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Adel verpflichtet … zum Mord

von Rhys Bowen (Autor) Sarah Schemske (Übersetzung)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

London, 1932: Lady Victoria Georgiana Charlotte Eugenie, oder kurz Lady Georgie, ist immer noch pleite. Und als ob das nicht schon genug wäre, drückt ihr die Queen auch noch eine Prinzessin aus Deutschland aufs Auge. Natürlich kann sie dieser kaum etwas bieten und zu allem Übel soll sie auch noch Prinzessin Hanni mit dem Sohn der Queen verkuppeln. Doch bevor Lady Georgie sich erneut in die Intrigen und Spielchen der Queen verwickeln lassen kann, geschehen zwei Morde und eine Hauptverdächtige ist schnell gefunden: Hanni, die deutsche Prinzessin …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe September 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-812-4
Hörbuch-ISBN: 9783968171227

Copyright © Juli 2008 by Janet Quin-Harkin. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: A Royal Pain

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Sarah Schemske
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven vom
© brebca/depositphotos.com, © Raftel/shutterstock.com, © Vectorpocket/shutterstock.com, © Veronika/stock.adobe.com, © zatvor/depositphotos.com und © oxie99/stock.adobe.com
Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Dieses Buch ist meinen drei Prinzessinnen gewidmet:

Elizabeth, Meghan und Mary.

Und meinen Prinzen: Sam und T. J.

Kapitel 1

Rannoch House, Belgrave Square, London W.1.

Montag, 6. Juni 1932

Der Wecker klingelte an diesem Morgen zu einer unchristlichen Zeit: um acht Uhr früh. Einer der Lieblingssprüche meines Kindermädchens war „Morgenstund hat Gold im Mund“. Mein Vater stand immer früh auf und was hatte er davon? Er starb ohne einen Penny im Alter von neunundvierzig Jahren.

Meiner Erfahrung nach gab es nur zwei gute Gründe, um im Morgengrauen aufzustehen: Entweder man ging zur Jagd oder man musste den Flying Scotsman von Edinburgh nach London erwischen. Ich hatte nichts dergleichen vor. Die Jagdsaison war vorbei und ich war bereits in London.

Ich tastete nach dem Wecker auf dem Nachttisch und schlug so lange auf ihn ein, bis er Ruhe gab.

„Königliche Bekanntmachung vom sechsten Juni“, verkündete ich einem imaginären Publikum, während ich aufstand und die schweren Samtvorhänge zurückzog. „Lady Georgiana Rannoch stellt sich einem weiteren hektischen Tag voller sozialer Verpflichtungen. Mittagessen im Savoy, Tee im Ritz, ein Besuch bei Scapparelli zur Anprobe ihres neusten Ballkleids, dann Dinner und Tanz im Dorchester – oder nichts davon“, fügte ich hinzu. Um ehrlich zu sein, war es lange her, dass ich irgendwelche Veranstaltungen in meinen Kalender eingetragen hatte, und mein Leben war kein Wirbel aus aufregenden gesellschaftlichen Anlässen. Mit fast zweiundzwanzig Jahren konnte ich keine einzige Einladung auf meinem Kaminsims vorweisen. Mir kam der schreckliche Gedanke, dass ich einsehen musste, dass der Zug abgefahren und ich zu einem Leben als alte Jungfer verdammt war. Vielleicht war meine einzige Möglichkeit, dem Vorschlag der Königin nachzugeben und die Kammerzofe der einzigen überlebenden Tochter von Königin Victoria zu werden – die zufällig meine Großtante war und im tiefsten Gloucestershire lebte. Ich stellte mir vor, wie ich lange Jahre damit verbrachte, Pekinesen auszuführen und Strickwolle zu halten.

Ich sollte mich wohl vorstellen, bevor ich weitererzähle. Ich bin Victoria Georgiana Charlotte Eugenie von Glen Garry und Rannoch, aber meine Freunde nennen mich Georgie. Ich stamme vom Haus Windsor ab, bin die Cousine zweiten Grades von King George V, die vierunddreißigste in der Thronfolge und im Moment völlig pleite.

Oh, Augenblick. Ich hatte noch eine andere Möglichkeit: Prinz Siegfried von Rumänien, aus der Hohenzollern-Sigmaringen-Linie – mein geheimer Spitzname für ihn lautete Fischlippe. In letzter Zeit war das Thema zum Glück nicht aufgekommen. Vielleicht hatte nicht nur ich herausgefunden, dass er eine Vorliebe für Männer hatte.

Es sah aus, als würde heute einer dieser englischen Sommertage werden, an dem man Lust auf einen Ausritt über schattige Landstraßen, Picknick im Grünen mit Erdbeeren und Schlagsahne und Krocket und Tee auf dem Rasen bekam. Selbst mitten in London zwitscherten die Vögel wie verrückt. Die Sonne glitzerte in den Fenstern rund um den Square und eine leichte Brise bewegte die Gardinen. Der Postbote überquerte pfeifend den Platz. Und was hatte ich vor?

„Ach du liebes bisschen“, rief ich aus, als mir plötzlich einfiel, warum ich den Wecker gestellt hatte, und verfiel in hektische Betriebsamkeit. Man erwartete mich in einem Wohnsitz in der Park Lane. Ich wusch mich, zog mir etwas Ordentliches an und ging nach unten, um Tee und Toast zu machen. Man merkte, wie wunderbar häuslich ich in nur zwei Monaten geworden war. Als ich unser Schloss in Schottland im April fluchtartig verließ, wusste ich nicht einmal, wie man Wasser kochte. Jetzt brachte ich Baked Beans mit Ei zustande. Zum ersten Mal in meinem Leben kam ich ohne Bedienstete zurecht, da ich kein Geld hatte, um sie zu bezahlen. Mein Bruder, der Duke von Glen Garry und Rannoch, von allen Binky genannt, hatte versprochen, ein Dienstmädchen von unserem schottischen Anwesen herzuschicken, aber bisher war noch keines aufgetaucht. Ich hatte den Verdacht, dass keine gottesfürchtige, presbyterianische schottische Mutter ihre Tochter in den Sündenpfuhl schicken wollte, für den man London hielt. Was die Bezahlung eines Dienstmädchens aus der Gegend anging – nun ja, Binky war genauso pleite wie ich. Es war nämlich so: Als unser Vater sich nach dem Börsencrash von 1929 erschoss, erbte Binky das Anwesen und musste horrende Erbschaftssteuern zahlen.

Also schlug ich mich ohne Bedienstete durch und war, ehrlich gesagt, verdammt stolz auf mich. Das Wasser kochte. Ich machte mir einen Tee, bestrich meinen Toast mit Cooper’s Oxford-Marmelade (ja, ich wusste, dass ich sparsam sein sollte, aber es gab einfach Standards, die man nicht aufgeben durfte) und fegte die Krümel eilig beiseite, während ich in meinen Mantel schlüpfte. Es würde zu warm werden, um überhaupt eine Jacke zu tragen, aber ich konnte nicht riskieren, dass jemand in Belgravia sah, was ich darunter trug, wenn ich vorüberging. Belgravia war eine unglaublich elitäre Gegend von London, direkt unterhalb des Hyde Parks, wo unser Stadthaus lag.

Ein Chauffeur, der neben einem Rolls Royce wartete, salutierte elegant, als ich vorbeiging. Ich zog meinen Mantel enger um mich und überquerte den Belgrave Square, ging den Grosvenor Crescent entlang und blieb stehen, um sehnsüchtig über die grüne Weite des Hyde Parks zu blicken, bevor ich mich in das Getümmel an der Hyde Park Corner stürzte. Ich hörte das Klipp-Klapp von Hufen und sah zwei Reiter die Rotten Row entlangkommen. Das Mädchen ritt einen prächtigen Schimmel und war elegant gekleidet, in schwarzem Bowler und gutsitzender Reitjacke. Ihre Stiefel waren so blankgewienert, dass sie geradezu glänzten. Ich schaute ihr neidisch nach. Das hätte ich sein können, wäre ich zu Hause in Schottland geblieben. Ich war früher jeden Morgen mit meinem Bruder ausgeritten. Ich fragte mich, ob meine Schwägerin, Fig, nun auf meinem Pferd ritt und sein Maul ruinierte. Sie neigte dazu, an den Zügeln zu zerren, und wog einiges mehr als ich. Dann fiel mir auf, dass einige Leute an der Kreuzung herumlungerten. Diese Männer machten schwere Zeiten durch. Sie trugen Schilder oder Tafeln, auf denen stand: Ich brauche Arbeit. Arbeite gegen Essen. Habe keine Angst vor schwerer Arbeit.

Ich war behütet aufgewachsen und nicht mit der harten Realität dieser Welt in Berührung gekommen. Jetzt wurde sie mir tagtäglich vor Augen geführt. Wir steckten mitten in einer Wirtschaftskrise und die Leute reihten sich für Brot und Suppe ein. Ein Mann, der unter dem Wellington Arch stand, machte einen vornehmen Eindruck, seine Schuhe waren gewienert und er trug nicht nur Mantel und Krawatte, sondern sogar Abzeichen. An der Somme verwundet. Nehme jede Arbeit an. Ich konnte die Verzweiflung in seinem Gesicht erkennen, seinen Abscheu, zu etwas Derartigem gezwungen zu sein, und ich wünschte mir, ich besäße die Mittel, um ihn sofort einzustellen. Aber eigentlich saß ich im selben Boot wie die meisten von ihnen.

Dann blies ein Polizist in seine Trillerpfeife, der Verkehr stoppte und ich rannte über die Straße zur Park Avenue. An den Standards der Park Lane gemessen war die Nummer 59 recht bescheiden – ein typischer georgianischer Wohnsitz eleganter Leute aus roten Ziegeln mit weißen Rändern. Stufen führten zur Eingangstür hinauf und ein Geländer säumte den Graben um das Kellergeschoss, in dem der Dienstbotentrakt lag. Es war dem Rannoch House nicht unähnlich, obwohl unser Londoner Haus um einiges größer und eindrucksvoller war. Anstatt zur Eingangstür zu gehen, stieg ich vorsichtig die Treppe zum Dienstbotentrakt hinunter und fand den Schlüssel unter einem Blumentopf. Ich schloss die Tür zu einem trostlosen, schäbigen Flur auf, in dem der Geruch von Kohl in der Luft lag.

Also gut, nun kennt ihr mein schreckliches Geheimnis. Ich verdiente mein Geld damit, die Häuser anderer Leute zu putzen. Meine Anzeige in der Times pries mich als Coronet Haushaltshilfen an, empfohlen von Lady Georgiana von Glen Garry und Rannoch. Ich erledigte keine schweren Putzarbeiten. Ich schrubbte keine Böden oder, Gott bewahre, Toilettenschüsseln. Ich hatte keine Ahnung, wie man das anstellte. Ich bereitete Londoner Häuser für ihre Bewohner vor, die sich auf ihren Landsitzen aufhielten und die Kosten scheuten, ihre Bediensteten vorauszuschicken, um diese Aufgabe zu verrichten. Es beinhaltete Staubbezüge auszuschütteln, zu fegen und Staub zu wischen. Das schaffte ich, ohne dass allzu oft etwas zu Bruch ging – denn ihr solltet außerdem wissen, dass ich gelegentlich dazu neigte, tollpatschig zu sein.

Es war eine Arbeit, die ab und zu Gefahren mit sich brachte. Die Häuser, in denen ich arbeitete, gehörten Leuten aus meiner gesellschaftlichen Schicht. Ich würde vor Scham sterben, wenn ich einer anderen Debütantin oder, schlimmer noch, einem Tanzpartner über den Weg liefe, während ich auf Händen und Knien war und eine kleine weiße Haube trug. Bisher kannten nur meine beste Freundin Belinda Warburton-Stoke und ein unzuverlässiger Schuft namens Darcy O’Mara mein Geheimnis. Und Darcy erwähnte man lieber so wenig wie möglich.

Bevor ich mit dieser Arbeit anfing, hatte ich mir nie viele Gedanken darüber gemacht, wie die gewöhnlichen Leute lebten. Meine eigenen Erinnerungen daran, nach unten zu gehen und bei den Bediensteten vorbeizuschauen, beschränkten sich auf die große, warme Küche, in der der Duft von Gebäck lag, und darauf, den Teig auszurollen und den Löffel abzuschlecken.

Ich fand den Besenschrank und holte einen Eimer mitsamt Putzlappen, einen Staubwedel und einen Teppichreiniger heraus. Zum Glück war es Sommer und man musste keine Feuer in den Schlafzimmern entzünden. Kohle drei Stockwerke hinauf zu schleppen war nicht meine Lieblingsbeschäftigung, ebenso wenig, wie mich in das Kohlenloch, wie mein Großvater es nannte, zu wagen, um die Kohleneimer zu füllen. Mein Großvater? Oh, entschuldigt. Ich habe ihn wohl noch nicht erwähnt. Mein Vater war der Cousin ersten Grades von King George und der Enkel von Queen Victoria, aber meine Mutter war eine Schauspielerin aus Essex. Ihr Vater lebte noch immer in Essex, in einem kleinen Haus mit Gartenzwergen im Vorgarten. Er war ein echter Cockney und außerdem Polizist im Ruhestand. Ich bewunderte ihn sehr. Er war die einzige Person, mit der ich über wirklich alles reden konnte.

In letzter Sekunde fiel mir ein, meine Dienstmädchenhaube aus meiner Manteltasche zu ziehen, und ich stülpte sie über mein widerspenstiges Haar. Dienstmädchen ließen sich nie ohne Haube sehen. Ich drückte die mit Fries bespannte Tür auf, die zum Hauptteil des Hauses führte, und stolperte über einen großen Gepäckstapel, der prompt mit einem Krachen umfiel. Wer um alles in der Welt kam auf die Idee, Gepäck vor der Tür zum Dienstbotentrakt zu stapeln? Bevor ich die verstreuten Koffer aufsammeln konnte, hörte ich einen Ruf und eine ältere Frau, die ganz in Schwarz gekleidet war, tauchte in der nächstgelegenen Tür auf und wedelte mit einem Stock in meine Richtung. Sie trug eine altmodische Haube, die sie unter ihrem Kinn festgeknotet hatte, und einen Reisemantel. Mir kam der schreckliche Gedanke, dass ich mich in der Hausnummer geirrt oder es nicht richtig aufgeschrieben hatte, und mich nun im falschen Haus befand.

„Was ist hier los?“, fragte sie auf Französisch. Sie warf einen Blick auf meine Kleidung. „Vous êtes la bonne?“ Es war seltsam, in London auf Französisch danach gefragt zu werden, ob man das Dienstmädchen sei, da die meisten Bediensteten schon mit korrektem Englisch Probleme hatten. Zum Glück war ich in der Schweiz zur Schule gegangen und mein Französisch war recht gut. Ich antwortete, dass ich in der Tat das Dienstmädchen sei und von dem Haushaltshilfendienst geschickt worden war, um das Haus herzurichten. Man hätte mir mitgeteilt, dass die Bewohner erst am nächsten Tag eintreffen würden.

„Wir sind früher gekommen“, sagte sie, noch immer auf Französisch. „Jean-Claude hat uns mit dem Auto von Biarritz nach Paris gefahren und wir haben den Nachtzug erreicht.“

„Jean-Claude ist der Chauffeur?“, fragte ich.

„Jean-Claude ist der Marquis de Chambourie”, sagte sie. „Er ist außerdem Rennfahrer. Wir haben den Weg nach Paris in sechs Stunden zurückgelegt.“ Dann fiel ihr auf, dass sie mit einem Dienstmädchen sprach. „Wie kommt es, dass Sie für eine Engländerin passables Französisch sprechen?“, fragte sie.

Ich widerstand der Versuchung, zu sagen, dass mein Französisch sogar sehr gut war, und murmelte etwas von Reisen mit meiner Familie an die Côte d’Azur.

„Sollte mich nicht wundern, wenn Sie sich mit französischen Matrosen rumgetrieben haben“, sagte sie gedämpft.

„Und Sie, sind Sie die Haushälterin von Madame?“, fragte ich.

„Ich, meine liebe junge Frau, bin die Gräfinwitwe Sophia von Liechtenstein“, sagte sie, und falls ihr euch wundert, warum eine Gräfin eines deutschsprachigen Landes auf Französisch mit mir sprach, sollte ich anmerken, dass adlige Ladys ihrer Generation normalerweise Französisch sprachen, ganz egal, was ihre Muttersprache war. „Mein Dienstmädchen versucht gerade, mein Schlafzimmer vorzubereiten“, fuhr sie fort und wies mit der Hand die Treppe hinauf. „Meine Haushälterin und der Rest meiner Angestellten werden morgen wie geplant mit dem Zug ankommen. Jean-Claude fährt einen motorisierten Zweisitzer. Mein Dienstmädchen musste auf dem Gepäck hocken. Ich glaube, es war höchst unangenehm für sie.“ Sie hielt inne, um mir einen strengen Blick zuzuwerfen. „Und mir ist es höchst unangenehm, dass ich mich nirgendwo hinsetzen kann.“

Ich war mir nicht ganz sicher, was das Protokoll des Hofes von Liechtenstein verlangte und wie man eine Gräfinwitwe dieses Landes ansprach, aber ich hatte festgestellt, dass man sich nach oben orientieren sollte, wenn man sich nicht sicher war. „Es tut mir leid, Eure Hoheit, aber mir wurde gesagt, dass ich heute kommen soll. Hätte ich gewusst, dass Sie einen Verwandten haben, der Rennfahrer ist, hätte ich das Haus gestern vorbereitet.“ Ich versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, während ich das sagte.

Sie runzelte die Stirn, während sie vermutlich überlegte, ob ich vorlaut gewesen war. „Hmmpf“, war alles, was sie herausbrachte.

„Ich werde für Ihre Hoheit die Staubbezüge von einem bequemen Stuhl entfernen“, sagte ich, betrat einen großen, dunklen Salon und zog den Bezug von einem Sessel, was eine Staubwolke aufwirbelte. „Danach werde ich Ihr Schlafzimmer als erstes herrichten. Ich bin mir sicher, dass die Überfahrt ermüdend war und Ihr Euch ausruhen möchtet.“

„Was ich brauche, ist ein schönes heißes Bad“, sagte sie.

Ah, das könnte ein kleines Problem werden, dachte ich. Ich hatte meinem Großvater dabei zugesehen, wie er den Boiler im Rannoch House angezündet hatte, aber ich hatte keinerlei persönliche Erfahrung mit Boilern. Vielleicht kannte sich das Dienstmädchen der Gräfin mit solchen Dingen aus. Schließlich musste sich irgendwer damit auskennen. Ich überlegte, wie man „Von Boiler steht nichts in meinem Vertrag“ auf Französisch sagte.

„Ich werde sehen, was ich tun kann“, antwortete ich mit einer Verbeugung und verließ das Zimmer. Dann holte ich mein Putzzeug und stieg die Treppe hinauf. Das Dienstmädchen sah ebenso alt und schlecht gelaunt wie die Gräfin aus, was verständlich war, wenn sie den ganzen Weg von Biarritz auf dem Gepäck hatte hocken müssen. Sie hatte für ihre Herrin das beste Schlafzimmer gewählt, das auf der Vorderseite des Hauses lag und einen Blick auf den Hyde Park bot. Außerdem hatte sie bereits die Fenster geöffnet und die Staubbezüge von den Möbeln entfernt. Ich versuchte mit ihr auf Französisch und dann auf Englisch zu sprechen, aber es sah so aus, als würde sie nur Deutsch verstehen. Mein Deutsch reichte lediglich für „Ich hätte gern ein Glas Glühwein“ und „Wo ist der Skilift?“ aus. Also gab ich ihr pantomimisch zu verstehen, dass ich das Bett beziehen würde. Sie setzte eine zweifelnde Miene auf. Wir fanden Bettbezüge und machten das Bett zusammen. Das war ein Glück, denn sie war sehr penibel, was das Falten der Ecken anging. Sie suchte außerdem ungefähr ein Dutzend weiterer Decken und Federbetten aus Zimmern auf demselben Stockwerk zusammen, da die Gräfin in England anscheinend fror. Das zumindest konnte ich nachvollziehen.

Als wir fertig waren, war das Bett einer Prinzessin auf der Erbse würdig.

Nachdem ich unter dem strengen Auge des Dienstmädchens abgestaubt und den Boden gefegt hatte, gingen wir zusammen ins Badezimmer und drehten die Wasserhähne auf. „Heiß Bad für … Gräfin“, sagte ich unter Aufbietung meiner gesammelten Deutschkenntnisse. Wie durch ein Wunder ertönte ein lautes „Wumm“ und aus einer dieser kleinen Springbrunnen-Armaturen über der Badewanne sprudelte heißes Wasser. Ich fühlte mich wie ein Zauberer und marschierte triumphierend nach unten, um der Gräfin mitzuteilen, dass ihr Zimmer für sie bereit war und sie jederzeit ein Bad nehmen konnte.

Als ich den letzten Treppenabsatz hinabstieg, hörte ich Stimmen aus dem Salon. Mir war nicht bewusst gewesen, dass noch jemand im Haus war. Ich zögerte auf dem Treppenabsatz. In diesem Moment hörte ich die Stimme eines Mannes auf Englisch mit starkem Akzent sagen: „Mach dir keine Sorgen, Tante. Erlaube mir, dir behilflich zu sein. Ich werde dir persönlich beim Transport deines Gepäcks auf dein Zimmer helfen, wenn du denkst, es wäre zu viel für dein Dienstmädchen. Ich verstehe allerdings nicht, warum du ein Dienstmädchen mitnimmst, das nicht einmal die einfachsten Aufgaben erledigen kann. Es ist deine eigene Schuld, wenn du darauf bestehst, dir das Leben schwer zu machen.“ Ein junger Mann kam aus dem Zimmer. Er war schlank, blass und hielt sich äußerst gerade, was ihm das geisterhafte, totenkopfähnliche Aussehen eines zum Leben erwachten Hamlets verlieh. Sein Gesichtsausdruck war ausgesprochen hochmütig – als ob er einen üblen Geruch in der Nase hätte, und er schürzte seine breiten, dorschähnlichen Lippen, während er sprach. Es war niemand anders als Prinz Siegfried, besser bekannt als Fischlippe – der Mann, den ich heiraten sollte.

Kapitel 2

Es dauerte einen Moment, bis ich reagierte. Ich war vor Schreck zur Salzsäule erstarrt und konnte meinen Körper nicht dazu bringen, mir zu gehorchen, obwohl mein Kopf ihm befahl, wegzulaufen. Siegfried bückte sich, hob eine Hutschachtel und einen lächerlich kleinen Kulturbeutel auf und begann die Treppe hinaufzusteigen. Wäre ich in der Lage gewesen, logisch zu denken, hätte ich mich auf den Boden fallen lassen und vorgeben können zu putzen. Aristokraten schenken Hausangestellten bei der Arbeit keine Beachtung. Aber sein Anblick hatte mich völlig aus der Fassung gebracht, also tat ich das, was meine Mutter erfolgreich mit so vielen Männern getan hatte – ich drehte mich um und lief davon.

Ich rannte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, als Siegfried bemerkenswert behände im ersten Stock ankam. Nicht in das Schlafzimmer der Gräfin, wenigstens konnte ich noch so klar denken. Ich öffnete eine Tür im hinteren Teil des Flurs, stürzte hinein und schloss sie so leise wie möglich hinter mir. Es war eines der Schlafzimmer, aus denen wir die zusätzlichen Decken geholt hatten.

Ich hörte Siegfrieds Schritte auf dem Flur. „Sie hat dieses Schlafzimmer ausgewählt?“, hörte ich ihn sagen. „Nein, nein. Das ist ganz und gar unpassend. Zu laut. Der Verkehr wird sie die ganze Nacht wachhalten.“

Zu meinem Grauen hörte ich, wie Schritte in meine Richtung kamen. Ich sah mich im Zimmer um. Es enthielt keinen richtigen Schrank, nur eine hohe Kommode. Wir hatten die Staubbezüge von der Kommode und dem Bett genommen. Es gab keinen Ort mehr, an dem ich mich verstecken konnte.

Ich hörte, wie ganz in der Nähe eine Tür geöffnet wurde. „Nein, nein. Viel zu hässlich“, sagte er.

Ich eilte zum Fenster und öffnete es. Es lag hoch über dem winzigen Garten, aber neben dem Fenster war eine Regenrinne und darunter ein kleiner Baum, ungefähr zehn Fuß tiefer, den man erreichen konnte. Ich zögerte keine Sekunde. Ich schwang mich aus dem Fenster und hielt mich an der Regenrinne fest. Sie fühlte sich recht stabil an, also begann ich an ihr hinunterzuklettern. Meiner Ausbildung in einem Schweizer Internat sei Dank. Das einzige, was ich außer Französisch und der Tischordnung für einen Bischof gelernt hatte, war, wie man Regenrinnen hinunterkletterte, um sich mit Skilehrern in der örtlichen Kneipe zu treffen.

Die enge Dienstmädchenuniform schränkte mich ein und die schweren Röcke wickelten sich um meine Beine, als ich versuchte, an der Regenrinne hinunterzurutschen. Als ich mit dem Fuß Halt suchte, fühlte ich, wie etwas zerriss. Siegfrieds Stimme drang laut und deutlich aus dem Zimmer über mir. „Mein Gott, nein, nein, nein. Dieses Haus ist katastrophal. Völlig katastrophal. Tante! Du hast eine Katastrophe gemietet – und es gibt noch nicht einmal einen nennenswerten Garten.“

Ich hörte, wie sich die Stimme dem Fenster näherte. Ich glaube, ich habe bereits erwähnt, dass ich unter Stress dazu neigte, tollpatschig zu sein. Irgendwie rutschten meine Hände von der Regenrinne ab und ich stürzte. Ich spürte, wie Äste mein Gesicht zerkratzten, als ich mit einem lauten Kreischen in den Baum fiel. Ich klammerte mich verzweifelt an dem Ast fest, der mir am nächsten war. Der ganze Baum schwankte bedenklich, aber zwischen den Blättern war ich sicher. Ich wartete, bis die Stimmen außer Hörweite waren, dann ließ ich mich zum Boden hinab, rannte durch die Seitentür, schnappte mir meinen Mantel aus dem Flur des Dienstbotentrakts und ergriff die Flucht. Ich würde die Gräfin anrufen müssen, um ihr mitzuteilen, dass das junge Dienstmädchen, das ich zu ihr geschickt hatte, plötzlich krank geworden war. Es schien allergisch auf den Staub reagiert zu haben.

Ich war auf der Park Lane erst ein paar Yards weit gekommen, als jemand meinen Namen rief. Einen furchtbaren Moment lang dachte ich, dass Siegfried aus dem Fenster geschaut und mich erkannt hatte, aber dann fiel mir ein, dass er mich nicht Georgie nennen würde. Nur meine Freunde riefen mich so.

Ich drehte mich um und meine beste Freundin, Belinda Warburton-Stoke, lief mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Sie war eine Augenweide in türkisfarbener Seide mit Besätzen in grellem Rosa und weiten Ärmeln, die im Wind wehten, während sie rannte, was ihr den Anschein verlieh, als würde sie fliegen. Das ganze Ensemble wurde durch einen kleinen rosafarbenen Hut abgerundet, der mit Federn besetzt war und ihr gewagt schief auf dem Kopf saß.

„Schätzchen, du bist es“, sagte sie und ihre Umarmung hüllte mich in eine Wolke französischen Parfums. „Es ist eine Ewigkeit her. Ich habe dich schrecklich vermisst.“

Belinda war das völlige Gegenteil von mir. Ich war groß, rotblond und hatte Sommersprossen. Sie war klein und dunkelhaarig mit großen braunen Augen, elegant und sehr verrucht. Ich hätte mich nicht freuen sollen, sie zu sehen, tat es aber doch.

„Ich bin nicht diejenige, die eine Spritztour ans Mittelmeer unternommen hat.“

„Meine Liebe, wenn man dich zu zwei Wochen auf einer Jacht eingeladen hätte und der Besitzer der Jacht ein traumhafter Franzose gewesen wäre, hättest du da abgelehnt?“

„Wahrscheinlich nicht“, sagte ich. „War es denn so traumhaft, wie du gehofft hattest?“

„Traumhaft, aber merkwürdig“, antwortete sie. „Ich hatte angenommen, dass er mich eingeladen hat, weil er, du weißt schon, auf mich stand. Und da er traumhaft reich und außerdem ein Duke ist, dachte ich, dass sich etwas entwickeln könnte. Und du musst zugeben, dass Franzosen fantastische Liebhaber sind – so verwegen und zugleich so romantisch. Tja, es stellte sich heraus, dass er nicht nur seine Frau, sondern auch seine Mätresse eingeladen hatte und pflichtbewusst verschiedene Kajüten in verschiedenen Nächten aufsuchte. Ich musste mit seiner zwölfjährigen Tochter Gin Rommé spielen.“

Ich kicherte. „Und hast du mit den Matrosen geflirtet?“

„Schätzchen, die Matrosen waren alle über vierzig und hatten Bierbäuche. Es war kein einziger gutaussehender Kerl darunter. Als ich zurückkam, hatte ich Sex-Entzug und musste feststellen, dass alle ansprechenden Männer London verlassen haben, um entweder aufs Land oder den Kontinent zu reisen. Also erhellt deine Anwesenheit mein tristes Leben. Aber, Georgie, Liebling“ – nun starrte sie mich an – „was hast du nur angestellt?“

„Wonach sieht es denn aus?“

„Als ob du im Dschungel mit einem Löwen gekämpft hättest.“ Sie betrachtete mich missbilligend. „Liebes, du hast einen üblen Kratzer auf der einen Wange, Schmutz auf der anderen und in deinem Haar stecken Blätter. Oder war es ein wildes Stelldichein im Park? Sag schon, ich komme um vor Neugier und wenn es Letzteres war, werde ich vor Neid vergehen.“

„Ich musste wegen eines Mannes überstürzt aufbrechen“, sagte ich.

„Dieser Barbar ist auf dich losgegangen? Am helllichten Tag?“

Ich musste lachen. „Nein, so war es nicht. Ich habe mir meine Brötchen auf die übliche Weise verdient und ein Haus für Leute, die vom Festland angereist sind, vorbereitet. Aber dann sind die neuen Bewohner einen Tag zu früh angekommen und einer davon war niemand anderes als der gefürchtete Prinz Siegfried.“

„Fischlippe persönlich? Wie unglaublich furchteinflößend. Was hat er zu dir gesagt, als er dich in Dienstmädchenkleidern gesehen hat? Und viel wichtiger, was hast du zu ihm gesagt?“

„Er hat mich nicht gesehen“, sagte ich. „Ich bin geflohen und musste von einem Fenster im oberen Stock hinunterklettern. Zum Glück haben wir in Lex Oiseaux so viel Übung darin bekommen, an Regenrinnen herumzukraxeln. Daher stammen die Kratzer und die Blätter in meinem Haar. Ich bin in einem Baum gelandet. Alles in allem ein sehr anstrengender Morgen.“

„Meine liebe arme Georgie – was für eine Tortur. Komm her.“

Sie pflückte die Blätter aus meinen Haaren, zog dann ein Spitzentaschentuch aus ihrer Handtasche und betupfte meine Wange. Eine Woge von Chanel hüllte mich ein. „Schon etwas besser, aber du brauchst eine Aufmunterung. Ich weiß es, lass uns zusammen irgendwo zu Mittag essen. Du entscheidest.“

Ich wollte liebend gern mit Belinda zu Mittag essen, aber meine Mittel waren im Moment sehr begrenzt. „Es gibt ein paar kleine Cafés an der Oxford Street, oder eines der Kaufhäuser?“, schlug ich vor. „Die bieten doch Lunch für Ladys an, oder?“

Belinda verzog das Gesicht, als hätte ich vorgeschlagen, eingelegten Aal in der Old Kent Road zu essen. „Ein Kaufhaus? Schätzchen, solche Dinge sind für alte Frauen, die nach Mottenkugeln riechen, und Hausfrauen aus Coulsden, deren Ehemänner ihre Weibchen einen Ausflug in die Stadt machen lassen, um einen Tag lang einzukaufen. Leute wie du und ich würden zu viel Aufsehen erregen, wenn wir dort auftauchten – wie ein Pfau im Hühnerstall. Es würde sie geradezu von den Socken hauen. Also, wo sollen wir hingehen? Das Dorchester würde im Notfall gehen, schätze ich. Das Ritz ist um die Ecke, aber meiner Meinung nach ist dort nur der Tee gut. Das gleiche gilt für das Brown’s – nur alte Ladys in Tweedkostümen. Es hat keinen Sinn, Essen zu gehen, wenn man dabei nicht von den richtigen Leuten gesehen wird. Ich glaube, es muss das Savoy sein. Wenigstens kann man sichergehen, dort ordentliches Essen zu bekommen –“

„Warte kurz, Belinda.“ Ich unterbrach sie mitten im Satz. „Ich putze immer noch Häuser für einen Hungerlohn. Ich kann es mir einfach nicht leisten, an einem solchen Ort essen zu gehen.“

„Ich lade dich ein, Schätzchen“, sagte sie und wedelte großzügig mit einem türkisfarbenen Handschuh. „Die Jacht hat ein paar Nächte in Monte Carlo angelegt und du weißt, wie gut ich am Spieltisch bin. Außerdem habe ich tatsächlich eine meiner Kreationen für bares Geld verkauft.“

„Belinda, das ist wunderbar. Erzähl mir mehr davon.“

Sie hakte sich bei mir ein und wir gingen wieder die Park Lane hinauf. „Nun, erinnerst du dich an das lilafarbene Kleid, das ich dieser furchtbaren Mrs Simpson verkaufen wollte, weil ich dachte, dass sich eine Amerikanerin so den königlichen Stil vorstellt?“

„Natürlich“, sagte ich und der Gedanke an das Fiasko meiner kurzen Mannequin-Karriere ließ mich erröten. Ich hatte das Kleid vorführen sollen und … nun, nicht so wichtig.

„Also, Schätzchen, ich traf eine andere amerikanische Lady im Crockford’s – ja, ich gebe es zu, ich fürchte, ich spiele wieder – und ich erzählte ihr, dass ich eine aufstrebende Schneiderin wäre und für das Königshaus Kleider entwerfen würde. Sie besuchte mein Studio und kaufte das Kleid, einfach so. Sie bezahlte sogar an Ort und Stelle und –“ Sie unterbrach sich, als sich eine Haustür öffnete und ein Mann heraustrat, der mit einem zutiefst geringschätzigen Gesichtsausdruck auf der Schwelle stehen blieb.

„Das ist Siegfried“, zischte ich. „Er wird mich sehen. Lauf.“

Es war zu spät. Er blickte in unsere Richtung, während er die Stufen vor der Eingangstür herabstieg. „Ah, Lady Georgiana. So begegnen wir uns wieder. Was für eine angenehme Überraschung.“ Sein Gesicht erweckte nicht den Eindruck, dass ihm die Überraschung auch nur im Mindesten angenehm war, aber er deutete eine Verbeugung an.

Ich griff nach meinem Mantel und zog ihn eng um mich, damit meine Dienstmädchenuniform nicht zu sehen war. Ich war mir des Kratzers auf meiner Wange und meines zerzausten Haars nur zu bewusst. Ich musste furchterregend aussehen. Nicht, dass ich gewollt hätte, dass Siegfried mich attraktiv fand, aber ich hatte meinen Stolz.

„Eure Hoheit.“ Ich nickte würdevoll. „Darf ich Euch meine Freundin Belinda Warburton-Stoke vorstellen?“

„Ich glaube, wir hatten bereits das Vergnügen“, sagte er, obwohl seine Stimme den zweideutigen Tonfall vermissen ließ, den die meisten Männer, die Belinda kannten, anschlugen. „In der Schweiz, glaube ich.“

„Natürlich“, sagte Belinda. „Sehr erfreut, Eure Hoheit. Besucht Ihr London länger?“

„Meine Tante ist kürzlich vom Festland angereist, also musste ich ihr natürlich einen Pflichtbesuch abstatten, obwohl das Haus, das sie gemietet hat … Was für ein Desaster. Kaum mehr als eine Hundehütte.“

„Wie schrecklich für Euch“, sagte ich.

„Ich werde es irgendwie überleben“, sagte er und sein Ausdruck legte nahe, dass er lieber die Nacht in den Kerkern unter dem Tower of London verbringen würde. „Und wohin sind die Ladys unterwegs?“

„Wir gehen zum Mittagessen ins Savoy“, sagte Belinda.

„Das Savoy. Das Essen dort ist nicht schlecht. Vielleicht werde ich Sie begleiten.“

„Das wäre wundervoll“, sagte Belinda süßlich.

Ich grub meine Finger in ihren Unterarm. Ich wusste, dass ihr das Spaß machte. Mir machte es ganz sicher keinen. Ich beschloss, mein Ass auszuspielen.

„Wie freundlich von Euch, Eure Hoheit. Wir haben so viel Gesprächsstoff. Seid Ihr in letzter Zeit ausgeritten – seit Eurem unglücklichen Unfall, meine ich?“, fragte ich unschuldig.

Ein irritiertes Zucken lief über sein Gesicht. „Ach“, sagte er, „mir fiel gerade ein, dass ich einem Freund versprochen habe, ihn im Club zu treffen. Tut mir so leid. Vielleicht ein andermal?“ Er schlug die Hacken auf seine merkwürdige europäische Art zusammen und beugte ruckartig den Kopf. „Ich muss Ihnen Lebewohl sagen. Lady Georgiana. Miss Warburton-Stoke.“ Und damit marschierte er die Park Lane hinunter, so schnell ihn seine Stiefel tragen wollten.

Kapitel 3

Belinda sah mich an und fing an zu lachen. „Was sollte das denn?“

„Er ist das letzte Mal, als wir zusammen waren, von seinem Pferd gefallen, bei dieser Hausparty“, erklärte ich. „Nachdem er damit geprahlt hatte, was für ein guter Reiter er wäre. Ich musste etwas sagen, um ihn davon abzuhalten, mit uns Mittagessen zu gehen. Was hast du dir nur dabei gedacht?“

Belindas Augen funkelten. „Ich weiß, es war sehr ungezogen von mir, aber ich konnte nicht widerstehen. Du in deiner Dienstmädchenuniform mit Prinz Siegfried im Savoy – wie schrecklich unterhaltsam.“

„Und ich dachte, du wärst meine Freundin“, sagte ich.

„Das bin ich, Liebes, das bin ich. Aber du musst zugeben, dass es zum Brüllen komisch gewesen wäre.“

„Es wäre mein schlimmster Albtraum gewesen.“

„Was kümmert es dich, was dieser fürchterliche Mann von dir hält? Ich dachte, der Plan war, sicherzustellen, dass er sich lieber in sein Schwert stürzt, anstatt dich zu heiraten.“

„Weil er bestimmt dem Palace Bericht erstattet, vor allem, wenn ihm auffällt, dass ich wie ein Dienstmädchen gekleidet bin, und vor allem, wenn er zwei und zwei zusammenzählt und ihm aufgeht, dass er soeben gesehen hat, wie ich sein Haus geputzt habe. Und wenn der Palace Wind davon bekommt, werde ich aufs Land verfrachtet, um die Kammerzofe der einzigen noch lebenden Tochter von Queen Victoria zu werden und den Rest meiner Tage umgeben von Pekinesen und Strickwolle zu verbringen.“

„Oh, ich schätze, das ist ein gutes Argument.“ Belinda bemühte sich, ihr Lächeln zu unterdrücken. „Ja, das war ziemlich taktlos von mir. Komm mit, nach einem ausgezeichneten Mittagessen im Savoy wirst du dich besser fühlen.“ Sie zog mich die Park Lane entlang. „Wir nehmen ein Taxi.“

„Belinda, in diesem Aufzug kann ich nicht ins Savoy gehen.“

„Kein Problem, Schätzchen.“ Belinda zerrte mich zur Seite in die Curzon Street. „Mein Salon ist um die Ecke. Wir machen einen kurzen Abstecher und ich leihe dir etwas zum Anziehen.“

„Ich kann doch keines deiner Kleider anziehen. Was, wenn ich es beschädige? Du kennst mich doch. Ich werde es vermutlich bekleckern.“

„Sei nicht albern. Du würdest mir sogar einen Gefallen tun. Du kannst eine lebende Werbetafel für meine Kreationen sein, wenn du dich mit deinen königlichen Verwandten triffst. Das wäre ein großer Fang, nicht wahr? Die königliche Hofschneiderin?“

„Aber nicht den Hosenanzug“, sagte ich eilig. Mein letztes Modedesaster saß mir noch in den Knochen. „Ein normales Kleid, das ich tragen kann, ohne darüber zu stolpern oder mich zum Affen zu machen.“

Belinda lachte ihr fröhliches, glockenhelles Lachen. „Du bist so süß, Georgie.“

„Süß, aber tollpatschig“, sagte ich düster.

„Ich bin sicher, dass sich deine Tollpatschigkeit irgendwann auswachsen wird.“

„Das hoffe ich“, sagte ich. „Es ist ja nicht so, als ob ich immer tollpatschig wäre. Es ist nur so, dass ich immer am falschen Ort und zur falschen Zeit vor den falschen Leuten tollpatschig bin. Es muss mit meinen Nerven zu tun haben, schätze ich.“

„Warum solltest du denn nervös sein?“, fragte Belinda herausfordernd. „Du bist die heiratsfähigste junge Frau in ganz Großbritannien, du bist sehr attraktiv und du hast diesen herrlich frischen, jungfräulichen Charme – wo wir schon beim Thema sind, gibt es an dieser Front etwas Neues?“

„Zu meiner Jungfräulichkeit, meinst du?“

Zwei Nannys, die Kinderwagen schoben, drehten sich mit entsetzten Gesichtern nach uns um.

Belinda und ich grinsten einander an. „Dieses Gespräch sollten wir an einen weniger öffentlichen Ort verlegen“, sagte ich und schob sie in den Eingang des Gebäudes, in dem sich ihr Salon befand. Sobald wir oben in ihrem kleinen Zimmer waren, ließ sie mich mehrere Kleider anprobieren, bevor wir uns auf ein hellbraunes Georgette-Kleid mit einem glänzenden kurzen Goldcape einigten.

„Capes sind gerade sehr in Mode und es passt so gut zu deinem Haar“, sagte sie. Sie hatte recht. Als ich mich in dem Ganzkörperspiegel betrachtete, fühlte ich mich wie ein anderer Mensch. Ich war nicht länger unbeholfen, sondern hochgewachsen und elegant – jedenfalls bis auf meine Schuhe. Ich trug vernünftige schwarze Dienstmädchen-Schnürschuhe.

„Diese Schuhe müssen weg“, sagte Belinda. „Wir können unterwegs im Russel und Bromley vorbeischauen.“

„Belinda – ich habe kein Geld, versteh das doch.“

„Die Schuhe müssen zum Kleid passen“, sagte sie unbekümmert. „Außerdem kannst du mir das Geld zurückzahlen, sobald du Königin von Wer-weiß-wo geworden bist. Man weiß nie, vielleicht heiratest du irgendwann einen Maharadscha, der dir dein Gewicht in Diamanten schenkt.“

„Und mich dann in seinen Harem sperrt. Nein, danke. Ich denke, ich gebe mich mit einem weniger wohlhabenden Engländer zufrieden.“

„Wie langweilig, Liebes. Und so völlig ohne Sex.“ Belinda trat auf die Straße hinaus und winkte ein Taxi heran, das mit quietschenden Reifen neben ihr zum Stehen kam. „Zuerst ins Russell und Bromley“, sagte sie, als wäre es das Normalste der Welt. Für sie war es das. Für mich fühlte es sich immer noch an, als wäre ich Aschenputtel.

Belinda benötigte eine halbe Stunde, um ein Paar goldener Pumps für mich auszusuchen, dann ging es zum Savoy. Sie plauderte fröhlich und ich merkte, wie meine Laune sich besserte. Das Taxi bog in den wundervollen, modernen, stromlinienförmigen Säulengang des Savoys ein und ein Portier sprang vor, um uns einzulassen. Ich trat ein und fühlte mich elegant und glamourös, endlich eine Frau von Welt. Zumindest, bis sich mein Cape beim Eintreten in der Drehtür verfing. Ich wurde zurückgerissen, bekam keine Luft mehr und musste schamhaft stehen bleiben, bis mich die Portiers befreit hatten. Belinda kicherte.

„Wusstest du, dass du gefährliche Kleidungsstücke kreierst?“, beschwerte ich mich, als wir zum Savoy-Grill-Restaurant gingen.

„Sie haben reserviert, Miss?“, fragte der Maître d’.

„Ich bin Belinda Warburton-Stoke und ich bin hier, um mit Lady Georgiana Rannoch zu speisen“, sagte Belinda liebenswürdig, während sie ihm diskret einen Geldschein in die Hand drückte. „Es tut mir schrecklich leid, aber wir haben keine Reservierung … aber ich bin mir sicher, dass Sie ein wahrer Engel sind und irgendwo ein Eckchen für uns finden werden …“

„Willkommen, Mylady. Es ist in der Tat eine Ehre.“ Er verbeugte sich vor mir und führte uns zu einem wunderschönen Tisch für zwei. „Ich werde den Koch zu Ihnen schicken, damit er Ihnen seine Empfehlungen geben kann.“

„Ich muss zugeben, dass es nützlich ist, einen bekannten Namen zu haben“, sagte ich, als wir uns setzten.

„Das solltest du öfter ausnutzen. Du könntest zum Beispiel überall, wo du willst, anschreiben lassen.“

„Oh nein, ich verschulde mich nicht. Du kennst doch unser Familienmotto: Tod vor Ehrlosigkeit.“

„Schulden sind nichts Unehrenhaftes“, sagte Belinda. „Denk an die Erbschaftssteuern, die dein Bruder zahlen musste, nachdem sich dein Vater erschossen hatte.“

„Ja, aber er musste die Hälfte des Anwesens, das Familiensilber und unsere Immobilie in Sutherland verkaufen, um sie abzubezahlen.“

„Wie langweilig anständig von ihm. Ich bin froh, dass ich nur Landadlige und keine Aristokratin bin. Die Erwartungen seiner Vorfahren lasten weniger auf einem. Mein Ururgroßvater war nur ein Kaufmann. Deine feinen Leute wollten sich nicht mit ihm abgeben, obwohl er sie alle hätte aufkaufen können. Jedenfalls weiß ich die Laster der unteren Klassen zu genießen – und wo wir von Lastern sprechen, du hast mir noch nicht erzählt …“

„Dir was erzählt?“

„Deine Jungfräulichkeit, Schätzchen. Ich hoffe, du hast endlich etwas getan, um sie loszuwerden. Eine solche Last.“

Leider fällt es bei meiner hellen Haut stark auf, wenn ich rot werde.

„Du hast es endlich getan, oder?“, fragte sie in ihrer lauten, glockenhellen Tonlage, die faszinierte Blicke von allen Nachbartischen anzog. „Sag mir nicht, dass du es nicht getan hast! Georgie, was ist los mit dir? Besonders, da du jemanden hast, der nur allzu bereit dafür ist.“

Der arme junge Mann, der uns Wasser einschenkte, hätte beinahe den Krug fallen lassen.

„Belinda“, zischte ich.

„Ich gehe davon aus, dass der verwegene Darcy O’Mara noch im Spiel ist?“

„Ehrlich gesagt, Nein.“

„Oh nein, was ist passiert? Ihr beiden wart wie Pech und Schwefel, als ich euch das letzte Mal gesehen habe.“

„Wir hatten keinen Streit, nichts dergleichen. Er ist einfach verschwunden. Kurz nach der berüchtigten Hausparty. Er hat einfach nicht mehr angerufen und ich habe keine Ahnung, wo er sich aufhält.“

„Hast du denn keine Nachforschungen angestellt?“

„Das kann ich unmöglich tun. Wenn er mich nicht will, dann werde ich ihm nicht nachlaufen.“

„Ich würde es tun. Er ist eindeutig einer der interessantesten Männer Londons. Und um ehrlich zu sein gibt es davon nicht viele, oder? Im Moment vergehe ich geradezu vor sexueller Frustration.“

Der Koch, der nun neben unserem Tisch stand, gab vor, das Besteck gerade auszurichten. Belinda bestellte alle möglichen leckeren Gerichte – Endiviensalat mit Räucherlachs und gegrillte Lammkeule, begleitet von einem herrlich süffigen Bordeaux, gefolgt von süßem Brot-und-Butter-Pudding, der einfach himmlisch war. Wir waren gerade mit dem Pudding fertig und man hatte uns Kaffee gebracht, als ein wieherndes Lachen durch den Grill schallte, eine Art „Harharhar“. Von dem Tisch, an dem das Lachen erklungen war, erhob sich ein junger Mann, der sich noch immer vor Lachen schüttelte. „Zum Brüllen“, sagte er, dann kam er auf uns zu.

„Jetzt weißt du, was ich damit meine, dass es in London keine interessanten Männer gibt“, murmelte Belinda. „Das ist die aktuelle Krone der britischen Männlichkeit. Seinem Vater gehört ein Verlag, aber er ist völlig nutzlos im Bett.“

„Ich glaube nicht, dass ich ihn kenne“, sagte ich.

„Gussie Gormsley, meine Liebe“, sagte sie.

„Gussie Gormsley?“

„Augustus. Sein Vater ist Lord Gormsley. Es überrascht mich, dass er nicht auf deiner Liste von möglichen Heiratskandidaten steht. Liegt wohl an den Verlagsverbindungen. Man möchte keinen Kaufmann in der Familie haben und so weiter.“ Sie winkte ihm zu. „Gussie. Hier drüben.“

Gussie war ein massiger, blasser junger Mann, der einen idealen Rugbystürmer abgegeben hätte. Sein Gesicht erhellte sich vor Freude, als er Belinda erkannte.

„Na, Belinda, altes Haus“, sagte er. „Lange nicht gesehen.“

„Gerade zurück vom Mittelmeer, Schätzchen. Kennst du schon meine liebe Freundin Georgiana Rannoch?“

„Doch nicht Binkys Schwester? Grundgütiger.“

„Warum ‚Grundgütiger‘?“, fragte ich.

„Ich dachte immer – nun, er hat uns immer erzählt, du wärst ein schüchternes, zurückgezogenes kleines Ding, und hier stehst du und bist von Kopf bis Fuß glamourös.“

„Georgie ist wahrscheinlich der beste Fang in ganz Großbritannien“, sagte Belinda, bevor ich eine Antwort stottern konnte. „Die Männer schlagen sich geradezu um sie. Ausländische Prinzen, amerikanische Millionäre.“

„Kein Wunder, dass Binky dich geheim gehalten hat“, sagte Gussie. „Ich muss dich dem alten Lunghi vorstellen.“ Er drehte sich um und winkte seinem Ecktisch zu.

„Lunghi wer?“, fragte Belinda.

„Lunghi Fotheringay, altes Haus.“ Natürlich sprach er den Nachnamen „Fungy“ aus. Wie man es eben so tut.

„Lunghi Fungy? Das ist ja zum Schreien“, sagte Belinda. „Warum heißt er Lunghi?“

„Er kam erst vor kurzen aus Indien zurück, müsst ihr wissen. Hat uns einen Schnappschuss gezeigt, auf dem er mit einem kleinen Tuch um die Lenden zu sehen ist und jemand fragte, wie man das nennt, woraufhin er sagte, ein Lunghi, und dann merkten wir, wie lustig das ist. Und so wurde er zu Lunghi Fungy.“ Er winkte wieder. „Hier rüber, alter Knabe. Hier sind ein paar köstliche junge Dinger, die ich dir vorstellen muss.“

Ich spürte, wie ich unter den Augen aller Gäste des Savoys errötete, aber Belinda lächelte strahlend, als Mr Fotheringay auf uns zukam. Er war schlank, dunkelhaarig und wirkte ernst. Eigentlich sah er gar nicht so übel aus.

Wir wurden einander vorgestellt, dann sagte Gussy: „Schaut mal, nächste Woche findet bei uns eine kleine Party statt. Wollt ihr zwei nicht vorbeischauen?“

„Sehr gern, wenn wir Zeit haben“, sagte Belinda. „Werden dort interessante Leute sein?“

„Außer uns, meinst du?“, fragte der düstere, schweigsame Lunghi, der sie mit ernstem Blick betrachtete. Es bestand kein Zweifel, für welche von uns er sich interessierte. „Ich kann euch versichern, dass wir momentan die interessantesten Männer von ganz London sind.“

„Leider scheint das tatsächlich der Fall zu sein“, stimmte Belinda zu. „London fehlt gerade jegliche Faszination. Wir nehmen die Einladung an, nicht wahr, Georgie?“

„Warum nicht?“, gab ich zurück und versuchte den Anschein zu erwecken, dass solche Einladungen eine alltägliche Angelegenheit wären.

„Dann sehen wir uns dort. Ich werde Einladungen per Post versenden, damit es offiziell ist und so weiter. Es ist in der Arlington Street – dieser große, weiße Wohnblock in der Nähe von Green Park. St. James Mansions. Ihr werdet es an den Jazzklängen und an den verärgerten Gesichtern der Nachbarn erkennen.“

Belinda und ich erhoben uns, um zu gehen. „Siehst du, wenn du mit mir zusammen bist, passieren tolle Sachen“, sagte sie, während sie die Rechnung ohne zu zögern bezahlte. „Du scheinst Eindruck auf ihn gemacht zu haben, nicht?“

„Eher deine Kleider“, sagte ich. „Aber es könnte lustig werden.“

„Einer von ihnen könnte derjenige sein.“

„Derjenige?“

„Der dir deine Jungfräulichkeit nimmt, Schätzchen. Also wirklich, manchmal bist du außerordentlich schwer von Begriff.“

„Du hast gesagt, dass Gussie nutzlos im Bett ist“, erinnerte ich sie.

„Für mich. Für dich könnte er ganz ordentlich sein. Du wirst nicht so hohe Erwartungen haben.“

„Vielen Dank“, sagte ich, „aber ich habe beschlossen, auf die wahre Liebe zu warten. Ich will nicht so enden wie meine Mutter und immer wieder abhauen.“

„Wenn man vom Teufel spricht“, sagte Belinda.

Ich blickte auf und sah, dass meine Mutter den Raum betreten hatte.

Sie stand im Eingang des Savoy Grill und gab vor, den Raum zu überblicken, aber in Wahrheit wartete sie darauf, dass jeder der Gäste ihre Anwesenheit bemerkte. Ich musste zugeben, dass sie in ihrem Gewand aus fließender Seide mit gerade so viel Rot, dass es gewagt war, aussah wie eine himmlische Erscheinung. Der Glockenhut, der ihr zartes Gesicht umrahmte, war aus weißem Stroh, in das rote Wirbel eingewoben waren. Der Maître d’ sprang vor. „Euer Gnaden, welche Ehre“, murmelte er.

Meine Mutter ist schon seit vielen Ehemännern nicht mehr „Euer Gnaden“, aber sie lächelte lieblich und verbesserte ihn nicht. „Hallo, François. Wie schön, dich wiederzusehen“, sagte sie mit ihrer melodischen Stimme, die das Publikum in Theatern auf der ganzen Welt verzaubert hatte, bevor mein Vater sie entdeckt hatte. Sie durchquerte den Raum und ihr Blick fiel auf mich. Ihre großen blauen Augen weiteten sich vor Überraschung.

„Gütiger Himmel, Georgie. Du bist es! Ich hätte dich kaum erkannt, Liebling. Du siehst zur Abwechslung ganz zivilisiert aus. Du musst einen reichen Liebhaber gefunden haben.“

„Hallo Mummy.“ Wir küssten die Luft neben unseren Wangen. „Ich wusste nicht, dass du in der Stadt bist. Ich dachte, um diese Jahreszeit wärst du noch im Schwarzwald.“

„Ich bin hergekommen, um einen … Freund zu treffen.“ In ihrer Stimme schwang etwas Verhaltenes mit.

„Und bist du noch mit Wie-heißt-er-noch-gleich zusammen?“

„Max? Nun, ja und nein. Er glaubt es. Aber es ist so ermüdend, nicht ab und an mit jemandem plaudern zu können. Ich meine, der Sex ist immer noch traumhaft, aber ein gutes Gespräch ist auch nicht zu verachten und aus irgendeinem Grund kann ich einfach kein Deutsch lernen. Und Max spricht immer nur davon, auf Dinge zu schießen. Also habe ich einen kleinen Ausflug nach London gemacht. Ah, da ist er ja.“ Ich sah, wie am anderen Ende des Restaurants eine Hand zum Gruß erhoben wurde. „Muss los, Schätzchen. Lebst du noch in diesem trostlosen alten Rannoch House? Wir müssen uns bald zum Tee verabreden. Ciao!“

Und schon war sie fort und ließ mich mit der gewohnten Enttäuschung und Frustration zurück. So vieles war ungesagt geblieben. Ihr habt sicher schon vermutet, dass sie als Mutter nicht gerade geeignet gewesen war. Belinda nahm meinen Arm. „Ich weiß nicht, warum du so versessen darauf bist, nicht so zu werden wie deine Mutter. Für den Inhalt ihres Kleiderschranks würde ich töten.“

„Aber um welchen Preis?“, sagte ich. „Mein Großvater glaubt, dass sie ihre Seele verkauft hat.“

Ein Taxi wurde für uns gerufen. Wir stiegen ein. Ich blickte aus dem Fenster und bemerkte, dass ich zitterte. Nicht nur das Treffen mit meiner Mutter hatte mich aufgewühlt. Als wir in das Taxi gestiegen waren, hatte ich geglaubt, Darcy O’Mara auf dem Weg ins Savoy zu sehen, Arm in Arm mit einer großen, dunkelhaarigen jungen Frau.

Kapitel 4

„Du bist so still“, bemerkte Belinda auf der Taxifahrt nach Hause. „Ist dir das Essen nicht bekommen?“

„Nein, das Essen war himmlisch“, sagte ich. Ich holte tief Luft. „Dir ist nicht zufällig Darcy aufgefallen, der das Savoy betrat, als wir gegangen sind?“

„Darcy? Nein, nicht, dass ich wüsste.“

„Dann hat mir meine Fantasie einen Streich gespielt“, sagte ich. „Aber ich könnte schwören, dass er es war und dass er Arm in Arm mit einer jungen Frau ging. Einer sehr attraktiven jungen Frau.“

„Ach ja“, seufzte Belinda. „Männer wie Darcy sind nicht für ihre dackelartige Loyalität bekannt und ich bin mir sicher, dass er einen gesunden Appetit hat.“

„Ich schätze, du hast recht“, sagte ich und verbrachte den Rest der Fahrt in ausgesprochen düsterer Stimmung. Anscheinend hatte meine dumme Sturheit mich meiner Chance bei Darcy beraubt. Wollte ich ihn wirklich, fragte ich mich. Er war irisch, katholisch, arm wie eine Kirchenmaus, unzuverlässig und in jeder Hinsicht unpassend, bis auf die Tatsache, dass er der Sohn eines Adligen war. Aber die Vorstellung von ihm mit einem anderen Mädchen bereitete mir beinahe körperlichen Schmerz in meinem Herzen.

Außerdem ließen mich die flüchtigen Begegnungen mit meiner Mutter immer frustriert und niedergeschlagen zurück. Es gab so vieles, was ich ihr sagen wollte, aber nie den richtigen Zeitpunkt. Und nun sah es aus, als würde sie sich schon wieder einem neuen Mann zuwenden. Der Gedanke, zu enden wie sie, hatte mich überhaupt erst auf die Idee gebracht, mich Darcy nicht so leicht hinzugeben. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir ihre wechselhafte Art vererbt hatte, aber ich hatte eindeutig die unerschütterliche Natur der Rannochs geerbt. Und unser Familienmotto lautete: Tod vor Ehrlosigkeit!

Ich betrat das Rannoch House. Ich trug noch immer Belindas modische Kleider, meine Dienstmädchenuniform und die klobigen Schuhe waren nun in einer Harrods-Einkaufstüte verstaut. Ich hatte versucht, sie davon zu überzeugen, die Kleider, die sie mir geliehen hatte, zurückzunehmen, aber sie hatte darauf bestanden, dass es gute Werbung für sie war und ich lediglich jedem, der mir ein Kompliment machte, ihre Karte geben sollte. Wahrscheinlich hatte sie nicht unrecht, obwohl sie offensichtlich annahm, dass ich meine königlichen Verwandten öfter sah, als es tatsächlich der Fall war. Soweit ich wusste, würde ich den König und die Königin erst wieder in Balmoral mit eigenen Augen sehen, wohin ich jeden Sommer eingeladen wurde, da Castle Rannoch nur einen Katzensprung entfernt war. Und in Balmoral musste man sich an die strengen Highland-Kleidervorgaben halten.

Ich trat in den düsteren Flur und bemerkte, dass ein Brief auf der Fußmatte lag. Post war eine Seltenheit, da kaum jemand wusste, dass ich in London war. Erwartungsvoll hob ich ihn auf. Dann sah ich, von wem er stammte und hätte ihn fast wieder fallen lassen. Vom Palace. Persönlich von einem Kurier überbracht.

Ein Schauer lief mir über den ganzen Körper. Der Brief stammte von dem Privatsekretär Ihrer Majestät.

 

Ihre Majestät hofft, dass es Ihnen möglich ist, morgen am 7. Juni zum Tee zu kommen. Sie bittet, die kurzfristige Ankündigung zu entschuldigen, aber es handelt sich um eine dringliche Angelegenheit.

 

Mein erster Gedanke war natürlich, dass Siegfried die Dienstmädchenuniform erkannt hatte und sofort zum Palace geeilt war, um die schreckliche Nachricht zu verbreiten. Ich würde aufs Land geschickt werden und – „Moment mal“, sagte ich laut. Sie mochte zwar die Königin von England und die Kaiserin von Indien sein, aber sie konnte mich zu nichts zwingen, was ich nicht wollte. Wir waren nicht mehr im Mittelalter. Sie konnte mich nicht köpfen oder in den Tower werfen. Ich hatte mir nichts zu Schulden kommen lassen. Ich wusste, dass Häuser zu putzen meinem Stand nicht gerade entsprach, aber ich verdiente meinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise. Ich bat niemanden darum, mich zu unterstützen, sondern schlug mich in schwierigen Zeiten allein durch. Sie sollte auf meinen Unternehmergeist stolz sein.

Gut, damit wäre das geklärt. Das war genau das, was ich ihr sagen würde.

Danach war mir viel leichter ums Herz. Ich stiefelte nach oben und zog Belindas Kreation aus, dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb eine Rechnung über die Hälfte des vereinbarten Betrags an die Gräfinwitwe Sophia, mit einer Erklärung, warum das Dienstmädchen eine plötzliche Abneigung gegen den Londoner Staub entwickelt hatte.

 

Rannoch House

Dienstag, 7. Juni 1932

 

Liebes Tagebuch,

wunderschöner strahlender Morgen. Heute ist das Buck House an der Reihe. Tee mit der Königin. Erwarte nicht viel zu essen. Ernsthaft, das königliche Protokoll ist völlig albern. Werde IM ablenken müssen, um diesmal einen Happen Kuchen zu verschlingen. Frage mich, was sie will. Bestimmt nichts Gutes…

 

Als ich mich zum Tee im Palace anzog, fühlte ich mich nicht mehr ganz so mutig wie zuvor. Ihre Majestät war eine eindrucksvolle Frau. Sie war klein und wirkte auf den ersten Blick nicht besonders durchsetzungsstark, aber man denke nur an meine Urgroßmutter, Königin Victoria. Auch sie war klein und dennoch erzitterte ein ganzes Weltreich, wenn sie eine Augenbraue hob. Königin Mary besaß etwas weniger Macht, aber der Anblick ihres kerzengeraden Rückens und ihrer kühlen blauen Augen mit ihrem direkten, taxierenden Blick konnte selbst die stärkste Person in die Knie zwingen. Und sie schätzte es nicht, wenn man ihr zuwiderhandelte. Ich begutachtete die Kleider in meinem Schrank und versuchte zu entscheiden, welches davon den besten Eindruck hinterlassen würde. Nichts zu Mondänes, also definitiv nicht Belindas Kreation. Ich besaß einige recht elegante Abendkleider, aber meine Tagesgarderobe für den Sommer ließ leider zu wünschen übrig. Das Kleid, das mir am besten gefiel, war aus Baumwolle. Es hatte ein Bügeleisen nötig und ich hatte das Bügeln noch nicht gemeistert. Am Ende hatte es mehr Falten als am Anfang, nicht zu vergessen ein oder zwei Verbrennungen. Schließlich entschied ich mich für etwas Schlichtes und schlüpfte in ein marineblaues Kostüm und eine weiße Bluse. Dazu setzte ich meinen weißen Strohhut auf (Welten entfernt von dem modischen Hütchen meiner Mutter), zog weiße Handschuhe an und machte mich auf den Weg.

Es war ein warmer Tag und als ich die Spitze des Constitution Hills erreicht hatte, war mein Gesicht ziemlich erhitzt. Ich betupfte es mit einem parfumgetränkten Taschentuch, bevor ich die Wachen passierte. Der Besuchereingang befand sich am anderen Ende des Palace. Wenigstens konnte ein Besucher wie ich, der ohne den Vorzug einer Staatskarosse oder eines Rolls Royce ankam, durch einen Nebeneingang treten. Ich überquerte den Vorhof und hatte wie immer das Gefühl beobachtet zu werden und fürchtete, über einen Pflasterstein zu stolpern.

Ich wurde mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen und nach oben geleitet, wo sich die königlichen Wohngemächer befanden. Zum Glück konnte ich die große Treppe mit dem roten Teppich und den Statuen vermeiden, sondern wurde über eine schlichte Hintertreppe zu einem Büro gebracht, das aussah, als könnte es einem beliebigen Londoner Anwalt gehören. Hier wartete der Sekretär Ihrer Majestät auf mich. „Ah, Lady Georgiana. Folgen Sie mir bitte. Ihre Majestät erwartet Sie in ihrem privaten Salon.“ Er machte einen fröhlichen Eindruck, ja, er wirkte geradezu heiter. Ich war versucht, ihn zu fragen, ob Ihre Majestät sich nach einer Zugverbindung ins tiefste Gloucestershire erkundigt hatte. Aber andererseits hatte sie ihm vielleicht nicht mitgeteilt, warum sie mich hatte rufen lassen. Vielleicht wusste er nichts von Tanten mit Pekinesen.

Ein Glück, dass wir nicht katholisch sind, dachte ich. Wenigstens konnte sie mich nicht ins Kloster sperren, bis sich ein passender Bräutigam fand. Das ließ mich auf halbem Weg den Flur entlang erstarren. Was, wenn ich in den Salon geführt wurde und mich dort bereits Prinz Siegfried und ein Pfarrer erwarteten?

„Hier drin, Mylady“, sagte der Sekretär. „Lady Georgiana, Ma’am.“

Ich holte tief Luft und trat ein. Die Königin saß in einem Chippendale-Lehnstuhl vor einem niedrigen Tisch. Obwohl sie nicht mehr jung war, war ihr Teint makellos und ohne eine Spur von Falten. Überdies vermutete ich, dass sie dabei nicht auf die Hilfe diverser teurer Präparate angewiesen war, die meine Mutter benutzte, um ihr jugendliches Aussehen zu erhalten.

Der Tee war bereits angerichtet, dazu gehörten eine leckere Auswahl von Kuchen auf einer zweistöckigen Etagere aus Silber und Glas. Ihre Majestät streckte die Hand nach mir aus. „Ah, Georgiana, meine Liebe. Wie schön, dass du gekommen bist.“

Als ob man einer Königin etwas abschlug.

„Sehr freundlich von Euch, mich einzuladen, Ma’am.“ Ich versuchte mich an der üblichen Kombination aus einem Knicks und einem Kuss auf die Wange und brachte es dieses Mal fertig, ohne mir die Nase zu stoßen.

„Setz dich doch. Der Tee ist fertig. Grün oder Schwarz?“

„Grün, danke.“

Die Königin schenkte den Tee selbst ein. „Und nimm dir etwas zu essen.“

„Nach Euch, Ma’am“, sagte ich pflichtbewusst, da ich ganz genau wusste, dass das Protokoll verlangte, dass die Gäste nur das aßen, was die Königin aß. Das letzte Mal war ihre Wahl auf eine Scheibe Vollkornbrot gefallen.

„Ich glaube, heute bin ich überhaupt nicht hungrig“, sagte sie, was meine Laune noch mehr trübte. War ihr bewusst, was für eine Tortur es war, dazusitzen und die Erdbeertörtchen und Eclairs anzustarren, ohne eines davon essen zu dürfen?

Ich wollte gerade sagen, dass ich auch nicht hungrig wäre, als sie sich vorbeugte. „Wenn ich es mir genau überlege, sehen diese Eclairs zum Anbeißen aus, oder? Vernachlässigen wir einmal unsere schlanke Linie, nicht wahr?“

Sie war guter Laune. Ich fragte mich warum. Sollte das ein Abschiedstee werden, bevor sie mein fürchterliches Schicksal verkündete?

„Wie ist es dir ergangen, seit wir uns zuletzt gesehen haben Georgiana?“, fragte sie und richtete ihren wachsamen Blick auf mich.

Ich hatte mich damit abgemüht, einen Bissen von meinem Eclair zu nehmen, ohne meine Oberlippe mit Cremefüllung zu verschmieren. „Gut, danke, Ma’am.“

„Du bist also in London geblieben. Du bist nicht aufs Land gereist oder in die schottische Heimat.“

„Nein, Ma’am. Ich hatte ursprünglich vor, Sir Hubert Gesellschaft zu leisten, nachdem man ihn aus dem Schweizer Krankenhaus entlassen hatte, aber er beschloss, seine Genesung in einem Schweizer Sanatorium fortzuführen. Und es wäre nicht sinnvoll gewesen, nach Schottland zu fahren.“ (Sir Hubert war mein liebster ehemaliger Stiefvater und war auf einer Bergbesteigung in den Alpen schwer verunglückt.)

„Und bist du in London voll ausgelastet?“

„Ich bin beschäftigt. Ich habe Freunde. Ich habe gestern im Savoy zu Mittag gegessen.“

„Es ist immer gut, beschäftigt zu sein“, sagte sie. „Allerdings hoffe ich sehr, dass dein Leben aus mehr als nur Lunch im Savoy besteht.“

Ich fragte mich, worauf sie hinauswollte.

„In diesen schweren Zeiten gibt es so viel zu tun“, fuhr sie fort. „Eine junge Frau wie du, die noch nicht von einem Ehemann und Kindern beansprucht wird, könnte so viel Gutes tun und ein leuchtendes Vorbild sein. In Suppenküchen aushelfen, im East End Mütter bei der richtigen Pflege ihrer Säuglinge unterstützen oder sogar der Bewegung für Gesundheit und Schönheit beitreten. Das alles sind ehrenhafte Aufgaben, Georgiana. Jede einzelne ist es wert, ihr Zeit und Kraft zu widmen.“

Es würde also doch nicht so schlimm werden, hoffte ich. Wenn sie mir vorschlug, Babys und Müttern im East End zu helfen, erwartete sie, dass ich in London bleiben würde.

„Ausgezeichneter Vorschlag, Ma’am“, sagte ich.

„Ich fördere mehrere ehrenwerte Wohltätigkeits­organisationen. Ich werde mich erkundigen, wo deine Dienste am meisten gebraucht werden.“

„Ich danke Euch.“ Ich meinte es ernst. Es würde mir wirklich gefallen, einer Wohltätigkeitsorganisation dabei zu helfen, Gutes zu tun. Und es würde mir zwischen dem Häuserputzen eine Beschäftigung geben.

„Fürs Erste genug von diesem Thema“, sagte Ihre Majestät und nahm einen Schluck von ihrem grünen Tee. „Ich hoffe nämlich, dich als Mitverschwörerin für einen kleinen Plan, den ich aushecke, zu gewinnen.“

Sie fixierte mich mit ihrem eindringlichen Blick und ihre wachen blauen Augen ruhten einen langen Moment auf meinen.

„Ich mache mir schreckliche Sorgen um meinen Sohn, Georgiana.“

„Den Prince of Wales?“, fragte ich.

„Natürlich. Meine anderen Söhne zeigen sich alle auf ihre Art zufriedenstellend. Wenigstens scheinen sie alle einen Sinn für königliche Verpflichtungen zu haben, was David völlig vermissen lässt. Diese Amerikanerin. Nach allem, was man hört, hat seine Faszination für sie nicht nachgelassen. Sie hat ihn in ihren Krallen und wird nicht lockerlassen. Natürlich steht eine Heirat im Moment außer Frage, weil sie mit einem anderen verheiratet ist, der arme Tölpel. Aber falls sie sich scheiden lässt – nun, du siehst selbst, in welche Unannehmlichkeiten uns das bringen würde.“

„Seine Hoheit würde doch niemals eine geschiedene Frau heiraten dürfen?“

„Dürfen, sagst du, aber wenn er König wäre, wer könnte ihn aufhalten? Er ist wortwörtlich das Oberhaupt der Kirche. Henry VIII hat die Regeln umgeschrieben, wie es ihm passte, nicht wahr?“

„Ich bin sicher, Eure Sorge ist unbegründet, Ma’am. Der Prince of Wales genießt im Moment das unbeschwerte Dasein eines Lebemannes, aber sobald er König wird, wird er sich an seine Verpflichtung gegenüber diesem Land erinnern. Das liegt allen Familienmitgliedern im Blut.“

Sie streckte die Hand aus und tätschelte meinen Arm. „Ich hoffe sehr, dass du recht hast, Georgiana. Aber ich kann nicht untätig dasitzen und nichts tun, um meinen Sohn vor dem Verderben und meine Familie vor der Schande zu bewahren. Es ist an der Zeit, dass er eine respektable Ehe eingeht, und zwar mit einer jungen Frau, die ihm Kinder mit einem ansehnlichen Stammbaum schenken kann. Eine vierzigjährige Amerikanerin ist absolut ungeeignet. Daher habe ich eine kleine Intrige gesponnen.“

Sie warf mir erneut einen verschwörerischen Blick zu.

„Hast du schon einmal von der bayerischen Königsfamilie gehört?“

„Ich habe sie noch nie getroffen, Ma’am.“

„Sie sind natürlich nicht mit uns verwandt und leider römisch-katholisch. Offiziell sind sie nicht mehr an der Macht, aber sie genießen noch immer hohes Ansehen und Respekt in ihrem Teil Deutschlands. Es gibt sogar starke Bestrebungen, die Monarchie in Bayern wieder einzuführen, um sie zu starken Verbündeten gegen diesen lächerlichen kleinen Emporkömmling Hitler zu machen.“

„Ihr plant eine Verbindung mit einem Mitglied der bayerischen Königsfamilie, Ma’am?“

Sie beugte sich näher zu mir, obwohl wir beiden die einzigen Menschen im Raum waren. „Sie haben eine Tochter, Hannelore. Eine Schönheit, nach allem, was man hört. Sie ist achtzehn Jahre alt und hat gerade das Festland verlassen, wo sie die letzten zehn Jahre eine Schulbildung erhalten hat. Sollte sie die Gelegenheit haben, meinen Sohn kennenzulernen – nun, welcher Mann würde sich nicht zu einer achtzehnjährigen Schönheit hingezogen fühlen? Bestimmt würde er über sie diese Simpson vergessen und auf den Pfad der Tugend zurückkehren.“

Ich nickte. „Aber was habe ich damit zu tun, Ma’am?“

„Lass mich dir meinen Plan erläutern, Georgiana. Wenn David den Verdacht schöpft, dass sein Zusammentreffen mit Prinzessin Hannelore erzwungen ist, wird er trotzig reagieren. Er war schon immer ein Sturkopf, schon als kleiner Junge, verstehst du. Aber wenn sein Blick zufällig auf sie fällt, im selben Raum, wenn es Andeutungen gibt, dass sie einem anderen versprochen ist – einem niedrigeren Adligen – nun, du weißt ja, wie sehr Männer es genießen Jäger zu sein. Also habe ich ihren Eltern geschrieben und sie eingeladen, England zu besuchen – um sie in die Gesellschaft einzuführen und ihr Englisch zu verbessern. Und ich habe beschlossen, dass sie nicht bei uns im Palace wohnen sollte.“ Sie sah auf und durchbohrte mich mit ihrem Blick. „Ich habe beschlossen, dass sie bei dir wohnen wird.“

„Bei mir?“ Zum Glück hatte ich nicht gerade einen Schluck von meinem Tee genommen, sonst hätte ich ihn über den Chippendale geprustet. So aber kam es als Quietschen heraus und ich vergaß, das Wörtchen „Ma’am“ anzuhängen.

„Was könnte schöner für ein junges Mädchen sein, als mit jemandem in ihrem Alter und von respektablem Status zusammenzuwohnen? Wie du sagtest, du triffst dich mit Freunden. Du gehst im Savoy essen. Sie wird sich köstlich mit euch jungen Leuten amüsieren. Dann, wenn die Gelegenheit günstig ist, sorgen wir dafür, dass sie die gleichen Veranstaltungen wie mein Sohn besucht.“

Sie fuhr fort angeregt zu plaudern. Mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren, während ich versuchte, die richtigen Worte dafür zu finden, dass ich eine junge Frau von königlichem Geblüt unmöglich in einem Haus ohne Bedienstete beherbergen konnte und selbst nur von Baked Beans lebte.

„Ich darf doch auf dich zählen, Georgiana?“, fragte sie. „Zum Wohle Englands?“

Mein Mund öffnete sich. „Natürlich, Ma’am“, sagte ich.

Kapitel 5

Ich stolperte aus dem Palace, als befände ich mich in einem Traum. Einem Albtraum, besser gesagt. In wenigen Tagen würde eine deutsche Prinzessin in mein Haus einziehen und ich hatte weder Bedienstete noch Geld, um sie zu verköstigen. Königinnen dachten nie an so unbedeutende Dinge wie Geld. Es war ihr vermutlich zu keinem Zeitpunkt in den Sinn gekommen, nachzufragen, ob ich über die Mittel verfügte, einen königlichen Gast zu unterhalten, oder ob ich in dieser Hinsicht Hilfe benötigte. Und selbst wenn sie mir einen Unterhalt bewilligt hätte, um für die Unterbringung zu sorgen, hatte ich dennoch weder Dienstmädchen noch Butler oder Koch. Ich wusste, dass Deutsche gute Küche schätzten. Mein Repertoire bestand aus Baked Beans und hartgekochten Eiern, was einfach nicht ausreichen würde.

Warum hatte ich mir nicht ein Herz gefasst und der Königin die Wahrheit gesagt? Hinterher machte es einen ziemlich albernen Eindruck, dass ich etwas so Absurdem zugestimmt hatte. Aber als dieser stählerne Blick auf mich gerichtet gewesen war, hatte ich einfach nicht den Mut gehabt, ihr zu widersprechen. Ich hatte es eigentlich nur den zahllosen Antiquitätenhändlern gleichgetan, die niemals vorgehabt hatten, die Königin mit einem ihrer wertvollsten Stücke davonkommen zu lassen, und dennoch hatten sie es ihr bereitwillig überreicht.

Und jetzt war ich ratlos, was ich als nächstes tun sollte. Ich musste mit jemandem sprechen, der lebenserfahren war und einen Ausweg aus meiner misslichen Lage erkennen würde. Belinda schied aus. Sie würde das Ganze für einen riesigen Jux halten und gespannt abwarten, wie ich die Situation meisterte. Doch sie hatte auch keine Vorstellung davon, wie abgebrannt ich war. Von ihrem einundzwanzigsten Geburtstag an hatte sie ein kleines privates Einkommen erhalten, das ihr ermöglichte, ein Cottage zu kaufen und ein Dienstmädchen einzustellen. Sie verdiente außerdem mit ihren Kleiderverkäufen Geld, nicht zu vergessen ihre Gewinne aus dem Glücksspiel. „Pleite“ bedeutete für sie, ein paar Tage auf Champagner zu verzichten.

Oh Gott, dachte ich. Was, wenn diese Prinzessin edlen Wein und Kaviar erwartete? Was, wenn sie mehr als Baked Beans und Tee erwartete?

Dann hatte ich plötzlich einen Geistesblitz. Es gab einen einzigen Menschen auf der Welt, der mir helfen konnte – mein Großvater. Nicht der schottische Duke, dessen Geist auf den Schlossmauern von Castle Rannoch herumspukte (wenn man den Bediensteten glaubte, spielte er dabei Dudelsack, obwohl das viel Fantasie erforderte, denn zu Lebzeiten konnte er das nicht). Ich meinte meinen nicht-königlichen Großvater, den früheren Polizisten. Ich eilte zur nächsten U-Bahn-Station und fuhr kurze Zeit später durch das Londoner East End in Richtung der östlichen Vororte von Essex, unterwegs zu einem kleinen ordentlichen Reihenhaus mit Gartenzwergen im Vorgarten.

Ich ging unter dem wachsamen Blick der Zwerge durch den Vorgarten, vorbei an einem taschentuchgroßen Stück Rasen und zwei tadellos gepflegten Rosenbeeten, und klopfte an Großvaters Tür. Niemand öffnete. Das war ein unerwarteter Rückschlag. Es war sechs Uhr und ich war mir sicher gewesen, dass er es sich nicht leisten konnte, auswärts zu essen. Ich kämpfte meine Enttäuschung nieder und war drauf und dran wieder nach Hause zu fahren. Dann fiel mir ein, dass er die ältere Lady nebenan erwähnt hatte. Er hatte sie die „alte Hexe“ genannt, aber auf liebevolle Art. Vielleicht wusste sie, wo er war. Sorge wallte in mir auf. Im letzten Winter war es ihm nicht besonders gut gegangen und ich hoffte, dass er nicht im Krankenhaus lag.

Ich klopfte an der anderen Haustür und wartete. Wieder keine Antwort. „Verdammt“, murmelte ich, dann schaute ich rechtzeitig auf, um zu bemerken, dass ein Vorhang zuckte. Also war jemand zu Hause und beobachtete mich. Als ich mich zum Gehen umdrehte, öffnete sich die Tür und eine große, rundliche Frau in einer blumigen Kittelschürze stand da und starrte mich an.

„Was wollen Sie?“, verlangte sie.

„Ich wollte meinen Großvater besuchen“, setzte ich an. „Ich bin Georgiana Rannoch und habe mich gefragt, ob –“

Sie quietschte erfreut. „Ich weiß, wer Sie sind, Menschenskinder, sowas aber auch. Ich hätt’ nie erwartet, eine königliche Person auf meiner Schwelle zu sehen. Muss ich knicksen oder so?“

„Natürlich nicht“, sagte ich. „Ich habe mich nur gefragt, ob Sie wissen, wo mein Großvater sein könnte. Ich bin den ganzen Weg hierhergekommen, um ihn zu besuchen und –“

„Komm’se rein, Küken“, sagte sie und schleifte mich fast ins Haus. „Ich sag’ Ihnen, wo Ihr Großvater ist. In meinem Wohnzimmer, da isser und trinkt seinen Tee. Und Sie sind ’erzlich willkommen uns Gesellschaft zu leisten. Genug für alle da.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, sagte ich.

„Nicht der Rede wert, Liebes, nicht der Rede wert“, sagte sie einladend.

„Es tut mir leid, aber ich weiß nicht, wie Sie heißen.“

„Ich heiße ’uggins, Liebes. Mrs ’ettie ’uggins.“

Ich dachte insgeheim, dass das eine sehr unglückliche Namenswahl für jemanden war, der seine Hs verschluckte, aber ich lächelte und streckte meine Hand aus. „Sehr erfreut, Mrs Huggins.“

„Ebenfalls, da bin ich mir sicher, Ihre ’oheit.“

„Ich bin keine Hoheit, nur eine Lady, aber Georgiana reicht völlig aus.“

„Sie sind ’ne richtige feine Lady, Miss, das sind Sie“, sagte sie. Sie war schon im Flur, als mein Großvater auftauchte.

„Was ist los, Hettie?“, fragte er. Dann sah er mich und strahlte. „Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Dein Anblick erfreut mein altes Herz“, sagte er. „Komm und gib deinem alten Großvater einen Kuss.“

Das tat ich und freute mich über den Geruch nach Kernseife auf seiner Haut und seine stoppelige Wange.

„Ich wäre fast wieder nach Hause gegangen“, sagte ich, „aber dann fiel mir ein, dass du deine direkte Nachbarin erwähnt hattest, also dachte ich, es wäre einen Versuch wert. Als dann Mrs Huggins erst nicht geöffnet hat –“

„Sie ist im Moment ein bisschen nervös“, sagte mein Großvater. „Wegen der Büttel.“

„Bütten?“ Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder von handgeschöpftem Papier.

„Ganz genau. Sie will nichts mit ihnen zu tun haben, aber sie tauchen immer wieder auf.“

Das fand ich sehr verwirrend. Woher kam diese irrationale Angst vor Büttenpapier und warum tauchte es immer wieder auf? Mit der Post? Aber warum warf sie es nicht einfach weg?

„Bütten? Was ist an Bütten so schlimm?“

„Sie versuchen mich rauszuwerfen, das is’ das Problem“, sagte Mrs Huggins. „Nur, weil ich ’n bisschen mit der Miete im Rückstand war, als es mir schlecht ging und ich den Arzt bezahlen musste.“

Endlich ging mir ein Licht auf und ich lief rot an, weil ich so schwer von Begriff gewesen war. „Oh, Büttel. Gerichtsvollzieher. Jetzt verstehe ich.“

„Ihr gehört das Haus nicht, anders als mir“, erklärte Großvater. „Sie hatte nicht das Glück, eine Tochter zu haben, die das Beste für sie will, nicht wahr, Hettie, Liebes?“

„Ich hab’ vier Töchter und alle haben sie Nichtsnutze geheiratet“, sagte sie. „Ich bin die, die sie unterstützen muss, nich’ andersrum.“

„Haben Sie Söhne, Mrs Huggins?“, fragte ich, bevor dieses Gespräch völlig ins Rührselige umschlug.

Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. „Drei Jungens“, sagte sie. „Alle im Krieg gefallen. Alle drei innerhalb weniger Tage.“

„Das tut mir sehr leid.“

„Tja, was geschehen is’, is’ geschehen, nicht wahr? Wunschdenken wird sie nich’ zurückbringen. Also versuche ich mich so gut es geht durchzuwursteln. Und genug von diesem trostlosen Geschwätz. Komm’se rein und machen’se es sich gemütlich, Liebes.“

Sie scheuchte mich in ein winziges Wohnzimmer. Darin befanden sich nicht nur ein Tisch und vier Stühle, sondern Sessel zu beiden Seiten des Kamins und ein Beistelltisch, auf dem ein Radio stand.

„Es macht Ihnen hoffentlich nichts aus, hier drin zu sein“, sagte sie. „Wir benutzen das vordere Wohnzimmer nur zu besonderen Anlässen. Setzen’se sich, Küken. Na los doch.“

Sie deutete auf einen Stuhl. Ich setzte mich mit dem unwirklichen Gefühl, das mich immer in gewöhnlichen Häusern überkommt. Ich war Zimmer gewohnt, die größer waren als das ganze Haus, Flure, die lang genug waren, dass man darin rollschuhfahren konnte und Kamine, groß genug, um darin Ochsen zu rösten, aus denen gewaltige, pfeifende Luftzüge drangen. Ein Zimmer wie dieses rief Erinnerungen an das Spielhäuschen wach, das meine Cousinen Elizabeth und Margaret in ihrem Garten gehabt hatten.

„Ich komme gerade vom Tee im Palace“, sagte ich, als meine Gedanken wieder zur Königsfamilie zurückkehrten.

„Der Palace, oh, unglaublich.“ Mrs Huggins sah meinen Großvater ehrfürchtig an. „Ich fürchte, ’ier werden’se nichts so Feines bekommen, nur gutes, einfaches Essen.“

Mein Blick fiel auf den Serviertisch. Ich hatte ähnliche Speisen wie im Palace erwartet – dünne Brotscheiben, kleine Kuchen – aber das hier war anders, als ich es kannte. Auf dem Tisch waren Schinkenscheiben und kalter Schweinebraten, eine halbe Fleischpastete, ein Stück Käse, ein großer, knuspriger Brotlaib, eingelegte Zwiebeln und eine Schale Tomaten angerichtet, außerdem ein saftiger englischer Kuchen und ein paar kleine Felsenkekse.

„Was für ein Aufgebot“, sagte ich.

„Das essen wir immer zum Tee, nich’, Albert?“

Mein Großvater nickte. „Wir essen spätnachts nichts Warmes, anders als die feinen Leute. Wir essen mitten am Tag und das tischen wir dann abends auf.“

„Ich finde, es sieht unheimlich gut aus“, sagte ich und nahm die Schinkenscheiben, die er auf meinen Teller legte, freudig entgegen.

„Also, was bringt dich nach Essex?“, fragte mein Großvater beim Essen. „Und erzähl mir nicht, dass du gerade in der Gegend warst“

„Ich bin gekommen, weil ich deinen Rat brauche, Großvater“, sagte ich. „Ich stecke in der Klemme.“

„Geht es um einen jungen Mann?“, fragte er mit einem besorgten Blick zu Mrs Huggins.

„Nein, nichts dergleichen. Es ist nur …“ Ich schaute zu Mrs Huggins, die mit gespitzten Ohren dasaß. Ich konnte ihr wohl kaum sagen, warum ich vorbeigekommen war, aber ich konnte Großvater nicht wegzerren, ohne unhöflich zu wirken. Er löste das Problem, indem er sagte: „Du kannst vor Hettie offen sprechen. Sie und ich haben keine Geheimnisse, oder zumindest nur die, die meine Freundinnen betreffen.“

„Geh mir aus den Augen.“ Hettie schmunzelte und mir wurde klar, dass ihre Beziehung sich vertieft hatte, seit ich das letzte Mal zu Besuch gewesen war.

„Es ist so, Großvater“, sagte ich und gab das ganze Gespräch mit der Königin wieder. „Also habe ich keine Ahnung, was ich nun tun soll“, sagte ich. „Ich kann keine Prinzessin bei mir aufnehmen, aber ich wage es nicht, mich der Königin zu widersetzen und ihr die Wahrheit zu sagen. Sie wäre furchtbar entsetzt, dass ich ohne Bedienstete hause, und ich weiß ganz genau, dass sie mich als Kammerzofe zu irgendeiner königlichen Tante aufs Land verbannen würde.“ Meine Stimme wurde zu einem hohen Fiepen.

„Alles in Ordnung, Liebes. Lass dich davon nichts ins Bockshorn jagen.“

„Ins was?“

„Bockshorn. Das ist Cockney-Slang. Hast du das noch nie gehört?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Woher sollte sie das auch wissen?“, fragte Mrs Huggins. „Im Palace benutzen sie keinen Slang.“

Großvater lächelte. „Das erfordert ein bisschen Kopfzerbrechen“, sagte er, während er sich am Kinn kratzte. „Wie lange bleibt diese ausländische Prinzessin?“

„Ich habe keine Ahnung. Die Königin erwähnte, dass sie möchte, dass wir Sandringham besuchen und es gibt Hauspartys, an denen wir teilnehmen sollen.“

„Also könnte es nur für etwa eine Woche sein?“

„Möglich.“

„Ich habe nämlich nachgedacht“, sagte er. „Ich weiß, wo ich eine Köchin und einen Butler für dich auftreiben kann.“

„Tatsächlich? Wo?“

„Wir“, sagte Großvater und brach in Gelächter aus. „Ich und Mrs Huggins. Sie ist eine sehr ordentliche Köchin und ich gehe bei Bedarf als Butler durch.“

„Großvater, ich kann nicht von dir verlangen, mein Bediensteter zu sein. Es kommt mir nicht richtig vor.“

„Ach, Liebes, du würdest uns aber einen großen Gefallen tun“, sagte er mit einem weiteren Blick zu Mrs Huggins. „Weißt du, es könnte nützlich sein, nicht zu Hause zu sein, wenn dieser Büttel wieder mit einem Räumungsbescheid ankommt. Er muss ihn persönlich überbringen, stimmt’s?“

„Aber ich kann es mir nicht leisten, dich zu bezahlen.“

„Mach dir jetzt keine Sorgen über Geld, mein Liebes“, sagte Großvater. „Wir brauchen keine Bezahlung, aber du wirst genug Geld brauchen, um diese junge Frau zu verköstigen.“

„Sie wird wahrscheinlich das Beste vom Besten erwarten“, pflichtete Mrs Huggins ihm bei. „Meiner Meinung nach isses von der Queen nich’ in Ordnung zu erwarten, dass Sie alles aus eigener Tasche bezahlen.“

„Sie denkt einfach nicht an solche Dinge“, sagte ich. „Die Königsfamilie muss sich nie Gedanken um Geld machen. Sie tragen nicht einmal Geld bei sich.“

„Muss schön sein“, sagte Mrs Huggins mit einem wissenden Nicken zu meinem Großvater.

Großvater kratzte sich am Kinn. „Ich schlage vor, du schreibst deinem Bruder und fragst ihn um Hilfe. Immerhin schuldet er dir einen großen Gefallen.“

„Du hast Recht, das tut er, aber er nagt selbst am Hungertuch.“

„Dann sag ihm, dass du die Prinzessin mit nach Schottland bringst. So wie ich deine hochnäsige Schwägerin kenne, würde sie alles tun, um keinen königlichen Besuch in ihrem Haus haben zu müssen.“

„Großvater, das ist eine geniale Idee“, sagte ich lachend. „Absolut genial. Und ich werde Binky daran erinnern, dass er außerdem versprochen hat mir ein Dienstmädchen zu schicken. Oh Gott, ich wette, die Prinzessin wird erwarten, dass jemand sie ankleidet.“

„Ich bin nich’ bereit, irgendwelche Prinzessinen anzukleiden“, sagte Mrs Huggins. „Ich hätte keine Ahnung, wie man diese vornehmen Kleider trägt und wahrscheinlich würden meine rauen Hände ihre weiche Haut zerkratzen.“

„Wenn Binky mein Dienstmädchen wie versprochen aus Schottland herschickt, kann sie der Prinzessin zur Hand gehen“, sagte ich. „Ich bin es mittlerweile gewohnt, ohne Dienstmädchen zurechtzukommen.“

„Also wann soll es losgehen?“

„In den nächsten Tagen“, sagte ich. „Meine Güte. Ich freue mich überhaupt nicht darauf.“

„Lass dich nicht ins Bockshorn jagen.“ Großvater tätschelte mein Knie. „Es wird alles gut. Du wirst schon sehen.“

Kapitel 6

Rannoch House

Mittwoch, 8. Juni 1932

In letzter Zeit war unser Butler in Castle Rannoch schwerhörig geworden. Es dauerte bestimmt fünf Minuten, bis ich ihm verständlich machen konnte, dass ich nicht mit Lady Georgiana sprechen wollte, sondern dass ich Lady Georgiana war. Schließlich schnappte sich niemand anders als meine Schwägerin Fig den Telefonhörer.

„Georgiana?“ Sie klang überrascht. „Was stimmt jetzt schon wieder nicht?“

„Warum sollte etwas nicht stimmen?“

„Ich gehe davon aus, dass du bei dem aktuellen astronomisch hohen Telefontarif kein Geld mit einem Anruf verschwenden würdest, wenn es kein wirklicher Notfall wäre“, sagte sie. „Ich nehme an, du rufst vom Rannoch House an?“

„Ja, das tue ich und es ist etwas ziemlich Dringendes.“ Ich holte tief Luft. „Ich habe mich gefragt, ob ihr in den nächsten Wochen zu Hause sein werdet.“

„Natürlich werden wir zu Hause sein“, sagte sie gereizt. „Sommerurlaube können wir uns zurzeit einfach nicht leisten. Nicht daran zu denken, einen Abstecher ans Mittelmeer zu machen. Wahrscheinlich werde ich mit Klein-Podgy einen Besuch bei seinen Großeltern in Shropshire machen, aber abgesehen davon werden wir versuchen, uns ausschließlich auf Castle Rannoch zu vergnügen, so trostlos das auch klingen mag.“

„Das sind sogar gute Neuigkeiten“, sagte ich, „weil ich einen Vorschlag habe, der für Abwechslung bei euch sorgen wird. Ich habe vor, eine Gruppe von Deutschen zu euch einzuladen.“

„Deutsche? Bei uns? Wann?“

„Gegen Ende der Woche, glaube ich.“

„Du wirst diese Woche eine Gruppe von Deutschen zu uns einladen?“ Figs üblicherweise tadellose Erziehung bekam eindeutig Risse. Eine Lady sollte stolz darauf sein, niemals ihre Gefühle zu zeigen, aber Figs Stimme war hoch und schrill geworden. „Wie viele Deutsche?“

„Ich weiß nicht genau, wie groß die Entourage der Prinzessin sein wird.“

„Prinzessin?“ Nun war sie wirklich erschüttert.

„Ja, es ist eigentlich ganz einfach“, sagte ich. „Ich war gestern zum Tee im Palace und Ihre Majestät hat mich gefragt, ob ich so gütig sei, eine bayerische Prinzessin aufzunehmen, die gerade zu Gast ist –“

„Du? Warum du?“

Es ärgerte Fig maßlos, dass ich mit dem König verwandt war und sie nicht, insbesondere, da meine Mutter gewöhnlicher Herkunft und zudem noch eine Schauspielerin war. Fig hatte nur für einen oder zwei Abende auf Balmoral die Gelegenheit in die Nähe der Königsfamilie zu kommen.

„Ihre Majestät hatte den Eindruck, dass der Palace für ein junges Mädchen ziemlich altmodisch sei und es mehr Spaß mit jemandem in seinem Alter hätte. Unter gewöhnlichen Umständen hätte ich gern zugestimmt und im Rannoch House die Gastgeberin gespielt, aber wie du weißt, werde ich nicht länger von meinem Bruder unterstützt und kann mir daher keine Bediensteten leisten, also sehe ich keine Möglichkeit, einen Gast aufzunehmen, schon gar keine Prinzessin.“

„Warum hast du das Ihrer Majestät dann nicht erzählt?“

„Ihr erzählen, dass ich im Familienwohnsitz ohne Bedienstete lebe, weil mein Bruder sich weigert, sie zu bezahlen? Welchen Eindruck würde das machen, Fig? Denk an den guten Ruf der Familie. Welche Schande das wäre.“ Bevor sie antworten konnte, fuhr ich fröhlich fort: „Und da hatte ich einen Einfall. Ich bringe einfach alle mit nach Schottland. Sie würden sich prächtig amüsieren. Wir können ein paar Hauspartys für sie organisieren, Ausflüge ans Meer machen und dann eine Jagdgesellschaft bilden, wenn im August die Saison beginnt. Du weißt doch, wie gern die Deutschen auf Dinge schießen.“

„August?“ Figs Stimme wurde mindestens eine Oktave höher. „Du erwartest, dass sie bis August bleiben?“

„Ich habe keine Ahnung, wie lange sie beabsichtigen zu bleiben. Mit Ihrer Majestät bespricht man solche trivialen Details nicht.“

„Ich soll eine Gruppe von Deutschen bis August verköstigen? Georgiana, hast du überhaupt eine Vorstellung davon, wie viel diese Deutschen essen?“

„Ich sehe keine andere Möglichkeit“, sagte ich und genoss diese Konversation zutiefst.

„Sag der Königin, dass du das nicht tun kannst. Ganz einfach.“

„Man sagt nicht nein zur Königin, Fig. Und wenn ich ihr sagen würde, dass ich es nicht tun kann, müsste ich ihr den Grund nennen und es würde eine fürchterliche Aufregung geben. Wie gesagt, dafür gibt es eine ganz einfache Lösung. Ich würde die Prinzessin sehr gern im Rannoch House aufnehmen, wenn ich die Mittel dazu bekäme. Ihre Majestät hat erwähnt, dass sie uns für einen Teil der Zeit nach Sandringham einlädt, und natürlich gäbe es genügend Hauspartys, um Ihre Hoheit zu unterhalten, also sollte das keine zu hohen Kosten verursachen. Binky müsste nichts weiter tun, als meinen Unterhalt für kurze Zeit wieder aufzunehmen und mir wie versprochen das Dienstmädchen zu schicken.“

„Georgiana, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du versuchst mich zu erpressen“, sagte Fig kühl.

„Erpressung? Oh, du lieber Himmel, nein. Nichts dergleichen. Ich wollte euch nur daran erinnern, dass ihr mir etwas schuldig seid, nach allem, was ich für Binky getan habe. Hätte ich nicht die Wahrheit darüber herausgefunden, wer Gaston de Mauxville wirklich umgebracht hat, würde Binky wohl jetzt in einer Gefängniszelle schmoren. Er könnte inzwischen sogar gehängt worden sein und du müsstest Klein-Podge ganz allein großziehen und das Anwesen auf eigene Faust führen. Ein Dienstmädchen zu schicken ist im Gegensatz dazu nur ein kleines Entgegenkommen.“

Es gab eine Pause. Ich konnte Fig atmen hören. „Wir haben Maggie, dein Dienstmädchen, gefragt“, sagte sie schließlich, „aber wie du weißt, lässt sie ihre Mutter bei ihrem Gesundheitszustand nur ungern zurück. Mrs Hanna, die Wäscherin, hat eine Tochter, aber sie hat sich als äußerst unzuverlässig herausgestellt. Sie hat erst kürzlich Suppe auf Lady Branstons Brust verschüttet.“

Mir wäre beinahe herausgerutscht, dass es nahezu unmöglich war, Lady Branstons Brust zu verfehlen.

„Wenn mein Unterhalt wieder aufgenommen würde, könnte ich für begrenzte Zeit ein Dienstmädchen hier aus London einstellen. Ich könnte dieselbe Agentur verwenden.“

„Aber was ist mit dem Rest der Belegschaft?“ Fig klang nun verzweifelt. „Du kannst keine deutsche Prinzessin mit nur einem Dienstmädchen aufnehmen. Wer wird für euch kochen? Wer wird euch bedienen?“

„Ach, ich weiß zufällig, wo ich zeitweilig eine Köchin und einen Butler ausleihen kann – von Freunden, die ins Ausland reisen, weißt du. Also brauche ich eigentlich nur ein Dienstmädchen, und dann ist da noch die Frage des Essens. Man muss seine Gäste schließlich bewirten.“

Wieder entstand eine lange Pause. „Darüber muss ich mit Binky reden“, sagte Fig. „Die Zeiten sind hart, Georgiana. Das muss ich dir nicht erzählen. Ich bin mir sicher, dass du in der Stadt an Leuten vorbeikommst, die für ein Stück Brot anstehen.“

„Das stimmt, aber ich glaube, ihr müsst euch nicht für euer Brot anstellen, oder, Fig?“

„Nein, aber mittlerweile müssen wir verflucht nochmal von dem leben, was das Anwesen hergibt“, sagte sie hitzig. „Es ist vorbei damit, bei Fortnum’s die kleinen Leckereien zu bestellen, die das Leben lebenswert machen. Binky hat sogar seinen Gentlemen’s Relish aufgegeben und du weißt, wie sehr er diesen Sardellenaufstrich liebt. Nein, ganz einfach, für uns gibt es nun schlichtes Bauernessen.“

„Zu schade, dass gerade keine Jagdsaison ist“, sagte ich. „Sonst könntet ihr genügend Rehe schießen, um die Deutschen zu sättigen. Ich habe gehört, dass sie Wild lieben.“

„Ich werde mit Binky sprechen“, sagte sie eilig. „Ich verstehe, dass wir den Familiennamen gegenüber Ihrer Majestät oder Fremden nicht in den Schmutz ziehen sollen.“

Ich legte den Hörer sehr zufrieden auf.

Am nächsten Morgen kamen zwei Briefe mit der Morgenpost. Einer stammte von Binky und informierte mich darüber, dass er einen bescheidenen Betrag auf mein Bankkonto überweisen würde und das alles wäre, was er so kurzfristig in diesen schweren Zeiten entbehren konnte. Aber er hoffte, dass es reichte, um meine finanziellen Bedürfnisse für den Moment zu decken. Darunter hatte Fig hinzugefügt: Überprüfe unbedingt alle Referenzen für alle Bediensteten, die du in UNSER HEIM bringst und halte das Silber unter Verschluss!!

Der andere Brief kam vom Palace. Ihre königliche Hoheit Prinzessin Hannelore würde am Samstag mit der Eisenbahnfähre ankommen. Das ließ mir zwei Tage Zeit, um mein Haus in einen Ort zu verwandeln, der einer Prinzessin würdig war, meinen Großvater und Mrs Huggins zu Butler und Köchin zu machen und ein Dienstmädchen einzustellen.

Ich gab meinem Großvater und Mrs Huggins Bescheid und machte mich dann sofort daran, den Rest des Hauses vorzubereiten. Seit ich eingezogen war, hatte ich nur mein Schlafzimmer, die Küche und den kleinen Morgensalon benutzt. Der Rest des Hauses war in Staubbezüge gehüllt. Nun machte ich mich eifrig ans Werk, wischte Böden und machte Betten. Ich schaffte es mit nur wenigen Missgeschicken. Es gelang mir, das Bein einer Statue eines tänzelnden Pferdes abzuschlagen, aber ich glaubte nicht, dass es eine Ming-Statue oder etwas ähnliches war, und holte Kleber, um das Bein zu reparieren. Oh, und ich ließ einen Bettbezug, den ich aus dem Fenster schüttelte, auf den Kopf eines vorbeigehenden Colonels fallen. Er war nicht gerade glücklich darüber und drohte, mich bei meiner Herrin anzuschwärzen.

Als mein Großvater ankam, war ich erschöpft. Er und Mrs Huggins gingen kommentarlos durch das Haus und mir wurde klar, dass sie vermutlich keine Vorstellung davon hatten, wie viel ich geleistet hatte und dass das Haus nicht immer so aussah. Aber dann blieb mein Großvater stehen, den Kopf wie ein Vogel zur Seite geneigt. „Sag nicht, dass du dieses Bett ganz alleine bezogen hast?“

„Natürlich habe ich das. Und ich habe auch den ganzen Rest des Hauses geputzt.“

„Das hätt’ ich nie gedacht“, sagte Mrs Huggins. „Und Sie sind ’ne Lady und all das.“

Als sie sah, wie groß unsere Küche war, wirkte sie ziemlich bestürzt, und noch viel bestürzter, als sie die leere Speisekammer sah. Ich wies sie an, eine Liste zu machen und Vorräte anzulegen.

„Ich habe keine Ahnung, was eine deutsche Prinzessin essen würde, Küken“, sagte sie. „Und ich kann keinen ausländischen Fraß zubereiten. Keine Froschschenkel und Knoblauch und all das.“

„Das ist französisch“, sagte Großvater. „Die Deutschen lieben ihre Maultaschen.“

„Kochen Sie einfach, was Sie immer kochen, Mrs Huggins“, sagte ich. „Ich bin mir sicher, dass es perfekt sein wird.“

Insgeheim fing ich an, ernsthaft daran zu zweifeln, dass es perfekt werden würde. Großvater und Mrs Huggins waren liebenswerte Leute, aber was konnten sie schon von den Formalitäten des Lebens bei Hofe wissen? Dann rief ich mir ins Gedächtnis, dass die Prinzessin direkt aus dem Kloster kam. Sie hatte vermutlich selbst keine Ahnung vom Leben bei Hofe. Nun, da ich einen Butler und eine Köchin hatte, machte ich mich auf die Suche nach einem Dienstmädchen. Das sollte nicht so leicht werden, wie ich gehofft hatte. Es sah so aus, als wären alle besten Dienstboten zusammen mit ihren jeweiligen Herren und Herrinnen aufs Land geflohen. Die Agentur versprach, einige Mädchen am Montag oder Dienstag für ein Vorstellungsgespräch vorbeizuschicken – bis dahin würden sie ihre Referenzen geprüft haben. Als ich fragte, ob sie jemanden hätten, der am Wochenende einspringen konnte, sah die elegante Lady hinter dem Empfangstresen so aus, als würde sie gleich einen Herzinfarkt bekommen.

„Einspringen?“, wiederholte sie. „Am Wochenende?“ Sie zuckte zusammen, als ob jedes dieser Worte ihr Schmerzen verursachte. „Ich fürchte, dafür sind wir nicht die richtige Adresse.“ Sie tat so, als hätte ich einen Stripper direkt aus der Kasbah bestellt.

Also steckte ich in der Klemme. Eine Prinzessin, die vom Festland kam, würde nicht erwarten, ihr eigenes Bad einlassen zu müssen oder ihre eigenen Kleider aufzuhängen. Sie würde wahrscheinlich nicht einmal wissen, wie das ging. Sie würde auch nicht erwarten, dass die Köchin aus der Küche vorbeischaute, um das für sie zu erledigen. Ich brauchte ein Dienstmädchen und zwar schnell. Ich tat das einzige, was mir einfiel und ging ohne Umschweife zu Belindas kleinem Cottage in Knightsbridge.

„Du musst mir einen großen Gefallen tun“, japste ich, als ihr Dienstmädchen mich in das ultramoderne Wohnzimmer mit seinen niedrigen skandinavischen Möbeln und Art-Déco-Spiegeln führte. „Ich habe mich gefragt, ob ich möglicherweise dein Dienstmädchen übers Wochenende ausleihen könnte.“ (Binky wäre entsetzt darüber gewesen, dass ich einen so schrecklichen Amerikanismus wie „Wochenende“ benutzte, aber diesmal hatte ich keine Wahl.)

„Mein Dienstmädchen ausleihen?“ Sie sah verblüfft aus. „Aber Schätzchen, wie sollte ich bloß ohne Dienstmädchen überleben? Samstagabend muss ich auf eine Party. Wer würde mir meine Kleider hinlegen? Und sonntags hat sie frei. Nein, ich fürchte, das würde überhaupt nicht funktionieren.“

„Du liebes bisschen“, sagte ich. „Dann bin ich verloren. Ich erwarte eine deutsche Prinzessin und habe nur die nötigsten Bediensteten.“

„Das letzte Mal, als ich im Rannoch House war, hattest du keinerlei Bedienstete, also müssen die Dinge inzwischen rosiger aussehen“, sagte sie.

„Ich habe in Wahrheit keine Bediensteten – ich habe meinen Großvater und seine Nachbarin aus Essex geholt.“

„Essex?“ Sie riss ihre Augen weiter auf. „Du erwartest, dass sie wissen, wie man eine Prinzessin behandelt?“

„Es ist besser als nichts. Die Königin hat mir das aufgehalst und ich gebe mein Bestes. Außerdem hat man die Prinzessin gerade aus dem Kloster gelassen. Schlimmer als dort kann es nicht sein, oder?“

Ein Strahlen breitete sich auf Belindas Gesicht aus. „Das ist schreiend komisch, Liebling.“

„Es ist überhaupt nicht komisch, Belinda. Es wird bestimmt eine Katastrophe und man wird mich aufs Land verbannen.“

„Aber warum halst IM dir eine Prinzessin auf? Dekorieren sie im Palace um oder so?“

„Sie, ähm, glaubt, die Prinzessin hätte mehr Spaß mit jemandem in ihrem Alter“, sagte ich, ohne den wahren Grund zu verraten, dass sie mit dem Prince of Wales verkuppelt werden sollte. Belinda umgab sich mit den Reichen und Schönen und es war nicht unwahrscheinlich, dass sie dem Prinzen über den Weg lief. Und ich glaubte nicht, dass ich ihr vertrauen konnte, das Geheimnis für sich zu behalten.

„Ich hoffe, sie erwartet nicht, mit den angesagten jungen Leuten Spaß zu haben“, sagte Belinda, „denn in diesen Kreisen bewegst du dich ja nicht gerade, Schätzchen.“

„Wenn ihre Familie sich die Mühe gemacht hat, sie für den größten Teil ihrer Ausbildung in einem Kloster einzusperren, gehe ich davon aus, dass sie es vorziehen, wenn sie die angesagten Kreise meidet“, sagte ich.

„Sehr weise. Du kannst dir nicht vorstellen, was heutzutage alles passiert“, sagte Belinda und schlug die Beine übereinander, um liebliche weiße Seidenstrümpfe zu präsentieren. „Der Prinz war letzte Nacht mit einem anderen jungen Mann auf einer Party.“

„Der Prince of Wales?“, fragte ich entsetzt.

„Nein, nein. Der steht auf alte Hexen, wie allgemein bekannt ist. Ich meine Prinz George, den jüngsten Sohn. Sie haben einen Schnappschuss von ihm herumgereicht, auf dem er nichts außer dem Helm eines Wachmanns trägt.“

Sie fing an zu kichern. Ich fragte mich, ob seine Mutter davon wusste oder ob er einer der Söhne war, die sich in ihren Augen gut benahmen.

„Ich muss los“, sagte ich. Aus irgendeinem Grund konnte ich nicht mitlachen. Das alles wuchs mir ziemlich über den Kopf.

„Vergiss die Party von Gussie und Lunghi nächste Woche nicht, hörst du?“, sagte Belinda, als sie mich zur Tür brachte. „Es wird ein Riesenspaß werden. Gussies Vater schwimmt im Geld, also garantiere ich dir, dass es eine Band und wer weiß was noch alles geben wird.“

„Ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde, wenn ich mich um die Prinzessin kümmern muss“, sagte ich.

„Bring sie mit, Liebes. Zeig ihr, wie gut wir Briten uns amüsieren können.“

Ich glaubte nicht, dass Ihre Majestät diese Art von Partys billigte, die Belinda als amüsant bezeichnete, und auf dem Heimweg fühlte ich mich, als müsste ich eine Prüfung schreiben, für die ich nicht gelernt hatte. Ich fragte mich, ob es sehr schlimm wäre, wenn ich plötzlich Mumps bekommen würde und die Prinzessin daher dem Palace übergeben müsste.

Dann gewann natürlich die gute alte Rannoch-Ehre die Oberhand. Eine Rannoch machte keine Rückzieher. Das hatte ich oft genug während meiner Kindheit auf Castle Rannoch gehört. Wer könnte Robert Bruce Rannoch vergessen, der, nachdem ihm ein Arm abgeschlagen worden war, sein Schwert mit der anderen Hand aufgehoben und weitergekämpft hatte? Eine so gewöhnliche Angelegenheit wie der Besuch einer Prinzessin würde mich nicht abschrecken. Mit hoch erhobenem Haupt schritt ich meinem Schicksal entschlossen entgegen.

Kapitel 7

Rannoch House

Samstag, 11. Juni 1932

Liebes Tagebuch,

deutsche Prinzessin soll heute eintreffen.

Jeden Moment Weltuntergang.

 

Auf dem Weg zur Victoria Station, um die Eisenbahnfähre abzupassen, verlor ich beinahe die Nerven und musste mir streng zureden. Sie ist ein junges Mädchen, frisch aus der Schule, sagte ich mir entschlossen. Die Großstadt und alles an London werden sie verzaubern und sie wird entzückt sein, mit einer so jungen Anstandsdame allein zu sein. Alles wird gut. Sie wird nur für ein paar Tage bleiben und die Königin wird zufrieden sein.

Von dieser kleinen Rede ermutigt bahnte ich mir einen Weg quer durch den Bahnhof, vorbei an zischenden Dampfloks, den Rufen und dem Tuten der Pfeifen, bis zu dem Bahnsteig ganz rechts, wo die Eisenbahnfähren ankamen. Als das große, feuerspuckende Ungeheuer schnaufend in den Bahnhof einfuhr, fiel mir etwas ein. Ich hatte keine Ahnung, wie sie aussah. Mir war gesagt worden, dass sie ein hübsches, junges Ding war, aber mehr nicht. Würde sie deutsch aussehen? Wie genau sahen Deutsche aus? Ich hatte an meiner Schweizer Schule viele Deutsche getroffen, aber modische Leute trugen normalerweise den Pariser Schick und konnten nicht nach Nationalität unterschieden werden.

Ich bezog an einem Ort Stellung, an dem alle Aussteigenden an mir vorbeikommen würden und wartete. Ich sprach mehrere junge Frauen an, die mir misstrauische Blicke zuwarfen, nachdem ich fragte, ob sie Prinzessinnen wären. Der Bahnsteig leerte sich. Sie war nicht gekommen. Sie hat ihre Meinung geändert und ist zu Hause geblieben, dachte ich und eine Welle der Erleichterung überkam mich. Dann erblickte ich durch den dichten Rauch eine Gruppe von drei Frauen, die eng beieinander standen und wild gestikulierten, während sie mit einem Gepäckträger diskutierten. Es waren eine untersetzte ältere Frau, ein junges Mädchen und eine dritte Frau in einfacher Kleidung, die düster, fahl und streng aussah. Das junge Mädchen war auf bezaubernde Weise hübsch – mit flachsblondem Haar, das zu einem Kranz um ihren Kopf geflochten war und einem marineblauen Matrosenkostüm aus Leinen. Die ältere Frau trug ein Cape, das eindeutig der deutschen Mode entsprach – grau und mit grünen geflochtenen Borten versehen, dazu einen dieser kleinen Tiroler Hüte mit einer Feder an der Seite.

Ich eilte auf sie zu.

„Sind Sie zufällig Prinzessin Hannelore?“, fragte ich an die Jüngere gerichtet.

„Ja. Das ist Ihre Hoheit“, sagte die ältere Frau mit einer Verbeugung zu dem hübschen Mädchen im Matrosenkostüm. „Sie sind die Dienstbotin von Lady Georgiana von Rannoch?“ Sie stieß die Worte mit einem starken deutschen Akzent aus, während sie mich kritisch musterte. „Wir warten schon auf Sie. Sie sind zu spät.“

„Ich bin Lady Georgiana. Ich bin persönlich gekommen, um Ihre Hoheit zu begrüßen.“

Die ältere Lady zuckte zurück und vollführte einen tiefen Knicks. „Ach, Verzeihung. Entschuldigen Sie. Welche Ehre, dass Sie uns persönlich willkommen heißen. Ich bin Baronin Rottenmeister, die Begleiterin Ihrer Hoheit.“

Du lieber Himmel. Mir war nicht in den Sinn gekommen, dass es eine Begleiterin geben würde! Natürlich, wie dumm von mir. Welcher König würde seiner gerade erst aus dem Kloster entlassenen Tochter erlauben, das Festland ohne Anstandsdame zu verlassen?

„Baronin.“ Ich verbeugte mich ebenfalls. „Wie gütig von Ihnen, die Prinzessin auf Ihrem Besuch zu begleiten. Werden Sie lange bleiben?“

„Ich bleibe bei der Prinzessin. Sie bleibt, ich bleibe. Sie geht, ich gehe“, erklärte sie.

Meine Güte. Und ich hatte kein zweites gutes Schlafzimmer vorbereitet. Wie und wann würde ich das unbemerkt anstellen?

„Darf ich Ihre Königliche Hoheit, Prinzessin Maria Theresa Hannelore Wilhelmine Mathilda vorstellen?“ Baronin Rottenmeister gestikulierte mit einer schwarzbehandschuhten Hand. „Hoheit. Ich stelle Ihnen Lady Georgiana von Glen Garry und Rannoch vor.“

Das hübsche junge Mädchen streckte seine Hand aus. „Hey, Puppe“, sagte sie mit einer lieblichen, sanften Stimme.

Ich war verwirrt. Heupuppe? Was hatte das zu bedeuten?“

„Heupuppe?“, wiederholte ich.

Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Wie läuft’s, Puppe?“

„Puppe?“

Das Lächeln schwand. „Stimmt nicht? Ich spreche echt gutes modernes Englisch. Ich hab’s echt drauf, oder?“

„Hoheit, wo haben Sie dieses Englisch gelernt?“, fragte ich, noch immer verblüfft. „Hat man Euch das im Kloster beigebracht?“

Sie kicherte schelmisch. „Im Kloster? Nein, in unserem Dorf gibt es gutes Kino und sie zeigen viele amerikanische Filme. Wir klettern nachts aus Klosterfenstern und sehen uns Filme an. Ich habe alle Gangsterfilme gesehen. George Raft, Paul Muni – hast du Scarface gesehen?“

„Nein, ich fürchte, Scarface habe ich nicht gesehen.“

„Echt guter Film – viele Schießereien. Peng, peng, du bist tot. Ich liebe Gangster. Gibt es viele Schießereien in London?“

„Zum Glück gibt es nur wenige Schießereien in London“, sagte ich und versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken, weil sie so ernsthaft aussah.

„Oh Mann, wie schade“, sagte sie. „Also gibt es nur in Chicago Schießereien?“

„Ich fürchte ja. London ist sehr sicher.“

Sie seufzte enttäuscht.

„Also, wohin soll ich dieses Zeug bugsieren?“, fragte der Gepäckträger ungeduldig.

„Ihr Chauffeur wartet draußen auf uns?“, fragte Baronin Rottenmeister.

„Ich habe keinen Londoner Chauffeur“, sagte ich. „Wir werden ein Taxi nehmen.“

„Ein Taxi? Gott im Himmel.“

„Ein Taxi. Das gefällt mir.“ Hannelore sah aufgeregt aus. „Mein Schmuckkästchen, Irmgardt.“

„Ich wurde Ihrer Freundin noch nicht vorgestellt“, sagte ich und wies auf die dritte Frau der Gruppe.

„Keine Freundin. Das ist das persönliche Dienstmädchen Ihrer Hoheit“, sagte Baronin Rottenmeister kühl.

Ich strahlte sie an. Sie hatte ihr eigenes Dienstmädchen mitgebracht. Natürlich hatte sie ein eigenes Dienstmädchen, welcher normale Mensch hatte das nicht? Ich war gerettet.

„Komm. Wir suchen ein Taxi“, sagte die Baronin gebieterisch und stiefelte voran.

Prinzessin Hannelore schloss zu mir auf. „Wir werden alte Schachtel abschütteln. Wir werden viel Spaß haben, du und ich, oder, Püppchen?“

„Oh ja. Ganz bestimmt.“ Ich lächelte zurück.

Als das Taxi vor Rannoch House anhielt, sah sogar Baronin Rottenmeister beeindruckt aus. „Ja“, sagte sie und nickte mit ihrem breiten Hals. „Schönes Haus. Das ist gut.“

Hannelore sah sich aufgeregt um. „Schau mal“, flüsterte sie. Ein Mann überquerte mit einem Geigenkasten den Belgrave Square. „Er ist Gangster.“

„Nein, er ist ein Geigenspieler. Er steht an der Straßenecke und spielt für ein paar Pennys Geige. Ich habe dir doch gesagt, dass es in London keine Gangster gibt.“

Hannelore ließ den begrünten Square auf sich wirken, auf dem ein Kindermädchen in gestärktem Weiß einen Kinderwagen schob, während ein kleines Mädchen neben ihr einen beinahe identischen Puppenwagen schob. „London gefällt mir“, sagte sie, „auch wenn keine Gangster gibt.“

„Selbst, wenn es Gangster gäbe, glaube ich nicht, dass man sie im Belgrave Square antreffen würde“, merkte ich an. „Dies ist eine der respektabelsten Adressen Londons. Nur einen Steinwurf vom Buckingham Palace entfernt.“

„Wir gehen und treffen König und Königin bald?“, fragte Hannelore. „Ich kann’s kaum erwarten, diese alten Leutchen zu treffen.“

Sie hatte dringend ein paar Englischstunden nötig, bevor wir diese „alten Leutchen“ trafen.

Ich klingelte an der Tür, um meine zahlreichen Bediensteten wissen zu lassen, dass wir angekommen waren. Mein Großvater öffnete im Frack. Ich wäre beinahe rückwärts die Stufen heruntergefallen.

„Einen schönen Nachmittag, Eure Ladyschaft.“ Er verbeugte sich tief.

„Einen schönen Nachmittag, Spinks“, sagte ich und versuchte nicht zu grinsen. „Dies ist Prinzessin Hannelore mit ihrer Begleiterin, Baronin Rottenmeister, die ebenfalls bei uns bleiben wird, und ihrem Dienstmädchen.“

„Eure Hoheit. Baronin.“ Großvater verbeugte sich vor ihnen.

„Unser geschätzter Butler Spinks“, sagte ich, und als wir eintraten, erblickte ich eine rundliche Gestalt in einer eleganten blauen Uniform mit einer gestärkten weißen Schürze.

„Und unsere Haushälterin, Mrs Huggins, Mylady“, sagte Großvater.

Mrs Huggins knickste. „Sehr erfreut, da bin ich sicher“, sagte sie.

„Es werden noch Koffer aus dem Taxi geholt“, sagte ich und wand mich fast vor Scham. „Würdest du sie bitte direkt ins Schlafzimmer der Prinzessin bringen. Oh, und wir werden ein Schlafzimmer für die Baronin herrichten müssen.“

„Schon so gut wie erledigt, Mylady“, sagte Großvater.

„Irmgardt, Mrs Huggins wird Ihnen dabei zur Hand gehen, Ihr Schlafzimmer herzurichten, nachdem Sie mit den Taschen geholfen haben“, sagte ich.

Das Dienstmädchen blickte mich ausdruckslos an.

„Sie spricht kein Englisch“, sagte die Baronin. „Sie ist ein sehr dummes Mädchen.“

„Dann erklären Sie es ihr bitte auf Deutsch.“

Anweisungen auf Deutsch wurden heruntergerasselt. Irmgardt nickte säuerlich und ging, um die Taschen aus dem Taxi zu holen.

„Ich gehe und schaue, welches Schlafzimmer mir gefällt“, sagte die Baronin. „Ich habe hohe Ansprüche. Muss ruhig sein. Darf nicht zu kalt oder zu heiß sein. Muss in der Nähe des Badezimmers sein.“ Und bevor ich sie aufhalten konnte, stolzierte sie die Treppe hinauf.

Prinzessin Hannelore warf mir einen Blick zu. „Sie geht auf den Sack, was?“

Dann musste sie meinen schockierten Gesichtsausdruck bemerkt haben. „Hoheit, das ist vermutlich kein Ausdruck, den Sie benutzen sollten“, sagte ich vorsichtig.

„Ist es schlimmes Wort?“, fragte sie unschuldig. „Was ist daran falsch, das Wort Sack zu verwenden?“

„Es bedeutet eine andere Art von Sack“, erklärte ich.

„Okidoki“, sagte sie. „Und wir müssen gute Freundinnen werden. Ich bin nicht Eure Hoheit. Meine Freunde nennen mich Hanni.

„Honey?“, fragte ich, denn so sprach sie es aus.

„Ganz genau.“

„Und ich bin Georgie“, sagte ich. „Willkommen in London.“

„Ich werde bestimmt mächtig auf Pauke hauen“, sagte sie.

In diesem Moment stolzierte Baronin Rottenmeister wieder die Treppe herunter. „Ich habe das Zimmer gewählt, das ich will“, sagte sie. „Ruhig. Weg von der Straße. Ihr Dienstmädchen wird mein Bett für mich machen.“

„Mein Dienstmädchen?“ Ich warf einen Blick auf die Straße, wo Mrs Huggins und Großvater mit einem Berg von Koffern rangen. „Ich fürchte, sie ist nicht …“

„Aber sie hat bereits gesagt, dass sie das sofort für mich erledigt. Liebes Mädchen.“

Ich blickte die Treppe hinauf und wäre beinahe rückwärts wieder heruntergepurzelt. Da stand Belinda, in einer knappen Dienstmädchenuniform, die aussah, als gehörte sie in eine französische Komödie. „Alles unter Kontrolle, Eure Ladyschaft“, sagte sie in ihrer besten Cockney-Stimme.

Kapitel 8

Als es Zeit zum Abendessen war, hatten sich alle Gäste in ihren Zimmern eingerichtet und heiße Bäder genommen (mein Großvater hatte den Boiler auf volle Kraft aufgeheizt). Der Tisch im Esszimmer war mit weißen Tischdecken und poliertem Silber gedeckt. Belinda hatte sich aus dem Staub gemacht, um zu ihrer Party zu gehen, und hatte versprochen am nächsten Tag zurückzukehren, falls sie nicht zu verkatert wäre. Aus der Küche strömten feine Gerüche. Es sah so aus, als würde doch noch alles gut gehen.

„Ich hoffe, Ihre Köchin versteht, dass ich einen empfindlichen Magen habe“, sagte Baronin Rottenmeister, als sie zum Essen herunterkam. „Wegen meiner Gesundheit esse ich wie ein Spatz.“

Da sie einen beträchtlichen Leibesumfang hatte, zweifelte ich im Stillen an dieser Aussage. Hanni sah in ihrem pinkfarbenen Abendkleid, das mit Rosen besetzt war, einfach entzückend aus. Ich fing sogar an zu hoffen, dass sie dem Prinzen tatsächlich auffallen und die Zukunft der britischen Monarchie retten würde. Vielleicht würde ich als Dankeschön ja einen neuen Adelstitel erhalten. Marchioness von Belgravia? Und vielleicht würde ich Ländereien dazu bekommen – mein eigenes Anwesen, Lady of the Isle von irgendeinem Ort. Ich war mir sicher, dass es um Schottland herum immer noch Inseln gab, die darauf warteten, der richtigen Person geschenkt zu werden. Mit diesen glücklichen Gedanken führte ich meine Gäste zum Dinner.

„Es ist hier drin sehr kalt“, sagte die Baronin. „Warum brennt kein Feuer?“

„Es ist Sommer. Nach dem ersten Mai zünden wir nie Feuer an“, antwortete ich.

„Ich werde mir einen Zug holen“, sagte die Baronin. „Ich habe eine sehr schwache Brust.“

Ihre Brust konnte in keiner Weise als schwach bezeichnet werden und über ihrem schwarzen Abendkleid trug sie einen Fellüberwurf. Es schien sie auch nicht zu kümmern, dass ihre Schutzbefohlene, Prinzessin Hanni, ein tief ausgeschnittenes leichtes Seidenkleid trug, was ihr nichts auszumachen schien.

Das Essen kam im Speisenaufzug und mein Großvater servierte die Gerichte.

„Was ist das?“ Die Baronin stach versuchsweise mit ihrer Gabel hinein.

„Herzhafter Steak-and-Kidney-Pudd“, sagte Großvater. „Gutes, solides britisches Schmeckerchen.“

„Stäkändkidniputt?“, rief die Baronin aus. „Schmeckerchen? Was soll das denn heißen?“

„So nennen Cockneys einen Schmaus, Eure Hoheit“, sagte mein Großvater.

„Ich glaube nicht, dass mir das schmecken wird“, sagte die Baronin, aber sie probierte einen kleinen Happen. „Nicht schlecht“, sagte sie und schlang sofort alles auf ihrem Teller herunter.

Als der Puddinggang kam, sah sie verwirrt aus. „Gibt es keine Suppe? Keinen Fisch? Kein Geflügel? Keinen Salat? Wie soll ich bei so wenigen Speisen bei Kräften bleiben?“

„Ich lebe allein und habe mich an einfaches Essen gewöhnt“, sagte ich. „Wenn wir zum Mahl mit dem König und der Königin in den Palace geladen werden, werden sie sicher all diese Gänge servieren.“

„Aber bis dahin muss ich wohl leiden“, sagte sie mit dramatischer Resignation.

„Ich finde, es hat herrlich geschmeckt“, sagte Hanni. „Besser als Essen im Kloster. Nonnen fasten immer.“

Das Dessert wurde aufgetischt. „Und was ist das schon wieder?“, wollte die Baronin wissen.

„Spotted Dick mit Sahne“, sagte Großvater. „Eine von Mrs Huggins’ Spezialitäten.“

„Spotted Dick?“ Die Baronin stupste den Nachtisch misstrauisch an. „Meinen Sie Duck, wie Ente?“

„Nein, Dick.“ Großvater fing meinen Blick auf und zwinkerte.

„Ente kenne ich, Dick nicht“, sagte die Baronin. Ich hielt den Blick auf meinen Teller gerichtet, weil ich sonst laut losgeprustet hätte. „Es ist nur ein Name“, sagte ich. „Ein alter, traditioneller Name für einen Talgpudding.“

„Talg? Gar nicht gut für meine Verdauung.“ Aber sie aß auf und als ihr Teller vor allen anderen leer war, sagte sie nicht nein zu einem Nachschlag. „Ich schätze, irgendetwas muss ich schließlich essen“, sagte sie resigniert. „Essen alle adligen britischen Familien so einfach?“

„Wir sind mitten in einer Wirtschaftskrise“, sagte ich. „Wir versuchen einen einfachen Lebensstil zu pflegen, da die gewöhnlichen Leute so schwere Zeiten durchmachen.“

„Es hat keinen Sinn, von adliger Abstammung zu sein, wenn man nicht ausgiebig speisen kann“, sagte sie. „Wir haben so wenige Privilegien übrig.“

„Ich mag Spotted Dick“, rief Hanni aus. „Und morgen zeigst du mir London und wir gehen auf Partys und tanzen und vergnügen uns.“

Ich hatte den Eindruck, dass jegliche Vergnügungen von Baronin Rottenmeister stark eingeschränkt werden würden, hielt aber klugerweise den Mund. Dann, als sich die Baronin für einen Moment entschuldigte, zischte Hanni mir zu: „Wir müssen alte Hexe loswerden. Sie erlaubt mir nicht, Spaß zu haben. Wir sollten sie erledigen.“

„Erledigen?“

Hanni grinste. „Du weißt schon. Sie erledigen. Um die Ecke bringen. Peng, peng. Ende.“

„Hanni, ich glaube nicht, dass wir die Baronin um die Ecke bringen können, aber ich stimme dir zu, dass sie uns das Leben nicht gerade erleichtert.“

„Dann müssen wir Plan schmieden, damit sie nach Hause fährt.“

„Wie?“

„Es ungemütlich für sie machen. Sie isst gern. Gib ihr ganz kleine Portionen. Und sie mag es warm. Öffne alle Fenster. Mach es kalt. Und sie mag heiße Bäder. Dreh heißes Wasser ab.“

Ich schaute sie überrascht an. „Für jemanden, der direkt aus einem Kloster kommt, bist du ziemlich durchtrieben.“

„Was bedeutet durchtrieben?“

„Gerissen.“

„Oh, wie jemanden auszutricksen“, sagte sie grinsend. „Japp, ganz genau, Baby.“

„Ach, das ist gut. Ihr jungen Ladys freundet euch an. Wie schön“, sagte die Baronin, als sie das Zimmer wieder betrat.

Nach dem Kaffee eskortierte ich meine Gäste zu ihren Schlafzimmern. Die Baronin benötigte mehr Decken und beschwerte sich, dass ihr Zimmer klamm sei und sie ganz bestimmt eine Spinne in einer Ecke gesehen hatte.

„Es tut mir leid. Dieses Haus ist sogar im Sommer klamm“, sagte ich. „Und leider gibt es viele Spinnen. Obwohl nur wenige giftig sind.“

„Giftspinnen? In London?“

„Nur manche“, sagte ich.

Und wo mein Dienstmädchen sei, um ihr zu helfen, wollte sie wissen. Ich erklärte, dass das Dienstmädchen seinen freien Abend hatte.

„Seinen freien Abend? Sie erlauben Dienstboten, die Samstagabende frei zu haben? Unerhört. In Deutschland sind unsere Dienstboten vor Ort, wenn man sie braucht.“

Schließlich war sie versorgt und ich schaute in Hannis Zimmer vorbei, um nachzusehen, ob sie etwas brauchte. Sie saß an ihrem Frisiertisch, während ihr Dienstmädchen, Irmgardt, ihr das lange, goldene Haar bürstete. Sie sah wirklich wie eine Prinzessin aus einem Märchen aus.

„Hanni, ich muss gut auf dich achtgeben“, sagte ich. „Du könntest in London eine Menge Herzen brechen.“

„Was soll ich brechen?“, fragte sie mit ihrem liebreizenden, unschuldigen Lächeln.

„Herzen. Viele Engländer werden sich in dich verlieben.“

„Das hoffe ich“, sagte sie. „Ich werde heiße sexy Dame sein. Du kannst mir Tipps geben.“

„Ich weiß nicht recht.“ Ich lachte nervös. „Ich soll dich im Auge behalten. Und ich kenne mich nicht damit aus, sich heiß und sexy zu geben.“

„Aber du bist keine Jungfrau mehr?“, fragte sie.

„Jungfrau?“

„Du bist Frau von Welt. Keine Jungfrau.“

„Oh“, sagte ich. „Verstehe. Nun ja, ich bin noch Jungfrau, fürchte ich.“

„Ist nicht gut“, sagte sie und fuchtelte mit dem Finger. „Junges Mädchen wie ich. Achtzehn Jahre alt. Männer mögen, dass ich Jungfrau bin. Aber alt wie du, ist nicht gut. Männer glauben, mit dir stimmt etwas nicht.“

„So alt bin ich nun auch wieder nicht“, sagte ich. „Ich werde erst im August zweiundzwanzig.“

Aber sie wirkte nicht überzeugt. „Wir müssen etwas für dich tun. Schleunigst.“

„Du klingst wie meine Freundin Belinda.“

„Belinda? Ich mag diese Belinda. Ich werde sie bald treffen?“

Ich konnte schlecht sagen: „Du hast sie bereits getroffen, sie hat die Kleider der Baronin aufgehängt.“ Also sagte ich stattdessen: „Da bin ich mir sicher. Sie und ich sind enge Freundinnen. Aber sie ist wirklich eine Frau von Welt. Wenn du irgendetwas wissen willst, frag sie.“

„Vielleicht kann sie heißen sexy Mann für mich finden?“

„Eure Hoheit, ich vermute, man erwartet von Euch, dass Ihr Euch für die Hochzeitsnacht aufspart“, gab ich zu bedenken. „Man erwartet von Euch, eine gute Partie mit einem Prinzen einzugehen.“

„Aber Prinzen sind so langweilig, findest du nicht?“, fragte sie.

Das war kein gutes Zeichen. Sie hätte sich hoffnungslos in den Prince of Wales verlieben sollen.

„Wir haben in England einige sehr unterhaltsame Prinzen“, sagte ich. „Du wirst sie bald treffen.“

Mitten in der Nacht wachte ich auf und fragte mich, was mich geweckt hatte. Dann hörte ich es erneut, das Knacken eines Dielenbretts. Ich vermutete, dass einer meiner Gäste das Badezimmer aufgesucht hatte, aber für den Fall, dass die Person den Lichtschalter nicht finden konnte, stand ich auf. Ich hatte meine Tür gerade einen Spalt geöffnet, als ich vor Schreck zusammenzuckte: Eine dunkle Gestalt kam die Treppe in den ersten Stock herauf. Erst als ich Irmgardt, Hannis Dienstmädchen, erkannte, fing mein Herz wieder zu schlagen an. Sie bemerkte mich nicht und schlich direkt an mir vorbei und weiter, die Treppe hinauf zu den Gesindekammern.

Ich fragte mich, was sie da unten gesucht hatte. Offensichtlich hatte sie nichts für ihre Herrin geholt, sonst wäre sie in ihr Zimmer gegangen. Mir war nicht aufgefallen, ob sie etwas bei sich trug, aber Figs Mahnung, das gute Familiensilber wegzuschließen, kam mir in den Sinn. Sicherlich hatte man die Referenzen dieses Dienstmädchens gründlich überprüft, bevor man ihr gestattet hatte, eine Prinzessin zu begleiten. Vielleicht hatte sie nur etwas Unverfängliches wie ein Glas Wasser holen wollen. Ich schloss meine Tür und legte mich wieder schlafen.

Am nächsten Morgen gab ich Hannis Anweisungen an Großvater und Mrs Huggins weiter, die Portionen zu verkleinern und das heiße Wasser abzudrehen. Sie waren davon nicht begeistert. „Was, und sie im Glauben lassen, dass ich nich’ ordentlich kochen kann?“, fragte Mrs Huggins entrüstet. „Ich bin stolz auf meine Kochkünste, jawoll.“

„Und ich will nicht, dass der alte Drache auf mich losgeht, weil es kein heißes Wasser gibt“, sagte Großvater. „Sie hat schon mehrmals mit dem Stock nach mir geschlagen.“

„Sag ihr, wir haben einen eigensinnigen alten Boiler im Haus und es ist unvorhersehbar, ob wir heißes Wasser bekommen oder nicht. Sag ihr, dass wir Engländer es gewohnt sind, kalt zu baden. Mein Bruder, der Duke, tut es ständig.“

„Ich hoffe, du weißt, was du tust, Küken.“ Großvater schüttelte den Kopf. „Du willst doch nicht, dass sie sich bei der Königin darüber beschwert, dass wir sie nicht gut behandeln.“

„Oh, ich glaube nicht, dass sie das tun wird“, sagte ich, aber ich war mir nicht sicher. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich auf verlorenem Posten kämpfte. Baronin Rottenmeister machte auf mich den Eindruck eines dieser noblen Geschöpfe, die ihre Pflicht erfüllten, wie schrecklich sie auch sein mochte. Darin war sie meinen Vorfahren nicht unähnlich. Oh Gott, ich hoffte, sie hatte kein Rannoch-Blut!

 

Samstag, 12. Juni

 

Liebes Tagebuch,

heute schüttet es wie aus Eimern. Habe keine Ahnung, wie ich die Gäste, Prinzessin plus Begleitung, unterhalten soll. Hanni macht netten Eindruck, sollte einfach sein. Baronin ist andere Geschichte.

 

Am Sonntagmorgen mussten die Baronin, Irmgardt und Hanni zur Messe gehen. Ich rief ihnen ein Taxi. Die Baronin war fassungslos, dass ich sie nicht begleiten würde. „In England gehören wir alle zur C. E.“, sagte ich. „Church of England“, fügte ich hinzu, als sie mich offensichtlich nicht verstand. „Das Oberhaupt der Kirche ist der König, mein Cousin. Wir müssen nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen, wenn wir nicht möchten.“

„Sie sind verwandt mit dem Oberhaupt der Kirche? Eine Nation voller Heiden“, sagte sie und bekreuzigte sich.

Als sie zurückkehrten, wollte Mrs Huggins gerade Schinken, Eier und Nierchen zum Frühstück kochen, aber ich bestand auf Porridge.

„Das soll das Frühstück sein?“, fragte die Baronin.

„Schottisches Frühstück. Das essen wir auch zu Hause auf Castle Rannoch.“

Sie stach mit ihrem Löffel hinein. „Und was isst man dazu?“

„Nichts. Nur Porridge. In Schottland essen wir es mit einer Prise Salz.“

Sie seufzte und zog ihren Schal enger um sich. Zum Glück spielte das Wetter zur Abwechslung mit. Der kurze sommerliche Zauber war verflogen und von dem üblichen englischen Sommerwetter abgelöst worden. Es schüttete wie aus Eimern und es war empfindlich kühl. Selbst ich blickte sehnsüchtig auf den Kamin und hätte fast nachgegeben und ein Feuer angezündet. Aber da ich wusste, was auf dem Spiel stand, fasste ich mir ein Herz und suchte nach einem Wolljäckchen. Von Belinda war den ganzen Morgen nichts zu sehen. Ich vermutete, dass die Party bis in die frühen Morgenstunden hinein gedauert hatte und sie nicht vor elf Uhr aufstehen würde.

Mrs Huggins bestand unbedingt darauf, zum Sonntagsessen einen Braten zu kochen. „Ich will nich’, dass diese Ausländer denken, dass wir in England nichts Anständiges hinbekommen“, sagte sie. „Sonntags gibt’s immer Braten.“ Aber ich konnte sie davon überzeugen, nicht zu viele gebackene Kartoffeln, dafür aber viel Gemüse als Beilage zu servieren. Und etwas Leichtes zum Dessert. Sie schlug Junket vor, eine Quarkspeise. Perfekt.

Die Baronin verputzte ihren Braten im Nu. „Gutes Fleisch“, sagte sie. „Fleisch ist gesund.“ Aber mir fiel auf, dass sie die Berge von Beilagengemüse nicht mit dem gleichen Enthusiasmus aufaß und auch das Junket nicht mochte.

„Dschunkit?“, fragte sie. „Was bedeutet Dschunkit?“

Es war noch nie mein Lieblingsessen gewesen. Ich hatte es immer mit den Speisen, die man bekam, wenn man krank war, in Verbindung gebracht, aber es gelang mir, so zu tun, als äße ich mit großem Appetit. Nach dem Lunch war es zu regnerisch, um einen Spaziergang zu machen, also setzten wir uns in den höhlenartigen Salon, während der Wind im Kamin pfiff. Die Baronin nickte in einem Ohrensessel ein. Hanni und ich spielten Rommé.

„Kommt niemand zu Besuch? Keine Gäste?“, wollte die Baronin im Halbschlaf wissen. „Das Leben in England ist außerordentlich langweilig.“

„Ich glaube, Regen hört auf.“ Hanni schaute aus dem Fenster. „Wir machen Spaziergang. Du zeigst mir London.“

Wir ließen die schlafende Baronin in ihrem Ohrensessel zurück.

„Lass uns durch schönen Park gehen“, schlug Hanni vor. „Sehr romantischer Ort, ja?“

Also spazierten wir durch den Hyde Park, wo von den Rosskastanien Regentropfen auf uns fielen. Rotten Row, der Weg, der quer durch den Park führte, war schlammig. Er war so gut wie leer, bis wir zur Ecke der Redner kamen. Dort hatte sich eine kleine Gruppe um einen Mann versammelt, der auf einer Kiste stand.

„Die Arbeiter werden sich erheben und sich das nehmen, was ihnen rechtmäßig gehört“, rief er und die jungen Männer, die um ihn herum standen, trugen Schilder mit der Aufschrift: Tritt den Kommunisten bei. Mach die Welt zu einem besseren Ort. Nieder mit der Monarchie. Gleichheit für alle. Aufstieg der Arbeiter.

Hanni musterte sie interessiert. „Sie dürfen so reden und werden nicht verhaftet?“, fragte sie.

„Das hier wird die Ecke der Redner genannt. Hier kann man sagen, was man will, egal, wie albern es ist.“

„Findest du Kommunisten albern?“, fragte sie.

„Du etwa nicht?“

„Ich fände schön, wenn alle Menschen Geld und Häuser und Essen hätten.“

„Und du meinst, die Kommunisten könnten das verwirklichen? Schau dir das Chaos in Russland an.“

„Ich weiß nicht“, sagte sie, dann entfuhr ihr ein leiser Schrei, als sie ihren Handschuh auf die nasse Erde fallen ließ. Sofort ließ einer der jungen Männer sein Plakat sinken und bückte sich nach ihrem Handschuh.

„Hier, Miss“, sagte er und reichte ihn ihr mit einer einnehmenden Verbeugung.

„Vielen Dank.“ Hanni errötete liebreizend. „Ihr Freund spricht sehr gut“, sagte sie zu ihm.

Er strahlte sie an. „Sind sie daran interessiert, zu einer unserer Versammlungen zu kommen? Wir halten sie in der St. Mary’s Hall im East End ab. Sie sind herzlich eingeladen.“

„Siehst du? Kommunisten auch nette Menschen, nicht wahr?“, flüsterte Hanni, als er sein Plakat wieder aufhob. „Gutaussehender Mann.“

Ich musste ihr Recht geben, er sah gut aus, trotz seiner fadenscheinigen Tweedjacke und seinem selbstgestrickten Pullover. Das Faszinierende war, dass er sich wie ein Gentleman ausgedrückt hatte.

In diesem Augenblick vernahmen wir das Stampfen von Stiefeln und eine Gruppe junger Männer in schwarzen Hemden mit Blitzabzeichen marschierten auf die Kommunisten zu.

„Geht zurück nach Russland, wo ihr hingehört“, schrie einer von ihnen. „England den Engländern.“

„Wir sind verdammt noch mal genauso Engländer wie ihr, Kumpel, und wir haben das Recht, hier zu reden“, rief der Mann von seinem Podest aus.

„Ihr seid ein Haufen intellektueller Memmen. Ihr nützt verdammt noch mal niemandem“, johlte einer der Schwarzhemden und sprang auf, um ihn vom Podest zu stoßen. Mit einem Mal brach um uns herum ein Handgemenge aus. Hanni schrie und der junge Mann, mit dem sie gesprochen hatte, versuchte, sich durch das Gedränge zu ihr zu kämpfen, aber ein großes, verschlagen aussehendes Schwarzhemd verpasste ihm einen Fausthieb. Plötzlich schlangen sich starke Arme um meine Taille und ich wurde weg von dem Gerangel gezogen. Ich schaute auf, um zu protestieren, und sah Darcy O’Mara in die Augen.

„Hier entlang, bevor die Sache unangenehm wird“, zischte er und lotste Hanni und mich fort, hinein in den Park, gerade als die Trillerpfeifen der Polizei erklangen.

„Diese Randalierer können der Meinungsfreiheit in Großbritannien nichts anhaben. Wir werden es ihnen zeigen“, rief jemand, als die Polizei anrückte, um den Kampf aufzulösen.

Ich sah Darcy an. „Danke. Du bist gerade rechtzeitig gekommen.“

„Ach, wusstest du etwa nicht, dass ich dein Schutzengel bin?“, fragte er mit seinem unverschämten Grinsen. „Was in aller Welt hattest du bei einer kommunistischen Kundgebung zu suchen? Hast du vor, Castle Rannoch gegen eine Bauernhütte einzutauschen?“

„Wir waren nur zufällig dort“, gab ich zurück. „Wir haben einen Sonntagsspaziergang gemacht und Hanni wollte wissen, woher die Rufe kamen.“

Darcy wandte sich Hanni zu. „Eine Freundin von dir?“, fragte er. „Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet.“

„Hoheit, darf ich Euch den hochwohlgeborenen Darcy O’Mara vorstellen, Sohn und Erbe von Lord Kilhenny von Irland. Darcy, das ist Ihre Hoheit Prinzessin Hannelore von Bayern“, stellte ich die beiden einander vor. „Sie wohnt bei mir im Rannoch House.“

„Tut sie das? Bei König George.“ Ich sah, wie seine Augen aufleuchteten. „Entzückt Eure Bekanntschaft zu machen, Eure Hoheit.“ Er verbeugte sich sehr gekonnt, dann führte er ihre ausgetreckte Hand an seine Lippen. „Ich würde mich anbieten, Sie Ladys zurück zum Belgrave Square zu begleiten, aber leider bin ich bereits zu spät für eine Verabredung. Ich freue mich, Sie bald wieder zu sehen, jetzt, da ich zurück in London bin. Eure Hoheit. Mylady.“ Dann verschwand er in der wachsenden Menge der Schaulustigen.

„Wow, nicht übel, hubba bubba, uiuiui, was für ein Kerl“, sagte Hanni. „Sag mir nicht, dass er dein Macker ist.“

„Mein was?“

„Dein Süßer. Dein Schatz. Ist das nicht das richtige Wort?“

„In England verwenden wir eine weniger farbenfrohe Ausdrucksweise“, sagte ich.

„Wie sagt man dann?“

„Fester Freund? Begleiter?“

„Und ist er das?“

„Anscheinend nicht mehr“, sagte ich wehmütig.

Kapitel 9

Rannoch House

Montag, 13. Juni 1932

Es war Montagmorgen – und noch immer kalt und stürmisch. Zum Frühstück gab es wieder Porridge. Porridge war nicht gerade Mrs Huggins’ Spezialität und es schmeckte wie zähflüssiger Kleister. Ich gab anerkennende Laute von mir, während ich meine Portion aß. Vielleicht würde die Baronin bald aufgeben.

„Wann werden der König und die Königin uns in den Palast einladen?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Das kann ich nicht sagen“, sagte ich. „Es kommt darauf an, wie beschäftigt sie sind.“

„Höchst ungewöhnlich, dass die Prinzessin nicht vom König im Palace empfangen wird“, sagte sie und fügte dann hinzu: „Ist das Essen im Palace gut?“

„Sie geben sich ebenfalls Mühe, bescheiden zu essen“, antwortete ich, was sogar stimmte.

„Und wo ist dein Dienstmädchen?“

„Ich fürchte, dass sie noch nicht von ihrem Besuch bei ihrer Mutter zurück ist.“

„Bedienstete in England machen sich keinen Begriff von Verpflichtungen. Sie sollten sie sofort entlassen und ein gutes, zuverlässiges, deutsches Mädchen suchen“, sagte die Baronin und wedelte mit ihrem Gehstock in meine Richtung.

In diesem Moment kam der Postbote mit zwei Briefen.

Der eine kam tatsächlich vom Palace und lud uns für Dienstagabend zum Dinner ein. Der andere war von meinem Postfach weitergeleitet worden und kam von Mrs Bantry-Bynge, einer meiner Stammkundinnen im Haushaltshilfengeschäft. Hin und wieder ließ Mrs Bantry-Bynge ihren Gemahl Colonel Bantry-Bynge allein und machte einen Abstecher in die Stadt, angeblich, um ihre Schneiderin zu besuchen, aber in Wahrheit für eine Tändelei mit einem schrecklich schmierigen Mann namens Boy. Ich war schon bei mehreren Gelegenheiten damit beauftragt worden, ihr Schlafzimmer vorzubereiten. Es war einfache Arbeit, die großzügig bezahlt wurde. Belinda hatte es als Schweigegeld bezeichnet.

Am folgenden Mittwoch benötigte Mrs Bantry-Bynge meine Dienste. Sie würde Mittwochabend in der Stadt verbringen, um mit Freunden zu Abend zu essen. „Oh, Mist“, murmelte ich. Ein solches Wort sollte eine Lady niemals laut aussprechen, aber in schweren Zeiten soll es schon vorgekommen sein, dass es außer Hörweite geflüstert wurde. Wie um alles in der Welt sollte ich eine Ausrede finden, Hanni und die Baronin mehrere Stunden lang allein zu lassen? Vielleicht konnte ich bei der königlichen Dinnerparty im Palace jemanden davon überzeugen, Hanni für eine Ausfahrt im Rolls Royce einzuladen, oder womöglich konnte ich mich auf Belinda verlassen, wo auch immer sie gerade steckte.

Ich zeigte meinen Gästen gerade die Dinnereinladung des Palace, als es an der Eingangstür klopfte und Belinda hereinstürmte, die in ihrem silberfarbenen Regenmantel umwerfend aussah.

„Meine Lieben, es schüttet wie aus Eimern da draußen“, sagte sie, als mein Großvater beziehungsweise Butler ihr dabei half, den Mantel abzunehmen. „Wirklich grauenvoll, da dachte ich mir, ich komme gleich zu euch und muntere euch mit guten Neuigkeiten auf.“

„Wie freundlich von dir“, sagte ich, „aber du hast meine Gäste noch gar nicht kennengelernt.“

Ich führte sie in den Morgensalon und stellte sie vor.

„Miss Belinda Warburton-Stoke“, sagte ich. „Eine sehr gute Freundin von mir aus der Schulzeit.“

„Sehr erfreut.“ Belinda vollführte einen anmutigen Knicks.

„Wie merkwürdig.“ Die Baronin starrte Belinda an. „Sie haben eine starke Ähnlichkeit mit jemandem.“

„Ich habe überall Verwandte“, sagte Belinda unbekümmert. „Wie gefällt es Ihnen bisher in London?“

„Bisher hat es geregnet und wir saßen allein in diesem Haus fest“, sagte die Baronin.

„Du meine Güte. Du wirst doch heute etwas mit ihnen unternehmen, Georgie?“

„Ja, da es regnet, hatte ich an die National Gallery gedacht, oder an die Peeresses’ Gallery im House of Lords.“

„Georgie, das ist doch sterbenslangweilig für sie. Geh mit ihnen einkaufen. Nimm sie mit zu Harrods oder zur Bond Street.“

„Oh ja. Lasst uns einkaufen gehen.“ Hannis Miene erhellte sich. „Das gefällt mir.“

„Also gut“, sagte ich langsam. Ich fragte mich, ob das königliche Protokoll vorschrieb, dass ich der Prinzessin Sachen kaufte. „Gehen wir einkaufen.“

Belinda öffnete ihre Handtasche. „Georgie, ich bin vorbeigekommen, weil heute Morgen die Einladung ankam.“

„Einladung?“

„Zu Gussies Party, Schätzchen. Hier.“ Sie reichte mir die beeindruckend große Einladung.

 

Augustus Gormsley und Edward Fotheringay laden Sie zu einem vergnüglichen Abend voller Tohuwabohu und eventuellen Ausschweifungen in die St. James’s Mansions am Mittwoch, 15. Juni um 20.30 Uhr ein.

 

Das war wirklich ungünstig. Ich wollte sehr gern hingehen, doch ich sollte eine Prinzessin nicht zu einem Abend voller Ausschweifungen mitnehmen, konnte aber auch nicht hingehen und sie allein zurücklassen.

„Ich glaube nicht, dass ich hingehen kann“, sagte ich. „Ich könnte Ihre Hoheit nicht alleinlassen.“

„Bring sie mit“, sagte Belinda vergnügt. „Gib ihr eine Kostprobe der Londoner Reichen und Schönen. Ich habe gehört, dass der ein oder andere Prinz unter den Gästen sein wird.“

„Ich glaube wirklich nicht –“, setzte ich an, aber dann spähte Hanni über meine Schulter und kreischte vergnügt. „Junge Männer und Tanzen“, rief sie aus. „Ja, das wird mir gefallen.“

„Gut, dann ist es beschlossene Sache. Mittwoch um acht“, sagte Belinda. „Ich hole dich ab. Muss los, Schätzchen, ich arbeite an einer neuen Kreation.“

Ich begleitete sie zur Tür.

„Du bist ein großes Risiko eingegangen“, zischte ich ihr zu. „Der alte Drache hätte dich fast erkannt.“

„Unsinn, meine Liebe. Bedienstete erkennt man nie. Sie sind unsichtbar.“

„Du warst herrlich, als du dich als mein Dienstmädchen ausgegeben hast.“

„Ich habe mich sehr angestrengt, das kann ich dir versichern. Und es tut mir leid wegen gestern. Ich hatte wirklich vor zu kommen, aber ehrlich gesagt bin ich erst um fünf Uhr morgens in mein eigenes Bett gekommen – er war übrigens himmlisch, Schätzchen – und dann habe ich bis fünf Uhr abends geschlafen, als es Zeit für eine weitere Party war. Ich habe das Dienstmädchendasein einfach verschlafen.“

„Das ist in Ordnung. Die Prinzessin hat ein Dienstmädchen mitgebracht, das dazu genötigt wurde, sich um beide zu kümmern. Und Binky hat mir ein wenig Geld geschickt, damit ich ein neues Dienstmädchen einstellen kann. Die Agentur trifft anscheinend eine Auswahl passender Mädchen.“

„Such dir eine aus, die nicht sehr gesprächig ist“, riet mir Belinda. „Es gibt nichts Schlimmeres, als morgens aufzuwachen und ihr Geschnatter ertragen zu müssen, während sie dir den Tee bringt. Und du kannst nie wissen, mit wem sie darüber tratscht, wenn gewisse Leute über Nacht geblieben sind. Man hat ja eine Art Ruf zu bewahren, weiß du.“

„Damit hätte ich kein Problem“, antwortete ich. „Mein Dienstmädchen würde vor Langeweile sterben.“

„Das wird sich ändern, du wirst schon sehen. Du bist erst wenige Monate hier. Sobald du dich in unseren Kreisen bewegst, wird es Partys über Partys geben. Und diese kleine Zusammenkunft bei Gussie Gormsley ist genau das, was du brauchst. Jeder wird dort sein, das kann ich dir versichern.“

„Glaubst du wirklich, dass ich die Prinzessin zu einer wilden Party mitnehmen soll?“

„Oh ja.“ Belinda grinste. „Es gibt keine bessere Art, sie mit dem Leben außerhalb des Klosters bekanntzumachen. Also bis dann“ – sie küsste mich auf die Wange – „tschü-hüs.“

Sie lief die Eingangstreppe hinunter, hinaus in den Regen und fort war sie.

Baronin Rottenmeister bestand darauf, uns zu Harrods zu begleiten. Ich war nicht wild darauf, dorthin zu gehen, da sich bei Harrods eine der schlimmsten Demütigungen abgespielt hatte, die ich in meinem Leben erlitten hatte. Ich hatte ganze drei Stunden an der Kosmetiktheke gearbeitet, bevor ich gefeuert worden war. Aber heute würde ich nicht inkognito dort sein, sondern in Begleitung einer Prinzessin und einer Baronin. Ich rechnete nicht mit Schwierigkeiten.

Sobald sie das Geschäft betreten hatte, verwandelte sich Hanni in ein Kind in einem Spielzeugladen. Sie tänzelte von Auslage zu Auslage und stieß kleine Freudenschreie aus. „Oh, sieh mal. Ringe. Halsketten. Und reizende Handtaschen. Oh, sieh mal, Lippenstifte.“ Ich musste zugeben, dass ihr Wortschatz auf diesem Gebiet ziemlich beeindruckend war und fragte mich, wie sie die englischen Begriffe für Kosmetik im Kloster gelernt haben konnte. Vielleicht hatte sie sie aus diesen amerikanischen Filmen. Möglicherweise sprachen die Herzdamen der Gangster zwischen den Schießereien über ihre Schminkroutinen. Von den Accessoires kamen wir in die Bekleidungsabteilung.

„Oh, das ist ein schönes Kleid. Ich muss es anprobieren.“ Hanni umarmte es beinahe und eine Verkäuferin kam mit leuchtenden Augen auf uns zu. „Ich habe kein sexy Kleid für Party. Nur langweilige deutsche Kleider.“ Sie warf einen Blick auf das Preisschild. „Kostet nur fünfundzwanzig Pfund.“

„Das ist der Gürtel, Madam“, sagte die Verkäuferin, die wie aus dem Nichts hinter ihr aufgetaucht war. „Das Kleid kostet dreihundert Guineen.“

„Dreihundert. Ist viel?“, fragte Hanni mich unschuldig.

„Viel“, sagte ich.

„Ich probiere trotzdem an.“ Sie lächelte der Verkäuferin zu, während ich versuchte, eine Möglichkeit zu finden, wie ich ihr mitteilen konnte, dass ich kein Geld hatte, ohne mich völlig zu blamieren. Vielleicht trug die Baronin ihr Scheckheft bei sich.

„Ist die junge Dame aus dem Ausland zu Besuch?“, fragte mich die Verkäuferin.

„Das ist Prinzessin Hannelore von Bayern“, sagte ich und bemerkte, wie sich das Verhalten der Frau schlagartig änderte.

„Eure Hoheit. Welche Ehre. Lasst mich Euch mehr Kleider zum Anprobieren bringen.“

So verbrachten wir eine gute halbe Stunde. Während Hanni in jedem neuen Kleid noch entzückender aussah, wurde mir bei dem Gedanken, wer all das bezahlen sollte, immer unwohler zumute.

„Ich glaube, Sie haben nun alle unsere Abendkleider gesehen, Eure Hoheit“, sagte die Verkäuferin.

Hanni machte eine ausladende Handbewegung. „Ich nehme sie alle“, verkündete sie.

„Nein, das kannst du nicht.“ Die Anspannung brach lauter als beabsichtigt aus mir heraus.

„Natürlich nicht“, sagte die Verkäuferin und strahlte Hanni an. „Man würde Ihnen keinesfalls die Unannehmlichkeit zumuten, die Kleider mitzunehmen. Wir werden sie heute Nachmittag mit dem Transporter liefern.“

„Hat die Baronin Geld von deinem Vater erhalten, um diese Kleider zu bezahlen?“, fragte ich.

„Habe ich nicht“, die Baronin spie die Worte beinahe aus.

„Dann fürchte ich, dass du sie nicht haben kannst.“

„Wir werden meinen Vater anrufen.“ Hanni schmollte. „Er wird wollen, dass ich für Treffen mit König und Königin modische Kleider habe, nicht langweilige deutsche Sachen.“

„Deutsche Kleidung ist nicht langweilig“, sagte die Baronin, deren Gesicht nun dunkelrot angelaufen war. „Du solltest stolz darauf sein, deutsche Sachen zu tragen. Komm, Hannelore. Wir gehen jetzt.“

Ich warf der Verkäuferin ein entschuldigendes Lächeln zu, als Hanni aus dem Laden geführt wurde. Wir hatten fast den Haupteingang erreicht, als ich merkte, wie mir jemand die Hand auf den Arm legte. Es war ein Mann in einem Gehrock, der die Stirn runzelte. „Entschuldigen Sie, Madam, aber hatten Sie vor, den Einkauf der Prinzessin sofort zu bezahlen oder sollen wir Ihnen eine Rechnung schicken?“

„Ihren Einkauf?“ Die Kleider hingen doch sicher noch in der Umkleidekabine.

„Die Handtasche, Madam.“ Er wies auf Hannis Arm, an dem eine wunderschöne weiße Handtasche aus Ziegenleder baumelte. „Fünfzig Guineen.“

„Eure Hoheit?“ Ich bekam Hanni zu fassen, bevor sie hinaus auf die Straße trat. „Ich glaube, Ihr habt vergessen, die Handtasche, die Ihr angeschaut habt, wieder zurückzulegen.“

Hanni blickte überrascht auf ihren Arm. „Oh ja. Tatsächlich.“

Mit einem reizenden Lächeln gab sie dem Abteilungsleiter die Tasche zurück. Im Taxi nach Hause beobachtete ich die schmollende Hanni. Hatte sie die Tasche wirklich vergessen oder hatte sie vorgehabt, sie aus dem Laden zu schmuggeln?

„Ich muss sehr bald reichen Mann heiraten“, verkündete Hanni. „Und du auch, Georgie. Werden reiche Männer bei Party sein?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Gut. Dann wählen wir beide einen aus.“ Sie machte eine Pause und überlegte. „Wird der schöne Mann, der uns gestern gerettet hat, dort sein, was meinst du?“

„Ich glaube nicht“, sagte ich und hoffte, dass er nicht kommen würde. Ich hatte gesehen, wie begeistert Darcy Hanni angesehen hatte. „Und Männer bezeichnet man nicht als schön. Sie sind gutaussehend.“

„Er war schön“, sagte Hanni gedankenverloren.

Ich musste zugeben, dass sie Recht hatte. Er war wahrscheinlich der schönste Mann, dem ich jemals begegnet war.

Kapitel 10

An diesem Abend servierte Mrs Huggins Toad in the Hole und Reispudding. Es war Essen für kleine Kinder und die Baronin starrte es schreckerfüllt an, als man es ihr vorsetzte.

„Toad in the ’ole?“, fragte sie und imitierte dabei Großvaters Cockney-Akzent. „Toad? Das ist doch wie Frosch, oder? Wird dieser Pudding mit Frosch zubereitet?“

„Es ist nur ein Name“, sagte ich, obwohl ich Lust hatte, sie in dem Glauben zu lassen, dass sie gebackenen Frosch aß. „Wir haben im Englischen viele lustige Begriffe für unser Essen.“

„Ich mag Toad in the ’ole“, sagte Hanni. „Es schmeckt gut.“

Und das tat es wirklich. Wie so viele einfache Speisen ist Toad in the Hole köstlich, wenn es gut zubereitet wird, und ich hatte schon immer eine Schwäche für Wurst.

„Wenn es kein Frosch ist, woraus ist es dann?“, wollte die Baronin von meinem Großvater wissen.

„Aus Bangers, Küken“, sagte mein Großvater und lächelte Hanni zu. Die beiden hatten sich sofort gut verstanden.

„Sie meinen Küken, die man geschossen hat?“, fragte die Baronin. „Es schmeckt nicht wie Huhn.“

„Kein Huhn. Bangers“, erklärte Großvater geduldig.

„Er meint Würste. Englische Würste.“

„Aber das ist Bauernessen“, sagte die Baronin.

„Mir schmeckt’s“, murmelte Hanni wieder.

Die beleidigte Baronin ging früh zu Bett und brummte etwas von „kein heißes Wasser und Frösche zum Essen“ den ganzen Weg die Treppe hinauf.

Ich überlegte immer noch, wie ich mich davonstehlen konnte, um meinen Auftrag am Mittwochmorgen bei Mrs Bantry-Bynge auszuführen. Dann kam mir in der Nacht ein brillanter Einfall. Ich hatte noch nichts von der Agentur zu meinem neuen Dienstmädchen gehört. Ich konnte behaupten, dass ich Kandidatinnen für die Stelle befragte. Dieser geniale Plan wurde zunichte gemacht, als am Dienstagmorgen ein Anruf von der Haushaltsagentur kam; sie hätten eine höchst passende Kandidatin für die Stelle gefunden, ob ich Zeit für ein Gespräch hätte.

„Ich fürchte, ich muss Sie heute Morgen sich selbst überlassen“, sagte ich, als ich wieder ins Frühstückszimmer kam. (Diesmal gab es geräucherten Fisch. Die Baronin beschwerte sich über die Gräten.) „Aber ich muss ausgehen und ein Bewerbungsgespräch mit einem neuen Dienstmädchen führen.“

„Aber was ist mit Ihrem anderen Dienstmädchen passiert?“, fragte die Baronin. „Wo ist sie geblieben? Ich dachte, sie wäre gut.“

„Gut, aber unzuverlässig“, sagte ich. „Sie ist am Samstagabend ausgegangen, aber seitdem nicht wieder aufgetaucht. Also habe ich Ihren Rat befolgt und beschlossen, sie zu entlassen.“

Sie nickte. „Gut. Man muss mit Bediensteten immer streng sein.“

„Also, wenn Sie mich entschuldigen würden, ich muss ein Vorstellungsgespräch mit ihrer Nachfolgerin führen. Vielleicht möchten Sie einen Ausflug zur National Gallery machen. Dort gibt es schöne Gemälde, glaube ich.“

„Es regnet zu viel“, sagte die Baronin. „Und die Prinzessin muss sich für das Dinner im Palace ausruhen. Sie muss so gut wie möglich aussehen.“

„Aber ich fühle mich gut“, beschwerte sich Hanni. „Ich möchte etwas von London sehen. Leute treffen. Spaß haben.“

„Die Prinzessin wird sich ausruhen“, sagte die Baronin. „Sie wird Briefe nach Hause schreiben.“

„Okay“, seufzte Hanni.

Ich machte mich auf den Weg zur Haushaltsagentur. Dabei fühlte ich mich, als wäre ich auf dem Weg zu einer strengen Untersuchung. Dienstboten einzustellen gehörte nicht zu meinen täglichen Aufgaben – eigentlich hatte ich so etwas noch nie getan.

„Ich glaube, wir haben endlich ein passendes Dienstmädchen für Sie gefunden, Mylady.“ Die Frau hinter dem Schreibtisch in ihrem makellosen grauen Kostüm mit weißem Rüschenkragen war ziemlich einschüchternd, wie eine Kreuzung aus Oberschwester und Schuldirektorin, die mehr Kultiviertheit ausstrahlte, als ich je besitzen würde. Sie wirkte äußerst selbstzufrieden. „Das ist Mildred Poliver.“

Eine Frau um die Vierzig erhob sich und knickste. „Ich bin hocherfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Eure Ladyschaft. Es wäre eine Ehre, für Sie zu arbeiten.“

„Bestimmt möchten Sie Miss Poliver einige Fragen stellen“, sagte die Direktorin.

„Oh ja. Natürlich.“ Ich bemühte mich, sachlich und unbefangen zu klingen, als ob ich regelmäßig Vorstellungsgespräche mit Bediensteten führte. „Ähm – welche Erfahrung haben Sie, Miss Poliver?“

„Ich bin seit neunundzwanzig Jahren als Dienstmädchen für Ladys tätig“, sagte sie mit der gekünstelten Aussprache, die die unteren Klassen für die Ausdrucksweise der oberen Klassen hielten. „Meine letzte Stelle war bei Brigadier Sir Humphrey Alderton. Kennen Sie zufällig die Humphrey Aldertons?“

„Nicht persönlich.“

„Eine edle Familie. Sehr vornehm.“

„Und warum haben Sie dort aufgehört?“

„Sie sind nach Indien zurückgekehrt und ich hatte nicht den Wunsch, in diesem Land zu leben. Ich vertrage die Hitze nicht, wissen Sie.“

„Ich verstehe.“

„Mrs Humphrey Alderton hat mir ein ausgezeichnetes Zeugnis gegeben. Hier ist es, falls Sie es zu sehen wünschen.“

Ich überflog es. Mildred ist ein Schatz. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun soll…

„Das sieht sehr zufriedenstellend aus“, sagte ich.

„Miss Poliver würde selbstverständlich einen Lohn erwarten, der ihre Erfahrung wiederspiegelt“, sagte der Drache.

„Wie viel haben Sie auf Ihrer letzten Stelle verdient?“

„Insgesamt fünfundsiebzig Pfund im Jahr. Ich bitte darum, die Donnerstagnachmittage und Sonntagabende frei zu bekommen.“

„Das klingt zufriedenstellend“, sagte ich. Ich war mir sicher, dass die Dienstmädchen daheim nicht annähernd fünfundsiebzig Pfund im Jahr verdienten. Eher zwanzig. Ich berechnete auch ein, dass Binky mir einhundert Pfund für das Dienstmädchen und die Verpflegung unserer deutschen Gäste gegeben hatte und die Baronin uns einiges kosten würde. Andererseits musste ich Mildred Polivers Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen, sobald meine Gäste fort waren. Ich könnte eine Ausrede erfinden, um sie loszuwerden. Aber natürlich gewann meine ehrliche Seite die Oberhand.

„Ich sollte erwähnen, dass sie Stelle möglicherweise nur vorübergehend ist.“

„Vorübergehend?“

„Ich weiß nicht genau, wie lange ich in London bleiben werde und auf Castle Rannoch habe ich ein eigenes Dienstmädchen.“

„Zufällig würde mir eine vorübergehende Stelle wunderbar passen“, sagte Mildred. „Ich habe das Landleben so genossen und bin mir nicht sicher, wie mir die Betriebsamkeit der Stadt gefallen wird.“

Wir schüttelten einander die Hände und Mildred bot an, noch am selben Nachmittag anzufangen.

„Das trifft sich gut“, sagte ich. „Wir werden heute Abend zum Dinner im Palace erwartet.“

Autoren

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    Rhys Bowen (Autor)

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    Sarah Schemske (Übersetzung)

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Titel: Adel verpflichtet … zum Mord