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Tod in der Villa Verbena

Ein Toskana-Krimi

von Barbara Büchner (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als die Münchener Sportstudentin Juliane Emser eine Villa in der Toskana mit einem eigenen Weingut erbt, hält sie das für einen verblüffenden Glücksfall. Doch ihre Mutter warnt sie so energisch vor einem Besuch bei ihren italienischen Verwandten, dass ihre Freude schnell von Unsicherheit überschattet wird. Warum kann sie sich absolut nicht daran erinnern, dass sie als kleines Mädchen mit ihrem Vater dort schon einmal zu Besuch war? Und haben die Ängste, die ihren Alltag durchziehen, gar ihre Ursache in einem schrecklichen Kindheitserlebnis in der Villa Verbena? Während die nichtsahnende Juliane versucht, mehr über das Gut La Querce herauszufinden, könnte das idyllische Örtchen für sie schneller zur Todesfalle werden als sie denkt ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe November 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-776-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-039-8

Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von © Samot/shutterstock.com und © Ivan Popovych/shutterstock.com
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Reise durch die Nacht

Einige Tage früher

Juliane Emser schlief bereits, als der Intercity den Hauptbahnhof von Florenz verließ. Der Schlaf war plötzlich gekommen, bleiern, ein Sturz in völlige Erschlaffung nach der Nervenanspannung der letzten Wochen, wie ein erschöpfter Kletterer ins Seil stürzt. Die 22-jährige Sportstudentin war in sich zusammengesackt wie eine Greisin. Nichts an ihr erinnerte mehr an die kraftvolle Frau, die – mehr apart als schön, eher klein und kompakt, viel mehr Athletin als Model, aber Muskel für Muskel perfekt – Thema einer ganzen Serie großformatiger Fotos gewesen war. An die Wand des Abteils gelehnt, schwankte sie hin und her, während die kraftlosen Hände den Mantel festhielten, der sie von der Brust bis zu den Knien bedeckte.

Fort von hier, nur fort von hier, nur fort von hier, sangen die Räder auf den Schienen. Gelbe Lichtflecken glitten über sie hin, während der Zug die Vororte von Florenz passierte. Weichen quietschten. In den Gängen herrschte noch Unruhe, als Reisende ihre Koffer auf der Suche nach einem bequemeren Sitzplatz hin und her schleppten. Aber die zugezogenen Vorhänge wirkten: Niemand drängte sich in Julianes Abteil.

Sie schlief und träumte und wäre glücklicher gewesen, wenn sie nicht geträumt hätte, denn die Bilder und Geräusche der vergangenen Tage drängten sich ihrem erschöpften Hirn auf, das nicht die Kraft hatte, sich dagegen zu wehren. Die heitere, liebenswürdige Landschaft der Toskana, Siedlungsland der antiken Etrusker und Römer, Schauplatz mittelalterlicher Fehden um Macht und Wohlstand, Wiege der Renaissance und der italienischen Sprache. Das Arbeitszimmer der Dottoressa, erfüllt von einem zugleich stechenden und süß erregenden Apothekengeruch, Spiegelbilder in den glänzend polierten Oberflächen der altväterischen schwarzen Möbel, die bronzene Eule oben auf dem Giftschrank. Das nächtliche Heulen der Hunde. Das Ölgemälde der Contessa mit ihrem bleichen Lächeln. Die Kommissarin Fabrizia Orlandini, die neben Juliane durch die Weinberge lief, langbeinig, mit schmalen Hüften wie ein Mann und den feuchten, südländischen Augen, in denen Feuer leuchtete. Jens Thiele mit seinem duftenden Haar und dem kleinen, festen, strammen Körper, der so gut zu ihrem eigenen passte.

Juliane bewegte sich unruhig. Noch waren die Bilder ihrer Träume harmlos und sonnig, aber wie eine Schlange unter Blättern kroch das Gefühl durch sie hindurch, welches sie schon am ersten Tag ergriffen hatte, dem Tag der Nachricht: Dass jede unbedachte Bewegung den Mechanismus einer Falle auslösen könnte, die tödlich über ihr zuschnappte.

Die Nachricht hatte in der Mitteilung eines italienischen Rechtsanwalts an die Anwältin der Familie Emser bestanden. Der am 8. Juni verstorbene Diplomkaufmann Guido Wewelmann hatte seiner Nichte Juliane die Villa Verbena in der Toskana hinterlassen, in der er die letzten zwanzig Jahre gelebt hatte, mitsamt dem Landgut Le Querce und einem Weinkeller voll flüssiger Kostbarkeiten. Dazu kamen die Kunstschätze in der Villa, zu denen antike Möbel, ein paar Dutzend Ölgemälde und ein Kelch aus dem Frühmittelalter gehörten, der unter dem Namen Papstkelch bekannt war, weil er angeblich aus dem Besitz eines Pontifex stammte – was Julianes Anwältin allerdings für eine zweckdienliche Sage hielt, um den Wert des Kelchs in die Höhe zu treiben. Auf jedem Fall war das Erbe von sehr beträchtlichem Wert.

Juliane hatte es nicht fassen können. „Das ist absurd!“, hatte sie ihrer Freundin Gretchen anvertraut, mit der sie die Studentenwohnung in der Nähe der Münchener Universität teilte. „Onkel Guido hätte mich nicht einmal erkannt, wenn er mir auf der Straße begegnet wäre, so lange haben wir uns nicht mehr gesehen. Das letzte Mal war beim Begräbnis meines Vaters. Da war ich dreizehn. Ich erinnere mich nur mehr, dass er enorm groß und dick war und eine dichte weiße Haarmähne hatte, und dass ich ihn nicht mochte. Er hatte etwas Fettiges an sich – als würde ein schmieriger Film auf der Hand zurückbleiben, wenn man ihn berührte.“

„Bist du seine einzige Verwandte?“

„Keine Rede! Er hat drei Kinder, die etwa in meinem Alter sein müssen. Zwei leibliche Kinder, Adam und Dorothea, und eine Adoptivtochter, Emilia.“

„Kennst du sie?“

„Nein. Wir standen nicht so gut miteinander, dass wir viel Kontakt gehabt hätten – ich meine, Mutter konnte Onkel Guido nicht ausstehen. Sie war froh, als er eine Italienerin heiratete und aus unserem Blickfeld verschwand.“

„War er ihr Bruder?“

„Nein, der meines Vaters. Sein älterer Bruder. Beträchtlich älter.“

Gretchen, die nichts so liebte wie persönliche Tragödien – sofern sie andere Leute betrafen –, erkundigte sich neugierig: „Woran ist er eigentlich gestorben?“

„Davon steht nichts in dem Brief. Wahrscheinlich ein Herzinfarkt oder Schlaganfall. Er war der Typ, der viel zu gern aß – und vor allem trank. Edle Weine waren seine Leidenschaft. Das war mit ein Grund, warum er seinen Wohnsitz in die Toskana verlegte. Er kaufte ein ziemlich heruntergekommenes Weingut aus dem Besitz einer ortsansässigen Familie, heuerte einen hochkarätigen Kellermeister an und machte es zu einem Geheimtipp unter Kennern.“

„Deshalb bist du jetzt Erbin eines berühmten Weinkellers.“

„Ich kann es immer noch nicht fassen“, hatte sie Gretchen erklärt. „Ich habe das Gefühl, alles wird sich als Irrtum oder als schlechter Scherz herausstellen. Mutter behauptete immer, Guido sei verrückt, also ist es vielleicht nur eine seiner Verrücktheiten. Auf jeden Fall muss ich hin und mir die Lage vor Ort ansehen – und das bei meinem Italienisch. Außer Buongiorno bringe ich kaum etwas zustande.“

„Aber deine Verwandten sprechen doch sicher Deutsch.“

„Ja, natürlich. Und die Toskana ist seit dem 19. Jahrhundert Touristengebiet, steht im Reiseführer – wenn man in der Hauptreisesaison durch die Hauptstraßen der größeren und kleineren Touristenorte geht, wimmelt es dort von Fremden. Von japanischen Gruppen über Familien aus allen Teilen Europas bis zu amerikanischen Kulturreisenden ist so ziemlich alles dabei. Aber Dormiani ist ein Nest, das die Touristen noch nicht entdeckt haben, und mir gefällt der Gedanke nicht, hinter den sieben Bergen in einem fremden Land festzusitzen, in dem ich mit niemandem außer meinen Verwandten reden kann. Dass sie mich nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden, ist doch wohl klar, oder? Nicht, nachdem mein Onkel sie aufs Pflichtteil gesetzt und den Löwenanteil seines Vermögens mir hinterlassen hat.“

Gretchen hatte ihr zugestimmt, dass unter diesen Umständen der Empfang eher kühl ausfallen würde.

 

***

 

Juliane schreckte auf, als die Tür des Abteils mit einem Lärm, der sich im Halbschlaf wie Donnergrollen anhörte, beiseite gerollt und der schmutzig gelbe Vorhang aufgezogen wurde. Grelles, unfreundliches Licht flammte auf. Ein Mann in Uniform verlangte Biglietto. Sie reichte ihm die Fahrkarte, fröstelnd vom Schock des plötzlichen Erwachens. Sie musste entsetzlich aussehen, denn der Schaffner warf einen Blick in ihr Gesicht unter dem kurzen, verschwitzten dunklen Haar, dann auf den Mantel, mit dem sie sich trotz der warmen Nacht zugedeckt hatte, und fragte in holprigem Deutsch: „Ist die Signora krank?“

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Nein, nur müde. Sehr müde.“ Da sie nicht wusste, wie weit seine Deutschkenntnisse reichten, legte sie die gefalteten Hände unters Ohr und deutete mimisch totale Erschöpfung an.

Der Mann – der vielleicht befürchtet hatte, Umstände mit einem kranken Fahrgast zu bekommen – lächelte erleichtert. Fürsorglich und geschäftstüchtig zugleich schlug er vor: „Will die Signora ein Bett im Schlafwagen nehmen? Er ist nicht ausgebucht, wir haben noch mehrere Plätze frei.“

„Nein. Nein, danke.“

Er wünschte ihr Buonanotte. Dann schloss er die Tür hinter sich und drehte das Licht ab.

Juliane seufzte erleichtert. Jetzt standen die Chancen gut, dass sie den Rest der Nacht in Frieden gelassen wurde. Das hätte ihr gerade noch gefehlt, in das stickige, stockfinstere Abteil eines Schlafwagens verpackt zu werden, in dem die Passagiere in ihren sargähnlichen Kojen übereinandergestapelt lagen wie Tote in einem Kolumbarium! Kein Licht, keine Luft, die qualvolle Beschränkung des Körpers … Bei dem bloßen Gedanken überlief sie ein Schauder und ihre Kopfhaut zog sich prickelnd zusammen. Sie musste bewusst einige Entspannungsübungen vornehmen, um wieder locker zu werden. Sie wünschte sich nichts weiter als Ruhe und Wärme und Dunkelheit … und die beruhigende Gewissheit, dass sie sich mit jedem Tacka-Tack, Tacka-Tack der Eisenräder auf den Schienen weiter von Dormiani entfernte. Morgen war sie wieder in München, bei ihrer Mutter, bei Gretchen, bei ihren Freunden von der Universität, und sie würde eine ganze Weile lang kein Italienisch hören, keinen Wein trinken und keine Hunde sehen können, ohne dass sich ihr Magen verkrampfte.

Die Augen geschlossen, kroch sie in ihrem Winkel in sich zusammen und überließ sich den Erinnerungen, die in der Dunkelheit kamen und gingen. Da war das milde Spätnachmittagslicht, das die Villa Verbena umfloss, die klaren Konturen des alten Gebäudes – als ob es gerade zu regnen aufgehört hätte – und alles durchtränkend, alles erfüllend das Bouquet Garni von Salbei, Gräsern und unzähligen Gewürzen, das auf dem lauen Wind schwebte. Dormiani war eine magische Welt, erbaut aus Düften, aus dem Geruch von Holzfeuerrauch, von Balkonblumen und Robinienblüten, gebratenem Fleisch und starkem Kaffee. Auch das Haus war voll von Gerüchen: Bohnerwachs, kostbare Stoffe und der schwache, stickige medizinische Geruch, der Dorothea umgab. Dorothea, die in so kurzer Zeit so viel verloren – und gewonnen – hatte. Auch wenn sich das anerzogene Gefühl dagegen sträubte, die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, so hatte doch weder Dorothea noch sonst jemand um Onkel Guido getrauert. Hinter geschlossenen Fensterläden und versperrten Türen hatte alle Welt sich gefreut, dass er tot war und für immer in seiner pompösen Marmorgruft auf dem Friedhof von Dormiani lag. Wahrscheinlich hatten die Einwohner Kerzen gestiftet, dicke honiggelbe Kerzen der Dankbarkeit für alle Dämonen und Heiligen, die an Guidos Tod mitgewirkt haben mochten.

Der Regen, der seit Florenz in den Wolken lauerte, brach los, prasselte auf das Dach des dahinjagenden Zuges und überzog die Fenster mit einer schmierig glänzenden Schicht. Juliane kehrte in Gedanken zurück zur Hinfahrt. Da hatte es auch geregnet, im Inntal sogar so heftig gehagelt, das die Wiesen links und rechts der Gleise schlohweiß waren. Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Gretchen, die, mit beflissener Hilfsbereitschaft Koffer und Regenschirm schleppend, ihre Freundin zum Nachtzug begleitet hatte. Ein Gespräch über einer Tasse Kaffee in einer der gesichtslosen, viel zu hell erleuchteten Plexiglas-Imbissstuben im Hauptbahnhof zwischen Koffern und Lautsprecherdurchsagen.

„Warum nimmst du nicht jemanden mit?“, hatte Gretchen gefragt.

„Und wen? Ich habe keine Verwandten, die ich mitnehmen könnte, außer meiner Mutter, die sich weigert, mit mir nach Dormiani zu fahren. Sie will von der ganzen Erbschaft nichts wissen. Am liebsten wäre es ihr, wenn ich sie rundheraus ausschlagen würde. Sie stellt sich auf den Standpunkt, sie würde es nicht annehmen, wenn Guido ihr ganz Italien samt dem Vatikan vererbt hätte.“

„Klingt, als wären sie spinnefeind.“

„Sind sie auch. Mutter meint, er hätte einen schlechten Einfluss auf meinen Vater gehabt. Als junger Mann war mein Onkel so besessen von seiner Spiel- und Wettleidenschaft, dass er mit dem Teufel Karten gespielt hätte, und das hat anscheinend auf Vater abgefärbt. Sie hatten viel Streit deswegen, und nach Vaters Tod hat Mutter den Kontakt zu ihrem Schwager diskret einschlafen lassen.“

Dann war es an der Zeit gewesen, den Zug zu besteigen. Das übliche Gedränge mit Koffern und Taschen folgte, bis sie in ihrem Abteil eingerichtet war. Blechern hallende Lautsprecherdurchsagen. Ein letztes Winken. Der Intercity rollte aus dem Münchner Hauptbahnhof en route nach Florenz. Als sie den Schutz der Halle verließen, prasselte Regen wie aus Eimern auf die Dächer der Wagons. Juliane wischte ein Loch in die dunstbeschlagene Scheibe und blickte hinaus auf das glitzernde Schienengewirr, über dem die Hitze des vergangenen Tages als Dampf aufstieg. Das Abteil füllte sich mit einem widerwärtigen Geruch nach nassem Gummi, der von draußen hereinwehte. Sie stand hastig auf und schob das Fenster hoch, bis es einrastete.

Bis Florenz wollte sie mit dem Zug fahren. Dort würde Adam sie abholen und mit dem Auto in die Montalbano-Hügel zur Villa Verbena bringen. Die nächste größere Stadt hieß Prato und war, glaubte man ihrer Homepage im Internet, architektonisch nicht uninteressant. Es gab dort eine gut erhaltene mittelalterliche Stadtmauer, einen sehenswerten Dom und eine Trutzburg, das vom Stauferkaiser Friedrich II. errichte Castello dell’Imperatore. Aber sie würden sich nicht lange genug aufhalten, um die baulichen Schönheiten zu bewundern. Schließlich war ihre Reise geschäftlicher Natur, und enterbte Verwandte würden wohl kaum viel Wert darauf legen, ihr den Aufenthalt angenehm zu machen. Die E-Mails, die zwischen ihnen hin und her gegangen waren, hatten sich kurz, knapp und businesslike mit den nötigen Arrangements für ihren Besuch befasst. Auf ihre höflichen Beileidskundgebungen war keine Reaktion gekommen.

Dr. Gabriele Morensky, ihre Anwältin, hatte ihr geraten, einen Kompromiss auszuhandeln – besser gesagt, von den Anwälten aushandeln zu lassen. Was wollte sie überhaupt mit einem Haus in der Toskana? Und mit einem Weingut, sie, deren Weinkenntnisse sich auf rot und weiß beschränkten? Wer brauchte in Dormiani eine Sportlehrerin? Nein, sie würde Adam und ihren Kusinen sofort sagen, dass sie eine finanzielle Regelung suchte. Das würde das böse Blut beschwichtigen.

Adam. Er hatte auf dem Hauptbahnhof von Florenz auf sie gewartet, wie es abgemacht war. Florenz hatte sich im strömenden Regen von seiner hässlichsten Seite gezeigt. Kein vornehmer, ehrwürdiger, geschichtsschwangerer Ort, sondern eine düstere Lokalität, deren Kirchtürme in feuchten Schleiern verschwunden waren. Juliane hatte schlecht geschlafen und kletterte verdrießlich aus dem Zug. Ihr Körper war daran gewöhnt, dass seine Bedürfnisse an erster Stelle standen, dass das Wohlbefinden von Muskeln und Organen allem anderen vorgezogen wurde, und nahm es übel, dass er nicht zur gewohnten Zeit im gewohnten Bett gewesen war. Julianes Magen verknotete sich bei dem Gedanken, dass auf dem Bahnsteig vermutlich ein schlecht gelaunter, von Groll erfüllter Vetter Adam stand, der sie mit Vorwürfen und Verdächtigungen empfangen würde – vielleicht eine jüngere Ausgabe seines fetten, hängebackigen Vaters.

Aber dann war er plötzlich da gewesen, ein hochgewachsener junger Mann vom Typus des Calvin-Klein-Models, in einem Regenmantel, mit lockigem, schwarzem Haar, Dreitagebart, klaren Zügen, einer weichen, angenehm klingenden Stimme. Nur die engstehenden grünen Augen störten das Idealbild männlicher Schönheit ein wenig. An seinem Ärmel steckte eine Trauerschleife aus schwarzem Seidenkrepp. Er begrüßte Juliane nicht gerade mit überschwänglicher Zuneigung, aber immerhin mit geschäftsmäßiger Freundlichkeit. „Gib mir deinen Koffer. Du brauchst jetzt sicher einen starken Kaffee und ein Croissant, nicht wahr? Mein Wagen steht draußen. In Dormiani ist besseres Wetter als hier, nur ein leichter Sprühregen. Wahrscheinlich kommt bald wieder die Sonne heraus.“

Sie merkte, dass er ihren Körper mit dem Blick des Kenners betrachtete. Nicht lüstern, sondern mit einer ästhetischen Leidenschaft, wie er sie einer Marmorstatue gegenüber empfinden mochte. Es gefiel ihr, so betrachtet zu werden. Unwillkürlich warf sie sich, als sein Blick über sie hinwegglitt, in Positur. Sie hatte viel Zeit und Mühe auf ihren Körper verwandt; er war ihr wichtig, nicht nur als ein Mittel, um Bewunderung zu ernten, sondern noch auf eine andere und viel bedeutsamere Weise. Dieses lebende Kunstwerk aus optimal funktionierenden Muskeln, Sehnen und Organen war ein Schutzschild, das ihr die Gefahren des Lebens vom Leib hielt. Sie war so sehr Körper, dass nur wenige Menschen auf den Gedanken kamen, sich für ihre Seele zu interessieren. Das verringerte die Gefahr, dass dieses verwundete, verängstigte und wütende Gebilde in ihr noch weiter beschädigt wurde.

Als Adam eine Bemerkung machte, dass man ihr das Sportstudium auf eine höchst reizvolle Weise ansähe, gab sie keine Antwort, sondern lächelte nur. Sie vermutete, dass er sie für dumm hielt. Die meisten Menschen waren der Meinung, dass in einem so prächtigen Körper nur ein verkümmerter Verstand wohnen könne – als würden die Vorzüge des Leibes automatisch denen des Geistes abgezogen. Julianes Interessen waren beschränkt, das stimmte, das wusste sie selbst auch. Die meisten waren Planeten, die sich um die Sonne ihrer kunstvollen Körpergestaltung drehten: Ein Schuss Medizin – Anatomie und Ernährungslehre -, ein paar mehr oder minder esoterische Anleitungen zur Pflege der Seele, wie sie im Gefolge ähnlicher Anleitungen zur Pflege des Körpers zwangsläufig auftauchten, ein wenig Kunstinteresse, das vor allem das Interesse an der Darstellung idealer Frauengestalten umfasste. Sie hatte Tiere gern, liebte die Natur und empfand eine unklare Sehnsucht nach einem Jenseits, in dem die Kräfte des Lebens harmonischer und sinnvoller wirkten als auf der Erde. Wie so viele sportliche Menschen hatte sie nur ein sehr geringes Interesse an Sex. Ihr Körper war sich selbst genug. Aber dass ihre Interessen beschränkt waren, hieß nicht, dass dasselbe auf ihre Intelligenz zutraf. Sie konnte sehr scharf denken. Nur war es in ihrer einfachen, leicht überschaubaren Welt bislang nur selten notwendig gewesen, diese Fähigkeit einzusetzen.

Adam trug ihren Koffer und ihre Reisetasche zu einem Café – mit seiner Plexiglasverschalung und den frostig glänzenden Lampen sah es ganz genauso aus wie die Cafés auf dem Münchner Hauptbahnhof -, bestellte ein kleines Frühstück für sie und einen Grappa für sich und setzte sich dann zu ihr auf die rote Kunstlederbank. „Es hat sich nicht viel verändert seit deinem letzten Besuch“, sagte er lächelnd. „Du wirst alles so wiederfinden wie damals.“

Sie starrte ihn an, unsicher, ob sie richtig verstanden hatte. „Meinem letzten Besuch? Ich war noch nie in Dormiani.“

Seine Augen weiteten sich erstaunt. „Aber doch. Es ist zwar schon enorm lange her, aber wir erinnern uns ganz genau. Du warst etwa fünf Jahre alt, als Onkel Benno – dein Vater, meine ich – mit dir zu Besuch gekommen ist. Denk nach, du erinnerst dich sicher.“

„Nein, absolut nicht.“ War das ein komplizierter Scherz? Oder eine Falle? Der absurde Gedanke ging ihr durch den Kopf, dass er vielleicht daran zweifelte, ob sie die richtige Juliane Emser war und sie zu dekuvrieren versuchte, indem er Erinnerungen fälschte und prüfte, ob sie die Fälschung entdecken würde. Sie lachte nervös auf und legte ihren Pass auf den wackligen Kunststofftisch. „Hör zu, du kannst dich gerne überzeugen, dass ich wirklich die bin, für die ich mich ausgebe. Hier bitte. Mein Pass mit Foto, ausgestellt von der Polizeidirektion München.“

Adam warf nur einen flüchtigen Blick auf das Dokument. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass du wirklich unsere Kusine Juliane bist.“ Er trank seinen Grappa aus und orderte einen zweiten.

Der Gedanke streifte sie flüchtig, dass zwei Grappas ein bisschen viel waren, um sich danach noch ans Steuer zu setzen, aber sie schob ihn beiseite, gefesselt von Adams merkwürdigen Behauptungen. „Warum versuchst du mich dann reinzulegen, indem du Dinge behauptest, die gar nicht geschehen sind? Ich war nie in Dormiani zu Besuch, das weiß ich ganz sicher.“

„Doch, das warst du“, beharrte er. „Damals, als du so krank warst. Wie könnten wir das vergessen? Wir waren zwar damals auch nur kleine Kinder, aber an den Schrecken und die Aufregung erinnern wir uns noch ganz genau. Die Dottoressa wurde geholt und im ganzen Haus liefen die Leute durcheinander, die ganze Nacht lang. Ich weiß nicht mehr, woran du erkrankt warst, aber es muss etwas ziemlich Dramatisches gewesen sein.“ Er zögerte, dann fügte er lahm hinzu: „Vielleicht ist es dir deswegen entfallen, weil du krank warst.“

Sie schüttelte den Kopf. Absurd! Sie war ganz sicher nie in Dormiani gewesen. Das wusste sie genau, und zwar nicht nur deshalb, weil sich in ihrer eigenen Erinnerung keine Aufzeichnung dieses Besuches fand, sondern auch von dritter Seite. Noch vor zwei Tagen hatte sie mit ihrer Mutter über die bevorstehende Reise gesprochen, und sie hatte noch deutlich im Ohr, wie diese gesagt hatte: „Ich habe es immer abgelehnt mit dir dorthin zu fahren, obwohl Benno seinen Bruder hin und wieder besuchte. Je weniger wir mit den Wewelmanns zu tun hatten, desto besser. Ich habe es bislang geschafft, dich von dort fernzuhalten, warum willst du jetzt unbedingt hin? Lass Dr. Morensky die Sache erledigen.“

Adam beharrte auf seinem Standpunkt. „Ich kann mich mit hundertprozentiger Sicherheit erinnern, dass du zu Besuch warst.“

Juliane zuckte verdrießlich die Achseln. Seine Hartnäckigkeit nervte sie. „Wahrscheinlich verwechselst du mich mit jemandem. Es ist so lange her. Und es ist ja im Grunde auch egal, nicht wahr?“ Sie wollte so schnell wie möglich von dem leidigen Thema wegkommen, also drängte sie zum Aufbruch.

Als sie dann in seinem Mercedes auf der nebelverhangenen Autobahn 11, der Firenze-Mare, in Richtung Prato fuhren, hatte Adam diskret über Dinge von allgemeinem Interesse gesprochen. Ihren zaghaften Versuch, zum Thema Erbschaft zu kommen, schnitt er höflich, aber entschieden ab. „Später, Juliane, wenn wir alle beisammen sind. Dann brauchen wir nicht alles zu wiederholen.“

Stattdessen erzählte er ihr von der Villa Verbena, in der er mit seinen beiden Schwestern, der leiblichen und der adoptierten, aufgewachsen war. Die Villa, erfuhr Juliane, war ein ehemaliger Sommersitz einer adeligen Familie, wie es viele in der Toskana gab. Im 14. Jahrhundert war es unter den italienischen Adeligen Mode geworden, aufs Land zu ziehen und sich dort Sommerpaläste zu errichten. Im Laufe der Zeit wurden einige dieser Residenzen immer prächtiger und gehörten heute zu den Sehenswürdigkeiten des Landes. Man zeigte den Fremden mit patriotischem Stolz die Villa Bottini in Lucca, sowie die Villa Mansi bei Segromigno in Monte, die Villa Torrigiani bei Camigliano und die Villa Reale in Marlia mit ihrem herrlichen Garten. Ein wenig südlich von Prato stand Poggio a Caiano, der vielleicht schönste der Medici-Landsitze mit seinem Renaissance-Park, und bei Artimino die Villa Artimino, auch Villa der hundert Kamine genannt. Die Villa Verbena war längst nicht so berühmt, aber immer noch ein schönes Exempel eines historischen Herrschaftshauses.

Dann sprach Adam von seinem verstorbenen Vater, zu dem er offenbar ein zwiespältiges Verhältnis gehabt hatte. Er malte ihr das Bild eines ungeheuer imposanten, aber keineswegs liebenswürdigen Menschen. „Vater war so eine Art Übermensch“, erklärte er mit einem schiefen Lächeln, das besagte, dass er die Bezeichnung längst nicht so ironisch meinte, wie er tat. „Die Leute nannten ihn teils bewundernd, teils spöttisch Il Príncipe, den Fürsten. Sogar wir Kinder nannten ihn schließlich so. Er war ein Mensch der Renaissance, nicht des 21. Jahrhunderts. Ich denke manchmal, das war der eigentliche Grund, warum er in der Toskana leben wollte. Das hier ist der richtige Ort für Genies. Hast du gewusst, dass Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio alle aus der Toskana stammten? Leonardo da Vinci wurde in Anchiano bei Florenz geboren, Michelangelo Buonarroti im heutigen Caprese Michelangelo bei Arezzo, Giacomo Puccini in Lucca, und man könnte die Liste noch ellenlang fortsetzen. Vater hatte das Gefühl, dass er hier in der zu ihm passenden Gesellschaft war.“

Juliane dachte, dass der Onkel sich da etwas überschätzt haben mochte, aber sie sagte nur: „Dann war er ein sehr selbstbewusster Mann.“

„Das war er. Er war der geborene Potentat. Er sagte oft, er hätte besser ein Borgia werden sollen als ein Wewelmann.“

„Ich weiß nicht, ob das der Familie zur Ehre gereicht hätte.“

Adam lachte kurz und ungeduldig auf. „Das ist natürlich nicht so wörtlich zu nehmen. Aber er war kühn, raffiniert, einfallsreich, bestens informiert in allen Dingen, die ihn interessierten, absolut gleichgültig allem gegenüber, was ihn nicht interessierte, schlagkräftig und skrupellos in der Verfolgung seiner Ziele. Was er haben wollte, bekam er. Was er erreichen wollte, setzte er durch.“

„Klingt, als wäre er ein beinharter Egoist gewesen.“

„Ja, gewiss“, bestätigte Adam, ohne die Bemerkung als Beleidigung zu empfinden. „Nach dem Tod unserer Mutter wurde er sehr hart. Ich sagte ja, er war nicht der Mensch, den man gemeinhin als umgänglich oder liebenswürdig bezeichnet. Dafür war er ein paar Nummern zu groß. Wenn eine Bronzestatue von ihrem Sockel steigt und ein Café betritt, wird das auch nicht als anheimelnd empfunden. Er war die Gallionsfigur von Dormiani. Natürlich brachte ihn das in Konflikt mit dem zweiten lokalen Monument, der alten Contessa Luchini.“

„Contessa? Das heißt Gräfin, nicht wahr?“

„Ja, stimmt. Echter alter toskanischer Adel. Es ist merkwürdig, weißt du“, erklärte Adam, während er den Mercedes mit unverminderter Geschwindigkeit auf der Überholspur der Autobahn hielt. „Die Toskana ist politisch traditionell links gerichtet, aber wenn unsere Nachbarin durch Dormiani ging, hieß es untertänig: Guten Morgen, Signora Contessa, was steht zu Diensten, Signora Contessa? Dabei waren die meisten Bauern reicher als die Alte, die sich im Winter kaum die Heizung leisten konnte, weil sie jeden Cent in ihren Weinkeller steckte. Arrogant allerdings war sie immer noch. Du hättest sie sehen sollen, wie sie von ihrem Mäusenest ins Dorf hinabhumpelte, auf ihren Stock mit der Elfenbeinkrücke gestützt, immer gefolgt von zwei krummen alten Burschen, die ihr den Regenschirm und ihre Einkaufstasche nachschleppten. Wenn sie in den Supermarkt ging, sagte sie kein Wort, sondern deutete wortlos auf dies und das, und die Diener sprangen hin und legten es in den Einkaufswagen. Sie war eine Institution. Wir dachten, sie würde nie sterben. Seit meiner Kindheit sah sie gleich aus – eine kleine, korpulente, alte Frau mit kurz geschnittenem, weißem Haar, ganz in Schwarz gekleidet und mit einem Gesicht wie ein Käuzchen. Als sie mit dreiundachtzig starb, lief ganz Dormiani hinter ihrem Sarg her.“

Juliane lächelte. „Das finde ich rührend. Es erinnert mich irgendwie an das Begräbnis der alten königstreuen Lehrerin in Don Camillo und Peppone. Über den Sarg wurde die Fahne der Monarchisten gebreitet, der Pfarrer segnete ihn ein und die Kommunisten geleiteten ihn auf den Friedhof.“

Er zuckte die Achseln mit einer Bewegung, die nicht recht erkennen ließ, ob sie spöttisch gemeint war. „Du wirst feststellen, dass unser Dorf noch sehr unbeleckt vom Fremdenverkehr ist, obwohl sich auch bei uns schon ein paar der typischen Aussteiger anzusiedeln versuchen. Unsere nächsten Nachbarn sind zwei kaputte Künstlertypen, die nackt in ihrem Pool schwimmen – splitternackt! Glücklicherweise gibt es nur wenige von der Sorte. Hin und wieder verirrt sich ein Touristenbus zu uns, aber jedenfalls ist es noch nicht so weit, dass wir einen McDonalds auf dem Marktplatz oder ein neonbeleuchtetes Sushi-Lokal auf der Piazzetta hinnehmen müssten.“

„Das klingt so, als seid ihr Wewelmanns schon mehr Einheimische als Zugezogene?“

„Auf jeden Fall betrachten sie uns nicht mehr als Außenseiter – dazu hatte Vater viel zu viel mitzureden in den örtlichen Angelegenheiten. Sein Weingut ist das Beste von ganz Dormiani.“ Seine Stimme lebte auf, als sei er nach unumgänglicher langweiliger Konversation endlich auf ein Thema gekommen, über das zu sprechen ihn auch tatsächlich interessierte. In allen Einzelheiten erzählte er Juliane die Geschichte der Familie und ihrer Fattoria.

Guido Wewelmann, verheiratet mit einer Römerin aus vornehmer und schwerreicher Familie, war einer der vielen Nicht-Toskaner gewesen, die der Weinbau ins Land gelockt hatte, einer der Geschäftsleute, die hier ein Zwischending zwischen Aussteigertraum und Investitionsprojekt zu realisieren hofften. Dass die Toskana mit dem Weinbau so eng verbunden ist wie mit der Kunst, hatte Juliane gewusst, aber nun hörte sie die Namen der berühmten Rotweine, die aus der Sangiovese-Traube gekeltert werden: Chianti, Brunello di Montalcino, Vino Nobile di Montepulciano, Carmignano. Sie lächelte entschuldigend. „Ich trinke nur sehr, sehr selten – für Leistungssportler ist Alkohol Gift. Daher kenne ich mich mit Weinen überhaupt nicht aus. Es ist eine Wissenschaft, nicht wahr?“

Adam antwortete mit Begeisterung. „Mehr als eine Wissenschaft, Juliane. Eine Kunst. Eine Lebensaufgabe.“

Juliane, in der seine freudige Erregung nicht den geringsten Widerhall fand, lächelte dennoch; sie war froh, dass er über ein so amikales Thema wie guten Wein redete. Die unerfreulichen Themen würden noch früh genug zur Sprache kommen. „Du hast die Begeisterung deines Vaters für den Weinbau geerbt“, stellte sie fest. „Deine Schwestern auch?“

Er warf ihr einen pikierten Seitenblick zu, als haftete ihrer Bemerkung etwas Geschmackloses an. „Nein. Emilia ist zu einfältig dafür, und für Dorothea kommen landwirtschaftliche Interessen natürlich nicht infrage.“

„Wieso natürlich nicht?“

Adam sah sie befremdet an. „Aber das musst du doch wissen? Erinnerst du dich nicht mehr? Dorothea ist schwerstbehindert. Sie ist ein Pflegefall. Keine Rede davon, dass sie ein Landgut leiten könnte. Außerdem ist das jetzt bereits eine hypothetische Frage, nicht wahr? Du hast schließlich die Villa Verbena und Le Querce geerbt, nicht wir.“ Plötzlich warf er mit einer spastischen Bewegung, in der sich alle seine mühsam zurückgehaltene Wut ausdrückte, den Kopf zurück, so heftig, dass der Wagen Sekunden lang zu schlingern drohte. Augenblicklich packten Adams Hände das Lenkrad fester, der Krampf, der ihn durchschauert hatte, löste sich. „Entschuldige“, bemerkte er trocken.

Juliane schluckte noch an der Information, dass ihre Kusine Dorothea ein Pflegefall war. Keine Rede davon, dass sie ein Landgut leiten könnte, hatte Adam gesagt. Hieß das vielleicht, dass sie auch geistig behindert war? Sonderbare Bilder formten sich zu einem Film: Eine tief verschleierte Gestalt, die lautlos in ihrem elektrischen Rollstuhl von einem Zimmer ins andere glitt, geschlossene Jalousien, grünliches Sterbezimmer-Zwielicht, gnomenhafte Dienerschaft in schwarzen Kleidern und Kopftüchern.

Sie schüttelte die Spukbilder ab. Jetzt war es wichtig, Adam zu sagen, dass sie nicht gekommen war, um ihm sein geliebtes Le Querce wegzunehmen. Sie räusperte sich nervös. „Hör zu, ich möchte doch jetzt gleich darüber reden. Ich habe keine Ahnung, warum Onkel Guido ausgerechnet mir sein Haus und sein Landgut hinterlassen hat, ich -“

„Oh“, erwiderte Adam, immer noch in diesem spröden, trockenen Ton, der seine tobende innere Erregung durchschimmern ließ, „das kann ich dir schon sagen. Er wusste genau, wie sehr ich an Le Querce hänge und wie sehr meine Schwestern auf das Haus angewiesen sind, daher erpresste er uns bei jeder Gelegenheit damit, dass er sein Testament ändern und seinen Besitz anderen Leuten hinterlassen würde. Diesmal warst eben du die Auserwählte, aber es hätte genauso gut ein Heim für streunende Katzen in Napoli sein können – Hauptsache, er sah unsere hilflose Wut, unsere Tränen, unsere Angst und Frustration.“

Sein Gesicht war kalkbleich geworden, während er diese Sätze hervorstieß, und plötzlich lenkte er von der Überholspur weg auf den Pannenstreifen und hielt den Wagen an. „Entschuldige“, wiederholte er. „Ich muss ein paar Minuten Pause machen. Ich fühle mich nicht wohl.“

Juliane war tief betroffen. Natürlich hatte sie damit gerechnet, dass ihre Verwandten das Testament übel aufnehmen würden, aber als sie Adams fahles Gesicht und seine brennenden Augen sah, erfüllten sie Mitleid und Entsetzen. Sie ergriff impulsiv seinen Arm. „Hör zu. Wir werden eine Regelung finden. Lass unsere Anwälte darüber sprechen. Ich fange mit einem Weingut ebenso wenig an wie mit einer Villa in der Toskana. Ihr könnt mich auszahlen oder beteiligen oder auf irgendeine andere Art entschädigen. Auf jeden Fall denke ich nicht daran, hier einzuziehen und das Gut zu übernehmen. Ich bin Sportstudentin und keine Winzerin.“

Adam atmete wie ein Ertrinkender, der sich im letzten Augenblick an Land gerettet hat. „Das ist dein Ernst?“

„Aber ja. Ich bin hierhergekommen, damit wir darüber reden können, wie wir das Problem am besten lösen. Wenn wir zu einer Einigung kommen, kontaktieren wir unsere Anwälte und lassen die alle Einzelheiten regeln.“

Er erholte sich langsam. „Das ist natürlich eine erfreuliche Überraschung“, murmelte er mit einer immer noch unsicheren Stimme. „Wir haben uns Sorgen gemacht … Es geht vor allem um Dorothea. Es wäre eine Katastrophe für sie, aus Dormiani wegzumüssen. Sie liebt jeden Krümel Erde hier. Ich möchte nicht, dass sie die letzten Jahre ihres Lebens in einem Pflegeheim in Florenz verdämmern muss. Hier ist sie so glücklich, wie ein Mensch in ihrem Zustand überhaupt sein kann. Und Emilia empfindet ähnlich. Sie hat Kontakte im Dorf geknüpft, die sie nicht missen möchte.“ Er lächelte verlegen. „Nein, keine Romanze, das würde nicht zu ihr passen, aber sie versteht sich sehr gut mit der Nichte des Pfarrers. Was mich betrifft, so hast du wahrscheinlich schon gemerkt, dass ich mich an jeden einzelnen Rebstock in Le Querce klammere.“

Sie erwiderte das Lächeln. „Ja, das war nicht zu verkennen. Geht es dir jetzt besser?“

„Beträchtlich besser.“ Er atmete so tief durch, dass er zu husten begann – ein Zeichen dafür, wie verkrampft seine Brust gewesen war. „Die Tage seit der Testamentseröffnung waren qualvoll für uns, wie du dir vorstellen kannst. Vater hatte dieses Spiel immer wieder mit uns gespielt – uns aufs Pflichtteil gesetzt, den Besitz jemand anderem vermacht und erst nach Wochen sein Testament wieder geändert und uns erneut als Erben eingesetzt. Wer konnte wissen, dass er so plötzlich sterben würde? Wir konnten es alle nicht fassen.“

„Was war es? Ein Schlaganfall?“

Adam beschäftigte sich unnötig ausgiebig damit den Wagen wieder zu starten. Obwohl er ein ausgezeichneter Fahrer war, stellte er sich so umständlich an wie ein blutiger Anfänger. „Ein Unfall“, erwiderte er schließlich in einem Ton, der deutlich besagte: Und das ist alles, was ich darüber sagen möchte.

Juliane ließ sich nicht einschüchtern. „Was für eine Art Unfall?“

„Einer von seinen Hunden fiel ihn an“, erwiderte er mürrisch. „Rabon, ein riesiger schwarzer Cane Corso. Es war sehr unvorsichtig von Vater, den Zwinger zu betreten; er wusste, wie scharf und unberechenbar der Hund war.“

Juliane fröstelte. Deshalb, dachte sie, hat er über den Tod seines Vaters nicht reden wollen. Ein schreckliches Ende. Sie erinnerte sich an Fotos zerfleischter Gesichter und Körper, die sie in Illustrierten und im Fernsehen gesehen hatte. Onkel Guidos enorme Korpulenz stand ihr plötzlich mit Übelkeit erregender Klarheit vor Augen, diese schlaffen Massen von Fleisch und Fett, in die das Tier seine Reißzähne geschlagen hatte. Hastig wechselte sie das Thema. „Wie weit fahren wir?“

„Von Prato sind es noch neun Kilometer bis Dormiani, und dann noch eineinhalb bis zum Haus.“ Sichtlich erleichtert über den Themenwechsel, fuhr er eilig fort: „Du musst dir den Weinberg ansehen, dann wirst du verstehen, warum ich mein Herz daran gehängt habe. Er ist einfach wundervoll. Unsere nächste Ernte …“

Juliane hörte kaum zu, als er zu seinem Lieblingsthema zurückkehrte.

Das Gespräch hatte die Erinnerung an ihren Vater wachgerufen, und das war keine angenehme Erinnerung. Dabei hätte sie nicht einmal sagen können, was der Grund für diese Abneigung war. Es war nicht so, dass sie ihm wegen bestimmter Verhaltensweisen Vorwürfe gemacht hätte. Hätte sie eine Liste seiner schlechten Eigenschaften aufschreiben müssen, so wäre ihr nichts wirklich Gravierendes eingefallen. Sie grollte ihm nicht. Sie hatte einfach seit frühester Jugend eine kalte Abneigung gegen ihn empfunden, einen tiefgreifenden Widerwillen dagegen, in seiner Nähe zu sein, mit ihm zu sprechen oder sich in irgendeiner Weise mit ihm zu befassen.

Als sie mit Gretchen einmal darüber gesprochen hatte, hatte die ihr gesagt: „Ich glaube, du hast einfach instinktiv mitbekommen, was deine Mutter fühlte. Zu dem Zeitpunkt hat es ihr wahrscheinlich schon leidgetan, dass sie ihn jemals geheiratet hat. Natürlich hat sie dir nichts darüber gesagt, aber es lag in der Luft.“

Juliane lächelte schief. „Nein, natürlich nicht.“ Ihre Mutter hielt es für eine ausgesprochen plebejische Angelegenheit, über seine Sorgen mit anderen zu sprechen. Meine Probleme gehen mich etwas an und niemanden sonst, hatte sie immer gesagt und im Stillen gelitten, geweint, geflucht und in ihrer Nachttischschublade voll Psychopharmaka Trost gesucht.

Ja, Gretchen, die sich gerne als Amateur-Psychiaterin betätigte, mochte durchaus recht gehabt haben.

Das Haus des Ungeheuers

Der Regen, der Florenz in Trauerschleier gehüllt hatte, hörte bereits auf der Höhe von Prato auf. Dort verließen sie die Autobahn und folgten der Landstraße. Der Himmel wurde zusehends heller. Die holprige Straße, die sich im Schatten von Platanen, Eichen und Edelkastanien entlang eines tiefen Grabens hinzog, wurde von einer alten, teilweise verfallenen Steinmauer flankiert. Moos, Gräser und blassrosa gefärbte Gänseblümchen wuchsen aus den Ritzen.

„Nun?“, fragte Adam. „Kehrt jetzt die Erinnerung wieder?“

Sie schüttelte den Kopf. Zwar kam ihr die Landschaft vage bekannt vor, aber das hatte nichts zu besagen bei all den Reisemagazinen im Fernsehen und den Illustrierten voll doppelseitiger Fotos.

Einmal gab die Windung der Straße den Blick in eine Mulde frei, und Juliane entdeckte darin, umrahmt von Kastanienbäumen, ein herrschaftliches Haus, dessen früherer Glanz längst verblasst war. Selbst auf die Distanz sah man deutlich, dass es vernachlässigt, ja beinahe schon verfallen war. Türen und Fensterläden waren geschlossen. Dennoch strömte es einen Zauber aus, dem sie sich nicht entziehen konnte, einen geisterhaften Charme, wie ihn welkende und zerfallende Dinge oft an sich haben.

Auf ihre Frage hin erklärte ihr Adam, das sei die Villa San Sebastiano, das Haus der Contessa. „Wir wissen noch nicht recht, was wir damit anfangen sollen, es würde Unsummen verschlingen, es zu restaurieren.“

„Wieso ist das eure Sache?“, fragte sie verwundert. „Das wäre doch Sache ihrer Erben, oder?“

„Es gehört uns. Sie hat es Vater verkauft, kurz bevor sie vergangenen Dezember starb.“ Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und schüttelte den Kopf, als müsste er einen lästig ihn umsummenden Gedanken vertreiben. „Das heißt natürlich, es gehört dir. Es ist ein Teil deiner Erbschaft.“

„Habe ich eigentlich die gesamten Colline di Montalbano geerbt?“, fragte sie fassungslos.

Adam rang sich ein schwaches Lächeln ab. „Nein, so großartig ist es auch wieder nicht. Die Ländereien gehören dir, aber wertvoll sind nur der Weinberg und die Kellerei. Das Haus ist ein Mäusenest. Die Contessa und ihre beiden Diener bewohnten nur noch das Erdgeschoß, denn in den oberen Räumen tropfte der Regen durchs Dach. Was darin wertvoll ist, haben wir in die Villa Verbena hinübergeholt, bevor es noch weiter vergammelt. Das meiste davon steht in Vaters Arbeitszimmer.“

Juliane warf einen Blick auf das krumme Gebäude zurück. Jetzt, wo sie wusste, was es war, schien es sie feindselig anzublicken wie ein alter Hund, der keinen neuen Besitzer mehr akzeptiert.

Die Straße schlängelte sich weiter bergauf. Schließlich sah sie oben auf halber Höhe der Hügel eine Reihe ziemlich vernachlässigter Häuser in einem Nest aus Myrtengesträuch, Geißblatt, Lorbeerbüschen und Oleander. Sie stellte sich, ganz im Klischee verfangen, schwarz angezogene alte Menschen vor, die wie Eidechsen vor ihren Häusern in der Morgensonne sitzen und den Blick in die Ferne schweifen lassen, holpernde Leiterwagen und träg dahintrottende Esel. Umso überraschter war sie, als sie entdeckte, dass die Piazzetta von jungen Leuten in Jeans und bauchfreien Tops wimmelte und mit modernen Wagen vollgeparkt war. Sogar einen Bus gab es, um den ein Grüppchen Touristen herumstand - leicht an ihren kurzen Hosen und Sandalen sowie den umgehängten Kameras zu erkennen. Mit Strohhüten versuchten sie, dem Image des eleganten, lässigen Südländers zu entsprechen.

Adam deutete mit einer verächtlichen Kopfbewegung auf die Herde. „Weinbeißer. Die Busunternehmen lassen uns links liegen, aber Weinhandlungen organisieren gelegentlich Ausflüge zu den Weingütern. Wir geben uns allerdings nicht mit solchen Leuten ab. Wenn Vater Gäste einlud – und das tat er ziemlich oft –, dann waren das wirklich bedeutende Leute, solche mit einem dicken Geldsack. Für die gab er Feste, als wäre die Villa Verbena der Palast der Medicis. Natürlich nehmen uns die Bewohner von Prato das Übel, weil seine Gäste keinen Cent in dem schäbigen Nest ließen und die Dorfleute nicht einmal grüßten, wenn sie ihnen zufällig begegneten.“ Er fuhr rasch weiter, wobei er einige der Fremden mit Absicht zwang, auf die Seite zu springen. Das Manöver animierte zwei Hunde, die in einer Toreinfahrt gedöst hatten, aufzuspringen und in ein wildes Gebelfer auszubrechen wie zwei Wölfe, die eines Beutetiers ansichtig wurden. Der eine, der angekettet war, richtete sich auf die Hinterbeine auf und fletschte die Zähne, der zweite – in Freiheit – sprang bellend hinter dem Wagen her, gab die Verfolgungsjagd aber rasch wieder auf.

Adam schimpfte laut auf die Hunde und im selben Atemzug auf die Bustouristen. Juliane spürte, wie tief seine Verachtung für diese Menschen ging, von deren Vorliebe für exquisite Weine doch schließlich auch die Fattoria Le Querce lebte. Die hochmütige Neigung musste im Blut der Familie Wewelmann liegen, denn sie hatte sie auch an ihrem Vater Benno bemerkt, der sich auf eine ganz unzeitgemäße Weise über seine Mitmenschen erhaben fühlte. Er hatte sie verachtet, nicht nur die armen Schlucker, die Versager und Mittelmäßigen, sondern überhaupt alle Menschen außer sich selbst, als sei er eine Art von den Sternen herabgestiegenes Alien – Angehöriger einer älteren und höher entwickelten Rasse, die verächtlich auf das Gewimmel des Homo sapiens blickte und sagte: Der Schlechteste von uns steht noch himmelhoch über dem Besten von ihnen.

Sie machte jedoch keine Bemerkung darüber. Die Situation war prekär genug, auch ohne, dass sie ein Gespräch über die persönlichen Schwächen ihres Gastgebers anfing.

Sie passierten eben die langgestreckte Halle eines Supermarkts, der seine Ecke gefährlich weit in die Straßenkurve hinausschob, und mussten deshalb beinahe im Schritttempo fahren, als es zu einem Zwischenfall kam. Ein Mann, der ein paar Magazine am Kiosk gekauft hatte, drehte sich um, sah den Mercedes und machte einen so langbeinigen Schritt vorwärts, dass Adam bremsen musste, um ihn nicht mit dem Kotflügel zu streifen. Der Unvorsichtige passte seiner äußeren Erscheinung nach noch viel weniger als die anderen Einwohner in das Bild von Dormiani, das Juliane sich gemacht hatte: Er war groß und knochig, hatte graues Haar, eine kräftig gebräunte Haut und hätte ganz gut Clint Eastwood doubeln können, zu einer Zeit, als der an die sechzig gewesen war. Alles an ihm, von den scharfen Zügen bis zu dem grob gestrickten Pullover und den Gummistiefeln erweckte den Eindruck deftiger, wenn auch schon angegrauter Männlichkeit. In dem Moment, in dem er sich umwandte, lag noch das Lachen der Unterhaltung auf seinem Gesicht, die er mit dem Inhaber des Kioskes gepflegt hatte – aber kaum sah er den Mercedes, zog eine Gewitterwolke über sein hageres Gesicht. Nicht nur Ärger malte sich darauf, nicht nur Zorn, sondern rasende Wut. Er ließ die Magazine fallen, hob beide Fäuste und wollte offensichtlich auf den schon wieder schneller werdenden Wagen zustürmen, als ihn zwei der umstehenden Männer packten, mit hartem Griff zurückzogen und ihm sichtlich gut zuredeten, seinen Zorn zu bezähmen. Er ließ sich auch wirklich daran hindern, dem Auto nachzulaufen, schrie ihnen aber Worte nach, die nur Beschimpfungen sein konnten – Beschimpfungen der gröbsten Art, wie seiner heiseren Stimme und seinem wutverzerrten Gesicht leicht zu entnehmen war.

Adam war sichtlich erschrocken über den Angriff, obwohl der Mann ihm, der geschützt im Wagen saß, nicht viel hätte antun können. Auf Julianes Frage hin murmelte er, das sei dieser verrückte Allessandri gewesen, der Kellermeister einer anderen Fattoria, un tipo Strano – ein komischer Vogel, mit dem er Streit gehabt hätte. Dann gab er Gas und beeilte sich, das Dorf hinter sich zu lassen.

Juliane drehte sich halb um. Wieder einmal hatte das Klischee sie in die Irre geführt: In ihrer Vorstellung hatte ein Kellermeister ein rundliches, rotbackiges Männchen zu sein, dessen wässrigen Äuglein man das Nahverhältnis zu den Weinflaschen ansah, kein zäher, schlaksiger Cowboytyp wie dieser Allessandri. Worüber er wohl mit Adam gestritten hatte? Es musste etwas Ernstes gewesen sein, denn seine Züge waren von einer geradezu mordlüsternen Wut entstellt gewesen.

Die schmale Asphaltstraße führte zwischen niedrigen Steinmauern noch etwa eineinhalb Kilometer hügelaufwärts. Bald waren sie in dicht wachsende Vegetation eingetaucht. Juliane staunte, wie üppig und grün sich hier die Natur gab. Oft säumten riesige Farne den Weg, an anderer Stelle wiederum meterhohe Bambusse, was dem Wäldchen einen fast tropischen Charakter verlieh. Am auffälligsten fand Juliane einen zarten, betörenden Duft, der die Luft erfüllte. Sie rätselte lange über seinen Ursprung, ehe sie ihn den Robinienblüten zuordnen konnte. Die Baumkronen und die Wegränder waren ganz weiß von ihnen.

Dann lag auf der sanft gewölbten Hügelkuppe plötzlich die Villa Verbena vor ihnen. Das schmiedeeiserne Tor in der Gartenmauer war geschlossen. Adam stieg aus, sperrte es auf und schloss es sorgfältig wieder, nachdem sie hindurchgefahren waren.

Juliane atmete unwillkürlich tief durch. Das Haus, das am Ende einer von Bäumen flankierten Auffahrt sichtbar wurde, wirkte weitaus bescheidener, als sie es sich nach den Meldungen über Onkel Guidos Reichtum vorgestellt hatte. Ein schlichter, zwei Stockwerke hoher Quader stand vor ihr, aus Naturstein erbaut, dem nur die dunkelgrünen venezianischen Läden und die vielen roten Balkonblumen Farbtupfer aufsetzten. Der Swimmingpool, dessen Schmalseite hinter der Hausecke sichtbar wurde, störte. Seine blitzblaue Fläche brachte einen modernen Touch ins Spiel, der nicht wirklich zum Haus passte, ebenso wenig wie die Satellitenschüssel auf dem schrägen roten Ziegeldach. Alles erinnerte unbehaglich an die „traditionelle Einrichtung mit modernem Komfort“, die die Reiseveranstalter in ihren Prospekten anpriesen.

Umso ausgefallener erschien ihr die Sandsteinfigur, die wie ein drohender Wächter neben der Zufahrt aufragte. Das massive, gelbgraue Bildwerk war offensichtlich sehr alt, denn da und dort hatte an exponierten Stellen der Stein zu bröckeln begonnen, graugrüne Flechten wuchsen in Flecken auf der Oberfläche, und außerdem war die Zeit längst vorbei, in der man an solchen Skurrilitäten Gefallen gefunden hatte. Was sollte es überhaupt darstellen? Von vorn betrachtet war es eine feiste Sphinx, barbusig und mit Löwentatzen, gezackte Drachenflügel auf dem Rücken gefaltet. Aber als sie daran vorbeifuhren, sah Juliane, dass es eine doppelte Sphinx war, wie ein Spiegelbild oder Siamesische Zwillinge, die am Steißbein zusammengewachsen waren. Wo die beiden Löwenhinterteile hätten zusammenstoßen sollen, verschmolzen sie zu einem furchigen, widerwärtigen Schlangenleib. Ein Kopf blickte nach Süden über das Tal hinweg, der andere nach Norden zum Haus. Die Augen waren halb geschlossen, beide Münder lächelten geheimnisvoll und hinterhältig.

Auf dem mit grünem Moos bewachsenen Sockel stand Amphisbaena.

„Wer ist Amphisbaena?“, fragte sie Adam.

„Ein mythologisches Wesen – ein Drache mit einem Kopf an jedem Ende. Sie“, er deutete auf die Steinfigur, „hat unserem Haus den Namen Casa del Mostro eingebracht, Haus des Ungeheuers. Du warst seinerzeit schwer beeindruckt davon.“

Juliane starrte das steinerne Doppelgeschöpf an. Dann klickte plötzlich etwas in ihrem Kopf, und sie erinnerte sich, dass sie die bemooste Steinfigur und das Gebäude nicht zum ersten Mal sah. Aber es war keine Erinnerung an dreidimensionale Realität, sondern an ein Foto. Das nackte Haus! So hatte sie es genannt, als sie in einer Schachtel voll Fotos ein Bild davon entdeckt hatte. Wie lange war das her? Fünfzehn Jahre vielleicht oder noch länger? Aber jetzt war ihre Erinnerung ganz klar. Sie und ihre Mutter hatten eine Schachtel mit alten Fotos durchgesehen, und da war dieses dabei gewesen. Juliane hatte gelacht und gesagt: „Das ist aber ein komisches nacktes Haus!“ Sie hatte noch kein Haus gesehen, das aus Natursteinen erbaut und nicht verputzt war.

Sie schüttelte hilflos den Kopf. „Ich weiß, dass ich das Fabelwesen einmal auf einem Foto gesehen habe, und das Haus auch, aber dass ich schon einmal dagewesen sein soll, ist mir völlig unbegreiflich.“ Der Gedanke, dass eine Erinnerung so spurlos entschwunden sein könnte, peinigte sie. Sie fühlte sich wie eine Schlafwandlerin, die plötzlich an einem fremden Ort erwacht und bei dem Gedanken an den Weg, den sie umnachtet zurückgelegt hat, erschauert. Wenn sie hier gewesen war, wieso konnte sie sich dann nicht daran erinnern? Normalerweise war ihr Gedächtnis klar und griffig, selbst weiter zurückliegende Erinnerungen ließen sich auf einen flüchtigen Anstoß hin wieder abrufen. Aber diese hier blieb verschwunden.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als vom Lärm des Wagens angelockt ein schwarz-weißer Spitz aus dem Haus sauste, der laut bellend den Weg versperrte, und gleich darauf eine junge Frau in Jeans und einem T-Shirt mit dem Aufdruck Nirvana zur Tür herausgerannt kam. Ihr streichholzkurzes Haar leuchtete türkisgrün. „Pinocchio, vieni qui!“, rief sie mit scharfer Stimme dem Tier zu. Im selben Augenblick begriff Juliane, dass das Kläffen kein freudiges Begrüßungsgebell war, sondern ein zorniges Keifen. Galt es ihr? Sie zögerte, auszusteigen. Bei Hofhunden wusste man nie, wann sie sich verpflichtet fühlten, einem Fremden an die Waden zu fahren, und die Zähne unter den drohend zurückgezogenen Lefzen des Spitzes sahen sehr scharf aus. Außerdem war da ein Schild am Tor gewesen: Attenti al Cane!, was auch mit geringen Sprachkenntnissen leicht als Vorsicht vor dem Hund! zu verstehen war.

Dann beobachtete sie erstaunt, wie Adam, der schon aussteigen wollte, sich wieder in den Wagen zurückzog, das Fenster herunterkurbelte und die Frau mit einem Strom zorniger Worte auf Italienisch bedachte, die sie veranlassten, den Spitz hastig am Halsband zu schnappen und mit ihm zu verschwinden. Offenbar war Adam derjenige, dem der Ärger des Vierbeiners galt. Sie erinnerte sich an die Dorfhunde, die dem Mercedes nachgebellt hatten. Adam Wewelmann schien einer der Pechvögel zu sein, die in Hunden eine geradezu rasende Antipathie erwecken und Gefahr laufen, von allem gebissen zu werden, was vier Pfoten und Zähne hat.

„Er mag dich wohl nicht?“, fragte Juliane mitfühlend.

Er zuckte mit einer wütenden Bewegung die Achseln. „Dämlicher Köter. Ich habe Mariella hunderte Male gesagt, dass ich ihn nicht hierhaben will, und sie vergisst es jedes Mal wieder. Er flippt völlig aus, sobald er dem Haus nur in die Nähe kommt.“

„Vielleicht verträgt er sich nicht mit den anderen Hunden?“

Adam sah sie verblüfft an. „Welchen anderen Hunden?“ Dann fuhr er sich über die Stirn, als sei ihm etwas längst Vergessenes wieder eingefallen. „Ach so. Wir haben keine Hunde mehr. Nach dem schrecklichen Unfall wurden sie alle weggegeben.“ Er warf Juliane einen scharfen Blick zu. „Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das Thema Hunde während deines Aufenthalts hier nicht anschneidest. Die Erinnerung, du verstehst schon … für Emilia und Dorothea wäre es einfach zu schlimm.“

Juliane versprach gehorsam, kein Wort über Hunde zu sagen. Vermutlich war Wewelmann senior Hunden ebenso unsympathisch gewesen wie sein Sohn, dessen bloße Erscheinung sogar einen Schoßhund zu hysterischen Wutanfällen reizte.

Adam stieg erst aus, nachdem er sich sorgfältig vergewissert hatte, dass der zornige Kläffer aus der Umgebung verschwunden war. Er nahm Julianes Koffer und schritt ihr voran zum Haus.

Jetzt, wo das Gebell des Hundes und der Lärm des Motors gleichermaßen verstummt waren, spürte sie die Stille. Kein Laut drang aus der Villa Verbena. Nur das Wispern des Windes in den Bäumen war zu hören, ein minimales Geräusch, das die Stille erst wirklich deutlich machte. Juliane atmete tief ein. Der vielfältige Duft, der für immer in ihrer Erinnerung mit Dormiani verbunden sein würde, stieg ihr zum ersten Mal in die Nase, kitzelte sie, zwang sie, zu niesen. Sie schritt inmitten der nach Gewürzsträußchen duftenden Stille über den Vorhof auf das schweigende Haus zu, und spürte plötzlich deutlich, dass sie beobachtet wurde. Jemand stand hinter den geschlossenen venezianischen Läden im ersten Stock und spähte durch die Ritzen zwischen den Lamellen zu ihr herunter, aufmerksam und feindselig. Dorothea? Emilia? Sie konnte es kaum erwarten, ihnen ebenfalls zu erklären, dass es keinen Grund für Feindseligkeiten gab, dass sie mit sich reden ließe, bereit wäre zu verhandeln – jedenfalls nicht die Absicht hatte, ihnen den geliebten Besitz zu entreißen.

Wieder einmal wurde ihr die unüberbrückbare Kluft zwischen ihrer Seele und ihrem Körper bewusst. Ihr hoch trainierter Körper war so stark wie der eines Mannes und um einiges geschmeidiger und schneller. Sie hatte keine Angst, nachts durch übel beleumundete dunkle Gassen zu streifen oder nach Mitternacht mit der U-Bahn zu fahren. Aber sie fürchtete sich vor bösen Blicken, verkniffenen Lippen, schrillen Stimmen. Sie hatte sich vor der Begegnung mit Adam gefürchtet, und sie fürchtete sich jetzt vor der Begegnung mit den beiden Frauen, die sie hassten. Eine heiße Welle der Wut stieg in ihr auf, als sie daran dachte, dass Onkel Guido ihr diesen Hass eingebrockt hatte. Er war schuld daran, dass sie sich bedroht und gefährdet fühlte, und er hatte ihr dieses Unbehagen nur deshalb angetan, damit er seine Kinder in Angst und Sorge um ihr Erbe zappeln lassen konnte. Hatte er das nicht bedacht? Oder hatte er es sehr wohl bedacht und sein Vergnügen daran gehabt, dass er mit seiner boshaften Verfügung auch noch der Beschenkten Ärger machte? In diesem Augenblick wurde ihr noch klarer, warum ihre Mutter zeitlebens eine so bittere Abneigung gegen ihren Schwager gehegt hatte.

„Komm, wir gehen hinein. Die Haushälterin macht uns einen kleinen Imbiss.“ Adam ergriff ihren Arm und steuerte sie energisch auf die Eingangstür zu.

Sie sah sich neugierig um, während sie die weitläufige Halle im Erdgeschoß betrat. Der Raum trug alle Züge, die der Reiseführer als typische Merkmale des traditionellen toskanischen Baustils anführte, vor allem die roten Terrakottafliesen auf dem Boden und eine Decke aus Holzbalken von offensichtlich ehrwürdigem Alter. Gegenüber der Eingangstür gähnte das Feuerloch eines gewaltigen, aus Ziegeln gemauerten Kamins mit ebenfalls gemauerten Sitzbänken davor, auf denen bunte Kissen lagen. Obwohl sie die Tochter eines Kunstsachverständigen war, hatte Juliane – nicht zuletzt aus Trotz – keinerlei Kenntnisse von Antiquitäten erworben. Sie hatte sich stets strikt geweigert, sich für irgendetwas zu interessieren, das ihren Vater begeisterte. Nur ihr ästhetisches Gefühl sagte ihr, dass die spärlichen Möbel antik und kostbar waren. Sie wunderte sich, dass es so wenige Möbel waren, die zudem fast alle an der Wand aufgereiht standen, und dass kein Teppich auf den Terrakottafliesen lag. Die einzigen Möbel, die mitten im Raum standen, waren ein langer Esstisch und die dazugehörigen, steiflehnigen Stühle. Aber da lieferte Adam ihr auch schon die Erklärung.

„Wir haben das Erdgeschoß für Dorothea adaptiert, so, dass es praktisch ein einziger großer Raum ist.“ Er wies auf drei gemauerte, türlose Rundbögen, die an verschiedenen Stellen der Halle in weitere Räume führten. „Sie kann sich hier ungehindert bewegen und auch den Garten benutzen. Ich zeige ihn dir dann später, jetzt wirst du dich sicher einmal frisch machen wollen.“

Im Hintergrund der Halle führte eine steile Holzstiege in die oberen Stockwerke. Oben mündete sie in einen sehr dunklen, schmucklosen Flur. Adam schritt den Flur entlang und öffnete dann eine der vielen Türen. „Ich hoffe, es gefällt dir.“

Sie blickte hinein und stieß einen leisen, unwillkürlichen Schrei des Entzückens aus. Den Raum mit dem ockergelben Terrakottaboden beherrschte ein französisches Fenster, das sich in den Garten hinaus öffnete. Die Möbel waren alle im selben, zugleich zierlichen und spartanischen Stil aus dunklem Holz gedrechselt. Ein dreieckiges Regal stand im Winkel, ein Tisch mit mehreren Stühlen und einer Bank mitten im Raum, eine Kommode an der Wand. Yuccapalmen in tönernen Übertöpfen bildeten zusammen mit ein paar Bildern den einzigen Schmuck.

Juliane trat näher und betrachtete die Bilder. Es waren Drucke, die zu einer Serie gehörten und die bezaubernde Landschaft rund um Dormiani darstellten.

„Hier ist dein Schlafzimmer.“ Adam zog einen weißen Leinenvorhang vor einem der gemauerten Rundbögen beiseite.

Juliane blickte hinein und holte tief Atem. „Du meinst, ich soll tatsächlich hier wohnen?“, fragte sie ungläubig.

Er sah sie verdutzt und etwas beleidigt an. „Ist es dir nicht gut genug?“

„Aber ganz im Gegenteil! Mein Gott, ich fühle mich wie in einem Museum!“ Sie starrte atemlos das Bett mit dem seltsamen, einem Triptychon ähnelnden Betthaupt und der spiegelgleichen Verkleidung am Fußende an. Kostbare, komplizierte Holzeinlegearbeit schmückte die drei von Sprossen umrahmten Tafeln, die eher in ein Heiligtum gepasst hätten als in ein Schlafzimmer, denn die Holzmosaike stellten biblische Szenen dar: Der Prophet Jeremias in der Zisterne, Esau und Jakob mit dem Linsengericht, Abraham im Gespräch mit den Engeln. Eine schwere Brokatdecke in blassbunten Farben bedeckte die Schlafstätte, die aus einem längst vergangenen Jahrhundert stammen musste. Außer dem Bett befanden sich nur ein Stuhl und eine gewaltige, fast bis zur gewölbten Backsteindecke reichende Spiegelkommode im Raum. Kein Teppich auf den Terrakottafliesen, kein Vorhang am hohen Fenster. Den Blick nach drinnen verwehrten nur die grünen venezianischen Läden.

Adam lachte, als er Juliane so überwältigt sah. „Entschuldige – für uns hat die Einrichtung schon etwas an Glanz verloren, nachdem wir sie jeden Tag sehen. Aber es freut mich, dass sie dir gefällt.“

Die Frage drängte sich ihr auf, obwohl sie sie eigentlich nicht hatte stellen wollen. „Adam? Als ich damals zu Besuch war, habe ich da auch hier geschlafen? In diesem Zimmer?“

„Nein“, erwiderte er prompt. „Du warst noch zu klein, um allein zu schlafen. Du hast bei deinem Vater im Erdgeschoß geschlafen, im Medici-Zimmer. Protziger Name für ein ganz gewöhnliches Zimmer, nur weil ein paar Porträts der Medicis darin hängen! Sie waren einmal die Herren der Toskana, wie du vielleicht aus dem Geschichtsunterricht wissen wirst.“ Er zog sich diskret zur Tür zurück. „Willst du dich jetzt frisch machen? Das Badezimmer ist nebenan. Wenn du in einer halben Stunde in die Halle hinunterkommst, hat die Haushälterin uns schon ein paar Happen zurechtgemacht.“

„Ist diese Mariella mit den grünen Haaren eure Haushälterin?“, fragte sie.

„Mariella? Oh, nein. Das fehlte mir gerade noch. Mariella ist die Nichte des Pfarrers und fühlt sich – zweifellos von ihrem Onkel angestiftet – verpflichtet, uns mit guten Taten zu belästigen. Sie macht aus christlicher Nächstenliebe Besuche bei Dorothea und der armen Emilia und langweilt beide zu Tode.“ Er schob den Koffer neben das Bett und wandte sich zum Gehen. „Also, bis später.“

„Bis später“, murmelte Juliane geistesabwesend. Ihre Gedanken beschäftigten sich noch mit dem Missklang in seiner Rede. Warum hatte er Emilia arme Emilia genannt? Wenn er Dorothea so bezeichnet hätte, wäre es geschmacklos, aber immerhin verständlich gewesen. Warum war Emilia arm? Und Mariella mit ihrer türkisgrünen Igelfrisur hatte nicht so ausgesehen, als würde sie irgendjemanden langweilen. Juliane hatte sie zwar nur sehr kurz vor Augen gehabt, aber sie kannte diesen Typ: breiter Mund, leuchtende Augen, Sommersprossen auf der Nase, immer bereit zu einem freundlichen Wort oder einem aufmunternden Lachen. Das war kein frommes, staubtrockenes Fräulein, das die Elenden dieser Welt mit seiner Barmherzigkeit quälte. Wenn Mariellas Gesicht nicht in allen Punkten trog, dann war sie ein Sonnenschein in dem stillen Haus auf dem Hügel.

Sie verließ das Schlafzimmer, querte das davorliegende Zimmer und trat an das französische Fenster. Die Rückseite des Gebäudes war nicht rau und nackt wie die Vorderseite, sondern reichlich mit Mauerkatze bewachsen, die bis zu den Dachrinnen hinaufkletterte. Kurzer, kräftiger Rasen säumte die Fundamente des Hauses. Mit ein wenig Schwung hätte sie vom Fenster in den Swimmingpool springen können, so strategisch günstig lag er an der Rückseite des Hauses, eingerahmt von den allgegenwärtigen Terrakottafliesen – hier in altrosa – und einigen Palmentöpfen und Blumenschalen.

Trotz des Sonnenscheins war es nach dem morgendlichen Regen noch sehr kühl, um sich ins Wasser zu wagen, aber eine dunkelhaarige junge Frau schwamm im Pool. Sie war sehr schön – besser gesagt, wäre sehr schön gewesen, hätte ihr Madonnengesicht unter dem reichen ebenholzschwarzen Haar nicht diesen verhärmten und verkniffenen Ausdruck getragen. Juliane beobachtete mit dem Kennerblick der Sportlerin, wie sie ihren mageren Körper durch das Becken zog. Kein Rhythmus war in den Bewegungen, nur eine wütende Energie, mit der sie durch das Wasser pflügte. Am Beckenrand angekommen, zog sie sich hoch und schwang sich in sitzender Haltung auf die Fliesen, angelte nach einem Bademantel, der dort wartete, und schlüpfte hastig hinein.

Juliane sog scharf die Luft ein. Die Frau hatte sich sehr beeilt, sich zu verhüllen, sobald sie den Schutz des Wassers verließ, aber sie war nicht schnell genug gewesen, um die Narben auf ihrem olivfarbenen Körper vor dem Blick der heimlichen Zeugin zu verbergen – scheußliche, großflächige Narben, die ihre rechte Seite von der Schulter bis zum Oberschenkel entstellten. Deshalb also die steifen Bewegungen, die verkrampften Schwimmstöße!

Juliane trat rasch vom Fenster zurück. Sie war nahe dran gewesen, der Frau einen Gruß zuzurufen, aber nachdem sie die Narben gesehen hatte, blieb ihr nichts übrig, als sich unauffällig ins Zimmer zurückzuziehen. War das Emilia? Und wie war sie an diese großflächigen Narben gekommen?

Sie empfand eine kindische Erleichterung, als sie feststellte, dass das Badezimmer – weiß, blau und gold – offensichtlich aus einem modernen Sanitärfachgeschäft in Florenz stammte. So elegant die antiken Möbel im Schlaf- und Wohnzimmer auch waren, Juliane konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass jeden Moment ein Museumswärter auftauchen und ihr mit strenger Stimme zurufen würde: He, Sie da! Lassen Sie sofort die Finger von den Exponaten oder ich muss Sie aus dem Haus weisen!

Sie beeilte sich, ihren durch die Unbequemlichkeiten der Reise verärgerten Körper zu versöhnen, indem sie ihm ein ausgiebiges, luxuriöses Schaumbad vergönnte, die Haare wusch und ihn von oben bis unten eincremte. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie es gar nicht mit sich selbst zu tun hatte – ihrem ureigensten Selbst – sondern einer Art siamesischem Zwilling, der, auf ewig an sie gebunden, doch sein Eigenleben führte. Sie badete ihn, massierte ihm die Füße, cremte ihn ein, kämmte und bürstete sein kurzes, wuschelig geschnittenes Haar. Obwohl es ein weiblicher Körper war, war er in ihren Gedanken immer ein er.

Plötzlich kam ihr die Steinfigur der Amphisbaena mit ihrem Doppelleib in den Sinn, und obwohl sie allein war, überzog ein schwaches, prickelndes Rot ihre Wangen. Sie wusste, dass sie sich mit solchen Gedanken auf dünnes Eis begab. Es war besser, viel besser, nur an ihren Körper zu denken, daran, was er brauchte, was ihm guttat, welche Bewunderung er ihr einbrachte. Der Körper war sicher. Er war dasjenige Ende des Doppelgeschöpfes, das man in guter Gesellschaft vorzeigen konnte.

Juliane lehnte sich weit in dem Teakholzstuhl zurück, der zum Ausruhen nach dem Bad bereitstand, umfasste ihren nackten rechten Fuß und zog ihn an sich wie ein Baby, das seine Zehen in den Mund stecken will. Die Gelenke knackten verdrießlich, erinnerten sie daran, dass das übliche gesunde Frühstück und der morgendliche Waldlauf ausgefallen waren. Um ihn wieder freundlich zu stimmen, erzählte sie dem Zwilling, wie schön die Landschaft hier war, viel schöner als der Englische Garten, durch den sie in München jeden Morgen zu joggen pflegte. Was glaubst du, um wie viel aufregender es sein wird, hier durch die Weinberge und Olivenhaine zu laufen! Wir fangen gleich morgen früh damit an.

Ihr Körper gab sich widerwillig zufrieden, wie ein Kind, das man mit einem Versprechen auf einen Besuch im Tiergarten über einen Verlust hinwegtröstet. Jedenfalls knackte er nicht mehr so hölzern, als sie aufstand und ein paar Dehnungsübungen machte.

Sie zog sich an, kämmte das noch feuchte Haar zu einem Entenschwanz zusammen und stieg die Holztreppe hinunter.

Adam erwartete sie bereits. Er saß an dem langen Tisch, einen Teller mit Käse, Schinken und Olivenbrot und eine Flasche Wein vor sich. Mit einer etwas affektierten Handbewegung lud er sie ein, sich zu setzen und zuzugreifen. „Bedien dich. Der Wein ist ausgezeichnet - ein Colline di Montalbano, der aus den Hügeln hier stammt, allerdings nicht von unserer Fattoria.“

„Nein, danke, keinen Wein zum Essen. Nur ein Mineralwasser.“ Juliane wehrte ab. „Wann werde ich Emilia und Dorothea kennenlernen?“, fragte sie. Sie war ungeduldig geworden, konnte es nicht mehr erwarten, die Last loszuwerden. Und es würde ja auch für die beiden Frauen eine enorme Erleichterung bedeuten, zu hören, dass sie sich um ihren Verbleib im Vaterhaus keine Sorgen mehr zu machen brauchten.

„Sobald du gegessen hast. Sie sind im Garten, wir gehen zu ihnen hinaus.“ Er zögerte und spielte mit der Gabel, piekte einen Würfel Käse auf und ließ ihn wieder fallen. „Ich wollte dich zuerst darauf vorbereiten, dass Dorothea … ungewöhnlich aussieht. Ich möchte Peinlichkeiten vermeiden.“

„Hast du Angst, dass ich laut aufkreischend davonrenne, wenn ich eine behinderte Frau sehe?“, fragte sie ärgerlich.

Sein Gesicht blieb verschlossen. „Dorothea leidet an einer Krankheit, die sie zu einer sehr auffallenden Erscheinung macht. Hast du schon einmal von Osteogenesis imperfecta gehört – der Glasknochenkrankheit?“

„Ich glaube, ich habe das Wort schon gehört, weiß aber nichts Näheres. Ist das nicht diese seltene Krankheit, bei der die Betroffenen sehr spröde Knochen haben und deshalb häufig Knochenbrüche erleiden?“

„Ja. Das ist aber nicht alles. Es kommt überhaupt zu dramatischen Veränderungen am Skelett. Zwergwuchs. Verformungen von Armen, Beinen, Brust- und Schädelknochen und der Wirbelsäule. Überdehnbarkeit der Gelenke und Bänder. Verminderte Muskelspannung. Das Gesicht sieht eigentümlich kindhaft aus. Wenn Dorothea sich außer Haus begibt, wird sie meistens angestarrt.“

„Hat das Leiden … Auswirkungen auf den Verstand?“

Er genoss es sichtlich, ihren tollpatschigen Versuch, taktvoll zu sein, brutal zu überfahren. „Sie ist nicht schwachsinnig, wenn du das meinst! Ganz im Gegenteil.“

Juliane schob ihren Teller von sich. „Schön. Ich bin vorbereitet. Ich möchte so bald wie möglich mit ihnen sprechen.“

„Dann komm.“

Adam stand auf und schritt ihr voraus durch einen Mauerbogen in einen zweiten, an der Rückseite des Hauses gelegenen Raum, der als Arbeitszimmer eingerichtet war, dann durch eine grüne Lamellentür in den Garten. An einem Tisch unter einem Sonnenschirm saß Emilia, jetzt in einem formlosen, Blau auf Türkis getupften Sommerkleid, wie es alte Bäuerinnen trugen. Juliane begrüßte sie, was die junge Frau mit einem scheuen Lächeln und einem gemurmelten Gruß beantwortete. Dann wandte sie sich dem massiven elektrischen Rollstuhl zu, der neben dem Tisch stand. Die Gestalt darin – nicht größer als die eines sechsjährigen Kindes – verschwand beinahe in den Falten einer weichen Wolldecke.

Als Juliane sich ihr näherte, reckte sich ein seltsames Köpfchen aus der wärmenden Hülle. Blass und welk, hatte es etwas vom Gesicht einer Greisin an sich, gleichzeitig aber auch vom Gesicht eines Babys. Von schweren Lidern überwölbte Froschaugen blickten durch eine türkisgrün gerahmte Designerbrille, das glatte, feine, kurz geschnittene Haar leuchtete shocking pink. Juliane ging der Gedanke durch den Kopf, ob es Mariella gewesen war, die diese Frisur inspiriert hatte.

Sie spürte, dass ihr das Atmen schwerfiel. Sie hatte Adam nicht angelogen, es stimmte, dass es ihr nichts ausmachte verunstaltete Menschen zu sehen. Aber sie hatte scheußliche Angst davor, dass diese Menschen Probleme damit haben könnten, sie zu sehen. So absurd es auch war, hatte sie doch Schuldgefühle, als hätte sie ihren muskulösen Körper mit der Absicht so perfekt geformt und gestylt, ihnen höhnisch vor Augen zu führen, was ihnen das Leben vorenthalten hatte. Sie schritt langsam auf den Rollstuhl zu und wünschte, sie hätte nicht ausgerechnet die Leggings und die lose Bluse angezogen, die alle ihre physischen Vorzüge so aufdringlich betonten.

„Du bist also Juliane?“ Dorotheas Stimme war kindlich hell, fast krähend. Sie schob die Decke beiseite und stützte sich auf, um besser zu sehen. Emilia sprang sofort auf, half ihr mit der Geschicklichkeit einer geübten Krankenschwester in eine bequeme Stellung. „Mein Gott, du hast eine Wahnsinnsfigur! Bist du Tänzerin? Oder Bodybuilderin?“

„Ich studiere Sport, das ist alles.“ Ihre Stimme klang rau vor Nervosität.

„Na, für das ist alles siehst du aber olympiareif aus, was sagst du, Emilia? Komm her, Kusine, lass dich begrüßen.“

Eine zerbrechliche Hand reckte sich ihr entgegen. Sie griff vorsichtig danach und spürte, dass die Finger eigentümlich weich waren. Der Druck der Hand war sehr schwach. Sie beschloss, zumindest einen Teil ihrer Ängste einzugestehen, weil die ungeminderte Last allmählich unerträglich wurde. „Ich habe Angst, dass ich dir wehtue, wenn ich zugreife“, stammelte sie. „Du bist so zart, und Adam sagte, deine Knochen seien sehr empfindlich.“

„Ja, stimmt, das sind sie. Aber ich versuche, mich möglichst normal zu benehmen, also gib mir ordentlich die Hand. Du musst ja nicht gleich zupacken wie ein Schraubstock.“

Ich versuche, mich möglichst normal zu benehmen … konnte sie auf diesen schwachen, krummen Beinchen denn überhaupt stehen? Ihre Hände schienen kaum kräftig genug, um Julianes Hand zu drücken. Wie kam sie ins Bett? Auf die Toilette? Hatte sie ihr Haar selbst gefärbt? Oder brauchte sie für jeden Handgriff Hilfe?

Als Dorothea die Wolldecke wegschob, sah Juliane mit Staunen, dass sie einen grünen Seidenpullover und einen wadenlangen Rock aus maulbeerfarbenem Leder trug, der ziemlich teuer aussah, ebenso wie die farblich dazu passenden Schuhe. Die Schuhe mussten auf jeden Fall maßgeschneidert sein, wahrscheinlich auch der Rock. Sie pfiff unwillkürlich durch die Zähne. „Das sieht aber schick aus, was du da anhast.“

„Was hast du erwartet? Einen Strampelanzug?“, fragte Dorothea und lachte ein helles, gicksendes Lachen. Dann wurde sie ernst. „Entschuldige, ich sollte dich nicht necken. Ich weiß, es ist nicht leicht für dich. Vielleicht sollten wir besser gleich zum Geschäftlichen kommen.“ Der Blick ihrer großen, goldbraunen Augen wurde scharf und lauernd. „Adam deutete an, dass du die Erbschaft nicht annehmen willst?“

„Ich möchte auf keinen Fall hier wohnen oder das Weingut führen.“ Juliane war erleichtert über die Wendung, die das Gespräch nahm. Dorothea beunruhigte sie. Nicht, dass sie ihr unsympathisch gewesen wäre, aber sie meinte ständig, ein Trickbild vor sich zu haben: Einmal sah sie sich mit dem winzigen Körper eines verkümmerten Kindes konfrontiert, dann wieder mit dem Verstand und dem Wesen einer erwachsenen Frau. Sie rettete sich in eine kühle, geschäftsmäßige Schilderung ihrer Situation. „Als ich hörte, dass Onkel Guido mir etwas hinterlassen hätte, war ich zuerst sehr erfreut; ich dachte natürlich an Geld, und Geld würde ich dringend brauchen. Ich war verblüfft und enttäuscht, als ich hörte, dass ich ein Haus und einen Weinberg geerbt habe. Und als ich dann von den näheren Umständen hörte … Dass er mir die Villa Verbena und die Fattoria Le Querce nur hinterlassen hat, um euch Ärger zu machen …“

„Ärger ist kein Ausdruck“, antwortete Dorothea. „Er genoss es, uns fertigzumachen.“ Ihre zirpende Kinderstimme stand in scharfem Kontrast zu der Kälte, die in den wenigen Worten lag. Juliane fühlte sich daran erinnert, wie Adam bei ihrem ersten Gespräch über das Erbe in eine so heftige Erregung geraten war, dass er den Wagen nicht weiter steuern konnte und auf den Pannenstreifen fahren musste. Aber der Zorn dieser verkrüppelten Frau war viel gefährlicher, viel intensiver als der des Mannes. Es lag mehr Power darin.

Dorothea zögerte sekundenlang, dann entschloss sie sich offenbar, reinen Tisch zu machen. „Vielleicht schockiert es dich, aber im Interesse der Wahrheit kann ich dir nicht verheimlichen, dass zwischen uns und dem Príncipe keine innige Liebe bestand. Er hat uns allen dreien keinen Anlass gegeben, ihn zu lieben; dass er uns hier im Haus behielt, hatte nur den einen Grund, dass er Untertanen brauchte, die ihm völlig ausgeliefert waren. Heutzutage“, fuhr sie fort, wobei ein Ausdruck von abgründigem Hohn ihre seltsamen Züge verzerrte, „kann man ja mit dem Personal nicht mehr machen, was man will, also müssen Familienangehörige her, am besten natürlich solche, die hilflos und abhängig sind, die in der Welt jenseits der Grenzen von Le Querce keine Chancen hätten, zu überleben.“ Unter den schweren Lidern schoss ein Blick wie ein Giftpfeil hervor. „Und ich rede nicht nur von mir.“

Juliane gab keine Antwort. Sie dachte an die Narben auf Emilias rechter Seite, fragte sich, woher sie stammten und wie sehr sie das alltägliche Leben des Mädchens beeinträchtigten. Emilia hatte bis jetzt kein Wort gesagt und schien entweder abnorm schüchtern oder äußerst verschlossen zu sein. Unverständlich war Juliane nur, dass auch Adam zu denen gezählt wurde, die außerhalb von Le Querce keine Überlebenschance hatten. Er sah gut aus, er war offenkundig intelligent und auf dem Gebiet, das ihn interessierte, beschlagen. Warum sollte er in der Welt draußen nicht seinen Weg machen? Möglicherweise bezog sich die Andeutung darauf, dass er nach den beiden Grappa im Bahnhof Florenz inzwischen drei Viertel Wein getrunken hatte, zwei zu dem Imbiss in der Halle und ein drittes hier. Vielleicht war das nur die Spitze des Eisbergs. Trinker waren in Weinbaugegenden keine Seltenheit.

Dorothea sprach weiter. „Die Trauerschleife, die du an Adams Ärmel gesehen hast, ist eine leere Floskel – ein Zugeständnis an die Sittsamkeit entlegener ländlicher Gebiete. In Wirklichkeit von Trauer keine Spur. Vater war immer schon ein Tyrann, und das letzte halbe Jahr war er völlig unausstehlich. Wir haben ihn gehasst, ebenso, wie er uns hasste.“

Adam fühlte sich verpflichtet, vorwurfsvoll einzuwerfen: „Dorothea! Wie kannst du so etwas sagen!“ Es klang so steif und lahm, als spielte er in einem Laientheaterstück mit.

„Was sage ich?“, fuhr sie ihn an. „Die Wahrheit, nichts anderes. Juliane sieht mir nicht so blöde aus, als würde sie es nicht in kürzester Zeit selber herausfinden. Ich habe jedenfalls keine Lust, Krokodilstränen zu zerdrücken, nur um sie in die Irre zu führen.“

Adam murmelte: „Es war das Alter, das ihn so verdrießlich machte. Sein Rheuma, seine Magenbeschwerden.“

„Er war schon widerwärtig wie der Teufel, als man ihm noch keine Spur von Alter anmerkte.“ Sie wandte sich von ihrem Bruder ab und wieder direkt an Juliane. „Nachdem du den Príncipe nicht gekannt hast, wird es dich kaum schmerzen, Unerfreuliches über ihn zu hören. Sprichst du gut Italienisch?“

„Ich kann fließend Buongiorno sagen, das ist aber auch schon alles. Oh – Caffelatte kann ich auch!“

Emilia verzog ihr schönes olivfarbenes Gesicht zu der Andeutung eines Lächelns. Dorothea lachte. „Das ist nicht viel. Aber auch ohne Italienisch wirst du feststellen, dass die Leute bei der Nennung von Vaters Namen finstere Gesichter ziehen und Flüche zwischen den Zähnen zerbeißen. Präge dir ein paar Worte ein, damit du sie erkennst, wenn sie sie uns nachrufen: Malfattori! Imbroglioni! Farabutti! – Ganoven! Betrüger! Lumpen!“

Juliane dachte an den Fäuste schüttelnden Kellermeister vor dem Supermarkt. Zweifellos waren das dem Sinn nach die Worte, die er ihnen nachgeschrien hatte. „Adam sagte mir, dass das seinen Grund in geschäftlicher Konkurrenz hätte.“

„Das auch. Vor allem aber darin, dass der Príncipe sich mit seiner arroganten Art hier jede Menge Feinde machte. Die Toskaner sind ein stolzes Volk und schätzen es nicht, wenn ein hergelaufener Piefke sich in ihrer Mitte ansiedelt und benimmt, als gehöre das ganze Land ihm. Er gab hier mehrmals jährlich die üppigsten Feste, aber er kaufte dafür kein Gramm Schinken und keinen Bissen Brot in Dormiani, sondern ließ alles aus Prato liefern. Die Kaufleute hier hätten das zusätzliche Geld gut brauchen können, und so waren sie natürlich sauer auf ihn.“

Juliane nickte, seltsam erleichtert, dass sie keine schlimmere Begründung gehört hatte. Irgendwie hatte sie erwartet, es würde etwas Schreckliches ans Licht kommen.

Adam, dem offenbar daran gelegen war, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, verkündete: „Kusine Juliane schlug vor, unsere Anwälte eine Lösung aushandeln zu lassen.“

Juliane stimmte hastig ein. „Das stimmt. Ich brauche Bargeld. Ich möchte in München ein Geschäft für Sportsachen aufmachen.“

Adam verzog das Gesicht. „Wir können dir auf keinen Fall das in bar geben, was das Haus und der Weinberg wert sind, so viel flüssiges Geld haben wir nicht.“

Dorothea wischte seinen Einwand mit einer schwächlichen, aber sehr entschlossenen Handbewegung beiseite. „Das sollen die Anwälte aushandeln. Wir könnten einige der Kunstgegenstände verkaufen, die Gemälde, den Papstkelch -“

„Nein, nicht den Papstkelch!“ Adam schrie geradezu auf. „Die Gemälde, ja … einige davon.“

Juliane unterbrach die drohende Debatte. „Überlassen wir die Einzelheiten den Fachleuten, die sollen einen Vorschlag erarbeiten. Mir ist wichtig, dass wir einander nicht als Feinde gegenüberstehen. Es war sehr unangenehm für mich zu erfahren, dass Onkel Guido dieses Erbe mir nur deshalb zugedacht hat, um euch zu verletzen.“

„Oh“, bemerkte Dorothea zynisch, „dass du damit Ärger hast, hatte er zweifellos vorsorglich einkalkuliert. Schließlich konnte er dich ebenso wenig leiden wie uns. Vor allem deine Mutter hasste er von Herzen. Er konnte es nie vergessen und verzeihen, wenn jemand ihn kritisierte.“

Adam stand abrupt auf und trank sein viertes Glas Wein mit einem Zug aus. „Möchtest du dir jetzt das Haus und das Gut ansehen?“

Naboths Weinberg

Adam zeigte ihr beflissen wie ein Fremdenführer den Rest des Gebäudes, an dem jedoch nur das Arbeitszimmer ihres verstorbenen Onkels interessant war, das den gesamten Raum unter dem Dach einnahm. Eine Wendeltreppe führte in ein Gemach mit gewölbter Backsteindecke, dem man auf den ersten Blick ansah, dass es sich hier um das Allerheiligste des Hauses handelte – das Arbeits- und Wohnzimmer eines Mannes, der enorm von sich eingenommen gewesen war. Wer sonst hätte ein lebensgroßes Bildnis seiner selbst an die Wand gehängt? Und wer außer Il Príncipe wäre auf die Idee gekommen, sich nicht in normaler Kleidung, sondern in einem pompösen Kostüm des Cinquecento malen zu lassen?

Juliane trat heran und betrachtete neugierig das Gemälde. Es war erst in den letzten Jahren gemalt worden, denn der Mann darauf war viel älter, als sie ihn seinerzeit beim Begräbnis ihres Vaters gesehen hatte. Jetzt, wo sie ihn mit den Augen einer Erwachsenen betrachtete, erschien er ihr noch zwiespältiger als damals. Er war zweifellos eine äußerst eindrucksvolle und ungewöhnliche Erscheinung gewesen, aber dieses Ungewöhnliche wirkte weniger anziehend als abstoßend. Sein massiger Schädel zum Beispiel – über dem noch immer ein dichter Haarschopf prangte, der nur ein wenig höher in die Stirn zurückgewichen war, als Juliane ihn in Erinnerung hatte – verriet Intelligenz und innere Stärke. Er schien schon zu Lebzeiten dazu bestimmt, in Bronze gegossen zu werden. Aber als sie ihn länger betrachtete, erschien er ihr beinahe missgebildet mit seiner mächtig vorgebuckelten Stirn und den vorspringenden Kinnbacken, über die wie bei einem Bluthund schlaffe Wangen herabhingen. Ebenso zweideutig war das breite, bleifarbene Gesicht, dessen maskenhafte Glätte und Symmetrie nur ein paar farblose Fleischwarzen störten. Der üppige, laszive Mund wies auf eine starke, ja ausschweifende Sinnlichkeit hin, die Augen jedoch waren so kalt, farblos und starr wie die Äuglein einer Muräne. Sie blickten mit eisigem Stolz ins Leere. Die hohe, korpulente Gestalt war schlaffer geworden, nicht mehr so prall wie früher. All das Körperfett schien von der Schwerkraft nach unten gezogen zu werden, so, dass zwar die Schultern athletisch waren, der Bauch aber birnenförmig, und noch dicker die Oberschenkel, die jedoch nur ein Stück weit zu sehen waren, als hätte der Abgebildete um den Defekt gewusst und ihn diskret zu verbergen gesucht.

Wollte er seine Mängel nicht erkennen lassen, so hätte er freilich besser auch seine Hände versteckt, die sich auf dem Gemälde auf einen mit blauen Trauben, Trinkgefäßen und altertümlichen Pergamenten bedeckten Tisch stützten. Sie waren riesig wie die Hände eines Schlächters, ordinär und gemein in der Form, mit plumpen Handgelenken und groben Fingern, das Fleisch von einer talgig gedunsenen, leichenhaften Konsistenz, die ungemein abstoßend wirkte. Sie verrieten die andere Seite seines Wesens, über die einen das intelligente, ausdrucksstarke Gesicht täuschen mochte.

„Dieses Gemälde“, bemerkte Adam, nachdem er eine Weile schweigend neben seiner Kusine gestanden hatte, „war sein persönlicher Triumphbogen. Er ließ es im Dezember malen, nachdem er der Contessa ihr Gut abgekauft hatte. Es markiert den Höhepunkt seines Daseins.“

Und beinahe auch schon seinen Endpunkt, dachte Juliane. Wenig mehr als ein halbes Jahr war ihm geblieben, um diesen letzten und höchsten Triumph auszukosten. „Er sieht nicht besonders gesund aus“, kommentierte sie.

„Er hatte Rheuma, das machte ihm schwer zu schaffen. Und allmählich bekam er alle möglichen Alterswehwehchen, überall zwickte und zwackte es ihn – er sah schlechter, vertrug das Essen nicht mehr wie früher, schlief schlecht. Aber meinst du, er wäre zum Arzt gegangen? Keine Rede. Er war der Typ, der es einfach nicht akzeptiert, dass er älter und schwächer wird. Er sagte manchmal: Krankheiten muss man einfach ignorieren, dann gehen sie von selbst wieder weg. Wahrscheinlich hatte er sogar recht, und er wäre hundert Jahre alt geworden, hätte der Hund ihn nicht getötet.“

Juliane sagte nichts, aber sie überlegte, wie sehnsüchtig Adam wohl auf das Ableben des bösen alten Mannes gewartet hatte. Auch wenn er nicht so offen zugab wie Dorothea, dass er ihn gehasst hatte, sondern seine Abneigung hinter widerwilliger Bewunderung versteckte – dagewesen war diese Abneigung zweifellos. Und Guido war erst dreiundsechzig gewesen, das ließ noch eine Menge statistischen Spielraum bis zum Tod. Ein tyrannischer Vater, der durch das herannahende Alter mit seinen Schwächen und Schmerzen noch unausstehlicher wurde, ein reiches Erbe … und ein tödlicher Unfall.

Adam deutete auf eine Stelle des Gemäldes. Mitten auf dem geschnitzten Tisch, auf den sich der Abgebildete stützte, stand ein altertümliches Trinkgefäß, schlicht, geradezu archaisch in der Form. „Das ist der berühmte Papstkelch, das kostbarste Familienerbstück der Luchinis. Er stammt aus dem 11. Jahrhundert und soll Papst Clemens II. gehört haben, einem der drei deutschen Päpste. Er steht dort in der Vitrine.“ Eine flüchtige Handbewegung wies auf eine Vitrine an der Wand hinter dem Schreibtisch. „Vater verstand zwar nichts von Antiquitäten, aber er wusste, wenn die Contessa etwas so hochschätzte, dann war es wertvoll. Und in diesem Fall ging es ihm nicht ums Geld allein, sondern um den ideellen Wert. Das Gemälde sagt dir wohl am besten, wie er dachte und fühlte, und was er sein wollte.“

Sie fragte, ob sie das Medici-Zimmer sehen könne, in dem sie bei ihrem geheimnisumwitterten Besuch angeblich geschlafen hatte. Er zuckte die Achseln. „Das ist jetzt Dorotheas Arbeitszimmer. Aber du kannst sie ja fragen, sie wird es dir schon zeigen.“

„Arbeitszimmer? Was arbeitet sie denn?“

„Wir nennen es nur so. Natürlich arbeitet sie nicht wirklich, das wäre in ihrem Zustand ja auch gar nicht möglich. Sie hat ihren Computer dort stehen. Im Internet surfen ist ihre große Leidenschaft, sie kann Tage und Nächte damit verbringen. Komm, wir gehen in den Garten hinunter.“

Adam führte sie durch den ebenen, hauptsächlich aus Rasenflächen und Yuccabüschen bestehenden Garten, dessen Rückseite ein Wäldchen bildete. Durchquerte man das Wäldchen, so landete man an einer altertümlichen Aussichtsplattform, beschattet von den hundertjährigen Eichen, die dem Landgut den Namen gegeben hatten, und im Halbkreis umschlossen von einer zerbröckelnden Balustrade. Ein morsches hölzernes Podium, aus dessen Ritzen jetzt das Unkraut wucherte, erinnerte an fröhliche Gesellschaften im Waldschatten. Von der Höhe schweifte der Blick über das Tal des Arno und eine Reihe von Industrie-Städtchen. Adam nannte ihr deren Namen: Fucecchio, Santa Croce sull’Arno und andere mehr, aber sie vergaß sie gleich wieder.

Mehr Interesse erweckte der etwa acht Meter hohe Turm mit dem Ziegeldach, der rechter Hand am Rande des Wäldchens lag. Seine unverputzten Natursteinmauern schimmerten in einem grünlichen Braun durch die Zweige. Wie Adam ihr erklärte, handelte es sich bei La Torre Rossa, dem roten Turm, um den ältesten Teil der Anlage, viel älter als das Wohnhaus, der jedoch baufällig sei und nicht mehr benutzt würde. „Eigentlich hätten wir ihn schon längst abreißen sollen, aber das kostet Geld, und wir konnten uns nie dazu entschließen, einen Haufen Geld auszugeben, nur um ein Bauwerk wegmachen zu lassen, das weder uns noch jemand anderen stört. Vielleicht fällt er ja eines Tages von selbst in sich zusammen.“

Sie hatten sich dem Turm so weit genähert, dass sie ihn in seiner ganzen Größe vor sich sahen. Es war ein sehr einfaches Bauwerk, das vermutlich landwirtschaftlichen Zwecken gedient hatte, denn anstelle von Fenstern wies es nur aus versetzten Ziegeln geformte Lüftungsgitter auf. Das Erdgeschoß war überhaupt fenster- und torlos, schien ein Speicher gewesen zu sein. Der Eingang lag im ersten Stock. Eine schmale Treppe führte in zwei Absätzen zu einer metallenen Pforte, an der ein Schild hing. Juliane fragte, was die italienischen Sätze darauf bedeuteten.

Er übersetzte. „Achtung, Bauschäden! Betreten strengstens verboten! Lebensgefahr!“, und fuhr fort: „Am besten, du gehst gar nicht in die Nähe, es könnten Steine herunterfallen und dich verletzen. Das fehlte uns gerade noch, dass dir während deines Aufenthalts hier etwas zustößt.“

Juliane nickte gehorsam, wunderte sich jedoch insgeheim. Die Warnung erschien ihr unnötig, denn trotz seines hohen Alters wirkte der rote Turm noch durchaus stabil. Kein Stein war aus den Mauern gebröckelt. Die Sandstufen der Treppe waren so ausgetreten, dass sie sich in der Mitte zu einer Mulde senkten, aber sie waren fest. Auch das rostige Geländer sah noch so aus, als könnte man sicheren Halt daran finden. Vielleicht befanden sich die verrotteten Balken und bröckelnden Steine im Inneren des Gebäudes, denn durch die Luftluken drang ein ranziger Geruch wie der eines seit Langem nicht mehr gereinigten Eisschranks.

Sie fragte nachdenklich: „Wieso heißt er eigentlich roter Turm, wenn doch kein Fleckchen Rot an ihm ist?“

„Keine Ahnung. Er hieß schon eine Ewigkeit so, als Vater das Haus kaufte. Komm, wir sehen uns den Weinberg an.“ Adam zog energisch an ihrem Arm. Er konnte es nicht erwarten, ihr das Herzstück von Le Querce vorzuführen.

Oder wollte er nur weiteren Fragen nach dem unpassenden Namen des altertümlichen Bauwerks ausweichen?

 

***

 

Obwohl das Weingut keine Viertelstunde vom Haus entfernt lag, nahmen sie Adams Wagen und stiegen erst aus, als sie unmittelbar am Rand des berühmten Vigneto angelangt waren. Für Julianes laienhafte Augen sah er genauso aus wie jeder andere Weinberg, den sie je im Leben gesehen hatte: ein in Wellen über die Südseite der Colline di Montalbano abfallender Hang, über den sich endlose parallele Reihen von Rebstöcken zogen.

Adam redete sich in Eifer. „Der Weinberg umfasst etwa zehn Hektar Steinterrassen mit Weinreben und Olivenbäumen. Er war von den Vorbesitzern, der Familie Quentini, ziemlich herabgewirtschaftet worden, aber Vater sah sofort, dass er von der Anlage und Qualität her zauberhaft ist. Die Rebstöcke sind zum größten Teil über fünfunddreißig Jahre alt. Wir bauen fünf Rebsorten an, Sangiovese, Sangiovese Grosso, Canaiolo, Malvasia und Trebbiano. Es wird zum Teil noch von Hand umgegraben, keine Herbizide verwendet, von Hand geerntet und alle Stiele der Trauben entfernt. Nach der Gärung wird der Rotwein ein Jahr lang in Eichenfässern gelagert, mehrmals umgefüllt und nicht gefiltert …“

Er verlor sich in technischen Details des Weinbaus, die Juliane nichts sagten. Sie hörte nur mit halbem Ohr zu, bis er wieder zum allgemein Verständlichen zurückkehrte.

„Wir wenden das traditionelle Governo-Verfahren an, das besonders fruchtige, körperreiche Weine hervorbringt. Weil es sehr kostenintensiv ist, wird es nur noch von wenigen, traditionsbewussten Weingütern praktiziert. Unsere einzige ernsthafte Konkurrenz am Ort war der Weinberg der alten Contessa Luchini. Er liegt da drüben, unmittelbar neben Le Querce. Und was für eine scharfe Konkurrenz das war! Die Luchinis produzierten nicht viel, gerade mal zwanzigtausend Flaschen pro Jahr, dafür zählte ihr Wein aber traditionell zur exklusiven Spitzenklasse. Die Contessa und ihr Kellermeister Cesare Allessandri erzielten mit ihren Weinen auf internationalen Weinproben stets beste Platzierungen.“

„Allessandri? Dann war der Mann, mit dem du Krach hattest, also der Kellermeister der Contessa!“

Adam nickte. Plötzlich biss er sich auf die Lippen und sprach dann rasch weiter, als müsste er etwas ausspucken, an dem er zu ersticken drohte. „Ich muss dir das etwas näher erklären, damit du die Situation verstehst – und auch verstehst, warum manche Leute in Dormiani sehr aggressiv gegen uns eingestellt sind. Siehst du, Weinbau ist nicht so, als würdest du Kartoffeln anbauen. Da muss man mit Leib und Seele dabei sein. Die hochrangige Weinproduktion erfordert Gefühl, Erfahrung und technische Kenntnisse. Es ist eine Liebe, eine Leidenschaft, eine Religion. Als Vater die Fattoria Le Querce kaufte, reizte ihn mehr das Abenteuer, einen eigenen Wein zu machen, als ein professionelles Weingut aufzubauen, aber dieser Wein sollte ein Spitzenwein werden, vergleichbar dem Besten, was die Luchinis zu bieten hatten. Was er anfing, machte er perfekt. Er heuerte erstklassiges Personal an und machte sich ans Werk. Die Fattoria di San Sebastiano war ihm damals natürlich meilenweit voraus – sie ist das älteste Weingut der Gegend, schon seit dem 16. Jahrhundert im Familienbesitz der Luchinis.“

Er lächelte, aber sein Gesicht mit dem dunklen Bartschatten wirkte straff und angespannt. „Im Lauf der nächsten zwanzig Jahre holten wir dann immer mehr auf, und nachdem die Einheimischen erst herablassend über uns gelächelt hatten, wurde allmählich ein echter Krieg daraus. Vaters Konkurrenzstreit mit der Contessa Luchini wurde weitaus schwerer bewertet als ein geschäftliches Kopf-an-Kopf-Rennen anderswo. Es ging um die Ehre: Einheimische gegen Zugezogene, Allessandri gegen Bonaparte. Bonaparte – er heißt nicht wirklich so, man nennt ihn nur so, weil er so klein und so stolz ist – ist unser Kellermeister. Sein richtiger Name ist Paolo Quentini. Er war der letzte Besitzer des Weinbergs, der jetzt zu Le Querce gehört.“

„Warum bewirtschaftet er ihn nicht selbst?“, fragte Juliane, um höfliches Interesse zu bekunden.

Adam zuckte die Achseln. „Er hatte finanzielle … und andere Schwierigkeiten. Er ist ein Genie, was den Weinbau angeht, aber geschäftlich war er immer schon eine Niete. Das Einzige, was ihn im Leben interessiert, sind der Wein und die Weiber. Er war froh, dass er sich ganz seiner Kunst widmen konnte, ohne sich darum sorgen zu müssen, wie er den Wein verkauft. Und ich habe das Gefühl, er wollte sich Vaters Geld und seinen geschäftlichen Einfluss zunutze machen, um doch noch über den Weinkeller der Contessa zu herrschen, wie es sich die Quentinis immer gewünscht haben – und seinen Feind Allessandri zu übertrumpfen. Ich glaube, es war der Höhepunkt seines Daseins, als er in die Villa Luchini einziehen durfte. Uns konnte es recht sein, das Mäusenest kann man ja nicht einmal mehr vermieten, so muffig und morsch, wie es ist, aber für Bonaparte erfüllte sich ein Herzenswunsch. Allessandri war natürlich außer sich darüber, dass sein Erzfeind jetzt die geheiligten Hallen mit seiner Anwesenheit entweihte.“

„Die Kellermeister sind also auch verfeindet?“ Es erschien ihr so lächerlich wie die maßlose nationale Erregung um das Ergebnis eines Fußballspiels.

„Bis aufs Messer, und das seit Generationen. Als unser Vater Bonaparte einstellte, bezog er damit gleichzeitig Stellung in einem Zwist, der hier schon eine Ewigkeit schwelt. Die Alessandros waren seit langer Zeit die Cantinieri der Luchinis, eine wahre Dynastie, in der das Amt vom Vater auf den Sohn überging. Vater hätte ein Vermögen dafür gegeben, wenn Cesare Allessandri nach dem Tod der Contessa die Stellung bei ihm angenommen hätte, aber der Kerl hat ihn verflucht und die Faust gegen ihn geschüttelt. Er war völlig fixiert auf die Alte. Er hatte mit ihr und ihrer Fattoria seinen ganzen Lebensinhalt verloren und verkroch sich wie ein Einsiedler in seinem Haus. Die Allessandri sind eine sehr alte und angesehene Familie, viele Leute hielten es mit ihnen und betrachteten es als Hochverrat, dass die Contessa Sebastiani an ihren schärfsten Konkurrenten und noch dazu einen Ausländer verkaufte.“

„Ist das nicht wirklich ungewöhnlich?“

„Nein, warum? Es war eine sehr kluge Entscheidung. Sie hatte keine Angehörigen mehr, und Vater war der Einzige, der sowohl die Fachleute wie auch die Mittel hatte, um ihren heißgeliebten Weinkeller weiterhin auf dem gewohnten Niveau zu halten. Allessandri ist zwar ein ausgezeichneter Kellermeister, aber er hat kein Geld, und man braucht Geld, um ein Weingut in Schwung zu halten. Aber es hat natürlich böses Blut gemacht.“ Er lachte kurz und blechern auf. „Siehst du? Das dort ist Naboths Weinberg.“ Dabei wies er wies auf weitere Reihen von Rebstöcken, die sich in nichts von denen der Vigna Le Querce unterschieden.

Juliane sah ihn verwirrt an. „Naboth? Ich dachte, du redest vom Besitz der Luchinis?“

Adam lachte von Neuem – ein hustendes Lachen, bei dem die Muskeln in seinen eingefallenen Wangen krampfhaft zuckten. „Man sieht, du bist nicht sehr bibelfest. Naboth war ein alter Hebräer, von dem in der Bibel erzählt wird, dass er einen wundervollen Weinberg besaß. Seinen König Ahab gelüstete es danach, wie es so schön heißt, und da Naboth seinen Weinberg für kein Geld der Welt hergeben wollte, ließ der König den armen Alten kurzerhand unter falschen Anschuldigungen zum Tode verurteilen und hinrichten. Danach bekam der hinterhältige Potentat den Weinberg, aber es brachte ihm nichts ein als Gottes Zorn.“

Er fuhr sich nachdenklich mit der flachen Hand über die Stirn und strich das schwarze Haar zurück. Juliane stellte fest, dass er stark schwitzte, obwohl es keineswegs heiß war. „So sehen die Leute hier die Sache. Der Pfarrer hielt nach dem Tod der Contessa eine Predigt zu diesem Thema. Was ich ziemlich lächerlich finde, denn Vater hat die Alte natürlich nicht umgebracht. Sie war quicklebendig, als sie den Kaufvertrag unterschrieb, und starb erst zwei Wochen nachher an Altersschwäche, was bei einer 83-Jährigen ja nicht weiter erstaunlich ist. Er hat eine ganz normale geschäftliche Transaktion mit ihr durchgeführt, die über seinen Anwalt abgewickelt wurde. Keine Rede von foul Play. Dr. Niccolo Ponte hat -“

Er hatte sich in Hitze geredet, wobei er den merkwürdigen Eindruck machte, dass er sich getrieben fühlte, über eine Sache zu reden, über die er eigentlich lieber geschwiegen hätte. Er atmete tief und mühsam durch, wandte sich dann abrupt ab und murmelte: „Bin gleich wieder da, warte auf mich.“

Juliane dachte, ihm sei übel geworden, und er würde sich in die Büsche schlagen, aber er ging zum Wagen zurück, holte aus dem Kofferraum eine Flasche und trank in langen, gierigen Zügen. Dabei verdeckte er das Etikett mit der Hand, aber Juliane war trotzdem klar, dass es beim Inhalt nicht um Fruchtsaft handelte. Also stimmte ihre Vermutung. Adam war dem Wein, den er so sehr liebte, verfallen.

Als er zurückkam – entspannt und mit trockener Stirn –, beeilte sie sich, irgendetwas zu sagen, um von dem Eindruck abzulenken, dass sie seine heimlichen Schlucke beobachtet und die richtigen Schlüsse gezogen hatte. „Was die Contessa angeht … es hätte sicher weniger Ärger gegeben, wenn sie San Sebastiano an einen Einheimischen vererbt oder verkauft hätte – zum Beispiel an ihren Kellermeister, der doch ein sehr geeigneter Erbe gewesen wäre.“

Adam zuckte mit einer hektischen Bewegung die Achseln. „Ja, wahrscheinlich. Aber sie hat sich nun einmal anders entschieden. Allessandri konnte diese Entscheidung nicht akzeptieren. Er tobte wie ein Verrückter, und seither lässt er sich alle Naselang etwas anderes einfallen, um uns Ärger zu machen. Er ging so rabiat auf mich los, dass ich gezwungen war, mich an die Carabinieri zu wenden.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und ließ Adlerblicke über den Hang schweifen, als erwarte er den feindseligen Kellermeister irgendwo zwischen den Rebstöcken lauern zu sehen.

„Mit einem Wort“, stellte Juliane fest, „ich habe ein Wespennest geerbt.“ Insgeheim fragte sie sich, ob er ihr die Feindseligkeit der Dorfbewohner in so lebhaften Farben schilderte, um sicherzugehen, dass sie es sich nicht noch anders überlegte und das Gut doch haben wollte. Aber selbst, wenn das seine Absicht war, konnte es ihr gleichgültig sein. Sie wollte es auf keinen Fall. Um ihn zu beruhigen, erklärte sie entschieden: „Ich bleibe bei meinem Entschluss. Wann können wir den Anwalt sprechen?“

„Ich habe bereits mit ihm telefoniert. Er hält uns morgen Vormittag einen Termin frei.“

Also war er sofort zum Telefon gestürzt, um seinem Anwalt die Freudenbotschaft zu überbringen. Umso besser. Je schneller die Angelegenheit erledigt war, desto schneller kam sie von hier weg.

Ihr Blick schweifte nachdenklich über den steil abfallenden Hang hinweg, als sie einen Mann den Pfad entlangkommen sah. Im selben Augenblick rief Adam: „Oh, da kommt Bonaparte. Ich mache euch bekannt. Leider spricht er kein Wort Deutsch.“

Der Mann, der sich ihnen mit raschen, schwingenden Schritten näherte, hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit dem französischen Kaiser. Er war knapp mittelgroß, sehr kompakt gebaut, mit einem breiten, glatten Gesicht, einer Adlernase, durchdringenden schwarzen Augen und einem schmalen Mund, der sich nur widerwillig zu öffnen schien. Sein lackschwarzes Haar war glatt an den Kopf gekämmt. Er hätte gut in eine Uniform gepasst, trug jedoch einen zerknitterten Leinenanzug und dazu eine Schirmmütze. Als er näher herankam, spürte Juliane die Kraft, die von ihm ausging. Offensichtlich war er die Art Mann, nach dem sich alle umdrehen, wenn er einen dicht bevölkerten Saal betritt, egal, wie diskret er seinen Eintritt gestaltet. Mehr als seine äußere Ähnlichkeit war es wohl diese Macht der Persönlichkeit, die ihm seinen Spitznamen eingetragen hatte. Er strahlte eine selbstverständliche Autorität aus, die sich auch auf Adam zu erstrecken schien – gleichzeitig aber auch eine ranzige Virilität, so überwältigend und abstoßend wie der Geruch von Brillantine. Juliane jedenfalls fand sie abstoßend, auch wenn sie sich vorstellen konnte, dass andere Frauen diesem untersetzten kleinen Macho mit dem gelblich blassen Gesicht reihenweise in die Arme fielen.

Sie fühlte sich in einer seltsamen Gedankenverbindung an ein arabisches Restaurant in München erinnert, in dem alle Speisen ungenießbar wurden, weil der Rauch der Nargilehs die Luft vernebelte. Tabakrauch wäre ja noch angegangen, aber dieser Rauch war parfümiert gewesen, penetrant und billig parfümiert wie Fliegenspray.

Bonaparte war anzumerken, dass er sich der von ihm ausdünstenden Sexuallockstoffe bewusst war. Als er Juliane die Hand reichte, war sein Gruß höflich und sein Blick unverschämt. Es war, als sagte er ihr: Du hast doch ohnehin keine Chance, mir zu widerstehen, also warum nicht gleich?

Es war die sicherste Methode, jeden eventuell noch vorhandenen Rest von Interesse in ihr abzutöten. Sie lächelte frostig und überließ es Adam, die Begrüßungszeremonie zu leiten. Was Quentini sagte, verstand sie zum größten Teil nicht, aber ein paar Worte sagten ihr etwas – und überraschten sie. Der Mann blickte sie nämlich mit gerunzelter Stirn an, als überlege er, ob er sie kannte. Dann, als Adam ihren Namen nannte, schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn, lachte verblüfft auf und rief, während er die Handfläche knapp einen Meter über den Boden hielt: „La Signorina, la piccola Signorina Juliana! Incredibile!“

Adam sagte prompt: „Siehst du? Er erinnert sich an deinen Besuch, als du noch so klein warst.“

Es lag ihr auf der Zunge, ihn zu bitten, er möge den Cantinieri fragen, was es mit diesem aus ihrem Gedächtnis verschwundenen Besuch auf sich hatte, aber dann beschloss sie, nicht mehr Kontakt als nötig mit ihm aufzunehmen. Er war genau der Typ Mann, der solche unschuldigen Fragen als Aufforderung zu näherer Bekanntschaft missverstand.

Adam übersetzte: „Er bietet an, dir den Weinkeller zu zeigen.“

Nein, bloß das nicht! Weinkeller waren finstere, beklemmend enge unterirdische Gelasse, in denen ständig die Gefahr giftiger Gase schwebte, und schon gar nicht wollte sie mit diesem Bock hinunter, der vermutlich den ersten dunklen Winkel zur körperlichen Kontaktaufnahme ausnutzen würde. „Nein, danke. Vielleicht ein andermal.“

Quentini sah sehr enttäuscht aus. Wahrscheinlich wertete er ihr Desinteresse als persönliche Beleidigung. Aber besser sollte er beleidigt sein, als dass sie sich damit quälte, in dieses Burgverlies hinunterzusteigen, in dem es sowieso nichts zu sehen gab außer Flaschen.

Als er sich nach dem Austausch höflicher Worte wieder verabschiedete, warf er ihr einen weiteren dieser Blicke zu die besagten: Na dann, demnächst in meinem Bett!

Adam starrte ihm eine Weile hinterher, dann stieß er die Worte hervor: „Möchtest du auch einen Besuch auf dem Friedhof machen? Wir müssen ja nicht lange bleiben.“

Juliane zögerte. Sie ging sehr ungern auf Friedhöfe. Nicht aus einer kindischen Angst vor den Toten heraus, auch nicht aus Angst, an die eigene Vergänglichkeit erinnerte zu werden, sondern aus einem Unbehagen heraus, das völlig irrational und unzeitgemäß war. Die Grüfte mit ihren schweren steinernen Deckeln, die vernieteten Türen der Mausoleen, die von tonnenschwerer Erde bedeckten Gräber lösten Klaustrophobie in ihr aus. Bei dem bloßen Gedanken an diejenigen, die da unten in den schmalen, luft- und lichtlosen, sorgfältig verschraubten Kisten lagen, überkam sie die Beklemmung eines Albtraums. Sie wusste, dass heutzutage niemand mehr lebendig begraben wurde, dass die Vorstellung absurde Ängste widerspiegelte, aber die Tatsache blieb, dass der Besuch auf einem Friedhof sich wie ein schwerer Klumpen nassen Lehms auf ihre Atmungsorgane legte.

Adam dieses Unbehagen einzugestehen, hätte sie freilich nicht über sich gebracht, und so stimmte sie mit einem gekünstelt lässigen Achselzucken zu. „Ja, so gehört es sich wohl.“

Sie kehrten zum Wagen zurück und schlugen wieder den Weg zum Dorf ein. Juliane ertappte sich selbst dabei, wie sie neugierig aus dem Fenster spähte, ob Allessandri irgendwo darauf lauerte, ihnen wieder eine Szene zu machen. Sie war ziemlich sicher, dass es bei dem Verkauf der Fattoria San Sebastiano nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Eine stolze alte Frau verschacherte das Familiengut, an dem sie mit Leib und Seele hing, nicht freiwillig an einen Konkurrenten, noch dazu einen Ausländer, den sie nicht ausstehen konnte. Höchstwahrscheinlich hatte Onkel Guido die Altersschwäche oder auch die finanzielle Notlage der greisen Gentildonna ausgenützt – hatte Adam ihr nicht erzählt, dass sie ärmer als die meisten Bauern gewesen war? – und sie irgendwie übers Ohr gehauen. Damit hatte er auch Allessandri betrogen, der sich sicherlich berechtigte Hoffnungen gemacht hatte, von der kinderlosen Alten als Erbe eingesetzt zu werden. Ein Mann, der sein Leben im Dienste eines Spitzenweinkellers verbracht hatte, ein Mann, der auf eine Ahnenreihe in denselben Diensten zurückblickte, hatte sich wohl die Krönung seines Daseins davon erhofft, nach dem Tod der alten Dame als Herr über diesen Keller gebieten zu können. Stattdessen musste er zusehen, wie der verhasste Konkurrent ihm ein seit dem 16. Jahrhundert liebevoll gehegtes und gepflegtes Weingut aus den Händen riss. Nein, es war wirklich kein Wunder, dass Cesare Allessandri den Wewelmanns an die Kehle fahren wollte.

Als Tochter eines bedeutenden Kunsthändlers hatte Juliane Gelegenheit genug gehabt, einen Blick in die Welt der großen Geschäfte zu tun und festzustellen, dass in dieser Welt gnadenlos das Recht der Stärkeren galt. Fressen oder gefressen werden, hieß die Devise. Ihr war sehr rasch klargeworden, dass sie von dem Augenblick an, wo sie einen Fuß in die prunkvollen Hallen des Big Business setzte, keine Freunde mehr haben würde, und so hatte sie den Eintritt verweigert. Erst mit kindlicher Raffinesse, dann mit erwachsenem Kalkül hatte sie sich hinter einer vorgetäuschten Stupidität verschanzt, hatte sich konsequent für nichts interessiert außer Sport, Schönheit und Körperpflege. Sie hatte innerlich triumphiert, als ihr Vater allen seinen Bekannten erzählte, dass mit Juliane in geschäftlichen Dingen nicht das Geringste anzufangen sei. Das Letzte, was sie wollte, war, in seine Firma einzutreten und dort zu seiner Nachfolgerin geschult zu werden, wie er das geplant hatte.

Plötzlich ging es ihr durch den Kopf: War sie in ihren Körper geflüchtet, weil Körper ein Ort waren, der ihn absolut nicht interessierte? Er fand Sport lächerlich, und sogar weibliche Schönheit lockte ihn nur in sehr geringem Maße, wie an der Tatsache abzulesen war, dass er ihre äußerst hausbackene Mutter geheiratet hatte. Jedenfalls hatte er in dem Maß, in dem Juliane zum Körper, und immer ausschließlicher zum Körper, wurde, den Kontakt mit ihr einschlafen lassen, und das war ihr sehr recht gewesen.

Der Friedhof von Dormiani lag – eine Postkartenidylle im Licht der sinkenden Sonne – oberhalb der Kirche in einer Mulde zwischen zwei Hängen. Die meisten der schmucken Grabstellen waren bäuerlich schlicht. Nur an der rückwärtigen Mauer zog sich eine Reihe von pompösen Grüften hin, unter denen die der Luchinis verständlicherweise die größte und schönste war. Zwei trauernd geneigte Engel aus Carrara-Marmor wiesen auf ein von Robinien beschattetes Mausoleum, dessen Eingang sich hinter einer Reihe ionischer Säulen verbarg. Nach dem Begräbnis der Contessa war zum letzten Mal die mächtige Bronzetür ins Schloss gefallen, hinter der in langen Reihen die toten Adeligen ruhten. Die Marmortafeln links und rechts der Tür waren beinahe mannshoch und mit vielen Namen bedeckt. Die abgefallenen Robinienblüten lagen so dicht auf dem Gebäude und den Engeln, als hätte es im Juni geschneit.

Juliane atmete tief und regelmäßig, um das zunehmende Gefühl der Beklemmung zu neutralisieren. Sie schämte sich für die lächerliche Phobie, die sie immer wieder in Gegenwart enger, unter der Erde gelegener Räume befiel. Seltsamerweise hatte sie keine Probleme damit, in Aufzügen zu fahren oder die U-Bahn zu benutzen, solange Lifte und Stationen sauber, hell und modern waren. Aber als sie eines Tages eine unterirdische Station betreten hatte, in der an einem Nebenstollen gearbeitet wurde, hatten der Geruch feuchter Erde und der Anblick der steinigen Stollenwände eine so qualvolle Beklemmung in ihr hervorgerufen, dass sie um ein Haar ohnmächtig zusammengesackt wäre. Gretchen, die auf alles eine esoterische Antwort bereit hatte, war fest überzeugt, dass sie in einem früheren Leben lebendig begraben worden sei – vielleicht auch in einem einstürzenden Keller verschüttet oder in einem Brunnen ertrunken.

Onkel Guido hatte seine Gruft nach eigenen Vorstellungen gestalten lassen. Ein schwarzer Kubus auf einem mächtigen Sockel, schlicht und theatralisch zugleich, klotzte wie ein immenser Briefbeschwerer in unmittelbarer Nähe der Familiengruft der Luchinis. Eine rahmenlose Türe führte hinein, die jetzt, wo sie geschlossen war, nur am Schlüsselloch und den feinen Spalten zwischen Wand und Tür zu erkennen war. Auf dem gesamten Kubus fand sich kein Schmuck außer den Worten, die auf der Vorderseite eingemeißelt standen:

Guido Wewelmann

12 Gennaio 1940 – 8 Giugno 2003

IL PRÍINCIPE

Besser gesagt, es fand sich nichts an ursprünglichem Text und Schmuck außer diesen Worten! Die grelle, in blutigem Rot an die Mauer gesprayte Schrift war erst in allerletzter Zeit von einer fremden und zweifellos unbefugten Hand hinzugefügt worden. Ihr aggressiver Charakter war unverkennbar, obwohl Juliane nur eines der beiden Worte etwas sagte. Rabon. Das war der riesige schwarze Hund gewesen, der den Príncipe umgebracht hatte. Aber das zweite, das mit dem ersten durch ein Gleichheitszeichen verbunden war? Vendicatore?

Adam sah ihren fragenden Blick und antwortete mit einer Stimme, die sich nur mühsam durch einen vor Wut verkrampften Sprechapparat hindurchzuzwängen schien. „Rächer. Es bedeutet Rächer.“

„Du meinst“, fragte sie verwirrt, „der das da geschrieben hat, will sagen, Rabon hätte Onkel Guido aus Rache getötet? Ein Hund? Und weswegen denn überhaupt?“

„Rabon war der Hund der Contessa Luchini. Er stand auf der Liste der Gegenstände, die sie an Vater verkaufte.“

Juliane starrte ihn an. Selten waren ihre großen, ein wenig ausdruckslosen dunklen Augen so stechend gewesen wie in diesem Augenblick. „Erzähl mir nicht, Adam“, sagte sie mit einer Stimme, die in der Kehle kratzte, „dass eine alte Frau ihren Hund freiwillig an ihren Erzfeind verkauft. Ihr Haus, ihre Fattoria, ihren Weinkeller – das lasse ich mir alles eventuell noch einreden, auch wenn es meine Gutgläubigkeit stark strapaziert. Aber niemals ihren Hund.“

Adam zuckte die Achseln mit einer Verstocktheit, die schon kindisch wirkte. „Er stand auf der Liste, und die Contessa hatte ihre Unterschrift daruntergesetzt. Dr. Ponte kann sie dir morgen zeigen. Es ist alles legal. Die Frau war gebrechlich, vielleicht wurde ihr der Hund lästig. Oder sie bekam selbst Angst vor ihm. Er war sehr gefährlich – ein riesiges Tier und so schlau und gerissen wie ein Mensch. Ich warnte Vater vor ihm, aber er sah eine Art Trophäe in ihm und schätzte ihn höher als seine eigenen Hunde. Er hielt ihn im Garten an der Kette und wollte wohl erreichen, dass Rabon ihn als Herrn anerkannte, erst als der Hund nur heulte und knurrte, steckte er ihn in den roten Turm zu den anderen.“

Juliane starrte finster den klotzigen Marmorkubus an.

Adam redete immer hastiger gegen ihr wütendes Schweigen an. „Du kannst mir glauben, hinter alledem steckt Cesare Allessandri. Er hasst uns. Er spekulierte seit vielen Jahren darauf, den Weinberg zu erben. Es gab keine weiteren Angehörigen mehr, die Contessa war alt, und die beiden waren so eng verbunden wie zwei Unken, die seit Jahrzehnten im selben feuchten, finsteren Brunnenschacht hocken. Vielleicht gab es Streit zwischen ihnen. Vielleicht ärgerte sie sich darüber, dass er nicht erwarten konnte, sie unter der Erde zu sehen und sich dann San Sebastiano unter den Nagel zu reißen. Es kann alle möglichen Gründe geben, warum sie an uns verkaufte. Wer weiß, vielleicht hat er sogar versucht, die Alte vorzeitig ins Jenseits zu befördern, um schneller an ihren Weinberg zu kommen, und sie merkte es und wollte deshalb nichts mehr von ihm wissen? Juliane.“ In seinem Bemühen, sie auf seine Seite zu ziehen, rückte er immer näher an sie heran, legte ihr zuletzt die Hand auf die Schulter.

Sie wich mit einer blitzschnellen Bewegung aus – dem Reflex eines wilden Tiers, das sich plötzlich in Gefahr wähnt. „Lass das. Ich mag es nicht, wenn man mich anfasst.“ Mit einer nachdrücklichen Geste entfernte sie seine Hand.

Er sah sie erstaunt an. „Es war nicht böse gemeint.“

„Ich weiß. Ich mag es trotzdem nicht.“ Sie starrte nachdenklich den schwarzen Kubus an, an dem die grelle, böse Schrift heruntertroff. „Es gibt einiges hier, was ich nicht mag.“

Sie kehrten in die Villa Verbena zurück, wo sie sich wenig später zum Abendessen an den langen Tisch setzten.

Adam sagte: „Eigentlich wollten wir dich mit einer typisch toskanischen Spezialität empfangen, aber dann waren wir nicht sicher, ob wir dich damit nicht eher erschrecken.“

Juliane lachte unsicher. „Und was wäre das gewesen? Man isst hier doch keine gebratenen Froschschenkel oder gerösteten Heuschrecken, oder?“

„Nein, das nicht. In der Toskana isst man Fleisch, Fleisch und wieder Fleisch - Rosticiana, Pollo, Tacchino, Maiale die Speisekarte rauf und runter. Ich rede von Bistecca alla Fiorentina. Es handelt sich um ein riesiges Stück Rindfleisch, ein Pfund schwer, drei Zentimeter dick, blutig serviert.“

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    Barbara Büchner (Autor)

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Titel: Tod in der Villa Verbena