu befürchten, es sei denn, Etienne wäre gestorben.“

„Ich … ich verstehe“, murmelte Catherine dumpf.

Die Marquise sah sie aufmerksam an. „Etienne hätte Deverell vermutlich anklagen und vor Gericht bringen können, wenn er es gewollt hätte. Es besteht wohl kein Zweifel daran, wie anständig es von Etienne war, Deverell ungeschoren davonkommen zu lassen. Aber du weißt ja selbst, von was für einer sanften Natur mein Sohn ist. Allerdings wäre es für ihn sicherlich ein großer Schock, wenn seine zukünftige Frau mit dem Mann verkehrt, der seine erste Liebe zerstört hat.“

„Ja, das … verstehe ich. – Sagen Sie, Madame, was wurde aus … aus dem armen Mädchen? Hätte … hätte Etienne sie nicht trotzdem heiraten können? Ich meine, wenn sie sich wirklich geliebt haben, hat er ihr doch bestimmt verziehen, und -“

„Natürlich hat er ihr verziehen“, unterbrach Madame de Fontenay mit einem sonderbaren Blick. „Aber … du musst wissen, dass die arme Antoinette in ein Kloster ging, nachdem sie ihr Kind tot geboren hat. Sie … sie wollte von Männern nichts mehr wissen.“

Catherine hatte das Gefühl, ihr würde gleich übel werden. Dennoch straffte sie die Schultern und blickte der Marquise sehr gerade ins Gesicht. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Madame. In Zukunft betrachte ich Mr. Deverell nicht mehr als meinen Freund. Er wird dieses Haus nicht mehr betreten.“

Madame de Fontenay schenkte Catherine ein Lächeln, in dem eine Spur von Herablassung lag. „Ich wusste, dass du vernünftig sein würdest.“

Catherine fühlte sich den Tränen nahe und so erschöpft wie noch nie. Zitternd flüsterte sie: „Gestatten Sie, dass ich mich jetzt auf mein Zimmer zurückziehe, Madame? Ich bin sehr müde.“

„Aber gewiss. Geh nur. Und mach dir keine Sorgen, du wirst darüber hinwegkommen. Schließlich gehörst du jetzt zu unserer Familie.“

Die Esszimmertür schloss sich hinter Catherine, als sie hinausging. Der herablassende Blick wich aus Madame de Fontenays Augen und machte einem gequälten Ausdruck Platz. Mit müden Schritten ging sie zum Salon hinüber, wo sie sich in einen Sessel sinken ließ. „Armes Kind“, flüsterte sie kaum hörbar und schloss die Augen.

Catherine zog sich so aufrecht wie möglich zurück. Doch kaum war die Zimmertür hinter ihr geschlossen, warf sie sich auf ihr Bett und konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Solange sie mit Christopher zusammen gewesen war, hatte sie das Gefühl gehabt, dass niemand ihr etwas anhaben konnte. Jetzt war die Sicherheit, die sie empfunden hatte, fort beziehungsweise, wenn sie es recht bedachte, niemals da gewesen. Die Marquise de Fontenay hatte ihr versichert, sie gehöre jetzt zur Familie, aber das konnte ihr erschüttertes Vertrauen nicht wiederherstellen. Sie fühlte sich schrecklich allein.

 

Erst drei Tage später kehrte Etienne nach Hause zurück. Catherine war auf ihrem Zimmer, als Minette erschien und ihr mitteilte, Monsieur Etienne sei zurückgekehrt und erwarte sie zusammen mit seiner Mutter im Salon. Catherine legte hastig ein wenig Puder auf und fuhr sich mit einer Bürste über die Haare. Ihr Spiegelbild gefiel ihr überhaupt nicht, sie sah viel zu blass aus. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, die einen trüben und unglücklichen Ausdruck angenommen hatten, und die Kummerfalten auf ihrer Stirn wollten überhaupt nicht mehr verschwinden!

Schuld daran war natürlich einzig und allein Christopher Deverell! Sie konnte ihn nicht aus ihren Gedanken verbannen, so sehr sie sich auch bemühte! Allerdings wurde ihr das Vergessen auch dadurch erschwert, dass die Marquise sie im Laufe der Tage sehr eingehend über ihre Reise befragte. Catherine sah sich gezwungen, alle Reiseerlebnisse bis ins kleinste Detail zu beschreiben, und musste auch über Christophers Verhalten berichten. Sie hütete sich jedoch, preiszugeben, wie vertraut ihr Umgang mit diesem Mann schon geworden war, denn seit sie seinen wahren Charakter kannte, schämte sie sich beinahe dafür. Wenn sie daran dachte, dass sie einmal sogar nahe daran gewesen war zu wünschen, er möge sie küssen, könnte sie heute noch einen hysterischen Anfall bekommen! Und dennoch ertappte sie sich bei ihren Schilderungen mehr als einmal dabei, mit einer befremdlichen Sehnsucht an die Zeit mit ihm zurückzudenken, obwohl sie jetzt wusste, wie schändlich er sich verhalten hatte. Aber es war nun einmal alles so schön gewesen, ehe die Marquise sie über seine Schlechtigkeit aufgeklärt hatte! Manchmal wünschte sie, sie hätte all diese schrecklichen Dinge über Christopher nie erfahren. Wenn ihr dann aber klar wurde, was sie da dachte, erschrak sie über sich selbst, und ihr schlechtes Gewissen verdoppelte sich. Sie musste einfach lernen, Deverell zu verabscheuen, so wie es seinem Verhalten Etienne und seiner Cousine gegenüber entsprach! Das war sie Etienne als ihrem Verlobten schuldig, und darüber hinaus verbot es auch der moralische Anstand, mit einem Mann zu verkehren, der bereits das Leben eines Mädchens - und wer wusste, wie vieler noch? - ruiniert hatte!

Am Ende der ersten drei Tage bei den Fontenays war Catherine immerhin so weit gekommen, sich einzureden, dass sie Christopher Deverell hasste und verabscheute. Aber auch wenn ihr das halbwegs gelang, so vermochte sie doch nicht, mit Sehnsucht an Etienne zu denken. Als seine Verlobte müsste sie glücklich sein, ihn bald wiederzusehen, doch alles, was sie bei dem Gedanken daran empfand, war eine erschreckende Gleichgültigkeit und Leere. Dennoch war sie entschlossen, Etienne zu lieben und ihm eine gute Frau zu sein. Er war so gut und lieb und hatte durch diesen abscheulichen Deverell schon so viel zu erleiden gehabt! Nun, da Etienne wirklich da war und sie ihm gegenübertreten sollte, war Catherine ungemein erleichtert. Wenn sie ihn erst gesehen hätte, würde sie Christopher sicher bald vergessen. Sie hatte Etienne doch früher sehr gern gehabt. Warum sollte sich diese Zuneigung nicht in Liebe verwandeln?

Die Marquise de Fontenay und ihr Sohn saßen auf einem Sofa, als Catherine den Salon betrat. Etienne erhob sich sofort und kam ihr entgegen.

„Meine liebe Catherine! Wie schön, dass wir uns endlich wiedersehen.“ Er nahm ihre Hand und führte sie dicht an seine Lippen, jedoch ohne sie damit zu berühren. „Maman hat mir schon von Ihrer enervierenden Reise berichtet. Hoffentlich sind Sie jetzt nicht allzu erschöpft?“

Catherine hatte eine gute Erziehung genossen. Sie hatte gelernt, wie man sich begrüßte, welche Floskeln man verwendete und wie man sich bewegte. Doch nichts von alledem fiel ihr jetzt ein. Stattdessen starrte sie ihren Verlobten an, und ein peinliches Schweigen breitete sich im Raum aus. Erst ein Räuspern der Marquise machte Catherine bewusst, dass von ihr eine Antwort erwartet wurde. Hastig versicherte sie, sie sei überhaupt nicht erschöpft, die Reise sehr angenehm gewesen und Madame de Fontenays Gastfreundschaft so großzügig, dass sie sich ausreichend habe erholen können. „Denn schließlich“, und hier klang ihre Stimme ein klein wenig ungehalten, „bin ich ja schon seit ganzen drei Tagen hier!“

Etienne führte Catherine zu einem Sessel, auf dem sie Platz nahm. Er ließ sich wieder neben seiner Mutter nieder.

„Es tut mir leid, meine Liebe, dass ich erst heute kommen konnte, aber Sie wissen ja, der Aufstand. Mon Dieu, so ein Chaos!“ Wie abwehrend, streckte er die Hände von sich. „Es war einfach nicht daran zu denken, auf die Straße zu gehen. Erst heute ist wieder etwas Ruhe eingekehrt.“

„Natürlich, ich verstehe“, brachte Catherine irgendwie halbwegs freundlich über die Lippen. Sie musterte Etiennes Kleidung, und es wunderte sie nicht, dass er sich nicht auf die Straße getraut hatte. Der silberfarbene Rock, den er trug, war übermäßig reich bestickt und von tadellosem Schnitt. Auch die etwas dunkleren Hosen und die silbern bestickten Strümpfe sowie die glänzenden Schuhe aus schwarzem Lack ließen keinen Zweifel übrig, zu welcher Schicht er gehörte. Selbst seine Haare waren unter einer üppigen weißen Lockenperücke versteckt, die ihn eindeutig als Aristokraten auswies. Sicher passte sein Aufzug bei Hofe. Aber um sich damit auf den von aufgebrachten Bürgern übervollen Straßen blicken zu lassen, musste man schon entweder ein völliger Narr oder aber ein sehr mutiger Mann sein!

Etienne musste ihren kritischen Blick wohl bemerkt haben, denn er verzog die Lippen zu einem zynischen Lächeln. „Glauben Sie nicht etwa, ich sei in dieser Aufmachung herumgelaufen, meine Liebe. Selbstverständlich habe ich mich umgezogen, bevor ich meiner zukünftigen Gattin unter die Augen trete.“ Er zog ein spitzenbesetztes Taschentuch hervor und wischte sich damit ein unsichtbares Staubkorn vom Ärmel. „Wir wollen doch wenigstens im Hause Stil bewahren, nicht wahr? Oder meinen Sie, man sollte sich bedingungslos diesen plebejischen Umtrieben anpassen?“

Catherine schluckte, denn es fiel ihr schwer, angesichts Etiennes Blasiertheit die Ruhe zu bewahren. „Nein. Allerdings halte ich etwas einfachere Kleidung nicht unbedingt für, wie Sie es nannten, plebejisch. Und was unsere Verlobung betrifft -“

„Nun, das liegt sicher an Ihrer etwas … einfachen Herkunft“, unterbrach Etienne mit einem blasierten Lächeln. „Sie werden schon noch lernen, wie man sich angemessen kleidet. Wenn diese Pöbelrebellion erst niedergeschlagen ist, werde ich Sie mit entsprechenden Schneidern bekannt machen.“

Catherine war fassungslos über so viel Arroganz. Dennoch ignorierte sie die persönliche Beleidigung ihres Geschmacks und fragte verwundert: „Ja, glauben Sie denn, dass das nur eine einfache Rebellion ist? Ich hatte eher den Eindruck, es handele sich um eine richtige Revolution.“

Etienne gähnte gelangweilt und schlug graziös die Beine übereinander. „Natürlich will man uns das glauben machen. Es ist doch klar, dass man uns Angst einjagen will. Aber es ist Unsinn. Im Übrigen wollen wir versuchen, diese ganze lästige Angelegenheit so gut es geht zu ignorieren, nicht wahr?“

Mühsam schluckte Catherine einen weiteren Widerspruch hinunter, da die Marquise sich einschaltete und das Gespräch auf belanglosere Dinge brachte. Die Unterhaltung plätscherte seicht vor sich hin, und Catherine konnte in aller Ruhe ihren Verlobten mustern.

Von der übertriebenen Pracht seiner Kleidung abgesehen, musste sie zugeben, dass Etienne ein durchaus gutaussehender Mann war. Wenn ihm auch die männliche Ausstrahlung Christopher Deverells fehlte, so hatten seine gerade Nase, die langen, fein geschwungenen Wimpern und sein leicht ovales Gesicht doch einen eigenen Reiz. Dass er ihr trotzdem irgendwie missfiel, musste einen Grund haben, und Catherine grübelte darüber nach, was es war. Er ähnelte noch immer dem sanften Jungen, den sie in ihrer Kindheit gekannt hatte, und doch war eine gewaltige Veränderung mit ihm vorgegangen, die sie zwar noch nicht näher bestimmen konnte, aber die sie erschreckte. Sein einst weich geschwungener Mund war von einem Zynismus geprägt, der früher nicht da gewesen war, und seine Augen, die auf Catherine stets sanft und liebevoll geblickt hatten, hatten jetzt einen Ausdruck angenommen, der in Catherine eine merkwürdige Unruhe auslöste. Es war eine seltsame Mischung darin, aus Angst und Neugier, aus hochmütiger Verachtung und dennoch einem Hauch von Zuneigung. Catherine fragte sich, was Etienne wohl so verändert haben mochte. Dann fiel es ihr schlagartig wie Schuppen von den Augen. Natürlich, seine unglückliche Liebe zu seiner Cousine! Wie hatte sie das nur vergessen können! Und an allem war nur Christopher Deverell schuld! Wieder einmal schämte sie sich, dass es ihr immer noch nicht gelang, Christopher so zu verabscheuen, wie er es verdiente.

„… Was hältst du davon, Catherine?“, drang Madame de Fontenays Stimme wie aus weiter Ferne in ihre Gedanken.

Catherine blickte errötend auf. „Wie bitte? Entschuldigen Sie, ich habe nicht zugehört.“

„Offensichtlich. Ich fragte gerade, was du davon hältst, uns auf dem Spinett etwas vorzuspielen. Die liebe Angela hat in ihren Briefen immer so von deinen Künsten geschwärmt.“

„Ja, gern“, erwiderte Catherine, froh, dass die steife Unterhaltung so ein Ende fand. Sie setzte sich an das mit Schnitzereien prunkvoll verzierte Instrument und spielte ein paar alte englische Volksweisen und dann noch ein paar leichtere Stücke von Bach. Die Marquise und ihr Sohn zollten huldvoll Beifall, und anschließend nahmen sie gemeinsam das Abendessen ein.

Hierbei hatte Catherine erneut Gelegenheit, sich über ihren Verlobten zu wundern. Er ging so graziös mit Messer und Gabel um, als wären diese zerbrechlich, und wenn er sich mit seiner Serviette den Mund betupfte, ähnelten seine Bewegungen fast denen einer Frau. Zufällig fiel ihr Blick auf seine Hände und blieb dort haften. Noch nie hatte sie bei einem Mann so lange, manikürte Fingernägel gesehen.

Etienne fing ihren Blick auf. Aufmerksam betrachtete er seine eigenen Finger und lächelte rätselhaft.

„Vor der Revolution war das der letzte Schrei in Paris, wussten Sie das? - Übrigens, Maman sagte mir, Sie wären mit diesem grässlichen Deverell hier angekommen. Dieser Rohling hat Sie doch wohl nicht belästigt?“

Catherine war schon versucht zu antworten, dass Christopher kein Rohling sei. Im letzten Moment besann sie sich und entgegnete, so ruhig es ging: „Keinesfalls. Ich kann nur sagen, dass sein Benehmen mir gegenüber ohne jeden Tadel war.“

„Das beruhigt mich. Aber warum diese Röte, meine Liebe? Haben Sie etwa eine Neigung zu dem Mann gefasst?“

„Du lieber Himmel, nein!“, entfuhr es Catherine eine Spur zu hastig, sodass der Wein in dem Glas, das sie gerade in der Hand hielt, überzuschwappen drohte.

Etienne runzelte missbilligend die Stirn. „Ich hoffe es. Maman wird Ihnen ja wohl gesagt haben, dass es zwischen Deverell und mir eine … Missstimmung gegeben hat. Sie werden unsere Abneigung doch sicher respektieren?“

Catherine schluckte einen verärgerten Kommentar herunter und murmelte, den Blick auf ihre Röcke geheftet: „Natürlich. Das habe ich Ihrer Mutter schon gesagt.“

„Sehr schön.“ Er lächelte selbstgefällig. „Mögen Sie vielleicht noch etwas von dieser exquisiten Crème brulée?“

Als Catherine endlich allein in ihrem Zimmer war, ließ sie sich mit einem müden Seufzer aufs Bett sinken. So gezwungen hatte sie sich das Beisammensein mit Etienne eigentlich nicht vorgestellt. In ihrer Kinderzeit hatten sie immer viel Spaß zusammen gehabt, und als sie zugestimmt hatte, seinen Antrag anzunehmen, war sie unwillkürlich davon ausgegangen, dass das auch so sein würde, wenn sie verheiratet wären. Aber jetzt wirkte Etienne gelangweilt und blasiert, und auch sie selbst fand nicht viel Vergnügen an seiner Gesellschaft. Und auch, wenn ihn die unglückliche Liebe zu seiner Cousine sicherlich geprägt hatte, so erklärte das doch nicht sein kühles und hochmütiges Verhalten ihr gegenüber. Sie konnte nur hoffen, dass sich das bald ändern würde. Denn mit dem Mann, als der er sich heute Abend präsentiert hatte, würde ein Zusammenleben sicher nicht nur schwierig, sondern geradezu unmöglich sein. Unwillkürlich stellte sie einen Vergleich zwischen Etiennes steifem, gezierten Benehmen und Christopher Deverells gelassenem Humor an. Ganz eindeutig zog Etienne dabei den Kürzeren. Nichtsdestotrotz blieb es eine Tatsache, dass Christopher sich schändlich verhalten hatte. Aber wenn er tatsächlich so ein Schurke war, wie behauptet wurde, warum nur konnte er dann nicht auch so aussehen? Und warum wirkte andererseits Etienne, den sie bisher für den Inbegriff eines vornehmen Menschen gehalten hatte, im Vergleich mit ihm so künstlich und kalt? Seit sie Christopher kennengelernt hatte, war einfach alles entsetzlich verdreht und auf den Kopf gestellt. Warum nur hatte ihr das Schicksal einen so üblen Streich gespielt und ihr Christopher Deverell über den Weg gesandt? Sie hatte sich so auf ihr Wiedersehen mit Etienne gefreut. Doch jetzt war alles verdorben!

 

Ein paar Tage später saß Catherine im Morgenrock an ihrem Frisiertisch und starrte trübsinnig ihr Spiegelbild an. Sie verspürte nicht die geringste Neigung, Ordnung in ihre vom Schlaf verworrenen Locken zu bringen. Wieder wartete ein langweiliger und enttäuschender Tag auf sie.

Nur widerwillig griff sie zur Bürste und glättete die einzelnen Strähnen. Bestimmt hatten Etienne und seine Mutter schon gefrühstückt, doch es machte Catherine nichts aus. Es gab ja sowieso immer nur diesen grässlichen Milchkaffee und ein wabbeliges Stück Brot, das sicher nicht allzu nahrhaft war. Schon gestern hatte Catherine auf das Frühstück verzichtet. Wehmütig dachte sie an das herzhafte Essen in England zurück. Da gab es morgens immer Eier und Schinken, herrliche Konfitüren und wundervoll duftenden Tee. Ja, den Tee vermisste sie eigentlich am meisten. Nicht, dass gegen Kaffee etwas einzuwenden war. Aber dass man ihn so extrem mit Milch versetzen musste, ging über ihren Verstand und entsprach auch nicht ihrem Geschmack. Doch Etienne hatte erklärt, es sei vornehm, ihn so zu trinken, zumal jetzt, wo Milch ein Luxusprodukt geworden war.

Catherine seufzte bei dem Gedanken an ihren Verlobten. Sie hatten nun schon vier Tage gemeinsam verbracht, und doch hatte sich an seinem Verhalten nicht das Geringste geändert. Er war noch immer ebenso kühl und herablassend wie am ersten Abend. Besonders schlimm war es, wenn seine Mutter dabei war. Dann war er manches Mal regelrecht verletzend geworden und machte Anspielungen auf ihre geringere Herkunft. Dabei war Catherines Familie in England durchaus angesehen und brauchte sich ihres Stammbaumes nicht zu schämen. Gewiss, die Macphersons gehörten nicht zum Hochadel wie die Familie der Fontenays und auch ihr Großvater mütterlicherseits war nur ein einfacher Baronet gewesen. Aber Etienne hatte doch gewusst, wer Catherines Eltern waren, als er um ihre Hand angehalten hatte.

Wenn sie allein waren - was nicht häufig vorkam, dafür sorgte Madame de Fontenay -, war Etienne zugänglicher und freundlicher. Dennoch näherte er sich Catherine nie in der Weise, wie sie es von einem Mann, der sie heiraten wollte, erwartet hätte. Weder versuchte er sie zu küssen, noch machte er ihr Komplimente, ja nicht einmal über ihre gemeinsame Zukunft redete er mit ihr. Jedes Mal, wenn Catherine das Gespräch auf ihre bevorstehende Verlobung zu bringen versuchte, wechselte er fast panikartig das Thema und wurde nahezu grob. Manchmal trat dann ein seltsam verletzlicher Ausdruck in seine Augen, und Catherine hatte das Gefühl, als ob er ihr etwas sagen wollte. Doch entweder täuschte sie sich jedes Mal, oder er besann sich immer im letzten Augenblick. Alles in allem hatte Catherine den Eindruck, mit einem Fremden zu verkehren, aber nicht mit einem Mann, der sie zur Frau wollte.

Das einzige Zeichen dafür, dass er sie tatsächlich als seine künftige Gattin betrachtete, war ein brillantbesetzter goldener Ring, der, wie Etienne ihr mit einem gewissen Stolz erklärte, als Verlobungsring schon die Hand seiner Großmutter geschmückt hatte und ein Teil des Familienschmucks war. Nun hatte also Catherine die Ehre, dieses Prachtstück zu tragen. Zu ihrer Empörung hatte Etienne sie eindringlich gewarnt, ihn ja nicht zu verlieren. Statt sie zu küssen oder wenigstens zu umarmen - womit sie fest gerechnet hatte, als er ihr das kostbare Stück an den Finger steckte -, gab es nur diese kalte Maßregelung.

„Wenn ich den Ring nicht tragen soll, warum bekomme ich ihn dann?“, hatte Catherine gespottet. Aber Etienne hatte nur mit den Achseln gezuckt und gleichgültig erwidert:

„Maman meinte, ich müsste Ihnen einen Verlobungsring schenken. Sie wird wohl recht haben.“

„So, meinte Sie das. Und was ist mit Ihnen? Was meinen Sie dazu?“

Sein Blick wurde starr. „Ich hätte es vorgezogen, Ihnen den Ring bei unserer offiziellen Verlobungsfeier anzustecken, wenn es denn eine gegeben hätte.“

„Wird es denn keine geben?“, wunderte Catherine sich stirnrunzelnd.

Er zuckte die Achseln. „Angesichts der augenblicklichen Verhältnisse in der Stadt ist es zu ungewiss, wann sie stattfinden könnte. Maman meinte, es sei vermutlich besser, wir machen es ohne eine große Feier offiziell. Sie können … Sie können sich daher von nun an als offiziell mit mir verlobt betrachten.“

„Kann ich das!“, entfuhr es Catherine gereizt.

„Sie haben zugestimmt, meine Frau zu werden, als ich um Sie angehalten habe. Maman hat vermutlich recht, wenn sie meint, wir könnten auf eine große Feier verzichten. Es ändert ohnehin nichts. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich gehe noch aus.“

Catherine hatte sprachlos auf den funkelnden Ring an ihrem Finger gestarrt, während er das Zimmer verließ. Maman meinte - ha! Unglaublich, dass er es nicht auch noch seiner Mutter überlassen hatte, ihr den Ring an den Finger zu stecken!

So schlichen die Tage dahin, und Catherine wünschte beinahe, England nie verlassen zu haben. Sie kam sich in diesem Haus allmählich wie eine Gefangene vor. Durch die politischen Umstände erhielten sie keine Besuche, und außer Haus gingen sie auch nicht. Nur Etienne verließ manchmal spät abends noch allein das Haus und kehrte erst in den Morgenstunden zurück. Catherine wunderte sich, was er in diesen Nächten wohl machte, aber sie wagte es nicht, ihn zu fragen.

Grübelnd ließ sie die Bürste sinken und zog die Stirn in Falten. Vielleicht war es falsch gewesen, einer Verlobung mit Etienne überhaupt zuzustimmen, ehe sie ihn wiedergesehen hatte. Sie hatten sich nur als Kinder gekannt und das noch nicht einmal gut. Als Etienne um ihre Hand angehalten hatte, war sie noch sehr jung gewesen. Außerdem war es ihr als Rettung davor erschienen, im Hause ihres Onkels und ihrer Tante, wo sie damals mit ihrer Mutter lebte, als alte Jungfer zu enden. Sie hatte damals geglaubt, der trostlosen Eintönigkeit des alten Landsitzes niemals entrinnen zu können. Doch jetzt war die Lage eine ganz andere. Ihre Mutter war tot, ihre Verwandten hatten keinen Einfluss mehr, und mit dem Geld, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte, war ihr Auskommen für mindestens zwei oder drei Jahre gesichert. Sie erwog daher ernsthaft, nach England zurückzukehren und diese seltsame Verlobung, die eigentlich gar keine richtige war, zu lösen. Andererseits, wie sollte sie Etienne das antun? Er hatte schon einmal eine Frau verloren, wie würde er sich da fühlen, wenn sie schon nach wenigen Tagen offizieller Verlobungszeit kalte Füße bekam und davonlief? Sie hatte nun einmal dummerweise versprochen, ihn zu heiraten, da konnte sie doch nicht einfach so kneifen, ohne ihm zumindest eine Chance zu geben. Vielleicht brauchten sie einfach mehr Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen. Doch wie viel Zeit wollte sie ihm geben?

Sie nahm die Bürste wieder in die Hand und strich damit energisch über die Haare. Anschließend steckte sie sie zu einer einfachen Frisur locker hoch und warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Sie sah viel zu blass und müde aus, kein Wunder, nach diesen eintönigen Tagen im Haus! Wenn sich daran nicht bald etwas änderte, würde sie noch verkümmern! Mit einem Aufblitzen ihrer Augen traf sie eine Entscheidung. Ein Monat! Ein Monat wäre Zeit genug, um festzustellen, ob sich an ihrer Beziehung zu Etienne irgendetwas zum Positiven änderte. Falls Etienne jedoch in einem Monat immer noch nicht zugänglicher geworden wäre und sie in diesem düsteren Haus weiter versauerte, würde sie die Verlobung lösen!

Dieser Gedanke gab ihr mit einem Mal neuen Schwung. Noch war sie nicht an Etienne gebunden. Sie hatte noch die Möglichkeit zu wählen! Es gab überhaupt keinen Grund, dieses schreckliche Haus, in dem sie augenblicklich lebte, als Gefängnis zu betrachten, denn sie konnte es ja, wenn nötig, noch immer verlassen.

Sie war so froh über diese frisch gewonnene Erkenntnis, dass sie sich schwungvoll erhob, um ein hübsches Kleid auszuwählen, das zu dem sonnigen Tag, der durch die Ritzen der Fensterläden zu erkennen war, passte. Sie war gerade dabei, es überzustreifen, als es an ihrer Zimmertür klopfte. Auf ihr „Herein“ trat Minette mit einem Korb am Arm ein. Um die Schultern hatte sie ein Tuch zum Ausgehen gebunden, und ein kleiner hübscher Strohhut schmückte ihren Kopf.

Leicht verlegen umklammerte das Mädchen mit beiden Händen den Korbgriff. „Mademoiselle, entschuldigen Sie, wenn ich störe. Ich … ich gehe einkaufen, und da hab ich mir gedacht, ich meine … Sie kommen so gar nicht aus dem Haus, und Sie brauchen doch auch mal frische Luft! Ich meine, ich wollte fragen, wenn Sie vielleicht Lust hätten, ob Sie nicht mitkommen wollen. Sie könnten ein altes Kleid von mir haben, dann fallen Sie nicht so auf.“

Catherine, die gerade in die Ärmel ihres Kleides schlüpfen wollte, hielt in der Bewegung inne. „Oh Minette, das ist eine wunderbare Idee. Natürlich komme ich mit.“

Minette lächelte zaghaft. „Ich weiß, es gehört sich eigentlich nicht, dass ich Sie frage, aber -“

„So ein Unsinn“, unterbrach Catherine mit lachenden Augen. „Ich bin so froh, einmal aus dem Haus zu kommen! Sei nur so gut und sag Madame de Fontenay Bescheid, dass ich mit dir gehe, damit sie sich keine Sorgen macht.“

„Ich weiß nicht, Mademoiselle. Vielleicht sollten Sie lieber nicht … Ich meine, Madame wird es bestimmt nicht gutheißen.“

„Das macht nichts“, entgegnete Catherine leichthin. „Ich werde noch verrückt, wenn ich hier tagelang eingesperrt bin! Wenn du mich nicht gefragt hättest, ob ich mitkomme, wäre ich vielleicht selbst irgendwann mit der Bitte auf dich zugekommen, dass du mir ein wenig von der Stadt zeigst. Du kannst der Marquise also gern sagen, es wäre meine Idee gewesen, gemeinsam auszugehen, falls du Angst hast, sonst Ärger zu bekommen. Auf mich kann sie gern böse sein, ich werde schon mit ihr fertig. Ach, Minette, du ahnst ja nicht, wie sehr ich mich danach sehne, einmal aus dem Haus zu kommen!“

Minette unterdrückte ein Kichern und lächelte. „Wie Sie meinen, Mademoiselle. Dann werde ich Madame sagen, dass Sie mit mir in die Stadt gehen. Und dann bringe ich Ihnen ein schlichtes Kleid. Es wird Ihnen bestimmt passen.“

Wenige Minuten später waren Catherine und Minette auf dem Weg ins Zentrum. Minette führte Catherine dabei durch so viele kleine Gassen, dass Catherine schon bald die Orientierung verlor. Minette erklärte jedoch, dass die kleinen Gässchen, besonders für sie als Frauen, sicherer seien als die großen Boulevards, wo man doch ab und an immer mal wieder belästigt wurde. Der Aufstand war zwar jetzt schon eine Woche her, und alles hatte sich wieder etwas beruhigt. Dennoch war eine angespannte, hektische Atmosphäre zu spüren, sobald sie auf den Pont Neuf hinaustraten, auf dem sich einige Läden befanden, in denen Minette versuchen wollte, Gemüse und etwas Fleisch zu erstehen. Während Minette mit den Händlern eifrig feilschte und doch, wie Catherine fand, Wucherpreise bezahlen musste, blickte Catherine sich neugierig um und lauschte den Gesprächen der Umstehenden. Die meisten Leute, die sie sah, waren einfach gekleidet und aus dem Volk. Catherine war froh, ihre Haare nur schlicht frisiert und wie Minette die Kleidung einer einfachen Dienstmagd angelegt zu haben, sodass sie nicht so auffiel. Wenn sie auf dem Lande schon geglaubt hatte, etwas vom Revolutionsfieber zu spüren, so empfand sie das hier in Paris erst recht. In der Metropole Frankreichs schien es, sobald man auf die Straße trat, nur noch ein Gesprächsthema zu geben, nämlich die Fortschritte der Revolution. Immerhin erfuhr Catherine auf diese Weise einige Dinge, die ihr in der Abgeschiedenheit des Fontenay'schen Haushalts verborgen geblieben waren. So entnahm sie den Unterhaltungen, dass man die königliche Familie nach dem Aufstand vom zehnten August im Temple gefangengesetzt hatte. Außerdem war in der Zwischenzeit ein sogenanntes Verdächtigungsgesetz erlassen worden, dass es erlaubte, jeden mutmaßlichen Feind der Republik sofort zu inhaftieren. Wie es hieß, füllten sich die Gefängnisse bereits mit Verdächtigen. Dieses Gesetz ging, wie es schien, auf eine Forderung Marats, einem der radikaleren Revolutionsführer, zurück, auch im Inneren Frankreichs mit allen Verrätern abzurechnen und alle Verdächtigen zu liquidieren. Catherines Unbehagen wuchs, als auch noch die Rede von sogenannten Ausschüssen war, die wohl alle möglichen Kompetenzen erhielten. Jedoch war ihr nicht ganz klar, was es damit im Einzelnen auf sich hatte. Sie überlegte, ob sie am Abend Etienne danach fragen könnte, war sich aber nicht sicher, ob er bereit wäre, mit ihr über politische Themen zu reden.

Minette hatte inzwischen etwas Rindfleisch bekommen, wollte aber gern noch dem Sohn des Bäckers Boulot einen kurzen Besuch abstatten. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, hier kurz auf mich zu warten, Mademoiselle?“, fragte sie mit einem unsicheren Lächeln. „Ich meine, nicht, dass Sie nicht mitkommen könnten, aber … nun, Paul und ich … wir sind … Ich meine …“

„Ich verstehe schon!“, lachte Catherine. „Mach dir keine Gedanken, Minette, ich warte gern hier. Ich kann mir ja in der Zwischenzeit die Läden da drüben ansehen. Und falls es zu lange dauert, gehe ich einfach ohne dich zurück, und du kommst später nach.“

„Aber Sie würden das Haus doch gar nicht finden, Mademoiselle!“

„Aber gewiss doch. Mr. Deverell und ich sind neulich ja auch über den Pont Neuf gekommen.“

„Nun ja, vielleicht. Aber gehen Sie nicht sofort! Ich meine … das wäre besser, glaube ich.“

„Besser? Wieso das?“, wunderte sich Catherine.

„Oh, das kann ich Ihnen nicht erklären, Mademoiselle! Bitte warten Sie kurz! Sie werden gleich wissen, warum!“

Eilig trippelte sie davon und ließ eine leicht ratlose Catherine zurück. Achselzuckend blickte sie sich daraufhin um und beschloss, sich die Kupferschmiede auf der anderen Straßenseite anzusehen. Sie raffte ihre Röcke, da die Straße schlammig und nass aussah, was für Pariser Verhältnisse allerdings nicht ungewöhnlich sein sollte.

Sie hob den Fuß, um ihn auf die Straße zu setzen, als wie aus dem Nichts plötzlich eine große Gestalt neben ihr auftauchte, ihren Ellenbogen ergriff und sie mit einem lachenden „Vorsicht, warten Sie!“ zurück auf den Bürgersteig zog. Empört wollte sie den Angreifer zurechtweisen, als sie, völlig überrumpelt, in ihm Christopher Deverell erkannte.

Mit einem strahlenden Lächeln begrüßte er sie, wobei sein Blick anerkennend über sie hinwegglitt, sodass sie errötete.

„Bitte entschuldigen Sie mein rüdes Verhalten, meine Liebe, aber Sie wären glatt in dieses tiefe Schlammloch getreten, und das musste ich verhindern.“ Seine grünen Augen funkelten sie voller Herzlichkeit an. „Nebenbei bemerkt, freue ich mich, Sie wiederzusehen.“

Catherines Herz schlug einen nervösen Trommelwirbel, und sie verfluchte sich selbst, dass seine tiefe, männliche Stimme sie so durcheinanderbrachte. Um ihre Unsicherheit zu verbergen, blickte sie kritisch auf die Straße. „Sie meinen diese lächerliche Pfütze?“

Sein Blick begegnete dem ihren mit einem geduldigen und leicht amüsierten Ausdruck. Wortlos sammelte er einen kleinen Stein auf und ließ ihn über der Stelle fallen, auf die er vorher gezeigt hatte. Mit einem Plumps versank der Stein in den Tiefen einer ekligen Brühe.

„Nun, dann also, danke schön“, brachte Catherine widerwillig hervor. „Im Übrigen bin ich nicht Ihre Liebe!“

Er zog überrascht eine Augenbraue in die Höhe. „Nanu, Madam, welche Laus ist Ihnen denn heute über die Leber gelaufen?“

„Gar keine, Sie unverschämter Mensch! Ich möchte von Ihnen nur gerne in Ruhe gelassen werden, das ist alles.“

Hochmütig warf sie den Kopf in den Nacken und setzte sich in Bewegung.

Doch Christopher hatte sie mit einem Satz wieder eingeholt. Er packte sie am Arm und zwang sie, sich ihm zuzuwenden. Das Lachen war einem finsteren Stirnrunzeln gewichen, als er unvermittelt fragte: „Cathy, warum haben Sie meinen Brief nicht beantwortet? Und warum, zum Teufel, tun Sie plötzlich so, als hätte ich die Pest?“

Sie zuckte die Achseln und antwortete wahrheitsgemäß: „Ich habe keinen Brief bekommen.“

„Tatsächlich nicht? Nun, ich kann mir vorstellen, dass man ihn Ihnen nicht übergeben hat. Aber das erklärt noch nicht Ihr bissiges Verhalten. Was ist passiert, dass Sie mir auf einmal so böse sind?“

„Das fragen Sie noch?“, fuhr sie ihn an und befreite sich aus seinem Griff.

„Allerdings. Als wir uns das letzte Mal sahen, hatte ich nämlich den Eindruck, dass Ihnen an meiner, nun, sagen wir … Freundschaft etwas läge.“

„So, hatten Sie das! Da habe ich aber auch einiges über Sie noch nicht gewusst!“

Seine Braue zuckte in die Höhe. „Und was, wenn ich fragen darf, haben Sie nicht gewusst?“

„Dass Sie ein ganz gemeiner, widerlicher Lüstling sind!“, schleuderte Catherine ihm entgegen. „Dass Sie Etiennes Cousine entehrt und Etienne bei dem darauf folgenden Duell schwer verwundet haben! Und, was ebenso schlimm ist, dass Sie aus Feigheit vorzeitig geschossen haben, sodass Etienne überhaupt keine Chance hatte! Sie haben das Glück von Etienne und seiner Cousine zerstört! Und Sie haben mich von vorne bis hinten belogen!“

Eine tödliche Blässe hatte sich auf Christophers Zügen ausgebreitet. Mit erschreckender Ruhe murmelte er: „Das war ja eine nette Aufzählung. Und Sie glauben das alles?“

Catherine blinzelte zu ihm hoch. Seine Gegenwart verwirrte sie. Wiederholt fragte sie sich, warum er nur, selbst wenn er böse war, so unglaublich anziehend wirkte. Fast empfand sie ihre eigenen Anschuldigungen als ungeheuerlich. Ihre Unsicherheit ließ ihre Stimme schroffer klingen, als sie beabsichtigte: „Warum sollte ich es nicht glauben? Madame de Fontenay hat es gesagt, und warum sollte sie lügen?“

Christophers Wangenmuskel zuckte, doch er wandte den Kopf ab und starrte an irgendeinen Punkt in der Ferne. So sah Catherine auch nicht den schmerzlichen Ausdruck in seinen Augen, sondern hörte nur den schneidenden Spott in seiner tiefen Stimme: „Ja, warum? Es wäre wohl zu viel verlangt gewesen, dass sie sich eine eigene Meinung bilden!“

„Ich habe durchaus eine eigene Meinung! Und ich wollte es erst ja auch gar nicht glauben! Aber Ihre seltsamen Andeutungen, dass Etienne kein Mann für mich wäre … und als Madame de Fontenay mir dann alles erklärte -“

„War für Sie natürlich völlig klar, dass alles so ist, wie die Marquise es behauptet!“, unterbrach er, zu ihr herumwirbelnd, mit zornig blitzenden Augen.

„Haben Sie sich etwa nicht mit Etienne duelliert?“

„Doch, das habe ich, aber -“

„Haben Sie!“, keuchte Catherine, mit einem Gefühl schrecklicher Enttäuschung, dass Christopher die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen nicht entkräften konnte. „Und da wundern Sie sich noch, dass ich nichts mehr von Ihnen wissen will!“

„Mich wundert gerade überhaupt nichts mehr! Allenfalls, dass ich so dumm sein konnte zu glauben, dass Sie über genügend Intelligenz verfügen, zu erkennen, wenn jemand Ihnen ein X für ein U vormacht!“

„Sie unverschämter, flegelhafter …“

„Nur weiter so“, höhnte er. „Oder fehlen Ihnen etwa die Worte? Wie wäre es mit Schuft, Schurke, Liederjan?“

Einen Augenblick lang war Catherine versucht, Christopher einfach stehen zu lassen. Sie überlegte es sich jedoch anders und schlug stattdessen hoffnungsvoll vor: „Dann erklären Sie mir doch, wie es wirklich war! Sagen Sie mir, warum Sie sich mit Etienne duelliert haben, wenn es nicht deswegen war, weil sie seine Cousine verführt und geschwängert haben!“

„Geschwängert auch noch? Na, das wird ja immer besser!“

„Weichen Sie mir nicht aus! Warum haben Sie sich mit Etienne duelliert? Sagen Sie es mir!“

Er zögerte kurz, atmete tief durch und erwiderte dann mit einem Anflug von Frustration in der Stimme: „Das kann ich nicht.“

Sie starrte ihn an. „Und warum nicht?“

„Weil … weil ich, im Gegensatz zu Ihrer Schwiegermutter in spe, niemanden hinter seinem Rücken schlechtmache. Fragen Sie Ihren Verlobten, wenn Sie wissen wollen, was passiert ist.“

„Sie wollen es mir also nicht erklären!“, stellte Catherine fassungslos fest.

Bittend streckte er eine Hand aus und berührte sie vorsichtig am Arm. „Catherine, bitte … Können Sie mir nicht einfach vertrauen?“

Fast war sie versucht, dem flehentlichen Ausdruck seiner Augen nachzugeben. Aber war es ihm nicht schon einmal gelungen, das Vertrauen einer arglosen jungen Frau zu missbrauchen? Zerrissen von ihren Zweifeln, fragte sie mit brüchiger Stimme: „Einfach vertrauen? Nach allem, was mir Madame de Fontenay über Sie erzählt hat?“

Er fuhr zurück, ließ die Hand sinken, und der flehentliche Ausdruck in seinen Augen erlosch. „Nun, was soll's. Dann hören Sie meinetwegen auf das Gewäsch anderer!“

„Was bleibt mir denn anderes übrig, wenn Sie mir nichts sagen!“, klagte Catherine vorwurfsvoll. „Sie … Sie könnten ja wenigstens versuchen, mir zu erklären, was geschehen ist! Vielleicht würde ich Ihnen ja glauben!“

Er stieß ein bitteres Lachen aus. „Was hätte das für einen Sinn? Sie haben gerade erklärt, Sie könnten mir nicht vertrauen! Ein vielleicht ist mir zu vage!“

„Wie Sie wollen!“, schnaufte Catherine verächtlich. „Dann hatte Madame de Fontenay also recht, und Sie sind wirklich so unehrenhaft und verderbt, wie sie sagte!“

Aus Christophers Augen schossen geradezu mörderische Blitze, aber einen Augenblick später zuckte er scheinbar gleichmütig die Achseln und versetzte eisig: „Glauben Sie etwa, dass es mir etwas bedeutet, was Sie denken?“

„Gewiss nicht!“

„Na also.“

Schweigend setzten sie sich in Bewegung und schlugen unwillkürlich den Weg zum Haus der Fontenays ein. Catherine kam gar nicht auf den Einfall, Christophers Begleitung zurückzuweisen. Sie hatte sich ihm während der ganzen Reise hierher anvertraut, sodass es ihr völlig natürlich erschien, auch jetzt wieder von ihm behütet zu werden. Und obwohl sie inzwischen wusste, wie verdorben er war, fühlte sie sich seltsamerweise in seiner Gegenwart vollkommen sicher.

Je länger sie schwiegen, desto überzeugter wurde Catherine, dass Christopher verletzt war. Aber was hatte er denn erwartet? Er bereute ja noch nicht einmal, was er getan hatte, oder leugnete es ab! Sie hatte insgeheim immer noch gehofft, dass er vielleicht eine plausible Erklärung für alles hatte. Daran war natürlich nur ihre viel zu ausgeprägte Zuneigung zu ihm schuld. Sie konnte nun einmal nicht abstreiten, dass seine Gegenwart eine verheerende Wirkung auf ihren Pulsschlag ausübte, was wirklich mehr als beunruhigend war! Warum nur gelang es ihr nicht, in Etiennes Gesellschaft ebenso aufgeregt zu sein wie in Christophers? Was hatte er an sich, dass sie sich so vergaß? Unwillkürlich seufzte sie, woraufhin Christopher sich ihr zuwandte.

„Sie haben noch gar nicht gefragt, weshalb ich Sie sprechen wollte“, versetzte er mit einem überraschenden Lächeln, das ihren Herzschlag augenblicklich zum Rasen brachte.

Sie biss sich kurz auf die Lippen und überlegte, wie klug es wäre, sich auf eine weitere Diskussion mit ihm einzulassen. Letztendlich, und unvernünftigerweise, wie sie sich selber sagte, siegte ihr Herz über ihren Verstand: „Hm. Vielleicht halten Sie mich dann wieder für neugierig?“

Ein anerkennendes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Eins zu null für Sie. - Lassen Sie uns Waffenstillstand schließen, Catherine, bitte! Es ist wirklich wichtig, was ich Ihnen zu sagen habe.“

„Was ist es denn?“, fragte sie, da sie ihre Neugier nicht länger im Zaum halten konnte.

„Ich habe etwas über Ihren Vater herausgefunden, was ich für wichtig halte. Ich habe Ihnen deshalb vorgestern schon eine Nachricht geschickt, aber die haben Sie ja wohl nicht erhalten. Also habe ich gestern Minette abgefangen und Sie gebeten, Sie zum Einkaufen mitzunehmen.“

„Oh, so war das also! Und deshalb wollte Minette vorhin unbedingt, dass ich noch einen Augenblick warte, ehe ich gehe!“

Er lachte. „Seien Sie Minette nicht böse. Ich musste meine ganze Überredungskunst aufbieten.“

Sie sah ihn schräg von der Seite an. „Nun ja. Darin sind Sie ja groß. Also worum geht es?“

„Wussten Sie, dass Ihr Vater in Frankreich ein sehr einflussreicher Mann war? Wie es scheint, besaß er große Besitztümer in der Normandie, in der Bretagne und sogar hier in Paris.“

„Ja, kann sein. Und?“

„Er galt vor der Revolution als recht liberaler Mann. Das hat ihm in einigen Kreisen nicht nur Freunde verschafft. Zu Beginn der Revolution kam es zu Bauernaufständen auf seinen Besitzungen, die von gedungenen Rednern inszeniert wurden, weil irgendwelche Politiker hier in Paris ein Interesse am Ableben ihres Vaters hatten.“

„Mein Vater ist bei Bauernunruhen ums Leben gekommen. Aber ich wusste nicht, dass das jemand geplant hatte“, warf Catherine nachdenklich ein.

„Wussten Sie, dass es Gerüchte gibt, dass Ihr Vater eventuell gar nicht tot ist? Es gibt Leute, die behaupten, er wäre verwundet entkommen. Immerhin hat man seine Leiche nie gefunden.“

„Nein, das wusste ich nicht. Aber wenn er noch lebte, wäre er sicher nach England geflohen, und wir hätten etwas von ihm gehört.“

„Hm, vielleicht. Aber was noch schlimmer ist“, fuhr Christopher ernst fort, „es kursieren seitdem Gerüchte, dass ihr Vater vorhatte, Frankreich zu verlassen und zurück nach England oder Schottland zu gehen, nachdem er bereits einen Teil seiner Gelder ins Ausland transferiert hatte. Obwohl er kein gebürtiger Franzose war, nimmt man ihm das hier übel und betrachtet ihn als mutmaßlichen Emigranten, der die Revolution von außen bekämpfen will. Daher sind auch seine Besitztümer mittlerweile beschlagnahmt worden.“

„Nun ja, aber was ist daran denn so wichtig?“

„Dazu komme ich jetzt. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Sie, seine Tochter, in Paris angekommen sind. Man fürchtet, dass Sie Ansprüche erheben könnten. Noch dazu sind Sie Ausländerin. Sie stehen bereits auf der Liste der Verdächtigen.“

„Ich?“, keuchte Catherine und blieb erschrocken stehen, um Christopher ins Gesicht zu sehen. „Aber was habe ich denn getan?“

Er nahm ihren Arm und drängte sie zum Weitergehen. „Wie ich schon sagte, Sie sind die Tochter eines Mannes, der enteignet worden ist und im Verdacht stand, emigrieren zu wollen. Außerdem gehören Sie zum Adel, das macht Sie ohnehin schon suspekt. Noch dazu wohnen Sie bei einer Familie, die ebenfalls seit längerem unter Beobachtung steht. Die Fontenays sind im Volk nicht gerade beliebt. Daher mein dringender Rat, Catherine, verlassen Sie Frankreich, so schnell es nur geht.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, dass Etienne und seine Mutter das dann vielleicht ausbaden müssen.“

„Etienne de Fontenay ist sowieso verrückt, wenn er noch hierbleibt. Es kann nur noch Tage dauern, bis er verhaftet wird. Er sollte schnellstens das Land verlassen.“

„Haben Sie vielleicht ein Interesse daran, ihn loszuwerden?“, argwöhnte Catherine.

Zornig blitzte es in Christophers Augen auf. „Jawohl, das habe ich! Aber deshalb entledige ich mich seiner noch lange nicht auf die Art, die Sie anzudeuten scheinen! Seien Sie gewiss, dass ich meine persönlichen Differenzen mit Etienne de Fontenay durchaus ohne die Hilfe der Guillotine austragen kann!“

„Sie meinen, er würde …“

„Ja, meine ich!“, ergänzte er hart. „Begreifen Sie endlich, dass hier nicht nur gespielt wird! Wenn Sie erst einmal in die Mühlen der Justiz geraten, ist der Weg aufs Schafott nicht mehr weit. Und glauben Sie mir, Etienne de Fontenay steht kurz davor. Und Sie auch, wenn Sie nicht aufpassen!“

Er hatte sich in Rage geredet, und seine Augen blitzten. Catherine zweifelte nicht länger, dass er die Wahrheit sagte. „Warum Etienne?“, flüsterte sie.

„Er und seine Freunde sympathisieren offen mit dem König. Sie reden davon, ihn aus dem Temple zu befreien, was natürlich einfältige Wichtigtuerei ist. Aber die Gerichte unterscheiden nicht zwischen idealistischen Wirrköpfen und wirklich gefährlichen Gegenrevolutionären.“

„Woher wissen Sie das alles?“

Er zuckte die Achseln. „Ich habe meine Verbindungen.“

„Was für Verbindungen?“

Seine Mundwinkel zuckten amüsiert nach oben. „Sie müssen nicht alles wissen, Sie neugierige kleine Person.“

Verärgert fragte Catherine: „Warum halten Sie Etienne für einen Wirrkopf?“

„Weil es völlig unmöglich ist, in den Temple einzudringen. Wissen Sie, wie er bewacht wird? Etienne und seine Freunde reden viel, aber ich glaube nicht, dass sie etwas unternehmen würden. Nur, wie wollte er das im Ernstfall vor Gericht beweisen?“

Unterdessen hatten sie das Haus der Fontenays erreicht. Vor der Gartenpforte blieb Catherine zögernd stehen. Christopher bemerkte ihre Verlegenheit und verzog spöttisch den Mund. „Keine Angst, ich erwarte nicht, dass Sie mich hereinbitten. Aber wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, reisen Sie so schnell wie möglich ab.“

Sie funkelte ihn herausfordernd an. „Ich will Ihnen aber keinen Gefallen tun.“

„Überlegen Sie es sich nochmal. Falls Sie mich brauchen, ich wohne in einer Wohnung im Hôtel de Brest in der Rue Saint Emilion.“

„Danke, aber das wird nicht nötig sein.“

„Hochmut kommt vor dem Fall, wussten sie das nicht?“ In ihren Augen blitzte es zornig auf, und er lachte. „Nun gut, leben Sie wohl, Sie störrisches Geschöpf. Und denken Sie an meine Warnung.“

Er drehte sich um, ging ein paar Schritte und blickte noch einmal zurück. „Sie sollten mir nicht so hinterherstarren“, ermahnte er mit amüsiertem Spott. „Was wird Ihre liebe Schwiegermutter in spé denken?“

„Oh, Sie … Sie fürchterlicher Mensch!“, schimpfte Catherine, der nichts Besseres einfiel.

Er lachte leise, wandte sich dann aber um und marschierte mit energischen, federnden Schritten davon. Seiner Ermahnung zum Trotz blinzelte Catherine ihm verwirrt hinterher. Schließlich drehte sie sich um und schritt nachdenklich ins Haus.

3

Wenige Tage nach seinem Treffen mit Catherine saß Christoper kurz nach Morgengrauen mit lang ausgestreckten Beinen auf einem kleinen Sessel in seiner eigenen Kajüte an Bord seines Schiffes, der Mermaid.

Er gähnte verschlafen und war dankbar, als der ungefähr zehn Jahre ältere Kapitän ihm eine volle Tasse Kaffee reichte.

„Bist du wirklich sicher, dass du auch diesmal wieder von Bord willst?“, fragte Nathaniel Robbarts ruhig. „Wäre es nicht besser, du würdest endlich mit nach England kommen?“

Christopher schüttelte langsam den Kopf. „Ich gehe zurück nach Paris. Zumindest noch eine Zeitlang.“ Er dehnte und streckte kurz seine Glieder.

„Müde?“, lachte Nathaniel.

Christopher grinste schief und seufzte. „Fünf Stunden Schlaf sind nicht gerade viel, wenn man davor zwei Nächte lang durchgeritten ist. Und dabei immer in Gefahr, von irgendeiner Jakobinerpatrouille aufgeschnappt zu werden! Da würde dir auch das Lachen vergehen.“

„Stimmt“, versetzte Nathaniel trocken. „Aber niemand zwingt dich dazu. Warum hörst du nicht auf?“

„Ich hab schon daran gedacht“, gestand Christopher, ein Gähnen unterdrückend. „Gerade jetzt wird das Ganze immer schwieriger. Hast du von den neuen Gesetzen gehört, die kürzlich erlassen worden sind? Selbst Lafayette ist inzwischen geflohen. Vermutlich bleibt mir bald gar nichts anderes übrig als aufzuhören.“

„Warum kommst du nicht gleich mit?“, bohrte Nathaniel mit einem besorgten Stirnrunzeln. „Du weißt, wenn du geschnappt wirst, gibt es niemanden, der deinen Kopf vor der Guillotine rettet. Und wer weiß, wie lange die Mermaid noch hin und her fahren und immer wieder vor Frankreichs Küste ankern kann. Wenn Whitehall uns irgendwann einen Strich durch die Rechnung macht -“

„In Whitehall weiß man, was ich hier tue.“

„Mag sein. Nichtsdestotrotz könnte Paris bald auch für dich zu einem gefährlichen Pflaster werden.“

Christopher zuckte die Achseln und lehnte sich müde zurück. „Wie du weißt, schützen mich einige einflussreiche Brissotins.“

„Ja, und das trotz deiner Herkunft! Ich finde, das ist besorgniserregend genug, Christopher! Immerhin sind diese Brissotins allesamt bürgerlicher Abstammung! Wenn deine Hintermänner und ihre Partei eines Tages beschließen, ganz und gar mit der Aristokratie aufzuräumen -“

„Du vergisst, dass ich Engländer bin. Ohne den Handel mit England gibt es für Frankreichs Bürgertum keinen Wohlstand! Was könnte es da Logischeres geben, als dass die bürgerlichen Brissotins einen Mann wie mich, der als Händler ihren Wohlstand fördert, unterstützen? Und ganz davon abgesehen: Hier in Frankreich ahnt niemand, wer ich wirklich bin.“

Nathaniel seufzte resignierend. „Ich kann nur hoffen, dass deine Rechnung aufgeht. Aber Gnade dir Gott, wenn jemand dahinterkommt, was du hinter deiner Fassade als bürgerlicher Händler wirklich treibst!“

Christopher zuckte die Achseln. „Zugegeben, mit einem Teil deiner Bedenken hast du wahrscheinlich recht. Ehrlich gesagt, denke ich selbst schon eine ganze Weile lang darüber nach aufzuhören. Aber -“

„Dann tu es, Christopher! Hör auf deinen Instinkt!“

Christopher lachte spöttisch. „Würde ich gern! Geht nur gerade nicht. Jedenfalls nicht sofort.“

„Wer ist es diesmal?“, stöhnte Nathaniel resignierend und nippte an seinem Kaffee.

Christopher verschränkte die Hände hinter dem Kopf und zwinkerte ihm zu. „Diesmal ist es etwas Persönliches.“

Nathaniel, der gerade seine Tasse wieder abstellen wollte, hielt aufhorchend in der Bewegung inne. „Etwas Persönliches?“

Unterdrückt grinsend, erklärte Christopher: „Kornblumenblaue Augen, rotgoldene Haare, traumhafte Figur …“

Nathaniel lachte überrascht auf. „Eine Frau? Willst du damit sagen, dass es dich endlich erwischt hat? Na, das wurde aber auch Zeit! Aber musste es denn ausgerechnet eine Französin sein?“

„Sie ist Engländerin. Hitzköpfig, liebenswert und … so gut wie verlobt mit dem Marquis de Fontenay.“

Nathaniel verschluckte sich an seinem Kaffee und prustete heraus: „Mit dem Marquis de Fontenay? Dem Marquis de Fontenay, der dir damals bei diesem verfluchten Duell die Kugel in den Arm gejagt hat?“

„Genau dem.“

„Großer Gott, Christopher! Etwas Besseres konnte dir wohl nicht einfallen, als dir ausgerechnet die Verlobte dieses Mannes auszusuchen!“

Christopher zuckte die Achseln. „Ich wusste nichts von der Verlobung, als ich sie kennengelernt habe. Und jetzt kann ich es nicht mehr ändern.“

„Du bist hoffnungslos in sie vernarrt, wie? Na, da bin ich ja mal gespannt, was Maggy dazu sagen wird!“

„Gütiger Himmel, untersteh dich, ihr irgendetwas davon zu erzählen! Maggy findet sowieso, dass ich mich schon viel zu lange in Frankreich herumtreibe und endlich für immer nach Hause kommen sollte!“

„Womit Sie durchaus recht hat!“, schimpfte Nathaniel auflachend. „Und in absehbarer Zeit musst du ohnehin nach England zurückkehren! Bis zur Hochzeit ist es nicht mehr lange hin, und -“

„Ja, ja, ich weiß! Meinst du, ich würde es Maggy antun, nicht rechtzeitig da zu sein?“

Nathaniel lachte leise. „Nein, vermutlich nicht. Na, dann erzähl mir doch mal, wie du dieses Mädchen eigentlich kennengelernt hast, das dir so den Kopf verdreht hat?“

Christopher grinste und berichtete seinem Freund mit glitzernden Augen von den Umständen seiner Bekanntschaft mit Catherine, und Nathaniel, der noch nie erlebt hatte, dass der Jüngere eine Frau derart schwärmerisch beschrieb, schmunzelte.

Als Christopher endete, spottete Nathaniel: „Typisch. War ja auch nicht zu erwarten, dass du dir einmal etwas Einfaches aussuchst. Daheim in England könntest du beinahe jedes Mädchen haben. Warum muss es ausgerechnet so ein komplizierter Fall sein?“

Christopher grinste schief. „Frag mich was Leichteres.“

„Meinst du, du kannst sie überzeugen, mit dir nach England zu gehen?“

„Ich hoffe es. Denn eigentlich glaube ich, dass die Lady ihren Verlobten nicht liebt. Insofern -“

„Willst du das glauben, oder gibt es berechtigte Gründe für deine Annahme?“, unterbrach Nathaniel.

Christophers gute Laune verflog, und er starrte finster in sein Glas. „Ich weiß es nicht“, gestand er missmutig ein.

Nathaniel merkte, dass er einen heiklen Punkt berührt hatte, und legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter. „Ob deine Lady dich nun begleitet oder nicht - kehr heim nach England, Christopher. Ich möchte Maggy nicht sagen müssen, dass die Franzosen dich einen Kopf kürzer gemacht haben.“

„Na, du hast Sorgen“, stöhnte Christopher auflachend. „Aber zumindest könnte Maggy dir nicht vorwerfen, dass du nicht alles unternommen hättest, um es zu verhindern.“

 

In der Nacht zum zweiundzwanzigsten August war Christopher wieder in Paris. Müde und abgeschlagen, brachte er Ajax in die Box des heruntergekommenen Mietstalls in der Nähe seiner Wohnung, wo er ein kleines Vermögen dafür ausgab, dass sein Pferd gut versorgt wurde. Dann rieb er den treuen Hengst noch kurz ab und gab ihm zu guter Letzt reichlich Wasser und Futter. Anschließend schlüpfte er in die bescheidene Wohnung im Hôtel de Brest, die er seit zwei Jahren gemietet hatte. Auch wenn die Unterkunft bar jeden Komforts war, so war es doch sicherer, als jedes Mal in einem Gasthof einzukehren, wo sein häufiges Kommen und Gehen bald Verdacht erregt hätte. Doch auch so war es noch gefährlich genug, was er trieb.

Er zog Schuhe und Strümpfe aus, schlüpfte aus dem Hemd und ließ sich dann, noch mit seiner Hose bekleidet, aufs Bett fallen. Er hatte fünf Nächte fast ausschließlich im Sattel zugebracht und fühlte sich vollkommen zerschlagen. Dennoch wollte der Schlaf nicht gleich kommen. Mit geschlossenen Augen lag er da und grübelte über seine letzte Unterredung mit Nathaniel Robbarts nach.

Auch wenn er sich Nathaniel gegenüber optimistisch gegeben hatte, was seine eigene Sicherheit in Paris anging, so hatte der Kapitän mit seinen Bedenken doch eigentlich recht. Christopher war klar, dass es Zeit wurde, bei dem, was er tat, ans Aufhören zu denken. Noch waren die Brissotins relativ einflussreich und er als englischer Händler daher einigermaßen sicher. Doch wenn sie die Macht verlören, würde auch die schützende Hand, die über ihm lag, weggezogen werden. Diese Möglichkeit schien mit der Zeit leider immer wahrscheinlicher, das hatte auch der Aufstand vom zehnten August gezeigt. Aufgrund ihrer bürgerlichen Herkunft hatten die Brissotins bisher vor extremer Gewalt zurückgeschreckt. Es waren die Jakobiner, die radikalen Republikaner, gewesen, die beschlossen hatten, mit dem König Schluss zu machen. Sie, und nicht die Brissotins, hatten den Aufstand geführt. Wer konnte wissen, ob das den Brissotins und Christophers Hintermännern nicht irgendwann zum Verhängnis werden würde. Und es kam noch ein weiterer Aspekt hinzu. Dass England noch nicht in den Krieg hineingezogen war, war den Brissotins zu verdanken, die ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen suchten. Die Grundlage ihrer Macht war der Reichtum der großen Hafenstädte. Bei einem Krieg mit England wäre dieser Reichtum in Gefahr, weshalb die Brissotins bisher mit allen Mitteln versuchten, einen solchen Krieg zu vermeiden. Doch Christopher wusste nur zu genau, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis Handelsinteressen nebensächlich wurden. Obendrein büßten die Brissotins immer mehr an Einfluss ein, seit sie sich schützend vor Lafayette gestellt hatten, der mittlerweile geflohen war. Zusehends wurden politische Kompromisse schwieriger. Sicherlich würden bald die Extremisten die Macht in den Händen halten. Sie würden auch vor einem Krieg mit England nicht zurückschrecken. Im Falle eines solchen Krieges aber würde er als Engländer als Feind angesehen werden. Wäre dann ein Entkommen aus Frankreich noch möglich?

Christopher blinzelte müde und drehte sich auf die Seite, um endlich ein wenig Schlaf zu finden. Doch so erschöpft er auch war, seine Gedanken ließen ihm keine Ruhe. Nathaniel hatte recht, er musste seine Aktivitäten in Frankreich aufgeben und nach England heimkehren, ehe es zu spät war. Aber was war mit Catherine? Würde er sie überzeugen können, mit ihm zu kommen? Auch für sie wurde es in Frankreich immer gefährlicher. Aber würde sie einsichtig sein und mitgehen? Oder würde sie ihm wieder ihre Verachtung ins Gesicht schleudern, so wie neulich? Er fluchte leise, als er daran dachte, was die Marquise de Fontenay ihr alles über ihn erzählt zu haben schien. Aber dass Catherine es auch noch so bedingungslos glaubte …

Die Lider fielen ihm über die Augen, und er wälzte sich erschöpft auf die andere Seite. Verdammt, Nathaniel hatte wiederum recht, es gab unzählige junge Frauen in England, die glücklich gewesen wären, wenn er ihnen seine Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Und was tat er? Rannte einer Frau hinterher, die nichts von ihm wissen wollte! Er hatte wirklich den Verstand verloren! Zumindest daran bestand kein Zweifel mehr!

 

Bereits zwei Tage, bevor Christopher die Mermaid wieder verließ, um nach Paris zurückzureiten, kam es kurz nach dem Abendessen zwischen Catherine und Etienne zu einer heftigen Auseinandersetzung.

Es fing lächerlich an. Etienne wollte, wie so oft, abends das Haus verlassen. Catherine war wütend, dass er so häufig ausging. Seit sie von Christopher gehört hatte, dass Etienne und seine Freunde den König befreien wollten, war sie davon überzeugt, dass er zu heimlichen politischen Versammlungen ging. Es machte sie zornig, dass er ihrer aller Sicherheit so sorglos aufs Spiel setzte. Das Dilemma war, dass sie ihm nicht sagen durfte, was sie über seine politischen Aktivitäten wusste, da sie dann hätte zugeben müssen, dass sie Christopher getroffen hatte. Es war mehr als zweifelhaft, ob Etienne ihr dann noch zugehört hätte. Dennoch wollte sie versuchen, ihn dazu zu bewegen, zu Hause zu bleiben.

„Wo gehst du hin?“, fragte sie daher scheinbar arglos, als er sich gestiefelt und gespornt von ihr und seiner Mutter im Salon verabschieden wollte.

„Ich gehe zu Freunden“, entgegnete er kurz angebunden.

Catherine bemühte sich um einen freundlichen Ton: „Könnte ich nicht mitkommen? Ich würde deine Freunde gern kennenlernen.“

Er wurde erst blass und dann sehr rot. Aha, dachte sie, er tat also wirklich etwas Verbotenes! „Das geht nicht. Es ist ein Herrenabend. Sie würden sich langweilen.“

„Ein Herrenabend? An sieben Tagen in der Woche?“ Sie lachte spöttisch. „Etienne, das nehme ich dir nicht ab.“

Zornig blitzte es in seinen Augen auf. „Ich würde es begrüßen, wenn Sie beim Sie bleiben würden. Das Du gehört zur Sprache des einfachen Volkes. Ich mag es nicht.“

„Als du in England warst, hast du es gemocht.“

„Damals waren wir Kinder“, entgegnete er kalt. „Jetzt bist du eine Frau, und ich bin … ebenfalls erwachsen.“

„Aber ich finde dennoch -“

„Etienne hat recht“, unterbrach Geraldine de Fontenay sie mit einem tadelnden Stirnrunzeln. „In unseren Kreisen sagt man Sie. Das solltest du lernen, Catherine.“

Höflich bleiben und klein beigeben oder rebellieren?, überlegte Catherine kurz, um sich dann in Sekundenschnelle dafür zu entscheiden, ihre Manieren - nur für einen winzigen Augenblick natürlich - zum Teufel zu schicken und die Marquise herausfordernd anzufunkeln. „Und warum duzen Sie mich dann?“

Gleichmütig erklärte diese: „Ich bin älter als du. Als deine künftige Schwiegermutter und Freundin deiner verstorbenen Mutter trage ich für dich die Verantwortung. Das musst du akzeptieren, Catherine.“

„Danke, Madame, aber ich kann die Verantwortung für mein Leben durchaus allein tragen.“ Sie setzte eine möglichst würdevolle Miene auf. „Und da wir schon einmal dabei sind, einige Dinge zu klären: Mein Name ist Kässrien, nicht Kateehrien. Nehmen Sie das bitte endlich zur Kenntnis.“

„Ich bedaure, meine Liebe. Du wirst einen Franzosen heiraten und einen französischen Familiennamen tragen. Also gewöhne dich bitte daran, dass man auch deinen Rufnamen Französisch ausspricht. Dann klingt er auch gleich viel angenehmer.“

„Ach, wirklich?“, fuhr Catherine zornig hoch. „Ich bin mir aber noch gar nicht so sicher, dass ich das muss! Bisher hat mir Etienne nicht gerade das Gefühl gegeben, dass ihm an einer Ehe mit mir besonders viel liegt! Und was mich betrifft, so bin ich mir auch alles andere als sicher, ob ich ihn wirklich zum Mann möchte!“

Sie warf Etienne einen kriegerischen Seitenblick zu. Verblüfft stellte sie fest, dass in seinen Augen fast so etwas wie Erleichterung lag.

Madame de Fontenay dagegen blieb ungerührt. „Du bist erhitzt, sonst würdest du so etwas nicht sagen. Wenn du Etienne nicht mögen würdest, hättest du nicht eingewilligt, seine Frau zu werden. Und Etienne mag dich auch, sonst hätte er nicht um deine Hand angehalten.“

„Vielleicht mag er mich. Aber liebt er mich auch? Ich jedenfalls -“

„Genug jetzt“, fuhr Madame de Fontenay dazwischen. „Diese Diskussion ist absolut überflüssig. Du solltest auf dein Zimmer gehen und dich etwas abkühlen, Catherine.“

Catherine war so wütend, dass sie am liebsten lautstark protestiert hätte. Doch ihre gute Erziehung gewann letztendlich die Oberhand, und so gelang es ihr, voll hochmütiger Selbstbeherrschung ein kühles „Wie Sie wünschen, Madame“ über die Lippen zu bringen. Mit hoch erhobenem Kopf und vor Zorn geröteten Schläfen rauschte sie aus dem Salon.

„Ich hätte niemals einwilligen dürfen, um ihre Hand anzuhalten“, erklärte Etienne de Fontenay, nachdem Catherine sich zurückgezogen hatte. „Es war ein Fehler.“ Er schenkte seiner Mutter einen Likör und sich selbst einen Cognac ein. „Du siehst selbst, wie schwer sie zu lenken ist.“

Geraldine de Fontenay nahm das Glas entgegen, wobei ihre Finger leicht zitterten. „Und was hätten wir tun sollen? Du weißt, es war die einzige Möglichkeit, deinen Ruf zu retten.“

„Mein Ruf. Mein tadelloser Ruf!“ Seiner Brust entrang sich ein gequältes Stöhnen. „Ist denn das wirklich so wichtig? Was ist mit mir? Mit meinem Leben? Zählt denn das gar nichts?“

„Nein!“, kam die erbarmungslose Antwort, deren Härte von dem verzweifelten Ausdruck in den Augen seiner Mutter Lügen gestraft wurde. „Du bist es deiner Herkunft schuldig. Die de Fontenays gehören seit Jahrhunderten zu den angesehensten Familien. Du hast das Andenken deiner Vorfahren in den Schmutz gezogen! Deine schmutzigen Affären -“

„Sie sind nicht schmutzig!“, begehrte Etienne zornig auf. „Sie mögen … unnatürlich sein. Aber schmutzig sind sie nicht! Mein Gott, Mutter, glaubst du denn, ich habe es mir ausgesucht, so zu sein, wie ich bin!“

„Du hättest dagegen angehen können!“

„Gott, das habe ich doch getan!“ Etienne schenkte sich ein weiteres Glas ein und schüttete es hinunter. „Mutter, wir haben das schon so oft beredet. Lass es endlich gut sein.“

Die Marquise schüttelte den Kopf. „Warum musst du dich immer noch mit dem Comte de Lancombe treffen? Kannst du nicht wenigstens jetzt, da Catherine hier ist, damit aufhören?“

„Wir treffen uns aus politischen Gründen. Das weißt du.“

„Erspar es mir, über die Gründe für deine Treffen mit ihm zu diskutieren! Ich weiß genau, was los ist! Seit dieser Geschichte mit Deverell damals kannst du mir nichts mehr vormachen!“

Schwer atmend, heftete Etienne seinen Blick auf die Wand. Erst nach einiger Zeit antwortete er heiser: „Ja, es ist wahr. Aber ich wollte es nicht. Nicht seit dieser Angelegenheit mit Deverell.“

„Lüg mich nicht an!“

Etienne ballte die Hände zu Fäusten, und Stimme klang gepresst. „Ich habe versucht, dagegen anzugehen, wirklich Mutter! Aber ich kann es nicht.“

„Du wirst dagegen angehen! Ich habe diese Verlobung mit Catherine nicht eingefädelt, nur um zu sehen, dass du unseren Namen doch noch völlig ruinierst. Du wirst Catherine heiraten und damit allen widerlichen Gerüchten ein Ende bereiten!“

„Maman, bitte, ich -“

Die Marquise hoch den Kopf, aber sie wich Etiennes Blick aus, und ihre Stimme klang spröde: „Die Revolution hat uns eine neue Chance gegeben, Etienne. Viele unserer Bekannten sind nicht mehr in Paris. Abgesehen von Dr. Mernot, auf dessen Schweigen wir uns verlassen können, ist Deverell der Einzige, der noch von dieser unglückseligen Geschichte weiß. Bisher scheint er Catherine nichts gesagt zu haben, und ich habe dafür gesorgt, dass sie ihn künftig nicht mehr sehen wird. Wenn die Revolution überstanden ist, wirst du längst mit Catherine verheiratet und ein angesehener Mann sein. Vielleicht habt ihr dann sogar schon Kinder.“

„Ich soll mit ihr ins Bett gehen?“, stöhnte Etienne.

„Sie wird deine Frau sein!“

„Was ist, wenn sie … es erfährt?“

„Sorg dafür, dass sie es nicht erfährt. Hast du mich verstanden?“

„Ja, Mutter“, stimmte Etienne mit einem trostlosen Ausdruck in den Augen zu. „Ich werde tun, was du wünschst, Mutter. Aber erwarte nicht, dass ich dabei glücklich bin.“

„Ich erwarte nicht, dass du glücklich bist! Ich erwarte, dass du Haltung zeigst. Fang endlich an, ein Mann zu sein.“

Er schloss gequält die Augen. „Ich werde niemals sein, was du dir vorstellst, Mutter.“

„Dann tu wenigstens so als ob! Flirte mit Catherine! Schenk ihr Schmuck. Mach ihr den Hof. Sie hat einen viel zu wachen Verstand. Wenn du dich weiter so gehenlässt, merkt sie bald etwas.“

„Ich kann nicht! Ich kann einfach nicht!“

Die Marquise de Fontenay zog die Brauen zusammen. Ihr Blick war so drohend und hart, dass Etiennes Widerstand zusammenbrach. Er hatte nicht die Kraft seiner Mutter. Er konnte ihrem starken Willen nichts entgegensetzen. Er wusste, es war unrecht, Catherine zu heiraten. Der Gedanke an eine Ehe mit ihr verursachte ihm wahre Schweißausbrüche. Dabei gab es sogar eine Zeit, da er sie gemocht hatte. Sie war eine nette, kleine Spielkameradin gewesen. Aber jetzt war sie schön und begehrenswert, und jeder andere wäre vermutlich glücklich gewesen, sie zur Frau zu bekommen. Aber er war nicht jeder andere! Im Gegenteil, Catherines Selbstbewusstsein brachte ihm seine eigene Schwäche nur umso mehr zu Bewusstsein. Vielleicht hätte er sich noch damit abfinden können, eine unscheinbare, schüchterne Frau zu heiraten, die ihm dann, trotz all seiner Fehler, dankbar wäre, dass er ihr die gesellschaftliche Schmach ersparte, als alte Jungfer zu enden. Auch hätte eine solche Frau vermutlich kaum körperliche Ansprüche an ihn gestellt. Aber Catherine? Sie sprühte vor Vitalität und Lebenslust. Ohne Zweifel würde sie ihn verachten, wenn sie sein Versagen erst bemerkte. Doch er ertrug es nicht, von anderen verachtet zu werden, dafür verachtete er sich selbst schon mehr als genug.

„Also gut, Mutter“, erklärte er müde. „Ich werde alles tun, damit sie mich heiratet. Ich verspreche es dir. Nur lass mich heute Abend noch einmal zu Henri gehen. Ich muss es ihm erklären.“

„Es gefällt mir nicht. Bleib zu Hause.“

Etienne nahm seinen ganzen Mut zusammen und wandte sich zur Tür. „Nein, Mutter. Ich werde alles tun, was du wünschst. Ab morgen. Aber heute muss ich noch einmal fort. Du kannst mich nicht hindern.“

„Nun gut“, gab die Marquise zögernd nach, als sie begriff, wie ernst es ihm war. „Aber morgen früh erwarte ich dich hier. Du wirst mit Catherine und mir frühstücken.“

„Ja, Mutter. Ich werde da sein.“

Geraldine de Fontenay blickte ihrem Sohn hinterher, wie er mit hängenden Schultern das Zimmer verließ. Sie wusste, dass er sein Wort halten würde, aber ihr momentaner Sieg verschaffte ihr keine Genugtuung. In ihrer Brust verspürte sie einen stechenden Schmerz. Es fiel ihr in letzter Zeit zunehmend schwerer, ihrem Sohn gegenüber die nötige Härte an den Tag zu legen. Aber es führte kein Weg daran vorbei, dass er die Ehre der Familie retten musste. Zu oft hatte Etienne sie aufs Spiel gesetzt. Es wurde Zeit, dass er Verantwortung übernahm.

 

Catherine nahm zusammen mit der Marquise am nächsten Morgen das Frühstück ein, nachdem Minette ihr mitgeteilt hatte, ihre Anwesenheit bei Tisch wäre dringend erwünscht. Voller Unbehagen dachte sie dabei an den vergangenen Abend zurück. Wahrscheinlich sollte das gemeinsame Frühstück ein Versuch sein, die entstandene Kluft zu überbrücken. Also überwand Catherine sich und setzte ein höfliches Lächeln auf.

Die Marquise jedoch wirkte ungewöhnlich nervös. Ihre Bewegungen waren fahrig und unkonzentriert, und ihre übliche Selbstbeherrschung fehlte. Catherine sah ein paarmal mit an, wie die Marquise beinahe ihre Tasse umgestoßen hätte, dann fragte sie verwundert: „Ich möchte nicht indiskret sein, Madame, aber … Geht es Ihnen nicht gut?“

„Ich … mir geht es gut. Aber ich mache mir Sorgen um Etienne. Er wollte zum Frühstück zurück sein, und er ist noch nicht hier.“

Catherine zuckte gleichmütig die Achseln. „Das ist doch nicht ungewöhnlich. Wann ist er denn schon einmal zu Hause.“

Doch Madame de Fontenay schüttelte den Kopf. „Er hat es mir fest versprochen.“ Sie erhob sich und schritt schwer atmend durch den Raum. „Es muss etwas passiert sein. Ich weiß, dass etwas passiert ist!“

Catherine war verblüfft über die kaum verborgene Angst in der Stimme der sonst so beherrschten Frau. So aufgewühlt hatte sie die Marquise de Fontenay noch nie gesehen.

„Ich bin sicher, er sitzt gemütlich mit seinen Freunden zusammen und hat sein Versprechen vergessen. Aber wenn Sie sich so große Sorgen machen, gehe ich gern los und hole ihn. Sie müssen mir nur sagen, wo er ist.“

Madame de Fontenay hielt unschlüssig in ihrer Wanderung inne. Zögernd erwiderte sie: „Nein, das ist nicht nötig. Wahrscheinlich hast du recht, und er hat sein Versprechen vergessen.“ Sie holte tief Luft. „Ich werde bis morgen warten. Wenn er dann immer noch nicht zurück ist, schicke ich Minette. Sie weiß, wo er sich aufhält.“

Am Abend war Etienne immer noch nicht wieder da. Madame de Fontenays Unruhe wuchs zusehends, und selbst Catherine wurde von einer gewissen Sorge ergriffen. Wenn Etienne nun wirklich etwas geschehen war? Christopher hatte Andeutungen gemacht, dass er verdächtig war. Wenn man ihn nun verhaftet hatte?

Fast ebenso ungeduldig wie die Marquise wartete Catherine am Nachmittag des nächsten Tages auf Minette, die losgeschickt worden war, Etienne zu holen. Doch Minette kehrte allein zurück.

„Er ist nicht mehr dort, Madame!“, rief sie aufgeregt, kaum dass die Haustür hinter ihr geschlossen war. „Niemand ist mehr dort. Nicht einmal mehr der Comte de Lancombe. Ich habe bei den Nachbarn angefragt, doch die wissen nichts. Oh Gott, Madame, wo mag er nur sein?“

Die Marquise de Fontenay brachte kein Wort hervor. Sie starrte Minette nur an. Dann stieß sie plötzlich einen merkwürdigen Laut aus und griff sich an die Brust. Catherine und Minette sprangen herbei, um sie zu stützen. Doch sie raffte sich wieder auf. „Danke. Es geht schon. Wirklich, es ist schon gut.“

Sie schob die Hände der jungen Frauen zurück und ging allein die Treppe hinauf. Aber ihre Schritte waren unsicher.

„Sie sollten sich hinlegen, Madame“, riet Minette besorgt.

„Das werde ich“, antworte die Marquise mit merkwürdig dünner Stimme.

Catherine und Minette wechselten einen langen Blick. „Sie muss sehr an ihrem Sohn hängen“, murmelte Catherine.

„Das tut sie, Mademoiselle.“ Minette seufzte. „Das tut sie viel zu sehr.“

 

Die nächsten Tage verbrachte Madame de Fontenay ausschließlich in ihrem Bett. Sie war ganz offensichtlich krank, obwohl weder Catherine noch Minette sagen konnten, was ihr fehlte. Doch von einem Arzt wollte sie nichts wissen. Sie ließ sich von Catherine und Minette vorlesen und aß auch kleinere Mahlzeiten. Tatsächlich begann es ihr am dritten Tag besserzugehen. Sie wurde wieder kräftiger, und am vierten Tag nach ihrem Zusammenbruch stand sie wieder auf, doch sie strahlte eine ungewohnte Unruhe und Unsicherheit aus.

Auf Catherine, die Madame de Fontenay nur als dominante und unerschrockene Frau kannte, wirkte das doppelt erschreckend, sodass sie schließlich einen Entschluss fasste: Sie würde Christopher Deverell um Hilfe bitten. Er mochte ein noch so großer Schurke sein, aber bisher hatte sie sich auf seine Hilfe stets verlassen können. Sie wollte zwar nichts mehr von ihm wissen, doch hier handelte es sich nun einmal um eine Notlage. Christopher kannte so viele einflussreiche Leute in Frankreich, dass er sicher schnell herausfinden würde, was mit Etienne geschehen war.

Selbstverständlich würde sie weder Madame de Fontenay noch Minette etwas von ihrem Vorhaben sagen. Bestimmt würden sie versuchen, sie davon abzubringen. Sie machte sich daher noch vor sechs Uhr morgens auf den Weg zur Rue Saint Emilion, in der Christopher wohnte.

Sie hatte wieder das alte Kleid von Minette angelegt und dazu ein einfaches Häubchen aufgesetzt. Sie hoffte, im Volk damit nicht so sehr aufzufallen. Da sie keine Ahnung hatte, wo die Rue Saint Emilion lag, musste sie einige Male nach dem Weg fragen. Gelegentlich erweckte ihr englischer Akzent Misstrauen. Dann erklärte sie, sie sei eine Dienstmagd, die mit ihrer Herrschaft, einem englischen Händler und seiner Frau, zum ersten Mal in Paris sei und sich verlaufen habe. Erstaunlicherweise glaubte man ihr das, sodass sie schließlich die gesuchte Straße erreichte. An deren Ende lag das Hôtel de Brest, ein einstiger Adelspalast, den man irgendwann einmal so umgebaut hatte, dass mehrere Familien Wohnungen darin beziehen konnten. Früher waren es die Soldaten des Königs, die Musketiere, gewesen, die hier Unterkünfte genommen hatten. Wer jetzt hier lebte, wussten wohl nur die Bewohner selbst zu sagen.

Die große Eingangstür stand weit offen, und Catherine schlüpfte hinein. Erst an der dritten Tür, die sie ansah, stand Christophers Name. Ängstlich blickte sie sich um, ob sie jemand sah. Zögernd klopfte sie und wartete dann angespannt auf ein Geräusch aus dem Inneren.

Zuerst tat sich überhaupt nichts. In einem oberen Stockwerk ging eine Tür auf, und schwere Schritte waren zu hören. Catherines Verlegenheit wuchs. Bei einem alleinstehenden Junggesellen ohne Begleitung aufzutauchen, war etwas, das eine anständige Lady einfach nicht tat. Doch schienen in diesem Haus nur einfache Leute zu wohnen, die die Fontenays sicher nicht kannten. Alles sah schäbig und heruntergekommen aus und hatte wahrscheinlich schon bessere Zeiten gesehen. Es wunderte sie, dass Christopher eine so ärmliche Behausung gewählt hatte, statt in einem komfortablen Gasthaus abzusteigen. Während ihrer Reise hatte er den Eindruck bei ihr erweckt, sich einen gewissen Luxus und Komfort durchaus leisten zu können.

Zaghaft klopfte Catherine ein weiteres Mal, ohne dass sich etwas tat. Als sie sich schon enttäuscht zum Gehen wenden wollte, wurde die Tür plötzlich mit einem Ruck von innen aufgerissen. Catherine taumelte zurück, als Christopher Deverell, völlig unzureichend nur mit einer Hose bekleidet und mit Bartstoppeln im Gesicht, auf die Schwelle trat. Ein grimmig-entschlossener Ausdruck verfinsterte seinen Blick, während er gereizt knurrte:

„Was, zum Teufel …“ Mitten im Satz brach er ab. Seine Augenbrauen hoben sich vor Überraschung, ein verblüfftes Lächeln glitt über seine Züge, und seine Augen fingen an zu glitzern. „Catherine …! Das ist allerdings ein netter Besuch! Aber treten Sie doch bitte ein.“

Catherines Wangen brannten vor Scham. Bestimmt dachte er jetzt etwas völlig Falsches! Dennoch folgte sie seiner Aufforderung einzutreten. Hinter ihr schloss Christopher die Tür.

Catherine blinzelte ihm verlegen entgegen. „Mr. Deverell, ich -“

Er unterbrach sie mit einem gutgelaunten Zwinkern. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche! Wie Sie sehen, bin ich so früh am Morgen nicht auf Besuch vorbereitet. Würde es Ihnen etwas ausmachen, einen Augenblick zu warten, damit ich mich frisch machen und vollständig ankleiden kann?“

Catherine nickte hastig. Der Anblick von Christophers nacktem, muskulösem Oberkörper reichte schon aus, um sie aus der Fassung zu bringen. In ihrem wohlbehüteten Dasein hatte sie bisher noch nie einen halbnackten Mann gesehen, sodass sie gleichermaßen fasziniert wie schockiert war.

Über Christophers Gesicht huschte ein amüsierter Ausdruck. „Sie müssen meine Aufmachung schon verzeihen, Madam. Im Allgemeinen besuchen mich so früh am Morgen keine Damen.“

Dann ging er hinaus, und Catherine nahm auf einem kleinen Sessel Platz. Leicht nervös schlug sie mit den Fingern auf die Armlehne.

Wenige Minuten später kehrte Christopher ins Zimmer zu ihr zurück. Er trug nun ein Hemd mit dezenten Rüschen am Halsausschnitt und an den Ärmeln, dessen strahlendes Weiß einen kräftigen Kontrast zu der Sonnenbräune seiner Haut bildete. Außerdem war er inzwischen frisch rasiert, und Catherine musste gegen ihren Willen wieder einmal feststellen, dass zwischen seiner natürlichen männlichen Ausstrahlung und Etiennes geziertem Getue Welten lagen. Nichtsdestotrotz wirkte er ungewohnt erschöpft, sodass sie eine Bemerkung darüber nicht zurückhalten konnte:

„Sie sehen müde aus. Haben Sie schlecht geschlafen?“

Er lachte leise. „Dass Ihnen das auffällt … Aber Sie haben durchaus recht, ich bin müde. Ich saß mehrere Tage lang im Sattel und bin heute Nacht erst nach Paris zurückgekehrt.“

„Oh, Sie waren fort!“

„Ja. Ich musste etwas zur Mermaid bringen. Das kommt hin und wieder vor, wissen Sie.“ Offenbar wollte er das Thema nicht weiter fortsetzen, denn unvermittelt fragte er mit einem Lächeln: „Was halten Sie von einem ordentlichen Frühstück? Ich habe alles Nötige im Haus.“

„Nein, vielen Dank.“

„Wirklich nicht? Ich hätte gedacht, dass Ihnen der französische Milchkaffee und die Brioches bereits zum Halse raushängen.“

Ihre Augen weiteten sich. „Haben Sie denn etwas anderes anzubieten?“

„Aber sicher“, lachte er. „Ich brate meine Eier jeden Morgen selbst. Guten Tee habe ich auch und außerdem einen schönen, saftigen Schinken. Na, wie wär's?“

„Lieber Himmel, das klingt einfach zu köstlich!“, entfuhr es Catherine in aufrichtiger Begeisterung. „Und eine Tasse Tee wäre natürlich himmlisch! Aber … eigentlich bin ich gekommen, um etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.“

Er warf ihr einen interessierten Blick zu. „Nun, aber das eine schließt das andere doch nicht aus. Ich gehe jetzt in die Küche und mache das Frühstück. In fünf Minuten bin ich wieder da, und Sie können mir erzählen, worum es geht.“

Das Frühstück, das er auf einem Tablett hereinbrachte, duftete verführerisch. Catherine hatte so etwas Herrliches am Morgen schon lange nicht mehr gesehen: dicke Schinkenscheiben, die mit richtigen Spiegeleiern belegt waren und dazu frisch zubereiteter Tee. Begeistert nahm sie den ersten Bissen zu sich.

„Also, was führt Sie her?“, wollte Christopher wissen und zwinkerte ihr lächelnd zu. „Sind Sie endlich vernünftig geworden und wollen nach England zurück?“

„Oh nein, darum geht es nicht“, gestand Catherine blinzelnd und überlegte fieberhaft, wie sie ihm den Grund ihres Kommens erklären sollte. Neulich erst hatte sie seine Hilfe so hochmütig abgelehnt. Und jetzt kam sie bei ihm an und bettelte um eben diese Hilfe. Noch dazu übte seine Gegenwart mal wieder eine verheerende Wirkung auf ihren Herzschlag aus, was es ihr zusätzlich erschwerte, ihr Anliegen einigermaßen vernünftig anzubringen.

„Eigentlich ist es mir ja sehr unangenehm, Sie damit zu behelligen“, begann sie mit seltsam heiserer Stimme. „Aber ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Sehen Sie … Etienne ist verschwunden! Seit Tagen schon! Und Madame de Fontenay ist ganz krank vor Sorge! Ich … ich weiß, dass Sie und Etienne nicht gerade Busenfreunde sind, aber … nun, ich dachte, vielleicht, da wir uns kennen, und wenn Sie wirklich so etwas wie Freundschaft für mich empfinden … Und neulich haben Sie gesagt, Etienne wäre möglicherweise in Gefahr! Verstehen Sie, ich meine … ich dachte … vielleicht könnten Sie uns ja helfen!“

Christopher hatte schweigend zugehört. Sein Lächeln war einem finsteren Stirnrunzeln gewichen. Mit verschränkten Armen lehnte er sich jetzt zurück, und jeder Zoll seines Körpers drückte Anspannung und Ärger aus. „Sie wollen also, dass ich Ihren geliebten Etienne für Sie wiederfinde? Woher dieses plötzliche Vertrauen? Neulich hielten Sie mich noch für ein rabenschwarzes Ungeheuer. Bin ich nun in Ihrem Ansehen gestiegen, oder sind Ihre Ansprüche an Ihre Helfer gesunken?“

Catherine biss sich auf die Lippen, hielt aber seinem zornigen Blick stand und krächzte kleinlaut: „Keines von beidem, fürchte ich. Aber Sie sind nun mal außer den Fontenays der einzige Mensch, den ich in Paris kenne. Und darüber hinaus scheinen Sie hier über gute Beziehungen zu verfügen. Das haben Sie mir selbst gesagt.“

„Wie reizend“, höhnte er. „In Ermangelung eines Besseren werde ich also auserwählt, den edlen Ritter zu spielen. Na, besten Dank!“

Wütend stand er auf, ging zum Fenster und starrte gedankenverloren hinaus.

Catherine schluckte und glättete nervös ihre Röcke. Schließlich wagte sie es dann doch, ihn noch einmal anzusprechen, aber ihre Unsicherheit ließ ihre Stimme unfreundlicher klingen als beabsichtigt: „Sie wollen mir also nicht helfen?“

Sehr langsam drehte er sich um und wandte ihr den Blick zu, in dem sich, zu Catherines Verwunderung, eine seltsame Mischung aus Zorn und Enttäuschung spiegelte.

„Meine Dame, habe ich das vielleicht gesagt? Sie sollten lernen, besser zuzuhören!“

„Also helfen Sie mir nun oder nicht?“, fuhr Catherine ihn, von seinem Tadel gereizt, an.

Statt zu antworten, setzte er sich wieder, nahm seine Tasse und trank einen Schluck Tee. Sein unergründlicher Blick ruhte dabei so ausdauernd auf ihr, dass sie nervös die Hände ineinander verschlang. Er lachte spöttisch auf. „Erst fauchen Sie mich wie eine Tigerin an, und jetzt benehmen Sie sich wie ein verschrecktes Kaninchen. Glauben Sie vielleicht, auf diese Art etwas zu erreichen? Warum versuchen Sie es zur Abwechslung nicht einmal mit Charme und etwas Freundlichkeit?“

„Oh, jetzt reicht es!“, rief Catherine empört aus. „Behalten Sie Ihre Weisheiten für sich! Es tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe, Mr. Deverell! Einen guten Tag noch!“

Sie wirbelte herum und wollte zur Tür stürmen. Hinter ihr erklang Christophers schleppende Stimme: „Sie brauchen nicht so hochmütig davonzulaufen. Ich werde versuchen herauszufinden, was mit Etienne geschehen ist.“

Catherine nahm die Hand wieder von der Türklinke und wandte sich zögernd um. Argwöhnisch beäugte sie ihn, und ihre Stimme klang skeptisch. „Meinen Sie das jetzt ernst?“

Ein zynisches Grinsen zuckte um seinen Mund, und das Glitzern seiner grünen Augen war härter als sonst. „Das tue ich, Madam. Die Marquise de Fontenay hat es nicht verdient, und Sie erst recht nicht. Aber ich werde Ihnen helfen.“

„Warum?“, fragte sie, da ihr seine plötzliche Großzügigkeit nicht ganz geheuer war. „Meine Bitte um Hilfe hat Sie erzürnt. Also wieso wollen Sie mir jetzt doch helfen?“

Sehr leise murmelte er: „Weil ich unsterblich in Sie verliebt bin.“

Catherine hielt den Atem an. Christophers Stimme klang so unendlich weich, und für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte sie, einen zärtlichen Ausdruck über sein Gesicht huschen zu sehen. Doch dann traf ihr ungläubiger Blick seine Augen. Der Spott und das boshafte Glitzern darin waren unverkennbar.

„Oh, Sie abscheulicher Kerl!“, schnaufte sie wütend. „Bekommt man denn nie eine ehrliche Antwort von Ihnen?“

Er lachte, doch es klang eher bitter als fröhlich. „Ehrlichkeit ist ja ganz schön, doch mir will scheinen, man ist manchmal besser damit bedient, es damit nicht zu übertreiben. Finden Sie allein nach Hause zurück, oder wünschen Sie meine Begleitung?“

Noch deutlicher konnte er ihr ja wohl nicht zu verstehen geben, dass sie gehen sollte! Zornig hob sie den Kopf. „Danke, ich komme allein zurecht.“

„Wie Sie wünschen, Madam. Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.“

„Danke“, murmelte Catherine heiser und verließ dann hastig Christophers Wohnung. Seine kühle Höflichkeit war ja fast noch schwerer zu ertragen als sein Spott!

Nun ja, zumindest hatte sie erreicht, was sie wollte. Er half ihr. Doch die Freude darüber blieb aus. Ein Gefühl des Verlassenseins ergriff Besitz von ihr, das umso heftiger wurde, je weiter sie sich von Christophers Haus entfernte. Als ihr die Ursache ihres Trübsinns bewusst wurde, reckte sie zornig das Kinn vor. Was für ein Recht hatte dieser Christopher Deverell, ihre Gefühle in so ein Wirrwarr zu stürzen? Es war einfach nicht zu leugnen, dass er eine unerträgliche Anziehungskraft auf sie ausübte! Statt den Mann zu lieben, mit dem sie verlobt war, fühlte sie sich zu einem Mann hingezogen, den ihr Verstand ihr zu meiden riet. Aber sie durfte sich nicht von ihm einfangen lassen. Wenn sie seinem Charme erlag, würde er sich eine Zeitlang vielleicht sogar mit ihr abgeben, er hatte ja oft genug Andeutungen gemacht, dass sie ihm gefiel. Aber was käme danach? Sicher stünde ihr ein ebenso trostloses Schicksal bevor wie Etiennes Cousine. Dass Christopher eine Heirat im Sinn haben könnte, wagte sie aufgrund dessen, was sie über ihn wusste, nicht zu hoffen. Außerdem hatte er seine Ansicht über die Ehe und die Fesseln, die sie einem Mann anlegte, schon zu Beginn ihrer Reise nach Paris hinreichend erläutert. Und ganz davon abgesehen, war es natürlich auch empörend von ihr selbst, überhaupt über eine Heirat mit einem Mann mit seiner Vergangenheit nachzudenken! Nein, an eine Heirat mit Christopher Deverell war wahrhaftig nicht zu denken, aber erschreckenderweise war diese Tatsache bedrückender als die Aussicht, die Verlobung mit Etienne lösen zu müssen. Und dass sie sie lösen musste, war jetzt völlig klar. Sie würde Etienne niemals eine gute Frau sein. Sie liebte ihn nicht und würde ihn niemals lieben! Sie konnte nicht seine Frau werden! Sobald er wieder zu Hause wäre, würde sie es ihm sagen und dann abreisen.

 

Christopher bemühte sich redlich, etwas über Etiennes Verbleib herauszufinden. Sobald Catherine gegangen war, machte er sich auf den Weg zu verschiedenen Kontaktleuten. Aber obwohl er über die besten Verbindungen verfügte, vergingen drei Wochen, ohne dass er etwas Bedeutendes erfuhr.

Einige seiner Leute berichteten, Etienne sei verhaftet worden und säße jetzt in La Force. Andere hatten gehört, Etienne hätte bei seiner Verhaftung einen Fluchtversuch unternommen und sei dabei erschossen worden. Sicher war bisher nur, dass Etienne und seine Freunde aufgrund gegenrevolutionärer Parolen, die sie auf Flugblättern verteilt hatten, auf die Verdächtigenliste gekommen waren. Christopher musste widerwillig zugeben, dass ein gewisser Mut dazu gehörte, diese Flugblätter zu verteilen, den er Etienne de Fontenay nicht zugetraut hätte.

Wie auch immer, Christophers Informanten fanden schließlich heraus, dass der Comte de Lancombe und drei weitere Männer vor einem knappen Monat bei einer Zusammenkunft im Hause des Comte festgenommen und nach La Force gebracht worden waren. Doch Etiennes Name fehlte auf der Liste der Gefängnisinsassen. Das konnte zwar bedeuten, dass er tatsächlich erschossen worden war. Doch wenn das der Fall gewesen wäre, hätte man seine Mutter in der Zwischenzeit sicher informiert.

Da letztendlich nicht mehr herauszubekommen war, machte Christopher sich schließlich an einem sonnigen Nachmittag auf den Weg zum Haus der Fontenays. Der Gedanke, dass die Marquise de Fontenay ausgerechnet auf ihn angewiesen war, um etwas über das Schicksal ihres Sohnes zu erfahren, erheiterte ihn. Wie es schien, war es sein Los, diese stolze Frau immer wieder ungewollt zu demütigen. Sie hatte ihm nie verziehen, dass er ihr vor einigen Jahren über ihren Sohn die Augen geöffnet hatte. Nicht, dass das etwa seine Absicht gewesen wäre, aber es hatte sich nun einmal nicht verhindern lassen.

Mit gemischten Gefühlen klopfte er daher an diesem spätsommerlichen Nachmittag an die Haustür der Fontenays.

„Monsieur Deverell!“, staunte Minette. „Ich glaube nicht, dass ich Sie einlassen darf.“

Christopher lächelte entwaffnend. „Das habe ich auch nicht erwartet. Würden Sie bitte Mademoiselle Macpherson sagen, dass ich da bin und sie hier draußen sprechen möchte?“

„Ich … weiß nicht. Wenn Madame Sie sieht -“

„Sie wird nichts dagegen haben, wenn sie erfährt, dass ich Informationen über den Aufenthaltsort ihres Sohnes habe. Davon abgesehen, ist es mir gleichgültig, ob es sie stört.“

„Oh. Ich verstehe. Das ist etwas anderes. Vielleicht sollte ich Sie in diesem Fall lieber zu Madame persönlich führen. Ich bin sicher, dass sie -“

„Nein. Madame de Fontenay hat mir keinen Anlass gegeben, ihr einen Gefallen zu tun. Was ich weiß, werde ich ausschließlich Mademoiselle Macpherson sagen.“

„Nun gut, wie Sie wünschen, Monsieur. Wenn Sie dann bitte einen Augenblick hier warten würden.“

Minette eilte davon, ließ die Tür aber offen. Christopher zog sich einige Schritte in den Vorgarten zurück und genoss die wärmenden Strahlen der Sonne auf seinem Gesicht. Er wartete jedoch erst wenige Minuten, als bereits Catherine erschien.

Seine Augen leuchteten bei ihrem Anblick auf. Das blaue Samtkleid, das sie trug, unterstrich den Glanz ihrer saphirblauen Augen. Das schmale Mieder und der sich weit bauschende Rock betonten ihre schmale Taille, und die rotgoldenen Locken fielen in weicher Fülle auf ihre Schultern. Gott, sie war wirklich ein hinreißendes Geschöpf!

„Haben Sie etwas herausgefunden?“, fragte sie aufgeregt, ohne ihn erst zu begrüßen. „Ich bin bald verrückt geworden vor Sorge. Warum hat es denn so lange gedauert, bis Sie kommen?“

Sie hätte ja wenigstens so tun können, als ob sie sich nicht nur Etienne de Fontenays wegen freute, ihn zu sehen, dachte Christopher mit einem Anflug von Ärger. Andererseits konnte er ihre Sorge auch verstehen, und so zwang er sich zu einem freundlichen Lächeln und begrüßte sie mit einem formvollendeten Handkuss. „Einen schönen guten Tag, Madam. Ich erzähle Ihnen gewiss nichts Neues, wenn ich Ihnen sage, wie entzückend Sie heute wieder aussehen, oder?“

„Was? - Oh … äh, danke. Ich meine … Ach, ist ja egal. Also wissen Sie etwas?“

Um seine Lippen zuckte es kurz. „Mehr oder weniger.“

„Mehr oder weniger?“, fragte sie stirnrunzelnd. „Ich verstehe nicht.“

„Es heißt, Etienne wäre in La Force inhaftiert. Aber sicher ist das nicht.“

„Wie meinen Sie das, es wäre nicht sicher?“

„Nun, inoffiziellen Gerüchten zufolge ist Etienne eines Abends im Haus des Comte de Lancombe verhaftet und anschließend nach La Force gebracht worden. Doch es existieren weder ein offizieller Haftbefehl noch irgendwelche Unterlagen über seine Verhaftung. Niemand weiß etwas Genaues. Fest steht nur, dass auf jeden Fall der Comte verhaftet worden ist.“ Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Sagt Ihnen dieser Name eigentlich etwas?“

„Ich weiß, dass Etienne an dem Abend, an dem er verschwand, zu ihm wollte. Warum fragen Sie?“

„Nur so“, entgegnete er achselzuckend. „Wie auch immer, Genaueres lässt sich nicht herausfinden. Ich habe sämtliche Verbindungen spielen lassen, die ich habe, aber … Nichts zu machen.“

„Oh. Nun, das ist ja … immerhin etwas. Auch wenn ich natürlich gehofft hatte, dass Sie mehr herausfinden.“

„Das ist mir klar“, gab er stirnrunzelnd zurück, während er kurz überlegte, ob er ihr sagen sollte, dass Anfang September Tötungstrupps in die Gefängnisse eingedrungen waren und viele der Insassen ermordet hatten. Christophers Mittelsmänner hatten Gerüchte gehört, dass es über tausend Opfer gegeben haben sollte, sodass die Chance, dass Etienne noch lebte, wenn er wirklich verhaftet worden war, sehr gering war. Doch er wollte Catherine nicht mehr als nötig beunruhigen, sodass er lieber schwieg.

Sie ließ niedergeschlagen den Kopf hängen. „Ach, es ist ja nicht meinetwegen, wissen Sie. Aber Madame de Fontenay ist völlig am Boden zerstört.“

„Das glaube ich. Sie hängt sehr an ihrem Sohn.“

Überrascht blickte Catherine ihn an. „Woher wissen Sie denn das? Und wieso klingt ihre Stimme plötzlich so mitfühlend? Ich dachte, Sie hassen die Fontenays.“

„Nein“, entgegnete er ruhig. „Ich hasse die Fontenays nicht. Allenfalls hassen sie mich.“

Sie sah ihm fest in die Augen. Es war erstaunlich, mit welcher Gelassenheit er diese Feststellung traf. Sie glaubte sogar, etwas wie Mitleid in seinem Blick zu lesen. Aber eine solche Regung passte nicht zu dem Charakter, den er Madame de Fontenays Schilderung nach haben musste. „Ich verstehe das alles nicht“, seufzte sie unwillkürlich.

Er lächelte matt. „Ist mir schon klar.“

Sie spähte unsicher zu ihm hoch. Kurz fragte sie sich, ob sie ihn nicht einfach bitten sollte, ihr seine Version der ganzen Geschichte um Etiennes Cousine zu erzählen, entschied sich dann aber doch dagegen. „Ich fürchte, ich muss ins Haus zurück. Doch ich möchte Ihnen danken. Für … für alles.“

Er ergriff ihre Hand. „Warten Sie noch. Bitte. Ich würde gern noch etwas mit Ihnen besprechen.“

Ein Fuhrwerk polterte auf der Straße vorbei. Die Leute, die darauf saßen, riefen ihnen Schimpfworte zu. Christopher zog Catherine durch eine kleine Pforte neben dem Haus, die in den hinteren Teil des Gartens führte. Auf einer kleinen, schmiedeeisernen Bank nahmen sie Platz.

„Sie scheinen sich hier auszukennen“, bemerkte Catherine verblüfft.

„Ja, ein wenig.“

Catherine wartete, dass er etwas sagte, doch er schwieg. Ihr Herz klopfte nervös, während sie ihn schräg von der Seite ansah, ohne den ungewohnt ernsten Ausdruck in seinen Augen deuten zu können.

Er zupfte ein Blatt von einem Ast, der über ihm hing, und betrachtete es scheinbar aufmerksam. „Ich gehe wohl bald nach England zurück, wissen Sie“, sprach er endlich.

„Oh“, flüsterte Catherine, und sie musste schlucken, da diese Ankündigung sie gegen ihren Willen traurig stimmte. „Für immer?“

„Ich denke schon. Zumindest für länger.“

Catherine presste kurz die Lippen zusammen und blinzelte. „Dann … dann wünsche ich Ihnen eine gute Reise“, murmelte sie und wunderte sich selbst, wie dünn ihre Stimme dabei klang.

„Ich würde Sie gerne mitnehmen“, erklärte er leise. „Sie wissen, dass Sie bald ebenso verhaftet werden können wie Etienne.“

„Selbst falls Sie recht hätten … Ich kann Madame de Fontenay nicht verlassen.“

Gereizt erhob er sich und begann unruhig auf und ab zu gehen, nur um sich gleich darauf wieder zu setzen und ihre Hand zu ergreifen. „Catherine, Sie müssen dieses Land verlassen! Wir können Madame de Fontenay mitnehmen, wenn Sie wollen, und -“

„Sie würde Frankreich niemals verlassen, solange sie nicht weiß, was aus Etienne geworden ist“, unterbrach Catherine mit einem Seufzen.

„Dann müssen Sie allein mitkommen! Wirklich, Catherine, Paris wird allmählich zu einem gefährlichen Pflaster, selbst wenn ich -“

„Ich kann nicht!“, bekräftige Catherine, ihn erneut unterbrechend. „Lieber Himmel, Sie kennen die Marquise nicht! Ich … ich könnte sie niemals dazu bewegen, Frankreich zu verlassen!“

„Oh, zum Teufel!“, schnaufte Christopher ungeduldig. „Dann soll die Marquise eben hierbleiben, wenn sie so starrsinnig ist! Aber Sie müssen fort von hier, Catherine! Ich will nicht, dass Ihnen etwas geschieht!“

Energisch schüttelte sie den Kopf und entzog ihm ihre Hand. „Ich kann sie jetzt nicht verlassen, das müssen Sie doch verstehen! Ich bin es Etienne einfach schuldig, dass ich hierbleibe.“

Ein Wangenmuskel in Christophers schmalem Gesicht begann unkontrolliert zu zucken. Voll schmerzlicher Eifersucht packte er ihren Arm und fragte zornig: „Sie lieben ihn also tatsächlich?“

„Sie verstehen überhaupt nichts“, fuhr Catherine ihn mit blitzenden Augen an und sprang von der Bank auf. „Haben Sie schon einmal etwas davon gehört, dass man sich aus reiner Menschlichkeit und Nächstenliebe um jemanden kümmert?“

„Oh gewiss“, höhnte er. „Aber zurzeit ist das hier in Frankreich etwas, das sich nur Idealisten oder Idioten leisten können!“

„Natürlich, Sie würden sich nicht dazu hinreißen lassen, jemandem aus uneigennützigen Stücken zu helfen! Sie kennen wohl immer nur ihren eigenen Vorteil, wie?“

„Aber sicher!“ Beißender Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit. Ruckartig stand er auf und baute sich mit verschränkten Armen vor ihr auf. „Da Sie meine verdorbene Seele ja so gut kennen, frage ich mich, warum Sie sich überhaupt noch mit einem Schurken wie mir abgeben!“

Sie funkelte ihn zornig an. Ebenso wütend erwiderte er ihren Blick, bis sie sich abrupt umdrehte und ihm den Rücken zukehrte. Angestrengt bemühte sie sich, ihren wilden Atem unter Kontrolle zu bekommen, und riskierte schließlich einen vorsichtigen Blick über die Schulter.

Christopher stand noch immer am selben Fleck, die Hände in den Hosentaschen vergraben und mit einem schmerzlichen Ausdruck in den grünen Augen, den er hastig zu verbergen suchte, indem er den Kopf zur Seite drehte.

„Also gut, ich hatte unrecht“, gab Catherine mit dem Anflug eines schlechten Gewissens und gesenkten Wimpern zu. „Sie haben mir schon sehr geholfen, und ich bin Ihnen dankbar, auch wenn es nicht so aussieht. Doch wenn ich etwas Falsches von Ihnen denke, sind Sie auch selber mit daran schuld. Sie sagen mir ja nicht die Wahrheit.“

Er machte einen Schritt auf sie zu, fasste sie an den Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. „Glauben Sie denn nicht länger, dass es die Wahrheit ist, was die Marquise über mich gesagt hat?“

„Ich weiß es nicht“, jammerte sie.

Sie schnappte erschrocken nach Luft, als es in seinen Augen erneut zornig aufblitzte und er sie unvermittelt dicht zu sich heranzog. „Nun gut“, fuhr er sie an, „dann sollen Sie erfahren, was die Wahrheit ist! Die Wahrheit ist, dass Etienne de Fontenay …“

Ebenso abrupt, wie die Worte aus ihm herausgesprudelt waren, brach er ab, atmete heftig ein und starrte sie sekundenlang mit einem seltsamen Ausdruck an. Dann ließ er sie plötzlich los und trat einen Schritt zurück. Zwischen zusammengebissenen Zähnen stöhnte er: „Oh, zum Teufel! - Ich kann Ihnen nicht sagen, was mit ihrem Verlobten los ist, jetzt, wo er verschwunden ist! Es würde so aussehen, als würde ich einen wehrlosen Mann verleumden!“

„Woher diese Skrupel? Sie hatten kein Problem damit, diesen wehrlosen Jungen niederzuschießen, als Sie sich mit ihm duelliert haben!“, konterte Catherine erregt.

„Dieser wehrlose Junge“, ätzte Christopher, „hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass er getroffen wurde! Großer Gott, Cathy, glauben Sie allen Ernstes, ich hätte nichts Besseres zu tun, als mich mit halbreifen Jünglingen zu duellieren, die noch grün hinter den Ohren sind?“

„Sie sind kaum älter als er! Und Sie haben sich duelliert, oder streiten Sie das etwa ab?“

„Natürlich nicht! Aber -“

„Madame de Fontenay sagt, Etienne wäre beinahe gestorben! Mussten Sie ihn unbedingt so schwer verletzten, wenn Sie ihn doch eigentlich für einen Grünschnabel hielten? Mussten Sie so niederträchtig sein, ihm nicht nur die Verlobte wegzunehmen, sondern obendrein auch noch beinahe sein Leben?“

„Ihr ehrenwerter Marquis war Manns genug, mich zum Duell zu fordern! Aber er war nicht Manns genug, es auch anständig durchzustehen!“, zischte Christopher, bleich vor Zorn. „Und wenn ich ihn getroffen habe, dann nur, weil er -“

„Weil er so dumm war, Sie als todbringenden Schützen zu unterschätzen? Etienne soll ein exzellenter Schütze sein, sagt Madame de Fontenay! Konnten Sie deshalb nicht abwarten, zu schießen, weil Sie Angst hatten, dass er –“

„Zum Teufel, jetzt reicht es, Madam!“, knurrte Christopher mit gefährlich blitzenden Augen und packte ihren Arm. „Sie haben offenbar noch nicht ein einziges Mal erwogen, dass es Etienne gewesen sein könnte, der zuerst geschossen hat! Ich sage Ihnen jedenfalls, ich war es nicht!“

„Ich glaube Ihnen kein Wort!“, entgegnete sie hitzig.

„Nein“, höhnte er, „Etienne de Fontenay, Ihr Ritter ohne Furcht und Tadel, der würde so etwas natürlich nicht tun! Aber mir trauen Sie jede Schlechtigkeit zu!“

„Nein, so ist es nicht!“, stöhnte sie.

Sein Blick bohrte sich geradezu in ihren. „Wie ist es dann?“

Vollkommen verwirrt blinzelte sie zu ihm hoch. Die Wut, die sie eben noch angetrieben hatte, verebbte angesichts der seltsamen Wirkung, die seine körperliche Nähe auf ihre innere Abwehr ausübte.

„Ich … ich weiß es einfach nicht!“, jammerte sie. „Ich würde Ihnen ja so gern glauben! Aber können Sie mir einen einzigen vernünftigen Grund nennen, warum ich an den Worten Madame de Fontenays zweifeln sollte? Lieber Himmel, sie und meine Mutter waren jahrelang befreundet! Und was weiß ich dagegen von Ihnen?“

„Nicht viel, das gebe ich zu, aber … ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich … dass ich nicht getan habe, wessen ich beschuldigt werde!“

Sie spähte durch gesenkte Wimpern zu ihm hoch. Das Grün seiner Augen schimmerte dunkler als für gewöhnlich, was vermutlich auf seine Erregung zurückzuführen war, da auch ihn ihre Auseinandersetzung nicht kaltließ. In hilfloser Verzweiflung schüttelte sie den Kopf. „Ihr Wort … Haben Sie das auch der armen Antoinette gegeben, ehe Sie sie verführten?“

Erbleichend presste er die Lippen zusammen. „Antoinette? Sie meinen damit vermutlich Etiennes Cousine, ja? Nun, ich habe ihr mein Wort nicht gegeben! Denn, auch wenn Sie es mir nicht glauben, ich kenne dieses Mädchen nicht einmal! Aber offenbar glauben Sie mir ja ohnehin kein einziges Wort, ganz egal, was ich sage. Vermutlich sollte ich dann jetzt besser gehen!“

„Nein!“, rief Catherine zu ihrer und seiner Überraschung aus, sodass Christopher, der sich bereits abgewandt hatte, unschlüssig stehenblieb und sich stirnrunzelnd zu ihr umsah.

Unsicher und verlegen und selbst am meisten erstaunt, dass sie ihn zurückhielt, stammelte Catherine: „Ich … Christopher … Sie dürfen nicht denken, dass ich … Wirklich ich …“

Vollkommen durcheinander brach sie ab. Christopher machte zögernd ein paar Schritte auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen.

„Cathy …“, murmelte er mit einem verblüfften Kopfschütteln. „Was wollen Sie eigentlich?“

„Ich weiß es nicht!“, klagte sie mit einem unterdrückten Schluchzen. „Wirklich, Christopher, es ist … es ist alles so entsetzlich kompliziert!“

Sie konnte es nicht mehr ändern, ihre Augen quollen über, sodass sie sich mit einem erstickten Wimmern abwandte und die Hände vors Gesicht schlug.

Christopher blieb mit hängenden Armen hinter ihr stehen. Er war gegen die Tränen von Frauen noch nie gut gefeit. Hin- und hergerissen zwischen Zorn und Mitgefühl, starrte er auf ihren schmalen Rücken, unschlüssig, was er tun sollte. Auch wenn er eben noch wütend hatte davongehen wollen, so war nun der Drang, sie in seine Arme zu ziehen, überwältigend. Doch er spürte, dass er damit die augenblickliche Situation nur noch komplizierter gemacht hätte. So trat er schließlich nur neben sie und legte zögernd seinen Arm um ihre Schultern. „Es tut mir leid, Cathy. Ich wollte diesen Streit nicht.“

„Ich auch nicht“, schniefte sie und blinzelte durch die feuchten Wimpern zu ihm hoch.

Er reichte ihr sein Taschentuch, und ein vorsichtiges Lächeln zuckte um seine Lippen, als sie es dankbar entgegennahm und sich die Tränen abtupfte. „Na ja, immerhin geht Ihre schlechte Meinung von mir ja offenbar nicht so weit, dass Sie nichts mehr von mir wissen wollen. Auch wenn Sie das neulich behauptet haben.“

„Es tut mir leid, dass ich das gesagt habe“, flüsterte Catherine. „Ganz egal, was zwischen Ihnen und den Fontenays vorgefallen ist, Sie haben … sich mir gegenüber tatsächlich immer nur … sehr hilfsbereit verhalten. Ich hätte … ich hätte nicht so hart über Sie urteilen dürfen.“

Er betrachtete sie forschend. „Ihre Einsicht geht aber wohl nicht so weit, dass Sie mit mir nach England gehen würden, nehme ich an?“

„Nein, ich … ich kann nicht.“

„Ich verstehe“, erwiderte er erstaunlich ruhig.

„Werden Sie … werden Sie noch einmal vorbeikommen, bevor Sie abreisen?“, fragte Catherine zaghaft, wohl wissend, wie töricht diese Frage angesichts ihres bisherigen Verhaltens ihm gegenüber eigentlich war.

Doch er überraschte sie mit einem Nicken. „Vielleicht gelingt es mir ja, doch noch etwas über Etiennes Schicksal herauszufinden. Ich werde mich noch einmal umhören.“

„Das würden Sie tun? Das ist … wirklich sehr nett von Ihnen.“

„Nun gut, dann gehe ich jetzt“, erwiderte er gedehnt. „Und Sie hören auf, so ein bekümmertes Gesicht zu machen. Noch besteht ja eine kleine Hoffnung, dass … dass Ihr Verlobter wieder auftaucht.“

Sie schluckte bei seiner Wortwahl. „Ja, vielleicht. Aber …“

„Aber – was?“

„Ach, nichts“, murmelte sie und senkte den Kopf. Wenn sie doch nur nicht so traurig wäre, dass er fortgehen wollte! Es war unvernünftig, durch nichts zu rechtfertigen und vollkommen inakzeptabel! Und doch hatte sie einen schrecklichen Kloß im Hals und musste schon wieder gegen die Tränen anblinzeln. Gedankenverloren starrte sie vor sich hin und nahm kaum wahr, dass Christopher sanft ihr Haar berührte. Als sie schließlich wieder aufblickte, war er fort.

 

Die Marquise de Fontenay reagierte seltsam teilnahmslos, als sie am Abend von Catherines Gespräch mit Christopher erfuhr. Selbst die Nachricht, dass Etienne wahrscheinlich verhaftet worden war, schien sie nicht aus der Ruhe zu bringen. Doch Catherine war überzeugt, dass in ihrem Inneren eine tiefe Angst nagte.

Catherine konnte allerdings nicht wissen, wie groß die Angst Madame de Fontenays wirklich war. Catherine und Minette machten sich Sorgen, gewiss, aber beide glaubten, dass sich alles irgendwie doch noch zum Guten wenden würde. Catherines Gedanken beschäftigten sich statt mit Etienne viel mehr mit Christopher. Viel mehr als ihrem Seelenfrieden guttat und mehr als ihr lieb war, aber es war nun einmal nicht zu ändern. Und Minette war ihrer Brotgeberin zwar sehr zugetan, aber der junge Herr war nie so ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Es betrübte sie, dass ihre Herrin jetzt wieder neuen Kummer durch ihn hatte. Aber darüber hinaus war ihr Etiennes Verbleib eigentlich gleichgültig, denn sie hatte ihre eigenen Sorgen. Paul, der Sohn des Bäckers Boulot, hatte letzte Woche um ihre Hand angehalten. Sie wollte ihn ja auch gern erhören, aber Pauls Vater war dagegen, weil sie nur eine Zofe war. Wovon aber sollten sie und Paul leben, wenn Pauls Vater ihnen seine Unterstützung verweigerte? Die Zeiten waren hart, die Assignaten, die sie besaßen, waren nur wenig wert. Es war einfach nicht daran zu denken, in diesen Zeiten ohne elterliche Hilfe eine eigene Existenz gründen zu wollen. So beklagte Minette daher ihre eigenen Zukunftsaussichten, während ihr die Tiefe von Geraldine de Fontenays Kummer entging.

4

Unruhig marschierte Catherine in ihrem Zimmer auf und ab. Die langen, untätigen Tage in dem düsteren Haus der Fontenays zerrten an ihren Nerven. Stunden hatte sie gestern damit verbracht, Boccaccios Novellen zu lesen, sich immer wieder umzuziehen, kleine Handarbeiten auszuführen oder einfach auf dem Bett zu liegen und die Zimmerdecke anzustarren. Bei dem Gedanken daran, dass ihr heute ein ähnlich ereignisloser Tag bevorstand, verspürte sie schon jetzt ein gereiztes Kribbeln im Magen. Es war erst acht Uhr morgens. Was für ein endloser Tag würde das werden!

Sie empfand den Alltag im Haus der Fontenays von Tag zu Tag als trostloser. Seit Etienne fort war, kam die Marquise de Fontenay nur noch selten zu den Mahlzeiten hinunter. Sie verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer und überließ Catherine größtenteils sich selbst. Obwohl sich Minette so oft wie möglich bemühte, ihr die Zeit zu vertreiben, langweilte Catherine sich zu Tode. Das Geplauder des Mädchens riss sie zumindest zeitweise aus ihrer Trübsinnigkeit. Doch gestern hatte Minette ihr von ihrer aussichtslosen Liebe zu dem Bäckerssohn Paul erzählt, und das erinnerte Catherine an ihre eigene missliche Lage. Sie fühlte zwar von Herzen mit der jungen Zofe und bedauerte sie, doch gleichzeitig empfand sie auch etwas wie Neid. Minette war zumindest sicher, dass Paul sie liebte. Bestimmt würden die beiden irgendwann auch einen Weg finden, zu heiraten. Catherine dagegen hatte niemanden mehr.

Sie marschierte am Spiegel vorbei und zog eine angewiderte Grimasse. Es hatte keinen Sinn, sich selbst zu bedauern. Das unnütze Grübeln änderte nichts, und eigentlich war es ihr zuwider. Aber ihr war ihre Einsamkeit auch noch nie so heftig bewusst geworden wie in den letzten Tagen. Selbst von Christopher hörte sie nichts mehr, was natürlich auch nicht weiter verwunderlich war. Auch wenn sie es nur ungern zugab, vermisste sie ihn. Er hatte zwar versprochen, dass er noch einmal vorbeikommen würde, und trotzdem wuchs von Tag zu Tag die Angst in ihr, dass er sein Versprechen vergessen haben könnte und nach England zurückgekehrt wäre. Gewiss, es war unvernünftig, sich mit ihm abzugeben. Ohne rechte Überzeugung versuchte sie sich einzureden, dass sie ihn nur herbeiwünschte, damit sie gelegentlich mal aus dem Haus käme. Sie wagte sich ohne männliche Begleitung kaum noch auf die Straße, denn in der Stadt war es wieder unruhiger geworden. Die Monarchie war abgeschafft und ein neuer Konvent gewählt worden, der nur noch aus Republikanern bestand, den gemäßigten, bürgerlichen Brissotins einerseits und den radikalen Jakobinern andererseits. Die Stimmung im Volk wurde zusehends aggressiver. Die Assignaten - Wertpapiere, die zunächst auf beschlagnahmtes Vermögen ausgegeben worden waren - verloren immer mehr an Wert, da die Regierung sie maßlos vermehrte, um sich Geld zu beschaffen. Der damit verbundene stetige Preisanstieg verschärfte von Tag zu Tag das Elend der unteren Klassen und schürte den Hass auf die Bessergestellten. Immer mehr einst friedliche Bürger bewaffneten sich mit Spießen, setzten die roten Mützen auf und traten in die Bataillone der Nationalgarde ein. Fast täglich kam es in Paris irgendwo zu Gewalttätigkeiten, sodass man sich in den Straßen nicht mehr sicher bewegen konnte. Auch Minette ging nur noch so selten wie möglich einkaufen. Dennoch gelang es ihr erstaunlich gut, den Haushalt immer noch zu versorgen. Der Bäckerssohn Paul brachte fast täglich frisches Brot vorbei und manchmal auch Gemüse oder etwas Fleisch. Wenn man bedachte, dass ein Laib Brot mittlerweile beinahe so teuer war wie der Monatslohn eines Arbeiters, war diese Hilfe von unschätzbarem Wert.

Darüber hinaus war der Vorratskeller des Hauses immer noch erstaunlich gut bestückt, und in einem kleinen Stall im hinteren Teil des Gartens hielt Minette einige Hühner versteckt, die sie mit frischen Eiern versorgten. Gelegentlich kam sogar eines davon als Braten auf den Tisch, denn trotz der allgemeinen Hungersnot bestand die Marquise darauf, dass aufgetischt wurde, als gäbe es alles noch im Überfluss. Und das, obwohl sie selbst in letzter Zeit die Speisen gar nicht mehr anrührte. Aber wie es schien, wollte sie einfach nicht begreifen, dass andere Zeiten angebrochen waren.

Hin und wieder wurde Catherine von der Sorge befallen, dass Christopher mit seinen Prophezeiungen recht behielt. Vielleicht hätte sie Frankreich verlassen sollen, solange es noch möglich gewesen war. Seit sich am zwanzigsten September die preußische Armee, von französischen Emigranten verstärkt, nach einer vergeblichen Kanonade bei Valmy aus Frankreich hatte zurückziehen müssen, war endgültig klar, dass die Revolutionäre in Frankreich nicht mehr zu bremsen waren. Weder von außen noch von innen war mit ernstzunehmenden Gegenkräften zu rechnen. Wen würde es da kümmern, wenn eine unbedeutende junge Engländerin in den Wirren dieser Revolution verschwand?

Mit einem Seufzer ließ sie sich in einen Sessel sinken und kauerte sich darin zusammen. Nun ja, es würde schon nicht so schlimm kommen. Auch wenn Etiennes Verhaftung gezeigt hatte, wie eng die Politik und das Schicksal der ihr nahestehenden Personen miteinander verwoben waren, würde sie bestimmt nicht mit dem eigenen Leib in den Strudel der Ereignisse gezogen werden. Natürlich konnte man es nicht ganz ausschließen. Aber wirklich daran glauben, nein, das tat sie nicht.

Gegen Nachmittag erschien Minette mit einem Kaffeetablett. Catherine lud sie ein, sich dazuzusetzen, und eine Viertelstunde plauderten sie miteinander, ehe die Marquise Minette zu sich rief.

Sie war einigermaßen erstaunt, als kurz darauf Minette nach oben gelaufen kam und ihr mitteilte, Monsieur Deverell warte auf sie in der Halle und würde sie gern auf einen Spaziergang ausführen.

Mit einem verräterischen Aufleuchten in den Augen sprang Catherine aus dem Sessel. Zwei Wochen waren vergangen, seit sie Christopher zum letzten Mal gesehen hatte, und jetzt empfand sie eine widersinnige Freude, dass er entgegen ihren Befürchtungen noch hier war und nicht nach England abgereist war. Ihr Herz pochte heftig, während sie hastig ihr Erscheinungsbild im Spiegel überprüfte. Gemessenen Schrittes, wie es sich für eine Lady gehörte, verließ sie dann ihr Zimmer, obgleich sie kaum den Drang widerstehen konnte, die Treppe herunterzustürmen.

Minette hatte ihn diesmal in der Halle warten lassen. Als Catherine nach unten kam, betrachtete er eingehend ein Porträt von Etienne, das neben der Treppe hing. Es zeigte Etienne als Jugendlichen im Alter von vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahren. Catherine mochte das Bild. Damals hatte Etienne noch nicht diesen zynischen Ausdruck im Gesicht, der sie jetzt so störte.

Christopher wandte ihr den Blick zu, als er das Rascheln ihrer Röcke vernahm. Das Grün seiner Augen schimmerte im gleichen Farbton wie der schlichte Rock, den er trug. Obwohl ein leichtes Lächeln seine Lippen umspielte, war der Ausdruck seiner Augen ernst. Seltsamerweise wirkte das auf Catherine nur umso anziehender und ließ ihr Herz schneller schlagen.

„Das Porträt ist gut gelungen, finden Sie nicht?“, fragte sie, um ihre Befangenheit zu überspielen.

„Er sieht sehr jung aus auf dem Bild. Und … anders als ich ihn kenne“, gab Christopher nachdenklich zurück.

„Fragonard hat das Porträt gemalt“, erklärte Catherine ausweichend. „Madame de Fontenay schätzt ihn sehr. Ich kannte ihn bisher nicht, aber er scheint ein bedeutender Künstler zu sein.“

„Ja, ich glaube schon.“ Er zuckte die Achseln und hielt ihr seinen Arm hin. „Sind Sie fertig, Madam? Können wir gehen?“

Sie nickte zögernd und hakte sich bei ihm unter. „Haben Sie etwas Bestimmtes im Sinn, wo wir hingehen?“, fragte sie, während sie gemeinsam das Haus verließen. „Sie sehen so nachdenklich aus.“

Sorgfältig schloss er die kleine Pforte zum Vorgarten, ehe sie auf die Straße traten. „Ja. Ich möchte Ihnen gern etwas zeigen.“

Angesichts seines ernsten Tonfalls und seines entschlossenen Gesichtsausdrucks schlich sich ein beunruhigtes Kribbeln in ihren Magen. „Hat es etwas mit Etienne zu tun?“

Seine Züge verhärteten sich unmerklich. „Auch. Aber nicht hauptsächlich.“

Ratlos marschierte Catherine neben ihm her. Christopher war ungewohnt schweigsam. Er schritt flott aus, und sie hatte Mühe, sein Tempo mitzuhalten. Es war ganz offensichtlich, dass er heute nicht bester Stimmung war. Und dennoch war ihr seine Gesellschaft an diesem Nachmittag zehnmal lieber als die Aussicht, den restlichen Tag im Haus zu verbringen. Darüber hinaus musste sie sich eingestehen, dass sie sich auch gefreut hätte, ihn zu sehen, wenn er sie nicht ausgeführt hätte, auch wenn sie das ihm gegenüber nie zugegeben hätte.

Christopher führte sie durch zahllose schmale Straßen, bis sie schließlich die Seine erreichten. Über den Pont Neuf gelangten sie auf die rechte Uferseite. Sie durchquerten das Hafenviertel mit seinen Lagern und Gaststuben, bis sie auf einen großen, zur Seine hin offenen Platz gelangten, dem Place de Grève, einem der wichtigsten und zentralen Marktplätze der Stadt. In dessen Mitte erhob sich - drohend und unheilverkündend – die Guillotine.

Unwillkürlich erschauerte Catherine. Der Gedanke an all die Menschen, die unter diesem Fallbeil schon den Tod gefunden hatten, war erschreckend. Vielleicht gehörte Etienne schon zu ihnen. Oder, vielleicht, eines Tages sie selbst.

„Ich wollte, dass Sie das hier sehen“, erklärte Christopher mit einem finsteren Stirnrunzeln. „Vielleicht stimmt es Sie um, und Sie kommen mit nach England.“

„Nein, ich … Es … es ist fürchterlich, was hier passiert, aber … - Nun, Sie kennen meine Meinung.“

Christopher zuckte kommentarlos die Achseln und führte sie wieder von dem Platz fort. „Möchten Sie vielleicht die Gartengalerien des Palais Royale sehen?“, fragte er. „Sie sind jetzt auch für die Öffentlichkeit zugänglich.“

„Gern“, nickte Catherine.

Er nickte kurz und führte sie dann schweigend weiter durch zahlreiche belebte Gassen, bis sie die Gärten erreichten, wo zu Catherines Überraschung kaum etwas los war. Doch auch hier schlenderte Christopher gedankenverloren durch die schattigen Alleen, ohne ein Wort zu sagen.

„Sie sind heute nicht sehr gesprächig“, stellte sie irgendwann missbilligend fest, als ihr das Schweigen zu drückend wurde.

Er warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. „Auch wenn ich gehofft hatte, dass der Anblick dieser Tötungsvorrichtung Sie vielleicht umstimmen könnte, habe ich eigentlich nicht wirklich daran geglaubt. Aber es war einen Versuch wert. Und ein guter Grund, Sie aus dem Haus zu führen, finden Sie nicht?“

„Wieso brauchten Sie einen Grund, um mich aus dem Haus zu führen?“, wunderte sich Catherine.

„Eigentlich fürchtete ich, Sie würden nicht mitgehen“, gestand er.

Catherine schnaubte empört. „Lieber Himmel! Sie haben keine Ahnung, wie sehr ich mich danach gesehnt habe, einmal aus dem Haus zu kommen! Ich bin Ihnen also wirklich sehr dankbar. Auch wenn es nicht gerade die netteste Idee war, mich zur Guillotine zu führen!“

„Nein, vielleicht nicht. Zumal …“

„Zumal was?“, fragte sie neugierig, als er nicht weitersprach.

Er blieb stehen und sah sie ernst an. „Zumal ich das Gefühl habe, dass Sie, seit Sie bei den Fontenays wohnen, ohnehin viel bedrückter sind als während unserer Reise nach Paris. Und ich frage mich, was der Grund dafür ist.“

„Nun, Etienne ist verschwunden …“, entgegnete Catherine, verblüfft, dass ihm ihre Gemütslage so genau aufgefallen war.

„Ja, aber Sie waren schon von dem Augenblick an in sich gekehrter, als ich Sie das erste Mal nach Ihrer Ankunft in Paris wiedergesehen habe. Ich frage mich daher, ob …“

„Was fragen Sie sich?“, wunderte sich Catherine, die sich keinen Reim auf seine untypische Zurückhaltung machen konnte, als er erneut seinen Satz abbrach.

Seine Brauen zogen sich unheilvoll zusammen, und er sah sie ungewohnt finster an. „Cathy, warum haben Sie eingewilligt, Etienne de Fontenays Frau zu werden? Doch nicht, weil Sie ihn lieben?“

Ziemlich verblüfft über diese abrupte Frage, blinzelte sie hoch in seine Augen, deren Ausdruck unergründlich, dabei aber absolut ernst war. Vorsichtig erwiderte sie: „Nun, er … erschien mir gebildet und wohlerzogen. Ich konnte mir ein Leben an seiner Seite als durchaus … angenehm vorstellen.“

„Gebildet und wohlerzogen?“, schnaufte Christopher, zügelte aber sofort sein Temperament und setzte ruhiger hinzu: „Ich nehme an, die Ehe wurde arrangiert, nicht wahr?“

Catherine reckte das Kinn vor. „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“

„Mehr als Sie denken! Ich weiß, dass Sie nicht kalt und gefühllos sind! Da kann ich es nicht verstehen, dass Sie auch nur in Erwägung ziehen, eine Ehe einzugehen, die Sie nur unglücklich machen kann, wenn -“

„Oh, Sie verstehen also nicht, dass ich eine Ehe in Erwägung ziehe!“, unterbrach sie wutschnaubend.

„Zum Teufel, so habe ich es nicht gemeint, und das wissen Sie ganz genau! Ich rede davon, dass Sie aus den falschen Beweggründen heiraten wollen, und -“

„Selbst wenn das so wäre, dann wären das meine Beweggründe und nicht Ihre! Und die gingen Sie überhaupt nichts an!“

Zornig, dass sie sich ihm wieder einmal hochmütig entzog, versetzte er höhnisch: „Vielleicht habe ich eines Tages ja selbst vor, um eine Lady anzuhalten! Ich wüsste daher gern, was eine Frau bewegt, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt! Nur um mich besser davor schützen zu können, aus purer Berechnung genommen zu werden, versteht sich!“

„Ich glaube nicht, dass Sie sich da Sorgen machen müssen! Was hätten Sie einer Frau denn schon zu bieten!“

Er lachte verächtlich. „Nichts, da haben Sie recht! Was für ein Glück für mich, dass sich bestimmt keine Lady danach sehnt, die Frau eines rastlosen Abenteurers zu werden!“

„Ah, dann geben Sie also endlich zu, dass Sie ein Abenteurer und Halunke sind? Dann ist die Geschichte mit Etiennes Cousine also wahr, und Sie sind wirklich so unehrenhaft und verderbt?“

Aus seinen Augen schossen so mörderische Blitze, dass sie einen Augenblick lang glaubte, er würde sie schlagen. Stattdessen packte er sie und brachte sein Gesicht sehr nahe an ihres heran.

„Zumindest wird mich keine Frau heiraten, weil sie mich für gebildet und wohlerzogen hält! Die Dame, die meine Frau wird, wird mich heiraten, weil sie mich aus tiefstem Herzen liebt! Mit weniger würde ich mich nicht zufriedengeben, als dass sie mich liebt und achtet und sich ein Leben ohne mich nicht vorstellen kann!“ Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern, als er mit zornig zusammengezogenen Augenbrauen zischte: „Und vor allen Dingen wird sie sich einen Teufel darum scheren, was andere von mir behaupten! Die Lady, die ich heirate, weiß, ob ich getan habe, wessen ich beschuldigt werde, denn sie wird fähig sein, in meiner Seele zu lesen!“

Catherine befreite ihren rechten Arm aus seinem Griff und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. „Wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden!“

Er lachte scharf. „Wenn Sie meine Erklärung kränkt, Madam, dann nur, weil Sie nicht aus diesen Gründen heiraten! Gott bewahre mich vor einer -“

Seine zornigen Worte verstummten abrupt. Ihre Lippen waren nur einen Atemzug von seinen entfernt, ihr zartes Parfum stieg ihm in die Nase, und sie sah in ihrer Wut so königlich aus, dass ein begehrliches Glitzern in seine Augen trat.

Catherine bemerkte seinen veränderten Ausdruck, und ihr verräterisches Herz fing an, heftig zu pochen. Sie wehrte sich nicht, als seine Arme sie umschlangen und er sie dichter zu sich heranzog. Unmerklich hielt sie den Atem an, als sein Gesicht dem ihren immer näherkam und seine Lippen nur noch Millimeter von ihren entfernt waren. Für den Bruchteil eines Augenblicks sah sie in seine Augen, in denen leuchtende Sterne zu tanzen schienen, ehe er seine Lippen auf ihre senkte und sie mit all der Leidenschaft zu küssen begann, die sich in ihm aufgestaut hatte.

Mit einem winzigen Teil ihres Gehirns, der noch denken konnte, registrierte Catherine, dass sie sich noch niemals so wunderbar gefühlt hatte wie in Christophers starken Armen. Sein Körper, der sich gegen ihren presste, war fest und muskulös und strahlte eine erregende Wärme ab. Sie spürte Christophers Herzschlag, der ebenso zu rasen schien wie ihr eigener, und schloss verzückt die Augen. Sie glaubte vor Wonne zu vergehen, als Christophers Kuss fordernder wurde und seine Zunge zwischen ihre Lippen drang. Sie schien nur noch aus einem Bündel herrlicher Empfindungen zu bestehen, die neu und erregend waren, und spürte tief in ihrem Inneren ein Verlangen nach mehr, ohne sagen zu können, was es war, wonach sie sich sehnte. Gänzlich entrückt von der Wirklichkeit, erwiderte sie Christophers Kuss voller Hingabe, bis Christopher ihn mit einem unterdrückten Stöhnen abrupt beendete.

„Cathy“, murmelte er heiser in ihr Haar. „Vergessen Sie diese Vernunftehe! Ich liebe Sie, meine Süße, und ich möchte -“

Die Seifenblase in Catherines Gehirn zerbarst, und sie kehrte schlagartig in die Gegenwart zurück. Christopher Deverell, Wüstling und Frauenheld, sagte, er liebte sie? „Meinen Sie das etwa ernst, Mr. Deverell?“

Verletzt von dem Argwohn in ihrer Stimme, fuhr er zurück. „Glauben Sie etwa nicht, dass es mir ernst ist?“

„Allerdings nicht!“ Sie betrachtete ihn abschätzend. Etwas leiser setzte sie hinzu: „Doch selbst wenn … wenn es wahr wäre … wie könnte ich behaupten, ich fühle mich geehrt? Sie haben gerade selbst erklärt, dass Sie ein mittelloser Abenteurer sind, der eine Frau kaum ernähren kann.“

Schleppend versetzte er: „Sie haben, wie so oft, nicht richtig zugehört. Von mittellos war keineswegs die Rede. Und ganz davon abgesehen, meinen Sie, Etienne besitzt noch viel, selbst wenn er lebend aus La Force herauskommt?“

„Vielleicht nicht. Aber das ist sowieso unwichtig, da ich nicht die Absicht habe, ihn … Nun ja, warum soll ich Ihnen das erklären.“ Achselzuckend wandte sie sich ab.

„Ich verstehe.“ Er musterte sie voll eisiger Verachtung. „Ich hätte nicht so niedrig von Ihnen gedacht, dass Sie ohne Rücksicht auf Ihr Herz nach einem Titel streben.“

„Ich strebe keineswegs nach einem Titel!“, brauste sie auf. „Und was die Wahl meines Mannes betrifft, so würde ich ja gern auf mein Herz hören, sofern ich nur einen Mann fände, der …“

Verunsichert durch das plötzliche Glitzern in seinen tiefgrünen Augen brach sie ab.

„Einen Mann, der was?“, hakte er nach. „Der es zum Schlagen bringt?“ In Sekundenschnelle hatte er sie fest an sich gezogen. Seine tiefe Stimme murmelte in ihr Ohr: „Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Herz in diesem Augenblick sogar ganz heftig schlägt!“

Bemüht ihre Unsicherheit zu verbergen, lachte sie spöttisch. „Sind eigentlich alle Männer so eingebildet wie Sie, Mr. Deverell?“

Er seufzte und trat einen Schritt zurück. „Ich sehe schon, Sie sind störrisch wie ein Maulesel.“

„Und Sie sind unverschämt!“, konterte sie.

Obwohl er sie mit einem tadelnden Blick maß, schien sich seine Laune aus irgendeinem Grund gebessert zu haben, denn er begleitete seine nächsten Worte mit einem leisen Lachen: „Nun, mir will scheinen, dass ich mit meiner Unverschämtheit schon mehr erreicht habe als de Fontenay mit seiner Zurückhaltung. Immerhin haben Sie mich schon geküsst. Ich bezweifle, dass Ihr Verlobter das erreicht hat, obwohl er es natürlich auch nicht gewollt hätte.“

„Nicht ich habe Sie geküsst, Sie Lümmel, sondern … Wie meinen Sie das, Etienne würde sich von mir nicht küssen lassen wollen?“

Er betrachtete sie nachdenklich. Gerade als er zu einer Erwiderung ansetzen wollte, knallte in der Nähe ein Schuss. Die Vögel in dem Gebüsch neben ihnen flogen kreischend auf, und Catherine stieß einen erschrockenen Schrei aus. Unglaublich schnell hielt Christopher die Pistole in der Hand, mit der sie ihn einst verteidigt hatte, und schob Catherine energisch hinter seinen Rücken. Mit angespannter Miene starrte er in die Richtung, aus der der Schuss gekommen war. Nur Augenblicke später waren aufgeregte Männerstimmen zu hören, die näher zu kommen schienen.

„Was kann da los sein?“, flüsterte Catherine.

„Ich weiß es nicht. Seien Sie still und warten Sie ab.“

Verärgert über seinen groben Ton, presste sie die Lippen zusammen und sagte nichts mehr. Sie sah den Sinn seines Befehls jedoch sofort ein, als Sekunden später eine Gestalt auf dem Weg auftauchte und auf sie zu taumelte. Der Mann hatte Blutflecken auf seiner zerrissenen Kleidung und schien am Ende seiner Kräfte zu sein. Keuchend blickte er sich immer wieder nach seinen Verfolgern um und bemerkte Catherine und Christopher erst im letzten Moment.

„Nein!“, krächzte er und wich in Panik einen Schritt zurück.

Catherine starrte ihn entsetzt an. Er war jung, fast noch ein Kind. Und dennoch machten die Männer, die immer näher heranrückten, Jagd auf ihn! Sie wusste auf einmal ganz genau, was los war. Dieser kaum ausgewachsene Jüngling war ein Aristokrat, der um sein Leben floh! Der wahrscheinlich ebenso wie Etienne verhaftet werden sollte und verzweifelt versuchte zu entkommen!

„Oh Gott, Christopher, wir müssen …“

Der Flüchtling öffnete den Mund, holte tief Luft und setzte zu einem Schrei an, während er schwankend vor ihnen zurückzuweichen versuchte. Christopher machte einen Satz, seine Faust schoss vor und traf den Jungen am Kinn, woraufhin dieser jämmerlich zusammensackte.

„Oh mein Gott, was tun Sie!“, stieß Catherine fassungslos hervor. „Sie können doch nicht … Wir sollten ihm helfen, und Sie … Wie können Sie nur -“

„Großer Gott, seien Sie still!“, fuhr Christopher sie an. Unter ihren entsetzten Augen packte er die leblose Gestalt, zerrte sie in ein einige Meter vom Wegesrand entferntes Gebüsch und verwischte hastig die Spuren. Mit zwei langen Sätzen war er sofort darauf wieder bei Catherine, packte ihren Arm und zog sie mit sich. Bleich vor Zorn wollte sie sich losreißen und öffnete den Mund zu einem wütenden Protest, doch Christopher hielt ihr mit einem warnenden Blick eine Hand vor den Mund, während er sie mit dem anderen Arm in einem eisernen Griff unbarmherzig mit sich fortzog.

„So, der Abstand müsste reichen. Ich nehme jetzt meine Hand von Ihrem Mund, aber Sie bleiben ruhig, haben Sie mich verstanden?“

Mit Tränen der Empörung in den Augen nickte sie, und er lockerte sofort seinen Griff, warnte aber grimmig: „Noch etwas: Sie haben niemanden gesehen, Cathy, ist das klar?“

„Was fällt Ihnen ein? Wie konnten Sie nur so brutal sein? Es bestand nicht der geringste Grund, den armen Jungen so zu schlagen!“, zischte sie, hielt sich aber nichtsdestotrotz an seine Warnung, im Flüsterton zu sprechen.

Ebenso leise widersprach er aufgebracht: „Hören Sie, der Junge war drauf und dran, sich in seiner Panik selbst zu verraten! Haben Sie nicht gesehen, dass er geschrien hätte, wenn ich ihn nicht … Nun, was soll's! Sie werden jetzt ruhig sein, und wenn seine Verfolger hier auftauchen, dürfen wir nicht den geringsten Verdacht erwecken, jemanden gesehen zu haben, haben Sie das verstanden!“

Er hatte kaum ausgesprochen, als er sie auch schon energisch in seine Arme zog. Vollkommen aus der Fassung gebracht angesichts dieses absolut empörenden und unangebrachten Benehmens, wollte sie sich wehren, doch dann begriff sie, dass er gar nicht die Absicht hatte, sie zu küssen. Er hielt sie zwar fest umschlungen, und für andere musste es so aussehen, als tauschten sie eifrig Zärtlichkeiten aus. Doch in Wirklichkeit spähte Christopher an ihrem Gesicht vorbei angespannt auf den Weg, wo die Verfolger des Jungen jeden Augenblick auftauchen mussten.

Catherine hörte die eiligen Schritte hinter ihrem Rücken. Sie musste das Erschrecken nicht vortäuschen, als sie und Christopher beim Klang einer höhnischen Stimme auseinanderfuhren.

„Sieh an, sieh an. Ein feiner Herr und sein Mädchen.“ Dann wurde die Stimme barsch und der Mann bellte: „Wo, zum Teufel, ist der Flüchtling?“

Catherine starrte ihn stumm vor Schreck an. Der Mann und seine Gefährten sahen furchteinflößend aus. Sie gehörten zu den Männern, die man als Sansculotten bezeichnete, weil sie lange Hosen trugen, womit sich früher die Arbeiter von den Aristokraten abgrenzten, welche für gewöhnlich kurze Kniehosen trugen. Seit der Rebellion jedoch kennzeichneten die langen Hosen eine besonders radikale Gruppierung unter den Revolutionären. Aber auch dadurch, dass sie bis zu den Zähnen bewaffnet waren, demonstrierten sie deutlich ihren Hang zur Gewalt.

Christopher jedoch ließ sich nicht einschüchtern. Er musterte den Sansculotten verächtlich und versetzte eisig: „Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Was für ein Flüchtling? Und wie kommen Sie dazu, die Dame hier so zu erschrecken? Gehört es in Frankreich jetzt zum guten Ton, dass man wehrlose Leute einschüchtert?“

Der Mann lachte höhnisch. „Sie legen mich nicht rein, Bürger. Der Mann, den wir suchen, ist in diesen Garten gerannt. Und wenn Sie mit Ihrer Dame hier schon länger stehen, müssen Sie ihn gesehen haben. Oder haben Sie keine Augen im Kopf?“

„Wenn Sie Augen im Kopf hätten, würden Sie sehen, dass wir anderweitig beschäftigt waren“, konterte Christopher kaltschnäuzig. „Im Übrigen: Wenn Sie wirklich einen flüchtigen Aristokraten jagen, sollten Sie sich lieber um Ihre Aufgabe kümmern. Wenn Sie hier noch lange nutzlos herumstehen, entkommt er nämlich mit Sicherheit. Ich denke nicht, dass eine solche Nachlässigkeit Ihren Vorgesetzten gefallen wird.“

„Und wer sind Sie, Herr Wichtigtuer, dass Sie glauben, Sie hätten mir zu sagen, was ich tun muss?“, knurrte der andere. Stimmen der Zustimmung wurden unter seinen Gefährten laut, und Catherine fürchtete entsetzt, dass sich die Männer jeden Augenblick auf sie und Christopher stürzen würden.

Doch Christopher maß die Leute voll arroganter Herablassung. „Mein Name ist Christopher Deverell. Ich bin Engländer und auf Einladung hochrangiger Politiker hier. Ich denke doch, dass Ihnen der Name Fouquier-Tinville etwas sagt?“

Erstauntes Gemurmel folgte diesen Worten. Schon wesentlich kleinlauter entgegnete der Wortführer: „Gewiss. Er leitet die Anklagen gegen alle Vaterlandsverräter. Stehen Sie etwa in engerem Kontakt zu ihm?“

„Das kann man wohl sagen. Und ich bin sicher, er wäre überhaupt nicht erfreut über Ihr Verhalten. Genauso wenig wie der allseits verehrte Danton oder Hauptmann Lazare Carnot.“

Diese Aufzählung von einflussreichen Namen reichte, dass die schwerbewaffneten Männer sich unbehaglich ansahen. Es war allgemein bekannt, dass der Jakobinerführer Danton verantwortlich für die Ermordung von über 1500 Verdächtigen in den Gefängnissen war, die vor ein paar Tagen stattgefunden hatte. So etwas sprach sich schnell herum in Paris. Und auch der Pionierhauptmann Carnot und der Advokat Fouquier-Tinville waren keine Gesellen, mit denen man sich anlegen sollte.

Unsicher zupfte der Wortführer an seinem Halstuch und räusperte sich. „Nun ja. Wir wollten Sie und Ihre Dame nicht belästigen. Aber Sie werden doch einsehen, dass wir Sie befragen mussten? Wir haben nur unsere Pflicht getan.“

„Wenn alle ihre Pflicht auf Ihre Art erledigen, ist es kein Wunder, dass so viele Feinde der Republik entkommen“, schnauzte Christopher. „Sehen Sie zu, dass Sie endlich Ihren Mann finden!“

„Das werden wir, Bürger. Auf Wiedersehen.“ Auf einmal hatten es die Männer sehr eilig davonzumarschieren.

Ihnen kurz nachblickend, ergriff Christoper Catherines Arm und führte sie kommentarlos Richtung Parkausgang. „Aber was ist mit -“, begann sie, doch Christopher unterbrach sie sofort.

„Halten Sie bitte noch einen Augenblick Ihren hübschen Mund, wenn Sie uns nicht doch noch in Gefahr bringen wollen! Gehen Sie einfach ruhig weiter.“

Sie nickte verärgert, tat aber nichtsdestotrotz, was er verlangte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen und sich ein paarmal unruhig umblickend, begleitete Christopher sie bis ins Viertel Saint-Germaine, wo er ihr endlich den Blick zuwandte und sie ansprach. „So, ich denke, hier ist es ungefährlich. Also, was wollten Sie vorhin fragen?“

Sie holte zitternd Luft. „Was ist mit dem armen Jungen? Sie wollen ihn doch nicht hilflos im Gebüsch liegen lassen?“

„Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun? Ihn zu mir nach Hause holen, nachdem ich den Leuten meinen Namen genannt habe?“

„Nein, natürlich nicht. Aber irgendwie müssen wir ihm doch helfen können. Er sah noch so jung aus.“

„Wir können gar nichts tun“, brummte Christopher. „Wir haben schon genug getan, indem wir ihn nicht verraten haben.“

„Vielleicht könnte man ihm helfen, aus Frankreich zu entkommen?“, schlug Catherine, immer noch nicht überzeugt, vor.

Er hob eine Braue. „Was verlangen Sie von mir? Soll ich mich als Fluchthelfer vielleicht gar selbst in Gefahr bringen?“

Catherine starrte ihn voller Verachtung an. „Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie nach einem Augenblick kalt. „Ich vergaß, dass Nächstenliebe und Menschlichkeit in Ihren Augen nur etwas für, wie sagten Sie doch gleich, Idealisten und Idioten sind.“

„Ah, das haben Sie sich also gemerkt!“

„Natürlich. Dachten Sie, ich könnte vergessen, wenn jemand so offensichtlich egoistisch und feige ist?“

Christopher musterte sie schweigend. Sie glaubte, in seinem Blick einen stillen Vorwurf und einen gewissen Schmerz zu erkennen. Doch der Eindruck war so flüchtig, dass sie sich nicht sicher war.

Sicher war nur, dass seine Stimme entschieden spöttisch und unbeteiligt klang, als er erwiderte: „Wie nett Sie das wieder gesagt haben! Ist das wirklich Ihre Meinung über mich, oder verdanke ich das Madame de Fontenays freundlicher Fürsprache? – Wie auch immer: Finden Sie den Weg allein zurück? Ich habe noch etwas zu erledigen.“

„Oh, natürlich!“, fauchte sie, und das schlechte Gewissen über ihre gemeinen Worte schwand wieder.

„Sehr gut.“ Er deutete eine knappe Verbeugung an. „Dann leben Sie wohl.“

 

„Was für ein prinzipienloser, widerlicher, kreuzweise verwünschter Mensch!“, schimpfte Catherine, während sie mit einer Bürste wütend ihre Haare bearbeitete. Minette brachte gerade einen Eimer Wasser, da Catherine das dringende Bedürfnis verspürte, nach diesem unangenehmen Nachmittag ein Bad zu nehmen. „Führt mich auf einen Spaziergang aus und lässt mich dann mitten auf der Straße stehen. Oh, wie ich diesen Mann verabscheue!“

Minette stellte den Eimer ab, die Augen rund vor Erstaunen. „Sie meinen Monsieur Deverell?“

„Natürlich meine ich Mr. Deverell! Wen denn sonst!“

„Oh, nun, ich dachte …“

„Was dachtest du?“, forschte Catherine nach, als Minette nicht weitersprach.

„Na ja, ich dachte … Verzeihen Sie mir, es ist ungehörig, mich einzumischen, aber … ich dachte, Sie mögen Monsieur Deverell. Er ist sehr nett und, na ja, er sieht sehr gut aus, daher habe ich geglaubt -“

„Minette!“ Catherines Tonfall war ein einziger Vorwurf. „Wie kannst du so etwas sagen, nach allem, was er dem Marquis angetan hat?“

„Angetan?“, wiederholte Minette verständnislos.

„Nun ja, gewiss.“ Catherine gab den Versuch auf, Ordnung in ihre dichten Haare zu bringen. Minette ergriff die Bürste, und mit dem Geschick einer geübten Zofe gelang es ihr im Handumdrehen, aus den widerspenstigen Locken eine praktische Frisur hochzustecken, sodass die Haare beim Baden nicht nass wurden. Wie beiläufig, aber innerlich doch voller Anspannung hakte Catherine währenddessen nach: „Du hast doch gleich bei meiner Ankunft selbst von der Affäre gesprochen, in die Mr. Deverell und Monsieur Etienne verwickelt waren.“

„Ach, Sie meinen, dass Monsieur Deverell Monsieur Etienne verwundet hat? Nun, aber da hatte Monsieur Etienne doch selber Schuld! Wenn er nicht weggelaufen wäre, genau in die Kugel hinein -“ Sie brach abrupt ab, als sie Catherines plötzlich aschfahles Gesicht sah.

„Er … Monsieur Etienne ist - weggelaufen? Aber ich dachte, …“

Rot bis zu den Haarwurzeln stammelte Minette: „Ah non, ich hätte das nicht sagen sollen! Oh, ich hätte es niemals sagen dürfen! Bitte, Sie dürfen Madame nicht verraten, dass es mir herausgerutscht ist. Sie würde sich entsetzlich aufregen, und sie ist doch so krank!“

„Ich werde nichts sagen“, versprach Catherine ungeduldig. „Aber du musst mir erklären -“

„Mais non!“, unterbrach Minette hastig. „Ich habe schon viel zu viel gesagt. Ich wollte nur … Ich meine, ich weiß, was Madame Ihnen über Monsieur Deverell erzählt hat. Ich habe gesehen, wie … wie traurig Sie das macht, darum … Glauben Sie mir, Monsieur Deverell ist bestimmt nicht so schlecht, wie es den Anschein hat.“

„Ja, aber -“

„Oh bitte, Mademoiselle, ich muss jetzt gehen. Bitte!“ Sie legte die Bürste auf den Frisiertisch und stürmte regelrecht aus dem Zimmer. Catherine blickte ihr ratlos hinterher.

Sie erhob sich und goss den Inhalt des Eimers selbst in den großen Badezuber. Dann kleidete sie sich aus und stieg in das dampfende Wasser. Eine wohlig entspannende Wärme umgab sie, und sie ließ sich mit einem Seufzer zurücksinken. Noch völlig durcheinander von Minettes verwirrenden Andeutungen, versuchte sie, ein wenig Ordnung in ihre Gedanken zu bringen.

Wenn sie Minette richtig verstanden hatte, hatte die Marquise de Fontenay sie in Bezug auf Christopher Deverell belogen. Sie wusste zwar nicht, ob alles gelogen war, aber zumindest entsprach ein Teil der von ihr erhobenen Anschuldigungen offenbar nicht der Wahrheit. Kein Wunder, dass Christopher so wütend gewesen war, als sie ihm ihre Vorwürfe entgegengeschleudert hatte! Doch warum hatte er die Beschuldigungen nicht zurückgewiesen?

Nun ja, er hatte immerhin behauptet, er hätte nicht zuerst geschossen. Wenn es nun tatsächlich Etienne gewesen war? Immerhin ließen Minettes Äußerungen darauf schließen. Wenn Christopher geschwiegen hatte, um Etiennes Ansehen bei ihr nicht zu untergraben, dann wäre sein Verhalten in der Tat alles andere als unehrenhaft, sondern im Gegenteil im höchsten Maße lobenswert! Diese atemberaubend logische Erklärung ließe sein ganzes Verhalten in einem völlig anderen Licht erscheinen. Selbst seine Empörung, dass sie ausgerechnet Etienne heiraten wollte, erschien auf einmal gerechtfertigt, wenn Etienne ihm wirklich übel mitgespielt hatte. Unwillkürlich schüttelte sie sich. Sie hatte Christopher gegenüber das denkbar unhöflichste, unfreundlichste und undankbarste Verhalten an den Tag gelegt, und dennoch hatte er ihr immer wieder seine Hilfe angeboten. Er war freundlich und rücksichtsvoll geblieben, wo andere sich gekränkt zurückgezogen hätten. Etienne dagegen, um den sie sich so bemüht hatte, hatte sie immer wieder vor den Kopf gestoßen und seine Abneigung demonstriert. Wie hatte sie nur so blind sein können? Wie hatte sie nicht sehen können, was für einen niederträchtigen Charakter er hatte, dass er sogar einem anderen die Fehler unterschob, die er selber besaß? Christopher war so ehrenhaft und edelmütig - doch halt, sie machte schon wieder einen Fehler!

Sie griff zu einer Bürste und Seife und begann sich abzuschrubben. Christopher war nicht ehrenhaft und edelmütig! Sie mochte ihn ungerecht beurteilt haben, aber wie er sich heute dem geflohenen Aristokraten gegenüber verhalten hatte, war alles andere als ehrenhaft! Vor ihrer Ankunft in Paris hatte sie Christopher nahezu angehimmelt, doch ein paar Worte Madame de Fontenays hatten genügt, dass sie bereit gewesen war, ihn gänzlich zu verteufeln. Sie durfte jetzt nicht den gleichen Fehler begehen und ihn nun aufgrund wiederum anderer Worte auf ein Podest erheben. Natürlich würde sie zu ihm gehen und sich für ihre harten Worte entschuldigen, was die Sache mit Etienne betraf. Aber sein heutiges Verhalten verzieh sie ihm nicht. Wie hatte er nur einen hilflosen Flüchtling seinem Schicksal überlassen und ihn obendrein auch noch niederschlagen können? Gewiss war seine Angst, selbst in Gefahr zu geraten, durchaus berechtigt. Sicherlich hätten viele so reagiert wie er. Aber von einem Mann, der Anspruch auf ihre Zuneigung erhob, hätte sie nun einmal etwas anderes erwartet. Sie hatte ihn einmal für etwas Besonderes gehalten. Nur aufgrund von Minettes Erklärungen war sie beinahe bereit gewesen, es wieder zu tun. Doch es wurde Zeit, endlich aufzuhören, sich etwas vorzumachen. Christopher Deverell war vielleicht nicht so verkommen, wie Madame de Fontenay behauptete. Aber sein Verhalten heute hatte deutlich bewiesen, dass sie zumindest mit ihrer Behauptung, er sei feige und egoistisch, recht hatte!

Und dennoch, es hatte Augenblicke gegeben, da war er alles andere als das gewesen! Wie er ihr so selbstlos auf der Reise beigestanden, sich ihretwegen halb verprügeln lassen hatte, unerschütterlich darauf bestanden hatte, sie nach Paris zu begleiten, selbst als sie ihn beschimpfte - da war sein Verhalten ehrenhaft und mutig und eines wahren Gentlemans würdig gewesen. Und heute dann so etwas! Was war er nur für ein rätselhafter Mensch! Seltsam nur, dass ihr die Widersprüchlichkeit seines Charakters nicht schon aufgefallen war, als die Marquise de Fontenay sie über seine angeblichen Schandtaten aufgeklärt hatte. Aber damals war sie viel zu enttäuscht und wütend auf ihn und auch auf sich selbst gewesen, um lange darüber nachzudenken. Doch jetzt, nachdem sie sich damit abgefunden hatte, dass Christopher kein unfehlbarer Ritter wie aus einem Märchen war, fiel ihr diese Widersprüchlichkeit auf. Um hinter dieses Rätsel mit Namen Christopher Deverell zu kommen, gab es nur eine Möglichkeit: Sie musste ihn wiedersehen! Gleich morgen würde sie ihn aufsuchen. Sie würde sich nicht mehr mit irgendwelchem Gerede abspeisen lassen, sondern auf einer Erklärung bestehen!

Diese Entscheidung verschaffte ihrem Gemüt eine gewisse Erleichterung. Mit weitaus weniger heftigen Bewegungen ließ sie die Bürste über ihren Körper kreisen und schloss genießerisch die Augen. Als sie dann aus der Wanne stieg, sich abtrocknete und in ihr Bett schlüpfte, war sie sogar ausgesprochen heiter gestimmt. Vielleicht, dachte sie träumerisch, hatte es das Schicksal am Ende ja doch nicht so böse gemeint, als es ihr Christopher Deverell über den Weg gesandt hatte.

 

Gleich am nächsten Morgen setzte sie ihren Entschluss in die Tat um. Trotz ihrer Angst, allein durch die Pariser Straßen zu gehen, suchte sie Christophers Wohnung in der Rue Saint Emilion auf. Zu ihrem großen Verdruss musste sie feststellen, dass Christopher nicht da war. Sie versuchte es am Nachmittag noch einmal und dann am nächsten Tag, doch wieder war ihr Fußmarsch vergeblich. Da sie nicht noch einmal umsonst zu ihm gehen wollte, hatte sie für alle Fälle eine Notiz mit der Bitte, dass er sich bei ihr melden möge, vorbereitet, die sie jetzt unter seiner Tür durchschob. Bei seiner Rückkehr würde er sie hoffentlich nicht übersehen. Da es regnete und die ersten Herbststürme in den Straßen tobten, kehrte sie durchnässt und zutiefst verstimmt von ihrem Ausflug zurück.

Ihre Laune sank auf den Nullpunkt, als die Marquise ihr in der Halle gegenüberstand, nachdem sie die Haustür geschlossen hatte. „Du warst aus?“

Der unwirsche Ton reizte sofort ihren Widerspruchsgeist, doch als sie das abgespannte Gesicht ihrer Gastgeberin sah, stimmte sie das etwas milder. „Ja, ich war aus. Paris ist eine sehr interessante Stadt, und ich habe erst so wenig davon gesehen.“

„Warst … warst du in Begleitung?“

Catherine wusste genau, worauf diese Frage abzielte: ob sie in Christophers Begleitung gewesen war! „Nein, ich war allein unterwegs.“

Die Marquise straffte ihren Rücken. „Ich weiß, du denkst … aber es stimmt nicht. Ich habe mir Sorgen gemacht. Man hört so viele schreckliche Dinge. Selbst mit Monsieur Deverell auszugehen ist … ich meine unter diesen Umständen … ist es sicherer, als sich allein auf die Straße zu wagen. Und ich weiß, wie eintönig es für dich in unserem Haus sein muss. Vor der Revolution war das anders, weißt du. Wir hatten sehr häufig Gäste. Als Etienne noch da war …“ Ihre Stimme versagte und sie wandte den Blick ab.

Catherine trat mitfühlend an ihre Seite und legte eine Hand auf ihren Arm. „Etienne wird wiederkommen, da bin ich ganz sicher.“

„Wie sehr ich das hoffe“, seufzte Madame de Fontenay. „So wenig ist mir außer meinem Sohn geblieben. Mein Mann starb schon kurz nach Etiennes Geburt, und ich habe nicht wieder geheiratet. Niemand wäre fähig gewesen, an Antoines Stelle zu treten.“ Unsicher sah sie Catherine an. „Vielleicht hättest du Lust, mit mir in den Salon zu kommen und ein wenig zu plaudern?“

Überrascht murmelte Catherine, sie würde gern in den Salon kommen, sobald sie trockene Kleider angezogen und ihre Frisur aufgefrischt hätte.

Die Marquise nickte und erklärte, sie würde inzwischen Minette bitten, ihnen etwas Kaffee und ein paar Kekse zu bringen.

Sie saß entspannt auf einem zweisitzigen Sofa, als Catherine kurz darauf in den Salon kam, und lud sie mit einer Handbewegung ein, neben ihr Platz zu nehmen. Die Fensterläden waren wie immer geschlossen, und auf dem Tisch brannte eine Kerze. Daneben hatte Minette ein Tablett mit Kaffee und Gebäck gestellt. Catherine setzte sich neben die ältere Frau, die sofort auf ihre Ehe mit dem Marquis de Fontenay zurückkam. Sie erzählte zunächst stockend, dann immer freimütiger von der glücklichen Zeit, die sie an der Seite dieses Mannes verbracht hatte. Es war das erste Mal, dass sie Catherine gegenüber etwas von ihren Gefühlen preisgab. Als Catherine sich noch als Etiennes Verlobte betrachtet hatte, hätte es ihr viel bedeutet, wenn die Marquise so offen mit ihr geredet hätte. Doch jetzt war es ihr beinahe unangenehm, dass diese unnahbare Frau ihr plötzlich ihre intimsten Gedanken anvertraute, zumal sie es vielleicht nicht getan hätte, überlegte Catherine, wenn sie geahnt hätte, dass sie ihre Verlobung mit Etienne lösen wollte. Sie hatte es noch nicht gewagt, der Marquise ihren Entschluss mitzuteilen, und vielleicht bereute die stolze Frau es womöglich später, so viel von sich preisgegeben zu haben, wenn sie erfuhr, dass Catherine nicht ihre Schwiegertochter werden würde? Andererseits brachte Catherine es nicht fertig, den Redefluss der Marquise zu stoppen, denn es schien ihr geradezu ein Bedürfnis zu sein, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Catherine begriff immer mehr, dass die Kälte und Härte, die Madame de Fontenay um sich aufgebaut hatte, im Grunde nichts als ein Schutzwall war, der ihre Einsamkeit verbarg. Als Catherine dieses klar wurde, begann sie zum ersten Mal, so etwas wie Sympathie für die sonst so verschlossene Frau zu empfinden. Vor allen Dingen die Bewunderung, mit welcher die Marquise von ihrem Gatten sprach, berührte Catherine, denn es machte ihr klar, dass die Wünsche und Sehnsüchte der älteren Frau gar nicht so sehr von ihren eigenen Träumen abwichen. Die Marquise hatte Liebe und Geborgenheit kennengelernt, und als ihr diese durch den viel zu frühen Tod ihres Mannes entzogen worden waren, war sie hart und verbittert geworden. Eigentlich war das gar nicht so verwunderlich, obschon es Catherine schwerfiel, sich die Marquise als liebende Gattin vorzustellen. Und dennoch war nicht zu übersehen, dass sie einmal geliebt hatte. Sie sprach mit solch wehmütiger Zärtlichkeit von ihrem Mann, dass es Catherine sprachlos machte.

„Weißt du, in gewisser Weise ähnelte er sehr deinem Vater“, beendete die Marquise ihre Erinnerungen. „Nicht, was das Aussehen betraf, Gott bewahre! Mein lieber Antoine war klein und dick und wirkte eher wie ein gutmütiger Gelehrter, während dein Vater mit seinem Aussehen damals der Schwarm aller Mädchen war. Aber -“

„Kannten Sie meinen Vater gut?“, unterbrach Catherine neugierig.

„Oh ja, sehr gut sogar. Wusstest du … Ach nein, ich erinnere mich, du kannst es nicht wissen. Angela erwähnte einmal, dass sie es dir nicht gesagt hatte. Sie wünschte, glaube ich, dass du so wenig wie möglich von deinem Vater hörtest.“

„Da irren Sie sich“, entgegnete Catherine niedergeschlagen. „Mein Vater wollte leider nie etwas von uns wissen.“

„Aber natürlich wollte er das!“ Etwas von ihrer alten Energie und Entschlossenheit kehrte in Madame de Fontenays Stimme zurück. „Angela war es, die den Kontakt abgebrochen hat. Hat sie dir das vor ihrem Tode denn nicht mehr gesagt? Sie wollte immer, dass du es an deinem einundzwanzigsten Geburtstag erfährst. - Ach Gott, ja, du bist ja noch gar nicht so alt!“

Catherine starrte die Marquise de Fontenay ungläubig an. „Aber warum sollte meine Mutter so etwas tun? Das ist ganz unmöglich!“

„Und dennoch ist es so.“ Die Marquise lehnte sich müde zurück. Sie schwieg nachdenklich, ehe sie leise, aber bestimmt erklärte: „Es tut mir leid, dass ich jetzt diejenige bin, die dir das sagen muss. Aber ich glaube, du hast ein Recht, es zu erfahren. Und da Angela es dir ohnehin erklärt hätte, wenn sie lange genug gelebt hätte, habe ich jetzt vielleicht sogar eine gewisse Pflicht, mit dir zu reden.“

Sie wartete Catherines zurückhaltendes Nicken ab und seufzte kurz, ehe sie begann: „Deine Mutter trennte sich von deinem Vater, als du noch ganz klein warst. Ich habe nie begriffen, wie sie einen Mann wie ihn verlassen konnte. Er war der Inbegriff dessen, was man sich unter einem Mann nur vorstellen kann: groß, stattlich, gutaussehend und vor allem sehr warmherzig und charmant. Er hatte die gleichen herausfordernd blitzenden blauen Augen wie du. Nur seine Haare waren etwas dunkler. Mit Sicherheit hast du von ihm auch deinen wachen Verstand geerbt. Deine Mutter war ein liebes Wesen, aber die klügste war sie leider nicht.“

Catherine stimmte dieser letzten Bemerkung innerlich zu, auch wenn sie ansonsten schrecklich verwirrt war. Ihre Mutter, und auch ihre gesamte Verwandtschaft, hatte Angus Macpherson stets als herrschsüchtigen Despoten, als rücksichtslosen und egoistischen Tyrannen beschrieben, der seine hilflose, zarte Frau in der Blüte ihrer Jugend mit einem kleinen Kind gemein sitzenlassen hatte. Dass ihre Mutter an seinem Verhalten eine Mitschuld trug, war ihr neu. „Warum glauben Sie, dass meine Mutter ihn fortgeschickt hat?“, erkundigte sie sich benommen.

„Ich glaube das nicht, ich weiß es!“, war die resolute Antwort. „Sie hat es mir selbst geschrieben. Ich muss die Briefe noch irgendwo haben. Ich kann sie dir zeigen, wenn du willst. Deine Mutter glaubte, verschiedene Gründe zu haben. Aber so wie ich es sehe, war Angus für ihre sanfte Natur einfach ein viel zu leidenschaftlicher Mann. Er hatte viele Freunde, die ihn auch häufig besuchten. Angela war das Leben an seiner Seite einfach zu anstrengend. Nach deiner Geburt weigerte sie sich, ihren ehelichen Pflichten nachzukommen. Obwohl Angus das akzeptierte und sich sehr rücksichtsvoll verhielt, steigerte sie sich dennoch immer mehr in ihren Hass auf ihn hinein. Sie machte ihn und deine Geburt für ihren kränkelnden Zustand verantwortlich. Obendrein akzeptierte sie es nicht, dass er stolz darauf war, Schotte zu sein. Sie verabscheute die Schotten als barbarische Wilde. Sie war eben Engländerin durch und durch. Als Angus verlangte, sie sollte mit ihm ins Hochland auf seinen Landsitz ziehen, forderte sie von ihm die endgültige Trennung.“

„Aber warum hat sie ihn denn überhaupt geheiratet, wenn sie ihn so verabscheute?“, wandte Catherine, noch lange nicht überzeugt, ein.

„Er war ein sehr charmanter Verehrer mit ausgezeichneten Manieren. Mit seinem Aussehen hätte er jedes heiratswillige Mädchen bekommen können, und so war Angela stolz, dass er sie wählte. Du darfst nicht vergessen, wie jung sie noch war. Außerdem hatte ihre Familie sie denkbar unzureichend auf ihre Pflichten als Ehefrau vorbereitet. Sie wusste einfach nicht, was auf sie zukam. Die Ehe wäre mit jedem Mann ein großer Schock für sie gewesen.“

„Und deshalb ging er fort und ließ uns mittellos zurück“, murmelte Catherine dumpf vor sich hin. „Natürlich, wer wollte ihm unter solchen Umständen einen Vorwurf machen.“

„Oh nein, ganz und gar nicht“, widersprach Madame de Fontenay. „Er war wütend auf seine Frau, aber er liebte dich, seine kleine Tochter, und wollte dich mit sich nehmen. Doch Angelas Familie ist in England ziemlich einflussreich. Sie zettelten eine Intrige gegen ihn an, die es so aussehen ließ, als sei er in eine Verschwörung gegen euren König verwickelt, und bedrohten ihn damit. Angus erzählte mir, dass die Schotten in England keinen guten Ruf hatten, sodass man das sicher geglaubt hätte. Darüber hinaus drohten sie, soweit ich mich erinnere, seinen Bruder oder Cousin, jedenfalls einen nahen Verwandten, mit hineinzuziehen, und das gab wohl den Ausschlag. Angus willigte schließlich ein, dass du bei deiner Mutter in England bliebst, unter der Bedingung, dass er dir regelmäßig schreiben durfte.“

„Was er aber nie getan hat“, flüsterte Catherine.

Die Marquise überging diesen Einwurf. „Ungefähr zur gleichen Zeit starb seine Mutter hier in Frankreich und hinterließ ihm einige Besitztümer. Er kam her und ließ sich hier für den Großteil seiner Zeit nieder, obwohl er natürlich auch hin und wieder nach Schottland oder London reiste, wo er, glaube ich, sogar ein eigenes Haus unterhält. Wie auch immer, deine Mutter fürchtete immer, du könntest dich zu sehr zu deinem Vater hingezogen fühlen. Das ist der Grund, weshalb sie nie mit dir nach Frankreich kam oder dich in London in die Gesellschaft einführte, denn sie hatte Angst, du könntest dann durch einen Zufall deinem Vater begegnen. Ach, Catherine, du ähnelst ihm so sehr! Ich nehme an, deine arme Mutter fürchtete eure Seelenverwandtschaft.“

Catherine rührte unschlüssig in ihrer Kaffeetasse. Alles klang recht glaubwürdig und plausibel. Aber hatte Madame de Fontenay sie nicht schon einmal angelogen, als es um das Duell zwischen Christopher und Etienne ging? Sie bemühte sich nicht, ihr Misstrauen zu verbergen, als sie den Kopf hob und mit gerunzelten Brauen fragte: „Woher soll ich wissen, dass das alles wahr ist? Meine Familie hat mir stets etwas anderes erzählt. Und dass mein Vater französische Vorfahren hat, höre ich heute zum ersten Mal.“

Die Marquise musterte sie scharf. Dann seufzte sie leise und lehnte sich müde zurück. „Ja, ich glaube, ich ahne, weshalb du so misstrauisch bist. Es ist wegen dieser … Geschichte mit Deverell, nicht wahr? Du glaubst, dass ich dich angelogen habe.“

Catherine reckte entschlossen das Kinn vor. „Haben Sie das etwa nicht?“

„Doch. Das habe ich“, gestand die Marquise mit einem Anflug von Verlegenheit. „Aber … ich tat es nur für Etienne. Du musst das verstehen. Doch jetzt … ich weiß, dass er nicht wiederkommen wird. Es … es gibt keinen Grund mehr, ihn zu schützen.“

Catherine biss sich nervös auf die Lippen. „Dann sagen Sie mir jetzt die Wahrheit?“

Die Marquise atmete tief ein. „Gib mir noch etwas Zeit. Es ist alles so … so kompliziert. Ich habe dich liebgewonnen, Catherine. Und ich möchte, dass du glücklich wirst. Aber … wenn ich dir jetzt alles gestehen würde … du würdest unsere Familie verachten!“

„Nein, das würde ich ganz gewiss nicht, Madame!“, beteuerte Catherine und ergriff ihre Hand. „Wirklich, ich … ich möchte einfach nur wissen, ob Christopher … ob Mr. Deverell … das getan hat, was Sie behauptet haben! Oder besser gesagt, ich glaube einfach nicht, dass er es getan hat, und möchte so gern die Wahrheit wissen!“

„Dann hat er dir also noch nicht erzählt, wie es wirklich gewesen ist?“

„Er hat nur behauptet, dass er nicht vorzeitig geschossen hat, Madame. Und dass er Etiennes Cousine nicht kennen würde.“

„Und das ist alles?“, wunderte sich die Marquise.

Catherine biss sich auf die Lippen. „Ja. Ich glaube, er … er hätte gern mehr gesagt, aber … er wollte es nicht hinter Etiennes Rücken tun. Solange er verschwunden ist, meine ich.“

Die Marquise seufzte leise und griff sich ans Herz. „Sehr … nobel von ihm. Ich … hätte es nicht von ihm erwartet. Andererseits … doch, ja, es passt zu ihm.“

„Oh, bitte, Madame, dann sagen Sie mir endlich, was wirklich geschehen ist!“

„Ich werde es dir erklären“, stimmte die Marquise leise zu. „Aber … ein anderes Mal. Ich bin jetzt sehr müde. Ich werde mich zurückziehen.“

„Aber -“

„Ein anderes Mal, Catherine“, wiederholte Madame de Fontenay und war von einem Moment auf den anderen wieder ganz hochmütige Marquise. Hocherhobenen Hauptes verließ sie den Salon und ließ Catherine ratlos auf dem Sofa sitzend zurück.

Dicke Regentropfen prasselten am nächsten Morgen gegen die Fensterläden. Es war noch kälter als in den letzten Tagen, und Catherine verspürte nicht das geringste Verlangen, ihr warmes Federbett zu verlassen. Mit einiger Willensanstrengung brachte sie es dennoch über sich und klingelte nach Minette, damit diese ihr beim Ankleiden und Frisieren behilflich war. Catherine schwieg, während Minette ihr das Haar richtete, und auch Minettes sonst so munteres Geplapper fehlte an diesem Morgen. Beide Mädchen zuckten zusammen, als ein lautes und energisches Pochen an der Haustür erklang.

Christopher!, schoss es Catherine voller Freude durch den Kopf, und sie beeilte sich, mit ihrer Morgentoilette fertig zu werden. Sie schickte Minette nach unten, damit sie den frühen Besucher bei diesem schlechten Wetter hineinließ, während sie ohne Minettes Hilfe in ihr Kleid schlüpfte. Rasch kniff sie sich noch in die Wangen, um ein wenig Farbe ins Gesicht zu bekommen. Dann eilte sie aus ihrem Zimmer. Doch nicht Christopher erwartete sie in der Halle.

Am Fuß der Treppe erblickte sie drei schwerbewaffnete Soldaten, die ihr finster entgegensahen. Kurz darauf erschien auch die Marquise de Fontenay, nicht weniger erschrocken als Catherine. Langsam schritten die beiden Frauen die Treppe hinab, wohl wissend, dass sie von jedem der Augenpaare dort unten scharf beobachtet wurden.

Als sie unten angelangt waren, richtete der Anführer kalt und schneidend das Wort an sie. „Wer ist die Bürgerin Macpherson?“

Catherine stockte der Atem. „Ich“, brachte sie mit zitternder Stimme über die Lippen. „Was … was wünschen Sie von mir?“

Die stechenden Augen des Mannes hefteten sich auf ihr bleiches Gesicht. „Bürgerin Macpherson, Sie stehen in dem Verdacht, eine Feindin des Vaterlandes zu sein. Ab sofort gilt für Sie Ausreiseverbot. Sie dürfen Frankreich nicht mehr verlassen. Einmal wöchentlich haben Sie sich auf der Polizeipräfektur zu melden.“ Sein verächtlicher Blick glitt über ihre elegant gekleidete Gestalt. „Ihr Vater hatte Besitztümer in Frankreich. Sie werden wohl wissen, dass diese schon seit langem beschlagnahmt sind.“

„Aber was soll denn das? Was habe ich denn getan?“, krächzte Catherine protestierend.

Der bewaffnete Mann musterte sie voller Geringschätzung. „Es genügt, dass Sie verdächtig sind. Noch haben Sie nichts getan. Sehen Sie zu, dass das auch so bleibt, dann brauchen Sie auch nichts zu befürchten.“ Er wandte sich an die Marquise und fragte nach ihrem Namen. Sie nannte ihn mit trotz ihrer Angst eisiger Stimme, und er fuhr fort: „Der Bürger Etienne de Fontenay hat versucht, sich seiner Verhaftung durch Flucht zu entziehen. Er wurde erschossen. Ihre Besitztümer sind ab sofort Eigentum des Volkes. Sie können hier wohnen bleiben, bis ein anderer Beschluss ergeht. Auch Sie haben sich einmal wöchentlich auf der Präfektur zu melden.“

Catherine stieß ein entsetztes Keuchen aus und ihr Blick flog zu der Marquise. Diese stand regungslos da und starrte den Soldaten an, als begreife sie nicht, was er sagte. Catherine trat an ihre Seite, doch auch Minette war schon zur Stelle. „Madame … kommen Sie, Madame. Ich werde mich um Sie kümmern.“

Der Soldat wandte seine Aufmerksamkeit der jungen Dienstbotin zu, musterte ihr einfaches Kleid und fragte barsch: „Wer sind Sie?“

Minette hielt erschrocken in ihrer Bewegung inne und drehte sich langsam zu ihm um. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Minette Leroc, Monsieur.“

„Mitkommen, Bürgerin Leroc. Sie sind verhaftet.“

Minette stieß einen entsetzten Schrei aus. Catherine vergaß ihre eigene Angst, eilte an Minettes Seite und rief empört: „Aber das können Sie doch nicht tun! Minette ist doch nur eine einfache Zofe!“

„Mund halten!“, schnauzte der Mann. „Die Bürgerin Leroc erhält ihre Freiheit zurück, sobald geklärt ist, ob sie ihrem Vaterland treu ist. Bis dahin nehmen wir sie in Gewahrsam.“

„Aber wieso?“, wimmerte Minette. „Ich habe doch nichts getan!“

„Mitkommen!“ Der Wortführer gab seinen Begleitern ein Zeichen, woraufhin diese Minette an beiden Armen packten, um sie abzuführen. Minette jammerte laut und sah sich hilfesuchend nach Catherine und der Marquise um, die jedoch nur tatenlos zusehen konnten, wie sie aus dem Haus gezerrt wurde.

Catherine bemühte sich eisern, das Zittern ihrer Knie unter Kontrolle zu bekommen, und drehte sich fassungslos zu der Marquise um.

„Madame, wir müssen … “ Ihre Worte verstummten abrupt, als die Marquise de Fontenay vor ihren Augen wimmernd auf die Knie sank. Über ihre Wangen liefen Tränen, und in ihren Augen stand eine solche Verzweiflung, dass Catherine mit einem erschrockenen Ausruf zu ihr lief und ihr voller Mitleid den Arm um die Schultern legte. Ihr selbst war so elend zumute, dass sie hätte heulen können, aber sie riss sich zusammen und sprach der Marquise gut zu, während sie sie langsam nach oben auf ihr Zimmer führte und ihr half, sich auf dem Bett auszustrecken.

„Oh Gott, Catherine …“, schluchzte die Marquise. „Es tut mir so leid. Ich bin eine Last. Und Minette … oh du lieber Gott, was sollen wir nur tun!“

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    Patricia Carlyle (Autor)

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Titel: Mein Herz im Sturm