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Tödliche Tatsachen

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Alles was Constable Evan Evans möchte ist eine ruhige Zeit mit seiner neuen Verlobten bei seiner Mutter zu verbringen. Doch kaum angekommen warten schockierende Neuigkeiten auf das frisch verliebte Paar: Der Mörder von Evans Vater wird einer weiteren Tat beschuldigt. Nach vier Jahren Jugendstrafe soll er nun die Tochter seines Arbeitgebers getötet haben. Als Evan den Jungen jedocht trifft, ist er erstaunt, dass er keinen eiskalten Killers vorfindet, sondern einen verängstigten jungen Mann, der seine Unschuld beteuert.
Gegen die eigene Vernunft glaubt Evan dem Jungen und beschließt, selbst zu ermitteln, auch wenn seine Vorgesetzten davon alles andere als begeistert sind. Aber kann er seinen Instinkt vertrauen oder werden ihn die Erinnerungen an den Mord seines Vaters in die Knie zwingen?

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe August 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-697-7

Copyright © 2003 by Rhys Bowen. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Evan Only Knows

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von © Simon Annable/shutterstock.com
Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

Dieses Buch ist Helen O’Connell und ihrem Vater gewidmet, Thomas Fearnall aus Nordwales, der auf ihren Wunsch einen Gastauftritt bekam.

Ich danke besonders Sergeant Paul Henwood von der Polizei Südwales in Swansea, der mir mit größter Geduld all meine Fragen beantwortete und sogar so mutig war, mir seine private E-Mail-Adresse zu geben.

Und wie immer danke ich meiner Familie für die Unterstützung und die großartigen Vorschläge.

Glossar walisischer Begriffe

bach – klein. Wird als Kosewort verwendet, ähnlich wie im Englischen „love“ (gesprochen wie der Komponist)

noswaith dda – Guten Abend (sprich: nos-wei-th thah)

cariad – Liebes, Liebling, ein weibliches Kosewort (sprich: ca-ri-ad)

Hen Diawll – alter Teufel, harmloses Schimpfwort wie „Mist“ (sprich: he di-aul-ch)

bara brith – „gesprenkeltes Brot“ (Brot mit Trockenfrüchten) (gesprochen wie geschrieben)

Ydych chi’n siarad cymraeg? – Sprechen Sie Walisisch? (sprich: udich-ein sharad kumrige)

Abertawe – der walisische Name von Swansea, bedeutet: Mündung der Tawe (sprich: aber-tah-wey)

Escob Annwyl – lieber Bischof, Ausruf leichten Entsetzens (sprich: escobe an whiel)

Nain – nordwalisische Bezeichnung für „Großmutter“ (sprich: nein)

eisteddfod – walisisches Kulturfest, bedeutet wörtlich „Sitzung“ (sprich: ei-steth-fod)

cawl – eine dicke Lammsuppe (sprich: kauwl)

Kapitel 1

Der Land Rover hielt ruckartig am Rand der schmalen Straße an. Ein junger Mann sprang heraus, sein mausbraunes Haar und sein käsiges Gesicht verschmolzen mit dem Beige seines Regenmantels. Es war Hochsommer und der Himmel war wolkenlos, was den Regenmantel sehr deplatziert wirken ließ. Die grünen Gummistiefel wirkten ebenso deplatziert und schienen ihm zu groß zu sein. Er hielt inne, blickte und lauschte die Passstraße hinauf und hinunter, ehe er etwas vom Sitz des Land Rovers schnappte und zu einem nahen Mauerübertritt sprintete. Er sah sich noch einmal um, ehe er den Übertritt spinnennetzartig mit leuchtend gelbem Plastikband umwickelte. BETRETEN VERBOTEN stand darauf. Als der Übertritt erfolgreich versperrt war, rannte der junge Mann zum Land Rover zurück und fuhr so schnell los, dass Kies unter den Reifen hervorspritzte. Während er die Passstraße hinauffuhr, nahm er ein Handy in die Hand und drückte die Wahlwiederholung.

„Sektor drei ist jetzt gesichert, Sir“, sagte er.

„Gute Arbeit“, ertönte eine knisternde Stimme am anderen Ende. „Jetzt verschwinden Sie da, ehe man es bemerkt.“

 

Im selben Augenblick fuhr ein älterer Land Rover mit einschläfernden fünfundvierzig Stundenkilometern den Llanberis-Pass hinauf, was den Fahrer des weißen Transporters dahinter offensichtlich zur Weißglut trieb. Der Transporter trug die Aufschrift: LAUCH – DAS STOLZE SYMBOL VON WALES, VERHINDERT ROHRBRÜCHE – der stolze Werbeslogan von Klempner-Roberts aus Bangor. Er versuchte mehrfach zu überholen, musste sich aber auf ohnmächtiges Gehupe beschränken, das der Fahrer des Rovers nicht zu hören schien.

Endlich, jenseits des kleinen Dorfes Nant Peris, bog der Rover auf den Parkplatz eines alten Friedhofs ein. Drei Schafe, die auf dem Gras rund um die mit Flechten bedeckten Grabsteine gegrast hatten, sprangen beim Geräusch des herannahenden Wagens erschrocken auf und trabten hinter die alte Kirche, wo sie sich sicherer fühlten. Der Türen des Land Rovers öffneten sich und drei ältere Herren stiegen aus. Sie alle streckten langsam und vorsichtig ihre knirschenden Gelenke. Obwohl sie keine Priesterkragen, sondern wetterfeste Windjacken und robuste Wanderschuhe trugen, strahlten ihre Gesichter unschuldige Überraschung und Weltfremdheit aus, die man üblicherweise nur bei Chorknaben oder Mönchen sah. Doch die drei waren Vikare der Church of England und kannten das enthaltsame Klosterleben nicht. Sie standen da, atmeten tief durch und sahen sich erwartungsvoll um.

„Ich wette, diese alten Steine haben viele Geschichten zu erzählen“, sagte einer von ihnen und ging zu der bemoosten Friedhofsmauer hinüber.

„Wenn sie es täten, würden Sie nicht viel davon verstehen, weil es auf Walisisch wäre.“ Der Zweite, dessen Aussehen einer Putte am nächsten kam, kicherte.

„Wie auch immer, wir haben jetzt keine Zeit, um uns hier umzusehen.“ Der Dritte, schlanker und besser in Form als seine Kollegen, setzte einen Rucksack auf. „Wir müssen den Gipfel erreichen, ehe das Wetter umschlägt.“ Er hob den Blick zu den Bergen, die zu beiden Seiten steil anstiegen. Der Himmel war makellos blau, weit und breit war keine Wolke zu sehen.

Dann wandte er dem Friedhof den Rücken zu und überquerte die Straße, wo ein Schild einen Wanderweg in die grünen Hänge auswies. Seine Begleiter folgten ihm, bis sie an einen Übertritt an einer Bruchsteinmauer gelangten. Hinter der Mauer stieg eine mit Schafen gesprenkelte Weide an, aber der Übertritt war nicht passierbar. Er war mit gelbem Plastikband umwickelt.

Der vorderste der Geistlichen hielt an und ließ seine Kollegen aufholen.

„Das können sie doch nicht machen!“, rief er mit vor Wut gerötetem Gesicht, während er auf den versperrten Übertritt deutete. „Das ist ein öffentlicher Weg. Und wenn so ein sturer Bauer glaubt, dass er uns mit etwas Absperrband davon abhalten kann, sein Feld zu überqueren, dann hat er falsch gedacht.“

„Ruhig Blut, Ronald“, sagte der puttenhafte Vikar und legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter. „Vielleicht wird der Weg ausgebessert oder steht unter Wasser. Es gibt sicher genug alternative Strecken zum Gipfel.“

„Er hat recht, alter Mann“, sagte der dritte Geistliche in einem trägen, vornehmen Tonfall. „Es bringt nichts, grundlos den Blutdruck hochzutreiben. Erinnern Sie sich daran, was der Arzt gesagt hat.“

Ronald seufzte und wandte sich ab. „Sie haben recht. Lassen Sie uns auf die Karte schauen und sehen, wo die anderen Wege starten.“

Keine zehn Minuten später standen sie weiter oben an der Passstraße vor einem ähnlichen Übertritt, und sahen sich einem ähnlichen gelben Band und den auf ein Stück Pappe gekritzelten Worten ZUTRITT VERBOTEN gegenüber. Dieses Mal ging Ronald beinahe in die Luft.

„Jetzt reicht’s. Zurück zum Wagen. Wir suchen uns die nächste Polizeistation und sorgen dafür, dass dieser Bauer den verdammten öffentlichen Weg freigibt!“

 

„Tut mir leid, Jungs, aber mir sind die Hände gebunden.“ Superintendent Meredith breitete die Hände zu einer entschuldigenden Geste aus, als wolle er widerlegen, was er gerade gesagt hatte. Er war ein dicker Mann mit mehr als einem Kinn, die zitterten, als er den Kopf schüttelte. „Wir haben von denen da oben die Anweisung bekommen, dass wir das Landwirtschaftsministerium in dieser unangenehmen Angelegenheit tatkräftig unterstützen sollen.“

„Das wird nicht leicht“, murmelte jemand im Publikum.

„Hört mal, ich weiß, dass es nicht leicht wird, besonders für diejenigen unter uns, die eng mit der Gemeinde zusammenarbeiten, aber es muss getan werden.“ Der Superintendent versuchte sich an einem verständnisvollen Lächeln. „Mir geht es damit genauso schlecht wie Ihnen. Aber sie muss aufgehalten wären. Sie hätte schon aufgehalten werden müssen, ehe sie Wales erreichte. Das wäre auch möglich gewesen, wenn man nicht Däumchen gedreht hätte, bis es zu spät war.“

„Die verdammten Engländer, wann kam von denen je etwas anderes als schlechte Nachrichten?“, ertönte ein geknurrter Zwischenruf aus dem hinteren Teil des Raumes.

Falls der Superintendent ihn hörte, ließ er es sich nicht anmerken. „Wir müssen uns also einfach ins Zeug legen, zusammen an einem Strang ziehen und sicherstellen, dass es keine Unannehmlichkeiten gibt, nicht wahr?“ Er nickte als Einziger. „Das Landwirtschaftsministerium ist bereits vor Ort. Sie werden bei Bedarf um Unterstützung bitten.“ Er blickte in ausdruckslose Gesichter, dann fuhr er fort: „Das wär’s dann. Lassen Sie uns das so reibungslos wie möglich über die Bühne bringen, in Ordnung? Und wenn sich Komplikationen abzeichnen, zögern Sie nicht, Verstärkung anzufordern. Verstanden? Also dann.“ Er stand auf, wischte sich die Hände ab, als befänden sich Krümel daran, und schritt aus dem Raum.

„Zusammen an einem Strang ziehen, am Arsch“, murmelte einer der jungen Polizisten, während Stühle gerückt wurden und sie aufstanden.

Constable Meirion Morgan passte sich dem Tempo eines Kollegen an. „Für ihn ist ja alles klar, nicht wahr, Evan ... er sitzt hier in seinem Büro. Ich wette, er hat sich einer Schafsherde noch nie auf weniger als dreißig Kilometer genähert.“

Der Kollege, den er angesprochen hatte, Constable Evan Evans, lächelte zustimmend. Er war ein großer Mann mit der Statur eines Rugbyspielers und einem knabenhaften Gesicht, das bei den Frauen gut ankam. „Wissen Sie, was ich hoffe, Meirion?“, flüsterte er vertraulich. „Ich hoffe bloß, dass sie sich Zeit lassen, ehe sie uns auf den Berg schicken.“

Meirion Morgan erwiderte das Grinsen. „Oh, richtig. Sie wechseln ja zu den Zivilfahndern, nicht wahr?“

„Nächste Woche soll mein Kurs anfangen.“

„Glückspilz“, sagte Meirion. „Aber das soll nicht heißen, dass Sie es nicht verdient hätten.“

„Ich habe lang genug auf die Bewilligung der Versetzung gewartet“, sagte Evan. „Ich habe sie vor über einem Jahr beantragt. Ich dachte schon so langsam, dass sie nie zustimmen würden.“

„Es wäre ziemlich dumm gewesen, das zu versäumen, bei der ganzen Hilfe, die Sie schon geleistet haben.“

„Die Leute dort sind nicht immer so dankbar über Hilfe von außen, nicht wahr?“, kommentierte Evan.

Sie schlossen sich der Menge an, die aus dem Besprechungsraum drängte. „Sie wollen das wirklich tun, ja?“, fragte Meirion. „Ich kann nicht behaupten, dass das für mich ansprechend klingt. Zu viel Stress und furchtbare Arbeitszeiten. Ich nehme an, dass mir dafür der Ehrgeiz fehlt, aber es gefällt mir, zu einer vernünftigen Zeit nach Hause zu kommen und nicht um drei Uhr morgens rausgeklingelt zu werden.“

„Ich glaube, es wird mir Spaß machen“, sagte Evan. „Ich habe schon einmal eine Weiterbildung für die Kriminalpolizei angefangen, als ich noch bei der Truppe unten in Swansea war.“

„Ist das so? Das wusste ich nicht. Was haben Sie ausgerechnet in Swansea getrieben? Sie sehen nicht wie ein Südwaliser aus und klingen auch nicht so.“

Evan lachte. „Ich bin hier oben zur Welt gekommen, aber mein Vater bekam eine Stelle bei der Polizei Südwales, also zogen wir dorthin, als ich zehn Jahre alt war.“

„Und dann waren Sie auch da unten in der Truppe? Was hat Sie dazu bewegt, hierher zurückzuziehen?“

„Mehrere Dinge.“ Evan beließ es dabei. „Meine Mutter lebt noch immer dort.“

„Kann nicht behaupten, dass es mich dort hinzieht“, sagte Meirion, als sie an der Tür zur Kantine vorbeikamen. „Ich war erst einmal in einer Stadt und fühlte mich dort sehr eingeengt, wenn Sie wissen, was ich meine. Noch eine Tasse Tee?“

„Nein, danke, ich sollte besser zurückfahren“, sagte Evan. „Ich bin oben in Llanfair ganz allein, und wenn ich weg bin, scheint immer irgendetwas zu passieren.“

„Sie haben in der Gegend mehrere Bauernhöfe, oder?“ Meirion zog eine Grimasse. „Wir auch. Ich freue mich überhaupt nicht darauf, aber der Superintendent hat recht. Es muss getan werden.“

Er nickte Evan freundlich zu, während er die Schwingtür zur Kantine aufdrückte. Evan wehte der Geruch von Würstchen mit Pommes frites in die Nase, als die Tür wieder zuschwang. Er hielt inne und blickte sehnsüchtig zurück. Er überlebte jetzt seit einigen Monaten ganz auf sich alleingestellt, und er war nicht der beste Koch der Welt. Nachdem er sein ganzes Leben lang erst zu Hause gelebt hatte und dann von Mrs. Williams versorgt worden war, stellte er in letzter Zeit fest, dass Kochen nicht so leicht war, wie es schien. Dinge, die einfach aussahen, verlangten üblicherweise nach Zutaten, die er nicht besaß und sahen hinterher nie so aus wie in den Kochbüchern. Natürlich konnte er im Red Dragon auf der anderen Straßenseite jederzeit eine Fleischpastete oder Würstchen bekommen, aber das war nicht Ziel der Übung. Er tat sich das alles einzig und allein für Bronwen an. Sie hatte deutlich gemacht, dass sie ihn nicht heiraten würde, ehe er erlebt hatte, wie es war, sich selbst zu versorgen.

Evan trat aus der Polizeistation von Caernarfon und ging zu seinem Motorrad. Die Versetzung zur Kriminalabteilung hatte noch etwas Gutes, stellte er fest. Er würde das verdammte Motorrad abgeben. Sie waren den Beamten von Außenstellen als Teil einer Produktivitätsmaßname zugewiesen worden, damit diese leichter die Bauernhöfe im Umkreis erreichen konnten. Aber Evan war damit nie so richtig warm geworden. Der Wind und der Regen in seinem Gesicht machten ihm nichts aus. Er war immerhin in den Bergen aufgewachsen. Motorräder reizten ihn einfach nicht.

Er trat auf den Anlasser und fuhr vom Parkplatz der Polizeistation. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn man ihm eine dieser eindrucksvollen 1000-Kubik-Maschinen zugewiesen hätte, aber sein Motorrad war so kraftlos, dass er damit kaum die Steigung bis nach Llanfair hinaufkam. Jeder beliebige Einbrecher könnte ihm einen Berghang hinauf mühelos entkommen.

Er ließ das letzte Wohngebiet hinter sich und jetzt schwangen sich auf beiden Seiten grüne Gebirgswiesen in die Höhe. Ein Bach plätscherte fröhlich neben ihm, Blumen wuchsen im Überfluss und ergossen sich über die Bruchsteinmauern. Die Hochweiden waren mit Schafen übersät. Es war die perfekte Landidylle, ein Anblick, den er üblicherweise voll auskostete. Aber heute sah er sich mit einem mulmigen Gefühl um. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Vielleicht würde nichts je wieder so werden, wie es war.

Das Dorf Llanberis war von Familien im Urlaub überlaufen. Die Eisverkäufer und Souvenirgeschäfte machten gute Geschäfte. Eine lange Schlange wartete vor der Zahnradbahn zum Mount Snowdon, und ein fröhliches Pfeifen verkündete, dass sie gerade die Fahrt zum Gipfel begonnen hatte. Evan wurde langsamer, als Urlauber mit ihren Kindern und tropfender Eiscreme über die Straße schlenderten. Er fragte sich, was aus ihnen werden würde. Musste man sie alle nach Hause schicken? Würde das ganze Gebiet unter Quarantäne gestellt werden?

Er manövrierte erfolgreich durch die Menge aus Urlaubern und gab Gas, als die Straße schmaler wurde und sich die Passstraße vor ihm ins Hochland schlängelte. Der Wind in seinem Gesicht versetzte ihn in freudige Erregung. Grüne Wände ragten zu beiden Seiten in die Höhe. Weiter oben schlossen sich Geröllhalden an und die felsigen Klippen, die er so gut kannte – der Snowdon und seine Felszungen zu seiner Rechten und jenseits des schmalen Sees die Zwillingsgipfel von Glydrs zu seiner Linken. Evan kannte den Pfad hinauf in die Berge, jede anspruchsvolle Kletterstelle, aber er hatte in jüngster Zeit nicht viel Zeit zum Klettern gefunden.

Nant Peris, mit seiner alten Kirche und dem alten Friedhof, zog rechts an ihm vorbei. Bis Llanfair gab es keine Häuser mehr. Als er an seiner kleinen Polizeinebenstelle vorfuhr, sah er dort einen geparkten Wagen und einen weißhaarigen Mann, der an der Eingangstür stand. Als er Evan hörte, kam er auf ihn zu.

„Sind Sie der Beamte, der hier seinen Dienst tun soll?“, fragte er in kultiviertem Englisch.

„Ganz recht, Sir. Constable Evans. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Sollten Polizeistationen nicht durchgehend besetzt sein?“

„Tut mir leid, Sir. Ich bin der einzige Beamte hier oben und ich wurde runter ins Hauptquartier gerufen“, sagte Evan. „An der Außenmauer hängt ein Telefon, und man wird im Notfall immer einen Streifenwagen herschicken. Also, was kann ich für Sie tun?“

„Sie können losziehen und mit einigen dieser verdammten Bauern reden“, sagte der Mann. „Wir machen hier Wanderurlaub und wollten gerade zum Glydr Fach hinaufwandern, als wir feststellten, dass der Weg versperrt ist.“ Evan blickte zum Wagen hinüber, von wo aus zwei ältere Männer mit puttenhaften Gesichtern sie durch heruntergekurbelte Fenster beobachteten. „Meine Vikarskollegen und ich sind seit 1956 jeden Sommer hier, und bislang hatten wir nie Probleme.“

Evan realisierte gerade, was die Beschwerde des Mannes bedeutete. „Sie sagen, der Weg wurde blockiert?“, fragte er.

„Eher abgesperrt“, klinkte sich einer der älteren Herren vom Auto aus ein. „Jede Menge gelbes Plastikband. Und nicht nur bei einem Weg. Wir sind zum zweiten Wanderweg gefahren, und auch der ist abgesperrt. Und da steht ‚Zutritt verboten‘.“

„Irgendein dickköpfiger Bauer will uns uraltes Wegerecht verwehren“, sagte der erste Mann. „Das passiert ab und zu. Irgendein Kerl glaubt, er könne den öffentlichen Fußweg über sein Grundstück ignorieren. Aber wir lassen niemals zu, dass sie damit durchkommen. Wir hätten gerne, dass Sie zu ihm gehen und mit ihm sprechen, Constable. Lassen Sie ihn wissen, dass es gegen das Gesetz verstößt, einen öffentlichen Weg zu blockieren.“

„Ich werde mir das mit Ihnen ansehen“, sagte Evan, „aber ich glaube nicht, dass dieses Mal der Landwirt etwas damit zu tun hat. Ich weiß nicht, ob Sie Zeitung lesen, aber ich fürchte, dass sich die Maul- und Klauenseuche bis in diesen Teil von Wales ausgebreitet hat. Ich war gerade bei einer Einsatzbesprechung in Caernarfon, und es sieht nicht gut aus. Anscheinend ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Landwirte ihre Herden notschlachten müssen.“

Die Wut des Mannes verpuffte. „Das ist ja schrecklich“, sagte er besorgt. „Dann glauben Sie, dass man deshalb die Wanderwege abgesperrt hat?“

„Kann ich mir gut vorstellen, Sir. Ich hörte, dass die Leute vom Landwirtschaftsministerium bereits in der Gegend sind und Kontrollen durchführen. Und sie werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern – was auch das Schließen von Wanderwegen beinhalten kann, schätze ich.“

„Natürlich, das verstehe ich durchaus“, sagte der Vikar und nickte seinen Kollegen zu. „Man will ja nicht riskieren, dass jemand an seinen Schuhen verseuchte Erde herumschleppt. Ich muss schon sagen, das ist ein Rückschlag.“

„Das wird uns den ganzen Urlaub verderben“, sagte einer der Männer im Auto.

„Ich glaube, das wird vielen den Urlaub verderben“, sagte Evan. „Der Zeitpunkt hätte nicht ungünstiger sein können, genau zum Beginn der Sommerferien. Das wird eine Katastrophe für den hiesigen Tourismus.“

„Ja, ich schätze schon. Daran habe ich gar nicht gedacht.“ Der Vikar stand da und starrte mit wehmütigem Blick in die Berge hinauf. „Was schlagen Sie vor, Constable? Sollten wir so schnell wie möglich abreisen und andernorts unser Glück versuchen?“

Evan blickte zum Hang hinauf, von wo aus gelegentlich das Blöken der Schafe herüberdrang. „Sie alle sind Geistliche, sagen Sie? Dann schlage ich vor, dass Sie gewissenhaft beten. Wir werden es brauchen.“

Kapitel 2

Evan sah dem abfahrenden Wagen nach. Er konnte sich vorstellen, dass sich in der ganzen Gegend ähnliche Szenen abspielten, Familien, die zusammenpackten und abreisten, Souvenirläden und Cafés ohne Kundschaft. Jeder in der Gegend würde auf irgendeine Weise davon betroffen sein. Aber mit etwas Glück würde er außen vor bleiben – während er in einem Klassenzimmer in Colwyn Bay säße und sich Notizen zur Kunst der Überwachung und der Psychologie des kriminellen Verstandes machte. Er stand vor der Polizeistation und blickte zu den Hängen hinauf. Einige der diesjährigen Lämmer, mittlerweile fett und flauschig, jagten sich in einem letzten Anflug jugendlicher Ausgelassenheit gegenseitig. Weiter oben am Hang konnte er das quadratische, weiße Gebäude von Owens’ Hof sehen. Während er so in die Ferne blickte, kam eine gedrungene, robuste Gestalt in Leinenmütze und Gummistiefeln zielstrebig den Pfad zum Dorf herunter. Zwei schwarzweiße Schäferhunde waren ihm auf den Fersen. Landwirt Owens war auf dem Weg ins Dorf. Evan fragte sich, ob er schon von den schlechten Neuigkeiten gehört hatte. Falls nicht, wäre es schöner, wenn er es von Evan selbst erfuhr, als von einem aufdringlichen, jungen Kerl aus dem Landwirtschaftsministerium. Er eilte dem Mann entgegen.

Die beiden Hunde kamen ihm mit wild wedelnden Schwänzen entgegen.

„Mot, Gel, hierher“, befahl der Landwirt und die Hunde hasteten zu ihm zurück.

„Ich wollte mit Ihnen sprechen, Mr. Owens“, sagte Evan.

„Und ich war gerade auf dem Weg zu Ihnen, Constable Evans“, sagte der Landwirt. „Ich muss bestimmt zehnmal in der Station angerufen haben und es ging immer nur der verdammte Anrufbeantworter dran.“

Evan fiel auf, dass der Landwirt ihn Constable genannt hatte, statt ihn mit seinem Vornamen anzusprechen. „Dann haben Sie es schon gehört, ja?“, fragte er. „Ich wollte Sie gerade warnen.“

„Nun, dann sind Sie verdammt spät dran“, blaffte Landwirt Owens. „So ein blassgesichtiger, junger Scheißkerl in einem Regenmantel hat mir mitgeteilt, dass ich bis auf Weiteres unter Quarantäne stehe. Ich darf mein Vieh nicht bewegen; ich darf mein Vieh nicht verkaufen. Ich habe eine Weide voller fetter Lämmer, die für den Markt bereit sind. Was glauben die, wer sie sind, aus London hier raus zu kommen und uns herumzukommandieren?“

„Ich schätze, sie machen nur ihre Arbeit“, sagte Evan und zuckte ob der Banalität seiner eigenen Aussage zusammen. „Sie versuchen, die weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern.“

„Dann leisten sie ziemlich schlechte Arbeit, oder? Man hätte sie in Cumberland eindämmen können, als noch die Möglichkeit bestand.“

„Da stimme ich zu, aber ihnen war offensichtlich nicht klar, wie ernst die Sache werden würde. Überlegen Sie nur, wie schnell sie die Pennies überquert und sich in den Lake District ausgebreitet hat.“

„Aber ich habe noch von keinem Fall in dieser Gegend gehört“, sagte Landwirt Owens. „Was gibt ihnen das Recht, rumzugehen und wahllos Viehbestände abzuschlachten, nur für den Fall, dass die Seuche sich bis hierher ausbreitet?“

„Ich schätze, sie versuchen eine Art Feuerschneise anzulegen, um die Ausbreitung nach Süden zu verhindern.“

„Meine Tiere werden nicht für deren Feuerschneise herhalten“, sagte Farmer Owens so wutentbrannt, dass seine Hunde den Kopf einzogen. „Wissen Sie, wie lange ich gebraucht habe, um diese Bestände aufzubauen? Ich habe ein paar Zuchtböcke, die mich ein ganzes Jahreseinkommen gekostet haben. Und dann kommt ein junger Idiot aus Whitehall und sagt mir, dass ich kooperieren soll, wenn die Armee kommt, um sie abzuschlachten?“

„Hören Sie, es tut mir wirklich leid“, sagte Evans.

„Eine Entschuldigung ist nicht genug. Also, ich werde das nicht einfach so über mich ergehen lassen, das kann ich Ihnen sagen, Evan bach. Es ist mein Land und ich habe das Recht, Eindringlinge davon fernzuhalten, oder?“

„Eindringline ja, aber ...“

„Dann verlange ich Ihre Hilfe, um das durchzusetzen. Den nächsten jungen Wicht im Regenmantel, der durch mein Tor kommt, verhaften Sie, verdammt noch mal.“

Evan lachte. „Sie wissen, dass ich das nicht tun kann.“

„Dann werde ich mich selbst darum kümmern müssen. Aber ich warne Sie – sollen die nur versuchen, mit ihren Armee-Lastern zu meinem Hof zu kommen. Es wird ihnen nicht leichtfallen. Ich werde Straßensperren auf beiden Zufahrten errichten und mit meiner Schrotflinte auf sie warten.“

Evan kicherte nervös. „Kommen Sie schon, Mr. Owens. Wem soll das helfen, wenn Sie im Gefängnis landen?“

„Ich setze mich nur zur Wehr, Evan. Ich habe nicht die Absicht, jemanden zu verletzen, aber wenn es mein kleines Geplänkel in die Zeitungen schafft und ich damit öffentliche Sympathien für die Landwirte erzeugen kann, habe ich vielleicht etwas Gutes getan. Ich schreibe noch heute dem Landwirtschaftsminister. Ich werde ihm mitteilen, dass ich meine Böcke vom Rest der Herde getrennt halte, also gibt es keinen Grund, sie abzuschlachten, wenn es dazu kommen sollte.“

Evan gab keine Antwort. Er hatte den Verdacht, dass im Augenblick hunderte solcher Briefe auf dem Schreibtisch des Ministers landeten.

„Ich habe auch überlegt, die Böcke in meinen Transporter zu verfrachten und sie zu meinem Cousin drüben auf Anglesey zu bringen. Diese dämliche Maul- und Klauenseuche wird wohl kaum über das Wasser dort hingelangen können, oder?“

„Und was, wenn Ihre Böcke der Seuche ausgesetzt waren und Sie derjenige sind, der sie übers Wasser bringt?“ Er bückte sich, um den Hütehunden die Köpfe zu tätscheln, damit er dem Landwirt nicht in die Augen blicken musste. „Hören Sie, ich weiß, dass das schlimm für Sie ist, aber allen anderen geht es genauso, nicht wahr? In so einem Moment müssen wir alle für das Gemeinwohl Dinge tun, die uns nicht gefallen. Ich wette, Ihr Vater hatte auch keine Lust, im Zweiten Weltkrieg zu kämpfen, oder? Aber er ist trotzdem gegangen.“

„Sie reden wie ein scheinheiliger, kleiner Mistkerl, das wissen Sie, oder?“ Landwirt Owens starrte Evan an. „Für Sie ist das ja kein Problem, nicht wahr? Was haben Sie zu verlieren? Woher sollen Sie auch wissen, wie es ist, sein ganzes Leben lang für etwas zu arbeiten, um dann zuzusehen, wie es einem genommen wird? Das wird meiner Frau das Herz brechen.“

„Es tut mir wirklich leid ...“

„Das haben Sie schon gesagt. Ich nehme an, dass Sie das wirklich so meinen, aber Sie sind nicht bereit, uns dabei zu helfen, diese Bastarde aufzuhalten, oder? Guten Tag, Constable Evans. Ich habe zu tun. Ich treibe die Herde auf die Hochweiden. Da oben sind sie nicht so leicht zu fangen!“

Er drehte auf dem Absatz um und schritt wieder den Weg hinauf, mit den Hunden an seinen Fersen. Evan blickte ihm noch eine Weile nach, ehe er sich zum Gehen wandte. Als er bei der Polizeistation ankam, blinkte sein Anrufbeantworter wütend. Vermutlich Mr. Owens, dachte er und drückte auf den Knopf zum Abspielen.

„Constable Evans, wo stecken Sie?“, ertönte die herrische, weibliche Stimme, die er nur zu gut kannte. „Etwas Außergewöhnliches ist geschehen. Ich wollte durch das Tor hinter meinem Haus gehen, aber irgendeine bösartige Person hat es mit Absperrband blockiert. Und ich glaube, ich weiß auch, wer es war. Ich sah heute Morgen die Parry Davies mit ihren grässlichen, kleinen Hunden auf dem Pfad. Sie würde genau so etwas tun, um mich zu ärgern. Und einer ihrer Hunde hat auch noch direkt vor dem Tor seine widerliche Visitenkarte hinterlassen. Bitte stellen Sie sie zur Rede. Ich hole meine Schere, um ihr Absperrband zu entfernen.“

Evan seufzte. Ausnahmsweise war Mrs. Powell-Jones, Frau von Hochwürden Powell-Jones, Pfarrer der Beulah-Kapelle, nicht sein größtes Problem. Aber er würde sich ihr stellen müssen, ehe sie mit dem hirnlosen Trottel aneinandergeriet, der ohne Erklärung Fußwege versperrte. Er ließ den Anrufbeantworter weiterlaufen, während er seine Post durchsah. Unter den Briefen war einer aus dem Polizeihauptquartier in Colwyn Bay. Er öffnete ihn erwartungsvoll. Er könnte Einzelheiten über seinen neuen Posten enthalten.

Dann saß er da und starrte entsetzt und ungläubig auf das Papier. Die Nachricht kam vom Chief Constable, kurz und auf den Punkt.

An alle Mitarbeiter der Polizei Nordwales. Aufgrund der aktuellen Notlage werden sämtliche Fortbildungen ausgesetzt. Sämtlicher Urlaub ist, mit Ausnahme von familiären Gründen, bis auf Weiteres gestrichen. Ich hoffe, ich kann auf Sie alle zählen, um diesen schwierigen Prozess reibungslos abzuwickeln.

Evan ließ den Brief fallen, stand auf und ging im Raum auf und ab. Dann gab es also doch kein Entkommen. Er stellte sich vor, Bill Owens zurückhalten zu müssen, während seine hochgeschätzten Böcke zur Schlachtbank geführt wurden, und wie sich dieselbe Szene bei den anderen Landwirten wiederholen würde, die seine Freunde geworden waren. Selbst der Besuch bei Mrs. Powell-Jones schien ihm im Augenblick angenehmer, als grübelnd herumzusitzen.

Überaschenderweise verlief die Begegnung glimpflich. Als Mrs. Powell-Jones verstand, warum ihr hinteres Tor abgesperrt worden war, zeigte sie sich deutlich kooperativer.

„Was auch immer nötig ist, um die Ausbreitung dieser furchtbaren Seuche zu verhindern, Constable Evans – ich tue alles. Sie brauchen nur zu fragen. In einer solchen Krise müssen wir alle an einem Strang ziehen. Im Krieg hat meine Mutter Wundervolles geleistet, wie Sie wissen. Sie hat die gesamte Gemeinde versammelt. Ich werde mit meinem Ehemann sprechen und ein Treffen im Gemeindesaal ansetzen. Wir werden Freiwillige brauchen, die in der Gegend patrouillieren und Eindringlinge von den Feldern fernhalten. Sie können bei dieser Abscheulichkeit anfangen, dem Everest Inn, Constable Evans. Gehen Sie da rauf und rücken Sie denen den Kopf zurecht. Nur weil Menschen herkommen und exorbitante Summen bezahlen, glauben sie, das Recht zu haben, zu wandern und zu klettern, wo es ihnen gefällt.“

Evan verließ sie mit einer ganzen Liste von Anweisungen und dem Wunsch nach einem Drink. Er ging für eine schnelle Zwischenmahlzeit aus Brot und Käse nach Hause und dann auf die andere Straßenseite ins Red Dragon. Er freute sich auf ein Guinness und gute Laune. Die Bar war voll, als er die Tür öffnete und sich unter dem Eichenbalken hindurchduckte. Wie üblich empfingen ihn das Brummen walisischer Unterhaltungen und Silhouetten im rauchigen Mief. Er stand im Eingang und spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel, dann manövrierte er vorsichtig durch die Menge, bis er mit seinem üblichen, fröhlichen „Noswaith dda, allerseits“ an der Bar ankam.

Normalerweise wurde diese Begrüßung wärmstens erwidert, häufig mit dem Angebot, ihm ein Pint auszugeben. Betsy, die Barfrau, strahlte üblicherweise, wenn sie ihn sah, und zog den Ausschnitt ihres T-Shirts ein kleines Stück tiefer, während sie sich provokativ über die Bar lehnte. Heute wurde er allerdings von versteinerten Gesichtern empfangen.

„Hallo, Betsy cariad“, sagte Evan überrascht. „Das Übliche bitte, wenn es dir nichts ausmacht.“

„Ich habe gerade zu tun“, sagte Betsy frostig. „Du wirst warten müssen, bis du dran bist.“

„Moment mal“, sagte Evan. „Habe ich irgendetwas getan, was dich verärgert hat?“

Betsy fuhr seelenruhig damit fort, ein Bier mit perfekter Schaumkrone zu zapfen. „Du hast alle verärgert, oder nicht?“

„Womit?“

„Wenn du das nicht weißt, werden wir es dir nicht sagen.“ Sie stellte das Pint vor einem kleinen, drahtigen Mann ab. „Bitte schön, Charlie bach, trink das, dann wird es dir besser gehen.“

Evan wandte sich an den älteren Mann. „Charlie?“, fragte er. „Was soll das hier?“

Charlie begegnete seinem Blick nur halb. „Schäfer-Owens war schon hier. Er hat uns alles über Sie erzählt. Sie waren nicht einmal mitfühlend. Haben ihm bloß einen Haufen Unsinn darüber erzählt, seine Pflicht zu tun. Ich dachte, Sie wären einer von uns, Evan bach.“

„Natürlich bin ich auf eurer Seite“, sagte Evan. „Aber ich kann nicht viel tun, oder? Ich kann die Leute vom Landwirtschaftsministerium nicht wegen unerlaubten Betretens verhaften, wie Mr. Owens es sich wünscht. Und ich kann ganz sicher nicht untätig zusehen, wie er die Armee mit seiner Schrotflinte in Schach hält.“

„Aber es ist nicht richtig, oder?“, verlangte Charlie Hopkins zu wissen. „Er hat sein ganzes Leben dafür gearbeitet, diese Herde aufzubauen. Wissen Sie, wie viel er einem raffinierten Züchter im Süden für einen dieser Böcke bezahlt hat? Das wird ihn ruinieren, ganz sicher.“

„Es ist ja nicht so, als hätten wir einen Ausbruch in der Gegend, oder?“ Milchmann-Evans wandte sich zu ihnen, um sich am Gespräch zu beteiligen. „Ich habe mit den Milchbauern gesprochen, und keine ihrer Kühe wurde positiv getestet. Trotzdem mussten sie aufhören, ihre Milch zu verkaufen.“

„Wenn ihr meine Meinung hören wollt“, sagte Fleischer-Evans, der dicke, polternde Metzger, und streckte den Kopf zwischen den anderen Männern hindurch, „das ist eine verdammte, englische Verschwörung, um die walisischen Schafe auszurotten. Sie wissen, dass unsere Lämmer besser sind als ihre und höhere Preise erzielen, also ist das eine gute Ausrede, um uns aus dem Weg zu räumen.“

„Oh, kommen Sie, Gareth bach.“ Evan versuchte zu kichern. „Schauen Sie sich nur an, wie viele englische Herden bereits notgeschlachtet werden mussten. Es war wirklich nur eine Frage der Zeit, bis auch wir betroffen sind.“

„Ich stimme Fleischer-Evans ausnahmsweise zu“, sagte Milchmann-Evans und legte dem anderen Mann einen Arm um die Schultern. „Die haben kein Recht, sich in Wales einzumischen. Wir haben jetzt unsere eigene Nationalversammlung, oder? Die sollten die Gesetze machen, nicht ein paar Idioten aus London.“

„Ich sage euch was“, fuhr Fleischer-Evans fort, angestachelt von dem Zuspruch der Umstehenden. „Ich werde hinter Schäfer-Owens stehen, was auch kommen mag.“

„Ich auch.“ Ein gut gebauter, junger Mann in schmutzigem Overall drängte sich in den Kreis. „Ich habe ihm schon gesagt, dass ich mit der Planierraupe komme, um beim Bau der Blockaden an seinen Zufahrten zu helfen. Wollen wir doch mal sehen, wie begeistert die Jungs von der Armee sind, wenn sie sich fast einen Kilometer den Berg hinauf plagen müssen.“

„Ich wusste, dass wir auf Eimer-Barry zählen können“, sagte der Metzger und strahlte ihn stolz an. „Du bist einer von uns, Junge. Geboren und aufgewachsen in Llanfair.“

„Das ist wirklich toll von dir, Barry“, sagte Betsy und ein Lächeln trat an die Stelle des kühlen Blicks, mit dem sie üblicherweise seine Annäherungsversuche abwehrte. „Ein echter Held unseres Dorfes, das bist du. Nicht so wie andere hier.“

„Heißt das, dass du am Samstag mit mir zur Tanzveranstaltung im Rhyl Pavilion gehst?“, fragte Barry.

„Vielleicht überlege ich es mir“, antwortete Betsy und zog ihr T-Shirt glatt. „Ich finde, dass Mut belohnt werden sollte. Wir sollten für unser Dorf einstehen. Mein alter Herr hat schon seine Schrotflinte entstaubt, damit er auch helfen kann.“

„Gott steh uns bei. Dein Vater würde nichts treffen, selbst wenn er nüchtern wäre“, sagte Charlie Hopkins. „Vermutlich schießt er eher einem von uns in den Rücken.“

„Oder er tötet einen von Bill Owens’ wertvollen Böcken!“, warf Milchmann-Evans ein, als die Männer in Gelächter ausbrachen.

„Wisst ihr, was ich gehört habe, Jungs? Ich hörte, dass er plant, seine Schafe auf den Glydrs hinaufzutreiben“, sagte Milchmann-Evans schmunzelnd. „Na ja, ist ja alles sein Land, nicht wahr? Ich kann mir gut vorstellen, wie die Jungs von der Armee über diese Felsen krabbeln und an Steilhängen herumspringen, während sie versuchen, die Schafe zusammenzutreiben! Und Bill Owens sagte, falls sie ihn seine Hunde hochbringen lassen, wird er ihnen falsche Kommandos geben, damit sie bloß im Kreis rennen!“

Die Männer in der Bar brachen in lautstarkes Gelächter aus. Evan lächelte ebenfalls, aber er konnte das hohle Gefühl des Grauens in seinem Magen nicht abschütteln. Für die Bewohner von Llanfair war die Sache zu einer Art Spiel geworden, eine Robin-Hood-Verschwörung gegen die englischen Autoritäten. Und er war angewiesen worden, diesen fremden Autoritäten alle notwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Er gehörte jetzt zu den Feinden.

Kapitel 3

Sobald er sein Pint ausgetrunken hatte, schlich Evan sich aus dem Red Dragon. Die Männer an der Bar waren angeheitert und hatten sich immer absurdere Pläne ausgedacht, um die britische Armee und das Landwirtschaftsministerium auszubremsen. Er brachte es nicht übers Herz, sie zu ermahnen, dass sie ernste Probleme bekommen könnten. Allerdings vermutete er ohnehin, dass das meiste von dem Gerede nur Säbelrasseln war.

Er trat in rosarotes Zwielicht hinaus. Zu dieser Jahreszeit ging die Sonne erst nach neun unter, aber sie war bereits hinter dem Snowdon verschwunden und tauchte das Dorf in Dunkelheit. Die höhergelegenen Hänge badeten noch im glühenden Sonnenuntergang und die Schafe dort standen im rosaroten Licht. Während er so die Gegend betrachtete, stieg ein Bussard aus den hohen Felswänden auf und kreiste vor dem wolkenlosen Himmel. Solch ein perfekter Abend hätte ihn üblicherweise in die Hänge gelockt, um die Sonne im fernen Meer versinken zu sehen, aber diese Hänge waren jetzt tabu. Ihm war bislang nicht klar gewesen, wie sehr diese Krise auch sein eigenes Leben beeinflussen würde.

Stattdessen lief Evan also die Dorfstraße hinauf, an der Reihe von Cottages vorbei, wo er jetzt wohnte, vorbei an den Läden, wo Fleischer-Evans und Milchmann-Evans ihre Tage damit verbrachten, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, bis er schließlich an der niedrigen Mauer des Schulhofs ankam. Im Fenster des Schulhauses brannte Licht. Evan öffnete das Tor und eilte über den Schulhof.

„Bron“, rief er, als er die Tür öffnete. „Ich bin’s. Ich brauche eine Umarmung, einen doppelten Brandy oder beides.“

„Eine Sekunde. Mach die Tür noch nicht auf“, befahl Bronwen. „Ich habe Prinz William hier bei mir.“

Es war ein Tag voller Überraschungen gewesen, aber diese verschlug ihm die Sprache. Was in aller Welt hatte Prinz William in einer walisischen Dorfschule zu suchen? Wollte er für den Tag lernen, an dem er der nächste Prince of Wales werden würde? Suchte er zum Ausbruch der Maul- und Klauenseuche Informationen aus erster Hand? Aber wurden Prinzen nicht immer von einer Eskorte aus Sicherheitsleuten begleitet? Warum war Evan dann nicht aufgehalten worden, als er den Schulhof überquert und die Tür geöffnet hatte?

Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete Bronwen die Tür. Sie trug Jeans und eine alte, karierte Bluse. Einige Haarsträhnen waren aus ihrem langen Zopf entkommen, den sie stets im Rücken trug. Sie wirkte etwas beunruhigt, ganz und gar nicht wie jemand, der einen Prinzen zu Gast hatte.

„Alles klar, du kannst jetzt reinkommen“, sagte sie. „Ich habe ihn in der Küche eingesperrt.“

„Prinz William? In der Küche eingesperrt?“

Bronwen blickte Evan mit einem geheimnisvollen Lächeln an. „Ja, willst du ihn kennenlernen?“

„Jetzt? Also, ich glaube ... ich bin nicht angemessen gekleidet.“ Langsam dämmerte es ihm, dass sie ihm möglicherweise einen Streich spielte. „Glaubst du, ich sollte meine Krone aufsetzen?“

Sie nahm seine Hand. „Komm mit. Lass ihn nicht warten. Rein mit dir.“

Sie öffnete die Küchentür. Evan trat ein und sah sich in der scheinbar leeren Küche um, bis etwas unter dem Küchentisch hervorkam. Er sah sich einem fetten, krausen Lamm gegenüber. „Aber das ist ja ein Schaf!“, rief er.

„Darf ich vorstellen: Das ist Prince William – Eirlys Lloyds Hauslamm.“ Sie brach in Gelächter aus. „Evan, du hättest dein Gesicht sehen müssen! Du hast wirklich geglaubt, ich hätte den echten Prinz William zu Besuch.“

„Nur als du es zum ersten Mal sagtest. Das hat mich überrascht.“

Sie legte die Hände an seine Wangen und streckte sich, um ihm einen Kuss zu geben. „Ich dachte, ich hätte dir von Eirlys’ Lamm erzählt. Du kennst doch die kleine Eirlys vom Bryn-Hyfryd-Hof, oder? Das arme Ding kam heute ganz verzweifelt zu mir. Ihrem Vater wurde wohl mitgeteilt, dass seine Herde eventuell notgeschlachtet werden muss. Das hätte alle Tiere auf dem Hof miteingeschlossen. Prinz William war sein ganzes Leben lang ein Haustier, also bot ich ihr an, ihn zu mir zu bringen, damit ich mich um ihn kümmern kann, bis dieser Schrecken vorüber ist.“

Das Lamm kam vorsichtig auf Evan zu, um seine Schuhe zu untersuchen.

„Bron, bist du dir sicher, dass du das Richtige tust?“, fragte Evan. „Ich weiß nicht genau, wie sich die Maul- und Klauenseuche verbreitet, aber besteht nicht die Möglichkeit, dass er infiziert ist?“

„Er ist ein Haustier, Evan. Sie schlachten doch auch nicht die ganzen Schäferhunde und Katzen auf den Höfen, oder? Ich glaube ohnehin, dass da überreagiert wird.“

„Fang nicht damit an“, sagte Evan. „Ich hatte einen schlimmen Tag. Landwirt Owens hat mich angeschrien und im Pub halten mich alle für einen Verräter. Was soll ich denn tun, wenn mir aufgetragen wird, das Landwirtschaftsministerium in jeder Hinsicht zu unterstützen, hm?“

Bronwen schlang ihre Arme um seinen Hals. „Du armer Kerl. Das muss tierisch anstrengend gewesen sein. Tut mir leid – tierisch ist unter diesen Umständen wohl nicht gerade das beste Wort.“

„Dir fällt bestimmt etwas ein, womit ich mich besser fühle.“ Evan zog sie zu sich, um ihr einen Kuss zu geben. Hinter ihnen krachte es. Das Lamm blickte schuldbewusst von einem umgestürzten Gemüsekorb zu ihnen auf. Bronwen ging hinüber und machte sich daran, das Gemüse wieder in den Korb zu räumen. „Ich werde das Haus wohl lammsicher machen müssen“, sagte sie.

„Glaubst du wirklich, dass du ihn hier halten kannst?“, fragte Evan.

„Warum nicht? Oben auf dem Bauernhof war er auch ein Haustier.“

„Ja, nun, auf einem Hof ist das etwas anderes. Da gibt es lauter Nebengebäude, in denen er herumrennen kann. Du hast nur drei Zimmer. Und ich nehme an, er ist nicht stubenrein.“

„Nicht wirklich. Ich musste schon ziemlich viel aufwischen. Ich denke darüber nach, in Windeln zu investieren, aber ich will nicht, dass er sich blöd vorkommt.“

„Sich blöd vorkommt.“ Evan kicherte. „Ist es nicht wundervoll, wie Frauen angesichts eines jungen Tieres verblöden?“

„Ach, und Männer machen nicht mehr Aufhebens um ihre Hunde als um die Familie? Wie auch immer, das Wichtigste ist, dass Eirlys ihn vergöttert, und ich versuche nur, ihr dabei zu helfen, ihn zu retten.“

„Du bist ein Softie.“ Evans streichelte ihre Wange. „Jetzt wirst du ihm mehr Aufmerksamkeit schenken als mir.“

„Ach, deshalb willst du ihn nicht hier haben – du bist eifersüchtig.“

„Hör zu, Bron, ich will nur, dass du das Richtige tust. Was wärst du für ein Vorbild für deine Kinder, wenn du ihnen vorführst, wie man Nutztiere vor dem Ministerium versteckt? Schäfer-Owens hat mir heute schon erzählt, dass er seine wertvollen Böcke im Schutz der Dunkelheit zu seinem Cousin auf Anglesey bringen würde.“

„Und warum auch nicht?“, fragte sie. „Warum sollte man sie notschlachten, wenn sie nicht infiziert sind? Die ganze Sache ist grotesk, Evan. Man sollte jedes Tier testen und die am Leben lassen, die nicht infiziert sind. Aber sie töten alle Herden in einem riesigen Umkreis um jeden Ausbruch.“

„Ich gehe davon aus, dass sie wissen, was sie tun“, sagte Evan zögerlich. „Hör mal, ich finde dieses Vorgehen genauso furchtbar wie du. Ich halte es für widerwärtig. Ich habe mich schrecklich gefühlt, als ich Bill Owens heute sagen musste, dass er nicht auf meine Hilfe zählen kann. Ich wurde angewiesen, das Ministerium und die Armee in jeglicher Hinsicht zu unterstützen. Ich habe keine Wahl.“

Bronwen sah ihn mit einem angedeuteten Lächeln an. „Ich meine mich an mehrere Situationen zu erinnern, in denen du angewiesen wurdest, deine Nase aus Mordfällen herauszuhalten, und du hast es nicht getan.“

„Nun, schon, aber ich habe nicht wirklich die Anweisung missachtet. Die Umstände waren einfach ...“

Bronwen lachte. „Oh ja, natürlich.“

„Aber das hier ist anders. Es ist ein nationaler Notstand, oder nicht? Wir sind beide keine Experten. Wir wissen nicht, wie sich diese Krankheit verbreitet und ob es später schreckliche Konsequenzen haben könnte, wenn wir ein Schaf aus einer Herde retten.“

Bronwen ging zu dem Lamm hinüber und legte ihm eine Hand aufs Fell. „Du meinst also, ich sollte Prinz William nicht hierbehalten? Ich soll ihn zurückschicken, damit man ihn t-ö-t-e-t?“ Sie buchstabierte das Wort. Das Lamm blickte zu ihr auf und blökte mitleiderregend, als hätte es sie verstanden.

„Tu, was du für richtig hältst, Bron. Du bist ein verantwortungsbewusster Mensch.“

„Meine Kinder verlassen sich auf mich, Evan. Sie sehen zu mir auf.“ Sie sah ihn mit flehendem Blick an. „Ich kann doch nicht eines von ihnen im Stich lassen, oder? Besonders jetzt, da ...“ Sie unterbrach sich. „Ich habe heute eine schlechte Nachricht erhalten. Erinnerst du dich an den Besuch des Prüfers aus dem Kultusministerium im vergangenen Frühling? Jetzt habe ich den offiziellen Bericht bekommen.“

„Sie können doch wohl keine Kritikpunkte an deinem Unterricht gefunden haben“, sagte Evan wütend.

„Na ja, nein. Sie finden, dass ich gute Arbeit leiste, wenn man bedenkt ...“

„Wenn man was bedenkt?“

„Dass ich mit dem veralteten Konzept von Mehrstufenklassen arbeiten muss. Sie finden, dass den Kindern hier im Dorf vorenthalten wird, schon in jungem Alter Weltbürger zu werden. Die Dorfschule sorgt dafür, dass sie ohne klare Vorstellung von der Außenwelt und ihren Problemen aufwachsen. Sie werden isoliert. Deshalb schlagen sie vor, dass diese Schule und die in Beddgelert geschlossen und die Kinder in eine neue, moderne Grundschule gefahren werden, die in den Außenbezirken von Porthmadog gebaut werden soll.“

„Aber das wäre eine halbstündige Reise für sie. Und was ist falsch daran, behütet aufzuwachsen?“, wollte Evan wissen. „Wenn du mich fragst, ist es umso besser, je länger man sie von Drogen und Gewalt fernhalten kann.“

„Sehe ich auch so“, sagte Bronwen. „Und sie werden in einer Umgebung landen, wo nicht jeder Walisisch spricht. Dann werden sie es bald für cool halten, miteinander Englisch zu sprechen. Ich halte das Ganze für eine schlechte Idee. Es steht noch nicht fest, aber so lautete die Empfehlung.“

„Dämlich“, murmelte Evan. „Was würde denn aus dir werden, wenn sie diese Schule schließen?“

„Ich nehme an, dass sie mir eine Stelle in der neuen Schule an der Küste anbieten würden.“

„Das heißt, du würdest auch noch dein Haus verlieren.“

„Na ja, ich dachte, ich würde bei dir einziehen, wenn wir endlich heiraten“, sagte sie und stand mit einem kurzen Lachen auf. „Das war der grobe Plan, oder? Und vielleicht müssen wir wegen deiner Arbeit ohnehin umziehen. Vielleicht wirst du dem Hauptquartier zugeteilt.“

„Am Sankt-Nimmerleins-Tag vielleicht“, murmelte Evan.

„Warum das denn?“ Sie sah verwundert zu ihm auf.

„Sie haben sämtliche Fortbildungen verschoben, bis dieser Notstand vorbei ist. Wer weiß, wie lange das dauern wird.“

Bronwen kam auf ihn zu und schlang die Arme um ihn. „Oh, Evan, das tut mir leid. Was für eine Enttäuschung. Du hast dich so darauf gefreut.“

„Das ist jetzt aber nicht das Wichtigste, oder?“, fragte Evan. „Jetzt werde ich erst einmal Menschen hintergehen müssen, die meine Freunde geworden sind. Ich bin derjenige, der Landwirt Owens in Schach halten muss, wenn sie seine Schafe erschießen.“

„Das ist nicht fair, Evan.“

„Ich weiß. Aber es wäre ziemlich kleingeistig von mir, meine Situation zu bejammern, während diese armen Landwirte ihre gesamte Existenz verlieren.“

Bronwen hakte sich bei ihm ein. „Hör mal, wir haben doch geplant, uns gegenseitig unsere Familien vorzustellen, wenn deine Fortbildung vorbei ist. Warum machen wir das nicht jetzt? Ich habe immerhin Ferien.“

Evan zog eine Grimasse. „Ich nicht. Man hat uns sämtlichen Urlaub gestrichen.“

„Oh je. Dann hängst du da wohl mit drin, oder?“

„Es sieht so aus.“

„In dem Fall mache ich besser eine Flasche Wein auf. Wir werden unsere Sorgen ertränken müssen.“

„Gute Idee.“ Evan zog eine Schublade auf und holte den Korkenzieher heraus. „Nimm besser die großen Gläser.“

Bronwen holte eine Flasche unten aus einer Anrichte, dann hielt sie inne, die Flasche noch immer in der Hand. „Weißt du, was du tun könntest? Frag doch mal, ob du mit einem Polizisten tauschen könntest, der üblicherweise im Hauptquartier hinter einem Schreibtisch sitzt. Erklär ihnen, wie sehr das Ganze deiner Beziehung zur Dorfgemeinschaft schaden würde, und wie viel besser es wäre, an deiner Stelle einen Außenseiter herzuschicken.“

„Das wäre toll“, sagte Evan. „Ich weiß nicht, ob das durchgeht, aber einen Versuch ist es wert, oder?“

„Geh da hin und sei energisch“, sagte Bronwen und reichte ihm die Flasche.

Das Lamm trottete zu ihm und blökte wieder.

„Oh, nein. Jedes Mal, wenn er eine Flasche sieht, glaubt er, sie könnte für ihn sein“, sagte sie lachend.

„Also meinen Rioja bekommt er nicht.“ Evan wandte dem Lamm den Rücken zu. „Oh, und Bronwen, er erwartet doch nicht, bei dir im Bett zu schlafen, oder?“

 

Am nächsten Morgen fuhr Evan mit seinem eigenen Wagen zum Hauptquartier, anstatt das von der Polizei zur Verfügung gestellte Motorrad zu nehmen. Als er ausstieg, hörte er seinen Namen und entdeckte eine vertraute Gestalt in einem rehbraunen Regenmantel, die die Straße überquerte.

„Hallo Sarge, was machen Sie denn hier?“, rief er. „Oh, Verzeihung, ich meinte natürlich Detective Inspector. Das vergesse ich dauernd.“

„Ich auch“, gestand der ehemalige Sergeant Watkins. „Eines der Mädchen am Empfang musste gerade dreimal ‚Inspector‘ rufen, bis mir klar wurde, dass sie mit mir spricht. Ich muss mich erst daran gewöhnen.“

„Also, was machen Sie hier? Ich dachte, Sie seien jetzt in Colwyn Bay stationiert.“

„Man hat mich hierher zurückgeschickt, jetzt da Detective Chief Inspector Hughes nur noch einen Schritt von der Göttlichkeit entfernt ist und nur die allerwichtigsten Fälle annimmt. Schlechtes Timing, was? Ich komme zurück und Sie gehen ins Hauptquartier, um mit Ihrer Fortbildung zu beginnen.“

„Jetzt nicht mehr. Alle Fortbildungen wurden verschoben. Ich sitze hier fest, mit der Anweisung, das Landwirtschaftsministerium zu unterstützen.“

„So ein Pech. Das ist ein ganz schöner Mist, oder?“

„Besonders für diejenigen unter uns, die auf dem Land leben und arbeiten. Dort glauben alle, ich sei zum Verräter geworden, aber was soll ich machen?“

„Ich weiß. Manchmal ist unsere Arbeit echt mies. Aber wenn ich mich recht erinnere, haben Sie etliche Urlaubstage angesammelt, oder?“

„Bestimmt fünf Wochen. Ich habe im vergangenen Jahr nicht wirklich Urlaub gemacht, aber ...“

„Na dann“, unterbrach Watkins ihn, „warum machen Sie sich nicht für ein paar Wochen rar, bis das Schlimmste vorbei ist?“

Evan seufzte. „Ich wünschte, das könnte ich, aber falls Sie es noch nicht gehört haben, man hat sämtlichen Urlaub gestrichen.“

„Oh, richtig. Außer bei familiären Gründen“, sagte Watkins.

„Ja, aber ich glaube nicht, dass sie mich besonders familiär behandeln, wenn ich ihnen erzähle, wie sehr mich meine Arbeit mitnimmt, oder?“

Er erwartete Gelächter von Watkins, aber der Inspector sah ihn nachdenklich an. „Wie steht es um Ihre Mutter? Das Letzte, was ich hörte, war, dass es ihr nicht gut geht.“

„Ja, sie hatte im vergangenen Frühling eine schlimme Bronchitis.“

„Es dauert eine ganze Weile eine ... Bronchitis auszukurieren, habe ich gehört.“

„Oh, nein, sie ist wieder auf den Beinen, es geht ihr gut.“

„Ich sagte, es dauert eine Weile, eine Bronchitis auszukurieren“, wiederholte Watkins geduldig. „Das kann sich schnell zu einer Lungenentzündung entwickeln. Sie hatten im Frühling keine Zeit, um sie zu besuchen, oder? Sie müssen wissen, dass solche Krankheiten aufflammen können, wenn man es am wenigsten erwartet.“

„Ist das so?“

Watkins brach in Gelächter aus. „Manchmal sind Sie so dumm wie Brot, Evans.“

„Oh, ich verstehe.“ Evans lachte ebenfalls. „Aber ich kann doch jetzt nicht aus familiären Gründen Urlaub beantragen. Das wäre nicht richtig.“

„Wollen Sie aus der Gegend wegkommen oder nicht?“

„Natürlich will ich das.“

„Na dann.“ Watkins sog beim Nachdenken Luft zwischen den Zähnen hindurch. „Ich sag Ihnen was. Ich rede mal mit dem alten Bill Mathias, der die Dienstpläne macht. Wie das Schicksal so spielt, schuldet er mir einen Gefallen. Ich erzähle ihm vom schlimmen Zustand Ihrer Mutter und dann sehen wir, was er tun kann.“

„Wenn Sie das durchbekommen, stehe ich mein Leben lang in Ihrer Schuld“, sagte Evan.

Watkins klopfte ihm auf den Rücken. „Das werde ich nicht vergessen, Junge. Wenn sie unter mir bei den Zivilfahndern arbeiten, werden Sie sämtliche Observierungen um drei Uhr morgens übernehmen. Und Sie dürfen all meine Berichte schreiben.“

„Das ist es wert, wenn Sie mich von hier verschwinden lassen können.“

„Na, dann los. Verschwinden Sie“, sagte Watkins und schob ihn sanft weg. „Es hilft nicht, wenn man sieht, wie Sie hier herumhängen. Wir wollen doch nicht, dass jemand eine Verschwörung vermutet, oder?“

Evan eilte zu seinem Wagen zurück. Er war kaum in Llanfair angekommen, als das Telefon klingelte.

„Was habe ich Ihnen gesagt?“ Watkins’ Stimme dröhnte aus dem Hörer. „Ich bin ein verdammter Wundertäter, jawohl. Ich habe Bill Mathias von ihrer alten Mutter erzählt, und wie schlecht es ihr geht, und er sagte: kein Problem. Er wird Sie einfach nicht auf den Dienstplan setzen, damit der Superintendent es nicht bemerkt. Also bitte schön. Packen Sie Ihre Sachen.“

„Das ist ja großartig“, rief Evan. „Ich werde sofort Bronwen Bescheid sagen, und ich rufe wohl besser meine Mutter an, um ihr zu sagen, dass ich komme.“

„Dann ist es also bei Bronwen und Ihnen an der Zeit, die Eltern kennenzulernen, ja?“

„Genau. Ich freue mich nicht darauf, das kann ich Ihnen sagen“, sagte Evan. „Tatsächlich ist es kaum besser, mit meiner Mutter und Bronwen im selben Raum zu sitzen, als wildgewordene Landwirte zu bändigen.“

„Ist Ihre Mutter cholerisch?“

„Nein, das würde ich nicht sagen. Aber sie ist sehr gut darin, herumzustänkern, wenn Sie verstehen.“

„Sie weiß, wie man Sie dazu bringt, sich schuldig zu fühlen? Ich habe eine Frau, die ebenfalls Expertin auf dem Gebiet ist. Sie schreit nie oder hat Wutanfälle – sie muss mir nur diesen gequälten Blick zuwerfen.“

Evan kicherte. „Ja, ich schätze, das beschreibt meine Mutter ziemlich gut. Sie ist eigentlich gar nicht so schlimm. Sie hat mir bloß nie verziehen, dass ich so weit weggezogen bin.“

„Sie spielt mit Ihren Schuldgefühlen, wie ich sagte. Besser Sie als ich, Junge. Oh, und Evan, Sie schulden mir ein Pint.“

„Hauptsache nicht im Dragon. Die Atmosphäre ist im Augenblick entschieden zu frostig.“

„Das kann warten, bis Sie zurück sind“, sagte Watkins. „Los jetzt. Hauen Sie ab, ehe mir aufgeht, dass ich weich werde.“

Kapitel 4

„Es war eine gute Idee, zu verschwinden, ohne jemandem davon zu erzählen“, sagte Bronwen, als sie auf der Beifahrerseite in Evans Wagen stieg. „Wir wollen ja nicht, dass sich das gesamte Dorf einredet, wir würden zusammen durchbrennen.“

Evan lachte. „Es wäre ein verdammtes Wunder, wenn wir hier wirklich unbemerkt wegkommen. Du weißt, wie es hier läuft. Jedes Mal, wenn ich dich besuche, hat sich das innerhalb von zehn Minuten im ganzen Dorf herumgesprochen – und auch wann ich wieder gehe!“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass um diese Zeit jemand wach ist, der uns sehen könnte.“ Bronwen blickte in die sternenklare Nacht hinaus. Nur ein schwaches Leuchten über den Bergen im Osten verriet, dass das Morgengrauen näher rückte.

„Aber es ist gut so, weil wir illegale Fracht befördern“, kommentierte Evan, als er neben ihr einstieg.

Bronwen drehte sich zum Rücksitz um, wo ein Lamm in einer Kiste saß und sie mit schwermütigem Blick ansah. „Wir mussten ihn mitnehmen, Evan. Was, wenn sie beschlossen hätten, ihn notzuschlachten, während wir weg sind? Das hätte Eirlys das Herz gebrochen.“

„Aber es ist trotzdem illegal, cariad. Du weißt genauso gut wie ich, dass im Moment jeglicher Viehtransport verboten ist. Wir sitzen tief in der Patsche, wenn man uns anhält.“

„Er ist kein Vieh, er ist ein Haustier. Das ist etwas ganz anderes.“

„Er wird trotzdem wie ein Schaf aussehen, wenn wir in eine Straßenkontrolle geraten“, sagte Evan.

Bronwen schmiegte sich eng an ihn. „Du würdest doch nicht zulassen, dass das Lieblingshaustier eines kleinen Mädchens getötet wird, oder?“

„Für dich handle ich wider besseres Wissen“, sagte Evan. Er startete den Motor. Er stotterte mehrfach, ehe er brüllend zum Leben erwachte, laut genug, um das halbe Dorf zu wecken. „Wenn wir angehalten werden, behaupte ich, nicht zu wissen, was du auf meinem Rücksitz verstaut hast. Ich werde behaupten, dass du eine Anhalterin bist, die ich mit ihrer zweifelhaften Fracht mitgenommen habe.“

Bronwen lachte. „Zum Glück hast du mir noch keinen Ring an den Finger gesteckt, sonst wärst du geliefert.“

„Ja, na ja, es ist noch nicht offiziell, oder? Das tun wir doch jetzt. Es offiziell machen.“

Er ließ die Kupplung kommen und der Wagen entfernte sich vom Bordstein. In diesem Augenblick sah er einen seltsamen Schemen im Rückspiegel. Eine große Gestalt flatterte hinter ihnen her, die Arme wedelten verstörend. „Oh nein.“ Evan hielt an.

„Was ist los?“

„Jemand rennt uns nach. Das muss irgendein Notfall sein.“

Hen Diawll“, flüsterte Bronwen. Können wir nicht einfach wegfahren und so tun, als hätten wir nichts gesehen?“

„Sagte die wundervolle, vom gesamten Dorf geschätzte Miss Price.“ Evan kicherte, während er das Fenster herunterkurbelte.

Die schlackernde Gestalt holte auf, hielt an und hielt sich am Dach des Wagens fest, während sie nach Atem rang. „Ich dachte schon, ich würde zu spät kommen, Mr. Evans.“ Sie keuchte zwischen den Worten.

„Mrs. Williams“, rief Evan, als er seine ehemalige Vermieterin erkannte. „Was ist passiert?“

„Passiert? Gar nichts. Ich dachte mir, dass Sie nicht genug Zeit haben, um sich vernünftige Verpflegung für die Reise zu machen, also habe ich Ihnen meine Schinken-Ei-Pastete gemacht, die Sie so mögen, ein Bara Brith und ein paar Sandwiches, nur für den Fall, dass Sie Hunger bekommen.“

„Das ist sehr nett von Ihnen, Mrs. Williams, aber Sie hätten wirklich nicht ...“, hob Evan an, doch sie schnitt ihm mitten im Satz das Wort ab. „Swansea ist so furchtbar weit weg.“ Sie steckte den Kopf zum Fenster herein. „Guten Morgen, Miss Price. Ich hoffe, Sie haben eine schöne Reise.“ Sie reichte Evan eine große Einkaufstasche. „Da ist auch eine Thermoskanne mit Tee drin. Sie werden ein Frühstück brauchen.“

„Mrs. Williams, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Evan lachte verlegen. „Woher wussten Sie, dass wir nach Swansea fahren?“

„Na ja, das war nicht schwer. Milchmann-Evans sagte mir, dass Sie Ihre Lieferung für zwei Wochen abbestellt haben, und Miss Price ebenfalls. Und dann sagte Briefträger-Evans, dass Sie einen Brief von Ihrer Mutter erhalten hätten, in dem sie schreibt, dass sie sich darauf freue, Sie zu sehen und Miss Price kennenzulernen.“

„Ich hätte nie gedacht, dass er die Frechheit besitzt, meine Post zu lesen. Es ist wohl unmöglich, in diesem Dorf etwas geheim zu halten, oder?“ Evan sah Bronwen amüsiert und verzweifelt an.

„Und es gibt auch keinen Grund, warum das ein Geheimnis sein sollte“, sagte Mrs. Williams. „Nichts ist natürlicher, als seine Verlobte in die Heimat mitzunehmen, um die eigene Mutter zu besuchen. Fahren Sie schon, ich wünsche Ihnen viel Spaß. Wir wollen alles wissen, wenn Sie zurückkommen.“

Sie stand noch da und winkte, als sie davonfuhren.

„So viel zu unserer heimlichen Flucht“, sagte Bronwen. „Jetzt wird das ganze Dorf davon erfahren.“

„Wenn sie es nicht schon längst wissen. Mensch, aber dieses Essen riecht verdammt gut, oder? Glaubst du, diese Schinken-Ei-Pastete ist noch warm?“

„Wenn dich jemand bestechen wollte, müsste er nur gut kochen können.“ Bronwen öffnete die Tasche und holte die Pastete heraus.

„Na ja, ich habe versucht, mich allein durchzuschlagen, aber es war nicht leicht, nach Mrs. Williams’ guter Küche.“

„Ich muss schon sagen, es riecht himmlisch“, sagte Bronwen. „Und sie hat uns sogar Teller und ein Messer mitgegeben. Ich schneide dir eine Scheibe ab.“

„Schau mal, Mrs. Powell-Jones hat sich wie üblich durchgesetzt.“ Evan deutete auf ein Banner, dass an der Vorderseite der Beulah-Kapelle hing, deren Pfarrer Hochwürden Powell-Jones war: „Morgen Abend Dorfversammlung. Notstandspläne zur Maul- und Klauenseuche. Lasst uns an einem Strang ziehen, jeder leistet seinen Beitrag!“

Die Anschlagtafel vor der Kapelle hatte einen neuen Text bekommen: NUN FORDERT MAN NICHT MEHR VON DEN HAUSHALTERN, ALS DASS SIE FÜR TREU BEFUNDEN WERDEN! Auf der anderen Straßenseite zeigte der Text auf der Tafel der Bethel-Kapelle wenig Mitgefühl. ICH KENNE MEINE SCHAFE UND MEINE SCHAFE KENNEN MICH. EIN GUTER SCHÄFER LÄSST SEIN LEBEN FÜR SEINE SCHAFE.

„Ich glaube nicht, dass Mrs. Powell-Jones’ Dorfversammlung besonders gesittet verlaufen wird“, sagte Evan. „Ich bin froh, dass wir weit weg sein werden.“

Während sie nach Süden fuhren, wich die zerklüftete Bergkulisse sanften, grünen Hügeln, die in der Entfernung den Blick aufs Meer freigaben. Die Sonne stieg über den Horizont und der gesamte westliche Himmel entflammte in Rosarot.

„Es wird heute noch regnen“, sagte Evan und blickte in den Sonnenaufgang.

„Du bist manchmal so ein Pessimist.“ Bronwen schlug ihm auf die Hand.

„Nein, bloß Realist. Lass uns hoffen, dass wir ankommen, ehe es ernsthaft losgeht.“

Bronwen ließ den Blick durch die Landschaft gleiten und betrachtete die mit fetten Lämmern und wolligen Schafen übersäten Hänge. „Alles sieht so friedlich und ruhig aus, nicht wahr?“, fragte sie. „Schwer zu glauben, dass sie ein paar Kilometer weiter nördlich schon anfangen, die Herden notzuschlachten. Glaubst du, dass diese Massenschlachtungen überhaupt etwas bewirken?“

„Ich bin kein Experte“, sagte Evan. „Aber sonst scheint nichts die Seuche aufhalten zu können. Sie müssen alles versuchen, meinst du nicht?“

„Mir kommt das unverhältnismäßig vor. Gesunde Tiere zu töten – das ist einfach nicht richtig.“

Wie als Zustimmung blökte Prinz William schwermütig in seiner Kiste.

 

„Man rechnet nicht damit, dass es den ganzen Tag dauert, hundertfünfzig Kilometer durch Wales zu fahren, oder?“, kommentierte Bronwen, als die ersten Straßenschilder auf Englisch Swansea und auf Walisisch Abertawe auswiesen.

„Es wäre schneller gegangen, wenn wir nicht so oft angehalten hätten, damit sich das verdammte Schaf die Füße vertreten kann.“ Evan fühlte sich reizbar. Er schob es auf die Schinken-Ei-Pastete sowie mehrere von Mrs. Williams’ Sandwiches mit Rind und Gürkchen, die ihm schwer im Magen lagen. Allerdings hatte er die Vermutung, dass auch die bevorstehende Begegnung von Bronwen und seiner Mutter etwas damit zu tun haben mochte.

„Es ist dämlich, dass es keine Direktverbindung von Nordwales nach Südwales gibt, oder?“, fuhr Bronwen fort. „Man sollte meinen, dass mittlerweile eine gebaut worden wäre.“

„Du weißt, wie die meisten Leute denken – je weniger Kontakt zwischen Nordwalisern und Südwalisern besteht, desto besser.“

Bronwen kicherte. „Wir sind ein witziger Haufen, oder nicht? Vielleicht wäre es tatsächlich schneller gewesen, nach England und über die Autobahn zu fahren.“

„Ja, aber nicht so schön, oder? Wir haben heute schöne Landschaften gesehen.“

„Bevor der Regen anfing.“ Bronwen blickte durch die nasse Frontscheibe in den grauen Nebel.

„Witzig, genau so habe ich Swansea in Erinnerung“, sagte Evan. „Es schien immer viel geregnet zu haben. Besonders, wenn wir Rugby spielten.“

„Lass uns deinem alten Rugbyverein einen Besuch abstatten. Das wird schön.“ Bronwen legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich freue mich schon darauf, Geschichten aus deiner vergeudeten Jugend zu hören.“

Die Vororte der Stadt kamen in Sicht – große, einheitliche Wohnsiedlungen erstreckten sich über die Hänge. Evan kamen erhebliche Zweifel ob der bevorstehenden Begegnung. Während sie an Reihenhäusern, regenglatten Bürgersteigen und Frauen in Regenmänteln und Kopftüchern vorbeifuhren, die aus dem Fischgeschäft an der Ecke nach Hause eilten, kam ihm in den Sinn, dass das Ganze hier ein enormer Fehler sein könnte. Bronwen kam immerhin aus einer anderen Welt. Er hatte ihre Familie noch nicht kennengelernt, aber sie nannte ihre Eltern Mummy und Daddy. Und sie hatte in Cambridge studiert. Deshalb stand sie auf der Leiter des gesellschaftlichen Erfolgs weit über ihm.

Üblicherweise machten Evan solche Dinge nichts aus, aber plötzlich widerstrebte es ihm, ihr das schlichte Reihenhaus zu zeigen, in dem er seine Jugend verbracht hatte. Wenn ihm eine glaubwürdige Ausrede eigefallen wäre, hätte er gewendet und wäre davongefahren. Stattdessen biss er die Zähne zusammen und fuhr weiter, bis bekannte Orientierungspunkte in Sicht kamen: Der Bahnhof und die Burgruine, das neue Einkaufszentrum, das Museum und dahinter das Neubaugebiet am Wasser, wo das heruntergewirtschaftete Hafenviertel gewesen war. Dann konnten sie das alte Gefängnis sehen, mit seiner erstklassigen Lage am Ufer und einem tollen Blick über die Swansea Bay.

„Es ist schön hier“, sagte Bronwen, als sich zu ihrer Linken die Bucht auftat. Das Meer verschwamm im Regen mit dem grauen Himmel und die Berge am anderen Ufer waren nur zu erahnen. „Mir war nicht bewusst, dass Swansea am Meer liegt.“

„Eigentlich ist es der Bristolkanal, aber ja, Swansea wird ständig mit der französischen Riviera verglichen. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar, oder?“

Bronwen warf ihm einen scharfen Blick zu. „Ich finde es ansprechend“, sagte sie. „Ich mag all die alten Häuser. Sie haben Charakter, findest du nicht?“

„Könnte man so sagen. Und ich bin froh, dass sie dir gefallen, denn meine Mutter wohnt in einem davon.“ Die Straße bog ins Landesinnere ab und wurde steiler. Grauer Nebel ließ die Gipfel verwaschen aussehen. Endlich tauchte die Townhill Road im Dunst auf, mit ihren identischen Reihenhäusern aus grauem Stein. Eine völlig graue Welt.

„Das waren früher Arbeiter-Cottages, in der Blütezeit der Stahlwerke“, sagte Evan. „Eine der ersten Arbeitersiedlungen.“

„Toller Ausblick für eine Arbeitersiedlung.“

„Tatsächlich liegen in Swansea alle Wohnsiedlungen an den Hängen.“

„Eine sehr proletarische Stadt.“

„Die Reichen leben gar nicht erst in der Stadt. Ah, wir sind da.“ Er hielt von einem der identischen Cottages aus grauem Stein an. Er hatte vergessen, wie klein es war. Kaum größer als sein winziges Haus in Llanfair, mit den zwei Zimmern pro Etage. Klein und gewöhnlich. Er meinte zu sehen, dass die Spitzengardine bewegt wurde, als er vor dem Haus parkte. Und tatsächlich, die Haustür öffnete sich, während er Bronwen noch aus dem Wagen half.

„Da seid ihr ja endlich.“ Seine Mutter stand in der Tür. Sie schien geschrumpft zu sein. „Ich dachte schon, euch wäre etwas zugestoßen.“

„Es ist eine weite Anreise aus Nordwales, Ma.“ Evan hielt noch immer Bronwens Hand, während sie auf den Bürgersteig trat.

„Das weiß ich, aber heutzutage sind so viele schlimme Fahrer auf der Straße unterwegs, nicht wahr? Und all diese schrecklich großen Lastwagen, die vom Festland kommen und sich nicht ans Tempolimit halten.“

„Jetzt sind wir ja da und es geht uns gut.“ Evan ging zu ihr und umarmte sie. Sie fühlte sich klein und knochig an, und er spürte nicht, dass sie seine Umarmung erwiderte. „Wie geht es dir?“

„Alles in allem nicht so schlecht. Dem Arzt gefällt mein Lungengeräusch noch nicht, aber was kann man in meinem Alter schon erwarten?“

„In deinem Alter! Du bist erst fünfundsechzig.“

„Schrei doch mein Alter nicht durch die ganze Straße.“ Evans Mutter sah sich um, dann fixierte ihr Blick Bronwen. „Kann sie uns verstehen? Ydych chi’n siarad cymraeg, Miss Price?“

Bronwen lachte. „Natürlich verstehe ich Sie. Ich unterrichte an einer walisischen Schule.“

„Oh, na das ist ja schön. Es wird mir ein Vergnügen sein, zur Abwechslung mal meine eigene Sprache zu sprechen.“

„Wie meinst du das, zur Abwechslung?“, fragte Evan.

„In Abertawe spricht niemand mehr Walisisch“, sagte sie und nannte dabei den walisischen Stadtnamen. „Es hat sich sehr verändert. Sehr viele Auswärtige.“

„Was ist mit deinen Freundinnen aus dem walisischen Club?“, fragte Evan.

„Na ja, die sind fast alle nicht mehr da“, sagte Mrs. Evans wütend, als wären sie freiwillig gegangen. „Gladys Jones und Mary Roberts sind beide im vergangenen Jahr von uns gegangen. Sie sterben wie die Fliegen.“ Sie schien plötzlich zu bemerken, dass sie nass wurden. „Also, jetzt bleibt da nicht im Regen stehen. Kommt schon, rein mit euch.“

Bronwen sah zu Evan. „Glaubst du, Prinz W. wird es noch eine Weile im Wagen aushalten?“

„Es gibt einen Schuppen im Garten. Da können wir ihn unterbringen, bis ...“ Er sah zu seiner Mutter.

Die ältere Frau reagierte sofort. „Ihr habt doch nicht etwa einen Hund mitgebracht, oder?“

„Nein, Ma. Keinen Hund. Eigentlich mehr ein Schaf.“

Mrs. Evans lachte und versetzte ihm einen spielerischen Stoß. „Du scherzt! Ein Schaf – um mich an das Zuhause meiner Kindheit zu erinnern, ja?“

In diesem Augenblick hörten sie ein wehleidiges Blöken aus dem Wageninneren. Mrs. Evans starrte in den Regen hinaus. „Escob Annwyl! Ihr habt doch nicht wirklich ein Schaf da drin, oder? Ihr bringt mir kein Schaf ins Haus.“

„Es ist ein kleines Lamm, ein Haustier, Ma. Bronwen hat sich für eine ihrer Schülerinnen darum gekümmert und wir konnten es nicht zu Hause lassen. Es ist in Ordnung. Schau nicht so. Wir können ihn im Schuppen unterbringen, solange es regnet, und draußen im Garten, wenn es aufhört.“

„Damit es all meine Petunien frisst?“

„Dann binden wir ihn eben an. Er macht wirklich keine Probleme. Er war im Auto die ganze Zeit sehr brav.“

„Ein Lamm als Haustier! Was kommt als Nächstes?“ Mrs. Evans schlurfte ins Haus zurück, ihre Pantoffeln klapperten über das Linoleum. „Ich habe Wasser aufgesetzt. Was möchten Sie gerne zum Tee, Miss Price?“

„Bitte nennen Sie mich Bronwen. Und eine einfache Tasse Tee wäre wunderbar. Wir sind spät dran. Wir wollen uns ja nicht das Abendessen verderben, nicht wahr?“

Mrs. Evans warf ihrem Sohn einen verwunderten Blick zu. Bronwen spürte ebenfalls, dass etwas nicht stimmte. Evan legte Bronwen eine Hand auf die Schulter. „Meine Mutter isst ihre Hauptmahlzeit immer mittags, und abends nur noch ein leichtes Mahl. Also quasi mittags das Abendessen und abends der Tee.“

„Oh, oh ich verstehe.“ Bronwen errötete. „Also dann, was immer Sie wünschen, Mrs. Evans. Ich bin nicht wählerisch. Ich bin mir sicher, dass Ihr Essen wunderbar schmeckt.“

„Wir sind nur eine Arbeiterfamilie, müssen Sie wissen“, sagte Mrs. Evans. „Wir hatten nie ausgefallenes Mittag- oder Abendessen. Dein Vater war immer um eins zum Essen da, wenn er es einrichten konnte, nicht wahr, Evan? Und dann haben wir zum Abendessen etwas Einfaches gemacht.“

„Es wird sicher wunderbar schmecken“, beharrte Bronwen. „Kann ich irgendwie helfen?“

„Nein, es ist schon alles fertig, bis auf die Eier. Ich dachte, ich mache pochierte Eier auf Käsetoast, wenn das annehmbar klingt.“

„Großartig“, sagten Evan und Bronwen im Chor.

Evans Mutter hatte sie durch einen engen Flur geführt, der in einer altmodischen Küche endete. Porzellanteller mit Willow Pattern standen auf dem Tellerboard einer Anrichte. Der Tisch war mit einem hübschen Tischtuch mit Spitzensaum gedeckt. Darauf standen ein Landbrot, ein großes Stück Käse und ein Tortenständer mit verschiedenen Küchlein und Keksen.

„Wir haben auch ein richtiges Esszimmer“, sagte Mrs. Evans schnell, „aber ich esse normalerweise hier. Das ist irgendwie weniger einsam. Gemütlicher.“

„Natürlich.“ Bronwen lächelte sie an. „Evan und ich essen bei mir auch immer in der Küche, nicht wahr, Evan?“

„Sie kochen also gerne, Miss Price?“, fragte Mrs. Evans, während sie kochendes Wasser in eine Teekanne goss und dann einen gehäkelten Teewärmer darüberstülpte.

„Unheimlich gerne. Ich habe vergangenes Jahr einen Kurs für französische Küche besucht und der arme Evan musste all meine missglückten Versuche verkosten.“

„Französische Küche – also, da machen wir uns hier nicht viel draus. Einfache, schlichte, walisische Küche war für meinen Mann und meinen Jungen immer genug.“

Evan sprang Bronwen bei. „Du solltest mal ihre Lammkeule kosten, Ma – sie steckt kleine Knoblauchstücke unter die Haut.“

„Knoblauch? Ich würde nicht wollen, dass mein Atem stinkt wie der eines Kontinentaleuropäers.“

Evan lachte. „Dann schenke ich dir Tee ein, ja?“

Der Tee wurde verteilt. Eier auf Käsetoast wurden serviert und sie setzten sich an den Tisch. Evan war froh, dass sie etwas hatten, was sie alle für den Moment beschäftigt hielt. Er hatte gehofft, dass seine Mutter einen Blick auf Bronwen werfen und sie gleich als zukünftige Schwiegertochter annehmen würde. Aber das würde offensichtlich nicht geschehen. Und er musste sich eingestehen, dass er das auch nicht wirklich erwartet hatte.

„Wie kommt es, dass Sie Walisisch sprechen, Miss Price?“, hörte er seine Mutter fragen. „Ich dachte, nur arme Leute wachsen mit Walisisch auf. Aber es klingt, als würden Sie es ganz gut beherrschen.“

„Ich habe als Kind Walisisch gesprochen, Mrs. Evans. Mein Vater arbeitete für eine internationale Bank und wurde in die ganze Welt entsandt – manchmal auch an Orte, die für Familien nicht besonders sicher waren. Deshalb blieb ich zu Hause bei meiner Großmutter, in der Nähe von Denbigh. Die Familie meines Vaters waren Gutsbesitzer und beherrschten natürlich nicht die Sprache der Einheimischen, aber meine Mutter war die Tochter einer Lehrerin. Deshalb sprach meine Nain immer Walisisch mit mir. Meine Eltern waren ziemlich wütend, als sie herausfanden, dass ich statt Englisch lieber eine aus ihrer Sicht rückständige Sprache verwendete. Da wurde ich umgehend ins Internat geschickt.“

„Eine rückständige Sprache, genau“, schnaubte Mrs. Evans. „Eine der ältesten und schönsten Sprachen der Welt, oder nicht? Wir hatten schon Lyrik, als die Engländer noch in Ziegenfellen herumrannten.“

„Ich bin ganz Ihrer Meinung“, sagte Bronwen. „Ich habe immer so viel Zeit wie möglich mit meiner Großmutter verbracht, um mein Walisisch zu pflegen. Jetzt spreche ich natürlich wieder die ganze Zeit Walisisch, sodass es quasi meine Muttersprache geworden ist.“

„Und Sie unterrichten an einer Schule, hat Evan mir erzählt.“

„An der Dorfschule, ja. Ich habe nur fünfundzwanzig Schüler, aber aus allen Altersklassen, daher ist es eine ziemliche Herausforderung. Und das Gebäude ist uralt. Haben Sie es schon gesehen?“

„Nein. Ich wurde noch nicht zu einem Besuch bei meinem Sohn eingeladen.“

„Oh, komm schon, Ma“, sagte Evan schnell. „Du weißt genau, dass du willkommen bist. Aber ich hatte bis vor Kurzem nur ein Zimmer, in einem Haus, das nicht mir gehört. Und mein jetziges Haus ist noch nicht richtig eingerichtet.“

„Wenn wir verheiratet sind, können Sie uns gerne besuchen kommen“, sagte Bronwen.

Evans Mutter warf ihr einen stechenden Blick zu. „Oh, dann heiratet ihr jetzt also? Ich habe bloß gehört, dass ihr zusammen seid.“

„Wir wollten es nicht offiziell machen, ehe wir gegenseitig unsere Familien kennengelernt haben.“ Evan blickte zu Bronwen hinüber. „Aber ja, wir planen, bald zu heiraten. Wir haben noch kein Datum oder einen Ort.“

„Und wo lebt Ihre Verwandtschaft, Miss Price?“

Evan wurde klar, dass sie die Förmlichkeiten nicht ablegen würde.

„Sie leben jetzt in Monmouthshire. Mein Vater ist nach seiner Arbeit bei der Bank im Ruhestand, und sie haben sich ein Haus im Usk Valley gekauft. Sehr hübsch.“

„Und da fahrt ihr als Nächstes hin?“

„Genau.“

„Dann werdet ihr nur ein paar Tage hier sein, ja?“ Sie sah ihren Sohn wehmütig an.

„Dieses Mal ja“, antwortete Bronwen für Evan. „Evan wird mir noch all die alten Stätten seiner Jugend Zeigen.“

„Alte Stätten? Das klingt nach Geistern.“

Bronwen lachte. „Ich meine seine Schule und den Rugbyverein.“

„Wo wir gerade vom Rugbyverein sprechen, du wirst nie erraten, wen ich neulich auf dem Markt getroffen habe.“ Mrs. Evans’ Miene hellte sich auf. „Maggie. Sie sah trainiert und gut aus. Hat nach dir gefragt, Evan. Sie wirkte ziemlich aufgeregt, als ich ihr sagte, dass du herkommen würdest. Da habe ich sie gebeten, vorbeizukommen, wenn ihr danach ist.“

„Ma, nein! Ich wünschte, das hättest du nicht getan. Was lässt dich glauben, dass ich sie wiedersehen will? Und Bronwen will sie ganz sicher nicht kennenlernen.“

„Maggie ist ein wundervolles Mädchen, obwohl sie nicht gut Walisisch spricht. Wir mochten sie. Sie hat viel Elan, nicht wahr? Deinen Vater brachte sie zum Lachen. Er sagte immer, sie sei ein echter Hingucker.“

„Ich glaube nicht, dass Bronwen und ich in unserer Zeit hier viel zu Hause sein werden. Ich möchte ihr so viel zeigen, und ich schätze, ich sollte in der Polizeistation vorbeischauen, um meine alten Kollegen zu besuchen.“

„Sie haben die Polizeistation verlegt“, sagte Mrs. Evans. „Jetzt haben sie ein nagelneues Gebäude, ganz aus Glas und violetten Platten. Wer hat denn schon mal von einer violetten Polizeistation gehört? Ich glaube, es ist das hässlichste Ding auf Gottes Erde.“

„Wo ist denn das neue Gebäude?“, fragte Evan.

„Vom alten aus nur ein Stück die Straße runter, aber ich bezweifle, dass sie dort im Moment viel Zeit für dich haben werden.“ Mrs. Evans schüttelte den Kopf. „Sie werden zu sehr mit diesem furchtbaren Mord beschäftigt sein.“

„Ein Mord? In Swansea?“

„Das ist eine gute Woche her. Ich bin überrascht, dass du davon nichts in den Nachrichten gesehen hast. Ein hübsches, junges Mädchen wurde vergewaltigt und ermordet, und die Leiche wurde vor der Tür ihrer Familie abgelegt. Eine furchtbare Sache. Eines dieser noblen Häuser an der Oystermouth Road. Der Vater ist ein hohes Tier im Stadtrat und er besitzt eine eigene Fabrik.“

„Wie heißt er?“, fragte Evan.

„Turnbull. Alison Turnbull war die Tochter.“

„Turnbull – gehörte ihm nicht ein Stahlwerk, das mittlerweile geschlossen hat?“

„Ja, aber jetzt hat er ein neues Geschäft aufgebaut. Irgendetwas mit Computern. Solche Leute scheinen immer auf die Füße zu fallen, oder?“ Sie stand auf und räumte die Teller ab. „Swansea ist nicht mehr so, wie es mal war. Voller Gesindel und Minderheiten. Erinnerst du dich an die Kapelle, in der du als kleiner Junge gesungen hast? Ich kam neulich dort vorbei und du errätst nie, was jetzt dort steht – eine Moschee. Als ich diese heidnische Schrift an der Außenseite sah, dachte ich, ich werd nicht mehr. Und all die Frauen mit ihren Kopftüchern.“

„Ma, du trägst auch Kopftücher. Ich habe dich damit gesehen.“ Evan lachte.

„Ja, aber nur, wenn es regnet, und nicht mitten im Sommer. Wenn du meine Meinung hören willst ...“

Sie brach ab, als jemand an die Haustür klopfte.

„Wer mag das nur sein?“, fragte sie und erinnerte Evan damit an seine ehemalige Vermieterin, die stets dieselbe Frage stellte.

„Ich mache auf, in Ordnung?“ Evan stand auf. Er hatte das beklemmende Gefühl, dass es seine Ex-Freundin sein könnte, und die würde er lieber gleich an der Tür abfangen.

Als er die Tür öffnete, sah er sich keiner jungen Frau gegenüber. Es war ein uniformierter Polizist. Er sah überrascht aus, als er Evan erblickte, dann breitete sich ein wiedererkennendes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Wenn das nicht der kleine Evan ist! Na, das ist mal eine Überraschung. Bill Howells, erinnern Sie sich an mich?“

Evan schüttelte die angebotene Hand. „Natürlich, Mr. Howells. Sie waren mit meinem Vater zusammen im Bowlingverein.“

„Na, da freut sich Ihre Mutter sicher. Sie spricht andauernd von Ihnen. Sie vermisst Ihren Vater noch sehr.“

„Tun wir das nicht alle?“ Evan zog die Tür weiter auf und winkte den Mann herein. „Kommen Sie rein, Mr. Howells. Mum wird sich freuen, Sie zu sehen.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher“, sagte der Beamte und warf Evan einen seltsamen Blick zu. „Nicht, wenn sie die Nachricht hört, mit der ich gekommen bin. Aber ich dachte, sie hat ein Recht, es zu erfahren.“

„Was zu erfahren?“

„Sie haben das Schwein erwischt, das das junge Mädchen getötet hat. Und Sie erraten nie, wer es ist. Tony Mancini – der Mann, der Ihren Vater erschossen hat.“

Kapitel 5

„Nein, so was.“ Evans Mutter streckte den Arm aus und ergriff Evans Hand, während sie diese Neuigkeit verdaute. „Ich wusste, dass er böse war, als ich ihn zum ersten Mal sah. Und diese Psychologen meinten, er sei nur ein kleiner Junge auf Abwegen, der nicht wusste, was er tat.“

„Also dieses Mal wusste er es“, sagte Bill Howells, der sich gesetzt hatte und den Tee entgegennahm, den Mrs. Evans ihm eingeschenkt hatte. „Und er hat die Leiche auch noch an ihrer Türschwelle abgeladen, damit die armen Eltern sie finden. Das fügt dem Ganzen noch eine Portion Abscheulichkeit hinzu, wenn Sie mich fragen.“

Mrs. Evans hatte sich ein Taschentuch genommen und tupfte ihre Augen ab. „Das wäre nie passiert, wenn man ihn ins Gefängnis gesteckt hätte, wie er es verdient hat.“

„Wir hatten Pech mit diesem weichherzigen Richter.“ Sergeant Howells nahm sich ein Küchlein von der angebotenen Platte und biss dankbar hinein. „Vier Jahre in einer Jugendstrafanstalt und dann wieder auf freiem Fuß. Das scheint kein angemessener Preis für ein genommenes Leben zu sein, oder?“

„Besonders nicht für das Leben eines guten Mannes wie mein Robert.“ Mrs. Evans legte sich eine Hand auf den Mund, um ihre Emotionen zurückzuhalten. „Na, ich hoffe, dass der Richter seine Entscheidung jetzt bereut.“

„Dieses Mal fällt er nicht mehr unter das Jugendstrafrecht“, sagte Sergeant Howells und sah zu Evan auf. „Dieses Mal werden wir ihn endgültig wegsperren.“

Evan hatte diese Unterhaltung beobachtet, als hätte er nichts mit den Beteiligten zu tun – als wären sie Charaktere in einem Theaterstück, das er sich ansah. Als er versuchte, etwas zu sagen, fiel es ihm schwer, die Worte herauszubekommen.

„Wann ist die Verhandlung?“

„Man hat noch keinen Verhandlungstermin angesetzt, aber am Montagnachmittag wird er dem Richter vorgeführt. Deshalb komme ich zu Ihnen, Mrs. Evans. Ich dachte, Sie würden vielleicht dabei sein wollen. Wir wollen sichergehen, dass dieser Schweinehund nicht auf Kaution freikommt, entschuldigen Sie den Ausdruck, Mrs. E. Und da der kleine Evan jetzt auch hier ist, wollen Sie vielleicht beide gerne den Richter wissen lassen, was Sie von einer Kaution halten.“

„Ich möchte dabei sein“, sagte Mrs. Evans. „Evan kann mich hinbringen. Es ist nur richtig, wenn jemand für Robert spricht.“

„Wenn er vor dem Richter steht“, sagte Sergeant Howells, „werde ich selbst auch dort sein. Und Detective Chief Inspector Vaughan wird gegen die Erteilung einer Kaution Widerspruch einlegen. Dann sehe ich Sie dort, ja?“ Er stand auf. „Ich mache mich besser auf den Weg. Wir hetzen in der Station alle wie verrückt umher. Und es wimmelt vor Leuten aus der Unterstützungseinheit für Schwerverbrechen aus Port Talbot. Wir müssen den Fall wasserdicht machen.“ Er nickte Evan zu, dann Bronwen, die während des gesamten Gesprächs geschwiegen hatte. „Schön, Sie kennenzulernen, Miss. Dann sehen wir uns am Montag, Evan. Passen Sie auf Ihre Mutter auf, ja? Und danke für die Verköstigung, Mrs. E.“ Er setze seine Mütze wieder auf. „Keine Sorge. Ich finde schon hinaus.“

Nachdem die Haustür ins Schloss gefallen war, wurde es still.

„Nein, so was“, sagte Mrs. Evans erneut.

Bronwen berührte Evans Arm. „Habe ich das richtig verstanden, der Verdächtige, den sie geschnappt haben, ist der Mann, der deinen Vater getötet hat?“

Evan starrte auf das Spitzenmuster des Tischtuchs. Er traute sich nicht zu, aufzusehen. „Genau.“

„Tony Mancini. Ist er ein Einwanderer?“

„Na ja, ich schätze, seine Familie ist irgendwann mal eingewandert. In den 1920er Jahren kamen viele Italiener nach Südwales. In der Schule hatten wir einige Jungs mit italienischen Namen.“

„Und warum wurde er so schnell wieder freigelassen?“

„Er war noch ein Kind, als er meinen Vater erschossen hat. Und er behauptete, dass es ein Unfall gewesen sei. Mein Vater hatte eine Gang überrascht, die an den Docks eine Drogenlieferung auslud. Mancini sagte, man hätte ihm befohlen zu schießen, also habe er geschossen. Er habe Angst gehabt und wild um sich geschossen. Also steckte man ihn nur in eine Jugendstrafanstalt, nicht ins Gefängnis.“

„Nach vier Jahren war er wieder auf freiem Fuß“, sagte Evans Mutter verbittert. „Und jetzt muss eine andere Familie dasselbe durchmachen wie wir damals. Ein weiterer leerer Platz am Esstisch. Das ist nicht richtig, oder?“

Evan ging zu ihr und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Keine Sorge, Ma. Dieses Mal bringen sie ihn garantiert hinter Gitter. Und wir werden dabei helfen.“

 

In der Nacht blies ein starker Wind von der Irischen See herein, sodass Evan am Morgen unter blauem Himmel erwachte, vor dem kugelrunde Wölkchen dahinjagten. Als er Bronwen mit einer Tasse Tee wecken wollte, stellte er fest, dass sie schon wach war, auf ihrem Bett kniete und aus dem Fenster sah.

„Was für ein prachtvoller Ausblick.“ Sie wandte sich mit einem Lächeln zu ihm. „Wenn ich hier leben würde, würde ich nie irgendetwas zustande bringen. Ich würde den ganzen Tag an diesem Fenster sitzen.“

Evan blickte auf die endlose Swansea Bay, deren Wasser zwischen den schützenden Armen aus grünen Hügeln in der Sonne glitzerte. Von hier aus waren weder das Kraftwerk, noch das Stahlwerk oder eine der anderen Fabriken zu sehen. Selbst die Häuser unter ihnen wirkten sauber und frisch gestrichen.

„Ich hatte früher meinen Schreibtisch an diesem Fenster. Ich habe gerne zugesehen, wenn die Frachtschiffe einliefen.“ Er lächelte sie an.

„Dann war das hier dein Zimmer?“

Evan nickte.

„Warum hast du nichts gesagt? Du hättest bestimmt lieber in deinem alten Zimmer geschlafen.“

„Meine Mutter hätte das nicht zugelassen. Das hier ist jetzt ihr Gästezimmer und du bist der Gast.“

Bronwen sah sich um. „Was ist mit all deinen Sachen passiert? Nichts deutet darauf hin, dass du hier mal gewohnt hast.“

„Stehen vermutlich in Kisten verpackt oben auf dem Speicher. Meine Mutter war immer gut im Aus- und Aufräumen. Ich gehe davon aus, dass sie irgendwann die Fotoalben herausholen wird, um dir mich als dickes Kleinkind oder als spindeldürren Zehnjährigen zu zeigen.“

„Oh, das hoffe ich doch.“ Bronwen lächelte ihn an. „Du warst ein dürrer Zehnjähriger?“

„Ich war sehr dünn. Und zu kurz geraten. In der Grundschule haben sie sich über mich lustig gemacht, weil ich ein Neuling war und Walisisch sprach.“

„Und die anderen Jungs nicht?“

„Manche von ihnen sprachen zu Hause Walisisch, aber niemals in der Schule. Tatsächlich sagte uns einer der Lehrer sogar, dass wir dumm wären, Walisisch statt Französisch oder Deutsch zu wählen, wenn wir aufs Gymnasium gingen, weil es eine nutzlose, tote Sprache sei.“

„Nun, ich schätze, er hatte nicht ganz unrecht. Ich bin froh, dass ich es beherrsche, aber viel bringt es nicht, oder?“

„Walisisch taugt nur für Gesang und Lyrik.“

Bronwen trank einen Schluck von dem Tee, den er ihr gebracht hatte. „Können wir ein paar dieser Kisten vom Speicher holen? Ich will deine Wölflings-Uniform sehen und deinen Metallbaukasten.“

„Wozu?“

„Damit ich ein Bild davon bekomme, wie du als kleiner Junge warst, natürlich. Ich muss doch wissen, wen ich heirate.“

„Evan? Wenn du Miss Price ihren Tee gebracht hast, brauche ich dich hier unten“, rief Evans Mutter die Treppe herauf.

Evan grinste Bronwen an. „Sie will nicht, dass ich in deinem Schlafzimmer bleibe.“

„Und mit gutem Recht. Ich komme in ein paar Minuten runter.“ Sie ließ sich vom Bett gleiten und küsste ihn flüchtig auf die Wange. „Ein wundervoller Tag zum Wandern.“

Evan blickte den Flur hinunter. „Es ist Sonntag. Ich vermute, dass wir erst in die Kapelle gehen müssen“, sagte er. „Meiner Mutter ist so was noch immer sehr wichtig. Und danach gibt es garantiert ein Sonntagsessen mit allem Drum und Dran. Aber wir können heute Nachmittag rausgehen. Dann kann ich dir immer noch die historischen Sehenswürdigkeiten von Swansea zeigen.“

„Du meinst das Geburtshaus von Dylan Thomas? Das würde ich sehr gerne sehen.“

„Ich dachte eher an meine Grundschule, mein Gymnasium, meinen Rugby-Platz – es gibt deutlich interessantere Dinge als den verdammten Dylan Thomas. Ich verstehe nicht, warum so ein Wirbel um ihn gemacht wird.“

„Na, weil er genial war. Ich liebe seine Gedichte. ‚Geh nicht gelassen in die gute Nacht.‘ Du musst zugeben, dass das ein wunderschönes Gedicht ist.“

Evan runzelte die Stirn. „Witzig. Ich bin darüber gestolpert, als ich Unterlagen durchgesehen habe, nachdem mein Vater starb. Ich konnte es nicht lesen. Es hat mich so wütend gemacht.“

Bronwen streckte die Hand aus und streichelte seine Wange. „Soll ich mitkommen, wenn du morgen zum Gericht gehst? Ich mache es, wenn du möchtest, aber ich will nicht im Weg sein.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn du nicht mitkommst“, sagte Evan. „Für meine Mutter könnte es sehr schwer werden.“

„Ich verstehe.“

„Evan“, hörten sie von unten. „Warum brauchst du da oben so lange? Lass Miss Price in Ruhe.“

Als Bronwen wenig später nach unten kam, wurde bereits ein vollständiges Frühstück zubereitet. Speckscheiben brutzelten in einer Pfanne, Würstchen, Tomaten und Pilze lagen im Backofen unter dem Grill und Eier warteten darauf, gebraten zu werden.

„Um Himmels willen“, rief Bronwen. „Sie hätten sich doch wegen mir nicht diese ganze Mühe machen müssen. Toast oder Müsli hätten mir auch gereicht.“

Mrs. Evans warf ihr einen missbilligenden Blick zu. „Weder mein Ehemann noch mein Sohn mussten ihren Tag je mit Toast oder Müsli beginnen. Sie haben dieses Haus stets mit einem guten Frühstück im Magen verlassen. Gutes, gesundes Essen. Das hält einen Mann bei Laune.“

Evan bemerkte, dass Bronwen darauf bedacht war, ihn nicht anzusehen. Stattdessen ging sie zum Toaster. „Ich mache uns ein paar Toasts, in Ordnung?“

„Um zehn Uhr gehen wir in die Kapelle“, sagte Mrs. Evans bestimmt. „Aber ich habe nie gefragt, nicht wahr – gehen Sie in die Kirche oder in die nicht anglikanische Kapelle, Miss Price?“

„Meine Großmutter ging mit mir in die Kapelle, aber meine Eltern sind eher Kirchgänger, wenn sie überhaupt zum Gottesdienst gehen“, sagte Bronwen. „Aber ich gehe sehr gerne mit Ihnen in die Kapelle, Mrs. Evans.“

„Gut so. Wir gehen um halb neun los, pünktlich. Verstanden, Evan? Ich weiß noch, dass wir uns deinetwegen ständig verspätet haben, als du ein kleiner Junge warst, weil du in deinem Zimmer herumgetrödelt hast.“

„Wir werden bereit sein, Ma.“ Evan warf Bronwen einen kurzen Blick zu und sie lächelte zurück.

 

„Du hättest mich vorwarnen können, dass die Predigt erst auf Walisisch und dann noch einmal auf Englisch gehalten wird“, flüsterte Bronwen, als sie kurz vor Mittag aus dem gedrungenen, grauen Steingebäude traten. „Ich hätte ein gutes Buch mitnehmen, und in mein Gesangbuch legen können. Aber meine Güte hat der geredet. All die Dinge über das Höllenfeuer. Was bringt Menschen dazu, sich zwei Stunden lang beschimpfen und beleidigen zu lassen?“

„Es ist gut für die Seele.“ Evan drückte ihre Hand. „Aber ich gehe davon aus, dass das Mittagessen alles wiedergutmachen wird.“

Als sie ins Haus kamen, wurden sie vom Duft gebratener Lammkeule empfangen. Sie kam knusprig und braun aus dem Ofen. Kartoffeln, Pastinaken und Zwiebeln lagen darum verteilt, ebenso knusprig und braun. Mrs. Evans gab noch Saubohnen und Kürbis in einer weißen Soße dazu.

„Und ich habe deinen Lieblingsnachtisch gemacht“, sagte sie, als sie die leeren Teller abräumte. „Gebackener Marmeladenstrudel mit Vanillesoße.“

Evan lockerte unauffällig seinen Gürtel, als sie die lange, vor Marmelade triefende Biskuitrolle aus dem Ofen holte.

Nach dem Mittagessen legte sich Mrs. Evans hin. Evan und Bronwen nutzten die Gelegenheit, um zu verschwinden. „Obwohl ich glaube, dass ich nach dem Essen auch den ganzen Nachmittag verschlafen könnte“, sagte Evan, „glaube ich, dass wir besser ausgiebig über die Hügel wandern, um all diese Kalorien zu verbrennen.“

Sie starteten mit einer kurzen Fahrt durch das moderne Stadtzentrum und am Rathaus aus den 1930er Jahren vorbei, dann hielten sie vor einer Schule an.

„Das hier ist es“, sagte Evan. „Als ich hier war, war es das Swansea Gymnasium. Jetzt ist es eine Gesamtschule, wie all die anderen auch. Es war damals sehr elitär und die Kinder aus unserer Straße bewarfen mich wegen meiner Uniform mit Dreck.“

„Klingt nach einer gefährlichen Gegend, um ein Kind aufzuziehen.“

„Es hat mich abgehärtet“, sagte Evan. „Und bald darauf wuchs ich und spielte Rugby, da hörten sie auf, mich zu ärgern.“

„Alles klar.“ Bronwen seufzte scherzhaft. „Zeig mir den historischen Rugbyplatz. Hat man schon eine Plakette für dich aufgehängt?“

Sie fuhren in Serpentinen den Hang hinauf und hielten an einer weiten Fläche voller Spielfelder. Zu dieser Jahreszeit standen hier keine Rugbypfosten, aber in der Mitte war das Gras für ein Cricket-Feld gemäht – ein schmaler Streifen perfekten Grüns. Weiß gekleidete Gestalten standen darauf verteilt und durch das offene Autofenster hörten sie den satten Knall, mit dem Schläger und Ball sich trafen, gefolgt von einem höflichen Applaus.

„Da sind wir“, sagte Evan.

„Hier hast du also jeden Samstag gepunktet.“ Bronwens klare, blaue Augen sahen ihn neckend an.

„Ich habe nicht oft Punkte gemacht“, sagte Evan und gab vor, die Doppeldeutigkeit nicht zu verstehen. „Von meiner Position aus war das auch nicht üblich. Ich war die Nummer acht.“

„Tut mir leid. Ich weiß nichts über Rugby, was in Swansea bestimmt ein Sakrileg ist.“

„Mitte der hinteren Reihe.“

„Das klingt wie bei einer Tanzgruppe.“

„Im Gedränge.“

„Ich habe nur eine vage Vorstellung davon, was ein Gedränge ist, aber deine Freundin Maggie kann mir bestimmt sagen, ob du gepunktet hast. Wie war ihr Nachname?“

„Pole“, sagte er. „Maggie Pole.“ Als er den Namen aussprach, blitzte in seinen Gedanken ein Bild der lebhaften, brünetten Frau auf. Er schüttelte den Kopf. „Lass uns nicht über sie sprechen. Das ist lange her und es sind nicht gerade schöne Erinnerungen.“

„War die Trennung schlimm?“

„Sie hat mich verlassen“, sagte Evan. „Wenn du die ganze Geschichte hören willst: Ich hatte eine schwere Zeit, nachdem mein Vater gestorben war. Ich habe nicht gearbeitet. Ich war scheinbar unfähig, mit meinem Leben weiterzumachen. Ich hätte Maggie wirklich gebraucht, aber sie sagte mir, sie sei nicht bereit, auf einen Verrückten zu warten. Ende der Geschichte.“

„Was für ein Miststück“, sagte Bronwen.

Evan wirkte überrascht von dieser unüblichen Entgleisung.

„Na ja, das war sie doch. Wenn man jemanden liebt, verlässt man ihn nicht, weil er eine schwere Zeit durchmacht. Wenn ich sage: ‚In guten wie in schlechten Zeiten‘, dann meine ich es auch so.“

„Da bin ich mir sicher.“ Er nahm ihre Hand und drückte sie.

„Jetzt verstehe ich, warum du nicht erpicht darauf bist, sie wiederzusehen.“

„Und du weißt, warum ich plane, die ganze Zeit unterwegs und beschäftigt zu sein, während wir in Swansea sind. Wenn meine Mutter ihren Willen bekommt, wird sie uns festsetzen und Maggie zum Tee einladen.“

„Dann findet deine Mutter sie gut?“

„Damals nicht. Nur in der Retrospektive. Tatsächlich hielt sie Maggie für flatterhaft, und ihre Röcke waren ihr zu kurz. Laut meiner Mutter war keine Frau je gut genug für mich.“

„Was auch der Grund ist, warum sie mir so frostig begegnet.“

„Sie wird sich für dich erwärmen. Lass ihr etwas Zeit.“

„Ich hoffe es. Ich will nicht mein ganzes Leben lang Miss Price genannt werden.“

„Bald bist du ja Mrs. Evans, falls dir das besser gefällt.“ Evan lächelte. „Alles klar. Beim nächsten Halt sehen Sie den Ort meines Rugby-Triumphes.“

„Du wirst doch nicht das Haus von Dylan Thomas vergessen, oder?“

„Nein, ich vergesse den verdammten Dylan Thomas nicht.“

Sie fuhren weiter über hügeliges Gelände, überzogen mit einheitlich aussehenden Straßen und öffentlichem Wohnungsbau. Dann hielt Evan auf einem Hügel vor einer Kapelle aus grauem Stein. Ohne ein Wort öffnete er die Autotür und stieg aus. Bronwen folgte ihm und sie gingen über den Pfad, der an der Seite der Kapelle vorbeiführte.

„Ein weiterer Schauplatz eines jugendlichen Triumphes?“, fragte sie und rannte, um mit seinem schnellen Tempo Schritt zu halten.

Sie blickten jetzt ins Inland, mit dem Meer im Rücken. Grüne Hügel und Täler, so weit das Auge reichte.

„Als Junge sah das ganz anders aus“, sagte Evan und hielt an, bis sie neben ihm stand. „Hier waren überall Kohleminen. Oben auf diesen Hügeln sah man schwarze Abraumhalden und Abbaugerät, und wegen des ganzen Kohlestaubs hing ständig Smog über den Tälern. Kaum zu glauben, dass sich die Dinge so rasch verändern können.“

Er lief weiter, zu einem kleinen Friedhof hinter der Kapelle. „Ich habe dich hergebracht, weil ich dir das Grab meines Vaters zeigen will.“ Er hielt neben einem schlichten Grabstein aus Granit an.

Die Inschrift war bereits teilweise von Flechten überwuchert. „In liebevollem Andenken an Robert David Evans, hingebungsvoller Ehemann und Vater, loyaler Beamter der Polizei Südwales. Im Einsatz getötet ...“

Evan strich mit einer Hand über den rauen Granit. „Er stand kurz vor der Pensionierung. Er hätte schon sechs Monate früher in den Ruhestand gehen können, aber es fehlten Beamte und sie baten ihn, noch bis zum Ende des Jahres zu bleiben. Er hat nie gerne jemandem etwas abgeschlagen. Er war ein guter Mann. Er musste nie die Stimme erheben, aber wenn er etwas sagte, wusste man, dass er es so meinte und befolgte es. Man konnte sich immer auf ihn verlassen. Ein wirklich guter ... Mann ...“

„Da bin ich mir sicher, Evan. Er hat es geschafft, einen tollen Sohn großzuziehen.“

„Er war ein großartiger Vater. Schien immer Zeit für mich zu finden, selbst wenn er viel zu tun hatte. Ich wünschte, du hättest ihn kennenlernen können.“

„Ich auch.“

„Er hat das Leben so sehr genossen. Lachte viel. Es scheint mir so falsch ... so unfair, dass er ...“

Er wandte sich ab und starrte in die grünen Hügel. Bronwen hakte sich bei ihm unter. „Weißt du, es ist in Ordnung, zu trauern.“

„Wenn Mancini, dieser miese Typ, zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt wird, werde ich vielleicht wieder daran glauben können, dass es Gerechtigkeit in der Welt gibt.“

Bronwen nahm seine Hand. „Komm. Lass uns gehen. Du musst mir immer noch Dylans Geburtshaus zeigen, und wir brauchen etwas Bewegung.“

Kapitel 6

Evan hatte in Swansea noch nie eine Anhörung beim Amtsgericht miterlebt. Er erinnerte sich noch sehr lebhaft an das letzte Mal, als er einen Gerichtssaal von Swansea gesehen hatte – jedes Detail des Verhandlungssaals des Crown Court, in dem der Prozess gegen Tony Mancini stattgefunden hatte, war in sein Gedächtnis gebrannt. Der Crown Court war in einem neuen Gebäude untergebracht gewesen, eine Struktur aus Beton und Glas, die sich für Evan falsch angefühlt hatte. Gerichtssäle sollten düstere, majestätische Orte sein, mit eichengetäfelten Wänden und dunklen Holzbänken, die nach Tradition rochen. So wie das Old Bailey, das berühmte Gerichtsgebäude in London. Dieser Gerichtssaal war hell und unglaublich modern gewesen. Mit Klappsitzen wie in einem Theater und laminierten Tischflächen wie in einer Küche. Über der Richterbank hatte es ein Oberlicht gegeben, und kaltes Licht war auf die graue Perücke und das blasse, schlaffe Gesicht des Richters gefallen. Alles daran hatte falsch gewirkt – und sehr kalt. An die Kälte erinnerte er sich besser als an alles andere, obwohl das natürlich an dem damaligen Schock liegen mochte.

Dieser Saal im Amtsgericht war weniger modern, aber immer noch spartanisch eingerichtet. Auch hier fand sich nichts von der historischen Pracht des Old Bailey. Und die Richter waren natürlich gewöhnliche Menschen in gewöhnlicher Kleidung. Auf dieser Ebene der Rechtsprechung gab es keine Perücken und Talare.

Der Gerichtssaal war für eine Anklageverlesung bereits überraschend voll, als Bill Howells sie in Polizeiuniform ziemlich weit nach vorne zu ihren Sitzplätzen führte. Etwas abseits auf der anderen Seite bemerkte Evan ein gut gekleidetes Paar, das unbeweglich wie Statuen vor sich hinstarrte. Das mussten die Eltern des toten Mädchens sein. Evan erkannte diesen Blick des fassungslosen Entsetzens, die Entschlossenheit, in der Öffentlichkeit nicht zusammenzubrechen. Er wusste ganz genau, was ihnen durch den Kopf ging – dass sie dieses Martyrium niemals durchstehen würden und es doch irgendwie schaffen mussten.

Beamte der Polizei Südwales füllten die Bänke rings um Evan und seine Mutter. Sie nickten Evans Mutter zu, aber die starrte nur geradeaus und durchlebte offensichtlich erneut ihre Erinnerungen. Er spürte ihr Zittern. Er streckte einen Arm aus und legte die Hand auf ihre.

Aus dem hinteren Teil des Saals drang das Summen von Unterhaltungen zu ihnen. Evan sah sich um und entdeckte ein großes Medienaufgebot. Natürlich, der Tod der Tochter eines Stadtrates würde diesen Fall sehr prominent machen. Die Gespräche erstarben, als sich eine Tür im vorderen Teil des Gerichtssaals öffnete. Die Richter kamen herein und nahmen ihre Positionen an der Richterbank ein. Sie waren zu dritt – ein adretter, kleiner Mann mit dünnem, grauen Haar, einem ordentlichem Mittelscheitel und einer roten Fliege; eine dicke Frau mit Pferdegesicht in Tweedkleidung zu seiner Linken; und ein ebenso dicker, leicht ungepflegter Mann mittleren Alters in gelber Strickweste zu seiner Rechten. Es entstand ein langer Moment der Stille, während sie sich setzten und von einem Justizangestellten Unterlagen ausgehändigt bekamen. Dann öffnete sich eine Seitentür, und der Angeklagte wurde in Handschellen und flankiert von zwei uniformierten Polizisten hereingeführt. Er sah noch immer unglaublich jung aus – ein magerer Junge mit schwarzem Haar und großen, dunklen Augen, auf seine südländische Weise ziemlich gutaussehend. Er sah sich verblüfft im Saal um. Sein Blick streifte Evan und für einen kurzen Augenblick lag ein Funke von Wiedererkennen in seinen Augen.

„Bitte nennen Sie Ihren vollständigen Namen und Ihre Adresse“, sagte der mittlere der drei Richter mit einer hohen, abgehackten Stimme, die nur den Hauch eines walisischen Akzents aufwies.

„Anthony Edward Mancini, Caernarfon Street einundzwanzig, Swansea.“ Die Worte waren kaum hörbar.

„Lauter, Junge“, verlangte der Richter.

Tony wiederholte die Worte mit trotzigem Blick.

„Anthony Edward Mancini“, sprach der mittlere Richter jetzt in sonorer Stimme, „Ihnen wird der Mord an Alison Joan Turnbull am 17. Juli zur Last gelegt. Wie plädieren Sie?“

Tony sah sich erneut im Gerichtssaal um. „Ich war es nicht“, sagte er. „Man versucht, mir das unterzuschieben, weil man mit mir abrechnen will, aber ich war es nicht. Warum sollte ich Alison umbringen wollen?“

„Plädieren Sie auf schuldig oder nicht schuldig?“, wiederholte der Richter über Tonys Ausbruch hinweg.

„Mein Mandant plädiert auf nicht schuldig, Euer Ehren.“ Ein Mann in der vordersten Stuhlreihe erhob sich. War er Tonys Anwalt? Er sah beinahe so jung und mager aus wie sein Mandant.

„Was uns zur Frage der Kaution bringt.“ Der Richter wandte sich an seine beiden Kollegen. „Sehe ich das richtig, es besteht Einspruch gegen die Erteilung einer Kaution?“

Tonys Anwalt erhob sich schnell wieder von seinem Platz. „Euer Ehren, wir sind der Meinung, dass kein Grund besteht, die Kaution zu verweigern. Mein Mandant hat sich seit seiner Entlassung aus der Jugendstrafanstalt vorbildlich verhalten. Er stellt keine Bedrohung für die Gesellschaft dar und es besteht keine Fluchtgefahr.“

Die Richterin links lehnte sich in Tonys Richtung. „Hat er eine feste Wohnadresse und ist er erwerbstätig?“

Der Anwalt blickte zu Tony, dann wieder zur Richterbank. „Er lebt bei seiner Mutter. Im Augenblick ist er arbeitslos, sucht aber aktiv nach einer Anstellung. Wie Sie wissen, sind die Arbeitslosenzahlen in Swansea besonders hoch.“

„Hat er gearbeitet, seit er die Jugendstrafanstalt verlassen hat?“, hakte die Frau nach.

„Ja, Euer Ehren. Er hat in der Unico-Fabrik gearbeitet.“

„Und Unico ist was?“, fragte die Richterin.

„Die Fabrik von Mr. Turnbull, Alisons Vater“, warf einer der Polizisten ein, ehe der junge Anwalt etwas sagen konnte.

Die drei Richter wandten sich ihm zu. „Sie warten bitte, bis Sie aufgefordert werden, das Wort zu ergreifen“, sagte die pferdegesichtige Frau. „Wie heißen Sie?“

Ein Polizist in Zivil war aufgestanden. „Detective Chief Inspector Vaughan, Kriminalabteilung, Polizei Südwales.“ Die Worte klangen wie eine angriffslustige Herausforderung. Er war ein vierschrötiger, stabil gebauter Mann, mit den markanten Kieferknochen, die in Südwales verbreitet waren. Ein ehemaliger Rugbyspieler, stellte Evan sofort fest. „Ich leite in diesem Fall die Ermittlungen. Tony Mancini war bei Unico angestellt, bis er vor einigen Monaten wegen Diebstahls entlassen wurde.“

Die Richterin lehnte sich wieder dem Anwalt entgegen. „Sie sagten doch, dass der junge Mann seit seiner Entlassung eine saubere Akte hätte.“

„Hat er auch, Euer Ehren. Es wurde keine Anzeige erstattet und mein Mandant ist überzeugt, dass er unrechtmäßig entlassen wurde.“

„Wenn ich dem Gericht etwas mitteilen darf.“ Der Detective Chief Inspector ergriff erneut das Wort. „Mir scheint es, als hätte dieser junge Mann ausreichend Glück und Nachsicht erfahren. Er ist jetzt einundzwanzig, und dies ist seine zweite Mordanklage. In diesem Gerichtssaal sitzen heute Mrs. Robert Evans und ihr Sohn, Evan, die nächsten Angehörigen von Sergeant Robert Evans von der Polizei Südwales. Ich möchte darum bitten, dass Mrs. Evans und ihr Sohn vor Gericht sprechen dürfen.“

Die Richter tauschten Blicke aus und nickten dann. „Sehr wohl. Mrs. Evans und Mr. Evans, würden Sie bitte an die Richterbank treten?“

Evans Mutter klammerte sich wie eine Ertrinkende an seinen Arm, während sie ihre Sitzplätze verließen und nach vorne traten. „Euer Ehren“, sagte sie. „Mein Ehemann, Sergeant Robert Evans, war ein guter Mann, er hat uns gut versorgt ...“

„Ja, Mrs. Evans. Wir sind nicht hier, um den Charakter Ihres Ehemannes zu diskutieren. Haben Sie irgendwelche relevanten Informationen, die uns bei der Entscheidung helfen können, ob die Kaution in diesem Fall verweigert werden sollte?“

Evan spürte, wie seine Mutter ihn anstieß. „Euer Ehren, mein Vater wurde erschossen, als er ein Drogengeschäft vereiteln wollte.“ Er sah zu Tony, der ihn anstarrte. Für einen Moment trotzte er seinem intensiven Blick, dann wandte er sich wieder zur Richterbank. „Er war Teil einer hiesigen Gang, die mit Drogen handelte und war der Polizei bereits im Alter von fünfzehn Jahren bekannt. Wenn ich mich recht entsinne, war er nach einer Anklage wegen Drogenbesitz auf Kaution frei, als er meinen Vater erschoss.“

Der mittlere Richter befragte seinen Kollegen. „Ist das so?“

„Steht in seiner Akte, Sir“, sagte der Detective Chief Inspector, ehe Evan antworten konnte.

„Vielen Dank, Mr. und Mrs. Evans.“ Die Richterin lächelte ihnen zu. „Sie dürfen zu Ihren Plätzen zurückkehren.“ Es folgte eine geflüsterte Unterhaltung. Evans Mutter klammerte sich noch immer an ihn. Dann stand der mittlere Richter auf. „Das Gericht zieht sich zurück, während ich diese Angelegenheit mit meinen Kollegen bespreche. Wir kommen in einer halben Stunde wieder zusammen.“

Als die Richter nach einer halben Stunde zurückkehrten, um zu verkünden, dass die Kaution verweigert würde, applaudierten einige Zuschauer. Evans Mutter und die Turnbulls zuckten nicht einmal. Nachdem die Anhörung beendet war, trat Evan mit seiner Mutter im hellen Sonnenlicht auf die Oystermouth Road. Möwen kreischten über ihnen und die Luft roch stark nach Meer. Er beobachtete, wie die Turnbulls aus dem Gebäude kamen und in einem schwarzen Mercedes davonfuhren.

„Das lief besser als erhofft“, sagte Bill Howells, als er auf sie zukam. „Danke, dass Sie beide gekommen sind. Ich bin mir sicher, dass Ihre Aussage einen großen Einfluss hatte.“

„Ich bin froh, dass Evan bei mir war“, sagte Mrs. Evans. „Ich habe so gezittert. Ich traute mich nicht, mehr zu sagen, weil ich diesem ... diesem Monster sonst gesagt hätte, was ich von ihm halte. Aber wenn man meine Aussage bei einer Anhörung braucht, werde ich meinen Teil leisten, da können Sie sich sicher sein. Ich tue alles, um dafür zu sorgen, dass er dieses Mal angemessen bestraft wird, nicht wahr, Evan bach?“

Evan nickte. Ihm war schlecht und er war aufgewühlt. Irgendetwas an diesem Gerichtssaal hatte er zutiefst verstörend gefunden. Er konnte es nicht genau sagen, aber irgendetwas war nicht richtig gewesen.

Detective Chief Inspector Vaughan trat umringt von einer Gruppe Zivilfahnder auf die Straße. Er kam zu ihnen und schüttelte Evan und seiner Mutter die Hand. „Danke, dass Sie beide da waren. Ich weiß, dass es nicht leicht gewesen ist. Keine Sorge, wir stellen sicher, dass er dieses Mal mehr als vier Jahre Feriencamp bekommt.“

Als er wegging, hörte Evan, wie er zu einem Kollegen sagte: „Ich bete, dass wir den Fall wasserdicht bekommen.“

 

Bronwen kam kurz nach ihrer Heimkehr zurück. Sie war auf ihrer eigenen Pilgerreise gewesen. „Ich bin zum Cwmdonkin-Park gelaufen und habe gesessen, wo Dylan saß und über die ‚pretty shitty city‘ geblickt hat.“

„Miss Price. Diese Ausdrücke!“, sagte Mrs. Evans missbilligend.

„Dylan Thomas’ Worte, nicht meine“, entgegnete Bronwen mit einem Lächeln.

„Dylan Thomas – ein betrunkener Schurke, wenn Sie mich fragen, und er hat der Stadt Swansea keine Ehre gemacht.“

„Apropos betrunkene Schurken“, sagte Evan. „Ich brauche dringend ein Pint. Darf ich die Damen in den Pub einladen?“

„Du willst mich in einen Pub mitnehmen?“ Evans Mutter klang, als hätte er von einem Stripclub gesprochen.

„Ja. Und vielleicht können wir dort auch etwas essen. Oder wir gehen danach in ein schönes Restaurant?“

„Dann ist mein Essen also nicht mehr gut genug, ja?“ Mrs. Evans klang verletzt.

„Natürlich ist es gut genug, Ma. Ich dachte nur, du würdest vielleicht zur Abwechslung gerne mal auswärts essen.“

„Ich bevorzuge meine eigene Küche, wenn du es unbedingt wissen musst. Dieser ganze ausländische Mist, wo alles unter Soßen versteckt wird, ist nichts für mich. Mein Robert sah das genauso. ‚Nichts kann deiner Küche das Wasser reichen, Ellen‘, sagte er immer.“

„Dann hoffe ich, dass es dir nichts ausmacht, wenn ich Bronwen für eine Weile in den Pub ausführe. Ich möchte ihr gerne meine alte Stammkneipe zeigen. Wir werden uns eine Pastete oder so etwas bestellen, damit du heute Abend nicht für uns kochen musst.“

„Wenn es das ist, was ihr wollt.“ Mrs. Evans’ Stimme klang angespannt. „Dann sehen wir uns später.“

„Oh je, ich fürchte, wir haben sie beleidigt“, sagte Bronwen, als sie die Haustür hinter ihnen schloss.

„Keine Sorge, so ist sie immer – war sie schon immer. Sie hat ihre Routine und wird niemals davon abweichen. Und sie beherrscht es, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. Mach dir keine Sorgen, wir zwei werden jetzt ein wenig Spaß haben.“

Bronwen hakte sich bei ihm unter und sie gingen zum Wagen. „Ich freue mich darauf, deine Stammkneipe kennenzulernen. Und der Drink wird dir sicher guttun. Du warst kreidebleich, als ich zurückkam. War es so eine Tortur?“

Evan nickte. „Mir war nicht klar, wie schwer es werden würde. Ich sollte wohl froh sein, weil alles gut lief – die Kaution wurde ihm für mindestens dreißig Tage verwehrt. Also ist er aus dem Verkehr gezogen. Aber die ganze Sache war sehr verstörend.“

„Natürlich. Es ist furchtbar, so etwas durchzumachen, besonders, wenn man eigentlich Urlaub haben sollte.“

Evan lehnte sich zu ihr und küsste sie. „Nichts, was ein schönes Pint im Pub und gute Gesellschaft nicht heilen könnten.“

Die Stadt badete im rosaroten Abendlicht, als sie vor einem Pub namens The Prince of Wales Feathers parkten. Es war eine typische Eckkneipe, ein großes, wenig reizvolles Backsteingebäude mit Milchglasfenstern, auf denen das wohlbekannte Wappen und der Wahlspruch des Prince of Wales prangten, und das in einer uninteressanten Straße mit Läden und gesichtslosen Reihenhäusern lag. Nicht zu vergleichen mit der gemütlichen Atmosphäre im Fachwerkbau des Red Dragon zu Hause in Llanfair. Nach einem ersten Blick stand Bronwen enttäuscht da.

„Warum war das hier dein Stammpub?“, fragte sie. „Er liegt nicht gerade in Laufweite.“

„Hier trafen sich immer die Leute vom Rugby“, sagte Evan. „Ich weiß nicht, ob das noch immer so ist. Lass es uns herausfinden, ja?“ Er drückte die doppelte Schwingtür auf, jede mit einem Milchglasfenster versehen, und hielt sie offen, damit Bronwen ihm folgen konnte. Innen war es dunkel und im Eingangsbereich standen ein paar Glücksspielautomaten. Ein Zettel an einem Ständer empfahl, sich frühzeitig für die diesjährige Weihnachtsfeier anzumelden, die schon in fünf Monaten stattfinden sollte. Bronwen ließ Evan den Vortritt in die Kneipe und zuckte zurück, als ihr der schwere Zigarettenqualm entgegenschlug, der die Menschen an der Bar umgab.

„Was trinkst du?“, fragte Evan.

Bronwen sah sich um. „An so einem Ort sage ich besser nicht Perrier, sonst werde ich aufgeknüpft, oder?“

Evan lächelte. „Vermutlich.“

„Dann ein halbes Pint Radler. Mit Ingwerbier, wenn sie das haben.“

„Alles klar. Warum suchst du uns nicht einen Sitzplatz, während ich mich zur Bar durchschlage?“

Er drängte sich durch die Menge. Er bestellte das Radler und ein Pint Guinness und war gerade auf dem Rückweg, als eine Stimme rief: „Ist das nicht Evans? Stodge Evans? Ich fasse es nicht.“

„Hallo, Harry. Schön dich zu sehen.“ Evans Gesicht erhellte sich, als er den Mann erkannte.

Sofort war er umringt. „Was machst du hier, Junge? Wir hörten, dass du jetzt in der Fremde arbeitest, oben im primitiven Norden.“

„Ganz richtig. Oben am Snowdon.“

„Besser du als ich, Junge. Das ist ein Haufen Verrückter da oben, oder? Die ganze Inzucht.“

„Hast du da oben Rugby gespielt? Oder wissen sie nicht, wie das geht?“

„Die glauben vermutlich, dass man es mit Schafen spielt!“

Brüllendes Gelächter brach aus. Hände klopften Evan auf den Rücken.

„Na dann, trink aus, Junge. Wo das herkommt, gibt es noch reichlich. Bist du wieder da? Das Gedränge könnte einen guten Mann in der hinteren Reihe gebrauchen. Davies ist nutzlos.“

„Ich bin nur für ein paar Tage hier“, sagte Evan. „Ich habe meine ... Freundin mitgebracht“, irgendwie bekam er das Wort ‚Verlobte‘ nicht heraus, „um ihr Swansea zu zeigen.“

„Du hast dich doch nicht mit einer dieser Wilden aus dem Norden eingelassen, oder?“

„Oh doch.“ Evan lachte. „Äußerst wild. Sie sitzt da drüben. Kommt und lernt sie kennen.“

Mehrere Rugbyspieler folgten Evan zum Tisch in der Ecke, an dem Bronwen saß. Evan stellte das Glas vor ihr ab und stellte alle vor. Die erste Runde war schnell leer und Harry bot an, die nächste zu bezahlen.

„Ich komme mit und helfe dir tragen“, meldete Evan sich freiwillig und folgte Harry durch die Menge. Er hatte fast die Bar erreicht, als jemand seinen Arm packte.

„Evan! Du bist es!“ Eine dunkelhaarige, junge Frau in hautenger Jeans und Tanktop stellte sich ihm in den Weg. Sie lächelte entzückt zu ihm herauf. „Deine Mutter sagte, dass du zu Besuch kommen würdest. Wird auch verdammt noch mal Zeit, würde ich sagen. Ich dachte schon, du hättest uns vergessen.“

„Hallo, Maggie“, sagte Evan leise. „Nein, ich habe euch nicht vergessen.“

„Und hast du Blodwin mitgebracht, oder wie auch immer sie heißt?“

„Bronwen, und sie sitzt da drüben. Komm rüber, du musst sie kennenlernen.“

„Ich habe sie schon getroffen, wenn sie dieselbe ist“, sagte Maggie, „bei diesem Eisteddfod. Sie sah ziemlich jungfräulich und mittelalterlich aus, wenn ich mich recht erinnere.“

„Sie trug einen Umhang, wenn du das meinst“, sagte Evan.

„Mein Lieber, ich hielt sie für eine Teilnehmerin des Eisteddfod, so wie sie angezogen war.“ Maggie lachte. „Aber in der Wildnis, in der du lebst, gibt es wohl nicht viel Auswahl.“

„Oh, ich glaube nicht, dass ich es besser hätte treffen können, selbst in der größten Stadt“, bekam Evan gelassen heraus. „Und ich muss Harry mit den Drinks helfen, würdest du mich für einen Augenblick entschuldigen?“

Sie packte ihn wieder am Arm. „Ich wollte dir noch etwas sagen“, flüsterte sie.

„Ich glaube, wir beide haben schon alles gesagt, was es zu sagen gibt.“

„Nicht über uns. Über Rugby. Spielst du überhaupt noch?“

Evan schüttelte den Kopf. „Keine Zeit.“

„Und da oben gibt es keine Mannschaften, für die es sich zu spielen lohnt.“

„Oh, das würde ich nicht sagen ...“

„Ich schon. Das ist auch der Grund, warum Stew etwas daran ändern will. Du erinnerst dich an Stew Jenkins, oder? Hat für Llanelli gespielt? Und ein paarmal für Wales?“

„Natürlich erinnere ich mich an ihn. Ein guter Schlussmann.“

„Also, er mischt jetzt im professionellen Rugby mit. Du weißt, dass wir hier unten mehrere Teams in der Premier League haben. Und die Bezahlung ist auch nicht schlecht. Steve denkt darüber nach, in deiner Ecke ein Team aufzubauen, in Bangor – wenn er genug gute Spieler dort hinlocken kann. Er glaubt, dort herrscht ausreichendes Interesse, um so viele Zuschauer anzulocken, dass es sich rechnet.“

Evan nickte. „Vielleicht, obwohl es in Nordwales mehr Fußballfans als Rugbyfans gibt. Anhänger von Liverpool und Manchester United.“

Maggie hatte sich noch näher an ihn heranbewegt, sodass er jetzt bewusst den Duft ihrer Haare wahrnahm, und die Tatsache, dass ihr Tanktop einen Großteil ihres Dekolletés entblößte. „Ich habe Stevie von dir erzählt. Er glaubt, dass er vielleicht Verwendung für dich hätte, wenn du interessiert bist.“

„Ich?“ Zu seiner eigenen Verärgerung stellte Evan fest, dass er rot wurde. „Aber ich habe der Rugby-Welt vor fünf Jahren den Rücken gekehrt.“

„Das ist wie Fahrradfahren. Man verlernt es nicht.“

„Komm schon, Evans. Was ist aus dem Bier geworden?“, fragte eine Stimme aus der Clique um Bronwen.

„Ruf mich an, wenn du Interesse hast“, sagte Maggie, als sie ihn passieren ließ. „Du kennst meine Nummer.“

Evan drängelte sich zum Tisch zurück und stellte das Tablett ab.

„Da bist du ja, Stodge.“ Bronwen zwinkerte ihm mit einem gemeinen Grinsen zu. „Du hast mir nie erzählt, dass du einen Spitznamen hast.“

„Der stammt noch aus der Schule“, sagte einer der anderen Männer, ehe Evan antworten konnte. „Er war der einzige, dem das Essen schmeckte. Er wollte immer einen Nachschlag vom Pudding mit Trockenfrüchten oder dem mit Rübensirup. Daher der Name Stodge.“

„Und natürlich beschreibt das auch seine Statur, nicht wahr?“

„Er war schon immer ein kräftiger Kerl.“

„Du siehst aus, als hättest du abgenommen, alter Mann.“ Ein anderer aus der Gruppe schob ihn in die Mitte.

„Ich habe in letzter Zeit selbst gekocht. Die beste Diät, die ich kenne“, sagte Evan.

„Und ich versuche, dafür zu sorgen, dass er sich gesund ernährt“, fügte Bronwen hinzu.

„Dann spielst du im Moment kein Rugby?“

„Nicht im Augenblick. Nein.“

„Willst du am Samstag zum Aufwärmtraining kommen? Vor Beginn der Saison machen wir Konditionstraining.“

„Danke, aber am Samstag bin ich nicht hier. Bronwen und ich fahren morgen zu ihren Eltern.“

„Besuch bei den Eltern? Oha, das klingt ernst.“

Evan spürte, dass Bronwen ihn ansah und darauf wartete, dass er etwas sagte.

„Wir haben vor, demnächst zu heiraten“, sagte er und sah die Dankbarkeit in ihren Augen.

„Oh je. Stodge wagt den Schritt. Na dann, trinkt aus, Jungs. Das schreit nach einer neuen Runde.“

 

Es war schon spät, als sie endlich auf die dunkle Straße hinaustraten und sich in den Lichtkegel einer Straßenlaterne stellten, während Evan seine Schlüssel suchte.

„Ich hoffe, es war nicht zu anstrengend für dich“, sagte er, als er ihr die Tür aufhielt.

Bronwen schenkte ihm ein umwerfendes Lächeln und stieg ein. „Nein, gar nicht. Ich fand es sehr aufschlussreich – Stodge.“

Er beschloss, sein Gespräch mit Maggie nicht zu erwähnen. Es gab keinen Grund.

Als sie am Haus ankamen, saß Mrs. Evans im Wohnzimmer und sah fern.

„Hattet ihr einen schönen Abend? Das ist gut“, sagte sie wie mechanisch. Sie stand auf. „Na dann, ich werde jetzt ins Bett gehen, wenn es euch nichts ausmacht. Nehmt euch vom Kakao.“

„Wir hätten nicht ausgehen und sie zurücklassen dürfen, Evan“, flüsterte Bronwen, während sie ihre Schritte auf der Treppe hörten. „Ist dir aufgefallen, dass sie geweint hat?“

Evan nickte. „Du hast recht. Ich fühle mich schrecklich. Ich dachte, sie auszuführen würde sie aufheitern, aber ich glaube, sie wird nie über den Tod meines Vaters hinwegkommen. Ich weiß nicht, was ich tun soll, Bronwen.“

„Du kannst nichts tun“, sagte Bronwen. „Es sei denn, du willst, dass sie bei uns lebt, wenn wir ein Haus haben.“

„Es ist großzügig von dir, das vorzuschlagen, aber ich glaube nicht, dass sie kommen würde. Wie gesagt, sie hält sehr an ihrer Routine fest – das war schon immer so und ist jetzt nur noch schlimmer geworden. Ihre regelmäßigen Abläufe sind alles, woran sie sich noch halten kann.“ Er blickte die Treppe hinauf. „Ich glaube, ich mache eine Tasse Kakao und bringe sie ihr rauf. Es hilft nicht, sie zum Reden bringen zu wollen, weil sie sehr verschlossen ist, aber ich sollte sie wissen lassen, dass ich da bin, wenn sie mich braucht.“

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Tödliche Tatsachen