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Mord in feiner Gesellschaft

von Rhys Bowen (Autor)

2002 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Auch nach ihrer Flucht nach New York scheint Molly Murphy nirgendwo richtig reinzupassen. Also beschließt sie kurzerhand die Assistentin des berüchtigten Privatdetektivs Paddy Riley zu werden. Doch als ihre Welt eines Morgens erneut durch einen Mord erschüttert wird, findet sich Molly plötzlich zwischen Schriftstellern, Schauspielern und Dichtern wieder, von denen jeder ein Mörder sein könnten. Sie ist entschlossen, den Fall aufzuklären und ahnt dabei nicht, in welcher Gefahr sie selbst schwebt …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe November 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-802-5

Copyright © Dezember 2002 by Rhys Bowen. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Death of Riley

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Martin Spieß
Covergestaltung: Grit Bomhauer
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © spyarm, © Witthaya lOvE, © jorisvo, © K_Dreamcatcher, © Agnes Kantaruk und © Mariabo2015

Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Dieses Buch ist meiner guten Fee Meg Ruley und Dorothy Cannell gewidmet, die so freundlich war, uns einander vorzustellen.

Eins

New York, 1901

„Ich soll was?“, fragte ich so laut, dass eine zierliche, junge Frau, die vor uns ging, entsetzt in unsere Richtung sah und ihr Riechsalz hervorholte. Ich brach in Gelächter aus. „Um Himmels willen, Daniel – kannst du dir mich als Gesellschaftsdame vorstellen?“ Dann sah ich in Captain Daniel Sullivans Gesicht hinauf. Er lächelte nicht.

Er sah mich verlegen und mit unsicherem Gesichtsausdruck an und deutete ein Schulterzucken an. „Ich habe lediglich an dich gedacht, Molly. Du brauchst eine Arbeit und deine bisherige Suche war nicht gerade erfolgreich.“

„Dann habe ich die perfekte Stelle eben noch nicht gefunden.“ Ich hob meine Röcke, um die Pfützen zu meiden, die sich um den herrschaftlich aussehenden Springbrunnen herum gebildet hatten. Obenauf stand eine schöne Bronzestatue des Engels über den Gewässern, aber in diesem Augenblick war die Szenerie alles andere als herrschaftlich. Unzählige kleine Jungen, einige von ihnen so nackt wie am Tag ihrer Geburt, kletterten hinein und heraus, standen unter dem Vorhang sprühenden Wassers, bis sie wieder vertrieben wurden, kreischten und schrien, während sie dem Schlagstock eines übereifrigen Polizisten auswichen. Es war Sonntagnachmittag und wir taten, was die meisten New Yorker an heißen Sommersonntagen taten – wir machten einen Spaziergang durch den Central Park. Ausnahmsweise war Daniels freier Tag tatsächlich einmal auf einen Sonntag gefallen und es hatte keine Vorkommnisse gegeben, die ihn dazu veranlasst hätten, nach einem entschuldigenden Küsschen auf die Wange zu verschwinden.

Es schien, als wären Küsschen auf die Wange alles, was ich dieser Tage von Captain Daniel Sullivan bekam. Ja, ich weiß, dass Küsschen auf die Wange – schicklich begleitet – alles sind, was anständige, junge Damen vor der Hochzeit erwarten sollten, aber jeder Anstand flog zum Fenster hinaus, wenn ich mit Daniel zusammen war. Und ich hatte gehofft, dass unsere Romanze mittlerweile zu etwas Gewichtigerem erblüht wäre, aber als jüngster Captain der New Yorker Polizei warf Daniel sich mit ganzem Herzen in die Arbeit. Ich hingegen hatte keine Arbeit, die mich beschäftigt hielt.

Es war nicht so, als hätte ich es nicht versucht. Nach meiner einigermaßen dramatischen Ankunft in New York hatte ich nach etwas Passendem gesucht. Die Heiligen im Himmel werden bezeugen, dass ich mit ganzem Herzen bei der Sache war. Ich hätte nichts gegen eine Stelle als Gouvernante gehabt, tatsächlich hätte ich das gut gemacht. Aber ich brauchte nicht lange um herauszufinden, dass ein irisches Mädchen, das gerade vom Schiff herunter war und keine Referenzen hatte – oder zumindest keine, die sich bestätigen ließen (ich hatte einige sehr überzeugende Fälschungen gemacht) – nicht angestellt werden würde, um die Kinder einer anständigen Familie zu unterrichten. Als Kindermädchen vielleicht, aber ich glaubte nicht, dass ich es auch nur eine Woche als Bedienstete aushalten würde.

Danach hatte ich mich in jeder Arbeit versucht, die ich finden konnte, abgesehen vom Fischausnehmen auf dem Fulton-Street-Fischmarkt. Bis zu den Ellenbogen in Fischinnereien zu stehen kam nicht in Frage.

„Du musst zugeben, dass es einige spektakuläre Katastrophen gegeben hat“, gab Daniel meinen Gedanken eine Stimme und ließ mich darüber nachdenken, ob er meine Gedanken lesen konnte.

„Ich würde nicht von Katastrophen sprechen.“

Vom See, der hinter dem Springbrunnen lag und auf dem einige Boote fuhren, wehte eine Brise herüber, die einen feinen Schleier aus Wassertropfen in unsere Richtung trug. Das kühle Prickeln fühlte sich auf meiner heißen Haut wundervoll an und ich war versucht, einen Moment dort stehen zu bleiben, bis Daniel mich beiseite zog. „Molly – du wirst nass bis auf die Haut.“

„Aber es fühlt sich himmlisch an.“

„Es mag sich himmlisch anfühlen“, sagte er und blickte mit diesen beängstigenden blauen Augen auf mich herab. „Aber das ist ein sehr feiner Nesselstoff, den du trägst, meine Liebe. Wir wollen doch nicht, dass andere Männer dich begaffen, nicht wahr?“ Er führte mich mit Nachdruck von der Springbrunnenterrasse weg und am Ufer des Sees entlang. Ich hielt inne und sah sehnsüchtig zu den Ruderbooten hinüber. Ein Pärchen glitt vorüber, das Gesicht der Frau verdeckt von einem verschwenderisch dekadenten Sonnenschirm – Rüschen, Spitzenborte und Froufrou –, während sie gelangweilt eine Hand ins Wasser hielt. Ihr Liebhaber, der männlich und mit hochgekrempelten Ärmeln ruderte, sah nicht so aus, als habe er viel Spaß. Entwürdigende Rinnsale aus Schweiß strömten unter seinem Strohhut hervor und liefen über sein puterrotes Gesicht.

„Du würdest nicht von Katastrophen sprechen?“, wiederholte Daniel und kicherte, während er mich wegführte. „Die Hemdblusen-Fabrik?“

„Dann habe ich mir halt eine Nadel durch den Daumen gejagt. Das hätte jedem passieren können.“ Ich warf meinen Kopf herum, sodass mein Strohhut beinahe ins Wasser fiel.

„Und wer hat all die Ärmel linksherum angenäht?“ Seine blauen Augen funkelten.

„Deswegen bin ich nicht gefeuert worden, und das weißt du. Es lag daran, dass ich mich gegen diesen Unmenschen eines Vorarbeiters behauptete und mir nichts von ihm bieten ließ. All diese unfairen Regeln – sobald man niest, wird einem der Lohn gekürzt. Ich wusste von Anfang an, dass ich meinen Mund nicht lange würde halten können.“

„Dann war da noch das Café“, rief Daniel mir in Erinnerung.

Ich lächelte ihn verlegen an. „Ja, ich schätze, das geht als spektakuläre Katastrophe durch.“

Wir hatten den wie hingetupften Schatten einiger Kastanien erreicht, die sich entlang des Weges ausbreiteten, der jetzt nicht mehr am Ufer entlangführte. Augenblicklich fühlte es sich an, als würden wir ein Becken mit kühlem Wasser betreten. „Ah, das ist besser“, sagte Daniel. „Sieh mal, unter dem Baum dort steht eine Bank. Lass uns eine Weile sitzen.“

Mir fiel auf, dass Daniel die Hitze mehr zu verspüren schien als ich. Sein Gesicht war so rot wie das des jungen Mannes im Ruderboot und seine wilden, schwarzen Locken klebten ihm unter seinem Strohhut an der Stirn. Selbstverständlich sind Männer an Tagen wie diesen im Nachteil, weil sie Jacken tragen müssen, während Frauen in Nesselstoffen kühl bleiben können. Aber er war ein geborener New Yorker. Ich hatte geglaubt, dass er sich schon in seiner Kindheit an diese Hitze gewöhnt hätte. Ich hingegen kam von der wilden Westküste Irlands, wo ein paar sonnige Tage hintereinander bereits als Hitzewelle galten, und wir hatten den kalten Atlantik zu unseren Füßen, wann immer wir uns abkühlen wollten.

Daniel holte sein Taschentuch hervor und wischte sich über die Stirn. „Das ist besser“, sagte er. „Ich schwöre, jeder Sommer ist heißer als der vorherige. Das sind diese neuen Wolkenkratzer. Sie halten die kühlenden Brisen vom East River und vom Hudson auf.“

„Es ist wirklich ziemlich heiß.“ Ich fächelte mir mit dem Fächer Luft zu, den ich mir in der vergangenen Woche bei einem Straßenhändler gekauft hatte. Es war ein hübsches, kleines Ding aus China, aus Papier gemacht und mit dem Bild einer Pagode und einer wilden Bergszenerie dekoriert. „Hier, du siehst aus, als könntest du ihn mehr gebrauchen als ich.“ Ich wandte mich um und fächelte auch Daniel Luft zu. Er packte lachend mein Handgelenk. „Hör auf damit. Als Nächstes bietest du mir noch dein Riechsalz an.“

„Ich habe noch nie in meinem Leben Riechsalz besessen und habe auch nicht vor, das zu ändern“, sagte ich. „Ohnmacht ist was für Idioten.“

„Das mag ich an dir, Molly Murphy.“ Daniel blickte mich eine lange Zeit an, auf eine Weise, die mein Inneres in Wallung brachte. Seine Finger hielten noch immer mein Handgelenk. „Deinen Geist. Das und natürlich deine schlanke, kleine Taille, diese großen, grünen Augen und deine bezaubernde, kleine Nase.“ Er berührte sie spielerisch. Dann verschwand das Lächeln, der sehnsüchtige Gesichtsausdruck aber blieb. „Ach, Molly. Ich wünschte nur ...“ Er ließ den Rest des Satzes in der feuchten Luft hängen und ich fragte mich, was genau er sich wünschte. Er war jung und gesund, mit großartigen Karriereaussichten – und einer Zukunft, die eine Frau miteinschließen sollte. Aber ich würde ihn diesbezüglich nicht unter Druck setzen. Wer wusste schon, wie der Verstand von Männern funktionierte? Er konnte auf eine Gehaltserhöhung warten oder auf ein Haus sparen, ehe er mir einen Heiratsantrag machte – wenn er tatsächlich vorhatte, mir einen Heiratsantrag zu machen. Einmal in meinem Leben schwieg ich ausnahmsweise.

„Ich bin selbst recht zufrieden“, sagte ich unbekümmert. „Ich habe ein großes Zimmer für mich allein, einen hübschen Mann, der mich von Zeit zu Zeit besuchen kommt und ich lebe in einer großen Stadt, so wie ich es mir immer erträumt habe.“

Daniel ließ den Blick sinken und saß einen Moment schweigend da, die Augen auf die Hände in seinem Schoß gerichtet.

„Es gibt keine Eile, Daniel, für nichts“, sagte ich. „Wenn ich nur eine respektable Arbeit finden würde, bei der ich nicht missbraucht oder überfordert werde ...“

„Habe ich die Stelle als Gesellschaftsdame nicht erwähnt?“

Ich tätschelte seine Hand. „Daniel – kannst du dich mir als Gesellschaftsdame für eine alte Lady vorstellen? Gesellschaftsdamen sind jämmerliche, unterdrückte Kreaturen, die zusammenzucken, wenn man sie anspricht, und die ihre Tage damit verbringen, Strickwolle zu halten und Katzen zu kämmen. Ich habe mich als Bedienstete versucht, erinnerst du dich? Ich bin nicht dazu geboren, demütig zu sein. Und du weißt selbst, dass ich es nie lernen werde, den Mund zu halten.“

„Aber eine Gesellschaftsdame ist keine Bedienstete, Molly. Man würde von dir erwarten, Miss van Woekem vorzulesen, mit ihr im Park spazieren zu gehen – so etwas in der Art. Was könnte leichter sein?“

„Sie ist gewiss schrullig und pedantisch. Das sind alte Jungfern immer. Ich würde meine Geduld mit ihr verlieren und das wäre es dann.“ Ich lachte erheitert, aber Daniel lächelte immer noch nicht.

„Molly, ich bin sicher, dass ich dich nicht daran erinnern muss, dass du bald eine Arbeit finden musst. Ich weiß, dass der Stadtrat dir wegen dem, was dir in seinem Haus zugestoßen ist, ein kleines Geschenk gemacht hat–“

„Es war Bestechungsgeld, Daniel, und das weißt du genau.“

„Aber es wird nicht ewig reichen“, fuhr Daniel fort und ignorierte meine Äußerung. Es war komisch, dass New Yorker Polizisten plötzlich taub zu werden schienen, wenn man das Wort „Bestechungsgeld“ erwähnte. „Und du musst Miete zahlen, auch wenn es eine bescheidene Summe ist.“

„Die O’Hallarans sind sehr freundlich“, stimmte ich zu. „Ich bin sicher, dass sie ihren Dachboden für weitaus mehr vermieten könnten, wenn sie wollten.“ Es war Daniel selbst gewesen, der die angenehme Wohnung für mich gefunden hatte, im obersten Stock eines Hauses, das einem Polizistenkollegen gehörte. „Und vergiss nicht, dass Seamus sich die Miete mit mir teilt und außerdem das meiste Essen bezahlt.“

„Davon gehe ich aus, immerhin kochst du und kümmerst dich um seine Kinder.“

„Das tue ich gern“, sagte ich. „Sie machen keinen Ärger. Und wie sollte er ohne mich zurechtkommen, der arme Kerl, wo seine Frau doch zu Hause in Irland auf den Tod wartet?“

Auf die Bitte ihrer Mutter hin hatte ich Seamus’ Sohn und Tochter nach New York gebracht, als sie herausgefunden hatte, dass sie an der Schwindsucht litt und nicht reisen durfte. Und für den Fall, dass Sie denken, ich wäre irgendeine Art Heilige, lassen Sie mich Ihnen versichern, dass das Arrangement meinen eigenen Absichten sehr gut zupasskam.

„Du hast ein gutes Herz, Molly“, sagte Daniel, „aber dieses Arrangement kann nicht ewig andauern. Ich fühle mich nicht gänzlich wohl damit, dass du da oben mit einem Mann wohnst, dessen Frau in Irland ist.“

Ich lachte. „Nicht wohl, Daniel? Seamus O’Connor ist ein vollkommen harmloser Mensch – du hast ihn selbst gesehen. Schwerlich der beste Fang von New York. Außerdem haben wir eine Küche und einen Flur zwischen uns, damit alles anständig bleibt. Und unten lebt Mrs. O’Hallaran, die die Dinge im Auge behält.“

„Das ist nicht der Punkt“, sagte Daniel. „Die Leute werden reden. Willst du, dass sie sagen, du ließest dich aushalten?“

„Sicher nicht.“

„Darf ich dann vorschlagen, dass du auf mich hörst und dir eine passende Stelle suchst, die nicht in einer Katastrophe enden wird?“

Seine Erinnerungen an meine kläglichen Misserfolge in der Berufswelt begannen mich zu ärgern. Ich mochte es nicht, bei irgendetwas zu versagen. „Wenn du es wirklich wissen willst: ich habe vor, meinem ursprünglichen Einfall zu folgen und mich als Privatdetektivin niederzulassen.“ Ich schlug das hauptsächlich vor, um ihn zu verärgern.

Daniel rollte mit den Augen und kicherte verzweifelt. „Molly, Frauen werden keine Privatdetektive. Ich dachte, das hätten wir alles schon hinter uns.“

„Ich sehe nicht ein, warum nicht. Ich glaube, ich war ziemlich gut darin.“

„Abgesehen von der Tatsache, dass du dich beinahe hast töten lassen.“

„Richtig. Abgesehen davon. Aber ich habe es dir schon gesagt. Ich habe nicht vor, mich mit Kriminalfällen zu befassen. Mit nichts Gefährlichem. Ich denke immer noch an all diese Leute, die ich sah, als ich Liverpool verließ, Daniel. Sie waren verzweifelt, weil sie von ihren Angehörigen hören wollten, die nach Amerika gegangen waren. Ich würde etwas Gutes tun, wenn ich Familien wiedervereine, oder nicht?“

„Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass die Angehörigen nicht gefunden werden wollen?“, fragte er. „Und außerdem, wie würdest du das in Angriff nehmen – diese Detektivarbeit? Du bräuchtest zunächst ein Büro, und du müsstest Werbung machen ...“

„Das weiß ich auch!“

„Und wenn du herausfändest, dass der Angehörige, den du suchst, nach Kalifornien gegangen ist: würdest du den Zug nehmen, um ihn zu finden? Die Familien von Einwanderern werden kein Geld bezahlen können.“

„Also bräuchte ich etwas Startkapital.“ Ich machte eine Pause, um einer eleganten offenen Kutsche hinterherzusehen, die auf der Straße jenseits der Bäume vorüberfuhr. Liebliche, junge Frauen mit weißen Hüten und Männer in Blazern saßen plaudernd und lachend darin, als wären sie völlig sorgenfrei – was sie vermutlich auch waren. „Und ich müsste gutbezahlte Fälle annehmen.“

Daniel wandte sich mir zu und nahm meine Hände in seine. „Molly, bitte, lass diesen närrischen Einfall auf sich beruhen. Du brauchst dich nicht niederzulassen. Du brauchst fürs Erste eine angenehme, würdige Arbeit, die die Miete zahlt, das ist alles.“

„Vielleicht bin ich mit einer angenehmen, kleinen Arbeit nicht zufrieden. Vielleicht will ich etwas aus mir machen.“

Er lachte wieder, dieses Mal unbehaglich. „Es ist nicht so, als wärst du ein Mann und müsstest an eine zukünftige Karriere denken. Nur etwas, um die Zeit rumzukriegen, bis ein Mann dich wegschnappt.“

Sein Blick war wieder neckend, und alle Ernsthaftigkeit anscheinend vergessen.

„Mich wegschnappt? Aber sicher weißt du, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin. Bin bereits dreiundzwanzig und dementsprechend eine alte Jungfer.“

„Du? Du wirst nie eine alte Jungfer, Molly. Du wirst auch mit fünfzig noch so faszinierend sein wie heute.“

„Das ist schwerlich ein tröstlicher Gedanke“, sagte ich. „Mit fünfzig immer noch eine Gesellschaftsdame? Sollen wir weitergehen?“ Ich stand auf. Diese Unterhaltung führte eindeutig nicht zum gewünschten Ergebnis. Daniel hatte mehrere Gelegenheiten gehabt, seine Absichten zu erklären, und hatte jedes Mal elendig versagt. Es war nicht so, dass er zögerlich oder schüchtern wäre. Dann sagte er etwas, dass mich erkennen ließ, wie sein Verstand funktionierte.

„Ich wünschte, du würdest der Stelle als Gesellschaftsdame eine Chance geben, Molly. Miss van Woekem ist in der New Yorker Gesellschaft sehr angesehen. Meine Eltern sehen wirklich zu ihr auf. Bei ihr zu sein würde dich in die Gesellschaft hier einführen.“

Dann wurde es mir klar. Deswegen zögerte er – er wollte kein irisches Bauernmädchen heiraten, das gerade die Heimaterde verlassen hatte. Ich hatte Irland, seinen Standesdünkel und die Klassenvorurteile verlassen und den Atlantik überquert, nur um in der Neuen Welt denselben Standesdünkel vorzufinden. Und ihn, dessen Eltern während der Großen Hungersnot mit nichts in den Händen herübergekommen waren. Nun, wenn Daniel Sullivan so dachte – ich öffnete den Mund, um ihm zu sagen, was er mit seiner Gesellschaftsdamenstelle und auch mit Miss van Soundso anstellen konnte. Ich hielt mich im letzten Moment zurück. Er dachte vermutlich, dass er das um meinetwillen tat. Er wünschte sich, dass ich mich einfügte und in der Gesellschaft hier akzeptiert würde. Außerdem war es sicherlich besser als Fisch auszunehmen. Was hatte ich zu verlieren? „Also gut, wenn du glaubst, dass ich sie annehmen sollte, bin ich bereit, es zu versuchen.“

Er blieb stehen und legte mir seine Hände auf die Schultern. „Braves Mädchen“, sagte er und küsste mich auf die Stirn.

„Sollen wir es heute mit dem Ur-Wald versuchen?“ Ich zeigte auf den einladenden Waldweg, der im Unterholz zu meiner Linken verschwand. Der Bereich des Central Parks, der als Ur-Wald bekannt war, bestand aus einer Reihe gewundener, sich überschneidender Wege, die durch ein dichtes Wäldchen führten. Bereits nach wenigen Schritten war es dort schwer zu glauben, dass man sich mitten in einer großen Stadt befand. Es war außerdem einer der wenigen Orte, an dem man ungestört einen Kuss stehlen konnte.

Aber Daniel schüttelte den Kopf. „Es ist heute zu heiß zum Spazieren. Warum gehen wir nicht zur Eisdiele?“

„Eis? Das wäre wundervoll!“ An einem heißen Tag wie heute gewann auch für mich Eis gegen Küsse. Ich hatte gerade erst mein erstes Eis probiert und war immer noch erstaunt über den Ort, an dem solcher Luxus jeden Tag erhältlich war.

Daniel lächelte über meine Begeisterung. „Verändere dich nie, ja?“

„Ich werde vielleicht zu einer bitteren und hochnäsigen alten Jungfer, wenn Miss van Woekem mich beeinflusst“, gab ich zurück.

Er lachte und legte mir den Arm um die Taille. Trotz der Hitze und der Tatsache, dass das an einem Sonntag im Park gewiss kein anständiges Verhalten war, hielt ich ihn nicht davon ab. Wir schlossen uns dem Strom der Spaziergänger auf dem breiten East Drive an. Es schien, als sei halb New York dort unterwegs. Die Oberschicht fuhr in ihren Kutschen vorüber und nahm den Strom der Fußgänger neben sich gar nicht wahr. Auf dem sandigen Fußweg liefen normale Leute wie wir, strenge, ganz in schwarz gekleidete italienische Mütter mit Scharen lärmender Bambinos, jüdische Familien mit bärtigen Patriarchen und ernsten, kleinen Jungen mit Kippot auf den Köpfen, stolze Vätern, die große Kinderwagen schoben – jede Sprache unter der Sonne wurde um uns herum gesprochen. Als wir uns dem Tor näherten, stieg der Geräuschpegel an – Musik eines Karussells wetteiferte mit einem italienischen Leierkastenmann und den Schreien des Eisverkäufers. Ich wusste, dass Daniel nicht im Park Eis kaufen würde. Man wisse nie, woraus es gemacht sei, sagt er, und Typhus war bei dem heißen Wetter eine ständige Sorge.

Plötzlich trat ein eleganter, kleiner Mann in braunem Anzug und Melone vor uns.

„Keine Bewegung!“, rief er.

„Es ist in Ordnung. Er macht nur ein Foto von uns“, flüsterte Daniel, als ich alarmiert zusammenzuckte. „Er ist einer der Parkfotografen.“

Ich sah, wie der Mann eine kleine, schwarze Kiste auf uns richtete, dann hörte ich ein Klicken.

„Na bitte, Sir. Schönes Andenken an den Tag“, sagte er und nickte ernst. Er hatte einen seltsamen Akzent, der eine Mischung aus Londoner Cockney und New Yorker Bowery zu sein schien. Er kam auf Daniel zu. „Hier ist meine Karte, falls Sie bei mir im Atelier vorbeikommen und das Foto Ihrer Freundin erwerben möchten.“

Während er Daniel seine Karte reichte, kam er näher und ich dachte, ich sähe, wie seine Hand sich auf Daniels Tasche zubewegte. Es war im Bruchteil einer Sekunde vorüber, also wusste ich nicht, ob ich meinen Augen trauen konnte. Einen Moment lang war ich zu erschrocken, um etwas zu tun, dann, als ich Daniels Arm packte um ihn zu warnen, sah ich, wie sich die Hand des Mannes von Daniel wegbewegte: sie war leer. Ich wollte keine Szene machen, also schwieg ich, bis wir an dem Fotografen vorbeigegangen waren.

„Ich glaube, der Mann hat versucht, dich zu bestehlen“, flüsterte ich.

„Dann hatte er kein Glück“, sagte Daniel lächelnd. „In der Tasche habe ich nur mein Taschentuch.“

Er ließ eine Hand in die Tasche gleiten und mir fiel auf, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. „Ja, der Bursche hatte allerdings Pech“, sagte er und nahm meinen Arm. „Komm, lass uns ein Eis essen gehen.“

Zwei

Ein sehr steifes Dienstmädchen führte mich in das edle Backsteinhaus mit schmiedeeisernen Balkonen am Südende des Gramercy Park.

„Miss Murphy, Ma’am“, sagte sie und machte einen Knicks, ehe sie sich zurückzog. Die alte Frau, die in einem Sessel mit hoher Rückenlehne am Fenster saß, sah aus, als wäre sie aus Marmor gehauen. Ihr Gesicht war zu einem lebendigen Totenschädel zusammengeschrumpft, aber die Augen, die mich fixierten, waren immer noch sehr lebendig.

„Nun, komm herein, Mädchen. Steh da nicht so herum“, sagte sie mit durchdringender, rauer Stimme, die klang, als hätte sie ihre Besitzerin ausgetrocknet. „Wie heißt du?“

„Molly. Molly Murphy.“ Ihr Blick war so erbittert, dass ich erschrak.

Sie schnaubte. „Molly – ein Spitzname, der nur Bäuerinnen und Bediensteten taugt. Du wurdest vermutlich auf einen christlichen Namen getauft.“

„Ich wurde auf den Namen Mary Margaret getauft.“

„Und das ist etwas zu anmaßend für jemanden deines Standes. Niemand unterhalb der Mittelschicht braucht zwei Namen. Ich werde dich einfach nur Mary nennen.“

„Sie können mich nennen, wie Sie wollen, ich werde nicht reagieren.“ Ich hatte mich ausreichend erholt, um ihren starren Blick herauszufordern. „Mein Name ist Molly. Das war er schon immer. Wenn er Ihnen nicht gefällt, können Sie mich Miss Murphy nennen.“

Sie öffnete den Mund, setzte an etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder mit einem verächtlichen Laut.

„Lass mich dich ansehen.“

Ich konnte spüren, wie sich der Blick ihrer Knopfaugen in mich bohrte. „Trägst du kein Korsett, Mädchen?“

„Ich habe nie eins getragen“, sagte ich. „Da, wo ich herkomme, haben wir uns mit sowas nicht befasst.“

Sie machte ein missbilligendes, sich mokierendes Geräusch. „Daniel erwähnte, dass du gerade erst aus Irland gekommen bist, aber er hat nicht gesagt, dass du direkt aus dem Sumpf kommst. Wenn du heute gehst, werde ich dir Geld geben und du wirst meinen Kostümschneider aufsuchen, um dir ein Korsett anpassen zu lassen. Und was den Rest deiner Garderobe betrifft – ich nehme nicht an, dass ich von dir erwarten kann, in der Sommerhitze schwarz zu tragen. Besitzt du ein schlichtes, graues Kleid?“

„Ich besitze allgemein nicht viel“, sagte ich. „Ich musste die meisten meiner Sachen in Irland lassen.“

Ich erwähnte nicht den Grund dafür, warum ich so übereilt aufbrechen musste. Niemand kannte ihn, abgesehen von mir. Niemand würde davon erfahren.

„Ich lasse meine Haushälterin nachsehen, ob es im Bediensteten-Schrank etwas Passendes gibt“, sagte sie.

„Ich dachte, dass Sie eine Gesellschaftsdame suchen, keine Bedienstete.“ Wieder wetteiferte ich mit ihrem Blick. Mit dieser Hakennase und den kleinen, schwarzen Augen erinnerte sich mich an irgendeine Vogelart. Einen Raubvogel, eindeutig. „Ich gehe nicht mehr viel aus“, sagte sie. „Ich umgebe mich gerne mit Dingen, die den Augen schmeicheln.“ Mein Blick folgte ihrem durch den Raum. Er schmeichelte den Augen in der Tat – nicht überhäuft mit Krimskrams wie andere Zimmer begüterter Menschen, die ich gesehen hatte, vermochte er es, gleichzeitig asketisch und elegant zu wirken. Die Möbel waren aus auf Hochglanz poliertem Mahagoni mit einer Menge Seidenkissen; ein Mahagoni-Bücherregal voller Lederfolianten nahm den Großteil einer Wand ein. Es gab eine Lampe in der Form eines Miniatur-Buntglasfensters und an den Wänden ein paar gute, wenn auch düstere Gemälde. Man würde es nicht als das Zimmer einer Frau bezeichnen, aber es war ein Raum, der eindeutig von gutem Geschmack zeugte.

„Die Lampe ist von Mr. Tiffany“, sagte sie, als sie meinen Blick bemerkte. „Mein einziges Zugeständnis zur neuesten Mode. Und das Gemälde über dem Kamin–“

„Sieht aus wie aus der flämischen Schule“, sagte ich und beobachtete das dunkle und fast zu echt aussehende Stillleben eines toten Fasans und einiger Früchte. „Ist das eine Kopie eines Vermeers?“

Sie schnaubte. Ich konnte nicht sagen, ob das Geräusch erfreut oder verächtlich war. „Es ist ein Vermeer“, sagte sie. „Und woher weißt du etwas über Malerei? Hängen sie heutzutage Vermeers in irische Cottages?“

„Ich bin nicht ungebildet, auch wenn ich nicht modisch gekleidet bin. Unsere Gouvernante war eine große Verehrerin der Kunst. Sie hatte all die feinen Galerien Europas besucht.“

„Du hattest eine Gouvernante?“ Sie sah mich ungläubig an.

„Ich wurde zusammen mit den Töchtern des Gutsbesitzers ausgebildet“, antwortete ich und hoffte, sie würde mich in dieser Angelegenheit nicht weiter befragen.

Sie starrte mich auf eine Weise an, die unter Gleichgestellten als unhöflich gelten würde, und versuchte offensichtlich zu entscheiden, ob ich log oder zu unverschämt war, um mich anzustellen. „Du hast ein einigermaßen hübsches Gesicht“, sagte sie schließlich, „und du benimmst dich gut, aber dieser Aufzug hat gewiss bessere Tage gesehen. Ich lasse meinen Schneider kommen und bei dir Maß nehmen. Vielleicht nicht Grau. Das passt nicht zu deinem Haar, das recht eindrucksvoll sein könnte, wenn man es ordentlich macht.“ Mit Rücksichtnahme auf meine Stelle als Gesellschaftsdame hatte ich es vermocht, meine unbändigen roten Locken zu einem ernsten Dutt zusammenzudrehen. Nicht allzu erfolgreich, wie ich hinzufügen muss. Der Versuch, mein Haar zu bändigen, glich in etwa dem Versuch, die Gezeiten zu kontrollieren.

„Wenn du etwas von Kunst verstehst und von einer Gouvernante unterrichtet wurdest, weißt du vermutlich auch, wie man anspruchsvollere Schriften liest als bloß Groschenromane.“

„Es gibt nichts, was ich lieber tue.“ Ich ließ meinen Blick zum Bücherregal wandern. „Ich lese, wann immer ich kann.“

„In diesem Fall erweist du dich am Ende vielleicht doch als zufriedenstellend, trotz deines Erscheinungsbilds. Du kannst damit anfangen, mir vorzulesen. Was liest du gern?“

„Oh, die Romane von Charles Dickens–“

„Populärer, gefühlsduseliger Quatsch, geschrieben für die Massen“, sagte sie. „Wieso muss man etwas über Elend lesen, wenn es bereits genug davon auf unseren Türschwellen gibt?“

„Dann Jane Austen.“

„Fraulicher Firlefanz. Du wirst in diesem Haus nicht viele Romane finden, Miss Murphy. Ich glaube, dass das Lesen nur zwei Zwecken dient – der Bildung und der Erbauung. Wenn du jetzt so gut wärst, den schmalen Band zu holen, der auf dem Sofa liegt, und mir daraus vorzulesen. Es ist ein gerade veröffentlichter Bericht über die Gräueltaten des letzten Jahres in China, geschrieben von der Schwester eines Missionars, der enthauptet wurde. Ich fürchte, dass es einige Rassen gibt, die wir nie erfolgreich zivilisieren oder christianisieren werden.“

„Die Chinesen haben eine sehr alte Zivilisation und wollten womöglich nicht christianisiert werden“, führte ich an.

„Welch einen Unsinn du redest, Mädchen. Es ist unsere Pflicht, das Evangelium zu verbreiten. Aber ich schätze, du bist eine von diesen heiligen Römern. Du hast nie die Lektionen von Martin Luther oder John Calvin gelernt, Gott sei’s geklagt. Und jetzt denkt meine Patentochter darüber nach, einen von ihnen zu heiraten. ‚Du bringst den Jungen besser vor der Hochzeit auf Linie‘, habe ich zu ihr gesagt, denn ich werde keinem Gottesdienst beiwohnen, bei dem sie Weihrauch herumschwingen und Götzen anbeten.“

Ich entschied, dass dies ein Moment war, um den Mund zu halten, und ging das Buch holen.

„Aber Arabella ist ein eigensinniges Mädchen und schert sich wahrscheinlich keinen Deut um die Meinung anderer, nicht einmal meine, obwohl sie weiß, dass sie alles von mir erben wird“, fügte sie hinzu, während ich den Raum durchquerte.

Ich stellte fest, dass ich mit erzwungenem Lächeln im Gesicht die Zähne zusammenbiss. Ich hoffte, Daniel wusste, was ich für ihn tat, denn ich war mir nicht sicher, wer zuerst nachgeben würde, ich oder Miss van Woekem. Ein weißer Fellteppich lag hinter dem Sofa. Gerade als ich darauftreten wollte, sprang er auf, jaulte und fuhr seine Krallen nach mir aus. Also gab es hier doch Katzen.

„Pass auf, was du tust, du tollpatschiges Mädchen“, blaffte Miss van Woekem. „Du hast Prinzessin Yasmin ganz schön aus der Fassung gebracht.“

Ich unterließ es, zu erwähnen, dass Prinzessin Yasmin mich auch ganz schön aus der Fassung gebracht hatte. Die große, weiße Perserkatze beobachtete mich mit einem Ausdruck vollkommener Verachtung. Ich streckte vorsichtig eine Hand an ihr vorbei und hob das Buch auf. Ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen. Sie wandte mir den Rücken zu und begann, eine Pfote zu lecken, als sei ich vollkommen belanglos.

Nachdem ich eine Stunde lang vorgelesen hatte, erschien das Dienstmädchen und gab bekannt, dass das Mittagessen fertig sei.

„Ich werde meins hier einnehmen, auf einem Tablett“, verkündete Miss van Woekem. „Miss Murphy wird am Esstisch dinieren.“ Sie bedeutete mir mit einem Nicken, das Buch zu schließen. „Du hast für jemanden deines Standes erstaunlich gut gelesen. Deine Aussprache ist selbstverständlich ungeschliffen, aber ich bin freudig überrascht. Vielleicht passt du am Ende doch.“

„Oder vielleicht auch nicht“, dachte ich, als ich dem Dienstmädchen ins Esszimmer folgte. Falls Daniel glaubte, dass das hier leicht war, hatte er es nie versucht.

Ich nahm die Mahlzeit allein an einem gewaltigen, polierten Mahagonitisch ein, während das Dienstmädchen hinter mir in Bereitschaft wartete. Ich werde allerdings nicht behaupten, dass es mir nicht gefiel. Für jemanden, der – laut meiner Mutter – stets Vorstellungen hatte, die über seinen Stand hinausgingen, war dies die Art, wie ich schon immer hätte essen sollen. Und das Essen war köstlich – irgendeine Art kalte Fischmousse und Salat, zum Nachtisch frisches Obst und winzige Baisers und zu trinken gab es frisch zubereitete Limonade. Die Arbeit gefiel mir immer besser, besonders als ich feststellte, dass Miss van Woekem ein nachmittägliches Nickerchen machte und ich ihre Bibliothek durchstöbern durfte.

Nach dem Tee am kleinen Tisch im Wohnzimmer wies sie mich an, ihren Rollstuhl fertigzumachen. Das Dienstmädchen brachte ihn in die Vorhalle – es war ein neumodisches Gerät aus Weide – und half Miss van W. hinein.

„Du kannst mich durch den Park schieben, Mädchen. Es ist zu dieser Tageszeit der angenehmste Ort.“

Der zentrale Platz des Gramercy Park war ein von einem eisernen Zaun eingefasster Garten voller Bäume, Büsche und Blumen. Ich schob sie über die Straße zum Eingang des Parks, einem schmiedeeisernen Tor an der Nordseite. Als ich mich näherte, verließ gerade ein betagtes Pärchen den Park. Der Mann, der einen beeindruckenden, weißen Schnurrbart trug, nahm seinen Strohhut ab, machte eine ausladende Verbeugung und hielt dann für uns das Tor auf, sodass wir hindurchgehen konnten.

„Guten Abend, Miss van Woekem. Wieder entsprechend warm, würden Sie nicht auch sagen?“

Miss van Woekem nickte ihm zu. „Es ist Juli, das versteht sich von selbst. Guten Tag.“

Als wir den Park betraten, flüsterte sie mir zu: „Abscheulicher Mann. Nur weil er McKinley in Ohio begegnet ist, glaubt er, vergessen zu können, dass sein Vater ein Lebensmittelhändler war.“

Ich schob sie durch den Park und genoss den Schatten unter den Bäumen, die süß duftenden Büsche und die Beete voller herrlicher Blumen. Mir fiel ein Mann in braunem Anzug und Melone auf, der unter diesen Bäumen stand und beinahe mit den Schatten verschmolz, während wir vorübergingen. Ich fragte mich, ob er ein Gärtner war, aber er tat nichts und ich sah auch keinerlei Arbeitsgeräte. Er stand nur da, starrte auf ein Haus an der Südseite des Parks und bemerkte uns nicht einmal.

In der Ferne schlug eine Uhr sechs. „Zeit zu gehen“, sagte Miss van Woekem. „Ich muss mich fürs Abendessen umziehen. Meine Patentochter ist vielleicht auch da, es sei denn, sie bekommt ein besseres Angebot. Sie ist für ein paar Tage zum Einkaufen in der Stadt. Du kannst mich nach Hause bringen.“

Ich schob sie zum Tor des Parks und lehnte mich dagegen. Es blieb fest verschlossen.

„Hast du den Schlüssel nicht mitgenommen, Mädchen?“, fragte sie verärgert.

„Schlüssel? Ich wusste nicht, dass es einen Schlüssel gibt.“ Ich spürte, wie ich errötete.

„Welch eine Dummheit! Natürlich gibt es einen Schlüssel. Wir wollen doch kein Gesindel hereinlassen, nicht wahr?“

„Das hätten Sie erwähnen sollen, ehe wir aufbrachen“, sagte ich.

„Du bist schrecklich unverfroren und dir deines Standes nicht bewusst.“

„Ich dachte, Sie bräuchten eine Gesellschaftsdame, die der Definition nach keine Untergebene ist“, sagte ich. „Wenn ich Ihnen nicht passe, dann sollten Sie sich vielleicht anderswo umschauen.“

Wir starrten einander an wie zwei Hunde, deren Reviere sich überschnitten.

„Ich glaube, ich werde es irgendwann schaffen, dich in Form zu bringen“, sagte sie und ihre Augen schienen leicht zu funkeln. „Und du findest besser einen Weg, wie wir vor Einbruch der Nacht aus diesem Park herauskommen.“

Ich ließ den Stuhl im Schatten stehen und ging in der Hoffnung durch den Park, die Aufmerksamkeit von Passanten außerhalb des Zauns zu erregen. Aber der Platz war menschenleer, abgesehen von zwei Dienstmädchen, die auf der anderen Seite entlangeilten, und einer Kutsche, die in zügigem Trab zu schnell zum Anrufen an mir vorüberfuhr. Als ich mich der südöstlichen Ecke näherte, in der die meisten Bäume standen, erinnerte ich mich an den Mann in Braun. Ich hatte ihn den Park nicht verlassen sehen, also musste er einen Schlüssel für uns haben. Aber er stand nicht länger unter den Bäumen. Ich sah mich um. Abgesehen von einem Eichhörnchen, das über den Rasen eilte, bewegte sich nichts.

Doch dann raschelte ein großer Busch, der nah am Zaun stand. Die Bewegung war zu kräftig, als dass ein Eichhörnchen sie verursacht haben könnte. Eine Katze vielleicht. Ich ging näher heran, dann erstarrte ich, als ich den Mann in Braun neben dem Busch knien sah. Er drehte sich um und blickte sich nervös um. Ich schaffte es, gerade rechtzeitig hinter einem Baumstamm zu verschwinden. Offensichtlich zufrieden, dass niemand ihn sah, packte er einen der Eisenstäbe des Zauns, entfernte ihn, glitt durch die Öffnung und setzte den Stab wieder ein. Es war alles in einer Sekunde vorbei. Ich beobachtete, wie er sich abbürstete und dann pfeifend die Straße hinunterging.

Ich war so beeindruckt, dass ich einen Moment brauchte, bis mir einfiel, dass ich ihn schon einmal gesehen hatte. Es war derselbe Mann, der im Central Park ein Foto von uns gemacht hatte.

 

Drei

Bis zum nächsten Tag dachte ich nicht an den seltsamen Vorfall. Ich nahm an, dass der Mann den Park lediglich ohne Anwohnerschlüssel betreten wollte. Der kühle Schatten war an diesen stickigen Sommertagen, an denen die Hitze von den Pflastersteinen aufstieg und von den Wänden reflektiert wurde, gewiss verlockend.

Ich war seinem Beispiel gefolgt und durch den lockeren Stab nach draußen gelangt, hatte dann vom Dienstmädchen den Schlüssel geholt, aber Miss van Woekem keine Details über meine Flucht erzählt. Ich hatte mir den Stab allerdings zum zukünftigen Gebrauch gemerkt.

Ich kam an diesem Abend nach Hause und fand meine Vermieterin in Aufregung.

„Nun, da sind Sie ja endlich, Miss Murphy, und keine Sekunde zu früh.“ Sie trat auf den Flur hinaus und blockierte mir den Weg. Sie hatte eine unheimliche Angewohnheit das zu tun, egal zu welcher Uhrzeit ich nach Hause kam. Sie war eine dieser Frauen, die meine Mutter „Spitzengardinen-Iren“ genannt hatte – nichts Besseres zu tun, als hinter ihren Spitzengardinen zu sitzen und die Welt zu beobachten.

„Wieso, was ist denn passiert, Mrs. O’Hallaran?“, fragte ich.

„Die Hölle ist ausgebrochen.“ Sie zeigte die Treppe hinauf. „Die Hälfte des Gesindels aus der Lower East Side, wenn Sie mich fragen.“

„Oh, das wird die Familie seines Cousins sein.“ Ich wurde mutlos. Die Menschen, die ich in New York City am wenigsten leiden konnte.

„Eine Schar wilder Kinder, die so viel Lärm machten, dass ich ihn selbst zu ihnen heraufschicken musste. Noch mehr Lärm, und sie fliegen raus.“ Sie wandte sich mir wieder zu. „Mir wurde zu verstehen gegeben, dass Captain Sullivan Sie als ruhige und vernünftige junge Frau empfahl. Jetzt sehen Sie, was Sie uns ins Haus gebracht haben.“

„Es tut mir leid, Mrs. O’Hallaran“, sagte ich, „aber ich habe Ihnen die Situation der O’Connors erklärt. Ich habe mich für diese Kinder verantwortlich gefühlt, wie Sardinen in dieses schreckliche Mietshauszimmer gedrängt, während ihre arme Mutter zu Hause in Irland im Sterben liegt.“

Der grimmige Ausdruck meiner Vermieterin wurde sanfter. „Nun, natürlich haben Sie sich verantwortlich gefühlt, nicht wahr. Jeder anständigen, gottesfürchtigen Frau wäre es so ergangen. Die armen Kleinen in einem fremden Land, während ihre liebe Mutter vielleicht schon bei den Engeln ist.“ Sie hielt inne, um sich zu bekreuzigen. „An diesen beiden ist nichts falsch, was eine starke Hand nicht in Ordnung bringen könnte, aber diese Cousins ...“

„Ich bin ganz Ihrer Meinung“, murmelte ich. „Ich werde mit ihnen sprechen.“

„Ja, tun Sie das, Miss Murphy. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.“

Ich seufzte, als ich die Treppe hinaufstieg. Ich hatte nicht geahnt, was ich auf mich nahm, als ich zwei Kinder über den Atlantik begleitet und zu ihrem Vater gebracht hatte. Ich hatte erwartet, sie ihm auszuhändigen und aus ihrem Leben zu verschwinden, aber ich hatte festgestellt, dass das nicht leicht war. Sie waren, wie Mrs. O’Hallaran gesagt hatte, arme Kleine. Ich konnte sie nicht bei Nuala, diesem Drachen von einer Cousine, und ihrer Familie in einer Zweizimmerwohnung lassen. Wir hatten uns von Anfang an gehasst, als ich mit den Kindern von Ellis Island gekommen war. Nuala hätte nicht weniger gastfreundlich sein können, obwohl ich nirgendwo anders hinkonnte. Was der Grund dafür war, dass ich Seamus und seine kleine Familie aus diesem Elend befreien wollte, sobald Daniel dieses wundervolle Dachgeschoss auf der Eastside der 4th Street für mich gefunden hatte. Ich hatte den kleinen Seamus, dem ich den Spitznamen Shameyboy gegeben hatte, und die kleine Bridie sehr liebgewonnen. Mich um sie zu kümmern schien das Mindeste zu sein, das ich für ihre arme Mutter Kathleen tun konnte, die sich zu Hause in Irland schreckliche Sorgen machen musste. Ich hatte Bedenken gehabt, die beiden allein zu lassen und zu Miss van Woekem zu gehen. Sie waren zu klein, um den ganzen Tag lang allein in einer so großen Stadt zu sein, während ihr Vater Achtzehn-Stunden-Schichten arbeitete, um den Tunnel für die neue Untergrundbahn zu graben. Ich musste mich daran gemahnen, dass sie lernen mussten, auf eigenen Füßen zu stehen. New York war die Sorte Ort, an dem nur die Stärksten überlebten. Und schließlich war ich nicht mit ihnen verwandt. Für Miss van Woekem zu arbeiten wäre eine Möglichkeit, ihnen Unabhängigkeit beizubringen, entschied ich, als ich das nächste Stockwerk emporstieg. Es wäre an Seamus, die Verantwortung für seine Kinder zu übernehmen.

Der nächste Vormittag verging schnell und erstaunlich reibungslos. Miss van Woekem erteilte mir die Aufgabe, ihre Strickwolle zu sortieren. Als ich nach erfolgreicher Mission zurückkehrte, stellte ich fest, dass sie aus dem Fenster starrte.

„Da ist ein fremder Mann im Park“, sagte sie ohne aufzusehen. „Er ist schon den ganzen Morgen dort.“

Ich ging zu ihr ans Fenster. Es war der Mann im braunen Anzug.

„Er war auch gestern dort“, sagte ich. „Er stand an der gleichen Stelle.“

„Das hört sich nicht gut an“, sagte Miss van Woekem. „Wahrscheinlich ein Einbrecher, der überlegt, welches Haus er sich vornehmen soll.“

„Er lässt sich mit der Entscheidung schrecklich viel Zeit“, sagte ich. „Wenn er schon den ganzen Morgen dort steht, und gestern auch dort war.“

„Er beobachtet unser Verhalten und schaut, wann ein Haus leer sein könnte. Geh, such einen Constable und bring ihn her.“

Ich tat, worum sie mich gebeten hatte und kehrte mit einem großen, rotgesichtigen Constable zurück, den ich an der Ecke 4th Avenue und 21st Street angetroffen hatte.

„Ein seltsamer Mann im Park, sagen Sie, Miss?“, fragte er und schlug sich seinen Schlagstock in die Handfläche, um zu zeigen, dass er einsatzbereit war. „Wir kümmern uns gleich um ihn. Was genau hat er gemacht? Hat er jemanden belästigt?“

„Nein, er stand nur da und starrte eins der Häuser an.“

Wir erreichten Gramercy Park. „Wo genau haben Sie ihn zuletzt gesehen?“, fragte der Constable mit leiser Stimme. Ich zeigte in Richtung der südwestlichen Ecke. Er nickte. „Wir spazieren auf der anderen Seite entlang, beiläufig, sodass er denkt, wir hätten ihn gar nicht bemerkt. Dann schlüpfe ich in den Park und schnappe ihn mir.“

„Da ist er“, flüsterte ich. „Sehen Sie, unter dem großen Baum.“

Er warf einen raschen Blick dorthin, dann noch einen. „Ach, um den müssen Sie sich keine Sorgen machen, Miss. Das ist der alte Paddy. Ich kenne ihn gut. Würde keiner Fliege was zuleide tun. Ich nehme an, dass er Vögel beobachtet. Das macht er für gewöhnlich.“

Das berichtete ich Miss van Woekem. „Vögel beobachten?“, rief sie. „Mir war nicht bewusst, dass Vögel im zweiten Stock von Häusern nisten. Doch wenn die Polizei ihn für harmlos hält ... sie sind verantwortlich, wenn es einen Einbruch gibt.“

Während sie an diesem Nachmittag ihr Nickerchen machte, sah ich wieder aus dem Fenster. Was genau tat er da? Dann sah ich, dass etwas im Sonnenlicht aufblitzte. Ein Fernglas! Der Mann benutzte ein Fernglas, um die Häuser zu beobachten. Dann traf mich die Erkenntnis. Er war ganz und gar kein Einbrecher. Er war irgendeine Art Ermittler. Und der Constable musste gewusst haben, was er tat. Vielleicht arbeitete er sogar für die Polizei ...

Meine Gedanken wanderten zurück zu unserem Treffen am Sonntagnachmittag. Ich dachte an Daniels entspanntes Lächeln, als ich ihm sagte, dass der Mann versucht hatte, ihn zu bestehlen, und wie sich dann sein Ausdruck veränderte, als er seine Hand in die Tasche gesteckt hatte. Wie hatte ich so blind sein können? Er hatte ihm etwas in die Tasche gesteckt.

Aufregung durchfuhr mich. Ich hatte mit Daniel darüber gesprochen, mich als Ermittlerin niederzulassen, aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie ich das anstellen sollte. Als ich versucht hatte, ein richtiges Verbrechen aufzuklären, war ich mit Glück oder Pech über Hinweise gestolpert, nicht meiner Fähigkeiten wegen. Und jetzt arbeitete hier vor meinen Augen ein echter Ermittler. Sobald ich Feierabend hätte, würde ich Daniel im Polizeihauptquartier besuchen. Ich würde ihn dazu bringen, mir alles zu erzählen, was er über den Mann im braunen Anzug wusste. Wenn er tatsächlich mit der Polizei zusammenarbeitete und kein Gangster war, würde ich ihn aufsuchen und bitten, mich als Auszubildende einzustellen.

Ich wartete ungeduldig darauf, dass der Tag zu Ende ging.

„Hör auf, herumzuzappeln, Mädchen. Du benimmst dich ja, als säßest du auf einem Ameisenhügel“, schalt Miss van Woekem. „Was stimmt nicht mit dir?“

„Es ist nichts. Ich schätze, ich bin es nicht gewöhnt, den ganzen Tag in einem Zimmer eingesperrt zu sein. Ich bin an der frischen Luft großgeworden. Möchten Sie, dass ich Sie noch mal für einen Spaziergang in den Park bringe?“

„Nein, danke. Dafür habe ich heute keine Zeit. Ich treffe meine Patentochter im Theater. Sie besteht darauf, dass ich mir mit ihr ein neues Stück ansehe. Ich weiß, dass es furchtbar wird. Es ist von einem langweiligen, jungen Europäer, und europäische Stücke sind stets Mittelschichtmelodramen. Als ob die Mittelschicht irgendetwas anderes als langweilig sein könnte. Aber ich muss das Kind bei Laune halten, wenn sie in die Stadt kommt. Ich sehe sie nicht oft genug.“ Sie blickte aus dem Fenster. „Du kannst heute früher gehen und dir etwas Stoff für ein Kleid aussuchen. Nichts Schrilles, verstehst du? Eine einfache, würdevolle Farbe – beige oder grau wären passend. Hier ist das Geld.“ Sie fischte in ihrer Netztasche herum und gab mir zwei Dollar. „Bring den Stoff morgen mit, dann werde ich veranlassen, dass mein Schneider bei dir Maß nimmt.“

Ich nahm das Geld und dachte, dass ich vielleicht gar keinen Stoff kaufen würde. Falls ich Daniel den Namen und die Adresse des alten Mannes aus der Nase ziehen konnte, würde Miss van Woekem sich eine neue Gesellschaftsdame zum Drangsalieren suchen müssen. Ich machte mich auf den Weg, mein Herz schlug voller Erwartung schneller.

Ich hatte Daniel nicht im Polizeihauptquartier in der Mulberry Street besucht, seit ich als Verdächtige dorthin gebracht worden war, und ich verspürte immer noch ein kaltes Gefühl der Furcht, als ich die Steinstufen hinaufstieg und den hallenden, gekachelten Flur entlangging. Obwohl die Vernunft mir sagte, dass ich auf der anderen Seite des Atlantiks sicher sei und dass mich meine Vergangenheit nie einholen würde, fiel es mir dennoch schwer zu atmen.

Daniels Büro lag auf der anderen Seite des Flurs, Vorderseite und Tür waren aus Glas. Ich konnte die Silhouette einer Gestalt sehen, die an seinem Schreibtisch saß. Also hatte ich Glück. Er war nicht für einen Fall unterwegs und hatte vielleicht sogar Zeit, um zum Abendessen mit mir eine Pause zu machen. Ich klopfte und schob die Tür in einer Bewegung auf.

„Du errätst nie, wen ich gerade im Gramercy Park gesehen habe, Dan“, setzte ich an, dann unterbrach ich mich verwirrt. „Oh, ich bitte um Verzeihung. Ich hatte erwartet, Captain Sullivan hier anzutreffen.“

Die Gestalt an Daniels Schreibtisch war eine exquisite junge Frau in einem rosafarbenen Kleid mit einer riesigen Kamee am Hals. Eine üppige Masse dunklen Haars türmte sich über einem elfengleichen Gesicht auf und wurde von einem dieser neumodischen, kleinen Hüte bedeckt, mit nur einem winzigen, rosaroten Schleier, der sich frech nach vorne schob. Ihre großen, blauen Augen wurden vor Überraschung noch größer, als sie mich ansah.

„Wenn ich es richtig verstanden habe, ist er jeden Moment zurück.“ Sie sprach mit sanfter, mädchenhafter Stimme und hatte einen amerikanischen Akzent. „Obwohl man das bei Polizisten nie weiß, nicht wahr?“ Sie lächelte und offenbarte Grübchen. „Wenn Sie eine dringende Nachricht für ihn haben, Miss, könnten Sie sie aufschreiben. Ich werde dafür sorgen, dass er sie bekommt.“ Sie starrte mich an und versuchte schlau aus mir zu werden. „Sie sind keine Zeugin eines Verbrechens, oder? Ich bin immer ganz verrückt danach, etwas über Verbrechen zu hören. Ich hoffe inniglich, einmal Zeugin zu werden, aber in White Plains scheint nie etwas zu passieren.“

„Nein, ich bin keine Zeugin. Bloß eine Freundin, die vorbeischaut, um Daniel eine Nachricht zu überbringen.“

„Ah, nun, wenn Sie eine Freundin sind, haben Sie bestimmt alles über mich gehört.“

„Ich fürchte nicht. Sie sind?“

„Daniels Verlobte, Arabella Norton. Hat er Ihnen nicht von mir erzählt? Ungezogener Junge.“ Sie lachte albern. „Nun, ich schätze, er plaudert nicht vor jedem, den er in New York trifft, sein Privatleben aus.“

Die Welt stand still. Sie lächelte noch immer. „Ich bin zum Einkaufen und fürs Theater in der Stadt, also dachte ich, ich schaue rein und überrasche ihn.“

„Oh, ich kann mir vorstellen, dass Sie das tun.“ Ich kämpfte um einen gelassenen Gesichtsausdruck. „Wenn Sie mich jetzt also entschuldigen, Miss Norton, ich werde Sie nicht länger belästigen. Was ich zu sagen habe, kann bis zu einem anderen Mal warten.“

„Ach, lassen Sie doch eine Nachricht da. Ich verspreche Ihnen, dass er sie bekommt.“

„Keine Nachricht“, sagte ich und ging ruhigen Schrittes und mit erhobenem Haupt hinaus.

Erst als ich das Gebäude verließ, musste ich mich an einem Geländer festhalten und mich ans Atmen erinnern. Dann begann ich zu gehen, schneller und schneller, schritt aus ohne Plan und ohne Richtung. Alles, was ich wollte, war schnell genug weit weg zu gehen, damit der hohle Schmerz in meinem Herzen verschwand. Die Zeit zum Abendessen näherte sich und die Straßen waren voll von Fabrikmädchen, die von der Arbeit kamen, Hausfrauen die in letzter Minute bei den Karren auf der Straße Einkäufe machten, und Kindern, die am Boden auswichen, während sie wilde Spiele spielten.

All das zog verschwommen an mir vorbei. Mir fiel weder meine Umgebung auf, noch wie heiß mir war, als ich an der Spitze von Manhattan Island den Battery Park erreichte und die kühlende Brise auf meinem Gesicht spürte, die vom Hafen herüberkam. An diesem Abend blies ein recht steifer Wind, begleitet von einer schweren Wolkenbank am östlichen Horizont, die für die Nacht Regen versprach. Ich stand da und ließ mir den Wind ins Gesicht blasen, spürte die Kühle auf meinem schweißgetränkten Mieder.

Ich war so wütend, dass dachte, ich würde explodieren. Wie konnte er nur? Wie konnte er es wagen? Die ganze Zeit über hatte er mir etwas vorgemacht und mich glauben lassen, ich würde ihm etwas bedeuten, dabei war er an eine andere Frau gebunden und wusste, dass es für uns keine Zukunft gab. All die Male, die er mich in seine Arme genommen und voller Liebe in meine Augen gesehen hatte, waren Heuchelei gewesen, bloße Schauspielerei. Ich war nicht sicher, auf wen ich wütender war – auf Daniel oder auf mich selbst. Er war schließlich ein Mann, und Männer waren darauf aus, alles von Frauen zu bekommen, was sie wollten. Ich hingegen war eine einfältige Närrin gewesen. Während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass er nie irgendwelche Versprechungen gemacht und nie auch nur angedeutet hatte, dass wir eines Tages heiraten würden. Tatsächlich war er, wenn das Gespräch aufs Heiraten gekommen war, ausgewichen oder hatte eilig das Thema gewechselt. Also hatte er mich nicht angelogen – er hatte mir nur nie die Wahrheit gesagt.

Und ich? Ich hatte ausnahmsweise einmal geschwiegen und geduldig darauf gewartet, dass er den richtigen Moment wählen würde, um mir einen Antrag zu machen, so wie es jedes gute Mädchen tun sollte. Wenn ich doch nur mein normales, ungeduldiges Selbst gewesen wäre, hätte ich verlangt, seine Absichten sofort zu erfahren, und gewusst, wo ich stehe.

Wenigstens wusste ich jetzt, wo ich stand. Ich war wieder auf mich allein gestellt. Ich würde mir meine eigene Zukunft aufbauen müssen, ohne die Aussicht auf Heirat oder auch nur den Rückhalt seiner Freundschaft. Was nur ein Grund mehr dafür war, dass ich so bald wie möglich eine Arbeit finden musste. Ich steckte die Hand in die Tasche und fingerte die zwei Dollar heraus. Ich würde mir keine vernünftigen Kleider anpassen lassen, soviel war sicher, denn ich würde nicht zu Miss van Woekem zurückgehen um für sie zu arbeiten. Ich würde lieber verhungern, als noch einmal einen Fuß in dieses Haus zu setzen. Wie praktisch, dass Daniel die Stelle als Gesellschaftsdame für mich eingefallen war. Miss van Woekem war eine Freundin der Familie, wahrlich. Wie praktisch, dass er vergessen hatte zu erwähnen, dass sie außerdem die Patentante seiner Verlobten war. Das Wort nur zu denken schickte einen stechenden Schmerz in meine Herzgegend. Ich hatte bisher nie geglaubt, dass Herzschmerz mehr als eine Metapher sein konnte. Ich presste die Augen zusammen, um zu verhindern, dass mir die Tränen kamen. Ich würde nicht weinen.

In diesem Moment begann es zu regnen, dicke Tropfen fielen zischend auf den Granit des Hafendamms. Ich stand reglos da und ließ mich vom Regen überspülen, als wäre ich eine Marmorstatue. Erst als die Tropfen zu einem regelrechten Wolkenbruch wurden und in der Nähe Donner grollte, wurde mir bewusst, wie unpassend mein gegenwärtiger Aufenthaltsort war. Es hatte keinen Sinn, sich vom Blitz treffen zu lassen. Ich strich mir die nassen Strähnen aus dem Gesicht und lief den Broadway hinauf.

Als ich an einer Bar vorbeikam, ging gerade eine Gruppe junger Männer hinein. Ich bereitete mich auf die üblichen unanständigen Bemerkungen vor. Stattdessen trat einer aus der Gruppe heraus.

„Kathleen?“, rief er.

Es war mein alter Freund Michael Larkin, mein Schiffskamerad von der Majestic, der wie ich Verdächtiger in einem Mordfall gewesen war. Er stand vor mir und grinste entzückt. Ich hätte ihn beinahe nicht erkannt. Ich hatte einen dünnen, blassgesichtigen Jungen verlassen, jetzt stand ein muskulöser, stolzer Mann vor mir. Ich hatte ihm erklärt, warum ich den Namen einer anderen Frau verwendete, als wir uns kennenlernten, aber ich schätze, für ihn war ich immer noch Kathleen. Er korrigierte sich, ehe ich es konnte. „Ich meine natürlich Molly. Wie dumm von mir. Molly, es ist schön, Sie zu sehen. Aber was ist mit Ihnen los? Sie sind nass bis auf die Haut?“

„Der Sturm hat mich erwischt. Ich war im Battery Park.“

„Und haben sich liebevolle Erinnerungen an Ellis Island ins Gedächtnis gerufen?“, fragte er. „Wie geht es Ihnen? Wie geht es den Kleinen? Leben Sie immer noch bei Ihnen?“

„Den Kindern geht es gut, danke“, sagte ich. „Der Rest ist eine lange Geschichte.“

„Könnten wir uns mal treffen und Sie erzählen mir alles?“, fragte er. „Jetzt bin ich drauf und dran mit meinen Kumpels einen Drink zu nehmen, und ich werde Sie nicht einladen, sich uns anzuschließen. Das ist kein Ort für eine Dame.“

„Ich wäre entzückt, Michael.“ Ich schaffte es sogar zu lächeln. „Ich habe an Sie gedacht. Sie sehen aus, als ob es Ihnen gutgeht.“

„Sie haben keine Ahnung, wie gut. Dies ist fürwahr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich bin jetzt Vorarbeiter einer Gruppe und wir haben gerade mit der Arbeit an einem Gebäude begonnen, das das höchste der Welt werden wird. Sie nennen es das Flatiron Building, weil es aussieht wie ein Bügeleisen. Meine Güte, das wird ein Anblick. Ich muss Sie mal mitnehmen und es Ihnen zeigen.“

„Das würde mir gefallen.“

„Sie gehen besser nach Hause, ehe wir beide fortgespült werden.“ Er zog mich weg von einer Traufe. „Haben Sie Geld für die Straßenbahn?“

„Ja, danke.“ Er war so gütig und großzügig wie immer – ein wahrer Freund, wenn ich einen brauchte.

„Wir sehen uns wieder“, sagte er. „Oh, und Molly, Sie werden es nicht glauben, aber ich habe eine Freundin. Maureen, die Tochter meiner Vermieterin. Ich möchte, dass Sie sie kennenlernen. Sie ist das lieblichste Geschöpf auf Gottes weiter Erde. Ich bin wirklich ein glücklicher Mann, und all das verdanke ich Ihnen. Sie haben mir das Leben gerettet. Das werde ich Ihnen nie vergessen.“

Er stand da, während Regen über sein jungenhaftes Gesicht hinablief und strahlte mich an. Plötzlich konnte ich es nicht länger ertragen. „Das freut mich für Sie, Michael“, sagte ich. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen ...“

„Wann kommen Sie, um sie kennenzulernen?“

„Ein andermal, Michael. Da kommt eine Straßenbahn. Ich muss wirklich los.“

Ich hob meine Röcke und eilte durch die Pfützen davon.

Vier

Ich glaube, ich tat die ganze Nacht kein Auge zu. Der Sturm brach bei Einbruch der Nacht los und das anhaltende Donnergrollen hätte mich zusammen mit dem prasselnden Regen auf den Dachziegeln über mir auch ohne das Chaos in meinem Herzen wachgehalten. Ich versuchte, nicht an ihn zu denken, aber ich konnte nicht anders. Nichts ergab mehr einen Sinn. Wenn er lediglich gewöhnlichen männlichen Instinkten gefolgt wäre, hätte er sich mich nur zu Willen machen wollen. Und doch hatte er das nicht getan. Wir waren der Leidenschaft gelegentlich nahegekommen, und doch war er derjenige gewesen, der sich zurückgehalten und nicht erlaubt hatte, dass die Leidenschaft weiter ging. Er hatte mich stets mit dem größten Respekt behandelt, als warte er auf den richtigen Zeitpunkt, die richtige Gelegenheit. Naiv wie ich war, hatte ich stets gedacht, dass es bei dieser Gelegenheit darum gehen würde, um meine Hand anzuhalten.

„Morgen fange ich ein neues Leben an“, sagte ich laut in den Sturm hinein. Ich hatte schlimmere Dinge durchgestanden als das hier. Ich würde mich nicht von einer Enttäuschung, einem Verrat entmutigen lassen.

Früh am Morgen stellte ich mich im Haus am Gramercy Park vor. Es war eine Stunde vor meinem vereinbarten Arbeitsbeginn, aber ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich klingelte und fragte, ob Miss van Woekems Patentochter hier sei, ehe ich eintrat.

„Sie ist hier, ja, aber sie will nicht vor halb neun gestört werden“, flüsterte mir das Dienstmädchen zu. „Und sie wünscht, dass ihr Frühstück auf einem Tablett hochgebracht wird. Vollkommen verzogen, wenn Sie mich fragen.“

Sicher ob des Wissens, dass ich Arabella Norton nicht begegnen würde, holte ich tief Luft und betrat das Esszimmer, in dem, wie ich informiert wurde, Miss van Woekem gerade frühstückte. Sie sah überrascht von ihrem hartgekochten Ei auf.

„Du bist ganz schön übereifrig, Miss Murphy“, sagte sie. „Erscheinen dir die Stunden ohne meine Gesellschaft zu lang?“

„Ich bin so früh gekommen, weil ich Ihnen etwas zu sagen habe, Miss van Woekem“, sagte ich. „Ich fürchte, ich kann nicht länger als Ihre Gesellschaftsdame arbeiten.“

Sie sah überrascht und enttäuscht aus. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so rasch aufgeben würdest“, sagte sie. „Ich hatte dich für einen temperamentvollen Menschen gehalten. Tatsächlich habe ich mich auf die Herausforderung gefreut, dich zu zähmen.“

„Und ich glaube, ich hätte die Herausforderung gleichermaßen genossen“, antwortete ich. „Aber ich fürchte, ich kann nicht länger in diesem Haus arbeiten. Es würde mir zu schwerfallen. Ich bitte Sie, mich nicht nach Einzelheiten zu fragen.“

Ich hatte sie für scharfsinnig gehalten. Sie sah mich an wie ein Vogel, den Kopf zur Seite geneigt, während sich der Blick ihrer schwarzen Knopfaugen in mich bohrte. Dann nickte sie. „Ich verstehe vollkommen“, sagte sie. „Ich habe mich gleich gefragt, wie der junge Sullivan es so schnell schaffte, eine passende Gesellschaftsdame für mich zu finden.“ Sie streckte eine Hand aus. „Warum frühstückst du nicht mit mir?“

„Nein, danke. Ich ziehe es vor, gleich wieder zu gehen, ehe es dazu kommt, dass ...“ Ich blickte zur Tür.

„Was wirst du jetzt tun?“

„Ich habe vor, mich geschäftlich niederzulassen“, sagte ich. „Ich denke darüber nach, Privatdetektivin zu werden.“

Sie lachte überrascht. „Eine Ermittlerin? Du? Aber das ist keine passende Arbeit für eine Frau.“

„Ich wüsste nicht, was dagegen spricht. Frauen haben Augen und Ohren, genau wie Männer. Und Frauen sind aufmerksamer und geduldiger.“

„Aber die Gefahren, meine Liebe. Hast du nicht über die Gefahren nachgedacht?“

„Oh, ich würde keine Kriminalfälle bearbeiten. Ich möchte gern verlorene Angehörige finden. Es gibt so viele Familien in Europa, die den Kontakt zu ihren Angehörigen verloren haben.“

„Und was lässt dich glauben, dass du gut darin wärst?“

„Ich habe schon mal ermittelt. Ich glaube, ich werde den Bogen schnell raushaben.“

Sie lachte schnaubend. „Und wie hast du vor, das in Angriff zu nehmen? Ich gehe davon aus, dass du Geld brauchst, um ein Geschäft zu eröffnen.“

„Ich muss erst mehr lernen, ehe ich mich selbst niederlassen kann. Ich habe vor, mich als Lehrling zu verdingen.“

„Als Lehrling verdingen? Bei wem?“

„Ich habe Verbindungen.“ Ich wollte nicht verraten, was mein potenzieller zukünftiger Arbeitgeber im Gramercy Park gemacht hatte.

Miss van Woekem streckte ihre Hand nach mir aus. „Du hast Mumm, das muss ich dir lassen. Ich wünsche dir alles Gute, Miss Murphy. Komm mich hin und wieder besuchen. Ich würde gern von deinen Fortschritten hören. Das würde die langweiligen Tage einer alten Frau interessanter machen.“

„Wie Sie wünschen“, sagte ich. Ich steckte eine Hand in meine Tasche. „Oh, und hier sind Ihre zwei Dollar. Ich brauche das angemessene Kleid schließlich nicht.“

Sie schloss meine Hand um die Dollarnoten. „Behalt sie. Als Lohn.“

„Aber ich kann unmöglich–“, setzte ich an.

„Verdienter Lohn“, beharrte sie. „Viel Glück, Molly Murphy.“

Ich ging die Eingangstreppe hinunter und wandte mich Richtung Gramercy Park. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte die erdrückende Hitze vertrieben und einen klaren, blauen Himmel und eine frische Brise zurückgelassen. Der Geruch von Jasmin wehte vom Park herüber. Ein Dienstmädchen fegte die Stufen vor einem Hauseingang und das Rascheln hallte von den hohen Häusern am Platz wider. Ein Milchkarren erschien, begleitet von Hufgetrappel und dem beruhigenden Klimpern der Milchflaschen, als der Milchmann seine Lieferung machte. Es war seltsam, aber es fühlte sich an, als hätte ich eine neue Welt betreten. Ich rannte die Stufen hinunter, zu allem bereit.

Ich erlebte meine erste Enttäuschung, als ich die Straße überquerte. Mein zukünftiger Arbeitgeber war nicht im Park. Ich schlüpfte durch den Zaun und lief aufmerksam umher, für den Fall, dass er sich hinter einem Busch versteckte, aber die einzigen Besucher waren zwei Kindermädchen, die ihre Schützlinge in hohen Weiden-Kinderwagen vor sich herschoben. Nach einer sorgfältigen Suche musste ich mir eingestehen, dass er nicht hier war. Ich setzte mich auf eine Bank und wartete. Immerhin war es noch früh am Tag. Vielleicht begannen seine Beobachtungen erst nach einem herzhaften Frühstück. Ich wartete und wartete. Der kühle Morgen wich einer unangenehmen Mittagssonne. Schließlich gestand ich mir ein, dass er nicht kommen würde.

Ich verließ den Park, wie ich ihn betreten hatte, und suchte den Constable auf der 4th Avenue. Er stand unter der Markise eines Lebensmittelladens an der Ecke und sah rotgesichtig und verschwitzt aus.

„Keine weiteren Schwierigkeiten, hoffe ich, Miss?“ Er hob seinen Schlagstock und legte ihn sich als Gruß an den Helm.

„Ganz und gar nicht, Officer. Der Mann, Sie haben ihn Paddy genannt, ist heute nicht aufgetaucht. Ich habe mich gefragt, ob Sie wissen, wo ich ihn finden kann.“

„Und wieso versuchen Sie ihn zu finden, Miss? Das würde ich gerne wissen. Nicht, um Beschwerde einzureichen, hoffe ich. Wie ich Ihnen sagte, ist er harmlos.“

Ich lehnte mich näher. „Wenn ich es recht verstanden habe, ist er Privatdetektiv.“

Der Constable blickte sich sorgenvoll um, als hätte ich diese Information nicht nur ihm, sondern der ganzen Welt mitgeteilt. „Sie denken doch nicht daran, ihm Schwierigkeiten zu machen, oder, Miss? Ich schwöre bei Gott, der Mann hat niemandem etwas getan.“

„Ich habe vielleicht Arbeit für ihn.“ Ich deutete ein Zwinkern an. Das war eine glatte Lüge, aber ich war in jüngster Vergangenheit so gut im Lügen geworden, dass es eine Schande gewesen wäre, diese Fähigkeit einrosten zu lassen.

Jetzt lehnte er sich näher zu mir. Sein Atem roch nach Zwiebeln und ich fragte mich, ob er sie zum Frühstück gegessen hatte. „Wenn Paddy nicht gefunden werden will, findet ihn niemand. Obwohl ich glaube, dass er ein Büro am unteren Ende der 5th Avenue hat.

„5th Avenue!“ Ich war lange genug hier um zu wissen, dass die 5th Avenue ein Treffpunkt für hohe Tiere war.

„Ein Mann seiner Profession braucht eine Adresse, an der seine Klienten keine Angst haben, ihn zu besuchen, nicht wahr?“, sagte der Constable. „Aber in Wahrheit sitzt Paddy am unteren Ende – die Gegend hat schon bessere Tage gesehen.“ Er starrte über die Straße. „Natürlich erinnere ich mich an eine Zeit, in der die 5th Avenue die 5th Avenue war, bis runter zum Washington Square. Nur die wirklich reichen Leute lebten dort.“

„Sie wissen nicht zufällig wo auf der 5th Avenue ich ihn finden kann?“, fragte ich hoffnungsvoll. Der Tag wurde von Minute zu Minute heißer und ich war natürlich ohne Hut auf die Straße gegangen.

Er schüttelte den Kopf. „Das ist nicht Teil meines Reviers, Miss. In jedem Fall unterhalb der Fourteenth.“

„Danke, Officer. Sie waren sehr hilfreich“, sagte ich.

„Ich bin immer froh, wenn ich Paddy einen Auftrag verschaffen kann“, sagte er. „Sagen Sie ihm, Constable Hanna lässt grüßen.“

Ich war froh, dass die 5th Avenue nicht allzu weit entfernt war. Ich hatte in dieser Stadt bereits ein Paar Sohlen abgelaufen und es war jedes Mal eine schwere Entscheidung, fünf Cents für die Straßenbahn oder die Hochbahn auszugeben, wenn die Entfernung groß und das Wetter zu heiß zum Laufen war. Ich ging weiter die 4th Avenue hinunter, bis ich den Union Square erreichte, wo ich auf die 14th Street wechseln wollte. Ich war nur halb über die Straße, als ich erkannte, dass ich eine Fehlentscheidung getroffen hatte. Mit wütend scheppernder Glocke steuerte eine Straßenbahn auf mich zu, in einer Geschwindigkeit, die ich bei Straßenbahnen für unmöglich gehalten hatte. Ich musste meine Röcke raffen und losrennen, als die Straßenbahn um die scharfe Kurve bog. Ich warf einen Blick auf die erschrockenen Gesichter der Passagiere, als die Bahn mich nur um wenige Zoll verfehlte. Als ich den Bürgersteig erreichte und nach Luft schnappte, hörte ich Gelächter und fuhr herum. Eine Gruppe Männer saß vor dem Brubacker’s Café und machten sich offensichtlich auf meine Kosten lustig.

„Jesus, Maria und Josef“, murmelte ich und starrte die Männer hochmütig an.

„Meine Güte, Sie sind aber leichtfüßig, junge Dame. Wir haben zwei zu eins gewettet, dass Sie es nicht schaffen“, rief mir einer von ihnen zu, mit einem geistlosen Grinsen in seinem unrasierten Gesicht.

„Sie müssen Todessehnsucht haben, junge Dame“, sagte ein Mann, der sympathischer aussah. „Nur Narren oder Lebensmüde überqueren die Straße an der Dead Man’s Curve.“

„Dead Man’s Curve?“ Ich fragte mich, ob sie mich auf die Schippe nahmen.

„Die Straßenbahnen müssen in der Kurve beschleunigen, weil sie sonst den Kontakt zur Leitung verlieren. Ich schätze, es gibt hier jeden Tag einen Beinahe-Unfall ...“

„Und jede Woche einen Todesfall“, fügte der lästige Mann hinzu.

„Und Sie sitzen hier und schließen Wetten darauf ab?“, blaffte ich. „Haben Sie nichts Besseres zu tun?“ Dann stolzierte ich erhobenen Hauptes weiter.

Als ich auf die 4th Avenue bog und sah, wie sich die Straße vor mir erstreckte, mit dem Bogen auf dem Washington Square, der im Hitzeschleier wie ein Trugbild aussah, begriff ich, was ich mir für eine Aufgabe gestellt hatte. Ich konnte unmöglich jedes Gebäude der nächsten sieben oder acht Blocks überprüfen. Selbst wenn Paddy draußen vor der Eingangstür ein Messingschild angebracht hatte; ich kannte seinen Nachnamen nicht, das würde mir also nicht viel helfen. Ich ging langsam den ersten Block hinunter und begutachtete die Gebäude zu beiden Seiten. Sie waren groß und imposant. Wenn Constable Hanna glaubte, dass der untere Teil der 5th Avenue bessere Tage gesehen hatte, mussten diese besseren Tage wahrlich großartig gewesen sein. Dies waren immer noch eindeutig Häuser der Wohlhabenden. Davor standen Kutschen mit wartenden, uniformierten Kutschern und sogar einige Automobile. Gewiss würde ich Paddy in keinem dieser Häuser finden, oder?

Während ich weiter südwärts ging, gab es tatsächlich Anzeichen dafür, dass der Zustand der Gegend nachließ. Einige der größeren Häuser waren den vielen Schildern an den Eingangstüren nach zu urteilen in Apartments unterteilt worden. Ich begann damit, sie eins nach dem anderen zu untersuchen, gab das aber bald auf, weil es unmöglich war, auf diese Weise fündig zu werden. Paddy war ein irischer Spitzname, aber der Mann hatte nicht irisch geklungen. Wenn überhaupt hatte er wie ein Engländer geklungen – also hatte es keinen Sinn, nach einem irischen Nachnamen zu suchen.

Dann kam mir eine geniale Idee – ich würde in den örtlichen Cafés nachfragen. Er musste irgendwo essen, oder? Das einzige Problem war, dass sich in der 5th Avenue keine Restaurants befanden. Es gab nur anständige Wohnhäuser und dazwischen hin und wieder eine Kirche. Ich versuchte es in westlicher und dann östlicher Richtung auf der 11th Street, hatte aber kein Glück. Mittlerweile taten mir die Füße weh, mir war heiß, ich war durstig und bereit aufzugeben. Wollte ich wirklich so dringend Ermittlerin werden?

Ich ging in der Hoffnung, einen Getränkespender zu finden, die Eastside der 11th Street entlang. Mit den zwei Dollar von Miss van Woekem in der Tasche konnte ich mir sicherlich eine kalte Limonade gönnen. An der Ecke zum University Place gab es eine Drogerie und ich war drauf und dran hineinzugehen, als ich die Stimme hörte.

„Hey, pass auf, was du mit der Schere machst! Denkst du, ich will eine Glatze haben?“

Der Fahnenmast eines Herrenfriseurs hing vor einem dunklen Geschäft neben der Drogerie. Ich spähte hinein. Er saß mit dem Rücken zur Straße, also konnte ich ihn mir nicht genau ansehen, aber am Hutständer hing eine braune Melone. Ich ging außer Sicht, stand auf der Straße und fragte mich, was ich als Nächstes tun sollte. Ich konnte darauf warten, dass er herauskäme, mich vorstellen und ihm von meinem Plan berichten oder ich konnte ihm zu seinem Büro folgen, um ihm zu demonstrieren, dass ich Talent für die Arbeit hatte. Letzteres sagte mir mehr zu. Ich stellte mich unter die Markise der Drogerie und tat so, als begutachtete ich die Auslage von Fußpudern und Arzneimitteln im Schaufenster, bis ich ein heiteres „Danke, Al. Cheerio, und bis zum nächsten Mal“ hörte. Wieder fiel mir der seltsame Akzent auf – eine Mischung aus Cockney und New York.

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie er den Herrenfriseur verließ. Ich ließ ihn ein gutes Stück die Straße hinuntergehen, ehe ich ihm folgte. Er ging schnell und ich musste rennen, um ihn einzuholen, als er nach Süden auf die 5th Avenue abbog. Ich ging nach ihm um die Ecke und wich dann zurück, weil er stehengeblieben war und eine Zeitung kaufte. Er ging wieder weiter. Ich folgte ihm. Ich machte das recht gut, fand ich. Es war eine Schande, dass es keine Geschäfte gab, in die ich ausweichen konnte, aber ich vermochte es jedes Mal, wenn er anhielt, mit dem Schatten zu verschmelzen, oder innezuhalten, als überprüfe ich die Hausnummern.

Er überquerte die 10th Street, dann die 9th, dann die 8th. Der Bogen auf dem Washington Square war jetzt deutlich zu sehen, blockierte das Ende der Avenue, die Marmorfassade glitzerte im Sonnenlicht. Ich blieb stehen, um ihn zu bewundern, und als ich wieder zurücksah, war Paddy nicht länger vor mir. Ich rannte. Er konnte nicht in eins der Häuser gegangen sein – er hätte Zeit gebraucht, um die Stufen der Vordertreppe hinaufzusteigen. Und gewiss hatte er den Washington Square noch nicht erreicht. Dann fiel mir eine schmale Gasse zu meiner Rechten auf. Ich rannte hinein und fand mich in einem gepflasterten Hof wieder, in dem früher Stallungen gewesen sein mussten. Einige der niedrigen Gebäude hatten immer noch Stalltüren. Einige waren zu Wohnbereichen umgebaut worden. Ich fuhr herum, als ich hörte, wie sich eine Tür schloss. Das Geräusch war von über mir gekommen. Dann fielen mir ein paar klapprige Stufen auf, die an der Seite des ersten Stallungs-Cottages emporführten. Ich ging hinauf. Das Schloss der Tür war nicht richtig eingeschnappt. Ich tippte sie an. „Hallo? Paddy?“, rief ich.

Die Tür schwang auf und ich spähte hinein. Ich sah einen großen, unordentlichen Raum, einen Schreibtisch, der unter Bergen von Papier begraben war, und ein halb gegessenes Sandwich. Aber der Raum war leer. Vorsichtig trat ich ein.

„Hallo? Irgendjemand hier?“, rief ich erneut.

Plötzlich wurde ich von hinten gepackt und eine Hand legte sich mir über den Mund.

Fünf

„In Ordnung“, zischte mir eine Stimme ins Ohr. „Raus damit. Wer hat Sie geschickt?“

„Lassen Sie mich los.“ Ich versuchte die Worte durch die Finger hindurch zu pressen, die über meinem Mund lagen. Ich riss meinen Ellenbogen nach hinten, hoffte seine Magengegend zu treffen und hörte mit Genugtuung ein Keuchen. Ich war nicht umsonst mit drei Brüdern aufgewachsen. Ich wand mich aus seinem Griff und fuhr herum. „Heilige Mutter Gottes! Gehen Sie immer so mit künftigen Klientinnen um? Es ist ein Wunder, dass Sie überhaupt Geschäfte machen.“

„Dass ich nicht lache“, sagte er und beäugte mich misstrauisch. „Wenn Sie eine künftige Klientin sind, bin ich der Mann im Mond.“

„Und woher wissen Sie das?“

„Wegen Ihrer Kleider, Liebes. Das ist kein hochwertiger Stoff. Man braucht Geld, um meine Dienste in Anspruch zu nehmen.“ Jetzt, da ich Zeit hatte, ihn zu studieren, bestätigte sich erneut mein erster Eindruck: er war elegant. Er war gut gekleidet, trug einen Anzug, der allerdings schon bessere Tage gesehen hatte. Sein Hemd hatte einen sauberen, gestärkten Kragen. Sein Gesicht musste einst sehr attraktiv gewesen sein, aber jetzt war es erschlafft, sodass er das schwermütige Aussehen eines Bluthundes hatte. Das verschwand, als er mich unverschämt angrinste, dann kehrte der argwöhnische Ausdruck zurück.

„Also los, raus damit. Wer hat Sie geschickt? Wenn es schon wieder die Five Points Gang ist, die ihr Weibsvolk benutzt, um Nachrichten zu überbringen ...“

„Wenn Sie glauben, dass ich wie die Botin eines Gangsters aussehe, müssen Sie schlechte Augen haben oder ein schlechter Menschenkenner sein“, sagte ich kaltschnäuzig. Ich kam schnell zu dem Entschluss, dass dieser Mann ein schlimmerer Arbeitgeber sein würde als Miss van Woekem.

„Entschuldigen Sie, Miss. Ich wollte Sie nicht beleidigen“, sagte er. „Man kann in meinem Beruf nicht vorsichtig genug sein. Die letzte Dame einer Gang, die mir einen netten Besuch abstattete, hatte eine sechs Zoll lange Klinge in ihrem Stiefel – und die Absicht, sie zu benutzen, sobald ich ihr den Rücken zuwandte.“ Er blinzelte mir aus zusammengekniffenen Augen in einem hohlen, erschöpften Gesicht zu. „Warten Sie mal. Ich habe Sie schon mal gesehen, nicht wahr? Ich kann mir Gesichter gut merken. Es wird mir gleich einfallen.“ Er hob einen Finger. „Warten Sie, da kommt es. Central Park.“

„Mit Captain Sullivan“, fügte ich hinzu. „Sie taten so, als wären Sie ein Fotograf.“

„Wie meinen Sie das, taten so?“, fragte er, entspannte sich jetzt aber. „Ich bessere zuweilen mein Einkommen aus.“

„Und übergeben Captain Sullivan praktischerweise Nachrichten“, fügte ich triumphierend hinzu.

„Nun, ich fasse es nicht. Ich lasse auf meine alten Tage wohl nach.“ Er nickte anerkennend. „Sie haben gute Augen. Das muss ich Ihnen lassen.“

„Habe ich. Und meinen guten Augen ist aufgefallen, wie Sie den Gramercy Park am Montag durch einen lockeren Eisenstab verlassen haben und dass sie am Dienstag im selben Park standen und mit einem Fernglas ein Haus beobachteten.“

Der argwöhnische Ausdruck war zurückgekehrt. „Gewiss hat Captain Sullivan Sie nicht geschickt. Nein, wenn es um die Arbeit geht, bezieht er nie Frauen ein.“

„Sie haben recht. Er hat mich nicht geschickt.“

„Was wollen Sie dann von mir? Sie arbeiten nicht für Miss Le Grange, oder?“

„Für wen?“

„Kitty Le Grange. Die Dame, deren Haus ich beobachtet habe. Puh, das ist eine Erleichterung. Drei Tage Arbeit wären für die Katz, wenn sie wüssten, dass ich Buch führe.“

„Buch führen?“

„Das geht Sie nichts an.“ Er legte sich einen Finger an die Nase. „Kein Wort darüber. Also hat sie Sie nicht geschickt?“

„Ich arbeite für niemanden“, schaffte ich es schließlich ihn zu unterbrechen, „und wenn Sie für eine Sekunde die Klappe halten, sage ich Ihnen, warum ich hergekommen bin.“

Er sah ziemlich überrascht aus, weil ich so mit ihm sprach. „In Ordnung, ruhig Blut. Reden Sie weiter.“

„Ich glaube, Sie und ich könnten einander helfen.“

„Mit Informationen? Haben Sie Informationen, die Geld wert sind?“

„Heilige Mutter, es ist schwer, hier auch mal zu Wort zu kommen. Und meine Mutter hat immer gesagt, ich hätte ein flottes Mundwerk. Ich will, dass Sie mich anstellen.“

„Als was?“

„Ihre Assistentin“, sagte ich. „Schauen Sie sich dieses Zimmer an. Es ist ein Desaster. Ich könnte es für Sie sauber halten und Sie könnten mir Ihr Handwerk beibringen.“

„Welches Handwerk?“ Der argwöhnische Ausdruck war wieder zurück.

Ihre Arbeit. Ich will Detektivin werden.“

Er lachte leise, sein dürrer Körper zitterte vor Heiterkeit. „Der war gut. Ein weiblicher Detektiv. Jetzt habe ich wirklich alles gehört.“

„Warum denn nicht? Das möchte ich gerne wissen.“ Ich starrte ihn an, die Hände in die Hüften gestemmt. „Ich bin scharfsinnig, offensichtlich aufmerksamer als Sie und ich glaube, ich habe ein Händchen dafür.“

„Haben Sie das, ja?“

„Ich bin Ihnen den ganzen Weg vom Friseur hierher gefolgt.“

„Sie kämen keine zwei Yards weit, wenn Sie jemanden so folgen würden“, sagte er. „Ich habe Sie entdeckt, als ich aus dem Friseurgeschäft kam, und mein sechster Sinn sagte mir, dass Sie dort nicht mit guten Absichten standen. Also habe ich Sie den ganzen Weg die Fifth hinunter im Auge behalten. Warum glauben Sie, hätte ich sonst anhalten und eine Zeitung kaufen sollen?“

„Oh.“ Das war einigermaßen ernüchternd, aber ich würde es mir nicht anmerken lassen. „Also brauche ich Übung. Ich werde besser, wenn ich gute Anweisungen bekomme.“

„Die bekommen Sie aber nicht von mir. Nicht um alles in der Welt würde ich eine Frau anstellen.“

„Sie mögen es also, in einem Schweinestall zu arbeiten, ja?“

Das ließ ihn einen Augenblick innehalten, während sein Blick durch den Raum schweifte. „Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht hin und wieder Hilfe bräuchte. Wenn Sie einen gescheiten und gewillten jungen Burschen finden, hätte ich nichts dagegen, einen Lehrling einzustellen. Aber keine Frau. Das kann gefährliche Arbeit sein, meine Liebe. Sie würden uns beide ins Grab bringen, sobald Sie zum ersten Mal den Mund aufmachen.“

Er ließ mich stehen und ging durch den Raum zu seinem Schreibtisch. „Also, gehen Sie nach Hause. Ich habe zu arbeiten.“ Er zog einen klapprigen Stuhl vor, setzte sich und machte sich Notizen.

Ich hatte keine andere Wahl als zu gehen. Jetzt fiel mir das schmuddelige Messingschild am Fuß der Treppe auf, auf dem P. RILEY, DISKRETE ERMITTLUNGEN stand. Ein irischer Name. Wieso klang er dann wie jemand, der englisches Cockney mit einem Hauch Bowery sprach? Es schien, als würde ich es nie erfahren.

Ich verließ die Stallungen und begab mich auf die andere Seite der Stadt, in die East Fourth und zu meiner Dachgeschosswohnung. Was genau sollte ich jetzt tun?, fragte ich mich. Geld spielte tatsächlich eine Rolle. Ich schätzte, dass ich als letzte Option immer noch zu Miss van Woekem zurückkehren und ihr sagen könnte, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich dachte eine Sekunde darüber nach, ehe ich entschied, dass es besser war zu verhungern, als Miss Arabella Norton oder ihren verachtenswerten Verlobten je wiederzusehen.

Als ich ein Café an der Ecke University Place und West Fourth erblickte, warf ich meine Sparsamkeitsbedenken über Bord und entschied mich für einen Kaffee und ein Brötchen, um mich aufzumuntern. Es war fast Mittag und das Kaffeehaus war überfüllt. Der Geräuschpegel war hoch und ich sah mir voller Interesse die Kundschaft an. Alle waren jung und auf interessante Weise unterschiedlich gekleidet, von wallenden Capes bis hin zu gut geflicktem Tweed. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass sie alle Studenten waren und das Gebäude gegenüber die New York University. Ich trug meinen Kaffee und mein Brötchen zu einem Hocker am Tresen, der an der Wand entlanglief, saß dort und lauschte so vielen Unterhaltungen wie möglich. Nach einem Leben, das so abgeschieden gewesen war, blickte ich voller Eifersucht auf die eng verbundenen Menschengruppen, die nicht viel jünger waren als ich. Es gab sogar einige Frauen unter den Männern – ernst aussehende Mädchen, die dunkle Farben und Brillen trugen und keine Angst hatten, ihre Meinung zu sagen und voll in die Diskussionen einzusteigen. Wenn das doch nur ich sein könnte, mir hätte nichts besser gefallen. Ich saß da und lauschte, lange nachdem der Kaffee leer und das Brötchen aufgegessen waren, dann folgte ich ihnen nach draußen, als eine Glocke erklang und sie mit Bücherstapeln im Arm zurück auf die andere Straßenseite eilten.

Der Heimweg die Fourth entlang schien mir besonders lang und trist zu sein.

Mrs. O’Hallaran erschien wie aus dem Nichts, als ich durch die Vordertür trat.

„Sie hatten Besuch“, sagte sie. „Captain Sullivan.“ Ihr musste aufgefallen sein, dass ich erblasste, denn sie sprach eilig weiter. „Keine Sorge. Ich habe ihm gesagt, dass Sie nicht zu Hause sind, so wie Sie es wollten.“

„Danke.“

„Hat es ein Zerwürfnis zwischen Ihnen und dem braven Captain gegeben?“, fragte sie und stellte sich mir in den Weg, als ich die Treppe hinaufgehen wollte. „So ein reizender Mann, habe ich immer gedacht. Hat den Wunsch in mir geweckt, jünger und ledig zu sein.“

„Captain Sullivan und ich waren nur Bekannte. Er war freundlich genug, einer Irin dabei zu helfen, in einem fremden Land Fuß zu fassen. Mehr nicht“, sagte ich. „Guten Tag, Mrs. O’Hallaran.“

Sie sah enttäuscht aus, dann argwöhnisch, als ich versuchte, an ihr vorbeizueilen, ehe sie sich weitere Fragen ausdenken konnte. Ich war nicht schnell genug.

„Einen Moment“, sagte sie und packte meinen Arm. „Ich habe ein bisschen ausgeputzt und dabei sind mir ein paar alte Sachen in die Hände gefallen, die der kleine Junge vielleicht gebrauchen kann. Er sieht langsam aus wie ein Lumpensack, ohne Mutter, die auf ihn aufpasst, und unser Sohn Jack war stets sehr vorsichtig mit seinen Kleidern. Kein Wildfang wie die meisten Jungs.“

Sie schoss in ihr Wohnzimmer und kam mit einem ordentlich gefalteten Kleiderstapel zurück, der streng nach Mottenkugeln roch. „Bitte sehr.“

„Danke. Die kann Seamus sicherlich gebrauchen.“

Ich trug sie die Treppe hinauf. „Shameyboy? Sieh mal, was ich für dich habe“, rief ich. Keine Antwort. Für gewöhnlich kamen die Kinder herausgestürzt, wenn sie meine Schritte auf der Treppe hörten. Ich öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und fand es leer vor. Das hieß, dass sie wieder mit ihren Cousins unterwegs waren, um im East River zu schwimmen. Ich fand diesen neuesten Zeitvertreib ziemlich gefährlich und hatte ihrem Vater gegenüber meine Sorge zum Ausdruck gebracht, aber ihn schien es nicht zu stören. Er glaubte wohl, dass ihre Cousins ein Auge auf sie haben würden. Kinder mussten während dieser langen Sommertage Wege finden, sich irgendwie abzukühlen und Spaß zu haben, und die Hälfte aller Gassenjungen der Lower East Side wählte diesen Weg. Außerdem war es Mädchen nicht erlaubt, sich wie Jungs zu entkleiden und zu schwimmen, also waren meine einzigen Sorgen bezüglich Bridie, dass sie aus Versehen ins Wasser fiel, von einem Lieferkarren überfahren oder von Hafenviertelfracht zerquetscht wurde. Ich rief mir wieder einmal ins Gedächtnis, dass sie nicht meine Kinder waren.

Ich stand im Flur, der uns als gemeinsame Küche diente und starrte auf den Kleiderstapel hinab. Obenauf lag eine Leinenmütze für Jungen – die Art Mütze, wie sie jeder Zeitungsjunge in New York City trug. In meinem Kopf formte sich eine ziemlich absurde Idee. Ich ging direkt in mein Zimmer und probierte die Mütze an. Es brauchte eine Weile, bis ich all mein Haar darunter gezwängt hatte, aber als ich fertig war, sah mir ein schelmisches, unverschämtes Gesicht aus dem Spiegel an der Wand entgegen. Begeistert untersuchte ich den Rest des Stapels. Die Knickerbocker sahen aus, als würden sie mir passen. Ich legte Rock und Unterrock ab und kämpfte mich hinein. Sie waren enger, als ich gehofft hatte und reichten mir lediglich bis zu den Knien statt bis zur Mitte der Waden, so wie die meisten Jungen sie trugen, aber vielleicht würde es funktionieren. Es gab keine Jacke, die groß genug für mich war, aber ich fand ein weißes Sonntagshemd. Ich probierte es zusammen mit den Knickerbockern und der Mütze an. Das Ergebnis war nicht schlecht. Ich dankte der Vorsehung für meine jungenhafte Figur, die gewöhnlich von der Mode und den Connaisseurs der Schönheit verachtet wurde.

Natürlich sah ich zu sauber aus für einen Jungen. Ich habe noch nie einen Jungen getroffen, der es nicht schafft, sich innerhalb einer halben Stunde nach dem Ankleiden schmutzig zu machen. Aber dem konnte ich Abhilfe schaffen. Ich würde bis zur Dämmerung warten und P. Riley, Diskrete Ermittlungen, einen erneuten Besuch abstatten!

Sechs

Als ich mich an diesem Abend fertigmachte, stellte ich fest, dass ich ein weiteres Problem hatte – meine Füße. Kein Junge würde je spitze Knopfstiefel tragen, und sie waren mein einziges Paar Schuhe. Es hatte keinen Zweck, mir ein Paar von Shameyboy zu borgen. Er hatte nur ein Paar Stiefel und die befanden sich an seinen Füßen. Ich musste tun, was viele arme Jugendliche taten – barfuß gehen.

Der schwierigste Teil der Aufgabe war, mich unbemerkt aus dem Haus zu schleichen. Glücklicherweise war Sergeant O’Hallaran bereits zum Abendessen nach Hause gekommen. Ich hörte, wie die beiden sich in ihrer Küche unterhielten, als ich an der Wohnung vorbeischlich. Einmal draußen, war es nicht schwer, eine Pfütze zu finden und mich ordentlich schmutzig zu machen. Ich machte mich auf den Weg zur Washington Mews, mein stolzierender Gang getrübt von den harten Pflastersteinen unter meinen bloßen Füßen. Ich war als Kind barfuß gelaufen, aber das war jetzt eine Weile her und meine Füße waren wund und pochten, als ich den Washington Square erreichte. Auf mein erstes Klopfen an P. Rileys Tür bekam ich keine Antwort. Ich war wütend und enttäuscht, mir umsonst solche Mühe gemacht zu haben und so weit gelaufen zu sein. Aber ich wartete, bis sich die Dunkelheit über die ehemaligen Stallungen legte und lauschte dem Leben der Stadt, das um mich herum passierte. Ich war drauf und dran aufzugeben und geschlagen nach Hause zu gehen, als ich ihn sah. Er kam um die Ecke und umklammerte einen Pappkarton, der den Fettflecken nach zu urteilen sein Abendessen enthielt.

Ich holte tief Luft, dann trat ich vor, um ihn zu begrüßen, als er die Treppen hinaufstieg. Ich wollte ihn nicht überraschen und wieder angegriffen werden. „Abend, Mister.“

Er hielt an und drehte sich zu mir um.

Ich holte noch einmal tief Luft und senkte meine Stimme so tief ich konnte. „Die Frau nebenan sagt, dass sie ’nen Lehrling suchen. Ich bin gescheit und gewillt, Mister.“

„Und wie heißt du?“

Darüber hatte ich nicht nachgedacht. „Äh ... Michael, Sir. Meine Freunde nennen mich Mike.“ Es war der erste Name, der mir in den Sinn kam.

„Dann kommst du besser mit rauf, Mike“, sagte er und grinste mich unverschämt an.

Er lächelte, erfreut mich zu sehen. Ich konnte es kaum erwarten, meine wahre Identität preiszugeben und sein Erstaunen zu sehen. Ich folgte ihm in das dunkle Zimmer und wartete, bis er die Gaslampe an der Wand entzündet hatte. „Also dann, äh, Michael“, sagte er, immer noch grinsend. „Was lässt dich glauben, dass ich anstellen würde?“

„Das hab ich Ihnen schon gesagt, Mister. Ich bin gewillt und bereit zu lernen. Und außerdem bin ich ehrlich.“

„Nicht allzu ehrlich“, sagte er, räumte einen Bereich seines Schreibtischs frei und stellte den Karton auf ein paar Zeitungen. „Wie war dein Name vor ein paar Stunden, Michael?“ Er machte einen unerwarteten Schritt auf mich zu und riss mir die Mütze herunter. Rotes Haar ergoss sich über meine Schultern.

„Ich gebe Ihnen Bestnoten für Beharrlichkeit“, sagte er. „Würden Sie jetzt um Himmels willen gehen und mich allein lassen? Machen Sie kein weiteres Affentheater. Ich verliere meine Geduld und meinen Humor.“

„Woher wussten Sie es?“, fragte ich. „Ich dachte, ich sähe ziemlich überzeugend aus.“

„Sie dachten, Sie sähen ziemlich überzeugend aus?“ Er lachte dieses geräuschlose Kichern, sein Körper zitterte stumm. „Lassen Sie mich Ihnen ein paar kleine Details aufzeigen, meine Liebe. Sehen Sie sich für den Anfang Ihre Hände an. Haben Sie je einen Jungen getroffen, der keinen Dreck unter den Fingernägeln hatte? Und Ihre Füße? Oh, Sie haben sie sich ordentlich schmutzig gemacht, aber sehen Sie, wie der kleine Zeh an den benachbarten Zeh gedrückt wird? Das kommt davon, wenn man jahrelang spitze Schuhe trägt. Haben Sie je einen Jungen gesehen, der spitze Schuhe trägt? Und dann ist da der Geruch von Mottenkugeln. Sehr seltsam, dass Ihre Kleider bis zum jetzigen Moment eingelagert waren, finden Sie nicht?“

Ich nickte. „Ich habe also eine Menge zu lernen, das weiß ich. Deswegen will ich, dass Sie es mir beibringen.“

„Glauben Sie, dass sich mein Können unterrichten lässt?“, verlangte er zu wissen. „Wenn Sie sich nicht mit diesen Details vertan hätten, hätte ich Sie dennoch ertappt. Wissen Sie warum? Weil Sie nicht dachten und handelten wie ein Junge. Sie sind die Treppe anmutig hochgestiegen, mit einer Hand am Geländer. Ein Junge hätte wahrscheinlich zwei Stufen auf einmal genommen, und er wäre stets wachsam gewesen. Ein Junge in der Stadt ist es gewohnt, nach Ärger Ausschau zu halten. Er hat eine Menge Faustschläge gegen den Kopf bekommen und will keine weiteren. Und wenn er ein Vorhaben wie dieses verfolgt, wenn er mich überzeugen will, dass er die Arbeit eines Mannes tun kann, würde er ein bisschen prahlen. Sie können sich nicht einfach verkleiden. Sie müssen in sein Inneres schlüpfen.“

„Wie haben Sie das alles gelernt?“, fragte ich.

„Ich? Ich habe mein ganzes Leben auf der Straße verbracht, meine Liebe. Nichts verbessert Fähigkeiten so sehr wie der Überlebenswille.“ Er wischte sich seine fettigen Hände ab. „Ich gebe Ihnen eine kleine Demonstration.“

Er ging in ein Hinterzimmer, das mir vorher nicht aufgefallen war, und schloss die Tür hinter sich. Während ich wartete, sah ich mich um. Unter dem Gerümpel befand sich ein spärlich möbliertes Zimmer, wobei der Tisch das einzige wirkliche Möbelstück war. Ich durchquerte den Raum, um aus dem Rückfenster zu blicken, von dem aus man weitere Nebengebäude und eine Gasse voller Mülltonnen sehen konnte. Ich erschrak, als es an der Tür klopfte.

„Mr. Riley?“, rief ich. „Da ist jemand an der Tür.“ Dann öffnete ich sie.

Ein älterer, jüdischer Mann stand da, bärtig, in einen langen, schwarzen Mantel und einen großen, schwarzen Hut gekleidet, wie ich es schon so oft in der Lower East Side gesehen hatte. „Mr. Riley? Ist er vielleicht zu Hause?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und hatte einen leichten, europäischen Akzent. „Es ist eine Angelegenheit von großer Dringlichkeit und verlangt großes Feingefühl, verstehen Sie?“

„Einen Moment. Ich werde ihn holen“, sagte ich.

Ich ging und klopfte an der Tür zum Hinterzimmer. „Mr. Riley. Besuch für Sie.“

„Ich glaube nicht, dass Sie ihn da finden“, sagte der jüdische Mann. Ehe ich antworten konnte, hatte er den wuchernden Bart entfernt, Riley selbst stand vor mir und grinste mich an.

„Das war wahrhaftig erstaunlich. Und auch so schnell. Ich hätte nie vermutet ...“

„Natürlich haben Sie das nicht. Wenn ich diese Rolle auf der Essex oder Delancey spielen würde, müsste ich meine Trümpfe richtig ausspielen. Ich spreche nämlich nicht viel Jiddisch. Man würde mich bald entlarven.“ Er zog Hut und Mantel aus und hängte sie an einen Haken an der Wand.

„Aber wie haben Sie all das gelernt? Wer hat Ihnen das Schminken beigebracht?“

„Das ist eine lange Geschichte, meine Liebe.“ Er sah mich lange und eindringlich an. „Ich sag Ihnen was. Nach all der Mühe, die Sie sich gemacht haben, ist es das Mindeste, wenn ich Ihnen anbiete, mein Abendessen mit Ihnen zu teilen.“

„Danke. Das ist sehr freundlich.“ Ich wäre geblieben, selbst wenn es Kutteln oder Spitzbein gegeben hätte – die zwei Gerichte, die ich am wenigsten mochte. Alles, um einen Moment länger dortzubleiben.

Er breitete ein Stück Zeitungspapier vor mir aus und bedeutete mir, eine Packkiste heranzuziehen. „Ich bin mit dem Papierkram etwas im Rückstand“, sagte er.

„Weshalb Sie eine Assistentin brauchen“, erinnerte ich ihn.

„Hmpf“, sagte er, schnitt die Fleischpastete in der Mitte durch und legte etwas davon vor mir auf die Zeitung. „Sie müssen mit den Fingern essen. Entschuldigen Sie.“

„Ihr Name“, begann ich. „Sie heißen nicht Riley, oder? Sie sind ein Londoner, nicht aus Irland.“

„Da liegen Sie falsch. Ich wurde in Killarney geboren.“

„Dann ist der Akzent falsch? Er ist sehr überzeugend.“

Er kicherte. „Nein, der Akzent ist echt. Ich wurde in Killarney geboren, aber wir sind weggezogen, als ich zwei Jahre alt war. Meine Eltern waren klug genug, das bisschen Geld, das sie gespart hatten, dafür zu benutzen, während der Großen Hungersnot das Land zu verlassen. Vielleicht wäre es Ihnen dort gut ergangen, aber sie haben nicht lange genug durchgehalten. Sie waren beide tot, als ich zehn Jahre alt war. Also landete ich auf der Straße, auf mich allein gestellt.“

„Das ist schrecklich. Was haben Sie getan?“

Er nahm einen großen Bissen aus der Pastete und wischte sich die Bratensoße mit dem Handrücken vom Kinn. „Was ich getan habe? Ich habe gelernt zu überleben, das habe ich getan.“ Er lehnte sich vertraulich herüber. „Haben Sie das berühmte Buch von Charles Dickens gelesen? Es heißt Oliver Twist. Kennen Sie die Figur Jack Dawkins? Das war ich. Ich wurde zu einem der besten Taschendiebe von London. Sie pflegten zu sagen, dass ich einem feinen Pinkel beim Niesen das Taschentuch stehlen konnte, ohne dass er es bemerken würde.“

„Also waren Sie ein Krimineller. Was hat Sie auf die andere Seite des Gesetzes gebracht?“

„Schicksal, kann man sagen, schätze ich. Am Ende wurde ich gefasst, wie die meisten Kriminellen. Man hätte mich für den Rest meines Lebens eingesperrt, nur besuchte dieser amerikanischer Gentleman Londoner Gefängnisse, weil er herausfinden wollte, wie er das Schicksal armer Gefangener ändern könnte. Ich schätze, ich muss jung und engelsgleich ausgesehen haben, denn er fand Gefallen an mir. Er überredete sie, mir eine zweite Chance zu geben und mich nach Amerika mitnehmen zu dürfen. So bin ich hergekommen. Er hat mir ein Handwerk beigebracht – Buchdruck, aber ich habe mich nie wirklich dafür interessiert. Als ich meine Ausbildung vollendet hatte, habe ich eine Menge Sachen ausprobiert, einschließlich der Schauspielerei. Ich war nicht besonders gut, um Ihnen die Wahrheit zu sagen. Ich hatte nicht die Stimme dafür, aber mir gefiel das Theater. Ich arbeitete eine Weile als Garderobier – da habe ich das Schminken und Verkleiden gelernt. Dann entschied ich, dass es eine Schande war, all die Tricks, die ich auf den Straßen Londons gelernt hatte, nicht mehr einzusetzen.“

„Also sind Sie wieder Verbrecher geworden?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hatte es Mr. Schlessinger versprochen, als er mich nach Amerika brachte. Er war ein wirklich gottesfürchtiger Gentleman. Er ließ mich auf eine Bibel schwören, dass ich mich nie wieder dem Verbrechen zuwenden würde. Dagegen konnte ich nicht verstoßen, nicht wahr? Aber ich entschied, dass ich mein Wissen auf der rechten Seite des Gesetzes einsetzen könnte. Von Zeit zu Zeit mache ich verdeckte Ermittlungen für die Polizei, und ich habe hier mein hübsches, kleines Geschäft. Es liegt nicht jedem, aber mir kommt es sehr zupass.“ Er unterbrach sich und starrte mich mit zur Seite geneigtem Kopf an. „Ich verstehe allerdings nicht, wieso ein hübsches Mädchen wie Sie dieser Arbeit nachgehen will. Es ist an der Zeit, dass Sie heiraten und sesshaft werden, oder?“

Ich sah auf die Reste der Fleischpastete hinab. „Ich bin allein hergekommen. Ich habe niemanden. Ich will von niemandem anhängig sein.“

„Ich habe Sie mit Captain Sullivan gesehen ...“

„Er ist nur ein Freund, und er kann nicht mehr sein“, sagte ich. „Ich denke, ich könnte gut sein, wenn Sie mir eine Chance geben würden.“

„Es gibt eine Menge andere Arbeit, die Sie verrichten könnten. Es ist eine große Stadt.“

„Ich habe einiges davon ausprobiert. Ich will in keiner Fabrik arbeiten. Ich will keine Bedienstete sein. Ich bin nicht sehr gut darin, Befehle entgegenzunehmen und demütig zu sein, fürchte ich.“

„Wie ist Ihnen diese idiotische Idee in den Sinn gekommen?“

„Als ich Irland verließ, waren da all diese Leute, die wissen wollten, was aus ihren Angehörigen geworden ist. Eine Frau gab mir einen Brief, für den Fall, dass ich ihren Sohn treffen würde. Ich könnte einige dieser Angehörigen aufspüren.“

„Und wenn sie nicht aufgespürt werden wollen?“

„Es wäre an ihnen, ob sie wieder Kontakt aufnähmen.“

„Damit machen Sie nie Geld“, sagte er.

„Oh, also glauben Sie, dass ich mit anderer Detektivarbeit Geld verdienen könnte?“

„Das habe ich nicht gesagt. Frauen sind schlecht fürs Geschäft. Sie reden zu viel. Sie können keine Geheimnisse für sich behalten und lassen ihre Herzen über ihre Köpfe herrschen.“

„So wie Sie gerade eben“, sagte ich. „Sie haben mir Ihre Fähigkeiten demonstriert, anstatt mich vor die Tür zu setzen. Also müssen Sie ein weiches Herz haben.“

„Irisches Geschwätz“, sagte er, sah aber nicht allzu aufgebracht aus.

Ich stand auf, hob Karton und Zeitungen auf und warf sie in den Mülleimer in der Ecke. „Ich könnte dafür sorgen, dass es hier richtig angenehm für Sie wird“, sagte ich. „Ich habe mein Leben lang einen Haushalt geführt. Ich könnte Ihre Termine verwalten, sodass Sie keine Klienten verpassen, wenn Sie für einen Auftrag außer Haus sind. Und Sie könnten mir beibringen, was Sie wissen.“

„Ich wusste, ich hätte Sie nie durch diese Tür kommen lassen dürfen“, sagte er.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag.“ Ich ließ mich wieder ihm gegenüber auf der Packkiste nieder. „Geben Sie mir eine Probewoche. Sie müssen mich nicht bezahlen. Wenn Sie am Ende der Woche nicht mit mir zufrieden sind, setzen Sie mich vor die Tür. Ich werde gehen und Ihnen nie wieder Schwierigkeiten machen.“

„Sie sind eine beharrliche, junge Frau“, sagte er. „Wie, sagten Sie, war Ihr Name?“

Es war dunkel, als ich Paddy Rileys Büro verließ. Ich wechselte von der Westside auf die Eastside der 8th Street und begann die Vorteile zu würdigen, die es mit sich brachte, wie ein Mann gekleidet zu sein. Eine Frau, die im Dunkeln allein unterwegs ist, muss ständig auf der Hut sein; gewappnet für betrunkene Männer, die aus Bars stolpern, unanständige Kommentare von Herumtreibern an Straßenecken oder Schlimmeres. Niemand achtete auf einen barfüßigen Burschen, der von der Arbeit nach Hause kam. Ich erinnerte mich daran, was Riley mir gesagt hatte, und versuchte wie ein Junge zu denken. Ich steckte mir die Hände in die Taschen, stolzierte ein wenig und versuchte sogar zu pfeifen.

Als ich in der Nähe meiner Wohnung war, taten meine Füße wieder weh und die Pflastersteine gruben sich in jede weiche Stelle meiner Sohlen. Ich würde irgendwie üben müssen, häufiger barfuß zu gehen und meine Füße wieder abzuhärten, wenn ich einen Nutzen aus dieser Verkleidung ziehen wollte. Ich war gerade in einen unerwarteten Haufen Pferdemist getreten, als ich aufblickte und Daniel Sullivan auf mich zukommen sah. Er musste wieder bei meiner Wohnung gewesen sein. Ich war nicht in der Stimmung, mich ihm zu stellen. Ich ignorierte den warmen Pferdemist, der an meinen Füßen klebte, nahm den stolzierenden Gang und das Pfeifen wieder auf und ging auf ihn zu. Er ging ein paar Fuß entfernt an mir vorbei, ohne mich eines zweiten Blickes zu würdigen. Ich blickte erst zurück, als ich meinen Aufgang erreicht hatte. Dann säuberte ich meine Füße so gut es ging am Fußabstreifer. Mein Herz raste noch immer, als ich die Stufen hinaufrannte. Wenn ich Daniel täuschen konnte, dann glaubte ich, eines Tages sehr gut darin zu sein!

Erst als ich mir den Dreck vom Körper gewaschen hatte, in meinem Leibchen am offenen Fenster stand und die kühle Nachtluft meine nackten Arme und meinen Hals liebkosen ließ, traf mich der negative Aspekt meines Zusammentreffens mit Daniel. Es würde keine Besuche mehr geben, auf die ich mich freuen konnte, keine sonntäglichen Spaziergänge im Park, er würde mich nicht mehr in seine Arme nehmen und durch seine Küsse in Brand setzen. Ich würde mich so intensiv in die Arbeit stürzen müssen, dass mir keine Zeit zum Denken oder Fühlen bliebe.

Sieben

Die erste Woche kam und ging, ohne dass die Beendigung meiner Dienste erwähnte wurde; tatsächlich stimmte Paddy zu, mir eine bescheidene Summe zu zahlen. Aber die Tage verstrichen und ich war der Antwort auf die Frage, wie ein Privatdetektiv wirklich arbeitete, noch immer nicht nähergekommen. Ich verstand, dass die meisten Aufträge Scheidungsfälle waren und lange Stunden beinhalteten, während derer er darauf wartete, Zeuge von Verabredungen mit „der anderen Frau“ zu werden. Wenn er Glück hatte, fing er beide zusammen mit der Kamera ein. Er besaß eine dieser neuen Kodak Brownies – elegante, kleine Vorrichtungen, die nicht größer waren als Zigarrenkisten, und mit denen man Fotos machen konnte, ohne unter einer Haube verschwinden zu müssen. Ich konnte mich für die Qualität der Fotos nicht verbürgen. Er hielt sie vor mir verborgen, so wie er es mit allen Einzelheiten seiner Fälle tat. Ich stellte keine Fragen und wartete auf den rechten Augenblick. Der Trick wäre, mich zuerst unverzichtbar zu machen.

Während dieser ersten Woche fegte und schrubbte ich das Büro – und glauben Sie mir, es brauchte einiges an Arbeit! Ich ordnete seine Papiere zu sauberen Stapeln, warf Berge von Müll weg und versuchte dann, die Papiere abzulegen. Ich hatte entdeckt, dass im Hinterzimmer ein großer Aktenschrank aus Eiche stand. Ich öffnete ihn und versuchte, ein Gespür für Rileys Ablagesystem zu bekommen. Aber ehe ich die Gelegenheit hatte, die Überschriften der Akten zu lesen, hörte ich lautes Gebrüll hinter mir.

„Was zur Hölle glauben Sie, da zu tun, Weib?“

Ich sprang auf und fuhr herum. Ich hatte Paddy Riley nie zuvor wütend erlebt.

Ausnahmsweise fiel selbst mir keine kluge Antwort ein. „Ich ... Ich wollte nur sehen, wie Ihr Ablagesystem funktioniert, damit ich Ihre Papiere für Sie ablegen kann.“

„Sie haben herumgeschnüffelt, so sieht es aus.“

„Absolut nicht. Auf Ihrem Schreibtisch wartet ein Papierberg so hoch wie ein Wolkenkratzer, und die Unterlagen sollten irgendwo abgelegt werden. Dies ist ein Aktenschrank. Ich wollte hilfsbereit sein, das ist alles.“

Wir standen da und starrten einander wütend an.

„Der Aktenschrank ist tabu“, sagte er, aber jetzt etwas ruhiger. „Darin bewahre ich die Informationen zu meinen Fällen auf. Das ist alles streng vertraulich, verstehen Sie? Die obersten Familien New Yorks kommen unter der Voraussetzung zu mir, dass meine Ermittlungsergebnisse zwischen ihnen und mir bleiben.“

„Ich verstehe den Sinn einer Assistentin nicht, wenn Sie keine Hilfe wollen“, sagte ich. „Wie soll ich irgendwie von Nutzen sein, wenn Sie keine Informationen über Ihre Fälle mit mir teilen?“

„Die Antwort ist einfach. Sie sind mir nicht von Nutzen – nicht über das hinaus, was Sie bereits tun. Machen Sie sauber und erledigen Sie Botengänge, das kann ich tolerieren, schätze ich, aber meine Fälle teile ich nicht mit Ihnen. Sie würden dafür sorgen, dass ich innerhalb einer Woche meine Arbeit verliere. Frauen können ums Verrecken nicht den Mund halten.“

„Sie haben eine sehr schlechte Meinung von Frauen“, sagte ich. „Haben Sie deswegen nie geheiratet?“

„Wer sagt, dass ich nie geheiratet habe?“ Er ging an mir vorüber und knallte die Schublade des Aktenschranks zu. „Ich war mal verheiratet. Hübsches, kleines Ding. Schauspielerin. Ist mit einem anderen Kerl durchgebrannt.“

„Aha. Das ist es also!“ Ich lächelte triumphierend. „Deswegen haben Sie etwas gegen Frauen – weil sie einer von ihnen nicht trauen konnten. Nun, ich hatte schlimme Erfahrungen mit gewissen Männern, aber das lässt mich nicht glauben, dass jeder Mann ein mieser Schuft ist.“

„Hmpf.“ Das schien seine Standardäußerung zu sein, wenn ich die Oberhand über ihn gewonnen hatte.

„Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie diesem Zimmer fernblieben.“ Er schob mich zur Tür. „Das ist sozusagen mein Allerheiligstes. Räumen Sie das vordere Büro auf, so viel Sie wollen, aber lassen Sie mein Allerheiligstes in Ruhe.“

„Hier lag eine Schweinefleischpastete drin, die mindestens eine Woche alt war“, kommentierte ich über die Schulter hinweg, während ich ausfegte. „So was lockt Mäuse an.“

„Apropos Schweinefleischpastete.“ Er steckte eine Hand in seine Westentasche. „Sie können in den Feinkostladen auf dem Broadway gehen und mir zum Mittagessen ein Leberwurstsandwich holen. Holen Sie sich auch was. Und wenn Sie schon draußen sind, suchen Sie einen Schlosser und sagen Sie ihm, er soll heute Nachmittag vorbeikommen. Ich werde ein Schloss am Aktenschrank anbringen lassen, für meinen Seelenfrieden. Kommen Sie, bewegen Sie die Elefanten.“

Ich sah mich verwirrt um. „Was für Elefanten?“

„Elefanten – Quanten. Ihre Füße. Cockney Reim-Slang“, sagte er und grinste ob meines Unbehagens. „Verdammt, Sie würden in London keine zwei Minuten durchhalten, wenn Sie die Sprache nicht sprechen.“

„Da ich nie in London war, hat sich diese Gelegenheit nie ergeben“, sagte ich hochmütig. „Und ich hätte dafür gesorgt, nur mit höhergestellten Menschen zu verkehren, die keinen Slang sprechen.“

Statt verärgert zu sein, lachte er laut. „Sie sind komisch, das muss ich Ihnen lassen. Sie haben eine Menge Mumm. Los jetzt. Schaffen Sie Ihre Elefanten die Steppe runter.“

Ich lächelte, während ich die Treppe hinunterstieg. Ich hatte das Gefühl, dass Paddy mich eines Tages mögen würde.

Ich verließ Katz’s Delicatessen mit Leberwurst für Riley und kaltem Roastbeef für mich und wartete am Straßenrand, um ein Automobil vorbeizulassen. Ich schwöre, man sah sie in der Stadt mit jedem Tag häufiger und sie machten es nur noch gefährlicher, die Straße zu überqueren. Als ob Straßenbahnen und galoppierende Hansom-Taxen noch nicht genug Gefahren boten! Aber statt vorbeizubrausen, kam dieses Automobil kreischend zum Stehen und Daniel sprang vom Fahrersitz. Er trug Mütze und Autofahrerbrille, und ich erkannte ihn erst, als er meinen Namen rief.

Ich dachte darüber nach, wegzulaufen, aber das hatte keinen Zweck. Ich musste mich ihm stellen, und vielleicht war eine geschäftige Straße dafür besser geeignet als mein Zuhause.

„Wo um alles in der Welt warst du in den letzten Tagen?“, verlangte er zu wissen und setzte die Brille ab, während er sich mir näherte. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Mrs. O’Hallaran hat nur gesagt, dass du nicht zu Hause bist, und Miss van Woekem hat mir erzählt, dass du deine Meinung geändert hast und nicht länger für sie arbeitest. Und du hast nicht auf die Nachrichten reagiert, die ich dir hinterlassen habe. Was ist los?“

„Vielleicht habe ich die Art unserer Freundschaft missverstanden, Sir“, sagte ich. „Aber unter den gegebenen Umständen hielt ich es für weise, keinen weiteren Kontakt zu pflegen.“

„Wovon redest du? Was habe ich getan, das dich so verletzt hat?“

„Vielleicht fand ich die belanglose Angelegenheit einer geheim gehaltenen Verlobten etwas verletzend“, sagte ich. „Ich bin sicher, Miss Norton würde nicht wollen, dass Sie noch mehr Ihrer Zeit an mich verschwenden. Jetzt muss ich zur Arbeit zurück, sonst wird sich mein Arbeitgeber wundern, was mir zugestoßen ist. Guten Tag.“

Ich ging los.

„Molly, warte, geh nicht, bitte“, rief er mir nach. „Lass es mich erklären.“

„Was glaubst du, verstehe ich nicht an dem Wort ‚Verlobte‘?“, fragte ich. Ich war bis jetzt so beherrscht gewesen, dass ich schockiert war zu hören, wie meine Stimme brach. Wenn ich noch länger hierbliebe, würde ich mich selbst im Stich lassen und zu weinen anfangen. „Es gibt nur eine Bedeutung, soweit ich weiß. Ich mag ein einfaches Bauernmädchen sein, aber ich hatte Sprachenunterricht.“

Ich rannte los.

„Molly, bitte!“ Ich hörte, wie er mir hinterherrief.

„Geh weg und hör auf mir nachzulaufen“, rief ich zurück. „Ich will dich nie wiedersehen.“

Er versuchte nicht, mir weiter zu folgen.

Den Rest des Tages arbeitete ich wie eine Verrückte. Ich hatte erwartet, dass Paddy darüber erfreut wäre, aber er reagierte lediglich mit einem Grunzen, bis er am späten Nachmittag schließlich explodierte. „Hören Sie mal für einen Moment auf, Weib? Es macht mich fertig, Sie nur anzusehen. Wenn Sie den Boden noch energischer polieren, fallen wir beide jedes Mal auf den Arsch, wenn wir den Raum durchqueren.“

„Ich muss mich beschäftigen“, sagte ich.

„Nun, Sie sind mir im Weg. Ich muss mich für einen Termin im Delmonico’s anziehen.“

„Delmonico’s, was? Sie bewegen sich wirklich in gehobenen Kreisen.“

„Ich habe nicht vor, dort zu essen“, sagte er. „Ein gewisser Gentleman wird dort heute Abend in einem der privaten Esszimmer dinieren. Delmonico’s wird einen zusätzlichen Kellner im Dienst haben. Sie können mir dabei zusehen, wie ich mich verwandle. Warten Sie hier.“

Er verschwand im Hinterzimmer und tauchte im Anzug eines Kellners mit weißer Schürze wieder auf. „Jetzt braucht es nur noch den letzten Schliff.“

Er öffnete eine Kiste und nahm ein elegantes, schwarzes Toupet heraus, das in der Mitte gescheitelt war, und platzierte es auf seinem Kopf.

„Jetzt noch etwas Gesichtsbehaarung“, murmelte er und hielt einen gewachsten, schwarzen Schnurrbart hoch. „Der Trick bei der Sache ist, ein herausstechendes Merkmal zu haben – einen Bart, einen Schnurrbart, ein Monokel, einen ungewöhnlichen Hut, sogar eine Blume im Knopfloch. Das ist alles, woran sich die Leute erinnern werden.“ Er presste einen Streifen Hautkleber aus einer Tube und legte den Schnurrbart an. Die Verwandlung war wirklich eindrucksvoll. Er war von einem farblosen, alten Mann zu einem recht extravaganten und jüngeren Kellner geworden.

„Wie kommen Sie mit so etwas davon? Sie kennen doch bestimmt all ihre Kellner!“

Er grinste – dieses unverschämte Cockney-Grinsen. „Die armen Teufel laufen sich so die Hacken ab, dass sie keine Zeit dafür haben, ein neues Gesicht zu bemerken. Ich habe es schon oft genug gemacht, um zu wissen, wie ich unauffällig bleibe. Das Geheimnis ist, geschäftig auszusehen. Sehen Sie so aus, als gehörten Sie da hin und hätten eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Ich nehme eine Kerze in die Hand, eine Blumenvase oder ein paar Gläser, durchquere damit den Raum und betrete das Esszimmer. Restaurantgästen fällt nie auf, was der Kellner tut, besonders nicht diesen Restaurantgästen. Sie werden voneinander vereinnahmt sein. Ich fummle in einer Ecke herum, mache ein Foto, wenn ich kann, und dann gehe ich.“

„Wie aufregend. Das würde ich auch gerne versuchen.“

„Sie haben dort keine weiblichen Kellner.“

„Sie haben schlanke, junge Männer und Sie haben mir gerade gezeigt, wie man sich Gesichtsbehaarung anklebt.“

„Nur über meine Leiche.“ Er sah auf und warf mir über den Spiegel einen Blick zu. „Jetzt verschwinden Sie nach Hause. Ich muss arbeiten.“

Auf dem Heimweg drohte mich die Verzweiflung, die ich seit der nachmittäglichen Begegnung mit Daniel in Schach gehalten hatte, schließlich zu verschlingen. Ich würde Daniel nie wiedersehen. Ich schätze, dass ich bis zu diesem Moment gehofft hatte, dass die ganze Sache ein Fehler gewesen war. In meinem Hinterkopf hatte die zerbrechliche Hoffnung geschlummert, dass ich alles irgendwie missverstanden hatte, dass Daniel lachen und sagen würde: „Welche Verlobte? Ich habe keine Verlobte.“ Aber das hatte er nicht getan.

Ich wollte nur noch ins Bett kriechen, mir die Decke über den Kopf ziehen und in den Schlaf flüchten. Ich öffnete die Haustür, ging auf Zehenspitzen die Treppe hinauf, ohne die Aufmerksamkeit von Mrs. O’Hallaran zu erregen und war drauf und dran, die Tür zu meinem Zimmer zu öffnen, als ich auf dem Flur erstarrte. Jemand bewegte sich in meinem Zimmer.

Ich schwang die Tür auf. Zwei schuldbewusste Gesichter sahen auf. Die Kinder hielten meine Kissen in Händen, mit denen sie offenbar gerade gekämpft hatten.

„Seamus, Bridie, was ist hier los?“, fragte ich. „Was glaubt ihr, tut ihr in meinem Zimmer?“

„Tante Nuala hat gesagt, wir sollen hier reingehen“, sagte Bridie mit leiser Stimme. „Sie sagte, wir sollen bei Ihnen bleiben, weil Daddy sich nicht um uns kümmern kann.“

„Was stimmt denn nicht mit eurem Vater?“

„Er wurde begraben“, sagte der junge Seamus nüchtern. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Zimmer der O’Connors, Nuala selbst kam heraus und legte sich einen Finger auf die Lippen. „Nicht so viel Lärm. Kann sich der arme Mann nicht in Frieden ausruhen?“

„Seamus ist tot?“, keuchte ich.

„Noch nicht, aber das wird er bald sein, wenn er sich nicht ausruhen kann.“ Sie stand da, die fleischigen Hände in die breiten Hüften gestemmt. „Haben die Kinder es Ihnen nicht gesagt? Der Tunnel ist eingestürzt und der arme Kerl wurde lebendig begraben. Er hatte Glück – sie haben seine Hand aus dem Dreck ragen sehen und ihn rechtzeitig rausgeholt. Noch etwas länger und es wäre zu spät gewesen. Wie die Dinge liegen, wissen die Ärzte nicht. Er hat eine schlimme Gehirnerschütterung und sie sagen, dass seine Lunge voller Dreck ist. Wäre ein Wunder, wenn er keine Lungenentzündung bekommt. Er ist jetzt in den Händen der Heiligen Jungfrau.“

„Oh, nein. Das ist ja schrecklich. Wieso ist er zu Hause und nicht im Krankenhaus?“

Sie sah mich immer noch mit diesem anstößigen Spott an. „Krankenhäuser kosten Geld, also sofern Sie nicht nebenbei einen Liebhaber haben und anbieten, die Kosten zu übernehmen, bleibt der arme Kerl zu Hause. Der Arzt sagt, sie können sowieso nichts für ihn tun. Entweder erholt er sich oder nicht. Aber das ist nicht Ihre Angelegenheit. Er ist unsere Verantwortung. Deswegen bin ich gekommen, um selbst nach ihm zu sehen. Ich habe Finbar zurückgelassen, damit er sich um meine Jungs kümmert, und werde hierbleiben, bis der arme Seamus auf dem Weg der Besserung ist.“

„Oh, aber das müssen Sie wirklich nicht“, rief ich aus und versuchte, meinen entsetzten Gesichtsausdruck zu verbergen. „Ich bin sicher, dass Mrs. O’Hallaran und ich uns um ihn kümmern können.“

„Wofür sind Familien sonst da?“, fragte sie. „Wir kümmern uns um die Unsrigen.“

„Aber Ihre Jungs werden Sie brauchen. Und was ist mit Ihrer Arbeit auf dem Fischmarkt?“

„Schwierigkeiten in der Familie stehen an erster Stelle“, sagte sie. „Das war schon immer so. Und es ist Flaute auf dem Markt. Also ziehe ich für eine Weile hier ein, bis der arme Kerl sich erholt, so Gott und die Heiligen wollen.“

„Das ist sehr edel von Ihnen“, sagte ich schweren Herzens.

Sie lächelte mich herablassend an. „Er wird jemanden mit Erfahrung brauchen, um ihn zu pflegen. Aber er braucht absolute Ruhe, hat der Arzt gesagt, daher müssen die Kleinen bei Ihnen wohnen.“

„Ja, natürlich.“ Ich konnte kaum nein sagen, ohne völlig hartherzig zu wirken.

„Sie werden ihr Abendessen haben wollen.“ Nuala wandte sich um, um wieder in Seamus’ Zimmer zu gehen.

Also schien es, als wäre ich wieder die Mutter zweier kleiner Kinder. Nicht dass ich Einwände hatte. Tatsächlich empfand ich sie als Segen in Verkleidung. Ich würde zu beschäftigt sein, um herumzusitzen und Trübsal zu blasen. In dieser Nacht machte ich auf dem Boden meines Zimmers für sie die Betten, aber mitten in der Nacht krabbelte Bridie neben mir ins Bett, so wie sie es schon auf dem Schiff getan hatte. „Ich will nicht, dass Daddy stirbt“, flüsterte sie.

„Er wird gewiss nicht sterben, Schatz“, sagte ich und strich ihr weiches Haar zurück. „Ehe du dich versiehst, fühlt er sich wieder pudelwohl.“

„Tante Nuala sagt, er stirbt vielleicht.“

„Deine Tante Nuala sagt eine Menge dummer Dinge“, sagte ich. „Wir sprechen ein kleines Gebet für ihn und legen ihn in die Hände der Heiligen Mutter Gottes, in Ordnung?“

Wir waren mitten im Gebet, als Seamus zu uns ins Bett krabbelte. „Ich will auch für meinen Daddy beten.“

Ich schlief mit einem Kind in jedem Arm ein. Am Morgen gab ich ihnen Brot mit Marmelade und Tee und ging zur Arbeit, nachdem ich ihnen strikte Anweisungen gegeben hatte, dass sie keinen Lärm machen, nichts anfassen und nicht auf meiner Kochstelle kochen durften. Tatsächlich machte ich mir mehr Sorgen um Nuala. Ich zweifelte nicht einen Moment daran, dass sie meine Habseligkeiten durchsuchen würde, wenn sie es nicht schon längst getan hatte. Fein. Sollte sie doch. Es war nicht so, als hätte ich irgendetwas von Wert, abgesehen von ein paar Briefen, die Daniel mir geschrieben hatte – ich würde sie verbrennen müssen, sobald ich die Gelegenheit bekam.

Als ich Rileys Büro erreichte, erklärte ich ihm, dass ich vielleicht mehr Zeit zu Hause verbringen müsse, weil sich jemand um die Kinder kümmern sollte. Ich hatte erwartet, dass er das als erneute Gelegenheit betrachten würde, zu betonen, dass Frauen in seinem Geschäft nutzlos seien, aber er nickte lediglich abgelenkt. „Dann los. Verschwinden Sie.“

Ich stand da und starrte ihn an. Er hatte nicht von seinem Notizbuch auf dem Schreibtisch aufgesehen, in das er wütend eine Menge schwarzer Dornen kritzelte.

„Moment mal. Das bedeutet nicht, dass Sie mich feuern, oder?“ fragte ich. „Ich meine, ich habe gute Arbeit für Sie geleistet. Das Büro ist blitzblank und ich habe Ihre Botengänge erledigt ... und ich meinte nicht, dass ich gar nicht mehr zur Arbeit komme. Nur dass ich hin und wieder gern nach den Kleinen sehen würde.“

„Ja, ich schätze, Sie haben sich nicht zu schlecht angestellt, wenn man es recht bedenkt“, sagte er widerwillig. „Aber ich habe ernste Aufgaben zu erledigen. Ich brauche niemanden, der um mich herumlungert und zu meinen Füßen poliert und schrubbt. Die Dinge haben eine unerwartete Wendung genommen.“

Er blätterte durch das kleine, schwarze Notizbuch und schaute konzentriert und finster drein.

„Haben Sie gestern Abend im Delmonico’s etwas herausgefunden?“, fragte ich aufgeregt.

„Nicht im Delmonico’s. Danach. In einer Bar. Sie haben mich nicht erkannt, verstehen Sie, weil ich immer noch in meiner Kellner-Verkleidung war. Sie dachten nicht, dass jemand sie hören könnte.“ Er war offensichtlich verunsichert, sonst hätte er mir gegenüber nie so drauflosgeplappert. „Ich kann nicht wirklich glauben ... Ich meine, ausgerechnet er, und ich habe es nie ernst genommen.“ Er sah auf, beinahe erstaunt, mich dort immer noch stehen zu sehen. „Wieso verschwinden Sie nicht? Ich habe Arbeit zu erledigen. Das ist nicht der rechte Zeitpunkt, eine Frau hierzuhaben.“

„Soll ich später kurz vorbeikommen um zu schauen, ob irgendwelche Botengänge erledigt werden müssen?“

„Ich werde keine Botengänge haben. Ich werde unterwegs sein.“

„Ich könnte für Sie ein Auge aufs Büro haben und potenzielle Klienten empfangen.“

„Ich will nicht, dass Sie sich hier umsehen, wenn ich nicht da bin. Kommen Sie schon. Hauen Sie ab. Oh, und wenn Sie Ihren Freund Captain Sullivan sehen, könnten Sie ihm vielleicht sagen, dass Paddy mit ihm reden will, still und heimlich, sozusagen. Ich werde heute Abend an gewohnter Stelle sein.“

Ich war entlassen. Der Gedanke, in das Zimmer zurückzukehren, in dem zwei lebhafte Kinder warteten, mit Nuala nebenan, war nicht gerade reizvoll, aber ich konnte nirgendwo anders hin. Das Wetter lud nicht zum Spazieren auf den Boulevards ein.

Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich mit den Jungs im East River schwimmen gegangen, aber Frauen war es nur auf Coney Island erlaubt, schwimmen zu gehen – Daniel hatte mich eines Sonntags mal mit hingenommen. Und das war nicht, was ich Schwimmen nennen würde – ein bisschen diskretes Auf und Ab am Rand der Wellen, in Badeanzügen mit so vielen Rüschen, dass sie eine Tonne wogen.

Auf dem Broadway bespritzten sich kleine Jungs gegenseitig mit Wasser aus einer Pferdetränke. Ein paar Tropfen flogen in meine Richtung. „Ups. Verzeihung, Miss“, riefen die Jungs und grinsten. Ich lächelte zurück.

Es schien, als kämen Jungs mit allem davon. Meine Gedanken wanderten zu meinem Abenteuer in Jungenkleidung zurück und wie ich mich durch die Straßen bewegt hatte, als wäre ich unsichtbar. Das hatte mir gefallen. Irgendwann würde ich sie wieder benutzen, wenn Paddy Riley mir genug vertraute und mich zu einem Auftrag rausschickte. Er vertraute mir offensichtlich noch nicht, sonst hätte er mich in der Nähe behalten, während er wichtige Arbeit verrichtete. Ich fragte mich, was genau er belauscht hatte, das ihn so beunruhigt hatte.

Ich sah nach Seamus, als ich nach Hause kam. Er trieb noch immer zwischen Wachsein und Bewusstlosigkeit hin und her, während Nuala ihm kalte Waschlappen auf die Stirn legte. Sein Gesicht war aschfahl. Was um alles in der Welt würde aus diesen Kindern werden, wenn er starb? Wäre es besser, sie nach Irland zurückzuschicken, zu einer Mutter, die an der Schwindsucht starb, oder sie hierzulassen bei diesem Drachen von einer Cousine? Ich versuchte nicht darüber nachzudenken, als ich die Kinder in die St. Patrick’s Cathedral brachte, um eine Kerze für ihren Vater anzuzünden. Dann nahmen wir die Straßenbahn bis zum Central Park, wo sie den Rest des Tages viel Spaß hatten. Ich genoss die Zeit selbst. Gras, Bäume und Wasser haben etwas an sich, was meine Welt in Ordnung scheinen lässt.

Am nächsten Tag war Seamus wach, sah aber noch leichenblass aus. Nuala bat mich, einige Botengänge für sie zu erledigen. Kalbsfußsülze und Markknochensuppe wären sehr nahrhaft, sagte sie. Das brachte die Frage nach Geld aufs Tapet. Ich hatte selbst fast nichts mehr, abgesehen von dem Hungerlohn, den Paddy mir zahlte, und den zwei Dollar von Miss van Woekem. Ich war bereit, das auszugeben, aber was würde passieren, wenn Seamus eine Weile nicht arbeiten konnte? Ich konnte es mir gewiss nicht leisten, eine ganze Familie durchzufüttern.

Mein Kopf war voller sorgenschwerer Gedanken, als ich die Kalbsfüße und Gerste für Gerstenwasser kaufte, eine gute Suppe aufsetzte und den Kindern einige Schulaufgaben gab, damit sie beschäftigt waren. Sie schienen die Schule zu mögen und sagten mir, ich sei nicht streng genug für eine Lehrerin und dass ich einen Rohrstock brauche. Ich ließ sie auf ihren Schieferplatten Schönschrift üben und entschied, dass ich nachsehen wollte, ob Paddy Riley wieder im Büro war und meine Dienste benötigte.

Es war später Nachmittag und die Augusthitze war erdrückend. Die armen Pferde, die ihre Lieferwagen und Hansom-Taxen zogen, waren mit Schaum befleckt. Eins lag von seinem Geschirr befreit sterbend in der Gosse. Menschen gingen unbekümmert vorüber. Der Besitzer des Pferds stand neben dem Fuhrwerk und wirkte fassungslos. Ich eilte weiter, wollte etwas tun, wusste aber, dass ich nichts tun konnte. Sterbende Pferde waren in dieser Stadt ein allzu häufiger Anblick.

Meine weiße Bluse klebte mir am Rücken, als ich die ehemaligen Stallungen erreichte. Die Gasse war kühler, eingebettet in den Schatten der größeren Gebäude, und ich schleppte mich erschöpft Paddys Stufen hinauf, betete, dass er da war, und freute mich auf ein Glas Wasser. Ich schien Glück zu haben. Die Tür schwang unter meiner Hand auf. Paddy selbst machte an seinem Tisch ein Nickerchen.

„So hart also haben Sie gearbeitet ...“, setzte ich an. Dann unterbrach ich mich. Das Zimmer war in völliger Unordnung. Tatsächlich sah es aus, als ob hier ein Wirbelwind durchgekommen wäre – überall auf dem Boden lagen Papiere verstreut, der Abfalleimer war umgedreht worden.

„Paddy? Was um alles in der Welt ist–“ Ich unterbrach mich abermals, als ich im Hinterzimmer ein Geräusch hörte. Ich dachte nicht einen Augenblick lang nach. Ich ging hinüber und öffnete die Tür. Dieses Zimmer war ähnlich unordentlich und jemand kauerte am Boden, über den umgestürzten Aktenschrank gebeugt. Es war ein Mann, der von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet war. Er sah erschrocken auf. Für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke, dann, ehe ich etwas Vernünftiges sagen oder irgendeine Art Geräusch machen konnte, stürzte er sich auf mich. Eine Faust flog mir ins Gesicht. Ich taumelte zurück und brach am Boden zusammen, Dunkelheit machte sich in meinem Kopf breit, während die finstere Gestalt über mich hinweghüpfte, zum offenstehenden hinteren Fenster rannte und hinaussprang. Mir war schwindlig und ich hatte das Gefühl, als müsse ich mich übergeben. Ich stand stolpernd auf und schaffte es bis zum Fenster. Ich konnte nichts rufen – mein Kiefer schmerzte, wenn ich ihn bewegte. Ich konnte nur hilflos zusehen, während ein flinker, dunkler Schatten zwischen Garagen hindurch außer Sicht rannte.

Ich stand da, klammerte mich ans Fensterbrett, bekämpfte die Übelkeit und erinnerte mich dann an Paddy. Ich rannte zu ihm und versuchte, ihn aufzuwecken. Als ich versuchte ihn hochzuheben, fiel sein Kopf zurück und ich sah den hässlichen, roten Fleck auf seiner Brust. Aber er war immer noch warm. Es gab noch Hoffnung. Ich sah mich nach etwas um, womit ich die Blutung stoppen konnte, fand ein Handtuch und presste es auf die Wunde. Als ich das tat, öffnete er seine Augen. Er sah sich verwirrt um, dann konzentrierte er sich auf mich.

„Alles ist gut, Paddy“, schaffte ich zu sagen, auch wenn das Sprechen wehtat. „Sie werden wieder in Ordnung kommen. Ich hole Hilfe.“

Er packte meinen Arm, seine knochigen Finger bohrten sich in mein Fleisch. „Zu ... groß ... für ... mich.“ Das Flüstern war so schwach, dass ich die Worte kaum verstehen konnte.

„Wer hat das getan, Paddy? Wer hat Ihnen das angetan?“, fragte ich.

„Dachte nicht, dass er ...“, murmelte er, dann wich die Spannung aus seinem Gesicht und ich wusste, dass er mir entglitten war.

Acht

Ich blieb bei ihm, bis ein Constable eintraf. Ich hatte einen Straßenjungen losgeschickt, der in der Gasse unten gespielt hatte, damit er einen Polizisten holte, und stand da, stützte Paddy und wollte ihn nicht loslassen. Meine eigenen Schmerzen waren vergessen, als mich Zorn und Machtlosigkeit durchfuhren. Wenn ich früher gekommen wäre, hätte ich ihn vielleicht retten können. Ich hätte wenigstens irgendetwas tun können – den Eindringling verjagen, Alarm schlagen. Stattdessen war alles, was ich getan hatte, ihn in meinen Armen sterben zu lassen. Ich war nicht lange genug bei Paddy gewesen, dass sich eine starke Bindung hätte bilden können, aber ich hatte ihn wirklich gemocht. Vielleicht erkannte ich mich selbst in ihm – Einzelgänger, geradeheraus, hat vor wenig Angst. Ich schätzte, dass er mich auch mochte, auf seine eigene, schroffe Weise. Wenn er überlebt hätte, wären wir vielleicht gute Freunde geworden, vielleicht sogar Partner.

Ich sah auf, als ich polternde Schritte auf der Außentreppe hörte. Ein junger Constable streckte seinen Kopf durch die Tür, warf einen Blick auf Paddy und mich und bekreuzigte sich. „Die Heiligen mögen uns bewahren“, murmelte er. „Soll ich einen Arzt holen?“

„Dafür ist es zu spät“, sagte ich.

„Was ist passiert?“

Ich berührte mit der Hand mein Gesicht und spürte wie klebrig sie war. „Es war ein Einbrecher. Er hat mich geschlagen“, sagte ich, „aber es geht mir gut.“

„Dann bleiben Sie, wo Sie sind. Ich hole Hilfe.“

Er rannte die Treppe wieder hinunter. Der Straßenjunge stand gaffend in der Tür. Ich konnte das Murmeln einer Menge hören, die sich unten bildete. Es dauerte nicht lange, bis ich eine Stimme bellen hörte: „In Ordnung, gehen Sie weiter. Kein Herumlungern. Na los, zurück in Ihre Häuser.“ Dann kamen schwere Schritte die Treppe herauf. Ein junger Mann betrat das Zimmer. Er hatte blondes Haar, helle Augen und Augenbrauen und eine Art blasses, kränkliches Aussehen, das ich zu Hause in Irland nie gesehen hatte, wo die meisten von uns gesunde, rote Wangen und Sommersprossen hatten. Er war förmlich gekleidet, in einen schwarzen Anzug, der ihn nur noch verbrauchter aussehen ließ. Er blickte sich mit einem Ausdruck von Abneigung rasch im Raum um, dann heftete sich sein Blick auf mich.

„Sergeant Wolski“, sagte er mit abgehackter Stimme. „Was haben wir hier?“

Ein New Yorker Polizist, der kein Ire war. Das war ungewöhnlich. Ich sah auf den toten Mann in meinen Armen hinab. „Er ist tot. Der Mörder ist durch das hintere Fenster entkommen.“

„Paddy Riley, richtig?“ Der junge Mann schlenderte durch den Raum.

„Das ist richtig. Sollten Sie nicht Leute rausschicken, die nach dem Mörder suchen?“

„Sie sind vermutlich eine Nachbarin.“ Er beäugte mich kühl, mit seinen blassen, blauen Augen. „Name?“

„Molly Murphy. Ich bin Mr. Rileys Geschäftspartnerin.“ Selbst mitten in meinem Schock und Kummer achtete ich auf meine Wortwahl – das klang viel besser als Assistentin.

„Paddy hat nie mit jemandem zusammengearbeitet.“

„Nun, er tut es jetzt. Tat es jetzt.“ Ich hatte bereits eine Abneigung gegen den reservierten und recht arroganten, jungen Mann entwickelt. „Er hat mich ausgebildet, wenn Sie es unbedingt wissen müssen.“ Eine leichte Übertreibung, aber berechtigt.

Ein ungläubiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Paddy muss auf seine alten Tage weich geworden sein.“

„Hören Sie, wieso reden wir, während ein Mörder frei herumläuft?“, blaffte ich. „Sie könnten ihn immer noch fassen, wenn Sie schnell handeln.“

„Ich bin hier das Gesetz“, sagte er. „Sie halten die Klappe, bis Ihnen eine Frage gestellt wird.“

Ich öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass Captain Daniel Sullivan etwas dazu zu sagen hatte, wenn er so mit mir redete. Dann wurde mir bewusst, dass ich mich nicht mehr an Daniel wenden konnte, damit er mich beschützte.

„Sind Sie stets so unhöflich?“, fragte ich.

„Nur Menschen gegenüber, die nicht wissen, wann Sie zu schweigen haben“, sagte er. „Ich könnte Sie zur Befragung mit ins Polizeihauptquartier nehmen, wenn Sie sich nicht zu benehmen wissen.“

Der Gedanke war sehr verführerisch. Ich erlaubte mir, die Vorstellung auszukosten, dass dieser junge Emporkömmling mich ins Polizeihauptquartier schleppte, nur um mit Daniel Bekanntschaft zu machen, aber letztlich obsiegte wieder mein Stolz.

Sergeant Wolski schob mich beiseite und untersuchte Paddy flüchtig, dann wandte er sich zu dem Constable um, der in der Tür wartete. „Erstochen. Elegante, kleine Klinge – Stilett, so wie es aussieht. Er hat es vermutlich mitgenommen, aber durchsuchen Sie das Büro trotzdem danach. Und den Bereich draußen. Vielleicht hat er es aus dem Fenster geworfen oder beim Weglaufen fallen gelassen.“ Er stieß die Tür zum Hinterzimmer auf. Das befand sich in genauso chaotischem Zustand, der Aktenschrank lag auf der Seite, immer noch verschlossen.

„Könnte ein versuchter Raub gewesen sein“, sagte Wolski. „Obwohl ich nicht glaube, dass irgendjemand davon ausging, dass Paddy etwas von Wert besaß.“

Er ging zum Aktenschrank und bedeutete dem Constable, ihm beim Aufrichten zu helfen. „Was ist da drin?“

„Notizen zu seinen Fällen, glaube ich. Das war privat. Er wollte nicht, dass ich es anfasse.“

„Irgendeine Vorstellung, wo der Schlüssel ist?“

„Ganz und gar nicht.“

Er kam wieder zu mir zurück. „Wie kommt es, dass Sie mit ein, zwei Kratzern entkommen sind und ein hinterlistiger, alter Kerl wie Riley getötet wurde?“

Ich wusste, was er dachte – dass ich irgendwie mit dem Mörder unter einer Decke steckte.

„Die Antwort ist einfach“, sagte ich. „Ich bin hergekommen, fand Paddy über dem Tisch zusammengesackt und das Büro in diesem Zustand. Ich hörte ein Geräusch im Hinterzimmer und bin reingegangen, um es untersuchen–“

„Während Paddy tot dalag? Das war entweder mutig oder dumm.“

„Ich wusste nicht, dass er tot war. Ich dachte, er schlief. Es kam mir nie in den Sinn, dass ...“ Ich ließ den Satz unbeendet. „Als ich Tür öffnete, habe ich den Eindringling überrascht. Er sprang auf und hat mich mit der Faust geschlagen. Ich wurde mit beachtlicher Kraft zu Boden geworfen. Er sprang über mich hinweg und ist durchs Fenster entkommen.“

„Haben Sie ihn sich genau angesehen? War es jemand, den Sie kannten?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich hatte kaum Gelegenheit, ihn anzusehen, ehe ich nach hinten umgestoßen wurde. Ich sah seinen Rücken, als er wegrannte – ein schlanker, junger Mann, in schwarz gekleidet. Dunkles Haar, glaube ich, und vielleicht eine schwarze Mütze auf dem Kopf. Er bewegte sich sehr agil.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.“

„Geben Sie die Beschreibung ans Hauptquartier weiter“, rief Sergeant Wolski dem Constable zu. „Sagen Sie ihnen, ich brauche Verstärkung und einen Leichenwagen. Und sagen Sie ihnen, sie sollen sich beeilen. Bei dieser Hitze wird er nicht lange aushalten.“

„Die junge Dame ist verletzt“, sagte der Constable und beäugte den Sergeant mit offensichtlicher Abneigung. „Sollte man sich nicht auch um sie kümmern? Ich könnte sie nach Hause bringen lassen.“

„Wenn ich damit fertig bin, sie zu befragen“, sagte Wolski. „Ich bin noch nicht zufrieden mit dem Grund für Ihre Anwesenheit.“ Er holte ein Notizbuch hervor. „Ich brauche Ihren vollen Namen und eine Adresse.“

„Was das betrifft, ich lebe bei den O’Hallarans.“ Zum ersten Mal konnte ich punkten. „Kennen Sie Sergeant O’Hallaran? Captain Sullivan hat sie dazu gebracht, mich in ihrem Dachgeschoss wohnen zu lassen.“ Das konnte ich mir nicht verkneifen. Es zeigte offensichtlich auch bei Wolski Wirkung.

„Sie sagen also, Sie haben für Paddy gearbeitet?“

„Ich habe erst kürzlich angefangen.“ Ich würde ihm nicht verraten, wie frisch das Arbeitsverhältnis war.

„Wissen Sie, an welchen Fällen er gearbeitet hat? Irgendwelche Einfälle, wer ihn zum Schweigen bringen wollte?“

„Ich fürchte, Mr. Riley hat seine sensibelsten Fälle nicht mit mir geteilt. Ich weiß, dass er sich um einige Scheidungen kümmerte, aber das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.“

„Ich kann nicht behaupten, dass ich überrascht wäre“, sagte Wolski. Er ging im Zimmer auf und ab und trat träge gegen die Papiere, die auf der Erde lagen. „Er hat es herausgefordert, oder nicht?“

„Was wollen Sie damit sagen?“

Wolski grinste. Er hatte ein unangenehmes, hochmütiges Grinsen, das in mir den Wunsch weckte, ihm ins Gesicht zu schlagen. „Was kann man schon erwarten, wenn er ein doppeltes Spiel spielte?“

„Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass er für beide Seiten gearbeitet hat, die Polizei und die Gangs – wer immer ihn bezahlt hat. Er lebte gefährlich. Jemand musste ihn irgendwann erwischen.“ Er wandte sich an mich. „Sie haben Glück, dass er Sie nicht ins Vertrauen gezogen hat, sonst hätten Sie selbst nicht lange ausgehalten. Na schön. Sie können jetzt nach Hause gehen. Kümmern Sie sich um die aufgeplatzte Lippe.“

„Was wird jetzt passieren?“, fragte ich.

„Wir werden nach dem Mann suchen, den Sie beschrieben haben. Wir werden unsere Informanten in den Gangs fragen, aber ich habe keine Hoffnung, dass irgendwer singt.“

„Und was ist mit mir? Was mich betrifft, bin ich noch immer hier angestellt. Es gibt ungelöste Problem, die ich klären sollte, wenn ich kann. Wann kann ich wieder hier rein, um aufzuräumen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Sobald der Polizeifotograf Bilder gemacht hat und wir die Leiche weggebracht haben.“

„Was ist mit all diesen Papieren?“, platzte ich heraus, dann wünschte ich, ich hätte es nicht gesagt. „Sollte man sie nicht durchsehen? Es ist ziemlich offensichtlich, dass der Eindringling nach etwas gesucht, es aber nicht gefunden hat, sonst hätte er sich nicht im Hinterzimmer aufgehalten, nachdem er Paddy getötet hatte.“

Zum ersten Mal sah Wolski mich an, als sei ich ein menschliches Wesen und keine Kreatur niederer Ordnung. Er nickte. „Ich lasse einen Mann alles durchsehen. Aber es ist wohl kaum die Mühe wert. Sie haben selbst gesagt, dass er mehrere Fälle bearbeitet hat. Wir haben keine Möglichkeit herauszufinden, welche bestimmte Information für jemanden wichtig genug gewesen sein könnte, um dafür zu töten. Ich gehe nach wie vor von der Annahme aus, dass es ein gedungener Mörder war. Wer immer ihn getötet hat, wusste, was er tat – dünne Klinge, Stich ins Herz. Das ist die Arbeit eines Meuchelmörders.“ Er trat gegen einen anderen Papierhaufen. „Es wird eine der Gangs sein – Sie werden sehen. Die glauben, dass Paddy Informationen an die Polizei weitergegeben hat, und so vergelten sie so etwas. Ein Jammer.“

„Ja“, sagte ich und sah auf Paddys Körper hinab. „Ein Jammer.“ Es wurde schnell offensichtlich, dass dieser herablassende Sergeant sich keine Mühe machen würde, um Paddys Mörder zu finden.

„Und Sie suchen Zweifels ohne nach Fingerabdrücken?“, konnte ich mir nicht verkneifen hinzuzufügen.

Das eisige Starren kehrte zurück. „Versuchen Sie, mir meine Arbeit zu erklären?“

Ich kehrte zu bescheidenem, weiblichem Verhalten zurück. „Es tut mir leid, ich wollte nicht unterstellen–“

„Hat wenig Sinn“, sagte er. „Wenn der Mann wusste, was er tat, war er vorsichtig genug, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.“

Ich versuchte, mich daran zu erinnern, ob die Hand, die mich geschlagen hatte, in einem Handschuh gesteckt hatte, aber es war alles zu schnell gegangen. Dennoch würde ich nicht so leicht aufgeben. „Aber er hat vielleicht bei seinem Weg nach draußen einen Fingerabdruck auf dem Fensterbrett hinterlassen.“

„Sie sind hartnäckig, was? Ich schätze, Sie gehen besser nach Hause und überlassen die Ermittlungsarbeit ausgebildeten Fachleuten.“

Er fragte nicht nach meinen Fingerabdrücken, was ich getan hätte, wäre es mein Fall gewesen. Ich sah mich im Zimmer um. „Ich helfe Ihnen gern dabei, die Papiere durchzusehen“, sagte ich. „Vielleicht fällt mir etwas auf.“

„Wir werden Sie rufen, wenn wir Sie brauchen. Und Sie werden benachrichtigt, wenn wir mit unserer Ermittlung fertig sind, sodass Sie wiederkommen und hier aufräumen können.“

Also war ich auf die Rolle der Putzfrau beschränkt. „Wenn ich wiederkommen und aufräumen soll, brauche ich einen Schlüssel.“

„Wissen Sie, wo die Schlüssel aufbewahrt werden?“

„In einer seiner Taschen, glaube ich. Ich könnte sie nehmen und einen nachmachen lassen, sodass Sie das Original behalten, für den Fall, dass Sie noch mal hier hereinmüssen.“

„Ich lasse das einen meiner Männer machen. Seine Tasche, sagen Sie?“ Paddys Jacke hing zusammen mit seiner braunen Melone am Haken an der Wand. Wolski ging hinüber und durchsuchte die Taschen. Dann erinnerte ich mich daran, dass Paddy Geld aus seiner Westentasche hervorgeholt hatte. Es war möglich, dass ... Vorsichtig ließ ich meine Finger in die Westentasche gleiten. Glücklicherweise befand sie sich nicht auf der Seite der Wunde. Ich spürte einige Münzen und dann schlossen sich meine Finger um einen spitzen, metallischen Gegenstand.

„Ich denke, ich–“, setzte ich an, als Wolski ausrief:

„Ah, da. Das muss er sein“, und einen großen Türschlüssel hochhielt. Ich sah auf das Objekt in meiner Hand hinab. Ein viel kleinerer Schlüssel, glänzend, neu. Meine Finger schlossen sich erneut darum. Der Schlüssel zum Aktenschrank. Der Eindringling hatte ihn umgeworfen, vielleicht in einem frustrierten Versuch, ihn zu öffnen. Es bestand kein Zweifel, dass die Polizei einen Weg finden würde, ihn zu öffnen, wenn sie interessiert waren. Wenn sie es nicht waren, würde ich selbst nachsehen.

Neun

Als Sergeant Wolski mich gehen ließ, waren bereits weitere Polizisten eingetroffen. Einer von ihnen stellte ein Stativ und eine Halterung für einen Blitz auf, um mit einer altmodischen Kamera mit Haube Bilder vom Tatort zu machen.

„Der arme, alte Paddy“, hörte ich einen von ihnen murmeln. „Wer hätte das gedacht? Er war einer, der wusste, wie man auf sich aufpasst.“

Sie zu beobachten ließ mich an Paddys Kamera denken. Er hatte sie an dem Abend gewiss mit ins Delmonico’s genommen, um Beweise zu sammeln. Konnte sie einen entscheidenden Hinweis enthalten? Ich überlegte, danach zu suchen, ohne es der Polizei zu sagen, dann obsiegte meine gute Seite.

„Paddy hatte eine Kamera“, sagte ich zu Wolski. „Eine kleine Box Brownie. Könnte wichtig sein.“

In Wolskis Augen zeichnete sich Interesse ab. „Eine Kamera, sagen Sie? Irgendeine Idee, wo wir sie finden?“

Ich schüttelte den Kopf. „Wer kann das sagen, in diesem Chaos?“

Er nickte leicht. „Danke. Wir behalten das im Hinterkopf. Guten Tag, Miss Murphy. Constable, geleiten Sie Miss Murphy hinaus.“

Ich ging vorsichtig die Stufen hinunter, weil Übelkeit und Schwindel zurückgekehrt waren. Mein Kiefer pochte beängstigend. Wenn man als private Ermittlerin das hier zu erwarten hatte, war ich am Ende nicht sicher, ob ich diese Arbeit machen wollte. Natürlich war es nicht mehr meine Arbeit. Ich war wieder arbeitslos. Wieder so weit wie zuvor.

Ich wollte nicht nach Hause gehen und mich den schreienden Kindern und der neugierigen Nuala stellen. Ich verließ die ehemaligen Stallungen Richtung Süden und setzte mich in den Schatten einer großen Ulme auf dem Washington Square. Ein Brunnen plätscherte mitten auf dem Platz und eine abendliche Brise wehte kühlende Tropfen in meine Richtung. Kinder spielten Himmel und Hölle und traten Büchsen hin und her. Ein italienischer Eisverkäufer schob seine Karre und klingelte dabei. Studenten saßen auf Bänken und waren in ernste Diskussionen vertieft. Das Leben ging genauso weiter wie vor Paddys Tod. Niemand achtete auf mich oder meine geschwollene Lippe. Ich nahm ein Taschentuch heraus, ging zum Brunnen, um es hineinzutauchen, wischte das Blut weg und hielt mir das Tuch anschließend ins Gesicht, bis die Kälte des Wassers das wütende Pochen abmilderte.

Was sollte ich jetzt tun? Nach Hause gehen und mir eine geregelte, normale Arbeit suchen, bei der es unwahrscheinlich war, dass mein Arbeitgeber ermordet wurde? Das war offensichtlich die vernünftige Antwort. Genug davon, mich in einer Welt zu versuchen, von der ich nichts verstand. Ich wusste, ich sollte die Finger von Paddys Tod lassen, aber ich hatte das Gefühl, dass der unausstehliche Sergeant Wolski sich keine Mühe geben würde, um Paddys Mörder zu finden. Wieso war nicht stattdessen Daniel gerufen worden? Vielleicht hätte ich ihm sagen können– Ich unterbrach den Gedanken. Ich würde Daniel Sullivan nichts erzählen. Ich würde Paddys Mörder selbst finden müssen. Ich hielt ob der Ungeheuerlichkeit dieser Idee einen Moment inne. Wie sollte ich einen Mörder finden? Ich besaß keine von Paddys Fertigkeiten, hatte keine Ahnung, wo ich anfangen sollte. Aber mein Mund war oft genug schneller gewesen als mein Verstand und hatte behauptet, dass ich Ermittlerin werden wollte. Nun, jetzt war der Moment gekommen, meinen Worten Taten folgen zu lassen, wie ich es die Spieler auf dem transatlantischen Linienschiff hatte sagen hören. Außerdem hatte Paddys Mörder mich geschlagen. Ich hatte eine persönliche Rechnung zu begleichen. Morgen würde ich in Paddys Büro zurückkehren und seinen Aktenschrank durchsehen. Irgendwo unter diesen Fällen befand sich eine Information, die es wert war, dafür zu töten.

Ich sah auf, als eine Gruppe Menschen an mir vorüberging und ich eine gelangweilte, aristokratische Stimme mit englischem Akzent sagen hörte: „Jetzt seid so gut, Jungs, und lasst mich allein. Selbst ich weiß noch nicht, worum es im neuen Stück geht. Ich werde die wichtigsten Punkte der Geschichte wahrscheinlich fertig haben, wenn es im Herbst uraufgeführt wird. Wenn nicht, werden die Schauspieler improvisieren müssen. Jetzt zieht ab und lasst uns in Frieden.“

Meine Augen waren auf den Sprecher fixiert: der schönste Mann, den ich je gesehen hatte. Ich schätze, es ist seltsam, ein Mann als schön zu beschreiben, aber dieser war es. Er war wie eine Gestalt aus einem alten Gemälde oder wie eine Statue – groß, elegant, dunkles, lockiges Haar, das er länger trug, als es Mode war, dunkle Augen, eine lange, gerade Nase und ein kräftiges, kantiges Kinn. Er war vollkommen, wenn man es genau nahm. Ich konnte nicht aufhören, ihn anzusehen. Als die Reporter, die ihm gefolgt waren, endlich verschwunden waren, sagte er etwas zu einem seiner Begleiter und sie brachen in Gelächter aus. Sein Gesicht war sogar noch entzückender, wenn er lachte. Wenn ich je einen Mann wie ihn kennenlernen würde, könnte ich mich überreden lassen, alle Gedanken an eine Karriere abzustellen und froh zu sein, ihm den Rest meines Lebens Frühstück im Bett zu servieren.

Ich lächelte über meine eigene Dummheit, stand auf und ging nach Hause.

Ich schaffte es erfolgreich, mich an Mrs. O’Hallaran vorbei zu schleichen, aber oben hatte ich nicht so viel Glück. Nuala saß mit den beiden Kleinen in meinem Zimmer.

„Beim Heiligen Michael und all seinen Engeln, was ist mit Ihrem Gesicht passiert?“, fragte sie, als sie mich erblickte.

„Molly, Ihr Mund ist ganz komisch“, fügte Shameyboy hinzu und starrte mich staunend an. Bridie kam zu mir herüber. „Tut es sehr weh? Haben Sie geweint?“

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Mord in feiner Gesellschaft