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Blutige Rache

von David Gordon (Autor) Tobias Eckerlein (Übersetzung)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Joe Brody ist nur ein ganz normaler hochgebildeter Ex-Militär und jetzt Türsteher in einem New Yorker Striptease-Club, der von seinem besten Freund und Mafiaboss Gio Caprisi geleitet wird. Alles läuft super für Joe – bis er im Zuge einer Drogen-Razzia im Stripclub verhaftet wird. Nach seiner Freilassung überschlagen sich die Ereignisse, denn in der Unterwelt gab es einen folgenschweren Raub, für den sich nicht nur die CIA interessiert, sondern der auch zu einem Plan gehört, der ganz New York ins Chaos stürzen könnte … 

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe November 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-252-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-967-1
Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-123-4

Copyright © 07.08.2018 by Mysterious Press
Titel des englischen Originals: The Bouncer

Übersetzt von: Tobias Eckerlein
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com:
© Malivan_Iuliia, © ZRyzner, © Peshkova
depostiphotos.com: © Ensuper
Korrektorat: KoLibri Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Als der betrunkene Footballspieler ausrastete und versuchte, eine Stripperin mitzunehmen, schrien alle nach dem Türsteher. Dieser Besoffene war riesig. Ein rothaariger Gigant. Er stürmte auf die Bühne zu, grapschte und quetschte wie ein verhungernder Höhlenmensch am All-you-can-eat-Buffet und ging dann auf Kimberly zu. Eine große Blondine. Kurvig wie eine futuristische, italienische Skulptur. Er schnappte sie direkt von der Bühne und warf sie über seine Schulter wie King Kong. Als eine Kellnerin protestierte, klatschte er sie weg wie eine Fliege. Der Barkeeper, ein muskulöser Typ, der CrossFit wie ein verrückter praktizierte, schlug ihm direkt in den Magen. Der Riese blinzelte lediglich, als ob er eine Sekunde lang von einem vorübergehenden Gedanken abgelenkt wurde. Dann klatschte er den Barkeeper mit einem Schlag um. Selbst als seine eigenen Freunde versuchten ihn zu Boden zu bringen, schleuderte er sie durch die Luft, den Verstand versoffen schreiend: „Ich will nicht heiraten!“ Es war ein Junggesellenabschied, der komplett aus dem Ruder gelaufen war.

Crystal, ein neues Mädchen, das gerade erst von Philly nach New York gezogen war, rannte los zum Türsteher, Joe, der gerade Pause machte und in einer Hinterkabine saß, Kaffee trank und eine fette, mit Eselsohren übersäte Fassung von Dostojewskis Der Idiot las. Auf den ersten Blick war sie nicht sonderlich beeindruckt. Er war süß, wenn man auf große, schlanke, verlotterte weiße Jungs stand, was sie gelegentlich tat. Aber was Muskeln anging, war er nichts im Gegensatz zu dem, was sie von den menschlichen Bergen in schwarzen Anzügen gewohnt war, die man sonst vor den Clubtüren sah. Der Typ trug Jeans, alte Converse High-Tops und ein T-Shirt, auf dem „Security“ stand. Doch der Riese war viermal so groß wie er. Wenn der Riese ein Baum wäre und man würde ihn halbieren und mit heißem, blubberndem Wasser füllen, könnten Joe und Crystal beide in seinem hohlen Stumpf sitzen, als wäre er ein Whirlpool.

„Hey, du!“, rief sie. „Der Idiot! Wir brauchen Hilfe!“

Joe hob den Kopf, beinahe grinsend, und faltete die Ecke seines Buches. Dann sah er, wo Crystal hinzeigte. Der Riese watete durch die Menge. Allem Anschein nach verschleppte er Kim zu seiner Höhle, um sie später zu fressen. In ruhigen Bewegungen trat Joe ihm direkt in den Weg.

„Hey! Du! Fleischberg!“, rief er. „Hier drüben!“

Der Riese machte ein verärgertes Gesicht, während er Joe fokussierte wie ein Stier, der ein rotes Tuch sieht. „Nenn mich nicht so.“

Joe grinste. „Wie wär’s, wenn ich dir einen Lapdance gebe?“ Grummelnd schmiss er Kim beiseite und sie krachte auf den Tisch einer Gruppe asiatischer Touristen. Dann ging er auf Joe los. Crystal fühlte sich ein wenig schuldig, als sie sich darauf vorbereitete zu sehen, wie das hübsche Gesicht verunstaltet wird. Der Riese wütete los und schlug zu. Seine Faust schwang wie ein Vorschlaghammer. Aber Joe wich elegant aus und, auf den Fußballen tänzelnd, schritt sicher in den Schlag hinein. Er trat zu und traf das Kinn des Riesen von unten herauf. Als er zu taumeln begann, griff Joe nach einem Punkt an seinem Hals.

„Au!“ Wie ein verwundetes Monster jaulte der Riese vor Schmerz und versuchte, sich loszuschütteln. Doch Joe kniff ganz einfach noch fester.

„Ruhig, ruhig. Lass uns gehen“, sagte er, während er den gebeugten, stöhnenden Riesen vor sich herführte. Die Menge spaltete sich und sie gingen geradewegs durch die Tür.

Kimberly stand langsam mit der Hilfe der Touristen auf. „Wow“, sagte sie. „Das ist mal ein guter Türsteher.“ Crystal nickte. „Ich denke, es zahlt sich aus, Bücher über Idioten zu lesen.“

2

Draußen auf den Stufen des „Club Rendezvous – QUEENS BESTER GENTLEMAN’S CLUB, BEQUEM IN FLUGHAFENNÄHE“ saßen Joe und der Riese nun nebeneinander. Es war eine warme Sommernacht. Die Luft fühlte sich weich und frisch an, als ob sie mit einem Lkw vom Land geliefert wurde und die Flugzeuge über ihnen hätten fast Kometen sein können. Der Riese weinte. Sein Name war übrigens Jerry. Jetzt, wo er begonnen hatte zu bröckeln, zusammengesackt und schluchzend, während Joe seinen Rücken tätschelte, sah er eher aus wie ein riesiges, pinkes Baby als alles andere. Und wie ein Baby auch, war er niedlich und nicht der Hellste und in der Lage, großen Schaden anzurichten, ohne es zu wollen. „Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich trinke“, sagte Jerry das Riesenbaby, während er sich die Nase abwischte. „Ich verliere jegliche Kontrolle. Ich bin kein schlechter Typ. Ich liebe meine Verlobte.“

Joe nickte. „Ich weiß, Mann. Ich kenne das, glaub mir. Hab keine Angst, um Hilfe zu bitten, wenn du sie brauchst.“

Jerry blickte zu ihm herüber, Tränen schienen im Neonlicht. „Hast du jemals Angst, Joe?“

Joe gab ein kurzes, hartes Lachen von sich. „Jerry, ich wache jeden Tag in Schrecken auf.“

„Wirklich? Wovor könntest du denn Angst haben?“

Joe überlegte einen Moment. Er kratzte sich am Kinn, während er nach oben auf ein Flugzeug starrte, welches, ihm nicht bewusst, auf dem Weg nach Venedig war. Er lächelte und drehte sich wieder zu Jerry. Dann traf das Gesetz ein.

Besser gesagt, es hagelte nieder. Alle auf einmal kamen sie an. Von allen Seiten, mit gezogenen Waffen. Es war ein richtiger Zugriff. SWAT in Panzerung kamen ums Gebäude. Knurrend und Befehle bellend. NYPD-Uniformen schrien in den Straßenverkehr und sicherten den Parkplatz ab wie die überteuerten Securitys, die sie oftmals waren.

„Hey, hey, ganz ruhig“, sagte Joe gelassen, aber laut, mit erhobenen Händen, ansonsten jedoch entspannt. „Alles ist cool. Wir sind unbewaffnet.“

Mittlerweile extrem verängstigt, guckte Jerry Joe an und hob dann ebenfalls seine Hände.

SWAT setzte sich in Bewegung und tastete sie noch immer knurrend ab.

„Sicher!“

Die Sirenen, wenn auch verstummt, pulsierten noch immer rötlich und die Frontscheinwerfer vertrieben die Schatten und enthüllten Joe und Jerry in einem strahlenden Weiß. Sie blinzelten in blinder Verwirrung.

„Wir sind okay!“, rief Joe. „Falscher Alarm. Wir brauchen keine Hilfe.“ Joe wusste nicht, wer die Cops gerufen hatte, aber es musste irgendein Anwohner gewesen sein, der wegen der Schlägerei besorgt gewesen war. Das hier war Gios Laden. Gios Leute riefen nicht die Bullen. Sie riefen Joe.

Agent Donna Zamora trat hervor. Sie trug einen Windbreaker mit der Aufschrift „FBI“, ihr Haar unter einem Cap, ebenfalls mit „FBI“ beschriftet, und ihre Marke am Gürtel. Im Grunde ein Outfit, das schreit: „Bitte nicht aus Versehen erschießen!“ Trotzdem ließ sie es irgendwie gut aussehen.

„Danke fürs Kommen,“ sagte Joe, „aber es geht schon wieder viel besser.“

„Das ist schön zu hören“, sagte sie amüsiert. Sie steckte ihre Waffe zurück ins Holster.

Joe lächelte und sie sah, dass er schöne Augen hatte. Er war ebenfalls amüsiert, jedoch war es schwer zu sagen, worüber.

„Ja“, fuhr er fort, „es war nur ein Missverständnis. Wir brauchen eure Hilfe letztendlich doch nicht.“

Jetzt musste sie lachen. „Sie haben recht. Es gibt ein Missverständnis.“ Sie hielt ihre Handschellen hoch. „Wir sind nicht hier, um Ihnen zu helfen. Wir sind hier, um Sie festzunehmen.“

Und als er aufstand, Jerry aufhalf und sich umdrehte, um sich verhaften zu lassen, hörte sie ihn ebenfalls lachen.

3

Das Telefon weckte Gio auf. Es war sein Handy. Sein Arbeitstelefon. Ein Wegwerfhandy, welches er regelmäßig austauschte. Nicht, dass er irgendetwas von Bedeutung am Telefon sagte. Aber es war dennoch schlau, es von dem Telefon zu trennen, das er benutzte, um seine Frau anzurufen, seinen Kindern zu schreiben, Fotos von Fischen zu machen, die sie auf seinem Boot fingen. Es war nicht das Festnetz, das im Grunde nur seine Verwandten und Angeheirateten benutzten. Und das um diese Uhrzeit. Herrgott, es war, verdammt noch mal, zwei Uhr morgens. Das musste bedeuten, dass irgendjemand tot war oder im Krankenhaus lag. Carol stöhnte neben ihm.

„Was’n los?“

„Nichts, Baby. Schlaf weiter. Bloß Arbeit“, sagte Gio, tätschelte ihre Schulter und eilte mit dem Handy ins Hauptbadezimmer. In vier Stunden würde sie aufwachen, um zu meditieren und Pilates zu machen, bevor sie die Kinder aufweckte. Er schloss die Tür vorsichtig hinter sich und setzte sich auf den Klodeckel. Die Marmorkacheln ließen seine Füße frieren.

„Was?“

Es war Fuscos Stimme. „Ich bin’s. Wir müssen reden.“

„Jetzt?“

„Je früher, desto besser.“

„Ich bin auf dem Weg. Wir sehen uns da.“

Er drückte den roten Knopf und machte sich eine mentale Notiz, das Handy wegzuwerfen, sobald er das Haus verlassen hatte.

 

Gio war ein Gangster. Ein Mafioso. Ein hochrangiger Professioneller im organisierten Verbrechen der dritten Generation. Aber wenn man ihn sah oder traf oder etwas Zeit bei ihm Zuhause in einem belaubten, ruhigen Teil von Long Island, auf einem großen Stück Land mit einem riesigen, aber stilvollen, weißen Schindelhaus und einem ungeheuer großen Rasen, einem biologischen Gemüsegarten und einem Pool verbrachte, würde man es niemals erahnen. Carol, seine Frau, war Kinderpsychologin mit eigener Praxis, jetzt, wo die Kinder älter wurden. Seine Kinder waren typische amerikanische Kids in sowohl allen guten als auch allen schlechten Hinsichten. Niedlich, klug, dumm, fröhlich, faul, verwöhnt, liebenswert. Ihre Vorstellungen eines Gangsters kamen aus Rapvideos und die einzige Person, die sein Sohn umnieten wollte, war sein Mathelehrer. Sie dachten, Gio würde das Familienunternehmen leiten, was er auch tat. Doch sie wussten lediglich von der legalen Hälfte: ein boomendes Immobilienimperium. Größtenteils kommerzielle Immobilien, aber auch ein paar Gebäude in Brooklyn und Queens, die in letzter Zeit deutlich im Wert gestiegen sind. Ein schwergewichtiges Investmentportfolio erstrangiger Aktien, Tech Funds, Auslandsinvestitionen, Anleihen, sogar ein paar Hedgefonds und Risikokapital. Eine Straßenbaufirma, ein Fuhrunternehmen und ein Vertragsunternehmen. Alle geführt von Cousins, Cousinen und Neffen unter seiner Aufsicht. Außerdem ein paar alte Hinterlassenschaften der Familie, wie zum Beispiel das Fischrestaurant, in dem alle Kinder im Sommer arbeiten mussten und das sie alle hassten - das er selber auch gehasst hatte, als er dort arbeitete, Shrimps kochte und rote Soße aufwischte – und das mehr wert war wegen des am Wasser liegenden Lands, auf dem es stand, als alles andere, aber wegen dem seine verwitwete Mutter ihn töten würde, wenn er es jemals verkauft oder auch nur ein Foto von Sinatra an der Wand verändert hätte. Ihr Großvater hatte es eröffnet, als er nach Amerika kam. Giovanni wurde nach ihm benannt. Ein weiterer Grund, warum man nicht erwartet hätte, dass Gio ein Gangster war, ist, dass er hart gearbeitet hatte, um sich das Erscheinungsbild eines anständigen Bürgers aufzubauen. Er ging aufs College und eine Wirtschaftsschule und war sogar Praktikant an der Wall Street. Seit er übernommen hatte, hat er den Fokus der Familie von der alten, noch immer lebendigen Welt des Glücksspiels, Sex, Erpressung und Kredithaien auf eher zeitgemäße und weniger farbenfrohe Verbrechen wie zum Beispiel Kreditkartenbetrug im Internet, Aktienmanipulation und Geldwäsche gelenkt. Er trug Anzüge von „Brooks Brothers“, keine Seide aus Little Italy. Er fuhr einen Audi. Er spielte Golf mit Doktoren und Richtern. Für ein paar Wochen wurde er sogar Vegetarier, als seine Cholesterinwerte in die Höhe schossen und seine Frau durchdrehte. Aber Gio war trotzdem ein Gangster und als er raus zum Parkview Diner fuhr, um NYPD Detective Jimmy Fusco zu treffen, der Spielsüchtige, der ihm Informationen beschaffte in der Hoffnung seine wachsenden Schulden bezahlen zu können, und er hörte, dass sein Club hochgenommen wurde, weil jemand gemeldet hatte, dass in der VIP-Lounge ab und an mal jemandem gegen Geld einer runtergeholt wurde, war sein erster Gedanke: Ich werde diese Scheißratte finden, die mich verraten hat und seine verdammte Zunge durch das klaffende Loch ziehen, das ich ihm in seine Kehle schneide. Nicht zu vergessen, das Geld, dass er monatlich als Bestechung zahlte. „Was zur Hölle, Jimmy?“, fragte er Fusco, als sie im leerlaufenden Audi hinterm Diner saßen, während Fuscos in der Stadt registrierter Chevy in der Nähe parkte. „Ich sollte immun gegen diese Scheiße sein bei dem Geld, das ich ausgebe.“

Fusco zuckte nervös mit den Schultern. Er würde sterben für eine Zigarette, aber er wusste, dass er in Gios Auto nicht rauchen durfte. „Das ist nicht meine Schuld, Gio. Ich schwör’s. Ich kann da nichts machen. Das sind die Behörden. Du weißt schon, wegen Eises.“

Gio verzog sein Gesicht und schüttelte den Kopf. „Eis? Meine Trucks? Es geht um verdammte italienische Eiscreme und Softeis? Okay, die verkaufen ein bisschen Gras und vielleicht auch ein bisschen Koks von den Trucks aus“ – er hob einen Finger – „aber niemals an Kinder und niemals in der Nähe von Schulen. Da bin ich knallhart.“

„Nein, Gio”, Fusco buchstabierte es, „I-S-I-S. Du weißt schon. Terrorismus. Die ganze Stadt ist in Alarmbereitschaft.“ Er sah Wut in Gios Augen und schrumpfte zurück in seinen Sitz, doch es gab keinen Ausweg.

Gios Stimme war monoton. „Du glaubst, ich sei ein Terrorist? Du glaubst, ich habe irgendetwas mit diesen Hurensöhnen zu tun?“

„Nein! Niemals. Natürlich nicht.“ Fusco wedelte mit der Hand, um Gio zu beruhigen. „Und genauso wenig denken es die Behörden. Wirklich. Es geht nicht um dich persönlich. Die nehmen jeden hoch.“ Er atmete durch. „Ich meine, du bist weit davon entfernt, ein Terrorist zu sein, das wissen wir beide. Aber bei allem Respekt … Was ist mit illegalen Waffenverkäufen? Drogenprofite, die über die ganze Welt reichen? Undokumentierte Sexarbeiterinnen?“ Er zuckte erneut aus Angst vor einem weiteren Ausbruch. „Schau, es ist eine neue Welt. Die haben Informationen über bekannte Terrorverdächtige, die etwas in New York planen. Und bis das Angstniveau sinkt oder die Bullen und die Behörden Ergebnisse erzielen, sind alle – du, ich, jeder – unter Druck.“ Fusco seufzte und steckte sich reflexartig eine Zigarette in den Mund. „Und ob es dir gefällt oder nicht, die Leute reden unter Druck.“

„Zünde dir die nicht hier drin an.“

„Nein“, er nahm sie aus dem Mund, „würde ich nie.“

Gio atmete durch. Er war ruhig. Nachdenklich. „Also“, sagte er, nun mit einem kleinen Lächeln. „Wer redet über meinen Club?“

4

In Gewahrsam machte Joe, auf der Bank sitzend und mit seinem neuen Kumpel Jerry und den anderen, etwas vertrauteren Gesichtern in der überfüllten Zelle quatschend, das Beste aus der Situation. Sie waren eingequetscht wie Pendler im Zug bei Feierabendverkehr, nur mit einem Edelstahlklo in der Mitte. Es schien, als wenn jeder heute erwischt wurde: eine chinesische Wettbude, ein russisches Bordell, ein Crackhaus in der Bronx, eine Werkstatt, in der Dominikaner geklaute Autos zerlegten, ein Lager mit geklauten Gütern – Juwelen, Kameras und andere Elektrogeräte – geführt von Typen in Kippas in Crown Heights. Jeder wurde von Cops und Behörden überrannt, in Handschellen abgeführt, auf Busse geladen, mühsam abgearbeitet und zum Warten hinter Gitter geworfen. Die ganze Stadt war hier. Es war wie ein Klassentreffen für organisierte Kriminelle.

Und jeder sagte dasselbe: Jetzt wurde es ernst. Sämtliche Behörden, egal ob Bund, lokal oder staatlich, durchkämmten jeden Bereich der New Yorker Unterwelt und versuchten, versteckte Bösewichte aus dem Verkehr zu ziehen. Was sie nicht schaffen würden. Es war eine einzige gewaltige Zeitverschwendung. Jeder in der Zelle wusste das, genauso wie jeder außerhalb der Zelle. Zumindest jeder bis zum Rang des Captain. Doch bis sie die Medien und die Politiker davon überzeugten, dass sie es ernst meinten und sich die panische Bevölkerung beruhigt hatte; bis der Steuerzahler und Wähler – beide Gruppen hier eher weniger vertreten – aufhörten, Selbstmordattentäter unter ihren Betten zu sehen und der Fokus der Welt sich auf etwas Neues legte, würde keiner mehr seinem Geschäft nachgehen. In anderen Worten: Joe war arbeitslos.

Jerry war nervös. „Joe, ich bin noch nie verhaftet worden. Ich meine, ein paarmal mit dem Auto angehalten worden, aber nie so was.“ Er musterte die Menge. „Sind das alles Kriminelle?“

„Soweit ich weiß“, sagte Joe. „Aber keine Sorge. Bleib einfach bei mir. Ich habe einen Anruf gemacht. Wir werden rauskommen …“ Er zögerte aus Angst, zu viel zu versprechen. „… irgendwann.“

Dann quetschte sich Derek dazu. „Hey, Joe!“

„Hi, Derek.“ Sie schüttelten Hände. Joe mochte Derek. Ein chinesischer Junge aus Flushing. Er war jung, einundzwanzig oder höchstens zweiundzwanzig. Doch anders als die meisten jungen Kerle, war er nicht darauf fixiert, Joe zu beeindrucken oder beleidigt, wenn er es nicht war. Eine Routine, die Joe anstrengend fand. Derek hatte eine positive Einstellung. Er war mehr so etwas wie ein fröhlicher Draufgänger. Ein eifriger, aufstrebender Profi. Seine Profession: Dieb.

Joe deutete auf die überfüllte Bank. Zehn Typen, Hintern an Hintern. „Ich würde dir einen Platz anbieten, aber der wäre auf meinem Schoß.“

Derek grinste. „Schon okay. Ich lass euch Alten sitzen. Wie im Bus.“ Er guckte sich um. „Das ist ’ne ziemliche Scheiße hier, oder?”

„So würde ich es auch formulieren“

„Drei Läden meines Onkels wurden geschlossen. Mann, ist der angepisst.“

„Zu Recht.“

Dereks Onkel leitete drei illegale Casinos in den chinesischen Teilen der Stadt. Außerdem verschiffte er gestohlene Autos, Schmuck und Antiquitäten über den Schwarzmarkt nach China. Eine wesentliche Menge davon klaute Derek.

Derek hockte sich hin und sagte in leiserer Stimme: „Wer ist das?“ Während er mit seinem Kinn direkt auf Jerry deutete.

„Nur ein Typ aus dem Club. Der ist okay.“

Derek lehnte sich herüber. „Schau mal, jetzt, wo du, genau wie ich, keinen Job hast, dachte ich, ich erzähl dir von dieser kleinen Sache, in die ich dich einweihen könnte.“

Joe nickte einen Bruchteil eines Zentimeters, aber genug für Derek, um fortzufahren: „Ein Raubüberfall. Ist ein Auftragsjob. Der Plan, der Kunde, alles schon geregelt. Wir brauchen nur noch einen weiteren Mann.“

„Wofür?“

Derek grinste. „Ich weiß, du stehst nicht so auf die harten Sachen. Darum darfst du fahren.“ Er haute Joe leicht auf den Oberarm. „Du bist einer der wenigen, denen ich hinterm Lenkrad vertraue.“

Joe lachte. „Danke, aber ich weiß nicht so recht. Wie du schon sagtest, ich bin alt und faul. Das klingt …“ Er zuckte mit den Schultern. „… aufregend.“

„Ich weiß, ich weiß. Cowboy und Indianer. Oder Ureinwohner, oder was auch immer. Aber ich muss Kohle machen. Ich heirate in einem Monat.“

„Wirklich? Glückwunsch. Genau wie Jerry hier.“

„Ohne Scheiß?“ Derek seufzte. „Mann, ich liebe dieses Mädchen, aber um ehrlich zu sein, drehe ich irgendwie durch.“

Joe stand auf und gab Derek seinen Platz. „Genau wie Jerry. Ihr beiden solltet reden.“

 

Es war schon lange Tag, als Joe rauskam. Gios Anwalt holte ihn und die anderen Angestellten des Clubs raus. Jerry und Derek wurde von Verwandten und Freunden geholfen, die sie angerufen hatten. Als sie die Untersuchungshaft verließen und als freie Männer auf die Baxter Street traten, nachdem sie noch einmal erneut vernommen wurden, war es bereits Mittag.

Genug Zeit für Jerry und Derek, um eine Verbindung herzustellen und für Jerry, um darauf zu bestehen, dass beide zu seiner Hochzeit kamen. Er umarmte beide fest und lief los. Sein Vater parkte in zweiter Reihe und hupte wütend. Derek machte einen leiseren Abgang, indem er in einen weißen BMW verschwand, der am Ende des Blocks schnurrte. Joe überlegte, ob er sich einen Eiskaffee von einem der vietnamesischen Läden hinter den Tombs holen sollte, wohin er immer ging, um Pho und frittierten Tintenfisch zu essen, seit er das erste Mal verhaftet wurde: Starker, schwarzer Kaffee, auf dicke, klebrige Kondensmilch getrieft und dann auf Eis gegossen. Dann sah er die süße Agentin von letzter Nacht. Sie stand an der Seite und trug eine Sonnenbrille, während sie die Parade der Verhafteten beobachtete. Dieses Mal trug sie einen Anzug. Eine Art seidig schwarzer Stoff über einer seidig weißen Bluse. Es war, nun ja, ziemlich FBI. Er war so geschnitten, dass er ziemlich elegant hing und sich um ihre schmalen Schultern und die Kurven ihrer Brust und Hüfte schmiegte. Der hat einiges gekostet, keine Frage. Genau wie ihre Frisur. Heute hatte sie die Haare offen und Joe konnte sehen, dass sie sehr lang, sehr glänzend und sehr schwarz waren. Er realisierte nicht wie schwarz, bis er es im Tageslicht sah.

Er lächelte und winkte leicht und als sie nickte, ging er herüber.

„Guten Morgen“, sagte er. „Oder Abend.“

„Ihnen auch“, sagte sie, ohne ihn wirklich anzuschauen oder zumindest, ohne ihren Kopf zu drehen. „Angenehme Nacht?“

„Ich hatte schon schlimmere. Sie?“

„Viel los”, sagte sie. „Ich habe nicht viel geschlafen.“

„Das ist zu schade. Sie werden nicht genug bezahlt dafür, dass Sie so hart arbeiten.“

Sie guckte ihn an. „Wer sagt, dass ich gearbeitet habe?“

Joe lachte. Ermutigt sagte er: „Hey, wie wär’s – nur um zu zeigen, dass keiner von uns Groll hegt –, würden Sie mit mir auf eine Hochzeit gehen?“

Jetzt musste sie lachen. Das hatte sie nicht erwartet. „Wann?“

„Heute Nacht! Die Hochzeit, deren Junggesellenabschied Sie gestürmt haben.“

„Wenn das so ist, bin ich mir nicht sicher, ob ich willkommen sein werde.“

„Natürlich werden Sie das. Jerry hat ein großes Herz. Es wird eine schottisch-koreanische Hochzeit. Sollte ziemlich wild werden.“

„Das klingt in der Tat nach Spaß. Aber ich habe zu tun. Vielleicht ein anderes Mal.“ Und jetzt lächelte sie. Ein richtiges Lächeln. Direkt an ihn, während sie sich umdrehte und reinging. Joe beobachtete sie. Dann sah er Crystal und Kimberly in einer Gruppe Frauen, die aus einer anderen Tür entlassen wurden und in ein wartendes schwarzes Auto stiegen.

„Hey, Ladies!“, rief er, als er rüberging. „Könnt ihr mich mitnehmen?“

5

Agent Donna Zamora war von sich selbst überrascht. Sie hatte nachgegeben. Sie hatte sich weichmachen lassen. Hat sich sogar dabei ertappt, wie sie flirtete, bevor sie es realisierte. Und dann war es auch noch ein Krimineller. Ein Türsteher in einer Tittenbar, der sich einfach nur Joe nannte. Sogar für ihr desaströses Liebesleben war das ein Abstieg. Wer sagt, dass ich gearbeitet habe? Wie konnte sie das nur gesagt haben? Es war schamlos, dachte sie, und wenn ihre Kollegen das gehört hätten. Hirnlos. Warum lächelte sie dann auch noch, als sie sich daran erinnerte, wie er lächelte? Dieser Ausdruck von fröhlicher Überraschung in seinem Gesicht. Diese Ausstrahlung, die er hatte, wie in einem versteckten Streich. Aber war sie Teil des Streichs? Oder war sie das Opfer? Oder er selbst?

Egal. Ein Lächeln war ein Lächeln und sie musste nehmen, was sie kriegen konnte. Gefangen in einem aussichtslosen Job in einem beschissenen, kleinen Büro, so weit von jeglicher Action entfernt, wie man es nur sein konnte und trotzdem mit einer Pistole zur Arbeit zu kommen: Sie war das Tippmädchen. Sie war die Hotline. Und nein, das war nicht so sexy, wie es klingt. Alles, was sie tat, war, den ganzen Tag Anrufe von gesetzestreuen Bürgern zu beantworten, die fanden, dass der Müll ihrer Nachbarn verdächtig roch und E-Mails von aufmerksamen Zivilisten zu durchkämmen, denen der muslimische Name ihres Taxifahrers aufgefallen war oder dass jemand einen Pizzakarton in der Bahn liegen gelassen hatte oder dass auf der lauten Party auf dem Dach mexikanisch klingende Musik lief. Völlig egal, dass sie selber halb Mexikanerin und halb Puerto Ricanerin war. Völlig egal, dass sie einen guten Abschluss hatte und die Beste während ihrer Ausbildung in Quantico war. In der spießigen Umkleidekabinenkultur des FBI war Donna festgefahren mit einem trostlosen Job am Hinweistelefon. Sie musste sich mit jedem Vollidioten auseinandersetzen, der etwas sah und etwas sagte. Es sei denn, einer dieser Hinweise würde ihr nur einmal irgendetwas bringen. Das war der Grund, warum sie ihren Gürtel umschnallte und mitfuhr, nachdem dieser Kokser aus Canarsie anrief und von Geschäftsmännern aus dem mittleren Osten erzählte, denen Blondinen in der VIP-Lounge im Club Rendezvous einen runterholten. Wenigstens brachte sie das für eine Nacht raus aufs Spielfeld, wo sie ein wenig durchatmen konnte. Vielleicht sogar rennen.

Sie seufzte, als sie auf die Fotos und Skizzen der Top-10-Gesichter auf der Terrorliste blickte. Gesichter, die sie jeden Tag anstarrten, sie herausforderten, sie unter dem endlosen Scheißhaufen zu finden, den sie jeden Tag schaufelte. Sie zeigte ihnen allen den Mittelfinger. Sie trank ihren kalten Kaffee aus und bereitete sich auf einen weiteren sinnlosen Rückruf vor, als das Telefon klingelte. Es war ihre direkte Durchwahl. Höchstwahrscheinlich noch so ein armseliger Widerling oder paranoider Schizophrener, der auf eine Belohnung aus war. Sie nahm ab.

„Guten Abend. Hier spricht Agent Zamora. Haben Sie ein Verbrechen zu melden?“

„Hi“, sagte eine freundliche, ganz und gar nicht widerliche, unschizomäßige Stimme. „Mein Name ist Giovanni Caprisi. Ich möchte vorbeikommen und reden.“

Giovanni fucking Caprisi. Gio der Gentleman. Kam vorbei. In Fleisch und Blut. Heilige Scheiße. Donna lachte laut. Sie hatte im Lotto gewonnen. Ein Hauptverdächtiger in O.C. Der Kopf einer verdammten kriminellen Mafia-Familie, kam freiwillig her. Wer weiß, was er wollte oder wen er bereit war, ihnen zu geben? Vielleicht wollte er ihr einen Tipp über einen Konkurrenten oder einen Rivalen in der Familie geben. Vielleicht war er bereit aufzugeben, Beweise zu liefern und ins Zeugenschutzprogramm zu gehen. Wenn alles gut lief, könnte sie mit diesem Fall Karriere machen. Auf jeden Fall würde er sie vom Hinweistelefon retten.

Also sagte sie zu: „Selbstverständlich. Kommen Sie gleich her.“ Sie rief bei der Rezeption an und meldete ihn an. Dann lief sie zum Badezimmer, richtete sich her und ging zurück, um in aller Ruhe zu warten, bis es an der Tür klopfte.

„Agent Zamora, Ihr Besuch ist da“, sagte der junge Agent, mit Bürstenschnitt und Blazer.

„Danke. Schicken Sie ihn rein.“

Der junge Mann hielt die Tür auf und da, in einem äußerst reizenden beigen Sommeranzug, mit einem weißen Hemd und einer blauen Krawatte, polierten Schuhen und einer Rolex, aber kein Gold oder Ringe außer seines Eherings, war Gio. Er lächelte.

„Agent Zamora? Freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Gleichfalls, Mr. Caprisi.“

Sie schüttelten Hände.

„Bitte nennen Sie mich Gio.“ Er guckte sich in dem kleinen, fensterlosen Raum um. „Bin ich hier richtig? Hier werde ich kooperieren?“

„Absolut“, sagte sie und entfernte einen Stapel nutzloser Akten von einem Stuhl. „Bitte setzen Sie sich. Und seien Sie versichert, alles, was Sie im Gegenzug für Ihre Kooperation mit uns brauchen, kann ich Ihnen besorgen.“

„Großartig. Ich hatte gehofft, dass Sie das sagen würden.“ Er fegte den Stuhl ab und zog beim Hinsetzen seine Hose hoch.

„Sollten Sie Schutz für Ihre Familie brauchen oder eine neue Identität oder sogar ein neues Gesicht – alles kein Problem.“

„Ein neues Gesicht!“ Er lachte und rieb sich am Kinn. „Was ist mit diesem verkehrt? Ich habe es gerade erst rasieren lassen. Gefällt es Ihnen nicht?“

„Nein, es … es ist ein sehr schönes Gesicht und eine schöne, glatte Rasur. Ich meinte als Gegenleistung für Ihre Aussage, sollten Sie sich dazu entscheiden, als Kronzeuge gegen Ihre Partner im organisierten Verbrechen aufzutreten.“

Gio lachte noch lauter. „Tut mir leid.“ Er holte Luft. „Ich befürchte, Sie haben mich mit jemandem verwechselt. Ich bin hier lediglich als besorgter Bürger. Ich habe keine Ahnung von organisiertem Verbrechen. Klingt nach einem Oxymoron für mich.“

Sie setzte sich hin und versank in ihrem Stuhl, während ihre Hoffnungen schwanden. „Worüber wollen Sie denn dann mit mir reden?“

„Terrorismus.“

„Was ist mit Terrorismus?“

„Ich finde ihn schrecklich. Er muss aufgehalten werden.“

„Ja, wir hier beim FBI sehen das genauso.“

„Gut. Ich freue mich, das zu hören. Ich bin hier, um zu helfen.“

„Entschuldigen Sie, Mr. … Gio. Ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Wie können Sie helfen?“

„Na ja, wie bereits erwähnt, bin ich ein besorgter Bürger und im Zuge meiner gewöhnlichen Tätigkeiten treffe ich viele Menschen und lerne viele Sachen. Einige von Ihnen könnten Menschen sein, die Sie interessieren. Und gleichzeitig kenne ich auch noch andere Menschen, Freunde von mir, ebenfalls treue Bürger, deren Geschäfte … behindert werden durch Freunde von Ihnen.“

„Sie meinen so wie Ihr Club?“

„Club Rendezvous? Das ist nicht meiner. Der Club gehört zufällig dem Nachbarn der Frau meines Cousins.“

„Ist richtig“, sagte Donna. „Ich vergaß. Yettie Greenblatt. Die zweiundachtzigjährige Stripclub-Inhaberin.“

 „Ganz genau. Arme Frau. Ihr Ehemann ist nicht mehr da. Der Club ist alles, was sie hat. Also, sagen wir, ich kann Ihnen einen von den Jungs da oben besorgen.“ Er nickte in Richtung der grimmigen Männer an der Wand, keiner von ihnen so gut rasiert wie er. „Vielleicht könnten Sie im Gegenzug Mrs. Greenblatt mit ihrem Club helfen.“

„Haben Sie Informationen über einen gesuchten Terroristen?“

„Jetzt gerade? Nein. Aber ich könnte Ihnen helfen zu suchen. Ich könnte einen freiwilligen Suchtrupp für Sie zusammenstellen. Sie wissen schon, Hilfssheriffs. Sie haben doch Hilfssheriffs.“

„Nein. Soweit ich weiß, haben wir keine. Und selbst wenn, würde ich keinen Gangster einstellen und ihn laufen lassen, um nach Terroristen zu suchen, im Tausch gegen Mittäterschaft bei seinen illegalen Aktivitäten.“

„Woah, ganz ruhig!“ Gio lachte und hob seine Hände. „Sie lassen es viel größer klingen, als es ist. Ich habe nur laut gedacht. Wie wäre es damit? Rein hypothetisch. Ein Gedankenexperiment.“

„Ein Gedankenexperiment?“

„Sagen wir, jemand hat Sie anonym angerufen und Ihnen hypothetisch geholfen, einige dieser Typen zu bekommen. Würde das Mrs. Greenblatts Leben erleichtern?“

„Hypothetisch?

„Ganz und gar.“

Sie seufzte. „Ja, ich nehme an, das würde es.“

„Großartig“, sagte Gio, sprang auf und schüttelte ihre Hand.

„Vielen Dank für Ihre Zeit. Und wenn ich irgendeinen dieser Kerle sehe, sind Sie die erste, die ich anrufe.“

Er ging und machte die Tür rasch hinter sich zu. Eine Sekunde später brach sie in Gelächter aus. Was für ein Witz. Wenigstens hatte sie niemandem von ihrem großen Fall erzählt. Wie auch immer. Es hat etwas Abwechslung in den Tag gebracht.

Sie würde ihrer Mutter später davon erzählen, wenn sie vorbeifährt, um ihr Kind abzuholen und ihre Mutter würde wieder mit ihr lachen. Sie musste immer noch kichern, als das Telefon klingelte und sie abhob.

„Agent Zamora?“

Es war ihr NYPD-Kontakt.

„Ja. Hi. Entschuldigung, ich habe mich nur geräuspert. Was ist los?“

„Ich habe Neuigkeiten zu der vermissten Person, nach der Sie gefragt hatten. Ein Billy Rio?“

„Ja?“

Billy Rio war ein Kokser aus Canarsie. Der, der über Gios – oder Mrs. Greenblatts – Club ausgepackt hatte. Er ist nie aufgetaucht, um seine Belohnung abzuholen – ziemlich untypisches Verhalten für einen Kokser. Außerdem war sein Handy aus und seine Mutter, in dessen Keller er wohnte, hat ihn länger nicht mehr gesehen. Also hatte Donna die lokalen Behörden gebeten, die Augen offen zu halten.

„Ja, mein Spitzel. Was ist mit ihm?“

„Gute Nachrichten. Wir haben ihn gefunden“, sagte der Kontakt. „Na ja, das meiste von ihm. Jedenfalls genug, um ihn zu identifizieren.“

6

Gio wusste, dass Timing extrem wichtig war. Er wollte einen Auftritt hinlegen. Auftauchen, nachdem alle anderen schon da waren. Aber er wollte sie auch nicht zu lange warten lassen, um keine der aufgeblasenen Egos zu langweilen oder zu verletzen, die in die Lagerhalle gestopft waren wie Ballons vor der Thanksgivingparade. Und obwohl die Sicherheitsvorkehrungen extrem umfangreich waren – die Räumlichkeiten und die Gäste wurden auf Wanzen untersucht, die Telefone an der Tür eingesammelt –, war die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einige der Besucher unter Beobachtung standen, hoch und das Zeitfenster klein. Als also sein neues Wegwerf-Handy mit einem Klingeln signalisierte, dass sich die Gäste eingefunden hatten, ließ er Nero, seinen Fahrer, rechts ranfahren und nickte nur kurz der Wache zu, bevor er hineineilte.

Wenigstens mussten sie sich keine Sorgen um Kameras machen, dachte er, als das schwere Stahltor hinter ihm zuschwang. Hier war es riesig. Eine Art Indoor-Landschaft, umschlossen von Wellblech. Berge aus Salzstein und Sand, mehrere Stockwerke hoch, saßen hier und warteten auf den Winter, geschützt vor Regen und Wind durch eine gewölbte Decke und Wände. Das Ganze war auf einem Steg gebaut. Auf drei Seiten war Wasser, auf dem die Schiffe Ware entluden, Tonne über Tonne. Auf der Uferseite ein eingezäunter Asphalthof, auf dem die Trucks sie wieder aufluden. Gio ging zwischen Dünen entlang. Die Sonne ging draußen langsam irgendwo hinter der Wand unter, doch ihre Strahlen traten durch jeden Riss und jede Fuge in dem rostigen Schuppen – an einigen Stellen war der Rost wie Spitze oder das Muster eines Beichtstuhls – und fielen auf die künstliche Bergkette, erleuchteten ihre brüchige Oberfläche, ihre Körner und Kristalle, tauchten sie in Rot und Gold, warfen lange und verkürzte Schatten über schmalen Tälern. Er kam in einem Bereich raus, in dem Schneepflüge lagerten. Gestapelt wie gigantische Löffel hoch über ihm. Hinter dieser Barrikade, in einem offenen Bereich, waren Klappstühle um Brückentische herum angeordnet. Auf jedem Tisch war eine Schale mit Obst, eine Flasche Selters, ein Eimer mit Eis und eine Auswahl an Schnapsflaschen. Auf der einen Seite stand ein Kind in Anzug und Krawatte hinter einer Espressomaschine, aber mit nur einem Blick wusste Gio, dass nichts angefasst worden war außer den Aschenbechern, anachronistisch aufgestellt in diesem rohen, verdreckten Raum.

Größtenteils, abgesehen von ein wenig Gold auf Zähnen, Ketten und Fingern, und ein paar harten Knasttattoos und farbigem Leder, sahen die schätzungsweise zwanzig Gäste wie das aus, was sie waren – erfolgreiche Unternehmer, die sich versammelt haben, um Geschäfte zu machen. Alle bis auf eine Person waren Männer – die Ausnahme war Little Maria. Eine zierliche, aufgeweckte Frau, die, seit ihr Ehemann gestorben war, den dominikanisch kontrollierten Heroinhandel skrupellos geführt hatte. Wenn man eine Bodega bei sich um die Ecke hatte, die augenscheinlich nichts außer ein paar staubige Dosen Suppe und alte Süßigkeiten verkaufte, gehörte die wahrscheinlich Maria. Vom Alter her reichten sie von Mittdreißigern, wie Gio oder Alonzo, der die schwarzen

Gangs in Brooklyn repräsentierte, bis wer weiß wie alt, wie der runde und alterslose Onkel Chen, der Flushing leitete (nicht die koreanischen Teile) und der uralte, schwarz gekleidete, weiß-bärtige Hasid Menachem „Rabbi“ Stone, der trotz seines großväterlichen Auftretens, die orthodoxe Unterwelt mit eiserner Faust regierte.

Gio ging hinein und atmete tief ein, als sich alle Gäste zu ihm umdrehten. „Guten Abend und danke fürs Kommen. Ich kann nicht in Worte fassen, was für eine große Ehre es ist, dass Sie die Reise auf sich genommen haben. Ich möchte mich auch bei meinem Cousin Ricky für die Bereitstellung der Örtlichkeit bedanken.“ Er nickte zu Ricky herüber, der strahlte. Eigentlich war er nicht sein Cousin; Er war das Kind des Ehemannes von Gios Cousine. Er war eine Dumpfbacke. Gio hatte ihm aus Familienschuld einen einfachen Job gegeben und ihn damit beauftragt, sich um ein paar Gewerkschafter zu kümmern. Die Unklarheit dieser unbedeutenden Arbeit machte sie gleichzeitig sicher. „Ricky?“, sagte er noch einmal, „Danke.“

Ricky verstand die Andeutung, sprang auf, eilte los und nahm den Barista – seinen Sohn – mit sich. Der Junge war ein echter Barista, der ein hippes, kleines Café in einem Carroll Gardens Gebäude führte, das die Familie besaß. Gio nahm sich einen Stuhl und setzte sich hin. Die anderen lehnten sich vor und starrten in eisigem Schweigen.

„Wir wissen alle, warum wir hier sind. Wir befinden uns alle in derselben Fessel und es schmerzt. Keiner von uns kann seinem Geschäft nachgehen, bis diese Terroristen gefasst sind. Das Problem ist, die Bullen könnten nicht einmal Filzläuse in einem Hurenhaus finden. Nicht, dass ich hier irgendjemandem vorwerfen möchte, dass seine Huren Filzläuse haben.“

Es brach etwas Gelächter aus und das Eis war gebrochen.

„Okay, wir wissen alle, dass wir am Arsch sind. Ich bin nicht eine Stunde hierhergefahren, um mich daran zu erinnern.“ Das war Alexei. Ein russischer Mafiaboss aus Brighton Beach. Er zündete sich eine Zigarette an. „Die Frage ist, was können wir dagegen tun? Hast du darauf eine Antwort, Gio?“

„Ja, habe ich. Wir fangen sie.“

„Wen, die Läuse?“ Wieder brach Gelächter aus und Alexei grinste, obwohl Gio fand, dass er sich an seinem Witz bediente. Gio lächelte trotzdem aus Höflichkeit.

„Wir fangen die Terroristen, mein Freund.“

Alexei verstummte kurz, starrte für einen Moment. Dann warf er seinen Kopf zurück und lachte noch lauter als zuvor. Andere machten mit. „Gio, du bist wirklich verrückt“, sagte er. „Aber ich gebe zu, du hast Eier. Die Terroristen fangen.“

„Wie sollen wir diese Hurensöhne fangen, wenn nicht einmal das FBI und die CIA das schaffen?“, fragte Alonzo.

„Wir sind die Einzigen, die das können“, sagte Gio. „Nicht das Gesetz. Nicht die Presse. Wir. Die Leute in diesem Raum. Wir haben die Verbindungen, das Wissen und die Muskeln. Wir müssen es tun, um unser Geschäft zu retten. Und nicht nur das. So wie ich das sehe, ist es unsere Pflicht. Keiner von uns hier ist ein Heiliger – außer dir natürlich, Maria.“ Sie lachte und nickte. „Aber was auch immer wir tun – es ist nur Business. Zwischen Profis. Soldaten. Aber diese kranken Wichser, die töten Frauen, Kinder. Wisst ihr noch, diese zwei in Kalifornien? Die haben ein paar Behinderte abgeknallt, verdammt noch mal.“

In dem Moment bekreuzigten sich einige der Gäste und Alexei spuckte auf den Boden.

Gio fuhr fort: „Wie wagen die es, uns mit diesen Wahnsinnigen in einen Topf zu schmeißen? Wir alle sind stolze New Yorker, patriotische Amerikaner, deren Familien von irgendwo hierhergekommen sind – Russland, Sizilien, der Karibik, Louisiana –, um der Armut und dieser Scheißunterdrückung zu entfliehen. Meine jedenfalls.“ Sie nickten. „Und seien wir ehrlich. Niemand liebt freie Marktwirtschaft und den American Way mehr als wir.“ Das sorgte erneut für Lachen.

„Wir sind der amerikanische Traum, meine Freunde. Ich sage, wir beschützen ihn und schnappen uns diese dreckigen ISIS-Hurensöhne.“

Gio guckte sich um. Er hatte sie mitgerissen. Er wusste es. Sie alle unterhielten sich aufgewühlt. Aber er musste sie noch an Land ziehen.

Gilberto, ein kolumbianischer Kokainbaron aus Elmhurst, erhob seine Stimme. „Ich weiß nicht, Mann. Wir in Zusammenarbeit mit den Cops? Den Behörden sogar? Das wird niemals klappen. Katz und Maus, Mann. Und Ratten nicht zu vergessen. Wir müssen vorsichtig sein.“

Gio nickte. „Wem sagst du das. Aber die Tatsache ist, dass es vorher schon einmal geklappt hat. Menachem, erinnerst du dich an Lucky Luciano?“

„Ich war damals noch ein kleiner Bengel, aber, klar, ich erinnere mich.“

„Also, damals während des zweiten Weltkrieges, als die Regierung Angst vor Sabotage und Spionen an den Docks hatte, haben sie sich mit Lucky in Verbindung gesetzt, weil sie wussten, dass er derjenige war, der das Hafenviertel regelte. Und als sich die Alliierten darauf vorbereiteten, in Italien einzufallen, redete er mit seinen Freunden aus Übersee. Mafiosi jagten zur Ablenkung faschistische Einrichtungen in die Luft und gaben unseren Truppen Tipps, wo sie zu landen hatten. Habe ich recht?“

Der Rabbi nickte. „Du bist ein cleverer Junge, Gio. Genau wie dein Vater. Und, okay, wie du schon sagtest, wir sind keine Heiligen. Ich will nicht bestreiten, dass auch ich keine weiße Weste habe. Aber Spione einfangen und Bomben finden? Wer weiß denn, wie man das macht? Ich? Du? Alonzo? Maria? Wir sind Geschäftsleute, wie du selbst gesagt hast. Und wir sind Straßenleute. Das ist eine ganz andere Sache. Er wedelte mit einem Finger. „Und jetzt sag mir nicht, ich soll die Israelis anrufen. Diese Meshugas kann ich wirklich nicht gebrauchen.“

Gio erhob seine Hände. „Eins nach dem anderen“, sagte er. „Ich sage ja nur, was wäre wenn? Hypothetisch. Wenn wir jemanden hätten. Wir müssten einen Pakt schließen. Alle hier müssten zustimmen und unseren Freunden Bescheid sagen, dass man ihm freien Zugang gewähren soll. Ihm die Autorität gewähren, in all unseren Gebieten zu agieren und zu tun, was getan werden muss, um sie aufzuspüren.“

„Wie ein Kopfgeldjäger“, sagte Alexei. „Oder nein, wie der Marshal in alten Western.“

„Ganz genau!“, sagte Gio und zeigte auf ihn.

„Woah, woah …“, das war Patty White. Eine der letzten Verbliebenen der irischen Mafia, die einst die West Side kontrollierte, mit noch immer einflussreichen politischen Verbindungen, einem Wettbüro und einer Mannschaft an Killern. „Mein Vater wurde dank eines Scheißfederal Marshal gerade erst ins Hochsicherheitsgefängnis gesteckt. Ich wäre dankbar, wenn du ein anderes Wort verwenden würdest.“

„Sheriff!“ Es war Onkel Chen. Er kicherte.

Menachem tätschelte sein Bein. „Das ist gut! Sheriff. Wie Clint Eastwood in den Filmen“, sagte er.

Gio konnte sich nicht daran erinnern, dass Clint jemals einen Sheriff spielte, aber wie auch immer, er ließ es gut sein.

„Also gut, Gio“, sagte Alonzo. „Sagen wir, hypothetisch, wir sind dabei. Wo in aller Welt finden wir einen Gangstersheriff?“

Gio lehnte sich zurück. Er konnte jetzt gut einen von diesen Espressos gebrauchen. „Ich kümmere mich darum“, sagte er. „Ich habe einen Freund, den ich anrufen kann.“

7

Joes Annahme war richtig. Wenn du zu einer eingeladen wirst, ist eine schottisch-koreanische Hochzeit einen Besuch wert. Zur Freude aller, war das Essen koreanisch und der Whisky größtenteils schottisch. Die Musik war laut, das Geschreie lauter und das Lachen am lautesten. Das Personal hatte es aufgegeben, die Leute vom Rauchen abzuhalten. Die koreanischen Verwandten taten so, als würden sie sie nicht verstehen und die schottischen Verwandten reagierten mit einem einfachen „Verpiss dich“.

Natürlich wurde Joe als Last-Minute-Gast am Tisch ganz an der Seite platziert. Er saß zusammen mit Derek, seiner Verlobten Julie, ein schlankes, cleveres, chinesisches Mädchen aus Forest Hills, und Crystal aus dem Club, die heute aufs Ganze ging. Hochsteckfrisur, glitzerndes Make-up, das aussah, als ob man ihre hellbraunen Wangenknochen und tiefbraunen Augen damit bombardiert hätte. Joe war froh, dass er seinen einzigen Anzug trug. Schwarz. Sodass er ihn auch auf Beerdigungen tragen konnte. Der Rest des Tisches bestand aus Familienfreunden: Ein sehr altes koreanisches Pärchen, das so gut wie gar kein Englisch sprach und ein ähnlich altes schottisches Paar, das mit so einem starken Akzent sprach, dass Joe kaum ein Wort verstand, was noch peinlicher war, da sie theoretisch Englisch sprachen. Dann flüsterte Derek in sein Ohr.

„Ich habe gerade eine Nachricht von Clarence bekommen, der Typ, von dem ich dir erzählt habe. Er ist unten und wartet auf dich.“

Joe entschuldigte sich. Julie und Crystal rückten zusammen, lachten und quatschten. Crystal gab Julie Frisur- und Make-up-Tipps für ihre bevorstehende Hochzeit. Draußen wichen Derek und Joe dem schleichenden Hauptverkehr aus, während sie die Straße auf dem Weg zu einem Typen in schwarzer Lederjacke überquerten, der an einem schwarzen Lexus lehnte.

„Da ist er.“ Derek nickte in seine Richtung und der Mann nickte zurück.

Clarence sah aus wie ein Projektmanager, der in seiner Jugend ein wenig boxte. Was auch genau so war. Schütteres Haar auf einem dicken Schädel, hohe Stirn, schiefe Nase, teurer Zahnersatz, leicht gebräunt. Alles, was er trug – die Reißverschlussjacke aus Leder, das Polohemd, die beige Hose, die Slipper – war teuer und geschmackvoll und nichts davon passte so wirklich zu seinem breiten, kastenartigen Körperbau. Ähnlich verhielt es sich mit der schweren Golduhr und dem Diamantring am kleinen Finger seiner fetten Schlägerpranke. Er war ein harter Kerl, der clever und abgehärtet genug war, um andere harte Kerle herumzukommandieren. Derek stellte die beiden einander vor und er gab Joe einen knöchelzerquetschenden Handschlag. Joe lächelte nur.

„Hey, Joe. Danke, dass du gekommen bist. Dereks gute Leute und er stehen für dich ein. Ich habe mich auch ein bisschen umgehört. Die Leute sagen, du bist ein echter Profi. Also, wenn du mitmachen willst, gehört der Job dir.“

„Was ist der Plan?“

„Morgen kommt eine Waffenlieferung rein. Größtenteils AKs, ein paar Raketenwerfer, ein oder zwei Spezialteile. So ein Hinterwäldler bringt sie aus dem Süden hoch, um sie auf einer illegalen Waffenmesse zu verkaufen. Wir fangen ihn auf der Straße ab. Wir drei und ein Freund von mir, Muskelmasse, falls wir sie brauchen. Ich bezweifle es jedoch. Laut meinen Informationen ist das einfach nur irgend so ein amateurhafter Waffennarr. Sollte ein Kinderspiel werden.“

„Wie hoch ist mein Anteil?“

„Ich garantiere euch beiden fünf Riesen allein für die Fahrt. Selbst wenn der Truck voller Schweinescheiße ist. Des Weiteren hat mein Kunde zugestimmt, die komplette Lieferung zu festen Preisen pro Stück abzunehmen. Könnten um die Hundert sein. Wir teilen durch vier.“

Joe überlegte eine Minute, während sein Blick auf ein vorbeischleichendes Taxi fiel. Der Fahrer im Turban stellte Augenkontakt her und nickte, während seine Kunden, ein Hipsterpärchen, auf ihre Handys starrten. Joe nickte zurück.

„Ich fahre“, sagte er zu Clarence. „Nur fahren. Keine Gewalt. Kein schweres Heben.“ Er zwinkerte. „Schlimmer Rücken.“

„Sicher“, sagte Clarence. „Du und ich lassen die Kids die Arbeit machen.“ Er streckte seine Hand aus und Joe schüttelte sie leicht.

 

Auf dem Weg zurück nach drinnen beklagte sich Derek. „Meine Verlobte. Ich habe den Fehler gemacht, ihr zu sagen, dass ich einen Job habe. Sie hat bereits beschlossen, die Knete für eine Esszimmergarnitur auszugeben. Und eine zweitausend Dollar teure Couch! Die Couch, die ich jetzt habe, hat mich hundert bei Housing Works gekostet und ist in Ordnung.“

Joe klopfte ihm auf den Rücken. „Gewöhn dich schon mal daran. Sag einfach ‚Ja, Liebling‘ und lächle.“

„Das hat mein Onkel auch gesagt. Hey, Joe. Warst du jemals verheiratet?“

„Kann mich nicht erinnern.“

Derek lachte. „Immer noch der Alte. So entgegenkommend. Also, wo sind überhaupt unsere Dates?“

Sie waren auf der Tanzfläche und wirbelten wild miteinander und den alten koreanischen und schottischen Paaren umher. Jerry der Riese war wieder besoffen. Sein Anzug dem Bersten nahe. Aber dieses Mal war er glücklich besoffen und tanzte wie ein vergnügtes Biest mit seiner winzigen Braut auf seinen Schultern und wedelte eine Flasche Single Malt über der jubelnden Menge herum.

 

Im Norden der Stadt hatte Donna in der Zwischenzeit endlich ihre Tochter Larissa ins Bett gebracht, nachdem sie ihr viermal dasselbe Buch vorgelesen hatte – und das war noch wenig –, als das Telefon klingelte. Fieberhaft schloss sie die Tür des Kinderzimmers, brachte ihre Handtasche in ihr Zimmer und schloss auch diese Tür. Dann guckte sie auf ihr Handy. Es war ein Arbeitsanruf, der von ihrer Büronummer weitergeleitet wurde, was sie nicht für jeden x-beliebigen Typen machte. Nur für vertrauenswürdige Quellen, die ihre direkte Durchwahl, aber natürlich nicht ihre Privatnummer hatten. Schon gar nicht dieses Ekelpaket. Norris war ein Waffentyp. Ein Widerling aus North Carolina, der wegen bundesstaatlichen Waffenvergehen angeklagt war, weil er Waffen an bekannte Verbrecher verkauft hatte und nun hoffte, ein Paar Gnadenpunkte sammeln zu können, indem er Informationen über andere Ekelpakete weitergab. Dieses Mal hatte er Informationen über eine Lieferung von Militärware: AKs, Raketenwerfer und andere Leckereien. So ein Hinterwäldler würde sie in den Norden zu einer privaten Waffenmesse zum Verkauf hochbringen. Wenn die Behörden es richtig anstellten, konnten sie die ganze Party dichtmachen.

Auf einmal hellwach, ließ sich Donna die Details geben und rief ihren Kontakt bei der ATF, der Behörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen, an. Sie teilte ihnen auch mit, dass sie als FBI-Kontakt mitfahren wollte. Wer weiß? Es könnte ihr großer Durchbruch sein. So oder so, es war ein Ausflug. Eine Tour aufs Land. Sollte ein Kinderspiel sein.

8

Joe fuhr. Es war ein fensterloser Transporter mit einem unscheinbaren U-Drive-Logo. Derek saß neben ihm und plauderte, während er das Funkgerät einstellte. Clarence und seine Verstärkung, ein Ex-Knacki namens Lex, fuhren vor ihnen in einem Pick-up, der wie ein Fahrzeug eines Bauunternehmens lackiert und mit einem gefälschten Emblem versehen worden war, und führten den Weg. Nachdem sie sich am Montag alle getroffen hatten, um den Plan zu besprechen, hatten Joe und Derek Dienstag und Mittwoch damit verbracht, Autos zu besorgen und vorzubereiten. Clarence und Lex hatten sich währenddessen um Waffen und andere Ausrüstung gekümmert. Sie fuhren am frühen Dienstagmoren kurz nach Tagesanbruch los und hielten nur einmal kurz hinter der Grenze zu Pennsylvania, um zu pissen und Kaffee zu trinken.

Lediglich Derek war überschwänglich und aufgeregt. Das war seine Art und sein Weg, mit den Nerven vor einem Job umzugehen. Die anderen waren still, was Joe ganz recht war.

Sie fuhren eine weitere Stunde. Erst auf einer Bundesstraße, dann endlich auf einer zweispurigen Asphaltstraße durch struppige Wälder und sonst nichts weiter Erwähnenswertes. An einer Kreuzung fuhr Clarence rechts ran. Eine Sandstraße ging nach rechts ab.

„Das ist mein Stopp“, sagte er zu Joe, als er den Van in der Bucht hinter dem Pick-up abstellte. „Ihr fahrt weiter. Circa eine Viertelmeile, bis ihr zu der Kurve kommt, und macht euch bereit. Ihr werdet die Stelle sehen. Aber passt auf. Die Straße ist ein Miststück.“ Er grinste. „Das soll sie auch sein.“

„Okay“, sagte Joe und ging zurück zum Van. Sie passten auf, während Clarence hinter dem Pick-up verschwand und sich seinen grünen Arbeitsanzug, orange Weste und Helm anzog. Dann setzte Lex sich auf den Notsitz zu Joe und Derek ins Auto. Er war immer noch still. Als Joe die Sandstraße hinabfuhr, konnte er im Außenspiegel sehen, wie Clarence den Pick-up quer über beide Spuren parkte.

Er hatte recht. Die Straße war heruntergekommen und schmal. Sie war praktisch nur ein Feldweg. Joe fuhr langsam, mit dem Lenkrad kämpfend, um die tieferen Spurrillen zu vermeiden und langsam über die Schlaglöcher zu rollen. Er fand die Stelle, die Clarence beschrieben hatte. Sie war in Ordnung. Eine scharfe Linkskurve, die in dichten Wald führte. Er hielt und Lex und Derek sprangen raus. Sie begannen, das Nagelband auszurollen, während Joe vorsichtig eine Drei-Punkt-Wendung ausführte und den Transporter unter den Bäumen abstellte. Dann schaltete er auf Parken um, schaltete den Motor aus und sprang raus. Joe sah auf seine Uhr.

„Sollten ungefähr fünfzehn Minuten sein“, sagte er.

Lex nahm eine Reisetasche aus dem Van und holte die Waffen heraus. Er und Derek hatten Sturmgewehre, die so modifiziert wurden, dass sie vollautomatisch feuerten und mit extragroßen Magazinen ausgestatten waren. Als Nächstes verteilte Lex die Skimasken und Kabelbinder und schmiss die Tasche zurück in den Van. Anschließend versteckten sich Lex und Derek in den Gräben an jeweils einer Seite der Straße und Joe ging zurück ins Auto und stopfte seine Maske und die Kabelbinder in seine Taschen.

Wenn das Zielfahrzeug jetzt um die Kurve kam, würde es über die Krähenfüße fahren und seine Reifen zerfetzen. Derek und Lex würden von beiden Seiten kommen, dem Fahrer befehlen, auszusteigen und hoffentlich ohne weitere Zwischenfälle fesseln. In diesem Moment würde Joe mit dem Van losfahren, der jetzt in die Richtung geparkt war, aus der sie gekommen waren, und die Hecktüren öffnen, sodass Derek und Lex die Ladung einfach in von dem lahmgelegten Auto in ihr eigenes umladen konnten. Dann würden sie einsteigen und losfahren. Sollte irgendwer von hinten kommen, würde der liegen gebliebene Truck den Weg versperren. Clarence würde am anderen Ende Wache schieben, wo sie zurück auf die Hauptstraße fahren würden. Sie würden den Pick-up zurücklassen, welcher mit geklauten Nummernschildern versehen war – klar – und die Schlüssel mitnehmen, um so eine weitere Straßensperre zu errichten. Er würde mit den anderen in den Transporter hüpfen und, wenn alles gut ginge, würde Joe sie wegfahren. Es war ein simpler Plan. Aber es sollte auch ein simpler Überfall sein.

9

Donna fuhr sechzig, als sie den grünen Pick-up die Straße blockieren sah. Hütchen standen auf der Straße und ein Mann mit Signalflaggen untersagte ihr die Durchfahrt mit einem Winken. Sie fluchte leise murmelnd. Sie war allein gefahren und wollte die ATF-Leute an deren Sammelpunkt treffen. Ein staatliches Erholungsgebiet circa eine Meile weiter die Straße rauf. Sie planten, die Zufahrtsstraßen zur Waffenmesse abzuriegeln, ihn zu schnappen und dann die Waffenmesse zu stürmen, um nach weiteren illegalen Waffen oder nicht lizenzierten Verkäufern zu suchen. Es war ein simpler Plan. Doch jemand hatte ihn bereits versaut. Straßenarbeiten hätten erwähnt werden müssen, als die Bundesbehörden die lokalen kontaktierten. Und jetzt stand dieser Trottel in orangener Weste genau da, wo sie die Zielperson erwarteten und wedelte mit seiner Flagge. Sie nahm ihr Funkgerät.

„Basis, hier spricht Zamora. Bitte kommen.“

„Leg los, Zamora. Hier spricht Casey.“

„Hi, Casey. Wie kommt’s, dass uns niemand von den Straßenarbeiten erzählt hat?

„Straßenarbeiten?“

„Ich habe hier einen Bauarbeiter, der mich umleitet. Circa eine Meile nördlich von euch.“

„Heute ist eigentlich nichts vorgesehen. Vielleicht gab es einen Unfall? Oder ein Baum ist umgefallen? Kannst du ihm sagen, dass er für eine Stunde verschwinden und dann wiederkommen soll?“

„Verstanden. Ich kümmere mich drum.“ Sie fuhr rechts ran und parkte in der Bucht in der Nähe des Pick-ups. Dann nahm sie ihre Sonnenbrille, bevor sie aus dem Auto stieg. Ihre Weste zog sie sich nicht an.

„Guten Morgen“, sagte sie zu dem breitschultrigen, ernst guckenden Mann in der orangen Weste und dem Helm, während sie ihre Jacke zurückstreifte, um ihre Marke an ihrem Gürtel zu zeigen. „FBI. Was gibt es hier für ein Problem?“

 

Joe wusste, dass etwas nicht stimmte, als er Schüsse hörte. Er saß im Van und starrte die Bäume auf der anderen Straßenseite an. Es waren größtenteils Tannen und die Luft, die durch das Fenster kam, roch nach Tannen, gemischt mit einem Unterton von Mulch und morschem Holz. Der Waldduft von sowohl Tod als auch Leben. Er hatte gerade bemerkt, wie still es war, wie frei von menschengemachten Geräuschen. Nur zwitschernde Vögel, ein klopfender Specht und eine Art umgebendes Insektensummen. Dann fielen die Schüsse. Es waren drei, kurz nacheinander. Vielleicht von zwei Waffen. Er reckte seinen Hals und spähte auf die Straße und sah, dass Lex und Derek ihre maskierten Köpfe aus den Gräben streckten, in denen sie lagen und warteten. Sie guckten sich an und zuckten mit den Schultern. Dann hob Lex seine Hand, um zu signalisieren, dass er eine Idee hatte und holte sein Handy heraus. Clarence sollte anrufen, wenn der Waffenhändler den Feldweg herunterkam. Lex rief ihn an. Er schüttelte den Kopf.

„Anrufbeantworter“, rief er.

„Was sollen wir machen?“, rief Derek.

„Weiß nicht“, rief Lex zurück.

Joe schaltete den Van auf Fahren. Er ließ ihn vorsichtig auf die Straße rollen, um den Nägeln auszuweichen. Er öffnete die Tür. Lex und Derek liefen zum Fahrzeug, immer noch maskiert, die Gewehre in ihren Armen wiegend.

„Steigt ein“, sagte Joe.

„Aber Clarence hat gesagt –“, fing Lex an.

Joe unterbrach ihn. „Vergiss das. Entweder muss Clarence umplanen oder der Job ist vorbei. So oder so, ich bleibe nicht hier.“

Derek sprang rein. Kurz darauf kletterte auch Lex an Bord. Derek kletterte rüber auf den Notsitz und Lex setzte sich neben Joe.

„Okay“, sagte Lex. „Ich hoffe nur, Clarence ist nicht angepisst.“

„Mach dir darum keine Sorgen“, sagte er, als er aufs Gas drückte. „Hoffe lieber, dass er nicht tot ist.“

10

Es war der Blick in seinen Augen, der Donna verriet, dass etwas nicht stimmte. Panik. Klar, viele Leute guckten verängstigt, wenn man sich als FBI auswies. Vielleicht fühlten sie sich wegen irgendetwas schuldig, vielleicht auch nicht. Aber sie wussten, es bedeutete Ärger. Doch dieser Typ sah anders aus. Seine Augen bewegten sich wild hin und her, als ob er einen Ausweg aus seinem Kopf suchen würde. Dann, als er seine Flagge fallen ließ und auf sie zuging, machte sie instinktiv einen Schritt nach hinten. Und als er mit seiner Hand hinter sich griff, fiel ihre auf ihre Waffe und sie rief: „Stopp!“ Als dann seine Hand wieder hinter seinem Rücken hervorkam und eine 9 mm Sig. hielt, hob sie ihre Waffe und schoss. Zweimal, während er einmal feuerte.

Sein Schuss ging ins Leere und traf irgendwo einen Baum oder eventuell ein unglückliches Eichhörnchen. Ihr Erster ging ebenfalls daneben. Sie schoss zu schnell, bevor sie komplett in Position war und ihre Kugel flog durch die Seitenwand seines Pick-ups. Der Nächste ging direkt durch den fleischigen Teil seiner Hüfte.

Er jaulte und ging zu Boden. Er ließ seine Waffe fallen und sie kam näher, mit auf ihn gerichteter Waffe, jetzt mit beiden Händen umschlossen und trat seine Waffe beiseite.

„Bleiben Sie, wo Sie sind“, befahl sie. „Keine Bewegung.“

Er nickte mit erhobenen Händen.

„Jetzt drehen Sie sich auf den Bauch“, sagte sie. „Gesicht nach unten. Keine Dummheiten. Die Nächste geht durch Ihre Lunge und das ist nicht die Art von Weste, die hilft.“

Er tat es und sie legte ihn in Handschellen. Gut. Donna hatte die Situation jetzt unter Kontrolle. Aber was zur Hölle die Situation war, davon hatte sie keinen Schimmer.

Sie rannte zurück zum Auto und ging ans Funkgerät. Sie forderte Unterstützung an und ließ sie wissen, dass ein Verdächtiger angeschossen wurde und einen Krankenwagen benötigte. Dann teilte sie der ATF-Basis mit, dass etwas sehr schiefgelaufen ist.

„Was ist schiefgelaufen? Wer ist der Verdächtige?“

„Ich habe keine Ahnung“, sagte Donna. „Ich hatte keine Zeit zu fragen, bevor er auf mich schoss. Aber Sie kümmern sich jetzt lieber um die Waffenmesse. Versuchen Sie, sie abzuriegeln. Ich bleibe hier.“

„Okay, aber seien Sie vorsichtig.“

„Keine Sorge“, sagte Donna ein wenig genervt, da sie letztendlich die Einzige war, die soweit überhaupt irgendetwas richtig gemacht hatte. „Ich hab’s im Griff.“

Doch sie lag falsch, zumindest, was das anging. Denn während sie sprach, kam ein weiteres Fahrzeug mit voller Geschwindigkeit die Straße herunter. Als der Fahrer die Straßensperre sah, machte er einen schnellen Schwenker eine Landstraße hinab.

 

Joe steuerte den Van, so schnell er konnte, zurück auf den Weg, während er immer noch versuchte, die schlimmsten Löcher zu vermeiden. Lex saß neben ihm und hielt angespannt seine Waffe auf dem Schoß.

„Hey, halt das Ding aus dem Fenster“, sagte Joe zu ihm.

„Es könnte losgehen, wenn wir auf ein Schlagloch treffen. Und schnall dich an.“

„Entspann dich, Papa. Wer sagt, dass du jetzt der Boss bist?“, fragte er.

„Also gut“, sagte Joe, „du bist der Boss. Aber versuch, uns nicht allen die Eier abzuballern, während du einen neuen Plan ausklügelst.“

„Arschloch“, murmelte Lex, aber er nahm sein Gewehr runter und lehnte es auf den Fensterrahmen. Und das war auch gut so, denn genau, als sie über ein großes Schlagloch hüpften, kam der Waffenhändler mit seinem Jeep Wrangler um die Ecke und raste geradewegs in sie hinein.

Lex flog mit dem Kopf voraus durch die Windschutzscheibe, dabei hielt er immer noch das Gewehr in der Hand, welches harmlose Schüsse in den Wald abgab, während er über die Motorhaube schoss und starb. Joe, der immer angeschnallt war, duckte sich und hielt sich fest. Er knallte hart aufs Lenkrad und prellte seinen Unterarm, aber er war okay. Derek wurde vom Notsitz geworfen und rollte durch den leeren Van, wobei er mit der Schulter und der Hüfte gegen die Hecktüren knallte, die dadurch aufsprangen. Er war auch okay und als er sich zurechtgefunden hatte, begann er, nach seiner Waffe zu suchen.

Der Wrangler hatte so gut wie keinen Schaden davongetragen. Dadurch, dass er höher lag als der Van, hatte er lediglich einen kaputten Frontscheinwerfer, eine verbogene Motorhaube und einen zerdrückten Kotflügel, aber er lief noch. Der Fahrer jedoch drehte durch. Er hatte eine Ladung illegaler Waffen dabei, hatte gerade eben eine Art Polizist oder Arbeiter gesehen, der die Straße zu dem Markt blockierte, auf dem er plante, die Waffen zu verkaufen und jetzt ist ihm auch noch eine Leiche über die Motorhaube geflogen. Er legte den Rückwärtsgang ein, doch hatte kein Glück. Der Kotflügel hatte sich im verbogenen Kühlergrill verhakt.

Als er wieder fokussiert war, schnallte Joe sich ab und sprang raus. Er kam um die Fahrerseite des Wranglers geeilt und bemerkte die Kisten im Kofferraum. Durcheinander, aber

noch immer mit einer Plane verdeckt. Die Ware. Außerdem bemerkte er Lex’ geschundene Leiche, konnte aber sein Gewehr nicht finden, das irgendwo hingeflogen sein musste. Möglicherweise in den Graben. Er setzte ein besorgtes Gesicht auf und öffnete die Fahrertür.

„Mein Gott. Sind Sie okay? Ich glaube, mein Freund stirbt.“

„Er ist am Leben?“, fragte der Fahrer, während er sich abschnallte.

„Ich glaube schon. Wir brauchen Hilfe. Bitte schauen Sie einmal nach.“

„Mein Kotflügel ist verhakt“, sagte der Fahrer beim Aussteigen. „Helfen Sie mir, ihn loszukriegen. Dann können wir Ihren Freund ins Krankenhaus fahren.“

„Sicher“, sagte Joe und streckte seine Hand nach oben, als ob er ihm hinunterhelfen wollte. Dann griff er seinen Arm und zog ihn mit einem Ruck aus der Tür und ließ ihn durch sein eigenes Körpergewicht auf den Boden schleudern. Er schlug mit den Knien auf und ächzte. Joe schlug ihm fest von hinten auf den Hals. Er wurde bewusstlos.

„Derek!“, schrie Joe. „Komm, und hilf, mir den Jeep loszubekommen!“ Doch es stellte sich als unnötig heraus, denn genau in diesem Moment rammte ein weiterer Truck, der aus der anderen Richtung kam, dieses Mal ein viertüriger Ford Pick-up, den Van von hinten und brach den Kotflügel des Jeeps vollständig ab, wodurch er frei war.

 

Derek hatte gerade erst sein Gewehr wiedergefunden, welches, zum Glück gesichert, durch den Van geflogen und unter einem Sitz gelandet war. Er hob es auf und sprang aus der Hecktür. Gerade rechtzeitig, um einen Ford Pick-up mit Konföderiertenflagge als Kennzeichen auf ihn zukommen zu sehen.

Ich bin tot, dachte er, und in dem Bruchteil einer Sekunde, der ihm noch bei Bewusstsein blieb, spulte er zu einer Vision seiner Hochzeit vor. Die traditionelle Zeremonie, auf die die Familie seiner Verlobten bestand und vor der er sich fürchtete, aber die er jetzt in seiner Vision als wunderschön empfand: die Prozession von ihrem Familienhaus zu seinem, die konfuzianische Zeremonie, das aufwendige Festessen mit Haifischflossensuppe, Seegurke, Abalone, Hummer, Täubchen. Er sah seinen stolzen Onkel, seine weinende Mutter, die sich wünschte, sein Vater wäre am Leben. Er sah seine Braut.

Dann fuhr der Truck über die Nägel. Die Reifen platzten, drehten durch und rutschten wild umher. Mit der Realisation, dass er am Leben war, schritt Derek zur Seite und bestaunte, wie der Truck seitlich in die Rückseite des Vans schleuderte. Der Truck war voll mit Waffenfanatikern, die von dem illegalen Treffen flohen, welches die Behörden hochgenommen hatten, als sie aus ihren Positionen im Wald heraussprangen, nachdem Donna Alarm geschlagen hatte. Nun, da ihr Fluchtweg blockiert und ihr Fahrzeug untauglich war, kamen sie gepanzert, bis zu den Zähnen bewaffnet, ängstlich und halb betrunken aus den Türen herausgestolpert. Sie sahen Derek mit einem Gewehr im Arm dastehen, was sie glauben ließ, er wäre irgendeine Art FBI-Cop, der gekommen war, um ihnen ihre unveräußerlichen Rechte zu entziehen, und erschossen ihn.

 

Als der Pick-up den Van streifte und gegen den Jeep rammte, sprang Joe in Deckung und rollte in den Graben, wo er Lex’ Gewehr fand, es jedoch liegen ließ. Er blickte über die Ecke und sah, dass der Aufprall den Jeep befreit hatte. Einen Moment später hörte er die Stöße automatischen Feuers. Das Schlauste wäre jetzt gewesen, in den Jeep zu hüpfen und in Richtung offene Straße abzuhauen. Doch wo war Derek? Mit einem Seufzen hob er das Gewehr zögerlich auf, überprüfte es kurz, um sicherzugehen, dass es geladen war und funktionierte, und lief geduckt den Graben entlang in Richtung der Schüsse.

Er spähte vorsichtig aus dem Graben heraus, als er Derek am Boden liegen sah. Ein Haufen bewaffneter Männer in Schutzwesten um ihn herum. Joe feuerte einen Schuss in die Luft über den Männern in der Hoffnung, sie würden fliehen, sodass er Derek helfen konnte. Stattdessen drehten sie sich um und schossen wild durch die Gegend und rissen Bäume hinter ihm in Fetzen. Er ging im Graben in Deckung. Tannennadeln regneten herab und ein paar Tannenzapfen landeten weich wie Eier.

„Gott verdammt“, sagte er zu sich selbst. Er kroch zügig den Graben entlang und schlängelte an einem Punkt, der vom Van geschützt war, heraus. Er lag auf dem Bauch mit der Waffe auf seinen Ellbogen, während sie weiter die Scheiße aus dem Wald ballerten. Joe atmete tief ein, atmete zur Hälfte aus und hielt dann seinen Atem. Vorsichtig zielend schoss er einem Mann direkt unter die Kniescheibe, wo sein Schienbein- und Oberschenkelschutz eine Lücke ließen. Der Mann schrie, als sein Knie herausgeblasen wurde und er zu Boden ging. Joe feuerte ein zweites Mal. Dieses Mal traf er einen anderen Typen in die Lücke am Ellbogen. Der Typ ließ seine Waffe fallen und lief los, während er seine zertrümmerte Gliedmaße hielt. Joe feuerte noch zwei weitere Male und zerfetzte die Zehen eines Mannes, der Sneakers zu seiner Kampfausrüstung trug. Sie flüchteten und humpelten hinter ihrem Truck in Deckung.

Joe richtete sich auf und feuerte ein paar Schüsse über den Pick-up, während er zu Derek lief, und sah auf einen Blick, dass er tot war. Seine Augen starrten durch die Bäume hoch in den Himmel. Joe zögerte nicht. Er drehte sich um und rannte hinter sich schießend, bis das Magazin leer war. Er warf die Waffe weg, sprang in den Jeep, startete den Motor und schaltete in den Rückwärtsgang. Joe konnte sehen, wie ihm einer der Waffenfreaks verwirrt dabei zuschaute. Er hatte noch nicht mal daran gedacht zu schießen.

Joe fuhr rückwärts, so schnell wie er es auf sicherem Wege tun konnte, den Feldweg hinab, als er Sirenen und weitere Schüsse aus der Richtung des Vans kommen hörte. Es war mittlerweile klar, dass jemand die Polizei gerufen hatte. Unklar war jedoch, wegen wem die Polizei gerufen wurde. Als er sich dem Punkt näherte, an dem sich der Feldweg an die Hauptstraße anschloss, riss Joe das Lenkrad herum, wendete in einem Schwung und parkte in der Bucht. Er wollte es nicht riskieren, in irgendeine Art Falle zu fahren. Wenn es sein musste, würde er den Jeep und seine Ladung zurücklassen und zu Fuß durch den Wald fliehen.

Er bewegte sich zügig, aber vorsichtig von Baum zu Baum und sah den gestohlenen Pick-up, wo sie ihn gelassen hatten, doch nun parkte ein schwarzer Chevy mit Regierungskennzeichen daneben. Tief geduckt schlich er vorwärts. Da war Clarence. In Handschellen und auf dem Boden am Reifen des Trucks lehnend. Und über ihm, mit Ferngläsern den Highway hinabspähend, stand Agent Zamora. Die, die er zur Hochzeit eingeladen hatte. Wie erwartet, hatte sie natürlich Nein gesagt. Aber sie hatte geflirtet. Das konnte man nicht leugnen. Und dieses Lächeln vorzutäuschen, war unmöglich.

Joe zog die Skimaske über seinen Kopf und kroch auf dem Bauch aus dem Wald heraus. Er schlich sich von hinten an sie heran, was nicht allzu schwer war, da ihre Aufmerksamkeit auf die Ferngläser gerichtet war, und dann, als er etwa einen halben Meter von ihr entfernt war, sprang er hervor und riss ihre Beine unter ihr weg. Sie ging zu Boden. Das Band von den Ferngläsern schränkte ihre Bewegung ein. Er war auf ihr, mit seinem Knie in ihrem Rücken, bevor sie ihre Waffe ziehen konnte. Er band seine Kabelbinder um ihre Handgelenke, enthakte ihr Holster und schmiss das ganze Teil unter das Auto. Dann nahm er ihre Schlüssel und ging zu Clarence. Er sah, dass er verwundet war. Er lehnte sich dicht zu ihm herüber und nahm seine Maske ab.

„Gott sei Dank, du bist hier“, sagte Clarence.

„Kannst du laufen?“, fragte Joe, während er die Handschellen aufschloss.

„Ich bezweifle es.“

„Okay, warte hier.“

„Hey, hey, wo gehst du hin?“, rief Clarence, doch Joe ignorierte ihn und rannte dahin zurück, wo er den Jeep abgestellt hatte. Eine kurze Distanz, jetzt, als er über offenes Gelände lief. Er fuhr zurück zu den zwei geparkten Fahrzeugen und stieg aus. Er hob Clarence hoch, welcher stöhnte, als er ihm auf den Fahrersitz half.

„Eine Sache noch“, sagte Clarence. „Du musst dich um sie kümmern. Sie hat unser Gesicht gesehen, unsere Stimmen gehört …“

Joe nickte und zog seine Maske übers Gesicht. Er nahm ihren Schlüsselbund und ging zum Kofferraum ihres Autos. Darin war die Shotgun, von der er wusste, dass sie sie haben würde, und mehrere Patronen. Er klappte sie auf, lud sie und ging zurück zu Agent Zamora, während Clarence zuschaute. Sie hatte es mittlerweile geschafft, sich umzudrehen und versuchte, in einer halbsitzenden Position davonzukriechen. Joe richtete die Shotgun auf sie. Sie zitterte, schloss ihre Augen, dann öffnete sie sie wieder und starrte ihm direkt ins Gesicht.

„Sorry“, sagte er und drückte den Abzug.

 

Joe raste die ersten zehn Meilen, oder so. Das Gaspedal durchgedrückt, den Revolver, den er im Handschuhfach gefunden hatte, neben sich. Doch sobald er den Highway gefunden hatte, passte er sich dem Verkehrsfluss an, fuhr langsamer und hielt Geschwindigkeit mit den anderen Fahrern. Er versuchte, sich selbst ebenfalls herunterzufahren. Früher, wenn er die Gefahr sah, hat sich seine Konditionierung eingeschaltet und er fühlte sich vollkommen ruhig, sein Verstand in der Lage, klar zu funktionieren, Entscheidungen zu treffen und sein Körper fähig, schnell und effektiv ohne Panik zu reagieren. Doch jetzt wurde ihm übel von dem Adrenalin. Sein Kopf schmerzte und seine Haut kribbelte vom klammen Schweiß. Er konnte fühlen, wie seine Hände zitterten und umklammerte das Lenkrad fester.

Doch was ihm wirklich zu schaffen machte, war das Gestöhne. Clarence befand sich im Delirium. Im Schock, durch bei Weitem zu starken Schmerzen und Verwirrung durch den Verlust von Blut, welches langsam in den Sitz sickerte und Pfützen in den Falten des Leders bildete. Er krümmte sich gegen den Sitzgurt und jeder qualvolle Schrei, wenn der Jeep auch nur die kleinste Unebenheit traf, war wie ein Nagel durch Joes Schädel. Joe schaltete das Radio ein, um Clarence zu übertönen, doch es war irgendein religiöser Sender. Eine dilettantische Stimme, die hysterisch irgendetwas von Jesus faselte und ihn nur noch verrückter machte, während die Geräusche in seinem Kopf ebenfalls lauter wurden. Käfer klatschten auf die Windschutzscheibe und die Baumreihe verschwamm, während die Stimme Jesus um Erlösung anflehte. Er hämmerte auf den Knopf. Jetzt war es eine Gesprächsrunde. Zwei Männer diskutierten über irgendetwas. Politik, Baseball, er konnte es nicht sagen. Der metallische Gestank von frischem Blut und der glanduläre Geruch von Angst füllten seine Nase. Ein erneuter Schrei zerriss ihn innerlich und umkreiste seinen Kopf wie eine Rückkopplung.

„Haltet die Fresse“, schrie er sie alle an und schaltete das Radio aus, doch es half nichts. Der Schrei steckte nun in seinem eigenen Hals und er musste würgen. Wie einer Geisel, hielt er sich seinen Mund zu und trauriges Wimmern entwich durch seine Finger, Tränen tropften aus seinen Augen. Sie wollten sich einfach nur schließen.

Er sah eine Abfahrt in eine Stadt und nahm sie. An der ersten roten Ampel, als er sicher war, dass ihn niemand sah, griff er den Revolver am Lauf. Er drehte sich auf seinem Sitz und schlug Clarence so hart auf den Hinterkopf, dass er ohnmächtig wurde und legte ihn sanft zurück in den Sitz wie einen schlafenden Beifahrer. Joe atmete tief durch und fuhr weiter, bis er eine große Apothekenkette mit eigenem Parkplatz sah. Er parkte im hinteren Bereich neben den Mülltonnen und stieg aus. Dann beugte er sich vorne über und übergab sich.

11

Als Donna nach oben blickte und einen maskierten Mann sah, der mit einer Shotgun auf sie zielte – ihrer eigenen Shotgun, da war sie sich ziemlich sicher –, fixierte sie ihre Gedanken auf ihre Tochter. Als Nächstes dachte sie an ihre Mutter und dann, zu ihrer Überraschung, dachte sie an Gott, an den sie seit einigen Jahrzehnten nicht mehr gedacht hatte. Vielleicht, seit ihr Vater gestorben war. Doch nun schloss sie ihre Augen und betete ernsthaft, für das Wohl ihres Kindes und für ihre Mutter und für ihre eigene Seele, was auch immer das bedeutete. Und dann dachte sie, scheiß drauf, wenn ich schon sterbe, will ich es auf mich zukommen sehen, und öffnete ihre Augen wieder. Trotzig hob sie ihren Kopf und schaute hoch, dem bedrohlichen Lauf der Shotgun entlang bis zu den Augen in den Löchern der Maske. Zu ihrer Überraschung kamen sie ihr seltsam vertraut und freundlich vor. Als ob sie beinahe wüsste, wer er war. Sie wusste immer, dass der Tod überall lauerte. Ein ständiger Begleiter von Leben und Arbeit. Doch sie hatte nicht erwartet, dass er als Freund kommen würde. Mit Geborgenheit in seinen Augen.

„Sorry“, sagte der Mann und drückte den Abzug. Die Waffe ging los, sie fiel zurück und es folgte ein Augenblick purer … was? Panik? Leere. Des Denkens, ich bin tot. Des Anhaltens

und dann loslassen, wie, sich einer Welle am Strand zu ergeben, weil man weiß: Kämpft man dagegen an, ertrinkt man. Lässt man sich treiben, ist man frei. Und dann, eine Millisekunde später: Ich lebe. Sie realisierte, dass er lediglich eine Beanbag-Patrone geschossen hatte. Da lag sie. Direkt neben ihr, wo sie gelandet ist, nachdem sie an ihrer Brust abgeprallt war. Heilige Scheiße, ich bin am Leben, dachte sie. Ich werde meine Tochter noch einmal umarmen und meine Mutter küssen. Es ist ein verdammtes Wunder – geschickt von dem Gott, an den sie nicht glaubte. Trotz alledem wartete sie, bis der Jeep losfuhr und sie sicher war, dass sie weg waren, bevor sie anfing zu weinen. Und als sie hörte, wie sich der Krankenwagen näherte, hörte sie auf.

 

Nachdem er sich übergeben hatte, ging Joe um die Mülltonnen herum und zur Hintertür der Drogerie. Er zog sich seine Maske wieder an und wartete mit dem Revolver an der Seite in seiner Hand. Er spuckte gelegentlich, um den scheußlichen Geschmack aus seinem Mund zu bekommen. Schließlich öffnete sich die Tür und ein junger Mann im Apothekerkittel kam heraus und zündete sich eine Zigarette an. Joe trat aus dem Schatten hervor und schlug ihm mit dem Griff der Waffe auf den Kopf. Er schaute hinein. Er ging einen kurzen Korridor entlang und in den Lagerbereich für Pharmazeutika, wo eine blasse, junge Frau mit sehr vielen Sommersprossen Rezepte ausfüllte.

„Nicht schreien“, sagte Joe ruhig und zeigte ihr die Waffe. „Ich werde dir nicht wehtun, solange du nicht schreist.“

Ihre Augen weiteten sich. Um ihre grünen Iris wurde Weiß sichtbar. Doch sie schrie nicht.

„Du bleibst ganz ruhig und machst, was ich dir sage, alles klar? Ich will dir nicht wehtun. Verstanden?“

Sie nickte.

„Okay. Wir machen jetzt Folgendes, hol einen Beutel und füll ihn mit allem, was ich sage.“ Sie sprang auf, griff sich eine Einkaufstüte und stieß die Flasche mit den Pillen um, die sie eben noch befüllte.

„Langsam, langsam. Bleib ruhig. Alles ist gut. Also, ich brauche: Verbandsmull, chirurgisches Band, Gazetücher.“ Sie bewegte sich jetzt fließender, wie ein Roboter, und sammelte die Produkte zusammen. „Ich brauche Alkohol, eine ganze Flasche und Zahnseide und eine Nadel.“

„Sie meinen eine Spritze?“, fragte sie.

„Nein, ich meinte eine Nähnadel, aber ja, ich nehme auch ein paar von diesen Insulinspritzen.“

Sie gab ihm eine Box. „Ich habe keine Nähnadel. Die sind bei den Kurzwaren.“

„Schon okay. Lass sie aus. Du machst das super. Eine letzte Sache noch; ich will Dilaudid.“

 

Joe nahm die Apothekerin mit sich nach draußen und machte die Tür hinter sich zu, sodass sie schloss. In Schock starrte sie ihren bewusstlosen Kollegen an.

„Keine Sorge. Er ist okay.“ Joe nahm die Handschellen, die er Clarence abgenommen hatte und fesselte sie damit an der Mülltonne. „Sorry, dass ich das machen muss“, sagte er. „Der Schlüssel ist gleich hier.“ Er legte ihn außer Reichweite, nahe der Tür und nahm den Beutel. „Ich danke dir vielmals.“

„Gern geschehen“, sagte sie reflexartig, während er um die Mülltonne zurück zum Jeep ging.

12

Riesenscheiße. Das, so glaubte Donna, war der offizielle Begriff. Und das bedeutete ihrer Annahme zufolge, dass das der Begriff für ihren aktuellen Status war: Riesenscheiße. „Ein wenig wund“, sagte sie ihren Kollegen, wenn sie fragten, wie es ihr ging: Wund an der Stelle, an der sie der Beanbag getroffen hatte und eine hübsche lila Prellung hinterließ. Und wund von dem Einlauf, den sie von ihrem Boss bekommen hatte.

Aber letztendlich war es eine ATF-Operation, bei der das FBI lediglich Informationen zur Verfügung stellte. Die meiste Scheiße hatten die abbekommen. Und auch wenn sie die Militärware nicht in die Finger bekommen hatten, so hatten sie dennoch einen ganzen Haufen Schwarzmarkthändler gefasst und einige illegale Waffen, die gehandelt wurden, sichergestellt. Außerdem war es Agent Zamora, der aufgefallen war, dass mit der Umleitung etwas nicht stimmte. Auf der anderen Seite war es aber auch sie, die den Typen entkommen lassen hatte. Also …

Im Endeffekt war sie zurück, wo sie angefangen hatte, in ihrem Verlies, und schaufelte Hinweise. Sie rief ihre Quelle an. Norris, das Waffendealende Ekelpaket, das jetzt auch hinterhältiger Lügner auf seiner Liste der schlechten Charakterzüge stehen hatte. Er nahm nicht ab. Der kleine Freak war sicher gerade unterwegs, um Kugeln an Schulkinder zu verkaufen. Dann setzte sie sich zurück an ihren Schreibtisch und erinnerte sich daran, dass sie verschont worden war. Sie konnte sich glücklich schätzen, noch am Leben zu sein und dass sie, abgesehen von ihrem Stolz, nicht verletzt wurde. Sie hatte außerdem eine Ahnung, ein Brennen der Neugier. Warum hatte der maskierte Räuber sie nicht umgebracht, wie sie es den Verhafteten, den falschen Straßenarbeiter sagen hörte? Und warum hatte er sich entschuldigt? Es war okay für ihn, Waffen zu klauen, Polizisten anzugreifen und einem Häftling zur Flucht zu verhelfen, aber er fühlte sich schlecht, weil er ihr wehtat? Was war das für ein Verbrecher?

Und dann war da seine Stimme, die ihr irgendwie vertraut vorkam und dieses heitere/traurige Funkeln in seinen Augen, von dem sie schwören konnte, dass sie es schon mal gesehen hatte. Verdächtiger hatte heiteres/trauriges Funkeln in den Augen, dass mir irgendwie bekannt vorkommt. Das stand nicht in ihrem Bericht.

Doch sie ging zurück und suchte in den Protokollen der Festnahmen der letzten Nacht nach einem Namen und gab diesen Namen dann in den Computer ein: Joseph Brody a.k.a. Joe der Türsteher.

 

Gios Tag verlief gut, bis er den Anruf aus Flushing bekam. Eigentlich befand er sich im Höhenflug. Dieses große Meeting mit all den Anführern zu orchestrieren, war ein echter Coup. In gewisser Weise der erste seiner Art. Klar, viele Räte wurden einberufen, aber normalerweise nur innerhalb einer Organisation. Wie das Treffen der fünf Familien damals oder Treffen zwischen Anführern, um Streitigkeiten beizulegen, Deals zu machen oder Kriege zu beenden. Aber alle an Bord zu holen, die ganze Stadt in Zusammenarbeit, war, verdammt noch mal, historisch. Zumindest wurde es ihm so bei reichlich Handschlägen und Schulterklopfen im Anschluss gesagt. Auf dem Nachhauseweg hatte er sich wie ein König gefühlt. Er hatte seine Familie am Abend ins Sushi-Restaurant ausgeführt und seine übersprudelnde positive Energie in der Nacht im Bett mit seiner Frau geteilt. Dann, als sie glückselig schlief, war er raus in seinen Hinterhof gegangen und hatte eine Zigarre unter den Sternen geraucht. Und hier war er nun, weniger als vierundzwanzig Stunden später. Das ganze Ding war den Bach runtergegangen.

Der Anruf kam von Onkel Chens Leuten. Anscheinend war Chens Neffe, ein Junge Namens Derek, voller Kugeln aufgetaucht, nachdem eine Sache irgendwo in der Pampa nach hinten losgegangen war. Der Auftraggeber, der das Ganze geplant hatte, wurde seitdem vermisst. Ein Dieb namens Clarence, von dem Gio noch nie gehört hatte. Dann war da noch einer Namens Lex, auch eine Leiche, fast kopflos laut den Aussagen von Chens Quellen. Und der andere Vermisste? Joe Brody, der in Gios Club arbeitete. Onkel Chen wollte mit Joe reden. Sehr gerne und sehr bald.

Das war ein Problem für Gio. Wenn Joe für ihn arbeitete, dann war er einer von seinen Leuten und Gio war für ihn verantwortlich. Sollte Gio zugeben, dass Joe nicht aufzufinden war und diesen Job in der Tat ohne Gios Zustimmung machte, dann würde er zugeben, dass er noch nicht einmal seine eigenen Leute kontrollieren und erst recht nicht die Art von Stadtweitem Plan ausführen konnte, von dem er gerade erst alle überzeugt hatte. Auf der anderen Seite würde er sich und seine Familie in einen potenziellen Konflikt mit Chens Leuten verwickeln, wenn er die Verantwortung für Joes Handeln übernahm. Und mit den chinesischen Triaden wollte man sich nicht anlegen. Er wählte Joes Nummer noch einmal. Es klingelte und klingelte und dann erklärte ihm ein Roboter, dass der Teilnehmer keine Mailbox eingerichtet hat. Verdammt noch mal, wozu hat man überhaupt ein Handy? Er schleuderte sein eigenes Handy so stark gegen die Wand, dass es zerbrach und Paul, sein Buchhalter, aufsprang und ein Bündel GuV-Berichte fallen ließ. Keine große Sache, ein weiteres Wegwerfhandy, und trotzdem, hier war er in seinem wunderschönen Büro, hinter seinem wunderschönen Schreibtisch, in seinem wunderschönen Anzug, mit seinem wunderschönen, in Princeton ausgebildeten, blauäugigen WASP-Buchhalter, der sein Vermögen zählte und er wütete und schimpfte und schmiss Handys wie ein Straßengauner.

Es zeigte ihm, unter wie viel Stress er stand. Wie nah er dem Kontrollverlust war.

„Entschuldige, Paul“, sagte er. „Das hätte ich nicht machen sollen.“

„Nein“, sagte Paul, „hätten Sie nicht.“ Er fing an, die Blätter aufzuheben.

Gio atmete tief durch, holte den Scotch raus und nahm dann einen tiefen Schluck. Er rief seine Assistentin herein und bat sie, keine Anrufe durchzulassen, solange er in einer Konferenz war. Dann sagte er zu Paul: „Schließ die Tür und hol die Peitsche.“ Er ging ins Badezimmer, um sich umzuziehen.

13

Joe fuhr wieder auf den Highway, bis er eine Abfahrt zu einem Motel fand. Ein einstöckiges, u-förmiges Gebäude mit Parkplatz vor den Zimmern und einem kleinen Pool im Innenhof. Es lag in der Nähe von ein paar Restaurants, einem Truckstop, einem 7-Eleven, einer Waschanlage und einem dreistöckigen Bürogebäude. Joe Parkte weiter hinten, hinter ein paar Trucks. Er ging durch Clarence’ Taschen und nahm seinen Geldbeutel und ein Schweizer Taschenmesser, dann ließ er ihn schnarchend im Auto und ging zum Büro. Dabei trug er eine Sonnenbrille, die er in der Sonnenblende gefunden hatte. Er setzte ein Lächeln auf, obwohl sein Kopf noch immer schmerzte.

„Hallöchen“, sagte er zu der Dame hinterm Schalter. Sie war mollig und weiß und hatte strähniges Haar. Ein paar bunt gefärbte Rosen kletterten ihre Arme hoch.

„Hi, kann ich Ihnen helfen?“

„Hoffe ich doch. Ich bin fertig. Mein Cousin und ich sind ohne Unterbrechung gefahren. Können wir ein Zimmer mit zwei Betten bekommen? Je ruhiger, desto besser?“

„Sie haben Glück“, sagte sie, während sie auf den Bildschirm guckte. „Nummer dreißig ist frei. Die ist ganz hinten.“

„Großartig.“ Joe zog eine Karte aus Clarence’ Geldbeutel, dann tat er so, als würde er zögern und holte einen Hunderter raus. „Wissen Sie was, wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich lieber in bar bezahlen. Die Benzinkosten häufen sich langsam.“

Sie lachte. „Sicher, Schätzchen. Ich weiß, wie das ist.“ Sie wechselte das Geld.

„Und wenn ich schon mal hier bin“, fügte er hinzu, während er sich grinsend vorbeugte, „könnte ich mir Nadel und Faden leihen? An meiner anderen Hose ist mir ein Knopf abgesprungen.“ Er lachte und sie lachte mit ihm. „Und, ach ja, eine Schere.“

 

Joe ging beim 7-Eleven vorbei und kaufte eine Flasche Bier und etwas Wasser. Dann parkte er den Jeep auf dem Platz vor dem Zimmer und rüttelte Clarence wach. Er half ihm hinein und auf eines der Betten, bevor er die Jalousien zuzog. Er stöhnte schon wieder, also öffnete Joe das Bier, goss es ins Waschbecken und benutzte den Bierdeckel und Clarence’ Feuerzeug, um zwei Dilaudids in etwas Wasser aufzulösen. Er packte eine der beiden Spritzen aus, füllte sie und drückte die Flüssigkeit wieder hoch, bis sich ein Tropfen an der Nadelspitze gebildet hatte. Er nahm seinen Gürtel ab, band ihn stramm um Clarence’ Oberarm und klatschte auf seinen Unterarm, bis eine Vene anschwoll. Dann injizierte er vorsichtig das Schmerzmittel. Er löste den Gürtel. Clarence verstummte sofort und schloss seine Augen. Dann ging Joe zurück nach draußen, schloss die Tür hinter sich und fuhr den Jeep zurück zu dem etwas versteckteren Platz.

Als er zurückkam, war Clarence komplett ausgeknockt. Nachdem er ein gefaltetes Badehandtuch unter Clarence’ Bein gelegt hatte, schnitt Joe das Bein von seiner Hose ab, um die Wunde freizulegen. Ein gezackter Stern, der in seinen Oberschenkel gerissen wurde. Er wusch sie mit Alkohol und Gazetüchern. Wischte das Blut weg, als würde er einen kleinen, sabbernden Mund putzen. Dann verwendete er die Klinge des Messers, um behutsam herumzustochern, bis er die Kugel fand. Er versuchte, sie mit der Pinzette herauszuholen und schaffte es, sie zu lockern, doch sie rutschte immer wieder ab. Also benutzte er die Zange, um sie wie einen faulen Zahn langsam zu entfernen. Er wusch die Wunde noch einmal. Dann fädelte er die Zahnseide durch die Nadel und nähte das Loch, so gut er konnte, mit einem Kreuzstich zu und versiegelte es. Dann verband er Clarence.

Er räumte auf und packte die Kugel, die Spritze und alle blutigen Gazetücher vorsichtig in den Plastikbeutel von der Apotheke. Er zog sich seine eigenen Sachen aus und ging unter die Dusche. Er drehte sie so heiß, wie er es ertragen konnte. Dann seifte er sich ein und wusch seine Haare. Danach stand er für eine lange Zeit unter dem Duschkopf und ließ das heiße Wasser auf seinen pochenden Kopf und seine steifen Schultern prasseln. Er putzte sich die Zähne mit der kleinen Gratiszahnbürste und trank mehrere Gläser Wasser – er wurde den Kotzgeschmack endlich los –, doch er fühlte sich immer noch wie Dreck. Er wickelte sich ein Handtuch um seine Hüften und durchquerte den Raum, um durch die Vorhänge nach draußen zu schauen. Kinder sprangen in den Pool, kreischten und kletterten heraus, um noch mal zu springen, während die Eltern zuguckten. Er wusste, dass er etwas essen sollte, doch der Gedanke daran, zurück durch das Sonnenlicht zu gehen, an die Leute, an denen er vorbeigehen musste und daran, dieses Gekreische zu hören, erfüllten ihn mit Furcht.

Er zog die Vorhänge wieder zu und schaute nach Clarence. Er atmete gleichmäßig und sein Puls war okay. Etwas Blut war durch die Bandage gesickert, doch es sah so aus, als ob die Blutung aufgehört hatte. Clarence brauchte bald einen Arzt, doch er würde überleben. Joe holte eine saubere Spritze und bereite eine weitere Dosis Dilaudid zu. Dieses Mal band er sich seinen eigenen Arm ab. Als er eine Vene fand, stach er die Nadel hinein und zog den Kolben zurück, bis sich ein wenig Blut im Zylinder ausbreitete. Dann, ganz langsam, drückte er ihn herunter.

14

Süß oder nicht, Joe Brody war ein klassischer Versager. Donna war etwas enttäuscht, aber nicht gerade überrascht. Er mochte der Gentlemanräuber sein, der sich gnädigerweise bei ihr entschuldigte, bevor er auf sie schoss, oder auch nicht. Aber ohne Maske war er nur ein weiterer charmanter Loser in einer langen Reihe, die natürlich mit ihrem eigenen Vater anfing. Der Vater ihres Kindes war die Ausnahme. Ein Karriereorientierter Überflieger und normaler Typ – und er stellte sich als der schlimmste Albtraum von allen heraus.

Was Joe betrifft, er war ein unglückliches Kind aus Queens, dessen Akte sich wie eine Achterbahn aus Comebacks und vertanen Chancen las. Seine Alkoholiker-Gaunereltern starben jung und er blieb zurück mit seiner Großmutter, Gladys, die selber auch ein ziemlich beeindruckendes Vorstrafenregister vorweisen konnte. Nach einer Vielzahl an Jugenddelikten und einigem Schulschwänzen, bekam er ein Stipendium an der St. Anthony’s Academy, einer exklusiven katholischen Schule, wo er plötzlich Einsen schrieb, seine SATs bestand und den Jackpot gewann – ein Stipendium von Harvard. Zwei Jahre später wurde er rausgeworfen. Dieses Mal war es, weil er Burschenschaftler verprügelt, Vorlesungen geschwänzt und, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, die anderen Jugendlichen übers Ohr gehauen hatte. Auch wenn die reichen Eltern die Anklagen fallen ließen, als er zur Army ging. Eine Weile lang schien es, als ob er ein Zuhause gefunden hatte. Doch wie nicht anders zu erwarten, wurde der zukünftige Rausschmeißer zehn Jahre später im Zuge einer mehr als unehrenhaften Entlassung selbst rausgeschmissen. Er landete wieder da, wo er angefangen hatte, in derselben alten Nachbarschaft, und arbeitete in einem Stripclub, welcher, wie sollte es auch anders sein, von Gio Caprisi kontrolliert wurde, der, wie sie herausfand, als sie die Akten verglich, auf dieselbe katholische Schule ging.

Donna wollte gerade die Akte schließen und die Sache vergessen, als ihr auffiel, dass sein Militärbericht nicht in den Suchergebnissen vorkam. Neugierig, warum sie ihn rausgeschmissen hatten, loggte sie sich ins System ein und beantragte ihn. Abgelehnt. Klassifiziert. Nur für Personen mit Sicherheitsüberprüfung. Donna runzelte die Stirn. Sie hatte eine Sicherheitsüberprüfung gemacht. Sie gab ihren Benutzernamen und ihr Passwort ein und versuchte es noch einmal. Wieder ein großes, rotes Kreuz und dieses Mal eine Warnung, nicht fortzufahren.

Donna lehnte sich zurück. Unbewusst fasste sie sich an die Stelle auf ihrer Brust, die noch immer leicht schmerzte. Warum war ein unwichtiger Verlierer, der aus der Army geschmissen wurde, so wichtig, dass sie, eine FBI-Agentin, die für die Sicherheit ihrer Nation Terroristen jagte, nicht befugt war, diese Akte zu sehen? Es schien, als wäre Joe der Türsteher doch ganz interessant.

 

Gio ging unter die Dusche und begann, sich zu waschen. Es war nicht wirklich notwendig. Er hätte das Make-up auch einfach über dem Waschbecken abwaschen können, die blonde Perücke und das Kleid wieder zurück ins Versteck legen und nach Hause fahren können, um eine Dusche zu nehmen oder sogar ein Sprudelbad in seiner eigenen luxuriösen Porzellan-Badewanne. Doch sich einzuseifen und zu waschen, half ihm, sich mental umzustellen und, so glaubte er, sich sein Gewissen reinzuschrubben, bevor er nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern fuhr. Auf diese Weise ließ er die versaute kleine Schlampe Gianna hinter sich und kam nach Hause als Gio, der Familienmann.

Ironischerweise kam diese Seite von ihm erst zum Vorschein, nachdem er das Familienunternehmen übernommen hatte. Doch wenn er jetzt zurückblickte, sah er, dass sie schon immer da war. Selbstverständlich gab es solche Dinge nicht in der hypermaskulinen, merkwürdig behüteten Welt, in die er hineingeboren wurde. Er spielte Football und Baseball. Er küsste Mädchen auf Kirchenfesten und jagte sie im Sommer um den Pool. Als er fünfzehn war, brachte ihn sein Onkel zu einem kostspieligen Callgirl, um seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Und auch wenn Härte wichtig war und er sogar ein paar Boxstunden genommen hatte, kannten ihn alle und niemand legte sich mit ihm an. Er wurde nie gehänselt. Dann eines Tages, als Training wegen Regen abgesagt worden war, nahm er den Bus in ein zwielichtiges Viertel in der Nähe seines eigenen. Er wollte sich so einen gefälschten Ausweis besorgen, mit dem sein Freund angegeben hatte. Als er an einem Spielplatz vorbeiging, überfielen ihn zwei irische Kids und verpassten ihm eine ordentliche Abreibung, während eine kleine Gruppe von Kindern zuguckte. Einige hielten Basketbälle oder Springseile oder Eistüten in der Hand. Es stellte sich heraus, dass Boxtraining nicht viel bringt, wenn sich die Gegner nicht an die Regeln halten. Die blutige Nase und das blaue Auge waren jedoch keine große Sache. Was eine große Sache war, war seine Uhr, die sie zusammen mit seinem Taschengeld genommen hatten. Ein Geschenk seiner Oma. Wenn er ohne sie nach Hause kam, würde er sicher wieder Schläge kriegen. Dieses Mal mit dem Gürtel von seinem Vater. Daher ging er ihnen hinterher, als sie losgingen, schubste sie und verlangte seine Uhr zurück. Sie lachten und schubsten ihn wieder zu Boden. Er sprang auf. Das passierte einige Male. Ganz zum Vergnügen der Menge. Dann trat ein anderer Junge hervor.

„Das reicht”, sagte er zu ihnen. „Gebt ihm seine Uhr zurück.”

„Was?”, sie unterbrachen die Schläge und guckten ihn an.

„Ich sagte, es reicht, Mann. Behaltet das Geld, aber gebt ihm seine Uhr zurück.”

Der Größere, der die Uhr trug, blickte erbost.

„Verpiss dich, Brody. Für wen hältst du dich? Geh nach Hause, Arschloch. Ich glaube, deine Oma ruft dich.”

Alle lachten. Sogar dieser Neue, Brody, lächelte. Dann, bevor Gio realisieren konnte, was passierte, zog der Neue etwas aus seiner Tasche, von dem Gio später erfuhr, dass es ein Stück Ziegelstein in einer Socke war. Er schlug dem großen Kind direkt auf den Schädel und er fiel um wie ein Baum. Es wurde still. Dann liefen sie alle davon, der andere Schläger eingeschlossen. Dieses Brody-Kind nahm dem wimmernden Jungen die Uhr ab und gab sie Gio.

Später, als sie Freunde wurden, erzählte Joe ihm, dass er es beeindruckend fand, wie Gio immer wieder aufstand und weitere Schläge einsteckte, ohne jemals aufzugeben. In seinen Augen bewies das Stärke. Was Gio sich nicht einmal traute, seinem neuen besten Freund zu sagen, war, dass er eigenartig aufgeregt, sogar beflügelt war und dass ihn ein merkwürdiges Gefühl der Freude durchfuhr mit jedem Schlag, den die größeren Jungs austeilten.

Jahre vergingen. Er leitete Teile der weit verstreuten Familienbetriebe und hatte ein paar professionelle Dominas kennengelernt, ein paar Lederkneipen gesehen, sogar Dungeons. Er war zu diesem Zeitpunkt außerdem glücklich mit seiner Collegefreundin verheiratet und noch nicht einmal in Versuchung, fremdzugehen. Doch als er einen Drink mit der hochrangigen Domina hatte, die einen der exklusivsten Dungeons der Stadt betrieb, erzählte sie ihm etwas, das hängen blieb. Anstatt erbärmlicher Loser, waren ihre Kunden in der echten Welt vielmehr richtige Gewinnertypen – das mussten sie auch sein, um ihre Preise bezahlen zu können –, Männer mit Macht, wie CEOs, Top-Anwälte und Banker, ein pensionierter General, sogar Polizisten. Das waren Typen, die den ganzen Tag damit verbrachten, Leute herumzukommandieren und Entscheidungen trafen, die Leben veränderten: Leute feuern, ihre Häuser zwangsvollstrecken, sie ins Gefängnis stecken oder sogar Gefahr oder dem Tod aussetzen. Der einzige Weg, Druck und Schuldgefühle abzubauen, war, die Kontrolle abzugeben und ihre gerechte Strafe zu bekommen.

Von da an war Gio von dieser Idee fasziniert. Er redete nicht darüber, doch der Gedanke daran war nie weit entfernt. Er dachte sogar darüber nach, es Carol zu sagen, doch er war besorgt darüber, was sie über ihn denken würde und, ehrlich gesagt, konnte er sich nicht vorstellen, wie sie ihn dominierte, auch nicht, wenn sie nur so täten. Er stellte sich immer einen Mann vor. Einen starken, jungen Mann. Und so kam es, dass er die Lederbars und Fetischläden öfter „auscheckte“, als er es eigentlich musste. Während er aufblühte, fand er einen fähigeren Mann fürs Finanzielle, der ihm half, seine Gewinne zu waschen und auf Konten in Übersee zu verstecken. Und eines Nachts, als er die Quittung in einer schwulen S&M-Bar prüfte, während er aufs Klo ging, war da Paul, der Juniorpartner seines neuen Buchhalters – klug, jung und gut aussehend – und wusch sich die Hände.

15

Die Höhle sollte verlassen sein. Das war der Sinn der Sache. Das, worauf sie so stolz waren während der Besprechung und weshalb sie sich für verdammt clever hielten. Es war ein alter Schmugglertunnel, der ein paar Meilen durch den Untergrund führte und in einer lang vergessenen Höhle endete, versteckt hinter Trümmern und Unkraut, und der ihn direkt über das Al-Qaida-Gelände führen sollte. Zuletzt benutzt wurde er in den alten Zeiten, um Opium an den Russen vorbeizuschmuggeln und nur der ansässige Warlord, dem sie halfen, sein Territorium zurückzuerobern, erinnerte sich daran. Perfekt.

Joe kroch in der Dunkelheit durch den Tunnel, manchmal auf Händen und Knien, da, wo die Holzträger eingebrochen waren, und erreichte die Höhle vor Tagesanbruch. Mit seinem Nachtsichtgerät erkundete er das Camp, das, wie versprochen, unter ihm lag. Er baute sein Scharfschützengewehr auf und richtete sich ein, um auf die Zielperson, ein hochrangiger Kommandant, zu warten. Vielleicht eine Stunde, vielleicht zehn. Sie wussten, in welchem der Gebäude er schlief und sie wussten, dass er früher oder später zu seinen Leuten herauskommen würde. Joe würde die Zielperson bestätigen und ihn ausschalten. Dann würde er sich durch den Tunnel zurückziehen. Er hatte den Eingang der Höhle bereits verkabelt, um sie hochzujagen, sodass der Tunnel zusammenbrechen und ihn hinter Joe verschließen würde.

Vielleicht war er zu sehr auf die Zielperson fixiert, die sich endlich zeigte und sich mit ein paar anderen Männern unterhielt und lachte. Vielleicht war er mit seinem Ohrhörer im Ohr nicht wachsam genug, um zu hören, dass sich jemand näherte, der das Gelände besser kannte als er. So oder so. Da war er, das Auge gegen das Zielfernrohr gepresst, wartend auf die Erlaubnis zu schießen, als er von links ein Schlurfen hörte, und drehte sich um, um sein leistungsstarkes Scharfschützengewehr auf ein kleines Kind zu richten, das aus der Höhle herauskam. Beide erstarrten und schauten sich erstaunt an. Der kleine Junge trug schäbige, braune Klamotten, Dreck in seinem Haar, getrocknete Rotze an seiner Nase. Das musste sein Tunnel gewesen sein, seine Höhle, in der er sein ganzes Leben gespielt hatte. Kein Zweifel, er kannte jeden Zentimeter von ihr und war wahrscheinlich durch irgendeine andere Untergrundverzweigung gekommen. Joe lächelte und versuchte, ein paar Worte auf Pashto zu sprechen: „Keine Sorge, du bist in Sicherheit.“ Doch anscheinend glaubte ihm das Kind nicht oder es konnte ihn nicht verstehen. Genau in diesem Moment sagte die Stimme in seinem Ohr: „Schalten Sie ihn aus, Falcon. Ziel bestätigt. Sind Sie da, Falcon? Bitte kommen. Schalten Sie Ihr Ziel aus.“ Das lenkte ihn für einen Sekundenbruchteil ab. Vielleicht bewegte er sich sogar einen Millimeter. Was es auch war, das Kind erschrak wie eine streunende Katze und rannte mit voller Geschwindigkeit davon und zurück in die Höhle. Er kannte sie gut, doch natürlich wusste er nichts von dem Stolperdraht, den Joe gelegt hatte und als Joe „Stopp!“ schrie, schrie auch der Junge, während die Höhle um ihn herum explodierte und ihn in Stücke riss, als die Trümmer fielen.

 

***

 

Joe wachte auf wie immer: Er zuckte zusammen, genau als er den Schrei und die Explosion hörte. Er atmete schwer und blickte sich um, während er versuchte zu verstehen, wo er war. Auf seiner Liege in seinem Zelt? Oder zurück in der Basis? Oder in einem staubigen Hinterzimmer in einer dunklen Gasse? Sie behaupteten, er sei ein Held, weil er, nachdem die Höhle in die Luft ging, sein Gewehr erneut ausrichtete, seine Zielperson fand, die jetzt ihren Leuten befahl, die Höhle zu untersuchen, und sie mit einer einzigen Kugel zwischen die Augen ausschaltete, bevor er über offenes Gelände floh – jetzt, wo die Höhle unpassierbar war –, verfolgt vom Feind und durchhielt, bis der Helikopter kam, um ihn abzuholen. Er fühlte sich nicht wie ein Held. Er hatte lediglich die Mission erfüllt. Egal, was passiert. So wie man es ihm beigebracht hatte. Und dann überlebt, so wie er es immer tat. Später, als er sich mit dem jüngsten Sohn des Warlords traf und seine roten Augen sah, ging er mit ihm in einen dunklen, staubigen Raum und rauchte etwas von dem Opium, mit dessen Schmuggel seine Familie so viel Geld machte.

„Hey“, sagte eine Stimme. „Wach auf.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960872528
ISBN (Buch)
9783960879671
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506001
Schlagworte
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Autoren

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    David Gordon (Autor)

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    Tobias Eckerlein (Übersetzung)

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Titel: Blutige Rache