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Der Weihnachtsball des Earls

von Katherine Collins (Autor) Dolores Mey (Autor) Ester D. Jones (Autor) Marie Caroline Bonnet (Autor) Dorothea Stiller (Autor)

2018 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

England um 1900: Auf dem jährlichen Weihnachtsball will sich Harriets jüngster Sohn Edgar unrechtmäßig zum neuen Earl erklären. Das passt der gewitzten Lady gar nicht! Doch ihr Enkel Louis reist nach England zurück, wo er von Edgar nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird. Nun muss Louis kurzerhand in Frauenkleider schlüpfen, um unerkannt auf dem Familiensitz einreisen zu können. Hoffentlich kommen ihm dabei nur nicht die schöne Charlotte und sein Herz in die Quere …

Dies ist eine Neuauflage des bereits 2018 erschienenen Titels Ein Earl im Unterrock.

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Dezember 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-982-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-980-0

Copyright © Dezember 2018, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Dezember 2018 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Ein Earl im Unterrock.

Covergestaltung: Grittany Design
unter Vervendung von Motiven von
shutterstock.com: © stocker1970, © ruinfoe, © Sandratsky Dmitriy, © Sundra
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1. Harriet

Land’s End, Seashell Manor, im Dezember 1900

Während draußen ein eisiger Dezemberwind an den Fensterläden des altehrwürdigen Landhauses unweit der südenglischen Küste in Land’s End rüttelte, prasselte im Kamin des Salons ein gemütliches Feuer. Der großzügige Raum – einer von vielen in dem im klassizistischen Stil erbauten Anwesen – wurde davon jedoch nur spärlich erwärmt.

Lady Harriet, die Witwe des jüngst verstorbenen Earls of Winfield, starrte betrübt in die Flammen des offenen Kamins und zog den schwarzen Wollschal enger um ihre Schultern. Nicht nur die tiefe Trauer über den viel zu frühen Tod ihres Gatten bereitete ihr Kummer, sondern auch die Sorge um die Zukunft des Hauses Winfield drückte sie schwer. Nun lag es allein in ihrer Hand, sich um die rechtmäßige Nachfolge zu kümmern. Wenn doch nur Charles, der mittlere ihrer drei Söhne, bald käme. Ihr ältester Sohn William, Gott hab ihn selig, war vor knapp einem Jahr kinderlos und viel zu früh durch einen Reitunfall ums Leben gekommen. Nun kam als Nächster ihr geliebter Sohn Charles infrage, der wegen eines bedauerlichen Familienstreits nicht nur das Haus, sondern auch das Land verlassen hatte.

Das Zuschlagen der Zimmertür riss sie aus ihren Gedanken.

Edgar. Ohne sich umzudrehen, wusste sie, dass nur er es sein konnte, der so ungestüm ihre Räumlichkeiten betrat.

»Du kannst gehen!«, herrschte er Sophie, Harriets persönliche Kammerzofe, grundlos an, worauf die junge Frau zusammenzuckte. »Nun los! Auf was wartest du noch, du dummes Ding?«

»Jawohl, Mr DeVrer. Natürlich, sofort.« Beinahe lautlos huschte Sophie aus dem Zimmer.

Edgars schwere Schritte versanken in dem kunstvoll gewebten indischen Teppich, als er an seine Mutter herantrat. »Mylady, ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen«, redete er auf sie ein und setzte dabei eine wichtige Miene auf.

»Zuvor solltest du dein Temperament zügeln!«, unterbrach Lady Harriet ihren jüngsten Sohn energisch und sah ihn von unten herauf tadelnd an. Sie schätzte Sophie sehr und hatte die einfühlsame junge Frau lieb gewonnen. »Ich dulde es nicht, dass du so mit meiner Zofe sprichst!«

»Daran wird sie sich wohl gewöhnen müssen«, näselte Edgar von oben herab. »Ich verlange Gehorsam und Respekt. Schließlich …«

Er verstummte, als er den wachsamen Blick seiner Mutter gewahr wurde, fuhr aber schließlich selbstherrlich fort: »Ja, Sie vermuten richtig, Mylady. Vor Ihnen steht der zukünftige Earl of Winfield, und als solcher …«

»Noch bist du es nicht, mein Sohn«, gab sie in einer Tonart zu bedenken, die ihn augenblicklich wütend werden ließ. Empört schnappte er nach Luft und wollte etwas entgegnen, doch Harriet gebot ihm mit erhobener Hand Einhalt.

Edgar, ein schwieriger Charakter, kam als Erbe des Titels ihrer Meinung nach nicht infrage. Er entsprach in seinem Wesen leider so gar nicht Harriets Vorstellung von einem aristokratischen Gentleman. Es war nicht allein dem Umstand geschuldet, dass er durch Überheblichkeit unangenehm auffiel. Seine unbändige Gier nach Macht schloss ihn aus ihrer Sicht in jeder Hinsicht aus. Edgar war eine herbe Enttäuschung für seine Eltern, denn auch ihr Mann Albert hatte um die Schwächen seines Sohnes gewusst. Tagtäglich konnte Harriet Edgars Unvermögen miterleben, denn er wohnte mit seiner zweiten Frau Margaret und seinem Sohn George aus erster Ehe hier im stattlichen Landhaus in Land’s End, inmitten eines parkähnlichen Gartens in einer Privatbucht.

»Es besteht keine Eile! Weder entspräche es der Rangfolge noch sind hierfür alle Formalitäten erfüllt …«

»Rangfolge! Formalitäten! Papperlapapp«, ereiferte sich Edgar. »Vater ist seit über sechs Wochen tot!«

Grimmig stemmte er die wulstigen Hände in seine nicht vorhandene Taille und blies dabei den Atem aus, als wäre er hastig einen Berg hinaufgeeilt. Sein üppiger Leib bebte.

Trauer durchzuckte Harriet. Ihr geliebter Mann Albert war nach einer kurzen, heftigen Lungenentzündung gestorben. Sein Tod riss eine schmerzliche Wunde in ihr Leben, das es seit einiger Zeit nicht sonderlich gut mit ihr meinte. Sie saß seit zwei Jahren im Rollstuhl, weil ein unheilbares Hüftleiden sie dazu zwang. Doch Harriet, eine geborene Kämpfernatur, sah nicht ein, sich von einem Rollstuhl ihrer Freiheit und Unabhängigkeit berauben zu lassen.

Für ihren Sohn stellte das eine Möglichkeit dar, ihr gegenüber noch herablassender aufzutreten, welche er auch jetzt nutzte.

»Warum wundert es mich nicht, dass Sie stets Charles den Vorrang geben? Egal, was er getan hat! Erst nimmt er sich meine Verlobte und …«

»Er hat sie sich nicht genommen, wie du es nennst. Sie haben sich ineinander verliebt.«

»Pah, verliebt. Als wenn das von Gewicht wäre.«

»Edgar, wann willst du endlich die Vergangenheit ruhen lassen? Ist nicht schon genug Unheil geschehen? Wärest du nicht so verbohrt gewesen, hätte Charles niemals das Land verlassen.«

»Mylady! Darüber wünsche ich nicht mehr zu sprechen. Charles hat sich ungebührlich verhalten, nicht ich! Er ist nicht hier, und ich bin sicher, er wird auch nicht kommen.«

Ein eigenartiges Grinsen huschte über sein feistes Gesicht, in dem die braunen Augen zuzuwachsen drohten. Harriet sah das mit Besorgnis. Sie wusste nur zu gut, wie hinterhältig Edgar sein konnte.

Egal, was er geplant hatte, sie würde ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Mit ihrem unbändigen Kampfgeist trat sie an, ihr Versprechen einzulösen, das sie ihrem geliebten Albert am Sterbebett hatte geben müssen: Charles sollte der zukünftige Earl of Winfield werden. Jeden Tag rechnete sie mit seiner Ankunft, denn sie hatte ihm noch am Todestag ihres Mannes ein Telegramm zukommen lassen. Sie war sich sicher, dass er sich inzwischen auf dem Weg nach England befand. Seit seinem Weggang vor vielen Jahren lebte er in den Vereinigten Staaten von Amerika. Auch wenn Edgar das nicht einmal ahnte, aber den Kontakt zu Charles hatte sie nie verloren.

»Durch Charles’ Abwesenheit bin ich der Einzige«, sprach ihr jüngster Sohn weiter, »der die Verantwortung für Haus und Hof übernehmen kann. Seien Sie versichert, dass ich gewillt bin, mich dieser gewaltigen Aufgabe zu stellen.« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, warf er theatralisch die Hände in die Luft. »Unsere Familie braucht ein würdiges Oberhaupt«, erklärte er und bemerkte offensichtlich nicht, dass Harriet immer wütender wurde. Er tippte sich energisch auf die schwarze Seidenweste, die seinen Brustkorb bedenklich umspannte. Dabei lief er auf dem dicken indischen Teppich auf und ab, als würde er eine Ansprache vor dem Parlament halten. Wichtigtuerisch steckte er beide Daumen in die winzigen Westentaschen und streckte den beachtlichen Bauch ungeniert heraus.

»Ich bin der künftige Earl of Winfield! Auf dem großen Weihnachtsball hier in Seashell Manor werde ich es allen Adligen und Geschäftsleuten der Umgebung offenbaren. Das wird auch die passende Gelegenheit sein, lohnende Geschäfte anzubahnen. Ich habe da eine Whiskydestillerie im Auge, in die ich invest…«

Er unterbrach sich, doch ehe Harriet etwas zu diesen ungeheuerlichen Andeutungen sagen konnte, sprach er bereits weiter. »Ab sofort weht hier ein anderer Wind. Jetzt ist Schluss mit der Lotterwirtschaft. Und Sie, Mylady«, er legte eine bedeutungsschwangere Pause ein, »tun gut daran, das zu akzeptieren.«

Harriet fühlte sich in ihren schlimmsten Vorahnungen bestätigt. Edgar würde, sobald er Earl sein würde, das Geld mit vollen Händen ausgeben und den Ruf der Familie zugrunde richten. In die Herstellung von Alkohol investieren! Sie stemmte beide Hände auf den Handlauf des Rollstuhls. Kerzengerade richtete sie ihre zierliche Gestalt auf. Wenn sie doch nur aufstehen könnte! Wütend über diese Ohnmacht strich sie sich ungeduldig eine Strähne des weißen Haars aus der Stirn, die sich aus der Hochsteckfrisur gelöst hatte. Albert hatte ihr Haar geliebt, ebenso wie ihre veilchenblauen Augen. Er hatte ihr immer gesagt, dass sie schön sei, auch im hohen Alter noch, ihr selbst aber waren ihre Klugheit und ihr Durchsetzungsvermögen stets wichtiger gewesen. Und sie gedachte auch jetzt nicht, sich von Edgar den Schneid abkaufen zu lassen.

»Lotterwirtschaft? Ich muss doch sehr bitten! Unter deinem Vater hat es so etwas nicht gegeben.«

»Ich mache ihm nicht zum Vorwurf, dass er im letzten Jahr aufgrund seiner Krankheit nicht mehr die Respektsperson sein konnte, die er einmal war«, ließ sich Edgar gönnerhaft herab, »aber dennoch muss man den Tatsachen ins Auge sehen.«

Harriet schloss die Augen, als eine Welle der Trauer sie übermannte, und legte die Hände wie zum Gebet aufeinander. Möge Gott ihr helfen, dass Edgar niemals das wahr machen konnte, wovon er sprach. Sie sank in ihrem Stuhl zurück. Sie kannte Edgar nur zu gut. Wusste um die Niedertracht, zu der er fähig war. Leider kam er da so gar nicht nach ihr und auch nicht nach Albert. Sie wusste, es wäre klüger gewesen, nichts von Charles’ erwarteter Ankunft zu sagen, um ihn nicht zu reizen, doch sie konnte die Worte nicht zurückhalten.

»Wie du meinst, mein Sohn«, erwiderte sie. »Allerdings hast du noch immer einen älteren Bruder. Ich habe ihm geschrieben, und er wird sicherlich in Kürze eintreffen.«

Edgar wurde erst blass, dann puterrot. Er ballte die Hände zu Fäusten und sah aus, als hätte er sie am liebsten geschüttelt.

»Du elende alte …«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, bis ihn Harriet unterbrach.

»Du vergisst dich, mein Sohn! Zu einem Stand wie dem unseren gehören nicht nur Rechte. Wahre Größe zeichnet sich vor allem durch ein angemessenes Benehmen aus. Und jetzt möchte ich dich bitten zu gehen. Ich bin erschöpft. Ich wünsche, dass Sophie zu mir kommt.«

Edgar schüttelte noch einmal seine Fäuste in ihre Richtung, rauschte dann jedoch ohne ein weiteres Wort ab.

2. Edgar

Edgar rekelte sich in dem abgewetzten Ohrensessel, der im privaten Arbeitszimmer seines Vaters in dem schicken Londoner Stadthaus vor dem Kamin stand. Die Füße ließ er sich vom Feuer wärmen, während sein Magen eine besonders genussvolle Alternative geboten bekam: des Earls guten schottischen Whisky. Er grinste zufrieden, nahm einen weiteren Schluck aus dem absichtlich überfüllten Glas und ließ ihn sich über die Zunge rollen. Dieses rauchige Aroma war schlicht köstlich und nun noch mehr als zu den Zeiten, in denen er die eine oder andere Flasche des kostbaren Whiskys stibitzt hatte. Nun, da war er sich sicher, war er nur einen winzigen Schritt von der Erfüllung all seiner Wünsche entfernt.

Er verschluckte sich, hustete und verschüttete einen guten Teil seines berauschenden Getränks. Fluchend sprang er auf.

»Vermaledeites Glas!« Er schüttete den Rest in einem Schluck herunter und schleuderte das leere Trinkgefäß mit voller Wucht gegen den Kamin. Süße Befriedigung rann durch seine Adern, und das Missgeschick von zuvor wurde unbedeutend. Er wischte abwesend über die benetzte Stelle, die durch seinen Umfang einen guten Teil seiner Vorderseite ausmachte, und schielte zur Bar. Noch ein Schlückchen hätte er sich verdient, zumindest wenn es nach seinen Gelüsten ginge. Andererseits wäre es ihm ein Graus, seinem Bruder betrunken gegenüberzustehen. Nicht, weil es ihn scherte, was dieser von ihm dachte, weit gefehlt. Einzig die Möglichkeit, seine Chance nicht beim Schopf packen zu können, weil er wie ein Dussel über seine eigenen Worte oder, gar noch schlimmer, über die eigenen Füße fiel, hielt ihn davon ab, sich ein weiteres Getränk auf seine baldige Erhebung in die Peerage zu heben. Schließlich wollte er keinesfalls wie sein schusseliger Sohn George wirken, der sich auch stocknüchtern jederzeit blamieren konnte, indem er stürzte, sich mit Wein bekleckerte oder Shakespeare rezitierte.

Edgar ließ seinen Blick schweifen, seine rastlosen Gedanken wanderten zurück zu dem misslichen Gespräch mit seiner vermaledeiten Mutter, das kurz nach dem Tod seines Vaters stattgefunden und ihn seither immer wieder in glühende Wut versetzt hatte.

Es klopfte, als Edgars Blick erneut über die kleine Bar in der abgelegenen Ecke schweifte. Sogleich straffte er sich, wodurch sein Unterbauch in Wallung geriet. Die Zeiten, in denen er diesen hinter einem Korsett versteckt hatte, waren gottlob vorbei, waren sie doch von unsäglichen Mühen und Wehen begleitet gewesen.

»Herein!«, befahl Edgar betont herrisch. Der Klang seiner Aufforderung ließ ihn grinsen, schließlich hörte er sich bereits an wie der Earl of Winfield, auch wenn er es faktisch noch nicht war. Allerdings hatte Edgar nicht vor, sich den goldenen Topf von seinem verhassten Bruder vor der Nase wegschnappen zu lassen.

Die Tür schwang mit beiden Flügeln gleichzeitig auf, was bereits auf den betagten Butler des Stadthauses schließen ließ.

»Mr DeVrer«, hob dieser heiser an und sparte an seiner Verbeugung. Edgar biss die Zähne zusammen. Seine erste Handlung als Earl, so nahm er sich glühend vor, war die, diesen alten und unwürdigen Kerl seiner Stelle zu entheben. »Ein Gast wünscht vorzusprechen.«

Eigentlich hätte Edgar nun die Karte des Vorsprechers gereicht bekommen müssen, aber der Butler machte diesbezüglich keine Anstalten, sondern blieb stehen, wo er war.

Edgar schnaufte vor Entrüstung. »Und?«

Der Gast war für ihn nicht von Interesse, sofern es nicht der von der Mutter angekündigte Bruder war. Charles sollte hier sein blaues Wunder erleben.

Allerdings kämpfte Edgar jetzt gerade mit anderen Problemen. Der Butler blieb stoisch, stand in der Tür, die eine Hand auf den Rücken gelegt, mit der anderen das Silbertablett mit der Karte des Vorsprechers haltend und deutlich nicht von der Absicht beseelt, zu Edgar herüberzukommen.

Edgars feinsäuberlich gestutzte Fingernägel bohrten sich tief in seinen Handballen. Er wusste, dass er lange warten konnte, bis der Bedienstete seinen Fehler einsah. Der alte Kauz war ihm gegenüber noch nie sonderlich dienstbeflissen gewesen. Das war einer der Gründe, weshalb Edgar in seinen Junggesellenzeiten ein Zimmer in Mayfair bewohnt hatte, anstatt in dem schicken Stadthaus der Familie zu leben.

»Ich empfange niemanden!«, bellte Edgar. Seine Wut ließ ihn geifern, was ihn wiederum beschämte. Zu tief waren die Narben, zu tief eingebläut der Glaube, nicht gut genug zu sein, ein Nichts zu sein.

Der Butler streckte den ohnehin schon zu langen Hals. »Wenn Mr DeVrer nicht empfängt, schlage ich vor, dem Herrn ein Zimmer zu richten. Ihre Ladyschaft sollte zudem unterrichtet …«

»Schweig still!«, brüllte Edgar. Er machte einen Satz nach vorn und musste sich zwingen, dem impertinenten Bediensteten nicht an die Gurgel zu gehen. Keinem Vorsprecher, egal zu welcher Stunde, würde ein Zimmer gerichtet werden, so er nicht zur Familie gehörte, und somit war für Edgar sonnenklar, dass sein verhasster älterer Bruder es tatsächlich wagte, den Fuß in dieses, Edgars, Haus zu setzen. Es sollte ihm gehören, Edgar, der sich all die Jahre mit den schrulligen Eltern und dem kindsköpfigen ältesten Bruder hatte herumschlagen müssen, und nicht Charles, der es nicht nur gewagt hatte, allen Verpflichtungen den Rücken zu kehren, sondern überdies einen frevelhaften Raub beging, bevor er des Landes floh.

Und nun war es an Edgar, ihm die Rechnung zu präsentieren. Der Gedanke beruhigte seinen wogenden Zorn genügend, um dem Butler nicht an die Gurgel zu gehen.

»Bring ihn her!«

Obwohl er es unglücklich fand, bereits zu Beginn der Diskussion erregt zu sein, wollte er Charles gar nicht erst Fuß fassen lassen, denn hatte der erst einmal den Komfort der alten Heimat gespürt, ließe er sich nicht so leicht wieder in die Wildnis verbannen.

Um sich zu beruhigen, verschanzte er sich hinter dem riesigen Mahagonitisch, an dem sein Vater seine Korrespondenz zu erledigen pflegte, wenn er in der Stadt gewesen war. Er beugte sich vor, stützte sich auf dem Tisch ab und erwartete seinen Kontrahenten mit zuckendem Wangenmuskel.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich das Tor zum Refugium seines Vaters wieder öffnete. Der Butler schob beide Flügel weit auf und verdeckte trotz seiner hageren Statur dabei den Unerwünschten, den er ankündigen wollte.

Edgars Backenzähne knirschten, so fest biss er sie aufeinander. Charles musste immer noch schlank sein, während er in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten stetig an Umfang zugenommen hatte. Für ihn nur ein Grund mehr, den Bruder zu verabscheuen.

»Mr DeVrer«, verkündete der Bedienstete tragend und mit einer Attitüde, als präsentiere er Seine Königliche Hoheit und nicht einen hinterhältigen Erbschleicher. In Edgars Augen war er nichts anderes, auch wenn er rein rechtlich vor ihm in der Erbfolge stand, wie die Countess of Winfield, seine verräterische Mutter, nicht müde wurde zu betonen.

Edgar klappte der Mund auf. Charles hatte sich kein Jota verändert, als er langsam vortrat und damit in den Lichtkegel des Deckenkandelabers gelangte. Ein schwerer Sack glitt von seiner Schulter und wurde abgelegt.

Edgar blinzelte, schalt sich, kein Narr zu sein, schließlich konnten fünfundzwanzig Jahre auch an Charles nicht unbemerkt vorbeigegangen sein. Bis ihm etwas auffiel: Die Augen des Jünglings waren blau und nicht braun wie die seines Bruders.

»Onkel!« Sein Gegenüber strahlte über das ganze Gesicht. »Darf ich mich vorstellen? Ich bin Louis DeVrer, Charles DeVrers Sohn.«

Dass er auch Madeleines Sohn war, musste er nicht extra erwähnen, denn auf den zweiten Blick wurde dies offenkundig. Nicht nur die blauen Augen hatte der Bursche von Edgars ehemaliger Verlobter geerbt, sondern auch die fein geschwungenen Lippen, um die ein so lebenslustiger Zug lag, dass Edgar sogleich in die Vergangenheit zurückkatapultiert wurde. Madeleines Zurückweisung brannte sich in seinen Magen, ihr Geständnis, Charles zu lieben, hatte den letzten Funken familiärer Zuneigung für den ohnehin bevorzugten Bruder zerdrückt. Hass glühte in Edgar und entfachte eine Feuersbrunst.

Charles hatte nicht nur Edgars Braut entführt, er hatte auch noch einen Sohn! Einen strahlenden blonden Jüngling, der bereit war, die Sympathien der High Society im Sturm zu erobern, genau wie Charles seinerzeit.

Der unerwünschte Bursche blieb vor dem Schreibtisch stehen und streckte die Hand aus. »Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Was führt Sie her?«, bellte Edgar.

Wenn er könnte, ließe er den Neffen unverzüglich vor die Tür setzen, allerdings war ihm klar, dass sich die Lage dramatisch zu seinen Ungunsten verändert hatte. Charles war ein Bonvivant. Er liebte seine Freiheit, tat, was ihm gefiel, und brauchte nur den richtigen Anlass, um Undenkbares zu tun. Charles konnte dazu gebracht werden, England für immer den Rücken zu kehren, wenn man ihm deutlich machte, wie wenig angesehen er durch sein unchristliches Verhalten, die Braut des Bruders zu entführen, war. Ein Sohn änderte alles, denn selbst wenn Charles für immer in den Staaten verschwinden würde, ließe nur ein Narr seinen Erben unbeachtet.

Kalter Schweiß brach Edgar aus, netzte sein edles Hemd und ließ es an seinem Rücken kleben. All seine Zukunftspläne zerbarsten, und die Erkenntnis, dass Edgar nie mehr sein würde als der dritte Sohn, traf ihn wie ein wohlplatzierter Schwinger. Er sackte zusammen, und nur, weil er sein Gewicht nach hinten verlagerte, landete er auf dem Sessel und nicht davor.

Das Pfeifen in seinen Ohren wurde gerade eben von seinem Keuchen überdeckt.

»Onkel! Bei Gott, sind Sie unwohl?« Der Besucher drehte sich zur Tür. »Ich werde Hilfe herbeiholen.«

»Wo ist Charles?« Edgar erkannte seine eigene Stimme kaum wieder, klang sie doch eher wie die seiner Mutter, wenn ihr etwas Ungeheuerliches widerfuhr.

Der Unerwünschte stockte mitten im Schritt und sah zwischen Edgar und der Tür hin und her.

»Antworten Sie!«, brüllte Edgar am Ende seiner Kräfte. Hatte die Eröffnung, Charles käme heim, Edgar bereits an den Rand des Wahnsinns gebracht, so wurde sie hier um ein weiteres Maß überschritten.

»Mein Vater …« Der Unerwünschte senkte den Blick. Er wandte sich Edgar wieder zu und schloss die Hand um die Finger der anderen.

»Ich muss die traurige Kunde verbreiten, dass mein Vater die Reise in die Heimat nicht überstanden hat.« Er räusperte sich. »Er verstarb auf See vor etwas mehr als zwei Wochen.«

Edgar lauschte den Worten. Sein Verstand erfasste die Bedeutung nicht sogleich, aber etwas in ihm jubilierte bereits.

»Wie meinen?« Endlich kam sein Hirn nach, süße Freude zuckte durch seine Glieder und legte sich mit einem breiten Grinsen schließlich auch auf seine Lippen. »Charles ist tot?«

»Zu meinem tiefen Bedauern.« Die Stimme seines Neffen zitterte, Edgar hingegen gewann endlich wieder an Sicherheit.

»Ich nehme an, Sie haben sich das Ableben beglaubigen lassen.« Edgar setzte sich auf. Jeder Zentimeter seines Körpers spannte sich an, und er feuerte Charles’ Bastard stumm an, es zu bestätigen.

»Selbstredend.« Seine Hand machte einen Schlenker zur Tür. »Ich führe alle wichtigen Dokumente stets mit mir.«

»Zeigen Sie es mir«, verlangte Edgar. Aufregung ließ seine Stimme beben und seine Gedanken wild durcheinandergeraten. Wenn Charles tot war, war Edgar der einzige lebende Sohn des letzten Earls of Winfield und damit sein Erbe, sobald eine lästige Kleinigkeit aus der Welt geräumt würde. Er war mehr als bereit, seinem Glück auf die Sprünge zu helfen, zumal er niemals zuließe, dass Madeleines Sohn, der rechtmäßig der seine hätte sein sollen, seinen Platz einnähme.

Der Unerwünschte zögerte. »Es liegt nicht oben auf. Wenn es gestattet ist, packe ich zunächst aus und lege Ihnen die Papiere morgen vor.«

Edgar zügelte sich notgedrungen. Es widersprach seinem Status, durch den Raum zu stürmen und die Habseligkeiten des Burschen aus dem Sack zu reißen.

»Sie sind sich bewusst, dass das Ableben meines Bruders belegt werden muss, damit die Erbfolge in Kraft treten kann?«

Edgar brauchte die Sterbeurkunde. Der Leichnam wäre besser gewesen, aber solange es irgendein Dokument gab, wollte er sich zufriedengeben.

»Das wird doch keine Eile haben.« Der neueste Dorn unter Edgars Fingernagel trat von einem Fuß auf den anderen. »Sie sind doch mein Onkel Edgar DeVrer?«

Lord Winfield, korrigierte Edgar im Stillen. Zwei Dinge standen noch zwischen ihm und dem ersehnten Titel, und er wollte verdammt sein, wenn er die nicht in den Griff bekommen sollte.

»Geben Sie mir die Beglaubigung«, forderte er und schlug auf den Tisch. »Auf der Stelle!«

Sein Gegenüber straffte sich, wobei er sein Wolljackett glatt zog und das schmale Kinn reckte.

»Ich bitte um Vergebung, aber ich gebe persönliche Dokumente nur ungern aus der Hand. Wenn Sie mir Unterkunft gewähren wollen, können wir uns am Morgen …«

Erneut schlug Edgar mit der flachen Hand auf den Tisch. »Genug!«, bellte er. »Was glauben Sie, wer Sie sind?«

»Louis DeVrer, und zumindest bei uns wäre kein Verwandter so unhöflich behandelt worden.«

Edgar meinte, Geringschätzung aus den Worten des Neffen herauszuhören. Wenn es je einen Funken Sympathie für den Jungspund gegeben hatte, so war dieser nun verglüht. Dieser dahergelaufene Niemand nahm Edgar unter keinen Umständen weg, was ihm gebührte, dafür wollte er sorgen.

»Sie behaupten, der Sohn meines Bruders zu sein, aber meines Wissens existiert keiner!«

Erneut bog der Jüngling die Schultern zurück. »Mein Herr, ich versichere Ihnen …«

»Geschenkt! Ohne die nötigen Papiere kaufe ich Ihnen nicht ab, ein Teil meiner Familie zu sein.«

Damit hatte Edgar für verblüfftes Schweigen gesorgt. »Verschwinden Sie.«

»Meine Großmutter, die Countess of Winfield …«

Die alte Hexe sollte von dem Bastard gewusst haben?

»… wird meine Existenz bezeugen.«

Der Sohn der verräterischen ehemaligen Verlobten und seines verfluchten Bruders war sich dessen für Edgars Geschmack zu sicher. Allerdings bezweifelte Edgar es auch gar nicht. Wie musste sie bei der Aussicht frohlockt haben, nicht nur ihren liebsten Sohn wieder in die Arme schließen zu können, sondern ebenfalls den sicher ebenso geschätzten Enkel.

»Bedauerlich, dass Lady Winfield nicht zu sprechen ist.« Edgar erhob sich und beugte sich über den Tisch. »Verschwinden Sie und wagen Sie es nicht, meiner Mutter oder sonst wem mit Ihrer hanebüchenen Geschichte zu kommen!«

Edgar erwartete einen Widerspruch, schließlich war Charles nie einem Disput ausgewichen, daher erstaunte es ihn, dass der Unerwünschte zurückwich.

»Wann wird Lady Winfield zu sprechen sein?«

Edgar glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Obwohl er mit einem Einwand gerechnet hatte, war die Beharrlichkeit, die Countess sprechen zu wollen, unerhört.

»Lady Winfield ist unpässlich, sie empfängt niemanden.« Deutlicher konnte Edgar nicht mehr werden, außer mit dem zweiten Teil seines Begehrens. »Und jetzt raus hier!«

Edgar behielt ihn im Auge, verfolgte, wie der Bursche seinen Seesack schulterte und dabei ächzte, als führe er Goldbarren mit sich. Mit schweren, dumpfen Schritten verließ er das Arbeitszimmer, dessen Tür er eigenhändig aufziehen musste.

Edgar zählte stumm bis zehn, bevor er selbst zur Tür eilte und an der Glocke zog, die den Butler antanzen lassen sollte. Wie gewohnt dauerte es eine Ewigkeit, bis der alte Kauz endlich eintraf.

»Schick Lawrence zu mir.« Sein Leibdiener war der einzige Mensch, dem Edgar vollauf vertraute. »Es eilt!«

3. Louis

Louis hob seinen Seesack auf die andere Schulter und marschierte weiter vorwärts, immer geradeaus, stets die Richtung beibehaltend. Mit etwas Glück würde er dabei etwas finden, das sich als Ziel eignete.

Die Straße lag ruhig und verlassen vor ihm. Gaslaternen beleuchteten den Gehweg, spiegelten sich in den Kristallen auf der Schneeoberfläche. Die Kälte hatte die Menschen in die Häuser vertrieben. Er selbst hätte nur zu gern mit einer Tasse Tee vor dem Kaminfeuer im Salon seines Onkels gesessen. Noch lieber hätte er endlich wieder in einem bequemen Bett geschlafen, das nicht von den Wellen geschaukelt wurde.

Wohin sollte er jetzt gehen? An wen sollte er sich wenden? Was konnte er tun, um seinem Onkel einen Strich durch die Rechnung zu machen? Er musste mit seiner Großmutter sprechen. Rasch. Aber erst benötigte er für heute Nacht ein annehmbares Quartier. Wenn er sich wenigstens bei jemandem nach dem Weg erkundigen könnte! Sonst wäre er gezwungen, orientierungslos durch die Stadt zu irren.

So hatte er sich seinen Empfang nicht vorgestellt. Sein Vater hatte ihn gewarnt, dass es sich bei seinem Bruder um keinen netten Zeitgenossen handelte. Dennoch hatte Louis gedacht, die Trauer um den viel zu frühen Tod seines Vaters würde die Familie näher zueinander bringen. Stattdessen hatten alte Feindschaften auch vor ihm nicht haltgemacht.

Hinter ihm näherten sich schnelle Schritte. Dem Geräusch nach zu schließen, das die festen Schuhe auf dem Asphalt machten, handelte es sich um einen großen, schweren Mann. Mit etwas Glück konnte Louis von ihm eine Wegbeschreibung zu einem Gasthaus oder einer Pension einholen.

Louis wandte sich um, ein höfliches Lächeln auf dem Gesicht. »Guten Abend! Wären Sie vielleicht so freundlich …?«

Er stockte. Der Mann, der rasch näher kam, wirkte nicht, als wäre er auf eine höfliche Konversation aus. Die Augen hatte er zusammengekniffen. Die Brauen trafen sich beinahe über der Nasenwurzel. Die Hände waren zu Fäusten geballt. Der Fremde war niemand, den Louis üblicherweise um Hilfe gebeten hätte.

Unruhe machte sich in ihm breit. Irgendetwas an der Zielstrebigkeit, mit der der Fremde auf ihn zukam, gefiel ihm nicht. Dennoch versuchte er sein Glück. »Verzeihung, mein Herr«, setzte er neuerlich an. »Könnten Sie mir vielleicht den Weg zur nächsten Pension weisen? Ich bin fremd hier und …«

»Pension kenne ich hier keine«, behauptete der Mann, als er bei Louis anlangte.

»Vielleicht ein Gasthaus, das Zimmer vermietet. Ich brauche keinen großen Luxus.« Er musste den Kopf in den Nacken legen, um dem Unbekannten ins Gesicht sehen zu können.

»Auch kein Gasthaus.« Der Riese streckte die Hand aus. »Ihren Seesack bitte, werter Herr.«

»Wie bitte?«

Die Mundwinkel des Fremden hoben sich kurz. »Das ist ein Überfall. Bestimmt wissen Sie, wie so etwas abläuft. Also geben Sie mir Ihren Seesack.«

Louis umklammerte die Riemen fester und trat einen Schritt von seinem Gegenüber weg. »Den kann ich Ihnen nicht aushändigen.«

»Sie werden es tun. Entweder übergeben Sie ihn mir freiwillig oder ich werde ihn mir selbst von Ihnen besorgen.« Der Riese folgte ihm mit einem großen Schritt.

Alles, was Louis besaß, befand sich in diesem Seesack. Sämtliche Unterlagen, seine Papiere, sein Geld. War es Zufall, dass er ausgeraubt wurde, kurz nachdem er das Haus seines Onkels verlassen hatte? Der hatte zu energisch auf der Aushändigung der Sterbeurkunde bestanden. Wenn Mr DeVrer an die Unterlagen gelangte, würde er alle Beweise von Louis’ Existenz verschwinden lassen.

»Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen diesen Wunsch nicht erfülle.« Hinter dem Mann war die Straße leer. Louis ging auf Abstand. Er durfte nicht auf Hilfe aus dieser Richtung hoffen.

»Dann also nicht freiwillig.« Der Riese machte einen Schritt vorwärts.

Louis wich zurück. Ein Spiel, das sie nicht ewig weiterspielen konnten. Er warf einen Blick über seine Schulter. Auch dort war niemand mehr im Freien unterwegs. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als sich selbst nach Unterstützung umzusehen. Ohne weiter zu zögern, lief er los. Nur weg von diesem Riesen.

»Zu Hilfe!«, rief er aus voller Kraft. »Ein Raubüberfall auf einen Gentleman! Zu Hil…!«

Der Riese griff nach Louis’ Seesack und zog ihn so heftig zurück, dass Louis die Luft aus dem Brustkorb gepresst wurde. Die Stimme versagte ihm, als er nach hinten gerissen wurde.

»Geben Sie mir den Seesack, und verschwinden Sie von hier. Dann muss Ihnen nichts passieren.« Der Mann, bei dem es sich Louis’ Meinung nach um einen Handlanger seines Onkels handelte, drängte ihn an die nächste Hausfassade und drückte ihm mit dem Unterarm den Hals zu. Mit der anderen Hand versuchte er, Louis den Riemen von der Schulter zu ziehen.

»Das können Sie nicht tun! Wissen Sie denn nicht, mit wem Sie es zu tun haben?« Louis’ Stimme klang durch den Druck unter seinem Kinn rauer als gewöhnlich. Der Griff des Riesen verursachte ihm nicht nur Schmerzen. Louis spürte auch, wie seine Sinne zu schwinden drohten. Vielleicht konnte er die Gelegenheit dennoch nutzen, um herauszufinden, ob sein Onkel hinter dem Überfall steckte. Würde die Frage den Verbrecher dazu verlocken, zu viel zu verraten?

»Warum sollte das für mich eine Rolle spielen?«, antwortete der andere Mann. Er nahm den Arm von Louis’ Hals und versetzte ihm einen harten Kinnhaken.

Die Wucht des Schlages schleuderte Louis’ Kopf gegen die Fassade. Das dabei entstehende Krachen hallte in seinem ganzen Körper nach. Ihm wurde schwummrig, und seine Knie gaben nach. Lediglich der Griff des Riesen um den Riemen seines Seesacks hielt ihn aufrecht.

Noch einmal landete die Faust des Handlangers in Louis’ Gesicht. Der Seesack rutschte ihm von der Schulter, und er ging zu Boden, kippte einfach zur Seite, als hätte ihn eine Welle von den Füßen gerissen.

»Wenn Sie mir folgen, werden meine Fäuste Ihnen noch mehr Schwierigkeiten bereiten.« Seelenruhig nahm der Riese den Seesack an sich und marschierte davon.

Der Angriff hatte nicht länger als ein paar Sekunden gedauert. Niemand hatte Louis’ Hilfeschrei gehört. Keine einzige Menschenseele war auf die Straße getreten.

Louis lag auf dem Boden. Sein Mantel saugte die Kälte der Nacht in sich auf. Der Schnee auf Louis’ Wange gab ihm etwas Klarheit zurück.

Man hatte ihm all seine Besitztümer geraubt! Ohne diesen Seesack würde er nicht weit kommen. Er besaß kein Geld mehr, keine Beweise, wer er war. Sein Onkel hatte mit diesen Unterlagen die Möglichkeit, den Titel für sich einzufordern. Und Louis konnte nichts dagegen tun, wenn sich die Dokumente erst in den Händen von Edgar DeVrer befanden.

Er sah dem Riesen hinterher und versuchte sich aufzurappeln. Seine Beine rutschten immer wieder unter ihm weg. Seine Kraft schien seinen Körper verlassen zu haben. Aber er musste dringend diesen Verbrecher aufhalten.

»Hilfe«, hauchte er, räusperte sich, um seine Stimme zu festigen. »Hilfe!«

Der Riese war noch nicht weit genug entfernt. Er wandte sich beim Weitergehen um, hob seine rechte Hand und bewegte den Zeigefinger tadelnd hin und her. Dann lief er einfach weiter.

Endlich gelang es Louis, sich aufzusetzen. Er musste dringend mit seiner Großmutter sprechen. Sie würde wissen, was zu tun war. Sie würde das Unrecht wiedergutmachen. Doch ohne sein Vermögen, das der Riese ihm entwendet hatte, würde er nicht zu ihr gelangen.

Zwei Häuser weiter öffnete sich eine Tür. Ein Mann in Butler-Uniform trat heraus. »Alles in Ordnung, Mylord?«

Louis schüttelte den Kopf. »Nein, leider nicht.«

Der Butler kam näher. »Sie bluten. Haben Sie sich verletzt? Brauchen Sie Hilfe?«

»Man hat mich überfallen. Es wäre sehr nett, wenn ich mich kurz säubern könnte, bevor ich mich auf den Heimweg mache.«

»Selbstverständlich. Ich helfe Ihnen, soweit es mir möglich ist. Soll ich nach der Polizei schicken?«, erkundigte sich der Butler.

Louis rappelte sich hoch und ließ sich von dem guten Mann in das Haus führen. »Das ist nicht notwendig. Ich kümmere mich gleich morgen früh selbst darum.«

Als er es eine halbe Stunde später verließ, fühlte er sich besser und hatte sich einen Plan zurechtgelegt. Einzig eine Taschenuhr war ihm geblieben. Die würde er versetzen, um eine Fahrkarte zu bezahlen. Die Uhr war ein Geschenk von Lady Winfield gewesen. Nun würde dieses Geschenk von ihr ihn auch zu ihr bringen.

Nach einer anstrengenden Bahnfahrt und einer noch aufreibenderen Fahrt mit der Postkutsche erreichte Louis endlich den Landsitz der Familie. Mit energischen Schritten marschierte er auf ein weit geöffnetes schmiedeeisernes Tor zu. Die breite Einfahrt wirkte gepflegt und einladend. Louis’ Stimmung stieg, als er den mit Schnee bedeckten Weg entlangging. Riesige, weiß angezuckerte Bäume links und rechts von ihm verwehrten ihm den Blick auf den Landsitz der Familie. Dann machte der Weg eine Biegung, und Louis hielt an.

Vor sich hatte er eine freie Fläche und einen atemberaubenden Blick. Eine weite, nun unter Schnee versteckte Rasenfläche verlief leicht abschüssig bis zu einem zweistöckigen Gebäude. Die strenge Fassade des Haupthauses wurde von Erkern aufgelockert und von Türmen gekrönt. Rechts schloss sich ein Nebengebäude von fast gleicher Breite wie das Haupthaus an. Eine niedrige Steinmauer und Büsche trennten den Küchengarten von der Rasenfläche ab.

Sein Herz klopfte schneller, als er sich in Bewegung setzte. Anscheinend traf gerade Besuch ein. Aus einer Kutsche wurden schwere Reisekoffer gewuchtet. Das Personal arbeitete schnell und konzentriert. Dennoch erschien eine rundliche Person im dunklen Anzug an der Tür und drängte auf Eile.

Abrupt hielt Louis an, als er den Mann erkannte, der Befehle brüllte. Sein Onkel war vor ihm eingetroffen. Bestimmt hatte er Lady Winfield bereits seine Version der Geschichte erzählt.

Eilig zog sich Louis zur Baumlinie zurück. Er würde an Mr DeVrer nicht vorbeikommen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Die Anstrengungen der letzten Tage und die Aufregungen der Wochen davor forderten ihren Tribut. Hoffnungslosigkeit machte sich in ihm breit, die er nicht mit seiner üblichen positiven Einstellung verdrängen konnte.

Seine Gedanken rasten. Er musste sich einen Schlachtplan zurechtlegen. Eine Idee formte sich bereits in seinem Kopf. Zuerst musste er sich um eine Unterkunft kümmern. Der Pub im Dorf würde ihm fürs Erste reichen. Dann würde er einen Brief an seine Großmutter verfassen. Es stand zu befürchten, dass Mr DeVrer sämtliche eingehende Korrespondenz überwachte. Louis würde in Anlehnung seines zweiten Vornamens Edward mit Edna unterschreiben. Zum Glück kannte Lady Winfield seine Handschrift von früheren Briefen. Jedes Wort wollte gut überlegt sein, mit dem er seine Großmutter über die Geschehnisse in London unterrichtete.

Wenn sein Onkel tatsächlich hinter dem Überfall steckte, dann waren Louis’ Dokumente längst vernichtet. Lady Winfield wusste vielleicht eine Möglichkeit, um Louis’ Geschichte dennoch zu beweisen. Möglicherweise würde Louis doch noch an den Titel gelangen, der ihm von Rechts wegen zustand.

Werte Lady Winfield!

Wie lange ist es her, seit wir das letzte Mal korrespondiert haben? Ich hoffe, Sie sind wohlauf. Mein Beileid zu Ihrem doppelten tragischen Verlust. Es gibt keine Worte, die ausdrücken können, wie sehr ich mit Ihnen trauere. Ich wünschte, ich könnte Ihnen Trost spenden. Doch ich sehe mich außerstande, diesem Stück Papier passende Formulierungen anzuvertrauen.

Mir selbst ist kürzlich ebenfalls ein Unglück geschehen, das allerdings mit Ihrem nicht zu vergleichen ist. Eine Flasche Whisky kippte um und zerstörte wichtige Unterlagen. Ich fürchte, ohne diese Papiere könnte ich in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Sie haben bestimmt ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass manche Dinge nicht ersetzt werden können.

Vielleicht erlauben Sie mir, Sie persönlich aufzusuchen, damit wir uns in Ruhe unterhalten können. Möglicherweise würde unser Gespräch Sie ein wenig von Ihrem Kummer ablenken.

Mit größter Hochachtung,

Edna Plumfield

4. Charlotte

Als der Cornishman am Abend in den Bahnhof von Penzance einrollte, hatte Charlottes Stimmung einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das schmucklose Ziegelgebäude mit dem gläsernen Kuppeldach erschien im Vergleich zu Paddington Station winzig und unterstrich eindrucksvoll, dass sie sich auf einer Reise ins Nirgendwo befand. Als sie am Morgen in London den Zug bestiegen hatte, war sie voller Optimismus gewesen, erschien die Reise ihr doch eine willkommene Gelegenheit, dem strengen Regiment ihrer Mutter zu entkommen. Die brachte es fertig, dass sich ihr Londoner Zuhause noch mehr wie ein Gefängnis anfühlte als die Privatschule in Edinburgh, die sie besucht hatte.

Nun beschlichen sie erste Zweifel, ob es klug gewesen war, dem schwärmerischen Brief ihrer Schwester Margaret Glauben zu schenken. Sie waren einfach zu verschieden. Im Grunde kannte sie ihre Schwester kaum. Zehn Jahre trennten sie, und als Charlotte alt genug gewesen war, dasselbe Internat wie Margaret zu besuchen, hatte diese kurz darauf ihren Abschluss gemacht. Margaret hatte früh geheiratet, den Sohn eines Earls, wie Mama nicht müde wurde zu betonen. An Geld und Einfluss mangelte es ihrem Vater, einem Bankier, nicht. Seinen Töchtern durch Heirat den Zugang zu adligen Kreisen zu ermöglichen, war für ihn das Sahnehäubchen auf seinem Glück.

Charlotte sah sich auf dem sich leerenden Bahnsteig um.

»Sie sagten, Sie werden abgeholt, Miss?«, fragte der Angestellte in Uniform, der ihre Koffer auf einen Gepäckwagen verfrachtet hatte.

»Das hoffe ich zumindest«, seufzte sie.

»Darf ich fragen, wohin Sie weiterreisen?«

»Nach Land’s End.« Charlotte wurde sich bewusst, wie trostlos das klang. Was war nur in sie gefahren, das vibrierende Leben der Hauptstadt gegen ein Herrenhaus am allerletzten Zipfel Britanniens zu tauschen?

»Oh!«, machte der Uniformierte. »Gewiss verspäten sie sich. Es hat heute wieder geschneit, und man kommt nur langsam voran.«

»Haben Sie vielen Dank.« Charlotte lächelte und zog das pelzbesetzte Cape fester um ihre schmalen Schultern. Der Uniformierte nickte kurz und ging.

Charlotte setzte sich auf eine der hölzernen Wartebänke und fischte Margarets Brief aus der Tasche. Noch einmal überflog sie die Zeilen. Ein Loblied auf Seashell Manor, die Nähe zum Meer, die würzige Luft, die liebenswerte Dowager Countess, auf Edgar und auf George, der – wie Margaret betonte – in Charlottes Alter, unverheiratet und überaus reizend war. Sie wusste genau, was Margaret beabsichtigte. Sie plante, Charlotte mit George zu verheiraten. Vermutlich langweilte sich Margaret am äußersten Zipfel von Cornwall und wünschte sich Gesellschaft.

Nun, sie konnte sich diesen George ja einmal ansehen, auch wenn es nicht ihr erklärtes Lebensziel war, so bald wie möglich zu heiraten und eine Horde Kinder in die Welt zu setzen. Schlimmer als die Tattergreise mit hochtrabenden Titeln, die ihre Mutter ihr vorzustellen pflegte, konnte er auch nicht sein. Vielleicht war er sogar ganz nett. Margaret schrieb, er interessiere sich für Literatur und das Schauspiel. Womöglich fand sie in George endlich einen Gleichgesinnten, mit dem sie sprechen konnte. Eine Unterhaltung mit Mama jedenfalls hatte etwa denselben geistigen Nährwert wie die Lektüre der Klatschspalten in den Gazetten. Es wäre eine Wohltat, jemanden zu finden, mit dem sie sich über Literatur, Kunst und Wissenschaft austauschen konnte. Selbst wenn nicht, verschaffte diese Reise Charlotte wenigstens etwas Luft zum Atmen und Abstand von Mama.

»Miss Charlotte Phillips?«

Die Frage in einer zaghaften Mädchenstimme mit dem für den Westen charakteristischen gerollten R holte sie aus ihren Gedanken. Vor ihr stand ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen in einem wollenen grauen Mantel. Die weiße Haube wies es als Dienstmagd aus. Daneben tauchte nun ein kräftiger Bursche auf und begrüßte Charlotte mit einem knappen Diener.

»’n Abend, Miss.«

»Ich bin Merryn. Lady Winfield hat mich in Ihren Dienst gestellt«, erklärte das Mädchen. »Bitte entschuldigen Sie die Verspätung. War schwer durchzukommen bei dem Wetter. Der Wagen wär’ jetzt bereit, wenn Sie mir folgen möchten. Jory hier wird sich um Ihr Gepäck kümmern.«

Während sich der Wagen, gezogen von zwei kräftigen Kaltblütern, langsam durch die verschneite Landschaft quälte, malte sich Charlotte in der Fantasie ihren Besuch bei Margaret und Edgar in den schönsten Farben aus. Das tat sie oft, wenn sie sich Mut machen wollte. Es war bereits dunkel, und durch die beschlagenen Scheiben war ohnehin nicht viel zu sehen. Charlotte rief sich Margarets Beschreibung ins Gedächtnis und stellte sich George DeVrer vor: groß, dunkelhaarig, mit strahlend blauen Augen, die Stimme eines begnadeten Schauspielers – ein samtiger Bariton, der ihr die Knie weich werden ließ. Sie würden am Feuer sitzen, einander in die Augen sehen, über Literatur sprechen und über die faszinierenden Möglichkeiten der Wissenschaft, den rasanten Fortschritt.

Nach endlosen eineinhalb Stunden erreichten sie endlich Seashell Manor. Sie freute sich schon auf eine warme Mahlzeit und darauf, die durchgefrorenen Glieder am Kamin wärmen zu können.

Bei ihrem Eintreffen wurde sie von der Hausdame empfangen, die ihr wenig Gelegenheit gab, erst einmal anzukommen, sondern sie gleich zum Salon schob.

»Die Herrschaften haben mit dem Dinner eigens auf Sie gewartet. Sie sollten gleich hineingehen.« Sie öffnete die Tür zum Salon. »Lady Winfield, Miss Charlotte Phillips ist angekommen.«

»Oh, wie schön! Bitte kommen Sie doch herein, Miss Phillips«, hörte sie eine klare Frauenstimme und kam der Aufforderung nach.

Obwohl im Rollstuhl, war die Dowager Countess Winfield eine ehrfurchtgebietende Erscheinung. Ihre leuchtend blauen Augen waren, obwohl ein Ausdruck tiefer Trauer in ihnen lag, hellwach und maßen Charlotte mit einer gewissen Strenge.

»Lady Winfield.« Charlotte knickste. »Ich danke Ihnen für die freundliche Einladung und freue mich, hier zu sein.«

»Miss Phillips, mein Sohn, Mr Edgar DeVrer, und mein Enkel, Mr George DeVrer.«

Charlotte bemerkte den indignierten Blick, den Edgar seiner Mutter zuwarf.

»Messieurs DeVrer«, grüßte Charlotte. »Hocherfreut, Sie endlich kennenzulernen.«

Ihr Schwager Edgar war deutlich kräftiger geworden, als er es auf der Hochzeitsfotografie gewesen war, die Margaret geschickt hatte. Und George? Bei dessen Anblick zerplatzte Charlottes Traumbild vom kulturell beflissenen Adonis wie eine Seifenblase. Nicht, dass Mr George DeVrer unansehnlich gewesen wäre. Er hatte dunkle Haare, warme braune Augen und ein freundliches Gesicht. Jedoch war er, wie sein Vater, breitschultrig und kräftig mit einem sichtbaren Hang zur Fülle, ganz anders, als sie ihn sich vorgestellt hatte.

»Ausgezeichnet! Miss Phillips. Margaret wird auch gleich hier sein, dann können wir hinüber ins Speisezimmer gehen«, verkündete Edgar DeVrer. »Setzen Sie sich doch.«

George DeVrer nahm auf dem Sessel daneben Platz. »Hatten Sie eine angenehme Reise, Miss Phillips?« Seine Stimme klang warm und sympathisch. Sie hätte sich gut auf einer Bühne gemacht.

»Sie war recht anstrengend, aber es ist schon ein kleines Wunder, dass man die Strecke in nur einem Tag zurücklegen kann«, entgegnete Charlotte. »Es tut mir leid, dass Sie meinetwegen mit dem Essen so lange haben warten müssen. Sie hätten sich doch nicht solche Umstände machen müssen.«

George nickte und lächelte. »Machen Sie sich keine Gedanken, Miss Phillips, so schnell verhungern wir DeVrers nicht.« Er lachte und strich sich mit den Händen über den rundlichen Bauch.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Margaret trat ein.

»Charlotte!«, rief die schon von der Tür her. »Fast hätte ich dich nicht erkannt. Du bist so erwachsen geworden. Und so hübsch! Nicht wahr, George?«

Wieder nickte George und lächelte. »Ja, Mutter. Nun, wenn wir vollzählig sind, sollten wir ins Speisezimmer gehen. Miss Phillips wird nach der anstrengenden Reise sicher auch hungrig sein.«

Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber George DeVrer schien beinahe erleichtert zu sein, dass ihr Gespräch unterbrochen worden war.

Nach dem Dinner ließ sich Charlotte von Margaret zunächst die Bibliothek und dann die anderen Räume zeigen. Danach gesellten sie sich zum Rest der Familie in den Salon. Draußen peitschte der Wind gegen die Fenster und brachte noch mehr Schnee. Margaret sah mit einem Seufzer zum Fenster und holte ihr Handarbeitszeug heraus. Typisch! Wenn sich Charlotte an ihre Schwester erinnerte, war sie vor ihrem geistigen Auge meist mit irgendeiner Handarbeit beschäftigt. Sie selbst hatte weder ein Händchen dafür noch ein Interesse daran. Daher hatte sie sich oft den Unmut ihrer Mutter und der Lehrerinnen in St. George’s zugezogen. Ihre Finger waren einfach nicht dafür gemacht, und sie teilte nicht die Geduld und Ausdauer ihrer Schwester. Dafür konnte sie stundenlang in Büchern abtauchen, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Wie ein Schwamm saugte sie dabei alles auf, was es in der elterlichen Bibliothek zu lernen und zu lesen gab. Jedoch musste sie das vor ihrer Mutter verbergen, die Angst hatte, man könne Charlotte für einen Blaustrumpf halten – denn einen solchen wolle schließlich niemand heiraten.

»Oh, Charlotte, du sitzt näher an der Lampe«, sagte Margaret und hielt ihr Nadel und Faden hin. »Wärest du so lieb und fädelst mir rasch die Nadel ein?«

Charlotte griff nach der Nadel, doch ihre Schwester ließ einen Augenblick zu früh los, und sie fiel zu Boden.

»Oje, so etwas Dummes«, murmelte Charlotte und bückte sich. Mit der Handfläche strich sie über den dicken Flor des indischen Teppichs und suchte nach der verlorenen Nadel. Dabei musste sie sich aufgerichtet haben, und die Spitze bohrte sich schmerzhaft in ihren Finger.

»Au!« Charlotte zog ruckartig die Hand zurück. »Zum Kuckuck! Jetzt habe ich mich gestochen.«

»Warten Sie, ich helfe Ihnen.« George erhob sich und bückte sich. Seine Finger tasteten über den Teppich und hatten schließlich die Nadel gefunden. »Hier haben wir den Übeltäter, Miss Phillips.«

»Oh, vielen Dank, Mr DeVrer.« Charlotte wollte nach der Nadel greifen, als sie feststellte, dass sich ein Blutstropfen an ihrem Finger gebildet hatte.

»Oje, ich sehe gerade, dass ich blute. Hätten Sie womöglich ein Taschentuch für mich? Ich möchte nicht, dass Flecken auf die Polster oder den Teppich gelangen.«

»Taschentuch. Ja natürlich, selbstverständlich.« Hektisch durchsuchte George DeVrer seine Taschen. Er sah ein wenig blass aus. Schließlich hatte er gefunden, wonach er suchte, und reichte Charlotte das Taschentuch.

»Wären Sie so liebenswürdig, es rasch um meinen Finger zu wickeln?« Sie streckte den blutenden Finger aus und hielt ihn George hin.

»Verzeihen Sie, Miss«, sagte er noch. »Ich … ich kann kein Blut … mir ist so …« Seine Augen rollten nach oben, und George DeVrer, dieser Bär von einem Mann, sank wegen des winzigen Blutstropfens rücklings auf den Teppich.

Na bravo! Was für eine Mimose! Und diesen Mann sollte sie heiraten? Sie warf Margaret einen drängenden Blick zu.

»Margaret, du hast sicher ein Fläschchen Riechsalz. Wir sollten es holen. Bei der Gelegenheit kann ich dann auch meinen Finger verarzten.«

Mit diesen Worten zupfte Charlotte dem am Boden liegenden George das Taschentuch, das er noch immer festhielt, aus der Hand.

»Verzeihen Sie bitte, Mr DeVrer«, flüsterte sie. Dann verließ sie mit Margaret den Raum, um das Riechsalz zu holen.

5. George

Als er die Augen aufschlug, sah er als Erstes das grimmige Gesicht seines Vaters, der über ihn gebeugt stand.

»Erhebe dich, du Schwächling!«, fuhr dieser ihn an. »Wie kannst du dich vor Miss Phillips nur so aufführen? Was soll sie nun von dir denken?«

George rappelte sich hoch und sah sich um. Seine Stiefmutter und ihre Schwester hatten den Raum verlassen. Er fragte sich, was so wichtig daran war, was Charlotte von ihm hielt, doch das noch immer nicht vergangene Schwindelgefühl verhinderte klare Gedanken. Er ließ sich in den Sessel neben seiner Großmutter fallen, die ihm sogleich den Arm tätschelte. Er lächelte ihr dankbar zu.

»Sicherlich werden Sie ihn sogleich wieder in Schutz nehmen, Mylady, nicht wahr? Das wird ihm jedoch nichts nützen.« Edgar DeVrer trat hinüber an die Hausbar.

»Mylord, es ist doch keine Absicht. Ich kann nun einmal kein Blut sehen.«

Sein Vater lachte auf. »Dann trifft es sich ja vorzüglich, dass ich beschlossen habe, dir das nördliche Jagdrevier zu überlassen. Die erste Jagd des nächsten Jahres wirst du anführen.«

George wurde allein von dem Gedanken schon wieder flau im Magen. »Mylord, ich bitte Sie, zwingen Sie mich nicht zur Jagd!«

Er verwünschte sich dafür, dass seine Stimme zitterte. Er war doch Schauspieler – oder zumindest wollte er einer sein. Warum nur gelang es ihm nicht, sich in dieser Sache unter Kontrolle zu bringen? Er war doch ein Mann, der Sohn eines Lords! Er durfte sich nicht wie der Weichling verhalten, für den sein Vater ihn hielt. Andererseits wollte er keine Tiere töten. Was war daran falsch? Schlimm genug, dass andere es für einen vergnüglichen Zeitvertreib hielten.

George erhob sich. Er würde sich nicht zwingen, nicht beschimpfen und nicht verlachen lassen! Er straffte die Schultern und ging mit festen Schritten hinüber zur Hausbar, an der sich sein Vater soeben ein Glas füllte.

»Vorsicht!«, vernahm er die Stimme seiner Großmutter hinter sich, da stürzte er bereits. Verfluchter indischer Teppich! Er landete unsanft auf demselben und hörte das schallende Lachen seines Vaters.

»Nun flehst du mich schon auf Knien an? Das wird dir nichts nützen, George. Ein Gentleman geht zur Jagd, Punktum.«

Wütend über die eigene Ungeschicklichkeit kämpfte sich George auf die Füße und trat seinem Vater gegenüber. Sie ähnelten einander äußerlich sehr, was beide gleichermaßen erzürnte. Beide waren hochgewachsen und dunkelhaarig, wobei sich an den Schläfen des Älteren bereits graue Strähnen zeigten. Auch war der Leib seines Vaters bei Weitem gewaltiger, und George hoffte, dass es bei ihm selbst bei dem leichten Bauchansatz bleiben würde, den er bisher ohne Probleme unter seiner Kleidung verbergen konnte. DeVrer betrachtete ihn ungerührt und leerte sein Glas in einem Zug. George nahm seinen Mut zusammen.

»Ich werde nicht zur Jagd gehen.«

Sein Vater hob die buschigen Augenbrauen und schwieg.

»Ich meine es so, Mylord. Ich verabscheue die Jagd, und ich …«

Edgar DeVrer trat so unvermittelt dicht vor ihn, dass sich George vor Schreck auf die Zunge biss.

»Was willst du stattdessen tun, mein Sohn?«, fragte sein Vater in honigsüßem Tonfall. »Theater spielen vielleicht?«

»Ja!«, platzte George heraus. »Ja, das ist mein größter Wunsch, und das wissen Sie auch.«

»Und welche Rolle, meinst du, stünde dir gut zu Gesicht? Die des Narren oder die des Krüppels, zu dem du dich durch deine Ungeschicklichkeit demnächst gemacht haben wirst?« Gehässiges Lachen ertönte aus seinem Mund. »Nun, ich habe eine andere Rolle für dich im Sinn. Du heiratest Charlotte, gehst zur Jagd wie jeder Herr, der etwas auf sich hält, und wirst nach meinem hoffentlich in ferner Zukunft liegenden Tod ein würdiger Earl für dieses Haus.«

George hörte, wie seine Großmutter hinter ihm scharf die Luft einsog, doch er konnte nur an die drei Worte denken, die ihm aus der Rede seines Vaters im Gedächtnis geblieben waren.

Du heiratest Charlotte.

»W-wie bitte? Ich heirate … wen?«

Edgar DeVrer seufzte und reckte seine gewaltigen Pranken flehentlich zur Zimmerdecke. Dann sprach er betont langsam, wie zu einem Kind: »Miss Charlotte Phillips, die Schwester deiner Stiefmutter.«

»Nein!«, rief George aus. Plötzlich wurde ihm einiges klar. Deshalb war es seinem Vater so wichtig, was sie von ihm dachte! Und offensichtlich war Charlotte schon in diese Pläne eingeweiht, denn sie hatte ihm den ganzen Abend über seltsame Seitenblicke zugeworfen. Er hatte gespürt, dass sie von ihm alles andere als angetan war. Dieses winzige, magere Ding, das ihn offensichtlich nicht mochte, sollte er zur Frau nehmen? Sie hatte ein hübsches Gesicht und schönes rotes Haar, gewiss, aber … sie sah aus wie ein junges Mädchen! So zart, so … flachbrüstig. Nichts zum Anpacken. Außerdem schien sie ein rechter Blaustrumpf zu sein. Sie hasste Handarbeiten, das konnte man deutlich daran erkennen, wie ungeschickt sie mit der Nadel hantiert hatte, und hatte sie nicht beim Abendessen sogar nach der Bibliothek gefragt? Mit einer klugen Frau an seiner Seite würde er seine eigenen Unzulänglichkeiten täglich vor Augen geführt bekommen. George wurde wieder schwindelig.

»Glücklicherweise hast das nicht du zu entscheiden«, sagte DeVrer ungerührt.

»Nun lass den armen Jungen doch erst einmal die Bekanntschaft des Fräuleins machen, Edgar. Ein einziger Abend reicht wohl kaum aus, um sich gut genug kennenzulernen.«

»Der Junge wird vierundzwanzig, Mylady, und verhält sich wie ein Rotzlöffel von acht!« DeVrer schnaubte. »Er sollte längst verheiratet sein! Ich habe seine Zukunft viel zu lange vernachlässigt, ihn in seiner Traumwelt aus Schauspiel und Faulenzerei leben lassen, nun jedoch ist es an der Zeit, Vorkehrungen zu treffen.«

Nie gekannte Wut erfasste George. Er fühlte sich wie Capulet in Romeo und Julia, als sich seine Tochter weigerte, den für sie bestimmten Mann zu heiraten. Und wie Capulet würde er nicht so mit sich umspringen lassen! Nun gut, das Stück hatte ein böses Ende für alle Beteiligten genommen, und außerdem war doch er, George, derjenige, der gegen seinen Willen verheiratet werden sollte, doch daran wollte er im Augenblick nicht denken. Capulets Wutausbruch entsprach seinen Empfindungen schlichtweg zu gut.

Sprich nicht! Erwidre nicht! Gib keine Antwort! Die Finger jucken mir.

Die Worte Capulets lagen ihm auf der Zunge, stattdessen rief er: »Nun, wo Sie der einzig verbliebene Sohn des Hauses sind und damit rechnen, Earl zu werden, da fangen Sie an, sich für mich zu interessieren, Vater?«

George hätte nie gewagt, diese Worte zu sagen, doch er war nicht George, er war Capulet, und er spielte seine Rolle großartig!

»Ich bin es jetzt schon leid! Vor der Nachricht von Onkel Charles’ Tod war es Ihnen gleichgültig, ob ich mit den jungen Leuten aus dem Dorf am Abend Theaterstücke probe, und plötzlich verbieten Sie es mir! Zur Jagd musste ich auch noch nie gehen, und wen ich heirate, war kein Thema. Und jetzt …«

George fühlte sich am Kragen gepackt. »Schweig!«, brüllte sein Vater und schüttelte ihn kräftig durch. »Und sprich mich nicht so an! Ich verlange Respekt!« DeVrer schnaufte von der Anstrengung, und feine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. »In wenigen Tagen werde ich Earl, und du wirst mein Nachfolger. Wage es nicht, dich mir zu widersetzen, Sohn.«

Autoren

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    Katherine Collins (Autor)

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    Dolores Mey (Autor)

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    Ester D. Jones (Autor)

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    Marie Caroline Bonnet (Autor)

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    Dorothea Stiller (Autor)

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Titel: Der Weihnachtsball des Earls