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Mord auf Ellis Island

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Seit ihrer Geburt wusste Molly Murphy, dass sie irgendwann in Schwierigkeiten kommen würde – genau wie ihre Mutter es vorausgesagt hatte. Nach einem Unfall, der mit einem Toten endet, muss sie ihr geliebtes Irland und ihre Identität hinter sich lassen und flüchtet an die anonymen Ufer Amerikas. Doch auch hier scheint das Glück nicht auf ihrer Seite zu stehen, denn als sie in New York ankommt und auf Ellis Island ein Mann umgebracht wird mit dem Molly Streit hatte, wird sie schnell zur Hauptverdächtigen.
Mit ihrem irischen Charme und Witz entkommt Molly Ellis Island und macht es sich zur verzweifelten Mission, ihren Namen reinzuwaschen. Doch ihre Vergangenheit ist ihr dicht auf den Fersen ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe August 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-801-8

Copyright © Oktober 2001 by Rhys Bowen. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Murphy's Law

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Martin Spieß
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Dieses Buch ist meinen Lieblings-New-Yorkerinnen Daphne Lincoff und Judy Gitenstein gewidmet. Daphne – danke, dass du in der großen Stadt ein sicherer Hafen bist, und Judy – danke, dass du vor Ort meine Augen und Ohren bist, und dafür, dass du mich zu Abenteuern mitschleppst. Wer sonst wurde schon mal versehentlich im Gramercy Park eingesperrt?

Mein Dank gilt auch meinen üblichen Kritikern John, Clare und Jane genauso wie Trish Intemann, die alles Irische im Buch überprüft hat.

DISCLAIMER: Obwohl einige reale, historische Figuren im Buch erscheinen, ist diese Geschichte pure Fiktion.

Eins

„Dein Mundwerk wird dich eines Tages in große Schwierigkeiten bringen.“

Meine Mutter fing an, das zu sagen, sobald ich sprechen konnte. Es stellte sich heraus, dass sie nicht ganz falsch lag. Als ich zehn Jahre alt war, hatte meine Weigerung, den Mund zu halten, uns beinahe aus unserem Cottage fliegen lassen. Und eine Woche bevor ich dreiundzwanzig wurde, war ich auf der Flucht, gesucht wegen Mordes.

 

Das rhythmische Schnauben der Lokomotive beruhigte meine Sinne wieder. Ich hatte keine klare Erinnerung daran, wie ich zum Bahnhof gekommen war. Aber der Schmerz in meinem Brustkorb, wenn ich zu atmen versuchte, und die Tatsache, dass mein Kleid an meinem Rücken klebte, sagten mir, dass ich jeden einzelnen Schritt der fünf Meilen gerannt sein musste. Über den Zustand der Vorderseite meines Kleides wollte ich gar nicht erst nachdenken. Ich zog mein Schultertuch enger um mich und betrachtete die anderen Menschen in meinem Abteil. Ein altes Bauernpaar mit vom Wetter geröteten Wangen döste bereits in der hinteren Ecke, dazu eine junge Mutter mit zwei lebhaften Kindern und in Erwartung eines weiteren sowie ein Priester. Er erwiderte meinen Blick und ich sah rasch weg, nur für den Fall, dass Priester Gedanken lesen könnten – oder Geständnisse abringen. Wäre er nicht überrascht, jetzt meines zu hören?

Jedes Mal, wenn der Schaffner durch den Zug ging und in mein Abteil blickte, war ich mir sicher, dass er nach mir suchte.

Andererseits war das albern, oder nicht? Justin Hartley lag tot auf meinem Küchenfußboden, aber es würde ihn noch niemand vermissen. Mein Vater und meine kleinen Brüder kämen erst zum Abend zurück und Justin hatte schwerlich jemandem im Herrenhaus erzählt, wohin er ging. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er, während er pikante Hammelnierchen frühstückte oder was auch immer die Oberschicht an diesem Morgen Ekelhaftes gegessen hatte, sagte: „Ich geh dann mal zum Cottage der Bauern, um mir Molly Murphy zu Willen zu machen.“

Also blieben mir noch ein paar Stunden, um zu entkommen. Dieser Zug würde mich bis nach Belfast bringen. Und ich hatte wahrscheinlich gerade so genug Geld für ein Schiff nach England. Was danach käme, konnte ich nicht sagen. Vielleicht wäre ich in der Lage, in einer großen Stadt wie Liverpool unterzutauchen. Vielleicht nicht. Höchstwahrscheinlich würde mich die Polizei bald einholen. Es dürfte nicht allzu schwerfallen, eine junge, irische Frau auf der Flucht zu bemerken, besonders eine mit flammend rotem Haar wie meinem. Da ich niemanden in England kannte, konnte ich mich nirgendwo verstecken. Also war es nur eine Frage der Zeit, aber ich würde fliehen, solange ich konnte. Ich war nie dafür bekannt gewesen, ohne einen ordentlichen Kampf aufzugeben.

Ich starrte aus dem Fenster des Waggons. Es war ein malerischer Tag, ein Himmel wie blaues Glas, strahlend klar, mit einem Hauch von Frost in der Luft – die Art Tag, die in unseren irischen Wintern nicht oft vorkommt. Die Art Tag, die mich durch meine häuslichen Pflichten hätte eilen, den Eintopf auf den Herd stellen und aufbrechen lassen, um oben auf den Klippen spazieren zu gehen, mit dem Wind im Rücken und dem Ozean zu meinen Füßen. Die Art Tag, an dem der Adel aus wäre, um mit den Hunden zu jagen. Ein Bild von Justin in seinem roten Mantel schoss mir durch den Kopf. Ich hatte ihn in seinem roten Mantel immer sehr attraktiv gefunden. Ich schätze, ich war ein bisschen in ihn verliebt gewesen, als ich jünger war. Gott weiß, ich hatte nie vor, ihn zu töten. Ich konnte beinahe spüren, wie sich der Blick des Priesters in meinen Hinterkopf bohrte, während ich aus dem Fenster sah.

Grüne Felder, auf denen wie hingetupft Pferde standen, rauschten vorbei. Sie schauten alarmiert auf, als sich das feuerspuckende Monster näherte, schwangen die Hufe und rannten davon. Wie schön sie aussahen. Wenn ich so schnell laufen könnte, wäre ich nicht so leicht zu fassen.

Wenn man mich fassen würde, bedeutete das die Schlinge um meinen Hals – darüber bestand kein Zweifel. Meine Hand legte sich mir instinktiv an den Hals und ich erschauderte. Spürte man etwas, wenn sie einen hängten? War alles im Nu vorbei? Würde es wehtun? Sie würden meiner Seite der Geschichte gewiss keine Beachtung schenken. Ich hatte den Sohn eines englischen Gutsbesitzers getötet. Das musste ein Vergehen sein, das mit dem Galgen bestraft wurde, selbst wenn ich nur versucht hatte, meine Ehre zu wahren. Andererseits besitzen Bauernmädchen keine Ehre, oder? Nach Justins Behauptung gehörte ich ihm, so wie seine Nutztiere. Mir fiel niemand ein, der für mich sprechen würde. Nicht mein Vater – er würde vor allem wütend sein, wenn er herausfand, dass ich mich an dem Notgroschen in der Teekanne auf dem Kaminsims bedient hatte. Es sollte ein Geheimnis sein. Wir Kinder wussten selbstverständlich alle davon, aber der Gedanke an Vaters Ledergürtel auf unseren Hinterteilen hatte uns davon abgehalten, uns daran zu bedienen. Jetzt schien ein Ledergürtel auf dem Hintern eine milde Strafe zu sein, im Vergleich zu dem, was mich vielleicht erwartete. Meine Hand verirrte sich wieder zu meinem Hals.

Nein, ich konnte nicht auf das Mitgefühl meines Vaters zählen. Er würde vermutlich sagen, dass ich Justin mit meiner lockeren Art verführt hätte. Meine lockere Art war nie darüber hinausgegangen, an einem Samstagabend tanzen zu gehen und mich vielleicht von einem Jungen nach Hause bringen zu lassen, aber das reichte meinem Vater schon. Zu seiner Zeit gaben Mädchen den Älteren keine Widerworte und gingen nie ohne Anstandsdame tanzen. Ich tat beides. Oft.

Wenn meine Mutter noch am Leben wäre, hätte auch sie gesagt, dass ich darum gebeten hätte – dass ich stets große Ideen gehabt hätte, die über meinen Stand hinausgehen, und ein Mundwerk, das mich in Schwierigkeiten bringen würde. Es ist eine Schande, dass sie nicht lange genug lebte, um zu sagen: „Ich hab’s dir ja gesagt.“ Das hätte ihr gefallen.

Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich ganz allein war. Unsere Verwandten waren entweder tot oder in andere Länder ausgewandert. Ich hatte keine echten Freunde mehr im Dorf von Ballykillin. Die anderen Mädchen, mit denen ich in meiner Kindheit gespielt hatte, waren schon lange mit groben Rüpeln verheiratet und hatten in ihren Köpfen nur noch Raum für Gedanken an Essen, Bier und Bett. Ich bestand auf etwas Besseres, obwohl ich mir nicht sicher war, wo ich es finden würde. Der Witz war, dass diese Mädchen mich bemitleideten – ich war die Junggesellin, zu alt, als dass mich jemand gewollt hätte, eine hoffnungslose alte Jungfer. Wir hatten uns selbstverständlich vor langer Zeit auseinandergelebt, als ich ausgewählt wurde, im Herrenhaus mit den beiden Töchtern des Gutsbesitzers unterrichtet zu werden. Nicht, dass ich Miss Vanessa und Miss Henrietta meine Freundinnen hätte nennen können. Sie schafften es stets, dass ich mich wie ein Eindringling fühlte – auf ihre wohlerzogene, vornehme Art, natürlich. Und jetzt waren sie in die englische Gesellschaft aufgebrochen und hatten lediglich ein höfliches Nicken für mich übriggehabt, als ihre Kutschen an mir vorüberfuhren.

Also hatte ich in der ganzen Welt niemanden, der auf meiner Seite stand. Es war ein beängstigender Gedanke, aber auch herausfordernd. Es bedeutete, dass ich niemandem irgendetwas schuldig war. Ich war frei von Ballykillin, frei von all dem Kochen und Putzen für unsere undankbaren Männer, frei zu sein, wer ich sein wollte ... wenn ich nur weit genug wegkäme, um neu anzufangen. Eine Sache war sicher – ich hatte nicht vor, jetzt schon zu sterben.

Es war später Nachmittag, als wir im Bahnhof von Belfast ankamen. Ich bedeckte meinen Kopf mit meinem Schultertuch und mischte mich unter all die Frauen, die aus den Stofffabriken kamen. Ich erlaubte mir, mit dem Strom fortgerissen zu werden, bis ich zu den Docks gelangte. Niemand hielt mich auf, als ich auf das Schiff ging, aber ich hielt den ganzen Weg bis nach England meinen Kopf bedeckt und mein Gesicht verborgen. Ich schlief die ganze Nacht nicht länger als einen Augenblick lang und als die Küste von England im kalten Morgenlicht auftauchte, war ich hohläugig und erschöpft.

Dann war ich dort, in einer fremden Stadt, einem fremden Land, mit vier Pence in der Tasche und ohne Vorstellung davon, was ich als Nächstes tun sollte. Als ich die Landungsbrücke hinunterkam, erblickte ich ein großes, herrliches Schiff mit zwei schönen Schornsteinen.

„Schau, da ist die Majestic. White Star Linie“, hörte ich eine Frau hinter mir sagen. „Du weißt schon – die, auf der O’Sheas Junge nach Amerika fährt.“

Amerika, dachte ich mit einem sehnsüchtigen Lächeln. Da würde ich hingehen, wenn ich mehr als vier Pence in der Tasche hätte. Irische Jungen flohen stets nach Amerika, wenn sie Schwierigkeiten mit den Engländern bekamen. Ich trat einen Moment aus dem Strom der Passagiere heraus und starrte zu dem schönen Schiff hinauf. Meine Güte, es war riesig. Dort auf den Docks zu stehen und hinaufzublicken war wie zu den größten Klippen aufzuschauen, die ich je gesehen hatte. Man könnte ganz Ballykillin hier hinein verfrachten und hätte immer noch genügend Platz für ein paar Kathedralen.

Der Strom der Menschen drängte sich um mich herum, schob mich vorwärts und weg von den Docks. Dann löste sich die Menge wie von Zauberhand auf und ich war allein, blickte auf eine breite Promenade, gesäumt von großen, eleganten Gebäuden, die ich bisher nur auf Bildern gesehen hatte. Eines von ihnen hatte an der Front sogar Säulen wie ein römischer Tempel. Vor den Gebäuden standen Kutschen und Hansom-Taxen, und Damen mit großen, wunderschönen Hüten und pelzbesetzten Umhängen schlenderten vorüber. Ich vergaß, dass ich mittellos und auf der Flucht war, stand da und genoss den Moment. Ich war endlich in einer wirklichen Stadt und sie sah genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Das Gebäude mit den Säulen trug ein Schild, auf dem Cunard Line stand. Auf einem anderen, noch größeren, aus roten und weißen Steinen stand White Star Line. Beide Balkone waren schwarz behangen. Ich brauchte einen Moment, bis mir einfiel, dass England noch immer den Tod der alten Königin betrauerte, die jetzt seit über einem Moment unter der Erde lag. Ja, die Flaggen wehten alle auf Halbmast. In Irland hatte ich nirgends solche öffentliche Trauer gesehen, tatsächlich hatte ich gehört, dass in Dublin auf den Straßen getanzt worden sei. Andererseits hatte Victoria nie sonderlich viel Liebe für die Iren gezeigt, oder? Nicht, dass wir hofften, der neue König Edward würde irgendwie besser für uns sein ...

Ich blickte zu diesen großen Gebäuden hinauf, während ich die Straße überquerte. Eine aufheulende Hupe erschreckte mich zu Tode, und etwas Tiefes, Glattes und Leistungsstarkes brauste an mir vorüber. Das war also ein Automobil. Ich stand voller Bewunderung da und beobachtete, wie es in einer Rauchwolke verschwand. Eines Tages würde ich auch so eines haben, entschied ich, bis ich mich daran erinnerte, dass ich kriminell und auf der Flucht war, und wahrscheinlich nicht mehr lange am Leben wäre, wenn ich meinen Verstand nicht benutzte. Wenigstens war ich jetzt in einer großen Stadt. Ich sollte in der Lage sein, mich unter die Tausenden Iren zu mischen, die hier bereits lebten. Ich würde mir Arbeit in einer Fabrik suchen, ein Zimmer finden und vielleicht würde ich zurechtkommen. Vielleicht.

Ich machte mich auf den Weg und ging die Seitengassen entlang. Ich war noch nie in einer Stadt gewesen – bis auf gestern in Belfast, natürlich. Aber Belfast war nicht einmal halb so groß wie diese Stadt und ich hatte zu viel Angst gehabt, dass man mich fassen würde, als dass ich irgendetwas mitbekommen hätte. Ich hatte mein ganzes Leben lang davon geträumt, in Dublin oder gar London zu leben, in einem schönen Haus mit eigener Kutsche und Dienern, einer Menge Dienern – ich hatte stets große Träume, nur gingen sie nie so in Erfüllung, wie ich es geplant hatte.

Ich stellte bald fest, dass Städte nicht so toll waren, wie die Leute behaupteten. Oh, sicher, es gab die großen Häuser am Wasser, aber ein paar Straßen weiter bot sich ein ganz anderes Bild. Viel Grau und dreckige Straßen, über denen Rauch hing wie ein Sargtuch. Es war nicht der süße, nach Kräutern duftende Torfrauch meiner Heimat. Er färbte die Luft braun und der verbrannte, bittere Gestank setzte sich in meinen Nasenlöchern fest.

Ich ging und ging. All diese Häuser standen so dicht beieinander – Reihen um Reihen in den Schatten der großen Häuser am Kai gezwängt. Müde, grau aussehende Frau standen mit Säuglingen auf den Hüften in den Türöffnungen. Kinder mit harten Gesichtern spielten in den Straßen. Eines von ihnen warf einen Stein nach mir und floh, als ich mich zu ihm umdrehte. Ich war plötzlich hungrig, aber ich hatte kein Geld für Essen. Zuerst eine Arbeit, dann esse ich, sagte ich mir.

Am Ende des Tages war ich wieder an den Docks, immer noch hungrig und ohne Arbeit. Ich hatte eine Menge Fabriken gefunden, aber überall hingen Schilder, auf denen stand Keine Arbeiter gesucht, oder schlimmer noch: Iren brauchen sich nicht zu bewerben.

Der graue Morgen war zu einem regnerischen Nachmittag geworden, nicht der sanfte, erfrischende Regen meiner Heimat in der Grafschaft Mayo, sondern ein rußbeladener Nieselregen, der mir dreckige Streifen ins Gesicht malte und meine weißen Bündchen befleckte. Der Wind blies erbittert vom Ozean herüber. Meine Füße taten weh. Mir war kalt, ich war müde und hungrig. Die Furcht, die ich bis jetzt in Schach halten konnte, sickerte allmählich durch. Sie würden jetzt gewiss nach mir suchen. Wenn ich keinen Ort fand, um mich zu verstecken, würden sie mich bald finden und dann wäre alles vorbei. Exotische Gerüche wehten von den hohen Gebäuden am Kai herüber, Gewürze und Düfte, die Gedanken an entfernte Häfen heraufbeschworen. Vielleicht hätte ich Glück und fände eine offene Tür und einen Platz zum Schlafen. Vielleicht auch etwas zu essen.

Ich ging eine schmale Gasse hinunter und versuchte eine Tür nach der anderen zu öffnen, bis ich zurückblickte und blaue Uniformen und Helme hinter mir sah. Zwei Polizisten folgten mir. Ich warf mir das Schultertuch über den Kopf und beschleunigte meine Schritte, aber sie kamen hinter mir her, ihre schweren Schritte hallten von den hohen Steinwänden wider. Die Gasse machte einen Knick. Sie folgten mir weiter. Dann sah ich, dass ich in der Falle saß. Es war eine Sackgasse – überall um mich herum ragten hohe Wände auf und der einzige Ausweg wurde von den beiden Polizisten blockiert. Eine Tür zu meiner Rechten stand einen Spaltbreit offen. Obwohl kein Licht herausschien, musste ich mein Glück versuchen. Ich stieß sie auf und trat hinein.

Zwei

Ich fand mich in einer schmalen Vorhalle wieder, in der es nach gekochtem Kohl und Abwasser roch. Es schien eine Art Fremdenheim zu sein, denn überall an den Wänden hingen Aushänge über die Hausregeln – Rauchen verboten, Trinken verboten, Besucher verboten, Tiere verboten, Kochen in den Zimmern verboten. Daneben hing ein biblischer Text: Liebe deinen Nächsten.

Während ich dort stand, meinen Atem anhielt und mich fragte, was ich als Nächstes tun sollte, öffnete sich die Vordertür und die beiden Polizisten starrten mich an.

„Einen Moment, Miss“, sagte einer der beiden. „Wir würden gerne kurz mit Ihnen sprechen.“

Ich entschied, dass ich mich rausreden würde. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich mit Unverfrorenheit aus Schwierigkeiten herausgekommen wäre – selbstverständlich war ich durch Unverfrorenheit auch Dutzende Male in Schwierigkeiten geraten, aber mir blieb keine Zeit darüber nachzudenken.

Ich warf meinen Kopf zurück und stemmte mir die Hände in die Hüften. „Mir ist aufgefallen, dass Sie mir den ganzen Weg die Straße hinunter gefolgt sind. Haben Sie nichts Besseres zu tun, als anständigen, jungen Fabrikarbeiterinnen auf ihrem Heimweg zu folgen oder soll ich glauben, dass Sie meine Ehre beschützen?“

Sie starrten mich weiterhin mit kalten, argwöhnischen Blicken an. „Leben Sie hier, Miss?“

Ich war nie besonders gut darin, geradeheraus zu lügen. Ich schätze, die Prügel, die wir von meiner Mutter und meinem Vater erhielten, haben wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

„Nicht direkt, Sir. Ich besuche nur meine–“

„Uns wurde gesagt, nach einer Frau Ausschau zu halten, die aussieht wie–“

In diesem Moment öffnete sich die nächstgelegene Tür und das Gesicht einer Frau schaute heraus. „Bist du das endlich, Siobhan?“ fragte sie und blickte mich finster an. „Sofort herein mit dir, du faules Ding, und diesmal keine Ausreden.“

Sie packte meinen Ärmel und zog mich in ihre Richtung.

„Sie kennen diese junge Frau?“, fragte einer der Polizisten.

„Denken Sie, ich erkenne meine eigene Schwester nicht?“, fragte die Frau. „Ich habe sie vor über einer Stunde losgeschickt, damit sie Puder gegen meine Kopfschmerzen besorgt, und ich möchte wissen, wo sie die ganze Zeit war. Nimmst du keinen Anteil am armen Kopf deiner Schwester, du undankbare Kreatur?“

Entweder war sie verrückt oder ihre Augen waren schlecht, denn sie hielt mich offensichtlich für jemand anderen. Ich entschied nichts zu sagen und den Kopf hängen zu lassen.

„Wir fahren morgen früh nach Amerika“, sprach die Frau weiter. „Wie soll ich die ganze Zeit auf See ohne mein Kopfschmerzpulver ertragen?“ Sie wandte sich ab und hustete.

Der erste Polizist legte die Hand an den Helm. „Entschuldigen Sie, dass wir Sie belästigt haben, Missus. Und Sie auch, Miss. Viel Glück in Amerika.“

Sie gingen weg und ließen mich zurück, während ich die Frau anstarrte. Sie war jünger, als ich zuerst gedacht hatte, aber hohläugig und sehr dünn.

„Es tut mir leid“, sagte ich, „aber Sie haben einen Fehler gemacht. Ich bin nicht Ihre Schwester.“

Ein Lächeln stahl sich in ihr müdes Gesicht. „Denkst du, ich hätte nicht zwei guten Augen im Kopf?“, fragte sie. „Ich habe dich aus dem Fenster beobachtet, sah, wie diese zwei Kerle dir folgten, und entschied, dass da nichts Gutes bei herauskommen würde. Ich habe keine Liebe für die englische Polizei übrig. Ich weiß nicht, was du getan hast, aber du siehst mir nicht wie eine Kriminelle aus.“ Sie öffnete ihre Tür etwas weiter. „Komm, rein mit dir. Ich habe einen Kessel auf dem Kaminrost.“

Sie schloss die Tür hinter uns. Zwei kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen, saßen an einem armseligen Exemplar eines Feuers. Sie sahen mit großen, argwöhnischen Augen zu mir herauf.

„Hallo“, sagte ich. „Mein Name ist Molly. Wie heißt ihr?“

Die Frau legte jedem eine Hand auf den Kopf. „Das ist Seamus, nach seinem Vater benannt, und das kleine Menschlein hier ist meine Bridie.“ Seamus starrte mich an und brachte trotzig ein angedeutetes Lächeln zustande. Bridie verbarg das Gesicht unter der Decke. „Sie sind nicht mehr sie selbst, seit wir unsere Heimat verlassen haben und hierhergekommen sind“, sprach sie weiter. „Sie wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht, die armen Winzlinge. Ich bin Kathleen O’Connor.“ Sie streckte eine Hand aus.

„Molly Murphy“, sagte ich. „Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen, und ich bin dir auch sehr dankbar. Ich kenne in der gesamten Stadt niemanden.“

Sie goss kochendes Wasser in einen Teekessel. „Die Hauswirtin sagt uns, wir sollen in den Zimmern nicht kochen, aber das Essen, das sie zubereitet, ist weder für Mensch, noch Tier geeignet. Und setz dich hin. Du siehst aus, als würdest du jeden Moment ohnmächtig. Waren diese zwei Polizisten wirklich hinter dir her?“

Ich blickte zum Fenster und rechnete beinahe damit, sie noch in der Nähe herumschleichen zu sehen. „Ich fürchte, das waren sie.“ Ich holte tief Luft. „Schau, du solltest wissen, dass ich auf der Flucht bin. Es ist möglich, dass diese beiden Polizisten mir bereits auf der Spur waren. Also sollte ich nicht zu lange hierbleiben. Ich will dich da nicht mit hineinziehen ...“

„Denkst du, dass ich eine Irin der englischen Polizei übergebe?“, fragte sie. Ihr Akzent unterschied sich stark von meinem, mit all den harten arrr-Klängen des Nordens. „Was immer du getan hast, ich bin mir sicher, dass es nicht so schlimm gewesen sein kann.“

Ich blickte zu Kathleens Kindern. Sie schien zu verstehen, was ich beabsichtigte.

„Es ist bald Zeit für euer Abendessen, glaube ich“, sagte Kathleen zu ihnen. Sie fischte in dem Beutel herum, der an ihrer Taille hing. „Hier sind zwei Pence. Was hältst du davon, deine Schwester zum Fischladen an der Ecke mitzunehmen und uns für zwei Pence Pommes frites zu holen?“ Sie reichte dem Jungen das Geld und er nahm die Hand seiner Schwester. „Komm schon, Bridie“, sagte er. „Und dieses Mal läufst du besser schneller, denn ich werde nicht auf dich warten.“

Die Kleine sah ängstlich zu ihrer Mutter zurück. „Auf, auf“, sagte Kathleen und wickelte dem Kind einen Schal um den Hals. „Du brauchst etwas frische Luft, sonst kannst du heute Nacht nicht schlafen.“

Die Tür schloss sich hinter den Kindern und Kathleen wandte sich wieder zu mir.

„Ich habe einen Mann getötet“, sagte ich und beobachtete, wie sich das auf ihrem Gesicht abzeichnete. „Ich wollte es nicht.“

„Den Mann töten?“, fragte sie.

Ich starrte ins Feuer. Ich hatte die ganze Sache, seit sie passiert war, aus meinem Gedächtnis verbannt. Jetzt sah ich die Einzelheiten, als würde es vor meinen Augen geschehen – Justin, der in mein Cottage hineinplatzte, wie er mit einem überheblichen Lächeln dastand und mir sagte, dass es keinen Sinn habe, sich zu wehren, weil er mich genauso besaß wie die Tiere seines Hofs. Das erste Mal in meinem Leben hatten Worte als Verteidigung nicht ausgereicht. Was die örtlichen Jungs in Schach gehalten hatte, funktionierte bei Justin nicht. Er hatte lediglich gelacht und mich auf den Küchentisch geworfen. Dann hörte ich das Geräusch meines zerreißenden Kleids, als er ungeduldig wurde, und dann meinen mächtigen Tritt, der selbst mich überraschte, seinen erstaunten Gesichtsausdruck und das abscheuliche Geräusch seines Kopfs, der auf unserem Herd aufschlug ... und all das Blut.

„Er hat versucht mich ... sich zu Willen zu machen, weißt du.“ Ich konnte mich nicht dazu bringen, das Wort vergewaltigen auszusprechen. „Ich habe ihn weggestoßen. Er ist ausgerutscht und mit dem Kopf aufgeschlagen.“

„Na dann“, sagte sie, aber ich schüttelte den Kopf.

„Es wird für die Jury keinen Unterschied machen, oder? Er war der Sohn des Gutsbesitzers. Englische Oberschicht. Man kommt nicht damit davon, die Oberschicht umzubringen, nicht wahr?“ Ich starrte weiterhin ins Feuer. Die Hoffnungslosigkeit der Situation holte mich langsam ein. „Er hat mein Kleid zerrissen“, sagte ich und öffnete mein Schultertuch, um es ihr zu zeigen. Plötzlich war ich den Tränen sehr nahe, aber ich weine nicht vor Fremden.

„Dieses Tier“, sagte sie sanft, auf eine Weise, die mich den Tränen noch näherbrachte. „Er hat verdient, was er bekommen hat – und mehr. Mach dir keine Sorgen. Ich werde dich nicht verraten. Diese Engländer sind Tiere. Warum sonst hätte mein Seamus nach Amerika fliehen und uns dazu verdammen müssen, uns zwei Jahre lang allein durchzuschlagen?“

Sie reichte mir einen abgeplatzten Emaille-Becher mit Tee. Ich trank einen großen Schluck und spürte, wie die Wärme in meinen Körper zurückkehrte.

„Zuerst mein Bruder und dann mein Ehemann“, fuhr sie fort. „Sie hängten unseren Liam, weißt du? War gerade neunzehn Jahre alt, und so ein hübscher Junge. Er und einige der Jungs haben versucht, den Grundstücksverwalter des Gutsbesitzers davon abzuhalten, einen Nachbarn zur Räumung zu zwingen. Der Verwalter wurde in dem Streit getötet. Es war mitten in der Nacht bei miserablem Wetter, und ich schätze, dass sie davongekommen wären, aber jemand hat sie verraten. Sie wurden alle gehängt.“ Sie wandte sich ab und hustete wieder.

„Wie schrecklich“, sagte ich. „Und dein Ehemann?“

„Er versuchte, in der Fabrik eine Gewerkschaft zu organisieren. Sie hielten einen Streik ab. Die Wache kam und es wurde hässlich. Mein Seamus musste um sein Leben fliehen.“ Sie unterbrach sich mit einem weiteren Hustenanfall. „Sie schafften es, ihn auf ein Schiff nach Amerika zu verfrachten, aber er kann nicht nach Hause zurückkehren. Auf seinen Kopf ist eine Belohnung ausgesetzt.“

„Aber du wirst dich ihm jetzt anschließen, oder? Das ist wundervoll.“

Ein seltsamer Ausdruck trat auf ihr Gesicht. „Ja. Wundervoll.“

In diesem Augenblick platzten die beiden Kleinen mit der Tüte Pommes frites herein.

„Seamus hat unterwegs ein paar gegessen“, rief Bridie, ehe sie sich daran erinnerte, dass da eine Fremde im Zimmer war. Dann ließ sie den Kopf hängen und schlich zu ihrer Mutter hinüber.

„Ohne Zweifel ist genug für alle da“, sagte ihre Mutter. „Und von gestern ist noch Fleischpastete übrig. Das wird ein Festmahl.“ Sie breitete die Zeitung auf dem kleinen, runden Tisch aus. „Bedien dich“, sagte sie zu mir.

„Nein, ich kann nicht.“

„Es ist genug da. Wir werden heute Nacht nicht hungrig ins Bett gehen, und morgen dinieren wir luxuriös auf dem Schiff.“

„Wird es auf dem Schiff viel zu essen geben?“, fragte Seamus zwischendurch, während er sich Pommes in den Mund stopfte. „Fleisch und Würste und alles?“

„Gewiss. So viel wie du essen kannst“, sagte seine Mutter.

Wir spülten das Essen mit einer Tasse Tee herunter, dann steckte Kathleen die Kleinen ins Bett. Sie und ich saßen da, bis die Glut zu erlöschen begann. Wir sprachen von der Heimat. Sie erzählte mir von ihrem Dorf in der Grafschaft Derry. Ich erzählte ihr von meinem Leben in Ballykillin, vom Schwimmen im Ozean mit meinen Brüdern und davon, wie ich die Landzunge entlanggelaufen war, mit dem Wind im Rücken, der mir das Gefühl gab zu fliegen. Es schien bereits jetzt wie ein Traum oder wie etwas, das ich in einem Buch gelesen hatte.

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Kathleen und lehnte sich herüber, um etwas Leben in den Rest des Feuers zu schüren.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Ich hatte genug Geld, um bis hierher zu kommen, aber nicht weiter. Ich hatte gehofft, eine Arbeit in einer der Fabriken zu finden, aber es scheint nicht, als würde das gelingen.“

„Du hast keine Verwandten, niemanden, der dich aufnehmen würde?“

„Niemanden. Meine eigene Familie hat immer gesagt, dass es mit mir ein böses Ende nehmen würde. Es sieht so aus, als würde ich ihnen recht geben. Wenn ich nur das Geld hätte auftreiben können, vielleicht wäre ich mit euch auf diesem hübschen Schiff nach Amerika gefahren. Du musst dich freuen, deinen Ehemann nach so langer Zeit wiederzusehen.“

Sie starrte noch immer in den Rest des Feuers. „Aye“, sagte sie leise. Sie stand auf, ging zum Bett hinüber und nahm eines der Kissen. „Vor dem Feuer wird es warm genug sein“, sagte sie. „Du kannst dir mein Schultertuch leihen.“

„Macht es dir wirklich nichts aus, wenn ich heute Nacht auf deinem Boden schlafe?“, fragte ich. „Ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen.“

„Du gehst nirgendwo hin“, sagte sie. „Und jetzt, da die Kleinen schlafen, bitte ich dich im Gegenzug um einen Gefallen.“ Sie setzte sich neben mich auf den Kaminvorleger.

„Mich?“ Ich wusste nicht, was als Nächstes kommen würde. Gewiss war ich in meinem gegenwärtigen Zustand der letzte Mensch auf der Welt, der irgendjemandem einen Gefallen tun könnte.

„Ich möchte, dass du die Kinder morgen für mich nach Amerika bringst“, sagte sie.

Ich hätte nicht überraschter sein können. „Was?“

„Wenn das Schiff morgen fährt, werde ich nicht mitfahren.“

„Wieso nicht?“

„Sie lassen mich nicht“, sagte sie ausdruckslos, wandte den Blick ab und starrte ins sterbende Feuer. „Wir mussten uns ärztlich untersuchen lassen, ehe wir fahren konnten. Der Arzt sagt, ich habe Schwindsucht – die zehrende Krankheit. TB nannte er sie. Er sagte, sie lassen einen mit TB nicht nach Amerika.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wir saßen nur da und starrten in die Glut.

„Also kann ich nicht dort hingehen, aber ihr Vater kann auch nicht herkommen, um sie zu holen“, sagte sie. „Ich will, dass sie die Chance auf ein gutes Leben haben. Es heißt, in Amerika gebe es Möglichkeiten. Dort sollten sie sein. Ich will, dass du an meiner statt gehst, Molly. Bring sie zu ihrem Daddy.“

„Aber was wird mit dir geschehen?“

Ich sah auf. Tränen stiegen ihr in die Augen. „Man erholt sich normalerweise nicht von der Schwindsucht, nicht wahr? Aber wenn die Mutter Gottes ein Wunder wirken und ich mich erholen sollte, wäre ich auf dem nächsten Schiff, glaub mir. Bis dahin werde ich zu meiner Familie in die Grafschaft Derry zurückkehren. Ich bezweifle nicht, dass sie sich um mich kümmern werden.“

„Was hättest du gemacht, wenn ich nicht gekommen wäre?“, fragte ich.

„Mein Glück versucht. Ich wäre natürlich zurückgeschickt worden, aber ich hätte gehofft, sie davon überzeugen zu können, die Kleinen ihrem Daddy zu übergeben. Doch jetzt weiß ich, dass sie sicher dort hingelangen werden und bin beruhigt.“ Sie sah zum ersten Mal auf. „Ich glaube, die Mutter Gottes muss dich geschickt haben. Du wirst es tun, nicht wahr?“

Was konnte ich schon sagen? Am nächsten Morgen fuhr ich unter dem Namen einer anderen Frau nach Amerika.

Drei

Die ersten Strahlen einer roten Morgendämmerung zeigten sich gerade über den schwarzen Silhouetten der Fabrikschornsteine, als wir in stiller Prozession zu den Docks gingen.

Weder Kathleen, noch ich hatten viel geschlafen. Wir hatten bei der verlöschenden Glut des Feuers gesessen und auf eine Weise miteinander geredet, wie man nur mit Fremden reden kann, von denen man weiß, dass man sie nie wiedersehen wird. Als unsere Unterhaltung endete, legte sie sich neben die Kleinen und schlang erbittert einen Arm um sie. Ich konnte mir nicht ansatzweise vorstellen, was sie gerade durchmachte. Ich zog mein Schultertuch über mich und versuchte ebenfalls zu schlafen, aber mein Dösen war gestört von so schrecklichen Träumen, dass ich die Sicherheit des Wachseins vorzog.

Ich musste kurz vor Sonnenaufgang weggedämmert sein, denn ich erwachte und stellte fest, dass die Kleinen aufrecht saßen und Kathleen durch das Zimmer wuselte.

„Da ist noch ein Rest Pastete von gestern Abend, wenn du hungrig bist.“ Sie zeigte auf die unappetitlichen Reste auf dem Tisch. „Sie wird später in der Küche Haferbrei machen, aber es ist vielleicht besser, wenn sie nicht erfährt, dass du hier warst.“

Ich nickte und suchte in meinem Bündel von Habseligkeiten, die ich hastig zusammengeworfen hatte, nach meiner Haarbürste. Gott sei Dank hatte ich sie mitgenommen. Ich habe mich stets so um meine Erscheinung gesorgt, dass ich nicht gesehen werde wollte, während mein Haar aussah wie ein Rattennest. Meine Mutter nannte das die Sünde der Eitelkeit und ließ mich jede Woche zur Beichte gehen. Ich beichtete ausführlich, sagte drei Ave-Marias, blieb aber weiterhin eitel.

„Komm, Bridie“, sagte ich und zeigte ihr die Bürste. „Lass mich auch dein Haar hübsch machen.“ Das Kind gewöhnte sich besser daran, dass ich mich um sie kümmerte. Darüber hatte ich bisher nicht nachgedacht. Es hatte gestern Nacht zu viel gegeben, worüber ich nachdenken musste. Aber jetzt traf es mich – was, wenn die Kinder nicht mit mir gehen wollten? Ich kannte meinen eigenen jüngsten Bruder und wusste, wie argwöhnisch er Fremden gegenüber war. Würden diese zwei willens sein, ihre Mutter ohne Theater zu verlassen? Wenn sie eine Szene machten, würden wir ziemlich schnell erwischt werden.

Kathleen musste in die gleiche Richtung gedacht haben. Sie nahm das Kind und führte es zu mir herüber. „Lass die nette Molly dein Haar hübsch machen, Bridie. Sie hat ein Händchen für Haare.“

Das kleine Mädchen sah mich schüchtern an, dann ließ es mich mit meiner Bürste durch die strähnigen Locken fahren. Ich arbeitete behutsam und achtete darauf, dass es nicht ziepte. „Meine Güte, du hast aber hübsches Haar“, sagte ich ihr. „Sie werden in Amerika noch kein so schönes Mädchen wie dich gesehen haben.“

Sie kicherte und spürte, dass ich die Wahrheit etwas dehnte.

Ich blickte über ihren Kopf zu Kathleen herüber und beobachtete sie mit einem Blick hungriger Sehnsucht. „Hast du es ihnen bereits erzählt?“, fragte ich. „Wissen sie, was heute passiert?“

„Wir gehen auf ein Schiff“, sagte Seamus selbstbewusst. „Wir gehen zu meinem Daddy nach Amerika.“

Ich sah Kathleen weiter an. Sie blieb still.

„Du musst es ihnen sagen“, flüsterte ich, als ich mich unter dem Vorwand, mir etwas Pastete zu nehmen, näher zu ihr herüberlehnte. „Du kannst sie damit nicht in letzter Minute überfallen.“

„Wenn die Zeit reif ist“, murmelte sie. „Ich denke noch über die beste Möglichkeit nach, es ihnen zu sagen.“

 

Wir zogen uns an und packten die verbliebenen Reste ein, dann gingen wir in die Kälte des frühen Morgens hinaus. Das Kopfsteinpflaster war vereist und unsere Schritte polterten, das Geräusch hallte unnatürlich laut, während wir die Gassen entlanggingen. Unser Atem sah aus wie Drachenfeuer. Man hätte denken können, dass die Straßen so früh am Morgen leer sein müssten, aber es herrschte hektisches Treiben, als wir uns den Docks näherten. Arbeiter kamen aus all den kleinen Häusern und machten sich zur Frühschicht in die Fabriken auf. Frauen schrubbten bereits Vortreppen. Wir erreichten breitere, größere Straßen, schöne Kutschen und Hansom-Taxen passierten uns und steuerten vermutlich auf unser Schiff zu.

Dann war sie da, die Majestic. Rauch stieg aus beiden Schornsteinen auf und Menschen umschwärmten das Schiff wie Ameisen. Eine Welle der Begeisterung überflutete mich. Trotz all meiner Sorgen und Ängste war dies wahrhaftig das große Abenteuer, von dem ich all die langen Tage im Cottage in Ballykillin geträumt hatte.

Am Eingang zu den Docks stand ein Mann, der Papiere kontrollierte, ehe er die Leute durchließ. Kathleen zog uns in den Schatten und durchsuchte ihr Bündel. „Nun, was sagt man dazu?“ Sie brachte ein leichtes Lachen zustande. „Ich habe hier zwei Fahrkarten für Seamus und Bridie, aber meine eigene Fahrkarte habe ich in Stabane liegen gelassen. Ist das nicht das Dümmste, was ihr je gehört habt?“

„Ma, wie konntest du nur?“, fragte Seamus. „Bedeutet das, dass wir nicht fahren?“

„Ich wüsste nicht, warum ihr zwei nicht vorausfahren solltet“, sagte Kathleen. „Miss Molly hat ihre Fahrkarte. Ihr könnt mit ihr reisen. Sie wird gut auf euch aufpassen und euch sicher zu eurem Daddy bringen. Und ich husche nur schnell nach Hause und komme mit dem nächsten Schiff nach.“

Ich starrte sie an, sagte aber nichts.

„Aber wir wollen bei dir bleiben, Mama“, sagte Bridie. „Wir fahren mit dir auf dem nächsten Schiff.“

„Das werdet ihr gewiss nicht“, sagte Kathleen. „Nicht, wenn euer armer Daddy auf euch wartet. Wir werden nicht so lieblos sein und ihn länger warten lassen, oder? Und wer weiß – vielleicht ist auf dem nächsten Schiff kein Platz für uns drei. Und auf diesem hübschen Schiff wartet eine wunderschöne Kabine auf uns. Miss Molly wird gut für euch sorgen, nicht wahr?“

„Selbstverständlich werde ich das“, sagte ich und spielte mit, obwohl ich nicht sehr glücklich über ihre Verschlagenheit war.

Vielleicht hatte sie in ihrer Kindheit nicht so oft wie ich Prügel dafür bezogen, die Unwahrheit gesagt zu haben. „Wir werden eine großartige Zeit auf dem Schiff haben. Jede Menge gutes Essen und Spiele – und es dauert nur ein paar Tage, bis wir in New York sind.“

„Da ist nur eine Sache“, sagte Kathleen und winkte die Kinder nah zu sich heran. „Wir müssen ein kleines, geheimes Spiel spielen.“

Die Kinder sahen mit aufgeregten Gesichtern zu ihr herauf.

„Miss Mollys Kabine ist weit weg am anderen Ende des Schiffs“, sagte Kathleen. „Sie könnte nicht für euch sorgen, wenn sie so weit weg wäre. Also habe ich ihr vorgeschlagen, dass sie bei euch einzieht und meinen Platz einnimmt. Allerdings ist die Kabine auf den Namen Kathleen O’Connor gebucht, also würden sie Miss Molly nicht hereinlassen, nicht wahr?“

Die zwei Kleinen sahen jetzt verwirrt aus.

„Also, was denkt ihr, sollten wir tun?“, fragte Kathleen.

„Sie bitten, es zu ändern?“, fragt Seamus.

Kathleen schüttelte den Kopf. „Dafür ist es zu spät. Ich denke, wir sollten so tun als wäre Miss Molly ich. Das wäre ein hübsches Spiel, nicht wahr? Ein Geheimnis nur für euch drei. Kein Grund, es einer anderen Menschenseele zu erzählen – richtig?“

Die Kleinen kicherten und blickten zu mir herauf. Ich zwang mich auch zu einem Grinsen. „Unser kleines Geheimnis“, flüsterte ich und legte mir den Zeigefinger auf die Lippen.

„Es ist jetzt Zeit an Bord zu gehen“, sagte Kathleen. „Seamus, mein Liebling, bist du groß genug, das Bündel zu tragen?“

„Das kann ich.“ Er nahm ihr das Bündel ab. Es war halb so groß wie er, aber er stolperte mannhaft damit voran.

Kathleen reichte mir die Fahrkarten. „Wie sieht es bei dir mit Lesen und Schreiben aus?“, fragte sie.

„Das kann ich beides gut.“

„Sie stellen dir Fragen, wenn du nach Amerika kommst“, sagte Kathleen. „Alle Antworten stehen auf dem Zettel da – mein Mädchenname, das Dorf, aus dem ich komme und das Datum meiner Hochzeit. Sie könnten dich irgendetwas davon fragen, also sorg dafür, dass du es auswendig lernst, ehe ihr ankommt.“

„Mach dir keine Sorgen“, sagte ich. „Mach dir um nichts Sorgen. Alles wird gut.“

Bridie schien zum ersten Mal zu begreifen, was vor sich ging. Sie klammerte sich an die Beine ihrer Mutter. „Ich will nicht ohne dich gehen“, jammerte sie. „Ich will hier bei dir bleiben, Mama.“

„Still jetzt“, sagte Kathleen und streichelte den Kopf des Kindes. „Du kannst nicht bei mir bleiben, Kleine. Du musst mit Miss Molly gehen. Es wird nicht lange dauern. Ich werde bald bei euch sein, das verspreche ich.“

„Beeil dich und erwisch das nächste Schiff, Ma“, sagte Seamus. „Daddy wird wissen wollen, was mit dir passiert ist.“

„Ich komme so schnell ich kann.“ Ihre Stimme stockte und ich beobachtete, wie sie ihre Lippen für einen Moment aufeinanderpresste. „Die Tage werden vorüberfliegen, und ihr werdet so viel Spaß haben.“ Sie legte die Arme um ihre Kinder und vergrub das Gesicht in Bridies Schal. „Seid brav, Kinder“, sagte sie. „Erinnert euch daran, was ich euch gesagt habe. Erinnert euch daran, eure Gebete zu sprechen, und hört auf das, was Miss Molly sagt.“

Sie nickten und sahen sie ernst an, als ob sie spürten, was geschah.

„Jetzt geht. Geht los“, sagte sie. „Ich komme nicht weiter. Ich beobachte euch von hier aus.“

„Wir winken dir zu, wenn wir an Deck sind, Ma“, sagte Seamus. „Ich habe mein Taschentuch. Beobachte du, und wenn du etwas Weißes winken siehst, bin ich das.“

„Und ich winke mit meinem Taschentuch zurück.“ Kathleen versuchte zu lächeln. „Los jetzt. Ab mit euch, sonst verpasst ihr das Schiff!“

Sie gab Seamus und Bridie rasch einen Kuss, dann legte sie mir die Hände auf die Schultern. „Gott sei mit dir“, sagte sie. „Möge die Mutter Gottes über euch drei wachen.“

„Und über dich.“

Wir sahen uns einen Moment lang an, dann drehte sie sich um und rannte davon. Ich nahm Bridie bei der Hand. „Dann kommt. Gehen wir und suchen unsere Kabine.“

Auf dem Dock herrschte jetzt geschäftiges Treiben. Kutschen kamen an und spuckten Passagiere aus. Gepäck wurde auf ein Transportband gelegt, um es aufs Schiff zu verladen. Als wir das Ufer betraten, rannte eine Frau heran und packte meinen Arm. „Sie sehen aus wie ein gütiger Mensch. Mein Junge Sean. Ich habe seit drei Jahren nichts von ihm gehört. Wenn Sie ihm begegnen, bitten Sie ihn, seiner alten Mutter zu schreiben, die an gebrochenem Herzen stirbt, bis sie von ihm hört.“ Sie drückte mir ein Stück Papier in die Hand. Darauf stand in kindlicher Schrift Sean O’Neil, vormals aus Balymore, Grafschaft Antrim. Ich wollte ihr nicht sagen, dass meine Chancen ihren Sean zu treffen sehr gering waren. Ich nickte feierlich. „Ich werde tun, was ich kann.“

„Ich komme für jedes Schiff her“, sagte sie. „Ich bin mir sicher, dass ihn am Ende jemand für mich finden wird.“ Dann rannte sie weg und verschwand wieder in der Menge.

Es gab eine breite, mit Bannern der White Star Line behangene Gangway, die auf ein mit Flaggen verziertes Deck führte, auf dem eine Kapelle spielte. Ein Arm streckte sich aus und hielt mich auf.

„Wo denken Sie, gehen Sie hin?“, fragte ein Matrose.

„An Bord. Wir haben Fahrkarten.“

„Zwischendeckpassagiere gehen da unten an Bord.“ Er nickte in Richtung einer Gangway am anderen Ende des Schiffs. Sie führte nicht an eines der Decks, sondern direkt in die Eingeweide. Und da waren auch keine Banner. In einer langen Schlange gingen dürre, zerlumpte Menschen hinauf, sie balancierten Bündel und Koffer auf den Schultern, trugen Kinder auf den Armen. Hinter geschlossenen Toren erklang das Geräusch von Wehklagen. Eine Menge presste sich gegen diese Tore, streckte Arme aus, hielt Säuglinge hoch. Hin und wieder erhob sich eine Stimme über das gemeinschaftliche Geheul. „Gott geh mit dir, Eileen. Conor, mein Junge. Mein lieber Junge! Möge die Mutter Gottes uns im nächsten Leben zusammenbringen, wenn nicht in diesem.“ Eine Hand streckte sich aus und versuchte mich zu packen. „Wenn Sie meinen Mann treffen, Mick O’Shae, sagen Sie ihm, dass seine Mary wissen will, ob es ihm gutgeht. Mick O’Shae – haben Sie das?“

Bridie packte meine Hand fester. Während ich sie zur Schlange vor der Gangway lenkte, fielen mir zwei Polizisten auf, die im Schatten standen und die Menge beobachteten. Ich hatte beinahe vergessen, dass dies kein Abenteuer war – es war eine verzweifelte Flucht. Noch ein paar Yards und ich wäre sicher auf diesem Schiff. Ich hob Bridie in meine Arme, sodass ihr kleiner Körper mein Gesicht vor der Polizei verbarg.

Ein Mann am unteren Ende der Gangway hakte Namen auf einer Liste ab. „Kathleen O’Connor, Sohn Seamus und Tochter Bridie“, sagte ich laut. „Hier sind die Fahrkarten.“

Er hakte mich ab und wir gingen über die Gangway ins Schiff.

Innen war es dunkel und die Schlange der Menschen riss uns mit in eine Art Auffangraum. Es roch unangenehm – derselbe Geruch nach gekochtem Kohl und Urin wie im Fremdenheim, aber mit etwas Zusätzlichem, das ich nicht ganz identifizieren konnte.

„Name?“ Eine uniformierte Gestalt bellte mich an, als wir zu einem Schreibtisch kamen.

„O’Connor. Kathleen, Seamus, Bridie.“

„Also nur Sie und die zwei Kinder?“

„Das ist richtig.“

„Und Ihr Ehemann? Wo ist er?“

Ich war versucht, ihm zu sagen, dass ihn das nichts anginge. Schließlich hatten wir für die Fahrkarten bezahlt, oder? „Er ist in New York und wartet auf uns.“

„Hoffentlich tut er das“, sagte der Mann. „Wenn er nicht kommt, um Sie von Ellis Island abzuholen, schickt man Sie direkt wieder nach Hause. Sie wollen dort keine Frauen und Kinder, die dem Staat zur Last fallen.“

„Er wird da sein“, sagte ich. „Er hat uns die Fahrkarten geschickt. Wenn Sie uns jetzt bitte den Weg in unsere Kabine zeigen würden, sodass wir unsere Habseligkeiten abstellen und an Deck gehen können, um zum Abschied zu winken.“

Der Mann drehte sich zu einem anderem um, der im Schatten hinter ihm stand. „Hör dir die an“, kicherte er. „Was glauben Sie, wer Sie sind – Gräfin Koks? Die Frauenquartiere sind da runter. Suchen Sie sich eine Koje. Sie können jede nehmen, die nicht belegt ist. Und was das An-Deck-Gehen betrifft – Zwischendeck heißt Zwischendeck. Der Nächste.“

Ich war entlassen. Die Menge hinter mir schob uns vorwärts. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Kinder den schwach beleuchteten Korridor hinunterzuführen. Bridie bekam langsam Angst. „Ich will zu Mama zurück“, jammerte sie.

„Erinnerst du dich an unser kleines Geheimnis?“, flüsterte ich. „Du musst mich Mama nennen, bis wir in New York sind.“

„Ich will meine richtige Mama.“

Ich sah mich um und hoffte, dass niemand zuhörte. Der Korridor war von Kabinen gesäumt, halb verschlossen mit lamellierten Holztüren. In jeder Kabine konnte ich undeutlich sechs Kojen erkennen – drei auf jeder Seite. Die meisten von ihnen schienen von schemenhaften Gestalten belegt zu sein.

„Ist da drin noch Platz?“, fragte ich mehrere Male.

Schließlich antwortete jemand unfreundlich. „Obere Koje, sie gehört Ihnen.“

„Wo schlafen wir dann?“, fragte Seamus.

Eine hohläugige Frau steckte ihren Kopf aus dem unteren Bett heraus. „Die Kinder müssen sich die Betten mit uns teilen, es sei denn, der Junge ist älter als zwölf.“

„Ich bin acht“, sagte Seamus.

„Nun, dann gehört er hier herein“, sagte die Frau. „Schicken Sie ihn die Leiter rauf, dann kann er Ihre Habseligkeiten hochheben.“

„Also rauf mit dir, Seamus“, sagte ich. „Bleib da oben mit unseren Sachen und ich schaue, ob ich noch irgendwo etwas Besseres finde.“

Mit Bridie, die mir noch immer am Hals hing und sich dort festklammerte, ging ich den Flur rauf und runter, bis ich überzeugt war, dass sich nirgendwo bessere Quartiere verbargen. Ich half Bridie die Leiter hinauf und untersuchte die Koje. Es gab eine dünne Matratze, sonst nichts. Keine Laken, Decken, nichts.

„Wo bekommen wir unser Bettzeug?“, fragte ich eine Nachbarin.

„Bettzeug?“ Ihr Kichern endete in einem krächzenden Husten. „Du musst dein eigenes mitbringen., Liebchen. Haben sie dir das nicht gesagt?“

Ich öffnete das Bündel und fand ein Laken darin, aber keine Decke. Mein Schultertuch musste also reichen. Ich versuchte gerade, unsere Habseligkeiten in dem Regal am Ende unserer Koje zu verstauen, als ich ein rhythmisches, dumpfes Geräusch vernahm. Es waren die Motoren des Schiffs, die genug Dampf vorbereiteten, damit wir losfahren konnten.

„Wann können wir nach oben gehen und zum Abschied winken?“, fragte Seamus.

„Es tut mir leid, aber Sie lassen uns nicht hinauf“, sagte ich und strich ihm sein Haar so zurück, wie ich es immer bei meinem jüngsten Bruder getan hatte. „Es scheint, als müssten wir hier unten bleiben, weil wir nicht genug für eine der ausgefallenen Kabinen bezahlt haben.“

„Aber sie wird nach uns Ausschau halten. Ich sagte ihr, dass ich winke.“ Er war bis jetzt so tapfer gewesen – der Mann der Familie, der mit seinem großen Bündel das Dock entlang gestolpert war. Jetzt bebten seine Lippen.

„Sie hätte uns unter all den Leuten nicht erkannt“, sagte ich. „Sie denkt, dass sie uns mit den anderen da oben winken sieht.“

Wir hatten keine Ahnung, wann wir das Dock verließen, aber eine sanfte Bewegung gab uns schließlich den Hinweis, dass wir auf See waren.

Vier

Jeder, der glaubt, eine Atlantiküberfahrt sei glamourös, hätte mit uns an Bord dieses Schiffes reisen müssen. Es war nicht schrecklich – es war recht sauber und man versorgte uns mit einem Haufen Brot und Butter, Tee und Kaffee sowie einer warmen Mahlzeit am Tag. Wenn ich warme Mahlzeit sage, meine ich einen großen Topf voll Eintopf, der mit dem Ausruf „Kommt und holt euch, solange es heiß ist“ am Ende eines Tisches abgestellt wurde. Manche Leute sagten, es sei besser als das, was sie zu Hause bekämen. Ich wusste nicht, wie ihr Zuhause aussah, aber der Eintopf war gewiss nicht so gut wie die Mahlzeiten, die ich für meinen Vater und die Jungs gemacht hatte. Aber er war essbar. Das muss ich sagen.

Das Schlimmste für mich waren die Dunkelheit und die schlechte Luft. Ich war immer unter freiem Himmel gewesen. Es waren zwei Meilen von unserem Cottage bis ins Dorf und die ging ich an den meisten Tagen zu Fuß. An schönen Tagen war ich nur im Haus, wenn es sein musste. Meine Mutter sagte immer, ich wäre zu wild für ein Mädchen, und ich schätze, das war ich auch – ich kletterte ständig über Felsen und schwamm im Ozean, wenn niemand zusah.

Wir Zwischendeckpassagiere durften eine Stunde am Tag an Deck. Den Rest der Zeit waren wir unten im Schiffsraum weggeschlossen, mit dem andauernden Pulsieren der Motoren und dem abgestandenen Gestank ungewaschener Körper und Schlimmerem. Wir wurden alle in einem großen offenen Bereich zusammengetrieben, an dessen Decke Rohre entlangliefen und der von einigen elektrischen Glühlampen beleuchtet war. Es gab Bänke an den Wänden und zwei lange Tische in der Mitte, an denen wir unsere Mahlzeiten einnahmen. Die Tische hatten Ränder, wie bei Tabletts – um das Geschirr davon abzuhalten, bei schlechtem Wetter herunterzurutschen, schätze ich. Es gab nichts zu tun, außer dazusitzen und zu hoffen, dass die Zeit schnell vorüberging, und zu beten, dass die See nicht zu rau würde. Die Kinder fanden schnell andere Kinder zum Spielen. Seamus schloss sich sofort den anderen Jungs an. Sie kauerten in der entferntesten Ecke, spielten mit Murmeln oder verschwanden in Korridoren und versuchten, Wege aus unserem Gefängnis zu finden – nur um erwischt und von den Schiffskellnern zurückgeschickt zu werden. Ich versuchte nicht ihn aufzuhalten. Die Kinder brauchten etwas, womit sie sich beschäftigen konnten, und es war gut, den Jungen spielen zu sehen.

Bridie hingegen hing an meinen Röcken und lehnte jeden Vorschlag ab, sich den anderen Mädchen anzuschließen. Sie versteckte sich hinter mir, wenn andere Kinder ein freundliches Angebot zum Spielen machten, saß still da und spielte mit einer jämmerlichen Lumpenpuppe und ein paar Stofffetzen, die ihre Schätze waren.

Wir Erwachsenen saßen herum, ohne eine Beschäftigung zu haben, und warteten darauf, dass die nächste Mahlzeit die Monotonie durchbrach. Die Männer rauchten oder spielten Karten. Einige der Frauen strickten und plauderten. Ich blieb für mich. Ich wollte nicht riskieren mich zu verplappern. Bald hatte ich den Ruf, reserviert und hochnäsig zu sein, aber es kümmerte mich nicht. Ich wollte nur nach New York kommen, dann wäre ich frei.

Am Ende des ersten Tages war der sanfte Wellengang zu echten Atlantikwogen geworden, die Teller und Tassen von den Tischen rutschen ließen. Menschen fingen an, seekrank zu werden. Dann erkannte ich, was der andere Geruch gewesen war – es war abgestandenes Erbrochenes. Ich glaube, dass mehr Leuten von dem Gestank und dem Frischluftmangel schlecht wurde, als vom Schwanken. Das versuchte ich dem Schiffskellner zu sagen, als er kam, um zum zehnten Mal den Boden aufzuwischen.

„Wenn Sie nur ein bisschen gute, frische Luft hier hereinlassen oder uns kurz an Deck spazieren gehen lassen würden“, sagte ich.

„Wenn ich Sie an Deck ließe, würden die Kinder im Nu fortgeblasen“, sagte er, nicht unfreundlich.

Auf mich hatte es keinen Einfluss, aber die kleine Bridie sah die grünen Gesichter um sich herum nur einmal an und entschied, dass es auch ihr nicht gut ging. Ich war zufrieden damit, sie in die Koje zu stecken und bei ihr zu bleiben. Es diente mir als Ausrede, dem Gestank fernzubleiben, und dem Lärm und der verbrauchten Luft dieses Raums. Wenn ich nur ein Buch und genügend Licht zum Lesen hätte, wäre die Zeit verflogen. Aber so schien jeder Tag eine Ewigkeit zu dauern. Das tiefe, dumpfe Stampfen der Motoren fuhr durch meinen gesamten Körper und pochte in meinem Kopf, bis ich schreien wollte.

Ich saß im schummrigen Licht und brachte mich dazu, an Amerika zu denken. Mein ganzes Leben lang hatte ich große Träume gehabt – zu groß, laut meiner Mutter. Das führte am Ende nur zu Schwierigkeiten. Das kam alles davon, mich über meinen Stand hinaus zu unterrichten. Sie war von Anfang an dagegen gewesen. Sie war nicht einmal dankbar gewesen, weil ich die Familie davor bewahrt hatte, aus dem Cottage geworfen zu werden. Denn so hatte alles angefangen. Der Grundstücksverwalter des Gutsbesitzers war dagewesen und hatte versucht, die Miete wieder zu erhöhen, hatte uns, wie er es immer tat, eingeschüchtert und bedroht. Ich war zu der Zeit zehn Jahre alt. Ich hatte im Schatten gestanden und meine Eltern beobachtet, wie sie sich verbeugten, zusammenzuckten und bettelten. Dann war ich aus dem Schatten herausgetreten und hatte dem fetten, alten Tyrannen gesagt, was ich von ihm hielt.

Das hatte uns beinahe auf der Stelle hinausfliegen lassen. Aber irgendwie war die Geschichte bis ins Haus des Gutbesitzers vorgedrungen – es hieß Broxwood Court – und meine anschauliche Wortwahl hatte die Hartleys bei ihrer Abendgesellschaft kichern lassen. Die Frau des Gutsbesitzers, Lady Hartley, war aus London zu Besuch, wo sie die meisten Winter verbrachte. Sie äußerte den Wunsch, mich kennenzulernen, und so wurde ich sauber gemacht und zum Herrenhaus herübergebracht. Ich kann mich noch genau an den ersten Anblick dieser Herrlichkeit erinnern. Ich war zu versessen darauf, alles in mich aufzunehmen, als dass ich bescheiden gewesen wäre und auf meine Manieren geachtet hätte. Lady Hartley fand mich aufgeweckt und erfrischend, sagte sie. Sie fand, es sei eine Schande, dass eine schnelle Auffassungsgabe und Sprachgewandtheit wie meine verkümmerten, und ehe ich mich versah, hatte ich mit Miss Henrietta und Miss Vanessa Unterricht in Broxwood.

Ich liebte diesen Unterricht. Es konnte nie genug Bücher für mich geben. Ich verschlang sie alle, Geographie und Geschichte, selbst Shakespeare und Latein. Die Hauslehrerin sagte, es wäre eine Freude, mich zu unterrichten. Miss Henrietta und Miss Vanessa entschieden, dass ich eine Streberin sei und dass etwas grundlegend nicht stimmte mit einem Mädchen, das es liebte, etwas zu lernen. Männer mögen keine gescheiten Frauen, sagten sie mir. Ich vermute, dass sie recht hatten. Sie waren beide mit zwanzig verheiratet und ich war mit dreiundzwanzig noch eine alte Jungfer.

Das Lesen all dieser Bücher hatte mir große Ideen in den Kopf gepflanzt. Ich würde nach London ziehen oder nach Dublin ans Trinity College gehen, eine gebildete Frau sein und mich in den höchsten Kreisen bewegen. Unglücklicherweise hatte alles ein jähes Ende genommen, als meine Mutter starb und ich zu Hause bleiben musste, um mich um meine Brüder zu kümmern. Das hatte meine großen Ideen mehr oder weniger ausgelöscht. Es gab nur eine Sache, die man in Ballykillin tun konnte – heiraten und eine Menge eigener Kinder großziehen. Ich hatte gehofft, eines Tages vielleicht die Schullehrerin abzulösen, aber es sah nicht so aus, als würde sie bald sterben oder in Rente gehen.

Und jetzt erkannte ich plötzlich, dass meine Träume ganz und gar nicht gestorben waren. Sie hatten lediglich in einem entfernten Winkel meines Verstandes geschlafen, bereit zu erwachen, wenn eine Gelegenheit anklopfte. Und jetzt klopfte es laut und deutlich. Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich hatte die anderen Frauen im Gemeinschaftsraum darüber plaudern hören, dass der Bruder dieser oder jener Bekannten vor zehn Jahren dort hingegangen war und jetzt ein schönes Haus und eine Kutsche besaß oder eigenes Land oder ein Unternehmen, das Hunderte Arbeiter beschäftigte. Vielleicht könnte ich in so einem Land selbst zu Wohlstand kommen! Ich lag neben Bridie in der Koje und ließ meiner Fantasie freien Lauf – ich würde klein anfangen, vielleicht in einem Laden arbeiten. Und mit dem Geld, das ich ansparte, würde ich meinen eigenen Laden eröffnen – einen Buchladen vielleicht, und all die gebildeten Leute würden sich dort versammeln und wir würden zusammensitzen und reden, mit mir im Zentrum ... Wenn ich nur sicher an Land kommen und diese Kinder ihrem Vater übergeben könnte, wäre alles möglich.

Dann, am dritten Tag auf See, lernte ich O’Malley kennen. Er fiel mir natürlich sofort auf, als er mit den Kartenspielern am Tisch in der Mitte des Raumes saß. Er hatte das lauteste Lachen von allen und ich hörte, wie einer der Männer sagte: „Es ist, als wärest du selbst eine Karte, O’Malley. Das muss ich dir lassen. Eine echte Karte.“

Er hatte etwas an sich, das ihn anders machte – die Angeberei, die Art, wie er all seine großen, weißen Zähne zeigte, wenn er lachte, und sich umsah, um zu sehen, ob alle mitbekommen hatten, wie geistreich er war. Er war grobknochig und auf eine gewisse Art beinahe ein gutaussehender Mann, aber er schmierte zu viel Brillantine in sein Haar und er trug eine leuchtend rote Seidenkrawatte um den Hals. Er sprach zu laut. Er lachte zu laut über seine eigenen Witze.

Während ich ihn beobachtete, ging ein junger Bursche am Tisch der Kartenspieler vorbei.

„Nun, schau an, wen wir hier haben“, bellte O’Malley mit seiner dröhnenden Stimme. „Es ist der Schönling höchst selbst, auf dem Weg, im Kirchenchor Sopran zu singen. Natürlich wird er sein ganzes Leben lang Sopran singen. Wenn du ihm ein nacktes Mädchen reichen würdest, wäre er überfordert!“

Der Junge errötete, was die Männer am Tisch noch lauter lachen ließ. Ich empfand sofort Abneigung gegen diesen O’Malley, mehr als diese Stichelei erfordert hätte.

Seine laute Stimme nicht hören zu müssen, war ein weiterer Grund, warum ich froh war, dem Gemeinschaftsraum fernbleiben zu können. Am vierten Tag auf See allerdings fühlte Bridie sich etwas besser und verkündete, dass sie gern ein Stück Brot mit Butter und einen Schluck Tee hätte. Ich ging alles holen, und kam mit Tasse und Teller in den Händen zurück, als jemand sich vor mich stellte und mir den Zugang zum Korridor versperrte.

„Mrs. Kathleen O’Connor, wie ich höre.“ Es war O’Malley, und die anzügliche Art, mit der er mich ansah, bestärkte mich in dem Gefühl, dass mein erster Eindruck von ihm gänzlich gerechtfertigt gewesen war.

Ich nickte höflich. „Das stimmt, Sir. Wenn Sie mich jetzt vorbeilassen würden, damit ich dem Kind das Essen in die Kabine bringen kann.“

Stattdessen kam er noch näher. Sein Atem roch nach Rauch und Schnaps. An Bord sollte nicht getrunken werden, aber ich hatte gesehen, wie er einen Flachmann herumgereicht hatte.

„Mrs. Kathleen O’Connor aus der Grafschaft Derry? Aus Stabane?“ Er sah mich unter seinen schweren Lidern hervor an, als ob er im Halbschlaf wäre.

„Das ist richtig.“ Ich versuchte mich an ihm vorbeizuschieben. Er versperrte den Durchgang noch immer.

„Ich habe mit Ihrem Jungen gesprochen, Mrs. Kathleen O’Connor. Er hat mir von Ihnen erzählt.“

Hatte Seamus mich verraten? Ich würde mir von dieser aufgeblasenen Kröte keine Angst machen lassen. Ich musste mich nur rausreden.

„Das ist nett“, sagte ich. „Ich bin froh, dass der Junge jemanden zum Plaudern gefunden hat. Es ist eine sehr lange, beschwerliche Reise, so eingepfercht hier unten.“

„Ich finde eine Sache sehr interessant.“ O’Malleys Reptilienaugen waren auf mich gerichtet. „Ich kannte eine Kathleen McCluskey in meiner Heimatstadt. Ich war mit ihrem Bruder befreundet und hörte, dass sie einen Seamus O’Connor geheiratet hat und nach Stabane gegangen ist. Ist das nicht ein Zufall?“

„Ich vermute, dass die Welt voll ist von Kathleen O’Connors“, sagte ich. „Die meisten Eltern sind nicht besonders einfallsreich, wenn es um Namen für ihre Kindern geht, und O’Connor ist nicht der ungewöhnlichste Name der Welt.“

„Aber in einer kleinen Stadt?“, fuhr O’Malley fort. „Stabane ist eine kleine Stadt, würden Sie das nicht auch sagen?“

„Recht klein.“

„Also haben Sie sie je getroffen – diese andere Kathleen O’Connor, verheiratet mit Seamus?“

„Kann ich nicht behaupten.“ Ich gab mir besondere Mühe, an ihm vorbeizukommen. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. Ich habe keine Zeit hier zu stehen und zu plaudern, während mein Kind krank in der Koje liegt.“

Er ließ mich gehen. „Ich freue mich auf zukünftige Unterhaltungen mit Ihnen, Kathleen O’Connor“, hauchte er mir ins Ohr, als ich vorbeiging.

Sobald ich um die Ecke war, stellte ich fest, dass ich zitterte. Was wusste er? Und was wollte er?

 

An diesem Abend packte ich Seamus, sobald er in die Koje kletterte.

„Dieser Mann, O’Malley“, flüsterte ich. „Er sagte, er habe mit dir gesprochen. Was wollte er?“

„Er hat nur ein paar Fragen über unsere Heimat gestellt“, sagte Seamus und starrte mich unschuldig an. „Er fragte mich, ob ich ein Dorf namens Plumbridge kenne, und ich sagte ihm, dass die Verwandtschaft meiner Mutter dort lebt. Er sagte, er habe dort auch gelebt, vor langer Zeit, als er ein Junge war – was für ein Zufall.“

„Du hast es ihm nicht gesagt, nicht wahr?“, flüsterte ich. „Du hast ihm nicht gesagt, dass ich nicht deine Mutter bin?“

„Ich habe ihm nichts gesagt“, sagte Seamus abwehrend. „Ich habe nur gesagt, dass ich in dem Dorf war, in dem er aufgewachsen ist. Das war alles.“

„Wenn er noch einmal versucht, mit dir zu reden, antworte ihm nicht“, sagte ich.

„Wieso nicht?“

„Er hat etwas an sich, das mir nicht gefällt. Und du solltest nicht mit Fremden reden.“

Seamus zuckte mit den Schultern und legte sich zum Schlafen hin. Ich lag neben ihm wach und fragte mich, ob O’Malley wirklich die Wahrheit kannte und was er deswegen unternehmen könnte.

Am nächsten Tag, unserem fünften auf See, versuchte ich ihn zu meiden, aber er hatte ein unheimliches Talent dafür, aus dem Nichts aufzutauchen, ganz als ob er der Leibhaftige wäre. Als ich den Gemeinschaftsraum betrat, war er da und versperrte mir wieder den Weg.

„Meine Güte, Sie haben eine adrette Figur, Mrs. Kathleen O’Connor“, sagte er. Sein Blick war überall auf mir. „Eine sehr adrette Figur für die Mutter zweier Kinder. Ihr Ehemann muss sehr stolz sein, dass Sie so eine Figur behalten haben. Er wird ohne Zweifel froh sein, seine Hände wieder um diese hübsche, kleine Taille legen zu können.“

„Ich finde Ihre Bemerkungen höchst anzüglich“, sagte ich und versuchte, an ihm vorbeizugehen.

Er lachte und zeigte mir seine großen, weißen Pferdezähne. „Tun Sie das? Oder gefallen sie Ihnen insgeheim? Wie viele Jahre ist Ihr Mann weg? Ist es nicht nett, dass ein Mann Sie wieder voller Interesse ansieht – oder haben Sie vielleicht einen vorübergehenden Ersatz gefunden, um das Bett warmzuhalten ...?“

Ich schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Hart. Das Geräusch hallte durch den Gesellschaftsraum und ließ alle aufblicken.

„Noch ein beleidigender Kommentar von Ihnen, dann ist es beim nächsten Mal meine Faust“, sagte ich. Ich sah Männer grinsen und Frauen zustimmend nicken.

„Kommen Sie und setzen Sie sich zu uns“, sagte eine der älteren Frauen und klopfte auf die Bank neben sich. „Er ist kein Gentleman, dieser O’Malley. So viel steht fest.“

Ich war immer noch so schockiert, dass ich mich neben sie setzte. „Was denkt er, wer er ist, dass er solche Sachen sagt?“

„Einer, der gern Ärger macht“, murmelte sie. „Ich habe ihn beobachtet. Er ist ein Mann, der einen guten Kampf genießt. Er wird Ärger mitbringen, egal, wohin er geht.“

„Er kommt mir besser nicht noch einmal zu nahe“, sagte ich laut, „sonst wird Mr. Seamus O’Connor auf ihn warten, wenn er nach New York kommt.“

Es war ein reiner Bluff. Ich hatte noch nicht einmal gewagt, darüber nachzudenken, wie ich mich einem unbekannten Mr. Seamus O’Connor nähern würde, wenn ich New York erreichte. Was, wenn er mich einmal ansah und schrie: „Das ist nicht meine Frau, das ist eine Betrügerin!“ Nun, jetzt konnte ich diesbezüglich nichts unternehmen. Ich musste es darauf ankommen lassen und improvisieren.

Ich sah auf, als der junge Seamus neben mir auftauchte. Er weinte und hielt sich ein Taschentuch vors Gesicht. Hinter ihm stand der junge Mann, über den sich O’Malley lustig gemacht hatte. „Der Bursche ist in eine kleine Schlägerei geraten“, sagte der junge Mann mit einem entschuldigenden Lächeln in seinem süßen, jungenhaften Gesicht. „Er hat eine blutige Nase davongetragen.“

„Sie haben mir meine Murmeln weggenommen“, sagte Seamus, schniefte und wischte sich das Blut weg. „Ich habe sie ehrlich gewonnen, und dann haben sie mich geschlagen, als ich versuchte, sie mir zu nehmen.“ Er blickte zu dem jungen Mann auf. „Er hat mir geholfen, sie zurückzubekommen.“

„Danke.“ Ich lächelte den jungen Mann an.

Er lächelte schüchtern. „Ich weiß, was es heißt, gehänselt zu werden“, sagte er. „Ich war der Jüngste von sieben. Ich hatte mehr als genug davon.“ Er hockte sich neben mich auf den Boden. „Ich habe gesehen, was Sie mit diesem O’Malley gemacht haben. Wie gern hätte ich dasselbe getan. Aber wenn ich das versucht hätte, hätte ich am Ende wahrscheinlich mit ausgeschlagenen Zähnen auf dem Rücken gelegen.“

„Dieser Mann ist ein Unruhestifter“, murmelte ich. „Mein Rat ist, sich von ihm fernzuhalten.“

„Ich habe es versucht. Es ist nicht einfach.“

„Nein, das ist es nicht. Manchmal denke ich, er lauert einfach pausenlos, bereit sich jedes Mal auf mich zu stürzen, wenn ich den Raum betrete.“

Er grinste. „Er wird sich das nächste Mal nicht ganz so bereitwillig auf Sie stürzen. Diese Ohrfeige hat man bestimmt bis rauf in die Erste Klasse gehört.“

Er streckte eine Hand aus. „Mein Name ist Michael. Michael Larkin. Aus Plumbridge.“

„Noch einer?“, fragte ich. „Leert sich die gesamte Grafschaft Derry?“

„Haben auch Sie Verbindungen mit dem Ort?“

„Familiäre Verbindungen“, sagte ich und wollte nicht ins Detail gehen. „Und so wie ich das verstehe, kommt O’Malley auch von dort. Kannten Sie ihn, ehe wir losfuhren?“

Er schüttelte den Kopf. „Er hat etwas an sich, das mir vertraut erscheint, aber er muss vor langer Zeit weggezogen sein. Es gab keine O’Malleys in der Stadt, als ich dort aufwuchs.“

„Zum Glück für Sie“, sagte ich. „Was führt Sie nach Amerika?“

„In Irland gibt es für mich nichts.“

„Keine Familie?“

Er sah auf seine Schuhe hinab. „Mein Vater wurde getötet, als ich acht Jahre alt war, und meine Mutter starb kurz darauf aus Kummer. Eine Tante zog mich auf, aber sie hatte keine eigenen Söhne und konnte es nicht erwarten, mich loszuwerden. Und es gibt keine Arbeit. Ich habe gehört, dass sie in New York so viele Wolkenkratzer bauen, dass sie gar nicht genug Männer für die Arbeit kriegen können.“

„Wolkenkratzer?“ Das Wort sagte mir nichts.

„Gebäude, die so hoch sind, dass sie bis zu den Wolken reichen.“

Ich lachte. „Sie scherzen!“

Er lächelte auch. „Nun, vielleicht nicht ganz bis rauf zu den Wolken“, gab er zu. „Aber groß. Höher als Kirchturmspitzen. Zwanzig Stockwerke hoch, habe ich gehört.“

„Zwanzig Stockwerke? Heilige Mutter Gottes, haben Sie keine Höhenangst?“

„Ich? Nein. Nicht, nachdem ich gelebt habe, wo wir herkommen.“

Ich stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo Plumbridge war – in den Bergen, am Meer oder in den Sümpfen. Was, wenn sie mir Fragen stellten, sobald wir in New York landeten? Es wäre leicht, mich bei einer Lüge zu ertappen.

„Erzählen Sie mir, wie es war, in Plumbridge aufzuwachsen“, sagte ich.

Wir verbrachten den Rest des Nachmittags zusammen. Er spielte mit Seamus und brachte sogar Bridie zum Lächeln. Er war so ein süßer, unschuldiger Junge mit dem Gesicht eines Engels – ich konnte sehen, dass er keine leichte Zeit in New York haben würde, besonders nicht inmitten der starken Männer, die Wolkenkratzer bauten.

Wir kamen immer näher. Leute tuschelten, dass die Majestic die Überfahrt manchmal in sechs Tagen schaffte, wenn die See günstig war. Das konnte bedeuten, dass wir morgen im New York Harbor sein würden. Ich spürte Angst in mir aufsteigen. Morgen musste ich mich an den Inspektoren vorbeimogeln und einen fremden Mann treffen, von dem ich behauptet hatte, er sei mein Ehemann. Es gab so viele Dinge, die schieflaufen konnten, ich konnte auf so viele Arten erwischt und zurückgeschickt werden.

Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, aber Michael Larkin spürte, einfühlsam wie er war, dass etwas nicht stimmte. „Machen Sie sich Sorgen wegen der Inspektoren auf Ellis Island?“, fragte er. „Dafür gibt es keinen Grund. Solange Sie gesund sind und die fünfundzwanzig Dollar haben, lässt man Sie rein.“

„Fünfundzwanzig Dollar?“, stieß ich aus.

„Sie müssen fünfundzwanzig Dollar in der Tasche haben, damit man Sie reinlässt“, sagte er, sein Gesicht voller Sorge. „Sicher wussten Sie das, oder?“

„Nein, wusste ich nicht.“ Hatte Kathleen davon gewusst? Ich glaubte nicht. Vielleicht hatte sie darauf gezählt, dass Seamus sie mit dem Geld in der Hand treffen würde. Ich konnte darauf nicht zählen. „Ist das eine Gebühr, die man bezahlen muss, um hineinzukommen?“

„Oh, nein, sie nehmen Ihnen das Geld nicht ab. Es geht nur darum zu zeigen, dass Sie genug haben, um für Unterkunft und Essen sorgen zu können, bis Sie eine Arbeit gefunden haben. Sie wollen keinen Haufen Bettler, nicht wahr?“

„Was sollen wir tun?“, fragte ich. „Werden sie uns zurückschicken, wenn wir das Geld nicht haben?“

Er sah besorgt aus. „Vielleicht ist es in Ordnung, wenn Ihr Ehemann kommt, um Sie abzuholen, aber da bin ich mir nicht sicher.“ Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich sage Ihnen was“, sagte er. „Ich habe fünf Pfund in der Tasche, das sind fünfundzwanzig ihrer Dollar. Hier. Nehmen Sie die.“

„Aber dann wären Sie nicht in der Lage einzureisen.“

„Natürlich bin ich das. Wir benutzen es beide. Sie gehen mit den Kindern voraus. Dann finden Sie eine Ausrede, um zurückzukommen und mit mir zu reden, dabei können Sie mir das Geld übergeben. Sie müssen sich dort um so viele Leute kümmern, dass das nicht einmal auffallen wird.“

„Aber was, wenn sie mich nicht zu Ihnen zurücklassen? Das kann ich nicht riskieren. Nein, behalten Sie Ihr eigenes Geld, und wenn Sie einen Weg finden, zu mir zurückzukommen, leihe ich es mir.“

„Seien Sie nicht albern.“ Er schob mir das Geld entgegen. „Es wird funktionieren. Andere Leute machen es auch – sie sagen, dass es andauernd passiert. Machen Sie schon. Ich will, dass Sie es nehmen. Es wird für eine Dame mit kleinen Kindern wie Sie viel einfacher sein, zu mir zurückzukommen. Sagen Sie, die Kleine hätte ihre Puppe zurückgelassen. Ihre einzige Puppe.“

Ich lächelte. „Für jemanden, der aussieht wie ein Chorknabe, haben Sie einen verschlagenen Verstand.“

„Ich bin nicht ansatzweise so unschuldig, wie ich aussehe“, sagte er. „Tatsächlich hat ein Mann in einem Pub in Liverpool behauptet, ich gäbe einen ausgezeichneten Trickbetrüger ab. Er sagte, er wäre bereit, mir die Tricks und das Handwerkszeug beizubringen.“

„Haben Sie sein Angebot angenommen?“

„Nein, aber ich war versucht.“

Wir lachten. Es fühlte sich gut an, wieder zu lachen.

Fünf

Über Nacht wurde die See wieder rauer. Wir wurden in unseren Kojen von einer Seite zur anderen geworfen, bis es selbst mir hundeelend ging. Alles, was ich tun konnte, war am Morgen den Korridor hinunter zu schwanken, um mir eine Tasse Tee und eine Scheibe Brot zu holen. Der Gemeinschaftsraum war beinahe menschenleer, von O’Malley keine Spur – also war selbst er der Seekrankheit erlegen. In diesem Fall, dachte ich, dürfte es gerne weiter solchen Seegang geben, bis wir New York erreichten.

Am Ende des Tages bereute ich diesen Gedanken. Das Schiff wankte und schaukelte den ganzen Tag. Die Motoren ächzten und bebten. Überall war Stöhnen zu hören, und die Geräusche von sich erbrechenden Menschen. Wenn man mich nur an Deck lassen würde! Ich war entschlossen, mich nicht zu übergeben. Nach einer gefühlten Ewigkeit fiel mir auf, dass das Wanken und Stampfen nachließen. Vielleicht bedeutete das, dass die Küste Amerikas wirklich nicht mehr weit war.

Als wir am Morgen erwachten, verbreitete sich das Gerücht bereits durch das Zwischendeck. Die amerikanische Küste war gesichtet worden. Menschen packten eilig ihre Bündel und stapelten sie in den Fluren. Wir stellten uns in der Nähe der Tür auf, die in die Freiheit führte. Die Männer hörten auf Karten zu spielen und standen pflichtbewusst an der Seite ihrer Familien. Aber nichts geschah. Wir saßen oder standen, horchten auf das rhythmische Stampfen der Motoren und warteten.

Endlich wurde eine Tür geöffnet und ein Schiffskellner erschien.

„Der Kapitän sagt, Sie können an Deck gehen, wenn Sie wollen“, sagte er. „Damit Sie die Lady sehen können.“

Die Lady? War das der Anfang des Einwanderungsprozesses? Ich hob Bridie hoch und Michael nahm Seamus bei der Hand, dann gingen wir hinauf. Die kalte, steife Brise in unseren Gesichtern fühlte sich wundervoll an. Wir blinzelten ins helle Sonnenlicht. Dann gafften wir und staunten.

Sie stand vor uns, auf der anderen Seite des Hafens, ihre Krone schimmerte golden und sie hielt eine Fackel in der Hand. Frauen um mich herum weinten und ich spürte, wie auch meine Augen feucht wurden.

„Siehst du die hübsche Lady?“, flüsterte ich Bridie zu. „Das ist Lady Liberty, sie heißt uns in der Neuen Welt willkommen.“

Als ich mich von der Freiheitsstaue abwandte, staunte ich über eine andere atemberaubende Aussicht – die Insel Manhattan. Die Sonne stand tief am Winterhimmel und spiegelte sich in tausenden Fenstern großer, schmaler Gebäude und ließ New York leuchten, blinken und glitzern wie eine verzauberte Stadt. Ich hätte mir nie vorgestellt, dass Bauwerke so hoch sein können.

Michael stand neben mir. „Wer hätte das gedacht.“ Er holte Luft. „Diese Gebäude müssen ganze zwanzig Stockwerke hoch sein.“

Ich lachte vor schierer Freude, an der frischen Luft zu sein und mein Ziel so nah vor mir zu sehen. „Haben Sie jetzt Zweifel, an einem dieser Monster mitzuarbeiten?“

„Ganz und gar nicht. Denken Sie doch nur, dass ich meinen Kindern eines Tages erzählen kann, dass ich dabei half, die größten Gebäude der Welt zu bauen!“ Sein Gesicht leuchtete jetzt auch. „Bleiben Sie auch in New York?“, fragte er.

„Ich ... Ich nehme es an.“ Ich wollte ihm die Wahrheit sagen, aber ich konnte nicht.

„Ihr Mann hat hier also eine Arbeit? Und eine Wohnung für Sie?“

„Ich denke ja. Er wird da sein, um uns zu treffen, dann werden wir es erfahren.“

„Ich hoffe, wir bekommen die Gelegenheit, uns wiederzusehen“, sagte er schüchtern. „Ich meine, wenn Sie in New York sind, ist es mir hoffentlich erlaubt, Sie und Ihren Ehemann zu besuchen. Ich habe keine Familie hier ...“

„Natürlich treffen wir uns“, sagte ich. „Wir müssen Ort und Zeit vereinbaren, ehe wir das Schiff verlassen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich kenne keinen Ort in New York.“

„Wie wäre es mit diesem kleinen Park?“ Ich zeigte auf die Spitze Manhattans, an der wir gerade vorbeifuhren. „Heute in zwei Tagen. Mittags?“

Ein Grinsen breitete sich auf seinem Chorknaben-Gesicht aus. „In Ordnung. Ich werde da sein. Und bringen Sie die zwei Kleinen mit, ja? Ich würde sie gerne wiedersehen.“ Er fuhr Seamus durchs Haar und der Junge grinste ihn an.

Ich spürte ein warmes Gefühl der Zufriedenheit. Wenigstens hätte ich einen Freund in diesem Land. In zwei Tagen wäre ich sicher an Land und könnte ihm die Wahrheit sagen – und vielleicht könnten wir diesem neuen Land gemeinsam begegnen.

Wir beobachteten, wie die Schleppboote längsseits gingen, um uns in den Hafen zu bringen. Der Wind war bitterkalt und die Kinder fingen an, sich über die Kälte zu beschweren, aber ich wollte nicht wieder nach unten in den dunklen, stinkenden Schiffsraum. Im Hafen trieb Eis und Rauch hing in der frostigen Luft, als wir uns dem Ufer näherten.

„Ich glaube, der Frühling ist hier noch weit weg“, murmelte Michael.

Wir sahen zu, wie das große Linienschiff sich langsam zu seinem Ankerplatz bewegte. Besatzungen standen mit Gangways bereit. Menschen eilten nach unten, um ihr Gepäck zu suchen.

„Wartet einen Augenblick.“ Einer der Schiffskellner hielt die Massenflucht auf. „Wo denkt ihr, eilt ihr hin?“

„Wir holen unser Gepäck“, sagte eine Frau.

„Ihr geht heute Nacht nirgendwo hin“, sagte der Seemann. „Ellis Island wickelt nach fünf Uhr niemanden mehr ab, also müsst ihr an Bord schlafen und morgen die Fähre nehmen.“

„Sie meinen, wir können hier nicht aussteigen?“, verlangte eine streitlustige Stimme zu wissen. „Wofür sind dann die Gangways?“

„Nur den Passagieren der ersten und zweiten Klasse ist es erlaubt von Bord zu gehen“, sagte der Seemann vornehm. „Ihr müsst erst durch Ellis Island, ehe sie euch anlanden lassen. Sie müssen sicherstellen, dass ihr keine schlimmen Krankheiten nach Amerika einschleppt, nicht wahr?“

Niedergeschlagen schlurften wir wieder nach unten. Da die Sonne unterging, war es zu kalt geworden, um an Deck zu bleiben. Und es war entmutigend, die privilegierten Klassen an Land gehen zu sehen, lachend und scherzend, während ihnen Träger mit ihren Schiffskoffern hinterherstolperten.

Wenigstens war es unsere letzte Nacht auf dem Schiff, es gab kein Stampfen der Motoren, das uns in die Schädel drang, und niemand war seekrank. Sie servierten sogar passables Suppenfleisch und Erbsenpüree, und alle waren beschwingt, als wir in unsere Kojen gingen. Ich kam gerade vom Damen-Waschraum zurück, als mich jemand am Handgelenk packte. Ich schrie vor Schreck auf, als O’Malley mich in eine dunkle Nische zog.

„Sie sind mir aus dem Weg gegangen, Mrs. Kathleen O’Connor“, flüsterte er, sein großes Gesicht war dicht vor meinem. „Welch eine Schande. Wir hätten sehr gute Freunde werden können.“

„Nicht in einer Millionen Jahren, O’Malley. Ich bin, was meine Freunde betrifft, ziemlich wählerisch.“

Er lachte und zeigte mir all seine Pferdezähne. „Ich glaube, Sie können von jetzt an nicht mehr so wählerisch sein, Mrs. Kathleen O’Connor. Sie könnten feststellen, dass Sie einem Freund einen Gefallen schulden – einen wirklich großen Gefallen.“

„Welche Art Gefallen? Von welchem Freund reden Sie?“

„Von mir“, sagte er. „Wenn wir an Land gehen, werden Sie mir einen Gefallen schulden, weil ich nicht ausplaudere, was ich weiß.“

Mir wurde schlecht, aber ich war entschlossen, es darauf ankommen zu lassen. „Und das wäre?“, fragte ich.

„Dass Sie genauso wenig Kathleen O’Connor sind wie der Mann im Mond. Ich sehe mir diese Kinder an und sehe Kathleen O’Connors Züge in ihren Gesichtern. Die echte Kathleen – die, die ich kannte, als sie ein junges Mädchen war. Ich weiß nicht, was Sie mit ihr gemacht haben, welches Spiel Sie spielen. Vielleicht haben Sie und ihr Ehemann die ganze Sache gemeinsam geplant. Vielleicht sind Sie seine Geliebte und Sie haben sie aus dem Weg geräumt. Aber was auch immer es ist, Sie versuchen, die amerikanischen Behörden hinters Licht zu führen.“

„Sie reden Unsinn“, sagte ich. „Ich habe noch nie in meinem Leben solchen Unsinn gehört. Wenn Sie das den amerikanischen Behörden erzählen, schicken die Sie zurück nach Hause, weil man Sie für verrückt hält.“

„Ich vermute, es wäre recht leicht, die Wahrheit aus den Kindern herauszubekommen“, sagte er.

Das fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen. „Sie haben keinen Anstand und kein Schamgefühl“, sagte ich.

Er lachte wieder. „Sie haben recht. Und Sie werden mich jetzt nicht bekehren.“

„Also gut. Wenn Sie wirklich die Wahrheit wissen wollen“, sagte ich und bewegte mich näher zu ihm, sodass man uns nicht belauschen konnte. „Kathleen liegt im Sterben. Dies war der einzige Weg, die Kinder zu ihrem Vater zu bekommen. Sie hat mich angefleht, es für sie zu tun. Sind Sie jetzt zufrieden?“

Für nur eine Sekunde veränderte sich seine Miene, als ob er am Ende doch irgendwo tief im Innern menschlich wäre. Dann lächelte er wieder. „Sehr löblich von Ihnen, wer immer Sie sind.“

„Die Kinder wissen nichts davon“, sagte ich. „Und sie sollen es auch nicht erfahren. Das ist Kathleens Wunsch. Verstehen Sie das?“

Sein Griff um mein Handgelenk wurde fester. „Sie werden also eine freie Frau sein, sobald sie in New York an Land gehen? Keine kleinen Kinder, die wie Mühlsteine an Ihrem Hals hängen? Kein Mann, für den Sie die Handlangerin sein müssen?“

Ich sagte nichts.

„Dann denke ich, können wir einen guten Handel abschließen, der uns beiden nützen wird, Mrs. Kathleen O’Connor oder wie auch immer Sie heißen.“

„Einen Handel – wieso sollte ich mit Ihnen einen Handel eingehen?“

„Weil Sie keine Wahl haben?“ Er lächelte noch immer. Ich sehnte mich danach, ihm wieder ins Gesicht zu schlagen, aber er hatte mich gegen die Wand gedrückt und hielt mein Handgelenk fest umklammert. „Wenn man herausfindet, wer Sie wirklich sind, schickt man Sie im Nu zurück. Höchstwahrscheinlich schicken sie auch die Kinder zurück. Was das für eine traurige Sache wäre ... Und ich bin der Einzige, der die Wahrheit kennt.“

Ich sah ihn voller Abscheu an. „Was wollen Sie damit sagen?“ Ich schaffte es, die Worte ausgeglichen auszusprechen. Ich würde ihn nicht wissen lassen, dass ich Angst vor ihm hatte.

„Ich sage, dass eine kluge Frau wie Sie in der Stadt gutes Geld verdienen wird. Genug Geld, um es mit einem alten Freund zu teilen – einem alten Freund, der zu schweigen wusste.“

Er grinste.

„Sie sind widerwärtig“, sagte ich. „Wenn Sie glauben, dass ich Ihnen auch nur einen Penny zahle–“

„Aber wenn Sie es nicht tun, werden Sie nie in Sicherheit sein, nicht wahr? Und ich sage Ihnen was: Wenn Sie Ihre Karten richtig ausspielen, müssen Sie kein Geld für ein Zimmer ausgeben. Denn ich glaube, dass das Leben für einen Mann in einem großen, neuen Land sehr einsam sein kann. Und schrecklich kalte Nächte gibt es auch. Ein Mann braucht einen warmen Körper neben sich, und Sie haben einen so hübschen, kleinen Körper, wie ich ihn nie zuvor gesehen habe.“

Wieder dieser entsetzliche Blick unter halb geschlossenen Lidern.

„Nicht, wenn Sie der letzte Mann in Amerika wären“, sagte ich. Ich befreite mein Handgelenk aus seinem Griff. „Also gehen Sie und tun Sie, was Sie wollen, Mr. O’Malley. Sie stellen vielleicht fest, dass Sie als Unruhestifter und Lügner zurückgeschickt werden!“

Ich stieß ihn von mir weg und rannte den Flur hinunter zu meiner Koje. Er soll tun, was er will, sagte ich mir immer wieder. Warum sollte ihm irgendjemand glauben? Aber mein Herz klopfte. Irgendwie musste ich den morgigen Tag überstehen und diese Kinder ihrem Vater übergeben. Ich war so weit gekommen. Ich würde mich nicht von O’Malley und seinesgleichen unterkriegen lassen.

Sechs

Am nächsten Morgen wurden wir früh geweckt. Wir bekamen Becher mit Kaffee in die Hände gedrückt und wurden an Deck geführt, wo man Schildchen an unsere Kleider heftete, sowie an unzählige Gepäckstücke. Auf den Etiketten standen unsere Namen und der Name des Schiffs, mit dem wir angekommen waren. Ich schätze, sie mussten das für die Leute tun, die nicht Lesen oder Schreiben konnten. Dieser Gedanke erlaubte es mir, ob dieser Erniedrigung den Mund zu halten. Ich musste mich daran erinnern, dass heute wahrscheinlich der wichtigste Tag in meinem Leben war. Was mir heute passierte, würde meine Zukunft bestimmen. Ich konnte mir keinen Ausrutscher erlauben. Ich hatte alle Fakten auf Kathleens Zettel studiert, bis ich alle Details zu ihrer Familie auswendig konnte. Jetzt musste ich lediglich dafür sorgen, dass ich vor O’Malley in der Schlange stand und sicher durchkam, ehe er es zu den Inspektoren schaffte. Ich hatte mir sogar verschiedene Geschichten ausgedacht, die ich zu meiner Verteidigung erzählen könnte – mein Favorit war der sitzengelassene Geliebte, der alles sagen würde, um zu verhindern, dass ich mich mit meinem geliebten Ehemann wiedervereinte. Etliche Menschen hatten gesehen, wie ich ihn auf dem Schiff geohrfeigt hatte, was dieser Geschichte Glaubwürdigkeit verlieh!

Wir wurden über das Deck geschubst, eine Landungsbrücke hinunter und schließlich auf eine Fähre, die längsseits festgemacht hatte. Sie beluden die Fähre so lange, bis wir dastanden wie in einer Sardinendose, so dicht gedrängt, dass wir uns nicht umdrehen konnten. Bridie fing an zu weinen.

„Sie schubsen mich. Ich will nach Hause.“

„Aber dein Daddy wartet auf uns“, flüsterte ich. „Bald gehen wir mit ihm nach Hause, dort ist es warm und es gibt etwas Gutes zu essen ...“

Und was würde ich tun? Würde ich lediglich die Kinder übergeben, seinen Dank annehmen und dann wäre ich wieder auf mich gestellt? Müsste ich versuchen, in New York City einen Platz zum Schlafen zu finden? Ich hatte mich bisher irgendwie durchgeschlagen und alles hatte geklappt. Ich würde lediglich beten müssen, dass das auch so bliebe.

Als die Fähre so voll wie möglich beladen war, fuhren wir durch den Hafen, weg von der Stadt. Nach dem winterlichen Sonnenschein von gestern war der heutige Tag bestimmt von dichtem, nasskaltem Nebel, der Kapitän ließ alle paar Minuten das Nebelhorn ertönen und trauervolles Tuten antwortete aus der Nähe. Die klamme Kälte war schlimmer als der frische Wind des vergangenen Tages. Sie schien bis in unsere Knochen zu kriechen und wir drängten uns zitternd zusammen. Nach einer eiskalten halben Stunde, in der wir dankbar für die warmen Körper um uns herum gewesen waren, sahen wir ein großes, rotes Gebäude aus dem Nebel aufragen. Ein Gebäude mitten im Nirgendwo. Es schien mitten im Ozean zu treiben.

„Ellis Island.“ Die Worte machten auf der Fähre die Runde und alle drängelten, um den ersten Blick zu erhaschen. Mit seinen Backsteinbögen und den leuchtenden Kupfertürmen war es ein wirklich eindrucksvolles Bauwerk.

„Es ist brandneu“, hörte ich einen der Fährmänner sagen. „Hat erst seit ein paar Monaten geöffnet. Das alte ist ’97 abgebrannt. Sie haben so lange gebraucht und viel Geld ausgegeben, um ein neues zu bauen.“

Dann sah ich, dass wir nicht allein waren. Eine lange Schlange von Fähren wartete vor uns, die erste war angelandet und spuckte einen gleichbleibenden Strom von Menschen aus.

„Vier oder fünf Einwandererschiffe sind gestern Abend angekommen“, sagte der Fährmann. „Wir müssen warten, bis wir an der Reihe sind.“

Wir warteten und warteten. Es muss nach Mittag gewesen sein, als wir endlich anlegen durften. Ich versuchte, Bridie auf einem Arm und mein Bündel auf dem anderen zu balancieren, als wir an Land gingen. Michael erschien neben mir, nahm Seamus’ Hand und sein Bündel.

„Keine Sorge“, sagte er und beobachtete, wie ich über die Schulter blickte, als wir die Landungsbrücke hinuntergingen. „Ich lasse mich in der Schlange zurückfallen, sobald Sie sicher an Land sind, sodass Sie zuerst einreisen und mir dann das Geld zurückbringen können.“

„Darum ging es nicht“, sagte ich. „Ich habe versucht zu sehen, wo O’Malley hin ist.“

„O’Malley? Hat er Sie wieder belästigt?“

„Gestern Abend“, sagte ich. „Er hat dumme Drohungen ausgesprochen.“

„Wenn Ihnen dieser Mann noch mal zu nahekommt, bringe ich ihn um“, sagte Michael und errötete dann, als er mein überraschtes Gesicht sah. „Ich könnte das, wissen Sie. Ich mag jung aussehen, aber ich habe einige Kämpfe ausgefochten.“

„Wir sind fast ganz vorne in der Schlange“, sagte ich. „Mit etwas Glück sind wir durch und weg, ehe O’Malley vom Boot herunterkommt.“

Wir bewegten uns langsam vorwärts, bis wir unter einem Vordach aus Glas und Stahl standen, das zum Vordereingang führte. Eine weitere Schlange von Menschen wurde herangeführt und neben uns platziert. Sie sahen ganz anders und sehr fremdartig aus. Es waren Frauen darunter, die von Kopf bis Fuß ganz in schwarz gekleidet waren, mit Schals um den Köpfen. Es gab Männer, die aussahen wie Banditen, mit wilden Bärten und herabhängenden Schnurrbärten. Dann waren da Männer in Lederhosen, gutaussehende Frauen in Pelzmänteln und ein kleines Mädchen, das einen weißen Pelzmuff an einer Kette um den Hals trug. Die Kette glitzerte, als wäre sie aus Edelsteinen gemacht. Was machte eine Familie wie ihre hier? Jemand sagte, das Schiff käme aus Deutschland. Ich schätze, es müssen Menschen aus ganz Europa an Bord gewesen sein. Jedenfalls herrschte ein Gemurmel fremdartiger Sprachen und auch ein schrecklicher Gestank. Selbst hier an der frischen Luft wehte der Geruch ungewaschener Körper zu uns herüber.

Es war kalt und trostlos am Kai. Das Vordach tat nichts, um uns vor dem wabernden Nebel zu schützen. Mein Flanell-Unterrock und das wollene Mieder, das ganz gut gegen unsere irischen Winterwinde half, brachte wenig gegen diese Art der Kälte. Ich wickelte Bridie in mein Schultertuch und wir zitterten gemeinsam. Wir bewegten uns langsam vorwärts, Schritt für Schritt, aber der große Backstein-Eingang schien nicht näher zu kommen. Weitere Fähren kamen an. Mehr Menschen drängten auf das Dock. Weitere Sprachen und verschiedene Gerüche. Wenn das alles Neuankömmlinge waren, wie konnte die Stadt sie alle aufnehmen? Wo schliefen sie, wenn sie an Land kamen? Wie viele Tage würden noch vergehen, bis New York brechend voll war?

Bevor wir das Gebäude betraten, beschäftigte ich meinen Verstand lieber mit solchen Rätseln, als damit, was mit mir passieren würde. Uniformierte Wachmänner standen an den Türen. „Rein mit dir, mein feines Vieh. Wir haben drinnen hübsche Pferche für euch“, rief einer der Wachmänner fröhlich und grinste einen anderen Wachmann an, während er die Fremden vorwärts stieß.

„Lasst euer Gepäck da unten und seht lebendig aus“, blaffte er uns an. „Keine Sorge, es ist sicher. Dafür haben wir Wachleute“, fügte er hinzu, als sich einige Leute darüber beschwerten, von ihrem Hab und Gut getrennt zu werden. Uns wurde der Weg in einen riesigen Gepäckraum gewiesen, in dem wir unsere Taschen und Bündel auftürmten, ehe wir lange Treppen hinaufgeschickt wurden. Männer in weißen Kitteln standen oben an der Treppe und beobachteten uns. Als die Einwanderer an ihnen vorbeigingen, traten sie vor und schrieben ihnen mit weißer Kreide Buchstaben auf den Rücken. Als wir auf ihrer Höhe waren, sahen sie uns an, schrieben aber nichts. Ich war nicht sicher, ob das gut oder schlecht war.

Dann sagte plötzlich jemand: „Augenuntersuchung.“ Ehe ich reagieren konnte, wurde ich gepackt und schrie vor Schmerz auf, als mir ein scharfes Werkzeug ins Augenlid gebohrt und dann umgedreht wurde. Bridie schrie, als sie auf sie zukamen und wand sich unter dem Angriff.

„Das Kind muss untersucht werden“, sagte ein Inspektor zu seinem Kollegen und schrieb Bridie mit Kreide einen Buchstaben auf den Rücken.

„Sprechen Sie Englisch?“, fragte der Mann.

„So gut wie Sie“, antwortete ich.

„Oh, ja.“ Er untersuchte mein Schildchen. „Die Majestic aus Liverpool. Okay. Nehmen Sie das Kind und bringen Sie es in das Zimmer zu Ihrer Linken. Man wird ihre Augen untersuchen wollen, ehe Sie weitergehen können.“

Wir schlossen uns einer Schlange an der Tür an. Ein Arzt in weißem Kittel ließ mich Bridie auf den Tisch setzen, dann hielt sein Assistent sie fest, während er ihr die Lider umdrehte.

„Beide Augen sind rot“, kommentierte er in Richtung seines Assistenten. „Verdacht auf Bindehautentzündung. Wir müssen sie zur Beobachtung hierbehalten.“

„Was meinen Sie damit, Sie müssen sie hierbehalten?“, fragte ich.

„Auf der Beobachtungsstation des Krankenhauses“, sagte der Mann ausdruckslos. „Wenn es eine Bindehautentzündung ist, wird sie dahin zurückgeschickt, wo sie herkommt.“

„Natürlich sind ihre Augen rot“, rief ich empört. „Sie hat draußen in der bitteren Kälte gestanden, nicht wahr, und sie hat geweint. Wenn sie weint, reibt sie sich die Augen und es wird schlimmer. Sie hat nichts an den Augen. Sie sind so leuchtend und klar wie das Tageslicht.“

„Ihr Iren könntet einem Esel das Hinterbein abschwatzen“, sagte der Mann, brachte aber die Andeutung eines Lächelns zustande. „Warten Sie auf dem Platz dort und bringen Sie sie in einer Stunde noch mal her.“

Es war das Beste, auf das ich hoffen konnte, aber es bedeutete, dass meine Schiffskameraden bereits vor mir sein würden, sowohl Michael, als auch O’Malley. Ich setzte die Kinder ab und wies sie an, sich nicht zu bewegen, was auch geschah. Dann folgte ich der Menge in die große Halle, die sie den Registrierraum nannten. Der ganze Raum war voller Holzbänke, und die Holzbänke waren voller Menschen. Ich verstand jetzt, warum der Wachmann den Witz über Vieh gemacht hatte. Die Bänke waren mit eisernen Gittern voneinander getrennt und so wirkte es wie der Viehbestand am Markttag.

„Wo glauben Sie, gehen Sie hin?“ Ein Wachmann packte meinen Arm. „Zurück in die Schlange und warten, bis Sie dran sind.“

„Ich muss nur mit einem Schiffskamerad sprechen“, flehte ich.

„Das sagen sie alle.“ Er blickte mich schräg an, als mustere er mich. „Obwohl ich dazu überredet werden könnte, Sie durch all das hier schneller durchzubekommen ...“

„Könnten Sie? Das wäre wundervoll.“

„Für eine kleine Gebühr, natürlich. Sagen wir zwanzig Dollar?“

Er wollte Schmiergeld! Ich sah mich um, um zu sehen, wer das vielleicht mitangehört hatte. Andere Wachmänner standen in der Nähe. Jetzt fragte ich mich – war dieser ganze Ort korrupt? Wenn ich jemanden bestechen musste, ehe sie mich freiließen, säße ich für immer hier fest. Es sei denn, sie hatten O’Malley Gehör geschenkt. Dann würde ich direkt nach Irland zurückgeschickt werden. Ich versuchte, sein leuchtend rotes Halstuch in der Menge zu erspähen, aber es war unmöglich. Es mussten gut Tausend Menschen in diesem Raum sein, und es strömten pausenlos mehr herein.

Ich eilte zu den Kindern zurück, die sich keinen Zoll bewegt hatten, und beobachtete die Uhr an der Wand, bis die Stunde um war. Dann brachte ich Bridie zum Arzt zurück.

„Sehen Sie?“, sagte ich triumphierend. „Schauen Sie sich ihre Augen jetzt an. Keine Spur von Rot darin, nicht wahr? Sagen Sie mir, haben Sie je heller leuchtende Augen gesehen?“

Er lachte, während er sie sich ansah. „Leuchtend wie das Tageslicht, wie Sie sagten“, sagte er. „Ab mit dir und alles Gute. Du hast Glück, so eine hartnäckige Mutter zu haben, Kleine.“

„Oh, aber sie ist nicht meine ...“ Der Rest von Bridies Satz ging unter, als ich sie fortzog. Das war knapp. Ich musste den Kindern begreiflich machen, dass ich die Rolle ihrer Mutter noch etwas länger spielen müsste.

Wir schlossen uns der Schlange vor dem Registrierraum an.

„Name und Schiff?“ Ein Inspektor drehte mein Schildchen um, als trage er ein Paket aus. „O’Connor, Majestic, hm? Die Bank für Namen, die mit O beginnen, ist gerade voll. Setzen Sie sich dort hin, bis wir Ihnen sagen, dass Sie weitergehen sollen.“

Ich ließ mich mit den Kindern am Ende einer Bank nieder. Als wir uns setzten und Menschen beobachteten, die an uns vorbeigingen, hatte ich Zeit, die schiere Größe zu erfassen. Ich hatte nie eine Kirche gesehen, die auch nur halb so groß war wie dieser Raum – oder so hoch. Wenn man zur gewölbten Decke hinaufblickte, war es, wie in einer großen Kathedrale zu sein. Eine riesige amerikanische Flagge hing von einer Galerie herunter, die sich einmal um die komplette Halle zog. Ein Gemurmel aus Sprachen umgab mich und stieg auf, um von der hohen Decke zurückgeworfen zu werden.

Hin und wieder wurde ein Name gerufen, vor uns stand dann jemand auf und sah sich ängstlich um, ehe er den Gang hinunterschlurfte, aber die Halle schien sich nicht zu leeren. Gegen Nachmittag, als die Kinder sich schon beschwerten, weil sie hungrig waren, und auch ich den Schmerz des Hungers spürte, schwirrte Aufregung durch den Raum. Gestalten tauchten oben auf der Galerie auf – Männer mit Zylindern und fein gekleidete Damen. Sie standen da und schauten zu uns herunter. War das nachmittägliche Unterhaltung für die New Yorker Upperclass – das Boot nach Ellis Island zu nehmen und zu schauen, welches Gesindel heute gelandet war? Als ich mich umsah, musste ich zugeben, dass wir tatsächlich einem Zoo ähnelten. Mütter hatten Säuglinge an ihren Brüsten und Kinder kletterten auf ihnen herum. Männer kratzten sich. Die Überfahrt der Majestic war nicht angenehm gewesen, aber wenigstens waren wir ohne Ungeziefer angekommen. Dafür konnten wir ein Dankesgebet sprechen.

Als sich eine große Menge auf der Galerie versammelt hatte, sprach uns eine Stimme durch ein Megafon an. „An alle, die Sie gerade in unserem großartigen Land angekommen sind, willkommen. Welkom. Benvenuto. Ich bin Edward McSweeney, der Verwalter von Ellis Island, und heute haben wir die Ehre, unsere Nachbarn aus New York City zu Gast zu haben. Der ehrenwerte Bürgermeister von New York und andere Würdenträger der Stadt sind durch den kühlen Hafen zu uns gekommen, um die offizielle Einweihung dieser neuen Gebäude vorzunehmen. Wie Sie vielleicht wissen, ist das alte Ellis Island vor drei Jahren abgebrannt. Wir haben es jetzt wiederaufgebaut, größer, besser und brandsicher!“

Er wartete auf Applaus, schien aber nicht zu realisieren, dass der Großteil seines Publikums nicht ein Wort von seiner Rede verstand. Es gab höflichen Beifall von den Damen und Herren auf dem Balkon.

„Ich rufe jetzt Mr. Robert Van Wyk, den ehrenwerten Bürgermeister von New York City – jetzt die zweitgrößte Stadt der Welt – dazu auf, ein paar Worte zu sagen.“

Der Bürgermeister übernahm das Megafon. „Meine lieben, neuen Amerikaner“, sagte er. „Ihr seid in ein Land gekommen, in dem alles möglich ist, in dem alle Träume wahr werden können, für die, die es wagen. An die Iren unter Ihnen richte ich ein besonderes irisches Willkommen. Sie werden feststellen, dass viele unserer hervorragendsten Bürger Iren sind. Viele unserer Stadträte hier in New York City sind irisch bis ins Mark. Sie haben sich aus einfachen Verhältnissen wie den Ihren erhoben, durch harte Arbeit und durch die Macht der Politik. Die Botschaft, die ich Ihnen mitgebe – unterschätzen Sie nie die Macht der irischen Wähler. Wenn wir zusammenhalten und zum Wohle des großen Ganzen zusammenarbeiten, können wir großartige Dinge erreichen.

All Ihnen neuen Einwanderern sage ich dies – arbeiten Sie zum Wohle des großen Ganzen. Mischen Sie sich ein. Machen Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch. Dies ist ein wundervolles Land. Ein freies Land. Zum ersten Mal in Ihrem Leben haben Sie das Recht auf Wahlfreiheit. Sie haben das Recht, Ihre eigene Zukunft zu lenken. Machen Sie das Beste daraus!“

Einige der Fremden schienen den Sinn zu erfassen. Sie nickten einander zu, lächelten, dann klatschten sie, obwohl sie sich nervös umsahen, für den Fall, dass die Polizei zusah.

„Dies ist ein besonderer Tag“, fuhr der Bürgermeister fort. „Heute enthülle ich eine Gedenktafel und weihe offiziell dieses prachtvolle, neue Gebäude ein. Unsere italienischen New Yorker haben einen speziellen Kuchen gebacken, und ich habe gehört, dass Sie alle ein Stück bekommen werden, sobald ich ihn angeschnitten habe.“

Das verstanden selbst die Fremden. Sie lächelten und nickten einander zu.

„Und da Ellis Island geographisch gesehen Teil unserer großartigen Stadt ist und Sie alle bald an Land gehen werden, habe ich einige unserer besten Unterhalter mitgebracht, damit dies ein festlicher Anlass wird.“

Ich weiß nicht, wie es den anderen ging, die auf diesen harten Bänken saßen, aber ich wollte nicht unterhalten werden. Meine Nerven waren so gespannt wie Violinsaiten. Je eher ich mich diesen uniformierten Inspektoren stellte und deren Prüfung überstand, desto besser. Dennoch hatte ich keine andere Wahl. Eine Signora Torchelli, die als berühmte Opernsängerin des New Yorker Ensembles angekündigt wurde, sang ein Lied auf Italienisch. Sie hatte gewiss eine voluminöse Stimme, die zu ihrem voluminösen Körper passte. Sie hallte durch den Raum und prallte von den frisch gekachelten Wänden ab. Dann stellte der Bürgermeister den Stolz des Varietés vor, den berühmten Monologisten und Komiker, den Liebling der Iren, Billy Brady.

Ich hatte noch nie von ihm gehört. Und genauso wenig irgendjemand um mich herum. Offensichtlich nicht der Liebling der Iren in Irland. Er kam an den Rand des Balkons – ein großer, fröhlicher Mann mit einem runden Mondgesicht und lockigem Haar. „Mit meinem ersten Monolog erinnere ich die Iren unter Ihnen an die Heimat“, sagte er. Er wandte sich ab, und als er sich wieder umdrehte, trug er eine graue Perücke und ein Kopftuch. Dann stürzte er sich in einen Monolog über eine irische Großmutter, die nach New York kam. Meine Güte, er war komisch. Er traf die irische Großmutter haargenau. Alle Iren im Publikum kreischten vor Lachen. Die nicht Englisch sprechenden Menschen starrten ihn ausdruckslos an und versuchten mitzubekommen, was uns zum Lachen bringen mochte. Als der Monolog endete, nahm er das Tuch ab, setzte ein Monokel auf und machte den Präsidenten Mr. McKinley nach. Das kam nicht so gut an. Niemand von uns wusste irgendetwas über Mr. McKinley. Wir wussten nicht mal, wie er aussah oder ob Billy Brady ihn gut nachmachte. Aber die Würdenträger oben auf dem Balkon lachten, also musste es gut gewesen sein. Wir klatschten höflich.

Der Nachmittag schloss mit dem berühmten irischen Tenor Edward Monagan. Er sang „Tis The Last Rose Of Summer“, und im ganzen Haus blieb kein Auge trocken. Irische Mütter und Väter schluchzten in inniger Umarmung, Kinder weinten, weil ihre Eltern weinten. Ich? Ich hoffte lediglich, er würde endlich fertig werden und gehen. Ich war noch nie sonderlich für sentimentale Lieder zu haben.

Nachdem das Lied zu Ende war, entfernte sich die Gruppe um den Bürgermeister. Ich dachte, sie würden gehen und atmete erleichtert aus.

„Wann bekommen wir den Kuchen?“, flüsterte mir Seamus ins Ohr.

„Jeden Moment, denke ich“, setzte ich an, als auf der Treppe Tumult ausbrach und ich den Bürgermeister und einige aus seiner Gesellschaft in den Registrierraum herunterkommen sah. Einige Männer mit Kameras liefen ihm voraus. Er hielt an, um auf der Treppe zu posieren, Blitzlichter gingen los und erfüllten die Luft mit einem bitteren, verbrannten Geruch. Dann kam der Bürgermeister den Gang hinunter auf uns zu, schüttelte Hände und tätschelte Säuglinge.

„Er verhält sich irischer als die Iren“, hörte ich einen Wachmann hinter uns murmeln.

„Ja, nun, er ist nur wegen Tammany hier. Er weiß, Tammany hat ihn in der Tasche“, antwortete ein anderer Wachmann. Ich wusste in dem Moment nicht, was das bedeutete.

Der Bürgermeister kam näher. Weiteres Händeschütteln. Weitere Bilder. Wir saßen zufällig nah genug am Gang, und dem Bürgermeister fiel Bridie ins Auge, die sich schläfrig auf meinen Schoß gekuschelt hatte.

„Wenn das nicht eine kleine irische Miss ist“, sagte er und versuchte sie hochzuheben. „Und wie ist dein Name, Schatz?“

„Sag dem Gentleman, du heißt Bridie O’Connor“, soufflierte ich, aber natürlich ließ sie ihren Kopf schüchtern hängen und versuchte, sich ihm zu entwinden.

„Bridie Connor – was für ein hübscher Name für ein hübsches Kind“, sagte er. Er versuchte, sie sich aufs Knie zu setzen und bedeutete den Fotografen, ein Bild mit ihr zu machen. „Willkommen in Amerika, Bridie“, sagte er.

Bridie fing wieder an zu weinen, aber ehe ich etwas tun konnte, tauchte der irische Komiker Billy Brady hinter dem Bürgermeister auf und machte so komische Gesichter, dass das Kind tatsächlich lachen musste.

Es war das erste Mal, dass ich sie lachen hörte. Menschen um uns herum fielen ein, und bald lachte halb Ellis Island.

Der Bürgermeister tätschelte ihren Kopf und gab sie mir zurück.

„Hübsches Kind. Sorgen Sie gut für sie“, sagte er. „Meine Güte, ich könnte einen Whisky und Soda vertragen“, hörte ich ihn zu Billy Brady flüstern, als sie die Halle verließen.

Sieben

Nachdem sie fort waren, wurden kleine papierne Kuchenschachteln verteilt, wie man sie auf Hochzeiten bekommt. Darauf waren „Souvenir der offiziellen Einweihung von Ellis Island, 27. Februar 1901“ und ein Bild des Bürgermeisters gedruckt. Die meisten von uns waren hungrig genug, den Kuchen gleich zu essen, ohne das Bild zu bemerken. Wir waren gerade fertig, als uns Mr. McSweeney, der Verwalter, noch einmal durch das Megafon ansprach.

„Es tut mir leid, aber der Besuch des Bürgermeisters hat es unmöglich gemacht, heute alle abzuwickeln. Die von Ihnen in den hinteren Reihen bekommen Abendessen und verbringen die Nacht in den neuen Schlafsälen, hier auf der Insel. Aber keine Sorge, wir versuchen Sie morgen so schnell wie möglich durchzubekommen.“ Diese Nachricht wurde in anderen Sprachen wiederholt, ich sah, wie Menschen sich auf den Bänken umdrehten und miteinander tuschelten, aber sie machten kein Aufhebens darum wie die Iren und Engländer um mich herum. Ich vermute, dass sie in ihren Ländern daran gewöhnt waren, dass Dinge schiefliefen und sie nicht in der Lage waren, etwas daran zu ändern.

„Also, vorwärts. Halten Sie sich ran. Ab zum Futtern“, bellte ein Wachmann, kaum dass die Würdenträger verschwunden waren. Ich sammelte die Kinder auf und stolperte dem Beamten benebelt hinterher. Ich hatte bis hierher alles so gut verkraftet, aber mich aufzufordern, eine weitere Nacht zu warten und zu bangen, war einfach zu viel. Ich fühlte mich, als würde ich jeden Moment weinen. Ich presste die Lippen aufeinander und schlurfte den anderen Einwanderern hinterher, als wir in einen mit langen Tischen gefüllten Speisesaal geführt wurden. Es gab Schmorfleisch und Kartoffeln, dazu Weißbrot und Milch. Einige der Fremden fielen über das Weißbrot her, als ob sie nie zuvor von einer solchen Delikatesse gekostet hätten.

Nachdem wir gegessen hatten, mussten die Frauen einem Wachmann folgen, während die Männer einem anderen folgten. Wir wurden durch ein Gebäude hindurch und dann eine Treppe hinauf in einen Schlafsaal mit eisernen Betten geführt.

„Wenn es nicht genug Betten gibt, müssen Sie mit dem Boden auskommen“, sagte der Wachmann und wirkte gleichgültig. „Es gibt zusätzliche Decken, auf denen Sie schlafen können.“

Glücklicherweise bekamen wir ein Bett. Bridie hatte sich bis hierhin so gut gehalten, aber der Anblick dieses großen Raums voll von fremden Frauen war zu viel für sie. Sie brach in Tränen aus. „Ich will nach Hause. Ich mag es hier nicht.“ Ich presste sie an mich, ehe sie so laut „Ich will zu meiner Mama“ jammerte, dass die ganze Welt es hören konnte. Ich wiegte sie, hielt sie und sang ihr vor, bis sie schließlich erschöpft einschlief. Seamus rollte sich ein und schlief auch bald. Ich lag neben ihnen, starrte an die Decke und zwang mich einzuschlafen. Der Raum war erfüllt von seltsamen und unbehaglichen Geräuschen – das Zischen und Klopfen der Heizungsrohre hielt mich wach. Ich war noch nie in einem Raum mit Heizung gewesen und fand es ungemütlich heiß. Dann war da das Seufzen des Windes, das schwermütige Blöken von Nebelhörnern und das Schlagen der Wellen, das sich mit dem Schnarchen und Husten von hundert anderen Frauen vermischte.

Noch ein Tag und ich würde frei sein. Wenn ich nur noch einen Tag durchhielt ... wenn O’Malley mich nicht verriet ... wenn die Kinder mich nicht preisgaben ... wenn die englische Polizei mich nicht zur Fahndung ausgeschrieben hatte. Ich betete sehr selten, aber jetzt betete ich. Heilige Mutter Gottes, lass es bald vorbei sein. Bring mich hier heraus und ich sage für den Rest meines Lebens jeden Tag Ave-Marias.

Ich driftete in einen unruhigen Schlaf ab, bis ich mitten in der Nacht hochfuhr. Ein einzelnes, schwaches Licht warf lange Schatten durch den Raum. Geräusche von Schlaf flüsterten um mich herum. Ich streckte die Arme aus und berührte die Kühle des Lakens. Bridie lag nicht neben mir im Bett. Ich sprang auf und sah mich um. Seamus lag wie ein kleines Tier zusammengerollt da und schlief fest. In den benachbarten Liegen bewegte sich niemand. Von Bridie war nichts zu sehen.

Ich spürte mein Herz panisch klopfen, als ich mich zwischen den Bettreihen hindurchbewegte, ihren Namen flüsterte, mich bückte, um unter jedem Bett zu suchen, und vorsichtig über jeden schlafenden Körper stieg, bis ich den gesamten Schlafsaal abgesucht hatte. Sie war nicht da. Ich rannte in den Flur hinaus. Ein schwaches Licht leuchtete am anderen Ende. Wo konnte sie hingegangen sein? Was hätte ein Kind wie sie, das Angst vor seinem eigenen Schatten hatte, dazu veranlasst, in die furchterregenden, unbekannten Schatten eines unvertrauten Gebäudes zu laufen?

Es gab zwei Waschräume, vom Schlafsaal aus gleich den Flur runter. Ich sah in beiden nach, aber auch dort war sie nicht. Ich musste jemanden wecken, entschied ich. Ich musste Hilfe holen. Ich rannte los, blindlings, meine Schritte hallten von den frisch gestrichenen Wänden und Steinböden wider. Jemand musste in der unheimlichen Stille dieses schlafenden Gebäudes wach sein. Ich kam um eine Ecke und da war sie, ging auf eine Türöffnung zu.

„Bridie“, rief ich. Sie antwortete nicht. Ich rannte zu ihr und packte sie, ehe sie den Raum betreten konnte. „Bridie, was in aller Welt hast du dir dabei gedacht ...“ Dann sah ich, dass ihre Augen weit offenstanden und ins Nichts starrten, wie bei einer Besessenen. Ich brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, dass sie schlafwandelte. Armes, kleines Ding. Nach all den Schrecken des Tages war es kein Wunder, dass ihr Schlaf unruhig war. Ich erinnerte mich, dass es gefährlich sein kann, Schlafwandelnde unvermittelt zu wecken. Ich trat vor sie und wollte mich gerade hinknien, um sie so sanft wie möglich zu wecken, als eine Gestalt aus dem dunklen Raum vor uns auftauchte.

„Wo zur Hölle glauben Sie, gehen Sie hin?“, bellte eine laute Stimme.

Ich hob das verängstigte Kind hoch, sah auf und erblickte einen großen Mann mit Schirmmütze und der mit Borte besetzten Uniform eines Wachmannes.

„Das ist der Männerschlafsaal“, sagte er und kam auf so bedrohliche Weise auf uns zu, dass ich fluchtartig zurückwich. „Was treiben Sie sich hier herum?“

„Es tut mir leid, aber das kleine Mädchen hat geschlafwandelt“, sagte ich. „Es gibt keinen Grund uns anzuschreien. Wir gehen augenblicklich in den Frauenschlafsaal zurück.“

„Und bleiben Sie gefälligst dort“, donnerte er. „Oder Sie werden dahin zurückgeschickt, wo Sie herkommen.“

Ich konnte spüren, wie er uns beobachtete, während ich das schluchzende Kind wieder in die Sicherheit des Frauenschlafsaals trug. Als ich wieder einschlief, hatte ich meinen Arm eng um Bridie geschlungen. Ich ging kein Risiko ein.

Frauen bewegten sich um mich herum. Es war kaum hell und ausgesprochen kalt. Gewiss gab es keinen Grund, uns vor Sonnenaufgang zu wecken, oder? Aber draußen im Flur brannten Lichter, ich konnte aufgebrachte Stimmen hören und das Geräusch rennender Schritte. Etwas stimmte nicht. Ein Feuer? Vielleicht war dieses großartige, neue Gebäude nicht ganz so brandsicher, wie sie dachten. Aber ich konnte keinen Rauch riechen, und die Temperatur konnte man gewiss nicht als warm bezeichnen.

In diesem Moment wurde das elektrische Licht in unserem Schlafsaal angeschaltet und ein Wachmann stand in der Tür. „Alle aufstehen und nach unten in den Speisesaal“, befahl er. „Da unten gibt es Kaffee. Warten Sie, bis Ihnen gesagt wird, was Sie als Nächstes tun sollen.“

Er trieb uns eilig hinaus und die Treppen hinunter in den Speisesaal. Männer von unserem Schiff saßen bereits an einem der langen Tische. Ehefrauen schlossen sich ihren Männern an. Ich konnte das Flüstern hören, das sich wie ein Lauffeuer von Tisch zu Tisch verbreitete. „Ja, genau in unserem Raum. Ich habe es selbst gesehen. Es war schrecklich ... armer Kerl ...“

Ich sah Michael Larkin zwischen den Männern sitzen. Er sah immer blass aus, aber heute war er förmlich kreidebleich. Ich eilte zu ihm hinüber. „Ich bin froh zu sehen, dass Sie noch hier sind“, sagte ich. „Wissen Sie, was passiert ist?“

Eine Frau lehnte sich über ihn. „Ein Mann wurde getötet“, sagte sie mit heiserem Flüstern.

„Ein Unfall?“, fragte ich.

Ein Mann etwas weiter den Tisch herunter lehnte sich zu uns. „Kein Unfall. Dem Kerl wurde die Kehle aufgeschlitzt, von Ohr zu Ohr.“

„Ein Kampf?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Muss passiert sein, während er schlief. Jemand, der wusste, was er tat, so viel ist sicher – und es war ein verdammt scharfes Messer. Ich war nur drei Betten entfernt und habe nichts gehört. Keiner von uns hat etwas gehört.“

„Der arme Mann“, sagte die Frau neben mir und bekreuzigte sich. „Ist den ganzen Weg hierhergekommen und dann das. Dennoch, er hat Streit gesucht, nicht wahr?“

„Wer war es?“, fragte ich. „Jemand, den wir kannten?“ Ehe Michael etwas sagen konnte, sprach die Frau wieder. „Na, es war dieser O’Malley“, sagte sie. „Der, dem Sie ins Gesicht geschlagen haben.“

Ich muss gestehen, dass meine erste Reaktion Erleichterung war. O’Malley war tot. Er würde mir keinen Ärger mit den Einwanderungsinspektoren machen. Er würde nicht darauf warten, mir mein Leben in New York schwer zu machen. Er würde niemandem mehr Ärger machen. Er war tot. Ich wusste, dass jede gute Katholikin in diesem Augenblick für seine unsterbliche Seele beten würde, aber ich war nie eine gute Katholikin gewesen. Ich war froh, dass er tot war. Nun war ich der Sicherheit einen Schritt näher.

Ich zwängte mich mit den Kindern neben Michael auf die Bank.

„Das war in Ihrem Schlafsaal, ja?“, fragte ich. Er sah noch immer schockiert und aschfahl aus.

„Ich habe ihn entdeckt“, sagte Michael. „Seine Kehle ... er trug dieses rote Halstuch ... leuchtend rot ... und all das Blut ...“ Er schloss die Augen und erschauderte. „Ich wollte ihm übel, aber nicht so. Kein Mensch sollte so geschlachtet werden ...“

Ich legte ihm eine Hand auf den Arm. „Hier, trinken Sie eine Tasse Kaffee. Sie werden sich besser fühlen.“

Nach etwa einer Stunde des Sitzens, Wartens und Mutmaßens wurden wir in die große Halle geführt, die sie den Registrierraum nannten. Wir waren so wenige, dass wir nur die vorderen Bänke füllten, und die Halle warf das Echo unserer Schritte zurück. Man hatte offensichtlich keine weiteren Schiffe anlanden lassen. In dem großen Raum war es ohne die Hitze der vielen Körper kalt und zugig. Ich stellte fest, dass ich zitterte, und wickelte mein Schultertuch fest um mich.

Bridie, die von den Schrecken der Nacht nichts ahnte, war aufgekratzt und wollte herumrennen. Sie wand sich auf meinem Schoß und jammerte, bis ich Seamus erlaubte, mit ihr in eine Ecke zu gehen, in der auch die anderen Kinder spielten. In diesem Augenblick fiel mir auf, dass Männer die Türöffnungen bewachten – sie trugen nicht die Borten und Schirmmützen der Inselwachmänner, sondern blaue Uniformen und hohe Helme. Ich erkannte sie augenblicklich als Polizisten. Sie standen regungslos da und beobachteten uns.

Eine Gruppe von Männern betrat den Raum. Auch von ihnen waren einige uniformiert, aber der Verwalter, der gestern mit uns gesprochen hatte, war bei ihnen und ins Gespräch mit einem jungen Mann vertieft, der eine Melone trug und die Art Tweedjacke, die man in Irland antreffen würde. Ich fragte mich, ob sie bereits einen Verdächtigen verhaftet hatten, aber dann sah der junge Mann auf, nickte und lachte. Das war also offensichtlich kein Verdächtiger.

Mr. McSweeney trat vor und hob die Hand, um für Stille zu sorgen, obwohl wir seit unserer Ankunft beinahe schweigend dagesessen hatten. „Wie einige von Ihnen gehört haben, gab es eine schreckliche Tragödie. Ein Mann wurde getötet. Man wird Sie bitten, eine Aussage für die Polizei zu machen. Für die, die kein Englisch sprechen, werden Dolmetscher bereitgestellt. Bitte bleiben Sie sitzen, bis man Sie aufruft.“

Dann trat der junge Mann mit der Tweedjacke vor uns. „Wir möchten Ihnen allen für Ihre Geduld danken. Ich bin Captain Daniel Sullivan von der New Yorker Polizei. Ich leite diese Ermittlung.“ Er war muskulös, gut gebaut und sah viel zu jung aus, um der Captain von irgendetwas zu sein. „Wenn jemand von Ihnen etwas weiß, das uns dabei helfen könnte, dieses scheußliche Verbrechen aufzuklären, wenn Sie etwas wissen über den Mann, der getötet wurde, wenn Sie letzte Nacht etwas gesehen oder gehört haben, treten Sie bitte vor und sagen Sie es mir oder einem meiner Männer. Selbst, wenn Sie es für sehr klein oder unbedeutend halten, sagen Sie es uns. Das letzte Boot hat die Insel gestern um sechs Uhr abends verlassen, was bedeutet – und ich bin sicher, das können Sie sich denken –, dass das Verbrechen von jemandem verübt wurde, der letzte Nacht hier war und immer noch unter uns ist. Keiner von ihnen wird diese Insel verlassen, bis wir diese Sache aufgeklärt haben.“

Dolmetscher standen auf und übersetzten vermutlich, was Mr. McSweeney und Captain Sullivan gesagt hatten. Es gab gequältes Stöhnen, als die Fremden verstanden. Der Reihe nach wurden wir zu Tischen geführt, an denen Polizisten und Inspektoren Listen abhakten. Ich ging, als ich an der Reihe war. Sie fragten mich nach meinem Namen und ein Schreiber verglich ihn mit einer Stammliste.

„Reisen Sie allein?“, fragte der Polizist.

„Mit meinen Kindern Seamus und Bridie. Mein Ehemann wird uns treffen, wenn Sie uns hier rauslassen.“ Ich war überrascht, wie leicht mir diese Worte über die Lippen gingen.

Der Polizist lehnte sich über den Tisch und warf einen Blick auf die Stammliste. „Sie sind mit der Majestic hergekommen. Ich sehe, dass Sie aus demselben Teil von Irland stammen wie der Tote. Kannten Sie ihn?“

„Ich habe ihn nie zuvor gesehen, ehe ich auf das Schiff kam.“ Wenigstens musste ich nicht lügen.

„Aber Sie haben auf dem Schiff mit ihm gesprochen?“

„Ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Wir waren sieben Tage lange zusammengepfercht. Jemand machte mich auf ihn aufmerksam und sagte mir seinen Namen. So wusste ich, wer er war. Er war ein lauter Mensch. Man konnte gar nicht anders, als ihn zu bemerken.“

„Wenn Sie laut sagen, meinen Sie aggressiv? Hat er Streit gesucht? Ist Ihnen aufgefallen, dass er mit jemandem Streit hatte?“

Ich konnte schwerlich sagen: Ja, mit mir.

„Nein, ich meinte lediglich, dass er laut gelacht hat, wenn die Männer Karten spielten. Er hatte eine laute Stimme.“

Die Männer tauschten einen Blick, dann nickte der Polizist.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878018
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497610
Schlagworte
Ir-isch-e-r-land New York US-A-merika-n-er-in-isch Krimi-nal-roman-fall Spannung-s-roman klassisch-Who-done-it Tod-es-mord-fall-tat-ort-opfer-ermittlung-en-kommissar

Autor

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Mord auf Ellis Island