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Lachen, liken, lieben

von Jaromir Konecny (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nach einem schweren Schicksalsschlag versucht die 17-jährige Lia, ihr Lachen wiederzufinden. Ihre besten Freundinnen helfen ihr dabei und sogar Jayden, der Schwarm der Schule interessiert sich auf einmal für sie. Mit seiner Clique treten die Mädels in einen Lach-Wettkampf: Wessen Pranks kommen auf YouTube besser an? Dabei muss Lia in Kauf nehmen, dass auch ihr Erzfeind Louis mitspielt. Doch als die Streiche zu eskalieren drohen, merkt Lia, dass es nicht nur auf Likes und das Lachen um jeden Preis ankommt und Louis vielleicht ganz anders ist, als sie denkt …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe November 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-706-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-944-2

Covergestaltung: Buchgewand
Unter Verwendung von Motiven von
© solomon7/shutterstock.com, © Halay Alex/shutterstock.com und © Paul shuang/shutterstock.com
Lektorat: Lektorat Reim

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Motto:

Manchmal gewinnst du, obwohl du verloren hast.

A practical joke (prank) is a mischievous trick played on someone, generally causing the victim to experience embarrassment, perplexity, confusion or discomfort. […] Practical jokes differ from confidence tricks or hoaxes in that the victim finds out, or is let in on the joke, rather than being talked into handing over money or other valuables. Practical jokes are generally lighthearted and without lasting impact; their purpose is to make the victim feel humbled or foolish, but not victimized or humiliated. However, practical jokes performed with cruelty can constitute bullying, whose intent is to harass or exclude rather than reinforce social bonds through ritual humbling.

wikipedia

Am Anfang war ein Liebesbrief

Nein! Quatsch! Am Anfang war Jayden. Ich habe ihn gesehen und war verloren wie Gretel im Wald. Durch meinen Bauch flogen Flugzeuge, ich schlief nicht, ich riss an Mamas Blumen auf unserem Balkon die Blütenblätter ab: Liebte er mich, liebte er mich nicht? … Bescheuerte Fragen. Warum sollte Jayden mich lieben? Ich war Luft für ihn.

Die Gedanken an Jayden halfen mir aber, Felix aus meinem Kopf zu verdrängen. Ich schrieb an Jayden einen Liebesbrief. Klar traute ich mich nicht, ihm den Brief zukommen zu lassen. An jedem Abend, schon im Bett, las ich ihn und musste heulen – so traurig war mein Brief. Lia, das hast du wunderschön geschrieben!, flüsterte ich und weinte weiter. Das Heulen hatte ich wegen Felix gut drauf.

Eines nachmittags hockte ich mit meiner besten Freundin Emma in der San Francisco Coffee Company. Jede einen gut gezuckerten Gingerbread Caffe Latte vor sich auf dem Tisch. Emma und ich haben keine Geheimnisse voreinander. Sie versteht mich, ich verstehe sie. Ich holte aus meinem Rucksack den Liebesbrief hervor. Das Papier schon voll mit Wasserschäden.

Auch jetzt beim Vorlesen musste ich mich zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Immer wieder hob ich den Blick vom Blatt, guckte Emma an, ob sie auch schon weinte. Doch Emma presste ganz komisch die Lippen zusammen. Als ob ihr die Zunge davonlaufen mochte und sie es mit aller Kraft verhindern wollte.

Und plötzlich, etwa nach zwei Dritteln meines wundertraurigen Briefs, explodierte Emma. Sie heulte vor Lachen. Hey! Was machte sie da? Vor Lachen war ihr Körper nach vorne geschnellt, sie kringelte sich wie ein Baby im Bauch und stieß an den Tisch. In letzter Sekunde ließ ich den Brief fallen und nahm schnell die Tassen hoch, um unsere dicksüßen Gingerbread Caffe Lattes zu retten.

„Was soll das?“, sagte ich. „Du lachst mich aus?“

„Sorry, Sweety!“, keuchte Emma und kreischte wieder auf vor Lachen. Zum ersten Mal seit einem Dreivierteljahr. Nach dem Unfall von Felix haben wir nicht mehr gelacht. Vielleicht brauchte Emma das. Warum nicht? War am Ende dieser erste Lachanfall der Schmetterling, der mit seinem Flügelschlag diese ganze Geschichte in Gang setzte?

„Jayden kannst du vergessen“, sagte Emma, als sie auslachte. „Zu große Konkurrenz.“

Da hatte sie recht. Hinter Jayden waren alle Mädchen unserer Schule her. Trotzdem lief ich in der großen Pause im Schulhof ganz unauffällig vor ihm und seiner Clique hin und her. Wie in Gedanken versunken. Den Schnürsenkel an meinem linken Nike aufgeschnürt. Tagträumend. Gleich würde Jayden rufen: „Lia! Dein Schnürsenkel ist auf.“ Und SCHWUPP! Ein lockeres Gespräch und schon war die romantischste Liebesgeschichte aller Zeiten angebandelt: Jayden und Lia.

Doch nur unser Klassenlehrer Blume ging mir in die Falle. „Lia! Ist das jetzt eine neue Mode, oder was?“

„Häää?“

„Du hast ständig den linken Schnürsenkel auf.“

„Könnten Sie mir den zubinden?“, fragte ich Blume kokett.

„Waaas?“

„Äääh, nichts … ja, das trägt man jetzt so.“

Hanna aus der Fünften hatte es mitbekommen. Nächste Woche trugen alle Mädels aus der Fünften am linken Schuh den Schnürsenkel offen.

Das Rennen um Jayden hatte schließlich Annika gemacht. Unser YouTube-Star. Klar himmelte ich Jayden weiter an. So wie die anderen Mädchen in der Schule. Aber aus Entfernung. Ich musste einfach akzeptieren: So wie ich aussah, hatte ich bei Jayden keine Chance.

Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass ich mit Jayden bald ein Spiel auf Leben und Tod spielen würde. Noch in diesem Schuljahr.

Von Torten und Tränen

Die große Schokotorte mit den siebzehn brennenden Kerzen machte einen halben Salto. Und landete auf dem Teppich: PATSCH! Torten fallen immer auf die leckere Seite. So wie Brote auf die Marmeladeseite.

„Ich wusste, dass das passieren würde“, jammerte meine Mutter. Sie stand mit dem leeren Tablett am Tisch. Die Torte hockte auf dem braunen Teppich wie ein Maulwurfhügel.

„Uns geht’s nicht gut“, klagte Papa. „Uns geht’s überhaupt nicht gut!“

Das stimmte. Wir heulten uns nur an. Vor einem Dreivierteljahr war beim Skaten mein kleiner Bruder Felix umgekommen. Es tat immer noch weh. Verdammt weh. So weh, dass wir uns ein Leben ohne diesen Schmerz nicht mehr vorstellen konnten. Mama versalzte ständig ihre Suppen, sicher mit Tränen.

Die Wohnzimmertür flog auf: Tante Rosa. Sie sah meine Mutter an, die Torte auf dem Boden, und explodierte vor Lachen. Wie Emma vor drei Monaten, als ich ihr meinen Liebesbrief an Jayden vorlas. Die Lachanfälle in meiner Umgebung mehrten sich.

Emmas Lachanfall hatte mich noch durcheinandergebracht. Tante Rosa beneidete ich aber darum. Felix hatte doch so gern gelacht. Wär’s nicht für uns alle besser, lachend um ihn zu trauern? Worüber sollte ich aber lachen? Geburtstagstorten schmiss meine Mutter höchstens einmal im Jahr auf den Boden. Als Felix noch lebte, zweimal.

Ich kniete mich hin und gabelte vom Teppich ein ordentliches Stück Schoko auf meinen Teller. „Alles Gute zu deinem siebzehnten Geburtstag, Lia“, sagte ich laut zu mir selbst.

„Aber Lia!“, sagte meine Mutter. Ich sah auf. Meine Eltern starrten mich verdutzt an. Und auf einmal musste ich auch lachen. Zum ersten Mal nach fast einem Jahr. Zusammen mit Rosa. Das tat gut!

 

***

 

„Wie bringe ich mich zum Lachen?“, tippte ich am Abend bei Google ein.

„Mit Humor!“, antwortete Google. Idiot!

Doch in einem Blog erfuhr ich etwas Wichtiges: künstliches Lächeln macht uns gesünder und glücklicher als keins. Dieses Erste meiner Lachgebote meißelte ich sofort auf Lias Lachtafel in meinem Kopf:

Das erste Lachgebot

Lache, auch wenn’s nichts zum Lachen gibt!

Zehn Lachgebote müssten es schon werden. Das Erste übte ich sofort ein. Ich stellte mich vor den Spiegel und versuchte, mein schönstes Lächeln hervorzuzaubern. Das Lächeln musste zu meinem langen hellblonden Haar passen und durfte nicht meine kleine Nase großmachen: GRINS, GRINS.

 

***

 

Hübsch bin ich nicht, eher der untere Rand vom Durchschnitt. So dachte ich. Ich hatte auch Gründe dafür. Noch jetzt mit siebzehn erinnerte ich mich gut an mein Erlebnis im Kaufmarkt – als frischgebackene Abc-Schützin.

 

***

 

Damals stand ich mit Mama an der Kasse. Unser Einkaufswagen voll. Wenn ich jetzt die Augen zumachte, sah ich immer noch die braune Kakaopackung von Van Houten, die aus Mamas Warenberg ragte wie der Wilde Kaiser aus dem Kaisergebirge. Dorthin fuhren wir jedes Jahr zum Skifahren.

Meine Mama hatte mir in der ersten Klasse sehr kurzes Haar verordnet. Warum? Im Kindergarten hatte ich mir alle zwei Wochen Läuse eingefangen. Mama stöhnte immer, wenn sie mein Haar dursuchte: „Du hast wieder Läuse, Lia!“

Sie musste mein Haar mit einem Spezialshampoo behandeln, mich stundenlang kämmen und nach Nissen suchen. Ich freute mich auf das Kämmen – ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als wenn jemand dein langes Haar kämmt. Doch Mama jammerte, dass die Läuse ihre ganze Freizeit fressen würden. In den Ferien vor der ersten Klasse hatte sie mich überredet, mir die Haare schneiden zu lassen.

Damals im Kaufmarkt stand eine Frau vor uns in der Schlange. Ungefähr so alt wie meine Mama, nur hässlich – ein Gesicht ohne Lächeln. Die Frau starrte mich lange an. Musterte meinen Igelschnitt.

„Wie heißt der Junge?“, fragte sie.

„Das ist kein Junge!“, sagte Mama. „Lia ist ein Mädchen. Das sieht doch jeder!“

Da lachte die Frau. Gerade als ich mich zu heulen anschickte. Bis dahin hatte ich solches Lachen nur in Zeichentrickfilmen erlebt. Wenn die böse Hexe Hänsel mästete wie ein Ferkel, lachte sie genau so.

„He, he, he … so sieht doch kein Mädchen aus!“ Sie drehte sich zu den anderen Leuten in der Schlange. „Schauen Sie!“ Sie zeigte mit ihrem langen Zeigefinger auf mich, der mir wie eine Kralle vorkam. „Ist das kein Junge?“ Ich heulte doch nicht, starrte die ganze Zeit auf die Kakao-Packung.

Im Auto erklärte Mama mir die ganze Fahrt hindurch, dass es auf der Welt auch kranke Menschen gäbe. „Die Frau wollte nur verletzten. Weil sie sicher selbst Probleme hat.“ Ich nickte nur. Meine Augen brannten, weinen würde ich aber nicht. Das nahm ich mir damals vor.

Seitdem hatte ich mir das Haar nicht mehr kurz schneiden lassen. Zum Glück hat es in der Grundschule keine Läuse mehr gegeben.

 

***

 

Jetzt mit siebzehn hielt mich niemand mehr für einen Jungen. Trotzdem wusste ich, besonders hübsch war ich nicht. Auch wenn Emma mir öfter sagte, ich sei hübsch. Kannst du das aber deiner besten Freundin glauben? Nö! So wie ich Emma kenne, würde sie mir nie sagen, ich sei nicht schön.

Ich konzentrierte mich wieder auf den Spiegel, und plötzlich tauchte dort mein hübschestes Lächeln auf: die erste Blume, die den Frühling ankündigte. Auch wenn man mich einmal für einen Jungen gehalten hatte, dieses Lächeln war ganz hübsch. Das wusste ich. Ab jetzt würde ich dieses Lächeln immer tragen – wie meine Sommersprossen.

Im Bett suchte ich im Tablet nach weiteren Lachgeboten, fand aber nur noch den Schlaf.

Mein größter Feind

Beim Frühstück grinste ich Mama so lange an, bis sie auch zurückgrinste. Kann aber sein, dass sie nur eine gequälte Miene schnitt. Zwischen Lachen und Heulen sind die Grenzen fließend. Große Gefühle!

 

***

 

PIEP! Meine Freundin Emma schrieb mich per WhatsApp an: „Bist du schon wach, Sweety? 15 Uhr am Chinesischen Turm, okay?“ Dabei ein Foto ihrer Beine in knallroten langen Strümpfen, wie sie in der Luft ein V machten. Ein Bein-Selfie! O Gott! Aber sie hat hübsche Beine! Sicher vom Stretchen und Kicken. Emma macht Thai-Boxen. Ich jogge. Ja, ich weiß: Zu jung zum Joggen. Doch zu alt zum Rumtoben auf dem Spielplatz. Ich fühle mich immer gut, nachdem ich gejoggt bin. Deswegen jogge ich.

Ich guckte bei Instagram nach – klar hatte Emma das Bild auch dort gepostet. Ein „V“ aus rot bestrümpften Beinen – das Victory-Zeichen für das heutige Spiel. Die Jungs aus unserer Klasse sollten im Englischen Garten gegen die Parallelklasse 11b kicken, die NAWI-Klasse. Aber erst um 15 Uhr.

Sollte ich bis dahin in unserer Wohnung rumsitzen? In der lachfreien Zone? Keine Lust! Gleich nach dem Mittagessen radelte ich aus Haidhausen entlang der Isar Richtung Norden. Die Sonne lachte. Ich lächelte. Künstlich, aber von ganzem Herzen – ich wollte glauben, dass das Lächeln was brachte.

Im Englischen Garten fuhr ich Slalom zwischen den Joggern. Vor allem Frauen. So viele Jogger wie heute hatten mich noch nie angelächelt. Aha! Die joggenden Frauen lächelten einfach zurück – weil ich lächelte. Und so erfand ich das zweite Lachgebot:

Das zweite Lachgebot

Lächle, und es wird zurückgelächelt!

Noch acht Lachgebote. Ich war neugierig, wie’s weiterging.

 

***

 

Im Englischen Garten hockte ich mich auf eine Bank unter einem großen Laubbaum am Fußgängerweg zum Chinesischen Turm. Die Sonne spazierte über den Rasen. Goldglitzer tobte in der Baumkrone über mir. Nicht lustig, aber schön.

Sollte ich etwas lesen? Nööö … Zu viele Gedanken im Kopf. Lieber guckte ich mir bei YouTube lustige Videos an.

Bei dem Shampooing People Prank duschst du dich unter einer offenen Dusche an einem Strand oder wo auch immer, tust dir etwas Shampoo ins Haar, reibst es hinein. Das Shampoo schäumt, Wasser prasselt dir auf den Kopf. Wenn das Shampoo ausgespült ist, schleicht sich jemand von hinten an dich heran und spritzt dir eine zusätzliche Ladung Shampoo ins Haar. Selbstverständlich von dir unbeobachtet. Und immer wieder. Obwohl du schon seit einer Ewigkeit unter der Dusche stehst und spülst, schäumt das Haar. Bis du ausflippst. Die Pranker lachen sich über dich schlapp. Und dann bei YouTube die ganze Welt. Der Prank wurde mit einer versteckten Kamera festgehalten.

War das wirklich echt? Wussten die Duschenden nichts davon?

Ach, egal! Echt oder nicht. Hauptsache, ich musste lachen. Waren YouTuber ständig auf der Jagd nach lustigen Geschichten? Wäre das auch etwas für mich?

Hin und wieder blickte ich vom Tablet auf. Vielleicht würden die Mädels auch früher kommen. Ich machte WhatsApp auf und tippte an Emma: „Bin schon im Englischen Garten, Süße!“

Emma meldete sich aber nicht. Auch keine meiner anderen Freundinnen tauchte im Park auf, nur mein Erzfeind – der einzige Junge in der Schule, wegen dem ich vor einem Jahr nur noch hatte sterben wollen: Louis!

 

***

 

In der Zehnten hatte Louis mich vor der ganzen Schule lächerlich gemacht. Damals waren wir noch in derselben Klasse.

In der Pause war er zu meiner Bank gekommen. „Hey, Lia! Ein Fernsehteam möchte eine Schülerin für eine Serie casten. Das Ding soll auf den Kanarischen Inseln gedreht werden. Der Schulleiter hat dich empfohlen. Du sollst ins Lehrerzimmer kommen.“

Klar bin ich blöde Nuss ins Lehrerzimmer gelaufen. Die Lehrer dort starrten mich nur dumm an, als ich nach dem Fernsehteam und den Kanarischen Inseln fragte. Auch einige Schüler waren dabei. Wochenlang hat die ganze Schule über mich gelacht.

Vor allem die Jungs hatten mich mit ihren Sprüchen verfolgt. Ich fragte mich nur, warum? Warum machten sie mich so fertig? Den Grund dafür sollte ich erst ein Jahr später erfahren. Im Laufe dieser Geschichte. Komisch, wie unwissend wir manchmal durchs Leben gehen.

Damals habe ich meine Eltern angefleht, mich in eine andere Schule zu stecken. Drei Monate später war Felix gestorben, und meine Mitschüler hörten auf, über mich zu lachen.

Die lustige Seite der Dinge

Louis mochte ich immer noch nicht. Zum Glück wechselte er nach der Zehnten in die naturwissenschaftliche Klasse, war jetzt also in der 11b, während ich in der 11a saß. Wenn ich nur daran dachte, ich und Louis wären in derselben Klasse, bekam ich Herzrasen.

Jetzt radelte Louis langsam auf meine Bank zu. Freihändig. Hellbraunes Haar, wuschelig. Manche Frisuren der Jungs schauten wie Torten aus. Voll kompakt. Vor allem früher, als die Jungs sich Gel ins Haar geschmiert hatten. Männer haben kein richtiges Gespür für Mengen. Das wusste ich schon von meinem Vater. Zum Glück verwendeten die meisten Jungs jetzt Haarwachs. Aber auch mit Haarwachs konnte man’s übertreiben. Bei Louis sah die Frisur natürlich aus, das musste ich zugeben, auch wenn ich ihn hasste. UPPS! Sicher würde er bei mir anhalten. Keine Chance, Junge! Mit dir rede ich nicht!

Schnell drehte ich mich um. Wo konnte ich mich vor ihm verstecken? Blöd. Kein Busch in der Nähe. Doch plötzlich tauchte meine Erlösung auf – ein Segelschiff auf Rädern: Eine Frau auf dem Fahrrad mit einem weiten Poncho und einem langen breiten Schal, der im Sommerwind hinter ihr flatterte wie ein Segel.

Ich schielte zu Louis. Seine Augen weiteten sich vor Angst. Mit beiden Händen fasste er den Fahrradlenker. Jetzt hatte er nur noch Augen für die Frau im Poncho. Immer näher kam sie. Ihr Schal und der Poncho nahmen die ganze Wegbreite in Beschlag. Wie würde Louis sich daran vorbeimogeln? „O Gott!“, betete ich. „Watsche ihn mit dem Schal der Frau aus! Für alles, was mir der Fiesling angetan hat.“

Doch Gott hat seinen eigenen Kopf. Plötzlich drehte sich der Wind und schlug der Ponchofrau den breiten Schal direkt ins Gesicht. Jetzt voll vermummt. Mit der Linken ließ sie den Lenker los und versuchte, den Schal runter zu reißen. Dabei änderte sie ihre Richtung und steuerte frontal auf Louis zu.

In letzter Sekunde wich er aus, fuhr in eine Rinne am Wegrand, sein Vorderrad verdrehte sich um 180 Grad und Louis vollführte einen Salto über den Lenker. So wie meine Geburtstagstorte, nur viel höher. Nicht mal einen QUIK hat er gemacht, so schnell ging das. Auch mit der Marmeladeseite auf dem Boden gelandet – mit dem Bauch und dem Gesicht. HUI! Doch nicht! Kurz vor der Landung streckte Louis die Hände zum Boden und federte sich ab. Schade! Ich hätte ihm eine härtere Landung gewünscht.

Die Frau im Poncho hat das nicht mitbekommen. Sie radelte weiter, ihre Segel jetzt wieder hinter sich und nicht mehr im Gesicht.

Louis sprang auf. Unverletzt. Vielleicht übte er zu Hause Saltos … Er machte den Mund breit auf. Sicher, um der Frau ein paar wüste Beschimpfungen nachzubrüllen. In Beschimpfungen sind die Jungs unserer Schule Experten.

Gerade wollte ich mir die Ohren mit den Fingern verstopfen, als Louis einen Lachanfall bekam. Er kreischte vor Lachen. Wirklich! Nicht gelogen! Er musste sich zu seinem verknäulten Fahrrad auf den Boden setzen, sonst hätte das Lachen ihn umgehauen. Obwohl er sich hier noch vor kurzem hätte schwer verletzen können.

Aha! Kurz hatte ich vergessen, dass ich ihn nicht mochte. Neugier trieb mich. Mit offenem Mund kam ich zu ihm und sprach ihn zum ersten Mal nach einem Jahr an. „Wie kannst du nach einem solchen Unfall lachen?“

„Äääh …“, fing er an zu stottern. „Li… Lia?“

„Nö! Darth Vader!“

„Waaas?“

„Nur ein Scherz!“, sagte ich. „Wie kannst du nach einem solchen Unfall lachen?“

„Das war doch lustig!“, sagte er und zeigte zu dem wehenden Poncho, der langsam in der letzten Kurve vor dem Chinesischen Turm verschwand.

„Lustig? Du hättest dich doch verletzen …“ Und plötzlich hatte ich eine kleine Erleuchtung. Mein Erzfeind Louis hatte mir das dritte Lachgebot geschenkt. Mein Wichtigstes:

Das dritte Lachgebot

Jede noch so traurige Sache hat ihre lustige Seite. Du musst sie nur finden.

Louis starrte mich an. Ich wusste auch nicht, was ich ihm noch sagen sollte. Ich mochte ihn ja nicht. Mich hat nur sein Lachen interessiert, nichts Anderes. Sagen würde er sowieso nur etwas Dummes. Als unser Klassenlehrer in der Achten fragte, wie man sich im Dunkeln in einem Wald orientieren könne, hatte Louis geantwortet: „Im Dunkeln hilft nur die Glühbirne!“

 

***

 

In der Grundschule konntest du mit den Jungs noch normal sprechen. In der Sechsten war in ihnen aber eine Bombe explodiert, die alles Vernünftige wegfegte: BUMM! Seitdem führten sie in den sozialen Netzwerken solche Gespräche:

Gratulant: hey alts haus ich wünsche dir alles gute zu deinem geburtstag. feier schön und habe viel spaß lass die sau raus

Geburtstagskind: Ja du Spako

Der Gratulant likt das und schreibt: du feige sau sagst nicht mal danke

Das Geburtstagskind likt das und schreibt: Gefällt mir

Der Gratulant likt das und schreibt: du vollspast

Das Geburtstagskind likt das

In der Grundschule hatte ich mit Louis viel gespielt. Am Ende der Vierten war seine Mama aber an Krebs gestorben. Seit ihrem Tod hat er nur noch wenig gespielt, ein ganz ernster Junge war er geworden. In der Fünften ging er von unserer Schule weg. Wohnte bei seinem Opa in Taufkirchen. Sein Vater war damals viel auf Reisen – Musiker.

Louis’ Opa war ein Zauberer und ziemlich schräg. In der Sechsten tauchte Louis aber wieder bei uns auf. Sein Vater hatte aufgehört zu musizieren und eine Arbeit in München gefunden. Louis war wie verwandelt. Nur am Spaßmachen.

 

***

 

„Lia!“, sagte Louis. „Ich möchte mich entschuldigen, dass ich dir damals den Streich mit den Kanaren gespielt habe.“

„Ist schon gut!“, sagte ich, obwohl’s nicht stimmte. Vor Louis würde ich immer auf der Hut sein.

„Ciao!“, sagte ich, und drehte mich um.

Und dann kam von Louis der Satz, der mich gestern noch in ein trauriges Kopfkino versetzt hätte: „Tut mir leid wegen deines Bruders. Felix war lustig. Ich hab ihn gemocht.“

Ich drehte meinen hellblonden Kopf schnell zurück, sodass mir mein langes Haar ins Gesicht klatschte, sagte: „Danke!“ und TAPP, TAPP. Nichts wie weg hier!

Zum Glück musste ich nicht mehr an meine Trauer denken. Felix tauchte jetzt nur lachend in meinem Kopf auf. So wie Louis eigentlich sagte: Felix war lustig. Plötzlich fragte ich mich, ob Felix und Louis sich in ihrer Art etwas ähnelten? Beide wollten viel Spaß haben und beide haben’s hin und wieder etwas übertrieben …

Ohne ein Lächeln hatte ich Louis noch nie gesehen, oder? Hat er am Ende auch seine Lachgebote? Lächelte er wirklich ständig? Hundertprozentig konnte ich das nicht wissen – ich hab ihn letztes Jahr gemieden, wo ich nur konnte. Felix hatte aber auch die ganze Zeit gelächelt. Nein, Felix war nicht wie Louis – auf keinen Fall!

Um diese dummen Gedanken loszuwerden, dachte ich an mein drittes Lachgebot. Auch bei Gedanken an Felix sollte ich nur an die schönen, spaßigen Zeiten mit ihm denken. Ab jetzt lachst du dir die Welt schön, Lia, nahm ich mir vor. Ohne zu ahnen, dass das Lachen auch tödlich sein kann.

Striptease

Um Louis nicht noch mal treffen zu müssen, lief ich möglichst weit weg vom Spielrasen der Jungs. Ich kann stundenlang durch die Stadt oder durch die Landschaft laufen. Immer habe ich meine digitale Spiegelreflex dabei und ein paar Objektive samt gutem Zoom, die ich von meinem Vater vor einem Jahr zum Geburtstag bekommen habe. Wenn ich Profi-Fotos für Instagram und Pinterest schießen will, reicht das iPhone nicht.

Überall in der Stadt gibt’s Bilder und Geschichten. Du musst nur gucken!

Plötzlich landete ich im Biergarten am Chinesischen Turm. Am Rand saß ein älterer Mann im Tirolerhut mit einem Foxterrier. „Du wartest hier“, sagte er zum Hund. „Ich hole mir noch ein Halbes.“ Er ging zur Theke.

In seinem alten Glas war noch etwas Bier. Der kleine Hund sah sich vorsichtig um: War die Luft rein? Er hüpfte auf den Tisch und steckte die lange Schnauze in das Halbliter-Bierglas. Ganz tief, bis seine Nase das Bier auf dem Boden berührte. Nur war das Glas so eng, dass er das Maul nicht aufmachen konnte, um das Bier aufzulecken. Ich lachte über den komischen Hund wie eine Wahnsinnige, schaffte es aber zum Glück, ein paar Fotos zu schießen. Die lustigsten des Jahres. Sollte ich den Hund aufnehmen? Das Video würde auf YouTube sicher viral werden. Zu spät!

Bei seinem Kampf gegen das enge Glas schielte der Hund ständig zur Theke. Plötzlich tauchte sein Herrchen mit einem neuen Bier in der Hand auf. Schnell zog der Hund seine Schnauze heraus, hockte sich auf die Bank und schaute so unschuldig drein, dass ich wieder lachen musste.

 

***

 

Erst zehn nach drei tauchte ich am Fußballplatz wieder auf. Die Jungs kickten schon. Die Tore hatten sie aus Skistöcken aufgebaut. Unser Tor füllte Pummel aus. Und das wörtlich. Pummel wiegt 120 Kilo. Bei ihm hatte der Ball keine Chance. Wo die anderen Torwärter erst hinspringen mussten, stand Pummel bereits. Er musste keine Parade schmeißen, er war überall.

Die Mädels hatten sich am Spielfeldrand hübsch in Szene gesetzt. Noemi lag auf dem Bauch auf einer rosa Decke. In einem roten Badeanzug, der wunderbar zu ihrem rabenschwarzen Haar passte.

Auf Noemis Po hatte Laura den Kopf gelegt und guckte gen Himmel, statt dem Spiel zu folgen. So viel Nähe war bei Laura nicht üblich. Normalerweise hielt sie Distanz. Ihre meist weißen Klamotten machten sie noch kühler. Heute war sie sommerlich leicht bekleidet: Ein weißes kurzärmeliges Hemd, eine weiße leichte Hose.

Iva hockte links von ihnen auf einem Badetuch, als Kontrast zu Laura immer schwarz bekleidet – auch im Sommer. Schwarze Shorts und ein schwarzes T-Shirt. Barfuß.

Meine beste Freundin Emma dehnte sich rechts von Laura und Noemi. Emma macht immer Stretching. Auch wenn sie mit dir redet. Gerade hockte sie in einer Rumpfbeuge, ihre Hände umfassten die Fersen, das Kinn zwischen den Beinen. Nur ihr kurzes blondes Haar guckte heraus. Ich bin auch sportlich, aber das schaffe ich nie. Emma steckte in einer grauen Jogginghose und in einem grauen sportlichen Oberteil. Ein schönes Gruppenbild.

Hinter einem Baum versteckt knipste ich meine Freundinnen, bevor sie mich sehen konnten. Dreimal berührte ich den Touchscreen an meinem iPhone – TIPP, TIPP, TIPP – und schon war das Bild bei Snapchat. Nicht für lange. Bald würde sich das Foto selbst löschen.

Auch beim Stretchen sichtet Emma die Apps in ihrem Smartphone. Das Bild bei Snapchat entdeckte sie sofort. „Hä?“, rief sie, sprang auf, drehte sich um und entdeckte mich. „Lia, du Bitch! Na warte!“ Ich ließ mein Fahrrad am Baum stehen und lief vor Emma davon. Um das Spielfeld der Jungs herum.

Ich bin schneller als meine beste Freundin. Vielleicht, weil ich etwas längere Beine als sie habe. Emma verkürzte den Laufweg und rannte mitten durchs Spielfeld. Erst die Rufe der Jungs verrieten es mir. „Hey, Emma! Was soll der Scheiß?“ Ich guckte mich um und schon hüpfte Emma mich an, wir stürzten zu Boden und lachten wie blöd.

Ich merkte sofort, wie glücklich Emma war. Zum ersten Mal seit einem Jahr blödelte ich mit ihr wieder rum, schnitt keine trüben Grimassen mehr. Wir waren schon immer ein unschlagbares Team gewesen, was das Rumblödeln anging. „Du bist wieder da, Sweety!“, sagte Emma und zeigte mir ihre hübschesten Lachgrübchen. Wenn Emma lächelt, kannst du in ihren Lachgrübchen Murmeln schnippen.

„Na, was ist?“, brüllte Karsten. „Dürfen wir jetzt weiterspielen?“

„Ja!“, kreischte Emma. „Ich spiele mit!“ Sie lief aufs Feld, an Louis vorbei. Der schaute Emma zu und grinste. Das machte ihn bei mir jetzt ein klitzekleines bisschen sympathischer. Sicher würde ich Louis aber irgendwann in schlechter Stimmung erwischen. Nur eine Frage der Zeit. Jeder Mensch grämt sich hin und wieder, oder?

Emma packte den Fußball mit den Händen und rannte zum Tor. Dort legte sie den Ball auf den Boden, kickte ihn ins Tor rein und brüllte: „Tor! Eins zu null für die 11a!“

Louis schmiss es vor Lachen hin. Emmas Freund Fabi kam zu Emma, rollte den Ball mit dem Fuß und kickte ihn sich in die Hände. „Das hier ist unser Tor, Schnucki! Wenn schon, dann eins zu null für die 11b.“

„Spielverderber!“, sagte Emma. Da war ich aber schon bei ihr und zerrte sie vom Spielfeld zu den Mädchen.

„Man darf Fußball nicht mit den Händen spielen!“, rief Nicos. Louis kreischte wieder vor Lachen auf. Der Typ war unmöglich. Trotzdem konnte ich mir bei ihm eine Lachscheibe abschneiden.

Nicos starrte Louis tadelnd an. Nicos ist sehr ernst und ordentlich und somit unser Klassensprecher. Sein Vater ist Grieche. „Bitte, unterlasst das Stören des Spiels!“, rief er gestelzt. „Das ist ein Klassenderby!“

Die Mädchen wünschten mir alles Gute zum gestrigen Geburtstag. Die große Flut an Geburtstagswünschen hatte mich schon gestern auf WhatsApp überschwemmt. Bei Facebook kam nicht viel. Bei Facebook poste ich nur wegen meiner Mama etwas. Hin und wieder ein Selfie und Ähnliches. Wir tummeln uns bei Snapchat und Instagram.

 

***

 

In der Siebten hatte ich, blöd wie ich bin, bei Facebook die Freundschaftsanfrage meiner Mama angenommen. Ab da kommentierte Mama jeden Post von mir.

„Toll, Lia!“

„Das hast du super gemacht, Liebes!“

„Voll das Model, meine Hübsche!“

„Krass geiles Teil!“

Manchmal kommentierte meine Mama meine Posts wie ein Gangsterrapper aus Neuperlach. Weil sie’s für Jugendsprache hielt. Hatte sie das in irgendwelchen Webforen gelernt? In der Achten hatte ich mich für jeden Kommi von ihr geschämt. Jetzt war’s egal. Wir sind sowieso alle bei Snapchat. Facebook haben wir unseren Mamas überlassen. Trotzdem postete ich weiter hin und wieder etwas in meinem alten Facebook-Profil, damit Mama das kommentieren konnte und nicht auf dumme Gedanken kam. Zum Beispiel bei Instagram aufzutauchen, oder bei Snapchat nach mir zu suchen.

Wenn ich bei Facebook ein neues Selfie poste, steht schon eine Stunde später ein Kommentar meiner Mama drunter: „Hübschesteee!“ Es ist immer noch peinlich, zum Glück liest das jetzt keiner mehr.

Kurz bevor Felix starb, hatte meine Mama ein paar Bekannte bei uns. Sie hat ihnen erzählt, wir beide wären immer noch beste Freudinnen. Klar liebte ich meine Mama und würde sie immer lieben. Meine beste Freundin ist aber Emma.

 

***

 

Ein paar Jungs kamen vom Spiel angelaufen und beglückwünschten mich zum gestrigen Geburtstag.

„Können wir jetzt endlich weiterspielen?“, brüllte Nicos. Die Spieler trabten aufs Feld zurück.

Bei Emmas Fußballeinlage vorhin hatten alle Mädchen gelacht, von den Jungs nur Louis. „Die Jungs jammern immer, dass wir keinen Spaß verstehen“, sagte Noemi. „Wenn’s ihnen aber an die Bälle geht, können sie auch nicht lachen.“ Wir mussten kichern. Noemi schmiss ständig männerfeindliche Witze. Sie kommt aus einer großen italienischen Familie und hat so viele Brüder, dass sie selbst nicht genau weiß, wie viele. „Meine Mafia“ sagt Noemi oft, statt „meine Familie“.

„Nicos ist steif wie ’n Besen!“, sagte Iva.

„Der hat sich heute sicher beim Rasieren geschnitten!“, meinte Emma. „Ist euch aufgefallen, dass Nicos sich schon rasiert? Jeden Tag! Nur sein Rasierwasser riecht wie der Abflussreiniger meiner Mama.“

„Nicos ist der einzige in der Klasse, der sich rasiert“, sagte Noemi.

„Das stimmt nicht“, erwiderte Laura. „Marie rasiert sich auch.“ Wir heulten auf vor Lachen. Unserer Mitschülerin Marie wuchs ein Schnurrbart. Schon ziemlich fies, dass wir über Marie lachten, oder? Wir Mädels sind manchmal echt schadenfroh.

Laura war immer sehr still, aber manchmal sagte sie plötzlich einen Spruch, der uns zum Lachen brachte, und schwieg wieder. Eng war keine von uns mit Laura befreundet. Nein, das stimmt nicht ganz: Laura half oft Noemi bei verschiedenen Sachen. Vor allem in letzter Zeit.

Wenn ich in der Pause sagte „oh, bin ich hungrig!“, meinte eine von meinen Freundinnen höchstens: „Dann iss was!“

Wenn Noemi „oh, bin ich hungrig“ sagte, sprang Laura auf und rief: „Soll ich dir etwas vom Kiosk holen? Ich will mir auch eine Brezel kaufen.“ Ja. Laura und Noemi standen sich in der letzten Zeit sehr nah. Wenn auch nicht so nah wie Emma und ich. Laura redete wenig über sich, aber wir mochten sie.

Ich hockte mich neben Emma auf ihr großes Handtuch. „Hey!“, rief Noemi. „Jayden mit seiner Zicka!“ Wir schauten uns um. Wirklich: Jayden und Annika radelten an. Sie winkten, ließen sich aber ein paar Meter weiter am Spielfeldrand nieder.

Annika zog sich langsam aus. Auf dem Spielfeld sollte es einen Einwurf geben, doch statt den Ball zu werfen, glotzten die Jungs Annika bei ihrem langsamen Entblättern an. „Macht sie ein Striptease, oder was?“, fragte Noemi.

Emma warf einen strengen Blick zu den Jungs. Auch ihr Freund Fabi starrte mit offenem Mund Annika an. Schon stand sie im Bikini-Oberteil da. Jetzt war ihre hellblaue Jeans dran. Sie drehte sich mit dem Rücken zum Fußballfeld, zog ihre Hose langsam runter, beugte sich immer mehr nach vorne und streckte den Jungs ihren Po entgegen. Dabei schwang sie leicht die Hüfte. Mit der Jeans hatte sie auch ihr Bikinihöschen mitgenommen. Als aber ihre Po-Ritze auftauchte, zog sie den Bikini wieder hoch – sicher hatte sie’s mit Absicht kurz runtergezogen.

Von den Jungs starrte nur Jayden Annika nicht an. Er zog sich auch bis auf die Badehose aus. Muskulös, groß. Während Annika ihren Strip schmiss, schmierte Jayden sich gemütlich mit Sonnencreme ein. Kümmerte sich um seinen Körper und nicht um den von Annika. Das rechnete ich ihm hoch an.

Louis dagegen guckte zu Annika – nicht mit diesem Blick aus Blei wie die anderen Jungs, sondern mit seinem gewöhnlichen Grinsen.

„Die Tussi macht sich lustig über uns!“, sagte Noemi.

„Schlabbrige Schlampe!“, sagte Iva. Wie kam sie nur auf diese Ausdrücke? Da sie eine Tschechin war, mussten wir oft überlegen, ob ihre Wortschöpfungen stimmig waren. Hmmm. Schlabbrige Schlampe? Ich konnte mir schon etwas drunter vorstellen.

„Hallooo!“, brüllte Emma plötzlich. „Wolltet ihr nicht Fußball spielen?“

Die Jungs erwachten aus ihrem Glotzkoma. Flo machte den Einwurf, warf den Ball aber vor lauter Verwirrung Louis und somit dem Gegner zu, statt seinem Kumpel Fabi. „Du Depp!“, brüllte Fabi. Annika strahlte. Das genoss sie – die Bewunderung der Welt.

Dass diese dumme Zicke so viel Aufmerksamkeit auf sich zog, hätte mich früher deprimiert. Jetzt suchte ich aber sofort nach der lustigen Seite dieser Geschichte. Und die bildeten die Jungs: Beim Anblick eines sich ausziehenden Mädchens vergaßen sie sogar ihre andere Lieblingsbeschäftigung – Fußball. Lustiges Kino, oder? Ich lachte. Etwas gewollt aber trotzdem. Mit der Zeit würde mein Lachen sicher immer natürlicher kommen. Emma guckte mich verwundert an.

War Annika aber nicht die Überraschung des Nachmittags? In der Schule wischte Annika sich an den Jungs nur ihre Schuhe ab. Sicher hatte Jayden sie überredet, zum Fußball mitzukommen. Er war mit Louis befreundet. Sie beide hatten auch Channels auf YouTube, waren aber keine so erfolgreichen YouTuber wie Annika.

Endlich stand Annika nur in ihrem Bikini da. Jayden breitete auf dem Rasen eine Decke aus. Was für ein Typ! Ganz anders als unsere Jungs. Fabi würde wegen Emma nie eine Decke in den Park mitbringen. Als wir vor kurzem an der Isar waren und Emma jammerte, die Steine seien zu nass, hat Fabi sie zuerst angestarrt und dann gesagt: „Hock dich halt auf deinen Rucksack!“ Jayden kam aus einer anderen Welt. Aus einer charmanten.

Unser Schwarm

Jayden ist ganz anders als Louis. Viel ernster. Aber süß. Jayden wirkt wie ein reifer Mann. Seit er vor einem halben Jahr in unserer Schule gelandet war, schwärmten alle Mädchen ab der Sechsten für ihn: Ein Junge aus New York. Noch dazu hatte Jayden sein erstes deutsches Jahr in Berlin verbracht.

Einfach perfekt: Groß und schlank, schwarzes Haar, oben hochgestylt, an den Seiten kurz, grüne funkelnde Augen – bis auf Jayden kannte ich niemanden mit grünen Augen. Und diesem Lächeln. Jayden lächelte anders als Louis. Das Lächeln von Louis kam einem vor, als ob er sich über etwas lustig machte – einmal war das „Etwas“ ich selbst gewesen.

Jayden lächelte weise. Er guckte dich mit seinen großen grünen Augen an, und du wusstest, er verstand dich. Sein schöner Mund und die strahlenden Zähne passten wunderbar zu seinen Augen. Unglaublich, wie Jayden seinen Mund einsetzte! Tausende Gesichtsausdrücke hatte er auf Lager. Wie ein Schauspieler. Wir wunderten uns alle, dass Jayden nach Deutschland gekommen war, statt in Hollywood in Filmen zu spielen. Seine Eltern hatten aber nach Berlin ziehen müssen, und dann zu uns nach München. Sein Papa war der Manager einer großen Firma.

Jaydens New Yorker Akzent wurde immer schwächer, blieb aber weiterhin süß. Im Winter hatten wir einige Male Ethik mit Jaydens Klasse zusammen. Jayden besuchte die Zwölfte, also eine Klasse über mir. Unsere Ethiklehrerin hatte eine Fortbildung, und so kamen wir auch in der Klasse zusammen.

Manchmal musste Jayden im Ethik-Unterricht etwas vorlesen. Bei einem Artikel über Gendermainstreaming lachte die ganze Klasse. Jayden las statt „Geschlecht“ „Geschleckt“.

Karsten hatte laut „Geschlecktes Geschlecht!“ gesagt. Danach war Jayden ziemlich sauer. In der nächsten Stunde musste er wieder vorlesen, hat sich aber kein einziges Mal mehr bei „ch“ versprochen. Wegen mir hätte er das nicht lernen müssen, ich mochte seinen Akzent. Kann man sich in einen Akzent verlieben?

Der große Jayden aus New York: Nur etwas eingebildet. Aber auch das wirkte bei ihm natürlich. „In New York geht der Uhr schneller“, sagte Jayden, als ihn sein Ethiklehrer Blume nach einem Unterschied zwischen New York und München fragte. Über „der Uhr“ traute sich niemand mehr zu lachen. Über Jayden lachte man nicht, nachdem man ihn kennengelernt hatte: gut angezogen, super Styles, super Manieren, intelligent, witzig, schön gebräunt.

„Jayden ist die leckerste Praline in der Schachtel“, sagte Iva mal. „Nur in den Mund nehmen und …“ Iva macht die anzüglichsten Bemerkungen von uns. Eine Tschechin. Oft übertreibt sie’s, bringt uns damit aber zum Lachen.

Mir kam Jayden wie eine Aprikose vor, fast zu schön, um reinzubeißen, auch wenn er eigentlich ein großer saftiger Apfel war. Big Apple. Hmmm … übertrieb ich jetzt auch? Wenn in den Nächten des vergangenen halben Jahres Gedanken an Felix mich in ein dunkles Loch ohne Wiederkehr gezogen hatten, habe ich an Jayden gedacht.

Klar hatte Emma recht, Jayden musste ich mir von den Lippen schminken. Ich war nicht hübsch. Das wusste ich ja. Seit drei Monaten ging Big Jayden mit Annika, unserer Klassen-ZICKA, wie Pummel manchmal reimte. Niemand von uns mochte sie. Nur Jayden.

Von den Auswärtigen wurde Annika geliebt. Sie betrieb einen YouTube-Channel über Mädchensachen. Mit 50.000 Abonnenten war Annika das berühmteste Mädchen in der ganzen Schule. Und das zweitschönste. Direkt nach mir, hi, hi … dieser Scherz wäre mir noch vorgestern nie in den Sinn gekommen. Immer noch trug ich im Kopf den Satz der bösen Frau im Kaufmarkt herum. Jetzt fluteten mich Glückshormone: Hey, Lia! Du kannst über dich selbst Witze reißen!

Das vierte Lachgebot

Wenn du keinen zum Scherzen findest, scherze mit dir selbst!

Meine Mama merkte oft strahlend an: „Bist du aber hübsch!“, einmal sogar vor meinen Freundinnen. Das war voll peinlich. Je älter ich wurde, umso peinlicher gab meine Mama sich. Noch mit zwölf war ich die ganze Zeit an ihr gehangen. Mit siebzehn mied ich sie, wenn ich mit anderen unterwegs war. Mama kannte keinen Halt: „Hallo Mädchen! Wie gefällt euch Lias neue Jacke? Super! Oder? Damit ist sie die Schönste in der ganzen Straße.“ O Gott! Dabei wohnten auch Emma und Laura in unserer Straße. Hatte Mama jedes Gefühl für Peinlichkeiten verloren? Sicher dachte sie hin und wieder an die Geschichte mit der Frau, die mich als Jungen gesehen hatte. Wollte mir helfen.

Das schönste Mädchen in unserer Schule war Annika. Oder meine Freundin Iva. Sie versteckte das aber. Schien nicht zu wissen, dass sie hübsch war und lief in alten abgerissenen Chucks herum, als wir schon alle Nikes hatten, trug schwarze Jeans und immer ein dunkles T-Shirt. Da war Annika ein anderes Kaliber. Annika strahlte auch in der Nacht – die neuesten Markenklamotten, darin ein blondes Wunder mit den blauesten Augen der Welt und einem großen Erdbeermund. Diese blöde Zicke!

Warum sah Jayden Annika nicht so, wie sie wirklich war? Weil sie bei Jayden nicht zickte? Bei den Lehrern auch nicht, nur bei Leuten, von denen sie sich nichts versprach. Aus der Entfernung kam Annika einem wie ein blonder Engel vor, viel blonder als ich und Emma zusammen. Wer Annika kannte, wusste aber Bescheid.

Die Beste war sie trotzdem. Schon weil Jayden ihr Freund war. Wir anderen hatten keine Chance bei ihm. Ich riss den Blick von ihm los und versuchte, den Jungs bei ihrem Fußball zuzusehen. Mit wenig Erfolg. Jayden war viel interessanter als Fußball. Bis Iva ihr Lieblingsthema anschnitt. Eine Tschechin nun mal.

„Wie macht ihr das?“,

fragte Iva.

„Was meinst du?“, fragte Noemi. Wir wussten aber alle, was Iva meinte. Sie hatte ihre Stimme etwas heruntergedreht, damit Jayden und Annika uns nicht hörten. Das macht Iva nur bei einem ganz bestimmten Thema. Ansonsten ist sie laut wie Gangster Rap.

„Na, wie macht ihr euch heiß?“

„Du meinst Grippe?“, fragte Laura. „Wenn ich meiner Mama vormachen will, ich bin krank, tue ich das Thermometer sehr schnell in meinen heißen Tee und gleich wieder raus. Sonst explodiert das Gerät.“

„Neee! Keine Grippe, du blöde Nuss!“, sagte Iva empört. „Den Orgi meine ich.“

„Den Orki? Ork? In Herr der Ringe?“

Iva schüttelte heftig den Kopf. „Ja, habt ihr Verblödungspillen genommen oder was? Nix Ork! Den Orgasmus meine ich!“ Erst jetzt merkte sie, dass wir kicherten.

„Ihr seid voll bescheuert“, sagte Iva.

Ich tätschelte sie am Rücken. „Na, wie machst du das? Erzähl!“

„Mit meiner O-Dusche!“

„O-Dusche?“

„Orgasmus-Dusche! Ich kann den Duschkopf so einstellen, dass mich der Wasserstrahl voll schön da unten massiert. Nach genau fünf Minuten komme ich. Echt! Nach mir könnte man Eier weichkochen. Auf die Sekunde in fünf Minuten mache ich auf Wecker und läute!“ Wir mussten wieder kichern.

„Mit dem Duschkopf berührst du dich nicht?“

„Neee! Nur der Wasserstrahl massiert mich.“

Ich darf hier nicht aufschreiben, was ich damals über Masturbation erzählte. Nein! Das geht nicht.

Mamas Macke

Sommer, Sonne, ein heißes Gespräch … um nicht überzukochen, haben wir unsere Zauberkästchen. Schon hielten meine Freundinnen jede ein Smartphone in der Hand. Ich holte mein Handy aus dem Rucksack. Was hat sich in den letzten fünf Minuten auf der Welt Schönes zugetragen? Was war mit unseren Freunden los? Welche App barg Neuigkeiten? Wir streichelten unsere Smartphones, und sie strahlten vor Freude.

Ich erzählte Emma von meiner Geburtstagstorte. „Warte!“, sagte ich. „Ich schicke dir per WhatsApp ein Foto. Habe die Torte auf dem Teppich abgeblitzt.“

Emma antwortete über WhatsApp zurück: „Schoki? Mag ich!“

Ich schickte ihr ein paar Emojis.

„Sollen wir am Abend ins Kino?“, kam von Emma.

„Besser nächste Woche“, tippte ich. „Wegen des Geburtstags habe ich nichts geschafft. Muss an den kommenden Abenden unseren Schulaufsatz schreiben.“

Hin und her gingen unsere Nachrichten, bis ich den Kopf vom Smartphone hob und sah: Emma hockte neben mir. Im Sitz hatte sie das rechte Bein nach vorne gestreckt, das linke hinter dem Po angewinkelt. Ich klopfte auf ihre nackte Schulter: „Warum reden wir nicht einfach von Mund zu Mund, Süße?“ Wir lachten und steckten die Smartphones in die Taschen.

Emma hat schlechte Noten, ist aber ein sehr kluges Mädchen. Sie guckte mir in die Augen. „Bist du verliebt?“

„Hä?“ Ich wusste aber, warum sie das fragte.

„Du bist so anders … noch gestern warst du traurig.“

Ich erzählte ihr von der Torte und meiner Lacherleuchtung. „Mein Jammern wird Felix auch nicht zurückbringen! Ab jetzt möchte ich an jeder traurigen Sache immer ihre lustige Seite sehen. Nur noch lachen.“

Emma bückte sich ganz nach vorne, sodass ihr Kinn das Knie berührte. „Gute Entscheidung!“

„Ich habe heute sogar meine Mama zum Grinsen gebracht!“, sagte ich.

„Arbeitet sie schon?“

„Noch nicht.“

Nach dem Tod von Felix hat meine Mama zu arbeiten aufgehört. Seitdem hat bei uns nur mein Papa das Geld verdient. Mit Mühe.

Emma wechselte bei ihrer Dehnungsübung das Bein. „Vielleicht sollte sie wieder mit diesem Feng Shui anfangen.“

Vor dem Tod von Felix war meine Mama ständig in der Stadt unterwegs gewesen – sie ist freiberufliche Innenarchitektin. Hat sich auf Feng Shui spezialisiert.

Iva hatte sich aus ihrer Tasche die Sonnencreme geholt und unsere letzten Sätze aufgeschnappt. „Was ist dieses Fengsdingsbums?“ Auch Laura und Noemi hörten auf, an ihren Smartphones zu fummeln.

„Eine chinesische Lehre. Sie zeigt dir, wie du harmonisch in deiner Umgebung leben kannst.“

„Echt?“

„Feng Shui haben die Chinesen entwickelt, um ihre Grabstätten zu planen“, sagte Noemi. Sie wusste alles. Über den Job meiner Mama sogar mehr als ich. Streberin. „Damit dort die Lebensenergie Qi fließt.“

„Lebensenergie im Grab?“

„Nach dem chinesischen Taoismus ist die Lebensenergie überall“, sagte ich. „Wenn sie in deiner Wohnung frei fließt, lebst du dort gut und harmonisch. Deswegen musst du alle Möbel und Gegenstände richtig aufstellen. So hat’s mir meine Mama erklärt.“

„Glaubst du an so was?“

„Eigentlich nicht. Meine Mama aber schon. Sie misst die Lebensenergie aus und richtet danach deine Wohnung ein. Zeigt dir, wo du den Kühlschrank hinstellen musst und so. Damit du dich darin so gut fühlst, wie ein Chinese in seinem Grab.“

„Waaas?“

„Ein Kühlschrank ist halt ein Grab für tote Tiere“, sagte Laura. Ich musste kichern. Und das ganz, ohne es mir vorgenommen zu haben. Aha! Sogar über Lauras schwarzen Humor konnte ich jetzt lachen. Freundinnen sind Glück.

„Will deine Mutter das jetzt nicht mehr machen?“, fragte Iva. „Dieses Feng Fui?“

„Feng Shui, du Blödi!“ Jetzt kicherten wir alle.

„Keine Ahnung. Mein Papa hat vor kurzem gejammert, dass das Geld nicht reicht. Meine Mama will über ihre Arbeit aber immer noch nicht reden. Sie trauert um Felix.“

Meine Freundinnen schwiegen. Es war ihnen schon immer unangenehm gewesen, mit mir über den Tod von Felix zu reden. Ich habe solche Gespräche auch nicht gesucht.

„Ich find’s sowieso nicht gut, wenn meine Mama wieder zu arbeiten anfängt.“

„Wieso denn nicht?“

„Ihr kennt sie doch! Als sie noch arbeitete, war sie in München von Wohnung zu Wohnung unterwegs und hat den Leuten über mich erzählt. Statt den Kühlschrank richtig hinzustellen.“

Noemi lachte. „Erinnerst du dich, als ich, du und deine Mutter beim Einkaufen Marie mit ihrer Mutter getroffen haben?“

„O Gott!“, sagte ich. „Sei still!“

Doch so gütig ist Noemi nicht. Gleich hat sie den Mädchen die Geschichte erzählt, bei der ich vor Scham in den Boden des Kaufhofs hatte versinken wollen.

„Maries Mutter hielt einen runden Nähkorb in der Hand“, legte Noemi los. „‚Ach, der ist aber hübsch!‘, rief Lias Mama so laut, dass alle im Kaufhof sich zu uns drehten und die Ohren spitzten. Bei Lias Mutter wusste ja schon die ganze Stadt, dass sie lustige Geschichten erzählt. ‚Einen solchen Nähkorb hatten wir auch mal‘, rief Lias Mutter. ‚Als Lia aber ganz klein war, hat sie in der Nacht das Klo mit unserem Schlafzimmerschrank verwechselt. Sie machte den Schlafzimmerschrank auf, öffnete den Nähkorb, hockte sich drauf und pinkelte hinein. Plötzlich hat sie gekreischt: Mama! Pipi pieckst Popo! Eine Nadel hatte sie in den Po gestochen. Die Arme!‘“

Alle Mädchen lachten und Noemi fügte hinzu: „Der ganze Kaufhof lag flach vor Lachen. Nur Lia stand rot da wie ein Radieschen.“

Iva klopfte mir auf die Schulter. „Mach dir keinen Kopf deswegen, Baby! Mütter sind so. Meine quatscht auch alle mit Geschichten über mich voll.“

„Meine Mutter ist ganz krass“, sagte ich. „Sie muss mit jedem reden. Egal mit wem. Egal wo!“

Emma strich über meinen Handrücken. „Deine Mutter ist super! Du bist ein bisschen ungerecht.“

Ich seufzte. „Klar bin ich ungerecht. Trotzdem ist es mir lieber, wenn meine Mama nicht mehr arbeitet.“

„Wir sollten Fußball gucken“, sagte Iva. „Sonst sind die Jungs sauer.“

Wir warfen einen Blick aufs Spielfeld. Die Jungs schielten tatsächlich die ganze Zeit zu uns und Annika, statt richtig zu spielen. Von der 11b waren keine Mädchen da.

Wir mussten uns zusammenreißen. Die Jungs würden es uns nach dem Spiel nicht verzeihen, wenn wir nicht wüssten, wer die wichtigsten Tore geschossen hatte.

Gleich merkten die Jungs, dass wir ihnen zuguckten, und gaben alles. Karsten schmiss einen lebensgefährlichen Fallrückzieher, traf aber nicht den Ball und landete schwer auf dem Hintern. AUTSCH! Die anderen Jungs lachten.

Sie spielen ganz anders, wenn sie sich von uns beobachtet fühlen. Fußballartistik auf höchstem Niveau. Sie schmeißen einen Fallrückzieher nach dem anderen und dribbeln allein, nur, um den Ball nicht abgeben zu müssen. Gerade bleibt Fabi mit dem Ball plötzlich stehen und daddelt ihn in der Luft, statt aufs Tor zu zielen. Voll der Bühnenauftritt. Jeder will, dass wir ihn bewundern. Und wir tun auch so, als ob wir sie bewundern würden.

Deswegen dürfen wir nicht die ganze Zeit an den Smartphones fummeln oder reden. Doch heute zog noch etwas anderes unsere Aufmerksamkeit vom Fußball weg.

Die Glücksgöttin

Jayden und Annika hatten angefangen, sich zu streiten: Promi Big Brother. Denn die beiden waren DIE Promis in unserer Schule. Leider hörten wir nur die Fetzen ihres Streits. Hat Jayden Annikas YouTube-Konkurrentin BieneLiene bei ihrem letzten Post einen hübschen Kommi geschrieben? Der Zoff hörte sich so an, als ob Annika sich darüber aufregte. Typisch.

Plötzlich sprang Annika auf, kreischte: „Blöder Ami!“, packte ihre Handtasche und stolzierte davon.

Was? Schluss mit der berühmtesten Liebesgeschichte unserer Schule? Ist Jayden jetzt Freiwild geworden? Wir strafften unsere Rücken, rückten die BHs zurecht und holten unsere Lippenstifte heraus.

Leider konnten wir uns auf Jayden nicht mehr konzentrieren. „Das Spiel ist zu Ende!“, rief Noemi.

„Wer hat gewonnen?“, fragte Emma.

„Hä?“ Wir guckten uns an. Dann zu den Jungs, die auf uns zukamen. Verdammt! Wie war das Spiel ausgegangen? Keine wusste es. Ja, sollten wir unsere Jungs bejubeln, oder nicht? Zum Glück sind Mädchen gute Leserinnen von Gesichtsausdrücken.

„Pummel lächelt“, sagte Emma und beantwortete damit unsere Frage, wer gewonnen hatte.

„Hurraaa!“, kreischten wir aus einer Kehle. „Gewonnen!“ Wir hüpften hoch und skandierten weiter: „11a, 11a, 11a – gewonneeen!“

„Ihr habt uns gar nicht unterstützt, und jetzt macht ihr euch noch lustig über uns?“, kreischte Maxi.

„Wieso? Habt ihr denn nicht gewonnen?“

„Waaas? Verloren haben wir!“

„Echt?“

Louis und die anderen Jungs aus seiner Klasse kamen auch zu uns.

„Worüber habt ihr denn geredet, dass ihr den Fußball verpasst habt?“, fragte Louis und grinste wie üblich. Komisch, dass er dabei gerade mich ansah. Er wusste doch, ich wollte mit ihm nicht reden.

„Ääääh …“ Klar konnten wir nicht sagen, wir haben über die O-Dusche und andere Orgasmen gesprochen. Warum fragte er das? Konnte er von den Lippen ablesen? Wusste er, worüber wir gesprochen hatten? Wollte er mich wieder in eine peinliche Lage bringen? Zum Glück hakte er nicht nach.

Fassungslos starrten uns unsere Jungs an. „Ihr habt hier eine Stunde lang gehockt und habt gar nicht mitgekriegt, wie das Spiel ausgegangen ist?“

„Doch, doch!“

Flo schüttelte den Kopf. „Typisch Mädchen!“

„Mädchen haben hübschere Sachen im Kopf als Fußballergebnisse“, sagte eine sanfte süße Stimme hinter uns. Wir drehten uns um. Grüne Augen. Ein großer Mund mit Zähnen wie Perlen. Dieser Mund hat Tausende Mienen auf Lager. Zuckersüß! Jayden!

„Lia!“, sagte Jayden und lächelte mich mit einem exklusiven Lächeln an. Hä? Nur für mich? Wollte nach Louis mich jetzt auch Jayden verspotten? Sicher hat Louis ihm erzählt, wie er mich früher oft geprankt hatte. Jetzt war Jayden sauer wegen Annika und wollte sicher an Mädels Rache nehmen, oder? Sonst hätte er eine meiner hübschen Freundinnen angesprochen, nicht mich.

„Wollen wir zum Seehaus radeln?“ Was? Träumte ich? Jayden wollte mit mir allein sein? Mit einer, die früher mal wie ein Junge aussah? Oder war das nur ein perfider Plan, um mich fertig zu machen? Wir kommen zum See und er sagt: „Und jetzt, hopp, hopp, rein, hässliches Entlein!“

Hilflos sah ich die Mädchen an. Noemi hatte den Mund weit auf. Iva grinste. Laura fasste sich ans Gesicht. Emma zwinkerte mich an und nickte nahezu unauffällig zu Jayden, als ob sie sagen wollte: „Greif zu, Sweety!“

Plötzlich wollte mir die Stimme nicht gehorchen. Mein „Jaaa“ krächzte ich raus wie eine alte Hexe ihren Kampfruf. Sofort änderte ich meine Stimme und sagte noch mal „Jaaa!“, diesmal aber quiekend wie ein Ferkel.

Emma bekam einen Lachanfall. Und wisst ihr was, ihr Süßen: Ich auch! Ja! Vielleicht zum ersten Mal im Leben konnte ich über mich selbst lachen. Meine Lachgebote funktionierten. Darüber freute Emma sich riesig. „Tralala!“, sang sie und fing an, um unsere Sachen zu hüpfen wie ein Indianerhäuptling ums Lagerfeuer. Ich hüpfte mit.

Jayden guckte uns kurz etwas verlegen an und ging zur Stelle, wo er vorhin mit Annika gesessen hatte. Wollte seine Sachen holen. Ich riss mich zusammen. Durfte das zarte Anbandeln mit Jayden nicht sofort wieder abschießen. Lustig ist lustig, aber das Leben mit Jayden zu zweit war sicher lustiger. Aber was wollte er gerade von mir? Ach, ja. Plötzlich verstand ich: Sicher wollte er, dass ich ihm Nachhilfe in Mathe gab. Ich war die beste. Schon war er mit seinem kleinen schwarzen Rucksack zurück. Jack Wolfskin. Frisch gekauft.

Ich guckte zu dem Stück Rasen, auf dem vor kurzem Jayden und Annika zusammen gehockt hatten. Vor einer Stunde waren sie noch ineinander verliebt gewesen, und jetzt fing dort das Gras schon an, über ihre Liebesgeschichte zu wachsen.

„Lia, du Glücksgöttin!“, flüsterte Emma mir ins Öhrchen. „Wie hast du’s geschafft?“

„Mit meinem Lächeln“, sagte ich. Was soll’s? Wenn Gott mit mir ausgehen will, dann stehe ich halt dazu. Etwas anderes blieb mir sowieso nicht übrig. Jayden und ich stiegen auf die Fahrräder und fuhren los. Der Sonne am Seehaus entgegen.

 

***

 

Unsere Fahrradtour mit dem Kaffee am Seehaus verflog wie ein Traum – keine andere Erinnerung hatte ich dran, als dass der Traum schön war.

Obwohl wir im Englischen Garten in der Nähe von Bogenhausen waren, hatte Jayden mich nach Haidhausen in unsere Straße begleitet. In München war schon die Nacht reinmarschiert. Sicher hatte Mama auf unserem Straßenseite-Balkon gewartet. Sie durfte Jayden nicht kennenlernen. Sonst würde sie vom Balkon laut wie ein Muezzin rufen:

„Du bekommst doch bald deine Tage, Lia! Warum hast du keine Tampons mitgenommen?“

Meine Mama wusste über meine Zeiten besser Bescheid als ich. Bevor sie Jayden traf, musste ich ihn sehr behutsam auf seine zukünftige Schwiegermutter vorbereiten. Meiner Mama war nichts peinlich.

Zum Glück fragte Jayden nicht, warum wir nicht bis zu unserem Haus radelten. Sicher wollte auch er schnell nach Hause.

Zum Abschied küsste er mich auf die Backen, ich sammelte plötzlich meinen ganzen Mut zusammen und fragte: „Haben Annika und du Schluss gemacht?“

Jayden guckte mich mit seinen Pistazieneis-Augen an. „Zwischen mir und Annika ist’s jetzt vorbei, Honey.“ Er strich mit seinen Fingern eine Haarsträhne aus meinem Gesicht und fügte hinzu: „Zeit für neue Abenteuer!“

 

***

 

Am Abend in der Badewanne fiel mir Ivas Technik ein. Ich ließ nur so viel Wasser einlaufen, dass mein Rücken schön warm war, nahm die Duschbrause in die Hand und ließ den Wasserstrahl zwischen meine Beine rieseln. Doch egal, wie ich den Strahl mit dem Ring an der Duschbrause einstellte, er kitzelte mich nur im Schritt. Plötzlich kitzelte es mich so schön und sanft, dass ich kichern musste.

Mal hatte ich in einem Blog gelesen, man könne sich selbst nicht kitzeln. Mit dem Duschstrahl ging’s bei mir aber. Ein paar Minuten lang ließ ich den Wasserstrahl hinein prasseln und kicherte. Zu laut. Plötzlich BUMM, BUMM an der Tür. „Lia, alles in Ordnung bei dir?“ Meine Mama!

„Alles super, Mama!“, brüllte ich. „Ich masturbiere nur!“ Quatsch! Klar habe ich’s nicht gesagt. „Mir ist nur etwas eingefallen, und ich musste lachen!“

„Schön für dich!“, rief Mama. „Ich muss auch immer lachen, wenn ich die Duschbrause in der Hand halte!“

Hä? Was wollte sie damit sagen? Zum Glück hatte ich vorhin von der Dusche keinen Orgasmus bekommen. Ich bin dabei sehr laut.

Trotzdem war ich nach dem Baden in schöner Stimmung, als ich in mein Zimmer kam. Wenn ich mich in den letzten Wochen in meinem Zimmer hatte streicheln wollen, schloss ich immer die Tür ab, stellte bei Spotify Geiles Leben von Glasperlenspiel auf Wiederholung und volle Lautstärke und streichelte mich.

Jetzt hatte ich den Song laufen lassen. UPS! Hatte hier keine Tempos. Ich wollte auf dem Bettlacken aber keine Flecken hinterlassen, damit meine Mama dann nicht vor meinen Freundinnen sagt: „Hey, Lia, was hast du wieder im Bett getrieben? Das Bettlaken ist voll fleckig.“

Die Tempos bewahrt meine Mama im Küchenschrank auf. Ich lief in die Küche am Wohnzimmer vorbei, die Tür war offen. Mama sagte gerade laut zu meinem Papa: „Jetzt hört Lia wieder diesen Song.“ Sie kicherten. Das traf mich wie ein Schlag. Irgendwie scheinen dich deine Eltern doch gut zu kennen.

Plötzlich wurde mir aber etwas Anderes bewusst: Vielleicht zum ersten Mal nach dem Tod von Felix haben sie laut gekichert. „Gut so, Lia!“, sagte ich mir. „Deine Masturbation hat einen guten Einfluss auf deine Umgebung.“

Trotzdem ließ ich in meinem Zimmer einen anderen Song laufen. Let it go von James Bay. Langsamer als Geiles Leben aber schön. Klar voll laut. Eine super Kulisse, während ich mich streichelte und mir dabei „neue Abenteuer“ vorstellte. Wollte Jayden sie mit mir erleben?

Die Käferfalle?

Am Montag habe ich möglichst lang vor der Schule versucht, mein Fahrrad abzusperren. Scannte dabei unauffällig die Umgebung. Jayden tauchte leider nicht auf.

Nur Pummel radelte an. Sein Fahrrad hatte doppelt so dicke Stangen wie meins. Mein Fahrrad würde Pummels Gewicht nicht tragen können. Er riss im Fahren den Lenker hoch, um mit der ihm eigenen Grazie das Vorderrad über die Bürgersteigkante zu bringen. Das war aber zu viel für sein Fahrzeug. BUMM! Das Vorderrad knäulte sich. Das Fahrrad brach unter Pummel zusammen. Zum Glück landete er auf den Füßen.

„Scheiße!“, rief er.

Er versuchte, den doppelten Achter an seinem Vorderrad zu richten. Ich lief zum Pausenhof, bald sollte es läuten.

 

***

 

Statt Jayden stand aber nur Louis im Hof. Neben dem Sandkasten. In unserer Schule war früher ein Kindergarten untergebracht, den hatte ich noch besucht. Von unserer Kita war hier aber nur noch der Sandkasten in der Ecke des Schulhofs stehen geblieben, gleich neben den Parkplätzen der Lehrer.

Zu Kindergartenzeiten stand gleich hinter dem Sandkasten eine Rutsche und nicht der winzige uralte VW-Käfer unserer Deutschlehrerin Frau Kolb.

Louis guckte sich vorsichtig um, ich hüpfte hinter die Papiercontainer. Musste unbedingt sehen, was er ausheckte. Er zog ein Maßband aus der Tasche und maß die Seiten des Sandkastens aus.

Das war mir zu bunt. „Was machst du da?“, rief ich. Mit meiner strengsten Stimme. Louis würde ich keine einzige nette Silbe schenken. Plötzlich fiel mir ein, dass ich ihn ein ganzes Jahr lang nicht angesprochen hatte. Jetzt aber schon zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit. Auch dieser Ruf war aus mir spontan herausgekommen, bevor ich mich erinnern konnte, dass ich mit Louis nicht redete.

Mein Ruf ließ ihn vor Schock hochhüpfen. „Huhu, Lia! Ich … äääh … ich messe meine Erinnerungen aus.“

„Wie bitte?“

Er guckte mir unschuldig in die Augen. „Erinnerst du dich, wie wir im Kindergarten in diesem Sandkasten gespielt haben? Du hast immer gewollt, dass ich die Burg für eine Prinzessin baue.“

„Quatsch!“, sagte ich. Klar konnte ich mich aber erinnern. Louis war erst mit fünf in den Kindergarten gekommen, also in unserem letzten Jahr vor der Schule. Dieses eine Jahr waren Louis und ich in der Kita unzertrennlich gewesen.

Hmmm … Was für eine blöde Erinnerung! Zum Glück läutete es. Ich lief in die Schule. Warum musste mich der Typ ständig in Verlegenheit bringen?

 

***

 

Sicher war Jayden schon in seiner Klasse. Machte nichts. Spätestens in der Pause würde ich ihn sehen. Vor der Tür traf ich Annika. Sie ging vor mir rein, schlug mir die Tür aber vor der Nase zu.

Ich blieb davor stehen und glotzte ins Holz. Spinnte die?

„Komm, Lia, lass dich drücken“, sagte Pummel, der gerade von hinten ankam. Er umarmte mich. „Lass dich drücken“ war Pummels Standardspruch. Damit tröstete Pummel uns, wenn wir traurig waren. Mädchen und Jungs.

„Hast du das Fahrrad repariert?“

„Nö! Muss ein neues Vorderrad kaufen.“ Er öffnete die Klassentür, hielt sie für mich auf und zeigte mir mit einem kleinen Knicks den Weg hinein. Pummel war nach Jayden der einzige Junge in der Schule, der solche Sachen machte. Mein Jayden-Kopfkino lief jetzt ohne Pause, trotzdem musste und wollte ich lachen. Bei Pummels 120 Kilo sah der Knicks komisch aus. Zum Glück lachte Pummel bei solchen Sachen immer mit.

Die Klasse grüßte mich, als ob ich die ganze Zeit schon da gewesen wäre, also gar nicht. Jeder beschäftigt. Nur Emma lächelte mich an. Ich hockte mich zu ihr, in unsere Reihe nach hinten. Kuss, Kuss. Pummel versuchte, sich im Gang zwischen den Stühlen durchzuzwängen, dabei fegte er Annikas Rucksack vom Stuhl runter.

„Blöder Fettsack!“, kreischte Annika. Das würde zu Pummel sonst nie jemand sagen. Pummel war der liebste Junge in der ganzen Schule.

KLINGELING. Blume schwebte herein und brachte einen Blumenladen mit. Unser Physik- und Klassenlehrer riecht nach Blumen. Duft kannst du das nicht mehr nennen – Blume riecht wie eine Blumentonne. Sicher kippt er sich jeden Morgen eine Literflasche Parfüm hinters Hemd.

„Ihr Parfüm riecht super!“, hatte Annika Blume bei einem Klassenausflug gesagt. Obwohl wir anderen im Bus dachten, dass ein Krieg mit chemischen Waffen ausgebrochen war.

Unserer Annika lässt Blume eine Menge durchgehen, so wie jeder Lehrer bei uns. Nur die Lehrerinnen packen Annika etwas strenger an. Alle anderen beneiden unsere Klasse um den YouTube-Superstar Annika, nur wir beneiden uns nicht. Annika ist eine neidische, arrogante und verlogene Oberzicke. Ach, Lia, du wolltest doch lustige Sachen denken und erleben, fiel mir plötzlich ein. Wenn du aber schlecht über andere denkst, lachst du nicht mehr. Und so entstand mein fünftes Lachgebot.

Das fünfte Lachgebot

Über andere denke entweder schön, oder gar nicht. Oder lache über sie.

Weg mit Annika! Wegen Jayden war sie heute mies drauf. Auslachen sollte ich sie deswegen nicht. Trotzdem verspürte ich ein warmes Gefühl ums Herz, als ich sie heute ansah. Bin ich auch ein schadenfrohes Biest?

 

***

 

„Wie ist’s gestern mit Jayden gelaufen?“, flüsterte Emma während des Matheunterrichts. Zum Glück saßen wir in der letzten Reihe links hinten, am weitesten von Blume entfernt, und konnten in den Unterrichtsstunden gut flüstern.

„Jayden hat mir erzählt, wie’s in New York war“, flüsterte ich zurück. „Sonst erinnere ich mich an nichts. Nur dass es schön war. Wir haben Kaffee getrunken und radelten bis in die Nacht durch den Englischen Garten. Hin und wieder machten wir eine Pause und chillten.“

„So wenig habt ihr gemacht?“ Emma machte ein enttäuschtes Gesicht. „Keinen Sex?“ Ich stieß sie in die Seite, und wir kicherten. Laut. Blume guckte uns streng an. Erst nach fünf Minuten konnten wir uns weiter unterhalten.

„Mir geht das nicht in den Kopf“, sagte ich. „Warum ich? Er fliegt doch nur auf hübsche Mädchen wie Annika.“

„Du bist hübsch, Sweety“, sagte Emma.

„Quatsch!“, sagte ich. Emma war meine beste Freundin und sehr lieb. Sie würde mir nie sagen, dass ich unschön bin. „Jayden hat mich nach Haidhausen begleitet“, erzählte ich weiter. „Bis in unsere Straße!“

„Charmant“, sagte Emma. „Der wohnt doch in Bogenhausen. Wäre zu Hause schneller als du.“ Da hatte sie recht. Welcher Junge würde das schon tun? Meistens sagten sie „tschüss“, und weg waren sie.

„Und?“, fragte Emma. „Habt ihr euch zumindest geküsst? Richtig meine ich.“

„Nein“, sagte ich. „Wir sind doch nicht zusammen.“

„Der will dich, Sweety!“

„Meinst du?“

„Sicher!“

„O Süße! Was mache ich, wenn er meine Mama trifft?“

„Jetzt sei nicht so ungerecht zu deiner Mama“, sagte Emma. „Sie macht sich jetzt umso mehr Sorgen um dich, seit Felix … UPS!“ Emma fasste sich an den Mund. Hatte die Erwähnung von Felix wie immer vermeiden wollen, um mich nicht traurig zu machen. Ich war jetzt aber anders. Das fühlte ich. „Früher war deine Mama doch super lustig mit ihren Sprüchen“, fügte Emma hinzu.

„Nicht lustig“, sagte ich. „Peinlich. Nur hat sie jetzt so um Felix getrauert, dass sie keine Zeit für ihre Sprüche hatte. Wenn sie damit aber wieder anfängt? Was mache ich dann?“ Ich wollte echt, dass es meinen Eltern wieder besser ging. Hoffte aber, meine Mutter würde nie mehr so laut und indiskret werden, wie früher auf unserem Straßenseite-Balkon, von dem sie mir Sachen nachrief wie: „Lia! Tu bitte nächstes Mal dein schmutziges Höschen in den Wäschekorb und nicht auf den Tisch!“

„Quatsch!“, sagte Emma, die Prophetin. „Du wirst noch lernen, über die Sprüche deiner Mama zu lachen.“ Das glaubte ich aber nicht.

 

***

 

Auch was gestern passiert war, konnte ich immer noch nicht glauben. Jayden und ich im Englischen Garten? Allein? Eine Frage war extrem wichtig: Wie ging’s weiter zwischen uns?

In der großen Pause lief ich mit den Mädchen in den Schulhof. Um den Sandkasten war die ganze Schule versammelt. Was war dort los? Jayden sah ich nicht. Wir drängten uns durch die Meute zum Sandkasten. Viele von ihnen kreischten vor Lachen. Der VW-Käfer stand jetzt nicht mehr auf seinem angestammten Parkplatz. Der Käfer hockte tief im Sandkasten. Als ob er eingebuddelt worden wäre. Passte millimetergenau rein. Wie ausgemessen.

Frau Kolb stand wie erstarrt vor ihrem Käfer. Emma kreischte vor Lachen. Fabi kam zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Emma lachte aus und beugte sich zu mir. „Weißt du, wer das gemacht hat, Sweety?“

„Louis“, sagte ich.

Erstaunt guckte sie mich an. „Ja! Mit Jayden und den anderen Jungs! Sie sind in der kleinen Pause raus. Einer hat die Schultür bewacht, die anderen haben den Käfer reingetragen.“

Zum Glück erstattete Frau Kolb keine Anzeige. Blume und ein paar andere Lehrer trugen den VW-Käfer wieder auf seinen Parkplatz. Jayden und Louis ließen sich immer noch nicht blicken. Vielleicht guckten sie sich das Kino aus einem der Fenster über dem Schulhof an. Ich hob den Kopf. Sah ich dort etwas? Als ob ein Spiegel von oben mit Sonnenstrahlen meine Augen blendete.

 

***

 

Nachdem wir ausgelacht hatten, steuerten die Mädchen unsere gewohnte Bank am Sportplatz an. Ich wollte im Schulhof bleiben. Sicher würde auch Jayden rauskommen. Die Frage war nur: Allein? Mit einem seiner schönen Lächeln im Gesicht – nur für mich? Oder wieder Hand in Hand mit Annika wie in den Wochen zuvor.

Emma bemerkte sofort mein Zögern. „Lass dir Zeit, Sweety“, sagte sie. „Nichts läuft dir davon.“

Sie hatte recht. Wenn ich ganz allein ohne unsere Clique im Schulhof geblieben wäre, wär’s peinlich. Als ob ich ihm nachlaufen würde. Hmmm … vielleicht konnte ich mein Fahrrad reparieren. Zum Schein meine ich. Ich musste unbedingt wissen, ob Jayden im Schulhof mit Annika sprach. Sie stand rechts von uns mit zwei anderen YouTuberinnen aus der zwölften Klasse.

Jayden hatte ich bis jetzt immer noch nicht gesehen. War er am Ende krank? Oder mit Louis unterwegs? Fabi und die anderen Jungs aus Jaydens Clique waren am Sandkasten. Emma nahm mich an der Hand und zerrte mich zum Sportplatz.

An unseren Bänken packte Iva eine Tonne Zwetschgenstreuselkuchen aus. „Meine Oma ist aus Tschechien gekommen und nur am Backen“, sagte sie.

„Der Kuchen schmeckt wie Liebe“, sagte Laura plötzlich ganz poetisch. Wir sahen sie an. Sie wurde rot. Noemi auch. Komisch.

Plötzlich regnete es von der Kastanie über uns. Wir stoben auseinander. Eine riesige Maschinenpistole aus Plastik beschoss uns mit Wasser. „Huhu! Bitches!“, rief eine quiekende Stimme von oben.

„Ich bringe ihn um!“, rief Noemi. Sie drohte mit der Faust gegen die große Maschinenpistole und das Gesicht dahinter. „Rico, du Ratte! Na warte, wenn du nach unten kommst.“

„Ich komme nicht nach unten, Bitch!“, brüllte ihr Bruder Enrico, der Fünftklässler. „Hol mich!“ Er schmiss ihr eine Wasserbombe vor die Füße, ein Kondom mit Wasser gefüllt. PATSCH! Noemi stand klitschnass da. „Prank!“, kreischte Rico von oben.

Keine von uns hatte Lust, ihm in die Baumkrone nachzuklettern. Außerdem hatten wir Angst, dass er dabei stürzte.

„Ich sage das unserer Mama!“, rief Noemi.

„Dann zeige ich Mama dein Tagebuch!“

„Mein Tagebuch ist hier, du Vollidiot!“, brüllte Noemi und zeigte ihm ihr Smartphone.

„Ich hab dich gehackt, Baby!“, kreischte Rico. „Prank!“ Er schmiss eine zweite Wasserbombe vor Noemi. Wir traten den Rückzug an. Die Pause war sowieso um.

Übers Wasser hüpfen

Nach dem Unterricht ergoss sich die Sonne über mich, ich wurde endgültig zum Glückskind: An den Fahrradständern wartete Jayden auf mich. Emma, Noemi und Laura setzten sich kichernd von mir ab. Wegen ihres Gekichers wünschte ich sie auf den Todesstern.

„Wollen wir zur Isar fahren, Honey?“

„Nein!“ Habe ich selbstverständlich nicht gesagt. „Ja!“

Seine zweite Frage kam eine Stunde später auf den Kieselsteinen des Isar-Ufers: „Willst du mit mir gehen, Honey?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich. Keine Ahnung, was da in mich gefahren war. War ich von Ivas Zwetschgen auf Drogen oder was?

Jayden riss die Augen auf: „Waaas?“

„Sorry!“, sagte ich zum Glück. „Nur ein Scherz! Klar will ich mit dir gehen!“ Dann überlegte ich, wie ich ihn nennen sollte. Wenn er schon „Honey“ zu mir sagte. Vielleicht „Bärli“. Bären fahren doch voll auf Honig ab.

„Du kannst Jay zu mir sagen, Honey. So nennen mich meine Freundinnen.“

 

***

 

Seitdem waren wir jeden zweiten Tag nach der Schule zusammen zur Isar geradelt. Wenn ich mit Jayden zusammen war, dachte ich nur an ihn und an uns.

Abends hing unsere Clique um den Brunnen am Weißenburger Platz rum. Manchmal ging ich mit Jayden hin, doch nachmittags wollte Jayden an der Isar üben. Er konnte einen flachen Stein übers Wasser so oft hüpfen lassen, dass wir’s nicht zu zählen schafften. Um die Sprünge festzuhalten, musste ich Jayden beim Ditschen mit seiner Kamera filmen. „Der Weltrekord sind 88 Sprünge“, sagte er. „Das schaffe ich bald, Honey. Mit 89 Sprüngen komme ich ins Guinness-Buch der Rekorde.“

„Ja, Jay!“, sagte ich mit so viel Bewunderung in meiner Stimme, wie’s nur ging.

Gleich bei seinem ersten Steinehüpfen-Auftritt hatte ich Wikipedia konsultiert. „Die Wasseroberfläche und der flache Stein müssen einen Winkel zwischen 0° und 45° bilden, damit der Stein springt“, sagte ich. Jayden sah mich aber nur verständnislos an. Das fand ich süß. Er war nun mal ein Praktiker. Ich bin anders. Wenn ich etwas mache, dann möchte ich jeden Hintergrund dazu erfahren.

Vielleicht mochte er aber keine naturwissenschaftlichen Sachen, dachte ich. Jayden war so wie ich im sprachlichen Zweig. Ich probierte es mit Geschichte und Literatur. „Bei Homer lässt Herkules sein Schild übers Wasser hüpfen.“

Aber auch jetzt änderte sich Jaydens verdutzter Blick nicht. „Ich schaffe jetzt 60 Sprünge. Super, oder?“

Früher hatte meine Mama öfter vor Papa ihre Witze gerissen. „Du kannst von einem Mann nicht erwarten, dass er hell ist.“ Wenn Felix dabei war, hat sie ihm sein Haar durchgewuschelt und gesagt: „Das gilt nicht für dich, Felix! Du bist noch kein richtiger Mann!“

Jayden war sicher hell. Nur schien er sich nicht besonders für Physik und Herkules zu interessieren. Er freute sich aber, wenn ich ihn beim Ditschen filmte. So filmte ich ihn. Stundenlang.

Die Belohnung kam immer. So auch an diesem Nachmittag. Nach einer Stunde Steinewerfen schlenderte Jayden zu mir. Ich hockte auf meinem großen rosa Handtuch. Lächelnd guckte er von oben auf mich hinunter: Groß, schlank. Hängte mir seine großen grünen Augen wie zwei Smaragde um den Hals. Sagte nichts.

Ich schnitt mein schönstes Lächeln: Nur für dich, Jay! Er kniete sich zu mir, streckte die Hand aus und fuhr mir durch die Haare. Ich wimmerte vor Wonne. Sich das Haar kämmen zu lassen, ist ja meine Lieblingsbeschäftigung. Er bückte sich und küsste mich auf die Lippen. Zuerst ganz leicht, dann fester, unsere Zungen berührten sich. Jayden richtete sich wieder auf. „Are you ready, Honey?“

Hmmm. Bei dieser Frage kam ich mir ein bisschen vor wie eine Rakete beim Countdown: Three, two, one … fire! Vergaß es aber sofort. Jayden sah mich an – lange, tief. Ich verlor mich in der grünen Wiese seiner Augen. Meinen Rücken hinauf krabbelten Tausende von Ameisen. Eine Ameisenarmee. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Liebe solche starken Gefühle verursacht. Ich konnte die Ameisen auf meiner Haut spüren. Echt!

„Du hast Ameisen auf dem Hals“, sagte er.

„Nö!“, sagte ich. „Dort habe ich nur meinen Kopf!“ Doch gleich sollte sich zeigen, dass er nur „am Hals“ hatte sagen wollen. Sein Deutsch war noch nicht perfekt. Aber süß!

„Hier“, sagte er, streckte die Hand noch mal aus, strich mir über den Hals, zeigte mir seine Finger. Zwei rote Ameisen krabbelten darauf.

„Scheiße!“, rief ich und sprang hoch. War doch kein Liebeskribbeln gewesen, sondern echte Ameisen. Ich dumme Nuss hatte mich direkt auf einen Ameisenhaufen gehockt. Plötzlich juckte alles. Ich hüpfte und klopfte mich am ganzen Körper ab.

„Du musst alles ausziehen!“, sagte Jayden. „Isch bin der Ameisenbär. Isch lecke alle Ameisen von deinem Körper weg.“

Ich zog mich bis auf meinen Badeanzug aus. Zum Glück leckte er mich nicht wirklich ab. So weit waren wir noch nicht. Er fuhr aber mit seiner Hand über meinen ganzen Körper und fegte die Ameisen weg. Dabei wurde ich heißer und heißer – mein Gott! Ich kochte! War das Ameisenbekämpfung oder eine erotische Massage? Mir jagten Schauer durch den Unterbauch.

Trotzdem war ich noch nicht bereit, mich in die Liebe mit Jayden ganz fallen zu lassen. Wegen meiner Geschichte mit Chris vor einem Jahr wollte ich mir mit Jayden Zeit lassen. Drei Monate mussten es schon sein, oder? Bevor Jayden und ich zusammen schliefen. Bis dahin war nur Kuscheln und Küssen angesagt. Nicht das volle Programm.

An der Isar gab’s jetzt im Sommer sowieso überall Leute. Bis jetzt hatte Jayden nicht gedrängt, doch auf einmal war alles anders. „Übernachtest du am Freitag bei uns?“, fragte er mich plötzlich.

Seine Frage verstand ich zuerst nicht. Selbstverständlich hatte ich schon ein paar Mal dran gedacht, dass mit Jayden sicher alles schön wäre. Doch so schnell? Seit unserem Ausflug zum Seehaus im Englischen Garten nach dem Fußballspiel der Jungs waren erst zwei Wochen vergangen.

Eigentlich gefiel mir an ihm, dass er so schnell war – ein Zupacker. Alles ZACK, ZACK. Eine Übernachtung bei ihm schon nach zwei Wochen war mir dann aber doch zu schnell. Sicher roch sein Bett noch nach Annika.

„Du hast den schönsten Mund der Welt!“, sagte Jayden, während ich überlegte. Was sollte ich ihm zu der gemeinsamen Übernachtung antworten? Ich musste an meine Geschichte mit Chris vor einem Jahr denken.

Das erste Mal

Eines Morgens vor einem Jahr nach einer Party bei Pummel, war ich kurz davor, der Welt „lebe wohl“ zu sagen. Nicht wegen Felix, Felix hatte damals noch gelebt. Wegen Pummels Badezimmer. Besser gesagt, wegen der Sache, die in Pummels Badezimmer passiert war.

Nach dem Casting-Streich von Louis hatten sich nur Emma und Chris nicht über mich lustig gemacht. Mein Erlebnis in Pummels Badezimmer toppte aber sogar die Casting-Show.

Pummel hatte sturmfrei gehabt. Zu seiner Party war ich zusammen mit Emma aufgebrochen. Eigentlich hatte ich nicht hingehen wollen, um mir die blöden Anspielungen wegen der Casting-Geschichte zu sparen. In dieser Zeit konnte keiner mit mir normal reden, jeder schmiss nur Witze. Das nervte.

Außerdem beschäftigte mich auch damals die große Frage: Warum gerade ich? Leider nicht, warum gerade ich geliebt werde, sondern, warum man gerade mich nicht liebt. Warum schossen sich meine Mitschüler so auf mich ein? Nicht einmal Leni wurde so gehänselt, als Karsten ihr Liebesgedicht für unseren hübschen Sportlehrer Schnuckl in ihren Smartphone-Notizen fand. Leni hatte das Handy auf ihrem Platz unversperrt liegen lassen, als sie auf die Toilette ging.

Karsten hatte Lenis Liebesgedicht der ganzen Klasse vorgelesen. Die Jungs lachten Leni aus. Sie lief heulend aus der Klasse und ließ sich ein paar Tage krankschreiben.

Als Leni zurückkam, erwähnte niemand mehr diese Geschichte. Mich hatten meine Mitschüler wegen des Castings aber wochenlang gehänselt. Übrigens ist Schnuckl ein Spitzname. Nicht einmal in Bayern kann ein Sportlehrer Schnuckl heißen. In Wirklichkeit heißt Schnuckl Schlupfköter.

Warum also gerade ich? Auch meine beste Freundin Emma wusste keine Antwort. Sie hatte mal ihren Freund Fabi gefragt, aber der hatte nur gelacht. Hatten die Jungs etwas gegen mich? Klar haben die Hänseleien auch die Mädchen angesteckt. Niemand in unserem Jahrgang nahm mich mehr ernst. Bis eben auf Emma und Chris.

Louis hatte sich hin und wieder entschuldigen wollen, ihn hatte ich nur böse angesehen und war weggegangen. Chris tröstete mich.

Ich wollte nur wieder in unserer Clique ankommen, von meinen Mitschülern ernst genommen werden, und landete stattdessen im Badezimmer von Pummels Haus. Leider nicht allein.

Viele Mädchen haben Angst vor ihrem ersten Mal. So schlimm ist es gar nicht. Das Zahnziehen ist schlimmer. Und dauert viel länger. Chris drängte mich in die Ecke neben dem Wäschekorb, zerrte mir im Stehen die Jeans und mein Höschen zu den Knien runter. Nicht mal geküsst haben wir uns – keine Zeit.

Er versuchte, in mich einzudringen, doch meine Beine und Füße waren von der nur halb ausgezogenen Jeans aneinander gekettet wie mit Handschellen.

„Bist du da so eng?“, keuchte er.

„In der Hose immer!“, sagte ich. Leider konnte ich damals über den guten Spruch nicht lachen. Sicher hätte ein Lachanfall Chris in die Flucht geschlagen. Ja! Damit mich die anderen wieder ernst nahmen, hätte ich lachen sollen. Einem Lachenden kann niemand etwas antun.

Sicher hätte ich das große Ereignis, mein erstes Mal, spätestens dann abbrechen sollen, als Chris an mir mit seinem Gäbelchen herumstocherte wie an einem Schnitzel und meine zusammengekniffenen Beine zu überwinden versuchte. Ich hatte aber Angst. Würde Chris nicht irgendwelche blöden Geschichten über mich erzählen, wenn ich jetzt flüchtete? Dann wäre ich in der Schule ganz durch. Ach, was solls’s. Viele Mädchen hatten’s schon hinter sich: Iva, Noemi … Wie sie zumindest erzählten. Nur Emma und ich waren noch Jungfrauen.

Ich zog mir die Hose ganz aus. Alles ging rasend schnell weiter: Chris bewegte sich nur ein einziges Mal hoch, dann einmal runter und schon röhrte er wie die Hirsche im Naturpark Poing.

„Super!“, sagte er danach. „So gut war’s noch nie.“ Er zog sich meine Hose an. Ach, Quatsch! Das habe ich mir jetzt ausgedacht. Hätte er’s damals getan, hätte es aber einen weiteren Schicksalsschlag verhindert, der mich gleich treffen sollte.

Chris zog sich also SEINE Hose an und sagte: „Muss mir das zweite Bier holen!“ Als ob ich sein erstes Bier gewesen wäre. Und weg war er. Ein schneller.

Ich verschloss mich im Badezimmer und duschte. Mein erstes Mal hatte überhaupt nicht wehgetan. Ich sah auch kein Blut an mir, obwohl ich noch vor etwa fünf Minuten eine Jungfrau gewesen war. Rein körperlich ging’s mir bestens.

Oh, wie ich mich damals unter der Dusche in Pummels Badezimmer tröstete: Endlich dieses blöde erste Mal hinter mir, das ein Mädchen mehr belastet als das Abi. Dabei war’s ein Klacks: HUSCH, HUSCH und entjungfert – keine Sorgen mehr damit. Klar: Von Romantik keine Spur. Romantik hat aber in dieser Welt sowieso nichts zu suchen, oder?

So hatte ich mir zugeredet, während ich mir unter der Dusche die Haut von den Knochen schrubbte. Keinen Hauch von Chris wollte ich mehr an mir haben.

Geduscht und angezogen hockte ich mich auf die Kloschüssel und weinte. Warum hatte ich nicht darüber lachen können? Klar, damals hatte ich noch nicht mein wichtigstes Lachgebot: Du sollst an jeder noch so traurigen Sache ihre lustige Seite finden.

Frisch geduscht kam ich nach unten. In der Küche stand Chris mit ein paar Jungs. Jeder eine Flasche Bier in der Hand. Chris erzählte ihnen gerade etwas, verstummte aber, als er mich sah.

Ich hoffte, er würde mich jetzt nicht vor allen küssen wollen oder umarmen. Ich hatte keine Lust mehr auf ihn. Die hatte ich vor meinem ersten Mal mit ihm aber auch nicht gehabt.

Bevor Chris reagieren konnte, schlüpfte ich ins Wohnzimmer. Auf der Sitzgarnitur drängten sich sicher zwanzig Mitschüler. Wie eine Erdbeer-Pflückkolonne auf einem Lastwagen. Im großen Fernseher von Pummels Eltern guckten sie sich einen Prank bei YouTube an. Ohne zu ahnen, dass der beste Prank ihres Lebens bereits im Anmarsch war.

Ich stellte mich in den Türrahmen und schaute mit.

 

***

 

Im Video spielte ein Mann mit seinem kleinen Sohn im Spiederman-Kostüm. Im ersten Stock einer Wohnung. Das Erdgeschoss konnte man unten hinter einem Geländer sehen. Die Frau kam heim, begrüßte die beiden, lief eine Treppe hoch in ein Stockwerk darüber. Der Mann tauschte seinen Sohn gegen eine als Spiderman angezogene Puppe, legte sich auf den Rücken, hob die Füße, legte die Puppe drauf und wartete, bis seine Freundin die Treppe wieder runter lief. Dann federte er die Puppe mit den Füßen hoch und spielte der Frau vor, dass ihm sein kleiner Sohn aus den Händen gerutscht wäre. Die Puppe flog übers Geländer und patschte im Erdgeschoss auf den Boden. Die Freundin kreischte vor Schmerz auf und lief nach unten. Um dort festzustellen, dass es nur eine Puppe war, mit der ihr der Freund einen Prank gespielt hatte. Der Mann lachte sich schlapp, die Frau kreischte weiter vor Schock.

 

***

 

Unsere Jungs brüllten vor Lachen, die Mädchen lachten nicht. Wir schüttelten die Köpfe.

„Dem würde ich in den Arsch treten!“, rief Emma. Sie war zwischen Fabi und Pummel auf dem Sitzsofa eingequetscht.

„Das war doch lustig!“, sagte Fabi.

„Blödsinn!“, sagte Emma. Plötzlich sah sie mich. „Lia!“, rief sie. „Kannst du mir die Chips reichen?“ Die Chipstüten lagen auf der Fernsehbank. Skandinavische. Ohne Zusätze. Ich trottete hin, bückte mich … hinter mir explodierte plötzlich eine Lachbombe. Mist! Wohl weil ich ihnen meinen Po hingestreckt hatte. Doch das war nur die halbe Wahrheit.

Emma befreite sich aus der Quetschung von Fabi und Pummel, sprang zu mir und zerrte mich ins Badezimmer im Erdgeschoss. „Zieh die Hose aus!“, sagte sie. Ich gehorchte. Das Gesäß meiner Jeans offenbarte das Böse: Chris hatte sich auf meinem ganzen Hintern ausgebreitet. Besser gesagt seine Nachkommen.

Den Spitznamen, den ich dafür in der Schule bekam, würde ich selbst nie in den Mund nehmen. Klar hatte Chris der ganzen Schule erzählt, wer der großzügige Samenspender war. Er – der Held, ich – endgültig unten durch.

Erst Felix hatte mich mit seinem Tod gerettet. Ja – „gerettet“ ist das richtige Wort. Auch wenn ich, um Felix wieder zu uns zu holen, mit Chris in jedes Badezimmer in München gehen würde. Und immer wieder! Das bringt Felix leider nicht mehr zurück.

Zum Glück wechselte Chris kurz darauf die Schule. Und ich habe beschlossen, dass ich noch Jungfrau war. Das mit Chris war doch gar nichts! Wie konnte so was mickrig Ekliges einen Zustand ändern, den ich siebzehn Jahre lang gepflegt hatte?

Nach der Party bei Pummel, lief ich heim und schoss dabei mit meinem Smartphone Tausende Fotos. Das Fotografieren hat mich schon immer vor blöden Gedanken gerettet: Bild toppt Wort. Zuletzt schoss ich ein Selfie vor einem Bestattungsinstitut. Hab’s aber nicht bei Instagram gepostet – das Blitzen hatte mir gutgetan.

Das nächste Mal

Jetzt mit Jayden an der Isar dachte ich an die Zeit vor einem Jahr. Wenn ich schon nach der Geschichte mit dem Casting gelernt hätte, über fiese Sachen zu lachen, wäre es nicht zu meinem ersten Mal mit Chris gekommen. Schon damals hätte ich mein nächstes Lachgebot finden können:

Das sechste Lachgebot

Lasse die Leute nicht allein über dich lachen! Lache mit ihnen!

Doch nach Lachen war mir jetzt an der Isar mit Jayden wirklich nicht. Wollte er schon nach ein paar Tagen Zusammensein mit mir ins Bett?

„Ich möchte damit noch warten“, sagte ich. „Okay?“

„Irgendwann musst du das machen, Honey!“ Sicher hat ihm niemand meine Story mit Chris erzählt. Davor hatte ich Bammel. Jayden war erst nach meinem Badezimmererlebnis an unsere Schule gekommen. Und nach dem Tod meines kleinen Bruders. Der Tod von Felix hatte alle Lästermäuler gestoppt.

Na ja, vielleicht haben schon alle meine Peinlichkeit vergessen. Mein Vater sagt oft: „Lia, du musst dir keine Sorgen darüber machen, was die anderen über dich denken. Die anderen haben keine Zeit dafür. Sie machen sich selbst ständig Sorgen darüber, was du über sie denkst.“

Jayden umarmte mich und zog mich eng an sich. Wange an Wange, Brust an Brust, Bein an seine drei Beine.

„Wir warten damit, okay?“, flüsterte ich.

„Alles klar!“, sagte Jayden. „Könntest du mir mit Mathe helfen? Louis meint, du warst in Mathe die Klassenbeste.“ Hmmm … Louis würde ich nie los werden.

„Ich bin die Beschte!“ Hey, Lia! Gut gesagt! Ich gefiel mir immer besser.

„Isch weiß, Honey!“

„Kommst du zu mir?“

„Besser, wir verlustigen uns bei mir“, sagte Jayden. Wir verlustigen uns? Mit Mathe? Jayden hatte Humor. Vielleicht hätte ich aber speziell diesen Satz ernst nehmen sollen.

„Gut“, sagte ich.

***

Am nächsten Tag läutete ich an der Haustür von Jaydens Eltern. Eine Villa in Bogenhausen. Meine Eltern können sich nur eine Mietwohnung leisten. Schon das ist in München eine große Errungenschaft.

Schritte hinter der Tür. Jaydens Mutter? Sein Vater? Die Tür ging auf. Vor mir stand Jayden. Splitternackt. Mit einem strahlend weißen Frotteehandtuch über der Schulter, in dessen Ecke eine rote Krone gestickt war.

Gleich würde er, „tataaa!“ rufen und eine Pose schmeißen. Zum Glückt nicht! „Entschuldige, Honey!“, sagte er nur. „Habe gerade geduscht.“

UPS! Ich habe nicht einmal, „hallo“, gesagt, ich war sprachlos. Jayden führte mich ins Wohnzimmer und verschwand mit einem kleinen Versprechen, das mir etwas Angst einjagte: „Bin gleich da!“ Wie würde er zurückkommen? Nackig und mit einem Kondom über den Kopf gezogen? Trotz der blöden Situation musste ich kichern.

Die Wohnung war modern eingerichtet, hell, alles auf seinem Platz, kein Körnchen Staub. Sicher hielten sich Jaydens Eltern eine Putzfrau.

Zwei große Fotos an den Wänden von Helmut Newton. Nackte Frauen. Originale, vom Künstler signiert. Ich kenne Newton. Mein Papa ist Fotograf und sammelt Fotobände. Ich möchte auch Fotografin werden. Deswegen poste ich jeden Tag ein Foto bei Instagram, mit einem schönen und weisen Spruch. Wenn mir einer einfällt. Wenn nicht, dann klaue ich einen im Netz.

Gerne gucke ich mir die Fotos in Papas Büchern an. Jetzt die von Newton an der Wand, aber nur vor lauter Verwirrung. Ich war immer noch im Schock über Jaydens Aufmachung. Warum hatte er sich nicht das Handtuch um die Hüfte geschlungen, wenn er schon duschen musste? Gerade als ich kommen sollte?

Andererseits konnte ich diese Geschichte auch von ihrer lustigen Seite sehen, oder? Mit „der Schüler kommt nackt zur Mathenachhilfe“ könnte ein guter Witz anfangen. Zum Glück tauchte Jayden kurz darauf hübsch angezogen auf.

„Mein Vater sagt immer, ihr Amerikaner seid prüde!“, sagte ich. „Und jetzt hast du mir nackig aufgemacht.“ Ich hatte es ansprechen müssen. Mutig von mir, oder? Mein Papa sagt aber auch oft: „Wenn du Fragen hast, dann frage.“

„Meine Mutter ist Schwedin“, sagte Jayden.

„Alles klar!“

Super: Jayden war angezogen. Endlich konnten wir uns auf Mathe konzentrieren. Trotzdem schien Jayden eher mir Nachhilfe geben zu wollen, als von mir welche zu bekommen. In Biologie. Meine Brüste interessierten ihn mehr als Trigonometrie. „Mach mir den Kosinus, Honey!“ Obwohl er in der zwölften Klasse noch nicht den Satz von Pythagoras kannte. Meinen Erklärungen hörte er nicht zu. Wollte nur meine Kurven diskutieren. Seine Tangente an sie legen.

Immer wieder musste ich Jaydens Hand schnappen, sie festhalten, bald befreite sie sich aber und HUSCH! Schon flitzte seine Hand unter meine rosa Bluse. Die habe ich meiner Mama geklaut. Sonst lief sie voll peinlich angezogen herum, doch diese Bluse war schön.

Unter der Bluse versuchte Jayden, meinen BH zu öffnen, an meinem Rücken. Zum Glück hatte ich den BH-Verschluss vorne, zwischen den Brüsten. Auch wenn er sich nicht allzu gut im Gelände orientieren konnte, würde er bald den Verschluss finden. Und dann gnade mir meine nicht mehr vorhandene Unschuld.

„Hallo!“ Jaydens Vater kam heim. Ich wollte singen vor Freude. Anzug, weißes Hemd, Schlips. Gepflegt. Ich nahm mir vor, meinen Vater und meine Mutter vor Jayden zu verstecken, damit er sie nicht mit seinen Eltern vergleichen konnte. Meine Eltern lebten in Welten voller Naturwolle und Turnschuhe.

„Wie geht’s dir, Annika?“, fragte Jaydens Vater. Ich drehte mich um, so verwirrt war ich. Zum Glück stand Annika nicht hinter mir.

„Das ist Lia, Papa“, sagte Jayden.

„Aaaah … entschuldige!“ Er fragte mich, was ich gern mache und so. Hörte mir aber nicht richtig zu. Ich merke sofort, wenn man mir nicht zuhört. Nach ein paar Minuten verschwand er in seinem Arbeitszimmer.

„Hier gibt’s jetzt zu viel Traffic, Honey!“, sagte Jayden. „Komm! Du bringst mir oben in meinem Zimmer Mathe bei.“

„Ich möchte dir aber meine Hypotenuse noch nicht zeigen“, sagte ich und bekam einen blöden Lachanfall. Verdutzt guckte Jayden mich an, lachte nicht mit. Sein Blick steigerte mein Lachen. Seit ich mich mit dem Lachen neu erfunden hatte, passierten mir Lachanfälle öfter. Früher hätte ich einen solchen Satz wie den mit der Hypotenuse nie gesagt. Noch als ich lachte, hoffte ich, ihn nicht verletzt zu haben.

„Willst du mich in den Kopf stoßen, oder was?“, fragte Jayden. Ich heulte wieder los. Sein Deutsch war nahezu perfekt, hin und wieder gab’s bei ihm aber einen süßen Versprecher. Gekränkt sah er mir beim Lachen zu. Wollte nicht mitlachen. Schade. Ich sollte mich echt zusammenreißen.

„Entschuldige“, sagte ich. „Das heißt ‚vor den Kopf stoßen‘, nicht ‚in den Kopf stoßen‘.“

Seine Miene wurde immer düsterer. „Machst du dich über mich lustig?“

Das wollte ich nicht. „Sorry!“, sagte ich, warf mich auf ihn und küsste ihn. Lange. Das hatten wir schon drauf. Ich fühlte, wie er sich wieder entspannte.

„Ich liebe dich wirklich“, sagte ich. „Brauche aber noch etwas Zeit, okay? Jetzt muss ich sowieso heim! Wir bekommen Besuch“, log ich.

„Machst du bei der Film-AG in der Schule mit?“, fragte Jayden mich in der Tür. „Im Kurs gibt’s nur Jungs. Wir sind zu wenige. Wenn ein paar Leute abspringen, findet die AG nicht statt.“ Wie süß doch sein Akzent war! Klar konnte ich ihm jetzt nichts mehr abschlagen. Wenn mein Vater von meiner Mama etwas will und sie „nein“ sagt, bittet er sie gleich um etwas anderes und bekommt’s immer. Solche Tricks versteht meine Mama nicht.

„Ich frage die Mädchen“, sagte ich.

Und so sollte bald mein Leben mit der versteckten Kamera und mit lustigen Videos anfangen. Das Lachen begann zu rollen, bis die Lachlawine eine von uns unter sich begrub.

Leben und lesen lassen

Am Mittwoch unseres ersten Film-AG-Treffs hatte ich keine Lust, in die Schule zu gehen. Die halbe Nacht hatte ich So was kann auch nur mir passieren von Mhairi McFarlane gelesen, war dabei erst um halb vier eingeschlafen. Habe die Liebesgeschichte leider nicht bis zum Ende geschafft. Gleich nach dem Aufwachen konnte ich aber an nichts Anderes denken: Würden Georgina und Lucas zusammenkommen? Ich fand mich voll in Georgina wieder: Sie schlitterte von einer Peinlichkeit in die nächste.

Warum du in solchen dringenden Fällen in die Schule musst, verstehe ich nicht. Was kann schon wichtiger sein, als die Frage, wie eine Liebesgeschichte ausgeht? Das ist doch die wichtigste Frage überhaupt. Auf jeden Fall viel wichtiger als der Unterricht. Ich lese gern. Die Geschichte zwischen Georgina und Lucas hat mich aber frontal erwischt – wenn man’s so sagen darf. Das einzig Blöde war, dass mich der Held Lucas wieder an Louis erinnerte. Und nicht nur weil beide mit einem „L“ anfingen. Ich musste Louis wegmeditieren: Hopp, hopp und weg mit dir, du Schurke, du Beschwörer meiner größten Peinlichkeiten!

Mama guckte mir beim Packen meiner Schulsachen zu. Langsam schien auch sie am Leben Spaß zu bekommen. Sicher würde sie den Tod meines kleinen Bruders nie überwinden können, doch sie bemühte sich wieder. Auch um mich. Leider fand ich das nicht so gut.

„Ich fange wieder an zu arbeiten, Lia. Ist das okay für dich? Werde viel in der Stadt unterwegs sein und nicht mehr so viel Zeit für dich haben.“

Also war’s jetzt so weit – bald würde ich wieder zum Stadtgespräch werden. Was sollte ich Mama sagen? Sie sollte arbeiten, damit sie nicht weiter Trübsal blies. Ich musste Opfer bringen. „Das ist schon okay, Mama!“

Sie guckte mich komisch an, fragte plötzlich: „Hast du einen Freund, Lia?“

„Nö“, log ich. Von Jayden durfte ich Mama nicht erzählen. Sonst würde das sofort die ganze Nachbarschaft erfahren.

Ich stellte mir vor, wie ich mit Jayden durchs Viertel ging und hinter uns Mamas Freundinnen tuschelten, laut, dass es die ganze Straße hören konnte und Jayden sowieso.

„Das ist Lias neuer Freund! Amerikaner! Hübsch wie dieser Leonardo … äääh … wie heißt der nur?“

„Da Vinci?“

„Neee … äääh … der heißt, wie dieses Auto … Ka… Kabriolett … Kabrio?“

„DiCaprio?“

„Ja! Die Kabrio! Hübscher Kerl!“

Was Schauspieler angeht, lebten Mama und ihre Freundinnen noch im letzten Jahrtausend.

Die Schonzeit ist vorbei, Lia!, sagte ich mir. Jetzt geht’s wieder los. Zum Glück fiel mir gleich mein Lachgebot ein: Wollte ich ab jetzt nicht jeder Sache nur ihre lustige Seite abgewinnen? Na also! Würde ich’s aber auch schaffen, Mamas Geschichten über mich lustig zu finden? Sicher! Oder?

Das Wichtigste war sowieso: Mein neu gefundenes Lachen zog meine Mama aus ihrer Trauerfalle heraus. Langsam, aber immer mehr.

 

***

 

In der Früh vor unserem ersten Film-AG-Kurs meldeten die Mädchen und ich uns bei Blume an. Unser duftender Klassenlehrer leitete den Filmkurs. Er freute sich. „Wir treffen uns um 16 Uhr im Physikkabinett.“ Heute würde das Physikkabinett wie ein Rosengarten duften, denn Blume roch nach einem Strauß mit tausend Rosen.

 

***

 

In der Pause würde ich nicht zum Lesen kommen. In der Mittagspause vor dem Nachmittagsunterricht und der Film-AG wollte ich mich aber auf die Bänke hinter unseren Sportplätzen verziehen und dort statt Mittagessen mein Buch verschlingen.

Leider regnete es in der Früh. Mittags würde draußen sicher alles nass sein. Die ganze Welt hatte sich gegen mich verschworen, damit ich das Ende der Geschichte nicht erfuhr.

Doch in der Schule erlebte ich eine hübsche Überraschung. Wir bekamen endlich die schon seit langem angekündigte Leseecke. Gleich am Ende des Flurs neben unserer Aula.

In der Leseecke konntest du in gemütlichen Sesseln schmökern. Wenn du unterrichtsfrei hattest.

Über den Ort des Lesens wachte Schreier, unser Englisch-Lehrer. Das war nicht so gemütlich, Schreier war ein zum Leben erwachtes Verbot. Am liebsten hängte er überall in der Schule seine laminierten Verbotsschilder auf: „Im Flur ist Laufen und Spielen verboten“, „In der Schule sind Haustiere verboten“, „In der Schulkantine darf nicht laut geredet werden“.

Wenn Schreier nicht unterrichtete, streunte er durch die Schule und überlegte, was noch verboten werden konnte. Wo könnte er eins seiner laminierten Verbotsschilder aufhängen? Irgendwann würde er überall Schilder anbringen mit „In der Schule sind Schüler verboten!“

Das wäre schön!

Die anderen Lehrer und unsere Schulleiterin versuchen öfter, Schreier seine Verbotsschilder auszureden. Doch Schreier labert sie so lange voll, bis sie nachgeben. Mit ihm will niemand diskutieren. Er lässt nie locker, bis die Schulleiterin seufzt und sagt: „Na gut!“ Und SCHWUPP! Schon hängt in der Schule ein neues Verbotsschild.

An der Leseecke hatte Schreier sich richtig ausgetobt. Eine ganze Wand war mit von Schreier eigenhändig hergestellten Schildern bedeckt:

Essen verboten!

Schlafen verboten!

Sprechen verboten!

Telefonieren verboten!

In der Leseecke ist nur das LESEN erlaubt!

Handys waren den Schülern sowieso in der ganzen Schule verboten. In der Leseecke durften aber nicht einmal die Lehrer telefonieren. Noch viele andere Verbotsschilder hingen dort, doch das schönste verkündete:

Bitte vor dem Lesen die Hände waschen!

Vor dem Regal mit Buchspenden der Eltern stand am ersten Tag der Leseecke eine Kiste mit weißen Baumwollhandschuhen. Auch die Kiste war mit einem laminierten Schild versehen:

Beim Lesen Handschuhe tragen!

Diese Kiste wurde auf Geheiß der Schulleitung kurz darauf entfernt. Mit Handschuhen zum Lesen konnte Schreier sich nicht durchsetzen.

Egal! Ob in Handschuhen oder ohne – in der Mittagspause und vor der Film-AG würde ich mich in der Leseecke verkriechen und hier mein Buch zu Ende lesen. Schöne Aussichten! Beglückt lief ich in die Klasse.

 

***

 

Auch im Unterricht lachte das Leben laut: Unser Klassensprecher Nikos war mit einem großen Pflaster am linken Auge aufgetaucht.

„Hast du dich verletzt?“, fragte ihn Frau Müller, unsere Deutschlehrerin.

„Ja!“, sagte Nikos. „Das Augenlid musste genäht werden.“

„Was ist passiert?“

„Ich habe mich rasiert!“

„Am Auge?“

„UAAAH!“ Leben, lieben, lachen.

 

***

 

Schon in der Mittagspause wollte ich die Leseecke ansteuern. Vor unserer Klasse gabelten Jayden und Fabi Emma und mich auf. Jayden trug ein hübsches blaurotes Karohemd und kurze Diesel-Jeans. Fabi trotz Sommer eine lange Levi’s. Auf seinem schwarzen T-Shirt prangte in weißen Buchstaben „Ich habe nicht Tourette, ich bin einfach unfreundlich.“

„Wir sehen uns heute im Film-AG, Honey, okay?“, sagte Jayden. „Ich muss mit Fabi etwas erledigen.“

Jedes andere Mal wäre ich traurig gewesen, dass Jayden mit mir nichts machen wollte. Jetzt konnte ich nur noch an mein Buch denken. Plötzlich musste ich mich aber fragen: Habe ich gerade ein Abenteuer in meiner eigenen Liebesgeschichte für eins im Buch getauscht?

Emma war dagegen sauer. „Fabi verbringt langsam mehr Zeit mit deinem Freund als mit mir“, sagte sie. „Wir wollten zusammen Eis essen. Das hat er mir versprochen.“

„Was machst du jetzt?“, fragte ich. „Gehst du in die Kantine?“

„Nö!“, sagte Emma. „Bin nicht hungrig. Hatte schon Obst. Warmes esse ich vor der Film-AG zu Hause.“

„Kommst du in die Leseecke mit?“

Emma zuckte mit den Schultern. „Mach ich, Sweety! Ich kann dort dehnen!“ Emma las wenig. Meist nur Schullektüre. Ich las viel. Trotzdem passten wir gut zusammen.

„Wenn Schreier dich dort bei deinen Dehnübungen erwischt, macht er Anti-Dehnungen-Terror.“

„Der kann mich mal“, sagte Emma. „Ein Schild mit ‚Dehnen verboten‘ hängt dort nicht, hi, hi …“ Vor Schreier hatten alle Angst, sogar unsere Schulleiterin, nur Emma nicht.

„Du bist super“, sagte ich in einem Anfall von Zuneigung und umarmte sie.

Wir trabten die Treppe runter. „Was heißt überhaupt Tourette?“, fragte Emma.

„Das ist so ’n Syndrom. Tourette-Kranke müssen ständig sehr unanständige Sachen sagen. Sie schimpfen ziemlich übel.“

„Warum trägt Fabi dann so was auf dem T-Shirt? Will er mich verarschen? Er weiß doch, dass ich unfreundliche Menschen nicht ausstehen kann.“ Das stimmte. Wenn bei Facebook oder Instagram jemand mit einem Hasskommi kam, sperrte Emma ihn sofort.

„Er meint’s lustig.“

Autor

  • Jaromir Konecny (Autor)

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Titel: Lachen, liken, lieben