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Ein Weihnachtswunder namens George

von Katie M. Bennett (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Laurie Parker ihren Mann verliert, bricht eine Welt für sie zusammen. In ihrem Kummer gefangen, wird sogar die Weihnachtszeit zu einer Qual. Doch als sie auf New Yorks Straßen den kranken Mopswelpen George findet, hat Laurie wieder einen Grund zu leben. Gemeinsam mit dem Tierarzt Dr. Andrew Martinez kümmert sich Laurie um den kleinen Hund.

Ryan Parker stirbt irrtümlich. Schuld ist Ava, sein verrückter und manchmal etwas unaufmerksamer Schutzengel. Als Wiedergutmachung erlaubt sie Ryan, noch einmal in Lauries Leben einzugreifen. Denn er hat nur einen Wunsch: Laurie soll  glücklich werden! Damit sie wieder Lebensmut findet, schickt er ihr George. Aber ausgerechnet an Weihnachten erleidet George einen schweren Rückfall und um ihn zu retten, muss Laurie eine Entscheidung treffen …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe November 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-296-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-948-0

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © iostephy und © titoOnz
shutterstock.com: © Africa Studio, © gpointstudio, © Squarciomomo und © Mihai_Andritoiu
Lektorat: Claudia Steinke

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für Andreas

1. Laurie

Neujahr

Greenwich Village / Manhattan

Ein leises Brummen in ihrem Kopf erinnerte Laurie beim Aufwachen daran, dass der Champagner um Mitternacht zu köstlich gewesen war. Probeweise öffnete sie die Augen. Die strahlende Sonne über Manhattan hatte sich durch einen Spalt in den Vorhängen einen Weg ins Schlafzimmer gesucht und kitzelte jetzt ihre Nasenspitze. Laurie schloss die Augen wieder und tastete mit der Hand neben sich. Die andere Seite des Betts war noch warm aber leer. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Ryan, der Frühaufsteher. Selbst am Neujahrsmorgen hielt es ihn nicht lange im Bett. Laurie lauschte. In der Wohnung blieb alles still. Gedämpfte Straßengeräusche drangen von unten herauf. Sirenengeheul flammte auf, erlosch nach einiger Zeit wieder. Laurie kuschelte sich tiefer in die warme Decke. Es reichte auch aufzustehen, sobald der erste Kaffeeduft durch die Wohnung ziehen würde. Frühstück machen gehörte glücklicherweise zu Ryans Aufgaben. Bestimmt war er jetzt wie üblich laufen im Washington Square Park und würde anschließend beim Bäcker anhalten. Frische Croissants, Bagels, Orangensaft … Laurie hatte den Geschmack eines opulenten Frühstücks bereits auf der Zunge. Aber vorher wollte sie noch ein paar Minuten schlafen. Danach würde vielleicht auch das Brummen in ihrem Kopf verstummt sein. Sie hätte so vernünftig wie ihr Mann sein und nach dem ersten Glas aufhören sollen … egal, die guten Vorsätze fingen schließlich heute erst an. Sanft glitt sie zurück in eine Traumwelt.

 

***

 

Sie war tiefer eingeschlafen, als sie es für möglich gehalten hatte. Wilde Traumszenen wechselten sich rasant ab. War sie eben noch mit tausend anderen auf dem Times Square unterwegs, mit Ryan dem neuen Jahr entgegenfiebernd, fand sie sich im nächsten Moment alleine in einer dunklen Seitenstraße wieder. Ohne Ryan, in ihrer Hand nur ein leeres Champagnerglas. Ein ungutes Gefühl ergriff Besitz von ihr. Wo war sie? Schon wechselte die Umgebung wieder. Eine urige Hütte, perfekt für einen romantischen Winterurlaub, wie sie ihn für das kommende Jahr in den Whiteface Mountains geplant hatten. Kerzenlicht spendete mattes Licht und ein Kamin sorgte für heimelige Wärme. Laurie lag in Ryans Armen auf dem Sofa und blickte in die züngelnden Flammen. Bis die Türklingel die friedliche Stille durchbrach.

„Nicht aufmachen. Wir sind einfach nicht da!“ Laurie lachte und drückte sich enger an ihren Mann.

Ryan nickte zustimmend und strich langsam mit seinen Lippen ihren Hals hinab. Die Schauer, die über ihren Rücken liefen, bestärkten Laurie darin, wen auch immer vor der Tür stehen zu lassen. Aber der Ankömmling blieb hartnäckig. Es klingelte erneut. Schließlich wurde anhaltend geklopft. Mit einem Ruck wachte Laurie auf. Mühsam setzte sie sich auf.

„Wieder den Schlüssel vergessen“, murmelte sie, während sie seufzend die Beine aus dem Bett schob. Das Brummen in ihrem Kopf war nicht leiser, sondern lauter geworden. Ihr fielen die drei Gläser Rotwein ein, die ihr Abendessen im Jim’s, ihrem Lieblings-Italiener in der MacDougal Street, abgerundet hatten. Heute würde es ausschließlich Wasser und Saft geben, so viel war klar.

Die Kälte des Parketts, auf das ihre nackten Füße traten, ließ sie erschauern. Sie war froh, im Flur über Teppich laufen zu können. Mit Schwung riss sie die Wohnungstür auf. Das Lächeln gefror auf ihren Lippen. Zwei uniformierte Polizisten blickten ihr entgegen.

„Ja?“ Auf Fremde war sie nicht eingestellt. Mit ihren zerzausten langen Haaren, bekleidet mit nichts als Ryans kariertem Hemd, das nicht einmal die Hälfte ihrer nackten Beine bedeckte, war sie sicher gewesen, ihrem Mann gegenüber zu stehen.

„Mrs. Parker?“ Der Ältere der beiden, der bestimmt dreißig Kilo mehr wog, als seinem Arzt recht sein konnte, sah sie ernst an.

Laurie nickte und strich sich die Haare aus dem Gesicht.

„New York City Police Department. Ich bin Officer Blake, mein Kollege Officer Johnson. Dürfen wir hereinkommen?“

Verwirrt trat sie zurück und machte eine einladende Geste. Waren sie heute Nacht zu laut gewesen? Blödsinn, dann wären die Ordnungshüter Stunden früher gekommen … Laurie runzelte die Stirn und ging ins Wohnzimmer vor.

„Nehmen Sie ruhig schon Platz. Ich ziehe mir nur schnell etwas über.“ Laurie deutete auf die Sofaecke. Als sie kurz darauf in Ryans dunkelblauen Bademantel gehüllt wieder erschien, übernahm der Jüngere die Führung. Mit seinen fein gezeichneten Gesichtszügen, der schmächtigen Figur und den rötlichen Locken hätte man ihm viele Berufe zugetraut, ganz sicher aber nicht den des Polizisten.

„Mrs. Parker, bitte setzen Sie sich.“ Officer Johnsons Stimme war sanft und überraschend tief. Er deutete auf das Sofa.

Laurie sah ihn an, wollte etwas sagen, doch ihre Lippen schienen die Fähigkeit verloren zu haben, Worte zu formen. Stumm gehorchte sie. In ihrem Kopf herrschte eine eigenartige Leere. Wie ein Kind sank sie in die weichen Polster und starrte auf den Weihnachtsbaum in der Ecke neben den Fenstern. Ein Traum in Silber, Türkis und Blau. Ryan und sie waren sich bei den Farben sofort einig gewesen.

Die Polizisten setzten sich ebenfalls. Officer Blake direkt neben Laurie und Officer Johnson ließ sich auf dem Sessel gegenüber nieder.

„Es tut uns sehr leid, Mrs. Parker.“ Officer Johnson räusperte sich, bevor er weitersprach. „Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Mann soeben einen tödlichen Verkehrsunfall erlitten hat.“ Er warf seinem Kollegen einen Blick zu.

„Das ist nicht möglich. Mein Mann ist gerade zum Bäcker gegangen. Er wird jeden Moment zurück sein.“ Was für ein schlechter Scherz am Neujahrsmorgen. Laurie begann zu frösteln. Wo blieb denn nur Ryan? Es wurde wirklich Zeit für einen heißen Kaffee.

„Mrs. Parker?“ Officer Blake berührte vorsichtig Lauries Arm. Verwundert blickte sie auf seine fleischigen Finger, die sich rot von dem dunkelblauen Stoff abhoben.

„Ihr Mann ist tot, Mrs. Parker. Haben Sie das verstanden?“

Was für ein seltsamer Jahresanfang. Da standen zwei komische Käuze in ihrer Wohnung und behaupteten, Ryan sei tot. Aus Lauries Kehle entstieg ein Lachen. Kein fröhliches Lachen. Eher eins, das sich hervorstiehlt in einer Situation, die weniger lustig als grotesk ist. Ryan tot! Was für eine absurde Vorstellung! Wieder ein Lachen, noch etwas lauter als das erste. Sie wippte mit den Zehen. Die rote Farbe auf den Nägeln mutete mit einem Mal seltsam an. Ihr Mund war trocken, sie schluckte mühsam.

„Mrs. Parker, können wir jemanden anrufen, der zu Ihnen kommt?“ Blakes Blick ruhte ernst und besorgt auf ihr. Sie spürte es, wollte ihn nicht ansehen. Auf keinen Fall wollte sie ihn ansehen. So lange sie die Wahrheit in seinen Augen nicht las, gab es sie nicht. Das Frösteln wurde stärker. Sie zitterte. Ihr Körper fühlte sich wie schockgefroren an.

„Mrs. Parker?“ Der Polizist verstärkte sanft den Druck auf ihrem Arm.

Sie presste die Lippen zusammen und hob zögernd den Kopf. Als sich ihr Blick mit dem von Officer Blake traf, brach ihre Welt zusammen. Nicht mit lautem Getöse, sondern still und gnadenlos. Ein erstickter Laut verließ ihren Mund.

Auf dem Tisch standen noch die Champagnerflasche und die leeren Gläser von letzter Nacht. Eines davon verschmiert mit dem Lippenstift im Ton dunkle Rose, eine satte bräunliche Farbe. Eins der Weihnachtsgeschenke von Mom. Passt hervorragend zu deinen dunklen Haaren, Liebes! Mom.

„Meine Mutter … anrufen …“, flüsterte Laurie. Die Uhr über der Anrichte zeigte 10 Uhr 30 an. Ryan war tot.

2. Laurie

„Liebling, soll ich dir einen Tee machen?“ Rose Cunningham war leichenblass und rieb unablässig ihre Perlenkette, die sie um den Hals trug.

„Ja, Mom, gerne.“ Laurie kauerte immer noch auf dem Sofa. Die Polizisten waren nach einem kurzen Gespräch mit Rose gegangen und diese hatte Laurie inzwischen in eine Wolldecke gehüllt. Gegen die Eiseskälte in ihrem Innern, die sie unkontrolliert zittern ließ, half sie nicht. Tee würde ebenso wenig helfen, aber wenigstens würde sie einen Moment nicht dem Anblick ihrer stetig umherwandernden Mutter ausgesetzt sein. Als Laurie alleine war, versuchte sie, das Chaos in ihrem Kopf zu entwirren. Es gelang ihr nicht. Die Gedanken schossen unkontrolliert umher, fassen konnte sie keinen davon. Viel zu schnell erschien Rose wieder im Türrahmen, in den Händen zwei dampfende Becher.

„Hier, Liebes.“ Sie stellte die Tassen auf dem Tisch ab, setzte sich neben Laurie und nahm deren Hände in ihre. „Schatz, eins musst du wissen: Du bist nie alleine, ich werde immer für dich da sein!“

Laurie schluckte, versuchte zu nicken, aber es war nur eine Andeutung. Die Worte kamen ihr seltsam bekannt vor, aber in ihrem Kopf war alles so durcheinander, dass sie sich nicht mehr an die entsprechende Situation erinnern konnte.

„Ach, Liebes.“ Rose streichelte sanft über Lauries Hand. In ihren blauen Augen standen Tränen.

„Vielleicht ist es ja doch ein Irrtum.“ Lauries Stimme klang wie ein Hauch. „Und es war gar nicht Ryan, der diesen Unfall hatte …“

„Aber er hatte seinen Ausweis dabei …“

„Typisch Ryan, nimmt seinen Ausweis sogar zum Brötchenkaufen mit.“ Sie legte beide Hände um den heißen Teebecher und starrte durch das Fenster nach draußen.

Eine Träne löste sich aus Roses Auge.

„Vielleicht hat er sein Portemonnaie verloren. Oder er wurde bestohlen.“ Die leise Hoffnung legte sich wie Balsam auf den scharfen Schmerz, der Lauries Inneres zerschnitt.

„Liebling, Ryan ist tot.“ Die Endgültigkeit, die in den Worten ihrer Mutter lag, fegte den Balsam mit einer Stahlbürste weg. Und plötzlich wusste Laurie wieder, wo sie die Worte schon einmal gehört hatte. Du bist nie alleine, ich werde immer für dich da sein!

Es waren ihre eigenen gewesen. Damals. Als Dad fortgegangen war und sie versucht hatte, Mom zu trösten. Es war ihr ebenso wenig gelungen wie ihrer Mutter heute.

3. Ryan

Vorhimmel

Verwirrt sah Ryan sich um. Er blickte über einen menschenleeren Strand. Das Meer vor ihm lockte mit intensivem Türkis und einer spiegelglatten Oberfläche. Unter anderen Umständen wäre er sofort hineingesprungen. Aber er war nicht im Urlaub, da war er sicher. Und so galt sein Verlangen weniger einer Schwimmeinlage als vielmehr einer Erklärung für das, was mit ihm passiert war. Denn irgendetwas war mit ihm passiert. Sein Gedächtnis hatte ihn noch nie so im Stich gelassen. War er ausnahmsweise komplett betrunken gewesen? Filmriss? Er schüttelte den Kopf. Möglich war es, aber er glaubte nicht daran. Dann sah er nachdenklich an sich herunter. Er trug seine Laufkleidung: Schwarzweißes langärmliges T-Shirt, seine winddichte und atmungsaktive Jacke, eine schwarze Jogginghose und Turnschuhe. Falls er einen Kater gehabt hätte, wäre er sicher nicht laufen gegangen. Wieder schüttelte er den Kopf. Verdammt, was war geschehen? Und dann kam die Antwort. Die herrliche Silvesternacht mit Laurie. Der nächste Morgen, Laurie schlief noch, vermutlich leicht verkatert. Er wollte erst seine Morgenrunde drehen und anschließend Brötchen kaufen gehen. Für ein stundenlanges Frühstück mit Laurie im Bett. Einen Moment lang fühlte er wieder die Vorfreude darauf. Doch soweit war es nicht gekommen. Er hörte Bremsen in einem grässlichen Ton quietschen, sah einen weißen SUV wie ein Mammut vor sich aufragen. Beinahe im selben Moment hatte ihn das Mammut mit einem heftigen Schlag zu Boden geworfen. Er erinnerte sich an einen brennenden Schmerz, der aber so kurz aufflammte, dass er nicht der Rede wert war. Und dann? Nichts … Danach hatte er keine Erinnerung mehr. Zwischen dem Auftauchen des Mammuts und seiner Ankunft am Traumstrand klaffte eine Lücke. Ryan rieb sich über die Augen. Einem Impuls folgend tastete er seinen Brustkorb ab. Kein Schmerz. Entweder war der Aufprall des SUVs doch nicht so heftig gewesen oder … ganz langsam tauchte ein Gedanke auf. So ungeheuerlich und bizarr, dass er erneut den Kopf schüttelte. Nein, konnte es sein, dass er … tot war? Ausgeschlossen! Laurie wartete auf ihr Frühstück. Er musste dringend zum Bäcker. Sein Blick irrte von links nach rechts. Verdammt, wo war er? Eine paradiesische Kulisse, trotzdem fühlte er sich eher wie ein Gefangener der Hölle. Abgeschnitten von allem, was sein Leben ausmachte. Er wollte zurück nach Hause. Sofort! Zurück nach Greenwich Village, zu dem Platz, an den er gehörte. Dorthin, wo Laurie auf ihn wartete …

Er seufzte frustriert.

Einen Augenblick später lüftete sein Gedächtnis den letzten Teil seiner jüngsten Vergangenheit.

Nur einen Sekundenbruchteil, nachdem das Mammut ihn zu Boden gestreckt hatte, hatte er die Szene aus einer anderen Perspektive wahrgenommen. Erstaunt hatte er seinen verrenkten Körper auf der 8th. Street liegen sehen. Die weizenblonden Haare waren vom Blut dunkel gefärbt und seine weiße Jacke eindeutig für alle Zeit ruiniert gewesen. Vom Eingang des Bäckers hatten ihn nur wenige Meter getrennt.

Rasch hatte sich eine aufgeregte Menschentraube um seinen lädierten Körper gebildet. Eine Frau hatte geschrien. Er wollte die Passanten beruhigen, ihnen sagen, dass es alles nicht so schlimm sei, wie es aussähe und dass es ihm gut gehe. Aber er hatte schnell gemerkt, dass sie ihn weder hören noch sehen konnten. Mit dieser Erkenntnis hatte sich Panik in ihm ausgebreitet. Hilfe suchend hatte er sich umgesehen. Bis sein Blick auf eine junge Frau in einem weiß-goldenen Kleid mit wallenden rotgoldenen Haaren getroffen war. Sie war die Einzige gewesen, die ihn ansah. Also wirklich ihn. Verloren und unsichtbar, wie er gerade war. Ihn, nicht seinen armen geschundenen Körper, der auf dem Asphalt lag. Zögernd hatte er einen Arm gehoben und war auf sie zugegangen.

„Hallo Ryan. Du musst jetzt leider mit mir mitkommen. Alles Weitere erkläre ich dir später …“

Er war so perplex gewesen, dass er stumm gehorcht hatte. Vielleicht hätte er sich zu diesem Zeitpunkt schon weigern müssen. Aber er hatte das Gefühl gehabt, keine Wahl zu haben. Alleine, inmitten von unzähligen Menschen, mit denen er keinen Kontakt aufnehmen konnte, schien die einzige Option zu sein, dem rothaarigen Wesen zu folgen. Inzwischen war er da nicht mehr so sicher. Er hätte sich einfach weigern müssen und stattdessen zu Laurie gehen sollen. Sie hätte ihn bestimmt wahrgenommen. Wer, wenn nicht sie …

Ryan beschattete mit einer Hand seine Augen gegen die Sonne, die von einem wolkenlosen Himmel schien, und suchte den Strand nun gezielt ab. Wo war die kleine Person abgeblieben, die ihn hergebracht hatte?

„Hi!“ Sie stand direkt neben ihm. Ein sanfter Duft nach Vanille und Zimt stieg Ryan in die Nase. Verblüfft drehte er sich in ihre Richtung.

„Ich bin übrigens Ava.“ Saphirblaue Augen strahlten ihn an.

„Ryan.“ Er nickte und sah sie forschend an.

Sie lachte ein glockenhelles Lachen. „Ich weiß. Schließlich begleite ich dich schon seit deiner Geburt.“

„Aha.“ Ratlos musterte er sie.

„Ich bin dein Schutzengel!“ Sie stieß ihm eine winzige Faust in die Seite, begleitet von einem weiteren glockenhellen Lachen. Obwohl die Wucht erstaunlich stark war, spürte Ryan keinen Schmerz.

„Aha“, machte er wieder.

„Erinnerst du dich an das, was passiert ist?“

Zögernd nickte er.

„Weißt du, es ist einfach dumm gelaufen, aber Irrtümer passieren nun mal.“ Sie rollte vielsagend mit den Saphiraugen.

„Was soll das heißen, es war ein Irrtum?“ Ryan starrte sie an.

„Na ja, weißt du, niemand ist fehlerfrei. Selbst Schutzengel nicht.“ Die kleine Frau mit den wirren roten Haaren, die bis auf ihre Taille hinab fielen, rang nervös die Hände. „Es tut mir sehr leid, aber in letzter Zeit war es bei mir ein bisschen stressig. Da ist es nicht einfach, alles immer exakt so zu berechnen, dass alles nach Plan verläuft. Außerdem war da dieser Stand mit den Schokomuffins. Ich konnte doch nicht ahnen, dass du ausgerechnet in dem Moment über die Straße rennst, während ich beschäftigt bin …“

„Also sollte ich eigentlich noch gar nicht sterben?“ Er sah sie ungläubig an. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Verwirrung, Angst und Wut bildeten ein Potpourri aus Gefühlen, das ihn schwindelig machte.

Ava schüttelte den Kopf und starrte schuldbewusst auf ihre Füße, die in goldenen Stiefeln mit Plateauabsätzen steckten. Dann hob sie den Kopf wieder und breitete die Arme zur Seite, ihre Handflächen zeigten nach oben. „Aber schau doch mal, das, was jetzt auf dich wartet, ist so viel besser als jedes Erdenleben es je sein könnte.“ Sie setzte ein Lächeln auf, das so strahlend war, dass Ryan geblendet zurückwich.

„Danke, aber ich würde lieber mein Leben behalten.“ Er stemmte die Hände in die Hüften. „Weißt du, Ava, ich kenne es so, dass man Fehler, die man gemacht hat, wieder in Ordnung bringt.“

„Na ja, das würde ich ja gerne, aber das ist leider vollkommen unmöglich.“ Das Strahlen erlosch und ihre Unterlippe begann zu zittern.

Fast schon tat sie Ryan leid. Jetzt glitzerten auch noch Tränen in ihren Augen. Weinende Frauen hatten ihn schon immer überfordert. Arme Ava. Aber dann dachte er an Laurie. Sie würde auch weinen, wenn sie erfuhr, dass er nie mehr nach Hause käme. Laurie … Sein Hals schnürte sich zu, jedes Mitgefühl für Ava verflog. Er ballte die Hände zu Fäusten und fühlte sich hilflos wie noch nie. „Ich bin also gestorben, weil du deinen Job nicht richtig gemacht hast“, stellte er tonlos fest.

„Na ja …“ Sie kaute an ihrer Unterlippe und sah an ihm vorbei. Einen Moment blieb es still, bevor sie weitersprach. „Weißt du, es war nicht mal eine Minute, um die ich mich verschätzt hatte. Und wenn du Laurie noch einen Kuss gegeben hättest, wäre das alles nicht passiert.“

„Ach, jetzt bin ich auch noch Schuld an deinem Fehler? Na großartig!“ Am liebsten hätte Ryan sie geschüttelt. Aber sein einziger Wunsch würde sich dadurch auch nicht erfüllen. Wenn er seinem unfähigen Schutzengel glauben konnte, war es ausgeschlossen, dass er zurückkehren konnte in sein Leben mit Laurie. Er konnte nicht mehr nach Hause! Sein Atem wurde flach. Er konnte nicht mehr nach Hause … Der Gedanke war genauso absurd wie schrecklich. Er war 29 Jahre alt, seit drei Jahren glücklich verheiratet und nun … tot!

„Nein, natürlich nicht.“ Avas Stimme war eine Mischung aus kleinlaut und trotzig. „Aber weißt du, man muss auch verzeihen können. Na ja, hier hast du jede Menge Zeit, es zu lernen, bevor ich dich ganz oben abliefere.“

„Was heißt ganz oben abliefern? Wo sind wir denn jetzt?“, fragte er misstrauisch.

„Hier bist du im Vorhimmel. Da stranden alle erstmal, deren Reise … nun, sagen wir mal, nicht ganz reibungslos verlaufen ist.“

„Präzisiere nicht ganz reibungslos.“ Zwischen Ryans Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet. Er musterte das engelhafte Wesen neben sich. Ihre porzellanweiße Haut schimmerte seidig. Wenn sie nicht für den ganzen Schlamassel verantwortlich wäre, könnte er zugeben, dass er noch nie eine schönere Frau gesehen hatte. Laurie einmal ausgenommen.

„Also jedenfalls bist du noch hier, weil du von hier noch gewisse Dinge tun könntest, die oben nicht mehr gehen.“

„Die da wären?“

„Nun ja, unter Umständen könntest du Lauries Leben beeinflussen, sie vielleicht sogar noch einmal besuchen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“ Ava kaute wieder an ihrer Unterlippe.

„Und ob das eine gute Idee ist! Lass uns sofort los! Worauf wartest du?“

„Oh, nur keine übereilten Handlungen. Wir denken beide noch einmal darüber nach und dann entscheiden wir in aller Ruhe.“ Ihre Stimme war sanft wie die Meeresbrise, die um sein Gesicht strich.

„Und wenn ich nicht nachdenken will?“ Das Verlangen, sie zu schütteln wallte wieder in ihm auf, diesmal heftiger.

„Dann ändert das auch nichts. Ich denke jedenfalls nach. Da vorne ist übrigens deine Hütte.“ Sie deutete nach links. Tatsächlich, da wo eben nichts als weißer Sandstrand zu erkennen gewesen war, stand nun in der Ferne eine kleine Holzhütte. Bevor er etwas sagen konnte, sprach sie schon weiter. „Nur provisorisch erstmal, ich hatte ja nicht viel Zeit, sie einzurichten, aber fürs Erste dürfte es reichen. Im Schrank findest du die gleichen Klamotten, die du auch auf der Erde besessen hast. Bis morgen. Schlaf gut!“

„Aber …“ Weiter kam er nicht, da stand er schon alleine in der traumhaften Urlaubskulisse, die einfach nicht mit seinen Gefühlen zusammen passen mochte.

4. Laurie

Die Sonne war schon den ganzen Tag hinter einer dicken Wolkendecke verborgen gewesen, aber es war trocken geblieben. Ein eisiger Wind begleitete die Trauergemeinde an diesem Dienstagmittag durch die Wege des Woodlawn Cemetery Friedhof. Laurie schritt zwischen ihrer Mutter und Jessy, die sie untergehakt hatten und nicht willens schienen, sie je wieder loszulassen. Zehn Tage waren vergangen, seitdem es ihr vertrautes Leben nicht mehr gab und sie jeden Halt verloren hatte. Zehn Tage und zehn Nächte, gefangen in einem Xanax-Albtraum. Nur, dass sie gar kein Xanax nahm. Aber irgendetwas schob sich regelmäßig zwischen sie und das namenlose Entsetzen, das einen Namen hatte: Ryan ist tot! Sie lebte in einem zähen Nebel, und in dem Nebel gab es keinen Boden mehr. Jeder Schritt führte in einen Abgrund.

Laurie spürte den besorgten Seitenblick ihrer Mutter. Sie hatte nicht die Kraft, darauf zu reagieren. Als der Reverend die Trauerrede begann, sah sie in den Himmel. Erste zarte Schneeflocken lösten sich daraus. Sie spürte sie wie winzige eisige Küsse auf ihrem Gesicht. Laurie schloss die Augen und stellte sich vor, es wären Ryans Lippen, die sie frostig nach seinem üblichen Lauftraining im Park liebkosten. Gleich würde er sie fragen, ob sie zusammen in die heiße Wanne steigen wollten. Ein Lächeln ließ ihre versteinerten Gesichtszüge weicher werden. Die Worte des Reverend waberten zu einer undefinierbaren Masse zusammen, einem schlecht eingestellten Radiosender gleich.

Sie schreckte zusammen, als ihre Mutter ihren Arm drückte und nach vorne deutete. Nach vorne zu diesem dunklen Loch in der Erde, in dem der Sarg verschwunden war. Es konnte unmöglich Ryans Körper sein, der darin lag.

Laurie straffte sich und ließ die rote Rose, die ihre linke Hand umkrampfte, in die Tiefe gleiten. Ihr Herz schlug so schnell, dass es wehtat. Aus trockenen Augen starrte sie der Blume hinterher.

Dann schüttelte sie stumm Dutzende von Händen, ließ Umarmungen von Menschen über sich ergehen, die genauso verzweifelt waren wie sie selbst. Jennifer und Mabel, Ryans beide jüngere Schwestern, zogen sie tränenüberströmt an sich. Laurie hatte jedes Zeitgefühl verloren, als sie schließlich den Rückweg zum Auto antraten. Das geplante Abschiedsessen im Jim’s, Ryans Lieblingslokal, musste sie auch noch überstehen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das schaffen sollte.

„Geht es, Liebes?“ Roses Augen waren dunkel vor Trauer und Besorgnis.

Laurie nickte stumm und glitt in den Fond des Austins ihrer Schwiegereltern. New York verschwand immer mehr unter einer zuckrigen Schneedecke. Ryan liebte Schnee, genau wie sie. Für einen Moment stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.

5. Ryan

„Mist!“ Frustriert gab Ryan seine Suche nach einem Stein inmitten des makellosen weißen Sandes auf. Zu gerne hätte er das türkisfarbene Wasser in Wallung versetzt. Er war gerade aus einem tiefen traumlosen Schlaf erwacht und schon jetzt ging ihm die Stille und Unwirklichkeit seiner Umgebung auf die Nerven. Nachdem er gestern noch eine Ewigkeit am Strand entlang gewandert war, während er vergeblich darauf gewartet hatte, dass Ava sich wieder zeigte, waren ihm die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf gegangen. Überwiegend beherrscht von seiner Sorge um Laurie, war sein Denken auch um unerledigte Dinge gekreist. Der halb fertige Schrank für die Meiers, die sich schon auf das vollendete Werk freuten, die Steuererklärung, die längst überfällig war. Der Termin in der Werkstatt für die Reparatur des altersschwachen Vans, die er bereits viel zu lange aufgeschoben hatte. Das rhythmische Klackern konnte nichts Gutes bedeuten und war in der letzten Zeit immer lauter geworden. Ryan seufzte. Sollte er sich um all das wirklich nicht mehr kümmern können? Okay, was die Aufgaben anging, wäre es schwer genug zu akzeptieren. Aber Laurie nie mehr wieder sehen? Nie wieder ihre wundervollen Lippen küssen, nie mehr mit ihr lachen, durch ihre langen schwarzen Haare fahren? Unvorstellbar! Seit dem Tag vor vier Jahren, als sie ihm im wahrsten Sinne vor die Füße gefallen war, hatte sein Leben eine andere Bedeutung bekommen. Ursache dieser glücklichen Fügung waren Lauries Highheels gewesen, die nicht gut mit den nassen Blättern auf dem Weg des Parks harmonierten. Laurie war ins Schlittern geraten und Ryan konnte sie gerade noch auffangen. Als Dank lud sie ihn zum Abendessen ein. Es hatte kaum bis zum Dessert gedauert, bis sie wussten, dass sie zusammengehörten. Ein Jahr später standen sie vor dem Traualtar. Sie waren jung und hegten keine Zweifel, die goldene Hochzeit gemeinsam zu erleben. Und nun? Alles mit einem Schlag vorbei, nur weil sein Schutzengel der schusseligste war, den der Himmel zu bieten hatte? Ryan konnte es immer noch nicht glauben. In einem Moment war sein Leben nicht nur in Ordnung, sondern ein wahr gewordener Traum gewesen. Er war inzwischen so daran gewöhnt, dieses Leben mit Laurie zu führen, das sich in allen Facetten richtig anfühlte. Und dann, im nächsten Moment, peng … alles aus. Wieder hörte er die kreischenden Bremsen, die das Unheil nicht mehr abwenden konnten. Spürte den Schlag, als der SUV gegen ihn prallte.

„Guten Morgen, lieber Ryan“, flötete es direkt hinter ihm.

Er wirbelte herum. „Hast du mich erschreckt!“

„Oh, wie ungeschickt von mir. Ich gelobe Besserung.“ Ava kicherte und gab ihm einen Schubs.

„Wer’s glaubt …“, murmelte er und sah sie prüfend an. Sie trug das gleiche weiße Kleid mit den goldenen Fäden wie am Tag zuvor, ihre Saphiraugen strahlten gewohnt turbo, nur ihre rote Mähne fiel heute nicht ganz ungebändigt über ihren Rücken, sondern wurden von einem goldenen Haarreifen aus ihrem Gesicht gehalten.

„Wo warst du überhaupt?“, fragte er misstrauisch.

„Es geht dich zwar nichts an, aber ich sag es dir trotzdem, lieber Ryan. Ich war in meinem persönlichen Wohlfühlhimmel. Man muss sich ja auch mal von der Arbeit erholen.“ Sie lächelte lieblich und zupfte etwas von seinem T-Shirt. „Ein Krümel. Vielleicht vom Frühstück übrig geblieben.“

„Ich hatte kein Frühstück mehr, du erinnerst dich? Das T-Shirt kam direkt aus dem Schrank.“

„Oh … ja. Schwamm drüber. Na, um genau zu sein, ist die Kleidung, die du trägst, sowieso nicht dieselbe, in der du gestorben bist.“ Ryan schüttelte irritiert den Kopf und winkte ab. So genau wollte er das alles gar nicht wissen, und es war auch nicht wichtig. Da gab es anderes …

„Hast du nun nachgedacht?“ Er sah ihr prüfend ins herzförmige Gesicht.

Unentschlossen wiegte sie ihren Kopf langsam hin und her.

„Zunächst einmal musste ich mich erholen, ich erwähnte es bereits. Und danach habe ich dann nachgedacht. Allerdings bin ich bislang zu keinem Ergebnis gekommen.“ Sie hob die Schultern und warf ihm einen Blick zu, der so unschuldig und aufrichtig war, dass er ihr beinahe nicht böse sein konnte. Da es aber um Laurie ging, schaffte er es trotzdem. Sein Blick verfinsterte sich und er konnte sich gerade noch bremsen, bevor er ihre Oberarme packte. So hatte er Frauen auf der Erde nicht behandelt, und er hielt es für keine gute Idee, damit im Himmel anzufangen. „Und, was meinst du, wann es soweit sein wird?“ Er verschränkte seine Hände ineinander, damit der Weg zu Avas Oberarmen erschwert wäre. Nur für den Fall der Fälle.

„Geduld ist aber immer noch nicht deine Stärke, lieber Ryan Parker.“ Ihre Stimme war tadelnd. Sie stellte sich barfuß, wie sie heute war, auf die Zehenspitzen und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor seinem Gesicht herum. Zumindest versuchte sie es. Ryan musste grinsen. Ihr Finger reichte nicht einmal bis zu seinem Hals hinauf.

„Was du nicht alles weißt.“

„Ich weiß alles über dich! Schließlich war ich seit deinem ersten Atemzug bei dir. Ich habe dich durch deine Kindheit begleitet, habe alle Augen zugedrückt, als ihr Sekundenkleber auf dem Stuhl von Mr. Williams verteilt habt, bin nicht eingeschritten, als du Kaugummis im Laden geklaut hast, und ich habe noch nicht mal was gesagt, als du deinen ersten Joint geraucht hast.“ Wieder schoss ihr kleiner Zeigefinger in Richtung seines Gesichts.

„Mr. Williams war wirklich ein gemeiner Lehrer! Und die Kaugummis waren ja nur ein dummer-Jungen-Streich. Okay, der Joint hätte nicht sein müssen, aber immerhin ist es bei dem einen geblieben“, schloss er kleinlaut.

„Stimmt, Mr. Williams hatte es verdient. Der dumme-Jungen-Streich hingegen war wohl eher eine Mutprobe, wie sie alle kleinen Bengels früher oder später bestehen müssen. Was den Joint angeht, fand ich es übrigens sehr schade, dass es bei einem geblieben ist. Der Duft war unbeschreiblich schön!“ Ihre Saphiraugen blitzten sehnsüchtig.

Er sah sie zweifelnd an. War das ihr Ernst?

„Weißt du, ich habe Marihuana geliebt! Leider habe ich es dann übertrieben und bin zu anderen Sachen übergegangen. Deshalb bin ich ebenfalls vor meiner Zeit nach oben gereist.“

„Du warst ein Junkie?“ Fassungslos starrte er sie an. Langsam wunderte ihn gar nichts mehr.

„Aus deinem Mund klingt es so hässlich.“ Sie verzog schmollend die Lippen.

„Es ist hässlich“, sagte er bestimmt. „Und dann gab es keine andere Lösung, als ausgerechnet dich zu meinem Schutzengel zu machen?“

„Entschuldige mal bitte, bis zu dem einen Fehler habe ich meine Arbeit immer zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt.“ Sie wirkte gekränkt, als sie einen Schritt zurück trat. „Als du damals mit diesem schweren Virusinfekt im Krankenhaus gelegen hast, was glaubst du wohl, wer die Gebete deiner Mutter erhört und dem Arzt das richtige Medikament eingeflüstert hat? Hm? Die kleine Ava war es, die das neue Medikament aus dem Schrank direkt vor die Füße deines Arztes hat fallen lassen. Jawohl! Ohne mich wärst du schon mit acht Jahren nach oben gereist.“

Verblüfft öffnete er den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen. Eine richtige Erinnerung hatte er zwar nicht mehr an die Zeit, aber seine Mutter hatte ihm davon erzählt, wie sehr sie um sein Leben gebangt hatten, als alle Medizin nicht anschlagen wollte und er immer schwächer geworden war. Tage und Nächte hatte sie an seinem Krankenhausbett gewacht. Schließlich war er nicht mehr ansprechbar gewesen, und es gab kaum noch Hoffnung, als der Doktor ins Zimmer gestürmt war und atemlos verkündet hatte, dass es noch eine einzige Möglichkeit gäbe. Allerdings hätten sie noch nicht viel Erfahrung mit dem neuen Medikament. Ryans Mutter betonte stets, dass sie sofort sicher gewesen war, dass diese Tabletten die entscheidende Wendung veranlassen würden. Und so war es auch gewesen. Am nächsten Morgen war das Fieber verschwunden gewesen und seine Heilung hatte begonnen.

„Tja, dann muss ich dir dafür wohl danken“, brummte er.

„Ach, nichts zu danken. Ist ja mein Job“, rief sie fröhlich. Bevor er darauf reagieren konnte, redete sie weiter. „Komm, lass uns eine Runde laufen gehen!“ Sie sprintete los.

Ryan sah ihr einen Moment sprachlos hinterher. Dann beeilte er sich, sie einzuholen.

6. Laurie

Laurie blickte durch das regennasse Fenster im Jim’s in die einsetzende Dunkelheit hinaus. Sie saß in derselben Nische am Tisch, in der sie so viele Abende mit Ryan verbracht hatte. Nun saß ihr Jessy gegenüber.

Mit kunstvoll hochgesteckten blonden Haaren und in ihrem mintgrünen engen Kleid strahlte ihre beste Freundin dieselbe Lebensfreude aus wie immer. Neidlos hatte Laurie bereits beim Reinkommen registriert, dass Jessy wie gewohnt alle Blicke auf sich zog.

„Bist du sicher, dass es richtig war, hierher zu gehen?“ Jessy sah Laurie zweifelnd an.

Laurie zuckte die Schultern. „Ich denke schon. Wenn ich schon unter Leute muss, dann lieber hier, wo es vertraut ist.“ Ihr Blick schweifte kurz durch das kleine Restaurant, in dem erst wenige Tische besetzt waren. Sie hatte sich bewusst dafür entschieden, so früh zu gehen. Bis das richtige Abendgeschäft losgehen würde, wären sie längst auf dem Heimweg. Und sie hatte sich bewusst für diesen Treffpunkt entschieden. Zum einen war es nicht weit von ihrer Wohnung entfernt und zum anderen fühlte sie sich Ryan hier fast so nahe wie zuhause.

„Chardonnay?“ Jessy stützte ihre Ellbogen auf dem Tisch auf und lächelte zaghaft.

Laurie nickte, lächelte ansatzweise zurück, bevor ihr Blick sich wieder Richtung Fenster davonstahl. Noch immer blinkten draußen vereinzelte Weihnachtsbeleuchtungen. „Wir haben Februar und immer noch Lichterglanz draußen. Absurd.“ Sie schüttelte den Kopf und strich sich die Haare aus der Stirn.

Bevor Jessy etwas erwidern konnte, erschien der Kellner an ihrem Tisch und wollte die Getränkebestellung aufnehmen. Jessy kümmerte sich darum. „Wie geht es dir, Schatz?“, fragte sie sanft, nachdem sie wieder alleine waren.

Laurie zuckte erneut die Schultern. „Es ist komisch. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass jeden Moment die Tür aufgeht und Ryan zurückkommt.“ Sie senkte den Blick und starrte auf die rotweiß-karierte Tischdecke.

„Irgendwann wird es besser“, sagte Jessy leise und legte ihre Hand auf Lauries.

„Vielleicht.“ Laurie nickte. Ihre Freundin meinte es gut, aber sie hatte keine Ahnung. Es würde nicht besser werden. Egal, wie viel Zeit vergehen würde.

„Auf jeden Fall finde ich es schön, dass wir mal wieder unseren Mädelsabend machen.“ Jessy brach ab, als der Kellner den Wein servierte.

„Haben die Damen schon gewählt?“

In die Speisekarte hatten beide noch keinen Blick geworfen.

„Spaghetti mit Scampis?“ Jessy sah fragend zu Laurie rüber.

Laurie signalisierte ihre Zustimmung.

„Dann zweimal bitte die 34.“ Jessy reichte dem Kellner die Speisekarten.

Der Kellner, der neu sein musste — Laurie hatte ihn noch nie gesehen — schenkte den Wein ein und entfernte sich unauffällig wieder.

„Irgendwann wird es besser, das verspreche ich dir.“ Jessy griff zu ihrem Weinglas und hielt es hoch. „Darauf trinken wir!“

Zögernd nahm Laurie ebenfalls ihr Glas. Was sollte besser werden? Ein Leben ohne Ryan? Niemals! Aber das konnte sie nicht aussprechen, deshalb stieß sie nun mit ihrer Freundin an. Jessy glaubte immer daran, dass alles gut ausgehen würde. Sie konnte gar nicht anders. Bei ihr war es auch so. Seit ihrer gemeinsamen Schulzeit bewunderte Laurie, wie selbstverständlich ihre Freundin sich das vom Leben nahm, was sie wollte. Sie tat es nie rücksichtslos, hatte immer einen Blick auf die Menschen um sich herum, aber ihre Träume verwandelte sie mühelos in Wirklichkeit. Nach ihrem Abschluss hatte Jessy sofort mit ihrem Modedesign-Studium begonnen und anschließend ihren kleinen Laden in Soho eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt hatte Laurie ihren Kindheitstraum, Tierärztin zu werden, längst begraben. Als sie ihrer Freundin damals verkündet hatte, dass sie in der See bigger Werbeagentur als Telefonistin anfangen würde, hatte Jessy entsetzt nach Luft geschnappt und den Kopf geschüttelt. „Du vergeudest dein Talent!“ In den folgenden Jahren hatte sie immer wieder versucht, Laurie an ihren Traum zu erinnern. Laurie hatte stets abgewunken. Nicht jeder war dazu geboren, seine Visionen in die Tat umzusetzen. Erst als Ryan aufgetaucht war, hatte Jessy aufgegeben. Das Glück mit ihm überstrahlte alle dunklen Ecken in Lauries Leben.

„Willst du bald wieder zurück in die Agentur?“, fragte Jessy leise und ließ Laurie dabei nicht aus den Augen.

„Muss ich ja. Irgendwann.“ Laurie trank einen weiteren Schluck Wein, der im Jim’s zum ersten Mal viel zu sauer schmeckte. Sie wusste, dass es an ihr und nicht an dem Wein lag.

„Ein bisschen Ablenkung würde dir vielleicht ganz gut tun.“

Laurie unterdrückte ein Seufzen. „Vielleicht.“ Ihre Hand strich unruhig über die Tischdecke, spielte mit dem Weinglas. Der Ehering glänzte im Kerzenlicht. Laurie presste die Lippen aufeinander.

„Willst du nicht demnächst mal im Laden vorbeischauen? Ich gebe eine Runde Frühjahrskollektion aus!“ Jessy sah sie erwartungsvoll an.

Das Angebot war großzügig und es kam regelmäßig. Früher war diese besondere Art des Shoppens ein echtes Highlight für Laurie gewesen. Bei Prosecco durch Jessys Angebot stöbern, hatte seinen ganz besonderen Reiz gehabt. Bezahlen durfte Laurie nie. Anfangs war es ihr unangenehm gewesen, aber irgendwann hatte sie sich gefügt. Inzwischen verdiente Jessy so gut, dass es für sie tatsächlich nicht der Rede wert war und in etwa dem entsprach, wenn Laurie sie ab und zu zum Essen einlud. Außerdem kannte Jessys Freude keine Grenzen, wenn sie Laurie wieder in ein atemberaubendes Kleid gesteckt hatte, das ihr umwerfend stand. Jessy wusste immer ganz genau, welche Modelle dafür infrage kamen.

„Ich überlege es mir, okay?“ Laurie lächelte schwach. „Aber gibt mir etwas Zeit.“

„Na klar, kein Stress.“

Als die Pasta serviert wurde, fühlte Laurie sich kurz in alte Zeiten zurückversetzt. Jessy und sie gemeinsam beim Abendessen. Dieses Ritual pflegten sie seit vielen Jahren. Seitdem Ryan fester Bestandsteil in Lauries Leben geworden war, trafen sie sich hier nicht mehr ganz so häufig, aber immer noch regelmäßig. Das Jim’s, ursprünglich Lauries und Jessy Stammlokal, wurde auch zu Ryans Lieblingsrestaurant. Fortan waren die Abende hier für Laurie abwechselnd lustige Mädelsabende und romantische Essen zu zweit gewesen.

Abwesend wickelte Laurie Spaghetti um ihre Gabel. Mit Jessy hier zu sitzen war nichts Außergewöhnliches. Aber wenn sie später nach Hause käme, würde die leere Wohnung sie gnadenlos in ihre neue Realität werfen. Darüber sprechen konnte sie nicht. Wie sollte sie in Worte fassen, dass sich ihr Herz anfühlte, als sei es zusammen mit Ryan unter den SUV geraten? Ein in dieser Form zerschreddertes Organ würde nie wieder imstande sein, vor Freude zu hüpfen. Aber die lebensfrohe Jessy würde das nicht verstehen können. Laurie nahm ihr das nicht übel. Ihre Freundin gab sich wirklich alle Mühe, für sie da zu sein. Es war nicht ihre Schuld, dass das nicht reichen würde.

7. Ryan

Keuchend sank Ryan auf die Knie. „Mein Gott, ich dachte, hier oben wäre meine Ausdauer grenzenlos“, japste er.

Ava ließ sich graziös neben ihm im Sand nieder, legte den Kopf schief und lächelte ihn an.

„Deine ist es, oder?“

Sie nickte. „Deine wird es auch sein, sobald du nicht mehr so verhaftet mit deinem Erdenleben bist.“

„Ach, weißt du, ich bin viele Jahre gut mit meiner Kondition zurechtgekommen, es eilt nicht.“ Er zog seine Turnschuhe und Socken aus und bohrte die Zehen in den weichen, warmen Sand.

„Ich wollte dir einen Vorschlag machen.“ Ava schirmte ihre Augen mit der Hand vor der satten orangeroten Sonne ab und sah ihn an.

„Ja?“ Sein Tonfall war interessiert, aber wachsam. Er war inzwischen auf alles vorbereitet, was seinen persönlichen Junkie-Schutzengel anging.

„Ich denke, ich werde zunächst alleine nach Laurie sehen und danach entscheiden, ob es richtig ist, dass du mit ihr Kontakt aufnimmst.“ Mit Schwung beförderte sie ihre lange rote Mähne auf die rechte Seite ihres Halses.

„Nein! Ich komme mit!“ Empört starrte er sie an.

„Kommst du nicht.“ Ungerührt legte sie ihre Beine im Schneidersitz übereinander und begann zu summen.

„Doch! Und nur noch mal zur Erinnerung: du bist die, die den Fehler gemacht hat. Ich will endlich zu Laurie und ihr sagen, dass es mir gut geht. Also so weit, wie es eben möglich ist ohne sie.“ Er brach ab, holte tief Luft.

„Stimmt, ich bin die, die den Fehler gemacht hat. Außerdem bin ich die, die bestimmt. Und was Fehler angeht, können wir sonst auch gerne über Susan sprechen …“ Sie ließ den Satz unschuldig in der Luft hängen.

Ryan schnappte nach Luft. Dieses kleine himmlische Biest!

„Das ist Jahre her! Ich war achtzehn.“

„Und es war ein Fehler. Würde ich dir ja nicht so vorhalten, wenn du nicht so kleinlich und unversöhnlich wärst. Also Sweetie, ich bin dann noch mal kurz weg.“

„Nein …!“ Im selben Moment war Ryan alleine. Ava hatte nichts als den ihr eigenen lieblichen Duft hinterlassen. Ryan seufzte und ließ sich nach hinten fallen. Er streckte Arme und Beine aus und versuchte, die Sonne auf seiner Haut zu genießen. Um Hautkrebs musste er sich hier vermutlich keine Sorgen mehr machen. In Gedanken tauchte das Bild von Susan vor ihm auf. Fast so klein wie Ava, die Haare ebenfalls rötlich, aber nicht flammend, sondern in einem warmen Mahagoniton, war sie ähnlich frech gewesen wie sein durchgeknallter Schutzengel. Und fast so hübsch. Trotzdem hatte er sie betrogen.

8. Laurie

Jessy hatte angeboten, noch mit nach oben zu kommen, aber Laurie hatte dankend abgewunken. Nun stand sie im dunklen Flur und bedauerte, das Angebot abgelehnt zu haben.

Panik jagte in heißen Wellen durch ihren Körper. Ryan! Wo war er?

Die Ungewissheit fraß dunkle Löcher in ihre Seele. Es war sein Körper, den sie beerdigt hatten. Aber er, wo war er? Das, was ihn ausgemacht hatte, sein Wesen, seine Liebe, seine Seele, all das konnte doch nicht einfach weg sein! Schluchzend versuchte Laurie, Halt zu finden in einer Welt, die Kopf stand. Sie ging ins Schlafzimmer, setzte sich aufs Bett und presste Ryans Kopfkissen in ihr Gesicht. Ein schwacher Hauch seines Geruchs, eine Mischung aus frischer Luft und seinem herben, aber unaufdringlichen Aftershave, ließ die Panik für einen Moment abebben. Er war noch da. Irgendwo gab es ihn noch. Es musste so sein, denn alles andere war absurd.

Irgendwann stand sie auf und wankte durch die Wohnung. Es kam ihr vor, als wäre ihr buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Früher hatte sie es nur für eine Redensart gehalten. Jetzt wusste sie es besser.

Sie musste etwas finden, das das Grauen betäubte, sie bestenfalls schlafen ließ. Im Kühlschrank wurde sie fündig. Eine volle Flasche Tempranillo versteckte sich hinter den Resten der Gemüsesuppe, die ihre Mutter dort gestern verstaut hatte. Sie nahm den Korkenzieher und schaffte es mit zitternden Händen beim dritten Anlauf, den Wein zu öffnen. Den ersten Schluck trank sie im Stehen in der Küche. Mit der Flasche in der Hand ging sie ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und sank aufs Sofa. Vom Fernsehprogramm bekam sie erwartungsgemäß nichts mit, aber es hatte eine – wenn auch geringe – beruhigende Wirkung. Ein Rest von Normalität, derer sie beraubt war und für deren Rückkehr sie alles tun würde.

Viel zu schnell war die Flasche leer, die Wirkung kaum auszumachen. Sie trank selten mehr als zwei oder drei Gläser, eigentlich hätte sie zumindest angetrunken sein müssen. Aber sie war erschreckend nüchtern. Sie zwang sich erneut aufzustehen. Wieder wankte sie Richtung Küche, wobei ihr Gang weniger mit dem Alkohol zusammenzuhängen schien als mit dem generellen Verlust jeglichen Halts. Der Kühlschrank bot nicht den erhofften Nachschub. Hektisch schob sie Peanut Butter (ihre), Frischkäse (Ryans) und Gemüse vom Union Square Greenmarket in der 14th Straße (vermutlich von Rose angeschleppt) hin und her. Kein Wein. Eine neue Panikwelle rollte auf sie zu. Diesmal eine Kombination aus Angst vor der Gewissheit, Ryan verloren zu haben und dem Umstand, dieser Angst ohne weiteren Alkohol ausgesetzt zu sein. Auch wenn sie noch keine spürbare Besserung durch den Wein feststellen konnte, setzte sie darauf, dass eine Steigerung der Dosis doch noch helfen würde. Ihr Blick irrte durch die aufgeräumte Küche. Rose kam regelmäßig, um Ordnung zu schaffen.

Die Küche im Landhausstil hatten Ryan und sie gemeinsam ausgesucht. Vanillefarbenes Holz, kombiniert mit einer honigfarbenen Arbeitsplatte und aufwändig verarbeitetes Glas in den oberen Schränken hatte sie beim Kauf beide sofort überzeugt. Vor der Balkontür stand ein runder Tisch, um den sich vier unterschiedliche Sessel im Retro-Stil gruppierten. Der Tisch war in diesem Raum das einzige Möbelstück, das Ryan selbst getischlert hatte. Die Platte war aus massiver Akazie und geölt, eingefasst war der Tisch mit einem Fuß aus schwarz lackiertem Eisen. Die natürliche Maserung des Holzes mit seinen leichten Unebenheiten hatte Laurie als Vorboten für das Landhaus gesehen, das sie später einmal kaufen wollten.

Sie riss die Balkontür auf, nahm in Kauf, dass die winterliche Kälte sich sofort in die Küche schob und suchte den kleinen Bereich mit nervösen Blicken ab. Da! Hinter einer Kiste Mineralwasser stand der Karton mit dem Tempranillo. Sie seufzte erleichtert. In der Nähe kreischte eine Sirene. Laurie zuckte zusammen, ihr Hals schnürte sich zu. Sie schnappte sich die Weinflasche, flüchtete zurück in die Küche und warf die Balkontür hinter sich zu.

9. Ryan

Ryan war kurz davor zu kapitulieren. Vielleicht würde er für alle Ewigkeit in diesem unbestreitbar friedlichen Ambiente umherwandeln. Außer Spaziergänge über den weichen Strand zu machen oder die spektakulären Sonnenauf- und untergänge zu beobachten, gab es nicht viel zu tun. Um genau zu sein, hatte er überhaupt nichts anderes zu tun. Er verspürte keinen Hunger, und irgendwelche Verpflichtungen hatte er auch nicht. Ein seltsamer und ungewohnter Zustand. Also lief er abwechselnd kilometerlang, um sich danach wieder auszuruhen. Er hegte keinen Zweifel daran, dass Ava ihn finden würde, egal in welchem Strandabschnitt er sich gerade aufhielt. Falls sie ihn finden wollte. Es sah sowieso alles gleich aus, egal wie weit er wanderte, die Kulisse blieb dieselbe. Inzwischen waren einige Tage vergangen, und Ava schien keine Eile zu haben, zu ihm zurückzukommen. Seine Gedanken waren erstaunlicherweise etwas zur Ruhe gekommen. Das Einzige, was unverändert anhielt, war die schmerzhafte Sehnsucht nach Laurie. Gelegentlich dachte er mit Wehmut an seine Eltern und seine Schwestern. Die Wut auf seinen Junkie-Schutzengel hatte sich inzwischen auf ein moderates Maß hinuntergeschraubt. Ryan war sich nicht sicher, ob es daran lag, dass Ava so ein herzerfrischendes Wesen war, dem man nicht allzu lange böse sein konnte, oder ob es doch eher der Tatsache geschuldet war, dass sie sich des unfairen Mittels bedient hatte, ihn an die Geschichte mit Susan zu erinnern. Noch heute spürte er ein schlechtes Gewissen. Sie war seine erste feste Freundin gewesen. Ein lustiges, lebensfrohes Mädchen mit Korkenzieherlocken und unendlich vielen Sommersprossen, das mit ihrer charmanten und frechen Art jeden um den Finger wickelte. Drei Monate lang waren sie unzertrennlich gewesen. Natürlich hatte er sich geschmeichelt gefühlt, dass die selbstbewusste und hübsche Susan sich ausgerechnet in ihn verliebt hatte. Vor ihr hatte er das seltene Talent gehabt, sich immer die Mädchen auszusuchen, für die er Luft war. Eigentlich war er für die meisten unsichtbar, was vermutlich weniger an seinem Äußeren als an seiner fast schon krankhaften Schüchternheit lag. Mit Susan war der Bann gebrochen. Plötzlich hatte er die freie Auswahl. Er war darüber so verblüfft, dass er keine Strategie für diesen Zustand besaß. Bei Viktoria wurde er dann schwach. Da er fremdgehen nicht gewohnt war und sich entsprechend auffällig verhielt, dauerte es nicht lange, bis Susan dahinter kam. Den Schmerz, den ihre wütenden kleinen Fäuste auf seiner Brust hinterließen, konnte er noch Monate später spüren. Aus ihren Mandelaugen waren tödliche Blitze geschossen, und er hatte sich wie das letzte Schwein gefühlt. Aus heutiger Sicht wusste er, dass Susan einfach noch nicht die Richtige für ihn gewesen war. Nach der unschönen Trennung hatte Ryan beschlossen, sich nicht so bald wieder auf eine feste Beziehung einzulassen. Stattdessen gestattete er sich, seine neuen Chancen bei Frauen zu nutzen. Allerdings machte er ab dem Moment keinen Hehl aus seinen Absichten. Die eine oder andere unschöne Szene gab es danach hin und wieder trotzdem, aber Ryan war nie wieder einem so schlechten Gewissen ausgesetzt wie bei Susan. Schließlich kam Laurie. Da wusste er, dass er angekommen war. Seufzend malte er große Kreise in den Sand. Vier Jahre. Die Zeit, die sie miteinander gehabt hatten, war viel zu kurz gewesen! Das war, verdammt noch mal, nicht fair …

„Liebster Ryan!“ Ava kam von rechts angeflattert. Mit leicht geröteten Wangen stand sie vor ihm.

Er hob nur eine Augenbraue und sah sie abwartend an. So lange, wie sie ihn hatte schmoren lassen, konnte sie nun nicht erwarten, dass er ihr begeistert um den Hals fiel.

„Ich habe Neuigkeiten!“ Erwartungsfroh strahlte sie ihn an, hüpfte von einem Bein aufs andere und schien fast zu platzen vor Glück.

Er brummte Unverständliches und wartete weiter ab.

„Bist du immer noch böse auf mich?“ Sie stand abrupt still und reduzierte das Strahlen in ihrem Gesicht auf die Hälfte.

Er seufzte. „Nein, nicht böse. Das ist das falsche Wort.“ Langsam strich er sich eine zu lange Haarsträhne aus der Stirn. Ein Friseurbesuch hatte auch ganz oben auf seiner To-do-Liste für Januar gestanden.

Er überlegte einen Moment, bevor er weiter sprach. „Ich fühle mich nur so … betrogen. Laurie und ich hatten noch so viel vor. Wir wollten ein ganzes Leben zusammen verbringen. Wir wollten Kinder zusammen haben, und ich wollte uns ein Haus auf dem Land bauen. Später hätte ich gerne beobachtet, wie erste graue Strähnen Lauries schwarzen Haare durchziehen, während unsere Kinder erwachsen werden, und wir uns danach von den Strapazen erholen. Zusammen.“ Er lächelte traurig.

Ava nickte ernst. „All das kann Laurie noch erleben, wenn du dabei hilfst.“

Er warf ihr einen überraschten Blick zu. „Aber …“ Er stockte, dann wurde ihm klar, was sie meinte. Laurie könnte all das noch erleben. Aber nicht mit ihm. Ein Stich fuhr durch sein Herz. Er holte tief Luft, versuchte die durcheinander wirbelnden Gedanken in seinem Kopf zu sortieren. Vergeblich.

„Du willst doch, dass Laurie glücklich ist“, sagte sie sanft und legte eine Hand auf seinen Arm.

„Natürlich!“ Das wollte er. Gar keine Frage. Dennoch tat es verdammt weh, sie sich glücklich an der Seite eines anderen Mannes vorzustellen.

„Du hast immer gerne gelebt, oder?“ Ihre Hand drückte seinen Arm. Fast kam es ihm wie eine Warnung vor.

„Na, die meiste Zeit schon. Du warst schließlich dabei.“ Er grinste schief. „Warst du eigentlich überall dabei?“ Seine Stirn legte sich in Falten.

Sie kicherte. „Keine Angst, Sweetie. Auch Schutzengel respektieren eine Privatsphäre.“ Die Saphiraugen blitzten, machten sich lustig über ihn. „Also im Badezimmer habe ich mich immer verzogen. Wer will bei der Gelegenheit auch schon dabei sein.“ Sie kicherte wieder und hielt sich die Nase zu.

„Wie beruhigend.“ Er schnaubte. „Übrigens, was sind denn nun deine Neuigkeiten?“

„Hm.“ Sie zwirbelte eine wirre Haarsträhne um ihren Zeigefinger. „Also, ich habe Hilfe im Engelrat gesucht. Und die sind einhellig der Meinung, dass es tatsächlich helfen könnte, dich dabeizuhaben, wenn ich Laurie besuche.“

„Hab ich ja gesagt!“ Triumph schwang in seiner Stimme. Kein Wunder, dass er hier irrtümlich gelandet war. Ava konnte offenbar nicht mal die simpelsten Entscheidungen alleine treffen.

„Ja, Sweetie. Aber das ist nun mal keine leichtfertige Entscheidung, da ist es besser, sich abzusichern.“

Er kniff die Augen zusammen, sagte aber nichts.

„Hab ich gesehen!“, kommentierte sie sofort. „Na egal, ich verzeihe dir.“

„Wie großzügig.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wann geht es los?“

„Sobald wir uns einig sind, was du zu ihr sagst.“

Er unterdrückte ein Augenrollen und seufzte stattdessen tief. „Na, dass ich sie liebe, und vor allem soll sie wissen, dass ich sie nicht freiwillig verlassen habe! Und dass ich auf sie warte …“ Er hatte schnell gesprochen. Vor seinem Inneren sah er bereits, wie Laurie vor ihm stand. Wie er sie endlich wieder in den Arm nehmen konnte. Sein Magen zog sich vor Aufregung und Sehnsucht zusammen.

„Ho ho, stopp!“ Ava streckte ihm ihre Handfläche entgegen und sah aus wie eine Miniatur-Kampfsportlerin. „Wenn du einfach nur sagst, dass du auf sie wartest, dann wird das sicherlich nicht der große Anreiz für sie sein, ihr weiteres Leben zu genießen. Oder es überhaupt zu leben. Also so, wie es im Moment aussieht, scheint das nämlich das größte Problem zu sein. Sie will nicht weiter machen. Und bei ihr haben wir das Gefühl, sie könnte wirklich eine Kurzschlussreaktion begehen.“ Ava räusperte sich.

„So schlimm ist es?“ Ein Muskel zuckte an Ryans Lid. Seine Kieferknochen mahlten. Die Information musste er erstmal verdauen. Nichts war schlimmer für ihn, als zu hören, wie schlecht es Laurie ging. Natürlich wollte er nicht, dass sie sich etwas antat. Andererseits war die Aussicht, sie hier bei sich zu haben, wenn sie es doch täte, so verlockend wie sonst nichts. Er knetete seine Hände so fest, dass die Sehnen an seinen Unterarmen deutlich hervortraten. „Okay, hast du einen Plan?“

Ava nickte heftig.

10. Laurie

Mit einem Ruck wachte Laurie auf. Ihr Herz raste und das Blut rauschte in ihren Ohren. 2.40 Uhr zeigten die Leuchtziffern des Weckers auf ihrem Nachttisch an. Sie zog die Bettdecke von ihrem schweißnassen Körper und versuchte, langsamer zu atmen. Eine knappe Stunde nur hatte sie in einem komaähnlichen Zustand verbracht, der die Bezeichnung Schlaf kaum verdiente. Ein wirrer Traum klang in ihr nach, von dem sie nur Fetzen zu fassen bekam. Ryans Gesicht, zu weit weg, zu unscharf, um tröstlich zu sein. Dann waren Bäume um sie herum. Ein Park? Oder ein Wald. Sie war gerannt. War sie auf der Flucht gewesen oder hatte sie versucht, Ryan zu finden? Laurie wusste es nicht mehr, wusste nur eines ganz genau: Die Angst, Ryan endgültig zu verlieren, wuchs wie ein bösartiges Geschwür in ihr. Breitete sich zerstörerisch aus und ließ keinen Platz für irgendetwas Gutes. Gleichzeitig war ihr die Absurdität des Gefühls durchaus bewusst. Wie konnte man sich vor etwas fürchten, das längst geschehen war?

Die Gewissheit, dass sie ohne Ryan nicht weiter leben konnte, war so tief wie die wahnsinnige Angst, die ihr Inneres mit Rasierklingen zerfetzte.

Als im kühlen Schlafzimmer der Schweiß auf ihrer Haut getrocknet war, ließ ein Kälteschauer Laurie zittern.

So fest sie konnte, presste sie Ryans Kopfkissen an die Brust. Der Schmerz darin tobte ungerührt weiter.

11. Ryan

„Weißt du noch, wie es geht?“

„Was?“ Ryan sah Ava irritiert an.

„Na, das Reisen.“ Sie kicherte und kniff ihn in die Wange.

Er wich zurück und zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, ich hab doch damals gar nichts gemacht, als du mich hierher gebracht hast.“

„Oh, doch, hast du. Du hast dich darauf konzentriert, mir zu folgen.“ Mit einer Hand fuhr sie sich ordnend durch die Haare. Das Ergebnis ließ zu wünschen übrig. Die rote Pracht wirkte nur noch verwuschelter.

„Hab ich? Das war vermutlich der Fehler …“, sagte er und sah auf seine Hände. Der Ehering glänzte im Sonnenlicht. Die Erinnerung an seinen Hochzeitstag überfiel ihn unvorbereitet und nahm ihm für einen Moment den Atem.

„Du hattest wenig andere Möglichkeiten“, erinnerte sie ihn gutmütig und schnalzte mit der Zunge.

Das Bild von Laurie in ihrem Hochzeitskleid verschwand vor seinem inneren Auge. Er seufzte. „Stimmt, da war doch was …“

„Also.“ Sie wurde ernst. „Es darf nichts schief gehen. Der Weg zurück ist manchmal gefährlicher als andersrum.“

Überrascht hob er die Augenbrauen.

„Na ja, du könntest verloren gehen und in einer nicht sehr netten Zwischenwelt landen.“ Sie nickte bekräftigend.

„Noch schlimmer als hier?“, fragte er trocken.

Sie schlug ihn auf den Arm und stemmte die Hände in die Hüften. „Du hast ja keine Ahnung! Hier bist du in absoluter Sicherheit! Noch nicht im endgültigen Himmel, aber immerhin im Vorhimmel. Also versau es nicht, Ryan Parker!“ Ihr Blick fixierte ihn drohend, ein kurzer, dicker Zeigefinger schoss gleichzeitig in die Höhe.

Er hob beschwichtigend die Hände. „Schon gut. Mach dir keine Sorgen, das Einzige, was ich will, ist zu Laurie zu kommen. Ganz bestimmt möchte ich mich nicht vorher verlaufen.“

„Gut.“ Sie nickte, ihr Gesichtsausdruck wurde wieder weich. „Und denk dran, du musst sie davon überzeugen, es ein Jahr lang zu versuchen, ohne dich weiterzuleben.“

Er nickte zögernd. Ein Jahr … und anschließend für immer. Wieder wallte Wut in ihm auf, gemischt mit einer tiefen Trauer. Er schluckte hart. Es war einfach nicht fair! Und schuld war das kleine dicke Ding von Schutzengel, das bezaubernd, aber völlig unfähig war. Jetzt sah ihn das himmlische Wesen auffordernd an. „Dann los.“

Sein Herz machte einen Satz, als wollte es aus seiner Brust springen. Gleich würde er Laurie treffen! Sie endlich wieder in den Arm nehmen. Eilig wandte er seine gesamte Aufmerksamkeit auf Ava.

12. Laurie

Sie hatte Angst, sich zu bewegen. Nichts durfte den Augenblick stören, der nur aus Glück und Liebe bestand und sie einhüllte wie eine unendlich weiche, warme Decke. Jede Bewegung könnte zu viel sein. Selbst die Augen zu öffnen, wagte sie nicht.

Ryan war wieder da. Er lag hinter ihr im Bett, seine Arme hielten sie fest umschlossen, sie spürte ihn mit jeder Faser ihres Körpers. Nichts war mehr wichtig, außer dass dieser Moment nie vorbeiginge. Selbst Atmen gestattete Laurie sich nur in flachen Zügen, die Zeit anzuhalten war eine fragile Angelegenheit.

„Laurie …“ Seine Stimme war ein Flüstern.

Sie rührte sich nicht, flehte nur stumm, dass er still sein möge, nichts täte, was diesen wundervollen Augenblick unwiderruflich vernichten würde. Jedes einzelne Wort war gefährlich, jede Bewegung würde unweigerlich dazu führen, dass die Zeit nicht länger stillstand. Das musste er doch wissen.

„Laurie … Baby.“ Seine Finger strichen sanft über ihren Arm. „Ich habe dich so vermisst.“

Sie sagte nichts, schmiegte sich nur noch etwas dichter an ihn. Endlich wieder seinen Duft einatmen, nicht nur den kärglichen Rest aus dem Kopfkissen. Noch nie hatte das reine Atmen ein so grenzenloses Glücksgefühl in jeden Winkel ihres Körpers geflutet.

„Baby, es tut mir unendlich leid, dass ich dich verlassen habe. Es war nur ein Wimpernschlag, den ich nicht aufgepasst habe … Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, wäre ich an dem Morgen einfach bei dir im Bett geblieben. Aber manche Dinge geschehen einfach.“ Er verstummte und vergrub sein Gesicht leise seufzend in ihren Haaren.

„Jetzt bist du ja wieder da …“ Lauries Stimme klang heiser, als hätte sie seit Ewigkeiten nicht gesprochen. Sie würde ihn nicht wieder gehen lassen. Nie mehr.

„Aber ich kann nicht lange bleiben.“ Er küsste sie auf die Schläfe und schlang erneut die Arme um sie. „Ich liebe dich. Für immer und ewig, das weißt du. Und ein Teil von mir wird für alle Zeit in deinem Herzen sein. Aber du musst jetzt weiterleben, auch ohne mich. Hörst du?“

„Nein!“ Ein Schrei aus der Tiefe des Schmerzes, der gerade dabei war, die Kontrolle wieder zu übernehmen. Abrupt öffnete sie die Augen und drehte sich um. Ryan nicht nur zu spüren, sondern ihn im Schein der Nachttischlampe auch zu sehen, war zu viel für sie. Sie gab ein Geräusch von sich, das an ein verwundetes Tier erinnerte. Ihr Mann trug die gleiche Kleidung, die er immer zum Laufen angehabt hatte. Seine weizenblonden Haare fielen ihm in die Stirn und der winzige Kranz aus Lachfältchen um seine Augen erinnerte sie daran, wie oft sie zusammen in schallendes Gelächter ausgebrochen waren. Jede Einzelheit in seinem Gesicht saugte sie auf wie ein Schwamm. Die klaren grauen Augen, die sie jetzt eindringlich ansahen, eingerahmt von dichten geschwungenen Wimpern. Sie hatte ihn viel zu selten betrachtet. Sie hätte in ihrer gemeinsamen Zeit nichts anderes tun sollen. Jedes Detail musste sie aufnehmen. Es an einen sicheren Ort bringen.

„Nein“, wiederholte sie leise. „Ich kann ohne dich nicht weiterleben. Ich schaffe das nicht. Niemals.“ Ihr Blick hing wie gebannt an seinem, in dem sie sich erkannte. Ihre Liebe, ihren Schmerz und eine unsterbliche Sehnsucht, die zumindest für diesen Moment gestillt war.

Er holte tief Luft, wollte etwas sagen, schwieg dann doch. Verlor sich erneut minutenlang in ihrem Blick. Dann küsste er sie. Unendlich sanft trafen seine Lippen auf ihre.

Durch ihren Körper fuhren Stromstöße.

Viel zu schnell löste er sich wieder von ihr. „Honey, bitte. Tu es mir zuliebe. Ich kann keinen Frieden finden, solange ich nicht weiß, dass du weitermachst.“ Seine Stimme war belegt, seine Augen schimmerten feucht.

„Ich kann nicht.“ Sie stöhnte leise, hielt ihn weiter mit ihrem Blick gefangen. „Ohne dich kann ich gar nichts.“

Wieder stand die Zeit still.

Nach einer kleinen Ewigkeit senkte Ryan den Blick und rückte ein Stück von ihr weg.

Panik drückte Lauries Herz zusammen. „Ich will bei dir sein. Und wenn ich dafür sterben muss, macht mir das auch nichts aus.“

Er holte tief Luft. „Ein Jahr. Versuche es ein Jahr ohne mich. Bitte, Baby, tu es für mich.“

Überrascht sah sie ihn an. „Ein Jahr? Und wenn es dann noch genauso weh tut, darf ich zu dir kommen?“

Er räusperte sich, nickte zögernd. „Ein Jahr, versprich es.“

Sie tat es und warf sich gleich darauf weinend in seine Arme.

Behutsam strich er ihr die Haare aus der Stirn. „Baby?“

Sie sah ihn stumm an.

„Bitte, geh wieder arbeiten. Bleib nicht in dieser Wohnung, egal wie schön sie ist.“ Er deutete auf das Schlafzimmer, das Laurie voller Hingabe eingerichtet hatte. Die mauvefarbenen Stores zu beiden Seiten der bodentiefen Fenster waren die einzigen Farbkleckse zu der sonst in Weiß und Creme gehaltenen Möblierung. Der alte Frisiertisch mit den verschnörkelten Spiegeln stammte von einem Flohmarkt in Brooklyn, den Laurie entdeckt und Ryan liebevoll restauriert hatte.

„Arbeiten?“ Sie sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

Er nickte, ein winziges Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Das, womit die meisten Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen.“

„Aber ich … ich kann das jetzt nicht.“ Sie erstarrte. Ihr Blick irrte durch den Raum. Hier fühlte sie sich halbwegs sicher. Bei der Vorstellung, wieder im Büro zu sitzen, sich von Steve, ihrem Chef Anweisungen geben zu lassen und zu … funktionieren, brach ihr der kalte Schweiß aus. Sie konnte doch nicht einfach wieder in die Welt hinausgehen, als sei nichts passiert.

„Versuche es wenigstens. Bitte. Mir zuliebe.“ Seine Stimme war unendlich sanft.

Sie schluckte. Ryan einen Wunsch abzuschlagen war ihr unmöglich. Also nickte sie, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie sie diesen erfüllen sollte.

13. Ryan

„Bist du nun zufrieden?“ Ryan klang vorwurfsvoll. „Es ist ja noch viel schlimmer, als ich dachte. Laurie so unglücklich zu sehen war das Schlimmste, was ich je erlebt habe.“ Wut und das Bedürfnis, Ava zu schütteln, wallte so stark wie noch nie in ihm auf. Er biss sich auf die Lippen.

„Ich weiß, das war hart.“ Ava starrte auf den schneeweißen Sand unter ihren goldenen Plateaustiefeln.

„Hart? Die Untertreibung des Jahrhunderts …“ Er lachte bitter.

„Aber es war doch auch schön, sie wiederzusehen, oder nicht?“

„Natürlich war es das! Aber auch unglaublich schmerzlich.“ Er wandte sich ab und starrte aufs Meer, die Hände zu Fäusten geballt.

„Das war einer der Gründe, warum ich mich so schwer getan habe, dir zu erlauben, mitzukommen“, sagte sie sanft.

„Wie rücksichtsvoll von dir.“ Seine Stimme troff vor Sarkasmus.

Besänftigend legte sie eine Hand auf seinen Arm.

Er schüttelte sie ab wie ein lästiges Insekt.

„Wie lange?“, fragte er unvermittelt. „Wie lange hätte ich mit Laurie gehabt, wenn du es nicht vermasselt hättest?“

Sie zögerte. „Ich glaube nicht, dass es gut wäre, wenn ich dir das sage.“

„Wie lange?“, fragte er gefährlich leise.

„Ich weiß nicht, ob ich darüber sprechen darf.“ Sie rang nervös die Hände, ihre türkisfarbenen Perlenarmbänder rollten in einem farbenfrohen Tanz hin und her.

„Oh, hat die kleine Ava Angst, einen Fehler zu machen? Ärger mit dem Engelrat zu bekommen?“ Er verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln.

„Ja, hat die kleine Ava! Und du brauchst gar nicht so sarkastisch zu werden. Ich hab mir immer die größte Mühe gegeben.“ Sie schob die Unterlippe schmollend vor und trippelte in ihren Stiefelchen im Sand herum.

„Ja, ja, das hatten wir schon!“ Er winkte müde ab. Dann packte er sie an den Schultern, die sich weich gepolstert in seine Hände schmiegten. „Sag es!“

Nachdenklich wiegte sie den Kopf hin und her. „Vielleicht hättest du nur noch drei Monate gehabt.“

„Drei Monate?“, rief er und ließ sie abrupt los. „Drei Monate?“, wiederholte er mit weit aufgerissenen Augen. „Bist du sicher?“ In seinem Kopf drehte sich alles. Er war von fünfzig oder sechzig Jahren ausgegangen. Eine Zeitspanne von drei Monaten erschien ihm geradezu absurd kurz.

„Nehmen wir mal an, du hättest ein angeborenes Aneurysma im Kopf gehabt, das dann geplatzt wäre.“

Er schüttelte den Kopf, schluckte. „Aber das kann doch gar nicht sein! Ich habe immer gesund gelebt, viel Sport gemacht, versucht, den Stress nicht überhand nehmen zu lassen. All diese Sachen eben.“

„Sehr vernünftig, lieber Ryan Parker. Trotzdem wäre das vielleicht dein Schicksal gewesen.“

„Aber das …“, setzte er an, schüttelte erneut den Kopf. „Das wäre ja genauso unfair!“

Ava sah ihn liebevoll an. „Das kann man so oder so sehen. Weißt du, viele Menschen leben achtzig Jahre oder mehr und haben nie das Glück erfahren, das du mit Laurie hattest. Die ganz große Liebe. Ein Geschenk, das nicht alle erleben dürfen.“

Ryan fuhr sich mit einer Hand über die Augen. Seine Schultern sackten nach vorne, ein leiser Schmerzlaut kam über seine Lippen.

Ava strich ihm vorsichtig über die Wange, sie schien in Sorge, wieder abgeschüttelt zu werden. Er ließ die Berührung regungslos über sich ergehen. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass er sich dem ausgeflippten Wesen neben sich viel zu verbunden fühlte.

„Was hältst du von einer Strandparty?“, fragte sie unvermittelt.

„Bitte?“

„Na ja, ich könnte Kurt, Jimi, Freddie und all die anderen einladen. Gab hier lange keine Sause, und ich denke, es könnte gut sein, dich auf andere Gedanken zu bringen.“

„Sind die auch alle noch im Vorhimmel?“, fragte er verblüfft.

Sie kicherte. „Nein. Das heißt, manche schon, aber die anderen kommen auch von oben immer gerne mal vorbei. Ganz oben gibt es ja keinen Alkohol und keine Drogen mehr. Braucht da allerdings auch keiner mehr zum Glücklichsein. Um der alten Zeiten willen kommen die einer Einladung in aller Regel trotzdem immer gerne nach.“

Der Kurt?“

„Natürlich der Kurt! Was meinst du, was das für ein himmlisches Konzert wird. Woodstock war gar nichts dagegen.“ Ihr Gesichtsausdruck verklärte sich, die Saphiraugen leuchteten sehnsüchtig.

„Aber ich kann doch hier nicht lustig feiern, während Laurie sterben möchte!“ In Ryan tobte ein Kampf. Das ging doch nicht! Andererseits fühlte er eine prickelnde Vorfreude beim Gedanken daran, sämtliche verstorbenen Musiklegenden um sich versammelt zu sehen. Was für eine Vorstellung!

„Ach, Sweetie. Du änderst bei ihr doch nichts, wenn du das Jahr in Trauer und Einsamkeit umherwandelst. Echt nicht.“

Sie sah ihn erwartungsvoll an.

„Ich weiß nicht.“

„Bitte!“

Zögernd nickte er schließlich. „Also gut.“

„Jippiehh! Es wird der absolute Hammer werden! Ein Erlebnis, das du nie wieder vergisst, das verspreche ich dir.“ Ava klatschte in die Hände und drehte sich im Kreis. Ihr weiß-goldenes Kleid flog im wilden Rhythmus um ihre Beine.

„Du wusstest, dass du mich mit Kurt kriegen wirst, richtig?“

Als Antwort lachte sie glockenhell. Natürlich wusste sie es, sie war schließlich sein Schutzengel. Obwohl er es nicht wollte, musste er mitlachen.

„Ach, und Ryan, das mit den drei Monaten war ein Witz. Soweit ich weiß, hattest du auch kein Aneurysma. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, wie viele Jahre auf deiner Lebenskarte vermerkt waren.“ Kichernd rannte sie los.

Ryan sah ihr sprachlos hinterher. Dieses Biest!

14. Laurie

Die matte Wintersonne, die den Tag über Manhattan erhellt und eine zaghafte Ahnung vom noch fernen Frühling hinterließ, war im Begriff unterzugehen. Wieder ein Tag geschafft. Nun waren es nur noch 343, die Laurie hinter sich bringen musste. Ab jetzt hatte sie immerhin ein genaues Ziel. Ein ungewohnter Halt trotz des brüchigen Bodens, auf dem sie unverändert stand. Sie trat ans Fenster und sah auf das geschäftige Treiben unter sich. Alltag, der sich in all seinen Facetten jeden Tag dort draußen ereignete, und mit dem sie nicht mehr das Geringste zu tun hatte. Sie wusste kaum noch, wie das war, ein normales Leben zu führen. Ihres bestand ausschließlich daraus, Sekunden zu Minuten und Minuten zu Stunden werden zu lassen. Wenn genug Stunden vergangen waren, konnte sie wieder an einen Tag einen Haken setzen. Nun wusste sie, dass sie damit ihrem Ziel jedes Mal ein winziges Stückchen näher gekommen war. Dass sie überhaupt ein Ziel hatte.

Das Geräusch der Türklingel ließ sie zusammenzucken. Das tat es seit dem Neujahrsmorgen immer. Selbst, wenn sie Besuch erwartete, so wie jetzt Jessy.

Seufzend ging sie in den Flur, betätigte den Summer.

Sekunden später flog ihre Freundin ihr um den Hals. Für einen flüchtigen Moment freute Laurie sich. Dann verschwand das Gefühl wie eine Fata Morgana.

Jessys Wangen leuchteten in einem frischen Rot. Sie balancierte Schachteln von der Blue Ribbon Sushi Bar auf einen Stuhl neben der Haustür und nahm ihre Mütze vom Kopf. Eine Flut blonder Haare ergoss sich über ihre Schultern.

„Der Winter will immer noch nicht weichen!“ Sie stöhnte und verdrehte die Augen. „Wie geht es dir, Honey?“ Mit einem prüfenden Blick aus musterte sie Laurie, während sie ihren knallgelben Mantel auszog und aus den farblich passenden Stiefeln schlüpfte. Ihre Füße steckten in bunten, selbst gestrickten Socken.

Durch Lauries Herz fuhr ein heftiger Schmerz. Honey. Erst ein paar Stunden war es her, dass Ryan sie so genannt hatte.

„Lass uns ins Wohnzimmer gehen“, sagte sie statt einer Antwort. Schon jetzt hoffte sie, dass es kein langer Besuch werden würde. Die Lebendigkeit, die Jessy wie gewohnt ausstrahlte, erschöpfte Laurie bereits.

Einen Moment später saßen sie sich gegenüber. Die Sushi-Köstlichkeiten waren in den Schachteln geblieben und standen vor ihnen auf dem Tisch. Anders als Rose hielt Jessy es nicht für nötig, das Porzellangeschirr zu benutzen. Laurie war das sowieso egal. Sie würde ohnehin nur wenige Bissen des Bonsai Trees und des Housesalades zu sich nehmen. Früher mochte sie das Gericht aus Avocado, Crabstick, masago und kaiware gerne. Heute würde es für sie genauso nach nichts schmecken wie alles andere.

„Chai latte?“, fragte sie, auch wenn sie nicht die geringste Lust verspürte, Gastgeberpflichten nachzukommen.

„Bleib sitzen, ich mach schon.“ Jessy sprang sofort wieder auf und eilte hinaus.

Erleichtert lehnte Laurie sich zurück. Selbst einfachste Tätigkeiten wie Teekochen waren für sie anstrengend. Sie, oder besser ihre Umwelt, konnte froh sein, wenn ihre Kraft zum Zähneputzen und Duschen reichte. Heute Morgen hatte sie nichts davon getan. Ihre Lippen spürten noch immer den Kuss der letzten Nacht und ihr Körper fühlte Ryans Wärme. Wasser würde das womöglich ändern. Laurie wollte dieses Risiko auf keinen Fall eingehen. Auch die Haare hatte sie ungekämmt gelassen. Schließlich hatte seine Hand auch darüber gestreichelt.

Bevor sie sich ganz in der Erinnerung verlieren konnte, erschien Jessy wieder im Türrahmen, in den Händen zwei dampfende Becher. Gewürzdüfte zogen durch den Raum. Sie stellte die Becher auf den Tisch und ließ sich aufs Sofa fallen.

„Ryan war gestern Nacht hier“, sagte Laurie leise, den heißen Becher in den Händen.

Jessy ließ die Stäbchen sinken, mit denen sie gerade ein Lachsröllchen aufspießen wollte. Ihre Augen wurden groß.

„Was …?“ Eine Hand flog vor ihren Mund. Stumm starrte sie ihre Freundin an. Schließlich brach Jessy das Schweigen wieder. „Hast du von ihm geträumt?“ Ihre Stimme klang undeutlich, weil ihre Hand noch immer vor dem Mund lag.

„Ja. Nein.“ Laurie schüttelte den Kopf. „Er war hier. Ganz real. Wir haben gesprochen. So wie früher.“ Tränen rollten ihre Wangen hinab.

„Aber Ryan ist …“, Jessy verstummte, ließ die Hand in den Schoß sinken, wo sie sich mit der anderen verknotete.

„Tot? Meinst du das?“ Mit einem Knall setzte Laurie ihren Becher ab.

„Ja“, flüsterte Jessy. „Das ist er. Es tut mir so leid. Aber …“ In ihren Augen glänzten Tränen.

Laurie rieb sich die Oberarme, als würde sie frieren. „Du hast recht“, sagte sie schließlich. „Er ist tot. Aber etwas von ihm existiert noch.“

Jessy nickte, ihr Blick ruhte besorgt auf der Freundin.

„Er möchte, dass ich wieder arbeiten gehe.“

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  • Katie M. Bennett (Autor)

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Titel: Ein Weihnachtswunder namens George