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Das Glück fällt, wohin es will

von Mara Winter (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Sophie ist hoffnungslos überfordert mit ihrer Rolle als arbeitende Mutter. Und anstatt sie zu unterstützen, streitet ihr Mann Stan viel lieber mit ihr – bis Sophie endgültig der Kragen platzt. Kurzerhand packt sie ihre Sachen und zieht mit den Kindern zurück zu ihrer Mutter. Doch nachdem diese die kleine Lotte mit einem Bierschnuller ruhigstellt, Tante Silvia mit einem Voodoopuppenmann ankommt und Onkel Hartwig seine Internetfreundin einlädt, steht Sophie kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Das Chaos ist perfekt, als auch noch ihr Exfreund Jesko auftaucht …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe September 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-897-1
Taschenbuch-ISBN: 9783964436641

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von © switzergirl/shutterstock.com, © Karlygash/shutterstock.com, © Olga_C/shutterstock.com, © Strike Pattern/shutterstock.com, © Anna Kutukova/shutterstock.com, © Irina Vaneeva/shutterstock.com, © Juliana Brykova/shutterstock.com, © Rosie Piter/shutterstock.com und © daneziv/depositphotos.com
Lektorat: Lektorat Reim

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

Liebe Regine,

ich hätte dir dieses Buch gerne rechtzeitig gewidmet.

Leider habe ich es zu spät fertig geschrieben.

Du hast unsere Familie über fünfzig Jahre zusammengehalten. Wir machen so weiter, versprochen.

Danke dafür. Für alles.

Wir sehen uns.

Deine M.

Kapitel 1

Meine Brüder malten der Katze ein Hitlerbärtchen, erschossen Enten mit dem Luftgewehr und ertränkten meine Puppe in der Regentonne.

„Du bist eh bloß adoptiert!“, schrien sie, wenn ich mich beschwerte.

„Papa, was heißt adoptiert?“, fragte ich einmal.

„Dass Leute sich ein Kind aussuchen, das keine Eltern hat, und es mit nach Hause nehmen und wie ein eigenes Kind aufziehen.“

„Also nicht verwandt?“, wollte ich wissen.

Die Vorstellung gefiel mir sehr gut, dass die drei gemeinen Kerle und diese mürrischen Leute nicht meine richtige Familie waren.

„Mama, bin ich adoptiert?“, vergewisserte ich mich.

„Natürlich nicht, denkst du, sonst hätten wir dich ausgesucht?“, meinte sie bloß, und damit war das Thema erledigt.

Meine gesamte Kindheit über wünschte ich mir brennend, ein Einzelkind zu sein. Einzelkinder trugen Kleidchen mit Spitzenkragen wie meine Freundin Angela und lebten mit ihren Eltern in einem schön geweißelten Haus, nicht in so einer verblichenen Schuhschachtel mit abblätterndem Putz. Sie mussten nicht die gebrauchten Kleider ihrer Brüder tragen und ihre Süßigkeiten nicht mit drei raufenden Idioten teilen.

Noch lieber hätte ich aber eine Schwester gehabt. Ich beneidete meine Cousinen Aurora und Maria, dass sie keine Brüder, dafür aber einander hatten. Sie hatten auch ein super Verhältnis zu meiner Tante Silvia, die sich geduldig all ihre kleinen und großen Kümmernisse anhörte und ihnen täglich drei liebevoll zubereitete Mahlzeiten servierte.

„Mach dir ein Brot, wenn du Hunger hast. Ich hab zwanzig Jahre lang gekocht, das reicht!“, erklärte meine Mutter, wenn wir uns übers fehlende Mittagessen beschwerten. Das mochte sogar stimmen, nur war das leider in den zwanzig Jahren vor meiner Geburt gewesen.

Meine Pubertät war noch viel schlimmer als die Kindheit und ich nutzte die erstbeste Chance und zog weg – seither traf ich die Familie nur noch, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ. Ich rettete mich in kurze, perfekt choreografierte Besuche, bei denen ich mit niemandem in echten Kontakt kam.

Im Gegensatz zu meiner Mutter hatte ich mir meine beiden Kinder sehnlichst gewünscht und kümmerte mich wirklich um Till und Lotte. Leider dankten sie mir das weder damit, auf mich zu hören, noch mir ein kleines bisschen Luft zum Atmen übrigzulassen. Sie hatten es geschafft, innerhalb von fünf Jahren nicht nur meine Figur, sondern auch meine Karriere und meine Ehe zu zerstören. Das sagte ich natürlich niemandem, ich bin ja nicht bescheuert. Jedenfalls nicht total, ein bisschen vermutlich schon, sonst hätte ich meinem Mann nicht geglaubt, dass man Kinder und Karriere bestens unter einen Hut bringen kann.

Als Hagens Einladung zur Taufe seiner Tochter bei uns eintraf, passte es mir kein bisschen. Erstens kam sie gerade mal drei Tage vor der Feier an, und dann auch noch ausgerechnet einen Tag vor Tills sechstem Geburtstag. Und außerdem war mein letzter Besuch in Kirchbach erst ein halbes Jahr her und der Abstand damit viel zu kurz. Ich überlegte, ob meinem Bruder eine Absage per SMS reichen würde und legte die Klappkarte vorübergehend ins Bücherregal, denn ich musste die Hände freikriegen.

Es war Donnerstagvormittag und ich hatte eine lange Liste vor mir, die ich abarbeiten musste.

Hektisch und beinahe zu spät hatte ich Till in den Kindergarten gebracht und war mit Lotte auf dem Heimweg einkaufen gewesen, wobei sie so lange gebrüllt hatte, bis sie ihren eigenen Wagen schieben durfte. Leider wollte sie auch selbst auswählen, was wir einkauften, und die Vorlieben einer Dreijährigen wichen stark von meinem Einkaufszettel ab.

Lotte kann sich wochenlang nur von Nudeln und Schokolade ernähren und verschmäht jede Art von Obst und Gemüse. Seit ich mit ihr allein zuhause war, ernährte ich mich daher überwiegend von Kaffee mit Milch und zwischendurch hektisch eingeworfenen Kleinigkeiten, wenn mein Blutzuckerspiegel absackte. Ich beneidete meinen Mann Stan heftig darum, dass er immer noch jeden Tag mit den Kollegen in der Kantine essen konnte und manchmal sogar meinen Sohn um den ausgewogenen Speiseplan im Kindergarten.

Doppelt zu kochen, war mir zu aufwändig, und Lotte war so dünn, dass ich ihr nichts Falsches vorsetzen wollte, denn sie konnte problemlos drei Tage lang hungern, um mir zu zeigen, wie sehr sie meine Wahl verabscheute. Also gab ich meistens nach und brachte nur noch auf den Tisch, was sie mochte: Pfannkuchen, Nudeln mit nichts, Reis mit nichts, Spätzle mit nichts, Kaiserschmarrn oder Nutellabrot. Gelegentlich gönnte ich mir Pesto oder eine Soße dazu, wenn Lotte nicht aufpasste. Meiner Figur hatte diese Ernährung gar nicht gutgetan, während meine Tochter rank und schlank durch ihr junges Leben stolperte.

Niemals hätte ich mir in meiner Zeit ohne Kinder vorstellen können, dass ich Jahre später von einem kleinen Diktator durch den Supermarkt gescheucht werden und meine Befehle in Empfang nehmen würde, welches „Bäh“ wir im Supermarkt lassen sollten. Wir einigten uns schließlich nach harten Verhandlungen auf Milch, Saft, Brot, Tomaten, Schokoladenkekse und Waschpulver, wohingegen ich die Zwiebeln und das Suppengemüse zurücklegen musste. Vor der Kasse luchste sie mir noch zwei Schokoriegel ab, die sie sofort im Auto aß.

Als wir vor unserem Haus parkten, blieb ich kurz sitzen, weil ich zu erschöpft zum Aussteigen war. Es war erst halb 10 Uhr morgens.

„Mama, Mulli!“ Meine Tochter war mit den Süßigkeiten fertig und brauchte einen Ersatz, den sie in ihr schokoladenverschmiertes Mündchen stecken konnte. Ich kramte in meiner Handtasche, fand nichts und resignierte. Gleich würde sie mich wieder anschreien.

„Wir sind gleich in der Wohnung und dann bekommst du deinen Schnulli“, schmeichelte ich, aber sie legte schon los. Ich hielt mir die Ohren zu und betrachtete Lotte im Rückspiegel. Die blonden Haare standen ihr wild vom Kopf ab, und sie sah aus wie ein wütendes Küken. In diesem Stadium war jedes Argument sinnlos.

Sobald ich mich aufraffen konnte, stieg ich aus, schnallte die zeternde Sirene ab und schleppte uns mit den Einkäufen ins Haus. In der Wohnung steckte ich Lotte als allererstes den Notfallschnuller vom Schlüsselbrett in den zornigen Mund und verstaute dann die Einkäufe in der Küche. Noch bevor ich mir einen Kaffee machte, beseitigte ich das Chaos in der Garderobe. Schuhe ins Regal, Jacken auf den Haken, schmutzige Socken in den Wäschekorb. Lotte sah mir ungerührt zu und zeigte mir, welche Stellen noch dreckig waren. Dann holte ich die Post, legte Hagens Einladung ins Regal und machte mir endlich einen Kaffee. Leider war die Kaffeemaschine seit drei Wochen kaputt, weshalb ich mich mit Instantpulver zufriedengeben musste. Danach saugte ich den Flur und warf eine Ladung Wäsche in die Maschine.

Mittags sah die Wohnung einigermaßen annehmlich aus und ich machte Pfannkuchen für Lotte, die sie ablehnte, weil sie „komisch“ aussahen.

„Probier doch wenigstens mal, nur einen Bissen!“, bat ich, aber sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Wenn sie dabei nicht so unendlich süß ausgesehen hätte, hätte ich sie erwürgt.

Später spielte sie mit meiner alten Babypuppe Franziska und erklärte ihr in ihrer speziellen Sprache, dass eine gute Mutter gerne auch zwei oder dreimal für ihr Kind kochte, wenn es „Ekelessen“ gab.

Ich machte das Radio an und legte mich kurz aufs Sofa.

„Was ist Luxus?“, fragte der Radiomoderator.

„Ein Parfüm für dreihundert Euro? Ein Tauchurlaub in der Karibik? Ein eigener Pool?“

Der Typ hatte doch keine Ahnung! Sollte er mal eine Kleinkindmutter fragen. Luxus ist, aufs Klo zu können, wenn man muss. Luxus ist, auszuschlafen und mit einer sauberen Bluse rauszugehen. Wer Babys oder Kleinkinder hat, ist mit den simpelsten Vergnügungen zufriedenzustellen. Mütter sind nicht anspruchsvoll. Mütter sind dankbar.

Wir haben gelernt, Kleinigkeiten zu genießen. Ein Heißgetränk in der Sonne zu trinken, solange es noch heiß ist, und ohne es über die Hose geschüttet zu bekommen: Ein Traum! Acht Stunden am Stück zu schlafen: Das Paradies. Ein ordentliches Wohnzimmer zu haben, das länger als zehn Minuten sauber bleibt: Doch eher eine Vision. Diese Müdigkeit! Und das Chaos! Darauf hatte mich nichts vorbereitet.

Warum sagte das einem vorher eigentlich keiner? Alle Mütter, die ich gekannt hatte, hatten mich blindlings in diese Falle tappen lassen, allen voran meine eigene. Natürlich hatte ich als kleines Mädchen mit Puppen gespielt und mir auch eine eigene Familie gewünscht. Aber ganz ehrlich: Die Puppen waren kooperativer gewesen. Sie ließen sich anziehen, umziehen, füttern und wickeln, ohne zu protestieren. Wenn ich sie schlafen legte, schliefen sie, und zwar solange, bis ich sie wieder aufweckte, fünf Minuten, eine Nacht, zwei Monate. Manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich Lottis Puppe sehnsüchtig über den Kopf streichelte. Wir hatten gute Zeiten zusammen gehabt.

Auch die Puppenväter waren pflegeleicht gewesen, sofern sie im Spiel überhaupt auftauchten. Außer ein paar zerquetschten Himbeeren hatten sie nichts weiter von mir und meinen Cousinen gewollt. Das war kein Vergleich zu dem Alptraum, in dem ich mich nun befand. Mein echter Mann erwartete abends eine ordentliche Wohnung, fröhliche, saubere Kinder, ein warmes Abendessen und eine gutgelaunte Frau, die ihn betüddelte. Dabei wäre ich selbst abends gerne mal betüddelt worden.

„Mami, Hunger!“, brüllte Lotte und ich rappelte mich auf und überlegte, ob ich ihr die Pfannkuchen irgendwie noch untermogeln konnte. Vielleicht mit so viel Nutella, dass sie die „komische Farbe“ nicht mehr bemerkte?

Leider bemerkte sie meine List und bekam einen neuerlichen Wutanfall. Den Teller konnte ich retten, bevor sie ihn durchs Zimmer schleuderte. Ich mischte mit schlechtem Gewissen ein Milchfläschchen und bugsierte das Kind ins Auto. Die Flaschen hatte ich ihr eigentlich schon beinahe abgewöhnt, aber hier waren wenigstens alle vorgeschriebenen Nährstoffe drin. Außerdem brauchte ich ihre Stunde Mittagsschlaf dringend, um solange die verbotenen Sachen einzukaufen, und wenn sie so wütend war, ließ sie sich nur durch ein Fläschchen beruhigen. Weil Till sich eine spezielle Schlumpfglasur gewünscht hatte, musste ich quer durch die Stadt fahren, aber ich hatte Glück, denn Lotte schlief sofort ein und wachte erst wieder zuhause auf.

Vier Stunden später war ich am Ende. Ich hatte die Zutaten für drei Kuchen, Geburtstagsservietten, Luftballons und Girlanden gekauft, Till abgeholt und war mit ihm beim Friseur gewesen. Dann hatte ich den Kindern Tiefkühlpommes in den Ofen geschoben und mich bei ihnen für das Fehlen von Ketchup entschuldigt.

Mittlerweile war die Ordnung in der Garderobe wieder zerstört und der Flur sah schlimmer aus als in der Früh. Das morgendliche Aufräumen war wie immer verschwendete Energie gewesen.

Jetzt musste ich noch beide Kinder baden, ins Bett stecken und dann das Wohnzimmer aufräumen. Das würde ich wahrscheinlich noch schaffen, bevor ich ins Bett fiele. Wobei ich eigentlich noch die Mahnung für Müllers Traummöbel schreiben musste, aber nachdem die seit kurzem nur noch mit ihrem Scheidungskrieg beschäftigt waren und keine Rechnungen mehr beglichen, konnte ich das auch noch aufschieben. Auf Lottis Mittagsschlaf am nächsten Tag vielleicht. Obwohl ich da eigentlich bereits den Geburtstagstisch decken musste … aber vielleicht konnte ich das gleich nach dem Frühstück machen. Genau, und dann schnell die Torte backen, bevor Lotti Mittagessen haben wollte. Obwohl ich mir da eigentlich die Haare waschen sollte. Aber das könnte ich vielleicht heute Abend noch reinquetschen.

Es war schwer, neben den Kindern zu arbeiten, auch wenn ich selbständig war und nur kleine Aufträge bekam, aber da wir immer noch keinen Krippenplatz für Lotte bekommen hatten, musste ich meine Arbeit in die kleinen Lücken quetschen, die ich dringend zu meiner Erholung gebraucht hätte.

Ich ließ mich für eine Minute auf das Bett sinken. Oh, war das schön. Nur eine Minute. Wenn ich einfach liegenbleiben könnte … Aber da schrien sie schon aus dem Bad.

„Mama! Mama, Till Ente genehmt!“

„Die Lotti hat mich zuerst gespritzt!“

„Dimmt gar nicht! Till ist gemein!“

„Mama, komm jetzt sofort!“

Eine halbe Stunde später schlummerten Till und Lotte friedlich in ihren Bettchen und ich war durchgeschwitzt. Ich wischte den Boden im Bad halbherzig trocken und beschloss kurzerhand, meine Pläne für den Abend zu canceln. Also ließ ich frisches Wasser einlaufen, schüttete großzügig meinen Lavendel-Entspannungsbadezusatz hinein, streifte die feuchten Klamotten ab und ließ mich in den Schaumberg fallen. Was sollte ich mir so einen Stress machen? Es ging doch nur um einen läppischen Kindergeburtstag. Die Kinder würden nicht in alle Ecken schauen. Hauptsache, es gab Kuchen. Und den konnte ich notfalls auch morgen Vormittag noch kaufen. Alles was ich brauchte, waren fünf Minuten Ruhe und Entspannung. Dann würde ich morgen bestimmt alles andere schaffen!

Außerdem freute ich mich so sehr auf eine Feier gemeinsam mit meinem Mann. Nachdem mein Geburtstag letzten Monat zeitbedingt ins Wasser gefallen war und Stan in Aussicht gestellt hatte, wir würden ihn an Tills Tag nochmal nachfeiern. Er hatte eine Überraschung angedeutet und ich fragte mich, was er mir wohl schenken wollte.

Unsere gemeinsamen Stunden waren so selten geworden, seit Stan permanent Überstunden schob.

Als ich gerade nach dem Shampoo greifen wollte, klingelte es schrill an der Tür. Wer konnte das denn jetzt sein? Es war schon fast neun! Stan wollte nicht vor zehn da sein und hatte natürlich seinen eigenen Schlüssel.

Seufzend erhob ich mich schwerfällig aus der Wanne, trocknete mich notdürftig ab und wickelte mich in meinen alten Morgenmantel. Dann tappte ich schlecht gelaunt zur Tür und linste durch den Spion. Mir wurde schummrig vor Augen. Das durfte doch nicht wahr sein! Durch das Zerrglas sah ich die aufgeplusterte Dauerwelle meiner Schwiegermutter! Wie kam die um Himmels Willen heute hierher? Schließlich wohnte sie in Hamburg!

Ich kramte in meinem Gedächtnis … nein, Stan hatte mit keinem Wort etwas von einem Besuch erwähnt!

Wie konnte Agnieszka es wagen, unangemeldet vorbeizukommen? Ich brauchte normalerweise mindestens eine Woche Vorlaufzeit, um die Wohnung so weit in Ordnung zu bringen, dass sie Agnieszka-tauglich war. Am liebsten wollte ich mich wegschleichen und einfach nicht öffnen. Aber es half nichts. Ich konnte sie ja schlecht dort stehenlassen. Also öffnete ich langsam die Tür.

„Sophia!“, jubelte Agnieszka und fiel mir um den Hals. „Lass dich anschauen!“ Küsschen rechts, Küsschen links, Küsschen rechts, starkes Parfüm. „Du siehst gar nicht gut aus. Was ist los, bist du krank?“

Nein, zu Tode erschrocken, dachte ich grimmig, während ich den Gürtel meines Bademantels fester zog und eine Unterhose unter den Garderobenschrank kickte.

„Kommt doch erstmal rein“, sagte ich verlegen.

Agnieszka stakste auf ihren High Heels durch die Tür, Wojtek schlurfte brummend mit dem Koffer hinter ihr her.

„Herzlich willkommen“, murmelte ich und drücke mich an die Wand, um sie mit ihrem Gepäck durch den Flur zu lassen.

Am liebsten wollte ich sie fragen, was zum Teufel sie hier machten. Aber das würde unsere Beziehung wahrscheinlich nicht verbessern.

„Wann hast du denn das letzte Mal mit Stan gesprochen?“, fragte ich diplomatisch.

„Vor halber Stunde. Die Ausfahrt war gesperrt und Stanislaw hat uns am Telefon umgeleitet. Ach, der Junge ist immer so hilfsbereit.“

Ich schaute unauffällig auf mein Handy, ob er mir eine SMS geschickt hatte. Nichts. Was mich betraf, war er weniger hilfsbereit.

„Habt ihr Hunger?“, fragte ich. Bitte, bitte nicht. Es gab nur noch angetrockneten Spinat und drei Erbsen.

„Keine Umstände, erstmal nur eine Kawetschka!“, trällerte meine Schwiegermutter.

Sie wusste nicht, dass momentan jeder Kaffee Umstände machte. Ich dimmte das Licht, damit sie den Staub in der Küche nicht sehen konnten. Der Milchaufschäumer funktionierte zwar noch, aber der „Espresso“ war dünn wie Wasser. Deswegen ließ ich einen wässrigen Cappuccino heraus und löffelte heimlich Instantkaffeepulver hinein, bis er stark genug aussah.

Agnieszka wollte zuerst ihr Gepäck in ihr Zimmer bringen und dann die „Süßlichkeiten“ sehen.

Die „Süßlichkeiten“ schliefen aber bereits, und „ihr Zimmer“ gab es nicht, weil ich normalerweise mein Arbeitszimmer für sie freiräumte, was ich diesmal nicht gemacht hatte.

„Die Kinder schlafen schon“, sagte ich vorsichtig.

„Aber ich habe sie so lange nicht gesehen. Habe ganzen Weg an sie gedacht. Sind sie auch glücklich, wenn sie ihre Babcia sehen!“, flötete sie honigsüß.

Ja, und sie sind auch glücklich, wenn sie jetzt noch bis Mitternacht aufbleiben und dann morgen um halb sieben aufstehen müssen …

„Okay“, gab ich nach, „aber ganz leise.“

Wir schlichen ins Kinderzimmer und Agnieszka betrachtete Till und Lotte mit Tränen in den Augen. Mann, das war wirklich egoistisch von mir. Sie wollte sie doch nur kurz mal anschauen und … „Was machst du da?“, zischte ich.

„Streicheln!“, sagte Agnieszka laut. „So zarte Haut!“

Ja, so zarte Haut und so zarter Schlaf, dachte ich wütend, als Till blinzelte.

„Omi!“, schrie er plötzlich und setzte sich auf. Ruckartig verzog Lotte das Gesicht und begann zu weinen.

„Darf ich …?“, fragte Agnieszka und beugte sich zu ihrer Enkelin. Ich zuckte stumm mit den Schultern. Jetzt war es eh zu spät. Lotte sah das offenbar anders, sie strampelte sich frei und brüllte markerschütternd: „Mami! Zu Mami! Flaschi!“

Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihr erneut das geforderte Milchfläschchen zu machen, denn ich hatte einfach keine Nerven für einen weiteren Wutanfall. Ich klemmte mir mein Mädchen unter den Arm und goss einhändig Milch in einen Topf. Nebenbei versuchte ich, türkischen Kaffee für Wojtek aufzubrühen, der am Küchentisch saß und mich schweigend musterte. Lotti hatte die Arme um meinen Hals geschlungen und ließ ab und zu erbärmliche kleine Schluchzer hören. Mein Schwiegervater beobachtete uns und schüttelte leicht den Kopf. Was passte ihm nicht? Meine Frisur? Mein Nachthemd? Mein Leben? Warum konnte er nicht zu Agnieszka und Till ins Kinderzimmer gehen?

„Komm zu Dziadek, księżniczka moja!“

Er streckte die Arme aus und wollte mir Lottchen abnehmen. Ich wusste nicht, wie ich ihm schonend beibringen sollte, dass sie nachts nur an der Mama klebte und sich nicht mal von Papa streicheln ließ.

Aber Lotti giggelte überrascht und kletterte Wojtek einfach auf den Schoß. Wie bitte? Sie hatte ihn doch wochenlang nicht mehr gesehen.

„So ist gut, kleine Prinzessin.“

Sie fasste ihm in den Bart und zog daran, er lachte. Ich wollte ja nicht sagen, dass mich das kränkte, aber …

Ich schob meine widersprüchlichen Muttergefühle zur Seite und nutzte die Pause, um das Fläschchen und den Kaffee fertigzumachen.

Wojtek nahm mir die Flasche wie selbstverständlich aus der Hand und fütterte seine Enkelin. Sie schmiegte sich in seinen Arm und nuckelte selig.

Es wurmte mich, wie wenig meine sonst so anhängliche Tochter mich gerade brauchte. Allerdings gab mir das die Gelegenheit, das schlimmste Chaos im Arbeitszimmer zu beseitigen. Ich hastete in mein Zimmer, schob alle Sachen von der Couch und warf sie unten in den Schrank. Dann bezog ich das Sofa und fegte noch meinen Schreibtisch leer, indem ich eine flache Kiste davorhielt und alle Papiere unsortiert hineinrutschen ließ. Die Kiste stellte ich oben aufs Regal, wo hoffentlich niemand hinschaute. Seit Agnieszka mich einmal in der Waschküche erwischt und tränenreiches Mitleid mit den schlecht zusammengefalteten Kleidungsstücken geäußert hatte, versuchte ich, sie nie mehr mit Unordnung zu konfrontieren. Staubsaugen konnte ich jetzt aber nicht mehr, das wäre zu laut. Obwohl Agnieszka und Till auch einen Heidenlärm im Kinderzimmer veranstalteten.

Dann sperrte ich mich im Schlafzimmer ein und rief meinen Mann an.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass deine Eltern kommen?“, flüsterte ich ins Telefon. Ich war so wütend, dass ich fast platzte.

„Aber das haben wir doch an Ostern besprochen!“, erwiderte er ruhig.

„An Ostern hast du mal gesagt, dass sie vielleicht gerne zu Tills Geburtstag kommen würden, aber in den letzten fünf Monaten hast du das nie wieder erwähnt!“

„Siehst du! Du hast doch sonst so ein gutes Gedächtnis!“

„Es passt mir aber gerade überhaupt nicht!“

„Willst du meiner Mutter ihre Enkel vorenthalten?“

Gott, war der dämlich. „Nein, ich will mich nur ausreichend vorbereiten können, wenn sie kommen!“

„Mach es doch nicht so kompliziert. Sei einfach du selbst!“

„Ich selbst mache aber keinen guten Eindruck. Morgen will sie sicher wieder hier putzen!“ Jetzt heulte ich fast.

„Dann lass sie doch! Du bist ja eh überfordert mit dem Haushalt. Ich muss jetzt auflegen.“

Manchmal hasste ich den Mann, den ich geheiratet hatte.

Ich schaute ins Kinderzimmer, wo Wojtek Lotti in ihrem Bettchen wiegte. Mit dem Zeigefinger streichelte er ihr Bäckchen, sie hielt seinen kleinen Finger fest umklammert. Mit der anderen Hand schaukelte er die Wiege gleichmäßig und summte dabei. Till saß strahlend in seinem Bett und Agnieszka fütterte ihn mit Schokolade.

„Er hat schon Zähne geputzt!“, sagte ich schwach.

„Ist mit Calcium, ist ganz gesund!“, erklärte sie und hielt mir die Packung der Milchschokolade hin. Glaubte sie das wirklich? Offenbar ja.

Bei meinen seltenen Besuchen in Stans Herkunftsland war mir aufgefallen, dass die Polen alle Kinder grundsätzlich mit Süßigkeiten versorgten, als wäre es Trinkwasser. Vielleicht brachte man ihnen dort bei, dass junge Menschen ohne ihre Dosis Zucker keinen Tag überlebten?

Ich beschloss, die vier in Ruhe zu lassen und verschwand im Bad, wo ich mir hektisch die Haare im Waschbecken wusch. Ins kalte Badewasser wollte ich nicht mehr zurück und entspannen konnte ich mich eh nicht, solange der polnische Putzteufel in der Wohnung weilte.

Als ich beinahe mit Föhnen fertig war ertönte ein schriller Schrei. Ich ließ vor Schreck meine Rundbürste fallen und eilte in den Flur. Aber es hatte sich nur ereignet, dass Stan heimgekommen war. Agnieszka fiel ihm so stürmisch um den Hals, als wäre er gerade aus dem Krieg heimgekehrt. Sie weinte und küsste ihn ab. Okay, das war halt das slawische Temperament.

„Pscht, die Kinder!“, flüsterte ich trotzdem, aber mich beachtete hier sowieso niemand. Also schlich ich mich ins Kinderzimmer und sah zu meiner Freude, dass beide Kinder schliefen. Till lag mit schokoladeverschmiertem Gesicht im Bett und Lotti umklammerte irgendetwas mit ihrem kleinen Händchen. Einen Stift? Ich betrachtete das Ding näher. Igitt, war das etwa ein Knochen? Ich nahm nicht an, dass sie ihrem Opa den Finger abgebissen hatte. Sicherheitshalber wollte ich aber mal nachsehen. Die wiedervereinte Familie saß im Wohnzimmer und schwatzte laut auf Polnisch. Vor ihnen standen Wodka, Kaffee, Wasser und diverse Häppchen in Plastikboxen. Als würde es bei uns nichts zu essen geben! Na gut, heute gab es bis auf ein paar vertrocknete Pommes auch nichts, aber trotzdem kränkte mich das. Ich setzte mich vorsichtig ans ungemütlichste Ende der Couch. Agnieszka belegte meinen Lieblingsplatz und neben Stan wollte ich nicht sitzen.

Vorsichtig stupste ich meinen Schwiegervater an.

„Wojtek, was hast du Lotti gegeben?“

„Ist Knochen, ist gut für Zahnen!“

„Sie isst aber noch kein Fleisch!“

„Sie nur knabbert!“, sagte er ungerührt.

Wer bringt denn bitte einem Kleinkind abgenagte Knochen mit? Das mit der Schokolade konnte ich ja noch verstehen, auch wenn ich schon hundertmal gesagt habe, dass sie mich zuerst fragen sollen, aber es ist sowieso hoffnungslos. Aber das? Ich schaute meinem Mann ins Gesicht, um zu sehen, ob es ihm leidtat, was er mir angetan hatte. Er zwinkerte mir zu. Offenbar nicht.

Die Unterhaltung war so laut und schnell, dass ich kein Wort verstehen konnte. „Worum geht es?“, fragte ich vorsichtig.

„Tante Kasia weigert sich, ins Altenheim zu ziehen. Sie hockt wie ein Adler auf seinem Nest in ihrem winzigen Dorf hinter Kattowitz und lässt keinen Pflegedienst herein. Da gibt es nicht mal Internet, irgendwann muss Mama hinfahren und sie zum Umzug zwingen“, erklärte Stan.

„Vielleicht will sie eben lieber allein sein?“, sagte ich missmutig.

„Das will sie sogar ganz bestimmt. Allerdings hat sie Diabetes und bräuchte täglich eine Spritze. Selbst kann sie die nicht setzen und auf den Arzt hört sie auch nicht. Eine Katastrophe, cholera jasna!“ Agnieszka verfiel in polnische Flüche und redete dann weiter in ihrer Muttersprache. Die Männer nickten und stimmten ihr zu. Wojtek schenkte ihr laufend nach und Stan massierte ihr tatsächlich die Beine, wozu er bei mir immer zu müde war. In mir brodelte es.

Da mich hier keiner mehr beachtete, konnte ich mich auch verziehen.

„Ich gehe ins Bett“, informierte ich unsere Gäste, aber keiner nahm Notiz von mir. Im Bett wählte ich die Nummer meiner besten Freundin, die wie meistens während ihrer Reise durch Mexiko nicht erreichbar war. Mir war zum Heulen zumute, aber das war mir dann auch zu anstrengend. Also löschte ich einfach das Licht und presste mein Gesicht ins Kopfkissen.

Kapitel 2

Wenn man Kinder hat, kann man nirgends mehr hingehen. Man macht nämlich keinen guten Eindruck. Man verliert vieles als Mutter: Zeit, Geld, Nerven, Figur, aber das Schlimmste für mich war, meine Souveränität verloren zu haben. Früher war ich eine hübsche, selbstbewusste Frau, die wusste, wie man die meisten Situationen meistert, entschlossen oder charmant, mit Taktik, Witz und Gespür für den Moment.

Jetzt war ich ein Trampel, der überall zu spät kam, in ruhige Momente hineinplatzte, wichtige Gespräche unterbrach und Joghurtflecken an der Bluse hatte. Wenn ich es überhaupt in eine Bluse schaffte. Meine Hose passte nicht zum Oberteil, die Jacke war zu eng, die Handtasche riesengroß und immer voller Krümel, die Schuhe waren flach und abgestoßen. Ich hatte niemals mehr eine hübsche Frisur, ich war schon froh, wenn die Haare gewaschen waren.

Meine Augenbrauen waren ungezupft, dafür zupfte mich ständig etwas am Arm. Ich schämte mich neben den normalen Menschen, die nachts geschlafen und heute schon geduscht hatten, die den Kopf über mich schüttelten und sich zuzischten, dass die Alte ihre Kinder nicht im Griff hatte. Ich stimmte ihnen absolut zu. Die Alte hatte ihre Kinder nicht im Griff und sah dazu noch schrecklich aus.

Till und Lotte waren Vampire, sie beanspruchten meinen kompletten Tag und oft genug auch noch ein paar Stunden meiner Schlafenszeit dazu. Es war ausgeschlossen, irgendetwas fertig zu bekommen, solange ich alleine mit ihnen zuhause war. Ich schaffte nur das Nötigste im Haushalt und musste mir dann Stans Vorhaltungen anhören, wenn er abends nach Hause kam. Nur wenn ich Till in den Kindergarten und Lotti zur Nachbarin brachte, konnte ich mit schlechtem Gewissen ein paar liegengebliebene Aufträge abarbeiten. Und was die Fragerei betraf: Till fragte mir mit seinen sechs Jahren apfelgroße Löcher in den Bauch, und seit neuestem tat die dreijährige Lotte es ihm gleich. „Warum nicht Nutella? Warum nicht Ssseiße sagen? Warum weint die Mama?“

Ich ertappte mich dabei, wie ich völlig erschöpft nach Antworten rang, während die Kinder die Frage längst vergessen hatten und fröhlich Knäckebrot in den Ausguss stopften.

Wenn meine Schwiegereltern zu Besuch kamen, war es noch schlimmer. Egal, wie früh Agnieszka auch aufstand, sie war stets vollendet geschminkt. Nach einem kompletten Tag mit den Kindern hatte sie keinen einzigen Fleck auf dem Kostüm und schneller als ich konnte sie in ihren High-Heels auch laufen. Neben ihr kam ich mir meistens wie ein absoluter Trottel vor.

Und nach diesen stressigen Wochen, in denen Stans Leben nur noch aus Überstunden zu bestehen schien und ich Lotte mühsam in durchbrochenen Nächten das Milchfläschchen abgewöhnt hatte, war ihre Anwesenheit besonders schwer zu ertragen, denn sie war die leibhafte Erinnerung an mein Versagen auf so vielen Ebenen.

An Tills sechstem Geburtstag lief es zunächst besser als erwartet, Stan war den ganzen Tag im Büro und Agnieszka ging mit Lotti einkaufen und holte Till vom Kindergarten ab. Ich nutzte die Zeit, um meine Papiere zu sortieren und die Torte zu backen.

Als ich meinen eher mickrigen Kuchen aus dem Ofen zog, kam Agnieszka zurück. Auf den Händen balancierte sie eine dreistöckige Schokoladentorte aus dem Schaufenster unseres Konditors. Die Torte, die ich Till verweigert hatte, weil sie hundert Euro kostete und eher einer Hochzeit angemessen war. Es hatte mich eine Woche und unzählige Diskussionen gekostet, bis er endlich eingesehen hatte, dass dieses Monstrum für den 6. Geburtstag eines kleinen Jungen überdimensioniert war.

Dafür hatte ich extra die blöde Schlumpfglasur gekauft, mit der ich meinen mickrigen Kuchen verschönern wollte. Das konnte ich mir jetzt ja wohl sparen.

Ich mag meine Schwiegermutter, wirklich. Ich kann nur ihr Verhalten meistens nicht nachvollziehen und weiß auch nicht, was ich mit ihr reden soll. Sie findet alles süß, niedlich und entzückend. Sie trinkt ein Käffchen mit einem Sähnchen und krault Till das Köpfchen, während sie das Kommandochen an sich reißt.

„Gehst du mal kurz aus die Küche, ich will nur noch schnell durchwischen, bevor die Gäste kommen! So kann man ja niemanden empfangen. Also, das ist nur meine Meinung!“, setzte Agnieszka höflich nach, als sie meinen Blick sah. Ich floh ins Schlafzimmer, bevor ich Gefahr lief, meine Schwiegermutter mit Schlumpfglasur zu überschütten, und sperrte ab, damit sie nicht merkte, dass ich heulte.

Ich versuchte nochmal, Veronika anzurufen, aber ihre Mailbox sagte nur, dass sie verhindert war. Also riss ich mich zusammen, puderte mein Gesicht, steckte die Haare hoch und malte mir die Lippen rosa. Besser. Die frische Bluse konnte ich mir im Prinzip sparen, denn sie würde keine zehn Minuten lang weiß bleiben. Andererseits zeigte ich damit wenigstens guten Willen.

Als ich mich beruhigt hatte und wieder herauskam, staunte ich nicht schlecht. Irgendwie hatte meine Schwiegermutter es geschafft, innerhalb von zwanzig Minuten die ganze Wohnung sauber und ordentlich zu zaubern, obwohl meine Kinder ihr dabei „geholfen“ hatten und die ersten Gäste samt ihren Eltern schon eingetrudelt waren. Ich begrüßte sie höflich, nahm Geschenke ab, verteilte Stoppersocken und zeigte den Kindern ihre Plätze. Lärm, Lärm, Geschrei, gepresstes Lächeln, dirigieren, lächeln, lächeln. Als alle Eltern bis auf Leons Mutter verschwunden waren, atmete ich auf.

„Pscht, könnt ihr mal etwas leiser sein? Dann können wir mit den Spielen anfangen!“, versuchte ich, zu der Meute durchzudringen. Die Kinder entschieden sich dagegen, leiser zu sein. Also ließ ich sie weiter sinnlos im Kreis herumrennen und bahnte mir einen Weg zum Sofatisch.

„Kriegst du ein Baby? Dein Bauch ist so dick!“, fragte mich Leon, während er seinen Rotz laut hochzog.

„Nein!“, fauchte ich den Fünfjährigen an und rechnete im Kopf nach, wann ich zuletzt meine Regel gehabt hatte. Verdammt, verdammt, verdammt!

Ungläubig ließ ich mich aufs Sofa sinken, um sofort wieder aufzuspringen, weil mich etwas Spitzes in den Hintern gestochen hatte. „Aua!“, schrie ich.

„Mama, nein, mein Traktor!“, schrie Till. Scheiße. Jetzt hatte ich Leons Geschenk kaputtgemacht, das einzig Gute, was er zu dieser Feier beigetragen hatte.

„Das kann man sicher wieder kleben“, meinte ich beschwichtigend, aber Till heulte schon los.

„Du weißt wohl gar nichts. Das ist ein intellentes Stecksystem, man kann alles zusammenstecken“, belehrte mich Leon. Woher hatte er diesen oberlehrerhaften Ton? Aber Hauptsache, das Ding war nicht kaputt.

„Bis auf dieses Teil, das du abgebrochen hast. Jetzt ist es hin!“, ergänzte Leon triumphierend und schloss sich wieder den rennenden Kindern an.

„Das tut mir leid“, sagte ich zerknirscht.

„Davon wird es auch nicht wieder heil!“, rief er mir quer durch das Zimmer zu. Till blieb stehen und heulte noch lauter.

„Willst du was Süßes? Ich hab Mohrenköpfe im Kühlschrank!“, fragte ich.

„Das kann man aber heutzutage wirklich nicht mehr sagen, das ist total diskriminierend, Sophie“, informierte mich Leons Mutter, die im Schneidersitz auf dem Teppich saß. „Heute sagt man Schaumküsse.“ Daher hatte Leon also diesen Ton.

„Okay, ich hab auf jeden Fall diese weißen Dinger mit Schokolade“, verbesserte ich mich. „Willst du dich nicht aufs Sofa setzen?“

„Nein, danke. Machst du das immer so, dass du die Kinder mit Süßigkeiten von Problemen ablenkst?“, fragte Julia weiter.

Ich sah hilfesuchend zu Agnieszka, die aufstand und in die Küche ging. „Keine Ahnung“, sagte ich nervös, „darf Leon so was nicht essen?“

„Wir leben ovolacto-vegetarisch und zuckerfrei. Weißt du eigentlich, wie viel Gift in so einem Schaumkuss steckt?“

„Nein.“

„Wenn man Ratten damit füttert, sterben sie nach dreißig Tagen!“, sagte sie triumphierend. Offenbar mochte sie weder Sofas noch Ratten.

Zum Glück kam meine Schwiegermutter mit der Torte auf einem Tablett zurück und die Kinder scharten sich laut um sie.

„Kinder, Kinder, setzt euch doch erstmal auf eure Stühlchen. Wer still ist, bekommt das erste Stück!“ Gebannt beobachtete ich, wie Agnieszka die lärmende Bande nur kraft ihrer Stimme auf die Stühle presste und ihre Mäulchen schloss. Warum besaß ich nicht solche Superkräfte? Ich wollte den Kindern Saft eingießen, aber Agnieszka bedeutete mir, dass sie das schneller und besser konnte.

„Möchtest du vielleicht auch einen Kaffee?“, fragte ich Julia, die keine Anstalten machte, zu verschwinden.

„Habt ihr auch Tee?“

„Klar“, sagte ich erleichtert. Tee hatten wir nun wirklich genug, weil Stan in jeder Stimmung eine andere Sorte wollte. „Was möchtest du, Earl Grey, Ceylon Assam, Darjeeling?“

„Wir trinken niemals schwarzen Tee. Im schwarzen Tee ist nämlich eine Droge drin: Teein!“

„Ach so. Ich schau mal, ob wir noch Kräutertee haben.“

Ich flüchtete in die Küche. Stilltee, Babybauchtee, abgelaufene Pfefferminze, Kamille, Winterglück und Verdauungstee. Das war das richtige für Julia, weder abgelaufen noch voller Drogen, einfach nur eine ekelhafte Kräutermischung, die keiner von uns mochte. Ich brühte ihr eine großzügige Portion auf, stellte das Kännchen auf ein Tablett und stellte den Honig dazu. Zucker war out, das hatte ich mir gemerkt.

„Ist der aus biologisch dynamischem Anbau?“, fragte Julia misstrauisch, als ich ihr das Getränk brachte.

„Ja“, log ich.

„Okay.“ Fasziniert sah ich zu, wie sie die braune stinkende Brühe schlückchenweise trank. Vielleicht hatte ovodingsbums mit der Zeit ihre Geschmacksnerven abgetötet?

Bevor ich mir einen Kaffee machen konnte, zitierte Lotte mich brüllend ins Kinderzimmer.

„Mama!“, schrie Till, als ich Lotte wickelte.

„Mama!“, rief Agnieszka, als ich Lotti anzog.

„Tills Mama!“, schrien sieben Kinder aus dem Wohnzimmer, als ich mit Lotte zurückkam.

„Alle warten auf dich, du wolltest doch Spiele mit ihnen machen!“, sagte Agnieszka vorwurfsvoll.

„Das wollte ich vorhin, aber da habt ihr mir nicht zugehört, jetzt …“

„Topfschlagen!“, quietschte Till.

„Kannst du Lotte nehmen?“, fragte ich meine Schwiegermutter.

„Nein, issich alt genug, kann allein auf Sofa sitzen. Komm, Mama, komm, alle warten auf dich!“ Agnieszka nahm mir die Kleine aus dem Arm und schob mich in die Mitte des Zimmers. Die Kinder sahen mich lauernd an.

„Wer will anfangen?“, fragte ich dummerweise.

„Ich, ich, ich!“, schrien sie im Chor. Julia saß stoisch auf dem Boden und schaute zu, wie mir der Schweiß ausbrach, als ich die Kinder dirigierte, Augen verband, den Topf versteckte und versuchte, auf niemanden zu treten. Lotti saß auf dem Sofa und brüllte nach mir. Agnieszka saß neben ihr, plauderte mit Julia, trank Kaffee und ignorierte sie vollkommen. Sobald ich mich dem Sofa näherte, wurde ihre Stimme lauter und sie verwies mich auf Till und seine Gäste.

„Die Kinder wollen Spaß, Mama! Nicht nur Baby, Baby, Baby!“ Ich hasste es, wenn sie mich Mama nannte. Als müsste sie mich an meine Rolle erinnern, die ich so schlecht ausfüllte. Leon patschte mir mit dem Kochlöffel auf die Beine und hinterließ eine braune Spur auf meiner Hose. Offenbar hatte er ihn zuvor in etwas Klebriges getaucht … das waren wohl die bösen Schaumküsse gewesen.

„Früher haben sich die jungen Frauen auch mal hübsch gemacht für ein besonderes Ereignis“, sagte Agnieszka gerade zu Julia, „sind auch mal zum Friseur gegangen oder haben sich ein neues Kleid gekauft. Der sechste Geburtstag ist etwas ganz Besonderes in Polen.“

Julia, die in Schlabberpulli und Jeans yogaartig vor dem Tisch hockte, stimmte ihr nachdrücklich zu, während ich schweißüberströmt versuchte, Leon unauffällig den Kochlöffel zu entwenden. Wo blieb Stan denn nur, verdammt noch mal?

„Wo sind die Geschenktüten?“, fragte mich Leon, als die Zeit endlich um war.

„Tills Geschenke stehen da drüben auf dem Tisch“, sagte ich ahnungslos und streichelte Lotte, die ich endlich auf meinen Schoß geholt hatte.

„Nein, die Geschenktüten für die Kinder!“, korrigierte er mich.

„Es gibt keine“, sagte ich knapp. Schließlich hatte Till Geburtstag und nicht diese Bazillenschleuder hier.

„Bei allen anderen Geburtstagen kriegt man welche!“, sagte Leon vorwurfsvoll.

„So ist sie immer, so zerstreut“, sagte Agnieszka zuckersüß und tätschelte mir den Arm. „Vergisst das Wichtigste. Hier, deine Süßlichkeiten!“

Lächelnd übergab sie Leon und allen anderen eine durchsichtige Zuckertüte, in der sich saure Schlangen um Mäusespeck, Gummibärchen, Schokoriegel und Lutscher schlängelten. Wann hatte sie die bitteschön besorgt? Die Frau war mehr als gruselig.

Julia fragte nicht, wie viele Ratten man damit töten könnte, sondern bedankte sich bei Agnieszka für die gelungene Feier und nickte mir knapp zu, als sie endlich aus der Tür gingen.

„Gott sei Dank!“, sagte ich aus tiefstem Herzen und ließ mich auf den Boden fallen. Um mich herum lagen zerfetzte Geschenkpapierschnipsel, Luftschlangen und Kuchenkrümel. Aber es war still.

„Muss man sich schon ein bisschen Mühe geben, Sophia!“, sagte Agnieszka und holte den Staubsauger. Ich rappelte mich auf und räumte den Tisch ab. Als ich an eine Tasse stieß, fiel sie um und der Rest von Julias Kräutertee ergoss sich auf den Teppich. In diesem Moment betrat Stan die Wohnung und ich brach in Tränen aus.

„Wie sieht es denn hier aus? Und warum weinst du?“

„Weil ich eine Tasse umgestoßen habe.“

„Hat Mutter dir denn nicht geholfen?“

„Doch, hat sie!“, heulte ich weiter.

„Warum regst du dich dann so auf?“

„Du hast keine Ahnung, was ich durchgemacht habe. Sie hat mir verboten, Lotti auf den Arm zu nehmen.“

„So ein Unsinn! Was gibt’s zum Abendbrot?“

Diese Mahlzeit hatte ich vollkommen vergessen. Agnieszka verdrehte die Augen und zauberte ihrem Bübchen innerhalb von einer Viertelstunde ein Steak mit Kartoffeln und Bohnen. Pünktlich zum Nachtmahl erschien auch mein Schwiegervater, der sich zehn Stunden lang im Baumarkt „umgesehen“ hatte. Kurz vor seinem Eintreffen eilte meine Schwiegermutter ins Bad, zog sich die Lippen nach und besprühte sich mit noch mehr Parfüm. Dann empfing sie ihren Mann duftend und lächelnd an der Wohnungstür und fragte ihn nach seinem Befinden. Ich war mir nicht sicher, ob sie das jeden Tag so machte, oder ob es eine Lehrstunde im Fach „Gute Ehefrau“ für mich darstellen sollte.

Ich duschte die Kinder ab und fiel mit ihnen ins Ehebett. Till war tortensatt und schlief sofort ein, Lotti nuckelte an ihrer Milchflasche und kuschelte sich in meinen Arm. Es waren die ersten ruhigen Minuten des Tages, bis Stan hereinplatzte und wissen wollte, wieso das Wohnzimmer ein Chaos war und die Kinder nicht in ihren Betten lagen.

„Ich hab jetzt keine Kraft mehr, das noch zu machen“, flüsterte ich. „Bitte sprich nicht so laut, sonst wachen sie wieder auf.“

„Das ist auch mein Bett! Ich bin mit dir verheiratet und nicht mit den Kindern!“

„Bitte lass sie heute hier. Ich schaff es nicht, heute Nacht noch mal rüberzugehen, wenn sie aufwachen.“

„Das kann Mutter machen!“

„Nein!“

„Du weißt auch nicht, was du willst! Deine Hormone gehen mit dir durch, man könnte meinen, du wärst schon wieder schwanger“, sagte er.

Richtig, das hatte ich vor lauter Kindergeburtstag schon wieder vergessen.

Kapitel 3

Im Alter von zwei hatte Till mich gern theatralisch in einer hellen Terz auf den Balkon zitiert, bis unsere Nachbarin seinen „Mama“-Ruf kichernd um „… du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen“ ergänzte. Seitdem nannten wir ihn gelegentlich Heintje, wenn es sonst niemand hörte.

Am Tag nach Tills sechstem Geburtstag weckte Stan mich ebenfalls schreiend, leider aber weniger melodisch, und fragte, wieso ich nicht in der Lage sei, wenigstens aufzuwischen, wenn ich etwas verschüttete. An seinem Anzug klebte Milchpulver und er sprang wie ein HB-Männchen herum. Ich musste mir das Lachen verbeißen und das machte ihn noch wilder.

„Das findest du witzig, ja? Mein bester Anzug ist hin.“

„Die Reinigung kriegt das sicher raus.“

„Aber nicht in zehn Minuten!“

„Wo willst du denn hin? Heute ist Samstag.“

„Einer in dieser Familie muss ja Geld verdienen!“ Er war wütend aus dem Zimmer gestampft und hatte die Tür hinter sich zugeknallt. Stimmt, mir war nachts die Packung mit dem Milchpulver ausgerutscht und ich war zu müde gewesen, es zusammenzukehren. Eigentlich hatte ich das morgens machen wollen, aber dann hatte ich offenbar verschlafen, weil Agnieszka die Kinder schon versorgt hatte.

Schlaftrunken rappelte ich mich auf, schlurfte ins Bad und duschte heiß. Sollte nicht vielleicht der Vater ein schlechtes Gewissen haben, wenn er den Geburtstag seines Sohns verpasste und seine Frau mit den Schwiegereltern allein ließ?

Als ich in die Küche kam, war bereits alles blitzblank aufgeräumt und Agnieszka schrubbte gerade den Schrubber im Waschbecken ab. Ich wusste gar nicht, dass man die Putzgeräte auch putzen muss. Es roch nach Zitrone und Essigreiniger.

„Wo ist Stan?“, fragte ich Wojtek, der am Tisch saß und las.

„Arbeiten“, sagte er knapp und las weiter. Wieso konnte er nicht wenigstens am Wochenende mal bei uns bleiben?

Zögerlich machte ich mir einen Kaffee – verdammte Maschine – und setzte mich gegenüber. Hunger hatte ich keinen. Ich genoss nur die Ruhe ohne Kindergeschrei.

Leider dauerte der Frieden nicht lange an. Stan kam mit hochrotem Kopf zurück und beschwerte sich, dass das Auto dreckig war.

„Ich hab dir gesagt, dass du in die Waschanlage fahren sollst!“

„Hab ich gemacht“, verteidigte ich mich schwach.

„Aber innen sieht es furchtbar aus. Überall Krümel, Stofftiere, Saftpackungen. Ich musste den Chef vom Flughafen abholen und habe mich zu Tode geschämt!“

„Tut mir leid“, murmelte ich. Das war peinlich, das sah ich ein. „Aber ich hab das Auto vor höchstens fünf Tagen gesaugt.“

„Dann hättest du die Kinder eben davon abhalten müssen, im Auto zu essen!“

Versuch das mal, Freundchen, dachte ich.

„Beruhige dich, Junge, ich bin sicher, Sophia hat alles so gut gemacht, wie sie eben kann“, mischte sich mein Schwiegervater ein. „Jeder auf seine Art.“ Sein Blick ruhte voller Stolz auf seiner Frau, die gerade dabei war, auf Socken die Arbeitsplatte zu erklimmen, um oben auf den Schränken Staub zu wischen.

„Pass auf, dass du nicht runterfällst!“, sagte ich nervös.

„Meine Mutter hat schon auf Tischen gestanden, als du noch gar nicht geboren warst!“, fauchte mein Mann.

„Ignoriert mich, ich bin gar nicht da!“, trällerte Agnieszka und schnupperte am Staubtuch.

Dafür, dass sie gar nicht da war, seufzte sie ziemlich laut über den Dreck, der sich zwanzig Zentimeter unter unserer Küchendecke befand und den niemals jemand zu Gesicht bekommen konnte. „Pfui! So kann man doch niemanden reinlassen. Also, das ist nur meine Meinung.“

Der Nachmittag verlief dann so, dass Stan mir alle Punkte aufzeigte, in denen ich in der Haushaltsführung versagt hatte. Agnieszka versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen, aber ich sah ihr an, dass sie ihm insgeheim recht gab.

Irgendwann flüchtete ich ins Kinderzimmer, wo Till auf dem Boden saß und gleichmütig auf einem Blatt mit Zahlen herumkritzelte.

„Was machst du da, Heintje?“

„Die Babcia hat gesagt, ich soll schon mal für die Schule üben. Ich darf erst rauskommen, wenn ich mit den Hausaufgaben fertig bin.“

„Aber du kannst doch noch gar nicht schreiben!“

„Du weißt das, aber die Babcia weiß das nicht. Ich krieg die Belohnung auch, wenn ich es falsch mache. Es geht um den lieben Willen, hat sie gesagt.“

Das machte mich sehr wütend. „Ich sag der Oma jetzt, dass das Schwachsinn ist!“

„Nein, sonst nimmt sie mir die Schokolade weg!“

„Ich nehm dir die Schokolade selber weg, vor dem Mittagessen gibt es nichts Süßes.“

„Die Oma ist viel lieber als du!“

„Das ist mir egal!“ War es überhaupt nicht, aber man soll vor den Kindern souverän auftreten.

„Vorher hab ich dich lieber gehabt, da bist du selber schuld!“, sagte Till.

„Wo ist überhaupt deine Schwester?“

„Schläft in Omas Zimmer.“

„Oma hat hier kein eigenes Zimmer“, murmelte ich, als ich ins Gästezimmer schlich. Lotte lag auf dem Ausklappbett gefährlich nah am Rand. Sie schnarchte selig im Zuckerkoma zwischen abgelutschten Löffelbiskuitstangen. Vorsichtig verschob ich mein Kind weiter nach hinten und baute auf dem Boden ein Sicherheitsnetz aus Kissen auf.

„Was machst du da?“ Agnieszka schaute mir über die Schulter. „Hab ich die Kissen alle erst gebügelt!“

„Ich will nicht, dass sie runterfällt.“

„Fällt sie doch nicht im Schlaf, haben die Kinder Instinkte, Mama! Komm jetzt mit, dein lieber Mann will dir etwas zeigen.“

Argwöhnisch zog ich mir die Schuhe an und ließ mich von Agnieszka und Wojtek, die augenzwinkernd eine Überraschung ankündigten, nur widerwillig auf die Straße begleiten.

„Ich will die Kinder nicht allein lassen.“ Vielleicht hatte Stan etwas Romantisches besorgt, was ich lieber unter vier Augen auspacken sollte?

„Sind wir nur eine Minute weg.“

Stan stand vor unserem Auto und hievte ein riesiges Paket heraus.

„Was ist das?“, fragte ich.

„Ein elektrischer Saugwischreiniger, fass mal mit an!“

Unter den begeisterten Augen meiner Schwiegereltern half ich meinem Mann, das unförmige Ding auf den Gehsteig zu stellen.

„Und wozu ist das gut?“

„Saugen und wischen in einem, dann hast du weniger Arbeit, wenn du die Böden reinigst“, erklärte Stan.

„Und das war jetzt die Überraschung?“, fragte ich fassungslos.

„Wäre ich glücklich gewesen als junge Frau so eine Geschenk zu bekommen. Also, das ist nur meine Meinung.“

„Ich muss hoch zu den Kindern“, sagte ich.

„Freust du dich denn gar nicht?“, fragte Stan.

„Ähm, doch, aber ich hab Lotte gehört!“

„Von hier unten kannst du ein Geräusch aus dem dritten Stock hören?“, fragte Wojtek.

„Ich habe sehr gute Ohren.“

„Fantastisch!“

Mein Schwiegervater sah mir bewundernd nach, als ich ins Treppenhaus rannte und die Stufen beinahe hochflog. Zuerst ging ich in mein Zimmer, um zu heulen und Veronika anzurufen. Aber sie war temporarily not available und ich musste mir selbst etwas einfallen lassen.

Also putzte ich mir die Nase und packte einen Koffer.

„Was machst du da, Mami?“

„Wir machen einen Ausflug.“

„Gehen wir ins Phantasialand?“

„Nein, woandershin.“

„Du hast aber gesagt, dass wir bald ins Phantasialand gehen!“

„Ja, aber nicht heute.“

„Warum nicht?“

„Du hast deine Hausaufgaben nicht fertig gemacht“, improvisierte ich. Till wies mich nicht auf meine eigene Unlogik hin, sondern akzeptierte den Grund anstandslos.

„Kann ich auch Spielsachen einpacken?“

Ich nickte. Wo wir hinfahren sollten, wusste ich nicht einmal. Ich wusste nur, dass ich hier weg musste. Ich nahm Wickeltasche, Reisetasche und Rucksack und stellte sie an die Tür, die sich von selbst öffnete.

„Geh mir mal aus dem Weg“, sagte Stan, der soeben mit Wojtek das kostbare Paket in die Wohnung bugsierte und überhaupt nichts begriff.

Ich machte mich schmal und ließ die Männer vorbeigehen. Agnieszka folgte ihnen auf dem Tritt mit einem kabellosen Staubsauger, den ich noch nie gesehen hatte, und saugte unsichtbare Staubflocken auf dem Boden hinter ihnen weg. Die Frau war irre.

„Sophie, komm mal ins Wohnzimmer!“ Gibt es eigentlich eine Regel, die besagt, dass man alles tun muss, was der Ehemann von einem verlangt? Im katholischen Ehegelübde haben die Frauen ihren Männern früher Gehorsam versprochen, aber um die kirchliche Trauung hatte ich mich ja erfolgreich gedrückt. Für Agnieszka galt es wahrscheinlich trotzdem. Ich schlurfte widerwillig an den Ort des Grauens, wo Wojtek und Stan fachmännisch die Gebrauchsanleitung studierten, während Agnieszka ehrfurchtsvoll das graue Ungetüm auf dem Teppich streichelte. Es fehlte nur noch, dass sie das Ding als „meine Süßlichkeit“ bezeichnete.

„Fühl mal, Sophia, so weich!“ Ich hatte keine Lust, die Borsten an einem elektrischen Schrubber zu streicheln. Ich hatte auf gar nichts mehr Lust, was die Nowaks betraf.

Und dann fiel mein Blick auf das Bücherregal. Hagens Einladung, meine Rettung!

„Stan, hör mal, ich muss jetzt leider weg.“

„Du hast den Wischsauger noch gar nicht ausprobiert. Wie kannst du so undankbar sein?! Das war Mutters Idee, dir das zu schenken! Weißt du, was sowas kostet?“

„Nein.“

„Tausend Euro!“

„Kommst du mal kurz mit mir nach nebenan?“, bat ich.

„Nein! Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass ich keine Geheimnisse vor meinen Eltern habe!“

„Ich schon!“, schrie ich zurück. „Wenn du nicht mit mir unter vier Augen reden willst, dann rede ich gar nicht mehr mit dir. Außerdem muss ich jetzt los.“

„Wo willst du überhaupt hin?“, brüllte Stan mich an.

„Wir fahren zur Taufe von Hagens Baby“, sagte ich entschlossen.

„Aber ich bin hier noch nicht fertig!“, herrschte mein Mann mich an. Agnieszka nickte bestätigend mit ihrer schwarzlila glänzenden Dauerwelle und tätschelte ihrem Jungchen dabei beruhigend den Arm.

„Ich schon“, sagte ich.

„Heute? Aber meine Eltern sind noch zwei Tage da! Das hast du ganz schlecht gelegt, Sophie!“

Wojtek machte ein ernstes Gesicht und brummte zustimmend. Ich hasste sie alle drei inbrünstig.

„Tut mir leid“, sagte ich. „Aber wir müssen jetzt wirklich fahren.“

Kapitel 4

Nach vier endlosen Stunden auf der Autobahn und einer Dauerschleife derselben Kinderlieder-CD, die sich als einzige im Auto befunden hatte, kamen wir in Kirchberg an. Unsere Ankunft verlief leider nicht ganz so schön, wie ich es mir ausgemalt hatte. Mama öffnete schlechtgelaunt die Tür, kniff die Augen zusammen und knurrte: „Wer ist da?“

„Ich bin’s“, sagte ich schwach. Auf einem Arm trug ich Lotti, am anderen baumelten drei Taschen und an meinem Bein klebte Till.

„Die Feier ist erst am Sonntag“, brummte Mama. Sie nahm mir weder ein Kind noch eine Tasche ab, aber immerhin hielt sie die Tür auf, damit ich mit meiner Last hereinstolpern konnte. „Ich würde gerne ein paar Tage hierbleiben, wenn es geht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das Gästezimmer ist frei. Das Bett musst du dir aber selbst beziehen.“

Ich hätte mir etwas mehr Mütterlichkeit gewünscht, aber immerhin stellte sie mir zwei Teller Eintopf hin, wenn sie mich auch nicht in den Arm nahm. Ich legte die schlafende Lotte auf dem Sofa ab, schob den quengelnden Till auf drei Kissen an den Tisch. In dem altmodischen Kerzenleuchter brannten fünf Kerzen und es roch nach vertrockneten Blumen. Wie immer herrschte eine Atmosphäre von gediegener Feierlichkeit, obwohl der Tisch nicht aufgeräumt war und sich Bücher und Geschirr auf der Anrichte stapelten. Mama hielt wenig von Hausarbeit, legte aber Wert auf schöne Möbel, dekoratives Geschirr und gute Kristallgläser. Was in dem teuren Porzellan serviert wurde, nahm sie weniger wichtig.

Laurenz und Ansgar sahen kurz zu uns auf und diskutierten dann weiter über humanoide Roboter, als käme ich jeden Abend zum Essen. Laurenz hatte mit seinen blonden Locken leichte Ähnlichkeit mit Till, während mich der schlaksige Ansgar mit seinen beginnenden Geheimratsecken und seinem Vollbart eher an unseren verschwundenen Vater erinnerte.

„Mag nicht Bähsuppe“, sagte Till und wollte auf meinen Arm klettern.

„Wieso hast du deine Affen mitgebracht?“, fragte Ansgar.

„Wo hätte ich sie denn lassen sollen?“, zischte ich zurück. „Außerdem sind das Kinder, was erlaubst du dir eigentlich …“

„Wie man’s nimmt“, meinte Laurenz. „Hagen wird sich freuen, dann können sie mit seinen Affen spielen.“

Mit Till auf dem Schoß gelang es mir kaum, zu essen. Das hatte allerdings auch wieder sein Gutes, denn die Suppe war tatsächlich bäh, da hatte Till schon recht.

„Wie heißt sein Baby überhaupt?“, fragte ich.

„Phantastika!“, antwortete Laurenz.

„O Mann! War das Tanjas Idee?“ So blöd konnte doch selbst mein Bruder nicht sein.

„Quatsch, sie heißt Esmeralda“, mischte Mama sich ein und sah Laurenz streng an.

„Warum lügt der Onkel?“, fragte Till.

„Das war keine Lüge, das war ein Spaß“, belehrte ihn Ansgar.

Lotti ächzte im Schlaf und ich schob Till von meinem Schoß, um nach ihr zu sehen. „Kann jemand ihn mal kurz auf den Schoß nehmen?“

„Ich nicht!“, sagten meine Brüder wie aus einem Mund. Mama streckte die Arme nach Till aus, aber er weinte und klammerte sich an mich. „Kannst du vielleicht kurz zu Lotte gehen, damit sie nicht vom Sofa fällt?“

„Du nennst deine Tochter Lurchi, aber Affe ist eine Beleidigung, ja?“, sagte Laurenz.

„Bitte, sie fällt gleich runter!“ Ansgar stand zögerlich auf und kniete sich vor das Sofa.

„Sie riecht komisch!“

„Vielleicht hat sie gekackt?“, sagte Laurenz.

„Wer hat gekackt?“, fragte Till. „Gekackt, gekackt, gekackt!“

„Das ist nichts für einen Mann, Mama, kommst du mal bitte!“, befahl Ansgar.

„Wieso kann ein Mann kein Baby wickeln?“, fragte ich böse.

„Die Evolution hat das nicht vorgesehen.“

Ich pflückte Till mit Gewalt von meinem Schoß, setzte ihn auf seinen Stuhl und eilte zum Sofa.

„Erstens hat sie überhaupt nichts in der Windel!“, sagte ich nachdrücklich. „Und zweitens hat die Evolution nichts mit Windeln zu tun. Was hier so eklig riecht, ist das Sofa! Was habt ihr denn hier verschüttet?“

„Hagen macht grade eine Eigenurinkur und lässt das meistens im Wohnzimmer antrocknen“, erklärte Ansgar.

„Was antrocknen?“ Ich riss Lotti von der Sitzfläche weg.

„Ich dachte, das trinkt man?“

„Hagen nimmt es als Hautlotion.“

Ich drückte Lotte an mich und unterdrückte ein Würgen.

„Und warum macht er das nicht bei sich zuhause?“

„Tanja will das irgendwie nicht.“ Komisch, Hagens Frau war echt dagegen, dass er sich im Wohnzimmer mit Urin einrieb? Was war das nur für eine Ehe!

„Ich glaube, wir gehen lieber ins Bett. Die Kinder müssen schlafen.“ Für heute reichte es mir.

„Ich hab gekackt, gekackt, gekackt!“, sang Till.

„Wie bitte? Hast du in die Hose gemacht?“

„Nein!“

„Warum lügst du mich an, Till?“

„Das war keine Lüge, das war ein Spaß!“

Leider war das Gästezimmer mein ehemaliges Kinderzimmer, das mit all dem Kram vollgestopft war, der nicht mehr in den Keller oder auf den Dachboden gepasst hatte. Nur die Beatles-Poster erinnerten noch an meine Zeit. Ich versuchte, mich nicht zu ärgern, dass sie mein Zimmer zweckentfremdet hatten. Ich kam ja so selten zu Besuch. Andererseits waren die Zimmer meiner Brüder seit ihrem Auszug unangetastet geblieben, obwohl Ansgar selten bei den Eltern übernachtete und Hagen im gleichen Dorf ein komplett eingerichtetes Einfamilienhaus besaß. Nur Laurenz war gleich zuhause geblieben und hockte seit seinem vergeigten Abitur vor fünf Jahren in seinem alten Kinderzimmer, das niemand betreten durfte.

Trotzdem war ich dankbar, dass ich mich nach diesem schrecklichen Tag in einer vertrauten Ecke in mein altes Bett würde kuscheln können. Doch halt, zuerst musste ich es frisch beziehen. Mama hält nichts davon, jedem Gast frische Bettwäsche zu spendieren. Genau genommen habe ich mich manchmal gefragt, ob sie in ihrem ganzen Leben jemals ein anderes Bett außer ihrem eigenen frisch bezogen hat.

Zum Glück lagerte sie ihre Bettwäsche im gleichen knarrenden Schrank wie früher, sodass ich heimlich neue Bezüge aus dem Keller holen konnte. Allerdings musste ich Till mitnehmen, weil der sich weigerte, auch nur zehn Sekunden ohne mich „in der Garage“ zu bleiben, wie er das Zimmer bezeichnete.

Obwohl ich ihn ermahnte, so leise wie ein Mäuschen zu sein, redete er beim Schleichen ohne Unterlass. Jetzt musste ich nur noch das schlafende Baby wickeln und neben den quengelnden Till betten. Am liebsten hätte ich Lotte weiterschlafen lassen, aber dann würde sie nachts die Matratze durchnässen.

Till war entgegen seiner Vermutung nach einer Minute eingeschlafen. Ich starrte auf mein Handydisplay, aber keine Zeile von Stan. Wahrscheinlich würde er mir morgen schreiben und sich entschuldigen. Beim Einschlafen lauschte ich den vertrauten Geräuschen meines Elternhauses, dem Knarren der Treppe, Mamas Räuspern und dem Knarzen ihrer Zimmertür. Trotz des kühlen Empfangs fühlte ich mich plötzlich beinahe geborgen.

Kapitel 5

Mama gehört zur Nachkriegsgeneration und hat daher ein etwas seltsames Verhältnis zu Lebensmitteln. Erstens muss der ganze Keller bis zum Anschlag voll mit Essen sein, und zweitens wird niemals auch nur ein Fitzelchen weggeschmissen, egal wann es abgelaufen ist. Daher esse ich grundsätzlich nur Speisen, deren Zubereitung ich beigewohnt habe. Deshalb beeilte ich mich, zum Frühstück zu kommen, der besten Mahlzeit, die wir hier kriegen würden.

„Sieh einer an, die Soffie! Was für eine Überraschung!“, sagte Hagen, als wir die Küche betraten. Grinsend und gutgelaunt saß mein ältester Bruder an Mamas Tisch, obwohl er doch ein eigenes Haus mit Frau und Töchtern im gleichen Ort hatte.

„Ich heiße Sophie!“, korrigierte ich ihn.

„Und eine große Freude!“, bekräftigte Laurenz. Ich sah ihn misstrauisch an.

„Was willst du damit sagen?“, fragte ich.

„Nichts, wir sind nur überrascht, dass du es tatsächlich zu Esmeraldas Taufe geschafft hast.“

Ich kenne meine Brüder und weiß, dass auf ein Kompliment niemals etwas Gutes folgt.

„Und wenn man jemanden nicht sehen will, ist es dann eine böse Freude?“, fragte Till.

Ich nickte und schenkte mir Kaffee ein, solange noch etwas da war. Das dünne, kostbare Porzellan erinnerte an Mamas Herkunftsfamilie und nahm sich seltsam in der unordentlichen Küche aus. Agnieszka hätte hier sofort einen Putz- oder Herzanfall bekommen.

Ich betrachtete meine Brüder, die in der Reihenfolge ihrer Geburt auf der Holzbank saßen. Sie wirkten, als hätte ein ungeschicktes Kind Männer geformt und sich von Versuch zu Versuch verbessert. Hagen war grobschlächtig und kompakt mit dunklen Haaren, Ansgar schlanker und mausbraun und Laurenz feingliedrig mit blonden Locken. Allerdings schien auch ihre Lebenstüchtigkeit von Prototyp zu Prototyp abzunehmen. Während Hagen die Schule beendet und eine solide Ausbildung zum Zimmermann absolviert hatte, hatte Ansgar gerade noch den Schulabschluss gemacht und seither herumgejobbt. Dagegen hatte Laurenz die Schule vorzeitig geschmissen und beschäftigte sich nur mit seinen diversen Hobbys. Ansgar und Laurenz trugen alte Samtanzüge von unserem Vater, wogegen Hagen sich untypisch herausgeputzt hatte.

„Seit wann läufst du denn so geschniegelt herum?“, fragte ich ihn.

„Man muss auf sein Äußeres achten, davon lassen sich die meisten Menschen blenden“, erklärte er.

„Du meinst, jetzt kannst du dich noch schlechter benehmen?“, knurrte ich.

„So was in der Art“, sagte er fröhlich.

„Lotti will ein Ei!“, sagte meine Tochter.

„Warum frühstückst du nicht mit deiner Familie?“, fragte ich Hagen.

„Das ist meine Familie!“

„Ja, aber was ist mit Tanja und deinen Kindern? Die sind auch deine Familie.“

„Die müssen sich in Ruhe fertigmachen, Locken, Schleifchen, so Weiberkram. Dabei würde ich nur stören.“

„Lotti will ein Ei!“, wiederholte Lotte.

„Jetzt lass uns mal weiter an unserem Problem arbeiten“, sagte Hagen. „Wie können wir Frauen auf den Hof locken?“

„Das ist das Grundproblem. Keusch und arbeitsam müssen sie sein“, erklärte Laurenz.

„Nee, keusch nicht“, widersprach Hagen.

Ich warf ihnen einen bösen Blick zu, aber sie lachten nur.

„So könnt ihr doch nicht vor den Kindern reden!“

„Offenbar doch“, meinte Laurenz.

„Lotti will ein Ei!“, schrie Lotte.

„Nach Meinung vieler Pädagogen ist das pädagogisch nicht zu vertreten!“

„Nach Meinung vieler Wissenschaftler ist die Pädagogik keine richtige Wissenschaft“, konterte Hagen. In seinem Anzug und mit den modisch geschnittenen Haaren sah er seriös und freundlich aus, was kein bisschen zu ihm passte.

„Ihr seid so was von … unmoralisch!“

„Mama, was ist unmolalisch?“, fragte Till.

„Frag deinen Onkel!“, sagte ich.

„Das Falsche, das über das Gesetz hinausgeht.“

„Was ist das Gesetz?“, fragte Till.

„Was man darf und was man nicht darf“, knurrte ich.

„Man darf nach dem Zähneputzen nichts Süßes mehr essen“, erklärte Till.

„Das ist aber nicht strafbar“, sagte Hagen.

Lotte grabschte nach dem Körbchen mit den Eiern und zog es zu sich heran. Dann nahm sie ihren Löffel und klopfte alle Eier nacheinander auf.

„Nein!“, zischte ich sie an. „Das darf die Lotti nicht.“ Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich nicht früher auf sie eingegangen war.

„Was ist strafbar?“, fragte Till.

„Wenn man sich zum Beispiel eine Waffe ohne Waffenschein kauft“, erklärte Hagen.

„Verflucht, könnt ihr nicht das Thema wechseln?“, herrschte ich meine Brüder an.

„Mama, was bedeutet Thema wechseln?“, fragte Till.

Ich nahm Lotte die Eier weg, woraufhin sie brüllte.

Sie beruhigte sich erst, als ich ihr einen original verschlossenen roten Plastikbehälter gab, der auf dem Tisch herumstand.

„Vorsicht, das könnte giftig sein“, warnte Ansgar.

„Warum steht das dann auf dem Esstisch?“, fragte ich und nahm Lotte die Flasche wieder weg. Sie schrie jetzt noch lauter als vorhin.

„Das ist ein Geschenk von Mama für Ansgar“, erklärte Laurenz. Ich sah mich nach einem Ersatz für die Flasche um, fand aber nichts Passendes.

„Für Ansgars Glatze“, stand auf dem Zettel, den Mama an dem Haarwuchsmittel befestigt hatte.

„Ansgar hat doch keine Glatze“, sagte ich.

„Schau mal genau hin, da lichtet es sich aber gewaltig“, sagte Hagen schadenfroh.

„Nur weil du deine paar Büschel so peinlich über deine kahlen Stellen kämmst“, sagte Laurenz.

„Mach es halt so wie ich“, schlug Ansgar vor. Er trug sein dünnes Haupthaar schulterlang und hatte sich zusätzlich einen Vollbart wachsen lassen. „Der Bart lenkt prächtig vom Rest ab.“

Ich schüttelte mich. „Wo ist Mama überhaupt?“

„Tja, da ist was Blödes passiert. Was wolltest du denn von ihr?“

„Nichts, ich wollte nur wissen, wo sie ist.“ Es war schon immer ihre Angewohnheit gewesen, zu kommen und zu gehen, wie es ihr passte. Sie hielt nichts von strikten Essenszeiten oder Höflichkeitsgebaren. Wenn sie satt war, stand sie einfach auf und ging spazieren, las ein Buch oder machte sonst etwas.

„Warum gibst du deinem Affen kein Ei?“, fragte Hagen.

„Sie ist ein Mensch!“, sagte ich böse.

„Sieht man gar nicht“, meinte Hagen.

„Und zu viel Ei ist ungesund! Weißt du, wo der Schnulli ist?“, flüsterte ich Till zu.

„Schnulli?“, wiederholte der laut. „Keine Ahnung, wo der Schnulli ist!“

„Mulli!“, brüllte Lotte los. „Mulli haben!“ Das Geschrei war unerträglich. Hagen reichte Lotti das letzte heile Ei.

„Gib ihr halt wenigstens ein kaputtes, die kann man doch eh nicht aufheben“, fauchte ich ihn an.

Lotti hörte auf zu schreien und strahlte ihren Onkel an.

„Du glaubst doch nicht, dass wir hier irgendwas übriglassen, oder, Sophie?“

Meine Brüder und ihr Appetit, manchmal vergaß ich das.

„Mama, eine böse Freude für dich!“, sagte Till und sah zur Tür. Dort stand mit künstlichen schwarzen Locken in einem rotleuchtenden Dirndl meine Jugendfeindin Katinka.

„Katrinchen! Holst du uns zur Kirche ab?“ Laurenz strahlte sie blödsinnig an.

„Ja, aber beeilt euch, ich hab nur noch zwei Plätze frei und muss noch die Torte holen!“

„Wieso kommt sie zu unserer Familienfeier?“, zischte ich Hagen zu.

„Sie wird Esmeraldas Patentante, hast du das nicht gewusst?“

Ich hatte Katinka schon in unserer gemeinsamen Schulzeit gehasst. Dass sie sich meinen Exfreund Jesko gekrallt hatte, bevor die Tinte auf meinem Mietvertrag in Köln getrocknet war, hatte unser Verhältnis auch nicht gerade verbessert.

Aber dass sie jetzt offenbar zur Familie gehörte, gab mir den Rest. Wie würde sie auf die Neuigkeit reagieren, wenn ich alleinerziehend und schwanger wieder zu Hause einzog?

„Ich geh mit den Kindern zu Fuß“, sagte ich knapp. Niemand hielt mich auf.

Kapitel 6

Als ich mich mit sechzehn in Jesko verliebte, steckte Mama mir zwar ein altbackenes Aufklärungsbüchlein zu, kümmerte sich aber dann nicht weiter um mein Liebesleben. Ich war etwas gekränkt, dass sie nicht mal fragte, ob ich die Pille nahm, andererseits verbot sie mir nie, über Nacht wegzubleiben, was wiederum vorteilhaft war. Jesko war siebzehn, sehnig und süß und wollte am liebsten sofort mit mir zusammenziehen. Er hatte nur einen Fehler, er sah seine Zukunft in Kirchberg und konnte sich nicht vorstellen, je woanders hinzuziehen.

Dagegen hatte ich geplant, noch an meinem achtzehnten Geburtstag zu verschwinden, und sparte mein Taschengeld seit Jahren eisern für meine Flucht.

„Wir haben hier doch alles, deine Familie, meine Familie, die Dorfkneipe, den Schützenverein und sogar Edeka“, argumentierte Jesko wiederholt.

Von all diesen Vorzügen mochte ich nur den riesigen Supermarkt, in dem man sich verstecken konnte und stundenlang nicht gefunden wurde.

„Edeka gibt es überall“, sagte ich.

„Aber die Familie gibt’s nur einmal“, meinte Jesko.

„Ja, eben!“

„Deine Eltern sind gar nicht so übel, wie du sie immer darstellst.“

„Nein, sie sind viel schlimmer.“

Jesko war ein lieber Kerl, aber das mit uns hatte überhaupt keine Zukunft.

Dennoch kränkte es mich, dass er schon eine Woche später mit Katinka ins Kino ging, was Hagen mir brühwarm berichtete. Ich musste mich geradezu dagegen verwehren, mir seine täglichen Statusberichte anzuhören und verbot ihm schließlich, mich anzurufen. Schließlich war ich nach Köln gezogen, um endlich Ruhe vor der Familie zu haben, da brauchte ich keinen Bruder, der mich dauernd belästigte. Und meinen leichten Liebeskummer konnte ich ohne Details aus Jeskos Leben auch besser verwinden.

Hagen checkte das nicht und schickte mir Jeskos Verlobungsfoto mit Katinka. Was wollte er damit erreichen? Glaubte er wirklich, ich würde alles stehen und liegenlassen, um heimzukommen und mir meinen Ex zurückzuholen? Ehrlich gesagt tat mir Jesko sogar ein bisschen leid, denn natürlich sickerte auch durch, dass Katinka die Pille wohl nicht so gewissenhaft eingenommen hatte wie versprochen. Ganz Kirchbach wusste, dass sie ihn hereingelegt hatte und er sich deshalb mit zwanzig für immer binden musste.

Zur Hochzeit ging ich natürlich nicht, obwohl Katinka (nicht Jesko!) mir eine Einladung schickte. Vielleicht hatte sie es nicht überwunden, dass ich in Deutsch die besseren Noten gehabt hatte und wollte, dass ich wenigstens dabei zusah, wie sie an der Liebesfront gewann. Oder hielt sie mich irgendwie für ihre Freundin? Nein, so blöd konnte sogar Katinka nicht sein.

Jedenfalls war ich ihr seitdem meistens aus dem Weg gegangen und Jesko sowieso. Eigentlich war ich ganz Kirchberg aus dem Weg gegangen. Vor meinen seltenen Besuchen ging ich zum Friseur und zur Maniküre und hielt den Aufenthalt so kurz wie möglich. Am liebsten stieg ich mit meinem schönen Mann in seinem Anzug direkt vor der Kirche aus dem Auto, lächelte eine Stunde lang verkrampft und behielt Till während des Gottesdienstes eisern auf dem Schoß, während Lotte in Stans Armen oder dem Maxi-Cosi schlief. Danach machten wir kurzen Small Talk und fuhren sofort nach dem Mittagessen wieder ab. So waren die Taufe von Hagens Tochter Berenike, Laurenz’ Konfirmation und Onkel Theos Konvertieren zum Katholizismus verlaufen. Nichts als anstrengende Tage, die man schnell wieder aus dem Gedächtnis streichen konnte.

Diesmal lief es leider anders. Der Weg zur Kirche war kurz, aber weil Lotti laufen wollte, brauchten wir ewig. Sie blieb alle zwei Meter stehen und entdeckte etwas Neues auf dem Boden.

„Sau, Mama, Dein!“

„Ja, ein wunderschöner Stein!“

„Sau, Mama, Lume.“

„Ja, eine wunderschöne Blume.“

Es langweilte mich tödlich. Andererseits hatten wir den Taufgottesdienst vor uns und der würde mich auch langweilen. Außerdem sah ich schrecklich aus. Ich hatte weder ein schönes Kostüm noch eine hübsche Frisur, sondern trug einen schwarzen Wollpulli über einer Umstandsjeans. Die Haare hatte ich zu einem Knoten geschlungen, damit man nicht sah, wie fettig sie waren. Meine Schminkversuche hatten meine Augenringe nur betont und meine Jacke hatte Flecken. Die Kinder waren hübsch wie je, aber alleine konnte ich sie nicht ausreichend bändigen. Mir graute vor den Blicken der Leute und der Miene des Pfarrers.

Till schob den Buggy mit der Wickeltasche, den Ersatzkleidern und dem Milchfläschchen halb auf dem Gehsteig, halb auf der Straße. Alle drei Minuten fiel etwas heraus und er verstaute es mit großer Begeisterung wieder ungeschickt auf dem Gefährt. Aber wenigstens hatte ich so die Arme frei.

„Kommt der Papa auch?“, fragte Till.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Er hat keine Zeit.“ Stan hatte mir noch immer nicht geschrieben und langsam wurde ich richtig sauer.

„Wieso kommt der Papa nicht?“

„Er muss arbeiten“, sagte ich schnell. Das waren die Kinder doch gewohnt. „Jetzt beeilt euch mal ein bisschen, sonst verpassen wir noch den Anfang.“ Es wäre zwar schön, so viel wie möglich vom Gottesdienst zu verpassen, aber noch schlimmer, zu spät in die Kirche zu platzen.

In diesem Moment fuhr Katinka laut hupend an uns vorbei und bespritzte uns mit einem Schwall Wasser aus einer Pfütze. Sie winkte fröhlich und grinste breit neben Laurenz auf dem Beifahrersitz.

„Die Tante hat mich geduscht!“, schrie Till und hüpfte gleich noch einmal in die Pfütze.

„Mich auch“, knurrte ich und wischte mir das Wasser aus dem Gesicht.

„Lotti auch!“, quietschte Lotte und tat es ihrem Bruder gleich.

„Kommt sofort da raus! Jetzt habt ihr nasse Füße!“, brüllte ich und setzte Lotte gewaltsam in den Buggy. Jetzt sahen nicht mal mehr die Kinder vorzeigbar aus. Dann nahm ich Till energisch an die Hand und bugsierte den Buggy einhändig so rasch wie möglich vorwärts. Er scherte aus und ich versuchte, ihn mit dem Bauch in die richtige Richtung zu schieben, während ich Tills Hand umklammerte. Wie sollte man um Himmels Willen drei Kinder alleine unter Kontrolle bringen? Lieber nicht dran denken. Nur geradeaus marschieren und den Tag überleben.

Wir kamen so spät, dass uns niemand mehr umarmen oder zu einem Gespräch nötigen konnte, aber noch so rechtzeitig, dass wir einen Platz bekamen. Ich verstaute die Kinder auf der Bank und beschwor sie, leise zu sein.

Dann setzte auch schon die Orgel ein und übertönte Tills Protest. Als die Gemeinde sang, atmete ich tief aus. Jetzt konnte ich erstmal eine Stunde lang guten Gewissens sitzen bleiben.

„Wir sind zusammengekommen, um ein freudiges Ereignis zu feiern. Die Taufe von Esmeralda Claudine Diana Bumberger.“ Till kicherte und ich sah ihn streng an.

„Warum heißt das Baby Bumberger?“, fragte er.

„Weil seine Mama so heißt“, flüsterte ich.

„Ich dachte, die heißt Tanja?“

„Es ist ihr Nachname.“

„Warum heißt sie nicht wie Onkel Hagen?“

„Weil sie nicht verheiratet sind. Jetzt sei still!“

„Warum nicht?“
„Weil Onkel Hagen nichts vom Heiraten hält.“

Tante Silvia drehte sich um und sah uns bitterböse an.

„Wir müssen leise sein“, zischte ich Till zu.

„Warum?“

„Das ist ein Gottesdienst. Ein heiliger Ort. Eine wichtige Sache.“

„Warum?“

„Ich geb dir fünfzig Cent, wenn du jetzt den Mund hältst.“

„Okay.“

„Lotti auch Deld!“, mischte sich Lotte ein.

„Ja, ihr kriegt beide Geld, wenn ihr jetzt mucksmäuschenstill seid, viel Geld, pscht!“ Ich legte demonstrativ den Zeigefinger auf die Lippen.

Tante Silvia schüttelte den Kopf und raunte Mama etwas zu. Mama zuckte nur mit den Schultern und sah weiterhin nach vorne. So ein bisschen Bestechung brachte sie bestimmt nicht aus der Fassung.

Als Ansgar achtzehn wurde, hatte er einen kompletten Gottesdienst gefakt und Hagen mit seiner damaligen Freundin Verena verheiratet, in einer feierlichen Zeremonie im Talar. Hagen trug einen Smoking und Verena ein Brautkleid und hinterher gaben sie einen Sektempfang auf dem Kirchhof. Es war zwar ein Samstag, weil die Kirche am Sonntag belegt war, aber es verwirrte die Kirchberger zutiefst. Hagen machte keine Ankündigung und gab keine Erklärungen ab. Bis heute hielten ihn einige von den alten Dorfbewohnerinnen für Verenas Mann.

Umso trauriger für Tanja, dass er keine Lust hatte, sie zu heiraten, denn ihr lag offenbar etwas daran. Im Gegensatz zu mir. Ich hatte eigentlich nie heiraten wollen. Ich war nach Köln gezogen, um endlich frei zu sein. Ganz blöd gelaufen.

Ich hatte bereits drei glückliche Jahre lang in Köln gelebt, als ich meinen Mann auf einer Verbindungsparty in der Uni-Cafeteria kennenlernte. An Stan war mir vor allem seine Sauberkeit aufgefallen. Im Gegensatz zu meinen Brüdern roch er immer gut. Er duschte zweimal täglich, benutzte Aftershave, Deo und sogar Zahnseide. Als er mich zum ersten Mal an sich drückte und ich nichts als sein dezentes Aftershave roch, war es bereits um mich geschehen.

Jesko war zwar auch kein Saubär gewesen, aber er hielt es doch für unnötig, das Bett nur für mich frisch zu beziehen.

Dagegen führte Stan mich in sein weißgestärktes Linnenparadies und verführte mich zwischen gebügelten Laken und aprilfrisch duftenden Kissen. Hinterher kredenzte er mir Cream Tea mit selbstgebackenen Scones, Erdbeermarmelade und genau drei Minuten gezogenem Earl Grey. Zum ersten Mal war ich von einer Tasse Tee geradezu überwältigt.

Zuhause warfen sie vier oder fünf Teebeutel in eine riesige Thermoskanne, füllten kochendes Wasser ein und tranken das Gebräu, das im Laufe des Tages immer dunkler wurde. Wer die Kanne leer machte, musste eine neue kochen, was mir aber selten passierte, weil die letzte Tasse so ekelhaft schmeckte, dass ich schon früh auf Leitungswasser umgestiegen war.

In meinem Studentenapartment hatte ich mich mit Filterkaffee, Saft aus dem Supermarkt und Tetrapakwein begnügt, aber nun führte Stan mich in die Kunst der feinen Küche ein, wo die Gabel zum Fisch und der Wein zum Dessert passen musste. Ich war fasziniert von diesem Mann, der ganz allein ein Vier-Gänge-Menü auf den Tisch bringen konnte, ohne dass auch nur ein Mehlabdruck an seinem Hemd zu sehen war. Natürlich war ich überwältigt, als er mich bereits nach drei Monaten bat, bei ihm einzuziehen.

Anfangs sorgte ich peinlich genau dafür, in seiner Hochglanzwohnung keine Unordnung zu erzeugen. Ich wischte die Dusche nach jeder Benutzung innen aus und saugte täglich nach dem Frühstück die Krümel auf. Mit meinem Stundenplan war das ganz gut vereinbar, da ich nie vor 10 Uhr anfangen musste. Auch mein Nebenjob bei einem Studentenmagazin nötigte mir wenig Energie ab, da sie mich aufgrund meines Germanistikstudiums für megakompetent hielten und so ziemlich alles druckten, was ich mir aus dem Ärmel schüttelte.

Wir hatten eine tolle Zeit, bis Stan von Heiraten und Kindern sprach. Da wurde mir etwas mulmig zumute. Ich war doch erst dreiundzwanzig.

„Worauf willst du noch warten? In Polen heiraten alle in dem Alter.“

„Wir leben aber in Deutschland.“

„Meinen Eltern ist ihre Herkunft sehr wichtig.“

Ehrlich gesagt hatte ich seine polnischen Wurzeln beinahe vergessen. Stan war in Deutschland aufgewachsen, sprach akzentfrei Deutsch und trug den relativ neutralen Namen Nowak.

„Was hat das denn mit deinen Eltern zu tun?“

„Sie wären so glücklich, sie warten schon so lange darauf, endlich ein Enkelkind zu bekommen!“

„Dafür muss man doch nicht heiraten!“

„Du hast recht, Hauptsache, wir bekommen ein Baby. Dein Studium machst du doch locker nebenher. Oder du hörst einfach auf, im Grunde brauchst du das doch gar nicht, um als Journalistin zu arbeiten.“

Ich widersprach energisch, die meisten Redaktionen erwarteten sehr wohl ein abgeschlossenes Studium, aber er winkte ab.

„Du hast den Job als stellvertretende Chefredakteurin von diesem Studentenblatt doch schon so gut wie in der Tasche.“

Es stimmte, dass Caro, meine Chefin, einige Andeutungen in diese Richtung gemacht hatte, weil ihr die Mitarbeiter ausgingen.

„Gerade deswegen will ich jetzt noch nicht schwanger werden.“

„Das machst du doch mit links! Frauen müssen sich heutzutage doch nicht mehr zwischen Kindern und Karriere entscheiden!“, entrüstete Stan sich.

Er war keineswegs ein Chauvi, der seine Frau nur am Herd sehen wollte, er wollte sie neben dem Herd auch noch in der Arbeit, am Spielplatz, im Supermarkt und im Bett sehen.

Naiv, wie ich war, ließ ich mich von seinem pseudofeministischen Gerede einlullen und warf die Pille schließlich in den Müll.

Nur zwei Monate später fing die Misere an. Mir war wochenlang übel, ich hatte Rückenschmerzen und Sodbrennen, und Stans Mutter Agnieszka reiste an, um uns zu helfen. Anfangs war ich überwältigt von ihrer Herzlichkeit. Sie schloss mich sofort in die Arme, drückte mich minutenlang an sich und gab mir polnische Kosenamen.

Im Gegensatz zu meiner Mutter sorgte sie sich um mein Wohlergehen. Ich durfte mich hinsetzen, die Beine hochlegen und sie übernahm den Haushalt.

Es war großartig, solange es mir schlecht ging. Nach dem vierten Monat war die Übelkeit mit einem Schlag wie weggeblasen und ich wollte aufstehen.

„Nie, nie, kochana, du bleibst schön liegen und Mama macht dir ein schönes Tässchen Tee! Wir wollen nichts riskieren!“

Agnieszka verniedlichte alles und bestand darauf, dass ich sie mit Mama ansprach. Ich nannte nicht mal meine eigene Mutter Mama!

„Ja, weil sie so unmütterlich ist. Aber jetzt hast du endlich eine liebe Mama, die alles für dich tut!“, erklärte Stan.

Vielleicht hatte er recht.

Sie nahm mir die Vitamintabletten vom Frauenarzt weg und presste mir frische Säfte. Nichts gegen die Säfte, aber ich wollte meine Tabletten trotzdem gerne nehmen.

„Nie, das ist nur Chemie, das schadet unserem Sonnenscheinchen!“

Plötzlich war keine Rede mehr davon, dass man ein Kind auch ohne Trauschein bekommen konnte.

„Geht doch wenigstens zum Standesamt, es muss ja kein großes Fest werden!“, beschwor sie mich. „Was sollen die Mitschüler sagen, wenn Janek nicht den Namen seines Vaters trägt?“

„Er hat keine Mitschüler, er ist ein Gummibärchen in meinem Bauch“, beschwerte ich mich bei Veronika.

„Ich wusste nicht, dass unser Kind Janek heißt“, beschwerte ich mich abends bei Stan.

„Das war nur so eine Idee von Mamuschka. Aber Jan ist doch ein schöner Name, oder nicht?“

Na ja, vielleicht, aber für mich kam er nicht in Frage.

„Stan, wird sie je wieder abreisen?“

„Natürlich, sobald wir verheiratet sind. Warum sträubst du dich so?“

„Ich weiß es nicht.“ Ich wusste es wirklich nicht.

Ich holte mir Rat bei meiner besten Freundin. Aber anstatt meine Weigerung zu bestärken, riet Veronika mir, einfach zu heiraten.

„Ich habe nichts dagegen, verheiratet zu sein. Ich will bloß kein großes Theater und auf gar keinen Fall, dass meine Familie kommt. Höchstens eine Party mit unseren Freunden, und ich will mich betrinken können. Die Formalitäten sind mir egal.“

„Tu ihm doch den Gefallen. Es dauert doch nur eine Viertelstunde. Danach geht ihr nett essen und das war’s. Es muss doch keiner erfahren. Die große Party macht ihr, wenn das Baby da ist und du wieder Alkohol trinken kannst. Und im schlimmsten Fall bist du mit tausend Euro aus der Sache wieder raus, heutzutage kannst du dich sogar online scheiden lassen!“

Meine Schwiegermutter ignorierte die festgelegten Parameter vollkommen und schleppte mich in ein Brautmodengeschäft.

„Agnieszka, ich zieh einfach mein Kostüm von der Arbeit an.“

„Nein, Kindchen, geht das so nicht. Das ist schönster Tag in deinem Leben!“

Das glaubte ich eher nicht. Sie schnürte mich in einen Haufen Tüll und ich bekam keine Luft mehr.

„Und in gelb können es die Brautjungfern tragen!“, jubelte sie.

„Es gibt keine Brautjungfern!“

Agnieszka verdrehte die Augen und zog einen Schmollmund.

„Wollen Sie trotzdem den Sekt?“, fragte die Verkäuferin.

„Nein danke, ich bin im vierten Monat“, sagte ich stolz.

„Einem Pferd als Geschenk schaut man nicht auf die Zähne!“, sagte Agnieszka und schüttete das Glas auf ex hinunter.

Vor dem Standesamt traute ich meinen Augen nicht: Agnieszka trug das Kleid, das ich im Brautgeschäft abgelehnt hatte. Der Standesbeamte sah uns verwirrt an und gratulierte ihr dann zögerlich.

„Ich bin die Mutter“, sagte Agnieszka stolz. „Ich bin Mutter von diese Prachtexemplar hier!“ Man sah förmlich all die Töpfe Barschtsch vor sich, die sie im Laufe der Jahre in Stan geschüttet hatte.

Das Gute war, dass sie nach der Eheschließung abreisten.

Über die Geburt will ich in unser aller Interesse lieber schweigen. Ich sage nur so viel: Rocky Horror Picture Show!

Stan war dagegen so glücklich, wie man nur sein kann. Er wiegte Till stolz in den Armen, verglich sein winziges Stupsnäschen mit der eigenen Hakennase und stand sogar nachts auf, um ihm sein Fläschchen zu geben.

Als der Dammriss verheilt war und ich wieder zur Arbeit gehen konnte, schien alles doch nicht mehr so schlimm zu sein. Ja, ich hatte etwas zugenommen und bekam nicht mehr genug Schlaf, aber das Baby war wirklich herzig. Tagsüber war ich ja unter erwachsenen Menschen, mit denen man auch mal über etwas anderes als Engelslächeln, Windeln und Möhrchen sprechen konnte. Caro hatte mich tatsächlich zur sogenannten stellvertretenden Chefredakteurin aufrutschen lassen, weil sonst niemand Lust hatte, die grottigen Artikel der freien Möchtegernjournalisten korrekturzulesen. Mir machte es tatsächlich Spaß, nur für mein Studium hatte ich keine Zeit mehr.

Alles hätte gutgehen können, wenn nicht zwei Dinge zur gleichen Zeit passiert wären: Ich wurde erneut schwanger und das Uniblatt ging ein. Von einem Tag auf den anderen war ich arbeitslos und hing kotzend über der Toilette.

Da ich offiziell noch eingeschrieben war, hatte ich kein Recht auf Arbeitslosengeld.

Die zweite Schwangerschaft mit einem bereits existierenden Kleinkind in der Trotzphase war viel schlimmer als die erste. Und als Lotte geboren wurde (dieses Mal sauber per Kaiserschnitt), hatte ich plötzlich einen Mann, der im Referendariat steckte und täglich zwölf bis vierzehn Stunden arbeitete. Auf einmal war ich allein mit zwei kleinen Kindern. Vergessen war der Stan, der nachts für mich aufgestanden war und vormittags das Baby nahm, damit ich zur Arbeit gehen konnte. Ich hatte natürlich auch gar keine Arbeit mehr, zu der ich hätte gehen können, insofern traf es sich auch wieder gut.

Ich nahm nur vereinzelt kleine Aufträge an, Magisterarbeiten korrekturzulesen oder kurze Artikel zu schreiben, wenn beide Kinder mal gleichzeitig schliefen. Und irgendwo zwischen der brüllenden Lotte, dem trotzigen Till und Stans Überstunden war unsere Liebe verreckt. Das letzte, was ich wollte, war ein drittes Kind mit ihm. Ich war auch mit den beiden schon restlos überfordert. Und alleinerziehend zu sein, stellte ich mir schon mit zwei Kindern wie die Hölle vor. Ein drittes würde ich nicht schaffen, niemals. Wahrscheinlich waren wir mittlerweile sowieso getrennt. Zumindest hatte er sich kein einziges Mal gemeldet, seit ich die Kinder gepackt und nach Kirchbach gefahren war.

Lotte riss mich aus meinen Gedanken. Sie rutschte unruhig auf meinem Schoß hin und her und Till zeigte aufgeregt nach vorne. Gott sei Dank, der Gottesdienst war beinahe überstanden.

„Und deshalb bitten wir nun den heiligen Geist, über uns zu kommen und uns zu segnen!“ In fünf Minuten war der Spuk vorbei und ich war froh, dass wir nicht negativ aufgefallen waren.

Der Pfarrer wedelte mit den Armen in der Luft und ließ sich theatralisch auf die Knie sinken. Er legte die Arme über seinen Kopf nach vorne und küsste den Boden.

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    Mara Winter (Autor)

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Titel: Das Glück fällt, wohin es will