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Love in the City

Herzklopfen in der Oxford Street

von Gemma Townley (Autor)

2019 0 Seiten

In Kürze verfügbar

Leseprobe

Über dieses E-Book

Ein BWL-Studium ist so ziemlich das Letzte, findet Jennifer. Leider ist ihre Mutter Harriet Bell anderer Ansicht und außerdem der festen Überzeugung, dass Jens Vater, der ein konkurrierendes Unternehmen leitet, in illegale Machenschaften verwickelt ist. Aber Harriet kann seine Verbrechen nicht ohne Beweise aufdecken. Und da kommt Jen ins Spiel. Widerwillig lässt Jen sich auf die Sache ein und da sie ihren Vater mehr als fünfzehn Jahre nicht gesehen hat, ist es ein Kinderspiel, seine Firma zu infiltrieren. Doch schnell muss sie feststellen, dass sie sich in dieser neuen Welt des Großkapitals, der Designeranzüge und Business-Lunches gar nicht so unwohl fühlt. Ein Umstand, der nicht zuletzt ihrem attraktiven BWL-Dozenten Daniel Peterson zu verdanken ist ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2006
Überarbeitete Neuausgabe November 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-891-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-936-7

Copyright © 2006 by Gemma Townley
Titel des englischen Originals: Learning Curves

Published by Arrangement with Gemma Townley.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück, 30827 Garbsen.  

Copyright © Oktober 2007, Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Oktober 2007 bei Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach erschienenen Titels Von Männern und Mäusen.

Übersetzt von: Stefanie Retterbush
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
© Viorel Sima/shutterstock.com, © Iakov Kalinin/shutterstock.com, © letovsegda/shutterstock.com, © ElenaOdareeva/shutterstock.com und © Drobot Dean/shutterstock.com
Korrektorat: Sofie Raff

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für Abigail, die dafür sorgt, dass ein kleines schwarzes Kostüm einfach umwerfend aussieht: Möge der Kelch mit deinem Urlaubsgeld überfließen.

Prolog

Mein Gott, Jen, wo hast du dich denn jetzt schon wieder reingeritten?, dachte Jennifer Bell, als sie den Hörer auflegte, sich in ihrer Küche umsah und verzweifelt versuchte zu begreifen, worauf sie sich da gerade eingelassen hatte, versuchte, es nicht ganz so lächerlich und nicht ganz so beängstigend wirken zu lassen. Ich mache ein MBA-Aufbaustudium, dachte sie und verdrehte fassungslos die Augen. Ich hasse das Big Business. Und Bell Consulting hasse ich noch viel mehr. Und trotzdem habe ich mich gerade bereit erklärt, ein Aufbaustudium bei Bell Consulting zu machen. Schon beim Gedanken daran wurde ihr ganz mulmig.

Wie konnte das bloß passieren?, fragte sie sich. Warum um Himmels willen habe ich ja gesagt?

Vor ein paar Minuten hatte sie noch ganz friedlich und ahnungslos die Nachrichten geguckt. Hatte einfach nur dagesessen, sich um ihren eigenen alltäglichen Kram gekümmert und keinen Gedanken an irgendwelche tiefgreifenden Veränderungen in ihrem Leben verschwendet. Aber im Laufe der letzten Jahre hatte sie gelernt, dass sich innerhalb weniger Minuten eine ganze Menge verändern konnte. Vor allem, wenn ihre Mutter die Hände im Spiel hatte.

Sie runzelte die Stirn und überlegte, ob sie überrumpelt worden war, sich auf dieses kleine Abenteuer einzulassen, oder ob sie tatsächlich an der Entscheidung beteiligt gewesen war. Vermutlich Ersteres, dachte sie seufzend, während sie die Ereignisse der vergangenen zehn Minuten im Geiste noch einmal durchging.

»Und nun zu weiteren Nachrichten über das jüngste Erdbeben in Indonesien. Weit über einhundert Familien haben bei dieser Tragödie das Dach über dem Kopf verloren. Susan Mills berichtet.«

»Danke, Susan. Nun ja, Wissenschaftler hatten bereits davor gewarnt, dass so etwas passieren würde, aber niemand hat damit gerechnet, dass es so bald nach dem Tsunami am zweiten Weihnachtstag geschehen würde. Und das wirklich Beunruhigende daran ist die Tatsache, dass etliche der zerstörten Häuser, die nach dem Tsunami gebaut wurden und diesen Naturgewalten eigentlich hätten standhalten sollen, bis auf die Grundmauern eingestürzt sind. Dadurch verdichten sich die Spekulationen, dass einige der Bauunternehmer die Bauvorschriften nicht eingehalten haben. Es kursieren Gerüchte über Korruption und Schmiergeldzahlungen, die geflossen sein sollen, um Aufträge zu sichern, doch bisher konnte nichts Konkretes nachgewiesen werden. Axiom, eine der großen Baufirmen, bestreitet jegliche Verstrickung in diese fragwürdigen Geschäfte und hat eine einstweilige Verfügung gegen zwei Zeitungen erwirkt ...«

Okay, sie hatte also ferngesehen, und wie gewöhnlich hatten die Nachrichten sie ziemlich heruntergezogen. Sie hatte sich gefragt, in was für einer Welt sie eigentlich lebte, in der in einem Monat tausende von Menschen in Flutwellen ums Leben kamen und ein paar Monate später die Überlebenden erneut ihr Zuhause verloren? Es war einfach zu schrecklich.

»Und wir haben weitere Nachrichten zum jüngsten ...«

Kraftlos schaltete sie den Fernseher ab und schleppte sich in die Küche, um sich ein Glas Wein einzuschenken. Das half zwar nicht unbedingt, musste sie sich eingestehen, war aber nichtsdestotrotz dringend vonnöten. Sie hatte nach Sri Lanka gehen wollen, nachdem der Tsunami die Küste getroffen hatte, hatte mit eigenen Händen anpacken wollen, neue Häuser bauen oder irgendetwas machen, um die Menschen bei einem Neuanfang zu unterstützen. Sie hatte zwar nicht die geringste Ahnung vom Häuserbauen und hätte vermutlich nur im Weg herumgestanden, aber sie hätte sich besser gefühlt. Wie auch immer, jetzt hatte sie einen richtigen Job, in einem richtigen Büro. Und so sehr sie die damit verbundene Sicherheit genoss, war es ihr dennoch schwergefallen einzusehen, nun allmorgendlich zur Arbeit zu pendeln, statt sich mir nichts, dir nichts nach Sri Lanka abzusetzen. Und: Es hätte sowieso nichts gebracht.

Genau in diesem Augenblick klingelte das Telefon und unterbrach Jen in ihren Gedanken. Sie guckte auf die Uhr und stellte erschrocken fest, dass sie eigentlich schon längst unterwegs sein sollte. Sie war mit ihrer Freundin Angel verabredet und sicher war sie es jetzt, die anrief und wissen wollte, wo Jen blieb.

Nicht, dass sie die geringste Lust hatte, auf die Piste zu gehen. Die Nachrichten hatten sie aufgewühlt und Dinge zutage gefördert, die sie normalerweise lieber verdrängte. Die Frage nach dem großen Sinn. Für sie. Für alles. Bis vor ungefähr einem Jahr hatte alles eigentlich ganz gradlinig und einfach ausgesehen. Sie hatte einen festen Freund und eine Berufung gehabt. Sie war eine Umweltaktivistin gewesen. Sie hatte sich für die kleinen Leute stark gemacht, für die Natur, für ... für alles und jeden, genau genommen, und genau das war das Problem gewesen. Bei der Organisation, für die sie gearbeitet hatte, wimmelte es nur so von Leuten, die genau wussten, wogegen sie waren – große Konzerne, die meisten Regierungen, die Verbraucher –, aber dabei schienen sie keinen Schimmer zu haben, wofür sie waren. Irgendwann hatte sie der Gedanke beschlichen, dass sie es wohl eher tat, um etwas zu beweisen, als um wirklich etwas zu erreichen. Geschmissen hatte sie das Ganze, weil sie den Verdacht hatte, dass ihr Freund Gavin sie betrog, doch das war nicht der wahre Grund gewesen. Die Wahrheit war, dass sie überhaupt nicht mehr wusste, warum sie das alles überhaupt tat.

Obwohl die Aussicht, eine ganze Woche lang mit Gavin in einem Baum festzusitzen, um gegen einen geplanten Straßenausbau zu protestieren, natürlich auch ein guter Grund war, sich aus dem Staub zu machen. Vielleicht wurde sie ganz einfach langsam erwachsen, sagte sie sich traurig.

»Hi!«, antwortete sie gedankenverloren. »Hör zu, ich weiß, ich bin ein bisschen spät dran ...«

»Das sind wir doch alle, Liebes. Das sind wir alle.«

Jen schreckte hoch. Das war nicht Angel.

»Entschuldige, Mum. Ich dachte, du seiest jemand anderes.« »Manchmal wünschte ich, das wäre ich«, seufzte Harriet. »Alles okay?«, fragte Jen, zog sich einen Stuhl heran und warf erneut einen Blick auf die Uhr.

Die Gespräche mit ihrer Mutter waren nicht gerade für ihre Kürze bekannt.

»Ach, es wird schon. Ich nehme an, du hast die Nachrichten gesehen? All die Häuser, die zerstört worden sind. Die vielen Menschen, die alles verloren haben. Das ist einfach entsetzlich.«

»Ja, ich weiß. Ich habe den Fernseher gerade ausgeschaltet.« Jen und ihre Mutter hatten nicht allzu viel gemeinsam, aber über Naturkatastrophen oder über den Verdacht, Politiker säßen womöglich untätig herum, konnten sie stundenlang reden. Genauer gesagt, Harriet konnte stundenlang darüber reden. Jen kam normalerweise kaum zu Wort und konnte meist nicht mehr einwerfen als: »Ich weiß. Du hast vollkommen recht.«

»Ach, Liebes, es ist einfach furchtbar. Wenn ich nur an das viele Geld denke, das da verschwendet wird. Die vielen Spendengelder von großzügigen Menschen, und alles umsonst.«

»Nein, nicht umsonst«, unterbrach Jen sie. »Die Häuser sind vielleicht eingestürzt, aber ein großer Teil der Hilfe ist auch angekommen ...«

»Ja, na ja, das werden wir ja noch sehen.«

Jen verdrehte die Augen und dachte: »Geht das schon wieder los.« Harriet liebte es, Andeutungen zu machen und ihrem Gegenüber vielsagende Blicke zuzuwerfen. Ganz so, als sei sie allmächtig, als wisse sie mehr als das, was sie im Radio gehört oder in der Zeitung gelesen hatte. Einmal, als Jen für Greenpeace an einem Projekt gearbeitet hatte, um eine Ölfirma an den Pranger zu stellen, die in der Nordsee nach Öl bohrte, Rohöl verklappte und damit eine Unzahl von Meerestieren tötete, hatte ihre Mutter sie angerufen und ihr einen Vortrag über Umweltplanung gehalten, gestützt auf einen Höreranruf auf Radio 5. Zweifellos hatte auch sie eine ganz eigene Theorie zum Thema Tsunami-Hilfe. Unzählige Gerüchte kursierten um Probleme mit dem Zoll und Korruption – genau die Art von Verschwörungstheorie, auf die Harriet sich mit Begeisterung stürzte.

»Und weshalb«, fragte Jen nun nach einer kurzen Pause, »deine Andeutungen, das Geld sei nicht in die Wiederaufbauhilfe geflossen?«

»Vielleicht ist es ja in die Aufbauhilfe geflossen. Aber was man unter dieser Aufbauhilfe versteht, das macht mir Sorgen. Wer seine Pfoten in den Topf gesteckt hat, ehe es seinem Verwendungszweck zugeführt werden konnte. Das macht mir persönlich Sorgen.«

Jen biss sich auf die Lippen, bemüht, ihren Ärger hinunterzuschlucken. Harriet tat immer so, als sei sie die Einzige, die den Ernst der jeweiligen Lage erkannte. Es machte Jen fuchsteufelswild, wie ihre Mutter jede Krise in ihr persönliches Melodram verwandelte, in dem diese natürlich die Hauptrolle spielte. Aber sie würde sich nichts anmerken lassen, schwor sie sich. Jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt, dieses Fass aufzumachen und eine Breitseite von Kritik auf Harriet abzufeuern.

»Kann ich gut verstehen, Mum, aber ich muss jetzt los«, sagte sie höflich, aber bestimmt, und mittlerweile auch schon etwas ungeduldig. »Wir können nur hoffen, dass wenigstens ein Teil des Geldes bei den Leuten ankommt, für die es bestimmt war, oder?«

»Hoffen?«, gab Harriet sofort schnippisch zurück und senkte dann die Stimme. »Da braucht es schon etwas mehr als Hoffnung«, orakelte sie düster. »Die Lage ist sehr ernst, Jennifer. Wirklich sehr ernst.«

Jen seufzte. Wie’s aussah, würde sie zu spät zu ihrer Verabredung mit Angel kommen ... mal wieder. »Gibt es irgendwelche Fakten, auf die du dich da stützt«, hakte sie vorsichtig nach, »oder reden wir hier nur von vagen Vermutungen?«

Sie hörte, wie ihre Mutter leise und zufrieden aufseufzte.

»Na ja«, erklärte Harriet verschwörerisch, und ihre Stimme verriet, wie sehr es sie freute, endlich ihre Theorie loswerden zu können, die Jen ihr, wie sie offensichtlich sehnlich gehofft hatte, nun »entlockte«. »Ich weiß gar nicht, ob ich dir das erzählen sollte, aber ich habe sehr seriöse Informationen, dass ein Teil der Bauarbeiten da unten von einer Firma durchgeführt wird, die durch Bestechungsgelder an ihre Aufträge gekommen ist. Und in dem Moment, als die Behörden anfingen, die Geschichte zu untersuchen, begannen Unterlagen zu verschwinden, und alles ist im Sande verlaufen. Die ganze Sache riecht gewaltig nach Korruption. Und es würde mich nicht wundern, wenn sich rausstellen würde, dass einige der Firmen, die da mitgemauschelt haben – und noch immer mitmauscheln –, ganz in unserer Nähe zu finden sind.«

Jen spürte beim Gedanken an die Möglichkeit solcher Ungerechtigkeit die Wut in sich aufsteigen und der Ärger über ihre Mutter verrauchte. »Ist das dein Ernst? Das ... also, das ist ja ungeheuerlich.«

»Ungeheuerlich ist gar kein Ausdruck«, fuhr Harriet fort. »Es ist die reinste Posse. So was sollte heutzutage nicht mehr passieren ...«

»Aber da muss doch irgendjemand etwas unternehmen.« Kaum war ihr dieser Satz über die Lippen gestolpert, bereute Jen ihn schon wieder. Schließlich redete sie hier mit ihrer Mutter, rief sie sich schnell wieder ins Gedächtnis. Möglicherweise entsprach nichts davon der Wahrheit. Aber andererseits hatte Harriet immer gute und verlässliche Quellen. Es war eher selten, dass sie vollkommen danebenlag. Normalerweise übertrieb sie bloß hier und da ein bisschen, um das Ganze etwas aufzupeppen.

»Natürlich müsste man das, Liebes, aber da liegt der Hase im Pfeffer, nicht wahr. Dazu hat niemand den Mumm. Niemand, der Zugang zu wichtigen Informationen hat, möchte da hineingezogen werden.«

»Und woher weißt du das alles?«, fragte Jen unvermittelt, da eine leise Stimme sie daran erinnerte, dass ihre Mutter sich manchmal in Dinge hineinsteigerte und mit einer kleinen Kopfbewegung aus einer Annahme eine Tatsache machte.

»Liebes, du musst mir einfach vertrauen«, erklärte ihre Mutter finster. »Ich weiß Dinge, die ich dir einfach nicht erzählen kann. Das wäre nicht fair.«

»Es wäre nicht fair? Wem gegenüber?«

»Dir.«

Jen verzog entnervt das Gesicht. Warum konnte ihre Mutter nicht einfach geradeheraus sagen, was sie zu sagen hatte?

»Wie meinst du das? Wieso wäre das nicht fair mir gegenüber?« Sie bemühte sich, ihre Verärgerung nicht durchklingen zu lassen, aber das war nicht so einfach. Das hatte man davon, wenn man zu viel Zeit mit seinen Eltern verbrachte. Bis vor sechs Monaten hatte sie sich blendend mit ihrer Mutter verstanden. Sie hatten ungefähr alle vierzehn Tage miteinander telefoniert und hatten sich etwa alle zwei Monate gesehen, wenn Jen mal auf einen Tee reingeschaut hatte. Sie und Harriet hatten immer jede Menge Gesprächsthemen, und wenn sie gerade anfingen, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, wenn ihre Diskussionen zu Streitgesprächen wurden, war es für Jen auch schon wieder Zeit zu gehen, Zeit nach Schottland oder nach Dorset zu fahren und gegen einen Supermarktneubau zu protestieren oder für den Schutz der Delfine zu kämpfen. Jen hatte für »Fighting for Survival« gearbeitet, eine Gruppe, die dafür bekannt war, sich für hoffnungslose Fälle einzusetzen, und Harriet hatte immer gerne zugehört, wenn Jen ihr Geschichten erzählte – und, um ehrlich zu sein, hatte sie sich auch gerne bei ihren Kollegen mit dem Märchen von der tapferen, wild entschlossenen Tochter wichtiggemacht, und natürlich hatte sie auch hier gelegentlich ein wenig übertrieben und dort etwas ausgeschmückt.

Und dann war alles anders geworden. Jen hatte sich von ihrem Freund Gavin getrennt, und da er den Ausschlag für ihr Engagement bei »Fighting for Survival« gegeben hatte und zudem der Chef der Gruppe war, hatte Jen sich gezwungen gesehen, alles noch einmal zu überdenken. Und da hatte Harriet sich dann gleich eingemischt und ihr angeboten, für eine Weile in ihrer Unternehmensberatung namens Green Futures zu arbeiten.

Zunächst hatte Jen dieses Angebot natürlich abgelehnt – für eine Unternehmensberatung zu arbeiten stand nicht gerade ganz oben auf der Liste ihrer Traumberufe, genauso wenig, wie ihre Mutter als Chefin zu haben. Aber Harriet war ein hartnäckiger Mensch und Jens Zweifeln war sie mit ihrer altbekannten Überzeugungstaktik entgegengetreten: Sie hatte sie mit Fakten bombardiert, ihr ein schlechtes Gewissen eingeredet und eine Situation geschaffen, in der Jen, würde sie die Stelle abschlagen, nicht nur ihre Mutter im Stich ließe, sondern gleich den ganzen Planeten Erde. Sie verwies darauf, dass Green Futures den Firmen sozial- und umweltverträgliche Lösungen aufzeigte und behauptete, ohne Jen, die ihnen hilfreich zur Seite stand, würden diese Firmen wieder in ihre schlechten Gewohnheiten zurückfallen. Tief im Inneren wusste Jen ganz genau, dass es nicht den geringsten Unterschied machte, ob sie nun bei Green Futures arbeitete oder nicht, schließlich war man dort in den letzten fünfzehn Jahren auch ganz gut ohne sie ausgekommen. Dazu befürchtete sie insgeheim, die großen Hoffnungen ihrer Mutter könnten zerplatzen wie Seifenblasen, nämlich dann, wenn sie herausfand, wie viel die kleine Jen tatsächlich über das Geschäftsgebaren großer Firmen wusste. Gavin hatte sie bei einer Kundgebung kennengelernt, zu der sie mit Angel gegangen war, um gegen eine Ölfirma zu protestieren, die zufälligerweise zu den Kunden ihres Vaters gehörte. Schon allein deswegen schien ihr die Teilnahme an dieser Veranstaltung damals eine unheimlich geniale Idee zu sein, umso mehr, nachdem sich Gavin als ziemlich guter Küsser entpuppt hatte. Und auch wenn sie viel gelernt hatte (ihre Hauptaufgabe war die »Recherche« gewesen, weil kein anderer aus der Gruppe Lust gehabt hatte, in die Bibliothek zu gehen), hätte das, was sie durch diese Organisation über Protestaktionen oder Geschäftsethik gelernt hatte, auf eine Streichholzschachtel gepasst.

Aber fürs Erste würde es schon gehen, hatte sie sich gesagt. Andere Jobangebote lagen nicht auf dem Tisch, und Geld war auch keins mehr auf der Bank. Sie kampierte nun zwar nicht mehr auf Bäumen, aber Green Futures verfolgte doch zumindest hehre Ziele.

Als sie dann dort anfing, fand sie es eigentlich ganz angenehm, sich gemütlich einzurichten und eine eigene Wohnung mit fließend Warmwasser zu haben. Es war so eine Art »Agitation light« – sie hatte das wohlige Gefühl, der Welt etwas Gutes zu tun, ohne dafür die ganze Woche lang tagein, tagaus dieselbe Armeehose tragen zu müssen. Sie benutzte wieder Lippenstift und kaufte Schuhe, die nicht unbedingt geeignet waren, durch matschige Felder zu marschieren. Und der Alltagstrott, der sich einstellte, wenn man jeden Tag ins Büro ging und die immer gleichen Leute traf, war eigentlich auch ganz beruhigend. Ein Abhang, der geradewegs in die Zufriedenheit führte, steil und rutschig zwar, aber es war dennoch ein ziemlich angenehmes Gefühl, ihn hinabzuschlittern. Und auch wenn sie sich nach ein bisschen mehr Aufregung sehnte, war sie sich irgendwie nicht mehr so sicher, dass sie ihre Massagedusche oder ihr Kabelfernsehen so einfach wieder hergeben könnte, nachdem sie sich erst mal an sie gewöhnt hatte. Ein kleines bisschen Zufriedenheit war manchmal doch ganz nett.

»Und warum wäre das nicht fair?«, wollte sie gereizt wissen. »Warum sollte es mich überhaupt interessieren?«

Harriet seufzte theatralisch. »Liebes, für mich ist es einfacher. Ich kenne deinen Vater seit vielen Jahren. Ich weiß, was für ein Mensch er ist, aber ich will deinen Vater nicht vor dir schlechtmachen. Ich weiß, wie schwer es war, als er dich verlassen hat.«

»Dad?«, fragte Jen ungläubig. »Jetzt bist du echt durchgeknallt. Ach, und übrigens, er hat uns verlassen, nicht mich. Und er ist mir scheißegal. Das weißt du.« Sie hielt inne und runzelte die Stirn, als ihre Mutter darauf nur mit Schweigen antwortete. Schweigen. Und das konnte nur eins bedeuten: Harriet meinte es ernst. Jen warf einen Blick auf die Uhr und fragte dann vorsichtig: »Du meinst also, er hat was mit der Sache zu tun? Das verstehe ich nicht. Seine Firma ist doch eine Unternehmensberatung.« Sie lachte halbherzig, als sie das sagte, um ihr Unbehagen zu überspielen. Sie hasste es, über ihren Vater zu sprechen. Normalerweise redete sie sich einfach ein, sie hätte überhaupt keinen Vater. Über ihn zu sprechen untermauerte und bekräftigte nur die Tatsache, dass er gesund und munter und sie ihm dabei völlig egal war. Aber die Unterstellung, er habe seine Finger bei einer derartigen Schweinerei im Spiel, war ein ganz anderes Paar Schuhe. Er verkörperte alles, was sie verabscheute – große Konzerne, fette Unternehmensgewinne und geschniegelte Typen in schicken Anzügen mit dicken Brieftaschen. Außerdem hatte er bisher nicht das geringste Interesse an seiner einzigen Tochter gezeigt. Sie verabscheute ihn und er war ihr vollkommen schnuppe. Aber er war immer noch ihr Vater.

»Jennifer, wie du sehr wohl weißt, beraten Unternehmensberater ihre Kunden in allen möglichen Dingen, angefangen bei Geschäftsstrategien bis hin zu ... nun ja, den Entwicklungen am internationalen Markt, wenn du verstehst, was ich meine.«

Jen runzelte die Stirn. »Nein, ich verstehe nicht, was du meinst. Aber ich vermute, du wirst es mir erklären.«

Harriet machte zunächst eine Kunstpause, begann aber schließlich doch zu reden.

»Von mir hast du das nicht erfahren, aber soweit ich weiß, hatten diejenigen, die hinter dieser Korruptionsgeschichte stecken, hinter diesem entsetzlichen System aus Schmiergeldern und fragwürdigen Geschäften in Indonesien, also, diejenigen müssen eine angesehene Firma als Tarnung benutzt haben. Eine internationale Firma, die Büros in der betreffenden Region hat. Eine Firma mit vielen Kunden, bei der es nicht auffällt, wenn sie sich an einem Tag mit Regierungsvertretern und am nächsten mit einer Baufirma trifft. Und dabei ist der Name deines Vaters gefallen ...«

»Das glaube ich dir nicht«, unterbrach Jen sie entrüstet. »So was würde er nie ... auf gar keinen Fall ...«

»Liebes, so gut kennst du deinen Vater nicht«, fiel Harriet ihr ins Wort, und Jen biss sich auf die Lippen. Das stimmte – sie konnte sich kaum an ihn erinnern. Selbst als er noch da gewesen war, hatte er sich mehr um seine Arbeit gekümmert als um sie, und nachdem er ihre Mutter verlassen hatte, hatte er nicht einmal versucht, mit ihr in Kontakt zu bleiben.

»Dein Vater würde alles tun, um Geld in die Kassen seiner heiß geliebten Firma zu spülen.« Harriet nutzte Jens Schweigen schamlos aus und fuhr fort: »Und glaub mir, ich bin nicht die Einzige, die glaubt, dass er seine Finger im Spiel hat.«

»Und warum erzählst du mir das dann?«, fragte Jen aufgebracht. »Damit solltest du lieber zur Polizei gehen!« Gespannt wartete sie auf die Reaktion ihrer Mutter. Die Polizei oder Umweltbehörde zu erwähnen war normalerweise eine gute Möglichkeit, um herauszufinden, ob Harriet über Tatsachen oder Hirngespinste redete.

»Ach, dafür ist es noch viel zu früh. Die würden keinerlei Beweise finden. Dass Axiom zu den Kunden deines Vaters gehört, mag dich oder mich stutzig machen, aber leider kennen ihn die anderen nicht so gut wie wir. Keiner hat bisher auch nur das kleinste Fitzelchen eines Beweises dafür gefunden, dass Axiom Bestechungsgelder gezahlt hat, aber andererseits suchen sie vermutlich am falschen Ort danach. Noch hat niemand daran gedacht, ihre Unternehmensberater zu befragen, weißt du ...«

»Axiom? Was bitte ist denn Axiom?«

Harriet schnaubte missbilligend. »Liebes, du bist wirklich nicht auf dem Laufenden. Axiom ist die Baufirma, die am laufenden Band sämtliche Ausschreibungen für sämtliche Bauvorhaben gewinnt. Wenn man das überhaupt Bauen nennen kann.«

Ungläubig schüttelte Jen den Kopf. Das war einfach zu viel auf einmal. War es wirklich möglich, dass ihr eigener Vater hinter derartigen Machenschaften steckte? »Mum, hör zu, das ist ja alles sehr interessant«, begann sie vorsichtig, »aber meinst du nicht, du solltest lieber mit jemandem darüber reden, der etwas dagegen unternehmen kann? Oder, na ja, an Beweise rankommt? Der irgendetwas findet, das ihn belastet. Du brauchst jemanden, der verdeckt ermittelt – ich würde ja Gavin vorschlagen, aber momentan ist es nicht gerade so, als würden wir jeden Tag plaudern ...«

Harriet seufzte, aber dieses Seufzen wirkte auf einmal ziemlich aufgesetzt, und Jens feine Antennen vibrierten plötzlich in höchster Alarmbereitschaft. »Ach, Jen, einer wie Gavin würde deinen Vater nie an der Nase herumführen können – dafür ist er viel zu clever. Nein, um an Beweise zu kommen, bräuchten wir jemanden, der bei Bell Consulting arbeitet, aber die würden natürlich ganz bestimmt nicht mit uns reden. Die Firma deines Vaters und meine ... na ja, könntest du dir vorstellen, dass einer von Bell Consulting mir irgendwas Vertrauliches erzählt?«

Schweigend schüttelte Jen den Kopf. Bell Consulting und Green Futures waren eindeutig die Kinder ihrer Gründer und die Mitarbeiter hegten entsprechend einander gegenüber die gleichen Feindseligkeiten wie Jens Eltern.

Dennoch war sie ganz und gar nicht glücklich über die großzügige Art und Weise, in der ihre Mutter das Wörtchen »wir« einsetzte, als sei es nun »ihr« gemeinsames Problem. Sollte die Sache tatsächlich etwas mit ihrem Vater zu tun haben, dann wollte sie damit nichts zu tun haben.

Zumindest wollte sie nichts mit ihm zu tun haben. Sie runzelte die Stirn. Sollte er tatsächlich in der Sache mit drinhängen, dann durfte er damit nicht davonkommen. Denn ganz offen gesagt war er schon mit viel zu Vielem einfach so davongekommen.

Jen verdrehte die Augen, als ihre Mutter weiterredete. Jeder andere hätte sich gefragt, warum Harriet so tat, als sei sie der einzige Mensch, der die Wahrheit herausfinden konnte, aber sie kannte ihre Mutter nur zu gut. Wenn etwas Verwerfliches im Gange war, musste Harriet der Sache auf den Grund gehen – und sie traute weder der Polizei noch den Behörden und auch sonst niemandem zu, diese Aufgabe besser bewältigen zu können als sie selbst. Tatsächlich war Jen ganz genauso – beide stürzten sie sich nur zu gerne Hals über Kopf in Krisen, wild entschlossen, die Probleme zu lösen und die Dinge wieder geradezurücken. Und der Verdacht, ihr Vater könne möglicherweise beteiligt sein, war in etwa so, als würde man einem Stier mit einem roten Tuch vor der Nase herumwedeln. Es war ganz klar, dass sich Harriet wie wild darauf stürzte.

»Am besten schleust du da jemanden ein, wie dieser Typ, der sich einen Job in einem Fast-Food-Restaurant besorgt hat und dann einen Artikel über die mangelnden Hygienevorkehrungen geschrieben hat«, meinte Jen vorsichtig. Wenn Harriet sich einmischen wollte, war das ihre Sache, aber je länger dieses Gespräch dauerte, desto mehr hatte Jen das ungute Gefühl, man könnte sie gleich um einen unheimlich großen Gefallen bitten. Nicht, dass sie nicht helfen wollte, dachte sie bei sich und biss sich unbehaglich auf die Lippen. Es war bloß so, dass sie es mittlerweile einfach ziemlich satthatte, andauernd die Welt zu retten. Und außerdem war es ihr immer sehr suspekt, wenn sie in die Pläne ihrer Mutter hineingezogen zu werden drohte.

Wieder Schweigen.

»Ach, da kommt mir gerade eine Idee ... aber nein, nein, damit wärst du niemals einverstanden. Und es wäre auch zu viel verlangt.«

Jen starrte hinauf zur Decke und zählte bis drei.

»Womit wäre ich nicht einverstanden?«, fragte sie mit geradezu engelhafter Geduld.

»Na ja«, erwiderte Harriet gedehnt, »mir ist nur gerade aufgegangen, dass du recht hast – die einzige Chance, etwas über Bell Consulting in Erfahrung zu bringen, ist, einen von unseren eigenen Leuten einzuschleusen. Jemand, der ein bisschen rumschnüffeln und Gespräche belauschen kann.«

Jen runzelte die Stirn. »Haargenau. Und wie lautet deine tolle Idee? Es muss doch da irgendwelche freien Stellen geben, auf die man sich bewerben könnte. In der Poststelle oder so?«

»Zu weit weg«, murmelte Harriet. »Nein, wir brauchen jemanden mehr im Zentrum des Geschehens. Wusstest du übrigens, dass Bell ein eigenes MBA-Aufbaustudium anbietet?«

Jen schnappte nach Luft. Sie hatte plötzlich den schrecklichen Verdacht, ihre Mutter könnte sie nur deswegen angerufen haben. Das war nicht bloß ein Gefallen – das war wesentlich mehr.

»Ähm, nein, nein, das habe ich nicht gewusst. Aber du hast doch nicht etwa vor, jemanden da hinzuschicken, oder?«, fragte sie argwöhnisch. »Das wäre doch wirklich ziemlich viel verlangt von einem deiner Mitarbeiter, meinst du nicht?«

»Du hast recht. Aber nicht, weil es zu viel verlangt wäre, sondern weil keiner von ihnen das hinkriegen würde. Du schon, klar, aber warum sollte dich das interessieren ... Das wäre ja auch ein ziemlich harter Brocken ...«

»Ich?« Jen riss die Augen auf. Auch wenn ihre Mutter sie gar nicht sehen konnte, hatte sie das Gefühl, besonders überrascht tun zu müssen und dabei auch dementsprechend auszusehen.

»Ich kann sonst niemandem vertrauen. Aber vergiss einfach, dass ich das gesagt habe. Ehrlich. Dann müssen wir uns eben etwas anderes ausdenken. Und außerdem bin ich mir sicher, dass die ... Behörden der Sache auf den Grund gehen werden.«

So, wie Harriet das Wort Behörden aussprach, war klar, dass diese ganz sicher nichts dergleichen tun würden. Jen lehnte sich zurück und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, dass sie sich gerade jetzt nichts mehr als ein ganz ruhiges, beschauliches Leben wünschte. Dass sie eigentlich herausfinden wollte, was sie aus ihrem Leben machen wollte, statt sich ohne groß nachzudenken auf ein verrücktes Vorhaben ihrer Mutter einzulassen. Dass sie das heftige, aufgeregte Kribbeln im Magen besser ignorieren sollte. Die ganze Idee war einfach wahnwitzig. Ein Aufbaustudium bei Bell Consulting? Ihren Vater ausspionieren, den sie seit über fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte? Der Mann, der zu den erfolgreichsten Geschäftsleuten weit und breit gehörte und sich nicht mal die Mühe gemacht hatte, sich ein einziges Mal bei ihr zu melden, seit er aus ihrem gemeinsamen Zuhause ausgezogen war? Nein. Auf gar keinen Fall. Obwohl es eine ziemlich gute Möglichkeit wäre, es ihm heimzuzahlen.

»Meinst du nicht, gleich meinen Abschluss in Betriebswirtschaft zu machen wäre ein bisschen übertrieben?«, fragte sie betont ruhig. Ich meine, so was dauert ein ganzes Jahr. Und man hat Prüfungen und so ein Zeug. Ich glaube, die Idee mit der Poststelle ist viel besser. Dagegen hätte ich nichts.« Jen hatte neulich einen mit versteckter Kamera gefilmten Bericht gesehen, in dem die Mitarbeiter der Poststelle auf Rollschuhen herumgesaust waren, und der Teenie in ihr fand diese Vorstellung ziemlich verlockend.

»Meinst du nicht, das würde reichlich seltsam wirken? Eine junge Frau mit deinem Talent arbeitet in der Poststelle? Und du glaubst doch nicht im Ernst, ein einfaches Postmädel würde zu wichtigen Sitzungen eingeladen?«

Jen wollte schon widersprechen und ihr erklären, dass die Leute in der Poststelle vermutlich eher an Informationen gelangten als sämtliche anderen Mitarbeiter, von der EDV-Abteilung mal abgesehen, aber dazu hatte sie gar keine Gelegenheit, denn ihre Mutter kam jetzt erst richtig in Fahrt. »Glaub mir, Jen«, meinte sie gefährlich munter, »ich habe mir alles genau überlegt und das ist die einzige Möglichkeit.«

»Komisch, deine Ideen sind scheinbar immer die einzig möglichen«, murmelte Jen halblaut. »Egal, aber ich dachte, die Idee sei dir gerade erst gekommen? Sieh mal, ich würde es ohnehin nie schaffen, in diesen Kurs zu kommen«, ergänzte sie schnell. »Und selbst wenn, würde Dad mich sofort erkennen.«

»Unsinn. Du bist ein kluges Mädchen, Jen. Natürlich würden die dich nehmen. Und bei den mehr als dreitausend Menschen, die in den Bell Towers arbeiten, wäre es eher unwahrscheinlich, dass du ihm über den Weg läufst ...«

Harriets Stimme klang honigsüß, und Jen wusste nur zu gut, was sie im Schilde führte. Man gründet nicht eine eigene Firma für Umweltplanung und macht daraus ein dreihundert Mitarbeiter starkes Unternehmen, wenn man nicht in der Lage ist, Menschen dazu zu bewegen, Dinge zu tun, auf die sie sonst im Traum nicht kämen.

Lass ja nicht zu, dass sie dir mit ihrer Schmeichelei ein »Ja« abringt, ermahnte sich Jen.

»Du wärst wieder mittendrin«, fuhr Harriet fort. »Du würdest wirklich ... etwas erreichen.«

»Und wenn er gar nichts damit zu tun hat?«, fragte Jen, um Zeit zu schinden. Sie bemühte sich nach Kräften, sich entgegen ihrer üblichen Neigung mal nicht gleich Hals über Kopf in etwas zu stürzen, ohne vorher das Für und Wider abzuwägen. Und es kostete sie noch größere Mühe, sich klarzumachen, dass dieses MBA-Aufbaustudium eine denkbar ungeeignete Methode wäre, ihre gegenwärtige Lebenssinnkrise zu bewältigen.

»Dann wären wir des Rätsels Lösung, wer wirklich dahintersteckt, immerhin einen großen Schritt nähergekommen.«

Jen seufzte. Ihr war klar, dass sie geschlagen war, und sie kannte ihre Mutter lange genug, um zu wissen, dass sie nicht lockerlassen würde, bis Jen endlich zustimmte.

»Du hast das alles geplant, Mum, stimmt’s? Ich meine, die Idee spukt dir doch schon seit geraumer Zeit im Kopf rum, oder nicht?«

»Liebes, wofür hältst du mich?«, fragte Harriet mit gespielter Entrüstung. »Obwohl ich vorsorglich schon mal die Unterlagen für den Kurs angefordert habe. Die solltest du morgen im Briefkasten haben. Wer weiß, vielleicht macht es dir ja sogar Spaß.«

Jen lachte auf. »Spaß? Du bist wirklich nicht mehr zu retten. Ich habe mal eine ganze Woche lang auf einem Baum kampiert, und eins kann ich dir sagen, das ist ziemlich unbequem. Aber ich würde lieber noch mal einen ganzen Monat da oben einziehen, als in einem Raum voller dämlicher BWLer zu sitzen und ... was auch immer zu lernen.«

»Aber du machst es?«

Jen verzog das Gesicht. Sie sah sich in ihrer gemütlichen Wohnung um und dachte an ihren Schreibtisch bei Green Futures. So sehr sie die Beständigkeit ihres neuen Jobs und ihrer Wohnung auch genoss, fehlten ihr doch die Leidenschaft und vor allem die Aufregung ihres alten Jobs. Etwas musste passieren, und auf eine Chance wie diese hatte sie gewartet! Das war doch die Gelegenheit, etwas zu bewegen, und das sogar, ohne ihre Wohnung aufgeben zu müssen! Aber andererseits ging es hier nicht um irgendein aufregendes Abenteuer – es ging um ein betriebswirtschaftliches Aufbaustudium, wo sicher jede Menge langweiliger Streber mit Schlips und Kragen herumsaßen. Es wäre grässlich, nein, grässlich war gar kein Ausdruck. Und wenn Gavin davon erfuhr, würde er ihr das den Rest ihres Lebens unter die Nase reiben.

Es sei denn, sie würde einen Riesenskandal aufdecken, fiel ihr plötzlich ein. Sie könnte eine Heldin werden ...

»Aber ich trage kein Kostüm«, erklärte sie rundweg, um nochmal ein bisschen Zeit zu schinden. Gegen hübsche Schuhe und gelegentlich mal einen Bleistiftrock hatte sie gar nichts einzuwenden, aber Kostüme hasste sie wie die Pest, und das wusste Harriet ganz genau. Als sie Jen beschwatzt hatte, bei Green Futures anzufangen, war Teil ihrer Taktik gewesen zu betonen, wie locker die Kleiderordnung im Büro gehandhabt wurde, und sie gleichzeitig eindringlich davor zu warnen, so ziemlich jede andere Firma in London bestehe darauf, dass ihre Mitarbeiter in Kostüm und Anzug antanzten, sogar Umweltorganisationen wie Friends of the Earth.

Harriet lachte. »Das wird bestimmt nicht nötig sein. Aber wir müssen uns einen Namen für dich ausdenken. Ich glaube, Jennifer Bell auf das Anmeldeformular zu schreiben könnte ein paar Leute stutzig machen, oder?«

»Du redest, als hätte ich schon zugestimmt.«

»Hast du das denn nicht?«

Resigniert schüttelte Jen den Kopf. »Wie’s scheint, schon«, murmelte sie mit einem kleinen Lächeln. »Aber nur unter einer Bedingung.«

»Was immer du willst, Liebes.«

»Ich möchte, dass niemand etwas davon erfährt. Ich möchte nicht, dass du diese Sache zu einer deiner Dinnerparty-Klatschgeschichten verwurstet.«

»Ach, Jen.« Harriet klang gekränkt, doch Jen wusste, dass sie bloß enttäuscht war.

»Ich möchte nicht, dass du es irgendwem bei Green Futures erzählst, und deinen Freunden auch nicht. Niemandem. Ich meine es wirklich ernst.«

»Aber selbstverständlich, Liebes. Was denkst du von mir?« »Nicht mal Paul.«

Schweigen.

»Aber ich erzähle Paul alles ...«

»Tja, wenn du ihm das erzählst, blase ich alles ab.«

Wieder Schweigen, dann ein Seufzen. »Also gut. Ich sage kein Sterbenswörtchen.«

Jen runzelte die Stirn und fragte sich, ob ihre Mutter wohl in der Lage sein würde, dieses Versprechen auch zu halten. Dann zuckte sie die Achseln. »Hör zu, ich muss jetzt wirklich los. Okay?«

»Natürlich. Wir sehen uns dann am Montag. Und hör mal, du hast die richtige Entscheidung getroffen, ganz bestimmt.«

Dann legte Jen den Hörer auf und langsam dämmerte ihr, auf was sie sich da eigentlich eingelassen hatte. Das Telefon klingelte gleich wieder. Schnell ging sie dran.

»Was ist denn noch?«, blaffte sie ungehalten.

»Okay, okay, beiß mir nicht gleich den Kopf ab. Ich wollte bloß mal nachfragen, wann du vorhattest, hier aufzutauchen. Ich dachte nämlich, wir seien schon vor einer halben Stunde verabredet gewesen ...«

Es war Angel. Mist. Sie wollten in eine schicke neue Bar gehen, und Jen hatte noch nicht einmal angefangen, sich fertig zu machen. Sie schaute auf ihre Jeans hinunter und sprang auf.

»Entschuldige, ich bin aufgehalten worden. Du glaubst nicht, was mir gerade ... ich, ähm, bin gleich da. Gibst du mir zwanzig Minuten?«

»Zwanzig Minuten Jen-Zeit oder zwanzig Minuten normale Zeit? Deine zwanzig Minuten dauern nämlich immer doppelt so lange wie die von anderen Leuten ...«

Jen grinste reumütig. »Ich komme so schnell wie möglich, okay?«

Sie sauste ins Badezimmer und durchsuchte ihren Schrank nach etwas Tragbarem.

Ich mache ein MBA-Aufbaustudium, schoss es ihr wieder durch den Kopf, während sie diverse T-Shirts und Schuhe herauszerrte und umgehend verwarf. Ich mache allen Ernstes ein Aufbaustudium bei Bell Consulting.

Schon jetzt hatte sie das dumme Gefühl, einen schrecklichen Fehler zu machen.

Jen schaute an dem riesigen, grauen Gebäude hoch, vor dem sie stand, und versuchte sich einzureden, dass sie tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Irgendwie war ihr das Ganze wesentlich einfacher vorgekommen, als sie ihrer Mutter zugesagt hatte, sie werde dieses Aufbaustudium machen, und sich alles noch auf einer rein theoretischen Ebene abspielte. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie Vorstandssitzungen ausspionierte, auf den langen Fluren Gespräche belauschte und die Täter und ihre abscheulichen Verbrechen der Justiz überantwortete. Im Geiste hatte sie sich bereits als Heldin ihres eigenen kleinen Films gesehen, in dem sie (quasi im Alleingang) die Welt rettete und dafür einen Dankesbrief von der Queen erhielt. Selbst Angels Einwände, nun sei sie völlig durchgeknallt, hatten sie nicht beirren können. Dadurch hatte sie sich nur noch mehr gefühlt wie eine Rebellin, und das hatte die ganze Geschichte natürlich noch reizvoller gemacht.

Und dann war dieses Anmeldeformular in ihrem Briefkasten gelandet. Da stand, sie würde Essays schreiben müssen und Tests bestehen, sich von Männern in grauen Anzügen ausfragen und davon überzeugen lassen, dass eine Karriere als Unternehmensberaterin genau das war, was sie sich immer schon erträumt hatte, ja sogar mehr als das. Doch nun war sie tatsächlich dabei, geradewegs in die Büroräume von Bell Consulting zu marschieren und sich ihre erste Vorlesung anzuhören. Irgendwie hatte sie in ihren Tagträumen die unwesentliche Kleinigkeit außer Acht gelassen, dass sie ja dort wirklich ihren MBA-Abschluss machen musste.

Aber so schwer konnte das doch nicht sein, dachte sie sich. Bloß todlangweilig. Wie damals im Physikunterricht in der Schule. Oder in den Durkheim-Vorlesungen an der Uni. Jen hatte ein Semester lang Soziologie studiert, weil sie dachte, so einen Einblick in die Beweggründe menschlichen Verhaltens zu bekommen und vielleicht sogar den Schlüssel zum Glück zu entdecken. Stattdessen hatten sie sich wochenlang damit beschäftigt, warum Menschen zu Kriegszeiten seltener Selbstmord begehen. Angeblich war es dann irgendwann interessanter geworden, denn die, die weitergemacht hatten, erzählten ihr später immer wieder, wie toll es sei. Aber so lange hatte Jen nicht warten wollen. Sie hatte auf Philosophie umgeschwenkt und es nie bereut. Nun ja, bis sie dann die Vorlesungen über Hegel über sich ergehen lassen musste, aber da war es dann schon zu spät, noch einmal zu wechseln.

Egal, ermahnte sie sich, eigentlich ging es doch nur darum, in eine Rolle zu schlüpfen. Alle anderen würden sie für eine stinknormale BWL-Studentin halten und sie brauchte einfach nur mitzuspielen. So tun, als fände sie das alles unheimlich spannend. Schon bei dem Gedanken erschauderte sie. Sie hatte den Prospekt von vorne bis hinten durchgelesen und dabei erfahren, dass sie Dinge wie »innerbetrieblicher Strukturwandel von Unternehmensprozessen« und »Endgewinnmanagement« studieren würde. Das war so grässlich, darüber durfte man gar nicht nachdenken.

Andererseits machte sie wenigstens etwas Sinnvolles. Um ehrlich zu sein, hatte sie sich ja in der letzten Zeit doch des Öfteren ihre Gedanken gemacht, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen wollte. Irgendwie hatte sie nämlich der Gedanke beschlichen, dass sie an ihrem Schreibtisch bei Green Futures bloß die Zeit totschlug, und sie hatte sich sogar auch schon gefragt, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, sich von Gavin zu trennen. Sie war sich einfach nicht mehr ganz sicher, ob ihr Platz im Leben in London war, ja, sie wusste nicht einmal mehr so genau, wer sie eigentlich war.

Irgendwie hatte sie sich etwas anderes darunter vorgestellt, bei Green Futures zu arbeiten. Als die Firma noch ganz neu war, da war ihre Mutter beinahe so etwas wie ein Star und in aller Munde gewesen. Ihre war die erste Unternehmensberatung, die über die soziale Verantwortung großer Firmen redete und sich so weit aus dem Fenster lehnte zu fordern, dass Unternehmen nicht einfach alles machen durften, was ihnen gerade in den Sinn kam, nur um ihre Gewinne immer mehr zu maximieren. Zu Jens Schul-und Studienzeit meinten alle, Jens Mutter sei die coolste überhaupt, und auch Jen selbst hatte das gedacht. Sie war wirklich sehr stolz auf sie gewesen und das hatte sie ein bisschen dafür entschädigt, dass ihr Vater durch und durch ein Mistkerl war, der Unternehmen das genaue Gegenteil predigte, nur auf Profit aus war und sich einen Dreck um so unbedeutende Dinge wie Menschen oder die Erderwärmung scherte.

Auch die Medien waren begeistert gewesen. Vor der Gründung ihrer eigenen Firma hatte Harriet schließlich bei Bell Consulting gearbeitet. Ihre Trennung von George Bell und die Gründung ihrer Konkurrenzfirma füllten wochenlang die Kolumnenspalten der Tageszeitungen. Damals war Harriet in schönster Regelmäßigkeit auf den Titelseiten von Newsweek, The Economist und Time zu sehen. Sie machte Schlagzeilen und fand es toll.

Aber Jen hatte einsehen müssen, dass Green Futures eine Firma wie jede andere war. Büros mit jeder Menge Schreibtischen, an denen Leute saßen, die wild auf die Tastatur einhackten und neben der (Bio-)Kaffeemaschine über ihre Kinder/Haustiere/Hobbys redeten. Früher einmal mochte es eine revolutionäre Firma gewesen sein, aber heutzutage wirkte sie ein bisschen ... müde. Und um ehrlich zu sein, hatten sie nicht mehr annähernd so viele Kunden wie damals. Auch andere Unternehmensberatungen waren auf den umweltfreundlichen Zug aufgesprungen und ihre Mutter schien nicht wahrhaben zu wollen, dass sie nicht mehr die große Berühmtheit war. In vielerlei Hinsicht war Jen regelrecht erleichtert, da herauszukommen.

Vom Regen in die Traufe, dachte Jen verdrießlich und schaute sich den Riesenkasten noch einmal genauer an. Bell Towers, einzig dazu erbaut, sämtliche Leute, die ihre Schwelle überschritten, einzuschüchtern und zu beeindrucken. Eigentlich hatte sie sich nie vorstellen können, jemals für einen Elternteil zu arbeiten, und jetzt sah es ganz danach aus, als würden am Ende beide ihre Arbeitgeber. Aber nicht lange, beruhigte sie sich. Das ist bloß Mittel zum Zweck.

Jen zwang sich zu einem Lächeln und marschierte durch die Tür, und ehe sie sich versah, stand sie am Empfang und trug sich ein.

»Bist du auch im MBA-Kurs?«

Jen schaute auf und in das ernste Gesicht des Typen neben ihr im Aufzug.

»Weil du in den siebten Stock willst«, ergänzte er hastig. »Ich glaube, in der Etage gibt es keine Büros, bloß, du weißt schon, Hörsäle.«

Kurz betrachtete sie sein Gesicht. Ein bisschen pummelig, ziemlich rosige Wangen, die Brille etwas beschlagen. Ein geradezu mustergültiger BWLer, wie er im Buche stand. Sie merkte, dass er sie ebenfalls musterte und kritisch die Augenbrauen hochzog, als sein Blick an ihren Jeans und den Ugg Boots hängen blieb. Eigentlich hatte sie ein paar seriösere Klamotten kaufen, sich das passende Kostüm für ihre Rolle zulegen wollen, aber irgendwie war sie bisher nicht dazu gekommen. Und außerdem hatte in der Broschüre gestanden, die Kleiderordnung verlange eine »sportlich-elegante« Garderobe. Und für den Anfang tat es doch wohl auch eine der beiden beschriebenen Varianten.

»Ja, bin ich«, murmelte sie abweisend, ehe ihr wieder einfiel, dass sie sich ja auch wie eine vorbildliche BWLerin verhalten sollte.

»Ich auch!«, sagte er überflüssigerweise. Er schleppte vier Lehrbücher und einen mit Notizen vollgestopften und sorgsam mit BELL MBA-KURS, ALAN HINCHCLIFFE beschrifteten Ordner mit sich herum. »Ich heiße Alan, nett, dich kennenzulernen. Und, hast du dich schon vorbereitet? Ich habe angefangen, über angewandte Strategie zu lesen, aber das meiste davon habe ich schon in meinem BWL-Studium durchgenommen, also habe ich mich mehr auf strategische Unternehmensführung konzentriert – dieses hier ...« Er zeigte auf das größte der drei Lehrbücher. Jen starrte ihn ungläubig an, dann riss sie sich zusammen. Ich bin MBA-Studentin, sagte sie sich immer wieder. Ich muss so tun, als interessierte mich dieser ganze Quatsch.

»Ich ... ähm ... weißt du, habe hier und da mal reingeschaut«, stotterte sie in der Hoffnung, Alan möge sie über keins davon ausquetschen. »Ich bin übrigens Jennifer. Jennifer Bellman.« Ihr sträubten sich die Nackenhaare, den Namen laut auszusprechen, aber sich einen neuen Nachnamen auszudenken war gar nicht so einfach, wie es sich anhörte. Sie hatte dieses Problem immer wieder aufgeschoben, bis sie das Anmeldeformular ausfüllen musste, und dann war sie eine gute halbe Stunde lang durch ihre Wohnung getigert auf der Suche nach einer Inspiration – Jennifer Fernseher, Jennifer Lampe, Jennifer Wand. Dann hatte sie im Telefonbuch geblättert und ein paar der Namen ausprobiert, aber sie hatte höllische Angst davor, sich einen auszusuchen, der ihr dann im entscheidenden Moment nicht mehr einfiel. Also hatte sie sich schließlich für Bellman entschieden, die einfallsloseste Abänderung von Bell, die man sich vorstellen konnte. Aber die würde sie sich wenigstens merken können.

Vorsichtig schob Alan seine Unterlagen auf den linken Arm und streckte ihr die nun freigewordene Rechte hin. Jen starrte sie einen Moment lang an, bis sie begriff, dass sie sie schütteln sollte. Was sie dann auch tat, und dabei lächelte sie ihn unsicher an.

»Wollen wir?«, fragte sie und spähte beklommen in Richtung Hörsaal.

»Ach, ja. Auf geht’s!«

Gemeinsam betraten sie den Saal und suchten sich zwei Plätze nebeneinander. Der Raum war voll – ungefähr fünfzig Leute waren da, alle Ende Zwanzig bis Anfang Dreißig, und alle sahen furchtbar ernsthaft aus.

Jen nahm ihren Stundenplan heraus. Eine Einführung, gefolgt von angewandter Strategie, gefolgt von einer Mittagspause, danach eine kurze Wiederholung von angewandter Strategie, dann Ende.

Sie sah sich im Hörsaal um und wartete.

»Ist hier noch frei?« Jen schaute auf und blickte geradewegs in ein großes, rundes Gesicht mit einem breiten Lächeln, umrahmt von blonden Haaren. »Du bist die einzige andere Jeansträgerin hier, und die Einzige, die auch nur annähernd nett aussieht, wenn du also nichts dagegen hast ...«

»Nein, ich schätze nicht«, murmelte Jen zweifelnd. Sie wusste nicht so recht, ob sie auf eine MBA-Studentin nett wirken wollte.

»Ich sage dir«, fuhr ihre neue Nachbarin fort, während sie sich setzte und Block, Stifte, Bücher und Ordner hervorkramte, »in diesem Kurs kriegen wir eine Menge zu lesen. Ein echter Albtraum.« Sie sah sich um und runzelte missbilligend die Stirn. »Nicht besonders viele Hingucker, oder?«

Jen zog erstaunt die Brauen hoch. »Hingucker?«

»Männer. Lieber Gott, das ist doch der einzige Grund, weshalb ich überhaupt hier bin. Ich sage dir, ich habe es schon in etlichen Bars probiert, ich habe es mit Internet-Kontaktbörsen versucht, ich habe mir sogar einen Hund gekauft, verdammt noch mal, aber alles ohne Erfolg. Es gibt gar keine alleinstehenden Männer in London, soweit ich feststellen konnte. Jedenfalls keine normalen, die vor allem nicht aussehen, als seien sie in ihrer Freizeit als Axtmörder unterwegs. Bis mir aufgefallen ist, dass immer mehr Leute ›MBA‹ in ihre Beschreibung auf den Kontaktseiten setzen. Und da habe ich mir gedacht – warum warten, bis die das Studium abgeschlossen haben? Warum nicht gleich an der Quelle angeln?«

Jen starrte sie an. »Du machst diesen MBA-Kurs bloß, um Männer kennenzulernen?«

»Klar. Und du?«

Jen grinste vor Erleichterung, eine Hochstaplerkollegin getroffen zu haben. »Ach, ich hatte bloß ein bisschen Zeit totzuschlagen. Ich heiße übrigens Jen. Jen ... Bellman.«

Sie lächelte. »Lara. Ich heiße Lara. Nett, dich kennenzulernen.«

Ein Mann spazierte in den Hörsaal und baute sich vorne vor ihnen auf. Allmählich verstummten die Gespräche und alle wandten sich stattdessen ihm zu. Er hatte ein sehr markantes Kinn, wie Jen bemerkte, und hellblonde Haare.

»Guten Morgen, Leute«, sagte er mit New Yorker Akzent. »Ich bin Jay Gregory, und ich bin der Studienleiter des MBA-Aufbaustudiums von Bell Consulting. Ich freue mich sehr, Sie alle an Bord begrüßen zu dürfen – ich weiß, dass Sie sich gegen harte Konkurrenz durchsetzen mussten, um es bis hierher zu schaffen, also sitzt ein ziemlich erlesener Haufen hier in diesem Raum.«

Ein Raunen ging durch den Saal, und alle winkten betont bescheiden ab, so toll sei man doch gar nicht, nur um gleichzeitig anzudeuten, würde man sie drängen, seien sie durchaus davon zu überzeugen, doch ein ziemlich klasse Haufen zu sein.

»Meinst du, der hat sich die Haare gefärbt?«, zischte Lara. Jen rümpfte die Nase.

»Würdest du deine Haare in so einer Farbe färben?«, zischte sie zurück.

»Hat Andy Warhol auch gemacht.«

Jen zuckte die Achseln und grinste Lara an.

»Aber was Sie bisher gemacht haben ist Kinderkram verglichen mit diesem Studium«, fuhr Jay fort, »Das kommende Jahr wird das schwerste, das sie je durchgemacht haben. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie jederzeit absolutes Engagement zeigen, sich einbringen und Einblicke gewähren. Und Sie werden in Gruppen arbeiten, damit Sie die Bedeutung von Teamwork schätzen lernen, die Notwendigkeit, als Einheit zusammenzuarbeiten statt als Einzelkämpfer. Sie haben Zeit bis Juni, meine Damen und Herren – neun sehr aufregende Monate –, und ich hoffe, Sie werden sie nutzen.«

Jen sträubten sich die Nackenhaare, als einige »Machen wir« sagten und Jay daraufhin anerkennend nickte.

»Und jetzt«, fuhr er fort, »freue ich mich, Ihnen unseren Dozenten für angewandte Strategie vorstellen zu dürfen, Professor Richard Turner. Viele von Ihnen werden schon von Richard gehört haben – er gehört zu den führenden Strategen Europas und hat mehr Bücher geschrieben, als die meisten von Ihnen je lesen werden. Ich bin mir sicher, von diesem Mann werden Sie eine Menge lernen – ich übergebe dir das Wort, Richard.«

Ein ziemlich hagerer grauhaariger Mann stand auf und Jen stellte mit Genugtuung fest, dass er wesentlich mehr nach Akademiker aussah – ausgestattet mit diesen maulwurfsähnlichen Gesichtszügen, die Leute bekamen, die ihr ganzes Leben in Bücher vergraben mit Lesen zubrachten.

Ein paar Minuten lang sah er sich nur im Raum um und alle saßen ganz still und warteten darauf, dass er anfing zu sprechen.

»Coca-Cola«, sagte er schließlich. »Stellen Sie sich vor, aus irgendeinem Grund gehen die Verkaufszahlen in den Keller. Sollte man Ihrer Meinung nach nun unter einem anderen Namen Billigcola für Supermarktketten produzieren, um den Absturz des Markennamenwertes abzufangen?«

Alle guckten sich zögernd an, dann sah Jen, wie ein Typ ganz vorne die Hand hob. Der Professor gab ihm ein Zeichen zu reden.

»Nein, denn warum sollte dann noch irgendwer die echte Cola kaufen?«, erklärte er, und viele nickten zustimmend.

»Macht Kellogg’s doch auch«, warf Richard ein. »Und die Leute kaufen trotzdem weiter Cornflakes, oder etwa nicht?«

»Finde ich auch«, rief ein Mädchen ganz in Jens Nähe schnell. »Die Verbraucher sind immer weniger markenfixiert, und immer mehr Supermärkte lancieren die Produkte ihrer Eigenmarken.«

»Aber dann ist Coca-Cola bald nicht mehr von den anderen zu unterscheiden. Und wichtiger noch, sie sind den Supermärkten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, die sich jederzeit für einen anderen, billigeren Cola-Produzenten entscheiden können, und nur anhand der Verpackung könnte man den Unterschied nicht mal bemerken. Eine Situation, über die ich als Vorstandsmitglied von Coca-Cola nicht gerade glücklich wäre.«

Schweigen machte sich breit und das Mädchen wurde puterrot.

»Willkommen im Strategiekurs«, sagte der Professor mit einem kleinen Lächeln. »Und wenn Sie in diesem Kurs eins lernen – und nur dieses eine –, dann bitte Folgendes: Sie können externe Faktoren analysieren, Sie können interne Faktoren analysieren und Sie können Voraussagen treffen, so viel Sie wollen. Aber Sie können die ganze Sache immer noch vermasseln, weil die Welt da draußen sich nicht im Geringsten um Ihre Strategien schert. Sie verändert sich. Ihre Kunden verändern sich, ihre Zulieferer verändern sich. Und wenn Sie da nicht mithalten, wenn Sie nicht in der Lage sind, blitzschnell zu reagieren, dann wird es Ihnen ergehen wie den Dinosauriern. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Alle nickten.

»Ich persönlich finde«, fuhr der Professor fort, »dass Sie recht haben.« Er sah den Typ an, der gesagt hatte, Coca-Cola solle für niemand anderen produzieren. »Aber das heißt nicht, dass ich nicht morgen schon völlig falsch liegen könnte.«

Der Typ nickte ernst und Jen konnte es sich nicht verkneifen, entnervt aufzustöhnen. Wen interessierte es denn, ob Coca-Cola für jemand anderen produzierte? Cola war ein ekelhaftes, überzuckertes Gesöff, das einem die Zähne wegfraß. Und dass sie nur wegen dieser Vorlesung jetzt plötzlich große Lust hatte, eine zu trinken, setzte dem Ganzen die Krone auf.

1

Saublödes MBA-Studium. Jen knallte vier riesige Lehrbücher und zwei Ordner auf den Küchentisch und schüttelte die Arme aus. Sie zitterten vor Anstrengung, weil sie die schwere Last den ganzen Weg von der U-Bahn hatte nach Hause schleppen müssen. Niemand hatte sie davor gewarnt, was für ein gigantisches Lesepensum in diesem Kurs auf sie zukommen würde. Und was für eine gigantische Traglast. Vergesst die Auswahlgespräche, die sollten die potenziellen Kandidaten lieber einem Fitnesstest unterziehen. Grundlagen der Unternehmensführung durch die Gegend zu bugsieren war kein Pappenstiel.

Sie steuerte geradewegs auf die Flasche Wein zu, die sie am Abend zuvor aufgemacht hatte, goss sich ein Glas ein, setzte sich und funkelte wutentbrannt die Bücher auf dem Tisch vor sich an. Fünf Stunden Vorlesungen hatte sie über sich ergehen lassen müssen. Die halbe Stunde »Teambildung« nicht mitgerechnet, in der sie und Lara und Alan zusammen in einen Raum gehen und drei Dinge übereinander in Erfahrung bringen mussten, die sie vorher nicht gewusst hatten. Herrje, das war einfach so was von nervtötend. Warum um alles in der Welt musste sie erfahren, dass Alan Geschichtsbücher mochte, in Hampshire auf die Welt gekommen war und seine Kindheit in Wales verbracht hatte? Und obwohl es ganz interessant war, dass Lara BH-Größe 75 DD hatte, war es ihr doch ziemlich unangenehm gewesen, diese Information an den ganzen Kurs weitergeben zu müssen.

Vor allem, weil sie selbst eher 75 B trug und sich lebhaft vorstellen konnte, wie die anderen sie daraufhin insgeheim mit Lara verglichen.

Jen seufzte. Es war gerade mal der erste Tag. Sicher würde es noch besser werden.

Aber was, wenn nicht? Was, wenn es nur noch schlimmer wurde? Was, wenn sie den ganzen Tag Teambildungsübungen machen musste und nicht mal ansatzweise dazu kam, das zu tun, wofür sie eigentlich dort war – nämlich, um eine Verschwörung aufzudecken und ihren Vater als den Mistkerl bloßzustellen, der er ihrer Meinung nach war. Sie hatte keinen Schimmer, wie sie es anstellen sollte, überhaupt an Informationen zu kommen, und den ganzen Tag im Hörsaal zu sitzen war dabei nicht unbedingt eine große Hilfe.

Jen trank den Wein in einem Zug aus und schenkte sich gleich noch ein Glas ein. Vielleicht sollte sie Alkoholikerin werden, überlegte sie. Wenn sie dauernd betrunken war, würde es ihr vielleicht nicht so viel ausmachen, den ganzen Tag in hirntötenden Vorlesungen über Firmenstrategien zu sitzen.

Sie verzog das Gesicht. Oder auch nicht.

Ganz langsam stand sie auf und trottete durch die Hintertür zu dem kleinen Areal, das sie als Garten bezeichnete, das aber eigentlich viel zu klein war, um diesen hochtrabenden Namen zu verdienen. Das Ganze maß drei Meter mal eineinhalb Meter, ein winzig kleines Fleckchen Erde, das sie in den letzten paar Monaten in einen wunderschönen Ort zum draußen Sitzen verwandelt hatte, inklusive Kräutern und Kletterpflanzen, die sich überall hochrankten.

Machte sie sich nur etwas vor, wenn sie glaubte, sie könne wirklich etwas erreichen, indem sie sich bei Bell Consulting he rumtrieb? Ging es hier wirklich um Firmenspionage und darum, ihren Vater der Justiz zu übergeben, oder musste sie sich bloß selbst etwas beweisen? Sie wusste, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, sich von Gavin zu trennen, und auch, dass sie sich ein eigenes Leben aufbauen musste. Aber ob das wirklich der richtige Weg war? Hoffte sie nicht insgeheim, dass er davon erfahren würde? Dass er beeindruckt wäre? Dass er einsehen würde, dass er kein Monopol auf Heldentaten hatte?

Jen musste über sich selbst lachen. Einen MBA-Abschluss zu machen sollte eine Heldentat sein? Das grenzte ja schon fast an Wahnvorstellungen.

Etwas irritiert schaute sie sich um. Hier geriet alles ein wenig aus der Kontrolle. Die Clematis fing an, alles zu überwuchern, am Jasmin mussten die vertrockneten Blüten abgeknipst werden, das arme Basilikum war ganz welk geworden und der Rosmarin schon völlig vertrocknet. Es wunderte sie nicht – ihre Pflanzen waren nicht dafür gerüstet, sich ganz allein im rauen Londoner Klima, der dreckigen Luft und dem wechselhaften Wetter zu behaupten. Allerdings war sie auch nicht davon überzeugt, dass es bei ihr selbst anders war.

»Was meint ihr, sollen wir zusammen nach Südfrankreich abhauen?«, fragte sie ihre Pflanzen in lockerem Plauderton und streifte sich die Gartenhandschuhe über.

Langsam und systematisch machte Jen sich daran, ihre Pflanzen zu gießen und zu beschneiden, behutsam die Erde zu lockern, Kompost und Dünger einzuarbeiten und wieder eine gewisse Ordnung in ihrer kleinen Enklave herzustellen. Das war das Einzige, wofür sie sich immer genügend Zeit nahm. Das Einzige, was sie immer ganz in Ruhe und ohne Hast erledigte. Und das Einzige, worauf sie wirklich richtig stolz war. Es war zwar keine herausragende Leistung, schließlich handelte es sich nur um ein paar Quadratmeter Erde mit ein paar Pflänzchen, aber jedes einzelne davon hatte sie mit ihren eigenen Händen gepflanzt. Niemand hatte hier mitgeredet oder sich eingemischt – ja, eigentlich wusste niemand außer ihr von der Existenz dieses Gartens. Der zudem auch noch ziemlich praktisch war, wenn man gerade einen Tomaten-Mozzarella-Salat mit Basilikum zubereitete.

Sie lehnte sich zurück und begutachtete ihre Arbeit. Den Kräutergarten hatte sie ganz links in der Ecke angelegt, rechts davon, wo es am sonnigsten war, hatte sie Jasmin und Clematis gepflanzt, die den ramponierten Zaun zum Nachbargrundstück verdeckten. Und ganz vorne, seitlich neben dem kleinen gepflasterten Stück, auf das sie einen winzigen Tisch und zwei Stühle gequetscht hatte, standen Unmengen von Töpfen mit himmlisch duftendem Lavendel.

Alles ziemlich zähe Gewächse. Nichts, was dem durchschnittlichen Hobbygärtner Ärger machte. Aber nichtsdestotrotz eine reife Leistung. Und gut riechen tat es auch.

Zufrieden flitzte sie hinein, schnappte sich den Wein, ging dann wieder nach draußen und setzte sich auf einen der wackligen Stühle. Das Leben erschien einem so einfach, wenn man hier draußen war, dachte Jen. So elementar – Leben, Erneuerung und Tod waren die einzig beherrschenden Prinzipien. Pflanzen mussten sich keine Gedanken über Exfreunde, entfremdete Elternteile und strategische Ausrichtung machen. Sie lebten einfach, wuchsen der Sonne entgegen und trieben auf der Suche nach Wasser und Nährstoffen ihre Wurzeln in den Boden. Und zäh waren sie auch noch – Jen sah kaum etwas lieber als das kleine Unkraut, das sich durch den Asphalt bohrte und damit eindrucksvoll die Kraft der Natur unter Beweis stellte. Und das erinnerte sie im mer wieder daran, dass die Menschen, trotz aller Häuser, Straßen und Computer, die sie gebaut hatten, Mutter Natur nie ganz würden zähmen können.

Jen seufzte und trank noch einen Schluck Wein. Ihre eigene Mutter zu zähmen war mindestens genauso schwer, musste sie sich eingestehen, während ihr Blick für einen Moment auf der Clematis ruhte. Sie runzelte die Stirn. Die Pflanze hatte sich um die Drähte gerankt, die sie eigens zu diesem Zweck gespannt hatte, wickelte sich aber auch schon um seinen Nachbarn, den Jasmin, der sich im Gegenzug in und um den Zaun geschlungen hatte und jede Spalte und jedes Loch gnadenlos ausnutzte. Und dort, zu Füßen dieser beiden Pflanzen, stand eine kleine Gardenie, deren zaghafte Wachstumsversuche von den beiden rücksichtslosen Kletterern zunichtegemacht wurden.

Die Gardenie hatte sie noch nie gesehen – gepflanzt hatte sie die jedenfalls nicht. Schnell nahm sie ihre Pflanzkelle und grub, mit den bloßen Händen tastend, behutsam die Wurzeln aus und hob dann die Pflanze aus ihrem Loch.

Sie grübelte, wie und durch wen sie wohl dort gelandet sein mochte. Die linke Seite ihres Gartens war zu schattig, und auf der rechten wäre sie auf Gedeih und Verderb den Kletterpflanzen ausgeliefert, die in ihrem ungehemmten Wachstum unbarmherzig alles überwucherten.

»Wohin würde ich gerne gepflanzt werden?«, fragte sie sich laut. »Lieber in den Schatten oder in die Sonne? Allein oder da, wo ich um meinen Platz kämpfen müsste?«

Schließlich entschied sie sich für einen kleinen Flecken unweit der Clematis und grub ein Loch. Das füllte sie mit Kompost und Erde, setzte die kleine Pflanze vorsichtig hinein und begoss sie kurz mit einem ordentlichen Schluck Wasser. Dann setzte sie sich wieder hin und genoss die letzten Minuten der warmen Herbstsonne auf dem Gesicht, bevor diese wieder hinter der Mauer verschwand.

Gerade als sie anfing, sich zu entspannen, und die Gedanken wegschweifen ließ von ihrer Mutter und Gavin, klingelte das Telefon und zerriss ihre friedlichen Tagträumereien. Widerstrebend ging Jen hinein und griff nach dem Hörer.

»Und, wie war’s?«, tönte ihr die Stimme ihrer Mutter entgegen und beinahe wünschte Jen sich, sie wäre nicht drangegangen. Vielleicht sollte sie sich ein Beispiel an der Gardenie nehmen – hätte sie Harriets Anrufe etwas häufiger ignoriert, würde sie vermutlich gar nicht erst diesen Kurs machen müssen und hätte jetzt auch keine malträtierten Arme und keine Kopfschmerzen.

»Ach, Mum. Hi. Ja, es war ... na ja, du weißt schon. Es war ganz okay.«

»Hast du deinen Vater gesehen? Hast du irgendwas herausgefunden?«

Jen seufzte. »Mum, das war gerade mein erster Tag. Nein, ich habe ihn nicht gesehen, und nein, ich habe auch noch nichts herausgefunden. Ich habe den ganzen Tag in völlig bescheuerten Vorlesungen gesessen. Und ehrlich gesagt bin ich todmüde und bekomme gerade schreckliche Kopfschmerzen ...«

»Ach herrje«, rief Harriet, aber Jen fand nicht, dass sie dabei besonders mitfühlend klang.

»Na ja, wie dem auch sei, wie steht’s denn bei dir? Irgendwas Neues im Büro?«, fragte Jen betont locker. Sie wollte irgendetwas hören, das überhaupt nichts mit Firmenstrategie zu tun hatte, und wäre sogar so weit gegangen, sich die Märchengeschichten ihrer Mutter anzuhören, wenn schon nichts anderes zur Wahl stand.

»Ach, weißt du, das Übliche. Nächste Woche haben wir eine Sitzung, zu der du vielleicht auch kommen solltest – zum Thema heilige Weiblichkeit. Weißt du noch, darauf sind wir in unserem Buchclub gekommen, als wir Sakrileg gelesen haben. Wir treffen uns, um Strategien auszuarbeiten, wie man wirtschaftlichen Erfolg erzielen kann, indem man die heilige Weiblichkeit in uns allen – auch in unseren Kunden – stärkt. Ich glaube, das könnte eine ganz große Sache für uns werden.«

Jen rümpfte die Nase. So ein Gespräch hatte sie nicht gerade im Sinn gehabt.

»Die heilige Weiblichkeit?«, fragte sie ungläubig, betrachtete ihre Fingernägel und fragte sich, wie Lara es schaffte, dass ihre Fingernägel so lang und glänzend waren. Jen war noch nie der Typ für lange, glänzende Fingernägel gewesen, und eigentlich wollte sie es auch nicht werden, aber interessiert hätte es sie trotzdem. »Ich dachte, Sakrileg sei eine erfundene Geschichte.«

Jen hörte ihre Mutter verächtlich schnauben.

»Erfunden? Glaubst du das wirklich? Die größte Verschwörung aller Zeiten wird endlich aufgedeckt und du glaubst, das sei alles bloß erfunden?«

Jen musste grinsen, als ihre Mutter zu einer leidenschaftlichen Verteidigung des Romans und seiner Theorien ansetzte.

»Und du meinst, das würde helfen, wieder mehr Kunden anzulocken?«, frage Jen schließlich.

»Da bin ich mir ganz sicher. Die Idee ist mir gekommen, als ich gerade mit Paul Kristalle aussuchte, und es war beinahe wie eine Vision, so klar habe ich alles vor mir gesehen.«

Jen stöhnte auf. Die Marotten ihrer Mutter waren eine Sache, aber die Marotten von Paul »der Nervensäge« Song, Feng-Shui-Experte und Harriets neuester Guru, waren etwas ganz anderes. Jen wusste, sie sollte wohl etwas nachsichtiger sein, aber jemand, der in langen, wallenden Hosen herumlief und über Kristalle und Meditation schwadronierte, der verdiente es ihrer Meinung nach nicht, ernst genommen zu werden. Ihre Mutter kannte ihn erst seit ein paar Wochen, aber schon jetzt ließ sie seinen Namen im Gespräch so häufig fallen, als kenne sie ihn schon ihr ganzes Leben lang.

»Jetzt suchst du schon Kristalle mit ihm aus. Wie romantisch«, bemerkte Jen sarkastisch. Harriet entging ihr Tonfall nicht.

»Ich weiß, in deinem Alter glaubt man, alles dreht sich nur um Sex, Liebes, aber manche Menschen lassen das Körperliche irgendwann hinter sich und wenden sich dem Geistigen zu«, erklärte sie schnippisch. »Ich weiß nicht, warum du Paul nicht magst, aber ich finde, das wirft kein gutes Licht auf dich. Er ist mir eine große Stütze, wirklich. Und er versteht mich, wie niemand anderes mich versteht ...«

»Du meinst, weil er dich länger quasseln lässt als alle anderen«, gab Jen betont liebenswürdig zurück. »Sieh mal, ich bin mir sicher, dass deine Idee mit der heiligen Weiblichkeit ein Knaller ist, aber ich fürchte, ich habe alle Hände voll mit diesem kleinen MBA-Studium zu tun, das ich mir da aufgehalst habe. Du wirst also wohl leider auf mich verzichten müssen.«

»Gut«, erwiderte Harriet abweisend. »Ach, und habe ich schon erwähnt, dass ich uns einen Tisch bei der Tsunami-Spendengala reserviert habe? Du kommst doch mit, oder?«

»Nein, das hast du noch nicht erwähnt«, erwiderte Jen bestimmt. Wohltätigkeitsabende hatte sie schon einige erlebt, und die reichten ihr für alle Zeiten. Da liefen lauter Leute herum, die dachten, bloß weil sie 80 Pfund für eine Karte bezahlt hatten, seien sie die weltgrößten Experten für das jeweilige Anliegen, und außerdem war kaum einer der Anwesenden unter fünfzig.

»Doch, habe ich ganz bestimmt. Schon am kommenden Freitag. Die Karten waren sehr teuer.«

»Tja, dann hättest du mal was sagen sollen. Ich bin am Freitag mit Angel verabredet ...«

Und außerdem bin ich, glaube ich, etwas zu alt, um freitags abends noch mit meiner Mutter auszugehen, hätte sie am liebsten hinzugefügt, verkniff es sich aber lieber.

Harriet seufzte theatralisch. »Ich dachte, es sei dir wichtig, Jennifer. Ehrlich, ich kaufe dir eine Karte für das Tsunami-Dinner, im Wissen, dass Bell Consulting auch einen Tisch hat, und dir ist es zu viel –«

»Dad kommt auch?«, unterbrach Jen sie und war augenblicklich ganz ernst.

»Nein, dein Vater nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er an einer Wohltätigkeitsveranstaltung teilnimmt. Aber ein paar seiner Berater gehen hin. Ich kenne die Veranstalter, musst du wissen. Und die haben mir freundlicherweise einen kleinen Blick auf die Gästeliste gestattet. Aber wenn dir deine privaten Verabredungen wichtiger sind, dann habe ich dafür vollstes Verständnis.«

»Ich glaube, ich sehe diese Woche mehr von Bell, als mit lieb ist«, meinte Jen widerwillig. Sie hörte schon jetzt diese kleine Stimme im Kopf, die ihr einflüsterte, nicht gleich kategorisch auszuschließen, vielleicht doch hinzugehen.

»Und ich dachte, dir lägen diese armen Menschen, deren Leben in Trümmern liegt, wirklich am Herzen«, jammerte Harriet mit einem leichten Kieksen in der Stimme. »Meinst du nicht, ein festliches Abendessen, bei dem Wein und Champagner in Strömen fließen, wäre eine gute Gelegenheit, die Leute in ihrer Feierlaune zu überrumpeln? Gespräche zu belauschen, die sie vielleicht auf dem Gang im Büro nicht führen würden?«

Jen seufzte. Wie ihre Mutter das bloß immer wieder schaffte, fragte sie sich. Einem das Neinsagen beinahe unmöglich zu ma chen.

»Wann geht es los?«, fragte sie resigniert.

»Halb acht oder acht. Ach, das wird bestimmt ein Spaß!«

Was ich irgendwie ernsthaft bezweifle, dachte Jen und legte den Hörer auf.

2

Jen betrachtete sich missgelaunt im Spiegel. Es war Freitagabend und eigentlich würde sie jetzt lieber tanzen gehen. Aber statt die Stadt unsicher zu machen, hatte man sie gezwungen, ein lächerliches Kleid anzuziehen und mit ihrer Mutter, Paul »der Nervensäge« Song und einem Haufen Green-Futures-Typen zu einem Dinner zu gehen. Sie stöhnte. Als sie sich von Gavin getrennt hatte und wieder nach London gezogen war, hatte sie sich ihr neues Leben nicht unbedingt so vorgestellt.

Jen drehte sich um und betrachtete ihre Rückansicht. Sie trug ein Kleid, das sie seit beinahe acht Jahren besaß – normalerweise hatte sie kaum Verwendung für ein Cocktailkleid, und unter keinen Umständen würde sie sich dazu hinreißen lassen, ihr schwer verdientes Geld für ein Kleidungsstück auszugeben, das sie vermutlich nie im Leben wieder anziehen würde. Irgendwie spannte es an allen Stellen, an denen es früher ihre Kurven schmeichelhaft betont hatte. Hatte sie wirklich zugenommen, fragte Jen sich, oder war das Kleid womöglich doch in der Reinigung eingelaufen?

Um die wahrscheinlichere der beiden Antworten zu ignorieren, kramte sie schnell einen alten Pashmina-Schal hervor und drapierte ihn um das Kleid. Dann schlüpfte sie in die hochhackigsten Schuhe, die sie finden konnte. Toll war zwar etwas anderes, aber es würde reichen. Schließlich ging sie ja nicht richtig aus, es war bloß ein Geschäftsessen. Da kam es nicht so drauf an, wie man aussah.

Sie schnappte sich ihre Handtasche, trat auf die Straße und hielt ein Taxi an.

»Was für ein hübsches Kleid!« Harriet strahlte Jen an und wandte sich dann gleich wieder Paul zu. »Hab ich nicht recht?«

»Du siehst bezaubernd aus«, stimmte Paul ihr zu und Jen zwang sich zu einem Lächeln. Das Kleid war entsetzlich, aber ihr war inzwischen alles egal. Das Dinner fand im Lanesborough Hotel nahe Hyde Park Corner statt und die betuchten Londoner waren in Scharen erschienen, zumindest die mit den grauen Haaren, wie Jen feststellte. Überall roch es nach Puder und schwerem, süßem Parfum.

Jen versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass sie jetzt eigentlich mit Leuten in ihrem Alter in einer netten Bar sitzen sollte, und sah sich um. Es war ja für einen guten Zweck, sagte sie sich, obwohl sie genau wusste, dass Gavin sich totlachen würde, wenn er sie jetzt sähe. »Ja klar, dich in ein kleines Schwarzes zu zwängen wird garantiert die Welt retten«, würde er sarkastisch bemerken. »Ein Haufen alter aufgebrezelter Schachteln? Ich bitte dich ...«

Und er hätte sogar recht, musste Jen sich mit einem Seufzen eingestehen. Aber wo sie jetzt schon mal da war, konnte sie ja auch das Beste daraus machen.

Sie erspähte einen Kellner, der mit einem vollen Tablett Champagnergläser vorbeiging, und nahm sich dankbar eins herunter.

»Jen!«

Sie grinste. Es war Tim, der Leiter der Finanzabteilung von Green Futures. »Hi, Tim, wie geht’s?«

Er lächelte gequält. Auch er hatte seine Hose offensichtlich bereits vor geraumer Zeit gekauft und darüber wölbte sich sein Bauch, passend zum Stiernacken, der aus dem Hemdkragen quoll. Bei diesem Anblick fiel Jen beunruhigt ihr enges Kleid wieder ein und sie zog den Pashmina-Schal enger.

»Ach, weißt du, eigentlich kann ich mich nicht beklagen«, erwiderte er leutselig. »Wusste gar nicht, dass du heute Abend auch hier bist. Aber andererseits, ich habe dich in letzter Zeit auch kaum gesehen. Warst du krank?«

Jen zuckte unbehaglich mit den Schultern. Anscheinend hatte Harriet tatsächlich niemandem gesagt, wo Jen die ganze Zeit gewesen war. Eigentlich war das ja gut, aber es hieß auch, dass sie sich nun schnellstens eine Erklärung für ihr plötzliches Verschwinden aus den Fingern saugen musste. »Nein, also, ich hatte bloß, du weißt schon, ein paar Dinge zu erledigen«, erklärte sie vage. »Und bis Montag wusste ich selbst nicht, dass ich heute Abend herkommen würde, aber du kennst ja meine Mutter.«

Tim grinste. »Das kannst du laut sagen. Seit zwei Wochen versuche ich, sie abzufangen, damit wir unsere Einnahmen und Ausgaben mal gemeinsam durchgehen können, aber sie hat ja immer so wahnsinnig viel zu tun. Aber man braucht nur ein Wort über eine Wohltätigkeitsgala fallen zu lassen und plötzlich hat sie alle Zeit der Welt ...«

Beide schauten hinüber zu Harriet, die Hof hielt und ein kleines Grüppchen mit ihren Geschichten fesselte. Ihr Blick fiel auf Jen und sie gab ihr ein Zeichen, herüberzukommen, doch Jen schüttelte den Kopf und winkte nur.

»Willst du dich nicht zu Ihrer Hoheit gesellen?«, fragte Tim und hob erstaunt eine Augenbraue.

Jen nahm einen großen Schluck Champagner. »Manchmal glaubt sie anscheinend, ich sei immer noch zwölf«, antwortete sie mit einem schiefen Lächeln. »Wenn ich rübergehe, muss ich befürchten, dass sie vor allen Anwesenden damit prahlt, was für einen tollen Schulabschluss ich gemacht habe oder so was in der Art ...«

Tim rief einen Kellner heran, der Miniwürstchen und Blinis anbot, griff gierig nach beidem und schlang in Sekundenschnelle alles herunter.

»Wünschst du dir schon, du hättest nicht angefangen, in ihrer Firma zu arbeiten?« Tim war offenbar in Plauderlaune.

Jen dachte kurz nach. »Weiß nicht so genau. Ich hab mir schon gedacht, dass es nicht gerade die Ideallösung ist, aber ich war froh, überhaupt irgendwas zu haben.«

Tim nickte. »Na ja, wenn du sie mal kurz erwischst, sag ihr bitte, dass wir ein paar kleine Problemchen mit unserem Bargeldumlauf haben, wärst du so gut? Ich hab’s schon mit E-Mails versucht, aber ich glaube, wenn sie meinen Namen als Absender liest, löscht sie sie sofort.«

Jen schmunzelte. »So schlimm kann es aber doch nicht sein, oder?«

Tim legte die Stirn in besorgte Falten. »Deine Mutter«, sagte er und hielt kurz inne, um einen Schluck Champagner zu trinken, »ist die weltbeste Netzwerkerin, die weltbeste Verkäuferin und eine verdammt gute Geschichtenerzählerin. Aber wenn’s um Zahlen geht ... Na ja, wie dem auch sei, sag ihr einfach, sie wird nicht drum herumkommen, sich mit mir hinzusetzen und sich alles genau erklären zu lassen, ja?«

Jen nickte, dann machte sich Tim auf die Suche nach noch mehr Essbarem und ließ eine stirnrunzelnde Jen zurück. Sie zuckte zusammen, als der Gong ertönte und alle gebeten wur den, sich zu Tisch zu begeben. Sie huschte hinüber zum Sitzplan, und ihre Laune hob sich nicht gerade, als sie sah, dass man sie zwischen Paul Song und Geoffrey platziert hatte, einem der Berater von Green Futures, der im Büro von allen nur »der bärtige Spinner« genannt wurde.

»Hübsches Kleid«, sagte Geoffrey dann auch noch mit einem breiten Lächeln, als sie sich setzte. »Meine Mutter hat genau das Gleiche.«

Jen lächelte dünn. Irgendwie hatte sie das Gefühl, es würde ein sehr langer Abend werden.

»Also habe ich ihn gefragt, ob er schon mal darüber nachgedacht hätte, Leute aus der Gegend anzuwerben. Und weißt du, was er da gesagt hat?«

Jen merkte irgendwie, dass Geoffrey aufgehört hatte zu reden und ihr vermutlich eine Frage gestellt hatte. Sie lächelte in der Hoffnung, er würde weitererzählen. Dieses Essen war ein einziger Witz gewesen und sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie sich dazu hatte bequatschen lassen. Sie würde rein gar nichts über Bell oder Axiom in Erfahrung bringen und auch sonst nichts halbwegs Interessantes. Außerdem fühlte sie sich in ihrem Kleid wie eine Vogelscheuche und schämte sich gleichzeitig, dass sie so eitel war. Eigentlich sollte es ihr doch egal sein, wie sie aussah, das wusste sie. Aber irgendwie war es das natürlich nicht.

»Und, weißt du’s?«

Mist. Wie war noch mal die Frage, überlegte Jen verzweifelt. Angestrengt kramte sie in ihrem Kurzzeitgedächtnis, über was um alles in der Welt Geoffrey in den vergangenen beiden Stunden schwadroniert hatte, oder wie lange es auch immer gedauert hatte, die drei Gänge herunterzuwürgen.

»Ich wette, du verrätst es mir gleich«, gab sie schließlich zurück und war sehr erleichtert, als sich auf Geoffreys Gesicht ein zufriedenes Grinsen ausbreitete.

»Nein haben sie gesagt!«, erklärte er triumphierend. »Und da ist ihnen auf einmal aufgegangen, was sie die ganze Zeit über falsch gemacht haben. Natürlich konnten sie mir gar nicht genug danken, aber ich habe gesagt ›Danken Sie nicht mir, danken Sie sich selbst für Ihren Weitblick –‹.«

»Weißt du was, ich ... hole mir mal schnell was zu trinken«, unterbrach Jen ihn mit einem kleinen Lächeln. »Kann ich ... ähm ... dir was mitbringen?«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Ich will wochentags lieber nicht so viel trinken!«, erklärte er verschwörerisch.

»Es ist doch Freitag«, wendete Jen ein.

»Trotzdem ...«

Jen zuckte die Achseln, schlenderte hinüber zur Bar und atmete erleichtert auf, dass sie seinem unaufhörlichen Redeschwall fürs Erste entkommen war. Im Grunde war er ein ganz netter Kerl, das war ihr schon klar. Und eigentlich, ganz tief im Innersten, mochte sie ihn ja auch. Allerdings nur, solange sie sich nicht allzu lange mit ihm im gleichen Raum aufhalten musste.

»Einen Wodka Tonic, bitte«, bestellte sie, als einer der Barkeeper zu ihr herüberkam. Mit dem Drink in der Hand kletterte sie dann auf einen der Barhocker, drehte sich um und ließ den Blick über die anwesenden Gäste schweifen. Da waren ungefähr zwanzig Tische, an jedem saßen zwölf Leute, machte ... Jen runzelte angestrengt die Stirn, während sie das schnell durchrech nete ... 240 Leute. Und an mindestens einem der Tische saßen die Bell-Mitarbeiter. Bloß an welchem?

Sie guckte starr geradeaus und fragte sich zum millionsten Mal, wo sie wohl unter normalen Umständen gerade mit Angel sein würde. Oder mit irgendwem, mit dem sie gerne ihre Zeit verbrachte.

»Und da sagt sie zu ihm, sie will ihn nicht mehr sehen, weil sie seit einem Jahr mit seinem besten Freund schläft.«

»Nein!«

Zwei Männer waren an die Bar getreten und unterhielten sich angeregt. Jen musterte sie flüchtig und wendete sich dann wieder ihrem Drink zu.

»Doch. Und da steht er nun in seiner Unterhose und guckt sie an und ... oh, ’tschuldigung ...«

Jen hörte ein Handy klingeln und der Typ ging dran und presste das Ding an sein Ohr.

»Mr Bell. Ja, ich bin gerade da. Nein, eigentlich nicht. Wir sind gerade dabei ... Sie wissen schon ... ein bisschen zu kontakten ... Da haben Sie recht. Jep. Jep. Okay dann. Bye.«

Jen erstarrte und klammerte sich an ihrem Glas fest. Das mussten die Bell-Berater sein. Und sie standen direkt neben ihr! Sie ließ ihr Haar ins Gesicht fallen und versuchte unauffällig, ein bisschen näher heranzurutschen, während sie gleichzeitig stur geradeaus blickte.

»Okay, der Typ marschiert also los zu seinem Freund«, fuhr der Mann fort und steckte das Handy wieder in die Tasche.

»Er geht zu seinem Freund? Im Ernst?«

»Im Ernst. Er beschließt, die Sache mit ihm persönlich auszumachen.«

»Und seine Frau ist auch da?«

»Ja. Aber nicht mit seinem Freund. Sondern mit der Frau seines Freundes, ihrer Geliebten.«

»Nein!«

Jen verdrehte sie Augen. So viel zum Thema etwas Nützliches herausfinden zu wollen, dachte sie, und versuchte sich einzureden, sie habe nicht das geringste Interesse an diesem Mann in der Unterhose.

»Wenn ich’s dir sage. Er kommt also in seinem Mercedes angeschaukelt. Steigt aus und schließt das Auto ab. Die Haustür geht auf, und er erschrickt zu Tode. Also, der Typ ist ein einziges Nervenbündel. Wie dem auch sei, er lässt den Autoschlüssel fallen, beugt sich runter und will ihn aufheben, aber der Schlüssel ist in den Gully gefallen.«

»In den Gully?«

»So wahr mir Gott helfe.«

»Und er steht immer noch in Unterhose da?«

»Ich schwör’s dir. Hör zu, ich muss mal pinkeln. Du besorgst was zu Trinken, und ich bin gleich wieder da.«

»Ich komme mit. Ich wollte dich doch auch noch nach dieser Geschichte mit Axiom fragen.«

Jen blickte zu den Männern hinüber und versenkte den Blick dann gleich wieder in ihrem Glas. Axiom? Das musste sie hören.

»Ach, das. Ja, ein echter Albtraum. Wo ist denn das Herrenklo?«

Der angesprochene Barkeeper wies zur anderen Seite des Saals. Als die beiden in diese Richtung davontrabten, schaute Jen sich verstohlen um, rutschte von ihrem Hocker und schlich hinter ihnen her aus dem Ballsaal und den Korridor entlang. Sie beobachtete, wie die beiden in der Herrentoilette verschwanden, drückte die Tür vorsichtig ein Stück weit auf und versuchte weiter ihr Gespräch zu belauschen.

»Sein Autoschlüssel ist also futsch ...«

Sie verdrehte die Augen. Und was ist mit Axiom, hätte sie am liebsten gebrüllt. Wen interessierte schon der verdammte Kerl in Unterhose?

»... und er guckt hoch, und vor ihm steht ...«

»Hallo.«

Verdutzt sah Jen sich um. Da stand jemand direkt hinter ihr und wollte offensichtlich in die Herrentoilette, und sie versperrte ihm den Weg. Er musterte sie befremdet, und sie fragte sich, wie lange er wohl schon dort stand.

»Hallo!«, brachte sie heraus. Sie wusste, dass sie eigentlich Platz machen sollte, aber weil er so dicht hinter ihr stand, war das gar nicht so einfach – vorwärts in die Herrentoilette konnte sie kaum gehen, und jetzt war auch noch der Rückweg blockiert.

»Ist das hier die ... ähm, Begrüßungsparty?«, fragte er mit

einem verschmitzten Lächeln. Jen wurde rot. Was sie hier gerade machte, sah ganz und gar nicht gut aus. Sie stand halb in der Herrentoilette, und als sei das noch nicht genug, drückte sie auch noch das Ohr gegen die Tür.

Sie drehte sich zu ihm und wäre am liebsten im Boden versunken. Natürlich sah er umwerfend gut aus. Hätte sie gerade irgendetwas Normales getan und ein optimal sitzendes Kleid getragen, hätte es sich vermutlich um irgendeinen komischen alten Kauz gehandelt, klar.

»Entschuldigung. Ich habe gerade ... ähm ... jemanden gesucht«, stammelte sie, zog den Pashmina-Schal enger und hätte dabei fast ihren Drink über dem Unbekannten ausgekippt.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Nein!«, widersprach Jen etwas zu heftig. »Ich meine, nein danke.«

Er schaute sie noch immer leicht irritiert, aber dabei offensichtlich ziemlich amüsiert an, und ihr schien es ratsam, ihn endlich durchzulassen. Sonst würde er sie noch für eine vollkommen durchgeknallte Person halten.

»Entschuldigung«, stotterte sie noch mal und wollte sich ganz schnell an ihm vorbeidrücken. Was nur dazu führte, dass sich ihr Gesicht in seiner Achselhöhle verfing. Sie wich zurück, und dabei hätte ihre Wange beinahe seine gestreift, woraufhin sie nur noch tiefer errötete.

Ihre Blicke trafen sich und er zwinkerte ein bisschen. Und gerade als sie schon dachte, es könne nicht schlimmer kommen, sah sie Geoffrey den Flur entlangtappen und in seinen ausgelatschten braunen Schuhen zu Smoking und schwarzer Hose wirkte er so gänzlich fehl am Platze, dass es schon fast wieder komisch war.

»Hallo, Jennifer«, sagte er, und die bizarre Situation – sie in einen fremden Mann verwickelt in der Tür zum Herrenklo – schien ihm vollkommen zu entgehen. »Ich habe dich schon an der Bar gesucht, so ein Zufall.« Nun sank Jens Laune vollends in den Keller, denn der Fremde machte nun augenblicklich Platz, um sie durchzulassen.

»Na, wie’s aussieht, haben Sie die Gesuchte gerade gefunden«, bemerkte er mit einem schiefen Lächeln und verschwand in der Toilette. Jen schaute ihm nach und wandte sich dann zu Geoffrey, der dastand und albern grinste.

»Suchst du mich?«, fragte er strahlend. »Na, das war wohl ein kleines Missverständnis! Ich schlage vor, wir gehen zurück zu unserem Tisch, was meinst du? Es sei denn, du würdest lieber noch länger vor dem Männerklo herumstehen!«

Er lachte laut über seinen eigenen Witz, und Jen lächelte säuerlich. »Natürlich nicht«, antwortete sie lahm. »Warum um Himmels willen sollte ich das wollen?«

In Begleitung von Geoffrey ging Jen zum Tisch zurück und ließ sich auf ihren Stuhl sinken. Der heutige Abend würde als der schlimmste Freitagabend aller Zeiten in die Geschichte eingehen, dachte sie niedergeschlagen, starrte auf ihren Wodka Tonic und nippte dann daran. Sie hatte es total vermasselt, das Gespräch über Axiom verpasst und sich vor dem bestaussehendsten Mann im ganzen Raum bis auf die Knochen blamiert. Und jetzt war sie wieder da, wo sie eben schon mal gewesen war, gleich neben Geoffrey.

»Alles okay?«

Sie guckte hoch und erblickte Paul, der sie teilnahmsvoll ansah. Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte sie mit einem gezwungenen Lächeln. Jemand, der mir erzählt, ich solle einen Spiegel in meine Wohnung hängen und mit einem Schlag wird alles gut.

»Alles bestens«, erwiderte sie höflich. »Nur ein bisschen müde.«

»Vielleicht brauchst du jemanden zum Reden«, meinte er.

Sie sah ihn misstrauisch an. »Besten Dank, aber mir geht’s gut, wirklich. Eigentlich wollte ich heute Abend mit meinen Freunden ausgehen, das ist alles.«

Paul nickte mitfühlend. »Aber es ist gut, dass du deine Mutter unterstützt, oder nicht?«

»Vermutlich.« Jen zuckte gleichgültig die Achseln.

Paul runzelte die Stirn, und Jen dachte schon, er würde ihr eine Standpauke halten und ihr vorwerfen, sie zeige nicht genug Einsatz, um ihre Mutter zu unterstützen, aber er kramte bloß in seiner Tasche und zog ein Stückchen Papier hervor. Er lächelte entschuldigend, beugte den Kopf und stand auf.

»Entschuldige mich bitte«, sagte er, und Jen erwiderte sein Lächeln.

»Klar«, murmelte sie. »Wie auch immer ...«

Geoffrey versuchte Blickkontakt herzustellen, also schaute Jen schnell weg und suchte stattdessen den Saal nach den Bell-Beratern ab. Oder dem gutaussehenden Typen von eben. Um ehrlich zu sein, interessierte der sie wesentlich mehr als die Bell-Leute, aber das hätte sie nie zugegeben.

Und außerdem war es sowieso egal, denn weder er noch die anderen Männer waren zu sehen. Sie ließ den Blick über jeden einzelnen Tisch schweifen, aber keine Spur von ihnen.

Doch als sie sich dann wieder umdrehte, sah sie ihn plötzlich. Der schnuckelige Typ ging schnurstracks Richtung Ausgang und sie musste sich beherrschen, nicht gleich hinterherzustürzen.

Keine gute Idee, ermahnte sie sich, konnte dabei aber den Blick nicht von seinem Rücken losreißen. Er hält mich ja jetzt schon für eine arme Irre, die vorm Herrenklo herumlungert.

Sie zwang sich, sich wieder zum Tisch umzudrehen. Geoffrey lachte sie an. »Jen, ich habe Hannah gerade von dem neuartigen Recyclingpapier erzählt, das eine Firma entwickelt hat, mit der wir zusammenarbeiten. Wusstest du, dass es fünfzehn verschiedene Methoden gibt, die Tinte zu behandeln, damit man ...«

»Ich muss mal schnell aufs Klo«, unterbrach sie ihn rasch und sprang auf, ehe sie es sich wieder anders überlegen konnte. Sie flitzte aus dem Ballsaal, schlängelte sich an den Tischen vorbei, quetschte sich zwischen Stühlen hindurch und bahnte sich den Weg nach draußen. Aber als sie endlich den Ausgang erreicht hatte, war der Typ bereits verschwunden.

»Typisch«, schimpfte sie leise, lehnte sich gegen die steinerne Balustrade, die der Treppe folgend nach unten zur Straße führte, und guckte links und rechts, ob sie ihn nicht doch noch sah. Obwohl es ihr natürlich eigentlich egal war. Vermutlich ein gutes Zeichen, dass er nicht mehr da war. Was hätte sie auch sagen sollen, wenn sie ihn noch erwischt hätte? Wenigstens war sie erstmal dieser grässlichen Party entkommen.

Es war kühl, und sie zog ihren Pashmina-Schal fester um die Schultern, lauschte dem Verkehr um Hyde Park Corner und fragte sich, ob sie wirklich noch mal hineingehen musste. Sie könnte Kopfschmerzen vortäuschen und sich am nächsten Tag dafür entschuldigen, dass sie sich nicht verabschiedet hatte ...

Ihr fiel auf, wie seltsam der Portier sie beäugte, also drehte sie sich um, stützte die Ellbogen auf die Balustrade und überlegte angestrengt, ob man es ihr durchgehen lassen würde, wenn sie sich jetzt einfach aus dem Staub machte. Es war schließlich schon ziemlich spät. Und da sie von dem Axiom-Gespräch keinen Pieps mitbekommen hatte, war es eigentlich sinnlos, noch länger hierzubleiben.

Sie atmete tief ein und genoss diesen Moment der Ruhe. Bis sie plötzlich stutzte und etwas bemerkte. Oder vielmehr jemanden. Einen Mann, weit unten auf der Straße, der aufgeregt redete. Ob sich da ein Liebespärchen stritt? Oder zwei Freunde sich überwarfen?

Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Dann riss sie die Augen vor Erstaunen weit auf. Der Mann, den sie gesehen hatte, war Paul Song. Und da war noch ein anderer Mann. Vielleicht ist er unzufrieden mit Pauls Auswahl der Kristalle, dachte Jen stirnrunzelnd. Obwohl er nicht wie jemand aussieht, der sich mit Kristallen abgibt.

Dann sah sie, wie Paul dem älteren Mann etwas übergab, das wie ein Briefumschlag aussah, woraufhin die beiden auseinandergingen. Was bedeutete, dass Paul wieder auf dem Weg zurück zur Party war, fiel Jen ein, und wenn sie weiter wie angewurzelt dort stehen blieb, dann würde sie mit ihm hineingehen müssen.

Mit einem Lächeln in Richtung Portier rannte Jen die Treppe hinunter, bog um die Ecke und verschwand in die U-Bahn-Station Hyde Park Corner.

3

»Lass doch die Schultern nicht so hängen, Jen. Ehrlich, sonst ist dein Rücken nachher im oberen Bereich total verspannt. Pass auf, wir machen zusammen eine kleine Dehnübung.«

Jen verzog das Gesicht und schaute ihrer besten Freundin Angel dabei zu, wie diese den Körper mit einer gekonnten Armbewegung verrenkte, die Jen beim besten Willen nicht nachmachen konnte. Die hatte leicht reden, dachte Jen und überlegte kurz, es doch zu versuchen, ließ es aber dann lieber bleiben. Angel machte Yoga, seit sie zwei war. Ihre Mutter, eine Inderin, hatte ihr den »Hund« beigebracht, ehe sie überhaupt laufen konnte.

Sie nippte an ihrem Kaffee und schob die Sonntagszeitung beiseite, die vor ihr auf dem Tisch lag. »Ich bin schon mit hängenden Schultern zur Welt gekommen«, murmelte sie mit einem schiefen Lächeln. Sie wusste zwar nicht so genau, was Angel unter »hängenden Schultern« verstand, war aber überzeugt, dass es nur ihre Art war, sie zu ermahnen, gerade zu sitzen. »Das verdanke ich meinen angelsächsischen Vorfahren.«

Angel grinste. »Du meinst, ihr seid so etwas wie das fehlende Glied der Evolution?«, fragte sie schelmisch. »Habt ihr Engländer den aufrechten Gang erst viel später gelernt?«

Angel saß immer kerzengerade. Sie gehörte zu diesen Leuten, die stark sind und grazil zugleich, mit Pfirsichhaut und strahlenden Augen, die stundenlang im Lotussitz verharren können. So guckte sie auch fern, vollkommen unter Spannung und gleichzeitig entspannt.

»Und, wie läuft’s mit deinem Yoga?«, wollte Jen wissen. Angel bot seit kurzem einen Yoga-Kurs im Gemeindezentrum um die Ecke an.

»Ziemlich gut. Ich meine, du weißt schon, ganz okay. Es dauert eben eine Weile, bis genug Leute kommen, oder? Ich meine, ich muss einfach ein bisschen Geduld haben, bis es sich herumgesprochen hat. Aber es ist toll. Du solltest auch mal vorbeikommen.«

»Mache ich, bestimmt«, versprach Jen und trank, mit einem schuldbewussten Seitenblick auf Angels Kräutertee, noch einen Schluck Kaffee. »Ich weiß nur nicht, ob Yoga was für mich ist.«

»Yoga ist für jeden was!«, rief Angel, und ihre sonst so glatte Stirn legte sich in empörte Falten. »Jen, es tut einfach so unglaublich gut. Damit dehnst du sämtliche Muskeln und stärkst die Kraft der Körpermitte und bringst deinen Kreislauf in Schwung ...«

»Ich weiß, ich weiß«, meinte Jen und grinste. Leute wie Angel verstanden einfach nicht, dass es nicht allen anderen genauso leichtfiel wie ihr, das linke Bein um den ganzen Körper zu schlingen, den rechten Arm in die Luft zu strecken und dabei auch noch auf Zehenspitzen zu balancieren. Es war ja nicht so, dass Jen etwas gegen Yoga hatte. Aber jedes Mal, wenn sie sich daran versuchte, kam sie sich so ungeschickt und ungelenkig vor, dass sie schnell kein weiteres Mal mehr hingehen wollte. »Aber ich muss erst ein bisschen üben. Vielleicht sollte ich einen Yoga-Vorbereitungskurs besuchen«, erklärte sie mit einem schiefen Lächeln.

Angel schüttelte den Kopf. »Du ziehst immer alles ins Lächerliche«, erklärte sie ernst.

»Warum auch nicht?«

»Das ist doch alles bloß Tarnung! Das Leben ist nun mal nicht immer zum Lachen, weißt du. Manchmal tut es auch ganz schön weh. Man muss sich bewusst mit dem Schmerz befassen, ehe man mit etwas abschließen kann.«

Jen runzelte die Stirn. »Da ist kein Schmerz, Angel, ehrlich nicht.«

Angel zuckte die Achseln. »Ich weiß. Ich bin bloß ein bisschen stinkig. Gestern sind nur zwei Leute zu meinem Kurs gekommen.«

»Ach.« Mitfühlend legte Jen die Hand auf den Arm ihrer Freundin und drückte ihn sanft. »Tut mir leid. Die kommen schon noch, da bin ich ganz sicher.«

»Vielleicht brauchen die alle noch einen Yoga-Vorbereitungskurs«, sagte Angel seufzend. »Und wie steht’s bei dir? Wie war das Dinner am Freitag? Du hast mir gefehlt, als ich von einem Haufen gutaussehender Typen umzingelt die ganze Nacht durchgetanzt habe.«

»Du hast’s gut«, meinte Jen neidisch. »Hat dich einer nach deiner Telefonnummer gefragt?«

Angel zog herablassend die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. »So gutaussehend waren sie nun auch wieder nicht«, erklärte sie mit einem schwachen Lächeln. Angel ging liebend gerne aus, um Männer kennenzulernen – ganz besonders solche, die keine Inder waren. Allein die Vorstellung, in einem Laden abzutanzen, bei dessen bloßem Anblick ihre Mutter vor Entsetzen aufschreien würde, bereitete Angel ein diebisches Vergnügen. Aber das war auch schon alles – soweit Jen wusste, hatte sie sich noch nie auch nur ein einziges Mal mit einem der zahlreichen Männer getroffen, die ihr in den Bars und Clubs hinterherliefen.

»Also, erzähl mal von diesem Dinner«, bohrte Angel nach und lenkte damit das Gespräch geschickt auf ein anderes Thema. Sie hatte ein ausgelassenes Funkeln in den Augen und Jen schüttelte den Kopf.

»Frag mich bloß nicht«, knurrte sie finster. »Ich hab gleich gewusst, ich hätte mich nicht breitschlagen lassen sollten.«

»Keine netten jungen Männer bei dieser großartigen Gala?« Angel, die sich irgendwie immer noch dafür verantwortlich fühlte, dass Jen und Gavin sich kennengelernt und ein paar Jahre später ja dann auch wieder getrennt hatten, war wild entschlossen, Jen möglichst bald wieder an den Mann zu bringen – aber diesmal sollte es ein wirklich netter sein. Jen verdrehte die Augen.

»Nein, aber deswegen war ich ja auch nicht da. Ich war so blöd zu glauben, ich könne tatsächlich etwas über Axiom in Erfahrung bringen. Von wegen.«

»Ach ja, der Krieg gegen deinen Vater. Hatte ich ganz vergessen.«

Jen guckte finster. »Ich führe keinen Krieg gegen meinen Vater. Ich versuche bloß, einer Korruptionsaffäre auf den Grund zu gehen. Das ist eine ernste Sache.«

»Eine Korruptionsaffäre, in die dein Vater möglicherweise verwickelt ist.«

»Na und?« Jen ging innerlich schon mal in Verteidigungsstellung.

»Und du hoffst, wenn du die Wahrheit herausbekommst, wird er dich endlich beachten.«

Angel schaute Jen direkt in die Augen, und Jen fuhr zusammen. Warum konnte Angel die Dinge nicht mal gelegentlich durch die Blume sagen?, fragte sich Jen. Die meisten Leute waren höflich und ausweichend und stimmten einem immer zu, selbst wenn man totalen Blödsinn erzählte. Angel hingegen schaute immer gleich hinter die Fassade aus Worten und fand zielsicher den wunden Punkt, den man nach Kräften zu ignorieren versucht hatte. Das war wieder mal typisch, dass gerade sie die einzige beste Freundin der Welt hatte, die einem nichts durchgehen ließ, nicht mal unterbewusst.

»Nein«, widersprach sie, bemüht, nicht nur Angel, sondern auch sich selbst davon zu überzeugen, »das hat damit nichts zu tun.«

Angel tat das mit einem Schulterzucken ab. »Ich hoffe nur, du weißt, was du tust. Ich will nicht, dass dir etwas passiert, okay?«

Jen trank ihren Kaffee aus, »Selbstverständlich weiß ich, was ich tue. Und mir passiert schon nichts«, hielt sie trotzig dagegen.

»Und wenn doch, kannst du ja immer noch ein paar Witzchen darüber reißen«, fügte Angel nachdenklich hinzu. »Und jetzt reich mir mal die Modebeilage. Ich will etwas mit meinen Haaren anstellen, aber ich weiß noch nicht, was.«

Am nächsten Morgen stand Jen ziemlich angespannt in einem kleinen Zimmer und starrte einen Mann Anfang vierzig an, der Socken zu seinen Sandalen trug. Sie musste bloß noch dieses Gespräch mit ihrem persönlichen Tutor hinter sich bringen und dann eine Vorlesung über irgendein todlangweiliges Thema über sich ergehen lassen, bevor sie sich endlich ihrer Mission widmen konnte, diese Firma auszuspionieren.

Irgendwie hatte Angel es mal wieder geschafft, mit den Bemerkungen über ihren Vater bei ihr eine sehr empfindliche Stelle zu treffen. Was sie natürlich nie zugegeben hätte. Angel hatte die Theorie, wenn man sich über etwas aufregte, dann deshalb, weil ein Körnchen Wahrheit darin war, man dies aber nicht wahrhaben wollte. Und unter gar keinen Umständen wollte sie Angel Grund zur Annahme geben, sie hätte ins Schwarze getroffen. Obwohl es natürlich stimmte, und je mehr Jen darüber nachdachte, desto dringender wollte sie beweisen, dass die ganze Sache rein gar nichts mit ihrem Vater zu tun hatte. Und mit Gavin schon gar nicht.

Nachdem sie also vom Brunch zurückgekommen war, hatte sie sofort eine Liste gemacht mit allen Dingen, die noch zu tun waren – herausfinden, wo die Leute zusammenstanden und quatschten, herausfinden, wo die wichtigsten Leute arbeiteten, herausfinden, wer für die Betreuung von Axiom zuständig war. Jetzt musste sie das alles nur noch in die Tat umsetzen. Sie würde allen beweisen, dass es ihr todernst war.

»Okay, Jennifer Bellman. Stimmt’s?«

Ungeduldig sah Jen den Mann an. Damit hatte sie so gar nicht gerechnet. Es war ihr erstes Treffen mit ihrem Tutor, und sie hatte jemanden im Anzug erwartet, jemanden, der zumindest entfernt wie ein Berater von Bell aussah, jemanden, der sie zu Unternehmensstrategie und interner Analyse befragen und sich nach den Noten ihrer Studienarbeiten erkundigen würde.

Dieser Mann hingegen hatte ziemlich lange, zottelige Haare, denen ein ordentlicher Schnitt nicht geschadet hätte, und saß im Schneidersitz auf seinem Stuhl. Ob der wohl Yoga macht, fragte Jen sich gedankenverloren. Vielleicht hätte er ja Interesse an Angels Kurs.

»Super. Also, ich bin Bill. Offiziell heiße ich Dr. Williams, aber ›Bill‹ und ›du‹ sind mir lieber, wenn du nichts dagegen hast. Ich bevorzuge informellere Umgangsformen, wenn du verstehst?«

Jen merkte, dass er tatsächlich eine Antwort auf diese Fragen erwartete, also nickte sie noch einmal und fügte hinzu: »Ja, von mir aus gerne.« Sie hatte es mittlerweile ziemlich gut drauf, so zu tun, als sei sie eine Eins-A-MBA-Studentin, dachte sie zufrieden. Vielleicht könnte sie ja dann nächstes Jahr vorgeben, ihren Doktor zu machen ...

»Super. Ganz super. Also, Jennifer. Was kann ich für dich tun?«

Jen schaute ihn von der Seite an. Warum sollte er etwas für sie tun? Sie hatte schließlich nicht um dieses Treffen gebeten. Es stand einfach auf ihrem Stundenplan, weiter nichts.

Vielleicht sollte sie ihn nach der hemmungslosen Profitgier vieler Unternehmen fragen, dachte sie mit einem schiefen Grinsen. Sie könnte ihn fragen, ob seine tolle Firma vielleicht in die Korruptionsaffäre in Indonesien verwickelt war.

Aber vielleicht auch lieber nicht.

»Nichts. Ich meine, weißt du, ich weiß eigentlich gar nicht, was ein Tutor so macht«, gestand sie nach kurzem Zögern. Bill lächelte.

»Alles und nichts. Alles, außer dich mit Drogen versorgen!«, erklärte er fröhlich. Jen rang sich ein kleines Lächeln ab.

»Diese Bücherregale hier«, fuhr er fort und wies auf eine Reihe eingebauter Regalbretter, »diese Bücher sind unverzichtbar, wenn man diesen MBA-Kurs macht. Und die kannst du dir hier bei mir ausleihen und brauchst nicht zur Bibliothek zu gehen. Was dir eine Menge Zeit sparen wird, glaub mir.«

Prüfend betrachtete Jen die Bücher. Es gab ein paar Ratgeber wie beispielsweise 9 Dinge, um sich selbst und die Welt zu verbessern oder Wie man effektiver wird und die Welt rettet, aber gleich daneben standen auch so gruselige Titel wie Wirtschaftswachstum: Eine epistemologische Untersuchung und Das strategiefixierte Unternehmen: Anpassung der Zielsetzungen zur Steigerung des Endgewinns.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Bell großes Interesse daran hat, die Welt zu verbessern«, bemerkte sie beißend mit einem Blick auf die Titel.

Bill runzelte die Stirn. »Ach, da wäre ich mir nicht so sicher. Die soziale Verantwortung der Unternehmen wird heutzutage großgeschrieben.«

»Ist gut fürs Marketing, was?«, fragte Jen zuckersüß.

Bill zog empört die Augenbrauen hoch. »Auch das, aber ich bin zufälligerweise davon überzeugt, dass es insgesamt sehr wichtig ist, und zwar nicht hauptsächlich fürs Image.« Er grinste schon wieder. »Na, dann wäre da zum Beispiel dein Arbeitspensum«, sagte er und hockte sich auf die Schreibtischkante. »Ich bin seit über zehn Jahren Tutor«, fuhr er fort, »und ich habe ein Psychologiediplom, bin zugelassener Coach und habe einen schwarzen Gürtel in Karate. Wenn du das Gefühl hast, dir wächst alles über den Kopf, dann kommst du zu mir. Wenn du eine Verlängerung für einen Abgabetermin brauchst, sagst du mir Bescheid, und ich sehe zu, was ich tun kann. Kapito?«

Jen konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Kapito? Redete heutzutage tatsächlich noch jemand so?

»Und wenn du irgendwelche Probleme hast, über die du reden möchtest, meine Tür steht dir jederzeit offen«, sagte Bill und kam offenbar jetzt erst richtig in Fahrt. Seine Augen funkelten und er wirkte, als würde er keine Ruhe geben, bis er sich irgendwie für Jen eingesetzt hatte. »Hast du Schwierigkeiten mit einem Dozenten oder einem Fach, komm zu mir. Und wenn du deinen MBA-Abschluss in der Tasche hast, lädst du mich auf ein paar Bier ein. Klingt das gut?«

Jen entspannte sich und grinste zurück. »Und wenn ich einen Mistjob kriege, bezahlst du das Bier?«

»Das wird nicht passieren«, widersprach Bill ernst. »Wenn du dich auf dein Ziel konzentrierst und dein Leben danach ausrichtest, bekommst du auch das, was du dir wünschst.«

»Okay«, lenkte Jen schnell ein. Bill hatte recht, sie durfte ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren. Erstes Ziel: an die Informationen kommen, die sie brauchte, damit sie sich schnellstens wieder vom Acker machen konnte. Zweites Ziel: überlegen, was sie als Nächstes tun sollte. Sie verzog das Gesicht. Vielleicht war ein Ziel genug fürs Erste.

»Und was ist, wenn ich weder eine Fristverlängerung brauche noch irgendwelche Probleme habe?«, fragte sie neugierig. »Was, wenn alles glattläuft?«

Bill sah nun etwas beunruhigt aus. »Jeder hat mal Probleme«, meinte er stirnrunzelnd. »Wenn du den Kurs völlig ohne Probleme hinter dich bringst, machst du mich arbeitslos.«

Jen zog verdutzt die Augenbrauen hoch und Bill schlug mit der Faust auf den Schreibtisch.

»War ein Scherz! War nur ein Scherz! Null Probleme wären fantastisch. Der Hammer, weißt du?«

»Okay. Na dann, danke. Ich meine, gut zu wissen, dass du da bist«, bedankte sich Jen so ernst sie konnte, und Bill zuckte linkisch mit den Schultern.

»Ich mache nur meine Arbeit«, sagte er strahlend. »Du kannst jederzeit vorbeikommen. Abgemacht?«

»Abgemacht«, erwiderte Jen und stand auf. Wenn der wüsste, dachte sie. Sie ging hinaus und merkte plötzlich, dass sie zu spät zu ihrer Vorlesung kommen würde.

Jen sah, wie die Aufzugtüren sich öffneten, sprintete los und streckte die Hand in den Spalt, damit sie nicht wieder zugingen. Schnell musterte sie die Insassen und stieg dann mit einem erleichterten Lächeln ein. Vor ein paar Wochen noch, als sie ganz frisch bei Bell war, hatte es sie in Angst und Schrecken versetzt, in den Fahrstuhl zu steigen, weil sie immer befürchtet hatte, ihr Vater könne hereinkommen. Aber dann hatte sie herausgefunden, dass George Bell den achten Stock nur höchst selten verließ, wenn er denn überhaupt da war. Und das war er nur einen halben Tag pro Woche, also war sie selbstbewusster geworden. Fast schon überheblich.

»Na Gott sei Dank.« Sie seufzte und übersah geflissentlich die kritischen Gesichter der Fahrstuhlinsassen, drei ernst wirkende Berater. »Ich dachte schon, ich müsste die drei Stockwerke zu Fuß hochlaufen!«

Die drei musterten sie befremdet, und als sie den Blick wieder abwendeten, ging Jen auf, dass sie den einen schon mal gesehen hatte. Es war einer der Typen von der Wohltätigkeitsgala.

»Also«, sagte er zu einem der beiden anderen, einem älteren Herrn, »diese verdammten Umweltschützer sind wieder aufgetaucht. Derentwegen wurden bereits zwei Bauanträge von Milton Supermarkets abgewiesen – die organisieren Demos und halten Mahnwachen an den Bäumen ab. Ein echter Albtraum.«

Jen sah schweigend zu, wie der ältere Mann nickte.

»Gut, Jack. Danke, dass Sie mich auf dem Laufenden halten. Was schlagen Sie also vor?«

»Die ganze Sache noch ein paar Monate hinauszögern. Sobald es wieder kalt wird, wird den meisten von denen die Lust vergehen. Die Studenten müssen zurück zur Uni. Und außerdem wissen die sowieso, dass sie einen aussichtslosen Kampf führen. Wenn Milton es nicht macht, macht’s eine andere Supermarktkette.«

»Und Milton ist einverstanden, noch ein bisschen zu warten?«

»Nein, eigentlich nicht«, erwiderte der junge Mann. »Aber ihnen bleibt keine andere Wahl.« Er grinste süffisant und Jen ballte die Hände zu Fäusten, weil sie spürte, dass wieder die altbekannte Wut in ihr aufstieg. Ihre und Gavins Freunde hatten gegen Milton demonstriert. Die bauten nämlich wahllos überall Supermärkte in die Landschaft und ihrer Meinung nach brauchte die Welt weiß Gott nicht noch mehr davon. Aber das hier war nicht der richtige Zeitpunkt, ein Streitgespräch anzufangen. Halt die Klappe, sagte sie sich streng. Lass es einfach sein.

Aber ehe sie sich bremsen konnte, hatte sie schon den Mund aufgemacht.

»Ich wette, die Demonstranten werden nicht so einfach verschwinden«, hörte sie sich sagen. Es wurde totenstill im Aufzug, als alle sich zu ihr umdrehten und sie anstarrten.

Der junge Mann beäugte sie unsicher. »Ähm, doch, ganz bestimmt«, erklärte er herablassend. »Entschuldigen Sie, kennen wir uns?«

Jen schaute zu Boden und ermahnte sich erneut, besser nichts zu sagen. Dann seufzte sie und schaute die drei an. Es hatte keinen Zweck – sie schaffte es einfach nicht, sich auf die Zunge zu beißen, wenn sie etwas Schlimmes sah oder etwas hörte, mit dem sie nicht einverstanden war. Durch diese Eigenschaft war sie bereits in der Schule immer wieder in Raufereien geraten, es waren daran zwei vielversprechende Beziehungen zu Unizeiten geschei tert, und es hatte ihr den Ruf eingebracht, »schwierig« zu sein. Und wenn sie nicht aufpasste, würde diese Unfähigkeit, im entscheidenden Moment auch mal den Mund zu halten, sie im hohen Bogen aus dem Kurs katapultieren.

»Nein, wir kennen uns nicht«, erwiderte sie wahrheitsgemäß. »Aber wenn Sie annehmen, etwas unfreundlicheres Wetter werde die Demonstranten vertreiben, dann sind sie, wenn Sie mich fragen, auf dem Holzweg.« Der junge Mann starrte sie ungläubig an.

Okay, das war gar nicht gut, dachte sie und ärgerte sich über sich selbst, war aber gleichzeitig ziemlich erfreut über die Reaktion der Anwesenden. Welchen Teil von »den Ball flach halten« hat mein Hirn eigentlich nicht verstanden?

Der ältere Herr lächelte dem jüngeren Mann kurz zu, als wolle er sagen, »Nicht aufregen, es lohnt sich nicht.« Das machte Jen zwar noch wütender, aber da er nichts gesagt hatte, blieb sie stumm. Und so standen sie schweigend nebeneinander, bis die Türen sich im siebten Stock mit einem »Ping« öffneten, Jens Stichwort, den Aufzug zu verlassen.

Sie ging hinaus, aber als die Türen gerade wieder dabei waren, sich zu schließen, steckte sie die Hand dazwischen und hielt sie auf.

»Nur damit Sie im Bilde sind«, erklärte sie schnell. »Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, mit den Demonstranten zu reden. Das sind nämlich auch Menschen, und wenn Sie die ein bisschen respektvoller behandeln und ihnen zu verstehen geben würden, dass sie nicht zu arrogant oder verbohrt sind, mit ihnen über ihre Ideen zu reden, wer weiß, vielleicht könnte man sich ja tatsächlich einigen. Wenn die Demonstranten unbebaute Flächen wollen, vielleicht würde Milton ja anbieten, mehr Land aufzukaufen, als sie brauchen, und den Rest als Spielplatz oder Park anzulegen. Vielleicht könnten sie versuchen zu verstehen, dass Bürger außer Tiefpreismilch und Billigbrot auch gerne ein bisschen Platz hätten.«

Die drei Männer starrten sie mit heruntergeklappter Kinnlade an und sie lächelte zuckersüß. »Aber ich bin mir sicher, darauf sind Sie längst auch schon von selbst gekommen, stimmt’s?«, fügte sie mit kaum verhohlenem Sarkasmus hinzu. »Einfach alles hinauszuzögern und darauf zu hoffen, dass die Demonstranten irgendwann die Lust am Demonstrieren verlieren, hört sich ja auch sehr vielversprechend an.«

Und damit trat Jen einen Schritt zurück und sah zu, wie die Aufzugtüren sich schlossen. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr und stöhnte. Deine verfluchte große Klappe, beschimpfte sie sich. Aber sie konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als sie an das Gesicht des jüngeren Typen dachte, wie er mit hängendem Unterkiefer hinter der Tür verschwunden war.

»Wer zum Teufel war denn das?«

Erstaunt schaute George die beiden Männer an, die gerade aus dem Lift stiegen. »Probleme, Jack?«, fragte er neugierig.

»Irgendeine Verrückte, die meinte, wir sollten mit den Demonstranten reden und sie am besten mal zum Kaffeetrinken einladen«, erklärte Jack mit einem wütenden Funkeln in den Augen.

George lachte. »Klingt wie meine Frau. Oder vielmehr meine Exfrau. Also, haben Sie die Unterlagen von Ihrem Treffen mit Axiom?«

Jack nickte, und der andere Berater machte einen Schritt auf George zu, um ihn zu begrüßen.

»Ein bisschen komplizierter, als wir dachten«, murmelte er leise. »Ich versorge Sie nachher mit allen wichtigen Informationen, einverstanden?«

4

»Noch einmal herzlich willkommen, Leute. Also, wir befinden uns mittlerweile in der zweiten Woche unseres Kurses und das heißt, dass wir uns in den kommenden sechs bis acht Wochen mit innerbetrieblichen Vorgängen befassen werden. Heute haben wir das Glück, einen Gastdozenten begrüßen zu dürfen, der weiß, wovon er spricht...«

Während Jay, der Studienleiter des Kurses, Daniel Peterson vorstellte, ihren Dozenten für interne Analyse, schlüpfte Jen durch die Flügeltür des Hörsaals, schlich sich unauffällig über den Seitengang nach hinten und quetschte sich auf den Platz neben Lara, die sie neugierig ansah.

Sie wollte sich möglichst leise hinsetzen, stieß dabei aber versehentlich Laras Federmappe vom Tisch, und sämtliche Bleistifte fielen laut klappernd zu Boden.

Mit einem entschuldigenden Lächeln in Richtung Lara bückte Jen sich rasch, um die Stifte wieder einzusammeln, und erst als sie sich wieder hinsetzte, fiel ihr auf, dass es verdächtig still geworden war.

Nervös drehte sie sich nach vorne um, wo der neue Dozent stand und sie unverwandt ansah. Prompt ließ sie ihren Block fallen, sehr zur Belustigung der übrigen Anwesenden. Sie wurde puterrot und starrte ihn ungläubig an. Er war es. Der Mann vorm Herrenklo bei der Gala.

»Entschuldigung, ich wollte, ähm ...«

Jetzt starrte er sie ebenfalls an. Offensichtlich erinnerte auch er sich noch an sie.

»Ja?«, fragte er.

Jetzt lächelte er schon beinahe, und Jen spürte, wie ihr die Röte noch heftiger ins Gesicht stieg. Oh Gott, er musste ja denken, sie liefe herum und tue nichts anderes, als sich zu entschuldigen und rot zu werden. Aber immerhin stand sie diesmal nicht mit dem Ohr an der Tür zur Herrentoilette. Immerhin ließ sie diesmal bloß Bleistifte und Blöcke fallen.

»Entschuldigung«, stammelte sie noch einmal.

»Nun denn.« Daniel warf einen Blick in seine Notizen und schaute dann wieder zu Jen hinüber. Plötzlich schlug ihr Herz schneller und sie schaute weg, nahm rasch ihren Block und vergrub den Kopf in ihren Notizen. Dann war er eben Dozent bei Bell!

Er setzte seinen Vortrag fort und sie beobachtete ihn, registrierte seine dunklen Haare, seine Augen – hellbraun oder grün, auf die Entfernung war das schwer zu sagen –, seinen lebhaften Gesichtsausdruck. Obwohl sie sich natürlich nicht die Bohne für ihn interessierte, klar. Sie interessierte sich ausschließlich für den Unterrichtsstoff. Dann verzog sie das Gesicht. Der Unterrichtsstoff könnte ihr überhaupt nicht gleichgültiger sein. Also musste es wohl doch an ihm liegen.

»Wenn wir also eine interne Analyse vornehmen, fangen wir ganz vorne an, und zwar mit einer AZST-Analyse, das steht für Auftrag, Zielsetzungen, Strategie und Taktik, und diese vier Aspekte sollten aufeinander aufbauen.«

Jen schüttelte sich und begann mitzuschreiben. Auftrag, schrieb sie. Zielsetzungen. Daniel Peterson. Daniel. Dan.

»Der Auftrag kann so weit gefasst sein, wie Sie es möchten, aber er muss die Richtung vorgeben«, erläuterte Daniel gerade. »Würde einer von Ihnen mir bitte eine Branche nennen, damit das Ganze ein bisschen anschaulicher wird?«

Niemand sagte etwas.

»Wie wär’s mit Ihnen?« Er sah sie direkt an. Oh Gott, er sah sie an und ihr wollte einfach keine Branche einfallen.

»Wie wär’s mit einem Kondomhersteller?«, flüsterte Lara mit einem Blick auf Jens Notizen kichernd. »Oder Motels ...«

Jen warf ihr einen vernichtenden Blick zu und deckte unauffällig ihre Notizen ab. Ihr Kopf war plötzlich vollkommen leer.

»Kommen Sie, irgendeine Branche«, meinte Daniel aufmunternd.

»Ähm ...«, stotterte Jen verzweifelt. Sie musste unbedingt etwas sagen. »Ähm ... ein Kondomhersteller?«

Lachen kam auf und Daniel wirkte ziemlich verdutzt.

»Gut«, meinte er, immer noch etwas ungläubig. »Also gut, ein Kondomhersteller. Also, ähm ...«

Wieder warf er einen Blick in seine Notizen, fuhr sich dann mit der Hand durch die Haare und schaute auf.

»Also gut. Ein Kondomhersteller könnte also beschließen, der weltgrößte Kondomhersteller zu werden, wenn er sich auf Wachstum und Marktanteile konzentrieren möchte, oder er könnte sich für den Schutz vor Geschlechtskrankheiten einsetzen, wenn er sich als engagierter, sozialer Anbieter darstellen möchte. Die erste Vorgabe würde bedeuten, aggressiv neue Märkte zu erschließen, die zweite, sich beispielsweise mit Organisationen wie der WHO zusammenzuschließen, um das Bewusstsein für sexuell übertragbare Krankheiten zu schärfen und die Marke als Produkt der Wahl für aufgeklärte Verbraucher zu etablieren. Wie dem auch sei, das gewünschte Ergebnis wäre stets, mehr Kondome zu verkaufen und die Gewinnspanne zu vergrößern.«

»Ein Kondomhersteller müsste doch darauf aus sein, in neue Märkte einzudringen, oder?«, rief jemand von ganz hinten und erntete leises Gelächter.

»Und harte Konkurrenten zu verdrängen«, brüllte jemand von der anderen Seite des Saals, gefolgt von stürmischem Applaus.

Jen vergrub das Gesicht in den Händen und wünschte, die Erde würde sich auftun und sie verschlucken.

Daniel Peterson zwang sich, irgendwo anders hinzusehen als zu der jungen Frau von der Wohltätigkeitsgala. Die Frau, an die er seitdem immer wieder hatte denken müssen, und jedes Mal, wenn er an sie gedacht hatte, hatte er gelächelt. Er hatte sich auf ein langweiliges Dinner mit lauter Schlipsträgern eingestellt – hatte nicht mal hingehen wollen, und wäre es auch nicht, hätte sein Vorstand nicht einen Tisch reservieren lassen –, und er hatte Recht behalten. Bis auf sie. Sie war alles andere als langweilig gewesen.

Nicht hingucken, sagte er sich immer wieder wie ein Mantra. Du bist Dozent. Konzentriere dich auf deine Aufgabe.

Er wusste nicht, warum ihm diese Doziererei so schwerfiel. Klar, er war kein Akademiker, er hatte keine Lehrausbildung, aber in seinem Job gab es ständig irgendwelche Präsentationen, und die absolvierte er mit links. Aber dass sie ausgerechnet hier wieder auftauchen musste ...

Zum dritten Mal innerhalb von fünf Minuten fuhr er sich mit der Hand durch die Haare, eine Angewohnheit, die immer dann zutage trat, wenn er nervös war, und wegen der er sich manchmal zweimal am Tag die Haare waschen musste, vor allem, wenn er unter Stress stand.

Okay, sagte er sich, du musst einfach das Beste draus machen. Er schaute sich im Hörsaal um und erblickte einen ziemlich übergewichtigen jungen Mann in der ersten Reihe. Perfekt, dachte er. Konzentrier dich auf den Dicken.

Er bereute es bereits, sie aufgefordert zu haben, eine Branche zu nennen. Aber irgendwie hatte er sich nicht bremsen können. Das ganze Wochenende hatte er an sie gedacht und plötzlich war sie da, direkt vor ihm, und er konnte einfach den Blick nicht von ihr abwenden. Aber Herrgott, warum hatte sie ausgerechnet einen Kondomhersteller ausgesucht? War es denn so offensichtlich, dass er sie anstarrte? Na klar. Sie machte sich über ihn lustig, und wahrscheinlich wollte sie ihm damit zu verstehen geben, dass er sie in Ruhe lassen sollte.

Oder flirtete sie etwa mit ihm?

Der Dicke guckte ihn an. Er sah aus, als hätte er gerade etwas gesagt. Mist.

»Tolle Argumente, sehr präzise vorgetragen«, murmelte er rasch. Er musste weg von den Kondomen und zurück zur Formulierung des Auftrags. Sein Blick schweifte ab und er zwang sich, seine Aufmerksamkeit wieder auf die erste Reihe zu richten. »Aber was ich eigentlich erklären möchte, ist, dass die Formulierung des Auftrags mehr beinhaltet, als ein paar Wörter zusammenzuflicken, die irgendwie gut klingen. Sie legt die Strategie fest. Und wenn im Auftrag die Vorgabe formuliert wurde, in die Welt hinauszugehen und Gutes zu tun, die Taktik aber vorsieht, das Produkt in Fabriken fertigen zu lassen, in denen unter schlimmsten Bedingungen zu einem Hungerlohn geschuftet wird, dann ergibt sich daraus offensichtlich ein Problem. Entweder der Auftrag muss sich ändern oder die Taktik.«

»Die Wirtschaft ist doch aber gewiss nicht dazu da, Gutes zu tun«, meinte der Dicke. »Die Wirtschaft ist doch dazu da, Geld zu verdienen.«

Daniel runzelte die Stirn und fuhr sich automatisch wieder mit der Hand durch die Haare. »Tja, nun ja«, sagte er ernst, »ethische Grundsätze sind ein ziemlich weites Feld, das kann man nicht auf die Schnelle mal eben so abhandeln. Aber es gibt durchaus Unternehmen, deren Hauptverkaufsargument es ist, dass sie moralisch einwandfrei oder umweltfreundlich oder was auch immer sind. Nehmen Sie zum Beispiel die Verkaufszahlen von Fair-Trade-Kaffee. Das kann ein recht durchschlagendes Argument für die Käufer sein.« Er bemerkte, wie Jen ihn verstohlen musterte, und schaute schnell weg.

»Aber der Beweggrund dafür ist doch immer noch der, Geld zu verdienen. Bloß dass man es auch damit verdient, Gutes zu tun«, fuhr der Dicke fort. »Würden die Leute keinen fair gehandelten Kaffee mehr wollen, würden die Firmen ihn auch nicht mehr verkaufen, oder? Sie würden auf das umsteigen, was die Leute haben wollen. Unternehmen müssen profitabel sein, um zu überleben.«

»Blödsinn!«

Wie vom Blitz getroffen schaute Daniel hoch. Es war wieder dieses Mädchen. Erstaunt hob er die Augenbrauen.

»Wie bitte?«, fragte er und bemühte sich, keine Miene zu verziehen und sich ganz normal zu verhalten – was auch immer normal sein mochte. Das war ihm nämlich gerade entfallen.

»Er redet bloß totalen Quatsch«, ergänzte Jen leidenschaftlich mit dunkelroten Lippen, in die vor Aufregung das Blut schoss.

Daniel überlegte kurz, wie es wohl wäre, sie zu küssen, dann rief er sich zur Ordnung und schüttelte sich ganz leicht. »Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen – sie können nicht einfach tun und lassen, was sie wollen, so als hätte ihr Verhalten keine Auswirkungen auf den Rest der Welt. Sonst könnte man ja auch sagen, gegen Korruption sei nichts einzuwenden, solange die Kunden ...«

»Na ja, so ist es ja auch«, fiel der Dicke ihr schlagfertig ins Wort. »Schutzprogramme der Regierung könnte man auch als korrupt bezeichnen, je nachdem, auf welcher Seite man steht.«

Daniel hob die Hand. »Okay, Leute, danke für eure Beiträge«, ging er rasch dazwischen. Immer an die Arbeit denken, ermahnte er sich energisch. Konzentrier dich auf die Sache. »Das ist ein wichtiges Thema«, hörte er sich sagen. »Und in vielerlei Hinsicht haben Sie beide recht ...« Er dachte angestrengt nach. Das hier war nicht gerade sein Fachgebiet. »Man kann das so und so sehen«, fuhr er fort und bemühte sich, selbstsicher und souverän zu wirken. »Man könnte beispielsweise behaupten, wenn ein Kondomhersteller die Millionen Afrikaner, die jedes Jahr an AIDS sterben, einfach ignoriert, dann wird er bald keinen Absatzmarkt für seine Produkte mehr haben. Wenn Ölfirmen ihre Kunden nicht zum Energiesparen anhalten, sind sie nachher selbst schuld, wenn die letzten Ölquellen ausgebeutet sind und entsprechend ihre Profitquellen versiegen. Oder man könnte argumentieren, lobenswerte Ziele wie den Welthunger zu besiegen oder allen Kindern in den Entwicklungsländern Lesen und Schreiben beizubringen seien ja schön und gut, aber wenn sie keinen Profit abwerfen, dann hätte ein Unternehmen keinen Anreiz, sie umzusetzen. Aber in der heutigen Zeit sind Ethik und Moral sicher wichtige Themen. Krawalle aus Protest gegen die Globalisierung beispielsweise und Boykotte gegen Firmen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen produzieren lassen, üben großen Druck auf die Unternehmen aus und bewirken tatsächlich etwas.«

Jen ertappte sich dabei, dass sie Daniel schon wieder anstarrte. Er war nicht nur der schönste Mann, den sie je gesehen hatte, er war auch noch klug.

Lara stieß Jen mit dem Ellbogen an und die zuckte kurz zusammen. »Frag ihn, ob er mit dir Essen geht«, flüsterte sie mit einem kleinen Lächeln. »Du könntest sogar behaupten, du machst Hausaufgaben.«

Jen wurde rot und erwiderte das Lächeln. »Ich glaube, er steht mehr auf den Typ in der ersten Reihe«, gab sie mit einem leichten Schulterzucken zurück, während Daniel weiterredete und den Rest seines Vortrags mit fest auf die erste Reihe geheftetem Blick hinter sich brachte.

In der Mittagspause schaute Jen kurz in Bills Büro vorbei, um einen schnellen Blick auf seine Bücher zu werfen.

»Hey, Jen!« Er grinste. »Was kann ich für dich tun? Grundlagen der Unternehmensführung? Alles, was Sie schon immer über die Wirtschaft wissen wollten, aber nie zu fragen wagten?«

Jen lächelte ihn unsicher an. »Hast du irgendetwas von einem Daniel Peterson?«

Bill guckte ganz verdutzt und Jen bereute gleich, überhaupt gefragt zu haben. Genauso gut hätte sie fragen können: »Weißt du zufällig, ob Daniel Peterson eine Freundin hat?« Sie fragte sich, ob er eine Freundin hatte. Oder eine Frau.

»Ich glaube nicht«, erwiderte Bill mit gerunzelter Stirn. »Daniel Peterson sagst du? Tut mir leid, der Name sagt mir nichts.«

»Er, ähm, arbeitet hier«, erklärte Jen, ehe sie sich bremsen konnte. »Er lehrt interne Analyse ...«

Bill überlegte kurz, dann machte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breit. »Dan? Dan ist kein Wissenschaftler! Er ist das, was wir einen Praktiker nennen. Soweit ich weiß, arbeitete er im Buchhandel. Er gibt nur hin und wieder mal ein paar Vorlesungen.«

Jen nickte und versuchte sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Ein Buchhändler! Dann war er also doch kein Bell Mitarbeiter – er verkaufte Bücher. So ein toller Beruf. Normalerweise stellte sie sich unter einem Buchhändler keinen Unternehmensstrategen vor, der in einem MBA-Studiengang von Bell Vorlesungen hielt, aber das machte ihn nur noch interessanter. Er war kein Sesselpupser. Und das Beste war, dass er nicht für ihren Vater arbeitete, zumindest nicht ausschließlich , sondern irgendwo in einem netten, kuscheligen kleinen Buchladen, wo er liebevoll die Auslage dekorierte ...

Sie runzelte die Stirn. Und wenn es eine Fachbuchhandlung war? Jemand, der in einem kleinen unabhängigen Buchladen arbeitete, würde doch wohl kaum Vorlesungen bei Bell Consulting halten, nicht mal als Gastdozent. Am liebsten hätte sie Bill gefragt, in welcher Buchhandlung er arbeitete, aber das verkniff sie sich dann doch. Wer weiß, vielleicht kannte er Daniel ja persönlich und sie wollte auf keinen Fall, dass Bill sie für eine liebes kranke Irre hielt, die Tag und Nacht ihre Opfer verfolgte.

»Also«, meinte Bill, »vielleicht etwas über Informationssysteme?«

Jen sah ihn ernst an und ihr fiel wieder Tims Warnung bezüglich der Finanzen von Green Futures ein.

»Hast du irgendetwas über Finanzverwaltung?«, fragte sie zögernd. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal irgendwem diese Frage stellen würde, und so war es kein Wunder, dass sie ihr nicht gerade leicht über die Lippen ging.

»Für Anfänger oder fortgeschrittene Anfänger?«, fragte Bill mit einem breiten Lächeln.

»Beides«, gab Jen entschlossen zurück. »Wenn das in Ordnung ist?«

»Ein bisschen Ehrgeiz hat noch niemandem geschadet.« Bill grinste. »Und du kannst dir ruhig Zeit lassen. Die Nachfrage nach diesen Büchern hält sich in Grenzen.«

»Warum nur ...?« Jen zwinkerte ihm beim Rausgehen zu, drückte die Bücher an die Brust und fragte sich, ob sie wohl in ihre Tasche passen würden. Nie im Leben würde sie mit der U-Bahn nach Hause fahren, ohne die Dinger zu verstecken.

Daniel Peterson saß an seinem Schreibtisch und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Es gab doch ganz bestimmt Regeln, was die Beziehungen zu Studenten betraf.

Er legte die Stirn in Falten. War sie überhaupt eine richtige Studentin? Und war er überhaupt ein richtiger Dozent? Eigentlich nicht, es war schließlich bloß ein Nebenjob. Das war jetzt sein zweites Jahr als Gastdozent. Und eigentlich war es nur ein Gefallen. Und natürlich machte es sich gut in seinem Lebenslauf.

Aber so oder so war die Idee bescheuert. Sie interessierte sich ohnehin nicht für ihn.

Die Falten auf Daniels Stirn vertieften sich. Wie sie ihn angesehen hatte und zartrosa angelaufen war ... und dann dauernd dieses »Entschuldigung«, das war einfach bezaubernd.

Aber es war lächerlich. Das sah doch ein Blinder. Er suchte bloß eine Ablenkung. Er wusste nicht mal, wie sie hieß, und »das Mädchen vom Herrenklo« war zweifellos kein guter Spitzname. Nein, hier ging es nicht um sie, ermahnte er sich, es ging darum, dass ihn sein Beruf langweilte. Er musste das Übel an der Wurzel packen, statt wegen eines Mädchens den Kopf zu verlieren, ganz gleich, wie toll es auch sein mochte.

Er griff zum Telefon. »Jane, könntest du für heute Nachmittag einen Termin mit Frank arrangieren? Danke.«

Das sollte reichen. Ein Treffen mit dem Leiter der Finanzabteilung sollte ihm sämtliche romantischen Anwandlungen gründlich austreiben.

5

Jen starrte das Buch vor ihrer Nase finster an. So weit war es also schon gekommen. Da saß sie nun tatsächlich in einer Bibliothek, und zwar ausgerechnet in der von Bell Consulting, und las ein Buch mit dem Titel Grundlagen der Finanzverwaltung – das war nicht gerade das, was sie sich unter verdeckten Ermittlungen vorgestellt hatte.

Sie legte das Buch mit der aufgeschlagenen Seite nach unten auf den Tisch und schob den Stuhl zurück. Klar, sie wollte nichts überstürzen. Natürlich musste sie alles sorgfältig planen und sich unauffällig verhalten, damit sie nicht aufflog, ehe sie irgendwas von Bedeutung entdeckt hatte. Aber es war ein schmaler Grat zwischen dem Warten auf eine günstige Gelegenheit und völliger Untätigkeit aus Angst, erwischt zu werden. Und momentan tendierte sie eindeutig zum Garnichtstun. Man könnte fast denken, sie befürchtete, ihrem Vater zu begegnen oder so etwas in der Art. Als hätte sie Angst davor, was sie entdecken könnte. Diese Vermutung legte nahe, Angel habe tatsächlich recht. Entweder das oder man könnte annehmen, Jen strebe eine Karriere als Buchhalterin an.

Jen klappte das Buch zu und seufzte. Wenn sie nicht bald etwas unternahm, würde sie noch vergessen, warum sie hier war. Sie stand auf und wanderte zu der Abteilung der Bibliothek mit dem Namen Lieferkette. Dort war es wohltuend leer, langsam schlenderte sie den Gang zwischen den Regalen entlang und begann, sich einen Plan zurechtzulegen.

Es war genau, wie Daniel gesagt hatte, dachte sie. Sie musste ihren Auftrag und ihre Zielsetzungen formulieren. Eine Strategie entwickeln.

Sie ging zurück zu ihrem Tisch, nahm Block und Stift und konzentrierte sich.

Auftrag: Die Korruption in Indonesien stoppen und die Täter ihrer gerechten Strafe zuführen.

Einen Augenblick schwelgte sie in der Vorstellung, einen so hehren Auftrag zu haben, doch dann schüttelte sie den Kopf. Das war nicht ihr Auftrag, überlegte sie stirnrunzelnd. Das war ihre Strategie. Ihr Auftrag bestand darin, die Menschen zu schützen, deren Häuser eingestürzt waren. Und das gleich zwei Mal. Menschen, die Firmen wie Axiom vertraut hatten. Und die musste sie dazu bringen, auch das zu tun, was sie versprochen hatten. Ihr Auftrag bestand darin, dafür zu sorgen, dass die Häuser diesmal anständig gebaut wurden, von Firmen, die den Auftrag aufgrund ihrer guten Referenzen bekamen, und nicht durch Schmiergeldzahlungen. Aber wie wollte sie Einfluss auf eine derart gewaltige Sache nehmen? Genauso gut hätte sie sich »Weltfrieden und Kampf dem Hunger« auf die Fahnen schreiben können.

Das wäre doch mal eine Idee.

Sie legte die Stirn in Falten und beschloss dann, gleich zum nächsten Punkt überzugehen. Strategie: herausfinden, inwiefern Bell in diese Korruption verwickelt ist – vor allem, was ein gewisser George Bell damit zu tun hat – und dann die zuständigen Behörden informieren.

Jen lehnte sich zurück und stellte sich vor, wie sie ihren Vater der Polizei übergab, wie in einem Scooby-Doo-Cartoon. Er würde sie wütend angucken und lamentieren, er wäre damit durchge kommen, wenn dieses ungezogene Kind sich nicht eingemischt hätte ...

Nur dass sie bisher noch weit davon entfernt war, irgendetwas aufzudecken. Sie wusste nicht mehr als vorher. Und sie war auch kein ungezogenes Kind mehr.

Was Gavin wohl tun würde, fragte sie sich und versuchte sich ihren Exfreund an ihrer Stelle vorzustellen. So ungern sie das auch zugab, so etwas hatte er wirklich drauf. Er schien immer genau zu wissen, was zu tun war, und brachte alle dazu, ihn zu unterstützen. Vielleicht lag ja da auch der Hase im Pfeffer – sie hatte sich so daran gewöhnt, hinterherzulaufen und Anweisungen zu befolgen, dass sie überhaupt nicht wusste, wo sie anfangen sollte, wenn keiner ihr sagte, was zu tun war.

Sie runzelte die Stirn. Sie wollte niemand sein, der nur Befehle ausführte. Vor allem nicht die von Gavin. Sie würde das schon schaffen. Sie musste bloß irgendwo anfangen. Irgendwie reinkommen.

Jen schaute auf ihre Liste und merkte, wie lächerlich sie wirkte. Wie lächerlich sie selbst wirkte. Angel hatte doch recht – das Ganze war eine blöde Idee. Wenn sie nicht ins Büro ihres Vaters marschierte und in seinen Akten rumschnüffelte, welchen Sinn hatte es dann, überhaupt hier zu sein? Keinen, das war’s doch. Es war bloß mal wieder eine der verrückten Ideen ihrer Mutter, und sie war dumm genug gewesen, dabei auch noch mitzumachen.

Sie legte den Block hin und verließ die Bibliothek. Vielleicht sollte sie einfach alles hinschmeißen, dachte sie mutlos. Vielleicht sollte sie irgendetwas ganz anderes mit ihrem Leben anfangen, etwas, womit sie wirklich etwas erreichen konnte. Es war von Anfang an eine Schnapsidee gewesen und jetzt weiterzumachen würde wahrscheinlich alles nur noch schlimmer machen.

Aber was sollte sie stattdessen tun? Zu Green Futures zurückgehen?

Scheinbar wie in Zeitlupe ging sie den Gang entlang. So schlimm wäre das doch nicht, sagte sie sich. Wenigstens könnte sie es sich dann sparen, die Abhandlung über interne Analyse zu schreiben.

Sie trödelte zum Aufzug und während sie wartete, betrachtete sie ihr Bild in den reflektierenden Türen, die wie ein Zerrspiegel wirkten.

Ich spaziere einfach zur Tür hinaus, überlegte sie. Ich gehe ein bisschen spazieren und versuche, einen klaren Kopf zu bekommen. Und wenn ich mich dann dazu entschließe, alles hinzuschmeißen, dann tue ich das auch. Dann muss Mum eben damit leben.

Sie hörte schnelle Schritte auf dem Korridor, die immer näher kamen, und als sie aufschaute, sah sie Jack, den Berater vom Galadinner, Richtung Aufzug kommen, mit einem Kollegen, den sie nicht kannte. Sie verdrehte die Augen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt – noch so ein verklemmter Berater, der sich über demonstrierende Studenten ausließ.

Aber die beiden schienen sie gar nicht zu bemerken, als sie mit ihr auf den Fahrstuhl warteten.

»Er will Tickets nach Indonesien?«, fragte der eine verschwörerisch.

»Ja«, erwiderte der andere. Das war der, mit dem sie sich im Aufzug gestritten hatte. »Weiß der Teufel, warum. Will sie höchstpersönlich ausgehändigt bekommen.«

Jen guckte missbilligend und wendete dann den Blick wieder ab. Sie hatte beschlossen zu gehen, ermahnte sie sich. Es interessierte sie überhaupt nicht mehr.

»Bist du auf dem Weg nach oben?«

»Wonach sieht’s denn aus?«

»Meinst du, das hat was mit Axiom zu tun?«

Der Typ, mit dem Jen sich den kleinen Disput geliefert hatte, sah seinen Kollegen verächtlich an. »Darauf wäre ich nie gekom men«, bemerkte er sarkastisch. In diesem Moment kam der Lift und mit einem »Ping« öffneten sich die Türen.

»Der fährt nach unten«, sagte der Streitbare und sah dann zu Jen hinüber. »Möchten Sie den nehmen?«

Jen legte die Stirn in Falten.

»Ehrlich gesagt, nein«, sagte sie schließlich mit einem nervö sen Lächeln. »Ich schätze, ich will auch nach oben.«

Oben angekommen verließen die beiden Berater zielstrebig den Aufzug, ohne Jen eines Blickes zu würdigen. Sie stieg vorsichtig aus und versuchte, sich zu orientieren. Das war also der achte Stock. Hier arbeitete ihr Vater, hier fanden die Vorstandssitzungen statt. Sie war schon einmal hier gewesen, vor vielen Jahren, aber das kam ihr jetzt vor, als sei es in einem anderen Leben gewesen. Es sah ganz anders aus als damals, kleiner, und sie wusste nicht, wo sie war.

Sie drückte sich den Gang entlang und bemühte sich, ganz lässig und natürlich zu tun, als sei es ihr gutes Recht, dort herumzuspazieren. Sollte jemand sie ansprechen, würde sie einfach behaupten, sie habe sich verlaufen, entschied sie. Sie suche die Bibliothek. Oder ihren Tutor. Oder ...

»Hallo. Kann ich Ihnen helfen?«

Eine Dame Mitte fünfzig lächelte Jen an. Sie lächelte zurück. »Ich, ähm, suche die Toilette, um ehrlich zu sein«, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.

»Da drüben. In der Ecke.«

Jen guckte rüber, sah das riesige Schild DAMEN und grinste verlegen. Sie schlenderte in Richtung Klo, aber kurz vorher schaute sie sich verstohlen um und sah die beiden Berater in ein riesiges gläsernes Büro am anderen Ende des Korridors gehen. Ein Raum, der ihr bekannt vorkam. Sie sah einen Mann, der aufstand, um die beiden zu begrüßen. Und der Mann, erkannte sie mit Schrecken, war ihr Vater.

»Wir haben die Tickets, Mr Bell. Also, für wen sind die denn eigentlich?«

So, wie George Jack anstarrte, wurde diesem augenblicklich klar, dass er sich diese Frage besser hätte verkneifen sollen. Peinlich berührt schaute er zur Seite.

»Peter erzählte gerade, bei dem Galadinner neulich Abend seien massenweise Leute von Green Futures gewesen«, warf sein Kollege rasch ein. »Offenbar hat Ihre, ähm .. Harriet ... Ms Keller ... sie hat mit vielen Leuten über Axiom geredet. Und hat dabei angedeutet, Bell habe möglicherweise etwas mit dem ... ähm ... angeblichen Korruptionsskandal zu tun. Nur ... damit Sie Bescheid wissen.«

George funkelte erst ihn finster an, dann wieder Jack, und beide wurden zusehends kleinlauter.

»Ich danke Ihnen, Ihnen beiden«, knurrte er. »Und nur nebenbei, der Tag, an dem Bell Consulting anfängt, sich um Klatschgeschichten zu kümmern, ist der Tag, an dem Weihnachten und Ostern zusammenfallen. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Durchaus, Mr Bell.«

Die beiden Berater verschwanden wieder, und George ging langsam zurück zu seinem Schreibtisch. Ob Harriet etwas ausheckte? Ob er sich Sorgen machen musste? Er zuckte die Achseln. Sie heckte immer irgendwas aus. Kein Grund zur Beunruhigung. Harriet liebte Klatsch und Tratsch über alles, für eine gute Geschichte würde sie ihre Großmutter verkaufen. Sie wusste nichts und er war sich sicher, dass es auch dabei bleiben würde.

Es war ihm immer ein Rätsel geblieben, wie ein so intelligenter Mensch wie Harriet gleichzeitig so dumm sein konnte. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie eines Tages in sein Büro marschiert war – damals war sie bloß eine Sekretärin – und ihm gesagt hatte, das, was sie da gerade für ihn tippte, sei von vorne bis hinten Blödsinn und sie habe eine viel bessere Idee. Er hatte sich auf der Stelle Hals über Kopf in sie verliebt, war ganz hin und weg angesichts ihres Selbstbewusstseins, ihrer Sorglosigkeit und selbstverständlich auch begeistert von ihrer Idee, die, wie sich noch herausstellen sollte, wirklich absolut genial war. Aber am nächsten Tag hatte er gehört, wie sie jemandem ebenso eindringlich erzählte, Bäume seien spirituellere Wesen als Menschen. Sie war zerstreut, ein kopfloses Huhn, dachte George. Sie konnte sich nie lange genug auf eine Sache konzentrieren, um sie auch zu Ende zu bringen. Sie stellte wohl kaum eine echte Gefahr dar.

Es war erstaunlich, überlegte George, dass sie es geschafft hatte, so lange eine eigene Firma zu führen. Erstaunlich, dass ihre Mitarbeiter es mit ihren wechselnden Launen und ihrer mangelnden Konzentrationsfähigkeit aushielten.

Na ja, wenigstens war das nicht mehr sein Problem. Wenigstens waren sie nicht mehr verheiratet. Was war das für eine Ehe gewesen, dachte er melancholisch. So anstrengend.

Aber trotzdem ... manches war auch sehr schön gewesen. Hauptsächlich die Zeit mit Jen. Jennifer Bell, seine Tochter. Er war so stolz auf sie gewesen, hatte so große Hoffnungen in sie gesetzt.

Er drehte sich um und starrte aus dem Fenster. Das Leben war ein einziger Kompromiss, dachte er traurig. Überall gab es Tauschgeschäfte und Handel nach dem Motto »Eine Hand wäscht die andere«. Bekam heutzutage überhaupt noch jemand mit, was er sich wünschte? Hatte er das? Selbst als sie noch eine Familie waren, hatte er Jen kaum gesehen. Er hatte immer so viel zu tun gehabt, hatte sein Imperium ausbauen, eine Zukunft aufbauen müssen. Und dann war sie weg, und ihm war klargeworden, dass er sie eigentlich kaum kannte.

Trotzdem, sagte er sich und ging wieder zurück zum Schreibtisch. Man sollte die Vergangenheit ruhen lassen und nicht darüber nachgrübeln, was gewesen wäre wenn. Stattdessen sollte man sich um die anstehenden Aufgaben kümmern.

George seufzte. Manchmal fragte er sich, ob er ein besserer Vater gewesen wäre, hätte er einen Sohn gehabt. Jemand, mit dem man übers Geschäft reden, mit dem man zum Sport gehen konnte. Frauen waren so ... kompliziert. Selbst jetzt, in seinem Alter, waren Frauen für ihn immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. Dauernd wollten sie reden und fingen wegen der kleinsten Kleinigkeit gleich einen Streit an. Für George war die Welt ganz einfach schwarz und weiß. Aber sämtliche Frauen, die er kannte, schienen versessen darauf, das Ganze in eine undefinierbare verschwommene graue Masse zu verwandeln. Er stand auf, ging zur Tür und lehnte sich hinaus.

»Emily, warum sind Frauen so kompliziert?«, fragte er seine Assistentin.

Wie üblich ignorierte sie ihn. »Mr Bell, Sir, Mr Gates ist am Telefon. Er möchte wissen, ob sie irgendwann im Laufe der Woche mal vorbeischauen könnten.«

»Okay. Stellen Sie ihn durch, wären Sie so nett? Und, Emily, ein Kaffee wäre wunderbar. Könnten Sie mir einen Latte Macchiato besorgen?«

»Sie meinen, einen koffeinfreien Latte Macchiato«, bemerkte Emily sachlich und ignorierte auch die Grimasse, die er zog.

George marschierte zu seinem Schreibtisch, griff nach dem Hörer und vertrieb alle Gedanken an Jennifer energisch aus seinem Kopf.

Vom anderen Ende des Korridors beobachtete Jen ihn mit feuchten Augen, dann drehte sie sich langsam um und machte sich auf den Weg zurück in den siebten Stock.

Harriet Keller sah sich besorgt um. Irgendwie musste sie den Enthusiasmus der guten alten Zeiten wieder aufleben lassen. Green Futures wieder zu neuem Ansehen verhelfen. Was ihr mit dieser Präsentation hoffentlich gelingen würde, damit wollte sie alle wieder begeistern.

»Ihr seht also, wir müssen mit Leidenschaft arbeiten«, erklärte sie voller Energie den ungefähr fünfzig Mitarbeitern von Green Futures, die sich im Konferenzraum um sie geschart hatten. »Mit Verständnis. Landauf, landab merken Unternehmen, dass sie die Menschen nicht einfach weiter ignorieren können, dass sie die Erderwärmung und die wachsende Armut nicht unter den Tisch kehren können. Wir werden weiterhin für Anstand und Liebe einstehen. Und dadurch werden wir die Welt verändern.«

Sie setzte sich und lauschte nervös dem Applaus. Harriet brauchte den Applaus, sie brauchte Lob und Anerkennung, und das wusste sie auch. Besonders stolz war sie darauf nicht. Ihr war durchaus bewusst, dass es eine Schwäche war und dass sie eigentlich nichts darauf geben sollte, was die anderen dachten. Tatsache war jedoch, dass es ihr eine Menge ausmachte. Nichts motivierte sie so sehr, wie die Bewunderung der anderen zu spüren, nichts spornte sie mehr an, als die Gelegenheit, sich zu beweisen – oder, was häufig vorkam, anderen zu beweisen, dass sie im Unrecht waren. Ihre Firma hatte sie bloß gegründet, um ihrem Exmann zu beweisen, dass sie es auch allein schaffte, und was war das für ein Triumph gewesen. Aber ihr Ehrgeiz in dieser Hinsicht hatte deutlich nachgelassen. Und auch für die Presse schien sie kaum noch von Interesse zu sein. Sie seufzte und lächelte dann, als sie Paul auf sich zukommen sah.

»Wie hat es dir gefallen?«, fragte sie umgehend und bemühte sich, fröhlich und zuversichtlich zu klingen.

Er sah sie ernst an. »Sehr, sehr gut«, antwortete er. »Ich fand es sehr ... inspirierend.«

Harriets Augen strahlten und sie lächelte dankbar. »Ach, du bist so liebenswürdig, Paul, wirklich. Du meinst also, es war okay?«

»Okay ist untertrieben«, erwiderte er sofort. »Du darfst nicht so sehr an dir zweifeln.«

»Ach, ich weiß«, entgegnete Harriet seufzend. »Aber die Luft ganz oben ist sehr dünn. Wirklich. Ständig will jemand etwas von dir. Und ich versuche, für jeden Zeit zu haben – aber das ist so anstrengend. Vor allem, weil Tim mir dauernd im Nacken sitzt und mir sagt, wir sollen nicht so viel Geld ausgeben. Ich kann keine Firma führen, wenn ich kein Geld ausgeben darf, Paul. Das geht einfach nicht.«

»Alles wird gut«, versicherte Paul beruhigend. »Du machst dir immer zu viel Sorgen, Harriet. Vertrau doch ein bisschen mehr auf deine Fähigkeiten.«

Harriet nahm Pauls Hand. »Ach, Paul, ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde. Du bist der Einzige, der mich wirklich versteht, weißt du. Der einzige Mensch, der anerkennt, was ich zu erreichen versuche, der die Dimensionen erfassen kann, in denen ich arbeite.«

Paul lächelte und wirkte ein wenig verlegen. »Ich tue mein Bestes«, meinte er bescheiden.

»Nächste Woche«, sagte Harriet unvermittelt, »sollten wir eine Party veranstalten. Etwas machen, das die Leute wieder begeistert. Was meinst du?«

Paul nickte ernst. »Ich halte das für eine tolle Idee. Ich werde allerdings leider nicht da sein. Ich muss zu einem Kunden in Schottland.«

Harriet wirkte geknickt. »Du musst weg? Aber was soll ich denn ohne dich tun?«

»Ich bin nur ein paar Tage weg. Ich glaube, du wirst sehr gut ohne mich zurechtkommen. Davon bin ich überzeugt.«

Harriet nickte ergeben. »Ja, das werde ich«, murmelte sie mit einem dünnen Lächeln. »Mit deiner Unterstützung, Paul, bin ich mir dessen sicher.«

Sie ging zurück zu ihrem Büro, summte leise vor sich hin und fing im Geiste schon mal an, eine Party für Pauls Rückkehr zu planen. Sie wollte alle Journalisten einladen, die sie im Laufe der vielen Jahre bisher interviewt hatten.

Sie würde wieder eine kleine Ansprache halten. Vielleicht ein paar Anspielungen auf Bell und die Korruptionsvorwürfe einflechten. Der Welt zeigen, wie wichtig sie und ihre Firma waren, um Wahrheit und Gerechtigkeit zu schützen und ... Harriet hörte abrupt auf zu summen, als sie Tim, den Zahlenschieber, sah, der offenbar auf sie wartete.

»Harriet, ich muss dich bitten, mit mir die Abrechnungen durchzugehen«, sagte er bestimmt.

Harriet winkte ab. »Tim, ich habe im Augenblick wirklich keine Zeit. Ich dachte, ich hätte dich eingestellt, damit du dich um meine Finanzen kümmerst?«

Tim seufzte. »Ich bin Buchhalter und kein Zauberer, Harriet. Fakt ist, dass wir momentan Geld verlieren, und das müssen wir anderswo wieder einsparen.«

Harriet runzelte die Stirn, dann fielen ihr Pauls Worte wieder ein. Sie musste mehr auf ihre Fähigkeiten vertrauen. Wie recht er hatte. Wenn Tim die Dinge doch nur genauso sehen würde.

»Tim, was ist die Aufgabe von Green Futures?«, fragte sie und musterte ihn aufmerksam.

Er guckte finster. »Ganzheitliches Arbeiten, ganzheitliche Gewinne«, nuschelte er.

»Ganz genau. Und Wachstum erfordert Investitionen, Tim, das weißt du. Vielleicht geht momentan wirklich mehr Geld raus, als wir einnehmen, aber ich bin davon überzeugt, dass wir das Richtige tun. Glaubst du das nicht auch, Tim?«

Tim schaute sie unsicher an. »Natürlich glaube ich das, aber wenn wir noch mehr Geld verlieren ...«

Harriet legte den Finger auf die Lippen, und Tim verstummte. »Wir müssen investieren, wenn wir wachsen wollen«, erklärte sie sanft und erinnerte sich an die Worte, die sie in ihrem ersten Interview mit der Financial Times gebraucht hatte. »Gerade weil den Unternehmen Profit und Endgewinn so wichtig sind, kommt es immer wieder zu Desastern mit Großkonzernen. Vertrau mir, Tim.«

Tim nickte und verließ das Büro, und Harriet setzte sich an ihren Schreibtisch. Er hatte ihr schon drei E-Mails geschickt, sämtliche mit einem WICHTIG schreienden Fähnchen versehen, die sie eine nach der anderen gelöscht hatte.

Konzentrier dich, ermahnte sie sich. Tim soll sich um die Zahlen kümmern – ich muss mich auf das große Ganze konzentrieren. Hochzufrieden mit ihrem Schlachtplan lächelte sie und griff zum Telefonhörer.

Matt trottete Tim zurück in sein Büro.

»Kein gutes Gespräch?«, erkundigte sich sein Assistent Mick tonlos.

»Was glaubst du denn?«, fragte Tim mit der Stimme eines geschlagenen Mannes.

»Sie war also nicht der Ansicht, dass ein Schwarzes Loch mit einem Umfang von eineinhalb Millionen Pfund ein bisschen besorgniserregend ist?«

»Ich hatte nicht mal die Gelegenheit, ihr das zu sagen«, bemerkte Tim. »Sie hat mir gesagt, die Fixierung auf den Endgewinn leiste der ungezügelten Gier der Unternehmen Vorschub.«

Mick zog befremdet die Augenbrauen hoch. »Dann leisten wir uns also ein nettes teures Mittagessen auf Firmenkosten, hm?«

Tim seufzte. »Ich wüsste nicht, was uns daran hindern sollte«, sagte er und legte seine Akten ab. »Wenn alle anderen Geld ausgeben, als wüchse es auf Bäumen, dann wüsste ich nicht, warum wir das nicht auch tun sollten.«

6

Jen zog den Mantel enger und schaute zu, wie ihr Atem in kleinen Wölkchen in die kalte Herbstluft aufstieg. Wenn das nicht wirklich wichtig ist, dachte sie entnervt und guckte zum zweiten Mal auf die Uhr. Ihre Mutter hatte auf ein Gespräch bestanden und dann ein geheimes Treffen im Park vorgeschlagen. Als arbeiteten sie für den Geheimdienst oder so etwas.

Sie runzelte die Stirn. Vielleicht war sie ja auch unfair. Vielleicht war ihre Mutter ja wirklich an wichtige Informationen gelangt und wurde nun verfolgt. Große Konzerne ließen sich nicht gerne erwischen. Möglicherweise waren sie beide in Gefahr.

Jen lachte sich selbst aus. Zu viele Spätfilme im Fernsehen gesehen, tadelte sie sich kopfschüttelnd, denn offensichtlich ließ sie sich ja von der Hysterie ihrer Mutter anstecken. Harriet liebte Aufregung, den Anschein von Gefahr und Geheimnissen. Was sie allerdings tun würde, müsste sie sich tatsächlich mal einer echten Gefahr stellen, konnte Jen sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Wieder schaute sie auf die Uhr. Heute Nachmittag hatte sie eine Vorlesung bei Daniel und sie wollte sich einen der besten Plätze ganz vorne sichern. Käme sie zu spät, nur weil ihre Mutter ihre Verabredung nicht einhielt, würde ihn das sicher nicht sonderlich beeindrucken.

»Liebes, da bist du ja!« Harriet war ganz außer Atem und umklammerte einen Becher Kaffee, um ihre Hände zu wärmen.

»Ich bin erstaunt, dass du mich ›Liebes‹ nennst. Sollten wir nicht lieber Codenamen benutzen?«, gab Jen mit einem verschmitzten Lächeln zurück.

Harriet sah kurz so aus, als denke sie tatsächlich ernsthaft über diesen Vorschlag nach, doch dann bemerkte sie Jens Grinsen und seufzte.

»Also wirklich, Liebes, ich verstehe nicht, warum du so schwierig bist. Na, ist es nicht schön hier?« Sie setzte sich auf die Bank neben Jen und schaute sich um. »Ich mag den Herbst in London, du nicht?«

Jen schaute sie befremdet an. »Sind wir hergekommen, um über das Wetter zu reden?«

Harriet schüttelte den Kopf und drehte sich mit glänzenden Augen zu Jen. »Nein. Ich habe Neuigkeiten.«

Jen lief ein kleiner Schauer über den Rücken. »Ich auch. Ich War neulich im achten Stock und ein paar Typen haben Dad Flugtickets nach Indonesien gebracht.«

»Er fliegt nach Indonesien? Wann?«

»Weiß ich nicht«, musste Jen gestehen. »Aber ich werde versuchen, es herauszufinden. Und was hast du für Neuigkeiten?«

»Ich gebe eine Party!«

Jen blitzte sie böse an. »Was, mehr nicht? Du bestellst mich auf eine Parkbank, um mir mitzuteilen, dass du eine Party veranstaltest?«

Harriet sah ihre Tochter verzweifelt an. »Eine Party der Neuanfänge. Das ist sehr wichtig, Jen. Ich habe mich mit Paul unter halten, und er hat mir klargemacht, dass ich mich zu sehr ins Alltagsgeschäft der Firma verstrickt habe. Ich muss den Blick nach vorne richten und mich wieder meiner Hauptaufgabe widmen. Ein leuchtendes Vorbild sein! Ich will die Presse einladen. Ich will Green Futures wieder zu neuem Ansehen verhelfen!«

»Mit einer Party?«, fragte Jen ungläubig. Warum wundert mich das eigentlich?, fragte sie sich gereizt.

Harriets Augen wurden ganz schmal. »Ja, Jen. Mit einer Party.«

»Tim hat gesagt, ihr hättet ein Problem mit euren Finanzen. Kannst du dir überhaupt eine große Party leisten?«

»Tim sollte lieber erst nachdenken, ehe er den Mund aufmacht. Sieh mal, Jen, ich brauche keine guten Ratschläge, wie ich meine Firma leiten soll, vor allem nicht von jemandem, für den die Welt nur aus Tabellen besteht. Ich dachte, gerade du würdest mich verstehen ... Paul fährt nächste Woche nach Schottland, und ich dachte, du würdest mir vielleicht helfen ...«

Fassungslos blickte Jen ihre Mutter an. »Du hast mich doch nicht im Ernst den ganzen Weg hierherkommen lassen, um mit mir über eine Party zu reden, oder? Weil deinem wunderbaren Paul plötzlich eingefallen ist, dass er leider etwas noch Wichtigeres zu tun hat? Mum, schau dich doch mal an! Das ist doch völlig verrückt. Ich sollte jetzt in meiner Vorlesung sitzen. Und ich dachte, du hättest mir etwas Wichtiges zu sagen.«

Harriet sah Jen mit großen Augen an. »Verstehe. Green Futures ist dir also nicht wichtig genug? Vermutlich bist du zu beschäftigt damit, deinen MBA-Abschluss zu machen.«

»Ich möchte dich daran erinnern, dass ich den ohne dich und deine tollen Ideen gar nicht machen würde.«

»Tja, wenn dich meine tollen Ideen nicht interessieren, dann weiß ich nicht, was ich hier noch mache«, bemerkte Harriet spitz. »Es tut mir leid, wenn ich dich enttäuscht habe, Jennifer. Ich tue bloß mein Bestes, weißt du. Versuche, alles zusammenzuhalten, wie immer ...«

Sie stand auf, und Jen seufzte. Das war Harriets Lieblingstak tik, die sie immer dann einsetzte, wenn sie ohne weitere Diskussion einen Streit für sich entscheiden wollte – die »Ich bin eine alleinerziehende Mutter und einsame Unternehmerin und versuche, im Alleingang die Welt zu retten«-Trumpfkarte, der einfach nichts entgegenzusetzen war.

»Du tust mehr als nur dein Bestes«, meinte Jen versöhnlich. Es lohnte sich einfach nicht, mit Harriet zu streiten und die lange Funkstille, die zitternde Unterlippe und die schier endlosen Versöhnungstreffen auf sich zu nehmen, bei denen ihre Mutter üblicherweise nicht nur das letzte Wort haben wollte, sondern auch sämtliche Worte vorher. Und außerdem war es eigentlich nicht Harriets Schuld. Dass Jen so gereizt war, lag nicht nur an ihr.

»Ich bin bloß frustriert, dass ich selbst auch nicht mehr vorzuweisen habe«, erklärte sie achselzuckend. »Ich bin nicht sicher, ob ich die beste Spionin aller Zeiten bin.«

»Wir alle tun, was wir können, und mehr kann auch niemand von uns verlangen«, entgegnete Harriet mit einem schwachen Lächeln und klang dabei schon bedeutend fröhlicher. »So, ich gehe dann jetzt besser und fange schon mal an, die Party vorzubereiten, wenn ich doch alles allein machen muss. Das wird eine Heidenarbeit, aber ich bin mir sicher, es wird alle vom Hocker reißen. Sag mir Bescheid, wenn du etwas über den Ausflug deines Vaters nach Indonesien herausbekommst, wärst du so lieb?«

Jen nickte und hielt still, als Harriet ihr einen Kuss auf die Stirn drückte und quer durch den Park davonmarschierte.

Der arme Tim tut mir leid, dachte Jen, während sie ihrer Mutter hinterher sah. Wir alle tun mir leid.

Sie blieb noch einen Moment sitzen, beobachtete die Leute, die durch den Park spazierten, und genoss die Ruhe und den Frieden. Dann nahm sie ihre Tasche. Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Jemand setzte sich neben sie, was Jen, ohne hinzuschauen, zum Anlass nahm aufzustehen. Aber als sie ihre Tasche über die Schulter warf, sprach die Person sie an.

»Und, machen Sie hier Ihre eigene interne Analyse?«

Verdutzt schaute sie hin, und ihr Magen schlug einen Purzelbaum. Es war Daniel.

»Ich ... ähm ... na ja, sozusagen«, stotterte sie und war froh, dass die kalte Luft verhinderte, dass sie wieder knallrot wurde. Von nahem sah er noch besser aus. Er hatte kleine Löckchen, die sein Gesicht umrahmten, und die längsten Wimpern, die Jen je an einem Mann gesehen hatte.

»Und ... arbeiten Sie hier in der Nähe?«, fragte sie nach kurzem Schweigen. »Sie arbeiten im Buchhandel, stimmt’s? Ich bin übrigens Jen.«

Daniel lachte. »Nett, Sie kennenzulernen, Jen. Ich bin Daniel.«

Jen zog belustigt die Augenbrauen hoch, und er wirkte etwas verlegen. »Tja, na gut, das wussten Sie vermutlich schon.«

Schnell schaute er weg, wie um die Situation wieder unter Kontrolle und in eine lockere Bahn zu bringen. »Egal, Sie fragten eben nach meiner Arbeit. Man könnte es wohl Buchhandel nennen«, sagte er leichthin. »Obwohl ich heute kaum noch dazu komme, tatsächlich Bücher zu verkaufen. Haben Sie schon mal von Wyman’s gehört?«

Jen nickte. Wyman’s gehörte zu den größeren Buchhandelsketten und hatte überall in London Filialen.

»Da war ich neulich noch!«

»Na denn, dann wissen Sie ja, für wen ich arbeite.«

Jen überlegte fieberhaft, was sie jetzt sagen sollte. Übers Bücherverkaufen wusste sie nicht viel – nur übers Bücherkaufen, und das war wohl nicht unbedingt das Gleiche.

»Ich fand es sehr interessant, was Sie in der letzten Vorlesung gesagt haben«, meinte sie nach einer weiteren Pause. »Über die Wahl zwischen Moral und Profit, meine ich. Über diese Problematik habe ich schon oft nachgedacht.«

Daniel sah sie interessiert an und unvermittelt schaute Jen ihm wieder direkt in die Augen – die, wie sich nun herausstellte, hellgrünbraun waren – und konnte den Blick nicht mehr abwenden.

»Wo haben Sie denn vorher gearbeitet?«, fragte er, und erst da gelang es Jen wegzugucken, aber gleich wanderte ihr Blick wieder zurück zu seinen Augen.

»Green Futures«, antwortete sie. »Die Unternehmensberatung.«

»Ich kenne Green Futures«, entgegnete Daniel rasch. »Harriet Keller, der Sturmtrupp moralischer Geschäftemacherei. Haben Sie eng mit ihr zusammengearbeitet?«

Jen nickte nur.

»Tja, dann verstehe ich, warum sie sich so für Ethik und Moral interessieren. Um ehrlich zu sein, ist das nicht gerade mein Spezialgebiet – Sie wissen sicher viel mehr darüber als ich, wenn sie bei Harriet Keller gearbeitet haben. Ich wollte bloß klarmachen, dass man wissen muss, was man will, sonst hat man nicht die geringste Chance, es auch zu bekommen. So, ich glaube, wir sollten uns besser auf den Weg zu den Bell Towers machen, oder? Soll ich Sie nicht alle um drei Uhr zu Tode langweilen mit meiner Vorlesung?«

Jen grinste und stand auf. Auf ihrem Mantel bildeten sich kleine Eisperlen, aber ihr war wohlig warm, als sie gemeinsam in Richtung Bell Towers schlenderten.

Jetzt wusste sie ganz sicher, was sie wollte. Nun musste sie sich nur noch überlegen, wie es zu bekommen war. Vielleicht hatte ihre Mutter ja doch recht, dachte sie bei sich, während sie auf dem Weg ins Büro hin und wieder heimlich zu Daniel hinüberlinste. Vielleicht ging es ja jetzt endlich wieder bergauf.

Am folgenden Wochenende saß Jen an ihrem Küchentisch und kämpfte mit ihrer Arbeit über interne Analyse. Jedes Mal, wenn sie irgendetwas geschrieben hatte, versuchte sie es mit Daniels Augen zu lesen und löschte es dann gleich wieder. Zu naiv, zu abgehoben, zu langweilig. Sie wollte eine Arbeit schreiben, mit der sie sich seinen Respekt verdienen würde. Eine Arbeit, die ihn absolut umhauen würde, über die er mit ihr reden wollen würde, vielleicht sogar bei einem gemeinsamen Abendessen ...

Sie schüttelte sich. In eine Arbeit hat sich noch niemand verliebt, ermahnte sie sich streng. Und wenn doch, da war sie sich ziemlich sicher, dann bestimmt nicht in eine über interne Analyse.

Sie las die Fragestellung noch einmal durch. »Führen Sie anhand eines Unternehmens oder einer Branche ihrer Wahl eine interne Analyse durch, und zwar unter Verwendung der im Kurs besprochenen Modelle und Theorien.« Das war zumindest eindeutig. Keine Fangfrage. Aber auch in etwa so inspirierend wie ... tja, wie etwas sehr Uninspirierendes eben. Jen seufzte.

Es sei denn ... sie runzelte die Stirn. Wenn sie eine interne Analyse einer Buchhandlung vornahm, dann müsste das doch seine Aufmerksamkeit fesseln, oder nicht? Wenn Sie mit etwas aufwarten könnte, woran Daniel nicht mal im Traum gedacht hatte ... Okay, das war wohl eher unwahrscheinlich, wenn man bedachte, dass sie sich erst seit etwa einer Woche mit interner Analyse befasste und er ihr Lehrer war. Aber trotzdem, vielleicht fände er es zumindest interessant. Vielleicht wäre er sogar geschmeichelt.

Lächelnd stand Jen auf und kochte sich eine Tasse Tee. Dann machte sie sich an die Arbeit.

»Ich habe für dich das Übliche bestellt.«

Jen strahlte Angel an. »Danke.«

»Du hast also gestern den ganzen Abend gearbeitet? So richtig eine Arbeit geschrieben? Ich dachte, du machst den Kurs nur unter Protest?« Angel konnte es kaum glauben.

»Ich weiß, ich habe mich ja auch selbst überrascht. Aber da gibt es einen Typen, der bei uns Vorlesungen hält, Daniel. Ich ... na ja, ich wollte bloß, dass die Arbeit auch richtig gut wird.«

Angel lachte. »Du hängst dich so richtig rein in diesen MBA-Kurs, oder? Nachher landest du bestimmt noch bei Bell Consulting oder so. Das ist so herrlich ironisch ...«

Jen verzog das Gesicht. »Ich werde ganz bestimmt keine Bell-Beraterin. Und ich bin immer noch der Ansicht, dass dieser MBA-Kurs total ätzend ist. Aber wenn ich ihn schon mache, dann kann ich mich genauso gut auch reinknien. Kenne deinen Feind, oder wie war das noch?«

»Dieser Daniel ist also der Feind?«

Jen errötete und Angel runzelte die Stirn.

»Nicht ganz.«

»Ich kenne niemanden, der so kompliziert ist wie du, Jen. Ehrlich, manchmal weiß ich echt nicht, wie du das immer schaffst.«

Jen sah Angel erstaunt an. »Ich bin überhaupt nicht kompliziert. Ich bin völlig unkompliziert.«

Angel rührte in ihrem Kräutertee. »Jen, du verbringst dein ganzes Leben damit, gegen irgendwelche Dinge zu rebellieren, um im nächsten Moment dann wieder das genaue Gegenteil zu tun. Dein Vater, deine Mutter, Gavin. Da komme selbst ich nicht mehr mit!«

»Aber du bist vollkommen unkompliziert?«, fragte Jen herausfordernd. »Du sagst, du willst keine arrangierte Ehe und willst keine indische Ehefrau sein, aber du hast auch nie einen festen Freund. Du trinkst keinen Kaffee wegen der Giftstoffe, aber ich wette, gestern Abend hast du wie immer wieder jede Menge Wodka gekippt ...«

Angels Augen funkelten, und sie setzte ihr Braves-Mädchen-Gesicht auf. »Wodka ist ganz rein, weißt du. Aber okay, es reicht. Ich habe ja nicht gesagt, dass es schlecht ist, kompliziert zu sein. Hätte auch ein Kompliment sein können.«

»War es das denn?«

Angel lachte. »Ja und nein. Also, dieser Daniel. Ist das ein anständiger Kerl? Hat er Geld?«

Jen nickte, während ihr Müsli, Joghurt und ein Bagel mit Marmelade serviert wurden. Dafür, dass Angel immer behauptete, die Einstellung ihrer Mutter bezüglich Männern und Ehe hinge ihr zum Halse heraus, klang sie doch verblüffenderweise oft genau wie sie. »Du würdest ihn bestimmt mögen«, sagte sie lächelnd. »Er ist so gar nicht wie Gavin.«

»Dann mag ich ihn jetzt schon. Aber er ist dein Lehrer, richtig? Also wird nichts weiter passieren?«

Jen zuckte die Achseln und begann zu essen. »Wahrscheinlich ist er verheiratet und hat fünf Kinder. Aber man wird doch noch mal träumen dürfen, oder?«

7

»Die externe Analyse ist der wohlmöglich interessanteste Aspekt der Strategie.« Der Dozent machte eine effektheischende Pause und musterte jeden Einzelnen im Hörsaal, um sicherzugehen, dass ihm auch alle Anwesenden ihre vollste Aufmerksamkeit schenkten.

Jen sah ihn entrüstet an. Wo ist denn Daniel, hätte sie am liebsten gefragt. Warum wurde die interne Analyse so schnell abgehakt? Es wurde doch gerade erst spannend ...

In den letzten beiden Wochen hatte sie wie verrückt gebüffelt, sich mit unternehmensinternen Stärken und Schwächen befasst, eindeutig zu viel Kaffee mit Lara und Alan getrunken und ziemlich häufig in Fluren herumgelungert. Aus den Gesprächen, die sie dabei belauscht hatte, hatte sie insgesamt viel zu wenig erfahren, sich aber trotzdem gewissenhaft Notizen gemacht. Inzwischen war sie über das Liebesleben der – wie es ihr schien – halben Belegschaft von Bell Consulting im Bilde, außerdem wusste sie, wer sich gerade nach einem neuen Job umsah und wie wenig Bruce Gainsborough, wer immer er sein mochte, von seinen Kollegen geschätzt wurde. Über die Indonesien-Reise ihres Vaters wusste sie allerdings nach wie vor gleich null.

Nebenbei hatte sie ihre Arbeit für Daniel geschrieben und fand sie gar nicht mal so schlecht, ohne sich natürlich selbst über den grünen Klee loben zu wollen. Sie stellte sich vor, wie er die Arbeit las, stellte sich vor, wie er beim Lesen an sie dachte, und bei dem Gedanken erschauerte sie leicht.

»Die interne Analyse bringt uns nur bis zu einem gewissen Punkt und nicht weiter«, erläuterte der Dozent gerade. »Genau wie bei einem Menschen, dem der nach innen gerichtete Blick nicht unbedingt dabei hilft, zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen. Nein, sich seiner selbst bewusst zu sein mag zwar zu den Voraussetzungen dazu gehören, doch darüber hinaus muss man den Blick öffnen und nach Möglichkeiten und Gefahren am Horizont Ausschau halten, bevor man anfängt, sich seinen Platz in der Welt zu erarbeiten. Und genauso ist das auch bei Unternehmen. Man muss das Umfeld des jeweiligen Unternehmens in seine Überlegungen mit einbeziehen – wer sind die Kunden, was wollen sie, wo wohnen sie? Man muss an die Konkurrenz denken – wie stark ist sie und kann man ihren nächsten Schachzug voraussehen? Was ist mit den Zulieferern? Sind sie effizient? Billig? Mit welchen Problemen sehen sie sich konfrontiert? Und dann muss man das Ganze im großen Zusammenhang sehen – was passiert in der Welt außerhalb des Unternehmens? Überflutungen, Hungersnöte, Aufschwung, Flaute, Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, Einwanderung – das alles hat Auswirkungen auf unser Unternehmen. Ihre Aufgabe ist es, diese Faktoren aufzuzeigen und eine Strategie zu entwickeln, um das Beste aus den sich bietenden Möglichkeiten zu machen und eventuelle Risiken zu minimieren.«

Das Beste aus den sich bietenden Möglichkeiten machen und eventuelle Risiken minimieren, sinnierte Jen. Genau das musste sie auch bei Bell machen. Zu ihren Möglichkeiten gehörte, rein zufällig mit voller Absicht Daniel über den Weg zu laufen, ihren Vater auszuspionieren und weitere Gespräche im Aufzug zu belauschen. Zu den Risiken zählte, in den Verdacht zu geraten, Da niel zu verfolgen, von ihrem Vater erwischt und gefragt zu werden, warum um Himmels willen sie den ganzen Tag im Aufzug herumhing.

»So, damit sind wir mit der Einführung durch, also widmen wir uns jetzt ein paar grundlegenden Modellen«, kündigte der Professor an. »Die PÖST-Methode ist immer sehr empfehlenswert – das heißt politische, ökonomische, soziale und technologische Einflüsse. Möchte jemand vielleicht ein Unternehmen vorschlagen, und wir gehen dann die PÖST mit ihm durch?«

Die Hand eines jungen Mannes in der ersten Reihe schoss blitzartig in die Höhe. »Wie wäre es mit einem Kondomhersteller?«, fragte er mit kaum verhohlenem Grinsen und alle Anwesenden stimmten eifrig zu. Jen wand sich vor Unbehagen – das würde sie vermutlich bis an ihr Lebensende verfolgen.

Der Dozent wirkte etwas verdutzt. »Ein Kondomhersteller, sagen Sie?«

»Wir haben kein Problem mit Kondomen«, gab der junge Mann so ernst er konnte zurück. »Sie sind so flexibel, dass man sie wirklich effektiv untersuchen kann, und man kann damit die ... wirklich, ähm, relevanten Faktoren auffangen.«

Gelächter hallte durch den Saal und der Dozent seufzte.

»Also gut. Politische Einflüsse auf einen Kondomhersteller.« Schweigen im Walde.

Jens Blick schweifte nur ganz kurz den Professor, allerdings genau in dem Augenblick, als dieser gerade in ihre Richtung sah, und sofort wünschte sie sich, sie hätte es nicht getan.

»Wie wäre es mit Ihnen«, meinte er prompt. »Nennen Sie mir einen politischen Einfluss, der für einen Kondomhersteller von Bedeutung ist.«

Jen dachte angestrengt nach. »Ähm, wie wäre es mit dem Ent schluss einer Regierung, die Zahl ungewollter Schwangerschaften bei Teenagern drastisch zu reduzieren?«, schlug sie vor.

»Gut!«, rief ihr Dozent lächelnd. »Das wäre schon mal einer. Das ist ein Faktor, der in zwei Richtungen wirken könnte – entweder die Regierung teilt kostenlos Kondome aus, in dem Fall müsste der Hersteller dann sicherstellen, dass es seine sind, oder die Regierung predigt Abstinenz, was sich in niedrigeren Verkaufszahlen niederschlagen könnte. Wenn es eine wichtige Marke ist und es geht dabei hauptsächlich um den Spaßfaktor, wie bei Billy Boy, dann könnte sie sich sogar aktiv von der Austeil-Aktion distanzieren, weil die als »verantwortungsbewusst« angesehen wird. Also, das sind doch schon mal jede Menge gute Ideen. Wem fällt noch etwas ein?«

Ein kleines Lächeln schlich sich angesichts dieses Kompliments auf Jens Lippen.

»AIDS-Aufklärung«, sagte ein anderer.

»Ja, aber das hat nichts mit Politik zu tun. Hier ist nämlich die Einstellung der Regierung gegenüber AIDS das Politische – räumt sie ein, dass AIDS ein Problem darstellt, und geht es an oder ignoriert sie es? Beides hat Auswirkungen auf unser Unternehmen. Okay, wirtschaftliche Faktoren?«

Lara hob die Hand. »Der Gummipreis«, sagte sie grinsend. »Haargenau. Sehr wichtiger Faktor«, lobte der Dozent, während um ihn herum jede Menge Gekicher laut wurde.

Er kniff die Augen zusammen. »Soziale Einflüsse?«

»Wie viele Leute überhaupt vögeln«, rief jemand ganz hinten, und das Kichern wurde noch heftiger.

Der Dozent seufzte. Es war ganz gleich, wie alt die Leute waren – steckte man einen Haufen Studenten in einen Hörsaal, mutierten sie unter Garantie zu albernen Teenagern.

»Würde jemand das bitte in einen echten sozialen Faktor umwandeln?«, stöhnte er. »Wie wär’s noch mal mit Ihnen?«

Er sah Jen an, und die wurde gleich wieder rot.

»Ähm, was ist mit der Zahl der Eheschließungen?«, meinte sie zaghaft. »Und der Demografie – wie viele Menschen wann wie viele Kinder bekommen, so etwas in der Art.«

»Gut. Warum?«

»Weil, äh, wenn viele Leute verheiratet sind oder in Beziehungen leben, aber keine Kinder wollen, dann nimmt der Kondomverbrauch zu.«

»Ausgezeichnet. Ich danke Ihnen. Und zu guter Letzt, technologische Einflüsse. Irgendjemand?«

Alan zeigte auf. »Neue Entwicklungen wie beispielsweise die Pille für den Mann.«

»Gut. Sonst noch was?«

»Vibratoren«, warf Lara rasch ein.

»Erklären Sie das.«

»Nun ja, wenn die gut genug sind, brauchen Frauen vielleicht den Sex mit Männern nicht mehr ...« Dafür erntete sie von einigen der anwesenden Damen Beifall.

»Interessante Idee«, meinte der Dozent, »auf die wir jetzt aber nicht näher eingehen werden – das überlasse ich Ihnen, einverstanden? So, wenn Sie mit Ihrer PÖST fertig sind, müssen Sie –« Er wurde unterbrochen, weil die Tür aufging. Jen sah auf und erstarrte. Ihr Herz fing an zu hämmern, und sie spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich.

»Mr Bell!«, rief der Dozent, richtete sich kerzengerade auf und wirkte gleich viel förmlicher als noch vor ein paar Sekunden. »So eine nette Überraschung. Möchten Sie ... ähm ... sich vielleicht setzen?«

George strahlte übers ganze Gesicht. »Machen Sie einfach weiter, Julian«, entgegnete er leutselig. »Ich wollte nur mal schnell einen Blick auf die diesjährige Auswahl werfen, wenn es Sie nicht stört.«

»Oh nein, überhaupt nicht. Ja. Wir befassen uns gerade mit der PÖST-Analyse«, erklärte der Dozent, »am Beispiel eines ... einer Herstellerfirma.«

Autor

  • Gemma Townley (Autor)

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Titel: Love in the City