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Engel, Punsch und Weihnachtsküsse

von Anja Schenk (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Weihnachten steht vor der Tür. In Dresden regnet es ständig und Miriam, vierunddreißig Jahre alt und Single, hat nur einen Wunsch: Dieser Dezember soll bitte schnell vorübergehen. Statt sich an Lichterglanz und Tannenduft zu erfreuen, überrollen sie vergessen geglaubte Erinnerungen an Trauer und Verlust. Da kommt der Auftrag ihrer Chefredakteurin, über Weihnachten nach New York zu fliegen, wie gerufen. Kaum in der glitzernden Metropole angekommen landet sie ungewollt bei einer verrückten Christmas-Party und anschließend bei Vincent, dem anziehenden Typ aus dem Flugzeug.
Miriam verliebt sich Hals über Kopf und verbringt glückliche Tage mit ihm. Doch dann erreicht sie eine folgenschwere Nachricht ihres Vaters, den sie eigentlich längst aus ihrem Leben gestrichen hatte. Miriam fliegt überstürzt zurück nach Dresden und stellt sich den Schatten ihrer Vergangenheit und einer unbequemen Wahrheit. Aber hat sie ihre große Liebe Vincent dadurch verloren?

Ein Milligramm Drama, ein Löffel Romantik, ein Tropfen Sehnsucht, eine Prise Humor gemischt mit viel Gefühl – das sind die Zutaten zu dieser Geschichte.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

Taschenbuch-ISBN: 9783968170145
E-Book-ISBN: 978-3-96087-905-3

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Cherkas, © Chipmunk131, © ElenaShow, © PawelG Photo, © Magenta10, © Greens87 und © Nataly-Nete
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Prolog

Der Schnee knirscht unter meinen Schritten. Letzte Nacht hat es endlich geschneit. Ein komisches Kratzen hat mich frühmorgens geweckt, noch bevor mein Wecker klingelte. Ich ging barfuß zum Fenster und da war eine Schneedecke. Zart und weiß. Das Kratzgeräusch kam von dem dicken Herrn Mayer von nebenan, der mit dem Schneeschieber zugange war.

Heute ist ein ganz besonderer Tag, denn Mama und Papa sind gleich nach der Arbeit mit mir zum Striezelmarkt gegangen. Darauf habe ich mich schon lange gefreut. Alles leuchtet und duftet hier. Ich komme mir vor wie in einem Märchen. Ich hauche und beobachte die Dampfwölkchen, die mein Atem in die kalte Luft malt. An einem Stand mit kandierten Äpfeln bleibe ich stehen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich äuge zu Papa. „Willst du einen?“, fragt er augenzwinkernd und ich nicke. Mama guckt zwar streng, aber ich sehe, wie sie grinst, als sie sagt: „Sie hatte doch gerade erst eine süße Waffel, Armin!“

Papa zuckt nur mit den Schultern und meint: „Ach, Vera, lass sie doch.“ Er überreicht mir das leckere, klebrige Ding. Später pule ich mit der Zunge die Reste der roten Glasur aus meinen Zähnen und betrachte im Glitzerlicht die tanzenden Kinder auf der Bühne, die als Schneeflocken und Wichtel verkleidet einen schönen Tanz aufführen. Ich zappele herum, weil ich am liebsten mittanzen würde. Als der Auftritt zu Ende ist, gehe ich an Mamas und Papas Hand weiter durch den knirschenden Schnee. Es schneit wieder und ich versuche, die Schneeflocken mit meiner Zunge aufzufangen. An einer mit Tannenzweigen verzierten Hütte werden kleine, lustige Männchen aus Pflaumen mit einem Zylinder auf dem Kopf verkauft. „Die sehen aus wie Schornsteinfeger“, stelle ich fest.

„Das sind Pflaumentoffel“, sagt die Verkäuferin. Ich gehe näher heran und sie erklärt mir mit geheimnisvoller Stimme, dass früher Waisenkinder, so alt wie ich, in enge Schornsteine kriechen und sie reinigen mussten. Die Kinder trugen schwarze Mäntel und Kapuzen und waren das Vorbild für den früheren Pflaumentoffel. Ich höre mit großen Augen zu, wie sie erzählt, dass es glücklicherweise irgendwann verboten wurde, Kinder als Essenkehrer arbeiten zu lassen und dass der spätere Pflaumentoffel einen Zylinderhut bekam, wie ihn die Schornsteinfeger heute noch tragen. Und dass diese Figur ein Wahrzeichen für die Dresdner Weihnacht und das wohl beliebteste Mitbringsel vom ganzen Striezelmarkt sei.

Ich zupfe an Mamas Ärmel. „Können wir einen mitnehmen?“, frage ich hoffnungsvoll und Mama lässt sich dazu überreden. Während ich zwischen meinen Eltern weiterschlendere, lausche ich dem Kinderchor auf der Bühne, der Sind die Lichter angezündet singt. Dieses Lied lernen wir gerade in Musik und ich summe die Melodie mit. Wir kommen an einem Häuschen vorbei, das wie das Pfefferkuchenhaus bei Hänsel und Gretel aus meinem Märchenbuch aussieht. „Das duftet himmlisch“, schwärme ich, während ich durch das kleine Fenster hinein spähe und der Bäckerin mit dem Nudelholz dabei zusehe, wie sie mit anderen Kindern Plätzchen backt. Da tippt mir jemand von hinten auf die Schulter und ich wirbele herum. Vor mir steht ein riesiger Schneemann. Kein echter, das weiß ich schon. Da hat sich nur ein Mensch verkleidet, trotzdem bin ich erschrocken und in meinem Bauch grummelt es. Ich greife nach Mamas Hand. Der Schneemann hält mir einen kleinen Schokoladenstern vor die Nase und fragt, ob ich einen Weihnachtswunsch habe. „Ich wünsche mir Schlittschuhe“, antworte ich leise und schüchtern. Der Schneemann scheint nett zu sein, trotzdem ist er mir irgendwie nicht geheuer. Ich schaue unsicher zu Mama und Papa. Aber sie lachen fröhlich, also ist alles in Ordnung und ich muss keine Angst haben vor diesem Schneemann oder vor etwas anderem. Meine Eltern sind die liebsten und glücklichsten Menschen auf der Welt. Und dies hier ist der schönste Tag meines Lebens, denke ich, während ich den Pflaumentoffel festhalte und auf das Karussell mit den auf und ab wogenden Pferdchen zusteuere.

2

Montag, zweiter Dezember

Miriam schluckt an dem Kloß in ihrem Hals und ringt um Fassung. Sie hat den Artikel versaut, das weiß sie selbst. Trotzdem donnern unbarmherzig Patricias Worte auf sie nieder wie erbsengroße Hagelkörner.

„… begleitet vom lieblichen Gesang des Kinderchores, der zuckersüß in den Ohren klebt wie der karamellisierte Sirup des kandierten Apfels, in den die kleine Lina beißt, schiebt sich Familie W. durch die Massen glühweintrinkender und bratwurstessender Striezelmarktbesucher. Ob sich hier Besinnlichkeit einstellen wird, bleibt abzuwarten“, zitiert die Chefredakteurin aus dem Bericht über die Familie, die Miriam letzte Woche für die neue ELBFLAIR-Ausgabe interviewt hat. Mit einem vernichtenden Blick klatscht sie die Mappe mit dem Bericht auf den Tisch. Miriam spürt den Windzug im Gesicht wie eine Ohrfeige und zuckt zusammen. Ihre Oberlippe beginnt unmerklich zu zittern. Na toll, jetzt denken sie auch noch, ich hab nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Als wäre es nicht genug, dass das missglückte Ergebnis ihrer Arbeit gerade vor aller Augen auseinandergenommen wird. Miriam lockert ihr Tuch, weil ihre Hände nicht wissen, wohin und weil es ihr eng am Hals wird.

„War etwas Komisches in deinem Kaffee? Das kann doch nicht dein Ernst sein, Miriam!“ Patricia wirkt fassungslos.

Hendrik Schwarzbach grinst selbstgefällig.

In dem Bemühen, das Zittern ihrer Oberlippe in den Griff zu bekommen und dabei keine noch seltsameren Grimassen zu schneiden, setzt Miriam zu einer Antwort an, schließt den Mund aber wieder, als Patricia erbarmungslos fortfährt: „Während der unvermeidliche, rotmantelige Weihnachtsmann an eine Traube Kinder Süßigkeiten verteilt und sich in seiner Rolle als spendabler Samariter sonnt … Sag mal, geht es eigentlich noch?“ Patricia durchbohrt sie fast mit ihrem Blick.

Den Anwesenden wird wieder einmal klar, warum sie sie hinter vorgehaltener Hand Patty Power nennen. Wegen ihrer knallharten Art, ihrer Unnachgiebigkeit und ihrem eisernen Streben nach Erfolg. Eigenschaften, ohne die sie das Magazin vermutlich nicht zu dem gemacht hätte, was es heute ist. Nie im Leben würde der perfekten Patty Power eine solche Ungeheuerlichkeit passieren.

Miriam kaut auf ihrer Unterlippe und senkt den Blick auf die gläserne Tischplatte. Ja, verdammt, sie hat recht. Ihre eigenen Sätze aus Patricias Mund hören sich einfach nur zynisch an. Hab ich das wirklich geschrieben? Sie spürt die Blicke ihrer Kollegen, die mit ihr an dem großen verchromten Glastisch im Konferenzraum sitzen, während ihr das Blut in den Kopf schießt wie überkochende Milch im Topf. Verena bläst unauffällig die Backen auf, Jasmin schaut sie fragend an und Tamara verzieht den Mund, als hätte sie Zahnschmerzen. Die Situation ist so unangenehm, dass Miriam einfach nur aufspringen und wegrennen will. Ganz weit weg. Nach Timbuktu oder wenigstens unter die Sofadecke in ihrer Wohnung. Aber das wäre noch unprofessioneller als ihr verpatzter Weihnachtsartikel. Du sitzt ganz schön in der Patsche. Kläre das, und zwar schnell!

Sie bemüht sich, ihre Stimme fest klingen zu lassen und zwingt ihre Oberlippe zur Ruhe. „Tut mir leid, Patricia, ich bringe das in Ordnung. In einer Stunde hast du den Artikel auf dem Tisch.“

Ihre Absätze klackern stakkatoartig über den gekachelten Boden des Foyers, als Miriam später die Redaktion in der Nähe des Goldenen Reiters verlässt. Sie hat ihren Text in eine vorzeigbare, dem Anlass würdige Version umgeschrieben, ist sich aber nicht sicher, ob Patricia ihr diese dumme Sache durchgehen lässt. Krachend fällt die schwere Eingangstür hinter ihr ins Schloss. Draußen schlägt ihr eisige Luft entgegen.

Verfluchte Kälte. Verfluchter Dezember. Ein Zeitsprung um einen Monat nach vorn wäre jetzt genau das Richtige.

Das Gesicht tief in ihrem XXL-Schaltuch vergraben, eilt Miriam durch die Dunkelheit und grollt mit sich selbst. Das hätte ihr nie passieren dürfen. Damit habe ich mich zur größten Versagerin aller Zeiten gemacht.

Ein Auto bremst hupend und schlammspritzend knapp vor ihr. Ein entsetzter Schrei gellt über die Straße. Miriam schlägt sich die Hand vor den Mund. Durch die Windschutzscheibe des Wagens, der nur eine Handbreit vor ihr zum Stehen gekommen ist, starrt die Fahrerin sie erschrocken an. Miriam hebt entschuldigend die Hand und weicht zurück. Die Autofahrerin, hinter der ein böses Hupkonzert beginnt, fährt kopfschüttelnd weiter.

Na prima, nicht nur eine Versagerin, auch eine Verkehrssünderin. Das wird immer besser.

Mit schlotternden Beinen wankt sie zurück zum Fußweg und versucht, die Blicke der Passanten an der roten Ampel zu ignorieren, die sie vor lauter Groll übersehen hat. Am liebsten würde sie im Erdboden versinken. „Alles in Ordnung?“, fragt ein Mann neben ihr. Mehr als ein Nicken und ein schiefes Lächeln bringt sie nicht zustande. Nachdem sie mit dem Menschenstrom die Straße überquert hat, drängt sich ihr schwerer Patzer zusammen mit einer nagenden Ungewissheit wieder in ihr Hirn.

Wahrscheinlich kann ich meinen Job an den Nagel hängen! Kurz vor Weihnachten … Der Dezember war schon immer mein Lieblingsmonat, denkt Miriam und verzieht verächtlich den Mund. Sie stülpt sich die Kapuze ihres dunkelblauen Parkas über den Kopf, um dem feinen, eisigen Sprühregen zu entgehen, der ihr wie Nadelstiche ins Gesicht piekst.

Das Smartphone in ihrer Tasche vibriert. Eine Nachricht von Karo. Wo bleibst du denn?, schreibt sie.

Zehn Minuten, tippt Miriam. Die Haltestelle ist nicht mehr weit, doch sie sieht nur noch die Rücklichter der davonfahrenden Straßenbahn. Sie ballt die Hand in der Jackentasche zur Faust und könnte gegen die nächstbeste Straßenlaterne treten. Was ist das nur für ein Tag? Zehn Minuten bis zur nächsten Bahn, blinkt es von der Anzeigetafel. Da kann sie auch zu Fuß gehen.

Im festlich geschmückten Dresden wimmelt es von Menschen, die den weihnachtlichen Trubel in vollen Zügen genießen und zielstrebig in die Innenstadt strömen. Anstatt sich in das Chaos zu stürzen, würde Miriam lieber schnurstracks nach Hause stiefeln und sich mit der Decke aufs Sofa zu ihren beiden Katzen kuscheln. Aber das geht nicht, weil Karo wie verabredet bei ihrem Lieblingsspanier wartet. Außerdem freut sich Miriam schon lange auf den Abend mit ihrer besten Freundin bei Tapas und Wein. Sie schlängelt sich vorbei an händchenhaltenden Pärchen mit Strickmützen im Partnerlook und älteren Damen mit Hut. Es riecht nach gebrannten Mandeln und an den Straßenlaternen prangen hell leuchtende Weihnachtssterne als müssten sie explizit darauf hinweisen, dass wirklich niemand das nahende Fest der Liebe vergisst. Miriam sieht über all diese Dinge seit vielen Jahren geflissentlich hinweg, weil es in ihren Augen unnötig ist. Würde sie diesen unsäglichen Weihnachtskram an sich heranlassen, kämen die Schatten ihrer Vergangenheit hervor wie gefährliche Dämonen, die sich an ihre Fersen heften, wie es jahrelang der Fall war. Aber das ist lange her. Abgehakt und vergessen.

Bis zum letzten Freitag, als sie mit der netten Familie Wilhelm anlässlich der Eröffnung des Dresdner Striezelmarktes ein Interview führen musste.

Da war ein Schmerz in ihr aufgeflammt, den sie schon sehr lange nicht mehr gespürt hatte und von dem sie dachte, er würde überhaupt nicht mehr existieren.

Anfangs war es ihr noch gelungen, die hervorbrechenden Erinnerungen im Zaum zu halten. Doch die Visionen waren stärker. Und dann passierte etwas, was ihr noch nie zuvor im Job passiert war. Ihre Gefühle und der alte Schmerz beeinflussten sie derart, dass sie als Reporterin versagte. Ihr Bericht für die Weihnachtsausgabe war völlig daneben und noch dazu hatte sie damit für jede Menge zusätzlichen redaktionellen Stress gesorgt, den niemand am Ende des Jahres brauchte. Lächerlich. Peinlich. Unnötig.

Hupende Autofahrer drängeln sich durch die verstopften Straßen vorbei an Reisebussen, die ihre von überall anreisenden Insassen in die Innenstadt zum Weihnachtsmarkt bringen. Miriam schüttelt sich kurz, als könnte sie damit ihre Gedanken abwerfen.

„Autsch!“, entfährt es ihr, als eine Frau ihr mit dem Kinderwagen von hinten in die Beine fährt und ihr einen Blick zuwirft, als wäre es eine Frechheit, sich in der Umlaufbahn eines Kinderwagens fortzubewegen. Miriam schluckt die spitze Bemerkung, die ihr auf den Lippen liegt, herunter und fragt sich im Stillen, ob ein Tag noch grässlicher werden kann als dieser. Sie biegt auf die Augustusbrücke und lehnt sich an das Gemäuer in einer steinernen Ausbuchtung. Hinter ihren Schläfen beginnt es zu pochen. Kopfschmerzen, auch das noch!

Gegenüber auf der anderen Elbseite ragt die Sandsteinkuppel der Frauenkirche anmutig in den dunklen Abendhimmel. Schnell tippt sie eine Nachricht an Karo.

Bahn war weg. Lass mir noch was übrig. Freu mich.

Sie hastet im Sturmschritt über die Brücke, biegt links auf das Terrassenufer und folgt ein Stück der Elbe unterhalb der Brühlschen Terrasse. „Sie haben Ihr Ziel fast erreicht“, murmelt sie an der Durchführung zur Münzgasse.

Doch in der engen, von Restaurants und Kneipen gesäumten Gasse ist das Menschengewühl so dicht wie ein engmaschig gestrickter Schal.

O Mann, haben die alle kein Zuhause?, denkt sie, während sie sich den Weg in Richtung Neumarkt bahnt. Sie schlängelt sich durch bummelnde, hastende oder mitten im Weg stehende Leute, vorbei an Buden mit Glühwein, Waffeln und Herrnhuter Sternen.

Beim Spanier angekommen, entdeckt sie Karo winkend an einem Tisch am Fenster. Miriam lächelt zum ersten Mal seit Stunden. Die beiden Frauen umarmen sich herzlich. Miriam sinkt schnaufend auf den Stuhl. „Entschuldige die Verspätung.“

„Ich dachte schon, du lässt mich an meinem seltenen, kinderfreien Abend hier alleine rumsitzen“, sagt Karo. „Du siehst völlig fertig aus. Was ist passiert?“

Miriam nickt. „Genauso fühle ich mich.“

Sie nimmt ihre feuerrote, beschlagene Brille ab, grinst schief und legt den Zeigefinger überlegend ans Kinn. „Was passiert ist? Womit fange ich da am besten an … Mit dem Dezember vielleicht, dem alljährlichen Weihnachtsausbruch, Menschenmassen und Müttern, die mir den Kinderwagen in die Fersen rammen oder Patty Power?“ Sie seufzt. „Dieser Montag ist schrecklich! Wo ist der Rotwein?“

Karo legt ihre Hand auf Miriams. Eine Geste so tröstlich wie goldener Honig. „Ach, irgendwie wirst du den Dezember schon überstehen, Miri. Das hast du bisher immer geschafft.“

Die beiden sind seit der siebenten Klasse eng befreundet und Karo muss nicht nachfragen, woher die schlechte Laune ihrer Freundin rührt. Sie bestellen Tapas und Tempranillo und Miriam berichtet von dem Meeting und Patricia Flemming, der überaus erfolgsorientierten Chefredakteurin des Stadtmagazins, für das sie arbeitet.

„Oh, du hast die Ansprüche von Patty Power nicht erfüllt, wie kannst du dich nur erdreisten?“, fragt Karo in gespielter Empörung und stupst sie in die Seite. „Hast du etwa mal einen Tag nicht länger als zwölf Stunden gearbeitet?“

„Wenn es nur das wäre.“ Miriam verschränkt die Arme. „Sie hat mir vor versammelter Mannschaft meinen Artikel sprichwörtlich um die Ohren gehauen und mich gefragt, was ich mir dabei gedacht hätte und wie um alles in der Welt ich darauf käme, dass sie so etwas jemals drucken könnte. ELBFLAIR wäre schließlich ein seriöses Magazin und kein Satireblatt! Als ob ich das nicht selbst wüsste.“ Sie legt stöhnend den Kopf in die Hand. „Mein Bericht über die Vorzeigefamilie, die ich interviewt habe, ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Diese Familie wirkte so harmonisch und perfekt, fast wie in einer kitschigen Sitcom.“ Sie schaut erst in das flackernde Kerzenlicht und dann zu Karo. „Als wir an der Pyramide standen, sah ich auf einmal mich selbst als kleines Mädchen mit dicker Bommelmütze mit meinen Eltern auf dem Markt. Einen Moment spürte ich sogar diese magische Vorfreude im Dezember.“

Miriam schüttelt den Kopf. Das alles hatte sich als Illusion entpuppt, wie sie Jahre später schmerzhaft begreifen musste. Eine Illusion, die klirrend zerbrach wie eine Schneekugel, die auf den Boden fällt und von der nur Scherben und der traurige Inhalt übrig blieben.

Das Pochen hinter ihren Schläfen wird stärker. Sie sollte lieber keinen Rotwein trinken, aber das ist jetzt auch egal.

Karo weiß, was Sache ist. „Du hast dich von deinen Gefühlen leiten lassen, das soll vorkommen“, versucht sie zu trösten, obwohl ihr klar ist, dass das eine lahme Entschuldigung ist und für Miriams Chefredakteurin schon gar keine.

Miriam schüttelt den Kopf. „Nicht in meinem Beruf.“ Es ist ein einziges Desaster.

Karo grinst vielsagend und zerrupft ein Stück Brot. „Wie ich dich kenne, trieft dein Artikel vor Zynismus. Hätte das nicht ein Kollege übernehmen können? Dein Resort ist doch ein ganz anderes.“

Miriam dreht den Stiel ihres Weinglases zwischen den Fingern. „Ging nicht anders. Ich musste für Jasmin einspringen, weil ihre Kleine krank war“, sagt sie. „Ach, Karo, ich würde wirklich über so ziemlich alles schreiben, aber beim Thema Traumfamilie unterm Tannenbaum bin ich so was von raus.“ Ihre Stimme klingt brüchig, sie schluckt.

Karo klopft mit der Hand auf den Tisch. „Ich finde, es reicht mit den Schuldgefühlen. Mensch Miri, mach dich bloß nicht verrückt. Niemand ist perfekt, auch Patty Power nicht, die gibt es nur nicht zu.“

Miriam angelt grinsend nach einer Olive und sieht zu, wie Karo ein Stück Brot in den Aioli-Dip tunkt. „Eher würde sie sich jedes ihrer feuerroten Haare einzeln herausreißen, als zuzugeben, dass sie nicht perfekt ist.“ Ihre Stimme wird leise. „Aber so einfach ist es nicht. Das hätte mir nicht passieren dürfen. Nie. Patty Power hat recht. Ich kann froh sein, wenn sie mich nach dieser Aktion nicht feuert. Ich wäre nicht die Erste, die nach so einem Fauxpas ihre Sachen packen muss, glaub mir.“

Karo hebt die Schultern und sagt kauend: „Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, Miri, aber: Nobody is perfect. Und jetzt: Guten Hunger! Mein Bauch knurrt wie eine Horde Bären. Ich bin heute nicht mal zum Essen gekommen.“

Im gleichen Moment gibt Miriams Magen ein rumorendes Grummeln von sich und vor Lachen stößt sie beinahe ihr Weinglas um. Miriam zwingt ihre Gedanken weg von Patty Power und der Redaktion und fragt kauend: „Wie geht es euch und den Kleinen?“

Ihre Freundin erwidert müde, aber glücklich lächelnd: „Ich bin froh, endlich mal wieder rauszukommen. Die Zwillinge verlangen mir alles ab. An manchen Tagen würde ich sie abends am liebsten Florian in die Arme drücken, mich einschließen und mir die Decke über die Ohren ziehen. Seit letzter Woche versuchen sie zu laufen und reißen alles mit sich, was ihnen in die Quere kommt. Sie verwandeln die Wohnung jeden Tag in ein Schlachtfeld.“

3

Dienstag, dritter Dezember

Als Miriam am nächsten Morgen aus der Dusche tritt, sich ein Handtuch um ihre nassen Haare wickelt und ihr müdes Gesicht im Spiegel anstarrt, ist ihr klar: Der letzte Rotwein hätte nicht sein müssen.

Das Pochen der Schläfen ist über Nacht in ein dumpfes Hämmern hinter ihrer Stirn übergegangen und Miriam schluckt eine Kopfschmerztablette in der Hoffnung, dass sie schnell wirkt. Sie wühlt in dem Körbchen mit den Make-up-Utensilien und gibt sich Mühe, die Spuren des weinseligen Abends mit Karo aus ihrem Gesicht zu verbannen. Tja du, selbst schuld.

Poppy und Pearl, die beiden schwarzgrauen Perserkatzen streichen ihr mauzend um die Beine, nachdem sie ihre Fressnäpfe ausgeschleckt haben, und verlangen ihre morgendlichen Streicheleinheiten. Poppy akzeptiert, dass Miriam keine Zeit hat und wendet sich ihrer Spielzeugmaus zu. Pearl dagegen setzt ihren Prinzessinnenblick auf und taxiert Miriam, ungläubig, dass ihr Wunsch nicht erfüllt wird. Nach einem extrastarken Kaffee, der Miriams Lebensgeister weckt, föhnt sie ihre schulterlangen, brünetten Haare aus dem Gesicht. Trotz des unkomplizierten Bobs führt sie wie jeden Morgen einen aussichtslosen Kampf gegen die linke, störrische Seite ihrer Frisur, die grundsätzlich nicht das macht, was sie soll. Poppy lässt die Maus links liegen und krallt mit der Pfote nach dem wackelnden Föhnkabel, bis sie von ihrer Besitzerin in den Flur gesetzt wird. Um über ihren müden Blick hinwegzutäuschen, entscheidet sich Miriam für die schwarzkantige Brille. Als sie ihr Spiegelbild halbwegs akzeptabel findet, schnappt sie den Autoschlüssel aus der Holzschale im Flur und wirft den Katzen im Hinausgehen eine Kusshand zu. Pearl guckt ihr missmutig hinterher, als wäre Miriam der größte Reinfall in ihrem ganzen Katzenleben. Auf in den Kampf, denkt Miriam. Beziehungsweise in die Redaktion, was an manchen Tagen auf das Gleiche hinausläuft.

Die Autos vor ihr schleichen im Schneckentempo, wegen ein paar vereinzelter Schneeflocken, wie Miriam ungläubig registriert. Jede Ampel vor ihr schaltet auf Rot. Sie trommelt mit den Fingern gegen das Lenkrad. Wegen der Bauarbeiten an der Albertbrücke nimmt sie den Weg über die Carolabrücke in Richtung Neustadt. Rechter Hand erhebt sich würdevoll die Sächsische Staatskanzlei im Regierungsviertel. Miriam biegt nach links in Richtung des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus ab und atmet auf, als es die letzten Ampeln bis zur Redaktion gut mit ihr meinen.

Im Foyer des Geschäftshauses, in dem die Redaktion ihren Sitz hat, kämpfen drei Männer gerade damit, einen riesigen Weihnachtsbaum aufzustellen. Miriam zieht die Augenbrauen zusammen, weil ihr der Nadelduft in die Nase steigt. Auf dem Weg zu den Aufzügen beobachtet sie argwöhnisch den Kampf der Männer mit dem stachligen Ungetüm. Nicht mehr lange, und jemand wird anfangen, dieses Ding mit irgendwelchem Zeug zu behängen. Mit kitschigen bunten Kugeln oder diesen grässlichen Strohsternen.

Im Großraumbüro in der vierten Etage wuseln die Mitarbeiter geschäftig umher wie Ameisen. Heute ist Redaktionsschluss und dieser Tag verspricht anstrengend zu werden. Genau richtig, findet Miriam, um sich von dem ganzen Weihnachtsgedöns abzulenken.

„Na, ging wohl lange gestern?“, fragt Hendrik Schwarzbach süffisant im Vorbeigehen. Der schwere Moschusduft seines Aftershaves lässt Miriams Kopfschmerz neu aufflammen.

Oh, bitte nicht der am frühen Morgen!

Den eitlen Ressortleiter aus dem Bereich NEWS VON A-Z findet sie so nervtötend wie eine Schmeißfliege im Sommer, die einem um den Kopf kreist und partout nicht verschwinden will, auch wenn man noch so sehr mit der Hand wedelt. Seine überhebliche Art und der stechende Blick erinnert sie immer an einen Pfau, der kurz davor ist, sein Rad aufzuschlagen.

Miriam nickt den Kollegen zu, setzt sich an ihren Schreibtisch und erwidert unbeteiligt: „Guten Morgen, Hendrik. Wüsste nicht, was dich das angeht.“ Sie schaltet den PC an und sieht ihre Mails durch, doch Schwarzbach wäre nicht Schwarzbach, wenn er den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und sie in Ruhe lassen würde. Er steht pfeifend am Kopierer, als hecke er irgendeine Gemeinheit aus. Prompt schnellt sein Zeigefinger in die Höhe. Für alle unüberhörbar sagt er: „Ist ja auch kein Wunder, so wie Patty Power dich gestern vor versammelter Mannschaft runtergeputzt hat, nicht wahr, Miriam? Dabei hätte sie doch wissen müssen, dass eine eingefleischte Singlefrau wie du nun wahrlich nicht geeignet ist für eine Familienreportage, noch dazu in der Weihnachtszeit.“

Das ging voll in die Magengrube. Miriam wirft ihm einen vernichtenden Blick zu. Er grinst selbstherrlich wie Stromberg. Einige Kollegen schauen interessiert auf und Miriam spürt, wie sich rote Flecken ihren Hals entlang nach oben sprenkeln.

So ein Arsch! Bleib ruhig. Blöder Heini!

Sie starrt auf ihren Bildschirm und bittet ihren unliebsamen Kollegen mit der Halbglatze mühsam beherrscht, sich verdammt noch mal um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Doch Hendrik denkt gar nicht daran. Er ist voll in seinem Element und setzt noch eins drauf. Grinsend lässt er sich auf ihrer Schreibtischkante nieder und schwingt seinen Zeigefinger vor Miriams Gesicht wie ein Dirigent den Taktstock. Dazu setzt er eine bekümmerte Miene auf. „Wenn du nicht aufpasst, Miriam, und ich meine es wirklich nur gut, dann …“

„Dann?“, wiederholt Miriam langgezogen und tut so, als würde sie konzentriert eine Mail lesen.

„ … dann endest du womöglich wie die arme Frau, die neulich von ihrem Vermieter halb verwest in ihrer Wohnung gefunden wurde, umringt von fünfzehn Katzen, nachdem sie drei Monate mit der Miete im Rückstand war. Niemand hatte sie vermisst, keine Menschenseele! Das muss man sich mal vorstellen. Ist das nicht tragisch? Ich musste gleich an dich denken.“

Miriams Kopf fliegt zu ihm herum. Die Kollegen halten die Luft an. Man könnte eine Stecknadel fallen hören in der angespannten Stille.

Hat er das wirklich gesagt?

Aus den Augenwinkeln sieht Miriam, wie Verena Hendrik hinter seinem Rücken einen Vogel zeigt und mit den Lippen lautlos das Wort Vollpfosten formt. Schon möglich, dass Verena manchmal zu Recht als spröde und unnahbar bezeichnet wird, aber auf ihre Loyalität kann man immer zählen.

Die ganze Zeit hat Miriam versucht, sich am Riemen zu reißen, doch nun reicht es ihr. Sie springt so heftig auf, dass ihr Drehstuhl quietschend zur Seite rollt. Sie fegt mit der Hand seinen ausgestreckten Zeigefingertaktstock von ihrer Nase weg und schafft es gerade noch, ihre Stimme zu senken und ihn nicht anzuschreien. „Pass mal auf, du kleiner Wichtigtuer!“

Hendrik, der eine solche Reaktion von ihr nicht gewohnt ist, zuckt zurück, reckt aber sogleich seine Nase wieder arrogant in die Luft, während Miriam weiter zischt:

„Du fühlst dich mir und allen anderen ziemlich überlegen, oder Hendrik? Aber warum? Vielleicht, weil deine Frau zu Hause am Herd steht und es ihr größtes Glück ist, dich zu bekochen, für dich zu putzen, zu bügeln und was weiß ich noch? Weil du zu Hause den Boss spielen kannst und hier nicht? Ist es das? Dann würdest du mir leidtun.“ Sie lächelt kalt, aber innerlich brennt die Wut und leider auch Verunsicherung.

Unglaublich, wozu ich mich herablasse!

„Richtig so, Schätzchen“, ruft Tamara Schöne applaudierend und stöckelt in hochhackigen Stiefeln auf sie zu. Die Leiterin des Ressorts PROMIS UND GLAMOUR trägt ein schwarzes, hautenges Strickkleid, das ihre Kurven perfekt betont. Üblicherweise quellen Schwarzbach bei ihrem Anblick die Augen aus dem Kopf und er ist selten um einen chauvinistischen Spruch verlegen. Jetzt wirkt er kleinlaut.

„Das braucht dieser Herr gelegentlich.“ Tamara legt Hendrik von hinten die Hand auf die Schulter und raunt Miriam, so dass er es hören kann, zu: „Männer, die sich so aufblasen müssen, haben nach meiner Erfahrung meistens kein sehr ausgefülltes Liebesleben.“

Hendrik vergeht das Grinsen endgültig und Miriam, die immer noch auf hundertachtzig ist, flüchtet an ihm vorbei zu den Toiletten, um sich zu beruhigen.

Schon wieder verhalte ich mich völlig unprofessionell. Was ist bloß los mit mir?

„Wow, was für eine Ansage“, knurrt Schwarzbach verächtlich in das verhaltene Gekicher der überwiegend weiblichen und schaulustigen Belegschaft und wischt sich eine imaginäre Staubfluse von seinem perfekt gebügelten Hemdsärmel. Robert verschluckt sich vor lauter Lachen an seinem Salamibrötchen und hustet, während Jasmin ihm sanft auf den Rücken klopft.

„Ach, noch etwas“, brüllt Hendrik Miriam hinterher. „Patricia wartet schon seit zehn Minuten im Glastempel auf dich. Du weißt ja, wie sehr sie Unpünktlichkeit hasst.“

Miriam stockt der Atem. Das hat sie völlig verschwitzt! Sie macht auf halbem Weg kehrt, eilt auf das vollverglaste Büro zu und klopft an. Auf Patricias knappes „Ja“ nimmt sie in dem ledernen Besucherstuhl gegenüber der Chefredakteurin Platz. Patricias tadellos geschminktem Gesicht ist keine Gefühlsregung zu entnehmen, was Miriams Verspätung betrifft. Ihr heller Porzellanteint strahlt wie immer makellos. Ihre perfekt geschwungenen Augenbrauen heben sich keinen Millimeter, aber Miriam hat im Laufe der Jahre gelernt, dass das nichts heißen muss. Unpünktlichkeit ist ein absolutes No-Go, das auf Patricias Liste der Todsünden ganz weit oben steht und durchaus einen Rausschmiss zur Folge haben kann.

Während die Chefredakteurin konzentriert Miriams überarbeiteten Bericht für die kommende Ausgabe liest, mustert Miriam sie verstohlen. Patricias dunkelgrüner Hosenanzug sitzt wie angegossen und harmoniert wunderbar mit ihrem terracottafarbenem Haar, das zu einem strengen Knoten im Nacken gebunden ist. Die nudefarbenen Wildlederpumps runden ihr Outfit ab. Auf den ersten Blick ist klar, da ist nichts dem Zufall überlassen. Man braucht schon einiges an Selbstbewusstsein, um sich neben Patricia Flemming nicht klein und mickrig vorzukommen.

„Na bitte, geht doch.“ Sie blickt auf und lässt ihre eisblauen Augen über Miriams Gesicht gleiten. „Ich hoffe, du hast eine einleuchtende Erklärung dafür, was dich zu dieser Entgleisung veranlasst hat.“

Damit hat Miriam gerechnet, aber den tatsächlichen Grund kann sie der Chefredakteurin unmöglich anvertrauen. Patty Power würde das nicht ansatzweise verstehen.

„Ich hatte einen schlechten Tag“, weicht Miriam aus und ihr ist klar, dass es sich wie eine lahme Ausrede anhört.

„Einen schlechten Tag?“, wiederholt Patricia, als wüsste sie mit dieser Aussage nichts anzufangen. „Ich dachte immer, in dieser Redaktion arbeiten ausschließlich Profis, die ihre Befindlichkeiten zu Hause in der Nachttischschublade lassen.“

Miriam knetet ihre Hände im Schoß und nickt mit einem entschuldigenden Lächeln. „Kommt nicht wieder vor.“

„Das will ich hoffen.“ Patricias Smartphone piept dezent. Sie gibt ihr mit einer hektisch wedelnden Handbewegung zu verstehen, dass der Termin beendet ist. Aufatmend verlässt Miriam den Glastempel und weicht zur Seite, als die Chefredakteurin mit energischen Schritten das Großraumbüro durchquert und der neuen Volontärin Johanna ohne mit der Wimper zu zucken einen Papierstapel auf den Tisch knallt.

„Vielleicht solltest du dich lieber bei einer dieser billigen Boulevardzeitschriften bewerben. Das hier geht jedenfalls gar nicht. Dilettantisch ist noch geschmeichelt! ELBFLAIR ist doch kein Schmierenblatt! Ein bisschen mehr Stil bitte!“

Johanna ist zusammengezuckt wie ein verschrecktes Kaninchen und hält mit hochrotem Kopf die Luft an, während die Chefredakteurin mit wehendem Mantel durch die Tür rauscht. Die kurz verstummten Gespräche werden wieder aufgenommen. Miriam schüttelt den Kopf und lächelt der Volontärin aufmunternd zu. Patricias Gebaren ist manchmal schwer nachvollziehbar. Zurück an ihrem Arbeitsplatz ploppt eine interne Mail auf ihrem Bildschirm auf:

Redaktionsstammtisch, diesmal abweichend nächsten Montag, 20 Uhr, Metropolis.

„Nicht vergessen“, raunt Tamara ihr verschwörerisch im Vorbeigehen zu.

„Als wäre das jemals vorgekommen …“, erwidert Miriam mit gespielter Empörung.

Hinter der Bezeichnung Redaktionsstammtisch verbirgt sich nichts anderes als das regelmäßige Treffen von Tamara, Jasmin, Verena und Miriam jeden zweiten Freitag im Monat in der Dresdner Neustadt. Ihre Stammtischthemen sind so bunt wie die Cocktails in der kleinen Szenekneipe und mit jedem Drink werden ihre Gespräche tiefschürfender, witziger, schlüpfriger und warmherziger. Die drei Kolleginnen sind Miriam ans Herz gewachsen.

Sie nimmt sich ihren angefangenen Feuilletonbeitrag über ein neues Theaterstück im Schauspielhaus vor. Ein Thema, das ihr weit mehr liegt, als familiäre Tannenbaumatmosphäre. Sie ist froh, dass Hendrik sich nach seinem peinlichen Eigentor zu einem Außentermin verzogen hat und versinkt für die nächsten Stunden in ihrer Arbeit, ohne etwas von dem Gewusel um sich herum wahrzunehmen. Hin und wieder muss sie innehalten, weil Hendriks bissige Worte wie ein Echo in ihrem Kopf hallen. Als es draußen langsam dunkel wird, ruht Miriams Blick auf dem großen beleuchteten Holzstern an der Fensterscheibe, der ein warmes Licht auf ihren Arbeitsplatz wirft. Nach und nach verabschieden sich die Kollegen und verlassen die Redaktion. Tamara will Weihnachtsgeschenke shoppen. Vermutlich teuer und glänzend, wie Miriam vermutet. Robert, der KOMMUNALPOLITIK-Redakteur, hatte in der Mittagspause angekündigt, mit seiner Frau und den Kindern einen Tannenbaum kaufen zu wollen. Er stopft sich einen Pfefferkuchen nach dem anderen in den Mund, während er seinen Rechner herunterfährt. Egal wo und wann, Robert ist ständig am Essen und augenscheinlich immer hungrig. Jeder in der Redaktion fragt sich, wie ein einzelner Mensch so viele Vorräte in seinem Schreibtisch horten kann und warum man das seinem Körperbau gar nicht ansieht.

Geschenke shoppen, Weihnachtsbäume kaufen - einmal mehr beschleicht Miriam das beklemmende Gefühl, dass jeder außer ihr diese Zeit genießt und sich auf Weihnachten im Kreise der Familie freut.

Hat der bescheuerte Hendrik vielleicht recht und mit mir stimmt etwas nicht?, fragt sie sich im Stillen. Doch diese Überlegung schüttelt sie sogleich ab. Blödsinn! Schwarzbach ist ein Idiot und dass seine absurde Aussage nur dazu dienen sollte, sie zu provozieren, liegt auf der Hand. So etwas versucht er ständig, auch bei den anderen. Ärgerlich ist nur, dass seine Provokation diesmal bei ihr ins Schwarze getroffen hat. Aber dass sie mit Weihnachten nichts anfangen kann, kinderlos ist und anstatt mit einem Mann mit zwei Katzen zusammenlebt, heißt noch lange nicht, dass sie eine schrullige Eigenbrötlerin ist.

Dabei war es nicht immer so, dass Miriam mit Weihnachten nichts anfangen konnte. Im Gegensatz zu heute liebte sie das Fest in ihrer Kindheit über alles. Im Leben der Familie Engel gab es so viele wunderbare Momente. Besonders mochte Miriam die selbstgebackenen Engelsplätzchen ihrer Mutter. Diesen Duft nach Vanille, Nüssen und Orangen. Sie war ein glückliches, aufgewecktes Kind. Doch als sie fünfzehn war, zog sich ein tiefer Riss durch ihre bis dahin vollkommene Welt. Ihr Vater, der bisher ihr Held war, entpuppte sich als erbärmlicher Feigling. Er verließ die Familie über Nacht für eine andere Frau namens Maria und machte sich aus dem Staub. Maria Dumpfbacke hatten Miriam und Karo die Frau getauft, die es wert war, dass man für sie alles hinschmiss. Dieser Riss brachte ihr Leben zwar gewaltig zum Zittern und ihr Vater war seitdem für sie nicht mehr der Held ihrer Kindertage, doch aus der Bahn hatte sie sich nicht werfen lassen. Mit ihrer Mutter verstand sie sich trotz ihrer mitunter üblen Teenagerlaune sehr gut. Vera Engel gab ihrer Tochter Halt in dieser Zeit. Miriam hatte sich immer gefragt, woher ihre Mutter ihre Stärke nahm, wo ihr Vater sich doch so schäbig verhalten hatte. Sie beschloss, ihren Vater aus ihrem Leben zu streichen. Die meiste Zeit gelang es ihr auch ganz gut, ihn auszublenden. Doch der Riss zog sich unentdeckt weiter und gipfelte in einer Tragödie, als ihre Mutter drei Jahre später unverhofft am ersten Weihnachtsfeiertag verstarb. Es war der Tag nach Miriams achtzehntem Geburtstag, als sie glaubte, nicht mehr weiteratmen zu können, weil das Unbegreifliche ihr die letzte Luft aus den Lungen presste. Niemand, auch nicht ihre Mutter, konnte etwas von der tickenden Zeitbombe in ihrem Kopf ahnen. Als das Aneurysma platzte, war es zu spät. Zu dem Zeitpunkt hatte Miriam ihr Abi in der Tasche, war verliebt und voller Träume und Pläne für ihre Zukunft. Von einer Sekunde zur nächsten brach ihre Welt zusammen und sie war mit dem Tod ihrer Mutter konfrontiert.

Sie versank im ersten Augenblick wie die Titanic im eiskalten Atlantik. Lange Zeit glaubte sie, nicht wieder auftauchen zu können, so lähmend war die Trauer. Sie war verstummt und brachte in der ersten Zeit kein Wort heraus, dabei hätte sie lieber geschrien und getobt und alles in Stücke gehauen. Sie baute eine unsichtbare Mauer um sich herum auf und ließ alles daran abprallen, auch die Hilfsangebote ihres Vaters. Er war der Letzte, den sie sehen wollte. Ihr gleichaltriger Freund Bastian mit dem unwiderstehlichen Lächeln war mit der Situation noch überforderter als sie selbst und kam mit ihrer Verzweiflung nicht klar. Er, der Sohn reicher Eltern, ließ sie Wochen später sitzen und lebte weiter sein sorgenfreies Leben, das zum größten Teil aus Partys, Nichtstun und ihn anhimmelnden Mädchen bestand, während Miriam sich mit Erbangelegenheiten und Versicherungskram auseinandersetzen musste.

Sei froh, dass du den los bist, hatte Karo damals gemeint. Karos Familie half ihr wieder aufzutauchen aus den kalten Fluten. Bis heute glaubt Miriam, dass sie das ohne die Unterstützung der Familie Steiner nicht geschafft hätte. Sie hatten sie wie eine zweite Tochter bei sich aufgenommen und ihr geholfen, das geplante Journalistikstudium aufzunehmen, während Karolin ihr Jurastudium begann.

Mit der Zeit ließ der Schmerz ein wenig nach und eine gewisse Normalität kehrte zurück. Eine Normalität, die Miriams Wunde wie ein Verband abdeckte. Dummerweise war dieser Verband ausgerechnet vor ein paar Tagen durch das Interview auf dem Striezelmarkt verrutscht. Zum Vorschein war nicht etwa eine verheilte Narbe gekommen, sondern eine Wunde, die mehr schmerzte als je zuvor.

Als fast alle anderen gegangen sind, sieht Miriam aus dem Bürofenster in die Dunkelheit. „In ein paar Wochen ist der ganze Rummel auch schon wieder vorbei“, murmelt sie zuversichtlich, nimmt einen Schluck Kaffee und wendet sich wieder ihrem Artikel zu.

„Hast du was gesagt?“, fragt Johanna, die Volontärin, von der anderen Seite des Büros. Miriam zuckt zusammen und kann gerade noch verhindern, dass sich ihr Kaffee über die Tastatur ergießt. Sie hat gedacht, die anderen wären schon alle weg.

„Nein, nein“, sagt sie. „Aber willst du nicht auch langsam Feierabend machen? Um diese Zeit arbeiten hier nur noch Leute, auf die entweder keine Familie wartet oder denen jemand einredet, sie würden zu Hause von ihren Katzen angeknabbert werden.“

Johanna deutet grinsend auf den Papierstapel vor sich und sagt: „Wenn meine Arbeit nicht bald stilvoller wird, komme ich dort auch bald hin.“ Sie überlegt kurz und fragt: „Sag mal, hättest du Lust auf Eislaufen und Glühwein im Taschenbergpalais? Du könntest mir bei der Gelegenheit ein wenig über den Laden hier erzählen und über die Chefin, die mich offenbar hasst.“

Miriam weiß nicht, was sie sagen soll. Das fehlt ihr gerade noch. Also nicht ein Gespräch mit Johanna, aber Eislaufen in weihnachtlicher Kulisse? Musikalisch beschallt mit Last Christmas, Rudolf, dem kleinen Rentier oder der Weihnachtsbäckerei?

„Eigentlich gern“, erwidert sie ausweichend. „Aber wollen wir nicht lieber in eine gemütliche Kneipe gehen? Ehrlich gesagt, reicht mir das Getümmel in der Stadt von gestern noch.“

Doch Johanna lässt nicht locker und überredet Miriam, sich gemeinsam aufs Glatteis zu begeben. Miriam gibt sich geschlagen. „Also gut. Du bist hartnäckig. Aus dir wird sicher eine gute Journalistin“, sagt sie. „Ich weiß aber nicht, ob ich das noch kann. Ist schon eine Ewigkeit her, dass ich auf Kufen stand.“

Die Volontärin winkt lachend ab. „Ist wie Fahrradfahren und schwimmen, das verlernt man nicht.“

Im Grunde hat Miriam schon Lust, sich mal wieder aufs Eis zu wagen. Zumindest wird es mich auf andere Gedanken bringen, denkt sie, packt ihre Sachen zusammen und macht sich mit Johanna auf den Weg in die verstopfte Dresdner Altstadt.

Fünfundvierzig Minuten später am Taschenbergpalais angekommen, schlüpfen die beiden gerade in die ausgeliehenen Schlittschuhe, als Miriam eine Erinnerung streift. Sie greift nach dem Geländer und schließt die Augen. Sie sieht ihren Vater vor sich, wie er ihr als kleines Mädchen in der Eissporthalle die Schlittschuhbänder festschnürt, was nicht einfach ist, weil sie voller Vorfreude, endlich aufs Eis zu dürfen, herumhampelt.

„Kommst du?“ Miriam schaut zu Johanna auf und schluckt den bitteren Geschmack der Erinnerung herunter.

Zaghaft setzt sie die Kufe auf die bunt beleuchtete Eisfläche im Innenhof des Kempinski Hotels und tastet sich an der Bande entlang. Nach einigen holprigen Schritten fühlt sie sich schnell sicher und gleitet neben Johanna um den prächtigen Tannenbaum in der Mitte.

„Du hattest recht, Johanna, ich hatte fast vergessen, wie viel Spaß das macht“, gibt sie lachend zu.

Bevor Karo ihre Zwillinge bekam, hatten die beiden Freundinnen im Winter oft zusammen ihre Runden auf der Eisbahn gedreht und als kleines Mädchen wäre Miriam am liebsten in die Eissporthalle eingezogen.

Früher. In einem anderen Leben.

Während sie dahingleitet und kleine Rauchwölkchen in die Luft atmet, denkt Miriam an ihre ersten Schlittschuhe. Langersehnt und schneeweiß. Das schönste Weihnachtsgeschenk ihrer Kindheit. Ihre Eltern hatten von der Bande aus lächelnd jeden ihrer wackeligen Schritte verfolgt. Ihr Herz zieht sich schmerzhaft zusammen wie eine Zitrone, aus der man den letzten Tropfen quetscht.

„Achtung!“, schreit Johanna neben ihr auf und Miriam zuckt zusammen. Doch die Warnung kommt eine Zehntelsekunde zu spät. Sie spürt einen Schlag gegen ihre Beine und wird zu Boden gerissen. Miriam keucht auf und reibt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Knie, während sie schwerfällig aufsteht. „Alles in Ordnung?“, fragt Johanna besorgt. „Du bist mit einem Pinguin zusammengeprallt.“ Sie zeigt auf eine der Laufhilfen, die ein kleiner Junge vor sich herschiebt. Der Junge grinst verschmitzt und flitzt weg. „Moritz, nicht so schnell!“, brüllt ein Mann dem Jungen hinterher, während Miriam sich das Eis von den Hosenbeinen wischt.

„Du solltest dich wenigstens entschuldigen!“ Er kommt auf sie zugefahren. „Tut mir leid, ist Ihnen etwas …?“ Er bricht ab. Miriam starrt ihn entgeistert an. Hendrik Schwarzbach wirkt genauso verdutzt wie sie. „Oh, ich hab dich gar nicht erkannt mit der Mütze.“

„Äh … gleichfalls“, gibt Miriam zurück. Hendrik, der ausschließlich in Anzug und Krawatte die Redaktion betritt, ist kaum wiederzuerkennen in seinem sportlichen Winteroutfit.

„Tschuldigung“, murmelt der Kleine zerknirscht in Miriams Richtung. „Papa, kommst du endlich?“ Er zieht an Hendriks Hand.

„Das war nicht deine Schuld, ich habe nicht aufgepasst“, sagt Miriam beschwichtigend zu Moritz. Sie will sich schon umdrehen, als Hendrik sich räuspert und mit der Kufenspitze seines Schlittschuhs auf der Eisfläche herumkratzt. „Hör mal, das heute, ähm, also meine Bemerkung mit den Katzen und der Toten, du weißt schon … Das war wohl etwas übertrieben von mir.“

Miriams Blick wandert verblüfft von ihm zu Johanna und wieder zu ihm, als sie langsam erwidert: „Na, wenn du das sagst.“

War das etwa eine Art Entschuldigung? Von Hendrik Schwarzbach? Miriam denkt an die peinliche Situation am Vormittag. Anstatt Größe zu zeigen und seine Provokation einfach zu ignorieren, war sie voll darauf angesprungen und hatte sich hinterher stundenlang darüber geärgert. Das war kindisch. Da von Hendrik kein weiterer blöder Spruch kommt, räumt sie ein: „Ich hab vielleicht auch etwas übertrieben reagiert.“ Sie nicken sich knapp zu. „Tja dann noch viel Spaß“, wünscht Miriam höflich und lächelt Moritz an, der kurz darauf mit seinem Vater an der Hand um den Tannenbaum zischt.

Miriam schüttelt erstaunt den Kopf. Der sonst so arrogante Kollege Schwarzbach hat offenbar auch eine andere, fürsorgliche Seite. Wer hätte das gedacht?

„Der kann ja regelrecht nett sein“, sagt Johanna ebenso verdutzt.

Anschließend stärken sie sich in der Winterhütte bei Crêpes und Punsch. Miriam schlingt ihre kalten Hände um die Tasse und nimmt einen Schluck. Der Punsch duftet herrlich nach Äpfeln, Zimt, Nelken und Kardamom. Miriam spürt eine wohlige Wärme, als ihr das warme Getränk durch die Kehle rinnt. Johanna ist plötzlich schweigsam. „Was ist? Du hast doch etwas auf dem Herzen!“

Johanna erklärt wiederstrebend: „Patricia hat mich auf dem Kieker. Ich weiß echt nicht, ob ich ihre Art auf Dauer aushalte. Vielleicht sollte ich mir gleich was anderes suchen.“

„Aber nein! Du bist eine hervorragende Volontärin!“, widerspricht Miriam. „Ich helfe dir morgen früh bei der Überarbeitung.“ Nur zu gut erinnert sie sich an ihren eigenen Berufsstart. Sie hatte sich wie Johanna gefragt, ob sie den Anforderungen standhalten würde mit einer Chefin wie Patty Power im Nacken, die auf Fehler anderer mit kalter Unnachgiebigkeit reagiert. Es gibt Tage, da raunzt sie grundlos jeden an, der ihr zufällig über den Weg läuft.

„Patty Power hat jeden auf dem Kieker, ganz besonders mich“, meint Miriam leichthin und macht sich über ihren gezuckerten Crêpe her.

Johanna bezweifelt das. „Ach, komm … du bist kompetent, taff und dazu noch echt nett.“

Miriam verschluckt sich fast an ihrem Crêpe. „Ja klar.“

Ich bin eine kompetente Reporterin, die es nicht schafft, einen lächerlichen Weihnachtsartikel zu schreiben, stattdessen vor lauter Gefühlsduseligkeit vor fahrende Autos läuft und sich von fiesen Kollegen provozieren lässt. Bravo!

Zu Johanna gewandt sagt sie: „ELBFLAIR ist Patricias Ein und Alles. Sie lebt für das Magazin und hat für den Erfolg hart gearbeitet. Das muss man ihr neidlos anerkennen. Dass sie dafür manchmal über Leichen geht, ist leider die Kehrseite der Medaille. Sie hat mal gesagt, in dieser immer noch männerdominierten Branche kann man sich als Frau in einer führenden Position keine Schwäche erlauben. Wahrscheinlich ist sie deshalb so, wie sie ist.“

4

Rezept Apfelpunsch (alkoholfrei)

Wärmt Herz und Hände

1 Liter naturtrüber Apfelsaft

1 Stück Ingwer, daumengroß

1 unbehandelte Zitrone

1 unbehandelte Orange

1 EL Honig

5 Nelken

1 Zimtstange

½ TL gemahlenen Kardamom

2 Sternanise

evtl. Kandiszucker

 

Den Apfelsaft mit dem Saft der ausgepressten Orange und Zitrone in einen Topf geben. Geschälten, in dünne Scheiben geschnittenen Ingwer dazugeben. Die anderen Zutaten hinzufügen und alles erwärmen. Kurz aufkochen und danach noch ein paar Minuten ziehen lassen. Anschließend die festen Zutaten herausfischen oder alles durch ein Sieb gießen und abschmecken. Bei Bedarf mit etwas Kandiszucker oder Honig nachsüßen. Und nun die wohlige Wärme genießen!

5

Donnerstag, fünfter Dezember

Als Vincent Rombach vom Firmenjubiläum der Schiffswerft Borderbeck in Hamburg zurückkehrt, überlegt er, ob er noch kurz bei seinem Kumpel Jonas auf ein Bier vorbeischauen soll. Im Grunde will er aber nur seine Ruhe nach den zweitägigen Feierlichkeiten bei einem seiner größten Auftraggeber und so betritt er am späten Nachmittag seine Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Er knipst das Licht im Flur an. Der Anrufbeantworter blinkt und er drückt auf die Taste. Die Stimme seiner Mutter schnarrt vom Band – am liebsten würde er gleich den Löschknopf betätigen. „Hier spricht deine Mutter, Vincent! Ich hoffe, du kannst dich an mich erinnern.“ Er kann sie fast vor sich sehen, wie sie ihn dabei vorwurfsvoll über den Rand ihrer Gleitsichtbrille anschaut. Vincent verdreht die Augen. „Du hast dich schon ganze zwei Monate nicht mehr bei uns sehen lassen. Dein Vater und ich finden wirklich, es ist an der Zeit, dass du dich mal wieder meldest. Und wage es ja nicht, mich wieder mit einer deiner knappen Textnachrichten abzuspeisen!“

Vincent stöhnt entnervt. „Bla, bla, bla …“

„Wir müssen über die Spedition reden, mein Sohn. Ruf bitte an.“ Ende der Nachricht.

Was sonst … Die Spedition kann mir gestohlen bleiben, denkt Vincent, während er sich ein Bier aus dem Kühlschrank nimmt und den Verschluss aufschnappen lässt. Sein Blick bleibt an dem Post- und Zeitungsstapel auf dem Board im Flur hängen und er stutzt. Er hat niemanden beauftragt, seinen Briefkasten zu leeren, er war ja nur zwei Tage weg. Eine Frauenstimme aus dem dunklen Wohnzimmer lässt ihn zusammenzucken. „Du meldest dich also bei deinen Eltern genauso selten wie bei mir.“ Vincent wirbelt herum und das Bier schwappt über den Fußboden.

„Shit!“, flucht er ungehalten. „Sarah?“ Er macht das Licht an und tatsächlich: Seine Ex-Freundin sitzt auf dem Sofa, die langen Beine übereinandergeschlagen. „Was in aller Welt machst du hier?“

„Ich wollte dich sehen. Ich vermisse dich nämlich.“ Sie schaut ihn aus rehbraunen Augen an und schüttelt ihre langen, blonden Haare.

Wie dreist ist das denn?, fragt er sich fassungslos. „Wie bist du hier hereingekommen?“

Sie hebt die Hand und klappert herausfordernd mit dem Schlüsselring. Hat er wirklich nicht daran gedacht, bei der Trennung vor drei Monaten den Schlüssel von ihr zurückzuverlangen? Vincent stellt die Bierflasche ab und rauft sich die Haare. Wie blöd kann man eigentlich sein?, denkt er. Seit Monaten versucht er, ihre Anrufe und Nachrichten abzublocken, nachdem sie sich beharrlich weigert, das Ende ihrer Beziehung zu akzeptieren. Dabei hat er sich absolut fair verhalten und ihr nach der einjährigen gemeinsamen Zeit mehrmals so ruhig wie möglich erklärt, dass sie einfach nicht zusammenpassen und ihre Interessen und Vorstellungen zu weit auseinandergehen. Seine Gefühle für sie sind längst nicht mehr da. Sarah will davon nichts wissen und belagert ihn seitdem unaufhörlich. Und dann vergisst er, dass sie noch seinen Wohnungsschlüssel hat. Trotzdem, dass sie einfach hereinspaziert, geht zu weit.

„Sarah, du kannst nicht einfach hier auftauchen!“, sagt er schroff. „Wir sind nicht mehr zusammen und wir werden es auch nicht mehr sein. Akzeptiere das bitte endlich!“ Es tut ihm leid, das so hart sagen zu müssen, aber er weiß, dass Mitleid nicht das ist, was Sarah braucht.

Sekundenlang sieht sie ihn an. Er hält ihrem Blick stand und versucht herauszufinden, ob seine Worte zu ihr durchdringen.

„Du hast eine andere, stimmt’s?“, zischt sie. Auf der Suche nach Indizien späht sie in alle Richtungen.

„Nein“, erwidert Vincent, um Beherrschung bemüht. Eine neue Beziehung ist so ziemlich das Letzte, was er nach dieser unschönen Sache mit ihr will.

Sie springt abrupt auf und will an ihm vorbei aus der Wohnung stürmen.

„Moment“, sagt Vincent. „Da ist noch was.“

Sarah dreht sich hoffnungsvoll zu ihm um.

„Der Schlüssel …“

Sie lässt ihn neben seiner ausgestreckten Hand auf den Boden fallen, wirft ihm einen letzten hasserfüllten Blick zu und rauscht aus seiner Wohnung.

6

Freitag, sechster Dezember

Patricia Flemming blickt feierlich in die Runde. „An diesem Preis hat jeder in dieser Redaktion einen Anteil und dafür danke ich euch! Auf diesen Preis können wir alle stolz sein.“ Sie hebt lächelnd ihr Glas und prostet ihnen zu.

„Wir alle? Das sind ja ganz neue Töne“, hört Miriam Verena hinter sich flüstern. An diesem Freitagmorgen hat die Chefredakteurin alle Redaktionsmitarbeiter in den Konferenzraum gebeten. Jeder hat ein Sektglas in der Hand. Auf dem Konferenztisch in der Mitte thront die gläserne, rechteckige Trophäe, der Grund für diese Zusammenkunft. Am Vorabend wurde ELBFLAIR bei einer ehrenvollen Zeremonie im Internationalen Congress Center mit einem bedeutenden Medienpreis ausgezeichnet. Die Gesichter der Mitarbeiter strahlen angesichts des seltenen Lobs der Chefredakteurin, während sie auf diesen Erfolg anstoßen.

„Das hätte Christoph Ende der Neunzigerjahre kaum für möglich gehalten“, sagt Patricia.

„Aber du allein hast das Magazin zu dem gemacht, was es heute ist“, erwidert Hendrik anerkennend. Patricia winkt geschmeichelt ab, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr sie sich im Triumph sonnt.

Christoph Berger galt als Profi, dem aber der Ruf vorauseilte, ihm fehle das nötige Quäntchen Gewissenlosigkeit, das man zum Erfolg braucht. Als er das Magazin gründete, dümpelte es in den ersten Jahren eher mäßig durch die Medienlandschaft. Die finanziellen Mittel waren vorhanden, aber so richtig in Schwung kam das Magazin erst mit dem Einstieg seiner Studienfreundin Patricia, einer Karrierefrau mit scharfem Kalkül und den nötigen Attributen, die ihr offenbar schon in die Wiege gelegt wurden.

Von diesem Zeitpunkt an etablierte sich die Zeitschrift rasend schnell. Nicht zuletzt durch eine gelungene und breitgefächerte Themenmischung um Sachsens Landeshauptstadt hat sich die Auflage seitdem mehr als verzehnfacht.

Dann kam der Tag, an dem Christoph Berger unverhofft ein Angebot erhielt, das er nicht ausschlagen konnte. Er nahm es an und zog nach New York. Obwohl er die Fäden komplett in Patricias Hände übergab, fungiert er bis heute als Geldgeber und ist nach wie vor der große Boss von ELBFLAIR. Wie die meisten Redakteure, ist Miriam ihm jedoch noch nie persönlich begegnet und kennt sein Gesicht nur aus Zeitungsartikeln.

„Wo wird dieser hübsche Preis denn künftig stehen?“, fragt Tamara. Für Patricia gibt es da keinen Zweifel. „Natürlich in Christophs Büro in Manhattan. Er wird ebenso stolz darauf sein wie wir, wenn ich ihm dieses Schmuckstück in zwei Wochen überreiche.“

„Ein bisschen schade“, findet Verena. „Hier bei uns würde er auch gut aussehen.“

„Das stimmt, aber ich will ihn damit überraschen“, verrät Patricia, die jedes Jahr über Weihnachten nach New York fliegt und dem Boss den Jahresbericht des Unternehmens präsentiert. Patricia lässt es sich nicht nehmen, dafür extra zu ihm zu fliegen, obwohl sich das sicher auch anders lösen ließe. Per Videokonferenz oder via Skype etwa. Während sie immer gern betont, wie sehr sie den New Yorker Weihnachtstrubel liebt, munkelt man seit Jahren hinter ihrem Rücken, die beiden würde weit mehr als schnöde Zahlen und Jahresberichte verbinden.

„Und diesmal werde ich diesen wichtigen Preis im Gepäck haben“, erklärt sie mit Genugtuung in der Stimme. „Christophs Augen werden wie Christbaumkugeln leuchten.“

 

Abends schleppt Miriam zwei Einkaufsbeutel die Treppen zu ihrer Dachgeschosswohnung herauf und flucht innerlich wieder einmal, dass sie ganz oben in einem Haus ohne Aufzug wohnt. Als sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen lässt und zum Fenster schaut, weiß sie zumindest auf Ersteres die Antwort. Es ist dieser eindrucksvolle Blick über die Dächer und Parks von Striesen, der für alles entschädigt.

Dabei muss ich noch nicht mal für eine ganze Familienhorde einkaufen, denkt sie, als sie die Sachen verstaut und die Katzennäpfe füllt. Sie sieht zu, wie ihre beiden getigerten Mitbewohner sich wie halbverhungerte Löwen auf ihr Fressen stürzen und geht ins Wohnzimmer. „Pearl!“, schreit Miriam beim Anblick der Scherben auf dem Boden vor dem Schrank. „Das war meine schöne Kugellampe!“ Offenbar hat die Katzendame ihr immer noch nicht verziehen, dass Miriam ihr vor ein paar Tagen die ihr zustehende frühmorgendliche Aufmerksamkeit nicht zukommen ließ und die Frechheit besaß, sie mit einem kurzen Kraulen abzufertigen. Poppy steht bestürzt neben Miriam und betrachtet miauend das Scherbenunglück, während Pearl hoch erhobenen Hauptes zum Bücherregal schreitet. Das Telefon klingelt und die Scherben müssen warten. Es ist Karo, die sich lautstark nach ihrem Befinden erkundigt. Miriam hält den Hörer ein Stück weg von ihrem Ohr. Im Hintergrund quäken Lotte und Felix, die Zwillinge.

„Bei dir ist es lauter als zum Redaktionsschluss im Büro“, stellt Miriam fest und lässt sich auf das Sofa fallen. Sofort springt Poppy auf ihren Schoß, während Pearl erhaben wie eine Diva zwischen zwei Büchern im Regal thront.

Karo seufzt. „Wem sagst du das? Mir klingeln schon die Ohren. Im März fange ich wieder in der Kanzlei an und ich hätte nie gedacht, darüber mal so froh zu sein. Wie das alles dann mit den Zwillingen funktionieren soll, darüber will ich lieber noch nicht nachdenken.“

„Ach was, das schaffst du mit links“, spricht Miriam ihr Mut zu und denkt sich im gleichen Moment, wie blöd sich das anhören muss. Als ob du darüber Bescheid wüsstest. Zwar hat sie durch ihre enge Freundschaft zu Karo eine gewisse Ahnung davon, was das Muttersein neben großen Glücksgefühlen noch so alles mit sich bringt, aber wie es sich tatsächlich anfühlt, davon hat sie keinen Schimmer.

Sie fragt sich kurz, wie wohl ihr eigenes Leben mit Kindern und Ehemann aussehen würde. Wenn jauchzende Kinder sie beim Heimkommen begrüßen würden anstatt schnurrende Katzen, und ein Mann sie umarmt und küsst. Miriam schüttelt sich. Ihr Leben ist völlig okay. Es ist ja nicht so, dass sie sich gegen eigene Kinder entschieden hätte. Aber Vorstellung und Realität sind zwei grundverschiedene Dinge und nach dem desaströsen Beziehungsende mit Philipp vor über einem Jahr fühlt sie sich als Single pudelwohl. Poppy räkelt sich schnurrend auf ihrem Schoß und Miriam krault ihr weiches Fell.

„Bist du noch dran?“, fragt Karo.

„Ähm, ja … entschuldige, was hast du gesagt?“

„Ich wollte wissen, was du zu deinem Geburtstag planst.“

„Fällt aus“, erwidert Miriam wie aus der Pistole geschossen.

„Das kommt überhaupt nicht infrage!“, empört sich ihre Freundin. „Nur weil du Heiligabend Geburtstag hast, lassen wir ihn ganz bestimmt nicht ausfallen. Komm zu uns! Du weißt, du bist jederzeit willkommen und an Heiligabend sowieso. Wir würden uns alle freuen. Auch meine Eltern.“

Das weiß Miriam. Meistens hat sie Weihnachten erfolgreich ignoriert, weil es ihr schon lange nichts mehr bedeutet. Sie sieht keinen Sinn darin, in der Kirche oder sonst irgendwo die Geburt Christi zu zelebrieren, wo der liebe Gott den perfiden Plan für sie ausgeheckt hatte, ihr die Familie zu nehmen. Hin und wieder hatte sie sich von Karo überreden lassen, die Feiertage bei den Steiners zu verbringen. Einige Male war sie auch bei Tante Ira, der Schwester ihrer Mutter in Berlin gewesen. Oder sie war mit Philipp verreist. Im Grunde war es ihr egal, wo sie an Weihnachten war, Hauptsache es ging schnell vorüber. Aber dieser Dezember ist anders.

„Seit dem Interview kommen ständig diese alten Erinnerungen hoch, Karo. Sogar beim Schlittschuhlaufen neulich. Ich weiß echt nicht, was mit mir los ist, das alles ist doch lange vorbei! Aber auf einmal sehe ich immerzu meine Eltern vor mir.“ Sie bricht hilflos ab.

„Dann solltest du erst recht zu uns kommen.“ Karo klingt besorgt. „Das ist allemal besser, als Heiligabend allein in deiner Wohnung zu hocken und Trübsal zu blasen.“

Miriam schüttelt den Kopf. „Ich mag mein Zuhause aber. Außerdem hast du genug Stress mit den Kleinen.“

Karo sagte über ihre Wohnung mal, sie erinnere sie ein bisschen an die Bibliothek aus The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore. Das war natürlich maßlos übertrieben, aber die vielen Regale mit hunderten Büchern, der wuchtige Schreibtisch und vor allem ihr geliebter Patchwork-Lesesessel im bunten Farb- und Mustermix in einer Fensternische offenbaren ihre Leidenschaft für das, was andere einfach nur lesen nennen. Für Miriam ist es ein Eintauchen in andere Welten und das Vergessen von Raum und Zeit.

„Ich mag deine Wohnung auch, aber an deinem Geburtstag schmeiße ich eine Party für dich, keine Widerrede! Oder wir gehen abends irgendwo einen trinken, wenn die Zwillinge im Bett sind.“

Miriam seufzt resigniert. Sie ist dankbar, eine Freundin wie Karo zu haben, aber aus Karos Plan wird nichts. „Du bist so ein Schatz. Manchmal glaube ich, ohne dich und deine Eltern wäre aus mir eine durchgeknallte Irre geworden, nach all dem. Ich werde diesen Dezember schon irgendwie überstehen, keine Angst. Es wäre allerdings einfacher, wenn diese belastenden Erinnerungen wieder verschwinden würden.“

Poppy hebt den Kopf von ihrem Schoß und schaut Miriam aus ihren gelben Katzenaugen aufmerksam an, als würde sie spüren, dass etwas nicht stimmt.

„Vielleicht musst du lernen, mit den Erinnerungen zu leben, anstatt sie wegzuwischen, sie sind schließlich ein Teil von dir“, sagt Karo vorsichtig.

So etwas in der Art hatte damals mal eine Psychologin zu ihr gesagt. Irgendwann war Miriam nicht mehr hingegangen, weil sie der Meinung war, dass es nichts bringt, mit einer fremden Person darüber zu sprechen, welche Gefühle es in ihr auslöst, wenn sie an den Tod ihrer Mutter oder das Verschwinden ihres Vaters denkt.

„Ab Januar bin ich wieder ganz die Alte, versprochen. Mach dir keine Sorgen“, sagt Miriam mit fester Stimme. Sie schluckt und schnieft und wischt sich über die Augen, damit die wartenden Tränen nicht anfangen, über ihr Gesicht zu laufen. Poppy zuckt kurz, als eine einzelne Träne auf ihr flaumiges Ohr tropft. Nachdem sie sich verabschiedet haben, kramt Miriam in ihrer Handtasche nach einer Packung Taschentücher. Stattdessen zieht sie etwas anderes heraus. Einen Nikolausstiefel aus rotem Samtstoff, liebevoll befüllt mit Nougattäfelchen, Marzipan, Pfefferkuchen, einem Schokoladenschneemann und einem Piccolo Sekt. Miriam überlegt, wer in der Redaktion ihr damit wohl eine Freude machen wollte. Patricia käme ganz sicher nicht auf so etwas. Vielleicht die schöne Tamara? Nein, so eine liebevolle Kleinigkeit passt nicht zu der luxusliebenden Blondine. Die würde sie eher mit einem Wellnesstag oder mit Eintrittskarten für irgendeine Society-Veranstaltung beschenken. Jasmin ist es schon eher zuzutrauen. Sie würde alles geben, um an Weihnachten alle Menschen glücklich zu sehen. Von wem auch immer das nette Geschenk ist und so rührend Miriam die Idee findet, in ihre weihnachtsfreie Zone passt es nicht. Hier ist kein Platz für Schwibbögen, Pyramiden, Räuchermänner, blinkende Lichterketten oder gar einen Tannenbaum. Nicht mal für einen gefüllten Nikolausstiefel. Sie schnappt sich das Präsent und steht so abrupt vom Sofa auf, dass Poppy erschrocken zur Seite springt. Zufrieden lächelnd stellt sie das Samtstiefelchen vor die Tür der benachbarten Wohnung, in der eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter wohnt, der Miriam bisher höchstens zweimal im Treppenhaus begegnet ist.

Sie wird sich bestimmt darüber freuen, denkt Miriam und dieser Gedanke erfüllt sie mit Wärme, als sie wieder in ihre Wohnung schlüpft und die Tür schließt.

7

Samstag, siebenter Dezember

Nach ewigem Herumkurven steuert Miriam ihren roten Fiat 500 am frühen Nachmittag in eine der wenigen freien Parklücken am Pirnaischen Platz. Der Regen trommelt aufs Autodach. Karos Worte spuken ihr immer noch im Kopf herum. Sie muss dringend dafür sorgen, dass diese dummen Erinnerungen verschwinden und sie wieder die Kontrolle über ihre Empfindungen bekommt. Keine leichte Aufgabe im Dezember, aber sie hat es bisher immer geschafft. Ich bin kein labiles Opfer und ab sofort lasse ich diesen Quatsch einfach nicht mehr an mich heran, denkt sie kämpferisch. Sie schaut in den Rückspiegel und betont ihre Lippen mit einem dezenten Lippenstift. Für Melancholie ist keine Zeit, sie hat Wichtigeres zu tun. Mit dem Regenschirm schräg vor ihrem Gesicht eilt sie die Kreuzstraße entlang zum Café Elbflorenz nahe der Kreuzkirche am Altmarkt. Der Regen ist in Schneeregen übergegangen. Er bedeckt die Straßen und Fußwege mit schlierigem, graubraunem Matsch. Wieso regnet es eigentlich ständig?, fragt sie sich verdrießlich. Es ist Wochenende, was Patricia gestern Abend nicht davon abgehalten hat, für ihre Kulturredakteurin einen Interviewtermin mit dem Intendanten der Semperoper zu vereinbaren.

„Till Marquardt verreist nächste Woche, es passt ihm nur diesen Samstag“, hat die Chefredakteurin ihr gestern Abend telefonisch durchgegeben, nachdem Miriam den Nikolausstiefel vor die Tür ihrer Nachbarin gestellt hatte. Ihr Ton klang drängend, aber das war gar nicht nötig, Miriam weiß auch so um die Wichtigkeit. Obwohl sie schon seit einiger Zeit über die als zwiespältig geltende Aufführung im Bilde ist, verbrachte sie den Rest des Abends und die halbe Nacht damit, sich mit der anstehenden Premiere zu beschäftigen und das Interview vorzubereiten. ELBFLAIR will mit der Berichterstattung herausstechen, so Patricias Ansinnen. Eine echte Herausforderung, denn das Stück polarisiert nicht nur, es hat die Gemüter schon im Vorfeld gespalten. Sogar so etwas wie Streit entfacht zwischen konservativen Kulturliebhabern, die die Mittel der Umsetzung der bedeutsamen Thematik kategorisch ablehnen. Griesgrämige, weißhaarige Herren. Im Gegensatz zur Auffassung der jüngeren Anhängerschaft, der die künstlerische Darstellung des Weltgeschehens, wie es nun einmal ist, nicht provokativ genug sein kann.

Vom Weihnachtsmarkt schallen Trompetenklänge und Gelächter zu ihr, als Miriam das gemütliche Café mit der barocken Einrichtung betritt. Sie stellt den Schirm in die Ecke und nimmt ihre beschlagene Brille ab. Till Marquardt ist Mittsechziger, aber weder griesgrämig noch weißhaarig. Durch seinen Bart ziehen sich erste silberne Haare und sein Gesicht ist voller Lachfältchen. Der Intendant ist Miriam bereits von früheren Artikeln bekannt.

„Frau Engel!“, begrüßt er sie überschwänglich und schüttelt ihr mit einem zerknirschten Lächeln die Hand. „Ich hoffe, unser kurzfristiger Termin verdirbt Ihnen nicht das Wochenende.“ Er nimmt ihr den Mantel ab und führt sie in eine ruhige, hintere Ecke.

„Ach was, das ist gar kein Problem!“, versichert Miriam, legt ihr Notizbuch und das kleine Aufnahmegerät bereit und setzt sich in den Ohrensessel unter dem riesigen Canaletto-Wandbild mit Dresdens berühmtem Stadtpanorama. Bei Milchcafé und Christstollen erzählt er über die Oper mit dem bedeutungsvollen Namen Apocalypsis und beantwortet anschließend Miriams Fragen. Alles läuft planmäßig und eine Stunde später kommen sie zum Ende. Sie lauscht aufmerksam den letzten Ausführungen des Intendanten und macht sich Notizen, als ihr Blick am Hinterkopf eines Mannes an einem der vorderen Tische hängenbleibt. Sie widmet sich ihrem Gegenüber, muss aber immer wieder zu dem besagten Hinterkopf schauen. Till Marquardts Antwort verhallt wie im Nebel, als Miriam klar wird, wessen Kopf sie gesehen hat. Es ist kein anderer als … Philipp. Obwohl es über ein Jahr her ist, dass die Beziehung mit ihm zerbrach, überfällt Miriam ein flaues Gefühl. Während sie versucht, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, schweifen ihre Gedanken kurz zurück zu dem Winzerfest auf Schloss Wackerbarth, bei dem sie sich kennengelernt hatten. Miriam war über eine Stufe gestolpert und hatte ihren Wein verschüttet, direkt auf das schwarze Sakko des smarten Rechtsanwalts Philipp Mangold. Er nahm das Missgeschick mit Humor, während sie sich mit hochrotem Kopf stotternd entschuldigte. Wenig später waren sie ein Paar.

Philipp sitzt keine fünf Meter von ihr entfernt einer Frau gegenüber, deren Latte-Macchiato-Milchschaum wahrscheinlich gerade ein Herz aus Schokoladenkrümeln ziert. Zumindest bildet Miriam sich das ein. Sicher hat diese Frau kein Problem mit Weihnachten. Sie lachen sich an und wirken verliebt. Was für ein schönes Paar, denkt Miriam sarkastisch. Das sollte sie wirklich nicht aus der Fassung bringen. Dennoch ist sie froh, dass Philipp mit dem Rücken zu ihr sitzt und sie nicht sehen kann. Sie wendet den Blick weg von dem Liebespaar und fasst sich an den Hals.

„Ist alles in Ordnung?“ Der Intendant hält inne und blickt sie durch seine Nickelbrille prüfend an.

„Äh … ja. Entschuldigung“, stammelt Miriam und lächelt verlegen. „Ich habe mich nur an einem Stück Stollen verschluckt.“ Sie räuspert sich und lenkt ihre Aufmerksamkeit wieder zum Interview. Nicht auszudenken, wenn sie das auch noch verbockt, wie den Striezelmarkt-Bericht. Dann kann ich gleich meine Sachen packen.

Kurz darauf verabschiedet sich Till Marquardt und überreicht ihr zwei Eintrittskarten. Miriam bedankt sich und schüttelt ihm die Hand. „Ich bin sehr gespannt auf die Premiere!“

Als der Intendant das Café verlassen hat, nimmt Miriam aus den Augenwinkeln wahr, wie Philipp die Rechnung bezahlt und die Jacken vom Haken nimmt. Sie sinkt tiefer in den Sessel und tut so, als schreibe sie etwas in ihr Notizbuch. Immer noch ein zuvorkommender Gentleman, denkt sie. Als seine Begleiterin sich erhebt, um sich von ihm in die Jacke helfen zu lassen, offenbart sich ihr unübersehbarer Babybauch. Miriams Hand mit dem Notizbuch sinkt auf ihren Schoß. Das ging ja schnell. Sie rechnet kurz nach. Aber kein Wunder. Er hatte während ihrer Beziehung nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich Kinder wünscht.

Als die beiden gegangen sind, fällt die Anspannung von Miriam ab. Sie atmet tief durch und bestellt sich noch einen Milchcafé. Durch die halbtransparenten Vorhänge mit goldenen Sternenstickereien beobachtet sie die vorbeieilenden Menschen im Schneeflockengestöber. Ein Teenagerpärchen stapft engumschlungen durch den Schneematsch. Das Mädchen bleibt stehen und streicht mit ihrer behandschuhten Hand über ein schneebedecktes Geländer. Dann pustet sie ihrem Freund den Schnee von ihrer Hand ins Gesicht und weicht lachend dem Schneeball aus, den er nach ihr wirft.

Miriam packt ihre Unterlagen zusammen und macht sich auf den Weg nach Hause, um das Interview in eine ordentliche Form zu bringen. Sie hat nicht vor, sich von diesem Dezember unterkriegen zu lassen.

8

Sonntag, achter Dezember

Die Jungs von Blackbird Five sind voll in ihrem Element. Ich wippe mit dem Fuß und dem Kopf zum Beat, schließe die Augen und lasse mich mitreißen von den schnellen, harten Klängen. Etwas zwischen Punk und Rock. In zerrissenen Jeans und Spitzenbluse beobachte ich aus dem uralten Sessel Rocco an der Bassgitarre. Er hat mich reingelassen, trotz der abschätzigen Blicke der anderen Bandmitglieder. Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten und musste raus. Weg von der angestrengt guten Laune meiner Mutter, weg von Adventsmusik und Räucherkerzenduft an diesem zweiten Advent, der es nicht schafft, das Drohende abzuwenden. Zähneknirschend haben die anderen zugestimmt, dass ich bei der Probe anwesend sein darf. Aber nur, wenn ich völlig unsichtbar bin und den Mund halte, wie Gregor, der Drummer, mich gewarnt hat. Die Jungs kennen sich schon seit der Schule, wo sie eine Schülerband gegründet haben. Später entsprang daraus Blackbird Five. Immer wieder wiederholen sie diese eine Passage, fluchen, brechen ab und fangen neu an. Es riecht nach Anstrengung, Bier, eisenhartem Willen und Rauch in dem kleinen Proberaum am Rand der Neustadt. Rocco wohnt in einer WG zwei Häuser weiter. Ich sage es ihm nicht, aber ich wünschte, ich könnte bei ihm einziehen und vor den ganzen Sorgen und Ängsten zu Hause wegrennen, auch wenn mir klar ist, dass das meinen Eltern gegenüber unfair wäre. Aber ich würde so gern nicht mehr stark sein müssen, wie sie es sich von mir wünschen.

Ich nippe an Roccos Bier. Die Klänge werden weicher und ruhiger beim nächsten Song. Johann, der Leadsänger, den alle nur Henne nennen, singt zusammen mit Rocco. Ich könnte seinem rauchigen Gesang ewig zuhören. Er schaut mich an. Seine Stimme streift mich wie ein warmer Sommerwind. Ich bekomme Gänsehaut und schlucke. Das zwischen uns beiden ist nicht einfach zu beschreiben und ich weiß manchmal nicht, ob Rocco neben der Musik noch etwas anderes oder jemand anderen lieben kann. Jemanden wie mich. Mal ist es leicht und unbeschwert und dann wieder kompliziert. Wie Marshmallows gespickt mit Reißzwecken.

Die Jungs machen Pause, trinken Bier am anderen Ende des Raumes und machen Witze. Etwas klemmt in meiner Hosentasche. Ich ziehe das vergilbte Foto heraus und betrachte es. Ich habe es vorhin zu Hause vorsichtig aus der Brusttasche von Papas Hemd gezogen, als er auf dem Sofa schlief. Ganz behutsam, damit er nicht wach wird. Ich hab ihn oft dabei beobachtet, wie er das Foto anschaut und dabei lächelt, wie man lächelt, wenn man an ein schönes Erlebnis aus der Vergangenheit denkt. Auf dem alten Foto sieht er viel jünger aus. Eine glückliche Familie. Es gibt nur eine große Ungereimtheit. Der Mann auf dem Bild ist Papa, aber weder ist die Frau an seiner Seite meine Mutter noch bin ich das Mädchen mit den dunklen Zöpfen und der Zahnlücke auf der Schaukel. Und ich frage mich zum wiederholten Male an diesem zweiten Advent: Wer zum Geier sind die beiden?

9

Montag, neunter Dezember

„Ah, da ist ja unser Engelchen endlich!“ Tamara Schöne prostet Miriam von Weitem zu, als sie durch den schweren Vorhang ins Metropolis schlüpft. Um diese Zeit einen Parkplatz in der Neustadt, dem lebhaften, quirligen Dresdner Kneipenviertel zu finden, ist fast so wahrscheinlich wie Schnee im Sommer. Sie hat das Auto zu Hause stehen lassen und die Straßenbahn genommen.

Miriam schüttelt die Schneeflocken aus ihren Haaren, hängt ihren Mantel auf und setzt die beschlagene Brille ab. „Puh, bei dem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür. Ich sehe aus wie ein begossener Pudel.“

„Besser spät als nie“, kommentiert Verena trocken.

Miriam lässt sich neben ihr auf das pompöse, rote Samtsofa fallen. Aus den Lautsprechern swingt Michael Bublé White Christmas. Miriam lehnt sich behaglich zurück.

„Ich komme gerade von einem Termin mit diesem neuen Krimiautor, der sich nichts sehnlicher wünscht, als dass ich über sein neues Buch berichte.“

„Ach, ein mörderisches Date mit einem Krimiautor, wie aufregend“, säuselt Tamara.

Miriam lacht und rollt mit den Augen. „Kein Date, Tamara. Nur ein Termin, und ich lebe noch“, sagt sie, während sie ihre Brille mit dem Ärmel ihrer Strickjacke putzt.

Tamara ist Feuer und Flamme. „Und? Wirst du ihm seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen?“, haucht sie und schaut Miriam dabei tief in die Augen. Jasmin und Verena lachen sich schlapp.

„Das entscheide ich, wenn ich das Buch gelesen habe“, antwortet Miriam grinsend.

Jasmin wiegt sich verträumt zu dem White-Christmas-Song und der schmelzenden Stimme von Michael Bublé. Miriam hat immer noch ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. „Tut mir leid, Jasmin. Ich war dir keine gute Vertretung zur Weihnachtsmarkteröffnung. Du hättest das viel besser hinbekommen“, sagt sie zerknirscht. Jasmin winkt ab. „Kein Thema. Obwohl mich ja schon interessieren würde, was dich so aus der Spur gebracht hat. Erzähl mal!“

„Da gibt es nichts zu erzählen“, sagt sie, doch es klingt nicht überzeugend.

„Das würde uns tatsächlich brennend interessieren“, meint Tamara mit verschränkten Armen und forscht prüfend in ihrem Gesicht. „Du machst dich ganz schön rar in letzter Zeit.“

Miriam setzt ein fröhliches Gesicht auf. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

Davon lässt sich Tamara nicht abspeisen. Jeder, der sie kennt, weiß, dass die vierzigjährige Blondine eine Frau ist, die sich niemals abspeisen lässt. „Ach, komm schon. Wo ist die alte Miriam? Du bist überhaupt nicht wiederzuerkennen. Ziehst seit Tagen ein Gesicht wie ein verschmorter Gänsebraten und verschmähst letzten Freitag sogar den Glühweinbummel mit den Kollegen auf dem Striezelmarkt.“ Striezelmarkt. Peng! Da war es wieder.

Der Kellner, ein junges Bürschchen mit stylischer Wuschelfrisur und Hufeisenbart, kommt ihr unbewusst zu Hilfe, als er an den Tisch tritt und die Bestellung aufnimmt. Miriam atmet innerlich auf.

Mit dem bordeauxroten Teppich, den dunklen Tischen und der in Gold und Schwarz gehaltenen Bar in der Mitte, über der ein glanzvoller Kronleuchter prangt, erinnert das Metropolis an ein stilvolles Tanzlokal der Zwanzigerjahre.

„Wie immer: Burlesque für alle“, ordert die schöne Tamara. Miriam hofft, dass die Kolleginnen das Thema fallenlassen.

Tamaras knallrot geschminkte Lippen umspielt ein zufriedenes Lächeln, als sich der Blick des Kellners kurz in ihr üppiges Dekolleté verirrt, bevor der Mann hinter der Bar verschwindet. Fast wie Pearl, wenn sie meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit genießt, denkt Miriam grinsend. Jasmin hüstelt demonstrativ und raunt hinter vorgehaltener Hand: „Du kannst es nicht lassen, oder, Tamara? Also, ich will ja nicht indiskret sein, aber, ähm … er könnte dein Sohn sein!“ Jasmin Breuer, in der Redaktion verantwortlich für den Bereich FAMILIE UND FREIZEIT, ist eine hoffnungslose Romantikerin. Die Zweiunddreißigjährige wirkt mit ihrer zierlichen Figur, den verspielten Locken und ihrer Vorliebe für pastellfarbene Blusen und Kleider eher wie Mitte zwanzig.

„Wir sind schon ein ulkiger Haufen“, stellt Miriam schmunzelnd fest. Vier grundverschiedene Frauen, die sich trotzdem blendend verstehen. Im Gegensatz zu Tamaras offenherzigem Stil und der romantischen Verspieltheit von Jasmin mag sie es sportlich-elegant. Sie schminkt sich eher dezent und fühlt sich in Jeans und schicken Blazern wohl. Feixend nimmt Verena die schöne Tamara in Schutz. „Sie kann doch nichts dafür, dass sie auf junges, zartes Fleisch steht.“

Miriam kennt keine andere Frau, die wandlungsfähiger ist als Verena aus dem GASTRONOMIE-Ressort. Tagsüber nimmt sie seriös und korrekt gekleidet in Streifenbluse und Bleistiftrock Dresdner Restaurants und Kneipen für ELBFLAIR kritisch unter die Lupe. Nach Feierabend streift sie diese Sachen ab wie einen Kokon. Dann löst sie den straffen, glatten Zopf, schüttelt die schwarzen Haare zu einer wilden Mähne und zum Vorschein kommt ihr wahrer Look. Manche nennen sie Rockerin, andere Heavy-Metal-Biest. Verena selbst sieht sich als nichts davon und lächelt nur müde über die Tatsache, dass so viele Menschen unbedingt alles und jeden in Schubladen stecken müssen, am besten noch säuberlich beschriftet, in ihrem Fall mit Achtung: bissiges Rockerbiest!

Miriam nippt an ihrem zuckerumrandeten Glas. Eine fruchtig-herbe Mischung aus Limette und Erdbeere vereinigt mit Wodka, Prosecco und was auch immer - das Stammgetränk der vier Frauen. Sie genießt die wohlige Wärme in dem Lokal, streckt die Beine unter dem Tisch aus und lehnt sich zurück.

Später laufen die Gespräche auf ein unvermeidliches Ereignis hinaus: Weihnachten. Dazu kann sie nicht viel beitragen. Sie wird immer stiller. Jasmin hat das Fest der Liebe bis ins kleinste Detail geplant und plappert voller Vorfreude: „Es wird perfekt! Meine Eltern kommen schon am Nachmittag. Wir gehen gemeinsam in die Kirche, danach kommen meine Schwiegereltern und Daniels Schwester mit Familie. Mein Schwiegervater macht den Weihnachtsmann für die Kinder und mein Schwager spielt am Klavier. Hach, ich liebe Heiligabend!“ Sie klatscht in die Hände. Miriam würde sich am liebsten die Ohren zuhalten.

Tamara leckt über den Zuckerrand ihres Glases und haucht lasziv: „Ich auch, aber nur, wenn der Weihnachtsmann bei meiner Bescherung die Hüllen fallen lässt.“ Jasmin starrt sie entgeistert an und Verena haut sich lachend auf die Schenkel. Miriam wird immer unwohler. Sie betrachtet das Adventsgesteck auf dem Tisch und berührt mit dem Zeigefinger die Spitzen der Tannennadeln.

„Wir fliegen diesmal wahrscheinlich spontan irgendwohin, wo nichts als Sonne ist“, fährt Verena fort, als sie sich von ihrem Lachanfall beruhigt hat. „Dann ersparen wir uns die spießige Feier mit meinen Schwiegereltern. Die darf gern ohne mich stattfinden. Und du?“ Ihre Frage geht an Miriam.

„Ich? Nun, ich werde mich in meiner Wohnung verschanzen, mich aufs Sofa kuscheln und drei Tage lang von Pizza, Rotwein und Schokolade ernähren und mir dabei Netflix-Serien in Dauerschleife reinziehen. Weihnachtsfreie Serien wohlgemerkt!“ Die anderen starren sie ungläubig an.

„Das tust du nicht“, kommentiert Tamara, die Miriams Aussage für einen schlechten Scherz hält.

Miriam, die die Angelegenheit lieber nicht vertiefen will, möchte sich am liebsten unter einem fadenscheinigen Grund verabschieden. Aber das würde komisch aussehen und die anderen nur noch mehr anstacheln.

„Weihnachten bedeutet mir eben nichts. Ist schließlich kein Verbrechen“, versucht sie zu erklären und überlegt, wie sie das Thema wechseln kann.

„Das nicht“, meint Jasmin, „und nach der Trennung von Philipp im letzten Jahr hattest du vielleicht noch einen einigermaßen plausiblen Grund, Weihnachten zu boykottieren, aber diesmal? Willst du das etwa bis an dein Lebensende durchziehen?“

Miriam zuckt die Schultern. Die vier Frauen kennen sich zwar ganz gut, aber so gut auch wieder nicht, dass eine von ihnen über Miriams wahre Beweggründe Bescheid wüsste. Außerdem hatte sie bis letzte Woche nicht das kleinste Problem damit. Ihre Weihnachtsignoranz war nie ein Thema gewesen.

„Hast du nicht sogar an Heiligabend Geburtstag?“, fragt Verena, während sie an ihrer Limettenscheibe schlürft.

„Ja, hab ich. Und jetzt lasst es gut sein, okay?“

Miriams Gesicht wird undurchdringlich, was Jasmin, Tamara und Verena zu noch mehr Spekulationen anspornt.

„Vielleicht hat der Weihnachtsmann die kleine Miriam früher in den Geschenkesack gesteckt, weil sie nicht artig war, ohne zu ahnen, dass das zu einem lebenslangen Weihnachtsmanntrauma führt“, vermutet Jasmin kichernd. Miriam wünschte, ihre lieben Kolleginnen würden endlich aufhören. Aber kann sie es ihnen verübeln? Es ist schon ungewöhnlich, wenn jemand Weihnachten derart ablehnt wie sie, das kann selbst sie nicht abstreiten. Ihre Kolleginnen stecken die Köpfe zusammen und sehen aus, als versuchten sie der Story des Jahres auf den Grund gehen. Sie sind wie im Rausch, Miriams Unbehagen entgeht ihnen komplett. Egal, einfach ignorieren. Das kannst du doch gut.

Verena meint augenzwinkernd: „Nein, ich glaube eher an eine Überdosis aus Lebkuchen, Glühwein und gebrannten Mandeln auf dem Striezelmarkt. Lebensmittel- oder Alkoholvergiftung oder so was.“

Wenn ihr wüsstet, dass ich diesen Markt meide wie der Teufel das Weihwasser!

Miriam lacht gezwungen, doch ihr Gesichtsausdruck gefriert mehr und mehr zu Eis. Sie sollte die spaßig gemeinten Sticheleien einfach weglächeln, aber es gelingt ihr nicht.

Tamara äußert eine andere Theorie: „Oder hat dein Ex dir irgendwann mal eine Küchenwaage oder ein Topfset zu Weihnachten geschenkt anstatt eines funkelnden Brillantringes und dich damit bis an dein Lebensende verärgert?“

Bei dem schallenden Gelächter, das darauf folgt, verkrampfen sich Miriams Finger um ihr Glas.

Wenn ihr wüsstet, was ich alles verloren habe. Wenn ihr wüsstet, wie froh ich war, als ich endlich alles hinter mir lassen konnte. Wenn ihr wüsstet …

Etwas braut sich in ihr zusammen und kämpft sich brodelnd an die Oberfläche. Sie atmet schneller, kann nichts dagegen tun, dass ihre mühsam aufrecht gehaltene Fassade einstürzt wie ein gesprengtes Gebäude, während die anderen sie erwartungsvoll ansehen.

Ihre Antwort platzt heftiger, als beabsichtigt heraus. „Ihr liegt absolut daneben mit euren dämlichen Vermutungen. Ich hatte eines Tages NUR mit der unwesentlichen Tatsache zu kämpfen, dass meine Mutter am ersten Feiertag tot umfiel. Einfach so, mitten in den Partyvorbereitungen zu meinem achtzehnten Geburtstag. Plötzlich lag sie auf dem Boden und quer über ihr die Girlande, die sie gerade anbringen wollte. So! Zufrieden? Jetzt wisst ihr Bescheid.“

Provozierend schaut sie in die betroffenen Gesichter der anderen, dann zieht sie den Kopf ein. Mist! Musste das sein? Hättest du nicht einfach den Mund halten können, dumme Pute? Sie schlägt die Augen nieder und greift nach ihrem Glas. „Ich hätte nicht davon anfangen sollen.“ Sie nimmt einen tiefen Schluck, obwohl ihr übel ist. Am liebsten würde sie alles zurücknehmen, aber dafür ist es zu spät. Schweigen breitet sich am Tisch aus. Ihre Aussage hat die ausgelassene Stimmung durchtrennt wie ein Schwert, das ein Seidentuch in der Luft teilt. Während Michael Bublé gefühlvoll I’ll Be Home for Christmas zum Besten gibt, ebbt Miriams Wut allmählich ab und geht über in Verlegenheit. Sie kann den anderen kaum in die Augen schauen.

Jasmin findet als Erste ihre Sprache wieder, nachdem sie sich erschrocken die Hand vor den Mund geschlagen hatte. „O mein Gott … wie furchtbar“, stammelt sie hilflos.

Tamara murmelt nicht minder betreten: „Sorry, Schätzchen, ich hatte ja keine Ahnung.“

„Ja, wie auch?“, fragt Miriam mit einer ungewissen Handbewegung und wiederholt: „Es tut mir leid, ihr Lieben, das war fehl am Platz. Ich will uns schließlich nicht den Abend verderben.“ Sie zieht bedauernd die Schultern hoch.

Verena sieht sie überrascht an. „Wieso hast du nie davon erzählt?“

„Weil mir eure originellen Kommentare lieber sind, als euer Mitleid“, scherzt Miriam halbherzig, aber keine der anderen lacht.

„Sicher stand dir dein Vater in dieser schweren Zeit zur Seite“, sagt Jasmin und sieht Miriam hoffend an, weil alles andere in ihren Augen einfach nicht sein kann.

Miriam schnaubt. „Irrtum. Er hatte es vorgezogen, drei Jahre vorher mit einer anderen Frau durchzubrennen. Ich stand gottverlassen da und wusste im ersten Moment gar nichts mehr.“

Jasmins Schultern sinken nach unten, als würde ihr romantisches Weltbild untergehen.

„Aber was soll’s“, sagt Miriam munter und winkt ab. Sie strafft die Schultern und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. „Das ist so lange her und ich bin trotzdem ein großes Mädchen geworden, auch ohne ihn. Seht mich an. Show must go on.“ Das meint sie wirklich so. Sie hat ihren Vater nicht gebraucht seit dieser schlimmen Sache. Umso unverständlicher kommen ihr nun ihre eigenen Empfindungen nach all den Jahren vor.

„Show must go on? Du spinnst ja wohl.“ Tamara beugt sich zu ihr rüber und umarmt Miriam schniefend. Die sonst so eloquente Reporterin ringt um Worte, was äußerst selten vorkommt. Verena schaut Miriam überlegend an. „Und du hast in all den Jahren nichts mehr von deinem Vater gehört oder gesehen?“

„Nein. Das heißt, ja. Zuletzt auf der Beerdigung meiner Mutter, aber ich habe all seine Gesprächsversuche abgeblockt.“ Bei der Erinnerung an ihre ohnmächtige Wut damals beißt sie sich auf die Innenseite ihrer Wange, bis sie Blut schmeckt. „Es war zwecklos. Ich entschied, dass ich in meinem ganzen Leben nie wieder etwas mit ihm zu tun haben wollte. Ich weiß nicht mal, wo er wohnt und ob er noch lebt.“

Tamara hebt skeptisch den Kopf. „Du weißt nicht, wo er wohnt und ob er noch lebt? Schätzchen, du bist Reporterin und Dresden ist nicht Bangkok!“

„Richtig. Und hätte ich es gewollt, wäre es bestimmt ein Leichtes gewesen, das herauszufinden. Aber ich hatte nun mal nie das Bedürfnis danach“, beharrt Miriam. Das hatte sie tatsächlich nicht. Ihr Leben ist gut so wie es ist. Schaudernd denkt sie daran, wie sie ihre Mutter im Flur liegend fand, vor Schreck unfähig sich zu bewegen. Wie sie vorsichtig an ihrer Schulter rüttelte und ihr Kopf zur Seite fiel. Wie sie zum Telefon griff und den Notruf wählte. Alles wie in Zeitlupe, mechanisch und ohne klar denken zu können. Wie ihre Mutter abtransportiert wurde, beobachtet von neugierigen Nachbarn hinter wackelnden Gardinen.

Die Zeit danach war grausam. Sie hatte nicht geahnt, welche körperlichen Schmerzen Trauer verursachen konnte, aber sie schaffte es aus dem Loch heraus. Selbst wenn ihr Vater noch lebte, für Miriam war er zusammen mit ihrer Mutter gestorben. Auch wenn er natürlich nichts für den Tod seiner Exfrau konnte, irgendwie hatte Miriam nie ganz damit aufgehört, ihm innerlich die Schuld oder zumindest eine Teilschuld dafür zu geben.

Jasmin befürchtet, Miriams Finger könnten ihr Glas zerquetschen. Sie legt ihr beruhigend die Hand auf den Arm. Verena ist immer noch erstaunt. „Warte mal, ich krieg es gerade nicht ganz auf die Reihe. Heißt das, du musstest dich mit gerade mal achtzehn Jahren ganz allein um die Beerdigung, den Nachlass und das ganze Zeug kümmern? In dem Alter hatte ich ausschließlich drei Dinge im Kopf: Klamotten, Partys und Jungs.“

Miriam schüttelt lächelnd den Kopf. „Ganz allein war ich nicht. Tante Ira, Mamas Schwester, kam aus Berlin und blieb die erste Zeit bei mir. Ich hätte auch zu ihr nach Berlin ziehen können, aber das wollte ich nicht. Außerdem war Karos Familie für mich da.“

Obwohl Miriam diese Offenbarung ganz und gar nicht geplant hatte, realisiert sie erleichtert, wie ein Stück der Last von ihr abfällt.

„Puh“, macht Tamara und atmet langgezogen aus. „Das muss echt hart gewesen sein.“

Miriam nickt fest. „Ja, aber ich hab es überlebt. Kommt bloß nicht auf die Idee, mich zu bemitleiden, Mädels.“ Das wäre ja noch schöner.

„Und jetzt Prost!“

Sie hebt ihr Glas als Zeichen, dass alles gesagt ist und stößt mit den anderen an. In ihr breitet sich eine Leichtigkeit aus, von der sie nicht genau sagen kann, ob sie von dem prickelnden Cocktail oder von diesem Gespräch oder von beidem herrührt.

10

Rezept Cocktail Burlesque

Fruchtig prickelnder Genuss

4 cl Erdbeersaft

4 cl Ananassaft

2 cl Wodka

1 cl Triple Sec

1 unbehandelte Limette

Eiswürfel

Prosecco

Minzblätter

 

Erdbeersaft und Ananassaft zusammen mit Wodka, Triple Sec, dem Saft einer Limette und 4-5 Eiswürfeln in einen Cocktailshaker geben und kräftig schütteln. In ein Cocktailglas gießen und mit gekühltem Prosecco auffüllen. Mit Minzblättern und einer Limettenscheibe garnieren und genießen.

11

Mittwoch, elfter Dezember

„Jetzt hör aber auf, Mona. Also wirklich!“ Langsam wird Vincent Rombach ungeduldig. „Das muss ich mir echt nicht antun. Diese ganzen stillen Vorwürfe in jedem Blick, jeder Geste. Unmöglich ist das!“ Er trommelt mit einem Lineal auf seinem Schreibtisch herum, während er den Telefonhörer fester umklammert. Dass Mona einfach nicht lockerlassen kann.

„Nun übertreibst du aber, Brüderchen, meinst du nicht?“ Seine Schwester hört sich an wie seine Mutter und Vincent bereut fast, ans Telefon gegangen zu sein.

„Nein, meine ich nicht“, brummt er. „Ich will mir nicht ständig ein schlechtes Gewissen für meine Berufswahl einreden lassen. Aber wie könntest du das auch verstehen, bei dir haben sie andere Maßstäbe angesetzt.“ Sogleich bereut er seinen harten Tonfall. Seine Schwester kann nichts für den Konflikt, der sich in der Familie Rombach in letzter Zeit immer mehr zugespitzt hat.

„Sorry …“

„Ich finde deine Haltung ziemlich egoistisch“, bemerkt Mona leicht eingeschnappt.

„Egoistisch?“ Seine Faust kracht auf den Schreibtisch und ein Stapel technischer Zeichnungen und Pläne segelt auf den Fußboden. Am anderen Ende ist es kurz still. Eigentlich ist er nicht der Typ, der mit der Faust auf den Tisch haut, aber langsam reicht es ihm.

Monas Stimme nimmt einen beschwörenden Klang an. „Vincent. Überlege es dir bitte noch mal. Die Kinder würden ihren Onkel so gern wiedersehen. Wir haben Weihnachten doch immer zusammen bei unseren Eltern gefeiert. Du brichst Mutter sonst das Herz.“

„Du weißt schon, dass man das Erpressung nennt? Nein, im Ernst. Wir sehen uns bald wieder, versprochen. Aber nicht zu Weihnachten.“

Er muss jetzt hart bleiben, denn er hat das sichere Gefühl, dass der kalte Krieg mit seinem Vater zu Weihnachten eskalieren könnte. Und das würde niemandem etwas bringen. Weder Mona und Jörg, noch seiner Nichte oder seinem Neffen und ebenso wenig seiner Mutter.

„Und wie willst du stattdessen Weihnachten verbringen, du sturer Esel?“, will Mona wissen.

„Hab ich mir noch nicht überlegt“, weicht Vincent aus, während er die Blätter vom Boden aufsammelt. „Es ist ja auch noch viel Zeit bis dahin. Vielleicht besuche ich Matthis in New York. Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen.“

„Matthis?“ Monas Stimme klingt halb belustigt, halb schwärmerisch. „Den fand ich damals so süß. Und wie enttäuscht ich war, als ich feststellte, dass er nicht auf mich stand.“

„Deine Enttäuschung ließ erst nach, als du herausgefunden hast, dass er auf überhaupt kein Mädchen stand“, sagt Vincent.

Seine Schwester lacht glucksend in den Hörer. Vincent hört die Glocke an der Tür ihres Blumenladens läuten.

„Stimmt“, sagt sie mit gesenkter Stimme. „So, ich muss aufhören und weiter Weihnachtskränze binden, die Kundschaft wartet. Versprich mir, dass du es dir überlegst, ja?“

„Bis bald, mach’s gut“, sagt Vincent und legt mit einem Seufzer auf.

12

Donnerstag, zwölfter Dezember

Autor

  • Anja Schenk (Autor)

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Titel: Engel, Punsch und Weihnachtsküsse