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Auf ewig Dein

von Yngra Wieland (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Damians Leben gerät außer Kontrolle, als er Sophie trifft, denn die beiden sind auf schicksalhafte Weise verbunden.

Über booksnacks

Kennst du das auch? Die Straßenbahn kommt mal wieder nicht, du stehst gerade an oder sitzt im Wartezimmer und langweilst dich? Wie toll wäre es, da etwas Kurzweiliges lesen zu können. booksnacks liefert dir die Lösung: Knackige Kurzgeschichten für unterwegs und zuhause!

booksnacks – Jede Woche eine neue Story!

Impressum

Erstausgabe August 2019

Copyright © 2019 booksnacks.de, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-320-4

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von
© Elijah O’Donnell/shutterstock.com
Korrektorat: Daniela Pusch

Ihre Blicke trafen sich per Zufall. Seiner verhangen, müde, unendlich weit weg. Mariettas Augen blitzten in dem unerwarteten Moment der Begegnung zornig und voll ungezügeltem Hass auf. Für den Bruchteil einer Sekunde brach seine Schutzmauer zusammen, er holte scharf Luft. Beinahe hätte er sich geschnitten. Damian hielt inne und beobachtete, wie sie sich mit den kurzen präzisen Bewegungen einer sich putzenden Katze abschminkte, das Band, welches ihre langen, rotblonden Haare zurückhielt, herunterriss und mit zornigen Bürstenstrichen ihre Mähne bearbeitete. Sie starrte blicklos vor sich hin, den Mund zu einem festen Schlitz zusammengepresst, die Kiefer hart wie Beton. Der Kontakt war abgebrochen. Er erinnerte sich flüchtig daran, wie es früher gewesen war, wenn sie zusammen im Badezimmer waren, vor oder nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht. Er war hinter sie getreten, wenn sie vor dem Spiegel stand, hatte sie in seine Arme geschlossen, während sich ihre Blicke voll Verlangen ineinander festsaugten. Sie hatte ihren Kopf nach hinten sinken lassen, ihren warmen Körper an seinen gedrückt.

Marietta schleuderte die Bürste ins Regal und drehte sich um. In der halbgeöffneten Tür blieb sie stehen.

„Du hast es wieder getan“, zischte sie, ohne den Kopf zu wenden. Trotzdem wusste er, dass ihre Mundwinkel angewidert nach unten gezogen waren, „und du wirst niemals damit aufhören!“

Damian seufzte und ließ das Rasiermesser sinken. Seit Sophie in sein Leben getreten war, war nichts mehr wie früher. Er dachte daran, wie sie sich das erste Mal begegnet waren, an jenem verregneten Nachmittag Ende Oktober. Er hatte das Büro früher verlassen, um Blumen für Marietta zu besorgen. Es war ihr Geburtstag. Er ließ sich einen riesigen Blumenstrauß zusammenstellen, in Feuerfarben, die sie liebte. Als Damian den Laden verlassen wollte, stieß er mit einer jungen Frau zusammen. In dem Moment, als sie hastig einen Schritt zurücktrat, sich wortreich entschuldigte, hatte sich sein Leben verändert. Ihre Blicke verhedderten sich ineinander. „Schneewittchen!“, hatte er gedacht, „genauso musste Schneewittchen aussehen!“

Wie festgewachsen standen beide in der geöffneten Tür des Blumenladens und starrten sich an, bis die Verkäuferin sie aufforderte, die Tür zu schließen, ihre Blumen seien schließlich empfindlich. Spontan legte er Sophie den Blumenstrauß in den Arm und bat sie, ihn in das Kaffeehaus gegenüber zu begleiten. Sie zögerte einen winzigen Augenblick, lächelte. Lange Zeit saßen sie sich schweigend gegenüber, beide unsicher und verwirrt. Damian brach das Schweigen und stellte sich vor.

„Ist es möglich, dass wir uns kennen?“

Er fuhr sich verlegen mit den Fingern durch die Haare und lächelte.

„Ich weiß, es klingt abgegriffen, aber ich habe das Gefühl, als hätten wir uns schon einmal getroffen.“

Sophie betrachtete lange seine Hand mit dem goldenen Ehering, bevor sie antwortete.

„Mir geht es genauso. Haben Sie am Theater zu tun?“

Damian lächelte.

„Nein, ich bin Anwalt.“

Den Rest des Nachmittags würde er niemals vergessen. In schweigendem Einverständnis waren sie aufgestanden, sie hatte ihn an der Hand gefasst und mit in ihre kleine Wohnung in der Nähe genommen. Das Zusammenspiel ihrer Körper hatte sich vertraut und zusammengehörig angefühlt. Danach lagen sie dicht aneinander geschmiegt. Damian strich über ihre Hüfte, die sich in einem anmutigen Bogen wölbte, berührte sanft ihren Bauch und ihre Brüste. Als er ihr ins Gesicht schaute, sah er Tränen in ihren Wimpern hängen. Erschrocken richtete er sich auf.

„Habe ich dir wehgetan?“

Sie schüttelte heftig den Kopf.

„Nein. Es war schön. Es ist nur – ich habe das Gefühl, wir gehören zusammen.“
Sie deutete mit dem Kinn auf seinen Ring. Abrupt rollte er von ihr weg und sprang auf.

„Verflixt! Marietta. Meine Frau. Sie hat heute Geburtstag und wir bekommen Gäste.“

Hastig zog er sich an. Er setzte sich auf den Bettrand und berührte sanft Sophies Wange.

„Ich rufe dich an.“

 

***

 

Als Damian vor seinem Wagen stand, fiel ihm ein, dass er keine Blumen für Marietta hatte. Es war unangenehm, noch einmal in den Blumenladen zu gehen, doch ihm war klar, dass er es sich nicht leisten konnte, zu spät und ohne Geburtstagsstrauß zu Hause aufzutauchen. Als er die Tür aufschloss, hörte er Mariettas Lachen und das Klirren von Gläsern im Wohnzimmer. Im Vorbeigehen warf er einen Blick in den Spiegel an der Garderobe und versuchte, das Schuldbewusstsein aus seinem Gesicht zu wischen.
Der Rest des Abends war feuchtfröhlich verlaufen, Marietta hatte sich über die goldenen Ohrhänger mit den kostbaren schwarzen Perlen gefreut. Am nächsten Tag saß Damian verkatert im Büro und brachte nichts zuwege. Sein geradlinig geordnetes Leben war auf der Schwelle eines Blumengeschäfts aus den Fugen geraten. Noch nie hatte er Marietta betrogen, obwohl sich ihm auf seinen Geschäftsreisen viele Gelegenheiten boten. Er schämte sich, trotzdem musste er Sophie wiedersehen. Damian griff zum Telefon, wählte. Bevor das Freizeichen ertönte, legte er auf. Den kleinen Papierstreifen, auf den sie ihre Nummer geschrieben hatte, zerriss er und warf die Schnipsel in den Papierkorb.

 

 ***

 

Sophie hatte lange dagelegen und verträumt in die Dämmerung geschaut. Sie liebte die blaue Stunde, in der sich Wirklichkeit und Illusion auf geheimnisvolle Art und Weise vermischten. Sie hob die Hände vor ihr Gesicht und sog seinen Geruch ein. Endlich war er da! Ihr ganzes Leben schien sie auf ihn gewartet zu haben. Sie hatte einige Beziehungen gehabt, aber diese jedesmal nach kurzer Zeit abgebrochen. Die jungen Männer waren regelmäßig verletzt oder zornig gewesen, da sie ihnen nicht erklären konnte, warum sie nicht mehr mit ihnen zusammen sein wollte. Sophie verstand sich selbst nicht. Sie zog sich mehr und mehr in sich zurück und blieb allein. Nun hatte sie ihn gefunden, aber er war verheiratet. Ihre Gefühle wechselten jäh von Glücksschauern zu tiefster Traurigkeit. Sie konnte Damian nicht mehr hergeben, er war perfekt und sie gehörten zusammen, das fühlte sie deutlich.
Es wurde Zeit aufzustehen, sie musste zur Arbeit. Ihr Körper fühlte sich leicht an, sie hatte das Gefühl zu schweben. Die Blicke des Pförtners folgten ihr, ungewohnt fröhlich hatte sie gegrüßt.

 

 ***

 

Marietta beobachtete ihren Mann. Irgendetwas an ihm war anders. Er wirkte geistesabwesend, seine Fröhlichkeit war aufgesetzt. Ob er Sorgen in der Kanzlei hatte? Für seine Verhältnisse hatte er viel getrunken und war sofort eingeschlafen, als sie endlich im Bett lagen. Am nächsten Morgen war er nicht mehr da, als sie aufwachte. Sie setzte sich auf und spielte gedankenverloren mit den Ohrringen.

 

 ***

 

Die nächsten Tage verliefen für Damian wie im Traum. Er war von einer inneren Unruhe getrieben, wie er sie nie gekannt hatte. Er, der stets verständnisvoll und geduldig war, raunzte seine Sekretärin an, die daraufhin beleidigt jede überflüssige Kommunikation einstellte, ihn störte es nicht. Er lief in seinem Büro auf und ab wie ein Tier im Käfig. Sophies dunkelblaue Augen sahen ihn aus jeder Frau an, der er auf der Straße begegnete. Die Abendessen mit Marietta verliefen einsilbig, sie ließ ihn fröhlich plaudernd an ihrem Tag teilnehmen, während er schweigsam das Essen in sich hineinschaufelte, ohne zu schmecken, was er aß. Am Sonntag hielt er es nicht mehr aus. Er stand früh auf, zog seine Laufsachen an und joggte im Morgengrauen zum Büro. Er kroch unter den Schreibtisch, leerte den Papierkorb aus und setzte mühsam die kleinen Schnipsel zusammen, die er zwischen zerknüllten Papieren und Abfall herausfischte. Er rief Sophie an und kurze Zeit später war er vor ihrer Tür. Für eine kleine Ewigkeit standen sie fest umschlungen in dem winzigen Flur, Damian spürte atemlos ihre Herzen im gleichen Rhythmus schlagen. Er sog den Duft ihrer Haare ein, wusste, dass alles gut war. In ihm herrschte Frieden.

 

 ***

 

Sophie verriet ihm nicht, dass sie jede Nacht in dem kleinen Park gegenüber seines Hauses unter den alten Kastanien gestanden und die Fenster beobachtet hatte. Sie war nicht gegen dieses drängende Bedürfnis angekommen, dorthin zu gehen, nach der Vorstellung, wenn alle Kostüme sorgsam im Fundus verstaut waren. Damian zog sie magisch an, jedes Mal hoffte sie, einen Blick auf ihn zu erhaschen, wenigstens das. Einmal hatte sie aus der Entfernung Marietta gesehen, eine hübsche, schlanke Frau mit langen rotblonden Locken in einem dunkelroten Kleid, die mit energischen Bewegungen die Vorhänge zu zog. Tieftraurig und verzweifelt war Sophie durch die ersten, sanft herabsinkenden Schneeflocken nach Hause gegangen. Sie war sicher, ihn niemals wieder zu sehen. Die Tage hatte sie wie in Trance hinter sich gebracht, mechanisch und freudlos. Dann war er da. Sie fuhr jedes Fältchen in seinem Gesicht mit den Fingern nach, trank die Wärme seiner Haut und schmolz unter seinen Berührungen. Sie sprachen kaum, sondern genossen die Anwesenheit des Anderen, als wollten sie sich gegenseitig mit jeder Faser ihres Seins verbinden. Ohne ein Versprechen trennten sie sich.

 

 ***

 

Als Damian am frühen Nachmittag nach Hause kam, war Marietta nicht da. Erleichtert ging er unter die Dusche und legte sich Erklärungen für sein Verhalten zurecht. Die Sonntage waren ihm und Marietta heilig gewesen in ihrer Zweisamkeit. Sie wachten gemeinsam auf, liebten sich genussvoll, danach gab es ein ausgedehntes Frühstück. Wenn schönes Wetter war, fuhren sie aufs Land hinaus, bei schlechtem Wetter lasen sie, besuchten eine Ausstellung oder trafen sich mit Freunden. Es war ein angenehmes, erfülltes Leben, bequem eingerichtet. Jetzt war Damian sich fremd. Er mochte keine Heimlichkeiten, er musste es Marietta sagen. Ihr beichten, dass er sie betrogen hatte. Als er die Dusche abdrehte, hörte er Marietta in der Küche rumoren. Damian holte tief Luft und ging hinunter. Marietta drehte ihm den Rücken zu und hackte methodisch Gemüse klein. Sie tat dies mit besonderer Konzentration und Hingabe und er betrachtete eine Weile, in den Türrahmen gelehnt, ihren anmutig gebeugten Nacken.

„Ich war joggen und im Büro. Ich hatte etwas Wichtiges vergessen, das erledigt werden musste“, sagte er bemüht munter. Es kam keine Antwort, einzig das gleichmäßige Hacken des Messers auf dem Holzbrett füllte die ohrenbetäubende Stille zwischen ihnen. Er ging zu ihr, umarmte sie von hinten. Ein kläglicher Versuch, die alte Vertrautheit zwischen ihnen herzustellen.

„Du riechst gut“, stellte er fest und schnupperte übertrieben an ihrem Hals. Damit brachte er sie zuverlässig zum Lachen, wenn sie sauer auf ihn war. Marietta befreite sich langsam und mit unheimlicher Ruhe aus seinen Armen. Sie drehte sich um, das Messer in der Hand.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960873204
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496527
Schlagworte
Kurz-geschichte Liebe-s-geschichte-n Eifer-sucht Beziehung Paar Ge-fühl-e Trenn-ung Herz-schmerz Fremdgehen

Autor

  • Yngra Wieland (Autor)

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Titel: Auf ewig Dein