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Cottage mit Mord

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Constable Evan Evans in den Bergen von Llanfair, Wales, ein wunderschönes Hirtenhaus entdeckt, sind er und seine Verlobte begeistert. Es dauert nur noch wenige Monate bis zu ihrer Hochzeit und sie können es kaum erwarten, ihr neues Leben zusammen zu beginnen. Das Cottage ist renovierungsbedürftig, sodass Evan keine Zeit verschwendet, bevor er mit den dringend benötigten Reparaturen beginnt. Doch Evans Entdeckung geht weit über die Schönheit eines Berggipfels und eines gemütlichen Traumhauses hinaus ...

Als Evan das Skelett eines Kindes im Vorgarten begraben findet, will er nicht ruhen bis er dessen Identität aufdeckt hat. Das Skelett ist Jahrzehnte alt, aber sein Fund fällt auf unheimliche Weise mit dem aktuellen Fall eines vermissten Mädchens zusammen. Obwohl er von seinen Detektivkollegen entmutigt wird, taucht Evan in das Geheimnis der beiden vermissten Kinder ein. Und er merkt schnell, dass die Lösung des vergangenen Falls möglicherweise einen entscheidenden Einblick in den Aufenthaltsort jenes Kindes gibt, das heute vermisst wird ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe September 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-698-4

Copyright © April 2004 by Rhys Bowen. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Evan’s Gate

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
Unter Verwendung von Motiven von © JazzLove/shutterstock.com und © Helen Hotson/shutterstock.com
Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Danksagung

Ich muss mehreren Menschen für ihre Hilfe bei diesem Buch danken.

An erster Stelle meinem Freund Paul Henshaw von der Polizei Südwales, der wieder einmal so nett war, meine Fragen zu beantworten. Außerdem hat er mich mit Detective Inspector Chris Parsons von der Polizei Südwales bekannt gemacht, der mir Informationen über Kindesentführungen im Vereinigten Königreich gegeben hat.

Dr. P. Willey, Professor für forensische Anthropologie an der Chico State University, war so liebenswürdig, mir seine Zeit zu schenken und mein Wissen über die Identifizierung und Datierung eines Skeletts zu festigen.

Und wie üblich halfen Clare, Jane und John mir mit ihren ausgezeichneten Anregungen.

Dieses Buch ist Jane Finnis gewidmet, die seit vierzig Jahren meine Freundin ist (ja, wir lernten uns bereits als Kinder kennen). Sie schrieb mit mir Songs, war die andere Hälfte meines Kabarett-Duos, meine Informationsquelle zur Nationalpark-Verwaltung und folgt mir jetzt mit der Veröffentlichung ihres ersten Romans in mein aktuelles Beschäftigungsfeld.

Außerdem geht eine besondere Widmung an Jan Telesky, die Höchstbietende bei einer Wohltätigkeits-Auktion der English Speaking Union, die damit das Recht erwarb, in diesem Buch aufzutreten. Ich hoffe, sie ist mit ihrem Charakter zufrieden, und es tut mir leid, dass ich keinen Weg fand, ihr Talent für Gesellschaftstänze einzubauen. Sie wissen ja, dass Evan ein schlechter Tänzer ist!

Glossar walisischer Begriffe

Cariad (sprich: ca-ri-ad) – Liebes, Liebling

Hywl (hoil) – hallo, tschüss, bis bald. Ein freundlicher Gruß, der viele Bedeutungen hat.

Bach/fach (gesprochen wie der Komponist) – wörtlich: „klein“. Ein Kosewort.

Escob Annwyl (es-cobe an-whiel) – wörtlich: „lieber Bischof“. Ein Ausruf wie „du liebe Güte“.

Nain (nein) – Großmutter (Nordwalisisch)

Taid (teid) – Großvater (Nordwalisisch)

Twlwyth Teg (tul-with teg) – Das schöne Volk. Feen.

Bore Da (burei dah) – guten Tag

Noson Lawen (nos-on l-ow-en) – Festabend

Tomos Dau (Thomas Die) – Thomas Zwei, zweimal Thomas. Spitzname für Tomos Thomas.

Cwm Rhondda (kuhm rontha) – Rhondda-Tal (hier: Name eines Kirchenliedes)

Pedwar (pedw-ar) – vier

Cachwr (kahk-er) – schwaches Schimpfwort, „Mistkerl“.

Or gore (or gor-ey) – alles klar

Hen diawl (hen di-aul) – alter Teufel

Prolog

Das kleine Mädchen lief über das federnde Gras des Berghanges, wobei ihre tänzelnden Schritte das Gras kaum niederdrückten, sodass sie völlig gewichtslos wirkte; ein fröhlicher Geist ohne Kontakt zum Erdboden. Ihr langes, blondes Haar wehte hinter ihr ihm Wind und sie summte vor sich hin, während sie immer höher stieg.

Als sie die Hochweide erreichte und sich die Welt zu ihren Füßen ausbreitete, blieb sie einen Augenblick lang still stehen, atmete durch und sah sich erwartungsvoll um. Dann keuchte sie. Da war es, genau so, wie sie es sich ausgemalt hatte. Sie quietschte vergnügt und rannte ihrem Schicksal entgegen.

Kapitel 1

Suzanne Bosley-Thomas saß in ihrem Auto und starrte in die kahle Landschaft. Schnee bedeckte die Gipfel entlang des Wanderweges „Snowdon Horseshoe“ und bleierne Wolken versprachen weiteren Schneefall. Verdammtes Wales, dachte sie. Es ist Mitte Mai, zur Hölle, aber hier herrscht immer noch der beschissene Winter.

„Gott, ich hasse es hier“, sagte sie laut. „Ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen.“

Du musst nicht reingehen, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Starte den Motor und fahr gleich wieder nach Hause. Niemand wird je erfahren, dass du hier warst. Der Gedanke war so verlockend, dass ihre Hand zum Autoschlüssel wanderte. Doch dann zog sie den Schlüssel heraus, ließ ihn in ihre Handtasche fallen und zog den Reißverschluss ihres Anoraks bis zum Kinn zu. Sie konnte nicht riskieren, draußen zu bleiben und nicht an dieser Farce teilzunehmen. Es stand zu viel auf dem Spiel.

Der Wind blies so kräftig, dass er ihr beim Aussteigen beinahe die Autotür aus der Hand riss. Er nahm ihr den Atem und ließ ihre Augen tränen, während sie über den Parkplatz zum Hotel Everest Inn eilte. Als sie einen ersten Blick darauf erhaschte, zuckte sie überrascht zusammen und fragte sich kurz, ob sie halluzinierte.

Das Everest Inn ähnelte mit seinen geschnitzten Holzbalkonen und den Geranienkästen einem riesigen schweizer Chalet. Es sah völlig anders aus als die simplen, grauen Steinhäuser der Dörfer, durch die sie durchgekommen war. Die schneebedeckten Berge im Hintergrund passten gut zur schweizer Kulisse.

„Surreal“, murmelte sie. „Surreal“ beschrieb gut, wie sie sich gerade fühlte. An der Eingangstür aus Ätzglasscheiben zögerte sie erneut. Deine letzte Chance, wiederholte die Stimme in ihrem Kopf. Zurück zum Auto, den Pass hinunter und zur A55, dann bist du in einer Stunde wieder in England.

Sie atmete tief durch, wischte sich das Haar aus dem Gesicht und trat ein. Wärme und sanfte Musik empfingen sie. Das Foyer war ein großer, offener Bereich. Ein steinerner Kamin nahm den Großteil einer Wand ein. Ihr Blick glitt über den Empfangstresen aus Messing und poliertem Holz zur breiten, mit Teppich bedeckten Treppe. Hier hatte man keine Kosten gescheut. Als sie die Gruppe entdeckte, erstarrte sie. Drei Männer saßen an dem runden Kaffeetisch beim Feuer – das waren sie, oder? Ja, sie erkannte ihren Bruder, Henry. Er sah aus wie ihr Vater in dem Alter. Die Ähnlichkeit war so verblüffend, dass sie erschauderte und zur Eingangstür blickte. Es regnete jetzt, Schneeregen prasselte gegen das Glas.

„Kann ich Ihnen helfen, Madam?“, fragte die junge Frau an der Rezeption. Im selben Augenblick sah einer der Männer auf und sagte: „Da ist sie ja.“ Er stand auf. „Suzie!“, rief er und kam herüber, um sie zu begrüßen. „Du musst Suzie sein. Du hast dich kein bisschen verändert. Meine Güte, deine Hände sind ja eisig. Komm ans Feuer.“

„Verdammtes Wales“, sagte sie und lachte verlegen, als er ihre Hand nahm. „Es war hier nicht immer so kalt, oder?“

„Wir waren immer im August hier und ich glaube, im August schneit es selbst in Wales nicht. Komm her und wärm dich auf. Wir haben eine frische Kanne Tee. Willst du auch etwas essen?“

„Ein Tee wäre wunderbar, danke.“ Sie hockte sich auf die Kante des Ledersessels, den er für sie herangezogen hatte. „Entschuldige bitte, wenn das sehr unhöflich klingt, aber ich weiß nicht genau, wer du bist.“

Der Mann lachte. Er hatte ein attraktives Gesicht, wie man es üblicherweise in einer Parfumwerbung sehen würde, regelmäßige, weiße Zähne und eine tolle Bräune. Dunkle Locken hingen über seinen Kragen, etwas zu lang, um gesellschaftlich akzeptabel zu sein. Er trug einen Designer-Pullover, gestrickt und mit senkrechten Streifen. Suzanne hatte so einen in einer Modezeitschrift gesehen und wusste, dass sie schrecklich teuer waren.

„Ich bin dein verloren geglaubter Cousin Val, Herzchen“, sagte er. „Du würdest eine miese Ermittlerin abgeben, Mädchen. Deinen Bruder musst du erkannt haben, was nur noch zwei von uns übriglässt, und einer ist ein Priester.“

Suzanne errötete, als sie zum dritten Mann blickte und sah, dass er tatsächlich einen Priesterkragen trug.

„Es tut mir leid“, sagte sie, als er sich ebenfalls erhob. „Dann musst du mein Cousin Nick sein. Ich wusste nicht, dass du Priester geworden bist.“

„Na ja, wir hatten nicht gerade häufig Kontakt, oder?“ Nick streckte ihr seine Hand entgegen. Er hatte ein freundliches, offenes Gesicht und zeigte ihr ein schüchternes, jungenhaftes Lächeln. „Schön dich wiederzusehen, Suzanne.“

„Mummy hat mir nur erzählt, dass du vor Jahren nach Kanada gezogen bist.“

„Genau“, sagte er und jetzt fiel ihr auch der kanadische Akzent auf. „Ich ging sofort nach Toronto, als ich mit der Universität fertig war. Ein paar Jahre später zog ich nach Montreal und beschloss, mich fürs Priesteramt ausbilden zu lassen. Ich bin jetzt seit fünf Jahren Priester.“

„Diese Familie hat weiß Gott einen geweihten Menschen nötig gehabt“, sagte Val und lachte wieder.

Suzannes Blick war zu ihrem Bruder gewandert, der bislang noch kein Wort gesagt hatte. Er lächelte nicht. Jetzt, da sie die Gelegenheit hatte, sein Gesicht zu betrachten, stellte sie entsetzt fest, wie alt er wirkte. Er konnte nicht älter als siebenunddreißig sein, aber er sah aus wie ein Mann mittleren Alters. Sein Haar wurde an den Seiten grau, so wie das ihres Vaters, und tiefe Sorgenfalten hatten sich in seine Stirn gegraben. Er bemerkte, dass sie ihn anstarrte und nickte ihr mit ernstem Blick zu.

„Hallo, Suzie. Schön, dich wiederzusehen. Wie ist es dir ergangen?“

„Ich kann mich nicht beklagen, Henry.“

„Arbeitest du noch immer für Dings?“

„Ja, ich arbeite noch für Dings.“

„Wie heißt er denn?“, fragte Val. „Was soll die Geheimnistuerei?“

„Gar nichts. Wenn ich mich recht entsinne, tat Henry immer so, als könnte er sich nicht an die Namen meiner Freunde erinnern.“ Als würde er beweisen, dass sie unwichtig waren, indem er ihnen keine Namen gab, dachte sie.

„Ich weiß, dass es dieser Archäologe ist, aber ich kann mich wirklich nicht an seinen Namen erinnern. Tut mir leid“, sagte Henry. „Er hat diese Bücher über Tunesien geschrieben, nicht wahr?“

„Toby Handwell. Dieser Tage Sir Toby Handwell.“

„Ist er noch verheiratet?“, fragte Henry und lehnte sich vor, um nach seiner Teetasse zu greifen.

„Warum? Stehst du auf ihn?“

Die beiden anderen Männer lachten, und sie stellte mit einem Anflug von Vergnügen fest, dass sie ihren Bruder aus dem Konzept gebracht hatte. Sie würde ihm nicht mehr so ein einfaches Ziel wie früher bieten.

„Hier, trink etwas Tee, ehe er kalt wird.“ Nick reichte ihr eine Tasse. „Milch und Zucker?“

„Keinen Zucker bitte. Der ist schlecht für die Figur.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dir darum Sorgen machen musst“, sagte Val. „Du siehst fantastisch aus. Genau wie die Teenagerin aus meiner Erinnerung. Im Gegensatz zu unserem alten Henry hier, der aussieht, als müsste er alle Sorgen der Welt auf seinen Schultern herumschleppen.“

„Meine Tätigkeit als Anwalt ist recht anstrengend. Und seit Dad diese Position abgetreten hat, scheine ich die Familiengeschäfte übernehmen zu müssen. Die Sache mit Großvaters Anwesen und den Grundstücken hier ist sehr kompliziert.“

„Dann hat er ein Testament gemacht, ja?“ Suzanne versuchte, nur leicht interessiert zu klingen. „Geht es darum?“

„Sein Testament wurde schon vor Jahren aufgesetzt. Alles ganz unkompliziert. Ich bekomme Maes Gwyn. Alles andere wird verkauft und ihr bekommt das Geld zu gleichen Teilen.“

„Um was geht es da eigentlich noch? Abgesehen von dem Hof meine ich“, wollte Val wissen. „Ich habe keine Ahnung, wie viel Geld Großvater hat. Wenn man ihn ansieht, würde man glauben, er hätte keine zwei Pennies in der Tasche. Trägt er immer noch diese schreckliche Stoffmütze?“

„Allerdings.“ Henry lachte. „Hört mal, ich sollte euch das eigentlich nicht erzählen. Der Alte ist noch nicht tot und es sieht nicht so aus, als würde er bald sterben.“

„Dann hast du ihn schon gesehen?“, fragte Nick.

„Ja, ich bin auf dem Hof untergekommen.“

„Ist das so? Warum hat er uns dann nicht eingeladen?“, wollte Suzanne wissen.

„Ich habe mich selbst eingeladen. Ich dachte, wenn ich den Hof eines Tages erbe, sollte ich ein Gefühl dafür haben, wie er geführt wird.“

„Bewirtschaftet er ihn in seinem Alter immer noch selbst?“, fragte Nick.

„Er hat einen Betriebsleiter eingestellt, aber er ist noch überraschend fit“, sagte Henry. „Natürlich hat er die meisten seiner Schafe beim Ausbruch der Maul- und Klauenseuche verloren, aber er ist eifrig bei der Nachzucht.“

„Du denkst doch nicht ernsthaft darüber nach, eines Tages auf Maes Gwyn zu leben, oder?“, fragte Suzanne und starrte ihren Bruder an.

„Großvater will nicht verkaufen und es ist ein gutes Grundstück. Vielleicht ziehe ich mich früher aus meiner Rolle als Anwalt zurück. Den Landjunker zu spielen, klingt eigentlich ganz nett.“

„Aber könntest du das, nach allem, was passiert ist?“, fragte Nick. „Ich musste lange darüber nachdenken, ob ich auch nur für einen Besuch hierher zurückkommen will.“

„Ich auch“, gestand Suzanne. „Ich hätte beinahe gewendet und wäre direkt wieder nach Hause gefahren.“

„Ach kommt schon, ihr zwei. Das ist lange her“, sagte Val. „Es war furchtbar, aber wir können jetzt nichts mehr daran ändern. Es hat keinen Zweck, sich so sehr mit der Vergangenheit aufzuhalten, dass man nicht mit der Gegenwart zurechtkommt. Wenn Henry auf Maes Gwyn leben möchte, wünsche ich ihm dafür viel Glück.“

„Die Diskussion ist ohnehin überflüssig. Großvater wird vermutlich erst sterben, wenn ich längst selbst mit einem Rollator unterwegs bin“, sagte Henry und versuchte sich an einem trockenen Lachen, das eher nach Husten klang. „Wartet nur, bis ihr ihn seht. Niemand würde glauben, dass er achtzig geworden ist.“

„Deswegen sind wir also hier?“, bohrte Suzanne. „Er will ein großes Fest zu seinem achtzigsten Geburtstag feiern?“

„Das habe ich auch gehört“, sagte Henry. „Es wird ein großes Festzelt und Catering geben.“

„Mein Gott ... ein Festzelt. Das wird vermutlich unter dem Gewicht des Schnees zusammenbrechen“, sagte Val kichernd.

„Wo wohnt ihr anderen denn?“, fragte Suzanne.

„Hier“, sagte Val. „Das schien mir praktisch und gemütlich.“

„Aber ist es nicht ... furchtbar teuer?“ Suzanne sah sich um.

„Es kostet ein Vermögen, aber was soll’s? Man lebt nur einmal und ich nehme mir sicher keins dieser öden Bed-and-Breakfasts. Wo bist du denn untergekommen, Suzie?“

„In einem dieser öden Bed-and-Breakfasts“, sagte sie. „Und du, Nick?“

„Nick hat bestimmt in einem spartanischen Kloster Zuflucht gefunden“, sagte Val und grinste seinen Bruder an.

„Tatsächlich wohne ich auch hier“, sagte Nick und in seinem Gesicht strahlte wieder dieses jungenhafte Grinsen.

„Meine Güte. Der Klerus muss in Kanada besser bezahlt werden als in England.“

„Ich lebe den ganzen Rest des Jahres sehr genügsam.“ Nick lief rot an. „Ich wüsste nicht, warum ich es mir nicht gutgehen lassen sollte, wenn ich reise.“

„Du folgst eindeutig dem Vorbild der Borgia-Päpste“, sagte Henry trocken. „Und die waren im Vatikan nicht gerade knausrig, oder?“

„Die Stadt ist zur Ehre Gottes erbaut, Henry“, sagte Nick. „Da sollte man nicht knausrig sein, oder?“

„Wenn er denn existiert, Nick.“ Henry griff nach der Teekanne und füllte seine Tasse. „Was ich durchaus bezweifle. Willst du noch Tee, Suzie?“

„Gerne. Mir war nicht bewusst, wie sehr ich friere. Hier ist es so angenehm warm.“ Sie nahm die Tasse mit der heißen Flüssigkeit in beide Hände. „Wer kommt denn alles zu dieser Party? Doch nicht Vater, oder?“

„Oh doch. Er wird da sein.“

„Mit seiner aktuellen Frau?“

„Keine Frau, weder eine aktuelle noch sonst eine, da Mutter sicher nicht kommen wird.“

„Keine zehn Pferde könnten sie dazu bringen; ich glaube, das waren ihre Worte. Und was ist mit deiner Frau, Henry?“

„Die kommt auch nicht. Sie war der Meinung, dieser Anlass sei nur für Familienmitglieder, weil es etwas unangenehm werden könnte. Und Camilla meidet alles Unangenehme.“

„Dann also keine Lebenspartner“, sagte Val. „Nur wir vier. Wie angenehm. Du bist im Augenblick nicht verheiratet, nehme ich an, Suzie?“

Sie versuchte, nicht rot anzulaufen, aber ohne Erfolg. „Nein, Val. Ich bin seit sechs Jahren nicht mehr verheiratet gewesen. Seit ich mich von Carl getrennt habe.“

„Und das Kind? Ihr hattet doch ein Kind, oder?“

„Charlie? Er ist bei der Armee.“

„Was in aller Welt hat ihn zur Armee getrieben? Was für ein lächerlicher Gedanke“, sagte Henry.

„Das Geld reicht nicht für die Universität“, sagte Suzanne und blickte ihren Bruder direkt an. „Die Optionen sind beschränkt, wenn kein Geld da ist, und er interessiert sich für mechanische Dinge.“

Nick lehnte sich auf seinem Stuhl vor. „Du hast einen Sohn in der Armee? Ich hatte keine Ahnung. Ist es schon so lange her?“

„Sie war sehr jung, als sie ihn zur Welt gebracht hat, wenn du dich erinnerst“, sagte Henry und dieses Mal lag ein Hauch eines Lächelns auf seinen Lippen.

„Du hast immer noch keine eigenen Kinder, Henry?“, entgegnete Suzanne. „Du legst dich besser ins Zeug. Wäre doch schade, wenn niemand da ist, um all die prächtigen Grundstücke zu erben.“

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Treffer, dachte sie und war sehr zufrieden mit sich.

„Mir ist aufgefallen, dass Val über uns alle Bescheid wissen will, aber nichts von seinem eigenen Privatleben preisgibt“, sagte Nick und blickte seinen Bruder fragend an. „Ist es nicht auch für dich alten Mann an der Zeit, in den Hafen der Ehe einzulaufen, Val? Du wirst nicht ewig jung und attraktiv bleiben, weißt du?“

„Ein Grund mehr, das Beste daraus zu machen, solange ich noch kann“, sagte Val unbeschwert. „Sollen wir heute Abend hier essen? Ich hörte, sie haben einen vorzüglichen Weinkeller. Und ich für meinen Teil habe keine Lust, den Elementen zu trotzen, um einen besseren Ort zu finden.“

„Ich weiß nicht, ob ...“, hob Suzanne an, aber Val tätschelte ihr Knie.

„Das geht natürlich auf mich“, sagte er.

„Gute Idee“, sagte Nick. „Wir haben immerhin Grund zum Feiern. Wir sind zum ersten Mal wieder alle zusammen, seit ... seit unserer Kindheit. Das muss eindeutig gefeiert werden. Lasst uns gleich eine Flasche Champagner bestellen.“ Er winkte einer Bedienung.

Suzanne beobachtete ihn interessiert. Er war nicht gerade bescheiden, wie die englischen Priester, die auf Fahrrädern herumfuhren und von gespendeten Nahrungsmitteln lebten. Und Val war auch nicht gerade der brotlose Künstler. Wie kam es, dass es der Rest ihrer Familie so gut getroffen hatte, während sie immer noch in einer Dachgeschosswohnung in Clapham lebte? Wie konnte es sein, dass sie alle so entspannt wirkten? Jetzt drehte sich die erste angeregte Unterhaltung des Abends um die Vorzüge der Champagner-Karte. Hatten sie Sarah völlig vergessen? Warum sind wir hier?, wollte sie schreien.

Kapitel 2

Der Wind blies den beiden Männern direkt ins Gesicht, als sie den Felsvorsprung auf halber Höhe des Hanges erreichten. Einer der beiden keuchte heftig, ein schmaler Kerl mit einem Regenumhang über dem Geschäftsanzug.

„Ein ziemlicher Anstieg, was, Mr. Evans?“, bekam er zwischen den Atemzügen heraus. „Ich verstehe nicht, warum Sie hier oben leben wollen.“ Er betrachtete mit Abneigung die Ruine eines alten Cottages, das nur noch aus vier Steinwänden mit klaffenden Löchern bestand, wo einst Eingangstür und Fenster gewesen waren.

„Aber schauen Sie sich die Aussicht an, Mr. Pilcher.“ Evan Evans wandte dem Cottage den Rücken zu und betrachtete die schneebedeckten Gipfel, die den Horizont bildeten. „Und Sie sollten hier mal einen Sonnenuntergang erleben. An einem schönen Tag ist das spektakulär.“

„Sie werden es sich noch mal überlegen, wenn Sie jeden Samstag mit dem Wocheneinkauf hier rauflatschen müssen“, sagte der erste Mann und grinste.

„Sie vergessen, dass ich daran gewöhnt bin.“ Evan Evans lächelte. Er war jünger, breiter gebaut und trainierter als der andere Mann, hatte unordentliches, dunkles Haar und ein gesundes, jungenhaftes Aussehen, das den Frauen zu gefallen schien. Er trug einen marineblauen Pullover und eine Kordhose und schien den feinen Regen gar nicht zu bemerken. „Ich bin hier in der Gegend geboren und aufgewachsen. Wir haben die Berge im Blut.“

„Na, besser Sie als ich, Kumpel.“ Mr. Pilcher zog sich die Kapuze seines Regenmantels über den Kopf.

„Sie sind wohl nicht von hier, was?“, fragte Evan, obwohl er an seinem Akzent und der Tatsache, dass sie sich auf Englisch unterhielten, schon erkannt hatte, dass die Annahme zutraf.

„Ich bin aus Lancashire, Kumpel. Ich habe im Lake District National Park gearbeitet, bis ich hierher versetzt wurde. Es ist nicht allzu schlimm, weil ich am Wochenende noch immer zu meinen Eltern flitzen kann, aber die Waliser sind ein seltsamer Haufen. Daran muss man sich erst gewöhnen.“

Da Evan offensichtlich selbst Waliser war, fand er diese Bemerkung nicht gerade taktvoll, aber er war zu dem Schluss gekommen, dass die Angestellten des Nationalparks Höflichkeit nicht als Teil ihrer Arbeit betrachteten. Er musste diesen Bürohengst bei Laune halten, sonst würde er gar nichts erreichen.

„Also sieht es dieses Mal gut aus, ja?“, fragte er. „Wurde die Baugenehmigung endlich erteilt? Ich warte jetzt schon seit einem Jahr auf Neuigkeiten.“

„Theoretisch, ja.“ Mr. Pilcher sog Luft zwischen den Zähnen hindurch. „Natürlich muss der Kerl vom Denkmalschutz sich die Sache ansehen.“

„Denkmalschutz? Dieses Haus?“ Evan starrte ungläubig auf die baufällige Ruine. „Es war ein altes Schäfer-Cottage, ehe es von ein paar Engländern luxussaniert wurde.“

„Aber werfen Sie mal einen Blick auf diese Mauern, Junge“, sagte Mr. Pilcher. Er ging vorsichtig zum Cottage hinüber und trat halbherzig gegen das Mauerwerk. „Schauen Sie sich die Dicke an und den verwendeten Mörtel. Die müssen von vor achtzehnhundert sein, vielleicht sogar aus dem siebzehnten Jahrhundert, was das Gebäude automatisch unter Denkmalschutz stellen würde. Und wer weiß, was das Fundament ist? Es steht womöglich auf den originalen Fundamenten einer Bergfeste.“

„Eine Bergfeste?“ Diese Angelegenheit wurde mit jeder Minute lächerlicher. Evan hatte jetzt schon mehrfach mit der Nationalparkverwaltung zu tun gehabt, und jedes Mal hatte ihn danach das Gefühl beschlichen, sich in eine Grauzone der Bürokratie begeben zu haben.

„Hören Sie, es ist bloß ein altes Schäfer-Cottage, und ich möchte nur ein Dach daraufsetzen und darin leben“, sagte er.

„Immer mit der Ruhe, Kumpel“, sagte Mr. Pilcher. „Ich verstehe ihre Frustration, aber solche Dinge kann man nicht übers Knie brechen. Wir müssen sicherstellen, dass die Integrität des Nationalparks gewahrt bleibt.“

„Ich will ja keine Pagode oder einen Pool bauen und noch nicht mal Plastikflamingos aufstellen.“ Evan spürte, wie sich sein Gemüt erhitzte. „Ich möchte es nur wieder bewohnbar machen, so wie es immer war. Was ist so kompliziert daran?“

„Hören Sie, Junge, ich kann Ihren Antrag auch einfach ablehnen, wenn mir danach ist“, sagte Mr. Pilcher. „Die Verwaltung ist immer dafür zu haben, die Anzahl der Wohnhäuser im Nationalpark zu reduzieren.“

Evan hatte bei seinen Worten an ihm vorbeigestarrt und versucht, Ruhe zu bewahren. Sein Blick folgte der Straße den Pass hinauf, durch das Dorf Llanfair, das direkt unter ihnen lag, und dann weiter – bis er auf dem Everest Inn ruhte.

„Augenblick mal“, sagte er. „Was ist mit dem Hotel da unten? Das wurde erst vor fünf Jahren gebaut. Wie haben die ihre Genehmigung bekommen? Und erzählen Sie mir nicht, dass schweizer Chalets einst Teil der walisischen Bergwelt waren.“

„Ah, nun.“ Mr. Pilcher räusperte sich. „Soweit ich weiß, haben sie eine großzügige Spende an den CAE gemacht – den Font für Regionalentwicklung.“

„Wenn ich gewusst hätte, dass man mit Bestechung weiterkommt, hätte ich das schon im vergangenen Jahr probiert, anstatt geduldig all diese Planungsausschüsse abzuwarten“, sagte Evan. „Das war ein Scherz“, fügte er eilig hinzu.

Ein kurzer Blick zu dem Mann zeigte ihm, dass der offensichtlich keinen Sinn für Humor hatte, oder zumindest nicht Evans Humor teilte. Vielleicht konnte er sich amüsieren, wenn er einen Antrag ablehnte, aber Ironie ging wohl über seinen Verstand hinaus.

„Hören Sie“, Evan versuchte es mit einer neuen Strategie, „ich werde im Sommer heiraten. Sie träumt davon, direkt nach den Flitterwochen hier einzuziehen, und sie wissen doch, wie Frauen sind, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Das hier ist nicht Caernarfon Castle, oder? Es ist ein kleines Cottage, das man von der Straße aus nicht einmal sehen kann, und ich möchte nur das Dach reparieren und einziehen. Ist das wirklich so schwer? Wenn Sie heute ihre Inspektion machen und grundsätzlich zustimmen, kann der Kerl vom Denkmalschutz sich das ansehen und dann kann ich endlich anfangen. Ich möchte das meiste selbst machen, wissen Sie? Und wenn ich Fachkräfte brauche, geht die Arbeit an hiesige Firmen – ich werde die Wirtschaft stärken, dafür ist der Entwicklungsfont doch da, oder?“

Mr. Pilcher ging um das Cottage herum. In den zwei Jahren, die es verlassen dagestanden hatte, war der ehemalige Garten verwildert und Mr. Pilcher bewegte sich vorsichtig und mit Abneigung durch die wuchernden Pflanzen. „Im Augenblick ist hier nicht viel zu sehen“, sagte er. „Sie haben Pläne eingereicht?“

„Die sind in der Akte, die sie da in der Hand halten.“

„Oh. Natürlich. Dann schauen wir doch mal.“ Er schlug die Akte auf. „Oh je. Das wird nicht gehen.“

„Was?“

„Man wird Ihnen hier oben keinen Gastank genehmigen.“

„Die vorherigen Bewohner hatten auch einen.“

„Die Planungsausschüsse sind mittlerweile anders besetzt. Keine Gastanks mehr, es sei denn, sie kommen unter die Erde. Das ist kein schöner Anblick. Wir müssen an die Integrität der Landschaft denken und an die Touristen. Die wollen hübsche Schäfer-Cottages sehen, und keine unansehnlichen Gastanks.“

„Wie soll ich dann das Haus heizen?“, wollte Evan wissen. „Soll ich in die Hochmoore raufklettern und mir etwas Torf stechen?“

„Sie könnten einen Öltank unter die Erde legen und eine ölbetriebene Zentralheizung einbauen. Warum holen Sie sich nicht einen AGA-Herd?“

„Einen AGA? Die sind verdammt teuer.“

„Aber damit könnten Sie gleichzeitig kochen und heizen, nicht wahr? Und ein denkmalgeschütztes Gebäude wiederaufzubauen wird ohnehin teuer. Sie könnten es sich immer noch anders überlegen und sich für einen Sozialbau bewerben, Kumpel. Einheimische Polizisten haben da Vorrang, oder?“

Evan fragte sich, wie Mr. Pilcher sich so lange auf diesem Posten gehalten hatte. Er musste doch bei anderen Antragstellern ähnlich gewalttätige Gedanken ausgelöst haben. Er spürte, dass der Mistkerl ihn provozierte, darauf wartete, dass Evan die Beherrschung verlor, damit er eine Ausrede dafür hatte, sein Projekt abzulehnen. Aber das würde Evan nicht zulassen.

„Na gut. Wir werden über eine alternative Heizung nachdenken“, sagte er. „Was muss sonst noch getan werden? Das Haus war schon mal an die Hauptwasserleitung angeschlossen – wir müssten die Verbindung nur wiederherstellen. Und einen Klärbehälter gibt es auch schon.“

„Das müsste überprüft werden – die Abwasserleitung und der Tank auch. Sie müssen sich von einem Klempner die Integrität bestätigen lassen.“

„Integrität“ war offensichtlich gerade Pilchers Lieblingswort. Evan fragte sich, ob er zu Weihnachten einen dieser Kalender bekommen hatte, die einem jeden Tag ein neues Wort beibrachten. „Natürlich.“ Evan nickte. „Das sollte kein Problem sein. Wie bekommen wir denn den Gutachter vom Denkmalschutz hier rauf?“

Ehe Mr. Pilcher antworten konnte, meldete sich Evans Piepser an seiner Hüfte. „Verdammt“, murmelte er, nachdem er ihn in die Hand genommen hatte. „Ich fürchte, ich muss runter zu einem Telefon. Das ist mein Chef. Schauen Sie sich hier gerne um, so lange Sie wollen, obwohl es nicht viel zu sehen gibt, wie ich bereits sagte. Vier Wände und ein Boden. Das ist schon alles. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, hier heraufzukommen.“

„Wir brauchen das Zertifikat über die Inspektion des Klärbehälters und einen neuen Vorschlag für die Heizung, ehe wir fortfahren können.

„Natürlich. Ich lasse Ihnen beides in den nächsten Tagen zukommen. Ich möchte jeden schönen Sommertag nutzen, den wir hier bekommen.“

„Es könnte den ganzen Sommer so bleiben“, sagte Pilcher mit einem trockenen Lachen. „Wie ich hörte gibt es in Wales nichts anderes als diesen verdammten Regen.“

Evan lief schon über den steilen Pfad ins Dorf hinab.

„Suchen Sie sich einen netten Sozialbau“, rief Pilcher ihm nach.

 

„Wo zum Teufel waren Sie?“, dröhnte die Stimme von Detective Inspector Watkins am anderen Ende der Leitung. „Ich habe Sie vor fünfzehn Minuten angerufen.“

„Zehn“, sagte Evan, „Und ich war oben am Berg. Ich habe eine Weile gebraucht, um wieder herunterzukommen.“

„Ich habe es zuerst auf Ihrem Handy versucht. Warum hatten Sie das nicht dabei?“

„Tut mir leid, Sarge – ich meine Inspector“, sagte Evan. „Ich habe mich wohl noch nicht daran gewöhnt, es bei mir zu tragen.“

„Dann gewöhnen Sie es sich besser an, aber pronto. Ihnen wurde von der Polizei ein Handy gestellt, damit wir Sie jederzeit erreichen können, Evans. Jederzeit – habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Sie sind heute Morgen ja in bester Stimmung, Sir“, sagte Evan. „Außerdem ist heute mein freier Tag.“

„Sie sind jetzt bei den Zivilfahndern, Junge. Da gibt es keine freien Tage. Sie arbeiten, wenn es Arbeit gibt. Und jetzt gibt es Arbeit. Kennen Sie den Campingplatz Black Rock Sands, kurz vor Porthmadog?“

„Ich glaube schon.“

„Dann machen Sie sich umgehend auf den Weg. Ich treffe Sie am Eingang. Wie lange brauchen Sie – eine halbe Stunde?“

„Zwanzig Minuten, wenn ich mich nicht ans Tempolimit halte“, sagte Evan und legte auf.

 

Als Evan bremste und neben dem Tor des Campingplatzes Black Rock Sands zum Stehen kam, war doch eher eine halbe Stunde vergangen. In Porthmadog hatten sich Fahrzeuge und Fußgänger gedrängt, die alle gleichzeitig aufgetaucht waren um ihre Einkäufe zu erledigen, kaum dass der Regen aufgehört hatte. Die Wolken waren aufgerissen und hatten stellenweise den Blick auf den blauen Himmel freigegeben und Dampf war von der nassen, schmalen Straße aufgestiegen, als Evan das verschlafene Dörfchen Borth-y-Gest hinter sich ließ. Hinter Borth wurde die Landschaft wilder; auf der einen Straßenseite gingen grüne Wiesen in Sanddünen und einen vom Wind zerwühlten Strand über, während sich auf der anderen Seite die mit Heidekraut überwucherten Hänge des Moel-y-Gest bis zu einem felsigen Gipfel in die Höhe zogen, der die Landschaft dominierte. Als Evan ausstieg, fiel das Sonnenlicht durch einen Riss in den Wolken und tauchte das ganze Bild in prächtige Farben. Der süße Duft von Weißdornblüten und Seetang empfing ihn, zusammen mit den Schreien der Möwen über seinem Kopf. Er stand da, atmete tief durch und genoss die Sonne auf seinem Gesicht, dann blickte er mit Genugtuung zum Moel-y-Gest hinauf. Dies war der erste Berg, den er als kleiner Junge bestiegen hatte, und er erinnerte sich noch immer an den Triumph und das Staunen, das ihn beim Anblick der Szenerie unter ihm ergriffen hatte.

Dann wand er den Blick ab, schob die Hände in die Taschen und ging auf das Holztor zu. Auf einem Schild war zu lesen: HOLIDAY HEAVEN. WOHNWAGEN ZU VERMIETEN. ZELTE WILLKOMMEN. HEISSE DUSCHEN.

Auf der anderen Seite der Hecke sah er zwei weiße Mannschaftswagen. Er entdeckte den vertrauten, beigen Regenmantel von Detective Inspector Watkins. Der Inspector lehnte an einem der Wagen und ging seine Notizen durch.

„Sehen Sie, ich habe doch gesagt, es werden dreißig Minuten, oder nicht?“ Watkins blickte auf und grinste Evan an, als er näherkam.

„Der Verkehr in Porthmadog war schrecklich. Tut mir leid.“

„Ja. Mir tut es auch leid. Ich hätte Sie am Telefon nicht so anbrüllen dürfen. Diese Arbeit schafft mich manchmal.“

Evan fand, dass Watkins müde und abgespannt aussah. Wenn das die Folgen einer Beförderung waren, sollte er vielleicht für den Rest seines Berufslebens Constable bleiben.

„Was haben wir denn?“, fragte Evan. Er fasste neben dem Inspector Tritt und sie überquerten eine weitläufige Wiese, an deren Rand reihenweise Wohnwagen standen. Von beeindruckenden Wohnmobilen bis hin zu kleinen Einachsern, die man ans Auto hängen konnte, war alles vertreten.

„Vermisstes Kind. Ein kleines Mädchen, fünf Jahre alt. Sie schlief in einem der Wohnwagen und wurde zuletzt heute Morgen am Strand gesehen.“

„Ist das nicht eher eine Aufgabe für die uniformierten Kollegen? Wenn ich mich recht entsinne, bestand ein Großteil meiner Arbeit in Llanfair daraus, vermisste Kinder zu finden.“

„Die uniformierten Kollegen suchen bereits seit heute Morgen“, sagte Watkins, während er zielstrebig über das kurze Gras schritt, „und wir sind hier, weil die Mutter Fremdeinwirkung vermutet.“

Kapitel 3

Eine dünne Frau mit blondiertem Haar lehnte an einem weißen Wohnwagen, rauchte Zigarette und starrte auf den Ozean hinaus. Sie sah auf, als sie die Männer näherkommen hörte und drückte die Zigarette hastig an ihrer Schuhsohle aus. Sie trug Jeans und hatte sich eine schwarze Jacke aus Kunstleder um die Hüfte gebunden. Ihr blasses, verhärmtes Gesicht wirkte neben dieser schwarzen Farbe noch blasser und ihr Blick huschte nervös umher.

„Mrs. Sholokhov?“, fragte Watkins. Er betonte den Namen vorsichtig: Show-lock-off.

„Ja? Was wollen Sie?“

„Wir sind von der Polizei Nordwales“, hob Watkins an.

Sie packte seinen Ärmel, in ihrem Blick stand panische Angst. „Haben Sie sie gefunden? Oh Gott, sagen Sie mir, dass es ihr gutgeht. Sagen Sie mir, dass es keine schlimmen Neuigkeiten gibt.“

Watkins löste ihre Hand von seinem Arm und tätschelte sie. „Nein, keine schlimmen Neuigkeiten. Wir haben Sie noch nicht gefunden ...“

„Warum zur Hölle sind Sie dann hier bei mir und machen mir Sorgen?“, rief sie. „Sie sollten da draußen sein und sie suchen, ehe es zu spät ist.“ Sie sprach mit einem nordenglischen Akzent, hackte Konsonanten ab und zog Vokale in die Länge.

„Immer mit der Ruhe“, Detective Inspector Watkins hob eine Hand, um sie zu beruhigen. „Unsere Männer suchen immer noch. Wir tun, was wir können, um sie möglichst schnell zu finden, also beruhigen Sie sich bitte.“

„Tut mir leid“, sagte sie und schob sich das strähnige, blonde Haar aus dem Gesicht, „aber ich werde noch verrückt vor Sorge.“

„Ich bin mir sicher, dass sie bald auftauchen wird, gesund und munter“, sagte Evan. „So läuft es fast immer.“

„Ich hoffe es.“ Sie starrte an ihnen vorbei auf die Dünen und den Strand. Evan konnte den Akzent jetzt östlich der Pennies verorten – Yorkshire, nicht Lancashire.

„Wir sind Zivilfahnder“, sagte Watkins. „Ich bin Detective Inspector Watkins und das ist Detective Constable Evans.“

Evan überkam noch immer eine gewisse Aufregung, wenn er diese Worte hörte. Er hatte so lange darauf gewartet, dass er schon geglaubt hatte, für immer in der Polizeistation von Llanfair festzusitzen. Aber er hatte endlich seine Fortbildung absolviert und war eingeteilt worden, seinen alten Freund Detective Inspector Watkins zu begleiten, sehr zu seiner Zufriedenheit.

„Wir sind hier, weil Sie den Verdacht geäußert haben, jemand hätte Ihre Tochter entführt.“

„Ich weiß nicht, wie sie sonst so plötzlich hätte verschwinden sollen.“ Sie wurde wieder lauter. „Ich meine, in einem Moment war sie noch da und im nächsten verschwunden.“

„Schlafen Sie hier?“, fragte Watkins und betrachtete den kleinen Wohnwagen, an dem bereits die weiße Farbe abblätterte. „Ihr Wohnwagen? Haben Sie ihn mit dem Auto hergefahren?“

„Wohl kaum“, sagte sie. „Das hier ist eine verdammte Absteige, nicht wahr? Aber ich wollte, dass Ashley etwas Seeluft atmet, damit sie wieder zu Kräften kommt.“ Sie legte sich eine Hand auf den Mund, um ein Schluchzen zu ersticken. „Das war so dumm von mir. Ich mache immer alles falsch.“

„War ihre Tochter krank?“, fragte Evan behutsam.

„Hat man Ihnen das nicht gesagt? Sie hatte gerade eine große Operation am Herzen.“

„Nein. Wir haben noch nicht viele Informationen bekommen“, sagte Watkins. „Dürfen wir reinkommen, dann können Sie uns auf den neusten Stand bringen.“

„Natürlich.“ Sie öffnete die Tür und ging vor ihnen die Stufen hinauf. Im Inneren des Wohnwagens war es sehr beengt. Ein herunterklappbarer Tisch nahm den meisten Raum ein, während das Bett dahinter als Sitzfläche diente. Der Innenraum war vielleicht groß genug für eine Mutter und ihr kleines Mädchen, aber nicht für zwei große Polizisten. Evan blieb an der Tür stehen und wartete ab, wo Detective Inspector Watkins sich positionieren würde. Watkins bedeutete Mrs. Sholokhov auf dem Bett, beziehungsweise der Bank am anderen Ende Platz zu nehmen, dann setzte er sich auf einen Faltstuhl. Evan blieb stehen und holte sein Notizbuch heraus.

„So, warum erzählen Sie uns nicht, was passiert ist?“, fragte Watkins.

„Es geschah alles so plötzlich“, sagte die Frau. „Die Sonne kam heute Morgen raus, deshalb ging ich mit Ashley an den Strand, um etwas frische Luft zu schnappen. Ich versuche, sie wieder zu stärken, nachdem sie so lange im Krankenhaus war. Sie spielte so schön im Sand, da ging ich auf eine Zigarette zum Wohnwagen zurück. Ich habe sie keine dreißig Sekunden aus den Augen gelassen. Ich betrat den Wohnwagen, schnappte meine Zigarettenschachtel und als ich aus dem Fenster zum Strand blickte, war sie nicht mehr zu sehen. Als ich durch die Dünen zurückrannte, glaubte ich zu hören, wie ein Auto ansprang und davonfuhr. Ich rannte zu den Wohnwagen zurück, aber das Auto war auch nirgends zu sehen.“

„Was haben Sie dann getan?“, fragte Watkins.

„Was ich getan habe? Was glauben Sie denn, was ich getan habe, verdammt? Ich rannte wie verrückt draußen rum, rief ihren Namen, klopfte an die Türen der Wohnwagen und hielt jeden an, dem ich begegnete, um zu fragen, ob jemand sie gesehen hatte.“

„War irgendjemand in der Nähe, als Sie den Stand am Morgen verließen?“

„Der Strand war beinahe menschenleer“, sagte sie. „Ein Mann führte seinen kleinen, weißen Hund Gassi. Ich habe ihn schon mehrmals gesehen. Ashley mochte den Hund, obwohl sie wegen ihrer Allergien Tieren nicht zu nahe kommen soll. Dann waren da noch ein paar Jungs, die Steine in die Wellen warfen, aber sie waren ein ganzes Stück weg. Jemand angelte unten, Richtung ... wie heißt die Stadt noch gleich ... Criccieth. Oh, und ein altes Pärchen kam vorbei, ein paar Minuten, bevor ich sie allein ließ, aber das waren alle, glaube ich.“

„Und was ist mit dem Campingplatz? Begegneten Sie dort vielen Menschen?“

„Zu dieser Jahreszeit ist hier fast niemand. Ein paar Hippies leben das ganze Jahr hier. Einer ist ein Künstler – oder zumindest bezeichnet er sich so. Er macht Skulpturen aus altem Schrott. Die Besitzerin des Campingplatzes hat ihn aufgefordert, alles wegzuräumen. Es ist wirklich kein schöner Anblick. Er war draußen und arbeitete, aber er sagte, er hätte niemanden gesehen. Da war ein ausländisches Pärchen – Deutsche, glaube ich, in dem großen, gelben Wohnwagen am Ende, und die Besitzerin der Anlage war in ihrem Büro. Keiner von ihnen hat etwas gesehen.“

„Hat jemand vielleicht etwas gehört?“, fragte Evan, und fragte sich, kaum dass er die Frage ausgesprochen hatte, ob er sich überhaupt einmischen durfte.

„Was denn? Schreie oder so?“, fragte sie.

„Ich meinte das Auto, von dem Sie gesprochen hatten. Hat niemand ein Auto gehört oder gesehen?“

„Ich weiß nicht, ob ich danach gefragt habe. Ich war krank vor Sorge. Ich habe vermutlich kaum etwas Sinnvolles herausbekommen.“

„Und dann haben Sie die Polizei gerufen?“, fragte Watkins.

„Die Besitzerin hat für mich angerufen. Ich muss schon sagen, sie waren sehr schnell hier, und sie waren sehr nett. Eine Polizistin blieb bei mir und stellte mir Fragen, während die Männer von Tür zu Tür gingen und den Strand absuchten.“

Watkins betrachtete seine Notizen. „Und sie haben nichts gefunden.“

Sie nickte. „Es ist, als wäre sie vom Wind davongetragen worden. Das kommt mir so unwirklich vor.“

„Wie alt ist Ihre kleine Tochter genau, Mrs. Sholokhov?“, fragte Evan.

„Gerade fünf geworden.“

„Hat sie sich je aus Spaß vor Ihnen versteckt?“, fuhr Evan fort. „Ich weiß, dass ich das regelmäßig tat, als ich klein war – das hat meiner Mutter mehrmals einen gehörigen Schrecken eingejagt.“

Watkins blickte zu ihm. „Sie würde sich nicht drei Stunden lang verstecken, Evans.“

„Nicht absichtlich, aber vielleicht ist sie weggerannt und hat sich verlaufen, ist in den Dünen eingeschlafen, hat sich unter einer Hecke im Gestrüpp verfangen oder steckt unter einem Wohnwagen fest – es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten.“

„Unsere Leute haben den Campingplatz ziemlich gründlich abgesucht“, sagte Watkins, „und ich glaube, die Hundeführer sind noch immer draußen und suchen die Dünen ab. Aber wenn Sie sagen, dass Sie sie nur für dreißig Sekunden aus den Augen gelassen haben, kann sie in der Zeit nicht weit gekommen sein, oder? Fünfjährige Kinder haben keine langen Beine.“

„Und sie spielte zufrieden im Sand, als ich sie verließ, sonst wäre ich gar nicht weggegangen.“

Watkins erhob sich. „Lassen Sie uns zum Strand gehen, da können Sie mir die genaue Stelle Zeigen, in Ordnung, Mrs. Sholokhov?“, fragte er.

„Da sieht alles gleich aus, verdammt“, sagte sie wütend. „Außer Sand gibt es nichts zu sehen.“

Sie stiegen die wackligen Stufen hinab und nahmen den Pfad durch die Dünen, bis sich der lange, flache Sandstrand vor ihnen ausbreitete. Er war jetzt völlig menschenleer, doch Evan konnte etwas entfernt zwischen den Dünen eine karierte Polizeimütze ausmachen. Er blickte in beide Richtungen den Strand hinunter. Es gab keinen nennenswerten Wellengang, das Wasser schwappte nur sanft vor und zurück, während die Flut hereinkam. Auf jeden Fall nicht stark genug, um ein Kind ins Meer hinaus zu spülen.

Watkins musste denselben Gedanken gehabt haben. „Stand das Wasser heute Morgen höher? Glauben Sie, sie wäre in die Nähe der Wellen gegangen?“

Sie schüttelte vehement den Kopf. „Sie hat Angst vor dem Wasser. Sie war schon immer ein schüchternes, kleines Ding und seit ihrer Operation ist sie noch anhänglicher geworden.“

Sie bewegte sich in ihren hochhackigen Schuhen vorsichtig über den weichen Sand, bis sie den festeren, nassen Sand erreichten. „Sie spielte ungefähr hier, glaube ich.“

„Was ist mit ihren Förmchen passiert?“, fragte Evan plötzlich.

„Was meinen Sie?“, fragte sie.

„Hat sie sie am Strand zurückgelassen? Lagen sie einfach so herum?“

„Sie hatte keine Förmchen mitgenommen“, sagte Mrs. Sholokhov.

„Was denn? Nicht mal Eimerchen und Schäufelchen? Welches Kind geht denn ohne Eimer und Schaufel an den Strand?“

„Sie buddelt nicht so gerne“, sagte sie. „Sie rennt lieber herum, sammelt Muscheln und Seegras und tut so, als wäre sie eine Meerjungfrau. Sie tut gerne so, als wäre sie etwas anderes, unsere Ashley. Ständig ist sie eine Prinzessin, ein magisches Pferd oder etwas anderes.“

Evan suchte mit seinem Blick den Strand ab und versuchte herauszufinden, wo ein Kind Muscheln gesammelt oder mit Seegras gespielt haben könnte.

„Sie erinnern sich nicht zufällig, mit welchen Muscheln sie gespielt hat?“, fragte er.

„Wie soll ich denn eine Muschel von der anderen unterscheiden?“, blaffte sie.

Evan schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. „Ich dachte nur, falls sie Muscheln in der Hand oder in der Tasche hatte, als jemand sie schnappte, könnten sie heruntergefallen sein.“

Mrs. Sholokhov legte eine Hand über ihren Mund. „Oh Gott. Dann glauben Sie also, dass sie entführt wurde.“

Watkins warf Evan einen warnenden Blick zu.

„Natürlich nicht“, sagte Evan schnell. „Normalerweise gibt es in solchen Fällen eine ganz gewöhnliche Erklärung. Kinder gehen ständig verloren und tauchen wohlbehalten wieder auf.“

„Wir werden noch einmal die ganze Gegend absuchen, Mrs. Sholokhov“, sagte Watkins. „Vielleicht können wir einen Bluthund bekommen, der besser Gerüche verfolgen kann als unsere Polizeihunde. Und könnten Sie uns in der Zwischenzeit ein Bild von Ashley zeigen?“

„Natürlich“, sagte sie. „Was für eine Mutter hat keine Bilder ihrer Tochter bei sich?“

Sie führte sie in den Wohnwagen zurück, öffnete ihre Handtasche und holte mehrere Bilder heraus. Sie zeigten ein niedliches, kleines Mädchen mit elfenhaften Zügen und langem, blondem Haar.

„Sie ist entzückend“, sagte Evan. „Ein hübsches, kleines Ding.“

Mrs. Sholokhov presste die Lippen aufeinander und nickte. Dann riss sie sich zusammen. „Als sie noch im Kinderwagen lag, wurden wir ständig angehalten“, sagte sie. „Die Leute meinten, sie sähe aus wie eine kleine Puppe. Ich hatte auch mal diese Haarfarbe. Jetzt kommt sie aus der Flasche.“ Ihr Lachen ging in Raucherhusten über.

„Können wir diese Bilder vorübergehend an uns nehmen?“, fragte Watkins. „Ich hätte sie gerne parat, um sie übers Internet zu verteilen – nur für den Fall.“ Er legte die Bilder in eine Mappe, die er bei sich trug, und blickte dann zu Evan. „Evans, drehen Sie doch eine Runde um den Campingplatz. Finden Sie heraus, ob jemand heute Morgen etwas Ungewöhnliches bemerkt hat, wie ankommende oder abfahrende Autos.“

Evan nickte. „Sehr wohl, Sir.“

„Und ich werde nochmal mit den uniformierten Kollegen sprechen. Falls nötig, will ich Verstärkung aus Caernarfon und Bangor hier haben. Und ich brauche einen weiblichen Police Constable, der Mrs. Sholokhov Gesellschaft leistet.“ Er sah sie mitfühlend an. „In so einer Situation wollen Sie nicht allein sein, meine Liebe. Kennen Sie jemanden in der Gegend?“

„Nein, niemanden. Ich bin in Yorkshire geboren und aufgewachsen. Ich lebe jetzt in Leeds. Ich habe Ashley nur hergebracht, damit sie etwas von der guten Seeluft abbekommt, und an der Küste von Yorkshire ist es so kalt. Nicht dass es hier wärmer wäre, aber meine Nachbarn erzählten mir, dass sie immer nach Wales fahren, und wie schön es hier sei, da habe ich ihren Rat angenommen. Das war das letzte Mal, dass ich so etwas tue, ich dumme Kuh. Es war die ganze Woche eiskalt. Ich konnte Ashley kaum nach draußen lassen, und als ich es dann tat ...“ Sie legte wieder ihre Hand auf den Mund. „Was soll ich nur tun, wenn wir sie nicht wiederfinden?“

Inspector Watkins legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das werden wir. Warten Sie nur ab.“

„Was ist mit Ihrem Mann, Mrs. Sholokhov?“, fragte Evan. „Ist er zu Hause? Haben Sie ihn schon unterrichtet?“

„Ex-Mann“, korrigierte sie ihn. „Wir sind seit etwa einem Jahr getrennt.“

Evan bemerkte Watkins’ Seitenblick. „Und wo ist er jetzt?“

„Ich habe keine Ahnung. Wenn er sich an seine Pläne gehalten hat, ist er schon wieder in Russland – auf Nimmerwiedersehen, sage ich da.“

„Ihr Mann ist Russe?“

„Glauben Sie, dass er mit einem Namen wie Sholokhov Waliser war?“

„Ist er russischer Staatsbürger?“

„Meinen Sie, ob er einen britischen Pass hat?“, fragte sie. „Nicht, als er mich verließ. Er hat hier Asyl bekommen, aber es gefiel ihm nicht. Er wollte nach Hause zurück.“

„Mrs. Sholokhov“, sagte Evan behutsam.

Sie sah zu ihm auf. „Nennen Sie mich Shirley. Ich kann diesen Namen nicht leiden. Verdammt schwer auszusprechen, oder?“

„Dann Shirley“, fuhr Evan fort. „Haben Sie den Verdacht, dass ihr Mann etwas mit dieser Angelegenheit zu tun hat?“

„Er würde Ashley nie etwas antun“, sagte sie. „Er vergötterte sie.“

„Vergötterte er sie so sehr, dass er sie nach Russland mitnehmen wollte?“, fragte Watkins.

Sie starrte an ihnen vorbei und Evan erkannte, dass ihr dieser Gedanke nicht zum ersten Mal unterkam, so sehr sie auch versuchte, ihn zu verdrängen. „Das will ich nicht glauben“, sagte sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ihr so etwas antun würde. Er weiß, wie krank sie ist. Er weiß, dass sie mich braucht.“

„Dann haben Sie das alleinige Sorgerecht, ja?“, fragte Watkins. „Hatte er Besuchsrechte?“

„Natürlich gab man mir das Sorgerecht. Ich bin die Mutter, nicht wahr? Und wir haben ihn eine Weile nicht gesehen, deshalb dachten wir, er wäre nach Russland zurückgegangen.“

„Wie lange?“, fragte Watkins.

Sie sog Luft zwischen ihren Zähnen hindurch. „Es ist jetzt schon mehrere Monate her, dass wir etwas von ihm gehört haben. Natürlich sind wir seitdem umgezogen ...“

Erneut bemerkte Evan, dass Inspector Watkins ihm einen sehr kurzen Seitenblick zuwarf.

„Ich brauche alle Einzelheiten über ihn, Mrs. Sholokhov. Und ein Foto, wenn Sie eins haben. Ich muss diesen Fall im Augenblick wie den eines vermissten Kindes behandeln, aber ich werde die Fühler ausstrecken und See- und Flughäfen informieren – nur für den Fall, dass er versucht, schnell mit ihr das Land zu verlassen.“

„Alles klar.“ Sie nickte.

„Sie haben schon die ganze Zeit an diese Möglichkeit gedacht, oder?“, fragte Evan ruhig. „Sie wollten es nicht, aber es war so.“

Sie nickte erneut. „Ich habe in der Angst gelebt, dass er zurückkommen und sie mitnehmen könnte.“

„Warum haben Sie das dann nicht gleich heute Morgen den ersten Polizisten erzählt? Sie hätten die Nachricht weiterleiten und ihn vielleicht aufhalten können, ehe er die Gegend verließ.“

„Ich dachte, ich würde mir grundlos Sorgen machen“, sagte sie. „Ich rege mich normalerweise nicht so leicht auf. Ich blieb während Ashleys Operation die ganze Zeit ruhig. Einen Fels in der Brandung haben die Leute mich genannt, und jetzt zerbreche ich, weil ...“ Sie presste sich erneut die Hände auf den Mund, aber dieses Mal konnte die das Schluchzen nicht zurückhalten.

„Es ist noch nicht zu spät“, sagte Watkins. „Falls er sie hat, kann er das Land noch nicht verlassen haben. Machen Sie sich erst mal eine schöne Tasse Tee, dann habe ich im Handumdrehen eine Polizistin hier, die Ihnen Gesellschaft leistet. In Ordnung?“

Sie nickte wieder mechanisch.

„Warum schreiben Sie in der Zwischenzeit nicht alle Einzelheiten auf, die Ihnen zu Ihrem Mann einfallen – seine letzte bekannte Adresse, welches Auto er fährt ...“

„Welches Auto? Bei unserer letzten Begegnung hatte er nicht einmal ein Auto. Sie müssen wissen, dass man in London kein Auto braucht, und wir wohnten in Shepherd’s Bush.“

„Dann haben Sie keine Ahnung, nach welchem Auto wir suchen?“

„Das habe ich Ihnen doch gerade gesagt ... wir haben nie eines besessen. Wenn er einen Wagen brauchte, hätte er sich sicher einen von seinen russischen Freunden geliehen. Die waren eine echte, kleine Clique.“

„Wenn Sie irgendwelche Telefonnummern von seinen Freunden kennen, sollten Sie uns die vermutlich auch nennen“, sagte Watkins. „Sie haben nicht zufällig ein Foto von ihm im Portemonnaie?“

„Verdammt unwahrscheinlich. Ich habe nicht den Wunsch, mich an ihn zu erinnern, vielen Dank.“

„Dann endete die Ehe nicht einvernehmlich?“

„So würde ich das nicht sagen. Wir haben einfach eingesehen, dass es für uns beide ein Fehler war. Er wollte nicht in Großbritannien bleiben und ich hegte nicht den Wunsch, nach Russland zu gehen. Ziemlich zwecklos eigentlich, bis auf die Tatsache, dass ich jetzt Ashley habe.“

„Alles klar. Schreiben Sie alles auf, was uns vielleicht helfen könnte, dann bin ich bald zurück.“ Er ging auf die Tür zu. „Wir informieren Sie, sobald wir etwas erfahren. Zumindest wissen Sie, dass er sie liebt, also wird er ihr wohl nichts antun. Das ist doch etwas Gutes, oder?“

„Ich hoffe es“, sagte sie.

„Wir schicken Ihnen den weiblichen Police Constable“, sagte Watkins. „Wollen Sie jemanden anrufen, der Sie unterstützen könnte, falls sich die Sache noch etwas hinzieht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe ein paar Freunde in Leeds, aber keine echte Familie irgendwo – nur eine Tante in Yorkshire und die ist zu alt zum Reisen. Ich komme schon zurecht. Ich bin daran gewöhnt, allein zu sein.“

Watkins öffnete die Tür des Wohnwagens und trat auf das Gras hinaus. Evan folgte dicht hinter ihm.

„Also, was denken Sie?“, fragte er.

Evan starrte zum Strand. Es war jetzt richtig sonnig. Ein paar Jungs ließen Drachen steigen und ein Mann führte seinen kleinen, weißen Hund Gassi.

„Klingt so, als könnte es der Vater gewesen sein“, sagte Evan. „Aber warum hat sie uns nicht eher davon erzählt? Besonders da sie glaubte, ein wegfahrendes Auto gehört zu haben?“

„Ich weiß. Ich habe das Gefühl, sie ist eine Frau, die sich nicht lächerlich machen will. Sie ist stolz darauf, der Fels in der Brandung zu sein.“

„Ja, aber wen kümmert es, ob sie sich lächerlich macht, wenn es um ihr Kind geht?“

„Ich weiß“, sagte Watkins. „Ich würde nackt über die Straße rennen, wenn ich glauben würde, jemand hätte unsere Tiffany entführt.“

„Das will ich sehen“, kommentierte Evan und erntete ein Lächeln von Watkins.

„In gewisser Weise hoffe ich, dass es der Vater war“, sagte Watkins. „Das wäre besser als die Alternativen.“

„Ich würde mich gerne noch mal am Strand umsehen“, sagte Evan. „Es ist seltsam, dass man gar nicht sehen konnte, wo sie gespielt hat, oder? Als ich noch ein Kind war, habe ich Sandburgen gebaut und Löcher gegraben und alle möglichen Dinge gesammelt, aber da war gar nichts.“

„Die Stelle könnte mittlerweile unter Wasser sein. Die Flut kommt.“

„Ich weiß, aber man sollte doch meinen, dass es Zeichen eines Handgemenges gibt, wenn sie jemand entführt hat, oder?“

„Nicht wenn es der Vater war. Vielleicht ist sie freiwillig mitgegangen.“

„Aber er hätte trotzdem rennen müssen, um den Stand zu verlassen, ehe Mrs. Show-Soundso zurückkam. Ich habe keine großen, schweren Fußabdrücke gesehen, Sie etwa?“

„Ich bin kein Sandexperte“, sagte Watkins. „Der Bereich war ziemlich nass. Ich glaube, Fußabdrücke bleiben in nassem Sand nicht sehr lange sichtbar, und im weichen Sand würde man gar nichts sehen.“

„Dann wollen Sie immer noch, dass ich mich gründlich auf dem Campingplatz umsehe?“, fragte Evan.

„Ja, wir sollten alles in Betracht ziehen“, sagte Watkins. „Finden Sie heraus, wer hier war und was diejenigen gesehen oder gehört haben. Oh, und sehen Sie auch unter den Wohnwagen nach – in jedem Mülleimer und jedem Nebengebäude.“

„Sehr wohl.“

Watkins holte sein Handy heraus. „Ich rufe im Hauptquartier an, damit sie gleich die Häfen und Flughäfen informieren können. Zu schade, dass sie nicht weiß, welches Auto er fährt. Das wird die Sache erschweren. Und ich sollte wohl auch die Suche hier in der Gegend ausweiten. Wir lassen unsere Leute die Menschen an den Straßen nach Criccieth und Borth-y-Gest befragen. Vielleicht hat jemand ein kleines Mädchen in einem vorbeifahrenden Auto gesehen, vor allem, wenn sie nicht darin sein wollte. Sie kann nicht einfach verschwunden sein, Evans. Irgendjemand muss sie gesehen haben.“

Kapitel 4

Henry Bosley-Thomas trat aus der Hintertür des Gehöfts, blieb auf dem Pfad aus Steinplatten stehen und sah sich um. Das Haus war ein solides, quadratisches Gebäude aus grauem Stein mit weißen Fensterrahmen, das umgeben von saftigen Wiesen in einer Talsohle stand. In Henrys Erinnerung waren die Wiesen immer voller Schafe gewesen. Jetzt lagen sie brach, abgesehen von einer kleinen Gruppe junger Lämmer auf einer Koppel in der Nähe des Hauses. Die Maul- und Klauenseuche hatte die walisischen Herden beinahe ausgelöscht – die Notschlachtungen des Landwirtschaftsministeriums hatten dafür gesorgt. Nicht dass es Henry zu schaffen gemacht hätte. Er war schon immer ein Stadtkind gewesen. Er hatte in einer komfortablen Vorstadt gewohnt, bis er aufs Internat gegangen war, und Nutztiere waren für ihn nur ein hübscher Anblick jenseits der Autofenster gewesen. Aber er konnte verstehen, dass der Verlust seinen Großvater schwer erschüttert hatte. Er hatte am vergangenen Abend viel darüber gesprochen, nachdem sie gemeinsam eine halbe Flasche Glenfiddich geleert hatten. Dieser Hof war der Lebensinhalt seines Großvaters – und war es immer gewesen.

Henry war mit Geringschätzung gegenüber seinem Großvater aufgewachsen. „Erwähne um Gottes willen nicht, dass Großvater Landwirt ist“, hallten ihm die Stimmen seiner Eltern durch den Kopf. „Wenn du willst, erzähl, dass er ein Gutsbesitzer ist. Sag, er hätte ein Herrenhaus in Wales, was er ja auch hat, aber nicht, dass er Schäfer ist.“

Tomos’ Söhne schämten sich beide für ihn, was eine gewisse Ironie beinhaltete, da der Erfolg der Schaffarm ihre teure Ausbildung finanziert hatte. An der Privatschule merzten sie jedes Anzeichen ihres walisischen Akzents aus und sprachen nie von ihrer Familie. Henrys eigener Vater, Hugh, nahm sogar einen Doppelnamen an, um eine erlesenere Abstammung anzudeuten. Und sie hatten ihre Kinder mit derselben Einstellung aufgezogen. Es gab den jährlichen Besuch, der ihm dank der Cousins und der Freiheit immer viel Spaß gemacht hatte, aber sein Großvater war für ihn immer eine kalte, unnahbare Figur gewesen, mehr an seinem Hof als an den Enkelkindern interessiert und nie für Spiele oder eine Umarmung zu haben. Selbst als die Tragödie ihren Lauf nahm, hatte er keine Gefühle gezeigt, sondern nur gemurmelt, dass er sich um seine Schafe kümmern müsse, ehe er in Richtung der Hänge davongestapft war. Henry kam der Gedanke, dass es ihm vielleicht zu nahe ging und er sich nicht die Blöße geben wollte, seine Gefühle zu zeigen.

Henry wurde auch bewusst, dass diese Eigenschaft wohl in der Familie lag. Sie hatten sich nie besucht, seit – wie viele Jahre war es jetzt her? Jeder war seiner Wege gegangen, alle hatten sie Trauer, Verdächtigungen und Ängste für sich behalten. Und jetzt hatte Großvater sie zurückgebracht – indem er eine Einladung aussprach, die sie nicht ablehnen konnten.

Henry stand da und ließ den Blick über die Hänge schweifen. Er erinnerte sich noch daran, dass sie voller blauer Uniformen gewesen waren, Hundegebell, Taschenlampen, die in der Dunkelheit tanzten. Das viele Herumsitzen und Warten – das leere, angsterfüllte Gefühl, das ihm die Kehle so sehr zuschnürte, dass er kein Essen mehr herunterbekam. Selbst bei dem Gedanken daran rumorte diese nagende Angst wieder in seinen Eingeweiden. Er hatte kürzlich Geschwüre gehabt, die er auf den Stress bei der Arbeit geschoben hatte, aber er erinnerte sich daran, dass die Magenschmerzen eingesetzt hatten, lange bevor er eine Stelle hatte.

„Das ist doch lächerlich“, murmelte er vor sich hin, stieg über den Zauntritt und lief zügig den Bergpfad hinauf.

 

Evan ließ Detective Inspector Watkins zurück und lief bereits zum nächststehenden Wohnwagen, als er noch einmal zum Strand hinunterblickte. Der Strand ließ ihn nicht in Ruhe. Vielleicht hatte die Mutter sich bei der Stelle vertan. Das wäre gut möglich, wenn sie in Panik gewesen war. Er beschloss, sich noch einmal selbst umzusehen. Er konnte nicht glauben, dass Ashley verschwunden war, ohne den kleinsten Hinweis zurückzulassen, und wenn es nur ein paar Muscheln oder ein Häufchen Seetang waren. Als Evan durch die Dünen lief, sah er wieder den Mann mit dem kleinen, weißen Hund und erinnerte sich daran, dass Mrs. Sholokhov erwähnt hatte, ihn am Morgen gesehen zu haben.

Doch noch ehe er ihm nachlaufen konnte, entdeckte der Mann ihn und kam auf ihn zu.

„Sind Sie von der Polizei?“, fragte er und keuchte etwas von dem anstrengenden Marsch über den weichen Sand. Er war ein freundlich aussehender, älterer Mann mit dem roten Gesicht eines Scotch-Trinkers und ländlich gekleidet, mit einer Tweedjacke und einem tweedartigen Filzhut auf dem weißen Haar.

„Detective Constable Evans, Sir.“

„Hat man sie schon gefunden?“, fragte er. Seine Stimme klang nicht walisisch, sondern wies die flachen Vokale der Südengländer auf. „Ich hörte, dass das kleine Mädchen vermisst wird.“

„Noch nicht, aber viele unserer Leute suchen gerade nach ihr.“

„Ich hoffe, sie wird gefunden. Ein nettes, kleines Ding.“ Er lächelte. „Ich habe mich ein paar Mal mit ihr unterhalten. Ihre Mutter sagte, sie sei krank gewesen. Sie mochte Trixie und wollte mit ihr spielen.Ihre Mutter meinte, an der frischen Luft sei das in Ordnung.“

„Ihre Mutter sagte uns, Sie seien etwa zur Zeit ihres Verschwindens am Strand gewesen“, sagte Evan. „Ich fragte mich, ob Sie vielleicht irgendetwas Ungewöhnliches gesehen oder gehört haben.“

„Das war ich nicht.“ Der Mann schüttelte vehement den Kopf. „Ich bin heute zum ersten Mal am Strand. Es hat bis vor Kurzem geregnet und Trixie bekommt nicht gerne nasse Füße, deshalb sind wir drinnen geblieben, bis es trockener wurde.“

„Sie waren heute Morgen gar nicht am Strand?“

„Nein, ich kann es nicht gewesen sein, den sie da gesehen hat. Wie ich sagte, Trixie hat nicht gerne nasse Füße, nicht wahr, mein Schätzchen?“

Der Hund sah mit einem einfältigen Grinsen nach oben und wedelte mit dem Schwanz.

„Oh, verstehe. Sehr schade“, sagte Evan. „Wir hatten gehofft, jemanden zu finden, der Ashley vielleicht gesehen hat.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass heute Morgen viele Leute am Strand waren, es war recht stürmisch hier draußen. Sie hätten sehen müssen, wie die Flagge an meinem Fahnenmast flatterte. Und dieser Teil der Küste ist bis zu den Schulferien im August meistens recht verlassen.“

„Dann wohnen Sie das ganze Jahr hier, Sir?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, ich lebe in Essex. Ich komme manchmal her, um dem Alltag zu entfliehen. Ich bin jetzt in Rente, da kann ich tun was ich will. Ich habe eines der Ferienhäuschen gemietet, etwa eine Meile die Straße runter.“ Er blickte in die Richtung zurück, aus der er gekommen war und bemerkte zwei Polizisten in den Dünen. „Hören Sie, wenn ich etwas tun kann, um bei der Suche zu helfen – egal was es ist – ich beteilige mich sehr gerne an der Suchmannschaft. Trixie ist kein Spürhund, aber sie leistet sicher auch gerne ihren Anteil, nicht wahr, altes Mädchen?“

Der weiße Hund wackelte mit seinem Stummelschwanz. Der alte Mann hob höflich seinen Hut an und ging weiter. Evan blieb zurück und betrachtete den leeren Strand. Er streifte noch ein paar Minuten umher, fand aber nichts außer einem Algenstrang weit oberhalb der Wasserlinie, den vielleicht ein Kind hinter sich hergezogen und dort fallengelassen hatte. Aber wie lange das her gewesen sein mochte, konnte er nicht sagen.

Er blickte zu den Dächern der Wohnwagen zurück, die über die Dünen ragten, und schüttelte den Kopf. Falls jemand Ashley entführt hatte, wo hatte er sich dann versteckt, um auf den Moment zu warten, in dem Shirley Sholokhov sie allein ließ? Die Dünen waren hier nur sanfte Erhebungen aus Sand und Gras, nicht hoch genug, damit sich ein Mann dahinter verstecken konnte. Wie konnte es Shirley entgangen sein, dass jemand über den Strand rannte, als sie auf ihren Wohnwagen zuging? Er wollte etwas überprüfen. Evan holte seine Stoppuhr heraus und rannte dann von den Dünen bis zum Wasser und zurück. Er brauchte über eine Minute und das ohne sich ein Kind zu schnappen. Könnte Shirley falsch eingeschätzt haben, wie lange sie gebraucht hatte? Evan fragte sich, ob sie vielleicht nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte, weil sie sich schuldig fühlte. Vielleicht war sie erst beim Wohnwagen stehengeblieben, hatte die Zigarette angesteckt und einige Züge geraucht, ehe sie zum Strand zurückgekehrt war. Vielleicht hatte sie gar nicht aus dem Wohnwagenfenster geschaut, um zu bemerken, dass Ashley verschwunden war. Zufrieden damit, dass diese Erklärung mehr Sinn ergab, stapfte Evan durch die Dünen zurück zum Campingplatz.

Er fing bei den nächststehenden Wohnwagen an, klopfte an die Türen und suchte gründlich die Umgebung ab. Die meisten waren noch verschlossen und unbewohnt, die Vorhänge zugezogen und die Mülleimer leer. Er stieg über die Gasbehälter, die jeweils die Grenze zwischen zwei Wohnwagen bildeten. Er musste dem Kerl der Nationalparkverwaltung recht geben. Sie waren kein schöner Anblick. Er fragte sich, wann er Zeit haben würde, mehr für sein Cottage zu tun. Er sollte sich gleich bei dem Kerl vom Denkmalschutz melden und einen Klempner finden, der ihm den Zustand der Abwasserleitung und des Klärbehälters bescheinigen konnte. Es wäre wohl vernünftig, das Rohr zum Tank selbst freizulegen, um Kosten zu sparen. Es hatte keinen Zweck, andere fürs Graben zu bezahlen. Wenn er je wieder einen freien Tag bekäme, würde er sich sofort daranmachen.

Evan blickte auf seine Armbanduhr. Drei Uhr. Das hieß, die Schule war für heute beendet. Bronwen wusste, dass er heute den Termin mit dem Inspekteur der Nationalparkverwaltung gehabt hatte und würde wissen wollen, wie es gelaufen war. Er holte sein Handy heraus und wählte ihre Nummer.

„Endlich“, sagte sie, als sie seine Stimme hörte. „Ich dachte, du würdest vielleicht zum Mittagessen vorbeikommen, um mich auf den neusten Stand zu bringen. Seitdem warte ich gespannt. Ich konnte mich so schlecht konzentrieren, dass ich „sehr gut“ sagte, als Alud Davies mir erzählte, Peru sei ein Fußballspieler. Also, was hat der Inspekteur gesagt?“

„Ich fürchte, wir haben noch einige Hürden zu nehmen, aber keine unüberwindbaren. Aber hör mal, cariad, ich kann gerade nicht reden. Ich wurde zu einem Fall gerufen, als ich oben am Cottage war. Ich bin unten bei Porthmadog. Ein kleines Mädchen wird vermisst.“

„Oh je. Hat sie sich verlaufen?“

„Wir wissen es noch nicht. Es könnte auch eine Entführung sein. Im Augenblick ist alles noch sehr seltsam und vage. Ich erzähle dir später mehr. Ich wollte dich nur vorwarnen, falls ich erst am späten Abend zurückkomme.

„Alles klar. Wir sehen uns, wenn du fertig bist, und dann kannst du mir alles erzählen. Pass auf dich auf.“

Evan lächelte als er auflegte. Das liebte er an Bronwen – sie machte nie Theater, war immer verständnisvoll. Sie würde eine großartige Polizistengattin abgeben. Die Worte zeigten ihre Wirkung, als sie ihm durch den Kopf gingen. Es war noch immer recht überwältigend für ihn, dass eine Frau ihn heiraten würde. Er würde sich niederlassen und mit dieser Frau den Rest seines Lebens verbringen. Manchmal stieg bei dem Gedanken noch eine leichte Panik in ihm auf. Aber alles in allem konnte er sich nichts Erstrebenswerteres vorstellen, als den Rest seines Lebens mit Bronwen zu verbringen. Er schob das Handy in seine Gürteltasche zurück und widmete sich wieder der Arbeit.

Kapitel 5

Evan hatte gerade den Deckel einer Mülltonne angehoben und blickte hinein, als ihn eine Hand an der Schulter packte.

„Alles klar. Wollen wir doch mal sehen, wer du bist!“, sagte eine Stimme an seinem Ohr.

Evan wirbelte herum, um sich zu verteidigen, und sah sich Constable Roberts gegenüber. Letzterem entglitten die Gesichtszüge, als er sah, wen er da geschnappt hatte.

„Oh, Sie sind’s nur, Evans. Ich dachte, ich hätte ihn erwischt. Verdächtig aussehender Typ und so.“ Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Dann hat man sie also zur Müllpatrouille eingesetzt, ja?“

Evan wusste nur zu gut, dass Roberts ihn noch nie leiden konnte und ihn beneidete, umso mehr, seit er es zu den Zivilfahndern geschafft hatte.

„Man weiß nie, wo sich ein kleines Kind verstecken könnte, oder?“, fragte er gleichgültig. „Und ich habe gerade den ganzen Bereich abgesucht, also gibt es für Sie hier nichts mehr zu tun. Besonders nicht, seit wir Hunde mit deutlich besseren Spürnasen vor Ort haben.“ Er grinste Roberts freundlich an.

Er fühlte sich entschieden besser, als Roberts davonstapfte.

Um den nächsten Wohnwagen zu erreichen, musste er über Haufen aus rostigen Rohren und Mülleimerdeckeln klettern.

Musik drang aus diesem Wohnmobil – anscheinend lief Worker’s Playtime im Radio. Er klopfte an die Tür, dann noch mal lauter. Die Tür wurde von einem dicken Kerl in fleckigem Unterhemd und zerschlissener Jeans aufgerissen.

„Ja, was wollen Sie?“, fragte er in aggressivem Ton.

„Polizei Nordwales, Sir“, sagte Evan. „Ich möchte nur ein paar Fragen zu einem vermissten Kind stellen.“

„Ich habe schon mit einem Ihrer Jungs und der Mutter des Kindes gesprochen“, sagte er und wollte Evan die Tür vor der Nase zuschlagen.

„Also, es tut mir leid, Sie erneut zu belästigen, aber ich würde gerne noch einmal durchgehen, was Sie ihnen gesagt haben“, sagte Evan. „Ich bin Detective Constable Evans, und Sie sind?“

„Richard Gwynne“, sagte er.

Evan fiel ein, was Shirley Sholokhov über gealterte Hippies gesagt hatte. Richard Gwynne musste vierzig oder sogar über fünfzig sein und trug sein graues Haar in einem langen Pferdeschwanz. Er hatte Tattoos auf seinen massigen Unterarmen und trug an einem Lederband ein Peace-Zeichen um den Hals.

„Leben Sie das ganze Jahr hier?“, fragte Evan.

„Das habe ich die letzten paar Jahre getan, aber vielleicht ziehe ich bald weiter, wenn diese alte Kuh mir meine Kunst verbietet.“

„Welche Art von Kunst machen Sie denn?“, fragte Evan, obwohl er sich bei einem Blick auf die rostigen Rohre daran erinnerte, was Shirley Sholokhov über die Schrottskulpturen gesagt hatte.

„Ich kombiniere Kunst und Recycling“, sagte Gwynne. „Viel zu viel Kram landet auf der Müllkippe, finden Sie nicht? Ich rette die Sachen und verwandle sie in Kunst. Meine Werke stehen in sämtlichen großen Kunstgalerien, müssen Sie wissen.“

Evan versuchte, sich einen Haufen rostiger Rohre neben den Rembrandts in der National Gallery vorzustellen. „Freut mich für Sie“, sagte er.

„Ja. Ich mache mir wirklich einen Namen“, fuhr der Mann fort. „Aber die Besitzerin des Campingplatzes hat keinen Sinn für moderne Kunst. Sie besaß die Frechheit, sie als Schandfleck zu bezeichnen. Sie sagte mir, dass sie mich rausschmeißt, wenn ich meine Skulpturen draußen stehenlasse. Also werde ich mich wohl nach einem neuen Stellplatz umsehen müssen. Schade, hier gefällt es mir gut. Die meiste Zeit des Jahres ist es ruhig und es ist nah genug an meiner Heimat, dass ich meine alte Mutter von Zeit zu Zeit besuchen kann.“

Evan war überrascht, dass jemand wie er seine Mutter besuchte, und korrigierte seine Meinung über ihn. „Sie lebt in der Nähe, ja?“

„In der Sozialbausiedlung vor Caernarfon.“

„Ah, natürlich.“ Evan nickte. „Dann sind Sie also ein Einheimischer?“

Gwynne lachte. „Schauen Sie nicht so überrascht. Einheimische müssen in die Kapelle gehen und in den Schieferminen arbeiten, ja? Ich habe meinen Teil an der Lohnarbeit geleistet, Junge. Fünfzehn Jahre lang war ich bei der verdammten Kreisverwaltung. Eines Tages wurde es mir zu viel. Ich wollte keine weitere Sekunde meines Lebens verschwenden, also habe ich hingeschmissen und bin hergekommen. Es ist das Paradies – oder könnte es sein, wenn diese alte Kuh ihr Gemecker einstellen würde.“

„Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Mr. Gwynne. Ich wollte Ihnen nur ein paar Fragen über heute Morgen stellen. Ich wüsste gerne, ob sie irgendetwas gesehen oder gehört haben, das uns vielleicht weiterhelfen könnte.“

„Also hat man sie immer noch nicht gefunden, ja?“ Er runzelte die Stirn. „Ein nettes, kleines Ding, nicht wahr? Sie hat mir ein paar Mal bei der Arbeit zugesehen. Natürlich musste ich dann aufpassen, da ich einen Schweißbrenner benutze, aber es schien sie zu faszinieren. Und sie erkannte, dass meine Skulptur einen Soldaten darstellte, was mehr war, als die meisten anderen schaffen.“

„Ich nehme an, Sie müssen draußen arbeiten, wenn Sie einen Schweißbrenner benutzen.“

„Oh ja. Das ganze Ding würde abrauchen, wenn ich versuchte, hier drinnen zu arbeiten – und dann würde die alte Kuh mich umbringen.“

„Also waren Sie heute Morgen draußen?“

Gwynne kratzte sich am Bauch. „Nur kurz. Es regnete, müssen Sie wissen, bis um halb elf etwa. Und der Wind war auch kräftig. Der Sand wird aufgewirbelt, wenn es zu windig ist, und dann kann ich unmöglich mit dem Schweißbrenner arbeiten.“

„Dann kamen Sie nach halb elf zum Arbeiten raus. Haben Sie da irgendjemanden gesehen?“

„Das ausländische Paar aus dem letzten Wagen – sie hängte Wäsche auf und er putzte seine Wanderstiefel.“

„Was ist mit dem kleinen Mädchen? Haben Sie gesehen, wie sie mit ihrer Mutter zum Strand ging?“

„Nein, ich wüsste nicht, dass sie mir heute Morgen aufgefallen wäre, aber ich habe auch versucht, so viel Arbeit wie möglich zu erledigen.“

„Sie haben auch keine fremden Männer gesehen? Mit fremdländischem Aussehen?“

„Welche Art fremdländisch?“

„Russisch.“

Der Mann lachte. „Ich habe keine Ahnung, wie ein Russe aussieht, abgesehen von einigen Athleten, Ballerinen, Gorbatschow und Jelzin.“ Dann verblasste sein Lächeln. „Um Ihre Frage zu beantworten: Wie ich einem Ihrer Männer schon sagte, habe ich nichts Ungewöhnliches gesehen oder gehört.“

„Keine startenden Automotoren?“

„Oh, das hätte ich gar nicht gehört – es sei denn, mit dem Motor hätte etwas nicht gestimmt.“

„Aber Sie sahen keinen Wagen vorbeifahren?“

„Ich glaube das deutsche Paar kam irgendwann vorbei. Sie fahren einen dieser Volkswagen Beetle – die sehen aus wie große Spielzeugautos, oder?“

„Keine anderen Fahrzeuge?“

Er dachte nach, dann schüttelte er den Kopf. „Mir ist keines aufgefallen. Hier ist es normalerweise ziemlich ruhig, das mag ich ja so. Ich erinnere mich an nichts Besonderes, bevor die Mutter angerannt kam und wie eine Verrückte schrie.“

„Was würden Sie sagen, wann das war?“

„Nach elf, genauer kann ich es Ihnen nicht sagen.“

Evan streckte eine Hand aus. „Danke für Ihre Hilfe, und entschuldigen Sie die Störung.“

„Wenn Sie für die Suche nach dem kleinen Mädchen Hilfe brauchen, melde ich mich gerne freiwillig“, sagte er. „Man wird doch Suchtrupps losschicken, oder? Sie haben den Berg noch nicht abgesucht.“

„Vielen Dank, Mr. Gwynne. Ich werde daran denken“, sagte Evan.

Das war heute schon der zweite Mann, der sich freiwillig meldete, um nach dem kleinen Mädchen zu suchen – sie musste während ihres kurzen Aufenthaltes einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Evan arbeitete sich durch die Reihe der Wohnmobile, bis er am Ende bei dem gelben Wohnmobil ankam. Die Wäsche flatterte immer noch draußen auf der Leine. Ehe er an der Tür klopfen konnte, wurde sie geöffnet und ein junger Mann trat heraus. Er war groß, schlank und hatte kurze Haare, wie ein europäischer Fußballspieler. Er trug Kordkleidung und dicke Wanderstiefel und hielt Schlafsäcke in den Händen.

„Guten Tag, Sir“, sagte Evan und trat vor, um ihm den Weg zu versperren. „Ich bin von der Polizei Nordwales. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir einige Fragen zu beantworten?“

„Noch mehr Fragen?“, wollte der junge Mann wissen. „Wir sind hier im Urlaub, werden aber ständig belästigt.“ Er sprach mit starkem, deutschem Akzent, aber sein Englisch war grammatikalisch einwandfrei.

„Gewiss belästigt Sie niemand, Sir. Sie wurden heute nur befragt, weil ein kleines Mädchen von diesem Campingplatz verschwunden ist. Wir hoffen, irgendjemanden zu finden, der etwas gesehen oder gehört hat, was uns bei unserer Ermittlung weiterhelfen könnte.“

„Ich habe Ihrem Kollegen schon gesagt, dass wir nichts gesehen oder gehört haben. Also, lassen Sie mich diese Dinge bitte ins Auto packen.“ Er versuchte, an Evan vorbeizukommen.

Evans Blick richtete sich auf die Schlafsäcke. „Reisen Sie ab, Sir?“

„Ja. Meiner Freundin gefällt es hier nicht mehr. Sie fühlt sich nicht sicher.“

Evan betrachtete die Wäsche, die noch immer an der Leine im Wind flatterte, und bekam den Eindruck, dass es sich um eine kurzfristige Entscheidung handelte.

„Ist sie im Wohnwagen? Ich würde gerne mit Ihnen beiden sprechen“, sagte er.

„Sie spricht nicht so gut Englisch wie ich“, sagte der Mann.

„Macht nichts, Sie können für mich übersetzen, wenn es notwendig sein sollte“, beharrte Evan. Als der junge Mann den Mund öffnete, um zu protestieren, fuhr Evan fort: „Ein kleines Mädchen wird vermisst, Sir. Wollen Sie nicht alles in Ihrer Macht Stehende tun, um uns zu helfen, sie zu finden, ehe es zu spät ist?“

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Ich schätze schon.“ Er ließ die Schlafsäcke auf den Campingtisch fallen, dann öffnete er die Tür zum Wohnmobil. „Marlis, komm raus“, rief er auf Deutsch. Eine schlanke, sportlich aussehende, junge Frau kam an die Tür und beäugte Evan misstrauisch.

„Es tut mir leid, Sie noch einmal zu stören“, sagte Evan. „Ich bin ein Detective Constable der Polizei Nordwales. Sie haben von dem vermissten Mädchen gehört, oder? Kennen Sie das kleine Mädchen, das wir suchen? Sind Sie ihr begegnet?“

Die junge Frau blickte zu ihrem Freund, dann nickte sie. „Ja. Wir haben sie gesehen. Aber nicht heute. Am Morgen machten wir eine kurze Wanderung auf diesen Berg.“

„Wann war das?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht nach zehn? Und als wir zurückkamen war es etwa zwölf? Wir waren in der Stadt, um eine Tasse Kaffee zu trinken.“

„Aber die Engländer wissen nicht, wie man Kaffee macht“, sagte der Mann. „Wir bestellten Kaffee und bekamen stattdessen in Milch aufgelösten Instantkaffee. Widerlich!“

Evan bekam einen recht unvorteilhaften Eindruck dieses Pärchens. „Hier gibt es keine Engländer, wir sind Waliser, Sir“, konnte er sich nicht verkneifen.

„Wenn es um Kaffee geht, macht das keinen Unterschied“, sagte der Deutsche.

Evan versuchte, seinen freundlichen Gesichtsausdruck zu wahren. „Sie haben den Campingplatz also gegen zehn Uhr verlassen. Lief die Mutter des Mädchens panisch umher, als sie zurückkamen?“

„Oh ja. Sie kam her und hat einen großen Wirbel um die Sache gemacht“, sagte der Deutsche.

„Dann waren Sie vor der Mittagszeit zurück. Das müsste gegen halb zwölf gewesen sein.“

Der Mann zuckte wieder mit den Schultern. „Na gut, wenn Sie es sagen. Wir sind hier im Urlaub, wir achten nicht so genau auf die Zeit.“

Evan bekam den Eindruck, dass ihnen das vermisste Mädchen völlig egal war. Sie war bloß eine Unannehmlichkeit.

„Sie haben also beschlossen, heute weiterzureisen? Wo geht es hin?“

„Das wissen wir noch nicht. Vielleicht rauf nach Schottland.“

„Wie lange wollen Sie noch im Land bleiben?“

„Eine Woche, vielleicht zwei. Das hängt davon ab, wie viel es regnet.“ Er blickte zu seiner Freundin, die zustimmend nickte.

„Es ist doch Frühling, oder? Aber es fühlt sich an wie Winter. Schauen Sie sich den Schnee an! Nicht zu fassen.“

„In Wales kann man nie wissen“, sagte Evan. „An einem Tag ist das Wetter furchtbar, am nächsten wunderschön. Wir können nur dafür garantieren, dass kein Wetter länger als ein paar Tage anhält.“ Er schlug sein Notizbuch auf. „Würden Sie mir jetzt bitte noch Ihre Namen, Adressen und Telefonnummern geben – nur für den Fall, dass wir Sie noch mal kontaktieren müssen.“

„Warum?“

„Ich habe keine Ahnung, Sir, aber es ist Routine, die Kontaktdaten jeder Person aufzunehmen, die zum Zeitpunkt eines Verbrechens in der Nähe war.“

„Ein Verbrechen?“ Die junge Frau klang überrascht. „Das kleine Mädchen wird doch vermisst, oder? Sie wurde doch nicht – wie sagt man das – von einem bösen Menschen mitgenommen?“

„Das wissen wir noch nicht. Deshalb müssen wir all diese Fragen stellen. Wir haben bereits den ganzen Strand abgesucht und bislang gibt es keine Spur von ihr. Also denken Sie bitte gut nach – als Sie von Ihrer Wanderung heute Morgen zurückkamen – haben Sie da zum Strand gesehen? Haben Sie vielleicht das kleine Mädchen gesehen, das dort spielte? Haben Sie sonst irgendjemanden gesehen – jemanden, den Sie noch nie zuvor auf dem Campingplatz gesehen hatten, ein auffällig geparktes Auto?“

Das Pärchen stand schweigend da. Die junge Frau starrte zum Strand hinüber, als wolle sie ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. „Ich habe zum Strand gesehen“, sagte sie. „Er war leer. Da war niemand, als ich hinsah.“

„Aber Sie haben nicht auf die Uhr geschaut?“

„Wir tragen im Urlaub keine Armbanduren“, sagte der Mann. „Auf der Arbeit müssen wir immer hetzen, schneller werden und haben viel Stress. Deshalb kommen wir her, um in den Bergen zu wandern.“

Evan kam ein weiterer Gedanke. „Sie sagten, Sie seien heute Morgen auf den Moel-y-Gest gestiegen.“ Er blickte zum Berg hinüber. Seine mit Heidekraut bedeckten Hänge leuchteten im Sonnenlicht. „Dann müssen Sie einen guten Blick auf die ganze Gegend gehabt haben. War das kleine Mädchen zu diesem Zeitpunkt am Strand?“

„Ich glaube nicht“, sagte die Deutsche. „Der Wind war sehr kräftig und es regnete auch ein bisschen. Kein gutes Wetter, um am Strand zu spielen.“

„Alles klar. Vielen Dank“, sagte Evan. „Wenn Sie mir jetzt bitte Ihre Namen und Adressen aufschreiben würden, und eine Handynummer, falls Sie eines dabeihaben –, das wäre sehr hilfreich.“

Der Mann nahm das Notizbuch und den Stift, schrieb etwas hinein und gab das Buch mit einem höflichen Nicken zurück.

„Ich danke Ihnen sehr.“ Evan nahm das Notizbuch. „Hoffen wir, dass alles gut ausgeht und ich Sie nicht noch einmal kontaktieren muss. Und ich hoffe, Sie können den Rest Ihres Urlaubs genießen.“

„Vielen Dank“, sagte der Deutsche.

Die junge Frau war bereits zur Wäscheleine gegangen und zog die Wäsche mit kräftigen, schnellen Bewegungen herunter. Evan beobachtete sie neugierig. Wenn ihnen das vermisste Mädchen so egal war, warum wollten Sie dann so dringend abreisen?

Kapitel 6

Während Evan sich durch die zweite Wohnwagenreihe arbeitete, rang er mit seinem wachsenden Unbehagen. Mehrmals hielt er inne und blickte zum Auto der Deutschen. Hätte er einen Blick in den Kofferraum werfen sollen? Hätte er sich im Wohnmobil umsehen sollen? Aber welchen Grund hatte er, die Deutschen zu verdächtigen, abgesehen davon, dass sie schnell abreisen wollten? Sie waren nicht einmal in der Nähe, als das Kind verschwand. Der mürrische Künstler hatte sogar gesehen, dass sie am Morgen weggefahren waren, was ihre Geschichte bestätigte. Und die Mutter des Kindes verdächtigte ihren Ex-Mann. Vielleicht hatten die Deutschen schlimme Gerüchte über die britische Polizei gehört oder wollten hier einfach nicht in eine Ermittlung verwickelt werden. Oder, noch simpler, sie waren von ihrer Arbeit übermäßig gestresst und wollten einfach einen sorgenfreien Urlaub verbringen. Das musste es sein. Evan atmete ruhiger, als er über einen weiteren Gaszylinder kletterte.

Die gesamte zweite Wohnwagenreihe war unbewohnt und abgeschlossen. Evan beschloss, die Besitzerin des Campingplatzes aufzusuchen, statt noch mehr Zeit damit zu verschwenden, in leere Mülltonnen oder Lagerschränke zu schauen. Er ging auf den weißen Bungalow am Tor zu. Rauch stieg aus dem Schornstein und ein handgeschriebenes Schild führte ihn zum: BÜRO. ANMELDUNG HIER.

Er betrat einen Empfangsraum mit einem Schalter hinter einer verschiebbaren Glasscheibe, wie man sie in jedem Motel finden konnte. Aus dem Raum hinter dem Glas drangen Stimmen zu ihm. Er klopfte an die Scheibe und hörte, wie die Stimmen plötzlich verstummten, als ein Fernseher ausgeschaltet wurde; dann öffnete sich das Fenster.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Stimme gehörte einer dicken Frau. Sie trug eine altmodische Schürze über einem geblümten Kleid. Es war schwer zu sagen, wie alt sie sein mochte, da ihr Haar leuchtend orange gefärbt war, aber Evan schätzte sie auf mindestens fünfzig.

„Polizei Nordwales, Madam“, sagte er und zeigte dieses Mal seinen Dienstausweis vor. „Ich weiß, dass Sie bereits wegen des vermissten kleinen Kindes befragt wurden, aber wir haben jetzt mehr Informationen und würden gerne einige Dinge überprüfen.“

„Also wurde sie noch nicht gefunden? Das ist wirklich schlimm. Sie war ein nettes, kleines Ding. Ich habe sie über die Wiese rennen sehen – so leicht wie eine Fee.“

„Nein, wir haben sie noch nicht gefunden, aber alle verfügbaren Beamten suchen nach ihr.“

„Das ist gut. War auch mal an der Zeit, dass ihr Jungs euch euren Lohn verdient. Hier gibt es ja kaum Verbrechen, was? Ich sagte immer zu meinem Mann, wenn wir in Porthmadog einkaufen gingen: ‚Die Polizisten, die man hier sieht, sitzen immer nur auf ihrem Hintern und trinken Kaffee‘.“

Evan ignorierte die Beleidigung und bekam ein Lächeln hin. „Dann stammen Sie aus der Gegend, Mrs. ...“

„Paul“, beendete sie den Satz für ihn. „Brenda Paul. Und nein, wir sind nicht von hier, obwohl wir jetzt seit fast zwanzig Jahren hier leben. Wir kommen ursprünglich aus der Nähe von Birmingham. Mein Mann Jimmy hatte einen schweren Herzinfarkt und musste in Frührente gehen, deshalb haben wir uns nach einem Ort an der Küste umgesehen und das hier gefunden. Er ist vor zehn Jahren gestorben und seitdem führe ich den Campingplatz allein.“ Sie verstummte plötzlich, als wäre ihr ein Gedanke gekommen. „Wollen Sie eine Tasse Tee? Ich habe schon Wasser aufgesetzt.“

„Danke. Den könnte ich gut gebrauchen.“ Er rieb die Hände aneinander. „Der Wind da draußen ist immer noch sehr kalt.“ Er wusste, dass die Menschen sich häufig entspannten, wenn sie zu ihrer eigenen Routine zurückkehrten, und ihm dann Dinge erzählten, die sie sonst verschwiegen hätten.

„Ich weiß, es war bisher ein furchtbarer Frühling. Ich habe Absagen von Leuten bekommen, die sonst jedes Jahr im April oder Mai herkommen. Und die zufälligen Besucher sind auch stark zurückgegangen.“ Sie sprach weiter, während sie aus Evans Blickfeld verschwand und dann die Tür zu seiner Linken öffnete. „Kommen Sie durch, Herzchen“, sagte sie.

Evan folgte ihr in ein warmes, gemütliches Zimmer. Beide Heizstäbe eines elektrischen Heizstrahlers glühten und auf zwei einfachen Stühlen lagen Häkelteppiche. Eine Katze saß auf dem einen Stuhl und Mrs. Paul bedeutete Evan, sich auf den anderen zu setzen.

„Ich bin gleich wieder da“, sagte sie und kam kurz darauf mit einem Tablett zurück, auf dem ein Teeservice aus feinem Porzellan und ein Teller mit Schokoladenkeksen standen. „Hier, nehmen Sie einen.“ Sie bot Evan die Kekse an, sobald sie das Tablett auf dem niedrigen Wohnzimmertisch abgestellt hatte. „Damit halten Sie durch, bis der Tee vernünftig gezogen hat. Ich kann zu schwachen Tee nicht leiden, Sie etwa? Mein Ehemann Jimmy sagte immer, in meinem Tee würde ein Löffel stehen bleiben. Es heißt, Tee ist gut fürs Herz, nicht wahr? Aber dem armen Jimmy hat er nicht geholfen. Er ist trotzdem gestorben. Deshalb habe ich mich so für das kleine Mädchen interessiert.“

„Oh, richtig. Ihre Mutter sagte, dass sie eine Operation hinter sich hat.“ Evan hielt mit dem Schokokeks vor seinem Mund inne.

„Eine Herztransplantation.“ Die Frau lehnte sich vertraulich vor. „Wussten Sie das nicht? Eine der jüngsten Empfängerinnen aller Zeiten, in ganz Großbritannien. Die arme, kleine Maus wurde mit einem schrecklich deformierten Herz geboren. Man glaubte gar nicht daran, dass sie lange genug leben würde, um die Transplantation versuchen zu können, aber sie hat es gut überstanden.“

Sie machte eine Pause, um kurz in die Küche zu verschwinden, und kam mit einer Teekanne unter einem farbenfrohen Teewärmer zurück.

„Der sollte jetzt lange genug gezogen haben“, sagte sie und füllte die Teetassen. „Ich schätze, eine Herztransplantation hätte auch meinen Jimmy retten können“, fuhr sie fort, „aber er war natürlich zu alt. Wenn es Herzen gibt, werden die zuerst an junge Menschen vergeben, nicht wahr? Und das ist auch richtig so. Sie haben noch das ganze Leben vor sich.“

Sie reichte Evan eine Tasse. „Milch und Zucker sind da auf dem Tablett, Herzchen. Bedienen Sie sich.“

Evan goss großzügig Milch in die schwarze Flüssigkeit und verdaute immer noch, was sie gerade erzählt hatte. „Eine Herztransplantation – sind Sie sich sicher? Müsste sie dann nicht alle möglichen Medikamente nehmen?“

Die Frau nickte. „Ich weiß, dass sie irgendwelche Immunsuppressiva nahm. Das hat ihre Mutter mir erzählt.“

„Warum hat sie das dann nicht erwähnt? Das ist doch unheimlich wichtig.“

Mrs. Paul nickte. „Sie ist eine eigenartige Frau, nicht wahr? Ich habe Sie hier wohnen lassen, weil ich Mitleid mit der Kleinen hatte, und unter uns, auch weil ich dachte, wir könnten uns gut unterhalten. Zu dieser Jahreszeit kann es hier sehr einsam werden. Aber sie hat keine zwei Worte mit mir gewechselt, seit sie herkam. Sie ist den ganzen Tag unterwegs – ich weiß nicht, wohin sie geht. Sie kennt hier ja niemanden.“

„Sie ist häufig unterwegs?“

„Oh ja – manchmal ist sie den ganzen Tag weg. Das kleine, blaue Auto fährt früh am Morgen hier vorbei und kommt erst nach dem Abendessen zurück.“

„Ich dachte, sie habe das kleine Mädchen hergebracht, damit sie an der frischen Luft sein und am Strand spielen kann.“

„Oh, das macht sie auch, wenn das Wetter gut genug ist. Vielleicht fühlt sie sich bloß eingeengt – in dem Wohnwagen hat man kaum Platz, aber sie hat nach der günstigsten Wohnmöglichkeit gefragt. Wie ich hörte, hat sie kein Geld, seit ihr Mann sie verlassen hat. Nicht dass er etwas taugte, als sie noch verheiratet waren. Er hat wohl nicht mal nach Arbeit gesucht, hat sie gesagt. Er erwartete von ihr, dass sie Arbeiten ging, selbst als sie schwanger war und auch gleich nach der Geburt wieder. Als sie herausfanden, dass das kleine Mädchen krank war und ständige Betreuung brauchte, musste sie natürlich zu Hause bleiben und von der Sozialhilfe leben. Sie sagt, sie habe es schwer gehabt und komme jetzt langsam auf die Beine. Sie hat Arbeit und einen sicheren Ort zum Leben, und versucht ihr Leben ohne diesen Mistkerl weiterzuführen.“

„Er war ein Mistkerl? Hat sie das gesagt? Warum, nur weil er nicht arbeiten wollte?“

„Er war auch jähzornig und hatte depressive Phasen. Er habe sich nie an das Leben in England gewöhnt, sagte sie. Sie glaubt, dass er sie nur geheiratet hat, weil er so sicher sein konnte, nicht zurück nach Russland geschickt zu werden. Allerdings wollte er nichts lieber, als nach Hause zurückzukehren.“

Evan fand, dass sie recht viel enthüllt hatte, dafür, dass sie keine zwei Worte mit ihrer Vermieterin gewechselt hatte. Er beschloss, das Risiko einzugehen und selbst etwas preiszugeben.

„Sie glaubt, dass ihr Ex-Mann das Kind entführt haben könnte“, sagte er. „Sie sind meistens hier, oder? Mir ist aufgefallen, dass dieses Fenster zum Tor zeigt. Sie haben heute Morgen nicht zufällig fremde Autos oder fremde Männer bemerkt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hätte es bemerkt, wenn ein fremdes Auto durchs Tor gekommen wäre. Aber wenn er auf der anderen Seite der Hecke geparkt hätte, gäbe es mehrere Stellen, an denen er ungesehen hereingekommen sein könnte. Sie glaubt also, ihr Mann hätte sich sein Kind geholt, ja? Sie hat mir erzählt, dass er sie sehr gernhatte und sie häufiger besuchen wollte, aber die Mutter hat es nicht erlaubt. Sie ist eine taffe Frau, soviel kann ich sagen. Vielleicht hat sie es zu weit getrieben.“

„Im Augenblick müssen wir alle Möglichkeiten in Betracht ziehen“, sagte Evan. „Unsere Männer durchkämmen immer noch die Gegend, für den Fall, dass das Kind einfach nur weggelaufen ist. Kinder tun das manchmal, nicht wahr? Ich weiß, dass ich meinen Eltern mehrmals einen Schrecken eingejagt habe.“ Er lächelte sie an und sie erwiderte es mit einem scheuen Lächeln. „Wer könnte noch heute Morgen hier gewesen sein?“

„Der Campingplatz ist nahezu leer“, sagte sie. „Ich habe noch diesen Gwynne hier, der Kerl, der diese schrecklich obszönen Statuen macht.“

„Obszön? Er sagte mir, die meisten Leute würden gar nicht erkennen, was sie darstellen sollten.“ Evan betrachtete amüsiert ihren entsetzten Gesichtsausdruck.

„Ich erkenne Brüste, wenn ich sie sehe – und andere, hängende Teile der Anatomie auch. Und einmal standen zwei Skulpturen dicht beieinander und man konnte gut erkennen, was sie taten. Ich sagte ihm, dass das nicht gesund sei, solche unanständigen Dinge dort hinzustellen, wo Kinder sie sehen können. Ich sagte ihm, dass sie für mich nur Schrott seien, und dass er sich einen anderen Campingplatz suchen müsse, wenn sie noch einmal draußen zu sehen sind.“

„Ja, ich habe mit Richard Gwynne gesprochen“, sagte Evan. „Und mit dem deutschen Pärchen. Erzählen Sie mir von ihnen.“

„Oh, das sind Menschen, wie ich sie mag“, sagte sie. „Kein Ärger. Adrette, gesunde, junge Leute. Keine Drogen oder Alkohol. Und sie haben für eine ganze Woche im Voraus gezahlt.“

„Und sie waren auch eine Woche lang hier?“

„Nein, erst vier Tage.“

„Dann reisen sie früher ab“, sagte Evan. „Sie packten gerade ihre Sachen, als ich mit ihnen sprach.“

„Ist das so? Sehr seltsam. Sie haben mir nichts gesagt. Ich hoffe, sie hatten keine Probleme mit dem Campingplatz. Wie auch immer, sie bekommen kein Geld zurück. Das steht gut verständlich über der Anmeldung.“

Evan beschloss, noch einmal bei den Deutschen vorbeizuschauen, wenn er mit Mrs. Paul fertig war. „Und wer wohnt noch hier?“

„Das sind im Moment alle. Es gibt noch diese Ferien-Bungalows, ein Stück weiter den Strand hinunter. Da wohnen noch Leute. Ich weiß das, weil ich heute Morgen dort vorbeikam und mehrere Autos und einen fussballspielenden Jungen gesehen habe.“

„Dann waren Sie heute Morgen unterwegs?“

„Nur um beim Kiosk die Zeitung zu holen. Das mache ich jeden Tag gegen neun Uhr. Das Wetter war furchtbar – es regnete und stürmte. An solchen Tagen frage ich mich, warum ich Birmingham je verlasse habe.“

„Ja, und dann kommt die Sonne raus und man begreift, dass es einer der schönsten Flecken auf Gottes Erde ist“, beendete Evan den Satz für sie.

Sie schenkte ihm ein mütterliches Lächeln. „Sie stammen aus der Gegend, das merke ich. Beherrschen Sie die Sprache? Ich weiß, dass heutzutage alle Polizisten Walisisch können müssen, aber ich meine, beherrschen sie die Sprache wirklich?“

„Oh ja. Es ist meine Muttersprache. Wir haben zu Hause immer Walisisch gesprochen.“

„Ich habe es nie hinbekommen“, sagte sie. „Ich habe mal versucht, Walisisch zu lernen, aber das übersteigt mein Können. Ich kann Yacky Da und Dee-olch sagen, aber das war’s dann schon.“

Evan bekam das Gefühl, dass sie ihn den ganzen Nachmittag hier festhalten würde, wenn er sich jetzt nicht auf den Weg machte. Er trank seinen Tee aus und erhob sich. „Vielen Dank für den Tee, Mrs. Paul. Das habe ich gebraucht. Und danke auch für Ihre Hilfe. Ich gehe davon aus, dass Sie uns noch häufiger sehen werden, wenn das kleine Mädchen nicht bald gefunden wird, also falls Sie irgendetwas Auffälliges sehen oder hören, zögern Sie nicht, uns anzurufen, ja?“

„Werde ich machen, Schätzchen. Ich will genauso wie Sie, dass das Mädchen gefunden wird. Armes, kleines Ding. Was für ein Vater würde seinem Kind so etwas antun? Sie sind doch alle gleich, die Ausländer, nicht wahr? Man kann ihnen kein Stück trauen – wie diesen Deutschen, die einfach früher abreisen. Ich habe Lust, zu meinem Wohnwagen zu gehen und alle Teller und Decken zu zählen.“ „Machen Sie das, Mrs. Paul. Und machen Sie es besser schnell, denn sie waren ziemlich in Eile.“

„Natürlich.“ Sie stand ebenfalls auf und schnappte sich eine Strickjacke von der Rückenlehne eines anderen Stuhls.

Evan lächelte zufrieden. Ohne Durchsuchungsbeschluss durfte er nicht in ihr Auto oder ihren Wohnwagen schauen, aber eine neugierige Vermieterin konnte beides.

Als sie aus Mrs. Pauls Bungalow traten, kamen sie gerade rechtzeitig, um den grünen Volkswagen Beetle über das weiche Gras und durch das Tor hüpfen zu sehen.

Kapitel 7

Pater Nicholas Thomas stand im Eingang zur Bar des Everest Inn und sah sich mit Abneigung um. Selbst jetzt am Nachmittag wirbelte bereits ein Rauchschleier um die Eichenholzträger. Nach so langer Zeit in Kanada hatte er völlig vergessen, wie viel die Briten rauchten. Dann entdeckte er seinen Bruder am anderen Ende der Bar. Im selben Moment sah Val auf und winkte.

„Was willst du trinken?“, fragte Val Thomas.

„Es ist noch etwas früh für mich, danke“, sagte Nick.

„Ach, komm schon, wir sind im Urlaub“, beharrte Val.

„Na gut. Dann einen Weißwein bitte. Einen Chardonnay.“

Val warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Trinken echte Männer in Kanada Wein? Es wundert mich, dass sie dich noch nicht aus der Stadt gejagt haben.“

Nicks Gesichtsmuskel zuckten kurz, dann lächelte er. „Du vergisst, dass ich kein echter Mann bin. Ich bin Priester. Wir müssen anders sein, nicht wahr? Und Kanada ist mittlerweile sehr europäisch geworden.“

„Witzig, nicht?“, fragte Val. „Wir beide – wir führen so unterschiedliche Leben. Wer hätte damit gerechnet, als wir noch Kinder waren? Du, ein Priester! Du warst damals nicht besonders fromm, was? Wenn ich mich recht erinnere, hast du dich in der Schule genauso oft aus dem Gottesdienst geschlichen wie ich. Und unsere Eltern schenkten der Religion abgesehen von einem Kirchenbesuch zu Weihnachten auch keine Beachtung.“

„Und wer hätte gedacht, dass du ein Künstler werden würdest?“, konterte Nick. „Ich dachte immer, dass du die Familiengeschäfte übernehmen und ein zielstrebiger Firmenchef werden würdest.“

„Ich habe festgestellt, dass ich mich nicht gerne auf eine Sache festlegen lasse“, sagte Val. „Mir wird schnell langweilig, und anscheinend liegt es mir, Bilder zu malen, für die andere Menschen große Geldsummen bezahlen wollen. Das passt mir ganz gut. Ich glaube nicht, dass ich je der sprichwörtliche brotlose Künstler hätte sein können, genauso wenig, wie du der bescheidene, fastende Priester sein konntest. Wir sind offensichtlich in der Erwartung eines guten Lebens aufgewachsen.“

„Nach der Zeit am Internat? Das Essen war miserabel und wir mussten kalt duschen.“

„Aber das hat uns zu Männern gemacht, nicht wahr?“ Val lachte und schob der jungen Frau, die ein Weinglas vor Nick abgestellt hatte, einige Münzen zu. „Unter uns, ich war verdammt froh, dass wir aufs Internat gingen. Ich glaube, ich hätte es nicht überlebt, zu Hause festzusitzen.“

„Ich auch nicht. Ich konnte es kaum erwarten, wegzukommen. Deshalb bin ich wohl auch nach Kanada gegangen. Je weiter weg, desto besser.“

„Man kann gar nicht weit genug weggehen, oder? Ich glaube, nicht einmal Australien würde helfen.“ In Vals attraktivem Gesicht war kein Lächeln mehr zu sehen.

Nick nickte zustimmend. „Nein, es verfolgt einen einfach, nicht wahr?“

 

Nachdem er sich von Mrs. Paul verabschiedet hatte, besuchte Evan die Ferien-Bungalows, etwas weiter den Strand hinunter. Zwei wurden von Familien bewohnt, die sich daran erinnerten, das kleine Mädchen mehrfach am Strand gesehen zu haben. Aber sie seien an diesem Morgen nur kurz am Stand gewesen. Sie hätten keine fremden Männer oder Autos an der Straße gesehen. Aber wie auch? Evan dachte nach, während er zum Campingplatz zurücklief. Wenn er als Junge in die Ferien gefahren war, hatte er sich nur dafür interessiert, Spaß zu haben und möglichst viel Zeit am Strand zu verbringen, sodass ein Raumschiff in der Nähe hätte landen können, ohne dass er es bemerkt hätte. Und Eltern behalten am Strand ihre eigenen Kinder im Auge, anstatt andere Menschen zu beobachten.

Er ging gerade zu seinem Auto zurück, als er sich daran erinnerte, was Mrs. Paul ihm über die Herztransplantation erzählt hatte. Es wäre möglich, dass sie etwas falsch verstanden hatte, aber wenn nicht ... er war sich sicher, dass Patienten nach einer Transplantation regelmäßig Immunsuppressiva einnehmen mussten. Und es konnte tödlich sein, wenn sie damit aufhörten. Mrs. Sholokhov war eindeutig verzweifelt gewesen, als sie mit ihnen gesprochen hatte, aber wie konnte sie etwas vergessen, das für das Überleben ihres Kindes derart wichtig war? Evan rannte beinahe, als er den Campingplatz überquerte. Das kleine, blaue Auto, das Mrs. Paul erwähnt hatte, stand vor Shirley Sholokhovs Wohnwagen, doch als er an die Tür klopfte, bekam er keine Antwort. Er klopfte lauter und fragte sich, ob sie eingeschlafen war. Dann kletterte er auf den Reifen und schaute hinein. Der Wohnwagen war leer.

Er drehte um und ging eilig über die Wiese zurück. Bedeutete das, dass sie das Kind gefunden hatte? Hatte er alles verpasst, während er unterwegs war um unnötige Laufarbeit zu absolvieren, bei der er nicht einmal der Erste war? Er rannte die letzten Meter und sprang in sein Auto.

Als er die Straße entlangfuhr, frischte der Wind auf und Sand prasselte gegen die der See zugewandten Seite seines Wagens. Evan blickte zum Strand hinunter, wo es eine Lücke zwischen den Dünen gab, dann hielt er abrupt am Straßenrand. Ein Mann stand am Strand und betrachtete mit einem Fernglas einen Möwenschwarm. Ein Vogelbeobachter mit Fernglas war vielleicht der Durchbruch, den sie brauchten. Möglicherweise wusste er nicht einmal, dass ein kleines Mädchen vermisst wurde, hatte aber am Morgen etwas gesehen, das ihm seltsam vorkam.

Evan lief über das Feld und kämpfte sich durch den weichen Sand der Dünen. Der Mann blickte noch immer durch sein Fernglas. Evan wollte ihn nicht erschrecken, also rief er: „Hallo!“

Der Mann senkte das Fernglas und drehte sich zu Evan um.

„Könnte ich kurz mit Ihnen sprechen, Sir?“, fragte Evan.

„Bekomme ich Ärger?“, fragte der Mann auf Walisisch. Als Evan näherkam, sah er sich einem kleinen, schlanken Mann gegenüber, dessen Kleidung ihm eine Nummer zu groß zu sein schien, sowie auch sein Kopf zu groß für seinen Körper wirkte. Als er Evan ansah, blickte der in ein unschuldiges, knabenhaftes Gesicht, doch sein ergrauendes Haar und die Falten in seinen Augenwinkeln deuteten darauf hin, dass er deutlich älter als Evan war. Er hatte etwas Vertrautes an sich, und Evan versuchte, ihn einzuordnen. „Sind Sie hier, um mich mitzunehmen?“

„Warum? Was haben Sie getan?“, fragte Evan.

„Ich weiß es nicht, aber ich wurde schon mal festgenommen. Sie gaben mir Tee und Brötchen und zeigten mir, wie die Funkanlage funktioniert. Ich dachte, die Polizei sei hier, um mich festzunehmen, als ich heute Morgen all diese Polizeiautos sah. Sind Sie von der Polizei?“

Plötzlich fiel der Groschen. Daft Dai. Er sprach den Spitznamen beinahe laut aus, konnte sich aber im letzten Augenblick zügeln. Er war wohlbekannt oben in den Bergen, in der Gegend um Llanfair, wo Evan lebte. Er hatte sich gestellt, für einen Mord, den er nicht begangen hatte, als Evan gerade als Constable nach Llanfair gekommen war. Es war allgemeiner Konsens, dass er nicht der Hellste war. Durchgeknallt aber harmlos.

„Dai, nicht wahr?“, fragte Evan.

„Ich kenne Sie.“ Das Gesicht des Mannes zeigte ein knabenhaftes Lächeln. „Sie trugen früher Uniform. Hat man Ihnen die weggenommen?“

„Nein. Ich wurde zu den sogenannten Zivilfahndern versetzt. Ich bin ein echter Detective.“

„Oh, ich verstehe.“ Dai wirkte beeindruckt. „Fahren Sie einen Streifenwagen?“

„Was machen Sie hier unten, Dai?“, fragte Evan. „Leben Sie jetzt hier?“

„Ich lebe in dem Heim. Kennen Sie das? Es ist sehr schön.“

Evan erinnerte sich daran, dass es in Porthmadog eine Art betreute Wohnanlage für Menschen wie Dai gab. Er hatte einmal dort hinfahren müssen, weil einer der Bewohner sich am Strand vor anderen Leuten auszog.

„Ja, ich kenne es, Dai. In Porthmadog, nicht wahr? Wie lange wohnen Sie schon da?“

„Seit meine Mutter gestorben ist. Ich weiß nicht, wie lange das her ist. Schon ziemlich lange. Es hieß, sie hätte nicht gelitten. Das ist gut, nicht wahr?“

Evan nickte. „Ja. Das ist gut. Was machen Sie hier draußen am Strand? Vögel beobachten? Ist das Ihr Hobby?“ Ein Gedanke ging ihm durch den Kopf, doch er schob ihn schnell beiseite. Verrückt aber harmlos, rief er sich ins Gedächtnis.

„Im Heim ist es ganz nett“, sagte Dai, „aber da läuft den ganzen Tag der Fernseher. Ich kann meine Gedanken nicht hören und ich bin nicht gerne drinnen eingepfercht. Bin nicht daran gewöhnt, wissen Sie?“

„Natürlich sind Sie das nicht. Also gehen Sie jetzt raus und beobachten Vögel, ja?“

Dai nickte. „Mrs. Presli leiht mir ihr Fernglas, solange ich sehr vorsichtig damit bin. Es ist ein gutes Fernglas. Man kann den Vögeln beim Fliegen zusehen.“

„Welche Vögel mögen Sie denn?“

„Die weißen“, sagte Dai und deutete zu den kreisenden Möwen hinauf. „Die sind hübsch, nicht wahr?“

Evan formulierte den nächsten Satz sorgfältig, ehe er ihn aussprach: „Ich wette, Sie können mit dem Fernglas eine Menge Dinge sehen, oder, Dai?“

„Oh ja. Alle möglichen Dinge.“ Dai strahlte.

„Sie waren nicht zufällig auch heute Morgen am Strand, oder? Denn falls ja, könnten Sie vielleicht der Polizei behilflich sein.“

Dai nickte, sein großer Kopf wippte auf dem dürren Hals auf und ab. „Alles klar.“

„Hören Sie gut zu, Dai. Ein kleines Mädchen spielte auf Höhe des Campingplatzes im Sand. Sie haben sie nicht zufällig gesehen, oder?“

„Sie heißt Ashley.“

Evan zuckte zusammen. „Sie kennen das kleine Mädchen, von dem ich spreche?“

„Oh ja. Ich habe sie schon mal am Strand gesehen. Ich unterhielt mich mit ihr und sie sagte mir ihren Namen.“

Evan spürte, wie sein Puls beschleunigte. „Was ist mit heute Morgen, Dai? Waren Sie heute Morgen hier?“

„Ich denke schon. Nach dem Regen sagten sie mir, ich könnte rausgehen, aber vor dem Mittagessen kam ich nicht weit.“

„Waren Sie hier am Strand?“

Dai grübelte. „Irgendwo hier in der Nähe.“

„Aber haben Sie Ashley heute Morgen gesehen? Haben Sie das kleine Mädchen gesehen?“, bohrte Evan weiter.

Dai schüttelte den Kopf. „Der Strand war leer, bis auf die Vögel.“

„Sind Sie hergelaufen? An der Straße nach Borth entlang? Sie haben Ashley nicht zufällig in einem Auto gesehen, oder?“

Dai schüttelte den Kopf, dann sagte er nachdenklich: „Aber vielleicht ist sie auf den Berg gestiegen. Ich sah Leute am Berg.“

Das deutsche Pärchen, dachte Evan. „Wie viele, Dai?“

„Ich weiß es nicht. Sie waren weit weg. Zwei oder drei vielleicht?“

„Und als Sie an der Straße entlangliefen, haben Sie da fremde Autos am Straßenrand gesehen, vielleicht eines, in dem ein Mann saß?“

Dai nickte. „Da stand ein Auto hier in der Nähe.“

„Wirklich?“

Dai nickte erneut, sein Kopf wippte, wie bei einer Wackelkopf-Figur.

„Wirklich? Wie sah es aus, Dai?“

„Es war weiß und ein Schriftzug stand auf der Motorhaube.“

„Oh“, sagte Evan enttäuscht. „Dai, lautete der Schriftzug vielleicht ‚Heddlu, Police‘?“

„Schon möglich“, sagte Dai.

„Alles klar. Danke für Ihre Hilfe, Dai.“ Evan streckte die Hand aus. „Hören Sie, Dai. Das kleine Mädchen wird vermisst. Wenn Sie sie finden, kommen Sie sofort zu uns, ja? Oder wenn Sie irgendwelche Spielzeuge finden, die sie vielleicht am Strand zurückgelassen hat.“

„Sie ist weg?“, fragte Dai und sein Blick wirkte überrascht und traurig. „Ashley ist weg. Waren deshalb die ganzen Polizisten hier?“

„Genau. Wenn Sie uns also irgendwie dabei helfen können, sie zu finden ...“

„Ich werde helfen“, sagte Dai. „Sie hatte hübsches Haar, nicht wahr?“

„Ja, das hatte sie. Bis dann, Dai. Hwyl.“

Dai starrte Evan an wie ein Hund, der wusste, dass man ihn zurückließ. Evan musste lächeln. „Wollen Sie mit mir im Auto zurückfahren, Dai?“, fragte er. „Ich bringe Sie nach Hause.“

Dais Gesichtsausdruck erhellte sich. „Dann komme ich noch rechtzeitig zum Tee“, sagte er und trottete wie ein folgsames Haustier neben Evan her. Auf dem Weg in die Stadt teilte Evan dem Hauptquartier über Funk mit, dass er unterwegs war und erfuhr, dass der Detective Inspector ihn an der Polizeistation von Porthmadog erwartete.

„Nichts Neues zu dem kleinen Mädchen?“, fragte er. „Ich hörte, dass Mrs. Sholokhov im Streifenwagen irgendwo hingefahren wurde, also hoffte ich ...“

„Nein, ich nehme an, Police Constable Howells fuhr mit ihr eine Tasse Tee trinken, die arme Frau“, sagte die Telefonistin in der Zentrale.

„Oh, natürlich. Sagen Sie dem Detective Inspector, dass ich in fünf Minuten da bin.“

Er setzte Dai an seinem Heim ab und betrat einige Minuten später einen Raum voller blauer Uniformen. Detective Inspector Watkins sprach zu den Beamten, während er an einem Ende des Raumes auf einem Tisch saß. Evan stellte mit Missfallen fest, dass Detective Chief Inspector Hughes ebenfalls da war, der ranghöchste Detective ihrer Abteilung. Er war wie üblich adrett gekleidet, in einem dunkelgrauen Anzug mit einem Einstecktuch aus weißer Seide.

„Ah, da ist Evans ja endlich“, sagte Hughes und schaffte es damit, zu unterstellen, dass er irgendwie zu spät war und alle auf ihn gewartet hätten.

„Tut mir leid, Sir. Ich wusste nichts von einer Besprechung“, sagte Evan. „Ich habe die Leute auf dem Campingplatz befragt.“

„Ich nehme an, Sie habe nichts herausgefunden, oder?“ Wieder ließ er es so klingen, als sei Evan unfähig, nützliche Beweise zu finden. Evan war sich sehr bewusst, dass die uniformierten Polizisten ihn anstarrten.

„Nicht viel“, sagte er. „Der Campingplatz ist beinahe unbewohnt. Niemand hat das kleine Mädchen heute Morgen gesehen. Nur das deutsche Pärchen kam mir irgendwie seltsam vor. Sie reisten drei Tage früher ab und konnten es kaum erwarten, endlich zu verschwinden.“

„Haben Sie sie gehen lassen?“, wollte Hughes wissen.

„Ja, Sir. Ich hatte keinen Grund, sie festzuhalten. Aber ich habe mir ihr Kennzeichen notiert, und ich habe ihre Kontaktdaten, inklusive einer Handynummer.“

„Ah. Guter Mann“, sagte Hughes, und hatte damit endlich etwas Lob für ihn übrig.

„Und sie hatten ein Alibi für den Morgen“, sagte Evan. „Sie waren bergwandern und tranken in der Stadt einen Kaffee. Das sollte recht leicht zu überprüfen sein.“

„Ich glaube ohnehin nicht, dass ihre Abreise etwas mit der Sache zu tun hatte“, sagte Watkins. „Und wir können Sie jederzeit finden, wenn das nötig sein sollte.“

Detective Chief Inspector Hughes stand auf. „Nun, dann überlasse ich das mal Ihnen, Watkins. Sie haben sicher schon jemanden, der dabei ist, den Vater aufzuspüren, oder?“

„Wir haben an alle Häfen und Flughäfen die Nachricht rausgegeben, nach ihm und dem kleinen Mädchen Ausschau zu halten“, sagte Watkins, „aber bislang ist es immer noch der Fall eines vermissten Kindes, keine Entführung.“

„An Ihrer Stelle würde ich diese Sache wie eine Kindesentführung behandeln und umgehend den Vater ausfindig machen. Es wäre möglich, dass er jemanden dafür bezahlt hat, das Kind mitzunehmen und zu ihm zu bringen. Ich würde ihn auf der Stelle beschatten lassen, Watkins.“

„Sehr wohl, Sir. Danke für den Vorschlag.“ Sein Gesicht blieb ausdruckslos.

Als Hughes seinen eindrucksvollen Abgang hingelegt hatte, flüsterte Watkins Evan zu: „Was zur Hölle glaubt er, was wir hier machen – darauf warten, dass er uns sagt, wann wir atmen dürfen? Scheinheiliger Schwachkopf.“ Er ließ seinen Blick über die Beamten im Raum schweifen. „Entschuldigen Sie die Unterbrechung. Wo waren wir?“

„Roberts wollte gerade seinen Bericht abliefern, Sir.“

„Ah, ja. Roberts – der Strandbereich?“

„Nichts, Sir. Ich entdeckte nur eine einzige verdächtige Person, und die stellte sich als Constable Evans heraus.“ Er erntete Gelächter.

Watkins sah in seine Notizen. „Also alles negativ. Keine Sichtungen in Criccieth, Borth oder Porthmadog. Am Strand und in den Dünen wurde nichts gefunden. Und bei allen umliegenden Wohnhäusern wurden Befragungen durchgeführt, richtig?“

„Ja, Sir. Das haben Jones und ich übernommen. Niemand hat sie gesehen.“

„Und Evans, Sie haben noch mal eine Runde über den Campingplatz gedreht. Was war das mit dem deutschen Pärchen?“

„Sie arbeiteten hastig daran, endlich abreisen zu können. Der Mann sagte irgendetwas davon, dass seine Freundin nach der ganzen Sache sehr verunsichert sei und nur noch verschwinden wolle.“

„Und Sie dachten, dass mehr dahintersteckt?“

„Ich weiß es nicht. Ich hätte gerne ihren Wohnwagen durchsucht. Ich konnte einen Blick in ihr Auto werfen – einer dieser Beetles, in die man ohne Probleme hineinsehen kann – und habe nichts Verdächtiges entdeckt.“

„Sie glauben doch nicht, dass sie das Kind entführt haben könnten, oder? Es waren wirklich Deutsche und nicht etwa Russen, nehme ich an?“

„Sie hörten sich deutsch an“, sagte Evan. „Und sie hatten ein deutsches Kennzeichen.“

„Wir sollten sie im Auge behalten“, sagte Watkins. „Wohin wollten sie? Haben sie das gesagt?“

„Vielleicht nach Schottland, hatten sie überlegt.“

„Gut. Geben Sie mir das Kennzeichen. Wir leiten es auch an die Häfen weiter, für den Fall, dass sie sich aus dem Staub machen wollen. Die Hafenpolizei wird bald die Nase voll davon haben, von uns zu hören.“ Er rückte die Unterlagen vor sich zurecht. „Na gut. Was haben wir bisher? Die Suchaktionen in der Gegend waren erfolglos. Die Hunde haben nichts gefunden. War der Bluthund da?“

„Ja, Sir, aber er konnte am Strand keine Witterung aufnehmen. Wir vermuten, dass die Stelle, an der sie gespielt hatte, schon unter Wasser war, als der Hund eintraf.“

„Na das hat ja viel gebracht. Also haben wir, abgesehen von Evans Deutschen, nur den Verdacht der Mutter, dass der Vater verantwortlich ist. Es versucht bereits jemand, den Vater zu kontaktieren. Und nur für den Fall, dass er es nicht war, sondern ein Fremder das Mädchen entführt hat, werden Aushänge gedruckt, die wir in der Gegend verteilen können. Weitere Vorschläge?“

„Wurde der Berg schon abgesucht?“, fragte Evan.

„Sie meinen den Hügel hinter dem Campingplatz?“

„Ich weiß, dass er keine dreihundert Meter hoch ist, aber für mich ist es trotzdem ein Berg“, beharrte Evan. „Ich habe mit jemandem gesprochen, der am Morgen zwei oder drei Personen am Hang gesehen haben will. Sie werden übrigens nie erraten, wer es war. Erinnern Sie sich noch an Daft Dai?“

„Der Mann, der behauptete, diese Männer auf dem Berg getötet zu haben?“ Watkins grinste.

„Daft Dai? Oh, den kennen wir all gut“, sagte Roberts. „Er kommt immer in die Station und will sich verhaften lassen. Ich glaube, er mag den Tee und die Brötchen, die er von uns bekommt.“

„Entschuldigen Sie, Sir“,eine junge Polizistin hob die Hand, „aber sollten wir ihn nicht überprüfen? Ich meine, es wäre nicht das erste Mal, das ein mental unausgewogener Mensch einem kleinen Mädchen nachstellt.“

„Ich glaube, der hier ist harmlos, Gwen“, sagte Watkins.

„Und er war ehrlich erschüttert, als er hörte, dass das kleine Mädchen vermisst wird“, sagte Evan. „Bei seiner Faszination für Verhaftungen können wir wohl davon ausgehen, dass er nichts mit ihrem Verschwinden zu tun hat.“

„Und trotzdem glauben Sie, dass wir den verdammten Berg absuchen sollten, Evans?“

„Das war nur ein Gedanke, Sir. Um sicherzugehen, dass wir alle Möglichkeiten in Betracht gezogen haben.“

„Ja, Sie haben wohl recht. Es wäre nicht schwer, zwischen den Felsen und dem Heidekraut ein Kind zu verstecken. Was meint ihr, Jungs? Seid ihr noch fit für eine weitere Suchaktion, ehe es dunkel wird?“

„Natürlich, Sir.“ Einer der Constables stand auf. „Wir tun alles, um das kleine Mädchen zu finden. Wir sollten die Hunde mitnehmen, oder?“

„Absolut. Auf geht’s. Wir haben noch vier Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit. Das sollte ausreichen, um den Berg gründlich abzusuchen.“

„Da wäre noch eine Sache, die ich erwähnen sollte“, sagte Evan, als sich die Versammlung aufgelöst hatte und sie gemeinsam zu Watkins’ Wagen gingen. „Sie wissen, dass Mrs. S. erwähnt hat, dass Ashley eine Operation hinter sich hat? Also, die Besitzerin des Campingplatzes sagte, dass es eine Herztransplantation gewesen sei.“

„Eine Herztransplantation? Verdammt noch mal“, sagte Watkins.

Evan öffnete die Beifahrertür und stieg ein. „Da müsste sie doch alle möglichen Medikamente bekommen, oder? Wie konnte ihre Mutter vergessen, das zu erwähnen, als sie mit uns sprach?“

„Wir sollten ihr auf jeden Fall noch mal einen Besuch abstatten“, sagte Watkins, während sie vom Parkplatz fuhren.

„Ich habe es versucht, sobald ich davon erfuhr, aber anscheinend war der weibliche Police Constable mit ihr einen Tee trinken gegangen.“

„Sie sollte mittlerweile wieder zurück sein. Hat die Besitzerin sonst noch etwas Interessantes erzählt?“

„Sie sagte, dass Mrs. S. viel unterwegs war, ständig kam und ging.“

„Eine kleine Schnüfflerin, diese Campingplatzbesitzerin, was?“

„Definitiv. Sie war nicht gut auf Shirley Sholokhov zu sprechen, weil sie sich von ihr ein paar gute Gespräche erhofft hatte, Shirley dann aber für sich geblieben war.“

Watkins kicherte. „Aber wenn sie bemerkt, wann Shirley kommt oder geht, sollte man meinen, sie hätte auch ein fremdes Auto oder einen fremden Mann bemerkt, oder?“

„Das dachte ich auch, aber sie sagt, es gäbe mehrere Stellen, an denen man durch die Hecke schlüpfen könnte, wenn man das Auto draußen abstellt.“

Evan schüttelte den Kopf, als sie die Stadt hinter sich ließen. „Irgendjemand muss doch etwas gesehen habe, oder? Hier ist alles so offen. Wenn jemand Ashley am Strand geschnappt hat, hätte er mit dem Kind im Arm durch mehrere Felder rennen müssen. Das hätte doch irgendjemand mitbekommen.“

„Zu dieser Jahreszeit ist es hier ziemlich leer“, sagte Watkins. „Trotzdem wäre es ein großes Risiko gewesen.“

„Wenn es Ashleys Vater war, würde er natürlich jedes Risiko eingehen. Sie würden doch auch alles riskieren, um ihre Tochter zurückzubekommen, oder?“

„Ja. Ich schätze schon“, stimmte Watkins zu.

Und doch hatte Mrs. Paul ihn als Mistkerl bezeichnet, ihn übellaunig und gewalttätig genannt.

Sie fuhren auf die Wiese des Campingplatzes und parkten neben dem blauen Auto. Dieses Mal öffnete Police Constable Howells die Tür. „Oh, hallo, Inspector, hallo, Constable Evans“, sagte Sie. „Gibt es Neuigkeiten?“

„Noch nicht. Wie hält Mrs. Sholokhov sich?“

„Nicht sehr gut. Der Arzt hat ihr ein Beruhigungsmittel gegeben“, sagte sie leise und warf einen Blick zurück in den Wohnwagen.

„Ist sie noch wach? Wir müssen ihr eine Frage stellen“, sagte Watkins.

„Sie können es versuchen, aber regen Sie sie nicht wieder auf, wenn es sich vermeiden lässt, in Ordnung? Sie war vorhin in einem schrecklichen Zustand und drohte damit, sich umzubringen, wenn Ashley etwas zustoßen würde.“

„Es geht ganz schnell.“ Watkins ging an ihr vorbei und betrat den Wohnwagen. Evan folgte ihm. Mrs. Sholokhov lag auf dem Bett und sah blass und ausgezehrt aus. Sie öffnete müde die Augen, als Watkins sich zu ihr setzte, dann kämpfte sie damit, sich aufzusetzen.

„Irgendwelche Neuigkeiten?“, fragte sie.

„Watkins legte ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie sanft wieder aufs Bett. „Wir tun, was wir können, machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben sämtliche Häfen und Flughäfen benachrichtigt. Ihr Ehemann wird nicht mit ihr das Land verlassen können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir sie finden.“

Sie nickte und presste ihre Lippen aufeinander.

Watkins blickte zu Evan, der einen Schritt vortrat. „Es gibt da eine Sache, Mrs. Sholokhov“, sagte Evan. „Ich hörte, dass ihre kleine Tochter eine Herztransplantation hinter sich hatte. Stimmt das?“

Sie nickte erneut. „Eine der jüngsten Empfängerinnen eines Spenderherzens, die das Krankenhaus je behandelt hat“, sagte sie.

„Dann bekommt sie vermutlich Medikamente.“

„Natürlich.“

„Aber Sie hielten es vorhin nicht für nötig, uns das mitzuteilen?“, fragte Watkins.

„Das hätte ich tun sollen, nicht wahr?“ Sie hob unbeholfen eine Hand zu ihrem Gesicht. „Ich kann nicht mehr klar denken. Aber keine Sorge, wenn sie bei Johnny ist, wird er dafür sorgen, dass sie die Medikamente nimmt. Er hat immer ganz fanatisch darauf geachtet, dass sie ihre Tabletten nimmt. Und er hat eine Kopie ihres Medikamentenplans, falls sie mal bei ihm übernachtet. Also wird es ihr gutgehen, es sei denn, er bringt sie nach Russland.“ Ein Schluchzen entstieg ihrer Kehle. „Oh Gott. Wer weiß, was die da drüben für eine primitive medizinische Versorgung haben?“

Police Constable Howells setzte sich neben ihr aufs Bett und tätschelte sie, um sie zu beruhigen. „Man wird ihn finden, ehe er nach Russland gelangt. Versuchen Sie, jetzt ein wenig zu schlafen.“ Ihr Blick gebot Watkins und Evan zu verschwinden.

„Sie ist ziemlich überzeugt davon, dass Ashleys Vater sie entführt hat, nicht wahr?“, fragte Evan, als sie zum Wagen zurückliefen.

Watkins starrte zum Berg hinauf. „Ich hoffe bei Gott, dass sie recht hat.“

Kapitel 8

Die Sonne versank über dem Meer bereits als roter Ball in den Nebelbändern am Horizont, als der Suchtrupp vom Berg abstieg. Sie hatten nichts als die Haarspange eines Kindes gefunden, verziert mit einem kleinen Teddybären, die schon seit Jahren dort gelegen haben könnte. Evan und Watkins hatten den Hauptweg zum Gipfel übernommen, während die anderen Beamten ausgeschwärmt waren und sich durch die Felsen und das Heidekraut abseits des Weges nach oben gearbeitet hatten. Nach dem ganzen Regen war der Weg sehr schlammig.

„Wenn wir Glück haben, finden wir Fußabdrücke, falls jemand das Kind hier heraufgebracht hat“, sagte Watkins. „Aber wenn jemand sie hier raufgebracht hat, hat er sie vermutlich getragen. Doch dann könnten die Abdrücke tiefer als üblich sein.“

Evan starrte auf den Weg vor ihnen. „Das ist interessant“, sagte er. „Diese Deutschen sagten, sie wären heute Morgen auf den Berg gestiegen, aber diesen Weg haben sie sicher nicht genommen. Schauen Sie mal – hier ist eine Schafherde durchgekommen, aber heute waren keine Schafe auf dem Berg – und es gibt keine neueren Abdrücke über denen der Schafe, oder?“

„Sie könnten sich entschlossen haben, nicht diesen Weg zu nehmen“, stimmte Watkins zu. Er sah Evan an. „Sie verdächtigen diese Deutschen, oder?“

„Sagen wir, mir ist mulmig bei der Sache.“

„Ich finde, dass Sie einen guten Instinkt haben, Junge. Wenn wir runterkommen, lasse ich ihren Wagen anhalten und durchsuchen, und wir setzen uns auch mit der deutschen Polizei in Verbindung – nur für den Fall.“

 

Rosarotes Dämmerlicht glühte auf den Hängen und hob den letzten Schnee hervor, als Evan endlich die Passstraße nach Llanfair hinauffuhr. Kleine Rinnsale stürzten über die steilen, grünen Hänge herab und tanzten an der Straße entlang. Das Blöken neugeborener Lämmer schwebte auf der abendlichen Brise. Evan spürte, wie die Spannung von ihm abfiel. Jetzt wusste er, warum es ihm so wichtig war, in diesem Cottage wohnen zu können. Es war abgelegen, fern von all den Spannungen und Tragödien der Welt. Wenn er nach Hause käme, würde er sich in himmlischem Frieden wiederfinden.

Aber noch war sein Zuhause kein friedlicher Hafen am Berghang, sondern ein trostloses Bergarbeiter-Cottage im Dorf, das mittlere in einer Reihe von fünf Häusern. Evan wohnte dort, seit er bei Mrs. Williams ausgezogen war. Sie hatte sich liebevoll um ihn gekümmert, doch er wollte beweisen, dass er auch allein für sich sorgen konnte. Die Wahrheit war, dass er sich dabei nicht allzu gut geschlagen hatte. Er hatte gelernt, Eier und Spaghetti zu kochen, aber das erschöpfte seine kulinarischen Fähigkeiten auch schon. Wenn er nach Hause kam, war er meisten so müde und hungrig, dass es einfacher war, Eier und Speck zu braten, als ein neues Rezept zu lernen. Und unterbewusst dachte er stets daran, dass Bronwen eines Tages das Kochen übernehmen würde.

Das Haus wirkte kalt und klamm, als er den Flur betrat. Es war eines der Häuser, die nie eine Zentralheizung bekommen hatten. Im Winter wurde es nie richtig warm und er kam meistens zu spät nach Hause, um noch ein Feuer zu machen. Stattdessen setzte er Teewasser auf und öffnete den Kühlschrank, um zu sehen, was er essen könnte. Er hatte die Wahl zwischen Eiern und Käse, und er hatte auf nichts davon Lust. Er drehte die Gasflamme unter dem Wasserkessel ab und tat etwas, das er versprochen hatte, nicht zu tun. Er ging in den Pub auf der anderen Straßenseite.

Das Schild des Red Dragon pendelte im kräftigen Wind, wobei jeder Schwung von einem lauten Quietschen begleitet wurde. Evan öffnete die Tür und duckte sich unter dem Eichenträger hindurch, um in den Schankraum zu gelangen. Er wurde von Wärme, Gemurmel und Frank Sinatra empfangen – der Musikgeschmack der Dorfbewohner war etwas veraltet. In dem Kamin am anderen Ende der Bar brannte ein Feuer. Eine Gruppe stand davor, ihre Silhouetten hoben sich vor dem Feuerschein ab. An der Bar stand eine weitere Gruppe. In ihrer Mitte ein großer, junger Mann in Rollkragenpullover und Sakko. Evan brauchte einen Moment, um ihn als Eimer-Barry zu erkennen, den einheimischen Planierraupen-Fahrer, der bis vor Kurzem nur schmutzige Overalls getragen hatte. Er lehnte an der polierten Holzbar, das Gesicht nur Zentimeter von Betsy der Barfrau entfernt, und flüsterte ihr etwas zu. Als Antwort lief sie rot an und verpasste ihm eine angedeutete Ohrfeige.

Im Dorf war ein kleines Wunder geschehen, als Betsy und Barry sich ineinander verliebt hatten, fand Evan. Er begrüßte es, weil Betsy seitdem aufgehört hatte, ihn unermüdlich zu umwerben. Sie trug keine aufreizenden Pullover oder bauchfreie Oberteile mehr, sondern eine sittsame, weiße Bluse. Als sie sich von Barry löste, entdeckte sie Evan, der sich seinen Weg durch die Menge bahnte.

„Na, da ist er ja endlich“, sagte sie laut. „Wir dachten schon, wir hätten dich verloren, Evan bach. Was darf es sein? Das Übliche?“

Ihre Hände zapften bereits ein Pint Guinness.

„Wunderbar, danke. Und was habt ihr heute Abend auf der Speisekarte, Betsy? Welche Delikatessen könnten einen hungrigen Mann in Versuchung führen?“

„Oh, hört ihn euch an“, gluckste einer der Männer. „Passen Sie besser auf, Evan. Barry steht gleich hier drüben und er ist unglaublich eifersüchtig.“

„Ich dachte, du sollst kochen lernen.“ Betsy warf ihm einen ernsten Blick zu. „Wenn du andauernd zum Abendessen herkommst, werde ich das Bronwen erzählen müssen.“

„Ich komme nicht andauernd vorbei. Ich habe seit heute Morgen nach einem vermissten Mädchen gesucht und bin am Verhungern.“

„Ein vermisstes Mädchen, ja? Oh, das ist furchtbar. Habt ihr sie gefunden?“ Der alte Charlie Hopkins, der sich an die Bar gelehnt hatte, drehte sich mit einem halbleeren Glas in Händen zu Evan um.

„Noch nicht. Es könnte sein, dass ihr Vater sie entführt hat.“

„Das passiert ständig, wenn Paare sich scheiden lassen, nicht wahr?“, fragte Betsy. „Sie versuchen, sich damit gegenseitig zu ärgern, und denken nicht daran, welche Auswirkungen es auf die Kinder hat. Ich finde, man sollte sicherstellen, dass man die richtige Person geheiratet hat, ehe man Kinder in die Welt setzt.“

„Ganz genau, cariad“, sagte Barry und streichelte ihre Hand. „Aber nicht jeder kann so viel Glück haben wie du und einen atemberaubenden Mann wie mich treffen.“

„Bei dem ganzen Geschwätz werden dich alle für einen Iren halten, Barry“, sagte sie und schob seine Hand weg. „Ich hoffe, du findest sie, Evan bach. Also, was willst du essen? Ich habe Würstchen im Schlafrock oder ich kann dir Scholle mit Pommes frites machen.“

„Würstchen im Schlafrock reichen völlig, danke, Betsy.“

„Ich schiebe sie schnell in die Mikrowelle. Geht ganz schnell“, sagte Betsy und entfernte sich schnellen Schrittes von der Bar.

„Gehen Sie heute Abend aus, Barry?“, fragte er den Planierraupen-Fahrer. „Ich habe Sie an einem Wochentag noch nie so herausgeputzt gesehen.“

Barry wurde tatsächlich rot. „Betsy hat mich zum Shoppen nach Bangor mitgenommen und mir geholfen, einige Anziehsachen auszuwählen.“

„Oh, pass auf Junge“, gluckste Charlie Hopkins. „Als nächstes wird sie die Möbel aussuchen und dann bist du geliefert.“

„Er könnte es schlechter treffen“, sagte Evan und griff nach seinem Guinness. „Sie wissen doch, irgendwann muss jeder mal sesshaft werden.“

„Sie sprechen aus Erfahrung“, sagte Barry. „Nur weil Sie ins Netz gegangen sind, wollen Sie jeden anderen Kerl auf die gleiche Weise leiden sehen? Und wagen Sie es nicht, Betsy zu erzählen, dass ich das gesagt habe!“

Evan lächelte und trank genüsslich einen großen Schluck von seinem Guinness, als ihm eine Hand auf die Schulter schlug.

„Na schau an, wer hier ist.“

Evan schaffte es, sein Glas abzusetzen, ohne sich mit Bier zu überschütten, und wandte sich um. Fleischer-Evans, der hiesige Metzger, stand hinter ihm.

„Passen Sie auf, Mann. Ich hätte fast mein Bier verschüttet“, sagte er.

„Und warum sollte ich nicht hier sein? Ich bin am Abend meistens da.“

„Ich dachte nur, Sie wären klug genug, nicht herzukommen, weil Mr. Schäfer-Owens ihren Kopf rollen sehen will.“

„Schäfer-Owens? Er ist doch nicht immer noch wütend wegen der Ereignisse um die Maul- und Klauenseuche, oder? Ich dachte, wir hätten das schon längst bereinigt.“

„Das ist es nicht, Junge. Es geht um heute. Der Mann, dem Sie das Cottage gezeigt haben – wegen dem ist er aufgebracht.“

„Warum sollte er deswegen aufgebracht sein?“ Evan runzelte die Stirn. „Wir sind die ganze Zeit auf dem Weg geblieben. Wir sind nicht über Bill Owens’ Land gegangen. Oh nein, sagen Sie mir nicht, dass er das Tor offengelassen hat, als er herunterkam.“

„Nein, noch schlimmer. Sie haben den Mistkerl da oben allein gelassen, sodass er eigenständig runterkommen musste, oder?“

„Ich hatte keine Wahl. Mein Chef hat mir eine Nachricht geschickt.“

„Das glaube ich Ihnen gern“, sagte Fleischer-Evans, „aber sie hätten ihn mitnehmen müssen und nicht allein lassen dürfen, sodass er noch mehr Unheil anrichten konnte.“

„Er hätte nicht mithalten können“; sagte Evan. „Ich hatte es eilig. Warum, was ist passiert?“

„Lassen Sie sich das von Bill Owens erzählen“, sagte Fleischer-Evans. „Er steht drüben am Feuer und trinkt schon seinen dritten Whisky.“

Evan atmete tief durch und folgte dem Metzger zu der Gruppe am Feuer. „Ich hörte, dass sie eine unangenehme Begegnung hatten, Mr. Owens“, sagte er.

„Hatte ich. Dank Ihnen, junger Mann“, murmelte der Landwirt. Sein Gesicht war rot und er lallte ein bisschen. „Sie haben mir heute Ärger bereitet.“

„Habe ich das? Was ist denn passiert?“

Der alte Mann starrte auf das leere Glas in seiner Hand hinab. „Dieser Kerl war ein Inspekteur der Nationalparkverwaltung, oder?“

„Richtig. Er musste das Cottage untersuchen, das ich wiederaufbauen will. Hat er auf Ihrem Grund und Boden Schaden angerichtet?“

„Er hat Schaden in seiner Brieftasche angerichtet, das ist passiert“, rief Pumpen-Roberts, der Besitzer der örtlichen Tankstelle, mit lautem Lachen.

„Du würdest nicht lachen, wenn dir das passiert wäre“, sagte Owens.

„Das Problem war, Evan bach, dass er nicht auf direktem Weg vom Berg heruntergestiegen ist, sondern herumgeschnüffelt hat, wo er nicht sein sollte, und über meine neue Scheune gestolpert ist.“ Er sog verärgert Luft durch die Zähne. „Sie wissen doch, dass ich entschädigt wurde, weil ich im vergangenen Jahr meine Herde verloren habe. Na ja, meine Frau meinte, warum sollen wir das Geld in unserem Alter komplett in Schafe investieren? Du hast immer gesagt, dass du die alte Scheune wiederaufbauen wolltest. Jetzt wäre die Zeit dafür, ehe sie jemandem auf den Kopf fällt und ihn tötet.“

„Oh“, sagte Evan und verstand, worauf diese Unterhaltung hinauslief. „Und Sie hatten keine Baugenehmigung.“

„Warum brauche ich auch eine Genehmigung? Die Scheune stand schon da, bevor der kleine Wicht auf die Welt kam. Ich brauche keine Genehmigung, um etwas auf meinem eigenen Land wiederaufzubauen.“

„Er hat das vermutlich anders gesehen.“

„Absolut. Er sagte mir, dass ich in ernsten Schwierigkeiten sein könnte. Er sagte, dass ich dem Komitee Pläne vorlegen muss, und dass das Gebäude den Standards des Nationalparks entsprechen und aus heimischen Materialien gebaut werden muss, wie alles andere auch.“

„Das hat er mir auch gesagt“, stimmte Evan zu.

„Das ist bescheuert, wenn Sie mich fragen“, kommentierte Roberts. „Als nächstes sagen sie mir, dass die Zapfsäulen aus einheimischem Schiefer gehauen sein müssen.“

„Das werden sie vermutlich, Junge. Pass besser auf.“ Es brach allgemeines Gelächter aus.

„Aber Sie brauchen eine Scheune auf Ihrem Hof, Mr. Owens“, sagte Evan. „Sagen Sie ihnen das. Sagen Sie ihnen, dass die alte zerfallen war und Sie ihre Lämmer ins Trockene bringen müssen, wenn das Wetter so schlimm ist wie gestern. Das werden sie sicher verstehen.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, sagte der Landwirt. „Die kommen alle nicht von hier, oder? Der Kerl hat mir erzählt, er wäre aus Lancashire. Er spricht kein Walisisch. Was weiß er schon über die Schafzucht? Ich musste mich im vergangenen Jahr schon mit zu viel Bürokratie herumschlagen; noch mal halte ich das nicht aus. Ich sagte ihm, dass ich die Scheune fertigbauen werde. Und wenn sie sie abreißen wollen, müssen sie erst an mir und meiner Schrotflinte vorbei.“

„Das war vermutlich keine gute Idee“, sagte Evan und dachte an den dienstbeflissenen Mr. Pilcher.

„Nein, ich glaube, er hat es nicht so gut aufgenommen“, sagte Mr. Owen. „Er stapfte davon und sah sehr unzufrieden aus. Ich schickte ihm die Hunde hinterher, nur für den Fall, dass er noch mehr herumschnüffeln wollte. Sie haben noch nie jemanden so schnell vom Berg herunterkommen sehen. Als ob die Hunde ihm irgendetwas angetan hätten!“

Sein alter Körper zitterte unter stillem Gelächter.

„Ich glaube trotzdem, dass Sie lieber zur Nationalparkverwaltung gehen sollten, um sie davon zu überzeugen, dass Sie die Scheune so wiederaufbauen, wie sie schon immer war, Mr. Owens.“

„Vielleicht haben Sie recht, junger Mann“, sagte Owens. „Man kann sich heutzutage nicht mehr so gut gegen die Behörden stellen. Nicht wie früher, als das Land eines Hofes dem Besitzer gehörte und die Leute um Erlaubnis bitten mussten, ehe sie es betreten konnten.“

„Hat er Ihnen den die Baugenehmigung gegeben, Evan bach?“, fragte Roberts.

„Nicht so ganz. Er fand, das Haus könnte unter Denkmalschutz fallen.“

„Was soll das heiße?“, fragte jemand.

„Na ja, dass es von historischem Wert und damit schützenswert ist.“

„Das alte Schäfer-Cottage? Von historischem Wert?“ Alle brachen in lautes Gelächter aus. Evan grinste ebenfalls.

„Das habe ich ihm auch gesagte, aber er glaubt, dass die Mauern und das Fundament alt genug sein könnten, um es unter Denkmalschutz zu stellen.“

„Und was würde das für Sie bedeuten, wenn Sie versuchen, es wiederaufzubauen?“, fragte Roberts.

„Ich weiß es nicht. Ich habe noch nicht mit dem Denkmalschutz-Experten gesprochen“, sagte Evan.

„Sie sollten ihn fragen, ob Sie auch den Geruch wiederherstellen müssen“, sagte Mr. Owens.

„Den Geruch?“, fragte Evan.

„Ja, der alte Rhodri, der letzte Schäfer der dort gelebt hat, nahm immer ein oder zwei Lämmer mit ins Haus. Na ja, es war nicht sehr groß und roch immer wie im Zoo – oder nach einer Mischung aus Zoo und nasser Wolle. Das müssten Sie auch nachbilden, nehme ich an.“

„Evan, willst du das Würstchen im Schlafrock oder nicht? Es steht hier und wird kalt“, drang Betsys helle, klare Stimme an sein Ohr.

„Entschuldigen Sie mich, Gentlemen. Das Essen ruft.“ Evan kehrte wieder zur Bar zurück.

„Genießen Sie es. Sie werden nicht mehr herkommen dürfen, wenn Sie verheiratet sind“, rief Fleischer-Evans ihm nach. „Die kleine Frau wird erwarten, dass Sie die Abende mit ihr zu Hause verbringen.“

„Als ob deine Frau dich je abends zu sehen bekommt, Gareth“, sagte Pumpen-Roberts.

„Ah, aber es ist anders, wenn man frisch verheiratet ist. Man muss die Frauen langsam zureiten, über die Jahre, oder nicht?“

Evan nahm seinen Teller und hatte plötzlich keinen Hunger mehr. Sie hatten recht. Er hätte direkt zu Bronwen gehen sollen. Sie wartete schon den ganzen Tag auf die Neuigkeiten über das Cottage. Er ging mit dem Teller nach hinten in die Lounge, stellte ihn auf dem nächstbesten Tisch ab und aß so schnell wie möglich auf. Dann leerte er sein Glas, stellte den Teller auf den Tresen und wandte sich zum Gehen.

„Wo wollen Sie so schnell hin?“, fragte Charlie.

„Ich habe Bronwen noch nicht von dem verdammten Inspekteur erzählt.“

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Cottage mit Mord