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Adel unter Verdacht

von Rhys Bowen (Autor) Sarah Schemske (Übersetzung)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

London, 1932: Lady Victoria Georgiana Charlotte Eugenias, kurz Lady Georgies, Bruder Binky ist in der Stadt und bringt die junge Lady zur Verzweiflung. Da kommt ihr der Auftrag der Queen gerade recht. Georgie soll die königliche Familie bei einer Hochzeit in Transsylvanien vertreten – der legendären Heimat der Vampire. Freudig reist sie ab, aber kaum ist sie angekommen, beginnt die Braut, sich ein wenig verrückt zu benehmen. Dann wird auch noch ein prominenter Hochzeitsgast vergiftet und Georgie bleibt nichts Anderes übrig, als mal wieder selbst zu ermitteln.

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Dezember 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-814-8
Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-254-5

Copyright © Juli 2010 by Janet Quin-Harkin. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: Royal Blood

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Sarah Schemske
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © Observer, © brebca
stock.adobe.com: © Veronika
shutterstock.com: © NWStock, © Vectorpocket, © Raftel
Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Danksagung

Wie immer danke ich meinem genialen Team bei Berkley: meinem Lektor Jackie Cantor, meiner PR-Agentin Megan Swartz und meinen Agentinnen Meg Ruley und Christina Hogrebe sowie meinen hauseigenen Ratgebern und Lektoren Clare, Jane und John.

Kapitel 1

Der November in London war ausgesprochen bescheuert. Ja, ich weiß, dass eine Lady nicht so reden sollte, aber ich kann den feuchten, beißend kalten und undurchdringlichen Nebel nicht anders beschreiben, der schon die ganze Woche über dem Belgrave Square lag. Rannoch House, unser Londoner Stadthaus, war selbst zu seinen besten Zeiten nicht unbedingt warm und freundlich, aber wenn die Familie sich dort aufhielt, es voller Bediensteter war und die Feuer im Kamin fröhlich brannten, war es wenigstens erträglich. Aber außer mir war niemand im Haus und weit und breit waren keine Bediensteten in Sicht. So war das Haus unmöglich zu heizen. Denkt bloß nicht, dass ich eine schwache und zarte Person war, der Kälte normalerweise etwas ausmachte. Zuhause auf Castle Rannoch war ich sogar eine der Abgehärtetsten. An frostkalten Morgen unternahm ich lange Ausritte und ich war es gewohnt, stets bei offenem Fenster zu schlafen. Aber diese Londoner Kälte war anders als alles, was ich kannte. Sie ging bis auf die Knochen. Ich war versucht, den ganzen Tag im Bett zu bleiben.

Nicht, dass es im Augenblick viele Gründe gegeben hätte das Bett zu verlassen. Es war nur der strengen Erziehung meines Kindermädchens zu verdanken, die Bettruhe nur in Fällen von doppelseitiger Lungenentzündung erlaubte, dass ich morgens aufstand, drei Pullover übereinander anzog und nach unten in die vergleichsweise warme Küche eilte.

An diesem Morgen hockte ich in der Küche und trank eine Tasse Tee, als ich hörte, wie die Morgenpost auf die Fußmatte im oberen Flur fiel. Da kaum jemand wusste, dass ich mich in London aufhielt, war das ein großes Ereignis. Ich rannte die Treppe hoch und fand nicht einen, sondern gleich zwei Briefe auf der Matte vor der Eingangstür vor. Zwei Briefe, wie aufregend, dachte ich, dann erkannte ich die gestochene Handschrift meiner Schwägerin auf einem der beiden. Oh, Mist, was um Himmels willen wollte sie von mir? Fig war niemand, der Briefe schrieb, wenn es nicht dringend war. Sie hätte niemals eine Briefmarke verschwendet.

Der zweite Brief ließ mein Herz noch schneller schlagen. Er trug das königliche Wappen und kam vom Buckingham Palace. Ich wartete nicht einmal ab, bis ich die warme Küche erreicht hatte, sondern riss ihn sofort auf. Er stammte von dem Privatsekretär Ihrer Majestät.

Liebe Lady Georgiana,

Ihre Majestät Königin Mary bittet mich ihre herzlichsten Wünsche zu überbringen und hofft, Sie sind abkömmlich, um ihr am Donnerstag, dem 8. November, im Palace zum Mittagsmahl Gesellschaft zu leisten. Sie wünscht, dass Sie vielleicht ein bisschen früher kommen könnten, gegen elf Uhr fünfundvierzig, da sie ein wichtiges Anliegen hat, das sie mit Ihnen besprechen möchte.

„Du liebes bisschen“, murmelte ich. Ich würde mir solche mädchenhaften Sprüche abgewöhnen müssen. Vielleicht würde ich mir sogar einige Kraftausdrücke angewöhnen, natürlich nur zum persönlichen Gebrauch. Man sollte meinen, dass eine Einladung in den Buckingham Palace zum Mittagsmahl mit der Königin eine Ehre wäre. Aber es kam für meinen Geschmack zu oft vor. Ihr müsst wissen, dass König George mein Cousin zweiten Grades ist und Königin Mary eine Reihe kleiner Aufgaben für mich gehabt hatte, seit ich in London lebte. Um ehrlich zu sein, waren die Aufgaben gar nicht so klein. Zum Beispiel der neuen amerikanischen Freundin des Prince of Wales nachzuspionieren. Und vor ein paar Monaten hatte sie mir eine deutsche Prinzessin und ihr Gefolge aufgehalst – ziemlich heikel, da ich weder Bedienstete noch Geld für Essen gehabt hatte. Aber natürlich schlägt man der Königin nichts ab.

Ihr fragt euch also, warum jemand, der mit der Königin verwandt ist, allein ohne Bedienstete oder Geld für Essen lebt. Die traurige Wahrheit ist, dass unser Zweig der Familie ziemlich verarmt war. Mein Vater hatte fast unser gesamtes Vermögen verspielt und den Rest im Börsencrash von ’29 verloren. Mein Bruder, Binky, der gegenwärtige Duke, lebte auf dem Familiensitz in Schottland. Ich schätze, ich hätte bei ihm wohnen können, aber seine liebe Gattin Fig hatte deutlich gemacht, dass ich dort eigentlich nicht erwünscht war.

Ich schaute Figs Brief an und seufzte. Was um alles in der Welt konnte sie von mir wollen? Es war zu kalt, um noch länger im Eingangsflur zu bleiben. Ich ging mit dem Brief in die Küche und setzte mich auf meinen Platz neben den Herd, bevor ich ihn öffnete.

Liebe Georgiana,

ich hoffe, dir geht es gut und das Londoner Wetter ist milder als die Stürme, die wir gerade erleben. Ich schreibe, um dich von unseren Plänen in Kenntnis zu setzen. Wir haben beschlossen, diesen Winter hinunter ins Londoner Haus zu kommen. Binky ist noch geschwächt, nachdem er durch seinen Unfall so lange ans Bett gefesselt war, und Podge hatte eine schlimme Erkältung nach der anderen, also denke ich, dass ein bisschen Wärme und Kultur angebracht sind. Wir werden in etwa einer Woche im Rannoch House eintreffen. Binky hat mir von deinem geschickten Händchen für Haushaltsführung erzählt, also sehe ich keinen Anlass, zusätzlich Geld dafür auszugeben Bedienstete vorauszuschicken, da ich weiß, dass du das Haus wunderbar für uns vorbereiten wirst. Ich kann doch auf dich zählen, Georgiana? Und Binky findet, wir sollten ein paar Partys für dich geben, wenn wir ankommen, obwohl ich ihn an die beträchtliche Summe erinnert habe, die wir bereits für deine Saison ausgegeben haben. Er möchte dich unbedingt gut versorgt wissen und ich stimme ihm zu, dass die Familie in dieser kräftezehrenden Zeit dann eine Sorge weniger hätte. Ich hoffe, du wirst deinen Teil dazu beitragen, Georgiana, und die jungen Männer, die wir für dich aussuchen, nicht so abweisen wie du es bei dem armen Prinz Siegfried getan hast, der wirklich ein äußerst manierlicher junger Mann zu sein scheint und eines Tages vielleicht sogar ein Königreich erben wird. Darf ich dich daran erinnern, dass du auch nicht jünger wirst. Denk daran, dass eine Frau, sobald sie über vierundzwanzig ist, worauf du zusteuerst, aufs Abstellgleis kommt. Ihre Blüte ist vorbei.

Also bereite das Haus bitte für unsere Ankunft vor. Wir werden nur die geringstmögliche Anzahl an Bediensteten mitnehmen, da das Reisen heutzutage so teuer ist. Dein Bruder bittet mich, dir seine besten Wünsche zu übermitteln.

Deine ergebene Schwägerin

Hilda Rannoch

Es wunderte mich, dass sie nicht noch „Duchess“ hinzugefügt hatte. Ihr richtiger Name war nämlich Hilda, obwohl sie sonst von allen Fig genannt wurde. Würde ich Hilda heißen, fände ich Fig ehrlich gesagt sogar besser. Der Gedanke, dass sie in naher Zukunft eintreffen würde, rüttelte mich wach. Ich musste eine Betätigung finden, damit ich nicht im Haus festsitzen und mir anhören müsste, welche Last ich für die Familie war.

Eine Anstellung zu finden wäre wunderbar, aber ich hatte die Hoffnung darauf fast schon aufgegeben. Einige der arbeitslosen Männer, die immer an den Straßenecken standen, hatten alle möglichen Abschlüsse und Qualifikationen. Meiner Ausbildung an einem schrecklich vornehmen Mädcheninternat in der Schweiz hatte ich lediglich zu verdanken, dass ich mit einem Buch auf dem Kopf herumlaufen konnte, gutes Französisch sprach und wusste, welchen Platz ein Bischof bei einer Dinnergesellschaft hatte. Ich war für die Ehe ausgebildet worden, das war alles. Außerdem waren die meisten Anstellungen für jemanden meines Rangs verpönt. Ich würde meine Familie enttäuschen, wenn ich an der Kasse im Woolworths oder beim Ale-Ausschank im örtlichen Pub gesehen würde.

Eine Einladung an einen weit entfernten Ort – das war genau das, was ich brauchte. Vorzugsweise nach Timbuktu oder wenigstens in eine Villa am Mittelmeer. Dadurch könnte ich auch den kleinen Aufträgen der Königin entkommen. „Es tut mir so leid, Ma’am. Ich würde liebend gern Mrs Simpson für Euch ausspionieren, aber man erwartet mich Ende der Woche in Monte Carlo.“

Es gab in London nur eine Person, an die ich mich in einer so misslichen Lage wenden konnte – meine alte Schulfreundin Belinda Warburton-Stoke. Belinda gehört zu den Menschen, die immer wieder auf den Füßen landen – oder in ihrem Fall auf dem Rücken. Sie wird ständig zu Hauspartys und Jachtausflügen eingeladen – weil sie, müsst ihr wissen, schrecklich verrucht und sexy ist, anders als ich. Ich hatte noch nie Gelegenheit, verrucht oder sexy zu sein.

Nachdem ich vor ein paar Wochen von Castle Rannoch in Schottland nach London zurückgekehrt war, hatte ich ihrem kleinen Cottage in Knightsbridge einen Besuch abgestattet, es aber verschlossen und ohne eine Spur von Belinda vorgefunden. Ich nahm an, dass sie mit ihrer neuesten Errungenschaft, einem hinreißenden italienischen Grafen, der leider mit jemand anderem verlobt war, nach Italien gereist war. Es war durchaus möglich, dass sie inzwischen zurückgekehrt war, und die Situation war dringlich genug, um mich in den schlimmsten Nebel hinauszuwagen. Wenn mich jemand vor der drohenden Gefahr namens Fig retten konnte, dann Belinda. Also wickelte ich mich in mehrere Lagen Schals ein und trat nach draußen in den undurchdringlichen Nebel. Du meine Güte, dort draußen war es unheimlich. Alle Geräusche waren gedämpft und die Luft war vom Rauch tausender Kohlenfeuer durchdrungen, was einen ekelerregenden metallischen Geschmack in meinem Mund hinterließ. Die Häuser rund um den Belgrave Square waren von der Düsternis verschluckt worden und ich konnte gerade so das Geländer um die Parkanlage inmitten des Platzes ausmachen. Niemand sonst schien unterwegs zu sein, als ich vorsichtig den Platz umrundete.

Mehrmals war ich kurz davor aufzugeben und sagte mir, dass umtriebige junge Menschen wie Belinda bei Wetter wie diesem unmöglich in London waren und ich meine Zeit vergeudete. Aber ich ging beharrlich weiter. Wir Rannochs sind dafür bekannt nicht aufzugeben, komme was wolle. Also dachte ich an Robert Bruce Rannoch, der unbeirrbar die Heights of Abraham in Quebec erklomm, nachdem er mehrmals angeschossen worden war. Am Gipfel angekommen, hatte er mehr Löcher im Körper als ein Sieb und schaffte es, fünf weitere Feinde zu töten, bevor er starb. Keine aufmunternde Geschichte, schätze ich. Die meisten Geschichten meiner tapferen Vorfahren endeten damit, dass der jeweilige Vorfahr aus dem Leben schied.

Es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, dass ich mich hoffnungslos verirrt hatte. Das Cottage von Belinda lag nur ein paar Straßen weiter und ich war schon seit einer Ewigkeit unterwegs. Mir war klar, dass ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen musste, wobei ich mit der Hand zur Sicherheit die Geländer vor den Häusern berührte, aber ich musste irgendwo falsch abgebogen sein.

Keine Panik, sagte ich mir. Irgendwann würde ich auf eine mir vertraute Umgebung stoßen und ich wäre gerettet. Das Problem war, dass niemand sonst unterwegs und es unmöglich war, die Straßenschilder zu erkennen. Auch sie waren von der Finsternis über mir verschluckt worden. Ich hatte keine andere Wahl als weiterzugehen. Sicherlich würde ich irgendwann nach Knightsbridge und zu Harrods kommen. Ich würde die Lichter in den Schaufenstern sehen. Harrods würde wegen des bisschen Nebels nicht schließen. In London gab es genügend Leute, die nicht auf ihre Gänseleberpastete und ihre Trüffel verzichten konnten, egal, wie das Wetter war. Aber Harrods tauchte nicht auf. Schließlich gelangte ich zu einer Art Parkanlage. Ich war mir nicht sicher, welche es wohl war. Ich hatte doch nicht Knightsbridge durchquert und befand mich nun am Hyde Park?

So langsam wurde mir schrecklich mulmig zumute. Da bemerkte ich die Schritte hinter mir - langsame, gleichmäßige Schritte, die mit mir mithielten. Ich drehte mich um, konnte aber niemanden sehen. Sei nicht so albern, sagte ich mir. Die Schritte waren bestimmt nur ein merkwürdiges Echo, das durch den Nebel erzeugt wurde. Ich fing wieder an zu laufen, blieb plötzlich stehen und hörte, wie die Schritte noch etwas weiterliefen, bevor sie ebenfalls anhielten. Ich begann immer schneller zu laufen und vor meinem inneren Auge spielte sich ab, was bei Nebel in Sherlock-Holmes-Geschichten geschah. Ich stolperte über etwas, das wohl ein Bordstein war, lief weiter und spürte plötzlich eine große gähnende Leere vor mir, bevor ich gegen ein hartes Hindernis stieß.

Wo zum Teufel war ich? Ich tastete wieder nach dem Hindernis und versuchte, mir ein Bild davon zu machen. Es bestand aus rauem, kaltem Stein. Gab es eine Mauer um den Serpentine-Fluss im Hyde Park? Ich fühlte, wie mir kalte, feuchte Luft entgegenschlug, und konnte den unangenehmen Geruch von verfaulenden Pflanzen wahrnehmen. Außerdem hörte ich ein Plätschern. Ich lehnte mich nach vorn und versuchte herauszufinden, was das Geräusch war, das ich unter meinen Füßen hörte. Ich überlegte, ob ich über die Mauer klettern sollte, um meinem Verfolger zu entkommen. Dann fuhr ich plötzlich zusammen, als ich von hinten an der Schulter gepackt wurde.

Kapitel 2

„Das würde ich nicht tun, Miss“, sagte eine tiefe Stimme mit Cockney-Akzent.

„Was tun?“ Ich wirbelte herum und konnte gerade so den Umriss eines Polizeihelms erkennen.

„Ich weiß, was Sie vorhatten“, sagte er. „Sie wollten in den Fluss springen, stimmt’s? Ich bin Ihnen gefolgt. Ich hab’ gesehen, dass Sie über die Brüstung klettern wollten. Sie hätten sich das Leben genommen.“

Ich verarbeitete noch immer die Information, dass ich irgendwie den ganzen Weg zur Themse gelaufen war, in die völlig falsche Richtung, und es dauerte einen Moment, bis ich verstand. „Mir das Leben nehmen? Keineswegs, Constable.“

Er legte seine Hand wieder auf meine Schulter, diesmal sanfter. „Kommen Sie schon, meine Liebe. Sie können mir die Wahrheit sagen. Warum sind Sie sonst an einem Tag wie diesem unterwegs und haben versucht, in den Fluss zu klettern? Kopf hoch. Ich erlebe so etwas ständig, meine Liebe. Diese Wirtschaftskrise schlägt allen auf die Stimmung, aber ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass das Leben trotzdem lebenswert ist, was auch immer passiert. Kommen Sie mit mir zurück zur Polizeiwache und ich mache Ihnen eine schöne Tasse Tee.“

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder empört sein sollte. Letzteres gewann. „Hören Sie mal, Officer“, sagte ich, „ich habe nur versucht, eine Freundin zu besuchen, und muss falsch abgebogen sein. Ich hatte keine Ahnung, dass ich überhaupt in der Nähe des Flusses war.“

„Wenn Sie meinen, Miss“, sagte er.

Ich war versucht, ihm zu sagen, dass ich „Mylady“ und nicht „Miss“ war, aber inzwischen fühlte ich mich so unwohl, dass ich nur noch wegwollte. „Wenn Sie mir einfach den Weg zurück in Richtung Knightsbridge zeigen könnten“, sagte ich. „Oder Belgravia. Ich kam vom Belgrave Square.“

„Menschenskinder, dann sind Sie ja völlig falsch. Sie sind an der Chelsea Bridge.“ Er nahm meinen Arm und geleitete mich zurück über das Embankment und dann eine Straße entlang, bei der es sich laut ihm um die Sloane Street handelte, die zum Sloane Square führte. Ich lehnte sein erneutes Angebot einer Tasse Tee im Polizeirevier ab und sagte ihm, ich käme zurecht. Nun wüsste ich ja, in welcher Straße ich mich befand.

„Wenn ich Sie wäre, würde ich auf direktem Weg nach Hause gehen“, sagte er. „Bei diesem Wetter sollte man nicht vor die Tür gehen. Reden Sie mit ihrer Freundin über den guten alten Fernsprechapparat.“

Natürlich hatte er recht, aber ich benutzte das Telefon nur in Notfällen, da Fig es ablehnte, die Rechnung zu bezahlen und ich dafür kein Geld hatte. Mir wurde klar, dass es heute vernünftiger gewesen wäre, aber ich sehnte mich nach der Gesellschaft eines anderen Menschen. Es ist schrecklich einsam, sein Lager in einem großen Haus aufzuschlagen, wenn man nicht einmal ein Dienstmädchen hat, mit dem man reden kann, und ich bin jemand, der Gesellschaft mag. Also ging ich vom Sloane Square aus los und erreichte Belindas Cottage schließlich ohne weitere Zwischenfälle, wo allerdings meine Befürchtung bestätigt wurde, dass sie nicht zu Hause war.

Ich versuchte den Weg zum Belgrave Square wiederzufinden und wünschte mir wirklich, ich hätte den Rat des Polizisten befolgt und wäre direkt nach Hause gegangen. Dann hörte ich im Nebel ein Geräusch, das mir bekannt vorkam – das Pfeifen eines Zuges. Also fuhren trotz des Nebels noch einige Züge und die Victoria Station lag direkt vor mir. Wenn ich den Bahnhof fand, würde ich mich recht einfach zurechtfinden können. Plötzlich stieß ich auf eine Reihe von Menschen, überwiegend Männer, die niedergeschlagen mit vor die Münder gewickelten Schals dastanden, die Hände in den Taschen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sie hier taten, bis ich gekochten Kohl roch und mir klar wurde, dass sie vor der Suppenküche des Bahnhofs anstanden. Es würde meiner Familie gefallen, wenn ich dort ehrenamtlich arbeitete, und die Königin hatte sogar selbst vorgeschlagen, dass ich mich wohltätig engagierte. Wenigstens würde ich so eine ordentliche Mahlzeit am Tag bekommen, bis Binky und Fig eintrafen. Ich hatte nämlich ein furchtbar leeres, flaues Gefühl im Magen. Ich wollte an der Schlange vorbeigehen, um jemanden zu finden, der zuständig war, als eine Hand vorschoss und mich packte.

„He, wo willst du denn hin?“, wollte ein großer, kräftiger Mann wissen. „Wolltest dich vordrängeln, was? Du gehst ans Ende der Schlange und wartest wie wir anderen auch.“

„Aber ich wollte nur mit den Leuten sprechen, die die Küche betreiben“, sagte ich. „Ich wollte dort ehrenamtlich arbeiten.“

„Pah – ich hab’ schon jede Ausrede gehört. Na los, zum Ende der Schlange.“

Ich drehte mich peinlich berührt um und wollte gerade nach Hause schleichen, als der Mann hinter ihm vortrat. „Schau sie dir an, Harry. Sie ist nur Haut und Knochen und jeder kann sehen, dass sie schwere Zeiten durchmacht. Gehen Sie ruhig vor, Küken. Sie sehen aus, als würden Sie jeden Moment in Ohnmacht fallen, wenn Sie nicht bald eine ordentliche Mahlzeit bekommen.“

Ich wollte dieses freundliche Angebot gerade ablehnen, aber dann stieg mir der Geruch der Suppe in die Nase. Man kann sich denken, wie hungrig ich war, wenn ich sogar gekochten Kohl wohlriechend fand. Was konnte es schon schaden, wenn ich die Ware testete, bevor ich meine Dienste anbot? Ich schenkte dem Mann ein dankbares Lächeln und schlüpfte in die Schlange. Wir bewegten uns langsam vorwärts und kamen schließlich ins Bahnhofsgebäude. Es machte einen unnatürlich verlassenen Eindruck, aber ich hörte das Zischen von Dampf, der aus einer Lokomotive ausgestoßen wurde und eine körperlose Stimme kündigte die Abfahrt des Fährzugs nach Dover an, was ein sehnsüchtiges Gefühl in mir weckte. Auf dem Fährzug nach Dover in Richtung Festland zu sein – wäre das nicht fantastisch?

Aber meine Reise endete ein paar Meter weiter an einem mit Wachstuch bedeckten Tisch neben den Bahnsteigen. Mir wurden ein Teller und ein Löffel gereicht. Ein Kanten Brot wurde auf den Teller geworfen und dann ging ich weiter zu einem der großen Töpfe mit Eintopf. Ich konnte Fleischstücke und Karotten sehen, die in einer reichhaltigen braunen Soße schwammen. Ich sah zu, wie sich die Schöpfkelle hob und über meinen Teller senkte, dann verharrte sie in der Luft.

Ich blickte verärgert auf und schaute in Darcy O'Maras eindringliche Augen. Sein dunkles, lockiges Haar war noch widerspenstiger als sonst und er trug einen weiten königsblauen Sherman-Pullover, der perfekt zum Blau seiner Augen passte. Kurz gesagt, er war so wunderschön wie immer. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.

„Georgie!“ Er hätte nicht schockierter klingen können, wenn ich ohne Kleidung dagestanden hätte. Wie ich Darcy kannte, hätte er es vielleicht sogar genossen, mich nackt in der Victoria Station zu sehen.

Ich spürte, wie ich rot anlief und versuchte mich locker zu geben. „Hallöchen Darcy. Lange nicht gesehen.“

„Georgie, was hast du dir dabei gedacht?“ Er schnappte mir den Teller weg, als wäre er glühend heiß.

„Es ist nicht so, wie es aussieht, Darcy.“ Ich versuchte zu lachen, was missglückte. „Ich kam hierher, um herauszufinden, ob ich in der Suppenküche aushelfen könnte, und einer der Männer in der Schlange dachte, ich wäre zum Essen hier und bestand darauf, dass ich seinen Platz einnehme. Er war so freundlich, dass ich ihn nicht vor den Kopf stoßen wollte.“

Während ich sprach, wurde mir bewusst, dass hinter mir in der Schlange Gemurmel laut wurde. Die Wohlgerüche drangen offensichtlich auch zu ihnen. „Dann geh zur Seite“, sagte eine wütende Stimme. Darcy nahm die weite blaue Schürze ab, die er getragen hatte. „Übernimm für mich, Wilson, ja?“, rief er einem anderen Helfer zu. „Ich muss diese junge Lady hier herausbringen, bevor sie in Ohnmacht fällt.“

Dann sprang er beinahe über den Tisch, um mich zu stützen, nahm meinen Arm und führte mich mit festem Griff davon.

„Was tust du da?“, wollte ich wissen und war mir der vielen Blicke, die auf mich gerichtet waren, bewusst.

„Ich bringe dich hier raus, bevor dich jemand erkennt, was sonst“, zischte er mir ins Ohr.

„Ich verstehe nicht, warum du so viel Aufhebens darum machst“, sagte ich. „Wenn du nicht so reagiert hättest, hätte mich niemand bemerkt. Und ich bin wirklich gekommen, um meine Dienste anzubieten, weißt du.“

„Das mag schon sein, aber es kommt nicht selten vor, dass die Gentlemen von der Presse in den großen Londoner Bahnhöfen herumschleichen in der Hoffnung, eine Berühmtheit zu erwischen“, sagte er mit seiner rauen Stimme, in der eine Spur Irisch mitschwang, während er mich immer noch schnellen Schritts mit sich zog. „Es ist nicht schwer dich zu erkennen, Mylady. Ich selbst habe dich in einem Londoner Teeladen erkannt, weißt du noch? Und kannst du dir vorstellen, was für ein gefundenes Fressen das für sie wäre? Ein Mitglied der Königsfamilie unter den Glücklosen? ‚Vom Buckingham Palace zur Bettlerin‘? Denk an die Peinlichkeit, die das deinen königlichen Verwandten bescheren würde.“

„Ich verstehe nicht, warum ich mir darüber Sorgen machen sollte, was sie denken“, sagte ich. „Sie bezahlen nicht für mein Essen.“

Wir verließen das rußige Bahnhofsgebäude durch eine Seitentür. Er ließ meinen Arm los und fixierte mich mit seinem Blick. „Wolltest du wirklich diese ekelhafte Brühe essen, die sie Suppe nennen?“

„Wenn du es genau wissen willst, ja. Das wollte ich wirklich. Seit meinem letzten Karriereversuch vergangenen Sommer – eine Karriere, die du übrigens vorzeitig beendet hast – habe ich kein Geld verdient und soweit ich weiß, braucht man Geld, um Essen zu kaufen.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich und wurde weicher. „Mein armes, liebes Mädchen. Warum hast du niemandem Bescheid gesagt? Warum hast du mir nichts erzählt?“

„Darcy, ich weiß nie, wo ich dich finden kann. Außerdem scheinst du selbst die meiste Zeit pleite zu sein.“

„Aber im Gegensatz zu dir weiß ich, wie man überlebt“, sagte er. „Ich passe im Moment auf das Haus eines Freundes in Kensington auf. Er besitzt einen außerordentlich guten Weinkeller und hat die Hälfte seiner Bediensteten dort gelassen, also kann ich mich nicht beklagen. Du bist also noch immer allein im Rannoch House?“

„Ganz allein“, sagte ich. Nun, da der Schreck darüber, dass ich ihm in einer so aufwühlenden Situation begegnet war, nachließ und er mich zärtlich ansah, war mir zum Weinen zumute.

Er brachte mich zu einer Straßenecke und machte ein Taxi ausfindig, das dort stand.

„Glauben Sie, Sie schaffen es, den Belgrave Square zu finden?“, fragte er.

„Werd’ mir verdammt viel Mühe geben, Kumpel“, antwortete der Taxifahrer, der offensichtlich nur zu froh war, etwas zu verdienen. „Wenigstens müssen wir nich’ befürchten, im Stau zu stehen, was?“

Darcy half mir einzusteigen und wir fuhren los.

„Arme kleine Lady Georgie.“ Er legte seine Hand an meine Wange und streichelte sie sanft, was mich noch mehr durcheinanderbrachte. „Du hast wirklich nicht das Zeug dazu, in der großen, weiten Welt zu überleben, nicht wahr?“

„Ich gebe mir Mühe“, sagte ich. „Es ist nicht einfach.“

„Das letzte Mal, als ich von dir gehört habe, warst du mit deinem Bruder auf Castle Rannoch“, sagte er, „was nicht der fröhlichste Ort auf der Welt ist, da muss ich dir recht geben, aber wenigstens bekommst du dort drei anständige Mahlzeiten am Tag. Was in Gottes Namen hat dich dazu gebracht, um diese Jahreszeit fortzugehen und hier herunterzukommen?“

„Ein Wort: Fig. Sie ist wieder so fies wie eh und je geworden und hat immer wieder Bemerkungen darüber fallen lassen, dass sie zu viele Münder stopfen und auf ihre Marmelade von Fortnum’s verzichten müsste.“

„Es ist das Heim deiner Vorfahren, nicht ihrer“, sagte er. „Dein Bruder ist sicher dankbar für alles, was du für sie getan hast, oder? Wenn du nicht gewesen wärst, wäre ihr Sohn tot und Binky vielleicht auch.“

„Du kennst doch Binky. Er ist ein liebenswürdiger Kerl, aber er ist zu nachgiebig. Fig hat die Hosen an. Und er war wegen dieser schrecklichen Entzündung an seinem Knöchel ans Bett gefesselt; sie hat ihn sehr geschwächt. Also war es alles in allem vernünftiger abzuhauen. Ich hatte gehofft, ich würde eine Arbeit finden.“

„Es gibt keine Arbeit“, sagte er. „Niemand verdient Geld, außer den Buchmachern bei den Pferderennen und den Spielclubs. Nicht, dass sie mein Geld bekommen würden.“ Er grinste selbstgefällig. „Letzte Woche beim Hindernisrennen in Newmarket habe ich fünfzig Mäuse gewonnen. Ich weiß vielleicht nicht viel, aber mit Pferden kenne ich mich aus. Wenn mein Vater den Rennstall nicht verkauft hätte, wäre ich jetzt zu Hause in Irland und würde ihn leiten. Aber wie die Dinge liegen, bin ich ein Heimatloser wie du.“

„Aber du arbeitest im Geheimen, nicht wahr, Darcy?“, sagte ich.

„Wie kommst du denn darauf?“ Er lächelte mir herausfordernd zu.

„Du verschwindest wochenlang und sagst mir nicht, wohin du gehst.“

„Vielleicht habe ich ja nebenher ein heißes junges Ding in Casablanca oder Jamaika“, sagte er.

„Darcy, du bist unverbesserlich.“ Ich schlug ihm auf die Finger. Er packte meine Hand und hielt sie fest.

„Es gibt gewisse Dinge, die ich nicht in Taxis bespreche“, sagte er.

„Ich glaube, das ist der Belgrave Square.“ Der Taxifahrer schob die gläserne Trennwand herunter. „Welches Haus?“

„In der Mitte der Längsseite“, sagte Darcy.

Wir hielten vor Rannoch House an. Darcy stieg aus und ging um den Wagen herum, um mir die Tür zu öffnen. „Weißt du, es ist sinnlos, in diesem Nebel irgendwohin zu gehen“, sagte er. „Es wird unmöglich sein, ein Taxi dazu zu bringen, uns nach Anbruch der Dunkelheit irgendwohin zu fahren. Aber morgen soll es ein wenig besser werden. Also hole ich dich um sieben ab.“

„Wohin gehen wir?“

„Wir werden natürlich ordentlich essen gehen“, sagte er. „Zieh dich schick an.“

„Wir schleichen uns nicht wieder heimlich auf die Hochzeit von irgendjemandem?“, fragte ich, weil wir genau das getan hatten, als wir das erste Mal zusammen ausgegangen waren.

„Natürlich nicht.“ Er hielt meine Hand fest, als ich die Stufen zur Eingangstür hinaufstieg. „Dieses Mal wird es das Dinner der Buchhaltergesellschaft.“ Dann sah er mein Gesicht und lachte. „Ich mache nur Spaß, altes Haus.“

Kapitel 3

Rannoch House

Mittwoch, 9. November

Der Nebel hat sich verzogen. Heute Abend Dinner mit Darcy. Hurra.

Ich verbrachte den Tag damit, das Haus für das aufziehende Unwetter vorzubereiten. Ich zog Staubbezüge ab, fegte Teppiche und machte Betten. Ich verschob das Anzünden der Feuer auf ein andermal. Ich wollte keinen Kohlenstaub im Haar haben, wenn ich mit Darcy ausging. Ihr seht, wie furchtbar häuslich ich geworden war. Ich eilte mehrmals zum Fenster, um sicherzugehen, dass der Nebel nicht wieder aufzog, aber eine steife Brise war aufgekommen und als ich mich für mein Rendezvous mit Darcy bereitmachte, hatte es angefangen zu regnen.

Da ich zu Hause in Schottland gewesen war, waren meine eleganten Kleider von meinem Dienstmädchen gereinigt und gebügelt worden. Ich entschied mich für eines aus flaschengrünem Samt und versuchte sogar mein Haar zu glatten Wellen zu bändigen. Dann beschloss ich, aufs Ganze zu gehen und bearbeitete mein Gesicht mit Lippenstift, Rouge und Mascara. Vervollständigt wurde es durch eine Biberstola, die zu den abgelegten Sachen meiner Mutter gehörte, und um sieben Uhr sah ich einigermaßen zivilisiert aus. Dann machte ich mir natürlich Sorgen, dass Darcy nicht auftauchen würde, aber er war auf die Minute pünktlich und ein Taxi wartete schon auf uns. Wir rasten die Pall Mall entlang, fuhren um den Trafalgar Square herum und hinein in das Gewirr der Gassen hinter der Charing Cross Road.

„Wohin gehen wir?“, fragte ich vorsichtig, da dieser Teil der Stadt spärlich beleuchtet war und nicht besonders respektabel wirkte.

„Meine Liebe, ich nehme dich mit in mein Versteck, um mich mit dir zu vergnügen“, sagte Darcy mit gespielter Bösewicht-Stimme. „Eigentlich gehen wir ins Rules.“

Rules?“

„Du hast bestimmt schon einmal im Rules gespeist – Londons ältestes Restaurant. Gutes, herzhaftes, britisches Essen.“

Das Taxi hielt vor einem unscheinbaren Bleiglasfenster. Wir gingen hinein und freundliche Wärme begrüßte uns. Die Wände waren mit dunklem Holz getäfelt, die weißen Tischdecken gestärkt und das Besteck auf Hochglanz poliert. Ein Maître d’ im Frack nahm uns an der Tür im Empfang.

„Mr O’Mara, Sir. Wie reizend, Sie wiederzusehen“, sagte er und führte uns durch das Restaurant zu einem Tisch in einer hinteren Ecke. „Und wie geht es Seiner Lordschaft?“

„Den Umständen entsprechend gut, Banks“, sagte Darcy. „Sie werden gehört haben, dass wir das Haus und den Rennstall an Amerikaner verkaufen mussten und mein Vater nun im Pförtnerhaus lebt.“

„Etwas in der Art habe ich tatsächlich gehört, Sir. Es sind schwere Zeiten. Nichts ergibt mehr einen Sinn. Bis auf das Rules. Hier ändert sich nichts, Sir. Und ich glaube, das muss die Tochter des alten Duke of Rannoch sein. Es ist eine Ehre, Sie hier zu begrüßen, Mylady. Ihr verstorbener Vater war ein häufiger Gast. Wir vermissen ihn sehr.“

Er zog einen Stuhl für mich zurück, während Darcy auf eine rote Lederbank glitt.

„Jeder, der ein Teil der Londoner Geschichte ist, hat hier gespeist.“ Darcy wies auf die Wände, die mit Karikaturen, Unterschriften und Theaterprogrammen bedeckt waren. Und tatsächlich konnte ich die Namen von Charles Dickens, Benjamin Disraeli, John Galsworthy und sogar, wie ich meinte, Nell Gwynn ausmachen.

Darcy studierte die Speisekarte, während ich meinen Blick über die Wände wandern ließ und zu erkennen versuchte, ob meine Mutter oder mein Vater es in die Sammlung der signierten Fotografien geschafft hatten.

„Ich denke, heute Abend beginnen wir mit einem Dutzend Whitstable-Austern für jeden“, sagte er. „Zum Suppengang dann Lauch-Kartoffelsuppe, die ist hier so gut. Dann geräucherter Schellfisch und natürlich den Fasan.“

„Eine bewundernswerte Wahl, Sir“, sagte der Ober, „und darf ich einen sehr schönen Claret zum Fasan vorschlagen? Und vielleicht eine Flasche Champagner, um die Austern zu begleiten?“

„Warum nicht?“, sagte Darcy. „Das klingt perfekt.“

„Darcy“, zischte ich, als der Ober sich entfernte, „das wird ein Vermögen kosten.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich letzte Woche beim Hotte-Hü fünfzig Pfund gewonnen habe“, sagte er.

„Aber du solltest nicht alles auf einmal ausgeben.“

„Warum nicht?“ Er lachte. „Wofür ist Geld sonst da?“

„Du solltest etwas für dich behalten, falls du in die Klemme gerätst.“

„Unsinn. Irgendwas findet sich immer. Carpe diem, junge Georgie.“

„Ich habe nie Latein gelernt“, sagte ich. „Nur Französisch und nutzlose Dinge wie Klavierspiel und Etikette.“

„Es bedeutet: Nutze den Tag. Schieb niemals etwas auf, das du tun willst, weil du dir Sorgen um das Morgen machst. Das ist mein Motto, danach lebe ich. Das solltest du auch.“

„Ich wünschte, das könnte ich“, sagte ich. „Du scheinst immer auf den Füßen zu landen, aber für ein Mädchen wie mich, das keine vernünftige Ausbildung hat, ist es nicht so einfach. Ich werde schon jetzt als hoffnungsloser Fall gehandelt – zweiundzwanzig und auf dem Abstellgleis.“

Ich schätze, ich hatte gehofft, er würde sagen, dass ich ihn eines Tages heiraten würde, oder etwas in der Art, aber stattdessen meinte er: „Oh, ich schätze, irgendwann wird ein passendes Prinzlein auftauchen.“

„Darcy! Ich habe bereits Prinz Siegfried abgewiesen, sehr zum Ärger meiner Familie. Sie sind alle gleichermaßen schlecht. Und sie werden bemerkenswert häufig hinterrücks ermordet.“

„Tja, würdest du Siegfried etwa nicht hinterrücks ermorden wollen?“, fragte er lachend. „Ich für meinen Teil durchaus. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, juckt es mich in den Fingern ihn zu erwürgen. Aber ein paar der Bulgaren sind in Ordnung. Ich bin mit Nicholas zur Schule gegangen und er ist der Thronerbe. Er war ein verdammt guter Rugbyspieler.“

„Und aus Männersicht macht ihn das zum aussichtsreichen Ehemann?“

„Selbstverständlich.“

Die Champagnerflasche wurde mit einem befriedigenden Ploppen geöffnet und unsere Gläser wurden gefüllt. Darcy prostete mir zu. „Auf das Leben“, sagte er. „Möge es voller Spaß und Abenteuer sein.“

Ich stieß mit ihm an. „Auf das Leben“, flüsterte ich.

Ich bin keine große Trinkerin. Nach dem dritten Glas Champagner fühlte ich mich ausgesprochen sorglos. Ich bemerkte kaum, wie ich die Suppe aß, ebenso den geräucherten Schellfisch. Zum Fasan, der mit winzigen Silberzwiebeln und Pilzen garniert in einer sahnigen rotbraunen Bratensoße schwamm, wurde eine Flasche Claret geöffnet. Ich beschloss kurzerhand, dass es dumm von mir gewesen war, zu versuchen, meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Das Leben war dazu da, Spaß zu haben und Abenteuer zu erleben. Weg mit der niedergeschlagenen Stimmung.

Ich verputzte jeden Bissen auf dem Teller, dann arbeitete ich mich durch den süßen Bread-and-Butter-Pudding und ein Glas Port. Als uns ein Taxi zurück zum Rannoch House fuhr, war ich mit der Welt im Reinen. Darcy begleitete mich die Treppe hinauf und half mir, die Tür aufzuschließen, da ich Probleme hatte, das Schloss zu finden. Eine Stimme in meinem Hinterkopf flüsterte mir zu, dass ich wahrscheinlich nur ein bisschen betrunken war, während eine andere raunte, dass ich Darcy vermutlich nicht spät abends, wenn ich ganz allein war, ins Haus lassen sollte.

„Heilige Mutter Gottes, hier ist es ja kalt und trostlos“, sagte Darcy, als wir die Tür hinter uns schlossen. „Gibt es an diesem verfluchten Ort denn kein warmes Eckchen?“

„Nur im Schlafzimmer“, sagte ich. „Ich versuche dort ein Feuer am Leben zu halten.“

„Das Schlafzimmer. Gute Idee“, sagte er und führte mich in Richtung der Treppe. Gemeinsam stiegen wir hinauf, sein Arm um meine Taille gelegt. Mir war nicht bewusst, dass ich die Stufen erklomm. Ich schwebte halb, berauscht vom Wein und seiner Nähe.

Die letzten Funken eines Feuers glommen noch im Kamin des Schlafzimmers und nach der Kälte des restlichen Hauses fühlte es sich angenehm warm an.

„Ah, viel besser“, sagte Darcy.

Ich sah das Bett vor mir und warf mich darauf. „Ah, mein Bett. Himmlisch“, sagte ich.

Darcy stand da und schaute belustigt auf mich herab. „Ich muss schon sagen, dieser Wein hat Wunder gewirkt, was deine Hemmungen angeht.“

„Wie du sehr genau wusstest“, sagte ich und wedelte mit einem Finger in seine Richtung. „Ich kenne deine bösen Absichten, Mr O’Mara. Glaub nicht, dass ich sie nicht durchschaue.“

„Und trotzdem habe ich noch nicht bemerkt, dass du mich fortschickst.“

„Du sagtest gerade, dass der Sinn des Lebens ist, Spaß zu haben und Abenteuer zu erleben“, sagte ich und streifte einen Schuh so energisch ab, dass er durchs Zimmer flog. „Und du hast recht. Ich war zu lange niedergeschlagen und langweilig. Zweiundzwanzig Jahre alt und eine langweilige Jungfrau. Was soll das bringen?“

„Überhaupt nichts“, sagte Darcy sanft, zog seinen Mantel aus und legte ihn über die Lehne eines Stuhls. Seine Jacke folgte, dann lockerte er seine Krawatte.

„Lass mich hier nicht ganz allein, Darcy“, sagte ich mit einer, wie ich hoffte, verführerischen Stimme.

„Ich bin nicht dafür bekannt, Einladungen wie diese abzulehnen“, sagte Darcy. Er setzte sich, um seine Schuhe auszuziehen, dann hockte er sich auf die Bettkante. „Du wirst dieses hübsche Kleid ganz zerknittern. Lass mich dir beim Ausziehen helfen, Mylady.“ Er hob mich in eine sitzende Position, was nicht ganz einfach war, da meine Gliedmaßen mir nicht länger zu gehorchen schienen und ich musste zugeben, dass das Zimmer sich eine Winzigkeit drehte. Ich nahm seine Hände auf meinem Rücken wahr, als er die Haken meines Kleides öffnete. Ich spürte, wie es über meinen Kopf glitt und fühlte dann die kühle Luft auf der Seide meines Unterkleids.

„Mir ist kalt.“ Ich schauderte. „Komm und wärme mich.“

„Dein Wunsch ist mir Befehl“, sagte er und schloss mich in seine Arme. Ich drehte mein Gesicht zu ihm und seine Lippen fanden meine. Der Kuss war so intensiv und fordernd, dass mir das Atmen schwerfiel. Seine Zunge erforschte meinen Mund und ich schwebte auf einer rosafarbenen Wolke der Ekstase.

Das ist himmlisch, sagte ich mir. Genau danach habe ich mich gesehnt.

Ich hob auf der rosafarbenen Wolke ab und flog mit Darcy an meiner Seite über Felder, bis ich bemerkte, dass seine Lippen nicht mehr auf meinen waren und mir wieder kalt wurde. Ich öffnete die Augen. Darcy saß aufrecht an der Bettkante und zog seine Schuhe an.

„Was ist los?“, fragte ich benommen. „Willst du mich nicht mehr, Darcy? Seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hast du versucht, mich ins Bett zu bekommen und jetzt sind wir hier in diesem großen, leeren Haus und du gehst wieder?“

„Du bist eingeschlafen“, sagte er. „Und du bist sturzbetrunken.“

„Ich gebe zu, dass ich ein kleines bisschen angeheitert bin, aber lag das nicht in deiner Absicht?“

„Das war meine Absicht, als ich an Austern und Champagner dachte. Aber ich habe gemerkt, dass ich, was dich angeht, ein moralisches Rückgrat besitze, von dessen Existenz ich nichts wusste.“ Er lachte beinahe bitter. „Wenn wir uns zum ersten Mal lieben, meine süße Georgie, will ich, dass du wach bist und dir völlig bewusst ist, was du tust. Ich will nicht, dass du mittendrin einschläfst und auch nicht, dass du denkst, ich hätte dich ausgenutzt.“

„Das würde ich niemals denken“, sagte ich. Ich setzte mich auf. „Warum dreht sich auf einmal alles im Kreis?“

„Komm“, sagte er. „Lass mich dir ins Bett helfen. Allein, meine ich. Ich schaue morgen früh vorbei. Du wirst wahrscheinlich teuflische Kopfschmerzen haben.“

Er half mir aus meinem Unterkleid. „Du meine Güte, dein Körper ist wunderschön“, sagte er. „Ich sollte meinen Kopf untersuchen lassen.“

Plötzlich erstarrte er. „Was war das?“

„Was?“

„Es klang, als sei die Eingangstür ins Schloss gefallen. Hier ist gerade niemand sonst, oder?“

„Nein, ich bin ganz allein.“ Ich setzte mich auf und lauschte. Ich glaubte, Schritte und Stimmen von unten zu hören.

„Ich werde nachsehen, was los ist“, sagte Darcy. Er ging auf den Flur hinaus, während ich meinen Morgenmantel von dem Haken hinter meiner Tür holte. In diesem Zustand war es nicht ganz einfach aufzustehen und ich musste mich an der Tür festhalten, um mein Gleichgewicht zu halten.

Dann vernahm ich die Worte, dich mich sofort nüchtern werden ließen.

„Binky, Fig, Ihr seid zurück.“

Kapitel 4

Rannoch House

9. und 10. November

Ich ging schwankend auf den Flur hinaus und merkte, wie der Boden mir entgegenkam und die Treppe sich bis in die Unendlichkeit ausdehnte. Auf dem Weg hinunter in den ersten Stock klammerte ich mich am Geländer fest. Am Fuß der Treppe im Flur des Erdgeschosses standen zwei Kleckse in Pelzmänteln mit rosafarbenen Spitzen auf dem schwarz-weiß gemusterten Marmor. Nach und nach nahmen sie Gestalt an: zwei erschrockene Gesichter mit offenen Mündern.

„Grundgütiger, O’Mara, was tun Sie denn hier?“, wollte Binky wissen.

„Man sollte meinen, dass es selbst für jemanden mit deiner beschränkten Vorstellungskraft eindeutig ist, was er hier trieb“, sagte Fig empört und starrte zu mir hoch. „Wie kannst du es wagen, Georgiana. Du hast unser Vertrauen missbraucht. Wir haben dir gnädigerweise die Benutzung des Hauses gestattet und du verwandelst es in eine Höhle des – was ist es für eine Höhle, Binky?“

„Löwen?“, sagte Binky.

Fig seufzte und verdrehte die Augen. „Völlig hoffnungslos“, murmelte sie.

„Eine Lasterhöhle?“, schlug Darcy vor. Er schien die einzige Person zu sein, die nicht im Mindesten verärgert war. Ich stieg immer noch schwankend die Stufen hinunter und wagte nicht, das Geländer loszulassen. Ich traute auch meiner Stimme nicht.

„Ganz genau“, fuhr Fig ihn an. „Eine Lasterhöhle, Georgiana. Dem Himmel sei Dank, dass wir Klein-Podge nicht mitgenommen haben. Das mitzuerleben hätte ihn bestimmt sein Leben lang verfolgt.“

„Zu erfahren, dass normale Menschen ab und an vielleicht Sex haben möchten?“, fragte Darcy.

Bei der Erwähnung des Wortes „Sex“ fasste Fig sich an die Kehle. „Sag doch was, Binky“, drängte sie und schob ihn vorwärts. „Rede mit deiner Schwester.“

„Hallöchen Georgie“, sagte er. „Schön, dich wiederzusehen.“

„Nein, du Idiot, ich meinte, rede mit ihr.“ Fig tänzelte beinahe vor Wut. „Sag ihr, dass ihr Verhalten einfach unziemlich ist. So verhält sich eine Rannoch nicht. Sie wird wie ihre Mutter, nach allem, was wir für sie getan haben und all dem Geld, das wir für ihre Schulbildung ausgegeben haben.“

„Hört“, sagte Darcy, aber sie schnitt ihm das Wort ab.

„Sie hören jetzt zu, Mr O’Mara.“ Fig machte einen drohenden Schritt auf ihn zu, aber Darcy blieb tapfer stehen. „Ich nehme an, Sie sind an alldem schuld. Georgie ist sehr behütet aufgewachsen. Sie hat keine Erfahrung mit weltlichen Dingen und ihr fehlt eindeutig das Urteilsvermögen, Sie nicht ins Haus zu lassen, wenn sie ganz allein ist. Ich denke, Sie gehen besser, bevor ich weiterspreche, obwohl ich fürchte, dass der Schaden bereits angerichtet ist. Nun will Prinz Siegfried sie ganz sicher nicht mehr.“

Aus irgendeinem Grund fand ich das sehr lustig. Ich sank auf eine Stufe nieder und begann unkontrolliert zu kichern.

„Keine Sorge, ich gehe“, sagte Darcy. „Aber ich würde Euch gern daran erinnern, dass Georgie über einundzwanzig ist und selbst entscheiden kann, was sie tut.“

„Nicht in unserem Haus“, sagte Fig.

„Das ist das Zuhause der Rannochs, nicht wahr? Und sie ist verdammt nochmal länger eine Rannoch, als Ihr es gewesen seid.“

„Aber nun gehört es dem neuen Duke und das ist mein Ehemann“, sagte Fig in ihrer eisigsten „Ich bin eine Duchess und du nicht“-Stimme. „Georgiana lebt hier dank unserer Güte und Mildtätigkeit.“

„Ohne Heizung und ohne Bedienstete. Unter Mildtätigkeit verstehe ich etwas anderes, Euer Gnaden“, sagte Darcy. „Besonders, wenn Euer lieber Ehemann, der Duke, ohne Georgie jetzt im Familiengrab beerdigt wäre und Euer kleiner Sohn neben ihm. Mir scheint, Ihr schuldet ihr mehr als nur ein wenig Dankbarkeit.“

„Oh, natürlich sind wir dankbar für alles“, sagte Binky. „Ausgesprochen dankbar.“

„Natürlich sind wir das. Es ist ihre Moral, die uns Sorgen bereitet“, fügte Fig schnell hinzu, „und der Ruf von Rannoch House. Fremde Männer, die ein und aus gehen, fallen im Belgrave Square auf.“

Die Wortwahl brachte mich wieder zum Kichern. Fig schaute zur Treppe und richtete ihren prüfenden Blick auf mich. In diesem Moment fiel mir auf, dass mein Morgenmantel nicht ganz zugebunden war und ich darunter nichts trug. Ich versuchte, ihn enger zu ziehen, um den letzten Rest meiner Würde zu bewahren.

„Georgiana, bist du betrunken?“, wollte Fig wissen.

„Nur ein bisschen“, gestand ich und presste meine Lippen aufeinander, damit ich nicht wieder loskicherte.

„Der Champagner ist ihr zu Kopf gestiegen, fürchte ich“, sagte Darcy, „weshalb ich sie nach Hause begleitet habe und es für klug hielt, sie ins Bett zu bringen, damit sie nicht hinfällt und sich verletzt, da sie kein Dienstmädchen hat, um ihr behilflich zu sein. Wenn Ihr also schmutzige Details wissen möchtet, ich habe sie ins Bett gebracht, sie schlief sofort ein und ich wollte gerade gehen.“

„Oh“, sagte Fig, der nun der Wind aus den Segeln genommen worden war, „ich wünschte, ich könnte Ihnen glauben, Mr O’Mara.“

„Glaubt, was Ihr wollt“, sagte Darcy. Er sah zu mir auf. „Ich wünsche dir eine gute Nacht, Georgie“, sagte er und warf mir einen Kuss zu. „Wir sehen uns bald wieder. Pass auf dich auf und lass dich nicht von ihr herumkommandieren. Denk daran, dass in deinen Adern königliches Blut fließt, anders als bei ihr.“

Er zwinkerte mir zu, klopfte Binky auf die Schulter und ging zur Tür hinaus.

„Also wirklich“, sagte Fig und brach das Schweigen.

„Verdammt kalt hier drin“, sagte Binky. „Ich schätze, in unserem Schlafzimmer wartet kein Feuer auf uns, was?“

„Nein, tut es nicht.“ Ich hatte mich genug von meiner Trunkenheit erholt, um ganze Sätze zu bilden, und war mehr als nur ein wenig wütend. „Ihr habt gesagt, ihr plant, nächste Woche herzukommen, nicht in den nächsten Tagen. Und warum reist ihr ohne Bedienstete?“

„Wir machen diesmal nur eine Stippvisite, weil Binky einen Termin mit einem Spezialisten in der Harley Street für seinen Knöchel ergattert hat“, sagte Fig. „Und ich muss auch einen Londoner Arzt aufsuchen, da dachten wir, wir könnten uns die Kosten sparen, Bedienstete mitzubringen, da mir Binky erzählt hat, wie geschickt du dich im Haushalt anstellst. Er hat offensichtlich übertrieben, wie üblich.“

Ich stand auf, ein wenig unsicher. Meine bloßen Füße auf den Stufen waren eiskalt. „Ich glaube nicht, dass mein Vater von mir erwarten würde, dass ich auf meinem Familiensitz als Zimmermädchen herhalte“, sagte ich. „Ich gehe wieder ins Bett.“

Damit drehte ich mich um und stieg wieder die Treppe hinauf. Es wäre ein herrlicher Abgang gewesen, wenn ich nicht über den Gürtel meines Morgenmantels gestolpert und mich auf die Stufen gelegt hätte, wobei ich vermutlich einen Teil meines nackten Hinterns entblößte.

„Uups“, sagte ich. Ich richtete mich auf und quälte mich die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Dann kletterte ich ins Bett und rollte mich zu einer kleinen Kugel zusammen. Ich hatte keine Wärmflaschen, die ich neben mich legen konnte, aber um nichts in der Welt wäre ich nach unten gegangen. Und es verschaffte mir eine gewisse Befriedigung zu wissen, dass Fig in ein ebenso eisiges Bett schlüpfen würde.

*

Ich öffnete meine Augen, sah kaltes graues Licht und schloss sie dann sofort wieder. Darcy hatte Recht gehabt. Ich hatte einen Kater. Mein Kopf pochte wie verrückt. Ich fragte mich, wie spät es war. Halb elf, laut dem kleinen Wecker auf meiner Kommode. Dann fielen mir alle Einzelheiten der vergangenen Nacht ein. Oh, Gott, das bedeutete, dass Binky und Fig im Haus waren, und inzwischen musste ihnen aufgefallen sein, dass in der Küche nichts zu essen war. Ich zog mir hastig Pullover und Rock an und machte mich auf den Weg nach unten, fast so wackelig wie in der Nacht zuvor.

Ich wollte gerade die mit Fries bespannte Tür öffnen, die in die Küche und den Dienstbotentrakt führte, als ich Stimmen von rechts kommen hörte. Binky und Fig waren anscheinend im Morgensalon.

„Für dich ist es schön und gut“, hörte ich Fig sagen, die ein wenig mit den Zähnen klapperte. „Du kannst in deinen Club gehen, wo du es gemütlich hast, aber was ist mit mir? Ich kann nicht hierbleiben.“

„Es ist nur noch für zwei Nächte, altes Haus“, sagte Binky. „Und es ist wichtig, dass du zu diesem Arzt gehst, nicht wahr?“

„Ich schätze schon, aber diese Kälte tut mir nicht gut. Wir werden uns einfach in ein Hotel einquartieren und die Kosten tragen müssen. Das Claridge’s können wir uns für ein paar Nächte doch sicher noch leisten.“

„Nach einem Happen Frühstück wirst du dich besser fühlen“, sagte Binky.

„Es ist Zeit, dass Georgie aufwacht, nicht wahr?“

In diesem Moment spähte ich durch die Tür. Binky und Fig saßen in ihre Pelzmäntel gewickelt da und wirkten verhärmt und mürrisch. Ohne ein Dienstmädchen oder einen Kammerdiener, um sie anzukleiden, sahen sie auch ziemlich zerknittert aus.

Nicht nur die Temperatur war eisig, als Fig mich erblickte, aber Binky brachte ein Lächeln zustande. „Ah, du bist endlich wach, Georgie. Verflixt kalt hier drin, nicht wahr? Wir könnten nicht vielleicht ein Feuerchen bekommen?“

„Vielleicht später", sagte ich. „Es erfordert einige Arbeit, ein Feuer anzuzünden, weißt du. Man muss ziemlich viel im Kohlenloch herumkratzen. Vielleicht möchtest du mir helfen.“

Fig erschauderte, als hätte ich ein schlimmes Wort gesagt, aber Binky fuhr fort: „Dann bist du vielleicht so nett und kochst uns einen Happen zum Frühstück. Das wird uns schön aufwärmen, nicht wahr, Fig?“

„Ich wollte gerade Tee und Toast machen“, sagte ich.

„Wie wäre es mit ein paar Eiern?“, fragte Binky hoffnungsvoll.

„Keine Eier, fürchte ich.“

„Speck? Wurst? Nierchen?“

„Toast“, sagte ich. „Man kann ohne Geld kein Essen kaufen, Binky.“

„Aber, ich meinte …“, stotterte er. „Verdammt, Georgie, du musstest doch nicht von Tee und Toast leben, oder?“

„Woher sollte ich denn das Geld nehmen, liebster Bruder? Ich habe keine Anstellung. Ich habe kein Erbe. Ich bekomme keine Unterstützung von meiner Familie. Wenn Fig sagt, sie habe kein Geld, dann meint sie damit, dass sie sich keine Marmelade von Fortnum’s mehr leisten kann. Ich meine damit, dass ich mir überhaupt keine Marmelade leisten kann. Das ist der Unterschied.“

„Also ich bin baff“, sagte Binky. „Aber warum zum Teufel bist du dann nicht zurückgekommen, um auf Castle Rannoch zu leben? Dort oben haben wir wenigstens genug zu essen, nicht wahr, Fig?“

„Deine Frau hat sehr deutlich gemacht, dass ich ein Mund zu viel bin, der gestopft werden will“, sagte ich. „Außerdem will ich euch nicht zur Last fallen. Ich will mich selbst in der Welt behaupten. Ich will mein eigenes Leben führen. Es ist gerade nur so furchtbar schwer.“

„Du hättest Prinz Siegfried heiraten sollen“, sagte Fig. „Das sollte ein Mädchen deines Ranges tun. Deine königlichen Verwandten wollten es so. Die meisten Mädchen würden ihren rechten Arm opfern, um Prinzessin zu werden.“

„Prinz Siegfried ist eine abscheuliche Kröte“, sagte ich. „Ich beabsichtige, aus Liebe zu heiraten.“

„Lächerlicher Gedanke“, fuhr Fig mich an. „Und wenn du deinen Mr O’Mara im Sinn hast, dann schlag dir das aus dem Kopf.“ Fig redete sich langsam in Rage. „Ich weiß zufällig, dass er keinen Penny besitzt. Seine Familie ist völlig mittellos. Sie musste sogar ihren Familiensitz verkaufen. Er könnte niemals eine Ehefrau versorgen – falls er überhaupt vorhat, sich fest zu binden, versteht sich. Also verschwendest du mit ihm nur deine Zeit.“ Als ich nicht antwortete, fuhr sie fort: „Es geht nur um deine Pflicht, Georgiana. Man ist sich seiner Pflicht bewusst und man handelt danach, nicht wahr, Binky?“

„Völlig richtig, altes Haus“, sagte Binky geistesabwesend.

Fig warf ihm einen so frostigen Blick zu, dass es ein Wunder war, dass er sich nicht in einen Eiszapfen verwandelte. „Obwohl es Menschen gibt, die froh sein können, dass sie Liebe und Glück gefunden haben, sobald sie verheiratet waren, nicht wahr, Binky?“

Binky starrte aus dem Fenster auf den Nebel, der über den Belgrave Square kroch. „Wie wäre es mit der Tasse Tee, die du erwähntest, Georgie?“

„Ihr kommt besser in die Küche, um sie zu trinken“, sagte ich. „Dort unten ist es wärmer.“

Sie folgten mir wie die Kinder dem Rattenfänger. Ich zündete den Gasherd an und setzte den Teekessel auf, während sie mir zusahen, als wäre ich eine Magierin, die einen spektakulären Zaubertrick vorführte.

Dann legte ich den letzten Rest Brot auf den Rost, um Toast zu machen. Binky sah mir zu und seufzte. „Um Himmels willen, Fig, ruf bei Fortnum’s an und bitte Sie um eine Lieferung mit Vorräten. Sag ihnen, es ist ein Notfall.“

„Wenn du mir etwas Geld gibst, werde ich sehr gern die Küche wieder mit Vorräten füllen – und kostengünstiger als eine Lieferung von Fortnum’s.“

„Das würdest du tun, Georgie? Du bist unsere Rettung. Unsere Rettung in der Not, verdammt noch mal.“

Fig schaute giftig drein. „Ich dachte, wir hätten uns auf ein Hotel geeinigt, Binky.“

„Wir werden auswärts zu Abend essen, meine Liebe. Wie wäre es damit? Ich weiß, dass Georgie ein fantastisches Frühstück kochen kann, wenn wir ihr die Zutaten dafür zur Verfügung stellen. Das Mädchen ist ein verfluchtes Genie.“

Schweigend tranken sie Tee und aßen Toast. Ich versuchte, meinen herunterzubekommen, obwohl es bei jedem Bissen so klang, als würde in meinem Kopf ein Becken schellen. Ich fragte mich gerade, wann Belinda wohl zurückkehren würde und wie viel besser es wäre, auf ihrem unbequemen modernen Sofa zu schlafen, als es an der Tür klingelte.

„Wer mag das um diese Zeit sein?“, sagte Fig und starrte mich an, als glaubte sie, dass es sich um einen weiteren meiner Liebhaber handelte, der mir einen Besuch abstattete. „Es ist wohl besser, wenn Georgiana zur Tür geht. Es ziemt sich nicht, wenn du oder ich gesehen werden, wie wir unsere eigene Haustür öffnen. So etwas spricht sich schnell herum.“

Ich war ebenso neugierig wie Fig zu erfahren, wer an der Tür war, und ging los. Ich hatte halb gehofft, es wäre Darcy, der gekommen war, um mich zu retten, obwohl ich vermutete, dass er nicht zu den Menschen gehörte, die vor dem Mittag aufstanden. Stattdessen fielen mir zuerst ein vor der Tür geparkter Daimler und ein junger Mann in Chauffeursuniform auf, der auf der Schwelle stand.

„Ich bin hier, um Lady Georgiana abzuholen“, sagte er und schien nicht im Mindesten zu ahnen, dass ich keine Bedienstete war. „Der Palace schickt mich.“

Da fiel mir die Royal-Standard-Flagge auf, die der Daimler gehisst hatte. Oh mein Gott. Donnerstag. Mittagessen mit der Königin. Mein Gehirn war vom Alkohol so benebelt gewesen, dass ich es völlig vergessen hatte.

„Ich werde ihr Bescheid geben“, brummte ich. Ich schloss die Eingangstür und wollte gerade panisch die Treppe hinaufeilen, als Figs Kopf am oberen Ende der Küchentreppe erschien.

„Wer war das?“, fragte sie.

„Der Chauffeur der Königin“, sagte ich. „Ich bin heute zum Lunch in den Palace geladen.“ Ich deutete an, dass ein Mittagessen mit Ihrer Majestät für mich eine gewöhnliche Angelegenheit wäre. Es ärgerte Fig immer maßlos, dass ich mit der Königsfamilie verwandt, sie aber nur angeheiratet war. „Ich gehe besser los und ziehe mich um. Ich sollte den Chauffeur nicht warten lassen.“

„Lunch im Palace?“, fragte sie herausfordernd und funkelte mich an. „Kein Wunder, dass du dich nicht darum kümmerst, Essen im Haus zu haben, wenn du immer so gehoben speist. Hast du das gehört, Binky?“, rief Fig die Treppe hinunter. „Die Königin hat einen Wagen für sie geschickt. Sie geht zum Mittagessen in den Palace. Sie wird etwas Ordentliches zu essen bekommen. Du bist der Duke. Warum sind wir nicht eingeladen?“

„Wahrscheinlich, weil die Königin mit Georgie sprechen möchte“, sagte Binky, „und außerdem, woher sollte sie wissen, dass wir hier sind?“

Fig sah noch immer zornig drein, als ob ich dieses kleine Tête-à-Tête nur arrangiert hätte, um sie zu ärgern. Ich musste zugeben, dass es mir enormes Vergnügen bereitete.

Kapitel 5

Buckingham Palace

Donnerstag, 10. November

Obwohl sich mein Kopf so anfühlte, als sei er gespalten, und meine Sicht verschwommen war, brachte ich es fertig, in nur fünfzehn Minuten zu baden und mich präsentabel zu machen. Dann saß ich auf dem Rücksitz des königlichen Daimlers auf dem Weg zum Palace. Es war nicht allzu weit vom Belgrave Square zum Constitution Hill und ich hatte die Strecke bereits früher zu Fuß zurückgelegt. Heute war ich allerdings äußerst dankbar für das Auto, da der Nebel sich in einen scheußlichen Novemberregen verwandelt hatte. Man trat der Königin nicht unter die Augen, wenn man wie eine nasse Katze aussah.

Als ich durch die Fenster, an denen der Regen entlanglief, auf die triste Welt da draußen blickte, hatte ich Zeit, um über die Konsequenzen dieser Einladung nachzudenken. Ich begann mir Sorgen zu machen. Die Königin von England war eine vielbeschäftigte Frau. Sie war immer unterwegs, um Krankenhäuser zu eröffnen, Schulen zu besuchen und Diplomaten aus dem Ausland zu unterhalten. Wenn sie sich also die Zeit nahm, ihre junge Cousine zum Lunch zu zitieren, musste es um etwas Wichtiges gehen.

Ich wusste nicht, warum ich immer damit rechnete, dass ein Besuch im Buckingham Palace etwas Schlimmes verhieß. Wahrscheinlich, weil es schon so oft der Fall gewesen war. Ich erinnerte mich an die Prinzessin auf Besuch, die mir von meinen königlichen Verwandten aufgezwungen worden war. Ich erinnerte mich an die Anweisung, Mrs Simpson, die unpassende Geliebte des Prince of Wales, auszuspionieren. Mein Herz schlug ziemlich schnell, als das Auto die schmiedeeisernen Tore des Palace passierte, von den diensthabenden Wachen mit Salut begrüßt wurde und unter dem Bogen hindurch zum Innenhof über den Paradeplatz fuhr.

Ein Lakai sprang herbei, um die Wagentür für mich zu öffnen.

„Guten Morgen, Mylady. Hier entlang, bitte“, sagte er und ging mit schnellen Schritten die Treppe hinauf. Ich folgte ihm besonders vorsichtig, da meine Beine dafür bekannt waren, mir in sehr stressigen Momenten nicht zu gehorchen.

Man hätte meinen können, dass es für eine Cousine zweiten Grades von König George V. ein alter Hut sei, einen Besuch im Buckingham Palace zu machen, aber ich musste zugeben, dass ich immer überwältigt war, wenn ich die prachtvollen Treppen hinaufstieg und die mit Statuen und Spiegeln gesäumten Gänge entlangging. In Wahrheit fühlte ich mich wie ein Kind, das aus Versehen in ein Märchen gestolpert war. Ich war selbst in einem Schloss aufgewachsen, aber Castle Rannoch hätte nicht unterschiedlicher sein können. Es war aus schmucklosem Stein, spartanisch und kalt, seine Wände waren mit Schilden und Bannern aus vergangenen Schlachten geschmückt. Hier handelte es sich dagegen um Hoheit in ihrer prächtigsten Form, die dazu bestimmt war, Ausländer und jene von geringerem Rang zu beeindrucken.

Dieses Mal wurde ich die große Treppe hinaufgeführt anstatt über die hinteren Korridore. Wir kamen in dem Bereich zwischen den Musikzimmern und den Thronsälen heraus, wo Empfänge veranstaltet wurden. Ich fragte mich, ob das ein förmlicher Anlass werden sollte, doch der Lakai ging ganz zum Ende der Halle. Er öffnete eine verschlossene Tür für mich, die zu den Privatgemächern der Familie führte. Ich merkte, dass ich den Atem anhielt, bis ich es nicht mehr länger aushielt, da wurde endlich eine Tür geöffnet und ich betrat ein hübsches, gewöhnliches Wohnzimmer. Ihm fehlte die Pracht der Prunkgemächer. Hier entspannte sich das Königspaar zu den seltenen Zeiten, in denen es nicht arbeitete. Wenigstens bedeutete es vermutlich, dass ich zum Mittagessen keinen Fremden begegnen musste, was eine Erleichterung war.

„Lady Georgiana, Ma’am“, sagte der Diener, dann verbeugte er sich und zog sich aus der königlichen Anwesenheit zurück. Ich hatte die Königin zuerst nicht bemerkt, weil sie am Fenster stand und auf den Garten hinausblickte. Sie drehte sich zu mir um und streckte eine Hand aus.

„Georgiana, meine Liebe. Wie schön, dass du so kurzfristig kommen konntest.“

Als ob man einer Königin etwas abschlagen würde. Sie ließen zwar niemanden mehr enthaupten, aber man gehorchte trotzdem.

„Es ist sehr schön, Euch zu sehen, Ma’am“, sagte ich und durchquerte den Raum, um ihre Hand zu nehmen, zu knicksen und ihre Wange zu küssen - ein Manöver, das zeitlich perfekt abgestimmt sein wollte und das ich noch nicht gemeistert hatte, was immer dazu führte, dass ich mir die Nase stieß.

Sie sah zurück zum Fenster. „Die Gärten sind um diese Jahreszeit so trostlos, nicht wahr? Und welch schreckliches Wetter wir haben. Erst Nebel und nun Regen. Der König hat seit einer Weile schlechte Laune, weil er so lange nicht nach draußen konnte. Sein Arzt hat ihm verboten, bei diesem Nebel hinauszugehen, musst du wissen. Mit seinen empfindlichen Lungen darf er sich nicht der rußigen Luft aussetzen.“

„Da stimme ich Euch völlig zu, Ma’am. Ich war Anfang der Woche draußen im Nebel und es war scheußlich. Gar nicht wie der Nebel auf dem Land. Es war, als würde man flüssigen Rauch einatmen.“

Sie nickte und führte mich, noch immer meine Hand haltend, zu einem Sofa. „Dein Bruder – hat er sich von seinem Unfall erholt?“

„Beinahe, Ma’am. Wenigstens ist er wieder auf den Beinen und kann laufen, aber er ist nach London gekommen, um einen Spezialisten aufzusuchen.“

„Was für eine abstoßende Angelegenheit“, sagte sie. „Und dieselbe Person hat anscheinend auf meine Enkelin geschossen. Ihre Rettung ist deinem schnellen Reaktionsvermögen zu verdanken.“

„Und dem kühlen Kopf der Prinzessin selbst“, sagte ich. „Sie ist eine fantastische kleine Reiterin, nicht wahr?“

Die Königin strahlte. Nichts war ihr lieber, als über ihre Enkelinnen zu sprechen.

„Ich nehme an, du fragst dich, warum ich dich heute zum Mittagessen gebeten habe, Georgiana“, sagte die Königin. Ich hielt wieder den Atem an. Das Unheil wird jeden Moment über mich hereinbrechen, dachte ich. Aber sie schien recht heiter zu sein. „Wie wäre es mit einem Glas Sherry?“

Normalerweise fand ich Sherry köstlich, aber der bloße Gedanke an Alkohol ließ meinen Magen flattern. „Für mich nicht, danke, Ma’am.“

„Sehr klug, mitten am Tag“, sagte die Königin. „Ich behalte selbst gerne einen klaren Kopf.“ Oh, Gott, wenn sie wüsste, wie unklar sich mein Kopf im Moment anfühlte.

„Dann lass uns zum Essen gehen“, sagte sie. „Es ist so viel einfacher, Dinge bei Speis und Trank zu besprechen, findest du nicht?“

Ich für meinen Teil war vom Gegenteil überzeugt. Mir war es noch nie leichtgefallen, gleichzeitig zu essen und Konversation zu betreiben. Ich hatte immer im falschen Moment den Mund voll oder ließ meine Gabel fallen, wenn ich nervös war. Die Königin läutete eine kleine Glocke und ein Dienstmädchen tauchte aus dem Nichts auf.

„Lady Georgiana und ich sind bereit zum Mittagessen“, sagte die Königin. „Komm mit, meine Liebe. Bei Wetter wie diesem braucht man gute, nahrhafte Speisen.“

Wir gingen nach nebenan in das Esszimmer der Familie. Hier gab es keine Tafeln, die hunderte Fuß lang waren, sondern einen kleinen Tisch, der für zwei gedeckt war. Ich setze mich auf den mir zugewiesenen Platz und der erste Gang wurde hereingebracht. Es war meine Nemesis – eine halbe Grapefruit in einem hohen Glas. Ich erwischte nämlich immer die Hälfte, in der die Stücke nicht richtig geschnitten waren. Ich betrachtete sie schreckerfüllt, holte tief Luft und nahm meinen Löffel in die Hand.

„Ah, Grapefruit“, sagte die Königin und lächelte mir zu. „So erfrischend in den Wintermonaten, nicht wahr?“ Mit diesen Worten hob sie mit dem Löffel ein perfekt geschnittenes Stück heraus. In mir wuchs die Hoffnung, dass die Küchenhilfen es dieses Mal richtig gemacht hatten. Ich stach den Löffel in die Grapefruit. Sie rutschte im Glas zur Seite und wäre beinahe auf das Tischtuch geflutscht. Im letzten Moment fing ich sie ein und musste unauffällig einen Finger benutzen, um sie in der Waagerechten zu halten, als ich wieder hineinstach. Das erste Stück löste sich ohne große Anstrengung. Beim zweiten hatte ich weniger Glück. Dieses Mal hingen zwei Teile aneinander. Ich versuchte, sie zu trennen, und Saft spritzte mir direkt ins Auge. Es stach und ich wartete, bis die Königin abgelenkt war, bis ich mir mit der Serviette das Auge betupfte. Wenigstens hatte ich keinen Grapefruitsaft auf I. M. gespritzt.

Als ich die Grapefruit aufgegessen hatte und die Schale fortgebracht wurde, war ich unglaublich erleichtert. Eine reichhaltige Fleischbrühe folgte, dann kam der Hauptgang. Es war Steak-and-Kidney-Pastete, normalerweise eines meiner Lieblingsgerichte. Dazu gab es Blumenkohl in einer weißen Sauce und winzige Ofenkartoffeln. Ich merkte, wie mir das Wasser im Mund zusammenlief. Zwei ordentliche Mahlzeiten an zwei Tagen. Aber der erste Bissen offenbarte, dass auch dieser Gang nicht einfach werden würde. Ich hatte schon immer Probleme dabei, große Stücke Fleisch zu kauen und zu schlucken. Ich bekam sie einfach nicht hinunter.

„Georgiana, ich muss dich um einen besonderen Gefallen bitten“, sagte die Königin und sah von ihrem Teller auf. „Der König wollte, dass es formell geschieht, aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass ein Privatgespräch angemessener wäre. Ich wollte dich nicht in eine unangenehme Situation bringen, falls du den Wunsch verspürst abzulehnen.“

Nun wirbelten meine Gedanken natürlich wild durcheinander. Sie hatten einen anderen Prinzen für mich gefunden. Oder, schlimmer noch, Prinz Siegfried hatte offiziell um meine Hand angehalten, von einer Königsfamilie zur anderen, und abzulehnen würde einen internationalen Konflikt heraufbeschwören. Ich saß erstarrt da, meine Gabel schwebte zwischen meinem Teller und meinem Mund in der Luft.

„Ende des Monats wird es eine königliche Hochzeit geben. Du hast ohne Zweifel schon davon gehört“, fuhr die Königin fort.

„Nein.“ Es kam als Quietschen heraus.

„Prinzessin Maria Theresa von Rumänien wird Prinz Nicholas von Bulgarien heiraten. Er ist der Thronerbe, wie du sicher weißt.“

Ich nickte zögernd, als ob die königlichen Familien Europas ihre Hochzeitspläne immer mit mir besprachen. Gott sei Dank war es die Hochzeit von jemand anderem, über die wir sprachen. Ich führte meine Gabel an den Mund und fing an zu kauen.

„Natürlich sollte unsere Familie vertreten sein“, fuhr die Königin fort. „Wir sind doch mit beiden Seiten verwandt. Er stammt aus der gleichen Sachsen-Coburg-und-Gotha-Linie wie deine Urgroßmutter Königin Victoria und sie ist natürlich eine der Hohenzollern-Sigmaringer. Wenn es im Sommer gewesen wäre, wären wir gerne dabei gewesen, aber es steht außer Frage, dass der König selbst zu dieser bitteren Jahreszeit ins Ausland reist.“

Ich nickte, nachdem ich ein besonders zähes Stück Fleisch erwischt hatte.

„Also haben Seine Majestät und ich beschlossen, dich zu bitten, uns zu vertreten.“

„Mich?“, quiekte ich, obwohl ich noch immer das große Stück Fleisch im Mund hatte. Ich war nun in mehr als einer Hinsicht in einer kniffligen Situation. Ich konnte es unmöglich hinunterschlucken. Ich konnte es unmöglich ausspucken. Ich versuchte, es mit einem Schluck Wasser hinunterzuspülen, aber es klappte nicht. Also musste ich auf einen alten Schultrick zurückgreifen – ein vorgetäuschtes Husten, die Serviette vor den Mund gehalten und das Fleisch in die Serviette katapultiert.

„Entschuldigt“, sagte ich und riss mich zusammen. „Ihr wollt, dass ich die Familie auf einer königlichen Hochzeit vertrete? Aber ich bin nur das Kind eines Cousins. Werden die beteiligten Königsfamilien es nicht als Affront sehen, dass Ihr nur jemanden wie mich schickt? Gewiss wäre einer Eurer Söhne passender, oder Eure Tochter, die Kronprinzessin.“

„Unter anderen Umständen würde ich dir recht geben, aber wie es der Zufall will, hat Prinzessin Maria Theresa explizit darum gebeten, dass du eine ihrer Brautjungfern wirst.“

Ich konnte mich gerade noch davon abhalten, ein zweites Mal „ich“ zu quieken.

„Ich habe gehört, ihr beiden wart in der Schule eng befreundet.“

In der Schule? Meine Gedanken schwirrten wieder umher. Hatte ich in der Schule eine Prinzessin Maria Theresa gekannt? War ich mit einer befreundet? Ich ging schnell im Kopf die Liste meiner Freundinnen durch. Darauf tauchten keine Prinzessinnen auf.

Aber ich konnte eine ausländische Prinzessin, noch dazu eine, die anscheinend mit uns verwandt war, kaum als Lügnerin bezeichnen. Ich lächelte matt. Dann erschien vor meinem inneren Auge plötzlich ein Bild – ein großes, molliges Mädchen mit rundem Mondgesicht, das Belinda und mir hinterherlief, und Belinda, die sagte: „Matty, hör auf, uns nachzulaufen. Georgie und ich möchten endlich einmal allein sein.“ Matty – das musste sie sein. Mir war nicht klargewesen, dass es die Kurzform von Maria Theresa war. Oder dass sie eine Prinzessin war. Sie war ein ziemlich bemitleidenswertes, aufdringliches kleines Ding gewesen (nun ja, nicht gerade klein, aber ein Jahr jünger als wir).

„Ah ja“, sagte ich lächelnd. „Die liebe Matty. Wie nett von ihr, mich einzuladen. Das ist in der Tat eine Ehre, Ma’am.“

Nun fühlte ich mich sehr selbstzufrieden. Ich war gebeten worden, an einer königlichen Hochzeit teilzunehmen – eine königliche Brautjungfer zu sein. Eindeutig viel besser als im Rannoch House zu frieren und zu hungern. Dann traf es mich wie ein Schlag: Das bedeutete Kosten für die Fahrkarte. Die Kleidung, die ich brauchen würde … Für die Königin schien Geld nie eine Rolle zu spielen.

„Ich nehme an, ich werde ein Abendkleid für die Hochzeit schneidern lassen müssen, bevor ich abreise?“, fragte ich.

„Ich glaube nicht“, sagte die Königin. „Es wurde vorgeschlagen, dass du frühzeitig nach Rumänien reist, damit die Kleider alle von der persönlichen Näherin der Prinzessin maßgeschneidert werden können. Ich habe gehört, sie hat einen vorzüglichen Geschmack und lässt eine Modeschöpferin aus Paris kommen.“

Hatte ich sie falsch eingeschätzt? Matty, die in ihrer Schuluniform immer aussah wie ein Sack Kartoffeln, ließ eine Modeschöpferin aus Paris kommen?

„Ich werde meinen Sekretär veranlassen, alle Reisevorbereitungen für dich und dein Dienstmädchen zu treffen“, fuhr die Königin fort. „Ihr werdet mit offiziellen königlichen Pässen reisen, damit es keine unnötigen Formalitäten geben wird. Und ich werde außerdem eine Anstandsdame arrangieren. Es wäre nicht schicklich, wenn ihr eine so lange Reise allein zurücklegt.“

Ein Wort aus diesem Satz blieb mir im Kopf hängen. Dienstmädchen. Für dich und dein Dienstmädchen, hatte sie gesagt. Tja, das würde ein kleines Problem darstellen. Die Königin hatte keine Ahnung, dass jemand meines Ranges ohne Dienstmädchen zurechtkam. Ich öffnete den Mund, um das anzusprechen, dann hörte ich mich stattdessen sagen: „Ich fürchte, es könnte problematisch werden, ein Dienstmädchen zu finden, das bereit ist, mit mir zu reisen. Mein schottisches Dienstmädchen will nicht einmal nach London kommen.“

Die Königin nickte. „Ja, ich schätze, das könnte ein Problem sein. Englische und schottische Mädchen sind so beschränkt, nicht wahr? Lass ihr keine Wahl, Georgiana. Lass Bediensteten niemals eine Wahl. Das steigt ihnen zu Kopf. Wenn dein gegenwärtiges Dienstmädchen seine Stelle bei dir behalten möchte, sollte es bereit sein, dir bis zum Ende der Welt zu folgen. Mein Dienstmädchen würde das tun, das weiß ich.“ Sie machte sich über ihren Blumenkohl her. „Sei unnachgiebig. Du wirst lernen müssen, wie man mit Bediensteten umgeht, bevor du einen großen Haushalt führst, weißt du. Gib ihnen den kleinen Finger und sie fordern die ganze Hand. Nun komm schon. Iss auf, bevor dein Essen kalt wird.“

Kapitel 6

Größtenteils in Belinda Warburton-Stokes Cottage

Donnerstag, 10. November

Im Vorhof wartete ein Wagen, der mich zurück zum Rannoch House bringen sollte. Es wäre eine glorreiche Rückkehr gewesen, abgesehen von einer Sache. Innerhalb einer Woche musste ich ein Dienstmädchen auftreiben, dem es nichts ausmachen würde, ohne Bezahlung nach Rumänien zu reisen. Ich ging nicht davon aus, dass es in London viele junge Frauen gab, die sich um diese Stelle reißen würden.

Als ich die Tür öffnete, erschien Fig im Eingangsflur.

„Du warst lange weg“, sagte sie. „Ich hoffe, Ihre Majestät hat dich gut verköstigt?“

„Ja, danke.“ Ich beschloss, das Desaster mit der Grapefruit und dem Steak nicht zu erwähnen. Und die Tatsache, dass es zum Dessert Blanc-Manger gegeben hatte und eine weitere meiner merkwürdigen Abneigungen ist, dass ich Blanc-Manger und Wackelpudding nicht hinunterschlucken kann – alles, was schwabblig ist, um genau zu sein.

„War es ein formeller Anlass? Viele Leute zugegen?“, fragte sie und versuchte, beiläufig zu klingen, während sie vor Neugier fast platzte.

„Nein, nur die Königin und ich in ihrem privaten Esszimmer.“

Oh, wie ich es genoss, das zu sagen. Ich wusste, dass Fig noch nie in das private Esszimmer eingeladen worden war und noch nie ein Tête-à-Tête mit der Königin gehabt hatte.

„Du liebes bisschen“, sagte sie. „Was wollte sie?“

„Muss eine Verwandte etwas brauchen, um einen zum Essen einzuladen?“, fragte ich. Dann fügte ich hinzu: „Wenn du es genau wissen willst, möchte sie, dass ich die Königsfamilie bei der Hochzeit von Prinzessin Maria Theresa in Rumänien repräsentiere.“

Fig lief dunkelrot an. „Du? Sie möchte, dass du die Königsfamilie repräsentierst? Bei einer königlichen Hochzeit? Was denkt sie sich dabei?“

„Warum, glaubst du nicht, dass ich mich benehmen kann? Glaubst du, ich spreche Gossensprache oder schlürfe meine Suppe?“

„Aber du gehörst nicht einmal zur direkten Thronfolge“, stieß sie hervor.

„Eigentlich schon. Allerdings die Vierunddreißigste“, sagte ich.

„Und Binky ist der Zweiunddreißigste und immerhin ist er ein Duke.“

„Tja, aber Binky würde in einem Brautjungfernkleid mit einem Blumenstrauß in der Hand nicht ganz richtig aussehen“, gab ich zurück. „Weißt du, die Prinzessin hat explizit darum gebeten, dass ich eine ihrer Brautjungfern bin.“

Figs Augen weiteten sich noch mehr. „Du? Warum um alles in der Welt hat sie nach dir gefragt?“

„Weil wir in der Schule gute Freundinnen waren“, sagte ich, ohne mit der Wimper zu zucken. „Siehst du, diese furchtbar teure Schulbildung, über die du dich immer beschwerst, hatte doch ihre Vorteile.“

„Binky!“, rief Fig auf eine Art und Weise, die einer Lady gänzlich unangemessen war. „Binky, Georgiana wurde darum gebeten, die Familie bei einer königlichen Hochzeit zu repräsentieren, in Rumänien.“

Binky kam aus der Bücherei, noch immer in Mantel und Wollschal. „Was ist los?“

„Sie wurde gebeten, die Königsfamilie zu repräsentieren, bei einer Hochzeit“, wiederholte Fig. „Hast du so etwas schon einmal gehört?“

„Ich nehme an, sie wollten aus Angst vor einem Attentat keinen der direkten Erben schicken“, sagte Binky leichthin. „In diesem Teil der Welt ermorden sie sich immer wieder gegenseitig.“

Es war klar, dass Fig diese Antwort gefiel. Ich wurde geschickt, weil ich entbehrlich war, nicht weil ich es verdient hatte. Es warf ein anderes Licht auf die Situation. „Und wann ist diese Hochzeit?“, fragte sie.

„Ich soll nächste Woche abreisen.“

„Nächste Woche. Dir bleibt nicht viel Zeit, was? Was ist mit Kleidern? Wird erwartet, dass man ein Kleid anfertigen lässt, um an dieser Hochzeitsfeier teilzunehmen?“

„Nein. Zum Glück lässt die Prinzessin uns alle von ihrer Modeschöpferin aus Paris einkleiden. Deshalb muss ich frühzeitig aufbrechen.“

„Was ist mit deinem Diadem? Es ist immer noch im Tresor in Schottland. Müssen wir es dir zuschicken lassen?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob Diademe getragen werden. Ich muss den Sekretär der Königin fragen.“

„Und was ist mit der Reise? Wer bezahlt das alles?“

„Der Sekretär der Königin kümmert sich um alles. Ich muss nur ein Dienstmädchen auftreiben.“

Fig sah von mir zu Binky und wieder zurück. „Wie willst du das anstellen?“

„Im Augenblick habe ich keine Ahnung. Ich nehme nicht an, dass jemand von den Bediensteten auf Castle Rannoch Lust auf einen Ausflug nach Rumänien hat?“

Fig lachte. „Mein liebes Mädchen, es ist schwer genug, die Bediensteten auf Castle Rannoch davon zu überzeugen, nach London zu kommen. Sie halten es für einen gefährlichen Sündenpfuhl. Weißt du noch, dein Dienstmädchen Maggie wollte nicht herkommen. Ihre Mutter hat es nicht erlaubt.“

Ich zuckte die Achseln. „Dann werde ich eben versuchen müssen, ein Dienstmädchen von jemandem aus London auszuleihen. Wenn das nicht klappt, werde ich eines über eine Agentur einstellen müssen.“

„Wie willst du jemanden einstellen? Du hast kein Geld“, sagte sie.

„Ganz genau. Aber ich muss irgendwie ein Dienstmädchen auftreiben, oder? Vielleicht werde ich ein paar der Familienschmuckstücke verkaufen müssen. Vielleicht könnt ihr neben dem Diadem auch den ein oder anderen Diamanten mitschicken.“ Ich machte nur Scherze, aber Fig spießte mich mit Blicken auf.

„Mach dich nicht lächerlich. Die Familienschmuckstücke bleiben in der Familie. Das weißt du.“

„Was schlägst du dann vor?“, wollte ich wissen. „Ich kann die Einladung nicht ablehnen. Es wäre eine unverzeihliche Beleidigung für Prinzessin Maria Theresa und Ihre Majestät.“

Fig sah wieder zu Binky. „Mir fällt niemand ein, den wir kennen, der bereit wäre, sein Dienstmädchen für ein so exotisches Abenteuer auszuleihen. Und dir, Binky?“

„Mit Dienstmädchen kenne ich mich nicht aus, altes Haus. Tut mir leid“, sagte er. „Das ist eine Angelegenheit für euch Frauen. Georgie muss hingehen, soviel ist klar, also müssen wir das Geld aufbringen, wenn nötig.“

„Du willst, dass wir das Geld aufbringen?“, verlangte Fig lautstark. „Wie sollen wir das machen? Die Familienschmuckstücke verkaufen, wie Georgiana vorgeschlagen hat? Dem kleinen Podge einen Privatlehrer vorenthalten? Das ist zu viel, Binky. Sie ist über einundzwanzig Jahre alt, nicht wahr? Wir sind nicht mehr für sie verantwortlich.“

Binky ging zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Reg dich nicht auf, meine Liebe. Du weißt, dass der Arzt gesagt hat, dass du versuchen solltest, ruhig zu bleiben und friedliche Gedanken zu haben.“

„Wie kann ich friedliche Gedanken haben, wenn wir nicht einmal das Geld haben, um Arztrechnungen oder die Klinik zu bezahlen?“ Ihre Stimme wurde gefährlich schrill.

Und ohne Vorwarnung tat sie etwas, was ich noch nie gesehen hatte. Was noch nie zuvor jemand aus meiner näheren Verwandtschaft getan hatte. Sie brach in Tränen aus und eilte nach oben. Frauen wurden dazu erzogen, nie Gefühle zu zeigen, selbst unter den schlimmsten Umständen.

Ich blickte ihr mit offenen Mund nach. Ich wusste, dass Figs Arztbesuch erwähnt worden war, aber mir war bis eben nicht in den Sinn gekommen, dass es sich dabei um einen Psychiater handeln könnte. Hatte ihre ständige schlechte Laune einen dunkleren Ursprung, etwa Verrücktheit, die in der Familie lag? Wie herrlich. Das war zu gut, um es zu verpassen.

„Sie ist heute etwas außer sich“, sagte Binky peinlich berührt. „Nicht in Bestform.“

„Ist Fig wegen ihren Nerven bei einem Arzt?“, fragte ich.

„Nicht direkt“, sagte er.

Er blickte zur Treppe hinter Fig her und wog ab, ob das Donnerwetter über ihn hereinbrechen würde, dann beugte er sich vertraulich vor. „Wenn du es genau wissen willst, Georgie, Fig ist wieder froher Hoffnung. Ein zweiter kleiner Rannoch. Sind das nicht tolle Neuigkeiten?“

Es waren unglaubliche Neuigkeiten. Dass sie es einmal erfolgreich getan hatten, war schon unvorstellbar. Dass sie es ein zweites Mal getan hatten, war noch schwerer zu glauben. Ich versuchte allen Ernstes mir vorzustellen, wie jemand aus freien Stücken mit Fig schlafen wollen würde. Aber andererseits sind die Betten in Schottland kalt. Das musste die Erklärung sein.

„Glückwunsch“, sagte ich. „Du hast einen Erben und einen Ersatz.“

„Das war einer der Gründe warum wir beschlossen haben, den Winter dieses Jahr in London zu verbringen“, sagte Binky. „Fig ging es nicht so gut und der Arzt empfiehlt ihr, die Füße hochzulegen und sich nicht aufzuregen. Und sie ist von unserem Geldmangel ziemlich besessen, fürchte ich. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich wie ein schrecklicher Versager.“

Binky tat mir leid. „Es ist nicht deine Schuld, dass Vater sich selbst erschossen und dir horrende Erbschaftssteuern auf das Anwesen aufgebürdet hat.“

„Ich weiß, aber ich sollte in der Lage sein, mehr zu tun. Ich bin nicht der Hellste und leider nicht für irgendeine Art von Arbeit geeignet, außer auf dem Anwesen herumzulungern und dergleichen.“

Ich legte meine Hand auf seinen Arm. „Hör mal, mach dir wegen des Dienstmädchens keine Sorgen“, sagte ich. „Ich werde irgendwie eines finden. Ich werde Belinda besuchen. Sie kennt jeden. Sie reist ständig aufs Festland. Und du gehst besser hoch zu Fig.“

Er seufzte und trottete die Treppe hinauf. Ich wollte nicht wieder ausgehen, für den Fall, dass Darcy anrief oder persönlich vorbeischaute, nur um von meiner Schwägerin feindselig begrüßt zu werden. Aber da ich keine Möglichkeit hatte, ihn zu kontaktieren, und aus Erfahrung wusste, dass Darcy mehr als unberechenbar war, beschloss ich, mich sofort in der Dienstmädchensache ans Werk zu machen. Jetzt, da sich der Nebel gelichtet hatte, war Belinda vielleicht wieder nach London zurückgekehrt. Ich kam zu dem Schluss, dass es unklug wäre, Fig noch weiter aufzuregen, indem ich ihr Telefon benutzte, also lief ich im Regen zu Belindas Cottage.

Zu meiner Freude wurde die Tür sofort von Belindas Dienstmädchen geöffnet. „Oh, Ihre Ladyschaft“, sagte sie, „es tut mir furchtbar leid, aber sie hat sich gerade hingelegt. Sie möchte heute Abend ausgehen und sagte, dass sie nicht gestört werden will.“

Ich war den ganzen Weg im scheußlichen Regen hergekommen und würde nicht mit leeren Händen umkehren.

„Oh, wie schade“, sagte ich mit lauter, klangvoller Aussprache, wie uns in der Schule beigebracht worden war. „Sie wird sich so ärgern, dass sie mich verpasst hat, besonders, da ich ihr von der königlichen Hochzeit erzählen wollte, an der ich teilnehmen soll.“

Ich wartete und tatsächlich kam von oben das Geräusch von schlurfenden Schritten und eine verschlafen dreinblickende Belinda erschien in einem mit Federn verzierten Morgenmantel und einer Schlafmaske aus Satin, die sie auf die Stirn geschoben hatte. Vorsichtig stieg sie die Treppe zu mir herunter.

„Georgie, wie schön, dich zu sehen. Ich wusste nicht, dass du zurück in London bist. Lass Lady Georgiana nicht auf der Schwelle stehen, Florrie“, sagte sie. „Bitte sie herein und mach uns einen Tee.“

Sie wankte die letzten Stufen hinunter und schloss mich in die Arme. „Ich bin so froh, dass du hier bist“, sagte ich. „Ich kam vor ein paar Tagen vorbei und das Haus war verschlossen.“

„Das liegt daran, dass Florrie wegen des Nebels nicht herkommen konnte“, sagte sie und warf dem davoneilenden Dienstmädchen einen finsteren Blick zu. „Hat mich hängen lassen. Diese Leute, kein Verständnis für ihre Pflichten und kein Rückgrat. Du und ich hätten es geschafft, stimmt’s? Selbst wenn wir von Hackney aus hätten laufen müssen? Ich habe versucht, ohne sie zurechtzukommen, aber schließlich hatte ich keine Wahl, Schätzchen, und musste mich im Dorchester einquartieren, bis sich der Nebel gelichtet hatte.“

Sie führte mich in ihr angenehm warmes Wohnzimmer und ich schälte mich aus meinen Kleidern. „Es wundert mich ehrlich gesagt, dich hier anzutreffen. Ich hätte gedacht, dass Italien um diese Jahreszeit viel schöner ist.“

Ein nervöses Zucken lief über ihr Gesicht. „Sagen wir einfach, das Klima in Italien ist mit einem Mal sehr eisig geworden.“

„Was meinst du damit?“

„Paolos scheußliche Verlobte hat von mir erfahren und ein Machtwort gesprochen. Sie hat angekündigt, unverzüglich heiraten zu wollen. Also hat Paolos Vater ihm befohlen, seinen Mann zu stehen und seine Pflicht zu tun, ansonsten … Und da Pappa den Geldhahn kontrolliert, hieß es für meine arme Wenigkeit arrivederci.“

„Weißt du, so langsam klingst du wie meine Mutter“, sagte ich. „Hoffentlich verwandelst du dich nicht in sie.“

„Ich finde, sie führt ein himmlisches Leben“, sagte Belinda. „All diese Lebemänner und Rennfahrer und texanischen Ölmillionäre.“

„Ja, aber was bleibt ihr am Ende davon?“

„Wenigstens ein paar herrliche Juwelen und diese kleine Villa in Südfrankreich.“

„Ja, aber was ihre Familie betrifft? Nur Großvater und ich und sie ignoriert uns beide.“

„Schätzchen, deine Mutter ist eine Überlebenskünstlerin, so wie ich“, sagte Belinda. „Als Paolo mich abserviert hat, habe ich mich ungefähr einen Tag lang aufgeregt, aber dann habe ich mir gesagt, dass andere Mütter auch schöne Söhne haben. Aber genug von mir. Was habe ich da von einer königlichen Hochzeit gehört?“ Sie ließ sich in ihren Art-Nouveau-Sessel sinken. Ich hockte mich auf eine Kante des schrecklich unbequemen modernen Sofas. „Sag nicht, dass man dich gezwungen hat, Fischlippe das Jawort zu geben.“

„Nicht mal, wenn er der letzte Mann auf Erden wäre“, sagte ich. „Nein, viel aufregender. Ich wurde gebeten, an einer königlichen Hochzeit in Rumänien teilzunehmen, als offizielle Repräsentantin der Königsfamilie. Und ich soll Brautjungfer sein.“

„Was du nicht sagst.“ Belinda sah gebührend beeindruckt aus. „Was für ein Coup! Das ist deine Eintrittskarte in die vornehme Gesellschaft, nicht wahr? Am einen Tag ernährst du dich von trockenem Toast, am anderen vertrittst du deine Familie bei einer königlichen Hochzeit. Wie kam es dazu?“

„Die Braut hat explizit nach mir gefragt“, sagte ich. „Da wir alte Schulfreundinnen sind.“

„Alte Schulfreundinnen? Aus Les Oiseaux?“

„Das ist die einzige Schule, auf der ich je war. Davor hatte ich nur Gouvernanten.“

Belinda runzelte nachdenklich die Stirn. „Eine alte Schulfreundin in Rumänien? Wer denn?“

„Prinzessin Maria Theresa“, sagte ich.

„Maria Theresa – oh Gott. Etwa die mollige Matty?”

„Ich hatte ganz vergessen, dass du sie früher so genannt hast, Belinda. Das war nicht besonders nett.“

„Schätzchen, ich war nur ehrlich. Außerdem war sie keine besonders nette Person, oder?“

„Wirklich?“

„Sie ging uns auf die Nerven, nicht wahr, ist uns überallhin gefolgt und wollte immer dabei sein. Ich weiß noch, dass ich sie immer Matty-Mond nannte, weil sie ein Mondgesicht hatte und uns immer mit einem Schritt Abstand gefolgt ist.Und sie hat mich immer damit genervt, mit ihr über Sex zu sprechen. War völlig ahnungslos. Wusste nicht mal, wie Kinder gemacht werden. Aber erinnerst du dich nicht daran, dass wir sie einmal mitgenommen haben und sie uns verraten und bei Mademoiselle Amelie gepetzt hat? Hat fast dafür gesorgt, dass ich rausgeworfen wurde.“

„Wirklich?“

„Ja, das eine Mal, als ich aus dem Fenster geklettert bin, um diesen Skilehrer zu treffen.“

„Matty war diejenige, die es Mademoiselle erzählt hat?“

„Wir waren uns nie ganz sicher, aber ich hatte sie immer im Verdacht. Als ich in Mademoiselles Büro gebracht wurde, hatte sie diesen selbstzufriedenen Ausdruck im Gesicht“, sagte Belinda.

„Tja, lass uns hoffen, dass sie sich inzwischen gebessert hat. Sie holt eine Modeschöpferin aus Paris, um unsere Abendkleider zu entwerfen.“

„Oh Gott. Sie wird in einem Hochzeitskleid wie ein riesiges Baiser aussehen, verdammt“, sagte Belinda. „Wen heiratet sie?“

„Prinz Nicholas von Bulgarien, anscheinend.“

„Armer Prinz Nicholas. Ich hatte vergessen, dass sie eine Prinzessin ist, aber andererseits schätze ich, dass viele unserer Klassenkameradinnen mehr oder weniger königliches Blut hatten, oder? Ich war eine der wenigen Bürgerlichen.“

„Du bist hochwohlgeboren, kein bisschen bürgerlich.“

„Aber ich spiele nicht in deiner Liga, Liebes. Du meine Güte, es ist zum Brüllen – eine Brautjungfer für die mollige Matty. Wollen wir hoffen, dass die anderen Brautjungfern schlanker sind, sonst wirst du zwischen ihnen zerquetscht.“

„Belinda, du bist furchtbar.“ Ich musste lachen. Wir unterbrachen uns, als der Tee hereingebracht wurde. Ich sah zu, wie Florrie ihn effizient servierte und wieder ging.

„Dein Dienstmädchen“, sagte ich, „sie hat keine Schwester, oder?“

„Florrie? Ich habe keine Ahnung, warum?“

„Weil ich Anweisung von Ihrer Majestät erhalten habe, mein Dienstmädchen mit nach Rumänien zu nehmen. Und da ich kein Dienstmädchen habe, das ich mitnehmen kann, werde ich alle Hebel in Bewegung setzen müssen, um eines zu bekommen, oder eines über eine Agentur einstellen. Ich nehme nicht an, dass du eine Woche lang auf Florrie verzichten könntest?“

„Auf keinen Fall“, sagte Belinda. „Während dieses Nebels bin ich fast verhungert. Wenn ich es nicht zu Harrods geschafft hätte, um Obst und Pasteten zu kaufen, hätte es mein Ende bedeutet. Außerdem, wenn Florrie sich nicht traut, bei Nebel durch London zu laufen, glaube ich nicht, dass sie den Mut hätte, den Kanal zu überqueren, geschweige denn nach Rumänien zu reisen.“

„Und wenn du ins Ausland reist?“

„Ich lasse sie zurück. Ich kann mir eigentlich keine zweite Fahrkarte leisten. Normalerweise gibt es in den Villen, die ich besuche, genügend Bedienstete, die sich um mich kümmern.“

„Hast du denn irgendeine Idee, wo ich ein Dienstmädchen finden könnte? Kennst du jemanden, der vielleicht eine Kreuzfahrt macht oder nach Südfrankreich reist und sein Dienstmädchen zu Hause lässt?“

„Leute mit Geld lassen ihre Dienstboten nie zu Hause“, sagte Belinda. „Sie bringen sie mit. Du könntest wahrscheinlich ein passendes Mädchen in Paris finden, wenn du ein paar Tage früher abreist.“

„Belinda, ich habe keine Ahnung, wo man dort ein Dienstmädchen findet. Meine Mutter hat mich nur ein paar Mal nach Paris mitgenommen, als ich klein war und einmal haben wir einen Schulausflug dorthin gemacht. Außerdem müsste ich ein französisches Dienstmädchen bezahlen und das kann ich nicht.“

„Allerdings“, stimmte Belinda zu. „Sie sind furchtbar teuer. Wenn ich nicht so ärmlich leben würde, würde ich mir sofort ein französisches Dienstmädchen zulegen. Meine liebe Stiefmutter hat eines, aber Daddy gibt ihr auch alles, was sie will.“ Sie ließ einen Zuckerwürfel in ihre Teetasse fallen. „Wo wir gerade von Müttern sprechen, warum bittest du deine nicht, dir das Geld für ein französisches Dienstmädchen zuzustecken?“

„Ich weiß nie, wo meine Mutter zu finden ist“, sagte ich. „Außerdem bitte ich sie ungern um etwas.“ Mir kam eine Idee. „Wir könnten Florrie fragen, ob sie ein paar Mädchen kennt, die eine Anstellung suchen und ein Abenteuer erleben wollen.“

„Niemand, den Florrie kennt, würde sich jemals auf ein Abenteuer einlassen“, sagte Belinda. „Sie muss eine der langweiligsten Kreaturen auf Erden sein.“ Aber sie klingelte nach ihr.

Florrie eilte zurück ins Zimmer. „Habe ich etwas auf dem Teetablett vergessen, Miss?“, fragte sie und krallte die Hände nervös in ihre Schürze.

„Nein, Florrie. Lady Georgiana hat eine Bitte an dich. Sag schon, Georgie.“

„Florrie“, sagte ich. „Ich suche ein Dienstmädchen. Du kennst nicht zufällig ein paar passende Mädchen, die arbeitslos sind?“

„Schon möglich, Ihre Ladyschaft.“

„Und hätten sie Lust, ein kleines Abenteuer zu erleben und ins Ausland zu reisen?“

„Ins Ausland? Meinen Sie Frankreich oder so? Man sagt, es ist furchtbar gefährlich dort drüben. Die Männer kneifen einen in den Hintern.“ Florrie riss ihre Augen weit auf.

„Weiter als Frankreich. Und noch viel gefährlicher“, sagte Belinda. „Mit dem Zug durch ganz Europa.“

„Ooh, nein, Miss. Ich kenne keine Mädchen, die das gern tun würden. Es tut mir leid, Ihre Ladyschaft.“ Sie knickste peinlich berührt und floh.

„Du hättest die Gefahr nicht so übertreiben müssen“, sagte ich. „Wir werden nur im Zug und dann im königlichen Schloss sein.“

„Du willst doch niemanden, der auf halbem Weg durch Europa die Nerven verliert und dich unter Tränen bittet, nach Hause zu dürfen“, sagte Belinda. „Außerdem, was wenn der Zug von Banditen überfallen wird – oder von Wölfen?“

„Belinda!“ Ich lachte nervös. „Solche Dinge passieren nicht mehr.“

„Auf dem Balkan schon – ständig. Und wie war das mit diesem Zug, der unter einer Lawine begraben wurde? Sie haben ihn tagelang nicht freigelegt.“ Sie sah mich an und prustete dann los. „Warum das lange Gesicht? Du wirst dich prächtig amüsieren.“

„Wenn ich nicht gerade unter einer Lawine ersticke oder von Banditen oder Wölfen angegriffen werde.“

„Und inzwischen gehört Transsilvanien zu Rumänien, nicht wahr?“ Belinda hatte sich in Fahrt geredet. „Du könnest einem Vampir begegnen.“

„Also bitte, Belinda. Es gibt keine Vampire.“

„Stell dir vor, wie faszinierend das wäre. Es soll die pure Ekstase sein, in den Hals gebissen zu werden. Noch intensiver als Sex. Natürlich wird man dann zu einer Untoten, aber das wäre mir die Erfahrung wert.“

„Ich habe nicht den Wunsch, eine Untote zu werden, danke“, sagte ich und lachte nervös.

„Wenn ich darüber nachdenke, bin ich sicher, dass Matty uns erzählt hat, dass ihr Stammsitz tatsächlich in den Bergen von Transsilvanien liegt, da hast du es also. Überall Vampire. Wie ich dich um diese Erfahrung beneide. Ich wünschte, ich könnte mitkommen.“ Plötzlich setzte sie sich aufrecht hin und stieß beinahe den kleinen Teetisch um. „Ich habe eine geniale Idee. Warum komme ich nicht als dein Dienstmädchen mit?“

Ich starrte sie an und fing an zu lachen. „Belinda. Das ist doch verrückt“, sagte ich. „Warum um alles in der Welt willst du mein Dienstmädchen sein?“

„Weil du zu einer königlichen Hochzeit in Transsilvanien eingeladen bist und ich nicht. Mir ist langweilig und es klingt so, als wäre es sehr unterhaltsam, außerdem möchte ich unbedingt einen Vampir treffen.“

„Du als Dienstmädchen.“ Ich grinste immer noch. „Du weißt nicht einmal, wie man Tee kocht.“

„Oh, aber ich kann bügeln, dank meiner Tätigkeit als Modeschöpferin. Das ist das Wichtigste, oder? Ich kann bügeln und dich einkleiden. Und falls du es vergessen hast, ich habe schon einmal dein Dienstmädchen gespielt und war fantastisch“, sagte sie. „Warum also nicht? Ich sehne mich nach einem Abenteuer und du machst es möglich. Du müsstest mich nicht einmal bezahlen.“

Ich musste zugeben, dass die Versuchung groß war. Es würde Spaß machen, gemeinsam mit Belinda in einem fremden Land zu sein.

„Unter anderen Umständen würde ich dein Angebot sofort annehmen“, sagte ich, „und es wäre sehr lustig, wenn da nicht ein kleines Detail wäre – Matty würde dich sofort erkennen.“

„Unsinn“, sagte Belinda. „Niemand schaut Bedienstete genauer an. Ich wäre in deinem Zimmer oder im Dienstbotentrakt. Ihre Hoheit und ich würden einander überhaupt nicht begegnen. Komm schon. Sei keine Spielverderberin und sag ja.“

„Ich kenne dich zu gut“, sagte ich. „Dir würde schnell langweilig werden, wenn du nicht an den Vergnügungen und Feierlichkeiten teilnehmen könntest, nicht wahr? Du wärst nur zehn Minuten dort und würdest irgendeinen gutaussehenden ausländischen Prinzen treffen, deine wahre Identität enthüllen und mich hängen lassen.“

„Ich bin zutiefst getroffen“, sagte sie. „Hier bin ich und mache dir ein großzügiges und selbstloses Angebot und du findest immer neue Gründe, mich abzuweisen. Wäre es nicht ein Spaß, zusammen dort zu sein?“

„Es wäre herrlich“, stimmte ich zu, „und wenn du als du selbst hingehen würdest, würde ich dich sofort mitnehmen. Aber da ich die Königsfamilie und mein Land repräsentiere, muss ich mich in jeder Hinsicht ans Protokoll halten. Das verstehst du doch sicher?“

„Du wirst noch so langweilig wie dein Bruder“, sagte sie.

„Wo wir von meinem Bruder sprechen, du errätst es nie. Fig ist wieder in anderen Umständen.“

Belinda grinste. „Ich schätze, in ihrem Fall ist er derjenige, der die Augen schließen und an England denken muss, wenn er es tut. Also wirst du nur noch die fünfunddreißigste in der Thronfolge sein. Sieht nicht so aus, als würdest du jemals Königin werden.“

„Du bist albern.“ Ich lachte. „Es wird Podge guttun, einen Bruder oder eine Schwester zu haben. Ich weiß noch, wie einsam das Leben als Kind auf Castle Rannoch war.“ Ich setzte meine Teetasse ab und stand auf. „Wie auch immer, ich muss mich auf die Suche nach einem Dienstmädchen machen. Ich habe keine Ahnung, wo ich eines finden soll.“

„Ich habe meine Dienste angeboten und wurde abgewiesen“, sagte sie. „Aber das Angebot steht noch, wenn du bis Ende der Woche niemand besseren gefunden hast.“

Kapitel 7

Ein Reihenhaus in Essex mit Gartenzwergen im Vorgarten

Immer noch Donnerstag, 10. November

Das wurde zu einem kniffligen Problem. Es gab sonst niemanden in London, den ich gut genug kannte, um ihn zu bitten, mir sein persönliches Dienstmädchen zu leihen. Ich dachte darüber nach, welche riesengroße Frechheit es wäre, bei jemandem zu Hause aufzutauchen und um ein Dienstmädchen zu bitten, selbst wenn ich diese Person gut kannte. Ich fragte mich, ob ich damit durchkommen würde, allein zu reisen und der verhassten Anstandsdame zu sagen, dass mein Dienstmädchen im letzten Moment Mumps bekommen hatte. Sicherlich gäbe es in einem königlichen Schloss genügend Bedienstete, um mir eines auszuborgen. Und ich war ziemlich gut darin geworden, mich selbst anzuziehen. Aber wahrscheinlich nicht bei der Art von Kleidern, die man zu Hochzeiten trug und die im Rücken mit ungefähr tausend Haken verschlossen wurden. Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte. Ich musste eine Agentur finden und ein geeignetes Mädchen einstellen, in der Hoffnung, dass ich sie am Ende der Reise irgendwie bezahlen konnte.

Ich trug immer noch die Kleider, die ich für meinen Besuch im Palace herausgesucht hatte, also machte ich mich wieder auf den Weg, um in Mayfair nach einer passenden Agentur für Haushaltshilfen zu suchen. Ich traute mich nicht, die Agentur aufzusuchen, die mir damals Mildred vermittelt hatte. Deren Besitzerin gab sich so übertrieben königlich, dass neben ihr selbst die Königin ausgesehen hätte wie jemand aus der Mittelschicht. Ich ging die Piccadilly entlang Richtung Berkeley Square. Zum Glück war der Regen zu einem nebligen Nieseln geworden. Schließlich fand ich auf der Bond Street ein Geschäft, das nach einer respektablen Agentur aussah. Die Frau hinter dem Schreibtisch war ebenfalls ein Drache – vielleicht war das eine Voraussetzung für diesen Berufsstand.

„Verstehe ich das richtig, Mylady: Sie möchten ein Dienstmädchen für eine Lady einstellen, das Sie nach Rumänien begleitet?“

„Das ist richtig.“

„Und wann soll das sein?“

„Nächste Woche.“

„Nächste Woche?“ Ihre Augenbrauen schossen nach oben. „Ich halte es für höchst unwahrscheinlich, dass ich innerhalb einer Woche eine passende junge Frau für Sie finden könnte, die diese Stelle antritt. Ich kann mir ein oder zwei vorstellen, die sich vielleicht überreden lassen, aber Sie müssten ihnen eine Prämie bezahlen.“

„Welche Art von Prämie?“

Dann nannte sie einen Betrag, den ich für ausreichend gehalten hätte, um Castle Rannoch ein Jahr lang zu unterhalten. Sie musste bemerkt haben, dass ich schwer schluckte, denn sie fügte hinzu: „Wir vermitteln nur die erstklassigsten jungen Frauen, müssen Sie wissen.“

In tiefster Verzweiflung ging ich wieder. Mein Bruder würde das Geld niemals auftreiben können, selbst wenn Fig ihm erlauben würde es mir zu geben. Ich hatte keine Wahl außer Belinda. Während ich durch das dunkler werdende Zwielicht ging, dachte ich an Belinda und stellte mir vor, was bei dieser Vereinbarung alles schiefgehen könnte. Was auch immer ich tat, ich war verloren. Dann hörte ich, wie ein Zeitungsjunge mit starkem Cockney-Akzent die Schlagzeilen des Tages ausrief. Sofort musste ich an die einzige Person denken, die ich noch nicht um Hilfe gebeten hatte. Mein Großvater wusste selbst für die kniffligsten Probleme eine Lösung. Und auch wenn er kein Dienstmädchen herzaubern konnte, würde es eine Wohltat sein, ihn zu sehen. Ich rannte beinahe zur U-Bahn-Station in der Bond Street und fuhr bald darauf quer durch London ins tiefste Essex.

Ich sollte wohl erklären, dass mein Vater zwar der Enkel von Königin Victoria war, aber meine Mutter als Tochter eines Cockney-Polizisten geboren wurde. Sie war eine berühmte Schauspielerin geworden und hatte ihre Vergangenheit hinter sich gelassen, als sie meinen Vater heiratete, nur um ihn sitzen zu lassen, als ich zwei Jahre alt war.

Als wir das Zentrum Londons hinter uns ließen, füllte sich die U-Bahn mit Menschen, und als ich ausstieg, war ich ziemlich zerzaust. Außerdem hatte es wieder richtig zu regnen begonnen. Ich freute mich immer, wenn ich das kleine Haus meines Großvaters sah, mit seinem gepflegten, taschentuchgroßen Rasen und seinen fröhlichen Gartenzwergen. Aber so sehr wie an diesem Abend hatte ich mich noch nie gefreut. Licht drang aus der Milchglasscheibe in der Haustür, als ich den Weg entlangschlurfte. Ich klopfte und wartete. Schließlich öffnete sich die Tür einen Spalt und ein Paar heller Knopfaugen blickte mir entgegen.

„Was woll’n Sie?“, fragte eine heisere Stimme.

„Großvater, ich bin’s, Georgie.“

Die Tür wurde aufgerissen und das fröhliche Cockney-Gesicht meines Großvaters strahlte mich an. „Da brat’ mir doch einer einen Storch. Du bist eine Wohltat für meine müden Augen. Komm rein, Küken, komm rein.“

Ich betrat seinen schmalen Flur und er umarmte mich, obwohl mein Mantel nass war.

„Menschenskinder, du siehst aus wie ein begossener Pudel“, sagte er und begutachtete mich grinsend, den Kopf wie ein munterer Spatz zur Seite geneigt. „Was um alles in der Welt tust du hier an einem so scheußlichen Abend? Nana. Du steckst doch nicht wieder in Schwierigkeiten?“

„Nicht direkt Schwierigkeiten“, sagte ich, „aber ich brauche deine Hilfe.“

„Lass mich dir deinen Mantel abnehmen, Liebes. Komm in die Küche und leg deine müden Füße hoch.“

„Meine Füße?“

„Leg eine Verschnaufpause ein. Hab’ ich dir etwa keinen Cockney-Slang beigebracht?“

Er hängte meinen Mantel auf und führte mich durch den Flur in seine winzige Küche, in der bereits eine weitere Person saß. „Schau, wer aufgetaucht ist, ’ettie“, sagte er. Es war seine Nachbarin von nebenan, Mrs Hettie Huggins, die schon seit Ewigkeiten ein Auge auf ihn geworfen und anscheinend endlich Erfolg gehabt hatte.

„Wie schön, Sie wieder zu seh’n, Ihre Ladyschaft“, sagte Mrs Huggins und knickste, obwohl eigentlich nicht genug Platz vorhanden war, um ihre ausladenden Hüften zu beugen. „Hab’ mich um Ihren Großvater gekümmert, seit er sich eine üble Bronchitis eingefangen hat.“

„Oh nein. Geht es dir wieder gut?“ Ich drehte mich zu ihm um.

„Mir? Jap. Geht mir blendend, Küken. Könnte nicht besser sein, das hab’ ich ’ettie hier zu verdanken. Hat mich gemästet wie eine Stopfgans. Da fällt mir ein, wir wollten gerade was von ihrem Eintopf probieren, stimmt’s, ’ettie? Magst du mitessen?“

„Ihre Ladyschaft möchte bestimmt keinen Eintopf, Albert. Vornehme Leute sind das nich’ gewohnt.“

„Ich hätte sehr gern welchen, bitte“, sagte ich. Dann fügte ich hinzu: „Nur ein bisschen“, falls sie nicht so viel hatten. Aber Mrs Huggins schöpfte aus einer großen Schüssel mit Graupen und Bohnen und Lammkeule und sie nickten zufrieden, als ich es hinunterschlang.

„Man könnte meinen, du hättest schon seit einer Ewigkeit keine ordentliche Mahlzeit mehr bekommen“, sagte Großvater. „Du wächst doch nicht mehr, oder?“

„Hoffentlich nicht. Ich bin größer als die meisten meiner Tanzpartner“, sagte ich. „Aber ich liebe guten Eintopf.“

Sie tauschten einen zufriedenen Blick aus.

„Also, wie stehen die Dinge im Old Smoke?“, fragte Großvater.

„Rußig. Wir hatten schrecklichen Nebel. Ich habe kaum das Haus verlassen.“

„Hier unten genauso. Das hat Alberts Lunge so mitgenommen“, sagte Mrs Huggins.

„Also, wie können wir dir helfen, Liebes?“, fragte Großvater und schaute mich liebevoll an.

Ich holte tief Luft. „Ich suche nach einem Dienstmädchen und ich fürchte, es ist sehr dringend.“

Großvater prustete los. „Hat mir nichts ausgemacht, mich als dein Butler auszugeben, Liebes, aber ich zieh mir weder Haube noch Schürze an, um dein Dienstmädchen zu spielen.“

Ich lachte. „Das erwarte ich auch nicht von dir. Ich habe mich gefragt, ob du irgendjemanden kennst, der Erfahrung als Bedienstete hat und arbeitslos ist.“

„Schätze, wir könnten ein halbes Dutzend Mädchen finden, die sich um die Stelle reißen würden, was meinst du, ’ettie?“ Großvater drehte sich zu ihr um und sie nickte.

„Ein Dienstmädchen für Sie, Ihre Ladyschaft? Also ihr eigenes, persönliches Dienstmädchen?“

„Ganz genau.“

„Ich glaube nicht, dass die Stelle schwer zu besetzen sein wird. Die Mädchen werden Schlange stehen, um für so ein vornehmes Mädel wie dich zu arbeiten. Warum schaltest du nicht einfach eine Anzeige in der Zeitung?“

„Da gibt es ein paar Schwierigkeiten“, sagte ich, doch während er sprach, war mir klargeworden, dass eine Anzeige eine verdammt gute Idee war. Warum hatte ich nicht eher daran gedacht? „Erstens ist es nur eine befristete Stelle. Ich brauche ein Mädchen, das mich zu einer königlichen Hochzeit in Europa begleitet.“

„In Europa?“

„Rumänien, um genau zu sein.“

„Menschenskinder“, war alles, was Großvater dazu sagen konnte.

„Und ich kann nicht viel bezahlen. Ich hoffe, ich werde sie bei meiner Rückkehr bezahlen können.“

Großvater schüttelte seinen Kopf und schnalzte mit der Zunge. „Du steckst ganz schön in der Klemme, was? Was ist mit deinem Bruder und seiner hochnäsigen Frau, können sie kein Dienstmädchen für dich entbehren?“

„Niemand auf Castle Rannoch will nach London reisen, geschweige denn ins Ausland. Ich suche ein abenteuerlustiges Mädchen, aber ich kann es mir nicht leisten, ihm viel zu zahlen.“

„Scheint mir“, sagte Großvater langsam, „dass ein Mädchen diese Position annehmen würde, damit du ihr eine Referenz gibst. Als frühere Angestellte im königlichen Dienst. Das könnte verdammt viel mehr wert sein als Geld.“

„Weißt du was, du hast recht, Großvater. Du bist ein Genie.“ Er strahlte.

„Die Tochter meiner Nichte Doreen sucht zufällig nach Arbeit“, sagte Mrs Huggins prompt. Es war klar, dass sein Vorschlag sie zum Nachdenken gebracht hatte. „Nettes, ruhiges, kleines Ding. Nicht die Hellste, aber es könnte ihr helfen, eine gute Position zu bekommen, wenn sie eine Referenz von einem vornehmen Mädel wie Ihnen hätte. Ich könnte ihr davon erzählen und sie zu Ihnen schicken, wenn sie es versuchen will.“

„Genial“, sagte ich. „Ich wusste, dass es die richtige Entscheidung war, euch beide zu besuchen. Ihr habt immer eine Lösung für mich.“

„Sie gehen also zu einer königlichen Hochzeit, Ihre Ladyschaft?“, fragte Mrs Huggins.

„Ja. Ich werde eine der Brautjungfern sein, aber ich muss nächste Woche abreisen, daher bleibt nicht viel Zeit ein Dienstmädchen einzustellen, das mit mir reist. Dieses Mädchen, das Sie erwähnt haben - sie hat eine Ausbildung zur Hausangestellten, oder?“

„Oh, sie hatte schon einige Anstellungen. Nichts so Pompöses wie bei Ihnen, natürlich. Das wird ein Fortschritt für sie sein. Aber wie ich sagte, sie ist ein ruhiges, beflissenes kleines Ding. Und Sie müssten sich keine Sorgen machen, dass sie mit den Jungs schäkert. Sie hat keine Unze Sex-Appeal, wie man es heute nennt. Hat’n Gesicht wie ’ne Bulldogge, die Ärmste. Aber Sie werden merken, dass sie lernwillig ist.“

Mein Großvater schmunzelte. „Wenn sie Schauspielerin wäre, würde ich dich nicht als ihre Agentin einstellen, ’ettie.“

„Na, ich muss zu Ihrer Ladyschaft doch ehrlich sein, nicht wahr?“

„Ich werde sie nicht nach ihrem Aussehen beurteilen und im Moment kann ich es mir nicht leisten, wählerisch zu sein, fürchte ich.“

„Kann ich ihr dann sagen, dass sie bei Ihnen Zuhause vorbeischauen soll?“

„Sehr gern. Ich freue mich darauf, sie kennenzulernen.“ Ich aß meinen Eintopf auf und schickte mich an aufzustehen. „Ich sollte wirklich wieder zurück nach London fahren, obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich mich darauf freue. Ich habe meinen Bruder und meine Schwägerin zu Besuch.“

„Du kannst gern in unserem Gästezimmer übernachten“, sagte Großvater. „Garstiges Wetter heute Abend.“

Die Versuchung war groß. Die Sicherheit und Geborgenheit von Großvaters kleinem Haus im Gegensatz zu der Kälte, wortwörtlich und im übertragenen Sinne, im Rannoch House mit Fig. Aber ich musste eine Hochzeit vorbereiten und wollte nicht, dass Fig mich verdächtigte, die Nacht bei Darcy verbracht zu haben.

„Nein, ich muss leider zurückfahren“, sagte ich. „Es war so schön, euch zu sehen.“

„Tja, wenn du von Wo-auch-immer zurückkommst, wollen wir alle Einzelheiten erfahren“, sagte Großvater. „Pass auf dich auf in diesen fremden Gefilden.“

„Ich wünschte, ich wäre ein Mann, dann könnte ich dich als meinen Kammerdiener mitnehmen“, sagte ich sehnsüchtig und dachte daran, wie viel schöner es wäre, mit ihm an meiner Seite auf das Festland zu reisen.

„Mich würden keine zehn Pferde in solche heidnischen Gegenden bringen“, sagte Großvater. „Ich war kürzlich in Schottland und das war so exotisch, dass ich für den Rest meines Lebens genug habe, vielen Dank.“

Ich lachte noch immer, als ich durch den Vorgarten ging.

Kapitel 8

Als ich kalt und durchnässt zu Hause ankam, erzählte mir eine selbstzufriedene Fig, dass ein gewisser Mr O’Mara vorbeigekommen sei und erfahren habe, dass Lady Georgiana auf Bitte Ihrer Majestäten an einer königlichen Hochzeit in Europa teilnehmen würde und in Ruhe gelassen werden solle, um sich darauf vorzubereiten. Sie deutete auch an, dass sie ihn dafür gerügt hatte, hinter unschuldigen Mädchen her zu sein und ihm nahegelegt hatte, sich nicht zwischen mich und eine respektable Partie zu drängen.

Als ich das hörte, wurde ich natürlich zornig, aber es war zu spät. Der Schaden war angerichtet. Ich konnte mich nur mit dem Gedanken trösten, dass Darcy Figs Predigt wahrscheinlich höchst amüsant gefunden hatte.

Am nächsten Morgen reisten sie ab und ließen mich zurück, um an ihrem letzten Abend in London die Wärme und den Luxus des Claridges zu genießen. Jetzt musste ich nur noch für meine Reise nach Europa packen und darauf hoffen, dass das versprochene Dienstmädchen auftauchte. Ein Anruf vom Palast informierte mich darüber, dass meine Anstandsdame das Datum ihrer Abreise hatte vorverlegen müssen, also hofften sie, dass ich bis nächsten Dienstag bereit wäre. Fahrkarten und Pässe würden mir zugeschickt werden und ja, man würde Diademe tragen. Ich musste Binky im Claridges anrufen und stellte mir vor, wie Fig angesichts der Kosten, einen Bediensteten mit meinem Diadem aus Schottland herzuschicken, mit den Zähnen knirschte. Aber man konnte es schließlich nicht mit der Post versenden, selbst wenn die Zeit gereicht hätte. Dann wurde mir klar, dass ich nicht genug Zeit hatte, in der Times oder der Morning Post eine Anzeige aufzugeben. Meine einzige Hoffnung war die Verwandte von Mrs Huggins.

Eine Weile sah es so aus, als würde diese Hoffnung enttäuscht werden und ich war kurz davor, zu Belinda zu laufen und zu gestehen, dass ich meine Meinung geändert hatte, als ich ein schüchternes Klopfen am Dienstboteneingang hörte. Zum Glück war ich gerade in der Küche, sonst hätte ich es nicht gehört. Ich öffnete die Tür und draußen im düsteren, klammen Novemberzwielicht stand eine Erscheinung, die aussah wie ein riesiger Igel aus einem Bilderbuch von Beatrix Potter, nur nicht so niedlich. Der Igel entpuppte sich als alter, mottenzerfressener und ziemlich struppiger Pelzmantel und darüber ein knallroter Hut in Form einer umgedrehten Puddingform. Darunter befand sich ein rundes, rotes Gesicht, dessen Wangen fast dieselbe Farbe wie der Hut hatten. Als sie mich sah, breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

„’löchen, Liebes. Ich bin ’ier, um das vornehme Mädel zu sehen, das hier wohnt, wegen der Dienstmädchenstelle. Also ’ier bin ich. Sag ihr flott Bescheid, in Ordnung?“

Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie lustig ich das fand. Ich sagte in meiner herrschaftlichsten Stimme: „Zufällig bin ich das vornehme Mädel, das hier wohnt. Mein Name ist Lady Georgiana Rannoch.“

„Menschenskinder, da brat’ mir doch einer einen Storch“, sagte sie. „Dann tut’s mir schrecklich leid, aber wer erwartet schon, dass ’ne Lady wie Sie die Hintertür öffnet, nich’?“

„Das erwartet niemand“, stimmte ich zu. „Komm doch rein.“

„Tut mir furchtbar leid, Miss“, sagte sie. „Sie sind hoffentlich nich’ beleidigt? Will nich’ zu Anfang einen schlechten Eindruck machen. ’ettie, die Tante meiner Mutter, kennt Ihren Großpapa und sie hat mir gesagt, Sie suchen ein persönliches Dienstmädchen und hat mir vorgeschlagen es zu versuchen.“

„Ich suche ein persönliches Dienstmädchen, das stimmt“, sagte ich. „Leg doch deinen Mantel ab und wir führen das Vorstellungsgespräch hier. Im Moment ist es der wärmste Platz im Haus.“

„Recht haben Sie, Miss“, sagte sie und nahm den Pelzmantel ab, der nun dampfte und ziemlich nach nassem Schaf roch. Unter dem Mantel trug sie einen zu engen selbstgestrickten senfgelben Pullover und einen lilafarbenen Rock. Farbkoordination war eindeutig nicht ihre Stärke. Ich wies auf einen Stuhl am Küchentisch und sie setzte sich. Sie war ein großes Mädchen mit einer Konstitution wie ein Ackergaul und einem stets überraschten und verträumten Gesichtsausdruck. Mir ging durch den Kopf, dass es teuer werden würde, sie zu verköstigen.

„Nun habe ich mich vorgestellt. Wie lautet dein Name?“

„Ich bin Queenie, Miss“, sagte sie. „Queenie ’epplewhite.“

Warum in den unteren Klassen Nachnamen mit H so verbreitet waren, war mir ein Rätsel, da sie alle diesen Buchstaben entweder ignorierten oder nicht aussprechen konnten. Und was ihren Vornamen anging …

„Queenie?“, sagte ich zögernd. „Das ist dein Vorname? Kein Spitzname?“

„Nein, Miss. Einen anderen Namen hab’ ich nich’.“

Ich sah Probleme auf mich zukommen, wenn ein Dienstmädchen namens Queenie bei einer königlichen Hochzeit zugegen wäre, an der mehrere richtige Königinnen teilnehmen würden, aber ich sagte mir, dass die meisten davon kein Englisch sprachen und meinem Dienstmädchen wahrscheinlich nie über den Weg laufen würden.

„Also, sag mir, Queenie“, sagte ich und nahm ihr gegenüber Platz, „ich habe gehört, dass du bereits im Haushalt beschäftigt warst?“

„Oh ja, Miss. Ich hab’ bisher schon in drei Haushalten gearbeitet, aber natürlich noch in keinem, der so pompös war wie dieser.“

„Und warst du dort als Dienstmädchen einer Lady?“

„Eigentlich nich’, Miss. War eher ’n Mädchen für alles, sozusagen.“

„Und wie lang warst du bei deinen früheren Arbeitsgebern?“

„Ungefähr drei Wochen“, sagte sie.

„Drei Wochen? Bei welchem Arbeitgeber warst du nur drei Wochen lang?“

„Bei allen, Miss“, sagte sie.

„Warum nur so kurze Zeit, wenn ich fragen darf?“

„Naja, die letzte Stelle war bei der Metzgerin und sie brauchte nur Hilfe, während sie Bettruhe hielt. Sobald das Kind auf der Welt war, hat sie mich zum Teufel geschickt.“

„Und die anderen beiden?“

Sie kaute auf ihrer Lippe herum, bevor sie sagte: „Tja, die erste hat sich ziemlich aufgeregt, als ich beim Staubwischen ihren Parfumflakon umgestoßen hab’. Alles ist über den Frisiertisch aus Mahagoni gelaufen und hat die Oberfläche weggeätzt, aber das war nich’ der Grund, warum sie sich aufgeregt hat. Anscheinend war’s ein richtig teures Parfum. Sie hat es aus Paris mitgebracht. Oh, Miss, Sie hätten mal hören sollen, welche Ausdrücke sie verwendet hat. Sowas hört man nich’ mal von ’nem Fischweib unten in der Old Kent Road.“

„Und der dritte Arbeitgeber?“ Ich traute mich kaum zu fragen.

„Nun, dort konnte ich einfach nich’ mehr bleiben“, sagte sie. „Nich’, nachdem ich ihr Abendkleid in Brand gesetzt habe.“

„Wie hast du das angestellt?“

„Ich habe beim Kerzenanzünden versehentlich ein Streichholz fallen lassen“, sagte sie. „Es wäre nich’ so schlimm gewesen, aber sie hatte es gerade an. Hat sich auch mächtig drüber aufgeregt, obwohl sie sich kaum verbrannt hatte.“

Ich schluckte schwer und überlegte, was ich dazu sagen sollte.

„Queenie, sieht aus, als wärst du eine absolute Katastrophe“, sagte ich. „Aber zufällig bin ich gerade in einer verzweifelten Lage. Deine Tante hat dir wahrscheinlich mitgeteilt, dass ich ins Ausland zu einer sehr wichtigen Hochzeit reisen muss und nächsten Dienstag aufbreche. Es ist von größter Wichtigkeit, dass ich ein Dienstmädchen mitnehme, das sich um meine Kleider kümmert, mir beim Ankleiden hilft und mich frisiert. Glaubst du, du könntest das hinbekommen?“

„Ich werd’ verdammt noch mal mein Bestes geben, Miss“, versicherte sie.

„Dann lass uns ein paar Sachen klarstellen – erstens, du wirst nicht fluchen oder unpassende Ausdrücke verwenden, und zweitens, ich bin Lady Georgiana, also erwarte ich von dir, mich ‚Mylady‘ und nicht ‚Miss‘ zu nennen. Hast du das verstanden?“

„Na klar, Miss. Mylady, meine ich.“

„Und verstehst du, dass diese Stelle bedeutet, dass du mit mir ins Ausland reist, in ein fremdes Land?“

„Oh ja, Miss. Mylady, meine ich. Ich mach’ alles mit. Es wird ein großer Spaß und warten Sie nur ab, bis ich Nellie ’uxtable unten im Three Bells sehe, die immer damit angibt, dass sie einen Tagesausflug nach Boulogne gemacht hat.“

Immerhin war sie mutig, das musste ich ihr lassen, oder vielleicht war sie auch nur völlig naiv.

„Und was Geld angeht – ich beabsichtige zunächst nicht, dir einen Lohn zu zahlen. Du wirst mit mir reisen und bekommst deine Uniform und natürlich alle Mahlzeiten. Wenn du dich ordentlich anstellst, werde ich dich bei unserer Rückkehr gebührend bezahlen und dir außerdem ein Empfehlungsschreiben ausstellen, das dir überall eine gute Stelle garantiert. Es liegt also in deiner Hand, Queenie. Das ist deine Gelegenheit, etwas aus dir zu machen. Was sagst du? Akzeptierst du meine Bedingungen?“

„Klar wie Kloßbrühe, Miss“, sagte sie und streckte mir eine große, fleischige Hand entgegen.

Ich vereinbarte mit ihr, am Montag zum Rannoch House zu kommen. Sie setzte sich ihren unförmigen Hut auf den Kopf und drehte sich an der Tür zu mir um. „Das werden Sie nich’ bereuen, Miss“, sagte sie. „Ich werde die beste verdammte Kammerzofe sein, die Sie je hatten.“

Also würde ich eine Reise antreten, auf der ich nicht nur Lawinen, Banditen und Wölfen ausgesetzt war, sondern auch der schlechtesten Kammerzofe der Welt, die wahrscheinlich meine Kleider in Brand setzen würde. Ich war gespannt, ob ich das unbeschadet überstehen würde.

Kapitel 9

Rannoch House

Montag, 14. November

Soll morgen zum Festland aufbrechen. Dienstmädchen noch nicht aufgetaucht. Noch nichts von Darcy gehört. Regnet noch immer.

Wie trist das Leben doch sein kann.

Am Montagmorgen hatte ich noch immer nichts von Darcy gehört. Nun würde ich ins Ausland reisen, ohne ihm Bescheid zu geben. Dieser Mann trieb mich wirklich in den Wahnsinn. Ich wusste einfach nicht, woran ich bei ihm war. Manchmal glaubte ich, dass er mich sehr mochte, aber dann ließ er sich wieder eine Ewigkeit nicht blicken. Jedenfalls konnte ich nun nichts daran ändern. Wenn er mir seine Adresse nicht gegeben hatte oder wenigstens vorbeigekommen war, um sich davon zu überzeugen, dass ich Binkys und Figs Besuch überlebt hatte, war es sein Pech.

Queenie tauchte um kurz nach neun auf. Da sie kräftig gebaut war, mussten wir eine Weile lang im Kleiderschrank der Bediensteten herumwühlen, bis wir eine Uniform fanden, die ihr passte und respektabel aussah. Als sie in den Spiegel schaute, wirkte sie sehr zufrieden mit sich selbst.

„Na so was aber auch. Jetzt seh’ ich ja wie ein echtes Dienstmädchen aus, nich’ wahr Miss, ich meine M’lady?“

„Wollen wir hoffen, dass du auch lernst, dich wie eines zu verhalten, Queenie“, sagte ich. „Ich nehme an, du hast deinen Koffer mit den Sachen, die du für die Reise brauchst, mitgebracht. Du kannst jetzt in mein Zimmer gehen und die Kleider einpacken, die ich brauche. Nimm das Seidenpapier mit, damit nichts zerknittert.“

Wir verbrachten einen ziemlich angespannten Morgen, nachdem ich sie davon abgehalten hatte, meine Stiefel mit meinem samtenen Abendkleid einzuwickeln, aber schließlich war alles fertig. Tickets, Reisepässe und Empfehlungsschreiben wurden vom Palace zugestellt. Mein Diadem kam per Kurier von Castle Rannoch an und Binky hatte großzügig ein paar Sovereigns in das Paket gesteckt, mit einer Nachricht, die lautete:

Ich gehe davon aus, dass bei der Reise ein paar zusätzliche Kosten anfallen werden. Tut mir leid, dass es nicht mehr ist.

Er war ein liebenswerter Mensch, nutzlos, aber liebenswert. Das Geld erlaubte es uns zumindest, am Dienstagmorgen, dem 15. November, ein Taxi zur Victoria Station zu nehmen. Als ich einem Gepäckträger zum Bahnsteig folgte, wo der Fährzug abfuhr, spürte ich einen plötzlichen Anflug von Aufregung. Ich würde wirklich ins Ausland reisen. Ich würde an einer königlichen Hochzeit teilnehmen, auch wenn es nur die von Mond-Matty war. Mein Abteil wurde ausfindig gemacht, der Gepäckträger machte sich mit meinen Koffern auf den Weg zum Gepäckwagen und ließ mich mit meinem Handgepäck zurück. Ich wusste, dass ich unter normalen Umständen meine Schmuckschatulle meinem Dienstmädchen anvertraut hätte, aber ich fürchtete, Queenie könnte versuchen, mein Diadem anzuprobieren oder würde die Rubine in den Abfluss fallen lassen.

„Du solltest jetzt gehen und deinen Sitzplatz suchen, Queenie“, sagte ich. „Hier ist dein Ticket.“

„Meinen Sitzplatz?“ Ihr Gesicht nahm einen panischen Ausdruck an. „Sie meinen, ich reise nich’ mit Ihnen?“

„Das hier ist die erste Klasse. Bedienstete reisen immer dritter Klasse“, sagte ich. „Mach dir keine Sorgen. Wir treffen uns auf dem Bahnsteig mit unserem Gepäck, sobald wir in Dover angekommen sind. Und ich nehme an, das Dienstmädchen meiner Anstandsdame wird neben dir sitzen, also kannst du dich mit jemandem unterhalten. Oh, und Queenie, bitte erzähl den anderen Dienstmädchen nicht, dass du erst einen Tag in meinem Dienst stehst oder dass du das Kleid deiner letzten Arbeitgeberin in Brand gesetzt hast.“

„Recht haben Sie, Miss“, sagte sie, dann legte sie kichernd eine Hand über ihren Mund. „Ich kann mich einfach nicht dran gewöhnen ‚Mylady‘ zu sagen. Ich war schon immer ein bisschen schwer von Begriff. Mein alter Paps sagt, dass ich als Baby auf den Kopf gefallen bin.“

Na wunderbar. Das sagte sie mir jetzt. Wahrscheinlich fiel sie öfter in Ohnmacht oder bekam Anfälle. Ich wünschte mir allmählich, dass ich Belindas Angebot doch angenommen hätte. Ich hatte sie besucht, um ihr die lustige Geschichte von meinem neuen Dienstmädchen zu erzählen, aber weder Belinda oder ihr Dienstmädchen waren zu Hause gewesen. Es bedeutete wohl, dass sie wieder an einen wärmeren Ort geflüchtet war. Ich konnte es ihr nicht verübeln.

Eine sehr nervöse Queenie ging den Bahnsteig entlang, um die Wagen der dritten Klasse zu suchen. Als ich ihr nachsah, dachte ich über die Ironie nach, dass mein Dienstmädchen einen Pelzmantel trug, während ich nur guten schottischen Harris-Tweed hatte. Einige Mädchen bekamen zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag einen Pelzmantel geschenkt. Ich war versucht gewesen, mir mit dem Scheck einen zu kaufen, den mir Sir Hubert geschickt hatte, derjenige von Mutters vielen Ehemännern und Liebhabern, den ich am meisten mochte, aber glücklicherweise hatte ich ihn stattdessen eingelöst. Das Geld hatte mich mehr als ein Jahr lang über Wasser gehalten, war aber schließlich ausgegangen. Der Gedanke an Sir Hubert weckte eine Erinnerung. Er war noch in der Schweiz und erholte sich von einem schrecklichen Unfall (oder war es ein Mordversuch gewesen? Wir würden es wohl nie erfahren). Ich konnte ihn auf dem Heimweg besuchen. Ich würde ihm ein paar Zeilen schreiben, sobald ich angekommen war.

Als ich allein im Abteil war, fielen mir zwei Dinge auf. Das eine war, dass meine Anstandsdame nicht aufgetaucht war und das andere war, dass ich keine Ahnung hatte, was genau unser Ziel war. Wenn sie nicht auftauchte, wüsste ich nicht einmal, an welcher Station wir aussteigen müssten. Himmel, so viele Dinge, über die ich mir Sorgen machen musste.

Die Abfahrt rückte immer näher und ich ging nervös auf und ab. Ich versicherte mich gerade zum wiederholten Mal, dass meine Schmuckschatulle sicher in der Gepäckablage verstaut war, als die Tür zu meinem Abteil aufgestoßen wurde und eine Stimme hinter mir sagte: „Du, Mädchen, was tust du hier drin? Dienstmädchen gehören in die dritte Klasse. Und wo ist deine Herrin?“

Ich drehte mich um und stand einer mageren, pferdegesichtigen Frau in einem langen, persischen Cape aus Lammfell gegenüber. Hinter ihr stand eine sehr überlegen wirkende Gestalt in schwarz, die mit verschiedenen Hutschachteln und Reisetaschen beladen war. Beide starrten mich an, als wäre ich etwas, das sie eben von ihrer Schuhsohle gekratzt hatten.

„Ich glaube, hier handelt es sich um ein Missverständnis. Ich bin Lady Georgiana Rannoch und das ist mein Abteil“, sagte ich.

Das Pferdegesicht wurde sichtlich blasser. „Oh, entschuldigen Sie vielmals. Ich habe nur Ihren Rücken gesehen und Sie müssen zugeben, dass dieser Mantel nicht der eleganteste ist, daher habe ich natürlich angenommen …“

Sie rang sich ein herzliches Lächeln ab und streckte ihre Hand aus. „Middlesex“, sagte sie.

„Wie bitte?“

„Mein Name. Lady Middlesex. Ihre Begleiterin für die Reise. Hat Ihre Majestät Ihnen nicht Bescheid gesagt?“

„Sie teilte mir mit, dass eine Anstandsdame kommen würde, aber sie hat mir nicht Ihren Namen genannt.“

„Nicht? Ausgesprochen ineffizient von ihr. Sieht ihr nicht ähnlich. Normalerweise ist sie bei solchen Dingen überaus genau. Sie macht sich natürlich Sorgen um den König. Geht ihm gar nicht gut.“

Während wir sprachen, drückte sie die ganze Zeit über energisch meine Hand. In der Zwischenzeit war die Gestalt in Schwarz an uns vorbeigehuscht und war damit beschäftigt, die Koffer auf die Gepäckablage zu laden.

„Alles fertig, Mylady“, sagte sie mit starkem französischem Akzent. „Ich werde mich in meinen eigenen Bereich zurückziehen.“

„Wunderbar. Danke, Chantal.“ Lady Middlesex beugte sich näher zu mir. „Ein absoluter Schatz. Könnte nicht ohne sie reisen. Ist mir natürlich absolut hörig. Betet mich an. Ist ihr egal, wohin wir gehen oder welche Schwierigkeiten sie durchmachen muss. Wir sind gerade auf dem Weg nach Bagdad, müssen Sie wissen. Verflixt scheußlicher Ort, man geht im Sommer vor Hitze ein und friert im Winter, aber mein Gatte ist dort als britischer Attaché stationiert. Sie schicken ihn immer an die Orte, an denen sie mit Schwierigkeiten rechnen. Verdammt starker Mann, Lord Middlesex. Lässt sich von den Eingeborenen nicht auf der Nase herumtanzen.“

Ich fragte mich, wie sich Chantal mit Queenie verstehen würde. Unsere Tür wurde zugeschlagen und eine Pfeife ertönte.

„Ah, es geht los. Genau pünktlich. Herrlich ist das, ich liebe Pünktlichkeit. Bestehe zu Hause peinlich genau darauf. Wir dinieren um Punkt acht Uhr. Sollte ein Gast jemals wagen, zu spät aufzutauchen, wird er bemerken, dass wir schon ohne ihn begonnen haben.“

Ich war versucht, sie daran zu erinnern, dass sie selbst beinahe den Zug verpasst hätte, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass sie nicht mit zu der Hochzeit kommen würde. Ich würde aussteigen und sie würde nach Bagdad weiterreisen, wo sie die Eingeborenen herumkommandieren konnte. Wir setzten uns in Bewegung, zuerst langsam, an trostlosen grauen Gebäuden vorbei, dann überquerten wir die Themse und wurden immer schneller, bis die Gärten verschwammen und wir hinaus aufs Land fuhren. Es war ein strahlender Herbsttag. Tage wie dieser ließen mich an die Jagd denken. Wolken fegten über den klaren blauen Himmel. Auf den Weiden grasten Schafe. Lady M. kommentierte in einem fort die Orte, an denen Lord Middlesex für britisches Recht und britische Ordnung gesorgt und sie selbst die eingeborenen Frauen in richtiger britischer Körperpflege unterwiesen hatte. „Sie haben mich natürlich angebetet“, sagte sie. „Aber ich muss zugeben, dass das Leben im Ausland ein Opfer ist, das ich für meinen Mann bringe. War schon seit Jahren nicht mehr auf einer ordentlichen Jagd. Wir haben uns in Shanghai einer Jagdgesellschaft angeschlossen, aber es ging nur über die Äcker der Bauern und das ist nicht so erfreulich wie eine schöne, weite Landschaft, nicht wahr? Und all diese albernen kleinen Leute, die nach uns gerufen und ihre Fäuste geschüttelt und die Pferde verschreckt haben.“

Es würde eine sehr lange Reise werden.

In Dover stiegen wir aus dem Zug und trafen auf Queenie und Chantal.

„Heilige Muttergottes, was ist das?“, wollte Lady Middlesex wissen, als sie Queenie erblickte, die wieder ihren struppigen Pelzmantel und ihren roten Hut trug.

„Mein Dienstmädchen“, sagte ich.

„Sie lassen sie so herumlaufen?“

„Andere Sachen besitzt sie nicht.“

„Dann hätten Sie sie angemessen einkleiden müssen. Mein liebes Mädchen, wenn Sie Ihre Bediensteten herumlaufen lassen wie übergroße Blumentöpfe, machen Sie sich zum Gespött der Leute. Ich erlaube Chantal nur schwarze Kleidung. Farben sind Leuten aus unserer Schicht vorbehalten. Komm jetzt, Chantal.“ Sie wandte sich ihrem Dienstmädchen zu. „Meine Reisetaschen. Und ich möchte, dass du diese Gepäckträger keine Sekunde aus den Augen lässt, bis die Koffer sicher an Bord des Schiffs sind, ist das klar?“

„Das gilt auch für dich, Queenie“, sagte ich.

„Bin noch nie auf ’nem Schiff gewesen, Miss“, sagte Queenie, die bereits grün im Gesicht war, „abgesehen von der Saucy Sally am Pier in Clacton. Was, wenn ich seekrank werde?“

„Unsinn“, sagte Lady Middlesex. „Sag dir einfach, dass dir nicht schlecht wird. Deine Herrin erlaubt es nicht. Nun geh schon und keine Trödelei.“ Sie drehte sich zu mir um. „Dieses Mädchen braucht eine strenge Hand, und zwar dringend.“

Dann marschierte sie vor mir in Richtung des Landungsstegs. Es war eine angenehme Überfahrt mit gerade genug Wellengang, um einen daran zu erinnern, dass man auf einem Schiff war. Lady Middlesex und ich aßen im Speisesaal zu Mittag (sie hatte einen gesegneten Appetit und verschlang alles in Reichweite) und traten rechtzeitig aufs Deck hinaus, um die französische Küste vor uns sehen zu können. Wir trafen auf Queenie, die sich ans Geländer klammerte, als wäre es ihre einzige Überlebenshoffnung.

„Schaukelt ganz schön, was, Miss?“, sagte sie.

„Deine Herrin sollte mit ‚Ihre Ladyschaft‘ angesprochen werden“, sagte Lady Middlesex entsetzt. „Wo hat sie nur ein so unpassendes Dienstmädchen gefunden? Reiß dich zusammen, Mädchen, oder du wirst mit dem nächsten Boot nach Hause geschickt.“

Du liebes bisschen. Ich war mir sicher, dass Queenie im Augenblick genau das wollte.

„Queenie ist noch in der Ausbildung“, beeilte ich mich zu sagen. „Ich bin mir sicher, dass sie bald fantastisch sein wird.“

Lady Middlesex rümpfte die Nase. Wir liefen im Hafen von Calais ein und dann rauschten wir am Zoll und an der Einreisebehörde vorbei, was Lady M. und den königlichen Papieren zu verdanken war, die uns erlaubten, die langen Schlangen und die Zollstation zu überspringen. Ich musste zugeben, dass sie beeindruckend war – furchteinflößend, aber bewundernswert. Sie drangsalierte die französischen Hafenarbeiter und Gepäckträger, bis das Gepäck verladen war und wir wohlbehalten in unseren Wagons-Lits-Abteilen im Arlberg Orient Express saßen.

„Nun geh schon“, sagte Lady Middlesex und scheuchte Chantal fort, als wäre sie eine lästige Fliege. „Und nimm Lady Georgianas Dienstmädchen mit.“

Ich war erleichtert, als ich herausfand, dass ich mein eigenes Schlafabteil hatte und es nicht mit Lady Middlesex teilen musste. Ich wollte gerade auf den Gang hinaustreten, als ich Worte vernahm, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie Lady Middlesex über die Lippen kommen würden.

„Ah, da sind Sie ja endlich, Dear Heart.“

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Lady Middlesex irgendjemanden „Dear Heart“, Herzallerliebste, nannte, also schob ich brennend vor Neugier meine Tür auf. Eine Frau in den mittleren Jahren, die unbestreitbar altbacken aussah, kam mit einem unhandlichen und ramponierten Koffer den Gang entlang. Über einem unförmigen Mantel trug sie eine Baskenmütze und einen Schal, die offensichtlich selbstgestrickt waren, und sie sah erhitzt und gestresst aus.

„Oh, mir ging es furchtbar, Lady M., ganz furchtbar. Auf dem Schiff saßen mir zwei abscheuliche Männer gegenüber. Ich könnte schwören, dass sie internationale Kriminelle waren – sie sahen so schmierig aus und flüsterten unablässig miteinander. Gott sei Dank war es keine nächtliche Überfahrt oder ich wäre in meiner Koje ermordet worden.“

„Das glaube ich kaum, Dear Heart“, sagte Lady Middlesex. „Sie besitzen nichts, was sich zu stehlen lohnt, und sie waren bestimmt nicht an Ihrem Körper interessiert.“

„Oh, Lady M., also wirklich!“ Die Frau errötete.

„Nun, jetzt sind Sie hier und alles ist gut gegangen“, sagte Lady Middlesex. „Ah, Lady Georgiana, lassen Sie mich Sie einander vorstellen. Das ist meine Gesellschafterin, Miss Deer-Harte.“

„Welche Ehre, Sie kennenzulernen, Lady Georgiana.“ Sie vollführte einen unbeholfenen Knicks, da sie noch immer den großen Koffer umklammert hielt. „Bestimmt werden wir uns auf dem Weg durch Europa prächtig unterhalten. Wollen wir beten, dass es dieses Mal keine Schneestürme gibt und dass keines dieser trostlosen Balkanländer Krieg mit seinem Nachbarn anfängt.“

„Immer so pessimistisch, Deer-Harte“, sagte Lady Middlesex. „Reißen Sie sich zusammen. Strengen Sie sich an, ja? Ihr Abteil ist gleich da drüben. Warum Sie sich mit diesem Koffer abgemüht haben, anstatt einen Gepäckträger zu engagieren, will mir nicht in den Kopf.“

„Aber Sie wissen doch, wie hoffnungslos ich bin, wenn es um fremde Währungen geht, Lady M. Ich habe immer furchtbare Angst davor, ihnen ein Pfund zu geben, wenn ich eigentlich einen Schilling geben will. Und mit diesen schwarzen Schnurrbärten sehen sie immer so unheimlich aus, dass ich fürchte, sie würden sich mit meinen Taschen aus dem Staub machen und ich würde sie nie wiedersehen.“

„Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass niemand Ihre Taschen wollen würde“, sagte Lady Middlesex. „Jetzt gehen Sie schon, um Himmels willen, und richten Sie sich ein, dann werden wir den Speisewagen aufsuchen und herausfinden, ob sie einen genießbaren Tee zustande bringen.“

Als sie zu Ende gesprochen hatte, blickte sie den Flur hinunter und öffnete entsetzt ihren Mund. „Was in Gottes Namen?“

Queenie eilte auf uns zu und drängte sich blindlings an den Leuten vorbei. Sie packte mich und klammerte sich wie eine Ertrinkende an meinen Ärmel. „Oh, M’lady“, keuchte sie, „kann ich nich’ mit Ihnen kommen? Ich kann nich’ da hinten bleiben. Es sind alles ausländische Leute. Sprechen ausländisch und benehmen sich ausländisch. Ich habe Angst, M’lady.“

„Du hast nichts zu befürchten, Queenie“, sagte ich. „Du hast Chantal, die schon oft mit diesen Zügen gereist ist und auch die Sprache spricht. Frag sie, wenn du etwas brauchst.“

„Was, etwa die mit dem kantigen Gesicht?“, wollte Queenie wissen. „Sie schaut mich mit ’nem Blick an, der die Milch sauer werden lässt. Und sie spricht auch ausländisch. Ich wusste nicht, dass sie so – nun ja, ausländisch sein würde.“

Lady Middlesex ging auf das verängstigte Mädchen zu. „Reiß dich zusammen, Mädchen. Du blamierst deine Herrin mit dieser Szene. Es steht außer Frage, dass du in der ersten Klasse bei den Höhergestellten bleibst. Bei Chantal bist du absolut sicher. Sie bereist die ganze Welt mit mir. Jetzt geh in dein eigenes Abteil zurück und bleib dort, bis Chantal dir sagt, dass du gehen kannst. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Queenie stieß ein Winseln aus, nickte aber und eilte wieder den Gang hinunter.

„Sie müssen bei diesen Mädchen hart bleiben“, sagte Lady Middlesex. „Kein Rückgrat, das ist das Problem. Schande für die englische Rasse. Nun lassen Sie uns nachsehen, ob diese Franzosen eine ordentliche Tasse Tee kochen können.“

Mit diesen Worten marschierte sie vor mir den Gang entlang.

Kapitel 10

In einem Zug durch Europa

Dienstag und Mittwoch, 15. und 16. November

Gott sei Dank reist Lady Middlesex weiter nach Bagdad. Ich glaube nicht, dass ich ihre Gesellschaft länger als eine Nacht ertragen könnte. Erinnert mich an die kurze und unglückliche Episode, als ich den Pfadfinderinnen beitreten wollte und im Anfängertest durchgefallen bin.

Wenig später saßen wir in einem Speisewagen und tranken das, was man hier als Tee bezeichnete – es hatte die hellbraune Farbe von Brackwasser und darin schwamm eine Scheibe Zitrone.

„Sie haben keine Ahnung“, sagte Lady Middlesex. „Ich weiß nicht, wie die Franzosen ohne richtigen Tee auskommen. Kein Wunder, dass sie immer so blass aussehen. Ich habe versucht, ihnen zu zeigen, wie man es richtig macht, aber sie wollen einfach nicht lernen. Ach ja, man muss leiden, wenn man ins Ausland reist. Schon gut, Deer-Harte, Sie werden anständigen Tee bekommen, sobald wir die Botschaft in Bagdad erreichen.“

„Und was genau ist Ihr Ziel, Lady Georgiana?“, fragte Miss Deer-Harte und nahm ihren fünften Keks.

„Lady Georgiana wird Ihre Majestät bei einer königlichen Hochzeit in Rumänien vertreten.“

„In Rumänien? Gütiger Himmel - so ein sonderbarer Ort. So gefährlich.“

„Unsinn“, sagte Lady Middlesex. „Ich dachte, ich hätte es in meinem letzten Brief an Sie erwähnt.“

„Das mag sein, aber leider hat das ungezogene kleine Hündchen meiner Mutter, Towser, den Brief gefunden und eine Ecke davon abgebissen. Er ist so ein Schlingel.“

„Egal. Wir sind jetzt alle hier und werden Lady Georgiana zu ihrem Ziel in den transsilvanischen Bergen begleiten.“

„Ich bin sicher, dass es nicht nötig sein wird, Ihre Reise zu unterbrechen“, sagte ich hastig. „Ich hoffe, dass am Bahnhof ein Wagen auf mich wartet.“

„Unsinn. Die Königin hat mich ausdrücklich gebeten, Sie sicher zum Schloss zu bringen, und ich bin niemand, der sich seiner Pflicht entzieht.“

„Aber Lady M., ein Schloss in den transsilvanischen Bergen, und das zu dieser Jahreszeit“, sagte Miss Deer-Harte mit zitternder Stimme. „Wir werden von Wölfen angegriffen werden oder Schlimmeres. Und was ist mit Vampiren?“

„Was für einen Stuss Sie reden, Deer-Harte“, sagte Lady Middlesex. „Vampire. Was kommt wohl als Nächstes?“

„Aber Transsilvanien ist eine wahre Brutstätte für Vampire. Das ist allgemein bekannt.“

„Nur in Kindermärchen. Es gibt keine Vampire im wirklichen Leben, Deer-Harte, es sei denn, man meint die Fledermäuse in Südamerika. Und was Wölfe betrifft, so glaube ich kaum, dass sie sich auf einer gut befahrenen Straße durch einen soliden Wagen beißen können.“

Lady Middlesex leerte ihre Teetasse und ich starrte aus dem Fenster auf die winterliche Landschaft in der Dämmerung. Reihen von kahlen Pappeln zogen zwischen trostlosen Feldern an uns vorüber. Die Bauernhäuser waren bereits hell erleuchtet. Nun, da ich wieder im Ausland war, durchströmte mich Erregung.

„Was starren Sie so, Deer-Harte?“, fragte Lady Middlesex mit dröhnender Stimme.

„Das Paar auf der anderen Seite des Ganges“, flüsterte sie gut vernehmlich. „Ich bin sicher, dass diese junge Frau nicht seine Gemahlin ist. Sehen Sie sich die schamlose Art an, wie er ihre Hand über dem Tisch hält. So etwas passiert, sobald man einen Fuß auf das Festland setzt. Und der bärtige Mann in der Ecke. Er ist offensichtlich ein internationaler Meuchelmörder. Ich hoffe, unsere Abteiltüren können von innen verschlossen werden, sonst werden wir in unseren Betten ermordet.“

„Müssen Sie überall, wo wir hingehen, Gefahren wittern?“, wollte Lady Middlesex gereizt wissen.

„Normalerweise lauern überall wo wir hingehen Gefahren.“

„Papperlapapp. Ich war noch nie im Leben in echter Gefahr“, sagte Lady Middlesex.

„Was ist mit damals in Ostafrika?“

„Nur ein paar Massai, die uns mit ihren Speeren zuwinkten. Also wirklich, Sie machen einen Aufstand um nichts. Sie sind das reinste Nervenbündel, Weib. Reißen Sie sich am Riemen.“

Ich versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken. Es war eine so unwahrscheinliche Beziehung – ich fragte mich, warum um alles in der Welt die herrische und zupackende Lady Middlesex eine so einfältige Wichtigtuerin als ihre Gesellschafterin ausgewählt hatte und warum Miss Deer-Harte eine Anstellung angenommen hatte, die sie von einem ungemütlichen, gefährlichen Ort zum nächsten führte.

Bei Einbruch der Dunkelheit näherten wir uns Paris. Ich spähte durch das Fenster in der Hoffnung, einen Blick auf den Eiffelturm oder eine andere bekannte Sehenswürdigkeit zu erhaschen, aber alles, was man in der Dunkelheit erkennen konnte, waren kleine Seitenstraßen, deren Geschäfte bereits geschlossen waren, und hin und wieder ein Café Tabac an einer Straßenecke. Wenn ich nur Geld hätte, dachte ich, dann würde ich eine Zeit lang in Paris leben. Ich malte mir ein Leben als verruchte Bohemienne aus.

Die französische Unfähigkeit, was Tee anging, wurde kurz nachdem wir Paris hinter uns gelassen hatten von einem köstlichen Abendessen mit Jakobsmuscheln und Bœuf Bourguignon mehr als wettgemacht. Lady M. führte ihren Monolog fort und wurde nur von Miss Deer-Harte unterbrochen, die einen weiteren internationalen Kriminellen entdeckt hatte und erneut ihre Befürchtung vorbrachte, wir würden alle in unseren Betten ermordet werden. Zum Ende des Abendessens, als wir genüsslich eine spektakuläre Eisbombe verspeisten, beugte Miss Deer-Harte sich zu uns. „Jemand spioniert uns nach“, flüsterte sie. „Ich habe es vorhin schon gedacht und jetzt bin ich mir sicher. Jemand beobachtete uns durch die Tür zum Speisewagen und als ich versuchte, einen genauen Blick auf ihn zu werfen, ging er hastig fort.“

Autoren

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    Rhys Bowen (Autor)

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    Sarah Schemske (Übersetzung)

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Titel: Adel unter Verdacht