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Herzklopfen unterm Weihnachtsbaum

von Gisela Maria Stiens (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Tessas Beziehung zu ihrem Freund Tom ist in der Krise, sie verliert ihren Job und zu allem Übel ist sie auch noch in einen Unfall in dichtem Schneetreiben verwickelt. Als ihr Ben, Tessas Retter in der Not, immer wieder über den Weg läuft, hat sie auch schon den Verursacher für das ganze Chaos in ihrem Leben gefunden. Ben, den alle Frauen anhimmeln. Ben, der so verboten gut aussieht und Tessas Herz bei einem Kuss im Schnee gehörig aus dem Takt bringt – ob sie will oder nicht. Doch sie ist sich sicher, dass sie sich nicht in ihn verlieben wird!

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe November 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-895-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-942-8

Covergestaltung: Grittany Design
unter Verwendung von Motiven von
© SunshineVector/shutterstock.com, © Sundra/shutterstock.com, © Kjpargeter/depositphotos.com und © Wavebreakmedia/depositphotos.com
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1. Kapitel

Tessa holte tief Luft. Endlich Feierabend. Sie fuhr den Computer runter, schloss ihren Schreibtisch ab und verließ das Büro. In ihrem Kopf hämmerte es. Sie brauchte dringend frische Luft. Sie ignorierte den Fahrstuhl und nahm die Treppe, denn die Kopfschmerzen ließen sich durch Bewegung sicher am besten vertreiben.

Schon am Mittag hatte sie eine Tablette genommen, die aber nur kurz gewirkt hatte, gerade so lange bis Herr und Frau Zimmer sich in der Besucherecke ihres Büros niedergelassen hatten, und an Tessas mühsam erstellten Vorschlägen zur Renovierung ihres Hauses herummäkelten.

Tessa war Innenarchitektin bei der Firma Mannsen & Brauer. Mannsen & Brauer bot einen Komplettservice für Wohn- und Geschäftshäuser an, der von Rohbau bis zur Inneneinrichtung reichte. Die Firma gehörte den Eltern von Tessas Freund Thomas Mannsen.

Tessa war eine von drei Innenarchitektinnen, die sich um die Kundenwünsche kümmerten. Das Ehepaar Zimmer hatte allerdings an Tessas Vorschlägen derart viel auszusetzen, dass sie letztendlich mit dem Paar übereinkam, alle Pläne noch einmal zu überarbeiten.

Eigentlich konnte Tessa gut damit leben, wenn sie Änderungen einarbeiten musste, schließlich wollte sie, dass die Leute zufrieden waren. Doch Adele und Kurt Zimmer hatten die Pläne schon mittlerweile zum dritten Mal umgeworfen, obwohl Tessa sich genau an die gewünschten Vorgaben gehalten hatte. Plötzlich hatte das Paar die Wünsche von zuvor wieder revidiert und Tessa ahnte, dass auch die vierte Version ihrer Pläne erneut von dem Paar als inakzeptabel verworfen werden würde. Die Leute wussten einfach nicht, was sie wollten.

Aufatmend kam Tessa im Parterre an, winkte dem Pförtner freundlich zu und lief nach draußen.

Es war dunkel und regnete in Strömen. Klar, das Ehepaar Zimmer hatte Tessa bis neunzehn Uhr beschäftigt, und war dann mit dem Wunsch abgezogen, dass Tessa die Pläne noch einmal komplett erneuern sollte.

Sekundenlang stand Tessa unterm Vordach und sah in den Regen hinaus. Das rechteckige Bürogebäude war fünfstöckig und verfügte über eine riesige Fensterfront zur Straße hin. Über dem gläsernen Rund des Eingangs war in riesigen Blockbuchstaben die Firmenbezeichnung angebracht, die bei Dunkelheit weithin leuchtete. Ihr Auto stand ganz hinten auf dem Parkplatz und im Bürohaus hinter ihr war es fast dunkel. Nur das Fenster im dritten Obergeschoss, im Büro von Toms Vater, war noch erleuchtet.

Tessa blickte nach oben. Der Regen rann an der Fensterfassade entlang bis hinunter zu den Pfützen am Boden. Trotz der frischen Luft hämmerte es noch immer in ihrem Kopf, als sei ein Bauarbeiter dabei, hunderte von Nägeln einzuschlagen. Plötzlich bewegten sich ihre Beine fast ungewollt vorwärts. Langsam und gemütlich ging sie über den Platz und genoss den Regen, der in Kürze ihren dünnen Mantel durchweichte. Als sie endlich vor ihrem Auto stand, lief das Wasser aus ihren Haaren, aber die heftigen Kopfschmerzen hatten sich ein klein wenig gebessert. Tessa zog den pitschnassen Mantel aus, warf ihn auf den Beifahrersitz und fuhr langsam los.

 

***

 

Die kleine Dreizimmerwohnung, die sie gemeinsam mit Tom bewohnte, lag im zweiten Stock eines Vierparteienhauses in einer von Bäumen bewachsenen Straße. Bei der Einrichtung hatten Tessa und Tom ganz auf weiße Möbel gesetzt. Mit bunten Drucken und hübschen Vorhängen hatte Tessa die vier Wände gemütlich eingerichtet. Froh endlich Feierabend zu haben, stürmte sie die Treppe hoch.

Tom wartete schon ungeduldig auf sie.

„Wo bleibst du denn?“, fuhr er sie im Flur ihres Appartements wenig liebevoll an und ergänzte grinsend, nach einem Blick auf ihre nassen Haare: „Oh, wolltest du beim Duschen Wasser sparen, oder was hat dieser pitschnasse Auftritt zu bedeuten?“

Tessa war nicht in der Laune für Scherze und giftete zurück: „Auf deine blöden Kommentare kann ich verzichten!“ Sie hängte ihren nassen Mantel auf einen Bügel an der Garderobe im Flur, legte ihre Tasche samt Schlüssel auf dem halbhohen, schmalen Tischchen neben dem Wandspiegel ab und wollte an Tom vorbei.

Doch er hielt sie am Arm fest und sah sie jetzt verärgert an. „Ach? Auch noch beleidigt!“, protestierte er. „Ich warte seit einer geschlagenen Stunde auf dich und du wirst auch noch frech!“

„Bedank dich doch bei den Zimmers. Die haben mich zwei Stunden lang beschlagnahmt.“ Tessa wollte nur noch ihre Ruhe und steuerte das Bad an, als ihr auffiel, dass Tom seinen Anzug trug. „Willst du noch weg?“

Tom riss die Augen auf. „Was meinst du wohl, warum ich hier auf dich warte? Wir sind bei meiner Schwester zum Abendessen eingeladen. Sie hat Geburtstag. Schon vergessen?“

„Oh, nein.“ Tessa stöhnte. „Ich hab Kopfschmerzen, bitte Tom, geh allein. Ich kann nicht!“

„Ach ne, damit kommst du jetzt!“ Tom schien echt sauer. „Und warum hast du mich nicht angerufen? Es ist gleich acht. Ella und Linus warten schon fast eine Stunde auf uns.“

„Ich hab’s vergessen. Bitte, Tom, geh allein. Ich kann jetzt nicht“, bat Tessa. „Sieh mal, wie ich aussehe.“

Tom runzelte die Stirn, sah sie wütend an, griff nach seinem Mantel, und stürmte wortlos zur Tür.

Tessa sah ihm gefrustet nach und ging ins Bad. Als sie herauskam, hatte sie ihr mittelblondes, schulterlanges Haar unter einem Turban versteckt, den sie aus einem Handtuch gedreht hatte, und das strenge Kostüm gegen einen kuscheligen Hausanzug getauscht. Tessa checkte ihre Handynachrichten durch und legte sich aufs Sofa.

Das Wohnzimmer war Tessas Lieblingsraum. Hier war sie von dem ansonsten schlichten, praktischen Stil der anderen Möbel abgewichen und hatte sich für verspielte, weiße Landhausmöbel entschieden. Da Tom ihr die Gestaltung zum großen Teil überlassen hatte, wandte sie ihre ganze Energie auf, um eine Oase der Ruhe zu schaffen. Mitten im Raum stand der Couchtisch mit den leicht gebogenen Füßen auf einem dunkelroten Teppich, der auf dem hellen Laminatboden einfach super wirkte. Gegenüber vom Fenster war eine weiße, schlichte Schrankkombination im Landhaus-Stil der Hingucker schlechthin. In der Mitte war ein Bücherregal, das beidseitig von je einem Glasschrank eingerahmt wurde. Die wie beim Tisch leicht gebogenen Füße wirkten nicht nur elegant, sondern waren auch hoch genug um darunter problemlos Staub zu wischen, was Tessa als großes Plus empfand, denn Tom betätigte sich äußerst selten an der Hausarbeit. Das bis zum Boden reichende Fenster wurde umrahmt von zarten, weißen Tüllgardinen mit einem Rosenmuster. Die gemütliche Sitzgruppe, die seitlich der Tür stand, passte farblich zum Teppich und bestand aus dem Sofa und zwei Armsesseln. Tessa hatte cremefarbene Kissen dazu gekauft und auch die Decke, in die sie sich nun kuschelte, war aus einem plüschigen Stoff in creme.

Ihre Gedanken wanderten zu Tom. Tessa kannte Tom schon seit Kindeszeiten. Sie hatten die gleiche Schule besucht, zur selben Zeit Abitur gemacht, wenn auch in verschiedenen Klassen, und beide hatten fast zeitgleich mit dem Studium begonnen. Tom hatte gezielt sein Studium im Bauwesen gemacht, weil er die Baufirma seines Vaters übernehmen wollte. Tessa hatte nach ihrer Tischlerinnenausbildung Innenarchitektur studiert und wollte ursprünglich erst ein paar Jahre ins Ausland, um sich dort ein wenig in ihrem Beruf umzusehen. Beim fünfjährigen Abiturtreff hatte sie plötzlich Tom gegenübergestanden.

Den ganzen Abend waren sie zusammen gewesen und später einträchtig zu Toms Wohnung gegangen. Seitdem waren sie ein Paar. So kam es, dass Tessa nach Anschluss des Studiums anstatt ins Ausland zu gehen, die Stelle bei Mannsen & Brauer antrat.

Tessa seufzte. Sie waren so verliebt gewesen die ersten Jahre, doch in letzter Zeit war irgendwie alles anders. Der Stress in der Firma, die drängenden Fragen von Toms Eltern nach einer Heirat und auch Tessas Wunsch, endlich doch noch ihre Auslandserfahrungen zu sammeln, hatten ihre Beziehung verändert.

Seit einem Jahr wohnten sie zusammen. Ausgerechnet in dieser Zeit war die Liebe irgendwo verlorengegangen.

Genau wie vorhin, als Tom einfach gegangen war. Früher hätte er sie getröstet, ihr die Schultern massiert und wäre vielleicht sogar mit ihr zu Hause geblieben. Jetzt hatte er noch nicht einmal angerufen und gefragt, wie es ihr ging. Seufzend dachte sie an die zärtlichen Momente ihrer Beziehung, die nun schon so lange zurücklagen. Sie brauchten Urlaub. Alle beide.

Das war die Idee. Tessa holte ihren Laptop hervor und blätterte Reise-Angebote durch. Im Sommer hatten sie nur zwei Wochen Urlaub gemacht, denn Tom musste wegen des Geschäfts frühzeitig abreisen. Aber jetzt, Ende November, war es doch bestimmt möglich, für ein paar Tage dem Stress zu entfliehen und in die Sonne zu reisen. Gedacht, gebucht.

Tom würde Augen machen, wenn sie ihm die Tickets unter die Nase hielt. Fünf Tage Fuerteventura all inclusive im Tophotel. Tessa war so begeistert von ihrer Idee und davon, dass sie sofort über das Internet die Reisebestätigung bekam, dass sie überhaupt nicht daran dachte, sich mit Tom abzusprechen. Sie wusste, dass er das Meer und die Sonne liebte, und sie träumte von unvergesslichen Tagen am Strand. Die Kopfschmerzen waren endlich weg. Nachdem sie die Reisebestätigung ausgedruckt hatte, legte sie sich auf das Sofa und kuschelte sich unter die Decke.

 

***

 

Ein wütender Fluch schreckte sie auf.

„Spinnst du?“ Breitbeinig und stand Tom vor ihr, ein Blatt Papier in der Hand.

Tessa rieb sich die Augen. „Was ist denn?“, fragte sie verschlafen.

„Was ist denn?“, wiederholte Tom höhnisch und warf ihr das Blatt zu. „Das frage ich dich! Bist du etwa nur zu Hause geblieben, um diese dusselige Reise zu buchen?“

„Ich, ich wollte …“, stotterte sie noch immer völlig perplex über seine heftige Reaktion.

Tom unterbrach sie harsch: „Diese Reise stornierst du sofort. Hast du verstanden?“

Tessa war endlich richtig wach und schluckte. „Ich wollte dir doch eine Freude machen.“

„Ein Freude? Sag mal, hast du immer noch nicht begriffen, worum es geht?“, brüllte Tom. „Ich will diese Firma führen, und wenn ich ständig Urlaub mache, wird das kaum klappen.“

„Aber deine Eltern …“

„Meine Eltern haben diese Firma aufgebaut und ich will sie voranbringen“, sagte er nun leise, aber nicht weniger wütend. „Bisher dachte ich, dass du dafür genau die richtige Partnerin bist, aber mittlerweile bekomme ich arge Zweifel. Nachdem ich gehört habe, wie lustlos du die Pläne des Ehepaars Zimmer erstellt hast.“

„Das Ehepaar Zimmer weiß nicht, was es will, von lustlos kann keine Rede sein“, verteidigte sich Tessa.

„Ach, und warum haben sich die Zimmers bei meiner Mutter beschwert?“, fragte Tom spöttisch. „Du brauchst dich nicht mehr mit ihnen herumschlagen. Meine Mutter erledigt das jetzt.“

Tessa sprang auf. „Ach so. Jetzt bin ich plötzlich nicht mehr gut genug“, fauchte sie, warf ihm das Kissen an den Kopf, auf dem sie gerade noch geschlafen hatte, und stürmte ins Schlafzimmer.

Hastig holte sie den Koffer vom Schrank und warf wahllos Sachen hinein. „Was wird das denn jetzt?“ Tom stand in der Tür, ein Glas Brandy in der Hand.

Tessa gab keine Antwort.

Tom stellte das Glas ab und riss sie an den Schultern zu sich herum. „Pack sofort den Koffer wieder aus!“

Tessa schubste ihn aufs Bett und sagte leise: „Ich habe gedacht, du liebst mich. Da hab ich mich wohl geirrt.“

Tom starrte sie an. „Tessa, was soll denn das. Natürlich liebe ich dich.“

Tessa kämpfte mit den Tränen. Hastig schnappte sie sich ihren Koffer und verließ das Zimmer.

Im Wohnzimmer sah sie ihren Laptop dort liegen, steckte ihn in die Tasche und wollte gerade die Wohnung verlassen, als Tom wieder hereinkam. „Tessa, bitte bleib“, sagte er. „Es tut mir leid.“

Tessa sah ihn an, wie er da stand. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen und hätte sich an ihn gekuschelt, aber seine Worte brannten auf ihrer Seele und sie sagte leise: „Ich brauche ein paar Tage Urlaub, ich fühle mich nicht wohl.“ Das Letzte, was Tessa sah, war der entsetzte Ausdruck auf Toms Gesicht. Liebte er sie doch noch?

 

***

 

Es regnete immer noch und die Scheinwerfer von Tessas Auto fraßen sich langsam durch den Regenschleier über die menschleeren, mitternächtlichen Straßen. Das Wetter passte zu ihrer Stimmung, und während sie fuhr, musste sie immer wieder die Tränen abwischen, die ihr über das Gesicht rannen.

Ihr Wagen rollte wie selbstverständlich zum Haus ihrer Eltern, aber plötzlich stoppte sie. Sie wollte keine Fragen beantworten und auf die guten Ratschläge ihrer Mutter konnte sie auch verzichten. Sie seufzte, während sie an das schöne Zimmer im Obergeschoss dachte, das ihre Mutter immer für sie bereithielt. Am liebsten würde sie wortlos im Haus ihrer Eltern nach oben laufen, sich aufs Bett werfen und sich den ganzen Frust von der Seele weinen.

Minutenlang zögerte Tessa, dann wendete sie entschlossen das Auto und fuhr ein paar Straßen zurück. In einer Seitenstraße hatte ihre beste Freundin Anke Mertens eine Singlewohnung gemietet. Sie parkte unten vor dem Haus und sah hinauf. Das ganze Haus war dunkel, nur der Eingang war schwach beleuchtet wie immer in der Nacht.

Tessa stellte den Motor ab und blieb sitzen. Plötzlich kamen ihr Bedenken, ob es wirklich ratsam wäre, Anke mitten in der Nacht zu stören. Vielleicht hatte sie gerade Besuch. Und wenn sie gar nicht zu Hause war und bei ihrem Freund schlief?

Tessa wusste, dass Anke einen Freund hatte, sie erzählte allerdings nur wenig von ihm. Aber wenn sie bei ihm schlief, trafen sie sich in einem kleinen Hotel in der Nähe. Tessa hatte Anke schon mehrmals gefragt, aber die Freundin wich immer aus, wenn es ins Detail ging. Sie hatte nur verraten, dass der Mann verheiratet war, und sie sich deshalb nur heimlich trafen.

Tessa holte tief Luft und startete den Wagen wieder. Nein, so mitten in der Nacht wollte sie Anke nicht stören. Sie fuhr langsam an, als ihr auf der anderen Straßenseite eine Frau mit einem Regenschirm auffiel.

Tessa ließ die Scheibe herunter. „Anke, was machst du hier mitten in der Nacht?“

Der Schirm wurde zugeklappt. „Das Gleiche könnte ich dich fragen, Tessa.“

Tessa musste lachen, zum ersten Mal an diesem Abend. „Willst du nach Hause?“

„Warum sonst wohl steh ich hier und will rüber?“ Anke lachte jetzt auch, ein zaghaftes Lachen, in dem eine unendliche Traurigkeit lag.

Tessa stellte den Wagen wieder ab und stieg aus.

Anke kam herüber und fragte: „Wolltest du zu mir?“

Tessa nickte. Sie standen nun direkt unter der Laterne und Tessa sah die Tränenspuren in Ankes Gesicht. „Sollen wir gemeinsam unseren Frust begraben?“

Die Freundin nickte und sie gingen in Ankes Wohnung hinauf.

Die Wohnung lag direkt unterm Dach und hatte einen hübschen Balkon, der einen fantastischen Blick über die ganze Stadt bot. Die Wohnung war schick und modern eingerichtet.

Anke hatte die weißen Möbel mit einer hellbraunen, ledernen Sitzgruppe ergänzt und die schlicht weißen Wände mit großen Drucken ihrer Urlaubsreisen farbig aufgepeppt. Immer wenn Tessa die Wohnung betrat, war sie ganz begeistert, wie wunderbar alles miteinander harmonierte. Anke war Designerin und arbeitete in der Werbeagentur eines großen Bekleidungskonzerns.

Tessa setzte sich auf das Sofa und fragte: „Könnte ich heute Nacht bei dir bleiben?“

„Meinetwegen“, antwortete Anke leise. „Mit Bernd ist es aus, der kommt sowieso nicht mehr.“ Sie schluchzte jetzt. „Dieser Mistkerl. Immer hat er gesagt, dass seine Frau sich scheiden lassen will, dass er nur noch mich liebt, und jetzt: Jetzt kriegt sie ein Kind. Von ihm. Von wegen Scheidung.“ Anke sank neben Tessa auf das Sofa und vergrub weinend den Kopf in ihren Händen.

Tessa strich ihr sanft über den Rücken.

„Vier Jahre. Alles vergeudet. Ich dumme Pute“, rief Anke wütend, sprang auf und wischte sich die Tränen ab. „Hätte ich nur auf meine Mutter gehört. Sie hat mir gleich gesagt, dass die Ehe ein starker Strick ist, den man nicht so leicht zerschneidet.“

„Vielleicht renkt sich alles wieder ein“, sagte Tessa tröstend.

„Nee, nee da renkt sich nix ein“, fauchte Anke. „Ich dränge mich doch nicht in eine Familie. Der Typ ist für mich gestorben.“ Sie trat an den Kühlschrank und holte eine Flasche Sekt heraus. „So, und jetzt trinken wir auf ein neues Leben ganz ohne Männer.“

Der Sekt perlte in den Gläsern und die beiden Freundinnen stießen miteinander an. „Ob das so gut ist für mich“, sagte Tessa und blickte zweifelnd auf das Glas in ihrer Hand. „Ich hab Tabletten genommen. Hoffentlich kommen meine Kopfschmerzen jetzt nicht wieder.“

Anke hatte ihr Glas schon leer, goss nach und sah Tessa betroffen an. „Jetzt hab ich dir die Ohren vollgeheult und weiß noch nicht einmal, warum du eigentlich gekommen bist.“

Tessa berichtete in kurzen Worten, was sich ereignet hatte, und plötzlich erschien es ihr angesichts des Dilemmas ihrer Freundin gar nicht mehr so schlimm. „Vielleicht habe ich auch völlig überreagiert“, sagte sie, als sie den Bericht beendet hatte. „Vielleicht hat Tom es ja auch gar nicht so gemeint.“

„Lass ihn ruhig ein wenig schmoren“, riet Anke. „Es sei denn, du liebst ihn nicht mehr.“

„Das weiß ich eben nicht“, jammerte Tessa und leerte jetzt ihr Champagnerglas auch in einem Rutsch. „Es ist einfach nicht mehr so wie zu Anfang.“

Anke holte tief Luft. „Es ist gleich zwei Uhr. Lass uns schlafen. Ich hol dir noch eine Decke und ein Kissen.“

2. Kapitel

Verschlafen riss Tessa die Augen auf und blickte auf ein großformatiges Foto mit der Skyline von Manhattan. Schlagartig fiel ihr der gestrige Abend ein und fast gleichzeitig hörte sie die Tür zum Bad zuklappen. Anke war schon wach. Tessa sah auf ihr Handy. Zehn nach sieben. Sechs Anrufe von Tom. Und eine Nachricht: „Bitte, komm zurück. Wir müssen reden.“

Tessa seufzte und sah an sich hinunter. Sie hatte in ihren Sachen geschlafen, weil sie ihren Koffer noch im Auto hatte, und wirkte alles andere als frisch.

Anke kam aus dem Bad. Ihr rotes Haar lag dicht und schwer auf ihren Schultern und glänzte wie frisch poliertes Kupferblech. „Ich fahr gleich los, Tessa. Um acht muss ich im Büro sein.“

„So früh?“

„Heute kommt ein wichtiger Kunde, da muss ich noch einiges vorbereiten“, sagte Anke und hastete in die Küche.

Tessa verschwand im Bad. Sie hielt sich nicht lange darin auf, schnappte sich ihre Tasche und verabschiedete sich von Anke.

„Wo willst du denn jetzt hin? Zu deinen Eltern?“

Tessa schüttelte den Kopf. „Ich fahr nach Hause. Ich bin Tom eine Erklärung schuldig.“

„Hast du dir das gut überlegt?“ Anke sah von ihrem Frühstück auf.

Tessa nickte. „Ich habe lange wachgelegen und bin zu dem Entschluss gekommen, noch einmal mit Tom zu reden.“ Sie seufzte. „Ich liebe ihn doch.“

 

***

 

Als Tessa den Schlüssel im Schloss drehte, wurde die Tür schon aufgerissen. „Wo warst du denn? Ich hab x-mal versucht dich anzurufen“, sagte Tom vorwurfsvoll, aber Tessa hörte auch die Sorge in seinen Worten, was sie sofort milder stimmte.

„Entschuldige. Ich war bei Anke“, sagte sie und wollte Tom umarmen.

Er aber schob sie zurück. „Ich hab die ganze Nacht kein Auge zugetan und mir schreckliche Sorgen gemacht, nachdem du nicht bei deinen Eltern warst.“

„Du hast bei meinen Eltern angerufen? Oh nein!“ Tessa holte tief Luft. „Musste das sein?“

„Das fragst du noch?“ Tom schrie jetzt. „Ich hab mir Sorgen gemacht! Kapierst du das nicht?“ Er riss Tessa an sich und küsste sie hart und verzweifelt.

Tessa machte sich langsam los. So kannte sie Tom gar nicht. „Ich hab doch gesagt, dass es mir leidtut. Lass uns heute Abend darüber reden“, sagte sie sanft. „Bitte, Tom.“

„Schon gut.“ Tom drehte sich auf den Absatz um und ging in die Küche.

Tessa schleppte ihren Koffer ins Schlafzimmer und packte ihn wieder aus. Als sie anschließend unter der Dusche stand, hörte sie, wie Tom die Wohnungstür ins Schloss warf.

 

***

 

Der Arbeitstag in der Firma begann hektisch und endete erst kurz nach sechs. Tessa war geschafft von der vorherigen Nacht und zudem völlig ausgepowert von all den Kundengesprächen, als sie gleichzeitig mit Tom zu Hause ankam. Schweigend betraten sie ihre Wohnung.

„Puh, war das ein Tag“, sagte sie stöhnend.

„Wie immer, voller Kunden und guter Geschäfte“, antwortete Tom.

Tessa rang sich ein Lächeln ab. „So kann man es auch sehen.“

„So musst du es sehen, wenn du eine Firma leiten willst“, sagte Tom. „Je mehr Kunden umso bessere Verdienste.“

„Heute hätte ich auf die Hälfte verzichten können“, sagte Tessa. Sie gähnte vernehmlich, öffnete den Kühlschrank und stieß entsetzt aus: „Oh nein, du wolltest doch einkaufen!“

Tom überhörte die letzten Worte und sagte: „Wenn du mit weniger zufrieden bist, wirst du nie eine gute Unternehmerin.“

„Das ist doch jetzt egal“, protestierte Tessa. „Sag mir lieber, was wir zu Abend essen sollen? Der Kühlschrank ist leer und diese Woche bist du mit einkaufen dran.“

Tom sah in den Kühlschrank und zuckte gleichmütig die Schultern. „Dann bestell ich eben ‘ne Pizza. Wo ist das Problem?“ Und schon telefonierte er mit dem Pizzaservice.

„Nie kaufst du richtig ein. Mir hängt die ewige Pizza schon zum Hals raus. Weißt du, wie oft wir die in den letzten Wochen gegessen haben?“ Tessa lief wütend ins Schlafzimmer und warf sich aufs Bett. Tom machte sich die Sache einfach zu leicht. Nie kaufte er genügend ein und bei der Hausarbeit hielt er sich auch spartanisch zurück.

„Bist du schon wieder beleidigt?“ Tom stand breitbeinig in der Tür. „Was ist eigentlich mit dir los?“

„Was los ist? Du hast vergessen einzukaufen, nicht ich. Abgemacht war, dass der Einkauf abwechselnd erfolgt. Aber immer, wirklich immer, bleibt alles an mir hängen. Und nicht nur das! Putzen oder Saubermachen ist für dich ein Fremdwort. Ich bin es langsam leid, dich zu betüddeln wie ein Kind.“

„Meine Mutter macht den Haushalt immer mit links und hat sich noch nie beschwert“, verteidigte sich Tom.

„Deine Mutter? Deine Mutter hat eine Putzfrau und eine Wirtschafterin, vergiss das nicht“, sagte Tessa leise aber nicht weniger vorwurfsvoll. „Außerdem arbeitet sie nur stundenweise im Betrieb.“

„Du bist ja übergeschnappt.“ Tom ging hinaus und warf die Tür zu. Im selben Moment klingelte der Pizzabote.

Seufzend ging Tessa in die Küche und setzte sich Tom gegenüber, der die Pizza schon ausgepackt hatte.

„Warum fahren wir nicht einfach demnächst zu meinen Eltern und essen dort zu Abend?“, schlug Tom kauend vor. „Meine Mutter hat uns das schon sooft angeboten.“

Tessa würgte hastig das Stück Pizza in ihrem Mund herunter. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Wieso, was ist denn dabei?“ Tom sah sie verständnislos an. „Ich hab doch heute Mittag auch zu Hause gegessen.“

„Du hast was?“ Tessa sah Tom überrascht an. „Hast du das schon öfter gemacht?“

„Warum nicht?“ Tom zuckte lässig die Schultern und fuhr fort: „Gib ‘s doch zu, deine Kochkünste sind nicht gerade der Hammer.“

„Das ist doch wohl die Höhe“, fauchte Tessa wütend. „Deshalb kaufst du nie ein? Du willst wirklich, dass ich das Abendessen bei deinen Eltern einnehme.“

Am liebsten hätte sie noch mehr gesagt, aber sie steckte sich hastig ein weiteres Stück Pizza in den Mund, um die Stimmung nicht noch mehr aufzuheizen. Schweigend saßen sie nun einander gegenüber und Tessa blickte angespannt auf ihre Pizza.

Wie sollte sie Tom klarmachen, dass es so nicht weiterging? Sie wohnten nun seit einem Jahr zusammen und mit jedem Tag verblasste ihre Liebe ein Stückchen mehr.

Anfangs hatte sich Tessa richtig gefreut, als ihnen Toms Eltern diese Wohnung besorgt hatten, die ganz in der Nähe von Toms Elternhaus lag. Doch mittlerweile hatte sie bemerkt, dass es nicht die klügste Entscheidung gewesen war, denn Tom ließ sich viel zu viel von seinen Eltern vereinnahmen. Seine Mutter verwöhnte ihn wahrscheinlich mit den leckersten Gerichten und sie hatte gar keine Chance dagegen anzukommen. Deshalb hatte sie sich auch gleich angeboten, die Planungen für das Ehepaar Zimmer zu übernehmen. Das war ja ein richtiges Komplott gegen sie.

Tessa war der Appetit vergangen. Sie schob den Rest der Pizza beiseite und sagte: „Tom, ich möchte nicht, dass deine Mutter über unser Leben bestimmt.“

„Meine Mutter bestimmt doch nicht über unser Leben, bloß weil sie uns zum Abendessen einlädt“, knurrte Tom. „Du spinnst doch!“

„Du verstehst mich einfach nicht“, beschwor ihn Tessa. „Hör mir doch mal zu. Ich möchte, dass wir eine Familie werden. Wir beide.“

„Deine romantischen Vorstellungen in allen Ehren, aber zum Leben gehört nun mal mehr, Tessa.“ Tom stand auf. „Ich will die Firma meiner Eltern übernehmen, das ist ein Geschäft, dessen Sinn du anscheinend immer noch nicht erkannt hast. Davon leben wir. Auch dein Gehalt, wird davon bezahlt, vergiss das nicht!“

„Ich weiß sehr wohl, dass wir davon leben“, gab Tessa aufgewühlt zurück. „Das heißt aber nicht, dass wir vor lauter Geschäftemacherei uns selbst aufgeben.“

„Das Geschäft ist mein Leben, ich gebe mich nicht auf“, sagte Tom bestimmt. „Bisher habe ich gedacht, dass du das genauso siehst.“

„Ich sehe das doch auch so“, widersprach Tessa. „Ich will doch nur nicht, dass wir dabei auf der Strecke bleiben.“ Sie schluckte und setzte hinzu: „Wir unternehmen in letzter Zeit kaum noch was zusammen. Wir …!“

Tom unterbrach sie harsch. „Du kommst doch gar nicht mit. Wo warst du denn auf dem Geburtstag meiner Schwester?“

„Das ist doch was ganz anderes“, warf Tessa ein.

„Ach so“, sagte Tom gedehnt. „Madame will einen romantischen Abend bei Kerzenlicht.“ Er lachte verächtlich. „Vergiss es. Ich hasse solch ein Getue.“

Tessa sah ihn mit offenem Mund an. So war das also. Ihre Augen brannten und sie musste sich zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Hastig schob sie die Pizzakartons ineinander und warf sie in den Mülleimer unter der Spüle.

„Tessa, bitte. Lass uns doch vernünftig sein“, sagte Tom jetzt, der wohl gemerkt hatte, dass er mit seiner Aussage zu weit gegangen war.

„Du hast recht, vergiss es“, presste Tessa heraus, lief ins Schlafzimmer und warf sich aufs Bett. Sie kämpfte mit den Tränen und hoffte inständig, dass Tom ihr nachkam. Aber Tom dachte wohl, dass sie allein sein wollte, denn kurz darauf hörte sie den Fernseher.

Tessa holte tief Luft und setzte sich im Bett auf. Da war sie extra wiedergekommen, um mit Tom über ihre Beziehung zu reden. Bedeutete sie ihm denn so wenig? War er wirklich überzeugt davon, dass alles in Ordnung war? Sie konnte es kaum glauben. Als Tessa sich beruhigt hatte, ging sie ins Wohnzimmer. Tom sah sich ein Fußballspiel an und hatte sich dazu ein Bier geholt.

Tessa setzte sich neben ihn und er legte sofort besitzergreifend den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich.

Tessa wagte noch einmal einen Vorstoß. „Sollen wir nicht am Wochenende einfach mal irgendwohin fahren, so wie früher? Dann machen wir es uns zum ersten Advent so richtig gemütlich.“

„Jetzt am Wochenende? Da will ich mit meinen Kumpels nach München zum Bayernspiel, das weißt du doch“, sagte Tom und fragte: „Hast du dich nicht auch für dieses Seminar in Bielefeld angemeldet?“

„Das Seminar beginnt erst am Mittwoch.“

„Dann fahr doch schon am Freitag los und mach dir ein paar schöne Tage im Sauerland. Dort liegt schon Schnee“, schlug Tom vor. „Du kannst ja Anke fragen, ob sie mitfährt.“

Tessa nickte. „Keine schlechte Idee. Ich ruf sie gleich an.“ Vielleicht würde eine Woche Abwesenheit von Tom ihrer Beziehung neuen Schwung verleihen.

 

***

 

Schon am Donnerstagabend hatte Tessa gepackt und Tom war so liebevoll und aufmerksam, dass sie schon fast versucht war, einen Rückzieher zu machen.

Aber der Gedanke, dass Tom ja am Samstag nach München wollte, hielt sie davon ab. Anke konnte erst am Samstagmittag anreisen, weil sie beruflich momentan sehr viel zu tun hatte. Die beiden Freundinnen hatten sich auf ein Hotel in der Nähe von Winterberg geeinigt.

Der Freitag verging wie im Flug und gegen sechzehn Uhr verabschiedete sich Tessa von Tom und startete ins Wochenende. Da sie für die Strecke nur etwa eineinhalb Stunden benötigte, ließ sich Tessa Zeit. Unterwegs begann es leicht zu schneien, als sie auf die Bundesstraße Richtung Korbach fuhr.

Tessa fuhr sicher und umsichtig, doch je dichter der Schneefall wurde, umso schlechter kam sie vorwärts. Sie hatte Korbach schon hinter sich gelassen, als zu dem dichten Schnee auch heftiger Wind aufkam.

Tessa hatte das Radio eingeschaltet und hörte, dass es schon etliche Unfälle gegeben hatte und Schneeverwehungen die Straßen teils unpassierbar machten. Sie war froh, kaum mehr als eine halbe Stunde von ihrem Hotel entfernt zu sein, denn die Straße hatte sich in eine gefährliche Rutschbahn verwandelt. Erleichtert verließ sie die Bundesstraße, als ihr Navigationsgerät den Wechsel auf die Landstraße ankündigte. Langsam steuerte sie das Auto über die Landstraße, die von hohen Tannenwäldern eingerahmt war, deren Bäume sich förmlich unter der Schneelast bogen.

Tessa war praktisch allein, denn von anderen Autos war nichts zu sehen, was wahrscheinlich auch daran lag, dass der Schneefall wie ein dichter Schleier den Blick auf wenige Meter beschränkte.

Tessa bekam langsam Panik. Nirgends war ein Schild. War sie überhaupt auf der richtigen Straße? Horrormeldungen von Navis, die den Fahrer in eine Schlucht lockten, tauchten in ihrem Hirn auf, und sie versuchte den Wagen zu stoppen. Die Bremsen reagierten nicht und der Wagen schleuderte herum. Noch bevor Tessa gegenlenken konnte, kippte das Auto seitlich weg und rutschte einen Hang hinunter. Der Hang war wohl nicht sehr steil, sonst hätte sich ihr Auto sicher überschlagen. Trotzdem klammerte sich Tessa entsetzt an das Lenkrad und schloss in Panik die Augen, als mit einem Knirschen der Wagen leicht auf die Fahrerseite kippte und liegenblieb. Gurgelnd erstarb der Motor und das Licht der Scheinwerfer beleuchtete den Schnee, der wie ein Vorhang dicht und undurchdringlich an der Frontscheibe vorbeigeweht wurde.

Vorsichtig bewegte sich Tessa. Verletzt war sie offensichtlich nicht. Sie lag auf der Seite, der Beifahrersitz praktisch über ihr. Hektisch fasste sie an den Türgriff, aber die Tür war zu.

Erst jetzt begriff Tessa, dass das Auto auf die Fahrertür gekippt war. Wie sollte sie denn hier herauskommen? Sie würde wahrscheinlich erfrieren, wenn sie hier drinnen blieb, jetzt wo der Motor aus war. Sie versuchte den Wagen wieder zu starten, aber es gelang ihr nicht. Resigniert drehte sie erneut den Schlüssel um. Nichts. Sie versuchte es wieder, da erlosch auch das Scheinwerferlicht und alles war dunkel.

Mit zitternden Fingern kramte sie ihr Handy hervor und versuchte zu telefonieren. Kein Netz. Wie Hohn erschien ihr diese Mitteilung.

Plötzlich sackte der Wagen ein Stück nach unten und Tessa klammerte sich ängstlich mit beiden Händen an das Lenkrad.

3. Kapitel

Ein Geräusch schreckte sie auf. Jemand klopfte an die Scheibe der Beifahrertür und mit einem lauten Poltern wurde die Tür plötzlich aufgerissen. Schnee rieselte auf Tessa herab und ein Schwall kalter Luft traf sie so unvermutet wie ein Guss kalten Wassers. Erschrocken blickte sie in das grelle Licht einer Taschenlampe, noch immer die Hände fest um das Lenkrad geklammert.

„Sind Sie verletzt?“ Die Stimme des Mannes kam so leise an ihr Ohr, wie das Murmeln eines Flusses. „Was, wie …?“, stammelte sie und drückte sich ängstlich an die Fahrertür.

„Sie müssen hier raus, sonst erfrieren Sie“, sagte der Mann und reichte ihr die Hand. Er hatte die Taschenlampe auf den Beifahrersitz gelegt, wo sie jetzt auf Tessa zurollte. Tessa schüttelte sich, noch immer rauschte es in ihren Ohren, aber diesmal hatte sie den Mann verstanden. „Die Tür geht nicht auf“, stotterte sie.

„Ich ziehe Sie raus“, sagte er und fügte etwas ungeduldig hinzu. „Geben Sie mir endlich ihre Hand. Oder haben Sie sich verletzt?“

Tessa gab keine Antwort und reichte ihm zögernd ihre Hand. Er hielt sie mit festem Griff und zog sie zu sich heran. „Sie müssen über den Beifahrersitz klettern, eine andere Möglichkeit gibt es nicht“, sagte er.

Tessa versuchte sich hochzuhieven, rutschte aber wieder zurück zur Tür und der Wagen wackelte bedrohlich und sackte plötzlich noch ein Stück den Hang hinunter. „Hilfe!“, schrie sie voller Panik und drückte sich wieder zurück an die Tür.

„Verdammt. Geben Sie mir Ihre Hände“, schrie der Mann jetzt. „Sonst rutscht der Wagen ganz ab.“

Tessa war so erschrocken, so durcheinander, dass sie ihm nun widerstandslos beide Hände reichte. Er zog sie ganz langsam zum Beifahrersitz hinüber.

„Festhalten“, brüllte er dann urplötzlich, denn der Wagen rutschte schon wieder ein Stück herunter. Die Tür fiel dem Mann in den Rücken und er wurde für Sekunden eingeklemmt, während Tessa sich verzweifelt an den Beifahrersitz klammerte.

Der Fremde drückte die Tür mit seinem Rücken wieder auf, fasste erneut nach Tessas Händen und zog sie mit einem Ruck über den Sitz hinaus und sie purzelten beide in den Schnee. Tessa landete direkt auf seiner Brust. Er breitete prustend die Arme aus und fragte: „Haben Sie sich wehgetan?“

Tessa gab keine Antwort und rollte erschöpft von ihm runter in die weiche, weiße Masse. Noch immer schneite es heftig und die Flocken fielen wie ein dichter Vorhang auf ihr Gesicht. Am liebsten wäre sie für immer so liegengeblieben und in wenigen Minuten völlig eingeschneit, doch der Mann hatte sich schon aufgerichtet und wieder seine Taschenlampe in der Hand.

Der Schnee hatte für Sekunden nachgelassen und Tessa sah, dass sie auf einer Wiese waren, die nur ein leichtes Gefälle hatte. Wahrscheinlich war es eine Kuhweide, denn Bäume konnte sie im Schein der hellen Lampe nirgends entdecken. Auch die Straße konnte sie nicht sehen, aber sie war sicher, dass sie nur wenige Meter vor der über ihnen liegenden Straße entfernt waren. Noch während Tessa die Gegend betrachtete, trieb der Fremde zur Eile.

Erbarmungslos zog er sie auf die Füße. „Wir müssen weg hier. Kommen Sie!“ Er fasste sie an die Hand und zog sie mit sich.

Tessa taumelte in den tiefen Schnee, der fast bis an ihre Knie reichte. Doch er zog sie unerbittlich den Hang hinunter. Das Taschenlampenlicht flackerte unruhig vor ihm her und konnte kaum den immerwährenden Schleier des stetigen Schneefalls durchbrechen. Es kümmerte ihn wohl nicht, denn er strebte eilig vorwärts. Tessa wurde immer langsamer. Sie konnte nicht mehr und ließ sich einfach in den Schnee sinken.

Erschrocken drehte er sich nach ihr um. „Hey, wir müssen weiter.“ Er zog sie wieder auf die Füße und hob sie hoch.

„Sie haben ja nicht einmal Stiefel an!“, rügte er mit Blick auf ihre ledernen Halbschuhe, die sie immer beim Autofahren trug, und ließ sie wieder in den Schnee sinken. Eine Sekunde zögerte er, dann hob er sie auf seine Arme und stapfte weiter. Sie hatten die Talsohle erreicht, und gleich darauf ging es wieder hoch.

Tessa war so erschöpft, dass sie ihren Kopf einfach an die Brust ihres Retters legte und sich ihm völlig überließ. Er duftete angenehm nach irgendeinem Herrenparfüm und sie schloss erschöpft die Augen.

Der Hang war steil und als er endlich oben angelangt war, setzte er sie keuchend ab. „Wir sind gleich da. Sehen Sie das Licht da vorn?“

Tessa antwortete nicht. Sie war noch immer ganz durcheinander und bibberte jetzt vor Kälte.

Er hatte auch wohl keine Antwort erwartet und hob sie erneut hoch. Mit ihr auf den Armen hatte er in wenigen Minuten das einsame Gehöft erreicht, dessen Licht er ihr gezeigt hatte.

„Sie sind klitschnass, kommen Sie, im Wohnzimmer ist es warm“, sagte er und stellte sie direkt unter der Laterne vor dem Haus auf die Füße.

Er schloss eine Tür auf und zog sie an der Hand in einen länglichen Vorraum ohne jegliches Inventar, der bei ihrem Eintreten automatisch hell erleuchtet wurde. Irritiert blinzelte Tessa in das angenehm gedämpfte Deckenlicht, das von mehreren kleinen, gleichmäßig verteilten Strahlern ausging. Er schob sie gleich weiter durch eine Tür, die in ein gemütliches Wohnzimmer führte.

Verblüfft bliebt Tessa stehen und betrachtete den wundervollen, aus dunkelroten Keramikfliesen gemauerten, großen Kamin. Die Wärme des Raums schlug ihr so heftig entgegen, dass sie nun erst recht ihre Kälte spürte.

„Setzen Sie sich hier vor den Kamin und ziehen Sie Schuhe und Strümpfe aus. Sie sind ja völlig durchweicht“, sagte er und nahm ihr die Steppjacke ab, die ebenfalls ziemlich nass war.

Erst jetzt sah sie den Mann richtig an. Er war groß, über einen Kopf größer als sie, und trug einen gepflegten Vollbart, der ihm ausgesprochen gut stand. Er riss lächelnd seine Mütze vom Kopf und strich sich durch die dunklen, etwas zu langen, feuchten Haare. Er hatte die schwarze Cordhose in seine kniehohen Stiefel gesteckt und jetzt, wo er die dicke, grüne Steppjacke auszog, kam darunter ein rotweißkariertes Holzfällerhemd zum Vorschein.

Als sie auf seine Worte nicht reagierte, drückte er sie in einen Sessel vor dem Kamin und rückte ihr einen Hocker zurecht. „Mögen Sie Tee?“

Tessa nickte und rieb sich die Hände, die noch immer eiskalt waren. Der Mann verschwand und Tessa zog nun ihre Schuhe aus, die wirklich völlig aufgeweicht waren. Dann stand sie auf, hockte sich vor das offene Feuer und hielt die Hände nah daran, um etwas Wärme zu bekommen. Dabei spürte sie, dass der Steinboden unter ihren Füßen ebenfalls angenehm warm war.

Das Hotel fiel ihr ein. Sie musste unbedingt anrufen und mitteilen, dass sie später eintreffen würde. Sie kramte ihr Handy aus der Tasche ihres Steppmantels, das zum Glück in der geschlossenen Reißverschlusstasche steckte und unversehrt war. Kein Netz. Ob das am Wetter lag? Tessa steckte das Telefon wieder weg und sah sich um.

Das Zimmer war groß, die Sesselgruppe, die aus einem Sofa und zwei Sesseln bestand, war mit weichem, dunkelbraunem Leder bezogen und passte gut zu den hellbraungemusterten Natursteinen des Bodens. Zur anderen Seite erblickte sie ein riesiges Rundbogenfenster, das bis zur Decke reichte und aus einem Gerüst aus dunklem Holz bestand, das durch viele kleine Butzenscheiben unterteilt war. Tessa war regelrecht fasziniert von der Gestaltung des Zimmers. Schon immer war ein Bauernhaus ihr Traum gewesen. Während ihres Studiums war sie oft übers Land gefahren und hatte sich alte Fachwerkhäuser angesehen und sich überlegt, wie man sie mit modernen Mitteln nach neuestem Stand renovieren konnte. Tessa war aufgestanden und ging langsam über den warmen Steinboden zum Fenster und blickte hinaus.

Der Schnee fiel noch immer dicht und ein böiger Wind peitschte den Flockenschleier am Fenster vorbei. Unwillkürlich schlang sie die Arme um ihren Oberkörper, weil ihr fröstelte und sie ging schnell zu ihrem Platz am Kamin zurück. Die Einrichtung war nicht billig, schließlich kannte sie sich damit aus. Auch die beiden Drucke, die die weißgestrichenen Wände zierten, passten genau zur Einrichtung. Der Bauer schien nicht arm zu sein und Geschmack hatte er auch. Ob er allein hier wohnte? Sie warf einen Blick auf die beiden hölzernen Türen, hinter denen sie einen Einbauschrank vermutete. Sie waren aus dunklem Eichenholz und mit einem geschnitzten Blumenmuster verziert, wie sie in vielen Bauernhäusern früher Mode gewesen waren.

Die Tür öffnete sich und der Mann kam zurück, in der Hand ein Tablett mit zwei großen Teetassen.

„Zucker oder Milch?“ Er sah sie fragend an und Tessa stellte erneut fest, dass er wirklich ausgesprochen gut aussah.

„Ist das Schwarztee?“

„Natürlich, was dachten Sie?“, antwortete er. „Anderen habe ich nicht.“ Er setzte das Tablett auf den schmalen Tisch neben dem Sessel ab, und fuhr fort: „Ich trinke ihn gern mit Rum und viel Kandis.“

Erst jetzt bemerkte sie das Schälchen mit Kandiswürfeln. „Ich nehm den Zucker“, sagte sie und fragte: „Wohnen Sie ganz allein hier?“

Er nickte und grinste plötzlich verwegen. „Hab mich noch gar nicht vorgestellt.“ Er machte eine kurze Verbeugung in ihre Richtung. „Benjamin Vorderbaum. Sie können Ben zu mir sagen.“

Tessa nahm die Tasse, warf einige Kandisstücke hinein und sagte: „Theresa Mattis, meine Freunde nennen mich Tessa.“

Ben setzte sich in den Sessel ihr gegenüber und drehte seine Tasse bedächtig in seinen Händen. Er hatte große, kräftige Hände und Tessa schätzte, dass es von der Arbeit auf dem Bauernhof herrührte. Zumindest schloss sie aus seiner muskulösen Statur, dass er regelmäßig schwere Arbeit verrichtete.

„Ist hier in der Nähe ein Dorf?“, fragte sie, weil ihr plötzlich Bedenken kamen, so allein mit einem völlig Fremden zu sein. „Ich muss heute noch weiter.“

„Das schminken Sie sich mal gleich ab“, sagte er und schüttelte missbilligend den Kopf, als sei ihr Gedanke völlig absurd. „Bei dem Schnee kommen sie hier vorläufig nicht weg!“

„Ich muss aber weg“, warf Tessa aufgewühlt ein. „Ich werde erwartet.“ Sie klammerte sich an ihre Tasse, weil der Gedanke, ihm ausgeliefert zu sein, ihr plötzlich Angst einflößte.

Wenn er über sie herfallen würde, hätte sie kaum eine Chance zur Gegenwehr, denn er war ihr körperlich haushoch überlegen. Und wenn er den Tee präpariert hatte? Ihre Hände an der Tasse zitterten plötzlich und die Wärme, die noch Sekunden zuvor durch ihren Körper geströmt war, verschwand augenblicklich. Schreckliche Szenarien von vergewaltigten Frauen, die mit K.-O.-Tropfen betäubt worden waren, geisterten plötzlich durch ihr Hirn. Sie musste hier weg! Sein zufriedenes Gesicht sprach Bände. Hastig setzte sie die Tasse zur Seite und hangelte nach ihren Schuhen.

„Was soll das jetzt? Schmeckt der Tee Ihnen nicht?“ Er sah sie fragend an.

„Ich will nur aus dem Fenster sehen“, stotterte sie.

„Das können Sie barfuß auch, der Boden ist beheizt“, konterte er trocken und sah grinsend zu, wie sie sich abmühte, die feuchten Schuhe überzuziehen.

Tessa kümmerte sich nicht darum, griff nach ihrem Steppmantel und stürzte hinaus in den Vorraum und dann nach draußen.

Der heftige Wind packte sie mit eisigen Krallen und sie drückte sich an die Hauswand, um ihren Mantel zu schließen. Dann stolperte sie weiter am Haus entlang zur anderen Seite. Irgendwo musste es doch eine Straße geben oder ein anderes Haus! Kaum hatte sie die schützende Hauswand verlassen peitschte der Wind ihr den dichten Schnee ins Gesicht. Die Flocken landeten wie kleine, spitze Eiskugeln auf ihrer Haut und sie wäre am liebsten wieder zurückgegangen. Doch nachdem sie das Haus ein paar Schritte hinter sich gelassen hatte, konnte sie schon nichts mehr sehen.

Tessa blieb stehen und fummelte ihr Handy aus der Tasche. Wieder kein Netz. Verzweifelt drückte sie auf die Taschenlampenfunktion und leuchtete in die undurchdringliche Schneemasse hinein, die in der Dunkelheit regelrecht bedrohlich wirkte, und plötzlich sehnte sie sich zurück in die kuschelige Wärme des Bauernhauses. Sie drehte sich um. Nichts zu sehen.

Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie erfrieren würde, wenn sie nicht schnellstens wieder ins Warme kam. Sie hatte ihre Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als sie plötzlich von harter Hand an der Schulter gepackt und herumgerissen wurde.

„Sind Sie völlig verrückt geworden“, brüllte Ben ihr ins Ohr und hielt sie fest. „Hier tobt ein Schneesturm. Will das nicht in Ihren Schädel!“ Er hob sie erneut auf seine Arme und transportierte sie wieder zum Haus zurück.

Tessa wehrte sich nicht, denn sie war nur erschöpft und unendlich froh, dass er da war. Vor der Tür zum Vorraum stellte er sie hart auf die Füße, schob sie wortlos hinein und zog ihr den Steppmantel aus. Tessa ging ins Wohnzimmer, streifte die nassen Schuhe ab und setzte sich wieder in den Sessel.

Ben kam gleich darauf hinter ihr her und warf ihr ein Handtuch zu. „Für Ihre Haare“, sagte er, und sie hörte die unterdrückte Wut in seiner Stimme. Dann drehte er sich um und ließ sie allein.

Erst jetzt merkte Tessa, dass ihre Haare vom Schnee klitschnass waren und nahm dankbar das Handtuch und rubbelte sie trocken.

Sekunden später öffnete er erneut die Tür, seine Augen funkelten zornig und er zeigte auf ein Bord an der Wand. „Da steht ein Telefon. Sie können überall anrufen.“ Gleich darauf fiel die Tür wieder hinter ihm ins Schloss.

Tessa kam sich plötzlich dumm vor. Er hatte sie gerettet, nun schon zum zweiten Mal. Kein Wunder, dass er wütend war. Aber das Telefon auf dem Bord war ihr vorher wirklich nicht aufgefallen.

Sie stand auf und rief im Hotel an, dass sie später kommen würde.

Die freundliche Stimme am Telefon riet ihr, die Reise bis zum nächsten Mittag zu verschieben. „Die Straße zum Hotel ist momentan nicht passierbar. Für die Nacht hat der Wetterbericht einen heftigen Schneesturm gemeldet.“

Tessa holte tief Luft. Dann hatte dieser Ben also recht, sie kam hier vorläufig nicht weg, und musste wohl oder übel auf dem Bauernhof übernachten. Seufzend sah Tessa noch einmal aus dem Fenster in die Dunkelheit. Noch immer peitschte der Sturm den Schnee wie einen Schleier am Fenster vorbei. Hinter Tessa öffnete sich die Tür.

Der Bauer kam erneut mit einem Tablett und Tee herein. „Sind Sie schon wieder auf der Flucht“, sagte er spöttisch. „Mir wäre es auch lieber, wenn ich Sie nie gesehen hätte!“

„Als ich losfuhr, waren noch alle Straßen frei“, sagte Tessa und versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Dass hier so viel Schnee liegt, konnte ich ja nicht ahnen.“

„Und warum sind Sie noch mal rausgerannt? Wollten Sie erfrieren?“

Tessa gab keine Antwort. Nie im Leben würde sie eingestehen, dass sie vor ihm Angst hatte. Sollte er doch denken, was er wollte.

Er kniff die Augen zusammen und sah sie plötzlich voller Wut und Empörung an. „Ach, so ist das!“ Er hieb mit der Faust auf den kleinen Tisch, dass der Tee in der Tasse überschwappte. Sekundenlang starrte er sie wütend mit zusammengekniffenen Augen an, dann stand er auf und sagte mit leiser Stimme, aber umso wütender: „Sie halten mich für ein Monster, dass arme, wehrlose Frauen wie Sie überfällt. Herzlichen Dank.“ Er schenkte ihr einen verächtlichen Blick und verließ den Raum.

„Aber …“ Tessa sah ihm erschrocken nach. Sie schluckte. Das hatte sie nicht gewollt. Sie wischte mit den Handrücken die kleine Pfütze vom Tisch herunter, die er durch seinen Faustschlag verursacht hatte, und setzte sich mit der Teetasse wieder in den Sessel.

Ihr Haar war mittlerweile wieder trocken und sie wickelte sich in die Decke, die er ihr hingelegt hatte. Hin und wieder stand sie auf und legte Feuerholz nach, das in einem geflochtenen Korb neben dem Kamin stand. Immer wieder sah sie zur Tür. Der Bauer war verschwunden. Ob sie ihn suchen und sich entschuldigen sollte? Sie verwarf den Gedanken und ging ans Telefon. Es war inzwischen fast zehn Uhr. Tom hatte sicher schon im Hotel angerufen oder versucht sie auf dem Handy zu erreichen.

Kaum hatte sie die Nummer gewählt, erscholl schon seine Stimme. „Tessa, wo bist du? Wieso gehst du nicht an dein Handy?“

„Ich bin auf einem Bauernhof. Es gibt hier kein Netz“, sagte sie und erklärte ihm, dass sie die Nacht über hier verbringen müsste, weil ihr Auto von der Straße abgekommen war.

„Bist du verletzt?“

„Nein, alles in Ordnung. Ich komme hier nur im Moment nicht weg.“ Sie hatte Tom gerade erklärt, dass alle Straßen gesperrt waren, als sich dir Tür öffnete und Ben hereinsah. „Tom, ich muss Schluss machen.“ Demonstrativ hauchte sie einen Kuss in den Hörer, damit Ben gleich sah, dass sie in festen Händen war.

Der Bauer runzelte die Stirn, wartete bis sie aufgelegt hatte und ging an den großen Schrank, den sie schon bewundert hatte. Er öffnete die Flügeltüren und erklärte knapp: „Hier können Sie schlafen.“

Überrascht sah Tessa in ein geräumiges Schlafzimmer mit gerafften Tüllgardinen am Fenster und einem dicken, roten Teppich auf dem hellen Holzboden.

„Das ist ja hübsch“, sagte sie und blickte sich im Raum um. Ein Alkoven war hinter der Tür in die Wand eingelassen und bot für zwei Personen einen schnuckeligen Schlafplatz.

„Wäsche ist oben im Schrank“, sagte Ben und fuhr fort: „Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Bad.“ Er sah auf ihre bloßen Füße hinunter und fuhr fort: „Ziehen Sie die Schuhe wieder an, im Vorraum ist es kalt.“

Tessa runzelte die Stirn, fragte aber nicht und schlüpfte erneut in ihre Schuhe, die zum Glück schon fast wieder trocken waren.

Mit großen Schritten ging er voraus.

Sie gelangten wieder in den Vorraum, der nach draußen führte, und jetzt sah Tessa, dass der Boden aus schlichtem Beton bestand und auch die Wände noch nicht verputzt waren.

Ben ging fast bis ans Ende des Raums, öffnete die Tür zu einem schmalen Flur und gleich gegenüber eine weitere, die in ein nagelneues Bad führte. Zu Tessas Überraschung war es hochmodern eingerichtet und verfügte über eine begehbare Dusche und einen Whirlpool.

„Wow“, sagte sie bewundernd.

„Es ist noch nicht alles fertig. In den nächsten Wochen wird der Vorraum verputzt und der Boden gefliest“, erklärte Ben beim Zurückgehen. „Das Haus war zu schmal, um große Räume zu bekommen, da habe ich mich für einen großzügigen Vorbau entschieden, der die einzelnen Räume miteinander verbindet.“

„Werden die Wände weiß gestrichen?“

„Ach, kennen Sie sich damit aus?“

„Ich bin Innenarchitektin. Ich könnte Ihnen die Zeichnung dafür machen.“

„Nicht nötig. Die Pläne sind schon fertig“, erwiderte er knapp. Er nahm die leeren Teetassen mit und wollte hinausgehen.

„Ich kann doch helfen“, bot Tessa an.

„Helfen? Wobei?“

„Spülen.“

Er runzelte die Stirn und grinste plötzlich frech, drückte ihr die Tassen in die Hand und sagte: „Im Flur die erste Tür rechts.“

Überrascht nahm Tessa die Tassen und ging davon. Sie fand die Küche sofort und staunte nicht schlecht. Sie war neu und total schick eingerichtet. Natürlich verfügte sie auch über eine Spülmaschine.

Tessa räumte die Tassen hinein und bewunderte die teure Einrichtung. Die Küchenzeile war in L-Form über Eck gebaut und die Fronten in schlichtem Weiß gehalten. Die alufarbenen Elektrogeräte waren mit eingebaut worden und von bester Qualität. Unter dem Fenster seitlich von der Tür befand sich eine Sitzecke mit rotgemusterten Polstern, die durch einen halbhohen Schrank von der Küche abgegrenzt wurde. Die Küche bestätigte ihr, was sie schon im Wohnzimmer gedacht hatte: Arm war der Bauer mit Sicherheit nicht.

Als sie zurückkam, war das Wohnzimmer leer und Ben verschwunden. Tessa lief ins Bad und ging anschließend ins Schlafzimmer. Als sie die Tür hinter sich schloss, fiel ihr der Schlüssel auf, der von innen steckte.

Ben musste ihn hineingesteckt haben, denn vorher war er noch nicht da gewesen. Sie schämte sich plötzlich, dass sie so schlecht von ihm gedacht hatte.

Wie er gesagt hatte, war die Bettwäsche im Schrank über dem Alkoven. Zu ihrer Überraschung lag auch ein Schlafanzug dabei. Sie zog ihn an, obwohl er etwas zu groß war, und legte sich in das Bett, das sie wie eine kuschelige Höhle umschloss. Direkt am Bett war eine kleine Leselampe angebracht, die ein sanftes Licht spendete, nicht sehr hell aber wunderbar romantisch.

Wo Ben wohl schlief?

Ob sie ihm sein Bett weggenommen hatte?

Und was war mit ihrem Auto?

Tessa wollte es gar nicht wissen, denn sie war einfach nur noch müde.

4. Kapitel

Ein lautes Knattern weckte Tessa aus tiefem Schlaf. Erschrocken fuhr sie hoch. Irgendwo tuckerte ein Traktor. Der vergangene Abend fiel ihr wieder ein. Trotz allem was passiert war, hatte sie wunderbar geschlafen. Seufzend legte sie sich noch einmal zurück und sah sich den Alkoven genau an. Er war ganz aus hellem Buchenholz und genau passend groß für zwei Personen. Als Kind hatte sie immer von so einem Bett geträumt, weil sie einmal bei einem Museumsbesuch ein ähnliches gesehen hatte.

Tessa reckte sich, setzte sich auf und ließ die Beine aus dem Bett baumeln. Tageslicht fiel durch das Fenster und erhellte den Raum, also war es sicher schon acht Uhr vorbei. Langsam stand sie auf und ging ans Fenster.

Es hatte aufgehört zu schneien und die Sonne strahlte von einem blauen Himmel, an dem weiße Wolken wie Wattebäuschchen entlangsegelten. Weit hinten auf dem Hügel gegenüber fuhr ein Traktor entlang. Wahrscheinlich war dort oben die Straße.

Tessa nahm ihre Sachen, die sie neben dem Alkoven auf einem Stuhl abgelegt hatte, und ging zur Tür. Als sie öffnete, sah sie dort ein Paar Gummigaloschen stehen und schlüpfte hinein. Bestimmt hatte Ben sie dahin gestellt, damit sie ins Bad gehen konnte, ohne kalte Füße zu bekommen.

Als Tessa das Bad verließ, hatte sie sich geduscht, ihr Haar getrocknet und leichtes Make-up aufgelegt. Merkwürdigerweise verfügte das Bad sogar über einen Föhn und einen kompletten Kosmetiksatz vom Lidschatten bis zum Lipgloss. Also hatte der Bauer eine Freundin oder Bekannte, die häufig hier übernachtete.

Tessa ging zurück ins Wohnzimmer, wo sie ihren Steppmantel trocken und ordentlich auf einem Bügel neben dem Kamin wiederfand, auch ihre Schuhe und Socken waren über Nacht getrocknet. Tessa zog sie an und machte sich auf die Suche nach Ben.

Zu der Tür nach draußen gab es die Küchen- und eine weitere Tür. Tessa klopfte. Keine Antwort. Dann öffnete sie vorsichtig. Es präsentierte sich ihr ein kahler, weißgestrichener Raum mit einem Feldbett, in dem Ben mit Sicherheit geschlafen hatte, obwohl es bereits ordentlich gemacht war. Das Zimmer hatte, wie das Schlafzimmer mit dem Alkoven, einen hellen Holzboden mit einem Teppich, diesmal in einem gemusterten Braunton. Vor dem Fenster stand ein Tisch mit Schreibtischsessel, auf dem ein Laptop stand. Verblüfft blieb Tessa stehen.

Das Haus hatte Internetanschluss. Warum zum Donnerwetter hatte er ihr das nicht gesagt? Wenn sie doch nur den Zugangscode hätte, dann könnte sie auch ihre Nachrichten checken! Sie würde ihn sofort fragen, wenn er gleich zurückkam.

Tessa ging zurück in die Küche und sah aus dem Fenster. Auf dem Hügel gegenüber, dort wo sie schon beim Aufstehen die Straße vermutet hatte, stand nun der Traktor, den sie schon zuvor gesehen hatte. Ob das der Bauer war? Irgendwo da oben musste auch ihr Auto liegen, aber sie sah nur eine weiße Fläche und die Sonne blendete derart, dass ihr fast die Tränen in die Augen stiegen. Sie ging noch einmal durch alle Räume und rief laut nach Ben. Keine Antwort.

Sie musste sich unbedingt für ihre Rettung bedanken. Tessa sah sich in der Küche um und kurz darauf hatte sie alles für ein gutes Frühstück zusammen und machte sich an die Arbeit.

Es war schon fast eine Stunde vergangen, als plötzlich der Traktor wieder zu hören war. Tessa lief ins Wohnzimmer und blickte durch das Rundbogenfester. Draußen tuckerte gerade der Traktor heran, im Schlepptau ihr Auto. Tessa schnappte sich ihren Mantel und lief hinaus.

„Guten Morgen“, rief sie und strahlte Ben an, der gerade vom Traktor stieg.

„Oh, Sie können sogar lachen“, brüllte er gegen den Lärm der Maschine an. „Steht Ihnen besser, als das Gejammer gestern Abend.“

Ben ging um den Traktor herum, löste das Abschleppseil und stieg wieder auf. Er fuhr den Traktor zu einer Scheune, die sie am Tag zuvor gar nicht gesehen hatte. Das große Tor stand auf, der Traktor verschwand darin und der laute Krach erlosch unter einer dichten Qualmwolke, die aus der Scheune drang. Gleich darauf kam Ben mit einem blauen Jutebeutel in der Hand zu ihr hinüber. „Sie haben verdammt Glück gehabt, nur die Fahrertür und der vordere Kotflügel haben eine kleine Delle“, sagte er. „Ein paar hundert Euro und die Sache ist erledigt.“

„Danke“, sagte Tessa und diesmal wäre sie ihm am liebsten um den Hals gefallen und in ihrer Verwirrung wiederholte sie sich. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen danken soll!“

Er winkte mit der Hand ab, drückte ihr den Schlüssel in die Hand und sagte bestimmt: „Steigen Sie ein und lassen Sie den Motor an.“

Tessa starrte auf den Schlüssel und fragte überrascht: „Woher haben Sie meinen Schlüssel?“

„Sie waren doch völlig hinüber gestern Abend, da hab ich ihn abgezogen und eingesteckt.“

Tessa schluckte und in ihrem Körper breitete sich plötzlich trotz der Minustemperaturen eine angenehme Wärme aus. Sie wollte etwas sagen, aber er brummte unwirsch: „Nun machen Sie schon, ich will endlich frühstücken.“

Tessa tat es und der Wagen sprang zum Glück sofort an. Ben öffnete die Tür und kommandierte: „Fahren Sie ihn in die Scheune und halten Sie direkt hinter dem Traktor.“

Tessa sah ihn einen Moment lang irritiert an, legte dann aber den Gang ein und zuckelte vorsichtig zur Scheune hinüber. Als sie ausstieg, besah sie sich den Schaden. Es war wirklich nur eine winzige Delle in der Fahrertür und auch der Kotflügel hatte kaum Schaden genommen, stellte Tessa erleichtert fest.

Ben stand schon am Tor und wartete auf sie. Erst jetzt bemerkte Tessa, dass neben dem Traktor ein fast neuer Mercedes parkte. Eine weiteres Zeichen, das Ben wohlhabend war. Ob in der Landwirtschaft so viel zu verdienen war?

„Nun beeilen Sie sich mal, ich will das Tor schließen!“, rief Ben ärgerlich und brachte Tessa augenblicklich in die Wirklichkeit zurück. Sie ging schnell an den Kofferraum und holte den Koffer und die dicken Winterstiefel heraus.

„Ach, Sie haben ja doch Wintersachen dabei! Endlich mal was Vernünftiges!“ Ben grinste unverschämt, schob das Tor zu und stapfte mit großen Schritten davon.

 

***

 

Kurz darauf saßen sie gemeinsam am Frühstückstisch. Mit keinem Wort hatte Ben sich dazu geäußert, dass sie Frühstück gemacht hatte, aber er schaufelte sich mit Begeisterung das Rührei auf den Teller und legte sich großzügig Schinken auf seine Brötchenhälften.

Plötzlich sah er Tessa mit zusammengekniffenen Augen an. „Ist das alles, was Sie essen wollen?“

Tessa zuckte die Schultern und sah auf ihr Brötchen, das sie nur dünn mit Marmelade bestrichen hatte. „Ich esse nie viel zum Frühstück.“

„Das sollten Sie aber“, tadelte er. „So dünn wie Sie sind.“

Tessa wurde rot und versteckte ihr Gesicht hinter der Kaffeetasse, doch er war wohl schon mit den Gedanken woanders. Er kratzte den Rest des Rühreis von seinem Teller, schlang es hinunter und stand hastig auf.

Tessa fiel das Internet ein und sie sagte: „Können Sie mir den Code fürs WLan geben?“

Er war schon an der Tür. „Nein, die Leitung funktioniert nicht. Ich hab es heute Morgen schon versucht.“ Die Tür fiel hinter ihm zu und Tessa blieb gefrustet zurück.

Sie räumte die Küche auf und ging in das Schlafzimmer, um sich andere Sachen anzuziehen.

 

***

 

Lautes Klopfen schreckte sie auf und sie lief zur Tür. Ben stand draußen auf der Leiter und erneuerte ein Brett der Verkleidung, das wohl beim Sturm heruntergefallen war.

„Ich kann doch helfen“, bot sie an.

„Zwei linke Hände kann ich nicht gebrauchen“, brummte er und Tessa erfasste eine ungeheure Wut.

„Fallen Sie ruhig von der Leiter, mich stört das nicht“, fauchte sie und schlug die Tür zu. Voller Wut ging sie ins Schlafzimmer, zog ihren Skianzug und die warmen Stiefel an und ging wieder hinaus, um eine Wanderung zu machen.

„Gut, dass Sie kommen“, sagte er, als sie wieder draußen war. „Geben Sie mir mal die Zange an. Sie liegt oben im Werkzeugkasten.“

„Holen Sie sich doch selbst Ihren Kram“, antwortete Tessa schnippisch. „Ich weiß gar nicht, wie eine Zange aussieht.“

„Stellen Sie sich nicht so blöd an, ich kann hier jetzt nicht runter“, brüllte er. Widerwillig gab ihm Tessa die Zange und ihre Finger berührten sich. Hastig zog Tessa sie zurück und ignorierte das merkwürdige Kribbeln, das wie ein Stromschlag ihren ganzen Körper durchzogen hatte.

Ben schien nichts bemerkt zu haben, sondern entfernte einen Nagel, der krumm geworden war und schlug einen neuen ein. Einige der Latten, die das Dach des Vorraums außen abschlossen, fehlten noch. Als gelernte Tischlerin sah Tessa sofort, wie es weiterging, und reichte ihm wortlos die nächste Latte an, denn er hatte sie schon passend zugeschnitten bereitgelegt. Ben machte sie fest und nach einer halben Stunde war alles fertig.

Ben stieg von der Leiter, räumte sein Werkzeug in den Kasten und erklärte: „Letztes Wochenende bin ich mit der Verkleidung nicht ganz fertig geworden. Bei dem Sturm sind dann mehrere Bretter abgefallen.“

„Haben Sie die ganze Verkleidung selbst gemacht?“

Er nickte wortlos, schulterte die Leiter und ging zur Scheune hinüber.

„Kommt das Werkzeug auch in die Scheune?“, fragte Tessa.

„Klar, wohin denn sonst“, antwortete er spöttisch.

Tessa nahm den Werkzeugkasten und folgte ihm.

Als alles in der Scheune verstaut war und sie wieder zum Haus gingen, sagte Ben: „Im Radio haben Sie vorhin durchgegeben, dass die Strecke nach Winterberg erst am späten Nachmittag wieder freigegeben wird. Sie können es sich gern gemütlich machen, ich gehe raus.“

„Darf ich mit?“, fragte Tessa, der alles andere lieber war, als die Stunden bis zum Abend allein in dem Bauernhaus zu verbringen.

Er runzelte die Stirn und sah sie missmutig an. „Wenn Sie das Wild nicht vertreiben, meinetwegen.“

„Wollen Sie auf die Pirsch?“, fragte Tessa entsetzt, die eine absolute Jagdgegnerin war.

Er zog die Brauen hoch und sah sie mürrisch an. „Ich habe Sie nicht eingeladen. Sie können gerne hierbleiben.“

Tessa fragte nicht mehr, sondern nahm sich vor, alle Tiere zu vertreiben, die ihm vor die Flinte kamen.

 

***

 

Eine Viertelstunde später stapften sie durch den Schnee. Tessa hatte ihre warmen Stiefel und den Skianzug an und ihr Haar unter einer dicken Mütze versteckt. Langsam folgte sie Ben durch den hohen Schnee, geschickt seine Spuren ausnutzend. Zu ihrer Überraschung hatte er kein Gewehr sondern eine Kamera dabei.

Gezielt steuerte er um die Scheune herum zum Wald hinauf. Den ganzen Weg sprach er kein Wort. Sie hatten den Waldrand noch nicht erreicht, als er ihr plötzlich mit einem Handzeichen gebot, stehenzubleiben.

Direkt am Waldrand unter einer tief verschneiten Tanne stand ein Rehbock, der seinen Kopf in die Höhe reckte und stolz sein Geweih zeigte.

„Ein Sechsender“, flüsterte Ben ihr kaum hörbar zu, hockte sich nieder und machte Fotos. Seine Kamera war hochwertig und er nutzte geschickt das schwache Sonnenlicht aus, um die Tiere genau und scharf ins Bild zu bekommen.

Tessa hockte sich ebenfalls hin, um den Bock nicht zu verscheuchen. Noch nie war sie einem wilden Tier so nah gewesen und betrachtete staunend, wie nun zögernd und ständig witternd nach und nach fünf weitere Rehe aus dem Wald herauskamen.

Ein Hubschrauber flog dicht über den Bäumen dahin. Aufgeschreckt sprintete das Rudel Richtung Weide, wendete nach kurzem Spurt im tiefen Schnee und lief in den Wald zurück.

Ben erhob sich. „Die kommen so schnell nicht wieder. Kommen Sie.“

Zielstrebig ging er auf die Stelle zu, die die Rehe gerade verlassen hatten. Die Tiere hatten den Waldboden aufgekratzt und mit den Hufen allerhand Gras, Wurzeln und Zapfen ans Tageslicht befördert.

„Hier ist eine beliebte Stelle, an der ich die Tiere schon oft beobachtet habe. Sehen Sie die Spuren dort im Schnee? Man kann genau sehen, ob ein Tier gemächlich dahinläuft oder auf der Flucht ist.“

Tessa erblickte interessiert die unterschiedlichen Hufabdrücke und entdeckte weitere Spuren im Schnee. „Was sind denn das für Spuren?“, fragte sie. „Es sieht aus, als wären hier große Vögel gewesen.“

Ben nickte. „Diese Spuren haben Fasane hinterlassen. Die werden wir heute aber wohl nicht mehr zu sehen bekommen.“ Er zeigte zum Himmel. „Es zieht sich schon wieder zu.“

Überrascht stellte Tessa fest, dass es schon drei Uhr am Nachmittag war. Sie hatte den Ausflug richtig genossen und war dem Bauern dankbar, dass er sie mitgenommen hatte.

Ben packte die Kamera in den Rucksack und sagte: „Sie können ja richtig stillsein, wenn’s drauf ankommt.“ Eine warme Welle überzog Tessas Körper bei seinen Worten und sie zuckte lächelnd die Schultern.

Ben holte sein Handy aus der Tasche. „Immer noch kein Empfang“, sagte er und setzte hinzu: „Oben im Nachbarort ist gestern der Sendemast vom Sturm abgeknickt worden.“ Er steckte das Gerät wieder ein und zuckte gleichgültig die Schultern. „Wir müssen sowieso zurück, es wird bald dunkel.“

Tessa nickte wortlos.

5. Kapitel

Die Sonne war verschwunden und am Himmel türmten sich graue Wolken auf. „Es gibt wieder Schnee“, sagte Ben und schulterte seinen Rucksack.

Tessa sah mit zusammengekniffenen Augen in den Himmel hinauf, als ihr unerwartet ein Schneeball mitten ins Gesicht flog.

„Hey“, protestierte sie. „Na warte!“

Sekunden später war die schönste Schnellballschlacht in vollem Gange. Irgendwann lagen sie beide lachend im Schnee. „Mit Ihnen kann man sogar Spaß haben“, sagte Ben lächelnd.

Tessa strahlte ihn an. „Ich liebe Schneeballschlachten.“

„Hab ich gemerkt und werfen können Sie auch“, sagte Ben und fragte: „Fahren Sie oft in Skiurlaub?“

Tessa zuckte die Schultern. „Früher bin ich oft gefahren, mit meinen Eltern. In den letzten Jahren nicht mehr, da haben wir immer im Süden Urlaub gemacht.“ Sie dachte daran, dass Tom nie Lust auf Schnee hatte und nur leidlich gut Ski fuhr. Schnee war einfach nicht sein Ding und Tessa hatte sich dem gefügt.

Ben stützte sich auf seinen rechten Ellbogen und beugte sich zu ihr hinüber. Sein Atem streifte ihr Gesicht und er fischte nach einer Haarsträhne, die unter Tessas Mütze hervorgekrochen war.

„Sie haben schönes Haar“, sagte er mit plötzlich veränderter Stimme und sah sie durchdringend an.

Tessa spiegelte sich in seinen braunen Augen und eine warme Welle fuhr durch ihren Körper. Ganz sanft legten sich seine Lippen auf ihre. Sein Bart kitzelte an ihrem Kinn und seine Berührung entfachte ein kleines Feuer in ihrem Körper. Ihr Herz pochte aufgeregt und ohne es zu wollen, erwiderte sie seinen Kuss. Er deutete es als Zustimmung und plötzlich fanden sie sich in einem wunderbaren, intensiven Kuss wieder, von dem Tessa wünschte, er würde ewig dauern.

Oh, verdammt! Was tat sie da eigentlich? Sie war mit Tom zusammen.

Ob Ben Gedanken lesen konnte, oder ob er einfach nach Hause wollte, wusste sie nicht. So unvermittelt wie er sie geküsst hatte, sprang er jetzt auf die Füße.

„Wir müssen los, sonst sind wir gleich eingeschneit.“

Tessa stand ebenfalls auf und klopfte sich den Schnee ab. Ganz leicht begann es jetzt zu schneien.

Wortlos gingen sie nebeneinander zurück, jeder tief in Gedanken versunken. Hin und wieder sah sie Ben von der Seite an. Er sah verdammt gut aus. Und er konnte tierisch gut küssen. Sie konnte ihn fast noch auf ihren Lippen spüren.

Als sie beim Haus angelangt waren, schneite es bereits heftig.

Tessa blickte sorgenvoll in den Himmel. „Hoffentlich ist die Straße wieder frei.“

„Keine Sorge, ich habe den Schneeflug heute Morgen schon gesehen“, sagte Ben. „Sicherheitshalber sollten Sie aber beim Hotel anrufen.“

Trotz des innigen Kusses blieb er beim Sie und Tessa war es nur recht. Ein Bauer war wirklich nicht das Richtige für sie.

Aber der Gedanke an den Kuss ließ sie nicht los. Das heftige Herzklopfen, das Kribben im Bauch und das Kitzeln seines Bartes auf ihrer Haut hatten sich so gut angefühlt, dass alles vorherige für Sekunden vergessen gewesen war.

Um nicht noch mehr zu grübeln, ging sie gleich ans Telefon und versuchte Tom zu erreichen. Schrecklicher Lärm erklang, als er sich endlich meldete.

Tom hatte sie wohl nicht richtig verstanden, denn er fragte: „Bist du’s Tessa?“ Erst da fiel ihr ein, dass er in München im Stadion war, um sich das Bayernspiel anzusehen. „Ja, ich wollte nur sagen, dass alles okay ist“, sagte sie, als am anderen Ende erst recht ohrenbetäubender Lärm entstand und der Torjubel der Fans ein Gespräch unmöglich machte.

Sekundenlang keine Reaktion, dann sagte sie nur: „Viel Spaß noch, Tom.“ Ein heiseres „Tschüüss“ erklang durch den Lärm und Tessa und beendete das Gespräch.

Resigniert legte sie das Telefon zur Seite und erkundigte sich im Hotel nach den Straßenverhältnissen. Es sah alles andere als gut aus und die Rezeptionistin empfahl ihr, nur mit Schneeketten zu fahren, weil die Straße noch vereist war und es bereits wieder heftig schneite.

„Schneeketten?“, fragte Tessa überrascht, denn an so etwas hatte sie nicht gedacht. Verärgert brach sie das Gespräch ab und rief Anke an.

„Tessa, endlich meldest du dich“, überfiel die Freundin sie atemlos. „Ich versuche seit Stunden dich zu erreichen! Wieso gehst du nicht an dein Handy?“

„Ich bin auf einem Bauernhof“, erklärte Tessa. „Es gibt kein Netz.“ Sie berichtete der Freundin von ihrem Missgeschick mit dem Auto.

„Dann ist es ja nicht schlimm, dass ich nicht kommen kann“, sagte Anke. „Ich bin für heute Abend zum Essen verabredet und am Montag habe ich einen dringenden Geschäftstermin. Es wird nichts aus unserem gemeinsamen Wellnessurlaub. Im Hotel habe ich mich schon abgemeldet.“

„Oh nein“, rief Tessa enttäuscht aus. „Dann bin ich ja die nächsten Tage ganz allein.“

„Du wirst dich schon beschäftigen“, tröstete Anke. Tessa legte seufzend den Hörer weg.

Selten, dass ein Wochenende so dumm gelaufen war. Diesmal ging aber wirklich alles schief. Von wegen Wellnessurlaub. Stresstage waren das!

Ben kam herein. „Na, alles geregelt?“

„Haben Sie Schneeketten?“, fragte sie statt einer Antwort.

„Wofür brauchen Sie die denn?“

Sie berichtete, was die Rezeptionistin ihr mitgeteilt hatte und setzte hinzu: „Ich habe keine dabei.“

Er lachte. „Bleiben Sie doch einfach bis morgen hier. Dann sind die Straßen sicher wieder frei. Für Sonntag und Montag hat der Wetterbericht schon wieder Plustemperaturen gemeldet.“

„Das geht doch nicht“, wandte Tessa hastig ein.

Sein Gesicht nahm innerhalb von Sekunden einen wütenden Ausdruck an. „Ach so, ich bin ja ein Monster.“ Mit großen Schritten ging er zur Tür.

„So hab ich das doch nicht gemeint, Ben, bitte.“ Tessa seufzte. „Ich will Ihnen doch nur nicht zur Last fallen.“

Er blieb an der Tür stehen. „Wenn’s nur das ist“, sagte er gedehnt und sie sah plötzlich ein hintergründiges Funkeln in seinen braunen Augen. „Sie könnten mir helfen, das Abendessen zuzubereiten.“

Tessa lächelte befreit. „Gerne.“

 

***

 

Eine halbe Stunde später standen sie beide in der Küche. Tessa war ganz begeistert, denn mit Tom hatte sie so etwas noch nie gemacht. Er hasste Küchenarbeit.

Tessa schnippelte Gemüse und Ben schichtete es mit Fischfilets sogfältig in eine Kasserolle, überstreute das Gericht mit geriebenem Käse und schob alles in den Backofen. Zu dem Filet hatte Ben Petersilienkartoffeln und Buttergemüse vorgesehen, die sie nun gemeinsam zubereiteten, während der Fisch im Ofen garte.

Zu Tessas Überraschung war Bens Vorratsraum neben der Küche gut bestückt. Wahrscheinlich hätten sie für zwei Wochen täglich etwas anderes essen können, ohne einzukaufen, so gut gefüllt war sein Eisschrank, und die Kartoffeln in der Kiste reichten sicher noch bis zum Frühling.

„Kochen Sie immer selbst?“, fragte sie Ben, der nun den Tisch in der abgetrennten Nische der Küche deckte.

„Meistens“, gab er ausweichend an und fragte: „Und Sie? Kochen Sie oft?“

Tessa schüttelte den Kopf. „Eigentlich koche ich gern, aber wenn ich von der Arbeit komme, ist es meistens schon nach sechs abends und dann bin ich einfach zu müde“, gab sie zu. „Wir gehen dann essen oder bestellen eine Pizza.“

Ben äußerte sich nicht dazu, sondern sah sie durchdringend an, so als wolle er ihre Gedanken lesen.

Ungewollt errötete Tessa stark und ihr Herz klopfte wie ein unruhiger Vogel in ihrer Brust. Sie senkte hastig den Kopf und spielte mit ihren Fingern, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

„Wohnen Sie mit ihrem Freund zusammen“, fragte er plötzlich.

Tessa nickte. „Wir wollen im Sommer heiraten.“

„Ach, und er lässt Sie so allein durch die Gegend fahren?“

Tessa fasste es als Rüge auf und antwortete patzig: „Ich brauche keinen Aufpasser, ich werde gut allein fertig.“ Dieser Idiot, was ging ihn ihr Leben an!

Ben zog überrascht die Brauen hoch und schüttelte wortlos den Kopf.

Zu gern hätte sie gewusst, was in seinen Gedanken vorging, aber er wandte sich schweigend dem Ofen zu, schaltete ihn kleiner, murmelte etwas Unverständliches und verschwand aus der Küche.

Tessa setzte sich an den gedeckten Tisch. Sollte Ben doch denken, was er wollte. Morgen war sie weg und dann würde sie ihn zum Glück nie wieder sehen.

Trotz dieser Gedanken hatte sie richtig Appetit, denn seit dem Frühstück am Morgen hatte sie nichts mehr zu sich genommen.

Ben hatte Weingläser aufgedeckt. Noch während sie überlegte, wo im Vorratsraum der Wein stehen könnte, sie hatte dort nur eine Kiste Bier entdeckt, kam Ben mit einer Flasche Weißwein in der Hand herein. Gekonnt entkorkte er die Flasche und reichte ihr ein Glas zur Probe.

Tessa nahm einen winzigen Schluck und hätte am liebsten gleich ein ganzes Glas geleert. „Der ist aber gut“, sagte sie anerkennend.

Ben grinste selbstgefällig. „Für meine Gäste nur das Beste.“

 

***

 

Das Essen war exzellent und hätte in einem guten Restaurant nicht besser sein können. Ben hatte Kerzen auf den Tisch gestellt und Tessa blickte ihn hin und wieder über die flackernde Flamme hinweg an. Im Gegensatz zu Tom schien er einen Hang zur Romantik zu haben, so schön wie er den Tisch gedeckt hatte. Tessa fühlte sich richtig wohl.

Ben trug jetzt ein schwarzes Shirt zu einer Jeans und eine Rolex glitzerte an seinem Arm. Er gab ihr echt Rätsel auf. Gutaussehend, ein hervorragender Koch und dann noch handwerklich begabt. Er schien mit seinem Hof viel zu verdienen. Zwar waren einige der Räume, die sie gesehen hatte, noch nicht fertig, aber wo die Einrichtung komplett war, war sie hochwertig und teuer.

„Haben Sie auch Tiere hier auf dem Hof?“, fragte sie und sah ihn an.

Ben schluckte und ließ die Gabel mit Fisch auf den Teller sinken, die er gerade zum Mund führte. „Meinen Sie Schweine oder Kühe?“

Tessa nickte „Dies ist doch ein Bauernhof, oder …?“

„Von Landwirtschaft haben Sie keine Ahnung, nicht wahr?“ Er schnaubte verächtlich. „Wenn ich Vieh hätte, müsste ich es doch füttern. Haben Sie davon was gemerkt?“

„Nein“, sagte Tessa irritiert. „Sie sind aber doch Bauer, oder?“

„Ich habe den Hof hier gekauft, weil der Besitzer keinen Nachfolger hatte“, erklärte Ben, ohne ihre eigentliche Frage zu beantworten. „Ich liebe die Stille hier und das Dorf liegt ganz in der Nähe.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878957
ISBN (Buch)
9783960879428
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v504154
Schlagworte
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Autor

  • Gisela Maria Stiens (Autor)

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Titel: Herzklopfen unterm Weihnachtsbaum