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Die vergessene Stadt

von Emily Dunwood (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die 17-jährige Java lebt jetzt zwei Leben: ihr eigenes trostloses Dasein als Waise und das von Doppelgängerin Cullinan. Die Programmiererin hat sich in gefährliche Machenschaften verstrickt und schließlich das Ende der unteren, anonymen Stockwerke Deep Citys eingeläutet. Und als wäre das nicht schon anstrengend genug, kommen Glass und Java sich näher als sie sollten.
Während eine Todesliste die Bewohner von Deep City in Angst und Schrecken versetzt, scheint eine Rettung immer weiter in die Ferne zu rücken, denn nur eine hat Hoffnung in Deep City verbreitet – Cullinan. Doch sie existiert nicht mehr und niemand außer Java weiß es …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe September 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-736-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-823-0

Covergestaltung: Vivien Summer
unter Verwendung von Motiven von
© Nick Starichenko/shutterstock.com und © GrandeDuc/shutterstock.com
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Was bisher geschah

Die Menschen der Zukunft sind gläsern: In Hyalopolis, der ewig wachsenden Welthauptstadt, lassen sie jeden ihrer Schritte digital aufzeichnen, machen jedes Wort öffentlich und leben durch diese Transparenz ein angenehmes und sicheres Leben.

Die siebzehnjährige Java hingegen will ihre digitale Identität hinter sich lassen. Seit sich ihre Vertraute und Gönnerin Vista in die Tiefen der Stadt gestürzt hat, ist das Waisenmädchen nicht nur mittellos und gesellschaftlich geächtet, die Erinnerung daran ist auch für immer in ihre Timeline gebannt. In ihrer Verzweiflung flüchtet sie sich nach Deep City, die dunkle, anonyme Parallelwelt am Grund der gläsernen Stadt.

Dort herrscht Angst. Seit Monaten terrorisiert »die Liste« Deep Citys Besucher. Wer sich darauf wiederfindet, kommt bald darauf unter gewaltsamen Umständen ums Leben. Als Verantwortliche wird die Liga der Masken vermutet, diejenige Organisation, die in Deep City die Fäden zieht.

Durch die scheinbar zufällige Begegnung mit einem Fremden kommt auch Java in Berührung mit diesen Ereignissen. Er verwechselt sie mit der Schwarzmarkthändlerin Cullinan, die einen Deal mit den Opfern der Liste abgeschlossen hatte. Sie soll die Morde stoppen, im Gegenzug dazu will ihr der Identitätsdieb Glass eine neue Timeline verschaffen. Ohne wirklich zu wissen, worauf sie sich einlässt, aber mit der Hoffnung auf ein neues Leben, spielt Java mit und verspricht, den Auftrag zu erfüllen.

Auf ihrer Suche nach Informationen trifft sie den undurchsichtigen Linux, der vorgibt, ihre wahre Identität zu kennen. Obwohl sie nicht weiß, ob sie ihm vertrauen kann, muss Java Linux’ Hilfe annehmen. Er stößt sie auf die Hintergründe der Geschichte und auf die Spuren ihrer Doppelgängerin. Cullinan plante den Verkauf der neuartigen Software Thoughtspace an den Meistbietenden. Diese Technologie sollte es möglich machen, auch die Gedanken eines Menschen auf seine Timeline zu übertragen. Die Liga der Masken sieht in dem Programm eine Bedrohung für die Anonymität der Besucher von Deep City und tut alles dafür, ihren Verkauf zu verhindern.

Java schlussfolgert, dass sie sich diese Software beschaffen und der Liga aushändigen muss, um ihren Auftrag zu erfüllen. Doch nicht nur die Liga der Masken hat Interesse an der Software. Auch Cache, ein Interessent der Software, setzt Java unter Druck, ihm die Technologie zu beschaffen.

Java gelingt es schließlich, Kontakt zu jemandem herzustellen, der in die Schwarzmarkgeschäfte ihrer Doppelgängerin verstrickt war. Dabei erfährt sie nicht nur, dass Cullinan ein ganzes Netzwerk darstellt, sondern auch, dass der Blutdiamant, der Kopf der Organisation, seit Wochen spurlos verschwunden ist – mitsamt aller Kopien der Software. 

Gleichzeitig gerät Glass in Schwierigkeiten. Er wird von seinem Kontaktmann zur Liga der Masken erpresst und bittet Java um Hilfe. Erneut ist sie auf Linux und seine Kontakte angewiesen.

Java verstrickt sich zunehmend tiefer in die komplexe Geschichte und begibt sich in immer riskantere Situationen. Und gerade als sie im Begriff ist, mehr über die Umstände herauszufinden, fordert die Liste ein weiteres Opfer.

Kapitel 20

Pin ist tot.

Glass steht im Eingang zu einer Opiumbar, mit glimmender Zigarette und zitternden Händen. Die Haare regennass.

Hinter ihm drängen sich milchige Rauchschwaden gegen das Fenster, verwandeln den dahinterliegenden Raum in konfuse Schatten und unscharfe Silhouetten.

Pin ist tot.

Er sagt kein Wort, als ich ihn erreiche. Lässt mir keine Zeit, ihm in die Augen zu sehen. Wortlos stemmt er sich gegen die Eingangstür und geht mir voraus.

Ich fühle mich taub.

Die Luft ist fest. Ich muss husten, drücke mir einen Ärmel unter die Nase, kneife die brennenden Augen zusammen. Die Atmosphäre ist betäubt und ungesund, der Gestank fatal. Auf dick gepolsterten Sofas hängen sedierte Menschen, manche dösend, die Augen halb geschlossen, manche apathisch, mit starrem Blick. Bläuliche Holoschirme glimmen im Qualm, färben den Giftnebel blassblau. Die meisten tragen DigiGlasses und starren selbstvergessen in unsichtbare Parallelwelten.

Ein hysterisches Lachen hallt von irgendwo.

Hier haben sie sie hingebracht? Hier?

Glass rennt mir voraus, durchquert den langgezogenen Raum, an der Bar vorbei. Stößt eine Hintertür auf und gibt den Blick auf ein gespenstisches Bild frei: Sprödes Dämmerlicht. Staubgeschwängerte Luft. Ein Tisch. Eine Leiche. Vier gnadenlose Augenpaare.

Qs Augen sind wässrig und verquollen. Vala sitzt ruhig in einer Ecke, rauchend. Chrome zittert am ganzen Körper. Farblose Gesichter. Beängstigende Stille.

Eine Leiche.

Mich überschwemmt ein unwirkliches Gefühl. Betäubt. Aufgewühlt. Abgekapselt.

Pins weißes Hemd ist ein rotes Aquarell. Verkrustetes Blut klebt an ihrem Gesicht, ihre nassen Haare ziehen schwarze Schlingen dazwischen. Man hat ihr die Augen geschlossen, doch die Bemühung, ihre toten Züge zur Ruhe zu bringen, ist gescheitert. Ihr Gesicht ist zu einer kalten, verhärteten Maske erstarrt; grau, bitter und wächsern, durch das dicke Make-up, das sich nun langsam von ihrer Haut löst. Schusswunden versinken in ihrem Kopf, in ihrer Brust, ihren Armen.

Mir wird schwindelig. Und die Erinnerungen kommen. Sie kommen unweigerlich.

Ein zerschellter Körper. Nichts Friedliches an ihr. Nichts Tröstliches. Ich wünsche mir, nie gekommen zu sein.

»Kannst du sie identifizieren?«

Sie ist es. Vista. Kein Zweifel.

Es sind ihre Lippen, bläulich verfärbt und unnatürlich aufgequollen. Ihr Gesicht, verformt von den Schwellungen, mit verrenktem Kiefer und ausgeschlagenen Zähnen. Ihr gequetschter Torso. Ihre Haut, stellenweise aufgeplatzt wie eine überreife Tomate. Die Gliedmaßen unnatürlich zurück in Position gebracht.

»Ja, das ist sie«, sage ich ruhig.

Aber ich sehe mich dort liegen. Bald. Ich bin noch immer im freien Fall.

Im nächsten Gedanken liege ich schwitzend und zitternd in meinem Bett, fühle mich halbtot, in klatschnassen Laken, unfähig aufzustehen.

»Sie hat dich angerufen, Java! Du hättest sie davon abhalten können!«

Sie hassen mich.

»Warum warst du so kalt?«, fragen sie mich. »Du hast nicht geweint, kein einziges Mal, hast nicht eine Träne für sie vergossen.«

»Habt ihr gesehen, wie kalt sie war? Völlig unberührt?«

»Bist du froh, dass sie jetzt tot ist?«

Kalter Schweiß, die Hände zittern. Ich sehe angestrengt zur Seite, schließe die Augen. Halte die Luft an. Ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

»Kein schöner Anblick?«, höre ich Vala sagen. Ich traue mich nicht, sie anzusehen.

»Was soll ich dazu sagen?«, murmele ich.

»Du sollst nichts mehr sagen«, erwidert sie mit knurrendem Unterton. »Du sollst endlich etwas tun!«

Verzweifelt sehe ich zu Glass, der aussieht, als würde es ihm schlimmer gehen als mir. Seine Lippen sind steinern zusammengepresst, er läuft haltlos auf und ab. Ich wünschte, er würde etwas sagen.

Er sagt nichts.

»Ich brauche Zeit«

»Damit noch mehr sterben?«, fragt Vala hysterisch. »Weißt du, wer die Nächste auf der Liste ist?« Ihre Kiefer mahlen.

Ich mache automatisch einen Schritt zurück. »Du hast es oft genug erwähnt.«

»Und ich werde es noch tausendmal wiederholen. Wir sterben. Pin ist tot! Aber sie ist dir natürlich nichts wert, das kann man ja auch nicht erwarten. Ein Mädchen aus den Subs …« Sie macht einen Schritt auf mich zu.

Ich weiche noch weiter zurück.

»Ich konnte doch nichts tun«, sage ich ausweichend.

»Hast du dir mal Gedanken gemacht, wer da vor dir stand? Was für ein Mensch hinter der Maske gesteckt hat?«

Wie pathetisch, denke ich mir und bekomme trotzdem eine Gänsehaut.

»Ich weiß doch nichts über sie«, sage ich. »Wie soll ich auch?« Wieder sehe ich zu Glass, der sein Gesicht in seinen Händen beerdigt.

»Ich dachte auch, sie wäre ein verrücktes reiches Surface-City-Mädchen, du weißt schon, eines von der typischen Sorte. Auf der Suche nach Abenteuer, nach Aufregung. Das naiv genug war, sich von Deep City richtig ficken zu lassen. Bis ich sie besoffen von der Straße gekratzt habe und sie erzählt hat.« Sie macht eine atemreiche Pause, in der sie mich mit bebenden Lippen ansieht. »Sie ist mit dreizehn aus den Suburbs geflohen; arme Familie, gewalttätige Mutter. Keine Schule, kein Job, ein Leben in Dunkelheit. Sie dachte, sie könnte in Hyalopolis ihr Glück machen. In der gläsernen Stadt, so schön hell, so sauber, so aufrichtig. Sie hatte Hoffnung, zu finden, was ihr überall vorgegaukelt wird. Und klar, sie war hübsch. Wehrlos. Ein richtig hübscher, wehrloser Schmuckstein für die Timeline irgendeines reichen Unternehmers. Seht her, ich rette das arme Mädchen aus den Subs.« Sie schluckt hart. Ihr Gesicht ist fleckig rot unter ihrem teigigen Make-up. »Er hat sie immer wieder mit nach Deep City genommen. Und was machst du da mit einem verzweifelten Mädchen, das sich nach ein bisschen Anerkennung sehnt? Das Angst hat, zu verlieren, was sie gerade bekommen hat?«

Ich bin taub. Meine Gedanken sind taub. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Doch es stürzen nur die verschwommenen Eindrücke des Moments auf mich ein.

Blackout.

»Sie hat ihn umgebracht«, sagt Vala. »Damit konnte sie nicht leben. Das hat sie in Deep City gehalten. Jeden Tag.« Ihre Stimme zittert.

»Du hast sie umgebracht! Du hast sie umgebracht!«

Sie hassen mich jetzt.

Ich sehe wieder zu Glass. Ich wünschte, er würde etwas sagen. Er muss doch etwas sagen.

Er sagt nichts.

Aber er ist stehen geblieben; seine Augen blank und erfroren. Ich bin mir nicht sicher, was überhaupt noch zu ihm durchdringt.

Und plötzlich fällt er aus seiner Starre und rennt an uns vorbei aus dem Raum. Wortlos. Verschwindet einfach im dünnen Licht.

Ich sehe ihm nach. Versuche zu verarbeiten, was gerade passiert – und bin völlig überfordert.

»Also, was willst du jetzt machen?«, schreit Vala. Ich bekomme keine Luft.

Ich übergehe sie einfach. »Wo ist Glass hin? Was ist mit ihm?«

»Keine Ahnung? Sich umbringen? Es ist mir scheißegal. Ich will, dass du diese Liste abstellst. Sofort. Sonst bist du die Nächste, die auf diesem Tisch liegt.«

»Ich brauche ihn, sonst … kann ich nichts machen.«

»Dann finde ihn!«

Vala geht zwei große Schritte auf mich zu und bläst mir demonstrativ den Rauch ihrer Zigarette ins Gesicht. Ich drehe den Kopf zu Seite.

»Du bist echt das Letzte! Ihr seid alle das Letzte!«

Ihre Worte gehen völlig an mir vorbei, ich sehe nur hektisch hin und her, von Q zu Vala zur toten Pin. Meine Gedanken sind verschwommen.

Dann drehe ich mich um und verlasse fluchtartig den Raum. Doch als ich die Straße erreiche, ist Glass längst verschwunden.

 

Immer und immer wieder wähle ich seine Nummer mit eiskalten Fingern. Stehe zitternd im strömenden Regen mitten auf der Straße und horche auf die knisternden Geräusche in der Leitung. »Nimm ab, nimm ab, nimm ab.« Er nimmt nicht ab.

Ich fühle mich zittrig, allein und verfolgt. Wieder hat mich die Paranoia völlig im Griff. Jeder Schatten kommt mir bedrohlicher vor als der letzte. Hinter jeder Ecke scheint jemand zu lauern, den ich nicht kontrollieren kann.

Noch einmal wähle ich Glass’ Nummer, ein verzweifelter Versuch für etwas, das ich längst aufgegeben habe. Ich weiß, dass er der Einzige ist, der mir am Ende wirklich helfen kann. Der mir helfen kann. Und er muss mir jetzt helfen.

Gerade bin ich kurz davor, einfach alles auffliegen zu lassen.

Aber ich versuche durchzuatmen. Mich zu konzentrieren. Ich bin überemotional, mein Gehirn überladen von verdrängten Erinnerungen, die sich schmerzhaft wieder hochgewürgt haben. Meine Gedanken sind völlig übersteuert.

In Gedanken versuche ich, alle Orte durchzugehen, an denen ich ihn vermute, alle Orte, an denen ich ihn getroffen habe. Versuche jede Konversation wieder abzurufen. Er könnte überall sein. Überall.

»Warte!«

Ich drehe mich um und sehe Q im Regen stehen. Eine schattige Gestalt, mitten auf der Straße. Er trägt keine Mütze mehr, das Haar klebt platt in seiner Stirn, das Halstuch ist ihm vom Gesicht gerutscht.

Er kommt auf mich zu, bis er dicht vor mir steht.

»Was machst du hier?«, frage ich.

Q antwortet nicht, sondern zieht einen kleinen, zusammengefalteten Gegenstand aus der Tasche und stellt sich dicht neben mich. Mit einem leisen Knall spannt er einen großen Schirm über uns beiden auf.

»Wir werden ganz nass«, stellt er fest.

Die plötzliche Nähe macht mich seltsam emotional, ein Heulkrampf sitzt tief in meinem Rachen und rüttelt an mir.

»Du musst zu ihm gehen«, sagt Q. »Jetzt.«

»Wieso?«, frage ich und schlinge meine Arme um meinen Körper. »Wieso ich?«

Stille. Keine Antwort. Der Regen hört sich an wie weißes Rauschen.

»Ich habe keine Ahnung, wo er ist.«

Q sieht mich seltsam an, als würde er kein Wort von dem glauben, was ich ihm sage.

»Aber ich weiß es«, sagt er dann.

 

Es dauert einen kurzen Moment, bis ich das Gebäude wiedererkenne, vor dem wir stehen. Es ist dasselbe Hotel, in dem wir Glass schon einmal getroffen haben.

»Ich bin mir sicher, dass er hier sein wird«, sagt Q und irgendwie finde ich diese Aussage entsetzlich traurig.

Das Hotel ertrinkt im Regen, aber vor allem ertrinkt es in seiner grauen Tristesse. Eine architektonische Depression, so weit von der Sonne entfernt, dass nichts mehr an frühere Zeiten erinnert. Schlank und kerzengerade streckt sich das unschöne Gebäude in die kilometerweite Dunkelheit wie ein warnend ausgestreckter Zeigefinger. Sein leuchtender Schriftzug flackert im Regen.

Q sieht mich von der Seite an.

»Du solltest allein gehen«, sagt er. »Mich wird er nicht sehen wollen.«

Ich bin mir sicher, dass er mich noch weniger sehen wollen wird.

Ohne zu klopfen, ohne zu horchen, reiße ich die Tür auf. Zimmer 204.

Ich habe Q unten in der Lobby zurückgelassen und stehe nun in einem Zimmer, das hell erleuchtet ist und dabei trotzdem so düster wirkt, dass ich mir nicht sicher bin, ob alles Licht nicht nur aus dünnem Papier besteht.

Glass sitzt auf dem Boden, mit dem Rücken gegen sein klappriges Bett gelehnt, ein Bein angezogen, das andere ausgestreckt. Drei leere Flaschen stehen neben ihm, das ganze Zimmer verströmt einen säuerlichen Geruch. Geisterhafte Schlieren tragen den stinkend-bunten Qualm seiner falschen Zigarette durch die staubige Luft.

Eine unwirkliche Szenerie.

Das Zimmer scheint seine allgemeine Verfassung perfekt widerzuspiegeln.

Ich bleibe stehen, ein, zwei Lidschläge lang. Höre auf meinen zittrigen Atem und meinen Herzschlag. Mir ist heiß und kalt.

Er bemerkt mich erst ein paar Sekunden später. Hebt langsam den Kopf, sieht mich aus aufgeschwemmten Augen an. Sein Blick wirkt seltsam verzögert. Sein T-Shirt klebt nass an seinem Körper, sein Gesicht ist fleckig gerötet.

Ich bin unfähig, irgendetwas zu sagen. Ich weiß, ich bin hier nicht richtig. Ich bin die falsche Person, ich sollte nicht hier sein.

»Warum du?«, fragt er mit bleierner Stimme.

Er klingt besoffen, seine Worte blubbern nur noch über seine Lippen. Träge und fragil und unkontrolliert.

Für einen kurzen Moment stehe ich im Eingang zu dieser materialisierten Tristesse und meine egoistischen Gründe verschwinden.

»Wir brauchen dich«, sage ich und klinge sanfter, als ich dachte.

Glass’ trübe Augen fixieren mich mühsam.

»Ihr wisst nicht, wer ich bin«, sagt er. »Ihr wisst nicht …« Er starrt ins Leere. »Ich mache alles nur schlimmer. Ohne mich wäre das hier doch nicht … also …«

Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, was er da gerade redet.

»Hast du je daran gedacht, wer welche Rolle in dieser ganzen Sache spielt?«, fragt er.

»Was redest du da?«

Als ich den schläfrigen Mann in der Lobby bequatschen musste, um sein Zimmer zu finden, als ich durch die trüben Hotelflure gehetzt bin, habe ich mich gesehen, wie ich ihn anschreie. Was ihm einfiele, einfach so zu verschwinden und nicht mehr aufzutauchen. Weil wir ihn doch brauchen. Er hat ein Versprechen gegeben – vor allem mir. Er weiß, dass wir ohne ihn nicht weit kommen.

Nun fühlt sich meine Stimme zittrig und vergessen an, meine Motivation taub und unwirklich. Und ich bin mir nicht mehr so ganz sicher, ob ich noch aus demselben Grund hier bin, wie ich es mir dachte.

Ich starre ihn an und zehre von diesem Bild.

Glass ist so stilvoll in seiner Depression. Die Melancholie in seinem Gesicht. Der zerbrechliche Unterton. Ich bewundere ihn dafür, dass er es schafft, etwas aus der Traurigkeit zu machen, die er nach außen trägt. Etwas Kunstvolles. Etwas, das man zelebrieren kann, wenn man will. Etwas, das fast zu schön ist, um wieder glücklich zu werden. Er ist eine nachtschwarze Persönlichkeit und es berührt mich.

»Ehrlich, warum bist du hier?«, fragt Glass und hebt wieder seinen Kopf. Es scheint ihn viel Anstrengung zu kosten.

Ich weiß es nicht, will ich antworten.

»Weil du nicht einfach so verschwinden kannst«, sage ich. »Selbst wenn du sterben willst, außerhalb dieses Zimmers gibt es Leute, die das nicht wollen. Und die sind auf dich angewiesen.«

Ich will, dass er aufsteht. Doch er sieht wieder auf den Boden, zusammengesackt und kraftlos.

»Ich will nicht sterben«, sagt Glass und macht eine lange Pause. »Ich will mich einfach auflösen, nicht mehr existieren. Ich will nicht sterben, ich will nur einfach nicht mehr fühlen.« Ein unwirkliches Lächeln schiebt sich auf sein Gesicht, als wäre dieser schmerzhafte Gedanke fast tröstlich für ihn.

Aber mir bleibt die Luft weg. Als hätte er meine eigene Erinnerung ausgesprochen. Als hätten wir für ein paar Sekunden den gleichen Kopf geteilt. Das ist es, was ich so oft denke. Das ist der Schmerz, vor dem ich davonlaufe.

Es schmerzt. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich an, wie ein schwarzes Fest.

Ich habe das seltsame Bedürfnis, mich einfach neben ihn zu setzen, mich mit ihm an sein Bett zu lehnen.

Ich hinterlasse schmierige Fußspuren, während ich ein Stück weiter in das Zimmer hineingehe. Nur ein kleines Stück auf ihn zu. Dann bleibe ich wieder stehen. Verschränke meine Arme vor der Brust.

»Ich kann nicht mehr«, flüstert er. »Ich kann einfach nicht mehr.«

»Steh auf, uns läuft die Zeit davon«, sage ich laut. Meine Finger kribbeln und zittern.

»Du verstehst das nicht«, sagt Glass und mahlt mit seinem Kiefer. Seine Schneidezähne foltern seine zerbissene Unterlippe. Unter der hellen Haut an seinem Hals tanzen die Sehnen, die Adern treten hart hervor. Das unechte Licht bricht sich tödlich an seinem Gesicht. Lässt es starr und angespannt und hart wirken. »Dabei … Ich denke, dass du es eigentlich doch verstehst. Und das hätte ich nie gedacht. Aber du scheinst so oft die Einzige zu sein, die es versteht. Den Schmerz …«

Stille. Mein Herz beschleunigt.

»Man muss nicht nach Deep City kommen, um Schmerz zu verstehen«, sage ich, ohne nachzudenken. Ich falle aus meiner Rolle. Ich darf auf keinen Fall aus meiner Rolle fallen.

Wieder hebt er seinen Kopf.

»Ist es das, was uns verbindet?«, fragt er bitter.

Aber er spricht etwas aus, das mehr oder weniger seit unserer ersten Begegnung in meinem Kopf sitzt. Eine zähe und hartnäckige Frage, die ich nicht loswerde.

»Steh auf«, sage ich. »Du musst mit ihnen sprechen. Sonst ist nicht Vala das nächste Opfer, sondern ich.«

Glass antwortet nicht. Er starrt wieder ins Leere. Schüttelt nur leicht den Kopf.

»Ich bin ein Niemand. Ich kann sie nicht retten, weil ich mich selbst nicht mehr retten kann. Ich habe es nie geschafft, mich wieder zusammenzusetzen. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.«

Ich habe das ungute Gefühl, dass er sehr viel mehr damit meint, als mir bewusst ist. Dass hinter seinem besoffenen Gelaber Dinge stecken, die ich nicht weiß und auch nicht fassen kann.

»Warum mache ich das hier überhaupt? Ich kann ihnen nicht helfen, du kannst ihnen offensichtlich nicht helfen … Es ist vielleicht besser, wir lassen alles weiterlaufen, so wie es ist. Dann wäre dieses Problem einfach aus der Welt geschafft. Und ich. Ich …«

Er sieht mich nie so an. Sonst streift er mich immer nur flüchtig, aber dieses Mal ist sein Blick starr.

Ein fast gruseliges Grinsen sitzt auf seinem Gesicht, wie ein dickes Insekt. Zieht sich falsch in einer grässlichen Fratze von einer Wange auf die nächste. Wie schlecht aufgepinselt. »Warum sind wir hier?«, fragt er. »Wir versuchen beide nur, unsere Schuldgefühle zu betäuben. Aber wir sind machtlos. Belügen uns nur selbst.«

Und da ist sie wieder. Die Panik. Panik, dass alles umsonst war. Dass ich innerhalb von ein paar Sekunden wieder in mein altes, beschissenes Leben zurückgeworfen werde. Ausgekotzt und ausgebrannt.

Ich vollführe einen ziemlich bekloppten Seiltanz hier unten und zu beiden Seiten kann ich sehr tief fallen. Fallen …

»Du hast ein Versprechen gegeben«, sage ich. Ich kann die Verzweiflung in meiner Stimme nicht verbergen. »Wir haben einen Deal. Einen. Verdammten. Deal. Jetzt steht auf! Tu, was du tun sollst!«

Ich bin wieder mein völlig verzweifeltes Ich. Völlig entgleist. So skrupellos, ich würde über meine eigene verdammte Leiche gehen.

»Du hast keine Ahnung, um was es hier geht«, sagt er und greift dann nach einer der Flaschen, die neben ihm stehen. Führt sie mit schwerem Arm an seine Lippen.

Erinnerungen spülen in meinen Kopf, erfassen meine Gedanken wie ein Tsunami.

»Du trinkst zu viel, Java. Immer trinkst du zu viel.«

»Du weißt ja nicht, um was es hier geht.« Ich weiß nicht, ob sie meine Stimme nicht hört, oder ob sie sie nicht hören will.

Ihre Hände sind kühl auf meiner pochenden Stirn. Ich will meinen Schädel sprengen, doch sie hält ihn zusammen.

Sie liebt das. Ich weiß, dass sie es liebt. Sie hat die Kontrolle. Über mich, dass versoffene Wrack, mit all den Blackouts. Meine Erinnerungen sind so löchrig …

»Aber dir geht es bald wieder besser«, sagt sie. Schleicht durch den halbdunklen Raum wie eine Katze.

Mein Kopf ist bleischwer zur Seite gekippt und mein Blick folgt ihr mit schweren Lidern.

Sie tritt an die Kommode, auf der wie eine fette, schwarze Tarantel die Parfümflasche hockt.

Dieses Haus ist vollgestopft mit Pflanzen und Statuen und goldbesetzten Tapeten und doch ist diese Flasche das einzig wirkliche Deko-Objekt hier. Es konkurriert mit mir. Dem anderen wirklichen Deko-Objekt in diesem Haus.

Sie streicht mit weichen, zärtlichen Fingern über das Glas, begutachtet es mit schiefgelegtem Kopf wie einen besonderen Schatz. Zieht ein kleines Tuch aus der Tasche und reibt einen Fettfleck von der Oberfläche.

Klebriger Ekel macht sich in meinem Inneren breit, bedeckt ölig jeden Nerv in meinem Körper. Ich will mich schütteln, doch ich bin wie gelähmt.

Diese perfekte Gestalt. Der enganliegende schwarze Pullover unterstreicht jede ihrer aristokratischen Formen. Das dunkle Haar aufgesteckt, keine Strähne am falschen Platz.

Niemand weiß, wer sie wirklich ist.

Wie kann ich einen solchen Gegensatz in meinem Leben haben? Sollte mein Leben nicht endlich perfekt sein?

Mein Gehirn wird schwarz. Systemstörung. Mit zwei großen Schritten segele ich quer durch den Raum auf ihn zu und reiße ihm die Flasche aus der Hand. Schleudere sie reflexartig durchs Zimmer. Sie rollt scheppernd über den Boden und klirrt irgendwo gegen den Türrahmen.

Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb, viel zu schnell, viel zu unkontrolliert.

»Hör auf!«, knurre ich. »Hör auf mit dem Scheiß!«

Ich kann nicht sagen, was mich so wütend daran macht. Was diese völlig übertriebene Emotion in mir auslöst.

Glass starrt mich von unten ungläubig an. Seine Unterlippe bebt.

Und plötzlich springt er auf, packt mich mit harter Hand am Kragen meines Mantels, zieht mich fest zu sich heran. Unsere Gesichter sind sich plötzlich extrem nah. Sein alkoholgetränkter Atem schlägt mir heiß ins Gesicht. Ich kann jede Pore und jeden feinen Riss in seinen blutig gebissenen Lippen sehen.

In sein leergefegtes Gesicht ist plötzlich Leben gekommen. Es zuckt und sprüht, seine Augen sind ein Feuerwerk. Ich sehe jede flackernde Emotion und es fühlt sich fast so an, als würde er sie mit mir teilen.

»Hast du eine Ahnung?«, fragt er mit zittriger Stimme. »Hast du überhaupt irgendeine Ahnung?« Jedes Wort spüre ich mit heißem Atem auf meiner Haut.

Ich antworte nicht. Sehe ihm nur in die Augen.

»Du weißt nicht, wer ich bin«, knurrt er mit zusammengebissenen Zähnen.

»Doch weiß ich«, rutscht es gedankenlos aus mir heraus. Keine Ahnung, was ich gerade rede. Keine Ahnung, was ich gerade tue. Ich bin mir selbst machtlos ausgeliefert. Ein wenig kommt es mir so vor, als wäre nicht er die Person, die zu viel getrunken hat, sondern ich. Ich fühle mich mindestens genauso besoffen. Gedankenbesoffen.

Glass’ Augen blitzen auf, sein Kiefer spannt sich hart an. Er packt mich fester, zieht mich hart zu sich heran.

»Lass mich.« Ich reiße mich los, er folgt mir, ich schubse ihn hart zurück. Meine Gedanken sind taub, meine Reflexe kämpfen für mich. Er greift nach meinen Armen, kriegt sie nicht zu fassen. Meine Hände schlagen grob in alle Richtungen, ich drücke mich gegen ihn, fast fallen wir übereinander, stolpern über unsere eigenen Füße. Stolpern vorwärts, stolpern rückwärts. Wieder packt er mich mit beiden Händen am Kragen, zieht mich ein paar Zentimeter in die Luft.

Es dauert nur ein paar Sekunden, bis seine Bewegungen wieder weicher werden. Wir wollen uns nicht wirklich wehtun. Wir kämpfen nicht gegeneinander, wir kämpfen gegen unsere eigenen Emotionen. Gegen unsere eigenen Konflikte.

»Lass mich los!«, schreie ich unter keuchenden Atemversuchen

Die Hitze seiner Haut unter meinen Fingern, sein Atem in meinem Gesicht. Er ist lebendig. Ich bin lebendig. Ich will nicht, dass er mich loslässt.

»Ich weiß sehr wohl, was ich tue!«, schreit er mit wackeliger Stimme zurück.

»Nein! Deine Gedanken sind Gift! Und du hast sie die Kontrolle übernehmen lassen, du hast dich überwältigen lassen.« Nun klinge ich wie die Besoffene. Und ich bin mir, kaum dass ich das ausgesprochen habe, nicht mehr sicher, ob ich zu ihm, oder zu mir spreche. Ich mache eine kurze Pause. Meine Stimme fühlt sich kaputt und weinerlich an. »Ich wünschte, ich könnte das auch«, hauche ich kaum hörbar.

Die Hand an meinem Kragen lockert sich kaum, doch sein verhärtetes Gesicht wird plötzlich weicher. Unsere Nasenspitzen sind wahrscheinlich nur zwei Zentimeter voneinander entfernt, und sein Blick scheint mich zu inhalieren. In sich aufzunehmen.

Ein Moment der Stille. Nur Atem. Nur Herzschlag.

Seine Finger wandern meinen Kragen entlang, sein Blick über meinen ganzen Körper. Es ist ein fast zärtlicher Ausdruck in seinem Gesicht und so viel Emotion und so viel Verwirrung, es erstickt mich fast.

Dann lässt er mich abrupt los. Ich taumele ein paar Schritte zurück. Meine Muskeln erschlaffen plötzlich und ich stehe zusammengesunken in der Gegend, völlig außer Atem und mit hart pochendem Herzen. Meine Lungen werden der benötigten Sauerstoffzufuhr nicht mehr gerecht.

»Willst du mich wirklich weiter quälen?«, fragt er. »Was ist das hier? Was ist das für eine Art, wie du mich anguckst?«

»Ich …« Meine Stimme erstirbt irgendwo auf meiner Zunge. Ich schlucke hart. Ich bin willenlos.

»Ich weiß immer noch nicht, warum du mich angerufen hast«, flüstert er. »Ich meine … doch, ich weiß es. Du hast schluchzend angerufen, hast mich um meine Hilfe angefleht. Um eine neue Timeline. Aber … alles ist so anders. Da steht ein anderer Mensch vor mir. Verstehst du?« Die Wörter rollen unkontrolliert über seine Zunge, wie schwere, kantige Steine. Bröckeln ungelenk von seinen Lippen. Aber ich habe das Gefühl, dass er ausspricht, was er sonst denkt. Der stille, gebrochene junge Mann, der so viele Wörter in sich aufgestaut hat, dass es schmerzhaft ist, sie loszuwerden. Dass er sich mit Alkohol betäuben muss, bevor er sagen kann, was er denkt.

»Ich bin ein Idiot«, flüstert er. »Ein echter Idiot.«

Dann sieht er mühsam zur Seite und sein Blick lässt mich los. Der Spannungsverlust lässt mich rückwärtsgehen.

»Du bist schuld an allem«, schreit er. »Du bist schuld an diesem verdammten Desaster! Du und diese grässliche, kranke, widerwärtige Stadt!«

Mein Inneres zieht sich zu einem schmerzhaften Krampf zusammen. Tränen schießen mir in die brennenden Augen und es fällt mir schwer, sie wegzublinzeln.

Verzweiflung. Verzweiflung, Verzweiflung, Verzweiflung. Warum sehen sie das nicht? Warum sehen sie mich in dieser Rolle, die ich so gerne wäre, aber nicht bin? Warum stecke ich in dieser beschissenen, verdrehten Situation und niemand kann mich retten, am allerwenigsten ich selbst? Warum bin ich dieses einsame, verzweifelte Wrack und warum muss ich es hier unten die ganze Zeit realisieren? Womit habe ich es verdient, Schuld auf mich zu laden, die nicht mir gehört?

Ich bin nur ein verdammtes, verlorenes Waisenmädchen, mit dem wahnsinnigen, verzweifelten Versuch, immer mehr zu sein, als sie ist. Und immer wieder scheitere ich. Immer und immer wieder.

»Hört endlich auf, mir die Schuld an allem zu geben!«, schreie ich. »Ich. Bin. Nicht. Schuld.« Meine Worte haben einen bitteren Nachklang, als wären sie eine absolut unverdünnte Lüge.

Glass’ Augen flackern auf. Ich halte seinen Blick, während ich rückwärts aus dem Raum gehe. Ihm laufen wütende Tränen übers Gesicht.

Im Flur beginne ich zu rennen.

Erst im Fahrstuhl fühle ich mich wirklich allein. Klappe zusammen wie ein Plastikstuhl. Übersteuerte Gedanken, übersteuerte Gefühle. Und lasse mich von meinen eigenen Schluchzern durchschütteln, bis ich so leergeweint bin wie Glass’ Gesicht.

Keine Ahnung, über was oder wen ich weine. Aber es ist irgendwie erleichternd.

 

Lautlos

Vor ein paar Tagen habe ich mich das erste Mal erinnert. Die Erinnerung erscheint belanglos, bloß ein flüchtiger Augenblick, der Ausschnitt einer Sinneswahrnehmung: Der salzige, saftige Geschmack eines Burgers. Fettig, glitschige Finger. Die strenge Stimme einer Frau.

Aber es war eine Erinnerung, eine Erinnerung an ein früheres Leben.

Ich klammere mich an ihr fest, durchlebe sie wieder und wieder. Versuche, sie weiterzuverfolgen, ihr nachzuspüren, auch wenn es mir nie gelingt.

Und ich versuche, meine Umgebung nun bewusster wahrzunehmen. Sie nicht mehr nur noch zu analysieren, zu verstehen, sondern zu erleben. Rieche an der geschnittenen Mango, die ich zum Frühstück esse, fühle die Oberfläche meiner Kleidung, horche auf die Musik, die Linux manchmal spielt.

Und es kommen Erinnerungen zurück. Blasse, weit entfernte Erinnerungen. Kaum greifbar. Eine Treppe, ein Dachgarten, ein Zimmer voller Orchideen.

Durchscheinende Gesichter.

Hochbahnfahren.

Wie ich in einem hellen Raum liege, lang ausgestreckt. Eine Frau beugt sich über mich, lächelnd.

»Freust du dich auf deine Timeline?«

Es sind sehr blasse und sehr weit entfernte Erinnerungen. Ich bin mir nicht sicher, ob es meine eigenen sind.

Kapitel 21

Pins Tod und mein Moment mit Glass im Hotelzimmer drehen noch immer lange Kreise durch meine Gedanken. Haben mich wachgehalten, mich nicht essen lassen. Trotzdem sitze ich pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt mit Linux und Chan im Taxi. Chan will mich, wie versprochen, einigen Leuten vorstellen, die hoffentlich das ein oder andere pikante Detail über Glass’ Kontakt zur Liga der Masken preisgeben.

Meine Gliedmaßen fühlen sich taub an, meine Gedanken wackelig. Aber wenn ich mein Gesicht in der Spiegelung der Scheibe überprüfe, ist es fest. Zusammengehalten durch die verzweifelte Hoffnung, dass mich das Treffen mit Chans dubiosen Kontakten weiterbringen und dieser wirre Albtraum bald ein Ende haben wird.

»Ich bringe gerne interessante Leute mit. Und du bist sehr interessant«, sagt Chan vom Beifahrersitz und betrachtet mich dabei im Rückspiegel.

»Bin ich das?«

»Wir schlagen uns mit den immer gleichen Leuten rum, das wird auf Dauer sehr mühsam. Und du tauchst einfach aus dem Nichts auf und das an Linux Seite. Das wirkt vielversprechend.«

Ich schiele in Linux’ Richtung. Der lächelt selig, als würde er sich im einzigen Licht räkeln, das Deep City erreicht: seinem eigenen Erfolg.

Er weiß, was er tut.

Weiß ich das auch?

»Mich würde ehrlich gesagt interessieren, worauf ich mich hier einlasse«, sage ich.

»Glaub mir, es wird dir gefallen«, erwidert Chan und lächelt mich im Spiegel an. »Wir nehmen ein paar Drinks, wir plaudern, wir spielen dieses Spiel …«

»Spiel?«

Chan lächelt selbstgefällig. »Wir tauschen Geheimnisse.«

 

Der Wagen hält in einer schicken Gegend mit hochbeinigen Gebäuden und weißen Lichtern. Kein Neon in Sichtweite, kein Farbenkrieg. Ein ganzer Straßenzug in Schwarzweiß. Es ist eigenartig still und stilvoll. Fast sauber.

Wir steigen aus.

»Ich verabschiede mich dann«, sagt Linux, als wir auf der Straße stehen.

»Du hattest versprochen, mitzukommen«, sagt Chan und greift nach seinem Arm, doch Linux zieht sich von ihm los.

»Keine Chance. Du weißt doch, ich habe keine Geheimnisse«, sagt er.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Er lacht.

»Zumindest keine, die ich tauschen kann. Also …«

Er drückt Chan einen flüchtigen Kuss auf die Wange, zwinkert mir zu und macht seinen Abgang.

Chan sieht ihm noch eine Weile nach. »Ach, Linux … Ich wusste, dass ich ihn nicht dazu kriegen würde, mitzukommen.« Er wirkt ehrlich enttäuscht.

»Du bist ja regelrecht besessen von ihm«, sage ich.

Chan sieht mich an und beginnt zu lachen.

»Du nicht? Sehen wir dieselbe Person?«

Ich antworte nicht. Stattdessen beobachte ich, wie sich Linux’ Silhouette in der verregneten Dunkelheit auflöst. Er hat fast etwas Mystisches.

»Ich kenne wirklich niemanden, auf den er nicht eine gewisse Faszination ausübt«, sagt Chan. Und damit hat er vermutlich nicht Unrecht. Aber welcher außergewöhnlich schöne Mensch tut das nicht? Das ist ein genetischer Freifahrschein für Charisma und die ungeteilte Aufmerksamkeit anderer Leute.

Chan macht eine kurze Pause und blickt nachdenklich in die Ferne. »Er könnte so viele haben, aber will ausgerechnet den, den er nicht haben kann. Fast, als wolle er einfach nicht glücklich sein.«

»Fortran?«, frage ich.

Chan nickt. »Eine Zeit lang wollte ich denken, er sei nur von seinem Status besessen, Aber Gedanken um Status hat Linux nicht nötig. Der Junge trägt die Welt vor seiner Nase her, Status ist für ihn so selbstverständlich, dass er das Wort vielleicht gar nicht kennt. Nein, er liebt ihn wirklich. Für das was er ist. Ich habe gesehen, wie er ihn ansieht. Und es bricht einem das Herz.« Chans Lippen kräuseln sich. »Denn wenn du einen Menschen in unserer schönen Stadt nicht lieben solltest, dann ihn.«

»Warum?«

Chan sieht mich einen Moment lang mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Erstens wird Fortran diese Stadt immer mehr lieben als jeden Menschen. Und zweitens … weil er sterben wird.« Kurze Stille. Ich weiß nicht so recht, was ich erwidern soll.

»Wieso wird Fortran sterben?«, frage ich dann zögerlich.

»Er ist schwer krank. Wird praktisch nur noch durch Maschinen und Medikamente am Leben erhalten. Es sind wohl Deep Citys giftige Dämpfe, die ihn so krank gemacht haben. Diese widerliche Stadt … Linux würde ihn am liebsten von hier unten wegholen, aber das ist wohl ein aussichtloses Unterfangen.« Chan schüttelt kurz den Kopf, scheint zu entscheiden, dass er nicht mehr darüber reden möchte. »Komm, lass uns gehen. Wir sind längst zu spät.«

Chan geht mir voraus einen der Aufgänge hinauf und durch eine hoch aufragende Tür.

»Wem gehört dieses Haus?«, frage ich, während wir ein breites Treppenhaus hinaufsteigen.

»Jemandem, der sehr viel Geld hat«, erwidert er.

Wir fahren ein paar Stockwerke mit zwei Fahrstühlen, durchqueren verwinkelte Flure mit hohen Decken. Sie sind lang und still und scheinen uns beide gänzlich zu verschlucken.

Vor einer hohen Tür bleiben wir schließlich stehen. Dahinter hört man abgedämpftes Gemurmel. Gelächter. Klirrende Gläser.

Chan schüttelt sein Haar auf, richtet seine Sonnenbrille und klopft dann kräftig.

»Immer herein!«

Trotz aller Beteuerungen erwarte ich Gasmasken und bin fast enttäuscht, als ich keine bekomme. Nur drei gewöhnlich maskierte Leute in wuchtigen Ledersesseln. Rauchend. Trinkend. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie wirklich aufsehen und ich in ihr Blickfeld gerate.

Die Geräuschkulisse erstirbt. Spotlight an, alle Blicke auf mich.

Der Raum ist angefüllt mit nebligen Rauchschwaden und dem penetranten Geruch von Parfüm und Alkohol. Ein Roulettetisch steht am Ende und dahinter zieht sich eine gigantische, spiegelnde Fensterfront über die gesamte Rückwand. Wir haben eine Höhe erreicht, bei der die Stadt plötzlich wieder Form annimmt – Fenster, verkommen zu winzigen, hellen Punkten. Dächer, verlassene Balkone. Von der sauren Luft zerfressene Voluten und Wasserspeier.

Der Kamin, der in der Ecke leise knistert und der pfeifende Wind vor den Fenstern materialisieren die elektrisierte Stimmung.

Ich fühle mich ihren Blicken ausgeliefert.

»Wir haben Gäste?« Eine Frau entflieht ihrer Starre, steht aus ihrem Sessel auf und kommt auf uns zu. »Chan, wen hast du uns da schon wieder mitgebracht?«

Sie reicht mir die Hand und mustert mich schamlos einmal von Kopf bis Fuß. »Ruby«, stellt sie sich vor.

Ihre Augenlider sind so dunkel geschminkt, dass sie fast gänzlich mit ihrer Maske verschmelzen. Ton in Ton, als wäre es ihr eigenes Gesicht.

»Dir gehen nie die Mitbringsel aus, was?«, fragt ein glatzköpfiger Mann von seinem Sessel aus. Er nickt mir zu.

Ruby mustert mich noch immer, mit einem Blick, der mir auf der Haut kribbelt.

»Ich bin der Einzige, der sich hier darum kümmert, dass uns nicht der Gesprächsstoff ausgeht«, erwidert Chan spitz. »Und ich glaube, die Kleine könnte euch interessieren.«

»Wenn ich sie mir so ansehe, könnte er da rechthaben«, sagt der Glatzkopf und leert seinen Drink. »Hübsch ist es auf jeden Fall, was man von ihr sieht.« Er zwinkert mir zu und ich versuche, nicht das Gesicht zu verziehen.

»Ich habe sie noch nie gesehen«, sagt Ruby. »Wie heißt du?«

»Java«, stelle ich mich vor.

Ruby nickt nachdenklich. »Okay … Setzt euch einfach. Wir warten noch auf Opera.«

»Ist er auch mal pünktlich?«

»Hat doch immer so viel zu tun.« Der Glatzkopf macht eine ausladende Handbewegung.

Wir setzen uns. Es werden Floskeln ausgetauscht. Getränke verteilt. Ich will ablehnen, habe aber keine Chance. Ohne es richtig zu bemerken, halte ich ein Glas lauwarmen Whiskey in der Hand.

»Ich bin Leet«, sagt der Glatzkopf, der mir den Drink in die Hand drückt. »Zigarre?« Er hält mir eine geöffnete Schachtel unter die Nase.

»Nein danke, ich rauche nicht.«

»Irgendwann wirst du«, sagt der dritte Mann im Raum. »Mein Name ist Intel. Ach, und wir sind hier übrigens beim Du.«

»Förmlichkeiten sind nach dem dritten oder vierten Drink ohnehin vergessen«, sagt Chan.

»Und du willst mitspielen?«, fragt Ruby. »Er hat dir doch bestimmt schon von unserem kleinen … Spiel erzählt?« Sie kichert gekünstelt.

»Das war der Plan«, sage ich süßlich. Versuche mich sofort, dem Tonfall der Gruppe anzupassen. Der schnellen Wortfolge. Der affektierten Stimmlage. Ich glaube, die Dynamik schon zu durchschauen. Hier rutschen einem die Wörter einfach von der Zunge. Aber nicht, dass man es anders gewollt hätte. Ups, was habe ich da gesagt, wie peinlich! Gut, dass es jetzt jeder weiß!

»Wie alt bist du?«, fragt Leet.

»Zweiundzwanzig«, lüge ich.

»Blutjung. Deine Mitbringsel werden auch nicht älter, Chan.«

»Heutzutage ist das leider schon dein goldenes Alter«, sagt Leet und setzt sich wieder. »Und? Wo hast du sie aufgegabelt?«

»Da bin ich mir ehrlich gesagt selbst nicht so sicher«, antwortet er lachend. »Ich muss sie irgendwie über Linux kennengelernt haben. Aber wenn ich ehrlich bin, ist sie ein bisschen aus dem Nichts aufgetaucht.« Er wirft mir einen bedeutsamen Blick zu, lang und eindringlich, als hätten wir eine Art gemeinsamen Plan. Dabei weiß ich mit mehr als großer Sicherheit, dass er mich aus allen Gründen, aber nicht aus Selbstlosigkeit oder Nettigkeit mitgenommen hat. Ich bin hier Schauobjekt. Er wollte Linux gefallen und er will diesen Leuten gefallen und ich bin gerade geheimnisvoll genug, um das bieten. Innerlich danke ich mir für meinen mysteriösen Auftritt in seinem geschmacklosen Club.

»Linux – natürlich.« Leet verfällt in schallendes Gelächter. »Wer sonst?«

Rubys Augen funkeln. »Aha, jetzt verstehe ich.«

»Nun ja, wir werden sehen, was der Abend uns bringt«, sagt Leet. »Lasst uns anstoßen.«

Die Gläser klirren, der Alkohol schwappt heftig.

Und ich fühle mich gezwungen, einen kleinen Schluck zu nehmen. Nur einen kleinen.

 

»Geheimnis für Geheimnis«, sagt Leet. »Wir kennen die Regeln.«

»Ich scheiße auf die Regeln«, sagt Intel.

Er fällt in seinem Sessel zurück, zieht an seiner Zigarre. Die Eiswürfel in seinem Getränk klimpern. »Ich sage überhaupt nichts.«

Schallendes Gelächter.

Ich bin inmitten eines fragwürdigen Spiels angekommen, dessen Regeln sich nur Leute ausdenken können, denen materieller Wert in all ihrem Überfluss so fern, so verdrießlich geworden ist, dass ihnen Glücksspiele nichts mehr geben. Geheimnis für Geheimnis. Der eine erzählt ein schmutziges Detail, kriegt dafür ein anderes zurück. Mal sind es die eigenen, mal wohlgehütete Informationen über andere Menschen, denen man einst Verschwiegenheit geschworen hatte. Intime Geheimnisse, aufbereitet fürs gedankliche Sammelalbum und vielleicht für weitere Tauschgeschäfte.

Ich versuche, einen klaren Kopf zu bewahren. Die kleine Gruppe ist eine Gesellschaft, die mich fast aggressiv an Surface City erinnern will. Eine ungeschöntere Version einer Paradiser-Party. Mehr Drogen, mehr Qualm, mehr Anstößigkeit. Dafür die gleichen unausgesprochenen Regeln, die gleichen wortgewandten Subtilitäten. Spitzen und Lästereien. Und dafür, dass Deep City ein völlig anonymer Ort sein soll, scheint es von ausgesprochener Wichtigkeit, dass alle wissen, wer man ist, wo man war, wen man kennt, welchen perfekt platzierten Skandal man vor allen anderen herausgefunden hat.

Mein Kopf arbeitet, meine rechte Hand umklammert etwas zu fest ein kristallenes Longdrinkglas, aus dem ich schon einmal zu oft getrunken habe. Aber ich versuche, einen entspannten Eindruck zu machen. In dieser Art von Gesellschaft darf man kein Fremdkörper sein, man muss perfekt in die bestehende Dynamik übergehen. Und zu meinem kurzen Schrecken fällt es mir auch nicht wirklich schwer. Ich bin … ich selbst. Ich tue das, was ich mein ganzes Leben lang getan habe. Plaudern, lächeln, hübsch aussehen, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu den richtigen Leuten sagen. Gedanken, erleichtert vom Alkohol. Auf eine sehr merkwürdige Art gefällt es mir hier, vielleicht weil es so vertraut ist, weil ich mich irgendwie auskenne.

»Glaub nicht, dass du mir einfach so davonkommst, Intel. Ich weiß, dass du etwas Interessantes für mich hast.«

Intel beendet endlich seine künstliche Zierde und räuspert sich: »Gut, ich gebe dir das: Erinnerst du dich an Aldor? Aldor, der mir seit zwei Jahren stolz erzählt, er hätte direkten Kontakt zu Fortran? Hat mir ständig von seinen Partys in der Maskenloge erzählt und von seinen Pokerrunden mit Fortrans engstem Kreis.«

»Natürlich erinnere ich mich.«

»Nun, ihr werdet es nicht glauben.« Intel lässt seine Zuhörer für ein paar Sekunden in gespannter Stille hängen, bevor er damit rausrückt: »Er wollte sich neulich in eine der exklusiven Maskengesellschaften einschleusen – und ist im hohen Bogen rausgeflogen. Wie es sich herausstellt, kennt er niemanden bei der Liga, keine einzige Person.«

Schallendes Gelächter legt sich über die Gruppe. Überzogen schockierte Blicke.

»Was? Das glaube ich nicht!«

»Ich wusste, er ist ein Schaumschläger!«

»Was soll man dazu noch sagen?«

Diese eher langweilige Information unterhält die vier für einige Minuten, in denen sie sich gegenseitig ihre amüsierten Kommentare zuwerfen, dann verebbt das Gelächter. Es wird ruhig und alle Blicke wandern zu mir.

»Was ist mit dir, Java?«, fragt Ruby. »Hast du ein schönes Geheimnis für uns? Sieh uns an, wir lechzen nach etwas Frischem.«

Ich antworte nicht gleich, arbeite innerlich daran, was ich sagen soll.

Chan, der neben mir sitzt, streckt seinen Arm aus und legt ihn mir auf die Schulter. Sein Lachen vibriert in meinen Lungen, in meinem ganzen Körper.

»Ich glaube, sie sollte noch etwas trinken.«

»Zigarre gefällig, die Dame?«

»Sie ist so anständig. Kommt in Surface City sicher aus guter Gesellschaft.«

»Sie ist sicher ein Paradiser«, sagt Leet.

»Oh ja, sie sieht aus wie ein Paradiser.«

»Sie spricht auch wie einer.«

Ihre Stimmen prasseln auf mich ein, warm und schnell und verschwommen.

Für eine Sekunde vergesse ich, warum ich wirklich hier bin. Was ich gerade eigentlich mache. Für eine Sekunde gibt es nur dieses Wort, das durch meinen Kopf schwirrt. Paradiser. Die Art von Person, die ich immer sein wollte. Das verkörperte Idealbild der gläsernen Stadt: Schön, sorglos, wohlhabend. Perfekte Timeline. Ganz oben in Surface Citys Gesellschaft angekommen. Der Gedanke, dass sie mich für eine solche Person halten, ist so schmerzhaft schön, dass es mich ein bisschen aus der Bahn wirft.

Schallendes Gelächter.

»Lasst die Albernheiten sein und bleibt bei den Regeln«, unterbricht Ruby. »Wer neu ist, muss ein Geheimnis mitbringen. Immer.«

»Immer«, wiederholt Leet formelhaft.

Alle Augen auf mich. Ein starrendes Spotlight aus lechzenden Augenpaaren. Ich stehe im Mittelpunkt und zu meinem eigenen Erschrecken genieße ich es fast.

»Und was kriege ich dafür?«, frage ich. Ich muss noch einen Moment darüber nachdenken, was ich ihnen erzähle.

»Ein Geheimnis natürlich«, sagt Intel und bläst seinen Zigarettenrauch in meine Richtung. Ich lächele steif und unterdrücke ein Husten.

»Unsere eigene ganz exklusive Währung«, fügt Chan hinzu.

Ich spüre, wie sie von meinem Anblick zehren. Schwenke das Glas in meiner Hand hin und her. Nehme noch einen kleinen Schluck, koste das Brennen in meinem Rachen aus, den bitteren Geschmack auf der Zunge. Erinnere mich daran, warum ich hier bin.

»Wir warten«, sagt Ruby in amüsierter Tonlage. Klopft mit den Fingern betont auf die Lehne ihres Sessels.

»Sie macht es spannend.«

»Das kann nur Gutes bedeuten«, sagt Chan. Gelächter.

Ich weiß, ich bewege mich auf gefährlichem Terrain. Meine Gedanken sind angenehm milchig und vernebelt und ich fühle mich trotzdem, als hätte ich alles unter Kontrolle. Was können sie mir schon anhaben? Ich könnte ihnen wahrscheinlich alles erzählen.

»Was passiert mit den Geheimnissen?«, frage ich. Noch zögere ich den Moment heraus.

»Das bleibt jedem selbst überlassen. Solange nur über die Quelle geschwiegen wird«, sagt Leet.

»Unsere Quellen behandeln wir mit größter Diskretion.«

»Du kannst uns vertrauen!«, sagt Chan dramatisch und macht eine übertrieben ausladende Handbewegung. Wieder Gelächter.

»Aha«, sage ich interessiert. Ich frage mich, ob jetzt schon der richtige Moment gekommen ist, um das Gespräch in meine gewünschte Richtung zu lenken. Wann wäre der richtige Moment?

»Und gegen was tausche ich?«, frage ich. »Was ist das Geheimnis, das ich zurückkriege?« Ich lege den Kopf schief und sehe in die Richtung. »Darf ich auch gegen etwas Bestimmtes tauschen?«

»Bist du deshalb hier?«, fragt Ruby. »Um uns etwas ganz Bestimmtes zu entlocken?« Ihre Augen glitzern.

Ich lache laut und künstlich und aufgeregt.

»Hat nicht jeder etwas, das ihn besonders interessieren würde?«

»Nun, das macht mich jetzt aber neugierig. Was willst du denn so genau wissen?«, fragt Intel.

»Erst das Geheimnis!«, unterbricht ihn Ruby. »Dann sehen wir, was du dafür bekommst.«

»Erzähl uns einfach etwas über dich«, wirft Leet ein. »Ein Geheimnis über dich.«

»Oh ja.« Chans Augen glitzern. »Was ist dein schmutzigstes Geheimnis, Java?«

Die Sekunden dehnen sich in kribbelnder Erwartung.

»Geheimnis«, formt Chan mit seinen glatten Lippen.

Ich denke noch einige Sekunden lang darüber nach, ihnen irgendeine Belanglosigkeit aufzutischen. Oder eine Lüge. Aber aus irgendeinem Grund, will ich sie tatsächlich ein bisschen schockieren. Und vielleicht will ich auch selbst etwas loswerden. Scheiß drauf. In einem einzigen Zug leere ich mein Glas. Es schüttelt mich kurz.

»Die wichtigste Person in meinem Leben hat sich vor ein paar Wochen umgebracht. Aber ich glaube, ich trauere nicht um sie«, sage ich. »Ich trauere um das Leben, das sie mir ermöglicht hat. Das Geld. Den teuren Schmuck. Die Partys. Die Kontakte.« Es fühlt sich an wie kotzen, das zu sagen. Widerlich gut, weil man zwar keine Luft mehr bekommt, sich danach aber trotzdem besser fühlt.

Ich trinke einen letzten verbliebenen Schluck. Das Drumherum verschwimmt ein bisschen. Und ein bisschen mehr.

Schockierte Stille. Und ich kann sehen, wie sie sich an diesem kleinen Schockmoment aufgeilen.

Chan wirft affektiert die flache Hand vor den geöffneten Mund. »So jemand bist du also.« Seine Stimme ist schrill.

»Ich würde ja sagen, ich hatte es erwartet …«

»Sie schläft sich hoch, ich glaube es nicht.«

Ich schwenke mein leeres Glas hin und her, genieße das seltsame Rampenlicht aus geheimnisgeilen Blicken. Lächele.

»Welches Geheimnis kriege ich zurück?«

Das Drumherum verschwimmt noch ein bisschen mehr.

»Das kommt ganz darauf an, welches du hören willst.«

Ich lache. »Kennt ihr jemanden, der sich C nennt?«

»C … und weiter?«

»Das weiß ich nicht«, sage ich. »Der Name steht für sich.«

»Ist es jemand von den Masken?«

»Ja«, erwidere ich.

Die Runde wird seltsam still, alle blicken plötzlich sehr konzentriert in ihre Gläser, ziehen an ihren Zigaretten, rücken ihre Masken zurecht.

»C«, wiederhole ich. »Er spielt Kontaktmann zwischen Masken und Nichtmasken, soweit ich weiß.«

Keine Antwort. Nervöse Blicke. Und mir wird klar: Sie wissen nichts über ihn. Vielleicht kennen sie ihn gar nicht.

»Ist sowas nicht eigentlich Operas Fachgebiet?«, fragt Ruby. »Die Liga, Kontaktmänner …«

»Ja richtig, wo bleibt er?«

Sie lenken vom Thema ab.

»Er erlaubt sich wirklich einiges in letzter Zeit, langsam bin ich seine Allüren leid.«

»Und das ständige Warten.«

»Und dann redet er über nichts anderes als diese Software. Thoughtspace

Ich zucke zusammen.

»Was ist seine Faszination mit diesem Thema? Es gibt doch fast nichts dazu zu sagen. Alles nur Spekulation«, sagt Ruby.

»Mmh.« Leet zieht an seiner Zigarette. »Ich habe das Gefühl, er weiß wesentlich mehr über die ganz Geschichte, als er preisgibt.«

»Oh, das Gefühl habe ich auch.«

»Und er wartet darauf, dass hier endlich einige Informationen darüber in Umlauf kommen. Manchmal habe ich das Gefühl, das ist der einzige Grund, warum er noch kommt.«

»Er wirkt auch so gelangweilt in letzter Zeit.«

»Diese Software und die Liste wären wohl die einzigen Themen, mit denen man ihn noch kriegen kann.«

Schlagartig bricht Schweiß auf meiner Stirn aus, mein ganzer Körper beginnt zu kribbeln.

Leet dreht sich in meine Richtung. »Java, weißt du etwas über diese mysteriöse Software, die die Liga der Masken momentan so aufscheucht?«

Doch ich komme nicht dazu, zu antworten.

»Redet ihr wieder über Sachen, von denen ihr keine Ahnung habt?« Ganz plötzlich – eine neue Stimme in meinem Rücken. Ich drehe hastig meinen Kopf nach hinten, blicke an einer hohen, starren Silhouette hinauf. Zucke ein wenig zusammen.

Das Lachen erstirbt.

Der Mann steht so plötzlich in der Tür, als wäre er ein Hologramm. Eine alterslose Gestalt in Hut und Anzug. Nimmt sofort ein bisschen mehr Raum ein als jeder andere. In einer eleganten Bewegung setzt er seinen Hut ab. Seine Haare fangen im Dämmerlicht einen feuchten Glanz.

Ich kann mich nicht davon abhalten, ihn anzustarren. Es sind seine Augen. Oder das, was man als Augen erkennen kann. Die typischen Sehschlitze, hinter denen man normalerweise den verletzlich lebendigen Augenglanz seines Gegenübers erahnen kann, sind ersetzt durch große, mandelförmige Spiegel, an denen jeder Blick abprallt. Statt mir einen verräterischen Einblick in seine Gedanken zu geben, reflektieren sie nur mein eigenes Gesicht, als wolle er mich dazu zwingen, meine eigene Mimik zu hinterfragen, statt seiner.

Ich kann ihm aus purer Verwirrung nicht länger als zwei Sekunden ins Gesicht sehen.

Wortlos dringt er in unsere Sitzgruppe vor, nimmt sich eine Zigarre aus Leets offener Schachtel und steckt sie sich an. Die Pause ist elektrisierend. Er hält die Stille selbstständig, als würde sie ganz ihm gehören. Man erlebt selten Menschen mit einer Ausstrahlung, die Stille für sich beanspruchen können, ohne sie auszukosten, ohne sie künstlich zu dramatisieren, ohne sich darin unwohl zu fühlen.

Ich bin gedanklich noch immer mit dieser merkwürdigen Maske beschäftigt. Es müssen venezianische Spiegel sein, denn blind ist er nicht. Er orientiert sich im Raum perfekt wie ein Sehender. Und ich meine, seinen Blick zu spüren, auch wenn ich mir nie ganz sicher sein kann, in welche Richtung er gerade sieht. Eine sehr intelligente Sinnestäuschung.

»Opera, Opera, Opera«, sagt Chan schließlich. Seine Stimme klingt schrill und nervös. »Taucht immer zu spät auf, nur um dann unseren Abend um hundertachtzig Grad zu drehen. Wir warten schon so lange auf dich, du hast immer die besten Details zu erzählen.«

»Oh ja«, sagt Ruby. »Wie machst du das? Verrat mir dein Geheimnis, wenn du verstehst, was ich meine.«

Die Gruppe verfällt in nervöses Gelächter, doch der Angesprochene bleibt still. Lächelt nur ein kühles, abgeklärtes Lächeln.

»Schluss mit den Schmeicheleien«, sagt er und setzt sich. Sieht wieder in meine Richtung. Meine Augen sind noch immer ganz irritiert vom Bruch in seinem Gesicht. Sein Tonfall, seine Mimik – es ist schwer, ihnen Informationen zu entnehmen. »Aber es gehört sich nicht, mich von so interessanten Themen auszuschließen, wie ihr sie habt. Die Liste, diese Software … Wie könnt ihr davon ausgehen, dass ich nicht auch etwas dazu sagen will? Und dieser C … Zumal ich hier anscheinend der Einzige bin, der zu diesem Namen etwas Interessantes beitragen kann.«

Nun fühlt sich die Stille plötzlich ein bisschen anders an. Angespannter.

»Wie lange hast du uns zugehört?«, fragt Leet und er klingt nicht mehr ganz so amüsiert wie zuvor.

»Ach, höchstens ein paar Minuten vielleicht«, sagt Opera. »Ich mag meine Auftritte, ihr wisst das. Und ich dachte, ich steige ein, wenn der richtige Moment gekommen ist. Aber es war sehr interessant, euch zuzuhören.«

Ich spüre seinen Blick auf mir, spüre ihn durch die Maske hindurch. Mein Sichtfeld schwimmt ein bisschen.

»Wir haben Gäste«, sagt er. »Wer bist du?«

»Java«, antworte ich.

»Sie ist eine … Geschäftspartnerin von Linux«, erklärt Chan meine Anwesenheit. Er fuchtelt nervös mit einer nicht fertig gerollten Zigarette.

Ruby wippt ungeduldig in ihrem Stuhl hin und her. »Immer streust du irgendwelche Informationen und lässt dir dann alles aus der Nase ziehen. Nun mach es nicht so spannend. Was ist es, was wir nicht über C wissen?«

Opera kräuselt seine Lippen.

»Heikles Thema«, sagt er. Kostet den Moment noch ein paar Sekunden lang aus. »Hach, ich liebe heikle Themen.« Er lehnt sich ein Stück in meine Richtung. »Ich danke einmal unserem Gast, dass wir endlich wieder zu etwas Interessantem kommen.«

Ich habe das Gefühl, die Situation hat sich plötzlich ein wenig gedreht. Als hätte ich sie nicht mehr genauso unter Kontrolle wie zuvor.

»Du kennst die Regeln hier, Opera«, sagt Ruby und in ihrer Stimme vibriert erregte Ungeduld. »Wer diesen Raum betritt, muss ein Geheimnis loswerden.«

»Natürlich kenne ich die Regeln. Ich habe sie gemacht.« Damit wendet er sich in meine Richtung. »Ich würde unserem Gast gerne einen Tausch anbieten. Darf ich?« Das klingt nicht fordernd. Es klingt, als ließe er mir tatsächlich die Wahl. Als wäre es ihm ganz egal, als würde er aus bloßer Langeweile ein Geheimnis mit mir tauschen wollen.

Dennoch fühle ich mich plötzlich sehr unwohl in der Situation.

Er überbrückt mein Zögern, lehnt sich entspannt in seinem Sessel zurück, lässt den Kopf nach hinten fallen, schließt die Augen. Zieht langsam an seiner Zigarre. »Wir hatten so lange keine interessanten Gäste mehr«, sagt er in den leeren Raum. »Ich meine, wirklich interessante Gäste. Chan schleppt doch sonst nur die berechenbarsten Leute an.« Er öffnet die Augen wieder. Streckt mir die Hand entgegen. Sie ist wächsern glatt.

»Du willst also etwas über C wissen?« Er grinst. »Glaub mir, er könnte kleine Kinder nach Deep City verkaufen; es gibt nur eine Sache, die ihn in ernsthafte Schwierigkeiten bringen kann. Vor allem mit den Masken. Und das hat selbst mich ein bisschen schockiert.« Er macht eine dramatische Pause. »Er verkauft interne Informationen der Masken an jeden, der ihm genug dafür bietet.« Stille. »Ich kann es beweisen. Hab ihm selbst etwas abgekauft.« Leet reißt seinen Mund in einem übertriebenen Schockmoment auf, Chan verfällt nur Sekunden später in hysterisches Gekicher. Meine Finger kribbeln und ich muss plötzlich grinsen. Beiße mir auf die Innenseite meiner Wange. Das ist gut. Das ist tatsächlich gut. »Da hast du dein Geheimnis, Java«, sagt er lachend. »Das heißt, du bist jetzt dran. Aber ich sage dir, ich nehme nicht alles.«

Nicht alles? Ich bin mir sehr sicher, dass er genau das eine will. Meine Gedanken sind ganz schwer und klebrig, sie dringen nicht mehr so ganz zu mir durch.

Ich habe keine gute Lüge, die ich ihnen erzählen kann. Ich habe kein schwaches, dummes, schockierendes Vista-Geheimnis aus meiner Vergangenheit. Ich habe auch keinen ausgedachten Mist über die Software. Und das wollen sie auch nicht mehr hören. Ich habe nur ein Geheimnis, das mich wirklich interessant macht. Nur eines, das es wert ist. Nur eines, das Opera hören will.

»Die Software«, sage ich, »Thoughtspace … Ich bin in Deep City, weil ich auf der Suche danach bin.« Stille. Ich glaube, Operas Blick spüren zu können. Er ist noch nicht ganz zufrieden. »Ach, was heißt: Ich suche danach? Ich habe es so gut wie in der Hand. Ich weiß längst, wo es ist. Und wenn ich erst habe …«

Ein leises Raunen geht durch die Gruppe. Opera lächelt. Ich kann nicht sehen auf welche Art.

»Kommst du zur nächsten Maskenparty?«, fragt er dann. »Ich lade dich ein.« Die Frage ist so aus dem Kontext gerissen, dass ich nicht weiß, was ich erwidern soll.

»Maskenparty?«, frage ich mit schriller Stimme.

»Du hast schon richtig gehört.«

Ich weiß, dass irgendwie mehr dahinterstecken muss, als bloßes Interesse an meiner Person. Warum sollte er mich wirklich auf diese Party einladen?

»Diese ist ein bisschen … exklusiver«, sagt er. »Du wirst es merken.«

»Und?«, frage ich. Meine Umgebung ist ganz verschwommen.

»Ich habe sozusagen die Eintrittskarten. C wird sehr sicher auch da sein.« Er lacht. Zieht an seiner Zigarette. »Also … Darf ich dich einladen?« Meine Gedanken sind schwammig und ich habe das Gefühl, etwas ist falsch an dieser Sache.

»Warum mich?«, frage ich.

»Erstens glaube ich, du hast ein Händchen für interessante Informationen. Zweitens, ich kenne dich nicht. Habe dich noch nie zuvor gesehen. Und ich glaube, dass du noch mehr weißt, als du vorgibst.« Er lächelt. »Ich würde mich gern richtig mit dir unterhalten. Vielleicht kann ich dir ja behilflich sein. Bei deiner Suche.« Er lehnt sich entspannt zurück. »Ich kenne da jemanden, der in die Sache mit der Software und der Liste verwickelt ist. Und ich würde ihn dir dort gerne vorstellen. Also …«

Klingt alles fragwürdig. Aber nach einer fragwürdigen Chance, die ich ergreifen muss. Ich zögere. Das wäre perfekt. Kontakt zu den Masken. Glass kann seinen Scheiß regeln. Ich kann vielleicht meinen Scheiß regeln. Es wäre vielleicht der letzte Schritt, den ich brauche.

»Kann ich jemanden mitbringen?«, frage ich.

»Natürlich. Java plus eins.« Er legt den Kopf leicht schief. »Aber versprich mir eines – lass es nicht Linux sein.«

»Wieso?«, frage ich.

»Er gefällt mir nicht«, antwortet Opera. »Und Chan ist regelrecht besessen von ihm. Er kann da nicht mehr differenzieren.« Chan schnaubt entrüstet, doch Opera ignoriert ihn. »Sei ein hübscher junger Mann, erzähl ihm ein paar nette Gerüchte und Lügenmärchen, an die er glauben kann und schon sitzt du in exklusiver Runde. Meistens sind sie harmlos. Nur ein bisschen gerüchtegeil. Aber der Junge gefällt mir nicht. Hinterlistige kleine Schlange.« Ich weiß nicht warum, aber seine Distanzierung von Linux verschafft mir eine seltsame Sicherheit. »Also, kommst du?«

Vielleicht schaufele ich mir mein eigenes Grab.

»Sicher«, sage ich und setze ein künstliches Lächeln auf. Trinke noch einen Schluck. Und noch einen.

Ich habe alles unter Kontrolle.

 

Mein Körper zittert, meine Zähne klappern, doch so richtig nehme ich es nicht wahr. Ich fühle mich distanziert von meinem eigenen Körper und innerlich angenehm erhitzt vom Alkohol. Und das überlegene Grinsen kriege ich nicht von meinem Gesicht gewischt, es ist da einfach festgefroren.

Chan hat mich irgendwo in der Main Street abgesetzt, nun hetze ich die Straße entlang, blind für das, was verschwommen um mich herum passiert, auf der Suche nach einer Telefonsäule.

Vielleicht habe ich den Fehler meines Lebens gemacht, aber ich habe Glass seinen Arsch gerettet. Er hat mir dankbar zu sein. Kein Grund mehr mich zu hassen. Kein Grund …

Als ich endlich ein Telefon finde, sind meine klammen, ungeschickten Finger fast nicht fähig, den Hörer richtig zu halten. Ich umklammere ihn mit der ganzen Faust.

Es tutet in der Leitung und mein Kopf ist ganz leer. Keine Angst, keine Paranoia, keine Beklemmung.

Ich hatte vergessen, wie verdammt gut es sich anfühlt, besoffen zu sein. Es betäubt meine Gedanken. Und wo keine Gedanken sind, sind auch keine Gefühle. Ich bin mir bewusst, dass sie noch da sind, aber sie bleiben ruhig. Blubbern nicht, schäumen nicht. Liegen glatt und schwarz auf meinen aufgeweichten Nicht-Gedanken. Es ist großartig.

»Hallo?« Seine Stimme kribbelt in meinen Ohren.

»Ich glaube, ich habe dir gerade den Arsch gerettet«, sage ich. »Habe mich damit wohl in Lebensgefahr gebracht. Aber scheiß drauf, habe ich eine Wahl?« Ich lache.

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

Dann fast ungläubig: »Wirklich?«

»Ja, wirklich. Ich habe ein wunderschönes, schmutziges Geheimnis für dich. Er wird Butter in deinen Händen sein.«

»Worum geht es? Was hast du herausgefunden?«

»Ich werde es dir nicht am Telefon erzählen«, sage ich. »Aber wir können uns treffen. Wann willst du es haben?« Vielleicht will ich ihn auch einfach nur wiedersehen, aber das ist ein Gedanke meines betrunkenen Ichs.

»So bald wie möglich.«

»Dann triff mich morgen um zehn in deinem Hotel.«

»Sehr gut.«

Pause.

»Kriege ich auch ein Danke?«, frage ich. »Oder lässt deine grenzenlose Antipathie das nicht zu?« Ich kichere. Keine Ahnung warum ich das sage.

Eine lange Pause.

»Danke«, krächzt Glass ins Telefon. Der Ton seiner Stimme hat sich irgendwie verändert.

Ich höre seinen Atem. Mein Kopf produziert merkwürdiges, nebliges Zeug.

»Immer bist du still«, blubbere ich. »Manchmal würde ich wirklich gerne mit dir reden. Wirklich … gerne …«

»Bist du betrunken?«

»Ich war lange nicht mehr betrunken.« Meine Stimme kommt mir fremd vor. »Und du siehst scheiße gut aus übrigens. Ich hatte das nicht geplant. Das hätte eine schnelle Sache werden sollen. Ohne Zeit, mir irgendwas näher anzusehen. Oder jemanden.« Ich schnappe nach Luft. »Und … eigentlich kenne ich dich überhaupt nicht.« Ich lache, fühle mich komisch. »Aber … ich weiß nicht warum … du gibst mir ein gutes Gefühl. Ich weiß, dass du das nicht willst, aber … eigentlich würde ich gerne mehr über dich wissen. Dich … kennenlernen.« Ich mache eine kurze Pause. »Das klingt albern, wenn man es laut ausspricht.«

Stille. Dann ein leises Lachen vom anderen Ende der Leitung. Er nimmt mich nicht ernst. Und das ist wahrscheinlich besser so.

»Schaffst du es allein nach Hause?«, fragt er dann. Er klingt beinahe sanft.

»Ich bin immer nach Hause gekommen«, sage ich. »Ich habe immer alles allein hingekriegt.«

Wieder lange Stille. Knistern in der Leitung. Als würde er noch etwas sagen wollen. Aber er legt schließlich auf.

 

Belanglos

Ich sitze mit angezogenen Beinen in der Küche, trinke einen Energydrink. Taste gedankenverloren nach den Nähten auf meinem Kopf und die feinen Haare, die sich rundherum ihren Weg bahnen.

»Ich möchte dir jemanden vorstellen, Puppengesicht.« Linux’ Stimme, die sich in die Stille schiebt. Ein wenig perplex sehe ich aus meinen Gedanken auf, ohne die Welt um mich herum wirklich zu begreifen.

Er steht dicht vor mir, die Hände in die Hosentaschen geschoben und blickt auf mich herab. Er hat sich ein feines Lächeln auf die Lippen gezogen, das so aussieht, als hätte er es in stundenlanger, mühevoller Arbeit zusammengesetzt und so fest in sein Gesicht gedrückt, das es nicht mehr verschwinden kann. Er legt mir eine Hand auf die Schulter und ganz automatisch driften meine Augen dabei zu seiner Timeline, bleiben daran hängen und zerstückeln sie in ihre vielen Einzelteile.

Sie zeigt, was er heute trägt (blütenweiße, schmalgeschnittene Wollhose, schwarzgerändertes Hemd, viel goldenen Schmuck), was er vor einer Stunde gegessen hat (sehr viel Ananas) und was er gerade tut (er spricht mit mir). Alles fügt sich ganz nahtlos ineinander, als würde sein gesamtes Leben einem bestimmten Farbschema folgen, einer einzelnen Tonlage, einer speziellen Atmosphäre. Ein beängstigend geschlossenes Gesamtkonzept.

Mein Blick wandert zwischen Linux und seiner Timeline hin und her und mich überkommt ein seltsames Gefühl. Das Gefühl, zwei Personen zu sehen, die sehr verzweifelt versuchen, miteinander zu verschmelzen. Den analogen und den digitalen Linux.

Auf seiner Timeline wirkt er absolut perfekt, sein Lachen warm und lebendig. Woran liegt es, dass es in der Realität so nervös, so aufgeklebt aussieht?

Er sieht genauso makellos aus, wie auf seiner Timeline: goldene Locken, veilchenblaue Augen, geschminkt und strahlend und frisiert. Er ist wunderschön. Und trotzdem ist etwas an ihm falsch. Etwas, das auf der Timeline nicht sichtbar wird. Etwas in seiner Art zu sprechen, seiner Art sich zu bewegen, seiner Art zu … lächeln. Er wirkt aufgesetzt. Kalt. Unecht.

Als würde seine Person nur auf einem flachen Medium funktionieren. Als wäre er ein bisschen zu sehr mit der holographischen Timeline verschmolzen und selbst ganz flach und zusammengesetzt geworden. Es scheint nicht viel von ihm übrig zu bleiben, wenn er einem bestimmten Farbschema folgt. Nichts Echtes.

Ich hatte so viel Zeit, diesen Menschen auf die ein oder andere Weise zu beobachten, in analog und in digital. Und je länger ich das tue, desto mehr scheint er zwei Personen zu sein, die auseinanderzudriften, wo sie eigentlich miteinander verschmelzen sollten.

»Puppengesicht? Ist alles in Ordnung?«

Aufgeschreckt schüttele ich meine Gedanken fort und richte meinen Blick wieder auf sein Gesicht; sein echtes Gesicht.

»Alles in Ordnung«, erwidere ich tonlos und er starrt mich an, als wüsste er nicht, wohin mit mir.

Dass er nicht allein ist, fällt mir erst Augenblicke später auf. Ein Mann steht ein paar Meter hinter ihm. Groß, dunkelhaarig, ganz in Cremeweiß gekleidet. Er hält die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf leicht schräg. Betrachtet mich mit hochgezogenen Augenbrauen.

Als er meinen Blick bemerkt, beginnt er zu lächeln.

Auch Linux lächelt. Sogar noch ein bisschen breiter als zuvor.

»Das ist Swift. Er wird dir helfen, dich zu erinnern«, sagt er und leckt sich wieder über die Lippen. Die Nervosität scheint ihm dabei von den feucht glänzenden Lippen zu tropfen.

Ich sage nichts.

Ich habe Linux nicht erzählt, dass ich mich erinnere. Nicht, dass die Erinnerungen wirklich erwähnenswert wären. Meistens könnte ich sie kaum in Worte fassen. Diffuse Bilder, die sich völlig unangekündigt zwischen meine Gedanken schieben. Mich manchmal kaum berühren und manchmal vollkommen durchschütteln. Ich glaube, sie sind nicht das, was Linux sich erhofft; was er meint, wenn er mich immer wieder dazu auffordert, mich zu erinnern. Aber jeden Tag gibt es ein paar mehr davon. Sie geben mir das beängstigende Gefühl einer Identität zurück, zumindest für einen Moment. Das Gefühl, jemand zu sein: eine echte Person.

»Verstehst du?«, fragt Linux und klingt leicht verunsichert.

»Ich denke …«, beginne ich und ziehe die Augenbrauen zusammen.

Es vergehen unangenehme Sekunden.

»Du musst dir keine Sorgen machen, ich mache nur ein paar … Tests«, sagt Swift, ohne das steife Lächeln von seinem Gesicht zu nehmen. »Kommst du mit?«

Er bringt mich in einen größeren, fensterlosen Raum. Ein Schreibtisch thront am Ende des Zimmers, undefinierbare Gerätschaften in den anderen Ecken. Sonst steht da nur eine Liege, mitten im Raum, fest in den Boden verankert.

Wieder packt mich diese plötzliche Unruhe, treibt mir kalten Schweiß auf die Stirn. Die feine Ahnung einer Erinnerung überzieht mein blankes Gedächtnis.

»Leg dich hin«, murmelt Swift währenddessen und nickt in die entsprechende Richtung. Ich komme dem nach. Will dabei fragen, was er vorhat und bin mir dann doch nicht ganz sicher, ob ich das wirklich wissen will.

Als er sich über mich beugt, starre ich ihm so offensiv und lange ins Gesicht, dass ihm fleckige Röte in die kalkigen Wangen steigt. Ich will wissen, ob ich mich erinnere. Ich will wissen, ob ich ihn kenne. Aber je länger ich ihn ansehe, desto mehr glaube ich, dass es die Situation selbst ist, die diesen Druck in mir auslöst und nicht er. Denn wenn ich ihn einst kannte, dann tue ich es jetzt nicht mehr. Oder zumindest noch nicht wieder.

»Geht es dir gut?«, fragt er.

»Ich denke schon«, antworte ich leise. Kneife die Augen zusammen, starre gegen die Decke und horche in meine pulsierenden, unruhigen Gedanken.

»Sehr gut«, sagt er und zieht sich dabei mit einem schmatzenden, klatschenden Geräusch Latexhandschuhe über, lässt sie gegen seine Haut schnalzen und bewegt quietschend die steifen Finger.

Dieses Geräusch … Etwas in mir zieht sich zusammen zu einem unangenehmen drückenden Gefühl, das dumpfe Erinnerungen aufspült, irgendwo zwischen Aufregung und Hilflosigkeit.

Wieder sehe ich diese Frau, die sich über mich beugt, mich anlächelt, ihre Hände unter meinen Hinterkopf schiebt. Sie hat ein freundliches, professionelles Gesicht und ihre Stimmlage klingt so, wie man mit Kindern spricht. Auf ihre zartgelbe Bluse ist ein Logo gestickt, eine halbe Zitronenscheibe.

»Freust du dich auf deine Timeline?«

Ich erinnere mich. So habe ich damals meine Timeline bekommen. Ich war noch ein Kind, vielleicht acht oder neun Jahre alt, aber ich erinnere mich. An das Geschäft des Timelineanbieters und meine Euphorie und die freundliche Dame, die sich über mich beugt, um sie mir einzusetzen.

Dann sehe ich plötzlich noch eine andere diffuse Gestalt. Nur ganz kurz. Auch sie beugt sich über mich, auch sie lächelt mich an. Sie schiebt sich über das blasse, überblendete Bild dieser idealisierten Frau mit ihrem Logo und ihrem warmen Gesicht. Flackert nur kurz auf, so kurz, dass ich keine Gesichtszüge erahnen kann. Und trotzdem flutet mich ein kaltes Gefühl, das Gänsehaut über meinen Körper zieht wie eine zweite, kribbelnde Hülle. In diesem Moment will ich fliehen. Wirklich fliehen. Aufspringen und diesen Raum und diesen Mann so weit hinter mir lassen, wie es nur geht.

»Entspann dich. Ich bin hier, um dir zu helfen«, sagt er.

In diesem Moment sind seine Hände schon auf meiner Kopfhaut, tasten mit ihrer behandschuhten Künstlichkeit mit schnellen, bestimmten Bewegungen über meine Narben. Drücken die noch entzündeten, geschwollenen Stellen, zupfen an den herausragenden Fäden. Entflammen alles.

Ich verkrampfe unter seinen Berührungen, kämpfe gegen eine plötzliche Beklemmung, die mir fast die Luft abdrückt.

»Sie hätten wirklich eine bessere Arbeit machen können«, sagt er ruhig. »Aber die Nähte scheinen gut zu verheilen. Ich hoffe, dass wir sie nicht noch einmal öffnen müssen.«

»Nein!«, spucke ich sofort aus. »Auf keinen Fall!« Swift lässt endlich von meinem pulsierenden Skalp ab, reibt sich die quietschenden Finger. Ich schaffe es nicht, in seine Richtung zu sehen. Starre nur weiter gegen die Zimmerdecke.

»Ich werde nichts tun, was du nicht willst«, sagt er und legt eine Gummihandschuhhand auf meinen Arm, die sich so unbeschreiblich widerlich anfühlt, dass ich fast aufspringe. »Aber du musst dir keine Sorgen machen. Ich bin hier, um dir zu helfen. Nicht, um dir wehzutun.« Nun schwebt sein Gesicht wieder über mir und lächelt mich an. »Wollen wir anfangen?«

Ich habe keine Ahnung womit. »Ich denke … ja«, sage ich zögerlich und verkrampfe meine Finger im Stoff meiner Hose.

Ich weiß nicht, was er macht. Er erklärt es mir nicht und ich frage ihn auch nicht danach.

Die meiste Zeit fährt er mit dem schmalen Plastikkopf eines großen Geräts über meinen Skalp. Starrt konzentriert ins Leere, wahrscheinlich auf eine Projektion, die ich nicht sehen kann.

Im ganzen Prozess verliere ich das Zeitgefühl.

»Vermisst du deine Timeline?«, fragt er plötzlich.

Ich weiß nicht warum, aber die Frage trifft mich so sehr, dass sie für einen Moment jeden klaren Gedanken stoppt, meinen Kopf stilllegt und alles andere ausblendet. Jeder Gedanke vervielfacht sich ins tausendfache, mögliche Antworten springen mir entgegen.

»Wieso?«, frage ich. »Könnte man sie wiederherstellen? Liege ich deshalb hier?«

Er lässt sich Zeit damit, zu antworten.

»Ich weiß es noch nicht«, sagt er dann und richtet seine Augen wieder auf eine Projektion, die ich nicht sehen kann. »Aber vielleicht ist es möglich.«

Kapitel 22

Es ist das erste Mal, dass ich tagsüber nach Deep City zurückkehre. Direkt vom Licht in die Dunkelheit.

Mir dröhnt noch immer der Kopf von letzter Nacht. Ein dumpfes, stechendes Pochen hinter den Augen, das sich betäubend über meine Gedanken legt. Es ist fast angenehm. So angenehm vertraut.

Die Erinnerungen an die letzte Nacht dampfen in schlierigen Fetzen zu einem fragwürdigen Spektakel aus Realität und Nicht-Realität zusammen. Was soll ich nur davon halten?

Alkohol. Kaminfeuer. Geheimnisse.

Worte. Viel zu viele Worte.

Habe ich einen Fehler gemacht? Eigentlich stellt sich diese Frage nicht. Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber ich kann hier unten nur Fehler machen. Ich kann nur gegen meine Fehler anlaufen und hoffen, dass ich die Millisekunde schneller bin, dass ich mein Ziel erreiche, bevor hinter mir alles explodiert.

Mit dieser überwältigenden Paranoia bin ich irgendwann am frühen Nachmittag aufgewacht und mit dem Gefühl, jetzt etwas tun zu müssen. Ich muss diese verdammte Software Thoughtspace finden, die alle wollen, ich muss dieser Geschichte ein Ende setzen.

Aus diesem Gefühl heraus habe ich beschlossen, die Adresse aufzusuchen, die mir die Anruferin aus Cullinans Hotelzimmer bei unserem Treffen gegeben hat. Ich soll dort eine weitere Person finden, die für Cullinan gearbeitet hat. Vielleicht kann sie mir weiterhelfen.

Nun wandert mein Blick das schäbige Hotelgebäude hinauf, vor dem ich stehe. Die Lettern flackern wie auf Drogen: Glasshouse HOTEL – Automatenhotel.

Kein Personal. Keine Konversation, keine Fragen. Man braucht nur eine Kreditkarte und kriegt das Passwort für sein Zimmer. Pure Anonymität.

Als ich es betrete, schlägt mir ein widerlicher Uringestank entgegen. Der Boden sieht modrig und bepisst aus, in einer Ecke steht ein einsamer, kaputter Sessel, auf den ich mich selbst für Geld nicht setzen würde, in einer anderen hängt eine Telefonsäule, an der schlapp und zittrig ein Display hängt: Beschwerden bitte hier einreichen.

Die Ventilatoren an der Decke ziehen unermüdlich ihre Kreise, treiben kalte Luft durch die leere, unbeheizte Lobby. Ich schlinge fröstelnd meine Arme um meinen Körper.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie diese Sache ablaufen soll. Bin so ahnungslos, dass ich nicht einmal nervös sein kann. Ich habe keine Ahnung, ob ich überhaupt jemanden antreffe.

Ich schiele auf meine Uhr. So gegen halb vier.

Fahrstühle gibt es nicht. Ein von fleckigem Teppichboden überzogenes Treppenhaus führt mich in die vierte Etage.

Zimmer 456, hatte ich mir notiert. Vor dem entsprechenden Zimmer bleibe ich stehen. Zögere. Der Flur ist totenstill, auch wenn der durchgetretene Teppichboden nicht mehr viel schlucken dürfte, außer Körperflüssigkeiten, von denen ich nichts wissen will. Es riecht verdammt seltsam hier. Ein Geruch, den ich kaum zuordnen kann, wabert durch die stickige Luft und ich will nicht darüber nachdenken, was dieser Teppich für giftige Dämpfe absondert. Für ein paar Sekunden trete ich dicht an die Tür. Horche.

Nichts.

Also klopfe ich. Dreimal. Dann noch ein viertes Mal. Und ein fünftes, hämmere mit geschlossener Faust gegen die dünne Holztür, die knarrend und quietschend gegen meine Schläge protestiert.

»Hallo? Jemand zu Hause?«, rufe ich. »Zimmerservice!«

Keine Antwort. Irgendwas hält mich davon ab, umzudrehen und wieder zu gehen. Stattdessen drücke ich einfach die Klinke. Und die Tür springt auf.

Ein unbeschreiblich widerlicher, beinahe tödlicher Gestank schlägt mir entgegen. Süßlich. Beißend. Ich taumele zwei Schritte zurück, mein Magen rebelliert, Tränen schießen mir in die Augen. Ich presse mir die Hand vor die Nase, drehe den Kopf zur Seite.

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich mich wieder gefangen habe und dem Zimmer zuwenden kann. Darin herrscht Festbeleuchtung, jede armselige Funzel an der Wand scheint um ihr Leben zu brennen. Und es ist so vollgerümpelt, dass ich es kaum noch als Hotelzimmer erkennen kann.

Ich wage mich ein paar Schritte in den Raum hinein. Der Gestank ist unerträglich, ich kann ihn nicht einmal zuordnen. Hier ist etwas ganz falsch …

Ich schlage mir die Hände vors Gesicht.

Auf dem Bett liegt eine Leiche.

Bäuchlings, das aufgedunsene Gesicht presst sich in die Matratze. Ein schlaffer Arm hängt über die Bettkante, die Hand verdreht auf dem Boden. Blutige Spuckefäden sind auf dem Weg von ihrem geöffneten Mund zum Kinn getrocknet, verkrustetes Erbrochenes klebt in den Laken. Glasige Augen starren ins Leere. Fleckige, kalkweiße Haut. Ich sehe Maden kriechen. Und dieser Gestank …

Ich muss würgen.

Scheiße. Scheiße, scheiße, scheiße.

Ich kann nicht aufhören, sie anzustarren, auch wenn sich mein Magen mit allen Mitteln wehrt.

Ich wende meinen Kopf ab, kneife die Augen zusammen. Meine Hand halte ich noch immer fest gegen mein Gesicht gepresst. Mein verkaterter Kopf hämmert, mein Magen rebelliert.

Ohne mich umzudrehen, gehe ich mit langen Schritten aus dem Zimmer, laufe den Flur runter, bleibe stehen. Hole tief Luft.

Scheiße, scheiße, scheiße. Der Boden unter meinen Füßen dreht sich.

Da liegt eine Tote in diesem Zimmer, eine echte Tote!

Sekundenlang starre ich in die Leere des Flurs, betäubt vom Verwesungsgestank und diesem Bild …

Ist das die Person, zu der mich die Anruferin aus Cullinans Hotelzimmer schicken wollte?

Ich schließe kurz die Augen, komme wieder zu Atem. Dann reiße ich mich zusammen, drehe auf dem Absatz um und gehe zurück. Wieder im Zimmer, einen Ärmel gegen meine Nase gepresst und mit verzogenem Gesicht, beäuge ich die Tote.

Sie hat schleimige Tablettenreste ausgekotzt und auch auf dem Boden liegen kleine, helle Kapseln verstreut.

Überdosis. Das nehme ich jetzt mal als eindeutig.

Sollte ich anfangen, Deep-City-Bingo zu spielen? Ungeduldiger Schwarzmarkthändler und seine Schläger – Check. Mysteriöser Identitätsdieb – Check. Abgewrackte Kasinos – Check. Fetischclub – Check. Fragwürdige Kontaktmänner – Check. Leiche – Check.

Mein Blick wandert ihren schlaffen Arm hinab, zu der Hand, die über der Bettkante liegt. Halb in ihren Fingern, halb auf dem Boden, liegt etwas, das sie vorher umklammert haben muss. Ein kleines, silbernes Gerät.

Es kostet mich eine absurde Überwindung, mich neben die Tote zu knien. Mit angehaltenem Atem und abgewendetem Gesicht ziehe ich das Teil aus ihren weiß-bäulichen Fingern. Ein schauerliches Kribbeln wandert über meinen ganzen Körper, Ekel schüttelt mich. Als ich es in den Händen halte, wische ich es hastig an meiner Kleidung ab.

Halte es dann ins erbarmungslose Deckenlicht. Ein Aufnahmegerät. Etwas altmodisch.

Ich fahre mit dem Daumen leicht über die Unterseite. Ein rötliches Licht glimmt auf, tritt in kantigen Zahlen aus dem Metall hervor. Mehrere Stunden Audiomaterial werden angezeigt.

Ich sehe wieder auf die Leiche. Wie sie schweigend und nutzlos hier herumliegt, als wäre sie nie lebendig gewesen.

Man sieht nicht viel von ihr, ihr Gesicht ist zur Hälfte in den Laken versunken und hat in der Zeit, in der sie hier gelegen haben muss, an Kontur verloren. Strähniges, braunes Haar darüber. »Du hast dich wohl auch ziemlich in die Scheiße geritten«, flüstere ich.

Ich trete vom Bett und dem schaurigen Anblick zurück. Widme mich dem restlichen Zimmer. Es ist ein in sich zusammengefallenes Kartenhaus: Der Boden ist übersäht von Klamotten, leeren Fastfood-Kartons, verschimmelten Essensresten, Zigarettenstummeln, Aschehäufchen … Mit der Schuhspitze kicke ich einen fettigen Pizzakarton aus dem Weg.

Ich steige über ein paar halbvolle Bierdosen und einen schimmligen Pappteller hinweg, gehe zum einzigen Schrank des Zimmers.

An der Wand neben dem Bett hängt ein großer, alter Holoschirm, der fast nach zu viel Luxus für diesen Saustall aussieht. Ob sie irgendwas darauf gespeichert hat? Ich schalte ihn ein. Flackernd springt er an und ich trete einen Schritt zurück, stelle mich mittig ins Zimmer.

»Mal sehen, was du dir so angesehen hast, meine Gute«, murmele ich. Gleichzeitig halte ich mir das Aufnahmegerät ans Ohr und lasse es seinen Inhalt von Beginn an abspielen.

Es erklingt eine flüsternde, unruhige Stimme. »Mittwoch, dritter neunter.« Schwankend. Unkontrolliert: »Ich muss mit jemandem reden und wenn es dieses idiotische, alte Teil hier ist. Ich muss die Dinge laut aussprechen. Ich weiß nicht mehr, ob ich meinen Gedanken noch vertrauen kann. Manchmal … manchmal habe ich Angst, den Verstand zu verlieren.« Die Stimme der Toten. Mich überkommt ein ekelhaft schauriges Gefühl. Ich verdrehe die Augen in Richtung der Leiche, habe plötzlich das Gefühl, sie muss meine Präsenz spüren. Ich möchte das Gefühl abschütteln, mich auf meine Suche konzentrieren, doch es gelingt mir nicht gut.

Der Holoschirm beginnt, irgendein Fernsehprogramm abzuspielen. Ich manövriere ins Menü, suche nach privaten Medien, die auf der Festplatte gespeichert sind.

Währenddessen höre ich weiter ihre leise Stimme: »Ich habe Angst. Das ist die Wahrheit, auch wenn es mir schwerfällt, das einzugestehen. Ich arbeite jetzt seit einem …, nein, seit anderthalb Jahren schon für Cullinan und immer war ich mir bewusst, dass ich Risiken eingehe. Dass es nicht ungefährlich ist, was ich tue. Aber noch nie hatte ich solche Angst. Ich habe Angst vor dem, was wir da verkaufen, auch wenn ich nicht genau weiß, um was es geht. Ich habe Angst vor dieser grässlichen Liste, von der ich mir sicher bin, dass sie etwas mit uns zu tun hat. Und ich habe Angst vor ihr. Ich habe eine solche Angst vor ihr. Ich halte es kaum aus.« Die Stimme ist brüchig, fast weinerlich. »Ich weiß nicht, was passiert ist, aber sie hat sich verändert. Sie ist wie besessen, so war es noch nie. Ich habe sie immer als kühlen Kopf erlebt, als abgebrüht und rational. Als den erfolgreichen Blutdiamanten. Nichts konnte sie aus der Ruhe bringen.« Hartes Schlucken. »Aber es hat sich etwas verändert. Plötzlich ist sie hysterisch, paranoid, unüberlegt … Sie ist nicht mehr die, die sie mal war. Das muss mit dieser Software zu tun haben, die wir verkaufen. Und mit dieser Liste. Mit dieser schrecklichen Liste.« Ein Knacken, ein Rauschen. Ihre Stimme bricht ab.

Nun habe ich Gewissheit. Die namenlose Tote auf diesem Bett hat tatsächlich für Cullinan gearbeitet. Und vermutlich hat es sie umgebracht.

Ich pausiere das Aufnahmegerät und gehe weiter die Daten auf dem Holoschirm durch. Plötzlich zucke ich zusammen. Ist das Glass? Er ist es tatsächlich. Ich pausiere das Aufnahmegerät und starre das verwischte Bild an, das der Holoschirm abbildet. Seltsam bläulich, seltsam verzerrt, aber für mich besteht kein Zweifel. Es ist Glass. Mitten im Lauf aufgenommen, mit wehendem Mantel. Den Hut tief ins Gesicht geschoben. Doch sein Profil würde ich vermutlich unter Tausenden erkennen; kantig hebt es sich gegen den Schatten ab.

Schwere Regentropfen trüben als verschwommene Flecken das Bild. Es ist schwer zu erkennen, in welcher Umgebung es aufgenommen wurde, da sind nur Dunkelheit und Neonlichter, die sich in den Pfützen spiegeln.

Mit einer schnellen Handbewegung durch die Luft wische ich zum nächsten Bild weiter. Gleiche Szene, vermutlich kaum eine Sekunde später. Glass ist nur einen Schritt weiter.

Wisch.

Dieses Mal dreht er seinen Kopf kurz in Richtung der Kamera. Ein flüchtiger Blick auf seinen gehetzten, aufgewühlten Gesichtsausdruck.

Nur ein bisschen weiter und er würde mir direkt in die Augen sehen. Ein seltsames Gefühl erfasst mich, ein Kribbeln in der Magengegend. Ich erwische mich dabei, wie ich ihn eine Sekunde länger ansehe als nötig. Fast sehnsüchtig.

Wisch.

Ich spule durch die Bilder. Sehe Glass zu, wie er vorbeiläuft, immer beschattet von seiner unsichtbaren Verfolgerin, die diese Bilder aufnimmt.

Währenddessen klicke ich auf dem Aufnahmegerät weiter. Ein Rauschen. Ihre Stimme erklingt wieder.

»Der Verkauf dieser Software sei unser letztes Geschäft. Das sagt sie immer wieder. Danach wird es Cullinan nicht mehr geben. Ist ihr nicht klar, was in dieser Sache hängt? Wie viele Leute für sie arbeiten? Wie vielen Menschen sie hier unten auf die Füße getreten ist? Wie viele wir zum Schweigen bringen mussten? Sie muss sich absolut sicher sein, dass alles funktioniert und ihr diese Software so viel Geld einbringt, dass sie nie wieder nach Deep City zurückkehren muss. Und es scheint genau das zu sein, was sie will.« Pause.

»Nie wieder nach Deep City zurückkehren« – das lässt mich hellhörig werden.

Klick. Nächster Eintrag: »Sie nimmt Drogen. Irgendwelche Schmerzmittel, Schlafmittel, Aufputschmittel. Sie macht überhaupt kein Geheimnis daraus, wirft sich vor unser aller Augen die Pillen ein. Ohne das Zeug scheint sie nicht mehr zu funktionieren. Es macht mir Angst. Ich habe sie vorher nie Drogen nehmen sehen. Ich will nicht sagen, dass ich sie jemals kannte, aber das ist nicht die Person, die ich kennengelernt habe. Sie verändert sich. Ich habe versucht, mit jemandem darüber zu sprechen, aber sie hat mich für verrückt erklärt.«

Wisch. Nächstes Bild.

Wieder zucke ich zusammen, dieses Mal heftiger. Ein richtiger Ruck geht durch meinen Körper, schüttelt alle meine Muskeln einmal durch. Für zwei Sekunden glaube ich, mich zu sehen. Platinblonder Bubikopf, der ihr, scheitellos und perfekt geföhnt bis knapp über die Augenbrauen reicht. Schmale Statur, auf Wolkenkratzer-High-Heels, gekleidet in einen dunklen Jumpsuit, der aussieht, als würde sie sich ihren Arsch darin abfrieren. Und ein maskiertes Gesicht, das ein bisschen wirkt wie meines, nur viel starrer, stilisierter, gegossener.

Meine Doppelgängerin. Meine verdammt gruselige Doppelgängerin Cullinan.

Meine Haut prickelt und kribbelt, als hätte ich irgendein widerliches Ekzem bekommen.

Auf den Bildern scheinen Glass und sie sich zu begrüßen. Unterhalten sich dann. Distanziert. Ihre Körper zeigen weg voneinander, verschwinden schließlich.

Ich wische weiter. Und weiter. Meistens sieht man meine Doppelgängerin.

Wisch.

Die Tote hat diese Person regelrecht verfolgt.

Ich trete ein bisschen näher an den Bildschirm heran und versuche, etwas mehr von meiner seltsamen Doppelgängerin zu erkennen. Es ist gruselig, wie ähnlich mir diese Gestalt sieht. Die Frisur, der Handschuh, die Maske, der Kleidungsstil. Mir kommt der seltsame Gedanke, dass es Absicht sein könnte. Als hätte man eine Deep-City-Version von mir erschaffen, eine zweite Java.

Ich weiß nicht genau, was ich mit diesen Bildern anfangen soll. Ich weiß, dass sie wichtig sind, aber nicht, was sie mir sagen wollen.

»Gestern bin ich ihr gefolgt und habe sie mit diesem Jungen von der Liste gesehen. Glass. Stadtweit bekannter Identitätsdieb. Ich bin mir sicher, dass die Liste etwas mit ihm zu tun haben muss. Und mit dieser Software, die wir verkaufen. Die ganze Sache gefällt mir überhaupt nicht.«

Die Szenerie ändert sich. Ein anderes Gebäude. Wieder Glass. Dann Cullinan an einem anderen Ort. Wieder die beiden zusammen.

Ich wische und wische, immer weiter, bis die Bilderflut an mir vorbeirauscht wie eine Hochbahn. Und sie zeigt immer hundertmal die gleiche Situation. Hundertmal die gleichen Personen. Glass. Cullinan.

Sie muss besessen gewesen sein. Wo bin ich hier? Liegt da eine tote Stalkerin auf dem Bett?

Plötzlich höre ich Schritte auf dem Flur. Irgendwo am anderen Ende springt eine Tür auf.

Mir wird unwohl in meiner Haut. Und dieser Gestank – er vernebelt mein Gehirn.

Ich werfe wieder einen Blick auf die Leiche. Es kommt mir plötzlich unerträglich vor, noch weiter mit ihr in diesem Raum zu sein. Bis vor ein paar Minuten war sie noch ein ekelhafter Finderlohn, namenlos und stinkend. Nun habe ich ihre Stimme im Ohr, kann ihre Angst spüren, ihre Besessenheit. Und es geht um die gleiche Sache, in die ich auch verwickelt bin. Mein Körper brennt in ungeahnter Paranoia, als würde sie alles direkt auf mich übertragen.

Ich halte meinen Kommunikator unter den Bildschirm und lade mir die Fotos runter. Lasse das Aufnahmegerät in meiner Tasche verschwinden. Schiebe mir meinen Hut tief ins Gesicht. Zeit zu verschwinden.

Hier werde ich das Programm nicht finden. Aber ich habe das Gefühl, auf eine Spur gestoßen zu sein, die wertvoller ist als jede andere zuvor.

Bevor ich das Zimmer verlasse, drehe ich mich trotzdem noch einmal um.

»Was hat dich umgebracht?«, murmele ich und taste kurz reflexartig nach dem Revolver in meiner Manteltasche. »Was bringt die Leute hier unten um?«

 

Ich bin zu den Fahrstühlen zurückgekehrt, kauere zwischen den endlosen Reihen aus Schließfächern, das Aufnahmegerät dicht ans Ohr gedrückt und höre der Stimme einer Toten zu. Immer noch ein gruseliges Gefühl. Ich versuche, nicht daran zu denken. Bevor ich nach Surface City zurückkehre, muss ich sehen, ob ich noch irgendetwas aus meinem stinkenden Fund ziehen kann. Und diese namenlose Tote aus Cullinans Team, sie hat Stunden auf dieses Teil gesprochen, als wäre es ihre einzige Flucht, ihre einzige Rettung. So wie sie klingt, war es das auch.

»Wir stehen unter Druck. So unter Druck. Ich fürchte um mein Leben, jedes Mal, wenn ich hier runterkomme. Die Käufer wollen nicht länger warten. Sie haben Unsummen für diese Software gezahlt und wir können sie nicht ausliefern, weil der Blutdiamant nicht mit seiner kostbaren Ware rausrücken will.«

Nächster Eintrag.

»Ich frage mich immer öfter, um was es bei dieser Software geht, die wir da verkaufen wollen. Bisher hat mich das nicht interessiert. Ich habe meine Arbeit gemacht. Wollte es gar nicht so genau wissen. Habe akzeptiert, dass es Dinge gibt, von denen ich besser nichts weiß. Dass ich nur Bote oder Übermittler bin. Aber dieses Mal ist es anders … Dieses Mal gibt es die Liste.«

Klick. Nächster Eintrag.

Gleichzeitig sehe ich mir die Bilder auf meinem Kommunikator an. Halte ihn nun in den Fingern, aufgezogen auf die Größe meiner Hand. Ich komme mir altmodisch vor.

Die Motive ändern sich kaum. Es sind mal Glass, mal Cullinan, mal beide, schließlich Glass bei einem Treffen mit Q, Pin und Vala. Das wundert mich nicht. Dieser Blutdiamant, meine Doppelgängerin, wollte die Liste stoppen und sie ist ihr gefolgt. Was auffällt ist, dass sich Glass und Cullinan anscheinend immer an ein und demselben Ort getroffen haben. Abgenutzte Fassade, durch die gläsernen Türen blickt man in eine erleuchtete Lobby. Es scheint sich um ein Hotel zu handeln. Und jedes Mal sieht es so aus, als würde Glass davor warten, ehe Cullinan herauskommt. Nur wo, das kann ich nicht erkennen. Dabei wäre das sehr interessant …

Wisch. Wisch. Wisch.

Was wollte sie mit diesen Fotos bezwecken? Den Blutdiamanten erpressen? Sie jemand anders zeigen? Auf jeden Fall sind sie für mich nicht besonders hilfreich.

»Ich habe sie heute wiedergesehen.« Ihre Stimme ist mittlerweile nur noch ein kratziges Hauchen. »Sie war völlig zugedröhnt, das hat man ihr angesehen. Und es war so seltsam, alles war so seltsam, so … anders. Jemand hat sie auf die Liste angesprochen. Und sie war gereizt, hat uns angeschrien. Sie hat geschrien und geschrien und geschrien … Sie hat Angst. Irgendetwas stimmt nicht, das spüre ich. Sie wollen mir alle nicht glauben, aber irgendetwas läuft ganz falsch.«

Nächster Eintrag.

»Ich weiß, dass ich nicht aussteigen kann. Nicht, bevor der Deal abgeschlossen ist. So ist der Vertrag. Und ich kenne die Konsequenzen. Ich kenne die Konsequenzen …«

Plötzlich sticht mir etwas ins Auge. Ich bin schon wieder mehrere Bilder weiter, muss wieder zurückgehen. Da ist es wieder. Ich kneife die Augen zusammen. Spiegelt sich da ein Schriftzug in der regennassen Straße? Ich zoome in das Bild, während die Stimme der Toten auf mich einprasselt.

»Ich habe es herausgefunden. Ich habe herausgefunden, um was es bei dieser Software geht. Und ich verstehe. Verdammt, ich verstehe jetzt.« Ich presse das Aufnahmegerät noch ein bisschen dichter an mein Ohr. Starre weiter angestrengt auf das Bild, während ich versuche, den verwaschenen Schriftzug aus dieser Pfütze zu lesen. »Und es besteht für mich kein Zweifel mehr, dass diese Liste die direkte Antwort auf das ist, was wir hier machen. Ich weiß nur nicht, was diese Leute auf der Liste damit zu tun haben. Bis auf diesen Glass kenne ich niemanden von ihnen …«

Dann endlich habe ich ihn entziffert: Hotel Stardust.

Ich habe einen Verdacht. Das Hotelzimmer mit dem Telefon schien mehr die Funktion eines Büros zu haben. Wenn sie hier unten ein richtiges Zimmer hat oder hatte, eines in dem sie gelebt und geschlafen hat, dann vielleicht in diesem Hotel.

Das ist es also, das nächste Ziel auf meiner ziemlich verzweifelten Suche.

»Diese Software – das ist wirklich abgefuckt. Das ist gigantisch. Wahrscheinlich der Anbeginn eines neuen Zeitalters. Ich wundere mich nicht mehr über die Summen und auch nicht über diese Liste. Ich wundere mich über gar nichts mehr.« Sie macht eine lange, atemlose Pause. »Aber scheiße, so eine Software hätte es niemals geben dürfen. Das kann nicht das sein, was wir wollen.«

 

Zurück in Surface City zieht die Stimme der Toten in kleinen dunklen Wolken durch meine Gedanken, kommentiert alles, was ich sehe. Die Timelines der Menschen, die an mir vorbeilaufen. Ihre aufgeblasenen Realtäten.

Und immer wieder geht es um Thoughtspace. Ich stelle mir vor, wie die Software die Gedanken der Menschen aufzeichnet. Versuche mir auszumalen, wie das aussehen könnte. Wie ihre Flüchtigkeit, ihre Unvollständigkeit, ihre Redundanz dargestellt wird.

Das kann nicht das sein, was wir wollen.

In der Hochbahn betrachte ich die Timeline der Frau gegenüber, zufällig ausgewählt. Ihre letzte Mahlzeit, ihren letzten Sex. Und ich könnte dasselbe von jemandem am anderen Ende der Stadt, am anderen Ende der Welt sehen. Ich könnte alles über einen Menschen wissen, den ich nie gesehen habe. Und dann sehe ich aus der Hochbahn in die Tiefe und weiß, dass ich es wahrscheinlich eigentlich nicht tue.

Vielleicht wird sich das sehr bald ändern. Wenn auch Gedanken öffentlich sind, kann es Deep City nicht mehr geben. Gedanken und Erinnerungen lassen sich kaum steuern oder verdrängen. Der sanfte Hauch eines Parfüms könnte eine Erinnerungen an den Fetisch Club der letzten Nacht wachrufen, der bunte Qualm einer falschen Zigarette Bilder von Neonlichtern und versoffenen Nächten aufspülen, das Klimpern einer Kaffeetasse an das Dudeln der Spielautomaten denken lassen.

Und es würde alles noch in derselben Sekunde auf der Timeline sichtbar werden, zur Schau gestellt für jedermann.

Die Timelines wären überschwemmt von dunklen Geheimnissen, Gelüsten und Erinnerungen. Überschwemmt von all den Dingen, die man so verzweifelt aus seinem schönen, öffentlichen, vorzeigbaren Leben raushalten will. Es gäbe kein Schlupfloch aus dieser Transparenz, diesem Druck zur Perfektion mehr. Anonymität hält die Unterstadt am Leben, die Möglichkeit all das auszuleben, was man unter den wachsamen Augen der NetSciety niemals tun würde. Es wäre Deep Citys Untergang.

Ich denke an die dunkle Welt unter mir und an ihren endlosen Dunst, durch den abgewrackte Gestalten taumeln. An ihre dunklen Fantasien, die zwischen Dunkelheit und Neonlichtern Wirklichkeit werden. An Gewalt, wie sie der toten Pin angetan wurde. Im Schutz der Anonymität. All das wäre dann nicht mehr. Unsere Welt noch heller, noch sauberer, noch sicherer. Aber wäre sie auch besser?

 

Als ich meine winzige Wohnung aufschließe, ist ihre Stimme nur eine Nebenfigur in meiner verwirrten, verschobenen Gedankenwelt. Zu viel Selbstreflexion, zu viel Alkohol, viel zu wenig Schlaf.

»Java, wo warst du?«

»Guck auf meine Timeline.«

Stille.

Die künstliche Intelligenz ist zunehmend verwirrt. Meine Timeline ist eine Nylonstrumpfhose mit Laufmasche, ihre Löcher ziehen sich immer größer und länger.

»Du hast Besuch.«

»Mmh …« Die Bedeutung dieser Worte realisiere ich erst, als ich meine Küche betrete. Dort sitzt die letzte Person, die ich im Moment sehen will, ein Wasserglas in der Hand als hätte ich sie eingeladen. Sie muss nichts sagen; ihr bemüht vertrautes Lächeln sagt mir schon alles.

Fast gebe ich dem übermächtigen Drang nach, mich einfach umzudrehen und wieder zu gehen.

Ausgerechnet jetzt. Wirklich. Ausgerechnet. Jetzt.

Ich begrüße sie nicht. Gehe wortlos in die Küche, fülle ein Glas mit Leitungswasser, setze mich ihr gegenüber an den Tisch und lasse demonstrativ eine Kopfschmerztablette in das Glas fallen. Das Zischen klingt noch dreimal lauter, als erhofft. Ich ringe mir ein süßliches Lächeln ab. Eigentlich bin ich längst viel zu müde für solche Geschichten. Diese Frau und ihre Bemühungen, sie kommen mir so unendlich bedeutungslos vor.

»Du hast keinen Grund mit solchen Psychospielchen anzufangen«, sagt Frau Arla. Fährt sich mit nervösen Fingern durch ihre Frisur, die sie nie ganz hinkriegt. »Langsam wird es echt Zeit, erwachsen zu werden, Java.« Ich hasse die Art, wie sie meinen Namen an die Enden ihrer Sätze hängt. Sie könnte mir genauso gut ihren erhobenen Zeigefinger ins Gesicht bohren.

»Mmh.« Ich trinke mein Glas in einem Zug leer, ohne den Blickkontakt abzubrechen.

»Deine Entwicklung gefällt mir nicht«, sagt sie mit hektisch flackernden Augen. Sie scannt meine Timeline.

»Das ist nichts Neues«, sage ich trocken. »Warum sind Sie hier?«

»Gut, machen wir es kurz«, sagt sie. »Wir stellen dir ein Ultimatum.«

Scheiße. Ich schlucke hart und trocken.

»Ein Ultimatum«, wiederhole ich papageienartig.

»Ein Wort, das ich wirklich nicht gern benutze, aber anders kann ich es nicht ausdrücken.« Sie lächelt bitter. »Die Stadt ist so lange für dich verantwortlich, bis du dein achtzehntes Lebensjahr erreicht hast. Das wäre dann in exakt einem Monat und drei Tagen. Falls du dich daran noch erinnern kannst?« Ihr Blick bohrt mich an. »Genau so lange zahlt sie für dich. Keinen Tag länger. Und es ist unseren großzügigen Sponsoren zu verdanken, dass wir unseren Schützlingen noch drei oder vier Monate länger einen Wohnort stellen, ihre Weiterbildung finanzieren, sie unterstützen können, bis sie wirklich in der Lage sind, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Und du kannst dir vorstellen, dass Citrus Inc. nicht begeistert von dir ist.«

Mein Sponsor ist schon lange nicht mehr begeistert von mir. Seit Wochen ist mein lächelndes Gesicht von der Website ihres Förderungsprogramms verschwunden. Kein hübsch lächelndes Waisenmädchen Java mehr, das allein durch das Geld und die Mühen des Unternehmens eine Schule besuchen und eine Timeline haben konnte.

Seit Vista gestorben ist, bin ich längst nicht mehr vorzeigbar. Ich bin ein Skandal, ein Fehler im System. Meine darauffolgenden Eskapaden haben daran auch nichts mehr geändert. Trotzdem trifft mich das, was sie nun sagt, wie ein Schlag: »Nun ist ihre Geduld wohl endgültig am Ende gewesen. Sie haben dir das Geld komplett gestrichen«, sagt sie. »Das heißt, du verlässt diese Wohnung in exakt einem Monat und drei Tagen.« Ihr Blick ist dunkel. Bitter. Fast ein bisschen traurig. »Ich würde sagen, dass es mir leidtut, aber …« Sie schüttelt den Kopf. Der Funken naiver Hoffnung eines Gutmenschen, den ich sonst immer in ihrem Gesicht gesehen habe: Verschwunden wie meine Doppelgängerin.

Mein Herz sinkt. Selbst sie glaubt nicht mehr daran, dass ich es noch packe. Und ich sehe auch kein oberflächliches Interesse, kein pflichtbewusstes Bemühen mehr in ihrem Gesichtsausdruck. Sie ist offensichtlich fertig mit mir.

»War das klar genug?«, fragt sie.

Mein Herz hämmert. Mir ist gar nichts klar. Mein Schädel ist eine beschissene Nebelmaschine.

»Ich verstehe dich nicht«, sagt sie. »Ich verstehe nicht, warum du deine Chancen nicht genutzt hast.«

»Chancen?«, frage ich mit einem plötzlich aufkeimenden Wutgefühl. »Ich kann mich nicht daran erinnern, je welche aufgegeben zu haben.«

Frau Arla öffnet noch einmal den Mund, als wolle sie noch etwas sagen. Doch sie belässt es bei einem Kopfschütteln. Steht auf und schwingt sich ihre Handtasche über die Schulter.

»Ich wäre vorsichtig an deiner Stelle, Java«, sagt sie im Gehen. »Mit meinem Leben. Und damit so viel zu … verschlafen.«

 

Fruchtlos

Vielleicht ist es möglich meine Timeline widerherzustellen. Aber vermisse ich sie? Diese Frage werde ich nicht mehr los.

Ich glaube, ich vermisse den Gedanken an sie. Den Gedanken, so zu sein, wie all die anderen Menschen. Den Gedanken, einen Platz in dieser Welt zu haben. Dieses Leben zu führen, das alle zu führen scheinen.

Ich habe mir unendlich viele Timelines angesehen, in so vielen verwirrten Nächten und so vielen Versuchen, etwas von mir selbst zurückzuholen. Und niemand auf dieser Welt scheint einsam zu sein, unglücklich, verzweifelt. Ihr Leben bildet sich so rund und lückenlos auf ihren Timelines ab. Und alle leben genau so, dass es in diese digitalen Bahnen passt.

In so vielen traurigen Momenten stelle ich mir meine eigene Timeline vor, meine eigene gläserne Identität, eingefügt in dieses gigantische, gleißend helle Netzwerk, voller uneingeschränkter Möglichkeiten und fühle mich plötzlich verzweifelt isoliert. Einsam.

Ich bin nur ein Betrachter von außen. Alles spielt sich vor meinen Augen ab, ohne dass ich fähig bin, einzugreifen. Ich bin identitätslos, ein Niemand in dieser Welt und die einzige Person, die sich in meinem Netzwerk wiederfindet, ist Linux.

Ja, in diesen Momenten vermisse ich meine Timeline. Aber letztendlich weiß ich nicht, wie es sich anfühlt, eine Timeline zu haben. Vor allem weiß ich nicht, wie es sich anfühlt meine Timeline zu haben. Meine eigene Timeline, die zu irgendeinem Zeitpunkt existiert hat.

Am Ende vermisse ich wohl mich selbst. Meine Erinnerungen. Meine Identität. Und muss mich fragen, wie viel von dieser Identität zurückkehren würde, wenn man meine Timeline wiederherstellen könnte. Würden meine Erinnerungen zurückkehren? Würde ich zurückkehren? Wer würde sich an mich erinnern?

Ich denke wieder an Linux, an seine zwei Identitäten,

bipolar zwischen digital und analog. Vielleicht wäre meine Timeline-Identität auch ein bisschen zu künstlich, um wirklich wahr zu sein.

Kapitel 23

Das Hotel Stardust bemüht sich ein bisschen zu sehr, aus seiner Umgebung herauszustechen. Eingerahmt in leerstehende Ruinen, ragt es hervor wie ein einzelner Goldzahn in einer fauligen Mundhöhle. Sein Schriftzug glimmt rot, wie ein sterbender Stern, überstrahlt die bröckelnde Fassade. Hinter der gläsernen Eingangstür brennt genug Licht für den ganzen Straßenzug.

Es hat den nostalgischen Glamour einer gescheiterten Hollywood-Diva, die noch hell genug strahlt, damit die Zeitungen über sie schreiben.

Als ich die Lobby betrete, nehme ich mir den Hut ab, schüttele mein Haar in Form und ziehe mir den Handschuh von den Fingern.

Am Empfangstresen steht eine steife Frau mit knallroter Maske und komisch geschnittener Uniform. Ich wusste, dass sie so eine Person haben würden. Solche Orte füllt man nicht mit Robotern und Automaten.

Mein Plan ist mäßig durchdacht, aber besser als nichts.

Ich trete an den Tresen heran und warte die Sekunden ab, bis diese reizende Dame mich wirklich ansieht. Fahre mir dann sehr auffällig mit der linken Hand durch die Haare. Lege dann wortlos meine Hände auf dem Tresen ab.

»Hallo«, flöte ich.

Die Frau mustert mich.

»Wollen Sie einchecken?«, fragt sie. Kneift hinter ihrer Maske die Augen zusammen.

»Richtig. Ich habe mich nur gefragt, ob Sie sich vielleicht an mein Zimmer vom letzten Mal erinnern können?« Ich blinzele. Sie blinzelt zurück. Zögert.

»Das letzte Mal …« Sie starrt mich an.

»Genau, das letzte Mal, als ich hier war«, sage ich mit eindringlichem Blick. »Erinnern Sie sich daran?«

Die Frau murmelt irgendwas Unverständliches, dann wendet sie sich ihrem kleinen Holoschirm zu und scrollt durch irgendeine Datei. Ich bin mir sicher, dass sie nicht wirklich hinguckt. Sie kennt die Zimmernummer noch genau.

Als sie sich wieder aufrichtet, starrt sie mich noch einmal an, Augenbrauen so eng zusammengeschoben, dass es selbst unter ihrer Maske zu sehen ist.

»Zimmer 637«, sagt sie dann endlich und schiebt einen kleinen elektronischen Schlüssel über den Tresen in meine Richtung. Übergießt mich dabei mit misstrauischen Blicken. »Wie lange wollen Sie bleiben?«

»Wie viel kostet eine Nacht?«, frage ich. Ich ziehe das jetzt durch.

»Dreißig«, sagt die Frau kühl. Ich zahle. Mit Cullinans Geld.

»Vielen Dank«, sage ich mit dem breitesten Lächeln, das ich zustande bekomme und verlasse die Lobby so schnell ich kann. Setze mir meinen Hut wieder auf, steige in den nächsten Fahrstuhl und fahre in den sechsten Stock. Währenddessen lasse ich wieder die Stimme der ominösen Toten durch das kleine Gerät in meiner Hand erklingen.

»Ich glaube, ich habe herausgefunden, wo sie in Deep City wohnt und schläft. Das war kein leichtes Unterfangen, sie ist ziemlich geschickt. Unterzieht sich mehreren Identitätswechseln und Maskeraden auf ihrem Weg. Nur diesen verdammten Handschuh legt sie nicht ab. All die absurden Geschichten, die darüber kursieren, wie sie ihn angeblich verloren hat … Dabei verdächtigen wir sie schon lange, komplett intakte Hände zu haben. Wie auch immer. Sie ist dann in einem ziemlich schäbigen Hotel verschwunden. Komisches Ding am Rande der Innenstand in einer richtig heruntergekommenen Gegend. Ich wäre ihr am liebsten gefolgt, aber verdammt, ich bin nicht lebensmüde.«

In einer längeren Pause rasselt ihr Atem ins Mikrophon, als müsse sie nach ihrem Wortschwall erst wieder mit dem Atmen aufholen. »Wer ist natürlich kaum fünf Minuten später aufgetaucht? Unser Identitätsdieb Glass. Er hat da eine Weile lang rumgelungert. Und dann ist sie plötzlich erschienen. Sie haben sich eine Weile lang unterhalten, oder gestritten, so genau konnte ich es nicht beobachten. Und sind dann einfach wieder getrennte Wege gegangen. Alles sehr merkwürdig. Ich habe angefangen, Fotos zu schießen. Niemand will mir glauben …«

Wusste ich’s doch. Ich hatte recht. Das muss tatsächlich ihr Hotel sein.

Ich eile einen langen Flur entlang in Richtung meines gesuchten Zimmers, die Stimme einer Toten im Ohr, zu der ich fast eine Art seltsame Bindung aufgebaut habe. Ihre Stimme hat sich irgendwie verändert. Der weinerlichen Angst ist kühle Paranoia gewichen. Sie spricht nun fast ein bisschen lauter, ein ruhiges, kontrolliertes Flüstern.

»Sie verhält sich immer merkwürdiger. Spricht immer wieder davon, dass das der letzte Deal ist, den sie abschließen wird. Dass es Zeit wird, Cullinan umzubringen. Dieser verfluchte Deal, diese verfluchte Software. Es zerstört sie, es zerstört uns alle. Nur das Verrückte, das Idiotische ist, dass niemand will, dass Cullinan stirbt. Und das nicht, weil es ein verdammt gigantisches Netzwerk und für viele die Haupteinnahmequelle ist, sondern weil wir nicht mehr loslassen können.«

Ich sehe sie vor meinem inneren Auge, mit blassen, aufgeschwemmten Lippen und glasig-feuchten Augen. »Diese Software ist nicht richtig. Und ich glaube, sie weiß das, ich glaube, sie hat realisiert, was für einem Irrsinn sie sich da verschrieben hat. Ich kann nicht glauben, dass es das ist, was wir wollen. Alles preiszugeben, all unsere dunkelsten Gedanken. Oder sind wir wirklich so besessen von dieser Maschinerie, von dieser Selbstdarstellung, von dieser Art der Kommunikation, dieser Bequemlichkeit? Wären wir vielleicht bereit, alles von uns dafür zu opfern? Die Timelinekonzerne jedenfalls sind bereit, Milliarden für die Technologie auszugeben. Das würde ein neues Zeitalter für sie bedeuten. Eine schier endlose, ungefilterte Datenflut. Bisher kannten wir uns selbst am besten. Mit dieser Erweiterung der Timelines könnten sie uns bis ins letzte Detail analysieren, auswerten, ausnutzen … Uns besser kennenlernen, als wir selbst es tun. Der gläserne Mensch in seiner Reinform. Er ist in greifbarer Nähe. Der Weg in ein neues Zeitalter. Ich glaube, es ist ein Schritt in Richtung Untergang.«

Ich erreiche das richtige Zimmer am Ende des Flurs. Meine Finger sind zittrig wie ihre Stimme und ich habe angefangen, diese seltsame, paranoide Geschichte vor mir zu sehen wie einen Film. In langen Schatten tanzt sie über die bröckeligen Flurwände, mit ihrem surrealen, maskierten Deep-City-Personal. Verfolgt mich, lässt mich immer wieder nach hinten sehen.

Der winzige Schlüssel fühlt sich in meinen Händen an wie glitschige, warme Butter. Ich atme. Ein und wieder aus. So ruhig und flach wie möglich.

Das Trauma meines letzten Hoteleinbruchs sitzt noch tief.

»Das Unheimliche ist, dass ich genau weiß, wen Cullinan, diese Maske, diese Persona darstellt.«

Meine Hände verkrampfen sich.

»Den perfekten, gläsernen Menschen. Ein Surface-City-Idealbild. Paradiser-Puppengesicht. Man hätte ihr zugetraut, einfach eines ihrer hübschen Tänzermädchen nachzubilden, die nachts zu ihr ins Hotelzimmer kommen. Aber es musste das sein. Ein zynischer Kommentar auf unsere Gesellschaft. Das perfekte, unschuldige, verlorene Mädchen in Deep City.« Atemreiche Pause. »Wann hat irgendjemand wirklich geglaubt, dass es den gläsernen Menschen gibt? Gläser sind hohl. Aber was in einem Menschen vorgehen kann …«

Die Tür springt auf. Das laute Klicken lässt mich zusammenzucken.

Das Zimmer dahinter liegt dunkel. Als ich das Licht einschalte, wird es nur minimal heller. Trübes Licht bepisst den Raum und überzieht die Möbel mit gelblichen Tönen.

Ein breites Bett, ein dunkles Schmetterlingssofa, ein in die Wand eingelassener Schrank.

Details

Seiten
0
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960877363
ISBN (Buch)
9783960878230
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498710
Schlagworte
Dystopie-Jugend-Roman-e dystopische Romane Fantasy-Liebe-s-roman-e Sci-ence-Fi-ction-Roman-e Science-Fiction-Bücher Dystopie-Liebesroman-e dystopian-novel-fiction

Autor

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    Emily Dunwood (Autor)

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Titel: Die vergessene Stadt