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Mord ohne Ende

von Rhys Bowen (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Constable Evan Evans und seine Ehefrau Bronwen leben sich als frisch Vermählte endlich in ihrem kleinen Häuschen oberhalb des Dorfes Llanfair ein. Als die sechzehnjährige Pakistanerin Jamila mit ihre Familie in das walisische Dörfchen zieht, freundet sich Bronwen direkt mit ihr an. Doch dann verschwindet das Mädchen plötzlich und jede Spur führt ins Leere …  Hat der Fall etwas mit dem Toten zu tun, dessen Mord Evan gerade versucht aufzuklären? Und wird der Constable es schaffen, das Mädchen rechtzeitig zu finden?

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe November 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-700-4

Copyright © August 2006 by Rhys Bowen
Titel des englischen Originals: Evanly Bodies

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Lennart Janson
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von © Andrew Roland und © Ihnatovich Maryia/shutterstock.com
Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Dieses Buch ist meinem Ehemann John gewidmet, der sich für meine Arbeit als Autorin eingesetzt hat, mein Chauffeur, Bodyguard, Lektor und Mädchen für alles war, der Deadlines, schlechte Rezensionen und besucherlose Autogrammstunden mit mir durchstand und mit mir feierte, wenn etwas gut lief. Auf dass die kommenden vierzig Jahre noch besser werden mögen.

Kapitel 1

Der Briefträger bemerkte es als Erster. Während er Llanfairs einzige Straße hinunterraste, sein Motorrad kaum unter Kontrolle, blickte er auf die kleine Ladenzeile zu seiner Linken. Das Dorf hatte drei Läden und eine Tankstelle vorzuweisen. Der erste Laden in der Reihe war eine Metzgerei: G. EVANS, GUGGYD, das walisische Wort für „Metzgerei“ prangte in großen Lettern an der Front; etwas kleiner stand auf Englisch daneben: LIEFERANT FEINSTEN FLEISCHES. Es folgte R. EVANS, MILCH UND MILCHERZEUGNISSE. Die beiden Ladenbesitzer waren den Einheimischen als Fleischer-Evans und Milchmann-Evans bekannt. Nur der letzte Laden in der Reihe verhinderte das Evans-Monopol: T. HARRIS, GEMISCHTWAREN UND POSTNEBENSTELLE. Aber T. Harris war schon lange tot und seine Witwe hatte es schließlich doch aufgegeben, mit dem nahen Supermarkt zu konkurrieren und war zu ihrem Sohn in die Nähe von London gezogen. Wie sie sich nur dazu hatte entschließen können, ihre letzten Jahre unter Fremden zu verbringen, war im Dorf ein Thema für hitzige Debatten gewesen.

So hatte der Laden am Ende der Reihe schon seit einer Weile leer gestanden. Der Briefträger, ein weiterer Evans, der entsprechend Briefträger-Evans genannt wurde, war auch nicht von der Modernisierung verschont geblieben, die in Nordwales um sich griff. Er trug seine Briefe jetzt mit einem Motorrad aus, wodurch er die Dörfer Llanfair und Nant Peris sowie die abgelegenen Bauernhöfe erreichen konnte. Er war jetzt schon seit mindestens einem Jahr mit dem Motorrad unterwegs, war aber der Beherrschung dieser Maschine noch keinen Schritt näher gekommen. Er hatte die gleichen schreckgeweiteten Augen wie die Fußgänger, die ihm ausweichen mussten. In diesem Augenblick sprang auch jemand zur Seite, weil Briefträger-Evans auf seine jüngste Entdeckung starrte, dabei die Kontrolle verlor und beinahe auf dem Bürgersteig landete. Es war Mrs. Powell-Jones, die Frau des Pastors.

„Idiot! Dummkopf!“, schrie Mrs. Powell-Jones, während sie versuchte, nach dem Sprung ihre Würde zurückzuerlangen. „Ich werde Sie beim Postmeister melden! Sie bringen eines Tages noch jemanden um.“

Doch Briefträger-Evans war längst an ihr vorbei und außer Hörweite. Schließlich bekam er sein Motorrad wieder unter Kontrolle, hielt an, holte einen Brief aus seinem Postsack und schritt auf die Tür eines weiß getünchten Cottages auf der anderen Straßenseite zu. Doch anstatt den Brief durch den Briefschlitz zu schieben, klopfte er an die Tür und wartete, bis man ihm öffnete.

„Ein Brief für Sie, Mrs. Williams“, sagte er. „Von ihrer Enkelin ... die, die in London studiert. Der Pullover, den Sie ihr gestrickt haben, ist sehr gut angekommen. Genauso wie Ihr bara brith.“

Die rundliche, ältere Frau lächelte freundlich. „Vielen Dank, Mr. Evans. Aber Sie werden eines Tages noch Ärger bekommen, weil Sie die Briefe andere Leute lesen. Irgendwann lesen Sie etwas, das Ihnen nicht gut tun wird.“

„Ich tue doch niemandem was“, murmelte der Mann verlegen.

„Das weiß ich doch. Dann los, fahren Sie schon, sonst kommen Sie zu spät in der Poststelle an und bekommen Ärger mit dem neuen Postmeister.“

Briefträger-Evans wandte sich zum Gehen, dann schluckte er schwer, was seinen hervorstechenden Adamsapfel auf und ab hüpfen ließ. „Irgendjemand zieht in den alten Gemischtwarenladen ein“, stieß er hervor. „Ich habe es gerade gesehen.“

„Nein! Escob Annwyl! Sind Sie sicher, dass es nicht bloß der Makler war?“

„Nein, es zieht wirklich jemand ein. Ich habe gesehen, dass getischlert und der Laden hergerichtet wurde.“

„Nein, sowas. Ich frage mich, wer den Laden nach all der Zeit übernehmen will. Ich hoffe, dass sie dort nicht irgendein heidnisches Geschäft eröffnen. In Blaenau Ffestiniog hat man eine der Kapellen in ein Wettbüro umgewandelt. Und erinnern Sie sich noch an diese Französin, die eine Kapelle zu einem Restaurant umgebaut hat? Es wundert mich nicht, dass der Herr den Laden niedergebrannt hat.“

„Ein Café wäre nicht schlecht“, sagte Briefträger-Evans. „Besonders, wenn sie dort Fish-and-Chips servierten. Bis auf den Pub können wir im Dorf nirgends essen gehen.“

„Anständige, gottesfürchtige Menschen sollten in den eigenen vier Wänden essen“, sagte Mrs. Williams und verschränkte die Arme vor ihrem üppigen Busen. „Ich halte nichts davon, in Restaurants ausgefallenen Fraß zu essen. Das ist nicht gesund. Es heißt, dass Übergewicht eine echte Epidemie ist, und ich glaube, das kommt davon, dass zu viel auswärts gegessen wird.“ Da man Mrs. Williams nicht gerade als dünn bezeichnen konnte, hätte jeder andere bei dieser Aussage grinsen müssen, aber Briefträger-Evans nickte ernst.

Mrs. Williams lehnte sich aus ihrer Haustür und blickte die Straße hinauf. Ein Transporter parkte vor der Ladenreihe. Sie nickte.

„Ich mache heute vielleicht eine Vanillesoße“, sagte sie nachdenklich. „Ich gehe schnell zu Milchmann-Evans und hole mir zur Sicherheit noch eine Flasche.“

Mit diesen Worten schlüpfte sie in ihren Mantel, hängte sich ihren Korb über den Arm und lief die Straße hinauf. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie Mair Hopkins begegnete, die sich auf einen ähnlichen Ausflug begeben hatte.

„Ich habe Charlie auf Diät gesetzt“, berichtete Mair, „deshalb könnte ich noch etwas Hüttenkäse gebrauchen.“

Sie liefen schweigend weiter, bis sie die Ladenreihe erreichten. Sie kannten beide die wahre Intention der anderen, waren aber beide zu höflich, um etwas dazu zu sagen. Die drei Läden lagen etwas zurückgesetzt an einem breiten Stück des Bürgersteigs. Hammerschläge drangen aus dem ehemaligen Gemischtwarenladen. Mair Hopkins’ Gesichtsausdruck erhellte sich.

„Dann ist es also wahr. Der dritte Laden hat neue Pächter. Gott sei Dank. Ich habe es satt, immer mit dem Bus runter nach Llanberis zu fahren, oder Charlie im Transporter loszuschicken, wenn mir etwas fehlt.“

„Wir können uns nicht sicher sein, dass es ein neuer Gemischtwarenladen wird“, sagte Mrs. Williams. „Ich bete nur, dass es kein Wettbüro wird, wie die alte Kapelle in Blaenau.“

„Ein Schönheitssalon wäre nicht schlecht“, sagte Mair. „Charlie sagte mir, dass ich häufiger mein Haar machen solle.“

„Also ich fände es schön, wenn der Postschalter wieder aufmachen würde. Sie sollten mal die Schlange bei der Post in Llanberis sehen, wenn ich dort meine Rente abhole.“
„Ich weiß. Es ist einfach schrecklich.“ Mair Hopkins schüttelte den Kopf.

Die beiden Frauen wollten gerade die Straße überqueren, um zu den Läden zu gelangen, als Mrs. Powell-Jones wie aus dem Nichts auftauchte und mit wehender, erbsengrüner Strickjacke auf sie zugestürmt kam.

„Haben Sie es schon gesehen?“, fragte sie. „Da sind neue Leute im Laden. Ich bin hineingegangen, um sie im Dorf willkommen zu heißen und sie für den Sonntag in die Kapelle einzuladen, wie man es von einer Pfarrersfrau erwartet, aber sie werden es nicht glauben ...“

„Was?“ Die beiden Frauen beugten sich vor.

„Heiden. Fremde.“ Mrs. Powell-Jones spuckte diese Worte beinahe aus.

„Sie meinen, noch mehr Engländer?“, fragte Mrs. Williams. „Anglikanische Kirche, statt Kapelle?“

„Schlimmer“, flüsterte Mrs. Powell-Jones. „Sehen Sie selbst.“

Ein Mann war gerade aus dem Laden gekommen. Er öffnete die hintere Tür des Transporters und holte ein langes Brett heraus. „Ist das die richtige Größe, Daddy?“, rief er.

„Nein, das andere, das dickere“, rief eine andere Stimme zurück und ein älterer Mann kam zu ihm auf die Straße.

Escob Annwyl“, murmelte Mrs. Williams und legte sich eine Hand aufs Herz. Die Männer hatten dunkle Haut und der jüngere trug Bart, ein langes, weißes, fließendes Hemd und Leggings.

An diesem Abend fuhr Detective Constable Evans gerade von der Arbeit nach Hause, als er Licht bemerkte, das in dem ehemals leerstehenden Geschäft brannte. Obwohl er nicht mehr der Dorfpolizist war, der in Llanfair den Frieden wahren sollte, gewann seine Neugier. Er parkte den Wagen und öffnete die Ladentür. Zwei dunkelhäutige Männer beugten sich über ein Stück Papier. Am Boden lagen Hobelspäne und Sägemehl schwebte in der Luft.

„Guten Abend“, sagte Evan. „Sie renovieren hier?“

Die beiden Männer blickten beim Klang der Stimme auf.

„Genau“, sagte der ältere.

„Wir versuchen, hier alles schnell fertig zu machen“, sagte der jüngere mit einem Dialekt, der eher auf Yorkshire als auf den Nahen Osten schließen ließ. „Deshalb schlage ich vor, dass Sie uns in Ruhe lassen.“

„Ich gehe nur meiner Arbeit nach, Sir“, sagte Evan freundlich. „Ich bin Polizist und lebe hier im Dorf, also wollte ich natürlich sicher gehen, dass nicht irgendjemand mutwillig ein leerstehendes Gebäude beschädigt.“

„Ein Polizist?“ Der jüngere Mann sah ihn noch immer verächtlich an. „Kann sich die Polizei in Nordwales nicht mal Uniformen leisten?“

„Ich bin Zivilfahnder“, sagte Evan.

„Dann ist es eigentlich nicht Ihre Aufgabe, nach uns zu sehen, oder? Sie sind bloß neugierig, so wie all die anderen auch. Den ganzen Tag lang steckt immer wieder jemand aus irgendeinem Grund seine Nase zur Tür herein.“

„Es reicht, Rashid“, sagte der ältere Mann. Er wischte sich die Hände an der Schürze ab, die er über seiner Alltagskleidung trug und streckte Evan eine Hand entgegen, während er auf ihn zukam. „Sehr erfreut, Officer. Ich bin Azeem Khan. Ich habe diesen Laden gerade gekauft.“

„Sehr erfreut, Mr. Khan. Willkommen in Llanfair.“ Evan schüttelte die angebotene Hand.

Azeem Khan nickte seinem Sohn zu, damit er es ihm gleichtat, doch der Junge studierte die Gebäudezeichnung, als würden sie gar nicht existieren.

„Bitte entschuldigen Sie das Verhalten meines Sohns. Er macht gerade eine militante Phase durch. Das passiert den meisten von uns im Studentenalter, nicht wahr?“ Anders als bei seinem Sohn konnte man bei ihm noch den pakistanischen Akzent seiner Vorfahren hören. Er war glattrasiert, trug gewöhnliche, europäische Kleidung und sein dunkles Haar, das schon von grauen Strähnen durchzogen wurde, war kurz geschnitten und ordentlich gescheitelt. „Rashid, hör bitte auf mit diesem Verhalten und benimm dich wie ein zivilisierter Mensch.“

Rashid Khan warf Evan einen kalten, herausfordernden Blick zu. „Ich bin schon oft genug mit der Polizei aneinandergeraten, um zu wissen, dass sie uns nicht mögen. Und wir mögen sie auch nicht“, sagte er.

„Wir sind nicht mehr in der Großstadt, Rashid“, sagte sein Vater. „Wir sind in einem kleinen Dorf, und es ist wichtig, dass wir uns gut mit den Leuten verstehen, sonst werden wir keine Kunden haben.“

Evan lächelte den Jungen an. „Ich sollte Sie wohl warnen, dass die Leute hier sehr argwöhnisch gegenüber Fremden sind. Das hat nichts mit Ihrer Hautfarbe oder so etwas zu tun. Jeder Engländer wird hier als Ausländer betrachtet. Also nehmen Sie es nicht persönlich. Aber eins kann ich Ihnen sagen, wenn Sie einen neuen Gemischtwarenladen eröffnen, werden alle sehr froh sein. Die älteren Frauen im Dorf können nicht Auto fahren und es ist ein langer Weg mit dem Bus bis runter zum Supermarkt.“

„Genau das dachten wir auch, als wir diesen Laden zum ersten Mal sahen“, sagte Mr. Khan begeistert. „Eine großartige Gelegenheit, sagte ich zu meiner Frau.“

„Haben Sie schon mal einen Laden geführt, ehe Sie herkamen?“

„Eine Weile lang, ja, aber mit unserem Viertel ging es so stark bergab, dass ich Angst hatte, meine Tochter aus dem Haus zu lassen. Und da mein Sohn jetzt hier in Wales zur Universität geht, sagte ich zu meiner Frau: ‚Warum versuchen wir es nicht? Gute, saubere Luft und eine friedliche Umgebung.‘ Es geht ihr nicht besonders gut, müssen Sie wissen. Ihr Herz ist schwach.“

Evan wandte sich wieder zu Rashid. „Dann sind Sie an der Universität in Bangor? Wie gefällt es Ihnen dort?“

„Bislang ganz in Ordnung. Ich habe andere muslimische Jungs kennengelernt, also habe ich Leute, mit denen ich abhängen kann.“

„Sehr gut. Nun, ich lasse Sie mal weiterarbeiten.“ Evan wandte sich zur Tür. „Ich lebe hier im Dorf, falls sie mich jemals brauchen sollten. Na ja, nicht mehr im Dorf ... aber direkt oberhalb des Dorfes. Das kleine Cottage über dem Pub.“

Mr. Khan strahlte. „Ich habe das Haus gesehen, als ich zum ersten Mal den Laden besichtigte und sagte zu meiner Frau: ‚Was man von dort aus für eine tolle Aussicht haben muss.‘ Und sie sagte natürlich, dass sie sich nicht vorstellen könne, dass jemand am Ende so eines steilen Weges leben wollte.“

„Sie hat natürlich recht. Der Weg ist an regnerischen Tagen unpassierbar. Ein einziges Meer aus Schlamm, aber wir gewöhnen uns daran.“

„Dann sind sie auch gerade erst eingezogen?“

„Vor einem Monat. Ich habe geheiratet und wir haben das Cottage gerade rechtzeitig zur Hochzeit wiederaufgebaut. Aber ich lebe schon seit mehreren Jahren im Dorf. Und meine Frau auch. Sie war Lehrerin an der Dorfschule, bis sie geschlossen wurde. Jetzt muss sie mit dem Bus in die neue Schule unten im Tal fahren.“

Der alte Mr. Khan nickte. „So ist das mit dem Fortschritt, nicht wahr? Alles verändert sich und nicht immer zum Besseren.“

„Fängst du jetzt wieder damit an, Dad?“, fragte Rashid. „Ich muss noch eine Hausarbeit schreiben.“

„Schon gut, schon gut.“ Mr. Khan lächelte Evan entschuldigend an und wandte sich wieder dem Entwurf zu.

Kapitel 2

Evan hatte gerade den Wagen zur Nacht abgestellt und wollte sich an den Aufstieg machen, als er beschloss, dass es Bronwen nichts ausmachen würde, wenn er zuerst im Pub vorbeischaute. Er wollte wissen, wie viel die Einwohner von Llanfair am ersten Tag über die Neuankömmlinge herausgefunden hatten. Der Buschfunk von Llanfair war so effizient, dass selbst die CIA dagegen verblasste.

Er überquerte die Straße dort, wo das Schild des Red Dragon quietschend in der abendlichen Brise schwang. Er duckte sich, um durch die niedrige Eingangstür zu treten und stellte fest, dass an der Bar Hochbetrieb herrschte. Stimmen hatten sich zu angeregten Unterhaltungen erhoben. Durch den Rauchschleier entdeckte Evan die übliche Männergruppe, die sich an den meisten Abenden hier versammelte.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal erleben würde“, rief Charlie Hopkins laut. „Als meine Mair mir sagte, dass einer von ihnen so eine seltsame Robe trägt, mit Bart, Sandalen und allem Drum und Dran ...“

„Wir wollen sie hier nicht“, knurrte eine Stimme aus einer dunklen Ecke. „Warum gehen sie nicht dahin zurück, wo sie hergekommen sind?“

„Leeds, meinst du?“, fragte jemand herausfordernd.

„Pakistan meine ich, verdammt noch mal. Wenn Gott gewollt hätte, dass dunkelhäutige Menschen in Wales leben, hätte er dafür gesorgt, dass hier gelegentlich die Sonne scheint.“

Ein Kichern ging durch den Pub.

„Na ja, vielleicht ist auch was Gutes dran“, entgegnete Fleischer-Evans.

Evan hielt auf dem Weg zur Bar inne und lauschte verblüfft. Von allen Dorfbewohnern hätte er Fleischer-Evans als den militantesten und ausländerfeindlichsten Waliser mit den meistens Vorurteilen eingestuft.

„Ich glaube, wir werden gut miteinander auskommen“, fuhr Gareth Evans fort. „Immerhin haben Pakistan und Wales etwas gemeinsam, nicht wahr?“

„Ähnliche Akzente beim Versuch Englisch zu sprechen?“, mutmaßte jemand.

„Ich meine es ernst, Junge. Wir wissen in beiden Ländern wie es ist, von einer Kolonialmacht beherrscht zu werden, nicht wahr? Wir waren beide von den verdammten Engländern besetzt.“

„Es ist dir also lieber, dass Pakistanis den Gemischtwarenladen führen als Engländer?“, fragte Eimer-Barry, der örtliche Planierraupen-Fahrer.

„Absolut“, bestätigte Fleischer-Evans.

„Also dem kann ich gar nicht zustimmen.“ Betsy die Bardame lehnte sich über die Bar, um mitzureden. „Ich war schon in nahöstlichen Gemischtwarenläden und da stinkt alles nach Curry. Wenn man auf der Suche nach Baked Beans da reingeht, kommt man wahrscheinlich mit Linsen wieder raus, wartets nur ab. Eigentlich ...“ Sie brach ab, als sie Evan entdeckte, der geduldig hinter den Männern an der Bar wartete. „Na schau mal an, wen wir da haben. Was für ein Anblick für meine müden Augen. Bekommst du das Übliche?“

„Ja bitte, Betsy fach“, sagte Evan. „Ein Pint Guinness würde mir jetzt guttun. Ich habe den ganzen Tag mit Besprechungen im Hauptquartier verbracht und bin am Verdursten.“

„Oh, armer Junge, er sieht dieser Tage ganz ausgehungert aus. Man munkelt, dass seine Frau ihm kein vernünftiges Essen vorsetzt.“ Charlie kicherte und grub seinen Ellenbogen in Evans gut gepolsterte Seite.

„Ich bin überrascht, dass sie Sie so bald nach der Hochzeit schon wieder rauslässt“, sagte der Metzger. „Sie müssen ihr schnell gezeigt haben, wer die Hosen anhat, wenn sie Sie jetzt schon die Abende im Pub verbringen lässt.“

„Oh, kommen Sie schon, Gareth.“ Evan kicherte. „Ich verbringe meine Abende nicht im Pub und ich bin auch nicht darauf aus Bronwen zu zeigen, wer die Hosen anhat. Ich wollte nur für ein paar Minuten vorbeischauen, um zu erfahren, was ihr alle über die Leute gehört habt, die den Laden gemietet haben.“

„Das sind Pakistanis“, sagte Charlie Hopkins, während Betsy ein schäumendes Glas Guinness vor Evan auf den Tresen stellte.

„Ich weiß. Ich war gerade drüben. Ein Vater, der mit seinem Sohn selbst die Schreinerarbeiten macht.“

„Das wird Ärger geben, wenn ihr mich fragt“, kommentierte Eimer-Barry zwischen zwei Schlucken aus seinem Glas. „Ihr habt gesehen, wie der Jüngere sich anzieht – wie diese muslimischen Geistlichen, die man im Fernsehen sieht. Ich wäre nicht überrascht, wenn das eine Terrorzelle ist, die sich hier draußen versteckt. Sie sollten die Leute im Auge behalten, Evan.“

„Halten Sie mal die Luft an, Barry“, sagte Evan. „Das ist bestimmt eine ganz normale Familie. Es ist doch ihnen überlassen, wie sie sich kleiden. Sie haben ihre Religion und wir unsere. Das macht sie noch nicht gefährlich. Ich schlage vor, dass wir uns alle Mühe geben, damit sie sich in diesem Dorf willkommen fühlen.“

„Wenn sie hier willkommen geheißen werden wollen, sollten sie sich verdammt noch mal freundlicher verhalten, als sie es heute getan haben“, sagte Charlie Hopkins. „Meine Mair hat vorbeigeschaut, um ein freundliches Wort mit den Neuankömmlingen zu wechseln, und sie haben sie wie Luft behandelt. Der Jüngere wollte nicht ein Wort mit ihr wechseln.“

„Na ja, sie sind Muslime und Mair ist eine Frau“, sagte Barry. „Frauen sind ihrem Glauben nach nichts wert. Wahrscheinlich werden sie verlangen, dass alle Frauen aus dem Dorf Schleier tragen, wenn sie den Laden betreten.“

Evan lachte mit Unbehagen. „Komm schon, Barry. Sie sind so britisch wie Sie oder ich. Geben Sie ihnen eine Chance, in Ordnung?“

„Ich möchte gerne sehen, wie sie versuchen, mich zu einem Schleier zu zwingen“, sagte Betsy. „Ich habe einen tollen Körper und es macht mir nichts aus, ihn ein bisschen zur Schau zu stellen.“

Sie zog ihr T-Shirt glatt, wodurch ihr ohnehin schon tiefer Ausschnitt noch tiefer wurde und jeder Mann im Pub von seinem Glas aufsah.

„Mach dich wieder ans Bierzapfen“, sagte Berry streng. Er und Betsy waren seit einer Weile ein Paar. „Du hast dich für einen Abend genug zur Schau gestellt.“

„Allerdings“, Betsy warf ihm ein neckendes Lächeln zu, „wäre so ein hauchdünner, durchsichtiger Schleier unglaublich sexy. So wie bei Salomes Schleiertanz.“ Sie schwang die Hüften und brachte die Männer zum Lachen.

Evan leerte sein Glas und stellte es wieder auf die Bar. „Danke, Betsy fach. Ich mache mich besser auf den Weg. Ich will Bronwen nicht warten lassen und ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir.“

„Arbeiten Sie an einem großen Fall?“, fragte Charlie Hopkins.

„Nein, viel schlimmer. Eine große Besprechung. Der neue Chief Constable bringt die ganze Polizeitruppe durcheinander. Wollen Sie das Neuste hören? Neue Uniformen. Die armen Jungs sollen auf Streife schwarze Cargohosen und schwarze Rollkragenpullover tragen, statt wie bisher Hemd und Krawatte.“

„Was? Cargohosen und Pullover? Sie werden wie ein Haufen Verbrecher aussehen. Wo liegt denn darin die Autorität? Polizisten sollten auch wie Polizisten aussehen. Man respektiert die Messingknöpfe und die ordentliche Krawatte.“ Charlie Hopkins schüttelte angewidert den Kopf.

„Ich stimme Ihnen zu, Charlie“, sagte Evan. „Aber der neue Chief Constable meint, dass Krawatten bei einem Handgemenge im Weg sind, obwohl es nur Ansteckkrawatten sind, die sich leicht lösen. Und er meint, dass die Hemden zerknittern, wenn man schusssichere Westen darüber trägt.“

„Schusssichere Westen?“ Barry brach in Gelächter aus. „Wann mussten Sie je eine schusssichere Weste tragen?“

„Ich persönlich nie, aber manche Leute in der Truppe tragen sie gelegentlich.“

Jetzt lachten auch die übrigen Männer.

„Es ist ja nicht so, als würdet ihr tagtäglich Bandenkriege beenden oder internationale Terrorzellen ausheben, oder?“ Fleischer-Evans kicherte.

„Ich kann nichts dagegen tun, Gareth“, sagte Evan. „Ich stehe ganz unten in der Hackordnung. Meine Meinung hat nicht viel Gewicht. Ich habe das ungute Gefühl, dass die neuen Uniformen nur die Spitze des Eisbergs sind. In den nächsten Wochen finden für die Zivilfahnder spezielle Besprechungen statt und er hat ein Sensitivitätstraining für uns anberaumt.“

„Warum das?“, fragte Barry.

„Wir sollen lernen, wie man in der Öffentlichkeit freundlich auftritt, damit man uns nicht feindselig begegnet.“

Er verstummte, als die Männer um ihn herum loslachten.

„Wenn ihr einen Verbrecher schnappt, müsst ihr ihn Zukunft sagen: ‚Nein, böser Junge. Bitte schlag der alten Dame nicht den Kopf ein, um ihre Handtasche zu klauen. Das ist nicht nett.‘“, sagte Fleischer-Evans mit verstellter Stimme.

„Sie finden das vielleicht witzig, aber genau so wird es kommen“, sagte Evan niedergeschlagen. „Wie auch immer, ich kann nicht viel dagegen unternehmen. Ich gehe jetzt besser nach Hause, bevor Bronwen sich Sorgen macht.“

Evan nickte seinen Freunden zu und trat in die frische Abendbrise hinaus. Der Weg hinauf zum Cottage war ein ordentlicher Anstieg. Bei trockenem Wetter und mit Tageslicht bis nach neun Uhr war es recht leicht gewesen. Jetzt, Anfang Oktober, ging die Sonne früher unter und das Tal war schon um sieben in Dunkelheit getaucht. Evan stolperte und schlitterte bergauf und wünschte sich ein Auto, mit dem er diese Steigung bewältigen könnte. Aber er fuhr noch immer seine alte Klapperkiste und bei diesem Wetter brauchte man für die Strecke Allradantrieb.

Licht fiel aus den Fenstern des Cottages und hieß ihn wie ein Leuchtturm willkommen. Als er sich der Haustür näherte, hielt Evan inne, um einen Moment der Genugtuung zu genießen – sein eigenes Haus, das er beinahe vollständig mit eigenen Händen aufgebaut hatte, und darin wartete seine Frau am Esstisch auf ihn. Was konnte ein Mann vom Leben mehr erwarten?

Er öffnete die Haustür. „Bron?“, rief er. „Ich hoffe, ich habe dich nicht zu lange mit dem Abendessen warten lassen, aber ich musste kurz in den Pub ...“

„Ach ja?“ Bronwen kam aus der Küche und zog sich die Schürze aus, die sie über Jeans und Pullover trug. „Du musstest kurz im Pub vorbeischauen, ja?“

„Ich war nur für ein paar Minuten dort“, sagte Evan, „weil ich herausfinden wollte, was die Jungs über den alten Laden der Familie Harris wissen. Wusstest du, dass er verkauft wurde und eine pakistanische Familie jetzt dort einzieht? Sie sind gerade im Laden und richten Regale und Theken her.“

„Ich weiß alles darüber“, sagte Bronwen, „und musste dafür nicht einmal in den Pub gehen. Rein zufällig haben wir Besuch.“

„Was?“ Evan sah sich zum ersten Mal im Raum um. Auf der Kante eines Küchenstuhls hockte ein junges Mädchen in einer marineblauen und weißen Schuluniform. Sie sah aus, als wäre sie um die fünfzehn Jahre alt, hatte hellbraune Haut und trug einen langen Zopf aus üppigem Haar. Sie stand unbeholfen auf und lächelte schüchtern. „Oh, hallo“, sagte Evan. „Tut mir leid, ich habe dich gar nicht gesehen.“

„Evan“, Bronwen fasste ihn am Arm, „ich möchte dir Jamila vorstellen. Sie ist die Tochter der neuen Besitzer des Gemischtwarenladens. Wir haben uns auf dem Heimweg von der Schule im Bus kennengelernt und sie war so freundlich, mir ihre Hilfe anzubieten, um meine Einkäufe den Berg hinaufzutragen. Deshalb dachte ich, dass ich sie zumindest zum Abendessen einladen könnte. Unser erster Gast.“

„Schön dich kennenzulernen, Jamila. Ist das für deine Familie in Ordnung?“

„Oh ja. Ich habe Mummy gefragt und sie sagte, es wäre in Ordnung, bei Mrs. Evans zu bleiben und ihr zu helfen, besonders als sie herausfand, dass Mrs. Evans Lehrerin ist. Im Laden wäre ich sowieso nur im Weg, während Daddy und Rashid arbeiten.“

„Ist deine Familie schon hergezogen?“

„Wir sind gerade mitten im Umzug. Wir haben heute mit dem Transporter einige Dinge hergebracht, der Rest ist morgen dran. Daddy sagt, dass er den Laden am Samstag eröffnen möchte.“ Wie ihr Bruder sprach sie mit einem leichten Yorkshire-Akzent.

„Wo wohnt ihr dann im Augenblick?“, fragte Evan.

„Wir haben in Bangor ein paar Zimmer gemietet, damit Rashid und ich das Schuljahr hier beginnen können. Aber jetzt werden wir in der Wohnung über dem Laden leben. Es wird recht eng, aber wir werden schon zurechtkommen. Rashid will in ein Studentenwohnheim der Universität ziehen, sobald er einen angemessenen Platz findet.“

„Das sollte nicht allzu lange dauern, oder? Ich dachte, die Universität würde Zimmer für ihre Studenten organisieren.“

„Na ja, es gibt viele Plätze in den Wohnheimen, aber sie entsprechen nicht dem, was Rashid sucht. Er möchte nur mit anderen muslimischen Studenten zusammenleben, deshalb suchen sie ein Haus, das sie zusammen mieten können – und sie können sich bestimmt vorstellen, dass nicht jeder scharf darauf ist, an eine Gruppe pakistanischer Jungs zu vermieten.“

„Das ist doch illegal, oder?“, fragte Bronwen wütend.

„Ich denke schon“, stimmte Evan zu, „aber du bist nicht wirklich überrascht, dass eine alte, walisische Vermieterin Ausreden findet, um ihre Zimmer nicht an jemanden zu vermieten, der so andersartig aussieht, oder? Es ist schwer zu beweisen, dass es sich dabei um Diskriminierung handelt. Aber die Universität wird sich gewiss etwas einfallen lassen müssen, wenn dein Bruder hartnäckig bleibt.“

„Oh, glauben Sie mir, er ist gut darin, seinen Willen durchzusetzen.“ Jamila lächelte. „Rashid ist ein großer Kämpfer für seine Rechte.“

„Steh da nicht so herum, Evan“, sagte Bronwen. „Das Abendessen ist fertig und du bist sicher wie üblich am Verhungern.“ Sie legte Jamila eine Hand auf die Schulter. „Ich hoffe, es macht dir nichts aus, in der Küche zu essen, Jamila. Wir sind der Meinung, dass es im Wohnzimmer zu eng für einen Esstisch ist.“

„Nein, gar nicht, ich finde es toll, wie Sie sich hier eingerichtet haben“, sagte sie. „So warm und freundlich, wie aus dem Bilderbuch.“

„Das war der Plan“, sagte Bronwen. „Setzt euch, ihr zwei. Heute Abend gibt es Hähnchenauflauf. Du hast keine Essensvorschriften bezüglich Hähnchen, oder, Jamila?“

„Ich bin nicht wie mein Bruder, Mrs. Evans.“ Jamila rollte mit den Augen. „Ich bin nicht besonders religiös. Ich esse kein Schwein, weil meine Familie nie Schwein macht, aber ich habe bei Freundinnen schon Wurst gegessen. Ich meine, es hatte seinen Zweck, kein Schwein zu essen, als die Leute in der Wüste lebten und keine Möglichkeit hatten, rohes Fleisch zu kühlen, aber heutzutage ist Schwein so sicher wie jedes andere Fleisch, nicht wahr?“

„Da kann ich nur zustimmen“, sagte Bronwen, löffelte eine großzügige Portion Auflauf auf Jamilas Teller und stellte ihn vor ihr ab, „aber viele Menschen nehmen das sehr ernst, oder? Es wurde schon wegen weniger Krieg geführt.“

„Ich weiß. Meine Eltern waren auch nie besonders religiös. Mein Vater war immer ein frommer Muslim – geht in die Moschee, betet, all diese Dinge – aber er war nie ein Fanatiker. Aber mein Bruder stürzt sich richtig in die Sache. Er verlangt seit Jahren von mir, einen Hidschab zu tragen – Sie wissen schon, ein Kopftuch. Aber ich weigere mich. Ich meine, ich lebe in Großbritannien, oder? Und ich finde es beleidigend von Frauen zu verlangen sich zu verstecken. Wenn es nach Rashid ginge, würde er Mummy und mich unter Burkas verstecken und nie rausgehen lassen.“ Sie blickte in ihre Gesichter und lachte. „Ich meine das ernst. Er redet ständig auf meinen Vater ein, dass er mich ohne männliche Begleitung aus der Familie nicht auf Partys gehen lassen soll, oder an irgendeinen anderen Ort abseits der Schule. Das ist verrückt, oder?“

„Bleib deiner Sache treu, Jamila“, sagte Bronwen.

Jamila strahlte. „Oh, vielen Dank, Mrs. Evans. Sie wissen gar nicht, wie ermutigend es ist, das zu hören. Zum Glück habe ich in der Schule schon einige gute Freundinnen gefunden, die auch eine tolle Unterstützung sind. Ich bemühe mich, schnell Walisisch zu lernen; dann kann ich mit meinen Freundinnen telefonieren, ohne dass Rashid versteht, was ich sage.“
„Du kannst gerne herkommen und mit uns üben“, sagte Evan. „Ich bin Polizist und muss häufig Überstunden machen. Bronwen würde sich bestimmt über die Gesellschaft freuen, nicht wahr, Liebling?“

„Das wäre toll“, sagte Bronwen. „Ich helfe dir, Walisisch zu lernen, wenn du möchtest. Und da ich eine alte, verheiratete Lehrerin bin, dürfte selbst dein Bruder nichts dagegen haben, oder?“

Jamila schenkte ihnen beiden ein glückliches Lächeln.

Kapitel 3

Der Raum war schon voll, als Evan eintrat. Sonnenlicht strömte durch die nach Süden gerichteten Glasfenster und sorgte für eine warme, stickige Atmosphäre. Er schaute sich um und entdeckte seine Kollegin, Detective Constable Glynis Davies, neben Detective Inspector Watkins in der hintersten Reihe. Evan ging zu ihnen und setzte sich auf einen der Stapelstühle.

„Wir haben uns schon gefragt, wo Sie bleiben, Junge“, sagte Watkins. „Wir dachten, sie würden Gottes Zorn auf sich ziehen, wenn sie erscheinen, nachdem ER bereits zu reden begonnen hat.“

„Es hat die ganze Nacht geregnet“, flüsterte Evan. „Ich habe ewig gebraucht, um den Hang runterzukommen.“

„Sie sind mit dem Auto diesen Weg hinaufgefahren?“, fragte Glynis. „Fordern Sie damit solche Probleme nicht heraus?“

„Nicht das Auto ... ich. Das Auto stand unten, aber ich habe eine Weile gebraucht, um es zu erreichen. Es war sehr rutschig und ich wollte nicht hinfallen und voller Schlamm hier eintreffen.“

„Wie wollen Sie das denn im Winter machen?“, fragte Watkins. „Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, es regnet hier recht viel und schneit auch gelegentlich. Wird das eine wiederkehrende Ausrede fürs Zuspätkommen?“

Evan grinste. „Ich weiß, dass wir etwas tun werden müssen. Bronwens Vater hat uns seinen alten Land Rover versprochen, wenn er sich einen neuen holt, aber er macht noch keine Anstalten dazu. Und wir können ihm schlecht die ganze Zeit damit in den Ohren liegen, also muss ich im Augenblick vorsichtig den Weg bewältigen.“

„Na, zum Glück haben Sie nichts verpasst“, flüsterte Glynis. „Der große Mann verspätet sich auch.“
„Worum geht es überhaupt?“, fragte Evan und sah sich die im Raum versammelten Beamten an. „Es sieht aus, als wären heute sämtliche Zivilfahnder hier. Wer hält gerade die Stellung, falls irgendwo ein Schwerverbrechen verübt wird?“

„Was fragen Sie mich das?“, murmelte Watkins. „Ich wurde genauso im Dunkeln gelassen wie Sie. Ich stehe zu weit unten, um zur Ideenfindung der hohen Tiere eingeladen zu werden.“

„Was gibt es denn, worüber wir noch nicht gesprochen haben?“, fragte Evan.

„Vielleicht wird man uns informieren, dass die Zivilfahnder ab jetzt Uniform tragen müssen.“ Der Detective Constable vor Evan drehte sich grinsend zu ihm um.

„Hoffen wir, dass sie nicht so hässlich werden wie die Uniformen, die er den armen Jungs auf Streife angedeihen lässt“, steuerte jemand anderes bei.

„Nein, ich wette, es hat nichts mit Uniformen zu tun. Ich würde darauf tippen, dass es um ein weiteres Sensitivitätstraining geht“, sagte Glynis.

„Oh Gott, bitte nicht.“ Der erste Detective Constable rollte mit den Augen. „Wo hat man den eigentlich aufgetrieben?“

„Er hat in Amerika gearbeitet.“
„Als ob sie dort viel über Einfühlungsvermögen wüssten. Sie schießen erst und gehen dann sehr einfühlsam mit der Leiche um.“

Ein Kichern ging durch den Raum. Evan bemerkte, dass Detective Inspector Watkins versuchte, nicht zu lächeln, es aber nicht ganz schaffte, eine unbewegte Miene zu wahren.

„Kommt schon, Jungs“, sagte Watkins. „Das ist keine angemessene Einstellung. Seine Methoden kommen uns am Anfang vielleicht seltsam vor, aber er ist unser neuer Chef und wir müssen ihn lieben und schätzen lernen.“

„Vorausgesetzt, er ist einfühlsam genug“, witzelte jemand.

Dieses Mal folgte lautes Gelächter.

In diesem Augenblick ging die Tür auf und der neue Chief Constable Mathry trat ein. Ihm folgten die Divisionsleiter der drei Regionen, die Chief Superintendents Morris, Talley und Jones; und dahinter verschiedene Einsatzleiter, inklusive Evans Vorgesetztem, Detective Chief Inspector Hughes.

Der Chief Constable sah sich strahlend im Raum um. „Das sehe ich gerne, Leute, positiver Teamgeist. Genau richtig. Ich weiß jetzt schon, dass wir alle blendend miteinander auskommen werden. Wir brauchen mehr solcher Besprechungen, damit sämtliche Divisionsmitglieder mehr Gelegenheiten zur Interaktion bekommen. Hier fand zu viel Bereichsbildung und zu wenig Zusammenarbeit zwischen den Regionen statt.“ Er ließ sich auf die Kante des Schreibtisches an der Frontseite des Raumes nieder. „Ich habe mir die Aufzeichnungen über den jüngsten Überfall auf dem Mount Snowdon angesehen. Er wurde ursprünglich im Hauptquartier in Colwyn Bay gemeldet und von dort nach Caernarfon weitergeleitet, weil der Nationalpark unter deren Zuständigkeit fällt. Allerdings wurde er dann nach Colwyn Bay zurückgegeben, weil dort mehr Männer zur Verfügung standen. Bei diesem Hin und Her ging wertvolle Zeit verloren.“

„Mit allem nötigen Respekt, Sir.“ Detective Chief Inspector Hughes erhob sich. „Als dienstältester Detective der Polizeistation in Caernarfon muss ich darauf hinweisen, dass wir nur fünf Männer auf dem Dienstplan haben.“

„Fünf Personen“, flüsterte Glynis laut genug, dass Evan es hören konnte.

„Dieser Überfall geschah am Samstag, als zwei meiner Männer einen freien Tag hatten, nachdem sie zehn Tage lang durchgearbeitet hatten, und einer war noch in den Flitterwochen.“

„Och wie süß“, stichelten mehrere Männer.

„Hätten Sie den faulen Hund mal zurückbeordert“, kommentierte ein anderer.

„Meine Herren, bitte.“ Hughes hob eine Hand. „Wie ich bereits sagte, hatten wir an diesem Tag nicht genug Männer. Es war sinnvoll, eine größere Einheit hinzuzuziehen.“

„Entschuldigen Sie, Sir.“ Glynis stand auf. „Ich möchte nicht wie eine tobsüchtige Feministin klingen, aber ich muss darauf hinweisen, dass auch zwei Beamtinnen anwesend sind. Zu hören, dass nur die männlichen Mitglieder der Truppe angesprochen werden, ist einigermaßen beleidigend.“

„Ganz recht, junge Dame.“ Der Chief Constable nickte. „Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Genau das habe ich neulich im Sensitivitätstraining angesprochen. Nehmen Sie ihre Umgebung wahr und achten Sie darauf, niemanden aus Unachtsamkeit zu beleidigen. Würden Sie bitte umformulieren, was Sie gerade gesagt haben, Hughes?“

Detective Chief Inspector Hughes wurde rot. „Tut mir leid, Sir. Das ist mir bloß herausgerutscht, das versichere ich Ihnen. Also, wie schon gesagt ...“ Er räusperte sich und wiederholte seine Aussage, wobei er mit größter Sorgfalt darauf achtete, keine geschlechtsspezifischen Ausdrücke zu verwenden.

„Dafür werden Sie auf ewig dem Einsatzkommando für Ladendiebstahl zugewiesen“, flüsterte Evan Glynis zu. „Ihren Vorgesetzten dazu zu bringen, dass er vor versammelter Mannschaft errötet.“

„Ich weiß, aber ich konnte nicht einfach hier sitzen und zuhören, während er die ganze Versammlung als ‚Herren‘ adressiert.“

„Sie alle kennen das Sprichwort: Ein neuer Besen kehrt gut“, sagte der Chief Constable, während der Detective Chief Inspector sich wieder setzte. „Ich habe die Abläufe in dieser Polizeidivision genau unter die Lupe genommen und beschlossen, dass nur noch eine Generalüberholung weiterhilft. Die Superintendents Morris und Talley haben das ganze Wochenende mit mir daran gearbeitet. Um weitere Fehlkommunikationen und Verzögerungen wie im gerade beschriebenen Fall zu vermeiden, richten wir ein Spezialkommando für Großereignisse ein, das hier im Hauptquartier Colwyn Bay auf Abruf bereitstehen wird. Ich hoffe, dass wir durch die Zusammenarbeit von Beamten aus allen drei Divisionen eine bessere Zusammenarbeit in der gesamten Truppe erreichen werden.“

„Wie soll das aussehen, Sir?“, fragte ein Detective Inspector in der ersten Reihe. „Wer soll entscheiden, was ein Großereignis ist?“

„Ein Großereignis ist alles, dessen Bewältigung die Mittel der örtlichen Polizeitruppe übersteigt. Ein Mord, eine Entführung – jedes Verbrechen, das Koordination mit unseren Forensikern und Spezialisten erfordert. Die örtlichen Polizeistationen werden bei uns anrufen, wenn sie Unterstützung brauchen, und dann wird das nächste zur Verfügung stehende Team losgeschickt.

„Entschuldigen Sie, Sir?“ Eine Hand reckte sich zögerlich in die Luft. „Verstehe ich das richtig, dass Sie Beamte aus den drei Abteilungen ausgewählt haben, die abwechselnd in Colwyn Bay auf Abruf sind?“

„In der Tat. Genau das.“

„Für manche von uns bedeutet das eine lange Anfahrt. Ich wohne in der Nähe von Wrexham. Das wird für mich ein einstündiger Arbeitsweg.“

„Ja, mir ist bewusst, dass das für einige Beamte ein Problem werden kann. Wir arbeiten an einer Machbarkeitsstudie um festzustellen, ob wir denjenigen Beamten, die objektiv zu weit weg wohnen, Unterkünfte zur Verfügung stellen können. Wie viele von Ihnen wären ernsthaft davon betroffen?“

Einige Hände hoben sich.

„Oh ja, das ist eine beachtliche Zahl. Wenn Sie sich nach dieser Besprechung bei uns melden, werden wir den Anfahrtsweg bei der Zusammenstellung der ersten Teams berücksichtigen.“
„Und was ist mit den Beamtinnen?“, fragte Glynis mit ihrer klaren Stimme. „Sie können nicht von uns erwartet, zusammen mit den Männern in einem Zimmer zu schlafen.“

Es folgten mehrere gemurmelte Kommentare mit dem ungefähren Inhalt: „Uns würde das nichts ausmachen.“

„Guter Punkt, Miss ... ähm?“

„Detective Constable Davies, Sir.“

„Wir werden Ihre Bedenken auf jeden Fall in die Machbarkeitsstudie einfließen lassen, Detective Constable Davies.“ Der große Mann schenkte ihr ein ermutigendes Lächeln.

„Sie verstehen es einfach nicht, oder?“, flüsterte Glynis Evan zu.

„Ich sehe schon, dass wir weitere Untersuchungen anstellen müssen. Es bringt uns natürlich nichts, wenn ein Beamter über eine Stunde braucht, um am Tatort zu erscheinen. Chief Superintendent Morris, würden Sie bitte alle über den aktuellen Stand ins Bild setzen?“

„Natürlich, Sir.“ Der ältere Mann erhob sich. „Wir bilden Eingreifteams innerhalb der Abteilung für Schwerverbrechen. Die Teams werden aus einem Detective Inspector, einem Detective Sergeant und zwei Detective Constables bestehen. Wenn ein Anruf eingeht, wird das am schnellsten zur Verfügung stehende Team rausgeschickt. Wir werden mit drei Teams beginnen und sehen, ob das den Bedarf deckt. Wir wollen alle potenziellen Ereignisse abdecken können, aber vermeiden, dass die Beamten den ganzen Tag herumsitzen, Tee trinken und Kreuzworträtsel lösen.“

„Wäre doch gar nicht so schlecht“, murmelte jemand.

„Nach der Besprechung werden wir eine Liste mit den ersten Teams am schwarzen Brett aushängen. Wenn Sie jetzt ...“

Er unterbrach sich, als die Tür aufging und eine junge Telefonistin aus der Zentrale hereinkam. Sie sah sich betreten um, als sie sich der geballten Aufmerksamkeit der ranghöheren Beamten gegenübersah. „Entschuldigen Sie, Sir, aber wir haben gerade einen Anruf aus Bangor reingekommen. Sie melden einen Mord. Der diensthabende Beamte in Bangor sagt, dass sie auf der Stelle ihre Detectives brauchen.“

Chief Constable Mathry klatschte erfreut in die Hände. „Unsere erste Prüfung, Männer. Superintendent Morris, wen haben wir dem ersten Eingreifteam zugeteilt?“

Der Superintendent blickte auf ein Blatt Papier, das er bei sich trug. „Detective Inspector Bragg aus Mittelwales, Detective Sergeant Wingate aus dem Osten, Detective Constable Pritchard, Mitte, und Detective Constable Evans aus dem Westen. Sie vier kommen bitte für Ihre Einweisung nach vorne.“

Der Chief Constable strahlte noch immer. „Das wird wohl die Feuerprobe, Männer, Sie derart zusammenzuwerfen, ehe Sie die Gelegenheit hatten, sich kennenzulernen. Aber ich habe großes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten und ich weiß, dass Sie der Truppe alle Ehre machen werden.“

Evan brauchte einen Moment, um aufzustehen.

„Viel Glück, Evan.“ Glynis schenkte ihm ein ermutigendes Lächeln.

Watkins lehnte sich zu ihm und packte ihn am Handgelenk, als er sich zur Stirnseite des Raumes begeben wollte. „Passen Sie bei Bragg auf. Es heißt, dass er als Vorgesetzter ein Mistkerl ist. Er streicht gern den ganzen Ruhm für sich ein.“

Evan nickte. Er warf Watkins und Glynis Davies ein Grinsen zu, das hoffentlich zuversichtlich wirkte, und ging zu den anderen Männern nach vorn.

Kapitel 4

Das Haus war ein großer, viktorianischer Bau, der zurückgesetzt auf einer ausgedehnten Rasenfläche stand. Der Garten zog sich einen Hang hinab, wodurch sich ein Ausblick auf die Menaistraße und die Insel Anglesey bot. Das Wasser in der Meerenge glitzerte in der Morgensonne, während kleine Fischerboote auf den Atlantik hinaustuckerten. Die Szenerie wirkte beinahe friedlich und einladend. Der Kontrast zwischen einem Gewaltverbrechen und dem Leben, das rundherum weiterlief, hatte Evan schon immer erschüttert. Während sie zum Haus liefen, bemerkte er, dass entlang der Zufahrt noch einige späte Rosen in voller Blüte standen. Der Garten war makellos – gepflegt von einer liebevollen Hand.

Als sie sich der Haustür näherten, kam ein uniformierter Sergeant heraus und ging auf sie zu.

„Was wird das denn?“, fragte er und blickte sie argwöhnisch an. „Wo sind unsere Jungs? Wo ist Detective Inspector Lewis?“

„Es gab Umstrukturierungen im Hauptquartier“, sagte Inspector Bragg in einem streitlustigen Tonfall. „Und Sie sind?“

„Presley, Sir. Aber Ifan, nicht Elvis, obwohl ich das Aussehen dafür hätte.“

Die übrigen Männer grinsten, aber in Detective Inspector Braggs Gesicht rührte sich kein Muskel. Während der rasanten Anfahrt, die sie beinahe in völligem Schweigen hinter sich gebracht hatten, hatte Evan bereits beschlossen, dass er mit dieser Zuteilung ganz und gar nicht zufrieden war. Wenn jemand glaubte, er hätte ihm damit bessere Chancen auf der Karriereleiter beschert, konnte er dafür nicht besonders dankbar sein. Er vermutete, dass Detective Chief Inspector Hughes, sein ehemaliger Vorgesetzter, seine Finger im Spiel hatte. Hughes hatte es nicht gut aufgenommen, dass Evan bei mehreren Gelegenheiten die schlaueren Schlüsse gezogen hatte. Evan vermutete, dass es dieser neue Detective Inspector noch weniger leiden konnte, wenn man ihm auf die Zehen trat.

Bragg hatte den Körperbau eines ehemaligen Royal Marines: schlank, mittleren Alters, kurz geschorenes, graues Haar und einen Körper, der aussah als wäre er aus Stein gemeißelt. Allerdings war er nicht besonders groß, eins fünfundsiebzig vielleicht. Er trat vor, bis er Sergeant Presley Auge in Auge gegenüberstand. „Ich bin Detective Inspector Bragg, Leiter des Eingreifteams, das diesen Fall von diesem Moment an übernehmen wird. Ihre Männer werden sämtliche Erkenntnisse mir und nur mir berichten. Ich will, dass in Ihrer Station umgehend ein Befragungsraum vorbereitet wird, und ich brauche auf der Stelle die Berichte der Männer, die als erste auf die Meldung reagiert haben.

„Natürlich, Sir“, sagte der Sergeant. Evan hatte das Gefühl, dass er das Wort „Sir“ etwas überbetonte. Der Sergeant betrachtete die Gruppe und sein Gesicht erhellte sich, als er Evan entdeckte. „Hallo, Evans. Schön, Sie endlich auch mal hier zu sehen.“

„Detective Constable Evans ist das Junior-Mitglied dieses Teams“, sagte Bragg. „Seine Rolle wird sich darauf beschränken, Notizen zu machen und Botengänge für die ranghöheren Mitglieder zu erledigen. Also, was ist hier genau vorgefallen?“

„Man fand ihn mitten auf dem Frühstückstisch, anscheinend erschossen.“

„Wen?“

„Sein Name ist Rogers, Professor Martin Rogers. Er ist der Leiter der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät an der Universität.“

„Ist dies sein eigenes Haus?“

„Ja, Sir.“

„Wurde er zweifelsfrei identifiziert? Es war kein Eindringling?“

„Wer sollte hier einbrechen, um Professor Rogers’ Frühstückseier zu essen?“, scherzte Sergeant Presley, sah dann Braggs stählernen Blick und fügte hinzu: „Kein Eindringling, Sir. Seine Frau hat ihn identifiziert. Sie hat ihn gefunden, als sie vom Gassigehen mit dem Hund zurückgekommen ist.“

„Wo ist sie jetzt?“

„In Begleitung eines weiblichen Police Constable. Sie ruht sich oben in ihrem Schlafzimmer aus.“

„Wie hat sie es aufgenommen? Ist sie hysterisch?“

„Nein, Sir. Eigentlich sehr ruhig. Eine dieser Oberschicht-Damen, die dazu erzogen wurden, sich nichts anmerken zu lassen, würde ich sagen.“

„Also war es die Frau, die den Notruf gewählt hat?“

„Ja, Sir.“

„War sonst noch jemand im Haus? Diener irgendeiner Art?“

„Uns ist niemand aufgefallen, Sir. Wir haben nur den Tatort gesichert und die Zivilfahnder gerufen.“

„Sehr gut.“ Ausnahmsweise klang Bragg beinahe zufrieden. „Wurde ein Arzt informiert? Und die Spurensicherung?“

„Der Arzt ist gerade eingetroffen, Sir. Es obliegt euch Jungs, die Spurensicherung anzufordern. Das liegt außerhalb unserer Befugnisse, wie Sie wissen.“

Evan glaubte, einen recht selbstgefälligen Gesichtsausdruck auszumachen, als würde er diese Konfrontation mit Detective Inspector Bragg genießen.

„Natürlich. Evans, übernehmen Sie das. Benutzen Sie das Funkgerät im Mannschaftswagen. Wir brauchen das komplette forensische Team der Spurensicherung vor Ort.“

„Sehr wohl, Sir“, sagte Evan. Seine Füße waren schwer wie Blei, als er zum Wagen zurücklief. Nachdem er so lange mit Detective Inspector Watkins und dann mit Glynis Davies zusammengearbeitet hatte, Menschen, die er kennengelernt hatte und denen er vertraute, war dies ein schwerer Schlag. Die wenigen Worte, die sie gewechselt hatten, ließen ihn davon ausgehen, dass Bragg sich seiner vergangenen Erfolge sehr wohl bewusst war und fest entschlossen daran arbeitete, ihn in seiner Rolle zu halten: Ein Junior-Beamter, dessen einzige Aufgabe es war, Botengänge zu erledigen.

Er funkte das Hauptquartier an und betrat das Haus dann durch die offenstehende Eingangstür. Das Haus wirkte tadellos sauber, als wäre es für Aufnahmen für eine Wohn-Zeitschrift vorbereitet worden. Von der Eingangshalle aus konnte Evan einen Salon und ein Esszimmer sehen, die beide mit hochwertigen und auf Hochglanz polierten Antiquitäten möbliert waren. Kein bisschen Unordnung. Nicht ein Gegenstand, der deplatziert wirkte. Auf den Beistelltischen standen Vasen mit frischen Blumen und auf den Sesseln und Sofas lagen handbestickte Kissen. Dies war kein Ort, an dem etwas so Schmutziges wie ein Mord geschehen sollte.

Detective Inspector Bragg sah kurz auf, als Evan die Küche betrat. Detective Sergeant Wingate stand mit einem älteren, gehetzt wirkenden Mann am Fenster. Evan erkannte ihn als den Gerichtsmediziner, mit dem er bereits zuvor zusammengearbeitet hatte. Wingate hatte offensichtlich einen Oberschicht-Hintergrund, denn er trug eine gut geschnittene Hose und ein Sakko. Sein Haar war etwas länger, als Evan es getragen hätte. Der andere Detective Constable war nirgends zu sehen. Evan vermutete, dass er auch mit einer niederen Tätigkeit losgeschickt worden war.

Auf den ersten Blick passte die Küche zu den anderen Räumen, die er gesehen hatte – die dezente Ausstattung zeugte von Geschmack und Geld: weißes Holz, Schränke mit Glasfronten, blauweiße Delfter Kacheln, blauweißes Porzellan in den Regalen, eine Vase mit gelben Chrysanthemen als Dekoration und ein roter AGA-Herd, der sich unauffällig in eine Ecke schmiegte. Dann wurde sein Blick zu dem Tisch am Fenster gezogen. Er war fürs Frühstück gedeckt, mit einem weißen Tischtuch und dem gleichen blauweißen Porzellan, das er auch in den Regalen gesehen hatte. Doch die Idylle wurde von einer Leiche getrübt, die in ein kariertes Hemd gekleidet ausgestreckt auf dem Tisch lag. Von seinem Standpunkt aus konnte Evan das Gesicht nicht sehen, aber er sah den roten Fleck, der sich dort, wo der Kopf lag, auf dem Tischtuch ausgebreitet hatte.

„Ah, Evans. Haben Sie die Spurensicherung erreicht?“, fragte Bragg. „Guter Mann. Jetzt passen Sie hier drinnen bitte auf, wo Sie hintreten. Fassen Sie nichts an, ehe sich die Spurensicherung hier einmal gründlich umgesehen hat. Wir wollen doch nicht, dass sie den Tatort mit Ihren Fingerabdrücken kontaminieren.“

Als ob ich so etwas tun würde, du Trottel, dachte Evan.

„Gibt es noch etwas, was ich für Sie tun kann, Sir?“, fragte er.

„Bleiben Sie in der Nähe. Beobachten und lernen“, sagte Bragg. „Haben Sie Ihr Notizbuch parat? Ich brauche Sie, um bei meinen Befragungen Notizen zu machen.“

„Ja, Sir.“ Evan holte Notizbuch und Stift heraus und wünschte sich, er hätte sich einen Palmtop zugelegt, weil er damit sicher Eindruck gemacht hätte.

„Also, Doktor, fahren wir fort.“ Bragg wandte sich wieder dem Mann am Fenster zu. „Zeitpunkt des Todes?“

„Ich kann Ihnen den Zeitpunkt nicht auf die Minute genau nennen“, sagte der Arzt und sah Bragg mit derselben Abneigung an, die auch Evan für ihn empfand. „Er war gerade dabei, ein gekochtes Ei zu essen. Seine Frau kann Ihnen gewiss sagen, wann sie das Frühstück serviert hat. Also ginge es um das Intervall zwischen dem Servieren des Eis und der Gelegenheit, es aufzuessen.“

„Und wenn die Szene gestellt und das Ei auf dem Tisch platziert wurde, um die Ermittlung zu beeinträchtigen?“, fragte Bragg.

„Ich kann nur sagen, dass er noch nicht lange tot war, als ich eintraf. Wahrscheinlich nicht länger als eine Stunde. Natürlich liegt er vor einem nach Süden gehenden Fenster im vollen Sonnenlicht. Das hat seine Leiche warmgehalten. Aber es gab noch keine Anzeichen von Leichenstarre, als ich ihn zum ersten Mal sah.“

„Und die Todesursache?“, fragte Bragg.

Das verdammt große Loch in seinem Kopf, hätte Evan gern gesagt. Er fand, dass der Arzt erstaunlich ruhig blieb, als er gleichgültig antwortete: „Eine Schusswunde in der linken Schläfe, vermutlich aus nächster Nähe zugefügt.“

„Könnte es Selbstmord gewesen sein?“, fragte Bragg.

Der Arzt blickte von Bragg zur Leiche und wieder zurück. „Nur wenn jemand anschließend die Waffe entfernt hat. Ich bin kein Ballistiker, aber ich würde vermuten, dass der Schuss aus einer Entfernung von etwa einem Meter abgegeben wurde. Ihre Experten für Blutspritzer können Ihnen das sicher genauer sagen als ich.“

„In diesem Fall frage ich mich, wo der Schütze stand“, sagte Bragg. „Der Tisch steht direkt am Fenster, und doch traf der Schuss die linke Schläfe – er könnte sich höchstens umgedreht und nach dem Treffer wieder zurückgedreht haben.“

„Der Schuss könnte durch das Fenster abgegeben worden sein, Sir“, sagte Evan.

Bragg wandte sich mit einem herablassenden Schmunzeln zu ihm. „Durch das Fenster, Constable? Falls es Ihnen entgangen ist: Das Fenster ist geschlossen.“

„Jemand könnte es zugemacht haben“, sagte Evan.

„Er hat nicht unrecht, Sir“, sagte Detective Sergeant Wingate und blickte in den Garten hinaus. „Diese Büsche dort würden eine vorzügliche Deckung bieten, und direkt neben dem Busch hat man eine perfekte Schusslinie auf eine Person, die hier am Tisch sitzt.“

„Und nachdem der Täter den armen Kerl umgebracht hat, ging er ins Haus, um in aller Ruhe das Fenster zu schließen, ja? Ziemlich riskant, finden Sie nicht?“, fragte Bragg selbstgefällig.

„Nicht wenn er wusste, dass das Haus leer sein würde. Er hat vermutlich beobachtet, dass die Frau mit dem Hund rausging und wusste, dass es keine Bediensteten gibt, die hier leben.“

„Er hat zuerst den Tatort ausgekundschaftet?“

„Nun, es ist offensichtlich kein Mord in Folge eines Raubüberfalls, oder?“, fragte Detective Sergeant Wingate. „Ich habe mich in den anderen Zimmern im Erdgeschoss umgesehen und konnte keinerlei Unordnung entdecken. Und es liegt schönes Tafelsilber herum.“

„Bevor wir nicht mit Mrs. Rogers das gesamte Haus durchgegangen sind, können wir nicht wissen, ob ein Raub stattgefunden hat. Der Mann ist Professor. Es könnten wichtige Forschungsunterlagen fehlen. Jüngere Beamte wie Sie ziehen immer gern vorschnelle Schlüsse. Und all das nur, um nach einer übereilten Verhaftung das eigene Bild in der Zeitung zu sehen?“

„Nein, Sir. Wir sprechen nur über mögliche Szenarien.“

„Ich entscheide, worüber wir sprechen, Wingate. In Ihrer Station waren Sie gewiss mit all Ihren Kollegen bestens befreundet; aber ich führe hier ein strenges Regime und bin der Kapitän dieses Teams, verstanden?“

„Aye, aye, Käpt’n“, sagte Wingate trocken. Er begegnete Evans Blick und Evan begriff, dass er zumindest einen Verbündeten hatte.

„Werden Sie uns dann Ihren Bericht zukommen lassen, Doktor?“, fragte Bragg.

„Sobald ich ihn geschrieben habe, schicke ich ihn zu Ihnen“, sagte der Arzt.

„Wir werden uns in der Polizeistation in Bangor einrichten. Dort können Sie uns finden. Danke, dass Sie so schnell zur Stelle waren. Evans wird Sie hinausbegleiten.“

„Ich finde den Weg schon, danke“, sagte der Arzt, nahm seine Tasche und ging.

„Gut, Constable, notieren Sie!“, sagte Bragg. „Angriffsplan: Die Frau befragen. Mit ihr durchs Haus gehen. Die Tatwaffe ausfindig machen. Draußen nach Fußabdrücken suchen. Mögliche Augenzeugen. Nachbarn befragen. Das sollte uns beschäftigen, bis wir den Bericht der Forensik und ein mögliches Motiv haben. Wingate, schnappen Sie sich Pritchard und suchen Sie das Gelände ab. Passen Sie auf, wo Sie hintreten, damit Sie keine Beweise vernichten. Wir brauchen Abgüsse der Fußabdrücke. Evans, Sie kommen mit mir. Wir werden mit Mrs. Rogers sprechen. Die Chancen stehen zehn zu eins, dass sie selbst die Täterin ist. Cherchez la femme. So heißt es doch immer, nicht wahr?“

„Ist das so, Sir?“, fragte Evan und bemerkte, dass Wingate grinste. „Hätte sie sich nicht mehr Zeit gelassen, um die Polizei zu rufen, wenn sie es selbst war, damit der Todeszeitpunkt nicht so leicht einzugrenzen ist? Und glauben Sie nicht, dass sie dann das gekochte Ei entsorgt und sich ein besseres Alibi verschafft hätte als den Spaziergang mit dem Hund?“

„Was hat man Ihnen in der Ausbildung zum Detective beigebracht, Constable? Hat man Ihnen nicht gesagt, immer mit dem Offensichtlichen zu beginnen? Also, so lange die Frau nicht ausgeschlossen werden kann, ist sie logischerweise die Hauptverdächtige. Die meisten Morde werden von Familienangehörigen oder engen Freunden begangen. Sie sollten das wissen. Wir haben es nur äußerst selten mit einem Mord unter Fremden zu tun, abgesehen von der Drogenszene, mit der Sie in ihrer behüteten Ecke von Nordwales vermutlich wenig Kontakt hatten.“

„Es gab ein paar Fälle, Sir“, sagte Evan, „jetzt, da Drogen über Holyhead aus Irland eingeschifft werden. Dieser Tage gibt es so ziemlich überall Drogen, oder nicht?“

„Ich schätze, auch hier gibt es gelegentlich Fälle, etwa unter den Studenten der Universität. Dieser Mann war Professor, nicht wahr? Dann wäre der nächste Schritt, mit seinen Kollegen zu sprechen. Manchmal herrscht unter Akademikern erbitterte Rivalität, wie ich hörte. Ich glaube nicht, dass wir allzu lange brauchen werden, um diesen Fall abzuschließen.“

„Nein, Sir“, sagte Evan und folgte Bragg die mit dickem Axminsterteppich ausgelegte Treppe hinauf.

Kapitel 5

Detective Inspector Bragg klopfte an die Schlafzimmertür und trat ein, ohne hereingebeten worden zu sein. Evan folgte ihm. Das Zimmer war ebenso geschmackvoll eingerichtet wie die Zimmer im Erdgeschoss – helle, gestreifte Tapete; Kommode im Regency-Stil; ein weißer Einbauschrank für die Kleider; an der Wand ein schönes Gemälde des Mount Snowdon aus dem neunzehnten Jahrhundert. Ein Nähkästchen und ein halbfertiger Wandteppich lagen auf dem Nachttisch. Eine schlanke, grauhaarige Frau saß steif und aufrecht im Bett und starrte aus dem Fenster, während eine junge Polizistin unbehaglich auf einem weißen Korbstuhl saß.

Es dauerte eine Weile, bis die Frau im Bett auf das Geräusch der sich öffnenden Tür reagierte und den Kopf zu den Männern wandte, die gerade ihr Schlafzimmer betraten. Ihr Blick zeigte weder Interesse noch Überraschung und ihr Gesicht war eine beherrschte Maske, abgesehen von den Lippen, die sie fest aufeinanderpresste.

„Sollten Sie sich nicht ausruhen, Mrs. Rogers?“, fragte Detective Inspector Bragg.

„Der Arzt hat ihr ein Beruhigungsmittel verschrieben, aber sie wollte es nicht nehmen“, sagte die Polizistin. „Ich habe versucht, sie dazu zu bringen, sich wenigstens hinzulegen oder etwas heißen Tee gegen den Schock zu trinken.“

„Als ob ich mich in so einer Situation ausruhen könnte“, sagte Mrs. Rogers. Sie sprach leise, aber sanft und kultiviert. „Die Leiche meines Ehemannes liegt unten, meine Küche ist blutverschmiert und Sie sagen mir, ich solle mich ausruhen?“

„Ich weiß, was Sie gerade durchmachen müssen. Ich bin Detective Inspector Bragg. Ich werde diesen Fall übernehmen. Das hier ist Detective Constable Evans. Er wird sich zu unserem Gespräch Notizen machen. Sie schaffen es doch, zu reden, oder?“

„Ja. Ich kann reden. Das ist besser als hier herumzusitzen und zu grübeln“, sagte sie.

„Gut. Fangen wir ganz vorne an. Wie lautet ihr vollständiger Name?“

„Madeleine Jane Rogers. Ich werde üblicherweise Missy genannt. Das ist ein Spitzname aus der Kindheit, der sich irgendwie gehalten hat.“

„Und wie lange sind Sie mit Martin Rogers verheiratet?“

„Neunundzwanzig Jahre, fast dreißig. Im November wäre unser Hochzeitstag gewesen.“

„Haben Sie Kinder?“

„Leider nein. Wir konnten keine Kinder bekommen. Ich habe das immer zutiefst bedauert.“

Bragg räusperte sich. „Natürlich. Kommen wir zu den Geschehnissen von heute Morgen.“
„Ja. Natürlich. Es war so wie jeden Morgen. Ich stehe immer als Erste auf. Ich decke den Tisch und bereite das Frühstück vor; dann gehe ich mit dem Hund raus.“

„Gibt es keine Bediensteten im Haus?“

„Bedienstete?“ Sie stellte diese Frage halb lachend, halb hustend. „Wie viel, glauben Sie, verdient ein Universitätsprofessor, Inspector? Als Martins Vater in diesem Haus aufwuchs, gab es ein ganzes Rudel von Dienern, aber jetzt haben wir nur noch eine Putzfrau, die einmal in der Woche herkommt, und einen Gärtner, der mir die schweren Arbeiten abnimmt.“

„Ich verstehe. Dann frühstücken Sie in der Regel nicht zusammen mit Ihrem Ehemann?“

„Nein. Ich stehe immer um sechs oder halb sieben auf; Martin nie vor acht. Ich ... ich schlafe nicht sehr gut.“

„Und heute Morgen wachten Sie zur üblichen Zeit auf?“

„Ja. Ich stand gegen halb sieben auf, machte mir eine Tasse Tee, aß eine Scheibe Toast mit Marmelade und las die Zeitung. Gegen viertel nach sieben habe ich Martin eine Tasse Tee raufgebracht. Dann ging ich nach draußen, um etwas im Garten zu arbeiten. Gegen viertel vor acht habe ich ihm dann ein Ei gekocht und die Treppe hinaufgerufen, dass sein Frühstück fertig ist. Er rief zurück, dass er gleich herunterkäme. Ich habe Ei und Toast auf den Tisch gestellt, ihm eine Tasse Tee eingegossen und rief dann noch einmal hinauf, um ihn daran zu erinnern, das Eigelb nicht fest werden zu lassen. Er hat hart gekochte Eier gehasst. Dann ging ich wie jeden Tag mit dem Hund raus.“

Evan sah sich im Zimmer um. „Wo ist der Hund jetzt?“, fragte er.

„Ich habe ihn im Gartenhaus eingesperrt. Er ist ein überempfindliches Tier. Ich dachte, dass es ihn schrecklich aufregen würde, dass hier jetzt so viel los ist.“

„Gute Idee“, sagte Detective Inspector Bragg und blickte zu Evan. Evan konnte den Blick nicht deuten. War der Detective Inspector genervt, weil er das Wort ergriffen hatte? „Wann sind Sie mit dem Hund losgegangen?“

„Ich gehe immer um acht Uhr los und bin etwa eine Stunde unterwegs.“

„Haben Sie irgendetwas Verdächtiges bemerkt, als sie heute Morgen draußen waren? Irgendetwas, das Ihnen ins Auge gefallen ist, weil es nicht richtig wirkte?“

„Sie meinen, ob ich sah, dass jemand in den Büschen herumschlich? Ich fürchte, nein. Und Lucky hätte geknurrt, wenn er jemanden im Garten gewittert hätte. Er hat einen hervorragenden Geruchsinn.“

„Laufen Sie immer dieselbe Strecke?“

„Das hängt vom Wetter ab. An schönen Tagen laufe ich gerne so nah am Wasser wie möglich, um den Blick über die Menaistraße zu genießen. Wenn das Wetter nicht so gut ist, bleibe ich in der Stadt und gehe am Park vorbei, damit Lucky ein wenig laufen kann. Ich habe immer einen Tennisball dabei. Er liebt es zu apportieren.“

„Heute Morgen war das Wetter schön, Sie haben also die Strecke am Wasser entlang genommen?“

„Genau.“

„Sind Sie unterwegs irgendjemandem begegnet?“

Sie runzelte die Stirn, als müsste sie diese Frage erst verdauen. „Autos fuhren an mir vorbei. Ein Junge auf seinem Fahrrad auf dem Weg zur Schule. An Fußgänger erinnere ich mich nicht ...“ Sie brach ab, als ihr die Bedeutung dieser Frage bewusst wurde. „Sie wollen ermitteln, ob ich wirklich mit dem Hund unterwegs war, als Martin erschossen wurde? Sie werden doch nicht davon ausgehen, dass ich etwas mit seinem Tod zu tun habe, oder?“

„Das sind alles Routinefragen, Mrs. Rogers. Wir müssen jede Möglichkeit in Betracht ziehen.“

„Ja, ich schätze, Sie haben recht“, sagte sie. „Na gut, ich habe einem Mann einen guten Morgen gewünscht, als ich an seinem Garten vorbeikam. Er ist morgens meistens im Garten und hat einen kleinen, weißen Hund, der Luckys Freund geworden ist. Sie beschnuppern sich immer durch das Tor hindurch und wedeln mit den Schwänzen.“

„Kennen Sie zufällig seinen Namen und die Adresse?“

„Ich fürchte, nein. Ist das nicht furchtbar? Man verbringt seit Jahren einen Moment des Tages mit einer Person und geht nie den Schritt, nach einem Namen zu fragen. Ich kann Ihnen das Haus zeigen. Es ist leicht zu finden. Ein schwarzweißes Haus im Pseudo-Tudor-Stil und im Garten rennt meistens ein weißer, flauschiger Hund herum.“

„Pseudo-Tudor. In welcher Straße?“

„Ffordd Telford“, sagte Sie. „Oder die Telford Road, wenn Ihnen Englisch lieber ist.“

Bragg blickte zu Evan. „Haben Sie das, Evans?“

„Ja, Sir.“

„Gut, lassen Sie uns zu Ihrem heutigen Vormittag zurückkehren. Ihr Spaziergang dauerte die übliche Stunde?“

„Ungefähr. Ich habe die Zeit noch nie minutengenau gestoppt. Ich kam zurück und füllte draußen Luckys Trinkschüssel. Martin möchte nicht, dass er im Haus isst oder trinkt. Dann habe ich meine Jacke in den Schrank in der Eingangshalle gehängt. Im Radio in der Küche lief ein Beatles-Song. ‚She loves you, yeah, yeah, yeah.‘ Das ließ mich an glücklichere Tage denken. Dann ging ich in die Küche und brauchte einen Moment, bis ich merkte, dass Martin ausgestreckt auf dem Tisch lag, in einer Blutlache ...“ Sie hob eine Hand zu ihrem Mund und rang um Fassung. „Das war ein fürchterlicher Schock. Entschuldigen Sie“, sagte sie schließlich.

„Haben Sie versucht, Ihn zu bewegen?“

„Nein. Ich habe ihn nicht angefasst. Er war ganz offensichtlich tot. Ich ging um ihn herum. Seine Augen standen weit offen und starrten mich an. Es war schrecklich. Ich rannte zum Telefon und wählte den Notruf, dann sperrte ich Lucky ein und wartete auf die Polizei. Das war eigentlich alles. Ich fürchte, nichts davon fühlt sich echt an, fast als würde ich Ihnen einen Film beschreiben, den ich gestern Abend gesehen habe.“

„Haben Sie jemanden, bei dem Sie für ein paar Tage unterkommen können, Mrs. Rogers?“, fragte der weibliche Police Constable. „Leben Familienmitglieder in der Nähe?“

„Ich habe eigentlich keine Familie mehr.“ Missy Rogers erschauderte, als sie das sagte. „Meine Eltern sind vor einigen Jahren gestorben. Ich habe eine Schwester, aber sie lebt jetzt in Südfrankreich. Wir sehen uns höchstens einmal im Jahr.“

„Leben irgendwelche engen Freunde in der Nähe?“, beharrte die Polizistin.

„Wir haben viele Freunde an der Universität, und da wäre noch der Altarverein der Kirche.“

„Soll ich eine dieser Personen anrufen, und darum bitten, Sie abzuholen?“

Missy Rogers schüttelte den Kopf. „Nein. Ich möchte im Augenblick lieber allein sein, danke. Ich glaube nicht, dass ich das Mitleid anderer ertragen könnte. Ich ... ich mag es nicht, wenn man so einen Wirbel um mich macht. Sie werden Martins Leiche bald mitnehmen, oder?“

„Sobald die Jungs von der Spurensicherung ihre Arbeit gemacht und den Tatort untersucht haben. An Ihrer Stelle würde ich hier oben bleiben, bis das erledigt ist.“

„Soll ich Ihren Hund hier heraufbringen, Mrs. Rogers?“, fragte Evan. „Er ist sicher nicht glücklich damit, so lange allein weggesperrt zu sein, und Tiere können sehr tröstlich sein.“

Missy Rogers’ Gesichtsausdruck erhellte sich. „Ja. Vielen Dank. Das wäre schön. Wären Sie so lieb? Ist es in Ordnung, wenn der Hund heraufgebracht wird, Inspector?“

„Überhaupt kein Problem, Mrs. Rogers. Ich lasse ihn von Evans zu Ihnen bringen, sobald wir mit unserem kleinen Gespräch durch sind.“

„Was sollte ich Ihnen denn noch erzählen können?“, fragte sie.

„Nun, die naheliegendste Frage wäre, ob jemand einen Grund dafür hatte, Ihren Ehemann umzubringen.“

Missy Rogers starrte zu Bragg hinauf. „Mein Mann war kein leichter Umgang, Detective Inspector. Das müssen Sie wissen. Er hat gern seinen Kopf durchgesetzt. Er hat seine Meinung forsch vertreten und ist dementsprechend ab und zu mit anderen aneinandergeraten. Das heißt aber nicht, dass er sich heftig genug mit jemandem gestritten hätte, dass derjenige ihn hätte umbringen wollen.“

„Was halten Sie dann von der Sache, Mrs. Rogers?“, fragte Bragg. „Wer könnte Ihren Ehemann umgebracht haben? Sie müssen doch irgendeinen Verdacht gehabt haben, als Sie ihn dort liegen sahen.“

„Ganz und gar nicht. Ich war völlig entgeistert. Stand unter Schock.“

„Und jetzt, da Sie Zeit hatten darüber nachzudenken? Fällt Ihnen jemand ein, den wir uns näher anschauen sollten? Jemand der sich in jüngster Zeit mit Ihrem Ehemann gestritten hat oder schon länger einen Groll gegen ihn hegte?“

Zum ersten Mal bemerkte Evan eine Reaktion in ihrem Gesicht. „Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, Inspector“, sagte sie, „aber wenn ich eine Meinungsverschiedenheit mit jemandem habe, renne ich nicht im Nachhinein los und erschieße die Person. Es braucht schon sehr viel mehr als das, um jemanden erschießen zu wollen.“

„Was zum Beispiel, Mrs. Rogers?“

„Eine tiefsitzende, ursprüngliche Emotion, vermute ich. Intensiver Hass oder Angst. Es darf keinen anderen Ausweg geben.“

„Wenn Sie raten müssten, wer könnte so eine tiefsitzende Emotion bezüglich Ihres Ehemannes hegen?“

„Mir fällt niemand ein.“

„Und wer könnte darauf gewartet haben, dass Sie gehen, um ihn dann zu erschießen?“

„Ich wünschte, ich könnte Ihnen das sagen, Inspector, aber ich kann es nicht. Ein Einbrecher vielleicht, der mich herauskommen sah und überzeugt war, dass das Haus leer sein würde? In jüngster Zeit gab es in der Gegend einige Einbrüche. Unsere Nachbarn haben sich eine Alarmanlage installieren lassen. Wir haben uns wegen Lucky nie eine zugelegt; er ist ein guter Wachhund.“

„Wären Sie so gut sich mit mir im Haus umzusehen, um uns sagen zu können, ob etwas bewegt oder entwendet wurde?“

„Natürlich.“ Sie stand auf, strich ihren Tweedrock glatt und nickte, als wäre sie bereit. An der Tür zögerte sie. „Ich ... also ... ich muss doch nicht noch einmal in die Küche gehen, oder? Ich glaube nicht, dass ich es ertragen könnte ...“

„Nein, es sei denn Sie bewahren Familiengeheimnisse in einem Tresor im Küchenboden auf.“

„Nein, es gibt keinen Tresor“, sagte sie. „Ich habe etwas teuren Schmuck bei der Bank deponiert; Martin hat eine recht wertvolle Münzsammlung und einige seltene Briefmarken, aber die sind auch bei der Bank. Das bisschen Silberbesteck, das wir besitzen, haben wir offen drapiert. Es wäre doch eine Schande, solch schöne Dinge zu besitzen, und sie nicht zu genießen. Schöne Dinge machen das Leben erträglich, finden Sie nicht?“

Sie gingen von Zimmer zu Zimmer. Im Erdgeschoss befand sich ein Esszimmer, ein Salon und eine Bibliothek, deren Wände vom Boden bis zur Decke mit Büchern ausgekleidet waren. Im Stockwerk des Schlafzimmers gab es noch zwei Gästezimmer und ein ehemaliges Schlafzimmer, das in ein Arbeitszimmer umgewandelt worden war. An den Wänden dort türmten sich neben dem Aktenschrank und einem Schreibtisch mit säuberlich aufgetürmten Papierstapeln weitere Bücher auf. Dann ging es noch eine weitere Treppe hinauf, zu den ehemaligen Quartieren der Bediensteten. Einer dieser Räume war jetzt ein Näh- und Bügelzimmer. In dem anderen stapelten sich Kisten. Nichts schien angerührt worden zu sein.

„Ist es möglich, dass Ihr Ehemann wertvolle Unterlagen in seinem Arbeitszimmer aufbewahrte?“, fragte Bragg.

„Unterlagen, die es sich zu stehlen lohnt?“ Sie lächelte beinahe. „Er war in seinem Feld hoch angesehen, aber ich glaube nicht, das irgendetwas von seiner Arbeit so einzigartig oder außergewöhnlich war, dass man die Unterlagen stehlen wollen würde. Er war ja kein Wissenschaftler, der an einer neuen Bombe arbeitete, oder so etwas. Er war Historiker, spezialisiert auf das achtzehnte Jahrhundert. Ich glaube nicht, dass seine Arbeit derart weltbewegend war, dass man sie stehlen würde ... oder dafür töten.“

Sie schwankte plötzlich und hielt sich am Treppengeländer fest. „Ich fürchte, ich muss mich erst einmal setzen. Das alles war zu viel für mich.“

„Sehr verständlich“, sagte Inspector Bragg. „Ich glaube, ich habe für den Moment alles, was ich brauche, Mrs. Rogers. Die Spurensicherung wird natürlich Ihre Fingerabdrücke nehmen müssen, wenn sie hier sind, aber ich würde vorschlagen, dass Sie fürs Erste in Ihr Zimmer zurückkehren und sich hinlegen. Wir lassen Constable Evans Ihren Hund holen.“

„Danke. Das ist sehr freundlich.“

Evan nahm ihren Arm und begleitete sie zurück zum Schlafzimmer.

„Eine Sache noch, Mrs. Rogers“, rief Detective Inspector Bragg ihr nach. „Besaß ihr Ehemann eine Schusswaffe?“

„Er hatte mehrere antike Schusswaffen, die er in seinen Vorlesungen als Anschauungsmaterial benutzte. Ich weiß nicht, ob sie noch funktionstüchtig sind.“

„Und wo können wir die finden?“

„Er bewahrte sie in einer Schublade des Sekretärs in der Bibliothek auf. Ich glaube nicht, dass sie abgeschlossen ist. Ich zeige sie Ihnen.“ Sie führte sie wieder die Treppe hinab in die Bibliothek und zog eine Schublade heraus. Auf einer Samtunterlage fanden sich mehrere antike Schusswaffen – dem ersten Blick nach eine Duellpistole mit Perlmuttgriff, ein Colt, eine alte Muskete und eine Vertiefung, in der eine weitere Waffe gelegen hatte.

Kapitel 6

„Wir werden dem Ballistiker diesen Abdruck zeigen, wenn er hier ist“, sagte Bragg als Evan ihm aus dem Haus folgte und sie zusammen in der Auffahrt standen. Bragg blickte zur Straße. „Sie lassen sich Zeit, was?“

„Der Verkehr ist mittlerweile fürchterlich“, sagte Evan. „Manchmal braucht man Ewigkeiten, allein um aus Colwyn Bay herauszukommen.“

„Was halten Sie von der Sache, Evans?“

Diese Frage überraschte Evan. „Was ich davon halte, Sir? Sie liebt ihren Hund wirklich sehr, nicht wahr? Sie hat nur ein einziges Mal Anzeichen von Emotionen gezeigt; als ich ihren Hund ins Zimmer brachte.“

„Im Fall einer Tragödie klammert man sich an vertraute Dinge, nicht wahr? Und Hunde sollen wirklich sehr tröstlich sein. Obwohl ich mir das für mich nicht vorstellen kann. Sie pinkeln und kacken überall hin und verteilen ihre Haare wo immer sie hingehen. Haben Sie einen Hund?“

„Nein Sir. Das wäre nicht gut für das Tier. Meine Frau und ich sind den ganzen Tag außer Haus. Außerdem sind wir frisch verheiratet.“

„Sie wollen nicht, dass sie die Hälfte ihrer Aufmerksamkeit ihrem Hund widmet, was?“ Bragg kicherte.

„Sind Sie verheiratet, Sir?“

„War ich. Aber ich habe es nicht eilig, diesen Schritt erneut zu gehen. Lassen Sie uns sehen, was Wingate und Pritchard herausgefunden haben.“

Er ging festen Schritts voran.

Sie fanden die beiden Beamten im Gartenhäuschen.

„Ich hoffe, Sie haben hier nicht alles mit Ihren Pranken angetatscht“, sagte Bragg, als er in der Tür stand. „Dieser Ort könnte wichtig sein. Eine gute Stelle, um sich zu verstecken und zu beobachten, was im Haus vor sich geht. Man hat von hier aus einen freien Blick auf die Haustür.“

„Wir haben ein Paar Gummistiefel angefasst“, sagte Wingate. „Wir mussten sie mit Fußabdrücken abgleichen, die wir gefunden hatten. Es ist eine Damengröße. Sie gehören offensichtlich Mrs. Rogers.“

„Gibt es Abdrücke, die nicht zu den Gummistiefeln passen?“

„Ein paar, Sir. Abdrücke großer, schwerer Schuhe in einigen der Blumenbeete.“

„Das war dann vermutlich der Gärtner. Wenn wir ihn befragen, müssen wir daran denken, einen Abdruck der Sohle seiner Arbeitsschuhe zu machen.“
Bragg trat in die Hütte und schnupperte. „Hier riecht es, als hätte jemand einen Motor laufen lassen. Heißes Öl.“

„Ganz recht, Sir“, sagte Pritchard. „Der Rasenmäher wurde vor Kurzem benutzt. Er war noch leicht warm.“

„Mrs. Rogers sagte, sie hätte am Morgen ein wenig im Garten gearbeitet, nicht wahr?“, fragte Evan.

„In der Tat. Nun, das würde den Rasenmäher erklären. Kein Glück bei der Suche nach der Waffe?“

„Nein, Sir. Wir haben die Büsche sehr gründlich abgesucht. Es gibt einen Gartenteich. Wir haben ein wenig darin herumgestochert, aber nichts gefunden. Wenn Sie glauben, dass der Täter die Waffe entsorgt hat und nicht damit abgehauen ist, sollten Sie den Teich vielleicht etwas gründlicher absuchen lassen. Wenn ich es gewesen wäre, hätte ich die Waffe aber mitgenommen.“

„Das hat er vermutlich auch getan, aber manche Menschen verhalten sich nicht rational, wenn sie gerade jemanden umgebracht haben. Manchmal geraten sie in Panik und wollen die Waffe so schnell wie möglich loswerden. Sie würden staunen, wo ich schon Tatwaffen gefunden habe. An den offensichtlichsten Stellen abgelegt, als wollte der Täter gefunden werden.“

Sie traten wieder hinaus an die frische Luft.

„Also, was machen wir als Nächstes, Sir?“, fragte Sergeant Wingate.

„Wir werden mehr erfahren, sobald die Spurensicherung hier ist“, sagte Bragg und starrte wieder genervt Richtung Straße. „Und wir werden das Haus gründlichst durchsuchen müssen, sobald alles auf Fingerabdrücke untersucht wurde. Wir müssen herausfinden, ob diese antike Waffe wirklich verschwunden ist oder nur an einem anderen Platz liegt.“

„Und ob sie kürzlich abgefeuert wurde“, fügte Evan hinzu.

Bragg warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Natürlich wollen wir wissen, ob sie abgefeuert wurde, Constable. Das versteht sich von selbst.“

„Oh, haben Sie die Tatwaffe identifiziert, Sir?“, fragte Constable Pritchard.

„Möglich. Rogers besaß eine Sammlung antiker Schusswaffen. Eine der Waffen fehlt.“

„Ich verstehe.“ Wingate nickte. „Es könnte helfen, wenn wir die Waffenart kennen würden, nach der wir suchen. Welche Kugeln wurden mit antiken Waffen abgefeuert?“

„Man schmolz einfach Bleiklumpen und goss das Metall in eine Form, oder? Ich habe keine Ahnung, ob moderne Kugeln auch funktionieren würden. Hoffen wir mal, dass der Ballistiker das beantworten kann“, sagte Bragg. „Gut, lassen Sie uns weitermachen. Während wir hier herumstehen und plaudern, verschwenden wir wertvolle Zeit.“

„Ich glaube, wir sollten so schnell wie möglich die Nachbarn befragen, solange die Erinnerungen noch frisch sind.“ Wingate starrte auf das große, viktorianische Nachbarhaus, das man jenseits der hohen Hecke sehen konnte.

Bragg sah sich um. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Nachbarn durch diese ganzen Bäume und Büsche etwas beobachtet haben. Die Häuser sind zu weit voneinander entfernt.“

„Aber jemand muss den Schuss gehört haben“, sagte Evan. „Und es gibt immer jemanden, der ganz zufällig aus dem Fenster geschaut hat und weiß, wer bei den Nachbarn ein und aus gegangen ist.“

„Da spricht der erfahrene Detective“, sagte Bragg. „Wie lange sind Sie jetzt schon bei der Truppe, Evans? Wie viele Monate?“

„Nicht viele, Sir.“ Evan tat den Spruch mit einem Lachen ab.

„Aber es ist eine treffende Beobachtung. In fast jeder Straße gibt es einen neugierigen Nachbarn. Selbst wenn die Nachbarn heute Morgen nichts beobachtet haben, können Sie uns möglicherweise Erkenntnisse über die Dynamik des Hauses Rogers verschaffen.“

„‚Erkenntnis‘ und ‚Dynamik‘. Mensch, heute haben wir es aber mit den großen Worten, was, Wingate? Haben Sie vor, uns Ihre Universitätsbildung um die Ohren zu hauen?“

„Es tut mir leid, Sir. Ich werde meine Worte in Zukunft mit mehr Bedacht wählen.“

Evan unterdrückte ein Grinsen. Subtiler hätte er eine Beleidigung nicht verpacken können.

„Verstehen Sie mich nicht falsch“, fuhr Bragg fort, als wäre nichts passiert. „Ich habe durchaus vor, die Nachbarn zu befragen. Und es könnte sich auch lohnen, sich über die Medien an die Bevölkerung zu wenden. Evans, dieser Ort gehört zur Division West, oder? Sie sind mit den örtlichen Medien vertraut. Ich überlasse es Ihnen, die Sache in die Abendnachrichten und die morgigen Zeitungsausgaben zu bringen. Schaffen Sie das?“

„Ja, Sir. Ich glaube, das bekomme ich hin.“

„Guter Junge.“
Bragg hatte wirklich keinen Sinn für Sarkasmus, befand Evan.

„Achten Sie darauf, wie viel sie weitergeben. Ein auffälliger Todesfall – bezeichnen Sie es nicht als Mord, ehe wir die Fakten gesichert haben. Sie können den Straßennamen und die ungefähre Zeit des Vorfalls nennen. Wer vorbeikam und etwas Verdächtiges oder Ungewöhnliches bemerkt hat, wird gebeten, sich bei der Polizeistation in Bangor zu melden. Verstanden?“ Er sah auf, als ein weißer Transporter in die Einfahrt bog und über den knirschenden Kies fuhr. „Ah, die Spurensicherung hat endlich den Hintern hochbekommen. Es ist wichtig, dass ich in der Nähe bleibe, während sie ihre Arbeit machen, aber ich glaube, ich kann Sie losschicken, um die Nachbarn zu befragen, nicht wahr, Wingate?“

„Ja. Ich glaube, das wird meine Fähigkeiten nicht übersteigen, Sir“, antwortete Wingate.

Dieses Mal blieb der Sarkasmus nicht unbemerkt. „Kein Grund, frech zu werden, Wingate. Wir sind ein brandneues Team und wenn irgendetwas schief geht, bin ich der Sündenbock. Ich muss sichergehen, dass meine Beamten wissen, was sie tun.“

„Ich versichere Ihnen, dass ich durchaus fähig bin, die Nachbarn zu befragen, Sir, wie auch Pritchard und Evans.“

„Ja, nun, ich brauche Pritchard bei mir, solange Evans unterwegs ist. Sie können sich jetzt verziehen, Evans, und Sie auch, Wingate.“

Die beiden Männer liefen gemeinsam die Einfahrt hinab und kamen an dem Team der Spurensicherung vorbei, als sie gerade die hinteren Türen ihres Transporters öffneten.

„Hallo Evans. Haben Sie Spaß?“, fragte der junge Polizeifotograf auf Walisisch. „Es heißt, dieser Bragg sei ein richtiges Arschloch.“ Er sah Evans Gesicht und grinste. „Und sein Walisisch ist auch nicht das Beste.“

Evan wandte sich zu Wingate. „Wie ist Ihr Walisisch?“

„Ich bin kein Muttersprachler wie Sie. Der Hof meiner Familie liegt im Grenzbereich und wir sind mit Englisch aufgewachsen.“

„Das ist schade.“

„Unter den gegebenen Umständen muss ich Ihnen zustimmen“, sagte Wingate. „Ich heiße übrigens Jeremy, und Sie?“

„Evan.“
„Nein, Ihr Vorname.“

„Das ist mein Vorname. Evan Evans. Fantasielose Eltern, fürchte ich.“

Jeremy Wingate grinste. „Wir stehen das schon irgendwie durch, obwohl ich nicht weiß, womit wir diese grausame und ungewöhnliche Strafe verdient haben.“

„Vielleicht ist er nicht mehr so schlimm, wenn wir ihn besser kennenlernen“, sagte Evan.

„Er könnte allerdings auch noch wesentlich schlimmer sein.“ Wingate lehnte sich näher, als Evan die Tür des Streifenwagens öffnete. „Ich halte Sie über meine Erkenntnisse bei den Nachbarn auf dem Laufenden. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass dieses Kerlchen nicht der Hellste ist. Vielleicht müssen wir die Arbeit für ihn machen.“

Evan fuhr los. Auf der einen Seite erhaschte er einen Blick auf das funkelnde Wasser der Meerenge, auf der anderen sah er in der klaren Luft die Umrisse des Snowdon-Gebirgszugs. Die Polizeistation in Bangor wäre näher gewesen, aber Evan fuhr stattdessen nach Caernarfon, um Kontakt zu den Lokalmedien aufzunehmen. Dort kannte er sich wenigstens aus.

Ein Anfall von Bedauern überkam Evan, als er durch die vertraute gläserne Schwingtür eintrat. Warum hatte man ausgerechnet ihn für diesen Einsatz ausgewählt? Was, wenn sich diese neue Einrichtung bewährte und dauerhaft fortbestünde? Eine trostlose Zukunft zeichnete sich vor ihm ab, in der er jeden Tag in dem seelenlosen Hauptquartier aus Backstein und Glas beginnen und mit einer langen Heimfahrt beenden würde. Er lief gerade den Flur hinunter, als ein Mann aus einem Büro zu seiner Rechten kam und ihn beinahe umrannte. Evan brauchte einen Moment, um zu erkennen, wer es war.

„Tut mir leid, Sarge. Ich habe Sie nicht erkannt. Was haben Sie da an? Ist heute lockerer Freitag oder so?“

Der kräftige Sergeant Bill Jones warf ihm einen finsteren Blick zu. „Das ist die beschissene neue Uniform. Ich wurde als eines der Versuchskaninchen ausgewählt und wehe, Sie machen irgendeinen dummen Spruch deswegen ...“

Evan betrachtete den schwarzen Rollkragenpullover und die schwarze Cargohose. „Also, Sie würden sich gut bei einem Rockkonzert oder einer Versammlung von Skinheads machen“, sagte er.

„Ich finde es verdammt beschissen“, sagte Sergeant Jones, „und ich kann den Stoff an meinem Hals nicht ertragen. Ich muss mich ständig kratzen. Und wenn ich wie heute im Büro bin, ist mir viel zu warm.“

„Sagen Sie offen, was Sie davon halten. Wenn das genug von uns tun, werden Sie die Uniform nicht einführen.“

„Einigen der jüngeren Männer gefallen die Sachen leider“, sagte Sergeant Jones. „Sie glauben, dass sie damit cool aussehen.“ Er zog eine angewiderte Grimasse. „Was machen Sie eigentlich hier, Junge?“, fragte er. „Ich hörte, Sie wären zu Höherem berufen worden.“ Er legte seine Hände wie zum Gebet zusammen und blickte nach oben.

„Lassen Sie‘s gut sein, Bill“, sagte Evan. „Sie glauben doch nicht, dass ich mir diese Aufgabe gewünscht habe, oder?“

„Eingreifteam für Schwerverbrechen? Ich würde sagen, das war für Sie auf der Karriereleiter ein Schritt nach oben. Die Jungs hier sind wütend, weil das bedeutet, dass wir nur noch den belanglosen Kram bekommen – die gestohlenen Portemonnaies und Schlägereien unter Betrunkenen – während ihr all die interessanten Verbrechen übernehmt.“

„Ja, aber zu welchem Preis?“, fragte Evan. „Sind Sie je Detective Inspector Bragg über den Weg gelaufen? Der ist ein echter Mistkerl.“

Sergeant Jones grinste. „Ich vermute, das wird Ihnen guttun. Sie hatten es hier zu leicht.“ Er streckte den Arm aus und klopfte Evan mit seiner fleischigen Hand auf die Schulter. „Lassen Sie sich nicht unterkriegen, Junge. Sie sind ein guter Polizist und wahrscheinlich weiß er das auch. Er versucht nur die Hackordnung festzulegen.“

„Danke, Bill“, sagte Evan. „Ich bin hier, weil ich die lokalen Radio- und Fernsehsender über den Mord von heute Morgen informieren muss. Und hier weiß ich, wo ich die Liste der Medienkontakte finde.“

„Ein Mord, ja?“

Evan nickte. „Ein Universitätsprofessor aus Bangor wurde an seinem Frühstückstisch erschossen.“

„Das war höchstwahrscheinlich einer seiner Studenten, weil er mit seinen Noten unzufrieden war. Die gehen dieser Tage ganz schön weit, nicht wahr? Manche zerbrechen eben unter dem zu großen Druck.“

„Interessanter Gedanke, Bill. Wir werden das untersuchen.“ Evan lief weiter den Flur hinunter, bis zu einem Raum, in dem einige Computer standen. Er hatte sich gerade wieder abgemeldet, als Glynis Davies hereinkam. In ihrem dunkelblauen Hosenanzug wirkte sie frisch und elegant.

„Sie habe ich hier definitiv nicht erwartet“, sagte sie. „Hat Bragg Sie schon aus seinem Team geworfen?“

„Nein, schlimmer.“ Evan blickte lächelnd zu ihr hinauf. „Aber, hey, vielleicht ist das gar keine schlechte Idee. Wenn ich mich ahnungslos stelle, wird er mich vielleicht ersetzen lassen.“

„Dann fliegen Sie aber möglicherweise aus der Truppe oder tragen wieder Uniform. Das würde ich nicht riskieren“, sagte Glynis. „Nein, Evan, was Sie auch denken mögen, das ist eine Chance für Sie. Sie müssen das Beste daraus machen. Also, was tun Sie hier?“

„Ich muss die lokalen Medien kontaktieren, damit wir die Öffentlichkeit in diesem Mordfall um Hilfe bitten können. Hier weiß ich, wo ich alles finde, obwohl ...“, er sah sie flehend an. „Ich weiß, dass Sie ein Computergenie sind. Würden Sie vielleicht ...“

„Nein, würde ich verdammt noch mal nicht“, sagte Glynis. Dann hielt sie inne und lächelte. „Oder, wie man es uns beim Sensitivitätstraining eingebläut hat: Danke für die Frage, aber ich muss leider ablehnen.“

Evan lachte. „Na ja, es war einen Versuch wert.“

„Ich sage Ihnen, was ich für Sie tun werde“, sagte Glynis. „Ich wollte mir gerade in dem griechischen Restaurant auf der anderen Straßenseite Mittagessen holen. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“

„Glynis, Sie sind ein Engel. Ich liebe Sie.“

„Das lassen Sie besser nicht Ihre Frau hören. Sie würde das vielleicht nicht verstehen.“ Glynis warf ihr beeindruckendes rotes Haar zurück und schenkte ihm ein Lächeln, als sie zur Tür ging.

Kapitel 7

Evan hatte gerade erst das warme Gyros aufgegessen, als er wieder am Haus der Familie Rogers in Bangor eintraf. Als er ausstieg, um das Tor zu öffnen, sah er Jeremy Wingate, der auf der Straße auf ihn zu kam. Wingate sah ihn an und machte dann ein finsteres Gesicht. „Sie haben ein Stück Zwiebel am Kinn. Sagen Sie mir nicht, dass Sie unterwegs eine Mittagspause eingelegt haben, Sie durchtriebener Lümmel.“

„Ich bin zu meiner alten Station gefahren, um die Anrufe zu tätigen. Eine sehr freundliche junge Dame bot mir an, mir Essen mitzubringen. Da konnte ich schlecht ablehnen.“

„Manche Leute haben einfach Glück“, sagte Wingate. „Sie hätten mir wenigstens auch etwas besorgen können.“

„Beim nächsten Mal mache ich das. Ich dachte, Bragg hätte vielleicht eine Mittagspause eingelegt.“

„Macht er nicht. Ich fürchte, er arbeitet bis zum Umfallen.“

„Ist die Spurensicherung noch drinnen?“ Evan blickte zu dem weißen Transporter, der noch in der Nähe der Haustür stand.

„Ja, sie sind noch immer bei der Arbeit. Unter Braggs Augen brauchen sie bestimmt doppelt so lang. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich war, eine Weile allein unterwegs sein zu können. Ich vermute, dass es Ihnen ähnlich ging.“

„Ich muss zugeben, dass ich bedauere, nicht mehr an meiner alten Station zu sein“, sagte Evan. „Auch wenn alle mir erzählen, dass das ein Schritt auf der Karriereleiter sei, macht es das nicht besser.“

„Hoffentlich ein schneller Schritt.“ Wingate grinste.

„Haben Sie denn von den Nachbarn irgendetwas erfahren?“

„Nicht viel. Wie vermutet, hat man aus den meisten Häusern keinen guten Blick auf die Straße. Und hier müssen mehrere berufstätige Paare leben. In den beiden Häusern auf der anderen Straßenseite war niemand anzutreffen, was ärgerlich ist, weil man von dort einen freien Blick auf das Tor der Einfahrt hat.“

„Was ist mit den direkten Nachbarn?“ Evan deutete auf ein großes Backsteingebäude, das halb hinter mächtigen Tannen verborgen lag.

„Ein mürrischer, alter Kerl ... ein Ex-Colonel aus Südengland. Er lebt seit dem Tod seiner Frau allein. Er ist über die Jahre wohl gelegentlich mit Professor Rogers aneinandergeraten. Sie findet er recht angenehm, aber da sie beide lieber für sich bleiben, haben sie nur gelegentlich beim Gärtnern einige Worte gewechselt.“

„Und heute Morgen ist ihm nichts Ungewöhnliches aufgefallen?“

„Er hat sich darüber beschwert, dass jemand vor acht den Rasen gemäht hat. Er sagte, der Krach hätte ihn beim Frühstück gestört. Er konnte die Nachrichten nicht richtig verstehen. Er wollte gerade hinausgehen, um sich zu beschweren, als das Geräusch aufhörte.“

„Ich frage mich, warum Sie gemäht hat“, sagte Evan. „Wenn sie einen Gärtner haben, hätte sie ihm das doch überlassen können. Einen Rasenmäher herumzuwuchten ist schwere Arbeit, selbst wenn es ein elektrisches Modell ist.“

„Sie ist offensichtlich recht fanatisch, was ihren Garten angeht. Schauen Sie sich nur all die Beete an. Kein einziges Unkraut zu sehen. Vielleicht fand sie ein paar Grashalme, die dem Gärtner entgangen waren und konnte es nicht ertragen, sie stehen zu lassen.“

„Vielleicht.“ Evan nickte, während er andere, deutlich verstörendere Gedanken beiseiteschob. „Was glauben Sie, sollten wir als Nächstes tun?“

„Ich schätze, wir müssen warten, bis der große Mann herauskommt und sein Urteil verkündet. Wenn man vom Teufel spricht.“ Sie blickten auf, als sie das Knirschen von Schritten auf dem Kies vernahmen, und sahen Detective Inspector Bragg auf sie zu kommen.

„Schon fertig?“, rief er und blickte zu Wingate.

„Ja, Sir. Über die Nachbarn gibt es nicht viel zu berichten. Mehrere Häuser standen zu dieser Tageszeit leer. Manche der Nachbarn, mit denen ich sprach, kannten die Familie Rogers. Sie halten ihn für einen angenehmen Kerl und sie für reserviert. Sie würde einen guten Morgen wünschen, aber mehr auch nicht. Der Herr von nebenan beschwerte sich über den Krach des Rasenmähers am Morgen, doch er sah und hörte nichts Ungewöhnliches.“

„Keine fremden Autos, die an der Straße parkten?“

„Nein, Sir.“

„Und hat jemand den Schuss gehört?“

„Nein. Eine Frau meinte, sie habe eine Fehlzündung gehört, als sie sich gerade zurechtmachte, aber im Bad lief die Dusche und sie hat sich nichts dabei gedacht. Die meisten dieser Häuser haben Doppelglasfenster und der Verkehr auf der Holyhead Road ist zu dieser Tageszeit recht laut.“

„Wirklich schade. Hoffen wir, dass sich jemand meldet, wenn der Fall in den Nachrichten bekannt gemacht wurde. Sie haben alle lokalen Medien kontaktiert, Evans?“

„Ja, Sir. Alles erledigt. Der Fall kommt heute in die Abendnachrichten und morgen in die Zeitungen.“

„Guter Mann. Nun, ich kann berichten, dass die Spurensicherung gut vorankommt. Sie haben die Kugel ausfindig gemacht und sie aus einer Wand geholt.“

„Aus der Wand?“, platzte Evan heraus.

„Ganz recht. Anscheinend trat sie auf der einen Seite in den Schädel ein und auf der anderen wieder aus. Das ist gut für uns, so können die Forensiker eine exakte Flugbahn ermitteln und uns sagen, von wo geschossen wurde. Der Ballistiker ist übrigens geneigt, sich unserer Theorie vom Schuss durch das offene Fenster anzuschließen.“

Evan glaubte, sich daran zu erinnern, dass Bragg diese Theorie abgetan hatte, nachdem er sie präsentiert hatte. Jetzt war es plötzlich „unsere“ Theorie geworden.

„Was ist mit Fingerabdrücken?“, fragte er.

„Sie haben alles nach Fingerabdrücken abgesucht, und es gibt einen Satz, den wir noch nicht zuordnen können. Ich vermute, dass sie der Putzfrau gehören, da wir sie überall im Haus gefunden haben.“

„Was ist mit dem Fenstergriff?“, fragte Evan.

„Nichts. Nur seine und ihre Abdrücke.“

„Vielleicht trug der Mörder Handschuhe“, bot Evan an.

„Mit Handschuhen kann man nicht besonders gut schießen. Zum Abfeuern der Waffe hätte er sie ausziehen müssen.“

„Es sei denn, es waren Latex-Handschuhe. Ich vermute, dass man mit denen ganz gut schießen kann“, sagte Sergeant Wingate.

„Richtig. In dem Fall ist er mitsamt den Handschuhen abgehauen. Wir haben im Mülleimer keine gefunden. Und Sie haben in den Büschen draußen auch keine entdeckt, oder?“

„Nein, Sir. In den Büschen war überhaupt nichts. Der gesamte Garten ist peinlich sauber.“

„Was ist mit der Patronenhülse?“, fragte Evan. „Wenn der Schuss tatsächlich durch das Fenster kam, müsste die Hülse doch draußen zu Boden gefallen sein.“

„Auch hier gilt, nur solange er sie nicht mitgenommen hat“, sagte Wingate.

„Ein bedachter, gut organisierter Mörder.“ Bragg sprach die Worte langsam aus. „Vielleicht können wir so langsam ein Profil zusammenstellen. Was haben wir bisher?“

„Er muss die Morgenroutine der Rogers’ beobachtet haben“, sagte Evan. „Er wusste, wann Mrs. Rogers mit dem Hund rausgehen würde. Er wusste, dass Professor Rogers am Fenster bei seinem Frühstück saß und dass das Fenster höchstwahrscheinlich offenstehen würde.“

„Also ein sorgfältig geplantes Verbrechen. Nichts Impulsives.“

„Und es war jemand, der das Opfer kannte“, fügte Wingate hinzu, „was jegliche Form von Einbruch oder Raub ausschließt.“

„Richtig.“ Bragg blickte auf, als zwei Mitglieder der Spurensicherung aus dem Transporter kamen. Einer von ihnen trat an die Detectives heran.

„Wir werden uns einen Happen zu Essen besorgen“, sagte er. „Wir sollten am Nachmittag so weit sein, dass die Leiche bewegt werden kann. Wir werden den Leichenwagen und die Tatortreiniger anfordern, damit die Witwe am Abend wieder ihre Küche benutzen kann. Ich glaube kaum, dass sie sich eine Tasse Tee machen will, solange ihre Wand noch blutverschmiert ist.“

„Dann haben wir es definitiv mit einem Mord zu tun?“, fragte Bragg. „Er besteht keine Möglichkeit, dass er sich selbst erschossen hat?“

„Er soll sich selbst das Hirn weggeblasen und dann die Waffe entsorgt haben?“, fragte der Forensiker kichernd.

„Die Frau könnte die Waffe beseitigt haben.“

„Und warum hätte sie das tun sollen?“

„Weil sie sich dafür schämte, dass ihr Ehemann sich umgebracht hat?“, schlug Bragg vor.

„Normalerweise läuft das andersherum. Man tötet jemanden und legt ihm dann eine Waffe in die Hand, damit es nach Selbstmord aussieht. Aber nein, in diesem Fall wurde das Opfer definitiv aus zwei bis drei Metern Entfernung erschossen. Kleinkaliber.“

„Gibt es irgendeine Möglichkeit, um herauszufinden, ob die Kugel aus einer antiken Waffe abgefeuert wurde? Die Waffe, die in der Sammlung fehlt?“

Der Forensiker zuckte mit den Schultern. „Da müssen Sie Freeman fragen, er ist der Ballistiker. Aber den Abdrücken im Samt nach zu urteilen, sieht die fehlende Pistole so aus wie die Duellpistole daneben. Und das wäre auch logisch, oder? Duellpistolen kommen immer im Doppelpack – eine für jeden Duellanten.“ Er grinste. „Und wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, hat man damals keine Patronen abgefeuert, sondern tatsächlich runde Kugeln. Ob man diese Waffen auf moderne Patronen umstellen kann, weiß ich nicht. Wie gesagt, fragen Sie Freeman. Ich muss jetzt los, sonst haut Huw ohne mich ab. Er dreht durch, wenn er nicht rechtzeitig einen Snack bekommt.“

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern rannte los und schwang sich in den immer schneller zurücksetzenden Transporter.

Der weibliche Police Constable tauchte in der Haustür auf. „Es ist schon nach Mittag und ich glaube, Mrs. Rogers sollte wirklich etwas essen“, sagte sie. „Wäre es in Ordnung, wenn ich sie in ein Café bringe? In der Küche wird noch immer gearbeitet und die Leiche ist noch dort.“

„Geht in Ordnung“, sagte Bragg. „Führen Sie sie aus, wenn sie möchte. Das könnte ihr guttun. Sie könnten versuchen, im Wagen ein wenig mit ihr zu plaudern. Vielleicht öffnet sie sich ein wenig. Ich habe das Gefühl, dass sie mehr weiß, oder mehr vermutet, als sie uns mitteilt. Es muss jemanden geben, der ihren Ehemann so sehr gehasst hat, dass er ihn tot sehen wollte. Vielleicht sogar sie selbst.“

„Oh, ganz gewiss nicht, Sir“, sagte die Polizistin. „Sie steht völlig unter Schock, die arme Frau. Aschfahl.“

„Sie zeigt aber keine Anzeichen von Trauer, nicht wahr? Oder Überraschung? Als wir die Schublade öffneten und feststellten, dass eine Pistole fehlt, habe ich ihr Gesicht beobachtet. Sie war kein bisschen überrascht. Es war beinahe, als wüsste sie, dass sie nicht da sein würde.“

„Aber warum in aller Welt sollte sie ihren Ehemann umbringen wollen?“, fragte die Polizistin.

„Das müssen wir herausfinden.“

Detective Inspector Bragg machte keine Anstalten eine Mittagspause einzuläuten, und im Stillen dankte Evan Glynis erneut für das Gyros. Als Pritchard und Wingate anmerkten, dass sie wenigstens eine Tasse Kaffee bräuchten, gab Bragg nach und schickte Pritchard zu einem Fast-Food-Laden.

„Ein Haufen Weicheier“, sagte Bragg. „Sie haben offensichtlich nie eine Armeeausbildung durchlaufen.“

„Oh, dann haben Sie in der Armee gedient, Sir?“, fragte Wingate und warf Evan einen wissenden Blick zu.

„Habe ich. Sieben Jahre. Ich war in Kuwait im Kampfeinsatz und dann in Bosnien. Ich sage es euch, Jungs, ich habe Dinge gesehen, da würden sich eure Fußnägel einrollen. Kein Verbrechen, dem man hier begegnet, kann es mit den Gräueltaten aufnehmen, die ich gesehen habe.“

Das erklärt einiges, dachte Evan. Er versuchte, Detective Inspector Bragg etwas wohlwollender zu betrachten. Jeder, der die Gräuel von Bosnien gesehen hatte, musste als veränderter Mann heimgekehrt sein.

„Nun, hängen Sie hier nicht so untätig herum. Nur weil einer Essen holen geht, heißt das nicht, dass die anderen Pause machen dürfen. Evans, Sie fahren. Wir werden uns mit der Putzfrau unterhalten. Wingate, Sie können herausfinden, ob der Gärtner zu Hause ist. Er wohnt hier gleich um die Ecke.“

„Soll ich ihn irgendetwas Spezielles fragen, Sir?“, fragte Wingate unschuldig.

„Ergreifen Sie Initiative, Mann“, blaffte Bragg. „Ich gehe davon aus, dass Sie in der Vergangenheit Einfallsreichtum bewiesen haben, sonst hätte man Sie nicht zum Sergeant befördert.“

„Natürlich, Sir.“ Wingate machte sich auf den Weg.

Evan vermutete, dass es Wingate großen Spaß machte, seinen Vorgesetzten zu provozieren. Obwohl das unterhaltsam zu beobachten war, sorgte es für eine angespannte Atmosphäre, in der sie auf lange Sicht nicht würden arbeiten können. Es war vermutlich genau so, wie Sergeant Jones in Caernarfon vermutet hatte – sie rangen im Augenblick um die Hackordnung und testeten Stärken und Schwächen des anderen aus.

Kapitel 8

„Sie haben Glück, dass Sie mich zu Hause angetroffen haben.“ Die knochige, kleine Frau wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab, als sie sich den Detectives an ihrer Haustür zuwandte. Ihr Haus befand sich mitten in einer der schmuddeligen Häuserreihen, in denen früher die Arbeiter der Schiefersteinbrüche gelebt hatten. Manche der Häuser waren mittlerweile renoviert worden, hatten bunte Blumenkästen an den Fenstern und einen Sportwagen vor der Tür. Ihres nicht. „Ich arbeite donnerstags normalerweise für Mrs. Thomas“, fuhr sie fort, „aber es ging ihr heute nicht gut und sie wollte nicht, dass ich komme. Sie hat manchmal Migräne, die arme Frau. Ydych chi’n siarad Cymraeg?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Ich schon, aber Detective Inspector Bragg hier bevorzugt Englisch“, sagte Evan.

„Detective Inspector? Du meine Güte – worum in aller Welt geht es? Es fehlt doch nichts in den Häusern, in denen ich arbeite, oder? Ich schließe immer sehr sorgfältig hinter mir ab.“ Sie blickte sich auf der Straße um, um zu sehen, ob Nachbarn zusahen.

„Nein, ich fürchte, es ist ernster, Mrs. Ellis. Würden Sie uns bitte hereinlassen?“

„Na gut“, sagte sie nach einem Moment des Zögerns. „Dann kommen Sie.“ Sie führte sie in ein kleines, dunkles Wohnzimmer im hinteren Teil des Hauses. Dort gab es zwei ausgesessene Sessel vor einem Fernseher, doch sie verwies die Polizisten auf zwei Stühle mit gerader Rückenlehne zu beiden Seiten einer Anrichte mit Tellerbord. Sie selbst setzte sich nicht, sondern stellte sich mit verschränkten Armen vor einen elektrischen Kamin.

„Sie arbeiten für die Familie Rogers in der Oak Grove Road, nicht wahr?“, fragte Bragg.

„Oh, ja, tue ich. Schon seit vielen Jahren. Mrs. Rogers ist eine sehr nette Dame. Sehr kultiviert.“

„Ich fürchte, wir haben schlechte Neuigkeiten für Sie. Professor Rogers wurde heute Morgen tot aufgefunden.“

„Tot? Na ja, ich kann nicht behaupten, dass ich überrascht wäre. Ich habe es kommen sehen.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Bragg scharf.

„Na ja, der Mann hat sich zu Tode gearbeitet, nicht wahr? Und er war ganz angespannt, wie ein Gummiband kurz vor dem Zerreißen. Ich habe immer befürchtet, dass das in einem Herzinfarkt endet.“

„Erzählen Sie mir von ihm, Mrs. Ellis. Er war immer ‚angespannt‘, wie Sie es beschreiben? War er je zu Hause, während Sie dort gearbeitet haben? Wie war er?“

„Nun, es war nicht leicht ihn zufriedenzustellen. Er wollte alles nach seiner Vorstellung erledigt wissen. Und wenn irgendetwas nicht so war, wie er es wollte, fuhr er aus der Haut. Wenn ich beim Abstauben seines Schreibtisches einen Zettel verschoben hatte, ließ er es mich wissen. Aber wenn ich nicht abstaubte, wies er mich auch darauf hin. ‚Sie haben hier eine Stelle vergessen, Gwladys‘, sagte er dann.“

„Warum gingen Sie dann weiter dorthin, wenn er so unangenehm war?“, fragte Bragg.

„Ich würde nicht sagen, dass er unangenehm war, nur schwer zufriedenzustellen. Er war meistens ein tadelloser Gentleman. Sehr höflich. Er öffnete mir stets die Tür, wenn er mich kommen sah, und solche Sachen. Aber er war ein Perfektionist. Alles musste genau so angeordnet sein, wie er es haben wollte, sonst war er nicht zufrieden. Sein Essen musste auch immer perfekt sein. Die arme Mrs. Rogers ... wenn sie etwas zu kurz oder zu lange gekocht hatte, dann hat er’s ihr gegeben.“

„Er hat es ihr gegeben?“ Bragg sah sie mit scharfem Blick an. „Sie meinen, er hat sie geschlagen?“

„Oh, nein, Sir. Nichts dergleichen. Wie ich schon sagte, Professor Rogers war ein Gentleman. Aber er schrie viel. ‚Missy, wo steckst du? Komm sofort hier runter. Ich dachte, ich hätte dir gesagt, dass ich meine Eier drei Minuten lang gekocht wünsche.‘ So hat er mit ihr gesprochen.“

„Und wie hat sie mit ihm gesprochen?“

„Sie war stets ruhig und höflich. ‚Es tut mir leid, Martin. Ich werde beim nächsten Mal besser darauf achten.‘ So konnte sie ihn beruhigen. Wenn sie sich aufregte und weinte, wurde er nur noch lauter.“

„Also war er nicht gerade ein einfacher Lebenspartner?“, fragte Bragg.

„Nein, Sir, definitiv nicht.“

„Würden Sie sagen, dass die beiden eine schwierige Ehe führten? Eine spannungsreiche Ehe?“

Sie überlegte einen Moment lang. „Ich würde sagen, dass er sie auf seine Weise sehr liebhatte. Er konnte sehr zärtlich sein, wenn er gute Laune hatte. Der Trick bestand darin, ihn auch bei guter Laune zu halten.“

„Erzählen Sie mir von Mrs. Rogers“, sagte Bragg. „Was macht sie? Geht sie viel aus?“

„Nein, Sir. Mrs. Rogers ist ein sehr häuslicher Mensch. Sie liebt ihren Garten und arbeitet ständig im Haus – poliert und putzt, damit alles perfekt aussieht. Sie arrangiert die Blumen für die Kirche. Sie ist sehr stolz auf ihre Blumen.“

„Wie steht es mit Freundinnen? Bekommt sie Besuch?“

„Nicht, wenn ich dort bin, Sir. Ich weiß aber nicht, wie es an den anderen Tagen aussieht.“

„Hat sie je außer Haus gearbeitet?“

„Nicht seit ich dort arbeite“, sagte Mrs. Ellis. „Ich hörte, dass sie Professor Rogers kennenlernte, als sie beide noch an der Universität studierten. Damals arbeitete sie, während er für seine höheren Abschlüsse lernte. Aber dann starb der alte Mr. Rogers und sie erbten eine ordentliche Summe Geld und das Haus. Danach musste sie nicht mehr arbeiten.“

Evan dachte darüber nach, wie viele Frauen gerne an Missy Rogers’ Stelle wären – ausreichend Geld, ein schönes Haus und Zeit um zu tun, was immer sie will. Und doch hatte er das Gefühl, dass Missy Rogers diese Umstände nicht als Segen betrachtete.

„Wollen Sie denn nicht wissen, wie Professor Rogers starb, Mrs. Ellis?“, fragte Bragg.

„Ich vermutete schon länger, dass er einen Herzinfarkt erleiden würde. Es heißt immer, dass ein Mann, der sich so schnell aufregt, anfällig für Herzprobleme ist, nicht wahr?“

„Tatsächlich wurde er ermordet, Mrs. Ellis. Jemand hat ihn erschossen, während er heute Morgen frühstückte.“

„Gütiger Gott.“ Sie legte eine Hand über ihren Mund. „Wer tut so etwas Schreckliches?“

„Haben Sie eine Idee, Mrs. Ellis?“, fragte Bragg. „Sie sagten, dass Professor Rogers leicht aus der Haut fuhr. Gab es Personen, mit denen er im Zwist lag? Streit mit den Nachbarn?“

„Er kam nicht besonders gut mit Colonel Partridge aus dem Nachbarhaus zurecht, aber da ging es um alberne, unbedeutende Dinge. Der Colonel beschwerte sich, wenn der Hund bellte oder bei offenem Fenster Musik lief. Und Professor Rogers wollte sich natürlich nicht von dem alten Mann ausstechen lassen, also begegnete er ihm mit eigenen Beschwerden. Der Colonel wurde langsam taub und er drehte sein Radio immer lauter, um es hören zu können. Dann rief Professor Rogers bei ihm an und sagte ihm, er solle den Krach leiser machen.“ Mrs. Ellis spielte mit dem Saum ihrer Schürze und knetete den Stoff nervös zwischen den Fingern. „Aber man tötet doch niemanden wegen solchen unbedeutenden, kleinen Sachen, oder?“

„Was wissen Sie über seine Arbeit an der Universität? Ist er mit seinen Kollegen aneinandergeraten?“

„Darüber weiß ich nichts, Sir. Ich bin nur einen Vormittag in der Woche dort. Ich habe keine Ahnung, was die Rogers’ mit dem Rest ihrer Zeit anfangen. Mrs. Rogers tratscht nicht, also weiß ich wirklich nicht viel über sie, bis auf die Dinge, die ich mit eigenen Augen gesehen habe.“

Inspector Bragg stand auf. Evan tat es ihm gleich und schenkte der alten Dame ein ermutigendes Lächeln. „Vielen Dank, Mrs. Ellis. Sie waren sehr hilfsbereit.“

Ich muss die arme Mrs. Rogers anrufen“, sagte sie, als sie die beiden Polizisten zur Tür begleitete. „Sie wird bestimmt Hilfe beim Putzen brauchen, nachdem Polizisten im ganzen Haus herumgelaufen sind. Es würde mich nicht wundern, wenn sie sich schrecklich über die Unordnung aufregte.“

„Dieser Rogers scheint ein echter Fiesling gewesen zu sein“, kommentierte Bragg, als sie in den Streifenwagen stiegen und losfuhren. „Es sieht mit jeder Minute mehr danach aus, dass seine Frau den Abzug gedrückt hat. Sie hatte ein ausreichendes Motiv, nicht wahr? Ein übellauniger Ehemann und eine Menge Geld und ein schönes Haus, wenn sie ihn loswird.“

„Schon, aber ...“, hob Evan an. Instinktiv mochte er Mrs. Rogers. Er bewunderte die kultivierte Art und Weise, mit der sie ihren Schmerz bewältigte.

„Aber was?“

„Fall es Mrs. Rogers war, warum hat sie sich dann kein besseres Alibi verschafft? Wir haben immerhin nur ihr Wort dafür, dass sie mit dem Hund unterwegs war, als ihr Ehemann getötet wurde. Warum sollte sie uns dann so bald anrufen? Warum hat sie ihn nicht erschossen und dann einige Stunden gewartet, oder ist über Nacht zu Verwandten gefahren, damit es schwerer für uns ist, den Zeitpunkt des Todes zu ermitteln?“

„Zu unserem Glück sind Kriminelle nicht immer so schlau“, sagte Bragg. „Sie hat es vermutlich nicht gut genug durchdacht. Vielleicht glaubte sie sogar, wir würden ihr einfach abnehmen, dass sie mit dem Hund unterwegs war. Na ja, wir sollten wohl abwarten, was Wingate vom Gärtner zu berichten hat, und dann geht’s zur Universität. Wenn er sich so gegenüber seiner Frau und der Putzfrau verhalten hat, war er sicher auch gegenüber seinen Kollegen kein Heiliger. Vielleicht hatte dort jemand ein noch besseres Motiv als seine Frau.“

Es stellte sich heraus, dass der Gärtner einmal in der Woche zu den Rogers’ kam. Er übernahm die ganze schwere Arbeit: Beete umgraben, Hecken schneiden und Rasen mähen.

„Rasen mähen, da haben wir’s“, sagte Bragg triumphierend. „Warum hat sie dann an diesem Morgen beschlossen, selbst den Rasenmäher rauszuholen?“

„Das Geräusch eines Rasenmähers hätte einen Schuss wohl ganz gut übertönt.“ Wingate sprach aus, was Evan dachte. „Besonders ein launischer Rasenmäher, der laut Gärtner schwer zu starten war. Er hat vermutlich gestottert und ein paar Fehlzündungen produziert, sodass der Schuss niemandem auffiel.“

Bragg nickte, als würde er der Theorie zustimmen. „Sie hat also den Rasenmäher angeworfen, ihren Mann zum Frühstück gerufen, ihn erschossen, den Rasenmäher zurückgestellt und ging dann mit dem Hund laufen, als sei nichts geschehen“, sagte Bragg. „Eiskalt.“

„Eine Sache noch“, sagte Evan. „Wenn Ihr Szenario zutrifft, ging sie rein, um das Fenster zu schließen.“

„Und um zu überprüfen, ob er wirklich tot war, nehme ich an.“

„Aber das ist nur eine Hypothese“, sagte Evan. „Wir haben keine Beweise. Wir können nicht einfach derart vorschnelle Schlüsse ziehen, solange wir nicht mehr über Professor Rogers und sein Leben wissen. Wenn Martin Rogers wirklich so ein anstrengender Lebenspartner war, hätte sie ihn auch einfach verlassen können. Sie ist noch jung und gesund. Sie hätte problemlos ein neues Leben anfangen können. Und er hätte ihr Unterhalt zahlen müssen.“

„Ich schätze, da haben Sie recht“, sagte Bragg. „Wie sie selbst gesagt hat, man tötet nur, wenn es keinen anderen Ausweg gibt.“

Kapitel 9

Die University of Wales in Bangor lag an der Spitze eines steilen Hügels mit einem spektakulären Blick auf die Snowdon-Bergkette auf der einen und die Insel Anglesey auf der anderen Seite. Die Stadt Bangor schmiegte sich direkt unterhalb in den Schatten des Hügels. Ein kräftiger Wind blies von der Menaistraße herein, als Evan aus dem Streifenwagen stieg, und eine dunkle Wolkenbank jenseits von Anglesey versprach Regen. Detective Inspector Bragg erklomm eine Treppe, die offensichtlich zum Hauptgebäude führte, eine hohe, viktorianische Monstrosität mit Türmen und Türmchen.

Universitätscampus beschworen in Evan stets seltsame Gefühle herauf. Er war definitiv schlau genug gewesen, um einen Universitätsplatz zu ergattern, auch bevor die Universitäten überall wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Aber er war ein pflichtbewusster Sohn gewesen und hatte getan, was man von ihm erwartet hatte. Er war seinem Vater zur Polizei gefolgt. In diesen Tagen war eigentlich das Rugbyspiel seine einzige Leidenschaft gewesen und er hatte nicht den Wunsch gehegt, seine akademische Laufbahn auszudehnen. Aber jedes Mal, wenn er so einen Kolleghof überquerte, sah er junge Menschen in Diskussionen vertieft, die Arme voller Bücher, und verspürte nagendes Bedauern, weil ihm dieser Karriereschritt entgangen war. Außerdem war es ihm entgangen, seinen Horizont zu erweitern. Bronwen, die nach Cambridge gegangen war, konnte sich ohne Anstrengung über nahezu jedes Thema unterhalten und Worte wie Descartes oder Kant einwerfen. Daran bemerkte Evan stets, wie belesen sie war. Er stellte fest, dass er darüber nachdachte, auch wieder mehr zu lesen und vielleicht sogar eine Abendschule zu besuchen.

„Ein Haufen unrasierter, fauler Lümmel, nicht wahr?“ Detective Bragg riss Evan aus seinem Tagtraum. „Zu dumm, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde. Ich würde diesen Haufen liebend gern in Uniformen stecken und in Form bringen.“ Er schirmte seine Augen vor der Sonne ab und sah sich um. „Kennen Sie sich hier aus? Haben Sie eine Ahnung, wo wir Rogers’ Kollegen finden? Irgendein Fakultätsgebäude?“

„Er war Professor der Geschichtswissenschaften“, sagte Evan. „Ich bin mir sicher, dass uns einer der Studierenden den Weg weisen kann.“
Er hielt einige junge Frauen an, die für den kühlen Herbstanfang erstaunlich wenig anhatten. Sie trugen bauchfrei und tiefhängende Jeans. Sie deuteten auf ein kleineres Gebäude auf einem eigenen Gelände, wobei der Wind ihnen die langen Haare ins Gesicht wehte. Eine von ihnen warf Evan ein verführerisches Lächeln zu, als sie weitergingen.

„Geschichtswissenschaften“, kommentierte Bragg und ging auf das Gebäude zu, in dem sich die Fakultätsverwaltung befand. „Was für eine Zeitverschwendung. Zehn sechsundsechzig und so. Magna Carta. So viele nutzlose Daten. Was bringt das, Evans? Wir scheinen ohnehin nie aus der Vergangenheit zu lernen, oder?“

„Die Hoffnung besteht, Sir“, sagte Evan.

„Sie sind ein viel zu großer Optimist, Junge“, sagte Bragg, doch nicht auf unfreundliche Weise.

Innerhalb des Gebäudes fanden sie ein Büro und erfuhren, dass sie Dr. Skinner in seinem Büro antreffen könnten, wenn er nicht im SCR wäre.

„SCR?“, fragte Bragg.

„Der Senior Common Room. Der Aufenthaltsraum für Dozenten“, sagte die junge Frau. „Aber ich glaube, ich habe ihn herauskommen und zu seinem Büro gehen sehen. Und um vier hat er eine Vorlesung.“

Evan ging voraus, vorbei an einer Tür, auf der in ordentlicher Handschrift „Professor Martin Rogers, Ph.D.“ geschrieben stand. Die nächste Tür stand halb offen und ein Mann saß hinter einem Schreibtisch.

„Herein!“, antwortete er in theatralischem Ton auf ihr Klopfen. Dann bemerkte er mit Überraschung die beiden fremden Gesichter. „Gentlemen? Was kann ich für Sie tun?“

„Polizei Nordwales.“ Detective Inspector Bragg zeigte seinen Dienstausweis vor. „Ich bin Detective Inspector Bragg und das hier ist Detective Constable Evans. Wie heißen Sie, Sir?“

„Dr. Skinner.“

„Sehr erfreut, Dr. Skinner. Wir würden gern mit Ihnen über Professor Rogers sprechen.“

„Rogers? Was hat er angestellt?“ Sein Gesichtsausdruck zeigte eine Mischung aus Erstaunen und Freude. Evan fand, er sah aus wie die Karikatur eines zerstreuten Professors: Ein altes Tweedsakko, ausgefranste Manschetten, eine Krawatte mit Tartanmuster, auf der sich verschiedene Flecken angesammelt hatten, das Haar nicht allzu ordentlich gekämmt und eine Brille mit dicken Gläsern. Doch auf den zweiten Blick begriff Evan, dass er nicht so alt war, wie er zunächst geglaubt hatte. Tatsächlich war er ein recht junger Mann.

„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass er heute Morgen tot aufgefunden wurde“, sagte Bragg.

„Oh Gott.“ Skinner verfiel in Schweigen und starrte auf die Unterlagen vor sich. „Ich vermute, dass es keine natürliche Todesursache war, sonst wären Sie nicht hier“, sagte er schließlich.

„Sie halten es nicht für möglich, dass er sich umgebracht haben könnte?“, fragte Bragg.

„Martin Rogers und Selbstmord. Du liebe Güte, nein. Er wäre der letzte Mensch, der so etwas täte. Er hielt sehr viel von sich, Inspector. Nein, ich wäre sehr überrascht, wenn Sie mir sagen würden, dass Martin sich umgebracht hat.“

„Aber nicht so überrascht, wenn ich Ihnen sagte, dass jemand ihn umgebracht hat?“, fragte Bragg.

„Nun, doch, tatsächlich wäre ich überrascht. Wir hatten alle unsere Differenzen mit Martin. Er war kein leichter Umgang, aber er konnte auch sehr unterhaltsam sein. Aber dass ihn jemand tötet ... war es ein Einbruch? Irgendein junger Verbrecher? Von denen gibt es in letzter Zeit einige in der Stadt.“

„Das wissen wir noch nicht, Sir. Unser forensisches Team arbeitet noch immer am Tatort. Wir sind nur hier, um einige erste Fragen zu stellen, damit wir eine Vorstellung davon bekommen, wie der Mann lebte und ob jemand ein Motiv dafür haben könnte, ihn aus dem Weg zu räumen. Sie haben sehr eng mit ihm zusammengearbeitet, richtig?“

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Mord ohne Ende