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Verhängnisvolle Leidenschaft

von Astrid Korten (Autor) Rike Bartlitz (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die Archäologin Catherine Evans und der Zeitreisende Konstantin Kanaris sind noch immer auf der Suche nach der sagenumwobenen schwarzen Perle. Als der skrupellose Kunstsammler Edwin Cousteau die beiden entführt und in seinem Palast in der Lybischen Wüste gefangen hält, scheint ihr Schicksal besiegelt, wäre da nicht ein Mädchen, das auf mysteriöse Weise mit der schwarzen Perle verbunden ist …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Oktober 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-789-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-042-5

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
© KULISH VIKTORIIA/shutterstock.com, © Dirima/shutterstock.com, © KAMONRAT/shutterstock.com, © nasidastudio/shutterstock.com, © Maryia Bahutskaya/stock.adobe.com und © Mohamed Raheem/stock.adobe.com
Lektorat: Sofie Raff

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Hamburg, Mai 2011

 

Die Sonne schiebt sich über den Rand des Horizonts und ein neuer Tag bricht an. Ich liege neben Konstantin auf einer Schönwetterwolke, zart und weich. Wir schweben in einer dünnen, silbernen Schicht mit Goldrand. Die ersten Sonnenstrahlen überfluten den Himmel und wärmen meine Haut. Wir lieben uns leidenschaftlich und bemerken nicht, dass wir weit nach Süden driften, wo die gleißende Sonne unser weiches Liebesnest auflöst. Wir fallen eng aneinandergeklammert durch das Gespinst aus zarten Fasern in Richtung Erde. Wie durch ein Wunder gleitet unter uns ein Phönix. Sein Gefieder glänzt im Licht der Sonne, es schimmert wie die Perlen der Winde. Mit seinen ausgebreiteten Schwingen fängt er uns auf. Zwischen den Federn auf seinem Rücken finden wir Halt und lassen Berge und Täler zurück. Der Vogel trägt uns weiter nach Süden, über ein großes Meer zu den Wüsten, die bis zum Horizont reichen. Immer weiter der Sonne entgegen. Dann ist seine Zeit gekommen. Der Vogel verbrennt in der Glut, um aus seiner Asche wieder aufzuerstehen. Die Asche verweht im Wind, während der Vogel in den gleißenden Strahlen der Sonne erneut seine Flügel entfaltet, um verjüngt davonzufliegen. Jetzt gibt es nichts mehr, das uns hält. Doch wir stürzen nicht in die Tiefe. In gleichbleibender Höhe schießen wir unter dem strahlend blauen Himmel durch die Luft. Konstantin schließt seine Arme fest um mich. Ich bin wie berauscht vom Tosen des Windes, der Konstantins Kleider wie eine zweite Haut an seinen Körper presst. Ich sehe ihn an, meine Augen hängen gebannt an seinen Lippen. Er senkt den Kopf und lächelt, seine Lippen legen sich auf meine. Ich öffne den Mund und stöhne, als ich seine Zunge, spüre süß und zärtlich. Es ist elektrisierend, in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft zu rauschen und einander zu berühren. Konstantins sinnlicher Kuss nimmt mich so sehr gefangen, dass ich das kleine Flugzeug, das sich uns nähert, viel zu spät wahrnehme. Es trennen uns nur noch wenige Meter von dem Flieger, als wir vom Luftstrom erfasst und nach unten geschleudert werden. Eng umschlungen rasen wir auf die Erde zu. Unter uns nichts als Sand. Ein Mann steht mit erhobenen Händen auf einer Düne und scheint uns zuzuwinken. Ich erkenne sein Gesicht. Es ist …

Ich erwache von meinem eigenen Schrei. Ich fühle mich für einen Moment wie gelähmt, öffne die Augen und streiche erleichtert mit der Hand über die kühlen Laken. Ich liege in meinem Bett. Es war nur ein Traum, sage ich mir. Ein furchtbarer Traum, aber nur ein Traum.

In der Regel sind meine Träume von Konstantin wunderschön. Wir liegen im Gras, Konstantin küsst mich, die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel und ihre Strahlen wärmen meine Haut. Alles ist hell und freundlich. Wenn ich aus so einem Traum erwache, freue ich mich auf den Tag.

In meiner Kindheit hatte ich oft aufregende Visionen. Doch ich habe schon lange keine mehr gehabt, so dass ich sie vollständig vergessen habe. Nein, korrigiere ich mich. Nicht vergessen, ich habe sie nur aus meinem Gedächtnis gelöscht, weil ich verrückte Dinge wahrgenommen habe, die es nicht gab.

Die Visionen sind einem Gespür für gewisse Strömungen gewichen. Ich fühle Bedrohungen, Leiden, Leben und Tod, aber auch das Glück und Begehren der Menschen. Doch auch diese Empfindungen habe ich schon seit längerer Zeit nicht mehr wahrgenommen. Warum jetzt? Eine unangenehme Erinnerung bricht über mich herein. Beängstigende Gefühle, die mir nur allzu vertraut sind, machen sich in mir breit. Sollte der Albtraum in der letzten Nacht ein Vorbote für eine drohende Gefahr in der Zukunft sein? Mein Vater hat meine Fähigkeit nie ernst genommen, im Gegensatz zu mir. Denn meine Ahnungen haben sich in der Vergangenheit immer bewahrheitet.

Ich bin Archäologin. Schon immer haben mich Reisen, ferne Länder und fremde Kulturen fasziniert. Doch mein größtes Abenteuer begann, als ich mit meiner Tochter Pauline während einer Ausgrabungsexpedition die sagenumwobene Höhle des Ajios Prodhromos Klosters in Gortis erkundete. Inmitten dieser griechischen Eremitenhöhle, um die sich zahlreiche Sagen ranken, geriet ich in einen mysteriösen Sturm und entkam nur knapp dem Tod. Dennoch verspürte ich den Drang, die Höhle ein zweites Mal aufzusuchen. Auf dem felsigen Grund der Höhle fand ich vier Perlen, eine weiße, eine blaue, eine rote und eine braune. Später erfuhr ich, dass ihnen nachgesagt wird, dass sie die sagenumwobenen Perlen der Winde seien. Im Eingang der Höhle zeigte sich mir Despoina, die Göttin der Mysterien von Lykosura, in ihrem weißen Gewand. Glaubst du, ich weiß nicht, wie verwirrt du jetzt bist?, sagte sie zu mir. Dass du nicht glauben willst, dass der Fluss der Magie durch dich hindurch fließt? Du hast eine ganz besondere Gabe. Du wirst Zeit und Raum überwinden. Doch wenn du meine Hilfe suchst, Catherine, musst du mir ein Opfer bringen. Und hüte dich vor Anytos. Er ist einer der Kureten. Vor ihm kann ich dich nicht beschützen.

Und ich begegnete Konstantin, der Liebe meines Lebens. Er behauptete, durch eine Spalte in der Zeit aus dem Jahr 1821 in das Jahr 2005 gereist zu sein, und tatsächlich erwies sich seine Geschichte als wahr. Konstantin hat mir gezeigt, was Liebe bedeutet und mir das Gefühl gegeben, nie mehr allein sein zu müssen. Seitdem besteht die Welt für mich aus Magie, Zauber und Romantik.

Ich setze mich auf und schlage die Decke zurück. Mein Blick schweift zu dem hohen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Ich sehe müde und verstrubbelt aus und gar nicht wie ich selbst.

Energisch schiebe ich meine Erinnerungen beiseite. Es hilft alles nichts, Catherine, du musst aufstehen.

Ich gehe ins Badezimmer, steige unter die Dusche und drehe den Wasserhahn auf die höchste Stufe. Das Wasser prasselt auf meinen Kopf, rinnt über meinen Körper und ich stelle mir vor, wie der Albtraum aus meinem Unterbewusstsein mit dem Wasser im Abfluss verrinnt. Bevor ich mich in ein großes Badetuch hülle, drehe ich mich vor dem Spiegel ein paar Mal hin und her. Mein Körper ist noch immer schlank und sportlich. Gar nicht so übel für eine Frau von Anfang vierzig. Ich zwinkere mir zu, föhne meine schulterlangen blonden Haare und ziehe mich an. In der Küche setze ich Teewasser auf, zupfe vier Blätter Minze von den Stielen, gieße das kochende Wasser darüber und lasse den Tee einige Minuten ziehen.

Langsam breitet sich der aromatische Duft in der Küche aus. Unwillkürlich denke ich an Merle, der ich es zu verdanken habe, dass ich meinen Tee jetzt aus frischer Minze zubereite und keine Teebeutel mehr verwende. Merle ist die Großmutter von Paulines Freund Wassili. Damals in ihrem Haus etwas außerhalb von Gortis hat sie mir gezeigt, wie man frischen Minztee zubereitet, während sie uns eine Geschichte über die Perlen der Winde erzählte. Eine Geschichte, die besagt, dass der Zeitreisende, wenn er in seine Zeit zurückkehren möchte, noch eine fünfte, eine schwarze Perle benötigt. Die wir leider nicht hatten.

Mit der Tasse in der Hand gehe ich in die Bibliothek, öffne die Tür, die zu meinem Garten führt, und betrete die Terrasse. Der Frühling bringt die vertrauten Düfte mit sich. Die Tulpenmagnolie drüben im Hof der Nachbarin und bunte Frühblüher wie Maiglöckchen, Jasmin und Pfingstrosen öffnen ihre prächtigen Blüten und verströmen ihren betörenden Duft. Unter den japanischen Kirschbäumen, die ich vor vielen Jahren gepflanzt habe, liegt ein rosaroter Blütenteppich. Die laue Frühlingsluft lässt die Knospen des Blauregens schwellen. Seine Ranken sind längst über die Backsteinmauer des Gartens auf die andere Seite hinübergeklettert. Binnen einer Woche wird die lavendelfarbene Pracht mit einem Schlag aufgehen und den Garten in seine Duftwolken hüllen. Ich summe ein Lied vor mich hin, nippe von meinem Tee und genieße noch ein paar Minuten die Sonnenstrahlen, die nach Monaten der Heizungswärme endlich wieder meine Haut berühren.

Lächelnd gehe ich zurück in die Küche, schon ganz in Gedanken bei Noel Bretagne, den ich heute Morgen zum Frühstück erwarte. Ich trage das Frühstückstablett auf die Terrasse und arrangiere bunte Frühlingsblumen in einer Vase, als es auch schon klingelt. Schnell eile ich zur Tür und öffne. „Guten Morgen, Catherine. Bin ich zu früh?“

„Guten Morgen, Noel. Nein, Sie sind nicht zu früh.“ Ich gehe einen Schritt zur Seite. „Kommen Sie doch herein.“

Er folgt meiner Bitte. Noel Bretagne ist als Ermittler für das Ägyptische Museum in Kairo tätig und fahndet weltweit nach Menschen, die Kunstgegenstände stehlen, damit handeln oder sie aus dem Land schmuggeln. Er hatte mich Anfang des Jahres das erste Mal aufgesucht, in der Hoffnung, dass ich ihm bei der Aufklärung eines Falles behilflich sein könnte, in den der ägyptische Kunstsammler Edwin Cousteau verwickelt ist. Edwin Cousteau ist ein vermögender Ägypter, ein Teufel in Menschengestalt, der Mordaufträge erteilt, Menschen manipuliert, entführen lässt und sich nimmt, was immer seine finstere Seele begehrt.

Vielleicht kann ich Noel ja tatsächlich helfen. Nur aus diesem Grund habe ich mich bereit erklärt, ihm die abenteuerliche Geschichte von Konstantin und mir zu erzählen.

„Ich dachte, wir frühstücken auf der Terrasse, das Wetter ist so herrlich heute Morgen“, sage ich, schließe die Tür hinter ihm, gehe voraus und deute auf die gemütliche Ecklounge unter der Markise. „Nehmen Sie doch bitte Platz, Noel.“

„Danke, Catherine.“ Noel setzt sich und schlägt seine langen Beine übereinander. Ich stelle Brot, Butter, Schinken und Käse auf den Tisch und setze mich ihm gegenüber.

Seine Augen schweifen durch meinen Garten. „Es ist wunderschön hier. Ich freue mich, dass ich Ihren Garten jetzt zur Blütezeit bewundern darf. Als ich Anfang des Jahres hier war, war alles noch tief verschneit.“

„Ja, der Garten ist wunderschön geworden.“ Ich schenke uns Tee ein und fülle Saft in die Gläser. „Wie geht es Hannah und Ihrer Stieftochter Nadja?“

„Danke, gut. Beide wären gerne mitgekommen. Leider war es ihnen wieder nicht möglich.“

„Schade, ich hätte Hannah gerne einmal wiedergesehen. Für Sie nur ein Stück Zucker, ich habe es nicht vergessen.“

Ich betrachte den gutaussehenden Mann und entdecke erste graue Strähnen in dem ansonsten schwarzen Haar an seinen Schläfen. Die waren vor ein paar Monaten noch nicht da gewesen, doch es steht ihm. Es passt zu seiner olivfarbenen Haut und den goldbraunen Augen.

„Ich gehe davon aus, dass Sie mich auch heute nicht nur zum Teetrinken aufgesucht haben“, beginne ich unser Gespräch.

Bretagne neigt leicht den Kopf und lächelt. „Nein, ich möchte Ihre Geschichte hören.“

Meine Geschichte. Ich kann kaum glauben, dass die Ereignisse in Gortis schon sechs Jahre her sind. Mit einem Mal ist Konstantin wieder präsent. Jetzt an ihn zu denken löst in mir eine Sehnsucht von schmerzlicher Intensität aus.

„Darf ich?“, fragt Noel, zieht seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und legt ihn auf den Tisch. „So ist es etwas angenehmer beim Sitzen.

„Natürlich, machen Sie es sich bequem.“

„Also, Sie und Ihr Bekannter, Konstantin Kanaris, sind nach einem furchtbaren Kampf von Edwin Cousteaus Handlangern in Patra entführt worden“, beginnt Noel. „Sie wollten in Patra für Konstantin einen Pass fälschen lassen.“ Er schüttelt verwundert den Kopf. „Es ist mir immer noch unbegreiflich. Konstantin, ein Zeitreisender, der aus dem Jahr 1821 in unser Jahrhundert gereist ist. Das ist einzigartig.“

„Nein, einzigartig ist das nicht“, widerspreche ich. „Wassilis Großmutter hatte schon mehrere Menschen in der Höhle des Ajios Prodhromo Kloster in Gortis gefunden, nur haben sie die Zeitreise nicht überlebt.“

Er nickt und ich fahre fort. „Cousteau hatte die Entführung von langer Hand geplant. Meine Tochter Pauline wäre von einem seiner Männer beinahe vergewaltigt worden. Ihr Freund Wassili wurde mit einer Waffe bedroht und musste tatenlos zusehen. Und ich konnte Pauline nicht beistehen, weil man mich gezwungen hatte, in dieses Auto zu steigen. Konstantin hat sich sofort neben mich auf die Rückbank gesetzt. Er hätte mich niemals allein gelassen. Ich musste meine Tochter zurücklassen und wusste nicht, wann ich sie wiedersehen würde. Und was Cousteau in Wahrheit von Konstantin und mir wollte … wir hatten nicht die geringste Ahnung.“ Ich stehe auf, betätige den Schalter für die Markise und lasse die Sonnenblende hochfahren. In den kristallenen Saftgläsern, die auf dem Tisch stehen, bricht sich das Licht. Ein leiser Schauer überkommt mich bei dem Gedanken, was noch alles hätte passieren können.

„Wissen Sie, worüber ich mich sehr wundere, Noel?“

„Nein, worüber denn?“ Er nimmt sein Glas vom Tisch und drehte es langsam in den Händen.

„Nun ja, ich erzähle Ihnen eine fantastische, im Grunde genommen unglaubwürdige Geschichte und …“

„Ich …“ Er hebt eine Hand.

Doch ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. „Nein, das meine ich nicht.“ Ich glaube zu wissen, was er sagen will. „Ich weiß, dass Sie mir glauben. Aber das ist es nicht. Was mich viel mehr wundert, ist … Sie haben mir bis jetzt nicht eine einzige Frage dazu gestellt.“

Noel lächelt, trinkt sein Glas leer und stellt es auf den Tisch. „Ja, Ihre Verwunderung darüber kann ich verstehen, Catherine. Tatsächlich habe ich aber eine Menge Fragen.“ Und als ob er meine Gedanken erraten kann, fügt er schmunzelnd hinzu: „Ich frage mich nur, ob ich auch auf alle eine Antwort bekommen werde.“ Er legt seine schlanken, manikürten Hände lässig auf seine übereinandergeschlagenen Beine.

Ich lehne mich in dem Sessel zurück, verschränke die Arme vor der Brust und mustere ihn ernst. „Ich würde sagen, das kommt ganz auf die Fragen an.“ Ich schenke Saft nach und reiche Noel mit einem Lächeln das Glas.

„Danke“, sagt er ebenfalls lächelnd und nimmt es mir aus der Hand. „Allerdings möchte ich mir Ihre Geschichte erst bis zum Ende anhören.“

Ich schenke mir selbst ein, trinke in kleinen Schlucken und lasse den Blick durch den Garten schweifen. Es ist fast still. Nur das Rauschen der Bugwellen von den Schiffen auf der Alster und das Zwitschern der Vögel ist zu hören. Ein Frösteln durchfährt mich.

„Ich denke, es ist an der Zeit, Ihnen einen weiteren Teil der Geschichte von Konstantin zu erzählen.“

Ich hole meine Erinnerung zurück in die Gegenwart. Seit meiner Rückkehr ist viel Zeit vergangen und doch erinnere ich mich an jede Minute mit Konstantin, so als hätten wir uns erst vor einer Stunde getrennt. Vielleicht, weil ich noch immer auf der Suche bin – nach dem Gefühl, das ich zum ersten Mal in der Höhle erfahren habe. Ich werde mich immer nach dieser Liebe sehnen, solange ich atme. Ich seufze, lehne mich in den Polstern zurück und schließe die Augen.

In meiner Erinnerung sehe ich die ägyptische Sonne deutlich vor mir. Ein großer roter Ball, der von Flammen umrundet ist.

„Konstantin und ich ahnten nicht, welche Gefahren wir noch zu bestehen hatten“, setze ich meine Geschichte fort.

Kapitel 1

Patra, April 2005

 

Die Saison der blutrünstigen Mücken hat schon längst begonnen. Zu hunderten schwirren sie durch das Scheinwerferlicht des Wagens. Der Fahrer biegt vom Freihafen rechts auf die Hauptstraße 55. Nach fünfzehn Minuten erreichen wir den Flughafen von Patra.

„Am Check-In-Eingang vorbei“, dirigiert Burvat den Fahrer. „Fahr zum Privatgelände des Flughafens.“

Wir halten vor einem großen Hangar, dessen Tor weit aufsteht.

„Frau Evans, Herr Kanaris, wir sind da. Steigen Sie bitte aus.“

Konstantin und ich verlassen den Wagen. Die Nachtluft ist kühl und frisch. Ich sehe mich alarmiert um. In der Halle steht ein Flugzeug, dessen Vordereinstieg geöffnet ist. Eine Treppe führt zu dem erhöhten Einstieg.

„Das ist fantastisch“, ruft Konstantin und läuft mit großen Schritten in den Hangar. Er bleibt unter dem Flugzeug stehen, dreht sich um und lächelt mir zu. „Es ist groß, ja. Aber … irgendwie habe ich es mir noch größer vorgestellt.“

„Die Flugzeuge, die hunderte Passagiere befördern, sind auch viel größer, Konstantin. Das hier ist ein Privatjet, er ist vielleicht für zehn oder zwölf Personen gedacht.“

Mit vor der Brust verschränkten Armen bleibe ich vor der Halle stehen und schaue in den Himmel. Funkelnde Sternbilder und die kleinen Sterne der Milchstraße verzaubern den Nachthimmel. „Despoina, kannst du mich hören?“, murmele ich. „Ich weiß zwar nicht, welche Gabe ich dir hier an diesem Ort darbringen könnte, aber ich brauche deine Hilfe.“

Opfere etwas von dir, wispert eine helle Stimme in meinem Kopf. Ich schließe für einen Moment meine Augen und denke nach. Etwas von mir? Dann habe ich eine Idee. Natürlich. Lächelnd zupfe ich mir einige Haare aus und lasse sie zu Boden fallen.

Ich danke dir für deine Gabe. Ich versichere dir, die Asche des Phönix wird dich retten. Sie wird wie eine Wand auf die Erde niedergehen und vieles sieht danach nicht mehr so aus, wie es einmal war. Schaue immer nach Norden auf den Polarstern, das ist deine Richtung zurück.

„Catherine?“, unterbricht Konstantin meine Gedanken. Ich zucke vor Schreck zusammen, als er plötzlich neben mir steht und einen Arm um meine Schulter legt. „Was meinst du, werden wir in dieses Flugzeug einsteigen?“

„Worauf du dich verlassen kannst. Ich habe nur keine Ahnung, wohin die Reise geht.“ Wir gehen ein paar Schritte bis zu dem Gitterzaun, der das Privatgelände vom öffentlichen Flughafen trennt. Zwischen den Drahtmaschen strahlen die Lichter des Flughafens. An den Flugzeugen auf der Rollbahn und am Gate blinken scheinbar willkürlich die Lampen auf. Was wollte mir Despoina damit sagen: Die Asche des Phönix wird dich retten? Und was meinte sie mit der Wand, die auf die Erde niedergehen wird?

Konstantin legt den Kopf in den Nacken. Sein Blick folgt einem Flugzeug, das über unseren Köpfen fliegt und immer mehr an Höhe gewinnt. Deutlich hört man das tiefe Dröhnen der Motoren.

Auch ich schaue nach oben und suche den Polarstern. Nach Norden, das ist die Richtung zurück. An der Schwanzspitze des Kleinen Bären erstrahlt er hell in all seiner Pracht.

Zeus und die schöne Kallisto. Ihre Liebe wurde durch die Geburt des Sohnes Arkas gekrönt. Doch Hera, Zeus Frau, hatte von der Liebschaft erfahren und verwandelte Kallisto in eine Bärin, die fast von ihrem eigenen Sohn getötet worden wäre. Zeus verhinderte die Tat und schleuderte sie in den Himmel. Er verwandelte Arkas in ein Bärenkind und warf ihn an die Seite seiner Mutter. Seitdem drehen Kallisto und Arkas als Großer und Kleiner Bär ihre ewigen Runden am Himmel.

Ich höre Burvat mit dem Fahrer reden. Gerade als ich ihn fragen will, wie es denn jetzt weitergeht, kommt er auf uns zu.

„Frau Evans, Herr Kanaris, kommen Sie. Es ist Zeit.“

„Wo bringen Sie uns hin?“, will ich wissen. Doch ich bekomme keine Antwort. Er tut so, als hätte er mich nicht gehört, und läuft mit großen Schritten auf das Flugzeug zu. Ich muss rennen, um mit ihm Schritt halten zu können, und packe seinen Arm.

„Ich möchte sofort wissen, wo Sie uns hinbringen!“

„Bitte steigen Sie ein, Frau Evans. Ich werde Ihre Fragen zu gegebener Zeit beantworten.“ Er deutet eine Verbeugung an und zeigt auf die geöffnete Tür. Ich bleibe vor der Treppe stehen und umklammere mit beiden Händen das Geländer.

Konstantin stellt sich neben mich an den Fuß der Treppe und legt seine Hand auf meinen Arm. „Komm, Liebling, steigen wir ein. Wir sollten lieber tun, was er sagt, und ich wollte ohnehin mit dir fliegen.“ Aufmunternd zwinkert er mir zu.

„Sehr vernünftig!“, antwortet Burvat und deutet auf die geöffnete Tür. „Sonst hätte ich Sie mit Gewalt hineinbringen müssen. Und ich verabscheue Gewalt.“

„Das sagten Sie bereits, als Sie uns hierher entführt haben“, gifte ich zurück und umklammere immer noch das Treppengeländer.

„Komm, Catherine!“ Schließlich lasse ich es zu, dass Konstantin meine Hand löst. Wir steigen gemeinsam die Treppe hinauf und betreten das Flugzeug. Burvat verriegelt sorgfältig die Tür hinter uns und verschwindet im Cockpit.

Ich sehe mich staunend um. Ich habe nicht das Gefühl, in einem Flugzeug zu sein, sondern in den noblen Räumen eines englischen Clubs. Im vorderen Bereich umrahmen elegante weiße Ledersessel und ein Diwan einen Tisch. Die Rauchglasplatte liegt auf den ausgebreiteten Schwingen einer aufrecht stehenden Pegasusstatue. Es gibt einen Essbereich mit verglasten Spirituosenschränken. Im mittleren Teil des Flugzeugs stehen ein Schreibtisch und ein wuchtiger Konferenztisch, der von vielen Stühlen umrahmt ist. Im Heck führen zwei Türen zu weiteren Zimmern.

„Lass dich nicht täuschen, Konstantin!“, sage ich leise. „Das ist kein normales Verkehrsflugzeug. So nobel geht es da nicht zu. Das ist ein Privatjet und der gehört …“

„Cousteau! Habe ich recht?“, unterbricht er mich.

„Ja.“ Plötzlich rast mein Herz und meine Knie zittern. Meine Hände suchen irgendwo einen Halt. Die Erkenntnis, dass wir uns in Cousteaus Privatjet befinden, lässt mich straucheln. Doch Konstantins starke Arme fangen mich auf und ziehen mich an seine Brust.

„Wir sind zusammen, Liebling“, flüstert er mir mit seiner weichen, dunklen Stimme ins Ohr. „Das ist alles, was zählt. Was auch immer geschieht, wir stehen das gemeinsam durch.“

Es ist tröstlich, seine Stimme zu hören und ihn bei mir zu wissen. Nach einer Weile lässt das Zittern nach. Sanft streicht mir Konstantin über das Haar.

„Was hat der Mann vor, Konstantin? Wo will er mit uns hin?“

„Das ist doch nicht schwer zu erraten! Wir fliegen nach Kairo. Dort wird Herr Cousteau zusteigen“, sagt Burvat und schließt hinter sich die Cockpittür.

Mir wird schlecht. Ich schließe für einen Moment die Augen. Entsetzen. Panik.

„Frau Evans, Herr Kanaris, machen Sie es sich bequem. Wir werden in ein paar Minuten starten.“

Ich drehe meinen Kopf ruckartig zur Tür. Doch sie ist verschlossen. Der Riegel am Schloss ist eingerastet.

„Zu spät, meine Liebe! Bleiben Sie ruhig und setzen Sie sich“, sagt Burvat, der meinen Blick zur Tür offensichtlich richtig gedeutet hat. „Herr Kanaris, da Sie ja aus verständlichen Gründen noch nie geflogen sind, nehme ich an, dass Sie einen Fensterplatz bevorzugen. Es ist tatsächlich immer wieder ein berauschendes Gefühl beim Start. Sogar für mich.“

Burvat drückt mich leicht, aber bestimmt, in einen der Ledersessel. Konstantin setzt sich ans Fenster und nimmt den Sicherheitsgurt in die Hand. „Wozu sind diese Bänder da?“

„Das sind Sicherheitsgurte, sie halten dich auf dem Sitz fest, falls etwas passieren sollte. Du musst dich damit an den Sessel anschnallen. Komm, ich helfe dir“, erwidere ich, im Begriff aufzustehen.

„Sie bleiben sitzen und schnallen sich an“, fährt Burvat dazwischen. „Ich mache das schon.“

Idiot! Was glaubt der eigentlich, was ich vorhabe? Die Tür einschlagen? Es fällt mir schwer, ruhig sitzen zu bleiben. In Burvats Miene liegt etwas Gerissenes.

Wut überfällt mich. Ich springe auf und packe ihn am Revers.

„Sie öffnen sofort diese Tür und lassen uns gehen“, fordere ich ihn auf.

Burvat hebt beschwichtigend die Hände, in seinen Augen glitzert Triumph. „Das, Frau Evans, ist leider nicht mehr möglich. Wir fahren schon aus dem Hangar auf die Rollbahn und befinden uns gleich in der Luft.“

Resigniert löse ich meine Hände von dem Stoff und werfe einen Blick aus dem Fenster. Burvat hat recht. Wir können nicht mehr zurück.

„Setzen Sie sich hin und schnallen sich an, Frau Evans. Und Sie, Herr Kanaris, schenken mir bitte einen kleinen Moment Ihre Aufmerksamkeit.“

Konstantins Miene zeigt keinerlei Regung.

„Sollten Sie oder Ihre reizende Begleiterin nochmals auf die Idee kommen, mich anzugreifen, sperre ich Sie in den Laderaum des Flugzeugs. Und glauben Sie mir, der Aufenthalt dort ist nicht sehr bequem.“

Das Flugzeug hat jetzt so viel Geschwindigkeit erreicht, dass es sich nur noch um Sekunden handeln kann, bis es vom Boden abhebt.

Erschöpft lasse ich mich in den Sessel fallen. „Gut, den ersten Kampf haben Sie gewonnen.“

„Nicht nur den ersten, glauben Sie mir“, antwortet Burvat und grinst boshaft.

Obwohl vor uns die Dunkelheit einer ungewissen Zukunft liegt, ist Konstantin so aufgeregt wie ein kleiner Junge an seinem ersten Schultag. Er sieht unablässig aus dem Fenster. Als das Flugzeug vom Boden abhebt, strahlen seine Augen so hell wie die Sonne nach einem Sommergewitter.

„Catherine, das ist unglaublich! Ich sitze in einem Flugzeug. Ich kann es kaum fassen. Ich fliege wie ein Vogel durch die Luft!“

Ich kann seinen Enthusiasmus verstehen. Für ihn ist Fliegen wie ein kleines Wunder, auch wenn die Umstände seine Freude eigentlich nicht rechtfertigen.

Burvat deutet mit seinem ausgestreckten Arm in den hinteren Teil der Maschine. „Sobald wir die Reiseflughöhe erreicht haben, sollten Sie die Gelegenheit nutzen, um sich zu frisch zu machen. Hinter der linken Tür liegt das Bad.“

Vom gröbsten Schmutz befreit kehren wir zu der Sitzgruppe zurück.

„Sie haben gesagt, dass Cousteau in Kairo zusteigt. Fliegen wir etwa noch weiter?“, frage ich Burvat und setze mich wieder hin.

„Wir fliegen zu ihm nach Hause“, erwidert er knapp.

„Was meinen Sie damit? Wo ist dieses Zuhause?“

„Das werden Sie schon noch erfahren.“ Er wendet sich brüsk ab, steht auf und geht in den Essbereich. Aus dem eingebauten Wandschrank nimmt er drei Gläser. Dann öffnet er den Kühlschrank, holt Getränke, einen Eiswürfelbehälter und einen Teller mit Blutorangenschnitzen und stellt alles auf dem Tisch ab. Er gießt Saft in die aufwendig geschliffenen Gläser und wirft einen Eiswürfel hinein. „Auf einen angenehmen Flug.“ Burvat nimmt sein Glas und prostet uns damit zu. „Und …“, er trinkt einen Schluck, „auf dass es keine Komplikationen gibt, wo sich doch eine so kostbare Fracht an Bord befindet.“

„Was für eine kostbare Fracht?“ Ich habe Mühe, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.

„Nun, Ihr charmanter Begleiter hier. Halten Sie mich nicht für dumm, Frau Evans, das wäre ein großer Fehler. Glauben Sie etwa, ich weiß nicht, dass es sich bei Herrn Kanaris um einen Zeitreisenden handelt?“

Ich bin für einen Moment schockiert. „Das glauben Sie doch selbst nicht!“

„Oh doch! Herr Cousteau hat viele Informanten. Nichts, was von Bedeutung ist, entgeht ihm. Das sollten Sie doch inzwischen wissen.“

„Woher haben Sie diese absurden Informationen?“, frage ich wütend.

„Wissen Sie, mit Geld kann man heutzutage alles kaufen. Vor allem Menschen.“ Er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ein Hilfsarbeiter Ihres Teams hat gehört, dass Herr Kanaris unter sehr mysteriösen Umständen in Ihr Lager gekommen ist. Und mit der Zeit schnappte er noch dies und das auf ...“

Burvat steckt sich ein Blutorangenstückchen in den Mund. Der rote Fruchtsaft läuft ihm aus beiden Mundwinkeln, so dass er aussieht wie ein Vampir. Mit einem schneeweißen Taschentuch wischt er sich über Mund und Kinn und hinterlässt dabei rote Flecken auf dem Stoff.

Ich schüttele mich innerlich. Wie Blut, es sieht aus wie Blut.

Nach etwas über einer halben Stunde geht die Maschine in den Sinkflug und nur wenig später rollen wir in einen Hangar auf dem Flughafen von Kairo.

Kapitel 2

Kairo, April 2005

 

Edwin Cousteau steht im Toyzimmer, das sich im dritten Stockwerk seines Anwesens in Kairo erhebt, und betrachtet lächelnd die Kostbarkeiten in den Glasvitrinen: fein ornamentierte Schnupftabaksdosen aus Lapislazuli und Aquamarin, chinesische Drachen-Figuren aus der Ming Dynastie, kobaltblaue Vasen mit Schwanenhalshenkeln aus der Porzellanmanufaktur Meissen, ein Schwert mit edelsteinbesetztem Griff aus dem 15. Jahrhundert, afrikanische Masken. Plötzlich hält er in seinen Betrachtungen inne, geht zu seinem Schreibtisch und schaltet den Monitor ein, auf dem er jeden Winkel seines Anwesens überwachen kann. Der Bildschirm leuchtet auf und schaltet in den Salon, wo Burvat, an einem Club Soda nippt. Der Detektiv hat den Flughafen so schnell wie möglich verlassen, um Cousteau persönlich die Nachricht der Ankunft von Catherine Evans und Konstantin Kanaris auf dem Kairoer Flughafen zu überbringen.

Cousteau kauft, hehlt, stiehlt. Er hortet seine Besitztümer. Sein Import-Export-Unternehmen läuft ausgesprochen erfolgreich, sein Nebenerwerb, das Schmuggeln, nicht minder. Letzteres stellt für ihn jedoch die größere Herausforderung dar. Es verlangt eine gewisse Finesse und skrupellose Erfindungsgabe. Cousteau schreckt, wenn es seinem Zweck dient, auch vor einer Entführung nicht zurück.

Als das Telefon klingelt, schaltet Cousteau den Monitor auf sein Sekretariat um, nimmt das Gespräch an und drückt die Lautsprecherfunktion. „Ja.“

„Sir, Herr Leroy ist am Apparat und möchte Sie sprechen“, informiert ihn seine Sekretärin. „Soll ich durchstellen?“

Cousteau setzt sich in den weichen Sessel aus Büffelleder und betätigt die Gegensprechanlage. „Nein, Madeline, sagen Sie ihm … ich bin nicht da. Und unsere Gäste werden nicht hier übernachten, ich habe es mir anders überlegt. Kümmern Sie sich um Burvat. Sie wissen schon. Ach ja, und lassen Sie den Royce vorfahren. Sorgen Sie dafür, dass Murad draußen auf mich wartet und sagen Sie alle Termine für die nächsten Tage ab. Ich werde verreisen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schaltet er das Gerät aus, verlässt das Zimmer und geht zum Aufzug.

„Guten Tag, Herr Cousteau“, begrüßt ihn der Wachmann und tippt mit dem Zeigefinger an seine Mütze.

Cousteau nickt, betritt den Aufzug und drückt den Knopf zum Ausgang. Als er das Gebäude durch die gläserne Drehtür verlässt, steht Murat wartend neben dem Fahrer vor der Limousine. „Zum Flughafen“, ruft Cousteau dem Fahrer zu, der eilig die Wagentür aufreißt. Cousteau nimmt im Fond der Limousine Platz. Murad klettert auf den Beifahrersitz und nimmt mit einem eingebauten Funksprechgerät die Verbindung zu dem Wohnsitz in der Lybischen Wüste auf.

Nach knapp zwanzig Minuten erreicht der Wagen den Flugplatz. Der Pilot steht rauchend vor dem geschlossenen Hangar.

Cousteau steigt aus dem Wagen und knallt die Tür hinter sich zu. „Wo sind sie?“, ruft er. Seine Stimme zittert förmlich vor Erregung.

„Im Flugzeug, Sir.“

„Danke, gehen Sie zurück ins Cockpit. Wir fliegen zu meinem Anwesen in die Wüste. Murad und ich übernehmen ab hier.“

Kapitel 3

Obwohl ich mit seinem Erscheinen gerechnet habe, kann ich Edwin Cousteau nur fassungslos anstarren.

Er trägt schwarze Wildlederschuhe mit gut drei Zentimeter hohen Absätzen. Seine hagere Gestalt steckt in einer hellgrauen Seidenhose. Dazu trägt er ein Hemd mit rosafarbenen Blüten, vermutlich von einem Spitzendesigner. Er kneift den Mund so fest zusammen, dass seine Lippen fast nicht mehr zu sehen sind. Dadurch ragt seine Nase, die die Form eines Geierschnabels hat, noch mehr hervor. Der Blazer ist dunkelgrau mit roten Satinaufschlägen. Er sieht einfach grotesk aus.

„Frau Evans, Herr Kanaris. So sieht man sich wieder“, schnarrt er mit seiner quietschenden Stimme.

Unsere Situation ist zwar alles andere als lustig, doch ich sehe, dass auch Konstantin innerlich schmunzelt. Cousteau kommt mit einer affektierten Handbewegung auf mich zu.

„Ich möchte Sie gleich mit Murad bekannt machen, meinem Leibwächter.“ Er tritt einen Schritt zur Seite, lächelt und gibt den Blick auf die Tür frei. „Murad, würdest du dich bitte den Herrschaften vorstellen?“

Der Rahmen der Flugzeugtür wird von einer massigen Gestalt ausgefüllt. Die Haut des Mannes ist so schwarz wie Kohle und er ist deutlich größer als Konstantin. Seine muskelbepackten Arme sind so dick wie Baumstämme und sein Gesicht ist mit zahlreichen Narben übersät.

Ach du meine Güte, ist das ein Zombie?

Murad verneigt sich kurz, nimmt aber ansonsten keinerlei Notiz von uns.

„Danke, Murad. Du kannst jetzt nach vorne gehen. Sag dem Piloten, dass er starten kann. Lybische Wüste.“

„Was?“, rufe ich entsetzt. „Sie bringen uns in die Lybische Wüste? Das ist nicht Ihr Ernst!“

Cousteau setzt sich immer noch lächelnd in einen der Sessel und schlägt die Beine übereinander. „Doch, ich habe ein Haus dort. Völlig abgeschieden und ruhig. Sie sind meine Gäste und ich möchte, dass Sie sich wohlfühlen.“

„Ihre Gäste“, schnaubt Konstantin. „Wir sind nichts anderes als Ihre Gefangenen. Sie haben uns entführt und schleppen uns in die Wüste.“

Plötzlich steigt erneut die Erinnerung in mir auf. Ich denke wieder an den Flug auf dem Rücken des Phönix. Der Vogel trug Konstantin und mich auf seinem Rücken über ein großes Meer nach Süden zu den Wüsten, die bis zum Horizont reichen. Es war nur ein Traum, ein Albtraum, den ich vor langer Zeit geträumt habe. Doch mein Gespür hat sich wieder einmal bewahrheitet. Oh Gott, lass es gut gehen! Lass uns nicht wie in meinem Traum vom Himmel stürzen!

Inzwischen dröhnen die Turbinen des Flugzeugs. Die Maschine setzt sich langsam in Bewegung und wir rollen aus dem Hangar auf die Startbahn. Wir werden schneller, heben vom Boden ab, die Motoren brüllen auf und singen dann gleichmäßig auf einer Tonstufe. Schnell gewinnen wir an Höhe. Der Pilot steuert das Flugzeug durch wattige Cumuli nach Süden. In Sekundenschnelle fliegen die Wolken vorbei, dann haben wir wieder freie Sicht auf den beleuchteten Flughafen. Der Flieger gleitet wie auf Schienen auf einem festen Luftbett. Cousteau steht auf und geht in den Essbereich des Flugzeugs. Mit einer Flasche, in der eine rubinrote Flüssigkeit funkelt, und drei Gläsern kehrt er zu der Sitzgruppe zurück. Er setzt sich, öffnet die Flasche und schenkt ein. Das Aroma von reifen Pflaumen, Zedernholz und einer Spur Tabak mischt sich mit der Luft der Klimaanlage.

„Santé.“ Er hebt sein Glas, trinkt einen Schluck und stellt das Glas auf die Tischplatte.

Die Fragen brennen mir auf der Zunge. Cousteau könnte uns so viele Dinge erklären. Ich setze schon zum Sprechen an, als sich seine Augen plötzlich verändern. Wenn ich ihn nicht so wütend angestarrt hätte, wäre es mir gar nicht aufgefallen. Er blinzelt, kneift die Augen mehrmals fest zusammen und schlägt sie wieder auf. Doch jedes Mal, wenn er sie öffnet, sehe ich, dass seine Pupillen stärker flackern.

Seine Finger krallen sich in die Armstützen des Sessels, als müsse er sich mit Gewalt dazu zwingen, sitzen zu bleiben. Der Kopf pendelt wie von einer Schnur gezogen langsam von rechts nach links.

„Herr Cousteau!“, rufe ich entsetzt.

Verdammt! Was passiert mit uns, wenn der Mann hier einfach umkippt? „Geht’s Ihnen nicht gut?“

„Er hat einen Anfall“, sagt Konstantin, steht aus dem Sessel auf und beugt sich über Cousteau.

„Was für einen Anfall?“

Konstantin schüttelt den Kopf. „Ich weiß es nicht. Irgendein Anfall. Ich habe in Stemnitsa einmal gesehen, wie ein Mann auf der Straße mit wilden Zuckungen zusammengebrochen ist. Seine Pupillen haben geflackert wie bei Cousteau.“

„Der Mann hatte wahrscheinlich Epilepsie. Das ist eine Krankheit mit plötzlichen krampfähnlichen Anfällen. Aber Cousteau sieht aus, als stünde er unter Drogen.“

Konstantin schnaubt. „Nein, das glaube ich nicht.“ Er richtet sich wieder auf und stemmt die Hände in die Hüften. „Vielleicht ist er irre? Soll ich diesen Murad holen?“, fragt er.

„Nein, noch nicht. Vielleicht geht es ihm ja gleich wieder besser. Ich habe so etwas schon einmal gesehen … ich glaube … das ist pathologischer Nystagmus“, erkläre ich Konstantin und lasse Cousteau nicht aus den Augen. „Er wird durch die Schädigung des Gleichgewichtsnerv oder des Gleichgewichtsorgans ausgelöst. Deshalb das Augenzittern, das Festkrallen und die Pendelbewegung des Kopfes. Komisch, bei unserer letzten Begegnung, als er mir das Angebot für die Thorarolle unterbreitet hatte, schien er mir gesund zu sein.“

„Ich möchte den Mistkerl ja am liebsten eigenhändig umbringen“, murmelt Konstantin grimmig, „aber jetzt hoffe ich, dass sein Zustand sich bald bessert.“

Ich lehne mich in meinem Sessel zurück und schließe die Augen, um Cousteaus beunruhigende Zuckungen nicht sehen zu müssen. Mit einem Mal überrollt mich die Hoffnungslosigkeit unserer Situation.

„Mein Gott, Konstantin, was sollen wir nur tun? Wer wird uns helfen? Pauline und Wassili haben doch keine Ahnung, ich kann sie nicht erreichen. Bei dem Kampf im Hafen habe ich mein Handy verloren. Die beiden werden uns suchen, das weiß ich. Aber doch niemals in Ägypten. Kein Mensch vermutet uns in Ägypten.“ Ich kralle meine Hand in Konstantins Arm, während Tränen über meine Wangen laufen.

Konstantin nimmt mein Gesicht in seine Hände und küsst mich sanft. „Wir schaffen das, Liebes. Wichtig ist, dass wir zusammenbleiben. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit und du kannst Pauline anrufen. Ich nehme doch an, Cousteau hat auch so ein Handy?“

„Bestimmt! Aber er wird es mir nicht freiwillig geben.“

„Nun, das lass mal meine Sorge sein!“

Nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, normalisiert sich Cousteaus Zustand wieder. Das Kopfpendeln hört auf und seine Augäpfel kommen zur Ruhe. Er fährt sich mit beiden Händen durch sein Haar und sieht so aus, als wäre nichts passiert.

Erleichtert nicken Konstantin und ich uns zu und setzen uns wieder auf die Plätze.

„Haben Sie etwas gesagt, Herr Kanaris? Wenn ja, wären Sie so nett und würden Ihre Worte wiederholen?“

Konstantin und ich sehen uns verblüfft an. Ich kann nicht glauben, dass Cousteau von seinem ungewöhnlichen Zustand nichts bemerkt haben soll.

„Woher wissen Sie von Konstantin?“, frage ich ihn, „und wie kommen Sie überhaupt ins Spiel?“

„Ins Spiel ist gut!“ Er lacht laut auf und lässt seine Handflächen geräuschvoll auf seine Oberschenkel klatschen. „Ja, Frau Evans, Sie haben recht. Für mich ist das ein Spiel. Ein sehr unterhaltsames Spiel.“

Sein Lachen ist schrill und dröhnt in meinen Ohren.

„Ich habe dafür gesorgt, dass ein Spitzel bei den Grabungshelfern eingeschleust wurde und ich habe Sie von einem Detektiv überwachen lassen.“

„Michilis?“, frage ich nachdenklich.

„Ja, natürlich! Wie kommen Sie nur so schnell darauf?“

Ich nehme das Glas vom Tisch, trinke einen Schluck und streiche mit den Fingerspitzen über den langen, dünnen Stiel. „Erzählen Sie weiter, Herr Cousteau.“

Cousteau legt einen Zeigefinger an die Lippen. Anscheinend überlegt er, wieviel er Konstantin und mir gegenüber preisgeben soll.

Dann lacht er erneut auf und beugt sich in dem Sessel leicht nach vorne. „So viel kann ich Ihnen verraten: Burvat musste die alte Frau aus Stemnitsa töten und ich habe ihre Perlen. Ich besitze die Perlen der Winde, Frau Evans.“

Die alte Frau aus Stemnitsa, nicht aus Gortis, denke ich und schäme mich gleich dafür. Ein Mensch ist tot. Verdammt ja, er besitzt vier der Perlen. Aber weiß er auch von der fünften schwarzen Perle?

Konstantin ballt die Hände zu Fäusten. Alarmiert sehe ich ihn an und schüttele leicht den Kopf.

„Wenn ich gewusst hätte“, knurrt Konstantin, „dass Burvat die alte Frau …“

„Was hätten Sie dann getan? Ihn umgebracht? Machen Sie sich nicht lächerlich.“ Cousteau schnaubt verächtlich.

„Ihren Spitzel hätte ich fast erwischt. Doch ich bin leider gestürzt. Wo ist dieser Mann jetzt eigentlich? Immer noch im Ausgrabungscamp?“

„Sie werden ihn nicht mehr sehen. Er hat versagt. Obwohl er es ja geschafft hat, Sie nach Patra zu locken.“ Cousteau lacht, dass mir das Blut in den Adern gefriert.

„Wieso kommen Sie darauf, dass man uns nach Patra gelockt hat?“

„Stellen Sie sich nicht dumm, Herr Kanaris. Michilis hat Kontakt mit Andreas aufgenommen, von dem er wusste, dass er mit Wassili befreundet ist. Er erzählte ihm von den Fälschern. Andreas schickte Wassili daraufhin die Nachricht mit der Verabredung am Hafen. Nur, dass Andreas nicht erschien.“

„Was haben Sie mit ihm gemacht?“ Ich fürchte mich vor der Antwort.

„Halb so schlimm. Ich bin ja kein Unmensch.“

Kein Unmensch. Du bist ein Untier, Edwin Cousteau.

„Wir haben ihn in einem der verlassenen Lagerhäuser eingesperrt. Inzwischen dürfte er von seinen Freunden befreit worden sein.“

„Hoffentlich. Was ist mit dem Jungen und dem Straßenhändler? Was spielten die für eine Rolle?“

Cousteau wird einer Antwort enthoben, da der Goliath in der Tür erscheint. „In fünfzehn Minuten landen wir“, grummelt er und verschwindet wieder im Cockpit.

„Sie waren nicht einen Moment unbeobachtet“, sagt Cousteau. „Als ich erfuhr, dass Sie die Begleiterin von Herr Kanaris sind, war mir vollkommen klar, dass da wirklich etwas Besonderes hinter stecken musste. Sie geben sich nicht mit Kleinigkeiten zufrieden.“

Cousteau droht mir mit dem Finger. „Ich habe Ihnen bis heute nicht verziehen, dass ich damals die Thorarolle nicht bekommen habe. Das war allein Ihre Schuld!“

„Ich habe den Fund nach der Registratur sofort nach London weitergeleitet.“

„Ja, das ist mir bekannt. Aber Sie taten das einen Tag früher als geplant.“

Cousteau beugt sich so weit nach vorne, dass ich seinen Atem auf meiner Wange spüre. Seine Stimme überschlägt sich fast. Blanker Hass sprüht aus seinen Augen und sein Gesicht ist wutverzerrt. Ich ducke mich unwillkürlich und kauere mich in dem Sessel zusammen. Konstantin ist schon im Begriff aufzuspringen, um mir beizustehen, sollte der Mann handgreiflich werden.

„Sie, Herr Kanaris, bleiben wo Sie sind!“, droht Cousteau. „Sonst lasse ich Murad kommen! Und ich glaube, das würde Ihnen nicht gefallen.“ Wie eine Schlange zischt er die Worte zwischen den zusammengepressten Lippen hervor. „Von Ihnen, Frau Evans, erwarte ich immer noch eine Entschädigung. Aber da ich nun Herrn Kanaris habhaft werden konnte, sehe ich von weiteren Reklamationen ab. Sie konnten mir nicht entkommen. Ich wusste immer, wo Sie sich aufhielten.“

Was weiß der Mistkerl über Konstantin?

„Es passte nicht in Ihr Konzept, dass wir Ihnen in dem Lagerhaus entwischt sind?“, sage ich beiläufig.

„Ja, Sie haben meinen Zeitplan ganz schön durcheinandergebracht.“ Cousteau schlägt in einem eleganten Bogen die Beine übereinander, zupft an seiner hellgrauen Seidenhose herum und grinst sardonisch. Sein Wutausbruch ist so schnell vergangen, wie er gekommen ist, und er gibt sich wieder beherrscht, beinahe gleichgültig. Aber ich weiß nun, was sich hinter seiner Fassade verbirgt.

„Sie bekommen Konstantin nicht!“, fauche ich. „Dafür sorge ich!“

Er antwortet nicht und lacht nur.

Plötzlich fallen mir die Männer in dem Nissan ein.

„Ist Ihnen eigentlich klar, was mit Ihren Männern passiert ist? Ich meine die, die uns in dem Auto verfolgt haben? Sie sind tot.“

„Ich weiß. Aber sie haben es nicht anders verdient. Sie haben versagt. Und Versager kann ich nicht brauchen.“

„Sie sind ein sadistischer, gefühlloser Mensch!“, platze ich entsetzt heraus. „Sie erfreuen sich am Leid anderer und genießen es, Menschen zu demütigen und zu quälen.“

„Mein Geld hat mich inzwischen über so heikle Empfindungen hinausgehoben“, antwortet Cousteau kalt. „Menschliche Tragödien vermögen mich kaum noch zu berühren.“

Wut und Angst haben mich inzwischen völlig erschöpft. Außerdem habe ich Hunger. Ich schließe für einen Moment die Augen. Als ich sie wieder aufschlage, richte ich meinen Blick auf Konstantin, um Cousteau nicht mehr ansehen zu müssen.

Konstantin schaut, obwohl es stockfinster ist, immer noch aus dem Fenster. Er wirkt ganz ruhig. Doch ich ahne, dass das Gegenteil der Fall ist. Seine Hände ruhen locker auf seinen Schenkeln, er sitzt kerzengerade, seine Schultermuskeln sind angespannt und ich sehe die Ader an seinem Hals heftig pulsieren. Ich bin mir sicher, wäre Murad nicht an Bord, würde Konstantin Edwin Cousteau eigenhändig erwürgen.

„Was ist das da unten?“, fragt Konstantin plötzlich und deutet auf dem Fensterglas mit seinem Finger auf die Erde. „Faszinierend! Sind das Lichtpunkte?“

„Das sind bestimmt die Feuer der Oase Kufra. Sicher nächtigt dort wieder eine Horde von Touristen, lästiges Pack“, ereifert sich Cousteau angewidert.

„Ich hätte nicht gedacht, dass man ein Feuer von hier oben aus sehen kann.“

„Wir befinden uns schon im Landeanflug, und das ist nicht bloß ein kleines Lagerfeuer. Die Bewohner der Oase entzünden ein Feuer, das so groß wird wie ein Haus. Es ist pure Brennholzverschwendung.“

Ich werfe ebenfalls einen Blick aus dem Fenster. Es müssen riesige Feuer sein, die dort unten brennen.

Es ist kein Traum und es ist keine Fata Morgana.

Kapitel 4

Patra, April 2005

 

Paulines Gesicht ist bleich wie das Licht des Mondes. Nach dem Schlag auf den Kopf ist sie gegen die raue Holzwand des Lagerhauses geprallt und an ihr heruntergerutscht. Durch den Stoff ihrer Bluse bohren sich kleine, spitze Holzsplitter in ihren Rücken, doch sie scheint den Schmerz nicht zu spüren. Ihr BH besteht nur noch aus Fetzen und ihre Brüste schimmern durch die Überreste ihrer Bluse hindurch. Wassili zieht sein Hemd aus, um ihre Blöße damit zu bedecken. „Georg, geh Andreas suchen“, wendet er sich an seinen Freund. „Ich komme hier allein klar.“

Er hebt behutsam ihren Kopf an. „Pauline, Liebes. Bist du schwer verletzt? Sag doch was!“ Panik schwingt in seiner Stimme mit.

„Wassili? Mir ist so schwindelig. Ich glaube, ich muss mich übergeben.“

So gut er kann, hält Wassili Pauline, reißt ein Stück Stoff aus seinem Hemd und wischt das Erbrochene von ihrem Schoß. Er richtet sich auf, teilt mit seinen Fingern vorsichtig ihre langen Haare und untersucht die Wunde auf ihrem Kopf.

„Halt still, Liebes. Halt einfach still. Ich werde dir nicht wehtun. Diese Schweine! Oh diese Schweine! Du hast ein Loch im Hinterkopf, das Blut ist schon getrocknet. Du musst sofort zu einem Arzt.“ Er zieht ein sauberes Taschentuch aus seiner Tasche und drückt es vorsichtig auf die Wunde. „Glaubst du, dass du aufstehen kannst, Liebling?“

„Ich versuche es.“ Die Nachtluft ist kühl und doch stehen Schweißtropfen auf ihrer Stirn.

„Leg deinen Arm um meinen Hals. Ich werde dich tragen.“

„Was … was ist denn überhaupt passiert? Wo sind Mama und Konstantin?“

Wassili schiebt seinen linken Arm unter ihren Achseln durch und den rechten durch ihre Kniekehlen und hebt sie langsam hoch.

„Diese Kerle haben deine Mutter und Konstantin mitgenommen. Ich habe keine Ahnung wohin.“

„Wie?“ Pauline schüttelt benommen ihren Kopf und stöhnt auf.

„Du kannst dich nicht erinnern? Deine Mutter und Konstantin haben gegen Cousteaus Männer gekämpft. Einer von ihnen hat dir auf den Kopf geschlagen. Georg und ich mussten tatenlos vom Dach aus zusehen.“ Wassilis Stimme bebt vor unterdrücktem Zorn.

„Ich kann mich nur bruchstückhaft erinnern. Oh Wassili, mir ist so schlecht.“

„Ich bringe dich so schnell wie möglich zu einem Arzt, mein Liebling. Dann kann ich in Ruhe überlegen, was zu tun ist.“

Pauline schließt die Augen und verliert für kurze Zeit das Bewusstsein.

Inzwischen hat Georg den an Händen und Füßen gefesselten Andreas in dem verlassenen Lagerhaus gefunden und befreit. Wassili eilt mit Pauline auf dem Arm zum Yachthafen. Die bunten Lichter der Schiffe spiegeln sich in dem schwarzen Wasser. Auf einer Bank setzt er sich Pauline rittlings auf seinen Schoß. Er bettet ihren Kopf an seine Schulter, hebt im Lichtschein einer Straßenlaterne behutsam die Überreste ihrer Bluse hoch, wirft einen Blick auf ihren Rücken und knirscht vor lauter Wut mit den Zähnen.

„Pauline! Pauline, hörst du mich? Ich kann die Splitter hier nicht entfernen, Liebes. Ich würde dir dabei sehr wehtun und ich habe Angst, dich noch mehr zu verletzen.“

Pauline hebt leicht den Kopf, öffnet die Augen einen Spalt breit, schließt sie aber gleich wieder.

„Ich höre dich, Wassili. In meinem Kopf dreht sich alles. Es ist besser, wenn ich meine Augen geschlossen halte. Ich glaube, ich kann nicht mehr denken. Mein Kopf fühlt sich an, als ob irgendjemand darin herumhämmert.“

Vorsichtig lehnt sie ihre Stirn an seine Schulter und rührt sich nicht mehr.

Hektisch sucht Wassili nach ihrem Puls und atmet erleichtert auf. Er schlägt. Sogar sehr schnell. Langsam lässt er den Stoff über ihren zerschundenen Rücken herunter.

„Ich habe solche Angst um dich, mein Liebling. Ich bringe dich zu Dr. Panatos. Bitte halt aus, Liebes! Bitte! Wir können hier keinen Arzt aufsuchen. Er wird wissen wollen, wie das passiert ist, und wir können ihm ja schlecht die Wahrheit erzählen. Dr. Panatos können wir vertrauen.“

„Hm.“ Pauline lallt wie eine Betrunkene, die kurz aus ihrem Dämmerzustand erwacht.

„Es wird alles wieder gut. Das verspreche ich dir! Ich werde dich beschützen, Liebes.“ Wassili ballt unwillkürlich eine Hand zur Faust.

Regungslos liegt Pauline an seiner Brust, den Kopf an seine Schulter gelehnt.

„Niemand, niemand wird dir jemals wieder etwas Böses antun. Das schwöre ich!“

Von Pauline kommt keinerlei Reaktion. Die einzige Regung, die sie zeigt, ist das Pochen einer Vene, die Wassili an ihrem Hals deutlich sehen kann.

Kapitel 5

Den Arm um Andreas‘ Schultern geklammert zieht Georg den Freund neben sich her. Völlig ausgelaugt und am Ende seiner Kräfte erreichen sie Wassili und lassen sich erschöpft auf die Bank fallen.

„Bist du okay?“, wendet Wassili sich an seinen Freund.

„Es geht. Die Entführer haben mir die Riemen an den Handgelenken so brutal zusammengezurrt, dass sie tief in die Haut eingeschnitten haben. Ich habe verzweifelt versucht mich zu befreien und mir dabei die Blutzufuhr an Armen und Beinen abgeschnürt. Jetzt kann ich meine Gelenke kaum noch bewegen. Und was ist mit Pauline?“

„Sie hat eine Wunde am Hinterkopf und sie musste sich übergeben. Ich vermute, sie hat eine Gehirnerschütterung. Außerdem ist ihr Rücken voller Holzsplitter.“

„Und was jetzt?“

„Lauf zum nächsten Lokal, Georg! Wir brauchen ein Taxi. Paulines Verletzungen müssen so schnell wie möglich behandelt werden. Deine übrigens auch, Andreas.“

„Was sollen wir tun?“, fragt Andreas, als Georg außer Hörweite ist.

„Zeig mir deine Handgelenke.“ Wassili will sich irgendwie beschäftigen, sich auf irgendetwas konzentrieren. Leider gibt es nichts, was er jetzt tun kann. Nicht anfangen nachzudenken, sagt er sich. Noch nicht.

„Also, was ist jetzt? Sollen wir zur Polizei?“, fragt Andreas ungeduldig.

Doch Wassili schüttelt den Kopf. „Nein, jetzt auf keinen Fall. Ich werde später darüber nachdenken. Wir fahren zu der Pension, in der Frau Evans zwei Zimmer gemietet hat.“

Kurz darauf kommt Georg zurück mit der Nachricht, dass ein Taxi bereit ist und am Lokal auf sie wartet. Wassili gibt dem Fahrer die Adresse der Pension und hebt Pauline vorsichtig auf den Rücksitz. Der Fahrer schaut misstrauisch auf seine Passagiere, sagt aber nichts.

In der Pension angekommen, trägt Wassili Pauline in das Zimmer und legt sie behutsam auf eine Daunendecke.

„Du warst uns eine große Hilfe, mein Freund“, verabschiedet er sich anschließend bei Georg.

Georg winkt bescheiden ab. „Wir haben zwar Andreas gefunden, aber es ist alles noch viel schlimmer geworden. Deine Leute sind entführt worden. Was meinst du, wollen die Männer Lösegeld erpressen?“

Wassili zuckt ratlos mit den Schultern. „Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung.“

Georg klopft ihm tröstend auf die Schulter und umarmt ihn zum Abschied. „Wenn du meine Hilfe brauchst, frag einfach im Motorradclub. Ich bin immer für dich da!“

„Danke, Georg! Mach’s gut!“ Wassili schließt leise die Tür hinter ihm und kniet sich vor das Bett.

Pauline liegt auf der Seite, die Arme locker auf der Bettdecke. Wassili fühlt noch einmal ihren Puls und seufzt erleichtert, als er feststellt, dass dieser jetzt wieder regelmäßiger schlägt.

„Ich fahre noch in dieser Nacht nach Stemnitsa. Begleitest du mich, Andreas?“

Andreas schnaubt. „Du bist mein Freund, Wassili! Ich lass dich doch jetzt nicht allein.“

„Danke! Meinst du, du kannst Auto fahren?“

Andreas bewegt vorsichtig seine Hand - und Fußgelenke. „Ja, ich glaube, es wird gehen.“

„In Ordnung, fahr aber vorsichtig. Ich setze mich mit Pauline auf die Rückbank, so kann ich sie am besten halten, ohne dass die Splitter sich noch tiefer in ihre Haut bohren.“

Wassili hangelt die Autoschlüssel aus seiner Tasche.

„Holst du den Wagen hier vor die Tür? Es ist ein grüner Ford. Aber wundere dich nicht, wenn du Einschusslöcher im Kofferraum siehst. Wie die dahin gekommen sind und warum das alles hier passiert ist, erzähle ich dir unterwegs.“

Kapitel 6

Stemnitza, April 2005

 

Es ist weit nach Mitternacht, als Andreas vor Doktor Panatos Haus hält. Die Fenster sind dunkel. Er steigt aus, rennt zur Tür und klingelt Sturm. Mit zerzausten Haaren, karierten Pantoffeln an den Füßen und im Schlafanzug öffnet der Arzt die Tür. Wassili, der Pauline auf dem Arm trägt, hastet über den Gartenweg durch den Flur direkt in das Untersuchungszimmer. Doktor Panatos schlurft hinter den beiden her.

„Leg sie vorsichtig auf die Liege, Wassili! Ich will gleich sehen, was ich für sie tun kann. Warte! Ich hole mir nur meinen Morgenmantel.“

„Wassili?“, flüstert Pauline und versucht den Kopf anzuheben. „Wo bin ich?“

„Lieg still, mein Herz. Gleich geht es dir besser. Doktor Panatos wird dir helfen.“ Wassili hält ihre Hand und streichelt mit dem Daumen über ihren Handrücken.

„So, dann wollen wir mal“, murmelt Panatos, als er zurückkommt, zieht das Band des Morgenmantels fest um seinen Bauch und stellt zusätzlich eine Lampe auf ein Schränkchen neben die Liege, um bei der Untersuchung mehr Licht zu haben.

„Setzen Sie sich derweil da drüben auf den Stuhl. Wenn ich die junge Dame hier versorgt habe, schaue ich mir Ihre Wunden an“, sagt er an Andreas gewandt.

Panatos zieht sich die Einmalhandschuhe an und begutachtet Paulines Kopfwunde. „Sie haben Glück gehabt, Pauline! Die Wunde ist nicht tief, muss aber trotzdem mit ein paar Stichen genäht werden. Es wird ein paar Tage dauern, bis alles wieder verheilt ist, und vielleicht wird eine Narbe zurückbleiben. Bei dieser Haarpracht dürfte die Narbe aber nicht zu sehen sein.“ Er legt Pauline eine Manschette an, um Blutdruck und Puls zu messen. „War sie die ganze Zeit bewusstlos oder hat sie geschlafen?“, will Panatos von Wassili wissen.

„So genau weiß ich das auch nicht. Ich glaube, dass sie nur geschlafen hat. Aber sie war auch kurz wach.“

„Hat sie sich übergeben?“

„Ja, ein Mal. Und sie scheint kaum noch eine Erinnerung zu haben an das, was passiert ist.“

„Hm! Pauline, ich vermute, Sie haben eine leichte Gehirnerschütterung. Können Sie Ihre Arme und Beine bewegen?“

Vorsichtig hebt Pauline zuerst die Arme und danach die Beine an.

„Gut, das funktioniert. Blutdruck und Puls sind normal.“ Der Arzt löst die Manschette und untersucht mit Hilfe einer Stiftlampe Paulines Pupillen. „Alles in Ordnung, keine Auffälligkeiten.“ Dann hebt er ihre Bluse an, um einen Blick auf ihren Rücken zu werfen. Er lässt den Stoff wieder fallen, geht zu seinem Schreibtisch und blickt sich suchend um.

„Ah, da ist sie ja.“ Er nimmt eine kleine Pinzette von der Tischplatte und deutet mit der Hand auf einen Schrank.

„Da drüben liegt eine Lupe. Wassili, holst du die mir bitte?“ Stück für Stück entfernt Panatos die Holzsplitter aus Paulines Rücken und reibt ihn anschließend mit einer übel riechenden Salbe ein.

„Das Zeug stinkt zwar, aber es hilft“, beteuert Panatos.

„Sie wird doch wieder ganz gesund?“, fragt Wassili ängstlich.

Der Arzt klopft ihm beruhigend auf die Schulter.

„Wenn sich ihr Zustand bis morgen nicht verschlechtert – und davon gehe ich aus –, wird sie höchstens noch ein paar Tage Kopfschmerzen haben. Und gegen den Schwindel und die Übelkeit gebe ich ihr leichtes Medikament. Also, mach dir keine Sorgen, mein Junge!“ Er injiziert Pauline ein Kreislaufmittel.

„Ich gebe dir ein leichtes Baumwollnachthemd, Wassili. Das solltest du Pauline heute Nacht anziehen. Ich möchte die Wunden auf ihrem Rücken nicht verbinden. Manchmal ist es besser, sie an der Luft heilen zu lassen.“ Der Arzt legt die Instrumente in ein Desinfektionsbad, zieht die Handschuhe aus, wirft sie in den Abfalleimer und streift sich ein neues Paar über.

„Ich versorge nur noch Andreas' Wunden, dann könnt ihr in eure Zimmer. Wassili, in dem ersten Zimmer auf der rechten Seite steht ein breiteres Bett, das nimmst du. Und du, Andreas, hast das Zimmer gegenüber.“

Wenig später trägt Wassili Pauline die Treppe hoch in den ersten Stock. Andreas folgt ihm. Vor Wassilis Zimmertüre bleiben sie stehen.

„Das ist ja noch mal glimpflich ausgegangen“, sagt Andreas. „Es hätte sehr viel schlimmer kommen können. Gute Nacht, Wassili.“

„Gute Nacht, Andreas, schlaf gut.“

Wassili zieht Pauline vorsichtig aus, streift ihr das Nachthemd über, legt sie seitlich auf das breite Bett und deckt sie zu. „Gute Nacht, mein Schatz, schlaf gut.“ Er haucht Pauline einen Kuss auf die Wange.

„Du auch, Liebster“, wispert Pauline und nur Sekunden später ist sie eingeschlafen. Vorsichtig legt sich Wassili neben sie und betrachtet zärtlich ihr schlafendes Gesicht. Ihre Nasenflügel vibrieren leicht beim Atmen, ihr Mund ist einen Spalt weit geöffnet, so dass er ihre Zähne im Mondlicht, das durch die Fensterflügel scheint, schimmern sieht. Die langen, dichten Wimpern werfen feine Schatten auf ihre entspannten Gesichtszüge. Leicht wie eine Feder, streicht Wassili ihr über die Wange.

Se Agapo, Koritsi moi. Ich liebe dich, mein kleines Mädchen“, flüstert er und schließt die Augen, um zu schlafen. Doch seine Gedanken kommen nicht zur Ruhe. Pauline, Andreas und Georg sind in Sicherheit. Doch wo mögen Catherine und Konstantin jetzt sein? Und geht es ihnen gut?

Kapitel 7

Als sich im Osten der erste Streifen des erwachenden Tages zeigt, steht Wassili leise auf. Er zieht die Decke über Paulines Schultern ein wenig höher, schlüpft in seine Schuhe und geht nach unten in die Küche, um nachzusehen, ob es vielleicht schon Tee gibt.

Nur wenig später erwacht Pauline. Die Augen noch geschlossen meint sie, die gewohnten Lagergeräusche, die Rufe der Arbeiter zu hören. Doch als sie genauer hinhört, stellt sie fest, dass es das laute Geschrei von Händlern ist, die ihre Waren anpreisen.

Händler in unserem Ausgrabungscamp? Verwundert reibt sich Pauline mit beiden Händen über das Gesicht, öffnet die Augen und blickt auf eine weiß gestrichene Zimmerdecke. Sie versucht ihre Gedanken zu ordnen. Doch je mehr sie sich bemüht, desto mehr schwirrt ihr der Kopf. Vorsichtig schaut sie sich um. Neben ihr liegt ein zerknülltes Kopfkissen. Wassili! Gefühle und Erinnerungen wechseln sich in einem schnellen Wirrwarr ab, der sie schwindeln lässt. Unsicher setzt sie sich auf. Wo bin ich? Wie komme ich hierher und wessen Bett ist das? Sie bleibt einen Moment ganz still sitzen und schließt die Augen. Ganz allmählich kommen die gestrigen Geschehnisse zurück. Sie erinnert sich wieder: die Entführung von ihrer Mutter und Konstantin, der Kampf, der Schlag auf den Kopf.

Mama, ich bete zu Gott, dass es dir und Konstantin gut geht. Ich denke an dich, wo auch immer du jetzt bist. Pauline lässt sich auf das Laken zurückfallen, vergräbt ihr Gesicht in den Kissen und lässt ihren Tränen freien Lauf. Doch dann kommt ihr der Rat ihrer Mutter in den Sinn. Wenn du versagst zu planen, planst du zu versagen. Plane den nächsten Monat, die nächste Woche, die nächste Stunde. Je besser dein Plan ist, desto produktiver wirst du sein.

Ihre Mutter hat recht. Sie brauchen einen Plan.

Pauline schwingt die Beine aus dem Bett, wischt sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und setzt ihre Füße auf den kalten Boden. Sie bleibt ein paar Minuten sitzen, steckt den Kopf zwischen die Knie, atmet tief durch, um die Übelkeit zu vertreiben und streicht verwundert mit der Hand über das Baumwollhemd, dessen Saum ihr bis auf die Füße fällt. Angewidert rümpft sie die Nase. „Igitt! Bin ich das, die so stinkt?“

Sie schaut in ihren Ausschnitt, schnuppert und kann es kaum fassen. Wenn Wassili wirklich die Nacht neben mir verbracht hat, wie hat er bloß diesen Gestank ausgehalten?

Ihre Kleidung ist nirgendwo zu sehen, nur ihre Schuhe lugen unter dem Bett hervor. Sie bückt sich und spürt ein leichtes Ziepen im Rücken, doch das ist nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die sie gestern noch hatte. Wer auch immer ihre Wunden behandelt hat, hat ganze Arbeit geleistet! Pauline steht langsam auf, tastet sich am Bett entlang zum Fenster und sieht hinaus. Das ist doch der Gartenweg zu Doktor Panatos Haus! Sie lächelt. Wassili hat sie gerettet und in Sicherheit gebracht.

Auf dem Weg zur Tür wirft sie einen kurzen Blick in den großen, schon ein wenig fleckigen Spiegel an der Wand und runzelt die Stirn. Etwas Weißes, das aussieht wie ein Spitzenhäubchen, lugt auf dem Kopf zwischen ihren blonden Haaren hervor. Sie hebt die Hand und ertastet ein großes Stück Mullbinde. Vorsichtig ordnet sie, so gut es eben ohne Kamm geht, die Haare und bindet sie zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen.

„Nicht gerade schick“, murmelt sie und schneidet ihrem Spiegelbild eine Grimasse.

Ihr Magen signalisiert mit unüberhörbarem Knurren, dass er nach etwas Essbarem verlangt. Das ist auch kein Wunder, denn schließlich hat sie seit dem Frühstück gestern nichts mehr gegessen. Sie öffnet die Tür und läuft über einen langen Flur, an dessen Ende eine Treppe nach unten führt.

Kopfschmerzen. Langsam, Pauline. Sie zieht das Band wieder aus ihrem Haar, streift es über ihr Handgelenk und lässt die Haare locker über die Schultern fallen. Da ihr immer noch ein bisschen schummrig ist, hält sie sich mit beiden Händen am Geländer fest und tastet sich Stufe für Stufe langsam nach unten. Der aromatische Duft von frisch aufgebrühtem Tee steigt ihr in die Nase und das Gemurmel männlicher Stimmen führt sie in die richtige Richtung. Eine Tür auf der rechten Seite des Flurs ist nur angelehnt. Das Holz knarzt, als Pauline die Tür mit der flachen Hand aufdrückt. An einem viereckigen Tisch sitzen Wassili, Doktor Panatos und ein ihr unbekannter junger Mann.

„Pauline“, ruft Wassili, springt sofort auf und eilt zu ihr. „Guten Morgen, mein Herz! Wie geht es dir?“

„Danke! Ich hatte schon schönere Morgen.“

Er geleitet sie zu einem Stuhl und flüstert ihr ins Ohr: „In dem Hemd siehst du aus wie ein Engel.“

„Treib deine Scherze heute früh nicht zu weit mit mir!“, sagt sie so laut, dass es jeder hören kann und droht ihm mit dem Finger.

Wassili lächelt. „Ich meine es ernst, mein Schatz. Aber nun sag schon, wie geht es dir wirklich?“

Pauline überlegt einen Moment. „Ich bin überdreht. Ich könnte platzen vor Wut und in meinem Kopf fährt gerade eine Achterbahn. Mir ist noch ein bisschen schlecht und ich habe Hunger.“

„Hunger ist immer gut“, schaltet sich Panatos ein. „Guten Morgen, meine Liebe. Ich freue mich zu sehen, dass es Ihnen schon viel besser geht. Na ja, bis auf die Kopfschmerzen, aber das ist normal.“ Panatos wiegt seinen Kopf leicht hin und her wie das Pendel einer Wanduhr. „Mit so einem Schlag ist nicht zu spaßen, Pauline. Ich musste die Wunde mit ein paar kleinen Stichen nähen. Gott sei Dank ist es nur eine leichte Gehirnerschütterung. Und bis auf die Splitter in Ihrem Rücken haben Sie keine anderweitigen Verletzungen davongetragen. Möchten Sie schon mal eine Tasse Tee?“

Panatos schiebt ihr eine Tasse mit dem dampfenden Getränk über den Tisch zu. „Nehmen Sie gleich die Tablette gegen die Übelkeit ein!“, sagt er und reicht ihr eine kleine, weiße Pille.

„Ambrosia!“ Pauline hält die Tasse unter ihre Nase und inhaliert den aromatischen Duft des Tees.

Wassili sitzt dicht neben ihr. Auch vor ihm steht eine Tasse. „Liebes, das ist mein Freund Andreas. Wie du schon vermutet hast, war er in dem Lagerhaus gefangen.“

„Hallo, Andreas“, sagt Pauline freundlich und nippt an ihrem Tee. „Wie geht’s Ihnen? Alles gut überstanden?“

„Es geht“, antwortet er und nickt. „Es hätte schlimmer kommen können.“

„Und wie geht es Ihrem Rücken?“, fragt Doktor Panatos Pauline. Stuhlbeine schrammen über den Boden, als er den Stuhl zurückschiebt und aufsteht. Sie bewegt vorsichtig die Schultern. „Oh, gut. Es tut kaum noch weh. Sie müssen eine Wundersalbe benutzt haben, sie stinkt bestialisch. Was ist das?“

Abwehrend hebt der Arzt die Hände. „Das wollen Sie lieber nicht wissen, Pauline. Und jetzt sollten Sie erst mal etwas essen. Kommen Sie, junger Freund“, wendet der Arzt sich an Andreas. „Sie können mir beim Frühstück helfen. Meine Haushälterin kommt heute nämlich etwas später. Außerdem sollten wir die beiden jetzt einen Moment allein lassen.“

Pauline gibt etwas Zucker in ihren Tee und rührt gedankenverloren in ihrer Tasse herum. „Erklärst du mir jetzt bitte, wie wir hierhergekommen sind?“, fragt sie, kaum, dass die beiden den Raum verlassen haben.

Wassili streichelt sanft über ihre geröteten Wangen.

„Ich möchte erst wissen, ob du dich wieder erinnern kannst.“

„Ja, ich weiß alles wieder. Also, schieß los.“

„Okay.“ Wassili trinkt einen Schluck, stellt die Tasse auf dem Tisch ab und nimmt ihre Hände in seine. „Wir wussten zuerst nicht, was wir tun sollten. Aber es war klar, dass Andreas und du zu einem Arzt musstet. In Patra war das schlecht möglich, der Arzt hätte zu viele Fragen gestellt. Also hat Andreas den Wagen gefahren und ich habe mich um dich gekümmert. Ich habe alle zwei Minuten deinen Puls gefühlt. Du warst während der Fahrt sogar kurz ohnmächtig. Ich hatte so wahnsinnige Angst um dich.“

Pauline drückt seine Hand und freut sich insgeheim, dass er sich so um sie sorgt. „Hast du’s ihnen erzählt?“

Wassili nickt. „Panatos weiß ja sowieso Bescheid. Ich brauchte ihm nur von der Entführung zu erzählen. Und Andreas habe ich während der Fahrt hierher alles erzählt.“

Versonnen beobachtet Pauline die Schmetterlinge, die an dem geöffneten Fenster vorbeifliegen. Sie löst ihre Hand aus Wassilis, nimmt die Tasse und trinkt den Tee in kleinen Schlucken. „Meinst du, dass das richtig war?“, fragt sie besorgt.

Wassili zuckt mit den Schultern. „Andreas ist mein Freund. Ich habe ihn zur Verschwiegenheit verpflichtet. Und ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann.“

„In Ordnung“, stimmt Pauline zu. „Ich glaube, ich kann deinen Freund auch ganz gut leiden.“

„Aber nicht zu gut, hörst du?“, antwortet er lächelnd.

„Kennst du nicht das Zitat ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst’?“, erwidert Pauline schelmisch.

„Doch, das kenne ich! Und ich versuche auch, mich möglichst daran zu halten. Aber wenn jemand anderer auf die Idee kommen sollte, dich für sich zu beanspruchen, ist es bei mir vorbei mit der Nächstenliebe. Das kannst du mir glauben. Deine Liebe ist mir immer noch am wichtigsten.“

„Danke, mein Schatz!“ Pauline wirft ihm einen Luftkuss zu.

„Als ich Andreas erzählt habe, dass wir bei einer Verfolgungsjagd mit einem Maschinengewehr beschossen worden sind, wäre er fast von der Straße abgekommen“, erzählt Wassili schmunzelnd.

„Und was hat er gesagt, als du ihm erzählt hast, dass Konstantin ein Zeitreisender ist?“

„Zuerst nichts. Aber dann hat er am Straßenrand angehalten, sich mit dem Zeigefinger ein paarmal gegen die Stirn getippt und mich gefragt, ob ich vielleicht auch einen Schlag auf den Kopf bekommen habe, an den ich mich nicht mehr erinnern kann. Wir wären ja auf dem Weg zu einem Arzt und ich sollte mich besser auch untersuchen lassen.“

Pauline schüttelt den Kopf und lacht. „Schade, dass ich das nicht mitgekriegt habe. Oje, vielleicht sollte ich meinen Kopf besser eine Weile ruhig halten. Mir wird gerade ein bisschen schwindelig. Aber keine Sorge, es geht gleich wieder.“

In diesem Moment geht die Zimmertür auf. Panatos kommt mit einem Teller voll duftendem Rührei zurück und stellt diesen vor Pauline auf den Tisch. „Guten Appetit“, sagt er, hält dann jedoch inne und runzelt die Stirn. „Wie ich sehe, ist es besser, wenn Sie sich wieder ins Bett legen. Ihr Gesicht ist so weiß wie ein Leintuch. Wassili wird Ihnen das Essen nach oben bringen. Ich kann Sie auch später nochmal untersuchen.“

„Liebes, Doktor Panatos hat recht. Du siehst wirklich blass aus. Komm, ich bring dich rauf.“

Pauline schüttelt entschlossen den Kopf. „Nein Wassili, das geht schon. Ich frühstücke jetzt und danach kann Doktor Panatos mich behandeln. Ich schaffe das schon. Ich bin doch keine Prinzessin auf der Erbse.“

Der Arzt hört sie mit dem Stethoskop ab und schaut ihr in Nase und Ohren. Er prüft ihre Reflexe und inspiziert ihre Pupillen. „Alles in Ordnung, aber ich verordne trotzdem strengste Bettruhe, mein Fräulein!“

„Nein, ich will nicht …“

Wassili lässt sie nicht ausreden und legt ihr eine Hand vor den Mund. „Es ist besser so, Pauline! Keine Widerrede! Ab ins Bett mit dir, mein Schatz, und dass du mir nicht mehr allein aufstehst.“ Wassili droht ihr energisch mit dem Zeigefinger. „Für dich gibt’s ab jetzt nur noch Ruhe und keinen Stress. Doktor Panatos wird sich persönlich um dich kümmern.“

„Und wieso nicht du?“, fragt Pauline misstrauisch.

Wassili bleibt ihr die Antwort schuldig und nimmt sie auf den Arm, um sie nach oben zu tragen. Er hat seinen Fuß gerade auf die erste Stufe gesetzt, als Pauline anfängt, mit den Beinen zu zappeln.

„Hör sofort damit auf! Sonst landest du auf der Treppe“, ächzt Wassili und drückt sie enger an sich.

„Erst wenn du mir sagst, wo du hinwillst!“

Wassili seufzt. „Gut, aber lass uns erst nach oben gehen.“

Als Pauline endlich im Bett liegt, setzt er sich zu ihr auf die Bettkante. „Sieh mal, Liebes. Konstantin hat noch keinen Pass. Und sobald wir ihn und deine Mutter finden, wird er einen brauchen.“

„Das sehe ich ja ein. Aber kann das nicht noch ein paar Tage warten, bis ich mitkommen kann?“, fragt sie stirnrunzelnd.

„Ich habe mir geschworen, dass ich auf dich aufpassen werde. Und so eine Aktion …“

Pauline schlägt mit den Händen auf die Bettdecke. „So gefährlich kann das doch gar nicht sein. Du willst also mit Andreas einen Fälscher aufsuchen?“

Wassili nickt und streichelt ihre Hände.

„Dann komme ich mit.“

„Ich möchte mich nicht mit dir streiten. Hast du schon mal mit einem Fälscher zu tun gehabt? Bestimmt nicht. Diese Typen sind nicht ohne … Es könnte gefährlich werden, weil man nie genau weiß, worauf man sich da einlässt. Bitte, ich möchte lieber allein dort hingehen.“

„Hast du denn schon mal …?“ Doch als sie Wassilis finsteren Blick sieht, hakt sie nicht weiter nach und nickt.

Kapitel 8

„Hilfst du mir noch beim Duschen?“, seufzt Pauline resigniert. „Ich möchte diesen widerlichen Gestank endlich loswerden.“

Wassili entfernt das Mullstück von ihrem Kopf, zieht Pauline das Hemd aus, kann sich einen bewundernden Blick auf ihre Brüste nicht verkneifen und bedeutet ihr, auf dem Bett sitzen zu bleiben. Im Bad nebenan dreht er den Wasserhahn auf und die Brause versprüht einen Regen angenehm warmen Wassers. Das kleine Badezimmer ist sofort voller Dampf.

Wassili führt Pauline hinüber und bemüht sich, sie nicht anzustarren wie ein lüsterner Bock. Sie sieht so wahnsinnig verführerisch aus. Zierlich, verletzlich und so süß wie ein Honigkuchen. Auf ihren Wangen liegt eine leichte Röte, als er ihr hilft, über den hohen Rand der Dusche zu steigen.

Langsam dreht sich Pauline zu ihm um. Sie sagt nur ein Wort. „Komm!“

Wassili schaut sie überrascht an. Doch Pauline nickt nur bekräftigend. Unsicher, ob das wirklich so eine gute Idee ist, aber unfähig ihr zu widerstehen, entledigt er sich seiner Kleider. Pauline zieht ihn unter den Wasserstrahl. Wassili reibt Seife in einen Waschlappen und beginnt sie zu waschen. Er seift ihr die Schultern und Brüste ein und befreit ihren Rücken von den Salbenresten. Pauline liebkost ihn mit ihren Händen.

„Pauline, bitte! Wenn du nicht willst, dass ich dich jetzt nehme, dann hör um Gottes Willen, auf!“

Ohne auf seine Worte zu achten, umarmt sie ihn. Wassili küsst ihren Hals und das Wasser strömt über ihre Köpfe. Langsam streicht er mit seinen Händen über ihren Bauch nach unten und liebkost die weiche, feine Haut zwischen ihren Schenkeln.

„Willst du es wirklich, Pauline? Hier? Ich dachte, dass ein Bett vielleicht …?

„Hier, Wassili! Hier und jetzt!“

Wassili fühlt, wie ihre Hände über seinen Rücken gleiten und seine Pobacken umfassen.

„Tu es, Wassili! Tu es!“

Er lässt auf der Stelle den Waschlappen fallen.

Se Agapo. Ich liebe dich.“ Lächelnd sieht er Pauline an. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, dich nackt und glitschig zu fühlen. Das mit dir, das möchte ich jeden Tag erleben.“

„Ich auch, Wassili.“ Sie spürt, wie seine Härte gegen ihren Leib drückt und stellt sich auf die Zehenspitzen. Er gleitet in ihre feuchte Enge hinein, glatt und fest. Für einen kurzen Moment wundert er sich, dass er auf einen leichten Widerstand trifft. Er verharrt einen Moment und will sich schon zurückziehen. Doch Pauline presst ihre Hüften gegen ihn und legt ihre Hände fest auf seine Pobacken. Wassili keucht.

„Ich kann nicht mehr warten, Liebes!“

„Dann tu es auch nicht“ stöhnt Pauline.

Wassili schlingt die Arme um sie und dringt sanft und langsam mit jedem Stoß tiefer in sie hinein. Pauline schnappt nach Luft. Ein leiser Schmerzenslaut entweicht ihren Lippen. Sie biegt den Rücken durch, klammert ein Bein um seine Hüfte. Sie nimmt ihn auf und flüstert keuchend seinen Namen. Leidenschaft, Erregung, Sehnsucht und Liebe überfluten sie wie Wellen einen Strand. Seine Lippen gleiten über ihre Brüste, saugen an ihren Brustwarzen. Wie eine unaufhaltsame Sturmflut erreicht Pauline den Höhepunkt. Sie schreit laut auf und spürt, dass auch Wassili sich nicht mehr zurückhält.

Als die Wogen der Erregung abklingen und Wassili sich bückt, um den Waschlappen aufzuheben, sieht er ein dünnes Rinnsal Blut an ihren Schenkeln hinunterlaufen.

„Du hast noch nie …?“

„… mit einem Mann geschlafen“, beendet Pauline für ihn den Satz.

Er ist schockiert. „Aber warum hast du das denn nicht gesagt?“

„Weil du es dann nicht getan hättest“, antwortet sie lächelnd. „Und ich wollte es hier und jetzt. Ich wollte es mit einem Mann tun, den ich liebe und der mir etwas bedeutet.“

Sauber und glücklich, die Haare frisch gewaschen, lässt Pauline sich von Wassili ein neues Baumwollhemd überstreifen.

Er bedeutet Pauline, sich auf die Bettkante zu setzen und vergräbt seine Nase zwischen ihren Brüsten.

„Hm. Du riechst gut, mein Schatz. Habe ich dir sehr wehgetan?“

„Zuerst schon, aber dann war es wunderschön“, flüstert sie.

„Das finde ich auch. Du warst wundervoll. Obwohl ich mir das erste Mal mit dir etwas anders vorgestellt habe.“

„Ja? Und wie?“

„Na, zum Beispiel in einem weichen Bett.“

„Mach dir keine Gedanken, ich wollte es nicht anders, Wassili.“

„Na, dann ist es ja gut. Komm, ich kämme dir deine Haare.“

„Womit?“ Pauline schaut sich verwundert in dem kleinen Zimmer um. „Ich sehe jedenfalls keinen Kamm.“

Schmunzelnd zieht Wassili eine Bürste aus seiner Hosentasche. „Die hat mir Panatos vorhin noch gegeben.“

Geduldig entwirrt Wassili ihr Haar, kämmt Strähne für Strähne. Paulines Haar trocknet schnell und bald ist sie von einer goldenen Haarflut umgeben, die im Licht der Sonne leuchtet. Gekonnt teilt Wassili die Haare in drei dicke Strähnen.

„Du kannst einen Zopf flechten?“, fragt sie erstaunt.

„Aber sicher! Schließlich habe ich zwei Schwestern. Da schaut man sich schon mal das eine oder andere ab. Und wenn meine Mutter mit dem Kämmen und Flechten nicht nachkam, musste ich mithelfen.“

Wassili greift noch einmal in seine Tasche und zieht ein blaues Seidenband hervor, das er in ihrem Haar zu einer Schleife bindet.

„Fertig!“ Er drückt ihr einen Kuss auf den Scheitel und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Wenn ich dich so ansehe, mein Schatz, überkommt mich schon wieder die Sehnsucht, obwohl wir doch gerade miteinander geschlafen haben.“ Er umfasst die Rundungen ihrer Brüste durch den Stoff ihres Nachthemds und küsst sie. „Leg dich jetzt hin, mein Herz. Es ist besser so.“

Wassili rückt den Stuhl näher an das Bett heran und stellt ein kleines Glöckchen auf die Sitzfläche. „Wenn du etwas möchtest, sollst du dich nicht scheuen, damit zu läuten. Das hat mir Doktor Panatos extra aufgetragen.“

„Wassili, wirst du lange fort sein?“

Wassili schüttelt den Kopf. „Ich weiß es nicht, Pauline. Wenn wir Glück haben, nur zwei bis drei Tage. Aber bevor du mich nochmal fragst, nein, ich nehme dich nicht mit. Man weiß nie was passieren kann. Und ich kann mich, wenn es zu Auseinandersetzungen kommen sollte, nicht gleichzeitig wehren und dich beschützen.“

„Aber wer sollte denn …?“

Wassili berührt mit dem Finger ihre Lippen, um sie zu unterbrechen. „Hör auf den Doktor! Versprich es mir. Ich komme so schnell es geht zurück.“ Er küsst sie noch einmal innig. „Versprich es mir, Pauline!“

„Ja“, seufzt sie schließlich. „Ich verspreche es.“

Wassili schließt die Tür hinter sich und Pauline hört, wie er die Stufen hinunterläuft.

Kapitel 9

Panatos, Andreas und Wassili wechseln noch ein paar Worte, dann klappt die Haustür zu. Pauline hört Schritte, die auf dem Weg knirschen, und sich vom Haus entfernen. Sie will sich gerade noch einmal die Erinnerungen an die letzte Nacht ins Gedächtnis rufen, als das Knirschen plötzlich verstummt. Verwundert runzelt sie die Stirn. Fliegen können die zwei nicht, also müssen sie stehen geblieben sein. Sie schwingt die Beine aus dem Bett und läuft zum Fenster. Durch die großen Zweige einer Zypresse, die ihr die Sicht auf einen Teil des Weges versperrt, sieht sie nicht, was Wassili tut. Deshalb versucht sie das Fenster zu öffnen, um zumindest etwas zu hören. Aber der Rahmen ist verklemmt. So sehr sie auch daran rüttelt, das Fenster lässt sich nur einen kleinen Spalt öffnen. Pauline legt ihr Ohr ganz nah an die schmale Öffnung. Wenn sie sich konzentriert, kann sie jedes Wort verstehen. Wassili scheint sich mit jemandem zu unterhalten.

„Guten Tag! Möchten Sie zu Doktor Panatos? Er ist im Haus“, hört sie Wassili freundlich sagen.

„Nein!“ Die Stimme kommt ihr vage bekannt vor. „Wenn Sie Wassili sind, dann möchte ich zu Ihnen.“

„So, und warum?“

„Ich will Ihnen helfen.“ Pauline vernimmt deutlich den flehenden Unterton in der Stimme des Mannes. „Ich kann Ihnen sagen, wo man die Frau und den Mann nach dem Überfall hingebracht hat, ungefähr jedenfalls.“

Pauline rührt sich nicht und hält unwillkürlich die Luft an.

„Mein Name ist Ilias Melas. Ich will …“

„Stimmt!“, unterbricht Wassili den Mann. „Sie haben uns zu dem alten Lagerhaus gebracht!“ Ärger und Wut lassen seine Stimme messerscharf klingen. „Was wissen Sie? Und wer hat Ihnen gesagt, dass wir hier sind?“

„Bitte! Lassen Sie meinen Arm los und hören mir zu. Ich hatte ja keine Ahnung, weshalb ich Sie dahin bringen sollte. Das habe ich erst viel später erfahren und hab’ mir danach verdammt viele Vorwürfe gemacht.“ Der Mann spricht leise und Pauline muss sich anstrengen, um etwas zu verstehen.

„Ach ja?“, antwortet Wassili. Seine Stimme trieft vor Spott. „Und woher kommt die späte Einsicht?“

Wieder hört sie das Knirschen des Kieses, als ob einer der Männer, mit seinen Schuhen darüber geschabt wäre. Jemand räuspert sich. Pauline vermutet, dass es Ilias ist. Angestrengt lauscht sie.

„Ich hätte Sie schon viel früher aufgesucht. Leider hatte ich keine Ahnung, wo ich Sie finden konnte. Ich habe gestern Abend noch ein paar Runden mit meinem Motorrad gedreht, in der Hoffnung, einen von Ihnen zu sehen. Ich hatte Glück. Andreas kam gerade aus der Pension. Ich wartete und sah ihn mit einem Auto vorfahren. Im Licht der Scheinwerfer konnte ich erkennen, dass Sie mit einer blonden, jungen Frau eingestiegen sind.“

„Ja und? Das erklärt immer noch nicht, woher Sie unseren Aufenthaltsort kennen!“ begehrt Wassili ungeduldig auf.

Wieder knirscht Kies. Die Männer gehen ein paar Schritte zum Gartentor. Jetzt kann Pauline die Männer sehen. Und, Gott sei Dank, noch verstehen, was gesprochen wird. Ein Windstoß fährt durch die am Weg stehenden Indianernesseln und wirbelt kleine rote Blütenblätter in die Luft, die an ihrem Fenster vorbeifliegen.

„Ich bin Ihnen einfach bis hierher gefolgt“, sagt Ilias und zeigt auf das Haus. „Eigentlich wollte ich gestern Abend noch mit Ihnen sprechen. Aber es war schon sehr spät. Ich habe dann im Schuppen eines Gasthauses übernachtet.“ Er kratzt sich am Kopf und entfernt einen Strohhalm aus seinen Haaren. „Leider habe ich länger geschlafen, als ich wollte, sonst wäre ich schon früher gekommen. Bitte glauben Sie mir! Ich will Ihnen helfen.“

Wassili macht offensichtlich ein skeptisches Gesicht, denn Ilias fügt schnell hinzu: „Wirklich.“

„Erzählen Sie weiter!“, fordert Wassili.

„Die schwarz gekleideten Männer hatte ich in den letzten Tagen schon öfter in der Stadt gesehen. Sie haben mich angesprochen und mir erklärt, dass Sie …“, Ilias zeigt auf Wassili, „unten an der Mole warten. Ich sollte Sie alle zum Lagerhaus bringen. Das war’s.“ Ilias wirkt verzweifelt, ringt die Hände und hebt drei Finger seiner rechten Hand. „Ich schwöre bei Gott! Ich habe mir nichts Böses dabei gedacht. Wirklich nicht! Später war in den Tavernen von nichts anderem die Rede als von der Verfolgungsfahrt mit dem grünen Ford. Ich wusste ja, dass Sie so ein Auto fahren.“

Wassili stemmt die Hände in die Hüften. Und Andreas steht mit geballten Fäusten vor dem niedergeschlagenen Ilias. „Weiter! Raus mit der Sprache, erzähl uns auch noch den Rest!“, verlangt er.

„Die schwarz gekleideten Männer saßen an einem Tisch in der Taverne. Ich stand am Tresen, mit dem Rücken zu ihnen. So habe ich jedes Wort verstanden. Sie unterhielten sich über die Verfolgung. Alles wäre schiefgelaufen. Der Boss sei sauer, er musste seine Leute wohl wie wahnsinnig angebrüllt haben. Wenigstens den Jungen habe man kassiert, damit er die anderen nicht warnen konnte. Und dann sagten sie noch, dass sie es wieder versuchen wollten, denn der Boss wollte die Frau und den Begleiter unbedingt haben.“

„Es ist ihnen gelungen“, brummt Wassili.

„Aber … ich weiß wirklich nicht, was die Männer von Ihren Leuten wollen. Ich hatte doch keine Ahnung, dass die hinter Ihnen her sind.“ Ilias Melas zupft nervös an seiner Jacke herum.

„Du kannst uns viel erzählen. Warum sollten wir dir glauben?“ Andreas packt Ilias am Kragen.

„Bitte“, fleht Ilias.

Wassili seufzt. „Andreas, lass ihn los.”

Widerwillig gibt Andreas den jungen Mann frei. „Was weißt du noch?“

Ilias ringt die Hände und sieht schuldbewusst aus. „Nachdem mir klar geworden war, dass die Männer ein Verbrechen planten, zerbrach ich mir den Kopf darüber, wo ich den Namen Evans schon mal gehört hatte. Schließlich fiel es mir wieder ein: Ich hatte vor einiger Zeit einen Artikel in der Zeitung gelesen. Frau Evans ist eine berühmte Archäologin.“

„Ja, und weiter?“ Wassili steckt seine Hände in die Hosentaschen.

„Die Männer in der Taverne sprachen von ihrem Boss, einem steinreichen Ägypter, und sie erwähnten, dass diese Frau Evans und der Mann nach Ägypten gebracht werden sollen. Sie wollen die beiden in einen Palast bringen, irgendwo mitten in der Wüste.“

„Nach Ägypten! In die Wüste!“ Andreas fasst sich mit beiden Händen an den Kopf. „Mein Gott, Wassili! Wie sollen wir Frau Evans da jemals finden?“ Die Worte hängen bleischwer in der Luft und Pauline steigen Tränen in die Augen.

„Keine Ahnung“, antwortet Wassili und trommelt mit den Fingern unruhig auf seine Oberschenkel.

Ilias Melas senkt betroffen den Kopf und scharrt mit seiner Schuhspitze im Kies. „Es tut mir leid. Aber das war noch nicht alles.“

„Wie?“, ruft Wassili. „Was kommt denn noch?“

„Einer der Männer sagte, er könne nicht verstehen, warum der Chef diese Frau unbedingt mitnehmen will und nicht einfach kurzen Prozess macht. Es würden doch so viele Menschen einfach spurlos verschwinden“, sagt Ilias bedrückt.

„Nein“, schluchzt Pauline laut auf und krallt ihre Hände an den Fensterrahmen.

Sofort dreht Wassili sich zum Haus um und sieht in den ersten Stock hinauf. „Moment! Ich komme gleich wieder.“

Er klopft mit beiden Fäusten an die Haustür. Der Arzt öffnet die Tür. „Was machst du denn noch hier?“, fragt er erstaunt. „Ist etwas passiert?“

„Noch nicht!“ Wassili stürmt drei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf und reißt die Tür zu Paulines Zimmer auf.

Sie sitzt mit hängenden Schultern auf der Bettkante, den Kopf in ihre Hände gestützt und schluchzt hemmungslos. Wassili setzt sich neben Pauline auf das Bett und nimmt sie in den Arm.

„Sie haben ihr doch nichts getan, Wassili?“ Wassili hebt ihr Kinn an und wischt ihr die Tränen vom Gesicht.

Menschen können nicht einfach spurlos verschwinden, denkt Wassili. Aber dann korrigiert er sich selbst. Doch, natürlich können sie das.

Kapitel 10

„Mein Liebling, sie haben deiner Mutter bestimmt nichts getan.“

„Ich habe Angst, Wassili! Schreckliche Angst.“

Wassili zieht ein Taschentuch aus seiner Tasche und wischt sanft die Tränenspuren von ihrer Wange. „Wir werden deine Mutter und Konstantin finden. Ich werde nicht eher ruhen, bis wir sie gefunden haben. Das verspreche ich dir.“

Pauline nickt, nimmt Wassili das Tuch aus der Hand und putzt sich geräuschvoll die Nase.

„Ich weiß, Wassili. Du wirst alles tun, was du kannst. Aber was, wenn das nicht genug ist?“

„Was machen eigentlich deine Kopfschmerzen?“, fragt er, um sie abzulenken.

„Netter Versuch, Wassili. Aber er funktioniert nicht. Es ist nicht mehr so schlimm mit den Kopfschmerzen.“

„Das ist gut. Das ist eine gute Nachricht.“

Pauline legt ihre Hand auf seine und schaut in Wassilis dunkle Augen, aus denen ihr so viel Liebe und Vertrautheit entgegenblickt.

„Bitte, Wassili“, sagt sie inzwischen ruhiger. „Was genau hat Ilias Melas erzählt? Ich weiß nicht, ob ich alles richtig gehört habe.“

Wassili gibt ihr eine kurze Zusammenfassung.

„Also wissen wir jetzt mit Sicherheit, dass die Männer für Cousteau arbeiten.“ Pauline reckt sich vorsichtig. „Und wir haben sie in der Lagerhalle gesehen.“

„Das bedeutet allerdings auch, dass wir nicht zur Polizei gehen können“, antwortet Wassili. Er steht auf, kniet sich hinter Pauline auf das Bett und massiert ihr mit kräftigen, warmen Händen die Schultern.

„Stimmt! Niemand würde uns glauben. Cousteau ist einer der reichsten Männer Ägyptens. In der Öffentlichkeit ist er ein Muster an Vorbildlichkeit. Wir können nicht einfach behaupten, Edwin Cousteau hätte meine Mutter entführt.“

„Nein, Pauline, das können wir nicht.“ Wassili hält einen Moment inne und überlegt. „Aber wir sollten zur Polizei gehen und eine Vermisstenanzeige für deine Mutter aufgeben. Vielleicht ist es gut, wenn Cousteau erfährt, dass wir die Suche aufgenommen haben. Über Konstantin müssen wir allerdings schweigen.“

Pauline schließt die Augen, lässt ihren Kopf nach vorne sinken. Sie bemüht sich, nicht aufzustöhnen, obwohl die Muskeln an Hals und Schultern schmerzen. „Okay, wir gehen zur Polizei. Und Andreas?“

Wassilis Hände ruhen einen Augenblick auf ihren Schultern. „Na ja, eigentlich wäre es besser für ihn, wenn er nicht noch weiter in die Sache hineingezogen wird. Den Pass für Konstantin werde ich mit ihm besorgen, aber danach …“ Er schüttelt den Kopf und fährt mit der Massage fort. „Andererseits ist er mein Freund und er weiß Bescheid.“

„Das ist wohl wahr“, antwortet Pauline trocken. „Und nun?“

„Alleine schaffen wir das nicht, Liebes. Auch wenn Andreas uns hilft. Wir brauchen einflussreichere Hilfe. Cousteau ist ein mächtiger Mann, in jeder Hinsicht.“

Wassilis Hände kneten ein letztes Mal Paulines Muskeln, dann lässt er sie auf ihren Schultern ruhen.

Pauline lehnt sich an ihn, legt den Kopf in seine Halsbeuge und sucht Zuflucht und Geborgenheit in seiner Nähe. Für einen Moment will sie alle Probleme und Komplikationen vergessen. „Ich liebe dich“, flüstert sie und haucht einen Kuss auf seine weiche Haut.

„Ich liebe dich auch, mein Schatz“, antwortet Wassili lächelnd.

Für ein paar Minuten schweigen sie, atmen ruhig und genießen die Nähe des anderen. Schließlich steigt Wassili vom Bett und geht ruhelos in dem kleinen Zimmer auf und ab. Seine Finger trommeln wild auf dem Oberschenkel.

Dann bleibt er vor dem Bett stehen und schlägt mit der Faust auf den Bettpfosten. „Ich bin immer noch so wütend darüber, dass ich hilflos zusehen musste, wie dieser schmierige Kerl dich begrabscht hat“, stößt er grimmig hervor und fährt sich mit der Hand über sein von Bartstoppeln übersätes Gesicht. Schon seit Tagen hat er sich nicht mehr rasiert.

„Du konntest nichts tun, Wassili. Hörst du? Komm her und setz dich zu mir.“

Wassili setzt sich neben sie auf die Matratze. Pauline hebt eine Hand und streichelt ihm zart über die Wange. Sie weiß, dass die kurze Auszeit vorbei ist und sie damit beginnen müssen, Pläne zu schmieden. „Also, was schlägst du vor, sollen wir als Erstes tun?“, fragt sie.

Wassili überlegt einen Augenblick, umfasst ihr Gesicht mit beiden Händen und küsst sie auf die Stirn.

„Ich fahre mit Andreas nach Patra zurück. Dort gehe ich zur Polizei“, antwortet Wassili und legt ihr vorsichtshalber einen Finger auf die Lippen, um ihrem Widerspruch zuvorzukommen. Denn er weiß, dass Pauline nach seinem nächsten Satz lautstark widersprechen wird. „Und du wirst bei Doktor Panatos bleiben.“

Paulines Augen funkeln gefährlich. Schnell neigt Wassili den Kopf, ersetzt den Finger durch seine Lippen und küsst sie, langsam und zärtlich.

„Das ist Bestechung“, flüstert Pauline. „Aber eine, die ich gerne gelten lasse.“

Wassili nimmt ihre Hand. Einen Augenblick lang sagt er nichts, dann drückt er sie sanft. „Liebes, so wie es aussieht, werden wir beide wohl nach Ägypten fliegen müssen. Denn ohne Pass ist für Konstantin eine Flucht fast unmöglich und viel zu gefährlich. Vor allem aus Ägypten. Du kennst doch selbst den ganzen Aufwand mit Visa, Einreiseformularen und den tausend Stempeln.“

Schweigend sitzen beide eine Weile nebeneinander und lauschen dem Zwitschern der Vögel in den Zypressen.

„Ich schätze, in zwei Tagen bin ich wieder zurück. Dann geht es dir bestimmt besser.“

„So lange?“

„Mir wäre es auch lieber, wenn es schneller ginge.“ Er wendet sich Pauline mit einem sorgenvollen Blick zu „Danach sollten wir vielleicht nach Gortis zurückfahren. Doktor Phidias ist ein zuverlässiger Mann. Er arbeitet schon lange mit deiner Mutter zusammen. Er kennt sie gut und ist ihr Freund. Ich denke, wir sollten ihn ins Vertrauen ziehen. Er weiß bestimmt, was wir tun können.“ Wassili steht vom Bett auf, geht zum Fenster und sieht hinaus. Andreas und Ilias stehen immer noch am Gartentor und reden miteinander.

„Nein, Wassili“, sagt Pauline hinter ihm. „Mark Phidias mag zwar ein guter Freund meiner Mutter sein, aber ich halte das für keine gute Idee. Meine Mutter hätte nicht gewollt, dass die Arbeiten dadurch unterbrochen werden und das würde unweigerlich der Fall sein. Denn in Abwesenheit meiner Mutter leitet Mark jetzt die Ausgrabungsarbeiten.“

„Hast du eine bessere Idee?“, fragt Wassili und dreht sich um.

„Hm. Also in einem Punkt hast du Recht. Wir müssen Mark benachrichtigen.“

„Wie bitte? Aber vor einer Minute hast du doch noch gesagt, dass …“

Pauline dreht sich zu dem kleinen Tischchen um, auf dem ihr Handy liegt. „Lass mich nur machen.“ Sie wählt Phidias Nummer.

„Hallo, Herr Phidias?“, meldet sich Pauline. „Hier spricht Pauline Evans. Ja, es geht uns gut. Danke. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass meine Mutter und ich wegen einer dringenden Familienangelegenheit nach London fliegen müssen. Ja. Sie haben richtig gehört Doktor Phidias, nach London“, sagt Pauline und nickt Wassili lächelnd zu, dessen Augen immer größer werden. „Und da wir jetzt schon mal in Patra sind, wäre es dumm, erst wieder zurück nach Gortis zu fahren. Ein Freund von Wassili wird Ihnen Ihren Wagen zurückbringen. Ach, und sagen Sie doch Dimitri bitte, dass Wassili uns begleiten wird. Wir melden uns bei Ihnen, wenn wir wieder zurück sind. Schöne Grüße noch von meiner Mutter. Tschüss, Herr Phidias“, flötet Pauline noch zum Abschied und legt auf.

Wassili staunt. „Donnerwetter! Du warst durchaus überzeugend.“

„Findest du? Normalerweise liegt mir so was nicht. Aber wir befinden uns schließlich in einer Ausnahmesituation.“

„Und du meinst, Andreas soll das Auto zurückbringen?“

„Genau. Und … wir beide fliegen nach London. Wir fahren zu meinem Vater. Er ist der Einzige, der uns vielleicht helfen kann.“

Inzwischen schallen Rufe unter Paulines Fenster herauf. Es ist Andreas, der ungeduldig nach Wassili ruft.

Wassili geht zum Fenster und winkt ihm zu. „Noch eine Minute“, ruft er durch den Fensterspalt.

Pauline kriecht wieder ins Bett. Wassili deckt sie liebevoll zu.

„Ich muss gehen.“ Er küsst sie zärtlich auf die Stirn. Doch Pauline umfasst seinen Kopf und lenkt seine Lippen ein Stückchen tiefer.

„Ich bitte Doktor Panatos noch, dir eine Kanne Tee zu bringen, und vielleicht auch eine Tablette zur Beruhigung. Am besten ist, du versuchst zu schlafen.“

Wassili steht schon an der Tür, als Pauline ihm zuruft: „Ich liebe dich, Wassili.“

Ein warmes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.

„Ich liebe dich auch.“

Kapitel 11

Ägypten, April 2005

 

Es dauert nicht mehr lange, bis die Maschine auf dem Boden aufsetzt. Cousteau reicht mir sein Plaid und sagt: „Es ist draußen sehr kalt. Ich möchte nicht, dass Sie frieren.“

Ich sehe ihn ungläubig an, zögere einen Moment, nehme dann aber den warmen Umhang. Ich hasse den Mann zwar wie die Pest, aber er hat recht. Es nützt mir nichts, wenn ich mich auch noch erkälte. Wir verlassen das Flugzeug. Kalter Wind bläht Konstantins Hemd. Ich traue meinen Augen nicht. Die Nacht ist wunderschön. Um mich herum sehe ich Wüste, nichts als Wüste. Das Licht des Mondes und des Sternenhimmels reicht mir, um das erkennen zu können. Es ist Frühjahr und der Boden des Warr, auf dem wir gelandet sind, gleicht nicht dem einer Sandwüste, sondern eher einer Wiese. Robuste Blumen schießen in Büscheln zwischen dem Geröll und den großen Felsbrocken aus dem Boden. Geschwungene Hügel und Terrassen, die sich im Licht der Sterne abzeichnen, lassen auf ein breites Tal schließen.

Am Ende der provisorischen Landebahn wartet ein Jeep auf uns.

„Murad, ich verlasse mich auf dich.“ Cousteaus Stimme klingt beinahe beiläufig. „Nicht, dass es noch zu unvorhergesehenen Komplikationen mit unseren Gästen kommt. Du verstehst?“

Der schwarze Riese nickt.

Die Fahrt dauert nicht lange, schon nach wenigen Minuten ragen hohe Mauern vor uns auf. Wir fahren durch ein schmiedeeisernes Tor. Der Wagen hält in einem großen Hof. Zu Fuß folgen wir einem Weg, der aus tausenden zersplitterten Muschelschalen besteht. Sie knirschen bei jedem Schritt unter meinen Schuhen. Cousteau muss Tonnen von Muschelkies hierher gekarrt haben.

Wir erreichen den Eingang eines imposanten Palastes. Es sieht aus, wie ein Schloss aus einem Walt-Disney-Film. Ein Märchenschloss aus weißem Marmor, angestrahlt von hunderten von Laternen. Nur wohnt hier kein Prinz, sondern der Teufel in Gestalt von Edwin Cousteau. Einige kleinere Gebäude stehen etwas abseits, umgeben von üppigem, grünen Rasen.

„Willkommen in meinem bescheidenen Heim!“ Mit einer einladenden Geste öffnet Cousteau die Tür und wir betreten eine geräumige Halle.

„Eindrucksvoll.“ Konstantin gibt sich völlig zwanglos, als wären wir nicht Gefangene, sondern Gäste des Hausherrn.

Stichwaffen, Jagdgewehre und Musketen hängen an den holzgetäfelten Wänden. Der Boden, ein Mosaik aus poliertem Marmor, leuchtet im Schein der Kerzen, die in kristallenen Kandelabern auf kleinen Schränkchen in der Halle verteilt sind.

„Gefällt es Ihnen, Frau Evans?“, fragt Cousteau.

Ich kann seine Frage nur bejahen. Wenn ich das Gegenteil behauptet hätte, wäre es eine Lüge gewesen.

„Kommen Sie. Ich zeige Ihnen den Rest des Hauses.“

Cousteau führt uns in seine Bibliothek. Ich sehe mich neugierig um. Vom Boden bis zur Decke sehe ich Regale, angefüllt mit Büchern. Ich fahre mit der Hand über die Lederrücken und lese: Edgar Allan Poe, Jane Austen, William Shakespeare. Alles Werke bedeutender und berühmter Schriftsteller.

In der Mitte des Raums steht eine große Vitrine, in der einige Schriftrollen liegen.

„Wie Sie sehen, ist dieser Platz noch leer“, sagt Cousteau, der meinen Blick offensichtlich richtig gedeutet hat. „Der Platz war für jene Thorarolle gedacht, die Sie leider zu früh nach London geschickt haben.“ Er lacht, mit einer Stimme, die so kalt ist wie Eis. „Aber ich versichere Ihnen, ich bekomme die Rolle noch.“

Wir gehen zurück in die Halle, in der ein Mann in Butler-Uniform vor einer Tür auf der linken Seite der Halle steht. Groß, weißhaarig und würdevoll. Cousteau winkt den Mann zu sich. „Jonas, das sind meine besonderen Gäste, Frau Evans und Herr Kanaris. Sie werden zuvorkommend behandelt. Und wenn möglich, werden Ihre Wünsche erfüllt. Aber nur, wenn es möglich ist, Jonas.“

Der Butler verneigt sich würdevoll. „Es ist mir eine Ehre, Herr Cousteau.“

„Der Mann wäre eine Zierde für jedes englische Herrenhaus“, raunt Konstantin mir zu. „Erinnerst du dich, dass ich dir von meiner Tante Asine erzählt habe?“

„Natürlich, sie hat dir gute Manieren beigebracht.“

„Richtig!“, grinst Konstantin. „Sie wäre bestimmt begeistert von dem Butler gewesen.“

Cousteau öffnet eine weitere Tür. In dem Raum steht ein langer Mahagonitisch, umrahmt von etlichen Stühlen. Die Rückenlehnen sind in Form von Engelflügeln gearbeitet und die Sitzflächen sind mit dunkelrotem Brokat überzogen. Auf den Schränken glänzt Silber und offensichtlich wertvolles Kristall.

„Der offizielle Speisesaal“, verkündet Cousteau. „Hier führe ich Verhandlungen und plane Staatsaktionen. Ich bewege mich gern im Kreise großer Persönlichkeiten. Auch Ihr Premierminister war schon mein Gast.“ Cousteau wedelt lapidar mit der Hand. „Ach, es waren schon so viele. Ich kann sie gar nicht mehr zählen. Meine großen Geschäfte tätige ich natürlich in Kairo.“

„Wie viele Wohnsitze haben Sie eigentlich?“, frage ich neugierig.

„Lassen Sie mich nachdenken, Frau Evans.“ Cousteau zieht seine Stirn in Falten und legt sich einen Finger auf die Nasenspitze. „Sind es sieben oder acht?“ Er klatscht in die Hände.

„Wissen Sie, das ist eine Frage, die mir noch keiner gestellt hat. Ich glaube …“ Jetzt nimmt er tatsächlich die Finger zu Hilfe.

„Einer in Kairo, in New York, in Paris, in London, in Athen, in Berlin und in Madrid. Ach nein, einer fehlt noch. Ich hätte doch fast meine neueste Errungenschaft auf Santorin vergessen. Und natürlich das hier, mein Wochenendhaus.“

Während Cousteau seine Wohnstätten aufzählt, passieren wir eine riesige, hölzerne Flügeltür. Doch Cousteau öffnet sie nicht, sondern führt uns die Treppe hinauf, deren Stufen mit einem roten, samtartigen Stoff überzogen sind. Eifrig poliert ein Diener im oberen Teil das Geländer. Er verbeugt sich höflich. „Schön, dass Sie wieder zu Hause sind, Sir.“

Cousteau nickt dem Mann gönnerhaft zu und erklärt uns: „Das ist Sean, einer meiner Hausdiener.“

Im oberen Stock angekommen öffnet Cousteau eine Tür zu einem Zimmer, bei dem es sich offensichtlich um sein Refugium handelt. Das Zimmer ist reich mit Gemälden und Gobelins geschmückt. Ich entdecke Bilder von Picasso, Monet und Leonardo da Vinci, die in der Fachwelt schon längst als verschollen gelten. Eine luxuriöse Fülle von unschätzbarem Wert beherrscht diesen Raum. Edle Statuen von Michelangelo stehen auf jahrhundertealten, mit Intarsien verzierten Möbeln. Im Kamin brennt ein Feuer, das den Raum in der kalten Nacht warm und heimelig macht. Mit den Fingern streiche ich über die glatt polierten Hölzer.

Unter anderen Umständen würde ich mich hier wirklich wohlfühlen.

Cousteau dreht sich um und marschiert wieder zurück zur Tür.

„Kommen Sie. Ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer, Herr Kanaris.“

Über eine Wendeltreppe steigen wir noch ein Stockwerk höher. Cousteau bleibt vor einer Tür stehen, die mit drei eisenbeschlagenen Schlössern bestückt ist. Ich wundere mich noch darüber, werde jedoch in meinen Gedanken unterbrochen, als er die Tür öffnet. Der Raum wird von einem massiven Bett aus dunklem Nussbaum beherrscht. Die Fenster sind weit geöffnet und die kühle Nachtluft strömt ungehindert in den Raum. Vor einer zweiten Fensterreihe steht ein Schreibtisch, davor ein gemütlich wirkender Ledersessel. In einer Ecke ein Tisch aus grauem Basalt. Rings um den Tisch gruppieren sich ein Sofa und mehrere Sessel.

„Nun, Herr Kanaris, Ihr persönliches Reich! Fühlen Sie sich wie zu Hause.“

„Vielen Dank, Herr Cousteau. Aber ich werde Ihre Gastfreundschaft so wenig wie möglich in Anspruch nehmen.“ Der Spott in Konstantins Stimme ist nicht zu überhören.

Cousteau lacht lauthals. „Nicht schlecht, Herr Kanaris. Wirklich nicht schlecht.“

Er lacht noch, als wir wieder die Treppen hinabsteigen.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass unser Aufenthalt hier nicht nur von kurzer Dauer sein wird.

Kapitel 12

In der großen Halle sind alle Fenster geöffnet. Der süßliche Duft der Blumen weht herein und vermischt sich mit den Gerüchen von Leinen und Möbelpolitur. „Haben Sie schon einmal an einem echt ägyptischen Mahl teilgenommen?“, fragt Cousteau und führt uns zu einer Nische, die ich vorhin nicht wahrgenommen habe.

„Mehrmals“, erwidere ich.

„Nun ja, das dachte ich mir. Aber Sie bestimmt nicht, Herr Kanaris. Sie werden jetzt die Gelegenheit dazu bekommen. Bitte nehmen Sie Platz.“

In der Nische liegen dicke, große Kissen auf dem Boden um ein Tischtuch aus gegerbtem Leder, dessen Rand mit farbigen Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. In schweren Bodenkandelabern brennen Kerzen und verbreiten mit ihrem warmen Lichtschein eine festliche Atmosphäre. Zu kleinen Pyramiden gefaltete schneeweiße Servietten stehen zwischen goldglänzendem Besteck, das im Kerzenschein funkelt. Konstantin und ich wählen die Kissen auf der rechten Seite aus. Cousteau setzt sich auf das Polster gegenüber. Ein Diener erscheint, stellt eine Schüssel mit Salat auf das Tuch und reicht jedem ein kleines Tässchen Kaffee.

„Das ist ein sehr wohlschmeckendes Gericht, zubereitet aus geronnener Milch und gewürzten Gurkenschnittchen“, erklärt Cousteau.

Ich nehme die Tasse und nippe vorsichtig von dem starken, dunklen Gebräu. Der Kaffee ist heiß und schmeckt samtig wie eine arabische Nacht. Jonas stellt einen Eiskühler, aus dem die gebogenen Hälse dreier Raki-Flaschen herausragen, und drei Gläser an den Rand des Tuches. In die Mitte platziert er eine große Schale mit flüssiger Butter.

„Die Butter nennen wir Samn“, wendet sich Cousteau an Konstantin. „Sie wird als Vorspeise, als Nachspeise und zuweilen sogar als Hauptspeise gegessen und getrunken.“ Ein weiterer Diener bringt ein kleines Körbchen mit verschiedenen Dattelsorten: köstliche, flachgedrückte Deglet Nour – Finger des Lichts.

Cousteau fischt eine der Früchte aus dem Korb. „Jetzt serviere ich Ihnen etwas ganz Besonderes. Das ist eine Anbara, eine Dattel, die nur sehr selten zu kaufen ist. Diese Köstlichkeit war früher nur Königen und den wirklich Wohlhabenden vorbehalten. Denn der Prophet hat gesagt: ‚Wer das Fasten durch den täglichen Genuss von sechs bis sieben Anbara bricht, der braucht weder Gift noch Zauber zu fürchten.‘“

„Wenn diese Früchte so rar sind, warum sammeln Sie sie nicht? Sie sind doch ein großer Sammler von Unikaten und seltenen Objekten.“ Die Bemerkung kann ich mir einfach nicht verkneifen. Noch behandelt uns Cousteau wie Gäste. Aber wie lange noch?

Cousteau geht auf meinen Sarkasmus nicht ein und erzählt ungerührt weiter: „Da ich in der Fastenzeit mindestens sieben von diesen Datteln verzehre, bin ich vor jeglichem Zauber gefeit.“

„Man muss nur fest daran glauben“, murmele ich hinter vorgehaltener Hand.

Cousteau beugt sich über das Tuch, streicht mit der Frucht leicht über Konstantins Lippen.

Erwartet Cousteau etwa, dass Konstantin ihm die Dattel jetzt abnimmt? Das ist lächerlich.

Konstantin starrt Cousteau nur an, die Brauen unheilvoll zusammengezogen, den Oberkörper gerade und angespannt, zum Aufsprung bereit. „Wagen Sie das nicht noch einmal.“

Seine Stimme hört sich klirrend kalt an und lässt mich an die gefrorene Tundra denken. Die Luft knistert, sie ist spannungsgeladen. Ich fühle mich, als würde gleich ein Blitz einschlagen. Mein Herz pocht wild in meiner Brust. Ängstlich und besorgt sehe ich Konstantin an. Er wirft mir einen beruhigenden Blick zu, der zu sagen scheint: Mach dir keine Sorgen. Ich vergreife mich nicht an diesem Kerl. Nicht in Murads Reichweite.

Cousteau reagiert nicht auf Konstantins Worte. Er schenkt ihm ein engelgleiches Lächeln und steckt sich die Dattel in den Mund.

Mein Herzschlag beruhigt sich allmählich wieder. Doch meine Hände zittern, als ich mit dem Löffel die klebrigen Früchte auseinanderschiebe.

„Sie suchen vergebens, Frau Evans, eine zweite Anbara werden sie nicht finden“, versichert mir Cousteau. „Ich sagte es doch. Diese erlesene Frucht bekommen nur besonders ausgesuchte Gäste.“ Cousteau deutet auf eine andere Dattel.

„Ich kann Ihnen diese hier empfehlen, das ist eine Sukkari, sehr süß und wohlschmeckend.“

Ich lehne dankend ab. Pauline mag diese süßen Früchte.

Plötzlich laufen wie ein Film die Ereignisse in der dunklen Gasse des Hafens von Patra vor meinem geistigen Auge ab: Pauline, halb bewusstlos, auf dem Boden liegend, Bluse und Büstenhalter zerrissen. Konstantin, der nur mit einer Holzlatte bewaffnet ist, kämpfend wie ein Löwe. Georg und Wassili, die hilflos auf dem Dach des Lagerhauses stehen und nichts tun können. Ein Kälteschauer läuft mir über den Rücken und ich schlucke krampfhaft, denn ich glaube, in diesem Moment den eisernen Griff zu spüren, mit dem Cousteaus Handlanger mich umklammert hielt.

„Was soll das heißen, ausgesuchte Gäste?“, wendet sich Konstantin an Cousteau.

Cousteau grinst diabolisch, wobei sein schmallippiger Mund dünn wie ein Strich wird. „Alles zu seiner Zeit, Herr Kanaris“, antwortet er und klatscht in die Hände. Ein Diener bringt daraufhin eine Schüssel, die bis zum Rand mit dickem Milchreis gefüllt und mit Zimt und Zucker, Rosinen und Kokosflocken verziert ist.

Edwin Cousteau hebt beide Hände über seinen Kopf. „Bil hana we shifa! Mögen Sie das Mahl mit Freude genießen.“

Dann langt er mit den Fingern in die Schüssel, steckt sie in den Mund und leckt sich den Reis von den Fingerspitzen.

„Da Sie es nicht gewohnt sind, mit den Händen zu essen, habe ich Ihnen Besteck dazu legen lassen. Obwohl …“ Er lächelt ironisch. „Zu einem echten ägyptischen Mahl benutzt man kein Besteck!“

„Herzlichen Dank für die Belehrung“, antworte ich. Brauch hin oder her, ich werde davon nichts essen. Nicht, wenn er mit seinen Fingern darin herumpatscht. Konstantin und ich sehen uns nur an. Mich schüttelt es bei dem Gedanken, davon essen zu müssen und auch er rührt die Reisspeise nicht an.

Cousteau schaufelt das Essen wie ein Verhungernder in sich hinein. „Bitte bedienen Sie sich“, sagt er huldvoll, wischt sich mit einer Serviette, die fast so groß ist wie ein Handtuch, den Mund ab und klatscht abermals in die Hände. Die Kerzen flackern heftig in Luftzug, als erneut eine Tür aufgeht und ein Bediensteter eine Tajine bringt, ein sehr altes, mit Zeichnungen und Inschriften versehenes Kochgeschirr.

Edwin Cousteau hebt theatralisch einen Finger. „Dieses Gericht wird nur in einer Tajine serviert. Es handelt sich um eine Mischung aus Reis, Okraschoten und Lammfleisch, das alles schwimmt in zerlassener Butter. Dazu Laban ma Khiar, eine Gurkenjoghurtsoße und Qußa b’seits, ein Zucchini-Minz-Püree. Einfach köstlich.“

„Es ist mir ein Rätsel, warum dieser Mensch so dünn ist“, flüstere ich Konstantin zu. „Wo doch alles, was er isst, förmlich in Fett schwimmt.“

Konstantin lacht leise. „Wer weiß, vielleicht hat er eine besonders gute Verdauung.“

Es folgen Teigtaschen mit Dattelfüllung, danach Kebab, kleine, auf spitze Holzstäbchen gespießte Bratenstückchen, so dass wir auch endlich etwas essen können. Anschließend werden eingelegte Granatäpfel, Quitten und ein Basbusi, ein Grieskuchen mit Rosenwassersirup, serviert.

„Was hat eigentlich Georg Bulgaris mit Ihnen zu schaffen?“, frage ich beiläufig und denke an den jungen Mann, der mir in Patra im Hinterhof einer Taverne zum ersten Mal ein Freimaurerzeichen gezeigt hat.

Cousteau runzelt die Stirn und sein Blick ist kälter als Eis. „Georg Bulgaris“, sagt er kauend und zuckt betont gleichgültig die Achseln. „Dieser Bastard! Nichts habe ich mit ihm zu schaffen. Er ist nur ein Wurm, den man zertreten sollte. Ich will nicht darüber sprechen.“

Doch ich vermute, dass Cousteau lange nicht so gleichgültig ist, wie er tut. Georg muss ihm also schon beträchtlich in die Quere gekommen sein bei seinen schäbigen Aktionen.

Gott sei Dank. Ich habe mich in dem sympathischen jungen Mann nicht getäuscht.

Cousteau wischt sich über den Mund und wedelt mit der Serviette in der Luft herum. Ich gehe davon aus, dass das Mahl hiermit beendet ist.

„Endlich“, seufze ich und will mich gerade erheben.

Aber die Tür zum Speisesaal öffnet sich. Zwei Bedienstete tragen eine silberne Platte herein.

„Ah, jetzt wird der Hauptgang gebracht.“ Cousteau klatscht begeistert in die Hände. „Hammel, am Spieß gebraten.“ Er lässt es sich als Gastgeber nicht nehmen, uns die Stücke auf den Tellern selbst vorzulegen. Doch nach ein paar Bissen lege ich das Besteck übereinander gekreuzt auf den Teller und falte meine Hände vor den Bauch. „Danke, aber ich kann nichts mehr essen“, beteuere ich. Konstantin signalisiert ebenfalls, dass er genug hat.

Cousteau winkt einen Diener herbei, befiehlt ihm das Geschirr abzuräumen, öffnet die Rakiflasche und schenkt ein. Schon nach dem ersten Schluck breitet sich ein lustiges, kleines Feuer in meinem Magen aus, das mit jedem Schluck größer wird. Zum Ende des Mahls wird noch einmal Kaffee serviert und Konstantin und Cousteau rauchen eine Wasserpfeife wie zwei alte Freunde.

„Haben Sie keine Angst so allein hier? Nur mit Ihren Dienern?“, frage ich. „Die nächste Stadt ist doch meilenweit entfernt, nehme ich an?“

Cousteau grinst übers ganze Gesicht, so dass seine Mundwinkel fast seine Ohrläppchen erreichen. „Sie haben Murad vergessen. Wenn er im Haus ist, habe ich keinen Grund mich zu fürchten.“

Die Pfeifen sind zu Ende geraucht und der Hausherr erhebt sich von seinem Kissen. Konstantin und ich stehen ebenfalls auf und treten neben das lederne Tischtuch. „Und was jetzt?“, wispert Konstantin. „Was hat Cousteau vor?“

„Frau Evans, Herr Kanaris, folgen Sie mir.“ Cousteaus Augen funkeln. Ich kann nicht sagen, ob vor Zorn oder vor Freude. Ihm auch nur einen Moment in die Augen zu sehen ist mir zuwider und lässt Hassgefühle in mir auflodern. Mein Traum, mein Gespür hatten mich nicht betrogen und ich hätte wissen müssen, dass eine erneute Begegnung mit Cousteau unvermeidlich ist.

Kapitel 13

Cousteau führt uns in ein geräumiges Zimmer, das er bei der Besichtigung ausgespart hat.

„Sie werden heute Nacht hier schlafen. Ich gebe Ihnen noch die Gelegenheit, sich voneinander zu verabschieden. Nutzen Sie diese Zeit“, sagt er lächelnd. „Gute Nacht.“

Cousteau verbeugt sich und zieht schnell die Tür hinter sich zu. Ich höre wie der Schlüssel geräuschvoll im Schloss umgedreht wird.

„Sag mal, hat der uns gerade eingeschlossen?“, frage ich ungläubig „Und was meint er damit, wir sollen uns voneinander verabschieden?“ Ich gehe zur Tür und rüttele heftig an der Klinke. „Dieser Bastard!“

„Catherine, komm her. Wir werden darüber nachdenken, was der Morgen bringt, wenn es soweit ist.“ Konstantin streckt seine Arme aus.

Ich seufze und sehe mich in dem Raum um. In der Mitte steht ein breites Bett aus schwarzem, gedrechseltem Holz. Es scheint frisch bezogen, die Decke ist zurückgeschlagen. Gegenüber der Zimmertür sehe ich eine zweite Tür, von der ich vermute, dass sie zu einem Gästebad führt. Der Schrank, ein schweres Stück aus der Gründerzeit, füllt eine ganze Wand aus. Drei Stühle stehen um einen Tisch auf der anderen Seite des Zimmers. Den Tisch ziert ein mit Kerzen bestückter Leuchter, sowie ein Schälchen mit Obst. Ein kleines Feuer brennt im Kamin.

Konstantin legt seine Arme um meine Taille und drückt mich an sich. „Ich habe mir schon die ganze Zeit überlegt, was ich mit dir tun werde, wenn wir endlich allein sind.“

Er nimmt meine Hände, geht rückwärts zum Bett und lässt sich auf die Matratze fallen. Ich streife meine Schuhe von den Füßen und gleite neben ihn. Liebevoll knabbert er an meinem Ohrläppchen, leckt über mein Ohr und raunt: „Ich will dich, Catherine, wie nichts anderes auf der Welt.“ Er küsst mich und hält mich so fest, dass ich mich nicht mehr rühren kann. Als er den Kuss beendet, sind meine Lippen leicht geschwollen. „Konstantin, willst du wirklich … Ich meine, sicher ist das nicht der richtige Zeitpunkt, um ….“

„Und warum nicht? Bist du zu müde?“

„Nein, das ist es nicht.“

„Na, dann ist es ja gut.“ Er rückt näher an mich heran und liebkost meinen Hals.

„Wir sind entführt worden. Wir wissen nicht, wo wir sind.“

Konstantin hebt seinen Kopf, um für einen kurzen Moment seine Liebkosungen zu unterbrechen.

„Ja, da muss ich dir recht geben, mein Schatz. Aber im Moment spielt das alles keine Rolle, denn wir werden dieses Zimmer vor morgen früh bestimmt nicht verlassen können.“

Ich unternehme einen letzten, tapferen Versuch. „Und wir haben keine Ahnung, wie wir wieder von hier wegkommen.“

Konstantin schnalzt missbilligend mit der Zunge.

„Catherine! Ich bin Kurier in einem Krieg. Ich weiß, was Gefahr ist. Wir sind bis morgen früh hier drin eingeschlossen und haben keine Möglichkeit etwas dagegen zu tun. Ich werde nicht zulassen, dass dir heute Nacht etwas geschieht.“

„Gut Konstantin, ich gebe auf“, sage ich lächelnd. Zugegebenermaßen war mein Widerstand mehr als halbherzig. Er fühlt sich einfach viel zu gut an.

Zufrieden nickt er. „Gut. Und jetzt will ich jeden Zentimeter deiner Haut küssen. Deinen Mund, deinen Hals, deine Brüste. Über deinen Bauch bis hinunter zu deinem Schoß.“

„Und dann?“, frage ich atemlos.

„Dann werde ich ...“ Was er sagt, setzt er auch direkt in die Tat um. „Ich werde dir deine Hose ausziehen und die Innenseiten deiner Schenkel küssen. Dort, wo deine Haut so zart und weich ist.“

Konstantin zieht die Hose über meine Füße und schleudert sie hinter sich auf den Boden. Heiße Lippen küssen meine Haut. Ich stöhne leise und vergrabe meine Hände in seinen Haaren. Der sanfte Kuss entfacht ein Feuer in mir, das Verlangen nach mehr.

„Deine Haut ist wie Elfenbein“, sagt er leise, lässt meinen Slip an meinen Oberschenkeln hinabgleiten und entkleidet mich schließlich vollständig. Seine Hände streichen an meinen Schultern entlang und schließen sich um meine Brüste. Augenblicklich werde ich feucht.

„Mein Liebling, deine Haut ist wie Samt und dein Körper eine süße Verlockung“, flüstert er mir zu. Seine Stimme klingt heiser.

Konstantin zieht sich ebenfalls aus und schiebt sich auf mich. Um mich nicht zu erdrücken verlagert er sein Gewicht auf seine Unterarme. Er reibt sich an mir und wir beginnen ein langsames, zartes Spiel. Mit ausgebreiteten Fingern erkunde ich seinen Rücken, jeden Knochen, jeden Muskel. Der Anblick seines nackten Körpers versetzt mich immer wieder in Erstaunen. Konstantin ist groß und gut gebaut. Seine Muskeln und seine Haut schimmern im Licht der Kerzen und des Mondscheins, der durch die hohen Flügelfenster fällt, wie reife Oliven. Er legt seine Stirn an meine.

„Ich will dich, Catherine! Ich begehre dich so sehr, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.“

Ich schlinge meine Arme um seinen starken Nacken, komme ihm mit meinen Lippen entgegen, spüre seine heiße Erektion an meinem Bauch und spreize meine Schenkel. Ich bin unglaublich feucht und sehne mich danach, dass er mich nimmt. Meine Körpersprache ist unverkennbar. Ich will ihn tief in mir spüren, jetzt. Seine Hände umfassen meinen Po und er sieht mich an. Mein Verlangen spiegelt sich in seinem Gesicht wider. Sein Glied berührt meine intimste Stelle. Mit einem tiefen Atemzug wölbe ich mich ihm entgegen. Er küsst mich sanft, ich spüre seine Lippen kaum. Während Konstantin mich mit hungrigen Blicken ansieht, dringt er in mich ein. Ich spüre, wie er mich erobert und passe mich seinen schnellen, wilden Bewegungen an.

„Du gehörst mir, Catherine, hörst du, nur mir. Du wirst niemals jemand anderem mehr gehören.“ Sein Atem ist schnell, als er noch tiefer in mich eindringt.

Eine wirbelnde Feuersbrunst erfasst mich, hebt mich hoch, um dann in meinem Unterleib zu explodieren. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper sich einfach auflöst, schwerelos wird. Dann höre ich Konstantins gedämpften Schrei und weiß, dass auch er sich dem Feuerwerk hingibt.

Erst viel später höre ich wieder die Scheite im Kamin knistern und sehe das Flackern der Kerzen. Ganz langsam kehre ich in die Wirklichkeit zurück.

Konstantin senkt sich behutsam auf mich hinab. Ich lege meinen Kopf an seine Schulter, küsse die Stelle an seinem Hals, wo die kleine Ader so heftig pulsiert. Er sieht mich zärtlich an, ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht. Seine Lippen finden die meinen, die förmlich glühen. „Ich brauche dich Catherine, so sehr wie die Luft zum Atmen. Ich will den Rest meines Lebens an deiner Seite verbringen.“

„Deine Worte machen mich glücklich, Tino.“ Ich liebe diesen Mann mehr, als ich sagen kann. Ich weiß, dass ich auf alles, was mich mit Konstantin verbindet, nicht mehr verzichten will. „Hunger, mein Schatz?“ Konstantin rollt sich zum Rand der Matratze, steht auf, holt die Schale mit dem Obst und setzt sich neben mich. Ich setze mich ebenfalls auf und stecke mir eine Pflaume in den Mund.

„Ich habe keine Ahnung, wo wir hier sind“, sage ich kauend. „Aber ich schätze, wir sind von Patra aus ungefähr drei bis vier Stunden geflogen. Also müssen wir uns weit im Süden Ägyptens befinden. Und die Lichter, die du von oben gesehen hast, können auf keinen Fall von der Oase Kufra sein.“

„So, und wie kommst du zu dem Schluss?“

Ich schüttele den Kopf. „Wir sind viel weiter südlich. Und so weit im Süden gibt es in Ägypten keine Oasen. Jedenfalls keine, von der ich schon gehört hätte. Es müsste sich dabei um einen Bir, um einen Brunnen handeln, an dem sich höchstens ein paar Hütten angesiedelt haben.“

„Kennst du denn hier einen Bir?“

„Sollten wir tatsächlich an der sudanesischen Grenze sein, gibt es dort den Bir Ungat. Ich war noch nie dort und hoffe inständig, dass wir noch auf ägyptischem Gebiet sind und nicht schon im Sudan.“

„Aber Cousteau hat doch gesagt, sein Haus liegt in Ägypten? Und wenn wir im Sudan sind, können wir es auch nicht ändern“, sagt Konstantin gelassen.

„Du hast recht. Es muss aber auch hier einen Brunnen geben. Erinnerst du dich an die vielen Blumen und Büsche an der Landebahn? Ohne Wasser können die Pflanzen hier nicht wachsen.“

Konstantin nickt. „Stimmt. Und wir werden auch noch herausfinden, wo wir sind. Aber jetzt lass uns ein bisschen schlafen, Liebes, und uns nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen. Die Nacht ist bald vorbei.“

Kapitel 14

Der Tag ist angebrochen und die Flut des Morgenlichts leuchtet durch die geöffneten Fenster. Ich liege neben Konstantin in dem breiten Bett und sehe den Schwalben zu, die am hellblauen Himmel dahinjagen. Mein Körper ist verkrampft und starr und versucht gegen den Albtraum, der mich in der Nacht heimgesucht hat, anzukämpfen. Gott sei Dank kann ich mich kaum an etwas erinnern. Nur das Bild, das wir bei lebendigem Leib im Sand begraben werden, kann ich einfach nicht abschütteln. Ich schließe meine Augen.

„Despoina“, wispere ich mit geschlossenen Augen. „Was sollen wir tun?“

Übe dich in Geduld, höre ich die vertraute Stimme der Göttin in meinem Kopf. Die Zeit des Aufbruchs wird kommen. Wenn die Zeit gekommen ist, höre auf den Ruf der Zugvögel.

„Catherine.“ Konstantins Stimme ist leise. Ich spüre seinen Atem auf meinem Gesicht und öffne überrascht meine Augen.

„Oh, ich dachte, du schläfst noch.“

„Nein Liebes, ich bin schon eine ganze Weile wach und habe dich gehört.“ Seine Augen sind sanft und voller Mitgefühl. „Du vermisst sie und machst dir Sorgen.“

„Ja.“ Meine Kehle fühlt sich eng an und ich schlucke den Kloß im Hals herunter. Konstantin zieht mich an sich und ich klammere mich an ihn wie eine Ertrinkende.

„Alles wird gut“, flüstert er und streicht mir mit der Hand über das Haar. „Ich verspreche dir, dass du Pauline wiedersehen wirst.“

Ich höre, dass ein Schlüssel im Schloss gedreht wird und setze mich auf. Die Tür wird geöffnet, Murad kommt herein und stellt wortlos ein Tablett mit Frühstück auf dem Tisch ab. Ich sehe ihn an und ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Der Mann kann nichts für sein Aussehen, Catherine. Also reiß dich zusammen.

Wir ziehen uns an und frühstücken, als Murad ein weiteres Mal die Tür öffnet. „Herr Kanaris, bitte kommen Sie“, fordert er Konstantin auf.

Ich stehe ebenfalls auf, doch Murad gibt mir zu verstehen, dass ich hierbleiben soll. „Wo bringen Sie ihn hin?“, frage ich nervös.

„Es dauert nicht lange, Frau Evans. Frühstücken Sie in Ruhe zu Ende.“

Wütend setze ich mich wieder hin. Doch ich halte es nicht lange auf dem Stuhl aus und marschiere ungeduldig im Zimmer auf und ab. In meinen Kopf sortiere ich schon die passenden Schimpfwörter, die ich Murad an den Kopf werfen kann, wenn er zurückkommt. Nach einer Zeit, die mir wie Stunden vorkommen, höre ich, dass die Tür aufgeschlossen wird.

Doch es ist nicht Murad, der Konstantin zurückbringt, es ist Cousteau, der im Türrahmen steht. „Kommen Sie, Frau Evans. Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Sie werden staunen.“

„Wo ist Konstantin?“, fauche ich.

Cousteau zieht verwundert seine Augenbrauen in die Höhe. „Aber hat Murad Ihnen das nicht gesagt?“, fragt er scheinheilig.

Am liebsten würde ich ihm meine Faust ins Gesicht schlagen.

„Murad zeigt Konstantin meine Pferde und Rennkamele.“

„Für Sie immer noch Herr Kanaris!“, herrsche ich ihn an. Ich kann mich nicht zurückhalten und packe seinen Arm. „Was wollen Sie von uns? Wieso soll ich mich von Konstantin verabschieden?“, frage ich und meine Stimme überschlägt sich vor Zorn

Er reißt sich mit einem Ruck von mir los. „Gehen wir! Ich hoffe, Sie halten mich nicht für unhöflich, wenn ich vorangehe, Frau Evans.“

Wir steigen die Treppe zur großen Halle hinunter, bis zu der Flügeltür, die mir am Abend zuvor aufgefallen ist. Mit einem Schlüssel, den er an einem Lederband um seinen Hals trägt, öffnet er die Tür, stößt die großen Holzflügel auf und bedeutet mir ihm zu folgen.

Auf den Anblick, der sich mir bietet, bin ich wahrlich nicht vorbereitet. „Wow“, sage ich leise. Ich stehe auf einer aus dicken Holzbohlen gefertigten Brücke, die zu einer Insel inmitten eines künstlich angelegten Sees führt.

„Ich sehe, es gefällt Ihnen, Frau Evans“, meint er und lächelt triumphierend. „Wie ich schon sagte, Sie werden sich in kürzester Zeit wie zu Hause fühlen.“

Ich werfe Cousteau voller Verachtung einen Blick zu und möchte ihm am liebsten mein Knie in die Eier rammen. Doch ich muss mich beherrschen und ihn in Sicherheit wiegen. Ich brauche mehr Bewegungsfreiheit, wenn ich Konstantin finden will, denn ich bin überzeugt, dass er irgendwo hier im Haus ist. Aber Cousteau ist nicht dumm und vielleicht durchschaut er meine Absicht. Trotzdem muss ich es versuchen.

Cousteau dreht sich zu mir um und bedeutet mir, ihm zu folgen. „Ich möchte Ihnen meinen Harem vorstellen.“

„Bitte? Ihren Harem? Hier auf der Insel?“

Cousteau nickt und geht unbeeindruckt von meinem entsetzten Tonfall weiter voraus.

„Herr Cousteau, ich frage Sie noch einmal. Was wollen Sie eigentlich von mir?“

Will er mich etwa in seinen Harem aufnehmen?

Kapitel 15

Alles um mich herum ist von vollendeter Schönheit und Eleganz.

Das Brückengeländer besteht aus hunderten von ineinander verzweigten Orchideen, deren leuchtende Blütenköpfe aus bläulich schimmerndem Metall geschmiedet sind. Ich verlangsame meinen Schritt und werfe einen Blick zurück zum Eingang, der in fahles Morgenlicht getaucht ist. Der See spiegelt den Himmel, grau vom Sonnenaufgang. Ich höre das Schreien erwachender Pfauen. Am Ufer des Sees stolzieren majestätisch rosafarbene Flamingos und schwarzweiße Störche. Ab und an neigen sie ihre schlanken Hälse zu Boden, wahrscheinlich, um nach Insekten zu suchen. Die beiden Kuppeln des Palastes leuchten im Schein der Sonne und strahlen rotgolden vor dem aquamarinblauen Himmel. Trotz meiner verzweifelten Lage nehme ich die Schönheit des frühen Morgen wahr. Die Geräusche des anbrechenden Tages, das blaue Licht, das das Land und den See einhüllt, und den Duft der Bäume und Blumenrabatten.

Edwin Cousteau, in safrangelbe Gewänder gekleidet, geleitet mich zu den Räumlichkeiten seines Harems, die im Schatten der Palmen liegen. Trotz meiner Befürchtungen sehe ich mich neugierig um. Prächtig verzierte Gebäude sind in einem großen Viereck angeordnet. Wir steigen die in die Mauern eingehauenen Treppenstufen zu einer Steinterrasse hinauf, die wiederum an die Außenwand eines kleinen Seitenpavillons stößt. Der sehr viel größere Mittelbau besteht aus mehreren aufeinandergesetzten Pavillons, die sich nach oben verjüngen und gewölbte, anmutige Bögen aufweisen. Der höchste von ihnen trägt mehrere gedrungene Kuppeln. Ich bleibe stehen, schaue zurück und bemerke erschrocken, dass wir schon ziemlich weit von der Brücke entfernt sind.

„Verraten Sie mir, wo Sie mich hinbringen?“, frage ich mit unterdrücktem Zorn.

„Kommen Sie, Frau Evans. Wir sind gleich da.“

Flache Stufen führen von der Terrasse aus wieder hinunter in einen Innenhof. Hier plätschert ein Springbrunnen, umgeben von Bambussträuchern, die sich im Wasser spiegeln. Die Steine des Innenhofs, die noch im Schatten liegen strahlen nächtliche Kühle ab. Niemand ist zu sehen. Doch plötzlich höre ich helles, klingendes Lachen, dass das Zwitschern der Vögel, die zwischen den Bäumen hin und her fliegen, übertönt.

Cousteau klatscht dreimal laut in die Hände und schon flattern, wie Schmetterlinge im Sommerwind, mehrere schlanke, leichtfüßige Mädchen heran. Ich bin nicht nur entsetzt, ich kann es kaum fassen, als ich die jungen Mädchen sehe. Anmutig verbeugen sie sich vor Cousteau und lassen sich auf dem Rand des Wasserbeckens nieder. Sie sehen wunderschön aus. Ihre dunklen Augen glänzen, die Lippen sind dunkelrot geschminkt. Schwarz gefärbte Augenbrauen, die über der Nasenwurzel zusammentreffen. Stirn und Wangen sind mit Schönheitspflästerchen verziert. Die Ohren schmücken goldene Kreolen. Perlenreihen an den Handgelenken klingeln leise bei jeder ihrer Bewegungen. Mein Gott. Die Perlen, sie sehen aus, wie die Perlen der Winde. Ich halte die Luft an, trete einen Schritt vor damit ich die Schmuckstücke besser betrachten kann. Gott sei Dank ist keine schwarze Perle dabei. Eigentlich ist es unmöglich, dass das die Perlen der Winde sind, denke ich und atme geräuschvoll wieder aus.

Cousteau sieht mich verwundert an. „Ist Ihnen nicht gut?“

„Doch, doch. Es geht schon“, antworte ich, obwohl mir ganz flau ist. Und wenn doch? Nein, das kann einfach nicht sein. Ich mustere die Perlen erneut und jubiliere im Stillen. An diesen Perlen erkenne ich Unebenheiten und Vernarbungen. Dies sind nicht die echten Perlen der Winde.

Ich betrachte die in kostbare Seidengewänder gekleideten Mädchen, die mehr nackte Haut zeigen, als sie verhüllen. Ihre kleinen Füße stecken in bestickten Pantoffeln. Ich nicke ihnen freundlich zu.

„Darf ich Ihnen meine Ehefrauen vorstellen? Meine erste Frau, Sheila.“ Er zeigt auf ein Mädchen in dem hellblauen Gewand.

„Rechts daneben meine zweite Frau, Sali. Und die kleinste heißt Aischa.“

„Was?“ Ich kralle meine Hand um seinen Arm, reiße Cousteau zu mir herum und starre ihn an. „Das sind Ihre Ehefrauen?“ Ich schüttle fassungslos den Kopf. „Das sind keine Frauen, das sind Kinder! Wie alt sind sie? Zehn oder elf?“

„Oh nein.“ Cousteau ist sichtlich unbeeindruckt von meiner heftigen Reaktion und befreit lediglich seinen Arm aus meiner Umklammerung. „Die Älteste von ihnen ist schon sechzehn“, fährt er ungerührt fort.

„Sie sind wirklich das Letzte. Was machen Sie, wenn Sie diese Kinder schwängern?“

Er zuckt ungerührt mit den Schultern. „Sie waren schon schwanger, alle drei. Leider bekamen sie nur Mädchen, die musste ich natürlich entsorgen. Finden Sie nicht auch, dass eine Frau unästhetisch aussieht mit so einem dicken Bauch?“, wechselt Cousteau plötzlich das Thema. „Also ließ ich mir ein paar Knaben für meine sexuelle Befriedigung kommen.“ Cousteau lacht, als hätte er einen Scherz gemacht. „Bei Sheila habe ich es am meisten bedauert. Sie ist sehr gut im Bett, müssen Sie wissen.“

Mir sträuben sich die Nackenhaare, denn ich kann nicht fassen, was ich da gerade gehört habe. „Sie schänden nicht nur kleine Mädchen, sondern treiben es auch mit minderjährigen Jungen? Und was meinen Sie mit ‚Die musste ich entsorgen’?“ Ich fühle, wie Übelkeit in mir aufsteigt, ich fasse mit einer Hand an meine Kehle und schlucke heftig. Cousteau nimmt keinerlei Notiz vor mir und plaudert ungezwungen weiter. Entsetzen und Zorn unterdrücken für einen Moment meine eigene Angst. „Was haben Sie mit den Babys gemacht?“, schreie ich ihm ins Gesicht.

Autoren

  • Astrid Korten (Autor)

  • Rike Bartlitz (Autor)

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Titel: Verhängnisvolle Leidenschaft