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Gut gewettet ist halb verliebt

von Sophia Monti (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nicole und Maria – beste Freundinnen, alleinerziehend und Single – haben die Nase voll von ätzenden Klischeemännern. Für Nicole bedarf es zur Verwandlung vom Versager-Entlein zum Mr.-Lover-Lover-Schwan nur einer kreativen, durchsetzungsstarken Frau mit eisernem Willen. Als hoffnungslose Romantikerin hält Maria dagegen. Sie glaubt nur an Traummänner, die als solche bereits zur Welt kommen. Schnell lassen sich die beiden zu einer Wette hinreißen: Nicoles alleinstehender Nachbar Karsten – Single, Fußballfan, Bauchnabelpuler – soll zu einem Traummann werden ...
Doch Karsten verliebt sich Hals über Kopf in Maria – und die Frau seiner Träume wehrt sich vehement gegen die in ihr tobenden Hormone. Als er durch Zufall von der Wette erfährt, wittert Karsten seine Chance. Aber wie soll er Maria davon überzeugen, dass ausgerechnet er ihr Traummann ist? Und in welchem Teich muss Nicole noch fischen, um ihren Mr.-Lover-Lover-Schwan zu entdecken?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe September 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-865-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-874-2

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
© subarashii21/shutterstock.com, © Dimec/shutterstock.com, © SkyPics Studio/shutterstock.com, © pixelliebe/shutterstock.com und © Bibadash/shutterstock.com
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1. Der Frauenhäuter

Kaum hatte Nicole die Haustür aufgeschlossen, überfiel sie der Gestank nach vergammeltem Kohl. Hätte sie nur vor knapp zwanzig Jahren die Dreizimmerwohnung in direkter Meereslinie an der Costa Blanca gekauft – für lächerliche 25.000 Mark! Die blöde Bude war heute garantiert mehr als das Zehnfache wert. Aber sie hatte das Geld damals ja unbedingt in einen Tauchurlaub in Indonesien und ein BMW-Cabrio stecken müssen. Rein gar nichts hatte sie in Betongold investiert. Wozu auch? Nach dem Abi grinsten einen die fetten Chancen im Leben aus allen Ecken verheißungsvoll an. Blöd nur, dass das Grinsen heute mehr Lücken als Zähne hatte.

Aus diesem Grund saß sie jetzt in einer spießigen Dreizimmerwohnung in einem Stuttgarter Stadtteil fest, der so unglaublich unsexy war, dass es nach Kohl stank. Nicole hielt die Luft an und rannte durchs Treppenhaus nach oben. In der ersten Etage wurde eine Tür aufgerissen.

„Sie, Frau, äh …“

„Was?“ Nicole ließ die Luft aus ihren Lungen und war sofort wieder in ein Kohlfeld gehüllt. Warum aßen die Deutschen nur so gerne dieses stinkende Gemüse? Die Frau vor ihr würde ihr dieses Mysterium sicher gern erklären. Sie war irgendwas zwischen fünfzig und sechzig, stank nach Schweiß, war fett und ihr Haupt wurde gekrönt von einem grauweißen Pixie-Cut. Mit in die Seiten gestemmten Armen musterte sie Nicole strafend – schlagartig fiel es dieser wieder ein: Das musste die Lehrerin sein. Der Makler, über den Nicole die Wohnung gefunden hatte, hatte gebeichtet, dass diese „nicht ganz einfach“ sei.

Das war, Auge in Auge mit dem Drachen, allerdings die Untertreibung des Jahrtausends. In welchem Fach der Feuerspucker wohl unterrichtete, so unfreundlich und fies, wie er Nicole gerade fixierte? Bestimmt hatte er die Fächer „Sticknadeln unter die Fingernägel schieben“ und „Skalpieren“ am hiesigen Gymnasium eingeführt. Die armen Schüler! Nicole schluckte.

„Sie haben diese Woche das Treppenhaus nicht geputzt!“, kam nun der bitterböse Vorwurf. Nicole atmete trotz Kohl auf. Sie durfte Haare und Fingernägel behalten – und hatte so etwas außerdem schon erwartet. Wenn man in ein solches Haus zog, gab es zwangsläufig Schwierigkeiten mit der Kehrwoche.

Um klar zu machen, dass sie nicht mehr in der Schule war, schnappte sie in ähnlichem Drachen-Tonfall zurück: „Doch, natürlich. Ich habe sogar das Wischwasser aufgehoben. Wollen Sie es sehen?“

„Sie können viel behaupten. Wahrscheinlich ist es in Ihrer Wohnung so dreckig, dass das Wasser von dort stammt. Das Treppenhaus haben Sie jedenfalls nicht gewischt. Sonst wäre es hier nicht so schmutzig.“

Bei jedem Wort wabbelte das Doppelkinn des Drachen – ähnlich wie bei Jabba the Hutt aus Star Wars. Kurz blieb Nicole nicht nur wegen dieser Ähnlichkeit die Spucke weg. Überrasche Deinen Feind, zuckte ihr eine alte Indianerregel durch den Kopf. Deshalb beschloss sie, die Strategie zu zuckersüßer Freundlichkeit hin zu wechseln: „Frau, äh …“, ein kurzer Blick auf das Klingelschild half ihr weiter, „… Walter, es tut mir leid, wenn Sie es hier so schmutzig finden. Aber de facto habe ich den Boden gewischt. Betont vertrauensvoll beugte sie sich todesmutig vor und tauchte dabei tief in die Schweißwolke des Außerirdischen. „Sehen Sie, Frau Walter: Ich möchte mich hier mit meiner Tochter Lea ganz harmonisch in die Hausgemeinschaft einbringen. Ich putze dafür auch mit Vergnügen die Treppe und die Tiefgarage.“

Sie räusperte sich kurz verlegen. Eigentlich hatte sie das neue Jahr nicht mit so vielen Lügen beginnen wollen. Aber wenn sie in den nächsten Jahren, die sie mit Lea hier hauste, nicht permanent von diesem fiesen Schweißmonster belästigt werden wollte, musste sie sich mit ihm gut stellen.

„Trotzdem verspreche ich Ihnen, dass ich das nächste Mal gerne noch viel mehr Wasser und noch mehr Putzmittel nehmen werde.“

Der Drache kniff die Augen zusammen. Oh, oh …

„Äh, ich kaufe auch ein paar neue Lappen!“, bot Nicole hastig an.

Der Drache blähte die Nüstern.

„… und, äh, einen neuen Eimer. Ja, genau. Ich schütte das Schmutzwasser nach jeder Treppe weg und poliere die noch feuchten Stufen nach. Was sagen Sie dazu?“

Nicole grinste die Nachbarin in der Hoffnung schief an, noch ein Stündchen weiterleben zu dürfen. Dabei kam sie sich vor wie beim Fischmarkt. Gerne hätte sie noch gebrüllt: „Ich muss verrückt sein!“, aber Lehrer verfügten, ihrer Erfahrung nach, leider nur sehr selten auch nur über geringe Ansätze von Humor.

Pixie-Walter machte da keine Ausnahme. Sie gab einen kurzen Zischlaut von sich – Nicole trat instinktiv einen kleinen Schritt zurück, sicher begann der Drache gleich Feuer zu spucken – und kreischte dann los: „Wollen Sie mich verarschen?“

Nicole seufzte tief. Schon beim Einzug vor drei Wochen, kurz vor Weihnachten, war ihr klar gewesen, was diese Wohnung für sie bedeutete: grauenvollstes Spießertum in einer kleinbürgerlichen Nachbarschaft, aber auch eine hervorragende Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel, die sie in fünfzehn Minuten in die Innenstadt brachten; ein großes Zimmer für Lea, ein kleines für sich selbst, ein riesiges, helles Wohnzimmer sowie eine einigermaßen neue Küche für sie beide – und das Ganze für schlappe 1.300 Euro Warmmiete. Im Raum Stuttgart war das der Jackpot. Dass außer dem Spießbürgertum noch ein weiterer Haken an der Sache sein musste, war ihr von Anfang an klar gewesen. Und nun stand der Haken – der garantiert für das fluchtartige Verschwinden ihrer Vormieter verantwortlich war – leibhaftig vor ihr. „Leerer – mit ee“ hatte ihre Mutter immer augenrollend gesagt, wenn Nicole ihr von den neuesten fiesen Einfällen ihrer eigenen „Leerer“ in der Schule berichtet hatte. Und nun stand die Leerste überhaupt vor ihr.

Nicole musterte sie – und wurde plötzlich von einer Wolke voll Mitleid eingehüllt. Sicher hatte die gute Frau Walter auch einmal Träume gehabt. Von einem Wanderwochenende im Schwarzwald. Von einem Töpferkurs mit anderen Leerern. Von einer Hose in Größe 44, in die sie ohne Schuhlöffel und Salatöl hineinpasste. Doch all diese Träume waren längst geplatzt!

Da saß sie nun, in ihrer Zweizimmermietwohnung in Stammheim. Ganz allein. Mit Kleidergröße 48, einem Außerirdischen-Doppelkinn und Knien wie ein Wombat. Und weit und breit war kein beinamputierter Matrose in Sicht, der gerade drei Jahre einsam zur See gefahren war und deshalb auch einen Wombat beglücken würde.

Nicole nickte ihrer Nachbarin bedauernd zu und seufzte mitleidig. Fast hätte sie auch noch Pixie-Walters Arm getätschelt und sie ans Herz gedrückt.

„Haben Sie Blähungen?“, fragte diese jedoch in dem Moment und trat angewidert einen Schritt zurück.

„Was?“, fragte Nicole, jäh aus ihrer Mitleidswolke geschüttelt, irritiert zurück.

„Können Sie auch noch was anderes sagen?“

„Was?“

„Die Kommunikation mit Ihnen ist redundant. Sie stehlen mir meine Zeit. Deshalb ist das Gespräch hiermit beendet“, erklärte der Drache würdevoll und rümpfte die Nase. „Vergessen Sie nicht: Sie sitzen im selben Boot wie ich. Nur sitze ich am Steuer. Guten Tag.“ Sie knallte Nicole die Tür vor der Nase zu.

„Was?“, hauchte diese noch einmal fassungslos und stand einen Moment lang wie ein begossener Pudel vor der Walter-Tür. Dann nickte sie beeindruckt. Da hatte sie gedacht, mit ihren Indianertricks punkten zu können – und hatte sich im Mitleidsnebel selbst erhängt, während der Wombat sie wie eine Praktikantin ausgespielt hatte.

„Respekt, Miss Wombat“, flüsterte sie der Tür zu. „Du wirst zwar in deinem ganzen Leben nicht mehr flachgelegt, aber du gibst dir wenigstens redlich Mühe dabei, dass sich der Rest der Menschheit deshalb genauso mies fühlt wie du.“

Nachdenklich stieg sie die letzte Treppe nach oben. Saß sie wirklich im selben Boot wie Frau Leerer? Gut, sie wohnten im selben Haus und bildeten schon deshalb eine Leidensgemeinschaft. Aber war sie deshalb ebenso frustriert wie der Wombat? Ebenso bösartig und eine Zumutung für die Menschheit? Würde ein einsamer Matrose auf Landgang sie ebenfalls verschmähen? Nicole schüttelte sich kurz wie ein nasser Hund, um das Brainwashing der Nachbarin loszuwerden. Immerhin passte sie sogar in eine große „38“ – und zwar ohne Schuhlöffel. Außerdem hatte sie ein Jodeldiplom und scheuchte tagtäglich acht Erfüllungsgehilfen durch die wilde Welt der Werbung. Zudem hatte sie eine dreizehnjährige Tochter, die sie wunderbar allein großgezogen bekam. Nein, sie war kein Wombat! Sie musste nur wieder einmal zum Yoga gehen, um kurzfristige Schwankungen in ihrem Selbstbewusstsein besser ausgleichen zu können. Das war alles.

Frisch gestärkt durch diese kurze Affirmation mit Kohlduft schloss sie die Wohnungstür auf: „Lea-Mäuschen? Bist du da?“ Sie schlüpfte aus ihren Pumps und tappte ins Wohnzimmer. „Schnäuzelchen? Wo steckst du?“

„In der Hölle!“, kam es muffig vom Sofa zurück.

„Aha! Na, so schlimm wird es wohl nicht sein, oder?“, fragte Nicole betont fröhlich. Sicher hatte es Schwierigkeiten in der Schule gegeben. Mit einem Leerer. Da brauchte ihre Tochter jetzt ihre ganze Unterstützung!

„Nein. Noch schlimmer“, Lea nahm sich ein Sofakissen und donnerte es ein paarmal gegen ihren Kopf.

„Schätzelchen, was hast du denn?“, fragte Nicole betreten, setzte sich neben ihre Tochter und griff besorgt nach ihrem Knie.

„Ich habe eine geistesgestörte Mutter, die mich mit dreizehn noch Mäuschen, Schnäuzelchen und Schätzelchen nennt“, stöhnte da eine Grabesstimme hinter dem Kissen hervor.

Pikiert zog Nicole die Hand zurück, sprang mit verkniffenem Mund vom Sofa und tappte in die Küche. Scheinbar konnte sie es heute überhaupt niemandem recht machen. Wenn wenigstens irgendwo ein leckerer Kerl in Sicht wäre, der sie auf andere Gedanken bringen würde! Es musste ja nichts Festes sein – im Gegenteil. Sie war ihre letzte Affäre mit einem scheinbar erfolgreichen, selbstbewussten Geschäftsführer, der sich nach dem Schlussmachen leider als Psychopath mit Stalking-Ansätzen entpuppt hatte, erst seit dem Umzug los. Nicole schüttelte sich, wann immer sie an ihn dachte. Sicher hatte er schon in den Freundschafts-Alben in der Grundschule als Hobbys „Frauen häuten“ und „Augen ausstechen“ angegeben. Aber so ein netter, knackiger, unabhängiger Bursche, der sie ein Stück weit auf Händen trug und sie Nachbarinnen und Tochter vergessen ließ, der wäre jetzt wirklich nicht schlecht.

Während sie Wasser in einen Topf fließen ließ, in dem sie anschließend Spaghetti kochen wollte, fiel ihr Blick aus dem Fenster. Ein Elend war das. Sie schüttelte missbilligend den Kopf: Da saß direkt gegenüber auf dem Balkon ein fieser, faltiger, dunkelbraun sonnenbankverbrutzelter Lustgreis in eine Daunenjacke gehüllt in der fahlen Januarsonne, und schleckte am Unterarm seiner höchstens dreißigjährigen Katalog-Freundin herum, für die er die Wohnung gemietet hatte.

„Börk!“

Nicole schüttelte sich. Der Typ war mindestens fünfundsiebzig. Ihre Schmerzgrenze lag bei fünfundfünfzig – dabei war sie ein paar Jahre älter als die angeschlabberte Blondine gegenüber.

Sie schüttelte sich noch einmal und fischte dann die Nudeln aus dem Küchenschrank. Sie schnitt die Packungen auf, hob den Deckel vom Kochtopf und legte ihn zur Seite. Da fiel ihr Blick erneut aus dem Fenster und sie erstarrte. Was machte der alte Sack denn da?

Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrte Nicole auf die Szene, die sich genau gegenüber von ihr abspielte. Die Blondine lag scheinbar ohnmächtig in einem Liegestuhl, ihr Körper war mit einer Decke abgedeckt, doch ihre Arme waren nackt – und der Opa zog ihr die Haut vom Leib.

Nicole schnappte nach Luft. Was sollte sie tun? Die Polizei rufen? Den Topf mit kochendem Wasser zehn Meter weit aus dem Fenster werfen und hoffen, dass er den Frauenhäuter traf? Einfach nur „Hilfe!“ rufen und die grässliche Situation abbrechen?

Da! Der Häuter zog schon wieder ein riesiges Stück Haut ab, betrachtete es versonnen und legte es dann in ein Glasschälchen auf dem Balkontisch.

Es war nicht zu fassen! Mittags, kurz vor sechzehn Uhr, in einer süddeutschen Vorstadt häutete ein Lustgreis in aller Öffentlichkeit seine nicht einmal halb so alte Gespielin!

Gehetzt ging Nicole in Gedanken ihre Möglichkeiten durch. Polizei. Das war das einzig Richtige. Vielleicht war die Frau noch gar nicht tot! Vielleicht gab es dem Verstümmler einen Kick, wenn sie noch lebte – und unendlich litt! Betäubt und unfähig sich zu wehren! Vielleicht war es sogar besser, wenn die junge Frau starb. Hatte man erst einmal so viel Haut verloren, standen die Heilungschancen nicht zum Besten. Und dennoch – Nicole musste etwas unternehmen.

Mit zitternden Fingern fischte sie ihr Handy aus der Hosentasche, den Blick starr auf den Balkon gegenüber gerichtet.

„Mum? Wann gibt’s endlich was zu futtern?“, fragte da Lea quengelnd aus dem Wohnzimmer.

Nicole erschrak. Was, wenn sie jetzt die Polizei rief und der Typ entkam? Dann hatte er es am Ende auf sie und auf Lea abgesehen.

„Gleich, Mäuselchen, gleich“, antwortete Nicole mit zitternder Stimme. Da fiel ihr Blick auf den Balkon neben dem Tatort. In aller Seelenruhe hockte dort der bräsige Nachbar Anfang vierzig mit dem Deppenpony, den sie selbst den „hoffnungslosen Fall“ und ihre Tochter den „Bauchnabelpuhler“ nannte, weil er bei Sonnenlicht auf dem Balkon gern in aller Ausführlichkeit die Flusen aus seinem Bauchnabel puhlte und sie anschließend in einem Aschenbecher auf dem Balkontisch aufbewahrte. Der war bereits randvoll.

Doch im Moment puhlte der hoffnungslose Fall nicht. Er lümmelte in eine fette Daunenjacke gehüllt lasch in einem ausgeleierten Liegestuhl, hatte ein Basecap ins Gesicht geschoben, den Mund weit geöffnet und schnarchte.

Offensichtlich sonnte man sich in der Vorstadt schon im Januar, auch bei acht Grad und das sogar, wenn es gar keine Sonne gab.

Bei ihrer bisher einzigen persönlichen Begegnung mit dem Schnarcher in der Tiefgarage, die die beiden Häuser miteinander teilten, war Nicole vor allem seine bescheuerte Frisur aufgefallen – und seine grenzenlose Selbstüberschätzung. Denn in der Garage hatte er ihnen keine Gelegenheit gegeben, sich vorzustellen. Er hatte nur abwehrend die Hände gehoben und erklärt: „Ich habe überhaupt keine Zeit“, als ob sie von den Zeugen Jehovas wären und ihm einen Wachturm aufquatschen wollten. Dann hatte er seine auf ein Meter neunzig verteilten hundert Kilo in seinen Angeber-Tesla gequetscht und war mit quietschenden Reifen davongerast.

Nicole hatte mitleidig hinterher geschaut. Sie hätte in der Tiefgarage ihre rechte Hand darauf verwettet, dass der Bauchnabelpuhler auf zwanzigjährige, dünne Rothaarige mit Doppel-D-Cups und Bananen-IQ stand – was der Grund für seinen Dauerstatus „Single“ war.

Doch heute hatte sie kein Mitleid mit ihm, heute war er ihre Rettung! Sie stellte den Herd ab, rannte aus der Wohnung und rief Lea dabei mit zittriger Stimme zu: „Bin gleich wieder da!“ Dann rannte sie auf Strümpfen das Treppenhaus hinunter, durch die Tiefgarage ins Nachbarhaus und dort drei Etagen nach oben. Sie bemühte sich, gar nicht erst einen Blick auf die Wohnungstür des Häuters zu werfen, sondern dauerklingelte beim Bauchnabelpuhler.

Erst nach gefühlten Stunden tauchte der mit mürrischem Gesicht völlig verpennt an der Wohnungstür auf. „Ja?“, fragte er gähnend und musterte die aufgeregt von einem auf den anderen Fuß hopsende Nicole sauer. „Was soll das? Haben Sie einen Knall?“

„Pssst! Äh, nein, nein-nein. Hören Sie!“, zischte sie hastig flüsternd und sah sich um. Doch nichts rührte sich. Zum Glück. „Sie müssen mir helfen“, flüsterte sie deshalb mit vor Aufregung kieksender Stimme. „Da drüben“, sie wies mit dem linken Daumen über ihre Schulter, „wird auf dem Balkon gerade eine Frau gehäutet.“

„Hä?“ Der Puhler starrte sie verständnislos an und kratzte sich dann gähnend am Deppenpony, der unter seiner Kappe hervorlugte.

„Der alte Sack, äh, Mann, der da wohnt – der häutet gerade seine Affäre!“, platzte Nicole etwas lauter heraus. Wie blöd und begriffsstutzig konnte ein Mann nur sein?

„Der macht was? Häuten? Seine Affäre?“ Der Puhler riss nun auch die Augen weit auf und wiederholte noch einmal: „Hä?“

Nicole atmete tief durch. Dass sie in dieser Situation ausgerechnet an einen Bananen-IQ geraten musste! Doch es ging um das Leben der Katalog-Blondine. Deshalb erklärte sie inständig flüsternd: „Hören Sie, wenn Sie nicht schnell reagieren, ist die Frau tot. Ich habe eine Tochter – deshalb habe ich die Polizei nicht gerufen. Nicht, dass der Mörder noch Kumpels hat, die sich aus Rache dann bei uns melden. Sie verstehen?“

„Äh, nein?“ Er musterte Nicole vom Scheitel bis zu ihren nach wie vor hopsenden Füßen – die in Feinstrümpfen mit einigen Laufmaschen steckten. Dann schnüffelte er geräuschvoll an ihr: „Haben Sie etwas getrunken?“

Nicole holte tief Luft und zählte stumm 21, 22, 23. Dann zischte sie: „Jetzt hören Sie doch – Sie müssen den Mord, der da gerade geschieht, verhindern!“ Warum konnte hier nicht ein hochbegabter Schnellblicker wohnen? Warum wohnten in der Vorstadt immer nur Gurken? Sie riss sich zusammen und rief flehend: „Tun Sie doch etwas! Gehen Sie auf Ihren Balkon und schauen Sie selbst!“

„Von mir aus. Äh“, er blickte links und rechts an Nicole vorbei. „Das ist nicht zufällig Verstehen Sie Kamera oder Versteckter Spaß oder sowas?“

„Hör mal“, rutschte Nicole angesichts von so viel Dummheit nun heraus. „Wenn du nicht schnell reagierst, ist die Frau tot! Und du bist Schuld.“

„Haben wir schon zusammen auf dem Misthaufen Trompete gespielt oder warum duzen Sie mich jetzt?“, fragte Mr. Bauchnabel indigniert und verschränkte bockig die Arme vor der Brust.

„Das reicht jetzt. Komm mit!“, Nicole packte ihn am Handgelenk und zog ihn kurzerhand durch seine Wohnung, die exakt wie ihre aufgebaut war, zum Balkon. Dort ließ sie ihn los, hob einen Zeigefinger an die Lippen und schlich geduckt zur Brüstung.

„Kein Mucks jetzt. Komm!“, flüsterte sie. Der Kerl zuckte die Schultern, duckte sich ebenfalls und kniete sich neben sie an die Brüstung.

„Und jetzt?“, fragte er ratlos.

„Na, sieh doch!“ Sie zeigte auf den Nachbarbalkon. Dort zog der alte Mann gerade ein besonders langes Stück Haut vom linken Arm seines Opfers ab und ließ es im Wind baumeln.

„Iiih!“ Nicole wimmerte.

Der Bauchnabelpuhler jedoch sprang auf und brüllte laut: „He! Fred! Was machst du denn da für Sauereien?“

Der alte Mann schaute verblüfft auf und herüber, winkte seinem Nachbarn dann aber fröhlich zu und kicherte. „Klebstoff. Eine feine Sache. Solltest du auch mal ausprobieren, Karsten. Hab meine Maus hier von oben bis unten damit eingeschmiert und ziehe ihr jetzt die Haut vom Leib. Hihihi.“

„Challo, Karsten!“, rief die Blondine, die nun endlich die Augen aufschlug, sehr lebendig und gut gelaunt. Sie winkte ebenfalls fröhlich. „Wir stören dich doch nicht mit unser Spielchen, oder?“

Spielchen? Nicole stöhnte auf und schloss kurz die Augen. So viel Peinlichkeit an einem Tag hatte sie zuletzt als Fünfzehnjährige erlebt, als ihr in der Fünfminutenpause zwischen Mathe und Deutsch beim Lachen Kakao durch die Nase geschossen und auf dem Lehrerpult gelandet war.

„Blödsinn. Weitermachen – und viel Spaß dabei“, rief ihr Nebensitzer auf dem Balkon, winkte dem wilden Pärchen zu und schaute dann vielsagend zu Nicole. „Das kommt davon, wenn man seine spitze Nase in die Dinge steckt, die einen überhaupt nichts angehen“, trompetete er lautstark.

Der alte Häuter und seine Beute reckten neugierig die Hälse, um zu sehen, mit wem er sprach. Doch Nicole reichte es für heute. Auf allen vieren – die klebstoffsüchtigen Nachbarn mussten sie ja nicht gleich sehen, auch, wenn die Geschichte sicher bald die Runde im Haus machen würde – krabbelte sie zurück ins Wohnzimmer.

„Wie gut, dass sich alles als so harmlos aufgeklärt hat“, meinte sie mit zitternder Stimme, rappelte sich so würdevoll wie möglich auf, klopfte den Staub von den Knien und räusperte sich kurz. „Ich war kurz davor, die Polizei zu rufen.“

„Na, die hätten sicher auch ihren Spaß gehabt“, schoss der Bauchnabelpuhler überheblich zurück. „Hören Sie mal, Frau, äh, kümmern Sie sich doch lieber um Ihren eigenen Mist – und lassen uns hier in Ruhe, ja?“

Nicole schnaufte tief durch. Zuerst die Frau Leerer, dann ihre Tochter, jetzt der Puhler – zweimal war sie nett oder zumindest neutral gewesen. Dreimal war einmal zu viel.

Sie kniff die Zähne zusammen und zischte: „Wissen Sie was? Jemand, der derart überheblich auftritt, sollte etwas mehr Grund dazu haben, meinen Sie nicht?“

Hoch erhobenen Hauptes machte sie auf den zerlöcherten Feinstrümpfen kehrt und marschierte durch die Garage zurück in ihr Haus, die Treppe nach oben durch die nach wie vor offene Wohnungstür – das komplette Wohnzimmer stank bereits nach Kohl – in die Küche zu ihren Spaghetti.

„Wann gibt’s endlich was zu essen?“, maulte Lea, auf dem Sofa in ihr Smartphone vertieft. „Und wieso stinkt’s hier so?“

2. Anlauf mit Stinkesocken

„Hast du Todessehnsucht?“

„Äh, nö, wieso?“ Karsten starrte etwas irritiert auf sein Handy – und verwünschte einmal mehr den Erfinder des Bildtelefonierens. Denn das Bild, das sich Karsten bot, war wenig erfreulich.

„Sag mal, Ulf, was machst du denn um die Zeit im Bett?“, fragte er seinen Freund, der mit verquollenen Augen und wirren Haaren unter einer schlimm versifften Bettdecke hervorblinzelte. Und dabei war er noch nicht mal allein. „Wieso hocken denn Harry, Stefan und Rosemarie auf dir herum?“, wollte Karsten angewidert wissen und schüttelte sich. Ulfs Leidenschaft für Schildkröten hatte er nie ganz nachvollziehen können. Aber bisher hatte sein Kumpel die dusseligen Drachennachfahren mit Erbsenhirn wenigstens nicht mit ins Bett genommen.

„Ey, Alter, warum rufst du an und nervst rum?“, quengelte Ulf gähnend zurück. „Nur, um mir vorzuschreiben, wann ich mit wem ins Bett gehe?“ Immerhin räusperte er sich kurz und setzte dann mit finsterer Miene erklärend hinzu: „Die letzte Nacht war grässlich. Ich war mit einer schlimmen Zicke unterwegs, die ohne Punkt und Komma gelabert hat. Ich bin sie erst losgeworden, als ich ihr von dem Genitalherpes erzählt habe, den ich mir bei Tinder geholt habe. Heute hatte ich dann eine Sitzung nach der anderen – Harry, Stefan und Rosemarie sind deshalb die Einzigen, die ich gerade um mich herum ertragen kann. Die halten wenigstens ihre Klappe. Deshalb habe ich ihren Winterschlaf heute beendet und sie zu mir ins Bett geholt. Da ist es warm und sie kommen langsam wieder in Fahrt.“

„Aha“, meinte Karsten lahm.

„Ja, aha. Dürfte ich jetzt erfahren, warum du mich nicht schlafen lässt?“

„Weil ich dir von der perfekten Frau für dich erzählen wollte“, platzte Karsten heraus. „Sie ist wie für dich gebacken. Meine neue Nachbarin.“

„Danke. Kein Bedarf. Ich habe mir nach dem Reinfall gestern Weiberfrei für mindestens drei Monate verordnet.“ Ulf gähnte erneut herzzerreißend. „Wenn das alles war, würde ich jetzt gerne noch etwas schlafen.“

„Jetzt warte doch mal!“, brüllte Karsten, bevor Ulf ihn wegdrückte. „Sie ist Ende dreißig, wohnt seit Kurzem hier im Haus und hat echt einen an der Waffel!“

„Das hört sich zwar sehr verführerisch an, aber trotzdem: Danke. Kein Bedarf. Nimm du sie.“ Ulf gähnte bis zur Maulsperre.

„Auf keinen Fall. Sie ist viel zu dünn und hektisch – so eine Karrieretussi.“ Karsten schüttelte sich. „Komm doch heute Abend her. Mir ist sowieso langweilig. Ich hab überhaupt keine Lust, mir schon wieder irgendwelche Goldgräbersendungen aus Alaska anzuschauen und das Bier ist auch alle. Du könntest welches mitbringen – und dann gehen wir rüber zu der Irren, ich stelle sie dir vor und ihr werdet glücklich bis ans Ende eurer Tage. Na, wie wär’s?“

„Karsten? Du nervst!“, war die Antwort. „Ich gehe heute überhaupt nirgendwo mehr hin. Ich bleibe hier, brüte Stefan, Harry und Rosemarie aus – und du holst dir dein Bier schön selbst. Wenn’s dir langweilig ist, kannst du damit ja zu der Irren rübergehen. Vielleicht wird’s ja die große Liebe. Bei euch beiden. Viel Spaß damit. Kapla!“

Zack. Mit dem Abschiedsgruß der Klingonen hatte Ulf ihn doch noch weggedrückt. So ein Elend. Und jetzt? Zum Bierholen hatte Karsten überhaupt keine Lust. Auch nicht darauf, zu der Hysterikerin zu gehen. Die benutzte so ein ekliges Parfüm, das ihn spontan an die offenen Beine seiner Großtante Gerti erinnerte. Deshalb war er beim ersten Aufeinandertreffen mit der neuen Nachbarin auch direkt geflohen. Was natürlich nicht sehr nett gewesen war. Auch jetzt gerade hatte er sie nicht sehr höflich behandelt. Vielleicht fand er noch etwas anderes als Bier in seiner Küche, mit dem er die Nachbarin versöhnen konnte? Er warf sein Handy auf den Couchtisch, lief in die Küche und stöberte in den Schränken.

Da! Er strahlte. Einmal Malibu-Likör – der stand da sicher seit seiner Einweihungsparty vor vier Jahren – oder Sektersatz mit künstlichem Erdbeeraroma.

Börk.

Den hatte Chantal, seine letzte überflüssige Affäre, über die er lieber gar nicht mehr nachdenken wollte, hier stehen lassen. Zum Trinken waren sie nicht mehr gekommen. Denn Chantal hatte ihn vor die Wahl gestellt: Entweder sie führten ab sofort eine offizielle, ernsthafte Beziehung – oder sie ging. Sehr erleichtert hatte er ihr hinterhergewinkt. Und jetzt hatte sie nachträglich auch noch etwas Gutes: den fiesen Schaumwein. Das war doch das perfekte Versöhnungsgeschenk für eine Lady.

 

***

 

Nach dem Essen ließ sich Nicole gerade einen Espresso aus einem der Geräte ausschenken, die dafür verantwortlich waren, dass sie kein Geld für eine Eigentumswohnung besaß, als es an ihrer Wohnungstür klopfte. Nicole beschloss, das Klopfen zu ignorieren. Für den Rest des Tages wollte sie ihre Ruhe haben, die Füße hochlegen und sich vorstellen, welches Leben sie jetzt führen würde, hätte sie vor zwanzig Jahren die Wohnung an der Costa Blanca gekauft.

„Mum? Da ist jemand vor der Tür“, meckerte Lea aus dem Wohnzimmer.

„Gut. Soll da bleiben!“, gab Nicole zurück. Ihr Kaffee duftete himmlisch. Und sie hatte überhaupt keine Lust, schon wieder die Tür zu öffnen und den Kohl reinzulassen. Doch das Klopfen hielt an.

„Hau ab!“, brüllte Lea. Da begann derjenige vor der Tür zu klingeln. Er drückte dabei permanent die Klingel durch, sodass sich Lea laut kreischend zwei Sofakissen auf die Ohren drückte und sämtliche Schimpfworte darbot, die zurzeit an ihrer Schule in Mode waren.

Nicole warf einen bedauernden Blick auf ihren schönen Kaffee und verdrehte die Augen. Das war sicher der Wombat, der sich beschweren wollte, weil Nicole auf schmutzigen Strümpfen durchs Treppenhaus gelaufen war. Allerdings hatte sie jetzt eine deutlich kürzere Zündschnur als noch vor einer Stunde. Das Dauerklingeln kam bei ihr deshalb gar nicht gut an.

Sie stürzte wütend einen Riesenschluck Kaffee in sich hinein und verbrühte sich den Mund, bevor sie die Tasse sauer in die Spüle knallte.

Auf hundertachtzig stapfte sie zur Tür, riss diese ungnädig auf und brüllte: „Mein Gott! Ist es denn so verwerflich, wenn man nicht aufs Putzen steht?“

Doch vor ihr stand nicht, wie erwartet, der Wombat. Vor ihr stand der Flusenpuhler mit einer Flasche Sekt in der Hand.

„Äh, nö“, meinte er verlegen und streckte ihr ungelenk die Flasche entgegen. „So verwerflich ist das nicht. Jedenfalls nicht, wenn man auf Dreck steht.“

Nicole starrte ihn verdutzt an. Was wollte der Kretin? Und was sollte die Flasche?

„Was?“, war deshalb auch das Einzige, das sie herausbekam. Das schien ihr ganz persönliches Wort des Tages zu sein.

„Putzen. Sie haben gefragt, ob es schlimm ist, dass sie nicht gern putzen“, wiederholte er geduldig und lächelte etwas gequält.

Einen Moment lang musste Nicole sich sortieren, dann begriff sie, welche Synapsen sich falsch in seinem Hirn verknüpft hatten. Deshalb atmete sie ein paarmal tief durch und erklärte dann mühsam freundlich: „Aber das habe ich doch nicht zu Ihnen gesagt. Wissen Sie was? Vergessen Sie’s einfach. Und jetzt von vorn: Was wollen Sie denn hier?“

Sie warf einen irritierten Blick auf die Flasche, die der Kerl ihr immer noch entgegenstreckte. War er am Ende Vertreter für Billiggesöff?

„Na, noch mal anfangen. In der Garage neulich hatte ich es eilig. Und vorher hatten Sie es eilig. Das ist doch peinlich, wenn man sich in Zukunft über den Weg läuft. Da dachte ich, ich bringe was zu trinken mit. Sekt. Frauen mögen das doch.“

Nicole schloss kurz die Augen. Dieser Typ lebte nicht nur im spießigsten Teil Stuttgarts, sondern hinter dem Mond. So was Beknacktes, Abgedroschenes hatte sie lange nicht gehört. Was kam als Nächstes? Eine Ausführung darüber, dass Männer am liebsten rülpsend Fußball schauten?

„Gott, ist der Neandertaler peinlich“, meinte Lea da hinter Nicoles Rücken laut und deutlich, sprang vom Sofa und erklärte: „Ich gehe hoch in mein Zimmer. Sag Bescheid, wenn der Grottenolm weg ist.“

Der Nachbar blickte reichlich konsterniert. Nicole, die eigentlich vorgehabt hatte, ihn unter einem Vorwand schleunigst abzuwimmeln, schloss erneut kurz die Augen. So ein Mist! Jetzt musste sie ihn wohl oder übel hereinbitten. Sonst wäre es in Zukunft tatsächlich zu peinlich, ihm über den Weg zu laufen.

„Danke, Lea“, knurrte sie leise vor sich hin. Dann meinte sie etwas lauter und betont munter: „Das ist, äh, war meine Tochter. Lea. Sie liest gerade ein, äh, peinliches Buch. Über Neandertaler und, äh, Olme. Grottenolme. Als Hausaufgabe in, hm, Geschichte und Biologie. Kommen Sie doch herein.“ Das mit dem guten Vorsatz und dem Lügen verschob sie am besten gleich aufs nächste Jahr. Heute hatte sie schon so viel gelogen, dass der Grottenolm geputzt war.

Der Nachbar folgte ihr auf quietschenden Turnschuhsohlen in die Wohnung.

„Könnten Sie vielleicht kurz ihre Schuhe ausziehen?“, fragte Nicole spitz über die Schulter. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht?“

„Na, eigentlich schon. Aber Sie putzen nicht gern. Richtig? Na gut. Dann … auf eigene Gefahr.“ Während er aus den Schuhen schlüpfte, atmete Nicole tief durch – was sie wegen des jähen Geruchs gleich wieder bereute.

Eigentlich hätte sie den Stinker gern auf den Balkon verfrachtet – und dort über die Brüstung geworfen. Doch direkt gegenüber fläzten nach wie vor die Klebstofffans in der Sonne. Die würden Nicole beim Mord an Mr. Bauchnabel beobachten – und dass sie wegen des Sexisten ins Gefängnis ging, kam nicht infrage. Zumal der Stammheimer Knast seit dem mysteriösen Ableben der RAFler nicht den besten Ruf hatte. Deshalb meinte sie zähneknirschend: „Setzen Sie sich doch bitte aufs Sofa. Ich hole zwei Gläser.“

Einen Moment später stand sie mit zwei Sektgläsern in der Hand vor dem Besucher, der etwas ratlos vor zwei Kunstdrucken stand, die an der Wand neben dem Sofa hingen.

„Brancusi“, erklärte Nicole, die ihre sauteuren Drucke wieder einmal liebevoll betrachtete. Jedes Mal ging ihr das Herz auf, wenn sie die klaren, schlichten und eleganten Formen betrachtete. Kunst war etwas Wunderbares. Sie entführte einen aus dem grauen Alltag – was Nicole in den Niederungen der sie umgebenden Vorstadt nur zu gut gebrauchen konnte.

„Gesundheit.“

„Bitte?“ Nicole wurde aus ihren Gedanken gerissen.

„Gesundheit. Sie haben doch eben geniest?“ Der Nachbar sah sie fragend an.

Doch Nicole lächelte nur gequält. Es war wohl etwas viel erwartet, dass der Primat Brancusi kannte. Deshalb deutet sie einladend aufs Sofa und ließ sich selbst mit einem Seufzen darauf nieder.

Ihr Besucher plumpste daneben und betrachtete neugierig die halbfertig eingerichtete Wohnung. Sein Blick blieb staunend an den anderen Drucken hängen. Dabei kämpfte er doch tatsächlich mit einem Grinsen. So etwas Unverschämtes. Nicole biss die Zähne zusammen. Da bat sie den Bodensatz der Gesellschaft schon in ihre Wohnung – und dann machte sich der Bodensatz über ihre Einrichtung lustig!

Nicole kämpfte mühsam das dringende Bedürfnis nieder, ihm die Sektflasche aus der Hand zu reißen und über den Schädel zu ziehen.

Der Nachbar folgte ihrem Blick auf die Flasche und erklärte schnell: „Ich hab sie garantiert nicht geschüttelt.“ Dann popelte er ohne Umstände das Aluminium am Verschluss ab – ein Drehverschluss, kein Korken – und rief laut „Kacke“, als der Inhalt trotzdem überschäumte. Ohne lange zu fackeln, nahm er einen Teil des Flaschenhalses in den Mund und fing den überschäumenden Inhalt mit dem Mund auf.

Nicole fuhr sich mit beiden Händen über Augen und Gesicht. Womit hatte sie das alles nur verdient? Ihr Besucher war mit dem geräuschvollen Schlürfen nun durch und goss die beiden Gläser auf dem Couchtisch randvoll. Das auch noch.

„Also, noch mal hallo“, meinte er dann, nahm beide Gläser auf und reichte ihr eins davon. „Ich bin Karsten.“

Karsten. Ist das ein Name oder eine Diagnose?, hätte sie gern gefragt.

Karsten. Das klang irgendwie nach Kasten. Und zwar einem vernagelten. Bretter, Bretter, Bretter.

„Nicole“, würgte sie heraus, stieß mit ihm an und zwängte einen Schluck des pappsüßen, alkoholhaltigen Schaumgetränks ihre Gurgel hinunter. War das ekelhaft. Also ob eine erwachsene Frau wie sie so einen Mist trinken würde!

„Hmpf“, meinte Karsten und betrachtete ebenfalls angewidert sein Glas. „Dass euch Frauen sowas schmeckt …“

Was sollte Nicole nun sagen? Dass sie nichts lieber tat, als aufgeschäumten Fusel mit künstlich zugesetzten Erdbeer-Aromastoffen im Wert von 59 Cent aus dem billigsten Discounter zu trinken? Sie schwieg lieber und hoffte, dass der Kelch schnell an ihr vorbei ging – beziehungsweise leer wurde. Viel sagen konnte sie sowieso nicht: Das Zuckerzeug klebte ihr bereits die Lippen zusammen.

Sie beschränkte sich deshalb ebenfalls einfach auf „Hmpf“.

„Also: Herzlich willkommen im Einsame-Hexen-Haus“, erklärte er da feierlich.

„Im was?“, fragte Nicole verdutzt. Sie fuhr mit der Zunge über ihre Zähne. Ihr ganzer Mund fühlte sich seltsam pelzig an. Ähnlich wie nach einer Betäubung beim Zahnarzt. Ob das wieder wegging?

„Na, im Einsame-Hexen-Haus. Hast du denn die anderen Mitbewohnerinnen noch nicht kennengelernt?“

Schon wieder so eine Fangfrage. Mit einem leisen Knackgeräusch löste Nicole ihre zusammengeklebten Zähne voneinander und erklärte: „Nicht wirklich.“

Karsten erklärte eifrig die verschiedenen Parteien: „Im Erdgeschoss links wohnt die alte Petrowski. Eigentlich ist sie ganz nett, aber sie friert in ihrer völlig überheizten Wohnung ständig – auch bei konstanten vierzig Grad. Deshalb macht sie nie ein Fenster auf, sondern lüftet immer nur ins Treppenhaus. Auf der anderen Seite haust die fiese Müller, eine Beamtin kurz vorm Ruhestand. Arbeitet auf der Steuerbehörde. Falls du deine letzte Steuererklärung noch nicht abgegeben hast, mach das lieber schnell. Sie zeigt dich sonst an. Direkt unter dir wohnt die fiese Walter, eine Lehrerin. Keine Ahnung für was. Schweine hüten ist es jedenfalls nicht, hahaha. Denn in ihrer Freizeit putzt sie am liebsten, hat sich aber den Kampf gegen die Wasserknappheit der Erde auf die Fahne geschrieben. Deshalb nimmt sie höchstens zwei Liter Wasser für die komplette Tiefgarage, das Treppenhaus und die Waschküche. Eigentlich verteilt sie den Dreck damit nur. Sich selber wäscht sie dafür gleich überhaupt nie. Du solltest also aufpassen, dass du nicht gerade direkt nach ihr durchs Treppenhaus läufst. Sonst hängt dir ihr Geruch den ganzen Tag in der Nase. Außerdem beschwert sie sich ständig, dass wir anderen den Rasen hinter dem Haus zu stark gießen. Und weil die meisten Angst vor ihr haben, wächst dort inzwischen nichts anderes mehr als Sand.“

Nicole nickte verständnisvoll mit glasigem Blick. Das erklärte zumindest die heftige Reaktion des Wombats, als Nicole im Treppenhaus vorgeschlagen hatte, in Zukunft mehr Wasser zum Putzen zu verwenden. Das hatte sie ja wieder fein hinbekommen.

Ihr Nachbar fuhr derweil fort, sich über den Rest der Nachbarschaft das Maul zu zerreißen. Nicole massierte sich dabei unauffällig mit den Zeigefingern die Schläfen. Wie wurde sie diesen Ausbund an zeitgemäßer Weltoffenheit nur wieder los? Hatte sie sich nicht einen knackigen, amüsanten Kerl als Zeitvertreib gewünscht? Das Universum schien sie irgendwie falsch verstanden zu haben.

Dabei schien sich ihr Besucher kaum wohler in seiner Haut zu fühlen als sie selbst. Er redete immer verworreneres Zeug – während seine Socken immer durchdringender müffelten.

Nicole schloss die Augen und unterbrach seinen Wortschwall schließlich mit den Worten: „Entschuldige mich. Aber ich muss … kurz mal … frische Luft …“

Ohne jeden weiteren Kommentar verschwand sie in der Küche und riss dort das Fenster auf. Gern hätte sie mit ihrem Kopf ein paarmal kräftig gegen die Wand geschlagen – oder besser noch mit Karstens Kopf. Innerhalb von fünf Minuten hatte er sich als ein Relikt aus längst vergessener Zeit erwiesen, als Lästerbacke, die weder Manieren noch Geschmack hatte.

Außerdem war ihr furchtbar schlecht. Der Erdbeer-Schaumweinersatz stand sicher bereits seit zehn Jahren in Karstens Schrank und war seit neun abgelaufen. Zudem stanken seine Socken pestilenzartig. Wie bekam sie das Monster bloß wieder aus ihrem Wohnzimmer?

Sie riskierte einen kurzen Blick auf ihn. Anscheinend beeilte er sich, die abgelaufene Flasche schnellstmöglich im Alleingang zu leeren. Umso besser, dann wurde sie ihn wenigstens fix los. Sie atmete ein paarmal tief durch, dann lief sie zu ihm zurück.

„Und du? Was machst du so?“, versuchte sie ihn von den Themen Socken, Übelkeit und Nachbarschaft abzulenken.

„Ingenieur bei Bosch“, gab er lapidar zurück.

Genau das hatte Nicole vermutet. „Wie nett“, gab sie gequält lächelnd zurück, setzte sich im Stinkesocken-Sicherheitsabstand neben ihn auf die Couch und starrte auf die nach wie vor zu einem Drittel gefüllte Flasche. Der Depp verzog sich bestimmt erst, wenn sie leer war. Was sollte sie nur tun?

„Und, äh, wo habt ihr bisher gewohnt?“, begann er nun verunsichert etwas seichte Konversation, um die peinliche Stille zu vertreiben. Wenigstens gab er sich Mühe.

„Im Stuttgarter Westen, in einer wunderschönen Wohnung mit jeder Menge interessanter, gut riechender Leute um uns herum“, platzte Nicole heraus, räusperte sich aber schnell und meinte: „Leider haben die Kinder unter uns mit einem Adventskranz gezündelt und ihre Wohnung abgefackelt. Deshalb wird da jetzt luxussaniert – und etwas Besseres als das hier habe ich auf die Schnelle nicht gefunden.“

„Aha“, meinte er und betrachtete betreten seine Stinkesocken. Tennissocken von der übelsten Sorte – ehemals weiß, nun gelblich-grau mit einem Loch, aus dem ein großer Teil des rechten großen Zehs herausschaute.

„Ja, aha“, trompetete es da von der Treppe her beleidigt. Lea hatte sich, offensichtlich von Neugier getrieben, wieder aus ihrem Zimmer gewagt und den letzten Satz ihrer Mutter mitgehört.

Nun warf sie die langen hellblonden Haare in den Nacken und schnauzte ihre Mutter an: „Etwas mehr Mühe hättest du dir schon geben können. In dieser Stinkebude fault einem ja die Nase ab. Außerdem“, wandte sie sich an Karsten, „brauche ich morgens über eine Stunde bis zum Gymmi. Aber immer noch besser, ich verbringe den halben Tag in den Öffis, als mir ein Dorfgymnasium hier in der Nähe zu suchen. In Schwäbisch-Sibirien.“

Sie steckte sich einen Finger in den Hals und gab würgende Geräusche von sich.

Karsten gaffte sie mit offenem Mund an. Offensichtlich fiel ihm schlichtweg kein Kommentar ein, der zu dem eben Gehörten passte. Nicole betrachtete fasziniert sein Mienenspiel. Ratlosigkeit und Fluchtgedanken liefen wie Laufbänder kreuz und quer über seine Stirn. Gut so. Sollte er doch gehen! Inzwischen hätte er ja eigentlich kapieren müssen, dass er hier reichlich fehl am Platz war.

Dennoch erklärte Nicole mit einem leichten Anflug von Mitleid: „Das ist Lea. Meine Tochter. Hör nicht auf sie – sie ist dreizehn.“

Es folgte ein weiteres In-den-Nacken-Werfen der Haare – es waren sehr schöne Haare, was Lea überaus bewusst war: „Mum! Du bist ja wohl voll peinlich.“

„Ja. Ich weiß“, meinte Nicole seufzend.

Karsten räusperte sich verlegen. „Und dein Mann?“, wandte er sich an Nicole. Die zog nur fragend die Augenbrauen hoch.

„Also dein Vater“, wandte er sich hilfesuchend an Lea. Die mit einer perfekten Imitation des Gesichtsausdrucks ihrer Mutter ebenfalls fragend die Augenbrauen hochzog. Diese Familienähnlichkeit!

„Also, konnte der euch nicht helfen? Ich meine, wegen dem Adventskranz und so.“ Der Schweiß brach ihm aus. Die Situation überforderte ihn derart, dass Nicole ihm noch maximal zwei Minuten vor Ort gab.

Diese Aussicht entspannte sie so dermaßen, dass sie sich lächelnd im Sofa zurechtkuschelte und ihrer Tochter ein strahlendes Lächeln zuwarf.

Lea verdrehte prompt die Augen. „Erstens heißt es wegen des Adventskranzes und zweitens: Nö. Kann er nicht. Er reitet gerade auf einem Känguruh in den Sonnenuntergang, spielt Zahnarzt bei einem Weißen Hai oder saugt Tinte bei einem Tiefsee-Riesenkraken ab. Irgend so etwas Beknacktes. Wie kommst du denn auf die Idee, dass der Brainie uns helfen könnte?“

„Äh, war nur so ein Gedanke“, meinte Karsten hastig.

Nicole beobachtete amüsiert, wie sich immer mehr Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Ihre Tochter hatte etwas gut bei ihr. Karsten war ihr eindeutig nicht gewachsen. Und Lea, das Früchtchen, wusste das ganz genau. Deshalb fragte sie nun zuckersüß: „Wieso glaubst du überhaupt, dass uns irgendein Mann helfen könnte?“

„Ach, nur so ein Gedanke“, wiederholte er schwach, stürzte ein komplettes Glas alkoholisierten Schaumweinersatz in sich hinein und schenkte sich das nächste randvoll.

Die Flasche war leer!

Nicole biss sich auf die Lippen, um ein lautes „Jippieh!“ zu unterdrücken.

Lea erklärte nach einem langen Blick auf Karstens Socken, der diesem nicht entging – er zog schnell die Zehen ein – mit betont hoheitsvollem Tonfall: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade anders herum ist: Wir Frauen müssen den Männern helfen. Die sind ohne uns doch vollkommen überlebensunfähig.“

Nicole hustete dezent in ihre Faust. Für den Satz bekam ihre Tochter auf jeden Fall das schwarze durchsichtige Totenkopf-Top, das Nicole bisher abgelehnt hatte. Natürlich war Lea ätzend und unverschämt – und das durfte sie als gute Mutter nicht durchgehen lassen. Aber es kam doch auch darauf an, zu wem man ätzend und unverschämt war und in welcher Situation. Man musste differenzieren lernen, gerade in Leas Alter. Auf das pädagogische Gespräch, wenn der Stinker endlich weg war, freute Nicole sich jetzt schon.

Der abwechselnd blasse und knallrot verfärbte Karsten lag offensichtlich in den letzten Zügen. Er starrte etwas gequält auf sein Glas – schließlich konnte er erst gehen, wenn selbiges leer war – und schnappte es sich dann mit Todesverachtung, um den kompletten Rest auf einmal in sich hineinzukippen. Leider verschluckte er sich dabei so sehr, dass er den darauffolgenden Hustenanfall nur überlebte, weil Lea und Nicole ihm abwechselnd herzhaft auf den Rücken klopften.

„Na, geht’s wieder?“, fragte Nicole schließlich besorgt, als er halbwegs wieder Luft bekam. Seine Leiche wollte sie noch weniger in ihrer Wohnung haben als sein lebendes Ich.

„Mhm“, antwortete er unter Tränen und warf ihr einen dankbaren Blick zu. Dabei fiel sein Blick auf ihren leicht geöffneten Mund. Er riss die Augen auf und öffnete dümmlich seinen Mund, während er weiter starrte.

„Hab ich was zwischen den Zähnen hängen?“, fragte Nicole irritiert, fuhr mit ihrer Zunge über die Schneidezähne und rückte ein Stück von ihm ab.

„Nö“, gab Karsten zurück. „Wieso?“

„Du starrst die ganze Zeit auf meinen Mund.“

„Ja, weil du schöne Zähne hast.“

Nun schaute er ertappt und betroffen vor sich auf den Boden. Nicole und Lea wechselten einen verständnislosen Blick, bevor sie beide den Nachbarn musterten, als wäre er ein sonderbares Insektengericht auf einem asiatischen Grill.

Schließlich schluckte er trocken, kämpfte die letzten Huster nieder und erklärte dann krächzend: „Ich bin Torwart …“

„Ja, klar“, meinte Lea trocken. „Das habe ich mir gedacht.“

Karsten ignorierte ihren Einwurf und fuhr flüsternd fort: „Vor einem Jahr wollte ich mit vollem Einsatz einen Elfmeter halten. Ich bin einem unhaltbaren Ball nachgehechtet – und dabei recht unglücklich gestürzt. Seitdem habe ich einen Stiftzahn. Der ist aber nicht wirklich gut geworden.“

Er kniff die Lippen zusammen, versuchte, einen Schaumweinrülpser zu unterdrücken und winkte dann ergeben ab. „Ach was. Das stimmt so gar nicht. Die Wahrheit ist, dass ich mit einem uneleganten Hopser versucht habe, einen durchaus haltbaren, halbherzigen Elfmeter zu halten. Dabei bin ich wie ein toter, Tonnen schwerer Wal mit dem Kopf auf den Boden geknallt. Tja. Und beim Aufprall habe ich dummerweise in den knochenharten Boden gebissen und meinen rechten, vorderen Schneidezahn eingebüßt. Schaut, hier!“ Er zog mit dem rechten Zeigefinger die Oberlippe hoch und zeigte den verfärbten Zahn zuerst Lea, dann ihrer Mutter.

„Bäh!“, meinte Lea angewidert.

„Ja, äh, interessant“, kommentierte Nicole den Totalausfall irritiert und schaute dann betreten vor sich auf den Boden. Immerhin hatten ihre Socken, gegen die sie die ruinierten Strümpfe mit Laufmaschen getauscht hatte, keine Löcher. Was man vom Gehirn ihres Besuchers nicht behaupten konnte. Warum erzählte er ihr solche Geschichten? Bei seinen schlimmsten Feinden betrieb man doch keinen Seelenstriptease! Offensichtlich hatte er als Ingenieur nicht viel mit anderen Menschen zu tun. Die nutzten solche Informationen und Unsicherheiten doch schamlos aus! Wäre sie bei Bosch, hätte er jetzt ein Problem. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, fragte er plötzlich: „Und, äh, was machst du so? Arbeitsmäßig, meine ich.“

„Ich bin Creative Director in einer Agentur und leite sehr erfolgreich ein Team von zehn Leuten. Das macht zwar viel Arbeit und fordert konstant ungeheuren Einsatz, aber die erstaunlichen Ergebnisse, die man damit erzielen kann, sind doch eine große Bereicherung für die persönliche Entwicklung“, antwortete Nicole selbstbewusst und nicht nur leicht überheblich.

So und nicht anders gab man Informationen über sich selbst Preis, wenn man sich gerade erst kennenlernte! Damit das Gegenüber gleich wusste, mit wem er es zu tun hatte. Wäre das Gesöff nicht so unerträglich, hätte sie jetzt einen kleinen Schluck davon genommen, um ihren Status als erfolgreiche Geschäftsfrau von Welt zu unterstreichen.

„Acht!“, blökte da jedoch Lea in Karstens ehrfurchtsvolles Staunen und Nicoles Selbstzufriedenheit.

„Bitte?“, fragte Karsten irritiert.

„Mum lügt mal wieder. Sie leitet ein Team mit nur acht Leuten. Wenn du dich selbst abziehst, Mum, sind es sogar nur sieben. Und die sind es auch nur, weil du ausnahmsweise gerade einen Prakti und einen Volo hast, dazu noch den Azubi und eine Assistentin. Gerade mal eine Texterin und zwei schwule Grafiker „leitest“ du – und meistens bekommt ihr die langweiligsten Jobs in der ganzen Agentur, die die richtig guten Teams nicht machen wollen. Handtaschen. Handtücher. Farbmischungen – so ’n Zeug“, kommentierte Lea das Ganze gehässig. „Das sagst du jedenfalls selbst immer.“

Nicole schluckte trocken und warf ihrer Tochter einen stinksauren Blick zu. Das Totenkopf-Top konnte Lea vergessen.

Karsten wurde es jetzt endlich auch zu viel. „Ja, äh, vielen Dank für eure, äh, wir kennen uns dann ja jetzt. Noch mal viel Spaß hier – und man sieht sich, äh, sicher bald.“ Er wuchtete sich ächzend aus dem Sofa hoch. Schlagartig besserte sich Nicoles Laune.

„Ja, sicher. Und in der Garage können wir uns ja jetzt auch nett grüßen, nicht wahr?“

„Mal sehen“, meinte Lea, warf sich noch einmal wie in der Shampoo-Werbung die langen, blonden Haare in den Rücken und rauschte hoheitsvoll davon.

„Ja, das ist Lea“, kommentiere Nicole ihren Abgang versonnen.

„War sie, äh, schon immer so, hm, selbstbewusst?“, fragte Karsten, der inzwischen nicht nur auf der Stirn stark schwitzte. Zwar trug er einen Pulli über seinem Hemd, doch sogar der Pulli hatte starke Schweißflecke unter den Armen. Aber das übersah Nicole gern – jetzt, da er sich für immer verabschiedete.

„Ja, sie kam schon so zur Welt“, meinte Nicole deshalb freundlich lächelnd. „Müssen die Gene sein. Ihr Vater ist Professor für Quantenphysik.“

„Na dann …“ Er schaute demonstrativ auf seine dicke Armbanduhr und stammelte. „Oh, schon so spät! Ich muss ja ganz dringend, äh, also, vielen Dank für den Sekt und auf gute Nachbarschaft.“

Er nickte Nicole hektisch zu und rannte dann regelrecht aus der Wohnung. Die Tür warf er mit einem lauten Knall ins Schloss.

„Ist der so blöd oder tut er nur so?“, fragte Lea, die auf einer Haarsträhne kauend wieder im Wohnzimmer auftauchte.

„Der ist so blöd“, antwortete Nicole zufrieden. „Soll ich heute Abend Pizza bestellen? Du hast etwas gut bei mir.“ Nur Pizza. Das mit ihrem Team hatte Lea so viel Abzug in der B-Note gebracht, dass Nicole das Top, an dem Lea so dicht dran gewesen war, mit keinem Wort erwähnte.

Doch da sie das nicht wusste, war sie auch so zufrieden: „Ja, klar. Pizza. Und wieso? Hab ich was richtig gemacht?“

„Weil du das Differenzieren schon ganz anständig beherrschst, mein Häschen.“

3. Der Hundeblick

„Kein Windhauch ist zu spüren, hier, im Angesicht der Ewigkeit. Jetzt, wo sich unsere Seelen erkennen, zueinander strömen, sich umklammern im tosenden Sturm des Lebens, ist die Zeit gekommen. Wer weiß, wohin wir nicht wollen, kennt meine Qual.“

„Hä? Was? Bahnhof?“

Ratlos schaute Maria auf das lavendelfarbene Blatt, das ihr jemand samt Briefumschlag durch den Briefschlitz geworfen hatte. Was war das denn für ein Quark? Sollte das ein Witz sein? Oder Werbung für eine ominöse Sekte? So nach dem Motto: Sie nutzen nur ein Prozent Ihres geistigen Potenzials. Wir helfen Ihnen, dieses Prozent loszuwerden.

Vielleicht steckte die Erklärung für den seltsamen Text noch im Umschlag? Sie drehte diesen um – und eine ganze Ladung silberner Feenstaub rieselte auf den Boden.

„NEEEIN!“, brüllte Maria und rannte zum Staubsauger. Doch es war zu spät: Die Silberkrümel hatten zeckengleich die Spalten in den jahrhundertealten Dielenbrettern als neue Heimat erobert. Und da würden sie wohl auch die nächsten hundert Jahre bleiben.

Maria liebte ihre Altbauwohnung – samt knarzendem Holzboden. Deshalb hatte sie auch etwas dagegen, dass er glitzerte. Doch nach ein paar Minuten hektischen Saugens stellte sie das Gerät frustriert in die Ecke. Man musste wissen, wann man eine Schlacht verloren hatte. Dann glitzerte es eben in ihrem Flur. Basta! Das Rätsel des kruden Textes samt Glitzerpost hatte sie allerdings damit nicht gelüftet. Deshalb schnappte sie sich den Umschlag erneut und kramte darin herum. Tatsächlich steckte noch ein durchscheinend weißes Papier im Kuvert, das von oben bis unten mit einer zittrigen Handschrift vollgekritzelt war. Oh je. Schrieb ihr am Ende ein Arzt? Vielleicht ein Sektenarzt, der irgendwelche Qualen litt? Das wurde ja immer kryptischer!

Sie nahm die Botschaft mit ins Wohnzimmer, ließ sich aufs Sofa plumpsen und las: „Liebes Fräulein Maria, mein Name ist Martin Andecker. Sie waren gestern beim Bäcker so freundlich, mir dabei behilflich zu sein, die aus der gerissenen Tüte gefallenen Brötchen aufzusammeln.“

Ah! Der freundliche, schusselige, Selbstgespräche führende Opi, der so gerne Liegefahrrad fuhr, wollte sich bedanken. Wie schön. Aber das brauchte er doch nicht. Schlimm genug, dass so kleine, gegenseitige Hilfen heute nicht mehr selbstverständlich waren! Lächelnd fuhr sie mit dem Lesen fort: „Die Bäckereifachverkäuferin war so nett, mir Ihren Namen zu verraten und mir zu beschreiben, in welchem Haus Sie wohnen.“

Na, das ging dagegen gar nicht! Der Dame würde sie was husten! Vor allem, weil sie schon seit Jahren eine gegenseitige Abneigung pflegten – seitdem Maria der Bäckerdame mal vom italienischen Brot vorgeschwärmt hatte, was die ihr anscheinend übel genommen hatte. Und jetzt hatte sie sich gerächt und Marias Adresse verraten.

Maria beschloss, ihr demnächst einen freundlichen, kleinen Vortrag über Datenschutz zu halten und las weiter: „Ich gestehe, dass Sie mir bereits früher aufgefallen sind. Durch Ihr zauberhaftes Wesen, Ihren liebevollen Umgang mit Ihrem Sohn und Ihr glockenhelles Lachen. Ich habe bereits ein Sonett über Ihre charmante Zahnlücke geschrieben, wollte aber meinen Gefühlen für den Anfang mit diesen beiliegenden Zeilen Ausdruck verleihen.“

„WAS?“

Ach, du liebes Lieschen! Das ging ja in die ganz falsche Richtung! Natürlich bekam sie wie jeder gerne Komplimente. Auf gewisse Gefühle konnte Maria dagegen gut verzichten. Sie schluckte und las tapfer weiter: „Ich bin Deutschlehrer“, das auch noch!, „liebe die Poesie und verfasse selbst leidenschaftlich gern Gedichte.“

Das waren ja gleich drei Dinge auf einmal. Der arme Mann!

„Wären Sie so gütig und würden mir erlauben, Ihnen weitere, in Buchstaben gegossene Gefühle vorzutragen? Bei einem Glas Wein?“

Oh, bitte nicht!, schoss es ihr verzweifelt durch den Kopf.

„Bitte, sagen Sie der Bäckereifachverkäuferin Bescheid, wenn Sie mir die Gelegenheit dazu geben möchten. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich die freundliche Dame in meine Hoffnungen eingeweiht habe. Sie wird der Postillon d’Amour für uns beide sein. Wenn Sie es denn nur wollen. Mit sehnsuchts- und erwartungsfrohen, bangen Grüßen, Ihr Martin.“

Stöhnend ließ Maria den Brief sinken. Sollte sie jetzt lachen oder weinen? Der arme Mann! Zielsicher hatte er sich für seinen Liebesfeldzug die fieseste Tratschtante der Stadt ausgesucht. Die komplette Nachbarschaft wusste sicher bereits, dass er sich in Maria verknallt hatte. Denn wer sich rund um den Marienplatz langweilte, ging nicht zum Friseur. Sondern zum Bäcker und bekam zu seinem Croissant nicht nur einen Kaffee, sondern auch noch die neuesten Geschichten aufgebrüht. Der arme Liegefahrradfahrer. Der war doch schon geplagt genug! Nicht nur, weil er ein Lehrer, sondern auch eine erbarmungswürdige Jammergestalt war. Er war eines dieser kleinen, hutzeligen und verschrumpelten Männchen, die einen mit großen, ängstlichen Hundeaugen bei jeder Begegnung so flehend anstarren, dass man auf der Stelle vor Mitleid in die Knie gehen wollte. Aber Maria konnte sich ja schließlich nicht mit ihm treffen und sein Leben retten, nur weil er ihr leidtat! Abgesehen davon, dass er zwanzig Jahre zu alt, einen Kopf zu klein und Deutschlehrer war! Über seinen Mundgeruch, von dem sie beim Brötchenaufsammeln eine herzhafte Kostprobe bekommen hatte, wollte sie gar nicht nachdenken.

Es war wirklich ein Elend. Kopfschüttelnd lief sie über den Flur in die Küche, um sich den fünften doppelten Espresso des Tages aus der Maschine zu lassen. Dabei grübelte sie, wie sie die Kuh vom Eis bekam, ohne den guten Mann in seinem ohnehin wenig ausgeprägten Selbstbewusstsein noch weiter zu erschüttern. Vielleicht schrieb sie ihm auch einen netten Brief, in dem sie ihm alles erklärte? Dafür brauchte sie nur eine gute Geschichte. Am besten sie schrieb, dass sie demnächst ins Kloster ging. Dass sie ihrer Großmutter am Sterbebett geschworen hatte, niemals einen Lehrer zu daten. Oder dass ihr Sohn in einer schwierigen Phase war und sie deshalb in den nächsten hundert Jahren männerlos bleiben wollte. Ja, das war eine gute Idee. Blöd nur, dass sie nicht wusste, wo das Männchen wohnte. Deshalb musste sie den Brief wohl oder übel bei der fiesen Bäckerei-Tratsche hinterlegen – und sich dann ein paar Monate lang nicht mehr blicken lassen. Sie seufzte schwer. So ein Schlammassel. Gegen Liebesbriefe hatte sie nichts. Besser, als hastig hingetippte WhatsApps à la „Wrmpf DuDich heut mimir trefn?“

Es war nur blöd, dass die Liebesbriefe nie von den richtigen Männern kamen. Die falschen dagegen klebten an ihr wie ein Fluch! Schon seit der Tanzstunde. Und wahrscheinlich waren sie das sogar – ein Fluch. Denn bestimmt hatte Maria irgendwann in ihrem Leben eine ihrer zahlreichen italienischen Verwandten beleidigt, die ihr anschließend nur die miesesten Typen der Welt an den Hals gewünscht hatten. Dummerweise wusste Maria nicht, wer von den vielen, die sie beleidigt hatte, für den Fluch verantwortlich war. Als Italienerin mit entsprechendem Temperament blieb das Beleidigen und Beleidigt werden nun mal nicht aus – und zwar täglich. Deshalb war die Spurensuche absolut überflüssig und sie würde sich weiter mit den falschen Männern herumärgern, bis sich der Fluch irgendwann in Luft auflöste. Vielleicht kam er ja doch noch, der berühmte Prinz. Einer, der seine Wäsche selbst wusch und eine Frau nicht nur dafür brauchte, sein verkümmertes Ego zu pimpen. Und wenn er nicht auftauchte, dann war das auch in Ordnung. Dann genoss sie eben ihr Leben als zeitgemäßer Single. Punkt.

Ein guter Anfang war die perfekte, dickwandige Espressotasse, die nun gefüllt mit schwarzem, duftendem Gold vor ihr stand.

Sie beugte sich vorfreudig summend nach vorn, um sich die Tasse zu schnappen, da fiel ihr Blick auf die auf Hochglanz polierte Maschine.

„Wah!“, brüllte sie und machte einen Satz nach hinten. Sie presste die Hände auf ihr wild klopfendes Herz und schnaufte heftig atmend ein paarmal tief durch. Dann trat sie erneut zur Maschine und warf tapfer einen zweiten Blick darauf.

Sie schluckte.

Die Maschine warf ein verzerrtes Bild von ihr zurück – und zwar eine ungefähr dreihundert Kilo schwere Ausgabe von sich selbst.

„Das ist ein Zeichen“, flüsterte sie vor sich hin und bekreuzigte sich.

„Was ist ein Zeichen?“, fragte da eine interessierte Stimme in ihrem Rücken.

„Wah!“, brüllte sie erneut und fuhr herum. „Madonna mia!“, jammerte sie angesichts des rotgelockten Strahlemanns, der sie von oben herab breit grinsend musterte. Ihr Sohn Mathieu war zwar erst elf Jahre alt, hatte sie mit ihren einen Meter fünfundfünfzig aber schon vor einem Jahr überholt.

„Na, Mamma, mal wieder dramatisch?“, fragte er kichernd, öffnete den Kühlschrank und fischte sich eine Möhre heraus, in die er knackend hineinbiss.

„Mathieu!“, brüllte Maria da los. „Wie oft habe ich dir gesagt, dass du die Möhren waschen und schälen sollst, bevor du sie isst? Außerdem isst kein Mensch rohe Möhren!“

„Doch, ich schon“, gab er achselzuckend zurück und biss gleich noch mal hinein. „Und? Verrätst du mir jetzt, was ein Zeichen ist?“

Maria schloss kurz die Augen und bat die heilige Jungfrau um Geduld. Sie bemühte sich, die ungewaschene Möhre zu ignorieren und flüsterte: „Ich sehe aus, als würde ich dreihundert Kilo wiegen. Und zum Bäcker kann ich auch nicht mehr. Es wird Zeit, dass ich etwas in meinem Leben ändere.“

Mathieu schaute sie etwas ratlos an. „Aha“, meinte er dann, „Und was? Abnehmen sicher nicht. Das passt nicht zu dir.“

„Ich weiß. Also, dass ich nicht abnehmen werde. Meine Gene erlauben es nicht. Aber ich weiß nicht, was ich ändern muss. Obwohl es höchste Zeit dafür ist“, antwortete Maria weiter flüsternd. „Vielleicht sollte ich wirklich ins Kloster gehen. BWL studieren. Oder nach Italien auswandern.“

„Aha. Na dann. Viel Spaß beim BWL-Studium im italienischen Kloster – ganz ohne Bäcker“, antwortete ihr Sohn kichernd und warf ihr einen Luftkuss zu. „Ich gehe lieber zu Ganesh. Wir haben heute mit unserem Mathelehrer gestritten, weil er eine Produkt-Integration falsch berechnet hat. Ganesh und ich wollen das Ganze mit einer neuen Methode durchrechnen und seinen Fehler damit morgen belegen.“

„Aha, ja dann, viel, äh, Spaß“, meinte Maria, die wieder einmal nur Bahnhof verstand, drückte ihrem hochbegabten Sohn einen schmatzenden Kuss auf die Wange und sah ihm wehmütig hinterher.

Wo kam dieses seltsame Bürschchen nur her? Der Storch musste sich komplett in der Adresse geirrt haben. Dieses Thema wurde in ihrer Familie seit Mathieus Geburt vor elf Jahren in der Endlosschleife diskutiert. Gut, er war das Ergebnis einer ebenso leidenschaftlichen, wie sinnlosen Affäre mit einem französischen Koch, der inzwischen längst mit Frau, mehreren Kindern, Hund, Katze und Maus an der Loire lebte und dort Karriere gemacht hatte. Aber wer hätte gedacht, dass aus der Kombination eines kleinen, schwarzhaarigen und -äugigen Kochs und einer gleichfarbigen Mini-Italienerin und -Floristin ein hoch aufgeschossener, rothaariger Kerl mit absolut überirdischem IQ werden konnte?

Maria jedenfalls glaubte ganz fest an den besoffenen Storch. An unfähige Ärzte. Daran, dass die Erde eine Scheibe war. Und daran, dass die Dreihundert-Kilo-Reflektion in der Kaffeemaschine tatsächlich ein Auslöser für anstehende Veränderungen in ihrem Leben war.

4. Die Wette

Am nächsten Morgen, einem Samstag, fuhr Nicole als Erstes in den nahe gelegenen Baumarkt, um eine Bastwand zu kaufen, die ab sofort Nicoles Blick sowohl auf das Klebstoffpärchen als auch auf den Neandertaler verdecken sollte. Derart abgeschottet beschloss sie, dass ihre Nachbarn nicht die Einzigen waren, die die fahle Januarsonne in der Vorstadt genießen konnten und packte ein paar dicke Decken auf die beiden Stühle, bevor sie liebevoll den Balkontisch deckte.

In einer halben Stunde kam ihre beste Freundin Maria. Sie kannten sich schon seit der Tanzstunde, in der die dünne, blonde Nicole die rassige, temperamentvolle Maria nicht nur um ihre Tanzkünste beneidet hatte, sondern auch um ihre Eigenschaft als Jungs-Magnet: Maria hatte die freie Auswahl in einem gewaltigen Pool von pickeligen, nach Schweiß stinkenden Jungs gehabt. Leider hatte sie sich immer zielsicher genau den Kerl ausgesucht, der noch zwei weitere Mädels im Tanzkurs angebaggert hatte – sodass die von allen begehrte Maria beim Abschlussball ohne Tanzpartner sitzengeblieben war. Getröstet worden war sie von der ebenfalls verschmähten, dürren Nicole, woraus eine dicke Freundschaft entstand, die bis heute hielt.

Auch an Marias Schönheit – der auch fünfzehn Kilo zu viel nichts anhaben konnten – und ihrem Beuteschema hatte sich kaum etwas geändert: Bis heute suchte sie sich zielstrebig die falschen Kerle aus, die früher oder später sinnlos das Weite suchten. Deshalb lebte Maria als alleinerziehende Mutter ein ähnliches Leben wie Nicole. Nur hatte sie als Inhaberin eines Blumenladens einen völlig anderen Rhythmus als diese. Denn normalerweise stand Maria um vier Uhr auf, um die besten Schnäppchen auf dem Blumengroßmarkt zu machen – und ging deshalb meistens schon um einundzwanzig Uhr ins Bett. Doch ein Termin in der Woche war ihnen beiden heilig und in den letzten zwanzig Jahren nur selten ausgefallen: das gemeinsame Samstagsfrühstück.

Dabei trafen sie sich immer abwechselnd bei Maria, bei Nicole und in einem Café. Und heute war das erste Mal, dass Maria zum Frühstück in Nicoles neue Wohnung kam. Dabei wollte Nicole der sehr skeptischen Maria beweisen, dass ihr neues Zuhause durchaus seine Vorzüge besaß. Denn Maria war eine jener Stadtpflanzen, die ein Leben außerhalb von Feinstaubalarm und Menschenmassen schlichtweg nicht für möglich hielt.

Eine halbe Stunde später saß sie durchgefroren auf dem Balkon und machte nicht gerade ein Gesicht, als ob sie ihre Meinung ändern würde. „Warum genau, meintest du, müssen wir hier draußen sitzen und uns die Hintern abfrieren?“, fragte Maria schlotternd.

Sie hatte sich ihre Decke bis über den Kopf hochgeschlagen, sodass sie einer kirchlichen Darstellung der Mutter Maria noch ähnlicher als sonst war. Allerdings klapperte sie herzlich wenig würde- und salbungsvoll mit den Zähnen.

„Die Sonne scheint doch“, meinte Nicole halbherzig empört und wies auf die hinter vielen Wolken trübe funzelnde Scheibe.

„Ja. Wahnsinn. Man schwitzt sich hier geradezu tot. Bei acht Grad. Halleluja.“ Aus der Decke streckte Maria vorsichtig einige zitternde Finger, schnappte sich ihre Tasse und schlürfte geräuschvoll ihren heißen Kaffee. „Ah, tut das gut.“ Sie behielt die Tasse in der einen Hand und wärmte auch ihre zweite daran. „Ich komme mir gerade ein bisschen so vor wie auf einer Skihütte. Nur ohne Skistiefel. Ohne Ski. Ohne Spaß. Und mit einer beschissenen Aussicht.“

Sie wies verächtlich auf Nicoles gerade erst erstandene Trennwand: „Warum hast du bloß dieses spießige Bastmonster aufgestellt?“

„Weil ich keine Lust auf versaute Nachbarn habe!“, platzte Nicole verstimmt heraus. Da hatte sie mit ihrem neuen Balkon und der guten Luft in der Vorstadt angeben wollen – und beides kam so gar nicht bei Maria an.

„Versaute Nachbarn?“, endlich hatte Nicole ihrer Freundin einen Brocken hingeschmissen, den diese begeistert annahm: „Erzähl!“

Kurz berichtete Nicole von den Ereignissen des Vortages. Sie erklärte dabei auch die Daseinsberechtigung der Bastwand – wobei Maria vorschlug, einige Gucklöcher hineinzubohren. Schließlich gab es noch viele andere klebrige Substanzen, mit denen man Frauen häuten konnte – und es wäre doch schade, wenn Nicole sich darüber nicht auf dem Laufenden hielte.

Maria lachte noch immer schallend, als es an der Tür klingelte.

„Nicht schon wieder“, stöhnte Nicole auf. „Hier hat man nie seine Ruhe.“

Maria gackerte: „Dabei bist du doch extra aus der Stadt raus gezogen, um etwas mehr Ruhe zu haben“, sie strahlte Nicole breit an. „Ich habe dir doch gleich gesagt, dass das eine Schnapsidee ist. Nicht nur, weil wir jetzt so weit voneinander entfernt wohnen – du bist den Spießern hier auf Gedeih und Verderben ausgeliefert!“

Es klingelte erneut.

Maria wiegte den Kopf. „Aber vielleicht sind das auch deine Nachbarn von gegenüber und wollen dich zu einem Klebstoff-Dreier einladen“, meinte sie breit grinsend.

„Ich hoffe eher, dass es die Goldohrringe sind, die ich in England bestellt habe, warte kurz“, meinte Nicole und lief zur Tür. Doch an der Türsprechanlage meldete sich niemand. Dafür klopfte es an der Tür.

„Nicole? Ich bin’s Karsten!“

Der Honk? Schon wieder? Sie schloss frustriert die Augen. Hatte Lea den Spinner nicht gestern erst wunderbar vergrault? „Och nö“, murmelte sie leise vor sich hin, machte auf leisen Socken kehrt und wollte zu Maria zurückschleichen. Da fiel ihr ein, dass Lea noch schlief – beziehungsweise wie jeden Samstag bis mindestens zwölf Uhr im Bett lag. Wenn der Spinner jetzt wie gestern mit dem Dauerklingeln begann, hatte Nicole den Rest des Tages ein stinksaures, mies gelauntes Pubertätsopfer an der Backe. Also drehte sie sich seufzend noch einmal um, lief mit hängenden Schultern zur Tür und öffnete diese ergeben.

„Karsten, wie nett“, log sie wenig überrascht und ebenso wenig begeistert, als sie ihren Nachbarn vor sich stehen sah. „Was kann ich für dich tun?“

„Ich muss gestern meinen Autoschlüssel verloren haben. Hast du ihn vielleicht gefunden?“ Er schaute sie mit einem flehenden Hundeblick an. Dabei konnte sie Versessenheit auf Autos bei Männern ebenso wenig leiden wie Vergesslichkeit und Unterwürfigkeit. Außerdem wollte sie heute nicht schon wieder Nachbarschaftspflege betreiben, sondern sich einfach amüsieren. Deshalb lächelte sie nur unverbindlich und erklärte: „Nein, tut mir leid. Schau doch mal ins Auto – vielleicht steckt er noch. Das passiert häufig. Also: Viel Erfolg beim Suchen. Wenn ich ihn doch noch finde, sag ich dir Bescheid. Tschüss.“

Sie knallte vor seiner Nase die Tür zu und tappte ergeben zurück zum Balkon.

Maria, die sich gerade ihr zweites Eclair in den Mund stopfte, fragte mit vollen Backen: „Na, du armes Hascherl? Was für ein Griff ins Klo war das jetzt schon wieder? Ich sag’s noch einmal: Ich hatte dich gewarnt! Man zieht ja nicht einfach so aus der Stadt ins Kaff.“

Nicole warf ihrer fröhlich futternden Freundin einen wütenden Blick zu. Die hatte leicht reden! Sie wohnte mit ihrem Sohn mietfrei in der riesigen Fünfzimmerwohnung ihrer Eltern – die vor ein paar Jahren zurück nach Italien gegangen waren - am Marienplatz. Von dort aus konnte man leicht auf andere herunterschauen, die Miete abdrücken mussten.

Nicole beschloss, Maria, die so überheblich Nicole spießiges Umfeld betrachtete, einen kleinen Denkzettel zu verpassen. Deshalb raffte sie ihre Schultern, strich ihren akkuraten, hellblonden Bob zurecht und erklärte säuselnd: „Du würdest dich wundern. Das war nämlich zur Abwechslung ein wirklich heißer Nachbar.“

„Ein heißer Nachbar? Im Leben nicht.“ Maria winkte lachend ab und schlürfte ungerührt weiter ihren Kaffee.

„Gut. Toll ist nicht das richtige Wort – er … er ist einfach ein, äh, männlicher Prototyp, er ist Akademiker, Anfang vierzig, groß, treibt Sport, verdient gut, hat eine Festanstellung, fährt ein neues Auto und wohnt – allein – und zwar sogar im Hinterhaus.“

Nicole betrachtete konzentriert ihre Fingernägel. Eigentlich hatte sie jetzt zur Abwechslung einmal nicht gelogen. Sie hatte sich nur auf die Fakten konzentriert. Und die hörten sich – sogar für sie selbst – erstaunlich positiv an. Auch, wenn sie mit der Wahrheit natürlich so gut wie gar nichts zu tun hatten.

Auch Maria verfiel angesichts dieser umwerfenden Beschreibung fast in Schnappatmung. Sie ließ das Kauen, riss staunend ihre fast schwarzen Madonnenaugen auf und fragte dann mit vollem Mund: „Echt? Ein großer Prototyp. Hier im Haus? Der einen Job hat? Anfang vierzig und trotzdem nicht geschieden ist? Und allein wohnt? Was will der denn hier? Unfassbar! Das kann nicht sein!“

Sie winkte schon wieder ab und schlürfte Kaffee. Konnten Italiener eigentlich auch mal etwas anderes machen? Kaum kam jemand aus Marias Verwandtschaft vorbei, liefen auch schon die Maschinen heiß. Dabei kreischten und schimpften und brüllten die alle doch sowieso die ganze Zeit. Soviel Koffein war da ganz schlecht – da war sich Nicole sicher.

Deshalb nahm sie Maria jetzt auch die Tasse weg und erklärte ernst: „Doch! Den gibt’s.“

„Wahnsinn.“ Etwas neidisch blickte Maria auf ihre Tasse in Nicoles Hand und zog dann ihr eigenes Resümee. „Bei mir um die Ecke gibt’s nur dichtende Lehrer, Bisexuelle, frustrierte Geschiedene und andere finanziell Ruinierte. Ein Kerl, der seine Rechnung selber zahlen kann und keinen psychopathischen Anhang hat, der ihn in jeder Hinsicht ausquetscht – das hört sich fast schon nach Prinz an. Oder wenigstens Ritter.“

„Mhm. Wahnsinn trifft es ganz gut“, freute sich Nicole. „Er ist außerdem ungefähr so alt wie wir und hat wahnsinnig gute Manieren.“

„Das auch noch! Der erste Mann mit Manieren seit Jahren! Hört sich ja wirklich super an, dein Ritter. Erzähl mehr von ihm!“ Vor Aufregung knabberte Maria an einem Fingernagel. Schnell gab Nicole ihr die Tasse zurück, damit sie die unschöne Angewohnheit bleiben ließ und sich lieber an der Tasse festhalten konnte.

„Ja. Genau. Er sagt hallo und tschüss und wenn er einen auch für die Zeugen Jehovas hält, erstickt er trotzdem nicht im Wohnzimmer. Das ist doch mehr als man von den meisten Männern erwarten kann, oder?“

„Hä?“

Über Marias verdutztem Gesicht gab Nicole lachend auf. „Nein, nein, es ist kein Prototyp. Leider. Das eben war nur Karsten. Du weißt schon – der anachronistische Kunstbanause und Schaumwein-Sexist.“

„Och, du fiese Lügnerin“, meinte Maria und zog beleidigt eine Schnute.

„Na, gelogen habe ich eigentlich nicht“, meinte Nicole nachdenklich. „Alles, was ich gesagt habe, stimmt. Er treibt als Fußballtorwart sogar Sport. Das mit dem Hechtsprung und dem Stift-Schneidezahn war einfach Pech. Ach, und hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass er mindestens eins fünfundneunzig groß ist und um die hundert Kilo wiegt?“

„Börk“, meinte Maria verächtlich. „Das Ensemble ist deins. Kein Ritter. Eher armer Ritter.“ Sie seufzte schwer. „Die würde ich jetzt gerne essen. Warum isst man eigentlich immer nur so modernes Zeug? Die guten, alten Sachen vergisst man dabei ganz. Dabei sind sie so lecker.“ Sie schüttelte den Kopf. „Gleich morgen früh hole ich das nach.“

Nicole verdrehte die Augen. „Kannst du eigentlich auch mal an was anderes denken als ans Essen?“

„Aber warum denn?“ Maria schaute verblüfft. „Essen ist doch das Beste im Leben.“

„Nein, meine Liebe. Das Wichtigste ist, dass wir uns weiterentwickeln!“, gab Nicole empört zurück.

Maria winkte ab. „Blödsinn. Wir sind weit genug.“ Versonnen schaute sie auf die Bastwand und meinte dann: „Schade eigentlich, dass es so einen Kerl, wie du ihn eben beschrieben hast, nicht wirklich gibt.“

„Na ja“, murmelte Nicole und nippte versonnen an ihrem Kaffee. „Vielleicht ja doch. Vielleicht sind wir einfach nur zu bequem, um die entsprechenden Kerle aus ihrer, äh, Schale zu pellen. Vielleicht kann mit unserer Hilfe aus einem armen Ritter ein echter werden.“

„Was soll das denn heißen: Aus der Schale pellen?“ Maria stopfte sich das inzwischen dritte Eclair in den Mund.

„Lass die Dinger doch. Heute Abend bist du frustriert, weil du nicht mal mehr in deinen Schlafanzug passt.“ Nicole warf einen vielsagenden Blick auf Marias Hüften – für diese ein ewiger Quell des Kummers.

„Wurst“, meinte die jedoch zur Abwechslung einmal trocken. „Ich geh sowieso irgendwann ins Kloster. Diese ganzen Datingportale und –apps sind mit Psychos durchseucht. Nein – es gibt keine Männer mehr. Für uns bleiben nur noch Kaffee und Kalorien als Sinn des Lebens.“

Erneut biss sie ein Stück ihres Gebäcks ab.

„Vielleicht gibt es sie doch. Die echten Ritter“, meinte Nicole versonnen. „Wir dürfen nur die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen.“

„So schnell?“, fragte Maria. „So schnell?“ Die Augen fielen ihr fast aus dem Kopf. „Soll ich jetzt einen hysterischen Anfall bekommen und sämtliche Griffe ins Klo, die wir uns in den letzten Jahren erlaubt haben, aufzählen? Ich sage nur Stalker, meine Liebe.“ Sie rümpfte angewidert die sommersprossige Nase. „Nein, nein – da draußen sind nur Irre und Überlebensunfähige unterwegs. Und bei denen ist Hopfen und Malz verloren.“ Der Rest des Eclairs verschwand in ihrem Mund.

„Ja, bei denen schon, aber wenn das Rohmaterial eigentlich in Ordnung ist … meinst du nicht, dass man das dann nicht nach eigenem Geschmack formen könnte?“

„Es gibt ja noch nicht mal Rohmaterial“, erklärte Maria mit Grabesstimme.

„Na ja, schau dir meinen Nachbarn an.“ Nicole wies mit dem Kinn in Richtung von Karstens Balkon. „Das ist zwar ein sehr, sehr, sehr armer Ritter, aber wenn wir ihn nur nach seinen Anlagen, nicht nach seinem aktuellen Zivilisationsstand beurteilen – kein Kommentar dazu, mir wird’s ja immer noch schlecht, wenn ich an seinen Besuch gestern denke – dann wäre das durchaus entsprechendes Rohmaterial.“

Maria zeigte ihr ein Vögelchen. „Ein stinkiger Turnsocken-Sexisten-Proll mit Stiftzahn. Super Rohmaterial.“

Nicole warf sauer die Hände in die Luft. „Aber das kann man doch alles ändern! Manieren sind Erziehungssache. Socken kann man kaufen. Und waschen. Wichtig ist, dass er weder Gnom noch Klingone ist, eigenes Geld verdient und aufrecht geht. Der Rest ist doch eigentlich ein Klacks.“

Maria schaute ihre Freundin mitleidig an. „Du glaubst echt, was du da erzählst, oder?“

„Natürlich“, Nicole nickte konzentriert. „Das sehe ich ja jeden Tag bei der Arbeit: Wo ein Wille ist, kann man auch etwas kaufen. Oder verkaufen.“

Maria winkte lasch ab. „Ja, dann mach das mal. Ich komme dir bestimmt nicht in die Quere. Hast du noch einen Kaffee für mich?“

Nicole verdrehte die Augen. „Jetzt warte doch mal: Du sagst also, dass es unmöglich ist. Ich sage, dass es sehr wohl möglich ist – wie wär’s: Wollen wir wetten?“

„Wieso?“

„Weil’s Spaß macht, du Huhn! Und weil ich dir beweisen will, dass es nur eine taffe Frau braucht, um einen Kerl zu schaffen, um den sich die Damenwelt reißt.“

Maria verdrehte die Augen. „Und ich sage dir: Es macht keinen Spaß und es kommt am Ende doch nichts Brauchbares dabei raus. Das kostet nur Zeit und Nerven – was wir beides nicht haben. Apropos – ich brauche Kaffee.“ Sie legte die Stirn jammervoll in Falten, kniff die Lippen zusammen und starrte Nicole so intensiv hypnotisierend an wie die Schlange das Kaninchen.

Doch die ignorierte das dargebotene Leiden. „Den kriegst du erst, wenn du mir richtig zugehört hast“, erklärte sie gepresst. Nicht mehr lange und sie würde ihre Freundin in eine Entzugsklinik für koffeinsüchtige Südländer schicken. „Du brauchst ja nicht mitzumachen – ich schaffe das auch allein!“

Maria winkte schnaufend ab. „Träum weiter.“

„Doch, doch – ich gehe jede Wette ein.“

Maria vergaß für einen Moment ihre Koffeinsuch und musterte ihre Freundin maliziös lächelnd. „Jede Wette?“

„Jede“, erklärte Nicole, mindestens so würdevoll wie die Queen. Es fehlte nur noch das huldvolle, angedeutete Winken mit der rechten Hand.

Doch Maria hatte wenig übrig für königliche Blasiertheit. Sie dachte eher praktisch. „Sehr gut. Mathieu braucht für seine bekloppte Reiterei schon wieder eine neue Hose. Sein Helm wird zu klein. Und die Sommerstiefel sind einfach nicht warm genug … Außerdem will er mit den anderen Nerds zu einem Forschertreff für Hochbegabte. Keine Ahnung, warum eine Floristin und ein Koch einen Hochbegabten zeugen. Vielleicht ist er im Krankenhaus doch vertauscht worden … Auf jeden Fall kostet das alles Unsummen. Und ich will natürlich trotzdem mit dir zum Wellnessen – also wetten wir doch einfach Folgendes: Wenn du die Wette verlierst, lädst du mich zum Wellnesswochenende nach Südtirol ein. Verliere ich, muss ich deine Rechnung zahlen. Aber vorher müssen wir festlegen, wie das Wettergebnis genau aussehen soll.“

Nicole rieb sich begeistert die Hände. „Ganz einfach: Am Ende von, sagen wir“, sie rieb sich grübelnd das Kinn, dann verkündete sie mit blitzenden Augen, „sechs Wochen – genau sechs Wochen – habe ich den Neandertaler in einen vorzeigbaren Kerl verwandelt, den man mit ins Restaurant und die Oper nehmen kann -“

„… sogar in die Oper?“, fiel Maria ihr ins Wort und riss dabei verblüfft die Augen auf „Du spinnst doch! Nimmst du dir da nicht etwas viel vor?“

„Nein. Das heißt … ja, sogar in die Oper. Das traue ich mir durchaus zu“, widersprach Nicole erneut Queen-mäßig. „Dabei wird er seine Begleitung nicht blamieren, sich sogar ansatzweise galant benehmen und attraktiv dabei wirken.“

„Das schaffst du nie!“ Marie klatschte mit den flachen Händen mehrfach begeistert und geräuschvoll auf ihre Oberschenkel.

„Und wie ich das schaffe. Oh, ich werde so lachen, wenn du am Ende des Wellnesswochenendes die Rechnung bezahlst. Außerdem“, sie beugte sich vor und schaute Maria mit hochgezogenen Augenbrauen konzentriert an, „ist dein Laden eine Goldgrube. Du verdienst dich dumm und dusselig und kannst deinen rotgoldenen Alleswisser-Bub zu hunderttausend Forschercamps mit anderen Nerds schicken, ohne mit der Wimper zu zucken. Dir tut es also bestimmt nicht weh, wenn du meine Rechnung bezahlst. Mir dagegen tut sowohl das Wellnessen als auch die Finanzspritze von deiner Seite sehr gut. Ich zahle nämlich Miete, meine Beste“, konnte sie sich eine kleine Spitze nicht verkneifen. „Oh, werde ich mich amüsieren, wenn ich die teuerste Algen-Gesichtsmaske im Hotel einmassiert bekomme – und keinen Cent dafür berappen muss!“ Sie lehnte sich seufzend zurück und strahlte. Die Aussicht war wirklich großartig. Rache, Gerechtigkeit und eine kostenlose Algen-Maske. Der Wahnsinn.

Maria kicherte. „Nein, meine Liebe. Ich werde mich amüsieren, wenn ich in entschlackende Wickel eingemummelt auf einer Thermalliege vor mich hindümple, die Kilos ohne Hungern schmelzen und ich mir dabei überlege, ob ich anschließend ein Schoko- oder Rosenbad nehme, für das ich keinen Cent bezahle.“

Auch sie lehnte sich lächelnd zurück und räkelte sich wohlig grunzend in ihren Liegestuhl.

Es klingelte erneut.

Beide wurden aus ihren Tagträumen gerissen und starrten in Richtung Wohnungstür.

„Da ist es – das Rohmaterial“, flüsterte Nicole und hielt Maria die Hand hin.

Diese schlug ein und flüsterte breit grinsend zurück: „Topp, die Wette gilt!“

5. Alles Käse

Maria betrachtete Nicole, die sie aus ihrem Liegestuhl siegessicher anstrahlte, ebenfalls breit grinsend. Den kostenlosen Wellnessurlaub hatte Maria schon in der Tasche. Zwar hatte ihre Freundin recht damit, dass Maria nicht am Hungertuch nagte, aber als alleinerziehende Mutter hatte sie lieber ein paar Kröten mehr auf der Bank. Schließlich wusste man nie, wann die Leute aufhörten, Blumen zu kaufen. Das Geschäft war schon um zig Prozent zurückgegangen, weil es in jedem Supermarkt und an jeder Tankstelle Billiggemüse zu kaufen gab.

Erneutes Türklingeln riss Maria aus ihren Gedanken.

Nicole zwinkerte ihr zu. „Es geht los. Der Spinner hat seinen Schlüssel bestimmt noch nicht gefunden. Also startet das Experiment genau jetzt.“

Maria musterte sie einen Moment lang mitleidig. Dann seufzte sie schwer und erklärte: „Du Arme. Ich hab ein ganz schlechtes Gewissen. Nach dem Umzug bist du bestimmt blank. Aber es ist ja für einen guten Zweck. Ich werde eine wunderbar weiche Haut bekommen.“

Nicole rieb sich grinsend die Hände. „Ja, genau. Der Zweck könnte nicht besser sein, eben weil ich nach dem Umzug blank bin und du das Wochenende bezahlst. Hach! Ich behalte ja so gerne recht!“ Beschwingt lief sie zur Tür. Maria folgte ihr auf Zehenspitzen und lugte um die Ecke.

Es war tatsächlich das Wettobjekt.

„Karsten, wie schön – eben habe ich meiner Freundin von dir erzählt!“, flötete Nicole, packte den überraschten Mann energisch am Hemdkragen und zog ihn mit einem kräftigen Ruck in die Wohnung, bevor sie die Tür dieses Mal hinter ihm zuknallte.

„Huch!“, rief er erschrocken und blickte sich verdaddert um. „Was wird das jetzt? Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass der Autoschlüssel im Schloss gesteckt hat. Blöd, was?“

„Aber nein – das passiert doch jedem einmal!“, rief Nicole übertrieben begeistert und bat zuckersüß: „Komm doch kurz rein, äh, raus. Wir frühstücken gerade und haben wie immer viel zu viel eingekauft. Das ist eine hervorragende Gelegenheit, dass du meine beste Freundin kennenlernst.“

Maria betrachtete einen Moment lang den sich wehrenden Kerl. Eigentlich sah er ganz nett aus. Gut, er war riesig. Er schien fast doppelt so groß zu sein wie sie selbst. Aber er hatte eine wunderschöne, tiefe Stimme, herrlich glänzende Haare und eine fast römische Hakennase. Wieso fand Nicole den so schlimm? Zwar löste sein Hawaiihemd spontan Augenkrebs aus und die Haare fielen ihm auf der Stirn tatsächlich in einen Deppenpony, aber so etwas bekam man mit Shopping und einem Besuch beim Friseur doch schnell in den Griff!

Maria biss sich auf die Unterlippe. Der Kerl war bei Weitem nicht so furchtbar, wie Nicole behauptet hatte. Im Gegenteil. Er war … interessant und brachte tatsächlich alle Zutaten für ein Heldensüppchen mit. Hatte Maria am Ende einen Fehler gemacht? Der Riese ließ sich doch mit ein paar Handgriffen in Superman verwandeln! Ob sie von der Wette noch zurücktreten konnte?

Während sie grübelte, packte Nicole ihren Nachbarn am Hemdzipfel und zerrte ihn weiter in die Wohnung. Maria flitzte zurück auf den Balkon und wartete dort auf die Dinge, die da geschubst werden sollten.

„Aber ich, äh, eigentlich hab ich jetzt gar keine Zeit, weil ich ja eigentlich zu meinen Kumpels wollte und ich hab ja auch meine Schuhe an, was man hier nicht darf und eigentlich …“, stammelte der sichtlich abgeneigte Karsten und versuchte, an Nicole vorbei zurück zur Tür zu kommen. Doch die sammelte alle seine abwehrend durch die Luft wedelnden Arme ein, schob ihn mit einem letzten energischen Klaps auf den Balkon, wies mit beiden Händen auf ihre schwarzlockige Freundin und rief: „Und das ist Maria!“

Karsten, der sich bis eben noch gewehrt hatte, ließ auf einen Schlag die Arme fallen und blieb wie angewurzelt vor Maria stehen. Er riss die Augen auf, seine Kinnlade klappte nach unten und er schien alles andere vergessen zu haben.

„Maria“, hauchte er fassungslos und starrte die Italienerin an wie ein Dreijähriger den Weihnachtsbaum.

Maria wechselte mit Nicole einen kurzen, irritierten Blick. Dann schaute Nicole vielsagend zwischen Maria und Karsten hin und her, verdrehte dann die Augen, zog die Augenbrauen hoch und deutete für ihre Freundin auffordernd mit dem Kinn auf ihren Nachbarn. Doch Maria dachte nicht daran, es Nicole leichter zu machen. Das Rohmaterial war erstklassig. Nicole hatte ihr einen Bären aufgebunden! Und anscheinend schien Maria selbst dem Kerl auch noch zu gefallen! So ein Mist. Unter anderen Umständen hätte das hier ein nettes Frühstück werden können. Ein ganz besonders nettes. Aber sie musste ja dafür sorgen, dass der Kerl in Nicoles Augen ein Versager blieb.

Also ignorierte sie das Wettobjekt einfach, griff nach ihrer nach wie vor leeren Kaffeetasse und suchte darin konzentriert nach letzten Spuren von Koffein.

Sollte doch Nicole die peinliche Situation entspannen. In der Liebe und im Krieg war alles erlaubt. Und eine Wette war ja so etwas wie Krieg.

Nicole räusperte sich kurz und rammte Karsten dann unsanft den Ellenbogen in die Nieren. Der fuhr erschrocken zusammen, schnappte nach Luft und rief: „Was?“ Dabei starrte er Nicole an wie eine Kuh, wenn’s donnert.

„Nicht was. Wer?“, meinte Nicole patzig. „Maria. Das ist Maria“, wiederholte sie dann langsam und deutlich wie für einen schwerhörigen Tattergreis. „Meine Freundin. Sie lädt dich ebenfalls gern zum Frühstück ein, nicht wahr?“

Die kaum einen Meter sechzig kleine Maria starrte den baumlangen Karsten einen Moment lang so hochmütig und angewidert an wie Fräulein Rottenmeier den Geißenpeter – was ihr ganz und gar nicht leicht fiel. Dann beugte sie sich an ihm vorbei zur Seite und erklärte in Nicoles Richtung mit ausdruckslosem Gesicht trocken: „Das schaffst du nie.“

„Oh doch. Und wie ich das schaffe!“, rief Nicole pampig.

„Was schafft wer?“, fragte Karsten und schaute irritiert zwischen den beiden Frauen hin und her. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

Maria tat er leid. Aber vielleicht war es ganz gut so, dass er für sie nichts weiter als ein Wettobjekt war. Denn der baumlange Kerl mit dem scheußlichen Hemd in Floraloptik schien mächtig auf dem Schlauch zu stehen. Das half Maria natürlich enorm weiter. Sie grinste vor sich hin und entblößte dabei nicht nur blendend weiße Zähne, sondern auch ihre freche Lücke zwischen den beiden vorderen Schneidezähnen.

Karsten starrte völlig fasziniert darauf. Gleichzeitig schien er sich vor ihren Augen in Pudding zu verwandeln. Seine Kinnlade klappte erneut nach unten und seine Arme baumelten willenlos an seinen Seiten herab.

Irritiert fuhr Maria mit den Zähnen über die Lücke. War irgendwas dazwischen hängengeblieben? Nein. Der lange Lulatsch wusste wahrscheinlich einfach nicht wohin mit sich. Trotzdem: Dieses stumme Starren machte sie ganz nervös.

Sie warf ihrer Freundin einen fragenden Blick zu. Doch Nicole zuckte nur die Achseln.

Maria blickte wieder zu Karsten. Ob der vielleicht am Tourettesyndrom oder ähnlichem litt? Das würde die Sache für Nicole noch weiter verschlechtern. Maria lächelte. Wette war Wette – da musste Nicole jetzt durch. Vielleicht half es ihr ja auch, dass ein Hirnschaden Karsten deutlich willenloser als einen normalen Blödmann machte, sodass sie ihn leichter umerziehen konnte.

Nicole schien in eine ähnliche Richtung zu denken. Denn sie atmete tief durch, grinste ihr Wettobjekt haifischmäßig an und griff den Faden wieder auf: „Das Essen. Es ist wirklich sehr viel. Aber es ist zu schaffen, wenn du uns hilfst. Setz dich doch. Ich hole noch einen Stuhl.“

Sie drückte den überrumpelten Karsten auf ihren eigenen Stuhl und holte einen weiteren vom Esstisch für sich selbst.

Während Maria ihren Besucher verstohlen musterte, rutschte der nervös auf seinem Stuhl herum. Immer wieder warf er Maria einen ungläubigen Blick zu, klappte den Mund auf, als wolle er etwas sagen, schloss ihn dann aber wieder. Hoffentlich kommt Nicole bald wieder, schoss es Maria durch den Kopf.

Endlich brach Karsten sein Schweigen: „Schönes Bastwand heute!“, platzte er heraus. Anscheinend hatte er über das Wetter reden wollen, bis sein Blick auf Nicoles neueste Balkonerrungenschaft gefallen war.

„Was?“ Maria schaute ihn verblüfft an.

„Die, äh, die Wand. Die ist, äh, neu. Oder?“, fragte er. Die ersten Schweißtropfen plumpsten von seiner Stirn und tropften auf ein Croissant im Brötchenkorb.

Karsten riss erschrocken die Augen auf, starrte auf das Croissant und machte: „Oh, oh!“

Maria kicherte kurz. Dann flüsterte sie: „Das geben wir Nicole zu essen, okay?“

Er nickte dankbar.

Maria selbst schnappte sich ihre Tasse und suchte derweil mit trauriger Miene nach leider nicht mehr vorhandenen Spuren von Kaffee.

„Soll ich dir einen holen?“, bot Karsten da spontan an. Schlagartig hatte er Marias Aufmerksamkeit.

„Was?“, fragte sie verblüfft und schaute ihn zum ersten Mal direkt an. Er starrte zurück. Mit strahlend blauen Augen, umrahmt von den längsten, schwarzen Wimpern, die Maria je gesehen hatte. Nun klappte ihre Kinnlade nach unten und ihr Gesicht färbte sich zartrosa. So blaue Augen … Da waren sie wieder – die Achtzigerjahre!

„Was?“, hauchte sie noch einmal.

„Kaffee“, hauchte er zurück und verfärbte sich ebenfalls. „Ich hole dir so viel davon, wie du willst.“

Sie schluckte. So etwas Wunderbares hatte noch nie ein Mann zu ihr gesagt! Unwillkürlich lächelte sie ihn an und nickte zaghaft.

Er lächelte völlig hilf- und willenlos zurück. Plötzlich summte eine Biene um seinen Kopf herum – wo kam die im Januar denn schon her? – bevor sie Maria umkreiste. Sie lächelte. Bienen waren wunderbar. Die brummten so nett, sammelten Honig und sorgten dafür, dass überall wunderbare Früchte wuchsen. Eine Biene war ein gutes Zeichen. Ein ganz hervorragendes Zeichen!

Das Insekt flog zu Karsten zurück, sodass Maria nun auch ihn anlächelte. „BUM!“ machte es in ihrem Kopf. Und irgendwie schien plötzlich Blumen- und Kaffeeduft in der Luft zu liegen, obwohl beides nicht sein konnte. Maria schnappte nach Luft. Was war das denn?

„Ich wollte doch etwas, was wollte ich nur?“, überlegte Karsten da laut.

„Kaffee“, flüsterte Maria lächelnd. Ihr Herz schlug wie verrückt. Ein Zeichen?

„Natürlich“, flüsterte er zurück.

Leider kam in diesem Moment Nicole elfengleich wie ein Nilpferd angestapft und erklärte:

„Wir haben noch jede Menge Schneckennudeln und flammende Herzen. Die Eclairs hat Madame Botero hier leider im Alleingang verdrückt.“

Madame Botero? Die Biene hinter Maria machte Sssssst! und taumelte zu Boden. Der Blumenduft verwandelte sich in Schimmelgestank. Und Kaffee gab es immer noch nicht!

Wütend darüber, dass der magische Moment bereits zertrampelt war und ihre Figurprobleme vor Fremden diskutiert wurden, schnappte Maria sich ihre Serviette und warf sie stinksauer nach Nicole.

„Maria Botero. Das ist aber ein schöner Name“, meinte Karsten derweil dämlich.

Maria erdolchte ihn fast mit Blicken. Wollte der Kerl sie verarschen?

„Eine unglaubliche Mischung – italienisch und spanisch, oder?“, schickte er unsicher hinterher.

Nicole erklärte milde: „Ich wollte mit Madame Botero eigentlich auf den Künstler anspielen. Du weißt schon – den Spanier, der die kugelrunden Damen abgebildet hat. Und das habe ich gesagt, weil Maria sich mit Eclairs vollstopft, bis sie kugelrund ist – und schließlich platzt.“

„Also hör mal!“, fuhr Karsten auf. „Das ist aber nicht nett! Deine Freundin hat doch eine sensationelle Figur! Es kann ja nicht jede schlank sein.“

BÄM!

Maria riss die Augen auf und verfiel in Schnappatmung.

Karsten, dem anscheinend klar wurde, dass er etwas Falsches gesagt hatte, stammelte: „Ich meine natürlich nicht, dass du nicht schlank bist. Ich meine, dass Kurven etwas Wunderbares sind. Also, dieses ganze Dürrsein heute, das gefällt doch sowieso niemandem. Also …“ Unter Marias versteinertem Blick verstummte er. Nicole schien sich zwischen den ganzen Beleidigungen und dem Gestammel prächtig zu amüsieren. Fröhlich schnappte sie sich das von Karsten vollgeschwitzte Croissant und biss herzhaft hinein. Maria lächelte maliziös. Kleine Sünden bestrafte das Universum sofort.

Nicole schluckte ihr Schweißcroissant hinunter und verkündete dann in Karstens Richtung: „Wir haben auch noch wunderschöne Erdbeeren und eine phantastische Käseplatte: mit Povolone, Büffelmozzarella, einem französischen Weichkäse mit Walnusslikör, einem alten Manchego und einem korsischen Kräuterkäse. Ich hol schnell mal alles.“

Sie verschwand.

Um dem unverschämten Menschen neben sich nicht ins Gesicht schauen zu müssen, entwickelte Maria ein riesiges Interesse an den Betonplatten auf dem Balkon. Da schleppte Nicole auch schon den Käse an und knallte ihn auf den Tisch. „Tataaa! Wie sieht’s jetzt aus?“

Maria musterte die guten Gaben intensiv. Dann breitete sich ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Zum einen war sie, zumindest was Nicole betraf, nie lange nachtragend. Zum anderen wusste sie zu schätzen, dass Nicole sich bei Toni, dem großartigsten italienischen Feinkosthändler Stuttgarts derart in Unkosten gestürzt hatte. Dafür konnte man schon mal ein paar Frechheiten wegstecken.

Karsten schien mit den Leckereien weniger anfangen zu können. Skeptisch betrachtete er die dargebotenen Köstlichkeiten, reckte seinen Kopf wie eine Schildkröte nach vorne und schnüffelte ein paarmal skeptisch: „Ich weiß nicht … normalerweise esse ich nur Gouda“, erklärte er abschließend.

Nicole entfuhr ein kleiner Laut des Entsetzens, während Maria zufrieden vor sich hin nickte und dann kichernd meinte: „Das hat die liebe Nicole nicht bedacht, nicht wahr, meine Beste? Das hättest du dir denken können. Dass so jemand nur Gouda isst …“ Sie warf Karsten einen bissigen Blick zu. Nicole konnte sie verzeihen. Dem Wettobjekt nicht! Der Depp hatte sie beleidigt und sich über ihre Figur lustig gemacht. Als ob sie fett wäre, pah!

Mochte dieser Kretin noch so lange Wimpern und noch so blaue Augen haben – er war ein Wettobjekt. Nichts weiter. Rohmaterial, das zudem Nicole in die Krallen bekam. Die war männermäßig anscheinend derart unterversorgt, dass sie schon Kerle mit Deppenpony aus der Großstadt verwandeln wollte. Peinlich war das!

Nicole zischte ihr zu: „Wenn ich gewusst hätte, dass uns heute Karsten beehrt, hätte ich Gouda gekauft. Das war ja alles so nicht geplant!“, dann säuselte sie in Karstens Richtung: „Mir fällt da gerade ein, Karsten, dass ich im Kühlschrank auch noch eine große italienische Trüffelsalami deponiert habe – all’ Aroma di Tartufo Bianco. Das ist eine wirklich köstliche Wurstspezialität. Zergeht auf der Zunge. Ich hab die Wurst nur nicht herausgeholt, weil Maria Vegetarierin ist.“

„Das tut mir aber leid“, platzte er heraus und musterte Maria wie jemanden, der eine schwere Krankheit hat. Dann fragte er kichernd: „Also … dann isst du nur Wild?“

Maria schaute ratlos zurück und fragte dann: „Bitte?“

„Wild! Dann isst du nur wild! Mensch, Rüdiger Hoffmann. Der Vegetarier. Den kennst du doch …“, rief Karsten begeistert.

Stummes Kopfschütteln von beiden Frauen, die einen irritierten Blick austauschten.

Karsten klatschte derweil mit beiden Händen mehrfach auf den Tisch, sodass beide Frauen zusammenzuckten: „Das ist der Sketch, in dem der Vegetarier erklärt, dass er keinen Fisch, kein Fleisch und kein Geflügel ist – und der Ober meint: also nur Wild. Das musst du doch kennen!“

Maria warf ihrer Freundin einen langen, intensiven, gönnerhaften Blick zu und bot ihr dann sehr freundlich an: „Du darfst zurücktreten. Ehrlich. Das ist zu viel verlangt. Sogar von den Besten unter uns. Schatz. Lass es sein.“

Doch Nicole schüttelte nur den Kopf und wandte sich wieder an Karsten: „Natürlich. Ich trete gerne zurück, um die Salami zu holen. Nicht wahr, Karsten – die wäre dir doch recht?“

„Ja, schon, wenn ich ehrlich bin“, meinte dieser und schnüffelte noch einmal am Feinschmeckerkäse. Dann verzog er angewidert das Gesicht und musterte abwechselnd Erdbeeren, Käse und die süßen Teilchen neben den Brötchen, als ob sie ihm als Schwaben eine Freikarte für ein FC-Bayern-Spiel angeboten hätten.

„So etwas esst ihr echt? Zum Frühstück?“, wollte er dann flüsternd von Maria wissen. Die nickte nur stumm mit ausdruckslosem Gesicht.

Also blickte er hektisch zwischen all den Lebensmitteln auf dem Tisch hin und her und angelte sich dann vorsichtig eine Schneckennudel aus dem Korb.

Er legte sie mit spitzen Fingern vor sich auf den Teller und musterte dann die Käseplatte. Er beugte sich zu Maria und flüsterte: „Gegen süße Teilchen habe ich ja nichts. Aber das Zeug da stinkt ziemlich, wenn ich ehrlich bin. Wie kann man etwas Süßes essen, wenn etwas so Stinkiges auf dem Tisch liegt?“

„Kein Problem – hier kommt die Rettung“, rief Nicole, die seinen letzten Kommentar gehört hatte, betont fröhlich und knallte die komplette Salami-Köstlichkeit aus dem teuren Feinkostladen vor Karsten. „Wohl bekomm’s!“, trompetete sie noch hinterher. „Die Salami dürfte noch um einiges stärker riechen als der Käse. Oder?“

Er beugte sich vor, schnüffelte – und auf der Stelle breitete sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus, während er begeistert nickte. Beherzt schnappte er sich ein Messer und säbelte ungefragt dicke Salamischeiben ab. „Feine Sache“, erklärte er währenddessen. „Und du willst wirklich nicht probieren? Vielleicht schmeckt’s dir ja!“, wandte er sich an Maria, spießte ein Stück Salami mit der Gabel auf und wedelte ihr damit auffordernd vor der Nase herum.

Angewidert zog sie deshalb die Nase kraus, beugte sich nach hinten von ihm weg, wandte den Kopf ab und hob auch noch abwehrend die Hände. Am besten rief sie noch von Nicole aus in der Bäckerei an und bat um die Telefonnummer des Leerers. Sollte er doch dichten und Mundgeruch haben, soviel er wollte! Alles war besser als der durchgeknallte Wurstmann hier!

„Karsten?“, meinte da Nicole sanft und legte ihm eine Hand auf den Unterarm. „Sie ist seit über fünfundzwanzig Jahren Veggie. Und zwar aus Überzeugung. Du verstehst? Sie möchte wirklich nichts davon abhaben. Für sie riecht das auch nicht so gut wie für dich.“

Maria schnaubte angewidert. „Das ist ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts!“

Da! Flog da nicht wieder eine Biene? Sie nahm ihr Wasserglas und schüttete es in die Richtung des Insekts. Hier flog heute gar nichts mehr!

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (Buch)
9783960878742
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498443
Schlagworte
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    Sophia Monti (Autor)

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Titel: Gut gewettet ist halb verliebt