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Liebe und andere Schlagzeilen

von Saskia Louis (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Callie Panther versucht, ein guter Mensch zu sein – auch wenn die ganze Welt auf ihren nächsten großen Fehltritt wartet. Allen voran ihr herrischer Vater, ihre drei überbesorgten Brüdern und nicht zuletzt die verhasste Presse, die sie bereits ihr ganzes Leben lang verfolgt. Dabei ist alles, was die Millionenerbin will, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ihr Herzensprojekt zu verwirklichen und neu anzufangen. Selbst wenn sie dafür einen Deal mit dem lästig attraktiven Teufel eingehen muss …

James Galway weiß, dass er kein guter Mensch ist. Seine Familie redet nicht mehr mit ihm und als Journalist hat er schon einige verwerfliche Dinge getan. Aber sein Job hatte schon immer Priorität – und Callie Panther, die seine Hilfe benötigt, verspricht die Schlagzeile zu werden, die er für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter braucht. Doch je näher er ihr kommt, desto mehr zweifelt er an seinem Plan, denn Callie erinnert ihn an den Menschen, der er einmal sein wollte … und schließlich hat er ihr Leben schon mal zerstört.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe November 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-859-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-995-4

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © tomert, © ooddysmile
shutterstock.com: © Dean Drobot, © f11photo, © Rawpixel.com
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Kapitel 1

Es gab eine Menge Dinge, die Callie Panther verachtete.

Angefangen mit ihrem Vornamen: Calliope.

Was für eine Tortur es gewesen war, mit einem solch arrogant klingenden Namen aufzuwachsen! Ihrem Zwillingsbruder war es wenigstens vergönnt gewesen, den Namen des ersten Autos ihrer Mutter zu tragen. Cooper war ein schicker, schlichter Name. Über ihren Namen jedoch hatte ihr steifer, vornehmer und etwas aufgeblasener Vater entscheiden dürfen und so war sie nach der Muse der epischen Dichtung benannt worden. Eine klare Fehlentscheidung, wenn sie das bemerken durfte. Bis jetzt war sie nämlich nur Schöpferin von ein paar Wutanfällen und Inspiration für den Namen eines Sandwichs im Restaurant neben ihrer ehemaligen Wohnung gewesen.

Dann verachtete sie noch die Leute, die keinen Senf auf ihr Hotdog machten, sondern Mayonnaise. Die Menschen, die eine abfällige Bemerkung nach der anderen machten, aber in Tränen ausbrachen, sobald man sie kritisierte. Außerdem jeden Kommentar, der mit dem Ausdruck „Ich möchte ja nicht …, aber“ anfing.

Ja, sie verachtete eine Menge, aber hassen tat sie nur weniges.

Eltern, die an ihrem Smartphone hingen, während ihr Kind nahe eines Bahnübergangs spielte, zum Beispiel. Braune Smarties, die einem vorspielten, gesünder als der Rest zu sein. Rassistische Polizisten.

Aber nichts, nichts hasste sie mehr als die Presse.

Die Blutsauger, die ihre Nase in fremde Angelegenheiten steckten, Geheimnisse auf Titelseiten breittraten und am laufenden Band Gerüchte verbreiteten. Gierige Fotografen, die ihre Privatsphäre verletzten, sich durch Hecken wühlten, auf Mauern kletterten, um mit einem dreckigen Schnappschuss die Welt am nächsten Skandal teilhaben zu lassen. Journalisten, Klatschreporter, Paparazzi. Gewissenlose Schleimscheißer, die mit nur ein paar verbogenen Wörtern und schäbigen Bildern Leben zerstörten – ohne Rücksicht auf Verluste.

Ihr Hass auf Menschen mit Diktiergerät und Schnappschusskamera hatte tiefe Wurzeln. Persönliche Wurzeln. Wurzeln, die einige Jahre lang ihr Leben bestimmt hatten. Doch darüber war sie hinweg. Damit hatte sie abgeschlossen. Sie war eine neue Person … was nicht bedeutete, dass sie darauf verzichten würde, den nächsten Typen, der „Bitte lächeln, Calliope“ schrie mit einer Harpune zu jagen und in die Marina zu werfen.

„Woher wissen sie, dass ich hier bin?“, zischte sie, schob die Sonnenbrille höher die Nase hinauf und die Kappe tiefer in ihr Gesicht. Das Blitzlichtgewitter prasselte auf sie nieder, blendete sie und ließ ihre Nackenhaare zu Berge stehen. Das letzte Mal, dass sie eine solche mediale Aufmerksamkeit bekommen hatte, war zwölf Jahre her … und das war keine Erinnerung, die sie gerne erneut durchleben wollte. „Woher zum Teufel wissen sie, dass ich heute lande? Ich habe es nur sechs Leuten verraten, verdammt!“

„Ich hab keine Ahnung“, murmelte Coop verbissen und zog den Arm enger um ihre Schultern, um sie durch die Masse an Kameras und Reportern zu bugsieren. Sie dachte nicht an vielen Tagen über die Muskeln ihres Bruders nach, aber heute war sie dankbar dafür, dass er sich ausschließlich von Proteinshakes zu ernähren schien. „Ich schwöre dir, wenn noch einer seinen Finger in dein Gesicht hält …“

Callie seufzte schwer. So wie sie ihn kannte, plante Coop bereits, wie er mit nur einem Faustschlag gleich drei Presseleute niederschlagen konnte. Er war ein Hitzkopf, seine Zündschnur in etwa so lang wie sein kleiner Finger. Aber Callie wollte nicht, dass er sich ihretwegen in Schwierigkeiten brachte. Das hatte er den Großteil seiner Jugend getan und sie würde dieses alte Muster nicht wieder aufleben lassen.

Die Fotografen schrien weiter durcheinander, verlangten allerhand Posen, Gesichtsausdrücke, Informationen von ihr, doch sie ignorierte sie alle.

„Ist schon gut“, meinte sie und trat auf die Schiebetür zu, die sich automatisch öffnete. „Wir sind ja gleich beim Auto. Und mir war klar, dass die Presse die Rückkehr der verlorenen Tochter groß aufblasen würde.“

Die kalte Oktoberluft wehte ihr entgegen, biss in ihre Haut und ließ sie frösteln. Aber vielleicht war das auch nur der Ort an sich. Philadelphia konnte nichts dafür, aber die Stadt symbolisierte Versagen und Hilflosigkeit für Callie und das waren zwei Gefühle, mit denen sie sich schon längst nicht mehr identifizierte. Zwei Zustände, über die sie hinweggekommen war … und mit denen sie sich nie wieder hatte konfrontieren wollen. Und trotz allem war sie jetzt hier.

Shit, ihr Vater hatte ganze Arbeit geleistet. Typisch für ihn, dass er selbst aus fast 3000 Meilen Entfernung Kontrolle über ihr Leben ausüben konnte.

„Du warst nicht verloren“, bemerkte Coop schnaubend. „Du warst … im Urlaub.“

Sie lachte leise. „Zwölf Jahre lang? Mann, mein Leben muss fantastisch sein.“

„Das ist es“, bestätigte er mit Nachdruck. „Du hast eine Familie, die dich liebt, ein Dach über dem Kopf und einen Traum, den du verwirklichst. Was fehlt dir noch?“

Callies Mundwinkel zuckten. Coops Optimismus war beneidenswert. „Du hast recht. Ich habe eine überbesorgte Familie, die aus einem herrischen Vater, drei Helikopter-Brüdern und einer abwesenden Mutter besteht. Ich habe dein Dach über dem Kopf und einen Traum, der mich wahrscheinlich emotional wie auch finanziell ruinieren wird.“

„Das ist die positive Einstellung, für die ich dich liebe.“

Sie lachte trocken auf. Ach ja … manchmal wünschte sie sich, sie hätte das Geld aus ihrem Treuhandfond nicht komplett verschenkt. Ihr Leben wäre jetzt um einiges simpler gewesen, wenn sie die 50 Millionen Dollar, die sie mit fünfundzwanzig erhalten hatte, einfach behalten hätte.

„Du warst es, die es für klug hielt, kein finanzielles Polster zu haben, Callie“, las Coop ihre Gedanken. „Ich hab dir gesagt, dass du diesen dummen Gedanken irgendwann bereuen wirst.“

Sie stöhnte. „Ich weiß. Aber ich wollte hart arbeiten müssen! Mir selbst beweisen, dass ich auf eigenen Füßen stehen kann.“

„Und das hast du getan. Herzlichen Glückwunsch. Wie hoch wirst du dich mit deinem Projekt noch gleich in die Schulden reiten?“

Sie biss auf ihre Unterlippe. „Mit einer Million Dollar?“

Coop lachte leise. „Und du dachtest, einhunderttausend Dollar für schlechte Zeiten würden reichen!“

Na, das hätten sie ja auch, wenn sie ihrer Existenz nicht mit einem Herzensprojekt einen Sinn hätte geben müssen!

Aber Callie fiel es schwer, sich deswegen schlecht zu fühlen. Das erste Mal in ihrem Leben war ihr etwas wichtig. Sie hatte das Gefühl, eine Aufgabe zu haben. Etwas bewegen zu können. Etwas verändern zu können. Das erste Mal seit zwölf Jahren hatte sie ein Ziel, das sie erfüllte und zufriedenstellte. Und wenn das bedeutete, dass sie ihren Vater um ein Darlehen bitten und für ein paar Monate zurück nach Philadelphia kommen musste – dann war das so.

„Callie, wie lang werden Sie bleiben?“

„Callie, was machen Sie überhaupt hier?“

„Callie, ist es wahr, dass Sie pleite sind?“

Liebe Güte, woher hatte die verdammte Presse ihre Informationen? Konnten sie jetzt auch noch auf ihre Bankdaten zugreifen, oder was?

„Wie verdammte Hunde, die um einen Knochen betteln“, murmelte Coop düster, bevor sie zusammen die letzten Meter zu seinem Auto zurücklegten, das er widerrechtlich in der Ladezone vorm Flughafen geparkt hatte. Praktischerweise hatte der Nachname Panther eine abwehrende Wirkung auf Strafzettel oder Bußgelder jeglicher Art.

Coop nahm ihr den Koffer aus der Hand, öffnete ihr die Tür und schirmte sie mit seinem breiten Rücken vor den Reportern ab, während sie einstieg.

Ihr Herz zog sich schmerzhaft süß zusammen und sie drückte seine Hand, bevor sie sich auf den Beifahrersitz fallen ließ.

Coop beschützte sie. So wie mit sechs, als er ihrem Vater erzählt hatte, er wäre es gewesen, der das Schokoladeneis auf der weißen Couch gegessen habe. So wie mit zwölf, als er Timmy Robins niedergeschlagen hatte, weil er Callies Unterhose hatte sehen wollen. So wie mit vierzehn, als sie es das erste Mal auf die Titelseite einer Klatschzeitung gebracht hatte. Vollkommen besoffen mit dem Kopf in der Kloschüssel. Coop hatte jeden, der den Artikel auch nur erwähnt hatte, in den Boden gestampft.

Er hatte schon immer versucht, ihre Kämpfe für sie ausgetragen. Er war schließlich ihr acht Minuten älterer Bruder, es war seine Aufgabe. Und sie wusste, wie es ihn noch immer auffraß, dass er vor zwölf Jahren, als sie ihn am meisten gebraucht hätte, nicht für sie da gewesen war. Doch es war nicht seine Schuld gewesen. Er hatte sich auf der anderen Seite des Landes aufgehalten und seine eigenen Erfahrungen gemacht. Es war ihr Leben, sie trug die volle Verantwortung dafür – und im Nachhinein war ihr klitzekleiner, totaler Zusammenbruch das Beste gewesen, das ihr je passiert war. Denn nach L. A. zu ziehen und ein neues Leben anzufangen, war genau das, was sie schon immer gebraucht hatte. Es hatte sie zu der Person gemacht, die sie heute war. Einer Person, die nicht nur durch ihren Nachnamen definiert wurde.

Coop schlug die Tür hinter ihr zu, und im nächsten Moment waren die Schreie der Reporter nur noch ein dumpfes Rauschen.

Callie atmete tief durch und schloss die Augen. Sie versuchte sich einzureden, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, herzukommen. Dass es klug gewesen war, ihr wunderschönes, gemütliches Leben in Los Angeles – ihr Zuhause, ihre Freunde und ihren Lieblingsitaliener – aufzugeben, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Sie redete sich ein, dass die Presse sich schon beruhigen würde. Dass sie bald merken würde, wie uninteressant sie war. Ihr Selbstgespräch nahm atemberaubende Ausmaße an, während sie gleichzeitig einfach nur dankbar für die Erfindung von getönten Scheiben war.

Großartig – eine halbe Stunde in Philadelphia und schon musste sie ihre Schläfen massieren, um gegen den penetranten Kopfschmerz anzugehen, der sie hinterrücks überfallen hatte, als sie aus dem Flugzeug gestiegen war.

Es ist eine Stadt, Callie. Kein tickendes Krokodil, das dir auch noch die andere Hand abbeißen will.

Der Lärmpegel von draußen nahm wieder zu, als Coop die Fahrertür öffnete und sich hinters Steuer setzte, hielt jedoch nur ein paar Sekunden an. „Man sollte meinen, du bist die Queen, die angekündigt hat, eine Karriere als professionelle Trampolinspringerin anzustreben“, bemerkte er griesgrämig und startete den Wagen. „Ich frag mich, ob die Presse immer noch so begeistert von dir wäre, wenn sie wüsste, dass du dir bis zum siebten Lebensjahr Gummibärchen in die Nase gesteckt hast.“

„Hey, du warst es, der mir die Gummibärchen angereicht hat!“, beschwerte sie sich.

Coop grinste sie an, bevor er vom Standstreifen fuhr. „Ich wollte sehen, ob du sie wirklich zwei Meter weit niesen kannst. Du kannst mir keinen Vorwurf dafür machen, dass ich ein so aufgeweckter, neugieriger Junge war, der unter deinem schlechten Einfluss gelitten hat.“

Sie schnaubte, musste gleichzeitig jedoch lachen. Gott, sie hatte ihn vermisst. Über die letzten Jahre hinweg hatten sie sich zwar alle paar Monate gesehen – Coop war schließlich der einzige Bruder, dem Callie ihre Adresse gegeben hatte –, aber es war nicht dasselbe gewesen.

Sie hatte es immer albern gefunden, wenn Leute sie gefragt hatten, ob sie spüren könnte, wenn es Coop schlecht ging. Schließlich waren sie Zwillinge und mussten eine spezielle Verbindung haben.

Nein, sie blutete nicht, wenn ihr Bruder blutete. Nein, sie war noch nie nachts mit einer dunklen Vorahnung aufgewacht und hatte gewusst, dass Cooper gerade etwas Schreckliches zugestoßen war. Nein, sie konnten nicht telepathisch miteinander kommunizieren – und dennoch hatte es sich in L. A. an manchen Tagen angefühlt, als würde ihr ein Arm fehlen. Oder die zweite Hälfte ihres Gehirns.

Sie betrachtete Coop über die Mittelkonsole hinweg, während sie auf den Highway fuhren. Egal, wie sehr sie sich anstrengte, sie sah in ihm noch immer den kleinen, schlaksigen Jungen, der ihr mit zehn erklärt hatte, dass es cool war, einen Zwilling zu haben – weil man dann nie allein sein musste.

Auch wenn er heute beim besten Willen nicht mehr als klein oder schlaksig zu bezeichnen war. Sein Leben als Adrenalinjunkie, das aus Freeclimbing, Extremskifahren und anderem Blödsinn bestand, wirkte anscheinend Wunder für seinen Muskelaufbau. Einzig die kurz geschorenen schwarzen Haare und die stechend blauen Augen – ein Merkmal, das alle Panther-Geschwister miteinander teilten – waren noch dieselben.

Sie seufzte leise. „Hab ich dir schon mal gesagt, dass du mein Lieblingsmensch bist, Coop?“

Er lachte leise. „Bitte, das sagst du all deinen Brüdern.“

„Ja, aber bei dir meine ich es ernst.“

„Nein“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Du magst Callum von uns am liebsten.“

Ihre Mundwinkel zuckten. Da war was Wahres dran. Callum war einfach etwas Besonderes. Er war definitiv das Panther-Familienmitglied mit dem größten und reinsten Herzen. „Aber nur, weil er mir von euch am wenigsten auf den Sack geht“, stellte sie klar.

„Weil er zu beschäftigt damit ist, sein hyperaktives Gehirn zu beruhigen und die Welt zu retten, um sich auch noch um deinen Mist zu kümmern.“

„Ja. Und du bist nun mal dumm genug, mir auf die Nerven zu gehen. Das ist deine Schuld.“

Coop seufzte theatralisch auf. „Bedeutet es gar nichts, dass ich neun Monate lang ein Zimmer mit dir geteilt habe?“

„Mamas Uterus war kein Zimmer. Es war eine dreckige, schleimige Kaschemme. Außerdem hatte ich keine Wahl. Ich hätte das Zimmer gerne für mich allein gehabt, aber du hast dich dickköpfig an der Eizelle festgeklammert, bis ich nachgegeben habe. Du warst schon damals ein Kamikaze-Embryo.“

„Und zweiunddreißig Jahre später teilen wir wieder ein Zuhause. So schließt sich der Kreis.“

Sie zog eine Grimasse. Tatsache war, dass sie sich keine eigene Wohnung leisten konnte. All ihr Geld war für die Anzahlung des Grundstücks, das sie für ihre Zwecke gekauft hatte, draufgegangen. Coopers Gästezimmer war sicher nicht ihre erste Wahl gewesen.

„Also, wegen der Wohnsituation“, sagte sie zögerlich. „Bist du sicher, dass du mich dahaben willst? Ich könnte auch zu Cal ziehen, er würde wahrscheinlich nicht einmal merken, dass ich da bin.“

„Schwachsinn, du wohnst bei mir. Cal würde dich aus Versehen zusammen mit seinen Drohnen in die Luft jagen.“

Durchaus im Bereich des Möglichen. „Schön … aber bist du dir wirklich sicher, dass du das aushältst, Coop? Du wirst deinen Sexkonsum minimieren müssen.“

Coop drückte vor einer Ampel abrupt auf die Bremse und sah sie entgeistert an. „Was? Warum?“

„Weil ich da bin!“

„Na und? Ich kann doch in ihre Wohnung gehen.“ Er winkte ab. „Du machst dir zu viele Gedanken. Ich bin pflegeleicht, schon vergessen? Das wird lustig.“

Na, wenn er das sagte. Callie würde ohnehin eine Menge zu tun haben. Ihr erster Termin war morgen Nachmittag und am darauffolgenden Tag würde sie endlich das Haus ansehen, das sie sich für ihr Vorhaben ausgeguckt hatte. Sie hoffte, dass es nur halb so schlimm war, wie die Bilder hatten vermuten lassen.

„Es ist ja auch nicht für immer“, sagte sie und stützte ihre Knie an der Armatur ab. „Ich werde wahrscheinlich ohnehin nur ein paar Monate in Philadelphia bleiben.“

„Mhm“, machte Coop abwesend, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst.

Callie verdrehte die Augen. „Ich habe euch von Anfang an gesagt, dass das hier nicht für die Ewigkeit sein wird, Coop!“, sagte sie warnend. „Ich habe ein Leben in Los Angeles, und wenn alles glatt läuft, werde ich noch dutzende weitere Jugendzentren eröffnen. Das in Philly wird nur das erste sein. Danach werde ich zurückziehen.“

Coop seufzte schwer und warf ihr einen düsteren Seitenblick zu. „Wenn du das sagst … dann wird es wohl genauso passieren.“

Misstrauisch verengte sie die Augen in seine Richtung. „Das wird es. Und egal, was Cole plant – es wird sich nichts ändern.“

Ihr ältester Bruder hatte die schlechte Angewohnheit, mit allen Mitteln seinen Willen durchzusetzen. Als Anwalt und Besitzer der Delphies, der hiesigen Baseballmannschaft, war das wohl eine gute Eigenschaft. Als seine kleine Schwester, die sich nicht den Willen ihrer Familie aufzwingen lassen wollte, war das furchtbar.

„Jaja“, sagte Coop unzufrieden, während die ersten Ansätze der Philadelphia Skyline am Horizont auftauchten. „Apropos Cole: Er wollte dir eine Willkommensparty schmeißen.“

Schockiert sah sie ihn an. Das Familienessen morgen Abend war schon schlimm genug! „Du hast es ihm ausgeredet, oder?“

„Natürlich habe ich das … sie warten trotzdem in meiner Wohnung auf dich.“

Callie zog eine Grimasse. Sie liebte ihre Brüder sehr, es war nur … „Gott, sie werden mich lauter unangenehme Dinge fragen. Zum Beispiel wie es mir geht oder warum ich mich die letzten zwölf Jahre so wenig bei ihnen gemeldet habe. Und Cal wird wissen wollen, was ich mit seiner blöden Drohne gemacht habe, die sie auf mich gehetzt haben!“

„Ach, Quatsch“, meinte Coop kopfschüttelnd. „Sie werden einfach froh sein, dich zu sehen. Mehr nicht.“

„Unglaublich, die verlorene Tochter ist zurück“, bemerkte Cole zwanzig Minuten später kopfschüttelnd und zog sie fest in die Arme. „Wie geht es dir? Warum zum Teufel hast du dich nicht öfter besuchen lassen? Ich konnte dir nicht einmal eine Weihnachtskarte schicken, weil du ja niemandem deine Adresse geben wolltest!“

„Und was ist mit meiner Drohne passiert?“, wollte Callum wissen, als er Cole in der Umarmung ablöste.

„Ihr habt mich damit ausspioniert! Die Drohne hat bekommen, was sie verdient.“

Ungläubig sah Cal sie an. „Was? Weißt du, wie teuer das Teil war?“

„Teurer als meine Privatsphäre?“, fragte sie gespielt neugierig.

„Meine Güte, hör auf mit deiner Drohne“, meinte Cole schnaubend. „Sie war nicht dein Roboterkind. Lass Callie lieber erzählen, wie es ihr geht.“

Vorwurfsvoll sah Callie zu Coop.

„Ups“, formte der nur mit den Lippen und verschwand im nächsten Moment nach links in die Küche. Hoffentlich, um ihr Alkohol zu bringen.

Sie wusste, dass Cole und Cal es gut mit ihr meinten, doch über die Jahre hatte sich die höfliche Floskel „Wie geht es dir?“ aus dem Mund ihrer Familie zu einem besorgten Kontrollzwang entwickelt.

„Mir geht es sehr gut“, sagte sie und gab sich Mühe dabei, nicht allzu genervt zu klingen. „Tatsächlich ging es mir nie besser.“

Es war die Wahrheit.

Cole und Cal wechselten einen skeptischen Blick, nickten jedoch. „Das ist … gut zu hören“, sagte Cole langsam und kratzte sich am Kopf.

„Ja, ist es“, bestätigte sie. „Und was ist mit euch beiden? Geht es euch gut?“

Sie zog ihren Koffer rechts ins Wohnzimmer hinein und sah sich kurz um. Coop hielt nicht viel von Farbe. Sie lenkte die Frauen, die er herbrachte, zu sehr ab. Er setzte auf Schwarz und Grau, weil das seine Eroberungen zu weniger Gesprächen anregte.

Eine breite Ledercouch und der dazu passende Sessel dominierten den Raum, einige Schwarz-Weiß-Bilder, die verschiedene architektonisch beeindruckende Gebäude zeigten, hingen an den Wänden. Keines auch nur ansatzweise so groß wie der Flatscreen Fernseher an der gegenüberliegenden Wand. Ein Kickertisch besetzte die eine Ecke, eine Dartscheibe die andere. Callie fühlte sich, als wäre sie in einen Film mit dem Namen Der Junggeselle gestolpert. Gott sei Dank war sie jetzt hier und konnte Coop vor sich selbst retten.

„Ich komm klar“, meinte Cal abwesend, den Blick auf sein Handy gerichtet.

„Ja, ich auch“, bestätigte Cole.

„Wirklich?“, fragte Callie neugierig, schnappte Cals Handy aus seiner Hand – ihm würde es wirklich guttun, mehr mit Menschen als mit Maschinen zu kommunizieren – und ließ sich auf die Couch fallen. „Hast du immer noch eine Freundin, Cole?“

Er zog eine Grimasse und setzte sich neben sie. „Sag das nicht so.“

„Wie denn?“

„Als hätte ich eine Frau entführt, um sie dazu zu zwingen, mit mir zusammen zu sein.“

Callie lachte. Alte Gewohnheit. „Sorry, ich formuliere es um: Wie geht es deiner Freundin?“

„Ebenfalls gut, danke der Nachfrage. Sie ist auf der Arbeit, freut sich aber, dich morgen Abend persönlich kennenzulernen“, murmelte Cole. „Und es ist überhaupt gar nicht so merkwürdig, wie ihr immer behauptet, dass ich jetzt vergeben bin.“

Doch, war es. Die Panther-Geschwister verbanden drei Eigenschaften: die blauen Augen, die schwarzen Haare und ihre Unfähigkeit, eine gesunde Beziehung zu führen.

Callie gab ihren Eltern die Schuld, die einen verdammt guten Job darin gemacht hatten, ihnen zu zeigen, wie eine Beziehung auf keinen Fall funktionierte, aber nie dazu gekommen waren, ihnen zu erklären, wie man sich normalerweise in einem intimen Verhältnis verhielt. Und dass gerade Cole, der König der Distanziertheit, jemanden gefunden hatte, mit dem er sein Leben verbringen wollte, war … absurd. Aber gleichzeitig auch schön. Denn es bedeutete, dass noch Hoffnung für sie bestand.

„Er hat Savannah gefragt, ob sie bei ihm einziehen will“, bemerkte Callum und lächelte breit. „Aber sie hat Nein gesagt. Es sei zu früh. Sie möchte nicht, dass er auf dumme Ideen kommt wie Heirat und Kinder. Denn dafür sei sie noch nicht bereit.“

Ungläubig sah Cole ihn an. „Woher zum Teufel weißt du das?“

„Frauen reden mit mir, Cole“, meinte er achselzuckend.

„Welche? Die aus Plastik?“

„Oh, reden wir über Coles Unfähigkeit, Savannah festzunageln?“, stimmte Coop mit ein, der mit einem Sixpack Bier aus der Küche kam.

„Ich nagel sehr gut, danke“, sagte Cole düster.

Callie verzog das Gesicht. „Eklig.“

„Es war Coops Wortwahl!“

„Ja, er ist ja auch noch schlimmer als du. Der Einzige, der respektvoll mit Frauen umgehen kann, ist Callum.“

„Weil er nie rausgeht und keine trifft“, gab Coop zu bedenken.

„Ich treffe genug Frauen“, sagte Cal gelassen. Es war äußerst schwer, ihn aus der Fassung zu bringen.

„Die von World of Warcraft zählen nicht“, meinte Coop kopfschüttelnd und reichte Bierflaschen herum.

Cal schnaubte nur. „In welchem Zeitalter lebst du? Ich spiele Fortnite.“

„Das ist ein Kinderspiel, Cal.“

„Nein, den Tag damit zu verbringen, aus Flugzeugen zu springen und Wände hochzuklettern, so wie du es tust, ist ein Kinderspiel, Coop. Und nur, weil dein letztes vernünftiges Date drei Monate zurückliegt, musst du deine Frustration nicht an mir auslassen.“

„Was soll das heißen? Ich habe andauernd Dates!“

„Die Kellnerin deiner Lieblingsbar aufzureißen und mit ihr zwei Minuten über eine merkwürdige Wolkenformation am Himmel zu reden, bevor du sie mit zu dir nach Hause nimmst, ist kein Date. Google wird dir das bestätigen!“

Coop murmelte etwas, das sich sehr nach „Klugscheißer“ anhörte, bevor er einen Schluck von seinem Bier nahm.

Callies Mundwinkel zuckten und eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Magen aus. Ja, ihre Brüder waren Idioten. Aber es waren ihre Idioten. Und es war offensichtlich, dass sie einen positiven weiblichen Einfluss brauchten! Sie würde die Monate hier gut zu nutzen wissen.

„So, da wir den Small Talk jetzt hinter uns haben“, sagte Cole laut und öffnete seine Flasche, bevor er den Öffner an Callie weiterreichte. „Können wir dann bitte zu der Frage kommen, die wir uns alle die letzten Wochen über gestellt haben?“

Cals und Coops Blicke flogen automatisch zu Callie, bevor sie betreten auf ihre Füße sahen.

Oh nein. Sie ahnte Böses, und das warme Gefühl in ihrem Bauch wurde zu einem nervösen Flattern. „Was für eine Frage ist das?“, wollte sie zögerlich wissen. „Ob Schokolade besser ist als Chips?“

Cole schüttelte den Kopf. „Nein. Jeder weiß, dass Schokolade besser ist. Was wir wissen wollen … warum hast du dir Geld von Dad geliehen, wenn du es ebenso gut von uns hättest haben können? Das wäre mit sehr viel weniger Stress für dich verbunden gewesen und wir hätten dir sicherlich keinen dummen Deal vorgeschlagen. Außerdem: Was zum Teufel ist mit deiner eigenen Kohle passiert?“

Callie seufzte schwer und versteckte sich einige Momente lang hinter ihrer Bierflasche. Coop war der Einzige, dem sie erzählt hatte, dass sie ihr Geld gespendet hatte … und natürlich hatte Cole recht. Anders als jede Bank, die sie gefragt hatte, hätte jeder von ihnen ihr das Geld mit Freude gegeben. „Mein Geld ist … weg. Und ich wollte unsere Beziehungen nicht belasten“, erklärte sie und hob die Achseln. „Die Beziehung zu Dad kann gar nicht mehr schlimmer werden. Doch ihr … Ich will nicht das Gefühl haben, euch etwas zu schulden, okay?“

Außerdem ging es nicht nur ums Geld. Ihr Deal umschloss nicht nur die eine Million Dollar – die sie ihm natürlich zurückzahlen würde! Wenn das Jugendzentrum auf lange Sicht funktionieren sollte, brauchte sie Investoren. Leute, die ihr jährlich Spenden bereitstellten. Und so leid es ihr tat … dafür brauchte sie Medienpräsenz. Ihr Dad war Medienmogul, ihm gehörten ein Haufen TV-Sender, Zeitungen – es wäre dumm von ihr, das nicht auszunutzen. Auch wenn ihr Stolz es ihr eigentlich verbot.

„Okay“, sagte Cole ungeduldig. „Ich verstehe. Aber …“ Er zögerte und strich über das Etikett seiner Flasche. „Callie, weißt du, was du da tust? Bist du sicher, dass du dir nicht zu viel auflädst? Das ganze Projekt wird verdammt anstrengend. Das werden eine Menge Zahlen sein, mit denen du dich beschäftigen musst.“

„Ach, tatsächlich?“, sagte sie trocken. „Wie gut, dass ich einen Master in Finance im Müll gefunden und ihn an meine Wand gehängt habe.“

„Es geht nicht nur um die Arbeit an sich“, meinte Coop. „Die Idee ist wunderbar und es ist toll, dass du dich für Jugendliche mit problematischem Hintergrund einsetzen willst. Aber die Presse wird jeden deiner Schritte verfolgen. Sie wird alte Kamellen auspacken und neu aufwärmen. Sie wartet seit zwölf Jahren darauf, dass du zurückkommst. Wir wollen nur nicht, dass du … na ja …“ Er brach ab und blickte erwartungsvoll zu Callum.

Der zog die Augenbrauen zusammen, sodass sie unter dem Rand seiner Brille verschwanden. „… dich übernimmst?“, bot er unsicher an.

Dankbar deutete Cooper mit dem Finger auf ihn. „Genau das.“

Callie presste die Lippen aufeinander und ließ den Blick langsam von einem Gesicht zum nächsten schweifen. „Nur damit ich das richtig verstehe“, sagte sie langsam. „Ihr haltet mich für einen zerbrechlichen Zweig, der unter dem Druck der Presse zusammenbrechen, erneut zu Drogen greifen, sich auf zweiundfünfzig Kilo hinunterhungern und letztendlich im Krankenhaus landen wird. Wie letztens noch. Vor beschissenen zwölf Jahren!“

„Ich habe dir gesagt, dass wir es nicht hätten ansprechen sollen“, flüsterte Coop unzufrieden in Coles Richtung.

„Wir haben überhaupt nichts angesprochen“, zischte er. „Ich habe es getan. Und wir waren uns einig, dass wir es zumindest erwähnen sollten.“

„Ich sitze hier, Cole! Ich kann euch hören!“, fuhr Callie ihn wütend an. „Und denkt ihr allen Ernstes, dass mir nicht klar ist, auf was ich mich eingelassen habe?“ Herrgott, sie dachte seit einem halben Jahr an nichts anderes. Warum, glaubte er, hatte sie es immer wieder vor sich hergeschoben, diesen Flug zu buchen?

Ja, sie hatte Angst – nein, Panik! –, dass sie wieder in alte Muster zurückfallen würde. Diese ganze Stadt war eine einzige schlechte Erinnerung. Eine Essstörung verlor man nicht. Man lernte nur, mit ihr umzugehen. Und das tat sie jeden Tag aufs Neue. Was die Drogensache anging … sie war nie süchtig gewesen. Der Tag, an dem sie im Krankenhaus gelandet war, war das erste und letzte Mal gewesen, dass sie zu dem kleinen, weißen Helferlein gegriffen hatte. Auch wenn ihr das niemand glaubte. Der Auslöser, der zu dieser Fehlentscheidung geführt hatte, würde sich ohnehin nicht wiederholen können. Deswegen machte sie sich keine Gedanken. Vielmehr hatte sie Angst, was der Druck der Presse mit ihr anstellen würde.

Ja, sie war keine zwanzig mehr. Sie war stärker geworden. Sicherer in dem, wer sie war. Sie wusste, was sie konnte und was nicht. Aber ebenso wusste sie, dass sie drei Jahre Therapie gebraucht hatte, um dieses Selbstbewusstsein zu erlangen.

Dennoch: Sie würde ihr Leben nicht von diesem einen Vorfall bestimmen lassen. Sie konnte nicht vergessen, was passiert war, aber sie konnte versuchen, es zu verarbeiten. Und wenn sie Philadelphia in ein paar Monaten verließ, hatte sie hoffentlich Frieden mit der Stadt geschlossen.

„Ich weiß, dass es schwer wird“, sagte sie gereizt und umklammerte ihre Bierflasche fester. „Ich weiß, dass es anstrengend wird. Ich weiß, dass es alte Wunden aufreißen wird und ich weiß, dass die Presse mir Stolpersteine in den Weg werfen wird. Aber das alles ist kein Grund, sich zu einem Ball einzurollen und weinend in der Ecke zu sitzen! Wisst ihr: Anstatt euch Sorgen um mich zu machen, könntet ihr mich einfach mal unterstützen. Ich bin erwachsen geworden. Ich bin kein Kind mehr, das sich die falschen Freunde gesucht hat und mit den Konsequenzen leben muss. Ein wenig Vertrauen wäre nett.“

„Wir vertrauen dir!“, sagte Cole hastig. „Wir wollen dir nur helfen. Wir wissen, dass du nicht mehr dieselbe bist. Wirklich.“

„Nein, das tut ihr nicht! Ihr unterschätzt mich. Ihr schützt mich, wo ich nicht geschützt werden muss!“, fuhr sie ihn an. Es war so typisch! Sie sahen immer noch das Mädchen vor sich, das so todunglücklich gewesen war, dass es aufgehört hatte, richtig zu funktionieren. Das Mädchen, das sie nicht hatten retten können, weil sie zu spät gemerkt hatten, was los war.

Cole schüttelte den Kopf. „Callie, du hast keine Ferien im Krankenhaus gemacht! Du lagst ein paar Stunden auf der Intensivstation, Herrgott!“

„Ich weiß, Cole!“, sagte sie zornig. „Ich war dabei. Aber das ist eine Ewigkeit her! Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Mit dem, was ich erreicht habe. Stolz sogar! Ich bin ein anderer Mensch.“ Und sie würde ihrer Familie verdammt noch mal beweisen, dass sie zu allem fähig war, was sie sich in den Kopf setzte.

Ihre Brüder starrten sie an, sagten jedoch nichts.

„Schön. Ich geh auspacken“, meinte sie ernüchtert und stand auf.

„Callie, komm schon“, sagte Coop seufzend und erhob sich ebenfalls. „Wir lieben dich, okay? Wir haben dich vermisst. Du hast dich zwölf Jahre lang auf der anderen Seite des Landes versteckt. Natürlich haben wir Fragen.“

„Ich habe mich nicht versteckt! Ich habe mir ein Leben aufgebaut“, sagte sie gereizt. „Ich habe Finanzmanagement studiert. Ich habe Soziale Arbeit studiert. Ich habe die letzten zehn Jahre ununterbrochen gelernt, damit ich Jugendlichen, die genauso verloren sind, wie ich es damals war, helfen kann. Ihnen ein Zuhause für den Tag geben kann! Das Jugendzentrum ist keine fixe Idee von mir. Es ist ein Ziel, auf das ich hart hingearbeitet habe. Und ich weiß, dass ihr denkt, ich sei zu schwach, um es allein zu schaffen. Aber ihr irrt euch!“

„Niemand von uns denkt das, Callie“, sagte Callum mit seiner ruhigen Stimme. „Wir wollen dich lediglich wissen lassen, dass wir für dich da sind. Egal, welches Problem sich dir die nächsten Monate in den Weg stellt.“

Callie schloss die Augen, nickte und atmete tief durch. „Jungs, ich weiß es zu schätzen, okay?“, sagte sie und zwang sich dazu, ihre Fäuste zu lösen. „Dass ich bei dir wohnen darf, Coop, dass ihr euch um mich sorgt. Dass ihr mich vermisst habt. Ich habe euch auch vermisst. Aber ich muss das hier allein machen!“ Sie streckte den Rücken durch. „Und ihr könnt euch schon einmal an einen Gedanken gewöhnen: Ihr wisst nicht, was das Beste für mich ist. Das weiß nur ich. Und jetzt gehe ich auspacken, bevor ich euch beim Kicker abziehen werde.“

Sie lächelte schwach, drückte Coop, der immer noch leidend aus der Wäsche guckte, kurz an sich und verschwand dann in den kleinen Flur, der vom Wohnzimmer abging und hinter dem sie das Gästezimmer vermutete.

Verborgen vor den Blicken ihrer Brüder blieb sie stehen und schloss die Augen. Einige Momente lang lauschte sie ihrem eigenen Herzschlag und ihrem eigenen Atem.

Es war die richtige Entscheidung gewesen, herzukommen. Coop hatte recht, sie hatte sich in Los Angeles versteckt. Doch damit war jetzt Schluss. Sie hatte schließlich gewusst, dass es nicht leicht werden würde!

Sie öffnete die Augen und verzog das Gesicht. Sie hatte nur ebenso gehofft, dass es nicht so schrecklich schwer werden würde …

Kapitel 2

James Galway hatte in seinem Leben bereits eine Menge Spitznamen gehabt.

Pooky, Specknacken, Windelkönig, Drunken Sailor, Jamie, Big Shot, Rich-Bitch, Pantoffelheld und nicht zu vergessen: Wordmaster. Über die Jahre hinweg war da allerhand zusammengekommen. Zurzeit jedoch hatte sich seine Familie auf Arschloch versteift – und den Titel trug er leider bereits seit sieben Monaten.

Mochte er diesen Namen? Er war noch unentschlossen. Er kam wohl vor Windelkönig aber nach Wordmaster. Verdiente er den Spitznamen? Möglich. Wenn auch nicht unbedingt für das, was seine Familie ihm anlastete.

Als Journalist wurde er manchmal dazu gezwungen, Dinge zu tun, die im Lexikon hinter moralisch verwerflich eingeordnet werden konnten. Doch allgemein gab er sich Mühe, ein vernünftiger Kerl zu sein. Das gelang ihm nicht immer – er war nun einmal ein Mensch mit einer Menge Fantasie, einer Menge Möglichkeiten und einem großen Vokabular an Schimpfwörtern –, aber eigentlich hatte er bis vor ein paar Monaten geglaubt, dass er in den Himmel kommen würde.

Doch seit der „Jamie ist ein Arschloch“-Phase gelang es ihm immer weniger, sich an diesem Gedanken festzuhalten. Denn die Rolle, die ihm seine Familie neuerdings zugewiesen hatte, schränkte ihn in einigen Bereichen etwas ein …

„Ich bin bei Rusty und lerne, Mom!“, rief Thomas in den Telefonhörer hinein. „Und das sind keine Motorengeräusche, das ist der Computer, der ist sehr laut. Meine Güte, du wirst langsam echt paranoid.“

James warf seinem vierzehnjährigen Neffen einen skeptischen Seitenblick zu und musste zugeben, dass er besser lügen konnte, als er es ihm zugetraut hätte.

„Ja, gut. Ich werde hier essen, danke. Bis nachher.“ Thomas legte auf und grinste ihm zu. „Siehst du? Kinderspiel.“

James zog eine Grimasse. „Weißt du, jedes Mal, wenn ich dich ohne die Zustimmung deiner Mutter abhole, komme ich mir wie ein verdammter Kidnapper vor“, murmelte er kopfschüttelnd, während er vor einer Ampel hielt. Sein Navi sagte ihm, dass sie in drei Minuten da sein würden, und den großen, verdammt teuer aussehenden Häusern nach zu urteilen, die ihre Straße säumten, hatte es recht.

„Jaja, jetzt ist es plötzlich meine Mutter und nicht mehr deine Schwester“, sagte Thomas und verdrehte die Augen. „Und technisch gesehen kidnappst du mich ja auch. Mom hat dir verboten, mich zu sehen … und du wirfst mich trotzdem in deinen Kofferraum und schleppst mich mit.“

James schnaubte laut. „Mitschleppen? Du bettelst mich seit Tagen an, mit dir den bescheuerten Marvel-Film zu sehen.“

„Zu dem wir wahrscheinlich nicht rechtzeitig kommen werden, weil du schon wieder arbeiten musst.“

„Eine halbe Stunde, maximal“, versprach er und bog in eine Einbahnstraße ein. „Dann fahren wir weiter und gucken diesem Ameisenmann dabei zu, wie er unlogische Dinge tut.“

„Du sagst immer, dass es nur eine halbe Stunde dauert, und nie hältst du dein Wort“, murrte Thomas.

Das mochte stimmen, aber diesen Termin hatte er unmöglich absagen können. Die Chance mit jemandem wie Calliope Panther zu arbeiten, tat sich nur einmal alle zehn Jahre auf, und er hatte nicht vor, sie zu vergeuden. Alle seine Kollegen und Konkurrenten rissen sich um einen Termin bei ihr – und er hatte ihn auch nur bekommen, weil er so viele Versprechungen gemacht und so verdammt hartnäckig gewesen war, sodass Ms Panther ihn mit einer einzeiligen E-Mail-Antwort gewürdigt hatte.

Fünf Minuten, Dienstag um vier.

Eine romantischere Nachricht hatte er noch nie bekommen.

„Wie geht es deiner Mom eigentlich?“, wollte er wissen, während sein Navi piepte und ihm ankündigte, dass sich sein Ziel in dreihundert Metern zu seiner Rechten befand.

„Ganz okay“, meinte Thomas vage und zuckte mit den Achseln. „Ich glaub, es tut ihr gut, dass sie zur Abwechslung mal auf dich und nicht auf Dad wütend sein kann.“

Ja, sich über diesen Schwachkopf aufzuregen, war sicherlich anstrengend. „Schön, dass ich helfen kann“, sagte er deswegen trocken.

Thomas grinste und klopfte ihm auf die Schulter. „Keine Angst. Ich glaube, ihn hasst sie immer noch mehr als dich.“

Na, wunderbar. Dann waren alle seine Wünsche ja in Erfüllung gegangen. Und es war noch nicht einmal Weihnachten.

„Sie meinte letztens, dass sie sich von dir verraten fühlt. Und sie wolle mich deinem schlechten, betrügerischen Einfluss nicht länger aussetzen. Du müsstest noch mindestens ein Jahr leiden, bevor sie überlegen kann, dir zu verzeihen.“

James seufzte schwer, bevor er mit etwas mehr Elan als notwendig die Bremse drückte und am Straßenrand parkte.

Er hatte es nicht anders erwartet. Seine Schwester war schon immer sehr nachtragend gewesen. Als sie sechs war, hatte sie drei Monate lang nicht mit ihm geredet, weil er ihrer Barbiepuppe einen Irokesen verpasst hatte. Und das, was er sich jetzt zu Schulden hatte kommen lassen, ging etwas über eine miese Barbiefrisur hinaus. Trotzdem: Seiner Meinung nach reagierte sie maßlos über. Schön, wenn sie sauer auf ihn sein wollte, aber den Kontakt zu ihrem Sohn zu verbieten? Dem einzigen Familienmitglied, das ihn zurzeit nicht hasste? Seinem beschissenen Patenkind? Nein, das ging zu weit. Also traf er sich seit Monaten heimlich mit Thomas. Romeo-und-Julia-Style. Nur dass Thomas keine Liebe, sondern Kinokarten, Gesellschaftsspiele und Ratschläge über Mädchen haben wollte. Als ob er da der verdammte Experte für wäre. Er war nur mit einer Frau zusammen gewesen – und das sieben Jahre lang. Über diese Frau wusste er eine Menge, über alle anderen jedoch? Nicht wirklich.

„Aber weißt du, ich bin auch sauer auf sie“, redete Thomas weiter und pulte an dem aufgedruckten Pac-Man-Bild auf seinem T‑Shirt. Er war so schlaksig, dass selbst die Größe S an ihm hinabhing wie ein Bettlaken an einem Skelett. „Weil sie sauer auf dich ist. Und weil sie seit einem Jahr verspricht, mir diese neuen Turnschuhe zu kaufen, es aber nie tut. Ich schwöre, jeder meiner Mitschüler hat mehr Geld als ich. Jeder! Und ich weiß, dass Dad nicht zahlt, was er sollte, aber es kotzt mich an.“

„Hey, deine Mom tut ihr Bestes“, sagte James ernst. Man konnte Serena eine Menge Vorwürfe machen, aber nicht, dass sie nicht alles für ihren Sohn tat. „Also hör mit deinen blöden Turnschuhen auf. Wenn sie das Geld hätte, würde sie sie dir kaufen.“

„Ja, ich weiß“, murrte Thomas. „Es ist nur … als bräuchten die anderen noch einen weiteren Grund, sich über mich …“ Er brach ab, lief rot an und sah aus dem Fenster. „Ist auch egal.“

James’ Herz zog sich unangenehm zusammen. Er musste kein Genie sein, um zu wissen, dass Thomas nicht gerade unter die Definition cool fiel. Er war zu groß, zu dünn, verbrachte seine Zeit mit zu vielen Computerspielen und Superhelden und sein Lieblingsfilm war Pocahontas. Ja, er hatte es nicht leicht als Teenager. Aber darüber würden ihm ein paar neue Turnschuhe auch nicht hinweghelfen. Er musste die High-School aussitzen, danach würde alles besser werden.

„Warum gibst du mir nicht einfach das Geld?“, meinte Thomas nachdenklich und sah ihn auffordernd an. „Du hast Kohle!“

Er hatte es versucht, aber seine Schwester hielt nicht viel von Almosen. Noch weniger als von ihm. Ihr würde es auffallen, wenn Thomas mit neuen Schuhen nach Hause kam – und er wollte nicht riskieren, seinen Neffen wirklich das nächste Jahr über nicht zu sehen. Manchmal hatte er nämlich das Gefühl, dass Thomas das Einzige in seinem Leben war, das seinen Bezug zur Wirklichkeit aufrechterhielt.

Mit ehrwürdigem Journalismus verdiente man nicht viel Geld. Mit Klatschpresse hingegen schon. James war nicht stolz darauf, aber das war der einzige Grund, warum er vor sieben Jahren in diese Sparte gewechselt war. Er war es leid gewesen, einer brotlosen Kunst hinterherzuhängen. Doch über die vermeintlichen Stars und Sternchen Amerikas zu schreiben, saugte einem langsam, aber sicher jegliches Leben und jeglichen Realitätsbezug aus dem Körper.

Weil er jedoch so verdammt gut in dem war, was er tat, weigerte sein Chef sich, ihm große Themen außerhalb dieses Bereichs zuzuspielen. Bis jetzt. Denn das alles würde sich mit Calliope Panther ändern.

„Ich hab dir das Pac-Man-Shirt gekauft. Wenn ich dich auch noch mit Turnschuhen verwöhne, erwartest du als Nächstes ein Auto von mir.“

Thomas grinste. „Ein rotes, bitte.“

„Ah, rote Autos werden statistisch gesehen öfter von der Polizei angehalten als andere“, meinte er kopfschüttelnd und schaltete den Motor aus. „Das möchte ich dir nicht zumuten.“

„Dein Auto ist rot.“

Na ja, aber ihn hielt die Polizei ohnehin schon relativ oft an. Sie mochte keine kreativen Autofahrer.

„Werde du erst mal sechzehn“, sagte er bestimmt, schnallte sich ab und öffnete die Tür. Thomas wollte es ihm nachtun, doch James schüttelte den Kopf. „Nichts da. Du bleibst im Auto.“

Thomas schnaubte laut. „Alter, ich bin nicht dein Hund.“

„Natürlich nicht“, meinte er leichthin und stieg aus. „Ich lass dir ja auch kein Fenster auf.“

Im nächsten Moment warf er die Tür zu und schloss seinen Neffen ein.

„Hey!“, beschwerte sich Thomas gedämpft durch das Fenster. „Was soll das?“

James lächelte ihm nur zu und wandte sich dem Haus zu, vor dem er parkte. Das letzte Mal, als er Thomas zu einem seiner Aufträge mitgenommen hatte, war der Jugendliche ihm zehn Minuten später gefolgt und hatte eine eintausend Dollar teure Vase umgeschmissen. Calliope Panther würde ihn ohnehin nicht mit offenen Armen empfangen, da brauchte er nicht auch noch einen Vierzehnjährigen, der ihre Wohnung verwüstete. Er hoffte nur, dass Thomas heute länger brauchen würde, um zu bemerken, dass er das Auto von innen einfach öffnen konnte …

Das viktorianische Gebäude bestand aus vier Apartmentblocks und war mit einem undurchsichtigen Metallzaun umgeben, in den nur ein einziges Tor eingelassen war. Klug von Ms Panther, es der Presse schwer zu machen, unerlaubte Schnappschüsse von ihr zu machen.

James sah auf seine Uhr – er war pünktlich, so wie immer – und drückte dann auf den Klingelknopf, neben dem der Name Panther stand.

Ms Panther war schnell, das musste man ihr lassen. War sie nicht erst gestern angekommen? Und schon stand ihr Name auf ihrem Klingelschild?

Ein Knistern ertönte, dicht gefolgt von einer Stimme. „Kommen Sie rein. Und wenn ich ein Diktiergerät bei Ihnen finde, das unerlaubt läuft, werden Sie sich wünschen, einen Anzug aus Styropor zu tragen.“ Das Knistern brach ab und im nächsten Moment ertönte ein Buzzer.

James lachte leise und trat durch das Tor. Charmant. Es war genau so, wie er gedacht hatte: Callie Panther hasste ihn, bevor sie ihn überhaupt kennengelernt hatte. Das war keine neue Erfahrung für ihn, jedoch gleichzeitig etwas ernüchternd. Es würde es sehr viel schwerer machen, sie davon zu überzeugen, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Er lief über einen schmalen Kiesweg, eine Treppe hinauf und blieb vor einer blauen Tür stehen, die der prestigegeladene Name Panther zierte. Keine Sekunde später ging sie auf.

Er öffnete den Mund, um sich vorzustellen, stockte jedoch, als er die Frau sah, die vor ihm stand.

What the …?

James hatte gewusst, wie Calliope Panther aussah. Jeder in Philadelphia tat das. Allerdings hatte er das viel zu dünne Mädchen im Kopf gehabt, das er vor so vielen Jahren, während seiner Anfänge als Journalist, abgelichtet hatte. Die Frau, die jetzt vor ihm stand, hatte bis auf die großen, blauen Augen nichts mit der Jugendlichen gemein, die er schon damals als sein Sprungbrett genutzt hatte.

Verdammt, Calliope Panther war erwachsen geworden! Und es stand ihr. Anfang dreißig tat ihr sehr viel besser als zwanzig. Sie war nicht mehr dürr, sie sah … gesund aus. Die richtigen Kurven an den richtigen Stellen. Ihre Haut war von der kalifornischen Sonne gebräunt, ihre schwarzen Haare kitzelten ihre Schultern und die Jeans, die sie trug, war an genau den richtigen Stellen eng. Nämlich an allen.

„Hey“, sagte sie kühl und lächelte ihn steinern an. „Sie müssen der Virus sein, der mein Mailpostfach zum Einsturz gebracht hat.“

Ja, vielleicht hatte er es mit seinen Nachrichten etwas übertrieben. Aber seine Hartnäckigkeit war es, die aus einem mittelmäßigen Journalisten einen großartigen gemacht hatte. Er ließ sich nicht von seinem Ziel abbringen. Er grub bis zum Erdkern, wenn er musste. James hatte sich in seinem Leben noch nie leicht zufriedengegeben. Das war der Punkt, in dem er sich grundlegend von seiner gesamten Familie unterschied. Der Punkt, den weder seine Eltern noch seine Geschwister je verstanden hatten.

Seine Familie brauchte einen Braten auf dem Tisch und eine Realitysoap im Fernsehen und schon war sie glücklich. Für sie war es okay, vierzig Jahre lang für dieselbe Baufirma zu arbeiten und das Leben in derselben Stadt, in derselben Nachbarstadt zu verbringen.

Lana war genauso gewesen. Ein Haus neben dem seiner Eltern, ein paar Kinder, ein ruhiges Leben mit weißem Gartenzaun und hier und da ein Urlaub in Maine – das war alles, was sie gewollt hatte.

Und das war in Ordnung. Ein ruhiges Leben mit den Dingen, die man kannte, zu bevorzugen, war kein Verbrechen – aber für ihn nie das Richtige gewesen.

Er hatte schon immer mehr gewollt. Mehr Wissen, mehr Veränderung, mehr Tiefgang, mehr Erfahrungen, mehr Herausforderungen … einfach mehr. Er wollte in seinen Artikeln nicht an der verdammten Oberfläche kratzen, so wie es sein Chef von ihm verlangte. Er wollte verstehen, was er sah, über was er schrieb. Er wollte nicht den Vorhang, er wollte den verdammten Backstagebereich. Also bohrte er und bohrte, bis er auf Öl stieß.

„Hey“, sagte er betont freundlich und reichte ihr die Hand. „Ich bevorzuge James Galway, aber wenn Sie bei Virus bleiben wollen, kein Problem. Ich bin Spitznamen gewohnt.“

Calliope nahm seine Hand mit überraschend festem Griff entgegen, während sie ihn misstrauisch betrachtete. Ihr Blick glitt von seinen Füßen zu seinem Gesicht. Zentimeter für Zentimeter tastete sie ihn ab, als suche sie etwas.

„Soll ich mich vielleicht lieber ausziehen, damit Sie mich leichter auf illegale Gegenstände durchsuchen können?“, fragte er unschuldig.

Calliopes Blick flog nach oben zu seinem Gesicht, bevor er zurück zu seiner Brust wanderte. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. „Sie wollen so dringend mit mir sprechen, dass Sie bereit wären, vor der ganzen Nachbarschaft zu strippen?“

„Ich habe kein Problem mit meinem Körper“, sagte er wahrheitsgemäß.

„Das erkenne ich an Ihrem sehr engen Hemd. Aber nein“, sagte sie. „Sie dürfen Ihre Hosen anbehalten. Alles andere wäre womöglich unangebracht.“

„So unangebracht, wie zu denken, dass ich nur hier bin, um Ihnen zu schaden?“

Sein Gegenüber seufzte schwer und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nehmen Sie es nicht persönlich, Mr Galway, aber ich hasse Klatschreporter. Aus tiefstem Herzen. Und das nicht grundlos. Was unangebracht ist, entscheide ich also immer noch selbst.“

„Ich bin hier, um Ihnen zu helfen“, stellte er mit erhobenen Händen klar. „Nicht um Ihre dreckige Wäsche zu waschen.“

Sie schnaubte laut. „Natürlich. Ihre Hintergründe sind ehrenwert. Mitgefühl, Menschlichkeit und das Streben nach einer reinen Seele haben Sie heute hierhergeführt.“ Ruckartig wandte sie sich um und ging nach links in die Küche.

James’ Mundwinkel zuckten, bevor er über die Schwelle trat, die Tür hinter sich schloss und ihr folgte.

Die Küche schien direkt aus einem Schwarz-Weiß-Film entnommen worden zu sein. Granit traf Edelstahl und klare Kanten verbanden sich mit spitzen Ecken. Alles in allem wirkte die Küche etwas … männlich. Und als Ms Panther drei verschiedene Schränke öffnen musste, um zwei Gläser zu finden, kam James der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht ihre Wohnung war. Möglicherweise galt das Klingelschild einem anderen Familienmitglied mit dem Namen Panther.

Calliope füllte die Gläser mit Wasser, stellte sie auf einen schwarzen Küchentisch in der Mitte des Raumes und deutete auf einen Stuhl, bevor sie sich auf den Platz gegenüber setzte.

„Also, Mr Galway“, sagte sie, latente Ungeduld in ihrer Stimme. „Ich habe Ihnen fünf Minuten versprochen und ich gebe Ihnen fünf Minuten.“

Er setzte sich ebenfalls. „Nennen Sie mich James.“

„Schön“, sagte sie knapp und verengte die Augen. „Auch wenn ich dann die ganze Zeit das Gefühl habe, ich würde meinen Butler rufen. Ich bin Callie. Warum die Höflichkeit bewahren, wenn Sie doch ohnehin gerade die erste Schlagzeile über mich formulieren.“

Bitte, die erste Schlagzeile hatte er bereits seit einer Woche. Er war doch kein Anfänger.

„Dankeschön“, sagte er und faltete die Hände auf dem Tisch. „Ich bin eigentlich nur hier, um ein wenig über Sie zu re–“

„Und da muss ich Sie direkt unterbrechen“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich will nicht über mich oder meine Vergangenheit sprechen. Das ist sicherlich nicht der Grund, warum ich mich auf dieses hirnrissige Treffen eingelassen habe. Es soll nicht um mich, sondern um mein Projekt gehen.“

Nun, das könnte sich schwierig gestalten. Offenbar war sich Ms Panther der Tatsache nicht bewusst, dass sich niemand für ihre karitativen Ambitionen interessierte. Ein reiches Mädchen, das etwas Gutes tun wollte? Bitte! Die Geschichte war so alt, dass selbst die Bibel davon schrieb. Aber das konnte er ihr natürlich so nicht sagen, deswegen beschloss James, eine andere Schiene zu fahren.

„Sie wollen ein Jugendzentrum eröffnen“, sagte er sachlich.

Ihre Augenbrauen gingen nach oben. „Woher wissen Sie das?“

„Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, Calliope.“

Sie verzog das Gesicht. „Callie, bitte. Niemand nennt mich Calliope, abgesehen von meinem Vater.“

Na, mit dem wollte er wirklich nicht in Verbindung gebracht werden. Weder als Journalist noch als Mann. „Schön. Callie. Sie wollen ein Jugendzentrum eröffnen und brauchen Investoren. Und um Investoren zu gewinnen, brauchen Sie mediale Aufmerksamkeit. Ich kann Ihnen diese Aufmerksamkeit geben.“

„Ja, so wie jeder andere Journalist der Stadt.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, niemand wird Ihnen anbieten, was ich Ihnen anbiete.“

„Ihren Körper und eine Packung Marshmallows?“

Seine Mundwinkel zuckten. „Ich mag den Gedankengang, aber nein. Sie wollen, dass die Presse von Ihrem Projekt berichtet … dabei sind Sie das Projekt, Callie. Die Leute interessieren sich nicht dafür, dass Sie Jugendlichen helfen wollen. Wer möchte schon über arme Kinder lesen, die nichts im Leben haben? Das ist deprimierend.“

„Aber es ist die Wahrheit!“

„Ja, aber die Wahrheit verkauft sich nicht gut“, meinte er und winkte ab. „Das müssten Sie doch am besten wissen. Die Leute wollen etwas über Sie erfahren. Sie wollen mit Ihnen mitfühlen. Nicht mit namenlosen Jugendlichen, zu denen sie keine Verbindung spüren. Alles, was die Presse interessieren wird, sind Sie. Aber das ist nichts Schlechtes. Denn das können Sie ausnutzen.“

„Indem ich einen Deal mit dem Teufel eingehe?“

„Ich würde die Presse nicht direkt als Teufel bezeichnen …“

„Ich spreche nicht von der Presse, ich spreche von Ihnen“, stellte sie klar und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, die blauen Augen zu Schlitzen verengt. „Denken Sie, Sie sind der Einzige, der seine Hausaufgaben gemacht hat? Ich habe Sie recherchiert, und Sie sind ein Piranha.“

Er lächelte. „Vielen Dank.“

„Das war kein Kompliment.“

„Doch, aus meiner Sicht ist es eins“, versicherte er ihr.

Sie schnaubte laut. „Sie haben Hugh Hefner solange tyrannisiert, bis er Sie in seine Grotte eingeladen hat.“

„Ah, tyrannisiert ist so ein böses Wort. Ich habe ihn lediglich mehrfach höflich darum gebeten.“

„Mhm. Und jetzt ist er tot.“

Er lachte. „Na, die Lorbeeren kann ich nicht einheimsen.“

„Zurzeit haben drei Leute eine einstweilige Verfügung gegen Sie in der Hand …“

„Weil sie nicht zufrieden mit meiner Sicht auf ihr Leben waren.“

„Sie sind aus der Collegezeitung von Princeton geflogen, weil Sie einen Enthüllungsbericht über den Chefredakteur verfasst haben, und die halbe Stadt hat Sie bereits mindestens einmal verklagt.“

„Wenn man nach der Wahrheit sucht, macht man sich nun einmal auf kurz oder lang eine Menge Feinde.“

„Die Farbe von Emma Stones Unterwäsche ist die Wahrheit?“

Na ja, keine interessante, aber dennoch … „Ich kenne meinen Lebenslauf, Callie“, sagte er schlicht.

Sie schnaubte. „Sie sind kein vertrauenswürdiger Mann, James.“

„Nein, natürlich nicht. Das habe ich nie behauptet. Ich bin ja auch kein Charakter aus der Sesamstraße. Aber ich bin Ihre beste Option. Denn all diese kleinen Zwischenfälle, die Sie so schön recherchiert haben, bringen ebenfalls zutage, dass ich verdammt gut in dem bin, was ich tue. Und Sie wissen das, sonst hätten Sie nie zugesagt, mich zu treffen.“

Sie zuckte die Schultern. „Ich war neugierig. Sie haben in Ihren Mails verzweifelt geklungen. Und auf den Satz: Sie wissen es nicht, aber Sie brauchen mich, springe ich immer gerne an. Also: Überraschen Sie mich doch mal. Was können Sie mir bieten, was niemand anderes kann? Was wollen Sie von mir?“

„Ich möchte eine Reihe Artikel über Sie veröffentlichen.“

„Ein Journalist, der etwas über mich schreiben möchte … innovativ.“

„Ich weiß. Und ich möchte die Exklusivrechte dazu bekommen. Sie werden mit keinem Journalisten außer mir sprechen.“

„Wieso hören Sie sich auf einmal wie ein eifersüchtiger Ehemann an?“, fragte sie interessiert.

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem breiten Lächeln. „Weil ich genau das sein werde. Der Ehemann, der Sie auf Schritt und Tritt begleitet. Ihren ganzen Weg bis zur Eröffnung des Jugendzentrums beleuchtet.“

Callie seufzte schwer und ihre Brüste hoben und senkten sich im Rhythmus ihrer langgezogenen Atemzüge. „Fassen wir zusammen: Sie wollen wie jeder andere irgendeine Story über mich schreiben.“

„Natürlich will ich eine Story über Sie schreiben!“, sagte er eindringlich und beugte sich vor. „Sie sind interessant, Callie. Sie haben Charisma. Sie haben eine Geschichte. Und haben Sie eine Ahnung, wie viel Kohle mir ein einziger exklusiver Artikel über Sie einbringen wird?“

Irritiert zog Callie die Augenbrauen ins Gesicht. „Sie sind wirklich schlecht darin, mich von Ihren guten Absichten zu überzeugen, hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?“

„Sie sind gut – und sie werden uns beiden helfen. Denken Sie doch mal darüber nach: Irgendwer wird irgendetwas über Sie schreiben. Ob Sie wollen oder nicht. Der erste Artikel steht wahrscheinlich schon in der Zeitung. Sie haben keine Macht darüber, was dort steht … aber ich gebe Ihnen die Chance, sie zu bekommen.“ Er klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. „Ich werde Sie überall hinbegleiten, ich werde jeden Schritt von Ihrem Projekt abdecken, ich werde dem Ganzen eine persönliche Note verleihen, die die Leute lesen wollen. Ich werde die Leser denken lassen, dass Sie ihre beste Freundin sind, der sie liebend gerne ein wenig Geld spenden – während Sie alles, was ich veröffentliche, kontrollieren dürfen. Sie entscheiden, was ich schreibe. Sie sagen mir, ob Ihnen eine Metapher nicht gefällt oder ob ein Artikel zu persönlich wird. Sie lesen jedes Wort von mir vorab und haben ein Veto-Recht für jeden Artikel. Das halten wir schriftlich fest. Ich darf exklusiv über Sie schreiben – zu Ihren Bedingungen.“

James bemerkte exakt den Moment, in dem sich ihre Abneigung in Interesse verwandelte. Es war der Augenblick, in dem sich die Spannung zwischen ihren Brauen löste, sie sich etwas aufrechter hinsetzte und die Lippen leicht öffnete.

Ja, sie wusste, dass es ein gutes Angebot war.

Einige Momente lang sagte sie gar nichts. Sie saß einfach nur da und studierte ihn aufmerksam. Vielleicht suchte sie nach dem Haken an der ganzen Sache … Sein Handy klingelte und James zuckte zusammen.

Seufzend zog er es aus der Tasche und sah auf das Display. Thomas.

„Wollen Sie nicht rangehen?“, fragte Callie, die Augenbrauen auffordernd gehoben.

James schüttelte den Kopf und lehnte den Anruf ab, bevor er das Handy zurück in seine Tasche schob. „Nein, das ist nur mein Neffe, den ich in mein Auto gesperrt habe.“

„Charmant.“

„Ach, Sie kennen ihn nicht. Er hat es verdient“, versicherte James ihr.

„Schön.“ Sie räusperte sich. „Sie hatten Ihre fünf Minuten. Wenn das alles war …“

„Nein, war es nicht“, sagte er hastig. „Ich möchte auch ein Interview mit Ihnen. Ein Exklusiv-Interview, in dem Sie über Ihre Vergangenheit, Ihre Gegenwart und Ihre Zukunft sprechen.“

Callie lachte laut. „Und danach vielleicht auch noch ein Einhorn und eine Emu-Farm?“

„Auf die Emu-Farm würde ich verzichten, aber das Einhorn hört sich gut an.“

Schnaubend schüttelte sie den Kopf. „Ich gebe keine Interviews. Ich habe noch nie eins gegeben.“

„Ich weiß, deswegen will ich es ja. Ein Interview hat Macht. Es könnte darüber entscheiden, ob Investoren Ihnen ihr Geld anvertrauen. Ob Sie sympathisch, hilflos, stark oder schwach wirken.“

Ihre Miene versteinerte und sie stand ruckartig auf. „Sie werden auf Ihr magisches Interview verzichten müssen, über den Rest werde ich … nachdenken.“

Scheiße. Wenn Leute anfingen, nachzudenken, kamen sie meistens zu dem Entschluss, dass ihm nicht zu trauen war. Doch er konnte sehen, dass sie sich jetzt nicht entscheiden würde. Sie musste die positiven und die negativen Seiten abwägen. Er musste einfach darauf bauen, dass ihr Interesse groß genug war.

Er atmete tief aus und erhob sich ebenfalls. „In Ordnung“, sagte er freundlich. „Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mich zu treffen.“ Er streckte die Hand aus und Callie ergriff sie pflichtbewusst. „Hier ist meine Karte, meine private Handynummer habe ich auf die Rückseite geschrieben.“

Er reichte ihr seine Visitenkarte und sie steckte sie in ihre Hosentasche.

„Gut, ich melde mich bei Ihnen“, sagte sie leichthin und brachte ihn zur Tür. „Das bedeutet, dass Sie mir keine weiteren Ihrer nervigen Mails schicken werden, ist das klar?“

Er lachte leise. „Sie können sagen, was Sie wollen. Sie haben funktioniert“, murmelte er, bevor er die Treppen hinunterging. Er konnte Callies Blick in seinem Rücken spüren und lächelte heimlich. Wenn sie zusagte, dann würde er nie wieder einen Auftrag von seinem Boss annehmen müssen. Er würde die freie Themenauswahl haben – denn das würde er als schriftliche Bedingung festlegen, dafür dass er die Artikel nicht an eine andere Zeitschrift verhökerte. Keine verdammten C-Promis mehr interviewen, keine lästigen Partys mehr besuchen. Er würde über das schreiben, was er wollte. Porträts wichtiger Menschen, die die Nation bewegten, verfassen. Sodass der Leser das Gefühl bekam, er würde sie kennen.

Er nahm die letzte Stufe und öffnete das Tor. Sie musste nur zusagen … und dann würde er bohren und bohren, bis er auf Öl stieß. Genau wie damals.

Kapitel 3

„Warum zum Teufel solltest du dich freiwillig mit einem Journalisten treffen?“, wollte Coop irritiert wissen und bog in die große Einfahrt, die zu ihrem Elternhaus führte. „Das ist, als würdest du zum Arzt gehen, um eine Darmspiegelung machen zu lassen, die du überhaupt nicht brauchst.“

„Nun, im Gegensatz zu der Darmspiegelung brauche ich die Journalisten aber“, sagte Callie seufzend. „Ich hasse die Medien, aber sie sind leider sehr wichtig auf der Welt, Coop. Vor allem, um auf soziale Missstände aufmerksam zu machen. Und James Galway ist fantastisch in seinem Job.“ Die Artikel, die sich nicht um die Farbe der Unterhose der aktuellen Oscarpreisträgerin gedreht hatten, waren außerdem verdammt gut recherchiert, nicht zu vergessen beeindruckend feinfühlig geschrieben worden. Callie hatte sich durch verschiedene Archive gewühlt und war auf ein Porträt irgendeiner Basketball-Legende gestoßen, das sie zu Tränen gerührt hatte. Und sie hasste Basketball! James hatte natürlich recht gehabt. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass er gut war, hätte sie dem Treffen nie zugesagt. „Er hat sich einen Namen gemacht. Ich wollte zumindest hören, was er zu sagen hat.“

„Aha.“ Coop war noch immer nicht überzeugt. „Und was hat er zu sagen gehabt?“

„Eine Menge“, erklärte sie vage. Sie wollte ihm keine Einzelheiten nennen, denn ihr war klar, dass keiner ihrer Brüder es gutheißen würde, wenn sie James Galways Deal zustimmte.

Coop schnaubte. „Du bist in etwa so informativ wie eine tote Kellerassel, Callie. James Galway … hört sich nach einem betrunkenen Kobold an. Was ist das überhaupt für ein Typ?“

Callie runzelte die Stirn und neigte den Kopf zur Seite. Das war eine gute Frage. Was war James Galway für ein Typ?

„Ich bin mir nicht sicher“, gab sie langsam zu.

„Vielversprechend bei einem Mann, dem du dein Leben anvertrauen willst.“

Sie verdrehte die Augen. „Er will ein paar Artikel über mich schreiben, keine Gehirntransplantation durchführen, Coop. Ich habe fünf Minuten mit ihm geredet. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Ich habe verdammt viele Journalisten kennengelernt, aber James Galway … war anders.“

„Inwiefern anders?“

„Na ja, zum einen war er höflich.“

Coop hob angemessen beeindruckt die Augenbrauen. „Wirklich?“

„Ja. Und er hat sich nicht sonderlich viel Mühe gegeben, mir Honig ums Maul zu schmieren.“ Wenn sie genauer darüber nachdachte, dann hatte er ihr kein einziges Kompliment gemacht. Abgesehen davon vielleicht, dass sie interessant war. „Ich meine, er war charmant.“ Sein Charme war ehrlich gesagt das, was sie stutzig und misstrauisch gemacht hatte. James war einer dieser Männer, die wussten, was sie wollten, und es auch bekamen. Er würde sich wahrscheinlich gut mit Cole verstehen.

„Natürlich war er charmant. Er will mit dir einen Haufen Kohle machen, Callie!“

„Ich weiß. Und das hat er mir ins Gesicht gesagt. Er war ehrlich, Coop. Absurd ehrlich. Er hat mir seine Absichten genau aufgezeigt, ohne groß um den heißen Brei herumzureden.“ Und das war eine Eigenschaft, die sie zu schätzen wusste.

Ihr Bruder warf ihr einen skeptischen Seitenblick zu. „Das hört sich für mich fast so an, als hättest du ihn sympathisch gefunden.“

Sie runzelte die Stirn. „Er war … okay.“

Das Einzige, was sie tatsächlich an ihm störte – abgesehen davon natürlich, dass er seine Seele an den Teufel der Presse verkauft hatte –, war, dass er zu gut aussah. James Galway war diese blond zerzauste, breitschultrige Sorte Mann, die Frauen dazu brachte, sich zu vergessen. Die Sorte Mann, der man nicht trauen konnte, weil sie zu charmant und höflich war, um zu bemerken, dass sie einem gerade drei Messer in den Rücken rammte.

Callie war in Los Angeles mit den verschiedensten Sorten von Männern ausgegangen. Schauspieler, Köche, Mechaniker, Immobilienmakler. Sie hatte sich ein breites Bild von dem machen wollen, was die Stadt zu bieten hatte. Aber am meisten hatte sie die Männer gemocht, die ganz süß, aber nicht wirklich sexy waren. Am besten auch noch die, die nicht allzu viele Muskeln besaßen. Sie bekämpfte bereits ihr ganzes Leben lang Probleme mit ihrem Körperbild, da brauchte sie keinen Kerl, der besessen von seinem Körperfettgehalt war und ihr Vorträge über ein Leben mit Quinoa und Quorn hielt. Einen Freund, der ihr eingeredet hatte, sie sei zu fett und Drogen cool, hatte sie schon gehabt. Den brauchte sie nicht noch einmal.

Sie war zufrieden mit ihrem Aussehen. Sie war nicht dünn, sie war nicht dick, sie war vollkommen okay. Aber dieser Zustand war fragil, deswegen ging sie gut aussehenden und oberflächlichen Männern, die ihr Selbstvertrauen ins Wanken bringen könnten, aus dem Weg.

Und James Galway … James Galway zählte definitiv in diese Kategorie. Nicht dass sie vorhatte, ihn zu daten. Bei dem Gedanken musste sie beinahe laut auflachen. Sie würde sich definitiv nicht mit dem Feind verbünden. Aber als er angeboten hatte, sich auszuziehen, war sie kurz davor gewesen, einfach zu nicken.

„Ein Klatschreporter, der okay ist“, sinnierte Coop kopfschüttelnd. „Dass ich das noch mal erleben darf.“

Nachdenklich sah sie aus dem Fenster, hinter dem sich das große Herrenhaus auftat, in dem sie die ersten siebzehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Weiße Fassade, klassischer viktorianischer Baustil, keine Persönlichkeit. So wie ihr Vater Häuser und Menschen am liebsten mochte. „Ich kann ihn noch nicht einschätzen“, sagte sie wahrheitsgemäß. „Ach, wahrscheinlich werde ich eh nicht mit ihm zusammenarbeiten.“

Mit dem Imperium ihres Vaters im Rücken würde sie genug mediale Aufmerksamkeit bekommen. „Wir können das Thema also beenden.“

Sie schnallte sich ab und bemerkte erleichtert, dass Coles Wagen bereits vor ihnen in der Einfahrt stand. Cole war schon immer der Familienpuffer gewesen und sie brauchte ihn heute. Callums Auto war noch nirgendwo zu entdecken, aber er kam öfter gar nicht als nur zu spät, also …

„Sag mal, hast du heute schon in die Zeitung gesehen?“, fragte Coop beiläufig und löste ebenfalls seinen Sicherheitsgurt.

Misstrauisch sah sie zu ihm herüber. „Niemand guckt mehr in die Zeitung, Coop, also nein.“

„Und … im Internet warst du heute auch noch nicht?“

„Natürlich war ich schon im Internet! Ich bin weder ein Neandertaler noch ein Neugeborenes, also habe ich heute schon drei Stunden an meinem Handy verbracht. Du verhältst dich merkwürdig, Coop, was ist los?“

Er zog eine Grimasse und reichte ihr sein Telefon. „Da irgendwer es sowieso gleich ansprechen wird …“, bemerkte er seufzend.

Irritiert sah sie auf das Display, auf dem sie ihre eigene Gestalt erkennen konnte. Gleich zweimal. Eines der Bilder war gestern gemacht worden. Sie mit ihrem großen Pullover, die Kappe tief ins Gesicht gezogen. Das andere Bild jedoch war alt. Es zeigte ihr zwanzigjähriges, viel zu mageres Ich, das der Kamera den Mittelfinger zeigte. Ihrer Meinung nach noch immer die beste Pose, die man Paparazzi gegenüber einnehmen konnte.

Über den Bildern prangte eine hässliche, rote Überschrift.

Calliope Panther zurück in Philadelphia: dreißig Kilo schwerer, sichtbar älter und kränklich blass. Geht es ihr gut?

Großer Gott. War das ihr Ernst?

Natürlich war sie sichtbar älter. Zwölf Jahre waren eine verdammt lange Zeit. Sicher hatte sie auch blass ausgesehen! Sie hatte fast sechs Stunden lang im Flugzeug gesessen und zwei dutzend Blitzlichter waren auf sie gerichtet worden. Und offensichtlich war sie früher dünner gewesen! Magersucht und Drogen hielten nun einmal schlank.

Diese Arschlöcher!

Wütend presste sie die Zähne aufeinander, sodass ihr Kiefer laut knackte. Sie gab sich nicht die Mühe, weiter herunterzuscrollen. Alles, was die Presse über sie geschrieben hatte, würde sie nur noch zorniger machen, also reichte sie Coop kommentarlos das Handy zurück.

Sie verstand es nicht. Was interessierte es die Leute, wie sie aussah? Wieso war es der Presse wichtig, ob sie krank oder gesund war? Warum folgten sie ihr überhaupt noch, wenn sie am Ende doch ohnehin nur schrieben, was sie wollten!

Entweder sie war zu dick oder zu dünn. Zu gesund oder zu krank. Zu blond oder zu brünett. Alles, was sie tat, war falsch! Das war es, was die Presse ihr in jungen Jahren beigebracht hatte. Wenn sie bei McDonalds essen ging, war sie offensichtlich fresssüchtig. Wenn sie nur einen Salat bestellte, machte man sich Sorgen, dass sie zu sehr auf ihre Figur achtete.

In L. A. hatte sie sich darüber keine Gedanken machen müssen. In der Stadt der Engel war jeder Pizzaverkäufer berühmter gewesen als sie. Niemanden hatte es interessiert, was sie tat, was sie aß oder wie sie aussah. Sie war ein viel zu kleiner Fisch im großen Haifischbecken gewesen. Hier jedoch …

„Alles okay?“, fragte Coop leise.

Sie atmete tief durch und nickte dann knapp. „Jap. Alles bestens. Ich finde es nur frustrierend, dass die Welt sich nicht ändert.“

Ihr Bruder seufzte und drückte ihre Schulter. „Sie werden den Artikel von damals wieder auspacken, das weißt du, oder?“

„Jaja.“ Sie hoffte nur, diesen Moment so lang wie möglich hinauszögern zu können. Denn sie freute sich definitiv nicht darauf, erneut jeden ihrer charakterlichen Missstände aufgezeigt zu bekommen. Gott, dieser schreckliche Artikel, in dem jeder einzelne ihrer Fehltritte, von ihrer Magersucht bis zu ihrem drogenbedingten Aufenthalt im Krankenhaus, aufs Kleinste auseinandergenommen worden war. Der Artikel war innerhalb weniger Stunden viral gegangen, und die Lügen und Wahrheiten waren so gekonnt zu einem Netz gestrickt worden, dass jeder Mensch im Umkreis von fünfhundert Meilen ihm geglaubt hatte. Der katastrophale Zusammenbruch eines It-Girls-wider-Willen hatte einen hohen Unterhaltungswert.

„Was soll’s“, murmelte sie. „Es ist ewig her. Ich bin ein anderer Mensch. Das weiß ich, das wisst ihr … der Rest kann mir egal sein.“ Sie räusperte sich und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Ist Mom eigentlich da?“

„Nein, sie kommt erst in ein paar Wochen aus den Hamptons zurück.“

„Schön.“ Das war ihr ganz recht. Mit einem ihrer Elternteile zu kommunizieren, war anstrengend genug. Beide im selben Raum zu haben, würde nur unnötige Erinnerungen lostreten. „Dann auf in die Höhle des Löwen“, wisperte sie und öffnete die Autotür.

Callie hatte nur wenige glückliche Kindheitserinnerungen in ihrem Elternhaus gesammelt – und keine davon hatte im Esszimmer stattgefunden.

Das Esszimmer war nicht dafür gedacht gewesen, Spaß zu haben. Das Esszimmer existierte exklusiv, um zu essen, ernste Gespräche zu führen und geschäftliche Entscheidungen zu fällen.

Cole hatte damit nie Probleme gehabt. Seit er drei war, konnte er eine Stunde lang still sitzen und mit einer Hummergabel umgehen. Callum, der Jüngste, war schon damals so in seiner eigenen Welt versunken gewesen, dass er die Ermahnungen ihres Vaters nicht einmal wahrgenommen hatte. Coop und Callie jedoch waren öfter vom Esstisch geflogen als American Airlines von Philly nach New York City.

Aber das hatte sie nie gestört. Sie hatten mit Maria, dem Hausmädchen, in der Küche gegessen, herumgealbert und so laut lachen können, wie sie wollten. Zusammen waren sie unantastbar gewesen – was der Grund gewesen war, dass Clint Panther seine Zwillinge in der Middle School voneinander getrennt und auf unterschiedliche Schulen gesteckt hatte. Und Gott, hatte Callie ihren Vater dafür gehasst! Nicht so sehr wie Coop es getan hatte – vielleicht noch immer tat –, aber dennoch: Er hatte ihr ihren besten Freund gestohlen.

Die Beziehung zu ihrem Vater war noch nie gut gewesen, größtenteils, weil Clint Panther keine Ahnung gehabt hatte, wie er mit einer Tochter umzugehen hatte, und seine Ehefrau ihm von den Hamptons aus keine große Hilfe gewesen war.

Callie war zu laut, zu wild, zu sarkastisch gewesen. Alles Eigenschaften, die ihr Vater nur mit einer gehobenen Augenbraue taxiert hatte. Da war es egal, dass sie in der Middle School nur mit guten Noten nach Hause gekommen war … seine Anerkennung hatte sie nie bekommen. Also hatte sie einfach aufgehört, sich Mühe zu geben.

Ihre Mutter war nur knapp vier Monate im Jahr in Philadelphia gewesen und insgeheim hatte Callie ihrem Vater immer die Schuld dafür gegeben. Und dann war da noch der Zwischenfall, der sie dazu verleitet hatte, Ja zu Drogen zu sagen …

Zusammengefasst: Ihre Beziehung zu ihrem Dad war im besten Fall kompliziert, im schlechtesten unrettbar. Sie hasste ihren Vater nicht … nicht mehr. Wenn ihre Therapie ihr eines gezeigt hatte, dann dass ihr Selbsthass viel zerstörerischer gewesen war, als jedes Gefühl, das sie ihrem Vater je entgegengebracht hatte. Trotzdem fiel es ihr bis heute schwer, ihm in die Augen zu sehen. Da half es auch nicht, dass sie ihn innerhalb der letzten zwölf Jahre nur sechs Mal gesehen hatte.

Dennoch stand sie jetzt vor ihm, in dem Zimmer, das nach teurem Staub und Enttäuschung roch, und versuchte das Bild aus ihrem Kopf zu drängen, das sie seit zwölf Jahren verfolgte. Sie blinzelte, atmete tief ein und hob das Kinn. „Hey, Dad“, sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand. Clint Panther gab keine Umarmungen. Das wäre ja, als würde man jeden Tag Weihnachtsgeschenke verteilen.

Ihr Vater nickte ihr zu. „Schön, dich hier zu haben, Calliope.“ Sie lief rot an und wandte peinlich berührt den Blick ab. Das war ungewohnt nah an einer Liebeserklärung dran gewesen.

„Ihr seid die Letzten. Callum schafft es leider nicht“, fuhr er fort und begrüßte Coop.

Der Feigling! Auch wenn Callie es verstand. Callum hasste Menschenmengen und die fingen bei vier Personen an. Außerdem hätte er es nie zugegeben, aber er war der Sensibelste von ihnen allen. Er hatte sich das heutige Drama wahrscheinlich nicht mitansehen wollen. Vielleicht war er doch kein Feigling. Vielleicht war er einfach nur klüger als sie alle.

Callie sah zum Tisch, von dem sich diverse Leute erhoben, um sie zu begrüßen.

Da waren Cole und eine große, schwarzhaarige Frau mit karamellfarbener Haut, die Callie als Savannah, die PR-Managerin von Coles Baseballmannschaft erkannte, doch zuerst erreichte sie …

„Jacky-Boy“, sagte sie grinsend und zog den jungen Baseballspieler in die Arme. „Was machst du denn hier?“

„Hey, du warst es, die immer gesagt hat, ich würde zur Familie gehören. Das schließt mich bei einem Familienessen wohl ein“, murmelte er und tätschelte ihren Rücken.

Meine Güte war er groß geworden. Jake war fast sechs Jahre jünger und trotzdem zwanzig Zentimeter größer als sie. Er war für sie immer so etwas wie ein kleiner Adoptiv-Bruder gewesen, auf den sie oft aufgepasst hatte. Ihre Eltern waren gut befreundet und Jake hatte viel Zeit in ihrem Haus verbracht.

„Wie geht’s dir?“, fragte sie lächelnd und Wärme flutete ihre Brust. Das Telefon wurde einem persönlichen Treffen einfach nicht gerecht. „Gibt es irgendetwas Neues?“

Zu ihrer Überraschung kratzte sich Jake unbeholfen im Nacken und seine Ohren liefen rosa an. „Ich habe … ich habe jetzt eine feste Freundin“, bemerkte er schließlich kleinlaut.

„Nein, hast du nicht!“, sagte sie ungläubig und schlug ihm auf den Arm. Jakes Frauenverschleiß wurde nur noch von Coop überboten!

„Doch, doch. Ich hab sie schon kennengelernt“, meinte besagter Bruder in diesem Moment grinsend. „Sehr coole Frau.“

„Meine Güte, da ist man mal zwölf Jahre lang weg und schon steckt Jake in einer ernsten Beziehung?“ Zweifelnd sah sie ihn an. „Ich weiß nicht, ob ich mit dieser krassen Art der Veränderung klarkomme.“

„Rede ihm bloß nichts Falsches ein!“, drang eine panische, weibliche Stimme an ihr Ohr. „Jakes Freundin ist das Beste, was mir je passiert ist!“

„Hallo?“, sagte Cole ungläubig. „Was ist mit mir?“

„Du erleichterst mir meine Arbeit nicht so wie Liv“, meinte Savannah entschuldigend. „Seit Jake Liv kennt, benimmt er sich beinahe menschlich. Du hingegen“, sie drückte ihren Zeigefinger auf Coles Brust, „erschwerst mir meine Arbeit eher, weil deine Anforderungen an deine Mitarbeiter und dein Leben so lächerlich sind.“ Sie wandte sich lächelnd Callie zu. „Hey, ich bin Savannah. Wir haben mehrfach am Telefon miteinander gesprochen.“

„Hey“, erwiderte sie lachend und umarmte sie spontan. „Ich erinnere mich. Und jedem von uns hier ist klar, dass Cole lächerlich ist. Aber schön, dass du es aussprichst.“

„Das hat sie nicht gesagt!“, beschwerte sich Cole. „Lediglich meine Anforderungen an meine Mitmenschen seien …“ Er brach ab und stöhnte leise.

Savannah biss sich auf die Unterlippe, um sich vom Lachen abzuhalten, und tätschelte beruhigend seinen Arm. „Keiner findet dich lächerlich“, flüsterte sie. „Alle hier nehmen dich ganz doll ernst! Du bist schließlich der Inhaber und Geschäftsführer der Delphies und reich noch dazu.“

Cole sah sie düster an und Jake schnaubte. „Reich … bitte. Wer ist das nicht?“

Callie musste sich davon abhalten, die Hand in die Höhe zu strecken.

„Mr Panther“, drang plötzlich eine dünne Stimme an ihre Ohren. „Das Essen ist fertig.“ Ein blondes Dienstmädchen, das Callie nicht kannte, steckte den Kopf durch die Tür.

„Wundervoll. Wir werden jetzt essen“, sagte ihr Dad mit fester Stimme und sofort nahmen alle ihre Plätze am Tisch ein.

Callie hatte es in den letzten Jahren vermieden, in allzu edlen Restaurants essen zu gehen, dennoch hatte sie nicht vergessen, wie sie sich am Tische der Residenz Panther zu benehmen hatte.

Es war, als wäre sie nie weg gewesen. Als wäre sie wieder das siebzehnjährige Mädchen, das sich darauf freute, endlich aufs College zu gehen und diesem kalten Haus zu entkommen. Doch diesmal war es anders. Diesmal war sie freiwillig hier und das machte einen sehr großen Unterschied.

Sie liebte ihre Familie. Sie war froh, dass sie sie hatte. Und sie würde das Beste daraus machen.

Sie aßen Salat mit Meeresfrüchten und Granatapfelkernen und anderen Dingen, die nur reiche Leute in ihr Grünzeug packten, unterhielten sich über Baseball und andere unverfängliche Themen, während Callie darauf wartete, dass ihr Vater seine geübte Zurückhaltung aufgab.

Und sie wurde nicht enttäuscht. Noch vor Beendigung des Hauptmenüs – Wachtel oder Ente oder irgendein anderer Vogel – erhob er das Wort.

„So, Calliope, dann erzähl uns allen doch mal von diesem Projekt, das du planst“, eröffnete ihr Vater das geschäftliche Tischgespräch.

Callie hatte mit dieser Frage gerechnet und war vorbereitet. Langsam kaute sie das Fleisch zu Ende, schluckte es hinunter und ließ ihr Besteck sinken. „Ich plane, ein Jugendzentrum zu eröffnen“, sagte sie gelassen. „Einen Zufluchtsort, an den sich Kinder und Jugendliche wenden können, wenn es ihnen schlecht geht oder wenn sie keinen anderen Ort haben, an den sie gehen können.“ Einen Ort, den sie damals gerne gehabt hätte. „Es soll ein paar Aufenthalts-, aber auch Schlafräume geben, einen großen Garten, in dem man Gruppenaktivitäten durchführen kann, psychologische Betreuung, genug Pädagogen, die den Jugendlichen mit ihren Problemen helfen können. Eben Vertrauenspersonen, an die sie sich wenden können, wenn es in ihrem Leben sonst niemanden gibt. Es soll Gruppentherapien geben, eine Karriereberatung, kostenlose Hilfe bei Collegebewerbungen, eine regelmäßige Drogenprophylaxe, eine Menge Sportangebote … alles, was die Kids davon abhält, Dummheiten auf der Straße zu begehen.“ Sie räusperte sich, und die Euphorie, die sich das letzte Jahr über aufgrund ihres Plans angestaut hatte, drang wieder an die Oberfläche und ließ sie lächeln. „Ich habe schon eine Menge Vorbereitungen getroffen. Ich stehe mit zwei qualifizierten Psychologen in Kontakt, die sich über die Herausforderung dieses Projektes freuen würden. Sie werden natürlich bezahlt. Eine Handvoll Pädagogen haben mir bereits ihre Zustimmung gegeben, ehrenamtlich mitzuwirken, aber langfristig möchte ich mindestens vier von ihnen festanstellen. Ich habe ein Grundstück gekauft –“

„Von meinem Geld“, warf ihr Vater ein.

Sie atmete tief durch und versuchte das drückende Gefühl auf ihrer Brust zu ignorieren. „Ja, Dad“, sagte sie betont geduldig. „Ich habe von deinem Geld ein Grundstück gekauft, auf dem ein großes Haus steht. Es liegt in Strawberry Mansion“, eine Gegend, die trotz des hübschen Namens aus dem letzten Loch pfiff und einer Menge Jugendlichen mit einer Menge Problemen einen Rückzugsort bot, „und muss noch etwas aufbereitet werden. Ich habe mich von Logan beraten lassen und er hat mir eine ansässige Baufirma empfohlen, die faire Preise macht. Sie fängt morgen an.“ Logan war Coles bester Freund aus Jugendtagen und lebte mittlerweile als erfolgreicher Bauunternehmer in Chicago – und Callie wusste, dass ihr Vater große Stücke auf ihn und seine Meinung hielt. „Sie haben mir bereits eine erste Einschätzung der nötigen Arbeiten aufgelistet, und ich hoffe, das Zentrum noch vor Weihnachten eröffnen zu können.“ Das waren knapp neun Wochen. Der Zeitraum war eng, aber machbar.

„Schön, du hast einen Plan“, sagte ihr Vater hölzern, die Hände auf dem Tisch gefaltet. „Alles, was dir fehlt, ist Geld. Du brauchst einen langfristigen Finanzierungsplan.“

„Ich weiß“, sagte sie und behielt ihr Lächeln, wenn auch wacklig. „Staatliche Unterstützung habe ich bereits beantragt, aber da erwarte ich nicht viel. Ich plane eine Finanzierung basierend auf Dauer- und Einzelspenden. Lostreten möchte ich das Ganze mit einem Charity-Event. Und es ist gut, dass ich euch alle direkt auf einem Fleck habe, vor allem Jake und Cole. Denn ich wollte euch ohnehin um Hilfe bitten.“

Cole und Jake hoben fragend eine Augenbraue.

„Ich plane ein Benefiz-Baseballspiel ein paar Wochen vor der Eröffnung, um erste Spenden zu sammeln. Jugendliche aus der Gegend, die sich vorher anmelden, spielen zusammen mit Profi-Sportlern ein Baseballspiel. Alle anderen schauen zu. Es wird Hotdog-Stände, Popcorn, vielleicht auch ein Dosenwerfstand oder Ähnliches geben. Alle Einnahmen kommen dem Jugendzentrum zugute. Ich weiß, es ist etwas spontan, aber ihr kennt so viele Sportler: Vielleicht wisst ihr, wer von ihnen dazu Lust hätte?“

Der Kader einer Baseballmannschaft bestand aus mindestens dreiundzwanzig Spielern und einer Horde Ersatzspielern – sie brauchte nur drei oder vier Berühmtheiten, das würde reichen, um Leute auf die Benefizveranstaltung aufmerksam zu machen. Wenn sie genauer darüber nachdachte … vielleicht brauchte sie auch einfach nur Jake. Er war der Liebling der Nation.

„Klar, wenn ich kann, bin ich dabei“, sagte Jake achselzuckend. „Was die anderen Spieler betrifft …“

„Das werde ich erledigen!“, stimmte Savannah begeistert mit ein. „Das könnte ein unglaublich guter Publicity-Stunt für die Delphies sein!“

Ach, richtig. Sie als PR-Managerin der Mannschaft würde daran Interesse haben.

„Glaub mir, ich kann sehr überzeugend sein. Ich werde dir mindestens drei Spieler besorgen. Mehr brauchst du ohnehin nicht. Je mehr Jugendliche einen Platz zum Mitspielen bekommen, desto besser.“

Callie lächelte erleichtert und neue Euphorie durchströmte sie. „Ja, genau, das dachte ich mir auch.“ Das könnte funktionieren! Sie brauchte nur genug Geld für die ersten zwei Jahre. Sie hatte noch etwas von dem Geld ihres Vaters übrig und wenn sie die Baumaßnahmen auf dem Grundstück gering halten würde …

„Selbst, wenn die Finanzierung für das erste Jahr steht, Calliope“, sagte ihr Vater mit fester Stimme. „Wenn das Projekt auf Dauer funktionieren soll, brauchst du ein paar große Investoren.“

Callie rang einen Laut der Frustration nieder und wandte sich ihrem Vater zu. „Ich werde eine Menge Investoren zu dem Benefizspiel einladen und hoffe darauf, dass sie erkennen, was für eine gute Sache ein Jugendzentrum in einem sozialen Brennpunkt ist.“

„Zu hoffen, wird nicht ausreichen“, beharrte ihr Vater.

„Das weiß ich“, erwiderte sie gereizt. „Aber ich kann keine Investoren für ein Projekt finden, das noch nicht sichtbar ist. Die Menschen wollen wissen, auf was sie sich einlassen, bevor sie große Geldbeträge spenden.“

„Das Geld ist nicht der einzige Punkt, um den ich mir Sorgen mache“, fuhr ihr Vater unaufhaltsam fort, die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen. „Es wird stressig werden, Calliope. Du trägst die Verantwortung für alles. Für die Jobs von Menschen. Für das Schicksal Jugendlicher, die sich möglicherweise darauf verlassen, dass das Zentrum bestehen bleibt. Du wirst unter einer Menge Druck stehen, und wir beide wissen, dass das nicht deine Stä–“

„Ich weiß, was ich tue, und ich weiß, worauf ich mich einlasse“, schnitt sie ihm harsch das Wort ab und sah ihn mit steinernem Blick an. Wieso zum Teufel fiel es allen so schwer, das zu begreifen? „Ich habe einen soliden Zeit- sowie Finanzierungsplan. Ich bin auf alle Eventualitäten vorbereitet. Die Baufirma ist informiert, meine Termine sind gesetzt, mein Projekt auf dem besten Weg. Ich habe die Expertise, ich habe den Willen, ich habe die Mittel. Ich kriege es allein hin.“

„Was die Hilfe, um die du mich gebeten hast – um die du uns alle bittest –, so überaus deutlich bestätigt“, sagte Clint Panther staubtrocken.

„Dad …“, sagte Cole leise, doch Callie ließ ihn nicht zu Wort kommen. Sie war es leid, sich hinter ihrem großen Bruder zu verstecken. Er hatte die letzten dreißig Jahre dafür gesorgt, dass seine Geschwister nicht in die direkte Schusslinie ihres Vaters gerieten – doch Callie war kein Kind mehr. Es wurde Zeit, sich auf sich selbst zu verlassen.

„Um Hilfe zu bitten, bedeutet nicht, dass ich nicht gut vorbereitet bin“, sagte sie angespannt und umklammerte die Tischplatte. „Ich habe hilfreiche Kontakte und es wäre dumm von mir, sie nicht auszunutzen. Es sind nur kleine Gefallen …“

„Geld? Medienpräsenz? Das sind keine kleinen Gefallen, das sind Dinge, die du allein nicht bekommen würdest“, stellte ihr Vater sachlich klar. „Ich halte es für das Beste, wenn du mich über jeden Schritt, den du gewillt bist, zu gehen, informierst. So kann ich sichergehen, dass du es richtig machst.“

„Medienpräsenz?“, fragte Coop verwirrt und sah sie von der Seite her an.

Ruckartig stand sie auf. „Dad, kann ich kurz allein mit dir reden?“ Sie wollte die Einzelheiten ihrer Abmachung sicher nicht vor ihren Brüdern breittreten.

„Ich wüsste nicht, warum das nö–“

Jetzt“, sagte sie mit fester Stimme.

Seufzend erhob sich Clint Panther und verließ den Raum.

„Callie, bist du sicher …“

„Wage es nicht, aufzustehen, Cole!“, zischte sie und sah ihren Bruder warnend an. „Das ist nicht dein Kampf.“

Coop öffnete den Mund.

„Deiner auch nicht“, fügte sie hinzu und folgte ihrem Vater in die Eingangshalle.

Sie schloss die Tür hinter sich, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf ihre Fußspitzen, als könne sie dort die richtigen Worte finden. Doch die hatte es noch nie gegeben. Nicht, wenn es um ihren Vater ging. Sie sagte das eine und er hörte das andere. Weil er nicht sah, was sie sah. Das hatte er damals nicht, als sie nach L. A. gezogen war, um sich von allem zu befreien, was sie in Philadelphia herunterzog – und das tat er auch jetzt nicht.

„Calliope, ich weiß, dass du dich über meine Fragen aufregst, aber es ist mein gutes Recht, sie zu stellen“, begann er mit ruhiger, tiefer Stimme. „Wir hatten eine Abmachung …“

„Ja, die hatten wir“, sagte sie hitzig und hob ihren Blick. „Und ich bin hier, oder nicht? Du sagtest, du gibst mir das Geld und die Medienpräsenz, die ich brauche, wenn ich auf unbestimmte Zeit herkomme. Du hast mir versprochen, dass du keine anderen Bedingungen stellst. Dass du mich nur hier in Philadelphia haben willst. Du kannst jetzt nicht auf einmal die Regeln ändern!“

Überrascht hob er die Augenbrauen. „Das tue ich nicht, ich möchte lediglich …“

„… über das Projekt informiert werden?“, fragte sie kühl. „Jeden verdammten Schritt überwachen? Mich überwachen?“

Er räusperte sich und sah sie ernst an. „Nur eine Vorsichtsmaßnahme, Calliope. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass du dieses Maß an Überwachung brauchst, um –“

„Ich war zwanzig, Dad! Jetzt bin ich zweiunddreißig. Ich bin ein anderer Mensch. Ich habe verdammte Abschlüsse in Finanzmanagement und Soziale Arbeit. Ich habe mich die letzten zwölf Jahre allein durchs Leben geschlagen und damit werde ich nicht aufhören.“ Die Wut darüber, dass niemand Vertrauen darin hatte, dass sie stark genug, klug genug, vorbereitet genug war, um das Projekt erfolgreich zu stemmen, brodelte unter ihrer Haut wie kochendes Wasser. Sie würde diesen einen Fehler nicht ihr gesamtes Leben bestimmen lassen. „Mir ging es schlecht, Dad“, sagte sie mit zitternder Stimme und zwang sich dazu, den Blickkontakt zu wahren. „Gott, ich war so unglücklich damals. Ich war krank. Und ich weiß, dass euch das allen Angst gemacht hat, weil ihr nicht gemerkt habt, wie schlecht es mir ging. Aber das war eine gänzlich andere Situation. Ich bin nicht mehr der unsichere Teenager. Ich bin erwachsen geworden. Aber woher solltest du das wissen? Du kennst mich nicht mehr!“

„Und wessen Schuld ist das?“, sagte er, seine Stimme auf einmal kühl. „Calliope, ich weiß, dass du denkst, du bist gut vorbereitet, aber du bist nicht für Drucksituationen gemacht! Das warst du noch nie. Und du willst dir nicht helfen lassen …“

„Ich habe doch um Hilfe gebeten, oder nicht?!“, fuhr sie ihn an.

„Hilfe, bei der niemand sich in den eigentlichen Prozess involvieren darf! Wenn du damals mit mir gesprochen hättest, gesagt hättest, dass du unglückl–“

Sie lachte. Sie konnte nicht anders. Sie lachte hoch und falsch auf. „Ist das dein beschissener Ernst? Du warst Teil des Problems, Dad! Als ob du nicht wüsstest, warum ich den Zusammenbruch hatte! Du kannst unmöglich verdrängt haben, was damals passiert ist. Du kannst nicht allen Ernstes so tun, als wüsstest du nicht, dass du der Tropfen warst, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat! Als ob du deine Finger in Unschuld waschen könntest.“

Ihr Vater wurde still und machte einen Schritt zurück.

Callie verstand. Sie hatte noch nie in ihrem Leben so mit ihm geredet. Hatte sich nie getraut, nicht im Traum daran gedacht, ihm wirklich zu sagen, was sie dachte … doch sie war heute ein anderer Mensch. Auch wenn ihr das niemand glauben wollte.

„Ja, das dachte ich mir“, sagte sie leise. Die Worte schmeckten bitter und kalt auf ihrer Zunge. „Damals hast du deinen Mund auch nicht aufbekommen. Du kannst mich mal, Dad. Behalte dein blödes Medienhaus. Behalte deinen beschissenen Einfluss. Ich brauche das alles nicht! Wenn deine Hilfe an tausend Diskussionen und Bedingungen geknüpft ist, dann will ich sie nicht.“

Ruckartig wandte sie sich um und lief zur Haustür. Ihr Vater rief sie nicht zurück und sie war froh darum. Denn er hätte es nicht wiedergutmachen können.

Sie warf die Tür ins Schloss und zog mit zitternden Fingern ihr Telefon aus der Tasche. Wenn ihr Vater ihr mit der medialen Aufmerksamkeit nicht helfen wollte, würde sie sie eben anders bekommen.

Mit zusammengepressten Lippen wählte sie die Nummer, die sie erst heute Mittag eingespeichert hatte. Nach dem zweiten Klingeln hob jemand ab.

„Galway?“

„Wir haben einen Deal“, sagte sie abgehackt. „Sie kriegen die Exklusiv-Rechte für … nun, mein verdammtes Leben anscheinend. Aber kein Artikel geht ohne mein Okay raus. Und wenn Sie mir zu sehr auf die Nerven gehen und mich in meiner Arbeit behindern, verkehren wir nur noch per Mail.“

Einen Moment lang herrschte absolute Stille auf der anderen Seite des Telefons. Schließlich sagte James: „Ich bin per Mail nerviger als im echten Leben, glauben Sie mir.“

Ihre Mundwinkel zuckten und sie schnaubte. „Schön. Dann morgen früh um acht in Strawberry Mansion. Ich schicke Ihnen die Adresse. Ich setze außerdem einen Vertrag auf, in dem die Bedingungen unseres Arbeitsverhältnisses festgehalten werden.“

Sie wollte etwas Handfestes haben, sodass sie ihn verklagen konnte, falls er sich nicht an ihre Regeln hielt.

„Vielleicht sollte ich diesen Vertrag lieber …“

„Vielleicht sollten Sie lieber Ja und Amen sagen, bevor ich es mir anders überlege“, unterbrach sie ihn.

„Haben Ihnen Ihre Eltern nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, Freunde andauernd zu unterbrechen?“

„Nein. Mein Vater hat mir beigebracht, dass derjenige, der am lautesten schreit, recht hat. Und wir sind keine Freunde. Bis morgen.“

Sie legte auf, atmete tief durch und starrte auf die Eingangstür. Sie würde wieder reingehen müssen … denn nur Cole wäre in der Lage, ihr den verdammt wasserdichtesten Vertrag des Jahrhunderts aufzusetzen. Wenn sie schon mit dem attraktiven Teufel zusammenarbeiten musste, dann zu ihren Bedingungen.

Kapitel 4

James war in einem Stadtviertel aufgewachsen, in dem man seinen Rasenmäher an Nachbarn verlieh und dessen Katze fütterte, wenn er im Urlaub war. Ein Viertel, in dem man „Ach, Schwamm drüber“ sagte, wenn dem besagten Nachbarn sein Rasenmäher gestohlen wurde oder dessen Katze verschwand.

Strawberry Mansion war das Stadtviertel, in dem dieser Rasenmäher wieder auftauchte und die Katze tot auf der Straße lag.

Gut, womöglich war dieses Szenario etwas übertrieben. Tatsache war jedoch, dass Strawberry Mansion ein äußerst unpassender Aufenthaltsort für eine Millionenerbin war, die auf Privatschulen mit eigenem Freizeit-Pool und goldenen Gabeln großgeworden war.

Die Adresse, die Calliope Panther ihm geschickt hatte, führte James in das Herz des Stadtteils, nicht weit entfernt von zwei ramponiert aussehenden Schulen, vor denen Jugendliche mit Zigaretten im Mundwinkel und Sorgen auf den Gesichtern herumlungerten. Bauzäune umgaben jedes zweite Haus, weiße Farbe blätterte von den Fassaden und Löcher in der Größe von Basketbällen pflasterten die Straßen. James verstand, warum Callie sich gerade diesen Standort ausgesucht hatte. Soziale Brennpunkte hatten Jugendeinrichtungen sehr viel nötiger als reiche Nachbarschaften, in denen die einzige Sorge der Hausbesitzer die Länge ihres Rasens war. Gleichzeitig hoffte er, dass Callie eine Handtasche mit Reißverschluss und nicht zu vergessen eine Waffe besaß.

Als er vor dem zweistöckigen Betonklotz parkte, der wohl nun Ms Panthers Eigentum war, erkannte er zwei dunkelhaarige Gestalten, die davor standen.

Die eine Person war Calliope, die schwarze Jeans und einen roten Parka trug, die andere ein Mann im Anzug und dunklem Mantel. Noch bevor James ausstieg, wusste er, dass es Cole Panther war. Ältester Bruder der Panther-Geschwister, Besitzer der Delphies und ehemaliger Anwalt. In den Reihen der Journalisten Philadelphias hatte Cole Panther einen gewissen Ruf: Wer sich mit ihm anlegte, war der Nächste, den er umlegte. Natürlich war bis jetzt noch niemand wirklich gestorben … aber einige von James’ Kollegen hatten aufgrund der Beziehungen des Geschäftsmannes schon ihren Job verloren. James lächelte und schloss seinen Wagen ab. Das hier würde möglicherweise sein interessantester Auftrag seit Jahren werden, und er hatte sich schon lange nicht mehr so über eine bevorstehende Artikel-Reihe gefreut.

Calliope Panther war eine Herausforderung. Nichts, von ihrer Haltung und ihrem Gesichtsausdruck bis zu den Worten, die ihren Mund verließen, gab übermäßig viel über sie preis. Doch James war schon immer talentiert darin gewesen, Menschen zum Reden zu animieren … und es würde ihm eine Freude sein, Callies tiefsten Gedanken auf den Grund zu gehen. Und das alles unter dem wachsamen Auge der Familie Panther.

Er grinste breit. Mann, wenn er nicht gerade ein wenig angeturnt war …

Die Hände in den Hosentaschen lief er den notdürftigen Kiesweg zum Haus, während Cole Panthers Stimme zu ihm hinüberwehte.

„… denn Shit, Callie, das ist ein Loch!“

Callie seufzte schwer, die Arme vor ihrer Brust verschränkt. „Ich weiß, es braucht ein bisschen Liebe …“

„Es braucht ein wenig Abrissbirne“, erwiderte Cole schnaubend.

James blieb stehen. Wenn die Geschwister ihn bemerkten, würden sie womöglich aufhören zu reden.

„Es muss keine hübsche Villa werden, Cole. Funktionalität geht hier definitiv vor Ästhetik.“

„Der Boden muss neu gemacht werden, Callie. Die Küche ist eine einzige Baustelle und die Ratten im Keller lassen mich auch nicht besser fühlen.“

„Ich weiß, dass es nicht perfekt ist“, sagte Callie ungeduldig. „Aber es hat Potenzial!“

Cole lachte trocken auf. „Es wird dich ein Vermögen kosten, es auf Vordermann zu bringen.“

„Wird es nicht. Ich habe einen guten Deal mit der Baufirma ausgehandelt, streichen werde ich selbst …“

„Und was ist mit dem Garten? Oder sollte ich sagen der Unkraut-Oase?“

„Um den kümmere ich mich auch! Ich werde das Unkraut jäten, den Rasen mähen, das Baseballfeld für das Benefiz-Spiel aufmalen.“

„Callie, das ist eine Unmenge an Arbeit.“

„Ich weiß! Aber ich habe die nächsten zwei Monate nichts vor und werde sowieso die Hälfte der Zeit hier sein, um die Bauarbeiten zu beaufsichtigen. Außerdem habe ich bereits ein paar ehrenamtliche Mitarbeiter für mich gewonnen. Die werden mir helfen.“

Gott, James hoffte doch sehr, dass sie ihn nicht mit dazu zählte.

„Und wenn du eine Horde Heinzelmännchen engagiert hättest“, sagte Cole laut. „Das wird dich all dein Geld, all deine Zeit, all deine Energie kosten. Und wenn das Ganze schiefgeht …“

„Das wird es aber nicht.“

James bewunderte Callie für die Ruhe, mit der sie diese Worte aussprach. Vor allem in Anbetracht dessen, dass ihre Augen Funken zu sprühen schienen.

„Aber falls doch …“, beharrte Cole.

„Cole, halt deine blöde Klappe, okay?“, sagte Callie freundlich. „Ich bin dir sehr dankbar für den Vertrag, den du gestern Nacht aus deinem Ärmel geschüttelt hast, aber damit, dass ich dich mitgenommen habe, erwidere ich dir lediglich deinen Gefallen. Das gilt nicht als Erlaubnis, mir meine dunkle, trübe Zukunft auszumalen.“ Sie sah mit zusammengepressten Lippen über seine Schulter … und kam mit ihrem Blick auf James zum Ruhen. Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich nur noch weiter. „Du darfst jetzt gehen, mein Acht-Uhr-Termin ist soeben erschienen.“

Abrupt wandte Cole sich um und als er James erblickte, verengte er skeptisch die Augen. Anscheinend war Callie nicht das einzige Familienmitglied, das etwas gegen die Presse hatte.

„Ist das der Haifisch?“, wollte er wissen.

„James Galway“, korrigierte James ihn, legte die letzten Meter zurück und streckte die Hand aus.

Cole ignorierte sie und lief einfach an ihm vorbei. „Interessiert mich nicht“, sagte er trocken. „Aber wenn Sie auch nur ein schlechtes Wort über meine Schwester verlieren, breche ich Ihnen die Finger. Wir sehen uns, Callie. Ruf an, wenn du Hilfe brauchst.“ Er nickte seiner Schwester zu und stieg kurze Zeit später in einen schwarzen BMW.

„Sind alle Ihre Brüder so sympathisch?“, wollte James interessiert wissen.

„Nein“, sagte Callie schlicht, beugte sich vor und wühlte in ihrer Handtasche herum. „Cole ist noch der höflichste von ihnen.“

„Ah.“ James nickte. „Weihnachten mit der Familie muss das reinste Freudenfest sein.“

Callie hob eine Augenbraue in seine Richtung, bevor sie einen Schwall Papier aus ihrer Tasche zutage brachte. „Sie hat nicht zu interessieren, wie wir Weihnachten feiern – wie Sie diesem Vertrag entnehmen werden.“ Sie reichte ihm die zusammengetackerten Blätter. „Hier. Sie können den Vertrag studieren, während wir uns das Haus ansehen. Ich möchte noch ein paar Notizen machen, bevor gleich die Bauarbeiter kommen.“

Bevor er irgendetwas erwidern konnte, wandte sie sich bereits um und trat durch die Tür, die in der Farbe von Matsch gestrichen worden war.

Er folgte ihr in einen breiten Flur, dessen Boden aus splittrigem Holz bestand, und besah sich stirnrunzelnd den toten Baum in seiner Hand. Der Vertrag war neunzehn Seiten lang. Callie war offenbar sehr gründlich gewesen. Sie liefen weiter, an ein paar Türen vorbei, in einen weitläufigen, großen Raum mit hoher Decke und Sicht auf den verwilderten, aber riesigen Garten hinterm Haus. James verstand, was Cole Panther mit Loch gemeint hatte, doch Callie lächelte nur verträumt, während sie sich die befleckten Wände ansah, durch die sich Risse wie Spinnweben zogen, und die kaputte Terrassentür betrachtete. Sie schien etwas gänzlich anderes zu sehen als er. Ihre Haare hatte sie zu einem lockeren Knoten auf dem Kopf zusammengefasst und ihre Wangen waren gerötet. Ob von der Kälte oder der Aufregung konnte er nicht sagen. Sie sah ein wenig aus wie ein Kind vor einem Süßigkeitenladen. Ihre Augen glänzten, sie leckte sich die Lippen und rang erwartungsvoll die Hände ineinander. Als könne sie es nicht erwarten, anzufangen.

Fasziniert starrte James sie an. Er studierte den suchenden Blick ihrer klaren blauen Augen, die Erwartung und Vorfreude widerspiegelten. Er betrachtete die weichen Kurven ihrer Lippen, die zu einem Schmunzeln ansetzten. Ihre schmalen Finger, die ungeduldig, aber vielleicht auch euphorisch an ihrem Jackensaum zupften. Calliope Panther strahlte eine Energie aus, die spürbar durch den Raum flirrte und dumpf vom Beton verschluckt wurde.

Callie wandte den Kopf und bemerkte seinen Blick. „Was ist?“, fragte sie irritiert und wischte sich mit den Händen übers Gesicht. Als fürchtete sie, eine Staubschicht könne ihre Haut überziehen.

„Nichts. Ich … beobachte Sie nur.“

Sie schnaubte. „Das habe ich gemerkt, deswegen ja die Frage: Was ist?“

James konnte nicht sagen, was er wirklich dachte. Die meisten Menschen fanden es gruselig, wenn er ihnen erzählte, dass er die Leute, über die er schrieb, so intensiv wie möglich studierte, um ihnen in seinen Artikeln gerecht zu werden. Deswegen entschied er sich für eine Teilwahrheit. „Nun, Sie wirken begeistert von diesem Ort“, sagte er langsam.

Sie lächelte ihn an. Es war das erste ehrliche, offene Lächeln, das er von ihr bekam, und auf einmal bemitleidete James jeden, der sich nur mit einem halben zufriedengeben musste. Callies Gesicht fing regelrecht an zu leuchten, bevor sie nickte. „Das bin ich. Mehr als begeistert. Ich habe eine Vision, wissen Sie? Sie sehen modriges Holz und dreckige Wände, ich sehe einen Kickertisch in der Ecke.“ Sie nickte zur Fensterfront. „Und eine breite, ausziehbare Couch in dieser.“ Sie deutete nach links. „Ich sehe zwei Gruppenräume im ersten Stock, ein Büro für die College- und Karriereberatung hinter uns. Ich höre in der noch baufälligen Küche, die mindestens Platz für acht Leute hat, Töpfe klappern. Ich sehe kein Unkraut vor mir.“ Sie blickte aus der Fensterfront in den Garten. „Ich sehe eine Grünfläche, die groß genug für ein Baseballfeld, einen Gemüsegarten und ein Gartenhäuschen ist. Oben wird es zwei Schlafräume für Kinder und Jugendliche geben, die sich nicht nach Hause trauen oder vielleicht gar kein Zuhause haben. Jeder wird hier willkommen und in Sicherheit sein. Niemand wird verurteilt, niemand wird das Gefühl haben, allein zu sein. Wenn ich hier fertig bin, werden sich die Kids darum reißen, Teil dieser Einrichtung zu sein. Es wird fantastisch.“

Und James glaubte ihr. Denn sie besaß definitiv die Leidenschaft und Begeisterung, um ihre Vision umzusetzen.

Callies Wangen liefen pink an und hastig wandte sie den Blick ab. So als sei ihr gerade erst wieder eingefallen, dass er der Feind war. „Wie auch immer“, meinte sie und hob die Schultern. „Das ist auf jeden Fall …“ Sie räusperte sich. „Haben Sie schon mit dem Vertrag angefangen?“

Es war eine rhetorische Frage, denn sie wartete gar nicht auf seine Antwort. Stattdessen hockte sie sich auf den Boden, fuhr mit den Fingern über die Holzplatten und zog ein Klemmbrett aus ihrer riesigen Handtasche, bevor sie etwas darauf kritzelte. Ihr Gespräch war offenbar beendet. Er ließ sie machen und überflog derweil die erste Seite des Vertrages.

Der erste Paragraf spezifizierte ihre geschäftliche Vereinbarung, machte deutlich, was mit James passieren würde, sollte er einen Artikel unautorisiert veröffentlichen und gab sich insgesamt sehr viel Mühe dabei, James Angst zu machen. Die Phrase „strafrechtliche Konsequenzen“ war offenbar Special Guest in diesem Vertrag. Die Vertragslaufzeit beschränkte sich auf den Zeitraum, bis das Jugendzentrum eröffnet wurde, und es wurde deutlich gemacht, dass er für seine Arbeit keine monetäre Vergütung bekam. Seine Mundwinkel zuckten, als er zur Verschwiegenheitsklausel kam, die ihm über eine ganze Seite hinweg erklärte, dass er über alle anderen Familienmitglieder sowie Informationen, die ihm vertraulich gegeben wurden, kein Wort verlieren durfte. Die Panthers wussten, wie sie sich abzusichern hatten. Wenn er an ihrer Stelle gewesen wäre, hätte er dasselbe getan, damit hatte er also kein Problem.

Er blätterte zur zweiten Seite, las den ersten Absatz und schnaubte laut. „Ich muss Ihnen jeden Morgen einen Kaffee mitbringen?“

„Nein“, sagte Callie abwesend, während sie zu der Glasfront, die zum Garten hinausführte, schlenderte, das Klemmbrett vor der Brust. „Einen Venti Mocha-Caramel-Frappuccino mit Kakaobestäubung.“

„Sie haben recht, denn das ist kein Kaffee, sondern ein Herzinfarkt im Becher, und für den habe ich leider nicht die medizinische Befugnis.“

„Und ich dachte, Journalisten hätten die Befugnis zu allem.“

„Da sind Sie falsch informiert. Ich bringe Ihnen Filterkaffee mit. Damit tue ich mir, Ihnen und Ihrem Zahnarzt einen Gefallen.“

Kopfschüttelnd wandte Callie sich zu ihm um. „Wenn ich braunes Wasser wollte, würde ich hier in die Küche gehen und den Hahn aufdrehen. Der Kaffee steht nicht zur Diskussion.“

Langsam verengte er die Augen. „Wieso bekomme ich das Gefühl, dass Sie mich leiden lassen wollen?“

„Vielleicht aufgrund von Paragraf 4, Abschnitt 3.16, in dem ich festlege, dass der Journalist, ich zitiere: ‚zu keinem Zeitpunkt jammern darf, egal wie sehr er leidet‘?“ Sie lächelte ihn an und klimperte mit den Wimpern. „Diesen Punkt nehme ich übrigens noch ernster als den Mocha-Caramel-Frappuccino.“

Stirnrunzelnd blätterte James durch den Vertrag, bis er zu dem besagten Paragrafen kam. „Fuck, Sie hassen die Presse wirklich mehr als Fußpilz, oder?“

Sie zuckte die Schultern, bevor sie wieder etwas auf ihrem Klemmbrett notierte. „Sie liefern sich ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen.“

„Meine Güte, Ihre Vorurteile sind bemerkenswert … und was soll das hier?“ Fassungslos sah er auf Abschnitt 3.17. „Ich darf, während ich mit Ihnen unterwegs bin, kein Kaugummi kauen?“

Sie zog eine Grimasse. „Kaugummikauen lässt die gebildetsten Leute asozial aussehen“, stellte sie sachlich fest.

„Was ist mit Hustenbonbons? Wenn ich unglaubliche Halsschmerzen bekomme, weil ich das plötzliche Bedürfnis, Sie anzuschreien, einfach nicht mehr unterdrücken kann – darf ich die dann lutschen?“, fragte James trocken.

„Gegen Hustenbonbons habe ich nichts“, bemerkte Callie leichthin. „Aber anschreien dürfen Sie mich nicht. Schauen Sie mal unter Paragraf 11 bei den ‚Verhaltensregeln des Piranhas‘ nach. Kein Schreien, kein Fluchen, keine Muscle-Shirts, keine Gespräche über Frozen Yoghurt und kein Rauchen in meiner Gegenwart.“

„Was zum Teufel haben Sie gegen Frozen Yoghurt?“

„Es ist fettarme, weiße Gülle, die so tut, als wäre sie Eiscreme. Ich mag nichts, das vorgibt, etwas zu sein, das es nicht ist.“ Süßlich lächelnd sah sie ihn an. „Das gilt für Menschen und Milchprodukte.“

Natürlich. „Was ist mit den Muscle-Shirts?“

„Niemand außer Chuck Norris sollte ein T‑Shirt ohne Ärmel tragen. Denn bei allen anderen sieht es scheiße aus.“

Na, zumindest in dem Punkt waren sie sich einig. Kopfschüttelnd blätterte James weiter, übersprang den Paragrafen, in dem bestimmt wurde, dass er seine Haare nicht zu einem Häuschen gelen durfte, und kam zum letzten Satz des Vertrags.

Auf eine wunderschöne Zusammenarbeit!

Sein Schnauben hätte Berge versetzen können. „Das hier hat der eiskalte Cole Panther aufgesetzt?“ Er wedelte mit dem Vertrag. „Wirklich?“

„Na, ich gebe zu, dass ich nach eigenem Ermessen ein paar Punkte hinzugefügt habe“, meinte Callie und wiegte ihren Kopf hin und her.

„Nach wie vielen Flaschen Wein?“, fragte er entgeistert.

„Keiner. Ich trinke nicht allein“, sagte sie gelassen. „Aber es freut mich, dass Sie offensichtlich von meiner Kreativität beeindruckt sind.“

Oh, beeindruckt war nicht das Wort, das James benutzt hätte. Zurzeit war er eher angepisst. „Dieser Vertrag ist lächerlich!“

„Ja, nicht?“, sagte Callie fröhlich, während ein lautes Klopfen von der Tür herdrang. „Und Sie müssen ihm trotzdem zustimmen. So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr.“

„Ich muss überhaupt gar nichts. Sie sind genauso abhängig von mir wie ich von Ihnen“, sagte er düster.

„Wage ich zu bezweifeln“, bemerkte sie, lächelte ihn ein weiteres Mal an und schritt dann zur Tür.

Mit zusammengepressten Lippen sah James ihr nach. Fuck. Sie hatte recht. Er brauchte diesen Auftrag. Er würde es nicht ertragen, die nächsten Jahre über weiter bedeutungslosen Stars und Sternchen nachzujagen. Aber das würde er sie ganz sicher nicht wissen lassen.

Mit knackendem Kiefer blätterte er wieder zu Seite zwei, bevor er einen Kugelschreiber aus seiner Jackentasche zog und jedes einzelne Wort der beschissenen neunzehn Seiten studierte. Callie lief derweil gefolgt von einer Horde Arbeitern in Blaumann und Helm durch die Zimmer und gab Anweisungen. Ihre Stimme freundlich, aber dennoch bestimmt und autoritär, sodass niemandem in diesem Haus entging, dass sie ihren Job besser ernst nahmen oder sie würden am nächsten Tag keinen mehr haben. Sie hielt einen Vortrag über Achtsamkeit, Sorgfalt und eine gesunde Arbeitsmoral, während sie gleichzeitig Komplimente an die Bauarbeiter verteilte und im nächsten Atemzug darüber scherzte, dass sie in L. A. einem Mann das Nasenbein gebrochen hatte, weil er seine Aufgabe als Jugendarbeiter nicht ernst genug genommen hatte.

James ging stark davon aus, dass sie diese Geschichte erfunden hatte, doch ihren Standpunkt machte sie unmissverständlich klar: Ich mag süß und klein sein, bin aber dennoch euer Boss, nicht eure Freundin, und wenn ihr Mist baut, werdet ihr die Konsequenzen tragen.

Er fragte sich so langsam, warum ihr Bruder vorhin so besorgt geklungen hatte. Ihm schien es, als könne es keine kompetentere Person als Calliope Panther für diesen Job geben.

Er hatte sie definitiv unterschätzt. Gestern noch hatte James gedacht, dass sie sicherlich sehr nett sein konnte, wenn sie wollte. Heute jedoch hatte er seine Meinung geändert: Sie war nicht nett. Sie war gerissen. Ein wenig böse vielleicht. Abgesehen davon auch noch beschissen klug. Und diese Eigenschaften nutzte sie, um unschuldige Menschen gezielt zu manipulieren und in den Wahnsinn zu treiben.

Vielleicht hatte sie verstanden, dass Sympathie einen zwar bis zum Tellerrand, aber nur Durchsetzungsvermögen darüber hinausbrachte.

Er verstand es. Als Tochter von Medienmogul Clint Panther musste sie in ihrem Leben eine Menge Entscheidungen und Lebensweisen aufgezwungen bekommen haben – und offenbar hatte sie beschlossen, das nie wieder geschehen zu lassen.

Also zeigte sie ihm, wer der Boss war, bevor sie überhaupt mit der Arbeit begannen. Doch sie legte sich definitiv mit dem Falschen an. Ja, James brauchte sie, aber er würde sich ihr nicht anpassen. Sie würde darin versagen, ihn nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen, so wie sie es mit den Bauarbeitern tat. Sie wollte ihm das Leben schwer machen? Sie wollte ihn provozieren?

Schön. Doch diese beschissene Straße verlief zweispurig!

Er hatte auch Geschwister, er wusste, wie man einen Kleinkrieg führte.

Seelenruhig ging er den restlichen Vertrag durch, machte sich Notizen und war eine geschlagene Stunde später auf der letzten Seite angekommen. Gerade rechtzeitig, um mitzuerleben, wie Callie lachend dem Bauunternehmer auf die Schulter schlug. „Sie sind ein solcher Charmeur! Wenn Sie genauso gut arbeiten, wie Sie zuhören, wird das Haus im Nu fertig! Ich bin mir sicher, dass Sie einen wundervollen Job machen werden.“

Der rundliche Glatzkopf lief rosarot an und nickte fest. „Ich werde mir die größte Mühe geben.“

Großer Gott. Er sollte seine Arbeiter vor der Sabberspur, die sich vor seinen Füßen gebildet hatte, warnen. Sonst verletzte sich noch jemand.

„Davon bin ich überzeugt“, sagte Calliope und schenkte ihm ihr strahlendstes, ehrlichstes Lächeln. Der Bauunternehmer schien kurz vor einem Herzinfarkt, und James rechnete fest mit einem Heiratsantrag, doch er fing sich offenbar gerade noch. Er lief die Treppen in das obere Stockwerk hoch, wo die Arbeiten bereits begonnen hatten, und Callie wandte sich an James. Das Lächeln fiel augenblicklich von ihrem Gesicht und kühl nickte sie zu den Papieren in seiner Hand. „Fertig?“

„Jap“, sagte er knapp. „Aber ich habe mir erlaubt, selbst ein paar Paragrafen hinzuzufügen.“

Sofort verengte Callie die Augen zu Schlitzen. „Was für Paragrafen?“

„Oh, keine Sorge. Alles vernünftige und gut begründete Punkte, die diesem Vertrag angemessen sind“, versprach er und lächelte knapp.

„Natürlich“, sagte sie gedehnt. „Leg los.“

„Wunderbar. Erstens: Sie dürfen kein Schwarz tragen“, er nickte zu ihrer Jeans, „das lässt Sie blass aussehen und mit Gespenstern arbeite ich nicht zusammen. Außerdem möchte ich, dass Sie Ihre Wimperntusche wechseln.“ Kritisch beäugte er ihre Augen. „Diese hier lässt Ihre Wimpern verklumpen, sodass ich an nichts anderes denken kann, als daran, dass Sie ohne die Spinnenbeine im Gesicht viel hübscher aussehen könnten. Das stört meine Konzentration.“

„Aha“, sagte Callie tonlos.

„Genau. Ebenfalls dürfen Sie sich nicht über die Lippen lecken – wenn Sie einen Porno drehen wollen, machen Sie das in Ihrer Freizeit. Ich habe auch etwas gegen Ihr verächtliches Augenverdrehen … jap, genau das da.“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf ihr Gesicht. „Und Sie dürfen kein Fleisch essen, wenn ich dabei bin – ich bin Vegetarier und werde Ihnen den Burger aus der Hand schlagen, wenn ich muss.“

„Diese Art von Vegetarier sind Sie also, ja?“

„Oh, nein. Keineswegs. Normalerweise verurteile ich die Leute nicht, die Fleisch essen. Sie würden da eine Sonderbehandlung bekommen.“

„Ich Glückliche.“

„Sie sagen es. Und oh, jeden Abend, bevor Sie schlafen gehen, möchte ich, dass Sie mir eine Sprachnachricht schicken, auf der Sie nichts weiter sagen als: ‚Oh, James, niemand sieht in einem Muscle-Shirt so gut aus wie Sie‘!

„Mein Vater hat mir verboten, zu lügen, tut mir leid“, meinte sie achselzuckend.

„Es wäre keine Lüge. Versprochen.“ Seit er Single war, hatte er unglaublich viel Freizeit, die er fast ausschließlich im Fitnessstudio verbrachte. Das war traurig, hatte aber auch seine Vorzüge.

Callies Augen waren nun beinahe schwarz und verärgert zog sie die Augenbrauen zusammen.

„Ich würde Ihnen übrigens auch raten, Ihre Stirn nicht so zu runzeln“, meinte James. „Wie alt sind Sie? Anfang dreißig? Ihre Falten werden mit jedem Tag nur schlimmer.“ Er schüttelte mitleidig den Kopf und nutzte seinen Zeigefinger, um die Falten auf ihrer Stirn zu glätten.

Verärgert schlug sie seine Hand weg. „Schön, ich habe es verstanden“, sagte sie genervt. „Sie können damit aufhören, mich zu beleidigen.“

„Du. Du kannst damit aufhören, mich zu beleidigen“, korrigierte er sie. „Dass wir uns ab jetzt duzen, ist ebenfalls eine meiner Bedingungen.“

„Schön! Du bist ein Vollidiot und ich bin zu weit gegangen. Wir streichen meine Verhaltensregeln. Zufrieden?“

Er grinste. „Sehr. Und der Kaffee kommt auch weg.“

Seufzend verschränkte sie die Arme vor dem Körper. „Kann der Kaffee nicht bleiben … und Sie dürfen dafür Kaugummi kauen?“

Er schnaubte, musste sich aber ein Lachen verkneifen. „Filterkaffee und du musst anfangen, netter zu mir zu sein – und darfst das Duzen nicht vergessen.“

Callie neigte nachdenklich den Kopf zur Seite, so als müsse sie konzentriert über seinen Vorschlag nachdenken, schließlich nickte sie. „Abgemacht. Schreib das so auf.“

James tat ihr den Gefallen, nutzte die Gelegenheit, um die Verhaltensregeln zu streichen … und traf auf seine letzte Notiz. „Ach ja“, sagte er. „Es gibt noch einen Punkt, der nicht verhandelbar ist.“

„Welcher?“, wollte Callie seufzend wissen.

„Ich will das Interview.“

Sie lachte tonlos auf. „Nein.“

„Doch“, beharrte er. „Ich will ein exklusives Interview, das mir Einblick in deine Vergangenheit, dein Leben in L. A. und deine Pläne für die Zukunft gewährt.“

„Das kannst du vergessen.“

Er schüttelte den Kopf. „Wie gesagt: nicht verhandelbar.“

„Alles ist verhandelbar“, sagte sie angespannt. „Das ist das Erste, was mein Vater mir beigebracht hat.“

„Nun, dein Vater hat noch nie Geschäfte mit mir gemacht. Entweder wir schreiben das Interview in den Vertrag oder du musst dir jemand anderen suchen.“ Er hob die Schultern. „Deine Entscheidung.“

Callie verengte die Augen. „Das ist Erpressung.“

„Blödsinn! Es ist ein Deal. Erpressung wäre es, wenn ich dir damit drohen würde, Nacktbilder von dir ins Internet zu stellen, wenn du mir dieses Interview nicht gibst. Da ich aber ein guter Mensch bin“, Callie prustete hörbar, „gehe ich zivilisierter an die Sache heran.“

Callie gefiel nicht, dass er sie so in eine Ecke drängte. Das konnte er ihr deutlich an den blauen Augen ansehen, die auf einmal zwanzig Grad kälter schienen als noch zuvor. Ebenso schien sie aber zu wissen, dass er keinen Rückzieher machen würde. „Schön“, sagte sie zähneknirschend. „Aber ich werde die Fragen vorab checken und entscheiden, welche drinbleiben und welche nicht.“

„Nein.“

„Du bist ein Arschloch, James“, sagte sie schlicht.

Schön, dass sich da alle einig waren. „Ich bin Journalist, Calliope“, erklärte er sachlich und hob die Hände. „Es ist schon verdammt schwierig, meine Integrität zu wahren, wenn ich dich jeden Artikel abnehmen lasse, also … Über die Fragen entscheide ich.“

Sie rang die Hände ineinander, biss sich auf ihre Unterlippe und seufzte schwer, während sie keine Sekunde ihren Blick von seinem abwandte. Sie hatte mehr Eier als so mancher Politiker, mit dem er es aufgenommen hatte.

„Schön, aber möglicherweise werde ich nicht alle beantworten und davon kannst du mich nicht abhalten“, sagte sie nach endlosen Sekunden bitter und wandte ihm ruckartig den Rücken zu. „Wir können dann gehen. Die Handwerker brauchen mich fürs Erste nicht. Ich unterschreibe im Auto.“

„Gehen? Wohin?“, fragte er verwirrt.

„Das wirst du schon sehen“, sagte sie knapp. „Wir nehmen übrigens deinen Wagen.“

„Warum?“

Sie seufzte schwer und warf ihm einen genervten Blick über die Schulter zu. „Fängst du mit den dummen Fragen jetzt schon an?“

„Sorry, Berufskrankheit.“

„Das hatte ich befürchtet“, murmelte sie düster. „Aber wenn du es unbedingt wissen willst: Wir nehmen dein Auto, weil ich keins habe.“

„Warum nicht?“

„Ich kann es mir nicht leisten“, sagte sie leichthin und öffnete die Tür nach draußen.

Mit offenem Mund starrte er ihr nach. Die Millionenerbin war tatsächlich pleite. Calliope Panther wurde mit jeder Sekunde interessanter.

Kapitel 5

Der verdammte Mistkerl.

Callie saß in Galways Auto, das irritierenderweise nach Erdbeeren und Sonnenblumen roch, und atmete tief ein und aus, während der unterschriebene Vertrag auf ihrem Schoß plötzlich das Gewicht eines jungen Elefantenbullen zu haben schien.

Er hatte sie in eine verdammte Ecke gedrängt und all ihre Autorität und Macht, die sie mithilfe des Vertrags so sorgfältig hatte aufbauen wollen, direkt wieder untergraben.

Ein Interview. Ein Exklusivinterview, in dem sie mit dem Piranha über ihre Jugend und ihr Auffanglager in L. A. redete … das war der Stoff, aus dem ihre persönlichen Albträume gemacht waren.

Gott, Coop würde außer sich sein. Er hatte ihr gestern Abend den Vogel gezeigt, als sie ihm den Deal mit James erklärt hatte. Das Einzige, was ihn hatte besänftigen können – was sie hatte besänftigen können –, war die Tatsache gewesen, dass sie nicht aus dem Nähkästchen würde plaudern müssen. Dass sie ihre Vergangenheit tief vergraben lassen konnte. Da, wo sie hingehörte. Und jetzt … jetzt hatte sie nichts mehr. Jetzt hatte sie sich auf einen Pakt mit einem grünäugigen Teufel eingelassen, den sie sich bei dem Wort Porno sofort nackt vorgestellt hatte.

Mann, das war erbärmlich.

„Lust, zu erklären, wo wir hinfahren?“, wollte James wissen, als sie an einer Ampel anhielten.

„Nein.“ Sie würde ihm sicher nicht mehr Informationen geben als nur irgend möglich.

Einer von James’ Mundwinkeln zuckte und verschwand in seinen blonden Bartstoppeln. „Dir ist klar, dass ich am Steuer sitze, oder?“

„Ja. Und dir sollte klar sein, dass du lernen solltest, Anweisungen zu befolgen, deswegen üben wir das jetzt auf dieser Autofahrt.“

„Ah.“ Er nickte und blickte für einen kurzen Moment zu ihr herüber. Er trug Jeans und einen Pullover, der zu seinen Augen passte. Er hatte die Farbe von Moos. Sein schwarzer Mantel lag hinten auf der Rückbank, und Callie wünschte, er hätte ihn angelassen. Dann wäre ihr vielleicht nicht aufgefallen, dass sie James Galway grundsätzlich schon gerne einmal in einem Muscle-Shirt hätte sehen wollen. In einem nassen, wenn möglich.

Ja, sie hatte seit drei Jahren keinen Sex mehr gehabt! Niemand konnte ihr Vorwürfe machen.

„Du nimmst die Sache mit dem Interview persönlich, oder?“, fragte er beiläufig und drückte aufs Gas, als die Ampel umsprang.

Ja. „Nein.“

„Doch, tust du.“

Ja. „Nein, tue ich nicht“, sagte sie gereizt. „Ich mag es nur nicht, wenn mir ein Mann die Pistole auf die Brust setzt und mir erklärt, dass ich trotzdem die Wahl hätte.“

„Es ist ein Deal, den –“

„Oh bitte“, unterbrach sie ihn verächtlich. „Du weißt, dass ich dich brauche, ich weiß, dass du mich brauchst. Können wir uns den Bullshit nicht einfach sparen?“

James grinste. „Ganz wie du magst. Und falls es dir hilft: Ich bin ein hervorragender Interviewer.“

Das war es ja, wovor sie Angst hatte. Heute Morgen auf der Baustelle hatte er nur einen Satz gebraucht, um sie vergessen zu lassen, wer er war. Sie hatte ihm ihre Vision erklärt, ihm ihren tiefen Traum offenbart … einfach nur, weil er ehrlich interessiert geklungen hatte. Sie wusste nicht einmal genau, wie er es getan hatte, aber ihr Mund hatte sich geöffnet und lauter unbedachte Worte waren aus ihm hinausgepurzelt. Ein Journalist mit dieser Fähigkeit war ein gefährlicher Mann in ihrem Leben. Denn sie wusste Dinge, um die sich jeder Pressemitarbeiter in den USA prügeln würde.

„Außerdem liegt das Interview noch in weiter Ferne. Ich möchte dich erst noch ein wenig besser kennenlernen, um mir die richtigen Fragen zurechtzulegen.“

„Du hörst dich an wie ein schüchternes Tinder-Date“, sagte sie trocken und sah aus dem Fenster.

„Ich war noch nie auf einem Tinder-Date, deswegen nehme ich das jetzt einfach mal als Kompliment.“

Noch nie auf einem Tinder-Date? Sie wünschte, sie könnte dasselbe von sich behaupten. Aber James war attraktiv und offen genug, um auf altmodische Art und Weise an Dates zu kommen. Verheiratet war er zumindest nicht, das hatte ihr das Internet ausgespuckt.

Und was sie gesagt hatte, stimmte auch nicht ganz. Auf Tinder hatte sie noch nie jemand besser kennenlernen wollen.

Callie sah aus dem Fenster, beobachtete, wie die Betonbauklötze an ihr vorbeiflogen, und überlegte, dass Tinder vielleicht für die Zeit in Philadelphia genau das Richtige war. Es war offensichtlich, dass sie zu lange einsam gewesen war, und sie kannte in Philadelphia niemanden außer ihrer Familie … vielleicht lernte sie ja jemand Sympathischen kennen? Tinder wurde längst nicht mehr nur dafür benutzt, auf schnellem Weg an ungezwungenen Sex zu kommen.

Ein Handyklingeln riss sie aus ihren Gedanken und sie wandte den Kopf. James’ Telefon lag in der Mittelkonsole und spielte die Melodie von Chuck Berrys „You never can tell“. Gutes Lied, aber besorgniserregende Botschaft für einen Journalisten.

James’ Blick wanderte flüchtig zum Display. Eine Falte grub sich zwischen seine Augenbrauen, bevor er das Gesicht wieder zur Straße wandte und keine Anstalten machte, sich zu bewegen.

Das Handy klingelte fröhlich weiter. Callie konnte das Vibrieren bis in ihren Sitz spüren.

„Willst du nicht rangehen?“, fragte sie, als der Anrufer nach einer Minute noch immer nicht aufgegeben hatte.

„Nein“, sagte er schlicht.

„Warum nicht?“

„Ich fahre gerade.“

„Du kannst den Lautsprecher betätigen“, sagte sie unschuldig. Sie brauchte dringend irgendwelche persönlichen Infos, die sie gegen ihn verwenden konnte!

„Nein“, wiederholte er und hielt erneut an einer Ampel.

„Doch, ich bin mir sicher, dass deine Intelligenz dafür ausreicht.“

James schnaubte nur, hielt die Hände jedoch sicher am Lenkrad.

Das Handy verstummte, nur um Sekunden später aufs Neue loszugehen.

„Geh ran, James.“

„Nein. Es wird nichts Gutes dabei rumkommen.“

Irritiert sah Callie auf die Anruferkennung. Der Name Serena leuchtete auf. Vielleicht eine Verflossene? Irgendeines seiner Nicht-Tinder-Dates?

„Warum nicht?“, wollte sie wissen.

„Wer ist jetzt diejenige mit der nervigen Eigenschaft, tausend Fragen zu stellen?“

„Ich bin neugierig. Ich möchte dich eben auch noch ein wenig besser kennenlernen, bevor du mich zu deinem Goldesel machst.“

James’ düsterer Blick ließ sie wissen, dass er ihre clevere Argumentationskette nicht zu schätzen wusste. „Ich werde nicht gerne im Auto angeschrien, das ist alles“, meinte er schließlich lapidar.

Hm. Jetzt wurde es interessant.

Erneut sah Callie auf das Display. Sie fand, dass die Person auf der anderen Seite das Recht hatte, mit James zu reden. Und wenn sie ihn anschreien wollte, dann hatte sie sicherlich einen triftigen Grund.

Bevor er sie aufhalten konnte, streckte sie die Hand aus, wischte über den grünen Hörer und drückte den Lautsprecherknopf.

Ungläubig sah James sie an. Er streckte die Hand aus, doch bevor er wieder auflegen oder ihr etwa ins Gesicht schlagen konnte, sprach der Anrufer bereits: „Jamie, du Mistkerl! Ich versuch schon den ganzen Morgen lang, dich zu erreichen.“

James stieß einen gedehnten Seufzer aus, warf Callie einen letzten wütenden Blick zu und sagte dann betont höflich: „Hey, Serena. Schön, von dir zu hören.“

„Halt die Klappe und sag mir, dass das T‑Shirt, mit dem Thomas gestern nach Hause gekommen ist, nicht von dir ist.“ Die durchdringende Stimme der Frau überschlug sich fast.

„Das T‑Shirt, mit dem Thomas gestern nach Hause gekommen ist, ist nicht von mir“, sagte James monoton.

„Oh bitte, gib wenigstens zu, dass du es ihm gekauft hast!“

„Serena, du musst dich schon entscheiden“, sagte James geduldig. „Soll ich jetzt sagen, dass ich es nicht war, oder zugeben, dass ich es war? Deine Anweisungen sind immer so ungenau.“

„Klugscheißer! Ich hab dir gesagt, dass du ihn in Ruhe lassen sollst. Du hast einen schlechten Einfluss auf ihn.“

Callie bemerkte, wie James’ Kiefer sich verhärtete und seine Finger sich um das Lenkrad verkrampften. So als wolle er dem unschuldigen Auto wehtun. „Können wir das später besprechen, Serena?“, sagte er deutlich angespannter als zuvor. „Jetzt ist es gerade etwas –“

„Nein, können wir nicht“, unterbrach sie ihn unwirsch. „Thomas will nichts sagen, aber ich weiß, dass du mit ihm den Nachmittag verbracht hast.“

„Er ist mein verdammter Neffe, Rena!“ Die Furche in James’ Stirn grub sich immer tiefer. „Ich war mit ihm im Kino, nicht im Stripclub. Und ich darf ihm etwas schenken, wenn ich will!“

„Nein, das Recht hast du verwirkt! Er sieht zu dir auf, James. Er hält dich für den coolsten Kerl, den er kennt.“

„Ich bin der verdammt coolste Kerl, den er kennt!“, fuhr James auf.

„Nein, du bist ein Arschloch, James. Ein betrügerisches Arschloch, das seine Grenzen ignoriert! Ich habe dir klare Anweisungen gegeben, ich habe –“

„Großer Gott, Rena, halt die beschissene Luft an.“ Jegliche falsche Höflichkeit war aus seiner Stimme verschwunden. „Ich weiß, dass du mich im Moment hasst, aber lass Thomas nicht darunter leiden. Er ist mir wichtig, okay?“

„Ich versuche ihn zu schützen, Jamie. Daran hast du offensichtlich nicht gedacht, als du ihm ein weiteres dieser blöden Superhelden-Shirts gekauft hast. Er hat es schwer genug in der Schule. Sein bester Freund ist sein 35-jähriger Onkel. Ich versuche ihm auszureden, solche T‑Shirts zu tragen, damit er es leichter hat! Da hilft es nicht, dass du ihm neue kaufst.“

James’ Kiefer knackte und sein Blick war mittlerweile so zornig, dass Callie überlegte, ob sie nicht lieber die Tür öffnen, sich aus dem Auto abrollen und in Sicherheit bringen sollte. „Er ist vierzehn, Rena. Ein Kind. Er sollte verdammt noch mal tragen können, was er will. Die anderen sind das Problem, nicht er!“

„Nein, im Moment bist du das Problem!“

„Oh bitte“, sagte er verächtlich. „Ich bin doch nur der kleinste Kieselstein auf deinem Berg von Schwierigkeiten. Nur weil du mich hasst, heißt das nicht, dass ich dieses Gefühl erwidere. Im Gegensatz zu dir erinnere ich mich nämlich noch daran, dass du meine verdammte Familie bist – und auch, wenn du es mir im Moment sehr schwer machst, dich zu lieben, tue ich es trotzdem. Ich weiß, dass dein Leben zurzeit nicht allzu leicht ist, und ich würde dir liebend gerne helfen, aber das kann ich nicht, wenn du zu beschäftigt damit bist, mich zu verfluchen. Meine Güte, das muss doch unglaublich energieraubend sein, so wütend auf mich zu sein. Ich werde nicht aufhören, auf dich aufzupassen, Rena, und ich werde sicher nicht dabei zusehen, wie du dich zu Tode arbeitest! Du gehst unter, Serena. Ich weiß, du tust dein Bestes, aber Hilfe brauchst du trotzdem. Du kannst keine Scheidung durchboxen, Vierzehn-Stunden-Schichten schieben und gleichzeitig einen Teenager großziehen. Lass mich dir doch verdammt noch mal helfen und Thomas zweimal die Woche zu mir holen.“

Callie starrte ihn an und konnte nicht verhindern, dass sich ihre Lippen verblüfft öffneten. Scheiße, er konnte unglaublich gut mit Worten umgehen. Kein Wunder, dass er Journalist geworden war. Doch seiner Schwester war dieser Umstand offenbar schon bewusst gewesen. „Du redest zu viel, Jamie. Ich kann dir noch nicht verzeihen und ich will, dass du Thomas in Ruhe lässt, bis sich dieser Umstand ändert.“

Für eine Millisekunde schloss James die Augen, seine Fingerknöchel fast so weiß wie der wolkenbehangene Himmel. „Ich habe es verstanden, Serena. Ruf mich trotzdem an, wenn du Hilfe brauchst – und sag Thomas, dass er dasselbe tun kann.“ Im nächsten Moment nahm er sein Handy und beendete den Anruf, bevor er es in seiner Hosentasche verschwinden ließ. „Auf der Mittelkonsole ist es ja offenbar nicht sicher“, murmelte er finster, sah Callie jedoch nicht an.

Blut schoss in ihre Wangen, und augenblicklich bereute sie, so in seine Privatsphäre eingedrungen zu sein. Shit. Das war dumm gewesen. Was war nur los mit ihr? Sobald es um die Presse ging, drehte sie am Rad. Aber alles an James Galway provozierte sie! Von seiner geschmeidigen Gangart bis zu dem amüsierten Glitzern in seinen Augen.

Doch jetzt gerade wirkte er nicht amüsiert. Jetzt gerade wirkte er äußerst angepisst.

„Sorry“, sagte sie leise und räusperte sich. „Ich hab mir das irgendwie …“

„… lustiger vorgestellt?“, bot James gereizt an.

Verlegen rieb sich Callie den Nacken. „Nun … ja. Du musst hier gleich links abbiegen.“

Er folgte ihrer Anweisung. „Ich hab dir gesagt, dass nichts Gutes dabei herumkommen wird.“

Ja, aber natürlich hatte sie gedacht, dass er log! Das konnte er ihr doch wirklich nicht zum Vorwurf machen.

Die Sekunden wurden zu Minuten, bis Callie die unangenehme Stille nicht mehr ertrug. „Jamie? Sie nennt dich Jamie?“, wollte sie wissen.

„Ja, einer meiner süßeren Spitznamen.“

Das glaubte sie gern. Wahrscheinlich sollte sie jetzt die Klappe halten. Sie sollte nicht weiter in der Wunde herumstochern. Und dennoch hörte sie sich sagen: „Was hast du verbrochen, dass deine Schwester so wütend auf dich ist?“

Sie erwartete eigentlich keine Antwort, doch wieder überraschte James sie.

„Ich habe ihrer besten Freundin das Herz gebrochen“, sagte er schlicht.

„Inwiefern?“

„Ich war sieben Jahre lang mit ihr zusammen und habe sie dann betrogen.“

„Oh … ich … wow …“

„Jap. Witzigerweise, ist meine Ex-Freundin sehr viel besser mit der Trennung zurechtgekommen als meine gesamte Familie.“

„Oh.“ Oh? Meine Güte, sie hörte sich ja wirklich zunehmend intelligent an. „Das ist sehr … ehrlich von dir.“

„Dass ich meine Ex-Freundin betrogen habe?“, fragte er interessiert.

„Nein. Dass du es mir erzählst.“

„Du klingst überrascht“, meinte er amüsiert.

Nun … das war sie ja auch! Nichts an ihm hatte sie vermuten lassen, dass er ein ansatzweise aufrichtiger Mensch war. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen.

Sie wollte sagen, dass sie jetzt gerne das Thema wechseln konnten, stattdessen fragte sie: „Warum hast du sie betrogen?“

James hielt inne und trommelte einige Momente lang mit den Fingern auf das Lenkrad, als wisse er die Antwort nicht. Gerade, als Callie schon damit rechnete, dass sie den Rest der Fahrt schweigend verbringen würden, sagte er ruhig: „Weil ich zu feige war, auf vernünftige Art und Weise mit ihr Schluss zu machen.“

„Oh.“ Gleich morgen würde Callie diesen Ausruf aus ihrem Wortschatz streichen. „Verstehe“, fügte sie hastig hinzu und räusperte sich.

Sie rieb sich mit den Fäusten über die Oberschenkel und konnte ihren Puls in den eigenen Ohren schlagen hören. Was genau war gerade passiert? Sie war unrechtmäßig in seine Privatsphäre eingedrungen und er hatte sich mit weiteren privaten Informationen dafür bedankt?

„Warum hast du mir das erzählt?“, fragte sie perplex.

„Du hast gefragt, oder nicht?“, sagte er schroff.

„Ich … nun, ja, aber …“ Sie brach ab. Was sollte sie auf diese Erklärung noch erwidern? Und auf einmal kam sie sich wie das Arschloch vor.

Wie machte der Kerl das?!

James seufzte schwer. „Weißt du, ich verfolge keinen gemeinen, hinterhältigen Plan, indem ich mich offen mit dir unterhalte, Callie. Ich mache meinen Job, das ist alles.“

„Na ja, tut mir leid, dass ich etwas skeptisch bin“, sagte sie abwehrend und hob die Hände. „Aber in den anderthalb Tagen, die wir uns kennen, hast du mich bereits erpresst und als lächerlich bezeichnet.“

Er schnaubte. „Ich habe deinen Vertrag als lächerlich bezeichnet – und du hast mir zugestimmt, erinnerst du dich? – und es ist keine Erpressung, wenn wir beide unsere Vorteile aus einem Deal ziehen. Es ist eine … symbiotische Beziehung. So wie der Hai und der Putzerfisch.“

Sie prustete. „Und wer ist wer in unserem Fall?“

„Du bist natürlich der Hai. Ich bin unschuldig.“

Oh bitte, sie bezweifelte, dass er auch nur einen einzigen unschuldigen Knochen in seinem Körper hatte. „Es ist nicht fair, die süßeste Tierbeziehung der Weltgeschichte gegen mich zu verwenden! Ich habe jedes Recht dazu, überrascht darüber zu sein, dass du fast … menschlich wirkst.“

„Unglaublich …“, meinte er kopfschüttelnd.

„Ich meine ja nur!“, verteidigte sie sich. „In meiner Erfahrung sind Journalisten eher kalt und unnahbar.“

„Wie viele Journalisten kennst du persönlich, Callie?“, unterbrach James sie und hob die Augenbrauen in ihre Richtung. „Von wie vielen kennst du den Vornamen?“

„Ähm …“

„Richtig. Also entschuldige, wenn ich dir sage, dass du eine verurteilende Zicke bist, was Journalisten betrifft. Du magst allen Grund dafür haben, aber du kennst mich nicht. Du weißt nichts über mich. Also hör auf, mich zum Teufel zu machen, bis du Beweise dafür hast, dass ich einer bin. Journalist zu sein, ist ein Beruf, keine Charakterbeschreibung. Viele von uns helfen der Gesellschaft sogar! Ja, ich weiß, du bist nicht begeistert von diesem Arrangement, aber wir werden in den nächsten Wochen gezwungenermaßen eine Menge Zeit miteinander verbringen. Und so sehr ich es genieße, von heißen Frauen böse angesehen zu werden – könnten wir nicht einfach einen Waffenstillstand vereinbaren?“

Callie starrte auf den Vertrag auf ihren Beinen. Er hatte sie heiß genannt. Was jetzt nicht der Punkt war, aber … egal.

Alles, was er sagte, klang vernünftig, und dennoch … Sie würde sich ihm in einem Interview ausliefern müssen!

„Ich habe keine bösen Absichten, Calliope“, sagte er ungeduldig, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Ich möchte meinen Job machen – und ich möchte ihn gut machen. Und das kann ich nur, wenn du nicht jedes deiner Worte auf die Goldwaage legst.“

„Ich heiße Callie“, sagte sie mit Nachdruck. „Ich bin weder alt noch weise genug, um eine Calliope zu sein, und ich werde mir Mühe geben, einverstanden?“ Mehr konnte sie wirklich nicht versprechen. Ihr Misstrauen gegenüber der Presse saß zu tief. Sie wusste, dass es möglicherweise etwas unfair von ihr gewesen war, James nur aufgrund von ein paar Kommentaren im Internet zu verurteilen, aber sie konnte sich nicht helfen. Sie hatte auf die harte Weise gelernt, dass es seinen Preis hatte, wenn man den falschen Leuten vertraute. „Übrigens musst du hier nach rechts. Wir sind gleich da.“

„Wo ist da?“, fragte James seufzend.

„Da eben.“

„Schön“, sagte er resigniert. „Lass uns über was anderes reden, bevor ich noch ausraste, weil du mich wahnsinnig machst.“

Das hielt sie für eine gute Idee.

„Du weißt von meiner tragischen Liebesgeschichte, wie sieht es mit dir aus? Wie viele gebrochene Herzen pflastern deinen Weg?“

Okay, es war eine furchtbare Idee! „Fragst du das als Mann oder als Journalist?“, wollte sie zögerlich wissen.

„Hm.“ Nachdenklich kratzte sich James mit dem Zeigefinger das kantige Kinn, bevor er ihr einen unschlüssigen Seitenblick zuwarf. Seine grünen Augen glitten über ihre Beine, ihren Oberkörper hinauf und kamen dann auf ihrem Gesicht zum Stehen.

Es war merkwürdig. Callie trug einen dicken Parka, der sie in ein unförmiges Michelin-Männchen verwandelte, und trotzdem fühlte sie sich unter James’ Blick nackt.

Er sah zurück zur Straße und räusperte sich. „Als beides.“

„Aha.“ Sie blickte aus dem Fenster, damit er nicht sehen konnte, wie sie erneut rot anlief. „Und wieso ist es für dich als Journalist relevant, ob ich eine männerfressende Domina bin?“

Er lachte leise. „Na ja, weil das deinem Image schaden könnte. Und Männer dir eher was spenden werden, wenn sie wissen, dass du Single bist. Solltest du einen liebreizenden, fürsorglichen Freund haben, der dich bei jedem deiner Schritte unterstützt, sollte ich das natürlich auch wissen. Eine herzzerreißende Liebesgeschichte verkauft sich immer gut.“

„Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich besitze kein liebreizendes Irgendwas und habe innerhalb der letzten fünf Jahre kein einziges Herz gebrochen. Eine tragische Liebesgeschichte kann ich dir also nicht bieten.“

„Kein einziges Herz gebrochen … wieso glaube ich dir das nicht?“

„Weil es langweilig ist und dir keine Schlagzeile einbringt?“

James grinste nur, antwortete jedoch nicht.

Sie musste ebenfalls lächeln, bevor sie fragte: „Und warum interessiert es dich als Mann?“

„Was?“

„Warum es dich als Mann interessiert, ob ich verliebt, verlobt, verheiratet oder Single bin.“

James sah konzentriert aus der Windschutzscheibe.

„Ist es, weil du mich unglaublich attraktiv findest und gerne mit mir ins Bett würdest?“

James verschluckte sich an seiner eigenen Spucke und fing an zu husten.

Zufrieden lächelte Callie und sah aus dem Fenster.

„Professionalität liegt dir, oder?“, fragte James kopfschüttelnd, als er sich wieder gefangen hatte.

Sie hob die Schultern. „Du bist der Journalist, du musst professionell sein. Ich kann machen, was ich will.“

„Ah, also dürftest du von meinem nackten Körper fantasieren, ich aber nicht von deinem?“

„Exakt.“

„Wie gut, dass ich noch niemanden kenne, der Gedankenlesen kann“, murmelte er, lächelte ihr anzüglich zu und blickte wieder auf die Straße.

Hitze flutete Callies Gesicht und hastig sah sie wieder aus dem Fenster. Sie sollte kein Spiel anfangen, das sie nicht vorhatte, zu Ende zu führen. Auch wenn es sicherlich Spaß machen würde …

Kapitel 6

James hatte sich in seinem Leben noch nicht so beobachtet gefühlt. Und er war ein Journalist, der seine meiste Zeit mit einer Horde neugieriger Fotografen verbrachte.

Er war mit zwei Geschwistern und einer überbesorgten Mutter aufgewachsen, aber niemand hatte ihm jemals so argwöhnische, intensive und gleichzeitig nachdenkliche Blicke zugeworfen wie Calliope Panther. Es war, als versuchte sie den tiefsten Kern seiner Seele zu ergründen, und das nur mithilfe ihrer Augen.

Tja, er wünschte ihr viel Glück dabei, bis jetzt hatte das nämlich noch niemand geschafft. Lana, seine Ex-Freundin, hatte immer behauptet, dass er ein Mann mit mehrfacher Persönlichkeitsstörung sei und diese Tatsache jeden – ihn mitinbegriffen – davon abhielt, zu erörtern, wer er war oder wer er sein wollte.

James fand diesen Umstand ganz praktisch, denn dann konnte niemand seine Tiefen erforschen und die Informationen später gegen ihn verwenden. Tatsache war, dass er Callies Misstrauen nur äußerst gut verstand. Sieben Jahre in der Welt der Klatschkolumnen und gefälschten Wahrheiten hatten ihn ein wenig zynisch werden lassen. An Callies Stelle würde er sich selbst auch nicht trauen – was nichts an der Tatsache änderte, dass er sie dazu bringen musste, zu vergessen, dass er ein Reporter war.

Es tat ihm ein wenig leid, dass er sie tatsächlich unterschwellig zu manipulieren versuchte. Der Anruf seiner Schwester hatte ihn unglaublich wütend gemacht – dieser Teil zumindest war echt gewesen –, aber er konnte nicht umhin, zu denken, dass er doch ganz gelegen gekommen war. Ein Mann mit Familienproblemen war sehr viel nahbarer als der Kerl, der ihr Gesicht auf eine Zeitschrift drucken wollte.

„Ich bin neugierig“, sagte Callie, nachdem sie ihn angewiesen hatte, vor einem großen Maschendrahtzaun zu halten, der aussah wie das Ergebnis einer äußerst verwirrten Metallspinne. „Wieso bist du Journalist geworden? Was hat dich zu einer solchen Fehlentscheidung verleitet?“

James schnaubte und stellte den Motor ab. „Ich wollte einen Job haben, in dem ich die Welt sehen und meine Zeit selbstständig einteilen kann. Mein Englischlehrer meinte, ich hätte ein Talent, mit Worten umzugehen, ich war arrogant genug, ihm zu glauben, und hier bin ich.“

Callie nickte, die blauen Augen aufmerksam geweitet. „Und wie viel von der Welt hast du gesehen?“

Zu viel. Die dreckigste Gosse und die glänzendste Goldkammer. Den höchsten Berg und das tiefste Tal. Eine Wüste aus Sand und eine Wüste aus Eis. Die nettesten Menschen und die miesesten Wichser, die leider immer diejenigen mit der meisten Entscheidungsgewalt zu sein schienen.

Bevor er mit seiner Ex zusammengekommen war, war er fünf Jahre lang als Journalist für ein Panorama-Magazin durch die Welt gereist. Die Bezahlung war beschissen gewesen, aber die Erfahrungen genau das, wonach er sich gesehnt hatte.

Doch dann hatte er bei einem Besuch zu Hause Lana wiedergetroffen. Lana, Serenas beste Freundin aus Kindheitstagen, die schon immer mehr Zeit mit seiner Familie verbracht hatte als er selbst. Die perfekte, hübsche, kluge Frau seiner Träume.

Seine Familie hatte Lana geliebt, er hatte Lana geliebt … es war ihm wie der richtige Zeitpunkt erschienen, zurückzukehren. Er hatte ohnehin immer mehr Spaß an den Menschen als an der Landschaft gehabt und interessante Porträts konnte er auch in Philly schreiben. Nur wollte kaum jemand Porträts lesen und Klatschkolumnen brachten so viel mehr Geld ein. Sein Redakteur hatte verdammt schnell herausgefunden, dass James ein Talent dafür hatte, Menschen Dinge aus der Nase zu ziehen, die sie niemals hatten erzählen wollen – und innerhalb weniger Monate hatte er drei Gehaltsklassen übersprungen und nur noch darüber geschrieben, welche Schminke das aktuelle It-Girl benutzte und warum sich Brangelina scheiden ließ. Am Anfang hatte es ihm noch Spaß gemacht, flapsig und unbedarft zu schreiben, aber mittlerweile … mittlerweile erschöpfte ihn seine Arbeit einfach nur noch.

Aber bei Callie war es etwas anderes. Sie bot ihm die Möglichkeit, tiefer zu gehen. Wieder so zu schreiben, wie noch vor sieben Jahren.

„James?“, fragte Callie stirnrunzelnd. „Bist du noch da? Wie viel von der Welt hast du gesehen?“

„Ach, dies und das“, meinte er achselzuckend, schnallte sich ab und stieg aus.

„Dies und das …“, wiederholte Callie und folgte seinem Beispiel. „Mensch, dein Lehrer hatte recht. Du hast wirklich ein Talent, mit Worten umzugehen.“

Er musste unfreiwillig lächeln, als er ihren ironischen Blick über sein Autodach hinweg bemerkte. „Ich bin viel rumgekommen, doch witzigerweise erinnere ich mich kaum noch an die Orte – nur noch an die Menschen.“

Callie nickte, so als verstünde sie ihn, bevor sie meinte: „Ich habe dich im Internet gestalked. Dein Resümee ist beeindruckend. Deine Eltern müssen sehr stolz auf dich sein.“

Beinahe hätte er laut aufgelacht. Seine Eltern hätten ihn viel lieber als Lehrer oder Handwerker gesehen. Seine Geschwister hatten sich vor Ewigkeiten niedergelassen, ein paar Babys ausgespuckt, einen Bürojob von neun bis fünf ergattert und ein Haus mit weißem Gartenzaun gekauft. James hatte sich ein paar Jahre lang erfolgreich eingeredet, dass er dasselbe wollte. Doch er hatte sich selbst belogen.

„Ja, sie haben eine Autogrammkarte von mir an ihrer Wand hängen“, sagte er trocken. „Könntest du mir jetzt endlich verraten, wo genau wir hier sind?“ Er nickte zu dem hässlichen Rostopfer, das sich Zaun schimpfte und hinter dem sich Berge aus Metall türmten.

„Das ist ein Schrottplatz, James“, sagte Callie kopfschüttelnd. „Meine Güte, deine Allgemeinbildung lässt wirklich zu wünschen übrig.“

Im nächsten Moment stapfte sie an ihm vorbei die Schotterstraße hinab, auf ein kleines Häuschen zu, das wohl den Eingang des Stahlparadieses markierte.

Stirnrunzelnd ließ er den Blick über den Platz schweifen. „Und was tun wir hier?“

„Wir kaufen ein“, sagte sie leichthin und winkte ihn näher zu sich heran, um ihm zu bedeuten, sich zu beeilen.

Mit jedem Wort, das aus Callies Mund kam, vergaß James ein wenig mehr, dass er Herausforderungen eigentlich mochte. „Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass es unglaublich schwer ist, dir eine direkte Aussage zu entlocken?“

Sie verdrehte die Augen in seine Richtung. „Das war eine direkte Aussage. Ich will mir ein paar Dinge angucken, die ich möglicherweise fürs Jugendzentrum kaufen will.“

„Auf einem Schrottplatz?“, fragte er verwirrt.

„Geld wächst nicht auf Bäumen, Galway“, meinte sie und schnalzte mit der Zunge.

Nun ja, im Hause Panther eigentlich schon. „Ich bin nur überrascht, dass du hier und nicht bei einem Antiquitätenhändler shoppen gehst.“

„Warum?“, fragte sie interessiert. „Weil ich Millionenerbin bin?“

„Nun … ja.“

„Und wer ist jetzt das verurteilende Arschloch?“, fragte sie süßlich lächelnd.

Jaja, er hatte es verstanden. „Apropos Millionenerbin …“, meinte er leichthin. „Was ist mit deinem Geld passiert?“

„Ich habe es verschenkt“, sagte sie abwesend, den Blick auf einen unbestimmten Fleck in der Ferne gerichtet.

Ungläubig hob James die Augenbrauen. „Du hast … was?“

„Hey, Galway!“

Verwirrt wandte er sich um und erblickte einen rotgesichtigen Mann im blauen Anzug, der ihn wie einen Wal auf Landbesuch aussehen ließ. Er grinste, als er James’ perplexes Gesicht sah und beschleunigte seinen Schritt.

Fuck. Dave Chesterfield. König der Klatschreporter, ein alter Bekannter … und die letzte Person, die er gerade gebrauchen konnte.

Er seufzte und kniff sich mit zwei Fingern in den Nasenrücken.

„Wer ist das?“, fragte Callie alarmiert und folgte seinem Blick. „Ein Freund von dir?“

Er schüttelte den Kopf. „Definitiv nicht. Wir haben eine kurze Zeit lang zusammengearbeitet. Das ist alles.“ Zu den Anfängen seiner Karriere war er abhängig von Journalisten wie Chesterfield gewesen. Es waren Anfänge, auf die er nicht gerade stolz war, die ihm aber genug Geld eingebracht hatten, um ihn zumindest eine Weile lang über das schreiben zu lassen, was ihn interessiert hatte.

„Wenn ihr nicht befreundet seid“, sagte Callie langsam, „warum winkt er dann so bescheuert und grinst so blöd?“

Weil er wusste, wie James an die ersten zehntausend Dollar seiner Karriere gekommen war und die Frau neben ihm darunter hatte leiden müssen. „Keine Ahnung“, log er. „Aber erinnerst du dich noch daran, was du von mir dachtest, als ich gestern vor deiner Tür aufgetaucht bin?“

„Dass du ein arroganter Schmierlappen mit fraglichem Moralgefühl bist?“

„Genau das. Dave Chesterfield ist genau diese Art Journalist.“

„Dave Chesterfield?“, wiederholte Callie hölzern und ihre Augen weiteten sich. „Das ist Dave Chesterfield?“

Ach, fuck. Natürlich würde sie ihn kennen! Sein Name hatte damals unter dem Artikel gestanden, der sie über Nacht zum Stadtgespräch gemacht und sie dazu gezwungen hatte, auf die andere Seite des Landes zu ziehen. Wieso hatte James da nicht gleich dran gedacht?

Callie presste die Lippen zusammen und ihr Gesicht wurde erst weiß, dann wieder rot. „Ich will nicht mit ihm reden. Wenn mir meine Faust ausrutscht, habe ich wochenlang wunde Fingerknöchel und das kann ich mir gerade nicht leisten. Sag ihm das doch bitte“, bemerkte sie leise, bevor sie sich ruckartig umwandte und in dem kleinen Häuschen verschwand, in dem womöglich der König dieses Schrottplatzes residierte.

James seufzte schwer und blickte ihr kurz nach, bevor er Chesterfield entgegenkam. „Hey, Dave“, sagte er bemüht gelassen.

„Galway.“ Chesterfield nickte ihm noch immer grinsend zu. „Schleimst du dich bei deinem nächsten Opfer ein, um ihm anschließend ein Messer in den Rücken zu rammen?“

James presste die Lippen zusammen und stopfte die Fäuste in die Taschen seines Mantels. „Nein. Denn ich arbeite nicht wie du.“

Chesterfield hob belustigt die Augenbrauen. „Ah, das Lügen hat dir schon immer gelegen. Also, wo ist die kleine Miss Panther?“ Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um über James’ Schulter sehen zu können. „Ich würde gerne ein paar Worte mit ihr wechseln.“

„Sie aber nicht mit dir“, meinte er schroff. „Sie mag dich nicht sonderlich.“

„Das ist mir doch egal. Ich will mit ihr reden – und du wirst es möglich machen.“ Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht.

„Ich hab dir damals geholfen, Galway, als niemand anderes dir helfen wollte“, sagte er eindringlich, die Stimme kaum ein Flüstern. „Du schuldest mir diesen Gefallen!“

Einen Scheiß tat er. „Ich habe dir die besten Storys deines Lebens eingebracht, Dave. Das war Gefallen genug.“

Chesterfield schüttelte sein rotbäckiges Gesicht. „Das reicht mir nicht. Ich möchte Infos!“

„Und ich will einen Affen als Haustier. Die Welt ist aber leider kein Wunschkonzert.“

Mit jedem Wort aus James’ Mund verdüsterte sich Chesterfields Blick. „Weiß sie, wer du bist, James?“, wollte er mit einem gehässigen Zug um seinen Mund wissen. „Weiß sie, wer damals das Bild im Krankenhaus von ihr geschossen hat, auf dem man jede einzelne Rippe an ihrem Körper und jede einzelne Droge in ihren Augenringen ablesen konnte?“

Nein, und wenn es nach ihm ging, würde sie es auch nie erfahren. Er hatte einen Fehler gemacht und mit dem musste er leben. Er brauchte nicht auch noch Calliope Panthers vorwurfsvollen Gesichtsausdruck, der ihn daran erinnerte. „Fahr nach Hause, Dave“, sagte er bestimmt und machte einen Schritt zurück. „Sie wird mit niemandem reden außer mit mir. Sie hat heute Morgen eine Exklusivitätsklausel unterschrieben.“

Zornesröte trieb Chesterfields Hals hoch. „Hat sie nicht“, sagte er gepresst.

„Doch, hat sie. Ich war eben schneller als ihr.“

„Fickst du sie, oder was?“, fragte Chesterfield verwirrt. „Oder wie hast du sie dazu gebracht, ihre Seele zu verkaufen?“

James schnaubte und zeigte ihm den Mittelfinger. „Fahr nach Hause“, sagte er ein letztes Mal und wandte sich zum Gehen. „Bevor Miss Panther eine einstweilige Verfügung gegen dich erwirkt.“

„Galway“, rief Chesterfield ihm wütend hinterher. „Wir sind noch nicht fertig.“

„Wir waren schon vor zwölf Jahren miteinander fertig, Dave“, erwiderte er gezwungen ruhig und lief zur Schrotthütte, in die Callie verschwunden war.

Sein Nacken prickelte und ein kleiner schwarzer Kieselstein setzte sich in seinem Magen fest, doch James ignorierte das Gefühl. Er konnte nicht ändern, was er getan hatte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Chesterfields Artikel solche Wellen schlagen würde – auch wenn er es hätte ahnen müssen.

Calliope war nicht nur in aller Öffentlichkeit gedemütigt worden, sie war auch wegen Drogenmissbrauch von ihrem College geflogen. Als Klatschreporter war es schwer, ein Gewissen zu haben, aber verdammt sei James, wenn er nicht immer noch nachts aufwachte und laut „Fuck“ sagte, weil er wieder einmal daran dachte, was er damals mit ein paar scheinbar harmlosen Infos angestellt hatte.

„Was wollte er?“

James zuckte zusammen und blickte auf. Callie war aus dem Häuschen gekommen und stand nun vor ihm, die Augenbrauen erwartungsvoll gehoben.

Er blickte über seine Schulter und sah Chesterfield dabei zu, wie er fluchend in einen schwarz glänzenden BMW stieg. „Mit dir reden.“

„Warum wollen nur alle mit mir reden?“

Weil sie verdammt faszinierend war und eine Menge Geld mit ihrem Namen in Verbindung gebracht wurde. „Keine Ahnung. Wenn sie wüssten, wie anstrengend es ist, mit dir zu kommunizieren, würden sie es vielleicht lassen.“

Das brachte ein Lächeln auf ihre Züge. „Hast du ihm das genau so gesagt?“

„Nein, ich habe in deinem Namen mit einer einstweiligen Verfügung gedroht.“

Anerkennend nickte sie. „Gefällt mir. Kommst du?“

Sie wartete nicht auf seine Antwort, sondern lief ihm vorweg über den Schrottplatz, einen roten Schlüssel in ihrer Hand schwenkend. James lief ihr nach – was blieb ihm für eine Wahl? –, während er sich Mühe gab, den Blick professionell oberhalb ihrer Schulterblätter zu halten.

„Können wir noch einmal zu dem Geld zurückkommen, das du verschenkt hast?“

„Nein.“

„Können wir dann wenigstens aufhören zu rennen?“

„Nein. Ich habe nicht viel Zeit, das Zentrum soll bis Weihnachten stehen. Jede Sekunde zählt.“ Sie zückte den Schlüssel und lief auf einen himmelblauen Fleck inmitten der grauen Stahlwüste zu, der von einem morschen, hohen Holzzaun umgeben wurde. Das Schloss gab unter einem beeindruckenden Knarren nach und die Tür rutschte mit einem schabenden Geräusch über den Schotter.

Inmitten einer grünen, hohen Wiese, die bereits die ersten braunen Halme verunreinigte, stand ein Wohnwagen. Himmelblaue, abgeblätterte Farbe zierte die Holzwände, ein dreckiges Weiß die Fenster- und den Türrahmen.

James schloss das Tor hinter sich, wollte gerade fragen, wieso man den Wohnwagen einsperren musste, als ein hoher Ton ihn zusammenzucken ließ. Mit einem lauten Gackern stob ein federnder, brauner Wattebausch hinter dem Wagen hervor.

Callie quietschte auf, schrak zusammen und stolperte nach hinten … direkt gegen seine Brust. Instinktiv streckte er die Hände aus, um sie aufzufangen. Seine Finger fuhren um ihre Hüfte, glitten unter ihren Parka, während seine leicht geöffneten Lippen ihre Schläfe streiften.

Die Wärme ihres Körpers drang durch seine Jacke und blieb an seiner Haut haften. Callies Haare kitzelten sein Kinn und zischend sog James Luft ein. Der Geruch nach Pfirsich und Vanille drang in seine Nase und er erwischte sich dabei, wie er die Augen schließen wollte, um sich genauer auf den Duft konzentrieren zu können. Ruckartig lehnte er den Kopf zurück, um so weit weg wie möglich ihrem Geruch zu entkommen. Dann stand er einfach nur erstarrt wie der letzte Idiot da, Callie Panthers Rücken an seiner Brust, seine Finger auf dem weichen Stoff ihrer Bluse unter ihrem Mantel – und die Gedanken, die ihm in den Kopf schossen, waren so dermaßen unprofessionell, dass sie gegen mehrere Paragrafen in Callies Vertrag gleichzeitig verstießen.

„James?“, fragte Callie nach einer Weile leise.

Er räusperte sich, zuckte jedoch sonst mit keinem Muskel, aus Angst, seine Hand auf ihrem Bauch könne womöglich gegen ihre Brüste stoßen. Denn das wäre … das wäre … katastrophal.

„Ja?“, fragte er etwas heiser.

„Es war ein Huhn“, sagte sie langsam. „Ich habe den Schock überwunden. Du kannst mich wieder loslassen.“

Er zog eine Grimasse, die sie Gott sei Dank nicht sehen konnte, wand hastig die Hand aus ihrem Mantel und stellte sie wieder auf die Füße. „Sorry. Es war … Instinkt.“

Mit gehobenen Augenbrauen wandte Callie sich zu ihm um. Ihr Gesichtsausdruck ansonsten so undurchsichtig wie eine Mauer aus Granit. „Dein Instinkt ist es, die Hände unter die Parkas fremder Frauen zu stecken?“, wollte sie interessiert wissen.

Also bitte. Er kannte ihren Vor- und Nachnamen. Somit war sie mindestens eine Bekannte. „Ich wollte dir helfen“, stellte er klar und hob unschuldig die Hände in die Höhe. „Damit du nicht … in den Matsch fällst.“ Er deutete auf den staubtrockenen Boden vor seinen Füßen.

Einer ihrer Mundwinkel zuckte, während leichte Röte ihren Hals hinaufkroch, bevor ihr Blick über sein Gesicht zu seinen Lippen und schließlich zu seiner Brust hinabflog. „Aha.“

Er verengte die Augen und musste ebenfalls lächeln. „Na?“, fragte er. „Hast du gerade diese dreckigen Gedanken, die vertraglich gesehen nur dir zustehen?“

Sie verdrehte die Augen, doch dass ihre Wangen rosa anliefen, konnte sie trotzdem nicht verbergen. „Du hast mich begrapscht, nicht andersherum“, stellte sie klar und wandte ihm den Rücken zu. „Und es wäre schön, wenn du das in den nächsten Wochen lassen könntest, ich …“ Sie brach ab, drückte ihre Schultern durch und räusperte sich, bevor sie hinzufügte: „Rette mich das nächste Mal einfach nicht mit vollem Körpereinsatz, okay?“

„Klar“, sagte er möglichst unbeteiligt, während er innerlich stöhnte. Mist, er war definitiv nicht allein mit seinen schmutzigen Gedanken. Das war ungünstig und besorgniserregend. Seine Selbstbeherrschung ließ in den letzten Monaten nämlich zu wünschen übrig, und dass alle Leute ihn als Arschloch bezeichneten, spornte ihn irgendwie an, ihren Erwartungen gerecht zu werden!

Zeit, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. „Also, was sehe ich vor mir?“, wollte er wissen und trat neben Callie, während das Überraschungshuhn mit zufriedenem Gackern wieder hinter dem Wagen verschwand.

Doch Callie schien ihn nicht mehr zu hören. Sie hatte den Kopf schiefgelegt und starrte auf das blaue Ungetüm vor sich, das zusammen mit dem hohen Gras verschmolz, so als würde es direkt aus der Erde sprießen.

„Er ist wunderschön, oder nicht?“, murmelte sie.

James machte noch einen weiteren Schritt vor, sodass er fast dieselbe Sicht wie sie hatte, und verengte die Augen. Er wollte wirklich sehen, was sie sah, doch alles, was er anstarren konnte, war das ehrliche Lächeln auf ihrem Gesicht. Es war beinahe selig.

„Wie … definierst du wunderschön?“, fragte er zögerlich. So langsam bekam er nämlich das Gefühl, dass sie selbst einen zerhackten Regenwurm noch als hübsch bezeichnet hätte.

„Ich will den Wagen in den Garten des Jugendzentrums stellen“, erklärte Callie, lief ein bisschen weiter vor und fuhr mit den Fingern sacht über die abblätternde Farbe, sodass sie wieder an der Holzfassade anlag. „Als Rückzugsort. Weil es manchen isoliert leichter fällt, sich zu öffnen. Oder sich zu beruhigen. Oder über ihr Leben nachzudenken. Die Gedanken zu ordnen.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um durch das Fenster zu sehen, konnte es aber nicht erreichen. „Mann, was hätte ich als Jugendliche dafür gegeben, einen solchen Wohnwagen in unserem Garten stehen zu haben“, murmelte sie abwesend. James war sich nicht einmal sicher, ob ihr bewusst war, dass sie die Worte laut aussprach. „Es ist wie eine eigene Wohnung … nur dass sie Teil der Natur ist. Man ist frei, ohne im Freien zu sein, weißt du?“ Sie lief zu den drei brüchig aussehenden Treppenstufen, die in den Wagen führten, und wollte schon hinaufsteigen, als James die Hand ausstreckte und sie leicht am Arm berührte, damit sie sich noch einmal umwandte.

„Callie“, sagte er langsam und sah ihr forschend ins Gesicht. „Darf ich dir eine Frage stellen?“

„Ich dachte, allein dafür bist du hier“, sagte sie belustigt.

Er nickte. Richtig. „Gut, dann verrat mir doch eins … Warum hast du das Haus in Strawberry Mansion gekauft?“

„Was meinst du? Es ist ein tolles Haus.“

„Nein, ist es nicht. Es ist eine Bruchbude. Ich bin heute Morgen durch die Nachbarschaft gefahren und habe mindestens zwei ähnliche Häuser gesehen, die zum Verkauf standen und in einem sehr viel besseren Zustand waren.“

Sie lächelte, sah auf ihre Fingernägel und nickte dann. „Ja, ich weiß. Es wäre vermutlich sogar günstiger gewesen, als das Haus zu überholen, aber …“ Sie seufzte schwer und hob den Blick. „Es hat Charme. Das Haus, der Garten. Alles daran. Und Dinge, die kaputt aussehen, sollte man nicht sofort aufgeben. Denn meistens sind sie noch zu retten.“

So wie du? Die Frage formte sich wie automatisch in seinem Kopf, doch er sprach sie nicht aus. Stattdessen schwieg er und wartete darauf, dass sie weitersprach. Denn sie wollte noch etwas sagen, das konnte er ihr in ihrem Gesicht ablesen – und manchmal war Warten das Einzige, was ein Journalist tun musste, um Antworten zu erhalten.

Er wurde nicht enttäuscht.

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

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Titel: Liebe und andere Schlagzeilen