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Was von uns bleibt

Eliza & Nick

von Ilona Einwohlt (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter fühlt sich Eliza allein und verzweifelt. Zusammen mit ihren besten Freunden Charly und Vincent tröstet sie sich fortan auf Partys mit Gin Tonics, Zigaretten und Sex. Doch dann trifft sie auf Nick: dunkelhaarig, geheimnisvoll und leidenschaftlich wie sie selbst. Der sensible Musiker berührt nicht nur ihr Herz, sondern auch ihre Seele. Für Eliza ist es nach zahlreichen One-Night-Stands das erste Mal, dass sie das Gefühl hat, ihre Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit kann gestillt werden. Doch das junge Glück währt nicht lange, denn Eliza entdeckt ein Geheimnis, das alles zu zerstören droht …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Oktober 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-876-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-959-6

Die Arbeit an diesem Roman wurde unterstützt von einem Autorenstipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
© Roman Seliutin/shutterstock.com und © artifex.orlova/shutterstock.con
Lektorat: Katja Wetzel

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Abschied

Noch viele Jahre später sollte ich mich jedes Mal, wenn meine Füße vor Nässe in meinen Schuhen quietschten, an den Tag der Beerdigung meiner Mutter erinnern. Genauer gesagt, war es keine Beerdigung, sondern nur das seltsame Spiel eines Trauergottesdienstes ohne Sarg und Totengräber, bei dem der Pfarrer in Ermangelung einer echten Leiche symbolisch ein karges Holzkreuz auf einem Grabhügel segnete. Ich glaube, er tat das mir und meinem Vater zuliebe, weil wir, fassungslos vom plötzlichen Unfalltod meiner Mutter, vor allem zutiefst verstört von ihrer fehlenden Hülle waren. Die Leiche meiner Mutter wurde bis heute nicht gefunden, ich weiß nicht, wo sie ist, in welcher Form sie vielleicht auf dem Meeresgrund verwest, ob die Strömung sie in die Tiefen des Ozeans getragen hat oder sie ganz simpel einem Hai zum Frühstück reichte. Manchmal stelle ich mir vor, wie ihr zierlicher Körper damals bei der Explosion des Flugzeugs in zehn Kilometer Höhe einfach in hunderttausend Stücke zerfetzt wurde und sich meine Mutter wie ein segnender Konfettiregen auf die Erde verteilt hat, vielleicht als winziges Staubkorn auf meinem Nachttisch gelandet ist. Manchmal bin ich überzeugt davon, dass meine Mutter durch den Überdruck in die Weiten des Himmels gesaugt und von einer Wolke weich aufgefangen wurde, wo sie jetzt gemütlich sitzt, ihren heiß geliebten Yogi-Tee trinkt und die entspannteste Zeit der Welt genießt. Dann wieder hoffe ich, dass sie damals gar nicht erst in diese Unglücksmaschine eingestiegen ist, weil sie einen heimlichen Lover hatte und mit ihm jetzt irgendwo auf einer Insel glücklich im Paradies lebt.

An jenem Tag regnete es pausenlos, wie es schon den ganzen Februar über geregnet hatte. Die Wege auf dem Friedhof waren schlammig und durchweicht, meine Füße waren binnen kürzester Zeit regenfeucht. Es war keine allzu große Trauergesellschaft, die hier zusammengekommen war, ein paar Kolleginnen, Omi, die nun keine Tochter mehr hatte. Meine Mutter war in der Nachbarschaft nicht sonderlich beliebt gewesen und hatte wenige Freundinnen. Also keine von denen, die sich auf einen Latte macchiato trafen und erstens über ihre Männer, zweitens über ihre Männer und drittens über Männer ablästerten, bevor sie mit sorgenvoller Miene die Neuigkeiten über ihre Töchter austauschten, die sich in jüngster Zeit so seltsam verhielten, rauchten, tranken und ständig neue Freunde hatten. Meine Mutter rauchte selbst, hatte nichts gegen Prosecco und erst recht nicht gegen andere Männer, sie hatte ihre eigenen Vorstellungen vom Frausein und wenig Lust auf Tupperpartys, zu denen sie irgendwann nicht mehr eingeladen wurde. So zart sie auch wirkte, umso energischer konnte sie sein. Ungerechtigkeiten konnte sie nicht leiden und wenn ihr jemand blöd kam, wie es nun mal in Wohnsiedlungen wie unserer passierte, wo manche nichts Besseres zu tun hatten, als sich tagelang über die neue Haarfarbe der Nachbarin zu wundern oder die schlechten Zeugnisnoten der Kinder zu diskutieren, konnte sie richtig biestig werden.

Ihre Leidenschaft galt ihrem Garten, in dem sie in jeder freien Minute werkelte, die ihr der Beruf als Stewardess ließ, nur selten traf sie sich mit ihren einzigen Freundinnen Helen und Marie, um ins Kino oder Theater zu gehen. „Irgendjemand muss ja zu Hause sein, wenn ich mal zu Hause bin“, sagte sie immer lächelnd und meinte damit ganz klar meine ältere Schwester und mich, weil wir ständig auf Achse waren, Schule, Partys, Jungs. Zoé antwortete dann immer ganz cool „Irgendjemand muss hier ja mal Spaß haben!“ und meinte damit ganz eindeutig die schlechte Stimmung zwischen unseren Eltern, die in den letzten Monaten unerträglich geworden war.

Allerdings war Zoés Bemerkung schlichtweg untertrieben. Ich hing jedes Wochenende auf Feten und in Klubs herum, fast immer blieb ich bis in die frühen Morgenstunden, nur selten ging ich alleine nach Hause. Und Zoé hatte in ihrem Leben sowieso permanent Spaß, und zwar von Kindesbeinen an. Zoé sah beneidenswert gut aus, konnte am Tag von einem Joghurt und fünf Erdbeeren leben, ohne magersüchtig zu wirken, und ihre einzige Sorge zu jener Zeit war morgens, welches ihrer hundert Party-Outfits sie abends in welcher Kombination tragen würde. Seit einem halben Jahr hatte sie einen festen Model-Vertrag mit einer Agentur, weshalb sie noch mehr Zeit in ihre Stylings steckte und natürlich noch mehr Partys zur Auswahl hatte. Zoé war einfach ein unbeschwertes, glückliches Menschenkind, auch auf dem Friedhof sah sie an diesem Tag wie auf einem Shooting aus, nur ich wusste, dass ihre Augen hinter der großen dunklen Sonnenbrille knallrot geweint waren. Lieber hätte sie weiterhin mit Mama gestritten, anstatt sie auf diese schmerzliche Art vermissen zu müssen.

Neben Zoé stand ihr aktueller Freund Cicero, ebenfalls ein Model. Immer wieder blickte er auf seine Uhr, offensichtlich hatten beide noch einen wichtigen Termin. Ich dagegen hatte mich bei meinem Daddy untergehakt und ließ meinen Tränen freien Lauf. Sie rollten mir unaufhörlich über die Wangen, wo sie Spuren wie von Schnecken gezogen hinterließen.

Es tat gut, Daddys kräftige Arme zu spüren, und wenn es an diesem Tag so etwas wie Wärme und Trost für mich gab, dann gingen sie von jenen Quadratzentimetern Haut unter seiner Winterjacke aus. Nur mühsam konnte ich den Worten des Pfarrers folgen, der irgendetwas von Engeln, Jesus und Auferstehung erzählte, bevor er ein abschließendes Vaterunser sprach, uns segnete und zum Abschied allen die Hand drückte. Ich mochte mir einfach nicht vorstellen, dass ich jetzt immer hierherkommen und meine Mutter an dieser Stelle betrauern sollte, wie es der Pfarrer uns glauben machen wollte, obwohl es ein tröstlicher Gedanke war. Ich wollte die Erinnerungen an meine Mutter nicht nur an einem Ort begraben, ich wollte sie lebendig und für immer in meinem Herzen behalten. Wie konnte ich sie loslassen, für immer verabschieden?!

Offensichtlich ging es meinem Daddy da ganz ähnlich. Still und gefasst war er, aber ich wusste genau, dass das Leben von nun an für ihn nicht mehr das gleiche sein sollte. Er hatte meine Mutter abgöttisch geliebt, hatte all die Jahre ihren Eigensinn ertragen, ihre wankenden Stimmungen, ihren Hang zu Depressionen, ihre unterdrückten Aggressionen, die sich lautstark im Streit über eine Kleinigkeit entladen konnten, wenn ihre Stimme überschnappte, sie nicht wusste, wohin mit ihren überbordenden Gefühlen, die nicht nur der Familie galten. Hilflos mussten wir mit anhören, wie er beschwichtigend auf sie einredete, sie zu beruhigen versuchte, was sie erst recht provozierte und fast immer mit Türschlagen endete. Verstört von dieser Form der Auseinandersetzung, flüchtete ich mich oft in die Sicherheit meines Zimmers, wo mich später Daddy besuchte und um Verständnis bat, meine Mutter meine es nicht so.

„Aus einem Streit muss man immer als Paar hervorgehen“, betonte er dann jedes Mal. „Und wenn der Rest stimmt, gibt es keinen Grund zu zweifeln.“

Ich war froh, dass er das so sah, denn es stimmte, was Zoé meinte: Die Ehe meiner Eltern war in den letzten Monaten alles andere als freundlich. Ständig lagen sie sich wegen Kleinigkeiten in den Haaren, die Stimmung zwischen ihnen war mies und eigentlich rechneten Zoé und ich jeden Moment mit der Nachricht, dass sie die Scheidung einreichen würden. Wer konnte denn ahnen, dass sich meine Mutter auf eine ganz andere Weise von ihm, von uns trennen würde?

Meinen Blick fest auf das kleine Holzkreuz gerichtet, das bald durch einen massiven Marmorstein ersetzt werden würde, ließ ich die üblichen Händedrücke und tröstenden Beileidsworte über mich ergehen. Mein Daddy nickte jedes Mal mechanisch, ich hatte einen unvorstellbar dicken Kloß im Hals und meinte, ich müsste jeden Moment daran ersticken.

Und dann waren plötzlich alle weg, Omi, die Nachbarn und Bekannten, Helen und Marie, Zoé und Cicero, alles ruhig und still, nur wir beide standen gemeinsam da, wie gelähmt, alleine im Regen. Als ein kühler Luftzug mein Gesicht streifte, und ich ihm nachspürte, fiel mein Blick schräg gegenüber auf eine alte, mit Efeu überwucherte Engelsstatue. Ihr Stein bröselte vor sich hin, dennoch strahlte sie auf mich eine beinahe überirdische Schönheit aus, machte, dass ich mit einem Mal die Enge aus meinem Hals wegatmen konnte, die Trauer aus meinem Herzen lassen. „Ruhe in Frieden!“, flüsterte ich leise und hatte jetzt die Kraft, mich vom Grab meiner Mutter abzuwenden. Ich zupfte meinen Daddy am Ärmel, er folgte mir willenlos, dann liefen wir Hand in Hand den Kiesweg Richtung Ausgang. Versunken in mir, in meiner Trauer, stieß ich gegen einen Stein, in den dünnen und durchgeweichten Schuhen spürte ich diesen typischen Stolperschmerz sofort. Ich weiß bis heute nicht, warum ich mich bückte, um ihn genauer zu untersuchen, es war ein Reflex. Irgendetwas an seiner Maserung weckte meine Neugier, dabei handelte es sich nur um einen eher mandarinengroßen, schwarzen Marmorkiesel, wie sie üblicherweise für Begrenzungen verwendet werden.

„Komm, gehen wir noch einen Café au Lait trinken!“ Daddys Stimme drang wie durch Watte zu mir.

„Gute Idee“, nickte ich, während ich den Stein gedankenverloren in meine Jackentasche steckte. „Du?“ Ich guckte meine Schwester an, die draußen vor der Friedhofsmauer auf mich wartete und eine Zigarette rauchte. Doch sie schüttelte nur den Kopf, nickte Richtung Cicero, der bereits Richtung Auto vorausgegangen war.

„Nee, keine Zeit, wir müssen zum Shooting, die anderen warten schon. The Show must go on, du weißt schon.“

Sie küsste mich, dann lief sie ihm nach. In diesem Moment beneidete ich sie um ihre Leichtigkeit. Zoé grübelte nie lange über etwas, das Wort Traurigkeit kannte sie nicht. Mit meiner Mutter hatte sie, solange ich denken konnte, ein temperamentvolles Verhältnis gehabt, ständig gab es Streit zwischen den beiden, anstrengend für mich.

Wenn meine Schwester in den letzten Monaten so gut wie nie zu Hause gewesen war, lag das nicht nur daran, dass sie als Model so viele Termine hatte.

„Na, dann gehen wir beide eben alleine.“ Daddy seufzte und zog mich Richtung Innenstadt, wo wir kurz darauf bei Kaffee und Streuselkuchen saßen und uns anschwiegen. Niemand von uns wollte reden, schon gar nicht über Mama.

„Hätten wir nicht Omi fragen müssen, ob sie mitkommt?“, bemerkte ich leise scherzend, als mich Daddy nach einer quälend langen halben Stunde zum Abschied fest in seine Arme nahm und an sich drückte, ich schluckte meine aufsteigenden Tränen hinunter. Er war auf dem Weg zur Uni, sein Doktorandenseminar für angehende Chemiker heute Nachmittag würde ihn ablenken, das hatte ich verstanden. Deswegen konnte ich ihm nicht böse sein, selbst wenn ich nicht wusste, wie ich gleich alleine das große, leere Haus ertragen sollte, das mich erwartete.

„Bloß nicht!“ Daddy verzog das Gesicht. Seit ich denken konnte, waren sich die beiden spinnefeind, niemand wusste genau, warum. Auch Mama hatte nicht das beste Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt, angeblich, weil Omi so besitzergreifend und dominant war, und ihre Tochter keinen Hehl daraus machte, dass sie die Freiheit liebte, in jeder Beziehung. Deswegen flog sie ja als Stewardess um die Welt, hoch über den Wolken konnte sie so sein, wie sie wirklich war. Das hatte sie irgendwann so einmal erklärend formuliert, als sie sich wieder einmal für die nächsten vier Tage mit gepackten Koffern in der Hand bei Zoé und mir verabschiedete und ich heulend an ihrem Hals hing. Während meine große Schwester die Coole mimte, vergoss ich unzählige Tränen, ich wollte Mama nie gehen lassen, so, wie ich sie auch jetzt nicht gehen lassen konnte, ich brauchte ihre Nähe, ihre Streicheleinheiten, ihre Küsschen ins Haar, um mich ihr nahe zu fühlen, ich vermisste sie, immer. Später, als ich älter war und Mama wieder Vollzeit arbeitete, hatte ich mich schmerzhaft daran gewöhnen müssen, dass meine Mutter nicht zu denen gehörte, die sich von morgens bis abends um ihre Familie kümmerte, egal, ob sie in der Luft war oder auf der Erde. Mit vierzehn fand ich es dann auch nicht weiter schlimm, dass sie nicht ständig wissen wollte, wo ich steckte und mit wem ich meine Zeit verbrachte. Längst war ich erwachsen und unabhängig geworden. Niemandem Rechenschaft schuldig, wo und mit wem ich meine Zeit verbrachte, das hatte ich wohl von ihr geerbt.

„Bist du zu Hause, wenn ich komme?“, wollte Daddy wissen. Er strich mir sanft eine Strähne aus dem Gesicht, seinen Blick schmerzlich auf mich geheftet. Ich sah meiner Mutter zum Verwechseln ähnlich, je älter ich wurde, umso mehr. Und was er bisher wohlwollend registriert hatte, würde ihn in Zukunft daran erinnern, dass seine geliebte Frau nicht mehr an seiner Seite lebte.

„Ja, klar“, antwortete ich hastig. „Wo soll ich denn hin?“

„Schon gut“, meinte er besänftigend. „Ich kann mir vorstellen, dass du jetzt alleine sein willst.“ Sagte er, drückte mir noch einen Kuss auf die Wange und war dann im Regen verschwunden.

So lief ich alleine durch die kalten Straßen nach Hause, wo mich schwarz geränderte Umschläge und das blinkende Signal der Telefonanlage empfingen. Ich musste die Ansage nicht abhören, ich wusste, dass es Omi war, die mir ihre Hilfe und Unterstützung anbot, ich könne mich jederzeit bei ihr melden. Ich schob die Sachen achtlos zur Seite, kochte mir in der Küche einen Tee und setzte mich mit dem dampfenden Becher in der Hand nach draußen auf die Terrasse, die Klamotten immer noch regenfeucht. Mama war tot und ich hier alleine, sie war weg, wie in all den vergangenen Jahren und Monaten auch. Diesmal würde sie nicht wiederkommen. Diesmal würde es erst recht keinen Sinn machen, auf sie zu warten, auf ihre Fragen, ein anerkennendes Nicken, Streicheln. Lange saß ich dort, alles nass, bis mich eine Nachricht aus meinen Gedanken riss. Der Teebecher in meiner Hand war kalt geworden, ohne dass ich daraus getrunken hätte. Sie war von Paul. Seufzend las ich seine zögernde Frage, ob er mich anrufen oder noch lieber besuchen dürfe, er wolle mich ja nicht drängen, aber es täte mir ja sicher gut, jetzt nicht alleine zu sein …?! Ach, Paul, dachte ich, du weißt gar nicht, wie gut sich alleine sein anfühlt. Ich fühlte mich zu schwach, ihm das zu antworten, ich hatte es bisher noch nie getan. Dabei war er ein netter Kerl, schmeckte gut, wir hatten uns vor zwei Wochen auf der Fete von Solveig kennengelernt und ich hatte schon vermutet, dass er sich in mich verliebt hatte, natürlich. Sein Werben schmeichelte mir, ich fand es nett von ihm, dass er mich wiedersehen wollte, vielleicht würde ich ihm nachgeben. Er konnte ja nicht wissen, dass ich nirgends länger blieb und mich meist schon vor dem Frühstück zur Tür schlich, den Kopf noch voller Gin, den Körper satt. Wie so oft hatte ich mir am Ende der Nacht oder am Anfang des Morgens jemanden gesucht, der das Partyglück vollkommen macht, der den Rausch vollendet, gesichtslos, namenlos, atemlos. Manchmal blieb ich auch länger, bei Marlon oder Ricki zum Beispiel, aber es führte nur zu Komplikationen, wegen der vielen Gefühle, die Erwartungen in den Raum holten. Anrufen, verabreden, miteinander Zeit verbringen, immer das machen, was der andere toll fand.

Ich war bisher genau zweimal verliebt, mit dem einen war ich sogar ein halbes Jahr zusammen, aber diese komplizierte Treffbeziehung wurde mir irgendwann zu eng, ich meine, er hieß Johannes, hatte einen tollen Hintern und kam immer zu früh. Was ich weiß: Ich hatte weder Zeit für mich noch meine Querflöte gehabt, nur noch verliebt Händchen halten und ins Kino gehen, das gab mir nichts und wenn das Beziehung bedeutete, hätte ich lieber keinen Freund. Seine Küsse passten mir schon bald nicht mehr und so hatte ich irgendwann Schluss gemacht, bevor es zu langweilig wurde. Sehr zur Enttäuschung von meiner besten Freundin Charly, die der Meinung war, wir wären das perfekte Paar gewesen. Sie hielt mich für beziehungsunfähig, für eine, die nur mit den Männern spielte, und meinte, ich könne die armen Jungs doch nicht einfach so benutzen. Sie formulierte es so, benutzen, und ich verbot ihr daraufhin, so über Spaß zu sprechen, den ohne Zweifel alle Beteiligten hatten. Mit einem lag die gute Charly allerdings richtig: Es fiel mir schwer, mich auf andere einzulassen, irgendwann waren mir Küsse und Streicheleinheiten und Zuwendungen zu viel. Ich mochte das Gefühl nicht, mich in ihnen zu verlieren, mich an sie zu gewöhnen und süchtig zu werden, mir war es lieber, ich blieb frei. Paul würde noch eine Weile warten müssen, bis ich wieder tanzte, dachte ich, stellte mein Handy aus und kauerte mich auf dem Stuhl zusammen, die Arme wärmend um mich geschlungen. Auf Partys würde er mich in der nächsten Zeit nicht antreffen, wie konnte ich feiern mit dieser Leere in mir?!

Später kam Vincent. Obwohl er etliche Häuserblocks weiter wohnte, war es, als wären wir wie Geschwister miteinander aufgewachsen. Wir sahen uns täglich, in der Schule, im Bus, nachmittags, in Cafés, auf Partys. Nie mussten wir uns verabreden oder telefonieren, wir trafen uns sowieso, wo ich war, war auch er. Im Gegensatz zu Charly wollte Vincent nicht immer alles von mir wissen. Er löcherte mich nicht mit Fragen, wenn ich in mich gekehrt und zurückgezogen war, ein Blick genügte und er wusste, wenn er mich in Ruhe lassen musste: Weil ich wieder Streit mit Zoé hatte, eine schlechte Note kassiert oder weil meine Flöte kaputtgegangen war. Das war nämlich meine Hauptsorge: Meine Silberflöte, ein Erbstück meiner Omi, deren Klappen und Mundstück generalüberholt waren. Dennoch konnte es passieren, dass mir mitten im schönsten Lauf der Badinerie eine Feder absprang. Daddy hatte deshalb schon oft vorgeschlagen, mir eine neue Querflöte zu kaufen, doch das kam für mich überhaupt nicht infrage. Ich liebte dieses alte Instrument über alles, genauso, wie ich Vincent liebte, wie er jetzt mit seinen glatten, roten Haaren in meinem Zimmer stand. Seit dem Unglück war er ständig in meiner Nähe, oft schlief er bei mir, warum auch nicht?! Charly wusste nichts davon, sie hätte es nicht verstanden, wie man sich lieben konnte, ohne ein Paar zu sein, ohne von einer gemeinsamen Zukunft als Vater-Mutter-Kind zu träumen. Dieser Gedanke passte nicht in ihre romantische Vorstellung von Liebe, zu ihrem Traum von Glück, wie sie ihn in sich trug. Vielleicht wollte sie auch lieber nichts von uns wissen, denn sie war seit einiger Zeit in Vincent verliebt und wünschte sich sehnlichst, mit ihm eine richtige Beziehung zu haben, was immer sie darunter verstand.

Ohne ein Wort zog Vincent mich jetzt in seine Arme und hielt mich fest oder ich mich an ihm. Sein Atem kitzelte in meinem Ohr und ich konnte riechen, dass er Ravioli zum Mittagessen gegessen haben musste. Lange standen wir so da, innig umarmt, seine Art, mich um Verständnis dafür zu bitten, dass es für ihn unmöglich gewesen war, an der Beerdigung meiner Mutter teilzunehmen. Er legte keinen Wert auf solch bürgerliche Gesten des ritualisierten Abschieds, wie er sich ausdrückte, aber sein Herz war voller Trauer. Er hatte Cristina, wie so viele meiner Freundinnen und Freunde, vergöttert – nicht nur, weil sie eine überaus attraktive Frau war, sondern immer aufgeschlossen und herzlich all jenen gegenüber, die mir etwas bedeuteten. Dann kochte sie Kaffee und legte Kekse dazu, ließ sich von ihnen Zigaretten anbieten und liebte es, wenn unser Haus voller junger Menschen steckte. Daddy hatte mit dieser betonten Jugendlichkeit seine Probleme, wie immer zog er sich dann in seine Kellerräume zu seinen Forschungen zurück. Ich wäre ihm gerne gefolgt, weil es mir unangenehm war, wenn sie mit Vincent oder Samuel oder Mateo flirtete.

„Sie ist nicht weg“, flüsterte Vincent tröstend in mein Ohr, „sie ist dir nur vorausgegangen.“ Vincent, der leise Poet, ich schluckte.

„Komm, zieh deine dicke Jacke an, ich hab eine Überraschung für dich“, sagte er nach einer Weile und löste sich aus meiner Umklammerung, strich sich das feuchte Shirt glatt. Ich musste geweint haben. Vincent griff nach meiner Hand und zog mich mit sich, seine grünen Augen funkelten leise und entlockten mir ein Lächeln und so ließ ich mich von ihm mit nach draußen in unseren Garten ziehen. Mamas buntes Blütenrefugium, jetzt im Winter noch kalt, grau und trist, nicht einmal die Schneeglöckchen ließen sich blicken. Wir liefen in die hintere Ecke des Gartens zum alten Apfelbaum, wo eine Strickleiter einladend von oben herunterbaumelte, die Venusfigur blickte uns wissend hinterher.

„Du zuerst!“ Vincent bedeutete mir, nach oben zu klettern. Mit geübten Griffen hangelte ich mich hoch.

„Du spinnst!“, entfuhr es mir, ließ mich jedoch sofort in den Deckenberg aus Schlafsäcken und Kissen sinken, den Vincent hier hoch geschafft hatte.

Wie die Welpen lagen wir dann eng aneinandergeschmiegt in unserem Baumhaus, das wir damals als Kinder mithilfe von Daddy einen ganzen Sommer lang entworfen und gebaut hatten. Misstrauisch beäugt von Mama, die mir, als wir dann älter wurden, nie glauben mochte, dass Vincent nur ein Kumpel für mich war, lästerlich begleitet von Zoé, die ihn abfällig als schwules Weichei bezeichnete, der mit Drogen dealte, um sich als Kerl zu fühlen. Ich hasste sie für diese Bemerkung, weil sie so gemein war und es auch ein bisschen stimmte. Vincent hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich auch für Jungs interessierte und lieber in seinen Lyrikbänden las, als auf den Bolzplatz oder in die Muckibude zu gehen.

Ich liebte Vincent so, wie er war, und wusste, wie er sich anfühlte, überall, aber wir waren nicht das, was man gemeinhin als Freund und Freundin bezeichnete, wir führten keine Beziehung oder träumten von einer gemeinsamen Zukunft. Für das, was uns miteinander verband, gab es keine gängige Kategorie. Es war Liebe, es war Freundschaft, Respekt und tiefes Vertrauen und vor allem eins: Freiheit. Unser Baumhaus wurde zu unserem heiligen Zufluchtsort, wir spielten, wir gammelten, wir machten gemeinsam Hausaufgaben und lernten Vokabeln. Immer gab es einen Vorrat an Schokolade und Saft, später kamen heimlich Zigaretten hinzu. Das war zu der Zeit, als Vincent und ich anfingen uns zu küssen. Nicht, weil wir ein Paar sein wollten, sondern weil wir neugierig auf den anderen waren, unsere Hände und Münder taten es wie von selbst, aus Langeweile, aus Spaß, aus Vergnügen. Einen Sommer lang machten wir nichts anderes, als Nachmittage lang oben im Baumhaus zu liegen und zu knutschen, den anderen zu erkunden und zu erfühlen, versunken in uns, es gab nur Vincent und mich.

Und jetzt lagen wir wieder hier, eng, warm, im Schlafsack die Körperwärme des anderen fühlend. Mittlerweile war es dunkel geworden, Regen tröpfelte leise aufs Dach, das in der hinteren Ecke schon immer eine undichte Stelle hatte. Dort hatten wir einen Eimer aufgestellt, Pling!, machte es jedes Mal leise, wenn wieder ein Tropfen hineinfiel, er lief schon lange über.

Quítame el pan … pero no me quites tu risa … Nimm mir alles weg, aber lass mir dein Lachen … du sollst nicht traurig sein, geliebte Eliza“, flüsterte Vincent leise und zog mich noch näher an sich. Vincent hatte schon immer ein Faible für Gedichte, seit wir Spanisch als erste Fremdsprache lernten und er die lautmalerische Wärme, die geheimnisvollen Wortbedeutungen jener Sprache nicht spürte, sondern auch verstand, sowieso.

Amor mío, en la hora más oscura desgrana tu risa … vergiss selbst in der dunkelsten Stunde dein Lachen nicht …“

Ich hatte sein Lieblingsgedicht von Pablo Neruda so viele Male gehört, ich kannte es ebenfalls längst auswendig. Ich liebte diese Elogie über das Leben und das Lachen, über das Licht, das alle Dunkelheit überstrahlte.

„… niegame el pan, el aire, la luz … nimm mir alles, nur nicht dein Lachen …“

Lächelnd lag ich da, hörte Vincent mit geschlossenen Augen zu, spürte Wärme und Liebe überall. Tastete nach seinem Gesicht, fuhr mit dem Finger zärtlich die Konturen seines Mundes nach, spielte mit seinen Haaren, umkreiste sein Ohr, rückte noch dichter an ihn heran. Längst schwieg er, hatte nach meinen Händen gegriffen und hatte seinen Mund in meine Haare gedrückt. Lippen fanden sich, Zungen spielten miteinander, wir küssten uns wie damals als Vierzehnjährige, vorsichtig, neugierig und fordernd zugleich.

Diesmal war es anders. Wir waren über vier Jahre älter, wir hatten mittlerweile andere geküsst und wussten, was alles noch passierte, wenn auch der Körper mitküsste. Es wurde ein einziger, langer Abschiedskuss, dem wir uns völlig hingaben, warm, dampfend. Vincents helle, sommersprossige Haut leuchtete im Dunkeln, als er sich über mich beugte, meinen Atem mit seinem Mund verschloss und ich seinen Körper in meinen nahm.

„Es ist wegen Charly, richtig?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte. Es war weit nach Mitternacht, als ich die Frage stellte und wir in unserer Küche saßen, ich kochte uns einen Tee. Die kleine Lampe über der Spüle beleuchtete den zarten Zauber zwischen uns und obwohl wir längst wieder angezogen waren, fühlte ich immer noch Vincents Wärme in mir. So würde es zwischen uns immer bleiben, egal, wie viele Charlys es für ihn noch geben würde – und wie viele Pauls ich mit nach Hause nehmen würde. Deswegen war er gekommen, um auf seine Weise Abschied von uns zu nehmen, ein Zeichen, dass es ihm diesmal ernst mit einem Mädchen war, er es versuchen wollte, mit jemandem zusammen zu sein, ein richtiges Paar. Vielleicht war es für ihn auch eine experimentelle Erfahrung, bei ihm wusste man nie so genau. Ich fand Vincent in diesem Moment großartig und war gleichzeitig unendlich traurig. Noch ein Abschied an diesem Tag, doch hatte ich ja längst damit gerechnet. Charly schwärmte schon lange für Vincent. Nachdem zarte Annährungsversuche zu nichts geführt hatten, war sie in den letzten Wochen immer deutlicher geworden. So sehr, dass es mir peinlich war.

Für Vincent. Nicht für Charly. Die hatte ein sonniges Gemüt und schlichtweg eine beschränkte Wahrnehmung dessen, wie sie auf andere wirkte. Sie ließ sich im Szene-Laden jedes Kleidungsstück extra zeigen oder diskutierte an der Eistheke so lange mit der Bedienung, bis die Kugel richtig in der Waffel saß und da war es ihr egal, wenn andere ihretwegen warten mussten oder gar die Augen rollten, nur weil sie sich die Zeit für eine Entscheidung nahm, die sie für sich brauchte, Charly mutete sich zu.

„Wie soll ich das eine tun, ohne das andere zu lassen?“, fragte er grinsend und pustete in seine Tasse. Seine Haare fielen ihm dicht in die Stirn. Meine Finger zuckten, ich hätte sie ihm gerne aus lauter Gewohnheit zurückgestrichen.

„Du musst das eine tun und das andere lassen“, antwortete ich stattdessen. „Sie würde es nicht verstehen.“

Vincent nickte. „Gehen wir schlafen?“

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Vincent schon lange weg, der frühe Vogel war sein Freund. Draußen prasselte der Regen an mein Fenster, immer noch oder schon wieder, ich zog die Decke fester um mich, sie roch noch nach ihm. Trotzdem war mir kalt, ich fror, wie schon seit Tagen. Da wusste ich, ich würde es auch heute nicht schaffen, aufzustehen, um in die Schule zu gehen, sondern liegen bleiben, nachdenken, versuchen, Mama nahe zu sein. Im Dämmerschlaf wurden die Erinnerungen an Mama lebendig, wie sie mit Zoé und mir Schlauchdusche im Garten machte oder mit uns Weihnachtsplätzchen backte. Wie sie mit uns schimpfte, wenn wir mit dreckverschmierten Schuhen nach dem Spielen ins frisch geputzte Wohnzimmer gerannt kamen, um dann mit einer liebevollen Geste unsere Klamotten in die Waschmaschine zu stopfen. Wie sie mich am Frühstückstisch empfing, wenn ich verkatert über meinem Milchkaffee saß. Wie sie nie wissen wollte, wo und mit wem ich die Nacht verbracht hatte, nur ein leises Lächeln im Gesicht. Ich stellte mich schlafend, als Daddy nach mir sah, er kümmerte sich immer, der Duft nach frisch gebackenen Hörnchen zog in meine Nase, ich registrierte es dankbar.

Daddy blieb einen Moment im Türrahmen stehen, als wolle er mir etwas sagen, dann ging er ohne ein weiteres Wort wieder nach draußen. Ich verschlief den ganzen Tag und fühlte mich viel zu schwach, um aufzustehen, ich schaffte es gerade mal aufs Klo und wieder zurück. Als Charly dann am frühen Abend anrief, hatte ich mir gerade in der Küche einen Joghurt geholt und mich in den Sessel vorm Wohnzimmerfenster gesetzt, wo ich gedankenlos nach draußen starrte.

„Mensch, Eliza, du musst endlich raus!“, legte sie los, als ich mich matt meldete und aus Pflichtgefühl fragte, was wir heute in Chemie und Mathe durchgenommen hatten. „Jetzt, wo die Beerdigung rum ist, darfst du doch …“

„Ich kann nicht“, murmelte ich und überlegte, ob ich nicht besser auflegen sollte, anstatt mir ihre Vorwürfe anzuhören. Manchmal war sie wirklich schwer zu ertragen.

„Komm doch vorbei und wir reden ein bisschen, Marlene freut sich bestimmt, wenn du kommst“, fügte sie noch hinzu, als sie mein heftiges Ausatmen spürte.

Bloß nicht, rief alles in mir, und ich erfand rasch die Notlüge, dass ich Daddy versprochen hätte, mit ihm gemeinsam einzukaufen. Lieber würde ich doch freiwillig Vokabeln lernen, als mich von Charlys Mutter in ein behutsames Trauerarbeitsgespräch verwickeln zu lassen. Oder von Charly, die seit Tagen kein anderes Thema kannte als den traurigen Verlust meiner Mutter und ständig mit mir reden wollte. Dabei konnte ich gut für mich sein, musste das Gefühl der Trauer erst mal für mich durchgefühlt haben, bevor ich es mit jemand anderem teilen konnte.

Vincent war eine Ausnahme, er stellte keine Fragen, wir brauchten nicht viele Worte, um uns zu verstehen.

Doch Charly fühlte sich wohl verpflichtet, mit mir über die gestrige Beerdigung zu sprechen und hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht dabei sein konnte. Sie hatte einer Familiensitzung bei einer berühmten Schamanin beiwohnen müssen. Ihre Mutter war so eine, die auf spirituelle Heilung schwor, und der Termin hatte sich nicht verlegen lassen. Charlys Vater war ein Pflegefall, bettlägerig seit einer Hirnblutung, die gesamte Familie litt und auch, wenn Charly es nie so sagte, fand sie die dramatischen Umstände des Verschwindens meiner Mutter weniger schlimm als das, was sie gerade durchmachen musste.

Sein Schlaganfall, das war Charlys Thema, meine fröhliche Freundin war binnen weniger Wochen zu einem kreuzunglücklichen Menschenkind geworden, auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ, mit Vincent flirtete, ich wusste es besser, wie sehr sie die Situation belastete. Charly wartete mit Inbrunst darauf, dass dieser qualvolle Moment des Dahinsiechens ein Ende haben sollte, sie von der Verantwortung befreien würde, ihrem Vater hilfreich die Schnabeltasse zu reichen und ihre Mutter bei der Intensivpflege zu unterstützen. Charly nutzte längst jede Gelegenheit, dieser traurigen Stimmung bei sich zu Hause zu entkommen, fälschte Stundenpläne und erfand Arbeitseinsätze, bei denen sie unabkömmlich war, ohne Frage würde der Tod ihres Vaters für sie eine große Erleichterung bedeuten, sie würde nicht wie ich in eine Starre der Trauer verfallen, unfähig, den Alltag mit anderen zu teilen.

„Später treffen sich alle im Lorenzos …“, fragte Charly lauernd. „Da warst du doch lange nicht mehr … Die anderen fragen schon, wo du steckst.“

Ich seufzte, Charly würde nicht lockerlassen, das wusste ich aus anderen Gesprächen. Wenn ich für die nächsten Tage meine Ruhe haben wollte, musst ich mir etwas einfallen lassen.

„Dann wird Vincent auch dort sein“, sagte ich so beiläufig wie möglich, Charly sollte bloß nicht merken, dass ich inzwischen von seinen Absichten wusste.

Am anderen Ende der Leitung war es einen Moment lang still und ich konnte förmlich spüren, wie sich meine Freundin freute.

„Okay, du hast gewonnen“, sagte sie schließlich. „Aber ich schulde dir einen Drink!“ Dankbar darüber, dass sie mich in Ruhe ließ, fragte ich nicht weiter, warum, und legte schnell auf.

So blieb es auch in den folgenden drei Tagen, ich verkroch mich, ging nicht mehr ans Telefon und erst recht nicht in die Schule, weinte, konnte nichts anfangen außer immer wieder im Haus auf und ab zu laufen, wusste nicht, was ich tun sollte, fühlte mich gelähmt und gefangen in einer Person, die mir plötzlich fremd vorkam, die nicht ich war. Die weder Lust auf Gin noch Partys hatte, keine Freude am Joggen oder ihrer Musik, die ihre Haare nicht wusch und sich verkroch. Ich fühlte mich wie eine verlorene Traube unterm Küchenschrank, verloren, vergessen, verschrumpft.

Omi kam und wollte aus Mamas Schatulle eine Goldkette haben, die sie ihr einst zur Konfirmation geschenkt hatte, Daddy suchte sie ihr schulterzuckend heraus. Bei der Gelegenheit fragte er mich, ob ich auch ein Schmuckstück zur Erinnerung haben wollte, ich sah ihn hilflos an, wie konnte ich?! Alles im Haus erinnerte mich an Mama, der Garten, die Möbel, ihr Handtuch hing noch im Badezimmer und die Zahnbürste stand auch noch da. Da zog mich Daddy voller Mitgefühl in seine Arme.

„Mir fehlt sie auch. Sehr sogar, obwohl es in letzter Zeit so kompliziert zwischen uns geworden war“, flüsterte er in meine Haare. „Aber sie hätte gewollt, dass du wieder unter die Leute gehst und dich nicht hier im Haus vergräbst.“

Zur Antwort weinte ich stumm an seiner Schulter. Natürlich wollte Mama, dass es mir gut ging.

„Ich weiß, dass du es kannst, du bist schließlich meine Tochter.“ Daddy schob mich nach einer Weile ein Stück von sich und sah mir prüfend in die Augen. Dann sagte er leise: „Komm, geh dich duschen und umziehen, in einer halben Stunde fahren wir los.“

Ich nickte mechanisch, tat brav wie mir geheißen und konnte nicht leugnen, dass mir die frische Wäsche guttat. Ohne weiter nachzudenken, zog ich mein schmales, schwarzes Kleid an, Mama hatte es immer an mir gemocht, weil ich so elfenleicht darin aussah. Jetzt schlug es Falten, kein Wunder, ich mochte in den letzten zwei Wochen einige Kilos abgenommen haben. Als ich die Treppe hinunterlief und im Vorübergehen einen flüchtigen Blick im Spiegel von mir erwischte, erschrak ich.

„Du bist ihr so ähnlich, ähnlicher als du es jemals wahrhaben wolltest“, entfuhr es Daddy mit rauer Stimme, unbeholfen berührte er meine Schulter, ein Zittern durchlief seinen Körper. Ich spürte, dass er weinte, diesmal er, sanft streichelte ich seine Wange. Bis er sich beruhigte und sich die Augen wischte.

„Komm, wir müssen los“, sagte er leise. „Das Taxi wartet schon.“

Draußen blinzelte ich in das dämmrige Abendlicht, nicht hell, aber es störte mich.

„Wo fahren wir hin?“, fragte ich, nachdem wir beide umständlich auf dem Rücksitz Platz genommen und uns angeschnallt hatten.

„Abwarten“, antwortete Daddy geheimnisvoll, er hatte sich wieder gefasst.

Und dann verstand ich, aus vollem Herzen. Dies war die einzige Möglichkeit, unserer Trauer Ausdruck zu verleihen und sie für immer in uns wie in einer kostbaren Schatulle aufzubewahren, Mama ein weiteres Mal gehen zu lassen.

Tief in die unbequeme Holzbank der Kirche gedrückt, lauschten wir ergriffen den Chören und Chorälen, durchlebten wir gemeinsam mit dem Orchester die mehrstündige Matthäus-Passion. Fühlten unsere Seelen verbunden mit ihr und der Göttlichkeit, getröstet von den tiefgehenden Klängen der Musik, die gleichzeitig mein Innerstes nach außen spülten. Ich habe nie wieder so erlösend geweint, mich fließen lassen wie an jenem Abend, das Auflösen der Grenzen gespürt, ohne Angst zu haben, ich, du, sie, egal. Ich war Teil eines großen Ganzen, mir konnte nichts passieren, ich war gehalten und beschützt. Und nie wieder fühlte ich diese zuversichtliche Leichtigkeit dabei. Daddy neben mir erging es ebenso, ich spürte, wie er lautlos litt, seine geliebte Frau betrauerte, ihr hier in der Kirche so nah war wie niemals zuvor im Leben, erst recht nicht an ihrem Grab. Hand in Hand saßen wir da und hielten uns gegenseitig fest.

In jener Nacht schlief ich tief und fest, nach etlichen durchweinten Nächten war ich so erschöpft, dass ich noch nicht einmal träumen konnte. Als wäre eine dunkle Last von mir abgefallen, die der Schlaf in nichts aufgelöst hatte, wachte ich am nächsten Morgen beinahe froh auf.

Wie selbstverständlich nahm ich meine Querflöte zur Hand und übte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder meine allmorgendlichen Etüden, Tonleitern, Akkorde, Kadenzen. In jener Zeit spielte ich im Schulorchester und wir bereiteten uns auf ein Konzert für das bevorstehende Sommerfest vor: Mozarts Konzert für Harfe, Flöte und Orchester in C-Dur wollten wir spielen, gerade hatten wir mit den Proben angefangen. Ich liebte dieses leichte, unbeschwerte Stück, das melancholisch und aufbrausend zugleich war, keine große Herausforderung für einen Flötisten, doch wie immer bei Mozart wollten die Läufe flüssig und elegant gespielt sein, die Übergänge weich und gefühlvoll.

Seit der Schreckensnachricht vom Tod meiner Mutter hatte ich nicht einen Ton über die Lippen gebracht, es schien mir unmöglich, ich war wie erstickt. Doch nun konnte ich wieder atmen, die Traurigkeit aus mir herausströmen lassen, innen nach außen spielen, nur für sie. Ich begann mit dem Andantino, spielte es sehr langatmig und lang gezogen, Kadenzen in Moll. Dann kamen mir andere Stücke in den Sinn, voller Melancholie und Traurigkeit, sie wechselten wieder in fröhliche Märsche, es war, als durchlebte ich die Zeit mit meiner Mutter, die innige Beziehung zu ihr und die schönen Stunden, die wir gemeinsam hatten. Gleichzeitig ihre Unzufriedenheit, ihre Depressionen, die sie mit Tabletten in den Griff zu bekommen versuchte, ihre Flucht in die Wolken, wenn sie arbeitete, ihre Dauerdiskussionen mit Zoé und ihren permanenten Streiten, ihre schlechte Laune wegen allem, die sie oft an mir ausgelassen hatte, vor allem in jüngster Zeit. Und Daddy, der sich gern aus allem raushielt und sich in seine Forschungsarbeit flüchtete. Ich spielte und spielte und spielte, endlos, wahllos, auf eine besondere Weise froh und befreit.

Glücklich, mit einem leisen Lächeln auf den Lippen kam ich später an den Frühstückstisch, wo mein Vater bereits seine zweite Boule Milchkaffee trank und auf seinem iPad die Sonntagszeitung las. Auch er wirkte heute Morgen ausgeschlafen und munter, gelöst, dabei hatte er auf den leeren Platz meiner Mutter ihren roten Teebecher gestellt. Eine Geste, die er in den folgenden Wochen nicht ablegen würde.

„Guten Morgen“, begrüßte er mich sanft, als ich mich zu ihm setzte. „Gut geschlafen? Und du hast gespielt …“ Er sah mich prüfend an.

Ich nickte. „Ja, ich kann’s noch“, fügte ich leise lächelnd hinzu.

„Das ist untertrieben“, antwortete er. „Du spielst perfekt! Wir werden uns ernsthaft überlegen müssen, ob du nicht Musik studieren möchtest, anstatt Chemikerin zu werden“, fügte er augenzwinkernd hinzu.

„Pah!“, machte ich, etwas heftiger als beabsichtigt, goss mir Kaffee ein. Meine Zukunft war in jüngster Zeit Daddys Lieblingsthema, dabei waren Abi und Studienwahl noch so weit weg für mich, gerade eben hatte ich mir wieder ein Stück Normalität erspielt. Warum fing er ausgerechnet heute Morgen mit so etwas Banalem an? Bisher hatte es ihn wenig gekümmert, die Schule lief so lala, ich konnte mir meine durchfeierten Nächte leisten, den vielen Gin, die Zigaretten, Mama hatte es verstanden. Die Glücksmomente meiner Musik von gerade eben, die mich so beflügelt und befreit hatten, verflogen.

„Denk darüber nach!“, meinte er nur. „Allzu viel Zeit hast du nicht mehr.“

„Ja.“ Ich pustete über den Rand meiner Boule und fühlte ein Nein.

„Na, dann. Kommt Vincent später noch?“ Daddy schaute mich fragend an. Natürlich war ihm in all den Jahren nicht entgangen, welch inniges Verhältnis wir beide im Umgang miteinander pflegten, natürlich hatte er bemerkt, dass Vincent und ich neulich nachts im Baumhaus waren. Als ich stumm den Kopf schüttelte, wendete er sich wieder seiner Lektüre zu. Zeitunglesen am Frühstückstisch, das war ihm sonntags heilig, jetzt schien er seine ungestörte Ruhe zu genießen. Immer hatte es deswegen Krach mit Mama gegeben, die der Meinung war, es wäre bei einer gemeinsamen Mahlzeit grob unhöflich. Wenn die Familie schon mal an einem Tisch versammelt war, wollte sie auch die ungeteilte Aufmerksamkeit. Leider hatte sie übersehen, dass wir sowieso nie als Familie am Essenstisch saßen. Jeder kam und ging, wie es ihm gerade in den Kram passte, Zoé immer mit ein paar Minuten Verspätung und Daddy sowieso, er fühlte sich niemandem verpflichtet. Doch Mama wartete stets vor leeren Tellern und hübsch gefalteten Servietten mit Freude auf ihre Töchter. Wenn sie da war.

Es gab einen Stich in meinem Herz, plötzlich verstand ich, was Mama immer gemeint hatte. Ich saß leer und ohne Worte auf meinem Stuhl, schlürfte gedankenverloren meinen Milchkaffee aus und knabberte ein Croissant, meine leichte, gute Laune von gerade eben machte eine Pause. Wie blöd war es, auf jemanden zu warten, der nicht kam!

Mama würde nicht wiederkommen, ebenso wenig wie Vincent, der sich später garantiert mit Charly zu einem Spaziergang treffen würde, der alte Romantiker, und nicht zu mir kommen würde. Ich atmete tief aus, ich hatte verstanden. Beinahe erleichtert starrte ich aus dem Fenster nach draußen in den Garten. Es hatte aufgehört zu regnen.

Als ich am Nachmittag die Tür zu meinem Zimmer öffnete, fiel sie mir sofort auf: Die Feder lag auf dem Fensterbrett, wie zufällig hin gepustet, fein und zart, rot-schwarz gebändert. Ich kannte mich mit Vögeln nicht besonders gut aus, wusste nicht, von welcher Art sie stammte. Ergriffen von ihrer Schönheit hob ich sie auf, drehte sie nachdenklich in meiner Hand hin und her. Im Gegenlicht der Frühlingssonne glänzte ihr Federkiel und sie erinnerte mich daran, wie ich als Sechsjährige einmal mit Daddy gemeinsam selbst Tinte hergestellt hatte, um damit Briefe wie im Mittelalter zu schreiben. Wir hatten den Vormittag damit verbracht, den alten Schuppen auf unserem Gartengrundstück zu entrümpeln und waren dabei auf einen uralten Schrank gestoßen, in dessen Schubladen eine alte Schreibfeder lag. Begeistert untersuchte ich das Schreibgerät mit der dunkel gefärbten Spitze, pustete vorsichtig den Staub davon und wusch den Kiel sauber. Ich löcherte meinen Daddy so lange, bis er es entnervt aufgab den Schuppen zu fegen und sich mit mir daranmachte, in unserer Küche Tinte aus Schwarztee und Eisenchlorid herzustellen. Als Chemieprofessor kannte er natürlich noch viel kompliziertere Herstellungsmethoden, doch lag ihm daran, mir einfache Vorgehensweisen zu vermitteln. Damals war ich froh und hatte schlichtweg Spaß, später dann kapierte ich die komplexen Formeln hinter den chemischen Verbindungen, die sich mir im Leistungsfach wie von selbst erklärten. Charly meinte, kein Wunder, bei dem Vater. Daran, dass bei uns Mehl, Zucker und Müsli in weißen Chemikalienbehältern lagerten, hatte ich mich längst gewöhnt.

Ich schrieb damals begeistert einfach drauflos, verfasste einen lustigen Limerick über bunte Gärten, und hätte am liebsten den Federkiel gegen meinen Füller im Mäppchen eingetauscht. Obwohl dieser brandneu war, machte mir das Eintauchen und zarte Gekratze auf dem Papier ungleich mehr Spaß. Stundenlang saß ich fortan am Tisch über meine Hefte gebeugt, schrieb kleine Verse oder besonders schöne Worte und sah dabei zu, wie sich die nasse Tinte von dem angespitzten Kiel auf das Papier übertrug, wie sie dann für einen kurzen Augenblick schwarz glänzte, bevor sie langsam wie von Zauberhand aufgesogen wurde. Leider verblasste unsere selbst gemachte Tinte ziemlich schnell und von meinen damaligen Dicht- und Schreibversuchen blieb nichts mehr übrig, außer ein paar zerknickten Seiten, die ich irgendwann in den Müll warf. Auch die Schreibfeder hatte ich nicht behalten.

Nachdem ich älter geworden war und mich nicht mehr dafür interessierte, legte ich sie eines Tages wieder heimlich in den alten Schrank zurück, genau an die Stelle in der Schublade, wo ich sie ursprünglich gefunden hatte.

Der Schrank stand mittlerweile im Schlafzimmer meiner Eltern, genauer gesagt in Mamas Leseecke. Sie hatte ihn in tagelanger Arbeit geschliffen und lackiert, liebevoll seine ursprüngliche Holzmaserung ans Tageslicht gezaubert und aus dem verstaubten, alten Kasten ein wertvolles Kleinod gemacht. Sie konnte sich stundenlang in solchen Details vertiefen, den unscheinbarsten Dingen etwas Besonderes hervorlocken, dann schien sie wie abgehoben von der Zeit, weil sie alles andere um sich herum vergaß: ihren Job als Stewardess, den Ärger mit den Nachbarn, ihre eigene Unzufriedenheit. Allein dieser Gabe haben wir diesen wunderschönen Garten mitten in der Stadt zu verdanken mit seinen lauschigen Plätzen, der Venusfigur und üppigen Stauden, um den uns alle beneideten und der jetzt völlig verregnet und einsam schien, selbst wenn Vincent und ich dem Baumhaus für eine Nacht wieder Leben eingehaucht hatten. Aber das war nun Geschichte, unser Geheimnis, vielleicht wusste nur Mama im Himmel davon.

Mama.

Plötzlich raste mein Herz wie verrückt, die Feder in meiner Hand vibrierte zwischen meinen Fingern, schnell legte ich sie zurück auf das Fensterbrett. Ich beschloss, mich erst einmal meinen Hausaufgaben zu widmen, seitenlange Matheaufgaben, ein Aufsatz in Französisch und dann noch das Referat in Deutsch. Als ich fertig war mit schreiben, tat mir die Hand weh, so konzentriert hatte ich gearbeitet. Nachdenklich packte ich meine Sachen zusammen, es wurde höchste Zeit, dass ich mich um einen neuen Laptop kümmerte und wie alle anderen meine Schularbeiten wieder online erledigte. Mein Computer hatte genau an dem Tag aufgehört zu funktionieren, als wir die schreckliche Nachricht von Mamas Tod erfuhren. Bisher war ich immer der Meinung gewesen, technische Geräte hätten kein Eigenleben. Seit jenem Nachmittag bin ich vom Gegenteil überzeugt. Ich recherchierte gerade für einen Aufsatz in Erdkunde und war mit einem Artikel über das Bermuda-Dreieck beschäftigt, als mein Daddy leichenblass in mein Zimmer schlich. Er brauchte gar nicht viel zu sagen, ein flüsterndes Fragezeichen meinerseits, ein stummes Kopfnicken von ihm. Ich wusste sofort, Mama würde nie wiederkommen.

Nachdenklich streckte ich meine Finger, massierte die schmerzenden Stellen. Mittlerweile war es draußen dunkel geworden, die Vogelfeder glänzte im Schein meiner Schreibtischlampe. Abermals nahm ich sie in die Hand, betrachtete sie von allen Seiten, ich hatte keine andere Wahl, sie zwang mich im Schrank nachzuschauen, ob es diese alte Schreibfeder noch gab.

Seit Wochen war ich nicht mehr im Schlafzimmer gewesen, das letzte Mal, als Mama mit fürchterlicher Migräne für drei Tage im Bett gelegen und ich sie mit Tee und Arznei versorgt hatte. Leise öffnete ich die Tür zum Schlafzimmer, sie knarzte, das Flurlicht wies mir den Weg. Beklommen holte ich Luft, versuchte in diesem stickigen Raum zu atmen, seine Dunkelheit hielt mich umfangen, wie ich jetzt weiterging, zu dem alten Schrank, um in den Tiefen seiner Schublade nach der Schreibfeder zu tasten. Meine Finger wühlten sich durch Mamas Seidenunterwäsche, tasteten weiche Spitze, bevor sie den Federkiel fühlten.

Vorsichtig wollte ich ihn zwischen den Stoffen hervorziehen, doch er blieb an etwas hängen, mit einem Mal hatte ich nur noch Staub zwischen den Fingern. Atemlos zog ich die Schublade nun weiter auf und entdeckte eine Mappe sowie ein rotes, zerfleddertes Heft. Inzwischen hatte ich mir Licht gemacht, offensichtlich hatte ich Mamas Tagebuch sowie eine Reihe vertraulicher Unterlagen entdeckt, wie mir ein flüchtiger Blick verriet. Peinlich berührt legte ich die Dinge sofort wieder an ihren Platz zurück. Der Staub der zerfallenen Schreibfeder hinterließ ein brennendes Gefühl auf meiner Haut.

Meine Fingerkuppen hörten den ganzen Abend über nicht auf zu brennen, weder später beim Essen noch beim Fernsehgucken. Unmöglich, mit diesen Fingern Flöte zu spielen! Wie sollten sie da über die Klappen wirbeln, die richtigen Töne fühlen, wenn jede einzelne Berührung schmerzte? Zoé kam irgendwann und erzählte ausführlich von dem anstrengenden Shooting für einen Ultra-light-Joghurt, das sie absolviert hatte, lächelnd, professionell, ohne Spuren der Trauer im Gesicht. Jetzt wirkte sie fahrig, unkonzentriert, etwas schien sie uns sagen zu wollen, aber ein ums andere Mal verpasste sie die Gelegenheit und ruckelte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. So war es Cicero, der weit nach den Acht-Uhr-Nachrichten bei uns klingelte, weil er seine Süße vermisste, und wie beiläufig erwähnte, wie sehr er sich darüber freue, dass Zoé ab nächster Woche mit ihm gemeinsam in der Model-WG wohnen würde.

Daddy verzog ob dieser Mitteilung kaum das Gesicht, er nickte nur bedächtig, als hätte er sich genau so etwas gedacht. Zoé fragte ihn schon lange nicht mehr nach seiner Meinung, ihre Modelkarriere hatte sie gegen Mamas Willen und ohne seine Unterstützung gestrickt. Anders als bei mir, hatte er ihr niemals bei irgendwelchen Schulangelegenheiten geholfen. Zwischen den beiden gab es keine Momente der Berührung oder des Gesprächs, sie lebten nebeneinanderher wie Fremde, die sich nichts zu sagen hatten.

Nachdem nun alle im Bilde waren, plapperte Zoé in einer Tour, fragte um Erlaubnis, welche Kommode und welche Lampe sie mitnehmen dürfe, die Glasvase und den Mixer, rannte in eifriger Geschäftigkeit in den Keller und holte Umzugskartons, augenrollend kommentiert von Cicero, der meinte, morgen sei auch noch ein Tag, er wolle lieber ins Bett gehen, anstatt Kisten zu packen. Daddy nickte halb belustigt, halb erleichtert, auch er schien froh darüber zu sein, dass wieder Bewegung in die Familie kam. Er hatte sich nach Mamas Tod intensiver denn je in seinem Kellerlabor vergraben, arbeitete Tag und Nacht verbissen an seinem Forschungsprojekt, begleitet von Mozarts Klavierkonzerten, die er wieder und wieder hörte. Daddy und seine Studenten waren auf der Spur von Medikamentenrückständen im Grundwasser. Sie hatten den endgültigen wissenschaftlichen Beweis dafür erbracht, dass dieser „Gift- und Hormoncocktail“, wie er ihn nannte, Auswirkungen auf die Fortpflanzung der Menschheit hatte. Immer mehr Männer würden zeugungsunfähig, immer öfter missgebildete Kinder auf die Welt kommen, wenn das Trinkwasser nicht davon gereinigt würde. Deswegen arbeitete er mit seinem Team an der Entwicklung einer biologischen Filteranlage und stand, wenn ich seine nervöse Unruhe richtig deutete, kurz vor dem Durchbruch.

Es war typisch Zoé, wie sie jetzt durchs Haus wirbelte und alles in Beschlag nahm, niemand konnte sich ihrer Gegenwart entziehen. Wenn sie weg wäre, würde es sich nicht anders anfühlen als all die Wochen zuvor, wo sie ja auch kaum zu Hause war, dachte ich trotzig, wusste nicht, was ich fühlen sollte, Zoé würde mir fehlen, ihre Unbekümmertheit, ihre ansteckende Fröhlichkeit würde ich ebenso vermissen wie unsere üblichen Auseinandersetzungen. Ich fühlte einen brennenden Stich, spürte das winzige Loch in meinem Herzen, das sich neben Mamas Trauerecke gerade auftat. Noch eine, die gehen würde. Zoé und ich waren keine guten Freundinnen, wir konnten uns zutiefst streiten und verletzen. Wir wussten wenig über die andere und doch alles, Schwestern eben. „Wir besuchen uns, so oft es geht“, versuchte sie mich zu trösten und wir wussten beide, dass es kein Oft geben würde. Also half ich ihr beim Packen, bis weit nach Mitternacht sortierten wir gemeinsam ihre Kleider und Unterwäsche, ihr Kapital, wie sie lachend meinte. Trotzdem ließ sie sich es nicht nehmen, mir einen Spitzenbody sowie eine schwarze Lederleggings zu vererben, die zu meinem schlichten Styling passen würden. Mit einer innigen Umarmung, als hätten wir einen Abschied für immer vor uns, sagte sie mir dann Gute Nacht.

Ich fiel in einen unruhigen Schlaf und wachte gegen drei Uhr auf, schweißgebadet. War ich es, die im Traum geschrien hatte? Seit Mamas Tod träumte ich schlecht, immer wieder die gleichen Bilder: Ich lief auf einer Bergkuppe entlang, der Sonne entgegen, fröhlich, glücklich und frei, als ich plötzlich stolperte und der Länge nach hinfiel, auf einen Abgrund zurollte. Doch es handelte sich dabei nicht um eine Klippe, sondern um einen Kraterrand, in dessen Innerem Lava kochte und brodelte. Die rotorangenen Farben luden mich ein, einzutauchen, ihre kraftvolle Wärme aufzutanken, und doch hatte ich Angst davor, mich ihnen hinzugeben, mich zu verlieren, zu verbrennen. Ich wurde jedes Mal davon wach, dass ich vor Verzweiflung aufschrie, weil ich mich nicht entscheiden konnte, zu springen.

Leise schlich ich in die Küche hinunter, um mir ein Glas Wasser einzuschenken, aber ich hätte mir keine Mühe geben müssen, Zoé und Cicero waren sowieso noch wach. Halb genervt, halb belustigt von dem Seufzen und Stöhnen hinter ihrer Tür, schlich ich näher heran und spähte durch den winzigen Spalt. So stand ich heimlich und beobachtete, wie sie sich nackt und hingebungsvoll räkelten, hemmungslos, ich beglückwünschte meine Schwester zu so einem Freund wie Cicero. Leidenschaftlich.

Er brachte meine Schwester zum Singen, sie lagen mitten auf dem wolligen Teppich. Seinen Kopf hatte er zwischen Zoés Schenkeln vergraben, von meiner Schwester sah ich nur einen bebenden Bauch, helle Haut, die sich ihm wohlig entgegenstreckte. Atemlos beobachte ich, wie Cicero nun von den Fußspitzen an seine Zunge über ihr Bein gleiten ließ, sich behutsam vorarbeitete, die Innenseiten umspielte, immer näher kam, pulsierend, öffnend, dann heftig in sie hineinzudrängen suchte. Es war, als wäre er plötzlich überall, ich fühlte seine Zunge in mir, spürte seine Hände auf meinem Körper, auf meinen Brüsten, ich streichelte zurück, presste seinen Kopf an mich, suchte neugierig nach ihm. Ich ließ mich rücklings an der Wand hinuntergleiten, meine brennenden Finger folgten den rhythmischen Bewegungen im Zimmer nebenan, immer schneller, immer heftiger streichelten sie mich, fühlten mich tief und tiefer, erkundeten neugierig, machten alles rotorange. Da sang ich mit.

Am nächsten Morgen war alles so wie immer, mit dem Unterschied, dass ich längst auf den Treppenstufen vor der Schule herumlungerte, als der Hausmeister zum Aufschließen vorgefahren kam. Ich hatte kaum geschlafen, traumlos im Traum, und mich beeilt aus dem Haus zu kommen, weil ich weder Zoé noch Cicero begegnen wollte. Ich schämte mich nicht für das, was letzte Nacht zwischen uns passiert war, aber ich wollte dieses Geheimnis nicht mit ihnen teilen. Ohne Frage hätten sie mich sofort erkannt.

Langsam trudelten die ersten Schüler ein, erst die jüngeren Jahrgangsstufen, später die anderen, es war wie immer. Vincent winkte mir fröhlich zu, bevor er Richtung Schülercafé verschwand, das er gemeinsam mit drei anderen Jungs unter Mithilfe von Herrn Benzdorf als Schüler-Firma mit Buchhaltung und Umsatzbilanz betrieb. Kira kam angestürmt und fragte mich aus lauter Gewohnheit nach den Mathe-Hausaufgaben, und aus lauter Gewohnheit ließ ich sie wie immer abschreiben, es fühlte sich gut an, nach so langer Zeit wieder Gewohnheiten zu haben. Dann sah ich Charly um die Ecke biegen, sie wirkte ernst und traurig. Sobald sie mich erblickte, knipste sie ihr mitreißendes Lächeln an und radierte sogleich meine besorgten Fragen weg. Sie freute sich, dass wenigstens ich wieder in der Spur war, wie sie sich ausdrückte. Dafür ging es ihrem Vater wieder schlechter, selbst Partys und Vincent vermochten sie in dieser Situation weder zu trösten noch vom Nachdenken abzuhalten. Charlys Selbsttherapie der unzähligen Aktivitäten versagte, aber das bemerkte nur ich, die sie so gut kannte, Vincent ahnte es vielleicht.

Ich habe mich zu jener Zeit oft gefragt, wie Charly das schaffte, unmöglich hätte ich ihr Maskenspiel durchziehen können, mir konnte man immer sofort im Gesicht ablesen, was ich fühlte, ein offenes Buch für alle, die es sehen wollten. Dass ich fortan ohne meine Mutter leben musste, hatte mich in ein anderes Leben geschickt.

Manchmal war es, als würde ich mir selbst dabei zugucken, wie ich aß, trank, Zähne putzte, als wären es nicht meine braun glänzenden Augen, die mich im Spiegel aufmerksam musterten, auf der Suche nach Zeichen, nach Leberflecken, Lachfältchen, die mich mit ihr für immer verbanden. Ich war mir seit jener schicksalshaften Nachricht selbst ein Stück fremd geworden und wusste nicht, ob ich mich jemals wieder ganz fühlen würde, so wie früher, wenn ich auf Partys war und jemand mit mir, da half alles Streicheln nicht, ich suchte die Nähe zur mir selbst und fand sie nirgends. Es fiel mir schwer einzugestehen, dass es Mama war, die dieses Loch in mir aufgetan hatte und nach der ich mich so sehr sehnte, dass es wehtat. Wie konnte es sein, ich war doch alt genug, um alleine klarzukommen. Allein ich vermisste sie.

Ich wollte nicht in meiner Trauer versinken und doch fingen mich meine Tränen immer wieder ein. Mit aller Kraft konzentrierte ich mich an diesem Morgen auf den Unterricht, Mathe, Englisch, Politik, und konnte nichts dafür, dass zwischendrin immer wieder Gedankenfetzen auftauchten, ich an Mama denken musste, ihr ansteckendes Lachen, ihre Herzlichkeit, ihre Wärme. Während ich mit dem Orchester gemeinsam die ersten Takte von Mozarts C-Dur-Konzert einstudierte und die Töne mich groß machten, dachte ich an ihre Größe, selbstbestimmt und frei ihren Weg zu gehen, egal, was die Nachbarn von ihr dachten. Wie oft hatte mich meine Mutter darin bestärkt, ein Mädchen zu sein, eine Frau zu werden! Auf mich zu achten, in mich zu horchen, mich zu fühlen, mich zu geben, weich zu sein, ohne mich dabei selbst zu verlieren. Und doch fühlte ich mich unglaublich schwach.

Herr Schuhmacher ermahnte mich bei jedem kleinsten Patzer, ich sollte mich besser konzentrieren, schrie er mich an, obwohl er wusste, was passiert war, alle wussten es. Aber er konnte mich nicht leiden und würde mir meine Fehlstunden nicht verzeihen, so einer war er. Mama hatte mich jedem Lehrer hier an der Schule gegenüber verteidigt, der mich für zu eigensinnig und träumerisch hielt! Ihr allein hatte ich meinen Platz im Orchester zu verdanken, da Herr Schuhmacher der eigentlichen Meinung war, ich könne mich nicht gut in die Gemeinschaft integrieren. Weniger zweifelte er an meinem musikalischen Talent, sondern an meinem Willen, mich seinem Taktstock und der Vielstimmigkeit der anderen Instrumente anzupassen. Da täuschte er sich. Ich liebte jede einzelne Stimme, die Violine, die Trompete, das Fagott, wie sie sich alle hingaben, um im Einklang der Akkorde, der harmonischen Tonleitern etwas Einzigartiges entstehen zu lassen. Die Harfe, mein Gegenpart und Widerspruch, wir brauchten uns. Und wenn ich gemeinsam mit den anderen spielte, vergaß ich Raum und Zeit, verwob mich mit den Tönen oder sie sich mit mir, ich fühlte die Musik. So hatte ich es geschafft und Herrn Schuhmacher von meinem Talent überzeugt, er übertrug mir den Part der Solistin für das Sommerkonzert, die anderen konnten nicht ohne mich spielen und ich nicht ohne sie. Und nichts wollte ich so sehr, als Musik zu machen, mich frei zu spielen. Dann war ich meiner Mutter nahe, war ich mir nahe, es waren wenige Glücksmomente, die mir geblieben waren.

„Wie geht’s dir?“ Charly guckte mich aufmerksam an und erwartete nicht wirklich eine Antwort. Dann zog sie mich näher zu sich heran und wisperte mir ins Ohr:

„Ich weiß, was du durchmachst, es fühlt sich so schrecklich an. Mein Vater … er …“ Sie schluckte, ich drückte sie kurz an mich.

„Sie gehen ihren Weg, da können wir nichts machen“, flüsterte ich ihr ins Ohr und fühlte mich wie Vincent. „Und wir bleiben noch eine Weile hier.“

Charly nickte. „Es ist so ungerecht! Ausgerechnet jetzt, wo Vincent und ich uns endlich näherkommen. Wie kann ich verliebt sein, wenn mein Vater vielleicht morgen stirbt? Aber ich halte das zu Hause nicht aus, es ist … so banal. So schrecklich.“ Sie blickte mich verzweifelt an und ich glaubte ihr jedes Wort, ich hätte nicht mit ihr tauschen wollen. In Wirklichkeit lief es mit ihr und Vincent nur langsam an, weil er die Zeit auskostete, er genoss ihre Zittrigkeit, wenn sie ihn sah und warb leise lächelnd um sie. Charly hatte längst die Fäden aus der Hand gegeben, ohne es zu merken. Vincent schenkte ihr kleine poemas oder auch mal eine Rose, besoff sich mit ihr gemeinsam, bis noch nicht mal küssen klappte, befühlte sie behutsam, wenn sie dann doch mal gemeinsam ins Kino gingen. Seit jener Nacht im Baumhaus waren Vincent und ich uns aus dem Weg gegangen, die Sprache unserer Körper war irritierend und faszinierend zugleich, wir spürten die Sehnsucht nach Wiederholung und wussten beide, es würde nicht gut gehen.

Mit aller Kraft versuchte ich mich an jenem Morgen auf den Unterricht zu konzentrieren, stellte fest, dass ich nicht allzu viel verpasst hatte und war meinen Lehrern dankbar, dass sie mir nur kurz still zunickten, anstatt große Worte zu verlieren. Kira, Solveig und die anderen Mädels ließen mich ebenfalls in Ruhe, erzählten von der letzten Party und schwärmten von Mateo, der sich für keine von ihnen interessierte, obwohl er angeblich nicht schwul war.

„Da musst du mal ran, Eliza“, versuchte Kira es mit einem Scherz, Charly hielt sich erschrocken den Mund zu, doch ich grinste nur schief.

„Mal sehen“, sagte ich, wohl wissend, dass ich so schnell nicht wieder auf eine Party gehen würde und mich dieser Mateo nicht interessierte, er schmeckte nicht gut.

„Aber du musst trotzdem mal wieder unter die Leute“, versuchte mich Charly zu überreden. „Was hältst du von einem Stadtbummel?“

Wie es so ihre Art war, ließ Charly nicht locker und ruhte nicht eher, als bis ich zustimmte. Begeistert zog sie mich später von einer Boutique zur nächsten, probierte Hosen und Kleider und jammerte, dass sie zugenommen hatte, es gehörte wohl dazu, die Verkäuferin rollte nur die Augen.

„Du bist nicht zu dick, die Größe ist zu klein“, sagte ich jedes Mal, wenn sie mit gespielter Verzweiflung vor dem Spiegel stand und der Knopf am Bund nicht zuging oder Stoff über ihren Busen spannte.

„Ich muss unbedingt abnehmen!“, seufzte Charly und verschwand wieder in der Umkleide, wo ich alsbald ihre Strumpffüße unter dem Vorhang hervorblitzen sah. Seufzend ging ich vor den Laden und zündete mir eine Zigarette an. Irgendetwas in mir reagierte allergisch auf diese Worte, es war das Dauerthema der Mädchen auf dem Schulhof, allen voran Kira. Mir waren diese Diskussionen um Problemzonen fremd, ich teilte sie nicht, von meiner Mutter hatte ich gelernt, dass es auf andere Dinge beim Frausein ankam. Eines Tages hatte sie sich mit mir vor den Spiegel gestellt und mich gebeten, genau hinzuschauen. „Mit deinem Blick! Als ob du verliebt in dich wärest“, wie sie ausdrücklich betonte. „Schau auf dich mit deinen Augen. Was siehst du? Und dann schließe deine Augen. Was spürst du?“ Ich fragte mich, ob es nur an dieser Übung lag oder doch an meinen glücklichen Genen, die mich elfengleich aussehen ließen, weshalb mir das Dauerthema Diät nichts ausmachte.

Dankbar erinnerte ich mich an meine Mutter, die so selbstverständlich mit all diesen Themen umgegangen war und keine Probleme damit hatte, so dachte ich zumindest, als ich Charly zuliebe ein buntes Tuch erstand, das ihrer Meinung nach vorzüglich zu meinen langen, blonden Haaren passte.

„Du musst wieder unter die Leute, Eliza, deine Mutter würde es wollen, dass du wieder feiern gehst“, wiederholte sie, als wir später bei einem Espresso zusammensaßen. „Am Samstag ist Hausparty bei Kira, da musst du einfach hin. Paul ist bestimmt auch da und Mateo …“

„Paul.“ Ich zuckte verächtlich mit den Schultern. Und bereute es sofort. Denn prompt musste ich mir Charlys Empörung anhören, dass ich den armen Paul nur ausnutzen und mit seinen Gefühlen spielen würde und überhaupt würde ich ständig nur solche Geschichten haben, statt einer richtigen Beziehung. Ich verzichtete darauf, ihr zu erklären, dass es überhaupt nichts zum Spielen gab, ich hatte Paul nichts vorgemacht und nichts versprochen. Ich erinnerte mich gerne an ihn, aber wenn sich Charly jetzt dazwischen hängte, wurde es mir zu kompliziert. Ich fragte sie auch nicht, was sie unter einer „richtigen Beziehung“ verstand.

„Schon gut, ich komme“, versprach ich, um ihren Redefluss zu stoppen. „Aber nur, wenn du dich traust und endlich Vincent küsst.“ Woraufhin Charly mir ihren Amarettini an den Kopf warf.

Ich hatte Sehnsucht nach Mama, sie fehlte mir, das Haus war ohne sie leer und alles war traurig. So traurig. Auf der Suche nach Nähe und Trost und weil ich nicht einschlafen konnte, schlich ich mich an diesem Abend heimlich ins Schlafzimmer. Stickig war es, Daddy hatte seit Mamas Verschwinden den Raum nicht mehr betreten. Schnell lief ich zum Fenster, ließ die kalte Nachtluft einströmen. Wie ein kleines Mädchen, das schlecht geträumt hat und bei seinen Eltern Unterschlupf sucht, rollte ich mich dann unter der unberührten Decke im Bett zusammen, roch Mamas Duft in ihrem Kissen. Heute weiß ich nicht mehr, wie lange ich so lag, ob ich geweint habe, ob ich wirklich eingeschlafen war oder alles nur träumte. Wahr ist, dass ich aufschreckte, als ich jemanden um Hilfe rufen hörte. Oder war ich es, die im Schlaf geschrien hatte, weil ich nicht ins Innere des Vulkans springen wollte? Mein Herz klopfte wie verrückt, ich hielt den Atem an, aber in unserem Haus rührte sich nichts. Wie auch, Zoé und Cicero schliefen heute Nacht in der WG und Daddy hatte sich unten im Souterrain eingerichtet. Ich knipste das Licht an, versuchte mich zu beruhigen, mittlerweile musste es weit nach Mitternacht sein. Mein Blick fiel auf die Schublade des alten Schrankes, sie stand ein wenig offen und eine Mappe ragte neckend empor. Ich stand auf, wollte sie wieder ordentlich zurücklegen, dabei fiel das kleine, zerfledderte Heft zu Boden. Als ich es aufheben wollte, blätterte von meiner hastigen Bewegung die erste Seite auf und so konnte ich nicht anders, als darin zu lesen. Die ersten Zeilen waren verwischt, aber dann …

… seit heute Morgen habe ich die Gewissheit, ich bin schwanger! Endlich! Es ist ein unglaublich schönes Gefühl und ich könnte tanzen vor Freude. Richard ist unglaublich glücklich und trägt mich auf Händen, er betet mich an! Jetzt muss alles ganz schnell gehen, meint er. Er findet, dass wir unbedingt heiraten sollten und hat mir heute Morgen auf dem Klo einen Antrag gemacht. Auch wenn ich nicht romantisch veranlagt bin, fand ich das doch sehr ernüchternd. Aber er hat ja recht: Wir leben nun schon so lange Zeit unter einem Dach, haben uns in etlichen Diskussionen zusammengerauft und wissen, was wir aneinander haben, wie kein anderer Mann gibt er mir die Freiheit, ich selbst zu sein und vertraut mir. Wahrscheinlich ist es das Beste für uns.

Die Geschichte von Mamas und Daddys Hochzeit. Wie oft haben Zoé und ich ihr gelauscht, wenn Mama uns von dem Klo-Antrag, wie sie ihn immer nannte, erzählt hat, während wir beim Mittagessen in der Küche saßen. Nie war mir dabei ihre Bitterkeit aufgefallen, die Enttäuschung, die jetzt aus diesen Zeilen sprach, nie dieser Pragmatismus, mit dem sie entschieden hatte, dass unser Daddy der Vater ihrer Kinder sein sollte. Stattdessen hatte ich es als kleines Mädchen geliebt, wenn sie von den darauffolgenden Tagen und Wochen erzählte, von den Hochzeitsvorbereitungen, dem Einladungen-Schreiben und all den kleinen und großen Dingen, die eine Braut zu erledigen hat, es war so romantisch wie in einem Film und Charly hätte sich gefreut. Während Zoé immer schnell gelangweilt von Mamas Erzählungen war, konnte ich nie genug kriegen, ich fieberte jedes Mal richtiggehend mit. Ich war mit dabei, wie sie in Magazinen nach dem passenden Brautkleid stöberte, um sich schließlich ein schlichtes, schulterfreies mit kleiner Schleppe auszusuchen, das Daddy garantiert gefallen würde. Wie Mama konnte ich mich nicht zwischen einem kleinen Rosenbouquet und einem wasserfallartigen Orchideenarrangement entscheiden, dafür war mir sofort klar, dass es ein mediterranes Büfett für eine relativ überschaubare Hochzeitsgesellschaft geben sollte, meine Eltern hatten nicht viele Verwandte und Freunde.

Besonders aber mochte ich die Stelle, an der die beiden beim Juwelier ihre Eheringe aussuchten und gegenseitig ihre Namen gravieren ließen. Schlichte Goldringe, der von Mama etwas breiter und mit einem kleinen Brillanten verziert, sie liebte Schmuck. Und Daddy trug seinen Ring mit einer Art trotzigem Stolz. Für mich gibt es kein tieferes Symbol der gemeinsamen Gefühle als ein Ring, der dies bezeugt, dem Bekenntnis, ein Leben teilen zu wollen, der Liebe, die zwei Menschen für immer verbindet, ohne Wenn und Aber. Ein Versprechen. Noch heute, viele Jahre später, rührt mich jedoch der Anblick einer gealterten Frauenhand, die von einem goldenen Ring gehalten wird, zu Tränen, wohl wissend, dass es für die meisten Paare nur bei dieser Absichtserklärung bleibt, weil die Wirklichkeit dahinter viel zu kompliziert ist. Für mich auch. Ich hatte damals längst aufgehört, daran zu glauben, nur mit einem Mann glücklich zu werden. Liebe auf den ersten Blick für alle Ewigkeit – das war ein romantisches Märchen für Mädchen wie Charly, die nach wie vor darauf wartete, von ihrem Traumprinzen erlöst zu werden und hoffte, ihn nun in Vincent gefunden zu haben.

Zoé dagegen interessierte sich kaum für dieses Hochzeitsgedöns, wie sie es nannte. Für sie war viel mehr die Tatsache von Bedeutung, dass sie ein unehelich gezeugtes Kind war, ein Makel, den sie zeitlebens als etwas Besonderes vor sich hertrug und bei jeder sich bietenden Gelegenheit herausposaunte. Ich fand das immer eher peinlich, was interessierte mich das Sexleben meiner Eltern?! Wichtig war doch, dass sie sich gefunden hatten und wir eine Familie waren. Unsere Eltern hatten schließlich aus Liebe geheiratet, Klo-Antrag hin oder her. Sie führten bis vor Kurzem eine normale Ehe, beinahe spießig möchte man sagen, mit den üblichen Streitigkeiten und den dazugehörigen Versöhnungszeremonien, romantisches Geturtel und Tage voller Ärger im Wechsel. Da kannte ich von Kira ganz andere Geschichten, ihre Eltern lebten getrennt, hatten sich kein Wort mehr zu sagen, nachdem ihr Vater ihre Mutter monatelang mit einer Jüngeren betrogen hatte. Und nur, wie mir Kira als tiefstes Geheimnis anvertraute, weil diese den sexuellen Fantasien ihres Vaters nicht genügen wollte und weder Lust auf Swingerklub noch Bondage-Spielchen hatte. Ich weiß noch, wie schockiert ich darüber war und wie ich daraufhin nach entsprechenden Informationen surfte, die mich tagelang in einen fast traumatischen Zustand zwischen Verwirrung und Erregung versetzt haben.

Zoé aber zog ihre Besonderheit daraus. Sie war das Kind, das den Ehebund ihrer Eltern besiegelt hatte, jemand, der nur aufzutauchen brauchte und sofort im Mittelpunkt des Gesprächs stand. Bei ihr wusste ich nie, in welchem Film ich gerade mitspielen durfte, war ich Aktrice oder Statistin, denn sie gab mir oft genug zu verstehen, dass ich als Zweitgeborene ja nur noch Pflicht gewesen wäre, ein Anhängsel, sozusagen um dem Familienklischee zu genügen, nicht, weil meine Eltern Liebe und Sehnsucht nach einem weiteren Kind gehabt hätten. Wie sehr sich Zoé in dieser Annahme täuschte, wie sehr ich mich zeitlebens in diesem Kindheitsgefühl der Zweitrangigkeit getäuscht hatte, sollte ich erst nach und nach auf verwirrende Weise erfahren. Damals ahnte ich nicht, dass ich mit Aufzeichnungen meiner Mutter den Anfang einer verknoteten Möbiusschleife in den Händen hielt.

Ich musste eingeschlafen sein, denn als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich in Mamas Bett, zugedeckt. Die Schubladen vom Schrank waren wieder sorgfältig verschlossen und als ich eilig nachsah, lag auch das rote Heft wieder an seinem Platz. Für einen Moment dachte ich darüber nach, Schule zu schwänzen, doch wir hatten später am Tag noch Orchesterprobe. Also zog ich mich in Windeseile an, packte meine Sachen zusammen und wollte mir gerade in der Küche einen Pausenapfel einstecken, als mir Daddy entgegenkam. Auch er hatte verschlafen und musste sich nun beeilen, damit er pünktlich an die Uni kam.

„Nur noch wir zwei“, murmelte Daddy in mein Haar, als er mir im Vorübergehen einen Kuss hineinhauchte. „Wie früher.“

Eine riesengroße Welle der Traurigkeit erfasste mich abermals, spülte mir Tränen in die Augen und machte, dass ich mich wie ein Kleinkind in Daddys Armen trösten ließ. Er murmelte liebevolle Worte, „Du und ich, wir zwei zusammen“, und doch fühlte ich mich in jenem Moment unglaublich alleine. Während ich mich langsam beruhigte, schaukelte in mir die Erinnerung hoch, dass es auch vor Mamas Tod nicht anders gewesen war: Daddy und ich belebten das Haus, während sie um die Welt flog und Zoé Party machte. Zwischen uns hatten sich für diese Zeiten feste Rituale entwickelt, über alle Jahre hinweg hielten wir uns auf diese Weise gegenseitig umsorgt. Daddy stand morgens früh auf, bereitete das Frühstück und startete die Waschmaschine. Er sorgte für einen gefüllten Kühlschrank mit allerlei Nettigkeiten und Leckereien, aber zubereiten musste ich mir mein Essen selbst, ich ließ immer eine Portion für ihn zum Aufwärmen stehen. Wenn ich nicht in der Schule oder bei Charly aß, was seit der Erkrankung ihres Vaters kaum noch vorkam. Einmal hatte ich es noch probiert, hatte Charly zuliebe versucht, so zu tun, als sei es das Normalste der Welt, bei ihr zu Hause am Tisch zu sitzen, während eine Tür weiter ihr Vater mit Sondennahrung versorgt werden musste und immer wieder herüber lallte, woraufhin ihre Mutter hektisch zu ihm eilte. Den Geruch von Bratenduft gemischt mit Uringestank und Desinfektionsmittel habe ich heute noch in der Nase, so sehr habe ich mich an jenem Nachmittag mit meiner Anwesenheit in diesem Haus gequält, in dem ich einmal gerne ein und aus gegangen bin.

Daddy wirkte an jenem Morgen fahrig, wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich behauptet, er wäre verkatert. Aber im Gegensatz zu meiner Mutter lebte er vollkommen abstinent, kein Tropfen Alkohol, noch nicht mal an Feiertagen. Nachdenklich schaute ich ihn an. Natürlich hatte Mamas Tod seine Spuren in ihm hinterlassen, ich trauerte nicht alleine. Auch wenn sie in den letzten Monaten häufig gestritten hatten und er ein völlig anderes Leben führte, wenn sie arbeiten war, hatte er nur für Mama gelebt, sie vergöttert. Las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, wenn sie müde von ihren Flügen kam. Dann hat er ihr ihr Lieblingsessen zubereitet und ein warmes Bad eingelassen, bevor er sie später mit Lavendelöl liebevoll von Kopf bis Fuß massiert hat. Mama stand auf solche Zeremonien, und wenn sie diese Art der Entspannung gerade brauchte, machte Daddy eben auch das. Ich weiß, er hatte auch seinen Spaß dabei, es hörte sich immer so an.

Wenn Mama unterwegs war, schlich ich heimlich ins Badezimmer, holte mir das Lavendelöl und streichelte mich selbst damit glücklich. Es war eine ganz andere, sinnliche Erfahrung als mit einem Jungen, einsam, alleine, nur für mich, aber irgendwann habe ich den Unterschied der anderen Hand nicht mehr gespürt und konnte mich mir mit einer unbeschreiblichen Lust hingeben, die mich tagelang erfüllte.

„Da hat übrigens gestern Abend noch ein Paul angerufen“, sagte Daddy und trank den restlichen Schluck Kaffee aus. „Aber du hast schon geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken.“

„Paul?“ Ich sah ihn amüsiert an.

„Ja, wegen der Chemie-Hausaufgaben. Ich dachte, so etwas regelt ihr mittlerweile online?“ Es war mehr ein Zwinkern als ein Fragen. Daddy wusste genau, dass ich mit den sozialen Medien wenig am Hut hatte, im Gegensatz zum ihm, der mit seinen Forscherkollegen in aller Welt bestens vernetzt war und mehrmals täglich skypte.

„Du wirst es ihm erklärt haben …“ Insgeheim grinste ich in mich hinein. Paul! Da rief er unter einem Vorwand bei mir zu Hause an und dann bekam er von meinem Vater eine Sondervorlesung über Aldehyde und Redoxreaktionen. Ich wusste noch nicht einmal, ob Paul überhaupt noch zur Schule ging.

„Ich muss jetzt los …“ Daddy wandte sich ab, kramte in seiner Cordjacke nach dem Haustürschlüssel. Dabei fiel ihm ein zerknicktes Foto aus der Tasche. Ich bückte mich danach, er war schneller.

„Ist das Paul? Du musst es verloren haben, es lag … neben deinem Mantel“, sagte er mit belegter Stimme, betrachtete es nachdenklich. Dann streckte er es mir hin.

Ich warf einen flüchtigen Blick auf die Aufnahme, ein Urlaubsfoto. Es zeigte einen dunkelhaarigen Mann, so um die Mitte zwanzig, dessen blaue Augen mit dem Meer im Hintergrund um die Wette funkelten. Dieses Funkeln kannte ich, es hatte mich mein Leben lang begleitet.

Ich steckte es schnell ein, nicht jetzt, nicht im Beisein von Daddy darüber nachdenken, wer das hier auf dem Foto war. Offensichtlich war es ihm ebenfalls unangenehm, zumindest verabschiedete er sich rasch Richtung Uni, auch ich musste los.

Weil mich Charly vereinnahmte und anschließend Vincent und dann Kira wegen Mathe, fand ich keine Gelegenheit. Erst am späten Nachmittag, nach einer anstrengenden Orchesterprobe, bei der wir wieder und wieder die ersten dreißig Takte vom Allegro durchgegangen waren, weil die Streicher ständig ihren Einsatz verpatzten, wagte ich einen erneuten Blick auf das Foto. Ich lehnte im Gang, spürte Tränen in mir und zögerte, bis ich es schließlich ausführlich studierte, in meiner Hand drehte, wendete. Offensichtlich stammte die Aufnahme aus Alassio, einem italienischen Badeort an der ligurischen Küste, wie auf der Rückseite vermerkt war. Ti amo, sempre, stand da. Und ein Name: Giacomo. Ich kannte keinen Giacomo, hatte nie seinen Namen gehört, auch hatten weder Mama noch Daddy von ihm jemals erzählt. Wieso lag plötzlich sein Foto bei uns im Flur, ausgerechnet vor meiner Tür, wie Daddy behauptet hatte? Unbehaglich lief ich ein paar Meter weiter, ließ die anderen an mir vorbeiziehen, niemand fragte, Gedanken jagten durch meinen Kopf. Mamas Tod. Die Beerdigung. Daddy. Vincent. Charlys Vater.

Und jetzt dieses Foto.

Ich schwöre, ich wollte nicht in Mamas Sachen herumschnüffeln. Aber wenn ich das Foto in meiner Hand betrachtete, wusste ich, ich müsste es heute Abend tun. Denn es waren Zoés Augen, die mich anblitzten, dieses unbeschwerte, leichte, fröhliche Strahlen, mit dem sie immer alles erreichte, was sie wollte, um das ich sie immer beneidet habe. Sie forderten mich unmissverständlich auf, Fragen zu stellen, ob es mir passte oder nicht. Fragen nach der Ehe meiner Eltern, ihr Verhältnis zueinander und ob Mama diesen Giacomo jemals wieder getroffen hatte. Ich schloss die Augen, ich kannte die Antwort. Natürlich hatte sie ihn nicht wiedergesehen. Dafür andere.

Ich spürte Schwindel in mir aufsteigen.

Als ich an jenem Abend heimlich in das Schlafzimmer schlich, klemmte die Tür. Erst dachte ich, sie sei abgeschlossen, aber dann bemerkte ich ein feines Bändchen, das sich unter dem Türblatt verhakt hatte. Es gehörte zur Schärpe von Mamas Hochzeitskleid, zog mich zu der roten Schachtel, in der sie es für immer aufbewahrte. Vorsichtig legte ich es auf den zarten Stoff zurück, verschloss sorgfältig den Deckel, nicht ohne zu bemerken, dass das kleine Heft daneben auf dem Boden lag. Atemlos griff ich danach, eine Spur zu Giacomo. Ich wollte sofort Mamas Notizen darin lesen, doch zuerst musste ich mich in Sicherheit bringen. Hier drinnen nämlich hielt ich es nicht eine Sekunde länger aus. Die Luft war stickig, es war, als klemmte jemand meinem Brustbein das Atmen ab. Hatte ich mich gerade noch nach Mamas Nähe gesehnt, so schien sie mir in diesem Raum plötzlich unerträglich präsent. Ich musste raus hier, allein sein, an einem Ort, an dem ich mich frei fühlte, unbeobachtet. Am liebsten wäre ich ins Baumhaus oder weg in eine Kneipe, doch dann hätte Daddy mir nur Fragen gestellt. Er war es von mir nicht gewohnt, dass ich unter der Woche abends ausging, ich war nicht Zoé, die jeden Tag Party feierte.

Ich war gerade auf dem Weg in mein Zimmer, als mein Handy klingelte.

Es war Charly, die mich mit tränenerstickter Stimme bat, sofort zu ihr zu kommen. Ihrem Vater ging es schlechter, sehr schlecht sogar, und ihre Mutter wollte ihm im engsten Kreis einen Gutenachtsegen geben, wie sie es nannte.

„Bitte. Und bring deine Flöte mit.“

Ich kannte Charly und Marlene gut genug, um zu wissen, was sie von mir erwarteten, kein Nein, stattdessen ein schlichtes Natürlich. Schnell packte ich ein paar Sachen zusammen und sagte Daddy Bescheid, der mich besorgt fragte, ob er mich nicht lieber fahren sollte. Sein Blick wollte außerdem wissen, wie ich es verkraften würde, drei traurige Trennungen innerhalb von ein paar Tagen. Mir dagegen kam es sehr gelegen, mit dem Fahrrad durch die kalte Nachtluft zu radeln, gedankenvoll wie ich war. Ich würde zwar keine Gelegenheit dazu haben, in Ruhe das kleine Heft zu studieren, das ich sicherheitshalber in meiner Jackentasche verwahrte. Aber der Wind würde meine Gedanken wegpusten, mich befreien. Bis zum nächsten Mal.

In Charlys Haus herrschte eine merkwürdige, feierliche, beinahe gelöste Stimmung. Überall waren Kerzen aufgestellt und im Wohnzimmer saßen Freunde und Verwandte beisammen, kein Vincent. Sie flüsterten und naschten Schokoladentäfelchen aus silbernen Schälchen. Marlene begrüßte mich mit ihrem feinen Lächeln, während mir meine Freundin schluchzend um den Hals fiel. Dann setzten wir uns zu den anderen auf das Sofa, erst jetzt fiel mir auf, dass überall Rosenblätter verstreut waren, ein roter Blütenteppich. Ein üppiges Bouquet stand in einem großbauchigen Gefäß und verströmte einen süßen Geruch in meine Richtung. Oder stammte dieser von dem Räucherwerk auf dem Tisch? Von dort zogen feine Kringel in meine Nase, ein schwerer, süßlicher Duft. Ich nickte Charly mitfühlend zu, dann steckte ich unbeachtet von den Anwesenden meine Flöte zusammen, ich sollte Brahms Gutenachtlied spielen, darum hatte mich Charlys Mutter ja gebeten, ein schlichtes Ruhe-Sanft, deswegen war ich gekommen. Ich liebte dieses Lied, oft schon hatte ich mich selbst damit in den Schlaf gewiegt, Variationen über die eigentliche Melodie gelegt und so fing ich auch an jenem Abend damit an, stand auf, spielte auf, ließ die Töne frei, sie herausströmen, wie sie gerade in meinem Atmen gefangen waren. Sie waberten wie der Rauch über die Rosen, hüllten Charly wie zum Trost darin ein, kamen, gingen, blieben. Ich fing das Trauergefühl in meine Töne, dehnte es, atmete es, schloss es für immer ein, meine eigene Traurigkeit dazu. Um mich herum verstummten alle, als Charlys Vater in seinem Pflegebett hereingerollt wurde. Mit kalkweißem Gesicht lag er wie leblos in seinen Laken, nur seine dunklen Augen rollten wachsam hin und her, ab und zu sah man das Weiße darin aufblitzen. Charly schluchzte noch lauter, Marlene aber stand am Kopfende und hielt ihre Hand segnend über den Kopf ihres Mannes. Dann bedeutete sie den anwesenden Gästen, sich ums Bett zu gruppieren, Oma und Opa zu seiner Rechten, Charlys Brüder zu seiner Linken, Onkel und Tante zu seinen Füßen, Charly zog sie neben sich, während sich alle an den Händen fassten, gemeinsam in andächtiger Stille verharrten. Dann ließen sie sich wieder los, murmelten Gebete und begannen, das Bett mit Rosenblättern zu bedecken, Blatt für Blatt, mit Rosen bedacht. Ich weiß noch, dass ich gerne mitgeholfen hätte, statt alleine danebenzustehen, aber meine Aufgabe in jener Nacht war eine andere.

Und dann begann der Rauch zu tanzen, ich schwöre, erst unmerklich, dann immer stärker, wurde eins mit meiner Melodie. Charly schluchzte jetzt hemmungslos, ihre Mutter bedeckte weiterhin das Bett mit Rosen, Blatt für Blatt, mit einem milden Lächeln, beinahe froh. Ich aber sah, wie sich Charlys Vater in seinem weißen Nachthemd aufrichtete, sich vom tanzenden Rauch umfangen ließ und erhob, um sich dann für einen Moment zum Abschiedskuss zärtlich über Charly, seine Frau und Söhne zu beugen, bevor er durch das offene Fenster für immer entschwand.

Es war spät, als ich nach Hause fuhr, die ganze Zeit über hatte ich das Heft durch den Stoff auf meiner Haut gespürt, wie ein feiner Stempel erinnerte es mich daran, es bloß nicht zu vergessen. Wie konnte ich! Gleichzeitig steckte ich immer noch voller friedvoller Töne, beinahe bezaubert von dem Abschied, den ich gerade erleben durfte, so ganz anders als mit Mama. Mein Herz krampfte bei dem Gedanken an sie, sofort hatte ich die tröstende Musik der Matthäus-Passion in mir, schaffte es, mich zu beruhigen. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, stieg ich auf der Brücke ab und zündete mir eine Zigarette an. Im Schein der Straßenlaterne dann holte ich das Heft aus meiner Jacke, lehnte mich an das Geländer und las.

Über ein Jahr ist nun der letzte Eintrag her, dazwischen liegt eine turbulente Zeit. Erst die Hochzeit, eine verkorkste Hochzeitsreise … ich weiß schon keine Details mehr, ist zu lange her und ich bin auch froh, dass ich das alles vergessen habe, was zählt, ist das Hier und Jetzt und das ist so übervoll, dass ich nicht mehr länger schweigen kann und mir einfach alles von der Seele schreiben MUSS.

Ich weiß, ich müsste glücklich sein, ich habe einen liebevollen Mann, der mich auf Händen trägt, eine gesunde, süße Tochter, trotzdem bin ich unzufrieden. Wenn andere Mütter vor Stolz platzen, weil ihr Wonneproppen ein Bäuerchen gemacht hat, bekomme ich das kalte Kotzen. Ich kann nichts anfangen mit Stillgruppe, PEKiP oder Babyschwimmen, ich finde Zoé einfach nur anstrengend, anstrengend, anstrengend. Nachts wacht sie alle drei Stunden auf und verlangt etwas zu trinken, tagsüber schläft sie kaum, weil sie hellwach die Gegend um sich herum erkunden muss. Die anderen beneiden mich, weil sie schon läuft und richtig lange Haare hat, und wollen Tipps von mir, wie sie ihr Kind noch besser fördern können. Haben sie die noch alle?

Das ist aber nicht der wahre Grund für meine schlechte Laune. Zoé spiegelt mir klar und deutlich mein Verhalten, meine Fehler. Da muss ich nicht tiefenpsychologisch veranlagt sein wie diese Marlene, die die Rückbildungsgymnastik leitet. Ich weiß auch so zwei Dinge:

1. Werde ich nie wieder so jung, attraktiv, hübsch, knackig sein wie VOR ihrer Geburt. (Mit diesen zehn Kilo Übergewicht reicht es noch nicht einmal zum Bodenpersonal!)

2. Sie hat keine Ähnlichkeit mit Richard. Nicht eine klitzekleine Kleinigkeit. Natürlich ist ihm das auch schon aufgefallen, spaßeshalber hat er schon gemeint, da hätten die in der Klinik wohl die Babys vertauscht.

Die Wahrheit ist:

Er war bei der Zeugung nicht dabei. Und jetzt habe ich ein Problem, genauer gesagt: Eigentlich keins, denn er ahnt und weiß ja von nichts und wird es auch nie tun. Aber irgendjemandem muss ich mich anvertrauen, ich MUSS endlich einmal alles loswerden, sonst ersticke ich daran. Denn ICH muss mit dieser Lüge leben, dass ich ihm dieses Kind untergejubelt habe, ihm nicht die Wahrheit gesagt, nur weil ich ein sicheres, geregeltes Leben haben wollte. Mit ihm.

Natürlich liebe ich ihn. Seine Zärtlichkeit. Und schätze ihn. Weiß, was er alles für mich tut, er ist für Zoé der beste Daddy, den man sich wünschen kann.

Wenn da nur nicht immer diese Vergleiche wären. Und diese brennende Sehnsucht, dieses Verlangen, Giacomo wiederzusehen, dort weiterzumachen, wo wir vor zwei Jahren aufgehört haben. Aber ich kann es nicht, ich darf Richard nicht verletzen, das hat er nicht verdient. Also schweige ich. Bin unglücklich. Leide. Und sehe in Zoé nur ihn …

Da stand sie, die Wahrheit, so trivial wie in einem Groschenroman. Jeder, der genau hinsah, musste die Unterschiede zwischen Zoé und Daddy bemerken. Sie hatten nichts, aber auch rein gar nichts gemeinsam, rasselten bei jeder sich bietenden Gelegenheit aneinander. Daddy und sie waren einander wirklich fremd, anders als ich mit ihm. Mama hatte vor ihm einen anderen Mann geliebt, sich nach ihm verzehrt, musste es immer noch getan haben, als sie jene Zeilen schrieb und längst mit Daddy verheiratet war.

Zoé war also meine Halbschwester, ein Kuckuckskind. Wenn sie das wüsste! Jetzt verstand ich auch, warum Mama einerseits ständig Streit mit ihr hatte, sie andererseits aber dermaßen vergötterte, dass sie ihr alles verzieh und erlaubte. Begierig blätterte ich in Mamas Heft weiter. Hatte Mama Giacomo wirklich nicht mehr wiedergesehen? Wie konnte sie Daddy gegenüber den Schein aufrechterhalten, hatte er nie Zweifel? Und was war mit mir? Wie war ich zu ihr gekommen? Stattdessen las ich nur weitere traurige Gedanken voller Depressionen und Tränen, düstere Visionen und wie sehr Mama Zoé in ihren Babyjahren hasste. Ja wirklich, einmal hätte sie sie beinahe zu Tode geschüttelt, nur das Klingeln des Postboten hatte sie davon abgehalten.

Erschrocken klappte ich das Heft zu. Das wollte ich nicht glauben, meine schöne Mama, eine brutale Assi-Kindesmisshandlerin, die in ihrer depressiven Ohnmacht nichts Besseres wusste, als ihr Kind zu töten?! Und als ob ich damit Geschehenes ungeschehen machen könnte, habe ich das rote Heft damals in lauter kleine Fetzen gerupft, sie im Nachtwind des Frühlings in den Fluss unter mir segeln lassen, damit dieser das Geheimnis meiner Mutter auf Nimmerwiedersehen mit sich fortspülte, murmelnd hinfort trug. Ich stand oben auf der Brücke und blickte hinunter auf die Strömung, kurz wirbelte das Papier im Schein der Laterne noch auf, dann war es verschwunden, aufgesogen, aufgelöst. Ein Seufzer der Erleichterung – oder war es Sorge? – wollte sich gerade meiner Brust entheben, da klingelte mein Handy und riss mich aus meiner Welt.

Autor

  • Ilona Einwohlt (Autor)

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Titel: Was von uns bleibt