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Kirschblütenliebe

von Fiona Kawazoe (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Vanessa hat ihr ganzes bisheriges Leben ihren Geschwistern gewidmet, die sie alleine großziehen musste. Als die beiden zum Studium in eine andere Stadt umziehen, wird ihr zum ersten Mal bewusst, was sie alles aufgegeben hat. Damit soll nun Schluss sein: Ein Tapetenwechsel muss her! Kurz darauf sitzt Vanessa mit der Aussicht auf eine tolle Au-Pair-Stelle im Flieger nach Tokyo. Doch auch die neue Stadt und die fremde Umgebung scheinen nicht das bereit zu halten, was sie sich erträumt hat. Noch dazu hat die Halbjapanerin Saki Vanessa für ihren interkulturellen Hilfsdienst eingespannt – allerdings lässt Sakis bester Freund Vanessas einsames Herz eindeutig höher schlagen ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe August 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-846-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-537-6

Copyright © 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Für immer und Sushi.

Covergestaltung: Buchdesign Traumstoff
unter Verwendung von Motiven von
© Farhads und Ellegant/shutterstock.com
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Vorwort

Es gibt ein japanisches Sprichwort, das lautet „Nana korobi, ya oki.“ Siebenmal hinfallen, achtmal wieder aufstehen. Egal, wie schwierig etwas ist, egal, wie viele Hindernisse sich einem in den Weg stellen – nicht aufgeben!

Genau so erging es mir bei der Arbeit an Kirschblütenliebe.

Kein Buch war bisher für mich so schwierig zu schreiben wie dieses. Denn es ist das Buch, in dem am meisten Herzblut, am meisten von mir selbst steckt. Die Geschichte in diesem Buch ist die eine, die ich einfach schreiben musste. Es ist keine Autobiografie, die Personen und die Handlung sind frei erfunden, und doch steckt in der Hauptfigur ein Stückchen von mir selbst, einige der anderen Personen wurden durch echte Menschen inspiriert und in die eine oder andere Situation in diesem Buch sind meine eigenen Erlebnisse eingeflossen.

Japan ist ein Teil von mir. Nicht nur, weil ich die schönste, aufregendste und erreignisreichste Zeit meines Lebens dort verbrachte oder weil ich mich dort verliebt habe und heute mit ebendiesem japanischen Mann verheiratet bin.

Ich liebe dieses Land mit all seinen (vielen) Ecken und Kanten, in all seiner oft frustrierenden Imperfektion und wenn mich jemand fragt, kann ich nicht einmal ansatzweise erklären, warum.

Ich freue mich unsagbar, euch in diesem Buch diese Liebe meines Lebens ein Stückchen näherbringen zu dürfen. Und hoffe, euch während dieser Reise nach Japan ein bisschen von meiner Faszination abgeben zu können.

Viel Spaß beim Lesen!

Eure Fiona Kawazoe

Prolog

Hilfsservice für interkulturelle Probleme in Tokyo

Führen Sie eine interkulturelle Beziehung?

Verstehen Sie als Nicht-Japaner Ihren japanischen Partner einfach nicht und/oder will dieser Sie partout nicht verstehen?

Oder sind Sie selbst Japaner und am Verzweifeln, weil Ihr ausländischer Partner anscheinend gar nichts begreift?

Leben Sie als Ausländer in Tokyo und fragen sich, wieso Ihre japanischen Kollegen anscheinend niemals Feierabend machen und keinen Urlaub nehmen?

Dann melden Sie sich bei mir! Sakis Hilfsservice für interkulturelle Probleme in Tokyo nimmt sich Ihres Problems an und arbeitet mit Ihnen an einer individuell auf Sie zugeschnittenen Lösung. Dabei profitieren Sie von meiner eigenen lebenslangen Erfahrung als Halbjapanerin in Tokyo. Ich kenne beide Seiten und das nicht zu knapp (ich könnte Ihnen da Geschichten erzählen!).

Schreiben Sie mir einfach eine E-Mail auf Japanisch, Deutsch oder Englisch oder rufen Sie an unter: 08041421187.

P.S.: Bitte kontaktieren Sie mich ausschließlich, wenn Ihr Problem oben beschriebener Natur ist.

Kapitel 1

Kühler Wind blies mir ins verschwitzte Gesicht, als ich mich endlich die Treppen der U-Bahn-Station hochgekämpft hatte. Ich ließ die gefühlten fünfzig Kilo Gepäck in Form zweier Reisetaschen und eines Koffers mit einem Poltern auf den Gehweg fallen. Zu meiner Rechten brausten Autos auf einer Straße entlang, die so viele Spuren hatte, dass sie mühelos als Autobahn hätte durchgehen können. Gläserne Bürogebäude und graue Betonklötze reihten sich aneinander, hin und wieder half eine einzelne Leuchtreklame den Straßenlaternen dabei, die abendliche Dunkelheit zu erhellen. Menschen hasteten an mir vorbei, die Männer in dunklen Anzügen mit weißen Hemden und Krawatten, die Frauen in eleganten Kostümen und auf Pumps, die ihre schlanken Beine betonten. Ein paar Schritte von mir entfernt standen zwei junge Frauen, je eine zu jeder Seite des Bürgersteiges, und drückten den Passanten kleine Taschentuch-Packungen in die Hand, auf deren Rückseite ein pinkfarbener Werbeflyer prangte.

Das also war Tokyo?

Sollte es hier nicht ... na ja, irgendwie anders sein? Wo waren die Menschen, die als Animefiguren verkleidet durch die Gegend liefen? Wo die nicht enden wollenden Leuchtreklamen, die so grell strahlten, dass man nicht mehr wusste, ob Nacht oder Tag war? Wo die Wolkenkratzer, die diese Bezeichnung wirklich verdienten? Und wo zur Hölle musste ich hin?

Tokyo, Minato-ku, Minami-Aoyama, 4-9-14. So lautete die Adresse. Die freundliche Frau am Flughafen-Infoschalter hatte mir erklärt, was das bedeutete: In der Stadt Tokyo, im Bezirk Minato, im Klein-Bezirk Minami-Aoyama, in diesem wiederum im Bezirk 4, Häuserblock 9, Hausnummer 14. Leider hatte sie mich auch gewarnt, dass Hausnummern nicht der Reihenfolge nach, sondern dem Baujahr nach verteilt wurden.

Und jetzt? Die Dame am Flughafen hatte auch irgendetwas von einem Umgebungsplan gesagt, der an jeder U-Bahnstation aushing und anhand dessen ich die von mir gesuchte Adresse finden könnte - oder zumindest bis hin zum Häuserblock, den ich dann noch nach der Hausnummer ablaufen müsste. So weit, so gut, nur: Wo fand ich diesen ominösen Umgebungsplan? Ich hatte nichts dergleichen gesehen, weder unten an der Station, noch hier oben! Oder ... Mir kam ein schrecklicher Gedanke. Konnte ich den Plan unten übersehen haben? Es gab da so viele Abzweigungen, so viele Ausgänge, die hatte ich zugegebenermaßen nicht alle abgelaufen. Musste ich etwa nochmal da runter, gefühlte eintausend Stufen mit meinem Gepäck? Meine Schulter fühlte sich bereits an, als hätte die schwere Reisetasche sie auf dem Weg vom Flughafen hierher ausgekugelt und meine Arme zitterten. Außerdem war ich viel zu spät dran! Sie hatten bereits vor zwei Stunden mit mir gerechnet. Was, wenn ich Ayumis Adresse überhaupt nicht fand? Vielleicht dachten sie auch, ich käme gar nicht mehr, hätte meinen Flug verpasst oder überhaupt nicht erst angetreten. Panik schnürte mir die Kehle zu.

Wie war ich nur in diese Situation geraten? Noch vor zwei Tagen war alles seinen normalen Gang gelaufen ... nun ja, normal war vielleicht das falsche Wort, aber immerhin hatte nichts darauf hingedeutet, dass ich achtundvierzig Stunden später mit meinem halben Haushalt im Gepäck auf einer Straße in Tokyo stehen würde, ohne funktionierendes Handy, ohne Stadtplan, ohne eine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

Das alles war ein Fehler gewesen. Wie hatte ich glauben können, ich könnte das alles schaffen? Ich gehörte nicht hierher, ich gehörte in mein Bett. Doch dieses befand sich nun elf Flugstunden entfernt, sozusagen am anderen Ende der Welt. Ich war in Tokyo. Und wie es dazu gekommen war, wusste ich selbst nicht genau.

Ich war nahe daran, mich neben meinem Gepäck auf den Gehweg zu werfen und in Tränen auszubrechen. Aber genau diese Art von Verhalten hatte mich ja erst in diese Lage gebracht. Wenn es einen guten Zeitpunkt gab, sich zusammenzureißen, dann jetzt. Ich atmete tief ein und wieder aus. Ich war hier, daran ließ sich nun nichts mehr ändern. Es gab kein Zurück. Heulend zusammenzubrechen würde mir weder über kurz noch lang helfen. Ich musste da jetzt durch, egal wie.

Ich schaute mich ein weiteres Mal um, diesmal nicht nach dem Umgebungsplan, sondern nach einem Telefon, und wurde fündig. Ich schleppte mein Gepäck hinüber, kramte den Zettel mit den beiden Telefonnummern aus der Tasche und hielt inne. Wie hoch standen die Chancen, dass einer der beiden abnahm, nachdem ich schon vom Flughafen aus vergeblich versucht hatte, sie zu erreichen? Ich schob den Gedanken beiseite und wählte. Es tutete und tutete und tutete. Ayumi ging nicht dran. Ich wählte die zweite Nummer, die der englischen Nanny, und wusste, wenn diese ebenfalls nicht abnahm, würde ich trotz aller guten Vorsätzen anfangen zu weinen.

„Hello?“, meldete sich eine glockenhelle Stimme auf Englisch.

„Oh“, seufzte ich vor Erleichterung, bevor ich meine Stimme wiederfand: „Hallo ... äh, hier spricht Vanessa. Ich bin Chies und Hayatos neues Kindermädchen.“

„Vany!“, verdrehte sie meinen Namen ins Englische. „Mein Gott, wo steckst du denn? Jede verdammte Minute gucke ich hier auf die Uhr und bete, dass du gleich um die Ecke kommst!“ Sie sprach so schnell und umgangssprachlich, dass ich ihr Englisch nur mit Mühe verstand.

„Tut mir leid“, murmelte ich, doch ärgerte mich bereits im nächsten Moment über die Entschuldigung. War es etwa meine Schuld, dass der Anschlussflug in Shanghai Verspätung gehabt hatte? Oder dass ich über eine Stunde in der Schlange für die Passkontrolle gestanden hatte? War es etwa meine Idee gewesen, ans andere Ende der Welt zu fliegen?

„Wo bist du jetzt?“

„An der Station Gaiemmae, ich bin gerade aus-“

„Mach keinen Schritt weg da, wir holen dich ab, verstanden?“

„Wo ist -“

Doch Lucy hatte bereits aufgelegt.

Erschöpft hängte ich den Hörer zurück auf die Angel und stieß einen tiefen Seufzer aus. Na also. Alles würde in Ordnung kommen. Jedenfalls so in Ordnung, wie es in meiner Situation möglich war. Ob die Zeit noch reichte, mir irgendwo einen Kaffee zu besorgen? Ich war so unendlich müde.

Gerade hatte ich mir eine vielversprechend aussehende Café-Kette ausgeguckt, als eine junge, nicht-asiatische Frau mit Zwillingskinderwagen auf mich zugerannt kam. „Vany?“, keuchte sie.

„Lucy? Das ging ja schnell.“ Sehnsüchtig warf ich einen letzten Blick auf das Café.

Sie nickte, stemmte ihr gesamtes Körpergewicht auf den Kinderwagen und drehte ihn um hundertachtzig Grad herum. „Bin schon ’ne Weile vor dem Haus rumgefahren um dich abzufangen, falls du das richtige Haus nicht findest oder dir entgegenzukommen, falls du anrufst.“ Sie zwinkerte mir zu. „Sorry, ich hab’s einfach megaeilig. Du bist bestimmt am Flughafen Narita gelandet, oder?“

„Ja, wieso?“, fragte ich, während ich versuchte, mit meinem Koffer, meiner Reise- und meiner Umhängetasche beladen mit ihr Schritt zu halten.

„Oh, mann, lass mich raten: Du hast bei so einer billigen chinesischen Airline gebucht, weil es weniger kostet als ein Direktflug. Aber auf den Anschluss in China kann man dann meist lange warten und als Sahnehäubchen steht man sich bei der Passkontrolle in Narita die Beine in den Bauch. In etwa getroffen?“

„Ziemlich genau, ja.“

„Tja, deshalb nehm ich nur noch Direktflüge, wenn ich meine Family in London besuche, und zwar nach Haneda, das ist der Flughafen in der City von Tokyo. Wurde erst vor Kurzem richtig auf internationale Flüge umgestellt. Die Billigflüge nach Narita lohnen sich jetzt kein bisschen mehr, das kann ich dir sagen, weil man von Narita nach Tokyo ja nochmal so viel Kohle für die Bahnfahrt reinstecken muss. Mann, schade, dass dir das niemand vorher gesagt hat. So ’n Pech.“

Tja, Pech war für mich in letzter Zeit nichts Neues. „Wieso hast du es eigentlich so eilig“, fragte ich, um von der leidigen Flugreise abzulenken.

„Oh, das!“ Sie blieb stehen und fixierte mich mit dramatischem Blick. „Ich verpasse gerade meine eigene Geburtstagsparty, kannst du das glauben?“

„Oh ... herzlichen Glückwunsch.“

„Danke, du bist ja echt ’ne Nette. Da sag ich schon mal ’tschuldigung im Voraus.“ Sie setzte ihren Weg fort, sogar in noch zügigerem Tempo als zuvor.

„Wieso?“, fragte ich keuchend.

Sie nickte zum Kinderwagen, dessen beide Dächer so weit heruntergezogen waren, dass ich von dort, wo ich lief, unmöglich die Passagiere sehen konnte. „Die beiden ratzen sicher schon tief und fest. Das wird nicht grad’ spaßig für dich, sie vom Buggy ins Haus zu schleppen.“

Ich erwiderte nichts. Anstrengender als das, was ich bereits hinter mir hatte, konnte es kaum werden.

Auf dem Rest des Weges, den ich mir vergeblich zu merken versuchte, zählte Lucy die Eckdaten der Zwillinge auf: „Hayato liebt Autos, aber so was von! Wenn man ihn lässt, spielt er den ganzen Tag damit, wahrscheinlich formen seine Zehen sich irgendwann zu Rädern um. Chie bastelt gerne, ’ne richtig kreative kleine Maus, aber mit der Schere in der Hand muss man noch dabeibleiben. Chie kann auch schon allein aufs Klo, das Abputzen bekommt sie noch nicht so auf die Reihe, besteht aber darauf, es selbst zu tun, das ist echt eklig. Hayato macht noch regelmäßig in die Windel. Am besten fragst du ihn direkt, wenn Chie muss, und schickst ihn mit aufs Klo. Beim Essen sind sie nicht groß wählerisch. Chie trinkt am liebsten Trauben-, Hayato Apfelsaft. Meist ratzen sie mittags zwischen einer halben und ganzen Stunde, aber nur im Buggy, denn freiwillig würden die sich in kein Bett legen und liegen bleiben. Wenn du sie also um zwei von der Schule abholst, schieb ihnen ein paar Snacks rein, pack sie in den Buggy, fahr ein bisschen durch die Gegend und du hast im glücklichsten Fall für ’ne Stunde deine Ruhe. Aber das zeige ich dir alles morgen nochmal.“

„Hast du gerade Schule gesagt?“ Meinen bescheidenen Informationen nach waren die Kinder erst drei Jahre alt.

Lucy rollte mit den Augen. „Danach fragst du am besten Ayumi, die erklärt dir das gern – und ich meine wirklich gern.“

Ich erwiderte nichts, doch nahm mir vor, Ayumi später tatsächlich zu fragen. „Es tut mir leid, dass du wegen mir deine Stelle verlierst“, sagte ich, nachdem wir ein paar Minuten schweigend nebeneinander her gelaufen waren.

Sie warf mir einen missmutigen Blick zu, während sie in eine enge Gasse ohne Bürgersteig einbog. „Oh mann, was soll ich dazu sagen?“

Ich verstand sie kaum, da ich nun hinter ihr lief und versuchte, mit meinem Gepäck den nur wenige Zentimeter an mir vorbeifahrenden Autos auszuweichen. Lucy hatte es mit dem breiten Zwillingskinderwagen noch schwerer, hatte aber anscheinend auch viel mehr Übung als ich.

„Mich stört es nicht, wenn du gar nichts dazu sagst. Ich habe die Stelle als Kindermädchen zufällig bekommen.“ Die Wahrheit war, dass ich kaum eine Wahl gehabt hatte und dass das im Grunde alles nur die Schuld dieser unmöglichen Person war, die sich auf den Namen Maggie schimpfte. Aber das konnte ich so schlecht sagen. „Erst später habe ich erfahren, dass die beiden eigentlich bereits ein englisches Kindermädchen haben. Das wollte ich nur klarstellen.“

„Okay, verstehe.“

Wir liefen ein paar Minuten schweigend hintereinander her, bis Lucy plötzlich sagte: „Wärst du es nicht gewesen, hätten sie eine andere Deutsche irgendwo aufgesammelt, um mich zu ersetzen. Die haben sich halt in den Kopf gesetzt, dass Hayato und Chie Deutsch lernen sollen, punkt. Schließlich sind die beiden mit Englisch und Chinesisch als einzigen Fremdsprachen maßlos unterfordert“, äffte sie Ayumis Stimme nach. „Ist also nicht deine Schuld, dass sie mich nicht mehr wollen, mach dir keinen Kopf, dafür bist du viel zu nett.“

Ich nickte nur und wollte gerade das Thema wechseln, doch anscheinend hatte Lucy sich in Fahrt geredet: „Trotzdem nervt mich das so was von! Ich meine, ich bin Nanny, verstehst du? Das ist echt mein Beruf, ich mache das schon ewig, erst in England, dann hier in Tokyo. Ich komm super mit den Zwergen klar, Chie und Hayato haben sich an mich gewöhnt, sie freuen sich einen ab, wenn sie mit mir Zeit verbringen können! Aber das ist ihren feinen Eltern ja nicht genug, nein, es muss ja unbedingt ’ne Deutschsprachige her, egal, ob sie schon jemals ein Kind von Nahem gesehen hat!“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie beruhigen, dass ich durchaus auch meine Erfahrung mit Kindern hatte? Ihr meine eigene Meinung zu dem ganzen Thema sagen? Schließlich murmelte ich nur: „Die Eltern haben das Sagen. In welchem Fall das gut oder schlecht ist, darüber kann man streiten. Es ist nun mal so.“

Lucy stoppte und warf mir über ihre Schulter einen langen Blick zu. „Amen“, sagte sie. Und dann: „Da wären wir.“

Ich betrachtete das Haus am Ende einer kleinen Sackgasse, vor dem wir zum Stehen gekommen waren. Es war gar nicht so sehr ein Haus, sondern mehrere kleine, durch einen Innenhof, der mittels eines Tores abgesperrt war, miteinander verbunden.

„Du brauchst keinen Schlüssel, musst nur die Nummernkombi eingeben.“ Lucy zeigte auf eine Anlage mit Nummerntastatur, die neben dem Tor angebracht war. „Ich hab sie dir aufgeschrieben. Hier.“ Sie holte einen kleinen Zettel aus ihrer Jackentasche und reichte ihn mir. „Eigentlich ist die Kombi nur für Notfälle, aber Ayumi vergisst andauernd, mir einen Schlüssel hinzulegen. So, jetzt muss ich echt die Beine in die Hand nehmen! Im Hof gehst du einfach bis zur Treppe und dann ist es die Tür ganz hinten rechts. Die Eingangstür ist nicht zu, kannst du einfach aufdrücken. Den Buggy klappst du zusammen und lässt ihn vor der Tür stehen. Das Appartement selbst hat vier Stockwerke, aber keine Treppe innen, musst also für jeden Pups den Aufzug nehmen. Unten ist ein leeres Zimmer, das wird wohl ab jetzt deins sein. Direkt drüber ist das Wohnzimmer. Versuch, die Zwerge irgendwie weiterschlafen zu lassen – Ayumi mag es nicht, wenn sie spät heimkommt und die beiden schreien total übermüdet rum, statt im Bett still vor sich hin zu schlafen. Morgen komm ich dich um halb zwei hier abholen, dann zeige ich dir den Weg zur Schule. Bis dann!“ Bevor ich noch irgendetwas sagen oder auch nur die Hand zum Abschied heben konnte, hatte Lucy bereits winkend kehrtgemacht.

Ich sah ihr nach, meine rechte Hand am Griff des Koffers, die Reisetasche über meiner linken Schulter, die Umhängetasche über der rechten. Mein Blick schweifte zum Kinderwagen. Einmal mehr stieg Panik in mir hoch. Ich konnte das alles nicht! Wie sollte ich das schaffen, wie sollte ich irgendetwas schaffen, wenn ich mich doch eigentlich nur in meiner Wohnung verkriechen und nie wieder herauskommen wollte? Kraftlos ließ ich mein Gepäck sinken, dann ging ich, mit Tränen der Erschöpfung in den Augen, vor dem Kinderwagen in die Hocke. Unter dem Dach hindurch blickte ich direkt in zwei schlafende Kindergesichter. Unwillkürlich musste ich lächeln. Meine Atmung beruhigte sich, der Kloß in meinem Hals löste sich auf. Dieser Moment ließ mich alles vergessen: Den durchwachten ersten Flug, die Verspätung des zweiten, die Strapazen der öffentlichen Verkehrsmittel. Das hier war der Grund, aus dem ich das alles auf mich genommen hatte: Meine Hoffnung darauf, dass es wieder sein könnte wie früher. Dass ich wieder sein könnte wie früher. All das verkörperten diese beiden kleinen Kinder.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dahockte und Chie und Hayato betrachtete. Doch ich konnte mich nicht dazu durchringen, aufzustehen und in die Realität zurückzukehren. Dies war meine wohlverdiente Pause. Zum ersten Mal, seit ich vor zwei Tagen Maggie angerufen und ihr gesagt hatte, dass ihre Idee unter Umständen doch nicht ganz abwegig war, fiel jegliche Spannung von mir ab. Während ich jedes Detail der Kinder in mir aufnahm, beruhigten sich meine Atmung und meine Gedanken. Mir fiel auf, dass Hayatos Haare fast pechschwarz waren, Chies eher dunkelbraun. Auch war ihre Haut etwas heller als die ihres Bruders. Hayato hatte ebenmäßige, hübsche Züge mit kleinen Pausbäckchen, Chies Gesicht war eher lang und etwas kantig, was durch ihre kinnlangen Haare und den Zopf, der den Pony aus der Stirn hielt, noch unterstrichen wurde. Die beiden trugen identische Kleidung: Eine weiße Daunenjacke, darunter braune Cordhosen und braune Stoffschuhe.

Unsere Mutter hatte auch immer versucht, Noah und Michelle gleich zu kleiden, als sie noch klein waren. Vor allem, wenn Freunde oder Kollegen zu Besuch kamen. Ich dagegen hatte, wenn unsere Mutter nicht da war, die beiden ihre Kleidung selbst aussuchen lassen. Was sogar manchmal dazu geführt hatte, dass Michelle Noahs Sachen anzog und umgekehrt.

Mit einem leisen Seufzen richtete ich mich auf. So gern ich es wollte, aber ich konnte nicht ewig hier draußen in der Nacht herumsitzen. Ich musste die Kinder ins Innere des Hauses schaffen. Nur wie?

„Eins nach dem anderen.“ Ich öffnete das Tor mit der Zahlenkombi und schob den Kinderwagen in den Hof, dann holte ich schnell mein Gepäck nach. Wie Lucy gesagt hatte, befanden sich am Ende des Hofes fünf Stufen, die nach unten und zu drei Häusern führten. Da konnte ich den Kinderwagen unmöglich mit den Zwillingen darin runterfahren. Und Runtertragen kam schon wegen der Ausmaße des Kinderwagens nicht infrage.

So leise wie möglich schaffte ich erst einmal mein Gepäck die Stufen hinunter und in das Haus mit der Nummer 108. Wie Lucy gesagt hatte, war die Tür unverschlossen. Nachdem ich den Lichtschalter gefunden hatte, erkannte ich einen gefliesten Eingangsbereich, der durch eine Stufe vom Rest des Innenbereichs getrennt war. Dahinter befanden sich ein Aufzug und drei Türen: Eine zur Toilette, eine zum Bad und die letzte führte in das Zimmer, in dem ich von nun an wohnen würde. Es war zwar klein, aber zwei vollständig verglaste Wände gaben dem Raum eine besondere Atmosphäre. Die Möbel waren einfach gehalten, aber schienen entweder neu oder noch nicht viel benutzt worden zu sein: Es gab ein schmales Bett, einen einfachen Schreibtisch aus Holz, einen dazugehörigen Stuhl und einen kleinen Wandschrank. Ich ließ meine Umhängetasche auf dem bereits bezogenen Bett liegen und schloss die Tür hinter mir.

Als ich wieder beim Kinderwagen ankam, schliefen die Zwillinge immer noch. Ich versuchte, mich zu erinnern, was ich mit Noah und Michelle in so einer Situation getan hätte. Wir hatten damals auch so einen Zwillingskinderwagen und der hatte ebenfalls nicht durch die Wohnungstür gepasst. Daher hatten wir zumindest abends versucht, die Kleinen nicht im Kinderwagen einschlafen zu lassen. Das Problem war, dass, wenn ich eines der Kinder heraushob, wahrscheinlich das andere aufwachen würde. Und dann hätte ich gleich zwei schreiende, sich gegenseitig aufstachelnde Kinder, die so bald nicht mehr einschliefen.

Aber es nützte nichts. Ich konnte nicht beide auf einmal tragen, also musste ich wohl oder übel mit einem anfangen.

Ich schluckte, dann beugte ich mich vorsichtig über den Wagen und schnallte Hayato mit zitternden Händen ab. So sanft wie möglich zog ich seine Ärmchen aus den Gurtschlaufen, schob meinen Arm hinter seinen Rücken, den anderen unter seinen Po und hob ihn hoch. Ich sah, wie er kurz die Augen öffnete. Im nächsten Moment sank sein Kopf gegen meine Schulter und er schlief weiter. Im gleichen Moment begann Chie sich zu regen. Ich trat die Flucht an. Wenn die Kleine die Augen öffnete und niemanden sah, vielleicht würde sie einfach weiterschlafen? War so ein kleines bisschen Glück zu viel verlangt?

Mit Hayato auf dem Arm betrat ich den Flur. Ohne Licht einzuschalten fegte ich mit einer Hand meine Tasche vom Bett und legte Hayato darauf. Er schlief immer noch.

Der kurze Moment der Zufriedenheit wurde durch Chies Heulen zerstört. Ich sprang hoch und machte, dass ich wieder nach draußen kam. „Mama! Mama!“ Zwischendrin steckten noch ein paar fremde Wörter, die ich nicht verstand, doch die Hauptbotschaft kam bei mir an: Sie war müde, hatte Angst und wollte zu ihrer Mutter.

„Scht, scht“, machte ich und ging vor dem Kinderwagen in die Hocke. „Ich bin ja da. Und dein Bruder ist drinnen, komm, ich bringe dich zu ihm.“ Beim Versuch, sie abzuschnallen, schrie sie nur noch lauter.

„Ich bin Vani“, versuchte ich, ihr zu erklären. „Ich passe auf dich auf, bis deine Mama wieder da ist.“

Selbst wenn die Kleine Deutsch verstanden hätte, wäre ihr meine Erklärung wahrscheinlich herzlich egal gewesen. Da ihr Schreien sich in sirenenartige Höhen steigerte und ich nicht auch noch eine Konfrontation mit den Nachbarn riskieren wollte, schnallte ich sie kurzerhand ab und trug das sich heftig wehrende Kind hinein. Erst im Haus ließ ich sie runter. Mittlerweile hatte auch Hayato zu schreien begonnen. Ich lief in mein Zimmer, wo der Junge auf dem Bett saß, mich kurz erstaunt anstarrte und dann weiter weinte.

Vielleicht beruhigte es die zwei, wenn sie im selben Raum waren und sahen, dass zumindest das Geschwisterchen da war? Ich packte Hayato, der sich im Gegensatz zu seiner Schwester zumindest nicht wehrte, und trug ihn in den Flur. Dort stellte ich ihn ab, neben Chie, die an die Wand gelehnt dastand, heulte und nach ihrer Mama rief. Der Anblick des Geschwisterteils beruhigte keinen von ihnen. Wenn überhaupt fühlten sie sich durch das Heulen des jeweils anderen nur in ihrem eigenen bestätigt.

Und plötzlich verstand ich, wie naiv ich gewesen war. Das hier waren nicht Noah und Michelle. Das waren völlig fremde Kinder, die mich nicht kannten, die mich nicht wollten. Sie wollten ihre Eltern oder zumindest Lucy. Ob ich ihnen Gesellschaft leistete und mich mit ihnen beschäftigte oder ob sie ganz mutterseelenallein waren, machte für die beiden keinen Unterschied.

Erschöpft sank ich auf den Fußboden, mit dem Rücken zur Wand. Ich wünschte mir so sehr, ich wäre einfach daheim geblieben. Das Schreien der beiden kleinen Kinder, das in Intervallen zwischen Weinen und Brüllen pendelte, raubte mir den Rest meiner Nerven, die den Flug und den Aufenthalt in Shanghai überstanden hatten. Ich betrachtete Chie und Hayato und spürte, wie sich meine Wut auf mich selbst, auf Ayumi und auf Maggie plötzlich gegen die beiden Kinder richtete. Ein Phänomen, das ich noch dunkel aus Noahs und Michelles Kindheit in Erinnerung hatte. Stress in der Schule, Müdigkeit oder einfach grundlos schlechte Laune – und plötzlich war ich überzeugt, dass Noah absichtlich mit der Tomatensoße durch die Gegend kleckerte, nur, damit ich es später aufwischen musste. Und Michelle weinte nicht, weil sie sich den Kopf gestoßen hatte, sondern weil sie mich ärgern wollte.

„Ein schönes Kindermädchen bist du“, flüsterte ich. Ich blickte in die vom Weinen geschwollenen, asiatischen Augen, ihre verzerrten Gesichter und stellte mir vor, wie ich mich fühlen würde, wenn ich plötzlich aufwachte und alle mir vertrauten Personen weg wären. Stattdessen stand da eine Fremde und ich hatte weder die Möglichkeit, meine Verwirrung und Angst zu kommunizieren noch zu verstehen, was los war.

„Sehen wir zu, dass wir euch mit irgendwas ablenken“, sagte ich sanft, stand auf und drückte den Knopf am Aufzug. Die Türen öffneten sich und ich winkte den Kindern. „Kommt mit! Wir fahren hoch und dort zeigt ihr mir eure Spielsachen.“

Die beiden rührten sich nicht vom Fleck, ignorierten mich völlig, doch gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass sie mich unauffällig beobachteten. Ich betrat den Aufzug und geriet außer Sichtweite der Kinder. Den Türöffner-Knopf gedrückt haltend wartete ich ab.

Wenige Sekunden später intensivierte sich das Heulen noch einmal, dann kamen die beiden um die Ecke getrippelt.

„Gut gemacht“, murmelte ich. Die Aufzugstür glitt zu. „Schauen wir doch mal, ob wir im Wohnzimmer einen interessanten Zeitvertreib finden.“ Ich drückte auf den Knopf mit der 1, doch der Aufzug rührte sich nicht. Die Taste begann auch nicht zu leuchten. „Häh?“ Ich sah perplex die Kinder an.

Die hatten für einen Moment zu Weinen aufgehört und blickten verwirrt zurück.

„Ist der Aufzug kaputt?“, fragte ich auf Englisch.

Da begann Chie wieder zu Schreien und Hayato tat es ihr gleich. „Na toll.“ Willkürlich drückte ich auf die 2 und 3. Beide Tasten leuchteten sofort auf und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Allerdings öffneten sich die Türen nicht im zweiten, sondern im ersten Stock, ganz offensichtlich das Wohnzimmer. In den USA bezeichnete die Nummer 1 grundsätzlich das Erdgeschoss, das wusste ich von meinem Sprachaufenthalten während des Studiums. Anscheinend war das in Japan auch so.

Kaum hatten sich die Aufzugtüren hinter uns geschlossen, schossen zwei identische kläffende Viecher um die Ecke und auf uns zu. Die Kinder schrien unbeeindruckt weiter, während ich versuchte abzuschätzen, ob die Köter aus Begeisterung oder Aggressivität bellten.

„Sitz! Aus!“, rief ich so dominant wie möglich, doch die Möpse kläfften mich weiterhin an. Sie hatten sich zwischen mich und die Kinder geschoben, so dass ich, gegen den Aufzug gepresst, in der Falle saß.

„Blöde Hunde, ihr!“, stöhnte ich und schob den einen genervt mit dem Fuß beiseite. Da schnappte das Vieh nach mir. Erschrocken starrte ich es an. Das nannte man wohl Abneigung auf den ersten Blick, und zwar von beiden Seiten.

„Ihr habt es nicht anders gewollt.“ Die weinenden Kinder vorerst ignorierend, schaute ich mich nach etwas um, womit ich mir die aggressiven Tiere vom Leib halten konnte. Da entdeckte ich in einer Ecke zwei Spielzeug-Einkaufswagen, einer in blau, einer in pink. Die waren zweimal so hoch wie die Möpse und daher perfekt geeignet. Ich öffnete per Knopfdruck die Aufzugtüren, dann schnappte ich mir den pinkfarbenen Einkaufswagen und lenkte ihn entschlossen auf den Mops zu, der mich beinahe gebissen hätte. Der starrte mich einen Moment lang dumm an, dann wich er rückwärts vor dem Einkaufswagen zurück. Mit Befriedigung sah ich, wie seine Krallen über den Parkettboden rutschten und er auf seinem Hintern landete. Gnadenlos näherte ich mich ihm weiter mit dem Spielzeug, bis er sich schlitternd in den Aufzug zurückzog. Ich wartete, bis sich die Türen wieder schlossen, dann drängte ich den anderen Mops mit der gleichen Strategie zurück, bis beide verwirrt vor sich hin hechelnd, die Hintern aneinander gepresst, im Aufzug saßen. Die Aufzugstüren gingen zu und ich hatte zumindest ein Problem weniger.

Das schrille Heulen der Zwillinge, das ich während meiner Mopsjagd nur am Rande wahrgenommen hatte, drang wieder mit voller Intensität an meine Ohren.

Ich hockte mich vor die beiden. „Hey, hey, alles ist gut. Ich bin doch da“, sagte ich erst auf Deutsch und wiederholte es dann auf Englisch, in der Hoffnung, sie hatten schon genug davon von Lucy aufgeschnappt, um mich verstehen zu können.

„Ma-ma!“, weinte Chie und ihr Bruder folgte ihrem Beispiel. „Pa-pa! Lu-cy!“, fuhr Chie fort, immer mit ausgiebigen Pausen zwischen den Wörtern, um sich auch ja ihrem Weinen hingeben zu können.

Ich war erschöpft. So erschöpft, dass ich in Erwägung zog, mich unten in mein Bett zu legen und die Kinder mit den Hunden hier oben ihrem Schicksal zu überlassen. Wie konnte sich diese verantwortungslose Frau, die sich Chies und Hayatos Mutter nannte, einfach abends mit ihrem Mann vergnügen – wohlwissend, dass eine völlig Fremde sich mit ihren dreijährigen Kindern herumschlug? Ayumi kannte mich nicht mal, hatte mich noch nie persönlich getroffen. Wusste sie denn, ob ich ihre Kinder nicht einfach in ihr Zimmer sperrte, bis sie vor Erschöpfung umfielen? Anscheinend setzte die Frau auf das, was Maggie ihr über mich erzählt hatte. Wobei letztere mich ebenfalls nicht besonders gut kannte. Doch anscheinend gut genug. Ich musste die Kinder beruhigen – nicht für Ayumi oder damit ich meinen Job behielt - sondern für Chie und Hayato. Die beiden litten so offenkundig, dass mir selbst zum Heulen zumute war.

Seufzend stand ich auf und betrachtete das Wohnzimmer. Wenn man es vom Aufzug aus betrat, befand sich auf der rechten Seite ein runder Esstisch und um die Ecke gelangte man in eine offene Küche, die durch ein niedriges Gitter abgetrennt war. Linkerhand vom Fahrstuhl stand eine Couch, gegenüber davon ein deckenhohes weißes Regal mit vielen kleinen Fächern, von denen jedes durch eine eigene Klappe abgedeckt werden konnte. In der Mitte hing ein riesiger Flachbildfernseher.

„Dann schauen wir doch mal, was wir hier so haben.“ Ich ging zum Regal und öffnete der Reihe nach alle Fächer. Spielzeug. Bilder- und Vorlesebücher, Lego, Musikinstrumente, Arztköfferchen, Autos, Bauklötze, Malsachen, Puppen. Ich griff kurzerhand nach dem Korb mit den Instrumenten.

„Na, wollen wir spielen?“ Ich stellte den Korb zwischen mich und die Zwillinge auf den Boden.

Die Kinder hielten in ihrem Weinen inne und sahen erst das Spielzeug, dann mich an. „Mama! Papa!“, begannen sie von Neuem.

Ich nahm das erstbeste Instrument, das ich zu greifen bekam: Einen kleinen Holztamburin. Ich begann, ihn rhythmisch gegen meine linke Hand zu schlagen. Ein Gutes hatte es: Für den Moment hörte ich kein Weinen mehr. Das lag jedoch nicht daran, dass die Zwillinge zu weinen aufgehört hätten, sondern an dem Umstand, dass der Krach die Kinder übertönte.

„Kommt, wir machen Musik! Wir tanzen!“ Ich sprang auf. Einmal mehr schlug ich gegen das Tamburin, diesmal bewegte ich mich auch dazu. Ein Schritt nach rechts, Schlag, einen nach links, Schlag. Ich spürte Chies und Hayatos neugierige Augen auf mir. Langsam hatte ich sie, jubelte ich innerlich. Doch als ich den Blick auf sie richtete, fingen sie sofort wieder an zu weinen.

Ich schlüpfte mit meinem Arm durch das Loch im Tamburin und ließ es dann wie einen Hula-Hoop-Reifen um meinen Arm kreisen.

Die Kinder beobachteten mich genau, das sah ich aus den Augenwinkeln. Und als ich das Tamburin von meinem rechten Arm auf den linken wechselte und das Spiel wiederholte, lachte Hayato.

„Ja, das ist lustig!“ Ich machte so lange weiter, wie ich konnte. Zwischenzeitlich zeigte auch Chie ein winziges Lächeln. Aber kaum hörte ich für einen Moment auf, um meine Arme zu entspannen, heulte Chie wieder nach ihren Eltern und ihr Bruder stimmte mit ein.

„Ich habe eine noch lustigere Idee! Schaut mal!“ Ich legte mir das Tamburin auf den Kopf und schüttelte mich. Meine Haare flogen in alle Richtungen und die Metallplättchen im Tamburin schlugen aneinander.

Das glockenhelle Kinderlachen, das das Schellen des Tamburins übertönte, belohnte mich für alle Strapazen der letzten achtundvierzig Stunden. Hayato und Chie sahen mich mit tränen- und rotzverschmierten Wangen an, doch die Augen leuchteten jetzt.

Ich wiederholte meine Vorstellung mit dem Tamburin auf dem Kopf und diesmal lachten die beiden noch mehr.

Da kam Hayato plötzlich auf mich zu, grinsend über das ganze Gesicht, und legte mir das Instrument wieder auf den Kopf.

„Aber nur noch ein Mal, ja?“ Ich grinste und wiederholte es noch fünf Mal, dann streikte meine Halsmuskulatur endgültig. „Nein, ich kann jetzt wirklich nicht mehr“, sagte ich sanft zu Hayato und legte das Tamburin auf den Boden.

Der Junge starrte mich an und ich erwartete einen erneuten Schreianfall. Dann grinste er wieder, bückte sich und legte sich das Tamburin selbst auf den Kopf. Noch bevor er anfangen konnte, diesen zu schütteln, fiel das Tamburin herunter. Er lachte. Währenddessen konnte Chie sich anscheinend nicht entscheiden, wie sie reagieren sollte. Sie beobachtete ihren Bruder mit dem Ansatz eines Lächelns, doch warf mir zwischendurch misstrauische Blicke zu.

Dann, als das Tamburin zum fünften oder sechsten Mal von Hayatos Kopf gefallen war, lachte sie endlich wieder. Sie hob das Instrument auf und legte es ihrem Bruder auf den Kopf.

Mit einem lautlosen Seufzen schloss ich für eine Sekunde die Augen. Die Krise war vorerst überwunden.

 

Wir spielten mit den unterschiedlichsten Instrumenten, dann holten die Kinder Bauklötze aus dem Schrank. Ich war so auf Hayato und Chie fixiert, prüfte ständig ihre Gesichtsausdrücke auf das kleinste Anzeichen von Beunruhigung, dass ich gar nicht merkte, wie die Zeit verging.

Plötzlich hörte ich ein Bellen. Doch erst, als Chie und Hayato aufsprangen und „Mama, Mama!“ rufend zum Aufzug rannten, wurde mir klar, dass die Möpse gerade nach unten gefahren wurden.

Während die Kinder an der Aufzugtür klebten, besah ich mir das Zimmer. Instrumente und Bauklötze bedeckten so ziemlich jedes vormals freie Stückchen des Bodens. Doch zum Aufräumen blieb jetzt keine Zeit mehr. In diesem Moment öffneten sich bereits die Aufzugtüren.

Eine große japanische Frau betrat das Wohnzimmer. Sie trug ihre langen, schwarzen Haare offen, so dass sie über den Stoff ihrer hellblauen Bluse flossen. Darunter trug sie einen schwarzen Rock und transparente Strumpfhosen. Die Kinder stürmten auf sie zu, klammerten sich an ihre langen, schlanken Beine. Sie beugte sich kurz zu ihnen herunter, lächelte und sagte etwas auf Japanisch. Dann schob sie die Zwillinge sanft zur Seite, richtete sich auf und betrachtete mich. „Guten Abend, Vanessa, ich bin hocherfreut, dich kennenzulernen. Ich hoffe, deine Flugreise gestaltete sich angenehm?“, sagte sie in ihrem gestelzten, akzentbelasteten Deutsch, das ich schon von unserem ersten und einzigen Skype-Gespräch vor zwei Tagen kannte. Auch Maggie hatte jenem Gespräch beigewohnt und mich flüsternd darauf hingewiesen, dass Ayumi zu viele alte Bücher und Filme als Lehrmaterial konsumiert hatte, daher ihr etwas kurioses Deutsch.

„Danke. Über den Flug kann ich nicht klagen, allerdings traten beim Umstieg Probleme auf, weshalb ich mich stundenlang in Shanghai aufhalten musste.“ Mir fiel auf, wie gekünstelt plötzlich auch meine Stimme klang. Ob Ayumis Sprachstil ansteckend war?

„Oh, tatsächlich?“ Sie drehte sich um und legte ihre Louis Vuitton-Handtasche auf dem runden Tisch ab. Hayato und Chie folgten ihr auf Schritt und Tritt.

„Ja, das war ziemlich anstrengend“, zwang ich mich zurück in meine normale Wortwahl. „Deswegen kam ich auch zu spät, Lucy wollte schon längst gegangen sein und es gab ein bisschen Durcheinander. Die Zwillinge sind im Kinderwagen eingeschlafen und als sie aufwachten, war nur noch ich da und sie hatten Angst und haben geweint -“

„Gleichwohl hast du sie offensichtlich erfolgreich beruhigen können.“

„Ja, aber das war nicht leicht. Entschuldigen Sie das Chaos.“ Ich konnte nur über mich selbst den Kopf schütteln. Wieso stand ich hier und entschuldigte mich für die Unordnung, wenn ich Ayumi eigentlich fragen wollte, wie man als Mutter solch entzückender Kinder diese einfach einer vollkommen fremden Person aufs Auge drücken konnte?

„Das Hausmädchen kommt ohnehin morgen früh, also sorge dich nicht deswegen. Und bitte sprich mich mit Ayumi an und sag du, ja? Schließlich residieren wir jetzt zusammen, wie eine Familie.“

Ich lächelte automatisch, doch schüttelte mich innerlich. War das nicht ein kleines bisschen dick aufgetragen, vor allem, da wir uns gerade das allererste Mal begegnet waren? „Danke“, kam es trotzdem aus meinem Mund.

„Oh ... wegen der Hunde“, begann Ayumi und mir schwante nichts Gutes. „Wir haben sie bei unserer Heimkehr im Fahrstuhl vorgefunden ...“ Mit bedeutungsvollem Blick ließ sie den Satz offen.

„Einer von ihnen hat versucht, mich zu beißen, und ich musste ja erstmal die Kinder beruhigen, also ...“ Auch ich ließ den Satz offen.

„Gleichwohl muss ich schon sagen, dass es an Tierquälerei grenzt, zwei so fidele Hunde wie Kuuchan und Sakura stundenlang in einem engen Fahrstuhl gefangen zu halten. Zudem hattest du mir ja bei unserem Skype-Gespräch versichert, dass du keine Angst vor Hunden hast.“

„Ich habe keine Angst vor Hunden, aber ich will auch nicht gebissen werden.“ Mit aller Macht meldete sich meine Erschöpfung zurück und mein unerklärlicher Drang, es dieser Frau recht zu machen, trat in den Hintergrund. Ich wollte nur duschen und dann schlafen. Und nicht hier mit Ayumi über die Möpse diskutieren.

„Nun, das werden wir auch irgendwie arrangiert bekommen“, lenkte sie zu meiner Überraschung in diesem Moment ein. „Ich muss nun Chie und Hayato für die Nacht vorbereiten – morgen ist schließlich Schule.“

Irrte ich mich, oder war der Blick, mit dem sie mich nun bedachte, etwas säuerlich? Aber sie konnte mich ja wohl schlecht dafür verantwortlich machen, dass die Zwillinge noch nicht schliefen, oder? Wo ich schon froh war, dass sie aufgehört hatten, die ganze Nachbarschaft zusammenzuschreien.

„Genau, was ich Sie ... dich noch frage wollte: Gehen die beiden wirklich schon zur Schule?“

„Hat Maggie dir das etwa nicht berichtet?“

Fakt war, dass Maggie mir erschreckend viel nicht berichtet hatte. Ich schüttelte nur den Kopf.

„Oh, also schön. Ja, Chie und Hayato besuchen die Schule, denn sie sind sehr ehrgeizig, genau wie ich. Natürlich handelt es sich um eine Privatschule, die Kinder ab dem zweiten Lebensjahr in ihre Reihen aufnimmt. Dort wird Ihnen auf spielerische Weise Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften und Chinesisch gelehrt. Es ist eine überaus bezaubernde kleine Einrichtung, die von zwei Engländern gegründet wurde, daher ist die Unterrichtssprache erwartungsgemäß Englisch. Bevor ich es vergesse: Dienstags und donnerstags stehen Chies und Hayatos außerschulische Aktivitäten auf dem Plan, nämlich dienstags Tennis um drei und Violinenunterricht donnerstags um halb vier, wo du sie hinbringen müsstest. Aber Lucy, du hast sie ja bereits kennenlernen dürfen, wird dir morgen alles detailliert vorführen.“ Sie lächelte zufrieden und musterte mich von Kopf bis Fuß. „Oh, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh wir uns schätzen, dass du bei uns bist. Seit wir, also mein Mann und ich, damals zwei Jahre lang in München residieren durften, bin ich in eure göttliche Sprache vernarrt. Der Gedanke, irgendwann mit meinen Kindern auf Deutsch kommunizieren zu können, erfreut mich zutiefst! Gleichwohl ist es so schade, dass die Zeit nicht mehr ausreichend war, um ein Working-Holiday-Visum zu beantragen, mit dem du ein ganzes Jahr bei uns weilen könntest. Dein Touristenvisum besitzt ja nur für drei Monate Gültigkeit, gleichwohl du es um weitere drei Monate verlängern lassen kannst, doch danach sehe ich schwarz. Aber, wie ich dir ja bereits vor zwei Tagen versicherte, darfst du gerne jederzeit nach Hause fliegen, um das Working-Holiday-Visum doch noch zu beantragen und dann zu uns zurückkehren.“ Sie lächelte mich mütterlich an.

„Danke“, sagte ich zähneknirschend. Machte die das eigentlich extra? „Aber ich meine, ich hätte dir bereits über Skype gesagt, dass ich nur drei Monate bleiben werde. Mein Rückflug ist bereits gebucht.“

Ayumi schwieg, blickte mich nur aus kühlen Augen an.

Ich hob die Augenbrauen und schaute zurück.

„Wenn dies dein Wunsch ist“, sagte Ayumi schließlich mit etwas zu hoher Stimme. „Aber ich muss schon sagen, dass es für Kinder von ungemeiner Wichtigkeit ist, ein stabiles Verhältnis zu einer Bezugsperson zu haben und sich nicht unablässig an neue Fremde gewöhnen zu müssen. Gleichwohl solltest du zumindest imstande sein, uns bei der Suche nach einer neuen deutschen Kinderfrau zu helfen.“

„Ich ...“

„Nun, es ist wahrlich spät“, unterbrach mich Ayumi. „Du hast dein Zimmer bereits entdeckt?“

Ich nickte schweigend.

„Wunderbar.“ Sie stockte, weil sich in diesem Moment die Aufzugtüren öffneten. „Vanessa, das ist mein Mann.“

Ein ebenfalls großer, schlanker Japaner mit kurzen Haaren betrat das Wohnzimmer. Die Brille verlieh ihm etwas Lehrerhaftes, doch sein Lächeln war offen und freundlich. Er gab mir die Hand und stellte sich vor. „Ken Katani.“ Er verbeugte sich leicht.

Reflexhaft tat ich es ihm gleich. „Vanessa Faber. Schön, Sie kennenzulernen.“

„Mein Mann spricht bedauernswerterweise kaum Deutsch“, flötete Ayumi dazwischen. „Womöglich siehst du dich imstande, ihn ebenfalls zu unterrichten.“ Sie lachte.

Herr Katani begrüßte seine Kinder, indem er ihnen über den Kopf strich. Dann sprach er kurz mit seiner Frau auf Japanisch, um mich schließlich noch einmal anzulächeln und im Aufzug zu verschwinden.

„Nun“, griff Ayumi das Gespräch mit mir wieder auf. „Dein Zimmer dürfte bezugsfertig sein. Das Bad sowie eine Toilette liegen ebenfalls im Erdgeschoss. Wenn du Hunger oder Durst hast, so bediene dich gerne in der Küche.“

„Danke.“ Ich sah sie abwartend an, schließlich stand noch ein wichtiges Thema aus: Meine Bezahlung.

„Gute Nacht.“ Sie lächelte. Dann wandte sie sich demonstrativ von mir ab und ihren Kindern zu.

 

Für den nächsten Tag hatte ich mir keinen Wecker gestellt, da Lucy mich erst um halb zwei abholen wollte. Trotzdem wurde ich nach einer gefühlten halben Stunde Schlaf durch dreimaliges lautes Klopfen an meiner Zimmertür geweckt.

„Vanessa, entschuldige, bist du wach?“, drang Ayumis Stimme dumpf durch die Tür hindurch.

„Wach kann man das nicht nennen“, murmelte ich.

„Oh, das ist ja wunderbar! Könntest du bitte ausnahmsweise Chie und Hayato für die Schule vorbereiten? Ich bin unsäglich im Verzug und wenn du uns nicht hilfst, kommen wir alle drei zu spät.“

Mein Körper schrie, dass ein Aufstehen unmöglich war und das überraschte mich nicht. Ich konnte morgens nicht aufstehen. Ja, früher vielleicht, mein altes Ich, das hatte damit keine Probleme gehabt.

„Vanessa?“

Es war abgemacht gewesen, dass ich mich von zwei Uhr mittags bis sechs Uhr abends um die Kinder kümmerte. Nicht in aller Herrgottsfrühe.

„Vanessa, ich mache mir Sorgen um dich! Ich betrete nun dein Zimmer!“

„Nein, ist gut, ich stehe auf!“

„Wundervoll! Hayato und Chie befinden sich im Wohnzimmer und müssen gefüttert und angekleidet werden. Oh, und Chie bekommt für die Schule eine Höschenwindel, Hayato eine normale Windel. In zwanzig Minuten brechen wir auf!“

Kapitel 2

- Sakis Blog -

24. November

 

Hallo ihr Lieben,

 

ich wünsche euch eine schöne laue Novembernacht. In Deutschland und in Österreich habt ihr es bestimmt ein paar Grad kälter, als wir hier in Tokyo.

Diese Woche will ich mich – haltet euch fest! - mit dem Thema „interkulturelle Liebe“ befassen! Bisher habe ich um dieses Thema einen weiten Bogen gemacht, was euch natürlich nicht entgangen ist. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass einige von euch mir per E-Mail kräftig in den Hintern getreten haben, und das war gut so. Danke! Ich bin aufgewacht J

Natürlich gehört dieses Thema absolut hierher, möglicherweise ist es sogar das Thema überhaupt.

Wie ihr wisst, mache ich bei neuen Themen immer mit einer eigenen Geschichte den Anfang, bevor ich eure Beiträge hochlade. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, einfach zu behaupten, ich hätte zu dem Thema nichts beizusteuern, schließlich kann mir keiner von euch das Gegenteil nachweisen. Aber dann hätte ich diesen Blog, und vor allem euch tolle Leser, gar nicht verdient. Ihr, die ihr mir so oft schonungslos offene Geschichten aus dem eigenen Leben zusendet. Ich schäme mich, überhaupt daran gedacht zu haben, euch zu belügen, aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass meine Geschichte zum Thema „interkulturelle Liebe“ noch heute wehtut, auch wenn ich mir meistens einrede, dass sie es nicht tut.

Ich bin Halbjapanerin, aber das wissen die meisten von euch ja. Ich bin in Japan aufgewachsen, und zwar bei meinem deutschen Vater. Um ehrlich zu sein, hatte ich schon in der ersten Klasse das Gefühl, die Natur hätte sich einen Scherz erlaubt, als sie mich gemacht hat. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es mich nervt, wenn ich Japaner – im Zug, im Izakaya, im Fernsehen, einfach überall – von „Weißen“ schwärmen höre. Es hängt mir zum Hals raus! Wenn Leute hören, dass ich zur Hälfte Deutsche bin, können sie es erst nicht glauben, dann sind sie richtiggehend enttäuscht. In ihrer Vorstellung sollte ich als halbe „Weiße“ helle Haut, ein kleines Gesicht oder wenigstens die doppelte Oberlidfalte haben, aber nach alldem sucht man bei mir leider vergeblich. Was ich allerdings habe, ist das lose Mundwerk und die – ich sage mal: Quirligkeit – meines Vaters. Vielleicht versteht ihr jetzt meinen anfänglichen Seitenhieb gegen Mutter Natur.

Auf meine Schulzeit will ich gar nicht weiter eingehen, es reicht zu sagen, dass ich irgendwie durchgekommen bin. Um zum eigentlichen Thema zu kommen: Bis zu meinem ersten Jahr in der Uni hatte ich mit Männern nichts am Hut. Und dann kam plötzlich Yuta auf mich zu und fragte, ob ich nicht mit ihm ausgehen würde. Ich kann mich heute gar nicht mehr erinnern, was ich ihm geantwortet habe, so aufgeregt war ich. Aber anscheinend hab ich nicht so einen schlechten Eindruck gemacht, denn am selben Abend noch saßen wir gemeinsam in einem Restaurant, und Yuta gestand mir, dass er mich schon seit längerem beobachtet hätte. Stalker, hätten manche jetzt vielleicht gedacht und diese Reaktion hätte mir vieles erspart, allerdings hätte ich Yuta damit auch Unrecht getan. Er war etwas Besonderes, vor allem nach meinem damaligen Erfahrungsstand. Er mochte mich, gerade weil ich anders war. Und ich verliebte mich noch während unserer ersten Verabredung. Ich mochte seine ruhige Stimme, sein Schmunzeln, bei dem er die Lippen so komisch aufeinander presste und sein wuscheliges Haar.

Auch als ich nach einem Jahr mein Studium abbrach, blieben wir ein Paar. Und irgendwann begann ich zu glauben, dass er der Mann meines Lebens sei, dass wir irgendwann heiraten würden.

Doch als ich eines Tages beiläufig unsere gemeinsame Zukunft erwähnte, reagierte Yuta für mich vollkommen unerwartet. Wir waren damals seit drei Jahren zusammen, zwar erst zweiundzwanzig, aber ich wollte ihn ja auch nicht sofort heiraten, ich wollte nur in Zukunftsplänen schwelgen. Ich erinnere mich, dass wir einen Film ansahen, in dem ein älteres Pärchen einträchtig auf ihrer Veranda saß und gemeinsam Tee trank. Ich sagte etwas wie: „Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann auch mit dir so dazusitzen.“ Ich dachte mir nichts bei meinem Kommentar, erwartete nicht einmal eine Erwiderung. Ich sah mir weiter den Film an und merkte erst einige Minuten später, dass Yuta mich noch immer nachdenklich betrachtete.

„Saki“, sagte er schließlich. „Du weißt, dass ich dich sehr gern habe, oder?“ Was er danach sagte, habe ich nicht mehr so genau in Erinnerung. Die Essenz war, dass er mich nicht heiraten wollte oder konnte. Ich glaube, er sagte „kann“, aber das habe ich ihm schon damals nicht abgenommen. Er erklärte mir nicht zum ersten Mal, dass seine Eltern – die ich übrigens nie kennengelernt hatte – eine eher traditionelle Familie seien und wollten, dass Yuta irgendwann mit seiner Frau zu ihnen zurück nach Nagano zog und er die Firma seines Vaters übernahm.

„Und mit mir geht das nicht?“, musste ich fragen.

Er antwortete nicht sofort. Aber schließlich sagte er, dass das kein Leben für mich sei: Haushalt, Kinder, mich Tag für Tag mit seiner Mutter arrangieren. Tokyo verlassen. Meine Freunde, meinen Vater. Meine ehrgeizigen Zukunftspläne zu begraben. Heute bin ich froh, dass Yuta mich nicht gebeten hat, ihn zu heiraten und mit ihm zu seiner Familie zu ziehen. Dann würde es diesen Blog mit ziemlicher Sicherheit nicht geben.

„Interkulturelle Liebe?“, fragen sich jetzt sicher einige von euch. Ja, antworte ich vehement. Ich bin anders. Und dieses Anderssein hat dazu geführt, dass Yuta sich überhaupt für mich interessierte. Genauso bin ich mir sicher, dass es der Grund für unsere Trennung war. Yuta hat es so hingestellt, als wollte er mich mit seiner Entscheidung schützen. Heute bin ich mir aber ziemlich sicher, dass es kein Zufall war, dass er mich nie seinen Eltern vorgestellt hat, mich nie dazu eingeladen hat, mit zu seiner Familie zu fahren, wenn er Neujahr in seinem Elternhaus verbrachte. Er fürchtete, ich würde bei seinen Eltern anecken. Was mich als mögliche Heiratskandidatin anscheinend von vornherein ausschloss. Reine Spekulationen? Ja, vielleicht. Aber so habe ich die Geschichte erlebt, auf diese Weise hat sie mich geprägt.

Jetzt seid ihr an der Reihe!

Nachdem ich die Zwillinge, die sich vor Müdigkeit in einer Art Trancezustand befanden und mich daher nicht einmal zu erkennen schienen, in Rekordgeschwindigkeit mit sauberen Windeln versorgt, gefüttert und ihnen ihre Markenkleidung übergezogen hatte, verließen alle Familienmitglieder das Haus. Ich ließ ich mich wieder ins Bett fallen und es dauerte nicht lange, da verschwammen meine bitteren Gedanken über Ayumi und die ganze Situation und ich sah wieder die Wohnung vor mir, in der ich früher mit Noah, Michelle und meiner Mutter gewohnt hatte. Die Zwillinge saßen auf dem Sofa und sahen sich eine Zeichentrickserie an, während ich Mittagessen kochte. Dabei musste ich eigentlich fürs Abitur lernen ... Noah lachte, Michelle nörgelte, wann es denn endlich Essen gäbe. Die Tomatensoße hatte unbemerkt zu kochen begonnen und rote Spritzer verteilten sich auf den Herdplatten, an der Wand, auf dem Boden ...

Ohrenbetäubendes Staubsauggeräusch direkt vor meiner Tür ließ mich hochfahren. Das musste die Putzfrau sein. Stöhnend angelte ich den Wecker aus meiner Reisetasche. Ich hatte nur eine halbe Stunde geschlafen.

Die Putzfrau rammte von draußen den Staubsaugerkopf gegen meine Tür, einmal, zweimal, dreimal.

Ich presste die Handflächen auf die Ohren. Tränen der Erschöpfung brannten hinter meinen geschlossenen Lidern. Warum stellst du dich so an?, fragte eine kleine Stimme in meinem Kopf. Es ist neun Uhr morgens, normale Menschen sind um diese Zeit schon auf der Arbeit und du heulst beinahe, weil du nicht weiterschlafen darfst. Reiß’ dich einfach mal zusammen!

Ich zog die Nase hoch und wischte mir mit dem Handrücken über die feuchten Augen. Mein Blick fiel auf meine geöffnete Reisetasche und ein gelbes Büchlein, das obenauf lag. Sollte ich ...? Vorsichtig streckte ich die Hand aus, griff mit spitzen Fingern das Ringbuch und schlug es auf. Maggie hatte es mir mitgegeben, und wollte, dass ich es benutzte.

Auf der ersten Seite stand in ihrer großen, runden Handschrift: Wie fühlst du dich gerade? Von sehr schlecht (null) bis sehr gut (zehn)?

Null, dachte ich spontan.

Wieso? stand zwei Zeilen tiefer.

Weil ich hätte zu Hause bleiben sollen. Und weil ich wünschte, ich wäre zu Hause geblieben.

Ich fischte einen Kuli aus meiner Tasche und war schon beim letzten Satz angelangt, als ich zwischen dem ich und dem wünschte innehielt. Der Abend gestern mit den Kindern war schrecklich und grauenhaft anstrengend gewesen, aber andererseits ... andererseits hatte ich es geschafft. Ich hatte die beiden beruhigt, obwohl es mich an den Rand meiner Kräfte getrieben hatte. Ich war nicht weggelaufen, hatte weder Lucy angerufen, noch mich in mein Bett verkrochen.

Ich strich den angefangenen Satz durch. Stattdessen kritzelte ich schnell und schlampig, so dass ich selbst es kaum lesen konnte: Eins – weil ich so mutig war und nicht zu Hause geblieben bin.

Ich schlug das Buch zu und versteckte es tief in meiner Tasche. Ja, ich hatte gestern Abend etwas geschafft, was ich mir selbst am wenigsten zugetraut hätte. Trotzdem: Die Zwillinge hassten mich und Ayumis gestriges „wie eine Familie“ schien übersetzt zu bedeuten, dass ich mich zu engagieren hatte, als wären dies mein eigenes Haus und meine eigenen Kinder.

Das war zu viel. Auf keinen Fall konnte ich hier bleiben. Ich musste mir eine andere Unterkunft suchen. Doch erstmal brauchte ich Kaffee.

Eine halbe Stunde später saß ich mit meinem Laptop und einer Tasse duftenden Filterkaffees am Küchentisch. Ich nahm einen Schluck und schaltete erst dann den Computer ein. Das Skype-Programm, das sich beim Hochfahren meines Laptops automatisch öffnete, wies mich auf eine neue Nachricht hin. Sie war von Alex. Meiner besten, einzigen Freundin, auf die ich im Moment jedoch nicht besonders gut zu sprechen war. Da vertraute man ihr ein wirklich, wirklich intimes Geheimnis an, und was machte sie? Erzählte es weiter an ihre ausgeflippte Bekannte Maggie - und nun war ich in Tokyo!. Im Grunde stimmte es also nicht, dass das alles nur Maggies Schuld war. Es war Maggies und Alex’ Schuld.

Wo bist duuuuu????

Anscheinend war meine Freundin Alex von ihrem Kurztrip nach Grönland zurückgekehrt und fragte sich nun, wieso ich weder zu Hause, noch auf dem Handy erreichbar war . Tja, sollte sie mal ihre Bekannte fragen, was sie mit mir angestellt hatte. Ich antwortete:

In Tokyo. Wenn du Genaueres wissen willst, rede mit deiner verrückten Freundin.

Alex war nicht online. Sie würde die Nachricht erst viel später lesen – frühestens in sechs Stunden, wenn sie aufwachte. Sie ging abends einfach gerne feiern. Genauso wie sie zwar gerne reiste, aber weniger gern studierte, was dazu geführt hatte, dass sie mit knapp dreißig noch ziellos durchs Studium trieb und sich alle drei bis vier Wochen eine kleine Fernreise vom Geld ihrer Eltern, getarnt als „Bildungsexkursion“, gönnte. Aber das war wohl das Privileg der reichen, verwöhnten Kinder, die auch noch solche blieben, wenn sie wie Alex bereits neunundzwanzig Jahre alt waren. Nein, neidisch war ich nicht. Oder zumindest war ich es im Verlauf unserer über zwanzigjährigen Freundschaft nie gewesen, doch in letzter Zeit … ja, in letzter Zeit fand ich es einfach ungerecht. Nicht nur Alex' sorgenfreies Leben, sondern auch alles andere: Dass sich beim Einsteigen in die U-Bahn immer jemand vordrängelte, auch wenn ich schon viel länger wartete; Dass der Postbote immer die Pakete meiner Nachbarn bei mir ablud; Und dass mein Supermarkt meine Lieblingskekse nicht mehr verkaufte. Nun, zumindest diese Problemchendie Pakete der Nachbarn hatte ich durch meinen spontanen Wohnsitzwechsel ja nun erfolgreich hinter mir gelassen.

Ich widmete mich wieder meinem eigentlichen Anliegen und gab Appartement mieten Tokyo auf Englisch in eine Suchmaschine ein und klickte mich durch verschiedene Webseiten. Nachdem ich etwa zehn dieser Angebote aufgerufen hatte, war mir klar: Für diese Mietpreise von tokyoter Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen könnte ich in Deutschland ein ganzes Haus beziehen. Die meisten Angebote schienen auf Geschäftsleute zugeschnitten zu sein und boten komplett möblierte Apartments in riesigen, 40-stöckigen Wohntürmen an.

Gab es nicht auch etwas für normale Menschen mit normalem – oder in meinem Fall kaum vorhandenem - Einkommen? Doch die einzige Alternative zu den Luxuswohnungen für ausländische Geschäftsleute schienen sogenannte Share Houses zu sein. Dieses System, bei dem vier bis zehn fremde Leute aller möglichen Nationen mit nur einem Bad und einer Küche zusammenwohnten, wurde als „interessantes Zusammenleben von Japanern und Ausländern“ beworben und als „wertvolle Chance“, die eigenen Sprachkenntnisse zu vertiefen. Diese wundervolle Gelegenheit kostete 60000 bis 70000 Yen pro Zimmer im Monat, dazu kamen rund 5000 Yen an Nebenkosten. Die meisten Organisationen verlangten 30000 Yen Kaution, von denen oft nur zwei Drittel zurückerstattet wurde, der Rest fiel unter Bearbeitungs- oder Reinigungsgebühren. Die wenigen Zimmer, die für unter 60000 Yen zu haben waren, sahen aus, als hätte man eine Besenkammer zweckentfremdet: Ein schmales Bett, ein winziger Tisch und statt eines Schranks eine nackte Stange an der Decke, an der ein paar Kleiderbügel baumelten. Vielleicht fünf Quadratmeter, wenn es hochkam. Ein einigermaßen annehmbares Zimmer kostete also warm mindestens 65000 Yen, die extra Unkosten durch den nicht rückzahlbaren Kautionsteil außer Acht gelassen. Das machten rund 500 Euro. Und wofür? Eine garantiert immer besetzte Dusche; eine Küche mit Krümeln auf dem Boden und Essensresten an Tellern und Töpfen und drei bis neun laute Mitbewohner. Ich blickte um mich, ließ meine Augen über das ruhige, frisch geputzte Wohnzimmer schweifen. So schlecht hatte ich es hier eigentlich gar nicht getroffen. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Aber die Situation von heute morgen würde sicherlich keine Ausnahme bleiben. Obwohl mein auf Fairness bedachter Verstand mir sagte, dass ich wenigstens ein paar Tage länger abwarten sollte, ahnte ich, dass ich Ayumi bereits durchschaut hatte.

„Den Buggy müssen wir heute mitschleppen“, erklärte Lucy, kaum dass ich zu ihr nach draußen getreten war. „Wenn Ayumi morgens zu faul ist zum Laufen, fährt sie die Zwerge mit dem Taxi zur Schule und ich – ab morgen du – muss den Buggy von hier mitnehmen. Ein paar Mal hat sie vergessen, mir vorher Bescheid zu geben, und da stand ich dann blöd da mit den beiden Kleinen, ohne Buggy. Shit happens. Also guck am besten immer genau hin, ob der Buggy vor der Tür steht, wenn du das Haus verlässt, um die Kleinen abzuholen.“

Wir waren noch keine fünf Minuten unterwegs und bis jetzt höchstens zehn Passanten begegnet, doch ausnahmslos alle hatte uns angeglotztsehen. Nicht flüchtig-desinteressiert oder zufällig, sondern unverhohlen und neugierig. Ich begann, ärgerlich zurückzustarren und sofort wandte mein Opfer, ein junger Mann im Anzug, seinen Blick ab.

Lucy fuhr mit ihren Erläuterungen fort: „Wenn wir laufen, brauchen wir so ’ne halbe Stunde, wir könnten aber auch die Bahn nehmen, nur kann das länger dauern, weil wir umsteigen müssen. Von hier nach Roppongi ist die Verbindung echt zum Kotzen.“ Kurz hielt Lucy inne und musterte mich abwartend. Eine Windböe erfasste ihr schulterlanges, rotblondes Haar und blies es ihr ins Gesicht. Sie fluchte laut, streifte sich den Haargummi, den sie ums Handgelenk trug, herunter und band sich einen Pferdeschwanz. Dann sah sie wieder mich an und lachte los. „Nicht, dass du jetzt was Falsches denkst, so red’ ich natürlich nicht vor den Zwergen und das ist auch nicht der Grund, aus dem Ayumi mich abschießt.“

„Das dachte ich auch nicht“, sagte ich wahrheitsgemäß.

Ihr misstrauischer Blick verweilte noch kurz auf mir, dann nahm sie ihren Monolog wieder auf. „Es gibt wohl auch irgendwo ’nen Bus, Näheres weiß ich darüber nicht, weil du da mit dem Zwillingsbuggy eh nicht reinpasst, ich würd’s an deiner Stelle nicht mal probieren, kann nur peinlich enden. Wenn’s also nicht grad in Strömen regnet oder über fünfunddreißig Grad heiß ist, würd’ ich laufen. Das hat auf dem Rückweg auch den Vorteil, dass die beiden Zwerge ganz schnell wegratzen. Dann kannst du dir ’n Schnellrestaurant mit breiten Türen suchen und ein bisschen relaxen. Ich empfehle dir den McDonalds auf der Aoyama Dori – das ist die große Straße, auf der auch die Station liegt, wo du gestern angekommen bist. Mein Rat: Wag’ dich mit dem Zwillingbuggy niemals in ein Café!“ Sie machte eine Pause, um Luft zu holen, doch bevor sie das Thema weiter ausführen konnte, fragte ich: „Kannst du Japanisch?“

Lucy sah mich an, verwirrt aufgrund des abrupten Themenwechsels. „Nicht so wirklich. Anfangs wollt ich zum Sprachunterricht, aber der ist hier so was von teuer. Dann hab ich versucht, es mir selbst mir beizubringen, aber das war auch ein totaler Reinfall. Danach hatte ich einen Tandempartner, mit dem war es ganz okay, da hab ich in vier Wochen mehr gelernt, als in ’nem halben Jahr mit meinen Büchern. Aber mein Tandempartner wurde dann schnell mein Freund und bald mein Mann und jetzt sprechen wir gar kein Japanisch mehr. Einfach keine Zeit, tja so ist das im Leben. Du?“

Ich schüttelte den Kopf. „Kein bisschen, aber ich brauche Hilfe von jemandem, der Japanisch kann. Ehrlich gesagt will ich so schnell wie möglich umziehen.“

Lucy grinste. Er war ein wissendes Grinsen. „Hat Ayumi also nur eine Nacht gebraucht?“

Ich zuckte mit den Achseln. „Es war weniger die Nacht als der Morgen. Ich habe einfach keine Lust, ständig auf Abruf zu sein. So wie ich das sehe, wird meine Hauptarbeitszeit schon anstrengend genug, da brauche ich dringend meine Privatsphäre und Freizeit weit weg von Ayumi ... äh, der Familie Katani.“

Lucy lachte über meinen Versprecher, der nicht wirklich einer gewesen war. „Ich würd’s an deiner Stelle genauso machen. Vielleicht kann ich dir ja doch helfen, ich kenn’ da eine gute Internetseite, zwar für Ausländer, aber die haben auch einen Immobilienmarkt. Da ist auch viel von Privatleuten dabei, das hilft dir sicher.“

„Danke, ich werde es mal probieren.“

„Hast du eigentlich schon eine Suica oder Pasmo?“

„Eine was?“

„Das Teil hier.“ Lucy kramte mit einer Hand in ihrem Rucksack, der vor ihr am Kinderwagen hing, während sie mit der anderen Hand den Wagen weiter steuerte. Schließlich hielt sie mir ein kreditkartengroßes Plastikkärtchen hin. „Das ist eine Suica. Damit kannst Bahnfahren, ohne jedes Mal stundenlang auf den Netzplan zu starren.“

„Ehrlich?“ Mit Schrecken dachte ich an gestern zurück, als ich nach der Ankunft am Flughafen mit der Bahn durch halb Tokyo hatte fahren müssen. Dabei hatte mir die Infofrau vom Flughafen ja die Route detailliert aufgeschrieben, welche Linien ich nehmen und wo ich umsteigen musste. Aber das Problem war der Ticketkauf gewesen. Da gab es Tickets zu 160 Yen, 180 Yen, 210 Yen und noch zu anderen Beträgen, je nachdem, wie viele Haltestellen man fahren wollte. Dies wiederrum musste man anhand einer riesigen Schienennetzkarte, auf der sich schätzungsweise hundert Linien kreuz und quer in alle Richtungen schlängelten, in Erfahrung bringen.

Ich betrachtete Lucys Suica, eine grün-silberne Karte mit einem Pinguin drauf. „Wie funktioniert die?“

„Ist so ’ne Art Prepaidkarte. Da kannst du am Automaten so viel Geld draufladen, wie du lustig bist. Wenn du durch die Bahnschranken gehst, legst du die Karte kurz auf den Sensor und wenn du aussteigst, machst du das Gleiche und von der Karte wird der Betrag einfach abgebucht. Geil, oder? Sollen wir dir nachher eine kaufen?“

Darauf musste ich nicht antworten. Es war auch so klar, dass ich ihr zum Dank nachher einen Kaffee plus Kuchen spendieren würde.

„Da wären wir! Das ist Roppongi Hills, quasi ein eigenes kleines Bonzendorf mit Büro- und Wohnhäusern, Cafés, Restaurants und jeder Menge Markenläden - Armani, Louis Vuitton und so. Die Schule ist auf der anderen Seite, nur den Aufzug hier hoch und einmal durchlaufen, mit dem Aufzug wieder runter und da sind wir dann.“

Während ich Lucy folgte, versuchte ich, all das Neue um mich herum aufzunehmen. Kaum waren wir aus dem Aufzug gestiegen, türmte sich vor uns ein Hochhaus auf. Hinter uns plätscherte eine Wasserwand, vor uns posierte der riesige Nachbau einer schwarzen Spinne. Und zwischendrin das Gewusel aus japanischen, aber auch einigen westlich aussehenden Menschen. Beinahe alle trugen Geschäftskleidung, die Männer dunkle Anzüge, die Frauen Kostüme. Mein Blick blieb an zwei japanischen Frauen mittleren Alters hängen, die aussahen, als würden sie auf jemanden warten. Dann veränderte sich ihr Blick plötzlich, sie strafften ihre Rücken, lächelten breit und verbeugten sich tief vor einem grauhaarigen Mann im Anzug und mit Aktentasche in der Hand, der vor ihnen stehen blieb.

„Los, hier lang geht’s.“ Lucy schob den Kinderwagen zielgerichtet zwischen der Spinne und dem Hochhaus hindurch. Zu unserer Linken standen eine Reihe von Bänken und Hochbeeten mit Grünzeug drin, trotz der spätherbstlichen Jahreszeit.

„Hier gibt’s alles, was du brauchst, wenn die Zwerge schlafen. Starbucks hast du hier im Mori Tower gleich neben den Bonzen von Goldmann Sachs, und außerdem einen dort, wo wir gerade hergekommen sind, an der Station unten.“

Ich versuchte, ihr zuzuhören, das Gehörte zu speichern und mir gleichzeitig den Weg zu merken. Ich befürchtete jetzt schon, dass ich morgen, wenn ich die Kinder allein abholen musste, in dieser Anlage komplett verloren gehen würde.

Auf der Rückseite des Gebäudes tauchte gleich ein weiteres auf, daneben eine breite Treppe nach oben, und wiederum zwei Rolltreppen in beide Richtungen. Ganz rechts gab es einen weiteren Eingang in das Hochhaus, vor dem mindestens fünfzehn runde Tische mit Stühlen standen.

„Da hinten kommst du auch in den Mori Tower. Wenn du Glück hast sind drinnen Bänke frei, die zu keinem Café oder Restaurant gehören. Die Tische hier draußen sind auch für alle nutzbar, aber bei den jetzigen Temperaturen friert dir spätestens nach einer halben Stunde der Hintern ein. Wir nehmen den Aufzug runter, hier lang.“ Sie eilte rechts an den Rolltreppen vorbei, wo eine unscheinbare Tür durch Bewegungsmelder automatisch zur Seite glitt und den Weg zu den Aufzügen freigab. Dort warteten noch zwei andere Frauen mit Kinderwagen vor uns.

Lucy fluchte leise. „Wir kommen zu spät“, raunte sie mir zu.

Mit einem glockenähnlichen Geräusch ging einer der beiden Aufzüge auf. Nachdem die beiden anderen Frauen sich mit ihren Kinderwagen darin so weit wie möglich an die hintere Wand gedrängt hatten, bedeuteten sie Lucy lächelnd, ebenfalls einzusteigen. Doch auf die übriggebliebene freie Fläche passte meiner Meinung nach nicht mal der kleinste Kinderwagen der Welt. Lucy schien meine Einschätzung zu teilen, denn sie schüttelte den Kopf, zeigte auf den Zwillingskinderwagen und sagte kurz etwas auf Japanisch. Die beiden anderen Frauen nickten mit bedauernden Gesichtern, bevor sich die Aufzugtür schloss.

„Ich weiß, sie meinten es gut ...“, begann Lucy. „Aber echt jetzt: Glaubst du, unser Buggy hätt’ da noch reingepasst?“

„Niemals.“

„Ja, echt, oder?“, rief Lucy etwas zu laut. „Wenn ich jedes Mal, wo mir so was passiert, hundert Yen bekommen würde! Ständig muss ich den Leuten sagen: ,Nein, tut mir leid, danke für das Angebot, aber es GEHT EINFACH NICHT!’ Und ich denke mir: Habt ihr denn keine Augen im Kopf? Das ist ein Zwillingsbuggy, der ist so groß und wird nicht kleiner, auch wenn ihr euch mit euren Hintern noch so sehr gegen die Wand presst!“

Ich nickte nur mit einem, wie ich hoffte, mitfühlenden Gesichtsausdruck. Dann ging mit einem Klingeln die andere Aufzugstür auf und wir stiegen ein.

„Sorry, jetzt denkst du bestimmt sonst was von mir“, sagte Lucy, als wir ausstiegen und ich einmal mehr hinter ihr herhetzte. Sie seufzte laut und theatralisch. „Mann, das nervt. Ständig passieren mir so abgedrehte Sachen und wenn ich die wem erzähle, kapiert das keiner und alle sagen: ,Die Frauen haben es ja nur gut gemeint.’ Ha! Bei dir weiß ich wenigstens, dass du bald verstehst, wovon ich spreche.“ Sie zwinkerte mir zu.

Wir rannten über eine kleine Brücke, zu deren Rechten sich ein Spielplatz mit bunten und verschiedenförmigen Rutschen befand. „Chie und Hayato lieben diesen Spielplatz“, keuchte Lucy. Anscheinend forderten der Laufschritt mit dem Kinderwagen langsam ihren Tribut. Wir machten eine scharfe Linkskurve und beim nächsten Gebäude verkündete Lucy endlich: „Wir sind da!“

Sie schob den Kinderwagen an einem parkenden Auto vorbei und zwei flache Stufen hoch, wo bereits vier andere Kinderwagen warteten. Wortlos stellte sie unseren dazu, öffnete die Glastür und schlüpfte hindurch. Ich folgte ihr. Wir betraten einen Zwischenraum, der von der Tür, durch die wir gerade gekommen waren, und einer weiteren Glastür abgetrennt wurde. Lucy spähte in den angrenzenden Korridor, aber machte keine Anstalten, die Glastür zu öffnen. „Noch rechtzeitig!“, flüsterte sie triumphierend. „Die Gruppe ist noch nicht unten, dabei ist es schon fünf nach zwei. Die Erzieherinnen machen das echt, wie’s denen in den Kram passt, oft ist es erst zehn nach zwei, bis die die Kinder runterbringen, aber wehe, eine der Mütter oder Nannys ist nicht da, wenn sie mal spontan zwei Minuten zu früh schlussmachen. Dann darfst du dir sagen lassen, wie schädlich es für kleine Kinder ist, von ihren Betreuungspersonen warten gelassen zu werden!“

Ich begann mich zu fragen, ob Lucy heute einfach einen schlechten Tag hatte oder der Job als Babysitterin wirklich so viel Frust brachte. Oder aber, was mir am wahrscheinlichsten schien, Lucy einfach ein Mensch war, der negative Gefühle herauslassen musste, weil sie sie sonst von innen auffraßen.

Jetzt öffnete sie doch die Glastür und hatte plötzlich ein höfliches Lächeln im Gesicht. Reihum begrüßte sie die teils westlichen, teils japanischen wartenden Frauen, und fragte „How are you?“ Als sie mich als Chies und Hayatos neue Babysitterin vorstellte, richtete sich die gesamte Aufmerksamkeit auf mich. Der Austausch von Höflichkeitsfloskeln wurde abrupt unterbrochen, als eine der japanischen Frauen in schlechtem Englisch rief: „Sie kommen!“ Sie deutete auf die Fahrstuhlanzeige, die in diesem Moment von 1 auf 2 sprang.

„Sie kommen immer mit dem Aufzug aus dem ersten Stock runter ins Erdgeschoss“, erklärte Lucy. „Ist sicherer bei einer Horde von Zwei- bis Vierjährigen.“

Schweigen legte sich über die anwesenden Frauen, während wir alle die Anzeige beobachteten. Aus dem ersten Stock drangen aufgekratzte Kinderstimmen nach unten, sowie eine durchdringende Frauenstimme, die auf englisch Anweisungen gab: „Schön nacheinander in den Aufzug. Nicht drängeln! Vorsichtig!“

Dann war es plötzlich still und im nächsten Moment sprang die Aufzuganzeige von 2 auf 1. Die Türen gingen auf und kleine Kinder strömten heraus „Chie! Hayato!“, rief Lucy und sank auf die Knie. Die beiden kamen auf sie zugerannt, mit einem aufgedrehten Lachen, und giggelten noch mehr, als Lucy sie ein bisschen durchkitzelte.

„Na, ihr beiden“, sagte ich und ging in die Hocke. Doch die Zwillinge ignorierten mich. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und lächelte einfach, während Lucy sich wieder zur Eingangstür durchdrängelte, wo die Schuhe der Zwillinge standen.

„Jetzt kommt der schwierigste Teil“, flüsterte sie mir zu, als sie sich auf die Knie sinken ließ, um den Zwillingen die Schuhe anzuziehen.

Doch die hatten in der Zwischenzeit ihre Rucksäcke auf den Boden geschleudert und spielten im engen Korridor Fangen. Zehn Minuten später standen Chie und Hayato wie durch ein Wunder trotzdem mit Schuhen an den Füßen da. Dafür wollten sie partout ihre Rucksäcke nicht mehr aufsetzen, worauf Lucy aber bestand. Dann wurden von der Lehrerin die künstlerischen Meisterwerke ausgeteilt, die von den Kindern während des Unterrichts gemalt worden waren, außerdem musste Lucy noch eine weitere Tasche der Zwillinge einsammeln. Bis dahin hatten Chie und Hayato begonnen, sich ihre Mützen gegenseitig vom Kopf zu reißen.

„Nach der Schule sind die Zwerge komplett übermüdet“, erklärte Lucy. „Einfach ignorieren und sie schnellstmöglich in den Buggy packen. Ach ja, wo du schon mal hier bist, könntest du mir auch helfen.“ Sie sagte das mit einem schelmischen Lächeln und ich bewunderte sie für ihre Stressresistenz. Vielleicht war das der goldene Weg? Anscheinend konnte jemand, der seinem Unmut bei anderen Leuten Luft machte, dafür in einer wirklich stressreichen Situation ruhig bleiben. Ob es mir vielleicht gar nicht erst so schlecht gegangen wäre, ob ich vielleicht gar nicht an den Punkt gekommen wäre, professionelle Hilfe zu benötigen, wenn ich mehr wie Lucy wäre?

Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Lucy – voll bepackt mit der Tasche der Kinder, den Bildern und Hayatos Mütze – die zweite Glastür öffnete und die Zwillinge hinausstürmten.

„Pass auf! Die Straße!“, rief Lucy.

Ich rannte den beiden hinterher, die trotz ihrer drei Jahre ein ordentliches Tempo vorlegten. Glücklicherweise hielten die flachen Stufen sie auf. Während Chie abbremste, um die Stufen langsam hinunterzugehen, sah Hayato die Unebenheit nicht rechtzeitig und klatschte der Länge nach auf den Steinboden.

Ich fasste Chie am Arm und wandte mich dann ihrem Bruder zu, von dem ich jede Sekunde markerschütterndes Geschrei erwartete. Stattdessen rappelte er sich auf, giggelte, und wollte wieder loslaufen. Ich konnte meinen Arm gerade noch rechtzeitig um seine Taille schlingen. Die Zwillinge wanden sich in meinem Griff wie Schlangen und ich hätte sicher bald einen von ihnen loslassen müssen, wenn Lucy mir in diesem Moment nicht Chie abgenommen hätte. Sie hob das kämpfende Kind hoch und setzte es, allen Protesten zum Trotz, in den Kinderwagen. Ich folgte mit Hayato und tat es ihr gleich.

„Anfangs wollte ich sie ihre Hyperaktivität nach der Schule auf dem Spielplatz austoben lassen“, erzählte Lucy, während sie Chies Ärmchen in die dafür vorgesehenen Schlaufen zwängte. „Ha, das war ein toller Plan! So kaputt wie die sind kommen sie nur auf idiotische Gedanken und fangen auch noch wegen jedem Pipifax an zu heulen. Und vom Spielplatz runter bekommst du sie nur mit Einsatz körperlicher Gewalt und einem Hörschaden. Mein Tipp: Nach der Schule müssen sie schlafen, auch wenn Aliens auf dem Tokyo Tower landen und du eine ganze Stunde lang mit dem Buggy durch Roppongi Hills kurven muss. Musste ich übrigens wirklich mal. Mir haben vom endlosen Herumgekarre des Buggys so was von die Beine und der Rücken wehgetan, das glaubst du gar nicht! Und zehn Minuten später ist Hayato schon wieder aufgewacht. Damals habe ich ernsthaft überlegt, den Job hier hinzuschmeißen.“

Als wir endlich beide Kinder fluchtsicher im Kinderwagen verstaut hatten, öffnete Lucy die braune Tasche, die sie aus der Schule mitgenommen hatte. „Ayumi tut hier Snacks rein, wenn sie es nicht vergisst, die ich den Kindern nach der Schule zu essen gebe. Außerdem werden da ausrangierte Spielsachen wie Bücher, ein Ball und ein paar andere nutzlose Dinge gebunkert, an denen die Zwerge nicht einen Funken Interesse haben.“ Sie hielt mir die offene Stofftüte hin und ich spähte hinein. Dann hängte sie die braune Tasche an ihren Schlaufen über ihre eigene Handtasche, die unter dem Griff des Kinderwagens an einem Haken baumelte. Lucy nahm zwei halbe in Plastikfolie verpackte Bananen, und gab sie den Kindern. Anschließend klappte sie das Verdeck des Kinderwagens herunter, so dass von Chie und Hayato nur noch ihre Beine zu sehen waren. „Ab jetzt ist es eine Frage der Zeit“, seufzte sie. „Los geht’s.“

Anstatt denselben Weg zurückzunehmen, schob Lucy den Kinderwagen die Straße hinunter. Sie erklärte mir, dass sie nach der Schule meist diesen Umweg ging, da die Zwillinge so länger Zeit hatten, einzuschlafen. Und tatsächlich. Nach etwa fünfzehn Minuten schliefen die Kinder tief und fest.

„Super. Dann machen wir uns mal an deine Wohnungsproblematik.“

Wir durchquerten den nahe der Straße gelegenen Garten von Roppongi Hills, der mit seinem Teich und grünen Pflanzen und Bäumen einen erholsamen Kontrast zu den vielen Bürogebäuden, Restaurants und Geschäften bot. Von hier nahmen wir den Aufzug nach oben und kamen dort heraus, von wo wir auf dem Weg zur Schule nach unten gefahren waren. Linker Hand standen nun die Tische und Stühle, dahinter lag der Eingang zum Mori Tower. Wir betraten ihn durch die großen Glastüren, die durch einen Bewegungsmelder automatisch aufschwangen. Sofort fühlte ich mich in die Lobby eines Luxushotels versetzt. Zu diesem Eindruck trugen vor allem die hohe Decke, der glänzende steinerne Fußboden und die marmornen Wände bei. Die Halle war ein einziges architektonisches Wunder, mit Brücken und Wasserwänden. Dazwischen boten Boutiquen ihre Waren für Kunden mit dickem Geldbeutel an.

Ich folgte Lucy zu den Rolltreppen, wo öffentliche Bänke standen. Und wir hatten Glück: Auf der rechten Seite war eine frei.

„Da hinten gibt’s zwei Getränkeautomaten. Willst du was?“

„Vielleicht später.“

Lucy nickte, positionierte den Kinderwagen mit den schlafenden Zwillingen so, dass er nicht im Weg stand, und setzte sich auf die Bank. Dann zog sie ihr Smartphone aus der Handtasche. „So, jetzt zeige ich dir mal die Seite, von der ich gesprochen habe. Alles okay bei dir?“

Ich nickte matt.

„Immer noch Jetlag, was?“

Ich hatte nicht die Kraft, Lucy zu widersprechen und zu sagen, dass ich einfach keinen Sinn darin sah, mir noch weitere Internetseiten zur Wohnungssuche anzusehen, da ich schon unzählige Angebote für Ausländer überprüft und für unbrauchbar befunden hatte. Stattdessen genoss ich einfach die paar Minuten Ruhe, die Lucys konzentriertes Schweigen mir einbrachte. Nicht, dass ich das englische Kindermädchen nicht mochte, im Gegenteil. Ich war so hingerissen von ihr, wie ich es in meinem Zustand von irgendjemandem nur sein konnte. Besonders von ihren Versuchen, mir zu helfen, obwohl ich ihr praktisch den Job gestohlen hatte.

Aber ich war auch erschöpft, physisch wie psychisch.

„Hier. Guck mal.“ Viel zu früh hielt Lucy mir ihr Smartphone unter die Nase.

Ich warf einen Blick auf das Display. Es zeigte einen kleinen Ausschnitt einer englischsprachigen Internetseite, die in verschiedene Rubriken gegliedert war: Community, Housing, Jobs und noch vieles mehr, wobei unter jeder dieser Hauptkategorien noch zehn bis zwanzig Unterabschnitte aufgelistet waren. Mein Gehirn blockierte und meldete hoffnungslose Überforderung. „Ich glaube, ich muss jetzt doch was trinken.“

„Bringst du mir ’ne Coke Zero mit?“ Sie steckte mir zwei silberne Münzen zu und war dann auch schon wieder in ihr Smartphone vertieft.

Bei den Getränkeautomaten am Ende des langen Korridors erwartete mich die nächste Überraschung: Viel zu viel Auswahl. Es gab nicht nur die Klassiker Cola und Fanta, sondern Orangensaft, Apfelsaft, Traubensaft, außerdem verschiedene Tees und Kaffees, plus Sodas mit Frucht- oder anderen Geschmäckern. Bei der Hälfte der Angebote konnte ich nicht einmal erahnen, mit was für einer Art Inhalt zu rechnen war. Dann gab es noch allerlei heiße Getränke, ebenfalls in Flaschen oder Dosen.

Ich kaufte Lucys Cola und wählte für mich spontan eine kalte Dose Milchkaffee, um meinem ohnehin reizüberfluteten Gehirn nicht noch eine Entscheidung aufzubürden. Als ich zu Lucy zurückkehrte, strahlte sie mich an. „Danke für die Coke! Du, ich hab hier was für dich.“

„Echt?“ Hoffnung vorheuchelnd ließ ich mich wieder neben ihr nieder und öffnete meine Milchkaffeedose. Ich nahm einen Schluck. Ob ich in meinem Leben schon mal schlechteren Kaffee getrunken hatte? Vielleicht nicht, aber ich brauchte das Koffein. Dringend.

„Hier. Mitbewohner-Suche. Deutsch-englisch oder japanisch-englisch. Du bist doch Deutsche, oder?“

Ich sah Lucy an, die mit den Augen noch immer an ihrem Smartphone-Display klebte. „Ja, aber nur Deutsche. Nicht halb Deutsche, halb Engländerin, oder was soll das in der Überschrift bedeuten?“

„Ich glaube, die meint die Sprache. Hör zu, ich les’ dir den ganzen Text vor, aber nimm’s nicht zu genau, das Englisch ist gruselig: Hi alle, ich bin Saki. Halbe Japanisch und halbe Deutsch. Ich suche nett Mitbewohner. Ich habe Wohnung mit 3 Raum in Ota-ku, Station Nishi-magome. Ich spreche Deutschland und Japan. Leider nicht Englisch. Miete ist 60000 Yen oder 30000 Yen.“

Lucy und ich tauschten einen langen Blick.

„Hm ...“, meinte sie dann. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich mich bei dieser Saki melden würde, wenn ich du wär. Die ist schon ein bisschen komisch, oder einfach nur dumm? Wenn sie kaum Englisch kann, warum schreibt sie dann die Anzeige nicht auf Japanisch oder Deutsch?“

„Weil sie unbedingt eine englischsprachige Mitbewohnerin möchte, steht doch in der Überschrift“, sagte ich.

„Ja, jemand, der Englisch und Deutsch kann oder Englisch und Japanisch. Dann hätte sie die Anzeige auch auf Deutsch und Japanisch schreiben können, oder hab ich grad einen Knoten im Hirn?“

„Nein, du hast recht“, sagte ich, ohne mir sicher zu sein, was Lucy überhaupt gesagt hatte.

„Und wieso will sie unbedingt jemanden, der Englisch spricht, wenn sie es selbst nicht kann? Am Ende erwartet sie von ihrem Mitbewohner kostenlosen Sprachunterricht.“ Sie schnaubte. „Andererseits ist eine Dreizimmerwohnung zu zweit schon echter Luxus in Tokyo. Da habt ihr ja jeder ein Zimmer und noch ein Wohnzimmer, abgefahren! Und nur für 60000 Yen! Aber was soll das Angebot mit 30000 Yen?“

„Steht da eine Telefonnummer?“

„Ja, aber -“

„Kann ich mal dein Handy haben?“

Lucy reichte es mir und beobachtete mich ungläubig, als ich die angegebene Nummer wählte und mir das Smartphone ans Ohr hielt. „Ich mag kein Rätselraten, ich frage diese Saki lieber selbst“, flüsterte ich und drehte meinen Oberkörper etwas zur Seite, um wenigstens die Illusion von einem Hauch Privatsphäre zu schaffen.

Es tutete zwei Mal, dann meldete sich eine weibliche Stimme auf Japanisch.

„Hallo, spreche ich mit Saki?“, fragte ich auf Englisch.

Stille breitete sich in der Leitung aus. Dann rief die Frau etwas zu laut: „Saki, Saki, yes!“

Ich versuchte es auf Deutsch: „Ich rufe wegen Ihrer Anzeige im Internet an, wegen des Mitbewohner-Gesuchs.“

Diesmal kam die Antwort prompt und in perfektem, wenn auch etwas hektischem Deutsch. „Super, so schnell! Das hätte ich nie gedacht, dass das bei meinem schlechten Englisch überhaupt jemand versteht ... geschweige denn, dass sich jemand meldet!“

„Ich hätte allerdings noch ein paar Fragen ...“

„Ja“, kicherte Saki. „Also ... das ist jetzt keine Überraschung für mich. Du kannst Englisch, oder?“

„Ja“, sagte ich langsam, etwas irritiert, dass mich diese Frau so einfach duzte.

„Super! Das passt ja! Oh Gott, ich bin so aufgeregt!“

„Wegen der Miete ...“

„Weil ich anbiete, die Miete um die Hälfte zu erlassen, meinst du?“, unterbrach sie mich und plapperte weiter, ohne meine Antwort abzuwarten. „Also, ich habe mir da gedacht, dass ich eigentlich 60000 Yen für das Zimmer will, das übrigens für tokyoter Verhältnisse ziemlich geräumig ist, aber du kannst es für 30000 Yen im Monat haben, wenn du mir bei einem Projekt hilfst. Also könnte man sagen, die anderen 30000 Yen arbeitest du ab.“ Sie kicherte abermals.

„Abarbeiten als was?“ Nur mit Mühe gelang es mir, meine Stimme neutral zu halten und nicht in einen genervten, ungehaltenen Ton zu verfallen.

„Ich brauche jemanden, der was für mich Korrektur liest, das ich auf Englisch geschrieben habe.“

Ich rief mir den Anzeigentext in Erinnerung und konnte mir nicht vorstellen, wie diese Frau es schaffen sollte, einen längeren Text auf Englisch zu verfassen. Ein solches Korrekturlesen kam wohl eher einem Neuschreiben gleich. „Könnten Sie mir das etwas präziser darlegen?“

„Ach, bitte duz’ mich doch, sonst fühle ich mich gleich schuldig, weil ich dich einfach duze. Also, es geht um einen Blog, den ich auf Deutsch und Japanisch schreibe und ich würde eben auch gerne eine englische Version hochladen. Ich habe das schon mal vorgeschrieben, es sind insgesamt so hundert Seiten an alten Einträgen und dann kommen eben noch regelmäßig neue dazu ....“

„Und dafür würden Sie ... würdest du mir die Hälfte der Miete erlassen?“ Da gab es doch sicher einen Haken.

„Ja, ja, genau so ist es. Also, mein Englisch ist ja nicht so toll und ... ich denke, das Korrekturlesen könnte länger dauern... Wie gut ist denn dein Englisch?“

„Ich habe in Deutschland als Übersetzerin gearbeitet, Englisch-Deutsch und Franzö-“

„Wunderbar, fantastisch, oh, was für ein Glück ich habe!“, jubilierte Saki. „Willst du nicht einfach mal vorbeischauen und dir die Wohnung ansehen? Vielleicht morgen früh? Da arbeite ich nämlich Spätschicht, also erst ab 14 Uhr.“

„Morgen ist es schlecht ...“, sagte ich automatisch, obwohl Sakis Angebot zeitlich hervorragend gepasst hätte. Aber mir ging das alles viel zu schnell. Und diese Frau am anderen Ende der Leitung erfüllte mit ihrer hyperaktiven Art nicht gerade meine Kriterien für eine Traummitbewohnerin.

„Dann übermorgen am Abend so ab achtzehn Uhr?“

Mein Blick fiel auf Chies Beinchen, die aus dem Kinderwagen ragten und leicht zuckten. Vielleicht träumte sie nur schlecht, oder sie wachte bereits auf. Sie und ihr Bruder würden es mir nicht leicht machen, wenn ich sie ab morgen allein von der Schule abholte und bis zum Abend betreute. Fünf solche Nachmittage pro Woche zu überstehen, würde in meiner momentanen Verfassung bereits einem Wunder gleich kommen. Unter keinen Umständen konnte ich das Babysitten zu einem Ganztagsjob ausbauen, aber ebenso wenig konnte ich mich tagtäglich gegen Ayumi zur Wehr setzen, wenn sie mehr Hilfe mit den Kindern als Gegenleistung für ihre Gastfreundschaft forderte. „Nein, morgen ist besser“, hörte ich mich sagen. „Um zehn?“

„Super! Ich kann dich an der Station Nishi-magome abholen, wenn du magst, am Südausgang.“

„In Ordnung, Saki. Bis morgen.“

„Freu mich!“

Ich legte auf und sah Lucy an, die über das ganze Gesicht grinste. „So, und jetzt kaufen wir dir eine Suica-Karte.“

Kapitel 3

- Sakis Blog -

25. November

 

Hallo ihr Lieben,

 

und einen guten Abend. Ich möchte gar nicht lang drum herum reden. Mich hat ein Beitrag aus Japan erreicht, und zwar ... ihr ahnt es: Zum gestern von mir gestarteten Thema! Ja, es geht wieder um die Liebe! Also, viel Spaß zusammen!

Hallo, ich bin dreißig Jahre alt und Japanerin und lebe mit meinem Mann in Tokyo. Ich glaube, meine Situation ist sehr gewöhnlich und nicht so interessant, aber ich dachte, es passt trotzdem zum Thema, also schreibe ich es einfach auf.

Mein Mann ist aus Deutschland und wir haben uns über eine Internetseite kennengelernt, die internationale Treffen für junge Japaner und Ausländer veranstaltet. Das war vor zwei Jahren. Wir sind ein paar Mal miteinander ausgegangen, dann sind wir zusammengezogen und haben geheiratet. Ich bin jetzt auch schwanger und wir beide sind eigentlich sehr glücklich! Aber vor ein paar Wochen hat mein Mann gesagt, dass er gerne zurück nach Deutschland gehen möchte. Bisher war er immer glücklich hier, er hat immer gesagt, es macht ihm nichts aus, dass er hier mehr arbeiten muss, dafür kann er seine Freizeit auch mehr genießen, zum Karaoke oder ins Game Center gehen. Aber jetzt, sagt er, hat sich etwas verändert. Er möchte nicht, dass sein Kind in Japan aufwächst. Er sagt, hier haben Kinder so viel Druck in der Schule, außerdem sind Kinder in Japan zu teuer. Ich habe gesagt, ich verstehe ihn, und dass ich natürlich mit ihm nach Deutschland gehe. Aber eigentlich möchte ich lieber hierbleiben. Hier sind meine Eltern, hier bin ich zu Hause. Ich kenne Deutschland nicht, aber ich kenne ein paar Japaner, die einige Jahre dort gewohnt haben und dann zurück nach Japan gekommen sind, weil es ihnen dort nicht gefallen hat. Aber er ist schließlich mein Mann, unsere Familie ist das Wichtigste für mich. Es ist schon okay so, aber manchmal frage ich mich, ob ich ihm auch so wichtig bin, wie er mir. Kennt er mich überhaupt? Denn wenn er mich kennen würde und verstehen würde, wüsste er doch, dass ich nicht nach Deutschland ziehen möchte, oder? Oder vielleicht weiß er es doch, und es ist ihm egal. Na ja, vielleicht schreibe ich bald nochmal, aus Deutschland. Bestimmt wird alles gar nicht so schlimm.

Tanaka, K.

Als Lucy sich an jenem Abend um Punkt sechs Uhr verabschiedete, brachen Chie und Hayato in Tränen aus.

„Keine Sorge, Ayumi kommt sicher gleich“, sagte ich auf Lucys besorgten Blick hin, um ihr das schlechte Gewissen zu nehmen.

„Ja, sicher.“ Doch sie zog eine Grimasse, die so gar nicht zu ihren Worten passte.

„Wann kommt sie normalerweise nach Hause?“, fragte ich alarmiert.

„Oh, das kann viertel nach sein oder halb oder sieben.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Der Phantasie sind hier echt keine Grenzen gesetzt.“ Da heute Lucys offiziell letzter Tag als Chies und Hayatos Babysitterin war, weinten nicht nur die Kinder, sondern auch Lucy hatte Tränen in den Augen, als sie die beiden noch einmal an sich drückte.

„Du machst das schon!“, schrie sie mir zu und schaffte es gerade so, das Plärren der Kinder zu übertönen.

Dann stand ich genau wie am Abend zuvor im Wohnzimmer, allein mit zwei kreuzunglücklichen Dreijährigen und zwei knurrenden Möpsen.

Als Ayumi um halb sieben auf dem Festnetztelefon anrief, an das ich beinahe gar nicht dran gegangen wäre, klang ihre Stimme so entspannt, als hätte sie gerade einen Tag im Spa hinter sich. Chie und Hayato schrien zwar nicht mehr, aber wirklich glücklich waren sie auch nicht.

„Ich muss mich bei dir entschuldigen“, flötete Ayumi. „Gleichwohl hast du keine Vorstellung, was heute auf der Arbeit los ist. Wäre es zumutbar für dich, heute bis acht auf Chie und Hayato aufzupassen?“

Ich räusperte mich. In meinem Kopf rauschte es so laut, dass ich nicht mal meine eigenen Gedanken verstehen konnte.

„Vanessa? Nun ... gibt es eine Komplikation? Hast du Pläne für den Abend?“

„Das ist es nicht.“ Zu spät fiel mir auf, dass ich mir mit einer Lüge die Situation hätte vereinfachen können. „Seit Lucy gegangen ist, sind Chie und Hayato schlecht drauf. Es hat ewig gedauert sie abzulenken und immer noch habe ich das Gefühl, sie könnten jeden Moment wieder zu weinen anfangen. Ich denke, es wäre besser, wenn du so bald wie möglich nach Hause kommen würdest.“

„Oh ...“, machte Ayumi und ließ zu, dass sich unangenehmes Schweigen zwischen uns ausbreitete.

Während ich wartete, folgten meine Augen dem Sekundenzeiger der runden Wanduhr, die in der Küche hing.

Nach einer vollen Minute sagte Ayumi: „Nun ... wenn es nicht anders geht, komme ich so schnell, wie ich hier zu entbehren bin.“

Eineinhalb Stunden später, um Punkt acht, trat sie beschwingten Schrittes aus dem Aufzug.

Hayato und Chie, die seit dem Telefonat mit Ayumi nicht weniger als fünf Mal in Tränen ausgebrochen waren, stürmten auf ihre Mutter zu.

„Meine kleinen Engel!“ Sie nahm Chie auf den Arm, die sich sofort mit aller Kraft an ihren Hals krallte, während Hayato Ayumis bestrumpfhostes Bein umklammerte. „Entschuldigung!“, sagte sie zu mir. „Es war buchstäblich eine Sache der Unmöglichkeit. Während Lucy hier Kinderfrau war, musste ich so viel Arbeit unerledigt lassen, weil sie nach sechs Uhr stets irgendwo anders unabkömmlich war.“ Sie beugte sich vor und flüsterte verschwörerisch. „Zwar ließ mein Vorgesetzter es bisher nicht verlauten, aber das Wort Kündigung schwebte schon über mir. Berichte das aber nicht meinem Gatten, der wäre wahrlich entzückt.“ Sie kicherte kurz auf. „Nun, du siehst, zur Rettung meiner Position war das heutige Arbeitspensum unabwendbar.“

Ich nickte nur, weil ich zu müde war, um Streit anzufangen. Außerdem brauchte ich meine Kraft für ein anderes Thema. „Ich würde heute noch gerne über meine Bezahlung sprechen.“

„Oh ....“ Sie lachte kurz auf. „Das war mir gründlich entschwunden. Ich bringe schnell die Kinder zu Bett, dann haben wir unsere Ruhe. Die beiden haben doch schon diniert, oder?“

„Ich habe in der Gefriertruhe Reis und Würstchen für die Mikrowelle gefunden und warm gemacht.“

Während Ayumi die Kinder ins Bett brachte, saß ich mit meinem Laptop am Esstisch und betrachtete die Internetseite, auf der Lucy Sakis Angebot gefunden hatte, eingehender. Dort gab es tatsächlich alles, von Ausländern und für Ausländer in Tokyo. Sollte es wirklich so viele Nicht-Japaner hier geben? Auf der Straße hatte ich bisher nur selten ein westlich aussehendes Gesicht erblickt, eine Ausnahme bildete da nur Roppongi Hills. Lucy hatte mir erklärt, dass in und um Roppongi Hills viele ausländische Firmen ihre tokyoter Zweigstelle hatten und daher viele der in Tokyo ansässigen Ausländer in derselben Gegend wohnten. Und zwar in solchen Appartements, wie ich sie heute Morgen im Internet gefunden hatte: Im dreißigsten Stock eines Wolkenkratzers mit eigener Lobby, das Appartement selbst mit mindestens drei Zimmern für eine einzige Person, von Skyline-Blick und Fußbodenheizung gar nicht zu reden.

Ich begann, alle Angebote, die preislich unter 70000 Yen lagen, genauer unter die Lupe zu nehmen, doch gab bald auf. Diese Wohnungen lagen meist nicht mal mehr in Tokyo selbst, sondern in einer angrenzenden Präfektur wie Chiba oder Saitama. Dass viele Menschen, die in Tokyo arbeiteten, mit solch weit entfernten Wohnungen sowie langen und teuren Bahnfahrten zum Arbeitsplatz vorlieb nehmen mussten, hatte mir Lucy bereits am Mittag erklärt. Und außerdem, nach einem Blick auf den U-Bahnlinienplan Tokyos, dass Nishi-magome diesbezüglich gar nicht so schlecht gelegen war.

„Am Arsch von Tokyo, ja, aber wenigstens billig.“ Das waren ihre Worte gewesen. So bräuchte man zu Ayumis Wohnung oder zur Schule der Zwillinge etwa eine Stunde, aber bezahlte dafür nur 260 Yen, laut Lucy ein Schnäppchen.

Aber noch hatte ich die Wohnung und Saki nicht gesehen und ich rechnete mit dem Schlimmsten. Eine Zweier-WG mit einem netten Mädchen für nur 30000 Yen und ein bisschen englisches Korrekturlesen – das klang zu gut um wahr zu sein. Wahrscheinlich entpuppte sich entweder die Wohnung als baufälliges Ungezieferparadies oder Saki als unzumutbare Person. Nach unserem Telefongespräch befürchtete ich eher letzteres.

Eine komplett eigene kleine Wohnung war das, was mein Herz wirklich begehrte. Doch wie ich mich nun schon mehrmals vergewissert hatte, kosteten die alle weit über 60000 Yen, außerdem zahlte man meist noch eine Monatsmiete Key Money, was nicht der herkömmlichen deutschen Kaution entsprach, sondern vielmehr eine Art Provision an den Vermieter war – man bekam sie beim Auszug nicht zurückgezahlt.

Gegen halb zehn erschien Ayumi wieder im Wohnzimmer.

„Arbeitet dein Mann immer so lange?“, fragte ich.

„Vorwiegend.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Dies ist in Japan aber nichts Kurioses.“ Mit einem Stift und einem Block in der Hand setzte sie sich zu mir an den Tisch.

Ich klappte den Laptop zu, bevor sie die Wohnungsangebote auf dem Display sehen konnte.

„Bezüglich deiner Entlohnung ... wir finden 1500 Yen pro Stunde angemessen. Ist das für dich ebenfalls hinlänglich?“

Ich überschlug im Kopf und kam zu dem Ergebnis, dass 1500 Yen gut elf Euro waren. „Ja, das ist in Ordnung.“

„Ehrlicherweise möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Lucy 2000 Yen pro Stunde Verdienst erhalten hat, außerdem habe ich ihr 1000 Yen pro Tag Zulage für die Fahrtkosten gezahlt. In meine Berechnungen ist jedoch eingeflossen, dass Lucy eine Anfahrt zu bewältigen hatte, die dir erspart bleibt, und dass du unentgeltlich bei uns residierst und sicher auch oft an den Speisungen teilnehmen wirst.“

Das war mein Stichwort. „Um ehrlich zu sein, suche ich gerade nach einer anderen Unterkunft.“ Ich sah Ayumi fest in die Augen und versuchte, mir den unerklärlichen Anflug eines schlechten Gewissens nicht anmerken zu lassen.

„Oh ... ?“ Ayumis Mund formte ein überraschtes „o“. Ihre Augen weiteten sich. Weiteten sich ein Stückchen zu weit und überschritten so die Grenze zwischen ehrlichem Erstaunen und Berechnung. Trotzdem brachte ich es nicht fertig, sie mit dem wahren Grund für meine Umzugspläne zu konfrontieren und hörte mich stattdessen sagen: „Ich bin ja nun schon fast dreißig und habe so lange allein gewohnt ...“

„Nun ...“ Ayumis Augen schrumpften auf ihre Normalgröße zurück. Sie lächelte mich liebenswürdig an. „Ich hoffe, es liegt nicht an uns?“

„Ich brauche wirklich einfach das Gefühl, selbstständig zu sein“, sagte ich schnell.

„Oh ... nun ... das ist ... verständlich, denke ich. Aber schade, es war ja alles so komfortabel für dich, hier zu residieren. Keine Anfahrt, keine Miete, sogar Speisen ...“

Ich nickte mit versteinerter Miene.

„Gleichwohl, so leid es mir tut, mehr als 1500 Yen pro Stunde Entlohnung kann ich dir wirklich nicht bezahlen. Das war ja so geplant – das habe ich selbstredend auch schon in unseren Haushalt einkalkuliert ...“

Ich wartete ab, hoffend, dass sie umschwenken würde, wenn ich nur lange genug schwieg. An meinem inneren Auge zogen Bilder von dem riesigen Flachbildfernseher, den ich vom Tisch aus nicht sehen konnte, von der Markenkleidung der Zwillinge und von Ayumis Louis Vuitton-Tasche vorbei. Mein Blick schweifte automatisch zum Fensterbrett, auf dem zwei iPads in dazugehöriger Apple-Smarthülle lagen, eins in rosa, eins in blau.

„Dein Lohn käme dann auf ...“ Sie brauchte so lange für das Kopfrechnen, dass es mir noch schwerer fiel zu glauben, dass sie genau diese Summe bereits einkalkuliert hatte. „Nun ... noch einmal ... das wären 1500 Yen, vier Stunden am Tag, fünf Tage pro Woche ... 30000 Yen pro Woche. Ich würde es präferieren, dich einmal pro Woche zu entlohnen, am besten jeden Montag.“ Ohne eine Antwort meinerseits abzuwarten stand sie auf, ging zu ihrer Handtasche und holte ein Portemonnaie, ebenfalls von Louis Vuitton, hervor. Dann hielt sie mir drei 10000 Yen-Scheine hin.

Ich nahm sie, doch konnte mich nicht zu einem Lächeln durchringen. Umgerechnet elf Euro pro Stunde waren mir anfangs angemessen vorgekommen, aber zum ersten Mal ahnte ich, dass der Vergleich der beiden Währungen möglicherweise hinkte. In Studentenzeiten hätte ich mit umgerechnet 900 Euro pro Monat nicht schlecht leben können, aber in Frankfurt konnte man damals und mit ein bisschen Glück auch ein WG-Zimmer für 300 Euro finden. Noch wusste ich nicht viel über die Kosten in Tokyo, hatte keine Ahnung, wie viel Lebensmittel im Supermarkt oder Kosmetika kosteten. Doch die hohen Mieten stimmten mich wenig optimistisch.

„Selbstredend nehmen wir dich jederzeit gerne wieder bei uns auf, solltest du mit deiner neuen Residenz nicht zufrieden sein“, lächelte Ayumi in diesem Moment, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

Am nächsten Morgen riss mich mein Handywecker um halb neun aus einem wirren Traum, in dem Michelle und Noah wieder drei Jahre alt waren, schrien und weinten, und sich durch nichts, was ich versuchte, beruhigen ließen. Mein Atem ging stoßweise, Schweißtröpfchen hatten sich auf meiner Stirn gesammelt. Ich starrte an die weiße Decke bis das Bild, wie meinen kleinen Geschwistern die Tränen aus den zusammengepressten Augen strömten und der Rotz aus der Nase lief, sich aufgelöst hatte. Dann setzte ich mich auf, und als wäre ein Damm gebrochen, holten mich hundert Sorgen wie eine riesige Welle ein. Das Treffen mit dieser Saki, das Babysitten, abends womöglich wieder Scherereien mit Ayumi. Und genau wie gestern würde ich nichts davon richtig hinbekommen. Ich hatte es nicht geschafft, dass die Zwillinge sich bei mir wohl fühlten und auch nicht, mich gegenüber Ayumi durchzusetzen, was Arbeitszeit und -gehalt anging. Meine zitternde Hand griff nach dem gelben Büchlein, das in der noch immer unausgepackten Reisetasche ruhte.

Zwei. Weil ich nicht mal die einfachsten Sachen fertigbringe.

Ich wunderte mich kurz, warum ich zwei und nicht eins oder null geschrieben hatte, als mir plötzlich die Stille auffiel, die im Haus herrschte. Anscheinend waren alle bereits weg. Zufall? Daran konnte ich bei Ayumi nicht recht glauben. Oder war gestern tatsächlich eine Ausnahme gewesen? Doch ich tippte eher darauf, dass Ayumi mich genau das glauben machen wollte.

Ich legte das gelbe Büchlein wieder neben mein Bett und stellte die Weckfunktion des Handys aus, das Ayumi mir gestern Abend vor dem Zubettgehen noch zugesteckt hatte, damit sie mich immer erreichen konnte, wenn ich mit den Kindern unterwegs war. Es war kein Smartphone, sondern ein einfaches weißes Klapphandy mit Prepaid-Karte. Selbstredend würde ich das Guthaben von meinem eigenen Geld wieder aufladen müssen, wenn die 2000 Yen, die sich gegenwärtig darauf befanden, aufgebraucht waren. Trotzdem war ich froh um das Leihhandy – ich hätte mir früher oder später sowieso eins anschaffen müssen.

Um neun verließ ich das Haus. Im Internet hatte ich herausgefunden, dass ich von der nächstgelegenen Station Gaiemmae nach Nishi-magome etwa eine halbe Stunde reine Fahrtzeit benötigen würde. Der Preis der Fahrt betrug 370 Yen. Laut Lucy konnte ich Geld sparen, indem ich anstatt von Gaiemmae von Aoyama-itchome, der zweitnächstgelegenen Station, aus fuhr. Dort hielt nämlich außer der gelben Ginza-Linie auch die rosafarbene Oedo-Linie, die zum selben Unternehmen gehörte wie die blassrosafarbene Asakusa-Linie, mit der ich den zweiten Teil der Fahrt bis zur Endstation Nishi-magome zurücklegen musste. Oder so ähnlich.

„Echt simpel: Komplette Fahrt bei einem U-Bahn-Anbieter gleich günstiger, Nutzung mehrerer U-Bahn-Linien verschiedener Anbieter gleich teurer.“ So hatte sich Lucy ausgedrückt.

Da ich heute wenig Lust verspürte, mich auf der Suche nach der zweitnächstgelegenen Haltestelle zu verlaufen, ging ich zu der, die ich bereits kannte.

Nach dem Telefonat mit Saki hatten Lucy und ich mir gestern an einem Ticketautomaten eine Suica-Karte gekauft. Nun war ich stolze Besitzerin dieser grün-silbernen Karte mit dem Pinguin drauf, die ich gestern direkt mit 5000 Yen aufgeladen hatte.

Als ich die unterirdische Station Gaiemmae betrat, blieb ich in einigem Abstand vor den automatischen Schranken stehen. Benutzt hatte ich meine neue Suica noch nicht.

Ich verfolgte, wie die Menschenmassen der abklingenden Rush-Hour von den Treppen zu den Schranken eilten, sich dort ordentlich einreihten und einem Uhrwerk gleich die Schranken passierten. Um besser sehen zu können, verlagerte ich meinen Beobachtungsposten an die Seite vor das Glashäuschen, in dem zwei Bahnbeamte standen, die neugierigen Blicke auf mich gerichtet. Ich versuchte, sie zu ignorieren, und mich darauf zu konzentrieren, wie all die Japaner ihre Suica-Karten benutzten: Einreihen, Vortreten, Karte auf die blaue Fläche legen, Piepton abwarten, durch die Schranke gehen. Das sah doch ganz leicht aus!

Noch immer die Blicke der Bahnangestellten auf mir spürend, reihte ich mich mit klopfendem Herzen in die Schlange ein.

Piep. Piep. Piep.

Und plötzlich war ich an der Reihe. Den Blick auf den blau leuchtenden Sensor am Schalterrand fixiert, presste ich meine Karte darauf.

Piep.

Die Schranke öffnete sich. Stolz wollte ich hindurchgehen, da glitt mir die Suica aus der Hand. Kurz hielt sie sich noch tapfer auf dem Sensor, dann rutschte sie ab und fiel zu Boden. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Mann hinter mir nur haarscharf abbremsen und so verhindern konnte, dass er in mich reinlief. Ich bückte mich so schnell wie möglich nach der Karte, während sich die Wartenden hinter mir bereits auf andere Schranken verteilten. Als ich endlich auf der anderen Seite angekommen war, fing ich das Grinsen der beiden Bahnbeamten auf.

Die erste Bahn, die am Gleis vorfuhr, war bereits so brechend voll, dass ich mich entschloss, auf die nächste zu warten. Fünf Minuten später sah die zweite Bahn ebenso aus wie die erste. Also schob ich mich mit den anderen Wartenden hinein, ängstlich darauf achtend, dass die automatisch schließenden Türen mir keine Körperteile einquetschten. Ein Gutes hatte die Situation dann doch: Selbst ohne mich festzuhalten konnte ich weder stolpern noch fallen, denn dafür war ganz einfach nicht genug Platz.

Die wenigen Frauen, die mit gleichgültigen Mienen eingequetscht zwischen den Männern standen, trugen entweder dunkle oder beigefarbene Kostüme oder auch normale Kleidung. All diese Frauen hatten etwas Niedliches an sich, oder vielmehr an ihrer Kleidung und den Accessoires. Spitze am Rockende und an den Ärmeln der Strickjacke, eine über und über mit Rüschenborte verzierte Handtasche, blassrosa Riemchenpumps mit Schleifchen an der Ferse, ein pastellgrüner Haargummi mit aufgeklebten pinken Blüten ... Erschöpft von all den Eindrücken richtete ich meinen Blick nach oben, nur um einen kleinen Bildschirm zu erblicken, auf dem als Hühner verkleidete Menschen Werbung für Chicken Nuggets machten.

Ich musste die Linie an der Station Shimbashi wechseln. Um viertel vor neun kam ich in Nishi-magome an und folgte den Schildern in Richtung des Südausgangs, erst eine Treppe hinunter, dann drei nach oben. Als ich endlich wieder Tageslicht sah, taten mir die Oberschenkel weh.

Ich trat durch die Schranke und sah mich um, musterte jede Person eingehend. Niemand von ihnen schien auf mich gewartet zu haben. Aus Ermangelung einer anderen Beschäftigung betrachtete ich die Umgebung. Direkt vor mir verlief eine breite Querstraße, auf beiden Seiten dreispurig, die, so weit das Auge reichte, schnurgerade in beide Richtungen führte. Auf meiner Straßenseite befand sich rechterhand ein Supermarkt namens Bunkado, auf der anderen Straßenseite konnte ich einen Convinience Store ausmachen. Ob die Zeit ausreichte, mir dort einen Kaffee zu kaufen? Ohne Koffein konnte ich eine Wohnungsbesichtigung keinesfalls durchstehen. In diesem Moment nahm ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr.

„Vani!?“

Ich fuhr herum.

„Hast du gut hergefunden?“ Sakis hohe Stimme überschlug sich vor Begeisterung. Dicht vor mir blieb sie stehen.

„Ja, ich hab gut hergefunden, danke“, bemühte ich mich, eine Art höfliche Distanz zwischen uns herzustellen, doch ich ahnte bereits, dass man damit bei dieser Frau keine Chance hatte.

Sakis Oberkörper wippte rhythmisch vor und zurück, so als wäre es ihr unmöglich, auch nur für ein paar Sekunden still zu stehen. Ihre schwarzen Zöpfe, die rechts und links an ihrem Hinterkopf mit rosa Gummis fixiert waren, bewegten sich mit. Wie alt dieses Mädchen wohl war und ob sie überhaupt schon ohne ihre Eltern leben durfte?

Freche, schwarz umrahmte Augen funkelten mich aus einem runden Gesicht an, in dem ich nach westlichen Einflüssen vergeblich suchte. Ihr offener Anorak gab den Blick frei auf eine schwarze Strickjacke mit dem Gesicht einer pinken Katze vorne drauf.

„Ach, ich freu mich so!“

Ich erstarrte, als sie unversehens die Arme ausbreitete und mich drückte, wozu sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste.

„Ich mag dich jetzt schon! Verrückt, nicht?“ Nachdem sie mich losgelassen hatte und ein paar Schritte rückwärts gestakst war, fiel mir erst auf, dass sie auf etwa zehn Zentimeter hohen, ebenfalls schwarz-pinken Plateauschuhen stand. Und trotzdem ging sie mir nur bis zum Kinn.

„Hier geht’s lang!“

Ich folgte ihr, den Blick auf der mit Katzenohren versehenen Kapuze ihrer Strickjacke, in die Straße zwischen Supermarkt und der Station. Von hier an gab es keine Bürgersteige, nur eine weiße Linie, die darauf hinwies, wo man fürchten musste, umgefahren zu werden, und wo nicht.

„Zehn Minuten sind’s ungefähr. Das nervt!“ Wir bogen abermals rechts ab und Saki wies mit dem Zeigefinger geradeaus.

Ich sah sofort, was sie meinte. Die Straße glich einer einzigen Hügellandschaft: Hoch, runter, hoch, runter. Ich konnte mir ein Seufzen nicht verkneifen.

„Sieht hier leider überall so aus. Ein Fahrrad würd ich dir also nicht empfehlen. Außer, du willst deine Beinmuskeln trainieren oder abnehmen. Oh ... das sollte ich mal anfangen!“

Ich warf ihr einen Blick zu. Zwar konnte ich aufgrund des Anoraks nicht viel von ihrer Figur erkennen, aber die Beine, die in einer braunen Strumpfhose steckten, waren um einiges dünner als meine. Was meine Aufmerksamkeit zurück auf meine eigenen schmerzenden Knie und Oberschenkel lenkte. „Die Treppen an der Station waren für mich mehr als genug Training“, erwiderte ich.

„Gleis 2 erwischt?“ Saki kicherte. „Du hattest zumindest eine Fifty-fifty-Chance und damit echt Glück! Erst vor einem Monat haben sie das nervige Treppe-Runter, Treppe-Hoch vom Gleis 1 abgeschafft. Einfach einen Boden durchgezogen, das war mal ’n Geistesblitz! Wer weiß, gib ihnen ein halbes Jahr und sie kommen vielleicht darauf, dass es auf der anderen Seite dasselbe Problem gibt.“ Sie kicherte. Dann hielt sie plötzlich inne und schlug mir so fest auf die Schulter, dass ich vor Schreck einen Schritt nach vorn taumelte. „Hey! Seit wann bist du eigentlich in Tokyo? Und was treibst du hier so?“

„Ich bin Sonntag angekommen und -“

„Vorgestern! Wahnsinn! Also wohnst du gerade im Hotel oder wie oder was?“

Ich erklärte ihr meine Situation, so schnell es meine Sprachfähigkeit hergab, aus Angst, wieder unterbrochen zu werden.

„Wahnsinn!“, rief sie abermals und kicherte wieder.

„Und wie kommt es, dass du einen Mitbewohner suchst? Ist der vorherige ausgezogen?“

„Nein ...“ Das aufgekratzte Etwas wurde auf einen Schlag still. „Oh mann, wenn du’s wirklich wissen willst ... Ist aber voll peinlich! Also ...“ Sie seufzte, dann schien sie sich einen Ruck zu geben. „Also, mein Vater hat mir das Appartement gemietet, so jetzt ist’s raus! Dabei habe ich nur zu ihm gesagt, dass ich auf der Suche nach einem neuen Zimmer bin, vorzugsweise in Nishi-magome und ein paar Tage später hatte er schon den Mietvertrag unterschrieben! Und das nennt er ein inniges Vater-Tochter-Verhältnis! Ha! Krank ist das! Eine Dreizimmerwohnung! Mir hätte ein Zimmer doch dicke gereicht!“ Um Zustimmung heischend schaute sie mich an.

Ich nickte müde. „Er hat es sicher nur gut gemeint.“

„Das ist es ja! Das ist auch der einzige Grund, warum ich den Vertrag nicht gleich wieder gekündigt habe – das und natürlich die Sache, dass man mit Abschluss des Mietvertrages auch gleich Provision und Key Money zahlen muss. Aber wie soll ich so eine Wohnung allein bezahlen und dabei noch Geld für Klamotten und für einen Korrekturleser für meinen Blog übrig haben?“

„Ach, deswegen dein großzügiges Angebot.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln und hoffte, das Gesprächsthema von Sakis Familienstreitigkeiten weglenken zu können. „Verglichen mit anderen Mietpreisen in Tokyo -“

„Ja, ich weiß“, wurde ich abermals unterbrochen. „Aber ich suche ja auch eine sehr spezielle Mitbewohnerin. Jemanden, der Deutsch und Englisch spricht oder jemanden, der Japanisch und Englisch spricht. Deutsche gibt es in Tokyo nun wirklich nicht wie Sand am Meer und Japaner, die sehr gut Englisch sprechen, vermutlich noch weniger.“ Sie lachte schallend auf. „Hab bis jetzt nur ein paar Anfragen von Engländern oder Amis bekommen, die mir weismachen wollten, für mein Vorhaben gut genug Deutsch zu können. Ha, denkste! Als ob ich das nicht schon durch’s Telefon hören würde!“ Sie warf mir ein verschwörerisches Lächeln zu. „Dann hoffe ich mal für uns beide, dass das hier kein Reinfall wird.“

Ob sie damit unser Kennenlernen meinte oder ihr Appartement, oder doch etwas völlig anderes, war unklar.

„Also“, fuhr Saki munter fort, „ich weiß bis jetzt, wie du heißt, dass du als Babysitter arbeitest und dass die Mutter der Kinder eine Tyrannin ist.“

Und ich wusste, dass das Mädchen neben mir immer noch gegen ihren Vater rebellierte, ihr Leben in einem Blog festhielt und gerne redete.

„Kannst du mir noch ein bisschen mehr über dich erzählen?“

Diese Frage hätte wohl ich stellen sollen. Ich zuckte mit den Achseln. „Was willst du denn hören?“

„Warum bist du nach Tokyo gekommen? Ich meine, okay, du hast einen Job angeboten bekommen. Aber, nichts für ungut, wegen eines Babysitter-Jobs fliegt ja jetzt nicht jeder um die halbe Welt. Und deine Arbeit als Übersetzerin hast du dann einfach gekündigt, oder wie?“

Falsches Thema, ganz falsches Thema. Obwohl ich es nicht wollte, dachte ich automatisch an meinen Chef Andres, der mehr wie ein Freund gewesen war, und das kleine Übersetzerbüro, in dem ich so lange gearbeitet hatte. Oder eher, in dem mein altes Ich gearbeitet hatte. Bis plötzlich nichts mehr gewesen war wie früher. Nicht mein Job, nicht mein Privatleben und vor allem nicht ich. Aber wie sollte ich das einer völlig Fremden erklären, wenn ich selbst es nicht einmal richtig verstand? „Ich brauchte Abwechslung“, sagte ich deshalb. „Irgendwie musste ich einfach mal etwas Neues ausprobieren.“ Hatte Maggie es nicht sogar fast so ähnlich formuliert? „Kannst du mir auch noch etwas über dich erzählen?“

„Klar, aber vielleicht besser später. Jetzt sind wir nämlich gleich da.“ Wir bogen vor einem kleinen öffentlichen Parkplatz nach links ab. Dann standen wir vor einem unscheinbaren Haus, dessen Treppenhaus und Flur, wie ich bei näherem Hinsehen erkannte, nicht im Inneren des Hauses lagen.

Auf dem Weg vor dem Gebäude lag eine Ansammlung Müllsäcke, mit einem schwarzen Netz abgedeckt. Mein Eindruck von der Gegend änderte sich schlagartig.

„Stellen hier alle ihren Müll einfach vor dem Haus ab?“, musste ich fragen.

Saki sah mich verwirrt an, dann folgte sie meinem Blick. „Oh, das!“ Sie lachte. „Hast du das da, wo du jetzt wohnst, noch nicht gesehen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„In Tokyo kommt an drei Tagen pro Woche die Müllabfuhr.“ Sie blickte sich nach rechts und links um, bevor sie mit gesenkter Stimme weitersprach. „Wir sind nachdrücklich angehalten, den Müll zu trennen, nach recycelbar, brennbar und nicht brennbar. Aber ich mach’ das nicht.“ Sie sagte das in einem Tonfall, in dem jemand anderes ‚Ich habe meinen Mann aus dem zehnten Stock gestoßen’ sagen würde.

„Wozu das Netz?“

„Ach, das legt der Hausmeister immer drüber. Wegen der Krähen, weißt du.“

Ich beschloss, ihr zu glauben. Was hatte ich auch für eine andere Wahl?

Wir gingen die zwei Stufen hinunter ins Treppenhaus. Hier befanden sich rechts die Briefkästen und links drei Türen.

„Die armen Schweine, die hier im ersten Stock wohnen“, flüsterte Saki mir zu.

„Erdgeschoss, meinst du wohl.“ Deutsche Sprache, deutsche Stockwerkzählweise, so viel Liebe musste sein.

„Erstmal latschen alle anderen Bewohner des Hauses jeden Morgen und Abend an ihren Türen vorbei und dann ist der Müllraum nur ein paar Meter entfernt.“ Sie deutete auf eine Tür neben den Briefkästen. „Im Sommer stinkt es hier unten, das kannst du dir nicht vorstellen. Ach ja, und wenn es stark regnet, fließt das ganze Wasser die Stufen runter. Ich wette, wenn die Erdgeschössler die Haustür aufmachen, läuft denen die ganze Brühe in den Flur.“

Fast musste ich bei der Vorstellung grinsen. „Das bedeutet aber auch, dass wir durchs Wasser laufen müssen“, stellte ich fest.

Saki nickte. „Aber nur die paar Meter vom Eingang -“ Sie zeigte auf die Stufen, die wir gerade von der Straße aus heruntergekommen waren, „- bis zur Treppe.“ Nun deutete sie in die andere Richtung, wo hinter den Briefkästen weitere Stufen nach oben führten. „Keine Angst. Bisher bin ich auf dieser Strecke jedenfalls noch nicht ertrunken.“ Sie öffnete den Briefkasten mit der Nummer 202 und nahm zwei Reklamezettel heraus, die sie kurzerhand in den darunter stehenden Papierkorb warf. „Na, dann gehen wir’s mal an, oder?“

Ich folgte ihr die Treppe hoch, die auf halber Strecke eine 180-Grad-Wende machte, so dass man die Hintergärten zweier anderer Häuser überblicken konnte.

„In dem da wohnen mindestens ein Dutzend Katzen“, sagte Saki und deutete auf das linke Haus. „Oft sitzen die Viecher hier auf dem Treppengeländer und ungefähr jede zweite Nacht paaren sie sich und quietschen dabei, dass man denkt, sie würden überfahren werden.“

„Du magst wohl keine Katzen? Trotz ...“ Ich zeigte auf ihre Strickjacke.

Saki sah ehrlich verwirrt aus. „Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Na ja, mir sind Hunde jedenfalls lieber.“

Im ersten Stock angekommen, schloss sie die zweite Tür von rechts auf und bedeutete mir, vor ihr einzutreten. „Rechts sind die Lichtschalter. Leg’ gleich alle um, dann haben wir Licht in der ganzen Wohnung. Und bitte Schuhe vor der Erhöhung ausziehen!“

Ich fand die Schalter und im nächsten Moment flutete Licht durch den schmalen Flur, der durch eine Stufe geteilt war. Vor ihr bedeckten steinerne Platten den Boden und erweckten den Eindruck, dass das Treppenhaus nicht an der Eingangstür, sondern erst an dieser Stufe endete.

„Stell deine Schuhe einfach irgendwo da hin, Hauptsache vor die Stufe. Meine stelle ich übrigens immer in den Schuhschrank.“ Sie deutete auf die weißen Türen eines mannshohen, in die Wand eingelassenen Schranks. Ich trat nur mit Socken an den Füßen in den höhergelegenen Teil des Flurs, der mit schmalen Holzdielen ausgelegt war.

„Da rechts ist die Toilette“, hörte ich Sakis Stimme hinter mir. „Geradeaus geht’s zum Wohnzimmer.“

Ich öffnete neugierig die Toilettentür und fand dasselbe Phänomen vor wie bei Ayumi zu Hause. Die Toilette war wirklich nur das: Eine Toilette. Und in den winzigen Raum hätte auch nicht mehr reingepasst. Trotzdem war über den Toilettenspülkasten ein winzig kleines Waschbecken gequetscht worden. Auf dem Boden direkt hinter der Tür standen zwei blaue Plastikhausschuhe.

Saki bemerkte wohl meinen Blick. „Ich weiß, die Toilettenschuhe sind nicht besonders schön. Wenn ich mal hübsche sehe, kaufe ich neue, versprochen.“

„Also ... wie, Toilettenschuhe?“

Sie blickte mich ebenso perplex an, wie ich mich fühlte. „Na, die Schuhe, die man anzieht, wenn man das Bad betritt?“

Ich schüttelte den Kopf, zum Zeichen, dass ich so etwas zum ersten Mal hörte.

„Aber, im Haus von deinen Arbeitgebern ...“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass es da keine Toilettenschuhe gibt.“

„Pff“, machte Saki. „Halten sich wohl für was Besseres, es so zu machen wie im Westen. Aber das ist doch unhygienisch! Das ist doch ... bäh! Oder?“

„Äh ... ja, klar.“ Schnell schloss ich die Toilettentür, um das Thema zu beenden, und ging weiter zum Wohnzimmer.

„Sieht nett aus.“ Das tat es tatsächlich. Ich fand mitnichten die Art katastrophaler Zustände vor, die ich bei dem Mietpreis erwartet hatte. Alles wirkte gepflegt, wenn auch ziemlich spartanisch. Das Wohnzimmer war nicht besonders groß, und schon gar nicht dafür, dass die Küche im selben Raum untergebracht war. In der Mitte des Zimmers stand ein niedriger quadratischer Tisch. Zwischen zwei Tischplatten quoll eine Art Wolldecke hervor.

„Das ist ein Kotatsu“, sagte Saki stolz, und noch bevor ich überhaupt nachfragen konnte. „Das ist super im Winter, wenn man da auf dem Boden am Tisch sitzt. Unter der Tischplatte ist eine kleine Heizung angebracht – unter der Decke wird es also ganz warm.“

An der linken Wand stand ein kleiner Fernseher, daneben eine Kommode und dahinter sah ich eine Tür. Rechts befand sich die Küchennische mit einem Kühlschrank, einem Herd und einer Arbeitsplatte, die mit Reiskocher, Kaffeemaschine und Mikrowelle vollgestellt war. Darüber waren zwei Hängeschränke angebracht.

„Die Tür da links führt zum Bad.“

Hier gab es ein normales Waschbecken und im hinteren Teil eine Dusch-Badewannen-Kombination.

„Und das da wäre dann dein Zimmer“, sagte Saki und zeigte auf die Wand, die dem Flur gegenüber lag. Dort befanden sich zwei hölzerne Schiebetüren. „Es ist nicht groß ... wobei ... ach, schau halt einfach selbst!“

Ich schritt quer durchs Zimmer und zog die Tür vorsichtig nach rechts auf. Der Raum dahinter war komplett leer und wirkte durch die schlichte weiße Tapete und die beiden gardinenlosen Fenster unfreundlich und kahl. Positiv fiel mir die Größe des Zimmers auf. Ein simples Bett, ein Schreibtisch und zwei Kommoden sollten ohne Probleme hineinpassen. Außerdem befand sich an der rechten Wand eine niedrige Nische, die dadurch entstand, dass ab Kopfhöhe bis zur Decke ein fest installierter Schrank eingelassen war.

„Der ist super, nicht? Das ist voll viel Stauraum, zum Beispiel für deinen Koffer oder so!“

Ich nickte. Doch mir entging auch nicht, dass von den braunen Schranktüren an manchen Stellen die Lackierung abbröckelte. Auch die Schiebetür zu meinem Zimmer schien nicht mehr die neueste zu sein. Und im Flur war mir aufgefallen, dass der Holzboden einige herausgebrochene Stellen aufwies. „Das Haus ist nicht das neueste, oder?“

Saki zuckte zusammen, als hätte ich sie angeschrien. „Nein ... also ...“ Sie seufzte. „Mein Vater hat einfach keinen Blick für so was. Du hast vollkommen recht. Man sieht doch sofort, dass alles hier drin schon total abgenutzt ist! Der Boden, die Wandschränke ...“ Sie ließ den Kopf hängen.

„So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Ich ging zurück ins Wohnzimmer.

Saki folgte mir. „Doch, ist es! Du musst wirklich nichts beschönigen. Wahrscheinlich sind 30000 Yen noch zu viel für diese Bruchbude!“

„Jetzt beruhig’ dich mal wieder“, sagte ich energischer als beabsichtigt. „Die Wohnung ist schön. Die paar kleinen Makel sind doch nicht der Rede wert.“

„Das Haus ist alt“, wiederholte Saki stur. „Bestimmt schon über fünfzig Jahre oder so.“

Ich lachte unwillkürlich auf. „Fünfzig Jahre? Das ist doch gar nichts. In Deutschland wollen viele Menschen in Altbauten wohnen, die finden das schön und mieten absichtlich Appartements in Häusern, die mindestens sechzig Jahre alt sind!“

Ich sah zufrieden, wie sich auf Sakis Gesicht wenigstens ein kleines Lächeln zeigte. „Die sind ja verrückt.“

„Altes kann eben auch seinen Charme haben.“

„Alt ja, aber nicht abgewohnt.“

„Jetzt reicht’s aber“, sagte ich streng. „Wenn ich sage, dass ich die Wohnung schön finde, dann meine ich es auch so.“

„Heißt das, du ziehst bei mir ein?“ Saki blickte mich an wie ein Hund, der darauf wartete, dass ihn jemand mit nach Hause nahm.

Ich zögerte. Ja, ich fand die Wohnung schön und der Mietpreis war sowieso unschlagbar. Sorgen bereitete mir etwas anderes. Eine WG? Ich war nun nicht gerade die Art Mensch, die sich am liebsten rund um die Uhr mit anderen umgab. Was ich wirklich brauchte, war meine Ruhe. Aber ich befürchtete, dass Saki die Art Mitbewohnerin war, die genau das etwas anders sah.

„Hast du schon mal in einer WG gewohnt?“, wollte ich von Saki wissen.

„Ich?“, fragte sie entsetzt, als hätte ich sie etwas Anstößiges gefragt. „Nein. Aber du bestimmt, oder? Mein Vater hat erzählt, dass in Deutschland viele junge Leute so was machen.“

„Ja, kann sein, aber ich habe es trotzdem nie ausprobiert. Wie stellst du dir so ein Zusammenleben denn vor?“

„Wie jetzt? Na, du hast dein Zimmer, ich meins, das Wohnzimmer, die Küche und die Toilette und das Bad teilen wir. Gibt's sonst noch was?“

Ich befürchtete, dass es da noch einiges gab. Unzählige Dinge, die man konkretisieren sollte; Regeln, die aufgestellt werden mussten. Aber Tatsache war, dass ich dafür keine Kraft hatte. Ebenso wenig, wie weiter für Ayumis Familie eingespannt zu werden. „Ich nehme das Zimmer.“

Kapitel 4

Saki hatte den Vertrag schon vorbereitet, so dass wir gleich unterschreiben konnten. Während sie glücklich im Zimmer umher hopste und mir sogar anbot, sofort einzuziehen, konnte ich nur daran denken, dass ich dazu mein ganzes Gepäck hierher schleppen musste.

„Miete zahlst du trotzdem erst ab Dezember, das heißt fünf Tage für lau, Vani, das ist mein Freundschaftsangebot für dich!“

Obwohl ich zustimmte, schon am nächsten Tag einzuziehen, fragte ich mich, als ich in der Bahn zurück zu Ayumis Haus saß, ob ich hier nicht vom Regen in die Traufe geriet. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass Saki eine ebenso vereinnahmende Mitbewohnerin wie Ayumi war.

Da ich noch etwas Zeit hatte, bevor ich die Kinder abholen musste, loggte ich mich, kaum bei Ayumi angekommen, bei Skype ein. Ich hatte fünf neue Nachrichten von Alex, alle nach japanischer Zeit in den frühen Morgenstunden verfasst:

4:16. Echt??? Ich dachte, Maggie macht sich einen Scherz mit mir, als sie das erzählt hat!

4:55. Vani? Gehts dir gut?

5:02. Ähm ... ich muss dir was beichten. Können wir mal skypen?

6:40. Vani, ich mach mir Sorgen, antworte endlich!

7:23. Ok, Rettung naht! Ich komme nach Tokyo!

Fassungslos starrte ich auf die letzte Nachricht. Meinte sie das ernst? Schnell schrieb ich zurück:

Keine Sorge, mir geht es gut! Ich hoffe, du hast noch keinen Flug gebucht!

Das hoffte ich inständig. Leider war eine solche Spontanaktion Alex durchaus zuzutrauen. Nicht, dass ich die Sorge meiner Freundin nicht zu schätzen gewusst hätte. Aber es war genau diese komplett unreflektierte, nicht-vorausschauende Art von Sorge, die mich erst zu Maggie und somit nach Tokyo gebracht hatte. Außerdem war ich noch immer sauer und nicht geneigt, Alex in allzu naher Zukunft zu vergeben. Das würde allerdings schwer werden, wenn sie tatsächlich wegen mir um den halben Globus flog.

Ich überprüfte auch meinen E-Mail-Eingang. Vor meiner Abreise aus Deutschland hatte ich meiner Schwester eine Nachricht geschrieben, in der ich meine Reisepläne so knapp und neutral wie möglich darlegte. Doch anscheinend hatte Michelle die E-Mail noch nicht gelesen, denn alles, was ich in meinem Postfach vorfand, waren Spam-Mails.

Als ich mich überpünktlich auf den Weg zu Chies und Hayatos Schule machte, dachte ich darüber nach, wie ich mein WG-Leben mit Saki so reibungslos wie möglich gestalten könnte. Brauchten wir so etwas wie einen Putzplan? Oder eine Nicht-Stören-Regel, wenn man seine Ruhe haben wollte? Wie war das mit Besuch? Was, wenn Saki eine war, die ständig ihre lärmenden Freunde zu sich nach Hause einlud?

Als ich das Spinnen-Monument erreicht hatte, schwenkten meine Sorgen von Saki zu den Zwillingen um. Heute war der erste Tag, an dem ich mit den beiden komplett auf mich allein gestellt war. Was, wenn sie die ganze Schule zusammenschrien, sobald sie aus dem Aufzug kamen und sahen, dass nur ich da wartete, ohne Lucy? Was, wenn sie mir entwischten und vor ein Auto liefen, bevor ich sie im Kinderwagen fixieren konnte?

Ich erstarrte, mein Körper taub vor Schreck. Der Kinderwagen! Hatte er vor der Tür gestanden oder hatte Ayumi ihn am Morgen mit zur Schule genommen? Ich rief mir den Moment, in dem ich das Haus verlassen hatte, ins Gedächtnis. Bemühte mich mit aller Kraft, eine Erinnerung abzurufen, die nicht existierte. Ich hatte nicht darauf geachtet.

Matt ließ ich mich auf die nächste Bank fallen, die Kälte, die sofort durch meinen Mantel und meine Jeans kroch, ignorierend. Wut auf Ayumi wechselte sich mit Wut auf mich selbst ab. Lucy hatte mich doch ausdrücklich gewarnt. War ich nun auch noch zu blöd, mir simple Anweisungen zu merken?

Reiß dich zusammen, Vanessa! Das letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte war, auch noch zu spät zu kommen.

Schnaufend von meinem Spurt quer durch Roppongi Hills erreichte ich die Schule um viertel vor zwei. Mit rasendem Puls schweifte mein Blick über die drei zusammengeklappten Kinderwagen, die vor dem Eingang an der Hauswand lehnten. Unser orange-schwarzes Zwillingsmodell war nicht dabei.

Ich zerrte das weiße Klapphandy, das ich von Ayumi erhalten hatte, aus meiner Handtasche und wählte ihre eingespeicherte Handynummer. Zu meiner Überraschung nahm sie sofort ab.

„Ich bin's, Vanessa.“

„Ja?“, fragte sie kurz angebunden, was mich daran erinnerte, dass sie auf der Arbeit sein musste.

„Ich bin gerade an der Schule angekommen und der Kinderwagen ist nicht da.“

„Oh! Ja, verzeih, ich brachte die Kinder in der Früh mit dem Taxi zur Schule. Sahst du den Kinderwagen nicht vor der Tür stehen, als du das Haus verlassen hast?“

„Du hast mir nicht gesagt, dass ich darauf achten sollte!“

„Oh! Das muss mir entfallen sein. Hat Lucy nichts gesagt?“

Ich knirschte mit den Zähnen und murmelte etwas, das ebenso gut ein Ja wie ein Nein hätte sein können. „Und jetzt?“

„Oh... warum nimmst du nicht einfach ein Taxi in Anspruch? Ich bezahle dir die Gebühr später zurück.“

„Ich habe doch gar keine Kindersitze fürs Auto.“

Ayumis glockenhelles Lachen frustrierte mich nur noch mehr. „Darüber musst du dich nicht sorgen. Platziere sie einfach neben dir auf der Rückbank.“

„Wirklich?“

„Selbstredend, so gehe ich auch immer vor.“

„Aber normalerweise machen Chie und Hayato doch im Kinderwagen nach der Schule ihren Mittagsschlaf!“

„Oh ... nun ... warum gehst du dann nicht einfach später mit den beiden im Kinderwagen flanieren, nachdem ihr zu Hause angekommen seid?“

Ich war so wütend, dass ich nur mit Mühe ein durch die Zähne gepresstes „Okay“ herausbekam.

„Wundervoll! Auf später!“

Ich klappte das Handy zu und hastete ins Innere der Schule, wo in eben jenem Moment die Türen des Aufzugs aufgingen. Als Chie und Hayato kichernd herausstolperten, zwang ich mich zu einem breiten Lächeln und ging in die Hocke.

Hayato entdeckte mich zuerst. Lachend rannte er auf mich zu und hielt mir sein heutiges Kunstwerk entgegen: Ein weißes Blatt Papier, auf das er verschiedene Formen vom Kreis bis zur Raute aufgeklebt hatte.

„Wow, das sieht ja toll aus!“, lobte ich und strich ihm über den Kopf. Glucksend taumelte er ein paar Schritte rückwärts.

„Hey Chie, hast du auch ein Bild gemacht?“, rief ich Hayatos Schwester zu, die mit misstrauischem Blick in der Nähe des Aufzugs stehen geblieben war. „Na komm, du hast doch bestimmt ein Bild gebastelt, oder?“

Chie blinzelte nicht einmal.

„Gut!“, rief ich mit aufgesetzter Leichtigkeit. „Dann ziehen wir mal Schuhe an!“

Die Prozedur dauerte auch diesmal ewig. Am Ende war ich einfach nur dankbar, dass Chie sich zumindest bis jetzt noch nicht dazu entschlossen hatte, in Tränen auszubrechen.

Mit Chie an der rechten, Hayato an der linken Hand, trat ich aus der Schule. Diese lag in einer wenig befahrenen Einbahnstraße – auf ein Taxi konnte ich hier lange warten. Während ich mir mein weiteres Vorgehen im Kopf zurechtlegte, wurde Hayato plötzlich zappelig und auch Chie versuchte, ihre Hand meiner zu entwinden. Also lief ich einfach los. Aus Ermangelung anderer Einfälle zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war.

Für die Strecke an der Riesenspinne vorbei und runter an die Hauptstraße, die ich vorhin in kaum zehn Minuten geschafft hatte, brauchten wir eine halbe Stunde. Mit schmerzendem Rücken, die Hände noch immer krampfhaft um die der Kinder geklammert, suchte ich die Straße ab, die auf jeder Seite dreispurig verlief.

In diesem Moment fuhr mich um Haaresbreite ein Fahrradfahrer an. Hektisch zog ich mich mit den Kindern an eine Hauswand zurück, von wo aus ich wegen der vielen Leute zwar die Straße kaum noch sah, wir aber wenigstens vorerst in Sicherheit waren. Ich tat zwei tiefe Atemzüge und entspannte mich tatsächlich ein wenig. Bis hier her hatte ich es schon einmal geschafft. Das Gute an dieser vollen, lauten Hauptverkehrsstraße war, dass in beinahe regelmäßigen Abständen schwarze Taxen vorbeifuhren.

Mit einem unguten Gefühl im Bauch ließ ich Chie und Hayato los.

Die beiden blickten fragend zu mir hoch.

Ich ging vor ihnen in die Hocke. „Ich muss ein Taxi rufen“, erklärte ich und deutete zur Straße hin. „Ihr wartet hier, ja?“ Dabei deutete ich nachdrücklich mit einem Finger auf die Stelle, an der sie jetzt standen.

Ich richtete mich wieder auf und wollte mich gerade zur Straße wenden, als Chie die Hand ihres Bruders nahm und sich in Bewegung setzte. Alarmiert fuhr ich herum. Doch ihr Ziel waren zwei Stufen, die zu einem Hauseingang hinauf führten. Dort setzte sie sich hin und als Hayato es ihr nicht gleichtat, zog sie ihn einfach neben sich.

„Das ... das ist super! Toll gemacht!“, rief ich überwältigt. „Ich komme gleich wieder.“ Ich kämpfte mich zum Straßenrand vor.

Das fünfte Taxi hielt auf mein Winken hin neben mir am Straßenrand und die hintere Tür sprang automatisch einen Spalt auf. „Arigato“, sagte ich, was Danke bedeutete und eins der wenigen japanischen Wörter war, die ich kannte. „Please wait a moment!“ Hoffentlich hatte er mich verstanden und fuhr nicht einfach wieder weg, während ich die Zwillinge einsammelte! Nervöse Blicke zurück zum Taxi werfend hastete ich zu Chie und Hayato zurück. „Ihr seid ganz tolle Kinder!“ Und ich meinte es so. Wenn man Michelle und Noah mit drei Jahren angewiesen hätte, sich auf eine Treppenstufe zu setzen und zu warten, wären sie entweder in Tränen ausgebrochen oder abgehauen, kaum dass man ihnen den Rücken zugedreht hätte. „Gut, jetzt fahren wir Taxi. Aufstehen und mitkommen!“ Ich nahm die beiden wieder an den Händen und zog sie hoch. Ohne Lachen, ohne Zappelei liefen sie brav neben mir her zum Taxi, das zum Glück immer noch wartete. „Sumimasen“, konnte ich direkt auch meine zweite Vokabel, Entschuldigung, anwenden.

Der Fahrer, ein älterer Mann mit bereits ergrautem Haar, lächelte geduldig.

Ich hob Hayato ins Taxi und schob ihn bis zur hinteren Tür durch, dann warf ich meine Handtasche in den Fußraum, setzte mich selbst in die Mitte und zog Chie hinterher. Nachdem ich mit Mühe noch die Tür geschlossen hatte, reichte ich dem Fahrer den Zettel mit Ayumis Adresse, den ich zum Glück seit dem Tag meiner Ankunft nicht aus meiner Manteltasche entfernt hatte. Ich schnallte die Kinder an und wir fuhren los.

Erschöpft ließ ich meinen Kopf gegen die Nackenstütze sinken und schloss die Augen. Erst mehrere Minuten später fiel mir auf, wie auffällig ruhig die Zwillinge waren. Die beiden waren einschlafen.

Als der Taxifahrer nach einer Viertelstunde endlich in die schmale Straße vor Ayumis Haus einbog, zeigte der Zähler 2600 Yen an – etwa 20 Euro. Hastig kramte ich das Geld aus meinem Portemonnaie.

In den zehn Sekunden, die ich brauchte, um mein Portemonnaie wieder zu verstauen, sprang automatisch die Tür auf, an der Chie gelehnt hatte. Ich hörte einen dumpfen Laut, dann durchdringendes Heulen. Chie hatte sich den Kopf gestoßen. Schnell schnallte ich sie ab und nahm sie auf den Arm. Irgendwie wand ich mich mit dem zusätzlichen Gewicht auf mir aus dem Auto, wo ich das heulende Kind einfach auf dem Boden abstellte. Dann krabbelte ich wieder ins Taxi, um meine Tasche und den mittlerweile ebenfalls weinenden Hayato herauszupflücken.

Schweißnass stand ich auf der Straße und betrachtete die Zwillinge, die ihr Elend lautstark kundtaten..

Zumindest war jetzt auch der letzte Funken eines schlechten Gewissens gegenüber Ayumi wegen meines plötzlichen Auszugs verflogen.

 

Nachdem ich es irgendwie geschafft hatte, die Zwillinge in den Kinderwagen zu verfrachten und darin zum Einschlafen zu bringen, wollte ich Lucys Rat folgen und mir eine Pause bei dem McDonalds auf der Aoyama Dori gönnen. Ich dankte Lucy im Stillen tausendfach für ihre Empfehlung, als ich die rollstuhl- und kinderwagenfreundliche Rampe hochfuhr, sich die fast drei Meter breiten Türen automatisch öffneten und mir köstlicher Kaffeegeruch entgegenschlug. Schon fühlte ich mich gewillt, dem Chaos dieses Tages etwas Komisches abzugewinnen, als mir auffiel, dass alle Tische belegt waren.

Mittlerweile hatte es draußen zu regnen begonnen. Da ich auch nach akribischer Überprüfung aller Staumöglichkeiten am Kinderwagen keine Regenplane finden konnte, blieb mir nur, das Verdeck ganz herunterzuziehen und mich so mit den Kindern ins Unwetter zu stürzen. Innerhalb weniger Minuten waren Chies und Hayatos Hosenbeine durchnässt, mir selbst lief der Regen in den Kragen und den Nacken hinunter. Fast den Tränen nahe schlug ich Lucys Warnung in den Wind und betrat entschlossen das nächste Café – und blieb mit dem Kinderwagen in der Eingangstüre stecken. Schon eilte eine junge, zierliche Bedienung, gekleidet in einer blauen Schürze, auf mich zu. Lächelnd, doch mit besorgtem Blick unter ihrem langen Pony, blieb sie auf der anderen Seite des Kinderwagens stehen und redete mit mädchenhaft hoher Singsang-Stimme auf mich ein. Immer wieder beugte sie sich nach vorne, als wollte sie den Kinderwagen fassen und daran ziehen, doch zog ihre Hände jedes Mal unverrichteter Dinge wieder zurück.

Die Gäste des Cafés starrten mich an.

Sorry“, sagte ich, „please get out of the way.“ Dann zog, schob und rüttelte ich und stand im nächsten Moment mit den Kindern im Warmen. Die automatische Tür schloss sich geräuschvoll hinter uns.

One coffee, please“, orderte ich bei der jungen Frau, die schon auf dem Weg zurück hinter ihre Theke war. Viel peinlicher konnte die Situation nicht mehr werden, da konnte ich auch gleich hierbleiben. Abgesehen davon, dass ich eine ähnliche Szene in einem anderen Café nicht überstanden hätte.

Während meine Bestellung ausgeführt wurde, warf ich einen prüfenden Blick unter das Verdeck. Doch wie durch ein Wunder schliefen Chie und Hayato noch immer tief und fest.

Die Bedienung stellte mir eine Tasse hin und kassierte ab, während sie etwas herunterleierte. Zu keiner Zeit veränderte sich dabei der freundliche Ton ihrer Stimme, nicht einmal für einen Wimpernschlag flackerte ihr Lächeln. Aber etwas – war es der Ausdruck ihrer mit glitzerndem Lidschatten betonten Augen? – hinterließ bei mir den Eindruck, dass sie mir meine Reaktion auf ihre Hilfsversuche am Eingang übelnahm.

Erst jetzt, die eine Hand den Kaffee haltend, die zweite am Griff des Kinderwagens, kam ich dazu, mich nach einem Sitzplatz umzuschauen. Es gab noch drei freie Tische. Jedoch standen diese so eng an anderen besetzten Tischen, dass ich keine Chance hatte, den Kinderwagen so daneben abzustellen, dass der Durchgang frei blieb.

In meinem Kopf schwirrte es, mir war kalt und gleichzeitig glühte mein Gesicht – wahrscheinlich hatte ich mir auch noch eine Erkältung eingefangen. Mein einziger Trost bestand darin, dass Hayato und Chie nach wie vor keinen Mucks von sich gaben. Gerade spielte ich mit dem Gedanken, mich einfach mitten auf den Boden zu setzen, als ich eine Stimme etwas rufen hörte, das entfernt wie „Sorry! Sorry!“ klang.

Ich hob den Blick und sah eine sicherlich hundertjährige Frau, die alleine an einem Tisch saß, der daneben war frei. Energisch winkte sie mich zu sich heran.

Noch bevor ich begriff, was geschah, hatte die Oma sich ihre drei bis zum Bersten gefüllten Tragetaschen über die Schulter geworfen, die Tasse mit der einen, den Krückstock mit der anderen Hand geschnappt und war mit gebeugtem Rücken an einen anderen freien Tisch gehumpelt.

Kaum dass sie saß, lächelte die alte Dame mir zu und bedeutete mir mit einem Wink, mich an ihren alten Tisch zu setzen. Dann schlürfte sie seelenruhig aus ihrer Tasse, so als wäre nichts gewesen.

Ich nickte ihr dankbar zu, obwohl sie mich schon gar nicht mehr beachtete, positionierte den Kinderwagen so zwischen den beiden freien Tischen, dass er niemandem im Weg stand und ließ mich endlich auf einen Stuhl fallen. Noch bevor ich auch nur einen Schluck von meinem Kaffee nahm, klappte ich mein Handy auf und wählte Sakis Nummer. Als die Mailbox dranging, sagte ich: „Hallo, hier ist Vanessa. Wahrscheinlich arbeitest du gerade? Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich gerne so schnell wie möglich umziehen würde. Wenn du mich nachher anrufen könntest, damit wir das abstimmen können, wäre das super. Bis dann!“

Hätte ich doch nur das gelbe Büchlein dabei! Aber warum eigentlich so kleinlich? Ich schnappte mir kurzerhand eine Serviette und schrieb: Vier – weil ich ab jetzt mein Leben wieder in die Hand nehme.

 

Saki rief mich um halb sieben zurück – im selben Moment, als Ayumi das Wohnzimmer betrat. Entgegen meiner Einschätzung vom Morgen, dass sie heute versuchte mir zu zeigen, dass sie auch anders konnte, hatte sie es nicht geschafft, pünktlich zu sein.

„Guten Abend Vanessa, entschuldige bitte!“, rief sie, während die Zwillinge auf sie zustürmten.

„Bitte warte kurz, ich werde angerufen“, winkte ich ab und hielt mir das Handy ans Ohr.

„Hi, hab grad’ deine Nachricht abgehört!“, ertönte Sakis gut gelaunte Stimme, doch mit einer unüberhörbaren Spur Müdigkeit. „Wann willst du kommen?“

„Wann immer es dir passt.“

„So schlimm?“ Saki kicherte.

„Hmm“, machte ich nur, weil ich Ayumis neugierigen Blick auf mir spürte.

„Wegen mir kannst du jetzt gern rüberkommen. Ich bin gleich daheim, dein Zimmer ist eh leer ...“

„Ehrlich?“ Ein bisschen wunderte ich mich über mich selbst, doch die Wahrheit war, dass ich nichts lieber wollte, als genau jetzt mit meinem schweren Gepäck in der überfüllten Rush-Hour-Bahn den langen Weg nach Nishi-magome anzutreten. Da fiel mir siedend heiß ein, dass ich ein winziges Detail nicht bedacht hatte. „Ich habe ja gar keine Möbel!“

„Ich hab noch einen Futon, den packen wir erst mal bei dir rein. Um den Rest kümmern wir uns dann halt die Tage. Wenn’s dich nicht stört, kannst also jederzeit kommen, bin meistens lange wach. Aber warte nicht zu lange, die letzte Bahn fährt, mein ich, um zwölf oder so. Ach, ich hab auch noch irgendwo einen Wein stehen, dann können wir deinen Einzug gleich richtig feiern!“

„Ja ... hört sich gut an.“ Einzuwenden, dass ich einen anstrengenden Tag gehabt hatte und mich eigentlich nur ausruhen wollte, kam mir angesichts Sakis Freundlichkeit mehr als unhöflich vor.

„Dann bis später!“, rief Saki in den Hörer.

„Ja, bis dann.“ Als ich aufgelegt hatte, spürte ich noch immer Ayumis Blick auf mir, also drehte ich mich zu ihr um. Ich hatte den Eindruck, dass ihr der Kommentar auf der Zunge lag, dass das Handy nur für meine Arbeit als Babysitterin gedacht war, doch anscheinend überlegte sie es sich anders: „Nun ... du hast schon Freunde gefunden?“

„Nicht direkt. Das war meine neue Mitbewohnerin. Ich war heute Morgen dort und habe mir das Zimmer angeschaut. Ich kann noch heute Abend einziehen.“

„Oh... tatsächlich?“

Ich nickte. „Ja, ich hatte wirklich Glück.“

„Ich muss schon sagen ...“ Sie ließ den Satz offen, so dass nicht ergründbar war, ob er eine positive oder negative Bedeutung haben sollte. „Gleichwohl solltest du gut auf dich achtgeben. Tokyo mag dir im Vergleich zu Deutschland sicher vorkommen, aber auch hier gibt es Ganoven.“

„Sicher, danke.“ Ich gab mir einen Ruck und fügte hinzu: „Und danke, dass ich hier wohnen durfte.“

Ayumi lächelte. „Möchtest du noch mit uns dinieren?“

„Ich würde lieber gleich packen, damit es nicht zu spät wird.“

Sie nickte. „Sag Bescheid wenn du gehst.“ Dann ging sie in die Küche.

 

Als ich um acht in Shimbashi in die Asakusa-Linie umgestiegen war und sogar einen Sitzplatz ergattert hatte, schloss ich die Augen und stieß einen Seufzer aus. Es war erst Dienstag, zwei Tage, nachdem ich in Tokyo angekommen war. Im Geiste ließ ich all das, was seitdem geschehen war, Revue passieren. Nur zwei Tage – aber es hatte sich so viel geändert. Zwar war das Aufstehen morgens noch immer die Hölle und ich hatte das Gefühl, dass ich schnell erschöpft war und mich die Arbeit mit den Zwillingen mehr mitnahm, als sie sollte. Positive Gedanken machten sich unverändert rar in meinem Kopf, meist konzentrierten sie sich nur auf die nächste Hürde, die vor mir lag. Doch ich hatte auch das Gefühl, dass mit der Bewältigung jeder noch so kleinen Aufgabe meine Zuversicht, auch die nächste meistern zu können, wuchs. Zwar war ich von meinem alten Ich noch immer meilenweit entfernt, doch es war das erste Mal seit Monaten, dass ich das Gefühl hatte, mich zumindest darauf zuzubewegen. Ich traute mich kaum, den Gedanken zu Ende zu führen – aber konnte es sein, dass Maggie am Ende doch recht gehabt hatte?

Als ich in Nishi-magome aus der Bahn stieg, wartete Saki bereits auf mich. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, mich abzuholen. „Ich konnte dich doch nicht das ganze Gepäck alleine schleppen lassen“, erklärte sie grinsend. „Außerdem war ich mir nicht sicher, ob du den Weg findest.“

„Ich bin den Weg heute morgen mit dir gegangen und er ist nicht wirklich kompliziert“, wandte ich ein.

„Ach komm, hier sieht doch alles gleich aus! Als ich hierher gezogen bin, hab ich mich ständig verlaufen!“

Ich lächelte nur.

Auf dem Weg zu Sakis Wohnung, die ab jetzt unsere war, erzählte sie von ihrem Arbeitstag. Regte sich über unverschämte Kunden und den Stress auf, den sie als Mitarbeiterin eines großen Cafés mitten in Tokyo hatte.

In diesem Moment war ich dankbar, dass Saki ein Mensch war, der so frei drauflos plappern konnte und mich so von dem Stress entband, selbst etwas zum Gespräch beisteuern zu müssen. So konnte ich meine Gedanken schweifen lassen und meine Umgebung, die jetzt am Abend völlig verändert wirkte, in mich aufnehmen. Der Weg von der Station zu Sakis Wohnung, der am Morgen vollkommen ausgestorben vor uns gelegen hatte, war nun voller Leute in Geschäftskleidung, die mit mir aus der Bahn gestiegen und jetzt wohl auf dem Weg nach Hause waren.

Okaeri“, sagte Saki, als ich die Wohnung betrat und erklärte lachend: „Das sagen wir zu Familienmitgliedern, wenn sie heimkommen.“

„Oh ... na dann ... danke.“

„Nicht danke, sondern tadaima.“

Tadaima?“, versuchte ich, die fremdklingenden Silben nachzuahmen.

„Genau! Das bedeutet so was wie: Ich bin zu Hause! Schöne Tradition, oder?“

„Hmm.“ Ich streifte meine Schuhe ab und zog dann meinen Koffer die Stufen hoch.

„Oh warte, lass mich vorher die Rollen abwischen!“

Ich hielt inne, mit einer Hand den Koffer stützend, der halb über der Treppenkante hing. „Die Rollen abwischen?“

Da war Saki schon an mir vorbeigeflitzt und ging im nächsten Moment mit einem feuchten Tuch bewaffnet neben mir in die Hocke. „Wenn wir den Koffer mit seinen dreckigen Rollen durch die Wohnung schleifen, könnten wir auch gleich die Schuhe anlassen, oder?“

„Oh ... tut mir leid. Gib’ mir das Tuch, ich mach das.“

„Ach was, konntest du ja nicht wissen! Ist schon okay, zieh dich um, mach’s dir gemütlich! Du siehst so was von kaputt aus, Vani!“

Unentschlossen beobachtete ich, wie Saki Rolle für Rolle vom Straßenschmutz befreite. „Ich bin wirklich ziemlich erschöpft.“

„Dann leg dich doch einfach hin. Schlaf! Ich hab den Futon schon in dein Zimmer gebracht.“

„Gut ... dann ...“ Ich schulterte meine Reisetasche. „Aber was ist mit der Willkommensfeier. Du wolltest doch Wein trinken und -“

„Ach!“, winkte Saki ab und richtete sich auf. Das vormals weiße Feuchttuch in ihrer Hand war nun schmutzig grau. „Der Wein läuft doch nicht weg! Oh mann, ich hab ganz vergessen, dass du ja erst Sonntag hier gelandet bist. Hast doch bestimmt noch Jetlag! Also los, rein ins kuschelige Bett und schlaf!“

Eine Woge der Rührung erfasste mich. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann sich das letzte Mal jemand so um mich gekümmert hatte. „Danke. Das ist wirklich lieb von dir. Wirklich.“

Saki strahlte über das ganze Gesicht. „Ach, komm! Ich hab zwar noch nie in einer WG gewohnt, aber ist doch logisch, dass man sich umeinander kümmern muss!“

 

Eine Stunde später, nachdem ich die wichtigsten Dinge aus meinem Gepäck ausgepackt und auf dem Boden meines neuen Zimmers angeordnet hatte, lag ich mit meinem Laptop vor mir bäuchlings auf dem Futon, der nichts anderes als eine ziemlich dünne Schaumstoffmatratze war.

Auch wenn ich am liebsten sofort die Augen geschlossen und in die sorgenfreie Welt des Schlafes abgedriftet wäre, musste ich vorher unbedingt noch sicherstellen, dass meine Freundin Alex nicht tatsächlich die Dummheit besessen hatte, sich in einen Flieger nach Tokyo zu setzen. Leider hatte ich keine neuen Nachrichten. Allerdings war es in Deutschland auch erst zwei Uhr mittags, vielleicht war Alex einfach gestern zu lange aus gewesen und schlief noch?

Ich klappte den Laptop zu und rollte mich auf den Rücken. Probeweise schloss ich die Augen, doch die Müdigkeit, die mir vor wenigen Minuten noch so schwer in jedem Körperteil gelegen hatte, war verflogen.

Aus dem Wohnzimmer hörte ich Saki mit einem Glas hantierten. Es schepperte kurz, meine Mitbewohnerin stieß einen leisen Fluch aus. Kurzentschlossen stand ich auf und verließ mein Zimmer. Saki stand in der Küche und war gerade dabei, Orangensaft in ein Glas zu füllen. Sie lächelte mir zu, sagte aber nichts.

„Weißt du, irgendwie hab ich jetzt doch Lust auf Wein ...“

Saki strahlte über das ganze Gesicht.

Wenige Minuten später saßen wir zusammen auf dem Boden, die Füße unter der Wolldecke des wärmenden Kotatsu, zwei Weingläser vor uns auf dem Tisch.

„Vorhin hast du erzählt, dass dein Vater dir diese Wohnung gemietet hat, weil er wusste, dass du in Nishi-magome wohnen willst“, begann ich mit dem ersten Thema, das mir einfiel, bevor Saki mir irgendeine Frage stellen konnte, die ich nicht beantworten wollte. „Warum wolltest du gerade in diese Gegend? Gibt es hier irgendwas Besonderes? Ich habe noch nicht viel von Tokyo gesehen, aber im Vergleich zu Roppongi oder Aoyama – da wohnen meine Babysitting-Kinder – wirkt Nishi-magome etwas -“

„Ländlich, langweilig, eingestaubt?“, bot Saki an. Sie lachte. „Eigentlich wohnen hier vor allem Leute, die an der Asakusa-Linie arbeiten. Kein Umsteigen, kein Stehen und Drängeln. Anders kann ich mir nicht erklären, warum überhaupt jemand hier wohnt.“

„Also ist das Café, in dem du arbeitest, entlang der Asakusa-Linie?“

Wieder lachte Saki und ich bekam das Gefühl, dass es da etwas gab, mit dem sie nicht herausrücken wollte. „Ich arbeite in einem Café in Shibuya. Eigentlich ist das eine echt bescheidene Verbindung, weil ziemlich teuer.“

Da meine unbeantwortete Frage noch immer in der Luft hing, wartete ich einfach ab.

Saki kicherte nervös. „Okay, ich rück’ mit der Wahrheit raus! Aber es hört sich voll blöd an, als wär ich vierzehn oder so!“ Sie nahm ihr Glas mit dem Weißwein und trank einen großen Schluck.

Ich nutzte die Gelegenheit und fragte: „Wie alt bist du eigentlich?“

„Fünfundzwanzig, wieso?“

„Ach ... nur so. Und jetzt will ich deine wahren Motive hören.“ Ich merkte bereits, wie der Wein seine wohltuende Wirkung entfaltete. „Tja ... also ... ich habe dir ja gerade erzählt, dass Nishi-magome für Pendler gut gelegen ist. Wegen so einem Pendler wohne ich hier! Total doof, oder?“

„Wie?“ Im ersten Moment verstand ich nicht, was sie meinte. Dann ging mir ein Licht auf: „Du hast einen Freund hier!“ Wo kam auf einmal mein Enthusiasmus her? Entweder vertrug ich gar keinen Alkohol mehr oder Sakis Persönlichkeit färbte bereits auf mich ab. Ich räusperte mich und sagte in normaler Tonlage: „Du bist also wegen eines Mannes hierher gezogen?“

Saki kicherte so heftig, dass sie rot anlief. „Ich hab doch gesagt, dass ich wie eine Vierzehnjährige klinge! Und dabei ist es nicht mal so, wie es sich anhört!“

„Wie ist es dann?“ Staunend registrierte ich, dass ich ehrliches Interesse an dem Thema fand.

„Warte, ich zeig’s dir.“ Sie stand auf und verschwand in ihrem Zimmer, um wenig später mit einem dünnen Heft in der Hand zurückzukommen.

„Was ist das?“

„Ein Fotoalbum vom Nachmittagsprogramm, das sie an meiner Schule angeboten haben. Hier ...“ Sie zeigte auf ein Bild, auf dem etwa zehn Kinder zu sehen waren. „... das bin ich.“

Ich schaute genauer hin und musterte das kleine Mädchen mit den seitlich gebundenen Pferdeschwänzen. Sie stand ganz rechts außen und strahlte über das ganze Gesicht.

„Damals war ich sieben. Und das neben mir ist mein bester Freund. Er war damals zehn.“

Der Junge, auf den Saki zeigte, war über einen Kopf größer als das kleine Mädchen, das Saki einmal gewesen war. Im Gegensatz zu ihr war sein Gesichtsausdruck ernst, lediglich sein Mund zeigte ein winziges Lächeln.

„Und?“, fragte ich.

„Na, er ist der Grund, aus dem ich nach Nishi-magome ziehen wollte!“

„Dein bester Freund aus Schulzeiten?“

„Genau! Er wohnt kaum fünf Minuten von hier.“

„Warum bist du dann nicht einfach mit ihm zusammen gezogen?“

„Was?“ Saki starrte mich entsetzt an. „Meinst du das ernst?“

„Ehrlich gesagt, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob er nun dein Freund oder dein bester Freund ist. Aber in beiden Fällen wäre doch ein Zusammenwohnen von Vorteil, wenn du schon so unbedingt in seine Nähe wolltest, dass du eine schlechte Bahnverbindung zu deiner Arbeit in Kauf nimmst.“

Saki blinzelte ein paar Mal, scheinbar machte auch ihr der Alkohol bereits zu schaffen. „Er ist wirklich nur mein bester Freund, er hatte sogar mal eine längere Beziehung mit meiner Schwester. Und ich kann doch nicht einfach mit einem Mann zusammenziehen, wenn wir nur Freunde sind. Die Leute denken ja sonst was.“ Plötzlich fing sie an zu kichern und schien sich gar nicht wieder einkriegen zu können. „Wenn ich ihm das vorgeschlagen hätte ...“, japste sie. „Oh, ich hätte es versuchen sollen, nur um seinen Gesichtsausdruck zu sehen. Warum ist mir die Idee nicht selbst gekommen?“

Ich wartete, bis Saki sich beruhigt hatte und trank derweil noch etwas Wein. „Ist es nicht komisch, mit dem Ex-Freund der eigenen Schwester so gut befreundet zu sein?“, fragte ich schließlich.

„Nö, wieso? Er war zuerst mein bester Freund und wurde dann der Freund meiner Schwester. Ich war zuerst da. Oder findest du echt, ich hätte ihm die Freundschaft kündigen sollen, nur weil er und meine Schwester es nicht auf die Reihe gekriegt haben?“

„Hmm ... nein, wahrscheinlich nicht.“

„Eben. Und wenn ich mich zwischen meinem besten Freund und meiner Schwester hätte entscheiden müssen, hätte ich meinen besten Freund gewählt!“

„Bist du sicher?“, fragte ich, überrascht und auch etwas irritiert. Niemals wäre es mir selbst in den Sinn gekommen, einen Freund oder eine Freundin über Michelle und Noah zu stellen. „Familie ist doch etwas anderes als Freundschaft.“

Da veränderte sich Sakis Gesichtsausdruck. Ich befürchtete schon, dass wir bereits am ersten Abend in einen Streit geraten waren, doch da entspannte sich ihre Mimik wieder und sie lächelte sogar. „Weißt du, Vanessa, ich denke, das kommt auf so viele Dinge an. Der Freund, über den wir hier reden, ist mehr mein Bruder als meine Schwester meine Schwester ist. Klar hab ich sie auch lieb ...“ Sie zögerte und ich wollte ihr gerade sagen, dass wir ruhig das Thema wechseln könnten, als sie fortfuhr: „Aber sie war eben nicht da. Als ich noch klein war, ist meine Mutter mit ihr nach Osaka gezogen und ich bin bei meinem Vater geblieben.“ Gedankenverloren nahm Saki ihr Weinglas in die Hand, doch führte es nicht zum Mund.

„Meine Eltern sind auch geschieden“, rutschte es mir heraus. „Aber ... meine Geschwister und ich sind wenigstens zusammen geblieben.“

Saki nickte und stellte ihr Glas wieder zurück auf den Tisch. „Mittlerweile hab ich zwar Kontakt zu meiner Schwester, aber wir sehen uns nicht oft. Mit dem Shinkansen schafft man Tokyo-Osaka in zweieinhalb Stunden, aber die Tickets sind echt teuer.“

„Und hast du auch Kontakt zu deiner Mutter?“

Saki verzog das Gesicht, als hätte man sie an den langen Zöpfen gezogen. „Nein.“

Ich wartete und als keine weitere Erklärung folgte, fragte ich: „Warum nicht?“

„Mann, kannst du dir gar nicht vorstellen, dass das vielleicht ein Thema ist, über das ich nicht reden will?“

„Entschuldige.“

„Schon gut. Zum Glück bin ich kein dünnhäutiger Mensch, wie du sicher schon gemerkt hast.“

Ich erwiderte nichts, weil ich darauf wartete, dass sie fortfuhr.

„Ich möchte trotzdem nicht drüber reden!“

„Gut, dann reden wir über etwas anderes.“

Als ich später wieder auf dem Futon lag und spürte, wie der Schlaf kam, war abermals ein Stückchen Last von mir abgefallen.

Kapitel 5

- Sakis Blog -

26. November

 

Hallo ihr Lieben,

 

im Moment geht es echt Schlag auf Schlag! Das Thema scheint bei euch einzuschlagen, wie weiß ich nicht was! Das freut mich ungemein und bitte, sendet mir weiter eure Beiträge, ich werde sie so schnell wie möglich hochladen. Und nun viel Spaß mit der dritten Geschichte zum Thema „Liebe“!

Im Gegensatz zu Sakis Geschichte ist meine alltäglich, und im Gegensatz zu der von Tanaka, K. geht es in meiner nicht einmal wirklich um interkulturelle Liebe, weshalb ich mir nicht sicher bin, ob sie überhaupt hierher gehört. Saki meint doch, deshalb tue ich ihr den Gefallen und erzähle hier von meiner ersten großen Liebe.

Ich begegnete ihr, als ich 24 war. Im Jahr zuvor hatte ich angefangen zu arbeiten und noch immer hatte ich mich nicht an die langen Arbeitszeiten und die Verantwortung gewöhnt. Diese Frau, meine spätere Freundin, schien wie ein Sonnenstrahl durch die Wolken meines harten, eintönigen Arbeitslebens. Als sie mir beichtete, dass sie für mich ebenso fühlte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Dass uns nur die Wahl einer Fernbeziehung blieb, weil sie über zwei Stunden von Tokyo entfernt wohnte, störte mich nicht. Auch nicht die Tatsache, dass wir diesen Umstand in nächster Zukunft nicht würden ändern können, da meine Freundin in der Nähe ihrer Mutter wohnen bleiben wollte, um für sie da zu sein, und ich ja meiner Arbeit in Tokyo nachging.

Unsere Beziehung hielt ein Jahr lang. Während mich die Aussicht, abends mit ihr zu skypen und sie einmal im Monat am Wochenende zu besuchen, durch den Arbeitsalltag trug, sah ich, wie meine Freundin litt. Sie sagte nichts, beschwerte sich nie darüber, dass wir uns so selten sahen, zeigte vor mir nie offen ihre Traurigkeit. Ich wusste es trotzdem und während dieses einen Jahres spielte ich mehr als einmal mit dem Gedanken, meine Arbeit einfach zu kündigen und zu ihr zu ziehen. Aber das wäre ihr gegenüber nicht fair gewesen. Sie mit dem Wissen zu belasten, dass ich für sie meine Arbeit aufgegeben hatte – diese Last konnte ich ihr nicht aufbürden. Und was hätte sie auch von mir denken sollen? Ein Mann, der seine Firma nach weniger als 3 Jahren so einfach im Stich lässt, ist schließlich alles andere als zuverlässig.

Also unternahm ich nichts und hoffte einfach, dass meine Freundin sich irgendwann an die Fernbeziehung gewöhnen würde.

Als sie zwei Wochen nach unserem Einjährigen unsere Beziehung beendete, war ich nicht überrascht. Am Boden zerstört, aber nicht überrascht. Und ich hatte ihre Entscheidung zu respektieren.

So, das war meine Geschichte. Nicht besonders aufregend und ungewöhnlich, oder? Beschwert euch bei Saki!

Yokoyama, T.

 

Ich war mir nicht sicher, was mich geweckt hatte. Doch als ich mich auf meinem Futon auf die andere Seite drehte, wusste ich mit einem Mal, dass Weiterschlafen nicht in Frage kam. Mein Körper fühlte sich an wie gerädert, aber meine Gedanken kreisten wie nach drei doppelten Espressi.

Es war erst kurz vor halb acht. Fassungslos setzte ich mich auf. Mein Rücken schmerzte und erinnerte mich daran, mir möglichst bald ein normales Bett zuzulegen. Meine Nase und meine Hände waren eiskalt. Während ich mir zitternd eine Jogginghose und einen Pullover überzog, tastete ich den Rahmen des großen Schiebefensters ab. Da zog es doch durch! Anders waren die gefühlten Minusgrade in meinem Zimmer nicht zu erklären. Mit der kleinen Fernbedienung stellte ich die Klimaanlage, die an der Wand unter der Decke angebracht war und gleichzeitig als Heizung fungierte, auf die höchste Stufe. Vielleicht wäre mein Zimmer dadurch wenigstens etwas wärmer, wenn ich aus dem Bad zurückkam.

„Guten Morgen“, grüßte ich, als ich meine Schiebetür öffnete. Jedes weitere Wort blieb mir im Hals stecken. Ich verharrte erschrocken in meiner Bewegung und starrte die Person an, die im Wohnzimmer auf dem Boden saß und Kaffee trank. Es war nicht Saki.

„Guten Morgen“, sagte der junge japanische Mann in sehr langsamem und akzentreichem Deutsch.

„Äh ....“

Die Augenbrauen über den mandelförmigen Augen hoben sich belustigt, seine Lippen kräuselten sich zu einem schiefen Lächeln.

„Wer sind Sie?“ Ich zog meine Zimmertür hinter mir zu und verschränkte die Arme vor meinem Körper. Der Fremde musste schließlich nicht merken, dass ich keinen BH trug. Innerhalb weniger Sekunden schossen mir eine Reihe möglicher Erklärungen für diese ungewöhnliche Begegnung durch den Kopf. Aber am naheliegendsten schien mir, dass Saki gestern Abend noch Herrenbesuch empfangen hatte. Ich musterte den Mann genauer. Er trug einen dunkelblauen Anzug, darunter ein weißes Hemd und eine rotgestreifte Krawatte. Vielleicht doch kein One-Night-Stand? Jemand von der Stromfirma? Hatte Saki ihre Rechnungen nicht bezahlt?

Der Mann sagte etwas auf Japanisch.

„Ich verstehe kein Japanisch.“ Sicherheitshalber wiederholte ich die Aussage auf Englisch.

„Und ich spreche leider nicht so gut Deutsch, wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist“, antwortete er, ebenfalls auf Englisch.

„Wer sind Sie?“ Um seinem allzu direkten Blick auszuweichen, fixierte ich stattdessen die hohen Wangenknochen. In diesem Moment nahm ich eine Bewegung links von dem Fremden wahr. Alarmiert richtete ich meine Augen auf einen schwarzen Punkt, der sich über den Küchenfußboden bewegte.

Der Japaner folgte meinem Blick. „Eine Spinne“, stellte er fest und sah wieder zurück zu mir. „Oh ... haben Sie Angst vor Spinnen?“

Erst jetzt realisierte ich, wie stocksteif ich dastand. „Also bitte“, antwortete ich, ohne meinen Blick von dem krabbelnden Tier zu nehmen.

„Sicher?“ Die zweifelnde Stimme riss mich aus meiner Starre. „Sie sehen auf einmal blass aus.“

Ohne ihn einer Antwort zu würdigen nahm ich mir ein Taschentuch aus dem Spender, wobei mein Blick auf ein benutztes Glas fiel, das noch vom gestrigen Abend auf dem Tisch stand. Kurzentschlossen griff ich danach. Von wegen Angst vor Spinnen! Entschlossen schritt ich auf das Tierchen zu. Ich ging vorsichtig in die Hocke, da sprang die Spinne plötzlich auf mich zu. Mir entwich ein erstickter Aufschrei und ich fiel hintenüber. Das Glas rollte mir aus der Hand, quer durch den Raum und kam vor den Füßen des fremden Mannes zum Liegen.

In diesem Moment sprang die Spinne wieder, direkt in meine Richtung. Panisch rappelte ich mich auf und wich bis an meine Zimmertür zurück. „Was ist das?“, fragte ich mit zitternder Stimme.

„Eine Spinne“, gab der Japaner mit einem Gesichtsausdruck zurück, der verriet, dass er an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifelte. Er hob das Glas vom Boden auf. „Sie hätten einfach sagen können, dass Sie eine Phobie haben“, murmelte er und verdrehte die Augen.

„Wieso kann die denn springen?“, fragte ich, während ich mich immer noch gegen meine Zimmertür presste.

„Keine Ahnung.“

„Ist das normal hier?“ Meine Stimme war so hoch, dass sie kippte. „Können hier alle Spinnen springen?“

Er richtete sich auf und sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Genau. Wir benutzen hier nämlich speziellen Dünger für die Pflanzen, der macht die Fliegen radioaktiv und die Spinnen, die die Fliegen fressen, können dann springen.“ Kopfschüttelnd wandte er sich um, ging in die Hocke und ließ das Glas auf den Fußboden niedersausen.

„Hab sie!“

Erschöpft ließ ich mich auf den Fußboden sinken. „Danke.“

„Nicht der Rede wert. Ich habe ja keine Spinnenphobie.“ Er zwinkerte mir zu und griff sich den Flyer eines Lieferdienstes, der am Kühlschrank hing. Er schob das Prospekt vorsichtig unter das Glas und hob dann das Spinnengefängnis triumphierend in die Höhe.

„Ja ... toll“, lobte ich, während ich den Blick nicht vom Glas abwenden konnte. Was, wenn sich das Ding irgendwie wieder daraus befreite?

In diesem Moment drehte der Mann sich um und machte Anstalten, das Küchenfenster zu öffnen.

„Können Sie sie nicht lieber vor die Tür setzen? Oder noch besser, draußen auf die Straße. Wenn es nicht zu große Umstände macht?“

Der Japaner erwiderte nichts, aber machte sich gehorsam auf den Weg. Nach wenigen Minuten war er zurück, stellte das Glas kommentarlos in die Spüle und setzte sich an den Tisch.

Mein Herzschlag hatte sich mittlerweile so weit beruhigt, dass ich wieder unser Ausgangsproblem angehen konnte: „Wer sind Sie?“

„Saki hat Ihnen wirklich noch nichts von mir erzählt?“ Der Ausdruck in den braunen Augen erinnerte an einen getretenen Hund. „Ich weiß jedenfalls, wer Sie sind. Saki hat mich gestern Abend angerufen – übrigens ziemlich spät und ohne Rücksicht darauf, dass ich heute früh raus und arbeiten muss – und jedes noch so kleinste Detail über Sie vor mir ausgebreitet.“

Gerade begann sich in mir ein Verdacht bezüglich der Identität des Mannes zu regen, als ich die Haustür zufallen hörte. Ich drehte mich um und im selben Moment öffnete Saki die Wohnzimmertür, eine weiße Plastiktüte über dem Handgelenk.

„Oh, du bist schon wach?“, sagte sie zu mir und stellte die weiße Tüte vor dem Mann auf dem Tisch ab.

Der sagte etwas auf Japanisch und der Tonfall klang nicht gerade nett.

„Im Conbini war die Hölle los, tut mir leid!“, antwortete Saki auf Deutsch. „Was hätte ich denn tun sollen, etwa sagen: Entschuldigen Sie, ich habe einen hungrigen Mann zu Hause sitzen, darf ich mal vor?“ Saki lachte und zwinkerte mir zu.

„Ich dachte, Sie können kein Deutsch?“, hakte ich misstrauisch nach.

„Ich sagte, ich kann es nicht gut sprechen, mit dem Verstehen habe ich weniger Probleme. Man kann es sich vorstellen wie bei Saki mit ihrem Englisch.“ Er lachte und handelte sich einen Knuff von meiner Mitbewohnerin ein.

„Das ist also dein Kindheitsfreund, von dem du gestern gesprochen hast?“, sprach ich meinen Verdacht aus.

„Sie hat doch von mir erzählt!“, rief der Japaner.

Saki starrte erst mich, dann den Mann an. „Hast du dich ihr nicht vorgestellt? Du Rüpel!“

Der Fremde gab etwas auf Japanisch zurück. Als er geendet hatte, grinste Saki mich an. „Du hast Angst vor Spinnen?“

Doch ihr Kindheitsfreund ließ mir keine Zeit zu antworten, da er in diesem Moment aufstand und mir die Hand entgegen streckte.

Ich nahm sie verdutzt.

„Takuya, zum eigenen Leidwesen langjähriger Freund dieser Verrückten hier, hocherfreut dich kennenzulernen.“

„Ähm ... Vanessa. And ... gleichfalls“, stotterte ich halb auf Englisch, halb auf Deutsch.

Takuya grinste, entzog mir seine Hand und griff nach der Plastiktüte. Nach kurzem Wühlen förderte er ein in Plastikfolie eingeschweißtes Schokocroissant zutage. „Ich muss jetzt los. Vielleicht schafft es Saki das nächste Mal pünktlich, dann können wir zusammen frühstücken.“

„Oder du bringst auf dem Weg hierher einfach Frühstück mit!“ Takuya ignorierte Saki und lächelte mir stattdessen zu. „Bis bald.“

„Bis bald“, sagte ich und beobachtete, wie er durch die Wohnzimmertür im Flur verschwand.

„Wow!“, seufzte Saki. „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass wir das zu dritt sprachlich nicht auf die Reihe kriegen, aber das läuft ja wie geschmiert!“

Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand hinter mir. Von dem Sprachenwirrwarr war mir ganz schwindelig.

„Eigentlich ist das voll super! Takuya spricht Englisch, ich Deutsch und du kannst es dir aussuchen. Und nebenbei trainiert Takuya sein deutsches Hörverstehen und ich mein englisches. Perfekt! Oh mann, so spät schon! Alles nur wegen der Schlange im Conbini – so nennen wir hier übrigens die Convenience Stores. Also, ich muss dann auch los!“ Sie polterte den Weg zurück zum Flur, von wo aus sie mir zurief: „Wegen deinem Bett fährt Takuya uns übrigens am Wochenende zum IKEA in Yokohama. Er hat ein Dienstauto. Cool, nicht?“

Ich nickte überrumpelt, doch da war die Haustür auch schon zugefallen.

Während ich mir einen Kaffee machte, sah ich schon vor mir, wie wir drei am Wochenende gemeinsam durch das blaugelbe Möbelhaus stolperten. Eine befremdliche Vorstellung. Und überhaupt, ich konnte einen wildfremden Mann doch nicht einfach so für meine Zwecke einspannen. Andererseits brauchte ich ein Bett, und nicht ich hatte ihn eingespannt, sondern Saki. Trotzdem, dieser Takuya war ebenfalls ganz schön anstrengend, wenn auch auf eine völlig andere Art als meine Mitbewohnerin.

Nachdem ich meinen ersten Kaffee getrunken und das von Saki für mich mitgebrachte Frühstück gegessen hatte – eine in Plastik eingeschweißte Waffel – war es neun Uhr. Diese ganze freie Zeit, die vor mir lag, bis ich die Kinder abholen musste, erschlug mich geradezu.

Was hatte ich früher in meiner Freizeit gemacht? Die Frage war einfach zu beantworten: Freizeit in dem Sinne hatte ich ganz einfach nicht viel gehabt. Wenn ich nicht gearbeitet hatte, war ich bei meinen Geschwistern gewesen. Klar hatte ich abends manchmal ferngesehen oder ein Buch gelesen, aber damit war mein Repertoire dann wirklich ausgeschöpft. Selbst während meiner Beziehungen hatte ich nicht eingesehen, weniger zu lernen oder zu arbeiten oder weniger Zeit mit Noah und Michelle zu verbringen. Meine ersten beiden Freunde hatten das nicht verstanden, der letzte schon. Mit dem, Manuel hieß er, war ich drei Jahre lang zusammen gewesen, bis ich mich vor anderthalb Jahren von ihm getrennt hatte, weil ... ja, warum? Ich konnte selbst nicht ganz nachvollziehen, was passiert war. Angefangen hatte es mit Kleinigkeiten. Dass er die Herdplatten nach dem Kochen nicht feucht abwischte, dass ich ständig Kleidungsstücke von ihm unter dem Bett fand. Dann war mir seine Unfähigkeit zu Planen aufgefallen. Alles musste spontan sein, von den Wochenendunternehmungen bis hin zu Urlauben. Und ständig redete er vom Heiraten und Kinderkriegen, dabei verhielt er sich doch selbst die meiste Zeit wie ein Kind. Ich sah es schon vor mir, wir beide mit einem Baby, für das ich Mahlzeiten, Arzttermine und einen Krippenplatz organisierte, nebenbei den Haushalt führte, die notwendigen Einkäufe erledigte und arbeitete, während Manuel ... nun ja, spontan war. In den letzten Monaten vor der Trennung war ich fast pausenlos wütend auf ihn gewesen.

Nach Manuel hatte ich keine Beziehung mehr gehabt, was auch daran lag, dass ich mir nicht sicher war, ob ich überhaupt eine wollte. Und ich zweifelte nach meinen drei Versuchen ernsthaft daran, ob es einen Mann gab, der zu mir und meinem Leben passte. Wenn die, die sich darüber beschwerten, dass ich so beschäftigt war, früher oder später von selbst gingen und ich die wie Manuel, denen es nichts ausmachte, nicht wollte – wer blieb dann noch übrig?

Das fragte ich mich jetzt auch wieder, als ich auf den leeren Boden meiner Kaffeetasse starrte. Und fragte mich gleich darauf, was diese Beziehungsgrübelei überhaupt ausgelöst hatte. Ja, während der letzten Monate hatte ich mir manchmal Manuel als Stütze zurückgewünscht. Aber von ernsthaften Gedanken an eine neue Partnerschaft war ich meilenweit entfernt gewesen.

Ich schrieb meine seltsamen Gedankengänge meiner Langeweile zu und stand auf. Seit ich in Tokyo war, war ich meinem alten, motiviertem Ich unbestreitbar näher. Ich arbeitete wieder, was das Wichtigste war, aber sonst ... Beispielsweise hatte ich noch so gut wie gar nichts von Tokyo gesehen. Ich könnte mich im Internet über die interessantesten Sehenswürdigkeiten und die besten Einkaufsmöglichkeiten erkundigen. Oder, als Langzeitinvestment, anfangen, ein bisschen Japanisch zu lernen.

Ich stand mitten im Raum und begann, an meinen Fingernägeln zu knabbern. Das Problem war, dass ich mich zu nichts davon aufraffen konnte. Ich beschloss, erstmal zu duschen. Als ich wenig später unter der Brause stand und mir das heiße Wasser über den Nacken und Rücken plätscherte, fragte ich mich, ob das nun so weitergehen würde. Dass ich zwar langsam zurück zu meiner alten Leistungsfähigkeit fand, aber trotzdem nicht wirklich lebte.

 

Ich tat an diesem Vormittag nicht viel mehr, als meine E-Mails und Skype-Nachrichten zu überprüfen. Von Alex hatte ich noch immer keine Antwort erhalten, von meinen Geschwistern schon.

Gebannt sog ich jedes einzelne Wort auf. Obwohl die E-Mail-Adresse meiner Schwester im Absenderfeld stand, wusste ich sofort, dass Noah die Nachricht geschrieben hatte.

... fragen uns, warum du diese Entscheidung getroffen hast ...

... Hauptsache, es geht dir gut ...

... irgendwas mit Mama vorgefallen?

Bei mir schrillten alle Alarmglocken. Dachten die beiden tatsächlich, ich hätte wegen eines Streits mit unserer Mutter gleich das Land verlassen?

Wie wäre es, wenn wir bald mal skypen würden? Wir würden wirklich gerne persönlich mit dir sprechen.

Oh je. Wenn die beiden in ihrem Alltag aus Uni und Partys bereit waren, Zeit zum Skypen mit ihrer Schwester zu opfern, mussten sie sich wirklich Sorgen machen.

Ich klickte auf Antworten und begann, meine Gründe für meine Reise schriftlich darzulegen. Zuerst probierte ich es mit der Wahrheit, doch als ich merkte, wie mitleiderregend die klang, löschte ich alles wieder und begann von vorne. Diesmal schrieb ich etwas von neuen Erfahrungen und Abenteuern, doch auch das konnte ich so nicht stehen lassen. Erstens wollte ich meine Geschwister nicht anlügen und zweitens würden sie diese spezielle Flunkerei sofort durchschauen. Also fasste ich mich kurz, versicherte ihnen, dass es mir gut ging, und schlug vor, am Sonntag zu skypen.

Und dann war es zum Glück endlich Zeit, Chie und Hayato von der Schule abzuholen.

Als die Zwillinge mich erspähten, kamen sie beide sofort auf mich zugerannt. Auch von Chies Seite gab es heute keine verwirrten Blicke, kein Suchen nach Lucy – anscheinend hatte sie sich mittlerweile mit meiner Wenigkeit abgefunden. Das zufriedene Gefühl, das daraufhin in mir aufkam, währte nur sehr kurz. Denn auch, nachdem ich die zweite große Runde mit dem Kinderwagen durch Roppongi Hills gedreht hatte, wollte Chie nicht einschlafen. Hayato dagegen, der schon mit dem ersten Gummibärchen im Mund weggenickt war, würde wohl bald wieder aufwachen. Meine am Griff des Kinderwagens festgefrorenen Hände schmerzten, ebenso mein Rücken. Ich gab auf. Doch als ich im Mori Tower die Bänke aufsuchte, waren sie ausnahmslos besetzt. Ich wollte nichts mehr, als mich hinsetzen, also fuhr ich den Kinderwagen wieder nach draußen und ließ mich dort an einem der runden Tische nieder. Kaum saß ich, machte sich Chie durch Gezappel bemerkbar. Sie rollte und streckte sich so kraftvoll zu allen Seiten, dass ich befürchtete, sie würde jeden Moment Hayato aufwecken.

„Chie“, sagte ich und lächelte.

Sie hielt inne und blickte mich an.

„Möchtest du raus?“

Sie reagierte nicht.

„Möchtest du raus aus dem Kinderwagen. Hierher?“ Ich deutete auf den Stuhl neben mir.

Chies Blick huschte zum Stuhl, dann zurück zu mir.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960878469
ISBN (Buch)
9783960875376
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495968
Schlagworte
Aus-land Liebe-s-roman Japan kompliziert-e Liebe zeitgenössisch-er Liebe-s-roman Romanze Liebe-s-drama

Autor

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    Fiona Kawazoe (Autor)

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Titel: Kirschblütenliebe