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Rosenknospensommer

von Freja Amundsen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Kurz vor einem Nervenzusammenbruch beschließt Josephine, eine von ihrem Job und ihrer Beziehung enttäuschte Marketingexpertin, dass nur eine Auszeit die Rettung sein kann. Als sie auf dem Rückweg von einem katastrophalen beruflichen Termin zufällig in einem abgelegenen Landgasthof strandet, nutzt sie die Chance und fasst den Entschluss, nicht nach Hause zurückzukehren. Gegen Kost und Logis bleibt sie als Aushilfe auf dem Hof. Zwischen Brombeerhecken, Rosenbeeten und alten Obstbäumen schöpft sie bald neuen Mut und schmiedet Pläne, sich ihr altes Leben zurückzuholen. Doch das ist leider leichter gesagt als getan ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe September 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-858-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-210-8

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von © Jo Ann Snover/shutterstock.com und © ShotPrime Studio/shutterstock.com und © 8926/pixabay.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Josephines Versuch, sich aus der innigen Umarmung ihres Lebensgefährten zu befreien, wirkt wenig überzeugend. Zärtlich küsst sie ihn ein weiteres Mal, während sie seine Hände von ihrer Taille löst.

„Ich muss jetzt wirklich los“, mahnt sie flüsternd, aber Paulhapunkt zieht sie ein weiteres Mal an sich heran. Nur allzu gerne schlingt Josephine ihre Arme erneut um seinen Hals, während er sie leidenschaftlich küsst. Sie quietscht vergnügt auf, als er sie frech in den Hintern kneift. Dazu muss er zwangsläufig den Griff um ihre Taille lockern und ermöglicht es Josephine damit, sich endgültig aus seiner Umarmung zu befreien.

Paulhapunkt ergreift ihre Hände und schnurrt: „Ich vermisse dich jetzt schon.“

„Ich dich auch“, seufzt sie. „Viel lieber würde ich bei dir bleiben als zu diesem nervigen Workshop zu fahren, aber es muss sein! Morgen Abend bin ich ja wieder da“, verspricht sie ihrem gutaussehenden, fast zwei Meter großen, schlanken, dunkelhaarigen Freund und wirft ihm einen schmachtenden Blick zu.

Obwohl Josephine schon fast fünf Jahre mit Paulhapunkt zusammen ist, ist sie immer noch verliebt in ihn wie am ersten Tag. Dieser Mann, ein wahr gewordener Schwiegermutter-Traum, der jede hätte haben können und der tatsächlich sie erwählt hat, ist die Liebe ihres Lebens. Obendrein ist er ein intelligenter Kerl, der mühelos die Karriereleiter in einem internationalen Konzern hinaufgeklettert und dabei bescheiden und bodenständig geblieben und außerdem ein treusorgender Familienmensch ist. Eigentlich kann Josephine es immer noch nicht fassen, dass sie diesen Hauptgewinn an Land gezogen hat!

Während sie Paulhapunkt verliebt anstrahlt, kann Josephine nicht vermeiden, dass ihr Blick die Fassade des gelb verklinkerten Einfamilienhauses aus den siebziger Jahren hinter ihm streift, in dem sie beide im Dachgeschoss zusammen leben. Sie sieht, wie sich die Gardine eines der Fenster im Erdgeschoss bewegt und meint, eine verstohlene Bewegung dahinter wahrzunehmen. Ein Schatten huscht über ihr Gesicht. Schnell versucht sie, ihre Miene wieder unter Kontrolle zu bringen, aber Paulhapunkt hat ihre Regung bemerkt.

„Was ist los?“, fragt er.

„Ach ... nichts.“

Josephine fühlt sich ertappt und streicht sich verlegen eine Strähne ihres braunen Pagenschnittes hinter das Ohr. Paulhapunkt nimmt ihr das nicht ab. Er fasst ihr zärtlich unter das Kinn und hebt ihr Gesicht ein wenig an, sodass sie seinem Blick nicht länger ausweichen kann. Tapfer bemüht sie sich um eine zuversichtliche Miene.

„Vermutlich liegt mir einfach nur der Workshop im Magen“, schwindelt sie und küsst ihren Lebensgefährten gleich noch einmal, um ihn von ihren düsteren Gedanken abzulenken. Die möchte sie lieber nicht zur Sprache bringen. Paulhapunkt könnte sie sowieso nicht nachvollziehen, und sie würde damit nur die innige Stimmung zwischen ihnen beiden verderben.

Wie so oft wird sich Josephine dessen bewusst, dass es nur eine einzige Sache gibt, die in ihrer ansonsten perfekten Beziehung zu einem Reizthema werden kann und ihr Liebesglück eine Winzigkeit einzutrüben vermag ... manchmal auch etwas mehr als eine Winzigkeit ... und das ist Edeltraud, Paulhapunkts Mutter. Deren Silhouette hatte sie eben hinter der Gardine erahnt.

Josephine weiß, dass ihr Lebensgefährte nichts dafür kann, dass Edeltraud seine Mutter ist. Leider kann sie jedoch nicht umhin, ihm ein wenig Mitverantwortung an der angespannten Situation zuzuschreiben. Die hat damit zu tun, dass sie mit seinen Eltern zusammen unter einem Dach leben und es Paulhapunkt einfach nicht gelingt, Edeltraud Grenzen zu setzen. Grenzen, die Josephine für dringend nötig hält, um ihre Beziehung vor der ständigen Einmischung seiner Mutter zu bewahren. Leider ist ihr Lebensgefährte in diesem Punkt sehr viel nachsichtiger als sie selbst, und darüber geraten sie ein ums andere Mal in Streit.

Paulhapunkt stupst Josephine zärtlich in die Seite und holt sie damit in die Gegenwart zurück. Um sie aufzumuntern, schaut er sie wie ein Bernhardiner treuherzig mit seinen großen, braunen Augen an.

Dieser Blick war ihre Achillesferse. Genau damit hatte er es geschafft, sie gegen ihre ausdrückliche Überzeugung dazu zu bringen, in diese kleine, muffige Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung im Haus seiner Eltern einzuziehen.

Dazu war es gekommen, als Josephine, wenige Wochen, nachdem sie Paulhapunkt kennengelernt hatte, eine Kündigung ihrer eigenen kleinen Wohnung erhielt. Da ihre Beziehung damals noch recht frisch war, war sie ziemlich erstaunt gewesen, als er ihr vorschlug, zu ihm zu ziehen. „Das ist eine gute Gelegenheit auszuprobieren, ob es mit uns beiden klappt. Wenn nicht, kannst du dir immer noch eine neue eigene Wohnung suchen“, hatte er gesagt. Josephine hatte es unendlich geschmeichelt, dass er so schnell einen so weitreichenden Schritt wagen wollte. Zwar war sie alles andere als begeistert davon gewesen, in die Butze unter dem Dach seiner Eltern einzuziehen, in der Paulhapunkt sich eingerichtet hatte, um ein bisschen auf die beiden aufzupassen, wie er es nannte. Weil er ihr aber versprochen hatte, dass es nur eine Übergangslösung sein sollte, bis sie eine passende Wohnung für sich zusammen gefunden hätten, hatte sie zugestimmt.

Das war vor drei Jahren gewesen. Seitdem war ihren Umzugsplänen immer wieder etwas dazwischengekommen.

Aber das ist jetzt vorbei, denkt Josephine zuversichtlich. Jetzt gibt es keinen Grund mehr, warum Paulhapunkt und ich uns nicht aus dem Haus seiner Eltern verabschieden sollten. Dort, wo seine Mutter pausenlos auf der Matte steht, um unsere traute Zweisamkeit zu stören. Und wenn wir erst ausgezogen sind, wird unsere Beziehung rosige Zeiten erleben. Es wird einfach herrlich werden!

Dieser wunderschöne Gedanke zaubert ihr unversehens ein Lächeln ins Gesicht, und sie seufzt unwillkürlich auf. Sie tritt ganz nah an ihren Lebensgefährten heran und flüstert: „Du ahnst gar nicht, wie sehr ich mich auf nächsten Dienstag freue, wenn wir uns die schöne große Wohnung mit Terrasse ansehen, die der Schwester meiner Kollegin gehört!“

Paulhapunkt schmunzelt über das strahlende Gesicht seiner Freundin. „Ist das wirklich sooo wichtig für dich?“, fragt er ungläubig lächelnd und streicht ihr zärtlich durch die Haare.

Und wie, denkt Josephine und hätte fast angefangen zu schnurren, weil er nun auch noch ihren Nacken krault.

Dann fällt ihr etwas ein. Zwar kann sie sich nicht wirklich vorstellen, was ihren Besichtigungstermin jetzt, im letzten Moment noch, verhindern oder gar den erhofften Umzug unmöglich machen könnte, aber es wäre dumm, etwas zu riskieren. Sie fühlt sich unwohl dabei, Paulhapunkt ein bisschen Theater vorspielen zu müssen, aber sicher ist sicher. Sie richtet sich auf ihre Zehenspitzen auf und raunt ihm verschwörerisch ins Ohr: „Es ist bestimmt besser, wenn Edeltraud vorerst nichts von der Wohnungsbesichtigung erfährt. Sie würde sich nur aufregen und Sorgen machen. Du weißt, wie sie ist – du kennst sie besser als ich.“

Josephines Stimme trieft vor geheucheltem Verständnis für seine Mutter. Innerlich hasst sie sich dafür, dass sie ihrem Liebsten etwas vormachen muss. Aber leider bestand die Gefahr, dass Edeltraud alle ihr zur Verfügung stehenden Register ziehen würde, um zu verhindern, dass sich ihr geliebter Sohn ihrem Einfluss entzieht, wenn sie etwas von dem Besichtigungstermin erführe. Von einem eingewachsenen Zehennagel bis zum Vortäuschen einer Krankheit, die ihr baldiges Ableben in Aussicht stellt, ist ihr alles zuzutrauen, um den Auszug ihres einzigen Kindes unmöglich zu machen. Wobei das mit dem Ableben für Josephine kein Grund gewesen wäre, auf eine eigene Wohnung zu verzichten. Es könnte – wenn sie ehrlich ist – sogar ein weiteres Argument dafür sein. Allerdings weiß sie auch, dass Paulhapunkt diesbezüglich anderer Meinung ist, weil normalerweise schon die kleinste Andeutung, dass seiner Mutti ein Leid geschehen könnte, ausreicht, damit er alles für sie tut!

„Meinst du wirklich, dass dieses Versteckspiel nötig ist?“, fragt Paulhapunkt und schaut sie belustigt an, als fände er ihre Sorge übertrieben. Aber wenn Josephine jetzt so darüber nachdenkt, hält sie es mehr und mehr für dringend nötig.

„Vertrau mir“, antwortet sie milde lächelnd und kommt sich dabei vor wie die Schlange Kaa im Dschungelbuch, als diese versucht, Mowgli zu hypnotisieren, um ihn zu verspeisen. Um ihre Heuchelei wieder gutzumachen, küsst Josephine ihren Lebensgefährten noch einmal besonders zärtlich. Es ist schließlich auch zu seinem Besten …

Jetzt wird es höchste Zeit, dass sie aufbricht, wenn sie nicht zu spät zu ihrem Workshop kommen will. Sie reißt sich zusammen, löst sich ein letztes Mal aus Paulhapunkts Armen, dreht sich um und steigt in ihren Wagen. Fröhlich winkend und Kusshände durch die Scheibe werfend, fährt sie rückwärts aus der Einfahrt. Anschließend legt sie den ersten Gang ein und braust die Straße hinunter. Im Rückspiegel sieht sie ihren Liebsten vor dem Haus seiner Eltern stehen und ihr hinterherwinken. Sie betrachtet das Bild mit gemischten Gefühlen. „Nicht mehr lange, und du wirst vor unserem eigenen Zuhause stehen und mir nachwinken, wenn dieser hässliche Klinkerbau im Hintergrund endlich Geschichte ist“, murmelt sie vor sich hin. „Dann wird endlich alles gut.“

Jedenfalls in ihrem Privatleben. Denn schon in wenigen Stunden wartet die zweite Großbaustelle ihres Lebens auf sie: ihr Job, beziehungsweise ein zweitägiger Marken-Workshop mit ihrem Chef, Dr. Taler, und der unsäglichen Werbeagentur, an der er mit sturem Vertrauen festhält. Trotz deren nachgewiesener Unfähigkeit! Josephine seufzt, mahnt sich dann aber zur Zuversicht. Auch hier bahnt sich eine Lösung an, sagt sie sich. Schließlich hat nun sogar die Unternehmensleitung der Personalvermittlung Cornelius mitbekommen, dass die horrenden Ausgaben an diese Agentur eine komplette Fehlinvestition sind und dringend etwas passieren muss, um den werblichen Auftritt des Unternehmens zu professionalisieren. Auch wenn Josephine es immer noch für die weitaus bessere Lösung hielte, ganz auf Reithofer & Friends zu verzichten, so muss sie die Tatsache, dass der Agenturchef wenigstens dazu genötigt wurde, eine kompetente Mitarbeiterin einzustellen, die die Personalvermittlung zukünftig als Senior Account Managerin betreuen soll, als positives Signal werten.

„Wenn die gute Frau Gutenberg-Voss wirklich ein Vollprofi ist, wie behauptet wurde, und tatsächlich schon für viele namhafte Brands und mit großen Etats gearbeitet hat, dann besteht wohl ein Fünkchen Hoffnung“, murmelt Josephine. „Möglicherweise darf ich dann sogar endlich einmal eine Kampagne auf den Weg bringen, für die ich mich nicht in Grund und Boden schämen muss.“

2

Josephine hält das Lenkrad so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortreten. Mit weit aufgerissenen Augen und blassem Gesicht, umrahmt von wild gerauften Haaren, starrt sie durch die Windschutzscheibe. Nur mit Mühe gelingt es ihr, sich auf den Verkehr zu konzentrieren, beziehungsweise die von ihrem Sehnerv gesendeten Informationen zu verarbeiten.

„Oh mein Gott“, stöhnt sie ein weiteres Mal. „Wie kann es nur so viel unterirdische Inkompetenz, schockierende Ignoranz und peinliche Eitelkeit auf einmal geben?“

Vermutlich ist das alles nur ein böser Traum, versucht sie sich einzureden. Aber dann fällt ihr ein, dass selbst wenn es so wäre, dieser Traum noch nicht vorbei wäre, sondern genau genommen gerade erst angefangen hätte!

Bei diesem Gedanken stöhnt Josephine auf und will ihren Kopf gerade voller Verzweiflung auf das Lenkrad fallen lassen, als ihr trotz ihrer jämmerlichen Verfassung bewusst wird, dass sie so etwas nicht tun sollte, während sie mit 160 Stundenkilometern über die Autobahn jagt. Im letzten Moment reißt sie sich zusammen und zwingt sich dazu, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. So richtig will ihr das jedoch nicht gelingen. Stattdessen tauchen Bilder aus dem zurückliegenden Workshop in den protzigen Räumlichkeiten von Reithofer & Friends vor ihrem inneren Auge auf, und sie verkrampft ihre Hände noch etwas mehr ums Lenkrad.

Wie konnte sie nur so naiv sein, zu glauben, dass dieser Workshop, verbunden mit der Einstellung einer neuen Mitarbeiterin, tatsächlich einen Wendepunkt in der katastrophalen Zusammenarbeit mit der Agentur markieren könnte? Das absolute Gegenteil ist der Fall! Sollte es wirklich soweit kommen, dass die während dieses Marken-Relaunch-Workshops entwickelten Strategien umgesetzt würden, würde das unweigerlich das Ende der Personalvermittlung Cornelius einläuten! Eigentlich kann sie jetzt nur noch kündigen, wenn sie sich sich weiterhin als Marketing-Expertin bezeichnen möchte. Aber was dann?

Josephine weiß, wie schwer es ist, eine Stelle im Kommunikationsbereich zu finden, die ausreichend gut bezahlt wird und zumindest auf dem Papier – wenn auch nicht in der Realität – einen anspruchsvollen Aufgabenbereich umfasst.

Sie denkt zurück an einen Tag im August vor bald sieben Jahren, als ihr Elend begann. Damals betrat sie die Personalvermittlung Cornelius zum ersten Mal, um sich auf die Stelle der Marketingreferentin zu bewerben. Sie war vierunddreißig und hatte nach ihrem Studium diverse Jahre auf schlecht bezahlten Aushilfsposten oder als befristete Schwangerschaftsvertretung in diversen Unternehmen zugebracht. Deshalb war sie geradezu begeistert von der Aussicht gewesen, endlich fest angestellt und vor allem sogar verantwortlich für den werblichen Auftritt eines Unternehmens zu sein.

Ihr Chef, Dr. Taler, Abteilungsleiter für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, zu jener Zeit Mitte vierzig und schon mit Bierbauch und Halbglatze ausgestattet, hatte damals davon gesprochen, dass sich die Personalvermittlung „im Bereich CI und so“ professionell aufstellen müsse und es im Auftritt des Unternehmens einiges zu verbessern gäbe. Man wolle „von der Regional- in die Bundesliga der Personalvermittlungsagenturen aufsteigen“, hatte er erklärt.

In Anbetracht des Erscheinungsbildes der Personalvermittlung hatte Josephine ihm nur zustimmen können und sich auf ein dankbares Betätigungsfeld gefreut. Mit Feuereifer hatte sie sich in die Arbeit gestürzt und gemeinsam mit einer versierten Werbeagentur eine verbindliche Gestaltungsrichtlinie entwickelt. Doch als sie und die Kreativdirektorin dieses Corporate Design Dr. Taler und Heribert Cornelius, dem Inhaber der Personalvermittlung, präsentierten, hatten diese es als zu unspektakulär abgelehnt. Dabei fielen Argumente wie: „Also dieses dezente Blau ... ich weiß nicht. Passt Gold nicht viel besser zu unserem Qualitätsanspruch?“ und „Wo finde ich denn in dem Logo die Qualifikationen unserer Arbeitnehmer wieder? Mindestens ein Schraubenschlüssel und ein Computer müssen da mit rein.“ Nach diversen weiteren Äußerungen dieser Qualität hatte die Kreativdirektorin paralysiert das Unternehmen verlassen, und die Herren Taler und Cornelius verständigten sich darauf, dass die Agentur nicht die geeignete für ihre Vorstellungen sei. Dem konnte Josephine nicht widersprechen. Die Vorstellungen der beiden Herren umzusetzen, setzte eine Leidensfähigkeit auf Agenturseite voraus, die den Rahmen eines seriös arbeitenden Unternehmens sprengte.

Josephine schüttelt sich unwillkürlich, als sie an jene dunkle Stunde zurückdenkt. Und das war nur der Anfang ihres beruflichen Martyriums gewesen! Denn kaum dass die Agentur das Unternehmen verlassen hatte, erinnerte sich die Assistentin der Geschäftsführung, Francine Schulze, daran, dass ihre Schwester vor vielen Jahren einmal mit dem Inhaber einer Werbeagentur liiert gewesen war und schlug vor, diesen einzuladen, damit man prüfen könne, ob er zu helfen imstande wäre. Und das war er!

Dennis Reithofer, Chef der Agentur „Reithofer & Friends – Werbung und mehr“ hatte sich einst sein abgebrochenes BWL-Studium als Surflehrer finanziert, bevor er selbstständiger Versicherungsmakler wurde. Als solcher hatte er seine Heimatstadt mit einer selbst entworfenen Anzeigen- und Plakat-Kampagne überrollt, die entgegen jeder Wahrscheinlichkeit ein durchschlagender Erfolg gewesen sein soll. Das Kampagnenmotiv hatte ihn selbst gezeigt wie er, mit Telefonhörer am Ohr, schmierig in die Kamera gegrinst, mit dem Finger auf den Betrachter gezeigt und in einer Sprechblase verkündet hatte: „Vertrauen ist gut, Reithofer ist besser! Versicherungen und mehr.“ Böse Zungen behaupteten, die Kampagne sei so schlecht gewesen, dass sie gerade deshalb zum Kult wurde, durch den Dennis Reithofer eine fragwürdige Berühmtheit erlangte. Danach kannte ihn jeder. Zwar hat er niemals Fragen danach beantwortet, wie viele Kunden sich aufgrund dieses Marketingerfolgs in Versicherungsfragen tatsächlich vertrauensvoll an ihn gewandt hatten. Aber das war auch gar nicht nötig gewesen, denn mit diesem Coup, der ihn mit einem Schlag zum Stadtgespräch und damit zu einem der bekanntesten Unternehmer der Region gemacht hatte, hatte er beschlossen, dass Werbung seine eigentliche Berufung war. Kurze Zeit später gab er sein Versicherungsgeschäft auf und gründete seine Agentur.

Eben dieser Dennis Reithofer, damals Anfang dreißig, groß, blond, braungebrannt und sehr von sich überzeugt, überzeugte auch die Herren Cornelius und Dr. Taler bei einem Essen im Sternelokal und anschließendem Nachtclubbesuch von seinen Qualitäten. Von da an konnte Josephine nur noch hilflos zuschauen, wie astronomische Summen für Kampagnen aufgebracht wurden, um, von der Öffentlichkeit und besonders der potenziellen Kundschaft der Personalvermittlung nahezu unbemerkt, zu versickern. Im Rausch des bunten Agenturlebens mit Castings, Shootings, Sektchen und Häppchen und natürlich jeder Menge Events, zu denen ihr Chef eingeladen wurde, ging jede Frage nach dem Erfolg der kostenintensiven Werbemaßnahmen unter und jeder Zweifel an der Marketingkompetenz der Agentur erstarb.

„Vermutlich kann ich nichts anderes tun, als wenigstens innerlich zu kündigen und mich auf mein Privatleben zu konzentrieren, bis ich irgendwann eine Chance erhalte, den Job zu wechseln“, murmelt sie frustriert. Allerdings weiß sie genau, dass sie nicht abgebrüht genug ist, ihre Arbeitssituation einfach an sich abperlen zu lassen und emotionsneutral auszusitzen. Um deshalb nicht in einem Anfall von Verzweiflung gegen einen Brückenpfeiler zu rasen, zwingt sie sich dazu, ihre Gedanken in eine angenehmere Richtung zu lenken.

„Wenigstens in meinem Privatleben zeichnet sich endlich eine Lösung ab“, seufzt sie und ruft Bilder ihres geliebten Paulhapunkt vor ihrem inneren Auge auf. „Wie gut, dass ich ihn habe. Andernfalls wäre mein Leben wirklich eine Katastrophe“, stößt sie hervor.

Ihre Gesichtszüge entspannen sich, und sie beschließt, jeden Gedanken an den grässlichen Workshop und das, was er für ihre berufliche Zukunft bedeutet, über das Wochenende hinter sich zu lassen. Es reicht, wenn sie sich am Montagmorgen wieder mit der grausamen Realität ihres Jobs befasst. Bis dahin will sie lieber davon träumen, mit Paulhapunkt zusammen eine eigene schöne Wohnung, weitab von seinen Erzeugern, zu beziehen, in der sie endlich ihre traute Zweisamkeit ungestört genießen können.

Josephines angenehme Gedanken werden durch das melodische Läuten ihres Smartphones unterbrochen. Sie nimmt das Gerät vom Beifahrersitz und wirft einen kurzen Blick darauf. Liebevoll lächelnd tippt sie auf die Freisprechanlage.

„Gerade habe ich an dich gedacht“, flötet sie.

„Das höre ich gerne“, antwortet Paulhapunkt schnurrend. „Ich hoffe, du bist schon auf dem Weg nach Hause. Ich vermisse dich! Wie war’s?“

„Quäl mich nicht mit solchen Fragen!“, antwortet Josephine mit weinerlicher Stimme. „Furchtbar war es! Und es war naiv von mir, dass ich mir etwas Besseres von diesem Termin erhofft habe.“

„Was ist passiert?“, fragt Paulhapunkt erstaunt. „Ich dachte, dass nun sogar eurem Geschäftsführer, diesem Heribert Cornelius, endlich aufgefallen ist, dass die Aufwendungen für das Marketing à la Reithofer in keinem Verhältnis zum erreichten Bekanntheitsgrad oder gar zu einer Verbesserung der Auftragslage stehen. Hattest du nicht sogar erzählt, dass er deinen Chef, Dr. Taler, zu sich zitiert hat und dass der aussah wie ein geprügelter Hund, als er von dem Vorstandseinlauf zurückkehrte?“

„Ja, das habe ich“, antwortet Josephine kleinlaut und würde am liebsten wirklich anfangen zu weinen – so groß ist ihre Enttäuschung, die der Hoffnung nach all den furchtbaren Jahren mit „Reithofer & Friends – Werbung und mehr“ folgte.

Mühsam reißt sie sich zusammen und schimpft mit gepresster Stimme: „Ich hätte es wissen müssen! In dem Moment, als Dennis Reithofer es irgendwie geschafft hat, meinen Chef davon zu überzeugen, dass die Lösung aller Probleme in einem Relaunch der Marke unter seiner Regie zu finden ist, war die Messe gesungen. War doch klar, wohin das führt!“ Josephine atmet tief durch, um sich zu beruhigen, was ihr jedoch nicht gelingt. „Ich vermute, dass der Meinungswechsel Dr. Talers mit der Einladung zum Presseball zu tun hatte, die nach seinem Telefonat mit Dennis Reithofer auf seinen Schreibtisch geflattert ist. Dieser Scharlatan der Werbeindustrie schreckt wirklich vor gar nichts zurück!“, empört sie sich. „Nur deshalb musste ich die letzten anderthalb Tage über diesen sogenannten Relaunch, der angeblich auf direktem Weg in die Bundesliga ‚der Personalvermittlungen‘ führen sollte, ernsthaft diskutieren und dafür auch noch den Weg zur Agentur auf mich nehmen, die schlappe drei Stunden Fahrtzeit von uns entfernt residiert! Ich schwöre dir: Obwohl ich nun schon so viele Jahre an den Blödsinn der bekloppten Agentur gewöhnt bin, stellt das in diesem Workshop Beschlossene alles bislang Dagewesene in den Schatten!“, jault sie verzweifelt auf.

„Mein armer Schatz!“, antwortet Paulhapunkt mitfühlend. „Kann ich dich irgendwie aufheitern?“

Unwillkürlich muss Josephine trotz ihrer Verfassung lächeln. Ja, das kann er, denkt sie. Und dazu muss er nicht einmal etwas tun, beziehungsweise erst in einigen Tagen, wenn sie den Besichtigungstermin für ihr neues Zuhause haben. Dann braucht er nur noch Ja zu sagen, und wenigstens ihr Privatleben erlebt ein Happy End!

Und weil sich Josephine wie eine Schneekönigin darauf freut, kann sie nun voller Inbrunst auf Paulhapunkts Frage antworten: „Mein Schatz, dein Anruf allein heitert mich auf!“

Dazu lächelt sie liebevoll, auch wenn Paulhapunkt das nicht sehen kann. „Und wenn der Besichtigungstermin nächste Woche erfolgreich ist und unser Wohnungsproblem der Vergangenheit angehört, dann schockt mich sogar mein Job nicht mehr“, lacht sie, redlich bemüht, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie das auch so meint.

„Du tust ja gerade so, als würden wir in einer unzumutbaren Absteige hausen“, empört sich Paulhapunkt mit gespielter Entrüstung in der Stimme.

Josephine ist so klug, nicht darauf einzugehen. Sie kennt ihren Liebsten gut genug, um zu wissen, dass dieses Feld vermint ist, selbst wenn er darüber scherzt. Schnell bemüht sie sich, von ihren unterschiedlichen Auffassungen bezüglich ihrer Wohnsituation abzulenken. Jetzt bloß keinen überflüssigen Streit aufkommen lassen. Wozu auch? Die Wohnung im Haus seiner Eltern wird bald Geschichte sein.

„Aber natürlich nicht, mein Schnäuzelchen“, säuselt sie in Richtung ihres Smartphones und verzieht dabei ihr Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, was Schnäuzelchen glücklicherweise ebenfalls nicht sehen kann. „Es ist nur schön, wenn wir endlich etwas Eigenes haben, was groß genug für zwei ist. Und du weißt, wie sehr ich mir einen Balkon oder eine Terrasse wünsche, wo wir mit Freunden zusammen grillen können ...“

„Das können wir bei uns auch!“

„Aber natürlich könnten wir das“, beschwichtigt Josephine und rollt ihre Augen gen Himmel. „Nur säßen wir dabei quasi deinen Erzeugern auf dem Schoß, weil es im Obergeschoss keinen Balkon gibt und wir mit unseren Gästen durch die Wohnung deiner Eltern hindurch in den Garten gehen müssten ... meine Güte, Schnäuzelchen, darüber haben wir doch oft genug gesprochen!“ Sie lacht gekünstelt, ehe sie fortfährt. „Aber darüber müssen wir jetzt nicht mehr diskutieren, denn das gehört bald der Vergangenheit an. Ich habe das sichere Gefühl, dass wir die ideale Wohnung für uns gefunden haben.“

„Wieso bist du da so sicher? Vielleicht ist die Wohnung gar nicht so toll, wie du dir das ausmalst.“

„Sie hört sich aber so an“, erwidert Josephine geduldig. Meine Güte, was ist nur schon wieder mit ihm los? „Außerdem finde ich, dass wir ein bisschen Glück verdient haben. Schließlich haben wir so lange gesucht.“

Du hast gesucht. Ich bin eigentlich ganz zufrieden, so wie es ist.“

Diese Äußerung irritiert Josephine.

„Wie meinst du das?“, fragt sie erstaunt.

„So wie ich es sage!“ Paulhapunkt klingt gereizt, und Josephine versteht die Welt nicht mehr.

„Was ist los, Liebling?“

„Was soll schon los sein?“, entgegnet ihr Liebling aggressiv. „Ich stelle bloß klar, dass du eine neue Wohnung willst. Ich bin mit unserer durchaus zufrieden!“

Josephine ist baff. Zwar hat sie längst begriffen, dass Paulhapunkt die Wohnsituation bei seinen Eltern weit weniger unangenehm ist als ihr. Auch wenn er bislang stets behauptet hat, dass er sich nach mehr Abstand zu seinen Erzeugern sehnt – wenn nur nicht immer die Umstände gegen ihn wären! Wenn er sich nur darauf verlassen könnte, dass sein Vater seine Tabletten regelmäßig nimmt, wenn seine Mutter ihn nur nicht gerade jetzt so dringend bräuchte und so weiter und so fort. Deshalb kommt die plötzliche Begeisterung für die Wohnung im Haus seiner Eltern überraschend. Und während Josephine versucht, sich von dieser Überraschung zu erholen, schwant ihr etwas, und sie könnte sich dafür ohrfeigen, dass sie so lange gebraucht hat, um zu kapieren, warum ihr Liebster sich verhält, wie er sich verhält. Dafür kann es nur eine einzige Erklärung geben.

„Du hast nicht zufällig mit deiner Mutter über den Besichtigungstermin gesprochen?“, fragt sie und bemüht sich um einen beiläufigen Tonfall. Jetzt heißt es, die Nerven zu behalten.

„Wie kommst du darauf?“, fragt Paulhapunkt unwirsch.

„Also ja“, seufzt Josephine.

„Was soll das denn jetzt? Was hat meine Mutter damit zu tun?“

„Nun, ich nehme an, dass deine plötzliche Meinungsänderung damit zusammenhängt, dass du ihr von dem Termin erzählt hast und sie nicht glücklich darüber ist.“

Josephine realisiert, wie sich ein warmes Gefühl in ihr ausbreitet, was vermutlich damit zusammenhängt, dass ihr Blutdruck steigt. Sie weiß, dass es nicht hilfreich sein wird, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Andererseits weiß sie auch, dass es ihr kaum gelingen wird, sie unter Kontrolle zu halten, wenn Paulhapunkt den Fehler begehen sollte, jetzt das Falsche zu sagen. Gleichzeitig weiß sie, dass er ganz bestimmt diesen Fehler begehen wird, weil er bereits vorher einen Fehler beging, nämlich den, seiner Mutter von dem Besichtigungstermin zu erzählen.

„Lass bitte meine Mutter aus dem Spiel“, sagt er streng. „Sie hat nichts damit zu tun! Außerdem geht es ihr gerade nicht gut ...“

Unwillkürlich stöhnt Josephine auf. Natürlich! Das war ja zu erwarten gewesen! Edeltraud hat wie üblich mit Krankheit reagiert. Vermutlich mit einer plötzlich auftretenden, denn als Josephine vor anderthalb Tagen das Haus verließ, war sie putzmunter.

„Warum sagst du es nicht einfach?“, faucht sie. „Du hast deiner Mutter von der Besichtigung erzählt, obwohl wir abgemacht hatten, dass du es nicht tust!“

„Wir haben gar nichts abgemacht“, korrigiert Paulhapunkt sie. „Du hast verfügt ...“

„Geschenkt“, fällt Josephine ihm ins Wort. „Du hast ihr alles erzählt und ... lass mich raten: Spätestens eine Stunde später klagte sie über irgendeine Unpässlichkeit.“

Josephine weiß, dass es nicht klug ist, etwas gegen Edeltraud vorzubringen, aber das ist zu viel für sie. Erst der furchtbare Workshop mit der furchtbaren Werbeagentur, ihrem furchtbar unfähigen Chef und den furchtbaren Konsequenzen, die das für ihre Arbeit haben wird. Einzig und allein die Aussicht auf eine entscheidende Verbesserung ihres Privatlebens, das nicht unerheblich durch ihre Wohnsituation geprägt ist, hatte sie aufrecht gehalten. Und nun wird das infrage gestellt, weil Paulhapunkts Mutter sich angeblich nicht wohl fühlt?

„Meine Mutter ist nicht mehr ganz neu. Da ist es wohl normal, dass sie auch mal krank wird.“

Josephine schließt die Augen, um nicht auszurasten. Sie öffnet sie allerdings schnell wieder, als ihr klar wird, dass sie mittlerweile mit 190 Stundenkilometern auf der Autobahn unterwegs ist. Sie beschließt, das Tempo zu drosseln. Gleichzeitig atmet sie tief ein und wieder aus und versucht vergeblich, sich zu beruhigen.

Paulhapunkt hat wohl Ähnliches versucht, denn er fährt mit sanfterer Stimme fort.

„Sie wird sich bestimmt bald erholen. Es ist eben gerade ein ungünstiger Zeitpunkt. Wir müssen Geduld hab...“

Plötzlich bricht seine Stimme ab. Josephine schaut auf ihr Smartphone. Ist sie in ein Funkloch gefahren? Das wäre vermutlich nicht einmal das Schlechteste, sagt ihr Verstand, weil sich dieses Telefonat in eine Richtung entwickelte, die kaum noch eine konstruktive Wendung wahrscheinlich macht. Aber ihr Verstand kann sich mit diesem Einwand nicht durchsetzen, weil sich in Josephines Magen eine Unmenge Wut angesammelt hat, die sich entladen will. Ob das vernünftig ist oder nicht, ist der Wut egal. Sie schreit nur noch danach, Paulhapunkt mitzuteilen, was sie von seinem symbiotischen Verhältnis zu seiner Mutter hält!

Aber ein Blick auf das Display ihres Smartphones zeigt nicht nur keinen Balken, es zeigt gar nichts mehr. Es dauert einen Moment, bis Josephine begreift, was passiert ist: Der Akku ist leer. Ein paar Sekunden später dringt außerdem zu ihr durch, was sich im soeben unterbrochenen Telefonat mit ihrem Liebsten abgespielt hat, und diese Erkenntnis trifft sie mit voller Wucht. Paulhapunkt will den Besichtigungstermin für eine Traumwohnung platzen lassen! Weil seine Mutter angeblich unpässlich ist! Und er verlangt allen Ernstes von ihr, dass sie sich schon wieder geduldig zeigt? Nachdem sie seit drei Jahren vergeblich auf eine eigene Wohnung hofft?

Ihre Finger schließen sich so fest ums Lenkrad, als wolle sie es erwürgen. Sie atmet erneut tief ein und wieder aus und versucht sich zu beruhigen, obwohl sie weiß, dass das unter diesen Umständen vergeblich ist.

Wie soll man bloß ruhig bleiben, wenn das Leben eine einzige Katastrophe ist? Wenn es weder im Job, noch in der Beziehung eine Hoffnung auf bessere Zeiten gibt? Statt der Aussicht auf eine eigene Wohnung wartet eine wimmernde Edeltraud zu Hause, die einen bitter für den Fluchtversuch büßen lassen wird, indem sie ihren Sohn noch mehr beansprucht, als sie es sowieso schon tut.

Das bevorstehende Wochenende ist unter diesen Umständen bereits gelaufen, und die nächsten zwanzig Jahre eigentlich auch, die Josephine im Haus von Paulhapunkts Eltern zubringen wird. Und dieses Elend wird nur von ihrem Arbeitsalltag unterbrochen, wo bereits das nächste Elend auf sie wartet, und zwar schon Montag, wenn sie auf einen gut gelaunten Chef trifft, der selbstverständlich von ihr erwartet, dass sie mit vollem Einsatz die unsäglichen Ideen einer unsäglichen Agentur umsetzt – und das, ohne eine Miene zu verziehen!

„Verdammte Scheiße!“, bricht es mit der Aussicht auf ein komplett verpfuschtes Leben aus Josephine heraus. Dann schreit sie nur noch: „Aaaaaahhh!!!“

Josephine hört erst wieder damit auf, als die Information in ihr Hirn vordringt, dass in einiger Entfernung immer mehr orangefarbene Lichter aufblinken. Ihr Verstand reimt sich zusammen, was das bedeuten könnte. Es braut sich ein Stau zusammen. Das auch noch!

In letzter Sekunde bemerkt sie die Ausfahrt, die kurz vor dem Stauende auftaucht. Instinktiv setzt sie den Blinker, wechselt auf die Abbiegerspur und verlässt die Autobahn.

Leider hat sie keine Ahnung, wo sie ist und wie sie von hier aus nach Hause kommt. Das liegt zum einen daran, dass sie nicht mit voller Konzentration beim Autofahren war. Der zweite Grund ist, dass sie sich irgendwo im Nirgendwo befindet, was sie feststellt, als sie auf das Ende der Abfahrt zusteuert und auf den Hinweisschildern von Orten liest, die sie bestenfalls aus dem Verkehrsfunk kennt und die sich außerdem in vielen Kilometern Entfernung befinden. Sie hat nicht die geringste Ahnung, welche Richtung sie einschlagen soll, doch hinter ihr rollen schon die nächsten Autos heran.

Spontan entscheidet sie sich dafür, nach links abzubiegen. Weil ihr Akku leer ist und sie weiß, dass sie in diesem Teil der Welt keine Chance hat, sich ohne die Navigations-App auf ihrem Smartphone zurechtzufinden, biegt sie einige hundert Meter weiter in einen Feldweg ein, um in Ruhe das Ladekabel aus ihrem Handschuhfach zu fischen. Sie steckt es in den Zigarettenanzünder und erwartet das vertraute Brummen des Geräts, das anzeigt, dass der Akku aufgeladen wird.

Leider hört sie nichts dergleichen. Sie ruckelt am Kabel, dann betrachtet sie den Stecker im Zigarettenanzünder genauer. Dort müsste jetzt eigentlich ein Lämpchen aufleuchten, aber das tut es nicht.

„Neeeiiin! Nicht jetzt!“, stöhnt sie, bevor sie sich in einer Reihe nicht druckfähiger Flüche ergeht. Schon wieder ist die Sicherung hinüber! Sie weiß, dass sie keinen passenden Ersatz im Auto hat, denn sie hatte neue Sicherungen besorgen wollen, ist aber noch nicht dazu gekommen. Aber Moment! Müsste nicht irgendwo eine alte Straßenkarte im Auto herumfliegen?

Obwohl Josephine nicht wirklich daran glaubt, macht sie sich auf die Suche: im Handschuhfach, in den Taschen hinter den Vordersitzen, unter den Sitzen, im Kofferraum, unter der Abdeckung für den Ersatzreifen – vergeblich. Entnervt lässt sie sich schließlich wieder auf den Fahrersitz fallen.

„Was für ein unendlich beschissener Tag“, murmelt sie.

Stoisch starrt sie durch die Windschutzscheibe und versucht einen klaren Gedanken zu fassen, aber es will sich keiner einfinden. Nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommt, erwacht sie wie aus einer Trance. Sie fühlt sich unendlich müde, viel zu müde, um noch wütend zu sein. Für einen Moment überlegt sie, einfach hier auf diesem Feldweg stehen zu bleiben und zwar für immer! Nichts, aber auch wirklich gar nichts zieht sie nach Hause in die Dreizimmerwohnung im Haus von Paulhapunkts Eltern und schon gar nicht zurück an ihren Arbeitsplatz in der Marketingabteilung der Personalvermittlung Cornelius.

„Ist das alles, was ich von meinem Leben erwarten kann? Für die nächsten zwanzig Jahre? Oder sogar darüber hinaus?“

Sie schüttelt sich. Um Himmels willen, bloß das nicht! Aber da sie nicht einfach hierbleiben kann, muss sie wohl oder übel zurück.

Es kostet Josephine fast übermenschliche Kraft, den Zündschlüssel herumzudrehen und ihren Wagen zu starten. Zwar hat sie immer noch keine Vorstellung davon, wie sie den Weg finden soll, aber sie vertraut darauf, dass irgendwann ein Schild auftauchen wird, das auf einen größeren Ort hinweist, der ihr wenigstens ein bisschen bekannt vorkommt. Irgendwie muss es in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland wohl möglich sein, ohne Navigations-App und Straßenkarte nach Hause zu finden, ohne sich unterwegs auf Nimmerwiedersehen zu verirren …

So dachte Josephine. Nach mehr als einer Stunde Herumkurverei in einer Gegend, die ohne Ortschaften, von denen die Welt jemals Notiz genommen hat auskommt, weiß sie es besser. Es gibt sie noch, die Wildnis mitten in Deutschland! Immer noch hat sie nicht die leiseste Ahnung, wo sie sich befindet. Ihre Suche wird durch Dutzende von Baustellen erschwert, die wie aus dem Nichts auftauchen und sie in schöner Regelmäßigkeit – kaum, dass sie glaubt, eine Straße gefunden zu haben, die irgendwann in Drei Teufels Namen in einen größeren Ort führen muss – erneut vom Weg abbringen.

Als sie nun ein paar hundert Meter hinter in einem kleinen Dorf, das sie vermutlich niemals gefunden hätte, wenn sie danach gesucht hätte, erneut vor einer aufgerissenen Straße steht und durch ein Schild mit einem schwarzen „U“ auf gelbem Grund dazu angeleitet wird, sich auf einem schmalen asphaltierten Weg links in die Büsche zu schlagen, gibt sie entnervt auf.

„Ich werde niemals zurück nach Hause finden. Niemals!“, stöhnt sie entnervt auf und schlägt wutentbrannt auf ihr Lenkrad ein.

Dabei fällt ihr auf, dass sie eigentlich auch nichts dahin zieht.

Allerdings gibt es dort wenigstens ein Klo, einen gefüllten Kühlschrank und ein weiches Bett, sagt sie sich. Außerdem ist es mittlerweile nach acht Uhr, es wird dunkel und sie hat das letzte Mal am Vormittag etwas gegessen. Auf die Toilette muss sie auch, und zwar dringend!

Josephine fällt plötzlich ein, dass sie im letzten Dorf, durch das sie gefahren ist, einen Hinweis auf einen Gasthof gesehen und sich gefragt hat, ob wohl jemals ein Fremder auf der Durchreise diesem Schild gefolgt ist, um dort einzukehren. Sie kann sich das immer noch nicht vorstellen und bezweifelt außerdem, dass er geöffnet hat. Aber sie weiß auch, dass ihr kaum etwas anderes übrig bleibt, als es zu versuchen.

Josephine widersteht dem drängenden Impuls, aus dem Wagen zu steigen, das Umleitungsschild zu Boden zu reißen und darauf herumzutrampeln. Stattdessen legt sie den Rückwärtsgang ein und wendet.

Das Ortsbild wird von alten, weit von der Straße zurückgesetzten Backsteinhäusern mit Kopflinden vor den Türen geprägt. Mit den blühenden Fliederbüschen an den Seiten sieht es aus, als ob die Zeit stehengeblieben sei. Schließlich findet Josephine am Rande eines großen grasbewachsenen Platzes, auf dem ein Kriegerdenkmal unter hohen Eichen steht, das gesuchte Hinweisschild „Dreiseitenhof – Hotel und Restaurant“.

„Hoffentlich meinen die das ernst mit dem Restaurant“, murmelt Josephine. Eine weitere Enttäuschung nach einem Tag, über den sie vermutlich irgendwann einmal sagen wird, dass er den Tiefpunkt ihres Lebens markierte, würde sie nicht ertragen.

Sie folgt der Straße ungefähr hundert Meter, vorbei an dunklen Holzzäunen und blühenden Hecken. Schließlich entdeckt sie in der Dämmerung tatsächlich eine Hofeinfahrt zwischen zwei hochgewachsenen Eichen. Auf dem Torbogen kündet ein großes Schild, das von zwei schmiedeeisernen Laternen angeleuchtet wird, von dem gesuchten Gasthof. Josephines Erleichterung ist riesig.

„Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie Leben in dieser abgeschiedenen Gegend“, spricht sie sich Mut zu. Dabei passiert sie den Torbogen und fährt die Auffahrt entlang, die von mächtigen Bäumen gesäumt wird. Sie führt an weiten Rasenflächen mit üppig blühenden Beeten vorbei und mündet nach wenigen hundert Metern in einen Hof, der an drei Seiten von beeindruckend hübsch restaurierten Gebäuden umgeben ist.

Josephine parkt ihr Auto neben weiteren Wagen mit Kennzeichen, die ebenfalls nicht von hier stammen. Sie überlegt, ob die auch zu Menschen gehören, die an den vielen Baustellen und den völlig undurchsichtigen Umleitungen gescheitert sind. Dann jedoch erinnert ihre Blase sie daran, dass sie gerade andere Probleme hat! Eilig steigt Josephine aus und versucht sich auf dem großen Innenhof zu orientieren.

Links entdeckt sie einen großen Bau, der wie eine ehemalige Scheune aussieht. Ein großes, grob gezimmertes, zweiflügeliges Tor lässt vermuten, dass früher sogar Wagen mit hochgestapelten Heuballen hindurchpassten. Heute dagegen scheint eine in das Tor eingelassene kleinere Tür der bevorzugte Zugang zum Gebäude zu sein. Weiß gestrichene Sprossenfenster mit hellen Gardinen im Obergeschoss zeigen, dass sich Zimmer oder Wohnungen darin befinden. Diese sind durch eine an der Fassade emporgebaute Holztreppe zu erreichen, die auf einer mit blühenden Blumenkästen behängten Galerie endet. Von dieser aus führen diverse kleine grün-weiß gestrichene Holztüren ins Innere.

Auf der anderen Seite des Platzes vermutet Josephine ehemalige Stallungen. Die unebene, weiß gekalkte Hauswand, die mit groben Gittern versehenen Fensterlöcher im Erdgeschoss sowie einige zweiteilige Stalltüren, wie man sie oft auf Bildern von Pferdeställen sieht, weisen darauf hin. Heute sind die vergitterten Fenster weiß gestrichen und einladend mit bunt bepflanzten Blumentöpfen dekoriert. Über das Erdgeschoss erstreckt sich ein hohes, mit hellroten Ziegeln gedecktes Dach, in das großzügige Gauben mit bis zum Boden reichenden Fenstern eingebaut sind. Geradeaus, flankiert von diesen beiden ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, nimmt das Haupthaus seinen Platz ein. Die hellgelb gestrichene Fassade und die hohen, hell erleuchteten Fenster strahlen Wärme und Gediegenheit aus. Eine breite Steintreppe führt ein paar Stufen hinauf zu einer zweiflügeligen Eingangstür. Darüber ist ein Schild mit dem Hinweis „Restaurant“ angebracht.

Josephine ist erleichtert. Es sieht tatsächlich so aus, als hätte sie das erste Mal an diesem Tag ein bisschen Glück. Und weil sie befürchtet, dass sich daran etwas ändern könnte, wenn sie sich nicht beeilt – es ist schließlich schon fast halb neun – fischt sie ihre Tasche vom Beifahrersitz und eilt auf den einladend erleuchteten Eingang zu.

Als sie den Gastraum betritt, hält sie die Luft an. Das hat sie nicht erwartet! Hier, mitten in der tiefsten Provinz, wo es nur Wälder und Felder und ab und zu ein verschwindend kleines Nest gibt, steht sie urplötzlich in einem modernen, im Landhausstil eingerichteten Lokal, das sie so auch in dem noblen Vorort einer Großstadt finden könnte. Staunend blickt sie auf freigelegte Backsteinmauern neben mit groben Holzplanken getäfelten Wänden, die durch indirekte, im Boden und hinter Balken versteckte Lampen vorteilhaft in Szene gesetzt werden. Sie bewundert schwere alte Tische, die sich in reizvollem Kontrast zu leichten, mit auffällig gemusterten Stoffen in verschiedenen Naturtönen bezogenen Stühlen befinden. Ihr Blick verliert sich kurzzeitig in einer Reihe von Spiegeln im hinteren Teil des Lokals. Zusammen mit geschickt eingefügten Raumteilern und einem langgezogenen Podest, auf dem einige Sitzgruppen untergebracht sind, lassen sie den Raum noch weitläufiger erscheinen als er sowieso schon ist. Überrascht muss Josephine außerdem feststellen, dass sie nicht der einzige Gast ist. Im hinteren Teil des Speiseraums, wo bis zum Boden reichende Fenster einen herrlichen Blick auf den dahinter liegenden Park gewähren, sind zwei Tische mit Pärchen und ein weiterer von einer größeren Gruppe besetzt.

Josephine geht auf einen beeindruckenden, aus Feldsteinen, Glas und dicken Ästen kunstvoll gestalteten Tresen zu, hinter dem eine drahtige, ungefähr sechzigjährige Frau mit einem flotten, jungenhaft wirkenden Kurzhaarschnitt gerade eine Flasche Wein öffnet, um zwei Gläser zu füllen. Die Frau blickt lächelnd auf, als Josephine sich nähert.

„Guten Abend“, grüßt sie freundlich. Als sie Josephines erschöpftes Aussehen bemerkt, fügt sie hinzu: „Möchten Sie etwas essen?“

„Das wäre ein Traum!“, seufzt Josephine dankbar und wirkt dabei so erleichtert, dass die Frau hinter dem Tresen schmunzelt. „Aber erst einmal ...“, beginnt sie.

„Natürlich“, fällt ihr Gegenüber ihr ins Wort. Sie scheint genau zu wissen, dass jemand, der sich hierher verirrt, das letzte Mal vor sehr langer Zeit die Möglichkeit hatte, eine reguläre Toilette zu benutzen. Sie nickt mit dem Kopf in Richtung einer Tür mit einem dezent gestalteten Hinweis. Dankbar lächelt Josephine ihr zu, stellt ihre Tasche auf einem der schicken Barhocker ab und eilt davon.

Als sie ein paar Minuten später zurückkehrt und am Tresen Platz nimmt, wo die freundliche Dame ihr bereits eine Speisekarte hingelegt hat, merkt Josephine, wie die Anspannung in ihr langsam abfällt. Die Aussicht, es sich nach einem nervenzerfetzenden Workshop, einem nicht minder unerfreulichen Telefonat mit ihrem Liebsten und einer anschließenden Odyssee durch eine der vermutlich abgelegensten Gegenden Deutschlands endlich einmal gutgehen lassen zu können, versetzt sie in eine fast heitere Stimmung. Außerdem liegen verlockende Essensdüfte in der Luft und sie hat riesigen Appetit. Wenn es jetzt noch Schnitzel mit Bratkartoffeln gibt, ist sie vermutlich im Paradies gelandet, denkt sie. Exakt eine Sekunde später entdeckt sie genau dieses Gericht auf der Speisekarte!

„Es gibt einen Gott“, murmelt Josephine.

„Wie bitte?“, fragt die Dame hinter dem Tresen irritiert.

„Das Schnitzel“, antwortet Josephine, während sie aufblickt und die Wirtin aus ihren hellblauen Augen anstrahlt. „Ich hätte gerne das Schnitzel mit Bratkartoffeln.“

„Möchten Sie dazu auch etwas trinken?“

Josephine überlegt. Und wie! Am liebsten Wein. Viel Wein! So viel Wein, dass sie alles vergisst, wenigstens für diesen Abend. Aber leider ...

„Ich habe noch einen weiten Weg vor mir“, erklärt sie und hebt bedauernd die Schultern. Dabei fällt ihr auf, dass diese Bemerkung nicht nur auf diesen Abend, sondern auf ihre gesamte Lebenssituation zu passen scheint. Zumindest dann, wenn sie nicht ewig in der Hölle schmoren will.

„Deshalb nur ein Wasser, bitte.“

Eine Viertelstunde später steht ein großer Teller mit einem perfekt gebräunten Schnitzel, herrlich duftenden Bratkartoffeln und einer großen Portion bissfestem Gemüse appetitlich angerichtet vor ihr. Von nun an zählt nur noch eins: dieses leckere Essen! Als der Teller restlos geleert ist, tupft sich Josephine die Lippen mit der Serviette ab, trinkt einen Schluck Wasser und nimmt zum ersten Mal, seit ihr das Essen serviert wurde, ihre Umgebung wieder wahr.

„Hat’s geschmeckt?“, fragt die Dame hinter dem Tresen überflüssigerweise, während sie eine Reihe von benutzten Gläsern auf die Bürste im Spülbecken taucht.

Josephine nickt. „Es war großartig!“ Dankbar setzt sie mit einem inbrünstigen Seufzer hinzu: „Ich glaube, ich will nie wieder weg!“

Die Frau hinter dem Tresen lacht über diese Bemerkung und Josephine stimmt mit ein. Doch einen Moment später stellt sie irritiert fest, dass das sogar stimmt.

Ich will wirklich nicht weg, realisiert sie bitter. Wo soll ich auch hin? Nach Hause zu einem Freund, den ich zwar liebe, der aber nie Zeit für mich hat, weil seine Mutter ihn ständig für sich beansprucht? Zurück an einen Arbeitsplatz, gegen den die Hölle ein Kinderspielplatz ist, um dort Dinge tun zu müssen, die ich mir niemals verzeihen kann? Was soll ich da? Wenn das mein Leben ist, dann ... dann ...

Bevor sie den Gedanken zu Ende denken kann, hört sie die Restaurantbesitzerin hinter der Bar sagen: „Sie können über Nacht bleiben, wenn Sie mögen. Wir haben Gästezimmer.“

Als sie sieht, dass Josephine ernsthaft über das Angebot nachzudenken scheint und vermutlich ahnt, dass ihr Gast keinen leichten Tag hinter sich hat, fügt sie hinzu, „Wenn es richtig schlimm sein sollte, können Sie hier sogar einziehen.“

Josephines schaut sie verdutzt an.

Die Dame hinter der Theke grinst. „Die Saison beginnt gerade, und ich suche eine Aushilfe. Sozusagen ein Mädchen für alles, gegen Kost und Logis und ein besseres Taschengeld“, erklärt sie, während sie ein weiteres Glas auf die Spülbürste schiebt.

Immer noch verdutzt versucht Josephine, das Gehörte zu verarbeiten. Hat die Frau hinter dem Tresen ihr tatsächlich gerade den Vorschlag gemacht, zu bleiben? Hier zu leben und zu arbeiten? In einem Ort, von dem sie nicht einmal weiß, wo genau er sich auf der Landkarte befindet? Was für ein völlig abwegiger Gedanke!

„Überlegen Sie es sich“, sagt die Frau hinter der Bar lächelnd. „Noch einen Kaffee? Oder einen Espresso?“

„Einen Espresso bitte. Danke“, antwortet Josephine verwirrt.

Einfach dableiben und alles hinter sich lassen, wie soll das gehen? Natürlich weiß sie, dass das nicht möglich ist. Rein theoretisch wäre es das zwar schon, aber ...

Verwundert stellt Josephine fest, dass sie anfängt, über diese völlig abwegige Option ernsthaft nachzudenken. Könnte sie tatsächlich hier, im hintersten Winkel der Republik, wo sie nichts und niemanden kennt, als Aushilfe arbeiten? Sie, die ihr Studium ehrgeizig mit Bestnote hinter sich gebracht hat, um dann nach vielen Jahren harter Arbeit und einer unendlichen Anzahl von Bewerbungen endlich einen halbwegs passenden Job zu ergattern? Könnte sie das alles aufgeben, um quasi von jetzt auf gleich ein neues Leben zu beginnen? Undenkbar!

Plötzlich aber schieben sich andere Gedanken in den Vordergrund: Was hatte sie bislang wirklich erreicht? Sie verdiente einigermaßen gut und war theoretisch sogar zuständig für Markenführung, Werbelinie und Kampagnenplanung eines mittelständischen Unternehmens. Das war immer ihr Ziel gewesen. Aber praktisch? Praktisch hatte ihr der just hinter ihr liegende Workshop einmal wieder bewiesen, dass sie in ihrem eigenen Zuständigkeitsbereich überhaupt nichts zu sagen hatte!

Josephine denkt zurück an den Workshop. Dort, so war ihnen versprochen worden, sollten ihr Chef und sie nicht nur die „Wunderwaffe zur Rettung der Marke“, sprich Frau Gutenberg-Voss kennenlernen, sondern auch ihren Vorstellungen von einem fundierten Prozess zur Neupositionierung der Personalvermittlung mit anschließendem behutsamen Relaunch der Marke lauschen. Das hätte ein akzeptabler Anfang werden können. Tatsächlich jedoch muss Josephine leider das Resümee ziehen, dass selbst dann, wenn Frau Gutenberg-Voss etwas konnte, dieser Umstand vollkommen irrelevant war. Denn kaum, dass die frischgebackene Senior Account Managerin – Ende zwanzig, blonde Locken, die mit einem bunten Tuch lässig nach hinten gebunden waren, was unheimlich kreativ aussah – sich in knappen Worten und coolem Sprech selbst vorgestellt hatte, hatte der Agenturchef das Wort wieder an sich gerissen. Er hatte es auch nicht mehr an seine Mitarbeiterin abgegeben – außer, um ihre Bestätigung für seine wie immer fragwürdigen Vorstellungen von einem gelungenen Markenauftritt der Personalvermittlung Cornelius einzuholen.

All das bedeutet leider, dass nicht nur Josephines aktuelle Jobsituation hoffnungslos ist. Es bedeutet außerdem, dass sie auch anderswo nie wieder einen Job in einer Marketingabteilung bekommen würde! Schließlich würde bei ihrer Bewerbung herauskommen, dass sie etwas mit dem furchtbaren Auftritt ihres jetzigen Arbeitgebers zu tun hatte. Und mit dieser Referenz hatte sie nicht einmal mehr als Praktikantin eine Chance! Unbezahlt!

Von dieser niederschmetternden Bilanz aus wandern ihre Gedanken weiter zu ihrem Privatleben, in dessen Zentrum Paulhapunkt steht. Ihr allerliebster Paulhapunkt. Geschrieben „Paul H.“, wobei das „H.“ für Herkules steht, eine Reminiszenz an seinen Großvater mütterlicherseits.

Schon als Kind hatte Paulhapunkt eingesehen, dass er es mit dem Namen Herkules im Leben schwer haben würde. Das merkte er zum Beispiel daran, dass seine Klassenkameraden gar nicht anders konnten, als ihn deswegen aufzuziehen. Jeder, der nicht bekloppt war, hätte das ebenfalls schnell eingesehen. Nur Paulhapunkts Mutter nicht. Edeltraud hatte trotz der vielen Hänseleien, denen ihr Sohn ausgesetzt war, darauf bestanden, dass er nicht Paul, sondern Paul Herkules hieß und nicht davon abgelassen, ihn so zu nennen – auch nicht vor seinen Freunden. Das hatte irgendwann zu einer ernsthaften Meinungsverschiedenheit zwischen Mutter und Sohn geführt, weil Paul Herkules nicht einmal seiner Mutti zuliebe bereit war, weiterhin den Spott seiner Klassenkameraden auf sich zu ziehen. Nach zähem Ringen, endlosen Diskussionen und schließlich sogar Paulhapunkts Entschluss, im örtlichen Kinderheim nach einem freien Platz zu fragen, war es ihm gelungen, seiner Mutti den Kompromiss auf die Namensverkürzung Paul H., gesprochen Paulhapunkt, abzuringen.

Leider war es bei diesem ersten heroischen Kampf – und Sieg(!) – eines schmächtigen Zehnjährigen über einen furchtbaren Drachen namens Edeltraud geblieben. Jedenfalls vermutet Josephine, dass es danach keine richtigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden mehr gegeben haben kann. Denn trotz häufiger Scharmützel, die sie wegen irgendwelcher Nichtigkeiten austragen, lebt Paulhapunkt genau das Leben, das seine Mutter für ihn vorgesehen hat: unverheiratet, im Haus seiner Eltern und stets bereit, auf ihren Ruf hin zu springen. Zwar tut er das fast immer unter Protest, aber das ändert nichts daran, dass er springt. „Ich kann nun mal nicht anders“, „Es sind eben meine Eltern“ und „Da musst du Verständnis haben“, sind stets seine Entschuldigungen. Josephine muss zugeben, dass es ihr nach nunmehr drei Beziehungsjahren immer schwererfällt, Verständnis zu haben. Das wiederum stößt bei Paulhapunkt auf wenig Verständnis, „weil es schließlich nicht zu ändern ist, dass meine Eltern mich brauchen“. Und so wird manches Mal ein Wehwehchen seiner Mutter – auch wenn es nur ein eingebildetes ist – zu einem handfesten Zankapfel zwischen ihnen beiden, wie es auch bei all seinen vorherigen Beziehungen war. Das gibt er zwar nicht zu, aber Josephine weiß von einer Ex-Freundin, dass es so ist.

An dieser Situation hat sich nichts geändert, seit Josephine wider besseren Wissens bei Paulhapunkt eingezogen ist, weil er ihr versprach, mit ihr gemeinsam nach einer passenden Wohnung für sie beide zu suchen. Ihre Schwester Friederike hatte ihren Entschluss damals mit den Worten kommentiert, dass es gerade die Übergangslösungen wären, die am längsten Bestand hätten. Aber Josephine – blind vor Liebe, wie sie sich heute selbstkritisch vorwirft – wollte sich nicht beirren lassen und war außerdem überzeugt davon gewesen, schnell eine bessere Lösung finden zu können. Nach einigen Monaten hatte sie allerdings einsehen müssen, dass die Unkenrufe ihrer älteren Schwester begründet gewesen waren. Zwar hielten Josephine und Paulhapunkt anfangs noch fleißig nach passenden Immobilien Ausschau – beziehungsweise hielt Josephine Ausschau und schlug Paulhapunkt Objekte zur Besichtigung vor – aber die fanden immer seltener seine Zustimmung. Bald wurde es schwierig, ihn überhaupt noch dazu zu bewegen, sich passende Angebote wenigstens anzusehen, und schließlich war es ein kurzer Krankenhausaufenthalt seines Vaters nach einem leichten Herzinfarkt und die wegen dieses Umstandes hyperventilierende Mutter, die mehr Betreuung brauchte als ihr Herr Gemahl, die die Suche vollends zum Erliegen brachte. Selbstverständlich nur vorläufig! Sobald sich die Situation stabilisiert hätte, versprach Paulhapunkt, würden sie die Wohnungssuche fortsetzen. Und wieder einmal hatte ihre Schwester, der Josephine versehentlich davon erzählte, mit ihrer Mutmaßung, dass sich ihre Auszugspläne damit endgültig erledigt hätten, recht gehabt. Doch Josephine hielt an ihrem Glauben an Paulhapunkt und an sein Versprechen fest, dass alles nur ein Aufschieben, aber kein Aufheben sei.

Aber irgendwann hat auch Josephine eingesehen, dass sie den Einfluss der liebenden Mutter auf ihren ergebenen Sohn komplett unterschätzt hatte, weil sich seitdem an dem Status quo nichts änderte, obwohl Karl Gustav gesundheitlich längst wieder wohlauf war und sich kaum noch jemand an seinen Herzinfarkt erinnerte. Josephine hatte damals zähneknirschend beschlossen, stillschweigend auf den richtigen Moment zu warten, um die Sache bei passender Gelegenheit doch noch zu einem guten Abschluss zu bringen. Und genau diese Gelegenheit schien nun endlich gekommen zu sein: ein sensationelles Wohnungsangebot, ein gesundheitlich stabiler Vater und eine nichtsahnende Mutter.

Doch diese einmalige Gelegenheit war nun Geschichte. Und so muss sich Josephine auch hinsichtlich ihres Privatlebens eingestehen, dass es sich nicht nach einer Erfolgsgeschichte anhört.

Als sie aus ihren düsteren Überlegungen erwacht, stellt sie mit Erstaunen fest, dass der Vorschlag, hier in diesem Gasthof zu bleiben – so abwegig er auch sein mag – einiges für sich hat. Mehr noch: In ihrer verzweifelten Lage ist die Möglichkeit, zeitweise Unterschlupf auf einem friedlichen, beschaulichen Fleckchen Erde zu finden – weit entfernt von allen Übeln –geradezu ein Himmelsgeschenk! Auch, wenn sie natürlich niemals wirklich bleiben könnte.

„Soll ich Ihnen mal das Zimmer zeigen, das Sie beziehen könnten?“

Erschrocken blickt Josephine, die bis eben in ihre trüben Gedanken versunken gewesen war, auf und schaut in das lächelnde Gesicht der Frau hinter dem Tresen.

„Ich heiße übrigens Carmen. Carmen George. Mir gehört dieses Anwesen.“

„Josephine Oppermann“, antwortet Josephine mechanisch.

Sie findet, dass die Situation etwas extrem Surreales an sich hat und fragt sich, ob sie auf der langen Odyssee hierher irgendwo in ein Kaninchenloch gefallen ist oder versehentlich den Bahnsteig nach Hogwarts erwischt hat.

Die Gutsbesitzerin dreht sich währenddessen zu der Bedienung um, die gerade einen Tisch am Fenster abkassiert, und ruft ihr zu, dass sie kurz im Haus unterwegs ist. Dann verlässt sie ihren Platz hinter dem Tresen und bedeutet Josephine mit einer Handbewegung, ihr zu folgen.

Wie in Trance erhebt sich diese vom Barhocker, ergreift ihre Tasche und folgt der Wirtin.

Sie steigen die Stufen zum Hof hinunter und gehen schräg über den Hof zur ehemaligen Scheune. Carmen öffnet die kleine Tür im großen Scheunentor und schlüpft hindurch, dicht gefolgt von Josephine.

Sofort erhellt warmes Licht das Innere des Gebäudes. Beeindruckt sieht Josephine sich in der riesigen Halle um: Zu ihren Füßen bewundert sie altes Kopfsteinpflaster, das eindeutige Abnutzungsspuren von Fuhrwerken aufweist. Fachwerk aus hell lasierten Holzbalken, gefüllt mit hellroten Backsteinen schmückt die hohen Wände, die von modernen Wandleuchtern aus Milchglas erhellt werden. Zwei einfache Holztreppen, die eine an der linken, die andere an der rechten Seite, führen hinauf in das Obergeschoss, von dem – genau wie hier unten – jeweils vier Türen an jeder Seite in Gästezimmer zu führen scheinen. Besonders entzückt ist Josephine von dem Dachstuhl, der hoch über ihr den Blick auf eine umfangreiche Balkenkonstruktion freigibt, in deren Weitläufigkeit man sich fast zu verlieren meint.

Sie hat nicht viel Zeit, sich umzusehen, denn Carmen erklimmt schon die linke der beiden Treppen, läuft die Galerie im Obergeschoss entlang und bleibt schließlich vor der letzten Zimmertür stehen. Sie schließt auf und tritt zur Seite.

„Das könnte Ihr neues Reich sein!“, meint sie, während sie das Licht einschaltet.

Josephine schaut in ein großes Gästezimmer mit weiß getünchten Wänden. Grobe Holzdielen führen zu zwei hohen Fenstern, an deren Seiten hellgraue Vorhänge von einem hoch unter der Decke angebrachten Drahtseil herabfallen. Massive Holzmöbel und ein breites Bett verleihen dem Raum eine wohltuende Stabilität und Einfachheit. Am meisten gefällt ihr, dass sich auch in diesem Zimmer die im Flur bestaunte offene Balkenkonstruktion bis unter das Scheunendach fortsetzt. Josephine fühlt sich sofort wohl. Ehe sie weiß, was sie tut, sagt sie: „Überredet, ich bleibe!“

3

Zwanzig Minuten später hat Josephine ihre Reisetasche, in der sich ihr Kulturbeutel, ihr Laptop und ein paar wenige Kleidungsstücke zum Wechseln befinden, aus dem Auto geholt und steht wieder in dem Zimmer, das in der nächsten Zeit ihr Zuhause sein wird. Fürs Erste hat sie alles dabei, um über die Runden zu kommen, und wer weiß, wie ihre Welt mit ein paar Tagen Abstand aussehen wird?

„Hier habe ich Dienstkleidung für dich, damit du für die Arbeit im Gemüsegarten, in der Küche oder im Restaurant ausgestattet bist“, sagt Carmen, die hinter ihr das Zimmer betreten hat, und drückt ihr die Sachen in die Hand. Dann lächelt sie Josephine noch einmal aufmunternd zu und begibt sich wieder nach unten.

„Danke!“, ruft Josephine ihr hinterher. Sie ist erleichtert über die Kleidung, denn das, was sie dabei hat, eignet sich nicht dafür – weder der dunkelbraune Anzug, den sie anhat, noch ein zweiter, der sorgfältig zusammengefaltet in der Reisetasche liegt. Erst recht nicht das kleine Schwarze und die kurze Jacke, die sie beim gestrigen Abendprogramm trug. Zur Feier des ersten Workshop-Tages hatte Dennis Reithofer sie nämlich in einen teuren Nachtclub „mit hohem Promi-Faktor“ eingeladen, wie der Agenturchef großspurig versichert hatte. Allerdings war der einzige Mensch, der sich dort blicken ließ und es zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht hatte, ein C-Promi aus einer Doku-Soap gewesen. Das, was Dr. Taler für Dieter Bohlen und Frau Gutenberg-Voss für Boris Becker hielt, war mit Sicherheit keiner von beiden gewesen!

Doch glücklicherweise gehörten solche, nur mit viel Alkohol zu ertragenden Diskussionen nun der Vergangenheit an. Zumindest vorläufig.

Josephine lässt ihre Reisetasche neben das Bett fallen und wirft sich stöhnend darauf.

Hatte sie tatsächlich gerade einen Job als Aushilfe angenommen? Eben noch war ihr Leben ein Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gab, und jetzt war sie auf einmal ... irgendwo am Ende der Welt! Hier hatte weder eine Edeltraud noch die Personalvermittlung Cornelius Bedeutung. Hier war es komplett irrelevant, ob eine besitzergreifende Mutti ein Wehwehchen vortäuschte oder der Marken-Relaunch ihres Arbeitgebers zur Tragikomödie wurde. Hier wusste niemand, dass dieser Irrsinn überhaupt existierte! Und selbst wenn es jemand gewusst hätte, wäre es ihm vermutlich komplett egal gewesen. So musste es sich anfühlen, wenn ein Gefangener unvermutet die letzten Jahre einer lebenslangen Haftstrafe erlassen bekam und im strahlenden Sonnenlicht vor dem Knast stand. Wahnsinn!

Plötzlich mischen sich Zweifel in Josephines Gedanken. Wohin sollte das führen? Bis eben war sie eine Marketingexpertin mit Anzug, Etat und einer halbwegs auskömmlichen Altersversorgung. Jetzt ist sie eine Hilfskraft, die kaum mehr als ein Taschengeld verdient. „Bin ich wahnsinnig geworden? Sollte ich dieses übereilte, unüberlegte und idiotische Vorhaben nicht lieber ganz fix abbrechen, solange noch nichts passiert ist?“, fragt sie sich auf einmal laut.

Als Antwort darauf drängen sich ihr Eindrücke aus ihrem Arbeitsleben ins Bewusstsein. Sie kann die Verzweiflung, die aufkommen wird, schon fühlen, wenn sie am nächsten Montag in ihrem schicken Büro in bester Innenstadtlage steht und Dr. Taler hereinrauschen wird. Wenn er ihr – bestens gelaunt wegen des seiner Meinung nach erfolgreichen Workshops – erklären wird, was für großartige Arbeitsergebnisse sie erzielt haben, wie unglaublich kompetent Frau Gutenberg-Voss ist, und dass er es ja immer gewusst hat: Der Dennis, der wird schon eine Lösung finden!

Josephine schüttelt die bedrückenden Visionen ab. „Ich werde das jetzt durchziehen und eine Auszeit nehmen“, sagt sie entschlossen. „Wie lange sie dauert, wird sich zeigen, aber jetzt brauche ich dringend Abstand!“

Dann muss sie an Paulhapunkt denken, und ihr Herz wird wieder schwer.

Sie liebt ihn und will mit ihm zusammen sein und das für den Rest ihres Lebens. Nur seine Mutter – also die ist einfach über. Und so lange Mutti das eigentliche Regiment in ihrem Zuhause und damit leider auch in ihrer Partnerschaft führt, wird ihre Beziehung darunter leiden. Also kann es nur hilfreich sein, wenn sie Paulhapunkt ein bisschen Raum lässt, damit er sich darüber klar werden kann, wie verdammt wichtig sie ihm ist!

„Aber wie soll ich ihm das nur mitteilen?“, fragt sie sich verzweifelt. Ihr graut davor, ihren Liebsten anzurufen und zu sagen, dass sie nicht, wie er selbstverständlich erwarten wird, auf dem Weg zu ihm ist, sondern dass er heute Abend, morgen und wer weiß wie lange noch auf sie verzichten muss.

Josephine schluckt. „Es hilft nichts. Ich muss es ihm sagen, und das am besten sofort, bevor der Mut mich verlässt.“ Allerdings wird sie dafür erst einmal ihren Akku aufladen müssen.

Fluchend richtet sie sich auf ihrem gemütlichen Bett auf, zieht ihre Reisetasche zu sich heran und sucht nach dem Ladegerät fürs Smartphone.

Eine halbe Stunde später ist das Gerät soweit aufgeladen, dass sie die gespeicherte Nummer ihres Liebsten aufrufen kann. Dabei hofft sie ängstlich, dass ihr Smartphone ein Netz findet. Als es tatsächlich eines anzeigt, kann Josephine ihr Glück kaum fassen.

„Sogar hier in dieser absoluten Einöde gibt es Sendemasten? Unfassbar, wie weit der Ausbau der Netz-Infrastruktur bereits vorangeschritten ist!“, murmelt sie überrascht.

In ihrem Ohr beginnt es zu tuten. Josephine stellt fest, dass sich ihr Magen zusammenkrampft in Erwartung von Paulhapunkts Enttäuschung.

Es tutet noch einmal, dann knackt es in der Leitung.

„Josephine?“

Als sie die Stimme ihres Liebsten hört, fährt ihr ein Stich durchs Herz.

„Wo bist du? Stehst du im Stau?“

Josephine könnte auf der Stelle losheulen. Sie stellt sich Paulhapunkts Gesicht vor und malt sich aus, wie enttäuscht er gleich aussehen wird, wenn sie ihm sagt, dass sie fortbleibt.

Sie versucht, sich zusammenzureißen und ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Nein, ich stehe nicht im Stau. Ich bin abgefahren, kurz bevor ich in einen geraten konnte. Nun bin ich hier irgendwo in der Pampa in einem Landhotel. „Dreiseitenhof“ oder so ähnlich heißt es. Und ... ich werde hierbleiben“, setzt sie mit einiger Überwindung rasch hinzu.

„Oh …“

Die Überraschung ist Paulhapunkt anzuhören. Das versetzt Josephine einen weiteren Stich, und sie muss sich sehr bemühen, ihrem Liebsten keinen Schwall Tränen durchs Telefon zu schicken.

„Es ist sicher vernünftig, wenn du jetzt nicht weiterfährst“, überlegt Paulhapunkt nach einer kurzen Pause. Dann fügt er zuversichtlich hinzu: „Meinst du, du schaffst es morgen zum Frühstück? Ich werde dir ein luxuriöses Mahl zaubern, um dich für die erlittenen Strapazen zu entschädigen.“

Josephine schließt die Augen. Das ist ja noch viel schwieriger als sie gedacht hat! Sie merkt, wie sich die Wut und die Enttäuschung über den geplatzten Besichtigungstermin in Luft auflösen. Sie hört nur noch die vertraute Stimme ihres Liebsten, der davon ausgeht, sie bald wieder bei sich zu haben, der nichts von ihrem Vorhaben ahnt, auf unbestimmte Zeit fernzubleiben und der so furchtbar verletzt sein wird, wenn sie ihm jetzt mitteilen wird ...

„Ich ... ich werde länger bleiben“, platzt sie heraus.

Paulhapunkts Stimme nimmt einen besorgten Ton an. „Josephine ... ist etwas passiert? Hoffentlich nur mit dem Auto. Soll ich dich abholen? Ich komme zu dir, jetzt gleich ...“

Das ist zu viel für Josephine. Tränen rinnen über ihr Gesicht.

Ihr Paulhapunkt würde sich sofort – egal wie spät es ist – ins Auto setzen und zu ihr eilen. Was für eine treue Seele! Wie konnte sie nur an seiner Liebe zweifeln? Er war für sie da, wenn sie ihn brauchte. Nicht einmal seine Mutti konnte daran etwas ändern! Was war sie bloß für eine dumme Kuh! Wegen einer Lappalie setzte sie ihre Beziehung aufs Spiel. War sie noch zu retten?

„Nein, nein, es ist nichts passiert“, schluchzt sie ins Telefon. „Ich ... ich kann nur einfach nicht mehr“, bricht es aus ihr heraus.

„Mein armes Finchen“, Paulhapunkts Stimme wird weich. „Kann ich irgendetwas für dich tun?“

Sein Mitgefühl zerreißt ihr das Herz.

Was hat sie sich nur dabei gedacht, an Paulhapunkts Liebe zu zweifeln? War sie irre? Und das nur wegen eines abgesagten Besichtigungstermins?

Josephines Gedanken rasen. Im Geiste sieht sie sich schon ihr Netzkabel und ihren Kulturbeutel in die Reisetasche werfen, über die Treppe nach unten zu ihrem Auto hasten und losbrausen. Egal wie viele Straßen aufgerissen wären und wie viele Baustellen ihren Weg kreuzten – wenn es gar nicht anders ginge, dann würde sie einfach die Absperrungen durchbrechen, sodass die Baken im hohen Bogen zur Seite flögen. Nichts und niemand würde sie aufhalten, zu ihrem Liebsten zu kommen! Keine Macht der Welt würde sie mehr von ihm fernhalten ...

„Nein, mein Schnäuzelchen, ich komme schon klar“, beruhigt Josephine ihn und überlegt, ob sie ihm sagen soll, dass sie noch heute Nacht durch dieselbe rasen wird, um so schnell wie möglich bei ihm zu sein. Oder soll sie ihn überraschen, wenn sie sich in ein paar Stunden in ihrem gemeinsamen Bett einfach dicht an ihn kuscheln wird?

„Ich bin nur durcheinander. Dieser furchtbare Workshop ... ich ertrage das alles einfach nicht mehr. Wenn das so weitergeht, wird ein Unglück passieren, bestimmt!“, sprudelt es aus ihr heraus.

Erleichtert darüber, dass sich ihre dummen Zweifel an ihrer Beziehung mit einem Mal in Wohlgefallen auflösen, kann sie zulassen, dass sich ihr Schmerz, ihre Angst und ihre Enttäuschung Bahn brechen und aus ihr hinausfließen. Sie ist so froh, dass Paulhapunkt ihr zuhört. Und wenn sie erst zu Hause ist, wird er sie in den Arm nehmen, und einen wohltuenden Augenblick lang wird ihr Job-Albtraum keine Bedeutung mehr haben.

„Es macht mir solche Angst, dass ich nicht mehr weiter weiß. Noch nie habe ich mich so aufgeschmissen gefühlt“, fährt sie fort, ihr Herz auszuschütten.

Während sie das tut, hört sie irgendwann von Ferne eine Stimme, die sich in ihren Monolog mischt. Sie registriert sie nur beiläufig und redet einfach weiter. Auf einmal unterbricht Paulhapunkt sie.

„Mein Finchen, es tut mir leid, aber ich muss dich kurz zur Seite legen. Meine Mutter kann ihre Tabletten nicht finden. Ich werde ihr eben beim Suchen helfen und bin gleich wieder für dich da.“

Josephine hört ein Scharren, dann Stimmen, die sich entfernen. Schließlich hört sie nur noch ein Rauschen.

„Ich glaub, mein Schwein pfeift“, murmelt Josephine in die Stille hinein.

Dann denkt sie nichts mehr. In ihrem Kopf herrscht komplette Leere. Dafür meldet sich ihr Magen. Ein dumpfes Grollen schiebt sich empor, arbeitet sich an Zwerchfell, Herz und Lunge vorbei, um sich in ihrer Luftröhre zu einem Kloß zu formen, der ihr fast den Atem nimmt. Kurz bevor sie daran erstickt, schleudert sie ihr Smartphone mit einem wütenden Schrei gegen die Wand. Ein kleiner Funken Verstand irgendwo weit hinten in ihrem Hirn erinnert sie daran, wo sie sich befindet. Weil sie nicht will, dass das ganze Hotel in spätestens einer Minute vor ihrer Zimmertür steht, um ein vermutetes Massaker zu verhindern, beschließt sie, auf weitere Unmutsäußerungen in dieser Intensität zu verzichten. Stattdessen wirft sie sich auf ihr Bett, verbeißt sich in ihr Kissen, um ihre Schreie zu dämpfen, und hämmert mit Fäusten und Füßen auf die Matratze ein. Als sie keine Luft mehr bekommt, hebt sie kurz den Kopf. Dann geht es weiter mit dem Verprügeln des Federbetts.

Nach einigen Minuten ist Josephine einfach zu erschöpft, um noch einen weiteren Schlag ausführen zu können. Sie dreht sich auf den Rücken und starrt in den Dachstuhl, der sich wohltuend weit über ihr erstreckt. Erstaunlicherweise beruhigt der Anblick sie, und plötzlich weiß sie genau, was sie tun wird.

„Ich gehe nicht zurück!“

Josephine sagt es laut und mit fester Stimme. Sie lauscht dem Nachhall ihrer Worte im Gebälk über ihr und wartet auf eine Reaktion ihres Gewissens, dieser vertrauten, aber ungeliebten Instanz, die sie immer dann ausbremst, wenn sie sich über irgendetwas maßlos aufgeregt und sich in diesem Zusammenhang zu einem konsequenten Kurswechsel entschließt. Dieses Gewissen, das sie ermahnt, nicht überzogen zu regieren und vernünftig zu sein, das auf die furchteinflößenden Konsequenzen hinweist, die bestimmt folgen werden und das ihr sagt, dass es ihr leid tun wird, wenn sie einen zu radikalen Entschluss fasst. Doch erstaunlicherweise ist selbst diese Instanz in ihrem Inneren endlich einmal still. Josephine befürchtet zwar, dass sie sich irgendwann wieder melden wird, aber das wird später sein. Jetzt schweigt sie. Und das fühlt sich gut an.

„Ich gehe nicht zurück“, sagt Josephine deshalb noch einmal – weil es sich so gut anfühlt. Langsam richtet sie sich auf. Ihre Augen suchen nach ihrer Reisetasche, die neben dem Bett steht. Sie rutscht zur Kante, stellt ihre Füße zu beiden Seiten neben die Tasche und zieht ihr Laptop heraus. Den WLAN-Code hat sie sich vorhin von Carmen geben lassen.

„Wie gut, dass ich meinen Rechner dabei habe, sonst hätte ich jetzt echt ein Problem.“

Sie wirft ihrem Smartphone, das vor der Wand auf dem Boden liegt, einen schuldbewussten Blick zu.

„Das Ding spricht sicher nie wieder mit mir“, seufzt sie und zuckt die Achseln.

Dann fährt sie das Laptop hoch, gibt den Code ein und öffnet ihr Email-Programm. Ohne sich um die alsbald eintrudelnden Nachrichten von ihrer Freundin Birthe, ihrer Heilpraktikerin und der eines ihr unbekannten Herrn zu kümmern, der sie über die einmalige Gelegenheit informiert, ganz schnell ganz viel Geld zu verdienen, öffnet sie ein Formular. Diese Mail schreibt sie an ihren Chef.

Lieber Gernot, beginnt sie.

Seit sie mit der Agentur Reithofer & Friends zusammenarbeiten, duzen sie sich in der Marketingabteilung. Das hat Dr. Taler eingeführt, nachdem er das erste Mal mit seinen Mitarbeitern bei der Agentur war, damit sie sich alle bei einem Arbeitstreffen besser kennenlernen konnten. Ihr Chef, der bis dahin sehr darauf geachtet hatte, dass sein Titel überall Erwähnung fand, war von dem betont lockeren und kumpelhaften Ton, den die Werber untereinander pflegten augenscheinlich schwer beeindruckt gewesen und musste das umgehend auch in seiner Abteilung einführen.

Nun hatte sie also schon mal die Anrede. Aber wie sollte es jetzt weitergehen? Sie denkt nach. Sollte sie kündigen? Am besten sofort?

Der Gedanke ist verlockend, aber Josephine kennt sich gut genug, um zu wissen, dass ihr radikale Akte der Zerstörung von existenzieller Sicherheit nur kurzzeitig behagen. Also beschließt sie, Zeit zu gewinnen, bis sie sich über ihre Situation und die daraus resultierenden Konsequenzen im Klaren ist. Und das heißt, dass sie dem lieben Gernot jetzt nicht mitteilen wird, dass sein groteskes Verständnis von dem, was eine Marketingabteilung tun sollte, um der Außenwahrnehmung eines Unternehmens mehr zu nützen als zu schaden, sie zu der einzigen Reaktion getrieben hat, die ihr Gewissen vertreten kann, nämlich der zu kündigen. Sie wird ihm auch nicht schreiben, was sie von seiner naiven Loyalität zu einer Agentur hält, die all ihr zweifelhaftes Können einsetzt, um das Image ihres Kunden restlos zu ruinieren. Auch wird sie es vermeiden, ihn darauf hinzuweisen, wie skrupellos sein lieber Dennis ihn verarscht, wenn er immer wieder das Kampagnenbudget mit fadenscheinigen Ausreden überzieht. Genauso wenig, wie sie ihm mitteilen wird, dass es sich bei dem Promi im Nachtclub weder um Boris Becker noch um Dieter Bohlen gehandelt hat. Stattdessen wird sie tun, was sie schon viel zu oft tun musste, um nicht auf Konfrontationskurs mit ihm zu geraten, nämlich ihre wahren Gedanken tarnen, über ihre tatsächlichen Gefühle hinwegtäuschen, um sich für eine dringend benötigte Auszeit zu verpissen!

Josephine schreibt. Es tut mir sehr leid – das tut es natürlich nicht – aber ich muss dich um sofortigen Urlaub bitten. Ich weiß, dass der Zeitpunkt ungünstig ist, jetzt, wo die Überarbeitung der Marke ansteht und die Ergebnisse des Workshops in ein Kommunikationskonzept überführt werden müssen.

Für einen Moment meldet sich Josephines schlechtes Gewissen. Der arme Dr. Taler. Für ihn musste das ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt sein. Auch wenn das, was die Agentur mit seinem Segen im Workshop ausgebrütet hat, fatale Auswirkungen haben würde, so war sie trotzdem die Einzige, die den nötigen Fachverstand besaß, um die notwendigen Umsetzungsschritte einzuleiten. Von der Überarbeitung des Corporate Design-Handbuchs über die Anpassung der Geschäftsausstattung bis hin zur Mediaplanung. Zuvor müssten die Ergebnisse des Workshops aufbereitet werden, um sie Cornelius präsentieren zu können, damit er sie absegnete. Natürlich könnte auch die Agentur einige dieser Aufgaben übernehmen – jedenfalls müsste sie es nach einem kurzen Briefing tun können, wenn Reithofer & Friends in den vergangenen Jahren aufgepasst und verstanden hätten, wie die Abläufe bei ihnen im Unternehmen funktionieren. Aber selbst so ein Briefing könnte Dr. Taler kaum selbst erstellen und zwar deshalb, weil er sich erstens für zu wichtig hielt, um diesen administrativen Kram zu erledigen und zweitens, weil er trotz aller Inkompetenz immer noch klar genug denken konnte, um zu wissen, dass ihn das überfordern würde.

„Um die Drecksarbeit zu machen, bin ich immer noch gut genug!“, schimpft Josephine. Verbitterung steigt in ihr auf. Dann schluckt sie ihren Unmut und ihr schlechtes Gewissen herunter und schreibt weiter.

Leider geht es um eine dringende private Angelegenheit, die keinen Aufschub duldet.

Auch wenn Dr. Taler sie als Chef den letzten Nerv kostet, so hat er dennoch ein Herz und sie weiß, dass er sich einem Urlaubsantrag aus gewichtigen Gründen nicht in den Weg stellen wird. Jedenfalls nicht dann, wenn sie entsprechend devot darum bittet.

Ich melde mich, sobald ich absehen kann, wie sich die Angelegenheit entwickelt.

„Vielleicht ist es nicht nett von mir, Dr. Talers Gutmütigkeit auf diese Weise auszunutzen. Andererseits finde ich es auch nicht nett von ihm, meine Expertise, meinen Ehrgeiz und mein dringendes Anliegen, wenigstens ab und zu einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, immer wieder zu enttäuschen und das schon seit Jahren! Wenn ich es genau betrachte, dann führt Dr. Taler auf Kosten der Personalvermittlung ein gutes Leben, indem er sich ohne Rücksicht auf die Konsequenzen von der Agentur bespaßen lässt, anstatt seine Arbeit zu machen. Schließlich können sich sein Kumpel Dennis und er Spannenderes vorstellen, als über Kundenbedürfnisse, Konkurrenzanalysen und Kommunikationsinstrumente zu philosophieren. Viel lieber diskutieren sie die Spielzüge des letzten Footballspiels, das Taler auf Einladung von Reithofer von einer VIP-Loge aus verfolgen darf, und genießen den Champagner, den man ihnen bei dieser Gelegenheit vorsetzt. Für mich dagegen bleibt immer nur die äußerst frustrierende Umsetzung von Ideen, die an Dumpfheit kaum zu überbieten sind. So gesehen kann ich mir die Sache mit dem schlechten Gewissen eigentlich sparen!“

Bestimmt ist es für Reithofer & Friends kein Problem, die wichtigsten Bausteine des Relaunches und die sich daraus ableitenden Maßnahmen und Kosten in einer kurzen Präsentation für den GF zusammenzufassen.

„Selbstverständlich wird das ein Problem sein, denn weder Dennis Reithofer noch Dr. Taler oder gar die frisch eingestellte Frau Gutenberg-Voss werden auch nur ansatzweise eine Vorstellung davon haben, was auf Seiten der Personalvermittlung an dem Unterfangen hängt! Aber da solche praktischen Umsetzungsfragen wegen des damit verbundenen Realitätsbezugs für Herrn Dr. Taler noch nie eine Rolle spielten, kann man bestimmt darüber hinwegsehen.“

Ich hoffe auf dein Verständnis für diesen Notfall ...

„Und das ist nicht einmal übertrieben!“

... und freue mich darauf, meine Arbeit bald wieder aufnehmen zu können.

„Okay, das ist gelogen. Aber Dr. Taler kann mit Heuchelei weit besser umgehen als mit der Wahrheit und deshalb nehme ich diese Schuld gerne auf mich. Ja, ich bin eben immer noch ein guter Mensch!“

Zufrieden mit sich unterzeichnet Josephine die Mail mit Viele dankbare Grüße – ein bisschen schleimen schadet nie – und klickt auf Senden. Geschafft!

Sie atmet tief durch.

Dann öffnet sie ein weiteres Email-Formular. Diese Mail geht an Paulhapunkt.

„Was schreibe ich ihm bloß?“, fragt sich Josephine seufzend.

Sie denkt an das vor wenigen Minuten geführte Telefonat, und sofort steigt die Wut erneut siedend heiß in ihr hoch.

„Meine Welt geht unter, und mein Liebster hilft lieber seiner Mutter dabei, ihre Tabletten zu suchen, die vermutlich genau dort liegen, wo sie sie zwei Minuten vorher versteckt hat, um mal wieder einen fadenscheinigen Grund zu haben, sich Paulhapunkts uneingeschränkter Loyalität zu versichern“, flucht sie laut. „Ich halte es nicht für ausgeschlossen – nein, sogar für wahrscheinlich – dass die arme, schon wieder von einer plötzlichen Krankheit Heimgesuchte zu diesem Zweck stundenlang darauf gewartet hat, dass ich endlich heimkomme, um unsere Wiedersehensfreude genau dann, wenn sie am schönsten ist, kaputtzumachen. Bestimmt ist der alte Drache die Treppe hochgeschlichen, als in der oberen Wohnung das Telefon klingelte, und hat gelauscht, um just in dem Moment hereinzuplatzen, als ich meinen Liebsten einmal für mich brauchte. Und Paulhapunkt? Er hat getan, was er immer tut, nämlich springen, wenn seine Mutter etwas will. Als ob sie ihre Tabletten nicht auch eine halbe Stunde später finden kann!“ Josephine gerät immer mehr in Rage. „Will ich diese Spielchen wirklich für den Rest meines Lebens mitmachen? Niemand weiß, wie lange Mutti noch durchhält. Wenn Edeltraud mich am Ende sogar überlebt, weil Himmel und Hölle sich nicht darüber einig werden können, wer von beiden sie aufnehmen muss, was habe ich dann von der Liebe meines Lebens gehabt?“

Dieser Gedanke macht Josephine so wütend, dass sie am liebsten auch unter ihr Privatleben sofort einen dicken Strich ziehen würde. Soll Paulhapunkt doch ein kümmerliches Dasein am Rockzipfel seiner Mutter fristen, wenn ihm so viel daran liegt! Sie hat sich definitiv etwas anderes für ihr Leben vorgestellt.

Allerdings ist Josephine Realistin genug, um zu wissen, dass sie das nicht durchziehen könnte. Sie liebt ihren Paulhapunkt, auch wenn er ein Muttersöhnchen ist.

„Leider“, fügt sie in diesem Moment hinzu und beginnt zu schreiben.

Lieber Paul, ...

Sie löscht „Lieber“ und schreibt ein unverbindliches Hallo. „Lieber“ zu schreiben, kann sie gerade nicht mit ihren Gefühlen für ihn vereinbaren.

Dieser Tag war zu viel für mich. Ich muss herausfinden, wie mein Leben weitergehen soll.

Am liebsten würde Josephine ihrem Lebensgefährten nun ihr fristloses Fernbleiben mitteilen und ihm ein langes, glückliches Leben an der Seite seiner Mutti wünschen. Leider jedoch würde Paulhapunkt das entweder nicht verstehen oder – wenn er es täte – beleidigt reagieren. Dann würde er auf sie sauer sein statt umgekehrt, und das ist das Letzte, was sie will. Schließlich ist sie auf ihn sauer, und das zu Recht! Aber wenn sie Paulhapunkt einen Anlass liefert, ihr Vorwürfe zu machen, könnte es sein, dass sich ihr schlechtes Gewissen auf seine Seite schlägt und sie sich schuldig fühlt. Und die Dumme zu sein und sich schuldig zu fühlen, führt unweigerlich zu Depressionen, und die kann sie gerade so gar nicht gebrauchen. Im Gegenteil: Sie benötigt jetzt dringend einen klaren Kopf, und da ist jede Form von Stress, den sie selbst hervorruft, weil sie Diskussionen beginnt, die sie nicht gewinnen kann, kontraproduktiv. Also zwingt sie sich zu einer knappen, neutralen Formulierung, was sie viel Überwindung kostet, aber letztlich die einzige vernünftige Lösung ist, um sich weniger angreifbar zu machen.

Dazu muss ich nachdenken und brauche Abstand. Deshalb werde ich hierbleiben.

Gruß, Josephine

Sie liest sich die Zeilen noch einmal durch und ertappt sich dabei, wie sehr sie sich wünscht, dass Paulhapunkt endlich kapiert, wie verletzt sie ist und dass sie ihn braucht. Noch viel mehr wünscht sie sich, dass er sie vermisst und endlich begreift, wie viel sie ihm bedeutet. Jedenfalls hofft sie sehr, dass es so ist.

4

Josephine schreckt hoch. Nach dem aufwühlenden Tag ist sie endlich auf dem besten Weg gewesen einzuschlafen, als sie einen vertrauten Klingelton hört. Suchend blickt sie sich im dunklen Zimmer um. Tatsächlich! Da hinten in der Ecke sieht sie das helle Display ihres Smartphones. Sie ist überrascht, dass das Gerät noch funktioniert, nachdem sie es mit voller Wucht gegen die Wand geschleudert hat, und nimmt seine Unverwüstlichkeit anerkennend zur Kenntnis. Dann durchzuckt sie ein hoffnungsvoller Gedanke.

Ob Paulhapunkt anruft? Ob er begriffen hat, wie ernst es ihr ist? Ob er es ohne sie nicht mehr aushält? Ob er ihr sagen will, dass er sie unbedingt sehen muss und zu ihr kommt, egal wie spät es ist, wenn er nur wüsste, wo sie sich befände?

Josephine seufzt resigniert. Sie kennt ihren Paulhapunkt. Derartige Gefühlsausbrüche und spontane Aktionen sind bei ihm nicht vorgesehen.

Widerwillig tastet sie nach dem Lichtschalter, quält sich aus dem Bett und wankt zu dem leuchtenden und vibrierenden Gerät in der Ecke. Zuerst wirft sie einen Blick auf die Uhrzeit im Display: 23:47 Uhr.

„Weißt du, wie spät es ist?“, blökt sie ins Telefon.

„Ehrlich gesagt nein“, erfolgt prompt die Antwort. „Warum?“

„Es ist kurz vor Mitternacht!“, klärt Josephine die Anruferin auf.

„Ach so. Ich habe gerade erst die Kinder ins Bett gekriegt und dachte, das ist die Gelegenheit, um ungestört mit dir zu telefonieren.“

„Deine Kinder bleiben so lange auf?“, fragt Josephine entgeistert.

„Morgen ist keine Schule und sooo klein sind sie nun auch nicht mehr.“

Josephine verdreht die Augen. Mag sein, dass es am Wochenende vertretbar ist, einen Dreizehnjährigen und eine Neunjährige bis kurz vor zwölf aufbleiben zu lassen – da kennt sie sich nicht so aus. Verwerflich findet sie aber, zu dieser späten Stunde noch in der Gegend herumzutelefonieren!

„Ich habe bereits geschlafen“, erklärt sie missbilligend.

„Warum bist du dann ans Telefon gegangen? Ich hätte es morgen noch einmal probieren können“, antwortet Friederike, und Josephine weiß, dass ihre Schwester es genau so meint, wie sie es sagt.

Bei jedem anderen würde sie vermuten, er oder sie setzte alles daran, sie zur Weißglut zu treiben. Josephine schüttelt den Kopf. Friederike jedoch dachte wirklich so ... oder dachte eben auch nicht. Beziehungsweise sie dachte nicht darüber nach, dass andere Menschen schon ins Bett gegangen sein könnten, wenn sie noch putzmunter war. So wie sie überhaupt nie die Probleme anderer Menschen zu ihren eigenen machte. Ihr war danach, mit jemandem zu quatschen, egal wie spät es war, also tat sie es. Andere könnten ihr Telefon ja ausstellen, wenn sie nicht gestört werden wollten.

„Wenn‘s gerade nicht passt, kann ich auch gerne morgen Abend nochmal anru...“

„Ach du, lass mal“, unterbricht Josephine sie schnell und unterdrückt ein Stöhnen.

Sich mit ihrer Schwester zu einem Telefonat zu verabreden, konnte schnell dazu führen, dass Friederike zum vereinbarten Termin anderes zu tun hatte und zurückrufen würde, sobald sie Zeit hatte. Das wiederum könnte auch spät am Abend oder mitten in der Nacht sein, möglicherweise auch erst am frühen Morgen, aber mit Sicherheit dann, wenn es Josephine überhaupt nicht passte.

„Sag mir einfach, was ich für dich tun kann“, fordert sie ihre Schwester seufzend auf.

„Ich will nur wissen, ob du deine alten Rollschuhe noch brauchst. Lara will unbedingt welche haben, weil ihre Freundin Esther auch welche zum Geburtstag bekommen hat, und da fiel mir ein, dass du früher Rollschuhe hattest.“

Nun kann Josephine ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken. „Weißt du, wie lange das her ist? Woher soll ich wissen, ob die Teile noch existieren? Und wenn, dann werden sie wohl bei unseren Eltern auf dem Dachboden liegen.“

„Da könntest du recht haben“, überlegt Friederike. „Hm ... dann rufe ich gleich mal bei den beiden an und frage.“

„Bist du wahnsinnig? Um diese Zeit?“

„Ach stimmt, Elke und Gunnar gehen ja auch immer so früh ins Bett ...“

Josephine seufzt und reibt sich das Gesicht. „Zumindest werden sie kaum Lust dazu haben, mitten in der Nacht die klapprige Bodenleiter hochzuklettern, um in verstaubten Kartons nach Rollschuhen zu suchen, die vermutlich sowieso viel zu groß für Lara sind. Ich war zwölf, als ich sie bekommen habe.“

„Und du meinst nicht, dass man sie ausstopfen kann?“

Josephine schüttelt ungläubig den Kopf. Obwohl sie ihre Schwester schon ein Leben lang kennt, ist Friederike seit jeher ein unbekanntes Wesen für sie, weil sie anders tickt als alle anderen Menschen in ihrem Umfeld. Josephine hat sich schon oft gefragt, wie ausgerechnet diese Seele ihren Weg in eine Familie finden konnte, in der alle anderen vernünftig sind und mit beiden Beinen in der Realität stehen. Friederike hatte nie in das ordentliche, aufgeräumte Leben der Familie gepasst. Sie hatte nicht begriffen, warum die Zucht weißer Mäuse in ihrem Zimmer zu einem Problem werden konnte, besonders dann, wenn man sie frei herumlaufen ließ. Sie hatte auch nicht verstanden, warum man seine Geldbörse nicht verlieh, warum ihr Vater die Atomkraft – nein danke!-Aufkleber auf seinem Auto doof fand und wozu sie Hausaufgaben machen sollte, wenn sie keine Lust dazu hatte. Einzig und allein ihre große Intelligenz hatte sie damals durch die Schulzeit gebracht, bis sie selbige plötzlich beendete und bei Nacht und Nebel mit Timothy durchbrannte. Obwohl Josephine erst neun Jahre alt war, als die siebzehnjährige Friederike mit dem sehr viel älteren „langhaarigen Bombenleger“, wie ihr Vater ihn nannte, weglief, erinnert sie sich noch gut daran, wie verstörend es für sie war, ihre Schwester so plötzlich zu verlieren.

Danach hatte sie von Friederike jahrelang nichts gehört. Erst viel später erfuhr sie, dass sie sich in unregelmäßigen Abständen bei ihren Eltern gemeldet und auch nach ihr, Josephine, gefragt hatte. Sie hatte ihrer kleinen Schwester sogar Karten und Briefe geschrieben, aber die waren niemals bei ihr angekommen. Ihre Eltern hatten sie abgefangen, weil sie nicht wollten, dass Josephine sich durch das Beispiel ihrer Schwester inspirieren ließ, ebenso alles hinzuschmeißen „und ihr Leben wegzuwerfen“, wie sie es nannten. Deshalb wurde über ihre Schwester mit dem Tag ihres Verschwindens nicht mehr gesprochen. Nur manchmal hatte Josephine den Verdacht, dass Elke und Gunnar Neuigkeiten über Friederike ausgetauscht hatten, wenn sie unvermutet das Wohnzimmer betrat und das Gespräch ihrer Eltern sofort verstummte.

Dabei weiß Josephine genau, dass sie niemals wie Friederike geworden wäre! Sie hatte nie vorgehabt, „auf die schiefe Bahn zu geraten“, wie es damals hieß. Für sie war immer klar gewesen, dass sie die Schule beenden und studieren würde. Von jeher war sie ehrgeizig gewesen und hatte sich angestrengt, um es zu etwas zu bringen. Sie war sich mit ihren Eltern absolut einig darüber gewesen, dass Friederike einen riesigen Fehler gemacht hatte, und so etwas wäre für Josephine nie infrage gekommen. Mit einem verlausten Parka-Träger ein ungewisses Dasein zwischen Parkbank und besetzten Häusern zu fristen, hatte mitnichten zu ihren Zukunftsplänen gehört.

Fünf Jahre nach ihrem Verschwinden hatte sich Friederike zum ersten Mal wieder in der Südstraße 4 blicken lassen. Damals war Josephine gerade vierzehn gewesen. Sie hatte den Erzählungen ihrer Schwester, genau wie ihre Eltern, trotz der Begeisterung über Friederikes Erscheinen mit Befremden gelauscht, als sie von ihrem Leben in einem besetzten Haus, von ihren Jobs in Kneipen und im Lager eines Supermarktes sowie von ihren Freunden sprach, die Umwelt- und Friedens-Demos organisierten und keine Gelegenheit versäumten, gegen irgendetwas zu protestieren. Viel abschreckender konnte ein Leben Josephines Meinung nach nicht aussehen, und sie konnte es gar nicht fassen, dass ihre Schwester so etwas freiwillig auf sich nahm.

Heute lebt Friederike von einem Job als Erzieherin in einem alternativen Kindergarten und leidet unter chronischem Geldmangel. Obwohl „leiden“ vermutlich nicht der richtige Ausdruck ist, denn sie beklagt sich nie. Sie hat eben kein Geld, und wenn sie etwas außer der Reihe braucht, dann versteht sie es irgendwie, es sich über ihre unzähligen Kontakte zu organisieren. Dazu kommt, dass nicht davon auszugehen ist, dass die beiden Väter ihrer Kinder Reto und Lara Unterhalt zahlen. Josephine kennt sie nicht und würde auch nicht ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass ihre Schwester das tut. Doch derartige Reizthemen, über die man sich sowieso nur aufregen würde, werden in ihrer Familie ausgeblendet. Darin sind sich alle einig – in diesem Fall sogar mit Friederike.

„Selbst wenn die Rollschuhe noch irgendwo herumfliegen, würde ich nicht darauf wetten, dass sie funktionieren. Vermutlich waren die Motten am Schuhwerk und der Rost am Kugellager. Wenn unsere Mutter sie nicht längst weggeworfen hat, dann würde ich ihr raten, das schleunigst nachzuholen“, entgegnet Josephine ungnädig.

„Sag mal, bist du schlecht drauf?“, fragt Friederike verwundert.

„Ich bin hundemüde!“, erklärt Josephine ungeduldig. „Ich habe einen entsetzlichen Tag hinter mir und war froh, mich gerade soweit abgeregt zu haben, dass ich endlich ein bisschen schlafen konnte. So viel Glück hatte ich heute gar nicht mehr erwartet. Und dann rufst du an – mitten in der Nacht – und fragst nach Rollschuhen, an die ich mich kaum erinnere, und die Lara, wenn sie ein bisschen was auf sich hält, vermutlich nicht mit dem Hintern ansehen wird, weil man sich auf so etwas heute gar nicht mehr sehen lassen kann! Warum tust du so etwas?“

Sie ist laut geworden. Dafür ist es in der Leitung still. Josephine fährt sich mit der Hand durch die Haare. Sie hätte ihre Schwester nicht so anfahren dürfen. Genau genommen ist Friederikes Anruf kurz vor Mitternacht und die Frage nach einem vermutlich längst verrotteten Kinderspielzeug so ziemlich das Harmloseste, was ihr heute passiert ist.

„Willst du darüber reden?“

Gerade hat sie sich davon überzeugt, dass sie keinen Grund hat, sich aufzuregen, da belehrt sie diese Bemerkung eines Besseren, und ihr Puls schnellt in die Höhe.

Das ist mal wieder typisch für ihre Schwester! Sie will immer über alles reden. Über den Weltfrieden, den Atomausstieg und den Hunger in der dritten Welt kann man endlos mit ihr diskutieren, auch wenn sich niemals etwas daran ändern wird, nur weil man darüber gesprochen hat. Aber wieso über ihre Probleme? Wie sollte sie einer Frau, für die Leistungsorientierung bestenfalls ein abstrakter Begriff ist erklären, dass es eine Tortur für sie darstellte, in ihrem Job nur Blödsinn machen zu dürfen? Wie sollte sie ihr klarmachen, wie furchtbar sie sich fühlte, wenn ihr Partner ständig nach der Pfeife seiner Mutti tanzte, wenn Friederike jeden, der nicht mehr in ihr Konzept passte, schulterzuckend entsorgt hatte? Wie sollte sie ihr erklären, dass sie nervlich am Ende war, weil sie ihr Leben nicht mehr ertrug, wenn ihre Schwester sich aus einem Konstrukt, das ihr nicht behagte, schon mit siebzehn, ohne mit der Wimper zu zucken, verabschiedet hatte? Wie sollte sie ihr begreiflich machen, dass sie so gerne alles hinschmeißen würde, wenn sie nur keine Angst davor haben würde, ohne einen vernünftigen Job und den Halt ihrer Beziehung unterzugehen, während Friederike nicht einmal wusste, was das eine oder das andere ist? Welchen Sinn sollte es also haben, mit ihrer Schwester über ihre Situation zu reden? Eigentlich keinen, sagt sich Josephine, aber da bricht es schon aus ihr heraus.

„Meine Welt ist im Arsch, das ist alles!“, blökt sie ins Telefon. „Mein Job ist eine Katastrophe, weil mein Chef genauso bescheuert ist wie die Dienstleister, mit denen er sich umgibt, und ich keine Chance habe, etwas dagegen auszurichten. Meine Beziehung ist eine Katastrophe, weil der Mann meines Lebens am Rockzipfel seiner Mutti hängt und ich für ihn in ihrer Gegenwart überhaupt nicht existiere. Und ich selbst bin eine Katastrophe, weil ich das alles zum Kotzen finde und keine Ahnung habe, wie ich es ändern soll. Ich bin kurz vorm Durchdrehen und vielleicht bin ich das sogar schon, weil ich den Scheiß einfach hingeschmissen und mir eine Auszeit genommen habe. Jetzt sitze ich in einem winzigen Ort am Arsch der Welt, wo es nicht einmal einen Supermarkt gibt, und von dem ich auch nicht weiß, wie er heißt!“

Für eine Sekunde herrscht Stille in der Leitung.

„Hört sich bis hierhin recht vernünftig an“, kommentiert ihre Schwester das Gehörte.

Josephine ist erstaunt. Bis zu diesem Zeitpunkt ist sie nicht davon ausgegangen, dass das Wort „vernünftig“ im Wortschatz ihrer Schwester vorkommt. Könnte es tatsächlich möglich sein, dass gerade Friederike, so unglaublich das ist, sie versteht?

„Und den Namen des Ortes kann man bestimmt herausfinden“, ergänzt ihre Zuhörerin mit beruhigender Stimme.

Vielleicht sollte sie das mit dem Verständnis ihrer Schwester für ihre Situation nicht überbewerten, überlegt Josephine. Schließlich war das Herausfinden des Ortsnamens nicht ihr Hauptproblem.

„Der Name des Kaffs ist mir ziemlich schnuppe“, entgegnet sie unwirsch.

„Dann scheinst du doch alles im Griff zu haben“, findet ihre Schwester.

Josephine ist verwirrt.

„Ich? Alles im Griff? Hast du mir überhaupt zugehört? Ich bin ausgestiegen! Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe! Und ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll!“

„Ach so. Das gibt sich“, beruhigt Friederike sie. „Da findet sich immer eine Lösung. Schau mich an!“

Josephine schließt die Augen. Herr im Himmel! Bitte mach, dass meine Auszeit nicht so eine hirnverbrannte Dummheit ist wie die meiner Schwester, als sie mit dem langhaarigen Bombenleger durchbrannte, um in besetzten Häusern vom Weltfrieden zu träumen, von der Hand in den Mund zu leben und nebenbei noch zwei Kinder ohne Vater großzuziehen. Im Gegensatz zu ihr habe ich nämlich immer noch nicht vor, mein Leben aufzugeben. Ich will es wiederhaben! Ich will etwas erreichen! Ich will etwas aufbauen! Eine Marke, eine Karriere, eine Beziehung, ein Zuhause – alles! Ich will ein Leben, auf das ich stolz sein kann und nicht eines, über das ich mich beim nächsten Klassentreffen geheimnisvoll ausschweigen muss, weil sich Statusberichte wie „man nennt mich Marketingexpertin, aber eigentlich arbeite ich als Nanny für Bekloppte und Bescheuerte“ und „Na klar habe ich einen Freund, aber er kann heute Abend nicht dabei sein, weil er seine Mutti nicht alleinlassen kann, bei der wir übrigens auch wohnen“ nicht nach einer Erfolgsstory anhören.

Deshalb antwortet Josephine nur resigniert: „Großartig, dass du das nachvollziehen kannst.“

Wie konnte sie nur einen Moment lang annehmen, ausgerechnet bei ihrer verrückten Schwester Verständnis zu finden?

„Vielleicht weil es eine gewisse Familienähnlichkeit zwischen uns gibt?“, sinniert Friederike.

Josephine zuckt zusammen. Sie kann gerade nicht ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte handelt. Aber dass sie so weit danebenliegt, will sie nicht hoffen!

„Wo bist du eigentlich untergekommen?“, fragt ihre Schwester. „Also abgesehen davon, dass du den Namen des Ortes nicht kennst – kannst du dein Umfeld irgendwie beschreiben?“

Was sollte das denn jetzt? Ihre Schwester hörte sich an, als sei sie unzurechnungsfähig, und es bestünde die Gefahr, dass sie nach einer Phase des Deliriums in irgendeinem Ashram, einer Ausnüchterungszelle oder mitten in der Kanalisation aufgewacht ist. Und vermutlich fände sie das auch noch „irgendwie okay“!

Josephine weiß, dass es kindisch ist, aber die Versuchung ist groß. Irgendetwas muss es schließlich geben, was sogar ihre Schwester schocken kann.

„Ich habe einen Typen getroffen, der Bullis an Landstraßen vermietet. Meiner ist eigentlich recht hübsch mit der roten Herzchen-Lichterkette an der Windschutzscheibe. Fürs Erste wird’s gehen“, antwortet sie.

„Solange niemand vorbeikommt, der dich für eine Liebesdienerin hält ... am besten, du machst die Lichterkette aus. Oder, wenn du wirklich umsatteln willst, meine Freundin Olga kann gut davon leben. Aber die arbeitet auch auf eigene Rechnung und in einem eigenen Bulli.“

Josephine gibt sich geschlagen. Hätte sie sich eigentlich denken können, dass ihre Schwester nicht einmal so etwas befremdlich fände.

„War ein Spaß“, erklärt sie resigniert.

„Weiß ich doch“, kichert Friederike. „Du bist echt nicht der Typ für so etwas.“

Ihr Kichern ist ansteckend, und Josephine muss mit einstimmen. Kurze Zeit später lachen beide Tränen.

„Jetzt mal im Ernst: Wo bist du gelandet?“, fragt Friederike, als sie sich wieder beruhigt hat.

„Ich bin auf einem Gutshof mit Restaurant und Hotelbetrieb. Morgen fange ich als Aushilfe an.“ Josephine muss zugeben, dass sie fast ein bisschen stolz darauf ist, so konsequent die Reißleine gezogen und Nägel mit Köpfen gemacht zu haben. Trotzdem wächst ein Kloß in ihrem Hals. Sie fühlt sich weniger stark als sie sich fühlen möchte.

„Cool!“, lobt Friederike. „Du hast ein Dach über dem Kopf und auch schon eine Arbeit. Dann ist doch alles bestens!“

So unbekümmert wie ihre Schwester vermag Josephine ihre Situation nicht zu sehen. Sie ist den Tränen nahe, als ihr bewusst wird, wie ernst ihr das Ganze ist.

Sie wünschte, das alles wäre nur so etwas wie ein Spiel, bei dem sie sich ein wenig austobte, um dann nach Hause zurückzukehren und weiterzumachen als sei nichts gewesen. Aber obwohl sie die Verbindungen zu ihrem früheren Leben längst noch nicht endgültig gekappt hatte, so wusste sie doch, dass ihr Tun Folgen haben würde. Sie hatte sich mit dieser Aktion eingestanden, dass ihr Leben so nicht weitergehen konnte – weder beruflich noch privat. Deshalb würde es auch kein Zurück geben. Im Gegenteil: Sie würde weitergehen müssen! Aber wie dieses „Weiter“ aussehen und wohin ihr Weg sie führen würde, wusste sie nicht. Und das machte ihr Angst.

Bestens würde ich es nicht nennen“, presst sie bitter hervor. „Ich bin dabei, alles zu verlieren, was ich mir aufgebaut habe. Ich habe keine Ahnung, ob ich das Richtige tue und ob ich mit den Konsequenzen leben kann.“

„Das ist nur die Angst vor dem Ungewissen“, versucht Friederike sie zu beruhigen, erreicht damit aber genau das Gegenteil.

„Natürlich habe ich Angst!“, platzt Josephine heraus. „Ich würde so etwas nie tun, wenn ich nicht befürchten müsste, dass ich meinem Chef empfehlen würde, sich seine blödsinnigen Ideen und seine unerträgliche Inkompetenz dorthin zu stecken, wo sie hingehören, er sie vermutlich aber nicht haben will. Und meinen allerliebsten Paulhapunkt würde ich niemals im Stich lassen, wenn er mir nur ein einziges Mal das Gefühl geben würde, dass ich ihm wichtig bin, dass er mich liebt und dass er sein Leben mit mir anstatt mit seiner Mutti verbringen will. Ich fühle mich furchtbar! Überflüssig! Unwichtig! Verraten und verkauft! Und außerdem so entsetzlich gedemütigt, weil ich alles, aber auch wirklich alles getan habe, damit mein Chef und mein Partner begreifen, was ich für sie tue und was für einen absurden Blödsinn sie veranstalten. Aber nichts dergleichen passiert. Das ist so ... so ...“

Unvermittelt fängt Josephine an zu weinen. „Es tut mir leid“, schluchzt sie nach einer Weile und legt das Smartphone zur Seite, um sich die Nase zu putzen.

„Weine ruhig. Es ist wohl höchste Zeit, dass du das zulässt“, hört sie ihre Schwester aus der Ferne verständnisvoll sagen.

„Aber das hilft mir doch auch nicht“, begehrt Josephine auf, als sie die Nase fertig geputzt hat und das Smartphone wieder am Ohr hält. „Was soll ich denn jetzt machen?“

„Nichts, beziehungsweise genau das, was du schon tust. Bleib auf dem Gut, gewinne Abstand und komm zur Ruhe.“

Josephine schnieft. „Vielleicht hast du recht. Vielleicht brauche ich wirklich nur ein bisschen Distanz und finde dann viel schneller eine Lösung für meine Probleme, als ich das zu Hause könnte.“

„Zuerst einmal könntest du deine Probleme dort lassen, wo sie sich jetzt schon befinden, nämlich bei Paulhapunkt und deinem Chef. Entspann dich! So wie du dich anhörst, kannst du gerade sowieso nichts ausrichten.“

Josephine holt empört Luft: „Das ist nicht dein Ernst! Mein Leben explodiert, und du findest, ich kann mich einfach zurücklehnen und dabei zusehen, wie sich meine Existenz pulverisiert?“

„Quatsch! Ich habe nicht gesagt, dass dir alles egal sein soll. Aber fällt dir irgendetwas Sinnvolles ein, was du jetzt tun könntest, um deine Situation zu ändern?“

„Nein“, muss Josephine zugeben.

„Na also“, kontert Friederike. „Dann kannst du jetzt eine Zeit lang deine Grübeleien lassen und dich auf das Nächstliegende konzentrieren. Glaube mir, wenn die Zeit reif dafür ist, dass du dich um deine Probleme kümmern solltest, dann bist du die Erste, die das mitbekommt.“

5

„Oh mein Gott!“ In dem Moment, als Josephine ihre Augen aufschlägt, setzt die Erinnerung an den vergangenen Tag wieder ein. „Was habe ich nur getan?“

In der letzten Nacht hatte sie nach dem Telefonat mit ihrer Schwester noch lange wachgelegen. Erst am frühen Morgen hatte sie endlich ein bisschen Schlaf finden können. So lange, bis der Wecker neben ihrem Bett – ein altmodisches Modell aus Messing mit der klassischen Doppel-Glocke darauf – sie aus dem Schlaf riss. Viel zu früh nach dieser kurzen Nacht.

Blinzelnd sieht sich Josephine um. Die frühe Morgensonne scheint durch die Fenster und taucht das komfortable Bett, die hellen Holzmöbel und die herrliche offene Dachkonstruktion in ein warmes Licht.

„Was mache ich hier bloß?“, stöhnt sie auf.

Einen Moment lang ist Josephine versucht, aus dem Bett zu springen, ihre Sachen zusammenzuraffen und nach Hause zu fahren, nachdem sie der Wirtin ein kurzes „Es war alles nur ein Missverständnis“ zugerufen hat. Doch dann steigt die Erinnerung an das Telefonat mit Paulhapunkt in ihr hoch und damit auch ihre Wut. Anschließend denkt sie an den nächsten Montag im Büro, und ihre Wut schlägt augenblicklich in Resignation um.

Wollte sie wirklich in so ein Leben zurückkehren? Bestimmt nicht! Also blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als sich mit der völlig irrsinnigen Option auseinanderzusetzen, als Aushilfe in diesem Hotel zu arbeiten und sich dem ersten Tag ihres neuen Lebens zu stellen. Einem Leben, von dem sie vor vierundzwanzig Stunden noch nicht einmal ahnte, dass es jemals existieren könnte.

Mit diesem Vorsatz klettert Josephine aus dem Bett und geht zum Fenster. Die Aussicht, die sie dort erwartet, lässt ihre dunklen Gedanken für einen Moment in den Hintergrund treten. Eine idyllischere Umgebung als die, die hier im frühen Morgenlicht vor ihr liegt, kann sie sich kaum vorstellen. Hinter dem Haus entdeckt sie einen romantischen Küchengarten, der von schmalen Wegen durchzogen ist, die zwischen niedrigen Hecken und Weidenzäunen entlangführen. Dahinter wachsen eine Vielzahl unterschiedlicher Kräuter und Gemüsesorten neben üppig blühenden Stauden und Blumen. Am hinteren Ende des Gartens bemerkt Josephine, fast versteckt unter rankendem Wein, ein winziges Holzhäuschen mit einer knallrot gestrichenen Bank davor. Links befindet sich eine große Scheune mit einem steinernen Untergeschoss und einer von vielen Jahren silber-grau gebleichten Holzfassade, die sich mit ihrer altertümlichen Bauweise und den emporrankenden Rosen perfekt in das Bild eines verwunschenen alten Bauernhofes einfügt. Weiter rechts, auf der anderen Seite des Küchengartens, verteilt sich eine Vielzahl knorriger Obstbäume in unregelmäßigen Abständen über eine blühende Wiese, die bis zum Rand eines Wäldchens reicht. Hinter Küchengarten und Obstbaumwiese grasen Kühe in Gesellschaft einiger Hühner auf einer großen Weide. Jenseits davon gibt es nur noch eine lange Reihe hochgewachsener Pappeln vor ewig weiten Feldern, die fern am Horizont von einem dunklen Tannenwald begrenzt werden.

Trotz ihres Kummers und ihrer Zukunftsangst kann Josephine gar nicht anders, als sich von der Schönheit der Umgebung berühren zu lassen.

„Ich hätte es schlechter treffen können“, murmelt sie. „Vielleicht habe ich Glück im Unglück gehabt, und es wäre geradezu leichtsinnig, diese Chance zu vertun.“

Mit diesem aufmunternden Gedanken reißt sie sich von der Aussicht los, geht ins Bad und kommt zwanzig Minuten später in ihrer neuen Dienstkleidung, einer weißen Bluse und einem weiten bunten Rock wieder heraus. Nach einem prüfenden Blick in den Spiegel – Weiß steht ihr leider überhaupt nicht, stellt Josephine kritisch fest – fasst sie sich ein Herz und verlässt ihr Zimmer, fest entschlossen, sich auf das Vorhaben einzulassen, das sie gestern begonnen hat.

Sobald Josephine die Küche im Haupthaus betritt, findet sie keine Gelegenheit mehr, über den Sinn oder Unsinn ihres Ausstiegs nachzudenken. Eine bestens gelaunte Carmen, die gerade eine silberne Vorlegeplatte poliert, begrüßt sie mit strahlendem Lächeln und stellt sie ihren neuen Kolleginnen vor.

Da ist die rundliche, ungefähr fünfundfünfzigjährige Christina mit dem pausbäckigen, von kurzen grauen Locken umrahmten Gesicht, die für das Backen von Brot, Brötchen und süßen Teilchen zuständig ist. „Ihre Plunderteilchen sind legendär“, erklärt eine weitere Kollegin mit einem leichten polnischen Akzent namens Agata, eine Mittdreißigerin, die ihre langen dunklen Haare zu einer eindrucksvollen Hochsteckfrisur aufgetürmt hat.

Josephine erfährt, dass es außerdem noch einen Koch namens Kurt sowie seine Frau Silke gibt, die ihm in der Küche hilft. Für das Mittagsbuffet mit Salat, Suppe und Fingerfood sei üblicherweise Mandy zuständig. Bärbel teilt sich mit Agata die Mittags- und Abendschichten im Service. Des Weiteren gibt es Kathrin, eine Frau aus dem Dorf, die entweder im Service oder in der Küche aushelfe, sowie Samira, die für das Putzen der Zimmer und der Seminarräume zuständig sei. Schließlich sei da noch Rouven, Carmens Allzweckwaffe für Reparaturen, grobe Gartenarbeit und die Pflege der Kühe und der Hühner.

Nach der knappen Vorstellungsrunde mahnt Carmen mit einem Hinweis auf die ersten Frühstücksgäste zur Eile. Außerdem werde eine Seminargruppe erwartet, die am Vormittag anreise. Dann schnappt sie sich ihre neue Hilfskraft und nimmt sie mit auf einen Rundgang über das Gelände, um Josephine mit den wichtigsten Gegebenheiten vertraut zu machen, bevor es richtig für sie losgeht.

Carmen eilt mit federnden Schritten durch eine kleine Tür voraus, die nach draußen auf die große Terrasse führt, die Josephine gestern durch die Fenster des Restaurants in der Dämmerung bereits erahnen konnte. Während ihr die Gutsbesitzerin erklärt, was im Service zu tun ist, bewundert Josephine im Stillen die herrliche Kulisse des hinter der Terrasse liegenden Parks. Sie ist beeindruckt von den hohen Bäumen, die die weitläufige Rasenfläche und die sorgfältig angelegten Rosenbeete, deren Pflanzen bereits unzählige Knospen angesetzt haben und bald in voller Blüte stehen werden, einrahmen. Für einen Moment ist sie abgelenkt, bis Carmens Stimme sie wieder ins Hier und Jetzt holt.

„Nach unserem Rundgang hilfst du erst einmal Agata bei der Vorbereitung des Buffets für die Seminargäste. Der Workshop beginnt mittags, und es ist noch viel vorzubereiten.“

Bei dem Begriff Workshop zuckt Josephine zusammen. Ein flaues Gefühl breitet sich in ihrem Magen aus. Sie schüttelt sich.

Carmen schaut sie verwundert an. „Hast du ein Problem mit Workshops?“, fragt sie lachend. „Was ist schlimm daran? Ich beneide diese Leute. Sie dürfen an einen Ort reisen, wo andere Urlaub machen und sich verwöhnen lassen. Und das sogar während der Arbeitszeit! Ich dachte, das seien die angenehmen Seiten des Angestelltendaseins.“

„Es mag Menschen geben, für die das so ist“, stimmt Josephine zu und denkt an ihren Chef, der sich in den letzten Tagen blendend amüsiert hat. „Für andere dagegen kann ein Workshop schnell zum Anlass werden, Hals über Kopf als Aushilfe in einem Landhotel anzuheuern“, seufzt sie. Es soll humorvoll klingen, doch sie kann nicht verhindern, dass sich ein bitterer Unterton in ihre Stimme schleicht.

Carmen wirft Josephine einen verständnisvollen Blick zu. „Mir ist schon klar, dass sich niemand ohne Grund einfach so nach einem Abendessen als Aushilfe verhaften lässt.“ Sie lächelt Josephine aufmunternd zu. „Aber ich war so dringend auf der Suche nach Unterstützung, dass ich nicht widerstehen konnte, als du meintest, dass du am liebsten bleiben würdest.“ Sie grinst, wird aber schnell wieder ernst. „Ich kann mir vorstellen, dass du ziemlich durcheinander bist und Zeit brauchst, um dich zu sammeln. Deshalb frage ich jetzt nicht, wie lange ich mit dir rechnen kann. Bleib solange du willst, fass mit an, und wenn du soweit bist, dass du weißt, wie es für dich weitergeht, sagst du mir Bescheid.“

Josephine spürt, wie ihr Tränen in die Augen steigen. Dankbar lächelt sie Carmen an. Es trifft sie unvorbereitet, auf einmal einem Menschen gegenüberzustehen, der sich Gedanken um sie macht, der Verständnis für sie hat, obwohl nicht einmal sie selbst versteht, was in ihr vorgeht. Und es tut weh, bemerkt sie, dass sie hier, am Ende der Welt, auf mehr Aufmerksamkeit trifft, als sie es in den letzten Monaten – oder sogar Jahren – bei sich zu Hause erfahren hat.

„Danke“, flüstert sie und räuspert sich, weil sie einen Kloß im Hals hat.

„Gern geschehen“, erwidert Carmen trocken und fügt in betont resolutem Ton hinzu, als wolle sie die emotionale Atmosphäre vertreiben, „dann lass uns den Rundgang hinter uns bringen, bevor Oliver mit seiner Truppe auftaucht.“

Mit diesen Worten dreht sie sich um und läuft zum Ende der Terrasse. Josephine muss sich sputen, um ihr auf den Fersen zu bleiben.

„Oliver und seine Truppe?“, fragt sie atemlos.

„Oliver Riedl. Er ist Unternehmensberater und hält hier Seminare und Workshops ab“, erklärt Carmen.

Josephine schaudert erneut. Ein Unternehmensberater! Noch so eine Geißel des Berufslebens, die kein Mensch braucht! Sie erinnert sich, dass einst auch die Personalvermittlung Cornelius unbedingt eine Unternehmensberatung hatte engagieren müssen. Sechs Wochen waren die Schergen der Dr. August Weier Consulting Group vor Ort gewesen! Danach hatte die Personalvermittlung ein halbes Jahr gebraucht, um die Umstrukturierungsmaßnahmen so weit zu verkraften, dass die Kollegen sich wieder zurechtfanden und annähernd die gleiche Schlagzahl erreichten wie vor der angeblichen „Verschlankung“ der Abläufe. Wenn man Josephine fragte, ob sie eine unfähige Werbeagentur oder eine übereifrige Unternehmensberatung für das denkbar schlimmste Übel hielt, das einem Unternehmen passieren kann, würde sie sich nicht entscheiden können. Obwohl so etwas auch niemand entscheiden muss, denkt sie gehässig, weil es letztendlich egal ist, ob man an Pest oder an Cholera stirbt.

Carmen registriert Josephines neuerliches Zusammenzucken, obwohl die sich Mühe gibt, es zu verbergen. Die Gutsbesitzerin ist amüsiert.

„Du scheinst vielfach traumatisiert zu sein“, sagt sie lachend und fügt amüsiert hinzu, „bislang fand ich Oliver immer sehr sympathisch und bin davon ausgegangen, dass er die Teilnehmer seiner Veranstaltungen gut behandelt. Zukünftig werde ich wachsam sein und genau beobachten, in welcher Verfassung seine Kunden und meine Gäste zum Essen erscheinen.“ Sie grinst. „Oliver bucht schon seit vielen Jahren bei uns. Er ist einer meiner treuesten Kunden. Du wirst ihn später kennenlernen“, sagt sie in einem Tonfall, als ob das ein Beleg dafür sei, dass dieser Coach nicht so schlimm sein kann, wie Josephine zu befürchten scheint.

„Toll“, erwidert diese entsprechend wenig begeistert.

Während Josephine zu verkraften versucht, dass nicht einmal hier, im hintersten Winkel der Republik, die Welt noch in Ordnung ist, erreichen sie das Ende der Terrasse. Eilig springen sie einige Stufen hinab und folgen einem Weg, der am Haus vorbei durch blühenden Flieder und Jasmin führt. Kurze Zeit später tauchen sie in einen Wald ein, um schließlich vor einer fast vollständig mit Efeu bewachsenen Mauer mit einem schmiedeeisernen Tor anzukommen. Carmen öffnet das Tor, und plötzlich stehen sie nicht mehr inmitten hoher, schattenspendender Bäume, sondern auf der sonnenbeschienenen Obstbaumwiese, die Josephine bereits von ihrem Fenster aus gesehen hat. Dort laufen sie einen Weg entlang bis zum Küchengarten, den Josephine ebenfalls bereits von oben bewundern konnte. Hier unten, inmitten der Beete, in denen die verschiedensten Gemüse und Kräuter sprießen und zwischen den vielen blühenden Blumen, ist der Garten einfach überwältigend.

Während die Gutsbesitzerin die lange Reihe von Beeten abschreitet, erklärt sie Josephine im Eiltempo, welche Aufgaben hier auf sie warten. Carmen zeigt ihr, aus welchen der zarten grünen Pflänzchen Möhren, aus welchen Radieschen und welche zu Salat werden. Sie erklärt ihr die Pflege der hochgebundenen Tomaten, Bohnen und Erbsen und stellt ihr unzählige Kräuter vor, die in der Küche benötigt werden. Sie laufen an Beeten mit bunten Blumen vorbei, die alle für den Schmuck der Tische im Restaurant und in den Seminarräumen gedacht sind, wie Carmen erklärt. Nachdem sie Josephine noch die Himbeer- und die Brombeerhecke sowie eine Reihe von Stachel- und Johannisbeerbüschen vorgestellt hat, bleibt sie schließlich neben dem Kompostbeet für Kürbisse und Zucchini stehen und deutet auf eine große Fläche, die von wild durcheinander wachsendem Grünzeug überwuchert ist.

„Eine deiner ersten Aufgaben wird sein, dieses Beet von Unkraut zu befreien. Es ist allerhöchste Zeit, weil ich Kartoffeln setzen möchte“, erklärt Carmen. Sie wirft einen sorgenvollen Blick auf die Uhr. „Leider muss ich gleich in die Stadt fahren, sonst bekommen unsere Gäste heute kein Abendessen. Deshalb will ich dir eben noch den Stall zeigen, falls Rouven einmal deine Unterstützung braucht.“

Sie dreht sich um und läuft vor Josephine auf einem kleinen Pfad neben einer Scheune entlang, um bald darauf auf einen Feldweg einzubiegen, der unter einem überstehenden Dach an der Stirnseite des Gebäudes hindurchführt. Eine hölzerne Treppe schmiegt sich an die Mauer und endet hoch über ihnen an einer einfachen Tür unter dem Scheunendach. Darüber ragt ein Kran für Lastenaufzüge aus der Wand.

„Über die Treppe kommt man zum Heuboden“, erklärt Carmen. „Hier fährt Rouven den Heutransporter vor und hievt die Heuballen mit dem Kran auf den Boden. Bei der Heuernte wird er dich sicher gut gebrauchen können.“ Wohl um Josephine die Arbeit schmackhaft zu machen, ergänzt sie schmunzelnd: „Von dort oben hat man übrigens einen großartigen Blick über die Felder.“

Als Carmen sieht, dass Josephines Augen interessiert aufleuchten, gibt sie sich trotz der knappen Zeit einen Ruck.

„Mir nach“, ruft sie. „Es ist wirklich ein großartiger Ausguck.“

In Windeseile erklimmen die beiden die Treppe. Oben angekommen zieht Carmen die Holztür auf und klettert hinein. Neugierig folgt Josephine. Dort findet sie sich auf einem riesigen dämmrigen Heuboden wieder, der nur durch zwei winzige, fast blinde Glasscheiben und die feinen Spalten zwischen den Ziegeln des hoch aufragenden Dachstuhls erhellt wird, durch die Tageslicht eindringt. Im hinteren Teil des Bodens stapeln sich unzählige Heuballen bis unter das Dach. Carmen wendet sich zur anderen Seite und klettert eine kurze Stiege auf den Teil des Bodens hinauf, der sich über der Durchfahrt befindet, in der sie eben noch standen. Sie läuft ein paar Meter zur Stirnseite der Scheune und macht sich dort geräuschvoll an etwas zu schaffen, was Josephine in der Dunkelheit nicht sehen kann. Dann flutet plötzlich helles Tageslicht den Raum, als Carmen einen hölzernen Fensterladen aufzieht.

Neugierig kommt Josephine näher, bis sie neben ihr gebeugt vor der niedrigen Öffnung steht. Wie auf Kommando nehmen beide mit geschlossenen Augen einen tiefen Atemzug der frischen, würzigen Luft, die den Duft der Wiesen und Felder, die sich weit vor ihnen ausbreiten, mit sich trägt. Als Josephine ihre Augen wieder öffnet, ist sie überwältigt: sattgrüne Wiesen, unterbrochen von strahlend gelben Rapsfeldern und vereinzelten dunkelgrünen Baumgruppen erstrecken sich bis zum dunklen Wald am Horizont. Darüber weitet sich der endlos blaue Himmel, blankgeputzt durch eine frische Frühlingsbrise, die weiße Wölkchen vor sich herschiebt. Dazu stört kein Laut der Zivilisation die Ruhe. Nur das leise Rascheln des Grases im Wind und einige entfernte Vögel sind zu hören. Für einen kostbaren Augenblick entsteht der Eindruck, als sei sie hier einer wahnsinnig gewordenen Welt mit all ihren Sorgen und Ärgernissen entronnen.

„Großartig“, flüstert Josephine.

„Du sagst es! Aber leider ...“, fängt Carmen an, muss den Satz allerdings nicht zu Ende führen, weil Josephine ihre Unruhe auch so versteht. Bedauernd nimmt sie Abschied von der hinreißenden Aussicht, als Carmen den Laden wieder schließt. Sie weiß sicher, dass sie wiederkommen wird. Genau so einen Platz braucht sie, um ihren Gedanken freien Lauf zu lassen und Klarheit zu finden.

Nachdem sie eilig den Rückweg zum Hotel angetreten haben und Carmen ihr noch rasch die Veranstaltungs- und Seminarräume im ehemaligen Stall auf der anderen Seite des Innenhofes gezeigt hat, stehen sie kurze Zeit später wieder draußen auf dem Platz vor dem Haupthaus.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878582
ISBN (Buch)
9783960872108
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498275
Schlagworte
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Autor

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    Freja Amundsen (Autor)

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Titel: Rosenknospensommer