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Right for Love

Gibt es dich?

von Jo Jonson (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die rastlose Emma sucht ihr ganzes Leben schon nach der einen großen Liebe. Als nach zahlreichen bedeutungslosen Liebschaften nun auch ihre langjährige Beziehung zu ihrem Kollegen Alex scheitert, zieht sich die junge Frau vollständig in sich zurück und schwört der Männerwelt ab. Bis zu dem schicksalhaften Abend, an dem sie die Stimme jenes Mannes im Radio hört, der ihr Herz zum Singen bringt. Sofort ist sie Feuer und Flamme und lässt sich in die Gefühle fallen, die Jason in ihr auslöst. Ihr Kontakt beschränkt sich jedoch auf Nachrichten, die immer mehr Fragen in Emma aufwerfen: Ist sie mehr für ihn als nur ein Zeitvertreib, fühlt er ähnlich wie sie? Bald kommen ihr Zweifel, ob der Mann am anderen Ende Deutschlands nicht nur ein Gebilde aus ihren sehnsüchtigen Träumen ist oder ob sie beide auch eine echte Chance zusammen hätten ...

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe November 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-898-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-261-0

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von © Joris Photography/shutterstock.com, © GeorgeRudy/depositphotos.com und © geralt/pixabay.com
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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In deiner Sehnsucht findest du die Kraft für einen Anfang.

– Monika Minder –




Für King’s Tonic

Eure Musik hauchte

Emma und Jason Leben ein.

 

Prolog

Ticktack, ticktack.

In den vier Jahren, seit ich nun schon in dieser Wohnung lebte, war mir das Geräusch der Uhr über unserem Küchentisch nie so laut erschienen. Die Heizungsrohre brummten, die Straßenbahn ratterte auf der Straße unter dem Fenster vorbei. Die ganze Welt schien lauter zu werden, als es an unserem kleinen Tisch immer stiller wurde.

Alex hatte seinen Kopf in die Hände gestützt, sein Gesicht war nach unten gerichtet, sodass ich nur seinen braunen Lockenschopf vor mir sah, in den sich seine Hände vergraben hatten.

Das Warten war unerträglicher als es das Sprechen gewesen war. Mein Magen war ein einziger Knoten aus Schuld und Selbstvorwürfen. Wir kannten uns jetzt fast sieben Jahre. Sechs davon waren wir ein Paar gewesen. Seit heute sprach ich in der Vergangenheitsform davon, seit genau einem Augenblick. Seit dem Augenblick der Stille an unserem Tisch.

Dabei war es fast zwei Jahre her, als ich eines Morgens nach einer schlaflosen Nacht aufgestanden war und mit Schrecken festgestellt hatte, dass ich auch diesen wundervollen Mann nicht lieben konnte. Wie die vielen bedeutungslosen Jungen vor ihm auch. Dabei war ich mir so sicher gewesen, dass es mit Alex hinhauen würde. Mit dem ruhigen, geduldigen Alex, der die gleiche Musik mochte wie ich und mit mir über meine Lieblingsserie lachte, selbst wenn ich sie mir zum zehnten Mal ansah.

Wir hatten uns bei der Ausbildung bei Pharmamedia kennengelernt – einer Onlineapotheke, für die wir beide arbeiteten. Tür an Tür. Allein der Gedanke daran, fortan dort seine traurigen Blicke ertragen zu müssen, verursachte mir heftige Magenschmerzen.

„Ich habe es die ganze Zeit gewusst. Ich wusste nur nie, wann es passieren würde.“ Er sprach leise, mit einer mir unbekannten Stimme, die mir das Herz brach. Alex war ein fröhlicher und selbstbewusster Mensch. Unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung. Ich war die Welle, die ihm diese widerlichen Risse beigebracht hatte. Weil ich selbst nicht brechen konnte. Ich verfluchte mich und mein Herz. Mein kaltes Herz, das unfähig schien zu lieben und jetzt dennoch so viel Schmerz empfand. Konnte ich nicht wenigstens gänzlich ohne Gefühl sein? War ich wirklich dazu verdammt, Leid, nie aber Liebe fühlen zu können?

„Wie meinst du das?“ Meine Stimme war ebenso kratzig wie seine.

Endlich sah er auf. Seine braunen Augen hatten noch nie so traurig ausgesehen. „Glaubst du, ich hätte es nie bemerkt? Du hast dich danach gesehnt, mich zu lieben. Aber du hast es nie geschafft, Emma.“

Als er mich bei diesem Namen nannte, zuckte ich zusammen. So hatte mich seit Jahren niemand mehr angesprochen. Seit meinem zwölften Lebensjahr war ich für alle nur noch Georgie gewesen. Ein Name, den meine beste Freundin Sarah für mich erfunden hatte, weil sie meinte, er passe besser zu mir. Emma sei etwas für einen Hund, hatte sie bei unserem ersten Treffen gesagt.

Zuerst war es ein Running Gag in der Schule gewesen, der sich dann so sehr gefestigt hatte, dass selbst die Lehrer Emma vergaßen. Auch mein Vater hatte sofort mitgespielt, weil er dachte, mit dieser Macke seien meine Eltern besser dran als andere, deren Töchter im Alter von zwölf Jahren schon den ersten Schwangerschaftstest machen mussten. Nur meine Mutter hatte sich so lange vehement gegen den Namen gewehrt, bis ihr nichts anderes mehr übriggeblieben war.

Alex hatte ich mich im Alter von siebzehn Jahren als Georgie vorgestellt. Meinen richtigen Namen fand er nur durch einen zufälligen Blick auf meinen Ausweis heraus. Als ich ihm klarmachte, dass ich den Namen nicht mochte – dass er zu einem Mädchen gehörte, mit dem ich mich nicht mehr identifizieren konnte –, war er nie mehr gefallen. Bis zu diesem Augenblick.

„Du hast immer nur gewartet“, sagte er jetzt. „Seit ich dich kenne, legst du jeden Monat fast deinen ganzen Lohn beiseite, weil du von fernen Reisen träumst, pinnst dir Postkarten ferner Länder an die Wände. Du träumst und träumst. Aber in keinem dieser Träume bin ich vorgekommen.“

„Das ist nicht wahr“, verteidigte ich mich, obwohl wir beide wussten, dass es doch so war. „Ich finde die Landschaften einfach schön. Und ja, ich spare mein Geld, weil ich immer vorhatte, viel zu reisen.“

Er zuckte die Schultern. „Aber du hast es nie getan, nicht mit mir.“

Ich sah ihn sprachlos an. Er hatte nie auch nur ein Wort darüber verloren, dass er mit mir verreisen wollte. „Es war auf Arbeit immer zu viel zu tun, das weißt du.“

„Georgie, du hasst deine Arbeit.“ Jetzt wurde er laut und funkelte mich böse an. Das war mir lieber als der gebrochene Alex, der mir so fremd war. Im gleichen Atemzug fragte ich mich, wie fremd wir uns von heute an werden würden.

Wir hatten sechs Jahre lang das Bett geteilt, seit vier Jahren waren wir jeden Tag nebeneinander aufgewacht und nebeneinander eingeschlafen. Ich wusste mit einem Blick, wann er einen guten Tag hatte und wann nicht. Ich kannte seine Launen, sein Lachen, seine Ängste, seine Sehnsüchte. Alles an ihm war mir vertraut. Vom Geruch der Haut hinter seinem Ohrläppchen bis zu der winzigen Narbe an seinem kleinen Finger.

„Weißt du, was ich denke? Dass du nur auf diesen Augenblick gewartet hast, um endlich mit dem Leben zu beginnen!“

Dieser Vorwurf riss mich aus meinen Gedanken und ich spürte, dass ich erbleichte. Gleichzeitig wusste ich, dass er recht hatte. Ich wollte nicht mehr warten. Warten auf etwas, von dem ich nicht einmal genau wusste, was es war. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Ich konnte so nicht mehr weitermachen. Die Lüge, die ich lebte, drohte mich zu ersticken.

Wie die Tränen, die sich nun endlich ihren Weg in die Freiheit bahnten. „Versteh doch, dass es unfair dir gegenüber wäre, so weiterzumachen, selbst wenn ich es könnte. Du verdienst jemanden, der dich richtig liebt mit Haut und Haar. Du bist der beste Mann, den ich kenne.“

„Und immer noch nicht gut genug für dich“, murmelte er bitter und erhob sich. „Ich muss gehen, sonst sage ich Dinge zu dir, die ich später bereue. Ich gehe eine Runde, um mich zu beruhigen und dann bereden wir, wie es weitergehen soll.“

Das war typisch für meinen vernünftigen zuverlässigen Alex. Natürlich würde er mich nicht einfach vor die Tür setzen. Ich blinzelte verzweifelt die Tränen fort, um ihn endlich wieder klar sehen zu können. „Sag mir, was ich tun kann.“

Er seufzte frustriert. „Finde endlich das Leben, das dich glücklich macht, Georgie.“

Kapitel Eins

Zwei Jahre war es nun her, dass er diesen Satz zu mir gesagt hatte. Dennoch holte dieser mich immer wieder ein. Meist an Tagen wie heute, an denen ich mich in Embryonalhaltung in einer Ecke zusammenkauern und heulen wollte, bis nichts mehr von dem Frust in mir übrig war.

Seit dem Augenblick am Küchentisch unserer Wohnung hatte sich nichts in meinem Leben verändert, bis auf die Tatsache, dass ich nicht mehr mit Alex zusammen war. Ich hatte noch denselben verhassten Job, denselben grauen Alltag, war dieselbe traurige Frau. Ich brachte es einfach nicht fertig, mir den nötigen Tritt für eine Veränderung zu geben. Fast schien es, als hätte ich all meine Kraft dafür gebraucht, die Beziehung mit Alex zu beenden.

Während sein Leben seit unserer Trennung unter Abenteuern, neuen Hobbys und Träumen erblühte, igelte ich mich immer mehr ein. Mehr als der freitägliche Mädelsabend mit meiner besten Freundin war bei mir nicht drin.

Bei diesem Gedanken kehrte ich unsanft in die Gegenwart zurück. Von dem Mädelsabend mit Sarah konnte ich mich heute getrost verabschieden. Zu allem Übel hatte ich verschlafen, da ich am Vortag bis spät in die Nacht mit ihr telefoniert hatte, um mir mal wieder ihre Beziehungsprobleme mit Thomas anzuhören.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, war auch noch meine Bahn ausgefallen, sodass ich jetzt mit einem Linienbus durch die brechend vollen Straßen Leipzigs tuckelte. An der Station Wielandplatz stieg ich aus und rannte über die Straße zu dem hohen Glasgebäude, welches im fünften bis siebten Stock die Firma beherbergte, für dich ich seit acht Jahren arbeitete.

Im Aufzug hatte ich das erste Mal Gelegenheit, mir die Reaktion meines Chefs auf mein Zuspätkommen auszumalen, was nicht gerade dazu beitrug, meine flatternden Nerven zu beruhigen. Chris war kein besonders verständnisvoller Mann. Um nicht zu sagen: Er war das komplette Chef-Arschloch.

Meine Kollegen waren auch nicht besser. Seit ich mich von Alex getrennt hatte, behandelten sie mich, als wäre ich ein Ungeheuer. Als ich im letzten Jahr zur Büroleitung ernannt wurde, machte sogar das Gerücht die Runde, ich hätte mir diesen Posten durch zweifelhaftere Arbeiten als nur das Sortieren von Akten verdient.

Umso dankbarer war ich, als der Aufzug an der Etage des Großraumbüros vorbeifuhr, wo sie alle saßen und auf den kleinsten Fehler von mir warteten, um mich bei Chris anzuschwärzen. Wie er und Alex hatte ich in der siebten Etage ein Einzelbüro.

Hier hatte ich zwar Ruhe vor meinen Kollegen, war allerdings den Launen meines Chefs auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, der stets wie ein Rektor hinter dem Schreibtisch seines verglasten Büros saß und jeden vorbeieilenden Mitarbeiter mit Argusaugen beobachtete.

Heute saß er mit dem Rücken zu mir und war scheinbar in ein Telefonat vertieft. Ich atmete erleichtert auf und eilte Richtung Alex’ Büro. Obwohl er allen Grund hatte, mich zu hassen, war er mein einziger Verbündeter hier. Wir hatten vor acht Jahren zusammen die Ausbildung bei Pharmamedia begonnen. Kennengelernt hatten wir uns an der Haltestelle vor der Haustür des Blocks, in dem ich zu der Zeit noch mit meinen Eltern gelebt hatte.

An besagtem Tag hatte ich ein Bushäuschen mehr denn je vermisst, denn es schüttete wie aus Kübeln. Der Regen hatte begonnen, mein Haar unter der durchgeweichten Kapuze zu kräuseln, als Alex scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war und mir seinen Schirm über den Kopf hielt. Wir waren sofort ins Gespräch gekommen und hatten schnell herausgefunden, dass an diesem Tag für uns beide der erste Tag beim selben Arbeitgeber anbrechen würde. Aus Sympathie war schnell Freundschaft und bald darauf Liebe geworden. Zumindest bei Alex.

Ich erwachte aus der Erinnerung und betrat sein Büro.

„Weißt du, wie spät es ist?“, begrüßte er mich, ohne von seinem Aktenstapel aufzusehen.

Ich ließ mich auf einer Ecke seines Schreibtisches nieder, wo wie immer eine zweite Tasse Kaffee auf mich wartete.

„Wie schlimm steht es?“, fragte ich bang und nahm einen großen Schluck des inzwischen eiskalten Getränks.

„Du hast deinen Zwölfuhrtermin verpasst“, erwiderte er gelassen.

Ich sprang so ruckartig auf, dass der Kaffee aus der Tasse auf den Boden schwappte. Zum Glück verfehlte er mein sündhaft teures Business-Kostüm. „O Alex, entschuldige“, jammerte ich, griff nach der Taschentücherbox auf seinem Schreibtisch und wischte den Kaffee zu meinen Füßen auf.

Er war sofort bei mir und legte mir eine Hand auf den Arm. „Georgie, beruhige dich. Egal, was Chris auch sagt, das ist nicht das Ende der Welt. Weder die Kaffeeflecken, noch der verpasste Termin.“

„Aber es ging um eine Großabnahme von -“

„Ich weiß“, unterbrach er mich sanft. „Ich habe den Termin übernommen.“

Meine Augen weiteten sich erstaunt. „Du? Aber du warst nicht vorbereitet.“

„Wir haben den Auftrag“, informierte er mich.

Einen Moment konnte ich ihn nur fassungslos anstarren.

„Alex Hartmann, wie zur Hölle hast du das schon wieder hinbekommen?“

„Ganz einfach. Ich habe den Herrschaften mitgeteilt, dass meine Kollegin wegen Krankheit ausfällt und sie gefragt, ob sie stattdessen mit mir Vorlieb nehmen können oder einen neuen Termin mit dir vereinbaren wollen. Sie entschieden sich schnell und unkompliziert für die erste Variante“, erwiderte er.

„Was wird Chris dazu sagen?“, fragte ich besorgt.

Ich erfuhr es in der nächsten Sekunde, als die Tür hinter mir aufgerissen wurde. „Was glaubst du eigentlich, was du da machst, Georgie?! Meinst du nicht, nach deiner ausufernden Tiefschlafphase hätte dein erster Weg in mein Büro führen müssen? Wie lange stehst du da schon mit einer Kaffeetasse in der Hand?“

„Ich versichere dir, dass sie noch nicht lange hier ist, Chris. Und den Kaffee habe ich ihr gekocht, ehe sie kam“, schritt Alex ein.

Es war zu spät. Unser Chef war voll in Fahrt. „Wenn du so viel Zeit hast, für sie den Diener zu spielen, sollte ich dir wohl mehr Aufgaben geben, Alexander. Im Grunde weiß ich gar nicht, warum ich zwei Gehälter bezahlen soll, wenn du Georgies Aufgaben offenbar spielend erledigst.“

„Es war das erste Mal, das ich einen Termin verpasst habe“, versuchte ich mich wütend zu verteidigen.

Chris war einer dieser Menschen, für die alles Gute nicht der Rede wert war und die auf jeden Fehler warteten, um sich dann gnadenlos und ausufernd daran hochschaukeln zu können.

„Soll ich dir jetzt auch noch dankbar dafür sein? Wie lange willst du hier noch herumstehen?“

Ich biss mir auf die Zunge, um nichts zu erwidern, was mich Kopf und Kragen kosten könnte, und stürmte erhobenen Hauptes an ihm vorbei aus dem Raum. Endlich in meinem Büro angekommen, warf ich frustriert die Tür hinter mir ins Schloss und hätte am liebsten einen Schreikrampf bekommen, als ich die Aktenberge auf meinem Schreibtisch sah. Mit schnellen Schritten ging ich näher. Auf jedem Stapel lag ein Vermerk von Chris mit immer derselben Notiz, die da hieß: Noch heute zu erledigen!

Mir traten Zornestränen in die Augen, als ich einige der Akten durchsah, von denen die meisten alles andere als dringlich waren. Mir war klar, dass er das nur tat, um mir eins reinzuwürgen; wahrscheinlich mit dem Wunsch, dass ich in sein Büro stürmte und um Aufschub bat. Darauf konnte er lange warten! Dem würde ich es zeigen und wenn ich die ganze Nacht hier säße!

Eine Stunde später wühlte ich mich gnadenlos durch die Papierstapel und ignorierte geflissentlich das Klopfen an der Tür. Mein Telefon hatte ich einfach ausgestöpselt und in mein E-Mail-Postfach sah ich gar nicht erst hinein. Nun galt ausschließlich: Ich gegen Chris!

Viel später – draußen war es aufgrund des Regens fast schon dunkel – ertönte ein Klopfen an meiner Tür. Ich stöhnte und ignorierte es. Als sich die Tür dennoch öffnete, sah ich mit kampfbereitem Blick auf, stellte jedoch erleichtert fest, dass es sich um Alex handelte.

„Meinst du, es ist klug, wenn er uns noch einmal zusammen erwischt?“, fragte ich.

„Du klingst, als hätte dein Ehemann uns in flagranti erwischt.“

Jetzt konnte auch ich mir das Grinsen nicht mehr verkneifen. „So hat es sich auch angefühlt.“

Alex lachte und schloss die Tür hinter sich. „Keine Sorge, dein Göttergatte hat vor drei Stunden das Gebäude verlassen.“

„Vor drei Stunden?“, fragte ich schockiert. „Wie spät ist es denn?“

„Kurz nach vier und Zeit für einen Kaffee. Ich wette, du hast heute noch keinen gehabt, bis auf den Schluck in meinem Büro. Von etwas Essbarem ganz zu schweigen.“ Damit stellte er eine Tasse frischen Kaffee zwischen meinen Aktenbergen ab.

„Danke, aber ich habe ja kaum Zeit, Luft zu holen“, sagte ich deprimiert und warf einen Blick auf den Berg an noch zu erledigender Arbeit. „Kein Wunder, dass er so früh Feierabend machen konnte, wenn er seine ganze Arbeit auf mich abgewälzt hat. Mal wieder.“

„Wirklich, Georgie. Warum bist du noch hier?“, fragte Alex.

Ich runzelte die Stirn, legte einen Stoß an erledigten Papieren beiseite und griff mir den nächsten. „Weil ich das alles heute noch erledigen muss.“

Er zog sich einen Stuhl heran, griff sich ebenfalls einige Akten und begann, sie zu sortieren. „Ich meine nicht nur heute, sondern generell.“

„Du musst mir nicht helfen“, sagte ich statt einer Erwiderung. „Du hast Feierabend, oder?“

„Und du weichst meiner Frage aus“, lächelte er.

„Ach, Alex! Das Thema hatten wir schon tausendmal. Niemand liebt seinen Job.“

„Aber keiner hasst ihn so wie du“, erwiderte er.

Gereizt schmiss ich den Kugelschreiber über den Tisch und sah ihm wütend ins Gesicht. „Fein, dann erzähl mir doch bitte, welcher Job zu mir passt und da draußen nur darauf wartet, von mir entdeckt zu werden.“

„Dass du ständig so gereizt reagierst, wenn das Thema zur Sprache kommt, verrät mir, dass ich richtig liege“, erwiderte er ernst. „Georgie, ich kann dir nicht sagen, wonach du suchst, aber wenn du hierbleibst und dich für dieses Arschloch krummschuftest, wirst du es nie herausfinden.“

„Das ist nicht so einfach“, rief ich frustriert und ignorierte die kleine hässliche Stimme in meinem Kopf, die mir widersprach und mich einen Feigling nannte.

Einige Zeit schwieg er. „Und was ist mit deinem Vorsatz, dein Leben zu ändern?“

Schockiert sah ich ihn an. Das war heute schon das zweite Mal, dass mich der Abend unserer Trennung einholte. Es war kein Wunder, dass er wütend darüber war, dass ich mich leichter von unserer Beziehung hatte lösen können als von einem Arbeitsplatz, den ich von Tag zu Tag mehr hasste. Trotzdem fand ich es unglaublich, dass er mir gerade jetzt diesen Satz entgegenschleuderte.

Auf mein betroffenes Schweigen hin seufzte er: „Lassen wir das. Komm, lass uns weiterarbeiten. Umso schneller sind wir hier raus.“

Ich gab es auf, ihm das ausreden zu wollen und so arbeiteten wir stumm und effizient. Unglaublicherweise waren wir schon um sechs Uhr fertig.

„Jetzt aber nichts wie raus hier“, rief Alex erleichtert und erhob sich.

„Ich danke dir“, sagte ich und hatte ein schlechtes Gewissen. Wie eigentlich immer. „Lass mich dich wenigstens auf ein paar Getränke ins Leos einladen.“

Zögernd blieb er in der Tür stehen. „Und was ist mit deinem Mädelsabend mit Sarah?“

Ich winkte ab. „Ohne deine Hilfe hätte ich ihr absagen müssen. Leiste uns Gesellschaft. Bitte!“

Er grinste. „Alles klar. Wenn du meinst, dass Prinzessin Sarah noch jemanden zu ihrem königlichen Hofstaat lässt, bin ich gern dabei. Ich hole nur noch schnell meine Jacke.“

Als er aus dem Zimmer war, rollte ich die Augen, holte mein Handy aus der Tasche und schrieb Sarah eine kurze SMS, dass Alex mich begleiten würde. Auf die Antworten musste ich nicht lange warten. Sie bombardierte mich mit Nachrichten – das kannte ich schon von den Szenen, die sie Thomas regelmäßig machte. Sie schrieb, dass es unser Abend war und sie Alex nicht dabeihaben wollte. Dass ich genau wüsste, dass sie ihn nicht mochte. Dass auf mich kein Verlass sei, sobald er in meiner Nähe war.

Als ich Schritte hörte, ließ ich das Handy ohne zu antworten wieder in meine Tasche gleiten und setzte ein eiliges Lächeln auf. „Sie hat dir eine Szene gemacht, oder?“

„Nein, alles gut“, log ich schnell, obwohl ich genau wusste, dass er mir nicht glaubte und alles durchschauen würde, sobald wir bei Sarah im Lokal ankämen, die sich keine Mühe geben würde, Freundlichkeit vorzutäuschen.

„Georgie, sie ist nicht die Herrscherin über dein Leben“, knirschte er wütend.

Es war nicht die erste Auseinandersetzung dieser Art, die wir wegen Sarah führten. Während unserer Beziehung hatte Alex mich immer wieder ermahnt, dass sie zu viel Einfluss auf mein Leben nahm. Heute ließ ich ihn gewähren und sank ermattet im Beifahrersitz zurück, während er sich die ganze Fahrt über sie ausließ und das Handy in meiner Tasche wütend vibrierte, bis endlich der Akku versagte.

Als wir im Leos ankamen, saß Sarah allein an einem Tisch am Fenster und warf uns feindselige Blicke zu.

„Lass dich bloß nicht wieder von ihr schikanieren“, flüsterte Alex warnend in mein Ohr.

Meine Antwort darauf war lediglich ein resignierter Seufzer, weil ich – wie immer, wenn ich mit Sarah und Alex gleichzeitig in einem Raum war – das Gefühl hatte, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Oder, was es noch besser traf, von zwei heranrasenden Siebentonnern zermalmt zu werden.

„Du strahlst wie immer so schön wie die Sonne“, begrüßte Alex meine beste Freundin laut.

Ich knirschte wütend mit den Zähnen. Musste er sie jetzt auch noch provozieren? Das tat man mit aggressiven Hunden schließlich auch nicht. Anscheinend empfand Alex es als unbefriedigend, dass er sie bisher zu keiner neuerlichen Explosion hatte hinreißen können, denn er fuhr fort: „Warum hast du Thommy denn nicht mitgebracht?“

Sarah schrie nicht, doch sie spie die Worte hervor wie ein feuerspeiender Drache: „Sein Name ist Thomas! Und er ist nicht hier, weil das ein reiner Mädelsabend sein sollte.“

„Ich habe Alex eingeladen, weil er mir ungemein mit der Arbeit geholfen hat“, versuchte ich zu erklären. „Ohne ihn wäre ich nie so zeitig hier.“

„Zeitig?“, schnappte sie. „Ihr seid fünf Minuten zu spät dran!“

Zum Glück kam uns in diesem Moment ein Kellner zu Hilfe, der unsere Bestellungen aufnahm. Fast schien es, als würde sich die Situation entspannen, aber auf Alex war wie immer Verlass. „Ach, und für unsere Freundin bitte einen doppelten Whisky. Die Runde geht auf mich. Du kannst ihn vertragen.“ Letzteres fügte er mit einem mitleidigen Tätscheln von Sarahs Hand hinzu.

„Nimm deine Pfoten weg oder ich hacke sie dir ab“, fuhr sie ihn an, ehe sie ihm so eilig die Hand entzog, als hätte er eine ansteckende Krankheit.

Ich rieb mir mit einer Hand über die Schläfe, hinter der sich ein pochender Kopfschmerz anbahnte. „Ich flehe euch an, reißt euch zusammen. Ich hatte einen beschissenen Tag!“

Sarah beließ es bei einem gereizten Zungenschnalzen.

Eine Dreiviertelstunde später hatte sie bereits so viel getrunken, dass sie vergaß, sauer auf mich zu sein. Stattdessen widmete sie sich ihrer Lieblingsbeschäftigung, welche darin bestand, mir Männer im Raum zu zeigen, die augenscheinlich perfekt zu mir passen würden. Da Alex dabei war, schien es ihr noch mehr Freude zu bereiten als üblich.

„Siehst du den Typ an der Bar? Der mit den dichten schwarzen Haaren und den wahnsinnig braunen Augen? Ich wette, der spricht dich an, sobald du zur Toilette gehst.“

„Dann ist es ja gut, dass ich nicht muss“, erwiderte ich kühl, während ich spürte, wie Alex sich neben mir anspannte.

„Oh, da haben wir ihn wieder.“ Sarah schlürfte genüsslich an ihrem Mai Tai. „Den berühmtberüchtigten A-H-Effekt!“

Alex knallte sein leeres Bierglas so heftig auf den Tisch, dass ich befürchtete, es würde zerspringen, ehe er überstürzt aufstand. „Ich bestelle mir noch einen Drink!“

Der Abend war die reinste Katastrophe. Dieser bescheuerte A-H-Effekt war ein Running Gag von Sarah. Sie hatte ihn kurz nach unserer Trennung erfunden. Ich hatte seitdem beschlossen, mich von allen Männern fernzuhalten. Jedes Mal, wenn ich einem Typen einen Korb gab, kam sie wieder damit an. Das A und das H standen für die Initialen Alexander Hartmann. Dem Mann, der mein letzter Versuch gewesen war, wirkliche Liebe in mir zu spüren.

„Sag mal, musste das sein?“, sagte ich, als er außer Hörweite war.

„Ich kann einfach nicht anders“, kicherte Sarah. „Und irgendwie habt ihr es nicht anders verdient, so verkorkst wie ihr zwei seid. Ich meine, er kommt nicht von dir los und hofft so offensichtlich, dass du deine Meinung änderst, dass er einem fast schon leidtun könnte. Und du suchst so verzweifelt nach einem Mann, der erst noch für dich gebacken werden muss, dass du mir tatsächlich leidtust.“

Es war dasselbe blöde Gerede, das sie immer von sich gab, doch der Alkohol ließ es besonders bösartig klingen. Oder er machte mich sentimental. Jedenfalls trafen mich ihre Worte so tief, dass ich aufstand und aus dem Lokal stürmte. Ich hörte noch, wie sie mir nachrief, dass sie es nicht so gemeint hätte, aber ich ignorierte sie und rannte allein in die Nacht.

Sie konnte nicht verstehen, wie es für mich war – dieses Warten auf das Unerklärliche. Ich hatte nie versucht, es ihr begreiflich zu machen. Sarah war nicht die typische beste Freundin. Sie hätte mir vermutlich geraten, mit dem Warten aufzuhören. Als ob ich eine Wahl gehabt hätte! Ich hatte es mehr als einmal versucht. Immer, wenn ich es fast geschafft hatte, war der Gedanke dieser einen Möglichkeit in mir aufgestiegen. Der Möglichkeit, dass irgendwo da draußen jemand war, der genauso verzweifelt wartete. Und zwar auf mich. Es war nichts Ganzes und nichts Halbes. Ich wollte das Gefühl nicht mehr ertragen, aber loslassen konnte ich es erst recht nicht.

Als sich eine Hand auf meine Schulter legte, wirbelte ich aufgewühlt herum und sah in Alex’ besorgtes Gesicht. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er mir gefolgt war. „Was ist denn passiert?“

„Ich bin einfach völlig fertig. Ich ertrage sie keine Sekunde länger“, erwiderte ich schwer atmend.

„Dass Sarah eine Hyäne sein kann, muss ich dir nicht erst sagen“, erwiderte er schief grinsend.

Es war ein weiteres Zeichen dafür, dass Alex ein Engel sein musste, weil er immer noch versuchte, zu schlichten, obwohl sie den ganzen Abend so ekelhaft zu ihm gewesen war.

Egal wie wütend ich auf Sarah war, dass sie voller Schuldgefühle allein zurückblieb, wollte ich auf keinen Fall. „Tust du mir den Gefallen und gehst bitte zu ihr zurück? Ich bringe es einfach nicht über mich, aber ganz allein will ich sie auch nicht sitzen lassen.“

Sein Blick verfinsterte sich. „Verdient hätte sie es. Und dich soll ich allein nach Hause laufen lassen?“

„Ich kann gut auf mich selbst aufpassen.“

„Klar, du bist eine Heldin“, erwiderte er spröde. „Damit du es weißt, ich mache das nur, damit du abschalten kannst! Schreib mir wenigstens, sobald du in deiner Wohnung bist.“

Manche Gewohnheiten ließen sich einfach nicht ablegen. „Versprochen. Ich danke dir!“

„Das war das letzte Mal, dass ich dich aus ihren Klauen befreit habe. Du musst endlich lernen, auf deine eigenen Bedürfnisse einzugehen.“ Damit wandte er sich um und ließ mich fröstelnd in der Nacht zurück.

Ich ließ mich auf dem kalten Stein des kleinen Brunnens auf dem Platz vor der Thomaskirche nieder und fragte mich, wie ich auf meine eigenen Bedürfnisse eingehen sollte, während ich gleichzeitig das Gefühl hatte, keinen Deut in das Leben zu passen, welches ich zu diesem Zeitpunkt führte.

Kapitel Zwei

Das Wochenende darauf war das schlimmste seit Langem. Ich tat nichts anderes, als auf der Couch zu liegen und in Selbstmitleid zu baden, während ich mich dumpf von den geistlosen Nachmittagssendungen quälen ließ.

Da ich nie mehr als Fertigterrinen im Schrank hatte und mich nicht zum Einkaufen aufraffen konnte, aß ich nichts. Das Wohnzimmer verwandelte sich langsam, aber sicher in ein staubiges Chaos. Nicht, weil ich unordentlich gewesen wäre, sondern weil mir an meiner Bleibe einfach nichts lag.

Hatte Sarah recht, was Alex und mich betraf? Waren wir ebenfalls so jämmerliche Gestalten wie die, die sich gerade auf meiner Mattscheibe anbrüllten? Der eine konnte sich nicht von einer Beziehung lösen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war, während die andere ewig einem Ideal hinterherrannte, das wohl nur in ihrer Fantasie existierte.

Ich fluchte, als die schrille Türklingel mein Selbstmitleid durchbrach.

„Niemand zu Hause“, murmelte ich, drehte mich entschieden auf den Rücken und starrte zu der trostlosen Raufasertapete empor. Der ungebetene Besuch würde schon wieder verschwinden, wenn der Türsummer nicht betätigt wurde.

Gerade als ich wieder in mein Gedankenkarussell einsteigen wollte, klopfte es an meiner Wohnungstür. Ich stieß einen wüsten Fluch aus und stand auf.

Als ich mit wildem Blick die Tür öffnete, unfrisiert und ungeschminkt, brach Alex in lautes Gelächter aus.

„Welcher meiner blöden Nachbarn lässt einfach Leute ins Haus?“, fuhr ich ihn an.

„Das war die nette alte Frau Stein. Und ich musste ihr lang und breit erklären, wer ich bin, in was für einer Beziehung ich zu dir stehe und warum ich jetzt hier bin. Von einfach kann also gar keine Rede sein“, erwiderte er vergnügt.

„Findest du das auch noch lustig?“, fauchte ich. „Wenn jemand die Tür nicht öffnet, bedeutet das in der Regel, dass er allein sein will.“

Alex hob eine Braue. „Es bedeutet in der Regel auch, dass er in Selbstmitleid ertrinkt.“

Ich wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, doch er ahnte die Reaktion voraus und hatte seinen Fuß sofort dazwischen. „Autsch.“

Ich stampfte mit dem Fuß auf den Boden wie ein wütendes Kleinkind. „Alex, ich will allein sein!“

„Tu einfach so, als wäre ich nicht da.“ Damit schob er mich einfach beiseite und trat in die Wohnung.

Ich warf die Tür so fest ins Schloss, dass von unten jemand verärgert mit dem Besenstiel gegen die Decke klopfte. Ich ignorierte es geflissentlich und knurrte: „Erwarte nicht, dass ich dir Kaffee und Kuchen serviere.“

„Keine Sorge. Wenn ich Lust auf Kuchen hätte, wäre ich nicht zu dir gekommen“, erwiderte er fröhlich und verschwand in meiner Küche. „Hattest du nicht mal dieses Instantkaffee-Zeugs?“

„Sieh doch selbst nach“, schnappte ich und begab mich auf kürzestem Weg zurück auf die Couch.

Bald schon hörte ich das Klappern von Tassen und das Blubbern meines Wasserkochers. Als ich den Geruch von frischem Kaffee einatmete, fiel es mir schwer, noch länger wütend auf ihn zu sein.

„Hast du über Nacht einen schweren psychischen Schock erlitten oder gehen dir Sarahs dumme Worte tatsächlich derart an die Nieren?“, fragte Alex, als er den Raum betrat und mir eine Tasse Kaffee reichte, ehe er sich neben mir niederließ.

Es lag in seiner Natur, sich selbst dann noch aufopferungsvoll um die Menschen zu kümmern, die er liebte, wenn sie einfach ekelhaft zu ihm waren. Bestes Beispiel hierfür waren seine Eltern. Seit Alex’ achtem Lebensjahr lebten sie getrennt. Seine Mutter wohnte an einem Ende der Stadt und sein Vater am anderen. Alex hatte mir mal erzählt, dass der schwelende Konflikt zwischen den beiden immer dann explodiert war, wenn er bei dem anderen mehr Zeit verbracht hatte. So war er im Alter von acht Jahren jeden Sonntag mit Sack und Pack in der Bahn zu einem Elternteil gefahren, weil sich der andere geweigert hatte, ihn hinzubringen. Er hatte sogar darauf bestanden, dass wir uns eine Wohnung in der Mitte dieser beiden Punkte nahmen, damit sein Weg nicht zu weit wäre, wenn er die beiden am Wochenende besuchte. Samstag seine Mutter, Sonntag seinen Vater. Die ersten Male war ich mitgekommen, bis ich es nicht mehr ertrug, mitanzusehen, wie sie versuchten, Alex gegen den anderen auszuspielen.

„Es waren keine dummen Worte“, sagte ich schließlich. „Sie hat höchstwahrscheinlich recht. Das denkst du doch auch, sei ehrlich!“

Er sah in seinen Kaffee, seufzte schwer und wandte schließlich den Blick zu mir. „Ich bin immer ehrlich, Georgie. Und nein, ich denke nicht, dass du derart einfach gestrickt bist. Wieso zweifelst du plötzlich an dir? Weil deine frustrierte, divenhafte Freundin dir deinen Traum missgönnt? Vielleicht hat sie einfach Angst davor, dass er wahr wird.“

Das irritierte mich derart, dass ich meinen Kummer vergaß. „Wieso sollte meine beste Freundin mir mein Glück missgönnen?“

„Überleg doch mal. Was wird mit Sarah, wenn du die Liebe deines Lebens triffst?“, fragte Alex.

Ich runzelte verwirrt die Stirn. „Was hat das denn mit ihr zu tun?“

„Wirst du noch die Zeit haben, dich jeden Freitagabend mit ihr zu treffen? Wirst du dir jeden zweiten Abend am Telefon ihre Sorgen anhören? Oder wirst du glücklich darüber sein, endlich deinen Traummann an deiner Seite zu wissen?“ Obwohl es um Sarah und mich ging und all seine Worte rein hypothetisch waren, schaffte er es nicht ganz, die Bitterkeit aus seiner Stimme zu nehmen. „Außerdem ist sie die Letzte, die sich anmaßen kann, über irgendwelche Beziehungen urteilen zu können.“

„Wie meinst du das?“

„Ist das dein Ernst?“, fragte er ungläubig. „Hast du mal mitbekommen, wie sie mit Thomas umgeht? Er ist für sie doch nicht mehr als ein Fußabtreter.“

Ich runzelte die Stirn. „Das glaube ich nicht. Im Grunde behandelt sie ihn nicht anders als jeden anderen auch.“

„Eben“, erwiderte Alex. „Du kannst sagen, was du willst. Sarah liebt diesen Kerl nicht. Und genau das ist der Punkt.“

„Jetzt hör aber auf“, sagte ich unbehaglich, obwohl seine Worte einen schrecklichen Sinn ergaben, mit dem ich mich einfach nicht befassen wollte. „Sie ist so herrisch, seit ich sie kenne. Nicht erst, seit sie mit Thomas zusammen ist.“

„Was ich dir eigentlich damit sagen wollte ist, dass Sarahs Verhalten nichts mit dir, aber alles mit ihr selbst zu tun hat. Ich bewundere dich. Du hattest immer dein Ziel vor Augen und du hast es immer verfolgt. Du hast recht damit, auf den Richtigen zu warten“, schloss er ernst.

Ich sah ihn an und in diesem Moment ängstigte ich mich schier zu Tode, dass ich den Richtigen bereits vor mir hatte und ihn nicht erkannte.

Am Abend stellte ich beinahe verwundert fest, wie gut Alex’ Besuch mir tat. Und was für ein Glück ich hatte, dass er mich nicht einfach zur Hölle schickte, nachdem ich ihm das Herz gebrochen hatte. Wir hatten eine Flasche Wein geöffnet – Alkohol war etwas, das ich immer im Haus hatte – und es uns mit dicken Decken und Wärmflaschen auf dem Balkon gemütlich gemacht. Der Wein und ein scharfer Märzwind röteten uns die Wangen, die Decken und der Alkohol hielten uns warm.

„Sag mal, hast du eigentlich genaue Vorstellungen vom Mann deiner Träume?“, wollte Alex mit einem prüfenden Seitenblick wissen.

„Ich habe keine genauen Vorstellungen. Im Grunde ist er nicht mehr als ein vages Gefühl.“ Ich sah in die rubinrote Flüssigkeit meines Weinglases und fügte schließlich hinzu: „Es ist, als ob ich ihn kenne, obwohl ich rein gar nichts über ihn weiß. Wie ein vager Geruch, den man ab und an in der Nase hat. Oder ein Déjà-vu. Ich weiß, wer er ist und weiß es gleichzeitig nicht. Doch wenn er vor mir stünde, würde ich ihn unter achtzig Millionen erkennen.“

„Ich hoffe wirklich, dass du ihn bald findest“, sagte Alex leise, dieses Mal ohne das geringste Fünkchen Bitterkeit.

Ich lächelte ihn dankbar an. „Und du? Hast du endlich deine Mrs. Right gefunden?“

„Nein. Aber, ehrlich gesagt, kann sie sich noch etwas Zeit lassen. Ich ziehe nämlich aus, um die Welt zu erkunden.“

Ich riss die Augen auf, nicht sicher, ob er mich nur auf den Arm nehmen wollte. „Ich wusste nicht, dass du davon träumst, in die Welt hinauszuziehen.“

„Das habe ich auch nicht“, erwiderte er lächelnd und sah zu den Sternen hinauf. „Aber du hast immer davon gesprochen, weißt du nicht mehr? Als wir noch zusammen gewesen sind, hast du dir in den buntesten Farben ausgemalt, in welche Länder du reisen und was du dir alles ansehen würdest. Kannst du dich an unseren Bollywood-Abend erinnern?“

Ich fragte mich, ob er den kleinen Stich bei der Erinnerung daran genauso fühlte wie ich. „Wir haben über Indien gesprochen. Über die laute Musik und die bunten Gewänder. Für dieses Land brauchte ich zur Ausschmückung nicht viele Farben hinzuzufügen.“

„Du hast es dennoch so bildhaft veranschaulicht, dass ich fast schon glaubte, dort zu sein“, sagte er lächelnd.

„Das haben wohl eher die Filme geschafft“, winkte ich lachend ab.

„Vermutlich war es beides“, räumte er ein. „Jedenfalls hat mich der Gedanke daran seitdem einfach nicht mehr losgelassen und ich habe angefangen, einen Teil meines Geldes für eine dreiwöchige Expedition dorthin zurückzulegen.“

Das machte mich sprachlos. Ich hatte immer geglaubt, Alex in und auswendig zu kennen. „Das hast du mir nie erzählt.“

Er seufzte wie ein Mensch, der sich schon lange auf das vorbereitet hatte, was er dann sagte. „Du warst die, die immer von ihren großen Plänen über Reisen in ferne Länder philosophiert hat. Als ich heimlich begann, nach unserer Trennung für Indien zu sparen, kam ich mir vor, als würde ich dir deinen großen Traum stehlen.“

Ich war wie vom Donner gerührt. Als ob es nicht schlimm genug gewesen wäre, dass ich die Jahre einfach an mir vorbeziehen ließ. Nein, nun wirkte ich auch noch so jämmerlich, dass sich in meiner näheren Umgebung niemand wagte, sich seine Träume zu erfüllen.

„Versteh mich bitte nicht falsch“, fügte Alex beim Anblick meiner bitteren Miene hinzu. „Ich wollte auf keinen Fall damit sagen, dass es deine Schuld wäre. Ich wollte nur …“

„… erklären, warum du es mir bisher nicht erzählt hast, schon klar“, erwiderte ich und fügte nach einigem Überlegen hinzu: „Tu mir bitte einen Gefallen und behandle mich künftig wie einen ganz normalen Menschen. Hör auf mit diesem Rücksichtnahme-Scheiß.“

„Geht klar.“ Er lächelte und salutierte kurz.

Den Rest des Abends malten wir uns aus, wie es Alex in Indien ergehen würde. Er sagte, er wolle die buddhistischen Tempel besuchen. Ich lachte und sagte, dass ihn die Mönche sicher rauswerfen würden, sobald sie von seinen ausufernden Alkoholorgien der letzten Jahre erfuhren.

Es tat gut, sich hinfort zu träumen. Gleichzeitig machte es mich rastlos und traurig. Weil es mich ebenso fortzog. Meine Reisen beschränkten sich auf Träume von fernen Ländern, die sich manchmal über einen kompletten Samstagnachmittag erstrecken konnten. Nichtsdestotrotz ging jeden Monat ein beträchtlicher Anteil meines Lohnes auf ein Sparkonto, das ich ausschließlich dafür angelegt hatte und das nun bereits ein stattliches Vermögen beherbergte.

Ich fragte mich, was passieren musste, damit ich über meinen Schatten sprang, eine Reise buchte und einfach in den nächsten Flieger stieg.

Kapitel Drei

Irgendwie hatten dieser letzte Abend mit Alex und der Disput mit Sarah ein Monster in meiner Brust geweckt, das dort schon lange geschlafen hatte. Die Sehnsucht war zurück und fuhr ihre Krallen nach mir aus. Dieselbe Sehnsucht, die mich vor zwei Jahren dazu gezwungen hatte, mich von Alex zu trennen und nicht genügend Kraft in mir zurückließ, ein ganz neues Leben zu beginnen.

Es war einer dieser bedeutungslosen Tage, die mit unwichtigem Kram angefüllt waren. Zu viel Schein statt Sein. Zu wenig von allem. Zu viel von nichts.

Ich dachte an die gähnend leere Wohnung, die mich erwartete und stand überstürzt auf, als die Straßenbahn an der nächsten Station hielt. Einige Passagiere sahen auf und lachten, als ich in letzter Sekunde auf die sich schließende Tür zuhetzte und mich gerade noch auf die Straße drängen konnte, wobei ich fast von einem vorbeirasenden Auto erfasst wurde.

Mit hämmerndem Herzen überquerte ich die Straße. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Ich war drei Stationen zu früh ausgestiegen. In dieser melancholischen Stimmung konnte ich auf keinen Fall in meine leere Wohnung gehen.

Obwohl Sarah seit letztem Freitag überraschend versöhnlich gestimmt war, brachte ich es nicht über mich, ihre Nummer zu wählen. Niemand von den Menschen, die ich liebte, verstand mich. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich wollte mir die Haut vom Leib reißen und eine neue überstreifen.

Jemand rempelte mich im Vorbeigehen hart an und pöbelte: „Steh nicht so dumm im Weg rum.“

Ich erwachte aus meinen Gedanken und setzte automatisch einen Fuß vor den anderen, ohne mein Ziel zu kennen. Darin hatte ich Übung. So handelte ich mein ganzes Leben schon.

Ich landete vor einer baufälligen Kneipe, die sich in der Schlippe zu irgendeinem Hinterhof verbarg, und blieb nur stehen, weil ich mich fragte, wie sich ein solcher Laden halten konnte. Erst das Schild über dem Eingang weckte mein Interesse und ließ sogar ein Lächeln über mein Gesicht zucken. Substanz hieß es da in großen schwarzen Lettern auf einem verwitterten Holzschild, das drohte, bei der nächsten Windböe aus den Angeln zu fallen.

Wer sagte eigentlich, dass sich nur Männer nach einem beschissenen Tag volllaufen lassen können?

Als ich die Bar betrat, blieb ich kurz orientierungslos im Eingang stehen, da ich vor einer Steinmauer gelandet war. Ich wandte mich nach rechts und sah eine kleine Nische, in der sich alte Sessel und eine mottenzerfressene Couch um einen kippelnden Tisch gruppierten. Nichts daran wirkte besonders einladend. Als ich mich nach links wandte, entdeckte ich die Bar, vor der sich einige Hocker befanden. Ich war der einzige Gast, abgesehen von dem stark schwankenden Mann, der sich am anderen Ende des Tresens an einen Bierkrug klammerte, der aussah, als stamme er noch aus der Vorkriegszeit.

Hinter dem Tresen stand eine so schöne junge Frau, dass es fast an Misshandlung grenzte, sie in einer solchen Spelunke arbeiten zu lassen. Sie hatte dichte rote Locken, milchig weiße Haut, die von unzähligen bunten Tattoos verdeckt wurde, und grüne, schräg in ihrem schönen Gesicht liegende Katzenaugen. Sie nahm mich sofort ins Visier, als hätte sie nur auf mein Eintreffen gewartet. Grüßend nickte sie mir zu und fragte mit der heiseren Stimme einer gescheiterten Sängerin: „Kleine Feierabendfeier?“

Eigentlich hatte mir der Sinn mehr nach einem dunklen Tisch in einer hinteren Ecke gestanden, um in Ruhe in meinem Selbstmitleid ertrinken zu können, aber ihr Lächeln war dermaßen ansteckend, dass ich mich am Tresen niederließ. „So in etwa. Irgendwelche Empfehlungen des Hauses?“

„Standardmäßig müsste ich jetzt mit Buddys Budweiser antworten. Dem besten Budweiser in dieser gottverdammten Gegend.“ Letzteres sagte sie in einer tiefen Männerstimme und rollte die Augen himmelwärts. „Das würde mein Chef jedenfalls sagen. Du siehst mir aber eher wie ein verirrtes Mädchen aus der Oberklasse aus, dem ich einen Chardonnay empfehlen sollte. Wenn du einen Whiskey nimmst, trinke ich ein Gläschen mit.“

Ich spürte, wie sich auf meinem Gesicht ein breites Grinsen ausbreitete. „Ich trinke nicht gern allein.“

„Braves Mädchen“, sagte sie, griff nach der Whiskeyflasche und zwei Gläsern. „Ich bin übrigens Randy.“

Ich zog die Brauen nach oben, woraufhin sie ein heiseres Lachen ausstieß. „Kannst du lange drauf warten, dass ich dir meinen echten Namen verrate. Dieses Geheimnis nehme ich mit ins Grab.“

Sie wurde mir mit jeder Minute sympathischer. „Ich bin Georgie.“

Randy grinste. „Ich tippe auf Ute?“

Ich lachte so laut, dass der Typ am anderen Ende des Tresens zusammenzuckte und sich desorientiert umsah. Schon jetzt war ich heilfroh, die Bar betreten zu haben. „Du bist noch nicht mal dicht dran.“

Grinsend schob sie eines der Gläser so energisch über den Tresen, dass die bernsteinfarbene Flüssigkeit darin drohte, überzuschwappen und erhob ihr eigenes Glas. „Sei’s drum, Georgie. Trinken wir auf das Leben und namenlose Fremde, die es uns versüßen können.“

Ich erhob das Glas mit einem Lächeln und realisierte, dass ich mich in den letzten zehn Minuten bei Randy besser gefühlt hatte, als die ganzen letzten drei Monate anderswo. „Auf namenlose Fremde!“

Irgendwie erinnerte mich dieser Toast an all die bedeutungslosen Liebschaften vor der Zeit mit Alex. Die One-Night-Stands nach durchtanzten Diskobesuchen, die chaotisch-kurzen Beziehungen während meiner Abizeit und die zerstörten Hoffnungen, jemals den einen zu treffen, der allem eine Bedeutung gab.

„Du schwelgst in Erinnerungen“, stellte Randy fest.

Ich schreckte schuldbewusst hoch, was sie zum Lachen brachte. „Nur zu. Die meisten Leute, die hierherkommen tun nichts anderes als das.“

„Ich bin nicht hergekommen, um das zu tun“, erwiderte ich ehrlich, während sie unaufgefordert mein Glas nachfüllte. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, warum ich hergekommen bin.“

Sie strahlte mich an. „So beginnen immer die besten Geschichten.“

Ich lachte. „Ich wette, du hast sie alle gehört.“

„Worauf du dich verlassen kannst“, erwiderte sie grinsend.

Ich hätte es im Leben nicht geglaubt, wenn man mir einen Tag zuvor gesagt hätte, dass ich morgen in eine abgefuckte Spelunke gehen würde, um dort der Bedienung mein Herz auszuschütten. Aber genauso war es. Dennoch war es kein einseitiges Geschwafel meinerseits. Bis auf ihren richtigen Namen erzählte Randy mir ihre komplette Lebensgeschichte. So erfuhr ich zum Beispiel, dass sie nach der Trennung ihrer Eltern ab dem siebzehnten Lebensjahr bei ihrem Großvater gelebt hatte, der im letzten Jahr verstorben war. Und dass sie seit dem Ende ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau – die sie als so abschreckend empfunden hatte, dass sie eine Bank noch heute nur betrat, wenn ihr Kühlschrank drohte, Spinnweben zu bekommen – in dieser Kneipe arbeitete. Dass der Job nur als Übergangslösung gedacht gewesen und es ihr so gut gefallen hatte, dass sie geblieben war.

Am besten gefiel mir die Geschichte, dass jedes ihrer Tattoos ein Symbol für eine ihrer verflossenen Liebschaften war. Im Dämmerzustand zwischen dem vierten und fünften Whiskey dachte ich darüber nach, auf meiner Haut eine ähnliche Timeline einzuführen. Dann fiel mir allerdings ein, dass ich mich nach der Trennung von Alex selbst zu lebenslangem Zölibat verdammt hatte und ich verwarf die Idee wieder.

Ich weiß nicht mehr, wie es dazu gekommen war, aber irgendwann erzählte ich Randy von der Geschichte und erstaunlicherweise verstand sie mich. „Ja, irgendwann hat man keine Lust mehr auf Enttäuschungen. Aber hast du nicht Angst, dass du dadurch genau den Mann verpasst, auf den du dein ganzes Leben lang gewartet hast?“

Ich drehte das Glas in meiner Hand und sah zu, wie das Licht hinter der Theke den Whisky darin in flüssigen Bernstein verwandelte. „Ich glaube längst nicht mehr daran, dass es diesen Mann gibt.“

In exakt diesem Augenblick hörte ich seine Stimme zum allerersten Mal. Ich nahm noch wahr, dass Randy etwas erwiderte, doch ihre Worte erreichten mich nicht mehr. Alles – bis auf die Stimme dieses Mannes – war weit außerhalb meiner Umlaufbahn. Als wäre er die Mitte meines Sonnensystems. Mein persönlicher Urknall. Als hätte ich jeden Tag meines Lebens für diesen Moment verstreichen lassen.

Seine Stimme kam nicht etwa von einem Mann, der gerade den Pub betrat. Nein, sie ertönte aus den Lautsprechern des Radios, die in jeder Ecke des Raumes angebracht waren. So war er allgegenwärtig und doch meilenweit entfernt – wer wusste das schon. Das Einzige, was ich wusste war, dass das der Mann war, über den wir gerade philosophiert hatten. Der Mann, auf den ich mein Leben lang gewartet hatte.

Ich nahm seinen Gesang nicht ausschließlich über meine Ohren wahr. Er floss wie ein unsichtbarer Sog direkt in mein Herz und umflutete es wie die See den Fels an einem sonnigen Morgen. Seine Stimme war die perfekte Mischung aus Sandpapier und Seide. Ein nie gekanntes Gefühl stieg in mir auf. Als würde Gott in meinem Herzen eine Kerze anzünden.

„Bist du noch da?“ Randy schnippe vor meinen Augen mit zwei Fingern.

Ich blinzelte. Zu gern hätte ich geantwortet, dass ich so da war wie noch nie zuvor. Stattdessen fragte ich benommen: „Wer ist das? Der da singt?“

„Green Lemon heißt die Band“, erwiderte sie lächelnd und sah mich fragend an. „Sag bloß nicht, das war es, was dich so sprachlos gemacht hat? Hätte ich gar nicht erwartet, dass du auf solche Musik stehst.“

Kurz fragte ich mich, ob es zu weit ginge, Randy zu fragen, wie der Sänger der Band hieß. Ich entschied mich dafür, dass diese Peinlichkeit in Zeiten von Google nicht nötig war.

„Willst du noch einen?“ Fragend hielt sie die Whiskeyflasche hoch.

„Nein, ich glaube, meine Laune ist gut genug, um in meine einsame Wohnung zurückkehren zu können“, erwiderte ich schnell, rutschte vom Barhocker und kramte meine Geldbörse aus der Tasche.

„Wow. Ich nehme an, deine einsame Wohnung ist ein Loft“, kommentierte sie das großzügige Trinkgeld.

„Alles andere als das“, erwiderte ich lachend. „Ich spare mein Geld für etwas Besseres.“

„Für das Trinkgeld von uns Kellnern?“, fragte sie grinsend.

„Unter anderem“, erwiderte ich lachend.

„Ich hoffe, ich sehe dich irgendwann noch einmal“, sagte sie mit fragendem Unterton.

Ich lächelte, während die sanfte Knospe, die das Lied aus dem unsichtbaren Samen in mir geformt hatte, langsam erblühte. „Versprochen.“

Ich rannte den ganzen Weg bis nach Hause, weil ich vor Energie nur so strotzte und keine Geduld hatte, auf den Nightliner zu warten. Die kalte Märzluft klärte meine Sinne und machte mich hellwach.

In meiner Wohnung angekommen, warf ich Tasche und Jacke in die Ecke und fuhr den PC hoch, ehe ich Green Lemon in die Suchmaschine hämmerte. Ich wurde sofort fündig. Sie besaßen einen Wikipedia-Eintrag, was nicht weiter verwunderlich war bei einer Band, die es offenkundig schon über fünfzehn Jahre gab und die nicht nur im deutschsprachigen Raum Erfolge feierte.

Ich sah mir zuerst die Fotos an, unter denen die Namen der Bandmitglieder standen. Es waren drei Männer. Der Drummer war ein breitschultriger und untersetzter Mann mit einem verschmitzten Grinsen und wilden blonden Locken, die meiner Mähne Konkurrenz machten. Auf dem Bild neben ihm war der Bassist abgebildet, wie mir der Text unter dem Foto sagte. Er sah aus wie ein verloren gegangener Banker, der gekidnappt worden war und nun im Proberaum einer Rockband festgehalten wurde. Das kurze schwarze Haar und die feingliedrige Brille verstärkten diesen Eindruck noch. All das registrierte ich im Bruchteil einer Sekunde, dann flog mein Blick gierig auf das Foto des dritten Mannes.

Ich sog zischend die Luft ein, als mein Herz bei seinem Anblick so reagierte wie in der Bar an Randys Tresen. Es machte eine Art ruckartigen Satz, als hätte ich beim Treppensteigen eine Stufe verpasst. Etwas, das es noch nie getan hatte. Das war doch nicht möglich! Er war ein Fremder, es gab keine Bande zwischen uns. Nichts, bis auf das Gefühl in meiner Brust. Als ich den Namen unter seinem Foto las, fing ich an, wieder an das Schicksal zu glauben. Jason Right. Ich hielt die Luft an. Das war kein Zeichen, sondern eine Offenbarung! War dieser Jason mein Mr. Right?

Mein Blick glitt zurück zu seinem Foto. Die ungewöhnlich rotblonden Haare passten zu seinem schelmischen Grinsen. Seine grauen Augen blitzten gewinnend und er hatte einen Zug um die Mundwinkel, der von Erfolg und einem guten Leben erzählte.

Ich öffnete ein neues Fenster und hämmerte seinen Namen in die Suchmaschine. Sofort erschienen Interviews von diversen Zeitungen. Ich klickte wahllos einen der Links an.

Seine Worte ließen auf einen Mann schließen, der alles vom Leben wollte. Ein Mann, der seine Heimatstadt wahnsinnig liebte und gleichzeitig mehr vom Rest der Welt kennenlernen wollte. Ich erkannte mich selbst in seinen Worten wieder. In seinen Witzen, den Wortspielen, der leichten Bitterkeit ab und an, wenn er von unerfüllten Sehnsüchten sprach.

Er liebte die Musik seit Kindesbeinen an. Mit sechzehn Jahren hatte er sich sein Taschengeld aufgebessert, indem er Kindern Gitarrenstunden gab. Von dem so verdienten Geld war er nach Berlin gefahren, wo er an einem Wettbewerb für Nachwuchskünstler teilgenommen und den ersten Platz belegt hatte. Der Preis war ein Plattenvertrag für ihn und seine Band gewesen.

Leider stand in keinem der Interviews oder Biografien etwas Persönliches. Nichts über sein Elternhaus oder mögliche Geschwister. Nichts darüber, was er für ein Mensch war, wenn er nicht auf der Bühne stand.

Ich beschloss, es vorerst dabei zu belassen und zu warten, ob das verrückte Gefühl in mir von selbst wieder verschwand.

Natürlich tat es das nicht. Jasons Bild begleitete mich durch den ganzen kommenden Tag. Und den Tag danach. Er war bei mir, wenn ich erwachte, begleitete mich auf dem Weg zur Arbeit und fuhr abends wieder mit mir nach Hause.

Wahrscheinlich war ich selbst schuld daran. Ich hatte mir eine komplette Playlist von seiner Band auf dem Handy erstellt. Die Musik machte mir Spaß. Sie war ehrlich. Und das tat mir gut. Sie lehrte mich, das echte Leben zu akzeptieren und keine Wunschvorstellung daraus zu machen.

Je weniger ich versuchte, irgendetwas zu bekämpfen, desto mehr spürte ich die wahren Gefühle hinter meinen Gedanken und Sehnsüchten. Und so spürte ich, wie schön sie sich anfühlten. Wie sie mich innerlich in kürzester Zeit so sehr veränderten, dass diese Veränderung auch für Menschen aus meiner unmittelbaren Umgebung spürbar wurde.

Als Chris Donnerstagnachmittag merkte, dass er mich durch nichts aus der Fassung bringen konnte – weder durch seine gemeinen Spitzen, noch durch das Aufhalsen zusätzlicher Arbeit – ließ er es irgendwann einfach bleiben.

Am Abend ging ich mit Sarah ins Kino, wo wir uns so königlich amüsierten wie schon lange nicht mehr. Als wir darüber philosophierten, was die Kinoangestellten über uns denken mochten, weil uns wir bei einem vermeintlichen Drama so sehr amüsierten, brachen wir in noch lauteres Gelächter aus.

Ich fragte mich, ob es wirklich nur an dem geheimen Glücksgefühl in meiner Brust lag, dass Sarah so gelöst und glücklich wirkte. Oder ging bei ihr etwas Ähnliches vor sich?

Ich hätte sie gern danach gefragt, doch dann hätte auch ich mich offenbaren müssen und dazu war ich noch nicht bereit. Ich wollte das Gefühl noch eine Weile in mir verschlossen halten wie ein Licht, das umso heller strahlte, je kleiner und dunkler der Raum war, in dem es brannte.

Kapitel Vier

Die meisten Sonntage verbrachte ich damit, meinen ungesunden Schlafrhythmus des Wochenendes auszukurieren. Davon gab es in der Regel zwei verschiedene Varianten. Entweder machte ich Freitagnacht durch, verschlief den halben Samstag, sodass ich so spät ins Bett ging, dass ich Sonntag komplett gerädert aufwachte. Oder ich ging Samstagmorgen gar nicht erst zu Bett, verbrachte den Tag als übermüdeter Zombie, bekam in der darauffolgenden Nacht zu wenig Schlaf, um mich regenerieren zu können und war Sonntag ebenfalls gerädert.

Es kam immer auf dasselbe Ergebnis heraus – ich stand nahezu jeden Sonntag erst nach dem Mittag auf, schlüpfte in Jogginghose und Sweatshirt und hetzte zu meinen Eltern, die nur eine Straße weiter wohnten, um noch etwas vom Mittagessen abzugreifen.

Bei dieser Gelegenheit holte ich mir regelmäßig eine Moralpredigt über meinen ungesunden Lebensstil ab. Auch heute war meine Mutter voll in Fahrt. Für gewöhnlich schaltete ich in diesen Situationen auf Durchzug. Heute stellte ich mich den Fakten – sie hatte recht.

Sie wäre am Boden zerstört gewesen, wenn ich es zugegeben hätte. Der einzige Grund, dass sie noch nicht völlig verzweifelte, war der, dass ich vehement ihre Behauptungen abstritt, dass ich mir sinnlos die Zeit vertrieb und darauf wartete, dass mein Leben vorüber ging. Im Grunde war es genau das, was ich tat – freitags so hart feiern, dass ich den Samstag im Delirium verbrachte. Sonntags bei den Eltern ausnüchtern. Ab Montag wieder so lange arbeiten, dass der Feierabend keine Zeit zum Nachdenken bot.

So seltsam es war, doch seit ich Jasons Stimme im Radio gehört hatte, sah ich das alles sonnenklar. Ich kann nicht sagen, wie oft Alex oder meine Eltern mir damit in den Ohren gelegen haben, dass ich mein Leben ändern musste. Jason hatte es geschafft, mich zu dieser Einsicht zu bewegen, ohne von meiner bloßen Existenz zu wissen. Zu wie viel mehr wäre er in der Lage, wenn er wirklich Teil meines Lebens wäre? Mehr als ein bloßer Gedanke und ein Teil meiner Playlist?

Ich fragte mich gerade, wie nahe es dem Stalking käme, ihn zu kontaktieren, als die ärgerliche Stimme meiner Mutter in meine Gedanken drang. „Himmelherrgott, Georgie! Wo zum Henker bist du mit deinen Gedanken?“

„Entschuldige“, sagte ich.

„Was ist denn bloß los mit dir? Wir freuen uns wirklich, wenn du uns regelmäßig besuchst. Aber wenn du nur hierherkommst, um dich vor dem Rest der Welt zu verstecken, wirst du künftig zu Hause bleiben müssen.“

Ich warf einen schnellen Seitenblick zu meinem Vater. Er war mein persönlicher Joker. An seinem Gesicht konnte ich immer abschätzen, wie schlimm die Lage war. Das hatte ich im frühen Alter von vier Jahren herausgefunden und seitdem hatte diese Methode mir viel Zeit und Nerven erspart. Je nachdem, ob in seinen Augen ein Lächeln oder eine stille Warnung gelegen hatte, hatte ich gewusst, wann meine Mutter übertrieb und wann ich wirklich etwas verbockt hatte, worüber es nachzudenken galt.

Heute schien Letzteres der Fall zu sein.

Beschämt sah ich die beiden an. „Ihr habt recht. Ich habe mich gehenlassen.“

Meine Mutter schien so überrascht über die Einsicht, dass sie nichts mehr zu sagen wusste, darum übernahm mein Vater das Reden. „Das ist ja nur natürlich nach einer Trennung. Aber das geht jetzt seit sage und schreibe zwei Jahren so, Liebes. Schließlich war es deine Entscheidung, dich von Alex zu trennen.“

Ich stöhnte und erwiderte verzweifelt: „Er war nicht der Richtige!“

„Woher willst du das denn wissen, wenn es keinen anderen gibt?“, fragte meine Mutter und warf ergeben die Hände in die Luft.

„Wir machen uns doch nur Sorgen“, fügte mein Vater schnell hinzu, mit der eindeutigen Absicht, einen drohenden Streit abzuwenden.

Ich wollte nicht streiten. Das war ja das Schlimme – ich verstand ihre Sorge. Sie hatten recht – brennende unerfüllte Sehnsüchte oder nicht, ich musste endlich anfangen, mich wieder wie ein normaler Mensch zu benehmen.

„Ich bessere mich. Ich habe es eingesehen und nein, das sage ich nicht nur so.“ Letzteres fügte ich schnell an meine Mutter gewandt hinzu, die schon zum Widerspruch ansetzte. „Versprochen. Ich ärgere mich selbst, dass ich die letzten Jahre so habe verstreichen lassen.“

„Woher kommt diese plötzliche Einsicht?“, wollte meine Mutter misstrauisch wissen.

„Das kann ich nicht genau sagen“, erwiderte ich. „Es hat sich einiges verändert.“

„Gut, ich habe nämlich keine Lust mehr, meiner wunderschönen Tochter dabei zuzusehen, wie sie allein alt wird.“

Ich lächelte, atmete den Geruch des Wohnzimmers ein, der seit ich denken kann derselbe ist und erkannte, was für ein Glück ich hatte. „Das habe ich nicht mehr vor.“

Auf dem Weg zurück nach Hause regnete es so stark, dass ich trotz der kurzen Strecke klatschnass in meiner Wohnung ankam. Dennoch zog ich mir nicht einmal Jacke und Schuhe aus, ehe ich in mein Wohnzimmer an meinen Schreibtisch stürmte und den Computer hochfuhr.

Das Blut rauschte mir in den Ohren. Ich bekam kaum mit, wie ich mich in meinem Wahn beinahe neben den Stuhl setzte. Ich war wie ein Junkie kurz vor dem nächsten Schuss.

Als der PC soweit war, öffnete ich instinktiv die Startseite von OwnMusic. Das war ein soziales Netzwerk, in dem sich Musikliebhaber trafen. Ich war seit geraumer Zeit dort unterwegs, um meinen iPod regelmäßig mit neuen Songs zu bespielen.

Schon während ich Jasons Namen in die Suchmaschine hämmerte, fühlte ich, dass ich hier fündig werden würde. Genauso war es auch. Ich stieß einen Laut des Triumphes aus und öffnete begierig sein Profil.

Mein erster Blick galt dem Foto, auf dem meine Augen für lange Zeit verweilten. Es war eine professionelle Schwarz-Weiß-Fotografie, der man ansah, dass sie bei einem Shooting entstanden war. Sein Lächeln hauchte dem Bild mehr Leben ein, als es jede Farbe der Welt vermocht hätte. Ich spürte, wie sich bei dem Anblick auf meinem Gesicht ein Lächeln breitmachte.

Als Nächstes scannte mein Blick die Daten, die ich schon vorher in seiner Biografie auf Wikipedia gelesen hatte, weshalb sie meine Aufmerksamkeit nicht allzu lange fesselten. Stattdessen fanden meine Augen den Button „Kontakt“, mit dem ich ihm eine Nachricht senden und dann auf Antwort hoffen konnte.

Lange starrte ich das Feld nur an, als hoffte ich, es erwache zum Leben, öffne sich wie von Geisterhand und schriebe die Worte, die mir nicht in den Kopf kamen.

Wie sollte ich anfangen? Ich konnte unmöglich die Wahrheit erzählen, wenn ich nicht wollte, dass er mich für ein liebeskrankes Groupie hielt und die Nachricht sofort löschte.

Gleichzeitig wollte ich mich nicht verstellen. Es war mir wichtig, dass ich echt war. Eine nahezu übermenschliche Aufgabe für jemanden, der seit der fünften Klasse einen neuen Namen angenommen hatte, um jemand anders sein zu können.

Ich öffnete das Nachrichtenfenster und begann.

Hallo Jason.

War das zu vertraut? Sollte ich die Anrede komplett weglassen? „Reiß dich zusammen, Georgie!“

Während ich überlegte, schrieb, wieder löschte, wieder schrieb und wieder löschte, hefteten sich meine durchweichten Klamotten an meine Haut. Dass mir kalt war, bemerkte ich erst, als die Nachricht endlich fertig war.

Hey Jason,

entschuldige, wenn ich dich so überfalle. Ich saß Letztens bei einem Whiskey nach der Arbeit in einer Bar und habe dort aus den Lautsprechern des Radios einen eurer Songs gehört. Da hatte ich irgendwie das Bedürfnis, dir mitzuteilen, wie großartig ich ihn finde.

Kann man euch irgendwo live erleben?

Alles Liebe

Emma

Das konnte man so lassen. Warum ich allerdings mit Emma anstatt mit Georgie unterzeichnete, konnte ich nicht einmal mir selbst erklären. Es war ein innerer Impuls. Das Bedürfnis, ihm wirklich nahezukommen – von Mensch zu Mensch.

Da Emma allerdings auch nur ein Mensch war, bekam sie in ihren nassen Sachen langsam aber sicher ein unangenehmes Kratzen im Hals. Ich überwand mich, drückte auf Senden, ehe ich mich anders entscheiden konnte, und sah zu, dass ich schleunigst aus den nassen Klamotten herauskam. Ich hängte alles über die Heizung und ging ins Badezimmer, um mir ein heißes Bad einzulassen.

Glücklich schüttete ich großzügig Schaumbad in meine Eckbadewanne, die neben der Dachterrasse einer der Gründe dafür gewesen war, dass meine Entscheidung auf diese Wohnung gefallen war. Ich beschloss, zur Feier des Tages ein Glas Sekt mit in die Wanne zu nehmen und setzte dem Ganzen die Krone auf, indem ich Kerzen anzündete und auf meiner Playlist Green Lemon laufen ließ.

So ließ ich mich schließlich wohlig seufzend ins duftende Schaumwasser sinken, während Jasons Stimme mein Badezimmer ausfüllte. Ich versuchte krampfhaft, nicht daran zu denken, wie verrückt ich das alles fand und erlaubte mir, diese für mich neuen Gefühle in ihrem vollen Ausmaß zu genießen. Dabei lächelte ich still und malte mir aus, wie er meine Nachricht las und darauf antwortete.

Dabei kam mir unerwartet meine Kollegin Cindy in den Sinn, mit ihren Predigten über die Kraft der Visualisierung. Wenn daran auch nur ein Funken Wahrheit war, musste ich irgendwann unweigerlich mit Jason zusammentreffen, so fest wie ich es mir ausmalte. Dafür musste ich mich nicht einmal anstrengen, es geschah einfach sobald ich meinen Gedanken freien Lauf ließ.

Meine Gedanken bekamen Flügel und flochten sich in einen Traum, als ich einnickte. Ich ging durch eine Straße, die ich nicht kannte. Und irgendwie doch. Allein und irgendwie nicht. Obwohl Jason nicht zu sehen war, spürte ich ihn nah bei mir, was nicht allein daran lag, dass seine Musik in meinem Badezimmer bis in meinen Traum eindrang.

„Wo bist du?“, rief ich.

Die Frage hallte immer wieder von den großen fremden Gebäuden zu mir zurück, ohne eine Antwort zu finden. Als die Nacht über mich hereinbrach, wurde es immer kälter. Zuerst fröstelte ich und nahm die Hände in die Taschen meiner Jeans. Als mein Atem als weiße Wölkchen vor mir aufstieg und meine Zähne zu klappern begannen, erwachte ich im eiskalten Wasser meiner Badewanne.

Es war totenstill, die Playlist war zu Ende. Das Schlimmste war die durchdringende Dunkelheit, die wie im Traum hereingebrochen war, jede Kerze war erloschen. Ich kam mir vor wie in einem Grab. Schnell richtete ich mich auf, riss mein Handtuch vom Haken und wickelte mich darin ein, ehe ich mich an den Fliesen entlangtastete und vorsichtig aus der Wanne stieg.

Ich suchte gerade nach dem Lichtschalter, als lautstark mein Handy klingelte. Mit einem Schrei fuhr ich zusammen und fluchte. Wenigstens hatte ich nun etwas Licht durch die Displaybeleuchtung. Ich griff nach dem Handy, leuchtete in den Raum, fand den verschollenen Lichtschalter, der sich weit abseits von der Stelle befand, an dem ich ihn so verzweifelt gesucht hatte und nahm atemlos ab. „Ja?“

„Du klingst, als wäre der Teufel hinter dir her“, ertönte Alex’ Stimme vom anderen Ende der Leitung.

„Ich bin eingeschlafen und habe mich gerade ziemlich erschrocken“, sagte ich, während ich mich umständlich in mein Handtuch wickelte und das eiskalte Wasser aus der Wanne ließ.

„Du klingst nicht so, als hättest du Lust auf einen kleinen Sonntagsumtrunk“, stellte er fest.

„Nein, ich passe“, sagte ich und fühlte mich plötzlich, als wäre ich in sehr kurzer Zeit sehr weit gerannt. „Ich fühle mich nicht so gut und gehe gleich ins Bett.“

„Wenn du dich morgen nicht in der Lage fühlst, auf Arbeit zu kommen, ruf mich an und bleib zu Hause. Ich meine es ernst, Georgie“, sagte er.

Seine Mahnung war nicht unbegründet. Ich hatte die lästige Angewohnheit, mir vor meinem Chef nicht die Blöße geben zu wollen, krank geworden zu sein. „Mach ich.“

Als wir uns voneinander verabschiedet hatten, begab ich mich auf direktem Weg in mein Bett und sank sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Kapitel Fünf

Als mich am nächsten Morgen unsanft mein Wecker aus einer Art Totenschlaf weckte, fühlte ich mich, als hätte jemand meinen Kopf mit einer stumpfen Axt bearbeitet.

Mit einiger Mühe setzte ich mich auf und schlurfte zu dem Spiegel an meinem Kleiderschrank. Dort begegnete ich einem Zombie. Kleine wässrige Augen starrten mich unter geröteten Lidern hervor müde an. Meine Nase war rot, der Rest meiner Haut dagegen weiß wie Papier. Ich sah fast so schlimm aus wie ich mich fühlte. Und das, wo ich mich doch immer damit rühmte, niemals krank zu sein. Ich hatte in den Jahren, in denen ich nun schon für Pharmamedia arbeitete, keinen einzigen Krankenschein abgegeben. Meiner Meinung nach war das nur ein weiterer Grund, dass mein Chef mir auf Knien für meine Arbeit danken sollte.

Als ich auf dem Weg vom Wohnzimmer ins Bad vor lauter Anstrengung fast zusammenbrach, wurde mir klar, dass ich heute unmöglich arbeiten gehen konnte. Für einen Moment machte mich diese Erkenntnis vollkommen panisch, ehe ich mich an das Telefonat mit Alex zurückerinnerte.

Ich rang noch eine Weile innerlich mit mir, ehe ich endlich seine Nummer wählte. Als ich seine Stimme hörte, wurde ich sofort ruhiger. „Na, hat es dich erwischt?“

„Und wie“, krächzte ich. „Sagst du es bitte Chris? Ich nehme mir zwei Tage frei.“

„Georgie, jetzt mach dich nicht lächerlich. Du wirst deinen Hintern zum Arzt bewegen und dich krankschreiben lassen! Du schenkst diesem Arschloch nicht deine freie Zeit“, erwiderte er ärgerlich.

Über seine ungewohnt rüde Ausdruckweise musste ich Lachen, doch das Lachen verwandelte sich schnell in einen ausgedehnten Hustenanfall.

„Soll ich vorbeikommen?“, fragte er und klang höchst alarmiert.

„Ich liege nicht im Sterben“, erwiderte ich. „Außerdem habe ich so viele Überstunden, dass ich Jahrelang nicht mehr auf Arbeit auftauchen müsste. Ich fühle mich einfach beruhigter, wenn ich Chris keinen Krankenschein zuschicken müsste.“

„Na schön“, sagte Alex wenig begeistert. „Aber ich bringe dir nach der Arbeit Essen vorbei. Wenn es dir Mittwoch nicht deutlich besser geht, fahre ich dich persönlich zum Arzt.“

Da ich wusste, dass ich glimpflicher nicht davonkäme, willigte ich ein.

Punkt sechs stand er bei mir auf der Matte. Inzwischen hatte ich so viele Kopfschmerztabletten intus, dass ich mich fühlte wie im Delirium. In Schlabbersachen, mit tränenden Augen und geröteter Nase öffnete ich ihm schließlich die Tür.

„Meine Güte, Georgie! Du siehst furchtbar aus“, begrüßte er mich besorgt und trat mit einigen Tüten bepackt über die Schwelle.

Ich war viel zu beschäftigt, mir selbst leidzutun, als Anstoß an seiner Bemerkung zu nehmen. Stattdessen schniefte ich: „Was hast du denn da alles?“

„Ich war noch kurz einkaufen und habe einige Hausmittel besorgt.“ Er hob die zwei großen Tüten hoch und schwenkte dann die Kleinere. „Das ist noch etwas aus der Apotheke.“

Sofort hatte ich wieder ein schlechtes Gewissen und stöhnte: „Alex, du wolltest doch nur Suppe vorbeibringen!“

„Ich habe eben noch etwas mehr mitgebracht. Jetzt hab dich mal nicht so“, erwiderte er und war schon auf dem Weg in die Küche. „Leg dich hin. Ich mach das schon.“

„Etwas anderes hatte ich ohnehin nicht vor“, erwiderte ich schlechtgelaunt und ließ mich wieder auf meiner Couch nieder, wo ich mich bis zum Hals zudeckte.

Eine Weile hörte ich dem Klappern der Töpfe in der Küche zu, lauschte dem Rauschen aus dem Wasserhahn und kam nicht umhin mich zu erinnern, dass es früher oft so gewesen war. Dass er sich immer so gut um mich gekümmert hatte. Ich hatte es nie zu schätzen gewusst.

„Danke“, rief ich so laut ich konnte.

Er erschien in der Tür zum Wohnzimmer und trocknete sich die Hände an einem Küchentuch ab. „Jetzt sei nicht albern. Ich frage mich nur, wie du dir eine solche Erkältung eingefangen hast.“

„Als ich gestern von meinen Eltern nach Hause gelaufen bin, hat es in Strömen geregnet“, seufzte ich. Ein heftiger Hustenanfall unterstrich meine Worte.

„Warum hast du denn nicht gewartet bis es nachlässt? Du wohnst keine fünf Minuten von deinen Eltern entfernt“, fragte er entgeistert.

Da war er wieder – dieser Drang mit meinen ungeheuerlichen neuen Gefühlen herauszuplatzen. Ich wollte mich irgendjemanden anvertrauen, bei dem ich nicht Angst haben musste, dass er mich sofort in eine Zwangsjacke steckte.

Ich beschloss, mich langsam vorzutasten. „Mir ist etwas in den Sinn gekommen, dass einfach nicht warten konnte.“

Er horchte auf. „Und was?“

„Mir ist etwas Verrücktes passiert. Ich habe mit noch niemandem darüber gesprochen. Versprichst du mir, dass du nicht lachen wirst, wenn ich dir davon erzähle?“, fragte ich unsicher.

Er umrundete die Couch, setzte sich neben mich und legte sacht einen Arm um meine Schultern. „Habe ich dich je wegen irgendetwas ausgelacht?“

Nein. Er hatte mich immer verstanden. Selbst dann noch, als ich ihm zu erklären versucht hatte, dass wir keine Zukunft hatten, weil ich einen Mann liebte, von dem ich nicht einmal wusste, ob er existierte. War es richtig, gerade ihm zu erzählen, dass ich diesen Mann gefunden hatte?

Ich winkte ab. „Vergiss es.“

Er sah mich mitleidig an. „Netter Versuch. Hast du etwa deinen Mr. Right gefunden?“

Mit seinen Worten traf er den Nagel so sehr auf den Kopf, dass ich mir schuldbewusst auf die Lippe biss. Ungläubig riss er die Augen auf. „Nee, oder? Wann soll das gewesen sein?“

„So einfach ist es nicht“, erwiderte ich verzweifelt. Wenn ich es jetzt tatsächlich aussprach, war die Sache nicht mehr allein in meinem Kopf. Ohnehin hatte ich bereits das Gefühl, dass sie sich schon verselbstständigt hatte. „Versprich mir, nicht zu lachen!“

„Herrgott noch mal“, sagte er ungeduldig. „Gut, ich verspreche es.“

Ich schluckte und tat es dann schnell. Wie, wenn man ein Pflaster abriss.

Als ich geendet hatte, sagte er lange nichts. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Es war, als ob der Zustand meiner seelischen Gesundheit allein von seiner Reaktion abhing. Schließlich platzte ich heraus: „Sag doch was!“

Es dauerte eine weitere gefühlte Ewigkeit, bis er erwiderte: „Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, wenn ich ehrlich bin.“

„Mir egal! Irgendwas“, flehte ich.

Da sah er mich endlich an. Forschend und mit einem Vorwurf im Blick, den er nicht ganz vor mir verbergen konnte. „Du hast dich also in diesen Mann verliebt. Nur, indem du seine Stimme gehört hast?“

Ich wusste genau, was in ihm vor sich ging. Wir kannten einander viel zu gut. All unsere intensiven Jahre stiegen wie Geister im Raum zwischen uns auf. Jahre, in denen ich Alex nicht hatte lieben können.

„Ich wusste, dass du der falsche Gesprächspartner dafür bist“, stöhnte ich und vergrub mein Gesicht in den Händen. „Es tut mir leid!“

Er nahm mir mit sanfter Bestimmtheit die Hände vom Gesicht. Ich war erleichtert, als ich ihn wieder lächeln sah. „Mir tut es leid. Ich verhalte mich blöd. Es war sicher nicht leicht für dich, mir das anzuvertrauen.“

Ich schüttelte mit dem Kopf. „Nein, war es nicht. Aber du bist der Einzige, dem ich so etwas erzählen kann.“ Und der Einzige, dem ich es nicht erzählen sollte.

Sein Lächeln wurde breiter, doch dann wurde seine Miene wieder nachdenklich. „Ich bin trotzdem sprachlos. Das ist nicht böse gemeint, aber es ist nicht gerade das, was man als alltäglich bezeichnen könnte.“

Ich seufzte. „Glaub mir, hätte ich es mir aussuchen können, wäre er kein Rockstar, bei dem ich nicht den Hauch einer Chance hab.“

Alex lachte. „Georgie, du hast bei jedem Mann eine Chance.“

Ich sah ihn Augen an. „Denkst du das wirklich?“

Er legte den Kopf schief. „Fischst du gerade nach Komplimenten?“

Ich lachte befreit auf. Alex bloße Anwesenheit sorgte dafür, dass ich mich schon fast wieder genesen fühlte. „Ist das nicht verständlich in meinem Zustand?“

„Es sei dir vergönnt“, sagte er großzügig, ehe er wieder ernst wurde. „Warte ab. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich meldet.“

Sicher hatte er das nur gesagt, weil ich hundeelend und krank und mit Dackelblick vor ihm saß. Weil er mich gernhatte und glücklich sehen wollte. Doch es bestärkte mich, sodass ich mich besser fühlte. So wie das bei gutgemeinten Lügen öfter der Fall war.

Kapitel Sechs

Den kommenden Tag blieb ich bezüglich Jasons Rückmeldung völlig cool und optimistisch. Voller Freude checkte ich alle paar Stunden mein Postfach bei OwnMusic.

Gegen Abend wurde ich allerdings unruhig. Die Aussicht darauf, mich am nächsten Morgen wieder ins Büro schleppen zu müssen, war auch nicht gerade beflügelnd. Allerdings glaubte ich, meiner Unruhe in dieser Sache entfliehen zu können, indem ich vor der Einsamkeit floh.

Fehlanzeige – das Gefühl verfolgte mich genauso wie mein Schnupfen bis in mein Büro, wo ich wie ein Zombie hinter meinem Schreibtisch saß und abwechselnd zur Taschentuchbox oder meinem Handy griff.

Donnerstag hatte ich so schlechte Laune, dass sich nicht einmal mein Chef wagte, mich anzusprechen. Kurz vor Feierabend bekam ich einen Anfall in meinem Büro, als sich eine meiner Kolleginnen weigerte, mir wichtige Zuarbeit zu leisten, indem sie Kundendaten an mich weitergab.

Freitag schien es, als würde mir meine depressive Laune das Wochenende verderben. Warum war ich bloß so fest davon überzeugt gewesen, dass er sich melden würde? Und was hatte ich mir davon versprochen?

Während ich in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit saß, setzte ich mich mit dem Gedanken auseinander, dass mein Traum in einer Einbahnstraße endete. Es war, als fiele ich in ein bodenloses Loch. Ich fühlte mich vom Leben betrogen. Als hätte es mir etwas genommen, was ich gerade einmal fest genug in meine Hände geschlossen hatte, um seine ungefähre Form erahnen zu können.

Es kostete mich alle Kraft, die ich besaß, an diesem Tag zu einem Arbeitsplatz zu gehen, den ich hasste, anstatt einfach davonzulaufen. Solange, bis ich alle Namen vergessen hätte, die jemals für mich erfunden worden waren.

Vor den Aufzügen lief ich Cindy in die Arme. Sie war die Einzige in diesem schrecklichen Hühnerhaufen, mit der es sich aushalten ließ. „Georgie, wie siehst du denn aus? Was ist passiert, Liebste?“

Cindy stand auf Frauen und ließ keine Gelegenheit aus, mich anzugraben. Seit meiner Trennung von Alex lag sie mir ständig mit dem Spruch in den Ohren, dass Männer vielleicht einfach nichts für mich waren. Gerade schien sie allerdings ehrlich besorgt.

„Es ist nichts“, erwiderte ich mit der Stimme eines Menschen, dem man deutlich anhört, dass etwas war.

Sie packte mich am Arm und bugsierte mich resolut wieder durch die Drehtür nach draußen. „Das nimmt dir doch keiner ab. Ich wollte sowieso gerade eine rauchen. Wie du aussiehst würde dir das auch nicht schaden.“

Da ich keine Kraft zum Widerspruch hatte, ergab ich mich und folgte ihr hinter das Gebäude. Das Ziehen am Glimmstängel sorgte ganz und gar nicht dafür, dass ich mich besser fühlte. Im Gegenteil machte es mir nur klar, dass ich nicht gefrühstückt hatte und noch immer ziemlich angeschlagen war.

Als ich mich nach dem dritten Zug vor Husten schüttelte, nahm Cindy mir die Zigarette aus der Hand und rauchte sie selbst zu Ende. Sie musterte mich eingehend und fragte roh: „Es ist irgendein Kerl, stimmt’s?“

„Hattest du schon mal das Gefühl, dass man dich mit sechs Billionen Menschen in einen Raum sperren könnte, du mit völliger Gewissheit auf einen von ihnen zeigen und sagen könntest: Der ist es?“, fragte ich mit zittriger Stimme.

Sie stieß geräuschvoll die Luft aus und erwiderte: „Ein einfaches Ja hätte genügt.“

Am liebsten hätte ich frustriert mit dem Fuß aufgestampft. „Ich wusste, ich hätte es dir nicht erzählen dürfen.“

„Im Grunde hast du mir noch gar nichts erzählt. Erwarte dann bitte kein Verständnis. Wir arbeiten seit über sechs Jahren zusammen. Entweder du vertraust mir und erzählst mir alles oder du lässt es ganz bleiben.“

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. „Okay, dann mach dich auf was gefasst.“

Damit erzählte ich ihr alles. Einfach alles. Nicht nur die groben Fakten. Auch das, was auf der Gefühlsschiene bei mir passierte. Es war eine völlig neue Erfahrung für mich, mich einer anderen Frau als Sarah derart emotional zu entblößen.

„Wow, das ist wirklich mal ’ne Story“, stieß sie schließlich hervor. „Und du befürchtest, dass er dir nicht antworten wird?“

Ich nickte bedrückt.

„Tja, du kennst meine Theorie zum Gesetz der Anziehung“, sagte sie schlicht und drückte ihre Zigarette aus.

Klar, kannte ich die. Sie hatte mir tausendmal davon erzählt, wobei ich mich jedes Mal so gefühlt hatte, als wolle sie mich bekehren. Irgendwann schien sie bemerkt zu haben, dass ich ihr nicht zuhörte und hatte es sein gelassen. Jetzt wünschte ich zum ersten Mal, ich hätte ihr mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Sie schien, zu wissen, was in mir vor sich ging. Ein nachsichtiges Lächeln breitete sich auf ihrem sommersprossigen Gesicht aus. „Das Gesetz das Anziehung besagt: Gleiches zieht Gleiches an. Wenn du schlechte Gedanken hast, verbreiten sie sich wie ein Lauffeuer und du bekommst schlechte Laune. Kommt dir das bekannt vor?“

Ich nickte unsicher. „Klingt logisch.“

„So ist es auch umgekehrt. Gedanken werden Dinge. Darüber gibt es viele schöne Bücher. Den Herzmagneten, zum Beispiel. Aber im Grunde ist es ganz einfach. Jemand, der nie an sich geglaubt hat und denkt, er schafft es nicht, wird sich automatisch immer so verhalten, dass er es am Ende nicht schafft. Andere Menschen reagieren auf das, was wir ausstrahlen.“

Ich dachte daran, wie mein Chef stets an Tagen auf mir herumhackte, an denen es mir ohnehin schon schlecht ging und nickte wieder. „Wie funktioniert das?“

„Es ist kein Hexenwerk. Wir tun Folgendes: Du denkst heute den ganzen Tag daran, dass Jason dir geschrieben haben wird, wenn du zu Hause deine Mails checkst. Sieh bis dahin nicht mehr in dein Postfach, egal wie schwer es fällt. Ein Vertrauensvorschuss deinerseits, dass das Glück dir hold ist, ist unerlässlich dafür, dass es am Ende wirklich so ist. Stell dir vor, was er antworten könnte und wie du dich fühlen wirst, wenn du es liest.“

„Mehr nicht?“, fragte ich skeptisch.

„Mehr nicht“, bestätigte sie. „Probier es aus. Was hast du zu verlieren?“

Das schrille Klingeln ihres Handys bewahrte mich vor einer Antwort.

„Du liebe Güte“, stöhnte sie, als sie einen Blick auf ihr Display geworfen hatte.

„Wer ist es?“, fragte ich verwundert.

„Unser Chef.“ Damit nahm sie ab. „Ja, Chris, was kann ich für dich tun?“

Er sprach so laut, dass ich jedes Wort verstand. „Du und Georgie könntet euch zurück auf eure Arbeitsplätze bewegen!“

Automatisch warfen wir den Kopf in den Nacken und sahen zu seinem Büro hoch. Er hatte den Kopf aus dem Fenster gereckt; mit einer Hand presste er sich das Handy ans Ohr und mit der anderen gestikulierte er wild. „Ihr steht seit sage und schreibe zwanzig Minuten da!“

„Ja, das ist richtig“, erwiderte Cindy todernst. „Wir mussten ein äußerst ernstes Problem erörtern.“

„Ich kann gerne dafür sorgen, dass ihr ein äußerst ernstes Problem bekommt.“

Inzwischen brüllte er so laut, dass kein Handy mehr vonnöten war, die Distanz von seinem Büro bis zu uns hinunter zu überbrücken. Wir sahen einander an und grinsten. Es war seltsam, wie gut sich das Leben anfühlen konnte, obwohl es gerade den Bach runterging, wenn man die richtigen Leute im Boot hatte.

Das nützte mir allerdings herzlich wenig, als ich wieder allein in meinem Büro saß. Ich gönnte mir meine morgendliche Tasse Kaffee – heute mit einem Löffel Honig gegen meine Halsschmerzen – und sah auf das Treiben weit unter mir wie die Herrscherin eines längst vergessenen Königreiches. Eine ziemlich deprimierte Königin.

Wie sollte ich es nur schaffen, mir vorzustellen, dass Jason mir antwortete, wenn ich mich dermaßen miserabel fühlte? Wenigstens hatte ich, dank meines Schnupfens, eine Ausrede, den Mädelsabend mit Sarah sausen zu lassen. Selbst sie würde eine Kranke nicht in eine Bar schleppen wollen.

Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da meldete sich mein Handy zu Wort. Ein Blick aufs Display verriet mir, dass es sich um Sarah handelte. So viel zum Thema: Gesetz der Anziehung. Wenn es bei Jason ähnlich funktionierte, konnte ich mich wahrlich nicht beschweren.

Ein näherer Blick auf die Nachricht lieferte mir allen Grund zur Beschwerde. „Heute Abend Tequila im Zuckerhut?“

„Bin nach wie vor krank“, tippte ich zurück.

„Du liegst im Bett?“, kam prompt zur Antwort.

Ich wusste genau, worauf sie hinauswollte. Sarah war immer der Meinung: Wer arbeiten kann, kann auch feiern gehen. Es roch wieder mal nach Streit, als ich antwortete: „Nein, aber ich freue mich auf einen ruhigen Feierabend. Muss mich heute auskurieren, dann bin ich nächste Woche wieder fit für die nächste Runde Tequila.“

Ich hatte die Nachricht kaum abgeschickt, da klingelte mein Telefon. Wieder entfuhr mir ein genervtes Stöhnen, als ich die Nummer meiner besten Freundin auf dem Display erkannte. Ich ging nur ran, weil ich wusste, dass sich die Lage andernfalls unnötig verschlechtern würde. „Sarah, ich bin im Büro. Können wir das vielleicht nach Feierabend klären?“

„Wann genau?“, schoss sie zurück. „Wenn du dich auf deiner Couch verschanzt hast?“

„Es geht mir nicht gut“, erwiderte ich frustriert.

Das schien sie überhaupt nicht zu interessieren. „Es kann dir nicht so schlecht gehen, wenn du auf Arbeit bist! Ich hätte nie gedacht, dass du mal so ein Workaholic wirst, Georgie. Du bist so wie die Leute, über die wir uns früher immer lustig gemacht haben.“

Ich zuckte zusammen, als wäre ihre Hand durchs Telefon geschnellt und hätte mir eine saftige Ohrfeige verpasst. Es war typisch für Sarah, auch dann noch weiter auf jemanden einzutreten, wenn dieser jemand schon am Boden lag. Ich war wirklich nicht wehleidig, aber an diesem Tag fühlte ich mich grottenschlecht. Meine Augen brannten und tränten, ich bekam kaum Luft und meine Nase war ein einziger Knoten. Und ihre einzige Sorge war, dass unser Mädelsabend ja nicht ausfiel.

Mir war klar, dass ich keinerlei Chance hatte, also gab ich mich wie immer geschlagen. „Okay, zwei Stunden.“

Als sich die Klinke meiner Bürotür absenkte, wisperte ich hastig: „Da kommt jemand. Bis später.“

In hohem Bogen warf ich mein Handy in die Tasche, rollte samt meinem Stuhl vom Fenster an meinen Arbeitsplatz, legte meine Hand auf die Maus und setzte eine geschäftige Miene auf.

„So wie du aussiehst hast du gerade telefoniert“, begrüßte Alex mich und schloss die Tür hinter sich.

Ich lehnte mich wieder in meinem Stuhl zurück. „Wie kommst du denn darauf?“

Er ging um meinen Platz herum und zeigte auf meinen Bildschirm, auf dem noch nicht ein Dokument geöffnet war. „Deine schauspielerischen Fähigkeiten sind ausbaufähig.“

„Wen kümmert’s?“, erwiderte ich genervt. „Willst du etwas Bestimmtes? Ich habe wirklich einen miesen Tag!“

„Geht’s dir immer noch nicht besser?“, fragte er mitfühlend. „Wenigstens kannst du dich heute Abend ausruhen.“

Als ich daraufhin schwieg, verdüsterte sich seine Miene und er fragte: „Das kannst du doch, oder? Ich meine, Sarah schleppt dich heute nicht in irgendeine Bar?“

Es missfiel mir wirklich, ihn anzulügen, aber mir blieb keine andere Wahl, wenn ich einer Diskussion aus dem Weg gehen wollte. „Mach dich nicht lächerlich. Ich weiß selbst, dass ich so nirgendwo hingehen kann!“

Er wirkte erleichtert und kam schließlich zum eigentlichen Grund seines Besuches. „Neues in Sachen Traummann?“

„Nein“, erwiderte ich knapp.

Ich sah ihm an, dass er etwas sagen wollte, es aber klugerweise bleiben ließ und mir stattdessen eine Handvoll Hustenbonbons auf den Tisch legte, die er aus seiner Hosentasche hervorgeholt hatte.

„Zur schnelleren Genesung.“ Mit einem letzten Augenzwinkern verschwand er aus meinem Büro.

Ich beschloss, dass dies der perfekte Zeitpunkt für meine erste von Cindy in Auftrag gegebenen Übungen war. Ich schloss die Augen, atmete tief durch und versuchte das Gefühl zu erspüren, wie es sein könnte, wenn ich tatsächlich Antwort von Jason erhielte.

Ich konnte nicht sehen, wo ich mich befand, als ich die Nachricht erhielt, aber die Worte selbst sah ich klar und deutlich. Ich sah wie ich mein Handy in der Hand hielt, spürte das warme Gefühl der Freude in mir aufsteigen. Zeitgleich begann mein Herz zu rasen. Ich spürte das Lächeln auf meinem Gesicht.

Mehr brauchte es nicht, aber es war unsagbar schwer, dieses Gefühl zu halten und mit in meinen Alltag zu nehmen. Diese Überzeugung, dass mir etwas gehörte, das ich in der Realität noch nicht besaß. In diesem Augenblick glaubte ich, die Aufgabe wäre zu groß, als dass ich sie bewältigen könnte. Dennoch versuchte ich es stündlich immer wieder. Cindy hatte recht – was hatte ich zu verlieren?

Kapitel Sieben

Obwohl ich mich noch immer zu krank fühlte, um in einer Bar herumzuhängen, war ich froh, als der Feierabend da war. Ich fuhr direkt nach der Arbeit zum Zuckerhut, einer kleinen Bar im Herzen Leipzigs, wo ich mir meinen Lieblingsplatz in einer kleinen Nische nahe der Theke sicherte.

Dass Sarah noch nicht da war, wunderte mich nicht. Sie hatte die Angewohnheit, immer zwanzig Minuten zu spät aufzutauchen, da sie das Gefühl liebte, dass andere auf sie warteten.

Die Kellnerin kam genau zu dem Zeitpunkt an meinen Tisch, da ich mich gerade mitleiderregend schnäuzte und fragte mitfühlend: „Oje. Kann ich irgendetwas an Medizin bringen?“

Ich lachte, was meine tränenden Augen zum Überlaufen brachte und erwiderte mit krächzender Stimme: „Was können Sie mir denn anbieten?“

„Da fällt mir gleich der Moscow Mule ein. Ein Cocktail mit Ingwer als Zutat. Glaub mir, danach wirst du dich besser fühlen.“

Als ich eine Viertelstunde später das halbleere Glas vor mir hatte, stellte ich erstaunt fest, dass ich mich wirklich besser fühlte. Der scharfe Ingwer hatte meine Nebenhöhlen freigepustet und meinen Rachen betäubt.

„Du trinkst schon? Warum hast du nicht auf mich gewartet?“, begrüßte Sarah mich, als sie sich endlich zu mir setzte.

„Ich hatte Durst“, erwiderte ich verärgert über diese Begrüßung. Da quälte ich mich hierher, sie kam zu spät und hatte die Nerven, mich derart anzupflaumen. Es war nicht so, dass mir erst an diesem Abend auffiel, wie sie mich behandelte. Aber nun begann es, mich ernsthaft zu nerven.

Zum Glück erschien sofort die Kellnerin und überbrückte den unangenehmen Moment, indem sie Sarahs Bestellung aufnahm. „Für dich auch etwas gegen Halsweh?“

An Sarahs Gesicht war deutlich anzusehen, dass sie sich einige Sekunden fragte, ob die Kellnerin noch alle Tassen im Schrank hatte, ehe ihr einfiel, dass es ihrer besten Freundin heute nicht gut ging. „Nein, danke. Zwei doppelte Tequila bitte. Wir müssen das Innere meiner Freundin desinfizieren. Der geht auf mich.“

Letzteres fügte sie gönnerhaft an mich gewandt hinzu, als die Bedienung verschwunden war. Ich antwortete ihr wie so oft nur in Gedanken: Das möchte auch sein, wenn du, ohne mich zu fragen, etwas bestellst.

„Geht es dir noch nicht besser?“, fragte Sarah vorsichtig, anscheinend verunsichert durch mein langes Schweigen.

„Nicht wirklich“, erwiderte ich knapp und war dankbar, als in dieser Sekunde der Tequila kam.

Sarah hob das Glas mit einem entschuldigenden Lächeln. „Auf die baldige Genesung!“

Das nahm mir allen Wind aus den Segeln. So tyrannisch sie auch sein konnte, so liebenswert war sie auch – wenn sie nur wollte. Als mir der Tequila durch die Kehle rann, ging es mir tatsächlich besser.

Stunden später amüsierten wir uns so gut wie ich es aufgrund des miserablen Starts niemals für möglich gehalten hätte. Das war Sarahs einzigartiges Talent – sie war in der Lage, Menschen mitzureißen. Wenn sie eine Geschichte zum Besten gab, gestikulierte sie wild und ihre Augen funkelten begeistert.

Meinen Vorsatz, nur zwei Stunden zu bleiben, hatte ich lange schon über Bord geworfen. Irgendwie fühlte ich mich von der Vorstellung, nach Hause zu kommen und dort eine Nachricht von Jason zu entdecken, so beflügelt, dass ich es gar nicht mehr eilig hatte. Aufgrund der vielen Gedanken daran, war mir die Vorstellung so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich keinen Zweifel mehr daran hegte, dass er antworten würde. Sarah erzählte ich allerdings noch immer nichts davon.

Als ich gegen zehn auf der Toilette verschwand, war ich schon ziemlich angeheitert. Und so euphorisch, dass ich alle guten Vorsätze in den Wind schoss und über mein Handy auf die Homepage von OwnMusic ging.

Es war nicht einmal eine Überraschung, unter den SPAM-Mails, die mit günstigen Hotstone-Massagen lockten, seine Nachricht in meinem Posteingang zu entdecken. Auch auf den schmerzhaften Ruck, den mein Herz in dieser Sekunde machte, war ich gefasst. Ich hielt die Luft an und klickte auf das Brief-Symbol. In dieser winzigen Millisekunde, während sie sich öffnete, tauchte in meinem Geist die Horrorvorstellung auf, dass es sich bei der Nachricht nur um irgendeine dämliche Rundmail von einem der Seiten-Administratoren handelte.

Die Angst bekam keine Zeit mehr, ihre Krallen auszufahren. Die Nachricht war in der Tat von Jason! Ehe ich zu lesen begann, sog ich den Moment mit all seinen Facetten in mir auf. Die Musik in der Damentoilette; das Glücksgefühl in meiner Brust und der Anblick meines eigenen glücklichen Spiegelbilds.

Ich sah wieder auf das Display meines Handys hinab, wobei ich spürte, wie sich mein Lächeln in meine Wangen einbrannte.

Obwohl ich begierig auf jedes seiner Worte brannte, zwang ich mich dazu, sie langsam und mit Bedacht zu lesen. Wohlwissend, dass in meinem Leben gerade eine große Wende geschah, hier in der Damentoilette dieser alten Szenekneipe.

Hey Emma,

erst einmal vielen Dank für dein Lob. So etwas hört man immer gern ;)

Aber mein Beileid zu deinem Job, wenn du danach in einer Bar verschwinden musst, um deinen Kummer zu ertränken. ;) Wenigstens hattest du gute Musik dabei!

In der nächsten Zeit treten wir nur rund um Dortmund auf. Wenn dir der Weg hierher nicht zu lang ist, würde ich mich freuen, dich zu sehen.

Beste Grüße

Jason

Ich las seine Worte wieder und wieder, während ich spürte, wie die Hitze mein Gesicht erreichte. Das hier war etwas, das spürte ich genau. Eine neue Verbindung zwischen zwei Menschen.

Als ich mich mit glänzenden Augen wieder zu Sarah setzte, war sie aufgrund meines strahlenden Anblicks sofort misstrauisch. „Wo kommst du denn her?“

„Von der Damentoilette“, erwiderte ich.

Natürlich gab sie sich damit nicht zufrieden. Ungefähr eine halbe Stunde versuchte sie, aus mir herauszupressen, was passiert war. Dieses Mal blieb ich eisern. Diesen goldenen Schauer des Glücks würde ich solange ganz allein genießen, bis ich wahrlich von innen heraus leuchtete.

Irgendwann gab sie sich geschlagen und begann wieder, sich über Thomas zu beschweren. Nicht einmal das konnte das gute Gefühl in mir dämpfen. Es war nicht so, dass ich ihr nicht zuhörte, doch dieses Mal schützte mich ein unsichtbarer Schleier der Liebe vor der herunterziehenden Wirkung ihrer Worte. Ich versuchte, sie zu trösten und ehrlich für sie da zu sein und bemerkte das erste Mal wirklich, das Elend hinter ihrem Gezeter. Hatte Alex recht? Gleichzeitig spürte ich, dass sie noch nicht so weit war, mir von Herzen sagen zu können, dass sie unglücklich war. Also hörte ich nur still zu und versuchte ihr etwas von dem heißen, kraftvollen Gefühl zu übermitteln, das die Nachricht von Jason in mir ausgelöst hatte.

Es war seltsam, wie kraftvoll man Montagmorgen erwachen konnte, wenn man seinen Sonntagabend nicht einzig und allein mit dem Gedanken verschwendete, dass man am nächsten Tag wieder zu seinem Horrorjob zurückkehren musste.

Es war das erste Mal, dass ich voller Euphorie ins Gebäude von Pharmamedia stürmte und mich nicht sofort auf kürzestem Weg in mein Büro begab.

Stattdessen betrat ich todesmutig die Schlangengrube. Alles, was in dem Großraumbüro zu hören war, war das Geklapper dutzender falscher Fingernägel auf den Tastaturen.

Ungeachtet der giftigen Blicke, die mir meine Kolleginnen zuwarfen, stürmte ich unter einem geträllerten: „Guten Morgen“, durch den gesamten Raum zum hintersten Schreibtisch, an dem Cindy saß. Sie war die Einzige, die sich bei der Arbeit nicht stören ließ.

„Er hat geschrieben, er hat geschrieben, er hat geschrieben“, sagte ich und klatschte aufgeregt in die Hände, während ich mich nicht im Mindesten daran störte, dass hinter mir genervtes Murren anhob.

„Und wenn du es ein viertes Mal sagst, werde ich immer noch nicht vom Stuhl springen und auf dem Tisch tanzen“, erwiderte sie gelangweilt.

„Das habe ich nur dir zu verdanken“, sagte ich, drehte kurzerhand ihren Stuhl zu mir um und pflanzte ihr einen deftigen Kuss auf den Mund.

Sie schnappte nach Luft. „Mach das noch einmal und du hast meine Zunge in deinem Hals.“

Ich warf ihr eine Kusshand zu und ignorierte das verächtliche Zischen hinter mir weiterhin. „Willst du gar nicht wissen, was er geschrieben hat?“

Ich schnappte ihre Packung Zigaretten und das Feuerzeug mit Tweetie darauf und trat den Weg nach draußen an, während sie mir hinterherhetzte.

„Seit wann sind wir eigentlich solche Busenfreundinnen, dass wir uns gegenseitig von unserem Wochenende Bericht erstatten?“

„Aber es ist doch etwas ganz Besonderes passiert“, sagte ich aufgeregt. „Das ist fast wie Magie.“

Jetzt musste selbst sie lächeln. „Habe ich dir nicht gesagt, dass es funktioniert?“

„Klar“, erwiderte ich, enttäuscht darüber, dass sie dieses für mich so große Wunder kein bisschen zu überraschen schien. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde.“

„Nun, ich schätze, du hast deine Sache besonders gut gemacht“, stellte sie grinsend fest.

„Ich hätte gedacht, dass dich das mehr begeistern würde“, antwortete ich.

Sie zuckte die Schultern. „Ich wusste, dass er dir schreiben würde.“

Ich riss ungläubig die Augen auf. „Du wusstest es?“

Sie schüttelte mit einem nachsichtigen Lächeln den Kopf. „Georgie, kein Mann, der noch bei klarem Verstand ist, lässt sich eine Frau wie dich entgehen. Du musst einfach nur interessant für ihn bleiben.“

Das war nun das zweite Mal innerhalb einer Woche, dass mir jemand so etwas sagte. Hatte ich eine reelle Chance bei Jason?

Diese Frage begleitete mich bis ins Büro, wo ich mich am Rechner sofort daran machte, ihm auf seine Nachricht zu antworten, während mir Cindys Worte in den Ohren klangen.

„Bleib interessant, bleib interessant“, murmelte ich fieberhaft, während ich wie im Wahn auf die Tasten hämmerte.

Hi Jason,

schade, aber gut zu wissen ;) Ich werde mich erst einmal mit euren CDs eindecken, um beurteilen zu können, ob ihr die Reise wert seid ;)

Ja, mein langweiliger Bürojob treibt mich oft zu übermäßigem Alkoholkonsum.

Alles Gute

Emma

Als keine dreißig Sekunden später der Ton einer eingehenden Nachricht ertönte, sah ich ungläubig auf den Bildschirm. Er hatte sofort geantwortet! Einige Sekunden starrte ich nur verwirrt den Bildschirm an, ehe ich mit laut schlagendem Herzen die drei Worte las, die er für mich hinterlassen hatte.

Du gefällst mir ;)

Danach zählte nichts anderes mehr. Es war egal, ob Sarah mich anzickte. Oder wie oft Chris mich anschrie oder ob die Kollegen mich hassten. Es war unwichtig, dass ich das Gefühl hatte, noch nichts Bedeutendes in meinem Leben erschaffen zu haben. Jason gefiel meine Art. Und das, obwohl ich ihm gegenüber nicht den kleinsten Versuch unternahm, mich zu verstellen.

Kapitel Acht

Samstagvormittag machte ich mein Versprechen wahr, indem ich begann, mir nacheinander jeden Song von Green Lemon anzuhören. Die fünf Alben waren an diesem Morgen mit der Post gekommen. In einem davon hatte sich ein Poster von Jason befunden, das ich wie ein liebeskranker Teenager auseinandergefaltet und an meiner Wohnzimmertür befestigt hatte. So konnte ich ihn von jedem Winkel des Raumes sehen. Es war mir gleich, dass ich mich lächerlich verhielt. Nach all den Jahren der unerträglichen Leere in meinem Herzen hatte ich das Recht auf etwas Lächerlichkeit.

Fröhlich raffte ich meine verwaisten Putzutensilien zusammen und beschloss, mich mal wieder liebevoll um meine Wohnung zu kümmern.

Womit ich schon wieder mit der Tradition brach, bis zum späten Nachmittag in meinem Bett zu liegen.

Gerade war ich mitten beim Fensterputzen, als ein besonders rockiges Lied begann. Es war unsauber, laut und wunderschön. Voller Euphorie schwang ich den Putzlappen. Während mir das Schmutzwasser die Arme hinunterlief, überlegte ich, ob ich die Scheiben überhaupt jemals geputzt hatte. Es war unglaublich, wie schön das ganze Wohnzimmer wirkte, als die Strahlen der Märzsonne ungehindert durch die Fenster fluten konnten.

Zufrieden betrachtete ich mein Werk, ehe ich mich entschloss, eine kleine Pause einzulegen und mich mit einer Flasche Bier auf den Balkon zurückzuziehen.

Die Luft war noch kalt, doch die Sonnenstrahlen waren kraftvoll genug, diese Kälte zu überbrücken. Ich schloss die Augen, reckte mein Gesicht dem Licht entgegen und lauschte auf die Klänge, die hinter mir aus meiner Wohnung drangen.

Es war ein ganz langsames Lied. So sanfte Klänge, begleitet von einer Stimme, die rau und sanft zugleich war, und kratziger wurde mit jedem dieser emotionalen Töne.

Jason sang von einem undefinierbaren Gefühl, das so plötzlich über einen kommt wie der Sommerregen. Etwas, das in uns schwelt und irgendwann einfach herausbricht und uns zum Explodieren bringt. Ein Gefühl, dass uns retten und zerstören kann.

Jeder Ton traf mich mitten ins Herz. Ich konnte kaum mehr atmen. Das Lied war genau, was sein Titel schon ankündigte: Unsagbar schön. Es drängte mich wieder, ihm zu schreiben.

Doch so schön seine letzten Worte auch gewesen waren, machten sie es mir schwer, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen, ohne aufdringlich zu wirken. Nur deshalb hatte ich Cindys Ratschlag, einige Tage mit einer Antwort zu warten, überhaupt beherzigen können. 

Hey Jason,

ich bin jetzt in der Lage über euch urteilen zu können. Ich habe mich mit allen CDs eingedeckt und bin süchtig! Ich habe sogar schon einen Lieblingssong. Ich frage mich, ob du ihn errätst?

Alles Liebe

Emma

Es dauerte bis spät in die Nacht, bis er mir antwortete. Ich lag gerade mit meinem Lieblingsbuch ins Bett gekuschelt, als ich die Nachricht bekam.

Meine liebe Emma,

ich hatte gar keinen Zweifel daran, dass es so kommen würde. Lass mich raten, dein Lieblingssong heißt „Unsagbar schön“ ;)

Jason

Es waren fünf CDs mit je fünfzehn bis zwanzig Songs. Und er hatte den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Ich starrte mit Herzrasen den Bildschirm an. Ehe ich mich versah, erschien schon die nächste Nachricht.

PS: Nein, ich stalke dich nicht ;) es ist nun einmal das gefühlvollste Lied und der Liebling der meisten Frauen.

Mein Hochgefühl fiel in sich zusammen. Er scherte mich also mit dem Rest seiner Frauenbekanntschaften über einen Kamm. Was sicher nicht wenige waren. Ich konnte mich nicht zurückhalten und antwortete, ehe ich mich eines Besseren belehren konnte. 

Du hast also meinen Nullachtfünfzehn-Geschmack erraten. Gratuliere.

Ich hatte kaum auf Senden gedrückt, da bereute ich es schon. Verzweifelt fluchte ich und vergrub mein Gesicht in den Händen. Ich wagte kaum aufzusehen, als die nächste Nachricht eintraf.

Willst du damit etwa sagen, dass das Lied nullachtfünfzehn ist??? ;) Ich wollte dich keinesfalls beleidigen! Ich verrate dir ein Geheimnis: Es ist auch mein Lieblingslied. Es entstand an einer Küste in Westirland und ist etwas ganz Besonderes für mich.

Jason

Dass er mir etwas so Persönliches preisgab, rührte mich. Er zeigte mir ein kleines Stück von dem Mann hinter dem Mikro. Sofort hatte ich das Bild von ihm vor Augen wie er auf einer zerfurchten Klippe stand, das Haar windzerzaust, den Blick aufs Meer hinaus gerichtet.

Der Song bedeutete ihm viel. Das hörte man. Was hatte er gefühlt, als er das Lied geschrieben hatte, dass mich so tief treffen konnte wie ein erster Kuss? Hatte er es für seine große Liebe geschrieben? Ob es zu weit ginge, ihn danach zu fragen?

Ich beschloss, es einfach zu wagen.

Jason,

Danke, dass du so resistent gegen meine Zickigkeit bist. Es ist kein Nullachtfünfzehn-Song. Eigentlich ist es für mich viel mehr als nur Musik. Alles in mir bewegt sich, wenn ich das Lied höre. Die Frau, für die du es geschrieben hast, muss unsagbar glücklich sein ;)

Emma

Wieder kam die Antwort innerhalb von Minuten. Ich hatte das Gefühl, dass ich seinen Kern geknackt hatte und jetzt auf sein wahres Wesen traf, wie auch immer ich das zustande gebracht haben mochte.

Wirklich geschickt, Emma. Wie du zu fragen versuchst, ob der Song für jemand Bestimmten ist, ohne es direkt zu fragen.

Die Antwort lautet: jein. Sie existiert nur in meiner Vorstellung. Ist das nicht bei jedem so? Ich hoffe, ich treffe irgendwann auf diese Frau, zu der ich sagen kann: Dieser Song ist für dich, Baby ;)

Eine Gänsehaut packte mich so heftig, dass es mich schüttelte. Sie lief mir den Rücken hinab, über meine Arme und Beine, direkt in meine Zehenspitzen. Konnte es sein, dass wir ähnlich fühlten?

Ich lag in meinem Bett und mir zitterten die Hände. Am liebsten hätte ich geschrieben: Ich bin es! Doch ich wusste, dass er es selbst spüren musste. Tat er das schon? War das der Grund dafür, dass er sich so oft meldete?

Mein Herz zitterte. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich legte das Telefon weg, ehe ich etwas komplett Dummes tat. Erst jetzt bemerkte ich, wie spät es war. Ich hatte das Gefühl, für den Rest meines Lebens nie wieder schlafen zu können.

Am Samstag darauf kam ich das erste Mal wieder dazu, überhaupt über diese schönen Nachrichten nachzudenken. Ich hatte eine Horrorwoche hinter mir. Bei Pharmamedia hatte es einen Systemabsturz gegeben, was zur Folge gehabt hatte, dass ich die ganze Woche am Telefon gehangen und Beschwerden oder Bestellungen von wütenden Kunden entgegennehmen musste, die mich persönlich für dieses Pech verantwortlich machen wollten.

Chris war – wie immer, wenn so etwas passierte – im Urlaub. Dabei wäre ich diese Woche froh darüber gewesen, ihn in meiner Nähe zu haben, denn dann hätte ich nicht den Kopf für den ganzen Schlamassel hinhalten müssen. Alex hatte mir wenig helfen können, da er alle Hände voll damit zu tun gehabt hatte, die Bestellungen der wütenden Kunden an die genervten Lieferanten weiterzuleiten.

Wir hatten uns die ganze Woche kaum gesehen, weshalb wir uns Freitagabend schändlicherweise fürs Kino verabredet hatten, woraufhin Sarah einen solchen Schmollanfall bekommen hatte, dass sie sich erst wieder beruhigte, als ich einwilligte, sie Samstagabend bei mir zu Hause willkommen zu heißen.

Seit Jasons letzter Nachricht hatte er sich nicht wieder gemeldet. Ich wusste nicht so recht, was ich schreiben sollte, weil ich nichts Interessantes zu sagen hatte und so kotzte ich mich einfach bei ihm aus.

Jason,

ich brauche deine Hilfe! Kannst du nicht einen Song über eine Horrorwoche schreiben, der mir das Gefühl gibt, von irgendeinem Menschen verstanden zu werden? Das Wochenende ist nicht besser! Denn soeben klingelt sich unerwünschter Besuch nach oben durch.

Verzweifelte Grüße

Emma

Ich gönnte mir die Zeit, das dritte und vierte Klingeln abzuwarten, ehe ich zur Tür ging und auf den Summer drückte. Kurze Zeit später erschien Sarah mit vier Flaschen Sekt in der Tür. Ich stöhnte innerlich auf, denn es schien ein langer Abend geplant zu sein.

„Schau mal, ich habe Feuerwasser mitgebracht“, begrüßte sie mich und fügte mit einem Blick auf meine Augenringe hinzu: „Wie siehst du denn aus?“

Ich ersparte mir die Energie weiterer Erklärungsversuche und schwieg, bis ich sichergehen konnte, dass meine Wut insoweit verraucht war, dass ich ihr nicht etwas an den Kopf warf, was eine ellenlange Diskussion nach sich gezogen hätte.

Zu meiner Beruhigung machte ich leise Green Lemon an, was sofort einen Kommentar von Sarah nach sich zog. „Was ist das denn?“

Es sprach wohl Bände, dass ich meiner besten Freundin noch nichts von der wohl wichtigsten Veränderung in meinem Leben erzählt hatte. Ich fragte mich, ob es jemals den richtigen Moment dafür geben würde. „Eine Band aus Dortmund. Ich habe sie Letztens in einer Bar um die Ecke gehört und fand sie gut.“

Sarah zog eine Braue nach oben, womit sie Alex so ähnlich sah, dass ich gelacht hätte, wenn mir danach gewesen wäre. „Mit wem warst du denn da?“

„Allein. Spontan nach der Arbeit“, erwiderte ich schulterzuckend.

Sie sah mich entgeistert an. Dieses Mal schien ihr zum Glück kein Kommentar dazu einzufallen. Stattdessen ließ sie sich auf meiner Couch nieder und begann, ohne Punkt und Komma zu reden. „Thomas ist so ein Blödmann! Er hat sich wie ein eifersüchtiger Trottel aufgeführt, weil ich mich heute Abend mit dir treffen wollte. Man hätte meinen können, ich hätte ein Date mit einem Kerl.“

„Aber warum bist du nicht bei ihm geblieben? Sarah, ich finde es nicht gut, wenn ihr wegen mir Streit habt. Ich bin sowieso durch den Wind“, stöhnte ich auf und bekam jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen, weil sie wegen mir Beziehungsprobleme hatten. In letzter Zeit schien ihre ganze Beziehung aus einem einzigen Problem zu bestehen.

„Soll das ein Rausschmiss sein?“, ging sie mich beleidigt an.

„Nein, ich meine nur, du musst keinen Streit riskieren, nur um zu mir zu kommen. Ich verstehe das, wenn er mehr Zeit mit dir verbringen will“, erwiderte ich erschöpft.

Sie winkte ärgerlich ab. „Wenn er sich wie ein Baby benehmen muss, ist das allein sein Problem. Bestellen wir uns eine Pizza?“

Sie wechselte so plötzlich das Thema, dass klar war, dass es mehr zu sagen gab, doch ich fragte nicht danach, sondern griff dankbar nach dem Strohhalm zur Flucht, den sie mir bot.

Eine Stunde später aßen wir wortkarg an unserer Pizza und kippten uns ein Glas nach dem anderen hinter die Binde, um den fehlenden Gesprächsstoff mit Alkohol zu kompensieren. Ich fragte mich, ob sie auch merkte, dass sich unsere Freundschaft mehr und mehr so wacklig anfühlte wie eine Liebesbeziehung, die kurz vor ihrem Ende stand.

„Ich bin kurz im Badezimmer“, verkündete sie nun.

Ich nutzte die Zeit, um hastig über den Browser meines Smartphones die Homepage von OwnMusic zu öffnen. Was mir das erste echte Lächeln des Tages entlockte.

Emma,

du musst anscheinend viel lernen über diese Welt. Lektion eins: Besuch, der dir keine Freude bereitet, hat in deiner Wohnung nichts zu verlieren! Bleib stark!

Jason

Als ich Sarahs Schritte hinter mir im Flur hörte, hatte ich gerade genug Zeit, die Nachricht zu schließen, da hatte sie sich schon neugierig über die Lehne der Couch gebeugt und spähte über meine Schulter auf das Handydisplay. „Wer ist Jason?“

Ich stöhnte innerlich auf. Nun gut, ich hatte es provoziert. „Ich habe ihn vor Kurzem im Internet kennengelernt.“

Ihre Reaktion konnte ich eins zu eins voraussehen. „Im Internet? Bist du schon so verzweifelt?“

„Es war nicht auf einem Partnerportal“, erwiderte ich aufgebracht und packte demonstrativ das Handy weg, ehe sie noch mehr herumschnüffeln konnte. „Wir haben uns einfach nett über Musik unterhalten.“

Ihre Brauen schossen in die Höhe. „Warum hast du mir nichts davon erzählt?“

„Weil ich genau wusste, dass du so reagieren würdest“, erwiderte ich.

„Seitdem hast du dieses dämliche Grinsen im Gesicht, oder?“, fragte sie abfällig.

Dieses Mal prallte ihre Bösartigkeit völlig an mir ab. Statt mich auf das Spielchen einzulassen, dachte ich daran, was Alex mir gesagt hatte. Inzwischen erschienen mir seine Worte immer einleuchtender. Sie war eifersüchtig. „Wie läuft es eigentlich mit Thomas? Ihr habt in letzter Zeit öfter Streit, oder?“

Sie ging sofort auf Konfrontationskurs. „Ja und? Das ist völlig normal in einer Beziehung, was du auch wüsstest, wenn du dir mal die Mühe gemacht hättest, eine durchzustehen.“

Das war ein Schlag unter die Gürtellinie und sie wusste es! Jasons Worte verliehen mir auf sagenhafte Weise eine neue, nie gekannte Stärke. „Du lenkst ab. Sonst rufst du mich doch auch an, um mir von euren Problemen zu erzählen. Meinst du nicht, du solltest sie lieber lösen?“

Sie ging in Verteidigungshaltung, als hätte ich sie angegriffen. „Auf was für einem Psychotrip bist du denn? Du willst doch nur von dir und diesem Jason ablenken!“

Da war vorerst nichts mehr zu machen. „Du hast recht, dass ich momentan nicht mit dir über ihn reden möchte. Wenn du gerade auch nicht reden willst, ist es vielleicht besser, wenn du gehst, ehe wir uns anschweigen.“

Ich sagte es freundlich, aber sie sah mich an, als hätte ich ihr einen Schlag ins Gesicht verpasst. Sie schien zu warten, dass ich meine Meinung änderte und mich für diese Ungeheuerlichkeit entschuldigte. Als das jedoch nicht geschah, schnaubte sie und verließ ohne ein weiteres Wort meine Wohnung.

Kapitel Neun

Als sie weg war, fielen mir tonnenweise Steine vom Herzen. Es war das erste Mal, dass ich mich nicht hatte von Sarah unterbuttern lassen. Und es war erstaunlich, wie gut ich mich damit fühlte.

Wie war es möglich, dass ein wildfremder Mensch mir das Selbstwertgefühl verlieh, das ich immer an mir vermisst hatte? Ich lernte mich mit jedem seiner Worte selbst besser kennen.

Immerhin zeigte er so viel Interesse, dass er mir zurückschrieb. Ich kannte ihn noch nicht gut genug, um sagen zu können, ob er das standardmäßig tat, weil er ein netter Mensch war. Oder ob es an mir lag.

Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich fuhr den Rechner hoch. Währenddessen schlenderte ich in die Küche und machte mir eine Tasse Kaffee und erwischte mich dabei, wie ich fröhlich vor mich hin pfiff, während ich begann, meinen restlichen Samstag für mich allein zu genießen.

Ich nahm mir ganz fest vor, mir von jetzt an mehr Zeit für mich selbst zu nehmen. Es war interessant, diese neue Unabhängigkeit in mir wachsen zu spüren. Fast war es so, als würde ich Schicht um Schicht eine Haut abstreifen, die mir noch nie wirklich gepasst hatte.

Jason,

danke für diese glorreiche Lektion. Ich habe deinen Rat sofort beherzigt und verdanke dir einen friedlichen Abend. Wie kommt es, dass du so klug bist?

Emma

Er antwortete innerhalb von Sekunden.

Vielleicht liegt es an dem inspirierenden Ort, an dem ich mich befinde ;) Ich bin gerade in Irland gelandet. Ich melde mich, sobald ich wieder zurück bin.

Damit ließ er mich in freudiger Überraschung in meiner Welt zurück. Er gab mir sein Wort, ohne dass ich darum gebeten hätte. Die Aussicht darauf, dass er das unsichtbare Band ebenso fühlen konnte wie ich, entfachte die Sehnsucht so hoch, dass es mich nach Luft ringen ließ. Ohne darüber nachzudenken, nahm ich eine Jacke vom Haken und ging in die eiskalte Nacht hinaus.

Ich bemerkte erst, dass ich Richtung der Bar ging, in der ich seine Stimme das erste Mal gehört hatte, als ich mich direkt vor ihr befand. Man merkte sofort, dass es Samstagabend war. Trotz ihrer Schäbigkeit war die Substanz zum Bersten gefüllt. Trotz der vielen Menschen stand Randy wieder allein am Tresen.

Wieder sah sie mich sofort, kaum dass ich eingetreten war und winkte mir fröhlich zu. Grinsend kämpfte ich mich durch das Gedränge zu dem einzig noch freien Hocker an der Bar, der nur auf mich zu warten schien.

„Hey, Georgie-Girl“, brüllte sie mir durch den beträchtlichen Lärmpegel entgegen, der mühelos das Radio übertönte.

„Hey, Randy, trinkst du wieder mit mir?“, begrüßte ich sie hoffnungsvoll.

„Oh nein, heute nicht. Hast du dich mal umgesehen?“, erwiderte sie und nickte bedeutungsvoll in den zum Bersten gefüllten Raum.

Ich schüttelte ungläubig mit dem Kopf. „Gut, dann nehme ich einen Mai Tai. Wie schaffst du das nur allein?“

„Das frage ich mich auch oft“, seufzte sie und brüllte zu einem Tisch hinter mir, während sie ein Tablett auf den Tresen knallte: „Holt euch eure Getränke gefälligst selbst ab und schiebt die Kohle rüber! Das hier ist kein Fünfsternelokal!“

Statt sich über den rüden Tonfall zu ärgern, kam einer der Jungs aus der Gruppe rüber, reichte das Tablett mit den Getränken zu seinem Tisch durch und schob Randy einige Scheine inklusive eines großzügigen Trinkgeldes über die Theke.

Als er wieder verschwunden war, stellte ich beeindruckt fest: „Du scheinst deine Gäste ja mächtig im Griff zu haben.“

Sie zuckte nur die Schulter. „That’s the business. Und nun erzähl schon. Du hast doch was auf dem Herzen.“

Ich fühlte mich ertappt. „Wie kannst du das denn wissen?“

Wieder ein Schulterzucken ihrerseits. „Alte Barkeeper-Krankheit, schätze ich. Also? Ich höre.“

Ich wusste, es wäre komplett verrückt, ihr von Jason zu erzählen. Ich kannte sie ja kaum. Doch genau das war der Punkt, warum ich mich schließlich überwand. Wenn sie mich für wahnsinnig erklärte, hatte ich nichts anderes zu tun, als das Lokal zu verlassen, nie wieder zu kommen und mir einzureden, dass sie eine dumme unsensible Kuh war.

Doch das war sie nicht. Von den drei Menschen, denen ich bisher von dieser Sache erzählt hatte, war sie mit Abstand die begeistertste und aufmerksamste Zuhörerin. Ich ließ nichts aus. Keine meiner Nachrichten. Keine seiner Nachrichten. Selbst von dem Bild an meiner Wohnzimmertür erzählte ich ihr.

Als ich geendet hatte, sah sie mich mit funkelnden Augen an. „Das klingt nach einem modernen Märchen.“

Ich sah sie an. „Hältst du mich nicht für irre?“

„Nein“, sagte sie mit funkelnden Augen. „Ich halte dich für mutig und brillant. Das hätte ich mich nie getraut.“

Ich lachte ungläubig auf. „Es gehört nicht viel dazu, im anonymen Internet eine Nachricht an jemanden zu schreiben.“

Sie legte den Kopf auf die Seite. „War es wirklich so einfach?“

Ich erinnerte mich an meine tausend Anfänge und die Furcht davor, ich selbst zu sein. Dann schüttelte ich langsam den Kopf.

„Siehst du“, sagte sie. „Und er hat dir geantwortet, selbst jetzt von Irland aus. Vielleicht ist das genau der Kerl, nach dem du dein Leben lang gesucht hast!“

Es war verrückt, so etwas von einem Menschen zu behaupten, den man noch nie gesehen hatte, aber Jason fehlte mir. Anstatt mich wie gewöhnlich mit Überstunden abzulenken, ging ich in dieser Woche konsequent jeden Tag pünktlich aus dem Büro. Das war für mich eine völlig neue und nicht unbedingt gern gesehene Erfahrung. Bereits am dritten Tag sprach Chris mich auf meine sinkende Arbeitsmoral an. Es war mir gleich.

Ich nahm mir die Feierabende bewusst Zeit für mich selbst. Dienstag entschloss ich mich nach der Arbeit zu einem kleinen Spaziergang im Dunkeln, den ich überraschenderweise sehr genoss und mir gleich vornahm, ihn am Wochenende am Tag zu wiederholen.

Sarah meldete sich bis Donnerstag nicht bei mir. Als sie schließlich anrief, tat sie, als wäre nichts gewesen. Sie fragte mich, worauf ich am Freitag Lust hätte. Als ich ihr ehrlich sagte, dass ich Freitag und das Wochenende nur für mich allein genießen wollte, war sie alles andere als begeistert.

Als sie aufgelegt hatte, hielt mein schlechtes Gewissen ihr gegenüber nur so lange an, bis der Freitagabend gekommen war. Ich saß bei Chips und Cola in meine Kuscheldecke eingehüllt auf der Couch und sah mir meine alten Lieblingsfilme an. Dabei fühlte ich mich wie der glücklichste Mensch der Welt.

Am nächsten Morgen gönnte ich mir ein ausschweifendes Frühstück, bestehend aus Rührei, Früchtejoghurt und Kaffee. Sachen, die ich am Vorabend im Spätkauf um die Ecke besorgt und in meinen verwaisten Kühlschrank gelegt hatte. Den Rest des ungewöhnlich warmen Märztages verbrachte ich im Stötteritzer Wäldchen, wo ich auf einer Bank die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres genoss.

Den Sonntag verbrachte ich mit Hausputz und Wellness, indem ich erst meine Wohnung und schließlich mich selbst generalüberholte.

Ehe sich das erste mulmige Gefühl wegen Jasons Abwesenheit regen konnte, erhielt ich Montagabend seine nächste Nachricht. Zufälligerweise hatte ich gerade den PC hochgefahren, um meine Steuererklärung fertigzumachen. Da man auf OwnMusic seine Lieblingsplaylists abspielen konnte, hatte ich die Seite ebenfalls offen und bemerkte die Nachricht sofort.

Hey Emma,

entschuldige mein fluchtartiges Abtauchen, aber der Empfang außerhalb Dublins war grässlich. Ich hoffe, du hast Regel Nummer eins weiter artig befolgt.

Alles Liebe

Jason

Ein Lächeln flog über mein Gesicht und erwärmte meine Züge. Ich kostete das Gefühl, das er in meinem Bauch entfachte einige Minuten aus, ehe ich antwortete.

Hi Jason,

du kannst stolz auf mich sein, das habe ich! Wie war es in Irland? Erzähl!

Emma

In seiner nächsten Nachricht beschrieb er die Dinge, die er auf der grünen Insel erlebt hatte, derart detailliert und begeistert, dass sich die Bilder der Orte unwiderruflich in meinen Kopf einbrannten. Ich stellte mir vor, wie er die Pubs in Dublin unsicher machte. Wie er sich an der Liffey sonnte und stundenlang über die endlos grünen Felder ging und sich dabei neue Melodien in seinem Kopf formten. Ich sah fast schon vor mir, wie seine Musik sich kontinuierlich in jeder Ecke dieses Landes festsetzte.

Dabei stieg mein alter Traum vom Reisen in ferne Länder so stark in mir auf, dass ich ihn nicht mehr in den hintersten Winkel meines Hirns verdrängen konnte. In meinem Geist erblühte eine Idee und nahm mit jedem Atemzug mehr und mehr Gestalt an.

Seltsam, dass einem Dinge, die man sich sein Leben lang erträumt hat, kurz vor ihrer Verwirklichung so gewagt und verrückt erschienen. Weil die meisten von uns nie gelernt haben, sich im Leben das zu holen, was ihnen zusteht. Man ängstigt sich vor der Intensität der unbekannten Gefühle, die ein wahrgewordener Traum mit sich bringt.

Warum sollte ich nicht klein anfangen? Zum Beispiel mit einem Kurztrip? Ich hatte so viele Überstunden angesammelt, dass ich mir beruhigt mal einen Freitag freinehmen konnte. Je intensiver ich darüber nachdachte, desto mehr freundete ich mich mit der Idee an. Ehe ich mich versah, tippte ich gedankenverloren zurück.

Ich denke gerade über einen Wochenendtrip dorthin nach.

Als ich diese Worte abgeschickt hatte, begann mein Herz zu hüpfen, weil ich spürte, dass ich es wirklich tun würde.

Jasons Antwort war ein Link, der mich zur Homepage eines irischen Gehöfts führte. Die Startseite zeigte ein großes Gebäude aus Holz, das auf einem weitläufigen, mit groben Steinen gepflasterten Hof stand. Daran grenzten verschiedene Stallungen sowie eine weitläufige Weide, die an Feenhügel und alte Schätze erinnerte. Ich war sofort Feuer und Flamme, während ich die neuen Bilder mit den Erlebnissen verknüpfte, die Jason mir bereits geschildert hatte.

Während ich mir die Bilder der einzelnen Zimmer ansah, konnte ich mir gut vorstellen, wie er mit seiner Gitarre vor dem Kamin saß und die romantisch veranlagten Iren bezauberte.

Wenn mich gestern jemand nach meinem nächsten Reiseziel gefragt hätte, so hätte ich sicher alles bis auf Irland genannt. Doch nun mit seinen bildhaften Schilderungen eines Landes, wo jedes Haus ein Zuhause ist, hatte die Insel einen nie dagewesenen Reiz für mich gewonnen.

Der Klang einer neuen Nachricht riss mich aus meinen Träumereien. Ich switchte zum Chat zurück und riss die Augen auf.

Tu das unbedingt, Emma! Du kommst mir vor wie jemand, der sich nicht oft etwas Schönes gönnt. Dabei spüre ich so einen Hunger auf das Leben in dir! Der Moment ist jetzt und er kommt nie wieder! Der Link führt dich auf die Homepage der Familie, bei der wir Unterschlupf gefunden haben. Wenn du wirklich wissen willst, wie gastfreundlich die Iren sind, gibt es keine bessere Adresse für dich. Wenn du möchtest, kann ich etwas für dich arrangieren. Wann willst du hin?

Vor Erstaunen flog meine Hand vor meinen offen stehenden Mund. Er wollte ein Zimmer für mich buchen?

Das würdest du tun? Wäre nächsten Freitag zu früh?

Emma

Mit klopfenden Herzen wartete ich auf seine Antwort. Er ließ sich nicht lange bitten. Innerhalb von zehn Minuten sendete er mir schon die schriftliche Zusage im Anhang mit den Worten:

Nächsten Freitag ist perfekt =)

Jason

Kapitel Zehn

„Wie bitte? Du verreist?“, fragte Alex mit großen Augen, als ich ihm am darauffolgenden Morgen mitteilte, dass er mich Freitag vertreten musste.

Ich nickte strahlend. „Donnerstagabend geht mein Flieger.“

„Dein Flieger? Für vier Tage? Wohin fliegst du, wenn ich fragen darf?“ Er wirkte so schockiert, dass er mir leidtat. Gleichzeitig amüsierte ich mich köstlich über seine schockierte Überraschung.

„Nach Irland. Es war eine spontane Eingebung, wenn man so will.“

Er blinzelte verwirrt. „Wie kommst du denn auf Irland? Soweit ich mich erinnern kann, hast du noch nie erwähnt, dorthin zu wollen.“

„Das wollte ich bisher auch nicht“, erwiderte ich ehrlich. Mir war klar, dass ich mit meinen Worten noch so lange um die Wahrheit herumtanzen konnte – irgendwann würde ich sie ihm erzählen müssen.

„Und woher der plötzliche Sinneswandel?“, bohrte er weiter.

Da platzte es unvermittelt aus mir heraus: „Jason war vor Kurzem dort. Als er mir beschrieben hat, wie schön alles war, kam in mir der Wunsch auf, mir das Land mit eigenen Augen anzusehen.“

„Ich verstehe nur Bahnhof. Ist Jason nicht der Typ aus dieser Rockband?“, fragte er verwirrt.

„Genau“, erwiderte ich. „Er hat mir tatsächlich geantwortet. Wir schreiben seit zwei Wochen sporadisch.“

Er fuhr sich durchs Haar, wie er es immer tat, wenn er überfordert war und nachdachte. „Wow. Ich hätte angenommen, dass du mir davon erzählst.“

Was sollte ich darauf antworten? Ich konnte schlecht damit argumentieren, dass sich keine Gelegenheit dazu ergeben hätte, schließlich arbeiteten wir Tür an Tür. Er war immer noch mein Ex-Freund und es hatte mich schon geärgert, ihm überhaupt von Jason vorgeschwärmt zu haben.

Wie immer schien Alex meine Gedanken zu lesen. „Daher weht der Wind. Das ist doch nun schon über zwei Jahre her, Georgie.“

„Ich habe dir genug wehgetan“, murmelte ich.

„Jetzt hör aber auf. Wir haben beide gelitten und umso mehr freue ich mich, wenn wir beide auf dem Weg der Genesung sind. Trotzdem verstehe ich nicht ganz, was das mit deiner Reise nach Irland zu tun hat.“

„Er war dort und hat mir so viel darüber erzählt, dass ich mir richtig gut vorstellen konnte wie es wäre, selbst die Straßen entlangzugehen“, erwiderte ich und lachte. „Er hat mir einen richtigen Schubs gegeben. Auf seine Fragen gibt es einfach kein Nein.“

Darauf schwieg Alex, sein Lächeln war verschwunden.

„Was ist?“, fragte ich erschrocken.

„Nun“, erwiderte er. „Schon komisch, denn ich habe dich jahrelang versucht dazu zu bewegen.“

„Ich weiß auch nicht“, murmelte ich. „Alles, was er sagt, hat für mich ein ganz anderes Gewicht. Es ist, als würde er Schicht um Schicht meinen wahren Kern enthüllen.“

Ich hatte definitiv etwas Falsches gesagt, die Stimmung im Raum kippte augenblicklich. „Georgie, der Mann kennt dich doch gar nicht.“

„Du verstehst das nicht“, erwiderte ich verzweifelt.

Noch ehe ich mich erklären konnte, fuhr Alex auf und eine unterdrückte Wut brach aus ihm heraus, die ich vorher nie an ihm bemerkt hatte. „Verzeih mir, dass ich nicht verstehe, dass du bei ihm Worte für eine Offenbarung hältst, die ich dir seit zwei Jahren predige. Verzeih mir, dass ich nicht verstehe, dass er Gefühle in dir auslöst, ohne mehr zu tun als zu existieren. Ich habe dir sechs Jahre lang mein Herz vor die Füße gelegt, ohne dass du mir deines auch nur gezeigt hättest. Und nun reißt du es dir aus der Brust und wirfst es einem Fremden hinterher!“

Er war mit jedem Wort lauter geworden, bis er schließlich geschrien hatte. Schockiert sahen wir einander an. Nie zuvor war er so schonungslos ehrlich mit mir umgesprungen, nicht einmal kurz nach der Trennung. Das zeigte mir wie verletzt er war. „Alex.“

„Nein“, bat er und kniff die Augen zusammen, offensichtlich selbst schockiert von einem Schmerz, den er überwunden geglaubt hatte. „Entschuldige. Ich bin wohl doch im Moment nicht der richtige Gesprächspartner für dich. Ich übernehme deine Vertretung. Viel Spaß in Irland, Georgie.“

Und dann war er aus dem Raum, ehe ich Zeit für eine Erwiderung fand.

Am Nachmittag schaute ich auf dem Nachhauseweg in der Substanz vorbei und erzählte Randy die ganze Geschichte.

„Ach, Georgie. Ist das nicht offensichtlich? Der Kerl ist furchtbar eifersüchtig. Da verhält man sich oftmals irrational.“

„Ich weiß nicht, was ich tun kann, dass er sich endlich entliebt“, klagte ich verzweifelt.

„Da kannst du gar nichts tun. Das muss er schon allein schaffen. Freu dich auf deinen Irland-Trip“, erwiderte sie.

„Findest du das verrückt?“, fragte ich angstvoll.

Sie hob eine Braue. „Dass du endlich anfängst, dein Leben zu leben? Ich fände es verrückt, wenn du es nicht tätest. Jeder Mensch braucht einen anderen Tritt, um in die Gänge zu kommen. Bei dir war es eben Jason. Es gibt so viele Arten von Liebe. Frauen, die sich schlagen lassen und ihre Männer nach wie vor lieben. Betrogene Ehemänner, die ihre Frau dennoch nicht verlassen. Das alles scheint normaler zu sein, als sich in einen Wildfremden zu verlieben. Aber wenn du es dir genau überlegst, sind wir zuerst alle Fremde.“

Ich sah in mein Glas auf die aufgewühlte Oberfläche der goldenen Flüssigkeit. „Da hast du recht. Randy, die Menschen, die mir so nahestehen, haben mir das nicht so klargemacht wie du.“

„Weil sie denken, dass sie dich kennen“, erwiderte sie schulterzuckend. „Das ist immer so. Sie glauben, deine Reaktionen voraussehen zu können, noch ehe du es selbst kannst. Aber das tun sie nur aus Sorge.“

„Deine unbesorgten Ratschläge helfen mir viel mehr“, murmelte ich.

Sie grinste und schenkte mir Whiskey nach. „Nicht zu vergessen meine ganz speziellen Erfrischungen.“

Als ich zu Hause ankam, war ich wieder genauso guter Laune wie am Morgen, als ich meine Wohnung verlassen hatte. Voller Optimismus setzte ich mich an meinen PC und begann eine Checkliste für meinen Wochenendtrip zu erarbeiten. Dabei musste ich berücksichtigen, dass in meinem Flugticket nur Handgepäck enthalten war und ich darum nur mit Rucksack reisen konnte.

Natürlich hätte ich gut und gerne einen Hunderter für einen Koffer drauflegen können, doch ich war mir sicher, dass ein Rucksack für drei Tage genügte. Zudem wirkte das wesentlich abenteuerlicher.

Bei Wetter.com erfuhr ich, dass das Wetter am kommenden Wochenende rund um Dublin kühl und windig sein würde, weshalb ich mir für Donnerstagabend Pulli, Regenschirm und Stiefel zurechtlegte. Was ich bereits am Körper trug, musste nicht ins Handgepäck, darum legte ich gleich zwei Paar Socken dazu.

Ich verbrachte gute zwei Stunden damit, meinen Rucksack aus und wieder einzupacken. Dabei spannte der Stoff so sehr, dass der Reißverschluss drohte, nachzugeben und alles wieder auszuspucken. Ich beschloss, es dabei zu belassen und auf das Beste zu hoffen.

Ich verbrachte den Abend damit, mir bei Googelmaps die Umgebung der Ranch umzusehen, auf der ich übernachten würde. Weite über Weite. Dennoch war es nur ein Katzensprung bis ins aufregende Dublin. Auch hier ging ich schon virtuell durch die Straßen, sah mir die Plätze an, von denen Jason erzählt hatte und stellte mir vor, bald selbst dort zu sein. Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da kam seine Nachricht.

Na, Emma. Schon aufgeregt?

Lächelnd tippte ich zurück.

Und wie! Ich werde kein Auge mehr zubekommen bis es endlich soweit ist. Eigentlich ist es nichts Besonderes und es beschämt mich, dass ich noch nichts von der Welt gesehen habe, wo ich doch immer so große Pläne geschmiedet habe. Ich wette, dir entlockt das alles kein Bauchkribbeln mehr.

Nachricht für Nachricht las ich mit immer größerer Begierde, gab er doch mehr und mehr von sich preis. Es war kein oberflächliches Geplänkel mehr. Ich erfuhr immer mehr von dem Menschen hinter den Worten. Und das faszinierte mich ungemein.

Emma, ich finde es klasse, wie du fühlst. Du hast recht damit, dass ich viel in der Welt herumkomme, doch ich bin jedes Mal wieder positiv aufgeregt. Die Erfahrungen, die man macht, sind ja immer andere. Es sind immer andere überraschend tolle Begegnungen dabei.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878988
ISBN (Buch)
9783960872610
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505050
Schlagworte
Liebe-s-roman-e New-Young-Adult-Liebe-s-roman-c-e Romanti-k-sch-e-roman-e Rock-Pop-star-liebe-s-roman-e Reise-n-roman-e Urlaub-s-liebe-s-roman-e Sommer-Liebe-s-roman-e

Autor

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    Jo Jonson (Autor)

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Titel: Right for Love