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Mordsmäßig verkatert

von Saskia Louis (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

In Louisa Manus Wohnzimmer liegt eine Leiche. Das ist gleich doppelt problematisch, denn Lou wird nicht nur zu spät zum Sonntagsbrunch kommen, sie steht auch urplötzlich unter Mordverdacht. Leider fällt es ihr schwer abzustreiten, die Frau getötet zu haben, da sie sich partout nicht daran erinnern kann, was am vergangenen Abend passiert ist. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihre Unschuld selbst zu beweisen. Zur Sicherheit zieht sie vorübergehend aus dem Tatort aus und bei Kommissar Rispo ein … und das bringt ganz eigene, nervenaufreibende Probleme mit sich.

Jeder Band der Reihe ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe September 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-673-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96443-279-7
Hörbuch-ISBN: 978-3-96087-952-7

Covergestaltung: ARTC.ore
unter Verwendung eines Motivs von
© Dchauy/shutterstock.com
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Eva, meine Zwillingsschwester im Herzen.

Unsere Detektivagentur war legendär!

Kapitel 1

Es gab schreckliche Dinge auf der Welt.

Krieg. Die Pest. Donald Trumps Frisur. Atombomben. Analog-Käse.

Eines furchtbarer als das andere. Doch hätte man mich an diesem Morgen gefragt, was sofort abgeschafft werden sollte, hätte ich Sonnenlicht geantwortet. Ich war nicht stolz darauf, aber es war die Wahrheit.

„Scheiße“, stöhnte ich und hielt mir die Hände vors Gesicht, um die lästigen Strahlen davon abzuhalten, mir die Augen aus dem Kopf zu brennen. Meine Schläfen schmerzten, als hätte eine Horde Sumoringer die ganze Nacht darauf Steppen geübt.

Ich rollte nach links, um meinen Kopf im Kissen zu vergraben, und stieß gegen etwas Warmes, Knittriges. Stirnrunzelnd tastete ich danach. Es fühlte sich nach einem riesigen, labbrigen Laib Toast an. Unter großer Anstrengung öffnete ich ein Auge. Erneut blendete mich das Licht und ein Schwall Übelkeit schwappte gegen meine Magenwände. Ich schluckte und musste würgen, weil mein Mund sich anfühlte, als habe es sich eine besonders haarige Katze dort drin gemütlich gemacht. Eine Katze, die lange nicht gewaschen worden war. Gott, war das ekelig.

Mein Gesicht vom Licht abschirmend, öffnete ich auch das andere Auge, um die Teigware neben mir näher betrachten zu können. Interessant. Das Toastbrot war pink und hatte Trudis Gesicht. Ich blinzelte mehrmals, bis die Konturen meiner 72-jährigen Angestellten aufhörten, Wellen zu schlagen. Waren ihre Haare schon gestern so rosarot gewesen?

Ich wusste es nicht mehr. Wenn ich raten müsste, hätte ich jedoch Nein getippt.

Moment, welcher Tag war heute? Sonntag, oder nicht? Das hieß, gestern war … richtig, Emilys Junggesellinnenabschied gewesen. Langsam kam die Erinnerung zurück. Wir waren in diese schäbige Bar gegangen, mit dem noch schäbigeren Namen und den schäbigen Möbeln und dem schäbigen Barkeeper und dann …

Ich schloss die Augen, denn mein Magen gab mir zu verstehen, dass er Licht noch immer scheiße fand.

Dann … dann hatten wir irgendetwas anderes getan. Mit Alkohol.

Mist, ich hatte keinen Schimmer mehr, mein Gedächtnis war wie ausgelöscht. Ich hatte ein komplettes Blackout. Wie viel zum Teufel hatte ich getrunken? Ich hatte es bei einem Glas Wein belassen wollen, doch dann waren wir bei diesem Burlesque-Tanzkurs gewesen, den Emily schon immer unbedingt hatte besuchen wollen. Trudi hatte begeistert mitgemacht, ein Kleidungsstück nach dem anderen ausgezogen – und sich nicht die Kante zu geben, war auf einmal keine Option mehr gewesen.

Es musste ein aufregender Abend gewesen sein.

Ich war irgendwie froh, ihn vergessen zu haben. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich betrunken äußerst peinlich werden konnte.

Mit der Zungenspitze befeuchtete ich meine Lippen und bemerkte mit einem Mal, wie furchtbar trocken mein Mund war. Die Katze war verschwunden und hatte die Sahara zurückgelassen. Ich brauchte Wasser. Und einen neuen Kopf.

Seufzend rollte ich mich zurück auf den Rücken und strampelte die Decke von meinen Beinen. Der nächste Versuch, die Augen zu öffnen, verlief besser. Die Übelkeit turnte zwar noch immer in meinem Magen, wurde aber langsam müde. Wenigstens war ich bekleidet. Ich sollte mich auf die positiven Dinge konzentrieren.

„Scheiße“, wiederholte ich krächzend und schwang die Beine von der Matratze. Ein lautes Uff-Geräusch erklang, als meine Füße auf etwas Weiches trafen.

„Hör auf, mich zu treten“, murmelte eine griesgrämige Stimme.

Ich verzog das Gesicht und beugte mich vor. Emmi lag auf meinem Bettvorleger. „Hör auf, auf meinem Boden zu liegen“, gab ich zurück.

Meine Schwester sah zugegebenermaßen etwas schwach aus … aber ihre Hand heben und mir den Mittelfinger zeigen, das konnte sie noch. „Du hast mich aus dem Bett geschmissen, weil deine Hüften zu gebärfreudig sind“, erklärte sie, zog das Handtuch, das sie als Decke missbrauchte, höher ihre Schultern hinauf, drehte sich von mir weg und schlief weiter.

Ich rieb mir mit der Hand über die Stirn und atmete mehrmals tief ein, bevor ich mich dazu imstande fühlte, aufzustehen.

Wasser. Ich brauchte Wasser. Umständlich stieg ich über Emmi hinweg und stolperte in den Flur. Eine pinke Spur aus Glitzer führte in mein Wohnzimmer mit Einbauküche, und wie angewurzelt blieb ich ihm Türrahmen stehen.

Die Küche war ein einziges Schlachtfeld. So schlimm hatte es hier nicht mehr ausgesehen, seitdem ich Twinky, meinem verhaltensgestörten Kater, zu viel Kaffee gegeben hatte und er die Wände hochgegangen war. Er mochte sich zwar für einen Hund halten, aber seine Krallen waren noch immer die einer Katze.

Die Arbeitsfläche war mit Mehl und Schokoflocken gepflastert, so als habe eine betrunkene Meute Kinder versucht, etwas zu backen. Bierflaschen stapelten sich auf dem Herd, vier abgebrannte Wunderkerzen thronten in einem zerpflückten Salatkopf mit Sonnenbrille, und weiße Pillen – von denen ich sehr hoffte, dass sie Tic Tacs waren – lagen verstreut auf dem Boden vor mir. Kopfschüttelnd wandte ich mich um, um auch den Rest des Raumes zu bewundern. Zwei meiner Zimmerpflanzen lagen umgestoßen vor der Fensterbank, drei Handtaschen auf meiner Anrichte und eine bleiche Schaufensterpuppe auf meinem Sofa.

Wo hatten wir die denn her? Waren wir bei H & M eingebrochen? Ich würde es mir zutrauen, ich war sehr wütend auf das Geschäft, weil mir dessen Hosen nie passten!

Schnaubend tapste ich über die Hoffentlich-Tic-Tacs hinweg und verteilte den an meinen Fußsohlen klebenden Glitzer weiter in meiner Küche. Ich griff nach einem Glas und füllte es mit Wasser, bevor ich es gierig hinunterstürzte und gleich noch einmal unter den Hahn hielt.

Twinky strich um meine Knöchel und schnurrte auffordernd. Er hatte heute Morgen noch kein Futter bekommen und offensichtlich Angst, dass ich ihn vergessen hatte.

„Du kriegst gleich was“, murmelte ich müde lächelnd und hockte mich hin, um ihn zu streicheln.

Zufrieden rieb er seinen Kopf an meinem Schienenbein … und hinterließ dabei eine klebrige Spur auf meiner Haut.

Ich verzog das Gesicht. „Twinky, hast du dich am Bier vergriffen?“, wollte ich wissen und sah an mir hinunter. Doch es war kein Bier, das an meinem Bein haftete. Dafür war es zu dickflüssig … und zu rot. Stirnrunzelnd beugte ich mich weiter vor und nahm vorsichtig Twinkys Gesicht in meine Hände. „Was hast du da, Twinky?“, fragte ich leise und betrachtete seine rot getünchten Schnurrhaare, seine rosa Schnauze …

Erschrocken richtete ich mich auf. Ich war in meinem Leben oft genug hingefallen, um Blut zu erkennen, wenn ich es sah.

„Scheiße“, wisperte ich und ein beklemmendes Gefühl setzte sich in meiner Brust fest, drückte auf Zwerchfell und Lunge. „Wo hast du das her Twinky? Wo …“ Mein Blick schweifte über seinen Kopf hinweg, den Boden entlang, bis zu meiner Couch … neben der sich eine spiegelglatte, rote Blutlache gebildet hatte. Mit trockenem Hals, aufgerissenen Augen und heftig klopfendem Herzen starrte ich die Schaufensterpuppe auf dem Sofapolster an, das gestern noch nicht im Batiklook rot eingefärbt gewesen war.

Die Puppe lag auf dem Rücken. Ihr einer Arm hing über den Rand des Sofas und berührte mit den Fingerspitzen die rote Lache. Der andere war an die Seite ihres Körpers gepresst. Sie hatte lange rote Haare, die ihr Gesicht noch bleicher aussehen ließen, trug ein weißes Sommerkleid und bei näherem Hinsehen … ragte ein Küchenmesser aus ihrer Brust.

Mein Küchenmesser.

„Nein“, hauchte ich und schlug schockiert die Hand vor den Mund. Das konnte nicht sein!

Neue Übelkeit wallte in mir auf, während ich das ausdruckslose Gesicht der fremden Frau betrachtete. Das Blut floss aus meinem Kopf, meine Hände fingen an zu zittern und jeder Atemzug brannte auf einmal in meiner Lunge. Keuchend beugte ich mich nach vorn und stützte mich mit den Händen auf meinen Oberschenkeln ab.

Das konnte doch nicht … warum sollte … was zum …?!

„Meine Güte, ich hab nicht mehr so viel gesoffen, seit mein Günter unter die Erde gelassen wurde. Gott hab ihn selig – und Tequila.“

Trudi wehte durch die Tür. Ihre pinken Haare strahlten mit ihrem Lächeln um die Wette und sie sah nicht aus, als habe sie gestern getrunken. Sie sah aus, als habe sie gestern den schönsten Kindergeburtstag ihres Lebens gefeiert.

Ich sah sie an, blickte zur Leiche, sah zurück zu Trudi – wandte mich um und übergab mich in mein Waschbecken.

„Du hättest mir auch sagen können, dass dir das Pink nicht gefällt“, murrte die alte Dame pikiert. „Ich finde, ich sehe fesch aus. Wie diese Sängerin, diese April Lawine in jungen Jahren. Die, die mit diesem Skater-Jungen abgehauen ist.“

„Avril Lavigne“, korrigierte ich sie mechanisch, spuckte aus, gurgelte mit Wasser … und vermied es, mich wieder umzudrehen. Vielleicht hatte ich mir die Leiche nur eingebildet. Vielleicht hatte mir jemand Drogen untergemischt und ich halluzinierte. Vielleicht musste ich nur kurz die Augen schließen und tief durchatmen. Wenn ich sie wieder öffnete, wäre die Tote vielleicht doch nur aus Plastik.

„Sag ich doch. April Lawine“, bestätigte Trudi. „Weißt du, mir geht es gut, aber ich fühle mich schon sehr merkwürdig, ich …“

„Trudi“, unterbrach ich sie heiser. „Liegt …“ Ich räusperte mich. „Liegt sie immer noch da?“

„Woher soll ich wissen, wo April liegt?“

„Die meine ich nicht. Ich spreche von der … von der Leiche“, stellte ich mit zitternder Stimme klar, die Augen fest zusammengekniffen.

„Eine Leiche?“, fragte Trudi begeistert. „Wo?“

„Auf meiner Couch.“

Einige Momente lang hörte ich nur das Blut in meinen Ohren rauschen, dann murmelte Trudi: „Na, da erschieß mich doch ein Pferd, da liegt tatsächlich jemand!“

Ich vernahm Schritte und wirbelte alarmiert herum. Wie erwartet, hatte die alte Dame neugierig ein paar Schritte nach vorn gemacht, um sich über den toten Körper zu beugen.

„Nein, Trudi! Fass sie nicht an. Das hier ist ein Tatort, wir … wir dürfen nichts berühren.“

„Tatort, papperlapapp“, sagte Trudi schnaubend, trat jedoch von der Leiche zurück. „Das hier ist dein Wohnzimmer, nicht CSI: Miami.“

Ja, genau das war es, was mich beunruhigte.

„Sie sieht nicht echt aus", bemerkte sie noch immer skeptisch und kniff die Augen zusammen. „Ich sollte sie einmal anfassen, nur um sicherzugehen.“

„Das ist keine gute Idee.“

„Aber vielleicht ist es eine Wachsfigur, Louisa. Dann würden wir die Polizei vollkommen umsonst anrufen.“

„Warum sollte eine blutende Wachsfigur bei mir auf der Couch liegen, Trudi?“

„Warum eine Leiche?“

Guter Punkt. „Fuck“, fluchte ich, fuhr mir mit den Händen in die Haare und konzentrierte mich auf meine Atmung. Es war schwieriger als sonst, genug Sauerstoff in meinen Körper zu pumpen. Möglicherweise weil Panik meine Luftröhre verengte. „Fuck, Scheiße, Fuck. Ich weiß noch nicht einmal, wer sie ist! Ich meine: Kennst du sie, Trudi?“ Hilfesuchend wandte ich mich an die pinkhaarige Frau.

Nachdenklich rümpfte Trudi die Nase. „Ich glaube nicht. Aber meine Augen sind auch nicht mehr die Besten. Wenn du mich etwas nach vorn gehen lassen würdest, um …“

„Nein!“, sagte ich scharf und hob warnend einen Zeigefinger. Ich hatte jetzt keine Zeit dafür, Trudis irrationalen Wunsch, eine Tote zu berühren, zu berücksichtigen. „Trudi, eine tote Frau macht es sich auf meiner Couch gemütlich. Falls du es noch nicht wusstest: Das ist nicht gut!“

Betreten wiegte die alte Dame ihren Kopf von der einen Seite zur anderen. „Es hätte schlimmer kommen können“, versuchte sie mich zu beschwichtigen und tätschelte meinen Arm.

Ungläubig sah ich sie an, während ich mir mit dem Handrücken über den Mund wischte. „Ach ja? Wie?“

„Nun … deine Couch hätte ein teures Designerstück sein können.“

Ich lachte trocken auf. Gegen die Logik konnte ich nicht argumentieren.

Die Tür zum Wohnzimmer ging erneut auf und heraus trat eine sehr zerknautscht aussehende Emily. „Hey, Loubalou, wusstest du, dass ein Goldfisch in deiner Badewanne lebt?“

Die Lippen zusammengepresst schüttelte ich steif den Kopf.

Irritiert sah meine Schwester erst in mein entsetztes und dann in Trudis unsicheres Gesicht. „Wer ist denn hier gestorben?“, wollte sie wissen.

Ich streckte zitternd den Arm aus und deutete auf die tote Rothaarige. „Sie dort.“

„Ist nicht wahr.“ Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen starrte Emily zu der Leiche. Einige Momente lang schien sie sprachlos – und wäre die Frau auf dem Sofa nicht tot gewesen, hätte ich ihr für diese Leistung gratuliert – schließlich flüsterte sie ehrfürchtig: „Aber … aber die ist doch nicht echt, oder?“ Ihr Blick wanderte panisch zu mir. „Ich meine, sie sieht aus wie eine Wachsfigur.“

„Mein Reden“, unterstützte Trudi sie. „Ich war in Berlin in dieser Wachsfigurenausstellung und die sahen alle genauso aus wie die Frau auf dem Sofa.“

Ich schüttelte nur immer wieder den Kopf. „Glaubt mir einfach. Ich habe in meinem Leben schon genug Leichen gesehen, um … nein, Twinky! Aus! Aus!“ Mein Kater war mitten in die Blutlache spaziert und hatte angefangen, die Flüssigkeit vom Boden aufzulecken. „Du kannst dich nicht für einen Hund und eine Mücke gleichzeitig halten, Twinky“, fuhr ich meinen Kater an, der schuldbewusst innehielt.

„Ich glaube, Lou rastet aus“, murmelte Emmi laut hörbar aus ihren Mundwinkeln heraus.

„Eine Frau wurde in meinem Wohnzimmer ermordet“, herrschte ich sie an. „Natürlich raste ich aus!“

„Das weißt du doch gar nicht. Vielleicht wurde sie draußen umgebracht und dann erst hier hochgeschleppt.“ Sie sah zur Tür. „Fragt sich nur, wie der Mörder sie durch die verschlossene Tür bekommen hat.“

Das war gerade tatsächlich meine geringste Sorge. „Kennst du sie, Emmi?“, fragte ich fahrig. „Weißt du, wer sie ist?“

„Keinen Schimmer. Aber sie hat einen hübschen Nasenring. Frag mich, wo sie den hat machen lassen. Ich hatte nämlich überlegt –“

„Emmi, konzentrier dich!“

Sie verdrehte die Augen. „Ja, sorry! Ich bin schockiert, wirklich. Aber ehrlich gesagt ist der ganze gestrige Abend etwas nebelig, und mein Körper fühlt sich noch immer taub an. Ich erinnere mich nur noch an den Burlesque-Kurs und das Dreieck.“

Richtig, das war der Name der Bar gewesen. „Trudi? Was ist mit dir? Was weißt du noch?“

„Wir waren nach dem Tanzen noch in irgendeiner komischen Bar?“, fragte die alte Dame verwirrt.

Zischend stieß ich die Luft aus und legte den Kopf in den Nacken, bevor ich mit den Händen meine Taschen abtastete. Wo war mein Handy?

Ich zwang meinen Blick nach unten, blickte mich in der Küche um, konnte das Mistding jedoch nirgendwo finden.

„Emmi, gib mir dein Telefon.“

„Wen rufst du an?“, fragte sie unsicher, reichte mir jedoch ihr Handy.

„Was glaubst du denn?“, erwiderte ich schnaubend, suchte in ihren Kontakten nach dem R und betätigte den grünen Hörer. Ich hatte schließlich so etwas wie eine Tradition, wenn ich Leichen oder Körperteile fand.

Nach dem dritten Klingeln hob jemand ab. „Egal, wer du bist, ich hasse dich.“

Ich runzelte die Stirn. Das war nicht Joshs Stimme.

„Finn?“, fragte ich verwirrt. „Bist du das?“

„Natürlich bin ich das! Du hast mich angerufen.“

„Du hast Finn unter Rispo eingespeichert?“, fragte ich Emily verwirrt.

„Na, so heißt er doch.“

„Mit Nachnamen!“

„Und? Ich hatte seinen Vornamen vergessen.“

„Du willst ihn nächsten Samstag heiraten! Er ist dein Verlobter!“

„Ja, aber als ich ihn eingespeichert habe, war er das noch nicht.“

„Egal“, sagte ich kopfschüttelnd. Ich musste mich auf das Wesentliche konzentrieren. „Finn, bist du zufällig gerade bei Josh? Ist er in deiner Nähe?“

„Ja, ich bin bei ihm. Wir haben gestern Junggesellenab–“

„Ist mir egal“, unterbrach ich ihn. „Gib mir Josh. Wo ist er?“

„Louisa, es ist elf Uhr an einem Sonntag!“, quengelte Finn. „Jeder weiß, dass man nicht so früh anruft. Ich kann nicht klar denken.“

Es war schon elf? Den Sonntagsbrunch bei meiner Mutter würden wir heute wohl verpassen.

„Finn“, sagte ich scharf und meine Stimme zitterte wie ein Fähnchen im Wind. „Das ist kein Spaß, gib mir deinen Bruder.“

„Ich glaube, der steht unter der Dusche, zumindest läuft das Wasser, aber …“

„Hol ihn.“

„Nein! Ich will ihn nicht nackt sehen“, beschwerte Finn sich.

„Dann mach halt deine beschissenen Augen zu. Wir stecken in Schwierigkeiten und ich brauche Josh.“

„Schön!“, murrte er, dann knackte es in der Leitung und im nächsten Moment war es still. Vielleicht hatte Finn das Handy abgelegt.

„Sie ist sehr hübsch, oder?“, sinnierte Trudi verträumt und starrte die Tote an. „Das Blutrot steht ihr. Passt zu den Haaren. Und ihr Körper ist sehr ästhetisch über deine Couch drapiert. Der Mörder muss eine künstlerische Ader haben. Wenn ich irgendwann getötet werden sollte, dann bitte von so jemandem.“

Interessiert sah Emily sie an. „Du bist eher der Glas-Halbvoll-Typ, oder, Trudi?“

Ich ignorierte die beiden und konzentrierte mich wieder darauf, nicht zu hyperventilieren. Ich war nicht gut darin, Blut zu sehen, war in den letzten Jahren jedoch etwas abgehärtet worden. Ein abgetrennter Finger, ein Paketbote mit einer Stricknadel im Hals, ein Vergiftungsopfer, ein zerfleischter Tierpfleger … man lernte, sich zu kontrollieren.

„Was ist los, Lou?“, drang eine dunkle Stimme durch den Hörer.

„Josh“, quietschte ich panisch. „Josh, hier liegt eine tote Frau in meinem Wohnzimmer."

Stille.

„Das ist nicht witzig, Lou.“

„Ich weiß, dass das nicht witzig ist“, erwiderte ich, meine Stimme so hoch wie mein Puls. „Mir ist gerade auch überhaupt nicht zum Lachen zumute – genauso wenig wie der Rothaarigen auf meiner Couch, der ein Messer aus der Brust ragt!“

Einige Herzschläge lang konnte ich nur seinen Atem durch die Ohrmuschel hören, schließlich meinte er leise: „Weißt du, was ich mich frage, Lou? Warum rufst du mich nie an und sagst: Josh, ich habe heute eine vollkommen lebendige Frau im Zoo kennengelernt. Sie hatte noch alle ihre Finger, hat gestrickt und mir vom Eishockey erzählt und wird wohl noch über hundert Jahre alt. Die Sätze würde ich gerne mal hören! Nicht den ganzen anderen Scheiß.“

Ich lachte hysterisch auf. „Das nächste Mal, wenn ich jemand Lebendigen sehe, werde ich dran denken. Aber jetzt … jetzt brauche ich jemanden, der mir sagt, dass es keine gute Idee ist, ihn Ohnmacht zu fallen und darauf zu hoffen, dass die Frau weg ist, sobald ich wieder aufwache.“

„Warte. Moment“, sagte er fahrig. „Du machst wirklich keine Witze?“

„Nein!“

„Scheiße“, fasste Rispo die Situation passend zusammen. „Was zum Teufel ist passiert, Lou?“

„Ich weiß es nicht!“, rief ich aufgebracht und fuhr mit einer Hand in meine Haare. „Ich erinnere mich an nichts mehr. Irgendwer muss uns was untergemischt haben. Wir wissen alle nicht mehr, was wir gestern Nacht getan haben! Trudi und Emmi sind auch hier und haben keine Ahnung. Wir … wir waren auf dem Junggesellinnenabschied und dann anscheinend hier und dann …“ Ich schluckte. „Dann lag da plötzlich eine Tote in meinem Wohnzimmer.“

„Okay … okay“, murmelte Josh, und meiner inneren Ruhe half es überhaupt nicht, dass er sich dabei sehr nervös anhörte. Rispo wurde nicht nervös! Er war ein eiskalter Bulle. Er hatte sich immer unter Kontrolle. Wenn er schon durchdrehte …

„Josh, was mach ich denn jetzt?“, wisperte ich ängstlich. „Ich kenne die Frau nicht! Und das Blut ist in meine Couch gesickert und Twinky hat es, glaube ich, getrunken und …“

„Beruhige dich.“

„Ich kann mich nicht beruhigen!“, fuhr ich ihn an. „Mein Kater ist womöglich ein Vampir und ich will Nutella, keine tote Frau zum Frühstück. Und offensichtlich habe ich auch noch einen Fisch in meiner Badewanne! Ich mag Fische nicht einmal. Sie sind dämlich.“

„Ja, der Fisch ist tatsächlich beunruhigender als die Leiche in deinem Wohnzimmer.“

„Josh!“

„Ich weiß. Okay.“ Er sog zischend Luft ein. „Lou, pass auf: Fass nichts mehr an, atme tief durch – und ruf die Polizei. Es kommt besser, wenn du es bist, die die Tote meldet, und nicht ich.“

„Warum das?“

Einige Momente lang war es still auf der anderen Leitung, dann murmelte er: „Weil es dich als primäre Mordverdächtige entlasten könnte.“

Primäre was?“ Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme unnatürlich laut wurde. „Nur weil es mein Messer ist, das aus ihrer Brust ragt, heißt das doch noch lange nicht, dass ich sie umgebracht habe! Ich kann kein Blut sehen. Wie dumm wäre es von mir, ihr ein Messer in die Brust zu rammen? Womöglich wäre ich über ihr kollabiert.“

„Es ist … dein Messer?“, fragte Rispo zögerlich, seine Stimme ungewohnt hoch.

„Ja, aber … warum klingst du so alarmiert?“

„Weil das nicht gut ist, Lou!“

Als ob mir das nicht klar wäre! „Erzähl mir etwas, das ich noch nicht weiß!“, blaffte ich zurück.

Wieder atmete er tief durch. „Ruf die Polizei, Lou … und sieh zu, dass Emily, Trudi und du gleich exakt dieselbe Geschichte zum Besten gebt. Und sag den beiden, dass heute nicht der Tag ist, an dem sie ihre Erlebnisse übertrieben darstellen oder hübsch ausschmücken sollten.“

„Sie würden nie …“

„Bestimmt steckt die Mafia dahinter“, sagte Trudi leise an Emily gewandt. „Ihnen scheinen die Pferdeköpfe ausgegangen zu sein. Jetzt, wo ich darüber nachdenke: Ich meine, mich daran erinnern zu können, in der Bar gestern einen Haufen zwielichtige Anzugträger gesehen zu haben, die mir schäbige Blicke zugeworfen haben. Erst dachte ich, sie wären an meinem Körper interessiert. Jetzt, da ich wieder vergeben bin, reihen sich die wollüstigen Kerle bei mir vor der Tür. Aber mit der toten Frau und allem …“ Vielsagend hob sie die Augenbrauen.

Scheiße. Josh hatte recht.

„Ich kümmere mich darum“, sagte ich und rang die kalte Panik nieder, die durch meine Adern kroch. „Bitte, komm einfach her.“

„Bin unterwegs“, sagte Josh und legte auf.

Kapitel 2

Die Polizei traf noch vor Rispo ein.

Ich vermutete, dass Josh absichtlich zu spät kam, damit es so aussah, als habe ich zuerst die Männer in Blau und dann ihn verständigt.

Innerhalb von wenigen Minuten war meine Wohnung zum Tatort erklärt worden. Rot-weißes Absperrband zierte meine offene Tür, zu der immer neue, in weißen Plastikanzügen verpackte Polizisten ein- und ausspazierten, die mich an dünne Michelin-Männchen erinnerten. Da die Polizei nicht auf ihre Sirene verzichtet hatte, lungerte mittlerweile die gesamte Nachbarschaft vorm Wohnungseingang herum, um zu sehen, was nun schon wieder bei der durchgeknallten Blumenladeninhaberin los war. Es war ein Wunder, dass meine Mutter noch nicht vorbeigekommen war, um mir Hausarrest dafür zu geben, unentschuldigt den Sonntagsbrunch verpasst zu haben. Ich konnte ihre schrille Stimme bereits hören: Louisa Josephine Manu, eine Leiche in deinem Wohnzimmer? Denkst du nicht, dass du es allmählich mit den toten Menschen übertreibst? Du brauchst dringend ein zeitintensives Hobby. Wie wäre es mit Golf?

Dabei war es nicht meine Schuld, dass ich so oft in Mordfälle stolperte! Meistens fanden die Toten mich, nicht andersherum.

Trudi, Emily und ich wurden simultan in unterschiedlichen Räumen der Wohnung befragt. Damit wir nicht die Zeit hatten, unsere Geschichten aufeinander abzustimmen.

Tja, zu spät, wenn man mich fragte. Wir hatten uns dank Rispos Hinweis schon längst darauf geeinigt, dass wir bis ins Dreieck gekommen waren, bevor die Gedächtnislücke einsetzte, was der Wahrheit entsprach.

Während ich fahrig, nervös und am Rande eines hysterischen Anfalls dem Polizisten erzählte, was ich wusste, hörte man Trudi im Nebenzimmer ab und zu: „Oh, wie spannend!“ ausrufen. Mein Freund befand sich derweil im Polizistenmodus und war nicht ansprechbar. Wenn ich ehrlich war, ärgerte ich mich darüber am meisten. Ich hatte wirklich dringend eine feste Umarmung nötig, und Joshua Rispo gab nun einmal die besten Umarmungen dieser Welt. Er war jedoch damit beschäftigt, die Leiche zu begutachten und meine gesamte Wohnung auf Spuren zu untersuchen.

Seine Stirn lag in tiefen Falten, seine Lippen waren zusammengepresst und er schwieg. Das war nicht ungewöhnlich für Rispo. Tatsächlich gehörte das skeptische, leicht düstere Stirnrunzeln zu seinen Lieblingsgesichtsausdrücken. Wir waren seit fast einem Jahr zusammen und der Blick, den er jetzt trug, war mir nur allzu bekannt. Und dennoch beunruhigte er mich. Denn er trug ihn nur, wenn ihn ein besonders kniffeliger Fall beschäftigte – und ich hatte noch immer die Hoffnung, dass irgendjemand einen Zettel fand, auf dem stand:

 

Hey, mein Name ist Max Mustermann, ich habe gestern Nacht diese Frau getötet, entschuldigt, dass ich sie auf diesem Sofa abgelegt habe. Ich hole sie am Montagmorgen um acht wieder ab.

 

Leider war der Mörder sehr unhöflich und hatte keine Telefonnummer oder Sonstiges hinterlassen.

Als der neugierige Beamte fertig war, mich zu fragen, ob ich mich denn wirklich nicht daran erinnern könne, was passiert sei – er fragte ganze viermal, bevor er aufgab –, bat er mich, zur weiteren Befragung und zum Unterschreiben meiner Aussage ins Präsidium zu kommen. Dieses Prozedere kannte ich bereits, schließlich hatte ich es schon mindestens viermal hinter mich gebracht. Ich war sicherlich die Zeugin des Jahres im Kölner Morddezernat. Sie hätten mir ruhig eine Karte schicken oder eine Plakette mit meinem Gesicht aufhängen können.

Ich schluckte und nickte. „Klar, ich komme mit. Lassen Sie mich nur meine Jacke holen.“ Es war Ende März, doch egal, wie warm es draußen war – ich wusste, dass ich heute frösteln würde.

Der Beamte nickte, bevor ich mich umwandte und im Flur verschwand, in dem sich meine Garderobe befand. Rispo stand mit den Armen verschränkt da und starrte konzentriert auf seine Füße.

Ich berührte ihn sacht am Arm. „Josh, ich gehe“, flüsterte ich.

„Was?“ Er sah irritiert vom mit Glitzer bedeckten Boden auf.

„Sie wollen mir ein paar weitere Fragen auf dem Präsidium stellen“, murmelte ich und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter.

Augenblicklich wurde Joshs sonst so harter, aufmerksamer Blick weich. „Okay. Mach dir keine Sorgen. Das ist reine Routine.“

Das wusste ich. Angst hatte ich trotzdem.

Josh sah über meine Schulter, sein Blick flog von einer Seite des Wohnzimmers zur anderen, bevor er nach vorne trat und mich in den Arm nahm. „Alles wird gut, Lou“, raunte er und strich mir beruhigend über den Rücken. „Du bist keine Mörderin, die Polizei weiß das. Glaub mir. Erzähl dem Kollegen einfach alles, was du weißt. Und wenn sie fragen, ob sie eine Blutprobe von dir nehmen dürfen, sag Ja. Wenn dich wirklich jemand unter Drogen gesetzt hat, kann das nur von Vorteil sein.“

Dieser Satz kam mir auf mehreren Ebenen falsch vor, aber ich nickte nur zitternd und vergrub meine Nase in seiner Halsbeuge, um seinen vertrauten Geruch nach Vanille, Wald und Rispo einzuatmen.

Automatisch verlangsamte sich mein Herzschlag. Ich war nicht allein und Rispo glaubte, dass alles gut werden würde. Er würde mich nicht anlügen.

Josh löste sich von mir und schob mich an den Schultern ein Stück von sich weg. „Hol dir keinen Anwalt, Lou, das wirkt schuldig. Zeig, dass du nervös bist. Nur Psychopathen sind nicht nervös, wenn sie wegen eines Mordes befragt werden. Lass sie jeden Test machen, den sie wollen, und gib ihnen dein Handy, wenn sie es dir nicht schon abgenommen haben.“

„Ich weiß nicht, wo mein Handy ist“, sagte ich kopfschüttelnd. „Es war nicht in meiner Tasche.“

„Okay, wenn es hier ist, werden wir es finden.“

„Gut.“ Ich atmete tief durch die Nase ein und stieß die Luft durch den Mund wieder aus, bevor ich ihm in die dunklen Augen sah. „Ich habe Angst, Josh. Anders Angst als sonst.“

„Ich weiß. Aber alles wird gut“, wiederholte er und drückte meine Hand. „Fahr nach der Befragung einfach zu mir. Ich habe Bier und Schokoladenkuchen im Kühlschrank.“

„Seit wann kaufst du Schokoladenkuchen?“, fragte ich verwirrt und wischte mir ein, zwei Tränen von den Wangen. Rispo war einer dieser Männer, die der Religion angehörten, in der das Fitnessstudio der Tempel und Zucker der Teufel war. Ein bekennender Bescheuertist also.

Er hob einen Mundwinkel. „Seit ich mit dir zusammen bin.“

Ich lächelte wacklig. „Du bist ein guter Mann, Joshua Rispo.“

„Sag das nicht zu laut, ich habe einen Ruf zu wahren.“

„Natürlich“, bemerkte ich und zog meine Jacke vom Haken.

Alles würde gut werden. Und wirklich: Es hätte schlimmer kommen können. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht hätte sagen können, wie.

 

Drei Stunden später war ich bis auf die Knochen erschöpft.

Ich hatte so oft wiederholt, was ich erlebt hatte, dass ich keine Lust mehr hatte, zu reden – was ein durchaus besorgniserregender Zustand für mich war.

Ich war Tatverdächtige. Das hatten die beiden Polizisten, die mich vernommen hatten, mir direkt ins Gesicht gesagt. Meiner Meinung nach war das sehr unsensibel gewesen, ihrer Meinung nach schrieb ihnen das Protokoll vor, dass sie mich darüber informieren mussten. Nichtsdestotrotz dürfe ich gehen, solle aber die Stadt nicht verlassen. Ich hatte mich außerdem regelmäßig beim Präsidium zu melden, damit sie sichergehen konnten, dass ich nicht türmte. Sie ließen nicht gerade subtil durchblicken, dass mir damit eine Sonderbehandlung zuteilwurde. Dass es anderen, die nicht Louisa „Ach die schon wieder!“ Manu waren, schlechter erging. Und dennoch … Was zum Teufel? Ich war kein Schwerverbrecher. Ich ging ja noch nicht einmal bei Rot über die Ampel und jetzt hatten sie Angst, dass ich mich nach Kuba absetzte?

Ich trat nach draußen an die frische Luft, um dem mitleidigen Blick der Rezeptionistin zu entgehen, und atmete zitternd ein. Die Sonne schien verräterisch auf mein Gesicht und erinnerte mich daran, dass heute ein wundervoller Tag hätte sein können.

Im Grunde genommen war ich ein optimistischer Mensch. Aber selbst mir fiel es schwer, etwas Gutes an meiner derzeitigen Situation zu finden. Einige Herzschläge lang schloss ich die Augen und konzentrierte mich einzig und allein auf den Gedanken, dass ich unschuldig war. Ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen, ich … scheiße, ich hatte doch nichts getan, oder?

„Da bist du ja.“

Ich schrak zusammen, als mich jemand an der Schulter berührte. Es war Emily, die zusammen mit Trudi an der Hauswand neben dem Präsidium lehnte.

„Meine Güte, erschrick mich doch nicht so!“

„Also dafür, dass du selbsternannte Detektivin bist, bist du sehr unaufmerksam“, bemerkte Emily schnippisch. „Wir haben uns wahrlich nicht versteckt.“

„Entschuldige“, sagte ich seufzend. „Ich bin nur etwas … angespannt.“

Emmi winkte ab. „Jaja, kein Problem. Dabei solltest du dir doch am wenigsten Gedanken machen. Du bist nicht vorbestraft und schläfst mit einem Kommissar, der sehr wütend wird, wenn man dich schlecht behandelt. Ich hingegen bin schon im System. Gott, ich habe in meinem Leben noch nicht so geschwitzt. Es ist scheiße, von der Polizei vernommen zu werden. Wieso hast du mir das nie gesagt, Lou?“

„Ich dachte, es wäre allgemein bekannt, dass es unangenehm ist, des Mordes verdächtigt zu werden“, gab ich schulterzuckend zu.

„Ja, schon, aber sie waren alle so schrecklich sachlich! Ich mag es nicht, wenn Menschen nur nach Logik und gesundem Menschenverstand handeln. Das ist nicht normal.“

Natürlich nicht. Deswegen war sie ja mit Finn zusammen. „Wir sollten nicht weiter im Eingang der Polizei herumlungern“, schlug ich vor und zog Trudi und Emmi die zwei Stufen hinunter auf den davorliegenden Parkplatz.

„Ihr müsst euch beide beruhigen“, sagte Trudi großmütterlich und tätschelte mir den Kopf. „Ist doch alles halb so wild. Wir werden den Täter schon schnappen.“

Wir?“, fragte ich besorgt.

„Natürlich wir“, sagte Trudi fröhlich. „Wer denn sonst? Etwa die Polizei?“

Ich kratzte mich am Kopf und zog eine Grimasse. „Nun … ja.“

Ungläubig sah Emmi mich an. „Ist das dein Ernst? Du, Miss Ich-mische-mich-überall-ein, willst nicht herausfinden, wer versucht, uns einen Mord anzuhängen?“

Unbehaglich verschränkte ich die Arme vor dem Körper. Natürlich würde ich mich kopfüber in den Fall stürzen. Was für eine dämliche Frage. Ich war sehr schlecht darin, persönliche Anliegen an andere Personen abzugeben. Gleichzeitig wollte ich jedoch nicht wie das letzte Mal an einen Stuhl gefesselt in einem Tierkäfig aufwachen. Todesangst war einfach kein Gefühl, das ich genoss. Ich liebte Trudi und Emily über alles. Aber mit ihnen auf Mörderjagd zu gehen, war, wie einen verpeilten, sehr alten Chihuahua, der zu viel Gras rauchte, gegen Godzilla antreten zu lassen. Einfach … keine gute Idee.

„Komm schon, Lou. Wir machen das wie in diesem Film“, sagte Trudi aufgeregt. „Weißt du, was ich meine? Der Film mit diesen Männern?“

„Was?“

„Na, der Film mit diesen Männern und dem Alkohol in dieser Stadt?“

„Was?“, wiederholte ich.

„Na, du weißt schon. Einer von den Männern war dunkelhaarig?“

„Ah, war einer der anderen Männer blond?“

„Ja, genau“, meinte Trudi begeistert. „Du weißt also, wovon ich rede?“

„Nein“, sagte ich trocken.

„Ist doch klar, dass sie von Hangover spricht“, schaltete sich Emily augenverdrehend ein. „Und du nennst dich Blumendetektivin.“

„Ich nenne mich überhaupt nicht so! Die Zeitung macht das. Und in Hangover sterben sie an die hundert Mal beinahe!“

„Ja, beinahe!“, sagte Trudi mit erhobenem Zeigefinger. „Und wir sind sehr viel klüger als die bescheuerten Männer. Also: Sehen wir uns den Fall gemeinsam an?“

Nein. „Ich weiß noch nicht“, sagte ich vage. „Ich warte erst einmal ab, was Rispo mir nachher erzählt. Vielleicht löst sich das Ganze ja in Wohlgefallen auf.“

Emily schnaubte und sah mich mitleidig an. „Ist es schön in deiner Welt? Mit all diesen Regenbögen und Einhörnern?“

Nein, die Einhörner wurden gerade nämlich reihenweise abgestochen. Mit meinen Messern!

„Ich versuche, positiv zu denken, Emmi“, sagte ich gereizt.

„Positive Gedanken werden die Frau auch nicht wieder zum Leben erwecken.“

Damit könnte sie recht haben. „Egal“, stieß ich aus und lief weiter über den Parkplatz zu meinem Passat. „Sagt mir lieber, was das Letzte ist, woran ihr euch erinnert.“

„An den Barkeeper im Dreieck, der mir zu meiner baldigen Hochzeit gratuliert hat“, sagte Emmi sofort.

„An zwei mit Glitzer besprenkelte, zwielichtig aussehende Anzugträger, die einen roten Jutebeutel gefüllt mit Geld ausgetauscht haben und eine weinende rothaarige Frau, die mir von der Toilette entgegengekommen ist … und verdächtig aussah wie die Tote, wenn ich darüber nachdenke“, erklärte Trudi langsam, den Kopf schiefgelegt.

Mit offenen Mündern wandten Emmi und ich uns zur älteren Frau um.

„Was?“, fragte ich verdattert.

Missbilligend schnalzte Trudi mit der Zunge. „Du bist heute wirklich schwer von Begriff, Louisa.“

„Aber du meintest, du würdest die Tote nicht kennen!“

„Tue ich ja auch nicht. Oder kennst du jeden, dem du auf der Toilette begegnest?“

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte ich perplex. „Aber … bist du dir sicher, Trudi?“

Meine ehemalige Angestellte runzelte angestrengt die Stirn. „Nein. Der Jutebeutel könnte auch lila gewesen sein. Wie bereits erwähnt: Meine Augen sind nicht mehr die Besten.“

„Glitzernde Männer, die Geld ausgetauscht haben?“, wiederholte Emmi langsam. „Bist du sicher, dass du nicht halluziniert hast? Wenn ich zu viel Gras rauche, glitzert bei mir auch alles. Und woher willst du wissen, dass in dem Beutel Geld war?“

Verärgert fixierte Trudi meine kleine Schwester. „Junge Dame, ich kann sehr wohl unterscheiden, ob jemand glitzert oder nicht. Und einen mit Geld gefüllten Beutel erkenne ich allein am Geruch. Diese Fähigkeit braucht man, wenn man reich heiraten möchte.“

Unschlüssig rang ich die Hände ineinander. Wenn ich ehrlich war, fiel es mir schwer, Trudis Worte für bare Münze zu nehmen. Das Gedächtnis der Zweiundsiebzigjährigen glich einem Schweizer Käse. Sie vergaß andauernd, ihre Herzmedikamente zu nehmen, und hatte letztens noch behauptet, mit einem Eichhörnchen gesprochen zu haben. Außerdem war sie halb blind.

„Hast du das der Polizei erzählt, Trudi?“, hakte ich vorsichtig nach.

„Natürlich“, sagte sie und reckte die Nase in die Höhe. „Aber die Herren Beamten schienen mich für senil zu halten.“

Ich konnte ihnen da wirklich keinen Vorwurf machen. Glitzernde Anzugträger? Waren wir in einem Travestieclub gewesen?

„Schön. Weißt du, wie die Anzugleute aussahen? Hast du ihre Gesichter gesehen?“

„Nein. Sie waren zu weit weg.“

Aber nah genug dran, um zu erkennen, dass sie Geld austauschten?

„Aber Moment.“ Ihr Gesicht erhellte sich. „Der eine hat mich an ein Pferd erinnert.“

Natürlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns wirklich jemand etwas in die Drinks gemischt hatte, stieg mit jeder Minute.

„Okay“, seufzte ich. „Falls dir noch irgendetwas einfällt …“

„… erzähle ich es dir morgen früh, wenn wir uns den Fall näher ansehen“, beendete Trudi meinen Satz und lächelte mich auffordernd an.

„Schön“, sagte ich. Nicht, weil ich vorhatte, Trudi in den Fall mit einzubeziehen, sondern einfach, weil ich furchtbar müde war und mich ins nächstbeste Bett legen wollte.

„Klasse“, sagte auch Emily, sichtlich zufrieden. „Treffen wir uns beim Laden?“

„Nein.“ Ich war mir noch nicht sicher, ob ich den Laden überhaupt öffnen würde. Ich konnte einen freien Tag gebrauchen. „Ich rufe euch an, okay?“

Beide nickten, und irgendwie fühlte ich mich schlecht dabei, sie anzulügen – aber noch schlechter fühlte ich mich bei dem Gedanken, mit ihnen auf Mörderjagd zu gehen. „Soll ich dich nach Hause bringen, Trudi?“

„Oh, nein. Mein Schnurzel holt mich ab. Aber danke“, sagte sie mit geröteten Wangen.

Ihr Schnurzel war Manfred. Ein ehemaliger Steuerberater Mitte siebzig, mit dem Trudi seit einigen Wochen ausging. Ich wusste nicht viel über ihn, außer dass er Trudis zwei Bedingungen erfüllen musste: Er war reich … und nicht allzu hübsch. Letzteres war sehr wichtig, damit ihre Freundinnen nicht eifersüchtig wurden. Allerdings konnte ich sein Aussehen noch nicht beurteilen, da ich noch nicht die Ehre gehabt hatte, ihn kennenzulernen.

„Mich darfst du mitnehmen“, sagte Emily. „Finn meint, er ist noch zu betrunken, um zu fahren.“ Sie lächelte fast schüchtern. „Er ist so verantwortungsbewusst.“

Das ließ ich mal unkommentiert.

Wir verabschiedeten uns von Trudi, die meinte, dass wir nicht auf sie warten sollten, und setzten uns ins Auto.

„Du musst echt schlechtes Karma haben“, bemerkte Emily kopfschüttelnd. „Langsam wird es auffällig, wie viele Leichen dir über den Weg … auf deinem Weg liegen.“

Langsam? „Ich weiß“, murmelte ich erschöpft und startete den Wagen. „Und das Schlimmste ist: Wir müssen Mama noch anrufen, um uns dafür zu entschuldigen, dass wir den Brunch verpasst haben.“

Emily verzog das Gesicht. „Willst du ihr von der Leiche erzählen?“

Von Wollen konnte hier nicht die Rede sein. Meine Mutter fand die Tatsache, dass ich als Hobby in Mordfällen herumstocherte, nicht sehr prickelnd. Ich hatte die Vermutung, dass es sich bei einer Leiche auf meinem Sofa ähnlich verhalten würde. „Besser sie erfährt es von uns, als aus der Zeitung, oder?“

„Wahrscheinlich.“

Ich fuhr Emily zu ihrer Wohnung, in der ihr Verlobter schon auf sie wartete. Bei dem Gedanken daran, dass meine kleine Schwester am Samstag heiraten wollte, stieg ein Schnauben in meinem Hals auf. Es erschien absurd, dass eine Frau, deren Bibel das Kamasutra war, vorhatte, in einer monogamen Ehe zu leben. Noch vor zwei Monaten hätte ich meinen kleinen Finger darauf verwettet, dass Finn und Emmi die Hochzeit bis zum heutigen Tag längst abgesagt hätten, aber dem war nicht so. Der Termin beim Standesamt stand fest, die Einladungen waren verschickt und ein annehmbar nuttiges Kleid gekauft worden. Und Emily war noch immer nicht in Panik ausgebrochen. Sie musste mehr Gras rauchen als sonst. Anders ließ sich ihre Gelassenheit nicht erklären.

Als ich vor ihrem Wohnungsblock hielt, reichte Emily mir wie selbstverständlich ihr Handy. „Ruf du an. Von dir ist sie es gewöhnt, dass du sie enttäuschst.“

„Na, vielen Dank auch.“

„Was denn? Es ist die Wahrheit.“

Ich verdrehte die Augen, tat jedoch, wie geheißen. Je länger ich das Telefonat vor mir herschob, desto schlimmer würde es werden. Ich wählte die Festnetznummer meiner Eltern und schaltete den Lautsprecher ein.

„Manu?“

„Hey, Mama“, sagte ich kleinlaut. Es war immer von Vorteil, möglichst schuldbewusst zu klingen.

„Louisa! Gott sei Dank. Alles in Ordnung? Ich habe tausendmal versucht, dich anzurufen. Wo wart ihr denn? Emily hat auch nicht abgehoben.“

„Ja, tut uns leid. Der gestrige Abend hat ein paar drastische Entwicklungen genommen und wir waren den ganzen Morgen beschäftigt. Wir sind aber wohlauf.“

Sie atmete erleichtert aus. „Gut.“

Mehr sagte sie nicht.

Ich hob die Augenbrauen in Emilys Richtung und wartete darauf, dass Mama fragte, was denn passiert sei. Als jedoch nach einer Minute noch immer nichts als Stille durch den Hörer drang, fuhr ich hastig fort: „Also, wir hatten heute Morgen einen kleinen Notfall. Eine Frau wurde auf meiner Couch erstochen und die Polizei denkt, dass wir es waren. Es ist aber sehr viel wahrscheinlicher, dass uns jemand unter Drogen gesetzt hat und wir überhaupt nichts getan haben. Ist auch egal. Auf jeden Fall konnten wir deswegen nicht kommen.“

Einige Momente lang herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. Schließlich sagte meine Mutter: „Okay. Schlimme Dinge passieren, da kann man nichts machen. Ich hoffe, das klärt sich auf. Jetzt muss ich aber auch auflegen. Bis dann.“

Im nächsten Moment klickte es und unsere Verbindung war unterbrochen.

Ungläubig starrte ich auf das Handy. Was zum Teufel war gerade passiert? Ich hatte mit jeder Reaktion gerechnet – aber nicht damit. Meine Mutter ärgerte sich doch sonst immer schwarz darüber, wenn ich mal wieder gegen die nach der sozialen Norm anerkannte Anzahl von gefundenen Leichen verstieß.

Verwirrt wechselte ich einen Blick mit Emily. „Das war komisch, oder?“

„Nicht komischer als die tote Frau auf deiner Couch“, meinte meine Schwester achselzuckend, griff nach ihrem Handy und schnallte sich ab. Sie drückte mich kurz an sich und stieg dann aus.

Immer noch skeptisch sah ich ihr nach. Nein … die Reaktion meiner Mutter fand ich sehr viel merkwürdiger als die Tote auf meiner blutigen Couch.

Kapitel 3

Rispos Wohnung war der Traum eines jeden OP-Teams.

Weiße und schwarze Möbel, saubere Oberflächen und kein Staubkorn weit und breit. Seit ich mit Josh zusammen war, hatte ich seine Wohnung kein einziges Mal im Chaos versinken sehen. Normalerweise beunruhigte mich diese Tatsache immer ein wenig, aber heute hieß ich die Ordnung und Reinlichkeit willkommen. Im Vergleich zu dem Durcheinander, das in meinem Kopf herrschte, war es eine echte Wohltat.

Ich schnappte mir ein Bier und den Schokoladenkuchen aus dem Kühlschrank und ließ mich auf Joshs Ledercouch fallen. Es erschien mir unsinnig, einen Teller dreckig zu machen, deswegen aß ich den Kuchen direkt aus dem Karton. Die Uhr zeigte kurz vor sechs an und die Sonne hing tief am Himmel, scheinbar unentschlossen, ob sie schon untergehen sollte.

Das letzte Adrenalin sickerte aus meinem Körper und ließ nichts als Erschöpfung und Angst zurück. Mir war irgendwie nach Weinen zumute, aber Rispo hatte keine Taschentücher, und Toilettenpapier tat meiner Nase weh, also ließ ich es. Verschmierte Mascara würde mir ohnehin nicht helfen. Zucker hingegen schon.

Ich hatte gerade ein Viertel des Kuchens in mich hineingestopft, als ich Rispos Schlüssel im Schloss hörte. Hastig stellte ich die Pappschachtel auf den gläsernen Couchtisch, dem ich einige Fettflecken hinzugefügt hatte – aber mal ehrlich: Glas war furchtbar unpraktisch! –, und sprang auf. Ich war an der Tür, bevor Rispo sie vollends geöffnet hatte.

„Hey“, sagte ich atemlos und betrachtete ihn von oben bis unten. Sein Hemd war verknittert, in seiner rechten Hand trug er eine Katzentransportbox, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen und sein Bart war seit fünf Tagen kein Drei-Tage-Bart mehr. Kurzum: Er sah genauso erschöpft aus, wie ich mich fühlte.

„Hey“, antwortete er knapp und stellte den Korb ab, bevor er die Arme um mich legte und mich fest an sich drückte.

Obwohl mir die Luft aus den Lungen getrieben wurde, hatte ich augenblicklich das Gefühl, wieder frei atmen zu können.

„Wie geht’s dir?“, flüsterte er, seine Wange an meinen Scheitel gepresst.

„Jetzt besser“, murmelte ich wahrheitsgemäß, schloss die Augen und schluckte den Kloß hinunter, der sich wagemutig erneut in meinen Hals gestohlen hatte. Rispo flocht die Arme enger um mich und küsste mich auf die Schläfe.

„Haben sie dich gut behandelt?“

Ich nickte. „Ich wurde von Kramer befragt und er hat mir ein Snickers gegeben. Warum ist er noch nicht verheiratet? Er versteht die Frauen.“

„Kramer ist ein guter Polizist.“

„Ja. Gut, aber schwerhörig. Ich musste viermal sagen, dass ich mich nicht daran erinnere, was passiert ist, bevor er mich verstanden hat.“

Ich konnte spüren, wie Josh die Mundwinkel verzog. „Das ist leider die Lieblingsausrede eines jeden Verdächtigen.“

„Ich bin nicht jeder Verdächtige!“

„Das ist mir klar. So wie jedem anderen Polizisten Kölns. Mann, Mann, Mann. Als wärst du nicht schon berühmt genug im Präsidium.“

„Und trotzdem habe ich keine Weihnachtskarte bekommen.“

„Weihnachtskarten kann sich die Polizei nicht leisten. Wir geben all unser Geld für unnötigen Firlefanz wie Waffen und Kabelbinder aus.“

Ich nickte. Das ergab Sinn. Ich würde der Polizei großzügig verzeihen – solange sie so schnell wie möglich den echten Mörder der Rothaarigen fand.

„Tut mir übrigens leid, dass ich heute Morgen nicht für dich da war. Ich wollte mir den Tatort so gut wie möglich ansehen, bevor sie mich rausschmeißen.“

„Rausschmeißen?“, fragte ich verwirrt und zog widerstrebend den Kopf unter seiner Wange hervor, um ihn ansehen zu können. „Warum sollten sie das tun?“

„Na ja, sie haben mir den Fall selbstverständlich entzogen.“

Verdutzt blinzelte ich zu ihm hoch. „Was?“

„Ich bin nicht der leitende Ermittler des Mordfalls.“

Ich öffnete perplex die Lippen. „Du wirkst nicht überrascht.“

Schnaubend sah er mich an. „Natürlich nicht. Ich habe einen eindeutigen Interessenkonflikt. Mir war vollkommen klar, dass ich den Fall nicht übernehmen darf. Ich bin persönlich zu involviert.“

„Wie das?“

„Ich schlafe mit der Mordverdächtigen.“

Mein Mund klappte auf. „Oh mein Gott, das bin ich!“, sagte ich schockiert.

Ich war noch nie ein Interessenkonflikt gewesen, und ehrlich gesagt hätte mir ein anderer Spitzname besser zugesagt.

„Aber … wer kriegt dann den Fall?“, fragte ich beunruhigt. Mir gefiel es nicht, dass Josh nicht der Verantwortliche für die Mördersuche war. Ich vertraute ihm und seinen Fähigkeiten. Denen der anderen Polizisten … nicht so sehr.

„Keine Ahnung.“ Josh zuckte die Achseln. „Haben sie mir nicht gesagt. Alles, was ich gehört habe, war: Blabla, bla, bla, bla … du hast Sex mit Louisa Manu, blabla, sie ist die Hauptverdächtige, bla, du darfst den Fall nicht einmal mit dem kleinen Finger berühren.“

„Sie verdächtigen mich also immer noch?“, fragte ich unsicher. „Haben sie mein Blut nicht schon getestet? Ich muss unter Drogeneinfluss gestanden haben! Ich hatte in meinem Leben noch kein Blackout. Außerdem war ich es, die die Polizei gerufen hat! Zählt das denn gar nicht?“

Beruhigend strich Josh mir über den Rücken. „Es dauert bis zu vierundzwanzig Stunden, bis dein Blut getestet wurde und … nun, du bist eine hervorragende Verdächtige. Es ist deine Wohnung, deine Couch und es sind deine Fingerabdrücke auf dem Messer.“

„Natürlich sind meine Fingerabdrücke auf dem Messer! Es ist mein Messer! Ich koche damit.“

Skeptisch sah Josh mich an.

Ich verdrehte die Augen. „Na schön, ich öffne Briefumschläge damit. Ist doch egal. Es läuft auf dasselbe hinaus.“

Seufzend löste ich mich von ihm, um mir vom Couchtisch mein Bier zu holen. „Ich fühle mich überhaupt nicht wohl als Mordverdächtige“, gab ich zu.

„Das finde ich sehr beruhigend. Trudi scheint diese Rolle nämlich viel zu sehr zu genießen.“ Josh durchquerte sein Wohnzimmer und holte sich ebenfalls ein Getränk aus dem Kühlschrank. „Mein Kollege meinte, dass er noch nie mit jemandem geredet hätte, der so begeistert von einem Mord in seinem Wohnzimmer war.“

Na ja, es war ja auch mein Wohnzimmer, nicht ihres. „Hast du ihm gesagt, dass Trudi in der Hinsicht einfach ein bisschen übereifrig ist?“

Josh hob einen Mundwinkel und ließ sich neben mich auf die Couch sinken. „Ich glaub, das war ihm sehr schnell selbst klar.“

„Gut.“ Ich sackte zurück in das Polster und lehnte mich seitlich gegen Joshs Schulter. Ich brauchte die Nähe. „Weißt du, wann ich zurück in meine Wohnung kann?“ Und wie man Blutflecken aus einer Couch bekommt?

„Ich fürchte, das kann mehrere Tage dauern“, sagte er entschuldigend und legte einen Arm um meine Schultern. „Warum denkst du, habe ich deinen verhaltensgestörten Kater mitgebracht?“ Er nickte zum Transportkorb an der Tür.

Den hatte ich schon fast wieder vergessen. „Twinky ist nicht gestört, nur besonders“, verteidigte ich mein Haustier sofort und erhob mich wieder von der Couch, um ihn aus der Box zu lassen.

„Besonders gestört“, bestätigte Rispo. „Er hält sich für einen Hund und apportiert!“

„Jeder Kater braucht ein Hobby“, sagte ich verärgert und kniete mich auf den Boden, um Twinky zu streicheln. Der interessierte sich jedoch nicht für mich, sondern schoss direkt los, um die Wohnung zu erkunden. Ich konnte gerade noch sehen, dass seine Schnauze blutfrei war. „Hast du ihn gewaschen?“, wollte ich verdutzt wissen, bevor ich mich wieder neben Josh setzte.

„Nachdem die Spurensicherung mit ihm fertig war, ja. Ich dachte, du hättest ihn lieber ohne blutige Schnurrhaare.“

Damit hatte er richtig gelegen.

„Du kannst gerne bei mir einziehen, bis deine Wohnung kein Tatort mehr ist“, bot Josh an und küsste mich auf den Kopf, den ich auf seiner Schulter abgelegt hatte. „Einen Schlüssel hast du ja ohnehin schon.“

Ich nickte. „Danke.“

„Kein Problem“, murmelte er und malte Kreise auf meine Schulter. Einige Herzschläge lang saßen wir einfach nur so da. Starrten aus der Fensterfront gegenüber, die auf ein kleines Waldstück hinauszeigte, und bewegten uns nicht.

Schließlich flüsterte ich: „Josh. Was ist, wenn … wenn ich es war?“

Sofort spannten sich seine Schultern an. „Was?“

„Wenn ich schuldig bin“, sprach ich die Angst aus, die sich innerhalb der letzten Stunden langsam, aber stetig durch mein Herz gefressen hatte. „Wenn ich die Frau wirklich … getötet habe, mich aber nicht mehr daran erinnere.“

„Schwachsinn. Niemand von euch hat sie umgebracht.“

Er sagte das so leicht. „Was ist daran Schwachsinn?“, beharrte ich. „Der halbe gestrige Abend ist ein schwarzes Loch! Vielleicht hat sie mich überrascht, als ich nachts in die Küche gegangen bin, um etwas zu trinken, und vor Schreck habe ich sie umgebracht! Dann bin ich wieder schlafen gegangen und habe es vergessen.“

„Lou“, sagte Rispo ernst und nahm mein Gesicht zwischen seine Hände, um mich mit dunklem Blick zu fixieren. „Du bist unfähig dazu, jemanden zu töten.“

„Woher willst du das wissen?“

„Erstens: Weil dir die nötige Kraft und nicht zu vergessen der nötige Gleichgewichtssinn fehlt. Und zweitens: Weil ich sonst längst unter der Erde läge! Ich will mich ja nicht selbst loben, aber so gut wie ich ist niemand darin, dich wütend zu machen! Wenn jemand dran glauben müsste, dann wäre ich der Erste.“

Mhm. Da war etwas sehr Wahres dran. Dennoch … „Ich hätte aus Selbstverteidigung –“

„Wenn es Selbstverteidigung war, hast du dir nichts zuschulden kommen lassen“, sagte Josh eindringlich und strich sacht mit seinen Daumen über meine Wangen. „Aber ich bin davon überzeugt, dass weder Opfer noch Täter eingebrochen sind. Deine Tür war zu. Das Schloss unbeschädigt. Die Fenster geschlossen.“

Ich atmete tief durch, um meinen auf ein Neues in die Höhe geschossenen Puls zu beruhigen. „Was … was glaubst du dann?“

„Dass du zur falschen Zeit am falschen Ort warst. Und seien wir ehrlich: Das ist dein geheimer Fluch.“

Ich betrachtete diesen Umstand normalerweise eher als meine Superkraft, aber in diesem Kontext konnte ich ihm nicht widersprechen. „Aber wie kam die Leiche dann in mein Wohnzimmer, wenn die Tür verschlossen war?“

„Das weiß ich nicht … aber meine erste Frage an dich wäre: Wo sind deine Haustürschlüssel?“

„In meiner Handtasche.“

Josh ließ die Hände zu meinen Schultern gleiten und hob eine Augenbraue. „Bist du sicher?“

„Natürlich“, sagte ich sofort und lehnte mich über die Armlehne der Couch, um meine Tasche zu bergen. „Sie sind immer in meiner Seitentasche, sie …“, … waren nicht da. Fahrig öffnete ich auch den anderen Reißverschluss und durchsuchte den gesamten Inhalt, bevor ich die Tasche umstülpte und auf Joshs Glastisch verteilte. Tampons, Lipgloss, alte Kassenbelege … keine Schlüssel.

„Sie sind weg“, stellte ich verblüfft fest.

„Gut.“ Josh atmete erleichtert aus. „Dann denke ich, dass irgendjemand euch unter Drogen gesetzt, dir den Schlüssel entwendet, die Rothaarige getötet und dann auf deine Couch gepflanzt hat, um die Polizei von seiner eigentlichen Spur abzulenken.“

Ich schluckte. Nichts an diesem Satz gefiel mir. „Das hört sich … nach langer Hand geplant an.“

„Nicht unbedingt. Du warst vielleicht einfach ein leichtes Opfer und jemand hat seine Chance gesehen.“

„Du glaubst also nicht, dass es etwas Persönliches war?“

Ich hatte mir in den letzten zwei Jahren nicht unbedingt viele neue Freunde gemacht. Den ein oder anderen Menschen hatte ich durchaus zur Weißglut getrieben, nicht zu vergessen in den Knast verfrachtet. Auch wenn ich dafür nicht alle Lorbeeren einheimsen konnte.

Josh hob die Schultern. „Ich kann es nicht sagen. Aber willst du was Verrücktes hören?“

„Verrückter als Trudi mit pinken Haaren, ein Goldfisch in meiner Badewanne und eine tote Frau auf meinem Sofa?“

„Ähnlich verrückt.“

„Okay.“

„Ich kenne das Opfer.“

Abrupt fuhr ich von seiner Schulter hoch und starrte ihn mit offenem Mund an. „Was? Und das sagst du mir erst jetzt?“

Er kratzte sich mit dem Zeigefinger an der Schläfe. „Na ja, ich habe noch nicht ausgeschlossen, dass es ein dämlicher Zufall ist.“

Ich prustete ungläubig. „Wer ist sie?“

„Jorina Stelz. Eine Tänzerin, die Zeugin in einem Drogenkartell-Fall vor ein paar Monaten war.“

„Der extrem mühsame Fall, bei dem ihr nie irgendetwas erreicht habt?“, erinnerte ich mich stirnrunzelnd.

„Jap.“ Josh fuhr sich mit der Hand durch die Haare und stieß einen Schwall Luft aus. „Beschissener Fall. Die Täter waren uns immer einen Schritt voraus. Jeder Standort, den wir hochnehmen wollten, wurde frühzeitig geräumt. Jeder Hinweis ist ins Leere gelaufen. Jorina haben wir nie aktiv verdächtigt, aber …“ Er hielt inne und rieb sich nachdenklich mit der Faust übers Kinn. „Sagen wir einfach, ich hatte ein schlechtes Gefühl bei ihr. Egal, ich glaube, wenn überhaupt, war sie ohnehin nur ein kleiner Fisch im großen Haifischbecken. Sie hat höchstens vertickt, aber nicht importiert. Wie auch immer: Jetzt ist sie tot.“

Ich verengte die Augen und ein schaler Geschmack bildete sich in meinem Mund. Dieser Fall stank bereits jetzt wie ein ungewaschenes Stinktier, und auf einmal kribbelten meine Füße und Hände. Warum saß ich eigentlich noch untätig auf der Couch herum?

Ich streckte die Schultern durch. „Haben sie eigentlich mein Handy gefunden?“, fragte ich beiläufig.

Josh schüttelte den Kopf. „Soweit ich weiß nicht.“

„Also habe ich es gestern Nacht irgendwo verloren. Zusammen mit meinen Schlüsseln“, überlegte ich laut und mein Blick flackerte zur Wohnungstür. „Vielleicht sollte ich zu dieser Bar fahren, dem Dreieck, und nachfragen, ob sie mein Zeug gefunden haben.“

Josh presste die Lippen zusammen und sah mich finster an, die Hände in seinem Schoß verschränkt. „Du willst zu der Bar fahren, in der du gestern womöglich unter Drogen gesetzt wurdest?“

Ich gab mir wirklich Mühe dabei, das Blut daran zu hindern, in mein Gesicht zu fließen. Aber diese Macht besaß ich einfach nicht. „Ähm … ja“, sagte ich etwas dümmlich, friemelte mit den Fingern an meinem T-Shirtsaum herum und räusperte mich. „Um mein Handy zu suchen.“

„Natürlich.“ Rispo sagte das Wort so trocken, dass ich meinte, Staub aus seinem Mund kommen zu sehen. Schließlich atmete er tief durch und nickte. „Alles klar, ich zieh mich nur kurz um.“

„Was?“, fragte ich verblüfft. „Du musst nicht mitkommen. Ich kann allein den Boden nach meinem Telefon absuchen.“

„Bitte.“ Rispo schnaubte laut. „Sobald ich dich allein lasse, rennst du doch sowieso los, um dich kopfüber in Angelegenheiten zu stürzen, die viel zu gefährlich für dich sind. Oder noch schlimmer: Du rennst zusammen mit Emily und Trudi los! Den inkompetentesten Recherchepartnern der Weltgeschichte. Und dann wirst du dem Barkeeper einen Haufen wenig subtiler und noch dazu wahrscheinlich unangenehmer Fragen stellen, während der Mörder aus Versehen zuhört, Panik bekommt, dir ein paar Morddrohungen hinterlässt, die du mir natürlich verschweigst, bis er dich mit einer Harpune jagt und deinen Körper im Rhein verschwinden lässt. Und da mir eine tote Freundin nicht viel Freude, sondern nur einen Haufen Papierkram und Schuldgefühle bringen wird: Ja. Ich komme mit.“ Er stand auf und streckte sich.

„Weißt du, was ich an dir liebe?“, fragte ich seufzend und legte die Hand dramatisch auf meine Brust. „Du siehst immer den Silberstreif am Horizont.“

„Jaja, ich weiß. Ich bin das optimistische rosa Einhorn deiner Träume“, meinte er grimmig und winkte ab. „Wenn du einen positiveren Freund haben willst, musst du mit einem Glücksbärchi anbandeln.“

„Du kennst die Glücksbärchis?“, fragte ich zweifelnd. „Ich hätte fest damit gerechnet, dass sie in der dunklen, feuchten Höhle, in der du aufgewachsen sein musst, keinen Empfang hatten.“

Einer von Rispos Mundwinkeln zuckte. „Nein, die hatten eine Satellitenschüssel“, stellte er klar, beugte sich zu mir hinunter und küsste mich fest auf den Mund. „Gib mir fünf Minuten, dann kann ich dir auf der Autofahrt erklären, warum du dich nicht noch weiter reinreiten solltest, indem du selbst auf Mördersuche gehst.“

Ach, die Rede kannte ich schon. Sie war langweilig. „Oder: Du schweigst auf der Fahrt einfach und lässt mich stattdessen erzählen, woran genau ich mich von gestern Abend erinnere“, schlug ich vor.

„Schön“, knurrte Rispo. „Du würdest mir ja ohnehin nicht zuhören.“

Er kannte mich gut.

 

„Ich finde es übrigens sehr lobenswert von dir, dass du mich endlich bei meinem Hobby unterstützt“, informierte ich Josh eine Dreiviertelstunde später, als er in Nippes in einer Seitenstraße parkte, die von einem Rewe und einem McDonalds-Restaurant eingekesselt wurde.

„Das ist keine Unterstützung. Das ist Überwachung. Das verwechselst du“, meinte er und stellte den Motor ab. „Kennst du nicht den Spruch? Big Brother is …“

„… trusting you?“, beendete ich den Satz für ihn mit gehobenen Augenbrauen, bevor ich mich abschnallte. „Doch, der ist mir bekannt. Aber du solltest dich niemals als meinen großen Bruder bezeichnen, während du Nacktbilder von mir auf deinem Handy hast.“

Verwirrt runzelte Rispo die Stirn und sah in meine Richtung. „Ich habe keine Nacktbilder von dir.“

„Ach richtig. Ich bin es, die Bilder von dir hat“, bemerkte ich scheinheilig und öffnete die Tür. „Hoffen wir, dass die Polizei mein Handy, falls wir es finden, nicht allzu gründlich durchsucht.“

„Oh Gott“, stöhnte Josh und zog den Schlüssel ab.

Ich grinste. Er hatte schließlich keinen Grund, sich zu schämen.

Nippes war ein beschaulicher, multikultureller Kölner Stadtteil, der eine Reihe verschiedener Szenebars, normaler Bars, Hipster-Bars, altkölscher Bars, abgeranzter Bars, aber vor allem alte Wohnhäuser beherbergte. Das Dreieck gehörte in die Kategorie hipsterige Abranzbar. Kein Wunder, dass Emily unbedingt hierhergehen hatte wollen.

Eigentlich hatte meine Schwester einen größeren Junggesellinnenabschied geplant. Das Problem war, dass sie vergessen hatte, mir zu erzählen, dass ich ihre Brautjungfer war. Dementsprechend hatte ich nur genickt, als sie mir das Datum ihres Junggesellinnenabschieds genannt hatte, unwissend darüber, dass ich es war, die ihn organisieren sollte. Als sie mich Samstagfrüh fragte, wer denn alles am Abend mitkommen würde, hatte ich äußerst dumm aus der Wäsche geguckt und sie gefragt, woher ich das denn wissen solle.

Gott sei Dank war Emily ein sehr entspannter Mensch – vermutlich wegen all dem Gras, das sie rauchte – und hatte angesichts des Missverständnisses nur gelacht. Keine ihrer anderen Freundinnen hatte so spontan noch Zeit gehabt – bis auf Trudi, die sich mit dem Versprechen, Brownies mitzubringen, eine Karte für den Junggesellinnenabschied erkauft hatte.

„Wie war eigentlich Finns Ehrenabend?“, wollte ich von Josh wissen, als wir die dunkle Straße entlangwanderten, immer auf das rote Dreieck zu, das innovative Logo der Bar.

„Nicht ganz so ereignisreich wie Emilys, würde ich sagen. Wir haben gepokert und Bier getrunken.“

„Wie viel Bier?“, fragte ich betont beiläufig.

Rispo lächelte breit. „Ich war nicht betrunken, Lou, und nein, es gibt keine Videoaufzeichnung davon.“

Mist. In den letzten Monaten hatte ich ein neues Lebensziel für mich entdeckt: Josh einmal betrunken erleben.

Ich hatte die schlechte Angewohnheit, ihm peinliche Mailboxnachrichten zu hinterlassen, wenn ich trank, und war der Meinung, dass er mir den Gefallen erwidern sollte.

Doch er mochte es nicht, die Kontrolle zu verlieren, deswegen übertrieb er es nie. Seine Selbstbeherrschung war im Bett wirklich vorteilhaft, aber in all den anderen Lebensbereichen leicht nervig. Nur einmal wollte ich sehen, wie er Schwachsinn laberte und gegen einen Mülleimer lief, weil er nicht mehr geradeaus schauen konnte. War das zu viel verlangt?

„Nicht mehr in diesem Leben, Lou“, murmelte Josh entschuldigend, drückte mich an der Schulter kurz an sich und hielt mir dann die Tür zur Bar auf.

Der Geruch nach schalem Bier, Schweiß und Marihuana wehte mir entgegen. Meine Augen tränten und ich musste mehrfach blinzeln, bis meine Sehkraft wieder zur Gänze funktionstüchtig war. Ja, hieran erinnerte ich mich.

Der im Schlauch angelegte Innenraum hatte türkise Wände, eine mit Film- und Musikpostern plakatierte Bar und einen alten Holzboden, aus dem Splitter in der Größe von Kölschgläsern ragten. Große, bronzene Industrielampenschirme hingen von der Decke und farblich passende runde Barhocker säumten die Theke. Ich hatte nie ganz verstanden, warum, aber der Ranzchic war in. Ob Student, Hipster oder Männer Mitte vierzig, die ihrer verlorenen Jugend nachjagten, sie alle fühlten sich mit zerkratzten Vintage-Stühlen, aufdringlicher Musik und befleckten Blumenpolstern am wohlsten. Um es kurz zu sagen: Diese Bar sah genau wie ein Ort aus, an dem einen Drogen untergejubelt wurden.

Es war noch nicht ganz sieben, deswegen vergleichsweise leer. Einige Studenten saßen in einer der Polsternischen, die sich an den Wänden reihten, und ein Barkeeper mit fransigen blonden Haaren, die unter seinem roten Basecap hervorlugten, zapfte Kölsch hinter der Theke.

„Der Typ hat uns auch gestern bedient“, wisperte ich Rispo zu. „Ich erinnere mich an die Kappe. Ich habe ihn nämlich gefragt, für welches Sportteam das PD darauf steht und er konnte es mir nicht sagen.“

„Für die Philadelphia Delphies. Eine Baseballmannschaft“, murmelte Josh abwesend, dessen Blick aufmerksam durch den Raum flog. Sicherlich auf der Suche nach Hinweisen und Notausgängen.

„Aha“, meinte ich tonlos. „Ich werde nicht einmal so tun, als würde ich die kennen.“

„Hatte ich nicht erwartet. Du solltest mit dem Barmann reden. Du bist sympathischer als ich.“

Das war eine sehr wahre Aussage. Rispo strahlte eine etwas düstere Energie aus. Wie ein Glühwürmchen … nur in, nun, düster. Das brachte Frauen zwar dazu, sich an seinen Hals zu schmeißen – mein triebgesteuertes Ich miteingeschlossen –, aber den Rest der Weltbevölkerung verleitete es dazu, vor ihm zurückweichen. Und heute war Josh angespannter als sonst, was seinem ohnehin schon knapp bemessenen Geduldsfaden nicht zugutekommen würde. Es war schön, dass er reflektiert genug war, mir den Vortritt zu lassen.

„Alles klar“, meinte ich und zwängte mich zwischen zwei Barhockern zum Pseudo-Baseballfan durch. „Hey“, sagte ich und setzte mein freundlichstes Lächeln auf.

„Ah, hallo“, erwiderte der Barmann und seine Miene erhellte sich. „Dich kenne ich doch. Hast du nicht gestern bei uns Karaoke gesungen … obwohl wir keine Karaokemaschine haben?“

Richtig. „Das hört sich nach mir an“, bestätigte ich. „Ich habe etwas zu viel getrunken – muss aber eine fantastische Sängerin sein, wenn du dich noch an mich erinnerst. Ich bin Louisa Manu.“ Lächelnd reichte ich ihm die Hand über die Theke. „Und du?“

„Steffen Dürer“, meinte er und ergriff sie.

„Nett, dich kennenzulernen, Steffen. Da wir gerade bei betrunken sein waren … Alkohol ist tatsächlich der Grund, warum ich hier bin. Ich scheine mein Handy und meine Schlüssel verloren zu haben. Wurden sie zufällig hier gefunden?“

„Keine Ahnung“, meinte er achselzuckend. „Eine Kollegin von mir hat gestern aufgeräumt. Ich hatte Feierabend, kurz nachdem deine lustige Truppe weitergetorkelt ist. Aber vielleicht ist ja was in unserer Fundgrube gelandet. Lass mich mal nachsehen.“ Er nickte mir zu und verschwand durch eine Schwingtür in den hinteren Teil der Bar.

Ungeduldig ließ ich meine Finger auf das Holz prasseln, während ich mich an Rispo wandte, der noch immer den Blick schweifen ließ.

„Irgendetwas entdeckt?“, wollte ich wissen.

„Ja …“, sagte Josh langsam und verengte die Augen. „Der Typ da hinten hat zwei unterschiedliche Socken an. Warum tut jemand so etwas?“

Ich schnaubte. Rispo hatte nur schwarze Socken, alle von derselben Marke, damit ihm das nicht passieren konnte. Und da behauptete er immer, ich hätte Probleme. „Alle erzählen mir andauernd, was für ein hervorragender Polizist du bist … und du denkst nur an Socken.“

„Du denkst nur an Schokolade, was ist da der Unterschied?“, wollte er interessiert wissen.

Schockiert legte ich die Hand auf die Brust. „Also, wenn du behauptest, dass Socken und Schokolade von gleichem Wert sind, muss ich anfangen, unsere ganze Beziehung zu hinterfragen!“

Josh grinste und tätschelte mir beruhigend die Schulter. „Prioritäten, Lou. Prioritäten. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Nein. Ich konnte nichts Auffälliges entdecken. Aber diese Bar ist recht klein und wenn eine Menge Leute hier drin sind, sicherlich sehr unübersichtlich. Es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, dass jemand euch unbemerkt etwas untergemischt hat.“

Ja, mir auch nicht.

Die Klapptür ging auf und der blonde Nicht-Baseballfan kam zurück an die Theke. „Sorry“, sagte er und zog eine Grimasse. „Bei uns wurde nichts abgegeben. Weder Schlüssel noch Handy.“

Scheiße. Wo sollte ich denn bitte als Nächstes suchen, wenn ich mich nicht daran erinnern konnte, wo ich gewesen war?

„Schade“, sagte ich enttäuscht. „Ich weiß nämlich ehrlich gesagt nicht mehr, wann ich die Sachen zuletzt gesehen habe … erinnerst du dich zufällig daran, ob ich das Handy noch in der Hand hatte?“

„Nee“, sagte der Typ sofort.

„Okay … und du hast auch nichts Auffälliges beobachtet?"

„Auffällig?“, wiederholte er zweifelnd und rückte sich die Kappe auf dem Kopf zurecht. „Was soll das heißen?“

„Na, ob jemand sich merkwürdig verhalten hat, mich intensiv angesehen hat, sehr nah an meiner Handtasche stand …“

Mein Gegenüber prustete. „Entschuldige. An einem Samstagabend sind hier alle so voll, dass jeder auffällig ist.“

Ich seufzte unzufrieden und wippte auf meine Fersen zurück. Der Typ war wirklich nicht hilfreich. „Ich weiß“, sagte ich leicht gereizt. „Aber es könnte ja sein, dass du dich dennoch daran erinnerst, ob …“

„Ich schwöre, ich habe keine Ahnung“, unterbrach der Jüngling mich nun sichtlich genervt. „Ich bin Barkeeper, ich schenke Drinks aus. Ich sehe Alkohol und Gläser. Alles andere um mich herum verwischt zu einer dicken, bunten Masse. Und wie gesagt: Es war gerappelt voll. Alle benehmen sich peinlich, alle drängen sich irgendwem auf, alle greifen in irgendwelche Taschen, die ihnen vielleicht gar nicht gehören und …“

Rispo schlug so fest mit der flachen Hand auf den Tresen, dass ich zusammenzuckte und rückwärts gegen seine Brust stolperte.

„Es reicht“, sagte er scharf, knackte mit dem Kiefer und visierte sein Gegenüber mit dunklem Blick. „Wenn der sympathische Weg nicht funktioniert, benutzt man einen effektiveren. Meiner Freundin wurde gestern etwas in den Drink gemischt – in deiner Bar – und das macht mich sehr, sehr ungehalten. Deswegen wirst du jetzt genau darüber nachdenken, was du gestern alles gesehen hast, und es mir so detailreich erzählen, dass ich das Gefühl habe, vor meinem HD-Fernseher zu sitzen, ist das klar? Und wenn ich nicht zufrieden damit bin, wie angestrengt du nachdenkst, wirst du vielleicht nicht mehr zufrieden damit sein, wie deine Nase aussieht.“

„Josh“, zischte ich ungläubig und zog seine Hand, die sich mittlerweile zur Faust geballt hatte, vom Tresen. „Du kannst ihm nicht drohen. Du bist Polizist!“

„Ja, und gerade nicht im Dienst“, sagte er abgehackt, den Blick weiterhin auf den Blonden gerichtet. „Also? Was ist los, Bubi?“

Der Barmann war so bleich geworden wie ein erschrockenes Gespenst und machte hastig einen Schritt zurück. „Es … es ist nicht meine Bar, Mann“, stotterte er.

„Ist mir scheißegal“, stellte Rispo freundlich lächelnd fest. „Warum denkst du noch nicht nach? Oder guckst du immer so dumm, wenn du dein Gehirn anstrengst?“

„Ich kann nicht!“, sagte der Barmann verzweifelt und sah Hilfe suchend zu mir. „Tut mir leid“, stotterte er. „Ich war gestern high. Ich habe wirklich nicht viel mitbekommen. Ich hab dich doch nur erkannt, weil du so scheiße gesungen hast!“

Rispo presste die Lippen zusammen und seufzte schwer. „Okay. Das klingt glaubhaft.“

„Hey!“, beschwerte ich mich verärgert. „Ich singe wunderbar. Ich bin die Nachtigall unter den Blumenladenbesitzerinnen!“

Rispo beachtete mich nicht. Stattdessen wandte er sich wieder an den Barmann. „Kennst du Jorina Stelz?“

Der Blonde blinzelte verwirrt, sah zu mir, zu Rispo und wieder zurück. Der Themenwechsel war ihm wohl zu abrupt gekommen. „Bitte was?“

„Jorina Stelz“, wiederholte Rispo und zeigte seinem Gegenüber ein Foto auf seinem Handy. „Kennst du sie?“

Stirnrunzelnd beugte sich der Blonde vor und begutachtete das Display. „Ja, doch. Die kommt mir bekannt vor. Ich glaub, sie ist öfter hier.“

„Du glaubst?“, meinte Rispo hart, und mit jedem Wort wurde seine Stimme lauter. „Weißt du, viele Menschen glauben auch an Gott – das heißt aber noch lange nicht, dass er existiert.“

„Ich … ich weiß es“, korrigierte der Barmann sich sofort fahrig. „Sie ist fast jedes Wochenende hier. Wieso …“ Er räusperte sich. „Wieso fragen Sie?“

„Nun, sie …“

„Sieh mal einer an“, ertönte plötzlich eine spöttische Stimme hinter uns. „Wenn das nicht der vom Fall abgezogene Kommissar des Monats ist, der hier absolut nichts verloren hat.“

Kapitel 4

Überrascht wandte ich mich um.

Zwei Männer standen im Eingang. Der eine war so groß wie Rispo, hatte dunkelbraune, kurzgeschorene Haare, tiefgraue Augen und den Körper eines leinsamensüchtigen Fitnessgurus. Der andere war so groß wie ich, hatte rötlich schimmernde Haare, blasse Haut, wässrige blaue Augen und zwei kostenlose Rettungsringe um den Bauch.

Ihn kannte ich nicht. Den Möchtegern-Adonis schon. Ich hatte ihm schon einmal eine runtergehauen.

„Und deine süße, kleine Freundin, die möglicherweise eine Menge Blut an den Fingern hat, hast du auch dabei“, redete Thilo weiter und lächelte mir eklig freundlich zu. „Wunderbar. Wirkt überhaupt nicht verdächtig, wirklich.“

Ich spürte, wie sich Josh neben mir versteifte. Das überraschte mich nicht weiter, denn er war wirklich nicht gut auf Thilo zu sprechen. Was einerseits daran liegen mochte, dass er mit seiner Ex-Verlobten geschlafen hatte, andererseits auch daran, dass Rispo seinetwegen zwei Monate vom Dienst suspendiert worden war – nachdem er das Bedürfnis gehabt hatte, Thilo krankenhausreif zu prügeln. Gut, das war vielleicht auch von Joshs Seite aus nicht die feine englische Art gewesen, aber er hatte es nun einmal persönlich genommen, dass sein bester Freund und Partner die Frau, die er liebte, gevögelt hatte. Wer konnte es ihm verdenken?

„Hey, Sösser“, sagte Rispo steinern, jede Emotion von seinem Gesicht gewischt. Er nickte dem kleinen Mann zu, der die Hand zum Gruß hob, bevor er sich an seinen Kollegen wandte. „Und Thilo … was willst du hier?“

Joshs Stimme war nicht nett, schöpfte ihr Potenzial an Unfreundlichkeit jedoch auch längst noch nicht aus.

„Auch schön, dich zu sehen, Josh. Irgendwer musste diesen Fall doch übernehmen, nachdem du abgezogen wurdest, oder?“ Das Grinsen auf Thilos Gesicht wurde breiter. „Ich hoffe, das wird eine schnelle Nummer. Ich will nächstes Wochenende in den Urlaub. Die bessere Frage ist außerdem doch: Was willst du hier, Josh?“ Interessiert neigte Thilo den Kopf zur Seite. „Du hast nicht die Befugnis, dich in den Fall einzumischen. Wurde es dir nicht sogar strengstens untersagt?“ Gespielt nachdenklich legte er einen Zeigefinger an sein Kinn. „Andererseits finde ich es überhaupt nicht überraschend, dass du die Kontrolle nicht abgeben kannst, Rispolein. Ich freue mich sogar darüber. Ich werde ab jetzt jeden Tag dafür beten, dass du irgendetwas Dummes tust, damit ich dir wegen Strafvereitelung eine Geldstrafe aufbrummen kann.“

„Du redest zu viel, Thilo“, sagte Rispo schroff und trat einen Schritt vor, sodass nur noch ein sehr dünner Mensch zwischen sie gepasst hätte. „Mir hat es besser gefallen, als dein Kiefer noch neben deinem Ohr hing. Vielleicht sollte ich da noch mal nachhelfen.“

Thilo verengte langsam die Augen. „Ich würde aufpassen, wem du hier drohst, Josh. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Das Schicksal deiner Freundin liegt in meinen Händen. Und obwohl ich sie mag“, er lächelte mir kühl zu, „sehr sogar – dein Frauengeschmack war schließlich immer tadellos –, wird es mir überhaupt nicht wehtun, sie in den Knast wandern zu lassen.“

Ich schluckte und griff nach Joshs Hand, bevor er sie zur Gänze heben konnte. „Lass es“, flüsterte ich. „Das ist es wirklich nicht wert.“

Der rothaarige Polizist neben Thilo trat derweil unwohl von einem Bein auf das andere und sah zwischen Rispo und seinem Partner hin und her. Unsicher, was er tun sollte.

Er erinnerte mich stark an Marvin, den Recherchisten der Polizei und Rispos Superfan, mit dem ich des Öfteren zu tun gehabt hatte. Sösser war einer dieser Typen, die man schnell wieder vergaß. Und ähnlich wie Marvin schien seine Mutter ihn einzukleiden. Zumindest trug er eine blaue Anzugjacke mit dicken goldenen Knöpfen, die ihn wie einen Zirkusdirektor aussehen ließen.

„Hör auf deine Freundin“, riet Thilo Rispo. „Sonst tust du dir noch weh. Glaub mir, ich warte nur darauf, dass …“

„Ähm, Stetter“, unterbrach der Rothaarige seinen Kollegen endlich. „Sie sollten in der Öffentlichkeit vielleicht keine Drohungen …“

„Sösser, warum stehen Sie immer noch neben mir? Suchen Sie doch schon einmal die verdammte Bar ab, ja?“, blaffte Thilo genervt. „Das ist doch Ihr Job, oder nicht?“

Der Polizist schluckte hörbar, nickte jedoch. „Natürlich.“ Im nächsten Moment wandte er sich um und schritt die Sitzplätze am Rand der Bar ab.

„Wir werden jetzt gehen“, schlug ich vor. „Es ist ja offensichtlich, dass die Polizei hier alles unter Kontrolle hat. Wir haben ohnehin nur kurz vorbeigeschaut, um nach ein paar meiner verlorenen Sachen zu suchen.“ Ich legte Rispo meine Hand in den Rücken, um ihn zum Gehen zu animieren, doch er rührte sich nicht. Oh, nein. Das konnte ich jetzt wirklich nicht gebrauchen. Ein wütender Rispo war ein schlechter Rispo.

„Josh“, zischte ich. „Sei kein Arschloch.“

Ungläubig wandte er sich zu mir um. „Ich bin das Arschloch?“

„Na ja, nein. Aber von Thilo kannst du diese Art der Reflexion nicht erwarten!“

Das brachte Josh zum Lächeln … und Thilo zum Schnauben. „Gott, das ist ja herzallerliebst“, sagte er verächtlich. „Rumpelstilzchen und die böse Königin haben zueinander gefunden. Bitte schickt mir die Fotos von euren hässlichen Babys, wenn es soweit ist. Aber bis dahin: Könntet ihr beide aufhören, mich zu nerven und mich meine Zeugen befragen lassen?“

Ich wollte gerade den Mund öffnen, um mich für das Kompliment zu bedanken, da tauchte Sösser wieder neben Thilo auf.

„Ich habe ein Handy und einen Schlüssel gefunden“, sagte er stolz und hielt die Gegenstände hoch.

Meine Augen wurden groß, als ich den Keks-Anhänger und die Hülle, die eine Schokoladentafel imitierte, erkannte. „Hey, das ist meins!“, sagte ich begeistert. „Wo haben Sie es gefunden?“

Sösser sah verwundert zu mir und nickte zu den Sitzecken am anderen Ende der Bar. „Es ist zwischen die Polster gerutscht.“

„Und Sie haben die Dinge ohne Handschuhe da rausgeholt?“, fragte Thilo mit verengten Augen und starrte auf die auffällig nackten Finger seines Kollegen.

Leichte Röte kroch seinen Hals hinauf und mit jeder verstreichenden Sekunde sah er schuldbewusster aus. „Oh, tut mir leid. Ich wusste nicht, dass sie Beweismittel sind.“

„Warum zum Teufel hat die Polizei Sie noch nicht gefeuert, Sösser?“, fragte Thilo kopfschüttelnd.

„Ähm …“ Sein Kollege wusste offensichtlich nicht, wie er darauf antworten sollte.

„Holen Sie die Beweisbeutel raus! Meine Güte, das ist doch der einzige Grund, warum ich Sie mitgenommen habe! Sie –“

„Also bekomme ich mein Handy nicht zurück?“, unterbrach ich Thilo laut, bevor er Zeit hatte, sich in seine Wut reinzusteigern.

Sein Kopf fuhr zu mir herum. „Josh liebt dich nur wegen deines Aussehens, oder?“, meinte er schnaubend. „Nicht, weil du etwas im Kopf hättest.“

Das glaubte ich nicht. Josh hatte mich schließlich schon beim Sport gesehen und war immer noch mit mir zusammen.

„Das ist ein … vielleicht?“, mutmaßte ich vorsichtig.

„Das ist ein Nein!“, korrigierte mich Thilo genervt. „Natürlich kriegst du es nicht wieder! Es ist ein mögliches Beweisstück.“

Kein Grund, direkt unhöflich zu werden. Zuckrig lächelte ich ihn an. Er sollte ein wenig netter zu mir sein, sonst müsste ich ihm wieder beweisen, dass Rispo mich auch liebte, weil ich so gut zuschlagen konnte. „Keine Sorge, wir gehen ja schon. Nichts läge mir ferner, als euch dabei zu behindern, den wahren Mörder zu finden.“

Ich hob die Hand, und diesmal reagierte Josh auf meinen Faustschlag in seinen Rücken.

Bevor wir jedoch durch die Tür verschwinden konnten, rief Thilo Josh noch einmal zurück. „Rispo“, bellte er und sein Blick hatte jeglichen Spott verloren. „Misch dich nicht in den Fall ein, ist das klar? Es ist mein Job, meine Verantwortung. Du hältst dich raus! Wenn nicht, könnte dich das eine Menge kosten. Und wenn ich dich nur einmal an einem Ort sehe, an dem du nicht sein darfst … dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass du suspendiert wirst.“

Josh antwortete nicht. Er hielt nur ein paar Sekunden Thilos Blick stand, dann wandte er sich wortlos um und stieß die Tür auf.

Ich seufzte schwer und lief ihm eilig hinterher. Die Sache mit seiner Verlobten war eine Ewigkeit her – knapp sieben Jahre –, doch Josh war noch immer unglaublich wütend wegen der Sache. Und ehrlich gesagt kratzte dieser Umstand ein wenig an meinem Ego. Wie sehr musste er Inessa geliebt haben, wenn es ihn immer noch so mitnahm?

„Ist scheiße, wenn dir jemand sagt, dass du dich nicht in den Fall einmischen sollst, oder?“, fragte ich in dem Versuch, die Stimmung aufzulockern.

Rispo antwortete nicht. Er war offenbar nicht bereit, aufgeheitert zu werden. Stattdessen lief er einfach vor, die Schritte lang und ruckartig, direkt auf seinen Wagen zu.

Ich seufzte erneut und beschleunigte meinen Schritt. „Josh“, rief ich. „Warte auf mich.“

Er wartete nicht auf mich. Ich erreichte ihn erst, als er die Fahrertür seines Audis öffnete.

„Josh, du solltest in dem Zustand wirklich nicht fahren“, stellte ich etwas außer Atem fest. „Das wäre verantwortungslos.“

Er wandte sich düster zu mir um. „Alles okay, ich habe mich beruhigt“, quetschte er zwischen den Zähnen hervor.

„Wirklich?“, fragte ich trocken.

„Ja! Mir geht es fantastisch.“

Ich schnaubte. „Natürlich. Du hast einen Penis.“

„Das ist korrekt, auch wenn ich den Zusammenhang nicht sehe.“

„Männern geht es immer gut. Selbst wenn ihnen ein Holzpfahl in der Brust steckt!“

„Ich liege nicht im Sterben, Lou.“

„Nein, aber dein Gesicht sieht aus, als wollte es als Dampflok anheuern.

„Lou“, sagte Josh angespannt und sah mir endlich in die Augen. „Hast du überhaupt eine Ahnung, was das für dich bedeutet, dass Thilo leitender Ermittler in diesem Fall ist?“

Ich schluckte und hob eine Schulter. „Ich … nun, er war dein Partner, er wird doch ein guter Polizist sein, oder?“

„Er ist beschissen gut – wenn er will. Er war der beste Partner, den ich je hatte. Aber bei diesem Fall? Bei diesem Fall wird er sich keine verdammte Mühe geben, Lou“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Er wird dich komplett auflaufen lassen. Nur, um mich anzupissen. Und jetzt haben wir auch noch deinen Schlüssel gefunden.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und legte den Kopf in den Nacken.

Erst jetzt dämmerte mir, dass Josh gehofft hatte, weder mein Handy, noch meine Schlüssel zurückzubekommen. Die Möglichkeit, dass der Mörder ihn mir gestohlen hatte, um die Leiche in meine Wohnung zu verfrachten, fiel damit weg. Mist, da hatte ich überhaupt nicht drüber nachgedacht.

Mein Herz wurde etwa einen Zentner schwerer, doch ich ignorierte das Gefühl, so gut ich konnte. Ich musste optimistisch bleiben. In Panik auszubrechen, würde mir nicht helfen.

„Ich glaube, du machst dir zu viele Gedanken“, sagte ich langsam. „Ich weiß, im Moment sieht es schlecht aus, aber Thilo ist kein abgrundtief böser Mensch. Er mag ein Arschloch sein, aber er dient immer noch dem Gesetz. Er würde mich nicht unrechtmäßig in den Knast werfen, nur weil er dich nicht mag, Josh. Wenn es andere Spuren gibt, wird er sie verfolgen.“ Und es musste andere Spuren geben. „Er hat schließlich einen Eid geschworen.“

Kopfschüttelnd sah Josh mich an, eine Hand aufs Autodach gelegt, die andere in die Hosentasche gestopft. „Wie zum Teufel kannst du immer noch an das Gute im Menschen glauben, nachdem dich bereits drei Psychopathen attackiert haben?“

Ich hob unschlüssig die Schultern. „Keine Ahnung … ich habe als Kind eine Menge Märchen und Zeichentrickserien gesehen. Da wird einem eingebläut, dass Wunder passieren. Und überhaupt: Psychopathen wachsen nicht auf Bäumen. Nicht jeder Mensch ist geistesgestört und böse. Wenn man Gutes erwartet, wird einem auch Gutes widerfahren.“ Stand das nicht sogar in der Bibel?

„Lou, ich liebe dich, aber das ist ausgemachter Blödsinn“, sagte Josh feierlich. „Schlimme Dinge passieren. Ohne Grund. Kinder sterben, süße Tierbabys werden zu Pelz verarbeitet, Menschen werden unrechtmäßig ins Gefängnis geworfen – und Karma interessiert das einen Scheißdreck.“

„Das solltest du unbedingt aufschreiben, das ist der Kram, aus dem berührende Kinderbücher für die ganze Familie gemacht werden.“

Josh lachte nicht. „Ich meine es ernst, Lou. Ich werde dein verdammtes Schicksal nicht dem Zufall überlassen, nur weil du an Schutzengel und die Gebrüder Grimm glaubst.“

Ich verschränkte die Arme und neigte nachdenklich den Kopf zur Seite, während ich versuchte, zwischen den Zeilen zu lesen. „Heißt das … wir schnappen den Mörder selbst?“, folgerte ich.

„Ja“, sagte Josh grimmig.

Mein Magen zog sich freudig-ängstlich zusammen. Na, dann hatte das Zusammentreffen mit Thilo ja doch noch etwas Gutes gebracht. Josh war ein tausendmal besserer Ermittlungspartner als Trudi und Emily.

Trotz allem – obwohl ich Angst hatte, obwohl das Bild der toten Frau noch immer in meinem Geist herumspukte – brach ein breites Grinsen auf meinem Gesicht aus. „Joshua Rispo läuft auf die dunkle Seite der Macht über“, flüsterte ich und legte ihm eine Hand in den Nacken. „Diese düstere Seite an dir gefällt mir.“

„Ich weiß. Du redest im Schlaf“, stellte Josh trocken fest. „Aber ich muss dich enttäuschen: Ich werde kein Batmankostüm anziehen. Was ich jedoch tun werde, ist, einen Backgroundcheck durchzuführen …“

„Von wem?“

„Dem Barmann natürlich. Hast du den Puls an seinem Hals nicht gesehen? Er hat so unglaublich schlecht gelogen, dass er die goldene Lügenhimbeere bekommen sollte. Außerdem sind ihm Tränen in die Augen gestiegen, als er gehört hat, wie Thilo über mögliche Zeugen und den Mord geredet hat. Er kennt Jorina nicht nur als Stammgast.“

Oh. Rispo hatte noch auf den blonden Kappentyp geachtet? Ich hatte ihn komplett ausgeblendet, nachdem Thilo und sein Gehilfe aufgetaucht waren.

„Okay. Wir konnten ihn nur leider nicht mehr fragen, ob er weiß, wo Emmi, Trudi und ich als Nächstes hingegangen sind.“

„Kein Problem. Darum kümmern wir uns morgen“, versprach Rispo. „Jetzt will ich erst mal ins Bett.“

Das hörte sich nach einer fantastischen Idee an.

Kapitel 5

Ich hatte erwartet, dass ich nach den Geschehnissen des Tages unglaublich schlecht schlafen würde.

Ich wurde nicht enttäuscht.

Nach sieben Stunden wildem Herumgewälze, das nachts irgendwann dazu führte, dass Josh mich an seinen Körper zog und mit den Armen so fest umschloss, dass ich bewegungsunfähig war, öffnete ich gerädert und mit schwerem Herzen die Augen.

Den Blumenladen würde ich heute geschlossen lassen. Das hatte ich um halb vier beschlossen, als Rispo mir: „Du bist nicht allein, Lou, wir kümmern uns schon darum“, ins Ohr geflüstert hatte und ich spontan in Tränen ausgebrochen war. Ich fühlte mich heute nicht dazu in der Lage, Blumen zu verkaufen. Andererseits fühlte ich mich auch nicht dazu in der Lage, aufzustehen – aber hatte ich eine Wahl? Je eher ich aus dem Bett kam, desto eher konnten wir uns den Fall ansehen und desto eher konnte ich zu meinem normalen Leben zurückkehren, in dem ich zwar über Leichen stolperte, diese jedoch nicht in meinem Wohnzimmer lagen!

Rispo war natürlich schon längst wach und in der Küche, also war ich allein, während ich mich in seinem Schlafzimmer anzog und traurig bemerkte, dass der Kaktus, den ich ihm geschenkt hatte, mausetot auf seiner Fensterbank stand.

Es war ein Kaktus! Er brauchte doch nichts außer Licht und einen Tropfen Wasser alle paar Monate. Wie hatte Josh ihn umbringen können? Da ich jedoch einsah, dass diese Frage weit unten auf meiner heutigen Prioritätenliste stand, beschloss ich, Josh nicht mit seinem Versagen als Pflanzenpapa zu konfrontieren.

Als ich ins Wohnzimmer kam, stand Rispo an der Kücheninsel, das Telefon am Ohr, die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen. „Verstehe“, murmelte er. „Ja. In Ordnung.“ Er nickte, während der Gesprächspartner auf ihn einzureden schien. Schließlich sagte er: „Danke für den Anruf, ich mache mich gleich auf den Weg“, und legte auf.

„Und?“, fragte ich neugierig. „Gibt es Neuigkeiten?“

„Ja“, sagte er langsam, ließ das Telefon sinken und sah mich nachdenklich an. „Sie haben einen neuen Hauptverdächtigen.“

„Wirklich? Wen?“

„Mich.“

Ungläubig weitete ich die Augen. „Was?“

„Ja.“ Er verzog griesgrämig das Gesicht. „Ich habe einen Schlüssel, also die Möglichkeit, in deine Wohnung zu gelangen. Mein Alibi basiert auf der Aussage von vier betrunkenen Brüdern, die in meiner Wohnung kollabiert sind, also hatte ich die Gelegenheit. Ich war frustriert, dass wir Jorina nicht dranbekommen haben – und schon habe ich ein Motiv. Ich bin mit sofortiger Wirkung zwangsbeurlaubt.“

Mir wurde schwindelig. „Aber … aber das ist doch verrückt! Emily und Ariane haben auch einen Schlüssel, das muss doch gar nichts heißen.“

Rispo rieb sich kopfschüttelnd mit der flachen Hand über die Stirn und atmete schwer durch. „Ich weiß nicht. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mich auch verdächtigt. An Thilos Stelle sowieso. Es gab keine fremden Fingerabdrücke an deinen Schlüsseln und deinem Handy. Nur deine und die von Sösser. Deine Tür war verschlossen und es gibt keine Einbruchsspuren. Der Mörder muss einen Schlüssel gehabt haben – oder durch Wände gehen können. Sie haben dein Blut untersucht, du wurdest tatsächlich unter Drogen gesetzt. Irgendeine Roofies-Mischung. Sie wollten keine genauen Angaben machen. Der Gerichtsmediziner hat jedoch den Zeitpunkt des Todes auf zehn Minuten genau bestimmt – du warst mit ziemlicher Sicherheit während des Mordzeitpunktes in einem solchem Delirium, dass du unfähig dazu warst, jemanden zu töten. Aber weißt du, wer nicht ausgeknockt war? Ich! Und jetzt rate mal, wessen Fingerabdrücke außer deinen auf dem Messer sind?“

„Deine“, hauchte ich und klammerte mich an der Kücheninsel fest. „Aber … du benutzt es wirklich zum Kochen! Das kann ich bezeugen!“

„Es spielt keine Rolle“, sagte Rispo trocken und gab ein freudloses Lachen von sich. „Ich bin ein so viel besserer Verdächtiger als du. Ich kenne das Opfer. Du nicht. Ich habe mehrfach laut bekundet, wie sehr mich der Drogenfall frustriert. Es wäre nicht schwer für mich gewesen, Jorina Stelz ebenfalls unter Drogen zu setzen und dann auf deiner Couch zu ermorden.“

Ich starrte Josh mit offenem Mund an. Seine Worte hallten in meinem Kopf wider … und unfreiwillig musste ich laut lachen. Mir war vollkommen klar, dass das unpassend war, aber ich konnte nicht anders. Diese Situation war einfach nur absurd. „Was ist so witzig?“, fragte Rispo düster.

„Na ja, du wärst ein richtiger Scheiß-Freund, wenn du mir anstatt Blumen eine Leiche mit in meine Wohnung bringen würdest!“, stellte ich fest und legte eine Hand auf meinen Mund, um das Lachen zu ersticken.

„Du bist dabei, hysterisch zu werden, oder?“, fragte Josh und durchleuchtete mich skeptisch.

Möglich. Ich konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Alles, was ich wusste, war, dass ich mir schon zum dritten Mal in den Arm kniff und noch immer nicht aus diesem dummen Traum erwachte.

„Fuck“, stieß Rispo aus, legte den Kopf in den Nacken, atmete dreimal tief durch … und als er mich wieder ansah, war jegliche Wut, Verzweiflung und Frustration aus seinem Gesicht verschwunden. Denn mehr brauchte Josh nicht, um sich zusammenzureißen: drei Atemzüge und ein Schimpfwort. Man durfte sich nicht täuschen lassen, er kochte vor Wut, das erkannte man daran, dass seine Augen dunkler und sein Blick härter als sonst waren. Aber andere Anzeichen gab es nicht. Er war die reinste Zirkusattraktion.

„Okay, ich muss zum Präsidium, eine Aussage aufnehmen, versuchen mein Alibi zu untermauern. Meinen Brüdern einreden, dass sie nicht für mich lügen sollen, weil sie sonst wegen Falschaussage verknackt werden … das wird ein lustiger Tag.“ Er legte die Hände um mein Gesicht und küsste mich sanft. „Kommst du klar?“

Ich war mir nicht ganz sicher, nickte jedoch trotzdem. „Thilo denkt doch nicht wirklich, dass du der Mörder bist, oder?“, fragte ich leise. „Ich meine … er kennt dich. Du liebst das Gesetz. Du würdest es nicht brechen.“

Josh hob eine Augenbraue. „Ich habe vor, zusammen mit dir unautorisierte Recherchen anzustellen …“

„Ja, aber das liegt doch nur an meinem schlechten Einfluss auf dich! Dafür können sie dir doch nicht die Schuld geben.“

Rispo schmunzelte. „Ich werde sichergehen, das in meiner Aussage zu berücksichtigen.“

Fünf Minuten später war er aus der Tür.

Ich blieb in der Küche zurück, unsicher darüber, was ich als Nächstes tun sollte, als Rispos Telefon klingelte. Er war einer der wenigen Menschen, die ich kannte, die noch einen Festnetzanschluss hatten. Ich war schon vor Jahren nur aufs Handy übergegangen. Andererseits benutzte er ja auch immer noch einen Notizblock, er war in manchen Bereichen einfach etwas altmodisch. Ich beugte mich über den Küchentresen und sah auf die Anruferkennung. Unbekannte Nummer stand auf der digitalen Anzeige.

Ach, schlimmer als eine Leiche im Wohnzimmer konnte der Anrufer nicht sein. Ich hob ab. „Bei Rispo?“, meldete ich mich.

„Lou! Was zum Teufel ist bei dir los?“, rief meine beste Freundin Ariane aufgebracht durchs Telefon. „Die Polizei war eben bei mir und hat mich verhört! Sie wollte wissen, was wir Samstagnacht so Wichtiges am Telefon besprochen haben. Steckst du in Schwierigkeiten?“

„Wir haben Samstagnacht miteinander telefoniert?“, fragte ich verwirrt.

„Natürlich. Weißt du das nicht mehr?“

„Ich weiß eine Menge nicht mehr, Ari“, sagte ich entschuldigend. „Ich wurde unter Drogen gesetzt, damit jemand in Ruhe eine Frau auf meiner Couch töten konnte.“

Abrupte Stille senkte sich über die andere Seite der Leitung.

„Nein!“, stieß Ariane schließlich schockiert aus.

„Doch.“

„Aber wer tut denn so etwas?“ Ihre Stimme überschlug sich.

„Wenn wir das wüssten, sähe meine Situation sehr viel besser aus“, bemerkte ich wahrheitsgemäß. „Aber wir haben da einen kleinen Informationsengpass.“

„Scheiße.“ Ari sog zischend Luft ein. „Wofür zum Teufel bestraft dich das Universum?“

Eine gute Frage, auf die ich wahrscheinlich niemals eine Antwort bekommen würde. Irgendwann innerhalb der letzten Jahre musste ich den Gott der Leichen sehr wütend gemacht haben. „Ich habe einen kompletten Filmriss, Ari“, sagte ich seufzend und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Kücheninsel. „Wir haben Samstagnacht wirklich miteinander gesprochen? Worüber haben wir …“ Ich brach ab und schüttelte den Kopf. „Nein, weißt du was, ich komm vorbei.“ Ich wollte mit meinen Gedanken jetzt nicht allein sein.

„Okay, ich fahre jetzt allerdings zum Laden los.“ Ariane führte die Maisonette du Chocolat, einen schokoladigen Feinkostladen in der Kölner Innenstadt.

„Umso besser, ich könnte eine Pralinendröhnung gebrauchen. Bis gleich.“

 

Als ich eine halbe Stunde und drei Geduldsfäden später einen Parkplatz gefunden hatte, der nicht zwei Kinderriegelpackungen in der Stunde kostete, rauchte mein Kopf. Ich war unfähig dazu, die Fragen zu ignorieren, die sich penetrant immer wieder in mein Bewusstsein schoben.

Wo kam der Glitzer her? Was hatte es mit dem Goldfisch in meiner Badewanne auf sich? Warum sollte es jemand auf mich abgesehen haben?

Eine Frage jedoch war besonders lästig: Wie zum Teufel war jemand ohne Schlüssel und Vorschlaghammer in meine Wohnung eingedrungen?

Ich wohnte im ersten Stock, und selbst wenn jemand eine Leiter benutzt hatte: Meine Fenster waren allesamt verschlossen gewesen. Solange es niemanden gab, der sich in eine Ameise verwandeln und durch den Riss in meiner Badezimmerwand quetschen konnte, gab es keine zufriedenstellende Antwort darauf.

Emily musste ihren Schlüssel noch haben – wie sonst waren wir Samstagnacht wieder bei mir reingekommen? –, aber vielleicht war Ariane ihr Schlüssel ja abhandengekommen. Mit diesem hoffnungsvollen Gedanken überquerte ich zügigen Schrittes den Heumarkt und bog in die Seitengasse ein, in der Ariane ihren Laden hatte. Ich blinzelte verdutzt, als ich von Weitem sah, dass Ari eine Art grell-orangene, birnenförmige Vase vor ihrer Confiserie aufgestellt hatte. Erst als ich nur noch zehn Meter vom Eingang entfernt war, erkannte ich, dass es sich gar nicht um einen Gegenstand handelte. Es war Trudi, die offenbar eine Karriere als Kürbis anstrebte. Das leuchtende Ballonkleid, das sie trug, war modisch noch hinter einem Kleid aus Fleisch und einem Bärenfellumhang anzusiedeln.

Neben ihr stand Emily, die finster in meine Richtung sah. Sie wirkte wütend. Andererseits kniff sie die Augen vielleicht auch nur so missmutig zusammen, weil sie von Trudis Outfit geblendet wurde. Wer konnte das schon so genau sagen?

„Du sagtest, du rufst uns an!“, begrüßte sie mich vorwurfsvoll.

Ja, aber ich hatte meiner Mutter mit achtzehn auch erzählt, dass ich nach Alkohol roch, weil ich das Badezimmer mit Wodka geputzt hätte. Mir war einfach nicht zu trauen.

„Ich hatte mein Handy nicht“, sagte ich entschuldigend. „Das ist jetzt offizielles Beweismittel. Und woher wusstet ihr überhaupt, wo ihr mich finden könnt?“

Emmi schnaubte verächtlich. „Oh, bitte. Du bist gestresst und geizig und brauchst Schokolade. Ariane ist deine billigste Möglichkeit, an einen Nougat-Schuss zu kommen.“ Dafür, dass Emily letztes Jahr meinen Geburtstag vergessen hatte, kannte meine Schwester mich überraschend gut. „Also, warum willst du nicht, dass wir mit dir auf Mörderjagd gehen?“

Weil ich an meinem Leben hing und Emily das letzte Mal sogar darin versagt hatte, Schmiere zu stehen – obwohl das, abgesehen davon, Nachos in die Mikrowelle zu tun, die einfachste Aufgabe der Welt war!

„Schick siehst du aus, Trudi“, versuchte ich vom Thema abzulenken und nickte der alten Dame anerkennend zu.

„Oh, danke. Ich dachte, ich probiere die Farbe Orange mal aus, damit es für mich nicht eine solche Umgewöhnung wird, falls wir hinter schwäbischen Gardinen landen.“

„Schwedische Gardinen“, korrigierte ich sie. „Und du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Niemand verdächtigt dich.“ Und die Farbe ihrer Kleidung wäre im Knast das letzte ihrer Probleme.

„Schwedisch?“ Trudi kräuselte verwirrt die Nase. „Aber das ergibt keinen Sinn. Die Schweden machen wunderbare Gardinen! Warum sollte man nicht mehr Zeit dahinter verbringen wollen? Warst du noch nicht bei Ikea? Jeder weiß hingegen, dass die Schwaben nicht mit Stoff umgehen können. Warum sonst sollten sie Teppich sagen, wenn sie Bettdecke meinen?“

Auf die Frage hatte ich leider keine passende Antwort und da ich die Schwaben nicht zu Unrecht inkriminieren wollte, nickte ich nur vage.

„Gott, heute reden alle Menschen Schwachsinn!“, zischte Emily gereizt.

„Alle? Wer denn noch?“, wollte ich verwirrt wissen.

Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Ich will nicht drüber reden“, murrte sie und zwängte sich an mir vorbei in den Laden.

Trudi schnalzte mit der Zunge, murmelte: „Junge Leute“, und zusammen folgten wir ihr.

Es gab nicht viele Dinge auf der Welt, die ich mehr zu schätzen wusste, als die Erfindung von Schokolade.

Die Symbolik des Mittelfingers befand sich wohl sehr weit oben auf meiner Liste. Von Rispo initiierte Orgasmen noch ein paar Plätze davor. Das Video, auf dem ein Pandababy nieste, war auch in den Top Ten zu finden. Aber direkt danach kam das Kind aus der schönsten und sinnvollsten Ehe der Welt: der zwischen Kakaobohnen und Zucker.

Und Arianes Geschäft war ein Schrein für den Grund, warum meine Oberschenkel Wackelpudding imitierten, wenn ich rannte. Sie hatte Schokolade zur Kunst und diese Kunst zu ihrem Beruf gemacht – und allein das machte sie schon zu einer Freundin fürs Leben. In den Regalen neben mir reihten sich Monumente aus Schokolade. Die Freiheitsstatue. Der Eiffelturm. Der Kölner Dom. Alles, was im echten Leben eben auch aus Schokolade bestehen sollte.

„Was machen wir denn jetzt?“, wollte Emily missmutig wissen, während der runzlige Kürbis mit den pinken Haaren bestätigend nickte. So als hätte er sich dieselbe Frage gestellt. „Ich habe mich extra krankschreiben lassen, um mitzurecherchieren.“

Emily machte seit letztem Herbst eine Ausbildung zur Floristin. Zugegebenermaßen nahm sie die Berufsschule und ihren Job ernster als so manches andere in ihrem Leben – was jedoch nicht viel hieß, da es dort nicht viel Platz nach unten gab. Emilys Prioritätenliste sah in etwa so aus:

 

1. Spaß haben.

2. Vom Spaß erholen.

3. Mehr Spaß haben.

 

Das war eine fantastische Liste für eine Fünfjährige, aber für eine Frau Mitte zwanzig, die sich von Marihuana und Schokobons ernährte, eher problematisch. Ich hatte immer geglaubt, dass sie irgendwann einen sehr ernsten, sehr reichen Mann kennenlernen würde, der sie etwas erdete. Doch jetzt wollte sie Finn heiraten, den ich zwar unglaublich gern hatte – er war schließlich ein Rispo, und die waren alle recht liebenswert –, dessen langfristiges Ziel es jedoch war, jeden Burger aus jedem Fast-Food-Restaurant probiert zu haben. Ambitioniert, kein Zweifel, aber auch irgendwie … dämlich. Andererseits: Emmi hielt diesen Plan für die beste Idee seit Kondomen, also was wusste ich schon darüber, was ihr Traummann für Eigenschaften mitbringen musste?

„Nun, ich weiß nicht, was ihr tun werdet, aber ich werde einen Haufen Pralinen essen und Ariane danach fragen, was ich ihr gestern am Telefon erzählt habe“, meinte ich leichthin.

„Gute Idee“, sagte Emmi und ihre Miene erhellte sich ein wenig. „Ich hab noch nicht gefrühstückt. Ich musste heute Morgen etwas überstürzt aufbrechen.“

„Warum?“, wollte Trudi wissen. „Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Den Mitternachtssnack jetzt mal außen vor gelassen.“

Emmi verzog griesgrämig ihr Gesicht. „Hatte ich nicht erwähnt, dass ich nicht darüber reden will? Lasst uns lieber Schokolade essen.“

Trudi und ich nickten aufgrund dieses fundierten Vorschlags und wagten uns weiter in den Laden hinein.

Meine beste Freundin – blond, schlank und trotzdem der netteste Mensch, den ich kannte – stand hinter dem Verkaufstresen und verstaute gerade die Pralinen in der gläsernen Auslage vor ihr. Als sie mich erblickte, flog ihr Blick besorgt über meine Erscheinung, so als suche sie nach einer offenen Stichwunde oder zumindest einem Pfeil in meiner Brust. „Dir geht es gut“, stellte sie schließlich erleichtert fest.

Ja, zumindest von außen. „Ich bin es ja nicht, die auf meiner Couch erstochen wurde“, meinte ich achselzuckend.

Kopfschüttelnd sah Ariane mich an, bevor sie drei Champagner-Trüffel-Pralinen auf den Tresen stellte. „Die gehen aufs Haus. Kriegt heute jeder, der eine Leiche in seiner Wohnung gefunden hat.“

Emily und Trudi, die sich offensichtlich angesprochen fühlten, langten sofort zu. Ich konnte es ihnen nicht verübeln und beeilte mich, die letzte Praline zu nehmen. „Hab ich dich wirklich angerufen?“, hakte ich unsicher mit vollem Mund nach. „Wir drei haben leider einen kleinen Filmriss.“

„Verrückt“, bemerkte Ari schlicht. „Du hast dich sogar zweimal bei mir gemeldet. Einmal, um mir kichernd mitzuteilen, dass ihr gleich in einen Stripclub weiterziehen würdet, um eure neugewonnenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, und ob ich nicht mitkommen wollte und das zweite Mal keine Minute später, um mich zu fragen, ob es in Deutschland Ein-Euro-Scheine gäbe, Münzen auf Go-go-Tänzerinnen zu werfen, wäre so respektlos.“

Die Praline blieb mir im Halse stecken und ich fing an zu husten. „Wir sind in einen Stripclub gegangen?“ Und ich erinnerte mich nicht mehr daran? Verdammt! Da machte ich mal was Aufregendes und verpasste es komplett.

„Ja. Ihr wolltet in irgendeinen Laden Namens Pussycat, den euch jemand in irgendeiner Bar empfohlen hat. Emmi und Trudi waren begeistert, weil sie nackte Frauen schön finden, und du fandest die Idee super, weil du gehört hast, dass sie dort ein großartiges Buffet haben.“

Mhm. Ja, das hörte sich nach mir an.

„Hast du das der Polizei genau so erzählt?“, hakte ich nach.

Sie nickte und legte diesmal Knusper-Krokant-Pralinen auf den Tresen, die schneller verschwanden als Pumuckl, wenn sich Besuch ankündigte. „Hätte ich das nicht tun sollen?“, fragte sie unsicher und strich sich eine blonde Strähne hinters Ohr. „Sie haben mir ehrlich gesagt etwas Angst gemacht und ich wusste ja nicht, dass du in Schwierigkeiten steckst, also …“

Ich tätschelte ihre Hand und lächelte sie beruhigend über den Tresen hinweg an. „Alles gut. Wir sind absolut unschuldig und haben deswegen keine Geheimnisse vor der Polizei. Haben wir dir sonst noch irgendetwas verraten? Oder eine rothaarige Frau namens Jorina erwähnt, die wir mit nach Hause nehmen wollten? Oder eine Person, die uns etwas in den Drink gemixt hat?“

„Nein. Aber es hat laute Musik im Hintergrund gespielt. Ihr wart, glaube ich, noch immer in der Bar.“

Das ergab Sinn, da ich mein Handy ja auch dort hatte liegen lassen. „Okay. Und mein Ersatzschlüssel wurde dir nicht zufällig geklaut?“

Sie schüttelte entschuldigend den Kopf.

Mist. Frustriert atmete ich durch und sog dabei so viel Schokoladengeruch ein wie nur möglich. Zur Beruhigung.

Wie zum Teufel war das möglich? Hatten wir die Tür einfach offen stehen lassen und jemand war hindurchgeschlüpft?

„Die Tote heißt Jorina?“, wollte Emmi neugierig wissen und beugte sich über meine Schulter. „Woher weißt du das?“

„Rispo kannte sie. Sie war Verdächtige in einem seiner Fälle. Eine Tänzeri–“ Ich brach ab. Moment. Josh hatte erwähnt, dass Jorina Stelz Tänzerin gewesen war. Er war jedoch nicht dazu gekommen, ihre Berufsbeschreibung genauer zu erläutern. Was, wenn sie Go-go-Tänzerin war? Wenn wir sie im Stripclub getroffen hatten? Wenn wir mit ihr gequatscht, sie sympathisch gefunden und zu mir nach Hause eingeladen hatten? Und ihren Mörder gleich mit? Zugegeben, dieser Tathergang war etwas weit hergeholt, aber mir waren schon verrücktere Dinge passiert. Es konnte nicht schaden, sich ein paar glitzernde, halbnackte Tänzerinnen anzusehen. Außerdem war bald Mittag und wenn das Buffet so gut war, wie es mir offenbar versprochen worden war …

„Gehen wir in den Stripschuppen?“, fragte Trudi und ich konnte nicht umhin, zu bemerken, dass sie hoffnungsvoll klang. „Vielleicht erinnern sie sich noch an uns.“

„Fände ich gut“, stimmte Emmi sofort mit ein. „Ich finde es schade, dass ich mich nicht an meinen ganzen Junggesellinnenabschied erinnere und die Stripperinnen würden mich bestimmt auf schöne Gedanken bringen. Und du magst doch Katzen, Lou. Pussycat scheint ein Ort nach deinem Geschmack zu sein.“

Unschlüssig sah ich zwischen meiner Schwester und meiner ehemaligen Angestellten hin und her, bevor ich mich hilfesuchend an Ariane umwandte. Die hob abwehrend beide Hände in die Höhe. „Ich hab dir schon gratis Schokolade gegeben. Ein Ratschlag würde extra kosten“, informierte sie mich.

Ich seufzte laut. Was blieb mir schon für eine Wahl? „Schön, wir fahren hin“, knickte ich ein. „Aber ihr verhaltet euch unauffällig!“ Drohend richtete ich meinen Zeigefinger auf sie.

„Klar“, sagte Trudi und fuhr sich durch ihre pinken Haare, bevor sie ihr grellorangenes Kleid glattzog. „Ich bin eine sehr unauffällige Person, Lou. Fast unsichtbar. Das weißt du doch.“

„Ich ziehe mich manchmal an wie eine Stripperin“, bot Emily an. „Ich werde da bestimmt ganz gut reinpassen. Du hingegen …“ Vielsagend sah sie an meinen Jeans hinab. „… solltest dir Gedanken machen. Du ziehst dich an wie ein Bauarbeiter und passt genauso gut in den Stripclub wie eine Selleriestange in deine Hand.“

Ach, ich kam klar. Ich konnte gut lügen.

„Oh, ich hoffe übrigens, euch macht es nichts aus, dass ich Manfred eingeladen habe, beim Fall mitzumachen?“, sagte Trudi mit leuchtenden Augen. „Er sollte gleich hier sein. Er hat noch nie einen Mord untersucht und wäre gerne dabei. Außerdem meint er, dass wir am Samstag kurz bei seinem Konzert waren. Er kann uns vielleicht dabei helfen, unser Gedächtnis anzukurbeln.“

„Wann soll das gewesen sein?“, fragte Emily.

„Ach, irgendwann um kurz nach zwölf“, meinte Trudi und hob die Achseln.

„Konzert? Wirklich?“, fragte ich skeptisch. Da sollten wir auch noch gewesen sein?

Trudi streckte stolz ihre Brust raus. „Hatte ich nicht erzählt, dass mein Manni in einer Band spielt? Er ist ein richtiger Bad Boy. Er hat sogar ein Piercing. Na ja, eigentlich nur ein Loch im Ohr, das er sich während der Schulzeit aus Versehen mit einem Zirkel zugefügt hat, aber das zählt!“

Emmi grinste breit. „Ah, ein Rockstar. Was spielt er denn?“

„Triangel.“

Emily hob eine Augenbraue, während ich nur die Lippen zusammenpresste.

Trudi kicherte laut und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ihr solltet eure Gesichter sehen! Das war ein Scherz. Natürlich spielt Manni nicht die Triangel. Ich würde mich doch nicht mit einem solchen Langweiliger zufriedengeben“, sagte sie wichtigtuerisch. „Mein Manfred ist durch und durch Rock ’n’ Roll. Er spielt das Akkordeon.“

Kapitel 6

Trudis Manfred war tatsächlich ein Rockstar wie er im Buche stand. Solange in diesem Buch erwähnt wurde, dass man seine Khakihosen bis unter die Achseln ziehen, das schüttere Haar über die Glatze kämmen und eine Brille so groß wie Indien auf der Nase tragen musste.

Er war etwas kleiner als ich, machte das aber mit großen Worten wie: Ableismus und noxisch wieder wett. Als ich ihn fragte, was das bedeuten sollte, antwortete er schlicht: „Woher soll ich das wissen? Ich lerne die Wörter nur, um Frauen zu beeindrucken.“

Trudi kicherte mädchenhaft und nickte, um mir zu bedeuten, dass es funktionierte. Emmi googelte die Begriffe für mich, und das Letzte bedeutete so was wie schädigend und das Erste … ach, wen interessierte es! Ich war Blumenladeninhaberin, kein verdammtes Lexikon.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich den Akkordeonspieler nicht mitgenommen, aber Emily hatte mich augenverdrehend angesehen und gemeint, dass ich kein Spielverderber sein solle. Zugegebenermaßen reagierte ich etwas empfindlich auf diesen Spitznamen, den sonst nur meine Mutter trug, was dazu führte, dass ich versprach, allen den ersten Lapdance auszugeben.

Wie sich jedoch herausstellte, war Manfred gar nicht so unnütz. Zumindest was die Stripbarszene Kölns anging, schien er sehr versiert.

„Ich bin hier geboren und kenne so ziemlich jeden Nacktschuppen, den es so gibt“, erzählte er stolz, und ich konnte im Rückspiegel sehen, dass er wichtigtuerisch die Brille höher seine Nase hinaufschob. „Das Pussycat ist relativ neu, noch nicht so beliebt wie das Tanzetablissement im Pascha, aber durchaus einen Besuch wert. Niemand macht so gute Muffins wie das Pussycat. Mit Ausnahme von der lieblichen Trudel hier natürlich.“

Trudel, wiederholte Emily, die auf dem Beifahrersitz neben mir saß, stumm und grinste noch ein wenig breiter.

Die liebliche Trudel war schwer damit beschäftigt, sich mit ihrem Kürbiskleid Luft zuzufächern. „Erzähl ihnen von Samstagnacht, als wir dich besucht haben“, sagte sie aufgeregt.

„Ach so.“ Manni nickte, bevor er erklärte: „Ihr habt mich Samstagnacht kurz auf meinem Konzert besucht und mir erzählt, dass ihr ins Pussycat wollt.“

Ich hob die Augenbraue, während ich die Sonnenblende herunterklappte, um die hinter einer Wolke hervorgekrochene Sonne zu blocken, und wartete auf die Pointe von Mannis Geschichte. Doch sie kam nicht.

„War das alles?“, hakte ich deswegen nach.

„Oh ja. Ihr wart wirklich nur ein paar Minuten da.“ Er hob die Schultern und zog seine Hose somit praktischerweise direkt noch ein wenig höher. Die Enttäuschung über diese mangelhafte Information setzte bereits in meinem Magen ein, als Manni weitersprach: „Ich habe euch nur gesagt, dass ihr aufpassen sollt, weil der Laden nicht nur den Ruf für die prallsten Hintern, sondern auch für die besten Drogen hat. Ich wollte nicht, dass euch jemand was untermischt.“

Na, dafür war es dann ja auch schon zu spät gewesen. Aber seine Worte erinnerten mich daran, was Rispo gesagt hatte. Jorina war im Zuge einer Drogenkartelluntersuchung zur Verdächtigen geworden … ich war mir ziemlich sicher, dass wir zum richtigen Ort fuhren, um Antworten zu bekommen.

„Ist er nicht gebildet?“, hörte ich Trudi Emily stolz von hinten zuflüstern. „Er erkennt jeden Club Kölns am Toilettenpapier – und das mit Mitte siebzig! Beeindruckend oder?“

Emily nickte zustimmend und zog ihr Handy aus der Tasche, das angefangen hatte zu klingeln.

„Ja?“, meldete sie sich schroff. „Oh. Hey, Jannis. Du bist es. Ich dachte … egal. Was ist los?“ Sie nickte und reichte mir im nächsten Moment das Telefon. „Er möchte mit dir reden.“

Irritiert nahm ich den Hörer entgegen. Mein Bruder rief mich normalerweise nur aus zwei Gründen an: Er brauchte einen Babysitter oder er musste etwas über meinen Amazon-Account bestellen, das seine Ehefrau, Steffi, nicht sehen durfte. „Hey“, sagte ich deswegen vorsichtig. „Was gibt’s?“

„Irgendetwas stimmt mit Mama nicht, Lou“, begrüßte er mich.

„Ja, ich weiß, aber ich glaub nicht, dass wir ihre Persönlichkeit noch ändern können, Jannis.“

Er schnaubte. „Das meine ich nicht. Sie verhält sich merkwürdig. Sie hat gestern beim Brunch kaum gesprochen, und als ich ihr gerade erzählt habe, dass du unter Mordverdacht stehst, hat sie nur mit den Augen gerollt und mir gesagt, ich solle sie erst wieder belästigen, wenn ich etwas Schockierendes zu berichten hätte.“

„Ich hab ihr das mit dem Mordverdacht schon erzählt“, rief ich genervt. „Trotzdem danke dafür, dass du gepetzt hast. Du bist ein beschissener Bruder!“

„Sie hat mich gefragt, ob ich endlich beim Zahnarzt war … ich habe Panik bekommen! Und könntest du dich bitte auf die wichtigen Dinge konzentrieren?“

Stirnrunzelnd hielt ich vor einer Ampel. Das war tatsächlich sehr auffällig. Mama ließ sonst keine Möglichkeit aus, mein Leben zu kritisieren. Zugegeben, seit ich mir den Polizisten geangelt hatte, war sie mir gegenüber etwas zuvorkommender geworden. Dennoch hatte sie letztens, als sie meine unorganisierte Sockenschublade gesehen hatte, ernsthafte Zweifel an meiner Kontrolle über mein Leben geäußert. „Was ist denn mit Papa? Soll er sie doch fragen, was los ist.“

Mein Vater hatte nicht viele übermenschliche Fähigkeiten, aber ein Huhn an seinem Kamm erkennen und Gitti Manu besänftigen, das konnte er.

„Papa ist nicht da. Er ist auf irgendeiner Fortbildung für die Hospizausbildung, die er gerade macht.“

Ach ja, richtig. Papa hatte entschieden, sich mehr ehrenamtlich zu engagieren. Obwohl, nein: Mama hatte für Papa entschieden, dass er sich ehrenamtlich engagieren sollte.

Ich seufzte schwer und drückte wieder aufs Gas. „Ich würde wirklich gerne helfen, Jannis, aber ich habe gerade meine eigenen Probleme am Hals!“

„Ja, habe ich gehört. Hast du den Leichenlieferdienst einfach in den Gelben Seiten nachgeschlagen oder wie bist du an die tote Frau gekommen?“

„Gelbe Seiten? Also bitte. In welchem Jahrhundert lebst du? Ich habe sie aus dem Internet. Und ich fürchte, du wirst dich um Mama kümmern müssen. Ich hab zu tun. Rede einfach mit ihr.“

„Ich kann nicht mit ihr reden!“ Mein Bruder hörte sich auf einmal panisch an. So wie damals, als er erfahren hatte, dass er Vater von einem Mädchen wurde. Oder als er mit achtzehn betrunken in Mamas Blumenbeet gefallen war und ihre Sonnenblumen niedergewalzt hatte.

„Natürlich kannst du“, sagte ich mit sanfter Stimme. „Sie ist deine Mutter, kein Urzeitmonster. Sie beherrscht die deutsche Sprache sehr gut.“ Und sehr laut.

Meine Mutter?“

„Na ja, zumindest sehr viel länger deine als meine!“ Er war schließlich sieben Jahre älter als ich.

„Das ist unfair. Ich bin alt und muss mit Mama sprechen? Das ist diskriminierend.“

„Das Leben ist kein Kindergeburtstag, Jannis. Das ist der Moment, auf den Emily und ich dich all die Jahre vorbereitet haben. Da musst du jetzt durch“, sagte ich ernst und legte auf.

„Ist alles in Ordnung?“, wollte Trudi von hinten wissen.

„Alles bestens“, erwiderte ich, auch wenn ich mir insgeheim Sorgen machte. Mama war manchmal etwas anstrengend, aber das mochte ich irgendwie an ihr. Zumindest wusste ich immer, was mich erwartete, wenn ich nach Hause kam. Dass sie sich auf einmal nicht mehr für meine Fehltritte interessierte, war … besorgniserregend.

„Wieso hat die Polizei dir eigentlich nicht das Handy weggenommen?“, fragte ich verwundert und schmiss meiner Schwester das Telefon in den Schoß, bevor ich mich nach rechts und links umwandte, auf der Suche nach einem Ort, an dem ich mein Auto abstellen konnte. Parkplatzsuche in Köln war ein bisschen wie Männersuche. Man suchte und suchte und wenn man dachte, dass man fündig geworden war, passte es nicht.

„Wovon redest du? Welches Handy? Ich besitze kein Handy. All die Strahlung rötet mein Chakra und erzürnt mein Krafttier. Dann könnte ich mir ja gleich einen Klumpen Uran in die Hosentasche stecken“, sagte Emily, ohne mit der Wimper zu zucken, und schob das Telefon zurück in ihre Handtasche.

Ich nickte anerkennend. Sie war gut.

 

Das Pussycat war ein unscheinbarer Laden zwischen einer Dönerbude und einem Schuhladen am Rande von Köln-Ehrenfeld. Einzig die großen roten Leuchtbuchstaben, die uns den Namen des Lokals aufdrängten, und der dezente Schriftzug, der versprach, dass es vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet hatte, gaben Hinweis darauf, was sich im Inneren befand. Ach so, und das Poster mit den zwei halbnackten Frauen, das davor aufgestellt worden war. Das war auch ein Zeichen.

„Warum stehen die aus der Nackedei-Industrie eigentlich alle so auf rotes Licht?“, wollte Trudi wissen und beäugte kritisch den Schriftzug über unseren Köpfen. „Das wirkt doch etwas aufdringlich.“

Ich warf einen Blick auf ihr orangenes Kleid. Sie musste wissen, wovon sie sprach. „Wahrscheinlich aus genau dem Grund. Weil Rot ein Hingucker ist“, schlug ich vor und konzentrierte mich wieder auf den Eingang vor mir.

Unwohl trat ich von einem Bein aufs andere, sah mich verstohlen um und lugte dann durch die offene Tür. Doch ich erkannte nur einen schmalen, schwarzen Gang und nichts dahinter.

Ich war nicht prüde. Wirklich nicht. Ich mochte Sex und hatte kein Problem damit, das Wort Penis laut auszusprechen – vorausgesetzt meine Mutter war nicht anwesend. Den ein oder anderen Porno hatte ich auch schon gesehen. Na gut, es war ein halber gewesen. Schön, Game of Thrones! Ich hatte Game of Thrones geguckt. Doch dort gab es nackte Männer und Frauen. Es zählte also! Trotz allem rechnete ich fast damit, dass im nächsten Moment der Pfarrer, der mich konfirmiert hatte, um die Ecke kam und mich tadelnd ansah, bevor er mich mit dem Leib Christi verprügelte und dazu zwang, das Vaterunser aufzusagen. Wie hieß es noch gleich in der Bibel? Du sollst nicht lügen, du sollst nicht töten, du sollst nicht in schäbige Strip-Lokale gehen, egal wie gut das Buffet ist.

„Wusstet ihr eigentlich, dass man sagt, rote Lippen würden als attraktiv gelten, weil es die Männer an das weibliche Geschlecht erinnert? An die Schamlippen, um genau zu sein“, bemerkte Manni und sah fragend in unsere Gesichter.

Es wurde Zeit, reinzugehen.

Der schwarze Gang war nur spärlich beleuchtet und endete an einer Plexiglaswand, hinter der eine schwarzhaarige Kassiererin saß, die gelangweilt ihre Nägel betrachtete. Frauen hatten freien Eintritt, weswegen sie uns gleich durchwinkte, während Manni sein Portemonnaie rauskramte. Ich hingegen wandte mich nach links und trat durch eine schwere schwarze Tür.

Der direkt dahinterliegende rote Perlenvorhang war als Schallschutz überhaupt nicht geeignet, denn die laute Disco-Musik schoss mir trotzdem den Gehörgang frei und erinnerte mich daran, warum ich seit Jahren nicht mehr feiern gewesen war. Mir schlug der Geruch von Parfüm, Alkohol und einer Menge falschen Entscheidungen entgegen. Die Luft des abgedunkelten Raumes war so stickig, dass ich das Gefühl hatte, eine fettige Gesichtsmaske aufgetragen zu bekommen.

Rotes und grünes Licht tanzte über die mit dunklem Holz verkleideten Wände und benetzte drei Bühnen, die wie ein Catwalk in den Raum ragten. Nur dass mehrere Stripteasestangen an ihnen angebracht waren, an denen drei halbnackte Frauen tanzten, deren Anblick meine Mutter in die Ohnmacht getrieben hätte. Sie sahen aus, als kämen sie geradewegs aus einem dieser sexistischen Rapvideos, in denen lauter Polizisten beleidigt und Frauen auf ihre Ärsche reduziert wurden. Da waren vor Schweiß glänzende Körper, Leopardenmuster, eine Menge Brüste und unnatürliche Körperverrenkungen. Wie bei der Senioren-Wasseraerobic. Nur halt ein wenig anders.

„Weißt du, ich bin ja offen für alles“, murmelte Emmi nachdenklich neben mir und beobachtete mit geneigtem Kopf eine Tänzerin dabei, wie sie sich mit Öl einschmierte. „Aber Leopardenmuster und dazu pinke Nippel-Helikopter? Das ist modisch einfach nur verwerflich.“

Genau. Das war es, was mich störte.

Seufzend wandte ich mich von den Stripstangen ab, an denen hunderte Jahre der Emanzipation hinabgerutscht sein mussten, und blickte mich weiter um. Eine Horde runder Tische, an denen ein paar müde wirkende Anzugträger saßen, nahm den Rest des Raumes ein, während eine längliche Bar hinter mir ein Arsenal an Alkohol anbot. Hinter der Holztheke hantierte ein Mann mit langem Gesicht, leichtem Überbiss und dunklem Pferdeschwanz mit leeren Cocktailgläsern.

Ungläubig öffnete ich den Mund, während ich ihn weiter anstarrte. Er sah ein bisschen aus wie … nun, ein Pferd. Mit einem unguten Gefühl schielte ich zu dem pinken Glitzer, der überall auf dem Boden verteilt herumlag und doch erschreckend große Ähnlichkeit mit dem aus meiner Wohnung hatte.

Das konnte doch nicht wahr sein! Trudi hatte erzählt, dass sie sich an zwei glitzernde Anzugträger erinnerte, die einen roten Jutebeutel mit Geld austauschten … und der eine habe ausgesehen wie ein Pferd.

Vielleicht war sie doch nicht senil. Vielleicht war sie drogenresistent und hochintelligent.

„Das ist ja stark“, sagte Trudi in diesem Moment begeistert. „Die Brüste der einen Tänzerin wackeln im Rhythmus der Musik, ohne dass sie sich großartig bewegt. Das muss man erst einmal hinbekommen!“

Blieben wir bei drogenresistent.

„Oh und guck mal, sie haben vergoldete Stangen. Lou, kannst du ein Foto von mir und Manni vor den Stangen machen? Oder vielleicht sollte ich auf die Bühne gehen …“

„Nein, Trudi, bleib hier unten“, sagte ich sofort. „Du willst den armen Mädchen doch nicht ihre Einnahmen streitig machen!“

Nachdenklich sah Trudi zu Emily. „Siehst du das genauso?“

Meine Schwester grinste. „Trudi, du wärst eine Bereicherung für jeden Club“, stellte sie mit großen Augen fest. „Du solltest tun, was du willst, egal wohin dich deine Beine tragen.“

Stöhnend verzog ich das Gesicht. Warum fühlte ich mich auf einmal wie die Leiterin eines Seniorenausflugs? Aber egal. Trudi lag nicht in meiner Verantwortung. Ich war allein aus Recherchegründen hier.

Ich drehte mich noch einmal verstohlen zu dem Barmann um, der grinsend die Hand hob und mir zuwinkte.

Huch. Erkannte er mich etwa? Hatte ich …

„Hey, Rasso, wie sieht’s aus? Noch alle Reiskörner im Kocher?“ Manfred war hinter mir aufgetaucht und erwiderte das Winken des Barmanns, seine Stimme nur sehr schwer unter dem dröhnenden Bass zu verstehen. Offensichtlich war er mit der Begrüßung gemeint gewesen.

Rasso? Kein Wunder, dass der Kerl in einem Stripschuppen arbeitete. Mit dem Namen war ihm keine Wahl geblieben.

Mit Erstaunen sah ich dabei zu, wie Trudis Lover, dem aus irgendeinem Grund ein Stück Toilettenpapier aus der Hosentasche ragte und dessen Falten an das Himalaya-Gebirge erinnerten, dem Barmann einen Fistbump gab.

Was war denn jetzt los? Hatten Akkordeonspieler in den letzten zehn Jahren einen mir unbekannten Coolnessfaktor erreicht oder war Manni Stammgast hier?

Der Barmann verzog griesgrämig sein Gesicht und antwortete etwas, doch ich konnte ihn nicht verstehen. Alles, was ich hörte, war „Move bitch, get out the way, ho”. Die charmante Erinnerung von Lil Jon, dass ich hier wirklich nichts verloren hatte. Nun, ich war geübt darin, nicht auf das zu hören, was unhöfliche Männer sagten – ich war schließlich mit Rispo zusammen –, weshalb ich mich unauffällig der Bar näherte und die Ohren spitzte.

„… besser laufen. Uns rennen die Mädchen weg“, hörte ich eine tiefe Stimme sagen, die nur zu dem Pferdemenschen gehören konnte. „Heutzutage denkt jede, dass sie ein YouTube-Star werden kann, wenn sie sich nur genug anstrengt.“

„Ja, meine Enkelin ist gerade auf demselben Dampfer“, sagte Manni, tiefes Mitgefühl in seiner Stimme. „Ich wünsche mir die alten Zeiten der Perspektivlosigkeit zurück, wo jeder noch hart gearbeitet hat, bis ihm die Füße bluteten.“

„Danke! Meine Worte. Dann würden die Mädchen vielleicht auch mal aufhören, sich über die Blasen an ihren Fingern zu beschweren.“

Ich machte noch einen Schritt seitwärts. Immer in Richtung einer Tür neben der Bar, auf der Nur für Personal stand. Gleichzeitig wandte ich jedoch den Blick ab, um nicht so zu wirken, als würde ich lauschen, und tat so, als wäre ich übermäßig an dem Perlenvorhang vorm Eingang interessiert, durch den in diesem Moment zwei Männer getreten waren. Der eine groß und durchtrainiert, der andere kleiner mit Wohlfühlfigur. Das rote Licht eines Scheinwerfers flackerte über ihre Gesichter und …

„Oh, scheiße“, fluchte ich und warf mich nach vorn.

Ich schlug hart auf dem Linoleumboden auf und ein scharfer Schmerz fuhr in meine Rippen, doch das war es wert. Die neuen Gäste waren Thilo und sein Kollege – und wenn sie mich hier entdeckten, flog ich schneller raus als ein Kolibri auf Speed.

Ein Paar pinker Turnschuhe trat in mein Sichtfeld, und als ich nach oben blickte, erkannte ich Trudi, die verwirrt zu mir hinabsah. Mr. Pferd und Manni schienen Gott sei Dank so tief in ihr Gespräch vertieft, dass sie gar nicht auf die Verrückte achteten, die mit ihrem Gesicht den Boden wischte.

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    Saskia Louis (Autor)

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Titel: Mordsmäßig verkatert