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Tödliche Melodie

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nur noch zwei Wochen, dann darf Evan seine Bronwen endlich heiraten. Doch die einst so unkomplizierte Beziehung steht vor einer schweren Probe und das gespannte Verhältnis zwischen Evans Mutter und seiner Verlobten macht die Sache nicht besser.
Aber dann trifft Evan zufällig auf einen Wanderer, der berichtet, seine Freundin auf der Wandertour verloren zu haben. Sofort wird ein Trupp zusammengestellt und die Suche nach dem Mädchen aufgenommen – leider ergebnislos. Als Evan mysteriöse Botschaften erreichen, deren Lösung ihn zu dem Mädchen führen soll, nimmt der Fall eine neue Wendung an, die Evan und seiner Verlobten zum Verhängnis werden könnte …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Oktober 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-699-1

Copyright © August 2005 by Rhys Bowen
Titel des englischen Originals: Evan Blessed

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von © Matt Gibson/shutterstock.com, © Helen Hotson/shutterstock.com und © TheOldhiro/shutterstock.com

Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Dieses Buch ist den unglaublichen Henoeds – Alice, Pat, Dee, Maxine, Leslie, Cecile und Doreen – und unserer Bezwingung des Mount Snowdon gewidmet. Außerdem unserem gewissenhaften Fahrer John, der uns geschickt durch all die Haarnadelkurven der teuflischen Serpentinen fuhr!

Ich widme dieses Buch auch meiner Freundin Millie Sattler, die meine Bücher von Anfang an unterstützte und mir einen wunderschönen walisischen Drachen aus Buntglas anfertigte.Wie immer geht mein Dank auch an meine ausgezeichneten Kritiker, John, Jane und Clare, denen ich diesmal außerdem für die Idee der musikalischen Indizien danken muss.

Glossar walisischer Begriffe

bach – klein, ein Kosewort (gesprochen wie der Komponist)

bore da – guten Tag (burey dah)

cariad – Liebling (kar-i-ad)

cawl – dicker Eintopf, üblicherweise mit Lammfleisch (kauwl)

Cor Meibion – Männerchor, wörtlich: Chor der Söhne (kor meyebion)

Diolch yn fawr – vielen Dank (di-olch en wauwer)

Escob annwyl – wörtlich: lieber Bischof; gütiger Himmel! (eskobe ann-whiel)

fach – weibliche Form von bach (vuk)

iechyd da – Prost (yacky da)

mam – Mutternain – Großmutter (nein)

tippen bach – ein wenig (tippen bach)

Yr Wyddfa – walisischer Name des Mount Snowdon (Jur wuthva)

ysbety – Krankenhaus (isbetty)

Kapitel 1

Er wusste, dass er nicht Klavier spielen sollte, doch er konnte nicht anders. Sein letzter Arzt im Krankenhaus hatte ihm nahegelegt, dass es in diesem Gemütszustand nicht weise war, und die alte Kuh von nebenan hatte klargemacht, dass sie den Krach nach neun Uhr nicht hören wollte. Doch es rief nach ihm, zog ihn zu sich, so unausweichlich als wäre er ein Fisch am Haken. Er musste das kühle Elfenbein unter seinen Fingern spüren und den Raum mit Musik erfüllen, um die Finsternis zu verdrängen.

Er öffnete die Tür und tastete nach dem Lichtschalter. Der Flügel nahm beinahe das gesamte Wohnzimmer ein. Es war ein prachtvolles Instrument und verdiente es, einen ganzen Raum nur für sich zu haben. Es aufzugeben war unvorstellbar. Was machte es da schon aus, dass das andere Zimmer im Erdgeschoss vollgestopft war - es war ja nicht so, als würde er Besuch empfangen.

Er wühlte in der Klavierbank herum und holte das erste Notenbuch heraus, das seine Finger zu fassen bekamen. Chopin, Ausgewählte Pianoforte-Werke. Die technisch herausforderndsten Stücke seiner Notensammlung. Er schlug das Buch an einer zufälligen Stelle auf und spielte. Er kannte das Stück gut und spielte es mühelos vom Blatt. Die Klänge von Sehnsucht und Leidenschaft hingen noch in der Luft, nachdem er die Etüde bereits beendet hatte. Dann blätterte er um und zuckte zusammen, als er sah, was er vor sich hatte. Die Nocturne in Fis-Dur, geschrieben von einem Virtuosen, der sein eigenes Talent zur Schau stellen wollte. Er ging das Stück trotzdem an. Durch den langsamen Teil konnte er sich hindurchmogeln, indem er mit falschem Fingersatz spielte. Jetzt zwang er seine Finger zum Gehorsam und sie flogen über die Tasten, bis sich eine Lücke auftat, wo sein Ringfinger sein sollte. Ein falscher Ton erklang. Er schmetterte den Klavierdeckel zu und brach in Tränen aus.

 

„War das alles, Evan bach?“ Charlie Hopkins setzte die Kiste auf dem Plattenweg vor der Tür des Cottages ab und richtete sich wieder auf. Er hatte eine Hand auf seine Brust gelegt und atmete schwer. Es musste einiges geschehen, damit Charlie Hopkins außer Puste kam, selbst mit seinen zweiundsiebzig Jahren, aber an einem heißen Nachmittag zum zehnten Mal den Berghang zu erklimmen, war zu viel.

„Ich glaube, das war’s, Charlie“, sagte Evan Evans, der ebenfalls schwer atmete, obwohl er nur halb so alt wie Charlie und gut in Form war. „Ich kann Ihnen gar nicht genug für Ihre Hilfe danken. Mir war nicht ganz klar, was für ein anstrengender Marsch das werden würde.“

„Was soll man sonst erwarten, wenn man sich dafür entscheidet, fast oben am verdammten Gipfel zu wohnen?“, wollte Charlie wissen. Er holte ein großes Taschentuch heraus und wischte sich über die Stirn.

Evan lächelte. „Bronwen wollte eine Umzugsfirma engagieren.“

Charlie schnaubte. „Mit einem Umzugswagen kommt man hier nie im Leben hoch. Ich wüsste gerne, welche Umzugsfirma sie gefunden hätte, um die Möbel so wie wir hier heraufzutragen. Da hätten Sie es eher mit einem Streik zu tun bekommen.“

„Das habe ich ihr auch gesagt“, sagte Evan. Er hob mit einem Grunzen eine Kiste an und stieß mit dem Fuß die Haustür auf. Charlie folgte ihm mit der zweiten Kiste.

„Wo soll ich das hier hinstellen?“, fragte er. Sein Blick wanderte durch das kleine Wohnzimmer, in dem sich bereits Möbel und Kisten stapelten.

„Irgendwo auf den Boden, vielen Dank“, sagte Evan und stellte seine eigene Kiste zu einigen anderen. „Wie kann eine einzige Frau so viele Dinge besitzen?“

„Das gehört alles ihr?“

„Ja. Sie muss diese Woche aus dem Schulhaus ausziehen.“

Charlie Hopkins sog Luft zwischen seinen Zähnen hindurch. „Ah, dann ist es also wahr. Man wird die Schule schließen.“

„So ist es. Man hat Bron eine Stelle in der neuen Grundschule an der Straße nach Caernarfon angeboten. Fünfhundert Schüler werden auf diese Schule gehen. Ein ganz modernes Glasgebäude. Ich schätze, für die Kinder aus dem Dorf wird das ein Schock.“

„Ich verstehe nicht, warum sie alles ändern mussten“, sagte Charlie. „Diese Schule war gut genug für mich und für meine Jungs.“

„Ich bin mir sicher, dass mit einer Lehrerin wie Bronwen alles gut lief“, sagte Evan. „Aber ich kann verstehen, dass sie einer schlauen Zehnjährigen und einem langsamen Sechsjährigen nicht die individuelle Aufmerksamkeit schenken kann, die sie verdient hätten.“

Charlie nickte. „Vielleicht haben Sie recht. Der Unterricht ist heute anders. Als ich zur Schule ging, haben wir noch für jeden Fehler im Diktat Stockschläge auf die Finger bekommen.“

Evan lachte. „Dann ist Ihre Rechtschreibung bestimmt tadellos.“

„Ist sie auch.“ Charlie lächelte und entblößte mehrere Lücken in seinen Zahnreihen. „Dann hat Ihre Bronwen ja Glück, dass sie heiraten und zusammen hier einziehen. Sonst müsste sie auf Wohnungssuche gehen.“

„Bei Ihnen klingt das so, als würde sie mich nur heiraten, weil sie das Schulhaus verliert.“

Charlie kicherte. „Nein, ich schätze, sie hätte es schlechter treffen können. Dann geben Sie auch das Cottage auf, das Sie von Mrs. Howells gemietet haben?“

„Erst nach der Hochzeit. Bronwen findet es nicht richtig, dass ich schon mit ihr hier einziehe. Besonders, weil meine Mutter zu Besuch kommen wird. Sie ist in diesen Dingen recht altmodisch.“

Charlie grinste erneut. „Richtig so. Keine Techtelmechtel. Die Hochzeit wird eine große Feier, oder? Ich hörte, Sie lassen sich nicht in der Kapelle trauen.“ Er folgte Evan in die leichte Nachmittagsbrise hinaus, die vom Ozean heraufwehte.

Evan wuchtete eine weitere Kiste mit Küchenutensilien hoch und schwankte damit zurück ins Cottage. „Bron und ich wollten es, aber ihre Mutter hat den Aufstand geprobt. Sie müssen wissen, dass sie als Mitglied der Church of Wales aufgezogen wurde, wie alle vornehmen Leute. Ihre Mutter konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass ihre Tochter in einer nichtanglikanischen Kapelle heiratet.“ Er stieg auf einen Küchenstuhl und kämpfte darum, das Gleichgewicht zu behalten. „Wenn es nach mir ginge, würde ich mit ihr durchbrennen und in einem Standesamt heiraten, aber Hochzeiten scheinen für Frauen eine große Sache zu sein. Und Bronwen hat beim letzten Mal schon keine anständige Hochzeit gehabt.“

„Sie war schon mal verheiratet? Das wusste ich nicht.“

„Na ja, sie hat es nicht gerade an die große Glocke gehängt, was? Sie heiratete gleich nachdem sie die Universität abgeschlossen hatte.“

„Moment mal – wie könnt ihr dann in einer Kirche heiraten?“

„Weil ihre erste Ehe annulliert wurde. Ihr Ehemann war ... nicht besonders zufriedenstellend.“ Er spürte, dass er rot wurde.

Charlie grinste angesichts seines Unbehagens. „Dieses Mal wird sie in der Hinsicht wohl keine Beschwerden haben.“

Evan wandte den Blick ab. „Wir werden sehen“, sagte er. „Aber auf jeden Fall will sie dieses Mal eine richtige Hochzeit mit allem Drum und Dran.“

„Das wollen die meisten Frauen.“

„Evan schüttelte den Kopf. „Das war mir nicht bewusst. Plötzlich finde ich mich in Diskussionen um Sträuße und Champagnermarken wieder. Wie hoch soll die mehrstöckige Torte werden, wie groß das Festzelt?“

Escob annwyl! Sagen Sie bloß, dass Sie ein Festzelt haben werden.“ Charlie wirkte beeindruckt.

„Auf dem Rasen neben der Kirche. Ihre Eltern bestehen darauf, die Kosten zu übernehmen, und machen eine große Sache daraus. Mittlerweile wünschte ich, wir hätten im kleinen Rahmen geheiratet und ihnen erst im Nachhinein davon erzählt.“

„Willkommen in der wundervollen Welt der Schwiegereltern, Junge. Das ist erst der Anfang.“

„Zum Glück wohnen sie weit weg.“ Evan sah mit einem Grinsen auf. „Und meine Mutter auch. Über ihren Besuch freue ich mich auch nicht besonders.“

„Wird sie bei Ihnen wohnen?“

„Ich habe ja nur ein einziges Bett. Deshalb bringe ich sie bei Mrs. Williams unter. Sie werden viel Spaß haben, sich über meine Fehler unterhalten und auf Walisisch plaudern. In Swansea hat sie nicht sehr viele Leute, mit denen sie Walisisch sprechen kann.“

„Stell sich das einer vor. Dann bin ich froh, hier oben zu leben.“ Er folgte Evan mit der letzten Kiste ins Cottage. „Wenn das alles war, mache ich mich besser wieder an den Abstieg, Evan bach. Meine Frau wird schon mit dem Abendessen auf mich warten, und sie kann es nicht leiden, wenn es kalt wird.“

„Natürlich. Dann machen Sie sich auf den Weg, Charlie, und noch mal vielen Dank für Ihre Hilfe. Allein hätte ich das nicht geschafft.“

„Wir wollen ja nicht, dass Sie vor der Hochzeit völlig geschlaucht sind, was?“ Charlie stieß ihm seinen Ellenbogen in die Seite und lachte keuchend. Dann trat er aus dem Cottage, blinzelte in das helle Sonnenlicht, stand einen Moment lang da und genoss mit einem zufriedenen Seufzen die Aussicht. Es war einer dieser perfekten Sommertage, die in diesem Teil von Wales so selten sind. Der Himmel war eine klare, blaue Glaskuppel über der Berglandschaft mit leuchtend violettem Heidekraut, glitzernden Bächen und tiefen Tälern. Das Dorf Llanfair aalte sich unter ihnen in der Nachmittagssonne und sah mit seiner Reihe weiß getünchter Cottages wie ein Puppendorf aus. Möwen zogen über ihnen ihre Kreise und Schafe blökten auf den Hochweiden. Die Luft war erfüllt vom Geruch des blühenden Heidekrautes und einem Hauch von Meeresduft.

„Wenn man so darüber nachdenkt“, sagte Charlie langsam, „kann man verstehen, warum Sie hier wohnen wollen. Diesen Ausblick könnte man selbst für eine Million Pfund nicht kaufen, oder?“

Evan nickte. „Das finden wir auch. Die beste Aussicht der Welt.“

„Vielleicht denken Sie anders darüber, wenn der Winter kommt“, sagte Charlie. „Sehen wir uns heute Abend im Red Dragon, Junge? Dann können Sie mich für meine Dienste auf ein Pint einladen.“

„Das werde ich tun, Charlie“, sagte Evan. „Vorausgesetzt, wir kommen rechtzeitig zurück. Ich treffe Bronwen am Nachmittag in Caernarfon. Wir haben einen Termin beim Bankdirektor, um ein gemeinsames Konto einzurichten, und wollen noch in den Antiquitätenladen. Bronwen liegt viel daran, das Haus mit Antiquitäten einzurichten, und sie hat eine passende Anrichte mit Tellerbord für die Küche gefunden.“ Evan verzog das Gesicht als Charlie lachte.

„Verabschieden Sie sich von Ihrer Freiheit und den Abenden im Pub, Junge“, sagte er.

„Sie gehen doch auch jeden Abend in den Pub“, merkte Evan an.

„Nun, ich hatte fünfzig Jahre Zeit, um sie zu formen, nicht wahr?“, sagte er. „Wenn Sie einen Rat wollen: Sie müssen eine Ehe unter den richtigen Voraussetzungen beginnen. Zeigen Sie ihr, wer der Chef ist und wie es laufen wird. Nicht dieser sensible Mist, den man dieser Tage ständig im Fernsehen sieht. Männer sind nicht dafür gemacht, Häuser zu dekorieren und Vorhänge auszuwählen. Wir sind Jäger, Junge. Die Frauen sollen die verdammten Sammlerinnen sein.“

Evan lachte und schob sich seine dunklen Locken aus dem Gesicht. „Ich fürchte, die Zeiten haben sich geändert, Charlie. Und wenn es Bronwen glücklich macht, das Haus einzurichten, dann helfe ich ihr gerne.“

Charlie schüttelte den Kopf. „Als nächstes laufen Sie in einer Schürze rum. Lassen Sie sich das gesagt sein, Junge.“

„Nein, ich glaube, wir sind uns einig, dass Bronwen das Kochen übernehmen sollte. Ich bin da ein hoffnungsloser Fall. Diolch yn fawr. Nochmals danke, Charlie.“ Er schüttelte dem alten Mann die Hand und beobachtete, wie Charlie über den steilen Pfad ins Dorf hinabstieg. Wie alle Männer, die in den Bergen aufgewachsen sind, lief er die Hänge hinauf und hinunter, als seien es flache Ebenen. Wenige Minuten später war er zwischen den ersten Häusern des Dorfes verschwunden. Evan wandte sich um und ging ins Cottage zurück.

Innen fühlte es sich dunkel an und er fragte sich, ob er versuchen sollte, die Fenster zu vergrößern. Ich bin schon ganz im Heimwerker-Modus, dachte er alarmiert und empfand einen Anflug von Sehnsucht nach dem freien, unbelasteten Leben, in dem er seine Wochenenden mit Wandern und Klettern verbracht und die Abende im Red Dragon genossen hatte. Er dachte darüber nach, einige der Kisten ins Schlafzimmer zu tragen, dann sagte er sich, dass er keine Ahnung hatte, wo Bronwen welche Sachen haben wollte. Es wäre besser, auf sie zu warten.

Als er wieder ins Sonnenlicht hinaustrat, stand er überraschend einem Mann gegenüber, der direkt vor seiner Haustür wartete.

„Oh ... hallo“, stammelte Evan. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich hoffe es.“ Sein Gegenüber war ein schlanker, knochiger, junger Mann mit ordentlichem Scheitel und Drahtgestellbrille. Sein jungenhaftes Gesicht wirkte angespannt. „Sie sind der Polizist, oder? Im Dorf hieß es, dass ich Sie hier finden würde.“

„Ich bin Detective Constable Evans, aber ich bin heute eigentlich nicht im Dienst. Was ist denn los?“

„Es geht um meine Freundin, sie ist verschwunden.“ Der junge Mann klang als sei er den Tränen nah. Sein Akzent ließ auf Manchester schließen, vielleicht auch Liverpool. Auf jeden Fall war er kein Waliser.

„Verschwunden. Wo?“

„Irgendwo da oben.“ Er deutete auf die Bergkette, die sich auf der anderen Seite des Tals erhob und deren höchsten Gipfel der Snowdon bildete.

„Am Snowdon, meinen Sie?“

Der junge Mann nickte. „Genau. Wir sind von unserer Jugendherberge aus dem Wanderweg gefolgt. Dann haben wir mit Aussicht auf einen kleinen See Mittagspause gemacht.“

„Der Pyg Track, und der See müsste der Glaslyn sein.“ Evan nickte.

„Auf dem Rückweg wurden wir getrennt, daher dachte ich, wir würden uns am Ausgangspunkt des Weges wiedersehen. Aber ich wartete und wartete und sie kam nicht. Ich ging wieder hinauf, um nach ihr zu suchen. Dann kehrte ich zur Jugendherberge zurück, um zu sehen, ob sie vielleicht auf einem anderen Weg zurückgekehrt war oder sich mitnehmen ließ, aber dort war sie auch nicht. Ich befürchte, dass ihr etwas zugestoßen ist.“

„Wie lange ist das her?“, fragte Evan.

„Wir hatten zum Mittag ein Picknick gemacht“, sagte der junge Mann. „Dann haben wir zusammengepackt und uns an den Abstieg gemacht. Wie spät ist es jetzt?“

Evan warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Viertel vor vier.“ Er zuckte zusammen. Er musste um Viertel nach vier bei dem Termin mit dem Bankdirektor sein. Er würde sofort vom Berg absteigen und die verschwitzten Klamotten ablegen müssen. Dann fiel ihm wieder ein, was er Bronwen schon so häufig gesagt hatte: Ein Polizist arbeitet vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

„Dann ist sie seit drei Stunden verschwunden.“

„Hat sie ein Handy dabei?“, fragte Evan.

„Ja, hat sie. Das ist ja so seltsam. Warum hat sie nicht angerufen, wenn sie sich verlaufen hat?“

„Der Empfang ist hier oben nicht immer der beste“, sagte Evan. „Also, ich kann noch nicht viel tun, solange keine Gefahr im Verzug ist. Vielleicht ist sie auf einem anderen Weg abgestiegen und muss sich erst zurechtfinden.“

„Aber was, wenn sie gestürzt ist und sich ein Bein gebrochen hat oder so?“ Der junge Mann klang verzweifelt.

„Sie sagten, Sie seien den Weg noch mal zurückgegangen und hätten sie gesucht, ja?“

„Genau, aber Sie meinten, sie könnte fälschlicherweise einen falschen Weg eingeschlagen haben.“

Evan legte dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter. „Wie heißen Sie?“

„Paul. Paul Upwood. Meine Freundin heißt Shannon – Shannon Parkinson.“

„Alles klar, Paul“, sagte Evan. „Kommen Sie mit. Wir gehen runter ins Dorf. Dann werde ich im Hauptquartier anrufen und durchgeben, dass wir hier oben möglicherweise ein Problem haben. So kann ein Einsatzteam der Bergrettung auf Abruf gehalten werden. Wenn die Dämmerung einsetzt und sie noch nicht aufgetaucht ist, wird man die Suche starten.“

Der junge Mann biss sich auf die Lippe. „Wenn die Dämmerung einsetzt?“

„Wir können nicht jedes Mal einen Suchtrupp losschicken, wenn sich jemand um eine oder zwei Stunden verspätet. Da würden wir die Hälfte unseres Lebens oben auf dem Berg verbringen.“

Der junge Mann nickte und versuchte diese vernünftige Information zu akzeptieren.

Evan klopfte ihm auf die Schulter. „Das Wetter ist gut. Und es sind viele Wanderer unterwegs. Vielleicht wurde sie längst gefunden und jemand fährt sie gerade zur Jugendherberge zurück.“

„Oh, das hoffe ich.“

Er fasste neben Evan tritt und sie stiegen vom Berg ab. Evans Gewissen verlangte von ihm, Bronwen anzurufen und sich sofort mit Paul Upwood auf die Suche nach dessen Freundin zu machen. Er wusste noch, wie verzweifelt er gewesen war, als er mal Bronwen verloren hatte. Doch er musste sich in Erinnerung rufen, dass das nicht mehr seine Aufgabe war. Er war jetzt Zivilfahnder. Wenn die uniformierten Kollegen ihn anforderten, wäre er zur Stelle. Sonst würde er nur wieder jemandem auf die Füße treten und das hatte er eindeutig schon zur Genüge getan, seit er der Truppe beigetreten war.

„Wie wurden Sie getrennt?“ Evan stellte die Frage, die ihn schon eine Weile beschäftigte. Wenn man mit nur einer weiteren Person wandern ging, verlor man sich nicht so einfach aus den Augen. Besonders nicht auf einem kargen, exponierten Berg wie dem Snowdon.

Das Gesicht des jungen Mannes lief hochrot an. „Wir hatten einen kleinen Streit. Sie wandert nicht viel und ich sagte ihr, sie wäre zu langsam. Sie hatte Angst beim Abstieg. Ich fand, dass sie übervorsichtig war. Sie sagte: ‚Schön. Dann geh vor. Warte nicht auf mich.‘ Wir warfen uns gegenseitig ein paar dumme Dinge an den Kopf, dass wir egoistisch seien zum Beispiel, dann ging ich wütend weiter. Nun, ich beruhigte mich recht schnell wieder und bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich sie so behandelt hatte. Also wartete ich auf sie. Als sie nicht auftauchte, ging ich zurück.“

Kein Wunder, dass er so aufgebracht wirkte, dachte Evan. Er hatte nicht nur mit der Sorge um seine Freundin, sondern auch mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen. Er nickte mitfühlend. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Vielleicht kann ich jemanden schicken, der nach ihr sucht. Ich hoffe, Sie haben ihre Lektion gelernt, was das Zusammenbleiben draußen in der Wildnis angeht.“

„Oh, das habe ich“, sagte der junge Mann. „Ich fühle mich schrecklich. Ich habe ihrer Mutter versprochen, gut auf sie aufzupassen. Sie war von Anfang an dagegen, uns diesen Urlaub machen zu lassen.“

„Wie alt ist Shannon?“

„Siebzehn.“

„Na, das ist doch eine gute Nachricht“, sagte Evan. „Sie ist noch minderjährig. Das macht es leichter, sofort einen Suchtrupp loszuschicken.“

Sie erreichten den Fuß des Hanges und traten auf die Hauptstraße von Llanfair – eigentlich die einzige Straße von Llanfair.

„Wo haben Sie Ihren Wagen geparkt?“, fragte Evan.

„Ich habe keinen Wagen. Wir sind mit dem kleinen Sherpa-Bus zur Jugendherberge gefahren.“

„Dann kommen Sie besser mit zu mir“, sagte er. „Ich werde für Sie im Hauptquartier anrufen, dann wird man einen Streifenwagen schicken.“

„Zu Ihnen?“, Paul wirkte verwirrt. „Dann leben sie gar nicht da oben?“ Sein Blick wanderte hinauf zu dem grauen Steincottage, das auf halber Höhe am Berghang stand.

„Noch nicht. Ich heirate und wir werden dort einziehen.“

„Lieber Sie als ich, Mann“, sagte Paul Upwood. „Ich bin gerne draußen, aber ich hätte keine Lust, jeden Tag nach Feierabend diese Klettertour zu absolvieren.“

Das schien die allgemeine Meinung über das Schäfer-Cottage zu sein, das er und Bronwen gekauft hatten. Ihm schien es ein sehr romantischer Wohnort zu sein, mit der atemberaubenden Aussicht und den soliden Steinmauern. Als Evan jetzt hinaufblickte, hoffte er, sich damit nicht übernommen zu haben.

„Kommen Sie“, sagte er und schob den Gedanken beiseite. „Lassen Sie uns diesen Anruf erledigen, ja?“

Kapitel 2

„Entschuldigen Sie die Verspätung.“ Evan atmete tief durch, als er ins Büro des Bankdirektors geführt wurde.

Er bemerkte, das Bronwens Lippen eine dünne, gerade Linie bildeten – deutlicher würde sie ihre Missbilligung über seine zwanzig Minuten Verspätung nie zum Ausdruck bringen.

„Kommen Sie herein und nehmen Sie Platz.“ Der Bankdirektor deutete auf den Lederstuhl neben Bronwen. „Ich habe bereits ein angenehmes Gespräch mit Ihrer Verlobten geführt. Ich bin Neville Shorecross und mir wurde gesagt, dass Sie Polizist sind, Mr. Evans, was gewiss Ihr verspätetes Eintreffen erklären wird.“

„In der Tat“, sagte Evan. „Ich wollte gerade von zu Hause aufbrechen, als ich einen jungen Kerl beruhigen musste, der seine Freundin verloren hat.“

„Ganz ehrlich, Evan“, sagte Bronwen, „erzähl mir nicht, dass du jetzt die Kummerkastentante spielst.“

„Nein, ich meine, er hat wirklich seine Freundin verloren.“ Evan nahm neben Bronwen Platz. „Sie waren zusammen wandern und wurden getrennt. Er hat sie überall gesucht und konnte sie nicht finden. Er war richtig verzweifelt, also blieb ich bei ihm, bis der Streifenwagen eintraf.“

„Oh je, ich hoffe, ihr ist nichts geschehen“, sagte Neville Shorecross. „Wo genau waren sie wandern?“

„Das Übliche. Zur Spitze des Snowdon und zurück.“

„Wissen Sie zufällig, welchen Weg sie gewählt haben?“

„Es klang so, als seien sie von der Jugendherberge aus über den Pyg Track gegangen, aber für den Abstieg könnten sie auch eine leichtere Strecke gewählt haben. Der Pyg Track ist teilweise ziemlich steil.“

Der Bankdirektor runzelte die Stirn. „Wenn Sie weitere Mitglieder für den Suchtrupp benötigen, trommle ich gerne ein paar meiner Jungs zusammen. Ich leite die hiesige Pfadfindertruppe und wir machen Übungen zur Bergrettung. Wir kennen die Gegend ziemlich gut. Und die Jungs wären begeistert, bei einer echten Suche mitmachen zu dürfen.“

„Danke, das ist sehr freundlich“, sagte Evan. „Ich organisiere die Suche nicht, aber ich gebe die Information gern weiter.“

„Es sind doch Sommerferien“, sagte Bronwen. „Da sind viele Leute am Berg unterwegs. Ich gehe davon aus, dass sie bald gefunden wird.“

„Kann man nur hoffen.“ Shorecross schüttelte den Kopf. „Heutzutage scheint man ständig von Dingen zu lesen, die jungen Mädchen zustoßen können.“ Evan sah ihn interessiert an. Er war der Inbegriff eines Bankdirektors: Ein streng und ordentlich gekleideter, kleiner Mann mit dem Ansatz eines Schnurrbarts. Am kleinen Finger der linken Hand trug er einen Siegelring und in der Brusttasche ein Einstecktuch aus Seide. Aber als Evan sein Gesicht betrachtete, merkte er, dass er nicht besonders alt war. Etwa vierzig vielleicht. Doch er sprach, als gehöre er einer längst vergangenen Zeit an.

„Ja, es gibt einige seltsame Leute in der Gegend, das muss ich Ihnen lassen“, stimmte Evan zu.

„Im Fernsehen läuft zu viel widerliches Zeug“, sagte Shorecross. „Das bringt verdrehte Geister auf ungute Ideen. Selbst unsere Miss Jones hatte kürzlich Probleme mit einem Voyeur.“

„Das hat sie hoffentlich der Polizei gemeldet, oder?“

„Oh, ja. Es waren Beamte bei ihr, aber es ist ihnen nicht gelungen, jemanden zu erwischen. Ich habe einen Verdacht, aber ohne Beweise wäre das nichts als Verunglimpfung, nicht wahr?“ Er blickte auf, plötzlich hatte er einen fröhlichen und geschäftlichen Gesichtsausdruck. „Nun denn. Wir erledigen besser so schnell wie möglich diesen Papierkram, nicht wahr? Nur für den Fall, dass Sie wieder gebraucht werden, Mr. Evans.“

Eine halbe Stunde später führte Mr. Shorecross sie aus seinem Büro. „Ich freue mich darauf, Sie als unsere Kunden willkommen heißen zu dürfen, Mr. und Mrs. Evans in spe. Und darf ich der erste sein, der Ihnen die besten Wünsche für die bevorstehende Hochzeit mit auf den Weg gibt.“

Als sie die Räumlichkeiten der Bank durchquerten, fiel Evan eine attraktive, junge Frau an einem der Schalter auf, die sich angeregt mit einem Kunden unterhielt, während ein junger Mann mit blassem Gesicht und einer Brille mit dickem Rahmen die beiden von seinem Schalter aus misstrauisch beäugte.

 

Evan hakte sich bei Bronwen ein, als sie in den warmen Sonnenschein hinaustraten. In Caernarfon wimmelte es von Touristen. Sie drängten sich auf den schmalen Bürgersteigen. Manche zogen Kinder mit tropfenden Eiswaffeln hinter sich her, während andere auf den schmalen Straßen auf der Suche nach einem Parkplatz ihre Runden drehten.

„Wirklich jeder scheint Urlaub zu haben, nur wir nicht“, sagte Evan zu Bronwen.

„In zwei Wochen werden wir in der Schweiz unsere Flitterwochen verbringen“, rief Bronwen ihm ins Gedächtnis. „Außerdem ist die Hochzeitsplanung doch genauso gut wie Urlaub, oder?“

„Ganz wundervoll“, sagte Evan emotionslos. „Ich hatte noch nie mehr Spaß.“

Bronwen sah ihn an und lachte. „Bei dir klingt das wie ein Zahnarztbesuch.“

„Es ist bloß etwas überwältigend“, sagte Evan. „Du vergisst, dass du gerade Schulferien hast. Ich versuche, all das hinzubekommen und trotzdem meiner Arbeit gerecht zu werden. Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen, den Jungen den Streifenpolizisten zu überlassen, die sich kein bisschen für die Sache zu interessieren schienen. Vielleicht rufe ich mal Inspector Watkins an, um zu hören, ob schon ein Suchtrupp unterwegs ist.“

„Denkst du nicht, dass du vielleicht etwas überreagierst?“ Bronwen hakte sich ein, als sie sich durch den stehenden Verkehr zum Castle Square drängten, wo sie den Wagen geparkt hatten. „Ich meine, warum die Eile? Wenn sie sich verlaufen hat, muss sie doch früher oder später jemandem begegnen. Dann kann sie sich den Weg zur Straße zeigen lassen. Sie waren ja nicht klettern, oder? Da ist es unwahrscheinlich, dass sie gestürzt ist und sich schwer verletzt hat.“

„Nein, da hast du wohl recht“, stimmte Evan ihr zu. „Der Junge war nur so besorgt. Sie haben sich gestritten, deshalb fühlte er sich schuldig. Er ist davongestapft, weil sie ihm nicht schnell genug war.“

„Typisch Mann“, murmelte Bronwen. „Dann ist er zurückgegangen, um nach ihr zu suchen, und hat sie nicht gefunden?“

„Anscheinend.“

„Das erklärt alles. Ich vermute, dass sie sich überhaupt nicht verlaufen hat. Sie war wütend auf ihn, deshalb hat sie einen anderen Weg nach unten genommen. Vielleicht hat sie das Wandern sogar aufgegeben und ist mit der Bahn runtergefahren. Vermutlich sitzt sie gerade in einem Café und versinkt in Selbstmitleid.“

Evans Gesichtsausdruck erhellte sich. „Bron, du bist genial. Ich wette, genau so hat es sich abgespielt.“

„Und früher oder später kehrt sie zu ihrer Unterkunft zurück. Sie werden sich umarmen, sich vertragen und dann wird alles vergessen sein.“

„Meinst du, ich sollte im Hauptquartier anrufen, um ihnen zu raten, die Cafés in Llanberis zu überprüfen?“

Sie legte mit Nachdruck eine Hand auf seinen Arm. „Ich würde vorschlagen, dass du gar nichts tust. Das ist nicht dein Problem, oder? Die Zivilfahnder wurden nicht hinzugezogen.“

Evan seufzte. „Du hast recht. Und es ist mein freier Tag.“

„Und wenn wir noch später in den Antiquitätenladen kommen, und meine Anrichte schon verkauft ist, wirst du es mit einer ernsthaft verstimmten Verlobten zu tun haben.“

„Natürlich. Dann auf zur Anrichte!“ Evan nahm ihre Hand und zog sie zwischen zwei Reisebussen hindurch über den Platz.

Der Laden lag in einer schmalen Seitengasse gegenüber der Burg. Von außen sah man nichts Besonderes, aber wenn man mal drinnen war, eröffnete sich eine Fundgrube für Antiquitäten. Es lief leise klassische Musik, die Luft war erfüllt vom Geruch nach altem Holz und Möbelpolitur und die Strahlen der Nachmittagssonne fielen durch ein Flügelfenster herein. Es war, als würde man einen Dickens-Roman betreten.

„Ich wusste nicht einmal, dass dieser Laden existiert“, sagte Evan zu Bronwen, während sie allein herumstanden und auf den Besitzer warteten.

„Na ja, du bist auch nicht gerade jemand, der in seiner Freizeit nach Antiquitäten sucht, oder?“, stichelte Bronwen. „Und außerdem bin ich nur zufällig darüber gestolpert, als eines Tages Regen einsetzte und ich unter dem Vorbau Schutz suchte.“

„Oh je, das spricht nicht gerade für meine Werbekünste, nicht wahr?“ Ein großer, schlanker Mann trat aus den Schatten im hinteren Teil des Ladens. Er wirkte hohlwangig und gebrechlich und trug sein Haar etwas länger, als die Mode es gestattete. Er sprach kultiviertes Englisch, ohne Anzeichen eines walisischen Akzents. „Ich habe ein paar Anzeigen in Zeitungen und den kostenlosen Tourismusbroschüren geschaltet. Aber es dauert wohl noch eine Weile, bis das Geschäft anläuft.“

„Dann haben Sie erst vor Kurzem eröffnet?“, fragte Evan.

„Ich bin im April hergekommen. Das heißt vor vier Monaten. Ich kann nicht behaupten, dass der Laden mittlerweile brummen würde.“

„Sie haben einige schöne Stücke“, sagte Bronwen. „Wenn sich das erst herumspricht, wird es sicher besser laufen.“

Evan fielen einige der Preise auf und er fragte sich im Stillen, ob die Anwohner in Caernarfon und Umgebung so viel Geld für Möbel berappen würden, die sie noch aus den Cottages ihrer Großeltern kannten.

„Ich hoffe es“, sagte der Ladenbesitzer. Er sprach leise und seine Stimme zitterte leicht. „Es war ein Risiko, hierherzukommen. Als ich meine letzte Stelle aufgab, fragte ich mich, was ich in meinem Leben schon immer mal machen wollte. Die Antwort war, einen Antiquitätenladen zu besitzen. Das war schon immer mein Hobby. Na ja, um es kurz zu machen, ich stellte fest, dass ich mir an meinen favorisierten Orten die Ladenmiete nicht leisten konnte – die Costwolds, Devon – viel zu teuer für mich. Dann fand ich heraus, dass Wales günstiger ist. Ich kam her, um mich umzusehen, und fand Gefallen an dem, was ich hier entdeckte.“

„Dann stammen Sie nicht aus Wales?“, fragte Evan.

„Hört man das denn nicht?“ Der Mann lachte. „Ich war als kleiner Junge mal in den Ferien hier. Es hat die ganze, verdammte Zeit geregnet, wenn ich mich recht entsinne.“

„Ich hoffe, es gefällt Ihnen hier“, sagte Bronwen.

„Solange ich die Sprache nicht lernen muss.“ Er zog eine Grimasse. „Wie ist es überhaupt möglich, mit der Zunge diese ganzen Zisch- und Fauchgeräusche zu machen?“

„Das ist angeboren“, sagte Evan. „Aber man kann hier überleben, ohne Walisisch zu sprechen. Hier wächst jeder zweisprachig auf.“

„Das ist beruhigend.“ Der Mann lächelte. „Ich erkenne die junge Dame natürlich wieder. Sie waren schon mal hier, nicht wahr? Kann ich Ihnen heute mit einem speziellen Anliegen weiterhelfen?“

„Dieses Stück.“ Bronwen ging zu einer hübschen Anrichte mit Tellerbord aus dunklem Eichenholz und streichelte sie liebevoll. Evan beobachtete sie besorgt. Er wusste nicht viel vom Handeln, aber die oberste Regel war es, nicht zu zeigen, wie sehr man einen Gegenstand haben wollte. Bronwen schmachtete die Anrichte beinahe an.

„Wir werden heiraten und in ein restauriertes Schäfer-Cottage ziehen“, sagte Bronwen. „Die hier würde perfekt in unsere Küche passen.“

„Ganz ausgezeichnet“, sagte der Mann. „Ein restauriertes Schäfer-Cottage. Das klingt toll. Werden solche Häuser häufig angeboten? Ich muss mich zurzeit mit der Wohnung über dem Laden zufriedengeben.“

„Ich glaube nicht“, sagte Evan. „Wir hatten das Glück, das Haus nach einem Brand günstig von der Versicherung kaufen zu können. Aber die Cottages der Bergarbeiter in den Dörfern stehen immer mal wieder zum Verkauf.“

„Vortrefflich. Wenn ich den Laden zum Laufen bekomme, werde ich mir mein eigenes Haus kaufen wollen. Ich hasse es, Miete zu zahlen.“

„Genau das hat Bronwen mir auch gesagt“, sagte Evan.

Der Mann wandte sich abrupt zu Bronwen um. „Bronwen? Was für ein schöner Name.“

„Bronwen errötete. „Für Wales recht gewöhnlich.“

„Er passt perfekt zu Ihnen.“ Er lächelte sie an.

„Denken Sie, Sie könnten für eine Frau mit einem hübschen Namen, die bald heiraten wird, etwas mit dem Preis runtergehen?“, fragte Bronwen ihn mit süßlicher Stimme. „Ich fürchte, der sprengt im Augenblick ein wenig unser Budget.“

Evan sah sie beeindruck an. Er hätte nie gedacht, dass Bronwen die Waffen einer Frau zu führen wusste. Der Mann lächelte jetzt verlegen und murmelte: „Ich bin mir sicher, holde Dame, dass wir da in dieser verheißungsvollen Zeit etwas tun können.“

 

„Mr. Cartwright ist nett, findest du nicht auch?“, fragte Bronwen, als sie wieder den Castle Square überquerten. „Stets freundlich.“

„Ich könnte bestimmt auch freundlich sein, wenn mir jemand für einen Nachmittag so viel Geld in die Hand drücken würde“, sagte Evan.

„Aber du musst doch zugeben, dass er uns beim Verhandeln deutlich entgegengekommen ist.“

„Du meinst, als du deinen weiblichen Charme ausgespielt hast.“

„Weiblicher Charme?“ Bronwen klang gereizt. „Ich war bloß freundlich.“

„Du warst kurz davor, mit den Wimpern zu klimpern.“

„War ich nicht! Du übertreibst.“

Evan grinste.

Bronwen musste ebenfalls lächeln. „Na ja, wie auch immer. Es hat funktioniert, oder?“

„Die Anrichte war immer noch verdammt teuer“, sagte Evan. „Ich hatte keine Ahnung, dass man für Möbel so viel Geld ausgeben kann.“

„Aber es ist ein besonderes Stück, Evan. Ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte und es ist in einem traumhaften Zustand.“

„Meine Nain hatte so eine in ihrer Küche stehen“, sagte er. „Ich bin mir sicher, dass sie nach ihrem Tod als Sperrmüll entsorgt wurde.“

„Das ist mit den meisten dieser Möbelstücke geschehen“, sagte Bronwen. „Zum Glück wissen wir die alten Sachen mittlerweile wieder zu schätzen. Als nächstes möchte ich noch ein Messingbettgestell finden, und eine antike, walisische Steppdecke dafür.“

„Moment mal“, stammelte Evan. „Ich weiß, dass wir bei der Bank gerade einen Dispokredit abgeschlossen haben, aber das heißt nicht, dass wir ihn gleich voll ausschöpfen müssen.“

„Es ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen. Mummy gibt uns etwas Geld, um das Haus einzurichten.“

Evan runzelte die Stirn. „Du weißt, dass ich nicht gerne Geld von deinen Eltern annehme. Erst reißen sie unsere Hochzeit an sich und jetzt richten sie anscheinend auch noch unser Haus ein.“

Bronwen blieb stehen und wandte sich zu ihm. Sie nahm seine Hände. „Sie können es sich leisten, Evan, und es macht meiner Mummy Freude. Sie ist so glücklich, dass ihre Tochter, die sie für eine völlige Versagerin hält, doch nicht als alte Jungfer enden wird.“

Evan bemerkte den verbitterten Unterton. Er legte ihr einen Arm um die Schultern. „Wenn es dich glücklich macht, das Cottage so einzurichten, wie es dir gefällt, werde ich kein Wort mehr darüber verlieren“, sagte er.

Sie wand sich aus seiner Umarmung. „Wie würdest du es denn gern einrichten? Mit einem durchgesessenen Sessel und ein paar Lattenkisten, auf denen du den Fernseher und dein Bier abstellen kannst?“

„Klingt perfekt.“ Er lachte und beugte sich vor, um ihr einen Kuss zu geben.

Bronwen sah zu ihm auf. „Es wird schön werden, Evan. Das Cottage wird ein perfektes, kleines Zuhause. Und wir werden eine wundervolle Hochzeit feiern, fantastische Flitterwochen erleben und alles wird absolut phänomenal.“

Kapitel 3

Die Sonne war hinter den Bergen verschwunden, was das schmale Tal in düsteres Zwielicht tauchte, als Bronwen und Evan endlich über den Llanberis-Pass nach Llanfair hinauffuhren.

„Es ist später geworden, als ich gedacht hätte“, sagte Bronwen.

Evan warf ihr einen Blick zu. „Ich hatte nicht die plötzliche Eingebung, bei der Kirche vorbeizuschauen und eine Stunde lang mit dem Vikar unsere Zeremonie zu besprechen.“

„Es musste ohnehin gemacht werden“, sagte Bronwen. „Ich wollte sichergehen, dass ich genau weiß, was von mir verlangt wird und worauf ich mich einlasse.“

„Ich habe dein erleichtertes Seufzen bemerkt, als der Vikar sagte, dass sie den Absatz über Ehrerbietung und Gehorsam auslassen würden.“

„Er wirkte recht angenehm, nicht wahr?“

Evan lächelte. „Du findest im Augenblick jeden angenehm. Das muss die Vorfreude auf die Hochzeit sein. Wenn du es unbedingt wissen willst, ich fand ihn etwas unheimlich. Ein wenig zu überschwänglich für meinen Geschmack.“

„Aber du hast kein Problem mit den Pastoren zweier Kapellen, die regelmäßig Gift und Galle spucken.“

„Ganz richtig.“ Evan bremste und hielt vor einer Reihe einfacher Steincottages an, manche weiß getüncht, andere nicht. Seines war nicht getüncht, fiel aber mit seiner roten Tür auf, die die Dorfbewohner für sündhaft pompös hielten.

„Es ist schon fast dunkel.“ Bronwen blickte den Hang hinauf. „Ich hatte eigentlich vor, einen Raum im Cottage soweit einzurichten, dass ich darin schlafen kann. Jetzt weiß ich nicht so wirklich, was ich tun soll. Mein Bett ist vermutlich schon oben, oder?“

„Ja, aber du kannst heute Abend nicht mehr da rauf“, sagte Evan. „Da herrscht das totale Chaos. Charlie Hopkins war eine große Hilfe, um alles raufzutragen, aber das meiste haben wir planlos ins Wohnzimmer gestellt. Ich wollte eigentlich alles einigermaßen in Ordnung bringen, ehe ich mich mit dir bei der Bank treffe, aber stattdessen musste ich mich um den Wanderer mit der vermissten Freundin kümmern.“

„Ich hoffe, dass er sie mittlerweile gefunden hat“, sagte Bronwen.

„Ich kann im Hauptquartier anrufen und fragen, ob es Neuigkeiten gibt“, sagte Evan. „Aber zuerst müssen wir klären, was wir mit dir anstellen. Ich habe das Schulhaus komplett ausgeräumt, was wohl bedeutet, dass du besser hierbleibst.“

„Das muss der romantischste Vorschlag sein, den ich in meinem gesamten Leben gehört habe.“ Bronwen schenkte ihm ein sarkastisches Lächeln. „Machst du dir Sorgen um meinen Ruf, oder um deinen?“

„Ach, komm schon, Bron.“ Er schloss die Tür auf. „Du weißt genau, wie ich das meine. Ich habe nur ein Einzelbett. Das kannst du gerne haben und ich mache es mir mit meinem Schlafsack auf dem Boden gemütlich.“

Bronwen legte einen Arm um ihn, als sie eintraten. „Sei nicht so ein Märtyrer. Es wird bestimmt gemütlich, wenn wir uns aneinander kuscheln.“ Sie gingen durch den Flur bis in die Küche. „Noch viel wichtiger ist die Frage: Was sollen wir essen? So wie ich dich kenne, hast du nur eine Dose Baked Beans und etwas Käse auf Lager, sonst nichts.“ Sie öffnete den Kühlschrank. „Oh, und Eier. Erstaunlich. Na dann kann ich uns zumindest ein Omelett machen.“

„Ich dachte, wir könnten drüben im Dragon etwas essen gehen“, sagte Evan.

„Oh, Evan. Wenn wir schon ausgehen, dann lass uns etwas verschwenderisch sein und rauf zum Everest Inn gehen. Die wärmen ihr Essen wenigstens nicht in der Mikrowelle auf.“

„Im Dragon gibt es leckere Würstchen mit Pommes frites. Und die Fish- and- Chips sind auch nicht schlecht“, verteidigte Evan sich. „Außerdem habe ich Charlie Hopkins versprochen, ihm ein Pint auszugeben, weil er mir heute geholfen hat, deine ganzen Sachen den Berg raufzutragen.“

Bronwen zuckte mit den Schultern. „Wenn das so ist, sollte ich wohl meine Niederlage eingestehen und mich mit Betsys aufgewärmtem Shepherd’s Pie abfinden.“

 

Die Stammkunden des Red Dragon standen bereits seit mindestens einer Stunde an der Bar, lange genug, um die Luft mit dickem Tabakrauch zu verpesten. Bronwen unterdrückte ein Husten.

„In der Lounge der Damen wird die Luft besser sein“, flüsterte Evan, weil er wusste, wie abstoßend sie den Rauch fand.

„Wenn du glaubst, dass ich mich ins Exil schicken lasse, während du dich an der Bar mit deinen Freunden amüsierst, hast du falsch gedacht“, flüsterte Bronwen zurück.

Jenseits des Qualms erhoben sich die Stimmen des örtlichen Metzgers und des Milchmannes über das allgemeine Murmeln. Sie hießen beide Evans.

„Verdammte Touristen.“ Die laute Bariton-Stimme von Fleischer-Evans wurde von der Decke über den Eichenträgern zurückgeworfen. „Erzähl mir nicht, dass sie der hiesigen Wirtschaft guttun. Und versuch nicht, mir weiszumachen, dass du reich wirst, weil du ihnen Eis verkaufst. Heute kam so eine englische Yuppie-Frau in meinen Laden und fragte, ob ich Marinaden zu dem Lammfleisch hätte, das sie kaufen wollte. Ich schaute ihr in die Augen und erklärte ihr, dass das bestes, walisisches Lammfleisch ist, nicht dieser importierte Mist aus Neuseeland. Dafür braucht man keine Marinade. Es hat Eigengeschmack.“

Die anderen Männer glucksten und nickten zustimmend. Als Fleischer-Evans seine Geschichte beendete hatte, blickte er auf und entdeckte Evan und Bronwen an der Tür. „Na schau mal einer an, wen haben wir denn da?“, rief er. „Das sind doch unsere Turteltauben. Ist das sowas wie der letzte Anruf vor der Verhaftung, Evan bach? Dürfen Sie vor der Ehe noch ein letztes Mal den Pub betreten?“

„Wenn er getrunken hat, wird er nicht mehr genug Kraft haben, um den Hang raufzuklettern.“, Milchmann-Evans stieß dem Metzger seinen Ellenbogen in die Seite.

„Und falls er doch so weit kommt, hat er an dem Abend keine Kraft mehr für andere Dinge“, gab Fleischer-Evans zurück und die Gruppe brach in lautes Gelächter aus.

„Haltet bloß die Klappe, ihr beide.“ Betsy, die Barfrau, lehnte sich über den Tresen, um dem erstbesten Arm einen Hieb zu versetzen. „Ich finde es toll, dass wir hier eine Hochzeit erleben werden. Das ist so romantisch. Ich kann es kaum erwarten, Bronwen mit einem Schleier und im langen, weißen Kleid zu sehen.“

„Und Evan mit Zylinder?“, witzelte Fleischer-Evans.

„Lassen Sie es gut sein, Garet“, sagte Evan zum grinsenden Metzger. „Können Sie sich mich mit Zylinder vorstellen? Ich ziehe nur einen dunklen Anzug an. Keinen Cutaway oder so was, vielen Dank.“

„Du wirst bestimmt toll aussehen“, sagte Betsy und schenkte ihm ein sehnsüchtiges Lächeln.

„Wo ist denn Barry heute Abend?“, fragte Evan und erwähnte damit Betsys aktuelle Flamme, während er hoffte, dass Bronwen Betsys Blick nicht bemerkt hatte.

„Er ist auf dem Berg und sucht nach irgendeiner vermissten Wanderin“, sagte Betsy. „Charlie ist auch mitgegangen und noch ein paar andere Männer aus dem Dorf.“

„Wie lange sind sie schon auf der Suche?“

„Schon seit ein paar Stunden, oder?“, fragte Betsy.

Mehrere Leute nickten. „Es kam ein ganzer Bus mit Polizisten. Sie hatten sogar Hunde dabei“, sagte Fleischer-Evans. „Ein Großeinsatz, würde ich sagen.“

Evan wandte sich Bronwen zu. „Dann scheint sie noch nicht aufgetaucht zu sein. Vielleicht sollte ich anrufen und fragen, ob sie mich brauchen.“

„Erst trinkst du ein Pint und isst etwas“, sagte Bronwen. Sie senkte ihre Stimme. „Und da wir jetzt herausgefunden haben, dass Charlie nicht hier ist, könnten wir vielleicht ins Everest Inn gehen?“

„Das wäre unhöflich, jetzt wo wir schon mal hier sind“, sagte Evan. „Und ich dachte, wir wollten für die Flitterwochen sparen.“ Er wandte sich wieder Betsy zu. „Kannst du für zwei hungrige Menschen ein Abendessen auftreiben, Betsy fach?“

Betsy legte die Stirn in Falten. „Tut mir leid, aber wir haben heute kein Essen. Harry ist unterwegs und ich muss hier allein die Stellung halten.“

„Macht nichts.“ Bronwen warf Evan einen kurzen Seitenblick zu. „Warum trinken wir dann nicht eine Kleinigkeit und danach koche ich uns bei dir etwas.“

Evan gelang ein überzeugendes Lächeln und er stellte sich auf das Omelett ein. Seiner Meinung nach passten Eier zum Frühstück, oder hartgekocht zu einem Picknick, aber sie sollten nicht das gesamte Abendessen ersetzen.

„Dann also ein Pint Guinness, Evan?“, fragte Betsy und war schon dabei, es zu zapfen. „Und für Sie, Miss Price?“

„Bron bekommt ein Radler“, sagte Evan, ehe Bronwen ihn blamieren konnte, indem sie nur ein Wasser bestellte.

Betsy hatte ihnen gerade ihre Getränke serviert, als Evans Handy klingelte. Er entschuldigte sich und zog sich in den Eingangsbereich zurück, ehe er dranging.

„Evans, Watkins hier“, ertönte die abgehackte Stimme seines Inspectors. „Ich möchte, dass Sie mich an der Snowdon-Bahn treffen. Ich habe gerade einen Anruf von den Jungs im Suchtrupp erhalten. Sie werden nicht glauben, was sie gefunden haben.“

„Ist die junge Frau aufgetaucht?“, Evan traute sich nicht, genauer nachzufragen.

„Nein, nicht die vermisste Frau. Ich kann jetzt nicht sprechen.“

„Soll ich zusätzliche Männer mitbringen?“, fragte Evan.

„Nein, wir brauchen ganz sicher keine weiteren Leute hier.“ Watkins’ Stimme klang angespannt. Er sprach leise weiter: „Das hier könnte eine hässliche Geschichte sein, Evans.“

„Ich bin sofort da, Sir.“ Evan steckte das Handy wieder ein. „Tut mir leid, cariad, aber ich muss gehen.“ Er küsste Bronwen auf die Wange. „Wir sehen uns später. Ich werde beim Suchtrupp gebraucht.“

„Oh, Evan. Sie haben doch genug Leute. Kann das nicht bis nach dem Essen warten?“

„Inspector Watkins will mich sofort vor Ort haben.“

Bronwens Gesichtszüge entglitten ihr. „Oh nein. Der jungen Frau ist doch nichts zugestoßen, oder?“

„Ich weiß es noch nicht, Liebling. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, worum es geht. Ich weiß nur, dass der Inspector ziemlich mitgenommen wirkte. Du hast einen Hausschlüssel, oder?“

Mit diesen Worten öffnete er die schwere Eichentür und trat in die kalte Nachtluft hinaus. Der Abendstern hing groß und hell über dem Horizont und hinter den Gipfeln kündigte ein Leuchten den aufgehenden Mond an. Immerhin würde man in der Nacht gut suchen können, falls er denn überhaupt zu einer Suchaktion gerufen worden war. Er erinnerte sich an den Schrecken in der Stimme des Inspectors und erschauderte. Es musste einiges geschehen, um jemanden wie Inspector Watkins zu erschüttern. Er war jetzt seit fast zwanzig Jahren bei der Truppe.

In weniger als zehn Minuten war er über den Llanberis-Pass hinuntergefahren und parkte vor der Station der kleinen Schmalspurbahn, die zum Mount Snowdon hinauffuhr. Zwei weiße Mannschaftswagen standen dort, aber Polizisten waren nirgends zu sehen. Als er ausstieg, trat Inspector Watkins aus den Schatten unter dem Vorbau der Station hervor, die Hände tief in den Taschen seines Regenmantels vergraben.

„Das ging schnell“, rief er.

„Ich war im Dragon. Die Fahrt dauert nur zehn Minuten“, sagte Evan. „Ich musste ohne Abendessen los, daher hoffe ich, dass es wichtig ist.“

Normalerweise hätte Watkins mit einer witzigen Bemerkung über Evans Bauchumfang geantwortet. Stattdessen murmelte er nur: „Es ist wichtig“, und führte ihn am Bahnsteig vorbei, wo der kleine Zug still im Dunkeln harrte. „Hoffentlich brauchen wir keine Wanderstiefel“, sagte er. „Ich habe mir sagen lassen, dass wir ein wenig klettern müssen.“

„Und es ist nicht die vermisste Wanderin, Sir? Was denn dann?“

„Ich erlaube mir kein Urteil, ehe ich es nicht selbst gesehen habe. Alles klar, Pritchard, Detective Constable Evans ist da.“

Eine uniformierte Gestalt erhob sich von einer Bank am Pfad. „Hier entlang, Sir“, sagte Pritchard und ging los. Sie nahmen den Weg, der den Bahngleisen folgte. Pritchard trug eine Taschenlampe und der Lichtkegel tanzte vor ihnen durch die Dunkelheit.

„Wir dachten, dass sie vielleicht über diesen Weg nach Llanberis abgestiegen wäre, weil es der einfachste ist.“ Der junge Constable wandte sich zu Watkins um, als der Pfad steiler anstieg und dann zu einem Wanderweg wurde. „Sergeant Jones schlug vor, dass wir diesen Wald dort absuchen, nur für den Fall, dass dort jemand gelauert hat, der sie allein absteigen sah.“ Er deutete auf die dunklen Umrisse eines Baumbestandes, ein Stück voraus und links des Weges. „Wir hatten die Hunde dabei und einer von ihnen hat uns direkt zu der Stelle geführt.“

Sie verließen den Hauptpfad und bahnten sich einen Weg durch Heidekraut, Farne und Felsen, bis sie den Wald erreichten. Detective Constable Pritchard leuchtete umher und führte sie zwischen den Bäumen hindurch.

„Es ist nicht weit“, sagte Pritchard. Seine Stimme hallte unnatürlich laut durch die klare Nachtluft. Trockene Blätter und Farnkraut knirschten unter ihren Füßen. Knorrige, alte Eichen und gigantische Nadelbäume ragten wie missgestaltete Monster vor ihnen auf und streckten ihre klauenbewehrten Finger in das Licht der Taschenlampe. Der Anstieg wurde steiler, während sich der Wald weiter den Berghang hinaufzog. Evan spürte das Hämmern seines Herzens, obwohl er eigentlich daran gewöhnt war, die Berge zu besteigen. Er spürte die Dringlichkeit, mit der die beiden anderen Männer vorandrängten. Er wollte endlich wissen, worum es ging und es hinter sich bringen.

Als sie auf eine Lichtung traten, standen sie im Mondlicht und unter ihnen tat sich ein Ausblick auf. Auf der anderen Seite eines kleinen Tals konnten sie das schmale Band des Llyn Padarn sehen, der im Mondschein glitzerte. Darüber erhoben sich bedrohlich, wie eine verbotene Festung, die Schieferklippen aus der Dunkelheit.

Dann tauchten sie wieder in den dichten Wald ein. Dornengestrüpp und Zweige griffen nach ihrer Kleidung, während sie sich ihren Weg bahnten. Vor ihnen sah Evan Lichter zwischen den Bäumen auf und ab tanzen und er vernahm Stimmengewirr.

„Inspector Watkins ist da, Sir“, rief jemand und der bullige Sergeant Bill Jones trat hinter einer großen Tanne hervor.

„Hallo, Sir. Wir dachten, dass Sie sich das ansehen sollten. Ich habe mir auch erlaubt, die Spurensicherung herzubestellen, nur für den Fall.“ Er blickte zu Evan und begrüßte ihn mit einem Nicken. „Also, hier entlang. Passen Sie auf, wo Sie im Dunkeln hintreten. Davies, bringen Sie die Taschenlampe her, damit ich mich hier nicht hinlege.“

Er beugte sich runter, zog an etwas und eine Falltür öffnete sich.

„Wir waren noch nicht unten, Sir“, sagte er und blickte zu Watkins, „aber wir haben uns von hier aus gründlich mit den Taschenlampen umgesehen. Es scheint nicht so, als wäre irgendjemand da drinnen.“

Watkins ließ sich auf die Knie sinken und nahm dem jungen Polizisten die Taschenlampe ab. Evan kniete sich neben ihn und blickte in das Loch.

„Verdammte Scheiße“, war alles, was Watkins herausbekam.

Evan blickte hinunter, und musste die Übelkeit zurückkämpfen, die in seinem Bauch rumorte. Das Licht der Taschenlampe reichte nicht bis in die hintersten Ecken, aber er konnte genug erkennen. Es war ein Bunker, ausgestattet mit einem Feldbett, einem Campinghocker und einem Klapptisch.

„Hat der Besitzer zufällig eine Leiter dagelassen, mit der wir hinunterkommen, Jones?“, fragte Watkins.

„Wir haben bis jetzt keine gefunden, Sir.“

„Ich will auf der Stelle da runter“, sagte Watkins. „Irgendwelche Vorschläge?“

„Ein kräftiger Schubs, Sir?“, ertönte eine Stimme aus der Dunkelheit, gefolgt von allgemeinem Gelächter.

„Höchst amüsant, Roberts“, sagte Watkins. „Wir suchen eine vermisste, junge Frau, Herrgott noch mal. Würde es Ihnen gefallen, wenn Ihre Freundin da unten festsäße?“

„Nein, Sir.“

„Dann lassen Sie sich verdammt noch mal einen Weg einfallen, wie wir jemanden da runterkriegen, der sich etwas umsehen kann.“

Evans musste all seine Willenskraft zusammennehmen, um den Mund aufzumachen. Da er schon immer klaustrophobisch war, graute es ihm vor dem Gedanken, sich in die Dunkelheit hinunterzulassen. Aber der Gedanke an ein junges Mädchen, das vielleicht in einer dieser dunklen Ecken saß und noch lebte, trieb ihn an. „Ich könnte mich wahrscheinlich runterlassen, Sir, und Ihnen dann runterhelfen.“

„Ich bin doch kein klappriger, alter Kauz, Evans“, sagte Watkins. „Und ich will nicht, dass Sie sich den Knöchel brechen.“

„Es ist nicht so tief, Sir. Ich bin über eins achtzig groß und ich würde sagen, dass es nicht bedeutend tiefer sein kann. Wenn Sie irgendetwas finden können, woran ich mich festhalten kann ...“ Er setzte sich versuchshalber an den Rand, sodass seine Beine in die Dunkelheit baumelten.

„Hier. Nehmen Sie meine Hand“, sagte Pritchard.

„Ich wusste nicht, dass du so empfindest, Huwey“, scherzte jemand.

„Zu blöd, dass er schon verlobt ist“, fügte eine weitere Stimme hinzu, aber der Constable grinste und kniete sich hin.

„Jemand muss Pritchard festhalten. Wir wollen ja nicht, dass er auch unten landet“, ordnete der Sergeant an.

Evan drehte sich auf den Bauch und ließ sich Stück für Stück über die Kante hinab, wie er es beim Klettern in den Bergen schon so häufig getan hatte. Hände packten seine Handgelenke, während er sich hinunterließ, bis seine Stimme nach oben hallte: „Alles klar, lassen Sie los.“

Es folgte ein dumpfer Aufprall, irgendetwas fiel um, dann murmelte er: „Verdammter Mist.“

Watkins lugte über die Kante. „Alles in Ordnung, Evans?“

Der feuchte, modrige Erdgeruch war überwältigend.

„Es geht mir gut.“ Evan zitterte ob der elenden Kälte. Als er sich im Schein der Taschenlampe umherbewegte, breiteten sich groteske Schatten über die Wände und den Erdboden aus. Seine Hände wanderten über die feuchte Erde, bis er den Gegenstand fand, der umgefallen war. „Ich habe bei der Landung etwas umgeworfen. Alles in Ordnung. Nur ein Hocker. Sind Sie bereit, auch runterzukommen, Sir? Die Jungs können Sie genauso wie mich herunterlassen.“

„Die große Frage ist: Können wir Sie wieder rausholen?“, sagte einer der jungen Constables und erntete allgemeines Gelächter.

Evan rann kalter Schweiß über den Nacken. Er durfte nie enthüllen, dass es seine größte Angst war, unter der Erde eingeschlossen zu sein, sonst würde man ihm das bis in alle Ewigkeit nachtragen. Er seufzte erleichtert, als Watkins’ schlanke Gestalt zu ihm heruntergelassen wurde, und er streckte die Hände aus, um dem Inspector zu Boden zu helfen. Watkins schaltete seine Taschenlampe an und Evan blinzelte. Der helle Lichtstrahl hatte ihn vorübergehend geblendet.

„Fassen Sie nichts an, wenn Sie es vermeiden können, Evans. Die Spurensicherung sollte sich auf jeden Fall hier umsehen“, sagte Watkins. Er suchte systematisch eine Wand nach der anderen mit der Taschenlampe ab.

Aus der Nähe betrachtet, war der Raum gar nicht so Furcht einflößend, wie er von oben gewirkt hatte. Er war rechteckig, etwa zweieinhalb mal zwei Meter groß und mit stabilen Holzbalken abgestützt. Das Feldbett nahm den Großteil einer der Wände ein. Dahinter stand eine Eimertoilette. Es gab eine Campinglaterne mit Ersatzbatterien, einen Campingkocher und einen Dosenvorrat samt Trockennahrung. Ein kleiner CD-Spieler und mehrere CDs stapelten sich auf einem weiteren Hocker hinter dem Bett.

Watkins hob die oberste mit seinem Taschentuch an. „Bachs Brandenburgische Konzerte – anspruchsvolles Zeug.“ Er wandte sich Evan zu. „Was halten Sie davon?“

Evan sah sich um. „Ich glaube, dass wir es vielleicht mit einer Art Survival-Fan zu tun haben, ein Exzentriker, der auf den Atomkrieg vorbereitet sein will.“

Watkins schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht“, sagte er. „Schauen Sie mal da oben.“

Das Licht der Taschenlampe fiel auf Ketten, die vom Querbalken an der gegenüberliegenden Wand herabhingen. Ketten mit Handschellen.

Kapitel 4

Die Sonne ging schon fast wieder auf, als Evans Wagen endlich vor der roten Haustür zum Stehen kam und er die Stufen hinaufstolperte. Er sagte sich, dass er etwas essen sollte, ehe er ins Bett ging, aber er war einfach zu erschöpft. Er dachte darüber nach, Bronwen zu wecken, damit sie ihm etwas kochte, aber als er sie im Bett liegen sah, ihr aschblondes Haar über das Kissen ausgebreitet, wie bei einer Figur in einem Renaissancegemälde, brachte er es nicht übers Herz, sie zu stören. Er holte seinen Schlafsack und breitete ihn auf dem Boden aus. Doch als er bereits hineinkroch, überkam ihn der Wunsch, näher bei ihr zu sein und ihre Wärme zu spüren. Er schlüpfte neben ihr ins Bett und versuchte, sie nicht zu wecken.

Sie wachte trotzdem auf und wandte sich mit einem verschlafenen Lächeln zu ihm. „Hallo. Wie spät ist es?“

„Fünf Uhr“, sagte Evan. „Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Schlaf weiter.“

„Du bist eiskalt“, sagte sie. „Warst du die ganze Nacht auf dem Berg unterwegs?“

„Größtenteils.“

„Habt ihr das Mädchen gefunden?“

„Nein, noch nicht. Es sind immer noch Suchtrupps unterwegs.“

„Vielleicht hatte sie die Nase voll und ist zu ihrer Mutter gefahren. Hat irgendjemand daran gedacht, bei ihr zu Hause anzurufen?“

„Ich glaube nicht, dass sie dort ist, Bron“, sagte Evan. „Wir haben etwas Schreckliches gefunden. Einen unterirdischen Bunker, ausgestattet mit Lebensmitteln und allem Möglichen. Als würde er für jemanden bereitstehen.“

„Ihr glaubt, dass jemand auf der Suche nach einer jungen Frau war, die er entführen konnte?“

„Der Gedanke ist uns gekommen.“

„Seid ihr sicher, dass das nicht einfach ein paar Jungs waren, die sich ein geheimes Clubhaus gebaut haben? Vielleicht ein Projekt der Pfadfinder?“

„Da hingen Ketten an der Wand, Bronwen. Ketten mit Handschellen.“

Bronwen erschauderte. „Wie furchtbar. Ein echter Psycho also. Zum Glück habt ihr es entdeckt. Jetzt kann er immerhin niemanden mehr dort hinbringen.“

„Aber vielleicht hat er sie schon, Bron. Vielleicht hat er sie entführt und weiß jetzt nicht, was er mit ihr anfangen soll, und das wäre nicht gut.“

„Nein, du hast recht. Wenn er sie nirgends verstecken kann, muss er sie entweder gehen lassen, oder ...“ Sie schaffte es nicht, den Satz zu beenden.

„Und er kann es nicht riskieren, sie gehen zu lassen, weil sie ihn identifizieren könnte.“

„Was werdet ihr jetzt unternehmen?“

„Ich werde erst erfahren, wie der allgemeine Plan lautet, wenn ich morgen um acht wieder bei der Arbeit antreten muss. Bis dahin würde ich gerne noch ein paar Stunden schlafen.“

Bronwen schlang die Arme um ihn. „Ich schätze, ich erfahre gerade, wie das Leben als Polizistengattin sein wird“, sagte sie. „Aber ich bin froh, hier zu sein und dir Frühstück machen zu können, bevor du losmusst.“

Evan kuschelte sich in ihre Umarmung, genoss die Wärme und ihren Geruch. Andere Gedanken gingen ihm auch durch den Kopf, aber ehe er entscheiden konnte, ob er ihnen nachgehen wollte, war er eingeschlafen.

Im Traum war er wieder unten in dem Bunker. Er blickte nach oben und sah, dass die Falltür geschlossen wurde, was ihn in völliger Dunkelheit zurückließ. Er tastete nach dem Hocker, stieg darauf und hämmerte gegen die Falltür.

„Lasst mich raus!“, schrie er. Er glaubte, irres Lachen zu hören. Er hämmerte weiter und weiter, bis ... er die Augen aufschlug und in das helle Sonnenlicht blickte, das zum Fenster hereinfiel. Draußen sangen Vögel, doch ihr Zwitschern ging in dem Hämmern unter, das er noch immer hören konnte. Er lag allein im Bett, und jetzt, da seine Sinne langsam zu ihm zurückkehrten, konnte er von unten Kaffee riechen.

Er sprang aus dem Bett, als das Hämmern gerade verstummte. Er hörte Stimmen im Erdgeschoss. Sie hatten die junge Frau gefunden, dachte er. Er wurde zum Schauplatz eines Mordes gerufen. Er rannte die Treppe hinunter. Bronwen stand an der halb geöffneten Haustür. Sie trug nichts als eines von Evans T-Shirts, das ihr bis zur Mitte der Oberschenkel reichte. Sie blickte auf, als sie Evans Schritte auf der Treppe hörte.

„Ich wollte dich eigentlich erst um Viertel nach sieben wecken, aber wir haben Besuch“, sagte sie in einem unnatürlich fröhlichen Tonfall.

„Ich habe nicht erwartet, Sie hier anzutreffen, Miss Price“, sagte eine Stimme und zu Evans Entsetzen trat seine Mutter an Bronwen vorbei in den Hausflur. „Hallo, Sohn“, sagte sie.

„Mutter, was machst du hier?“, stammelte Evan. „Wir haben dich erst am Wochenende erwartet.“

Mrs. Evans’ Gesicht glich einer steinernen Maske. „Meine Nachbarin, Mrs. Gwynne, sagte mir, dass ihr Sohn mit einem Umzugswagen nach Bangor fährt. Da dachte ich mir: Warum überrasche ich nicht meinen Sohn und spare mir gleichzeitig das Geld für die Zugfahrt?“

„Die Überraschung ist dir gelungen“, sagte Evan.

Der versteinerte Gesichtsausdruck bröckelte nicht. „Ich dachte, dass mein Junge in der anstrengenden Zeit vor der Hochzeit vielleicht etwas Unterstützung gebrauchen kann, um sicherzugehen, dass er auch vernünftig isst. Aber wie ich sehe, hast du schon Hilfe.“ Ihr Blick wanderte zu Bronwen. „Aber erzählt mir nicht, dass ihr bereits geheiratet habt.“

Bronwen wurde rot, schwieg aber weiterhin. Evan legte ihr einen Arm um die Schultern. „Nein, Mutter. Die Hochzeit ist erst in zwei Wochen, wie du sehr genau weißt. Und ich war die ganze Nacht mit einem besonders abscheulichen Fall beschäftigt, deshalb ist Bronwen hier, um mir Frühstück zu machen.“

Mrs. Evans rang sichtlich mit sich, als wollte sie ihm glauben, obwohl sie es nicht konnte. „Na dann“, sagte sie. „Ich könnte eine Tasse Tee vertragen, nachdem ich die ganze Nacht in diesem holprigen Lastwagen gesessen habe. Evan kann meinen Koffer reinholen.“

„Ich mache leider gerade Kaffee“, sagte Bronwen. „Evan hat kaum geschlafen, da wollte ich ihm helfen, wach zu werden. Aber ich kann gerne Wasser aufsetzen.“

„Und vielleicht könnten Sie auch noch kurz nach oben gehen, und Ihren Morgenmantel anziehen, Miss Price“, sagte Mrs. Evans. „Sie holen sich noch den Tod, wenn sie weiter in ihrer Unterwäsche herumlaufen.“

„Natürlich.“ Bronwen beherrschte ihren Gesichtsausdruck, bis sie aus dem Blickfeld verschwunden war, dann sprang sie die Treppe hinauf.

„Mutter, jetzt hast du Bronwen verunsichert“, zischte Evan.

Sie starrte ihn mit dem immer gleichen steinernen Gesichtsausdruck an. „Hoffentlich war es ihr eigenes Gewissen, das sie verunsichert hat. Was sagen denn die Nachbarn dazu, dass sich ein Polizist über Nacht Frauen nach Hause einlädt?“

„Frauen? Mutter, sie ist meine Verlobte. Und ich möchte, dass du nett zu ihr bist.“ Er ließ seine Mutter im Flur stehen und rannte die Treppe hinauf. Bronwen stand am Fenster und starrte hinaus.

„Es tut mir leid, Liebling“, sagte er.

„Ich weiß, dass sie deine Mutter ist“, sagte Bronwen leise, „aber sie ist eine jämmerliche, alte Harpyie.“

Er trat hinter sie und schlang seine Arme um sie. „Du hast recht. Das ist sie.“

„Sie wird mich nie als Schwiegertochter akzeptieren.“ Bronwens Stimme brach. „Um Gottes willen, sie nennt mich noch immer Miss Price. Und wie sie mich angesehen hat. Man könnte meinen, ich würde ein ganzes Armeeregiment bespaßen!“

Evan lachte und drückte sie an sich. „Ich weiß nicht, was sie gegen dich haben könnte, aber sie wird sich auf jeden Fall bessern.“

„Natürlich wissen wir, was sie gegen mich hat. Ich entreiße ihren kostbaren Sohn ihrer Kontrolle.“

Evan griff hinter die Tür und holte einen Morgenmantel aus Velours hervor. „Hier, zieh meinen Morgenmantel an. Sobald sie ihren Tee bekommen hat, bringen wir sie zu Mrs. Williams rüber, damit sie sich dort einrichten kann.“

„Mrs. Williams hat wirklich Glück“, murmelte Bronwen, als Evan sie nach unten führte.

 

„Hallo Evans, schon wieder verschlafen?“, fragte Sergeant Howell Jones, als Evan Inspector Watkins’ Büro betrat. „Es gibt neue Studien. Zu viel Schlaf ist nicht gut.“

Ein allgemeines Kichern war die Antwort. Evan sah sich um und stellte fest, dass er tatsächlich der letzte war, obwohl die Uhr an der Wand gerade mal acht Uhr drei anzeigte.

„Tut mir leid“, murmelte er, als er sich einen Stuhl nahm. „Es gab kurzfristige Komplikationen. Meine Mutter ist aus Swansea zu Besuch – sehr zu unserer Überraschung.“

„Wenn Bronwen bei Ihnen war, war das bestimmt ein ziemlicher Schock.“ Detective Constable Glynis Davies schenkte Evan ein wissendes Lächeln. Glynis war Evans Kollegin, wie er selbst Detective Constable, und eigentlich sollten sie als Rivalen um die nächste Beförderung konkurrieren. Doch zwischen ihnen hatte sich eine enge Freundschaft entwickelt – eine Freundschaft, die Bronwen nicht immer goutierte, da Glynis ungebunden, schlau und wunderschön war. Heute trug sei eine blauweiß karierte Bluse mit offenem Kragen, die ihr kupferrotes Haar und ihre Porzellanhaut perfekt zur Geltung brachte.

„Kommt schon, Leute. Wir haben keine Zeit für solches Geschwätz, wir müssen uns ernsten Dingen widmen.“ Inspector Watkins klatschte in die Hände, wie ein Lehrer, der versuchte, eine renitente Klasse zu beruhigen. Evan erinnerte sich an eine Zeit, es war noch nicht so lange her, in der Watkins als bescheidener Sergeant stets eine witzige Bemerkung parat hatte.

„Gut.“ Watkins lehnte sich über seinen Schreibtisch. „Für diejenigen, die gestern Nacht nicht am Vergnügen teilgenommen haben, wir haben gegen vier Uhr nachmittags Nachricht über eine vermisste Wanderin erhalten. Sie wurde beim Abstieg vom Snowdon von ihrem Freund getrennt. Er wartete auf sie, kehrte dann um und suchte nach ihr, konnte sie aber nicht finden. Da sie siebzehn Jahre alt ist und damit noch minderjährig, haben wir sofort eine Suchaktion eingeleitet. Uns wurde gesagt, dass ihr der Pyg Track und der Miner’s Path möglicherweise zu steil waren und sie den leichteren Weg entlang der Schienen gewählt haben könnte, deshalb wurde auch dieser Bereich abgesucht. Hunde waren ebenfalls vor Ort. Einer von ihnen hat eine Fährte aufgenommen, die uns zu einem unterirdischen Bunker in den Wäldern direkt oberhalb des Bahnhofs in Llanberis geführt hat. Er ist ausgestattet mit einem Bett, Rationen und sogar einem CD-Spieler.“

„Aber unbewohnt?“, fragte Glynis Davies.

„In der Tat unbewohnt. Die ersten Berichte der Spurensicherung sind da. Keine Blutspuren, was eine gute Sache ist. Das Bett scheint frische Bettwäsche zu haben, in der noch nicht geschlafen wurde. Keine Haare oder Fasern. Die Eimertoilette war unbenutzt. Es gibt im ganzen Bunker nahezu keine Fingerabdrücke. Der Besitzer hat offensichtlich Handschuhe benutzt, oder alles abgewischt. Ein paar Abdrücke konnten wir trotzdem sichern und gleichen sie gerade mit unseren Akten ab.“

Glynis hob eine Hand. „Welchen Grund haben wir zu der Annahme, dass das irgendetwas mit der vermissten Wanderin zu tun hat? Es gibt alle möglichen, seltsamen Survival-Fans, oder Teenager, die ein Geheimversteck haben wollen.“

„Wenn der Bunker einem Teenager gehört, hat er einen verdrehten Verstand“, entgegnete Watkins. „Es gibt eine Sache, die ich noch nicht erwähnt habe. Zeigen Sie ihr das Foto, Dawson.“

Ein schlaksiger Bursche, der wie ein zu groß geratener Schüler aussah, durchsuchte einen Stapel Fotos und reichte Glynis eines davon.

„Bitteschön. Schauen Sie sich das mal an.“

Es war eine Nahaufnahme der Ketten mit den Handschellen, die hoch oben an der Wand befestigt waren.

„Du meine Güte“, sagte Glynis und sah zu Evan hinüber. „Da haben wir wohl einen Glückstreffer gelandet, was? Irgendjemand plante, ein Opfer in diesen Bunker zu bringen, ist aber noch nicht dazu gekommen.“

„Oder einen willigen Teilnehmer“, warf Sergeant Jones ein. „Es gibt Leute, deren perverse Vorstellungen von Sex miteinschließen, in einen Bunker gesperrt und an die Wand gefesselt zu werden.“

„Sie haben recht, Howell“, sagte Watkins. „Wie Police Constable Davies schon sagte: Möglicherweise hat das gar nichts mit unserer vermissten Wanderin zu tun. Vielleicht ist es purer Zufall, dass wir gerade jetzt darüber gestolpert sind.“

„Andererseits“, setzte Evan an, obwohl er sich nie wohl fühlte, wenn er bei solchen Besprechungen das Wort ergriff, „haben wir eine junge Frau, die bei gutem Wetter am Berg verschwunden ist, während es von anderen Wanderern gewimmelt haben muss. Natürlich gibt es gefährliche Stellen am Berg, wo sie abgerutscht und über eine Klippe gestürzt sein könnte, aber es ist leicht den Wegen zu folgen, wenn andere Wanderer dort unterwegs sind. Und wenn sie sich verletzt hätte, wäre sie mittlerweile gefunden worden.“

„Ich stimme Evan zu“, sagte Police Constable Dawson. „Ich gehe selbst ab und zu klettern, aber in den Sommerferien ist es da draußen wie im Zoo – völlig von Touristen überlaufen. Wenn man ein ernsthafter Wanderfreund ist, hält man sich im August vom Snowdon fern.“

„Also halten Sie es für unmöglich, dass jemand die junge Frau ungesehen geschnappt und entführt haben könnte?“, fragte Watkins.

Evan dachte darüber nach. „Vielleicht in dem bewaldeten Bereich, wo wir auch den Bunker gefunden haben“, sagte er. „Gestern Nachmittag war es ziemlich warm. Wenn sie in den Wald ging, um etwas Schatten zu suchen, und er dort gelauert hat ...“

„Warum hat er sie dann nicht direkt zum Bunker gebracht, wenn ganz in der Nähe schon alles vorbereitet war?“, fragte Glynis.

Es herrschte Schweigen, während die Gruppe diesen Einwand verdaute.

„Er wartete bis zum Einbruch der Dunkelheit, aber dann waren unsere Leute bereits auf dem Berg unterwegs?“, schlug jemand vor.

„Was hat er dann mit ihr gemacht? Lebt sie noch? Besteht überhaupt noch Hoffnung, sie retten zu können?“

Erneutes Schweigen, dann sagte Glynis mit angespannter Stimme: „Vielleicht hat der Täter mehr als einen solchen Bunker vorbereitet, Sir. Möglicherweise ist er zu Plan B übergegangen.“

„Was tun wir jetzt, Sir?“, fragte Sergeant Jones ungeduldig. „Wurden die Eltern der jungen Frau schon angerufen, für den Fall, dass sie nach Hause zurückgekehrt ist oder sich dort gemeldet hat?“

Watkins nickte. „Sie wurden vergangene Nacht noch kontaktiert. Da hatten sie noch nichts von ihr gehört. Wir sollten heute Morgen noch mal nachfragen, ehe wir irgendetwas anderes unternehmen.“

„Und wenn sie noch immer nichts von ihr gehört haben?“, fuhr Sergeant Jones fort. „Es war pures Glück, dass wir letzte Nacht über diesen Bunker gestolpert sind. Die Chancen, einen weiteren zu finden, sind verschwindend gering. Aber wir sollten uns das ganze Gebiet noch mal bei Tageslicht ansehen, für den Fall, dass wir irgendetwas übersehen haben.“

„Ja, das sollten wir.“ Watkins wirkte angespannt – müde, alt und angespannt. „Können Sie ein Team zusammenstellen, Howell? Versuchen Sie, wieder Hilfe von den Rangern des Nationalparks zu bekommen. Achten Sie besonders auf Stellen, an denen sie abgestürzt sein könnte und suchen Sie nach Anzeichen für einen Kampf.“

„Und wie verfahren wir mit dem Bunker?“, fragte Glynis. Sie sah der Reihe nach in die Gesichter im Raum. „Soll ich die nationale Datenbank für Sexualstraftäter überprüfen? Herausfinden, ob jemand kürzlich aus einer psychiatrischen Einrichtung entlassen wurde und jetzt hier lebt?“

„Wie wäre es, wenn Sie herausfinden, ob diese Vorgehensweise schon bekannt ist?“, regte Watkins an. „Das würde die Sache für uns eingrenzen. Jegliche Fälle, in denen junge Frauen entführt und in Bunker gesperrt wurden; Leichen mit Fesselmalen von Handschellen.“

„Der National Criminal Intelligence Service sollte solche Aufzeichnungen haben, oder?“ Glynis blickte von dem Block hoch, auf dem sie ihre Notizen machte. „Dann muss ich nicht jede regionale Polizeitruppe kontaktieren.“

„Fangen Sie auf jeden Fall dort an, aber ich glaube, wir sollten auch bei den regionalen Stellen nachfragen, nur für den Fall, dass irgendetwas noch nicht in der Datenbank gelandet ist.“

„Dann soll ich den NCIS und sämtliche regionalen Polizeitruppen kontaktieren?“

Watkins grinste sie an. „Sie sind unsere Computerexpertin.“

„Ich wünschte, ich hätte das hilflose Weibchen gespielt, als ich hier anfing“, sagte Glynis. „Und wenn ich heute Morgen schon dabei bin, steht uns ein Profiler zur Verfügung oder soll ich herausfinden, wer einen hat?“

„Entschuldigen Sie, Sir“, schaltete Evan sich ein. „Mir scheint, dass wir mit der Datenbank der Sexualstraftäter und dem Profiler etwas voreilig handeln.“

„Je früher wir das Profil eines Mannes haben, der diesen Bunker gebaut haben könnte, desto eher wissen wir, nach wem wir suchen“, entgegnete Glynis.

„Worauf wollen Sie hinaus, Evans?“, fragte Watkins.

„Nun, Sir, ich denke, einer von uns sollte bei dem Jungen anfangen, der die Frau als vermisst gemeldet hat. Etwa mit ihm die Strecke abgehen, die sie gelaufen sind, und mit anderen Wanderern in der Jugendherberge sprechen. Vielleicht ging dort irgendetwas vor sich.“

„Was meinen Sie?“, fragte Watkins.

„In solchen Jugendherbergen kommen alle möglichen Leute unter, oder? Vielleicht hatte einer von ihnen ein Auge auf sie geworfen und nur auf einen Moment gewartet, in dem er sie allein erwischen kann. Vielleicht hat irgendjemand etwas Ungewöhnliches gehört oder gesehen. Wir wissen, dass sie sich mit ihrem Freund gestritten hat ...“

„Das wusste ich nicht“, unterbrach Watkins ihn. „Niemand hat mir davon erzählt.“

„Das ist der Grund dafür, warum sie auf dem Berg getrennt wurden. Sie war keine so geübte Wanderin wie er. Er sagte ihr, sie sei zu langsam. Sie stritten sich und dann sagte sie ihm, er solle vorgehen. Das tat er, bekam dann aber ein schlechtes Gewissen und drehte um, um nach ihr zu suchen.“

„Verstehe. Nun, vielleicht haben Sie recht, Evans. Wir sollten ihn noch einmal befragen und uns in der Jugendherberge umhören.“

„Noch etwas“, sagte Evan. „Anscheinend hatte sie ein Handy dabei. Warum hat sie niemanden angerufen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten ist? Wir können überprüfen, ob mit dem Handy Anrufe getätigt wurden, seit sie verschwunden ist.“

„Das kann ich wohl übernehmen“, sagte Glynis und machte sich eine flüchtige Notiz auf ihrem Block.

„Und wir können dafür sorgen, dass die Suchtrupps die Augen nach einem Handy offenhalten, Jones“, sagte Inspector Watkins. „Wenn jemand sie entführt hat, hätte er es vielleicht weggeworfen.“

„Und fragen sie in den örtlichen Polizeistationen nach. Vielleicht hat es jemand gefunden und abgegeben“, fügte Evan hinzu. „Ich glaube, wir sollten auch in Llanberis herumfragen, und auch weiter oben am Pass, für den Fall, dass sie versucht hat, als Anhalterin weiterzukommen.“

Watkins nickte. „Alles sehr vernünftig. Ich überlasse das Ihnen. Ich werde mich mit der Spurensicherung am Bunker treffen und wir sehen uns bei Tageslicht noch einmal dort um. Dann stoße ich vielleicht zu Ihnen, Evans. Auf jeden Fall sollten wir uns um zwei Uhr wieder hier unten treffen.“

Sergeant Jones stand auf. „Ihr Zivilfahnder könnt euch euren Computern und der Spurensicherung widmen“, sagte er langsam, „doch es gibt eine Sache, die mir offensichtlich erscheint, die aber noch niemand erwähnt hat.“

Köpfe wandten sich ihm zu.

„Ich wüsste gerne, wie jemand eine große Schaufel und die ganzen Materialien über einen Wanderweg in die Berge gebracht hat. Wer hätte das tun können, ohne damit Aufmerksamkeit zu erregen?“

Kapitel 5

Er kochte vor Wut. Wie konnten sie über sein Refugium stolpern, nachdem er so viel Aufwand hineingesteckt und alles so gut geplant hatte? Diese lästigen, herumschnüffelnden, kleinen Wichtigtuer. Nun, er würde es ihnen schon zeigen. Sie konnten ihn jetzt nicht mehr aufhalten. Er würde trotzdem weitermachen. Sollten sie doch machen, was sie wollten.

Sein Atem wurde zu einem raschen Keuchen, als er die Tür zum Musikzimmer öffnete, sich setzte, und die düsteren Akkorde des Trauermarsches anschlug. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, als ihm eine Idee kam, und er sprang wieder auf.

„Vielleicht“, sagte er zu sich selbst, während seine Lippen sich zu einem immer breiteren Lächeln verzogen, „steht ihr Verstand gegen meinen. Eigentlich keine Herausforderung. Das sind allesamt Bauern.“

Er wandte sich vom Flügel ab und schrieb.

 

Als Evan die kleine Touristenhochburg Llanberis erreichte, wurde ihm klar, was für eine schwierige Aufgabe es sein würde, irgendjemanden ausfindig zu machen, der die vermisste Frau gesehen hatte. An diesem sonnigen Augustmorgen wimmelte es in der Stadt von Touristen. Reisebusse aus den entferntesten Ecken Europas bliesen Dieselabgase in die Luft, während sie ihre Passagiere ausspuckten. Familien spazierten über die Straße, zogen Kinder hinter sich her oder schoben Kinderwagen. Ernsthafte Kletterer, mit Seilen über der Schulter und dicken, stabilen Wanderschuhen, schienen erpicht darauf zu sein, so schnell wie möglich aus dem Gedränge herauszukommen. Vor dem kleinen Zug zum Gipfel des Snowdon hatte sich bereits eine lange Schlange gebildet. Wenn Paul Upwoods Freundin vom Berg abgestiegen und in diese Stadt gekommen wäre, hätte sie sich unbemerkt durch die Menge bewegen können. Selbst wenn sie allein die Passstraße hinuntergelaufen wäre, oder versucht hätte, als Anhalterin weiterzukommen, wäre sie bei jeder dieser Handlungen eine von vielen gewesen. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Wie auch immer, zuerst musste er sich noch einmal mit Paul Upwood treffen, um sich eine detaillierte Beschreibung seiner Freundin und hoffentlich auch ein Foto geben zu lassen. Dann könnten sie Aushänge machen und er hätte ein Bild, um es beim Sherpa-Bus und in Cafés herumzuzeigen.

Evan hielt an seinem Haus an, als er durch Llanfair fuhr, und zog sich Wandersachen an. Bronwen war nirgends zu sehen. Er vermutete, dass sie oben beim neuen Cottage war und versuchte, eine Ordnung in ihre Sachen zu bringen. Er schnappte sich seine Wanderstiefel und einen Anorak und eilte wieder aus dem Haus, ehe der höchst effiziente Buschfunk von Llanfair seine Mutter über seine Anwesenheit informieren konnte. Als er an den beiden Kapellen vorbeifuhr, sah er, dass der Pastor der Bethel-Kapelle, Hochwürden Parry Davies, gerade einen neuen Bibelspruch an der Tafel vor seiner Kapelle anbrachte. Er lautete: Der Glaube ohne Werke ist tot. St. Jakobus.

Evan konnte es sich nicht verkneifen, zur identischen Tafel auf der anderen Straßenseite, vor der Beulah-Kapelle zu schauen, und verstand sofort, warum Mr. Parry Davies diesen Spruch ausgewählt hatte. Der andere Pastor, Hochwürden Powell-Jones, hatte folgenden Spruch ausgewählt: Der heilige Paulus sagt: „Der Glaube wird euch retten.“

Trotz des betrüblichen Tages fuhr er lächelnd weiter. Als er die Jugendherberge am höchsten Punkt des Passes erreichte, waren Wolken aufgezogen. Die jungen Leute, die draußen herumlungerten und rauchten, hatten sich in kleine Grüppchen zusammengedrängt und zitterten im kalten Wind. Evan zog im Auto seine Wanderstiefel an und warf sich dann beim Aussteigen schnell die Jacke über. Wolken wirbelten an ihm vorbei, verwandelten die Jugendherberge in einen geisterhaften Schatten im Nebel und versperrten die Sicht auf die Gipfel. Wenn Shannon an einem solchen Tag verschwunden wäre, hätte Evan es verstehen können. Er war schon oft genug selbst oben auf dem Berg gewesen, wenn die Welt plötzlich vom Nebel verschlungen wurde und jeder falsche Schritt in einem Sturz über eine Klippe enden konnte. Aber gestern war ein wolkenloser Tag gewesen.

Er blieb auf dem Kies vor der Jugendherberge stehen und dachte nach. Falls jemand sie entführt hatte, wie hätte er das schaffen können? Wo hätte er sie schnappen können, ohne auf einem so kahlen und gut besuchten Berg gesehen zu werden? Dann fiel ihm ein, dass auch der Bunker unbemerkt existiert hatte, beinahe in Rufweite eines viel benutzten Weges und einer Eisenbahnlinie. Wer auch immer ihn angelegt hatte, war an diesem Ort ein großes Risiko eingegangen. Also war es eine Person, die es genoss, Risiken einzugehen. Er musste daran denken, Glynis davon zu erzählen, wenn sie ein Profil erstellen wollte.

Paul Upwood saß im Gemeinschaftsraum und blätterte lustlos durch eine Zeitschrift, als Evan hereinkam.

Er sprang auf, und ließ das Blatt zu Boden fallen. „Irgendwelche Neuigkeiten?“

Evan schüttelte den Kopf und zog sich einen Stuhl heran. „Ich fürchte, nein. Haben Sie heute Morgen noch einmal mit ihrer Familie gesprochen?“

„Nein, ich will nicht mit ihnen sprechen, wenn es nicht wirklich sein muss. Sie mögen mich nicht besonders“, sagte er.

„Warum das?“

Der Junge errötete. „Es gefällt ihnen nicht, dass wir zusammen sind. Sie sagten ihr, dass sie zu jung für eine ernste Beziehung sei, dabei ist sie schon fast achtzehn. Manche Leute heiraten mit achtzehn, oder?“

Evan nickte. Der Junge seufzte und ließ seinen Kopf in die Hände sinken. „Sie werden wahrscheinlich mir die Schuld geben. Ihre Mutter wollte nicht, dass sie diesen Urlaub mit mir macht. Sie dachte, wir würden ... Sie wissen schon. Sie packen sie in Watte ... lassen sie nicht mal tanzen gehen oder so.“

„Dann wissen Sie nicht, ob sie heute Morgen vielleicht zu Hause aufgetaucht ist?“

Paul Upwood schüttelte den Kopf.

Evan holte sein Handy heraus. „Ich glaube, sie würden gerne von dir hören, Paul. Wie lautet ihre Nummer?“

Paul Upwood zuckte zusammen, als er Evan die Zahlen nannte.

„Hallo?“ Die Frauenstimme klang angespannt.

„Mrs. Parkinson? Ich bin Detective Constable Evans von der Polizei Nordwales.“

„Haben Sie Shannon gefunden?“

„Leider noch nicht. Aber unsere Leute suchen noch immer nach ihr. Ich habe Paul Upwood hier bei mir und ...“

„Ich wusste es, ich hätte sie nie mit diesem Jungen weggehen lassen dürfen“, sagte Mrs. Parkinson verbittert. „Sie durfte noch nie alleine weg und jetzt schauen Sie sich an, was passiert ist.“

„Unfälle geschehen, Mrs. Parkinson. Es verlaufen sich ständig Menschen in den Bergen. Die gute Nachricht ist, es war eine schöne und milde Nacht.“ Als er das sagte, bemerkte er, dass Paul Upwood auf dem Fenster in den wirbelnden Nebel starrte.

„Dieser Nichtsnutz hat versprochen, auf sie aufzupassen.“ Jetzt zitterte ihre Stimme.

Er konnte nichts darauf antworten.

„Seien Sie versichert, dass wir unser Bestes tun, um sie schnellstmöglich aufzuspüren, Mrs. Parkinson“, sagte Evan. „Sie haben unsere Nummer. Lassen Sie uns bitte wissen, falls Sie irgendetwas von ihr hören.“

„Warum hat sie uns nicht schon längst angerufen? Das wüsste ich gern.“ Ihre Stimme bebte. „Wenn es ihr gut geht, hätte sie doch zu Hause anrufen können, oder?“

„Es gibt viele einfache Erklärungen dafür“, sagte Evan. „Vielleicht hat sie ihr Handy verloren, ist irgendwo am Berg falsch abgebogen, eingeschlafen und ist jetzt gerade erst auf dem Rückweg.“

„Aber warum war sie allein? Warum hat er nicht auf sie aufgepasst?“, hakte Mrs. Parkinson nach.

Evan beschloss, den Streit nicht zu erwähnen. Es hatte keinen Zweck, den Jungen noch tiefer reinzureiten. „Es geht ihm wegen dieser Sache genauso schlecht wie Ihnen Mrs. Parkinson. Tatsächlich möchte er Ihnen gerne sagen, wie leid es ihm tut. Aber versuchen Sie bitte, sich nicht zu viele Sorgen zu machen. Ich rufe wieder an, wenn ich Neuigkeiten habe.“

„Alles klar.“ Sie klang völlig erschlagen, beinahe als ginge sie davon aus, nie wieder von ihrer Tochter zu hören.

Evan gab das Handy an Paul weiter, der es zögerlich entgegennahm.

„Es tut mir wirklich leid, Mrs. Parkinson“, stammelte Paul. „Ich habe überall nach ihr gesucht. Ich gebe nicht auf, bis ich sie gefunden habe, versprochen.“ Dann legte er schnell auf, ehe sie noch etwas sagen konnte, und gab das Handy zurück.

„Alles klar. Dann los.“ Evan legte Paul eine Hand auf die Schulter.

„Los?“

„Ganz recht. Wir beide werden noch einmal eure Wanderstrecke ablaufen, exakt so, wie ihr sie gestern gelaufen seid, und du wirst nach Indizien Ausschau halten ...“

„Indizien?“

„Dinge, die sie unterwegs hätte fallen lassen können. Alles was ihr gehört.“

„Bei dem Wetter?“, fragte Paul. Er trug ein T-Shirt und sein Adamsapfel tanzte nervös auf und ab. „Ist es nicht viel zu gefährlich, bei solchem Wetter da raufzugehen?“

„Du willst sie doch finden, oder?“, fragte Evan. Dann erregten die hochgezogenen Schultern sein Mitleid und er klopfte dem Jungen auf den Rücken. „Keine Sorge. Ich war schon so häufig auf dem Berg, dass ich die Wege im Schlaf kenne. Mit mir kommst du nicht zu Schaden. Geh rauf in dein Zimmer und zieh dir Stiefel und eine Jacke an. Und wenn du schon dort bist, hast du zufällig Fotos von Shannon? Ich hätte gerne eines, das ich herumzeigen und auf die Aushänge drucken lassen kann.“

„Nur das hier.“ Paul zog sein Portemonnaie heraus und präsentierte Evan einen Schnappschuss. Er zeigte ihn selbst, und in seinen Armen ein hübsches, zierliches Mädchen. Sie blickten einander an und lächelten. „Es ist nicht besonders scharf, aber besser als nichts“, sagte er, als er es aus der Hand gab.

„Eine hübsche, junge Frau“, kommentierte Evan.

„Ja. Die attraktivste in ihrer Klasse.“

„Gehst du noch zur Schule?“

„Nein, ich studiere Rechnungswesen an der Uni.“

Evan fragte sich, was eine Mutter gegen einen jungen Mann haben mochte, der gerne wanderte und Rechnungswesen studierte. „Auf geht’s, zieh dir deine Stiefel an“, sagte er.

Als Paul verschwunden war, suchte Evan nach dem Herbergsvater. Er fand ihn in der Küche, wo er die Reste aus einem riesigen Topf mit Haferbrei kratzte. „Das beste am ganzen Frühstück, und raten Sie mal, wem das überlassen bleibt?“, sagte er und blickte lächelnd auf.

Evan erklärte, warum er da war und zeigte ihm das Foto.

„Was können Sie mir über dieses Pärchen sagen?“, fragte er.

„Sie sind ruhig. Bleiben meistens unter sich. Sie sagten, sie wird vermisst?“

„Ja, sie ist gestern von einer Wanderung nicht zurückgekehrt.“

„Ist ein Suchtrupp unterwegs?“

„Ja, wir haben schon seit gestern Abend Männer am Berg, und seit heute Morgen noch weitere.“

„Ich könnte noch ein paar Leute zusammentrommeln“, sagte der Herbergsvater. „Bestimmt würde sich jeder meiner Gäste bereiterklären, nach ihr zu suchen.“

„Danke. Das ist sehr freundlich. Ich werde das an den Beamten weitergeben, der die Suche koordiniert“, sagte Evan. „Ich werde mit Paul noch einmal ihre Strecke von gestern abgehen. Ich dachte nur, ich frage mal, ob irgendetwas Erwähnenswertes geschehen ist.“

„Was zum Beispiel?“

„Ich weiß es nicht wirklich. Paul sagte, dass er und seine Freundin beim Wandern eine Meinungsverschiedenheit gehabt hätten. Haben sie sich je hier gestritten? Hat sich ein anderer Gast für sie interessiert? Oder ihnen Ärger gemacht? Ich versuche nur Gründe zu finden, deretwegen sie vielleicht nicht vom Berg herunterkommen wollte.“

Der Herbergsvater kratze sich an seinem üppigen, dunklen Bart, dann schüttelte er den Kopf. „Ich habe nicht bemerkt, dass sie mit irgendwelchen anderen Gästen zu tun gehabt hätten. Normalerweise bildet sich im Gemeinschaftsraum immer eine muntere Truppe. Irgendjemand hat eine Gitarre dabei. Es wird viel gelacht. Aber wie ich schon sagte, sie blieben für sich. Ich kann mich nicht daran erinnern, sie abends auch nur einmal im Gemeinschaftsraum gesehen zu haben.“

Evan bedankte sich beim Herbergsvater und zeigte das Foto noch unter sämtlichen jungen Menschen herum, die er finden konnte, aber als Antwort bekam er nur Schulterzucken oder ausdruckslose Gesichter. Manche erinnerten sich daran, sie beim Frühstück gesehen zu haben, aber das war schon alles. Niemand hatte etwas von einem Streit mitbekommen.

Paul Upwood trampelte in seinen Wanderstiefeln die Treppe herab. Er trug jetzt einen dunkelgrünen Anorak und hatte einen Wanderstock dabei.

Evan grinste. „Ich muss schon sagen, du bist aufs Schlimmste vorbereitet, oder?“ Er führte den Jungen aus der Herberge, über den Parkplatz und zum Anfang des Wanderweges, der auf den Berg hinaufführte.

„Sagtest du, ihr hättet den Miner’s Path genommen, oder den Pyg Track?“, fragte Evan, als sie die ersten grasbewachsenen Hänge jenseits des Parkplatzes erreichten.

Paul Upwood sah sich unsicher um. „Ich bin mir nicht sicher, welcher welcher ist. Dieser Pfad hier.“ Er deutete auf einen gut sichtbaren Wanderweg, der nach rechts führte.

„Das ist der Pyg Track“, sagte Evan. „Der Miner’s Path führt runter zum Llyn Llydaw. Du würdest dich daran erinnern, weil er über einen Damm mitten durch den See führt.“

„Nein, dann war es nicht der“, sagte Paul. „Ich war auf keinem Damm.“ Er schien zu frieren und wirkte unglücklich und ein wenig verängstigt. Na ja, das war auch verständlich, dachte Evan. Ich hätte auch Angst, wenn Bronwen verschwunden wäre. Ich wäre krank vor Sorge.

Sie liefen los und sofort wurde die Jugendherberge hinter ihnen vom Nebel verschluckt. Ihre Welt bestand nur noch aus einigen Grasbüscheln und Steinen zu ihren Füßen, während ihre Schritte von unsichtbaren Klippen widerhallten. Als sie zum Gipfel des ersten Anstiegs kamen, traf der Wind sie mitten ins Gesicht und wirbelte Wolken an ihnen vorbei. Paul Upwood blieb schwer atmend stehen und stütze sich auf seinen Stock.

Evan blickte zu ihm. Für jemanden, der das langsame Tempo seiner Freundin kritisierte, war Paul Upwood nicht gerade gut in Form. Der echte Anstieg erwartete sie erst jenseits des Llyn Llydaw, der erste See, der jetzt unsichtbar unter ihnen lag. Plötzlich wurde Evan bewusst, dass sie möglicherweise beide unerfahrene Wanderer waren und es gar nicht bis zum Gipfel geschafft hatten.

„Du sagtest, ihre hättet euch getrennt, nachdem ihr oberhalb eines Sees ein Picknick gemacht habt, oder? Seid ihr erst die ganze Strecke bis zum ersten Gipfel gegangen?“

„Oh, gibt es zwei Seen?“, fragte Paul und schüttelte dann den Kopf. „Ich komme durcheinander. Nein, ich muss den See unterhalb des Gipfels gemeint haben. Ein kleiner, runder See, nicht wahr?“

„Genau“, sagte Evan. „Ein kleiner, runder See. Na gut, dann habt ihr es bis ganz nach oben geschafft. Dann los. Wir haben einen schweren Marsch vor uns.“

Der Pfad fiel leicht ab und stieg dann wieder an. Er war jetzt schmal und steinig und schlängelte sich an einem steilen Berghang entlang. Plötzlich teilten sich die Wolken und gaben den Blick auf einen langen, schmalen See unter ihnen frei. Das Wasser war so still, dass es wie schwarzer Marmor wirkte. Plötzlich hörten sie Flügelschlagen, was beide Männer zusammenzucken ließ. Zwei Enten hoben von der Wasseroberfläche ab. Dann schlossen sich die Wolken wieder um sie und sperrten sie in ihrer eigenen Welt ein.

Nach einer Weile schnaufte Paul Upwood wie die kleine Dampflock, die regelmäßig die andere Bergflanke erklomm. „Wie weit ist es noch?“, keuchte er. Schweiß rann ihm übers Gesicht.

Evan konnte sich den Kommentar dieses Mal nicht verkneifen: „Ich dachte, du wärst der große Wanderer und deine Freundin konnte nicht mit dir mithalten.“

„Ich bin heute zu angespannt, um richtig zu atmen“, erwiderte Paul. „Meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding. Ich habe solche Angst, dass wir sie finden und ...“ Er ließ den Satz so stehen.

„Gestern war ein Suchtrupp hier unterwegs“, sagte Evan, „mit Hunden. Und es waren hunderte Leute auf dem Berg. Es ist wirklich unwahrscheinlich, dass sie einfach irgendwo herumliegt und darauf wartet, gefunden zu werden.“

Er legte dem Jungen freundlich eine Hand auf die Schulter. „Du hältst weiter nach Dingen Ausschau, die ihr gehören könnten, ja?“

Paul nickte. „Ich bin mir nicht sicher, was wir finden wollen. Sie wirft nicht einfach Bonbonpapiere in die Gegend.“

Nach einem langen, schweren Anstieg, während dem sie mehrfach Pause machen mussten, deutete Evan auf einen steinernen Pfahl am Wegesrand. „Hier trifft der Miner’s Track, der vom Glaslyn heraufkommt, auf unseren Pfad“, sagte er. „Ihr seid für euer kleines Picknick nicht wirklich zum See runtergegangen, oder?“

„Nein, wir haben am Wegesrand angehalten und uns hingesetzt. Den See konnten wir unter uns sehen“, sagte Paul.

„Dann seid ihr auf dieser Route geblieben. Viele Leute gehen einen Rundweg, den Pyg Track rauf und über den Miner’s Track wieder runter.“

„Ich nicht“, sagte Paul langsam. „Aber vielleicht haben wir uns oberhalb von hier getrennt. Wäre es möglich, dass sie aus Versehen den anderen Weg genommen hat?“

Evan starrte in das wirbelnde Grau hinab. „Wenn sie andere Leute gesehen hat, die diesen Weg wählten, wäre sie ihnen vielleicht gefolgt. Vielleicht sollten wir über den Weg zurückgehen, nur um sicherzugehen.“

„Ist die Strecke länger?“, Paul klang ausgelaugt.

„Etwa gleich lang. Ein wenig steiler, besonders am Anfang. Bei diesem Nebel muss man dem Weg genau folgen, weil es hier überall stillgelegte Minenschächte gibt.“

„Minenschächte?“, kam es als Echo zurück.

„Überall am Berg gab es Kupferminen, deshalb heißt der Weg ja Miner’s Path.“

„Sie meinen, Minenschächte, in die sie gestürzt sein könnte?“ Paul Upwoods Stimme bebte.

Evan ärgerte sich, dass er diese Möglichkeit nicht selbst in Betracht gezogen hatte.

„Ich glaube, sie sind alle gut gekennzeichnet und versperrt, aber ...“

„Aber sie könnte gestürzt und hineingefallen sein – falls sie in Eile war. Weil sie versucht hat, mich einzuholen ... das ist alles meine Schuld. Ich hätte nie so dumm sein dürfen. Ich war vermutlich müde, und wenn ich müde bin, werde ich stinkig.“

Evan blickte etwas mitfühlender in das ernste, eulenhafte Gesicht.

„Wir werden ein Team herbestellen, um die Minen zu durchsuchen. Pass auf, wo du hintrittst.“ Er packte den jungen Mann an seiner Jacke, als er auf einem lockereren Schieferstück ausrutschte. „Wir wollen doch nicht, dass du hier über die Kante stürzt.“ Ihm wurde klar, dass Paul Upwood sich unter diesen Bedingungen sehr unwohl fühlte. Also war er kein Wanderer. Shannon musste tatsächlich ein zartes Geschöpf sein, wenn sie selbst ihm zu langsam war.

„Ich gehe vor“, sagte er, „dann kannst du dich an mir festhalten, wenn du abrutschst. Achte darauf, wo ich hintrete.“

Er lief weiter und stieg von Fels zu Fels weiter ab. Der Runde Umriss des Glaslyn wurde durch die Wolken sichtbar, dann verschwand er wieder. Plötzlich rief Paul: „Halt. Was ist das?“

Evan blieb stehen. Paul starrte auf ein steiles Geröllfeld. „Da. Unten am Ufer.“

Evan musste warten, bis die Wolken sich wieder teilten, ehe er sehen konnte, worauf Paul deutete. Ein kleiner, roter Fleck, ganz dicht am Wasser.

„Sie hatte rote Handschuhe dabei“, sagte Paul.

„Bleib hier“, befahl Evan und suchte sich vorsichtig einen Weg den Abhang hinunter. Sich über Geröll zu bewegen, war eines der Dinge, die Evan überhaupt nicht leiden konnte. Mit jedem Schritt konnte man eine kleine Lawine auslösen, die an Schwung gewinnen und ihn unaufhaltsam bergab schleudern könnte. Er schlitterte, kletterte und rutschte wieder, bis er endlich am Ufer des Sees stand. Dann musste er sich noch weiter über das Geröll bewegen, um den roten Gegenstand zu erreichen. Es war tatsächlich ein Handschuh. Er schichtete einen Steinhaufen auf, um die Stelle zu markieren und machte sich wieder an den langen und tückischen Aufstieg zu Paul. Gedanken rasten durch seinen Kopf. War sie gestolpert, vom Pfad abgekommen und unkontrolliert zum See hinuntergerutscht? Und falls ja, war sie ins Wasser gefallen? Wäre das nicht jemandem aufgefallen, oder hätte nicht zumindest jemand ihre Schreie gehört? Hätte jemand den Aufschlag auf dem Wasser gehört? Und warum hat sie nicht um Hilfe geschrien, falls sie nicht schon davor das Bewusstsein verloren hat? Trug sie einen schweren Rucksack? Hätte der sie unter Wasser gezogen?

Evan erreichte den Pfad und gab Paul den Handschuh. Der stieß ein Schluchzen aus, als er ihn sah. „Das ist ihrer. Das ist Shannons Handschuh. Dann ist sie also hier langgekommen. Aber was wollte sie unten am See?“

Er blickte hinab. Nebelschwaden verhüllten erneut die Wasseroberfläche. „Sie glauben doch nicht, dass sie runtergestürzt ist, oder?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Evan. „Trug sie einen Rucksack?“

„Ja. Und er war ziemlich schwer. Sie kennen Shannon nicht. Sie musste immer ihr Make-up dabeihaben und ihre Haarbürste, eine Jacke und eine Kamera. Ich habe ihn eine Weile für sie getragen, aber nach dem Mittagessen habe ich ihn ihr zurückgegeben, weil ich dachte, dass er ohne das ganze Essen leichter wäre.“

Evan holte sein Handy heraus. „Ich rufe meinen Chef an und berichte ihm, was wir gefunden haben. Er wird dann alles Weitere übernehmen. Ich hoffe, ich habe hier oben Empfang.“

„Watkins“, sagte die Stimme am anderen Ende.

„Sir, Evans hier. Wir haben den Handschuh des Mädchens gefunden. Am Fuß eines steilen Abhangs neben dem Glaslyn. Es sieht so aus, als könnte sie das Geröllfeld hinabgestürzt und ins Wasser gefallen sein.“

„Verdammte Scheiße“, sagte Watkins. „Alles klar. Ich setzte Leute darauf an. Wie schnell können Sie wieder hier unten sein, Evans?“

„Wo unten, Sir?“

„In meinem Büro. Die Forensiker konnten einen Satz Fingerabdrücke abgleichen, die wir auf einer Dose mit Baked Beans im Bunker gefunden haben. Ein junger Kerl, der im vergangenen Jahr verhaftet wurde, weil er seine Freundin geschlagen hatte. Er wird gerade hergebracht. Ich will Sie bei der Befragung dabeihaben.“

Kapitel 6

Es dauerte frustrierend lang, Paul Upwood zur Jugendherberge zurückzubringen. Er war so erschöpft, dass er häufig stolperte, und schien außerdem den Tränen nah zu sein.

„Tut mir leid, dass ich dich so hetzen muss“, sagte Evan, „Aber mein Chef braucht mich umgehend unten in der Polizeistation.“

Paul sah ihn mit scharfem Blick an. „Hat man irgendetwas herausgefunden, was Sie mir nicht sagen?“

„Sie bringen jemanden zur Befragung dorthin“, sagte Evan. „Das hat nichts mit dieser Sache zu tun.“

„Sie meinen, Shannon zu finden ist gar nicht ihre höchste Priorität? Haben Sie andere Fälle?“

„Wir tun, was wir können, um Shannon zu finden, vertrauen Sie mir“, sagte Evan. „Wir haben in diesem Augenblick Männer an der anderen Bergflanke, die nach ihr suchen ...“

„Warum sollte man dort nach ihr suchen?“, fragte Paul. „Sie wäre nicht wieder zum Gipfel raufgegangen und dann auf der Seite abgestiegen, oder?“

„Fällt dir kein möglicher Grund dafür ein?“, fragte Evan und blickte dem jungen Mann direkt in die Augen.

„Was meinen Sie?“

„Was wäre, wenn sie nach eurem Streit wirklich sauer war, und beschlossen hat, ohne dich nach Hause zurückzukehren?“

„Das würde Shannon nicht tun“, sagte Paul, doch Evan konnte den Zweifel in seinen Gesichtszügen sehen.

„Vielleicht war sie bloß zu erschöpft für den Abstieg und hat sich endschieden, mit dem Zug zu fahren“, bot Evan an.

„Warum suchen Sie dann am Hang nach ihr? Wenn sie mit dem Zug gefahren wäre, hätte der sie bis nach Llanberis gebracht, oder?“

Evan seufzte. „Ich kenne die Antwort genauso wenig wie du, Paul. Ich weiß nur, dass auf dieser Seite hier gestern schon sehr gründlich gesucht wurde.“

„Aber ihr Handschuh wurde übersehen, oder?“

„Das stimmt. Wir werden mehr erfahren, wenn die Taucher hier sind.“

Paul stand da und zitterte. „Ich wünschte, ich wüsste, was passiert ist, egal wie schlimm es ist. Nichts zu wissen ist furchtbar.“

„Da hast du leider recht.“

Die kaum unterscheidbaren dunklen Erhebungen der Autos auf dem Parkplatz tauchten vor ihnen im Nebel auf. „Willst du mit mir nach Caernarfon fahren?“, fragte Evan. „Da kannst du wenigstens einen Kaffee trinken und etwas herumspazieren. Das ist besser, als in der Jugendherberge herumzusitzen und an den Nägeln zu kauen.“

„Ja, vielen Dank“, sagte Paul.

„Und du wärst schon zur Stelle, falls Inspector Watkins mit dir sprechen möchte.“

„Inspector Watkins?“ Der Junge wirkte überrascht.

„Vielleicht möchte er persönlich mit dir sprechen. Immerhin hat er die Informationen bislang nur aus zweiter Hand erfahren. Spring rein.“ Er öffnete die Beifahrertür und der junge Mann stieg ein. Dann fuhren sie die Passstraße hinab. Als sie gerade Llanfair erreichten, begegneten sie dem Sherpa-Bus, der sich die Steigung hinaufquälte. Evan hielt an, stieg aus, bedeutete dem Busfahrer anzuhalten und kletterte hinein.

„Hallo, Constable Evans“, sagte der Fahrer. „Haben Sie eine Panne?“

„Nein, ich wollte Ihnen nur ein Foto zeigen“, sagte Evan. „Auf dem Yr Wyddfa wird eine junge Frau vermisst. Ich fragte mich, ob Sie sich vielleicht daran erinnern, sie gestern mitgenommen zu haben.“

Der Fahrer nahm das Foto und betrachtete es genau. „Ich glaube, ich erkenne sie wieder“, sagte er. „Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass sie schon mal in meinem Bus mitgefahren ist, zusammen mit dem jungen Mann. Ihn erkenne ich auch.“

„Aber gestern nicht? Allein?“

Der Fahrer kaute auf seiner Lippe. „Nicht dass ich wüsste“, sagte er. „Aber gestern war es sonnig. Der Bus war den ganzen Tag über rappelvoll. Es gab nur noch Stehplätze. Deshalb hätte ich sie vermutlich nicht bemerkt.“

„In Ordnung. Vielen Dank. Und falls Sie die Frau sehen, oder Ihnen irgendetwas einfällt, das uns weiterhelfen könnte, rufen Sie mich an, ja?“

„Machte ich, Constable Evans. Ich hörte, dass Sie bald heiraten?“

„Richtig, aber ich kann nicht zum Plaudern bleiben. Man braucht mich unten an der Polizeistation.“

„Sieht aus, als würden Sie auch hier oben gebraucht“, sagte der Fahrer mit einem Blick in den Rückspiegel. „Da rennt eine ältere Dame die Straße herauf und wedelt mit den Armen.“

Evan drehte sich um und sah seine Mutter, die direkt auf den geparkten Wagen zuhielt.

„Oh nein“, stöhnte er und sprintete auf die andere Straßenseite. „Hast du dich schon eingelebt, Ma?“, rief er, während er einen Gang einlegte und losfuhr.

„Ja, aber ich muss mit dir reden, wegen ...“, schrie Mrs. Evans.

„Später, Ma. Ich habe hier einen gefährlichen Verdächtigen, den ich in Untersuchungshaft bringen muss“, rief er zurück und fuhr so schnell er konnte.

„Was sollte das?“, fragte Paul nervös. „Sie halten mich doch nicht für einen Verdächtigen, oder?“

Evan lachte ob seines besorgten Gesichtsausdruckes. „Das war meine Mutter, und wenn ich sie nicht daran gehindert hätte, würden wir jetzt für die nächsten Stunden da oben festsitzen. Sie hat schon den ganzen Morgen im Dorf verbracht und hat mindestens zwanzig Dinge, über die sie sich beschweren will.“

„Klingt ganz wie Shannons Mutter“, sagte Paul. „Für sie ist nichts gut genug.“

„Mütter können schwierig sein“, stimmte Evan zu.

 

***

 

„Wo waren Sie denn? In Schottland?“, wollte Inspector Watkins wissen, als Evan endlich die Polizeistation von Caernarfon betrat und im Empfangsbereich auf seinen Chef stieß.

„Bei unserem Telefonat war ich noch auf dem Berg“, sagte Evan. „Und da Sie keinen Helikopter geschickt haben, um mich abzuholen, musste ich erst zu Fuß wieder absteigen.“

„Ich habe einen wütenden Mann im Befragungsraum, der verlangt, seinen Anwalt zu sprechen und damit droht, den Zeitungen von diesem Polizeiterror zu berichten.“

„Der Kerl, dem die Fingerabdrücke auf der Dose gehören?“

Watkins nickte. „Er heißt Dave Matthew. Wir haben ihn wegen einer Tätlichkeit im vergangenen Jahr in den Akten. Er wurde nie strafrechtlich belangt, weil die junge Frau ihre Anzeige zurückgezogen hatte, aber er ist ein harter Brocken. Er arbeitet als Regalauffüller bei Tesco, wenn er nicht gerade in seiner Garagenband spielt oder auf seinem Motorrad herumfährt und vorgibt, ein Hell’s Angel zu sein.“

„Dann haben wir ihn nur auf Grundlage der Fingerabdrücke verhaftet?“

„Es war der einzige Treffer, den wir gefunden haben. Allerdings gab es auffällig wenige Fingerabdrücke, was mich glauben lässt, dass er meistens Handschuhe trug, oder vor dem Gehen alles abwischte.“

„Also jemand, der vorausschaut – alle Möglichkeiten in Betracht zieht.“

„Genau.“ Watkins nickte. „Bereit, dem wilden Stier gegenüberzutreten?“

Evan grinste, als Watkins die Tür zum Befragungsraum öffnete. Der Mann am Tisch hatte einen dunklen Teint, Übergewicht und reichlich ungepflegtes, dunkles Haar. Er trug eine schwarze Lederjacke mit Nieten, sprang sofort auf und warf dabei seinen Stuhl um. „Das wird aber auch Zeit“, sagte er. „Warum haben Sie mich so lange warten lassen? Ich habe meine verdammte Mittagspause verpasst. Und wenn man mir wegen dieser Sache Lohn abzieht ...“

„Hinsetzen und Klappe halten“, sagte Watkins. „Wir stellen die Fragen. Sie beantworten alles, dann können Sie wieder zurück zur Arbeit. Starten Sie die Aufnahme, Evans.“

Evan bemerkte, wie nervös der Mann auf das Wort „Aufnahme“ reagierte. Er ging zum Tisch und drückte einen Knopf am Tonbandgerät. „Dritter August, dreizehn Uhr fünfundvierzig. Anwesend bei der Befragung sind Inspector Watkins und Detective Constable Evans.“ Er wandte sich an den, der jetzt die Ellbogen auf den Tisch gestützt hatte und sie anstarrte. „Nennen Sie bitte ihren vollständigen Namen und Adresse.“

„David Merion Matthews. Bangor Street fünfundzwanzig, Caernarfon.“

„Und Ihre Beschäftigung, Mr. Matthews?“

„Ich spiele Bass in einer Rockband und arbeite außerdem bei Tesco.“

Inspector Watkins trat näher an Evan heran, um die Befragung zu übernehmen. „Wir hatten Sie bereits im vergangenen Jahr zu Gast, weil Sie in einen Fall von häuslicher Gewalt verwickelt waren, Mr. Matthews. Sie kamen betrunken nach Hause und schlugen Ihre Freundin. Ist das korrekt?“

„Das können Sie mir nicht anlasten“, sagte Dave Matthews und sah sie herausfordernd an, „weil sie die Klage fallengelassen hat. Die Sache kam nie vor Gericht. Für Sie bedeutet das, es ist nie passiert.“

„Allerdings ist etwas anderes passiert. Wir haben Ihre Fingerabdrücke gefunden“, sagte Watkins.

„Und?“

„Würden Sie uns bitte sagen, was Sie gestern getan haben?“

Er war völlig überrascht. „Gestern? Worum zur Hölle geht es hier? Gestern hatte ich Frühschicht bei Tesco, Mann. Am Nachmittag kam ich nach Hause und habe ein Nickerchen gemacht, weil ich seit fünf auf den Beinen war, und am Abend hatten wir drüben bei Gareth Bandprobe. Nicht gerade der aufregendste Tag in meinem Leben.“

„Sie fahren Motorrad, ist das korrekt?“

„Ganz recht. Eine Harley. Mein ganzer Stolz.“

„Fahren Sie damit auch ins Gelände?“

„Was soll das alles? Hat dieser alte Schwachkopf am Ende der Straße sich wieder darüber beschwert, dass ich ihn mit meinem aufheulenden Motor spät nachts geweckt habe?“

„Fahren Sie manchmal nach Llanberis und weiter in die Hänge?“

„Warum sollte ich?“

„Dann sind Sie nie mit ihrer Maschine durch Llanberis gefahren?“

„Ist vielleicht mal vorgekommen, aber ich wüsste nicht, was ich da sollte. Da oben in diesen Käffern ist doch nichts los, nicht wahr? Zumindest nicht in letzter Zeit. Und ich fahre nicht ins Gelände. Ich will keinen Dreck auf dem Chrom haben.“

„Wann haben Sie gestern Feierabend gemacht?“

„Um zwei.“

„Und Sie sagten, Sie hätten geschlafen, als Sie nach Hause kamen? Kann das jemand bezeugen?“

„Klar, da wartet immer ein ganzer Harem auf mich. Natürlich kann das verdammt noch mal niemand bezeugen.“

„Ihre Freundin? Sind Sie noch zusammen?“

„Wir leben nicht mehr zusammen. Sie geht mir tierisch auf den Wecker, weil ich rauche.“

„Also hat niemand gesehen, wann Sie gestern nach Hause kamen und wieder gingen?“

Matthews zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ein Nachbar“, sagte er. „Die alte Schachtel im Haus gegenüber hat nicht besseres zu tun, als den ganzen Tag hinter ihren Vorhängen zu sitzen.“

Watkins blickte zu Evan. „Wollen Sie irgendetwas fragen, Constable?“

Evan wusste nicht, worauf diese Befragung hinauslaufen sollte. Er konnte sich diesen ungepflegten, übergewichtigen Kerl nicht als den Erbauer des Bunkers vorstellen, der minutiös die Vorräte aufgestapelt und akkurat das Bett gemacht hatte und zudem Bach hörte.

„Nicht wirklich, Sir“, gab Evan zurück.

Watkins warf ihm einen kurzen Blick zu, ehe er sagte: „In Ordnung, Matthews, Sie dürfen fürs Erste gehen.“

Dave stand auf. „Werden Sie mir verraten, was das sollte?“

„Im Augenblick nicht. Möglicherweise kommen wir noch mal auf Sie zurück.“

„Würden Sie dann bitte meinen Vorgesetzten anrufen und ihm sagen, dass ich nichts angestellt habe? Ich habe keine Lust, dass er sich irgendwelche Sachen einredet, obwohl ich ein gesetzestreuer Bürger bin.“ Der dicke Mann schob sich an ihnen vorbei und stapfte aus dem Befragungsraum.

„Was denken Sie?“, fragte Watkins, als Matthews hinausbegleitet worden war.

„Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Er hatte nichts mit der Sache zu tun“, sagte Evan.

„Warum?“

„Er ist nicht der Typ dazu“, sagte Evan. „Männer, die ihre Frauen schlagen, müssen nicht darüber fantasieren, ihnen Ketten anzulegen. Und Sie haben gesehen, wie sauber und ordentlich dieser Bunker war. Dieser Kerl hier wäscht sich wahrscheinlich nur einmal die Woche.“

Watkins schob sich sein sandfarbenes Haar aus dem Gesicht, das mittlerweile an den Seiten erste graue Strähnen aufwies. „Dem muss ich zustimmen. Aber seine Fingerabdrücke waren auf der Dose mit Baked Beans.“

„Er arbeitet bei Tesco“, gab Evan zu bedenken. „Vermutlich war er derjenige, der die Dose ins Regal geräumt hat.“

Watkins nickte erneut. „Aber warum gab es nur diesen einen deutlichen Satz von Fingerabdrücken und sonst nichts?“

„Weil der Mann, nach dem wir suchen, sehr akribisch ist. Er trägt Handschuhe. Er wischt Gegenstände ab. Aber er hat ein paar Abdrücke übersehen.“

„Schade. Es passte alles so gut zusammen. Gewalt gegen Frauen, fährt Motorrad ...“

„Was soll eigentlich diese Sache mit dem Motorrad?“

„Oh, tut mir leid, ich hatte keine Gelegenheit, Ihnen davon zu erzählen. Das Team hat Motorrad-Spuren in der Nähe des Bunkers gefunden. Vielleicht hat jemand mit einem Motorrad Sachen dorthin transportiert. Unsere Forensiker werden sich Matthews Reifen anschauen, aber vermutlich haben Sie Recht und er ist nicht der Kerl, nach dem wir suchen.“

„Eines wissen wir jetzt“, sagte Evan.

„Was denn?“

„Unser Mann kauft im örtlichen Tesco ein.“

„Und was bringt uns das?“, wollte Watkins wissen. „Glauben Sie, wir können in den Laden gehen und fragen, ob irgendjemand mit verdächtigem Aussehen kürzlich eine Dose Baked Beans gekauft hat?“

„Es war nicht nur eine Dose Baked Beans. Wir haben eine große Menge Dosen und andere Pakete gefunden. Wenn er das alles auf einmal gekauft hat, könnte sich ein Kassierer daran erinnern.“ Evan lächelte. „Und es sagt uns etwas über ihn. Er ist wahrscheinlich ein Einheimischer und nicht jemand von außerhalb, der auf der Suche nach einem abgelegenen Ort herkam.“

„Aber das ist ja der Punkt“, sagte Watkins wütend. „Es ist kein abgelegener Ort. Der Bunker liegt nur wenige Meter abseits des beliebtesten Wanderweges zum Snowdon hinauf. Wenn ich eine hilflose Frau entführen und gefangen halten wollen würde, gäbe es dafür etliche wirklich abgelegene Orte.“

„Vielleicht hat er weitere Bunker an solchen Orten errichtet“, bot Evan an. „Oder vielleicht genießt er das Risiko. Ich vermute so langsam, dass er das tut.“

Sie blickten beide auf, als sie leichte Schritte auf dem Vinylfußboden hörten und sahen, dass Glynis Davies durch den Gang auf sie zukam.

„Es ist schon fast zwei Uhr. Wo halten wir unsere Besprechung ab?“, fragte sie.

„Schon fast zwei?“, murmelte Watkins. „Ich habe noch nicht einmal etwas zu Mittag gegessen.“

„Ich auch nicht“, sagte Evan.

Glynis lächelte. „Zu schade. Ich hatte gerade einen ziemlich leckeren Salat in dem neuen griechischen Restaurant. Viel Knoblauch, leckere Oliven und Fetakäse.“

„Klappe.“ Watkins gelang ein Lächeln. „Seien Sie ein Engel und halten Sie Sergeant Jones und die anderen hin, während Evan und ich uns schnell in der Kantine ein Sandwich holen, ja? Dabei geht es nicht um mein Wohl – aber dieser Junge hier heiratet in ein paar Wochen. Wir können doch nicht zulassen, dass er uns hier verhungert, oder?“

Belustigung flackerte in Glynis’ Augen auf. „Ich dachte, er würde die Gelegenheit zum Abnehmen begrüßen, um auf den Hochzeitsbildern gut auszusehen“, sagte sie.

„Abnehmen?“, fragte Evan. „Wissen Sie, dass ich über sechs Kilo abgenommen habe, seit ich für mich selbst koche? Und ich war heute schon auf dem Snowdon, und ich meine nicht mit dem Zug.“

Glynis nickte. „Ich bin beeindruckt“, sagte sie. „Warum waren Sie dort?“

„Ich bin mit Paul Upwood noch mal ihre Wanderstrecke abgelaufen.“

„Gute Idee. Haben Sie irgendetwas herausgefunden?“

„Wir haben ihren Handschuh am Fuß eines gefährlichen Geröllfeldes direkt am Glaslyn gefunden.“

Das Lächeln war aus Glynis’ Gesicht gewichen. „Oh nein. Das sieht nicht gut aus, oder? Glauben Sie, sie könnte in den See gestürzt sein.“

„Gut möglich.“

„Ich habe bereits im Hauptquartier Taucher angefordert“, sagte Watkins. „Allerdings ist dieser See ziemlich tief, oder?“

Evan nickte. „Aber das Wasser ist klar. Allerdings bietet das Wetter heute nicht die besten Voraussetzungen. Dichter Nebel. Wir konnten nur wenige Meter weit sehen.“

„Dann war es wohl Glück, dass Sie den Handschuh gefunden haben“, sagte Watkins.

„Großes Glück. Die Wolken haben sich genau im richtigen Moment geteilt.“

Glynis blickte vom einen zum anderen. „Das ändert alles, oder? Es sieht so aus, als hätten die beiden Fälle nichts miteinander zu tun. Sie hatte einen furchtbaren Unfall und der Bunker ist vielleicht nur das Versteck eines Kerls mit verdrehten Fantasien. Er hatte nie wirklich vor, jemanden zu entführen, sondern nur davon fantasiert.“

„Was hat Ihre Computersuche ergeben?“, fragte Watkins. „Irgendetwas Brauchbares?“

„Nicht wirklich. Es wurden keine Patienten aus psychiatrischen Anstalten entlassen, die dieses Verhalten zeigen könnten, aber der Mann beim NCIS sagte mir auch, dass solche Verbrechen unmöglich vorherzusagen sind. Die meisten Serienmörder sind Vorzeigebürger, ruhig, mit guten Manieren und schlau genug, um nichts zu tun, was Aufmerksamkeit auf sie lenken würde.“

„Haben wir aktuell weitere vermisste, junge Frauen in den Akten?“, fragte Evans.

Watkins nickte. „Ein guter Ansatz. Aber wir dürfen uns nicht auf unsere Akten beschränken. Er hätte überall eine junge Frau entführen und herbringen können. Oder vielleicht hat er weitere Bunker in anderen Teilen des vereinigten Königreichs. Falls wir ihn nicht zufällig ganz am Anfang seiner Karriere erwischt haben, hat er so etwas schon mal an einem anderen Ort getan.“ Er blickte auf seine Armbanduhr. „Fünf nach zwei. Evans, das war’s dann mit unseren Sandwiches.“

Evan seufzte.

Kapitel 7

Es war fünf Uhr, als Evan endlich wieder zusammen mit Paul Upwood die Passstraße hinauffuhr. Er fühlte sich völlig hohl vor Müdigkeit und konnte sich nur noch darauf konzentrieren, seine Augen offenzuhalten. Er war sich des steilen Abhangs zu seiner Linken bewusst, der erst am See unter ihnen endete, sowie der Reisebusse, die ihre Abgaswolken ausstießen, ganz zu schweigen von den Touristen in ihren Autos, die wenig Gespür für die schmalen, walisischen Straßen hatten, und den Schafen, die sich gelegentlich bis zur Straße verirrten. Doch selbst diese ganzen Gefahren konnten den Schlaf kaum zurückdrängen. Nur noch zehn Minuten, sagte er sich. Er würde Paul bei der Jugendherberge absetzen und dann könnte er endlich schlafen.

Paul war sehr still gewesen, hatte mit hochgezogenen Schultern dagesessen und vor sich hin gestarrt. Evan vermutete, dass ihm endlich aufgegangen war, dass Shannon vielleicht nicht mehr lebte. Wahrscheinlich ging er in Gedanken wieder und wieder ihren Streit durch und ertrank langsam in Schuldgefühlen.

„Es war nicht deine Schuld“, sagte Evan sanft. „Jedes Paar hat seine Höhen und Tiefen. Meine Verlobte und ich brüllen uns manchmal gegenseitig an, aber wir vertragen uns wieder und dann ist alles vergeben und vergessen. Paare streiten sich aus den absurdesten Gründen. Wenn Shannon etwas geschehen ist, warst du nicht der Grund dafür.“

„Das ist einfach nicht wahr“, sagte Paul und starrte weiter geradeaus. „Ich sollte auf sie aufpassen. Sie hätten sie in den Bergen sehen müssen. Sie hatte richtige Angst, besonders wenn das Gelände neben uns steil abfiel. Ich sagte ihr immer wieder, dass sie in Sicherheit sei, aber sie hörte nicht auf mich. Wenn sie wirklich in den See gestürzt und ertrunken ist, und ich sie nicht um Hilfe rufen hörte, werde ich mir das nie verzeihen. Niemals.“

Evan hatte keine Antwort darauf. Er dachte, dass er sich vermutlich auch nie vergeben würde, wenn Bronwen etwas zustieße.

„Was glauben Sie, wie lange ich noch hierbleiben muss?“, fragte Paul, als sie sich der Jugendherberge näherten. „Ich meine, ich will wissen, was ihr zugestoßen ist. Ich tue was ich kann, um sie zu finden, aber es macht mich wirklich fertig, in der Jugendherberge zu bleiben und mitzubekommen, wie andere Wanderer mich ansehen und über mich tuscheln.“

„Du darfst natürlich abreisen, wenn du willst“, sagte Evan. „Es sieht nicht so aus, als hätten wir es mit einer Straftat zu tun. Aber wir brauchen möglicherweise noch immer deine Hilfe, also bleib bitte noch ein paar Tage hier, wenn du es aushältst. Geh raus und lauf ein bisschen, wenn du kannst. Das wir dir guttun.“

„In diesem verdammten Nebel?“, fragte Paul.

„Morgen ist es wahrscheinlich schon wieder schöner. Schau mal, draußen über dem Meer kann man schon wieder die Sonne sehen. Du weißt, was man über Wales sagt, oder?“

„Was denn?“

„Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte eine halbe Stunde.“

Paul versuchte sich an einem Lächeln, als er aus dem Wagen stieg.

 

Fünfzehn Minuten später hielt Evan vor seiner roten Haustür. Eine Tasse Tee und dann ins Bett, dachte er. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, erst noch auf ein Guinness ins Dragon rüberzugehen. Er öffnete die Tür und roch gebratene Zwiebeln.

„Bron?“, rief er hoffnungsvoll.

Doch statt Bronwen tauchte das Gesicht seiner Mutter im Rahmen der Küchentür auf.

„Oh, da bist du ja, Sohn. Genau pünktlich, wie auch dein Vater früher. Ich mache dein Lieblingsessen, Leber mit Zwiebeln.“

„Wo ist Bronwen?“, fragte Evan argwöhnisch.

„In ihrem eigenen Haus, nehme ich an.“ Mrs. Evans’ Gesicht versteinerte wieder. „Sie war hier und hat davon gesprochen, dir Nudeln zum Abendessen zu machen, aber ich habe sie weggeschickt. ‚Der Junge braucht vernünftiges, walisisches Essen, keinen italienischen Mist‘, erklärte ich ihr.“ Sie drehte sich wieder zum Herd und legte mehrere Scheiben Speck auf einen Teller. „Mrs. Williams sagte heute Morgen, dass du nicht mehr vernünftig gegessen hast, seit du bei ihr ausgezogen bist. Du gehst ohne Frühstück zur Arbeit und musst dann zum Abendessen in die Kneipe rübergehen. So kann man doch nicht leben, Evan bach.“

„Ma, mein Leben ist völlig in Ordnung. Ich bin ein erwachsener Mann und meine Mutter muss sich nicht um mich kümmern.“

„Offensichtlich doch“, sagte sie und legte den Deckel auf einen Topf, der dem Geruch nach Blumenkohl enthielt. „Ich weiß nicht, wann hier zum letzten Mal ordentlich geputzt wurde. Spinnweben hinter den Vorhangstangen, Staub auf den Bilderrahmen und schmutzige Fenster. Wenn diese junge Frau so häufig hier ist, wie ich vermute, warum kümmert sie sich dann nicht um das Haus? Das wüsste ich gerne mal.“

„Diese junge Frau, wie du sie nennst, wird bald meine Frau sein. Ich habe nie von ihr verlangt, mein Haus zu putzen, weil sie in Vollzeit arbeitet und sich um ihr eigenes Haus kümmern muss. Außerdem haben wir beide in unserer Freizeit daran gearbeitet, noch vor der Hochzeit unser gemeinsames Cottage fertig einzurichten. Warst du schon oben und hast es dir angesehen?“

„Das Haus da oben am Hang?“ Mrs. Evans schüttelte den Kopf. „Was in aller Welt ist nur in dich gefahren, dass du dort oben leben willst?“

Evan bemerkte mit einem Anflug von Freude, dass der Pfad zum Cottage zu steil für seine Mutter war. Er vermutete, dass Bronwen dieselbe Feststellung gemacht und sich deshalb dorthin zurückgezogen hatte.

„Ich werde Bronwen holen“, sagte er und ging zur Haustür. „Sie verhungert wahrscheinlich. Bin gleich wieder da.“ Und er rannte raus, ehe seine Mutter protestieren konnte.

Es war definitiv ein langer Marsch über den Bergpfad bis zum Cottage. Nach dem Ausflug über den Pyg Track am Vormittag protestierten seine Muskeln jetzt. Er hatte gerade den flachen Bereich um das Cottage erreicht und legte eine Hand auf das Gartentor, als Bronwen die Haustür öffnete.

„Oh, da bist du ja endlich“, sagte sie. „Ich habe mich schon gefragt, wann du auftauchen würdest.“

Evan rang darum, eine gemäßigte Antwort zu geben, doch seine Müdigkeit gewann die Oberhand. „Fang bloß nicht so an“, blaffte er. „Ich hatte in den vergangenen vierundzwanzig Stunden nur eine Stunde Schlaf, ich bin auf den Berg und wieder zurück gewandert, ich habe den ganzen Nachmittag in Besprechungen verbracht und jetzt komme ich nach Hause und stelle fest, dass meine Mutter mein Haus übernommen hat.“

Bronwen sah ihn an und breitete die Arme aus. „Oh, Evan, es tut mir leid“, sagte sie. „Ich war den ganzen Tag hier, habe schwere Kisten geschleppt und bin im Selbstmitleid versunken. Da wurde ich sauer, weil du nicht früher zu Hause warst, um mir zu helfen. Dabei musstest du natürlich ohne Schlaf den ganzen Tag durchhalten.“

Er schloss sie in die Arme und ihr Haar legte sich über seine Schulter.

„Du hattest einen schlimmen Tag?“, fragte er.

„Furchtbar. Ich habe den ganzen Vormittag wie verrückt hier oben gearbeitet und ging runter, um mir bei dir Mittagessen zu machen, nur um dort deine Mutter anzutreffen. Ich habe nicht gefragt, wie sie reingekommen ist. Wie auch immer, sie sagte mir, dass meine Hilfe nicht erwünscht sei und sie jetzt da wäre, um ihren Sohn vor der Hochzeit mit vernünftigem Essen zu versorgen. Dann hielt sie mir einen Vortrag darüber, dass ein Mann Fleisch und zwei Sorten Gemüse bei jeder Mahlzeit braucht und ich lieber kochen lernen sollte, wenn ich dich glücklich machen wollen würde. Sie hat sogar angeboten, mir Kochunterricht zu geben.“

„Na ja, sie hat es zumindest versucht.“

„So kann man es auch ausdrücken.

Evan lachte über seine missverständliche Formulierung. „Ich meinte nur, dass sie mein Wohlergehen im Sinn hatte, wie lästig sie dabei auch gewesen sein mag.“

Bronwen wand sich aus seiner Umarmung. „Da du jetzt endlich hier bist, kannst du dir auch die Früchte meiner Arbeit ansehen.“ Sie nahm seine Hand, führte ihn über den Pfad durch den Garten und zur Haustür herein.

„Da“, sagte sie. „Es fehlt noch einiges, aber wenn die schöne Anrichte an der Wand da drüben steht und wir noch zwei Sessel finden, wird es richtig gemütlich sein, oder?“

Evan sah sich in dem Zimmer um, das am Tag zuvor noch mit Kisten vollgestellt gewesen war. Jetzt lag ein Teppich auf dem Boden, ein kleiner Tisch und zwei Stühle standen am Fenster, ein Sofa war zum Kamin ausgerichtet, und ein niedriges Regal voller Bücher erstreckte sich an der Seitenwand.

Bronwen hakte sich bei ihm unter. „Ich weiß, dass es auch dein Haus ist. Ich will nicht, dass du glaubst, ich würde hier alles an mich reißen. Das ist alles nur vorläufig, weil ich etwas Ordnung hier reinbringen möchte. Aber wir können natürlich alles umstellen, sodass es dir gefällt.“

„Es sieht toll aus“, sagte Evan. „Du hast mal wieder Wunder vollbracht.“

Bronwen strahlte. „Es sieht langsam wie ein Zuhause aus, nicht wahr? Und weißt du, was das Beste an diesem Haus ist?“

„Die Aussicht?“

Bronwen schüttelte den Kopf. „Der Hang ist zu steil für deine Mutter!“

Sie fielen sich lachend in die Arme.

„Allerdings müssen wir wegen dieses steilen Hangs vielleicht etwas unternehmen“, sagte Evan und wurde wieder ernst.

„Was können wir denn tun? Er ist steil. Das können wir nicht ändern.“

„Ich meine, dass wir in den sauren Apfel beißen und uns ein neues Auto zulegen müssen. Ich glaube wirklich nicht, dass meine alte Klapperkiste hier raufkommt und wir können nicht immer zu Fuß rauf und runter gehen.“

„Wir können uns keinen Land Rover leisten. Die kosten ein Vermögen“, sagte Bronwen. „Und das Laufen wird uns guttun. Es verhindert, dass wir alt und fett werden.“

„Aber was ist, wenn es mal regnet oder schneit? Was ist, wenn wir Kinder bekommen?“

Bronwen dachte darüber nach und nickte. „Ich muss zugeben, dass ich keine Lust habe, den Wocheneinkauf den Hang hinaufzuschleppen.“

„Es muss ja kein Land Rover sein. Allradantrieb reicht schon. Diese Engländer, die das Haus als Ferien-Cottage benutzt haben, sind in einem Jaguar hier raufgefahren, oder? Also wissen wir, dass es möglich ist.“

„Allradantrieb ist bestimmt nicht billig.“

„Wir arbeiten beide und sparen Geld, indem wir zusammenleben, und die Bank hat uns gerade diesen Kreditrahmen genehmigt.“

„Du hast gerade erst gesagt, dass wir den nicht gleich ausschöpfen wollen.“ Bronwen lächelte ihn an.

„Es wäre für einen guten Zweck.“

„Oh, ich verstehe. Für einen Mann ist ein Auto ein guter Zweck.“

„Bronwen!“ Evan wirkte verletzt. „Du musst doch zugeben, dass meine alte Kiste aus dem letzten Loch pfeift. Wir brauchen ein Fahrzeug, das es den Hang raufschafft. Und ein zweiter Wagen wäre außerdem ganz praktisch, jetzt da du in der neuen Schule arbeiten wirst. Du willst dich doch nicht auf den Bus verlassen, um jeden Tag rauf und runter zu fahren, oder?“

„Ein Auto wäre schon schön“, stimmte Bronwen zu.

„Dann werde ich mal eine Zeitung kaufen und sehen, welche Gebrauchtwagen dort angeboten werden. Und wenn ich die Zeit finde, schaue ich noch mal bei unserem netten Bankdirektor vorbei und frage, wie viel sie uns leihen würden.“

„Alles klar.“ Bronwen sah sich um. „Du hast doch nicht erwartet, dass ich Abendessen vorbereitet habe, oder? Ich habe fast nichts hier und hatte natürlich auch keine Zeit zum Einkaufen.“

„Natürlich habe ich nicht erwartet, dass du heute Abend kochst. Ich bin hier, um dich abzuholen. Meine Mutter wartete mit Leber und Speck auf uns.“

„Ich wette, sie hat nur eine Portion für dich gemacht.“ Bronwen lächelte schief.

„Wir teilen es uns.“ Evan nahm ihre Hand. „Früher oder später wird sie sich damit abfinden müssen, dass du ein Teil meines Lebens bist, ob es ihr gefällt oder nicht.“

Er führte sie aus dem Cottage. Die Wolken, die die Berge verhüllt hatten, waren mit dem starken Westwind aufgerissen. Die Gipfel leuchteten in der klaren Luft, während vereinzelt Wolken ihren Schatten über die Hänge jagten. Ein Möwenschwarm ließ sich vom Wind tragen und ihre Schreie konkurrierten mit dem Blöken der Schafe. Evan und Bronwen hielten inne und lächelten sich zufrieden an.

„Ich glaube, wir haben die schönste Aussicht der Welt“, sagte Bronwen. „Ich kann die Hochzeit kaum erwarten.“

Evan legte ihr einen Arm um die Hüfte. „Ich wünschte, du hättest schon dieses Messingbett gekauft“, sagte er.

„Der Bräutigam muss sich zurückhalten“, sagte Bronwen mit gespieltem Ernst. „Du musst nur noch zwei Wochen warten.“

„Nein, das hatte ich gar nicht im Sinn“, sagte Evan. „Ich bin so müde, dass ich auf der Stelle einschlafen könnte. Ich glaube nicht, dass ich noch die Kraft habe, wieder hinunterzulaufen.“

Kapitel 8

Am nächsten Morgen hatte die Zeitung ein Bild von Shannon Parkinson auf dem Titelblatt. HABEN SIE DIESE FRAU GESEHEN?, lautete die Überschrift. Evan ließ sich darauf ein, mit seiner Mutter bei Mrs. Williams zu frühstücken. Die einzige Alternative wäre gewesen, dass seine Mutter zu ihm gekommen wäre, und sich über seine mangelhafte Küchenausstattung und die Fettflecken an der Wand beschwert hätte. Er fand sich sogar damit ab, ein vollständiges walisisches Frühstück zu essen, ohne das ein Mann laut seiner Mutter und seiner ehemaligen Vermieterin nicht in den Tag starten durfte.

Evan wischte gerade mit dem gebratenen Toast das restliche Eigelb auf, als er mit der beladenen Gabel in der Luft verharrte und lauschte. Während des Frühstücks war die ganze Zeit zu dem Geschnatter der beiden Frauen das Radio an gewesen. Gerade lief das Morgenprogramm, das Mrs. Williams so mochte: Bore Da Nordwales – eine Mischung aus Musik, Lokalnachrichten, Interviews mit lokalen Persönlichkeiten und schlechten Witzen des Showmasters, des Komikers Dewi Lewis.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass in Llanfair eine Hochzeit ansteht“, sagte Dewi in verschwörerischem Tonfall. „So steht es zumindest auf der Postkarte, die hier eingetroffen ist, und um besondere Musik für das glückliche Paar bittet. Das hier ist für Constable Evan Evans von der Polizei Nordwales und seine entzückende Bronwen. Zu Ehren der bevorstehenden Eheschließung hat sich unser Hörer ein Stück von Rimski-Korsakow gewünscht – ich hoffe, ich als Kulturbanause habe das richtig ausgesprochen. Das Stück, das er sich für das Paar gewünscht hat, ist die Schiffbruch-Szene aus Scheherazade. Ich kenne das Stück selbst nicht, da ich eher Beatles-Fan bin, aber es hat sicher eine besondere Bedeutung für das glückliche Paar. Auf euch, Evan und Bronwen. Iechyd da. Ich erhebe mein Glas zu einem Toast auf euer zukünftiges Leben.“

„Also, das ist aber nett.“ Mrs. Williams strahlte.

„Aber ein seltsames Stück, das er da ausgewählt hat“, sagte Evans Mutter. „Hat es eine spezielle Bedeutung für euch? Habt ihr euch auf einem Schiff kennengelernt?“

„Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben von diesem Stück gehört“, sagte Evan. „Ich habe keine Ahnung, was das sollte.“

Die Musik setzte ein, langsame, schwerfällige Klänge, von denen russische Komponisten so angetan scheinen.

„Du liebe Zeit“, sagte Evans Mutter und schüttelte den Kopf. „Was für ein schrecklich düsteres Stück für so einen freudigen Anlass. Wer in aller Welt würde so etwas für dich aussuchen?“

„Es wurde kein Name genannt, oder?“, fragte Evan. „Vielleicht ist das ein Scherz. Einer der Jungs aus der Truppe erlaubt sich ein Späßchen – du weißt schon, jetzt da ich heirate, segle ich in tückische Gewässer.“

„Das ist nicht sehr nett“, sagte Mrs. Williams.

Evan stand auf. „Ich schätze, ich kann mich auf weitere Sticheleien gefasst machen, je näher die Hochzeit rückt“, sagte er. „Es ist ja witzig gemeint.“

„Du hast dein Marmeladentoast gar nicht gegessen“, beschwerte sich Mrs. Evans.

„Tut mir leid, Ma, ich habe keine Zeit mehr. Ich werde um acht in der Station erwartet.“ Evan nahm seine Jacke von der Stuhllehne. „Vielen Dank für das Frühstück, Mrs. W. Ihr gebratener Toast ist köstlich.“

„Das könnte sie bestimmt auch deiner zukünftigen Frau beibringen, wenn du sie nett bittest“, sagte Mrs. Evans und warf der anderen Frau einen wissenden Blick zu.

Als er hinausging, vernahm er Mrs. Williams lautes Flüstern: „Zu schade, dass er sich nie so richtig mit meiner Enkelin verstanden hat. Ich habe Ihnen von ihr erzählt. Sie ist eine wundervolle Hausfrau.“

Evan erschauderte, als er die Tür zuzog, weil er sich noch sehr gut an die überbordende Persönlichkeit und das lästige Lachen ihrer wundervollen Enkelin erinnerte.

 

„Ich hörte, dass Sie heute Morgen im Radio erwähnt wurden“, sagte der Bereitschaftspolizist zur Begrüßung, als Evan durch die Schwingtür in Station kam. „Ich wusste gar nicht, dass sie klassische Musik mögen.“

„Tue ich nicht“, sagte Evan. „Ich vermute, dass es ein Scherz war. Vermutlich einer von den Jungs hier.“

Der Bereitschaftspolizist grinste. „Ich halte mich auf dem Laufenden und informiere Sie, wenn ich etwas herausfinde.“

„Machen Sie sich keine Mühe“, sagte Evan. „Es hätte schlimmer sein können. Zum Beispiel der Trauermarsch.“

Inspector Watkins, Glynis und die uniformierten Beamten waren bereits in Watkins’ Büro versammelt.

„Auf unsere Berühmtheit“, kommentierte Pritchard, als Evan hereinkam.

„Dann waren Sie heute Morgen tatsächlich im Radio?“, fragte Glynis.

„War ich nicht. Dewi Lewis hat in Bore Da Nordwales ein Lied für mich gespielt, das ist alles.“

„Zu Ehren seiner bevorstehenden Eheschließung“, fügte Dawson hinzu und kicherte.

„Wie nett“, sagte Glynis. „Was war es?“

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Tödliche Melodie