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Das Leben passt in keine Liste

von Klara Sinn (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Johanna Holm, zufrieden mit Beruf, Ehe und sich selbst, die ersten Zeichen des Alterns entdeckt, klingeln ihre Alarmglocken. Doch schnell hat sie die Lösung: einen 6-Punkte-Plan, der sie jung halten soll. Doch bei jeder Veränderung gerät sie mit ihrem Ehemann Arno aneinander, der sein altes Leben schätzt und unter keinen Umständen etwas ändern möchte. Dabei kennt er noch nicht mal den letzten Punkt auf Hannas Liste ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Oktober 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-884-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-886-5

Copyright © September 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits September 2016 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Liebling, ich geh dann mal.

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
© Mega Pixel, © goodluz, © Prostock-studio und © Planner/shutterstock.com, © R-studio, © ratselmeister und © rea_molko/depositphotos.com
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für meine kluge Tochter, die immer wieder über meine Späße lachen kann,

und meinen Mann, der mich liebt, wie ich bin.

1

„Das ist nicht dein Ernst!“

Ich funkelte Arno an, nicht ganz sicher, ob er sich nicht doch einen Scherz mit mir erlaubte. Mein Mann hielt den neu erworbenen Tiegel mit der ökologisch korrekten Feuchtigkeitsemulsion in die Höhe wie ein Corpus Delicti. Zielsicher hatte er sich genau diesen aus den Einkäufen herausgefischt, die ich auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte.

„Hanna, das ist mein Ernst! Du hast tatsächlich zwölf Euro für eine schnöde Creme ausgegeben?“

Seine inquisitorische Frage ließ meinen Blutdruck ansteigen. Ich war hier diejenige, die das Geld verdiente.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, kniff die Augen zusammen und fixierte ihn:

„Du willst mir jetzt nicht wirklich zu verstehen geben, dass …“

„Doch! Verdammt, Johanna! Was soll der Kosmetik-Quatsch? Wirst du im Alter zur Spießerin?“

Okay. Das reichte. Auch wenn ich kommunikationspsychologisch geschult war, Tritte unter die Gürtellinie mussten gekontert werden. Möglichst lautstark. Gerade holte ich Luft, als sich die Küchentür öffnete und Nele den Raum betrat. Mit einem Blick erfasste unsere Tochter die Situation.

„Moment!“, ordnete sie an, eilte zum Fenster und schloss es. Mit ihren knapp fünfzehn Jahren war ihr so gut wie alles peinlich. Vor allem die Eltern. Vor allem, wenn diese schreiend die Nachbarschaft beschallten.

Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Unterarm:

„Könnten wir jetzt bitte in Ruhe weiterstreiten?“

Nele schüttelte entnervt den Kopf und zog die Tür hinter sich zu. Mein Blick heftete sich erneut auf Arno.

Mein Mann. Mein geliebter Ehemann. 186 Zentimeter Sturheit, dichte, dunkelblonde Haare, eine immer noch beneidenswert athletische Figur, trotz weitgehender sportlicher Abstinenz, grau-blauer Blick, temporär auf Minusgrade heruntergekühlt. Wir waren uns so nah. Gedanklich, gefühlsmäßig und auch körperlich. Und dennoch schafften wir es immer wieder, uns gegenseitig zu verletzen. Niemand kann das so gut wie Menschen, die sich in- und auswendig kennen. Wenn keine sachlichen Argumente mehr halfen, ging es meist auf der persönlichen Ebene weiter, und die wunden Punkte, die der liebende Partner eigentlich schützen, aufpäppeln und möglichst unangetastet lassen sollte, wurden zu willkommenen Angriffspunkten. Treffer. Versenkt.

Dafür hasste ich Arno gelegentlich.

„Noch mal von vorne“, knurrte ich.

„Du hast mich sehr wohl verstanden!“

„Aber DU verstehst MICH nicht!“, brüllte ich.

Inzwischen hatten wir eine Phonstärke erreicht, die Karl Marx dazu veranlasste, seine Rute einzuklemmen und unter dem Küchentisch Deckung zu suchen.

„OH DOCH! Mein Verständnis reicht durchaus, um dich als fehlgeleitetes Werbeopfer zu identifizieren!“

„Weil ich eine FEUCHTIGKEITSCREME kaufe?“

„Weil du ein horrendes GELD dafür ausgibst!“

„Mann, das waren zwölf Euro! ZWÖLF! Nicht 120! Du bist so ein Geizhals!!!“

„Wie verzweifelt muss man sein, um sich dermaßen von der Kosmetikindustrie blenden zu lassen?“

Ich hyperventilierte fast. „ICH BIN NICHT VERZWEIFELT!“

Abends stand mir der Schaum vor dem Mund wie einem tollwütigen Tier. Ich stand im Bad und traktierte meine Zähne. Es grummelte immer noch in mir. Unser so häufig aus dem Ruder laufendes Streitritual machte mich fertig. Es kostete Kraft und Halsschmerztabletten und führte zu nichts. Ich wischte mir den hervorquellenden Schaum vom Kinn und begann die Putzrunde unten rechts von vorne. Plötzlich schob sich Arno von hinten heran und legte mir seine Arme um den Bauch.

„Na, Hannchen“, hauchte er an meinem Ohr.

Ich ignorierte ihn, so gut es ging.

Er verfolgte belustigt meine Zahnputzschaumschlacht.

„Komm, wir vertragen uns.“

Skeptisch hob ich meine Augenbrauen.

„Was hältst du von einem Versöhnungsquickie?“

„NICHTS!“, fauchte ich und der Spiegel war gesprenkelt wie eine Windschutzscheibe bei Schneesturm.

„Ach komm schon, Schatz.“ Arno begann, an meinem Ohr zu knabbern.

Ich wand mich aus seinen Armen.

„Ich bin doch keine Masochistin! Erst verletzt du mich bis in die Grundfeste meiner Existenz, rammst mir ein Messer in meine verwundbarsten Teile, in meine Ängste, mein Selbstbild, mein Selbstwertgefühl …“

Arno seufzte.

„… und dann soll ich dir schon wieder mein Herz und meinen Körper öffnen?“

Er verdrehte die Augen.

„Nun sei doch nicht immer so melodramatisch!“

Ich schob ihn von mir und zielte mit der Zahnbürste auf ihn.

„Ich bin so, wie ich bin. Und eins sag ich dir: Ich bin keine Spießerin, ich bin nicht alt und ich bin nicht verzweifelt!“

„Schon gut“, lenkte er ein. „Du bist jung wie der Frühling und frisch wie Morgentau.“

Ich schüttelte mit dem Kopf, ließ Wasser in meine Hände laufen und tauchte mit dem Gesicht hinein. Die Badezimmeraudienz war beendet. Tatsächlich zog Arno Leine, nicht ohne mir im Weggehen in den Hintern zu kneifen.

Was mir die gnadenlosen Strahlen der aufgehenden Sonne dann einige Tage später offenbarten, traf mich wie ein Schlag: Ich wurde doch alt! Mein Körper war einfach nicht mehr der einer Zwanzigjährigen … noch nicht einmal der einer Fünfunddreißigjährigen!

Ich stand morgens vor dem Spiegel im Bad und freute mich über das wundervoll rotgoldene Licht der Morgensonne, das ab nun wieder meine Vorbereitungen auf den Arbeitstag geheimnisvoll beleuchten würde und endlich die dunkle Jahreszeit und das Lampenlicht vertrieben hatte. Deshalb sah ich diesmal auch etwas länger in den Spiegel – und mit aller Klarheit erkannte ich plötzlich die Zeichen körperlichen Verfalls.

Nun gehörte ich nicht zu den Frauen, für die Schönheit oberstes Gebot war. Schon aus Prinzip nicht, aus feministischer Überzeugung, die es ablehnt, sich einzig und allein für den anerkennenden Blick von Männern aufzuhübschen. Aus diesem Grund benutzte ich auch kein Make-up. Ich war ungeschminkt – immer! Dafür fasste ich mir auch viel zu häufig ins Gesicht, rieb mir die Augen oder die Nase, klopfte mir beim Nachdenken an die Lippen. Mit einer Farbpallette im Gesicht hätte ich wahrscheinlich in kürzester Zeit wie ein Inferno ausgesehen. Hätte ich damals roten Lippenstift und Nagellack getragen, wäre ich bestimmt auch heute noch nicht verheiratet. Denn Arno mag Frauen nur naturbelassen – was es auch für Nele nicht einfach machte, wenn sie hin und wieder die Segnungen der Kosmetikindustrie ausprobierte. Trotzdem war mir mein Äußeres natürlich nicht egal. Schon aufgrund meiner Lehrerinnentätigkeit war es notwendig, irgendwie passabel auszusehen, wenn man/frau vor den Schülerinnen und Schülern nicht zur Lachnummer werden wollte. Aber ich hatte etwas dagegen, mich der Willkürherrschaft sogenannter Modeexperten zu unterwerfen, genauso wie der Diktatur der heilsversprechenden Kosmetikindustrie oder der Bauch-Beine-Po-Folterbranche – so als bräuchten Frauen keine Armmuskeln. Ich wollte einfach so herumlaufen, dass ich mich selber mochte und wohlfühlte.

Doch dieses eigentlich positive Körpergefühl geriet mit jenem denkwürdigen Blick in den Spiegel mächtig ins Wanken. Meine Güte! Ein paar Dellen an den Oberschenkeln hatte ich schon seit meiner Jugendzeit. Aber das hier? Ich hätte mich gut und gerne als Vorher-Model für eine Anti-Cellulite-Therapie zur Verfügung stellen können. Und mein Bauch? Mal dünner, mal dicker … okay, meist dicker, aber hing er an dieser Stelle nicht sogar etwas über? Und meine Brüste? Und die Oberarme? Ich suchte meinen ganzen Körper ab, und zum ersten Mal stieg so etwas wie Panik in mir auf. Wir wurden tatsächlich älter – mein Körper und ich. Was ich geistig an Reife und Erkenntnis hinzugewann und begrüßte, hinterließ deutlich negative Spuren an meinem Körper, unwillkommen und absolut überflüssig. Er verlor seine jugendliche Spannkraft. Mit einem Wort: Er wurde schlapp.

Ich sah mir in die Augen und versuchte ruhig zu atmen, um der Panikattacke Frau zu werden. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich sah mich plötzlich in dreißig, vierzig Jahren. Um zwanzig Zentimeter geschrumpft, zahnlos, o-beinig, einen Rollator schiebend. Wenn ich wenigstens geistig fit bleiben würde, aber auch Alzheimer war ja eine – noch denkbare –Zukunftsaussicht. Mir kam ein Spruch in den Sinn, den ich irgendwo aufgeschnappt hatte: Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein.

Ja! Genauso war es! Ich wollte immer mindestens neunzig Jahre alt werden. Aber wie sollte ich es schaffen, mir beim Altern zuzusehen? Wenn Altern Verfall bedeutete, geistiger und körperlicher, wie ließe sich das nur aushalten? Wie sollte ich nicht täglich die Natur mit ihren scheinbar zwingenden biologischen Abläufen dafür verfluchen, dass sie mir das antat?

Eine Woge des Entsetzens und der Trauer überschwemmte mich. Mir stiegen Tränen in die Augen, und ich verfolgte, wie sie sich aus den Augenwinkeln lösten, an der Nase herunterliefen, die Lippen überquerten und vom Kinn tropften.

Andererseits … dies passierte ja nicht nur mir. War es nicht ein Trost, zu wissen, dass alle Menschen, die das Glück hatten, ein hohes Alter zu erreichen, diesen Alterungsprozess auch irgendwie meisterten? Und wie viele Menschen waren sogar erst in späten Jahren aufgeblüht – oder hatten bis ins hohe Alter Meisterleistungen vollbracht? Goethe zum Beispiel war zweiundachtzig, als er seinen Faust II beendete und kurz darauf starb. Es gab doch viele Menschen – Politikerinnen, Schriftsteller, Schauspielerinnen, Wissenschaftler – die vormachten, wie man in Würde altern konnte, auch wenn die körperlichen Fähigkeiten abnahmen.

Da fiel mir meine Oma ein. Sie war bis zum Schluss geistig fit geblieben, beweglich und voller Humor, und einundneunzig geworden. Na bitte. Vielleicht hatte ich ja ihre guten Gene geerbt. Das wäre ja schon mal ein kleiner Trost. Und hieß es nicht auch, man sei so alt, wie man sich fühle? So banal dieser Satz klang, es gab Untersuchungen, die dies zu bestätigen schienen.

Ich sah mich noch einmal konzentriert im Spiegel an und tippte mir vor die Brust. Nein, noch war ich nicht verzweifelt. Dafür war es noch zu früh. Aber ich sollte mein Problem zeitnah angehen. Wäre die Phrase nicht so abgedroschen, würde ich sagen: Ich hörte sie ticken, meine biologische Uhr. Jetzt musste ich zwar dringend in die Schule, aber mit diesem Thema war ich noch nicht fertig! Schnell warf ich mir kaltes Wasser ins Gesicht, zog mir Jeans und irgendein Oberteil über und beschloss spontan, das Fahrrad zu nehmen. Ich würde zwar schweißnass und außer Atem ankommen, aber egal. So hatte ich wenigstens das Gefühl, lebendig zu sein.

2

Ich trat in die Pedale meines bequemen Hollandrades, dessen Schutzblech munter klapperte, und ließ den quadratisch-praktischen Betonklotz aus den siebziger Jahren hinter mir – mein Gymnasium, das sich nicht gerade durch aufregende Reformpädagogik profilierte. Die Sonne schien ungewöhnlich hell. An geschützten Stellen glitzerten die letzten Schneereste in unberührtem Weiß. Richtig schön, so Anfang März. Ich spürte die warmen Strahlen im Gesicht und erfreute mich an den gelben und lila Krokussen in den Vorgärten, die das unendliche Grau der letzten Monate fortlächelten.

In der Mitte des Lebens stellen sich die existentiellen Fragen neu, ging es mir durch den Kopf, während meine Beine gleichmäßig meditativ kreisten. Völlig in Gedanken, begann plötzlich mein Vorderrad unkontrolliert zu schlingern. Hilfe! Hart trat ich auf die Bremse, sprang vom Rad in die matschige Schneepampe und versuchte mit aller Kraft mein Gefährt daran zu hindern, in die braune Patsche zu kippen. Gerade so konnte ich es abfangen. Im gleichen Moment hupte ein Auto, als hätte ich geplant, mich mit meinem Drahtesel davorzuwerfen. Blödmann!

Mit hämmerndem Herzen überprüfte ich, ob meine Schultasche noch sicher im Fahrradkorb lag. Puh. Fast wäre ich hingefallen. Das hätte böse enden können. Okay. Großhirn an Stammhirn: Wir hatten verstanden! Die Beschäftigung mit bedeutsamen Fragen bedurfte einer risikoarmen Umgebung und vollster Konzentration. Vorsichtig stieg ich wieder auf und brachte mich sicher nach Hause.

Wir wohnten am Rande einer Kleinstadt in einer Straße, in der recht individuell gebaut werden durfte. Der Verkehr war verhältnismäßig ruhig. Nur von ferne hörte man bei entsprechender Windrichtung ein stärkeres Motorenrauschen der geschäftigen Innenstadt. Hinter unserer Häuserreihe, die die letzte war und es hoffentlich auch blieb, brauchten wir nur wenige Schritte zu gehen, um in der Natur zu sein. Zahlreiche Feldwege und – einen knappen Kilometer entfernt – ein kleines Waldstück vermittelten uns das Gefühl, fast in einer ländlichen Idylle zu leben. Für uns war dies der ideale Wohnort, städtisch angebunden und doch naturnah.

Zuhause angekommen begrüßte mich Karl Marx mit einem müden Schwanzwedeln. Unser gealterter, schwarz-weißer Labrador-Mix hielt es noch nicht mal für nötig, aufzuspringen und mir entgegenzulaufen! Als junger Hund war er der Weltmeister im Begrüßen gewesen. Jetzt zeigte er diesen Ehrgeiz nur noch bei völlig Fremden, die er wahrscheinlich beeindrucken wollte.

„Wirst halt auch älter, Kalli“, sagte ich, kniete mich an seinen Korb und wuschelte ihm durchs Fell, wodurch sich die Schwanzschlagfrequenz dramatisch erhöhte. Sein Fell war feucht, also hatte Arno mit ihm eine Runde gedreht und ich war von dieser Pflicht befreit.

Sehr gut! Hach, wie ich das liebte! Der Dienstag war der einzige Tag, an dem ich nur vier Stunden hatte, also am frühen Mittag nach Hause kam. Nele war noch bis sechzehn Uhr in der Schule und Arno, hauptberuflich Hausmann, nebenberuflich Softwareentwickler in seiner eigenen Ein-Mann-Firma, legte auf meine Bitte hin seine auswärtigen Kundengespräche auf diesen Tag. So hatte ich wenigstens ein Mal in der Woche das Haus ganz für mich alleine, jedenfalls wenn alles nach Plan lief und nicht etwa Konferenzen anstanden, der Unterricht unserer Tochter ausfiel oder Kunden ihre Termine versäumten.

Heute war so ein Tag, an dem mich unser Haus träumerisch still umfing. Die Frühlingssonne schien durch die Fenster und zauberte Lichtreflexe auf Möbel und Wände – die winterlichen Schmutzansammlungen, die sie gleichzeitig beleuchtete, übersah ich großzügig – und ich spürte, dass etwas ganz Besonderes aufkeimte: ein Aufbruch.

Ich ging nach oben, wusch mir gründlich die Hände, da Schulen ja bekanntlich Bakterienbrutstätten sind, zog mir wie immer bequeme Kleidung an und wusste, dass ich jetzt nicht – wie sonst – meinen Mittagsschlaf halten würde. Mit dieser Angewohnheit entsprach ich natürlich voll dem Lehrer-Klischee. Mein Lieblingswitz dazu lautete: Treffen sich zwei Lehrer mittags um zwei im Baumarkt. „Na? Kannst du auch nicht schlafen?“ Ich fand den schreiend komisch, auch wenn meine Tochter immer gähnte, wenn ich ihn erzählte. Aber es war wirklich so: Wenn man sich vorstellte, dass eine Lehrerin am Tag durchschnittlich sagen wir fünf Klassen mit jeweils durchschnittlich 25 Schülerinnen und Schülern unterrichtete, dann waren das etwa 125 kleine und größere Jungen und Mädchen, die alle in ihrer Individualität, in ihren Stärken und Schwächen wahrgenommen und gefördert werden wollten. Rechnete man noch durchschnittlich 10 Pausengespräche mit Kollegen über Schülerinnen und Schüler, Unterricht oder Privates hinzu und bedachte, dass jeder Lehrende mindestens zwei Fächer unterrichtete und am Tag in den fünf Klassen mindestens fünf Themen altersangemessen, höchst konzentriert und natürlich voll mitreißender Begeisterung präsentierte und gleichzeitig darauf achtete, dass Selina ganz vorne nicht ungerechterweise dreimal hintereinander drankam, während Max dort hinten, wenn er sich denn mal zaghaft meldete, übersehen wurde, und Lara und Michelle sowie Niclas und Yannic mit einem scharfen Blick oder vielleicht doch besser mit einer lauten Verwarnung bedacht werden mussten, weil sie tuschelten oder versuchten, unter dem Tisch Karten zu spielen – wenn man das alles zusammenrechnete, dann waren wir bei tausenden von Überlegungen, Entscheidungen und Interaktionen, die eine Lehrkraft im Sekundentakt durchzuführen hatte.

Ich fand, da hatte mein Hirn anschließend eine kleine Auszeit verdient, zumal ich sowieso nicht in der Lage gewesen wäre, mit diesem Synapsenaufruhr im Kopf einen einzigen neuen, klaren Gedanken für den Unterricht des nächsten Tages zu fassen.

Wer es sich als Lehrerin oder Lehrer also irgendwie einrichten konnte, der schlief nach der Schule. Dass dies schlicht vernünftig war und unser Überleben sicherte, darin bestärkten wir uns im Kollegium immer wieder gegenseitig.

An diesem Tag aber war es anders. Ich kochte mir einen Kaffee, setzte mich in die sonnendurchflutete Küche und blickte hinaus in den Vorgarten, der aus seinem Winterschlaf erwachte.

Ein Aufbruch. Ja. Gut. Woll’n wir doch mal sehen … Hmmm. Gar nicht so leicht, sich auf Kommando tiefgründige Gedanken um sich selbst zu machen …

Ich verfolgte mit den Augen die Katze unserer Nachbarn, wie sie am Zaun entlangpirschte, erfreute mich an den schüchternen Krokussen, sah in den Himmel, der überraschend blau war und an unbeschwerte Sommertage im Süden erinnerte, trank einen Schluck Kaffee, wippte mit dem Fuß, …

Nein. So ging das nicht. Ich brauchte etwas zu schreiben. Beim Schreiben formten sich die wabernden Gedanken zu Worten, und der chaotisch-assoziative Gedankenfluss ließ sich in eine systematische, lineare Ordnung bringen. Früher hatte ich sehr viel Tagebuch geschrieben. Auch als junge Erwachsene hin und wieder, wenn es mir schlecht ging. Jetzt beschränkten sich meine schriftlichen Ergüsse meist auf Kommentare, die ich unter die Klassenarbeiten setzte: Im Ansatz gelungen, achte aber noch mehr auf eine differenzierte Argumentation und eine präzise Wortwahl!

Ich holte eine alte Kladde aus meinem Arbeitszimmer, suchte einen Kuli und schrieb:

45 Jahre = Lebensmitte.

Das stimmte sogar ganz genau, denn ich hatte mir ja vorgenommen, neunzig Jahre alt zu werden.

Was will ich noch erreichen?

Nee, das „noch“ hörte sich voll deprimierend an, so als hätte ich nur noch kurze Zeit zu leben. Eigentlich ging es doch um mittelfristige Ziele, die in absehbarer Zeit zu erreichen waren. Wenn ich alt wäre – oder sagen wir älter, so ab Pensionsgrenze – würden sich ja wohl hoffentlich wieder neue Ziele und Perspektiven auftun. Also:

Mittelfristige Ziele (etwa 2-5 Jahre):

1. Körperlichen Verfall verhindern!

Meine Güte, das war zwar richtig, aber motivationstechnisch ja wohl total daneben. Ich strich die Zeile durch und schrieb:

1. Körperliche Attraktivität und Fitness ausbauen!

Jawoll! Und dann flossen die nächsten Ideen, Gedanken und Wünsche nur so aus der Feder. Nur beim letzten Punkt zögerte ich, fügte ihn dann aber doch entschlossen hinzu. Nach wenigen Minuten ließ ich den Stift sinken, lehnte mich zurück und atmete tief durch. Dann überflog ich nochmals meine Agenda, schloss zufrieden die Augen und spürte, wie mich eine Welle der Zuversicht durchströmte. Dies würde mir und meinem Leben einen neuen Schub verleihen!

3

Christiane Körner war meine beste Freundin, wenn frau das in unserem Alter noch so nennen wollte, und das Praktische war, sie wohnte gleich nebenan. Zuerst waren wir einfach nur Nachbarinnen gewesen. Aber als unsere Tochter Nele zur Welt kam, stand Tine uns mit Rat und Tat zur Seite, da sie uns als Mutter der damals fünfjährigen Franziska einiges an Erfahrung voraushatte. Wir stellten schnell fest, dass wir in der heiklen Frage der Kindererziehung sehr ähnliche Vorstellungen hatten, und so entwickelte sich eine Freundschaft, die mir sehr wichtig war. Wir teilten Freud und Leid des Alltags, schimpften über unsere Ehemänner, freuten uns über die Erfolge unserer Töchter und litten mit, wenn die nächste Fünf in Mathe die Ausgaben für die Nachhilfe wieder einmal nicht zu rechtfertigen schien.

Wenn es Christiane nicht gegeben hätte, hätte ich sie erfinden müssen, denn ich war nicht sehr gut darin, Freundschaften zu pflegen. Auch wenn es nach einer müden Ausrede klingt: Mein Beruf absorbierte mich so dermaßen, dass ich abends einfach keine Lust und Kraft mehr hatte, per Telefon soziale Kontaktpflege zu betreiben, geschweige denn mich irgendwo mit irgendwem zu treffen. Mit Tine war es dagegen völlig unkompliziert. Manchmal sahen wir uns tagelang nicht, dann war auch ein Hallo über den Gartenzaun in Ordnung, und dann gab es diese Nachmittage oder Abende, an denen wir zwei Frauen gemütlich zusammensaßen und über alles redeten – oder über fast alles.

Es gab nämlich ein Thema, das eigentlich nie angesprochen wurde. Entgegen allen Klischees und Fernsehserien über Frauenfreundschaften sprachen wir zwei Freundinnen niemals über Sex. Jedenfalls nicht mit uns in der Hauptrolle. Wenn es um unsere Töchter, ihr sexuelles Erwachen und angemessene elterliche Reaktionen darauf ging, war es durchaus ein Thema. Aber bislang hatte ich niemals das Bedürfnis verspürt, mit Tine mein eigenes Sexualleben zu erörtern. Vielleicht lag es daran, dass es wirklich gut, aber unspektakulär war. Wir hatten keine Probleme – jedenfalls fast keine. Und insgesamt sah ich mich als eine befriedigte Frau an – jedenfalls fast immer. An sich war das Sex-Thema für mich kein Tabu. Ich konnte ungeniert etwa die Bedeutung der sexuellen Selbstbestimmung für die Emanzipation der Frauen darlegen, mich differenziert zu den Debatten über Pornographie und Prostitution äußern, vehement die Rechte von Lesben, Schwulen und Transsexuellen einfordern oder über anzügliche Witze pubertierender Schüler augenzwinkernd hinweghören, ohne rot zu werden. Aber ich sah keinen Sinn darin, mit jemand anderem etwas zu teilen – wenn auch nur gesprächsweise – das ausschließlich meinen Mann und mich etwas anging. Es wäre mir wie ein Vertrauensbruch vorgekommen, die Augenblicke intensivsten körperlichen und emotionalen Zusammenseins zwischen Arno und mir vor anderen auszubreiten. Undenkbar.

Nun saß ich hier am Freitagabend in Christianes Wohnzimmer. Ihr Mann Klaus, ein selbstständiger Versicherungsagent, war über das Wochenende auf einer stinklangweiligen Versicherungsmesse. So hatten wir den Abend ganz für uns. Bei Tine fühlte ich mich ziemlich wohl. Das Wohnzimmer war durchgängig im Landhausstil eingerichtet – blaues Sofa, Kiefernmöbel und eine von Monets Seerosenvarianten an der Wand –, für meinen Geschmack allerdings mit zu viel Nippes ausstaffiert. Wenn es etwas gab, was ich dekorationstechnisch nicht ausstehen konnte, dann waren es Kunstblumen, Vasen und Schüsseln aus buntem, geschwungenem Glas und Tierfigürchen aus den verschiedensten Materialien (mal abgesehen von Zinnbechern, gestickten Bildern und solchen aus Puzzleteilen). Das Tragische war, dass Menschen solchen Geschmacks, meist ja leider Frauen – hier konnte ich meine Geschlechtsgenossinnen wirklich nicht in Schutz nehmen –, diese Scheußlichkeiten in üppiger Fülle ansammelten und ausstellten. Aber gut, jedem Tierchen sein Pläsierchen oder wie meine Mutter zu sagen pflegte: „Es wäre doch langweilig, wenn alle denselben Geschmack hätten.“

Nun entdeckte ich auf Tines Kiefernkommode ein neues Stillleben aus fünf grinsenden Keramik-Osterhasen in den verschiedensten Stellungen, mit bemalten Ostereiern, Schubkarre oder Kiepe ausgestattet … OMG.

„Na, bewunderst du meine neue Osterhasenkollektion?“ Tine kam vergnügt ins Zimmer, in der Hand eine Flasche Rotwein und zwei langstielige Gläser.

Ich lächelte gequält und sie kicherte. Unsere Geschmäcker waren nicht immer kompatibel. Das wussten wir beide und mussten uns nichts vormachen. Sie zeigte auf den Osterhasen in der Mitte.

„Hast du diesen gesehen?“

Ich trat näher und beäugte das Ding skeptisch. Es grinste noch breiter als die anderen und hielt etwas in der erhobenen Hand. Ein Schwert? Eine Kerze? Eine Gurke? Mir blieb die Spucke weg.

„Ist das etwa … ist das so ein …“

„Ein Dildo!!!“, jauchzte Tine und lachte sich kaputt.

Ich sah meine Freundin entgeistert an und wusste nicht, ob ich mitlachen oder über ihre fortgeschrittene Geschmacksverirrung besorgt sein sollte.

„Wie kommst du denn zu diesem … schmuddel … äh … schnuckeligen Tierchen?“, fragte ich verstört.

„Hat mir Klausi mitgebracht, von der Frühjahrsmesse. War zwar nur ein Werbegeschenk, aber ich fand’s süß. Ist doch süß, oder?“, fragte meine Freundin, klimperte mit ihren beneidenswert langen und dunklen Wimpern und sah mich erwartungsvoll an.

„Tja, es ist … es ist …“, ich holte tief Luft, „abgrundtief scheußlich!“, brach die Wahrheit aus mir heraus. Wir prusteten beide los und ließen uns aufs Sofa plumpsen. Tine öffnete die Weinflasche und füllte mit geübtem Schwung die Gläser.

„Auf uns!“, rief ich übermütig aus. Eine Freundin, bei der ich ehrlich sein durfte und die über unsere Geschmacksdivergenzen lachen konnte, erfüllte mich mit Dankbarkeit. Ich nahm einen langen Schluck.

„Und auf den Sex – mit und ohne Hilfsmittel!“, ergänzte Tine grinsend. Ich verschluckte mich so heftig, dass sie mir vorsichtshalber das Glas aus der Hand nahm.

„Was hast du denn?“, fragte sie scheinheilig, während ich versuchte Hustenanfall und Atemnot in den Griff zu bekommen. Noch konnte ich nicht sprechen, da warf sie mir doch tatsächlich an den Kopf, verklemmt und prüde zu sein. Ich! Heftig schüttelte ich meinen Kopf, der inzwischen rot angelaufen war und zu bersten drohte. Ich sprang auf und riss als Rettungsmaßnahme meine Arme in die Höhe. Ich brauchte Luft, um endlich diesem ungeheuerlichen Vorwurf entschieden entgegentreten zu können.

„Siehst du, verehrte Frau Studienrätin“, setzte sie unbarmherzig grinsend nach, „schlau daherreden über Politik und so, das kannst du. Aber Wörter wie ,Dildo‘ oder ,Sex‘ machen dich glatt sprachlos.“

Ich stand immer noch mit erhobenen Armen vor ihr und starrte sie ungläubig an. Da bemerkte ich plötzlich, wie erquickende Luft in meine Lungen einströmte und ich dem Erstickungstod noch einmal von der Schippe gesprungen war.

Ich holte tief Atem und wetterte los: „Also, erstens bin ich weder verklemmt noch prüde“, ich fuchtelte mit den Armen, „und zweitens nehme ich noch ganz andere Wörter in den Mund: Vibrator! Klitoris! Orgasmus! Bumsen, ficken, vögeln! Falls dich das irgendwie beruhigt.“

Obwohl: Die letzten drei Verben benutzte ich eigentlich nie. Ich lehnte sie sogar entschieden ab, weil sie den sexuellen Akt für mein Empfinden banalisierten und pornografisierten. Sie traten ihn in den Dreck. Und was Orgasmus und Klitoris anging, das waren zwar korrekte und neutrale Begriffe, aber sie verwiesen auf etwas derart Intimes, dass sie in meiner Alltagssprache kaum Verwendung fanden, zumindest nicht ohne ein leichtes Schamgefühl hervorzurufen. Ich setzte mich und sah Tine triumphierend an. Die hatte mich die ganze Zeit aufmerksam gemustert – und offenbar bemerkt, dass ich in Gedanken noch einiges hinzugefügt hatte. Sie zog ihre linke Augenbraue in die Höhe.

„Was willst du eigentlich?“, fragte ich genervt.

„Ich will über Sex sprechen.“

Okay. Ich gebe zu, ich war einigermaßen überrascht. Dass sie so direkt … und überhaupt, nach all den Jahren. Und ausgerechnet jetzt, wo ich auch ein Anliegen in dieser Richtung hatte …

„Also gut, heben wir unsere Freundschaft auf eine neue Stufe, tun wir, was angeblich alle Frauen mit ihren Freundinnen tun, entsprechen wir den modernen Frauenklischees.“ Feierlich erhob ich mein Glas und sah Tine tief in die Augen.

„Reden wir über Sex!“

4

Nun wird Sex ja bekanntlich überbewertet, vor allem in festen Paarbeziehungen. Die Dauerhaftigkeit und Güte einer Beziehung bemisst sich, laut eines SPIEGEL-Artikels, nicht an permanenter Leidenschaftlichkeit, immerwährendem Herzklopfen oder der Häufigkeit grundsätzlicher Beziehungsdiskussionen. Im Gegenteil kann vor allem Letzteres eher zu Qualen und dem Aus einer Beziehung führen. Was wirklich zählt, sind echte Freundschaft und gemeinsame Werte. Wenn ich gerne Zeit mit meinem Partner verbringe und viele Dinge ähnlich sehe, sind das beste Voraussetzungen für eine lang anhaltende Liebe. Dennoch gibt es wohl kaum ein Thema, das in unserer Kultur mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht – vielleicht abgesehen von den Ergebnissen der Fußballbundesliga oder den Nachrichten über Benzinpreiserhöhungen – als Sex. Es steht, wenn es in Buch oder Film um die Liebe geht, stets im Mittelpunkt. Am Ende jeder abenteuerlichen Suche nach ‚dem Richtigen‘ erfolgt die sexuelle Vereinigung. Sie ist die Belohnung, die dem Helden oder der Heldin am Ende winkt, das Ziel des qualvollen Hindernislaufes, die Erfüllung aller Sehnsüchte. Das ist selbst in der sogenannten hohen Literatur nicht viel anders. Goethes Faust, der sich mit Ekel von seinem austrocknenden Wissensdrang abwendet, um endlich die ganze Bandbreite menschlich-sinnlicher Erfahrungs- und Gefühlswelten kennen zu lernen, verliebt sich von einem auf den anderen Moment in das unschuldig-naive Gretchen und umwirbt die junge Frau nach allen Regeln der Kunst. Und wozu? Um sie flachzulegen. Dafür geht er sogar über Leichen. Mutter, Bruder und Gretchen selbst bleiben sterbend auf der Strecke, aber Faust erreicht sein Ziel: stillt seine sexuelle Lust und gibt seinen Samen weiter.

Angeblich konsumieren 82 Prozent der Deutschen Pornografie. Stimulierende erotische Darstellungen sind allgegenwärtig. Man spricht von der sexualisierten Gesellschaft. Kein Produkt, das sich nicht mit langen, nackten, cellulitefreien Beinen, feuchten, roten Lippen oder einer breiten muskulösen Männerbrust (früher behaart, heute gewachst) besser verkaufen ließe. Hol dir XY und du stehst kurz vorm Orgasmus! Für nur 3,99 € bist du am Ziel all deiner sexuellen Sehnsüchte! Sex sales. Wir sind eben doch nichts anderes als hormongesteuerte Zellklumpen, deren Daseinszweck sich in der (versuchten) Fortpflanzung erfüllt. Und dann ist da ja auch noch die Lust, die uns uneingeladen von der Pubertät bis ins Alter begleitet und anstachelt und zur Ausprägung allerlei merkwürdiger menschlicher Balzrituale geführt hat.

Wie auch immer. Meine Freundin Tine wollte mit mir zum ersten Mal seit vierzehn Jahren, als wir uns am Gartenzaun ein Hallo zugerufen hatten, über Sex reden. Also taten wir es.

Und wie nicht anders zu erwarten, eröffnete sie mir ein Problem. Zuerst zögerlich, dann immer schneller und verzweifelter, berichtete sie davon, dass ein riesiger sexueller Abgrund vor ihr klaffte: Klausi wollte nicht mehr. Sie habe schon alles Mögliche versucht, um ihn aus der Reserve zu locken, aber er habe einfach keine Lust mehr auf Sex.

„Und wie lange geht das schon so?“, fragte ich voller Mitleid und sah Tine im Geiste über Monate vertrocknen.

„Jetzt müssen es schon fast drei Wochen sein!“

„Ähh …“, verwirrt griff ich nach meinem Glas. Drei Wochen. Wo bitteschön war denn da das Problem?

„Das ist ja echt ʼne lange Zeit …“

„Ja!“, stöhnte Tine. „Ich halte es kaum noch aus!“

Ich sah meine agile, warmherzige, flinke, fröhliche Freundin mit den halblangen, hennarotgefärbten Haaren an. War sie ein Sexmonster?

„Wie oft habt ihr denn normalerweise … ich meine, wie oft habt ihr … äh … Geschlechtsverkehr?“, wagte ich mich vor.

„Geschlechtsverkehr – so ein Bürokratendeutsch kann wieder nur von dir kommen. Also, Klausi und ich, so drei- bis viermal die Woche haben wir schon gepoppt.“

Ich war sprachlos. Sowohl im Hinblick auf die Wortwahl als auch die Häufigkeit.

„Wieso? Ist doch normal, oder?“, setzte Tine nach.

„Doch, doch.“

Okay, ich merkte, dass mir ein solches Gespräch in aller Offenheit noch nicht wirklich gelang. Irgendwie war da ein Gefühl von Scham und Peinlichkeit. Wollte ich das alles wirklich von Tine wissen? Und musste ich dann nicht im Gegenzug ebenfalls ehrlich sein? Drei- bis viermal die Woche? Wenn Arno und ich innerhalb eines ganzen Monats auf diese Frequenz kamen, hatte ich meinen Mann furchtbar glücklich gemacht. Drei Wochen ohne? Das passierte bei uns ständig. Einfach, weil ich bei meinem beruflichen Stress meine zweifellos nicht sehr stark ausgeprägten sexuellen Bedürfnisse gar nicht mehr spürte. Für mich war dies nicht weiter schlimm. Dass Arno dann litt, wusste ich natürlich, und es tat mir auch ehrlich leid, aber ein Drama war das alles nicht. Jedenfalls nicht für mich.

Es fiel mir also etwas schwer, Tines Problem so ganz ernst zu nehmen, aber gut. Hier ging es um meine Freundin und für sie war es offensichtlich der sexuelle Super-GAU.

Wir schenkten uns neu ein und sie erzählte von ihren vergeblichen Versuchen mit neuer Reizwäsche und speziellen Massagen, die ihr als Physiotherapeutin natürlich gut von der Hand gingen.

„Aber Klausi ist ja so kitzelig, dass ich gar nicht bis zur Erotik-Massage an seinen erogenen Zonen gekommen bin“, seufzte Tine.

„Wieso?“

„Ich wollte an den Füßen anfangen und mich dann langsam hocharbeiten. Da hat er vor Schreck so ausgetreten, dass ich …“ Sie krempelte ihren Ärmel hoch und zum Vorschein kam ein riesiger blauer Fleck am rechten Oberarm, der in allen Regenbogenfarben schillerte. Arme Tine. Je mehr meine Freundin erzählte, umso ratloser wurde ich. Was war bloß los mit Klaus? War er krank? Hatte er eine heimliche Geliebte? Litt er an Depressionen? Hatte er übermäßigen Stress bei der Arbeit? Befand er sich in der Midlife-Crisis? Oder liebte er Tine etwa nicht mehr? Fand er sie nicht mehr anziehend und sexy? Oder war schlicht sein Sexualtrieb verkümmert?

Fragen über Fragen und keine Antworten, obwohl Tine natürlich versucht hatte, aus ihrem Gatten etwas herauszubekommen. Aber Klaus gehörte leider zu jenen Männern, die sich eher einsilbig durchs Leben schlugen und intensive Beziehungsgespräche als Verstoß gegen ihr Grundrecht auf freie Entfaltung der schweigsamen Persönlichkeit ablehnten. Wie Tine es mit ihm aushielt war mir – zumindest in dieser Hinsicht – sowieso ein Rätsel.

Plötzlich fiel mir noch etwas ein. „Warum schenkt er dir in dieser Situation dann ein Sex-Häschen mit Lustspielzeug? Sollte dich das aufmuntern oder war das etwa ein dezenter Hinweis darauf, dass du zukünftig alleine klarkommen musst?“

„Nein“, Tine verzog müde einen Mundwinkel, „weder noch. Er hielt den Dildo für eine Karotte.“

Es war halb zwölf und die Flasche leer. Wir gähnten beide und beschlossen ins Bett zu gehen. Tine hakte mich unter und begleitete mich bis zum Gartentor. Über uns blinkten einzelne Sterne und die noch kühle Nachtluft wehte den Hauch eines Frühlingsduftes heran. Wir seufzten beide gleichzeitig und mussten im selben Moment kichern. Ich drückte Tine und sagte zuversichtlich: „Ich bin ganz sicher: Es wird sich alles wieder einrenken.“

Sie atmete tief ein. „Das hoffe ich. Auf jeden Fall hat das Reden schon mal gut getan. Danke!“

Ich war bereits auf unserem eigenen Gartenweg, als ich sie leise rufen hörte: „Was wolltest du eigentlich mit mir besprechen? Da war doch irgendwas?“

Ich winkte ab. „Das kann bis morgen warten. Gute Nacht!“

5

Der Samstagmorgen war der schönste Morgen der Woche. Wenn ich nicht zwingend eine Klassenarbeit zu korrigieren hatte und um halb acht am Schreibtisch saß, gestattete mir Arno großzügig, bis neun Uhr auszuschlafen. Dann weckte er mich liebevoll und ich durfte mich an den gedeckten Frühstückstisch setzen, mit aufgebackenen Brötchen, mehreren Käse- und Marmeladensorten, Schokoaufstrich, natürlich Kaffee und dazu stimmungsvollen Kerzen. Unsere Tochter Nele stieß in der Regel mit schlafwirren Haaren zu uns, wenn wir das erste Brötchen bereits gegessen hatten. Wir hatten aufgehört, auf sie zu warten und uns darüber zu ärgern, dass die Backwaren kalt wurden – ein Zugeständnis an ihr pubertäres Schlafbedürfnis und an unsere Nerven.

Während dieses Frühstückrituals wurde erzählt und diskutiert, gelacht, geplant und gestritten und manchmal auch einträchtig geschwiegen, wenn jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.

An diesem Morgen war mein Blick eher nach innen gerichtet. Ich hatte leichte Kopfschmerzen – im Gegensatz zu unserem Gesprächsthema war Tines Wein am gestrigen Abend doch sehr lieblich gewesen – und grübelte darüber nach, ob überhaupt, und wenn ja wie viel, ich von dem, was mir meine Freundin anvertraut hatte, mit Arno besprechen könnte.

„So schweigsam heute Morgen?“, fragte Arno und biss in sein Brötchen, dass die Krümel in alle Richtungen auseinanderflogen. Sofort war Karl Marx auf den Beinen, umkurvte Arnos Stuhl, schnaufte mit der Nase über den Boden und fungierte als schwanzwedelnder Staubsauger.

„Ist wohl gestern Abend spät geworden“, versuchte Arno erneut ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Hmm.“

Dann hatte ich eine Eingebung, hob den Kopf und fixierte meine friedlich kauenden Familienangehörigen.

„Welche Wörter für Geschlechtsverkehr kennt ihr noch außer bumsen, ficken, vögeln und poppen?“

Vater und Tochter wechselten einen irritierten Blick, dann grinsten beide. Nele war plötzlich hellwach und rückte auf ihrem Stuhl heran.

„Mama! Solche Wörter aus deinem Mund? Wozu willst du das denn wissen?“

„Ach, äh, wir kamen gestern im Unterricht darauf. Jugendsprache, Vulgärsprache und so …“, fiel mir glücklicherweise spontan ein.

„Menno, das würde ich auch viel lieber in Deutsch machen. Aber nein, wir pauken Kommasetzung“, maulte sie.

„Und? Fällt euch da etwas ein?“

„Kopulieren, sich paaren, begatten“, überlegte Arno sachlich.

„Sich gegenseitig Lust bereiten, Körperflüssigkeiten austauschen“, ergänzte ich selbst.

„Igitt!“, Nele schüttelte sich. Dann setzte sie hinzu: „Rammeln, schnackseln und es treiben!“

„Sexuell interagieren, … sich ineinander verlieren.“ Arno sah mich liebevoll-sehnsüchtig an. Nele verdrehte die Augen.

„Sex haben, miteinander ins Bett gehen, miteinander schlafen, … ich finde, so viele allgemein gebräuchliche Verben und Umschreibungen gibt es für diesen bedeutenden Akt gar nicht, oder?“, resümierte ich.

Nun war Nele munter geworden, erzählte von ihren Freundinnen und Klassenkameraden und wer innerhalb der Schule gerade auf wen stand.

„Und was ist mit dir? In wen bist du verliebt?“, fragte Arno interessiert.

„Mensch, Papa! Das geht dich ja wohl gar nichts an!“, schnappte Nele und schon war ihr selten lebhaftes Geplauder beendet und wir saßen wieder einmal einer verschlossenen Auster gegenüber. Arno und ich blickten uns leidend über den Frühstückstisch hinweg an und zuckten unauffällig die Schultern. Pubertäre Stimmungsschwankungen.

Unser obligatorischer Spaziergang durch die angrenzenden Felder – natürlich ohne Tochter, die sich lieber wieder ins Bett verkrümelt hatte – dauerte diesmal weit über eine Stunde, weil nicht nur Arno und ich alle Vorboten des nahenden Frühlings – aufbrechende Knospen an Büschen und Bäumen, sprießendes Grün am Wegesrand, saftiges Braun der Felder kontrastiert von ersten hellgrünen Getreidepflänzchen – bestaunten und willkommen hießen, sondern auch, weil Kalli fröhlich und befreit jede sich bietende Duftfährte nutzte, um durch die Gegend zu stürmen. So hielten wir immer wieder an, um auf unseren Hund zu warten, plauderten, hielten uns an den Händen oder schwiegen einvernehmlich. Alle bedrückenden Gedanken an Tines Ehesex-Problem waren wie weggeblasen. Wieder zu Hause zog sich jeder mit seiner Lieblingsbeschäftigung zurück. Arno kochte sich einen Espresso und studierte in der Küche die zwei Tageszeitungen, die wir abonniert hatten. Ich nahm den Roman, in dem ich gerade las, und eine Gedichtanthologie und machte es mir in meinem Lieblingssessel im Wohnzimmer bequem. Während des gesamten Spazierganges war mir jenes berühmte Gedicht von Eduard Mörike im Kopf herumgeweht:

Frühling lässt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

streifen ahnungsvoll das Land …

Aber über die ersten vier Verse kam ich peinlicherweise nie hinaus. Nun wollte ich dieses Gedicht, das die zarte Vorahnung auf den Frühling mit allen Sinnen spürbar machte – angeblich eines der Lieblingsgedichte der Deutschen – endlich auswendig lernen, um damit meine Schüler zu beeindrucken. Ich war gerade beim fünften Vers Veilchen träumen schon, da klingelte das Telefon.

„Hast du Lust auf einen Kaffee?“, fragte Tine gut gelaunt.

„Kaffee hatte ich vorhin erst.“

„Dann eben Tee, Sekt, Bier, Wein?“

„Was gibt es denn so Dringendes? Sag bloß, du hattest gestern Nacht noch orgiastischen Telefonsex mit Klausi?“

„Nö, nur mit mir alleine. War aber auch nicht übel.“

Ich schluckte. Wollte ich das wissen?

„Hey“, gluckste sie, „das war ein Wihitz! Bei mir gibt es leider noch nichts Neues.“ Sie seufzte. „Aber mir ist eingefallen, dass du doch etwas erzählen wolltest.“

Ach ja, stimmt ja. Plötzlich wurde ich ganz aufgeregt.

„Ich komme rüber!“

6

Tine hatte Cappuccino serviert und wir saßen uns an ihrem Kiefernholztisch in der Küche gegenüber. Auf der Fensterbank stand ein farbenfroher Osterstrauch: Forsythienzweige, an denen von Tine liebevoll gestaltete Ostereier hingen. Auf dem Tisch stand ein Nestkörbchen, mit echtem Moos ausgekleidet, in dem sich ebenfalls bunte Eier tummelten. Daneben lag eine jener Zeitschriften, mit denen naturentfremdete Städterinnen gerne ihre Sehnsucht nach einem idyllischen Landleben stillten, ohne dabei jedoch auf die Bequemlichkeit eines 24-Stunden-ÖPNV oder den Discounter um die Ecke verzichten zu müssen.

Vor mir hatte ich, noch zusammengefaltet, meine Liste abgelegt, meinen Zweijahresplan, meinen Impulsgeber, mein Anti-Aging-Programm.

Tine sah erst den Zettel, dann mich auffordernd an und während ich das Blatt auseinanderfaltete, merkte ich, wie meine Hände zitterten. Was ich hier mit Tine besprechen wollte, war doch schon ziemlich intim. Ich schickte voraus, dass ich mir Gedanken über das Alter und meine nähere bis mittelfristige Zukunft gemacht hätte und sah Tine prüfend an. Beim kleinsten Hinweis darauf, dass sie dies mit Spott oder Langeweile quittieren könnte, hätte mich der Mut verlassen. Aber sie sah mich neugierig an und nickte gespannt.

„Ich habe mir überlegt, was ich in den nächsten Jahren gerne erleben oder verändern möchte und einige Punkte aufgeschrieben. „Also. Punkt eins: Körperliche Attraktivität und Fitness ausbauen!“

Tine nickte begeistert. „Hast du schon eine Idee, wie du das anstellen willst?“

„Ja, das kommt als Nächstes: Zweiter Punkt: Tanzkurs, zum Beispiel Zumba, belegen!“ Ich sah sie unsicher an. Mir war bewusst, dass diese Modesportart nicht sehr originell war.

„Hey supi! Dazu hätte ich auch Lust! Wäre sofort dabei – wenn dir das recht wäre“, fügte sie hinzu. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht.

„Gute Idee! Zu zweit macht es sowieso mehr Spaß und man kann sich besser gegenseitig motivieren.“ Erleichtert, dass Tine meine Überlegungen so positiv aufnahm, fuhr ich fort:

„Dritter Punkt: Haare lang wachsen lassen!“

Überrascht sah meine Freundin mich an. Bis jetzt hatte ich als Feministin den Standpunkt vertreten, dass lange Haare ein Relikt patriarchaler Geschlechtervorstellungen waren, da sie – völlig unpraktisch – nur der Feminisierung des weiblichen Geschlechts dienten und sozusagen als tertiäres Geschlechtsorgan in den Augen der Männer sexuelle Attraktivität signalisierten, wodurch sich langhaarige Frauen zu Sexobjekten degradierten. Das sah ich eigentlich auch immer noch so. Deshalb ärgerte es mich auch, dass Nele ihre farbwechselnde Haarpracht immer länger wachsen ließ und meinen Argumenten gegenüber völlig unzugänglich war. Ich hatte seit meiner Jugend, so mit fünfzehn Jahren, und dem Erwachen meines kritischen Bewusstseins meine Haare konsequent sehr kurz getragen, auch weil es für den vielen Sport, den ich betrieben hatte, viel praktischer war. Jetzt trug ich eine fransige und wie ich fand freche Kurzhaarfrisur. Die war unkompliziert und zeigte, dass ich keinesfalls bereit war, mich dem Mainstream-Frauenbild zu unterwerfen!

Andererseits …

„Es ist so eine Art Test“, versuchte ich eine Begründung. „Kann ich meinen Überzeugungen treu bleiben, fühle ich mich den Männern weiterhin ebenbürtig und werde von ihnen ernst genommen, auch wenn ich ‚typisch weibliche‘ Seiten an mir stärker herausstelle?“

„Hmm, hört sich kompliziert an. Vielleicht willst du ja einfach eine Veränderung oder magst deine Haare eben nicht mehr?“

„Irgendwie will ich tatsächlich eine Veränderung. Aber ich mag meine Haare, deshalb hätte ich sie ja eigentlich immer schon gerne lang getragen!“

Jetzt war es heraus – gar nicht so leicht, sich diesen verräterischen Wunsch einzugestehen.

„Wie? Du hast also für deine feministische Überzeugung deine persönlichen Wünsche zurückgestellt?“

„Tja, ein bisschen schon.“

„Da hast du aber ein megagroßes Opfer gebracht! Es ist doch so: Männer tragen heute lange Haare, Frauen haben Glatzen. Alles ist möglich, jeder kann so herumlaufen, wie es ihm gefällt. Dafür brauchst du doch keine politische Rechtfertigung. Und ob du ernst genommen wirst, hängt ja wohl eher von deinem gesamten Auftreten ab. Außerdem“, fügte Tine ihrem eifrigen Plädoyer augenzwinkernd noch hinzu, „brauchst du dir deine Haare ja nicht gleich bis zum Po wachsen und platinblond färben zu lassen.“

Sie hatte recht. Ich sollte – und wollte ja auch – endlich mein Äußeres nach meinem inneren Befinden gestalten.

„Aber genau das wäre meine Traumfrisur!“, scherzte ich. „Nein, ich finde ja auch, dass ich langsam alt genug bin, um mein eigenes Bild von mir zu verwirklichen. Ich denke, ich darf zu meinen Wünschen stehen. Meine Haare müssen kein politisches Statement mehr sein.“ Ich horchte in mich hinein. Es passte. „Also, ab sofort: Schere, stopp!“, rief ich übermütig aus.

„Jawoll!“, stimmte Tine ein und prostete mir mit ihrer Tasse zu. „Und was ist mit der Farbe? Willst du daran auch etwas ändern?“

Erstaunt sah ich sie an.

„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Findest du, dass ich anfangen sollte zu färben? Grau möchte ich nämlich noch nicht aussehen.“

Tine nahm eifrig-konzentriert meine braunen Haare in Augenschein. Klar, das ein oder andere graue Haar hatte sich seit einigen Jahren durchaus darunter geschmuggelt. Bis jetzt hatte es aber ausgereicht, sie einfach herauszuschneiden. Tine liebte es, über Haare zu philosophieren. Seit einigen Jahren schon experimentierte sie mit den verschiedensten Rottönen und erfand ihr Äußeres immer wieder neu.

„Nö, noch geht’s“, meinte Tine.

„Na danke schön!“

„Wenn’s noch grauer wird, kannst du ja erst mal in deiner eigenen Farbe nachtönen“, schlug sie vor.

Tja, irgendwann würde ich wohl nicht mehr darum herumkommen, wenn ich nicht mit fünfundfünfzig wie ein grauer Panther aussehen wollte. Aber noch grauste es mir vor dem Aufwand. Erst wenn ich siebzig oder achtzig wäre, würde ich hoffentlich ein weises Grau mit Stolz tragen, wenn ich dann zu meinem Alter stehen konnte.

„So, genug über Haare geredet! Ich glaube, ich hab noch nie so lange über das gesprochen, was auf meinem Kopf so vor sich hin wächst!“ Ich schüttelte missbilligend denselben, während Tine grinste. Meine Tochter hätte an diesem Gespräch ebenfalls ihre Freude gehabt. Sie trug wie alle Mädchen heutzutage ihre dunkelblonden Haare möglichst lang und konnte sich endlos darüber auslassen. Haare waren eines ihrer Lieblingsthemen – für Arno und mich völlig unbegreiflich. Bei jeder Gelegenheit kam sie darauf zu sprechen und brachte uns regelmäßig damit auf die Palme, dass sie den Werbe-Sprech internalisiert hatte und an Volumen, Hair Care, Spliss Repair, Glossy Shine, Beach Waves, texturierendes Salzspray und so weiter glaubte wie an eine höhere Wahrheit. Offensichtlich hatte hier unsere aufklärerische Erziehung hin zu einer kritisch-distanzierten Konsumentin komplett versagt. Egal jetzt!

Ich nahm eine aufrechte Haltung ein, strich den Zettel glatt und fragte munter: „Bereit für den nächsten Punkt?“

„Nur los! Bin gespannt wie ein Flitzebogen!“

„Also, Punkt Nummer vier: Ich möchte mindestens ein Mal ganz alleine verreisen und diese Tour auch von A bis Z alleine planen!“

„Wie jetzt? Das musst du mir erklären! Ihr verreist doch in fast allen Ferien und du erzählst mir immer anschließend, wie schön es mit euch Dreien war, wie harmonisch, kaum Zankerei und Geschrei. Und nun willst du alleine weg?“

„Ja. Aber nicht, weil ich unsere Familienreisen leid bin. Die gehören für mich zu den Höhepunkten des Jahres. Es ist nur so, dass ich noch nie in meinem Leben ganz alleine so etwas unternommen habe. Ein Reiseziel bestimmen, überlegen, wie ich hinkomme, die nötigen Buchungen vornehmen, mich am Reiseziel orientieren, alleine Essen gehen, vielleicht Kontakte knüpfen … das ganze Programm eben.“

„Aha, du willst dir also ungestört einen Urlaubsflirt anlachen!“ Tine zwinkerte mir zu. War ja klar, dass sie nur das herausgehört hatte.

„Nein! Natürlich nicht!“

Obwohl … vielleicht doch?!

„Nein, es geht mir um meine Selbstständigkeit! Versteh doch, bis jetzt bin ich entweder als Kind mit meinen Eltern verreist, später im Studium mit meiner Freundin Anne und jetzt mit Arno. Ich habe wirklich noch nie ganz alleine alles geplant und entschieden. Und ich finde, das gehört irgendwie zum Erwachsensein dazu!“

„Fällt dir ja früh ein, mit fünfundvierzig“, stichelte Tine.

„Na und? Besser spät als nie!“, gab ich zurück.

„Also, ich hab das schon mit achtzehn durch. Rucksack auf, Interrailticket und dann ab durch Europa.“

„Siehst du, das ist doch genau, was ich meine! Fast jeder hat solche Erfahrungen gemacht, nur ich nicht“, stöhnte ich theatralisch.

„Und warum nicht?“

Ich sah Tine einen Moment in die grünen Augen und zuckte mit den Schultern.

„Hab mich nicht getraut.“

Tine überlegte.

„Tja, dann wird es ja wohl höchste Zeit, Frau Lehrerin. Wo soll es denn hingehen? Malediven, Seychellen, Australien, USA …?“

„Ich dachte an ein verlängertes Wochenende auf Borkum oder Helgoland.“

Tine begann zu lachen. „Wie spektakulär! Und extrem abenteuerlich! Mensch, wenn ich nur an all die tödlichen Gefahren dort denke … verpasste Fähren, störrische Schafe, Krabben …“ Sie hielt sich den Bauch vor Lachen.

„Pff, mach dich nur lustig. Erstens habe ich noch gar nicht entschieden, wohin, und zweitens: Besser so als gar nicht!“, erwiderte ich spitz.

Ich tat ein bisschen eingeschnappt, trank den Rest des kalten Cappuccinos, sah aus dem Fenster und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Tine grinste. Na denn. Ich grinste zurück.

„Los, Johanna!“, meinte meine Freundin gut gelaunt. „Was hat deine Liste noch zu bieten?“ Fehlte nur noch, dass sie sich die Hände rieb! Bestimmt hatte es ihr Auftrieb gegeben, dass sie mir ein paar Entwicklungsschritte voraus war. Na warte! Der nächste Punkt würde sie schockieren. Und der letzte erst.

„Punkt Nummer fünf: Ich werde endlich in die Gewerkschaft eintreten!“ Triumphierend sah ich Tine an.

„Okaaay???“ Tine zog das Wort mindestens zehn Zentimeter in die Länge und versah es mit ungefähr zwanzig Fragezeichen. Ihre Augenbrauen waren fast unter dem Haaransatz verschwunden. „Und wo ist da jetzt der Kick?“

„Die Herausforderung besteht darin“, erläuterte ich bereitwillig, „Arno zu überzeugen, dass der Mitgliedsbeitrag als Zeichen der Solidarität gut angelegtes Geld ist.“ Ich seufzte. Manchmal war Arno eben ein Pfennigfuchser. Obwohl er grundsätzlich und überzeugtermaßen auf Seiten der Arbeiterklasse stand, waren für ihn regelmäßige monatliche Abbuchungen, die unser Haushaltsbudget verkleinerten, ein rotes Tuch. Solidarität hin oder her. Da er mehr oder weniger den Haushalt schmiss, war er auch der Finanzminister unserer Familie und hatte über sämtliche Ausgaben ein schäublemäßiges Spardiktat verhängt. Wobei er allerdings gerne übersah, dass ich mit meinem Gehalt den größeren Teil zur Haushaltskasse beitrug und deshalb doch wohl ein klitzekleines Wörtchen mitzureden hatte. Genau! Ich sollte in diesem Fall gar nicht mehr diskutieren und argumentieren, das hatte bisher ja auch zu nichts geführt, sondern einfach Fakten schaffen und eintreten. Jawoll! Gleich nächste Woche würde ich es tun. Dann hätte ich den ersten Punkt auf meiner Liste auch schon abgehakt!

„Möchtest du auch noch einen Cappuccino?“ Tine griff nach unseren Tassen und unterbrach meine Überlegungen. Zerstreut nickte ich und sah auf meine Liste. Jetzt kam der letzte und heikelste Punkt. Während Tine an ihrem superteuren Alleskönner-Kaffeeautomaten hantierte, der bald darauf schlürfte und sprotzte wie nichts Gutes, wurde ich immer aufgeregter.

„Ich weiß, was jetzt noch kommt!“, schrie sie gegen den Maschinenlärm an.

„So?“, brüllte ich zurück. Es war mir schleierhaft, wie man sich eine solche Dezibelschleuder in die Küche holen konnte. Endlich hatte das Ding sein zugegeben schmackhaftes Werk vollendet. Und während Tine die gefüllten Tassen auf den Tisch stellte, sagte sie listig: „Du willst endlich kochen lernen!“

„Wie kommst du denn auf diese absurde Idee?“ Ich war geradezu entgeistert.

„Naja, alles, was du dir bisher vorgenommen hast, zeigt doch, dass du irgendwie selbstständiger und weiblicher werden willst.“

„Was hat denn bitteschön Kochen mit Weiblichkeit zu tun?“, brauste ich auf. „Ich hasse Kochen, das weißt du doch! Ob man gerne schnibbelt, brutzelt und brät ist ja wohl keine Frage der Geschlechtszugehörigkeit, sondern der persönlichen Neigung. Bei uns kocht nun mal Arno und zwar sehr gerne und gut. Und so soll es auch bleiben“, fügte ich bestimmt hinzu.

„Weiß ich ja“, beruhigte Tine mich, „und darum werden dich auch viele Frauen beneiden. Ich wollte aber auf die Selbstständigkeit hinaus. Sich selbst etwas kochen zu können, macht schließlich unabhängig.“

„Wieso? Es gibt doch Tiefkühlpizzen und andere Auftaugerichte. Spiegelei und Nudeln kriege ich durchaus hin und ansonsten kann ich mich gut von Brot ernähren – Vollkornbrot wohlgemerkt!“

„Okay, okay“, Tine winkte ab. „Es ist zwecklos. Diese Diskussion hatten wir schon tausend Mal.“

„Du sagst es.“ Ich griente.

So, jetzt war es so weit. Nun gab es kein Zurück mehr, wenn ich nicht als Feigling vor mir selber dastehen wollte. Nun würde ich meiner Freundin den größten Vertrauensbeweis erbringen, der denkbar war, und meinen intimsten Wunsch mit ihr teilen, aussprechen, was als Sehnsuchtsklumpen tief in mir verschlossen war und einen Schatten über mein Dasein warf. Ich holte tief Luft – da klingelte das Telefon. Irritiert sah ich Tine an. Sie versuchte tapfer, es zu ignorieren, machte dann aber den Fehler, auf das Display zu linsen und erkannte den Namen ihrer Tochter. Franziska hatte im letzten Jahr Abitur gemacht und weilte nun als Au-pair-Mädchen in Frankreich, wo sie in jeder Hinsicht interessante Erfahrungen sammelte. Tine kämpfte, aber ihre mütterlich-besorgte Neugier siegte und sie griff nach dem Hörer. Entschuldigend zog sie eine Grimasse, während ich die Augen verdrehte. Das konnte länger dauern.

Resigniert stand ich auf, signalisierte meiner Freundin, als sie mich entschuldigend ansah, dass alles in Ordnung sei, und raunte ihr zu: „Später – oder morgen!“ Tine nickte dankbar.

Ich verließ das Haus. Der frühlingshaft blaue Himmel vom Vormittag hatte sich hinter weißgrauen Wolkenbergen verborgen.

7

Nach einem tiefen Mittagschlaf saß ich am Samstagnachmittag an meinem Schreibtisch und zog eine erste Bilanz. Das Gespräch mit Tine hatte mich emotional erschöpft. Aber ich war froh, das meiste zum ersten Mal ausgesprochen zu haben und von Tine nicht ausgelacht worden zu sein – okay, bis auf das Ding mit meinem Selbsterfahrungstrip an die Nordsee. Aber daran ließ sich ja noch feilen. Wichtig war mir, dass sich meine Vorhaben weder zu kindisch noch zu hochtrabend anhörten oder anfühlten. Sie stellten für mich genau die Herausforderung dar, die mich motivierte, etwas in Gang zu setzen, die aber grundsätzlich zu bewältigen waren. Solch utopische Ziele, wie eine Doktorarbeit zu schreiben, Kultusministerin zu werden oder fünfzehn Kilo abzunehmen, die sich schon beim ersten Schokoladenanfall als unerreichbar erwiesen, brauchte ich nicht. Da holte man sich sowieso nur Frust ab. Meine Vorhaben hingegen schienen tatsächlich erreichbar zu sein. Und darum ging es doch schließlich, oder?

Auf der anderen Seite musste ich zugeben, dass meine Ziele fast erschreckend unspektakulär waren. Mehr wollte ich nicht vom Leben? Nur ein bisschen mehr Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit? Vielleicht war es ja noch nicht mal das, sondern nur ein verzweifeltes Anti-Aging-Programm, weil ich mich auf die Menopause zubewegte und mit meinem Alter haderte. Nein. Ich sollte mir meine eigenen Wünsche nicht schlechtreden. Okay, sie waren nicht der Aufstieg auf den Mount Everest. Aber da wollte ich auch gar nicht hin. Mein Leben war eben normal-unspektakulär und kein Actionfilm. Trotzdem gab es Herausforderungen, die mich weiterbringen und beleben würden.

Im Übrigen war noch völlig unklar, wie Arno meine Pläne aufnehmen würde. Sollte ich sie ihm überhaupt erzählen? Bis jetzt hatte ich alles, was mich beschäftigte, mit ihm geteilt. Sollte ich hier eine Ausnahme machen? Einige Vorhaben auf meiner Liste, besonders Punkt 6, bargen schließlich Zündstoff. Da ich spontan keine befriedigenden Antworten auf meine Fragen fand, wollte ich auch keine Entscheidungen treffen, sondern die Dinge auf mich zukommen lassen.

Ich drehte mich auf meinem ergonomisch geformten Schreibtischstuhl hin und her, irgendwie unschlüssig, was ich tun sollte. Dann stutzte ich. Worauf wollte ich eigentlich warten? Mit dem einen oder anderen konnte ich doch sofort beginnen!

Hm, mal sehen. Meine Haare (Punkt 3) wuchsen von alleine. Da brauchte ich nur Geduld und in ein paar Wochen einen Übergangsschnitt. Spannend war, wann Arno etwas bemerken würde! Was konnte ich dann jetzt gleich in die Tat umsetzen? Genau: Einen Zumba-Kurs aussuchen (Punkt 2) und in die Gewerkschaft eintreten (Punkt 5). Beschwingt startete ich den Computer, der normalerweise nicht zu meinen Lieblingskooperationspartnern gehörte. Aber manchmal war das Internet einfach praktisch. Wie immer brauchte das Gerät eine Ewigkeit, bis es bereit war, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich fand drei Tanzschulen in unserer Kleinstadt, die Zumba-Kurse anboten, und notierte mir die Zeiten. Hm, die Preise waren allerdings gepfeffert. Bei einem Fitnessstudio musste man sich sogar gleich für ein ganzes Jahr verpflichten. Das kam ja überhaupt nicht in Frage! Wer wusste schon, ob mir die Sache überhaupt gefiel! Energisch strich ich diesen Anbieter wieder von meinem Zettel. Mehr konnte ich hierzu im Moment nicht tun, weil ich alles Weitere mit Tine besprechen musste – und eigentlich auch mit Arno, überlegte ich, wegen der Finanzen und unserer Abendgestaltung.

Blieb die Gewerkschaft. Ich surfte herum, bis ich tatsächlich einen Online-Anmeldebogen der Gewerkschaft meiner Wahl gefunden hatte. Was jetzt? Einfach ausfüllen und auf ‚senden‘ klicken? Ich zögerte. So hintergehen wollte ich Arno eigentlich nicht. Aber hatte ich eine Wahl? Alle Auseinandersetzungen zu diesem Thema waren bis jetzt ergebnislos geblieben. Arno hatte seinen Standpunkt und ich hatte es nie geschafft, ihn von meinem zu überzeugen. Langsam tippte ich die benötigten Angaben in die dafür vorgesehenen Felder. So weit konnte ich die Anmeldung ja schon mal fertig machen …

„Na, Schatz?“ Gut gelaunt war Arno hinter mich getreten. „Hast du Ärmste so viel zu tun, dass du heute schon am Computer sitzen musst? Ich habe uns Espresso gekocht.“

Ich zuckte zusammen und fühlte mich ertappt wie ein Teenager, der etwas Unanständiges herunterlädt. Jetzt sah mir Arno auch noch über die Schulter und auf den Bildschirm, während er mir mitleidig die Schultern massierte. Boah, das konnte ich ja nun sowas von überhaupt nicht haben! Also, die Massage natürlich schon, aber nicht diese neugierige Observierung meiner Internetaktivitäten! Ich holte tief Luft. Na gut. Dann war jetzt der Moment des Showdowns gekommen. War mir eigentlich sowieso lieber. Ich sammelte mich und drehte mich auf meinem Chefsessel zu Arno um. Der hatte natürlich schon längst erkannt, womit ich mich beschäftigte, und sah mich mit versteinertem Gesicht an. Jetzt musste ich die richtigen Worte finden. Bestimmt, sachlich, aber freundlich – sonst würde das hier in einem riesigen Krach enden.

„Ich weiß, dass du diesen Schritt nicht richtig findest, und es tut mir sehr leid, dass ich etwas tue, was du nicht möchtest“, begann ich mit ruhiger Stimme und hoffte, dass mich Arno wenigstens ausreden lassen würde, bevor er losbrüllte. „Aber ich habe noch einmal lange darüber nachgedacht. Ich möchte seit Jahren in die Gewerkschaft eintreten, weil ich es absolut wichtig finde, die Arbeitnehmerseite zu stärken. Und auch im Hinblick auf meine Stellung im Kollegium finde ich es richtig, mich endlich zu positionieren. Das kostet uns etwa zwanzig Euro im Monat. Ich weiß, das ist nicht wenig, aber ich bin bereit, dieses Geld für meine politische Überzeugung auszugeben. Und ich würde mir wünschen, dass du das akzeptierst.“ Ich war mit meiner Ansprache am Ende und überrascht, dass Arno mir so lange schweigend zugehört hatte. In ihm brodelte es, das war deutlich zu erkennen. Aber offenbar hatte ich ihm keine offene Angriffsflanke geboten. Oder sollte er an meiner nüchternen Entschlossenheit erkannt haben, dass jedes Theater zwecklos war? Wir maßen uns mit Blicken. Ich: ruhig und extrem freundlich. Er: wutentbrannt und giftig. Abrupt drehte er sich um, stapfte aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Gebongt. Ich atmete einmal tief ein und aus, drehte mich wie Captain Kirk wieder zu meinem Terminal um und schickte mein Eintrittsformular per Knopfdruck ins Wörldweidweb. Entspannt lehnte ich mich zurück und spürte, wie mich eine warme Welle der Zufriedenheit und Kraft durchflutete. Punkt Nummer 5: abgehakt!

8

„Ich geh noch mal rüber zu Tine!“, rief ich Richtung Arnos Arbeitszimmer, wo ich ihn vermutete. Wahrscheinlich hatte er sich hinter seinem Computer verbarrikadiert und pflegte seinen Groll auf mich. Oder er stellte Berechnungen an, die mir schwarz auf weiß beweisen sollten, dass wir mit der nächsten Rechnung, die ins Haus flatterte, in den Abgrund des Ruins gerissen würden. Das Thema Geld war – wie in den meisten Ehen, wenn man den entsprechenden Umfragen glauben wollte – eines unserer beliebtesten Streitanlässe, und da Arno die Konten verwaltete, die Rechnungen überwies und die Ein- und Ausgaben kontrollierte, behielt er sich das Recht vor, mir gelegentlich unseren finanziellen Untergang zu prophezeien. Nun wurde es tatsächlich am Ende des Monats manchmal eng. Aber da ich alles andere als verschwenderisch war und Arno bisher unsere Finanzlage stets griechenlandmäßig gekonnt zurechtjongliert hatte, blieb ich recht gelassen. Was ihn nur noch mehr auf die Palme brachte.

Nun, damit musste ich leben. An diesem Tag hätte mir Arnos Schwarzseherei sowieso nicht die Laune verderben können. Nach meinem ersten Erfolg, dem Beitritt in die Gewerkschaft, spürte ich einen Adrenalinschub und brannte darauf, meiner Freundin nun endlich Punkt 6 meiner Liste zu offenbaren.

„Tine, du bist eine Wucht!“, strahlte ich, als ich am späten Nachmittag vor einem duftenden und noch warmen Stück Käsekuchen saß. Den hatte Tine gezaubert als Wiedergutmachung für unsere Unterbrechung am Vormittag. Kurz berichtete ich ihr von meinen ersten Schritten zwecks Abarbeitung meiner Liste, woraufhin mir Tine anerkennend ein High Five anbot. Dann hörte ich von Franziska und ihren Problemen mit den anstrengenden Kindern ihrer Au-pair-Familie sowie von einem sich anbahnenden Techtelmechtel mit einem jungen Franzosen namens Jérôme. Doch nach dem zweiten Stück Käsetorte war der große Augenblick gekommen.

„Bist du bereit für den spektakulären sechsten Punkt?“, fragte ich euphorisch.

„Oui, Madame, isch kann es nischt erwarten!“

Ich legte eine spannungssteigernde Pause ein, während mir mein Herz bis zum Hals klopfte.

„Ich möchte mit einem fremden Mann schlafen!“

Jetzt war es heraus.

Schnell fuhr ich fort.

„Und ich dachte dabei an den Projekttitel ‚sekundäre Defloration‘.“

Tine sah mich verständnislos an.

„Du willst mit einem anderen Mann vögeln?“, brachte sie hervor.

„So klingt das jetzt aber irgendwie ordinär.“

„Naja, mal was anderes bumsen zu wollen, ist ein schlichter Trieb.“

„Nein!“ Ich rang die Hände. Sie hatte den Ernst meines Anliegens noch nicht richtig erfasst.

„Verstehst du denn nicht: ,se-kun-dä-re De-flo-ra-tion‘!“, ich akzentuierte jede Silbe.

„Ich verstehe nur, dass du geplant fremdgehen willst.“

„Was heißt denn fremdgehen?“

„Mensch, das ist doch wohl klar! Du willst Arno absichtlich untreu werden!“ Tine war richtig aufgebracht. „Das kannst du doch nicht machen!“ Sie schüttelte heftig mit dem Kopf.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Dass du als meine Freundin und moderne Frau an überholten moralischen Werten festhältst, die uns nur einengen und die freie Entfaltung unserer Sexualität behindern!“, erwiderte ich ärgerlich. „Ich fasse es nicht!“ Nun war auch ich sauer geworden.

„Johanna, es geht nicht um eine vorgestrige Sexualmoral“, meinte Tine eindringlich. „Es geht um Vertrauen! Du setzt deine Ehe aufs Spiel! Und du liebst Arno doch!“ Erregt stand sie auf und tigerte durch die Küche. Dann sah sie mich flehentlich an.

Ich blickte finster zurück.

So schwiegen wir minutenlang, bis mir plötzlich ein Licht aufging. Tines heftige Reaktion war vermutlich auf zwei Gründe zurückzuführen. Erstens: Sie befand sich mit Klaus selbst in einer extrem schwierigen Lage und befürchtete, dass sich ihr eigener Ehemann mit einer Affäre aus der Ehe verabschiedete. Insofern kämpfte sie wahrscheinlich mit eigenen Verlustängsten. Und zweitens: Sie hatte einfach noch nicht verstanden, worum es mir wirklich ging.

„Tine“, sagte ich beruhigend, „kannst du mir bitte noch mal zuhören?“

Sie sah mich skeptisch an. Dann nickte sie und setzte sich wieder zu mir an den Tisch.

„Das Letzte, was ich möchte, ist, Arno wehzutun oder sein Vertrauen zu verlieren. Du hast recht, ich liebe ihn, und auch wenn es furchtbar abgedroschen klingt, will ich mit ihm bis an mein Lebensende zusammen sein – trotz unserer gelegentlich heftigen Streitereien“, fügte ich hinzu. Tine nickte beschwichtigt, blieb aber wachsam.

„Doch jetzt kommt, wie du dir schon denken kannst, das Aber: Im Gegensatz zu allen erwachsenen Menschen auf dieser Erde – naja, fast allen – habe ich bisher in meinem ganzen Leben nur mit einem einzigen Mann geschlafen. Verstehst du? Ich hatte bisher ausschließlich Sex mit meinem Ehemann! Nur mit Arno!“ Ich betonte jedes einzelne Wort.

Tine war sichtlich schockiert.

„Und deshalb heißt mein Projekt ‚sekundäre Defloration‘. Ich möchte … ich will … nein, ich muss mich ein zweites Mal entjungfern lassen“, ich zeichnete Anführungsstriche in die Luft, „von einem anderen Mann. Weil ich am Ende meines Lebens nicht bereuen möchte, niemals erfahren zu haben, wie sich ein anderer Männerkörper anfühlt. Und wie ich mich daran anfühle. Kannst du das nicht verstehen?“, fragte ich flehentlich.

Tine sah mich lange an. Dann hatte sie ihre Sprache wiedergefunden.

„Doch“, sagte sie mit belegter Stimme, „ich hatte ja keine Ahnung, dass du als Jungfrau in die Ehe gegangen bist.“

„Bin ich ja auch nicht. Arno und ich hatten natürlich schon vorher Sex.“

„Das zählt nicht. Was war vor Arno? Was war mit den wilden Jahren in der Oberstufe und dann im Studium? Ich kann nicht glauben, dass du dich da nicht ausgetobt hast. Das macht doch jeder!“

Tine war immer noch fassungslos.

„Siehst du“, meinte ich leise, „du sagst es ja selbst. Das macht jeder. Nur ich eben nicht!“

Ich seufzte tief und das ganze Elend meiner Jugendjahre kehrte zu mir zurück. Natürlich war ich ständig verliebt gewesen, wie jedes andere Mädchen auch. Schon in der ersten Klasse schwärmte ich unsterblich für einen Jungen aus der Nachbarschaft. Meinen ersten heimlichen Kuss auf die Wange erhielt ich mit sieben. Und auch später auf dem Gymnasium hatte ich ständig Jungen im Kopf, immer wieder Herzklopfen und eine ganze Schublade voller Liebesbriefchen:

 

Willst du mit mir gehen?

Ja

Nein

Vielleicht

Manchmal klappte es und der Auserwählte hatte ebenfalls ein Auge auf mich geworfen und dann ‚gingen‘ wir miteinander, was nicht viel mehr bedeutete, als diese Worte ausgesprochen zu haben. Vielleicht zwischendrin ein kurzes scheues Händchenhalten, auch mal ein gemeinsamer Kinobesuch. Bis zur achten Klasse fühlte ich mich recht umschwärmt und unbeschwert. Trotz Zahnspange, pubertären Pickeln und gelegentlichen Errötens schien mein Gefühlshaushalt normal und meine Beziehungen zum anderen Geschlecht altersangemessen zu sein.

Und dann schlug das Schicksal in Form meines jüngeren Bruders Daniel zu. Er war inzwischen in der fünften Klasse meines Gymnasiums angekommen und seine Lieblingsbeschäftigung in den Pausen bestand darin, mit seinen Freunden durch die Gänge zu streifen, mich aufzustöbern und mir unendlich auf die Nerven zu gehen. Ich war gerade in Martin verliebt, einen aufgeweckten Klassenkameraden mit strubbeligen blonden Haaren, und er in mich. Wir hatten uns gekabbelt und ein bisschen gebalgt und landeten in einem verschwiegenen Eckchen. Martin drückte mich an die Wand. Wir sahen uns in die Augen und plötzlich war alles Scherzhafte und Spielerische verschwunden und etwas Neues stieg empor: echtes Gefühl, ernste Neugierde und der Wunsch, sich zu berühren. Ganz sachte näherten sich unsere Gesichter und dann berührten sich unsere Lippen zu einem ersten erstaunlichen, unendlich zarten Kuss.

In diesem Moment erschien mein teuflischer Bruder mit seiner Horde, schrie, lachte und verspottete mich und rannte sogar noch hinter uns her, als wir die Flucht ergriffen. Von da an ließ Daniel mir keine Ruhe mehr, posaunte vor unseren Eltern meinen ersten Kuss heraus, zeigte überall in der Schule mit ausgestrecktem Arm auf mich und simulierte Knutschgeräusche.

Ich fühlte mich bloßgestellt, dem Spott der anderen ausgeliefert. Nirgends war ich mit Martin sicher, ständig fühlte ich mich beobachtet. Unsere jugendliche Liebe hielt das nicht aus. Hinzu kam ein Pubertätsschub. Ich ging in die Breite, bekam noch mehr Pickel und eine tief in mir angelegte Charaktereigenschaft brach sich endgültig Bahn: meine unglaubliche Schüchternheit. Mein Gesicht entflammte bei jeder Gelegenheit rot wie ein Feuerball, ich traute mich nicht mehr, umschwärmten Jungen in die Augen zu blicken, geschweige denn, ihnen Avancen zu machen. Und so musste ich miterleben, wie sich die anderen aus meiner Klasse nach und nach freischwammen, offen flirteten und balzten, ihre ersten Beziehungsversuche wagten, sich öffentlich küssten und umarmten, auf die ersten Feten gingen und die ersten Discos, inklusive Rauschmittelerfahrungen, besuchten, während ich mich mehr und mehr in mich zurückzog und still litt. Um mich herum jugendliche Experimentierfreude und lebhaftes Frühlings-Erwachen – doch ich war nicht Teil davon. Ich stand am Rande, war nur Zuschauerin aus weiter Ferne.

In meiner Verzweiflung konzentrierte ich mich ganz auf den Unterricht, wollte es allen zeigen und wurde Klassenbeste. Doch statt der erhofften Bewunderung handelte ich mir damit auch noch den Ruf einer hochnäsigen Streberin ein, gerade bei den Jungen. Toll. Aber ich konnte nicht aus meiner Haut. Minderwertigkeitsgefühle und Schüchternheit hatten mich fest im Griff. Weil ich nicht konnte, wie ich wollte, und mich auch kein heldenhafter Ritter aus diesem selbstgewählten Verließ befreien mochte, wurde ich bockig. Das männliche Geschlecht konnte mir gestohlen bleiben. Als Kumpels waren die Jungen gerade noch erträglich, aber wenn doch mal jemand eindeutigere Annäherungsversuche unternahm, konnte der nur ein Depp sein und wurde ignoriert. Junge Männer, die mich wiederum hätten interessieren können, lebten für mich unerreichbar auf einem anderen Stern.

„Und so schaffte ich es locker bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, meine Jungfräulichkeit zu verteidigen“, resümierte ich. „Es gab nämlich nicht ein einziges männliches Wesen, das sie mir hätte nehmen wollen.“ Resigniert ließ ich die Schultern hängen.

Tine hatte meiner Lebensbeichte stumm zugehört und nur an den richtigen Stellen bewegt den Kopf geschüttelt oder mit „Ach“ und „Oh Mann“ ihre Anteilnahme signalisiert. Es tat gut, mir diesen Kummer, der mich ja irgendwie immer begleitet hatte, von der Seele zu reden. Außer mit Arno hatte ich nämlich noch nie mit jemandem darüber gesprochen.

Für eine Frau, die wie Tine ganz normal durch ihre Peergroup sozialisiert worden war, musste dieser verkorkste Start ins Sexualleben natürlich wie ein Gruselmärchen klingen. Ihr Mitleid tat mir gut, war Balsam auf meiner geschundenen Jugendseele. Aber noch wichtiger war mir, dass sie nun verstand: Punkt 6 auf meiner Liste war – trotz aller Bedenken – eine zwingende Notwendigkeit.

9

An diesem Abend hatte ich Sex mit Arno und der postkoitale Entspannungszustand brachte mich einen ganzen Schritt weiter. Das kam so:

Nachdem ich pünktlich um 19.00 Uhr zu ihm und dem gedeckten Abendbrottisch zurückgekehrt war, verbrachten wir die Mahlzeit in schweigsamer Runde. Arno hatte ein frühlingshaft leichtes Essen zubereitet, eine Gemüsepfanne mit Sojasprossen, wahrscheinlich weitgehend aus biologischem Anbau, jedenfalls wenn die Zutaten als Sonderangebote zu kriegen waren. Seit Nele vor vier Wochen beschlossen hatte, Vegetarierin zu werden, musste unser Chefkoch sich ein wenig umstellen. Statt Braten, Würstchen und Wildgulasch kamen jetzt Gemüseeintöpfe und -pfannen auf den Tisch. Mal sehen, wie lange Arno dieses Martyrium auf sich nahm. Was unseren Streit betraf, spielte er jedenfalls nach wie vor den tapferen Märtyrer und hatte es noch nicht geschafft, sich von seinem Ärger auf mich zu befreien. Er war einsilbig und vermied es, mich anzusehen. Doch heute machte mir das nichts aus. Ich befand mich nach dem Gespräch mit Tine in einem Schwebezustand zwischen Erleichterung und Euphorie und hing meinen Gedanken nach.

„Was ist hier eigentlich los?“, fragte Nele energisch und blickte streng von einem zum anderen. Ich kaute gerade auf einem Brokkoliröschen und sah sie erstaunt an:

„Wieso?“

„Habt ihr euch gestritten?“

Ich warf Arno einen Blick zu.

„Nö.“

Skeptisch zog sie die rechte Augenbraue in die Höhe und tat so, als würde sie mir glauben.

„Na, dann ist ja gut. Ich wollte heute Abend noch zu Lisa und dort übernachten. Bringt mich jemand hin?“

„Bestimmt nicht!“, knurrte Arno.

„Aber Karl Marx muss doch auch noch raus!“, warf sie ein.

„Ja, ins Feld. Oder willst du seinen Haufen vom Bürgersteig aufsammeln?“

„Biiittteee!!!!!“

Ich stöhnte innerlich. Wie oft hatten wir diese Diskussion schon geführt! Nele hatte trotz ihres jugendlichen Alters eine übertriebene Angst vor der Dunkelheit. Und wir weigerten uns aus Prinzip, dieser Schwäche nachzugeben. Ihre Freundin Lisa wohnte nur drei Straßen weiter in unserem wohlanständigen, sittsamen Wohngebiet. Hier wurden ab 20.00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt, die nichts desto weniger alle zwanzig Meter die ganze Nacht hindurch energiesparend beleuchtet wurden, während die gut situierten Familien und Rentner brav vor ihrem Fernseher saßen und früh zu Bett gingen. Was sollte hier passieren? Aber gegen irrationale Ängste kam man schlecht mit rationalen Argumenten an. Und heute hatte ich einfach keine Lust mehr auf weiteres Gezeter. Also gab ich die fürsorgliche Mutter.

„Ich bringe dich mit Kalli hin. Aber wir gehen hintenrum.“

Während Arno mich mit einem beleidigten Blick bedachte, weil ich seine Erziehungsmaßnahme konterkarierte, wollte Nele gerade anfangen zu protestieren. Hintenrum bedeutete nämlich hinter der letzten Häuserreihe am Rand der Felder entlang zu gehen. Dieser Weg war etwas länger und noch dunkler, aber dort konnten wir unseren Hund wenigstens genauso wie auf den richtigen Feldwegen ohne Leine laufen lassen, sodass er sich austoben und einen schönen Platz für seine Toilette finden konnte.

„Ich gehe in fünf Minuten los“, sagte ich bestimmt und begann, den Tisch abzuräumen. Nele zischte ab, um das Nötigste zusammenzupacken, und Arno zischte ab, um sich aufs Neue dem Gefühl hinzugeben, von der Welt im Allgemeinen und der Ehefrau im Besonderen ungerecht behandelt worden zu sein. Ich hoffte, er würde in der Flimmerkiste einen Tatort zur Beruhigung finden.

Als ich Nele wohlbehalten bei Lisa abgeliefert hatte – wir waren tatsächlich weder überfallen noch entführt worden – begab ich mich langsam auf den Rückweg, nun durch die stillen, menschenleeren Straßen. Dabei sinnierte ich so vor mich hin, wozu ich reichlich Gelegenheit hatte, denn Kalli nutzte den eher seltenen Gang durch das Wohngebiet, um an jeder erdenklichen Stelle seine Markierungen zu hinterlassen – eine Aufgabe, der er sich mit Akribie widmete. Im Schein einer Straßenlaterne schnüffelte er besonders lange. Hier gab es wohl interessante Neuigkeiten. Ich ließ meinen Blick über die Häuser ringsherum schweifen. Viele waren dunkel, weil sich die Bewohner für die Nacht hinter schweren Rollläden verschanzten. Nur hin und wieder fiel ein Streifen Licht durch ein Fenster heraus oder eine Außenbeleuchtung zeigte an, dass es Leben in diesem Teil des Universums gab.

Plötzlich entdeckte ich ein Stück die Straße hinunter ein hell erleuchtetes Haus, dessen Fenster und Türen weit offen standen. Nanu? Das musste ich mir genauer ansehen. Ich wollte Kalli fortziehen, aber er blieb standhaft, wo er war.

„Oh nein! Mensch, Hund! Das solltest du doch im Feld erledigen!“ Kalli hatte die charakteristische Duckhaltung angenommen und presste konzentriert einen sehr weichen Haufen auf das Pflaster, der auch noch erbärmlich stank.

Schnell blickte ich mich um. Hatte irgendein Nachtschwärmer oder seniler Bettflüchter ausgerechnet in diesem Moment hergesehen und den Fauxpas bemerkt? Gleichzeitig kramte ich in meiner Jackentasche nach einer für diesen Fall vorgesehenen Plastiktüte. Nichts. Nicht mal ein Taschentuch! Konnte ich die Schweinerei wenigstens in den Rinnstein schieben? Nein. Zu weich. Und nun? Auch ich lehnte Hundekacke auf dem Gehweg ja aus ästhetischen und hygienischen Gründen grundsätzlich ab. Aber dies war eindeutig ein Durchfall-Unfall. Also entschloss ich mich – wenn auch schlechten Gewissens – den Tatort schnellstmöglich zu verlassen, und hoffte auf Regen.

„Verdammt, was für ein Gestank!“

Ich zuckte zusammen und drehte mich erschrocken um. Ich hatte überhaupt niemanden kommen hören. Ein Mann etwas jüngeren Alters und in dunkler Kleidung war auf leisen Turnschuhsohlen herangekommen. Er wies auf die Bescherung und blaffte ärgerlich: „Das wollen Sie ja wohl nicht so lassen!“

Kalli wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, erfreut darüber, die unerwartete Bekanntschaft eines finsteren Fremden zu machen. Leider bin ich in solchen Momenten eine Niete und völlig unfähig, eine schlagfertige Antwort zu geben. Mir fällt weder etwas Schlaues noch Bissiges oder Ironisches ein. Also sagte ich lahm: „Sie sehen doch, dass mein Hund Durchfall hat. Da kann man nichts machen. Komm, Karl Marx!“ Energisch zog ich Kalli hinter mir her und versuchte den Abstand zu diesem unfreundlichen Menschen so schnell wie möglich zu vergrößern.

Als ich an dem erleuchteten Haus vorbeikam, erkannte ich, dass hier jemand einziehen musste. Schnell riskierte ich einen Blick über die Schulter und stellte erleichtert fest, dass der Hundehasser zurückgeblieben war.

10

„Wir kriegen neue Nachbarn!“ Betont fröhlich betrat ich das Schlafzimmer meines Mannes. Jeder von uns verfügte über sein eigenes Zimmer. In den ersten Jahren unseres Zusammenlebens hatte sich herausgestellt, dass wir uns mit unseren Schlafgewohnheiten die Nächte gegenseitig unnötig schwer machten. Ich ging später ins Bett und stand früher auf. Arno schlief manchmal schon um 21 Uhr ein, wachte dafür aber mitten in der Nacht auf und las dann ein bis zwei Stunden, bis er wieder einschlafen konnte. Außerdem schnarchte mal er, mal ich (jedenfalls behauptete Arno das), ich mochte es wärmer, er schlief lieber bei geöffnetem Fenster, meine Matratze musste weich sein, seine hart. Kurz: Für eine ungestörte Nachtruhe brauchte jeder sein eigenes Reich. Immerhin waren unsere Betten so breit, dass wir uns gegenseitig besuchen konnten.

Arno lag unter seiner Decke und starrte in den Fernseher am Fußende seines Bettes, in dem irgendeine Schießerei tobte. Dieses Gerät hatte er sich gegönnt, als sich auch unsere Fernsehvorlieben als schwer kompatibel herausgestellt hatten. Er wollte keine Liebeskomödien sehen und mir hingen seine Krimis zum Halse heraus. Einzig Politmagazine und die Nachrichten lockten uns gemeinsam vor die Flimmerkiste.

„Darf ich zu dir kommen?“

Überrascht sah Arno mich an. Sein Blick wurde schon weicher. Ich stieg zu ihm ins Bett, kuschelte mich unter der Decke an ihn und begann mein abendliches Hundeerlebnis zu schildern. Arno musste wider Willen lachen.

„Ob ich morgen noch mal versuche das Malheur zu beseitigen?“

„Quatsch!“, schnaubte er. „Auf so eine Idee kann auch nur eine Beamtenseele kommen.“ Mit dieser Beleidigung versuchte mein Mann mich hin und wieder zu ärgern und mich in die Nähe einer Spießerin zu rücken. Aber das prallte an mir ab. Gewissenhaftigkeit war schließlich kein Makel!

„Und wusstest du, dass wir neue Nachbarn kriegen? So sechs, sieben Häuser die Straße links runter?“

„Klar.“

Na das war ja mal wieder typisch. Als Drittel-Hausmann bekam er den Klatsch der Straße natürlich mit, während ich in der Regel im Tal der Ahnungslosen lebte.

„Und?“, fragte ich neugierig.

„Was und?“

Ich stütze mich auf und kniff ihn ins Weiche unterhalb des Kinnes, was er überhaupt nicht mochte, weil er dort kitzelig war. „Was weißt du darüber?“

Er wehrte kichernd meine Hand ab und klemmte sein Kinn ein. „Da gibt es nicht viel zu wissen“, presste er hervor. „Ein junges Paar ohne Kinder, mit Hund, hat vorher wohl im Ausland gelebt. Hat mir jedenfalls die Schmidt erzählt.“

Die Schmidt war eine allein lebende, recht rüstige Witwe von schräg gegenüber, die über alles und jeden Bescheid wusste (was manchmal von Vorteil sein konnte), sich aber auch anmaßte, über alles und jeden unbarmherzig urteilen zu dürfen. Wer morgens nicht pünktlich zur Arbeit ging, war ein Sozialschmarotzer, und wer es versäumte, seinen Rasen kurz und unkrautfrei zu halten, ein verwahrloster Asozialer. Wir versuchten sie mit Nettigkeit und Charme zu umgarnen, damit sie über uns und unser Naturgrundstück nicht ganz so viele Gehässigkeiten verbreitete.

Ein junges Paar also.

„Naja, ist ja auch nicht so wichtig“, lenkte ich ein. „Ich wollte dir eigentlich noch von meinem Gespräch mit Tine erzählen.“

Das interessierte Arno schon eher.

„Aber das mache ich hinterher.“

„Hinterher?“

Ich schob mich über ihn, setzte mich rittlings auf seinen Bauch und sah ihm tief in die Augen, während ich seine Hände rechts und links auf das Kopfkissen drückte. Arnos Gesicht leuchtete auf. Erst überrascht, dann lüstern. Langsam senkte ich meinen Kopf und vergrub meine Nase in seinen dunkelblonden, leicht gelockten Haaren, die immer noch voll waren und nur an den Schläfen erste graue Ansätze zeigten. Ich atmete Arnos charakteristischen Geruch ein, den ich so liebte. Dann wanderte ich mit den Lippen über seine stoppelige Wange und küsste zart seinen Mund. Für einen kurzen Moment fanden sich unsere Zungen. Dann richtete ich mich wieder auf, strich über seinen nackten Oberkörper und umspielte seine Brustwarzen, die sich freudig zusammenzogen. Arno war gut gebaut. Kein Muskelprotz, aber auch kein Hänfling. Ich betrachtete ihn gerne. Nun zog ich mir langsam und effektvoll meine drei Oberteile – Pullover, T-Shirt und Baumwollhemd – über den Kopf, sodass meine nackten Brüste zum Vorschein kamen. Einen BH trug ich zu Hause nicht, der engte mich nur ein. Arno stöhnte lustvoll auf und ließ seine Hände über meinen Busen und weiter über meinen Rücken gleiten. Ich griff hinter mich und berührte durch den Stoff seiner Unterhose hindurch seinen Penis. Mit den Fingernägeln fuhr ich daran entlang und spürte, wie er sich versteifte. Arno keuchte. Dann schob ich meine Finger unter den Hosenbund und umfing seine Erektion mit der ganzen Hand. Das seidige Glied pulsierte erwartungsvoll. Arno zog mich zu sich hinunter.

Eine ganze Weile und einige Orgasmen später lagen wir eng umschlungen und genossen den postkoitalen Entspannungszustand. Ich streichelte Arnos Brust und wuschelte durch die wenigen Härchen dort. Alles war so vertraut, so richtig, jede Berührung fand ihr Ziel, jede Stelle unserer Körper war uns bekannt und wir wussten, wie wir uns gegenseitig Lust bereiten konnten. Mehr Nähe und Vertrauen ging nicht. Ich brauchte mir keine Gedanken darüber zu machen, ob Arno meine Schenkel zu dick finden oder sich an den Achselhaaren stören könnte. Das Wort Cellulite kam in seinem Sprachgebrauch nicht vor. Ich fühlte mich geliebt und begehrt, genauso wie ich war. Was wollte ich mehr? Plötzlich kam mir mein Projekt ‚sekundäre Defloration‘ kindisch und völlig überflüssig vor. Ich hatte doch alles, was ich mir nur wünschen konnte!

Ich seufzte tief und küsste ihn.

„Wir sollten öfter Versöhnungssex haben“, schwärmte Arno.

Versöhnungssex? Das war es aus meiner Sicht zwar definitiv nicht, aber bitteschön, wenn er es so sehen wollte …

„Du kannst mich ruhig häufiger verführen“, flüsterte er an meinem Ohr.

Ich lächelte zufrieden. Ich fand mich auch ganz gut. Normalerweise lag mir die Rolle der Verführerin nämlich nicht so sehr. Aber heute hatte ich mir beweisen wollen, dass ich nicht mehr das schüchterne Mädchen von damals war, sondern eine selbstbewusste Frau, die auch im Bett die Initiative ergreifen konnte.

Während Arno meine Schulter streichelte, begann er entspannt von seinem Problemkunden in Frankfurt zu erzählen, der mal wieder alle bisherigen Pläne über Bord geschmissen hatte und nun eine neue Lösung für sein Softwareproblem erwartete. Ich schilderte im Gegenzug meine erste Begegnung mit einer neuen Kollegin, Sandra Meier von Nassau, von der ich noch nicht wusste, ob ich sie mochte. Sie schien mir etwas sehr forsch und von sich überzeugt zu sein. Höfliche Zurückhaltung, gerade wenn man neu war, war mir sympathischer.

„Nun gib ihr doch erst mal eine Chance“, meinte Arno aufgeräumt.

Natürlich tat ich das. Schließlich hatte ich schon oft genug die Erfahrung gemacht, dass der erste Eindruck täuschen konnte – im Positiven wie im Negativen.

Ich hing meinen Gedanken nach, bis Arno plötzlich fragte: „Was ist denn nun mit Tine?“ Ach ja. In groben Zügen berichtete ich von Tines Schwierigkeiten mit Klaus, ließ jedoch die Details aus, die zu sehr in Tines Intimsphäre hineinragten.

„Hm, also Funkstille im Bett“, meinte Arno nachdenklich. Dieses Problem ging ihm nahe. Schließlich war Sex für ihn von existentieller Bedeutung. Nicht nur im Hinblick darauf, dass eine größtmögliche Häufigkeit desselben entscheidend zu Entspannung, Wohlbefinden und Selbstwertgefühl beitrugen. Nein. Genauso wichtig war seine politische Dimension. O-Ton Arno: „Der befreite Sex ist die Triebkraft aller gesellschaftlichen Veränderung!“ Jawoll!

„Ich werde mal mit Klaus reden“, murmelte der Revoluzzer, bevor er friedlich einschlief.

11

„Guten Morgen, Frau … äh …“

„Holm. Immer noch. Aber ich glaube, wir waren schon beim Du. Johanna.“ Ich lächelte meine neue Kollegin Sandra Meier von Nassau aufmunternd an und blieb abwartend auf dem Flur stehen. Montags hatte ich in der dritten Stunde eine Freistunde, die ich in der Regel dazu nutzte, Kopien für den Unterricht anzufertigen oder mich um die Schülerbibliothek zu kümmern, die ich vor einigen Jahren mit aufgebaut hatte, die ich nun leitete und in der mein ganzes Herzblut steckte. Ich trug einen Stapel Broschüren zur Berufsorientierung im Arm, die unsere Büchereimitarbeiterin Frau Held, eine engagierte Mutter, in den Bestand einpflegen sollte. Sandra Meier von Nassau sah wie aus dem Ei gepellt aus: Ihre elegant gelockten, schulterlangen blonden Haare wippten leicht, während sie schwungvoll auf mich zukam, genau wie der lange graue Tellerrock, der sich bei jedem Schritt seitlich etwas öffnete und den Blick freigab auf schicke schwarze Stiefel und – wow – diese langen Strickstrümpfe, die bis zum Oberschenkel gingen und an deren Ende man eigentlich Strapse erwartete.

„Ach ja, Johanna. Ich habe gehört, dass du dich ein bisschen um die Bibliothek kümmerst“, meinte sie aufgeschlossen.

Ein bisschen kümmerst, soso.

„Ich habe mich heute Morgen dort umgesehen und einige Anregungen, die uns sicher weiterhelfen werden.“

Uns? Anregungen? Weiterhelfen?

Ich hob die Augenbrauen. Meine Skepsis schien Sandra nicht wahrzunehmen.

„Wir sollten den Bestand aktualisieren, alle Bücher mit alter Rechtschreibung entfernen und auf neue Medien setzen. Hörbücher, Blue-Rays, E-Books, …“ Sie war in Fahrt geraten. Doch plötzlich hielt sie in ihren Ausführungen inne, denn ihr Blick war an mir vorbeigeglitten und fixierte nun etwas – oder jemanden – hinter mir. Ich drehte mich um. Aha. Da kam Daniel Holz herangeschlendert. Der Daniel Holz, der Sportlehrer schlechthin, das Muskelpaket, das unentdeckte Weltklasse-Male-Model, Schwarm aller Schülerinnen, Referendarinnen, Sekretärinnen und Mütter, schönster Mann der Schule, der Stadt und des Universums. Super männlich, markant, charmant. Einziges Manko: Er war glücklich verheiratet, mit seiner Traumfrau, wie er jeder, die es wissen wollte oder auch nicht, unter die Nase rieb, und er hatte drei kleine Kinder.

„Na, ihr zwei Hübschen!“, tönte Daniel gut gelaunt.

„Guten Morgen – und selber hübsch“, erwiderte Sandra und streckte ihm die Hand entgegen. „Wir haben uns noch gar nicht bekannt gemacht. Ich bin Alexandra Meier von Nassau. Für dich gerne Sandra“, fügte sie mit strahlendem Lächeln hinzu und sah Daniel kokett in die blauen Augen. Er ergriff ihre Hand und deutete scherzhaft einen Handkuss an.

„Ich hab noch zu tun“, murmelte ich und eilte in die Bibliothek, froh, dieser peinlichen Baggerei und Sandras bibliothekarischem Übereifer entkommen zu sein.

Gerade machte ich mich am Sachbuchregal mit der Signatur V für Medizinthemen zu schaffen, unter der sich auch unsere Aufklärungsliteratur befand. Interessanterweise war dieser Regalabschnitt immer besonders durcheinander. Oft lagen die Bücher, in denen es um Pubertät, das andere Geschlecht, das erste Mal und Pickel ging, auch an Geheimverstecken in der ganzen Bücherei verstreut. Ich sortierte so vor mich hin und versuchte Sandras Übergriffigkeit zu vergessen. Bücher zu sortieren hat ja etwas Meditatives. Im Kopf hast du nur das Alphabet, das du wie ein Mantra rauf und runter betest. A B C. D E F. G H I.

E vor F. T nach S. V vor W. Da bleibt kein Platz mehr für die nur scheinbar wichtigen Dinge des Alltags. B vor C. Eine unverschämte neue Kollegin? J vor K. Die dir das Wasser abgraben will? L vor M. Unwichtig. N vor O. Die sollte sich erst mal um ihren Unterricht kümmern. O vor P … und überhaupt. P und Q. Mir Ratschläge geben zu wollen. Q und R … Läuft hier rum wie auf dem Laufsteg. R vor S. Was bildet die sich eigentlich ein? S T U … Der sollte ich mal …V vor W und X … andererseits, so als Neuling hatte man es ja auch nicht leicht … Schließlich Y. Gib ihr erst mal eine Chance. Uuunnnd Z. Geschafft!

Und plötzlich – genauso wie die Bücher, die sich nun in einer quasi kosmischen Ordnung vor mir aufreihten, klärte sich auch mein Denken. Nun war ich frei von allem seelischen Ballast und tiefe Entspannung senkte sich in mein Innerstes …

„Zabel muss vor Zeise stehen.“ Wie aus dem Nichts war Sandra hinter mir aufgetaucht und begutachtete meine Arbeit. Ich fuhr zu ihr herum. Doch bevor ich etwas Adäquates erwidern konnte, setzte sie nach: „Wie gesagt, man sollte hier einiges modernisieren. Dann könnte auch diese antiquierte Bezeichnung ‚Bibliothek‘ erneuert werden. Heutzutage spricht man schließlich von ‚Mediatheken‘.“

Ich sah hilfesuchend zu Frau Held.

„Ach ja, mit der guten Frau Held habe ich auch schon gesprochen“, setzte Sandra nach und lächelte meiner langjährigen, engen Mitarbeiterin komplizenhaft zu.

Ich war sprachloser als sprachlos und wäre innerhalb der nächsten Sekunde geplatzt, wenn nicht in diesem Moment der Schulgong ertönt wäre. Leider musste ich in den Unterricht. Da hatte die gute Sandra aber echt noch mal Glück gehabt!

12

Als ich nach sechs Stunden Unterricht, einer Mittagspause und dieser unerfreulichen Begegnung mit Miss Oberschlau nach Hause kam, brodelte immer noch der Ärger in mir.

„Arno?!“, rief ich durchs Haus, in der Erwartung, dass er mir zuhören und Trost spenden würde. Aber außer Karl Marx, der in seinem Korb lag und zur Begrüßung genau dreimal mit dem Schwanz klopfte, erhielt ich keine Reaktion. Enttäuscht betrat ich die Küche, in der noch nicht mal, wie sonst, ein Kaffee aufgesetzt war oder irgendetwas zu essen auf mich wartete. Frustriert schleppte ich mich in Richtung meines Schlafzimmers, um mich ins Bett zu legen und die Decke über den Kopf zu ziehen. Als ich an Arnos Arbeitszimmer vorbeikam, hörte ich verdächtige Geräusche. Vorsichtig steckte ich den Kopf durch die Tür und erblickte meinen Mann, wie er gleichzeitig mit den Händen fuchtelte, auf die Tastatur seines Laptops einhackte und verbissen über sein Headset kommunizierte. Na toll. Hinter mir schlurfte Kalli heran. Auch er schob seinen Kopf ins Zimmer. Arno blickte genervt auf und signalisierte mir hektisch, dass ich mich doch bitteschön um den Hund kümmern sollte. Verdammt! Dabei wollte ich einfach nur noch MEINE RUHE!

Kalli blickte flehend zu mir hoch. Ich brummte, schloss geräuschvoll die Tür zu meinem lieblosen Gatten, schnappte mir die Leine und verließ, den Hund im Schlepptau, das Haus. In strammem Tempo marschierte ich Richtung Feld, sodass sich Kalli mit seinen Markierungen mächtig ranhalten musste.

Nach zehn Minuten wurde ich langsamer und hob zum ersten Mal den Kopf. Der Frühling hatte weiter Einzug gehalten. Auf den Feldern sprießte die Saat in hellem Grün und das winterbraune Gras der Böschungen wich dem zarten Grün der neuen Triebe. An geschützten Stellen erblickte ich gelbe Winterlinge und sogar einige Veilchen streckten ihre lilafarbenen Blüten erwartungsvoll der Sonne entgegen. Ein frühlingsfrischer, leichter Wind streichelte meine Wangen und ich verfolgte mit den Augen eine Lerche, die sich mit ihrem lauten, aufgeregten Gezwitscher immer höher in den Himmel schraubte. Blau und Weiß und Weite über mir. Und ich hier. Mittendrin. Ich blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und atmete tief ein und aus, versuchte, allen Ärger dieses Tages aus mir herausströmen zu lassen.

Das klappte auch ganz gut, bis mir einige Atemzüge später unser Hund wieder einfiel. Rasch blickte ich mich um. War ja klar! Der Streuner hatte die Gelegenheit genutzt und war seiner eigenen Wege gegangen. Weit und breit nichts von ihm zu sehen. Ich seufzte schwer, wollte meinen frisch erworbenen Entspannungszustand aber nicht gleich wieder aufgeben und beschloss, nach dem üblichen Rufen und Pfeifen auf einem Baumstamm Platz zu nehmen und einfach in meditativer Gelassenheit zu warten.

„Zehn Minuten, Herr Marx. Wenn du dann nicht da bist, musst du alleine nach Hause gehen“, verkündete ich und hielt mein Gesicht in die Sonne.

Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn von irgendwo hörte ich ein Pferd herangaloppieren. Schläfrig öffnete ich die Augen und erstarrte. Der größte Hund, den ich je gesehen hatte, raste mit unserem Kalli um die Wette – genau auf mich zu!

„Aaah!!!“

Ich sprang auf, erklomm den Baumstamm und versuchte verzweifelt mein Gleichgewicht zu halten. OH! MEIN! GOTT! Was für ein Riesenvieh! Die Bestie würde meinen armen Kalli zerfleischen! Geifernd würde sie über mich herfallen! Würde ich diesen Baumstamm lebend verlassen? Meinen geliebten Mann, meine anstrengende Tochter je wiedersehen? Mein Puls raste und ich keuchte vor Angst. Ich mochte gar nicht richtig hinsehen. Mein treuer Freund! Wie heldenhaft kämpfte er gegen dieses Untier!

Moment mal. Langsam nahm mein Hirn seine Tätigkeit wieder auf. Die kämpften ja gar nicht. Die spielten! Und der Nichtsnutz Kalli war es, der das Monster immer wieder ärgerte!

„Rosa!“

Das Ungetüm hob ruckartig seinen Kopf, sodass die langen Lefzen und Ohren schlackerten, und blickte in Richtung des Rufers. Dann beschloss es, diesen zu ignorieren und widmete sich wieder seinem neuen Sparringspartner.

Rosa? Das war ja wohl ein Witz. Ich reckte den Hals, um diesen unverantwortlichen Hundebesitzer, der eine Gefahr für Leib und Leben anderer Menschen und Tiere darstellte, ins Visier zu nehmen. Dabei rutschte mein rechter Fuß vom Baumstamm, ich verlor das Gleichgewicht und stürzte rücklings auf einen Haufen Zweige, durch den die jungen, zarten Blätter von Brennnesseln sprossen.

„Autsch!!!“

Wie ein Käfer lag ich hilflos auf dem Rücken und zappelte mit Armen und Beinen. Sofort waren die Hunde über mir. Mir blieb das Herz stehen. Kalli stupste mich kurz an und leckte mir über die Wange. Vor ihm hatte ich natürlich keine Angst. Aber wie würde das Untier reagieren? Würde nun sein Beuteinstinkt durchschlagen? Erstarrt hielt ich die Luft an. Schon spürte ich seinen warmen Höllenatem im Gesicht. Würde es seine Reißzähne in meine Kehle schlagen? Die Riesenschnauze war genau über mir … da entrollte sich eine lange, warme, weiche Zunge und leckte mir einmal quer durchs Gesicht.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

„Ach, Sie sind das schon wieder“, hörte ich eine unfreundliche Männerstimme.

Wie bitte? Ich rappelte mich umständlich hoch. Mein Herz klopfte immer noch wie verrückt, meine Beine zitterten und fühlten sich an wie durchgekauter Kaugummi. Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Der finstere Kerl von gestern Abend! Der Hundehasser, der wegen jedem kleinen Schiss ʼnen Aufstand machte!

„Können Sie nicht auf ihren Hund aufpassen? Wegen Ihnen suche ich seit einer geschlagenen halben Stunde nach Rosa!“, murrte er unwirsch.

Okay. Was zu viel war, war zu viel. Auch mir, der Gelassenheit in Person, die Fremden mit Toleranz und Respekt begegnete, und diese Haltung auch ihren Schülerinnen und Schülern als fundamentale menschliche Umgangsform zu vermitteln bemüht war, PLATZTE IRGENWANN DER KRAGEN!

Ich begann ganz ruhig: „Jetzt hören Sie mir mal zu …“, und steigerte mich in Wortwahl und Lautstärke kontinuierlich, bis mein gerechter Zorn die Wucht eines Orkans annahm. Am Ende brüllte ich: „…und wenn Sie Unmensch und Ihr Höllenhund nicht sofort aus meinem Blickfeld verschwinden, dann ZEIGE ICH SIE AN WEGEN KÖRPERVERLETZUNG UND VERSUCHTEN MORDES!!!“

Die Hunde hatten aufgehört zu toben. Sie verfolgten meine Ausführungen zunächst neugierig, bis sie sich am Ende auf den Boden duckten und ihre Schwänze einklemmten.

„Karl Marx, bei Fuß!“, befahl ich. Kalli gehorchte aufs Wort, ließ sich widerstandslos anleinen und folgte mir willig zu jenem Baumstamm, auf dem ich mich schwer atmend erneut niederließ, ohne den Ätztyp und sein Monster eines weiteren Blickes zu würdigen. Ich merkte, wie mich die letzten Kräfte verließen. Das war heute definitiv alles zu viel.

„Kann ich etwas für Sie tun?“

Bitte?

„Geht’s Ihnen gut?“

Ja, ist der Typ denn irre?

Mit einer finalen Kraftanstrengung hob ich meine Augen und schleuderte ihm einen eiskalten Hassblick entgegen, dem er nur wenige Sekunden standhielt. Dann zuckte er mit den Schultern, rief nach seinem Riesenvieh und verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war. Wahrscheinlich dorthin, wo der Pfeffer wuchs. Das Untier sah sich noch zweimal wehmütig nach Kalli um, folgte dann aber endgültig seinem gewissenlosen Herrchen.

Ich ließ mich völlig entkräftet vom Baumstamm hinunter auf die Erde sacken und legte meinen Arm um Kalli. Meine Beine zitterten immer noch. Nach den übermenschlichen Anstrengungen dieses Tages überkam mich nun eine bleischwere Erschöpfung. Ich starrte matt vor mich hin und verordnete mir eine Pause, bevor ich den kräftezehrenden Rückweg in Angriff nehmen würde.

13

„Mensch, Hähnchen, was machst du denn für Sachen?“

Arnos besorgte Stimme weckte mich aus meinem komatösen Zustand.

Ich öffnete schwerfällig meine Augen. War ich tatsächlich eingeschlafen? Und wo kam Arno plötzlich her?

Er half mir auf die Beine und hielt mich fest umschlungen.

Oh Mann, tat das gut.

Während er mich zum Auto führte, das er in weiser Voraussicht mitgebracht hatte, Kalli in den Kofferraum verfrachtete und mich sicher auf dem Beifahrersitz platzierte, redete ich ununterbrochen und schilderte ihm in den grellsten Farben mein Nahtoderlebnis. Auch wenn Arno zwischendrin grinsen musste, war mir sein Mitleid sicher.

Am Abend kuschelte ich mich erneut zu Arno ins Bett. Ich brauchte heute seine liebevolle Geborgenheit, um den Anfeindungen der bösen Welt da draußen am nächsten Tag wieder begegnen zu können. Kurz vor dem Einschlafen fiel mir ein, was ich schon die ganze Zeit hatte fragen wollen.

„Wieso bist du eigentlich im richtigen Moment an der richtigen Stelle bei mir aufgetaucht, Liebling?“

„Na, weil der Missetäter mit der Dogge als guter Nachbar bei mir geklingelt und mir Bescheid gesagt hat“, nuschelte Arno im Halbschlaf. „Schönes Tier übrigens, so goldbraun, elegant wie ein Reh …“

Nein, ich werde mich jetzt nicht aufregen!

Die Nacht war dann irgendwie nicht ganz so erholsam wie erhofft. Erstens konnte ich nicht einschlafen. Zweitens schnarchte Arno. Drittens fiel mir irgendwann gegen zwei Uhr ein, dass ich den Wecker vorstellen musste, um meinen Unterricht noch vorbereiten zu können, und viertens hatte ich auch noch einen fürchterlichen Albtraum:

Ich war wieder ein Kind, das von einem fiesen Mädchen mit zwei blonden Zöpfen geärgert wurde. Es verhöhnte und verspottete mich, weil ich einen selbstgestrickten Pullover trug. Das sei unmodern und total hässlich. In mir war eine solche Wut, ein so starkes Gefühl der Ungerechtigkeit, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Das aber stachelte das Mädchen, Suse hieß es, nur noch weiter an und es begann mich zu schubsen. Da wollte ich mich wehren und zurückschlagen, aber meine Fäuste gehorchten mir nicht. Als wären sie aus wabbeligem Gummi, konnte ich mit ihnen keine Kraft entwickeln und keinen befreienden Schlag tun, der der Folter ein Ende gesetzt hätte. Da lief ich davon. Ich rannte und rannte und als ich mich umsah, verfolgte mich ein riesiger Hund mit gefletschten Zähnen. Ich hatte Todesangst. Mir war klar, dass ich keine Chance hatte, zu entkommen. Deshalb entschied ich mich anzuhalten und zu kämpfen. Ich drehte mich um und wollte ebenfalls die Zähne fletschen, da merkte ich, dass ich keine Schneidezähne mehr hatte. Ich weinte und weinte und weinte.

Als ich schweißnass wach wurde, waren meine Wangen feucht, aber – zum Glück! – meine Zähne noch da. Später las ich in meinem Traumdeutungsbuch: Fehlende Zähne gleich Angst vor Attraktivitätsverlust. Na toll.

An diesem Morgen wurde mir klar: Ich musste dringend an meinem Sechs-Punkte-Plan weiterarbeiten. Und ich sollte meinen Aggressionsstau auflösen. Das Verhalten meiner lieben Kollegin Sandra von und zu bedurfte einer angemessenen Antwort.

14

„Tine! Heute Abend geht’s zum Zumba!“

Meine Freundin hatte mir die Haustür geöffnet und wedelte mit geröteten Wangen und einem Löffel vor mir herum. Das sah verdächtig aus.

„Komm rein“, stieß sie knapp hervor und ich folgte ihr in die Küche, in der ein duftendes Chaos herrschte. In drei Töpfen brodelte es und sämtliche Ablageflächen waren mit Gemüse, Schneidbrettern, Fläschchen und Gewürzen gefüllt.

„Hast du etwas Größeres vor?“, fragte ich beeindruckt.

„Mmmh.“ Sie widmete sich wieder einem Blatt in Klarsichthülle, las konzentriert eine Mengengangabe ab, tröpfelte andächtig eine braune Flüssigkeit in einen der Töpfe und stellte dann die Flamme kleiner. Erst jetzt drehte sie sich zu mir herum.

„Ich habe leider schon etwas vor. Warum hast du denn nicht früher Bescheid gesagt?“

„Na, weil ich es selbst erst seit eben weiß“, maulte ich. Trotz der unguten Nacht war ich relativ fit aus der Schule gekommen, hatte sofort meine Vorbereitungen für den nächsten Tag erledigt und dann die Ruhe des geheiligten Dienstagnachmittags dazu verwendet, erneut die Homepages der beiden Tanzschulen, die in der engeren Wahl geblieben waren, zu studieren. Und siehe da: Im Tanzpalast fand dienstags um 18.00 Uhr ein Anfängerkurs statt!

„Ich würde ja gerne mitkommen, aber heute habe ich mir etwas Besonderes für Klausi überlegt“, bedauerte Tine und wies auf ihr Küchenchaos.

Ich merkte, wie mein ganzer Elan in sich zusammenzufallen drohte wie ein Soufflé bei Kaltluftzufuhr. Sollte ich wirklich alleine …? Meine Güte, du bist fünfundvierzig Jahre alt, tadelte eine innere Stimme. Da wirst du doch wohl in der Lage sein, alleine eine fremde Sportstätte zu betreten und eine neue Sportart auszuprobieren. Ich blieb hin- und hergerissen. Alleine machte das doch keinen Spaß …

„Johanna!“, sagte Tine streng, als sie mein Zögern bemerkte. „Du bist fünfundvierzig Jahre alt. Da wirst du dich doch wohl trauen, …“

„Natürlich! Was denkst du denn von mir? Also wirklich!“, unterbrach ich sie empört. „Zu zweit wäre es nur viel lustiger!“

„Beim nächsten Mal bin ich dabei!“, versprach Tine. „Aber jetzt frag mich doch endlich, was ich hier mache! Willst du das gar nicht wissen?“

„Doch. Unbedingt“, erwiderte ich lahm.

Tine blitzte mich übermütig an. „Das wird ein ganzes Menü aus aphrodisierenden Speisen. Ich habe das mal im Fernsehen gesehen. Es wird ein Eintopf aus Steckrüben, Rote Bete und Chili, außerdem Sellerie, Olivenöl und ganz wichtig: Ingwer. Die Wirkung ist überwältigend.“ Während die Begeisterung mit Tine durchging und sie mir unbarmherzig in allen Details ihr kulinarisches Experiment schilderte, hörte ich nur mit halbem Ohr zu. Rezepte interessierten mich ungefähr so viel wie Versicherungen, Steuererklärungen oder Handtaschen, nämlich null Komma null.

„Aber man muss mit der Dosierung der Zutaten aufpassen“, ergänzte sie, „sonst kann es hart werden – oder eher weich.“

Ich war wieder aufgewacht. „Du meinst Impotenz?“

„Nein. Dünnpfiff!“

Wir lachten uns beide schlapp. Dann drückte ich meiner Freundin die Daumen, dass Klaus am Abend ihren Kochkünsten erliegen und zum Hengst mutieren würde.

„Ein normaler Mann würde mir schon reichen“, sagte Tine zum Abschied und sah für einen Moment richtig traurig aus.

Auf dem Weg zum Tanzpalast ging mir Tine nicht aus dem Kopf. Ich hatte das Fahrrad genommen, um mein Fitnessprogramm abzurunden und schon mal ein bisschen zu schwitzen, für den Fall, dass dieser Zumba-Kurs eine müde Veranstaltung würde. Tine tat mir leid. Offensichtlich hatte sich zwischen ihr und Klaus noch nichts getan … Ob Arno schon mit ihm geredet hatte? Nein. Das wüsste ich … Vielleicht sollte ich ihn vorsichtshalber daran erinnern … Und das Sex-Menü? Ob es funktionierte? Arno wäre jedenfalls begeistert, wenn ich ihn mit solch einem raffiniert-erotischen Gaumenschmaus empfangen würde. Naja, wahrscheinlich würde er sich schon freuen, wenn ich wenigstens mal Kartoffelsalat mit Bockwürstchen für ihn kochte.

Nach fünfzehn Minuten strammen Radelns kam ich erhitzt und atemlos an der Tanzschule an und wusste nun auch, warum man sie Palast getauft hatte. Das Interieur bestand aus einer unüberschaubaren Anzahl von Kronleuchtern und Lampen in Kerzenform, die sich in hunderten Spiegeln brachen und tausendfach vervielfältigten. Ich schluckte. Solch eine mondäne Atmosphäre hatte ich nicht erwartet. Mutig schritt ich auf die Empfangstheke zu, hinter der eine nicht mehr ganz junge, aber äußerst grazile Frauensperson residierte. Sie hatte ihr grau durchzogenes dunkelbraunes Haar straff zurückgekämmt und in einem strengen Knoten am Hinterkopf fixiert. Ihre Augenbrauen bildeten zwei perfekt geformte Bögen, die sich skeptisch verzogen, als sie meiner ansichtig wurde. Der Mund war kräftig dunkelrot geschminkt. Genau so stellte ich mir eine alternde Primaballerina vor.

„Guten Abend. Ich hatte auf Ihrer Homepage den Zumba-Kurs für Anfänger gefunden und würde gerne an einer Probestunde teilnehmen“, sagte ich mein Sprüchlein auf. Sie schenkte mir ein gnädiges Lächeln.

„Natürlich.“

Dabei musterte sie mich von oben bis unten, ohne einen weiteren Gesichtsmuskel zu bemühen und wies dann elegant in die Richtung, in der sich Umkleidekabinen und Übungsräume befanden. Mich beschlich das dumpfe Gefühl, dass ich mit meiner alten, ausgebeulten Jogginghose, den ausgelatschten Volleyballturnschuhen und dem verschlissenen T-Shirt vielleicht nicht ganz den Stil dieses Etablissements getroffen hatte. Egal! Ich war schließlich zum Bewegen und Schwitzen hier.

Als ich die Tür zur Umkleidekabine öffnete, taxierten mich sechs geschminkte Augenpaare. Ich nickte freundlich, aber die jungen Frauen, die zu den Augen gehörten, waren schon wieder damit beschäftig, sich in ihre stylischen Tanzoutfits zu winden. Da ich nur meine Schuhe wechseln musste, konnte ich dieser verbissenen Atmosphäre zum Glück schnell entfliehen.

Der Übungsraum war dann doch beeindruckend. Holzparkett wie in einem richtigen Tanzsaal, drei komplett verspiegelte Wände mit Ballettstangen davor und von der Decke hing eine riesige funkelnde Diskokugel. Eine große Musikanlage und farbige Spots komplettierten die Einrichtung. Da bekam man glatt Lust, die ganze Tanzfläche mit wilden Sprüngen und Pirouetten zu füllen! Überall im Raum verteilt warteten die Kursteilnehmerinnen in Grüppchen oder alleine. Ich zählte an die vierzig. So viele? Außerdem schienen sie bedeutend jünger als ich zu sein, so maximal fünfunddreißig, und schlanker! Da war ich ja hier die einzige Oma mit echten Problemzonen! Ich hatte gedacht, Zumba sei die Einsteiger-Tanzsportart für alle Altersgruppen und Gewichtsklassen?! Und wie die alle klamottentechnisch aussahen: aufgebrezelt wie nichts Gutes! Als stünde ein Werbespot-Casting für eine Sportartikelfirma an: hautenge T-Shirts, schulter- und bauchfreie Bustiers, weite Zumba-Hosen mit bunten Bändern, knackige, hautenge Leggings oder superknappe Trainingshöschen. Und alle Textilien leuchteten in schrillen Neonfarben. Wo war ich hier nur hingeraten?

Okay, ganz ruhig. Du ziehst das jetzt durch und betrachtest es einfach als singuläre interessante Erfahrung.

Gerade, als ich zur Beruhigung einen Schluck aus meiner Wasserflasche nahm, kam Bewegung in die Meute.

„Hallo, meine Damen!“, erklang ein tiefer, melodischer Bass. Und dann verstand ich, warum sich hier so viele optisch optimierte Geschlechtsgenossinnen tummelten: Ein Bild von einem Mann hatte den Raum betreten und ihn erhellt, als wäre die Sonne aufgegangen. Braun gebrannt, weich gewellte, von der Sonne vergoldete Haare, mit dem muskulösen und zugleich feingliedrigen Körper eines Tänzers. WOW! Er blinzelte mit seinen braunen Augen kurz in die Runde, deutete ein Lächeln an, bei dem sich unverschämterweise auch noch Grübchen zeigten, und verkündete: „Für alle, die heute zum ersten Mal dabei sind: Ich bin Marc. Macht einfach mit, so gut ihr könnt. Es geht hier nicht um richtig oder falsch, sondern darum, dass ihr die Musik erspürt und Spaß an der Bewegung und eurem Körper habt.“ Damit ging er zur Anlage, betätigte einen Knopf, und Musik in Diskolautstärke erfüllte den Raum.

Ich war noch so perplex von diesem Wirklichkeit gewordenen Frauentraum, dass ich die ersten Tanzschritte nicht mitbekam. Als sich ein Ellenbogen unsanft in meine Seite bohrte, zog ich mich in die letzte Reihe zurück und versuchte mich auf die Schrittfolgen zu konzentrieren. Marc tanzte ganz vorne mit dem Rücken zu uns und überwachte seine Damen im Spiegel. Ich hatte Mühe, sowohl Marc im Auge zu behalten als auch noch meine Arme und Füße zu sortieren. Und immer, wenn ich eine Schrittkombination einigermaßen auf die Reihe kriegte, ging es schon wieder in die andere Richtung und ich trat meiner Nachbarin – nicht nur einmal – auf die Füße. Dazu kam noch diese hämmernde, ohrenbetäubende Musik, die einen permanent vorwärts trieb … Puh, war das anstrengend. Nach vier Liedern raste mein Puls und ich bekam kaum noch Luft. Schwer atmend zog ich mich zu einer Auszeit an den Rand zurück und nahm einen Schluck Wasser. Wie sollte ich diese Tortur nur ohne Kreislaufkollaps überstehen? Eine Blöße vor all den Sportskanonen hier wollte ich mir allerdings auch nicht geben. Immerhin. Auch sie fingen an zu schwitzen. Also weiter.

Eins, zwei, drei, vier, hüpf, hüpf und Spruuung …Verdammt! Wir sollten in der Hocke landen. Das ging gerade noch, wenn auch nicht sehr elegant. Aber ich kam nicht wieder hoch! Meine Oberschenkelmuskulatur streikte einfach. Mühsam richtete ich mich wieder auf und kam mir vor wie eine Hundertjährige. Derweil waren die anderen schon fünf Takte weiter und der nächste Sprung stand bevor. Ich deutete nur ein kleines Sprünglein an und war froh, im Takt geblieben zu sein, als plötzlich die Musik verstummte. Alle sahen irritiert zu Marc.

„Hallo, du da hinten!“

Neugierig blickte ich mich zu meinen Nachbarinnen links und rechts um.

„Ja, du, mit der schwarzen Jogginghose und dem blauen T-Shirt!“

Wer trug denn hier noch so schlichte Klamotten? War ja richtig sympathisch! Ich schaute mich nochmals um. Dann blickte ich zurück zu Marc.

„Ja, du!“

„Ich?“ Fragend deutete ich auf mich selbst.

„Ja! Komm mal nach vorne!“

Oh Gott! NEIN!

„Lass mal. Mir geht’s gut hier!“ Ich hob abwehrend die Hände und wäre am liebsten im Boden versunken. Doch Super-Marc grinste mich nur an und lockte mich mit dem Zeigefinger zu sich, wie einst Patrick Swayze in Dirty Dancing sein Baby auf die Bühne gelockt hatte. Einige Teilnehmerinnen begannen zu kichern, andere murrten wegen der Unterbrechung oder aus anderen Gründen. Wäre mein Kopf nicht sowieso schon signalrot vor Anstrengung gewesen, jetzt hätte er die flammende Farbe von Chilischoten angenommen.

„Was ist denn?“, fragte ich trotzig.

Marc lächelte atemberaubend. „Du bleibst hier vorne, dann kannst du besser sehen. Ganz locker bleiben. Nicht so verbissen.“

Sehr witzig.

Die Musik setzte wieder ein und ich versuchte krampfhaft, mich auf Marcs Schritte zu konzentrieren. Die spöttischen und missgünstigen Blicke in meinem Rücken ignorierte ich tapfer. Mit der Zeit merkte ich dann aber, dass es tatsächlich leichter wurde. Und gegen Ende begann es sogar, ein wenig Spaß zu machen.

Als die Stunde endlich vorbei war und der Damenfanclub frenetischen Applaus für Marc gespendet hatte, zitterten mir vor Anstrengung die Beine und ich war so nassgeschwitzt, dass ich meine Klamotten hätte auswringen können. Mein Herz pumpte, als hätte ich im Dauerlauf einen Achttausender erklommen und mein Gesicht fühlte sich so heiß wie eine glühende Herdplatte an. Wie sollte ich bloß den Weg nach Hause schaffen?

„Na, das hat doch schon ganz gut geklappt“, meinte Marc freundlich zu mir. Auf seiner Stirn zeigten sich etwa fünf Schweißtropfen. Ich zuckte skeptisch mit den Schultern. Er wollte gerade noch etwas hinzufügen, als eine Stimme, die mir bekannt vorkam, flötete:

„Hallo Marc, mein Traumtänzer!“

Sandra?! Was machte die denn hier?

„Oh, hallo, äh … Johanna! Was machst du denn hier?“

Wonach sieht’s denn aus? Gruppensex? Ringelpietz mit Anschleichen?

Finster blickte ich meine Kollegin an. Sie sah natürlich wieder umwerfend aus. Ihre Haare hatte sie zu einem kecken Pferdeschwanz zurückgebunden. Ihr türkisfarbenes Bustier ließ eine Menge straffer, leicht gebräunter Haut und wohlproportionierte Muskeln sehen. Irgendwie war die Welt schon ungerecht.

„Ihr kennt euch?“, fragte Marc.

„Wir sind Kollegen“, erläuterte Sandra lässig und hängte sich bei Marc ein.

Wir sind Kolleginnen, korrigierte ich sie im Geiste. Oder hattest du eine Geschlechtsumwandlung? Ich konnte es nicht ausstehen, wenn Frauen so gedankenlos ihr Geschlecht negierten.

„So“, sagte ich bestimmt, „ich will dann mal los. Danke für die Einführung, Marc.“ Ich schnappte mir meine Wasserflasche und versuchte mit meinem puterroten Kopf und in den durchnässten Schlabberklamotten einen würdevollen Abgang hinzulegen. In meinem Rücken hörte ich Sandra gurren:

„Böser Marc, musst du die armen Anfänger so quälen? Sie bricht ja fast zusammen.“

Was der böse Marc darauf antwortete, hörte ich zum Glück nicht mehr.

15

In meinen Ohren rauschte das Blut, meine Beine waren kurz davor, ihren Dienst zu quittieren. Ich hing auf dem Lenker meines Fahrrads und hatte in den ersten Gang zurückgeschaltet. Jeder Tritt war eine Qual!

Warum hatte ich mir das nur angetan? Ich hätte gleich beim Eintritt in den Spiegelpalast umkehren sollen. Das war definitiv nicht meine Welt! Tausendfache Bespiegelung der eigenen Eitelkeiten, eifersüchtiges Zickengetue, Kleidungskonkurrenz und Modeterror. Und dann das Zumba selbst! Das war kein beschwingtes Tanzvergnügen, nein, das war Hardcore-Power-Fitness bis zum Herzinfarkt! Nicht mit mir!

Der Kollege Sandra setzte dem Ganzen dann mit seiner Arroganz noch die Krone auf. Ich wollte nur noch eins: ein duftendes Vollbad, in dem ich meine malträtierten Muskeln entspannen konnte.

Nach gefühlten drei Stunden bog ich endlich in unsere Auffahrt ein und hörte Kalli übermütig bellen und quieken. Nanu? Ich brachte mein Fahrrad in die Garage und schleppte mich nach hinten in den Garten, um der ungewöhnlichen Lärmquelle auf den Grund zu gehen.

„Mama, guck mal! Wir haben Besuch!“ Begeistert hopste mir Nele entgegen, gefolgt von Kalli und … und … dem UNTIER!

„Ist die nicht süüüß?!“, kreischte Nele in den höchsten Tönen und knuddelte den Kopf der Bestie. Mein Atem setzte aus und ich fuhr zurück, dabei starrte ich wild um mich, auf der Suche nach Rettung.

„Mensch, Mama“, Nele hatte meine Schockstarre bemerkt, kam sachte auf mich zu und legte beschützend den Arm um mich.

„Das ist Rosa. Die tut keiner Fliege was“, erklärte sie beschwichtigend.

Ob Rosa das auch wusste?

Die sandbraune Dogge trat vorsichtig auf mich zu, stupste mich mit ihrer Riesenschnauze an die Hand und wedelte mich schüchtern an, als würde sie mich wiedererkennen.

Ich atmete tief aus und spürte mein Herz wieder schlagen.

Kalli hatte seine neue Freundin nun lange genug entbehrt und zischte wieder mit ihr ab, quer durch den Garten.

„Wieso … woher …?“, setzte ich an, da kam mein Göttergatte gut gelaunt heran, im Schlepptau diesen … jenen …

„Na, mein Schatz, wie war’s beim Hüpfen?“, fragte er strahlend und gab mir einen Kuss.

Fantastisch.

„Darf ich dir unseren neuen Nachbarn vorstellen?“

Danke, nicht nötig.

Der finstere Fremde und Fast-Mörder trat neben Arno und reichte mir seine Hand. Überrascht sah ich auf. Sein Händedruck war angenehm warm und kräftig.

„Ich bin Leander Krugmann“, stellte er sich vor, „der Besitzer der Riesenbestie da.“ Er zeigte grinsend auf Rosa, die sich unter Kalli auf dem Rücken kugelte. Seine dunklen Augen, deren Farbe ich im Dämmerlicht nicht ausmachen konnte, lächelten, und um seinen Mund zeigte sich ein spöttischer Zug. „Tut mir leid, dass unsere erste Begegnung nicht ganz glücklich war …“

Nicht?

Ich funkelte ihn an.

„… vielleicht lässt sich der erste Eindruck ja noch revidieren.“

Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Ich nickte unbestimmt und entschuldigte mich dann. Auf Geplauder mit meinem Peiniger hatte ich nun wirklich keine Lust.

Eine Viertelstunde später schloss ich genießerisch die Augen, sog den Duft von Kiefernnadeln ein und ließ mich bis zum Kinn ins warme Badewasser gleiten. Das tat gut! Meine verkrampften Muskeln lösten sich und fühlten sich zugleich angenehm schwer und leicht an. Ich atmete bewusst langsam und tief in den Bauch hinein und spürte, wie bei jeder Bewegung die flüssige Wärme zärtlich um meinen Körper streichelte.

„Hey, ist das romantisch!“ Nele war leise hereingekommen und deutete auf die drei dicken weißen Kerzen, die seit Jahren in einer Ecke vor sich hin gestaubt hatten. Heute hatte ich sie endlich einmal angezündet, um auch meiner geplagten Psyche etwas Gutes zu tun.

„Danke für deine Hilfe vorhin!“ Ich lächelte meine Tochter an. Ihr Gesicht leuchtete auf und ich bekam fast ein schlechtes Gewissen, weil ich sie bestimmt viel zu selten lobte.

„Kein Ding“, tat sie ab. „Ist der Hund nicht einfach obercool? Sowas von süüüß! Mein Gott, ich komm nicht drauf klar …!“ Nele schwärmte in typischer Teenie-Manier, übersteigert emotional und grammatikalisch zweifelhaft. Diese Begeisterung konnte ich selbstredend nicht teilen. Ich hörte nur noch halb hin und ließ meine schweren Lider wieder sinken.

„Und unser nächster Hund wird auch eine Dogge!“, frohlockte Nele.

Ich riss die Augen wieder auf.

„Bestimmt nicht!“

„Doch! Papa will das nämlich auch!“ Nele verließ das Bad und ließ mich brodelnd in meinem Entspannungsbad zurück.

Kurze Zeit später trat Arno ein. Das war ja hier wie auf dem Bahnhof!

„Na, mein Fischchen?“

Ich verdrehte die Augen. „Verräter!“

„Soll ich mit in die Wanne kommen?“

„Wie konntest du mir das nur antun?“

„Ich ziehe mich eben aus.“

„Wag es ja nicht!“

„Was habe ich dir denn getan?“

„Da fragst du noch?“

Arno setzte sich angezogen auf den Rand, begann sanft meinen Busen zu streicheln und bewegte die Hand in kreiselnden Bewegungen meinen Bauch hinunter. Dabei grinste er lüstern.

„Lass das!“ Ich gab ihm einen Klaps auf die Finger. Das Wasser spritzte.

„Was ist denn mit dir los?“ Er stützte die Arme auf den Wannenrand und sah mich fragend und ohne den geringsten Hauch einer Ahnung an.

Ich zählte an meinen Fingern ab:

„Erstens hast du meinen anspruchsvollen Sport vor einem Fremden zum ‚Hüpfen‘ degradiert und mich damit lächerlich gemacht. Zweitens hast du diesen unmöglichen Typen mit seinem gemeingefährlichen Viech zu uns eingeladen, obwohl du weißt, dass er ein rotes Tuch für mich ist …“, ich holte Luft, um fortfahren zu können, „und drittens hast du Nele diesen Floh mit einer eigenen Dogge ins Ohr gesetzt.“ Missgelaunt verschränkte ich die Arme.

„Erstens“, setzte Arno ungerührt zur Gegenrede an, „fiel mir der Name deiner Sportart nicht ein, und ich dachte, es hätte irgendwas mit Hüpfen zu tun. Zweitens habe ich Leander Krugmann nicht eingeladen, sondern er kam zufällig hier vorbei. Und weil dein Kalli verrückt nach seiner Rosa ist und die zwei sich nicht trennen wollten, habe ich Leander eben kurz mit in den Garten genommen.“

„Oho, ihr seid also schon beim Du!“, zickte ich.

„Und drittens: Ich habe mich mit Leander – ja, wir duzen uns, ich bin schließlich keine Studienrätin, die die Leute lieber verbal auf Abstand hält – über Doggen unterhalten, und ja, mir gefällt die Hunderasse. Mehr habe ich zu Nele nicht gesagt.“

„Pffft.“ Ich enthielt mich jeden weiteren Kommentars.

Arno stand auf. Im Hinausgehen meinte er noch hinzufügen zu müssen, dass der neue Nachbar – entgegen meiner Vorurteile – einen netten Eindruck mache. „Und übrigens hat er sich nach deinem werten Befinden erkundigt.“

Wollte das vielleicht irgendjemand wissen?

16

„Wie ist es denn nun gestern gelaufen, Tine?“ Ich hatte den Schultag irgendwie überstanden, trotz stechenden Muskelkaters, vor allem in den Waden und Oberschenkeln, der mich leider gezwungen hatte, mein Fitnessprogramm zu unterbrechen und das Auto zu nehmen. Nun war ich neugierig auf Tines Bericht und hatte gleich nach der Schule bei ihr geklingelt. Sie trat schweigend zur Seite und ließ mich eintreten. Oha.

Erwartungsvoll sah ich meine Freundin an und versuchte aus ihrem Gesicht zu lesen.

„Und?“

Sie schüttelte den Kopf und ließ sich seufzend auf einen Küchenstuhl nieder. Die Küche blitzte, als hätte hier gestern keine Kochschlacht stattgefunden. Tonlos begann sie: „Alles fing so gut an. Klausi freute sich riesig über das festliche Menü und aß mit großem Appetit … lobte noch die besondere Würze …“ Vor Tines innerem Auge schien der gestrige Abend erneut abzulaufen. „Er war richtig entspannt, erzählte endlich mal wieder von seiner Arbeit, scherzte sogar …“

„Und dann?“

„Alles lief richtig gut … Ihm war warm geworden, er zog seinen Pullover aus und er hatte so ein Glitzern in den Augen … Ich dachte, jeden Moment …“

„Ja!?“

„Dann ging das Telefon.“

„Och nö! Im unpassendsten Augenblick. Fehlt nur noch, dass eine ominöse Geliebte dran war!“, rief ich aus.

Tine schüttelte leidend den Kopf. Ich überlegte. Von wem würde sie sich stören lassen?

„Aber du willst mir jetzt nicht erzählen, dass es eure Tochter war und du drangegangen bist?“

„Doch“, gab sie zerknirscht zu.

Ich hob theatralisch die Hände, denn der Rest war klar.

„Es geht ihr sehr schlecht“, verteidigte sich Tine trotzig, „sie hat furchtbaren Liebeskummer! Da konnte ich ihr doch wohl nicht sagen: ‚Tut mir Leid, Franzi, hab jetzt keine Zeit für dich, will endlich mal wieder mit deinem Papa vögeln‘.“

Ich schüttelte mitleidig den Kopf. Kinder konnten echte Sex-Killer sein. Selbst wenn sie schon aus dem Haus waren.

„Als ich Franzi einigermaßen getröstet hatte“, fuhr sie fort, „saß Klausi vor dem Fernseher und guckte Fußball. Immerhin hat er den Tisch abgeräumt.“

„Na, das ist doch auch schon fast wie Sex.“

Wir grienten uns an.

„Und nun?“, fragte ich.

Tine zuckte mit den Schultern. „Ich lass mir was anderes einfallen.“

Als Arno mich gegen 19.00 Uhr zum Essen rief, hatte ich den Rest meines Tagewerks vollbracht: ein Stündchen Schlaf, eine Stunde Unterrichtsvorbereitung für den nächsten Tag und die Konzeption einer Grammatikarbeit für die 6a, die ich mit Satzgliedern quälen musste.

„Wo ist denn Nele?“, fragte ich, als ich mich an den gedeckten Tisch setzte.

„Die ist und isst bei Lisa, weil sie für morgen noch ein Referat machen müssen.“

Für morgen? Missbilligend schüttelte ich den Kopf. Die Möglichkeiten des Internets verführten dazu, ungesicherte Informationen aus fünf Quellen aneinanderzuklatschen, mit Powerpoint visuell aufzumöbeln und das Ganze als großartige individuelle Leistung zu verkaufen. Dabei war nicht ein Gedanke selbst gedacht, nicht eine Formulierung sich selbst abgerungen, nichts kritisch hinterfragt, kein Zusammenhang eigenständig hergestellt. Unsere Schülerinnen und Schüler unter diesen Bedingungen zum selbstständigen Denken und zur Kritikfähigkeit anzuleiten, war schon eine enorme Herausforderung.

Ich füllte mir meinen Teller aus verschiedenen Schüsseln.

Und dann speziell Nele, grübelte ich weiter. Wenn man so kurz vor knapp seine Aufgaben erledigte, konnte man natürlich keine hundertzehn Prozent mehr geben. Aber das war typisch für unsere Tochter. So irgendwie hingewurschtelt – das reichte ihr. Insgeheim hatten Arno und ich sie „Miss Achtzig-Prozent“ getauft. Sollte sie ihr Zimmer aufräumen, blieben etwa zwanzig Prozent der Haargummis, Socken, Schals und Butterbrotdosen (gerne auch mit vergessenem Inhalt) in den Ecken liegen. Sollte sie den Teller mit dem Biomüll in die Tonne entleeren, klebten am Ende mindestens zwei übersehene Kartoffelschalen darauf. Selbst wenn sie ihr Glas austrinken sollte, ließ sie einen Rest darin stehen. Immer! Nach dem gleichen Prinzip wurschtelte sie sich durch die Schule. Das war für eine Mutter wie mich, die gerne hundertzwanzig Prozent gab, nicht immer leicht zu ertragen.

Ich schob mir die nächste Gabel in den Mund und registrierte erst jetzt, wie raffiniert das Essen schmeckte.

„He, was hast du uns da Leckeres gekocht?“

„Schmeckt’s dir?“

„Ja, ist mal ganz was anderes!“

„Finde ich auch.“ Genüsslich trank Arno von seinem Wein. „Hat uns Tine heute Vormittag gebracht.“

Ich verschluckte mich so heftig, dass mir Unschönes aus dem Mund fiel und Arno mir auf den Rücken klopfen musste.

„Weißt du, was das ist?“, stammelte ich alarmiert.

„Klar! Ein Eintopf aus Steckrüben, Rote Bete und Chili.“

„Mehr hat Tine nicht dazu gesagt?“

„Nö.“

Misstrauisch beäugte ich meinen Mann. Würde er zum Stier mutieren und über mich herfallen? Glänzten seine Augen nicht schon verräterisch? Und seine Wangen? Die waren doch gerötet? Ich beugte mich zur Seite und warf einen Blick auf seinen Schoß. Beulte sich da seine Jeans aus?

„Ist was?“, fragte Arno erstaunt.

„Geht’s dir gut?“

„Bestens!“ Er streckte die Beine von sich, lehnte sich zurück und grinste mich an. Ich guckte zurück. Er grinste immer noch, vielsagend jetzt.

Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Ich hatte es gewusst! Ihm hätte es schon gereicht, eine homöopathische Dosis dieses Geilmachzeugs zu inhalieren und er wäre zum Hengst geworden. Und ich? Niente, nada, nichts! Er brauchte mich gar nicht so anzusehen. Nein, nein, nein, mein Freund. Mir war absolut überhaupt nicht nach Sex zumute. Nicht jetzt, nicht heute, so mitten in der Woche, mit dem Muskelkater … und überhaupt.

„Ich räume dann mal ab“, beschied ich und erhob mich, in der Hoffnung, Arnos Geilheit zu entkommen.

Gerade wusch ich den Lappen an der Spüle aus, als er von hinten an mich herantrat, die Arme um mich legte und begann, an meinem Ohr zu knabbern, was mir leider immer wohlige Schauer über den Rücken jagte.

„Arno, nicht jetzt …“, versuchte ich mich zu wehren.

Seine Hände fuhren unter mein T-Shirt, meinen Bauch hinauf bis zu meinen Brüsten.

„Hmmm, du riechst heute so gut“, flüsterte er verführerisch und biss in meinen Nacken.

„Höchstens nach Arbeit. Außerdem habe ich Muskelkater“, versuchte ich ihn zu stoppen.

„Dagegen helfen Schwitzen und leichte Bewegung“, versprach er in mein Haar und schob seine Hände langsam unter den Gummizug meiner Jogginghose in Richtung meiner Scham. Die begann verräterisch zu pulsieren. Gleichzeitig presste er sich von hinten an mich. Ich spürte seine harte Erektion, während seine Finger sanft meine Schamlippen liebkosten und dann die Klitoris fanden. Mit kreisenden Bewegungen erweckte er sie zum Leben. Mein Unterleib ging in Flammen auf. Jeder weitere Widerstand war zwecklos. Stöhnend drehte ich mich um, suchte Arnos Mund zu einem feucht-wilden Kuss und begann, seine Hose zu öffnen.

Er keuchte auf.

Ich schob seine Jeans hinunter und ergriff seine prallen Pobacken.

Er stöhnte erneut. „Warte …“, presste er hervor.

„Warum?“, flüsterte ich. „Nele ist nicht da. Wir können gleich hier in der Küche …“

„Aaargh …“, Arno krümmte sich.

„Was ist?“, fragte ich konsterniert.

„Mein Bauch … ich …“ Plötzlich riss er sich los, hielt seine Jeans fest und stolperte zur Toilette.

Na toll! Danke Tine! Ein echt durchschlagender Erfolg!

17

Am nächsten Abend saß ich schon wieder bei meiner Freundin und hatte eine Flasche Wein und eine Tafel Karamellschokolade mitgebracht. Schließlich war schon fast Wochenende und es gab viel zu erzählen, da wollte ich trotz aller Vorsätze auf ein paar leckere Kalorienchen nicht verzichten.

„Na? Hattet ihr einen schönen Abend?“, erkundigte sich Tine scheinheilig.

„Ja, vor allem für Arno war es richtig nett – so auf dem Klo“, erwiderte ich gespielt finster.

„Jetzt sag nicht, dass mein Essen …“

„Doch. Das ging nach hinten los.“

Wir gackerten wie die Hühner.

„Okay. Das heißt, ich sollte nochmal an der Dosierung der aphrodisierenden Zutaten arbeiten.“ Nachdenklich tippte sich Tine an die Lippen. „Wie war die Wirkung denn bei dir?“, fragte sie plötzlich und sah mich gespannt an.

„Och … öh … ich hab ja nicht so viel davon gegessen wie Arno“, versuchte ich auszuweichen.

„Also keine unerwünschten Nebenwirkungen?“

„Nein.“

„Und?“

„Was und?“

„Na Mensch, wie geil warst du?“

Puh, dieses direkte Ausforschen meines Intimlebens war ich immer noch nicht so gewohnt.

„Erst gar nicht … und dann ziemlich. Aber nur, weil Arno mich so angemacht hat“, beeilte ich mich zu sagen. Dass ich später im Bett, während der Ärmste immer noch unter Bauchkrämpfen litt, meiner immer noch vorhandenen Erregung selbstständig etwas entgegensetzen musste, brauchte ich Tine ja nicht auf die Nase zu binden.

„Also Monosex“, stellte sie sachlich fest.

Monosex? Ich sah sie schockiert an.

Sie verzog das Gesicht. „Bleibt mir im Moment ja auch nichts anderes übrig.“

Um meine Freundin von diesem traurigen Thema abzulenken und aufzuheitern, erzählte ich ihr von dem Reinfall mit meiner ersten Zumba-Probestunde im Tanzpalast und übertrieb natürlich, damit es dramatischer wurde.

„Du hättest die aufgebrezelten Tanz-Zicken mal sehen sollen! Bei Marcs Anblick fingen sie fast an zu sabbern!“

„Und du nicht?“

Äh … doch.

„Natürlich nicht! Er ist ja viel zu jung!“

„Aha.“

„Aber er sieht echt gut aus “, schwärmte ich. „Wie das Klischee des sonnengebräunten Surflehrers.“ Ich griff nach der Schokolade.

„Vielleicht sollte ich ihn mir auch mal bei einer Probestunde ansehen“, überlegte Tine.

„Tja, wenn dir das eine Woche mörderischen Muskelkater wert ist?!“ Ich ließ mir ein Stück Karamellschokolade auf der Zunge zergehen.

„Ich könnte ein neues Objekt für meine Masturbationsfantasien brauchen“, schob sie ungerührt nach.

„Bitte? Also Tine!“ Ich war zum zweiten Mal an diesem Abend schockiert. „Was nimmst du heute nur für Wörter in den Mund?“

Tine ignorierte mich. „Wäre dieser Marc nicht genau der Richtige für den einen Punkt auf deiner Selbstfindungsliste, für dieses, äh, Bums-Projekt?“

„BUMS-PROJEKT?“ Ich schnappte nach Luft und starrte sie entgeistert an. „Ich vertraue dir mein Jugendtrauma an, mein intimstes, existentiellstes Problem“, empörte ich mich, „und du machst daraus einen Pornotitel? Du hast ja wohl überhaupt nichts verstanden!“ Ich war bis in den Kern meiner empfindsamen Seele getroffen und so wütend, dass ich merkte, ich würde mich nicht auf die Schnelle wieder beruhigen können. Wortlos stand ich auf und ging.

„Deine sexuelle Frustration brauchst du nicht an mir auszulassen!“, warf ich Tine noch an den Kopf, dann knallte ich die Haustür hinter mir zu.

18

Es ist schwierig zu unterrichten, wenn einem andere Dinge durch den Kopf gehen. Normalerweise war ich Profi genug, um alles, was nicht in den Unterricht gehörte, für fünfundvierzig Minuten auszublenden. Aber an diesem Freitag hatte ich echte Schwierigkeiten.

Als hätte ich einen imaginären Teleprompter vor Augen, erschien immer wieder dieses eine Wort vor mir: Bums-Projekt. In Neonfarben! Ich befürchtete schon, es aus Versehen laut auszusprechen.

„Nein Ronja, das Wort ‚Bums-Projekt‘ ist ein Kompositum und steht als Subjekt des Satzes im Nominativ.“

„Könntet ihr bitte die Marquise von O. und ihr Bums-Projekt charakterisieren?“

Außerdem machte mir natürlich der Krach mit Tine zu schaffen. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so heftig mit ihr aneinandergeraten zu sein.

Tief in Gedanken bahnte ich mir in der zweiten großen Pause den Weg durch die nach draußen strömenden Schülermassen zurück zum Lehrerzimmer. Noch eine Stunde, dann war endlich Wochenende und ich konnte mich ungestört meinen Problemen (Tine) und Projekten (Nein, nicht dem Bums-Projekt, verdammt!) widmen. Da lief mir Nele über den Weg.

Autor

  • Klara Sinn (Autor)

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Titel: Das Leben passt in keine Liste