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Der Kinderfänger

von Frank Harnisch (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

1, 2, 3 – zählt Sarah und hat nur Augen für ihr Smartphone. Der kleine Philipp versteckt sich, tollt durch das bunte Laub. Ein Moment der Unachtsamkeit. Sekunden später ist der Junge verschwunden. Die Presse nennt ihn den Kinderfänger und er ist auf der Suche nach seinem nächsten Opfer …

Impressum

booksnacks

Erstausgabe August 2019

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-769-1

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von
© daniilphotos/shutterstock.com
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Die Presse nennt ihn den Kinderfänger. Seine Beute ist männlich, zwischen fünf und sieben Jahren. Nackt und verstümmelt, entsorgt er die Kinder wie Abfall. Das letzte Opfer fand man in einem ausgetrockneten Bachbett. Seit zwei Tagen fehlt von Erik Kehlmann, fünf Jahre, jede Spur. Die Polizei bittet um sachdienliche Hinweise.

Seine dünnen Beine versanken bis zu den knubbeligen Knien. Er stand da, starrte hinab und wedelte lachend mit den Armen.

»Mama, schau mal«, quietschte er freudig und wühlte sich durch den endlosen Teppich aus buntem Laub. Die blaue Jacke mit der Kapuze war ihm noch zu groß, sodass seine zierlichen Hände in den Ärmeln verschwanden.

Mit einem langen, dürren Ast bewaffnet, wieselte er zwischen den Bäumen hindurch, prügelte auf alle Stämme und Blätter ein, die er fand. Seine rote Mütze mit dem aufgenähten Feuerwehrauto, leuchtete wie ein Signalfeuer im grauen Wald.

»Mama!«, rief er protestierend und blieb stehen.

Sarah löste ihren Blick vom Smartphone, sah auf und winkte. »Ich sehe dich mein Schatz«, rief sie und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder der Bildergalerie. Ihr Finger fuhr über das Glas mit dem feinen Riss, der quer über das Display verlief. Die farbigen Erinnerungen flogen wie ein Daumenkino vor ihren Augen vorbei. Ein chronologisches Archiv. Ihr Sohn war so schnell groß geworden.

»Mama, guck doch mal!«

»Ja Schatz, das machst du toll«, sagte Sarah beiläufig und ohne besondere Betonung zu ihrem Telefon. Nur kurz sah sie auf, fand die rote Mütze neben einem Baumstumpf stehen.

»Du guckst gar nicht«, beschwerte er sich und schleuderte verärgert den Ast in einen Haufen verrottetem Laub.

Sarah wechselte den Ordner und suchte ihre liebste Aufnahme. Ein glücklicher Schnappschuss aus dem Leben. Es zeigte einen grinsenden Philipp auf einem Kissen sitzend. Damals gab es keinen besonderen Grund, ihr Sohn hatte einfach angefangen zu lachen. Fünf Minuten ohne Unterbrechung, bis sein winziger Kopf die Farbe von Tomate angenommen hatte.

Die dünnen Beine setzten sich in Bewegung, pflügten durch die bunten Blätter. Sarah hörte, wie die Schritte beschleunigten.

»Bleib in der Nähe, mein Schatz«, rief sie, ohne aufzusehen. Das Rauschen der Blätter verebbte allmählich und verstummte mit einem dumpfen Schlag. Sarah sah auf. Die rote Mütze war verschwunden.

»Philipp?« Sarah steckte ihr Smartphone in die Jackentasche. »Philipp!«, rief sie erneut. Keine Antwort.

»Oh, wo kann Philipp nur sein?«, sagte Sarah übertrieben überrascht und begann die Umgebung abzusuchen. Sie schritt auf den massiven Baumstumpf zu. »Vielleicht versteckt er sich ja … hier!« Das letzte Wort schrie sie, umlief mit einem Satz den knorrigen Klumpen Holz. Doch dahinter kauerte kein Kind, mit den Händen vor den Augen, in dem Glauben es sei für Mama unsichtbar. Im Laub lag nur der lange Ast.

Alle Gelassenheit verschwand mit einem Schlag aus Sarahs Stimme. »Philipp!«, schrie sie aus vollem Hals und begann zu laufen. Äste brachen unter ihren Schritten, die Sohlen prägten ihr Muster in den feuchten Waldboden. Sie rief, hielt die Hände zum Trichter geformt an die Lippen. Philipps Name hallte ziellos zwischen den Bäumen umher. Er blieb verschwunden, als habe der Wald ihn verschlungen.

Angst übernahm ihr Handeln, verdrängte jeden rationalen Gedanken. Sie begann zu rennen, brüllte nach Philipp, drehte auf der Stelle, ließ ihre Augen hektisch nach Lebenszeichen suchen. Doch alles sah gleich aus. Bäume, Sträucher, Laub und feuchter Erdboden.

Sarah begann zu zittern. Sie schien jede Kontrolle über ihren Körper zu verlieren. Die nasskalte Luft verlor ihre erholsame Frische, wurde zu einer erdrückenden Last.

Ihre Gedanken begannen zu rasen. Fragen nach dem Wie sprudelten an die Oberfläche. Kein Erdloch, in das hätte Philipp stürzen, kein Verschlag, der als Versteck diente. Ein kurzer Moment der Nachlässigkeit, nur weil Sarah nicht die Finger von dem verdammten Bildschirm gelassen hatte. Ein letztes Mal schrie sie seinen Namen. Als keine Antwort kam, fingerte sie hastig das Telefon aus der Tasche.

Sarah fuhr viel zu hektisch das Entsperr-Muster nach, schaffte erst nach dem dritten Versuch, die Telefon-Applikation zu starten. Einen Moment haderte sie, erst Jörg anzurufen, wählte zum Schluss doch den Notruf. Es dauerte unerträglich lange, bis die Gegenseite abnahm. Aufgebracht schrie Sarah den Beamten an, flehte um Hilfe, versuchte verzweifelt, ihre Lage zu schildern. Die alles entscheidenden Worte kamen nur unter Tränen über ihre Lippen. »Mein Sohn ist verschwunden.«

Sarah wartete am Waldrand auf dem Parkplatz neben dem Streifenwagen, dass der Beamte sein Gespräch beendete. Acht Minuten waren vergangen, bis der silberblaue Audi in den nicht asphaltierten Weg eingebogen kam. Jede Sekunde davon hatte Sarah auf ihrem Smartphone verfolgt, die Augen auf dem Wald, in der Hoffnung die rote Mütze zu erblicken.

»Ich habe die Kollegen verständigt. In Kürze wird ein Hubschrauber das Gebiet absuchen«, sagte der Beamte, der Sarah um einen Kopf überragte. »Für den Anfang benötige ich die Personalien.« Er zückte Block samt Kugelschreiber.

»Wie heißt ihr Sohn?«

»Philipp.« Sarah schluckte. »Philipp Becker.«

»Alter?«

»Er ist fünf, wird im März sechs.«

»Trägt Philipp auffällige Kleidung?«

»Ja. Eine blaue Jacke und eine Feuerwehrmütze.«

Der Beamte nickte notierend.

»Sie ist rot. Ein Feuerwehrauto ist aufgenäht«, fügte Sarah rasch hinzu.

»Habe ich Sie richtig verstanden, ihr Sohn ist einfach verschwunden? Vor Ihren Augen?«, zitierte der Beamte. Aus seinem Mund klang es noch unglaubwürdiger.

»Das sagte ich doch.« Sarah fuhr nervös durch ihre Haare. »In einem Moment war er da … und dann war er fort. Ich dachte zuerst, er spielt Verstecken.« Verzweifelt deutete sie zum Wald.

»Ist es möglich, dass er einfach weggelaufen ist?«

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877691
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496628
Schlagworte
spann-ung-en-de Kurz-geschichte Thriller Krimi-nal-nalität Kind-es-er-Entführung Verfolgung-s-jagd Wald

Autor

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    Frank Harnisch (Autor)

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