Lade Inhalt...

Tod zur Tea Time

von Caroline Graham (Autor)

2006 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Mallory Lawson erfährt, dass ihm seine Tante ihr reizendes Anwesen Appleby House im beschaulichen Forbes Abbot vererbt hat, könnte seine Freude kaum größer sein. Für ihn, seine Frau Kate und ihre Tochter Polly geht damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Die Freude über das neue Heim ist allerdings nur von kurzer Dauer: Als der Notar der Lawsons tot aufgefunden wird, spricht eigentlich alles für einen Unfall. Doch die Freundin des Verstorbenen wittert einen Mord. Detective Chief Inspector Barnaby wird beauftragt, Licht ins Dunkel zu bringen, aber zum Entsetzen der Lawsons geraten nun auch sie selbst ins Visier der Ermittlungen …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2004
Überarbeitete Neuausgabe September 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-892-6

Copyright © 2004 by Caroline Graham
Titel des englischen Originals: The Ghost in the Machine

Copyright © 2006, © Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2006 bei © Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH erschienenen Titels Nur wer die Wahrheit sieht.

Übersetzt von: Caroline Einhäupl, Verlagsgruppe Random House GmbH btb Verlag
Covergestaltung: ARTC.ore
unter Verwendung von Motiven von
© jgolby/shutterstock.com, © Paul shuang/shutterstock.com, © Piotr Wawrzyniuk/shutterstock.com und © Venus Kaewyoo/shutterstock.com
Korrektorat: Katrin Gönnewig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

 

Für Jane,

die Schwester, die ich nie hatte. Und für Bob und Rebecca

 

Glendover: Ich rufe Geister aus der wüsten Tiefe.

Heißsporn: Ei ja, das kann ich auch, das kann ein jeder. Doch kommen sie, wenn Ihr nach ihnen ruft?

Shakespeare, Heinrich IV.,

erster Teil, dritter Aufzug, erster Auftritt

1

Mallory Lawsons Tante war einzigartig. Seine ganze Kindheit hindurch hatte Mallory die Schulferien bei ihr verbracht, hatte in ihrem großen, weitläufigen Haus und dem halb verwilderten Garten die unendlichen Möglichkeiten für Abenteuerspiele genutzt. Tante Carey hatte immer instinktiv gewusst, wann er allein gelassen werden wollte und wann er Gesellschaft brauchte. Sie fütterte ihn mit wunderbar fetttriefendem, höchst kalorienreichem Essen, bei dem seine Mutter vor Entsetzen in Ohnmacht gefallen wäre. Und bei der Abreise steckte sie ihm jedes Mal mehr Geld in die Tasche, als er in einem Jahr mit dem Waschen des Familienautos verdiente. Das Beste war, als sie den vierzehnjährigen Mallory eine ihrer kostbaren Havanna-Cohiba-Zigarren bis zu Ende rauchen ließ. Davon war ihm so fürchterlich schlecht geworden, dass er seitdem keinen Tabak mehr anrührte.

Und nun war die alte Dame mit achtundachtzig Jahren friedlich im Schlaf gestorben. Weitsichtig und vorausschauend wie immer hatte sie dies genau in dem Augenblick getan, als ihr geliebter Neffe geistig und körperlich kurz vor dem Zusammenbruch stand. Damals und noch lange danach dachte Mallory, dass ihn diese Erbschaft zu diesem Zeitpunkt davor bewahrt hatte, den Verstand zu verlieren. Ihm vielleicht sogar das Leben rettete.

Die Nachricht vom Tod seiner Tante platzte mitten in einen Familienstreit. Kate, Mallorys Frau, war gerade dabei, all die schwierigen, konfliktträchtigen Punkte anzusprechen, die besorgte Eltern manchmal meinen, ihren Kindern vorhalten zu müssen, auch wenn diese Kinder offiziell Erwachsene sind. Diese Aufgabe war Kate nun schon eine ganze Weile zugefallen. Selbst wenn Mallory seine Tochter nicht vom Tage ihrer Geburt an verwöhnt hätte, fehlte ihm zurzeit die Kraft, um sich auch nur in den kleinsten Streit einzumischen.

Polly hatte gerade ihr zweites Jahr an der LSE, der London School of Economics, im Fach Finanzwirtschaft abgeschlossen. Obwohl das Haus der Lawsons nur eine Viertelstunde mit der U-Bahn von der LSE entfernt war, hatte sie darauf bestanden, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Im ersten Jahr wohnte sie in einem Studentenheim. Dann, nach den langen Semesterferien, hatte sie ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Dalston gefunden. Die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern reichte für Miete, Essen und ein bescheidenes Taschengeld.

In den ersten zwölf Monaten hatten ihre Eltern Polly kaum gesehen. Mallory hatte das schrecklich gekränkt, aber Kate hatte es verstanden. Ihre Tochter stand an der Schwelle zu einer neuen Welt, einem neuen Leben. Kate betrachtete es als Erfolg, dass es Polly kaum erwarten konnte, auf das höchste Sprungbrett zu klettern, sich die Nase zuzuhalten und in die Tiefe zu springen. Polly war klug, ausgesprochen hübsch und selbstbewusst. Psychologisch gesprochen konnte sie schwimmen. Aber finanziell? Nun, das war etwas anderes. Und genau darum ging es bei dieser Zusammenkunft.

Denn jetzt hatte Polly offenbar vor, erneut umzuziehen. Sie hatte eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern in Shoreditch aufgetan. Und sie hatte die Absicht, die Schlafzimmer zu vermieten, um davon die Miete zu bezahlen. Die Agentur wollte drei Monatsmieten als Kaution, die bei Kündigung zurückgezahlt wurde, und ein Viertel der Miete im Voraus.

»Und wo schläfst du?«, fragte ihre Mutter.

»Es gibt einen kleinen Raum, in den genau ein Futon reinpasst – tagsüber kann ich ihn zusammenrollen. In Japan machen das alle.« Die immer ungeduldige Polly holte langsam und tief Luft. Die Diskussion, die bereits eine halbe Stunde andauerte, verlief schwieriger, als sie erwartet hatte. Wenn nur ihre Mutter nicht da wäre. »Schau nicht so entsetzt. Ich schlafe ja schließlich nicht auf der Straße.«

»Ist die Wohnung möbliert?«

»Nein …«

»Dann brauchst du also außerdem noch Geld …«

»Ich koste euch weniger, verdammt noch mal!«

»Sprich nicht so mit deiner Mutter, Polly!« Mallory runzelte die Stirn, wobei sich die tiefen Furchen zwischen seinen Augenbrauen zusammenzogen. Seine Finger zupften nervös an seinen Manschetten. »Sie macht sich Sorgen um dich.«

»Aber versteht ihr denn nicht, was es heißt? Ihr braucht meine Miete nicht mehr zu bezahlen!«

»Du machst das also für uns?«

»Kein Grund, ironisch zu sein.«

Kate hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Warum bin ich nur so?, fragte sie sich. Mallory ist immer geduldig mit ihr – er hört zu, hat Verständnis. Er gibt meistens nach und wird dafür umarmt und geküsst. Aber Kate – die kleinste Kritik von ihr, jeder Versuch, sich gegen unvernünftige Forderungen zur Wehr zu setzen oder zumindest ein klein wenig Regelmäßigkeit und Disziplin zu erreichen, hatte bei Polly, schon als sie klein war, zu dem ständigen Vorwurf geführt, ihre Mutter habe sie nie wirklich geliebt. Kate kam es meistens umgekehrt vor. Dennoch war ihre Bemerkung nicht angebracht gewesen. Sie wollte sich schon entschuldigen, als Mallory das Wort ergriff.

»Was die Einrichtung angeht …«

»Einrichtung! Ich habe nicht vor, zu Heal’s zu gehen. Nur auf Flohmärkte und in Trödelläden.«

»Du kannst doch nicht zweihundert Pfund pro Woche für ein möbliertes Zimmer voll Gerümpel verlangen …«

»Das sind keine möblierten Zimmer!« Polly hielt inne, atmete tief und zählte laut bis zehn. »Ich habe dir schon gesagt – es wird eine Wohngemeinschaft.«

Kate zögerte. Sie hatte immer geglaubt, Wohngemeinschaften seien billiger als möblierte Zimmer. Und wollten die Leute normalerweise nicht nur eine Monatsmiete Kaution?

»Außerdem weißt du gar nichts über die Flohmarktkultur. Die Leute schmeißen die erstaunlichsten Sachen weg.«

»Wir müssen uns die Wohnung mal anschauen«, sagte Kate.

»Warum denn?« Und dann, als ihre Mutter sie erstaunt ansah: »Ich will doch nur läppische zehntausend Pfund. Ich zahl sie zurück, mit Zinsen, wenn ihr wollt.«

»Mach dich doch nicht lächerlich.«

»Und was macht dir das aus? Es ist ja nicht dein Geld!« Könnte es aber sein, dachte Kate. Denn sie arbeitete praktisch immer noch ganztags. Aber das war nicht das Problem. Sie machte sich darüber Sorgen, wofür das Geld in Wirklichkeit war. Erst vor ein paar Tagen hatte sie im Radio eine Sendung gehört, in der gesagt wurde, dass ungefähr siebzig Prozent der in der Innenstadt zirkulierenden Banknoten Spuren von Kokain aufwiesen. Wenn Polly, Gott behüte, das Geld dafür brauchte …

»Es wäre aber schon ganz nett zu sehen, wo du wohnen wirst, Liebling.« Mallory versuchte, die Situation zu entspannen.

»Die Sache ist nur die …« Polly sah ihre Eltern offen an, schaute ihnen treuherzig direkt in die Augen. Sie wusste nicht, dass genau dieser Blick für ihre Mutter, seit Polly klein war, ein untrügliches Zeichen dafür war, dass sie log. »Es wohnen noch Leute drin. Die Wohnung wird erst in ein paar Wochen frei.«

Kate sagte: »Ich verstehe immer noch nicht, warum …«

»Ich will was Größeres, okay? Mehr Platz!«

»Aber wenn ihr zu dritt da wohnt …«

»Ach, Mist. Ich habe es satt, wie eine Kriminelle ins Kreuzverhör genommen zu werden. Wenn ihr mir das Geld nicht leihen wollt, dann sagt es doch einfach, und ich bin weg.«

»Kommt mir bekannt vor.«

»Was soll das denn jetzt heißen?«

Diese Bemerkung war der Auftakt zu einer langen Tirade darüber, wann jemals einer von ihnen in ihrem ganzen selbstsüchtigen Leben einem anderen Menschen wirklich geholfen oder sich ernsthaft für ihn interessiert habe. Und jetzt hatten sie die Chance, jemandem zu helfen, ihrer einzigen Tochter, aber sie hätte es wissen müssen – sie seien ja schon immer so widerlich knauserig gewesen. Na gut, dann würde sie sich das Geld eben von der Bank borgen müssen, und wenn sie dann hoffnungslos verschuldet wäre, weil die Zinsen so astronomisch hoch …

Und in diesem Moment klingelte das Telefon. Der Anrufbeantworter der Lawsons, der sich, auch wenn sie zu Hause waren, immer einschaltete, piepte und pfiff. Man hörte verzweifeltes Weinen und Schluchzen.

»Das ist Benny!« Mallory eilte zum Telefon. Hörte zu und antwortete beruhigend. Seine Frau und seine Tochter sahen, wie sich in seinem Gesicht plötzlich Schock und Kummer breitmachten, und ihr Ärger löste sich in Luft auf.

Die Beerdigung fand an einem ziemlich windigen Sommernachmittag statt. Die volle Kirche leerte sich langsam, und der Organist spielte »Der Tag, den du uns gabst, o Herr, ist nun zu Ende«. Mallory, Kate und Polly nahmen die Beileidsbekundungen entgegen.

Fast das ganze Dorf war erschienen, ebenso alle Freunde und Verwandte von Tante Carey, sofern sie noch am Leben waren. Ein älterer Mann im Rollstuhl war sogar aus Aberdeen gekommen. Mallory war von der tief empfundenen Trauer der Anwesenden gerührt, aber nicht überrascht. Es war vielleicht nicht immer einfach gewesen, seine Tante zu lieben, aber sie nicht zu mögen, war fast unmöglich.

Die Lawsons standen noch eine Weile am Grab, während alle anderen entweder nach Hause oder zum Appleby House hinübergingen. Und Mallory, der immer geglaubt hatte, dass sich der Tod eines Menschen, der ein langes und weitgehend glückliches Leben gehabt hatte, leichter ertragen ließe, musste feststellen, dass er sich geirrt hatte. Dennoch war er froh, dass der Tod so plötzlich gekommen war, auch wenn er bedauerte, dass ihm dadurch die Möglichkeit genommen war, sich zu verabschieden. Mit einem langsamen und schmerzhaften Verfall wäre Carey nicht gut zurechtgekommen. Er spürte, dass Kate, die die alte Dame sehr geliebt hatte, still weinte. Polly, die nur anwesend war, um, wie sie es nannte, »emotionales Armdrücken« zu betreiben, stand ein paar Meter von ihren Eltern entfernt und versuchte, mitfühlend auszusehen, während sie ungeduldig auf ihrer Unterlippe herumkaute. Wirkliche Trauer empfand sie nicht, denn sie hatte ihre Großtante mehrere Jahre nicht mehr gesehen, und eigentlich wollte sie auch keine Trauer vortäuschen, nur um anderen einen Gefallen zu tun.

Langsam traten sie den Rückweg nach Appleby House an, wo gebratenes Fleisch und Apfelwein aus Steinkrügen gereicht wurde. Der Wein stammte aus den Früchten des Apfelgartens, der dem Haus seinen Namen gab. Alles war von Benny Frayle organisiert worden, einer Freundin der Verstorbenen. Benny hatte jede Hilfe abgelehnt. Sie suchte verzweifelt eine Aufgabe, um die ersten Tage auszufüllen. Die schwersten Tage. Sie hatte gewuselt, gerackert und geackert wie ein kummergebeutelter Derwisch, der nie zur Ruhe kam.

Obwohl die Flügeltüren zwischen den großen Räumen im Erdgeschoss offen standen, strömten die Leute auf die Terrasse und in den Garten hinaus. Zwei Mädchen aus dem Dorf in Jeans und Oasis-T-Shirts reichten Tabletts herum, auf denen knödelartige, dunkelbraune Teilchen und gräuliche Hefezöpfe lagen. Die meisten Leute tranken etwas, aber der alkoholfreie Früchtepunsch war kaum angerührt worden. Offensichtlich bevorzugten die meisten den selbst gemachten Apfelwein. Das war in Ordnung. Der Großteil der Trauergäste konnte sowieso zu Fuß nach Hause gehen, und die von außerhalb würden mit dem Taxi zu ihrem Hotel im nahe gelegenen Princes Risborough fahren.

Es lässt sich nicht verhehlen, dass sich die meisten Anwesenden gut amüsieren, dachte Kate, als sie die keineswegs ordentlich gekleidete Menge um sich herum betrachtete. Was ist so besonders an Beerdigungen? Die nahe liegende Antwort – alle Anwesenden waren sich plötzlich dankbar bewusst geworden, dass sie noch am Leben waren – war bestimmt nicht das ganze Geheimnis. Trauer hatte sicher mehrere Gesichter. Da war zum Beispiel Mrs. Crudge, seit dreißig Jahren Putzfrau im Appleby House. Noch vor ein paar Stunden hatte sie sich in der Küche die Seele aus dem Leib geheult. Jetzt lächelte sie, plauderte und zupfte dabei nervös an den Falten des schwarzen Schleiers, den sie ungeschickt an einen formlosen Filzhut gepinnt hatte.

Die Lawsons waren seit fünf Tagen in Forbes Abbot. Kate, die Mallory ein Glas Wein brachte, bemerkte bereits eine Veränderung bei ihm. Sie war winzig nach so kurzer Zeit – niemandem sonst würde sie auffallen –, aber als sie seinen Unterarm berührte, gaben die Sehnen, die, seit sie denken konnte, immer straff gespannt wie Violinsaiten waren, ein wenig unter ihrer Hand nach.

»Das Zeug ist absolut tödlich«, sagte Mallory, nahm aber trotzdem ein Glas. »Das kenne ich von früher.«

»Meinst du, wir sollten alle begrüßen?«, fragte Kate.

»Als Hauptleidtragende finde ich, dass die Leute zu uns kommen und an uns vorbeidefilieren müssen«, sagte Polly.

»Wie bei einer griechischen Hochzeit.«

Wenn sie lange genug still mit einem süßen Lächeln dastand, würde vielleicht jemand kommen, und ihr Geld zustecken. Es müsste allerdings viel Geld sein, denn sie hatte hohe Schulden. Sehr hohe Schulden. Zusammen mit den Zinsen wurde es jeden Tag, wenn nicht jede Stunde furchtbarer. Die Schulden schwollen an wie ein monströser Dämon im Glas. Ärgerlich versuchte Polly, ihre Gedanken wieder in die Gegenwart zurückzuzwingen. Sie hatte sich geschworen … was? Angst? Nein, Polly hatte nie Angst gehabt. Sagen wir einfach, sie hatte sich geschworen, sich das Bild der Schlange Billy Slaughter vom Leib zu halten. Vierschrötig, mit glanzlosen Augen, widerlich anzufassen. Erinnerung an einen Kinderreim: »Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand! Wenn er aber kommt …«

Polly bemühte sich, ihre Gedanken in den Griff zu bekommen, sie zu zähmen und abzustellen. Sie zwang sich, sich auf die versammelte Menge zu konzentrieren. Sie nahm jedes Detail in sich auf – Kleidung, Schmuck, Verhalten, Stimmen – und kam zu dem Schluss, dass es sich bei den Anwesenden um einen Haufen echter Verlierer handelte. Durchschnittsalter siebzig; eher ausgepolstert als angezogen und mit Kukident zusammengehalten. Bei der Vorstellung von all den klappernden Gebissen musste Polly laut auflachen.

»Polly!«

»Ups. Entschuldigung. Entschuldigung, Dad.«

Er sah richtig empört aus. Polly war plötzlich voller Reue und nahm sich vor, es wiedergutzumachen. Was würde ihn am meisten freuen? Ihn stolz auf sie machen? Sie beschloss, sich unters Volk zu mischen. Und nicht nur das, sie würde auch super charmant zu allen sein, egal wie altersschwach oder schwerhörig sie auch sein mochten. Und wenn das ihren Vater das nächste Mal, wenn sie um Hilfe bat, aufgeschlossener

machen würde – nun, dann wäre das auch nicht schlecht. Ihr Gesichtsausdruck verwandelte sich, drückte leidendes Mitgefühl aus. Ihr Lächeln war fast spirituell. Sie murmelte ihren Eltern »Bis später!« zu und verschwand in der Menge.

Polly kannte kaum jemanden der Anwesenden, obwohl sich einige daran erinnerten, wie sie als kleines Mädchen ihre Großtante besucht hatte. Mehrere ließen sich lang und breit darüber aus. Einmal saß sie fünf Minuten lang neben einer sehr exzentrischen Cousine von Carey, beugte sich ehrfürchtig zu ihr hinüber und merkte sich die Sätze und Marotten der alten Dame, in der Absicht, sie später zur Unterhaltung anderer nachzuahmen.

Der Vikar kreuzte auf – eine stattliche Erscheinung undefinierbaren Alters. Er hatte volles, weiches, hellbraunes Haar, das manchmal in der Haarspraywerbung als wehend bezeichnet wird. Im Moment tat es jedenfalls sein Bestes, es hob und senkte sich über seinem Kopf wie ein lebendiger Heiligenschein. Der Pfarrer legte seine feuchte Hand auf Pollys Handgelenk.

»Können Sie sich das vorstellen, meine Liebe, Mrs. Crudge hat mich gerade gefragt, ob ich mich hier auch gut unterhalte!« Polly versuchte ein ungläubiges Gesicht zu machen, was ihr allerdings schwerfiel. Sie fand die Frage erstens harmlos und

zweitens passend.

»Was ist bloß aus dem Wort ›Totenwache‹ geworden?«

»Ich verstehe nicht …«

»Eben! Völlig ›aus der Mode‹ heutzutage!« Er angelte sich die Anführungszeichen mit seiner freien Hand aus der Luft.

»Und doch so metaphysisch passend. Denn in dem Wort Totenwache ist der glückliche Zustand enthalten, in dem sich unsere liebe Mrs. Lawson derzeit befindet: wach in den Armen ihres Himmlischen Vaters.«

O Gott, dachte Polly. Sie schob die Hand des Vikars von ihrem Arm.

»Schaut euch Polly an.« Mallorys Stimme klang zärtlich. Seine Tochter hatte ihr gedankenloses Benehmen von vorhin wohl schon mehr als wettgemacht.

»Ich habe das Gefühl, die Leute haben sowieso fast nur Augen für Polly.«

Das stimmte. Fast alle – und nicht nur Männer – beobachteten Polly unauffällig. Vor allem betrachteten sie ihre schlanken, endlos langen Beine in den glänzenden schwarzen Strumpfhosen. Sie trug außerdem ein langes schwarzes Leinenjackett und offenbar nichts darunter. Normalerweise trug Polly Röcke, die nicht länger als eine Tortenmanschette waren, heute war ihr Rock – zweifellos wegen des ernsten Anlasses – irgendwie länger als sonst. Dieser hätte fast für einen Blumentopf gereicht.

Kate schämte sich etwas und hatte das Gefühl, ihr knapper Kommentar habe Verachtung oder sogar Neid auf ihre Tochter offenbart. Aber das konnte doch nicht sein? Als ein kleiner rotblonder Mann über den Rasen auf sie zukam, begrüßte sie ihn mit einem befreiten Lächeln, froh über die Ablenkung.

»Dennis!«, sagte Mallory herzlich. »Schön, dich zu sehen!«

»Wir sprechen uns ja morgen, wie ihr wisst. Aber ich wollte euch mein Beileid ausdrücken. Mallory, mein lieber Freund.« Dennis Brinkley streckte die Hand aus, deren Rückseite mit rotgoldenen Härchen übersät war. »Deine Tante war wirklich eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit.«

»Soll ich dir das abnehmen?« Kate bot Dennis an, ihn von seinem halb vollen Teller zu befreien. Sie hatte den Walnussstrudel und die Wurstkringel in der Küche probiert, als Benny sie vorbereitet hatte.

»Nein, auf keinen Fall.« Dennis hielt seinen Teller fest.

»Das esse ich alles ganz und gar auf.«

Dann bist du der Einzige, der das tut, dachte Kate. Wir werden wahrscheinlich noch in ein paar Jahren Kringel und Strudelteile in den Blumentöpfen und im Gebüsch finden. In späteren Jahrhunderten werden Archäologen an den außergewöhnlichen Formen schaben und sich verwirrt fragen, wozu diese je gebraucht wurden. Kate, die Bennys Kochkünste schon lange kannte, hatte bei Marks & Spencer vorsorglich noch mehrere Packungen Partyhäppchen besorgt und Benny extra darauf hingewiesen, dass diese nur für den Notfall gedacht seien. Bevor sie in die Kirche gingen, hatte sie das Gebäck heimlich auf einen Abstelltisch im Gebüsch gestellt. Lange vor ihrer Rückkehr war alles verschwunden.

Mallory dankte Dennis für seine Hilfe nach Careys Tod. Dass er den, wie er es nannte, »ganzen technischen Kram« übernommen hatte. Ihm fiel auch auf, wie fit und vital Dennis wirkte. Dennis war neun Jahre älter als er, aber Mallory hatte den Eindruck, dass ein Fremder durchaus falsch raten könnte, wer von ihnen der Ältere war.

Mallory war elf Jahre alt gewesen, als Dennis Brinkley das erste Mal ins Haus seiner Tante gekommen war, um einige Details ihrer Auslandsinvestitionen zu überprüfen. Er war gerade erst bei einer Makler- und Finanzberatungsfirma angestellt, war extrem intelligent und redegewandt, wenn es um Zahlen ging, aber sonst schrecklich scheu. Die Firma hieß damals Fallon & Pearson, obwohl Letzterer längst gestorben war. Als sich George Fallon zur Ruhe setzte, war Dennis bereits dreißig Jahre in der Firma, zwanzig davon als gleichberechtigter Partner. In dieser langen Zeit hatte er sich zwangsläufig mehr geöffnet und an Selbstbewusstsein gewonnen, aber es gab immer noch nur sehr wenige Menschen, denen er wirklich nahestand. Mallory war einer davon. Benny Frayle ein anderer.

»Passt dir ein Termin am Morgen, Kate? Ich glaube, es gibt eine Menge äh … zu klären.« Dennis klang vage, als sei er nicht sicher, was »klären« beinhaltete. Er selbst war extrem ordentlich und klar, privat wie geschäftlich. Seine Putzfrau – eben jene Mrs. Crudge, die auch bei Carey geputzt hatte – und seine ausgezeichnete Sekretärin hatten selten viel zu tun.

Kate versicherte ihm, dass ihr der nächste Morgen recht sei.

Ein plötzlicher Ausbruch von rauer Fröhlichkeit, der schnell mit vielen Psst! zum Schweigen gebracht wurde, ließ alle drei die Köpfe drehen.

»Ah«, sagte Mallory. »Ich sehe, dass Drew und Gilda netterweise doch noch gekommen sind, um ihre Aufwartung zu machen.«

»Ich habe sie nicht eingeladen, das versichere ich euch.«

Die Abwesenheit von jedweder Herzlichkeit in Dennis’ Stimme sagte alles. Andrew Latham war der andere Partner der Firma, die nun Brinkley & Latham hieß. Er hatte nie irgendetwas mit Mallorys Tante zu tun gehabt. Da sie selten ins Büro gekommen war, waren sie sich wahrscheinlich sogar nie begegnet.

»Er hat zweifellos seine Gründe.« Mallorys Ton war ebenfalls kühl.

»O ja. Die hat er bestimmt.«

Kate murmelte eine Entschuldigung und wandte sich wieder der versammelten Gesellschaft zu, nicht um noch mehr tröstende Worte zu hören, sondern eher in der Hoffnung, sich irgendwie nützlich machen zu können.

Sie sah, dass David und Helen Morrison allein herumstanden und ziemlich verloren wirkten. Sie kamen von Pippins Direct, der Firma, die in den letzten zwanzig Jahren Careys Apfelgarten gepachtet hatte, ihn pflegte und die Äpfel und den Saft verkaufte. Kate wusste, dass Mallory viel daran lag, dieses Arrangement beizubehalten. Als sie sich aber auf den Weg zu ihnen machte, kam ihr ein anderes Paar zuvor. Sie stellten sich vor und die vier begannen ein Gespräch.

Eines der Oasis-T-Shirts saß unter einer Konifere, trank Apfelwein und tat das offenbar schon eine ganze Weile. Kate seufzte und hielt nach dem anderen Mädchen Ausschau, das offenbar verschwunden war. Sie konnte jedoch Bennys Perücke mit den dicken goldenen Locken sehen, die wie Würste aus Messing herunterbaumelten. Benny sammelte erhitzt und aufgeregt Teller und Gläser ein und stapelte sie auf ein Tablett in der Nähe.

»Mutter!« Polly sprang auf, als Kate herankam, und über-ließ Brigadier Ruff-Bonney, den älteren, an den Rollstuhl gefesselten Verwandten aus Aberdeen, sich selbst. Sie unter-brach den armen Mann, der gerade anschaulich seine Graue-Star-Operation unter örtlicher Betäubung schilderte, mitten im Satz.

»Es war so nett, mit Ihnen zu plaudern.« Polly schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln, nahm Kate am Arm und zog sie fort. »Hoffentlich sterbe ich, bevor ich alt werde!«

»Das sagt man nur, solange man jung ist. Hast du das Mädchen gesehen, das helfen soll?«

»Meinst du die, die sich gerade unter der Konifere volllaufen lässt?«

»Nein, ich meine die andere.«

»Nein.«

»Jemand sollte der armen Benny helfen.«

So lange Polly zurückdenken konnte, war Benny Frayle die »arme Benny« gewesen. Als kleines Mädchen hatte sie die Worte zusammengezogen und geglaubt, das sei Bennys wirklicher Name. Als Kate das eines Tages zufällig hörte, klärte sie Polly auf und bat sie, es nie wieder zu sagen, da es verletzend sein könnte.

Jetzt beobachtete Polly ihre Mutter, wie sie der Freundin ihrer Großtante Carey ein schweres Tablett abnahm. Sie bemerkte, wie beiläufig Kate das machte, ohne großes Theater, ohne irgendwie zu unterstellen, dass sich Benny vielleicht zu viel vorgenommen hatte. Darin war sie wirklich gut. Polly konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter jemals mit Absicht jemanden erniedrigen oder seine Schwachstelle suchen würde, um dann zuzustechen. Ihr Vater übrigens auch nicht.

Manchmal rätselte Polly, die derlei meisterhaft beherrschte, woher sie das wohl hatte.

»Warte, ich helfe dir«, rief sie Kate, die gerade in Hörweite vorbeiging, aus einem Impuls heraus zu, bereute es aber sofort, wie alle Entscheidungen, die mit Arbeit verbunden waren. Aber wenigstens war sie auf diese Weise außer Reichweite des alten Tattergreises. Mal ehrlich: Für den einen oder anderen schien sich der Weg zurück vom Friedhof kaum noch zu lohnen.

»Fein«, rief Kate zurück und versuchte, nicht überrascht zu klingen. »Dann bis gleich.«

Sie ging durch den Gemüsegarten und über den Krocketrasen auf das Haus zu. Die Küche öffnete sich zu einem ziemlich großen Wintergarten mit eisenverstrebten Fenstern im Stil Edwards des VII. Einige Leute, die Kate alle nicht kannte, lümmelten leicht komatös auf Deckstühlen und einem riesigen Rattansofa. Kate lächelte ihnen freundlich und warmherzig zu, als sie über ihre Füße kletterte.

Die Küche war bis auf Croydon, Tante Careys Katze, leer. Croydon schlief in seinem Körbchen, an das Benny eine schwarze Seidenschleife gebunden hatte. Kate erinnerte sich noch an den Tag, an dem Carey das Tier heimgebracht hatte. Mallorys Tante hatte eine Freundin besucht und musste in Croydon umsteigen, wo sie die Katze in einem Weidenkörbchen hinter einem Stapel Holzkisten versteckt fand. Sowohl der Korb als auch die Katze waren total verdreckt. Carey beschrieb später, mit welcher Würde sich die halb verhungerte Kreatur in dem Dreck aufgesetzt, hoffnungsvoll um sich geschaut und miaut hatte.

Nachdem Carey zehn Minuten lang mit den Eisenbahnangestellten herumgebrüllt hatte, nahm sie ein Taxi in die Innenstadt, kaufte einen Korb, Katzenfutter, einen Napf und ein paar Handtücher, verzichtete auf die Weiterreise und nahm die Katze mit nach Hause. In sauberem Zustand erwies sich das Tier als außergewöhnlich schön mit einem beige und bernsteinfarben gemusterten Fell, einer orange-rötlichen Halskrause und riesigen goldenen Augen. Croydon zeigte sich so dankbar wie es einer Katze nur möglich ist – was zugegebenermaßen nichts heißen will. Sie schnurrte ausgiebig und setzte sich Carey immer dann auf den Schoß, wenn sie an ihrem Wandteppich arbeiten oder Zeitung lesen wollte.

Kate bückte sich und streichelte Croydon. Sie sagte: »Sei nicht traurig«, aber die Katze gähnte nur. Es war schwer zu sagen, ob sie traurig war oder nicht. Katzengesichter verändern sich nicht sehr.

Kate zog sich Gummihandschuhe an, spritzte etwas Spülmittel ins Becken und drehte die Hähne voll auf. Die Gläser waren ziemlich wertvoll, und sie wollte nicht riskieren, sie in die Geschirrspülmaschine zu stecken. Als das Spülbecken halb voll war, tauchte sie sie sanft in die Lauge und wusch sie vorsichtig ab. Von Polly war nichts zu sehen. Kate hatte das auch nicht ernsthaft angenommen. Warum also das Angebot? Und was machte Polly stattdessen?

Obwohl sie sich wegen der Kleinlichkeit eines solchen Manövers schalt, ging Kate durchs Esszimmer zurück auf die Terrassenstufen. Sie entdeckte Polly gleich auf einem niedrigen Holzschemel, sah sie reden, lachen, sich die Haare aus dem Gesicht schütteln. Sie hockte neben Ashley Parnell, dem unmittelbaren Nachbarn von Appleby House, der in einem grün-weiß gestreiften Liegestuhl lag; er ruhte, was er meistens tat, da sein Gesundheitszustand keine großen Sprünge erlaubte. Aber aus der Ferne betrachtet war seine Schönheit immer noch bemerkenswert, so krank er auch war. Kate beobachtete, wie er Polly antwortete, die sofort ganz aufmerksam war und ihm tief in die Augen blickte. Sie stützte das Kinn in die Hand und beugte sich vor.

Kate sah, wie sich Ashleys Frau Judith auf das Paar zubewegte, und das ziemlich schnell, als habe sie es eilig. Sie stellte sich vor die beiden, unterbrach brüsk ihre Unterhaltung und deutete auf den Weg. Halb half sie ihrem Mann, halb zerrte sie ihn aus dem Liegestuhl, und beide gingen weg, wobei Ashley sich mit einem Abschiedslächeln umdrehte.

Polly winkte, stand dann sofort auf und legte sich nun selbst in den frei gewordenen Liegestuhl. Lange bewegte sie sich gar nicht. Sie lag einfach nur da und starrte in den klaren blauen Himmel hinauf.

Erst eine halbe Stunde später erholte sich Judith Parnell lang-sam, obwohl sie sich immer noch ein bisschen wacklig fühlte.

»Tut mir leid, dass ich dich – weggezerrt habe. Ich habe mich wirklich komisch gefühlt.«

»Geht es dir jetzt besser?«

»Ja. Ich brauchte bloß eine Pause.«

Judith schaute zu ihrem Mann hinüber, der trotz der Hitze mit einer Angoradecke über den Beinen in einem Korbstuhl mit hoher Lehne saß. Er starrte, ziemlich sehnsüchtig, wie sie fand, über ihren Vorgarten hinweg in Richtung Appleby House.

Judith betrachtete seine glänzenden, dunkelblauen Augen, die feinen glatten Wangen, das perfekte Kinn, und nun wurde ihr wirklich ein bisschen übel. Bis jetzt waren die Auswirkungen seiner mysteriösen Krankheit nur geringfügig. Aber es war auch erst drei Monate her, seit die ersten Symptome aufgetaucht waren. Judith konnte nicht anders, sie durchquerte den Raum und legte ihm die Hand auf sein weiches hellblondes Haar. Ashleys Kopf zuckte zurück.

»Entschuldige, Liebling.« In letzter Zeit waren ihm Berührungen unangenehm. Judith vergaß das oft und erinnerte sich jetzt, dass sie schon beim Frühstück versucht hatte, seine Hand zu halten.

»Nein, mir tut es leid.« Er umschloss ihre Finger mit seiner Hand und drückte sie sanft. »Meine Kopfhaut tut heute weh, das ist alles.«

»Armer Ash.«

War das wirklich der wahre Grund? Gehörte eine empfindliche Kopfhaut zu den Symptomen seiner Krankheit? Da man immer noch nicht herausgefunden hatte, was für eine Krankheit es überhaupt war, ließ sich das unmöglich sagen. Er konnte sich das ausgedacht haben, es benutzen, um sie auf Distanz zu halten. Vielleicht liebte er sie nicht mehr.

Es gab eine Zeit, da hätte sie ihn überall und an jeder Stelle berühren können, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Einmal hatten sie Sex in seinem Büro auf dem Schreibtisch bei nicht abgeschlossener Tür, kurz bevor eine japanische Geschäftsdelegation hereingeführt werden sollte. Und jetzt hatte er sich ihr schon wochenlang nicht mehr genähert.

Judith würde niemals irgendjemandem gegenüber zugeben, dass sie froh über Ashleys Krankheit war. Auch sich selbst hatte sie es nur einmal in einem schmerzhaften Augenblick scharfsinniger Einsicht eingestanden. Krank bedeutete: aus dem Verkehr gezogen. Sie wollte, dass es ihm besser ging – natürlich wollte sie das –, aber vielleicht nicht hundertprozentig besser. Nicht wiederhergestellt zu seiner früheren apollonischen Form und Schönheit, denn dann wäre sie wieder in der alten Tretmühle. Würde eifersüchtig jede Frau einschätzen, die er ansah oder ansprach, würde immer alles an ihnen abwerten müssen: ihre Haare, ihre Haut, ihre Augen, ihre Kleider. Nicht laut, natürlich. Es wäre nicht gut, wenn Ashley merkte, dass sie furchtbare Angst hatte, ihn zu verlieren; das würde ihn womöglich erst darauf bringen.

Judiths Gedanken wanderten nervös zu der Trauerfeier in Carey Lawsons Garten zurück. Trotz seiner Müdigkeit schien Ashley sich richtig gefreut zu haben, draußen zu sein und sich unter die Leute zu mischen. Und er war richtig traurig gewesen, als sie ihn, unter dem Vorwand eines plötzlichen Anfalls von Übelkeit, nach Hause gezerrt hatte. Das lag natürlich daran, dass die grässliche Tochter der Lawsons ihn mit ihren Beinen und ihrem Lächeln bezirzt hatte, halb nackt wie eine Nutte im Bordell. Provozierend eigentlich, denn was für ein Interesse konnte ein kränkelnder Mann in mittleren Jahren schon an einem jungen, starken, reizenden Mädchen haben …? Judith bemühte sich, ruhig zu bleiben, atmete langsam und gleichmäßig. Sie hatte ihn weggezogen, das war die Hauptsache. Das Mädchen war zur Beerdigung hier, in ein oder zwei Tagen würde sie fort sein.

Aber es ging das Gerücht im Dorf, dass ihre Eltern vielleicht für immer herziehen würden. Dann würde Kate mit ihrer sommersprossigen Aprikosenhaut und ihrem weichen, aschblonden, meist irgendwie hochgesteckten Haar nur einen Steinwurf entfernt wohnen. Obwohl sie schon Ende vierzig war, sah sie trotz der harten Zeiten, die sie mit Mallory durchgemacht hatte, gute zehn Jahre jünger aus. Ashley hatte Kate immer gemocht. Sie war sanft und intelligent, ziemlich sexy auf so eine Schulmädchenart – ach Mist!

»Was ist los?«

»Nichts.«

»Wirklich?« Ashley sah besorgt aus. Er fing an, nervös über die Haut seiner Arme zu streichen. »Vielleicht könntest du das Treffen heute Abend verschieben, Jude. Sag, dass du dich nicht wohl fühlst.«

»Lieber nicht. Es ist ein neuer Kontakt. Ich will keinen schlechten Eindruck machen.«

»Was macht er gleich wieder?«

»Er stellt chirurgische Instrumente her. Es ist eine kleine Firma, aber offenbar stabil. Es sieht so aus, als ob sein Buchhalter in Rente geht, deshalb sucht er Ersatz.«

»Ist es nicht komisch, dass ihr euch nicht in der Fabrik trefft?«

»Überhaupt nicht. Geschäftsbesprechungen finden oft in Hotels statt.«

In diesem Moment fing das Fax in Judiths Büro, einem kleinen dunklen Verschlag neben der Treppe, zu rattern an. ›Besuchersalon‹ hatten sie es spaßhaft getauft, als sie in ihr viktorianisches Landhaus eingezogen waren. Wo einst die Oberschicht ihre Visitenkarten gezeigt und dann trockenen Sherry und Kümmelcracker gereicht bekam, bevor man in den größeren Salon spazierte, um diskreten Klatsch auszutauschen. Sie hatten sich auch vorgestellt, auf bescheidene Art Gäste zu empfangen, aber irgendwie war es nie dazu gekommen. Und jetzt, wo jeder Penny in Ashleys Gesundheit investiert wurde, konnten sie es sich nicht mehr leisten.

»Ich weiß, von wem das ist.« Sie ging vom Fenster weg und vergrößerte damit den Abstand zwischen sich und ihrem Mann. Gab Ashley, was er »Raum zum Atmen« nannte. »Es ist von Alec, dem Schleimer.«

»Spricht man so von einem Klienten?«

»Er faxt seine getürkten Ausgaben. Will einen neuen Alfa Romeo, weil seiner, kaum ausgeliefert, schon geklaut wurde. Leider …«

»… waren die Papiere noch im Handschuhfach.«

»Du weißt mehr als ich.«

»Sag ihm doch einfach, er soll dich in Ruhe lassen.«

Judith ging zögernd in die Diele und wunderte sich über die beiläufige Leichtigkeit, mit der er diese Lösung vorgeschlagen hatte. Es war nicht Ashleys Fehler. Er hatte keine Ahnung, wie schwierig, ja sogar verzweifelt die Lage geworden war. Er dachte, seine Frau habe ihr Büro in Aylesbury aufgegeben und ihre Sekretärin nur entlassen, damit sie von zu Hause aus arbeiten und für ihn sorgen konnte. Aber das war nur ein Teil der Wahrheit.

Das eigentliche Problem war, dass die Versicherung nicht zahlte, solange Ashleys Krankheit keinen Namen hatte. Und die Leute von der Berufsunfähigkeitsrente stellten sich auch quer. Und Judith konnte nicht beides übernehmen und auch noch Büromiete und Löhne bezahlen.

Eine unerwartete Begleiterscheinung ihrer Entscheidung, zu Hause zu arbeiten, war auch der Vorschlag eines sehr hochkarätigen Kunden gewesen: Da jetzt ihre Unkosten so viel niedriger seien, sollten auch seine Gebühren sinken. Statt ihm die Umstände zu erklären, die hinter ihrer Entscheidung steckten, lehnte sie aus Sorge und nervöser Anspannung einfach schnell und mit scharfen Worten ab. Er übertrug seine Geschäfte jemand anderem.

Die Maul- und Klauenseuche in England forderte ihren Tribut, und viele ihrer Kunden aus der Landwirtschaft entschieden sich, dieses Jahr aufzugeben. Und dann war da noch das junge Paar mit einem blühenden Unternehmen für Spezialnahrung, das beschlossen hatte, mit Rat und Hilfe aus dem Internet allein weiterzumachen.

Es war also keine Rede davon, dachte Judith, während sie zusah, wie seitenweise Endlospapier mit makellos gedruckten Lügen sanft in ihren Ablagekorb fielen, Alec, dem Schleimer, zu sagen, er solle sie in Ruhe lassen.

In einem viel feineren Haus nur ein paar Meilen weiter südlich, im Dorf Bunting St. Clare, waren die Lathams inzwischen von Carey Lawsons Beerdigung heimgekehrt.

Gilda begann, den glitzernden schwarzen Spitzenmantel aufzuknöpfen, der unter der Anstrengung, ihren massiven Busen zusammenzuhalten, nahezu am Platzen war. Man konnte ihn fast vor Erleichterung seufzen hören, als die Knöpfe aufsprangen. Darunter lagen mehrere Meter Taft, die die Wirkung einer mit Rüschen besetzten Jalousie hatten: ein fleischfarbenes Unterkleid, so breit wie kurz, das dem erschreckten Blick ihres Mannes einen Moment lang so vorkam, wie eine entsetzlich zerknitterte Version der Person darunter.

»Wie seh’ ich aus?«

»Es macht deinem Leichenbestatter alle Ehre, Liebling.«

»Nuschel nicht so, das hab ich dir schon mal gesagt.« Sie zog den Saum ihres Kleides herunter. Es rutschte wieder hoch. Sie seufzte. »Wenn das kein vergeudeter Nachmittag war, dann sag du mir, was es war.«

Andrew begriff, dass die Bemerkung seiner Frau eher der Beginn einer längeren Tirade als eine ernsthafte Frage war, und antwortete nicht sofort. Er war ein Mann, der den Kopf voll wilder Gedanken hatte – rohe, gewalttätige, unerbittliche Gedanken – und im Munde stets Plattitüden parat hatte – höfliche, versöhnliche, schlaffe. Manchmal lief beides parallel zueinander ab, wie jetzt gerade.

»Es tut mir leid, dass es dir nicht gefallen hat, Liebste.«

Man definiere einen vergeudeten Nachmittag. Davon konnte man sprechen, wenn man zum Beispiel den Rasenmäher über den blöden Rasen zerrte, während das eigentliche Problem in einer gepolsterten Hängematte lag, mit ihrer Furcht erregenden Kinnlade Schokoladenzigarren zermalmte und dich darauf hinwies, dass deine Mähspur nicht mit dem Lineal gezogen war. Oder wenn man ein sehr teures Mittagessen mit einer Partnerin zu sich nahm, die man sich nicht unbedingt ausgesucht hatte, die mit offenem Mund kaute, von jedem Gang erst einmal drei Viertel verschlang, um sich dann über den sonderbaren Geschmack zu beschweren und es zurück in die Küche gehen ließ. Aber die wirklich schlimmste, die allerallerschlimmste Vergeudung eines Nachmittags wagte Andrew Latham nicht einmal eine Sekunde lang zu denken, aus Angst, der Gedanke könnte ansteckend sein.

»Und was habe ich gesagt, als wir losgegangen sind?«

»Sieht mein Hintern darin fett aus?«

»Jetzt nuschelst du schon wieder.« Sie entfernte eine Hutnadel, an deren Ende ein Klumpen Bernstein klebte und die so lang wie ein Schwert war. »Ich habe gesagt, sie wollen bestimmt keine deiner armseligen Möchtegernwitze hören.«

»Hast du das gesagt?« Andrew konnte seine Augen nicht von der Hutnadel lassen. Der Klumpen am Ende kam ihm vor wie der glänzende Kot eines kleinen Säugetieres, das nur mit Karamellbonbons gefüttert worden war.

»Als uns dieser arme alte Mann erzählt hat, dass er kürzlich seine Frau verloren hat und du ihm angeboten hast, ihm suchen zu helfen, habe ich nicht gewusst, wo ich hingucken sollte.«

»Ich habe ihn missverstanden …«

»Quatsch. Ich weiß, du bist der Meinung, du müsstest der Mittelpunkt und die Seele jeder Party sein, aber das war eine Beerdigung, verdammt noch mal.«

»Eine Beerdigung!!?«

»Fang nicht wieder an!« Sie nahm den Hut ab. Es war ein schwarzes hauchdünnes Etwas, das eher wie eine fliegende Untertasse aussah, bestückt mit einer Sammlung seltsamer Pflanzen, die am Rand herunterhingen. »Ich verstehe nicht, warum wir uns da überhaupt hinschleppen mussten. Sie war Dennis’ Mandantin, nicht deine.« Sie legte den Hut vorsichtig auf ein goldenes Dralonsofa, das so groß wie ein Lastkahn war. »Er wird dich für das Letzte halten.«

Den Bruchteil einer Sekunde verlor Andrew die Beherrschung. »Ich scheiß drauf, was er von mir denkt.«

»Sprich nicht so«, rief Gilda vergnügt.

»Tja, ich spreche eben, wenn ich kommunizieren will. Nenn mich altmodisch …«

»Es ist ja nicht so, als müsstest du Werbung fürs Geschäft machen.«

Werbung? Ach so, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

»Und wem musst du dafür danken, Andrew?«

»Dir, mein kleines Bonbon.«

»Und was kriege ich dafür?«

Einen Roboter kriegst du. Einen lächelnden Totenkopf. Einen Kopf voller Abscheu, der immer woanders ist. Mechanischen Sex. Wenn du ein Mensch wärst, würdest du den Unterschied merken.

Er murmelte, »Gilly …«. Ihre Unterlippe schob sich vor, voll und glänzend wie eine rosa Wurst. »Gilleee …« Er durchquerte den Raum, beugte sich hinunter und küsste sie auf die Wange. Ihre Haut war trocken und leicht körnig. Ihr Haar roch nach verwelkten Blumen. »Warum gehst du nicht und legst die Füßchen hoch? Und Drew bringt dir einen schönen Gin Tonic.«

»Du glaubst wohl, das sei ein Allheilmittel.«

Für ihren Mann war es ein Allheilmittel. Ohne Gin konnte er auf keinen Fall aufstehen, sein fettiges Frühstück hinunterwürgen, sich ins Büro manövrieren und dort den Großteil des Tages sitzen und sich dann noch nach Hause schleppen. Er sagte: »Was hättest du denn gerne, mein Engel?«

Ohne eine Spur von Zuneigung oder auch nur Interesse sagte ihm Gilda, was sie gerne hätte.

»Und diesmal gut. Ausnahmsweise.«

Sie ging davon, wobei sie ihren glitzernden Spitzenmantel zwischen zwei Fingern mit sich trug und ihn über den Teppich schleifen ließ wie über einen Laufsteg. Anscheinend hatten ihr alle möglichen Leute einst gesagt, sie solle Model werden. Sie hatte sogar einen Kurs belegt, aber dann hatte Daddy ein Machtwort gesprochen. Andrew hatte ihm kopfschüttelnd zugestimmt. Seiner Meinung nach wäre Gilda ein hervorragendes Model geworden. Hundert Kilo leichter, dreißig Jahre jünger plus Schönheitsoperationen im Wert von einer Million Pfund, und Kate Moss müsste sich von Beachy Head hinunterstürzen.

Er wählte ein Glas, tat Eis hinein und ließ Gin hineingluckern. Dann nahm er einen tiefen Schluck und wartete die Wirkung ab. Gleichgewicht war alles. Glück auf einem Stecknadelkopf. Er wollte den Punkt erreichen, wo Glauben entstand. Dieser köstliche, fast mystische Augenblick, in dem man plötzlich der tiefen Überzeugung war, dass es nur gute Zeiten gab, und zwar gleich um die Ecke, und dass die Zukunft voll glänzender Hoffnung war. Noch ein Schluck. Und ein dritter. Warum nicht? Warum zum Teufel denn nicht? Eins war sicher: Nüchtern konnte er es ihr niemals gut besorgen …

Und trotzdem …

Es gab einmal eine Zeit, und die lag kaum zehn Jahre zurück, da hatte Andrew Latham sich eingebildet, dass er durch die Heirat mit Gilda Berryman den Coup des Jahrhunderts gelandet hatte.

Hungernde Menschen sind bereit, alles in Kauf zu nehmen, solange Essen dazugehört. Andrew hatte natürlich nie gehungert, er war sogar nie wirklich hungrig gewesen, aber ihm mangelte es an allem, was für ihn das Leben lebenswert machte. Ein eigenes Haus, ein schönes Auto, wirklich gute Kleidung, Reisen, Geld – nicht nur ein Taschengeld, sondern richtig Geld. Guter Wein, essen in schicken Restaurants, ein Taxi rufen, um damit um die nächste Ecke zu fahren.

Wenn man Andrew reden hörte, war es wirklich nicht seine Schuld, dass er das alles nicht hatte. Er hatte einfach kein Glück gehabt, das war die ganze Wahrheit. Er hatte Energie, Enthusiasmus, Ideen – Mann, und was für Ideen er hatte! Die Unternehmen, die er plante, die Träume. Wenn man ihm begegnete, konnte man schwören, dass er wie geschaffen war für Erfolg. Was auch fast immer stimmte, denn Erfolg begleitete die meisten von Andrews Geschäften. Das Problem war nur, dass sich nach einer Weile herausstellte, dass der Preis für den Erfolg der Verlust von allem war, was das Leben schön machte. Keine Zeit für einen Drink mit den Kumpels oder für eine Pferdewette. Keine Gelegenheit für ein Sonnenbad bei Sonnenschein. Jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe aus den Federn,was bedeutete, keine Nachtclubs. Dann gab es noch die Frauen – die mehr Zeit in Anspruch nahmen als alles andere auf der Welt, aber, oh, es lohnte sich. Das Problem war, dass man für sie da sein musste. Sie ausführen, mit ihnen reden, ihnen zuhören, ins Kino und spazieren gehen, mit ihnen herumfahren, Picknicks machen, tanzen gehen, schmusen, sie dauernd küssen. Wie sollte ein Mann das alles schaffen und gleichzeitig noch eine Firma leiten?

Nicht, dass seine Geschäfte immer legal waren. Tatsächlich segelte er eine Zeit lang ziemlich nah am Wind. Einer, mit dem er zum Rennen ging, lieh ihm ein paar hundert Pfund für einen todsicheren Tipp, der sich als todsicherer Flop erwies. Völlig pleite wurde er aufgefordert, diesem Mann bei allem zu assistieren, was nötig war, bis seine Schulden abbezahlt waren. Die raue Alternative hatte keinen Reiz – Andrew hing an seinem Leben –, also stimmte er zu. Es war gar nicht so schlimm. Manchmal fuhr er einen Lastwagen, meistens nachts, zu einem verabredeten Ort, wartete, während Kisten unterschiedlicher Größe aufgeladen wurden, fuhr weiter zu einer anderen Adresse, wo die Kisten rasch ausgeladen wurden. Des Öfteren brachte er schwere Koffer zu einer Reinigung in Limehouse, wo sie ihm ohne Dank oder Kommentar abgenommen wurden. Von Zeit zu Zeit stand er Schmiere, und bei einer dieser Gelegenheiten ging das Arrangement zwischen ihm und seinem früheren Gläubiger plötzlich zu Ende.

Andrew befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade im Garten eines großen Hauses in der Nähe von Highgate und hielt die Augen offen, ob sich Besucher, Hunde oder Streifenwagen näherten. Das Haus war dunkel gewesen, als der Dieb, den er deckte, eingestiegen war, aber nach einiger Zeit ging in einem der oberen Zimmer das Licht an. Bald darauf gab es viel Geschrei und fast gleichzeitig heulte eine Sirene.

Der Dieb kam aus dem Haus gerannt und blieb nur stehen, um Andrew etwas in die Tasche zu stopfen und einen Beutel vor seinen Füßen fallen zu lassen, bevor er über eine Hecke sprang und in der Nacht verschwand. Andrew beobachtete, wie ein Streifenwagen durch das Tor fuhr, sah die Beamten in das Haus stürmen und rannte dann seinerseits los. Er ließ den Beutel liegen, in dem das Werkzeug war, da er keine Lust hatte, wegen »versuchten Einbruchs« angeklagt zu werden, sprang, sobald die erste U-Bahn fuhr, in die Piccadilly-Linie und verließ London.

Das »Souvenir« dieses unerfreulichen Erlebnisses – die Dietriche des Einbrechers, die ihm dieser in die Tasche geschoben hatte, besaß er immer noch. Wenn ihn jemand gefragt hätte, warum er sie behalten hatte, hätte Andrew es nicht sagen können. Er hatte bestimmt nie die Absicht, eine Verbrecherlaufbahn einzuschlagen. Dieses eine knappe Entrinnen hatte ihn völlig fertiggemacht.

Die U-Bahn hatte irgendwann in Uxbridge Halt gemacht. Nur mit den Sachen, die er am Leibe hatte, trug er sich bei einer Arbeitslosenvermittlung ein und begann am nächsten Tag mit dem ersten von vielen anspruchslosen Bürojobs. Er mietete ein Zimmer und dann eine Atelierwohnung und wagte schließlich die Reise zurück nach London, um seine Sachen zu holen.

Aber die Arbeit war so öde, dass er vor Langeweile fast verrückt wurde. Das führte natürlich zu Fehlzeiten, ausgedehnten Mittagspausen und ständigen Kündigungen. Die Tatsache, dass er Computer langweilig und dumm fand, war auch nicht gerade hilfreich. Mit einfacher Textverarbeitung kam er zwar gerade noch zurecht, aber ansonsten waren Computer für ihn wie eine fremde Landschaft ohne Landkarte.

Was sollte er also tun? Andrew hatte oft gedacht, dass der angenehmste Weg aus seinem Dilemma eine reiche Gönnerin wäre – eine Frau, die ihn auf eine Weise unterstützen würde, an die er sich hoffentlich gewöhnen würde, als Gegenleistung für geistreiche Konversation, großen Respekt und lebenslange Hingabe und Dankbarkeit. Nun beschloss er, statt nur davon zu träumen, etwas dafür zu unternehmen. Er fing an, Bekanntschaftsanzeigen aufzugeben, beschrieb sich als Geschäftsführer (mit Sinn für Humor, eigenem Haus und eigenem Wagen), damit nicht der Eindruck entstand, er sei nur auf Geld aus. Natürlich wurde er von vielen Frauen kontaktiert, die kein eigenes Haus hatten, ein Auto, das nicht ansprang und so viel Sinn für Humor, dass sie sich kaputtlachten, wenn sie seine wirklichen Lebensumstände herausfanden. Bis auf die eine, die ihm Baileys Irish Cream über die Krawatte goss. Er war kurz davor, sich von der nächsten Eisenbahnbrücke zu stürzen, als er Gilda traf.

Zu dieser Zeit arbeitete er seit fast zwei Monaten im höchst exklusiven Palm Springs Hotel. Seine Hauptaufgabe bestand darin, telefonisch zwischen den Restaurantköchen und ihren vielen Lieferanten zu vermitteln – und die Schläge von beiden Seiten einzustecken, wenn etwas nicht klappte, was jeden Tag der Fall war.

Dem Hotel angeschlossen waren ein Fitnessclub und ein Schwimmbad. Der Mitgliedsbeitrag war demonstrativ hoch, um die Mitgliederzahl niedrig und den Pöbel draußen zu halten. Obwohl es strenge Regeln gab, sich nicht unter die Gäste zu mischen, schlüpfte Drew, wenn er sich unbeobachtet fühlte, in die Umkleideräume, verkleidete sich mit einer teuren Brille und einer diskreten Badehose ohne Markennamen und schwamm im Pool.

Unauffällig beobachtete er die Frauen. Die Mehrzahl war eher gut erhalten als jung: zu dünn, unter UV-Lampen zu tiefen Karamelltönen verbrutzelt und klimpernd vor Geld. Er sah einer beim Kraulen zu, deren Arm das Wasser zerschnitt und sich nach oben bog, wobei glänzende Armreifen von ihrem Handgelenk nach unten fielen, um dann wieder zurückzufallen, als der Arm eintauchte. Sie trug an jedem Finger Ringe, unter anderem auch einen Ehering. Den trugen fast alle.

Gilda hob sich von den anderen ab. Schon damals war sie mollig. Andrew schätzte sie auf ungefähr hundertfünfzig Pfund, als er auf einer angenehm kitzelnden Düse im Whirlpool saß und Gilda zusah, wie sie über den künstlichen Rasen zum Pool spazierte. Sie trug ein geblümtes Badekorsett, an das ein krauses Röckchen geheftet war. Mehrere Minuten stand sie am Rand und versuchte schließlich einen Kopfsprung, fiel aber nur unbeholfen ins Wasser. Sie schwamm im Kreis und spritzte und paddelte dabei wie ein Hund.

Andrew begann, seine Chancen abzuwägen. Sie trug keinen Ring, aber das musste nicht unbedingt etwas heißen. Ihre Haut war sahnig weiß, sie hatte eine Menge seidiges helles Haar, und auch wenn man sich nie nach ihr umdrehte, war sie nicht völlig unattraktiv. Er zog sich an, schlüpfte durch den Notausgang hinaus und wartete, bis sie herauskam. Als sie den Hotelparkplatz überquerte, winkte jemand und rief

»Hallo Gilda!« So erfuhr er ihren Namen. Sie fuhr in einem BMW 328 i davon, der ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Andrew schaute sich ihre Daten in den Unterlagen des Fitnessclubs an, und auch diese klangen sehr vielversprechend. Sie war Single und wohnte am Mount Pleasant, einer bewachten Wohnanlage von großen Villen mit vielen Zimmern, die als Millionärssiedlung bekannt und von Rasenflächen und schön angelegten Gärten umgeben war. Auf dem Anmeldebogen stand ihre Telefonnummer, aber das Kästchen mit ihrem Alter war leer.

Es war zwar verboten, mit Gästen und Clubmitgliedern persönlichen Kontakt zu pflegen, aber es war nicht verboten mit den Angestellten über sie zu tratschen. Das war sehr beliebt und machte die öden Bürostunden wesentlich heiterer. Drew brauchte bloß den tollen Wagen zu erwähnen, um alles über die Berrymans zu erfahren, père et fille.

Berryman war ein Selfmademan. Er hatte in den frühen siebziger Jahren mit einem einzigen Maklerbüro angefangen, es zu einer Kette ausgebaut und dann verkauft. Sich in Sportausrüstung eingekauft und viel Erfolg gehabt. War mit zwei kreativen jungen Leuten ins Geschäft gekommen, die Unterstützung für ihre virtuellen Reality Games brauchten. Eines davon hob in die Stratosphäre ab, woran Charlie Berryman ein Vermögen verdiente, was aber die beiden Jungen aufgrund der Bescheidenheit ihrer eigenen Gewinne sehr bestürzte. Danach spekulierte Berryman an der Börse, investierte klug und verkaufte seine Anteile noch klüger.

So weit, dachte Andrew, kann man zufrieden sein. Aber was war mit Gilda los? Warum gab es da keinen Ehemann? Stand vielleicht eine Heirat bevor? Tania Travis von der Auslandsbuchung konnte Drew gleich ins Bild setzen. Es versteht sich von selbst, dass bei all dem Geld Männer um sie herumschnüffelten. Gilda ging auch eine Zeit lang mit ihnen aus, aber dann lief jedes Mal etwas schief. Tania konnte natürlich nicht genau sagen, was, weil sie ja sozusagen nicht dabei war. Und wie war Gilda so? Na ja, wie bei den meisten reichen Leuten musste al les nach ihrem Willen gehen, und sie konnte ein bisschen scharf werden, wenn das nicht der Fall war. Aber Tania war schon schlimmeren begegnet. Zum Beispiel dieser Kuh Melanie Bradstock …

Andrew ging sich das Haus anschauen, aber ohne viel Erfolg. Rund um das Grundstück verlief eine vier Meter hohe Mauer mit einem riesigen verzierten Tor. Das Tor war an bronzenen Säulen aufgehängt. In einer dieser Säulen war ein elektronisches Sicherheitssystem installiert. Gleich daneben stand ein Wachhäuschen. Als sich Drew in seinem schäbigen Fiesta anschickte zu parken, um sich das Haus genauer anzuschauen, kam ein Mann in Uniform aus dem Häuschen, musterte ihn und schrieb etwas in ein kleines Buch. Gilda vorgestellt zu werden, schien unmöglich. Die Kreise, in denen sich beide bewegten, konnten nicht unterschiedlicher sein. Er würde sich auf seinen alten Trick verlassen müssen, »absichtlich

zufällig« mit ihr zusammenzustoßen. Auch das war nicht einfach. Er hatte einen Tag in der Woche frei und verbrachte ihn damit, im Mount Pleasant Drive zu parken, um sie dann zu verfolgen, sobald sie herauskam. Das machte er einen Monat lang. Ergebnis: null.

Dann beschloss er, ihr das nächste Mal zu folgen, wenn sie den Club verließ. Das bedeutete, die Arbeit mitten in der Schicht zu verlassen, was zur Kündigung führen konnte, aber die Sache war es wert, und der Job war sowieso Mist.

Gilda fuhr nach Amersham, um nach dem Schwimmen bei Mane Line ihre Haare trocknen zu lassen. Als sie herauskam, verstellte ihr Drew auf dem schmalen Bürgersteig den Weg. Beide wichen erst in die eine, dann in die andere Richtung aus und entschuldigten sich.

»Meine Schuld«, sagte Andrew. Und dann: »Haben wir … ist es … ich bin sicher, dass ich Sie schon mal gesehen habe. War das im Springs Hotel? Äh … Gilda, richtig?«

Und das war’s mehr oder weniger auch schon. Seltsam, dass der Trick nie versagt. Die Menschen sind selten misstrauisch, wenn man sie bei ihrem Namen nennt. Unglaublich, wenn man bedenkt, wie leicht es ist, den Namen einer Person herauszukriegen – wie übrigens auch alle anderen Daten über sie. Er erklärte, dass er noch eine Stunde Zeit totschlagen müsse, bevor er einen Termin habe. Ob sie wohl so freundlich wäre – wirklich reichlich unverfroren, die Frage –, mit ihm einen Kaffee zu trinken?

Gilda wurde ganz aufgeregt, aber sie sagte Ja. Ja, sie wäre so freundlich.

Nach ihrem ersten Treffen ging es mit ihrer Beziehung nur langsam voran, dafür aber sehr zufrieden stellend. Sie war einsam und verletzlich. Andrew, ein Experte in der Kunst der Verführung, spielte die Rolle des liebevollen Freundes. Erst nach und nach, als sie sich häufiger sahen, ließ er durchblicken, dass er sich verliebt habe.

In der Zwischenzeit arbeitete er an einer neuen Identität. Er wohnte bei einem früheren Kollegen, während er sich nach einem Haus umsah, da er seine Londoner Wohnung im Barbican Centre verkauft hatte. Er arbeitete als Grundstücksmakler vor allem an der süditalienischen Küste und in Capri. Das klang schicker als Spanien und ließ sich weniger leicht überprüfen.

Es gelang ihm, sich von der Bank fünftausend Pfund zu leihen. Er stieß seinen Fiesta ab, mietete sich ein besseres Auto und fing an, Gilda zu verwöhnen. Er kaufte sich einen schönen Anzug und betete, dass sich die Investition lohnte. Er lernte ihren Vater kennen und hasste ihn auf den ersten Blick.

Es gibt alle Arten von Selfmademen, und Charlie Berryman gehörte zu der Sorte, die es einem ständig unter die Nase rieben. Nach den ersten zehn Minuten wusste man mehr über seine bescheidenen Anfänge, als einem lieb war. Man kannte seine Verachtung für den Silberlöffelverein, die er im gleichen Maße nur noch für Schnorrer, Kriecher und Schmarotzer am unteren Ende der Fahnenstange übrighatte. Was ebenso für die so genannten Asylbewerber galt – pack sie mit all den Faulenzern und Weltverbesserern in ein Schiff, schlepp das Schiff auf die See hinaus und spreng es in die Luft.

Sein Gesicht war ebenso hässlich wie seine Ansichten und fast so hässlich wie seine Einrichtung. Andrew, dem bewusst war, wie viel von der Meinung dieser widerlichen Kreatur über ihn abhing, versuchte freundlich zu sein, ohne dass es so wirkte, als wolle er sich einschmeicheln. Er nickte, lächelte von Zeit zu Zeit und tauschte hin und wieder liebevolle Blicke mit Gilda. In diesem Moment fühlte er sich tatsächlich fast zu ihr hingezogen, auf jeden Fall empfand er Mitgefühl. Was für ein Leben, dachte er, mit diesem grauenhaften Kretin aufzuwachsen. Es ist schon erstaunlich, dass sie überhaupt so nett ist.

Als er die Zeit für gekommen hielt, das heißt als er nur noch

zweihundert Pfund übrig hatte – machte Andrew ihr einen Antrag. Gilda akzeptierte strahlend, ihr Glück war unübersehbar. Und zwar so sehr, dass Andrew sich richtig Mühe geben musste, sich emotional zu distanzieren. So viel Freude war ihm eher unangenehm.

Als er umgehend auf den Mount Pleasant zitiert wurde und zum Haus ging, hörte er durch ein offenes Fenster Berryman brüllen und Gilda weinen. Sie schrie: »Das tust du … du weißt, dass du das tust … jedes Mal …«

Andrew klingelte. Es dauerte fast zehn Minuten, bis die Türe geöffnet wurde. Berryman hob ruckartig den Kopf, ging zurück in die riesige, mit dicken Teppichen ausgelegte Halle und lehnte sich an einen Marmortisch, wobei er wie Napoleon eine Hand in sein Jackett schob. Hinter ihm säumten unzählige riesige Ölgemälde in Goldrahmen – Bürgermeister, Stadträte oder andere Persönlichkeiten – die Wände des Treppenhauses. Zweifellos sollte man glauben, es seien Berrymans Vorfahren. Wenn es nicht so ein entscheidender Augenblick in seinem Leben gewesen wäre, hätte Andrew dem Mann ins Gesicht gelacht.

»Mr. Berryman.«

»Ich höre, Sie wollen Gilda heiraten.«

»Ja. Ich verspreche Ihnen, dass ich versuchen …«

»Und ich kann Ihnen auch was versprechen, Bürschchen. Der Tag, an dem Sie sie heiraten, ist der letzte Tag, an dem sie von mir auch nur einen Penny kriegt. Tot oder lebendig. Und das gilt für Sie und alle anderen.« Seine Rede war beendet, er stand da und beobachtete Andrew genau.

Andrew erkannte, dass Berryman im Gegensatz zu seinen kämpferischen Worten, eigentlich nicht wütend war. Seine Augen funkelten boshaft, seine Lippen zuckten, als wollten sie sich zu einem Grinsen verziehen.

Andrew bemühte sich um eine ausdruckslose Miene, während seine Gedanken rasten wie eine Ratte im Käfig. War Berrymans Drohung wirklich ernst gemeint? Würde er daran festhalten, wenn Gilda sich ihm widersetzte? Oder bluffte er, um seine, Andrews, Motive zu testen?

Seine Erinnerung erwachte und plötzlich hörte er, was Tania über Gildas Freunde gesagt hatte: »Sie ging eine Zeit lang mit ihnen aus und dann lief jedes Mal etwas schief.« Das ist es, dachte Andrew. Das ist es, was schiefläuft.

Also, was tun? Er wollte nicht aufgeben, nicht in dieser Phase. Er hatte etwas in seine Zukunft investiert, und zwar ernsthaft und viel. Das konnte er nicht aufgeben, er konnte nicht zurück zu den armseligen auszehrenden Jobs in scheußlichen Büros bei mieser Bezahlung. Dann wären seine ganzen Träume und Pläne umsonst gewesen. Er würde das Schwein bluffen und die Karten spielen, wie sie kamen.

»Ich will nicht Ihr Geld, Mr. Berryman. Ich will Gilda. Ich liebe sie.«

Er hörte ein weiches, trauriges Schluchzen, ein leises Wimmern hinter einer Tür, die am Ende der Halle halb offen stand. Sie muss die ganze Zeit dort gestanden haben.

»Meine Tochter hat einen teuren Geschmack.«

»Ich werde für sie sorgen.« Andrew, der drauf und dran war, ausdrucksvoll fortzufahren, besann sich plötzlich. Hör auf, solange du vorn liegst, Junge. Solange du noch glaubwürdig klingst.

»Sie müssen für sie sorgen. Denn ich werde keinen beschissenen Finger krümmen.«

»Offen gesagt, Mr. Berryman«, sagte Andrew, »ist mir das scheißegal.«

Bei diesen Worten war Gilda über den Teppich und in seine Arme gestürmt. Dann drehte sie sich um und bedachte ihren Vater mit einem glühenden, hasserfüllten Blick.

Er zeigte seine Zähne und sagte: »Jede Menge Zeit.«

Gilda wollte den Hochzeitstermin sofort festsetzen. Der frühestmögliche beim Standesamt war in knapp einem Monat und zufällig genau an Andrews Geburtstag. Er ging wieder zu der Bank in Causton, um sich einen weiteren Kredit zu besorgen. Da er den alten noch mit keinem Penny zurückbezahlt hatte, wurde ihm der neue Kredit verweigert, was keine Überraschung war. Er erklärte, dass er den jetzigen Kredit für Hochzeitsausgaben brauchte und erwähnte den Namen der Braut. Zauberei! Die Bögen zum Ausfüllen materialisierten sich vor ihm, als seien sie magisch aus der Luft herbeibeschworen worden, ebenso wie eine Tasse Earl Grey und eine Schale Konfekt. Oder hätte er lieber einen Sherry? Andrew nahm den Sherry, stimmte zu, dass fünftausend Pfund heutzutage für eine Hochzeit gar nichts waren, und akzeptierte die doppelte Summe.

Danach stand er auf dem Bürgersteig in der Causton High Street und überlegte ernsthaft, ob er nicht abhauen sollte. Er hatte zehntausend Pfund und immer noch den Anzug. Innerhalb von Tagen, wenn nicht Stunden, würde das Geld aus seiner Brieftasche rieseln, um Caterer, Floristen, Druckereien und Autovermietungen reicher zu machen. Und das alles für nichts? Oder?

Andrew kaufte sich eine Ausgabe der Times und ging erst mal auf einen Cappuccino ins Soft Shoe Café, um ein bisschen nachzudenken. Sein ganzes Leben lang hatte er gespielt. Als Kind konnte er nicht mal Murmeln spielen, ohne auf den Ausgang zu wetten. Und jetzt saß er hier am miesesten Tisch der Stadt.

Seine Möglichkeiten waren begrenzt. Er konnte riskieren, die ganze grässliche Prozedur durchzustehen und darauf setzen, dass sich Berrymans Herz erweichen ließ, sobald ihm klar geworden war, dass Gilda auf jeden Fall heiraten würde, auch ohne einen einzigen eigenen Penny. Er konnte es durchstehen und akzeptieren, dass Berryman sich ganz lange nicht erweichen lassen würde oder womöglich nie. Es sei denn … hieß es nicht, dass Enkelkinder Risse dieser Art heilten?

Schon bei dem Gedanken daran erstarrte Andrew. Fast spie er den Kaffee wieder aus. Es würde keine Kinder geben. Er verabscheute Kinder. Und die letzte Möglichkeit: Er konnte einfach abhauen.

Aber noch während er den Gedanken weiter durchspielte, wusste Andrew, dass das nicht in Frage kam. Niemals in seinem ganzen Leben war er so viel Geld so nahe gewesen, und er wusste, die Chancen, dass ihm so etwas noch mal passieren könnte, waren gleich null. Also fügte er sich, bewunderte die mit silbernen Glöckchen und Schleifchen geprägten Einladungskarten, diskutierte die Vorzüge von weißen Reseda gegenüber Schleierkraut im Zusammenspiel mit rosa Rosenknospen und bemühte sich, wach zu bleiben, als Gilda immer wieder in diversen Outfits in Größe 48 aus diversen Umkleideräumen kam. Als er um sie angehalten hatte, trug sie noch Größe 46, aber seit dem Tag waren, wie sie scheu zugab, aufgrund ihrer reinen Freude irgendwie ein oder zwei Pfund dazugekommen. In den wenigen Stunden, die sie Zeit hatte, schauten sie sich Häuser an.

Mehr als einmal in dieser Wartezeit fragte er sich, was Gilda wohl in die Ehe mitbringen würde, das ihr gehörte, ob sie überhaupt etwas besaß. Ersparnisse, Schmuck, ein Aktienpaket? War es wirklich ihr eigener BMW? Aber Andrew war viel zu schlau, um auch nur die harmloseste Frage diesbezüglich zu stellen und betete inständig, während der Tag immer näher rückte.

Dann, ein paar Stunden vor der Hochzeit, kam eine Nachricht von Charles Berryman, dass er Andrew sehen wolle. Diesmal fand das Treffen in einer Anwaltskanzlei in Uxbridge statt. Andrew erschien – nicht allzu besorgt. In zwei Tagen heiratete er Geld, und er glaubte, dass ihn niemand aufhalten könne.

Berryman saß persönlich hinter dem Schreibtisch; der Anwalt lehnte an einem Wasserkühler. Andrew wurde nicht aufgefordert, sich zu setzen. Man erklärte ihm, dass man Erkundigungen über ihn eingezogen hatte und es Erklärungsbedarf in der Frage des Grundstücksbesitzes im Ausland oder wo auch immer gab. Was seine finanzielle oder sonstige Integrität anginge, so sei sein Ruf miserabel.

»Sie sind ein Spieler, der nur hinter dem Geld meiner Tochter her ist«, schloss Berryman. »Aber meine Tochter liebt Sie. Und anders als die anderen sind Sie offenbar entschlossen, diese Farce bis zum bitteren Ende durchzufechten, um ihre Schnauze in den Trog zu bekommen.«

»Das ist nicht fair!«, rief Andrew. »Ich werde sie heiraten, auch wenn …«

»Ersparen Sie mir die Scheiße. Wir wissen beide, was Sie sind.« Charlie winkte dem Anwalt, der Andrew einen Bogen Papier übergab. »Unterschreiben Sie das.«

»Was ist das?« Andrew machte keine Anstalten, das Dokument zu lesen.

»Eine voreheliche Vereinbarung«, erklärte der Anwalt. »Im Falle eines Scheiterns der Ehe oder einer Scheidung verzichten Sie auf alle Ansprüche.«

»Keinen müden Penny.«

»Na ja«, Andrews Herz klopfte schneller und er warf das Papier auf den Schreibtisch, »da Sie sie ja ohne jeden Penny rausgeschmissen haben, ist das wohl kaum von Bedeutung.«

»Gilda wird es an nichts fehlen, dafür werde ich sorgen. Unterschreiben Sie.«

Andrew zuckte die Achseln, die Coolness in Person. Aber seine Finger, die vor Aufregung und Erleichterung kaum den Stift halten konnten, verrieten ihn. Er unterschrieb.

Berryman nahm den Vertrag an sich. »Sie sind ein Haufen Scheiße, Latham. Und ich hoffe, dass Sie, bevor ich das riechen muss, wieder in der Gosse sind, wo Sie hingehören.«

Was Charlies Hoffnungen betraf, so starb er drei Jahre später an einem Schlaganfall als Folge einer Gehirnblutung. Aber

er lebte lange genug, um sich mit seiner Tochter auszusöhnen, die schließlich zugeben musste, dass er im Herzen immer nur ihr Bestes gewollt hatte.

Für Andrew war es ungünstig, dass der alte Mann so lange lebte. Als Gilda die voreheliche Vereinbarung bei Berrymans Papieren fand, übergab sie sie dem Familienanwalt mit der Anweisung, dass sie immer noch gelte. Ein Jahr nach der Hochzeit oder vielleicht noch etwas später hätte sie sie noch zerrissen. Aber dann sah auch sie, trotz Andrews unermüdlicher, erschöpfender Versuche, die Rolle des hingebungsvollen Ehemanns und Liebhabers zu spielen, langsam die Risse in der Fassade. Und sie ahnte dahinter Furcht, Gier und als Schlimmstes von allem eine immense Gleichgültigkeit ihr gegenüber.

Sie lebten, zumindest materiell gesehen, komfortabel, in einem schönen Bungalow im Rancherstil mit grünen Fensterläden und einer großen Veranda. Zehn Zimmer, umgeben von einem viertausend Quadratmeter großen attraktiven Garten und einem Swimmingpool. Das Haus, das Gilda »Bellissima« getauft hatte, war auf ihren Namen eingetragen. Sie verfügte auch über eine ansehnliche Apanage – genug, um Andrew zu seinem zweiundvierzigsten Geburtstag ein Auto zu schenken – einen gebrauchten gelben Punto, allerdings in ziemlich gutem Zustand. Das cremefarbene Coupé, das sie immer noch fuhr, gehörte, wie sich herausstellte, Berryman, und er weigerte sich, es neu zu versichern, damit Andrew es nicht fahren konnte.

Von Andrew wurde erwartet, dass er seinen Lebensunterhalt selbst verdiente. In seinem Alter und mit seinem Lebenslauf habe es – und dabei stach Berryman mit seinem knochigen Finger hart in den Solarplexus seines Schwiegersohns – wenig Sinn, Briefe zu schreiben und Bewerbungsgespräche zu führen.

George Fallon von Fallon & Brinkley betreute Berrymans Geschäfte, seit dieser in den frühen siebziger Jahren mit Schrott gehandelt hatte, und wollte sich nun zur Ruhe setzen. Charlie übertrug seine Finanzangelegenheiten Dennis Brinkley, und machte dann ein Übernahmeangebot für Fallons Geschäftsanteil. Als Mitglied im Lions Club und im Club der Rotarier konnte er davon ausgehen, dass sein Angebot bevorzugt behandelt wurde.

Es gab zwei Gründe für diesen Kauf und keiner war auch nur im Entferntesten altruistischer Natur. Zum einen war die Firma inzwischen auf etwa zehn Personen angewachsen und höchst erfolgreich, was den Kauf zu einer guten Investition machte. Und zum zweiten war es Gilda langsam äußerst unangenehm, einen Ehemann zu haben, der entweder den ganzen Tag zu Hause herumsaß oder darauf bestand, sie überallhin zu begleiten, selbst wenn sie nur eine Freundin besuchte.

»Außerdem«, so erzählte sie ihrem Vater, »reden die Leute. Ich habe neulich gehört, wie diese Bademeisterin Andy einen parasitären Schleimer genannt hat.« Berryman wusste nicht genau, was parasitär bedeutete, aber was ein Schleimer war, wusste er wohl und deshalb fand er, dass es die schlaue, kleine Schlampe wahrscheinlich genau auf den Punkt gebracht hatte.

Es dauerte ziemlich lange, bis Gilda völlig desillusioniert war. Endlich hatte sie jemanden gefunden, der sie um ihrer selbst willen liebte. Und auch als sie den Verdacht hatte, dass das nicht der Wahrheit entsprach, ertrug sie es nicht, diese Illusion aufzugeben. Sie hielt noch daran fest, als sie die Lügen ihres Mannes über seine Vergangenheit, seine heimliche Spielleidenschaft und anwachsenden Schulden entdeckte. Und auch dann noch, als sie den nie bestätigten Verdacht bezüglich anderer Frauen hatte. Aber jede Enthüllung zermürbte sie und nagte an ihrem einst so bezauberten Herzen, bis sie eines Tages erwachte und feststellte, dass sie keine Illusionen mehr hatte und die Liebe fort war. Und das Absterben war so langsam und schrittweise erfolgt, dass diese letzte Entdeckung nicht einmal mehr wehtat.

Zunächst fühlte sich die Freiheit sonderbar an, sauber und leer wie ein Loch, nachdem ein fauler Zahn gezogen war. Aber wie der menschliche Geist nun einmal ist, blieb das Loch nicht lange leer. Und in Gildas Fall füllte sich die Leere mit dem immer angenehmer werdenden Bewusstsein, dass sie nun einen anderen Menschen vollständig in ihrer Gewalt hatte. Ohne sie hatte Andrew, der nun Ende vierzig war, nichts. Kein Zuhause, kein Essen, kein Geld. Und auch keine Aussicht darauf, jemals irgendetwas davon zu bekommen. Seine Schwäche, seine Unfähigkeit, auch nur irgendetwas auf die Reihe zu kriegen, hatten ihn mittellos gemacht. Ohne sie war er völlig aufgeschmissen, wie die kleinen Schalentierchen, die bei Ebbe hilflos auf dem Rücken am Strand zurückbleiben. Ganz selten äußerte er einmal schwach eine Bitte – um eine neues Jackett oder ein paar Bücher. Noch seltener beklagte er sich leise, worauf ihm umgehend erklärt wurde, dass er jederzeit gehen könne, sollten ihm die Dinge, so wie sie waren, nicht gefallen. Nur dass er das nicht konnte, da er nicht wusste wohin.

Keine glücklichen Umstände. Gilda dachte manchmal, dass sie vielleicht nie wieder Glück erleben würde. Aber eigentlich hatte sie auch schon vergessen, wie sich Glück anfühlte. Eines aber wusste sie: wenn man schon kein Glück haben konnte, dann war Macht auf jeden Fall das Zweitbeste.

2

Der Termin, auf den Dennis Brinkley bereits hingewiesen hatte, war um zehn Uhr dreißig. Um zehn war Polly immer noch nicht auf. Sie war zweimal gerufen worden und zweimal hatte sie geantwortet, sie sei dabei sich anzuziehen. Schließlich ging Kate in ihr Zimmer und fand Polly immer noch im Bett. Sie tat nicht einmal so, als schliefe sie, sondern lag auf dem Rücken und starrte an die Decke.

»Du weißt ganz genau, dass wir um halb elf in Causton sein müssen.«

»Nein, wusste ich nicht.«

»Ich habe es dir gesagt, als ich dir den Tee gebracht habe.«

»Ach so?« Polly setzte sich auf und schüttelte ihre dunklen Locken. Kratzte sich am Kopf. Seufzte. »Warum muss ich überhaupt mitkommen?«

»Weil deine Tante dich in ihrem Testament bedacht hat.«

»Testament.« Das Wort war ein zorniges Schnauben. »Ich wette, ich kriege diese wertlose Brosche –«

»Hör zu!« Kate packte ihre Tochter am Arm und zog sie halb aus dem Bett. »Sprich nie wieder so über Carey oder ihre Sachen. Vor allem nicht vor deinem Vater.«

»Schon gut … Schon gut.«

»Du weißt, wie sehr er sie geliebt hat.« Kate, erschöpft vom Trubel des vergangenen Tages und einer schlaflosen Nacht, in der sie ihren Mann trösten musste, hatte Mühe, Tränen der Schwäche zurückzuhalten. »Ich will, dass du in zehn Minuten fix und fertig unten bist.«

Und tatsächlich kamen sie nur ein ganz klein wenig zu spät. Es war zehn Uhr fünfunddreißig, als sie den hellen eleganten Empfangsbereich betraten und von einer drallen Schönheit in schicker Kleidung eine Spur zu liebenswürdig willkommen geheißen wurden. Eine Inschrift auf einem hölzernen Namensschild in Form einer Toblerone wies sie als Gail Fuller aus. Daneben stand ein großer Strauß Rosen und Lilien in einer Kristallvase. Polly war beeindruckt. Sie hatte sich Dennis ganz allein in einem schäbigen kleinen Loch vorgestellt, umgeben von staubigen Aktenschränken und einem prähistorischen Radio.

Sie staunte umso mehr, als sie durch das Hauptbüro geführt wurden, das sich groß und offen über die ganze Etage erstreckte. Hier standen zahlreiche Schreibtische, jeder mit einem persönlichen Touch, sei es eine Fotografie, ein pfiffiges Spielzeug, eine Pflanze, ein Stofftier oder ein Cartoon. Auf jedem stand ein iMac, auf dessen Tastatur emsig geschrieben wurde. Ein Kopierer summte. In den beiden sich gegenüberliegenden Ecken waren zwei recht große, abgetrennte Büros hinter Glas. Gail Fuller öffnete die Tür, auf der Dennis’ Name stand und meldete sie an.

Sobald sie saßen, entschuldigte sich Polly artig bei Dennis. Sie erklärte, dass die Verspätung allein ihre Schuld sei und er ihr verzeihen möge. Das Ganze wurde mit heftigem Augen-klimpern vorgetragen, was Dennis, zu Kates heimlicher Zufriedenheit, anscheinend kaum wahrnahm.

»Das ist ja so aufregend«, trällerte Polly und schätzte, dass Dennis wohl älter sein müsse, als er aussah. Natürlich erinnerte sie sich an ihn. Als Kind hatte sie seine rotblonden, kurz geschnittenen Haare, sein sommersprossiges Antlitz und seinen kastanienbraunen Schnauzer richtig bewundert. Er hatte sie an das Eichhörnchen Nutkin in den Büchern von Beatrix Potter erinnert. Jetzt öffneten die braunen Eichhörnchenpfoten einen großen tiefroten Umschlag und holten das Testament heraus. Dennis glättete das schwere Pergamentpapier und klemmte es unter einen Schmetterlingsbriefbeschwerer. Trotz ihrer absolut minimalen Erwartungen konnte Polly nicht verhindern, dass sich in ihrem Hals ein Kloß bildete. Es war wie eine Szene in einem dieser altmodischen Krimis, die manchmal im Fernsehen kamen. Allerdings wäre da vorher ein Mord geschehen. Das würde das Ganze beleben. Dennis hatte angefangen zu sprechen.

»Wie du bereits weißt«, Dennis lächelte Mallory direkt an, »gehen Appleby House und der gesamte Besitz ohne Einschränkungen direkt an dich. Ich hoffe, die Vereinbarungen mit Pippins Direct gelten weiterhin.«

»Wir haben bereits miteinander gesprochen«, sagte Mallory.

»Sie wollen gerne weitermachen. Und ich werde es Ende der Woche schriftlich bestätigen.«

»Die Pacht von zehntausend Pfund ist bescheiden, aber es ist ein kleines Unternehmen, sie arbeiten nach ökologischen Richtlinien und überaus gewissenhaft. Deine Tante wäre sehr zufrieden mit deiner Entscheidung.«

Polly fragte sich, wie viel Gewinn dieses »kleine Unternehmen« tatsächlich einheimste. Für sie klang es, als habe sich die alte Dame bequatschen lassen, und jetzt sahnte die Firma ab. Vielleicht sollte sie ihren Vater überreden, genauer hinzuschauen.

»Es folgen einige kleinere Vermächtnisse«, fuhr Dennis fort, »die ich als Testamentsvollstrecker gerne erfülle.«

Er begann in einem monotonen Singsang die Vermächtnisse aufzuzählen. Polly schaltete ab, fing an, sich umzuschauen und beobachtete die Aktivitäten außerhalb des gläsernen Büros. Sie stellte sich vor, wie sie selbst in einem Jahr, im Herzen der City, in genau so einer Umgebung saß und überlegte, was sie auf ihren Schreibtisch stellen würde. Mit Sicherheit etwas Cooles. Keine klackernden silbernen Kugeln – das stand fest. Auch keine Fotos – von wem sollte sie ein Foto wollen? Und wenn überhaupt Grünzeug, dann mit Sicherheit nicht so eine Nullachtfünfzehn-Pflanze aus einem dieser Gartencenter.

Während sie davon träumte, wie ihre seltene exotische Pflanze aussehen könnte – waren Orchideen nicht eher spießig? Und brauchten sie nicht eine bestimmte Umgebung? –, ging die Tür des anderen Büros auf. Ein Mann kam heraus und schlenderte durch den Raum. Eher klein, dunkel, jünger als Dennis und besser aussehend. Sie kannte ihn von der Beerdigung, wo er unangemessen laut gelacht und zu viel getrunken hatte. Er hatte Papiere in der Hand und Polly beobachtete ihn, als er sie mit einem breiten Lächeln einem Mädchen am Fotokopierer gab. All seine Bewegungen waren energisch und lebhaft, und doch hatten sie etwas Gekünsteltes, als täusche er diese Vitalität nur vor, die er in Wirklichkeit nicht empfand.

Polly dachte distanziert und im Grunde desinteressiert über ihn nach. Im Augenblick konnte sie kein Mann reizen. Über Nacht war sie immun gegen diesen speziellen Virus geworden.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Testamentseröffnung zu (sicher war sie gleich an der Reihe) und hörte Dennis sagen: »Nach der Erfüllung der Vermächtnisse beläuft sich der Wert des Nachlasses deiner Tante inklusive ihrer Wertpapiere auf etwas mehr als dreihunderttausend Pfund.«

»Ich hatte ja keine Ahnung …«, stotterte Mallory. »Das ist … Danke.«

»Was Benny Frayle betrifft –«

»Sollte sie nicht auch hier sein?«, fragte Kate.

»Ich habe bereits mit Benny geredet, gleich nach Miss Lawsons Tod. Carey hat zwar häufig versucht, ihr ihre Zukunftsängste auszureden, aber du weißt, wie … äh …«

Abgrundtief dumm, schlug Polly stumm vor. Oder dämlich wie ein Kamel.

»… besorgt sie sein kann. Ich konnte sie beruhigen. Sie kann in ihrer Wohnung über den Ställen wohnen bleiben, so lange sie will. Sollte es notwendig werden, das Haus zu verkaufen …« Dennis ließ den Satz als Frage in der Luft hängen, die Augenbrauen zu einem kastanienbraunen Halbmond gezogen.

»Davon kann keine Rede sein.« Kate griff nach der Hand ihres Mannes. »Wir haben Pläne.«

»Ausgezeichnet. Doch sollte es je dazu kommen, müssen Mittel und Wege gefunden werden, um eine vergleichbare Wohnung zu erwerben, die auf ihren Namen läuft.«

Mallory sagte: »Ich verstehe.« Polly pfiff leise.

Kate funkelte Polly an.

»Ihre Pension ist, selbst wenn man den unbeständigen Markt bedenkt, sehr großzügig. Sie sollte in der Lage sein, von ihrer Rente einen angemessenen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Des Weiteren steht eine beträchtliche Summe in erstklassigen Aktien zur Verfügung. Im Falle ihres –« Dennis hielt inne und starrte einen Augenblick lang traurig in die Luft. Dann räusperte er sich und fuhr fort: »– sagen wir, Ablebens, fließt das Geld wieder dem Besitz zu.«

»Und nun zu Polly.« Er lächelte sie an und wartete einen Moment, bevor er weitersprach. Er sah aus, als habe er hinter seinem Rücken eine aufregende Überraschung versteckt. Wenn er nicht so nett wäre, könnte man ihn auch für verschlagen halten. Polly erwiderte sein Lächeln und spürte gegen ihren Willen wieder ein spannendes Kribbeln. Sie wusste, wie ihre Chancen standen, eine ernstzunehmende Summe zu erben, aber auch eine schäbige alte Kameenbrosche ließ sich sicher irgendwie zu Geld machen. Vielleicht stellte sich ja heraus, dass es ein unglaublich seltenes und berühmtes Stück war, wie diese Uhr in Only Fools and Horses.

»Vor etwas über fünf Jahren gab ich deiner Tante den Rat, ein Aktienpaket zu verkaufen, das nur mäßigen Gewinn abwarf, und den Erlös in Anteile einer Arzneimittelfirma zu investieren. Der Erfolg übertraf selbst meine kühnsten Erwartungen.« Dennis machte eine Pause. Niemand mochte fragen, wie kühn diese Erwartungen denn gewesen waren. Nicht einmal Polly.

»Deine Tante hat verfügt, dass diese Anteile mit dem Wert, den sie bei Börsenschluss am Tag ihres Todes haben, an ihre Großnichte gehen sollen, und zwar –«

Polly sog hörbar die Luft ein. Dann schlug sie entschuldigend die Hand vor den Mund. Sie atmete nicht aus.

»– an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag. Die Summe beläuft sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf etwas über sechzigtausend Pfund.«

Niemand sagte etwas. Dennis strahlte Polly freundlich an. Auch Mallory lächelte, überwältigt von der beispiellosen Großzügigkeit seiner Tante. Kate lächelte nicht. Obwohl sie sich innerlich tadelte, weil sie so schlecht über ihre Tochter dachte, wurde ihr das Herz schwer. Polly atmete mit einem lauten »Puuhh« aus, dann fing sie an zu lachen.

»Wahnsinn …« Sie warf triumphierend die Arme in die Luft, die Geste eines Gewinners, der nach der Krone greift.

»Das glaube ich nicht! Sechzig Riesen –«

»Gratuliere, meine Liebe«, sagte Dennis.

»Und da ich ja fast einundzwanzig bin –«

»Du bist vor einem Monat zwanzig geworden«, fauchte Kate.

Die anderen sahen sie an. Sogar Mallory konnte seine Enttäuschung über die absichtliche Zerstörung dieses aufregenden Augenblicks nicht verbergen. Er sagte: »Poll, das müssen wir feiern.«

»Auf dem Heimweg kaufen wir eine Flasche Champagner.« Polly hatte aufgehört zu lachen, aber ihre Stimme zitterte immer noch vor Glück. So, als könnte sie jeden Augenblick in ein hysterisches Kichern umschlagen. »Und heute Abend können wir richtig schick essen gehen.« Dann verstummte sie, vielleicht weil ihr bewusst wurde, dass ihre Freude für unsensibel gehalten werden könnte. Sie legte beide Hände in den Schoß und betrachtete sie nüchtern. Im Geiste zählte sie langsam bis fünf, dann schaute sie mit ernstem Gesicht auf.

»Es ist wirklich nett von Großtante Carey, mich so reichlich zu bedenken.«

Die plötzliche Kehrtwendung überzeugte selbst Mallory nicht und zog ein verlegenes Schweigen nach sich.

Dennis überbrückte geschickt die Pause. »Ihr habt vorhin erwähnt, dass ihr Pläne habt«, murmelte er und sah abwechselnd Kate und Mallory an. »Für das Haus?«

»Oh, ja«, sagte Kate, und ihr Gesicht erhellte sich langsam wieder vor Freude. »Wir hatten schon immer diesen Traum –«

»Eigentlich ist es Kates Traum«, erklärte Mallory.

»– uns selbstständig zu machen. Wir wollen Bücher verlegen, wirklich gute Bücher.«

»Das haben wir schon seit einer Ewigkeit im Hinterkopf.«

»Wir dachten, es würde nie klappen.«

»Ein großer Schritt«, sagte Dennis. »Der gut geplant sein will. Und gute finanzielle Beratung braucht.«

»Nun, was das betrifft …«

Kate und Mallory schauten Dennis mit hoffnungsvollem Vertrauen an. Polly wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Außenwelt zu. Sie hatte den wunderbaren Traum ihrer Mutter bis zum Erbrechen gehört. Ein echter Schwachsinn. Polly musste über wichtigere Dinge nachdenken. Zum Beispiel, wie nah, wie wunderbar nah die Befreiung aus dem Würgegriff der Schulden war. Allerdings konnte sie es sich auf keinen Fall leisten, noch zehn Monate zu warten, nicht bei den Wucherzinsen von fünfundzwanzig Prozent. Wie also konnte sie so eine idiotische Verfügung umgehen?

Am nächsten Morgen kehrte Mallory nach London zurück. Polly, die eigentlich mit ihm zurückfahren sollte, wollte aus unerklärlichen Gründen plötzlich bleiben und ihrer Mutter dabei helfen, »Sachen zu sortieren und aufzuräumen«.

Kate war enttäuscht. Sie hatte sich auf ein paar ruhige, angenehme, wenn auch zwangsläufig melancholische Tage mit Benny gefreut. Hatte sich vorgestellt, wie sie zusammen Careys Sachen durchgingen und sich daran erinnerten, wann sie ein bestimmtes Kleid zuletzt getragen, ein bestimmtes Buch gelesen hatte. Sie würden sich gegenseitig trösten und, zweifellos, ein bisschen weinen. Jetzt würde alles anders sein. Kate hatte schon lange festgestellt, dass sie ihre Tochter mehr liebte, wenn sie nicht da war. Jetzt kämpfte sie gegen den schrecklichen Gedanken, dass sie Polly womöglich nur liebte, wenn sie nicht da war.

Das Ärgerliche war, wie Kate sehr genau wusste, dass Pollys Gründe, in Appleby House zu bleiben, ziemlich sicher nichts mit Aufräumen zu tun hatten. Natürlich hatte sie nicht vor, einen Streit zu provozieren, indem sie das aussprach. Oder zu versuchen, den wahren Grund herauszufinden, was sowieso ein hoffnungsloses Unterfangen wäre. Aus Polly bekam man nicht mal ihre Meinung zum Wetter heraus, es sei denn, sie wollte sie kundtun.

Plötzlich fiel Kate die kurze Episode ein, die sie zwei Tage zuvor zwischen Polly und Ashley Parnell im Garten beobachtet hatte. Sogar aus der Entfernung hatte Kate die außergewöhnliche Intensität der Szene gespürt. Und später war Polly sehr still gewesen, hatte verträumt geschwiegen. Sie hoffte von ganzem Herzen, dass Polly, jung, lebendig, entschlossen und schön, nicht vorhatte, auch nur einen klitzekleinen Flirt mit dem armen Mann anzufangen.

Sie und Benny wollten zwei Stunden arbeiten und dann eine Kaffeepause machen. Kate beschloss, in der Küche zu bleiben und das Porzellan und die Gläser durchzugehen. Von beidem gab es eine Menge, und ziemlich viel davon war angeschlagen oder hatte einen Sprung. Polly erklärte sich einverstanden, die beiden Anrichten und die große Kommode im Esszimmer auszusortieren. Sie waren voll mit Servietten, bestickten Platzdeckchen, Tischläufern und Tischdecken.

Benny hatte angeboten, den Wäscheschrank in Angriff zu nehmen. Als sie über die nackten gebohnerten Dielen des Treppenabsatzes ging, fiel ihr Blick auf die geschlossene Tür zu Careys Schlafzimmer. Schnell wandte sie den Blick ab. Sie war erst ein einziges Mal nach Careys Tod darin gewesen, um das Bett abzuziehen, alle Pillen und andere Medikamente wegzuwerfen und oberflächlich sauber zu machen. Es hatte so wehgetan, die persönlichen Dinge ihrer Freundin in den Händen

zu halten. Die wunderschönen chinesischen Vasen und die Elefantensammlung. Die Fotografien der Familie und der Freunde in silbernen Rahmen – so viele, und in den Zimmern im Erdgeschoss waren noch mehr. Und der Roman. Die Flucht vor dem Zauberer, aus dem Benny am Abend vor Careys Tod vorgelesen hatte. Immer noch aufgeschlagen auf Seite einhundertsechsundsiebzig.

»Lass uns hier aufhören«, hatte Carey gesagt. »Jetzt kommt gleich meine Lieblingsstelle – das wunderbare Treffen der Aktionäre mit den verrückten alten Damen. Das heben wir uns für morgen auf.«

Bei der Erinnerung wurde Benny von Trauer und Einsamkeit überwältigt und fing an zu weinen. Sie rannte in das erstbeste Schlafzimmer und vergrub das Gesicht in der Schürze, um das Schluchzen zu dämpfen. Kate hatte auch ohne eine Heulsuse im Haus mehr als genug zu tun. Und Benny wollte auch Polly nicht aufregen. Sie war sich sicher, dass Careys Tod dem Mädchen mehr zu Herzen ging, als es zugab. Nicht jeder stellte seine Gefühle zur Schau.

Kate hatte eine große Schublade geöffnet, die nur Geschirrtücher enthielt. Strahlend weiß, perfekt gebügelt. Ganz unten lag ein einzelner Stapel, ordentlich mit einem Band zusammengebunden. So weich und leicht wie wunderhübsch verziertes Seidenpapier. Als Kate es vorsichtig herausholte, spürte sie, dass jemand an der Tür stand.

»Oh, Polly, sieh dir das an.«

»Hm«, machte Polly. »Gibt es schon Kaffee?«

»Nein, wir arbeiten doch erst seit einer halben Stunde.«

»Ich bin fertig.« Polly schlenderte zum Fenster und schaute in den gleißend blauen Himmel. »Was für ein herrlicher Tag.«

»Was willst du als Nächstes in Angriff nehmen?«

»Ich werde definitiv sehr oft hier sein.«

»Da sind zwei riesige Kisten mit Besteck –«

»Ich wollte eigentlich einen Spaziergang machen.

»Ach so.«

»Das klang ein bisschen eingeschnappt.« Und als Kate nicht antwortete: »Bis später.«

»Vielleicht solltest du –«

Doch sie war weg. Kate hatte Polly vorschlagen wollen, eine Jacke anzuziehen. Sie wusste, dass es sie nichts anging, wie Polly sich anzog. So lange Kate zurückdenken konnte, trug Polly, was sie wollte. Aber Forbes Abbot war nicht London. Kate hasste den Gedanken, dass man hinter Pollys Rücken über sie reden könnte. Oder lachen. Denken könnte, so wie die aussieht, verdient sie es nicht besser. Lächerlich altmodisch, doch die Leute glaubten so was immer noch. Und jeder wusste, was das bedeutete.

Polly trug heute ein eng anliegendes weißes, ärmelloses Top mit einem tiefen V-Ausschnitt, der die obere Hälfte ihrer Brüste entblößte, und einen seltsamen Rock aus bunten Streifen, der an einer Seite länger als an der anderen, aber trotzdem noch ziemlich kurz war. Er war zwar nicht direkt durchsichtig, verhüllte aber wenig. Um ihren Hals hing eine Geldbörse in Form eines kleinen Sterns aus silbernen Perlen an einem Lederband. Seltsamerweise änderte das Wissen, dass Polly die Meinung der Dorfbewohner völlig egal war, nichts an Kates Beschützerinstinkt.

Sie ging zu dem großen Schiebefenster an der Spüle. Beschämt, weil sie ihrer Tochter nachspionierte, aber gleichzeitig getrieben, beobachtete Kate, wie Polly durch das hohe Eisentor ging. Polly wandte sich nach rechts und war verschwunden. Dem Haus gegenüber hatte sie nicht einmal einen Blick gegönnt. Verärgert und schuldbewusst zugleich fragte sich Kate, ob sie in die Szene bei Careys Beerdigung vielleicht etwas hineinphantasiert hatte, was gar nicht da gewesen war. Sie wünschte es sich, und um diese Gedanken zu vertreiben, beschloss sie, doch eine Kaffeepause einzulegen. Sie ging in die Diele, um Benny zu rufen. Keine Antwort. Dann hörte sie

leises Schluchzen, gedämpft, wie durch mehrere Lagen Stoff, und lief schnell nach oben.

Polly schlenderte durch die Hauptstraße von Forbes Abbot, die im Vergleich zur, sagen wir mal, King’s Road, eher wie eine kleine Seitenstraße wirkte, doch durchaus ihre Reize hatte. In so einem kleinen Ort erweckt ein Fremder immer Aufmerksamkeit, und auch wenn viele wegen der Beerdigung wussten, wer Polly war, blieb sie doch immer noch eine verhältnismäßig unbekannte Größe. Darum wandten nur wenige den Kopf, als sie vorbeiging, und der eine oder andere wünschte ihr einen guten Morgen, aber es gab längst nicht so viel Aufmerksamkeit, Bewunderung oder Ablehnung, wie Polly erwartet hatte. Dann bemerkte sie, dass die Leute in Grüppchen zu zweit oder zu dritt beieinanderstanden und ernst, aber irgendwie auch aufgeregt miteinander redeten. Das störte Polly nicht allzu sehr. Sie vermutete, dass es sich um irgendeine banale lokale Angelegenheit handelte, unangemessen aufgebauscht von Menschen, die mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wussten.

Wie beinahe alles, was Polly unternahm, hatte auch dieser vormittägliche Spaziergang einen Grund und verfolgte zwei Ziele. Zuallererst hoffte sie, zufällig den Mann zu treffen, den sie bei der Beerdigung kennengelernt hatte – und in den sie sich vielleicht nicht gerade verliebt hatte, den sie aber ausgesprochen anziehend fand. Ihn einzufangen dürfte kein Problem sein. Polly hatte noch nie einen Mann begehrt, der sie nicht begehrte. Und sie hatte Energie für zwei, sollte die Angelegenheit heikel werden.

Merkwürdig war nur, dass es ihr nicht gelungen war, sich sein Gesicht ins Gedächtnis zu rufen, obwohl sie seit gestern an nichts anderes gedacht hatte. Aber sie erinnerte sich an Ashleys Ausstrahlung, sein goldblondes Haar, die feinen schlanken Hände. Sie fragte sich, was genau mit ihm nicht stimmte. Zweifellos konnte Krankheit im Frühstadium sehr

romantisch sein. Und auch später gelegentlich noch – man betrachte nur die Bilder in viktorianischen Romanen. Sehnsüchtige Kreaturen mit riesigen Augen, die auf luftigen Wolken himmelwärts gehoben wurden und, umgeben von weinenden, händeringenden Trauernden mit gebrochenen Herzen, sanft aus dieser Welt entschwanden. Nicht dass Polly irgendetwas mit der Krankheit an sich zu tun haben wollte. Pillen verabreichen, Spritzen geben oder den Patienten waschen kam definitiv nicht in Frage. Besonders die Sache mit dem Waschen.

Doch das Objekt ihrer Begierde schien nicht unterwegs zu sein. Polly ging an dem kleinen Café vorbei, dem Secret Garden, und spähte ohne große Hoffnung durchs Fenster. Irgendwie sinnlos, für ein Stück Kuchen und ein Tässchen Tee in ein Café zu gehen, wenn man es drei Minuten entfernt umsonst bekommen konnte. Sie setzte mehr Hoffnung auf den Dorfladen, der zugleich Postamt und Zeitungsladen war, aber dort war er auch nicht. Angestachelt von ihrer Enttäuschung und mit der Absicht, jemanden, zumindest ein bisschen, zu ärgern, fragte sie nach der Financial Times. Natürlich bekam man sie nur auf Bestellung. Polly seufzte und schüttelte den Kopf, als der Inhaber sich entschuldigte, kaufte eine kleine Flasche Mineralwasser, setzte ihren Spaziergang fort und blieb dann und wann stehen, um einen Schluck zu trinken.

Der zweite Grund für Pollys Spaziergang war wesentlich

nüchterner. Sie wollte Dennis Brinkley besuchen. Es hätte überhaupt keinen Sinn gehabt, irgendeine Art von Beziehung, geschäftlich oder privat, herzustellen, solange ihre Eltern dabei waren. Sinnlos, Dennis milde zu stimmen, ihm zu zeigen, wie sachkundig und begabt sie in finanziellen Dingen war. Mit anderen Worten: Wie absurd es war, sie zehn volle Monate warten zu lassen, ehe ihr das Geld, das ihr sowieso gehörte, ausgezahlt wurde. Nein, dafür musste sie mit ihm allein sein.

Bei diesen Überlegungen fiel ihr unweigerlich Billy Slaughter ein. Der schmierige, schleimige, aalglatte Billy mit dem schwarzen Herz, in dessen Adern Gold und Galle flossen. Polly flüchtete sich in Gedanken, wie so oft, in eine Haltung eiskalter Überlegenheit. Sie stellte sich vor, wie sie ihm das Geld vor die Füße warf. Wie sie zufrieden lachte bei seinem Versuch, sich an seinem dicken Bauch vorbeizubücken, um es aufzuheben. Was für Beschimpfungen sie ihm an den Kopf warf, die sie in endlosen verschwendeten Stunden wütenden Zorns immer wieder neu erdacht und zurechtgefeilt hatte. Und dann würde sie ihm den Rücken zukehren und langsam und überheblich davonstolzieren.

Polly erinnerte sich zwar nicht mehr genau, wo Dennis’ Haus stand, doch sie wusste noch, dass er in dem umgebauten alten Schulgebäude wohnte, und das musste leicht zu finden sein. Aber nach dem Umbau sah das Haus so fremd aus – eher wie ein Fort mit hohen Fensterschlitzen –, dass sie daran vorbeilief und schließlich jemanden fragen musste.

Beim Klingeln dachte Polly schon über ihre Strategie nach. Auf jeden Fall musste sie selbstbewusst wirken, aber vielleicht war es auch eine gute Idee, Dennis um Rat zu bitten, wie sie das Geld anlegen sollte? Natürlich würde sie nicht auf ihn hören, aber welcher Mann war nicht empfänglich für Schmeicheleien?

Sie hörte, wie es im Haus laut klingelte, aber niemand kam an die Tür. Ein leise pfeifendes Geräusch, das, wie Polly vermutete, von einem Staubsauger herrührte, irritierte sie. Machte Dennis womöglich selber sauber?

Sie spazierte um das Haus herum in die Garage. Bis auf ein paar ordentlich gestapelte Kisten und einige Gartengeräte war sie leer. An der hinteren Wand hingen einige Schlüssel an einem Brett. Polly war gerade dabei, die dazugehörigen sauber beschrifteten Schilder zu lesen und sich über die Vertrauensseligkeit der Landbevölkerung zu wundern, als der Staubsauger verstummte. Eine mit einem Eisengitter verstärkte Tür führte direkt ins Haus. Polly klopfte vorsichtig an. Als niemand reagierte, klopfte sie lauter, dann trat sie ein.

Eine Frau stand an einem Spülbecken und klapperte mit Geschirr. Eine fleischige Frau mit einem flachen Gesicht und Schweinsäuglein, von denen eins fest nach innen gerichtet war und so eine klare Aussicht auf den Nasenrücken hatte, während das andere die Fremde an der Tür beäugte.

»Oh«, quietschte Polly und zwinkerte überrascht, dann verschenkte sie eines ihrer frischesten und unschuldigsten Lächeln. »Hallo.«

»Schon mal was von Anklopfen gehört?«

»Ich habe geklopft, aber ich glaube –«

»Was wollen Sie?«

Also wirklich, dachte Polly. Wie spricht die denn mit mir? Eine Putzfrau. Sie war sich sicher, dass sie die Frau kannte, aber ihr fiel nicht ein, woher. Sie sagte mit fester Stimme: »Ich möchte zu Mr. Brinkley.«

»Weiß er, dass Sie kommen?«

»Natürlich.«

»Komisch, dass er dann zur Arbeit gegangen ist.«

»Äh … ja …« Polly schnippte mit den Fingern und verfluchte sich innerlich dafür, dass sie daran nicht gedacht hatte. In der Stadt ging kein Mensch am Samstag ins Büro. »Stimmt, jetzt fällt es mir wieder ein. Er hat gesagt, wir treffen uns in Causton.«

Das nach außen gerichtete Auge musterte Polly von oben bis unten und blieb schließlich auf ihrem tiefen, freizügigen Ausschnitt hängen. »Ist wohl geschäftlich, wie?«

»Genau. Mr. Brinkley ist mein Finanzberater.« Warum rede ich überhaupt mit dieser grässlichen Person? Ich muss ihr gar nichts erklären. Armer Dennis. Kaum zu glauben, dass er sich mit diesem schielenden ungehobelten Kloß, der durch sein Haus rollt, abgeben muss.

Die Frau verschränkte ihre feisten Unterarme, die in schaumglitzernden Gummihandschuhen steckten, vor der Brust. Sie sagte nichts mehr. Stand nur ganz ruhig da und starrte Polly an.

Polly macht schwungvoll auf dem Absatz kehrt und ging. Als sie am Tor war und sich umdrehte, um es zu schließen, stand die hässliche alte Vogelscheuche am Garagentor, zweifellos, um sich zu vergewissern, dass Polly auch sicher das Grundstück verließ. Polly war wütend. Eine Frechheit. Und zu Hause konnte sie ihren Ärger auch nicht loswerden. Sie hatte nicht die Absicht, ihre Mutter wissen zu lassen, dass sie vorhatte, Dennis weichzuklopfen.

Doch als sie auf Appleby House zuging, hatte sich Pollys Laune gebessert. Im Garten des gegenüberliegenden Hauses (der Garten dieses außerordentlich anziehenden Mannes) hörte sie Stimmen und verlangsamte ihren Schritt, bis sie am Gartentor praktisch zum Stillstand gekommen war. Die Parnells saßen an einem Tisch auf dem Rasen unter einem großen Sonnenschirm mit Blumenmuster beim Mittagessen. Mist, es war Judith, die mit Blick zur heißen, staubigen Straße saß. Polly setzte ein falsches, strahlendes Lächeln auf und winkte. Ein kurzes Nicken war die Antwort. Unbeeindruckt – sie hatte nichts anderes erwartet – rief sie: »Hi! Ist das nicht ein herrlicher Tag?«

Ashley wandte langsam den Kopf, um zu sehen, wer da war, und erkannte sie sofort. Polly lächelte wieder, diesmal warm und erwartungsvoll. Dann schlenderte sie langsam weiter.

»Hübsches Mädchen«, sagte Judith und packte den Stier bei den Hörnern. Sie klang unbeteiligt, leicht amüsiert, als redete sie über ein hübsches Kind. »Und schlau.« Ihre Großzügigkeit war grenzenlos. »Mallory hat erzählt, sie ist an der LSE.«

»Das stimmt. Sie hat mir bei der Beerdigung davon erzählt. Klingt ein bisschen nach einer Löwengrube.«

»Ich zweifle nicht daran, dass sie es schafft. Wenn man so jung ist wie sie, ist alles eine Herausforderung.«

Die Jahre, die zwischen dem Mädchen und ihr und Ashley lagen, gähnten sie plötzlich an. Polly war halb so alt wie sie beide. Ich sollte mehr Vertrauen haben, dachte Judith. Sie lächelte ihn an und zwang sich zu glauben, dass sie wirklich geliebt wurde.

Ashley sagte: »Du hast mir immer noch nicht erzählt, wie dein Treffen neulich am Abend war.«

»Treffen?« Stirnrunzelnd und leicht verwirrt wiederholte Judith das Wort, als hätte sie seine Bedeutung vergessen.

»Im Peacock Hotel. Neuer Kunde. Chirurgische Instrumente.«

»Ach das. Da gibt es eigentlich nichts zu erzählen.«

Nichts zu erzählen? Nur dass es die unangenehmste Erfahrung ihres ganzen Lebens war und die Erinnerung daran immer noch frisch und unangenehm und heiß war. Nur dass sie hinterher Stunden in der Badewanne verbracht und sich in parfümiertem Wasser geschrubbt hatte und sich trotzdem noch schmutzig gefühlt hatte, als sie neben Ashley ins Bett schlüpfte. Die Erinnerung würde unweigerlich verblassen, doch Judith wusste, dass sie das Erlebte niemals ganz vergessen würde. Wie schrubbte man das Innere seines Kopfes?

Er war keine unangenehme Erscheinung gewesen – ein gedrungener, älterer Mann mit einem steifen, kleinen Schnurrbart und einer ziemlich verschmierten Lesebrille. Sein Anzug, braune Nadelstreifen zu einem rosafarbenen Hemd, war zu eng gewesen. Er saß auf einer Bank vor einem Bierkrug, neben dem seine Brieftasche lag. Nachdem sie sich die Hände geschüttelt hatten, stand er auf und rückte den Tisch weg. Sie quetschte sich an ihm vorbei, und er zog den Tisch wieder heran, so dass Judith eingeklemmt in der Ecke saß. Sie öffnete ihren Aktenkoffer.

»Also, Mr. Paulson –«

»Polson. Mit O.« Er formte den Laut übertrieben mit seinem feuchten, roten Mund, steckte seinen kleinen Finger hinein und fuhr sich langsam über die Lippen, so als wollte er die Öffnung noch vergrößern.

»Erinnert Sie das an etwas?«

»Entschuldigung – Ich –«

»Kleiner Scherz von mir. Also, was haben Sie für mich?« Judith holte einen Ordner heraus und reichte ihm eine vierseitige Hochglanzbroschüre mit ihrem Angebot. Er warf einen Blick darauf und gab sie ihr zurück, wobei er unnötigerweise näher rutschte.

Er sagte: »Das Foto wird Ihnen nicht gerecht.«

»Wie kann ich Ihnen helfen, Mr. Polson?« Judith gab ihrer Stimme einen sehr sicheren und energischen Klang. »Haben Sie zurzeit einen Buchhalter?«

»Habe ich.« Er starrte in ihren Ausschnitt.

»Darf ich fragen, warum Sie an eine Veränderung denken?«

»Ich denke nicht an eine Veränderung.«

»Dann verstehe ich nicht ganz, was ich für Sie tun kann.« Judiths Antwort war knapp. Sie hatte Ashley in keinem guten Zustand zurückgelassen und war zehn Meilen für dieses Treffen gefahren. Sie packte das Informationsmaterial wieder in den Aktenkoffer und ließ schnell das Schloss zuschnappen.

»Ich schon«, sagte Mr. Polson. Er öffnete seine Brieftasche und reichte sie ihr. »Gucken Sie mal wegen der Größe.«

Judith griff danach ohne nachzudenken. Sie sah eine Reihe fein säuberlich sortierter Kondome. Es mussten an die dreißig gewesen sein … vielleicht sogar vierzig. Keine besonders angenehme Erfahrung, aber kaum geeignet, sie völlig umzuhauen. Sie betrachtete sie lange genug, um ihre Gleichgültigkeit zu zeigen, dann gab sie ihm die Brieftasche zurück.

»Wie ich sehe, sind Sie ein Optimist, Mr. Polson.« Dann, als langsam die Wut in ihr aufstieg wegen dieser Beleidigung, fügte sie hinzu: »Sie sollten manchmal in den Spiegel schauen.«

Sein Mund verzerrte sich. Sofort tat es Judith leid, nicht nur, weil sie ihn absichtlich verletzt hatte. Sie war auch beklommen. Sein Gesicht verdunkelte sich, das Blut stieg ihm in den Kopf. Judith sah sich um.

Der Raum war groß, und um halb sieben Uhr abends noch kaum gefüllt. Am anderen Ende saßen ein halbes Dutzend Männer in dunklen Anzügen um einen Tisch voller Gläser. Sie hatten murmelnd die Köpfe zusammengesteckt und warfen sie gelegentlich mit einem rauen Lachen in den Nacken. Zwei jüngere Frauen schwatzten an der Bar mit dem Barkeeper. Und zwei oder drei vereinzelte Pärchen saßen an Tischen, ebenfalls in Gespräche vertieft.

Judith saß in der Falle. Polson blockierte die eine Seite, und auf der anderen Seite endete die Bank an einer Wand. Sie versuchte, vorsichtig den Tisch wegzuschieben, bis sie merkte, dass sein metallener Aktenkoffer im Weg lag und ihr diesen Ausweg versperrte. Polson rückte näher heran. Presste sein Bein gegen ihres. Blies ihr seinen fauligen Atem ins Gesicht. Ergoss einen Strom von Obszönitäten in ihr Ohr.

Sie lechzte danach, er wusste es genau, er konnte sehen, dass ihr Name für Offenheit stand, offen für jeden, und sie fand ihn hässlich? Da unten war er nicht hässlich, da unten waren sie alle gleich, sie konnten nach oben gehen, er hatte diesen Film, um sie in Fahrt zu bringen, fünf Stück, und diese Hure, angeblich dreizehn, was? Dreizehn? Wusste Bescheid, konnte es nicht abwarten, kletterte dem Kerl auf die Schultern, alle standen Schlange, sie tat so, als würde sie weinen, das konnte sie gut, so tun, als würde sie weinen, und der Kerl sagte, stell dir vor, es ist ein Lolly, ha, ha, ha. Dann legte er seine …

Hinterher konnte Judith nicht verstehen, warum sie einfach nur dasaß, unfähig, sich zu bewegen. Nicht aus Verlegenheit. Es war, als wäre der Raum zwischen ihnen und um sie herum aus festem, undurchdringlichem dickem Eis. Seine Hand lag die ganze Zeit auf ihrem Knie, dann rutschte sie auf die Innenseite ihres Schenkels. Der Daumen schien sich selbstständig zu machen, zeigte nach oben.

Endlich bemerkte Judith, dass jemand über die Kilometer von Teppich in ihre Richtung kam. Sie fing den Blick des Mannes auf, hielt ihn fest, damit er nicht vorbeiging, dann schaute sie verzweifelt zur Seite auf ihren Peiniger.

Polson sah, was passieren würde. Er stand auf, griff nach seinem Aktenkoffer und sagte laut: »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Dann bis nächste Woche?«

Als er davonschlenderte, schloss Judith die Augen. Sie merkte, dass der andere Mann sich hinsetzte, konnte ihn aber nicht anschauen. Minutenlang saß sie so da. Langsam begannen sich ihre erstarrten Gesichtszüge zu lösen. Sie spürte, wie ihr Herz schlug und Tränen ihre Wangen hinunterliefen. Der Mann ging weg und kam mit einem doppelten Kognak zurück.

»Trinken Sie das.« Er nahm ihre Hände und legte sie um das Glas. »Kommen Sie schon, Mrs. Parnell.«

»Ich kann nicht.«

»Sie müssen. Einen Schluck nach dem anderen.« Judith trank, hustete. Trank noch einen Schluck. »Gut. Sie wissen, dass Sie zur Polizei gehen sollten?«

Allein der Gedanke! Der Gedanke daran, ihn zu beschreiben, wiederholen zu müssen, was er gesagt hatte, vielleicht unzählige Male. Judith wurde schlecht. Kognak, vermischt mit Galle, füllte ihren Mund.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.« Er stand auf.

»Ich hole ein Glas Wasser.«

»Ich muss gehen.«

»Nein – genau das müssen Sie nicht. Und Sie können auf keinen Fall Auto fahren.«

»Gut.«

Sie gab sofort nach, auch wenn ihr klar war, wie schwach das war. Wie erbärmlich. Doch die Erleichterung war – überwältigend. Sie konnte einfach sitzen bleiben, still und klein, und vor allem sicher. Irgendwann würde das Gefühl von Schwäche vergehen, würde Leben in die abgestorbenen Muskeln ihrer Beine zurückkehren, sie würde aufstehen und zur Tür gehen können. Wie klug und freundlich der Mann war. Dieser Fremde, den sie noch nie gesehen hatte, und der doch aus unerfindlichen Gründen ihren Namen kannte.

3

Weil es sonntags am späten Nachmittag oft Staus auf der Autobahn gab, wollte Kate Appleby House schon um die Mittagszeit verlassen, um den Wochenendausflüglern zu entgehen, die in ihre Stadtwohnungen zurückströmten. Sie packte mehrere Kisten mit herrlichem Gartengemüse in den Kofferraum ihres Golfs und beabsichtigte, auf dem Heimweg noch bei Tesco vorbeizufahren, wo sie Diesel tanken konnte.

Polly, die das Landleben auf einmal unerträglich langweilig fand, fuhr mit ihrer Mutter zurück und verbrachte die ganze Fahrt in schlecht gelaunter Schweigsamkeit. Es gelang ihr nicht, die ärgerliche Begebenheit in Dennis’ Haus aus ihren Gedanken zu verscheuchen. Sie war sicher, dass inzwischen das ganze Dorf einen schön ausgeschmückten Bericht von der Situation erhalten hatte. Persönlich machte Polly so etwas eigentlich nichts aus, aber sie hasste die Vorstellung, Dennis gegenüber im Nachteil zu sein. Natürlich gab es immer noch die geringe Chance, dass ihm die Frau mit dem Schweinsgesicht nichts erzählt hatte.

Aber es war ein Fehler gewesen, einfach so unerwartet bei ihm zu Hause aufzutauchen. Das nächste Mal, sagen wir in einer Woche – länger traute sie sich nicht, die Sache hinauszuschieben – würde sie einen richtigen Termin ausmachen. Und sich irgendetwas langweilig Korrektes zum Anziehen ausleihen. Polly sah sich in einem dunklen, unauffälligen und spießigen Kostüm Dennis wegen ihres plötzlichen Geldsegens um Rat fragen und sich ins Fäustchen lachen.

Der andere Grund für ihre schlechte Laune war der göttliche Ashley. Nach ihrer ersten Begegnung wollte sie ihn natürlich gerne ein zweites Mal treffen, aber ständig hatte ihr jemand einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es war ihr nicht einmal gelungen, ein paar beiläufige Worte am Gartenzaun mit ihm zu wechseln. Von Kate erfahren zu müssen, dass seine Frau zu Hause arbeitete, war ein ziemlicher Schlag. Andererseits musste Judith schließlich irgendwann mal das Haus verlassen, überlegte Polly, und sei es nur, um einzukaufen oder zur Post zu gehen. Aber nichts dergleichen. Zwei volle Tage lang hatte sich Judith nicht von der Stelle bewegt. Dann sah Polly, wie sie dem Postboten einen Stapel Briefe übergab. Der Vorschlag, die Parnells zu einem Drink einzuladen, wo sie doch nun alle bald Nachbarn seien, war von ihrer Mutter mit einer scharfen Bemerkung abgelehnt worden.

Kate hatte Benny gebeten, mit ihnen nach London zu kommen und eine Weile zu bleiben. Doch Benny weigerte sich und war nicht zu überreden. Was sollte mit Croydon geschehen? Natürlich würde ihn irgendjemand füttern, aber wäre es nicht grausam, ihn so bald allein zu lassen, nachdem schon sein Frauchen unerklärlicherweise verschwunden war? Und die Einbruchgefahr! Ein leerstehendes Haus war für kriminelle Elemente eine offene Einladung. Diebe konnten einbrechen und Careys schöne Sachen stehlen.

Also wurde Benny bei dem hohen Eisenzaun zurückgelassen, als Kate und Polly wegfuhren. Sie rief: »Auf Wiedersehen!«, und schwenkte ihr Taschentuch. Sie blinzelte und zwinkerte hinter ihren dicken Brillengläsern und winkte und winkte, bis der dunkelblaue Wagen nicht mehr zu sehen war. Dann zögerte sie und fühlte sich plötzlich allein gelassen.

Sie sah Judith aus ihrer Hintertür kommen und rief: »Huhu!«

Judith nickte ihr zu, und Benny ging über den Rasen, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln und damit den Augenblick hinauszuzögern, bis sie wieder ins Haus musste. Aber als sie den gegenüberliegenden Zaun erreicht hatte, war Judith verschwunden. Benny blieb also nichts anderes übrig, als den Rückweg anzutreten. Wieder im Haus, wanderte sie durch die riesige, schäbige Küche, blieb in der Mitte stehen und sah sich unbestimmt um.

Zum ersten Mal, seit sie sich erinnern konnte, war sie ganz allein im Appleby House. Eine schreckliche Stille schien hineingekrochen zu sein. Statt vertraut und familiär fühlte es sich fremd und kalt an, und es gab nichts zu tun.

Benny fühlte sich immer unbehaglicher. Das Gebäude war sehr groß und kam ihr plötzlich so abgeschieden vor. Rechts vom Appleby House lag St. Anselm, die Kirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die durch einen großen Friedhof vom Haus getrennt war. Ungefähr die Hälfte der gut ein Hektar großen Apfelplantage zog sich um die andere Seite des Hauses. Der Rest lag gleich hinter dem von einer Mauer umgebenen Garten. Man konnte also wahrheitsgemäß sagen, und Benny murmelte das laut vor sich hin, dass sie hier ziemlich abgeschnitten war. Natürlich gab es Telefon, aber nicht in jedem Zimmer. Und was, wenn jemand einbrach und sie es nicht rechtzeitig zum Telefon schaffte?

Benny stand reglos da und lauschte. Nach und nach wurde ihr immer klarer, dass die Stille, die ihr früher nie etwas ausgemacht hatte, eigentlich gar nicht still war. Da waren zum Beispiel die Saatkrähen in den Ulmen, die den Weg zur Kirche säumten; von früh bis spät ein unmusikalisches Hintergrundgeräusch. Jetzt hörte sie sie, als sei es das erste Mal. Carey hatte ihr erzählt, dass man eine Ansammlung von diesen Vögeln

»Krähenparlament« nannte. Angesichts der hässlichen Töne, die sie von sich gaben, dem ständigen Geschrei und Gezeter, war das eine durchaus zutreffende Bezeichnung.

Benny erinnerte sich, wie sie einmal, als sie gerade Blumen auf ein Grab gelegt hatte, zurückgetreten und dabei auf eine tote Krähe getreten war. Sie hatte weich unter ihrem Fuß nachgegeben, ein Haufen steifer Federn, etwas dunkelrotes Klebriges und sich schlängelnde weiße Würmer. Benny war vor Ekel der kalte Schweiß ausgebrochen. Sie empfand ihn jetzt wieder: ein gruseliges, widerliches Frösteln.

Eine Tasse Tee war jetzt genau das Richtige. Obwohl sie vorsichtig war, verursachte jede von Bennys Bewegungen einen erstaunlichen Lärm. Das Wasser rauschte aus dem schweren Messinghahn, Teetasse und Untertasse klapperten gegeneinander in ihrer Hand. Dann fing plötzlich der betagte, große schmutzig beige Kühlschrank mit dem rostigen Chromgriff an zu tanzen und zu vibrieren. Er ratterte und zitterte. Rattern und Zittern.

Benny setzte sich an den Küchentisch. Sie machte das Radio an, schaltete es aber sofort wieder aus, weil ihr klar wurde, dass sie dann nicht hören würde, wenn sich jemand dem Haus näherte. Über ihr knarrte leise ein hölzernes Trockengestell, das unter die Zimmerdecke gezogen und mit Handtüchern behängt war. Aber das war seltsam, dachte Benny. Sie legte den Kopf zurück und starrte ängstlich nach oben. Warum in aller Welt bewegte es sich? Alle Fenster waren zu. Kein Luftzug regte sich. Aber das Gestell bewegte sich eindeutig. Es schwankte sogar …

Carey hatte einmal gesagt, dass Benny verloren sei, wenn sie nichts mehr hätte, worüber sie sich Sorgen machen konnte. Benny konnte sich tatsächlich an keine Zeit erinnern, in der sie nicht damit gekämpft hatte, ihren Kopf hoch aus dem riesigen Meer frei fließender Ängste zu halten. Die Worte »was wenn?« bestimmten ihr Leben. Sie konnte nicht anders, als in den harmlosesten, unschuldigsten Situationen verborgene Schrecklichkeiten zu vermuten. Und jeder flüchtige Augenblick des Glücks wurde sofort von der tiefen Besorgnis getrübt, was der nächste wohl bringen könnte.

Niemand, am wenigsten Benny, verstand, warum das so war. Dem Lehrbuch der Psychologie zufolge müsste sie so sorglos wie ein Vogel sein. Sie war ein Wunschkind gewesen, war liebevoll, wenn auch phantasielos von freundlichen, phlegmatischen Eltern großgezogen worden. Schüchtern, uninteressiert und nach außen hin sanftmütig, ging sie zur Schule und machte ihre Hausaufgaben, spielte manchmal Tennis, obwohl sie immer lieber las, als Spiele spielte, und hatte einige langweilige Freunde.

Als Teenager war sie gelegentlich zum Dorftanz gegangen, wo ihr ernstes, pickeliges Mondgesicht und ihre dünnen farblosen Haarsträhnen (nach einem schweren Befall von Ringel-flechte waren sie nie wieder ordentlich gewachsen) wenig Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sie wurde kaum zum Tanzen aufgefordert und ging immer lange vor dem Ende, damit sie auch sicher nach Hause kam. Und trotzdem war die Angst immer da. Was wenn …?

Einmal war sie aus dem Schulbus gestiegen, fest davon überzeugt, dass ihr Haus brannte. Sie versuchte, normal die Straße entlangzugehen, das gelang ihr aber nicht, sie musste rennen. Sie raste los, ihr Herz hämmerte, ihr Ranzen schlug gegen ihren Rücken, sie wischte sich panisch Tränen ab. Sie sah, wie das große, orange knisternde Gebälk des Hauses kurz vor dem Einsturz zusammensackte und schwankte. Sah aufgeregt schreiende Feuerwehrleute über den Bürgersteig rennen, Schläuche ziehen und in den Rauchschwaden verschwinden. Eine Frau schrie. Die höllische Vorahnung war so lebhaft, dass Benny, als sie um die Ecke des Laburnum Crescent stürmte, jäh stehen blieb und ungläubig auf die heitere Reihe unversehrter Häuschen starrte, die in der Nachmittagssonne vor sich hin träumten.

Ein plötzlicher Schrei. In Erinnerung versunken schrie Benny auch, sprang auf, und ihr Stuhl fiel um. Aber es war nur der Wasserkessel. Sie stellte den Stuhl auf, machte sich ihren Tee, und war froh, dass niemand Zeuge ihrer Torheit war. Jetzt könnte sie sich einen neuen Kessel kaufen. Einen hübschen leisen, den man in die Steckdose steckte. Carey hatte immer auf dem Pfeifkessel bestanden, nachdem Benny einen alten Kessel einmal so lange hatte kochen lassen, dass das Unterteil abgefallen war.

Sie setzte sich, schlürfte ihren Earl Grey und dachte über ihr Abendessen nach. Mallory, der ein Abgleiten in kummervolle Trägheit bei Benny voraussah, sobald die Freundin seiner Tante plötzlich auf sich allein gestellt war, hatte sie eindringlich gebeten, ordentlich zu essen. Und Kate hatte, bevor sie fuhr, im Supermarkt eingekauft, es waren also jede Menge Vorräte in der Tiefkühltruhe. Und eine schöne frische Seezunge mit Zitrone für heute Abend.

Benny hatte sich schon wieder fast beruhigt, als sie das Klicken des Gartentores hörte. Sie setzte sich abrupt auf, hellwach und kerzengerade. Wer konnte das sein? Der Briefträger kam sonntags nicht. Man hörte Schritte auf dem alten Ziegelpfad. Also kein Versuch der Verheimlichung. Das war ermutigend. Benny lief hinüber zum Fenster und krabbelte auf den Rand des alten Steinbeckens. Sie drehte sich um, lehnte sich zur Seite und presste ihre runde, weiche Wange fest gegen die Glasrauten. Von diesem Blickwinkel aus konnte man, wenn man ein Auge schloss und das andere zusammenkniff, durch eine Lücke im Spalier auf der Terrasse erkennen, wer der Besucher war.

Es war ein Freund. Vielleicht ihr engster und bester Freund, jetzt wo Carey nicht mehr da war. Beruhigt und sogar ein bisschen aufgeregt, eilte Benny hinaus, um die Tür zu öffnen.

In Forbes Abbot hatte man schon lange den Versuch aufgegeben, sich darüber zu einigen, was genau zwischen der verrückten alten Miss Frayle und dem nach außen hin respektablen Dennis Brinkley ablief. Da man sich offen gesagt irgendeine sexuelle Beziehung nicht vorzustellen vermochte, wusste man sich keinen Reim darauf zu machen, was die beiden sonst verbinden könnte. Darum bezeichnete man das langweilige und verstaubte Duo einfach als »unmögliches Paar« und ließ sie gewähren. Und so lebten die beiden in würdevoller Zurückhaltung und waren sich wahrscheinlich kaum darüber im Klaren, dass sie Gegenstand von Spekulationen waren: Benny, weil sie sich sicher war, nicht klug oder attraktiv genug zu sein, als dass man über sie sprechen würde; Dennis, weil er stets annahm, dass sein völliges Desinteresse am Leben seiner Nachbarn auf dieselbe Weise erwidert wurde.

In Forbes Abbot war man nicht immer so gelassen gewesen. Zugegeben, Benny Frayle war als Person, die einen spürbaren Beitrag zum Dorfleben leisten konnte, vom ersten Tag an praktisch abgeschrieben. Aber in Dennis hatte man große Hoffnungen gesetzt. Man hatte schnell herausgefunden, dass er Akademiker war, Teilhaber einer erfolgreichen Beraterfirma und außerdem Besitzer eines großen, wenn auch seltsam umgestalteten Anwesens am vornehmen Ende des Dorfes. Als solcher hätte er einen angesehenen Platz in der Gemeinde einnehmen können. Der Gemeinderat hätte ihn mit offenen Armen willkommen geheißen, ebenso der Club der Liebhaber einheimischer Weine. Dennoch brauchte man in Forbes Abbot nicht lange um festzustellen, dass der erste Eindruck oft täuscht und dass hinter diesem Neuankömmling viel mehr steckte, als man vermutete.

Zum einen war er zwar so attraktiv wie es jeder Mann in mittleren Jahren sein musste, der den ganzen Tag in einem Büro verbrachte, um das Geld anderer Leute zu verwalten, doch er war nicht verheiratet. Und dann empfing er weder weibliche noch männliche Besucher in seinem Haus. Und jeder wusste, wofür das Wort »Einzelgänger« stand. Aber das größte Unbehagen in der Gemeinde löste Dennis Brinkleys Hobby aus.

Dass jedermann eins haben sollte, darüber waren sich alle einig. So kam man nicht auf dumme Gedanken und entging der Knute der Ehefrauen. Ein bisschen Heimwerken, Gärtnern, Kegeln oder Billard, geheimnisvolle Aktivitäten im Geräteschuppen – wunderbar. Aber Tötungsmaschinen – das war etwas anderes.

Nicht dass man sich über das Töten per se aufregte. Man war schließlich auf dem Land. Viele Familien im Dorf und auf den Höfen rundherum besaßen ein Gewehr mit Waffenschein, wie manch ein Hase oder Fasan bereits leidvoll herausgefunden hatte. Ein oder zwei Leute, die den Sport ernster nahmen, waren Mitglieder eines Schützenvereins in Causton und wurden deshalb für feine Kerle gehalten. Jungens sind schließlich Jungens.

Aber das Problem hier war eine Sache des richtigen Maßes. Ein Mann, ein Gewehr, ein Ziel – jeder vernünftige Mensch konnte das einsehen. Aber Kriegsmaschinen zu Hause … Und es war auch nicht so, dass der Durchschnittsmensch auf der Straße erkennen konnte, wofür diese Geräte gut waren.

Kriegsandenken, okay. Dienstmarken und Medaillen, Verpflegungsbücher, ein deutscher Stahlhelm, Patronenhülsen und Gasmasken – in einem gewissen Alter können derlei sentimentale Souvenirs liebe Erinnerungen wecken. Aber man musste schon ein sechshundert Jahre alter Staubhaufen sein, wie es ein historisches Genie im Horse and Hounds ausdrückte, um sich an Brinkleys Ungeheuerlichkeiten fröhlich zu erinnern.

Bevor Dennis in die alte Grundschule gezogen war, hatte er das Haus erst einmal völlig entkernt. Eine Renovierung war zu erwarten gewesen – eine Schule ist schließlich kein häuslicher

Wohnort. Aber statt eines netten Umbaus ließ Dennis alle Innenwände und Decken herausnehmen, wodurch eine riesige leere Hülle entstand, die durch Eisenträger verstärkt wurde. Dann wurde ein bescheidener Wohnbereich eingebaut, der höchstens ein Drittel des Hauses beanspruchte. All dies sorgte für jede Menge Gerede und Spekulationen, die durch den Inhalt der Umzugswagen – ein paar Kommoden und einige normale, altmodische Einrichtungsgegenstände – wieder entschärft wurden. Dann, nur eine knappe Woche später, kamen die Maschinen.

Nicht, dass man sie als solche erkannte. Die verschiedenen Einzelteile, zum Teil massiv und sonderbar geformt, waren auseinandergenommen und in speziell konstruierten Kisten verpackt worden. Vier Männer hatten diese ins Haus geschleppt und waren mehrere Stunden später mit den Kisten wieder herausgekommen, die nun zerlegt und zusammengeschnürt waren.

Kurze Zeit später trafen weitere Männer mit Leitern und Gerüstmaterial ein, gingen drei Tage lang ein und aus und klopften und hämmerten. Kaum waren sie wieder weg, waren die Dorfbewohner im Haus, allen voran der Vorsitzende der Nachbarschaftswache und seine Frau. Andere folgten nach Alter geordnet. Leider wurden alle enttäuscht. Sie wurden höflich empfangen, in das ziemlich kleine Wohnzimmer geführt, aber nicht ermuntert, sich umzusehen. Und so ging es zehn Jahre lang.

Dies bedeutete, dass nur wenige Dorfbewohner dazu ausersehen waren, die zusammengesetzten Konstruktionen in ihrem vollen Glanz zu sehen, denn die Fenster im Maschinenraum waren lang, äußerst schmal und sehr hoch oben. Selbst wenn man in die Luft sprang, konnte man höchstens einen winzigen Blick auf eine herunterhängende Schlinge erhaschen. Oder auf eine massive Eisenkralle.

Aber Mrs. Crudge, der es gestattet war, die Dielen zu

bohnern, auf denen die Maschinen präzise platziert waren, lieferte sensationelle Beschreibungen von ihrem sonderbaren Aussehen. Anscheinend standen neben jedem Ausstellungsstück große bedruckte Schilder in Glaskästen, auf denen ihre Furcht erregenden Eigenschaften genau beschrieben waren. In manchen Kästen gab es Illustrationen, bei deren Anblick sich ihr, wie Mrs. Crudge beteuerte, der Magen umgedreht habe. Schlimmer als die Schreckenskammer bei Madame Tussaud. Wirklich nichts, was man als nettes Hobby bezeichnen konnte. Und damit hatte sie wohl recht. Denn die Kriegsmaschinen waren für Dennis kein Hobby, sondern eine ihn völlig verzehrende Leidenschaft.

Er konnte sich noch lebhaft an den Augenblick erinnern, als es anfing. Er war vierzehn und hatte sich bis dahin noch nie für irgendetwas besonders interessiert. Er trieb keinen Sport und hatte keine Freunde – zumindest keine, die er mit nach Hause brachte. Schließlich mussten sich seine Eltern irgendwie beschämt eingestehen, dass ihr einziger Sohn stinklangweilig war.

Es gab nur einen Fernseher im Haus und Dennis’ Vater hielt ein strenges Auge auf den Bedienungsknopf. Also las Dennis, einfach weil er lesen konnte und es ihm etwas zu tun gab. Da es ihrem Sohn gleichgültig zu sein schien, was er las, suchte seine Mutter die Bücher in der Bibliothek für ihn aus, wenn sie welche für sich selbst holte. Sie versuchte, ihm eine interessante Mischung an Büchern zusammenzustellen: Teenagerromane, echte Abenteuerbücher – Segeln, Bergsteigen und so weiter, Biologie, Erdkunde oder Geschichte. Und in diesem Zusammenhang war ihr das Buch mit dem Titel Das Arsenal des Soldaten: zwölftes bis sechzehntes Jahrhundert untergekommen.

Dennis schlug es auf, zog den Atem ein und rief: »Wow! Schau dir das an!«

Besagte Seite zeigte einen Apparat, mit dem man Knie,

Ellbogen und Hals brechen konnte und dann den Kopf des Gefangenen so lange herumschraubte, bis seine Wirbelsäule knackte. Mrs. Brinkley hatte kaum protestierend Luft holen können, da war ihr Sohn schon mit dem Buch fest unter dem Arm in sein Zimmer gerannt, und hatte, anders als der unglückselige Mann in der Illustration, eine Perspektive.

In den nächsten zwanzig Jahren verschlang Dennis jede Information, die es über diesen Zeitraum gab. Seine Regale waren mit entsprechenden Büchern vollgestopft. Er verbrachte seine Ferien in Museen auf der ganzen Welt, brütete über Manuskripten mit Schlachtbeschreibungen und Fotos von Waffen, Rüstungen und all den schwerfälligen, aber tödlichen Maschinen der frühen Kriegsführung. Die Exponate waren sehr empfindlich, und nur einmal in einer Bibliothek in Verona hatte er die Erlaubnis erhalten, ein Dokument genau zu studieren. Es war eine Karte, auf der die Schlacht von Montichiari (eintausend Lanzen, siebenhundert Bogenschützen) abgebildet war. Als Dennis das vergilbte, elfenbeinfarbene Pergament berührte, konnte er die warme goldene Erde, durchtränkt vom Blut der Krieger unter seinen Fingerspitzen fühlen.

Nach und nach baute er sich eine kleine Sammlung auf: eine Geschossgarbe von exquisit ausbalancierten Langbögen; eine Lafette, die eine riesige Armbrust trug, so schwer, dass zwei Leute nötig waren, nur um den Pfeil zu bewegen; ein rostiger Helm mit einem Pferdehaarbusch und Scharnieren für die Seitenteile.

Er war fast vierzig, als ihm einfiel, dass ihn eigentlich nichts daran hindern konnte, selbst eine Reproduktion einer der großen frühen Kriegsmaschinen zu besitzen. Er zeichnete präzise detaillierte Pläne, auch wenn die Maschinen nie benutzt werden würden. Er begann mit dem Trebuchet, einem riesigen Lederkatapult auf einem Windenmechanismus in einem neun Meter hohen Gestell, das dazu diente, Steine und kochende Flüssigkeiten über Burgmauern zu schleudern. Als Nächstes zeichnete Dennis einen beweglichen Glockenturm, der über hundert Mann fassen konnte. Dann machte er sich auf die Suche nach einem Handwerker, der die nötigen Kenntnisse besaß, um diese Maschinen zu bauen. Gleichzeitig fing er an, nach einem passenden Anwesen Ausschau zu halten, in dem er seine neuen Schätze unterbringen konnte.

Dennis war glücklich über den Kauf und den gelungenen Umbau von Kinders gewesen. Nun verging kein Abend, an dem er nicht seine riesige Halle mit den Kriegsmaschinen aufsuchte. Am liebsten war er in der Abenddämmerung dort, wenn sich aberwitzige Schatten bildeten und vermischten und wie grauer Nebel unter seinen Pantoffeln ausbreiteten.

Wenn er umherging, hörte er in seiner Phantasie das Pfeifen von tausend Pfeilen. Oder das Spannen und Knirschen eines Seils, wenn die riesige Lederschlinge in die Schleuderposition gekurbelt wurde. Mit der Zeit und mit den Jahren wurden diese Szenen immer lebendiger und enthielten immer grässlichere Details wie etwa das Geräusch und neuerdings sogar den Geruch eines Gemetzels.

Lange Zeit erlebte Dennis diese außergewöhnlichen historischen Phantasien nur, wenn er sich innerhalb seines Kriegsraumes befand. Sobald er die Tür von außen zumachte, um seinen Geschäften nachzugehen, verschwanden Geräusche und Kriegslust sofort. Aber in letzter Zeit holten ihn seine Phantasien auch zu anderen Zeiten ein. Einmal geschah dies zu seiner großen Bestürzung im Büro bei einer Besprechung mit zwei seiner Angestellten. Und manchmal wurden sogar im Schlaf seine Träume vom Stöhnen verwundeter Männer und Schreien verängstigter Frauen und Kinder gestört.

Natürlich behielt Dennis diese bedrohlichen Erfahrungen für sich. Aber schließlich begannen ihn die täglichen Erinnerungen an die nächtlichen Schrecken zu zermürben und er beschloss, Hilfe zu suchen. Zu einem Psychiater wollte er nicht gehen – was das bewusste tägliche Leben betraf, war er weder unglücklich noch fühlte er sich minderwertig – und so entschied er sich für eine Traumtherapie. Verlegen erzählte er seine Geschichte. Die Therapeutin hörte zu und kam dann mit allen möglichen Deutungen, die ihm allesamt ziemlich idiotisch vorkamen. Ebenso wie der Vorschlag, er solle einen Monat lang täglich seine Träume und Visionen aufschreiben. Trotzdem beschloss Dennis, es auszuprobieren und zu seiner Überraschung funktionierte es so gut, dass er keinen Grund mehr hatte, die Therapeutin noch einmal aufzusuchen.

Mallory erinnerte sich, dass er einmal mit seiner Tante über die Freundschaft zwischen ihrer Gefährtin und Dennis Brinkley gesprochen hatte. Wie die meisten Menschen fand er sie erstaunlich, ja sogar ein wenig lustig und unklugerweise äußerte er seine Ansicht. Carey war sehr ärgerlich über die Unterstellung geworden, dass die Unattraktiven und sozial Unbeholfenen keine Freunde verdienen. Oder dass diese Freunde, wenn sie denn welche fänden, ebenso langweilig und unbeholfen zu sein hätten wie sie selbst.

Nachdem er sich entschuldigt hatte, war Carey so weit aufgetaut, dass sie ein wenig über Bennys Situation sprachen. Aus ihrer Sicht beruhte die Freundschaft nicht nur auf gegenseitiger Sympathie, die natürlich vorhanden war, sondern auch auf einer zarten Stabilität, die der gegenseitigen Übereinkunft entsprang, dass keiner dem anderen jemals wehtun würde. Bennys schmerzliche Scheu, die sich hinter ihrer tapsigen, stürmischen und grundsätzlich übereifrigen Hilfsbereitschaft verbarg, wurde von Dennis’ geduldigem Wesen und seinem ehrlichen Interesse an ihrem Wohlbefinden wunderbar ausgeglichen, beruhigt und besänftigt. Sie fühlten sich wohl miteinander. Einmal, erzählte Carey, als Dennis bei Benny zu Besuch war und sie mit ihm sprechen musste, habe sie die beiden vor dem Kamin gefunden. Sie saßen sich – jeder in einem Ohrensessel – ruhig und ernst gegenüber wie ein altes Ehepaar.

Von diesem Gespräch wusste Benny nichts, aber als sie nun zur Eingangstür von Appleby House eilte, verriet ihr Gesichtsausdruck, wie wahr diese Geschichte war.

»Komm herein, Dennis. Es ist so schön, dich zu sehen.«

»Ich habe etwas gezögert … ein bisschen früh nach der Beerdigung. Aber ich habe Kates Auto wegfahren sehen und dachte, ein wenig Gesellschaft könnte dir guttun.«

»Du hast recht wie immer.«

»Sind wir in der Küche?«

Im Handumdrehen saßen sie gemütlich an dem zerkratzten Kieferntisch. Benny schüttete ihren aufgebrühten Earl Grey fort und machte, was Dennis immer »einen richtigen Tee« nannte. Sie deckte die großen Steinguttassen von Mason’s, gelb und blau mit hübschen Blümchen. Eigentlich waren es Kaffeetassen fürs Frühstück, aber Carey war immer der Ansicht gewesen, dass man alles immer so benutzen sollte, wie es einem passte. Sie schnitt Eis mit dem Fischmesser, wenn es gerade zur Hand war und hatte einmal Austern mit Zitronenscheiben, Eis und Algen auf einem dreistöckigen Tortenständer serviert. Carey war es egal, wenn …

»Oh, Benny, meine Liebe.« Bennys Tränen rannen in Bächen herunter. Dennis holte ein großes, weißes Leinentaschentuch hervor, schüttelte die makellosen Falten aus und legte es neben Bennys Untertasse. »Es tut mir so leid …«

»Huuhh … huuh …« Schnaubend und schniefend verschränkte Benny die Arme vor der Brust, als seien sie in einer Zwangsjacke festgezurrt. Sie umklammerte ihre Schultern gegen den Schmerz. »Mir ging es gut … solange alle hier waren …«

Dennis wartete. Er sagte nichts mehr, und Benny war dankbar. In den letzten Tagen hatten so viele Leute so viel zu ihr gesagt. Sie hatten es mitfühlend gemeint, aber die frommen Allgemeinplätze bedeuteten gar nichts. Schlimmer noch, sie waren ein Ärgernis. Was wussten sie schon von der echten, wahren Carey? Von ihrem Witz und ihrer gelegentlichen schlechten Laune, ihrem heiseren Lachen und ihrer Fähigkeit verschiedene Persönlichkeiten aus dem Dorf nachzumachen, wenn diese ihr ahnungslos den Rücken zudrehten. Ihre Vorliebe für Klatsch, guten Wein und kräftigen Tabak. Beim Austauschen und Ausschmücken all dieser Erinnerungen wurde schließlich der Tee kalt.

»Soll ich einen frischen machen?«, fragte Dennis. Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Er füllte den Kessel, und als er anfing zu pfeifen, hatte Benny aufgehört zu weinen.

»Gibt es noch Kuchen?«, fragte Dennis. Nicht aus Gier, obwohl er gern naschte, sondern um Benny abzulenken.

»Oh, ja, ja.« Benny fing an, geschäftig hin und her zu rennen und holte Dosen aus dem Schrank. Eine fiel hinunter und rollte über den Fußboden. Dann fiel ihr ein, dass Polly den restlichen Kuchen von der Beerdigung mit nach Hause genommen hatte. »Es gibt nur noch Marzipankuchen.«

»Der Lieblingskuchen meiner Mutter.« Dennis holte zwei saubere Tassen heraus. »Dabei mochte sie gar kein Marzipan.«

»Er ist nicht selbst gemacht.« Als Benny die Kuchenstücke auf eine fast durchsichtige Platte mit einem verblassten Goldrand legte, sank das Ungewöhnliche von Dennis’ Bemerkung erst ein. »Sie mochte kein …?«

»Sie hat das ganze Marzipan abgefieselt und nur die anderen Teile gegessen. Ich habe ihr immer gesagt, warum kaufst du nicht gleich eine Biskuitrolle? Die war rosa und gelb, weißt du noch, Benny?«

»O ja. Mit Zuckerguss.«

Dennis redete weiter. Sprach von den eigenartigen Essgewohnheiten seiner Mutter, erzählte andere Familiengeschichten, von denen Benny die eine oder andere schon kannte und immer wieder gern hörte, und berichtete dann von zwei seltsamen Nachbarn, die in Pinner neben den Brinkleys gewohnt hatten.

»Sie hatten ein ausgestopftes Gürteltier. Und wenn es dunkel wurde und niemand mehr auf der Straße war, dann führten sie es aus.«

»Wie wunderbar!« Benny klatschte vor Vergnügen in die Hände. »Hatte es Räder?«

»Sie haben es getragen.«

»Man kann doch nicht etwas ausführen, wenn man es trägt!«

Während Dennis sich über diese frei erfundene Familie weiter ausbreitete, sprang Croydon auf Bennys Schoß und fing zum ersten Mal seit langer Zeit an zu schnurren. Benny grub ihre Finger in sein beige- und orangefarbenes Fell und kraulte seinen Nacken. Der Kater streckte wohlig sein Kinn. Durch das sanfte Dahinplätschern der Unterhaltung, die angenehmen Pausen und das vibrierende Schnurren unter ihren Fingerspitzen, beruhigte sich Bennys Herz. Ihre Sorgen kamen ihr jetzt ausgesprochen schrullig vor. Sie musste wirklich versuchen, ihre krankhafte Phantasie irgendwie zu bremsen.

Unglücklicherweise war Dennis drauf und dran Informationen weiterzugeben, die all diese schwer erreichte Ruhe wieder zunichtemachen mussten. Es war jedoch unvermeidlich, dass Benny diese schrecklichen Neuigkeiten durch Klatsch und die Lokalzeitung irgendwie erfahren würde. Da Dennis sie und ihr schwaches Nervenkostüm aber so gut kannte, wollte er sichergehen, dass sie es von ihm erfuhr.

Die Sache war die: In dem Dorf Badger’s Drift, das nur ein paar Meilen entfernt lag, hatte man einen alten Mann in seiner Sozialwohnung tot aufgefunden. Erschlagen. Sein siebzehnjähriger Enkel, der in den letzten fünf Jahren bei ihm gewohnt hatte, war verschwunden. Nachbarn hatten von dauernden Streitereien berichtet, und der Junge war schon früher durch Vandalismus und Schlägereien aufgefallen. Die Polizei bat um Informationen über seinen möglichen Aufenthaltsort, und ein neueres Foto von ihm war bereits in Umlauf.

Benny hörte zu und ihr Gesicht verlor immer mehr an Farbe. Als sie endlich sprechen konnte, weinte sie: »Was ist, wenn er hierherkommt?«

»Das ist ausgeschlossen«, sagte Dennis mit fester Stimme.

»Ein solches Verbrechen ist, wie es die Polizei nennt, häuslich. Das bedeutet, wenn überhaupt, ist nur die Familie des Mörders in irgendeiner Gefahr. Und außerdem scheint die Polizei sowieso zu glauben, dass der Kerl schon in London ist.« Dieser letzte Satz war frei erfunden.

»Ich bin ganz allein.« Benny war aufgesprungen und sah aus, als sei sie bereit wegzufliegen.

»Benny, schau – wo möchtest du heute schlafen? Hier oder in deiner Wohnung?«

»Zu Hause. Dieses Haus ist so groß.«

»Gut, dann tun wir jetzt Folgendes: Wir gehen los und machen einen Sicherheitscheck, ja? Und dann können wir alles besorgen, was wir brauchen – Fensterriegel oder so was – und ich montiere sie gleich.«

»Oh, Dennis.« Benny setzte sich wieder. »Was würde ich nur ohne dich anfangen?«

4

Vor langer Zeit, vor beinahe acht Jahren, um genau zu sein, war Mallory Lawson ein stabiler, zufriedener und gesunder Mann gewesen. Jetzt kam es ihm vor, als sei das eine Ewigkeit her. Er hatte immer unterrichten wollen, und nachdem er das Downing College in Cambridge mit einem Gut in Biologie abgeschlossen und in Homerton einen Abschluss in Pädagogik erworben hatte, wurde er sofort aktiv. Er bewarb sich als Erstes um eine Stelle an einer Gesamtschule in Hertford, doch zu seiner Überraschung wurde er nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, also nahm er eine Stelle in einer exzellenten Mittelschule in der Nähe von Ely in den Fens an. Da hatte er sich bereits in ein wunderschönes Mädchen, Kate Allen, verliebt, das zu dem Zeitpunkt Englische Literatur in Girton studierte, und am Ende seines ersten Trimesters in der neuen Schule waren sie verheiratet. Kate gelang es, ihren Fuß in die Tür eines großen Londoner Verlages zu bekommen – der erste Schritt auf dem Weg zu ihrem Traum, selbst Verlegerin zu werden – und pendelte jeden Tag nach London.

Jung, kinderlos und nur für sich selbst verantwortlich, mieteten die Lawsons eine kleine Wohnung in Cambridge, anstatt sich einen Kredit aufzuhalsen. Sie luden Freunde ein, gingen in Konzerte und ins Theater, machten lange und teure Ferien und genossen im Großen und Ganzen das Leben. Solange Mallory in Little Felling war, hörte er nicht auf zu schreiben und zu forschen und veröffentlichte mehrere Artikel, unter anderem »Die Transmigration von Singschwänen« in Nature, der besonders gut aufgenommen wurde. Auf einem Kongress traf er den Direktor einer privaten Oberschule, die auch Schüler mit staatlichen Stipendien hatte, der ihm vorschlug, sich um die Stelle des Fachbereichsleiters für Naturwissenschaften zu bewerben, die Ende des Trimesters frei wurde. Mallory bewarb sich und wurde, nach zermürbenden zwei Wochen Wartezeit und einem zweiten Vorstellungsgespräch, unter zwei weiteren Bewerbern ausgewählt.

Zu diesem Zeitpunkt war Kate schwanger. Beide waren überglücklich über die Neuigkeit, und ihnen wurde plötzlich klar, dass es Zeit war, sesshaft zu werden. Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Ein anständiges Familienauto zu kaufen (Mallory verkaufte gleich den Morgan, obwohl er nur wenig Gewinn brachte) und natürlich ein Haus. Zunächst würde es wohl ein kleines Reihenhaus mit drei Schlafzimmern werden. Sie hinterließen bei einigen Maklern ihre Adresse in Cambridge und staunten über die Exposés, als die ersten Angebote mit der Post ankamen. In Cambridge, das wussten sie, hatten sich die Preise in den letzten zehn Jahren verdreifacht, aber das war eine Universitätsstadt. In Oxford war es genauso, wenn nicht schlimmer. Aber hier waren sie schließlich auf dem Land. Am Ende entschieden sie sich für ein viktorianisches Reihenhaus mit Terrasse mitten in Cheltenham, denn sie wollten in der Stadt wohnen, und nahmen eine Hypothek für die gesamte Summe auf. Von ihren Ersparnissen legten sie neue elektrische Leitungen, richteten das Haus ein und kauften Möbel. Kate kündigte, begann freiberuflich zu arbeiten und hatte, da erstklassige Lektoren eine Seltenheit waren, immer Arbeit. Nach Pollys Geburt trat sie ein bisschen kürzer und begann Manuskripte zu lesen und zu redigieren. Das war viel weniger anspruchsvoll und ließ sich leichter unterbrechen, wenn ein quengeliges Kind die Aufmerksamkeit forderte.

Zwar nicht ganz so gut bezahlt, aber man konnte nicht alles haben.

Und so lebten die Lawsons und gediehen bescheiden. Kate ernährte die Familie. Mallory bezahlte die teure Hypothek, die Rechnungen und kümmerte sich um das Auto. Polly, intelligent, willensstark und schon damals voller Geheimnisse, wuchs heran. Sie war gut in Naturwissenschaften, herausragend in Mathematik und besonders begabt im Spiel, sowohl im Sport als auch im Leben. Jeder wollte Polly auf seiner Seite haben.

Nachdem Mallory beinahe zehn Jahre an der Willoughby-Hart-School war, wurde die Stelle des stellvertretenden Schulleiters frei, und man gab ihm diskret zu verstehen, dass eine Bewerbung seinerseits durchaus erwünscht wäre. Und so war es dann auch. Doch kein Jahr später geschah etwas, das ihr aller Leben in jeder Beziehung aufs Schlimmste veränderte.

Nicht allzu lange nachdem die Katastrophe geschehen war, als sie bereits auf ein Meer endloser Verzweiflung zusteuerten, schaute Kate zurück auf die glücklichen Tage in Cheltenham und wunderte sich über ihre eigene Selbstzufriedenheit. Aber

ging es nicht jedem so, bis etwas Schreckliches passierte? Sympathisierte nicht jeder mit der Tragödie anderer Menschen in den Nachrichten? Seufzte oder schüttelte den Kopf? Schaute Crimewatch, als wäre es eine Krimiserie, nur mit der besonderen Würze, dass die Verbrechen wirklich geschehen waren? Allesamt Voyeure mit dem angenehmen Wissen, dass ihnen so etwas nie geschehen konnte.

Das Unheil begann rein zufällig, als Mallory spätabends vor dem Fernseher saß. Er wollte nach den Spätnachrichten gerade abschalten und ins Bett gehen, als fatalerweise der Vorspann einer Dokumentation seine Aufmerksamkeit erregte. Die Sendung selbst schilderte den Alltag an einer modernen weiterführenden Schule in einer trostlosen, heruntergekommenen Gegend im Nordosten Englands. Gezeichnete Gebäude in einer gezeichneten Landschaft, wo man sich abmühte, gezeichnete Kinder zu halten und sogar versuchte, ihnen etwas beizubringen. Das, was die Medien eine »Restschule« nannten.

Mallory dachte daran, dass erst vor kurzem im Lehrerzimmer belanglose Versuche gemacht wurden, den Begriff zu definieren. Der allgemeine Favorit, »Der Abschaum, der bleibt, wenn der Stöpsel gezogen ist«, erntete ein paar Lacher und ernst gemeinten Applaus.

Als die Sendung zu Ende war, blieb Mallory noch lange sitzen, tatsächlich die ganze Nacht. Die verhärmten, bitteren und hoffnungslosen Gesichter gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Schuldgefühle, ja sogar Scham, begannen seine Gedanken zu beherrschen. Sein jugendlicher Idealismus fiel ihm ein, die heftigen Auseinandersetzungen mit Kommilitonen, die ihn für verrückt erklärten, weil er auf der rauen Seite des Lebens unterrichten wollte. Eine Verschwendung seines Cambridgeabschlusses! Wütend hatte er von ihnen wissen wollen, wie es jemals Verschwendung sein konnte, benachteiligten Kindern Licht und Hoffnung zu geben, und damit eine

Chance, ihr Leben zu verändern. Das provozierte Hohn und Spott und die aufrichtige Hoffnung, dass bei der Verfilmung Mallory von Tom Hanks gespielt würde.

Jetzt fragte sich Mallory, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er die Stelle bekommen hätte, für die er sich damals zuerst beworben hatte. Die in der Gesamtschule. Kate hatte von Anfang an seine Ambitionen verstanden; sie wären genauso glücklich geworden. Und Polly gäbe es auch. Und er wäre von echtem Nutzen in der Welt.

Diese Erkenntnis war es, die den Ausschlag gab. Denn Mallory wusste genau, dass den Kindern kein Jota verloren ging, wenn er seine gegenwärtige Stelle aufgab. Der Ruf der Schule war so gut, dass er schnell und leicht durch jemanden ersetzbar war, der genauso gut war wie er, wenn nicht besser. Aber es gab Orte, an denen seine Anwesenheit wirklich etwas bewirken konnte.

Sogleich sah sich Mallory in hochdramatische Situationen verwickelt, in denen er nicht nur als Lehrer, sondern als Mensch mit Leib und Seele gefordert war. Plötzlich, um drei Uhr morgens, in einem leeren, völlig stillen Raum spürte Mallory, wie ein Vertrauen wieder erwachte, dessen Existenz er beinahe vergessen hatte. Auf einmal spürte er wieder den Stachel des Ehrgeizes und fühlte sich angesichts der aufregenden Möglichkeiten, die vor ihm lagen, unglaublich lebendig.

Später, beim Zubereiten des Frühstücks, als die anderen noch im Bett lagen, begann Mallory das Ganze zu durchdenken. Es wäre eine gewaltige Kraftanstrengung und würde seiner Familie schrecklich viel abverlangen. Und wenn er daran dachte, wie mühelos ihr bisheriges Leben gewesen war, erkannte er, dass dies die erste, wirklich ernsthafte Herausforderung für sie alle sein würde.

Die Ewan Sedgewick School im Südosten Londons inserierte regelmäßig in der Times und im Guardian auf der Suche nach Personal. Zurzeit wurden nicht nur Lehrer für beinahe jedes Fach, sondern auch ein Schulleiter gesucht. Mallory forderte die Bewerbungsunterlagen an. Das verpflichtete ihn schließlich zu nichts. Als er sie ausgefüllt und zurückgeschickt hatte, versuchte er, unbeteiligt zu bleiben. Das bisschen Erfahrung, das er als stellvertretender Schulleiter gesammelt hatte, würde ihn wohl kaum dazu befähigen, eine so große Gesamtschule mitten in der Stadt zu übernehmen und zu leiten. Doch innerhalb von vierzehn Tagen wurde er zu einem Gespräch eingeladen, bei dem die Kommission vor allem höflich versuchte, ihre Verblüffung über seine Bewerbung zu verbergen. Schon eine knappe Woche später wurde ihm die Stelle angeboten.

Kate, die bisher sowohl ihren Mann als auch ihre Tochter immer bedingungslos unterstützt und ermutigt hatte, konnte ihr tiefes Missfallen angesichts des Ernstes dieser neuen Situation nicht verhehlen.

Polly hingegen war, trotz der Freundschaften, die sie geschlossen hatte und der Freude an vielen Aspekten des Landlebens, überraschenderweise begeistert. Jeder wusste, dass London cool war und dort das Leben spielte. Mit einem Vertrauen, das an Unbesonnenheit grenzte, die sie später in ihrem Leben in so viele Schwierigkeiten bringen würde, konnte sie es kaum erwarten, nach London zu kommen und sich treiben zu lassen.

Geld sollte das Hauptproblem werden. Ihre derzeitige Hypothek war beileibe nicht abbezahlt, und sie wussten, dass die Preise in der Hauptstadt horrend waren. Eine armselige Hauptstadtzulage von knapp dreitausend Pfund war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Um alles noch schlimmer zu machen, bestand Kate darauf, dass Polly eine gute Schule besuchte. Sie sollte nicht den Preis für das plötzliche Wiederaufleben von Idealismus bei ihrem Vater bezahlen. Das bedeutete, dass die vergleichsweise preiswerten Gegenden nicht in Betracht kamen. Mallory, der sich schämte, dass sie sich bereits nach der Decke strecken mussten, ehe er überhaupt an der neuen Schule angefangen hatte, kam mit dem alten Argument, dass arme Schulen nie besser werden konnten, solange sie von der Mittelschicht gemieden wurden. Kate ließ sich nicht umstimmen. Zum ersten und letzten Mal in ihrer Ehe standen die Lawsons kurz vor einem offenen Krieg.

Am Ende gewann Kate. Sie fanden eine sehr gute Mädchenschule, die Lady Margaret School in Parsons Green, und kau ten mit dem bescheidenen Gewinn aus dem Verkauf des Hauses in Cheltenham und einem Kredit auf ein doppeltes Jahresgehalt von Mallory sowie einem weiteren Kredit von fünfzigtausend Pfund auf Kates Einkommen ein winziges Reihenhaus mit zwei Schlafzimmern in der Nähe der Schule, was ihnen insgesamt Schulden in Höhe von einhundertsiebzigtausend Pfund einbrachte. Kate fing wieder an, ganztags zu arbeiten, und Anfang September trat Mallory seine Stelle in der Ewan Sedgewick School an.

Seine Einstellung fiel zufällig mit einem kleinen Zuschuss aus der Lotterie für die Schule zusammen. Reparaturen waren ausgeführt worden, das Gebäude frisch gestrichen, neue Schulmöbel angeschafft worden. Die Turnhalle wurde renoviert, einige Musikinstrumente gekauft. Fünf neue Lehrer wurden eingestellt, um die müden Zyniker des Kollegiums zu unterstützen, von denen viele aufgrund ihrer angegriffenen physischen und psychischen Gesundheit häufig fehlten. Nicht selten waren Aushilfskräfte in der Mehrzahl.

Allmählich fing Mallory an zu begreifen, worauf er sich da eingelassen hatte. Grobheiten, die es bis zu einem gewissen Grad an jeder Schule gegeben hatte, an der er bis jetzt gearbeitet hatte, waren in Sedgewick von einer wahrhaft erschreckenden organisierten Brutalität. Überall wurden Drogen gekauft, verkauft oder mit unverfrorener Offenheit getauscht. Im vergangenen Trimester hatte eine Lehrerin versucht einzuschreiten. Am nächsten Abend war ihre halbwüchsige Tochter mit zerrissenen Kleidern und übersät mit blauen Flecken nach Hause gekommen. Kurz darauf wurde Benzin in ihren Briefkasten gekippt und eine Streichholzschachtel hinterhergeworfen, auf die die Worte: »Nächstes Mal« gekritzelt waren.

All das entdeckte Mallory nach und nach. Er entdeckte gewalttätige Kinder, Kinder, die psychisch krank waren, Kinder, die auf den Strich gingen, schwangere Kinder, Kinder, die gar keine Kinder waren – es vielleicht niemals gewesen waren. Des Öfteren begegnete er den Eltern des einen oder anderen Schülers und staunte, dass ihr Nachwuchs noch am Leben war. In seinem ersten Monat in der Ewan Sedgewick School sprach er mit mehr Polizeibeamten als in seinem gesamten restlichen Leben.

Andere Schüler – die Mehrheit, auch wenn es oft nicht so aussah – kämpften sich durch, unterrichtet von ausgelaugten, entmutigten Lehrern oder Gastlehrern, die nichts über sie wussten, auch nichts wissen wollten und die, kaum waren ihre Gesichter einem vage vertraut, wieder verschwanden.

Mallory stürzte sich in seine neue Aufgabe. Obwohl die Hoffnung schweren Schaden nahm, fand er die nächsten vier Jahre irgendwie die Kraft und Energie weiterzumachen. Nicht, etwas zu erreichen, nicht einmal zurechtzukommen, aber Tag für Tag hinzugehen und mit der Arbeit zu ringen. Überschüttet von Fluten von kleinlichem Papierkram, streitenden Lehrern, inkompetenter Verwaltung und unangemessener Finanzierung, hielt er irgendwie die große Verzweiflung im Zaum, die ihn regelmäßig zu überwältigen drohte. Und gab sich Mühe, für die ihm anvertrauten, schwierigen Kinder da zu sein, sogar für das Kind, das ihm einen Schraubenzieher in den Handrücken rammte. Doch dann geschah etwas wirklich Grauenvolles.

Zwei Männer, einer von ihnen behauptete, der Onkel eines zwölfjährigen Schülers zu sein, tauchten in der Schule auf und sagten, die Mutter des Jungen hätte einen Unfall gehabt. Der

Onkel erklärte, sie wollten den Jungen ins Krankenhaus bringen. Das Schulsekretariat ließ den Jungen gehen. Als er nicht nach Hause kam, rief die Mutter in der Schule an. Mallory rief die Polizei. Später in der Nacht wurde das Kind einige Meilen entfernt gefunden; traumatisiert lief es, nackt und blutend, am Straßenrand entlang.

Mallory übernahm die volle Verantwortung für diesen entsetzlichen Vorfall, obwohl er zu dem Zeitpunkt gar nicht auf dem Schulgelände gewesen war. Er verhielt sich korrekt, aber die Geschichte hatte eine nachhaltige Wirkung auf ihn. Er hatte das Gefühl, nicht weitermachen zu können und doch zu müssen. Er hatte seine Frau und sein Kind entwurzelt, sie durch das halbe Land gezerrt, die Familie in schwere Schulden gestürzt, alles für etwas, das ihm jetzt wie ein rührseliger, sentimentaler Traum erschien. Bitter rief er sich ins Gedächtnis, wie er sich, getragen von Wellen naiver Eitelkeit, als Kämpfer und Erneuerer einer Schule gesehen hatte, die angeblich ohne Hoffnung auf Besserung war. Hatte sich sogar vorgestellt, auf Tagungen im ganzen Land zu sprechen. Berühmt zu werden, als der Mann, der …

Seiner früheren Haltung überdrüssig begann Mallory, sich um andere Stellen zu bewerben: Schulleiterstellen, denn er konnte sich keinen Penny weniger Gehalt leisten. Seine Bewerbungen wurden zur Kenntnis genommen, doch dabei blieb es in der Regel auch. Er hatte zwei Bewerbungsgespräche, die relativ schnell beendet waren, denn zu diesem Zeitpunkt haftete ihm bereits der Geruch von Versagen und Neurosen an. Und so war Mallory gezwungen, an der Ewan Sedgewick School zu bleiben. Um nicht verrückt zu werden, minimierte er den Kontakt nur noch auf das Allernötigste und verschloss sein Herz für jedes Gefühl sowohl dem Kollegium als auch den Kindern gegenüber.

Aber der Preis für diese Haltung war hoch. Nie konnte Mallory entspannen, denn er war sich der Last, die gegen die

Gefängnismauern drückte, immer bewusst. Bald konnte er ohne Tabletten nicht mehr schlafen. Zum ersten Mal in seinem Leben litt er unter heftigem Kopfweh und starken Rückenschmerzen. Manchmal hatte er das Gefühl, nicht atmen zu können. Er bekam Beruhigungsmittel, trank zu viel, und seine Libido sank auf den Nullpunkt. Kürzlich bekam sein Körper mitten in der Nacht eine Art Krampf, und er war unfähig, sich zu bewegen. Nicht ahnend, dass die Erlösung nur noch Tage entfernt war, hatte Mallory vor Angst geweint.

Mallory hatte immer gewusst, dass er Appleby House eines Tages erben würde, doch er hatte sich nie darauf verlassen oder es in seine Kalkulationen einbezogen. Es war das Heim seiner Tante, kein Haus in einem Monopolyspiel. Und er liebte sie viel zu sehr, um sich ihren Tod vorstellen zu können. Aber als sie schließlich verschied, erkannte Mallory trotz des Schocks, was für eine Veränderung das für ihn bedeutete, und staunte, dass sich in der Hölle, die sein Leben war, doch noch ein Fenster auftat und Licht und Hoffnung hineinließ.

Am Mittwoch nach der Beerdigung saßen er und Kate in dem ummauerten Fleckchen hinter ihrem Reihenhaus, tranken Meursault und schauten den Sonnenuntergang an. Kate hatte die Wände in einem zarten, verwaschenen Blau gestrichen. Ein paar griechische Blumentöpfe mit Geißblatt und Klematis und ein winziger, wasserspeiender Löwenkopf an der Wand verschönerten das Ganze ein wenig, doch die Tatsache, dass es sich eigentlich um einen sehr kleinen Hinterhof aus Stein und Beton handelte, ließ sich nicht verbergen. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass ihr Anwesen für vierhunderttausend Pfund auf dem Markt war.

Im Nachbarhaus wummerte Rockmusik, auf der anderen Seite schmetterte Luciano »Nessun dorma«, und über ihnen dröhnten Flugzeuge. Mallory, der Chaos und Krach gewohnt war, nahm den Lärm in der Nachbarschaft kaum noch wahr.

Doch Kate hatte sich schwer damit getan, besonders, solange Polly noch zu Hause wohnte, und oft auf Ohropax zurückgegriffen. Sie konnte es jedes Mal kaum erwarten, wieder nach Forbes Abbot zu fahren. Manchmal träumte sie davon. Bei strahlendem Sonnenschein wanderte sie in der stillen, friedlichen Luft durch Maisfelder oder blühende Alleen. Einmal sah sie sich im Traum über den Lake Sawyer laufen. Das Wasser hatte sich kühl und nachgiebig angefühlt, wie weiches Gras. Dass sie jetzt für immer dort leben und mit Mallory alt werden würde, erfüllte Kate mit Glück. Natürlich nicht gleich ab morgen oder nächster Woche. Es musste noch viel organisiert und geordnet werden, und alles dauerte seine Zeit, aber bald …

Seit drei Stunden redeten sie über Geld. Mallory würde vorzeitig in Pension gehen, so dass er keine volle Rente erwarten konnte. Trotzdem hatte er sechsundzwanzig Jahre lang gearbeitet, sieben davon in leitender Position, und konnte mit einer jährlichen Summe von dreiundzwanzigtausend Pfund rechnen. Nicht gerade ein Vermögen, aber es würde ihre Grundkosten decken. Das Vermögen seiner Tante würde weiterhin vernünftig angelegt bleiben. Die Pachteinnahmen aus dem Apfelgarten würden für Pollys letztes Studienjahr reichen. Danach müsste sie für sich selbst aufkommen; Geld dazu hätte sie zum Glück dann genug.

Was das Haus betraf, würden sie, wenn sie den geforderten Preis erhielten, und man hatte Kate versichert, dass das so sein würde, die Hypotheken bezahlen können und einen Gewinn von beinahe einhunderttausend Pfund übrig haben.

»Damit«, erklärte sie gerade, »und mit meinen Ersparnissen sind wir im Geschäft.«

»Und in mietfreien Räumen«, jubelte Mallory. »Die Experten wären beeindruckt.«

Er spielte auf die Autoren der Hochglanzbroschüren an, die mit guten Ratschlägen verschiedener Banken und Finanzberater vollgestopft waren: »Wie gründe ich mein eigenes Geschäft«,

»Ich und meine Zukunft«, »Seien Sie Ihr eigener Chef«, die sich auf dem Computertisch stapelten. Obwohl Dennis ihnen seine Hilfe und seinen Rat zugesichert hatte, wollte Kate zeigen, dass sie sich ihrerseits auch schon ein wenig informiert hatte.

Alle Banken und Finanzberater wollten ihr anscheinend liebend gern Geld leihen, aber leider stand in allen Broschüren immer dieselbe langweilige Leier über die Notwendigkeit, zuerst eine Marktlücke für ihr Produkt zu finden. Wie sie nur zu gut wusste, waren Leute, die das Geschäft in- und auswendig kannten, der Meinung, dass es für die Bücher, die sie herauszubringen hoffte, keine Marktlücke gab. Was nicht hieß, dass solche Bücher nicht erschienen. Im Programm jedes erfolgreichen Verlages gab es ein paar. Und ganz selten einmal überraschte das eine oder andere und wurde ein Bestseller. Die ganze Welt kannte heute Corellis Mandoline. Aber so etwas war ausgesprochen selten. Die meisten wurden aus Prestigegründen verlegt und waren ein Verlustgeschäft, das allerdings mit dem Verkauf von Tom Clancys oder Danielle Steels neuesten Romanen mehr als wettgemacht wurde.

Kate bezweifelte nicht, dass man guten Stoff finden konnte. Sie hatte im Laufe des vergangenen Jahres drei Manuskripte gelesen, die sie absolut herausragend fand. Sie hatte für alle gekämpft, aber mit einer Ausnahme waren alle als hoffnungslos unkommerziell abgelehnt worden. Das eine, das es geschafft hatte, gewann inzwischen Preise. Jetzt dachte sie an ihren ersten freudigen Schock beim Lesen der ersten Seiten und an ihre Erregung, als man ihr mitteilte, dass es veröffentlicht werden würde.

»Du hörst nicht zu.«

»Was?«

»Du hörst nicht zu, Kate.«

»Doch.«

»Was habe ich gerade gesagt?«

»Du hörst nicht zu, Kate.«

»Und davor?«

»Keine Ahnung.«

»Das ist wichtig.«

»Tut mir leid.«

»Ich habe gesagt, vergiss nicht, dass die ersten Interessenten morgen um halb zwölf kommen.« Mallory zeigte auf die Notizzettel der Immobilienmakler, die auf dem runden Zinktisch zwischen ihnen lagen. »Nicht, dass du weggehst.«

»Wie könnte ich.« Kate griff nach den Zetteln. Es gab drei Interessenten, und sie hatte erst vor ein paar Stunden das Exposé bekommen. »Unvorstellbar, was die Makler verlangen. Das hier waren mal Arbeiterhäuschen.«

»Jetzt wohnt der Nachrichtensprecher von ITV um die Ecke.«

»Ach wirklich?«

Kate kannte kaum jemanden. Leute kamen und gingen, kauften und verkauften. Der Gedanke, dass London eigentlich aus lauter kleinen Dörfern bestand, hatte sich für sie nicht bestätigt. Vielleicht war es ihr aber auch einfach zu mühsam gewesen, es herauszufinden.

Sie sagte: »Meinst du, ich sollte so ein Zeug kaufen, das man überall versprüht?«

»Was für Zeug?«

»Riecht wie frisch gebackenes Brot oder Schinkensandwich. Soll bewirken, dass die Leute hier wohnen wollen.«

»Und wenn sie Vegetarier sind?«

»Wir wollen es verkaufen, Mal.«

»Das werden wir. Und dann ziehen wir nach Forbes Abbot und leben glücklich und zufrieden auf dem Land, essen Äpfel und verlegen wundervolle Bücher – was könnte schöner sein?«

Er schenkte Wein nach. Kate griff nach ihrem Glas und trank einen großen Schluck von der köstlichen goldenen Flüssigkeit. Dann lehnte sie den Kopf an das gestreifte Kissen ihres Stuhls, schloss die Augen und überließ sich wieder ihren herrlichen Tagträumen.

Die Worte, glücklich und zufrieden … auf dem Land … Äpfel essen … wundervolle Bücher … gingen ihr durch den Kopf, tanzten und rankten sich umeinander, wie ein goldener Faden aus purer Freude.

»Sag nicht Nein.« Mrs. Crudge hängte das letzte Geschirrtuch auf das Trockengestell, nachdem sie es ausgewrungen hatte.

»Sag vielleicht.«

»Hm.« Benny entdeckte permanent Gewohnheiten und Rituale, mit denen sie nun guten Gewissens brechen konnte. Erst neulich hatte sie den kreischenden Kessel weggeworfen. Und jetzt konnte sie Geschirrtücher einfach in die Waschmaschine stecken, anstatt sie über Nacht einzuweichen, um sie dann stundenlang in dem kleinen Zinktopf auszukochen. Doch diese Entdeckungen bereiteten ihr keine Freude.

»Uff …« Mrs. Crudge zog an dem Nylonseil, immer eine Hand über die andere, wie ein Seemann, der einen Hornpipe tanzt.

Das Trockengestell bewegte sich ächzend zur Decke. Sie wickelte die Schnur fest um einen Haken an der Wand und rief über die Schulter: »So, das war’s.« Dann: »Wie wäre es mit einem Tässchen Tee, Ben?«

Fünf Minuten später saßen sich die beiden Frauen gegenüber und rührten in ihrem frisch gebrühten Tee. Mrs. Crudge ging sofort wieder zum Angriff über, was Benny nicht anders erwartet hatte. Doch Angriff war das falsche Wort. Eigentlich wollte sie helfen. Es war einfach nur Pech, dass ihr Vorschlag ungeheuerlich war. Ziemlich unmöglich. Und nicht nur das, sondern richtig furchteinflößend.

Benny sagte: »Aber ich bin in der Church of England, Doris.«

»Die Religion eines Menschen ist unwesentlich«, beharrte Mrs. Crudge.

»Aber doch nicht, wenn wir über den Himmel reden, oder?«

»Wir reden über die Welt des Geistes.«

»Carey hat gesagt, das sei alles Einbildung.«

»Mrs. Fawcett aus dem Gartenverein, die diese Meditation macht«, Doris schnaubte verächtlich bei dem Wort Meditation, »sagt, dass der Geist eine große Leere ist.«

»Das kann nicht stimmen«, widersprach Benny. »Irgendwas muss da sein, wie könnte man sonst all die Bilder sehen?« Mrs. Crudge schüttete sich Twining’s-Breakfast-Tee in den Mund. Sie schluckte nicht wie andere Menschen. Machte einfach den Mund auf und kippte das Zeug hinein. Bis auf ein gelegentliches Schnappen war es, als gösse man Wasser in den Ausguss. Selbst nach zwanzig Jahren war Benny von dieser Eigenheit immer noch beeindruckt. Doris schien sich dieser unnatürlichen Angewohnheit gar nicht bewusst zu sein. Sie stellte ihre Tasse ab und beugte sich vor. Benny wappnete sich.

»Du wirst ein paar wunderbare Menschen kennenlernen, Ben. Sehr ehrliche Leute.«

»Das glaube ich gern.«

»Und Kinder kommen auch. Du magst doch Kinder.« Das stimmte. Benny liebte Kinder.

»Ein Medium bringt immer ihre kleine Tochter mit.«

»Ich will ja nicht undankbar sein –«

»Ich habe eine Schwäche für Karen. Sie ist ein süßes Mädchen. So still und schüchtern.«

»Ich weiß nicht …«

»Nach dem Gottesdienst gibt es ein richtiges Festessen: Rosinenbrötchen, Lebkuchen, Sandwichrouladen.«

Benny schaute verständnislos.

»So was wie Biskuitrolle, nur mit einem Zahnstocher drin.«

»Verstehe.«

»Und wenn wir es uns dann gemütlich gemacht haben, kommt das Handauflegen.«

»O Gott.«

»Man muss nicht mitmachen. Obwohl …« Sie schob ihre eigene, raue Hand über die karierte Tischdecke, legte sie auf Bennys Hand und drückte sie leicht. »Könntest du hier im Moment nicht ein bisschen Hilfe gebrauchen, Liebes?«

Nicht diese Art Hilfe, dachte Benny. Keine übernatürliche Hilfe, herzlichen Dank auch. In dem Moment, in dem Carey starb, hatte sie gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde und war nur zu dankbar, dass Doris sich so lange zurückgehalten hatte. Sie hatte immerhin zwei Wochen verstreichen lassen. Wie schade, dass sie ausgerechnet Freitag, den dreizehnten gewählt hatte, um darüber zu sprechen.

Während der letzten zwanzig Jahre hatte Benny eine ganze Menge über die Religion ihrer Freundin erfahren, die Doris als »bodenständig, aber geistig inspiriert« bezeichnete. Benny hatte die Informationen nach und nach mitbekommen. Manchmal war es wochenlang kein Thema. Dann wieder führte eine verblüffende Enthüllung aus dem Jenseits zu aufgeregtem Flüstern. Mrs. Crudge schloss jedes Mal, nachdem sie das betreffende Medium inbrünstig in den höchsten Tönen gepriesen hatte, mit derselben nicht zu beantwortenden und triumphierenden Frage: »Und woher soll sie das jetzt gewusst haben?«

Diese Gespräche führten sie nur, wenn ihre Arbeitgeber nicht da waren. Ganz am Anfang, als Doris Cotterby, wie sie damals noch hieß, mit ihrem geheimen Wissen herausrückte, war Carey im Dreieck gesprungen wegen dieses »blödsinnigen Gewäschs«. Also fühlte sich Benny ganz im Recht, als sie sagte: »Ich bin mir sicher, Carey würde das nicht gefallen.«

»Natürlich würde es ihr gefallen! Ich wette, sie würde wer weiß was geben, wenn sie mit dir sprechen könnte.«

»Sie hat immer gesagt, die Toten haben nichts mit uns zu tun.«

»Das war im Diesseits. Jetzt lebt Carey im Licht. Und kennt die Wahrheit.«

»Hm.«

»Ergreif die Gelegenheit, Ben. Solange sie noch auf der ersten ätherischen Ebene ist.«

Benny war nicht überzeugt. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Carey noch auf der ersten ätherischen Ebene weilte, würde sie sich bestimmt nicht darüber freuen, auf eine weltliche Ebene zurückbefohlen zu werden. Wahrscheinlich schwenkte sie gerade einen Cocktail, rauchte eine ihrer Zigarren und versuchte, eine Bridgerunde zu organisieren. Jede Unterbrechung würde den Äther verdüstern.

»Ich finde, man sollte sich in diese Dinge nicht einmischen.« Sie zögerte. Es lag in Bennys Natur, nie jemanden zu kränken. Sie trieb diese Eigenschaft auf die Spitze, versuchte sogar, sich mit Croydon zu versöhnen, wenn er beleidigt oder auch nur ein wenig still war.

»Ich habe ja auch schon so unheimliche Geschichten gehört. Mit Hexenbrettern und Kristallkugeln. Von Menschen, die im Dunkeln sitzen und sich an den Händen halten. Sachen, die auf den Tisch klopfen … Geister …«

»Niemand hält hier irgendeine Hand. Es sei denn, man will es.«

Benny entging nicht, dass sie die Geister nicht erwähnte.

»Und wir sitzen auch nicht im Dunkeln. Die Kirche der Nahen Wiederkunft ist der fröhlichste Ort, den du dir vorstellen kannst.«

Benny war viele Male an dem Gebäude vorbeigegangen, und wenn sie ein Wort nie benutzt hätte, um es zu beschreiben, war es fröhlich. Doch obwohl sie sich dabei schrecklich albern vorkam, ließ sie der Gedanke nicht los, was für ein wunderbarer Trost eine Nachricht von Carey wäre. Vielleicht in ihrer eigenen Stimme.

Sie holte tief Luft, sagte: »Ich denke darüber nach«, und wechselte schnell das Thema.

»Gestern Abend hat Mallory angerufen. Er wollte über das neue Geschäft reden.«

»Und was soll das sein?«

»Bücher herausgeben. Sie wollen unbedingt, dass ich mitmache. Wir werden alles besprechen, wenn sie nächstes Wochenende herauskommen.«

»Das kannst du bestimmt gut. So viel, wie du liest.«

»Ich glaube, am besten bin ich am Empfang. Leute begrüßen, dafür sorgen, dass sie sich wohl fühlen. Carey hat immer gesagt, dass ich eine echte Begabung für so etwas habe. Ich könnte den Schriftstellern Tee anbieten. Vielleicht sogar meine besondere Mischung.«

»Das wäre bestimmt genau das Richtige«, sagte Mrs. Crudge.

Dennis hatte Kate und Mallory aufmerksam zugehört, als sie ihm in seinem Büro ihre neue Geschäftsidee erläuterten. Doch hinter seiner professionellen Ruhe war er in Wirklichkeit ziemlich aufgeregt. Man hatte in Forbes Abbot schon immer gemunkelt, dass in diesem Mr. Brinkley mehr stecken musste, als man auf den ersten Blick sah, und man täuschte sich nicht. Am Tage ein erfolgreicher Finanzstratege, in seiner Freizeit Sammler von beunruhigend seltsamen Maschinen, gab es auch noch eine dritte Seite an Dennis, die bis jetzt noch niemand kannte. Nicht einmal Benny.

Als er, dem Vorschlag des Therapeuten folgend, begann, seine Träume aufzuschreiben, war Dennis überrascht, wie ausgesprochen befriedigend er diese Tätigkeit fand. Ja sogar aufregend. Er gewöhnte sich an, eine Stunde früher aufzustehen als sonst, solange ihm die Träume noch frisch im Gedächtnis

waren. Weit davon entfernt sich deswegen zu ärgern, freute er sich sogar darauf und fing gelegentlich schon an zu schreiben, ehe er seine erste Tasse Tee getrunken hatte.

Manchmal gab es nichts festzuhalten, doch Dennis setzte sich trotzdem hin, las in seinen Notizen und versuchte he-rauszufinden, ob es irgendwelche Verbindungen gab. Manchmal schien er auf etwas zu stoßen, doch meistens fand er nichts. Dann erfand Dennis eigene Verbindungen, um einen Sinn in das nächtliche Chaos zu bringen. Obwohl er als Schüler nie gut im Aufsatz gewesen war, fiel ihm das kreative Schreiben erstaunlich leicht.

Auch wurden seine nächtlichen Spaziergänge um die Kriegsmaschinen langsamer und überlegter. Dennis blieb häufig stehen, um die gerahmten Schilder zu studieren, die ihre Furcht erregenden Eigenschaften beschrieben. Die Schilder, die Mrs. Crudge so in Aufregung versetzt hatten. Sie waren mit Zeichnungen von Menschen illustriert, hauptsächlich, um den Maßstab zu zeigen. Jetzt, da sein Interesse echt geweckt war, begann Dennis, die Figuren genauer zu studieren. In seinem Geist nahmen sie Gestalt an, er fing an, ihnen Namen zu geben, sich ihr Alter und einen Beruf für sie auszudenken. Es war unvermeidlich, dass sie immer realer wurden. Dennis platzierte sie in eine Phantasielandschaft aus sanften, grünen Hügeln, Wasserfällen und weißen Burgen, ein Hintergrund, der ihm aus alten, religiösen Gemälden vertraut war, die er in Florenz und Rom gesehen hatte. Er segnete sie mit Frauen und Kindern und Abenteuern. Verfluchte sie mit Feinden. Allmählich wurde eine Figur lebendiger als die anderen und rückte in den Vordergrund.

An diesem Punkt hörte er auf, den einfachen Notizblock und den Kugelschreiber zu benutzen, mit dem er bis dahin seine Träume aufgeschrieben hatte. Noch wagte er nicht, es sich selbst einzugestehen, aber er begann, die ganze Sache sehr ernst zu nehmen. Er ging einkaufen und erwarb einige Blöcke bestes, cremefarbenes Pergamentpapier und schwarze Tinte. Und als er einen Mont-Blanc-Füller kaufte, bedauerte er es sehr, dass es keine Feder war, die er anspitzen konnte. Eine Schwanenfeder oder ein Gänsekiel vielleicht. Am allerbesten wäre eine Krähenfeder, wie sie die alten Kartenzeichner benutzt hatten. Vage sah er sich als Schriftsteller, eine Wahrnehmung, die immer klarer wurde, bis sie schließlich, angesichts des wachsenden Stapels von beschriebenem Papier, unübersehbar war. Er beeilte sich, abends nach Hause zu kommen, nahm sich manchmal kaum die Zeit zu essen, ehe er wieder in die Welt des Mittelalters eintauchte.

Er nannte seinen Protagonisten Jean de Mares und ließ ihn im Jahr 1340 in dem Dorf Cocheral in der Normandie ins Leben treten. Jean ging beim Dorfschmied in die Lehre, er wurde ein ausgezeichneter Waffenschmied und entwarf Schutzschilde. Als sein Ansehen wuchs und Adlige und ihre Ritter in den höchsten Tönen von ihm sprachen, kam es schließlich dem großen Söldner, Sir John Hawkwood zu Ohren. Er holte ihn nach Paris, wo de Mares und seine Frau, ein einfaches Mädchen vom Land, Mühe hatten, sich an die Welt aus Geheimnissen, Verrat und Intrigen am Hof von Charles V. zu gewöhnen. Doch schon bald geriet der ehrenhafte Schmied in einen Konflikt mit dem heimtückischen Pierre d’Orgement, dem Justizminister des Königs. Dieser mächtige Gegenspieler benutzte seine Mätresse, eine wunderschöne Zauberin, um Jean mit einem Fluch zu belegen, indem sie vorübergehend sein Herz eroberte. Verstrickt in Verschwörungen, wusste er nicht mehr, wer Freund oder Feind war, und geriet in Verdacht, den König zu betrügen. Seine Strafe? In einem offenen Kampf sollte er Bertrand du Guesclin bekämpfen und zu Fall bringen, einen ungehobelten, skrupellosen Banditen und brillanten Strategen, der jegliche Spielregeln missachtete.

Das war der große Showdown und der Schluss des Romans. Als Dennis nach beinahe einem Jahr zu dieser Szene kam, schrieb er sie in einer Sitzung, überwältigt von Erregung und Gefühlen. Als er fertig war (um drei Uhr morgens), hob er den Kopf und sah sich verwirrt um. Die ordentliche Umgebung seines Wohnzimmers erschien ihm unwirklich, Teil einer anderen Welt. Erbitterter Kampf, flatternde Wimpel, schwankende Seidenzelte unter einem kupferroten Himmel waren seine Welt. Klingende Schwerter und donnernde Hufe. Knirschendes Leder, Pferdeäpfel und Pferdeschweiß. Menschen, die hasserfüllt schrien und sich anfeuerten. Überall Blut.

An den folgenden zwei Abenden, als er ruhiger war, schrieb er die Szene um, bemühte sich, das Tempo zu präzisieren, ohne die flammenden Farben, die Intensität, die Kraft, die den Roman unausweichlich zu seinem dunklen Ende führte, zu verändern.

Inzwischen fühlte sich Dennis’ rechte Hand an, als würde sie abfallen. Recht früh schon hatte er erkannt, dass das Schreiben mit dem Füller eine unpraktische Marotte war, konnte sich jedoch nicht überwinden, mitten im Text die Methode zu ändern. Jetzt übertrug er The King’s Armourer in den Computer, wobei er den Roman weiter ausfeilte. Er erinnerte sich gut an das spannende Empfinden von Macht, als er die erste Zeile tippte, das sonderbare Gefühl, aus dem Nichts ein menschliches Wesen zu erschaffen.

Das komplette Manuskript hatte beinahe fünfhundert Seiten, und als es fertig war, war Dennis ziemlich erledigt. Er war erschöpft, aber auf eine befriedigende Art. Und seine Träume hatten sich verändert. Waren seltener, harmloser, gefahrlos. Obwohl nun ein leibhaftiger Roman in der Offizierstruhe in seinem Wohnzimmer lag, war ihm die Entstehung immer noch ein Rätsel. Wie konnte ein Mann ein Schriftsteller sein und fünfzig Jahre leben, ohne es zu wissen? Unglaublich. Natürlich würde er es niemandem erzählen. Das wäre zu peinlich. Es genügte, ihn einfach geschrieben zu haben.

5

Nur eine Woche, nachdem Cordwainer Road Nummer 13 in der Zeitung stand, wurde das Haus verkauft. Sie bekamen fünftausend Pfund mehr als sie ursprünglich verlangt hatten, und Mallory sagte: »Ich hab’s dir ja gesagt.«

Kate fühlte sich deswegen nicht allzu schuldig, denn der Bewerber, der überboten worden war, war grauenhaft. Er sah aus wie ein dickes Mastschwein, spazierte im Haus herum und gab sich keine große Mühe, seine Verachtung für die schäbigen Möbel und abgetretenen Teppiche der Lawsons zu verbergen. Kates Angebot, einige Einrichtungsgegenstände dazulassen, beantwortete er mit einem kaum verhohlenen Lachen.

Die Leute, die das Haus dann bekamen, hatten eine junge Tochter und wollten, wie die Lawsons damals, wegen der Schule in den Stadtteil ziehen. Gott sei Dank hatten sie keine Verpflichtungen mit dem Verkauf eines eigenen Hauses, und so konnte der Vertrag sofort aufgesetzt werden. Es war ein liebenswertes Pärchen, man plauderte, sie stellten Fragen über die Gegend, erzählten ein wenig von ihrem Leben in Hongkong, wo sie zuvor gelebt hatten. Als Mallory nach Hause kam, waren sie immer noch da. Er machte eine Flasche auf, sie tranken zusammen ein Glas Wein und besiegelten den Kauf per Handschlag.

Das alles geschah am Montagabend, am ersten Tag seiner letzten Woche an der Ewan Sedgewick School. Als sie später panierten Schellfisch mit Kartoffelkroketten und Brokkoli von Marks & Spencer verschlangen und das Ganze mit einem Roséwein hinunterspülten, begannen sie den Umzug zu planen.

Kate hatte ihr letztes Manuskript im vorigen Monat zu Ende redigiert. Alle ihre Kontaktpersonen aus dem Verlagsgeschäft

kannten ihren großen Plan. Alle unterstützten sie massiv und ließen ihr gleichzeitig eine Hintertür offen, falls die Sache, nun, eben nicht funktionieren sollte. Deshalb konnte sich Kate ungehindert von jedem Druck ganz auf Aussortieren, Packen, Kostenvoranschläge für den Umzug und allgemeines Ausmisten konzentrieren. Auf all das freute sie sich riesig, zumal es ihr schon immer die größte Befriedigung verschafft hatte, Dinge wegzuwerfen. Ihr machte es schon Spaß, ein leeres Glas oder eine Dose in den Müll zu kippen. Vorübergehend schien es dann in ihrem Leben weniger Unordnung zu geben. Manchmal hatte sie das Gefühl, wenn sie alles auf der Welt wegwerfen könnte – außer ihrer Familie, ein paar engen Freunden, Büchern und Musik –, würde sie schließlich in eine heitere und ausgeglichene Welt voll frischer Luft, hellem Licht und liebevoller Freundlichkeit eintauchen. Ha!

»Was meinst du mit ›Ha!‹?«

»Ach, ich träume gerade von Utopia.«

»Ich träume von einem Grießpudding.«

»Dauert nicht mehr lange.« Kate ging in die Küche und sah im Ofen nach. Über die Schulter rief sie zurück: »Wir müssen Polly Bescheid sagen, dass sie herkommt und ihr Zeug aussortiert. Und entscheidet, was für Möbel mitsollen.«

»Ich finde, wir sollten Benny anbieten, dass sie aus Appleby House alles haben kann, was sie möchte.«

»Auf jeden Fall.« Kate kam mit dem Pudding ins Zimmer.

»Sie hat so ein trauriges Sammelsurium in ihrer Wohnung.«

»Aber es ist ihr Sammelsurium. Wir müssen sehr taktvoll sein. Sonst trennt sie sich noch von Dingen, an denen sie sehr hängt und nimmt irgendwas, das sie gar nicht braucht, bloß um uns einen Gefallen zu tun.«

Als sie sich darüber amüsierten, wie unmöglich es war, von Benny jemals eine direkte und unkomplizierte Antwort zu bekommen, klingelte das Telefon. Mallory stand am nächsten.

»Poll!« Mallory strahlte. Seine Augen wurden vor Freude so schmal, als blinzelte er in die Sonne. »Hey, das Haus ist verkauft!«

»Wir haben den Vertrag noch nicht in der Hand!«, rief Kate.

»Hör nicht auf deine Mutter.« Mallory wedelte Kates Einwand mit der Hand hinweg. »Es ist sicher.« Er lauschte. »Ich bin glücklich … Wie nett … Sehr aufmerksam, Liebling … Vergiss nicht, sie von uns zu grüßen. Ruf an, wenn du wieder da bist.«

Kate hörte, wie er auflegte. Als Mallory sich wieder setzte, sagte sie: »Was war denn?«

»Polly hat gesagt, dass sie eine Zeit lang nach Appleby House fährt.«

»Ist irgendwas passiert?«

»Nein. Sie macht sich Sorgen um Benny, weil sie so allein ist. Du weißt ja, wie panisch Benny wegen jeder Kleinigkeit ist.«

»Darum wollte ich sie ja überreden, mit uns nach London zu kommen.«

»Sie fühlt sich sicher wohler, wenn jemand dort bei ihr ist.« Und als Kate nichts sagte, fügte Mallory abwehrend hinzu:

»Ich finde das sehr nett von Polly.«

Kate glaubte das keinen Augenblick. Was immer ihre Tochter für Gründe hatte, plötzlich nach Abbleby House zurückzukehren, es hatte mit Sicherheit nichts mit dem Wohlgefühl einer anderen Person zu tun, sondern ausschließlich mit ihrem eigenen.

Das Mädchen war wieder da. Die, die immer halb nackt herumlief. Jemand hatte sie gesehen, wie sie in der Einfahrt zu Carey Lawsons Haus aus einem Taxi stieg, in einem Kleid, das höchstens so lang wie ein Geschirrtuch war und von einem Band zusammengehalten wurde. Außerdem sah es aus, so fügte der schwitzende Beobachter (Mr. Lattice vom Mon Repos) hinzu, als gebe es, soweit er sehen konnte, verständlicherweise nach einem nur kurzen Blick, keinen Unterschied zwischen vorn und hinten.

Polly hatte nicht daran gedacht, Benny mitzuteilen, dass sie kam. Benny hörte zuerst das Klackern unbekannter Absätze auf den abgetretenen Fliesen in der Diele. Dann gab es einen Knall, als habe jemand etwas fallen lassen und dann klapperten die Absätze über das Parkett im Wohnzimmer.

Benny kauerte unsichtbar in einem Sessel vor dem leeren Kamin. Ihr Gesicht war blass vor Angst. Sie musste unwillkürlich an das gruselige Gespräch mit Doris neulich denken. Konnte es sein, dass sich Geister nur deshalb materialisierten, weil man über sie gesprochen hatte? Und taten sie das auch tagsüber? Bestimmt machten sie keinen Lärm – womit auch? Und dann war da noch das schreckliche Verbrechen in Badger’s Drift. Bis jetzt war noch niemand gefasst worden. Was, wenn der junge Mann doch nicht nach London gefahren war, wie die Polizei glaubte? Was, wenn er stattdessen nach Forbes Abbot gekommen war? Benny hielt den Atem an und spähte ängstlich hinter ihrem Stuhl hervor. Dann schrie sie auf:

»Ooohh!«

Polly kippte beinahe von ihren hohen Keilabsätzen. »Himmel noch mal!«

»Es tut mir leid, ich wollte nicht …«

»Meine Schuld, ich bin einfach reingekommen.« Dumme Kuh. Wenn sie schon so hysterisch ist, warum schließt sie dann die Haustür nicht ab?

Benny dachte: Aber ich habe die Haustür doch abgeschlossen, oder? Und es wurde bald dunkel. Wenn sie so etwas Wichtiges vergessen konnte … Sie rappelte sich hoch und begann, sich auf ihre unbeholfene Art um Polly zu kümmern.

»Hast du was gegessen, Liebes? Ich könnte dir ein Omelette machen. Vielleicht möchtest du dich erst frisch machen?«

»Nein, danke. Aber ein Bad wäre gut, bevor ich ins Bett gehe.«

»Es dauert nicht lange, bis das Wasser heiß ist.«

»Was?«

»Aber manchmal macht es Mucken.«

»Dann lass ich es. Ich dusche nur.«

»Ich fürchte, wir haben es nie geschafft, eine Dusche einzubauen.«

Polly seufzte und sagte dann mit letzter Kraft: »Gibt es hier überhaupt fließendes Wasser, Benny?«

Daraufhin zog sich Polly zurück, nahm Bennys Radio mit und ließ es bis in die frühen Morgenstunden ziemlich laut spielen.

Benny wachte sehr früh auf und fing sofort an, sich wegen Pollys Frühstück Sorgen zu machen. Sie hatte am Abend vorher ein paar Würstchen und etwas Schinken aus der Gefriertruhe geholt, aber jetzt wurde ihr klar, dass das bestimmt nicht das geeignete Essen war, mit dem eine schlanke und bezaubernde junge Frau den Tag beginnen wollte. Bestimmt wollte sie lieber Obst. Frischen Orangensaft und alles, was Kate und Mallory mochten – diese Flocken und Nüsse und Körner. Aber Kate hatte die fast volle Packung mit nach Hause genommen. Benny hatte nur noch Haferflocken. Ob das in Frage kam? Es klang nicht besonders lecker.

Aber Polly wollte nichts von alledem. Gegen Mittag tauchte sie endlich auf und wirkte auf die naive Benny wie eine Prinzessin aus einem Märchen. Sie zündete sich eine Zigarette an, bat um Kaffee und sagte: »Oje, Nescafé!« Dabei war es der beste von Sainsbury. All die glänzenden Orangen, die fleckenlosen Bananen und selbst die reife Mango, die Benny in dem winzigen Spar-Laden in Forbes Abbot aufgetrieben hatte, blieben auf dem Tisch liegen.

»Ich finde immer, wenn man das Frühstück auslässt«, sagte Benny, »dann schmeckt das Mittagessen umso besser. Magst du irgendwas Besonderes, Polly?«

»Ich esse in Causton. Ich habe dort eine Verabredung.«

»Und heute Abend?«

»Oh, mach dir keine Umstände, Ben.« Mit ein bisschen Glück würde sie am Abend schon im Bus nach Hause sitzen.

»Im Schrank findet sich bestimmt irgendwas.«

Das Taxi brachte Polly vor das Magpie Inn. Da sie auf alle Fälle pünktlich zu ihrem Treffen kommen wollte, hatte sie so viel Zeit eingeplant, dass sie jetzt zwanzig Minuten zu früh da war. Als Polly das Lokal betrat, bereute sie es sofort. Die Luft war stickig, die Essenszeit war gerade vorbei. Aus dem leeren Speisesaal wehten Bratendunst und der Geruch nach schalen Gewürzen und Zigaretten herüber. Polly blickte hinein, als sie vorbeischlenderte. Das Lokal wurde von Pinguinmotiven beherrscht. Sie waren überall: standen in Nischen, saßen auf Aschenbechern, liefen wild über Vorhänge und Kissen und drängten sich in Sesseln. Ein großer Pinguin aus Holz mit einer echten Fliege hielt ein Willkommensschild mit der Speisekarte.

Polly bestellte einen Campari Soda mit Eis. Die etwa vierzigjährige Bardame nahm das Geld und schob mit säuerlichem Lächeln den Eisbehälter über den Tisch. Polly ignorierte sie. Sie war es gewohnt, dass ältere Frauen sauer auf sie reagierten. Genau wie ältere Männer, sobald sie kapierten, dass sie bei ihr abblitzten. Ungefähr ein halbes Dutzend solcher Männer lehnte an der Bar. Polly griff nach einer zerlesenen Ausgabe der Times, setzte sich so weit wie möglich von ihnen weg und trank ihren Campari. Sie genoss den scharfen, herben Geschmack. Als sie das Glas abstellte, klirrten und klingelten die Eisstückchen – ein feiner Klang an einem heißen Tag.

Als sie spürte, dass eine der Gestalten an der Bar drauf und dran war, zu ihr zu kommen, schlug Polly die Zeitung auf und wandte sich dem Finanzteil zu. Der Mann zog einen Stuhl an ihren Tisch. Sie roch Bier, Glutamat und noch einiges, das sie

lieber nicht wissen wollte. Polly rümpfte die Nase und hielt sich die Zeitung vors Gesicht.

»Wollen Sie noch einen?«

Polly schloss die Times, faltete sie zusammen. Starrte den Mann an. Bäuerlicher Rübenkopf, ein paar spärliche Strähnen fettigen Haars, unbeschreibliche Zähne. Grandpa Simpson, wie er leibt und lebt.

»Noch einen was?«

»Von dem da.« Er machte eine Kopfbewegung zu ihrem leeren Glas hin.

»Nein.«

»Nein danke!«

Polly seufzte, warf die Zeitung hin, griff nach ihrer Tasche.

»Gut, gut.« Ein Stoß mit dem Ellbogen. »Irgendetwas sagt mir, dass Sie nicht von hier sind.«

»Was wollen Sie?«

»Mich nur unterhalten.« Ein warziges Augenlid zitterte zu einem Zwinkern. »Nichts dagegen zu sagen, nehme ich an.«

»Sagen wir’s mal so. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie ganz gemütlich in aller Ruhe etwas trinken wollen und eine zutiefst unattraktive, übel riechende alte Frau käme herüber, würde sich Ihnen praktisch auf den Schoß setzen und anfangen, Sie vollzulabern?«

Polly beobachtete interessiert, wie der Mund des Mannes aufklappte und dabei einen unerwünscht intimen Blick auf mehrere fleckige Zahnstümpfe freigab. Abstoßend.

Schließlich sagte er: »Können wohl keinen Spaß vertragen?«

»Ihre Frau muss den Spaß verstehen«, erwiderte Polly.

»Nicht ich.«

Erfrischt von dem kühlen Drink und dem kleinen Wortgefecht, glitt sie vom Barhocker, drückte kräftig gegen eine Tür, auf der ein Pinguin mit einer Schürze abgebildet war, und befand sich in der Damentoilette. Die nächsten fünf Minuten verbrachte Polly auf höchst befriedigende Weise, indem sie ihr Aussehen begutachtete.

Sie trug ein einfaches blaues Kleid mit einem wadenlangen Rock aus weicher Baumwolle. Sie hatte es aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter entwendet, als sie kürzlich im Haus war. Dazu trug Polly flache weiße Espandrillos, die sie hoch um ihre goldbraunen glatten Beine geschnürt hatte. Ihr dickes dunkles Haar hatte sie im Nacken mit einer schwarzen Schleife zusammengebunden. Sie sah einfach schön aus – ihre Wangen leuchteten wie Pfirsiche –, aber es war ihr gelungen, weder auffällig noch aufreizend auszusehen. Sie bemalte ihre Lippen mit Brillant Beige von Lancôme, dem zurückhaltendsten Farbton, den sie je getragen hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hätte sie gern eine Brille gehabt. Eine Hornbrille wäre jetzt das Tüpfelchen auf dem i. Sie hätte ihr Gesicht in den Mittelpunkt gerückt und ihm ein verantwortliches, intelligentes und vertrauenswürdiges Aussehen gegeben. Das Aussehen einer Frau, die mit sechzigtausend Pfund klug umzugehen weiß.

Während Polly kühl ihre Erscheinung begutachtete, war sie in Gedanken ebenso kühl mit dem kommenden Meeting beschäftigt. Eine komische Sache, diese Meetings. Sie können mit Bekannten stattfinden oder mit vollkommen Fremden. Man konnte seine Strategie im Voraus planen oder sich entschließen, aus dem Bauch heraus zu handeln – wie die Sache ausging, war fast immer unsicher. Bei den wilden Übungsmeetings in ihrem Kurs hatte Polly aus dem Stegreif gespielt. Sie fand das erfrischend, als springe man in einen Fluss mit Untiefen und starken Strömungen. Sorgfältige Planung war etwas für Waschlappen. Aber das heute war keine Übung. Heute war es echt. Sie durfte nicht leichtsinnig sein: Vom Ergebnis hing zu viel ab. Langsam, langsam …

Während dieser Überlegungen kam die Bardame mit dem sauren Gesicht herein. Sie hatte ein paar Rollen billiges Klopapier dabei, einen Kanister Vim und ein Wischtuch.

Mit verbitterter Befriedigung sagte sie: »Die Toilette ist wegen Reinigung geschlossen.«

»Möchten Sie das hier vielleicht ausprobieren?« Polly, die sich gerade die Haare mit Rive Gauche besprüht hatte, bis nichts mehr in der Flasche war, reichte der Bardame den leeren Flakon mit einem Lächeln von unbeschreiblicher Süße. »Es ist wirklich ganz toll.«

Polly spazierte in der Sonne die High Street hinunter, überquerte den Marktplatz und sah auf die Uhr. Sie war auf die Sekunde pünktlich. Als sie sich dem Büro näherte, sah sie einen Asiaten, der einen kleinen Jungen an der Hand hielt und die Haustür aufsperrte. Der Junge hatte ein Boot und plapperte aufgeregt, während sie die Treppen hinaufstiegen. Polly ging hinter ihnen her. Dann machte der Mann eine zweite Tür auf und Polly erblickte noch weitere Stufen. Aha, da war also eine Wohnung über dem Büro. Sie überlegte, ob diese auch zu Brinkley & Latham gehörte. Dennis musste ziemlich reich sein. Mallory hatte einmal erzählt, dass einem seiner Mandanten halb Buckinghamshire gehörte. Und nun befand sich Polly genau an derselben Stelle, wo sie ein paar Tage zuvor gestanden hatte, aber diesmal, segensreicherweise, unbehindert von ihren Eltern.

»Miss …«, die Empfangsdame studierte ihren Terminkalender, »hm … Layton?«

»Lawson.« Offensichtlich hatte Gail Fuller beschlossen, sich nicht an sie zu erinnern. Heute war eindeutig der Tag der neidischen Frauen. Diese hier war mindestens vierzig. Auf ihrer Oberlippe war ein kleiner seidiger Bart, den Miss Fuller durch Bleichen zu verbergen versuchte. Das war gut, solange kein Licht darauf fiel, wie jetzt, und er deutlich glitzerte. Ihre von Natur aus großporige Haut war unter einer dicken Schicht rosigem Make-up versteckt. Sie sah aus, entschied Polly, wie Eiscreme mit haariger Himbeersauce.

»Ich fürchte, Mr. Brinkley verspätet sich etwas.« Eine vage

Geste auf einen harten, schmalen Stuhl mit hölzernen Armlehnen. »Setzen Sie sich doch.«

Polly sank stattdessen auf ein kleines Sofa, richtete sich die Kissen zurecht und studierte das Leseangebot: die Zeitungen von heute, einigermaßen aktuelle Ausgaben des Economist, des Spectator und ein paar Private Eyes. Sie nahm sich den Independent und versuchte, sich in einen Artikel über Straßentheater in den Gorbals zu vertiefen. Aber er konnte ihre Aufmerksamkeit nicht fesseln, und als die Minuten verstrichen, merkte sie, dass sie immer ärgerlicher wurde. Wenn sie an all die Mühen dachte, die sie auf sich genommen hatte, um pünktlich zu sein. Sie nahm ein Private Eye und blätterte es durch. So dumm wie immer. Polly musste sich fast gewaltsam daran hindern, es mit Wucht auf den Boden zu werfen.

Die Tür zum Empfangsraum öffnete sich, und Polly blickte begierig auf. Es war Andrew Latham. Er hatte einen Stapel Briefe bei sich, die er in einen Drahtkorb auf Miss Fullers Tisch fallen ließ, der mit »Post« beschriftet war. Er grinste und zwinkerte Polly zu, bevor er wieder verschwand. Sie mochte ihn diesmal ebenso wenig wie auf der Beerdigung.

Wie anders sie sich das vorgestellt hatte. Polly hatte sich ausgemalt, dass Dennis sie bereits erwartete und mit einem warmherzigen, freundlichen Lächeln begrüßte. Dann hätte er sie hineingeführt, wäre ein bisschen um sie herumgewuselt, damit sie sich auch wohl fühlte, um sich dann zu einem verständnisvollen Gespräch unter vier Augen zu ihr zu setzen. In Wirklichkeit dauerte es noch eine weitere halbe Stunde, ehe sie ihn überhaupt zu Gesicht bekam.

»Mein liebes Kind …« Kind? Gefällt mir gar nicht.

»Hat Gail dich gut unterhalten?«

Unter Narkose hatte ich mehr Spaß. »Absolut, Dennis.«

»Möchtest du was trinken?«, fragte Dennis, als sie in seinem Büro waren.

»Es ist noch ein wenig früh für mich.« Polly wurde rot. Sie sah, wie Dennis’ Nasenflügel zuckten und überlegte, ob er wohl den Campari roch.

»Ich meinte eine Tasse Tee.«

»Ach ja. Gerne.«

Dennis telefonierte mit dem Büro draußen und ließ dann eine Runde Höflichkeitsfragen vom Stapel. Wie es Pollys Eltern gehe? Ob sie schon weiter seien mit ihren Plänen für das neue Geschäft? Ob Polly lange bleibe? Benny freue sich bestimmt sehr darüber, Gesellschaft zu haben.

Polly konnte Bennys Gastfreundschaft gar nicht genug loben. Und ihre Eltern ließen grüßen. Es war so eine Erleichterung für sie, jemanden wie Dennis zu haben, an den sie sich um Rat wenden konnten. Ein alter Freund der Familie.

Ein Mädchen brachte ein Tablett mit Tassen herein. Die rotbraune Flüssigkeit darin war so stark, dass sich nicht nur der Zucker darin auflösen konnte, sondern auch der Löffel. Es gab auch einen Teller mit Rosinenkeksen. Dennis nahm einen großen Schluck und ließ es sich sichtlich schmecken. Polly nahm einen einzigen zweifelnden Schluck und betete, dass sich die Rückstände auf ihren Zähnen beseitigen ließen.

Endlich schob Dennis seine Tasse und die verbliebenen Kekse beiseite und sagte: »So, Polly – was genau kann ich nun für dich tun?«

»Ja, also …« Jetzt, wo es so weit war, war Polly unsicher, wie sie anfangen sollte. Sie hatte diverse Eröffnungsvarianten geprobt. Welche sie wählen würde, hing von einer genauen Einschätzung der Situation ab, wenn der Augenblick gekommen war, das Wort zu ergreifen. Nun war der Augenblick da, und die Einschätzung der Lage war viel schwieriger, als sie erwartet hatte.

Oberflächlich betrachtet erschien Dennis wie immer: etwas onkelhaft. Aber seine Augen waren scharf wie Reißnägel. Und er hatte sich nicht dafür entschuldigt, dass er sie hatte warten lassen. Was, wenn das keine Vergesslichkeit war, sondern ein wohlerwogenes Beispiel für die Art Powerplay, das sie selbst auch so gerne spielte? Eins war sicher – es würde kein freundliches Zusammentreffen werden, bei dem das Geschäftliche beinahe nebensächlich war. Polly entschied, dass die vernünftigste Taktik völlige Offenheit war.

»Es geht um mein …« Sie brach ab, weil sie sich daran erinnerte, dass das Wort »Geld« bei der Testamentsverlesung kein einziges Mal gefallen war. Es schien klug, an diesem lächerlichen Detail festzuhalten. »Mein Erbe.«

»Verstehe«, erwiderte Dennis, der sich das gleich gedacht hatte. »Na ja, da du erst in elf …«

»Zehn.«

»… Monaten darüber verfügen kannst, hat es eigentlich wenig Sinn, dich jetzt schon zu beraten, wie du es anlegen könntest. Der Markt ist ein launisches Tier. Was heute hohen Gewinn verspricht, kann dich morgen arm machen.«

»Das ist mir klar.« Er redete mit ihr, als sei sie sechs Jahre alt.

»Ich weiß nicht, ob Daddy dir erzählt hat, dass ich bald in meinem Abschlussjahr an der LSE bin.«

»Hat er. Sehr gut.«

Polly errötete. Sie schluckte schwer. Dieses gönnerhafte Tätscheln ihres Kopfes brachte das Fass zum Überlaufen. Dennis holte ein Blatt Papier mit seinem Briefkopf hervor und schraubte seinen Füller auf.

»Wenn du irgendwelche Ersparnisse hast, die du investieren möchtest, kann ich dir empfehlen …«

»Danke, Dennis. Ich wollte keine kostenlosen Anlagetipps.« Ersparnisse! Wenn sie die nur hätte … Sie hatte nichts. Nur diese ungeheuren Schulden, die jeden Tag mehr wurden.

»Ich wollte einfach versuchen zu zeigen, dass ich durchaus in der Lage bin, mit Geld umzugehen. Sogar mit … ziemlich großen Summen.«

»Polly, dabei kann ich dir nicht helfen.«

Er hatte die ganze Zeit gewusst, weswegen sie gekommen war. Natürlich hatte er das. Und wie es ausgehen würde. Und deshalb war natürlich bereits die Zustimmung, sie zu treffen, nur eine Farce. Entrüstung stieg in Polly auf. Und brach aus ihr heraus.

»Es ist ziemlich lächerlich, nicht wahr? Ich kann wählen, ein Kind bekommen, mich beim Militär töten lassen, heiraten, im Lotto gewinnen, eine Kriminelle werden, wie eine Erwachsene angeklagt werden und ins Gefängnis gehen und trotzdem hält man mich für unfähig, mit lächerlichen sechzigtausend Pfund umzugehen!«

»Es muss dir unfair vorkommen …«

»Du musst es ja meinen Eltern nicht erzählen.« O Gott! Was redete sie da? Als ob er sich je mit ihr gegen ihre Eltern verschwören würde! Das lief alles ganz falsch. »Entschuldigung. Das habe ich nicht gemeint.«

»Ich verstehe deinen Ärger, meine Liebe. Und ich kann es dir nachfühlen. Aber es steht ganz einfach nicht in meiner Macht, das Geld freizugeben.«

Obwohl diese Aussage der Wahrheit entsprach, stand nicht, wie Polly sofort annahm, professionelle Rechtschaffenheit dahinter. Tatsache war, dass sich die Hinterlassenschaft als Teil von Carey Lawsons Gesamtbesitz technisch bereits in den Händen der Lawsons befand. Dennis hoffte, dass Mallory weise genug sein würde, dies für sich zu behalten.

Polly war aufgebracht und enttäuscht und nahe daran, vor Wut in Tränen auszubrechen. Sie stand auf und ging langsam und unbeholfen zur Tür.

»Polly?« Sie blieb stehen, aber drehte sich kaum merklich um. Dennis konnte den Pulsschlag an ihrem Hals sehen. »Bist du in irgendwelchen Schwierigkeiten?«

»Schwierigkeiten?« Sie lachte dünn und ungläubig auf.

»Ehrlich, Dennis …«

»Warum erzählst du mir nicht davon? Vielleicht kann ich dir helfen.« Er sah, wie ihre Finger den Türknauf ergriffen und ihn herumdrehten. Bemerkte ein kurzes Zögern. Er fuhr fort: »Alle Treffen mit Mandanten sind vertraulich. Niemand wird erfahren, dass du hier warst.«

Ach ja, dachte Polly. Niemand außer Andrew Latham und Fräulein Borstig vom Empfang. Außer dem gesamten Personal im Vorzimmer. Und alle anderen im Gebäude, die sie gesehen hatten, wie sie die Treppe hinaufkam. Sie knallte die Tür zu und ging.

Latham sah sie gehen. Bemerkte die zusammengekniffenen Lippen und geröteten Wangen, als sie sich durch die Schreibtische zur Tür schlängelte. Er war nicht der Einzige. Einen aufschlussreichen Moment lang beobachtete Andrew, wie alle anderen ihren Abgang beobachteten.

Zwei der drei Frauen – die dritte täuschte Gleichgültigkeit vor – schauten entweder neidisch oder sehnsüchtig. Die Mienen der Männer reichten von unverhohlener Lust über einfache Sehnsucht bis zu unbeschwerter Freude darüber, dass der Tag ein solches Geschenk für müde Augen bringen konnte. Aber niemand machte einen dreckigen Witz oder beschrieb, was sie Polly am liebsten geben würden, um ihr Leben abzurunden. Niemand ballte die Faust und streckte den Unterarm in die Luft. Der Augenblick ging vorüber, und alle wandten sich, leicht benommen und ein wenig verloren, wieder ihren Computern zu.

Andrew spazierte zu seinem Fenster hinüber, um zu schauen, wohin Polly ging. Sie überquerte den Marktplatz, blieb plötzlich an der Statue von Reuben Cozens stehen, einem drittklassigen Bildhauer – und Caustons einzigem Anspruch auf Ruhm. Sie setzte sich auf die Stufen zu seinen großen Bronzestiefeln, trommelte wütend mit den Fingern auf ihre Knie, drehte dann plötzlich den Kopf und starrte böse zum Büro von Latham & Brinkley hinauf.

Andrew blieb, wo er war. Es wäre dumm gewesen, etwas anderes zu tun. Es war zu spät, so zu tun, als sei er nicht da, und zurückzuspringen, hätte ihn heimlichtuerisch und schuldig aussehen lassen. Als habe er ihr tatsächlich nachspioniert. Den Ärger des Mädchens konnte man auch aus der Entfernung deutlich erkennen. Die Haltung ihres Nackens, ihre starren Schultern. Er hatte das Gefühl, sie könne jeden Augenblick beide Fäuste in seine Richtung erheben.

Andrew wechselte die Blickrichtung, als betrachte er den Rest der geschäftigen High Street und wandte sich dann langsam vom Fenster ab. Er würde eine Menge darum geben, zu wissen, was sich in Dennis’ Büro abgespielt hatte, das Polly so wütend gemacht hatte. Sinnlos zu fragen – der grimmige alte Bastard ließ nichts raus, wenn es Mandanten betraf. Trotzdem konnte ein Gespräch nicht schaden. Einfach der ganz normale tägliche Austausch.

»Äh – Dennis.«

Alles an Andrew Latham ärgerte Dennis. Das aufgesetzte Erstaunen, wenn er die Tür mit der Aufschrift »Dennis Brinkley« aufmachte und dahinter tatsächlich einen Mann mit dem Namen Dennis Brinkley vorfand, war nur der Anfang.

Latham war ihm vor sieben Jahren aufgehalst worden, als George Fallon, der ursprüngliche Besitzer der Firma, davon überzeugt war, dass das Unternehmen kopflastig war und auf die Pleite zusteuerte. Dennis hatte wiederholt zu erklären versucht, dass das nicht stimmte. Natürlich war die Firma in den Jahren gewachsen, und man hatte mehr Leute eingestellt, aber es gab auch Arbeit für sie. Der alte Mann ließ sich nicht überzeugen und fand, man solle anfangen, Leute zu entlassen. Sie steckten in einer Sackgasse, als Fallon eines Abends zufällig bei einem Abendessen im Golfclub seiner Frau neben Charlie Berryman saß.

Keine zwei Wochen später besuchten Berrymans Tochter und ihr Ehemann das Büro von Fallon & Brinkley. Und bereits

ein paar Wochen danach übernahm Latham, nach einer kräftigen Bargeldspritze seines Schwiegervaters, Georges Hälfte der Firma, und Fallon ging in den Ruhestand.

Dennis, der es eigentlich höchst unfair fand, jemanden auf den ersten Blick abzulehnen, gab sich Mühe, den Mann zu mögen. Als klar war, dass das nicht in Frage kam, gab er sich Mühe, höflich zu sein. Es gelang ihm fast immer, auch wenn Lathams derber Sinn für Humor und seine Unsensibilität den Gefühlen anderer gegenüber es ihm äußerst schwer machten.

Drei Viertel von George Fallons Kunden hatten ihre Mandate auf Dennis oder Leo Fortune, seinen ältesten Angestellten, übertragen. Der Rest ging einfach woanders hin. Manchmal rätselte Dennis, was Latham den ganzen Tag machte. Er tauchte einigermaßen regelmäßig auf und saß herum, blätterte in Papieren, hatte aber wenig Besucher. Wenn er Besucher hatte, waren es eher Leute seines Schlages: laute, plump vertrauliche Angeber. Von der Sorte, die man normalerweise als umgänglich beschreibt, obwohl Dennis fand, dass jeder, der auch nur über ein Gramm gesunden Menschenverstand verfügte, bei ihrem Anblick eigentlich die Flucht ergreifen musste.

»Willst du etwas Bestimmtes, Andrew?«

»Nein.« Andrew griff nach den paar übrig gebliebenen Keksen und stopfte sie sich in den Mund. Dann schob er den Teller auf den Tisch zurück und grinste spöttisch, als Dennis ihn exakt in eine Reihe mit Tasse und Untertasse stellte. »Ich bin nur mal schnell auf ein Schwätzchen vorbeigekommen.«

Diese Formulierung konnte Dennis nicht ausstehen. So was hörte man andauernd im Fernsehen, ein Grund für ihn, den Fernseher fast nie einzuschalten. Köche schoben nur mal schnell Sachen in den Backofen, ständig gingen Leute nur mal schnell heraus, um einen Brief einzuwerfen oder kamen nur mal schnell auf einen Drink vorbei. Einmal hatte ein Pathologe in einem Krimi vorgeschlagen, die Leiche nur mal schnell auf den Tisch zu legen, um sie aufzumachen und einen kurzen Blick darauf zu werfen. Diese Gedanken und die Unruhe, die Pollys Besuch bei ihm hinterlassen hatte, versetzten ihn beinahe in schlechte Laune, eine Stimmung, die er eigentlich nicht kannte.

»Ich fürchte, ich bin im Moment ziemlich beschäftigt.«

»Du solltest mal verschnaufen, Den. Und dann erfrischt zurückkommen!« Andrew lächelte, als er sah, wie sich die Haut über Dennis’ Kragen rötlich verfärbte. Dennis hasste es, wenn man ihn Den nannte. »Hast du dieses Jahr schon Urlaub gemacht?«

»Warum fragst du, wenn du es sowieso genau weißt?«

»Ich will mich nur unterhalten.«

»Du hast vielleicht Zeit dazu. Ich nicht.«

Dennis wandte sich seinem Bildschirm zu, drückte einige Tasten und runzelte die Stirn. Andrew verließ seinen Platz an der Tischkante und lümmelte sich in den Stuhl, den Polly gerade erst frei gemacht hatte.

»Mhmm«, sagte er und tat so, als drücke er seinen Hintern immer tiefer in die Kissen, »der ist ja noch warm.«

Dennis wurde noch röter, biss die Zähne zusammen und tippte weiter.

»Hübsches Mädchen. Warum habe ich nie Kunden, die so aussehen?« Pause. »Habe ich sie nicht erst kürzlich beim Begräbnis der alten Carey Lawson gesehen?« Pause. »Erzähl mir nicht, dass sie hergekommen ist, weil sie was von der Beute haben will?«

Dennis presste die Lippen aufeinander, drückte mit wilder Präzision auf den Knopf der Sprechanlage und sagte dem Mädchen, das antwortete, er habe einige Briefe zu diktieren und sie solle sofort herkommen.

»Hör zu …« Andrew Latham ließ sich mit dem Aufstehen Zeit. »Du musst unbedingt zum Essen zu uns kommen. Erst neulich hat Gil gesagt: ›Wir haben Denny schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.‹ Du weißt ja, wie sehr sie dich schätzt.«

Dennis antwortete nicht. Er konnte an einer Hand abzählen, wie oft er Gilda Latham gesehen hatte. Einmal, als sie mit ihrem Vater zur Zeit der Übergabe ins Büro gekommen war, dann bei Carey Lawsons Beerdigung und einmal, als er vor der Bibliotheksgesellschaft in Causton einen Vortrag über seine Maschinen gehalten hatte. Sie hatte danach überschwänglich davon geschwärmt und darauf bestanden, ihm beim Aufräumen der Dias zu helfen. Es hatte ihn Stunden gekostet, sie wieder zu ordnen.

Jetzt überlegte er, bei welcher dieser Gelegenheiten Gilda ihn wohl schätzen gelernt hatte. Er vermutete, dass es nur so ein Ausdruck war, der genauso unachtsam benutzt wurde wie heutzutage das Wort »Liebe«. Dieser Begriff war letztes Jahr auf fast all seinen Weihnachtskarten aufgetaucht, sogar Menschen, die er kaum kannte, hatten ihn verwendet, lediglich der Milchmann hatte angemessene Zurückhaltung bewahrt.

Als es Feierabend war und alle zusammenpackten, um nach Hause zu gehen, beschloss Dennis, sich noch einmal das Lawson-Konto anzusehen. Als Finanzberater des neuen Verlagsgeschäfts sollte er aktuelle Zahlen parat haben, um sie bei ihrer Gründungsversammlung auf den Tisch zu legen. Er tippte das Passwort ein, das »Parmain« hieß.

Dennis war recht glücklich mit der Auswahl seiner Passwörter, die alle aus dem mittelalterlichen Französisch stammten. Er hatte sie sehr sorgfältig passend zur Firma oder der Persönlichkeit des jeweiligen Kunden ausgesucht. Ein betrunkener Landbesitzer, der seinen Besitz verspielte, hatte zum Beispiel das Passwort »Soteral«. Ein Kleiderhersteller

»Asure«. Der Besitzer einer Vorschule »Enfancegnon«. Ein Richter, der bei der örtlichen Jagd mitritt, »Esmochior«. Ein gieriger Banker »Termoint«. Aubain, fauconcel, dringuet, lorain – wie sollte jemand dahinterkommen, worauf sich diese Wörter bezogen?

Nur Leo Fortune wusste Bescheid. Und Dennis war so selig

über seinen klugen Einfall, dass Leo gezögert hatte, zu erwähnen, dass die Beschriftung der Diskette, auf der die Wörter standen, mit »ENTR’OVRIR« vielleicht ein wenig verräterisch sein könnte. Aber er gab zu, dass die Wörter selbst eigentlich nichts verrieten. Da beide wenig Ahnung von Äpfeln und deren unendlicher Vielfalt hatten, bemerkte keiner von ihnen, wie ähnlich »Parmain« und der Name der Apfelsorte »Pearmain« klangen.

Polly saß im Bus zurück nach Forbes Abbot und kochte vor Wut. Zum einen, weil sie der Meinung war, es sei unter ihrer Würde, Bus zu fahren. Aber vor allem, weil sie von einem verknöcherten alten Knilch erniedrigt worden war, nur damit er sich darüber freuen konnte, wie sehr sie sich wand. Und er würde es Mallory erzählen. Bestimmt würde er das. Er war so einer. Sie konnte ihn direkt hören, wie er wichtigtuerisch die Szene in seinem Büro mit höhnischem Bedauern zum Besten gab. Ich fühlte mich wie ihr Vater, weißt du … Ja, genau.

Im Dorf gab es zwei Haltestellen. Die erste beim Ententeich in der Kurve der Hospital Lane und fast direkt gegenüber von Dennis’ Haus. Mehrere Fahrgäste machten sich zum Aussteigen bereit. Es dauerte eine Weile. Sie waren mit Einkäufen beladen, und eine Frau mit einem Kleinkind hatte einen Kinderwagen dabei, weshalb der Fahrer aus seiner Kabine kam, um ihr tragen zu helfen.

Während all dies vonstattenging, starrte Polly aus dem Fenster direkt in die Garage von Kinders. Keine Spur von einem Auto – offenbar fuhr Dennis damit zur Arbeit. Auch keine Spur von dieser ekelhaften Putzfrau. Eigentlich überhaupt kein Anzeichen von Leben. Als der Fahrer wieder seinen Platz einnahm, sprang Polly auf, rief: »Moment!« und stieg aus dem Bus.

Auf der Straße waren die meisten der ausgestiegenen Fahrgäste weggegangen, nur zwei Frauen standen noch da, steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Polly ging zum Teich hinüber und spürte, wie die Blicke der beiden ihr folgten. Sie setzte sich auf eine Bank und beobachtete die Enten, wie sie die Schwänze in die Höhe streckten, übers Wasser glitten oder miteinander kämpften. Dann brachen sie plötzlich in wildes Gequake aus, und als sie sich wieder beruhigt hatten, waren die beiden Frauen verschwunden.

Polly blickte sich um. Ein Mann mit einer Schiebermütze führte etwas weiter oben in der Straße seinen Labrador spazieren und entfernte sich in die entgegengesetzte Richtung. Rasch überquerte Polly die Straße, öffnete das Tor von Kinders und betrat die Garage. Da war das große Schlüsselbrett, genau wie sie es in Erinnerung hatte. Wie dumm dieser Mann war. Auch wenn sie keinen Schlüssel für das Haupthaus entdecken konnte, forderte er das Schicksal doch geradezu heraus. Eigentlich konnte man fast sagen, dass Polly ihm einen Gefallen tat, indem sie seine Aufmerksamkeit auf das Risiko lenkte, bevor etwas Schlimmes passierte. Ein Mann sollte immer auf der Hut sein. Polly nahm den Schlüsselbund mit der Aufschrift »Büro« vom Haken und steckte ihn in die Tasche.

Sie ging die Straße entlang, wobei das Gewicht der drei Schlüssel am Rock ihres leichten Baumwollkleides zog. So, nun hatte sie also die Schlüssel. Niemand sonst wusste, dass sie sie hatte. Sie war in Sicherheit. Trotzdem fühlte Polly sich unwohl. Nachdem sie die Schlüssel aus einem Impuls heraus an sich genommen hatte, musste sie nun darüber nachdenken, wann sie sie gefahrlos wieder zurückbringen konnte. In einer Stunde oder so würde Dennis von der Arbeit heimkommen. Natürlich war es möglich, dass er das Brett nicht kontrollierte. Und den Schlüssel des wunderbaren dunkelblauen Lexus, den Polly am Tag der Beerdigung erspäht hatte, würde er wohl kaum dort hinhängen. Aber irgendwann musste er die Garage zusperren. Wie spät würde das sein?

Langsam dämmerte es Polly, dass sie es einfach nicht riskieren konnte, die Schlüssel wieder zurückzubringen, wenn sie sie benutzt hatte – und da sie sie gestohlen hatte, hatte sie ja wohl die Absicht, sie zu benutzen. Selbst wenn Dennis deren Verschwinden nicht bemerkte, würde es äußerst schwierig sein, eine ungefährliche Gelegenheit zu finden. Und wenn er den Verlust bemerkt hatte, und sie dann plötzlich wieder am Brett hingen, würde er sich richtig Sorgen machen. Man hätte ja einen Abdruck machen können. Vielleicht schaltete er sogar die Polizei ein. Aber wenn sie alles so ließ, wie es war, würde Dennis wahrscheinlich nur glauben, er habe sie verlegt. Alte Menschen waren so. Sie verloren immerzu Sachen.

In weiser Voraussicht hatte sich Polly am Morgen auf der Post ein paar Dosen Cola light besorgt. Als sie nun in der Küche war, holte sie eine davon aus dem Kühlschrank, rollte das kalte Blech an ihrer brennenden Wange hinunter, lauschte genüsslich dem sanften Zischen der ausströmenden Kohlensäure beim Öffnen und nahm einen tiefen Zug. Sie entfernte das strenge schwarze Haarband und schüttelte ihre Haare, fuhr sich mit den Fingern durch die glänzende Pracht und schob sie aus dem Gesicht. Dann zog sie das Kleid von ihrer schwitzenden Haut, spritzte sich kaltes Wasser über Nacken und Gesicht und ließ die Tropfen einfach an der Luft trocknen.

Das Haus schien leer zu sein, was Polly sehr entgegenkam. Ständiges Geschwätz brauchte sie jetzt am allerwenigsten. Vielleicht war Benny in der Kirche. Sie hatte am Morgen erwähnt, dass sie Blumendienst hatte. Polly konnte es kaum glauben. Wenn Gott sie so hässlich und so dumm gemacht hätte, würde sie bestimmt nicht an seinem Altar die Dienerin spielen. Sie würde aus großer Höhe auf ihn herunterpissen. Wenn nicht was noch Schlimmeres.

Nachdem sie sich abgekühlt hatte, beschloss Polly, draußen zu sitzen. Zunächst dachte sie an das Ufer eines Baches, der ganz in der Nähe von St. Anselm unter einer kleinen Brücke hindurchfloss. Der Gedanke, ihre Füße in dem klaren, fließenden Wasser auszuruhen, war höchst verführerisch, aber Polly kam nur bis zur Eingangstür. Betört von einem himmlischen Duft nach Lavendel, gemischt mit dem schweren Parfum einer riesigen Geißblattgirlande, die die Veranda überwucherte, überlegte sie es sich anders. Sie setzte sich auf eine der Holzbänke – eigentlich eher ein Holzregal –, legte die Füße auf das Regal gegenüber und bedauerte einen Augenblick lang fast, dass sie morgen früh wieder nach London zurückfuhr.

Aber zurück zum Wesentlichen. Zwei Dinge musste sie herauskriegen. Erstens, wie schnell sie gefahrlos nach Causton zurückgehen und sich in das Büro von Brinkley & Latham einschleichen konnte. Wann ist es gestern dunkel geworden? Halb neun? Halb zehn? Um welche Zeit machten die Pubs zu? Und spielte es eine Rolle, wenn irgendein Betrunkener sah, wie jemand eine Tür aufschloss und ein Haus betrat, in dem er nichts zu suchen hatte?

Zweitens, solange sie in Appleby House war, konnte Polly eigentlich kommen und gehen, wann es ihr passte. Also entschied Polly, dass es klug wäre, einen Grund für ihren nächtlichen Ausflug parat zu haben, wenn sie an mögliche zukünftige Gespräche zwischen Benny und ihren Eltern dachte. Sie plante, vom Haus aus ihr Handy anzurufen und ein Gespräch mit einem Freund vorzutäuschen, der zufällig kurz in der Gegend war und sie zu einem Drink einladen wollte. Nein – er wollte nicht ins Haus kommen. Sie würden sich in einer Kneipe im Dorf treffen. Diese Geschichte veranlasste Polly, laut über ihre eigene Klugheit zu lachen. Sie spülte die Cola hinunter, warf die Dose ins Gebüsch, schaute auf die Uhr und seufzte. Noch drei Stunden musste sie durchhalten. Schon verwarf sie ihre Anwandlung von vorhin, dass Friede, Ruhe und gemischte Kräuterdüfte irgendwie reizvoll sein könnten. Eigentlich war es todlangweilig. Das Landleben war Scheiße.

Sie überlegte, ob sie Bennys Radio aus ihrem Zimmer holen sollte – es lief noch immer Emma B. –, beschloss aber, dass die Sendung sie eigentlich einen Dreck interessierte. Was sie wirklich wollte, war eine nette Linie Charlie, einen Wodka Zhenya und die neuesten Aktienkurse, klickklickklick tackatatackata, unter ihren hungrigen Fingern.

Aber dann geschah etwas, das ihre Gereiztheit völlig wegwischte. Judith Parnell kam aus dem Haus gegenüber, stieg in einen alten grauen Mazda, bog rechts um die Ecke, vermutlich auf die Straße nach Causton, und fuhr davon. Polly starrte ihr mit offenem Mund nach. Die Stadt war mindestens zehn Meilen entfernt. Selbst wenn sie nur ein paar Besorgungen machen musste und dann sofort wieder zurückkam, brauchte sie mindestens eine Stunde. Und in einer Stunde – ja, da konnte sich die ganze Welt ändern.

Ruhig ging Polly auf das Haus mit dem Namen Trevelyan zu, der Teer war weich unter ihren Füßen. Langsam ging sie um das Haus herum, vorbei an Rittersporn und Schösslingen, die in der glühenden Hitze dufteten.

Die Hintertür war schwer und stabil wie eine Haustür. Auch hier gab es einen Briefkasten und einen Türklopfer aus Messing in Form einer Löwenpfote. Polly hob sie an und klopfte sehr sanft – viel zu leise, als dass es drinnen jemand hören konnte. Dann drückte sie die Klinke herunter und ging hinein.

Das Sonnenlicht verschwand, als sich die Tür hinter ihr schloss. Sie befand sich in einem winzigen Flur, von dem drei weiß lackierte Türen abgingen. Polly wartete bewegungslos einen langen Augenblick und hielt fast den Atem an. Dann rief sie leise: »Hallo?«

Aber es blieb still. Vielleicht hatte er sie nicht gehört. Trotz der intensiven Freude bei dem Gedanken an die bevorstehende Begegnung hatte Polly nichts gegen die Verzögerung. Immer wieder hatte sie davon geträumt, mit Ashley zusammen zu sein. Den kurzen Austausch eines streng überwachten Lächelns beim letzten Mal zählte sie gar nicht.

Natürlich hatte sie sich ihr Treffen ausgemalt. Hatte einige

emotionale Variationen durchgespielt, Dialoge nach Stil und Inhalt ausprobiert, überlegt, wie bald sie sich berühren würden und wie die Entschuldigung – wenn überhaupt eine Notwendigkeit dafür bestand – ausfallen würde. Eines aber wusste sie ganz genau: Ashley würde sich freuen, wirklich sehr freuen, sie zu sehen.

Und wenn es irgendwie unangenehm werden sollte – obwohl sich Polly so etwas gar nicht vorstellen konnte –, wollte sie sagen, sie sei nur gekommen, um ihn und Judith auf ein Glas Wein vor dem Essen ins Appleby House hinüberzubitten. Ganz unschuldig. Sie wusste, dass Judith ablehnen würde und nahm an, dass Ashley die Einladung als den Vorwand erkennen würde, der er war, und Verstand genug hatte, sie nicht zu verraten. Mit ein bisschen Glück könnten sie, wenn sie ging, vielleicht die Art gegenseitiger Verständigung erreicht haben, die in Zukunft solche Ausflüchte überflüssig machen würde.

Polly stieß die linke Tür auf und befand sich in einer Küche. Sie blieb nicht dort – wozu auch? Eine Küche war eine Küche. Aber sie bemerkte doch, dass alles ziemlich schäbig aussah. Die Schränke waren vor kurzem gestrichen worden, ziemlich unprofessionell. Das alles war ein wenig deprimierend, und Polly runzelte die Stirn, als sie in den Flur zurücktrat. Schäbigkeit war für sie noch unattraktiver als richtige Armut. Armut sah man einem wenigstens an und zwar ohne die schreckliche kriecherische Pseudovornehmtuerei, die von der Aufrechterhaltung des äußeren Scheins herrührte. Diese war nur erbärmlich. Eigentlich, so fand Polly, konnte Armut unter den richtigen Umständen ein echter Vorteil sein. Jeder wollte schließlich heutzutage Einfachheit. Man konnte keine Illustrierte aufschlagen, ohne irgendeine drittklassige Berühmtheit in kunstvoll zerrissene Lumpen gehüllt auf einem afrikanischen Geburtsstuhl in einem runtergekommenen Loft in Clerkenwell sitzen zu sehen.

Kurzfristig abgelenkt von der Tatsache, wie nahe sie selbst zur Zeit der absoluten Armut war, stieß Polly die zweite Tür auf und betrat jetzt ein kleines extrem vollgestopftes Wohnzimmer.

Es gab zwar Massen von Büchern auf durchhängenden Regalbrettern, aber es gab auch mehrere völlig leere Flächen. Die einst schöne Seidentapete war inzwischen verblasst und an ein oder zwei Stellen sogar leicht eingerissen. In einer Ecke war ein dunklerer Fleck, der vom Boden bis fast zur Decke reichte, wo offenbar jahrelang irgendetwas gestanden haben musste. Polly vermutete eine Standuhr und bemerkte dann andere Flecken unterschiedlicher Größe an den Wänden, wo früher wohl Bilder gehangen hatten. In der Mitte der Decke, von der eine Lampe mit einem einfachen Leinenschirm herunterhing, befanden sich mehrere Löcher, in denen noch die Dübel steckten. Polly überlegte, welche Art Beleuchtung wohl ersetzt worden war. Wahrscheinlich ein Kronleuchter. In einer großen Vitrine aus Walnussholz standen nur noch drei Gegenstände – ein silbernes Salzfass mit einem dunkelblauen Glasrand und zwei ausgesucht schöne Schäferfiguren in Watteau-ähnlichen Kostümen.

Auf der Vitrine stand eine große Farbfotografie von Ashley und Judith. Sie waren auf einem Boot, lehnten sich über die Reling und lachten in den Wind. Die Haare flatterten um ihre Köpfe, und Judiths Jacke, die lose um ihre Schultern geknotet war, blähte sich hinter ihr auf wie ein Segel. Ihr Blick war starr, ja beinahe verzehrend auf Ashley gerichtet, der aus dem Bild heraus zu dem fernen Horizont sah.

Polly, die nicht leicht zu beeindrucken war, hielt bei seinem Anblick den Atem an. Dieser lebendige Glanz seines Lächelns, diese goldbraune Haut und diese muskulösen Schultern! Was für ein Gegensatz zu seiner Gefährtin. Sprödes schwarzes Haar, ein dicker Hals und ein so dunkler und trüber Teint, dass Polly sie allen Ernstes als dunkelhäutig bezeichnen würde. Und die Frau war extrem klein, reichte Ashley kaum an die Brust. Zwergenhaft, um genau zu sein. Polly war so vertieft in die vergnügliche Betrachtung von Judith Parnells untersetzter Kräftigkeit, dass ihr fast das Herz stehen blieb, als direkt hinter ihr etwas klapperte. Sie fuhr herum, und fiel beinahe hin. Niemand war da.

Dann wurde ihr klar, dass das Geräusch von einem Faxgerät im letzten Raum unterhalb der Treppe kam, der kaum größer war als eine Hundehütte. Polly ging ein oder zwei Schritte hinein – drei wären schon zu viel gewesen – und schaute sich um. Ein Monitor mit einem kleinen Bildschirm, ein Computer mit Diskettenlaufwerk und Tastatur auf einer Art Kartentischchen. Ein älteres Modell eines Epson-Druckers, ein Becher mit Stiften und die Financial Times. Das Telefon, Anrufbeantworter und Faxgerät standen auf einem breiten Fensterbrett.

Sie überlegte, ob Ashley wohl im Bett lag. Er schlief vermutlich, sonst hätte er doch sicher geantwortet, als sie gerufen hatte. Das war es dann also. Polly würde auf keinen Fall nach oben gehen. Das wäre äußerst taktlos. Richtig krass. Das Spiel hieß Flirten, beiläufig und unbeschwert. Sie wollte Ashley umwerben, nicht zur Strecke bringen.

Aber als sie zurückging und hinaus auf einen Kiesweg trat, entdeckte sie ihn hinten im Garten beim Obst. Er hatte eine weiße Porzellanschale im Arm und pflückte Himbeeren.

Polly war echt schockiert, wie stark sie auf seinen Anblick reagierte. Trockener Hals, erhöhter Herzschlag, Übelkeit. Diese Gefühle waren ihr nicht vertraut und verunsicherten sie zutiefst. Sie bekam beinahe Angst. Sie zögerte. Bis jetzt war noch nichts geschehen. Noch konnte sie einfach weggehen – den Weg hinunter, durch das schmiedeeiserne Tor über die Straße zum Appleby House und alles vergessen. Es beenden, bevor es begann und nicht die Kontrolle verlieren. Das wäre vernünftig.

Aber Polly, die immer alles bekommen hatte, was sie wollte,

war für Vernunft schlecht ausgerüstet, ganz zu schweigen für Selbstaufopferung. Die Übelkeit ging vorüber, ein Aufwallen von Erregung trat an ihre Stelle, und sie war gerade drauf und dran, sich auf den Weg zum Obstgarten zu machen, als sie eine Bewegung wahrnahm. In Bodennähe zwischen den ersten beiden Spalierreihen war ein großer Kreis aus blauen und roten Streifen, der sich plötzlich verlagerte und sich als das hintere Ende von Benny Frayle entpuppte.

Zurück im Appleby House empfand Polly keine Dankbarkeit für das, was sich durchaus als eine besonders weise Fügung des Schicksals herausstellen konnte. Stattdessen war sie wütend auf Benny. Was in aller Welt hatte die Frau da drüben zu suchen und Ashley in Beschlag zu nehmen? Sie hatten wirklich nichts gemeinsam. Soweit Polly sehen konnte, hatte Benny mit niemandem etwas gemeinsam, außer vielleicht mit einem dieser stolpernden, stotternden, übergewichtigen Verlierer, die regelmäßig in Quizsendungen im Fernsehen auftraten, kaum in der Lage waren, die einfachsten Fragen zu beantworten und sich nur lächerlich machten.

Doch als Benny mit einer riesigen Menge köstlicher Himbeeren zurückkam, hatte sich Polly wieder beruhigt. Es gab schließlich keinen Grund zur Eile. Aufgeschoben war nicht aufgehoben und erhöhte die Vorfreude. Die Erinnerung an diesen Spruch war zugegebenermaßen vage. Einmal hatte ihr ihre Mutter ein Tagebuch mit einem Zitat auf jeder Seite geschenkt, von Shakespeare, aus der Bibel oder aus einem berühmten Roman. Damit hatte sie versucht, Polly die Schönheit von Worten und ihren Zusammenhang zu erläutern, und gehofft, so ihren Horizont zu erweitern und sie der Literatur zuzuführen. Sie hatte sogar vorgeschlagen, dass sich Polly eine Zeit lang nicht mit Zahlen beschäftigen solle. Keine Chance. Was hatte Literatur Pollys Mutter denn je gebracht? Fünfundzwanzig Jahre im Geschäft und immer noch ein jämmerliches Jahresgehalt. Polly hatte Spekulanten und Broker kennengelernt – manche kaum älter als sie selbst –, die das Jahresgehalt ihrer Mutter in einem Monat verdienten.

Und als Benny kurz darauf Weißbrot schnitt, das es zum Abendbrot mit Butter und Hering (Hering!) geben sollte, wurde Polly – die sich eben noch darüber geärgert hatte, wie langsam die Zeit verging – klar, was für eine wunderbare Gelegenheit sich plötzlich bot. Es hatte keinen Sinn, ihre Mutter über die Parnells auszufragen. Wie misstrauisch und schnippisch sie schon geworden war, als Polly nur vorgeschlagen hatte, die Parnells zu einem Drink einzuladen. Aber Benny, die die beiden kannte, seit sie in Forbes Abbot wohnten, Benny würde nicht misstrauisch sein. Und sie erzählte so gern! Alles, was Polly sagen musste, war etwas wie: »Wie nett von Ashley, dass er dir all die schönen Himbeeren gegeben hat, Ben. Das sind anscheinend schrecklich nette Leute.« Und genau das sagte Polly und hatte durchschlagenden Erfolg.

»O ja – er bringt uns doch immer Salat und Gemüse herüber, Liebes«, antwortete Benny. »Judith auch. Sie sind so nett.«

Im Verlauf des Abends erfuhr Polly mehr und mehr über die Freundlichkeit und Nettigkeit von Bennys liebsten Nachbarn. Und wie sie sich immer um Croydon kümmerten und die Post holten und auf das Haus aufpassten, wenn Benny und Carey nicht da waren. Wie Judith, als Carey ernstlich krank wurde, nach Causton gefahren war, um ihre Medizin zu holen, obwohl sie doch ihre eigene Arbeit hatte und sich um Ashley kümmern musste. Der arme Ashley, der nun schon seit Monaten krank war. Und offenbar konnte niemand herausfinden, was es war. Judith hatte alles Mögliche ausprobiert, diese Ausgaben. Und sie arbeitete so schwer.

Wenn zu viel von Judith die Rede war, und das war schon jede Erwähnung, die länger als zwei Sekunden dauerte, lenkte Polly den Plauderstrom geschickt wieder auf Ashley.

Benny plapperte glücklich weiter. Sie freute sich über die Gelegenheit. An den Abenden fühlte sie sich immer besonders einsam – die Tage ließen sich leicht ausfüllen – und sie genoss es. Und das Netteste an dem Gespräch war, wie sehr Polly sich für alles zu interessieren schien, was sie sagte. Es war wirklich herzerwärmend.

Benny schweifte ein bisschen ab und erzählte von Dennis. Hatte Polly seine Kriegsmaschinen gesehen? Sie waren wirklich erstaunlich, aber auch ziemlich Furcht erregend. Benny hatte sie nur ein Mal gesehen, und nichts auf der Welt würde sie dazu bringen, noch einmal diesen Raum zu betreten. Dann, als sie merkte, dass Pollys Interesse nachließ, begann sie mehrere Persönlichkeiten des Dorfes zu beschreiben, die alle genauso nett und freundlich und interessant waren wie die Parnells.

Polly hörte zu und konnte ihr Erstaunen kaum verbergen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Diese Frau sprach offenbar von niemandem schlecht. Wie konnte jemand heutzutage und in diesem Alter so unschuldig bleiben? Und wie in aller Welt kam sie mit dem Leben zurecht? Man traute ihr ja kaum zu, einen Brief aufzugeben.

Endlich wurde es dunkel. Polly entschuldigte sich und ging nach oben, um vom Telefon im Schlafzimmer ihrer Großtante aus ihr Handy anzurufen. Es klappte prima. Sie rannte wieder hinunter, wühlte in ihrem Rucksack auf dem Küchentisch und redete aufgeregt mit einem Freund, der extra hergekommen war. Als das Gespräch beendet war, unterbrach Polly Bennys interessierte, aber leicht ängstliche Fragen und sagte das Erste, was ihr in den Sinn kam.

»Leute, mit denen ich in die Ferien fahre, Ben. Nach Kreta übrigens. Sie wollen nur die letzten Vorbereitungen besprechen.«

6

Beinahe alle Häuser um den Marktplatz von Causton standen dort schon seit dem achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert, die meisten sogar noch länger. Das Amt für Denkmalpflege, das viel moralische und manchmal auch finanzielle Unterstützung vom British Heritage bekam, war sehr streng, was die Erhaltung historischer Details betraf. Als Fallon & Brinkley beantragten, ein schlichtes Messingschild an der mittlerweile nur noch halb historischen Tudor-Fassade der benachbarten NatWest Bank anzubringen, hatte es einige hitzige Diskussionen gegeben. Man wies Mr. Brinkley ernsthaft darauf hin, dass sich besagte Büros ja tatsächlich über der Bank und nicht daneben befanden, und ein Schild daher wohl irreführend sei. Dennis fragte mit bewundernswerter Beherrschung an, ob seine Mandanten denn sechs Meter in die Höhe springen sollten, um herauszufinden, dass sie an der richtigen Adresse waren. Trotz dieser riskanten Unverfrorenheit erhielt er schließlich die Erlaubnis. Das war natürlich schon zwanzig Jahre her. Inzwischen war der Verfall nicht mehr aufzuhalten.

Eines der Geschäfte war in eine Privatwohnung umgewandelt worden, und die neuen Besitzer hatten die Fassade limonengrün gestrichen. Aufgebrachte, vor Wut schäumende Briefe waren die Folge, doch das Paar bestand darauf, das alte Gemäuer ein wenig fröhlicher zu gestalten. Sie verstießen gegen kein Gesetz und ertrugen unbekümmert und ungerührt den emotionalen Druck, der mit Königsthronen, gekrönten Eiländern und Silberseen aufwartete. Als die Frau des Pfarrers ihnen erklärte, dass niemand, der im Ort Ansehen hatte, mehr mit ihnen reden würde, wenn sie hart blieben, verfolgte sie hysterisches Kichern bis nach St. Hubert’s Close.

Dann gab es noch Lovage und Cardoon, Kurzwarenhändler mit einem breit gefächerten Angebot, die seit den fünfziger Jahren auch feines Leinen und fleischfarbene Miederwaren an die Mittelschicht verkauften. Nachdem der letzte noch verbliebene Teilhaber endlich in den Ruhestand gegangen war, war das Geschäft von einer ganz gewöhnlichen Bäckerei übernommen worden. Die neuen Besitzer rissen die schöne alte Einrichtung aus gebeizter Eiche mit den schmalen Schüben, die eine Front aus Glas hatten, heraus, stellten billige Stühle mit karierten Bezügen und Plastiktabletts an den Armlehnen hinein und hatten dann die Stirn, das Ganze »Patisserie Française« zu taufen. Eine Beleidigung eingedenk des Gesetzes zum Schutze des Verbrauchers, rügte das Komitee für Denkmalpflege, zumal das Gebäck ungefähr so französisch war wie Colman’s Senf, und der Café Crème nicht von Bratensoße zu unterscheiden war.

Doch Mr. Allibone, der mit frischem Fisch und Wild handelte, war ein schimmerndes Juwel in der Krone der mühselig kämpfenden Denkmalpflege. Das Firmenschild seines wunderbaren Ladens war in den dreißiger Jahren von seinem Großvater, Albert Allibone, angebracht worden und bis heute unverändert. Mit einer fetten, schwarzen, verschnörkelten Schrift war der Name auf einen Untergrund, der zerknittertem Silberpapier ähnelte, geprägt. In den Schaufenstern umringten Krabben, glänzende Makrelen, Muscheln, orangefarben gesprenkelte Schollen, frischer Seeteufel und geräucherter Schellfisch einen riesigen Steinbutt. Alle zusammen lagen auf großen Eisstücken, die mit Girlanden aus echtem Seetang geschmückt waren. Das Wild wurde im Kühlhaus aufbewahrt.

Dennis liebte frischen Fisch, und bei Allibone war er frisch. Roch nach Meer, hatte leuchtende Augen und glänzende Schuppen. Ziemlich teuer zwar, aber das störte die Kunden nicht. Sie gaben sogar damit an, machten Bemerkungen wie:

»Man wäre ein Glückspilz, wenn man so eine Qualität bei Tesco finden würde. Oder so einen Service.«

Im Laden standen drei Frauen Schlange, die sich an altmodischen Weidenkörben festhielten. Geduldig begrüßte Dennis die Wartenden und stellte sich hinten an.

»Was darf es denn heute Schönes sein, Mr. Brinkley?«, fragte Brian Allibone, deutete in die Auslage und schob seinen flachen Strohhut zurück. »Zwei frische Heringe? Ein Filet vom Rochen?«

»Um ehrlich zu sein – obwohl ich etwas so Perfektes nur ungern zerstöre – am liebsten wäre mir ein Stück von dem Steinbutt.«

»Dann soll es Steinbutt sein, Sir.«

Der Fischhändler hievte die riesige Kreatur von der Marmorplatte, wischte sich die Hände an seiner blau-weiß gestreiften Schürze ab und griff nach einem scharfen Messer. Der freche Strohhut, die rosigen Wangen und der glänzende, schwarze Schnurrbart erweckten zunächst den Eindruck von jovialer Wärme und Humor. Doch seine blitzenden Augen waren kalt und seine Nase ganz weiß und spitz. Genau richtig, um in den Angelegenheiten anderer Menschen herumzuschnüffeln, sagten die Leute. Und ganz falsch lagen sie damit nicht.

»Da haben Sie neulich Abend wohl wieder lange gearbeitet, Mr. Brinkley.«

»Lange?« Dennis schien verwirrt.

»Am Dienstag, glaube ich. Ich habe zufällig aus dem Fenster geschaut, da brannte Ihre kleine Schlangenlampe noch, aber es war schon weit nach Mitternacht.«

Mr. und Mrs. Allibone wohnten über dem Laden, der Dennis’ Büro an dem kleinen, kopfsteingepflasterten Platz gegenüberlag. Man munkelte, dass seine zufälligen Blicke aus dem Fenster von einem starken Feldstecher unterstützt wurden, der genau zu diesem Zweck immer griffbereit auf dem Sessel am Wohnzimmerfenster lag.

»Das kann nicht sein.« Dennis wusste, was Mr. Allibone mit »wieder« meinte. Vor einigen Wochen war er so nett gewesen, eine ähnliche Begebenheit anzudeuten, damals war es nur etwas früher gewesen. Und letzte Woche auch einmal.

Dennis hatte vermutet, dass jemand ein Licht angelassen hatte, und sich jeden der folgenden Abende vergewissert, dass alle Lichter ausgeschaltet waren. Er hatte sogar einen kleinen Merkzettel »Licht aus?« an den äußeren Türrahmen geklebt.

»Oh – oh.« Mr. Allibone fügte schaudernd etwas Petersilie zum Steinbutt hinzu und wickelte ihn in dickes, weißes Papier. »Dunkle Machenschaften da draußen.«

Dennis beobachtete, wie sich die Nasenflügel des Mannes spannten und zuckten, als witterten sie ein Geheimnis. Das Ganze war ziemlich abscheulich.

»Ich habe … äh … eine von diesen Zeitschaltuhren«, sagte Dennis, während er einen Fünfpfundschein über den Tresen reichte und ein paar Pence Wechselgeld zurückbekam.

»Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein.«

»Ah, das erklärt es.« Mr. Allibone packte das Päckchen in eine Plastiktüte, auf der eine auf dem Schwanz tanzende Scholle aufgedruckt war. Sie trug eine Fliege und einen Zylinder und wirbelte einen Stock durch die Luft. »Dann brauche ich Ihnen ja nicht zu erzählen, wenn es noch einmal vorkommt?«

»So ist es«, sagte Dennis. Was sollte er sonst sagen? Als er den Laden verließ, erkannte er, dass die kurzfristige Befriedigung, die ihm das Bloßstellen von Mr. Allibones lüsterner Neugierde gebracht hatte, teuer erkauft war. Jetzt hatte er keine Möglichkeit mehr herauszufinden, ob das Licht nach Büroschluss noch einmal eingeschaltet wurde. Es sei denn, er saß aufs Geratewohl Nacht für Nacht in seinem Auto und wartete darauf, was natürlich lächerlich war.

Statt einzusteigen und nach Hause zu fahren, legte Dennis den Fisch in den Kofferraum und ging zurück ins Büro. Er stellte sich ans Fenster und sah zu, wie Mr. Allibone kurz vor

Ladenschluss die dunkelgrüne Markise hochkurbelte. Dann ließ er sich in den bequemen Sessel gegenüber seinem Schreibtisch fallen und dachte nach.

Erstens – und das war das Wichtigste – es war nicht eingebrochen worden. Zweitens – jemand war spät nachts in diesem unverwüsteten Büro gewesen, und das nicht nur einmal. Beim ersten Mal – beziehungsweise, als er zum ersten Mal davon erfuhr, denn Mr. Allibone konnte wohl kaum jede Sekunde nach Sonnenuntergang auf seinem Posten sein – war Dennis ziemlich verstört gewesen. Nur er selbst und Latham hatten Schlüssel, und nachdem Dennis sich davon überzeugt hatte, dass sein Ersatzschlüssel an seinem Haken in der Garage hing, fragte er Andrew, ob er vielleicht aus irgendeinem Grund noch einmal im Büro gewesen war. Doch auch als er die Daten nannte, wurde ihm klar, wie unwahrscheinlich das war. Es war schon schwer genug, den Mann ein paar Stunden am Tag ins Büro zu kriegen, geschweige denn nach Einbruch der Dunkelheit.

Andrew war ziemlich empört gewesen. Hatte erklärt, dass er und Gilda beim Wohltätigkeitsdiner für Multiple Sklerose des Lions Club gewesen waren, was ihn so ermüdet und mitgenommen hatte, dass der Anwalt der Lathams, ein Lionsbruder, sie nach Hause gefahren hatte. Dieser war noch eine Weile geblieben, hatte einen schwarzen Kaffee für Andrew gekocht und ihm ins Bett geholfen. Warum, um alles in der Welt, hatte Andrew unwirsch gefragt, hätte er da noch einmal aufstehen sollen, nur um zum Spaß im Büro zu sitzen? Wirklich, wenn man ihn fragte, war die ganze Unterhaltung eigentlich eine echte Beleidigung. Sechs Tage später, als angeblich das Gleiche wieder passiert war, waren die Lathams mit einem befreundeten Ehepaar im Theater gewesen.

Es gab kaum Bargeld im Büro. Es war allerdings möglich, dass jemand unbedingt die Einzelheiten der finanziellen Angelegenheiten eines anderen herausbekommen wollte, und in

das Büro des Finanzberaters einbrach, um nachzuschauen. Möglich, aber äußerst unwahrscheinlich und natürlich schwierig. Die Passwörter zu den Konten befanden sich, bis auf sein eigenes, auf einer Extradiskette, die im Safe aufbewahrt wurde. Und mindestens die Hälfte der Klienten waren Privatkunden, was jeden Verdacht der Industriespionage ausschloss. Privatkunden, aber ziemlich gut betucht – zwei waren Multimillionäre.

Dennis seufzte und versuchte, nicht an seinen Steinbutt zu denken, der in seinem Lexus schwitzte, statt zu Hause im Herd, zusammen mit etwas Weißwein, Sahne und einer gehackten Schalotte. Wahrscheinlich müsste er jedes einzelne Konto überprüfen, um herauszufinden, ob irgendwo etwas fehlte. Angesichts der kniffligen Passwörter hielt er dies für eher sinnlos, obwohl es wahrscheinlich unverantwortlich war, sie nicht zu überprüfen.

Er schaltete den Apple ein, wählte die Datei von John Scott-Abercrombie aus und vertiefte sich in sie.

Zwei Stunden später, als er die Daten von Harris-Tonkin (Kleinflugzeuge) überprüfte, schoss ihm plötzlich ein alarmierender Gedanke durch den Kopf. Direkt unter seinen Füßen waren die rückwärtigen Räume der Bank. Genauer gesagt, der Tresorraum. Könnte es sein, dass eine Bande von Bankräubern womöglich genau in diesem Moment damit beschäftigt war, die Lage auszuspionieren?

»Mach dich nicht lächerlich«, murmelte Dennis vor sich hin. Und dann: »Das kommt davon, wenn man Romane schreibt.« Trotzdem dachte er einen Moment lang daran, die Polizei anzurufen. Dann malte er sich die Befragung aus.

Ein Zwischenfall in Ihrem Büro, Sir? Nicht direkt ein Zwischenfall. Ein Einbruch? Nein – das heißt, jemand ist dort gewesen … Wurde etwas entwendet? Nein, eigentlich nicht. Was ist dann das Problem? Ein … äh … Bekannter hat gesehen, dass nachts Licht brannte, obwohl ich genau weiß, dass

ich es ausgeschaltet habe. Und nicht nur einmal. Verstehe. Können Sie uns den Namen der Person nennen, Sir?

Und das konnte Dennis natürlich nicht tun. Zum einen hatte er Mr. Allibone dummerweise erklärt, er hätte eine Zeitschaltuhr. Zum anderen könnte er es nicht ertragen zuzusehen, wie dem Mann vor Genugtuung das Wasser im Mund zusammenlief, wenn er Zeuge von Dennis’ Niederlage wurde.

Verdammt und zugenäht! Dennis vergrub den Kopf in den Händen und stöhnte. Er hasste, hasste, Chaos und Verwirrung. Warum musste dieser neugierige Mistkerl auch so eine beunruhigende Information weitergeben? Doch sofort wurde Dennis klar, wie unvernünftig dieser Gedanke war. Schließlich war er dankbar für seine wachsamen Nachbarn drüben in Forbes Abbot.

Der Gedanke an das Dorf, wie es still im abendlichen Zwielicht lag, beruhigte ihn. Nach Hause war die Devise. Von seinem Lieblingssessel aus, mit einem Glas Laphroaig, etwas Walnussbrot und einem schönen Stück Gloucester, würde alles ganz anders aussehen. Er könnte sich behaglich in Xenophons Schriften vertiefen. Zum Beispiel in das Werk Über die Staatseinkünfte. Darin war alles wunderbar geordnet. Alles hatte seinen Platz und alles war an seinem Platz. Und vielleicht ein Plausch mit der lieben Benny, wenn es noch nicht zu spät war. Der Steinbutt würde auf Eis bis zum Wochenende halten. Vielleicht hatte sie Lust, zum Essen zu kommen und ihn mit ihm zu teilen.

Als Dennis im Wagen hinter dem gepolsterten Lenkrad saß und noch einmal nach oben zu den dunklen Scheiben seines Büros schaute, bemerkte er, wie nah die Fenster beieinanderlagen. Die der Wohnungen links und rechts daneben zum Beispiel. Es konnte gut sein, dass der alte Allibone sich einfach geirrt hatte. Andererseits hatte er ziemlich sicher geklungen …

Genug ist genug, entschied Dennis. Und es sollte keine

weiteren Zwischenfälle mehr geben. Am Montagmorgen würde er als allererstes jemanden bestellen, der die Schlösser auswechselte.

Am selben Tag saß Judith am Küchentisch und packte Stangenbohnen in Gefrierbeutel. Ashley schnitt die Enden ab und gab das Tempo vor. Sie dachte, wie schön ist es doch, dass er immer noch im Garten arbeiten kann, was sie auch sagte, wobei sie es unglücklicherweise als Herumwerkeln bezeichnete. Er hatte sie ziemlich scharf angefahren. Er sei doch kein alter Mann, der nichts Besseres zu tun hatte. Normalerweise entschuldigte er sich immer, wenn er sie anfuhr, doch diesmal nicht, also tat sie es für beide.

Während sie immer wieder das Datum auf die Etiketten kritzelte, erinnerte sich Judith an ihre erste gemeinsame Ernte. Johannisbeeren von Sträuchern, die bereits da waren, Karotten, Spinat, und ein paar Zucchini. Keine große Ausbeute, doch sie war entschlossen gewesen, etwas einzufrieren. Nachdem sie die Etiketten beschriftet hatte, hatte sie Farbstifte gekauft und die Schildchen sorgfältig mit Früchten und Beeren bemalt. Und wie viel Spaß hatte es gemacht, Chutney herzustellen. Mit einer Zickzackschere hatte sie runde Stücke aus kariertem Stoff ausgeschnitten, die Häubchen über die Deckel gestülpt und mit Bändern festgebunden. Ashley hatte gelacht, es ihre Trianon-Periode genannt und ihr zum Spaß einen Kiepenhut von Laura Ashley mitgebracht. Zehn Jahre war das her. Und jetzt war alles nur noch langweilige Routine. Judith war froh, wenn der Sommer zu Ende war.

»Wann ist mein nächster Termin im Krankenhaus?«

»In drei Wochen. Du machst dir doch keine Sorgen, Ashley, oder?«

»Nein. Obwohl ich mir gerne Sorgen machen würde. Dann wären die Aussichten nicht ganz so trostlos.«

»Oh – sag so etwas nicht. Ich bin sicher, alles wird –«

Judith brach ab. In letzter Zeit machte sie das immer häufiger: Sie schalt ihn, weil er nicht positiver dachte oder versuchte, ihn mit Luftschlössern bei Laune zu halten. Ich klinge wie eins von diesen geistlosen Selbsthilfebüchern, dachte sie: Auch du kannst tanzen wie Darcey Bussell; aussehen wie Michelle Pfeiffer; schreiben wie Woody Allen; die Welt beherrschen.

Der Beginn dieser traurigen beängstigenden Geschichte schien so lange her zu sein. Es hatte ganz allmählich angefangen. Allgemeine Müdigkeit. Leichte Gliederschmerzen, ohne dass Ashley einen Grund erkennen konnte. Kleine Hautirritationen. Schleichender Appetitverlust. Zuerst konnte er nicht aufessen. Dann nahm er kleinere Portionen, die er schon bald auch nicht mehr aufaß. Seine Zähne fingen an wehzutun, doch der Zahnarzt fand nichts. Er fror bei jeder Temperatur unter fünfundzwanzig Grad. Sein Herzschlag verlangsamte sich.

Die Untersuchungen im Krankenhaus waren gründlich und dauerten an. Erst kamen die Bluttests, alle ohne Befund. Sein Immunsystem war nicht zusammengebrochen. Er hatte keine Anämie. Leber und Nieren funktionierten einwandfrei. Er unterzog sich einer Magenspiegelung. Einer Darmspiegelung. Einer Computertomographie (sehr unangenehm). Einer Kernspintomographie (noch schlimmer). Erst vor ein paar Tagen war wieder Blut abgenommen worden. Armer Ash.

Zusätzlich zu all dem probierten sie jede nur erdenkliche alternative Therapie unter der Sonne aus. Sie hatten alles durch, bis auf Ayurveda. Seine körperliche Verfassung besserte sich zwar nicht, aber manchmal war Ashley danach ein bisschen fröhlicher, ein wenig zuversichtlicher. Sie gaben astronomische Summen aus, nicht eingerechnet die Stunden, Tage und Wochen, die sie im Internet surften, E-Mails verschickten und erhielten, denn es gab hunderte von seltenen Krankheiten.

»Ich habe mir überlegt … Judith?«

»Entschuldige. Ich war in Gedanken woanders.«

»Meinst du, wir könnten ausgehen?«

»Ausgehen? Hm … wahrscheinlich …«

»Vielleicht in ein Café. Ein bisschen Abwechslung wäre wirklich ganz schön.«

»Natürlich können wir ausgehen.« Er musste diese vier Wände so satthaben. Warum war sie bloß nicht darauf gekommen? »Irgendwelche besonderen Wünsche?«

»Da gibt es dieses neue Hotel auf dem Weg nach Beaconsfield. Ich glaube es heißt The Peacock –«

»Nein … da möchte ich nicht so gerne hin.«

»Gut.« Ashley stellte stirnrunzelnd das Sieb mit den Bohnen beiseite. Er wartete, neugierig und besorgt.

»Sie sind da so … äh … unfreundlich.« Judith versuchte, ihre Atmung unter Kontrolle zu bringen. »Ja, ich fand sie unfreundlich.«

»Dann gehen wir woanders hin. Wie wäre es mit dem Soft Shoe Café?«

»Ein wunderbarer Name.«

»Dann gehen wir da hin.«

Judith sang: »Isn’t this a lovely day to be caught in the rain?« Plötzlich war sie glücklich. Es würde ein Ereignis sein, wenn sie miteinander ausgingen, selbst wenn sie nur in ein gewöhnliches Café in dem langweiligen, alten Causton gingen. Die Vorfreude zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Zwei gute Dinge hintereinander nach so einer langen Zeit. Das erste

war das Verschwinden der kleinen Lawson gewesen.

Judith vermutete, dass sie wieder in London war. Das letzte Mal hatte sie Polly vor ein paar Tagen gesehen, als sie aus dem Tor zum Appleby House in die milde, graue Abenddämmerung lief. Die Tasche über die Schulter geworfen, den Blick lächelnd in Richtung der ersten Sterne gerichtet. Wohin wollte sie, um diese Zeit, ohne einen fahrbaren Untersatz? Wahrscheinlich jemanden treffen. Jemanden, der nicht bis zum

Haus fahren wollte. Dann, nur ein paar Schritte weiter, hatte sie von ihrem Handy aus telefoniert. Hatte kurz gesprochen, auf die Uhr geschaut und war ins Dorf gegangen.

Die Erinnerung war so lebendig, dass Judith vor Schreck hochfuhr, als ihr eigenes Telefon klingelte. Sie stand auf, doch Ashley, der näher dran war, griff hinter sich nach dem Hörer. Er sagte: »Kate!« Wärme und Freude lagen in seinem Ausruf. Judiths Zufriedenheit löste sich auf wie Nebel über dem Meer. Am liebsten hätte sie ihm das Ding weggeschnappt.

Es war doch sowieso für sie. Irgendwas mit dem Haus. Sie streckte die Hand aus. Ashley wehrte ab.

»Wie geht es dir? Und wann kommt ihr wieder?« Er lachte, und sagte dann: »Zu lange, viel zu lange.«

»Was will sie?« Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme schrill. »Ashley?«

»Wirklich? Wir haben sie heute Morgen erst gesehen … Natürlich machen wir das. Du hättest eher anrufen sollen … Versuch, dir keine Sorgen zu machen. Ich bin sicher, es ist alles in Ordnung. Willst du mit Jude sprechen? … Schön. Wir werden nachsehen. Ja, bis bald.«

»Was wollte sie?«

»Ich wünschte, du würdest das nicht tun.«

»Was?«

»Mich unterbrechen, versuchen, mir den Hörer aus der Hand zu nehmen. Ich mag vielleicht krank sein, aber ich bin immer noch in der Lage, ein Telefongespräch zu führen.«

»Entschuldige.« Sie sollte eine Platte aufnehmen.

»Sie versuchen seit zwei Tagen, drüben anzurufen. Die Vermittlung meint, der Hörer sei ausgehängt.«

»Gut.« Judith stand auf, froh, die Bohnen Bohnen sein lassen zu können. »Ich gehe rüber und kümmere mich drum.«

Benny war erstaunt über Judiths Neuigkeit. Zusammen überprüften sie die beiden Telefone im Erdgeschoss, deren Hörer fest auf der Gabel lagen. Sonst gäbe es nur noch in Careys Zimmer ein Telefon, erklärte Benny, und das könne es nicht sein, weil nach ihrem Tod niemand mehr das Zimmer betreten habe. Das heißt, einmal sei sie selbst drin gewesen, aber nur weil sie unbedingt musste.

Als Judith merkte, dass Benny zunehmend ängstlicher und verwirrter wurde, sagte sie, die Vermittlung könnte sich ja auch geirrt haben, und vielleicht stimmte etwas mit der Leitung nicht. Aber sollten sie nicht trotzdem zur Sicherheit einmal nachschauen, ehe sie es meldeten …?

»Ich muss mitkommen«, rief Benny und bereute es sofort. Es war ein Impuls gewesen, irgendwie hatte sie das Gefühl, niemand außer ihr dürfe Careys Zimmer betreten. Doch als sie die Treppe hinaufstiegen, musste Benny sich eingestehen, wie idiotisch ihr Benehmen war. Schon bald würden Kate und Mallory hier wohnen, und dann würde sich nicht nur Careys Zimmer, sondern wahrscheinlich das ganze Haus bis zur Unkenntlichkeit verändern.

»Hier ist es.« Benny holte einmal tief Luft, dann drehte sie an dem weißen Keramikknauf und trat ein. Sie sah den Telefonhörer sofort. Er lag neben der Gabel auf dem Nachttisch.

Judith ging schnell zu Benny hinüber und legte ihr den Arm um die Taille. Hielt das volle Gewicht.

»Benny – hör doch, es ist alles in Ordnung. Komm, setz dich. Du hast sicher jemanden angerufen und vergessen, den –«

»Nein! Habe ich nicht …« Benny ließ sich von ihr zum Bett führen. »Ich war nicht hier drin …«

Sie setzte sich hin, weiß wie die Wand, mit zitternden Lippen und flatternden Händen. Wieder und wieder beteuerte sie, nicht im Zimmer gewesen zu sein, und schüttelte dabei so heftig den Kopf, dass Judith Angst hatte, sie könnte sich wehtun.

»Oje …« Judith versuchte, Benny festzuhalten und sie zur Ruhe zu bringen. Sie gab sich größte Mühe, ruhig zu bleiben, doch das war nicht einfach. Bennys Reaktion war doch maßlos

übertrieben, oder? Nächstes Mal, dachte sie, schicke ich Ash. »Soll ich dir einen Tee kochen?«

Benny antwortete nicht, aber sie blickte immer wieder zum Telefon und wurde ganz still. Als Judith nach dem Hörer griff, um ihn wieder auf die Gabel zu legen, wimmerte sie leise vor Angst. Judith seufzte, versuchte, ihren Ärger nicht zu zeigen, und ging hinunter, um Wasser aufzusetzen. Sobald der Tee fertig war, musste sie die Lawsons anrufen. Je eher sie kamen, desto besser. Judith war nicht für Benny verantwortlich. Sie hatte auch ohne hysterische alte Jungfern schon genug am Hals.

Am nächsten Morgen verbrachte Mrs. Crudge mindestens eine halbe Stunde damit, Benny zu trösten, zu beruhigen und zu beraten und war kurz davor aufzugeben. Oder, wie sie es an diesem Abend ihrem Ernest gegenüber ausdrückte: »Ich war ausgepresst wie eine Zitrone.«

»Benny, meine Liebe – du weißt gar nicht, was für ein Glückspilz du bist.« Sie leerte ihre Kaffeetasse. »Andere würden ihren rechten Arm für so ein klares Zeichen aus dem Jenseits geben.«

»Ich dachte, es wäre dieser Mörder. Aus Badger’s Drift.«

»Der ist mittlerweile über alle Berge.«

»Oder ein Einbrecher.« Benny begann wieder zu weinen und zu schniefen.

»Einbrecher stehlen Dinge. Sie legen nicht einfach den Hörer neben das Telefon und verschwinden.«

»Wahrscheinlich hast du recht.«

»Ich meine – das lohnt sich doch gar nicht für sie, dafür ins Gefängnis zu gehen. Wenn sie nur Telefonhörer abnehmen und dann abhauen.«

»Judith hat gesagt, ich muss telefoniert haben, aber das habe ich nicht, Doris. Ich war das letzte Mal kurz vor der Beerdigung in dem Zimmer.«

»Natürlich hast du nicht telefoniert. Kein Lebender hat diesen Apparat angefasst. Schade, dass du nicht gleich zu mir gekommen bist. Vielleicht waren noch Spuren aus dem Äther im Zimmer.«

»Was hättest du denn tun können, Doris?«

Doris zögerte. Ihre kräftigen Wangen nahmen eine rosa Schattierung an, und Benny sah, dass ihre Freundin tatsächlich rot wurde.

»Na ja, ich bin das, was man in telepathischen Kreisen sensitiv nennt.«

Benny wollte am liebsten fragen, sensitiv wofür, doch das erschien ihr ein bisschen unhöflich. »Und was bedeutet das genau?«

»Wir sehen Dinge.« Jetzt klang definitiv Überlegenheit in Mrs. Crudges Stimme mit. »Dinge, die andere Menschen nicht sehen.«

»Du meinst, Dinge, die nicht da sind?«

»Ich würde mir keine Gedanken über die technischen Einzelheiten machen, meine Liebe. Was zählt, ist – das Zeichen war da. Miss Lawson will Kontakt aufnehmen. Du musst nur nächsten Sonntagnachmittag mitkommen, um die Botschaft zu empfangen.«

Diesmal lehnte Benny den Vorschlag nicht sofort ab. Sie saß still da und dachte darüber nach. Sie dachte: Was, wenn Doris trotz aller modernen Erkenntnisse und Intelligenz und Wissenschaft und normalem Sachverstand recht hatte? Konnte es stimmen, dass Carey enorme Anstrengungen unternahm, Kontakt aufzunehmen und tatsächlich Zeichen oder Ähnliches hinterließ? Unvorstellbar, was das für ein Kraftaufwand war, wie viel reine Energie nötig war, um den Hörer von der Gabel zu bekommen. Sie wäre bestimmt nicht sehr erfreut, wenn Benny sich nicht einmal die Mühe machte, die Botschaft abzuholen. Ein unerträglicher Gedanke. Selbst eine körperlose Carey war eine Kraft, mit der man rechnen musste. Was, wenn Carey als Geist nach Appleby House zurückkehrte und sie verfolgte?

»Merken andere auch, dass sie … da ist, Doris?« Allein es auszusprechen, jagte Benny ein unheimliches Gefühl ein.

»Kate und Mallory zum Beispiel?«

Doris zögerte, bevor sie antwortete. Sie kannte Mallory, seit sie erwachsen war. Er war sieben Jahre alt gewesen, als sie angefangen hatte, für Carey Lawson zu arbeiten. Ein regelmäßiger Besucher in Appleby House und ein aufgeweckter kleiner Bursche, der Kuchen oder Kekse stibitzte, kaum dass sie ihm den Rücken kehrte. Oder ihre Tasche oder Schuhe versteckte und sie just in dem Augenblick wiederfand, als sie kurz davor war, vor Frustration zu platzen. Aber Doris, die keine eigenen Kinder hatte, hatte ihn immer sehr gern gemocht, denn in ihm war kein Funken Bösartigkeit. Was man von diesem schamlosen Flittchen, seiner Tochter, nicht gerade behaupten konnte. Sie war ein gehässiges, hinterhältiges Kind gewesen, und Doris war froh, als Polly alt genug war, um endlich allein zu Hause zu bleiben.

Kate hingegen mochte sie. Im Gegensatz zu einigen anderen von Careys Gästen war Mallorys Frau wirklich aufmerksam. Nie fand Doris ein Spülbecken voller schmutzigem Geschirr und angebrannten Töpfen vor, wenn die Lawsons da gewesen waren. Oder ungemachte Betten und ein schwimmendes Badezimmer mit tropfnassen Handtüchern auf dem Boden …

»Entschuldige, Ben.« Da war Doris doch in Gedanken einen Augenblick abgeschweift. Das war das Merkwürdige an der Vergangenheit: Sie war immer viel interessanter als die Gegenwart, obwohl einem die Dinge, als sie tatsächlich passierten, so langweilig vorkamen.

»Sie kommen nämlich heute …« Benny war vor Rührung überwältigt gewesen, als Judith, nachdem sie mit den Lawsons telefoniert hatte, wiederkam und ihr sagte, dass Kate am

nächsten Tag so schnell wie möglich kommen würde, und dass Mallory losfahren wollte, sobald die Schule aus war. Benny hatte Tränen der Dankbarkeit vergossen, was Judith ausgesprochen peinlich war. » … und ich frage mich, ob ich es ihnen erzählen soll. Dass Carey … äh …«

»Ein Zeichen gegeben hat?«

»Ja.«

»Lieber nicht.«

Nicht der Drang nach Exklusivität veranlasste Mrs. Crudge, Benny davon abzuraten. Sie hatte nicht den Wunsch, die Lawsons auszuschließen – ganz im Gegenteil. Nichts würde sie glücklicher machen, als wenn alle vier zusammen in die Kirche der Nahen Wiederkunft gehen würden, um spirituellen Beistand zu suchen. Aber die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass so ein Ausflug niemals stattfinden würde. Etwas trennte die Welt der Lawsons von der Welt der Kirchengemeinde. Und Mrs. Crudge war über die Jahre widerwillig zu dem Schluss gekommen, dass dieses Etwas Bildung hieß.

Oder eher zu viel Bildung. Doris hatte die Schule mit fünfzehn verlassen und sofort angefangen zu arbeiten. Sie hatte nie einen Sinn in Prüfungen gesehen und bedauerte es nicht, dass sie nie eine bestanden hatte. Für einen einfachen Menschen konnte Intelligenz manchmal durchaus ein Hemmnis sein, fand Doris. Natürlich musste jeder Mensch lesen und schreiben können. Und rechnen, obwohl das heute, mit all den Taschenrechnern und so, nicht mehr so wichtig war wie früher. Aber dann sollte auch Schluss sein. Immer weiter und weiterzumachen, führte nur zu Schwierigkeiten. Wissenschaftler, die Bomben erfanden, Ärzte, die immer das Falsche herausschnitten, Richter, die Kriminelle ungeschoren davonkommen ließen, alles so genannte gebildete Menschen.

Und dass Bildung den Horizont erweiterte … Das hatten Mrs. Crudge und ihre Mitstreiter, die nach einer neuen kosmischen Ordnung strebten, nicht erfahren. Der Verstand spottender Zyniker – und dazu gehörte heutzutage praktisch jeder, den man traf – war begrenzter als eine zugeschnappte Mausefalle. O ja, die Arbeiter für den hohen Meridian wussten sehr wohl, was es hieß, eine verfolgte Minderheit zu sein. Und doch waren diese Besserwisser, diese Eierköpfe, die wahren Verlierer, denn sie hatten die Fähigkeit verloren, an Wunder zu glauben. Sie waren vom Weg abgekommen.

»Ich glaube, Ben – wenn du dir Sorgen wegen Mallory machst, sag doch einfach, dass du mich am Sonntag zum Tee besuchst.«

»Nein, das könnte ich nicht«, sagte Benny zutiefst verlegen.

»Das wäre eine Lüge.«

»Nein, wäre es nicht!« Doris erhob sich und griff nach ihrem Mantel, der, trotz des warmen Tages, aus leichter Wolle war. »Genau das tun wir nämlich nach dem Gottesdienst – wir trinken zusammen Tee.«

»Wahrscheinlich hast du recht.«

Obwohl Benny zurückhaltend klang, sogar ein wenig ängstlich, hatte sie eigentlich schon entschieden, dass sie hingehen würde. Wenn irgendetwas Dramatisches geschah, war ihre Freundin da, und sie war umgeben von Menschen, so dass ihr nichts Böses passieren konnte. Und wenn nichts geschah, würde sie das Ganze als kleines Abenteuer betrachten und das Buffet genießen.

Benny seufzte und wünschte, sie wäre ein »kleines bisschen frecher«, wie Doris es zweifellos nennen würde. Sie hatte lange, wenn auch nicht gut geschlafen, war nur mit einem trockenen Mund, leichten Kopfschmerzen und einem allgemeinen Gefühl von Benommenheit aufgewacht. Judith hatte ihr Ashleys Schlaftabletten angeboten, die Benny abgelehnt hatte, mit der Begründung, sie könnten für sie gefährlich sein, weil sie für jemand anders verschrieben waren.

Darauf war Judith richtig aufdringlich geworden und hatte gesagt, sie könne Benny unmöglich in diesem Zustand allein

lassen, sie, Judith, müsse schließlich morgen arbeiten, habe einen kranken Mann zu versorgen und brauche ihren Schlaf genauso, wenn nicht noch mehr als Benny. Da hatte Benny kleinlaut zwei Tabletten geschluckt und wünschte sich jetzt, sie hätte es nicht getan.

Nachdem Doris gegangen war, stand Benny langsam auf, wusch die Kaffeetassen ab, bezog dann die Betten in Kate und Mallorys Zimmer mit frischer Bettwäsche und legte Lavendelsäckchen unter die Kopfkissen. Sie hatte keine Ahnung, wann Kate kommen würde, und beschloss, falls sie schon zum Lunch kam, im Spar ein frisches Krustenbrot zu kaufen.

Sie brauchte beinahe zwanzig Minuten für die vierhundert Meter, denn Benny musste mit jedem Zweibeiner, der ihr begegnete ein Schwätzchen halten und jeden Vierbeiner streicheln. Im Laden gab es einen wirklich schönen Knochenschinken. Benny erstand ein halbes Pfund davon für Sandwiches, kaufte ein paar Pfirsiche und eine Rolle Küchenpapier mit aufgedruckten Apfelblüten. Dann griff sie nach der Times, bahnte sich ihren Weg zur Kasse und entdeckte den lustigsten, kleinen Gegenstand, den man sich denken kann. Ein Stück Seife in Form eines Highland-Terriers, veilchenfarben und nach Veilchen duftend. Zusammen mit einem Schwamm in Form eines Knochens, ebenfalls veilchenlila. Der Knochen hatte ein winziges Halsband aus echtem Leder, an dem ein Schild hing, auf dem die Worte »Von« und »Für« standen. Man musste es nur noch ausfüllen.

Benny hatte das Gefühl, sie schuldete Judith ebenso sehr eine Entschuldigung dafür, dass sie am vergangenen Abend so anstrengend gewesen war, wie ein Dankeschön für ihre freundliche Hilfe. Sie würde auf dem Heimweg bei ihr vorbeigehen – inzwischen waren sie bestimmt mit dem Frühstück fertig – und mehr noch, sie würde ihr den Terrier als Geschenk mitbringen!

Judith schien ein wenig erstaunt über die Seife und den Schwamm. Sie gab beides direkt an Ashley weiter und sagte:

»Sieh mal, was Benny uns mitgebracht hat.«

»Wie hübsch.« Er lächelte und nahm die Schachtel. »Bleib doch und trink einen Tee mit uns, Ben. Da drüben ist es bestimmt ein bisschen einsam.«

»Wenn du meinst …« Was für eine herzliche Begrüßung. Benny strahlte abwechselnd die beiden Parnells an und machte es sich glücklich am Fenster bequem. Sie hatte gerade angefangen, ihnen von Croydons letztem Abenteuer zu erzählen – aus purer Gefräßigkeit und voller Vertrauen war er in den Fischteich gefallen –, als Judith mit einem Aufschrei aufsprang: »Mein Fax! Entschuldigt mich …«

»Ich finde die Vorstellung furchtbar, unter Wasser zu sein«, sagte Ashley. »Ich hatte schon immer Angst zu ertrinken.«

»Ich auch.« Aus Bennys Mund klang es, als sei es der lustigste Zufall überhaupt. Sie hatte auch Angst davor, entführt zu werden, vom Himmel zu fallen und von Taranteln gebissen zu werden, die, wie sie wusste, regelmäßig in Bananenkisten zu finden waren. »Deswegen esse ich nie welche. Und gehe nicht segeln.«

Ashley bot Benny ein Croissant an. »Es sind genug da. Und etwas Kirschmarmelade.«

»Du hast drüben eine neue Freundin gewonnen«, sagte Benny, während sie das Croissant nahm und mit Butter bestrich. »Polly hat neulich Abend die ganze Zeit von dir geredet. Alle möglichen Fragen gestellt.«

»Wirklich?«

»Sie ist so ein nettes Mädchen. So verständnisvoll.«

»Ich habe sie nur einmal getroffen, aber sie war … reizend.« Ashley rückte die Decke über seinen Knien zurecht, dann warf er sie mit einer abrupten, ungeduldigen Bewegung ganz weg. »Ich kann das Kompliment nur zurückgeben. Weißt du, wann sie wiederkommt? Wird sie auch hier wohnen, wenn

ihre Eltern umziehen? Und was ist mit Freunden – sie muss doch jede Menge Freunde haben – gibt es jemand Besonderen?«

»Neulich hat jemand noch spätabends angerufen, und schon war sie weg. Junge Leute …« Benny seufzte und schüttelte den Kopf, so verwirrt, als spräche sie über junge Dinosaurier. Dann sagte sie: »Ich weiß, dass es unhöflich ist, etwas Persönliches zu sagen, und ich hoffe, du verzeihst mir, aber du siehst heute so viel besser aus, Ashley.«

Benny war nicht nur höflich. Ashleys Lippen hatten ein wenig Farbe, seine Augen leuchteten und seine Wangen schimmerten rosig.

»Findest du?« Obwohl er es selbst nicht bemerkt hatte – wenn irgend möglich vermied es Ashley seit einiger Zeit, in den Spiegel zu schauen –, hatte er plötzlich das Gefühl, es könnte stimmen. Und neulich, als er mit Kate in der Küche geschwatzt hatte, hatte er sich auch richtig wohl gefühlt. Er sollte mehr unter die Leute gehen. Es war nicht gut für ihn und Judith, hier rund um die Uhr eingesperrt zu sein. Er fragte sich zum ersten Mal, ob seine Krankheit vielleicht psychosomatisch war.

»Hör mal, ich habe eine Idee. Wenn Polly das nächste Mal kommt, müssen wir zusammen essen – nur wir vier –, damit Judith und ich sie besser kennenlernen können.«

»Ja – das klingt herrlich.«

»Vielleicht kannst du mir ihre Adresse in London geben? Und wir können einen Termin machen.«

»Ich bringe sie dir gleich rüber.« Das Leben, dachte Benny, wird von Minute zu Minute interessanter.

»Judith hat bald Geburtstag. Wir könnten ein Fest machen.«

»Eine wunderbare Idee«, rief Benny.

»Nur …« Ashley legte einen Finger auf die Lippen und sprach ganz leise: »Ich möchte gerne, dass es eine Überraschung wird.«

»Ich verstehe.« Auch Benny senkte die Stimme. »Ich schweige wie ein Grab.«

Judith saß in ihrem dunklen Kabuff und lauschte. Wunderte sich über den plötzlichen Wechsel zu flüsterndem Gemurmel. Natürlich war gar kein Fax gekommen. Sie hatte es da drin nur nicht mehr ausgehalten. Eine Minute mehr von Bennys munterem naiven Enthusiasmus und sie hätte geschrien. Und diese scheußliche Seife …

Jetzt lachten sie. Sie konnte sich nicht erinnern, wann Ashley das letzte Mal laut gelacht hatte. Es war ein kräftiger Klang, der sie an alte Zeiten erinnerte. Wie schaffte diese dumme Kuh, was ihr selbst so selten gelang? Ashley zum Lachen zu bringen? Aber sie ließ sich nicht ausschließen. Judith fuhr ihren Computer herunter und wollte gerade wieder in die Küche gehen, als das Telefon klingelte. Sie griff nach dem Hörer, und ihr stummer Groll war vergessen. Es war die Sprechstundenhilfe ihres Arztes. Ob Mr. Parnell am nächsten Dienstag um 16.30 Uhr kommen könnte? Über den Grund gab sie nur vage Auskunft. Judith erwartete nichts anderes. Sprechstundenhilfen taten immer so, als wüssten sie gar nichts. Wahrscheinlich ging es um die Ergebnisse der letzten Blutuntersuchung. Plötzlich hatte Judith einen trockenen Mund. Sie eilte hinaus, um es Ashley zu erzählen.

7

Die Hälfte vom Nachmittag des 20. Juli, dem letzten Tag seiner letzten Woche an der Ewan Sedgewick Comprehensive School war bereits vorüber, und Mallory versuchte, sich seine Euphorie nicht anmerken zu lassen. Das wäre nicht nett gewesen. Er wusste, dass es keinen Lehrer an der Schule gab, der ihn nicht beneidete. Oder dem nicht deutlich bewusst war, dass sich Mallory seinen Ruhestand nicht ehrlich verdient

hatte. Wie ein verdammter Lottogewinn, hatte er einmal seine Sekretärin murmeln hören, und im Prinzip musste Mallory ihr recht geben. Nur dass er etwas noch viel Wichtigeres als Geld gewonnen hatte – er hatte seine Freiheit gewonnen.

Er war in seinem Büro und befreite die Wände von Postern, Stundenplänen, Listen von Sportveranstaltungen – runter und weg damit! Termine, die er sich einst merken musste und nun für immer vergessen durfte. Er hob seinen schweren Tischkalender hoch, ließ die mit Terminen vollgeschriebenen Seiten grimmig an seinem Daumen abrollen, und sieben Monate Unglück zogen vorbei. Elternbesprechungen, Lehrerkonferenzen, Mitarbeiterbesprechungen, Gewerkschaftsbesprechungen, Schulbeiratsbesprechungen; Besprechungen mit der Polizei, Bewährungshelfern, Hausmeistern, Wartungspersonal, Essenslieferanten, der Verwaltung.

Als er drauf und dran war, das verhasste Buch in den Müll zu werfen, wurde Mallory plötzlich von einem ausgelassenen, kindischen Zerstörungswillen gepackt. Er drehte die Spirale auseinander, zerrte die Seiten packenweise heraus, zerriss sie mehrmals und warf die Fetzen wie Konfetti in die Luft. Mitten in dieser lächerlichen Aktion hielt er inne. Plötzlich wurde ihm die Sinnlosigkeit seines Tuns bewusst und machte ihn traurig.

Nur noch vierzig Minuten. Natürlich musste er die Zeit nicht absitzen. Eigentlich hätte er überhaupt nicht zu kommen brauchen und tatsächlich hatte er den Eindruck, dass man im Sekretariat überrascht war, ihn zu sehen. Aber durch einen seltsamen Gefühlswandel entschied sich Mallory, jetzt, wo er frei entscheiden konnte, bis zu dem nun gar nicht mehr bitteren Ende in der Ewan Sedgewick School zu bleiben.

Er versuchte, nicht allzu sehr zu bedauern, dass die Feier, die er mit Kate für heute Abend geplant hatte, ausfallen musste. Natürlich mussten sie nach Forbes Abbot, wenn Benny krank war. Aber er hatte sich so darauf gefreut.

Sie hatten fast drei Jahre nicht mehr bei Riva’s gegessen, ihrem Lieblingsrestaurant. Das letzte Mal an Mallorys Geburtstag, aber da war er so müde und fertig gewesen, dass selbst das köstliche Essen, die diskrete Bedienung und die schöne Umgebung nichts genützt hatten. Wie anders wäre es diesmal gewesen.

An diesem Punkt seiner Erinnerungen klingelte das Telefon. Er wollte nicht rangehen. Was konnte es mit ihm zu tun haben? Er war von allen Pflichten befreit, hatte sich von der Hand voll Menschen verabschiedet, bei denen er bedauerte, sie nicht mehr wiederzusehen, und mit Sicherheit erwartete ihn keine Überraschungsparty hinter den Kulissen. Warum also den Hörer abnehmen?

Hinterher überlegte er, was anders gewesen wäre, wenn er gleich nach Hause gegangen wäre. Das Klingeln einfach ignoriert hätte, den Mantel angezogen und weg. Auf lange Sicht gesehen wahrscheinlich nicht viel. Die Dinge hätten sich verzögert, das wäre alles. Das Ergebnis wäre dasselbe gewesen.

»Hallo?«

Der Hörer gab einen sonderbaren, erstickten Laut von sich.

»Wer ist da?«

»Ahh …«, Weinen, Schluchzen. »Dad …«

»Polly? Polly …«

»Ich bin in solchen, solchen … Schwierigkeiten.«

»Wo bist du?«

»Zu Hause. O Daddy … bitte komm …«

»Was ist los?«

»Komm einfach.«

»Okay, okay! Ich fahre gleich los. Hör zu – geh nicht – ich meine – bleib wo du bist, ja? Ich brauche vielleicht – der Verkehr …«

»Sag niemandem was, bitte! Niemandem.«

»Nein, mach ich nicht.«

»Versprich es!«

Natürlich hatte er es versprochen, bevor er wie ein Irrer hinausgerast war und sich ins Auto geworfen hatte. Er fuhr los, streifte dabei den metallenen Torpfosten, bis ihm plötzlich klar wurde, dass er nicht gefragt hatte, welches Zuhause sie gemeint hatte. Vielleicht hatte sie aus ihrer Wohnung in Dalston angerufen, die meilenweit von Parsons Green entfernt lag. Was, wenn sie jetzt dort wartete, völlig außer sich, und durch das Fenster nach ihm Ausschau hielt?

»O Gott!« Bereits im dichten Stau wählte er die Nummer von zu Hause auf seinem Nokia. Als niemand abhob, rief er die Nummer in Pollys Wohnung an. Nichts. Mallory verfluchte sich, dass er so kopflos losgerast war. Wenn er nur ein paar Minuten gewartet hätte, um nachzudenken, hätte er vielleicht den letzten Anrufer erfragen können. Aber andererseits, wenn sie sowieso nicht abnahm …

Immer wieder ging er die kurzen Sätze in seinem Kopf durch. Ja, sie war furchtbar durcheinander. Ja, sie hat geweint. Angst? Er war sich nicht sicher, vielleicht weil er Polly in ihrem ganzen Leben noch nie ängstlich gesehen hatte. In diesem Moment fiel ihm zum ersten Mal ein, dass sie möglicherweise nicht allein gewesen war. Dass sie vielleicht von jemandem gezwungen worden war anzurufen. Jemand, der sie bedrohte. Vielleicht hatte sie einen Einbrecher ertappt, der gerade das Haus auseinander nahm … Der bloße Gedanke machte Mallory wahnsinnig. Er fing an, sein Entsetzen in Worte zu fassen, formulierte Drohungen, murmelte Obszönitäten. Dann hämmerte er auf das Armaturenbrett und tat sich an der Hand weh.

Zwei Frauen blieben auf dem Bürgersteig stehen, beugten sich hinunter und starrten ihn durch das Autofenster an. Eine von ihnen formte mit den Lippen etwas wie »Geht es Ihnen nicht gut?« Die andere fing an zu lachen. Die Schlange bewegte sich langsam vorwärts.

Mallory zog die Luft ein und versuchte, sich auf den Verkehr

zu konzentrieren. Er war ein vernünftiger Mann, er musste vernünftig denken. Versuchen, das, was er tatsächlich wusste, von der brodelnden Masse schrecklicher Bilder zu trennen, die drohten, sein Gehirn zu sprengen. Sich auf die Fakten konzentrieren. Seine Tochter war verzweifelt und in irgendeiner Notlage. Sie war zu Hause und mit hoher Wahrscheinlichkeit allein. Er würde bald bei ihr sein, und zusammen würden sie die Sache regeln. Noch ein paar tiefe Atemzüge.

Als er in seine Straße einbog, war er etwas ruhiger. Ein Gefühl, das sofort verschwand und augenblicklich einem Angstschwall Platz machte, als er sah, dass beide Seiten der Cordwainer Road Stoßstange an Stoßstange zugeparkt waren. Er zögerte, wurde aber von ärgerlichem Hupen hinter sich weitergedrängt. An der Ecke stand eine rot-weiß gestreifte Hütte, die die Bauarbeiter zum Aufbohren des Asphalts brauchten, wodurch sich die Straße zu einer Spur verengte. Also auch kein Parkplatz. Er bog in die Elmstone Road – hoffnungslos. Ebenso in der Harbiedown Road, dort standen auch noch die Schuttcontainer. Verzweifelt stellte er den Wagen schließlich vor einer Garage ab, auf der dick geschrieben stand: »Parken strengstens verboten!«

Polly öffnete die Tür und starrte ihren Vater erstaunt an. Mallory stand schwitzend und keuchend in der Tür, hielt sich die Seite gegen quälendes Seitenstechen und konnte kaum sprechen.

»Dad?« Sie streckte den Arm aus und half ihm herein. »Um Gottes willen, was hast du gemacht?«

»Gerannt … ich bin gerannt.«

»Warum?«

»Es geht mir gut.« Sie hatte Mühe, sein ganzes Gewicht zu halten. »Ehrlich.«

»Warum bist du gerannt?«

»Aus Sorge.« Mallory lehnte sich gegen das Treppengeländer

und fühlte, wie seine Knie vor Angst nachgaben. Er atmete einmal krächzend aus, und das tat wirklich weh. Langsam wurde seine Atmung weniger mühsam. »Du klangst so …«

»O, Dad.« Sie umarmte ihn wieder. Einen Augenblick lang schwankten sie unbeholfen und verloren fast das Gleichgewicht. »Hier, komm her und setz dich hin.«

Das Wohnzimmer, in seinen wilden Vorstellungen halb verwüstet oder zumindest sehr chaotisch, sah aus wie immer. Schwache Strahlen der Nachmittagssonne verteilten sich über die Möbel, und der Staub wurde sichtbar. Streiften eine Vase mit verwelkten Rosen. Mallory steuerte auf das Sofa zu, und Polly half ihm dabei, als sei er ein Invalide.

»Ich mach dir einen Drink –«

»Nein, nein! Erzähl’s mir Polly, um Gottes willen!« Mallory sah sie aufmerksam an. Es gab keine Spuren von

Tränen. Es rührte ihn, dass sie ihr Gesicht gewaschen und abgetrocknet und sich Mühe gegeben hatte, ihren Schmerz zu überwinden. Jetzt wirkte sie ruhiger als er. Aber während er sie ansah, verdunkelten sich ihre Augen, ihre Lippen fielen herunter, wurden schlaff und begannen zu zittern. Sie presste sie so kräftig zusammen, dass sie fast verschwanden. Mallory streckte den Arm aus und ergriff ihre Hand.

»Erzähl mir, was los ist, Poll.«

Und so erzählte sie es ihm. Wie sie von einer Gruppe von Haien, die sie für Freunde gehalten hatte, zum Spekulieren an der Börse verführt worden war. Wie sie gewonnen und gewonnen und dann nur noch verloren hatte. Und wie sie die Chance hatte, alles wieder zurückzugewinnen und noch viel mehr dazu, weil überall geflüstert wurde, dass diese neue Internetfirma ganz groß rauskommen würde. Aus Angst, von dieser großartigen Gelegenheit ausgeschlossen zu werden, hatte sie sofort zugegriffen, als ihr der Banker der Gruppe einen Kredit anbot. Er war sicher, dass das Gerücht stimmte, und er hatte immer recht.

»Ehrlich, Dad, der Typ ist noch keine dreißig, und er ist so reich und hat mit nichts angefangen. Er hat einen Vertrag aufgesetzt. Ich habe unterschrieben, und ein paar Wochen lang war alles okay – nichts Großes, aber die Aktien schienen ziemlich stabil zu sein –, und dann ist über Nacht einfach alles zusammengebrochen, und ich habe alles verloren.

Und dann habe ich das Kleingedruckte gelesen. Fünfundzwanzig Prozent Zinsen, weil ich keine Sicherheiten hatte. Das war vor drei Monaten und die Zinsen sind inzwischen fast so hoch wie die Schulden. Er …äh … hat einen anderen Ausweg vorgeschlagen, aber das konnte ich einfach nicht. Er ist wie eine Nacktschnecke – so schleimig widerlich, so schmierig …«

»Auf keinen Fall darfst du so was machen!« Blinde Wut stieg in Mallory auf. Hass auf den unbekannten Mann, das Bedürfnis, ihn am Hals zu packen, zuzudrücken, ihn zu schütteln, zu würgen und zu erdrosseln. Gott! Was für ein Bastard.

»Daddy, du tust mir weh.«

»Entschuldige.« Er ließ ihre Hand los. »Entschuldige, Liebes.«

»Und jetzt häuft sich immer mehr an. Er ist wie diese finsteren Immobilienhaie. Man leiht sich fünf Pfund und bevor man sich dreimal umdreht, schuldet man ihnen fünfhundert.«

»Wie viel hast du dir geliehen, Polly?«

»Zehn.«

»Zehntausend?!«

Polly ließ den Kopf hängen. Ihre Haare fielen nach vorn, ein dicker Vorhang schwarzer Locken.

»Und wie viel ist es jetzt?«

»Fast sechzehn.«

»Das ist unglaublich.« Mallory sog vorsichtig die Luft ein und stieß einen langen verzweifelten Seufzer aus. »Hast du mit irgendjemandem darüber gesprochen?«

»Mit wem denn?«

»Gibt es an der LSE nicht eine Beratung …«

»Ich brauche keinen Rat«, schrie Polly. »Ich brauche das verdammte Geld!«

Sie brach in Tränen aus, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und wiegte sich langsam vor und zurück.

»O Gott!«

»Ich dachte, du verstehst mich.« Ihre Stimme war gedämpft. Tonlos und matt, als liefe die Diskussion schon stundenlang und alle seien zermürbt. »Ich dachte, du hilfst mir.«

»Das tue ich – das werde ich. Ich wünschte nur, du wärst früher zu mir gekommen.«

»Konnte ich nicht. Nicht bei dem, was du durchgemacht hast.«

»Der Gedanke, dass du so eine Last ganz alleine trägst …« Mallory erinnerte sich plötzlich an den Streit über Pollys

Wohnung, der nun schon einige Wochen zurücklag. Der Streit war durch Bennys Anruf mit der Nachricht von Careys Tod unterbrochen worden. Dafür hatte sie damals das Geld also gebraucht. Er erinnerte sich an Kates Vorsicht; an ihre argwöhnischen Zweifel. Und sie hatte recht gehabt. Allein die Anerkennung dieser Tatsache verursachte bei ihm schon das Gefühl, Polly gegenüber illoyal zu sein.

»Darum war ich auch so total erleichtert, als Tante Carey mir all diese Aktien hinterlassen hat. Aber verstehst du nicht, Dad, wenn ich noch zehn Monate länger warten muss, ist das einfach erdrückend. Dann ist davon kaum noch was übrig.« Polly sah ihren Vater direkt an, ihre Augen schwammen in unvergossenen Tränen. »Du kennst Dennis schon dein ganzes Leben. Wenn du ihn fragst, ob er nicht ein Mal, als besonderen Gefallen, eine Ausnahme machen könnte, tut er das bestimmt.«

»Polly –«

»Ich will ja nicht alles – nur genug, um die Schulden zu bezahlen.«

»Wir brauchen Dennis nicht zu fragen.«

»Das verstehe ich nicht.« Polly schien leicht verwirrt. Sie hielt Mallorys Blick stand, wobei ihr Blick klar und glänzend war. Sie hatte sich auf diesen Augenblick vorbereitet, seit sie in Dennis’ Büro herausgefunden hatte, wer tatsächlich die Kontrolle über ihre Erbschaft hatte.

»Dein Erbe ist Teil des Lawson-Besitzes. Und der wurde voll und ganz mir überschrieben.«

»Ich kann es nicht … was?« Polly sah ihn ungläubig an, ihr hübscher Mund weit geöffnet. Dann lachte und weinte sie gleichzeitig. Warf die Arme um Mallorys Hals und durch-nässte sein Jackett mit Tränen. »Dann ist alles gut.«

Mallory strich ihr verlegen über die Haare. Nach einer Weile setzte sich Polly zurück, wischte sich das Gesicht an ihrem T Shirt ab und schaute ihn mit großem Ernst an. Sie runzelte die Stirn, dann richtete sie sich auf, als hätte sie einen Entschluss gefasst.

»Ich habe es für dich getan, Daddy.«

»Was?«

»Du warst in dieser scheußlichen Schule eingesperrt wie in einem Irrenhaus. Es war so grausam. Ich habe gesehen, wie es dich zerstört hat. Und alles nur, weil kein Geld da war.«

»Das ist jetzt vorbei.«

»Einmal bin ich vorbeigekommen, und du sahst richtig wild aus. Du hast mich angestarrt, als wüsstest du gar nicht, wer ich bin. Weißt du noch?«

Mallory schüttelte stumm den Kopf.

»Ich hatte Angst, dass du aus Verzweiflung irgendetwas anstellst. Und das hätte ich nicht ertragen. Niemals.« Sie ballte die Fäuste und schlug damit fest auf die Armlehnen ihres Sessels. »Diese Arschlöcher verdienen unverschämt viel Geld. Brauchen nur mit dem Finger zu schnippen. Und ich dachte, warum soll mein Dad davon nicht etwas abkriegen?«

»O, Polly!« Mallory konnte vor Rührung kaum sprechen.

So viel wirbelte in seinem Kopf herum. Bewunderung für seine Tochter, für ihren Mut, all dies schweigend mit sich herumzutragen. Abscheu und Ekel für diesen Unbekannten, der es gewagt hatte, gewagt hatte, Polly zu erpressen, damit sie mit ihm ins Bett ging. Vor allem aber Freude und Dankbarkeit angesichts dieses Zeichens, wie sehr seine Tochter ihn liebte. Natürlich hatte er sie immer geliebt. Die meisten Eltern lieben ihre Kinder, das gehört dazu. Und die Kinder, dachte Mallory, lieben uns, solange sie klein sind. Das müssen sie, denn wir sind ihre Lebensader. Aber wenn sie erwachsen sind und keinen Grund mehr haben, uns zu lieben, und uns immer noch lieben, mein Gott, sind wir dann nicht Glückspilze?

»Daddy?«

»Entschuldige – ja, Poll.«

»Wie lange … ich meine, wann könntest du …«

»Bald. In ein paar Tagen.«

»Und könnte ich es in bar haben, bitte?«

»Bar?«

»Einen Scheck könnte er einfach behalten. Nicht einlösen, meine ich. Der Himmel weiß, dass er das Geld nicht braucht. Und dann hat er immer noch die Kontrolle über die Situation.«

Das war nicht der wahre Grund. In Wirklichkeit konnte Polly es einfach nicht erwarten, Slaughter das Geld in sein verblüfftes Gesicht zu werfen. Ihm eine riesige Faust voll Geld in sein nasses, geiferndes Maul zu stopfen. Es seine behaarten Nasenlöcher hinaufzuschieben. Es ihm in den Gürtel seiner obszön großen Hosen zu stopfen. Aufgeregt und in triumphierender Erwartung fing Polly an zu lachen. Die Vorstellung war so lebendig, als wäre es bereits geschehen. Slaughters Reaktion hatte darin keinen Platz. Ohne Macht war Billy Slaughter plötzlich ein Nichts.

Mallory war aufgestanden und zum Fenster gegangen. »Ich rufe jetzt lieber deine Mutter an …«

»Nein!« Polly sprang auf. In plötzlicher Hektik rannte sie durch das Zimmer und griff nach dem Telefon. »Das darfst du nicht.«

»Sie erwartet mich.«

»Okay, aber … ich meine, hiervon erzählst du ihr nichts, ja, Daddy? Versprichst du es?«

»Das kann ich nicht machen.«

»Es geht sie nichts an.«

»Sie ist deine Mutter, Polly.«

»Sie versteht das nicht – es ist ihr egal.«

»Das ist Unsinn.«

»Sie hasst mich.«

»Sie hasst dich überhaupt nicht.«

»Jetzt wirst du wütend«, weinte Polly, hängte sich wie ein Kind an Mallorys Arm und versuchte, nach dem Telefon zu greifen. »Siehst du, sie drängt sich schon wieder zwischen uns.«

»Das bildest du dir alles nur ein.«

»Wirklich? Denk doch dran, wie sie sich gefreut hat, als ich ausgezogen bin.«

Mallory sagte wieder: »Das ist Unsinn«, aber noch während er es aussprach, dachte er daran, wie Kate sich verändert hatte, seit Polly fort war. Obwohl er damals ganz von seinem selbst verschuldeten Unglück beherrscht war, hatte er doch bemerkt, wie sie nach und nach fröhlicher wurde. Sie bewegte sich langsam, verbrachte auch mal Zeit damit, tatenlos, aber oft mit einem Lächeln auf den Lippen herumzusitzen. Sie war mehr zu Hause, gab sogar ein paar Abendkurse auf, von denen sie immer gesagt hatte, dass sie sie auf keinen Fall versäumen wolle. Ja, sie war glücklicher, seit Polly das Haus verlassen hatte.

Polly beobachtete ihren Vater nicht ohne Zuneigung. Er war so durchschaubar. Mit feierlichem Ernst sagte sie: »Siehst du?«

»Ich ›sehe‹ gar nichts!«

»Das wird sie mir ewig unter die Nase reiben. Wie kann ich dann unter solchen Umständen je zu Besuch kommen?«

»Was meinst du damit?«

»Ach, schau nicht so entsetzt, Dad.« Sie ließ das Telefon los und stellte es wieder auf den Tisch. Und lächelte ihn beruhigend an. »Wir sehen uns weiterhin. Wir treffen uns zum Mittagessen in der Stadt und so …«

Mallory sagte mit einem Kloß im Hals: »Das ist deiner nicht würdig, Polly.«

»So wird es sein. Ich habe diese Familienstreitereien satt. Und dieser wird nie aufhören.«

Vielleicht hatte sie recht. Mallory fand zwar nicht, dass Kate von Natur aus kritisch war, aber zweifellos würde sie sich die Geschichte nicht nur anhören und es dabei belassen. Es würde Fragen geben; sie wäre genauso wütend wie er. Sie würde den Namen des Mannes wissen wollen, vielleicht versuchen, ihn zu treffen. Was bedeutete, dass noch eine Person in diese Affäre hineingezogen würde. Eigentlich zwei, denn wenn Kate sich einmischte, würde Mallory sich auch nicht mehr raushalten können. Langsam wählte er die Nummer von Appleby House.

»Hallo, Liebling … ja, alles okay. Ich komme nur ein bisschen später … ach, in letzter Sekunde gab es doch noch mehr zu tun als erwartet. Es sind immer wieder Leute gekommen, um … sich zu verabschieden, du weißt schon. Mir alles Gute wünschen …«

»Rufst du von zu Hause an, Mal?«

»Hm. Entschuldige, was?« Mallory erinnerte sich jetzt, dass er am Morgen schon alles ins Auto gepackt hatte, damit er direkt von der Arbeit nach Forbes Abbot fahren konnte. Kate hatte ihm dabei geholfen.

»Zu Hause …?«

»Ich kann den Presslufthammer hören.«

»Ach so. Ja. Von zu Hause, ja. Ich habe etwas vergessen.«

»Was denn?«

»… ein paar Bücher. Pass auf … du und Benny, ihr esst jetzt. Ich komme, so schnell es geht.«

Er legte auf und sah durch den Raum zu Polly hinüber. Sie stand ganz still da, mit gesenktem Kopf. Ihm fiel auf, dass ihre Füße ein klein wenig nach innen gedreht waren, und ihn durchfuhr eine plötzlich schmerzliche Erinnerung. Genauso hatte sie als Kind immer dagestanden, wenn sie nach einem längeren Streit oder einer Diskussion endlich ihren Willen durchgesetzt hatte. Ein weniger feinfühliges Kind würde sich freuen, sogar triumphieren. Polly nicht. Sie triumphierte nie. Sie lächelte nur, zuckte die Achseln, murmelte etwas mehr oder weniger Unverständliches und stahl sich leise davon.

»Danke, Daddy, das vergesse ich dir nie.«

»Es dauert ein paar Tage, bis das Geld überwiesen wird.«

»Okay, gut.«

»Und es ist nur zur Deckung deiner Schulden, Polly. Bitte mich nicht um mehr.«

»Mach ich nicht, mach ich nicht«, rief Polly, und in diesem Moment wurde ihr schlagartig klar, wie dumm es gewesen war, den richtigen Betrag zu nennen.

Kate hatte die Speisekammer und die Kühltruhe geleert, bevor sie nach Forbes Abbot gefahren war, was eigentlich unnötig war. Auf dem Weg lagen eine Menge Supermärkte, und ohnehin wäre es das Vernünftigste gewesen, erst zum Haus zu fahren und nachzusehen, was gebraucht wurde, und dann einkaufen zu gehen. Aber Kate war zurzeit nicht vernünftig. Das Leerräumen der Kühltruhe, alles in gepolsterte Kühltaschen und Styroporkisten zu packen und dann im Kofferraum zu verstauen, war für sie wie ein Umzug im Kleinen. Ein winziger Schritt, aber etwas, das man tun konnte, bis der richtige Umzug stattfand.

Während sie ihre ganzen Taschen auf den Küchentisch leerte, fragte Kate Benny, was sie zum Abendessen wolle. Benny wollte nichts Besonderes. Sie sagte, alles sehe wunderbar aus, und sie würde essen, was Kate aß. Sie entschieden sich für ein Fischcurry »Goa« von Sainsbury mit thailändischem Duftreis und Zuckererbsen aus dem Garten.

Obwohl Mallory vorgeschlagen hatte, sie sollten schon mit dem Essen anfangen, schob Kate das Kochen noch etwa eine Stunde hinaus. Sie machte eine Flasche halbtrockenen Vouvray auf. Benny fing nach nur einem Glas an, so zu kichern, dass sie nicht mehr schlucken konnte. So kam es, dass Kate eher mehr trank, als sie wollte. Und als sie sich das dritte Glas einschenkte, merkte sie, wie sich ihre Stimmung langsam änderte. In vino veritas und all das. Sie begann, sich gekränkt zu fühlen und merkte, wie Trotz in ihr aufstieg. Was ein bisschen dumm war, weil niemand da war, an dem sie ihre Wut auslassen konnte.

Sie hatte sich nämlich riesig gefreut, heute Abend mit Mallory auszugehen. Einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen und den Beginn ihres neuen gemeinsamen Lebens zu feiern.

Als Judith angerufen und Bennys Nöte geschildert hatte, war Kate aufrichtig besorgt und zögerte nicht. Mallory wäre mitgekommen, wenn er gekonnt hätte. Beide waren sich einig, dass es schade war wegen Riva’s, aber sie konnten ja ein andermal hingehen. Außerdem konnten sie das Abendessen in Forbes Abbot auch zu einem Festmahl machen, nur eben zu dritt, was auch in Ordnung war, weil Benny ja ebenfalls in ihrem neuen Gewerbe mitarbeiten würde. Aber als es langsam acht Uhr wurde, waren sie immer noch zu zweit.

Da sie inzwischen sehr hungrig waren, begannen sie und Benny zu essen. Sie ließen sich Zeit und aßen sogar etwas Nachtisch, Panacotta mit Aprikosen. Kate wurde klar, dass dieser Tag, der so besonders sein sollte, in einer guten Stunde vorbei sein würde.

Wo also war Mallory? Die Fahrt hatte selbst bei der schlimmsten Landflucht, die London an einem Freitagabend aufbieten konnte, noch nie länger als drei Stunden gedauert. Sie hatten ungefähr um halb sechs miteinander telefoniert, und jetzt war es fast halb elf.

Benny, die merkte, dass Kate irgendwie nervös war, versuchte, Mitgefühl und Sorge auszudrücken, ohne zu viel zu reden. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass das sehr ärgerlich sein konnte, wenn jemand so aufgewühlt war. Sie räumte den Tisch ab, wusch still das Geschirr und stellte die Sachen weg.

Benny selbst fühlte sich viel besser. Die Angelegenheit mit dem Telefon war zwar nicht wirklich aufgeklärt, kam ihr aber inzwischen ziemlich kindisch vor. Kate hatte einfach darüber gelacht und gesagt, dass ihr auch immer sonderbare Dinge passierten. Es ist wunderbar, dachte Benny, dass die beiden das ganze Wochenende da sein werden. Sie malte sich aus, wie sie zusammen am Küchentisch saßen und alle möglichen Pläne über die Bücher schmiedeten, während sie den Tee kochte, Brote schmierte und Kekse bereitstellte, um alle zu stärken. Fleißig, nützlich, zufrieden.

Plötzlich leuchteten Scheinwerfer auf den vergilbten Wänden auf und tauchten Kate und Benny kurz in eine Flut von gelbem Licht. Ein Auto fuhr draußen vor, und Benny eilte zur Tür. Es war Mallory.

Er sagte: »Hallo«, in einer gezwungen herzlichen Art.

»Mallory«, sagte Benny. »Wir haben uns solche Sorgen gemacht.« Mallory schaute finster, so dass Benny das Gefühl hatte, das Falsche gesagt zu haben. »Was ich meine ist, ich habe mir Sorgen gemacht.« Das war auch nicht das Richtige. Es klang, als hätte sich Kate gar keine Sorgen gemacht. »Das heißt …«

Aber er hörte nicht zu.

»Na ja«, sagte Benny, plötzlich verlegen, ohne sagen zu können, warum. »Ich gehe jetzt ins Bett. Sagst du Kate bitte gute Nacht von mir?« Sie zog die schwere Eingangstür hinter sich zu und ging über den Hof. Als sie die Holztreppe zu ihrer Wohnung über den Pferdestallungen hinaufstieg, freute sie sich noch mehr als sonst, dass sie zu Hause war. Es war wirklich so, wie der Dichter sagte, nichts ist schöner. Als Erstes würde sie ein warmes Bad nehmen und sich dann eine schöne Tasse Kakao machen, die Kissen auf ihrem Bett aufschichten und es sich mit der neuesten Ausgabe des Gemeindeblattes gemütlich machen.

Kate, die die vergangenen zwei Stunden damit verbracht hatte, einen dicken Knoten von Groll und Bitterkeit zu lösen, spürte, wie er sich mit neuer Kraft wieder zusammenzog, als sie Mallorys Stimme in der Diele hörte. Ihr erster schrecklicher Impuls war, aufzustehen und anzufangen zu brüllen. Um diesen Impuls zu unterdrücken, bemühte sie sich, des Teufels Advokat zu spielen. Finde wenigstens heraus, warum er so spät kommt. Vermutlich ist es gar nicht seine Schuld. Was, wenn er einen Unfall hatte – überleg mal, wie du dich dann fühlen würdest. Sei dankbar, dass er endlich da ist, lebendig und gesund. Sie wünschte, sie hätte nicht so viel getrunken.

»Kate … es tut mir schrecklich …«

»Wo zum Teufel warst du?«

»Es tut mir leid.«

»leid? Was nützt es, dass es dir leid tut? Das sollte unser Abend werden, schon vergessen?«

»Natürlich weiß …«

»Ein besonderer Abend.«

»Das weiß ich.«

»Der erste Tag vom Rest unseres Lebens, wie es so überaus treffend heißt. Psychologisches Beratergeschwätz, Teil eins.«

»Was ist denn in dich gefahren?«

»Ja, schauen wir mal. Enttäuschung. Tödliche Langeweile. Ärger. Zunehmende Verbitterung …«

»Und nicht zu wenig Alkohol, wie es aussieht.«

»Ja, das auch. Schock. Entsetzen.«

»Ich kann es erklären.«

»Dann tu das.«

»Der Wagen ist nicht angesprungen.«

»Mallory, Mallory. Fünf Stunden, und mehr fällt dir nicht ein?«

Im Gegenteil. Mallory waren während der Fahrt viele Alternativen eingefallen, aber er wusste, dass bei ihm alles unglaubwürdig klingen würde. Das lag nicht daran, dass seine Ausreden irgendwie zu außergewöhnlich wären. Es reichte, dass sie nicht stimmten. Schon in dem Alter, in dem Kinder so schnell schwindeln, wie sie atmen, und das ohne jedes schlechte Gewissen, hatte er es nicht gekonnt. Er wurde dunkelrot, verlegen, wand sich und weinte. Jetzt ging es ihm natürlich nicht mehr so, aber die Lüge lag dennoch schmerzhaft wie ein Wespenstich auf seiner Zunge.

Die Wahrheit war, dass er mit Polly noch eine Weile Tee getrunken hatte. Dann hatte sie vorgeschlagen, noch schnell bei Orlando um die Ecke etwas essen zu gehen. So früh am Abend war es bestimmt leer. Sie würden sofort bedient, nur ein Teller Spaghetti. Rein und raus höchstens zwanzig Minuten.

Mallory brauchte keine fünf Sekunden, um zu erkennen, wie vernünftig das war. Selbst wenn er sich jetzt auf den Weg machte, hatten die anderen bei seiner Ankunft in Appleby House bestimmt schon gegessen. Es wäre ziemlich egoistisch zu erwarten, dass sie dann noch mal anfingen zu kochen.

Als sie bei Orlando saßen, wo es fast voll war, fiel Mallory auf, dass er zum ersten Mal, seit sie klein war, mit seiner Tochter allein aus war. Er bemerkte, wie die Leute sie anstarrten, und es überraschte ihn nicht. Sie trug ein enges kurzärmliges Top aus irgendeinem hauchdünnen schwarzen Stoff. Es war über und über mit einem silbernen punktartigen Muster durchsetzt und wirkte selbst für Mallorys ungeübtes Auge

sehr teuer. Und sie hatte auch etwas mit ihrem Haar gemacht, das im Licht kräftig rot leuchtete. Die weiche Lockenpracht war auf ihrem Kopf aufgetürmt und mit einem Bronzekamm festgesteckt, der mit Perlen, Türkisen und winzigen Korallenscherben verziert war. Auch das sah teuer aus.

Sie warteten fast eine halbe Stunde auf ihre Tagliatelle alla paesana, knabberten Grissinis und tranken Rosso di Verona, und Polly dachte sich grausame und lustige Geschichten über das Privatleben der anderen Gäste aus. Dann, als sie ihre Nudeln schon halb aufgegessen hatten, fing sie leise und ernst an, von sich zu erzählen. Hauptsächlich sprach sie über ihren Kurs an der LSE und ihre Probleme mit ihrem Tutor in Firmenstatistik. Mallory, der sich wie Kate jahrelang nur von Informationskrümeln ernährt hatte, die gelegentlich in ihre Richtung geworfen wurden, saugte jedes Wort begierig auf.

Polly war gerade bei den anderen Studenten angelangt, die sich in zwei Kategorien aufteilen ließen: diejenigen, die verzweifelt versuchten, mit ihr befreundet zu sein und sie nicht in Ruhe ließen, und der Rest, der einfach eifersüchtig war, als Mallory bemerkte, wie spät es war. Polly bettelte noch um eine Zabaglione, denn »das ist meine absolut totale Lieblingsnachspeise, Dad, und schau, da stehen alle Nachspeisen auf diesem Wagen, es dauert nur eine Sekunde, und ich esse sie, während du zahlst.«

Es lief nicht ganz so, denn sie bestellte gleichzeitig noch einen Cappuccino und verschwand dann, wie es schien, stundenlang auf dem Klo, obwohl es eigentlich nur zehn Minuten waren.

Die Ampeln waren bei fast jeder Kreuzung in London gegen ihn, und als er endlich auf der M40 war und Gas geben konnte, tauchten die gefürchteten Leitkegel auf, die ihn direkt in einen zwei Kilometer langen Stau führten.

»Was?«

»Warum hast du nicht angerufen?«

»Der Akku vom Handy war leer.«

»Wie praktisch.«

»Ich bin müde.« Jetzt wurde Mallory langsam ärgerlich. Himmel, es war ja nicht nur seine Tochter, die er vor dem finanziellen Ruin rettete.

»Es war doch erst letzte Woche in der Inspektion.«

»Was?«

»Das blöde Auto!« Kate setzte sich plötzlich hin. Sie hatte das Gefühl, als hämmere ihr jemand einen Meißel in den Kopf.

»Hast du die Pannenhilfe angerufen? Oder die Werkstatt?«

»Äh … nein. Es hat sich herausgestellt, dass die Zündkerzen feucht waren.«

»Feucht …? Es waren den ganzen Tag 22 Grad!«

»Ach … verdammt noch mal, lass mich in Ruhe!«

Sie starrten einander plötzlich entsetzt an. Zwei Fremde in einem fremden Zimmer. Entsetzt und voller Angst.

Hätte ich Polly das bloß nicht versprochen, dachte Mallory. Es war falsch zu versprechen, nichts zu sagen. Und falsch, essen zu gehen, wohl wissend, dass Kate auf mich wartet. Jetzt ist sie wütend und misstrauisch, und ich stehe hier mit lauter Geheimnissen und Lügen.

Hätte ich bloß nichts getrunken, dachte Kate. Im Geiste spielte sie Mallorys Ankunft noch einmal anders durch. Sie sah sich zu ihm gehen, erleichtert über seine gesunde Heimkehr, ihn umarmen. Ihm Essen warm machen oder etwas Frisches kochen. Sie würden lachen und reden, ein bisschen Wein trinken, ins Bett gehen und dann miteinander schlafen, um den ersten Tag vom Rest ihres Lebens zu feiern. Stattdessen stand er hier, erschöpft und schlecht gelaunt, und sie kämpfte mit den Tränen. Aber vielleicht war es noch nicht zu spät.

Kate zwang sich zu einem Lächeln und sagte: »Du musst am Verhungern sein, Mal. Komm, ich mach dir etwas.«

»Schon gut. Ich habe schon …«

»Du hast wirklich?«

»Ich meine, es ist zu spät …«

»Schon kapiert«, sagte Kate. Und ging hinaus.

Am nächsten Morgen machte Mallory, der die Nacht auf dem Sofa in der Bibliothek verbracht hatte, Tee, sobald ihm die Zeit zivilisiert erschien. Er brachte das Tablett in Kates Zimmer. Sie schlief fest. Sanftes Licht, das sich langsam durch die halb durchsichtigen Vorhänge im Zimmer ausbreitete, zeigte deutliche Spuren von Tränen auf ihren Wangen. Mallory war erfüllt von Zärtlichkeit für sie, vermischt mit Scham über sein Benehmen. Er stellte ganz leise den Tee auf den Nachttisch, aber Kate öffnete die Augen und war sofort wach. Sie rappelte sich hoch und lehnte sich an die Wand.

»Kate, mein Liebling … es tut mir so leid wegen gestern Abend.« Mallory setzte sich zu ihr aufs Bett. »Ganz ehrlich …«

»Nein, nein«, unterbrach sie ihn. »Ich hätte das nicht sagen sollen. Ich hatte getrunken … und mir Sorgen gemacht, wo du warst …«

»Hör zu. Ich will dir sagen …«

»Es ist egal.«

»Nein, ist es nicht.« Er nahm ihre Hand. »Ich war mit jemandem zusammen, der wirklich in Not ist. Ich wurde um Hilfe gebeten und da konnte ich nicht ablehnen. Es hat länger gedauert, als ich erwartet hatte.«

»War es jemand aus der Schule?« Schon fühlte sich Kates warmes Herz zu dieser unglücklichen Seele hingezogen.

»Kann ich irgendetwas tun?«

»Ich habe versprochen, mit niemandem darüber zu reden.« Da begriff Kate. Und Mallory wusste, dass sie begriff. Er streckte den Arm aus und ergriff ihre andere Hand. Nahm

beide Hände. Und ließ nicht los.

Also wieder einmal, dachte Kate. Zwei gegen einen. Und diesmal mit voller Wucht. Bis jetzt hatte sich wenigstens alles, was sich zwischen ihnen dreien abgespielt hatte – Diskussionen, Streitigkeiten, Witze, Auseinandersetzungen – auch offen zwischen ihnen dreien abgespielt. Oder nicht? Darum ging es ja bei Geheimnissen. Außenstehende wussten nie, dass es etwas gab, was sie nicht wussten. Woher sollten sie auch?

Kate hatte sich immer für pragmatisch gehalten. Einer in der Familie musste so sein. Klarsichtig verstand sie, wie die Dinge wirklich waren, auch wenn das Akzeptieren der Dinge, wie sie wirklich waren, nie einfach gewesen war. Sie erinnerte sich, wie Polly als kleines Mädchen auf die Knie ihres Daddys geklettert war. Mit seiner Krawatte gespielt hatte, die Arme um seinen Hals geschlungen und ihm etwas ins Ohr geflüstert hatte. Ihre seidigen Haare um seine Finger gewickelt hatte.

Und jetzt war sie »wirklich in Not«, und ihrer Mutter war es nicht erlaubt, ihr zu helfen. Sie durfte nicht einmal erfahren, was für eine Not es war. Zu Kates Überraschung – denn hatte sie sich nicht selbst erst neulich gefragt, ob sie ihre Tochter überhaupt noch liebte? – tat das sehr weh. Sie gab dem Schmerz nach, beugte sich leicht vornüber, eine Hand an der Brust. Mallory legte die Arme um sie, und eine Weile wiegten sie sich sanft hin und her.

Schließlich sagte er: »Ich dachte, ich mache heute mal das Frühstück.«

»Wunderbar«, sagte Kate. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Und dann noch einmal. »Ich dusche und komme dann runter.«

»Und danach haben wir unsere erste geschäftliche Besprechung.«

8

Benny war zum Essen nach Kinders eingeladen. Sie freute sich schrecklich darauf, nicht nur weil sie Dennis’ Gesellschaft genoss, sondern auch, weil er ein hervorragender Koch war.

Sie kam gegen sieben, mit einer Flasche von Careys Apfelwein und einer Stephanotis, die sie im Gewächshaus gezogen hatte. Sie balancierte den Topf vorsichtig in der Armbeuge, um das Gartentor zu öffnen. Dennis’ Gartenstreifen, der am Haus entlang verlief und voller Schmucklilien und Margeriten stand, war knochentrocken, und Benny juckte es in den Fingern, eine Gießkanne zu holen. Sie klopfte leise an die blaue Haustür und wartete. Als niemand kam, klopfte sie noch einmal, so laut es ihre Schüchternheit zuließ, doch mit demselben Ergebnis.

Also nahm sie den Weg durch die Garage, quetschte sich am Auto vorbei und lief die zwei Stufen zur Küchentür hinauf. Sie war unverschlossen. Beklommen ging sie hinein. Wenn Dennis da war und ihr Klopfen nicht gehört hatte, gab es nur einen Ort, wo er sein konnte. Die Küche war erfüllt von köstlichen, warmen Gerüchen. Benny stellte ihre Pflanze und den Apfelwein auf die makellos glänzende Spüle und trat in den mit Teppich ausgelegten Flur, der in die restliche Wohnung führte.

»Huhu?«

Vergeblich schaute sie ins Wohnzimmer. Die Abendsonne fiel auf die wunderschönen chinesischen Teppiche und tauchte die verzierten Bilderrahmen in ein goldenes Licht. In einer Vase standen gelbe Rosen, und überall lagen Bücher und Zeitungen. Aus den Lautsprechern der Stereoanlage kam ein leises, trauriges Klagen, und sie erkannte die Sarazenengesänge aus der Zeit der Kreuzzüge.

Benny eilte am Badezimmer vorbei und blieb kurz vor dem

kleinen Raum stehen, der nicht größer als eine Mönchszelle war und in dem Dennis schlief. Die Tür stand einen Spalt offen. Sie hüstelte heiser in die Öffnung und rief wieder. Schweigen. Jetzt konnte er nur noch im Kriegsraum sein.

Die Wohnung hatte Leichtbauwände, die ungefähr drei Meter hoch waren, und abgehängte Decken. Im Innern war es wie in anderen Häusern auch, die umgebende Landschaft war unsichtbar und demzufolge auch nicht bedrohlich. Doch von außen durch die Schießschartenschlitze hoch unter dem Dach von Kinders betrachtet, musste die Wohnung ausgesprochen zerbrechlich wirken. Und angreifbar, wie eine Bergsteigerhütte, die zwischen steilen, schweigenden weißen Klippen kauert und von diesen großen Dinosauriern aus Eisen und Holz bedroht wird, die von dem glänzenden Boden in die Höhe ragten.

Benny stand an der Tür zu diesem weitläufigen Raum und hatte bereits eine Strategie im Kopf. Sie würde den Raum mit einem einzigen Blick überfliegen, schnell, aber gründlich. Dabei würde sie sehen, ob Dennis da war und wenn ja, wo. Dann konnte sie direkt und ganz vorsichtig zu ihm gehen und dabei nur auf den Boden schauen. Wenn sie es einmal getan hatte, war es beim nächsten Mal garantiert nicht mehr so beängstigend. Und beim übernächsten Mal noch weniger. Und so weiter …

»Und schließlich«, murmelte Benny, deren Hand bereits zitternd den Riegel nach oben schob, »ist es ja nicht so, dass sie lebendig sind.«

Sie entdeckte ihn sofort. Er stand vor der gigantischen Maschine mit den Schlingen und sah zu dem hohen Gestell mit den Holzkugeln hinauf, den Furcht erregenden Seilen und den Ratschen. Er stand bewegungslos da, wie eine Statue, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt. Trotz ihrer Angst ging Benny schnell zu ihm hinüber.

»Dennis?« Sie wartete zögernd. »Mein Lieber, ist alles in Ordnung?«

Kurz war es still, dann schüttelte Dennis seufzend den Kopf.

»Was ist los?«, fragte Benny drängend. »Stimmt etwas nicht?«

»Ich bin mir nicht sicher. Wahrscheinlich ist es nichts.« Er lächelte, doch sein Ausdruck blieb zweifelnd. Dann, als er sich umwandte, fügte er wie in Gedanken, beinahe als rede er mit sich selbst, hinzu: »Oder vielleicht … ein Geist in der Maschine.«

»Oh!« Benny schnappte nach Luft, als hätte ihr jemand kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet. »Wie schrecklich! Geister, iihh!«

Dennis hakte sie unter. Das hatte er noch nie getan. Er muss wirklich besorgt sein, dachte Benny. Froh wandte sie sich mit ihm von dem todbringenden Mechanismus ab, und sie gingen schnell fort von diesem furchtbaren Ort.

»Es tut gut, dich zu sehen, Benny. Und es tut mir leid, dass ich dich nicht gehört habe.« Dennis schenkte ein Glas Madeira ein, für den Benny eine ausgesprochene Vorliebe entwickelt hatte. Sie setzte sich an den Küchentisch, während er eine kleine, blaue Eisenkasserolle aus dem Ofen holte. »Steinbutt in Weißwein.«

»Wunderbar. Glaubst du, es stimmt, dass Fisch gut fürs Gehirn ist?«

»Nicht so gut«, sagte Dennis, und arrangierte winzige Karotten und neue Kartoffeln auf angewärmten Tellern, »wie Lesen, Musik und Kunst.«

Sie aßen im Esszimmer, saßen auf weichen Sesseln, jeder mit einem Tablett auf dem Schoß. Richtig bequeme Tabletts auf dicken Säcken, die mit Körnchen gefüllt waren, damit sie nicht rutschten oder wackelten und das Essen durcheinanderbrachten. Benny akzeptierte voll Vertrauen noch einen Drink, diesmal ein Glas Wein. Sie wusste, sie konnte damit umgehen. So wie neulich abends mit Kate würde es nicht wieder sein. Bei

Dennis wurde sie nie albern und redete dummes Zeug. Er brachte das Beste in ihr zum Vorschein. Bei ihm redete sie mit Bedacht, denn er hörte allem, was sie sagte, ernst und aufmerksam zu. Nie sah sie sich genötigt, etwas zu sagen, nur um Gesprächspausen zu füllen, wie mit Fremden. Nein, hier waren die Pausen wie kleine angenehme Unterbrechungen eines wundervollen Spaziergangs.

»Dieser Steinbutt schmeckt köstlich.«

»Das ist eine Erleichterung. Ich habe ihn am Donnerstag gekauft, bin aber zu spät nach Hause gekommen, um ihn noch zu kochen.«

»Hattest du zu viel zu tun, Dennis?«

»Sozusagen.«

Benny war der letzte Mensch, dem er sich anvertrauen konnte. Schon die kleinste Abweichung vom Normalen beunruhigte sie. Und wenn sie von dieser wirklich rätselhaften Sache hörte, würde sie sich vor Sorge um ihn verzehren. Aber Dennis wollte über seine Sorgen reden. Er hoffte, dass eine andere Sichtweise die Sache mit dem Licht irgendwie anders aussehen ließ. Zeigen würde, dass es durchaus auch belangloser Unsinn sein konnte. Er hatte den ganzen Morgen über all das nachgedacht und war beinahe entschlossen, mit Mallory darüber zu reden.

»Wir hatten heute unser erstes Treffen.«

»Wirklich?« Dennis war ein bisschen enttäuscht. Als Finanzberater des neuen Unternehmens hatte er erwartet, bei der ersten Versammlung dabei zu sein. »Wie ist es gelaufen?«

»Es war schrecklich aufregend! Wir haben natürlich nicht über Geld geredet, weil du nicht dabei warst, aber Kate hat eine kleine Anzeige verfasst, die am Montag in der Times erscheint. Und wir haben einen Namen für den Verlag gefunden. Entschuldige bitte.«

Benny machte eine Pause, um ihren Steinbutt aufzuessen

und den Wein auszutrinken. Dennis, amüsiert über die vielen

»wir«, wartete lächelnd.

»Wir hatten eine recht lange Liste, und ich muss schon sagen, ein paar waren ziemlich daneben, aber am Ende waren drei Namen übrig. Pierrot Press, das war Kates Vorschlag, Fireproof Books von Mallory –«

»Das gefällt mir«, unterbrach Dennis sie. Er erinnerte sich an Wochenschauen, in denen Berge von brennenden Büchern gezeigt wurden, in Ländern, die unter der Knute der Tyrannei standen. »Das ist gut. Feuerfeste Bücher.«

»Stimmt«, pflichtete Benny ihm bei, »aber Kate meinte, nicht jeder würde die – äh … Symbole verstehen …«

»Du meinst, sie könnten den Namen wörtlich nehmen?«

»Genau. Wie auch immer, was passiert ist, ist Folgendes …« Benny wand sich vor Verlegenheit und Entzücken. Sie konnte kaum sprechen, und ihre nächsten Worte schienen sich gegen ihren Willen aus ihrem Mund zu stehlen. »Sie haben meinen Vorschlag genommen.«

»Benny!«

»Ja, wirklich.« Ihr Gesicht leuchtete vor Glück. Sie nickte bestätigend: »Meinen.«

Gleichermaßen aufgeregt saßen sie einander gegenüber und strahlten sich an. Dennis sagte: »Und?«

»Ich bin darauf gekommen, weil sie im Frühling über und über im Apfelgarten blühen und Carey sie so gerne mochte. Du weißt schon, diese hübschen gelben Blumen. Von denen auch ein wunderschönes Aquarell in der Bibliothek hängt, und Kate meint, das könnten wir als Markenzeichen nehmen. Also nennen wir den Verlag … Celandine Press!«

»Tun wir so, als wäre es Champagner.« Dennis schenkte ihnen beiden Wein nach. »Wie klug du bist, Benny.«

Benny spürte, wie ihr Gesicht ganz heiß wurde und prickelte. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte ihr in ihrem ganzen Leben noch nie jemand gesagt, dass sie klug war. »Morgen

fangen wir an, uns nach der Ausrüstung umzusehen. Computer, Drucker und all so was.«

»Am Sonntag?« Dennis war wieder enttäuscht. Morgen wäre der ideale Tag für ein Gespräch mit Mallory gewesen.

»Heutzutage haben die Geschäfte jeden Tag auf«, sagte Benny. »Anschließend bringen sie mich wieder nach Hause, dann fahren sie für ein paar Tage nach London und fangen an zu packen.«

»Verstehe.« Ein paar Tage waren nicht lang. Er würde versuchen, Mallory anzurufen, ehe sie fuhren. Einen festen Termin ausmachen. »Möchtest du ein Stück Schokoladentorte?«

»Ja, gerne.«

Nachdem Dennis die Torte und geschlagene Sahne in Schalen, die wie Wasserlilien geformt waren, serviert hatte, stellte er seine Schale auf einen kleinen Beistelltisch.

»Die Sache ist die … ähm … Ich habe da einen Freund.«

»Ach ja?« Benny aß mit Genuss und hatte einen kleinen, braun-weißen Schnurrbart auf der Oberlippe. »Das ist wirklich lecker.«

»Er hat einen Roman geschrieben.«

»Was für einen Roman?«

»Einen historischen, glaube ich. Meinst du, die Celandine Press könnte so etwas suchen?«

»Kate hat gesagt, sie nimmt alles, was literarischen Wert hat.«

»Was das betrifft . . .« Dennis war verunsichert.

»Keine Sorge«, sagte Benny. »Wie heißt es doch so schön? Frisch gewagt ist halb gewonnen. Wie heißt dein Freund?«

Dennis starrte sie an.

»Damit ich weiß, wonach ich Ausschau halten muss.«

»Walker.«

»Sag ihm, er soll den Roman an uns schicken. Ich werde mich persönlich darum kümmern.«

Am Ende entschied sich Polly dagegen, Billy Slaughter das Geld in bar vor die Füße zu werfen. Sie erkannte jetzt, dass der Impuls nichts weiter als ein kindischer Racheakt war, entstanden aus ihrer anfänglichen Hilflosigkeit. Außerdem bestand die Gefahr, dass er sie schlug, wenn sie es versuchte.

Und dann war da noch die Frage der Vorsicht. Vor einer Weile hatte Polly in der Mensa der LSE mit ein paar Kommilitonen an einem Tisch gesessen, als ein Anthropologiestudent aus seiner Zeitung eine Meldung vorgelesen hatte. Anscheinend wird in London Tag und Nacht alle drei Minuten ein Mensch überfallen. Alle hatten gelacht, als er daraufhin gesagt hatte: »Man fragt sich, warum der Idiot nicht nach Birmingham zieht.« Aber wenn es mir passiert, wäre es nicht lustig, dachte Polly jetzt. Besonders, wenn man mehrere tausend Pfund bei sich hat. Deswegen beschloss sie, ihre Schulden mit einem Scheck zu begleichen.

Natürlich hatte sie nicht warten können, wie ihr Vater es vorgeschlagen hatte. Gleich am nächsten Tag hatte sie die einzige Nummer, die sie von ihm hatte, angerufen, nur um zu erfahren, dass Mr. Slaughter auf dem Land weilte und ab Montagmittag wieder im Büro erwartet wurde. Der Mensch am anderen Ende der Leitung klang wie ein verkrustetes altes Faktotum in einem verkrusteten englischen Theaterstück.

Polly war überrascht über Billys Adresse. Sie hatte sich etwas richtig Protziges vorgestellt. Ein Penthouse in der Canary Wharf mit einem Porsche in der Garage oder eine umgebaute Lagerhalle in den Docklands. Vielleicht sogar das Montevetro, dieses herrliche Gebäude von Richard Rogers in Battersea, das, geformt wie ein gigantisches Stück Torte aus Glas, glitzernd und spiegelnd am Fluss stand. Nein, er wohnte im Regierungsviertel im Whitehall Court am Whitehall Place. Nur ein paar Minuten vom Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs entfernt. Zentral, sicherlich, aber wie langweilig.

Polly fragte herum, ob jemand die Adresse kannte. Mit einer Ausnahme lauter Nieten. Der Onkel eines ehemaligen Etonschülers, der Philosophie und Wirtschaft studierte, ein pensionierter Admiral, hatte anscheinend eine Wohnung dort. Angenehm nah zu seinem Club in der Mall und dem House of Lords. Jammerte immer über die Servicekosten, die, wie er schwor, höher waren als die Hypothek seiner Tochter.

Polly ging von der U-Bahn-Station Embankment zu Fuß dorthin. Die Eingangshalle zu den Appartements war mit dickem Teppichboden in Blassrosa ausgelegt und voller Blumen. Polly, die einfach durchgehen wollte, wurde von einem Portier aufgehalten, der sie fragte, was sie wollte. Ein Anruf bestätigte, dass sie erwartet wurde, und man zeigte ihr den Lift.

Während sie durch lange, mit Teppichen ausgelegte Flure ging, vorbei an grauen und cremefarbenen Marmorsäulen und herrlichen Buntglasscheiben, konnte Polly nicht verhindern, dass sie beeindruckt war. Es war so still. Nur wenige Minuten vom Trafalgar Square entfernt, und man hörte nicht einmal eine Mausquieken.

Dann hörte Polly, wie weit über ihr die Lifttür zuklappte und der Aufzug sich in Bewegung setzte. Während sie wartete, dachte sie an die Romane von John le Carré. Das hier war genauso ein diskreter und anonymer Ort, an dem sich Staatsdiener und ihre Bosse, deren Maulwürfe und die Leute, die Nachrichten in hohle Bäume steckten, trafen um zu verhandeln und zu betrügen. Nur einen Steinwurf vom Sitz der Staatsmacht entfernt. Ein Ort, an dem niemand deinen Namen kennt. Und plötzlich war es gar nicht mehr so abwegig, dass Billy Slaughter hier wohnte.

Sie stieg aus dem Lift und stand in einem weiteren langen, spärlich beleuchteten Flur, der sich am Ende in dunklen Schatten verlor. Dann wurde eine schwere Tür geöffnet, und

Licht überflutete den Gang. Ein Mann im Abendanzug trat in den erleuchteten Raum. Er hob eine Hand und rief etwas, das Polly nicht ganz verstand.

Sie trat hinaus und machte sich auf den Weg. Er beobachtete sie, wie sie näher kam. Sie trug ein leichtes Kleid. Winzige blaue Tupfen auf beigefarbenem Untergrund, mit einem Rock, der kokett raschelnd um ihre Kniegrübchen wippte. Mit schwingenden Hüften setzten ihre langen, gebräunten Beine selbstbewusst einen Schritt vor den anderen. Ihre hübschen Füße mit den rosa lackierten Zehen balancierten nonchalant auf zehn Zentimeter hohen Sandaletten mit schmalen glitzernden Riemchen.

Wie machen die Frauen das?, sinnierte Slaughter bewundernd. Wie können sie sich da oben halten? Als sie näher kam, trat er zurück in die Wohnung. Polly, die irgendeine Form der physischen Annäherung gefürchtet hatte, war erleichtert. Sie traute ihm durchaus zu, dass er sie küssen wollte. Oder hinterhältig einen Arm um ihre Taille gleiten ließ. Er war so dreist.

Das Innere der Wohnung war ebenfalls eine Überraschung. Der Raum, in den sie Billy folgte, war möbliert wie das Wohnzimmer in einem Landhaus. Das dunkelgrüne Sofa war verschlissen, ebenso einige Sessel. Bücherregale mit rautenförmigen Verglasungen waren vollgestopft mit anscheinend oft gelesenen Büchern. Es gab einige kleine Ölgemälde, hauptsächlich Landschaften, bis auf zwei, auf denen edle Pferde in architektonischen Gärten vor Wasser speienden Springbrunnen zu sehen waren. An der gegenüberliegenden Wand hingen ein paar gerahmte Bleistiftzeichnungen von Tänzern. Auf einem niedrigen Tisch lag eine Klarinette neben einem Stapel von Wissenschaftszeitschriften und einer blau glasierten Schale mit reifen Aprikosen.

»Nun, Polly?«

Slaughter stand hinter einem Schreibtisch, honigbraunes Mahagoni und grünes Leder, der ebenfalls ganz schön alt aus-

sah. Bis auf einen Computer und eine Ausgabe des Evening Standard war er leer.

Polly, die so beeindruckt von dem Ambiente war, antwortete nicht sofort. Außerdem war sie etwas überrascht von Slaughters Erscheinung. Es war einige Wochen her, seit sie sich kennengelernt hatten, doch in ihrer konstant wütenden Erinnerung war er dick gewesen. Ja, sogar fett. Jetzt wirkte er zwar kräftig, aber nicht dick. Polly fragte sich, ob er abgenommen hatte. Oder ob sie ihn in ihrer Fantasie (sozusagen) aufgeblasen hatte.

Und er war auch nicht mehr so hässlich. Seine schmalen, mandelförmigen Augen waren so kalt, wie sie sie in Erinnerung hatte, doch seine Lippen waren eher voll als dick. Sie lächelten nicht. Sie hatte ihn noch nie lächeln sehen, wenn sie es recht bedachte.

»Möchtest du dich nicht setzen?«

»Nein, danke.« Polly öffnete ihre Tasche und holte den Scheck heraus. Er steckte in einem Umschlag. »Ich bin nur gekommen, um das hier abzugeben.«

»Warte.« Er verschwand in die Richtung, in der vermutlich die Küche lag, und kam mit zwei Gläsern und einer Flasche in einem Sektkühler wieder. »Das müssen wir feiern.«

Polly, drauf und dran großzügig abzulehnen, überlegte es sich anders, als sie die dunkelgrüne Flasche mit der metallenen Ummantelung aus zarten, blassblauen Blättern erkannte. Slaughter füllte schwungvoll die beiden Gläser bis zum Rand, ohne einen Tropfen zu verschütten. Nachdem sich Polly angemessen geziert hatte, nahm sie das Glas, trank einen Schluck und schlenderte zum Fenster. Sie blickte auf zwei Steinfiguren hinab, Epstein oder jedenfalls sehr ähnlich, die auf einem Torbogen hockten.

Slaughter kam ihrer Frage voraus.

»Das Verteidigungsministerium.«

Polly nahm einen kräftigen Schluck von dem Perrier-Jouët,

der wunderbar schmeckte, und musste wieder an John le Carré denken.

»Darf ich nachschenken?« Er füllte ihr Glas auf, wobei er ihr recht nahe kam, jedoch nicht so nah, dass sie irgendeine Belästigung daraus ableiten konnte. Trotzdem rückte Polly ein bisschen von ihm ab.

»Ich wusste gar nicht, dass du Klarinette spielst.«

»Ich spiele alles Mögliche.«

»Billy, mal angenommen … das heißt – wenn ich das Geld nicht zusammenbekommen hätte, hättest du …?«

»Ja.«

»Bis zum bitteren Ende?«

»Du etwa nicht?« Er schenkte sich nach.

»Natürlich.« Doch einen ganz kurzen Moment lang hatte sie gezögert.

»Und wenn es ein Freund wäre?«, fragte Billy.

»Ich glaube nicht an Freunde.«

»Und woran glaubst du?«

»An Leute, die einem nützlich sein können.« Polly zögerte.

»Ist das nicht deine Philosophie?«

»Meine Philosophie ist, wie die aller erfolgreichen Geschäftsleute, mit absoluter Klarheit zu erkennen, was wirklich geschieht.«

»Und was machen die weniger erfolgreichen Geschäftsleute?«

»Sie sehen nur das, was sie sehen wollen.«

»Ich werde es mir merken.«

»Du tust gut daran, Polly.«

Er streckte die Hand aus. Polly nahm den Umschlag und gab ihn ihm. Er ließ ihn ungeöffnet in die Tasche gleiten und setzte sich an den Schreibtisch. Er schrieb ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier mit Briefkopf, faltete es zusammen und reichte es ihr. Genauso cool steckte Polly die Quittung ungelesen in ihre Handtasche.

»Noch ein wenig Schampus?«

Polly antwortete nicht. Sie war schon ein wenig beschwipst. Bevor sie kam, hatte sie vor lauter Nervosität keinen Bissen heruntergebracht. Sie nahm das Glas, merkte, dass sie dastand wie ein Ölgötze und platzte mit dem erstbesten Satz heraus, der ihr einfiel. Er hätte kaum banaler sein können.

»Du siehst sehr gut aus.«

»Ich gehe in die Oper.«

»Die Oper?«

»Was hast du denn gedacht? Zum Hunderennen?«

»Ich …« Polly errötete. »Ich habe gar nichts gedacht.«

»Fidelio. Liebe, Tod und Betrug.«

»Klingt wie ein Tag an der Börse.«

»Bis auf die Liebe.« Er war wieder hinter seinen Schreibtisch getreten und setzte sich an den Computer. »Ich möchte dir etwas geben, Polly. Ein Geschenk.« Er fing an auf die Tasten zu tippen. »Hast du ein bisschen Geld?«

»Klingt nicht gerade wie ein Geschenk.«

»Wenn du welches hast oder welches besorgen kannst, kann ich es für dich anlegen. Du kaufst für 1.04 und verkaufst für wahrscheinlich 1.50 innerhalb von Stunden.«

»Kaufst was?« Polly versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen, konnte aber den Schock nicht verbergen. Eine Welle von Erregung und Angst. Langsam ging sie durch den Raum und stellte sich hinter seinen Stuhl, um ihm über die Schulter zu schauen.

»Gillans und Hart? Um Himmels willen – die sind doch Mist. Wertlos.«

»Nicht ganz.«

»Was machst du?« Sie starrte auf den Bildschirm. Auf die Zahlen; die Nullen. »Kaufst du etwa?«

»Wie du siehst.«

Als Polly wieder sprechen konnte, fragte sie: »Was geht hier vor?«

»Es gab eine Übernahme von Channing Voight.«

Polly lehnte sich an die Schreibtischkante, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ihr war ein bisschen schlecht.

»Woher weißt du das?«

»Ein Banker bei Channing. Er schuldet mir was.«

»Muss ganz schön viel sein.«

»Allerdings.«

»Dann wird es morgen früh in den Schlagzeilen sein?«

»Das Gerücht ist schon gestreut. Im Standard sind sie um zwei Punkte raufgegangen.«

Polly griff nach der Zeitung. Es stimmte. »Du kaufst über einen Primärhändler?«

»Kluges Mädchen. Kennst du jemanden, den du benutzen könntest?«

»Natürlich. Aber warum ich?«

»Sagen wir …« Er drehte sich um und lächelte sie an. Das Lächeln erreichte nicht seine Augen, aber diesmal streifte es wenigstens seine Lippen. »Ich habe immer noch die Hoffnung, dass du mich eines Tages mit freundlicheren Augen betrachtest.«

Polly teilte ihre Lippen, die genauso süß und rosa waren wie ihre Zehen, und erwiderte sein Lächeln. Wem schadete es? Sie musste ihn nie wiedersehen. Sie lehnte sich ein bisschen näher an Billy Slaughters Schulter, um den Transfer dieser wirklich riesigen Summe zu beobachten, und er roch ihr feines, aber ausgeprägtes Parfum. Ein Klick auf Abschließen und es war vollbracht.

Jetzt wollte Polly nur noch weg. Er spürte es – das Fieber in ihr. Er stand auf, und sie trat schnell irritiert zurück. Aber er streckte ihr nur seine Hand entgegen. Es war ein trockener, fester, kurzer Händedruck. Dann begleitete er sie zur Tür und sagte: »Auf Wiedersehen.«

Polly rannte den Flur entlang in Richtung Treppe. In dieser Stimmung, frei und voller Euphorie, konnte sie unmöglich die

Enge eines Fahrstuhls ertragen. Sie sah wild und wunderschön aus. Billy Slaughter sah ihr nach, sein Gesicht war eine Maske aus nichtssagender, stählerner Ruhe.

9

Dennis machte sich bereit, das Büro zu verlassen. Er hatte sich vormittags mit einer Sicherheitsfirma in Verbindung gesetzt. Am Mittwochmorgen wollte jemand kommen, um die Schlösser auszuwechseln. Natürlich musste Andrew Latham als einziger weiterer Schlüsselinhaber informiert werden. Dennis hatte das den ganzen Tag vor sich hergeschoben, aber jetzt sah er gerade, wie Andrew, der bereits seinen auffallenden weißen Trenchcoat anhatte, Gail Fuller in die Jacke half.

»Ach, warte mal«, rief Dennis durch das verlassene Vorzimmer. »Kann ich dich kurz sprechen?«

Latham drehte sich um und blickte dann wieder die Empfangsdame an. Sein Gesichtsausdruck war amüsiert und gereizt zugleich, als sei Dennis ein altkluges Kind, das länger blieb, als es erwünscht war. Er sagte etwas zu Gail Fuller, und zwar so leise, dass es nicht zu hören war, woraufhin sie sich kichernd entfernte.

»Ich bin eigentlich schon weg.« Er kam Dennis auf halbem Weg entgegen und setzte sich auf einen der Schreibtische.

»Hat es nicht Zeit?«

»Ich … äh«, Dennis räusperte sich. Dumm, nervös zu sein.

»Ich lasse das Schloss zu meiner Tür auswechseln, Andrew. Und das zum Haupteingang auch.«

»Schloss?«

»Mittwoch früh.«

»Was soll der Scheiß?«

Dennis lief dunkelrot an. Derbe Ausdrucksweise empfand er als höchst beleidigend. Als Latham in die Firma eingetreten

war, hätte er sich niemals so ausgedrückt. In letzter Zeit zeigte seine Haltung immer häufiger offene Geringschätzung.

»Ich bin sicher, dass du dich noch an die Vorfälle vor einiger Zeit erinnerst, als die Lichter unerklärlicherweise …«

»Herrgott, fängst du schon wieder damit an. Du spinnst, Brinkers. Als Nächstes hörst du Stimmen aus den Heizkörpern.« Er gab ein abgehacktes Wiehern von sich und bleckte die Zähne. Dennis, dem nicht klar war, dass das ein Lachen sein sollte, wich zurück. »Reiß dich zusammen, Mann.«

»Außerdem habe ich die Absicht, Fortune den Ersatzschlüssel zu geben. Du tauchst ja frühestens gegen zehn auf. Und Fortune ist äußerst verlässlich …«

»Mach, was du willst. Ich bin weg. Ich hab was in einer Weinbar am Kochen. Ich möchte nicht, dass sie kalt wird.«

Dennis setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Er trank nie im Büro, hatte aber sowohl einen süßen als auch einen trockenen Sherry für bestimmte Kunden, die dergleichen erwarteten. Er holte den Amontillado hervor und goss sich ein Glas ein, das er sorgfältig abmaß.

Seine Gedanken rasten in alle Richtungen, und das gefiel ihm nicht. Dennis zog es vor, eins nach dem anderen zu tun und jeder Sache seine volle Aufmerksamkeit zu widmen, bevor er zur nächsten schritt. Er nahm einen Notizblock, schraubte die Kappe seines Füllers ab und schrieb: »1. Schlösser auswechseln.« Dann zeichnete er ein ordentliches Häkchen daneben. In die nächste Zeile schrieb er: »2. Päckchen wegschicken.« Das Päckchen war The King’s Armourer, das er am nächsten Morgen mit der Post zweiter Klasse abschicken wollte. Er hatte bereits überprüft, dass Kates Anzeige in der Times von heute erschienen war und telefonisch die Adresse einer Pension in Slough ausgesucht.

Dann fiel Dennis das Telefongespräch mit Mallory am Morgen zuvor ein, in dem er diesen um ein Treffen gebeten hatte. Sie hatten sich für morgen Abend verabredet, und er

schrieb: »3. Abendessen in Appleby House/ Besprechung: Celandine Press.« Er freute sich riesig, bei der Gründung des neuen Unternehmens dabei zu sein, und war ziemlich aufgeregt wegen der möglichen Reaktion auf den Roman von E. M. Walker (die Initialen seiner Mutter und ihr Mädchenname).

Dennis kaute an seinem Füller und klopfte mit dem Absatz seines linken Fußes heftig auf den Boden, eine Angewohnheit, die immer dann auftauchte, wenn er, wie Mrs. Crudge es nannte »durch den Wind« war. Zur Beruhigung trank er den Rest des Sherrys und ging zum Fenster, um hinauszusehen.

Das beruhigte ihn ganz und gar nicht. Mr. Allibone machte den Laden zu und kurbelte die Markise hoch, wie er es vor vier Tagen auch getan hatte. Er sah, dass Dennis ihn beobachtete, schob mit dem Daumen seinen Strohhut zurück und winkte. Dennis hob verlegen die Hand und nickte zurück. An seinem Schreibtisch schrieb er: »4. Mrs. C. wegen Schlüssel fragen.«

Am letzten Donnerstag hatte Dennis beim Heimkommen das Schlüsselbrett in der Garage überprüft und bemerkt, dass die Ersatzschlüssel für das Büro und die Eingangstür fehlten. Natürlich kam ihm der Gedanke, dass jemand sie vorsätzlich genommen haben könnte, vor allem nach seinem Gespräch mit dem Fischhändler, aber andererseits erschien es ihm doch recht unwahrscheinlich. Die Garage war nachts abgeschlossen, und da das Haus an der High Street lag, hätte der Dieb die Schlüssel am helllichten Tage entwenden müssen, mit dem Risiko, dabei gesehen und erwischt zu werden. Dennis entschied, dass er wahrscheinlich selbst die Schlüssel aus irgendeinem Grund genommen und irgendwo liegen gelassen hatte. Als er nun Mr. Allibone gegenüber wiedersah, dachte Dennis daran, was nach ihrem Gespräch am letzten Donnerstag geschehen war. Wie er ins Büro zurückgegangen war, um seine Konten zu überprüfen und bei Harris-Tonkin (Kleinflugzeuge) aufgehört hatte. Und wie ihm die Idee gekommen war, auf dem Marktplatz zu warten, in der Hoffnung irgendjemanden,

einen Fremden, zu sehen, der das Gebäude betrat. Und seine Schlangenlampe aus Messing anknipste. Seine Nase, wie es Mr. Allibone zweifellos ausdrücken würde, in Brinkleys Angelegenheiten steckte.

Dennis hatte den Plan schon wegen seiner Undurchführbarkeit verworfen, in dem Bewusstsein, dass er womöglich über Monate hinweg nächtelang dort umsonst sitzen müsste, ohne dass jemand kam. Aber jetzt lagen die Dinge anders. Jetzt hatte ein Täter, wer immer es war, nur noch wenige Gelegenheiten, was er natürlich nicht wissen konnte. Es wäre zwar ein Wacheschieben »auf Verdacht«, aber dennoch einen Versuch wert.

Es war jetzt sehr lange hell. Angenommen der Eindringling war nicht berechtigt, das Gebäude zu betreten, dann würde er oder sie vermutlich mindestens bis zur Dämmerung warten und möglicherweise noch länger. Aber wenn die Person nun doch berechtigt war? Wenn sich jemand von seinen Angestellten irgendwie die Schlüssel angeeignet, einen Wachsabdruck gemacht hatte und auf Unheil aus war?

Dennis gebot seiner Phantasie streng Einhalt. In letzter Zeit wurde sie immer wilder und geriet völlig außer Kontrolle. Wieder einmal gab er dem Romanschreiben die Schuld und überlegte diesmal, ob der Realitätssinn eines Menschen darunter leiden konnte, wenn er sich über lange Zeiträume hinweg in alternativen Welten aufhielt.

Er dachte noch einen Augenblick länger nach und kam dann feierlich zu dem Schluss, dass er das Experiment wagen wollte. Er wollte am frühen Abend nach Causton zurückfahren. Für alle Fälle. Er beschloss, zunächst gegenüber im Magpie zu warten. Von dort hatte er eine gute Sicht auf die NatWest Bank, und wenn es dunkel wurde, konnte er vom Auto aus Wache halten.

Nachdem Dennis seine Strategie festgelegt hatte, fühlte er sich besser. Zumindest unternahm er etwas, auch wenn es eher nach Spionagefilm aussah. Bei längerem Nachdenken war der Gedanke nicht unerfreulich. Obwohl er mit seinem Los zufrieden war, ließ sich nicht leugnen, dass es seinem Leben an Aufregung fehlte. Ein Abenteuer, und sei es auch noch so bescheiden und unwahrscheinlich, würde auf jeden Fall etwas Würze in sein Leben bringen.

Die Lawsons packten. Teekisten standen herum, halb voll mit Geschirr und Bildern und Küchengeräten. Kate stopfte glücklich Holzwolle zwischen in Luftpolsterfolie verpackte Gläser, Mallory packte immer mehr Bücher auf einen großen Stapel bei der Küchentür. Zwei Kisten mit Kleidern standen im Flur und warteten darauf, abgeholt zu werden.

»Noch etwas für den Wohltätigkeitsladen?«

Autor

  • Caroline Graham (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Tod zur Tea Time