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Ein Schotte zum Küssen?

von Katherine Collins (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nach einem imposanten und romantischen Heiratsantrag in Paris wollen Reality-TV-Sternchen Hailey McGregor und Scheich Hafidh al Abdil den Bund der Ehe schließen. Die Einschaltquoten von Haileys neuer TV-Show werden bei der Live-Übertragung der Hochzeit in die Höhe schießen, da ist sich Hailey sicher. Und das malerische Schlosshotel Farquhar außerhalb von Inverness eignet sich perfekt für die Hochzeitsfeier.
Doch in den zwei Wochen bis zur Hochzeit lernt Hailey ihren Verlobten Hafidh erst richtig kennen. Ist er wirklich der Traummann, der er vorgibt zu sein? Zu allem Überfluss verbringt sie viel Zeit mit dessen schottischem Geschäftspartner Padraig McTiernan, der keine Chance auslässt, um Hailey in Verlegenheit zu bringen. Dumm nur, dass sie bei seinem Anblick weiche Knie bekommt – und das, obwohl der Tag der Hochzeit immer näher rückt … Hailey muss sich entscheiden: für die Glitzer-Welt oder für ihre Gefühle.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2019

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-902-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-957-2

Covergestaltung: Vivien Summer
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Andrij Garry, © Henner Damke, © pxl.store, © Bokeh Blur Background, © Fedorov Ivan Sergeevich
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Ich warf unauffällig einen Blick zur Kamera. Es war mein erster Tag als Reality-TV-Sternchen und obwohl ich es durchaus gewohnt war zu posieren, verkrampfte sich mein Gedärm. Das rote Lämpchen leuchtete, was bedeutete, dass die Aufnahme bereits lief. Also setzte ich mein strahlendstes Lächeln auf, auch wenn es schmerzte, und zwinkerte in die Kamera.

»Miss McGregor«, mahnte Paul Conniers, der Aufnahmeleiter von She flys with the wind, meiner neuen Show, und brach damit seine eigene Regel. »Sie sollen sich ganz natürlich verhalten. Tun Sie so, als wären wir nicht hier!«

Ich verbiss mir den Widerspruch, lächelte, nickte und ließ das Trio stehen, das aus einem Kameramann, dem Tontechniker und Paul bestand.

»Miss McGregor!«, rief Letzterer mir nach, was ich vorausgesehen hatte. Ich ignorierte ihn, schlüpfte durch die aufgehaltene Tür und sprach den Demichef de Rang an.

»Wir haben reserviert. Al-Abdil?«

Paul holte zu mir auf. Er griff nach meinem Ellbogen, nachdem ich dem Restaurantangestellten meinen Mantel überlassen hatte.

»Miss McGregor, Sie haben sich unseren Bedingungen anzupassen! Das hier ist keine YouTube-Spielerei mehr!«

Zugegeben, ich war es leid, wie ein Dummerchen behandelt zu werden. Nur weil ich mein halbes Leben lang als Püppchen Videos online stellte, war ich keine Idiotin. Genervt stellte ich mich der Konfrontation.

»Sie haben einen Vertrag unterschrieben!«

»Paul … ich darf doch Paul sagen?« Mein linker Mundwinkel zuckte, es wurde aber kein Grinsen. »Entweder ich verhalte mich, als ob Sie nicht da wären …«, ich deutete knapp auf die Techniker, die endlich aufgeschlossen hatten und Kamera und Mikrofon direkt auf mich richteten, »… oder ich achte darauf, dass Sie den Anschluss nicht verlieren.« Ich hob die Brauen. »Was soll es sein?«

Paul biss sich auf die Zunge, wobei er mich nicht aus den Augen ließ. Sicherlich überlegte er, wie er mich für meine freche Art bestrafen konnte. Ich kannte diesen Blick zur Genüge, schließlich war mein Stiefvater Sean Johnston doch ebenfalls Meister darin, nonverbale Drohungen auszusenden.

»Miss McGregor, Sie sollten Ihre Zunge hüten!«

»Das Konzept sieht das aber nicht vor, Paul. Laut meines Vertrages mit Ihrem Arbeitgeber der GAE soll mein Vlog eins zu eins auf das Fernsehen übertragen werden.«

Paul verkniff die ohnehin schmalen Lippen. Sein Blick war nun darauf ausgelegt, mich zu töten.

»Ma’am?«, sprach der Demichef de Rang mich an, da sich hinter der Kameracrew bereits eine Schlange bildete. »Mr Al-Abdil wartet bereits auf Sie.« Er deutete mit der behandschuhten Hand in den Saal, oder genauer in dessen Richtung, denn der Eingang wurde durch eine Wand von den Speisenden abgegrenzt.

»Bitte verzeihen Sie«, griff ich die Möglichkeit auf, Paul erneut zu brüskieren.

Ich wollte nicht hier sein. Nicht mit der Kamera, denn mein Date hielt ich für etwas Privates und es sollte auch so bleiben. Schön, ich hatte ihn auf meinem Vlog einige Male erwähnt, um die Abrufquoten zu erhöhen, was hervorragend funktioniert hatte, aber gesehen hatte ihn bisher niemand. Nicht einmal ich selbst kannte ihn persönlich, denn wir hatten bisher lediglich Fotos getauscht und via Voicemail kommuniziert.

Hafidh und ich führten eine Online-Romanze, die nun auf ihren Höhepunkt zusteuerte: der Übertragung in die Realität. Das machte mich gehörig nervös, weshalb ich noch streitsüchtiger reagierte als sonst. Allerdings nahm ich mich gewöhnlich für meinen Vlog zurück, um nicht negativ aufzufallen.

»Ich möchte Al-Abdil nicht länger warten lassen.«

Der Demichef de Rang führte mich persönlich zu meinem Tisch, von dem ein Mann in langem, weißem Kaftan aufstand. Verwirrt blieb ich stehen, denn er sah den Fotografien gar nicht ähnlich. Seine dunklen Augen durchbohrten mich ähnlich unfreundlich wie jene von Paul zuvor, der zumindest hübsche, blaue Iriden besaß.

Mein Stocken blieb sicherlich nicht unbemerkt, auch wenn ich meine Miene fest im Griff hatte und meine Missstimmung über die offensichtliche Lüge nicht abzulesen war. Ich hatte einen westlich gekleideten Mann erwartet, auch wenn ich wusste, dass ich mit einem Araber verabredet war, der die Staaten lediglich besuchte.

Ich spürte die Kamera in meinem Rücken, wusste, dass die Aufnahme lief und meine Reaktionen aufzeichnete. Also trat ich vor, ein Lächeln auf den Lippen, das gewöhnlich immer eine positive Reaktion in meinem Gegenüber hervorrief, und streckte die Hand aus.

»Hallo.«

Der ätzende Blick meines Gegenübers rutschte an mir herab und blieb an meinen Fingern hängen. Seine Worte waren unverständlich und klangen unglaublich rüde, dennoch behielt ich mein Lächeln bei, so schwer es mir nach dem vorherigen Zusammenstoß mit Paul auch fiel. Ich hatte mit einem Desaster gerechnet, allerdings nicht, dass ich scheitern könnte, bevor die Vorstellung überhaupt stattgefunden hatte. Nervös bemühte ich mich um einen zusätzlichen Funken in meinem Strahlen und hielt meine Stimme betont höflich.

»Ich bin Hailey, es ist mir eine Freude, dir endlich persönlich begegnen zu können.«

Noch immer starrte er mich lediglich an. In seiner Miene arbeitete es, sie zu deuten, vermochte ich jedoch nicht.

Langsam ließ ich die Hand sinken, nicht sicher, wie ich ohne Peinlichkeit aus dieser Situation herauskommen sollte. Ich bliebe sicherlich nicht für das geplante Dinner mit diesem ungehobelten Kerl! Andererseits hatte ich kaum eine Wahl, schließlich hatte ich keine Alternativen vorgeplant und wollte vor Paul auch nicht dumm dastehen. Innerlich haderte ich mit mir. Wenn ich nur standhaft geblieben wäre und das Date privat gehalten hätte, anstatt mich mit Einschaltquoten locken zu lassen!

Die Kamera hatte sich um mich herumgearbeitet und nahm mich nun frontal auf. Paul und Lex, der Tontechniker, blockierten mit ihm den Gang, obwohl der Tisch so gewählt worden war, dass andere Gäste nicht belästigt wurden.

Die Drehgenehmigung hatten sie nur dank Hafidh erhalten, da das Format meiner Show nicht dem Image des Sternerestaurants entsprach.

Er bereute es nun offensichtlich.

»Habibati, du bist pünktlich!«, wurde ich angesprochen, als ich mich gerade dazu durchrang, kleinbeizugeben und mich zu verabschieden. Ich musste mich drehen, um ihn ins Auge zu fassen und wäre dann beinahe in wildes Lachen ausgebrochen. Vor mir stand ein recht genauer Abklatsch zu dem Bild, das ich mir von Hafidh gemacht hatte. Seine Augen waren so braun, dass sie schon fast schwarz wirkten. Seine langen, dunklen Wimpern weckten bitteren Neid, denn als Rothaarige waren meine kaum zu erkennen.

Sein ebenfalls schwarzes Haar war mit Gel zurückgekämmt und leicht gelockt. Dies war mir gleich an ihm aufgefallen, als ich die ersten Bilder von ihm erhalten hatte. Und er trug, ganz westlich, einen Anzug. Ein Manko war gleich offensichtlich: Er war nicht so groß wie erhofft. Zwar war ich selbst klein, aber er überragte mich kaum einen halben Kopf weit.

Hafidh griff nach meiner Hand, um sie altmodisch an die Lippen zu heben, ohne dabei den Blick von mir zu nehmen. Es wirkte verteufelt verrucht, was allerdings nicht ganz zu ihm zu passen schien. Mein Date war definitiv ein Hingucker und das versprach zumindest einen angenehmen Abend.

»Du siehst wunderschön aus. Ich hoffe, Hassan hat sich benommen?« Er drehte mich bei seinen Worten und ich bekam den anderen Araber wieder in mein Blickfeld. »Ein Cousin, er wird uns beschützen.«

Meinen trockenen Gedanken wovor, verkniff ich mir laut auszusprechen, stattdessen atmete ich erleichtert aus und gönnte mir endlich den Rundumblick. Obwohl ich gute Restaurants gewohnt war, beeindruckte mich die schlichte, aber edle Ausstattung. Es gab kleine Separees mit Einzeltischen oder einer Gruppe von maximal vieren, so dass man sich an jedem Ort des Raumes abgeschieden fühlte. Noch während ich mich umsah, legte sich Hafidhs Hand in meinen nackten Rücken und schob mich vorwärts. Hassan wich aus, wodurch ich auf der Bank Platz nehmen konnte. Mein Date setzte sich mir gegenüber, wobei er Paul, Lex und Jason, den Kameramann, ignorierte.

Der höhnische Gedanke, dass zumindest Paul es nicht besser verdient hatte, ließ mich schmunzeln, auch wenn ich etwas irritiert war, dass der Mann des Abends mein Gefolge so absolut und natürlich übersehen konnte. Mir fiel es bedeutend schwerer, die vier zusätzlichen Personen zu übergehen, obwohl ich natürlich wusste, dass es sein musste. Ich hatte es mir zudem selbst eingebrockt. Warum hatte ich dieses Date nur bei der Einsatzbesprechung erwähnt?

»Du bist noch hübscher als in deinen Videos.«

Demnach kannte er meinen Vlog. Sollte ich nun geschmeichelt sein, dass er mich offenbar gegoogelt hatte?

Ich hatte mir die Recherche gespart, die lediglich meine Blind Date-Erfahrung ruiniert hätte. Ich schaute mir auch nie die Bewertungen der Produkte an, die ich testete, warum also bei einem Blind Date schummeln? Allerdings wäre mir das Missverständnis mit Hassan, dem unwirschen Cousin, Schrägstrich Bodyguard, erspart geblieben. Seufzend schob ich meine Bedenken und Sorgen beiseite, um mich ganz meinem Date zu widmen.

»Danke, das höre ich gern.«

Ich setzte mein Zwinkern ein, um nicht arrogant zu wirken, und gab das Kompliment zurück. »Deine Bilder werden dir auch nicht gerecht.«

»Gefalle ich dir nicht?«, hakte er mit einem harten Unterton nach. Sein Lächeln wackelte, was mich irritierte. Ich war selbst ein Pulverfass und konnte nur schwer mit Menschen umgehen, bei denen man jedes Wort auf die Goldwaage legen musste. Bisher hatte Hafidh auf mich einen freundlichen und ruhigen Eindruck gemacht. Aber Voicemails konnten täuschen.

»Da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt«, zwang ich mich zu Diplomatie und gleichzeitig dazu, mein Temperament zu zügeln. Von einer Äußerung sollte ich nicht gleich auf sein Wesen schließen. Immerhin war diese Situation mit einer gewissen Anspannung verbunden. Blind Dates erwiesen sich als nervenaufreibender als erwartet.

»In persona wirkst du anziehender als auf den Fotos«, versicherte ich schnell. Auch wenn es nicht ganz die Wahrheit war, denn obwohl sein Charisma nun zur Wirkung kommen konnte, blieb mein erster Eindruck bestehen. Er war gutaussehend, auf gewisse Weise sexy, aber der große Flash blieb aus.

Allerdings war ich pragmatisch genug, nicht auf die Liebe auf den ersten Blick zu setzen. Weder für meinen Vlog noch für meine Lebensplanung war eine närrische Verliebtheit hilfreich.

Hafidhs Mimik entspannte sich wieder und die dunklen Augen bekamen ihren warmen Glanz zurück. Die tiefen Falten, die sich von den Nasenflügeln hinunter zu den Mundwinkeln gegraben hatten, glätteten sich, auch wenn sie nicht vollständig verschwanden. Das Runzeln legte sich und sein Lächeln wirkte nun deutlich echter.

»Das nehme ich als Kompliment.«

Machte ihn dies so zufrieden? Ein Kompliment? War er ein Narzisst?

Schnell senkte ich den Blick auf das weiße Linnen und fing meine ausufernde Fantasie wieder ein. Zusätzlich zu meiner Nervosität, die mir den Magen- und Darmtrakt verknotete, brauchte ich nicht auch noch eine Dramatisierung der Situation. Also riet ich mir eindringlich, Ruhe zu bewahren. Meiner Begleitung fiel mein innerer Kampf zum Glück nicht auf.

»Ich hoffe, die Lokalität entspricht deinen Vorstellungen.« Er griff über den Tisch nach meiner Hand. »Du erwähntest, dass sich die Ernsthaftigkeit des Interesses eines Mannes an seiner Wahl des Ortes eines Dates ablesen ließe.« Seine dunklen Schlote richteten sich mit voller Intensität auf mich, was einem Sog gleichkam.

Es fiel mir schwer, die passenden Worte zu finden. Schließlich hantierte ich zunächst mit der Erkenntnis, dass er sich mehr als ein Video angesehen und meinen Kanal abonniert haben musste, denn die Dating-Videos waren nicht öffentlich zugänglich. Mein strahlendes Lächeln sollte mir Zeit bringen, denn ich wusste beileibe nicht alles auswendig, was ich je von mir gegeben hatte. Und nicht alles, was ich dort von mir gab, meinte ich tatsächlich so. Eine Weile ging es mir nur darum zu provozieren, egal wie. Diese Phase sollte nun jedoch ein Ende haben und Hailey McGregor sollte in die nächste Ebene wechseln. Ich wollte mich als erwachsene, selbstbewusste Frau präsentieren und dazu war ein weltgewandter Verehrer das schmückende Beiwerk.

»Ich bin begeistert von deiner Wahl«, versicherte ich. »Ich habe nur das Beste über die Küche hier gehört.« Unauffällig zog ich meine Hand zurück und sah auf, da der Maître an unseren Tisch getreten war.

Hafidh ließ mir nicht die Gelegenheit, in die Karte zu schauen.

»Welchen Rotwein führen Sie?«, griff er direkt ein. »Wir nehmen den Kaviar, den Hummer, das Filet und zum Abschluss die Crème brulée.«

Ich klappte den Mund wieder zu. Meine negative Meinung zu Kaviar und Hummer kannte die gesamte Nation, was sollte ich also von dieser Bestellung halten?

»Verzeihung, könnten wir uns zunächst auf den Wein einigen?«, schlug ich vor, obwohl ich gerne die gesamte Order revidiert hätte.

»Vertraue meiner Wahl, Habibati. Deine Vorbehalte sind albern.«

Aha. Damit wurde ein armer Hummer getötet, der sicherlich nicht in meinem Magen enden würde.

1

Ein wahnsinnig romantischer Antrag

Ich drehte mein Gesicht, um mich eingehend im Spiegel mustern zu können. Mein Make-up unterstrich meine ätherische Schönheit, meine Frisur saß perfekt. Obwohl ich zufrieden mit mir sein konnte, runzelte ich die Stirn und ging erneut über mögliche Schwachstellen hinweg. Die falschen Wimpern schlossen ohne Lücke an meine natürlichen an? Ich hatte meine Lippen nicht überschminkt? Und der Kajal? War ich da abgerutscht?

Irgendwo in mir mahnte mich eine Stimme, dass ich es übertrieb. Was machte es schon, wenn ich nicht perfekt aussah? Schön, die Kameracrew begleitete mich auf diesem unerwarteten Kurztrip, aber weder Paul noch Lex oder Jason waren der Grund, warum ich mich kaum vom Spiegel fortreißen konnte, sondern Hafidh. Eigentlich eher ein Kommentar seinerseits, als wir am Morgen das Flugzeug verlassen hatten. Ich war bei dem Überseeflug eingenickt und er hatte moniert, dass sich eine Wimper gelöst hatte. Ein Spaß? Womöglich. Wie auch immer er es gemeint hatte, es sollte mich eigentlich nicht so unsicher machen, dass ich mich nicht vom Spiegel losreißen konnte. Hadernd starrte ich meine Reflexion an. Es war wichtig, dass alles gut lief, hielt ich mir unnötigerweise vor. Meiner Karriere tat meine Beziehung mit Hafidh verflixt gut und mit diesem Anschub konnte ich auf eine zweite Saison meiner Show hoffen.

Es klopfte an der Zimmertür. Ich starrte mir in die Augen, nicht bereit, mich der Kritik bereits zu stellen. Allerdings knurrte mein Magen. Kaum waren wir nach der Landung direkt zum Hotel in die Pariser Innenstadt weitergefahren und hier angekommen, führte mich mein Weg auch direkt ins Bett. Die Suite hatte seinen Reiz mit den verspielten, weißen Möbeln und den weichen Vorhängen. Alles wirkte urromantisch, was mich zudem nervös machte. Unsere Beziehung war so oberflächlich, dass ich nie wusste, was mich beim nächsten Treffen erwarten würde. Für den Dreh mochte es aufregend sein und allem etwas Mysteriöses geben, für mich selbst wurde es zunehmend anstrengend. Ich war es leid, immer überrascht und erfreut zu spielen, wenn ich eigentlich lieber vorher gewusst hätte, worauf ich mich einließ.

Wieder hämmerte es gegen die Zimmertür.

»Hailey? Können wir reinkommen?«, rief Paul ungeduldig.

Ich konnte mir meinen Verdruss selbst von der Miene ablesen.

»Yeah!«, gab ich dennoch meine Zustimmung. Viel Zeit blieb mir nicht, bevor der unsensible Klotz von Aufnahmeleiter in das Badezimmer stürmte.

»Das werden Mordsbilder!«

Wenn es als Kompliment gedacht war, musste er sich nicht wundern, warum er immer noch Single war.

»Na komm schon! Alle warten auf dich.« Er stemmte die Hände in die Hüften und sah erneut an mir herab. Sein Ausdruck wandelte sich, allerdings machte ihn das eher noch abstoßender. Paul war Anfang vierzig und benahm sich wie ein Neandertaler. Er starrte ungeniert in Ausschnitte oder auf nackte Schenkel und konnte zudem seine Mimik nicht unter Kontrolle halten. In meinen Augen war es kein Kompliment, von einem Mann gierig angeglotzt zu werden, als sei ich das letzte Stück Pizza während einer Hungersnot.

»Ich bin soweit.«

Es lag mir auf der Zunge, ihn auf sein widerwärtiges Verhalten anzusprechen. Nur sollte ich? Brachte es etwas? Wollte ich mir meinen Europatrip von ihm ruinieren lassen?

Ich atmete tief ein und stieß mich nach einem letzten Blick in den Spiegel vom Waschbecken ab, das in eine dicke Marmorplatte eingelassen war. »Du weißt, dass ich dich beobachtet habe?«

Sein Blick zuckte hinauf zu meinem Gesicht. »Ach ja?«

»Ich habe in den Spiegel gesehen, Paul.« Ich kniff die Lippen zusammen. Wollte er nicht verstehen, worauf ich hinauswollte? »Du hast mich angegafft.«

Paul schnaubte. »Träum weiter, Kleine.« Er wandte sich ab und ich musste ihm folgen, wenn ich das Thema nicht beilegen wollte.

»Ich verzichte!«, zischte ich, als ich über die Schwelle in mein Schlafzimmer trat. Lex und Jason warfen mir schnelle Blicke zu. »Lass es einfach.«

»Meint ihr, man müsste sie länger als nötig ansehen?«, höhnte Paul, was mir zwei Musterungen und zwei Schulterzucken einbrachte.

Das hätte ich mir also sparen können. Verärgert stapfte ich zur Kommode, auf der meine Clutch lag und griff nach ihr. Es machte mich rasend, dass ich nichts tun konnte, damit er sich benahm. Verlangte ich zu viel, wenn ich einen respektvollen Umgang forderte?

Mit knirschenden Zähnen drehte ich mich wieder zu den Männern um. »Also schön. Am liebsten wäre es mir, wenn ihr direkt zurück in die USA flöget.«

Jason fing meinen Blick auf, aber es war Paul, der auflachte.

»Wenn es diese Klausel nicht gäbe …« Mit der er mir bereits vor dem Abflug gekommen war. »Wir brauchen einen Abschluss für die Saison.«

Und den sollte ich hier in Paris liefern, bevor die Sendepause begann.

»Richtig«, räumte ich ein. »Allerdings …«

»Die Quoten sind dir doch auch wichtig«, mischte sich Jason ein. Sein Blick bat darum, dass ich das Thema fallenließ. »Wenn wir die Saison zu einem bombastischen Abschluss führen, steht einer Vertragsverlängerung doch nichts mehr im Wege.«

»Außer dem Fakt, dass ich Paul kein weiteres halbes Jahr ertrage!« Zwar fassten sich die Drehtermine meist zu wenigen Tagen im Monat zusammen, dennoch hatten die es stets in sich. »Abgesehen davon, dass ich Hafidh von vornherein raushaben wollte!«

»Das Interesse des Scheichs war aber der Grund, warum die Show sich überhaupt erst gut platzierte!«, blaffte Paul. Er gab den Männern ein Zeichen. »Und jetzt hör auf mit deinem Geunke und mach dich auf dem Weg, bevor Al-Abdil die Geduld mit dir verliert und dich abschießt!«

Er marschierte los. »Wir machen den ersten Take, wie du den Flur hinunterkommst. Versuch nicht, ordinär den Hintern zu schwingen.«

»Arschloch«, formten meine Lippen.

»Dann, wie du das Zimmer betrittst. Heuchle freudige Überraschung!«

Also erwartete mich wieder etwas Unerwartetes. Mein Magen verknotete sich unangenehm.

»Wie wäre es, wenn ich entscheide, wie ich reagiere?«

Ich bemerkte Lex’ Schmunzeln, als er an mir vorbeikam. Jason schüttelte den Kopf, aber er versuchte auch immer, die Wogen zu glätten und Pauls Ausraster zu rechtfertigen.

Ich blieb in der Tür stehen und sah den gut beleuchteten Gang hinunter. Es waren nur wenige Schritte bis zur nächsten Tür, hinter der sich der Wohnbereich verbarg. Die Tür war dabei überflüssig, schließlich befand sich nichts dazwischen. Jason schulterte die Kamera und zählte mich mit erhobener Hand an. Mir blieb gerade noch Zeit, um tief durchzuatmen, bevor der letzte Finger fiel. Ich biss mir übertrieben erwartungsvoll auf die Lippe und legte mir die Hand aufs Herz, dann straffte ich mich und setzte mich in Bewegung. Meinen Blick richtete ich dabei an dem Team vorbei auf die weiße Tür.

»Cut!«

Paul stieß die Tür auf. Leise Musik drang zu mir und brachte mein Herz dazu, fester zu klopfen. Was erwartete mich nun? Musik. Ein romantisches Dinner?

Mein Verharren bekam niemand mit, denn hinter Lex hatte Paul die Tür wieder geschlossen und ich stand allein im Flur. Schnell wischte ich meine Hände an meinem Kleid ab und straffte die Schultern. Es war sicherlich ein Dinner, obwohl ich viel lieber ausgegangen wäre. Wir waren in Paris, verflixt!

Eisern brachte ich meine Gefühle unter Kontrolle. Es war in Ordnung, es war sogar ganz süß und passte hervorragend zu dem Liebesurlaub, den ich mir vorgestellt hatte, als Hafidh mir seine Reisepläne unterbreitet hatte. Erneut atmete ich tief durch, setzte mein Lächeln auf und fasste nach der Klinke, um sie langsam herabzudrücken.

Jason fiel mir mit seiner Kamera direkt ins Auge, alles dahinter brauchte einen zweiten Blick. Auch der Aufenthaltsraum war romantisch eingerichtet. Florale Bezüge, leichte Vorhänge und viele Glaselemente waren vorhanden. Eine Vitrine mit feinem Porzellan, Silber und Kristallglas auf der Anrichte, auf der auch Getränke aufgereiht standen. Meine Wange zuckte. Vom zu vielem falschen Lächeln bekam ich gelegentlich Krämpfe und leider stets, wenn sie absolut unpassend waren.

»Habibati«, grüßte mich Hafidh, wobei er quer durch den Raum auf mich zukam.

»Cut!«, brüllte Paul. »Scheich Al-Abdil, ich bat Sie, die Eingangssequenz nicht zu unterbrechen!«

Hafidhs warmes Lächeln schwand direkt, als er sich auf halbem Weg umwandte und Paul ins Auge fasste. »Hailey ist eingetreten, damit ist die Sequenz abgeschlossen. Wenn Sie sich weiterhin in den Abend einmischen, werden Sie gehen. Haben wir uns verstanden?«

Das Zucken in meiner Wange ließ nach und ich konnte ungehindert grinsen. Das hatte Paul verdient, auch wenn Hafidh übertrieb.

»Können wir die Begrüßung am Tisch wiederholen?«, fragte Paul gespielt ehrerbietig. »Die offene Tür wird Miss McGregors Schönheit doch nicht gerecht.«

Ich verdrehte die Augen. Gerade hatte er noch behauptet, es gäbe keinen Grund, mich unnötig lange anzusehen und nun titulierte er mich als Schönheit.

Hafidh verengte die Augen. Er ließ Paul zappeln, bevor er seine Zustimmung gab und zurück zum Tisch trat, wo er stehen blieb und sein Jackett richtete.

»Also gut, Hailey, komm langsam auf uns zu und zeige uns, wie hingerissen du von deinem Galan bist.« Paul verzog bei Galan die Lippen, was ich als Abscheu deutete. Es war nicht das erste Mal, dass ich dies bei ihm sah und auch Hafidh konnte Paul nichts abgewinnen, deswegen hatte mich dessen Zustimmung, die Dreharbeiten auf dem Trip auszuweiten, massiv überrascht.

»Okay.« Ich wartete, dass Paul mich erneut anzählte, setzte mein Lächeln wieder auf und schwebte dann auf Hafidh zu, der mir im letzten Moment noch entgegenkam. Er legte die Hände an meine Oberarme und beugte sich vor, um mir einen Kuss auf die Lippen zu geben. Einen harmlosen Begrüßungskuss. Als er sich von mir löste, blinzelte ich enttäuscht, zwang meinen Mund aber dazu, die Winkel oben zu belassen.

»Habibati, mein Augenstern, du siehst wie immer umwerfend aus.«

»Danke, Hafidh.«

Seine Hand ergriff meine. Er drückte sie, wobei er mich näher zum überladen gedeckten Tisch zog. Goldteller und Besteck glitzerten in der Abendsonne.

»Oh!«, tat ich entzückt. »Ein romantisches Abendessen?«

»Ich hoffe, es erfüllt deine Erwartungen«, raunte er mir zu. »Setz dich.«

Er selbst nahm auf dem Stuhl Platz, von dem er aufgestanden war, als ich das Zimmer betreten hatte. Sofort huschte ein Diener herbei, um ihm eine Stoffserviette zu reichen. Ein Zweiter zog mir den Stuhl heraus.

»Danke.«

Hafidh sah mit gerunzelter Stirn zu mir. »Bitte. Nur das Beste für eine wundervolle Frau wie dich.«

Ich stockte, irritiert, dass er meine Worte auf sich bezog und wiederholte dann unsicher: »Danke?«

»Hast du gut geruht?«

Der Diener hielt ihm eine Flasche unter die Nase, während der andere mir meine Serviette reichte. »Wir nehmen den Dom Pérignon Jahrgang 98. Dieser Cristal Brut schmeckt wie Spülwasser.«

Ich hielt inne, wodurch ich sicherlich ein recht dämliches Bild abgab, schließlich war ich dabei gewesen, meine Serviette zu entfalten und auf meinen Knien abzulegen. Mein Stiefvater schwor auf Methuselah Christal Brut und hütete seine Champagnervorräte wie einen teuren Schatz. Natürlich hinterfragte ich generell alles, was Sean gut fand, dennoch konnte ich über Hafidhs Bemerkung, was er von der Millennium Cuvée hielt, nicht spielend leicht hinweggehen. Mein Lächeln wackelte und ich musste mich auf meine Mimik konzentrieren, um mich in die Gewalt zu bekommen.

»Wir werden zwei Flaschen benötigen.« Hafidh scheuchte den Bediensteten davon und warf mir ein Lächeln zu. »Erwähnte ich, wie hinreißend du aussiehst?«

»Ja, danke.«

Sollte ich auf meine Hoffnung zu sprechen kommen, wie sich der Kurzurlaub entwickeln würde? Vor laufender Kamera? Besser nicht. Hafidhs Braue hob sich und erinnerte mich daran, dass ich etwas vergessen hatte.

»Du bist heute Abend auch erlesen angezogen.«

Sein Grinsen wurde wärmer. »Ich habe mir erlaubt, Musiker zu engagieren. Hast du einen bestimmten Wunsch, was sie spielen sollen?«

»Nein. Lass ihnen doch die Wahl.«

Hafidh lachte auf. »Habibati, manchmal hast du merkwürdige Vorstellungen. Ich habe ihnen bereits ein Set gegeben. Du wirst französische Klassik genießen.« Er machte einen Wink und die drei Musiker, die sich noch hinter dem Kamerateam in der hintersten Ecke verbargen, begannen zu spielen. Die Fiedel gehörte nicht zu meinen bevorzugten Instrumenten, aber sie passte hervorragend in das hiesige Ambiente.

»Ich bin so gespannt, was wir alles sehen werden«, hielt ich das Gespräch am Laufen. »Notre Dame?« Zwar wusste ich kaum etwas von möglichen Sehenswürdigkeiten in Europa, aber einige Brocken waren aus meinem Französischunterricht hängengeblieben. »Den Eiffelturm?« Mir stockte der Atem, als mir eine weitere Idee kam. »Den Louvre?« Zwar war ich eher ein Kunstmuffel, aber in dem Museum im Herzen von Paris waren uralte Kunstwerke ausgestellt. Einen Nachmittag könnte ich damit durchaus vertrödeln.

Hafidhs dunkler Blick legte sich auf mich, aber er gab mir keine Antwort. Daher bekam ich das Gefühl, dass seine Pläne andersgeartet waren.

»Besuchen wir eine Modenschau?« Womit sonst wurde Paris in Verbindung gebracht, wenn nicht mit Mode und Kultur? Ich war ratlos.

»Die Fashion Week ist Ende September.«

Mein Lächeln wurde zunehmend anstrengend. »Oh.«

»Wir haben leider nur einen kurzen Aufenthalt in Paris, Habibati. Ich habe die letzten Stunden mit den Geschäften zugebracht und werde mich ihnen später wieder zuwenden müssen.«

Erneut stockte ich vor Überraschung. Natürlich wusste ich, dass Hafidh für das Familiengeschäft, sie handelten mit Erdöl, um die Welt reiste, aber dass er die Pflicht mit meiner Gesellschaft nur versüßte, war irgendwie enttäuschend.

Der Bedienstete trat an Hafidh heran und zeigte ihm die Flasche. Nach einer intensiven Musterung nickte der und legte seinen eindringlichen Blick wieder auf mich. »Wir werden uns all deine Sehenswürdigkeiten ein andermal anschauen.«

Hieß dies nun, dass ich gar nichts sehen sollte?

»Das einzig Sehenswerte ist ohnehin die abgebrannte Kathedrale.« Er zuckte die Achseln. »Wenn du möchtest, fahren wir daran vorbei, wenn wir morgen auf dem Weg zum Flughafen sind.«

»Oh.« Da auch mein Glas gefüllt worden war, nahm ich es auf, um an dem Champagner zu nippen. »Nein. Ich wollte die Fresken sehen.«

Einen Tag? Wir bleiben nur einen Tag in der Stadt der Liebe und den ließ er mich verschlafen? Wenn ich das gewusst hätte …

»Habibati?«

»Hm? Ja?«

»Ich wollte anstoßen.« Verdruss zeigte sich in seinem hängenden Mundwinkel.

»Entschuldige.« Ich ließ mir den Kelch wieder auffüllen und bemühte mich um ein aufmerksames Gesicht. Welchen tollen Grund mochte er haben, anstoßen zu wollen? Sicherlich nicht auf einen aufregenden Tag in Paris!

»Hailey, dir kann nicht entgangen sein, wie immens ich unsere Zweisamkeit genieße.«

Beinahe hätte ich das Glas erneut geleert. Schnell ging ich gedanklich unsere bisherigen Treffen durch und fragte mich, wie er Zweisamkeit definierte.

»Ich genieße auch jeden Moment mit dir, Hafidh.« Meine Wange protestierte.

»Ich weiß.« Er beugte sich vor, ergriff meine Finger und drückte sie. »Ich habe einen Speiseplan zusammengestellt, der dir sicherlich munden wird.« Damit zog er sich wieder zurück.

Irritiert nippte ich an meinem Glas.

»Trink nicht so viel.«

Ich verschluckte mich und hustete verstohlen. »Ich habe schottische Wurzeln, wir haben Alkohol im Blut.« Eigentlich erwähnte ich meine Herkunft nicht, denn ich war stolze Wahlamerikanerin, aber seinen Hinweis fand ich ziemlich daneben und das regte meine spitze Zunge meist zu Widerworten an.

»So?« Hafidh wirkte steif. »Du bist Schottin? Sagtest du nicht, dass Sean Johnston dein Vater ist?«

Sicherlich war Sean niemals Thema gewesen, schließlich sprach ich noch weniger gerne über meine Familie als über meine Herkunft. Vorsichtig stellte ich das Glas ab und legte die Finger daneben ab. »Nein. Sean Johnston ist mein Stiefvater.«

»Und dein Vater? Wer ist das?«

Selbst mit Gewalt ließ sich mein Mund nicht öffnen, da war ich mir sicher. Selbst einen Finger zu rühren schien unmöglich, so eingefroren fühlte sich mein Körper an. Mein Vater … nein, der war kein Thema, weder für mich noch für sonst jemanden. Ich bezwang mich eisern.

»Tot«, quetschte ich hervor, wodurch der Bann brach. »Schon lange.«

Auch Hafidh verlor seine Anspannung und grinste mich fröhlich an. »Sehr gut!«

Ja, es war gut so, trotzdem drückte sich ein Gewicht auf meine Brust. Am liebsten hätte ich den Abend abgebrochen, so elendig fühlte ich mich plötzlich. Ich schlotterte innerlich, meine Lungen gehorchten nicht und mein Puls wusste nicht, ob er rasen oder aussetzen wollte.

»Hast du Geschwister?«

Mühsam richtete ich meine Gedanken auf den Moment und ließ die Vergangenheit zurück. »Nein. Du?«

Hafidh schmunzelte. »Ein Dutzend. Du wirst sie kennenlernen.«

»Schön.«

»Ich kenne Schottland.« Hafidh winkte nach der Servicekraft, der die Haube von dessen Teller nahm. Ein Zweiter vollführte selbiges bei mir. Auf dem Teller lag ein winziges Horsd’oeuvre. Allerdings wirkte es eher wie die Hinterlassenschaft eines Hundes. Schnell schloss ich die Augen, um meine Reaktion unter Kontrolle zu halten. Es war dabei nicht vorrangig die Speise, die meinen Magen rebellieren ließ, sondern sein Gesprächsthema.

»Tatsächlich?«

»Ich habe in Cambridge studiert und natürlich meisterlich abgeschlossen.« Hafidh hob eine Braue und ich beglückwünschte ihn. »Und einige Freundschaften geschlossen. Kennst du Padraig McTiernan?«

Die Stille dehnte sich, allerdings wusste ich nicht, worauf er hinauswollte. Ich lebte seit meinem fünften Lebensjahr in Texas und konnte mich an die Zeit in Schottland nicht einmal mehr erinnern.

»Nein«, sagte ich schließlich. »Ich war ein Kleinkind, als meine Mutter Sean heiratete und wir nach Austin auswanderten. Ich kenne niemanden dort.«

»Wie schön.« Sein Lächeln wurde fester. »Wir haben noch ein paar Tage, vielleicht …« Er brach ab, zuckte die Achseln und schien sehr mit sich zufrieden, als er seinen Appetithappen aufgabelte und in den Mund schob. Er kaute enthusiastisch und schluckte ohne das geringste Zeichen von Missfallen, also wagte ich, das schwarze Würstchen ebenfalls zu probieren. Es entpuppte sich als Dattel in Seetang. Mir fehlte die würzige Speckmantelnote und ich musste den Happen mit Champagner herunterspülen.

Die Teller wurden abgeräumt und frische aufgetischt. Ein handtellergroßes, blutiges Steak begrüßte mich mit Garnelendekoration.

Schon wieder. Ich war beileibe keine Vegetarierin, aber es gab Speisen, die bekam ich nicht hinunter. Und blutiges, halb rohes Fleisch gehörte nun mal dazu. Langsam ließ ich die Hände vom Tisch rutschen. »Können Sie das bitte wieder abräumen?«

»Es ist ein Kobe Steak, Habibati, es wird deine Geschmacksknospen zum Explodieren bringen. Probiere es!« Hafidh bedeutete dem Bediensteten, meinen Teller wieder abzustellen.

»Nein, danke.«

»Habibati …« Hafidh wedelte mit der Gabel herum. »Probiere es!«

Ich beließ es bei einem Kopfschütteln. »Warum haben wir nur einen Tag in Paris?«

»Weil es keinen Grund gibt, länger zu bleiben.« Hafidh zuckte die Achseln und beendete seinen zweiten Gang. »Du solltest mir vertrauen, Habibati.«

»Ich verstehe nur nicht, warum wir quer über den Atlantik fliegen, um nur eine Nacht in Paris zu bleiben.«

»Natürlich nicht, aber sei gewiss, ich habe alles sehr gut durchdacht. Vertraue meiner Führung.«

Sollte ich mich damit begnügen?

»Gefällt dir die Musik?«

Ich lauschte einen Moment aufmerksam. »Ja. Ich kann es nur nicht zuordnen.«

»Ich habe den bekanntesten europäischen Violinisten engagiert.«

Hafidh sah zu ihm herüber, was auch mich dazu brachte, dem Mann mehr Beachtung zu schenken. Er trug sein blondiertes Haar zu einem Dutt und brauchte dringend eine Belehrung, wie man einen Anzug mit Würde trug. Sein Hemd war nur zur Hälfte in den Bund der Hose gesteckt und nicht einmal akkurat geschlossen. Auf Krawatte, Weste und Kummerbund hatte er ganz verzichtet, wodurch er sich von seinen beiden Kollegen, einem Bassisten und einem Klarinettenspieler, abhob. Er ging auch völlig in seiner Interpretation auf, spielte mit unübersehbarer Leidenschaft, was übertrieben und fehl am Platz wirkte.

»Und bereue es.« Hafidh schüttelte den Kopf. »Verzeih mir meine Fehleinschätzung.«

»Er ist gut«, beruhigte ich ihn. »Ich mag seine Leidenschaft.« Wann sah man schon jemanden, der in seiner Tätigkeit aufging?

Hafidh murmelte etwas, was ich nicht verstand. Hinter ihm löste sich sein Schatten Hassan und schritt hastig davon. Der nächste Gang lenkte mich ab, bis die Violine einen schiefen Ton von sich gab, der mir durch Mark und Bein ging. Hassan schleifte ihn hinaus.

»Was …«

»Der Nachtisch.« Hafidhs Augen glänzten voller Erwartung. »Probier.«

Ich nahm widerwillig meinen Löffel auf. Schon wieder Crème brulée.

»Du gehörst zu den Frauen, die ein Mann einfach anbeten muss.«

Ich stockte und sah auf.

»Ich war mir gleich sicher, als ich dich traf, Habibati.«

»Oh.« Es setzte mich irgendwie unter Zugzwang. »Das Gleiche könnte ich über dich sagen, Hafidh. Durch dich fühle ich mich wie in einem Märchen.«

»Das hoffe ich.« Er grinste begeistert. »Bitte, lass dich nicht weiter stören.« Er deutete auf meine Crème brulée. »Ich weiß, wie sehr du Crème brulée schätzt.«

Mit angestrengtem Lächeln klopfte ich auf die karamellisierte Oberfläche, bis sie brach und löffelte das abgetrennte Stück heraus. Hafidhs Blick spürte ich dabei die ganze Zeit auf mir.

»Hm«, machte ich, weil ich dachte, dass er darauf wartete, aber er beobachtete mich einfach weiter. Gezwungenermaßen nahm ich einen weiteren Löffel, dieses Mal von dem gestockten Pudding darunter, und verharrte. Etwas schimmerte mich an. Durch das Loch, das ich in den Pudding gegraben hatte, war der hohle Innenraum vergrößert worden, in dem offenbar etwas versteckt worden war.

Zittrig legte ich das Besteck zur Seite und neigte die Schale, um das glitzernde Gebilde besser ergreifen zu können. Ein Ring.

»Habibati.« Hafidhs dunkle Stimme nahm einen einschmeichelnden Klang an. »Ich habe in dir die Frau meines Lebens gefunden und habe seither nur einen Wunsch.«

Ich konnte den Blick nicht heben. In mir spielte einfach alles verrückt. Mir wurde heiß und kalt zugleich, mein Puls tanzte ein wildes Stakkato, während mein Magen Achterbahn fuhr. Oh mein Gott! Das war ein Verlobungsring! Der unanständig große Brillant war von einem Ring kleinerer Smaragde umkränzt. Verlobt mit einem Scheich! Eine Stimme kreischte in meinem Kopf und übertönte alle anderen. Die Einschaltquoten schossen hundertprozentig ins Nirwana! Der Sender konnte gar nicht anders, als mir eine Verlängerung anzubieten!

Meine Lippen zogen sich zu einem Grinsen, das so breit war, dass es schon wieder schmerzte. Hafidh war aufgestanden und hielt mir die Hand entgegen. Ich ergriff sie und ließ mir auf die Füße helfen. Er hob mein Kinn an.

»Sag ja.«

»Ja!«

Hafidhs triumphaler Blick irritierte mich nicht einmal und als er sich herabbeugte, um mich zu küssen, schlang ich voller übersprudelnder Begeisterung die Arme um seinen Hals. Endlich bekam ich mehr als ein lauwarmes Küsschen. Endlich flatterte mein Herz in seiner Gegenwart. Endlich war alles so, wie es sein musste! Das war der beste Tag meines Lebens!

2

So kalt wie nie

Obwohl ich ganz in der Nähe geboren worden war, kannte ich mich in Schottland nicht aus. Bereits nach der Landung auf dem Privatflugplatz bei Inverness war mir der Unterschied zwischen Texas und der hiesigen Region aufgefallen. Man spürte die Nässe auf der Haut oder ging es nur mir so?

Schließlich trug nur ich ein sommerliches Outfit, während mein Begleiter und seine Bodyguards immerhin in Hosen und Mantel gewandet waren. Es brauchte mich daher nicht zu wundern, dass ich augenblicklich fror, sobald ich den Zeh aus der Privatmaschine gestreckt hatte. Der Wind zerrte an meinem Kleid, drohte es in die Höhe zu reißen, während ich die klapprige Gangway hinunterstakste. Der große Hut, der mich vor der direkten Sonneneinstrahlung schützen sollte, versperrte mir die Sicht und durch die Sonnenbrille wirkte alles düster. Also blieb ich stehen, um beides abzunehmen. Im Anschluss hob ich das Gesicht, um in den Himmel zu blinzeln. Obwohl kein Wölkchen die Sonne verdeckte, spürte ich ihre Strahlen nicht auf der Haut.

»Habibati, die Limousine wartet.« Hafidh war bereits an mir vorbei und winkte mir ungeduldig zu. Er wurde dabei von meinen ewigen Schatten halb verdeckt, die mein Innehalten genutzt hatten, um mich von vorn aufnehmen zu können.

»Habibati«, rief Hafidh erneut. Er war stets in Eile, was mich erheblich an ihm störte. Er gab eine Order auf Arabisch und Hassan eilte zu mir zurück, um meinen Koffer an sich zu reißen.

»Danke, aber ich behalte meinen Trolley lieber.« Natürlich bekam ich ihn nicht zurück, stattdessen griff der Leibwächter nach meinem Arm und wollte mich mit sich ziehen, aber damit ging er zu weit. Ich löste seine Finger absichtlich rüde von meinem Oberarm, wobei ich der Kamera den Rücken zukehrte und leise, aber umso giftiger spie: »Finger weg!«

Die Zeit hatte Hassans Gefühle für mich nicht geändert und ich hatte auch keine positiven für ihn entwickelt, wodurch wir hin und wieder aneinandergerieten.

Hafidh rief erneut eine Order. Ich konnte nur schätzen, dass es sich um eine weitere Aufforderung zur Eile handelte, denn Hassan fasste wieder nach mir.

»Lᾱ!« Ich hatte mir einige Worte arabisch angeeignet. Es genügte nicht für eine Verständigung, aber zumindest konnte ich mich vorstellen und Ja und Nein sagen. Hassan blieb unbeeindruckt, machte gar den Eindruck, mich nicht gehört zu haben, denn er haschte weiterhin nach mir. Ich wich ihm aus und schlug mit meinem Hut nach ihm.

»Habibati!«

»Sag deinem Affen, er soll die Hände bei sich lassen!« Ich beschleunigte meinen Schritt, um dem Bodyguard auszuweichen, was mich erst recht verärgerte. Schließlich sollte es nicht nötig sein, überhaupt eine Aufforderung, mich nicht anzufassen, laut aussprechen zu müssen und eine Wiederholung war indiskutabel.

Ich fror, aber um meine Jacke aus dem Koffer zu holen, müsste ich zum einen stehen bleiben und zum anderen den Trolley zurückbekommen. Fröstelnd schlang ich die Arme um mich, verwünschte Hassan ausgiebig, auch wenn kein Wort meine Lippen verließ, und folgte meinem Verlobten über die Rollbahn. Bei unserem letzten Stopp hatte ein Wagen direkt am Flugzeug auf uns gewartet. Allerdings hatte es sich da um den internationalen Flughafen Charles de Gaulle gehandelt und nicht um ein heruntergekommenes Pendant mitten im Nirgendwo.

Der Boden war uneben, womit sich auch meine Highheels als Fehlplanung erwiesen. Irritiert blieb ich doch wieder stehen, um mich umzuschauen. Es war bei weitem der schäbigste Flughafen, den ich je zu Gesicht bekommen hatte. Es gab nur diese eine Rollbahn, die vielleicht 3,5 Kilometer maß. Der Tower überragte das einstöckige Nebengebäude zwar, aber nicht die umliegenden Berge.

Irgendwie hatte ich mir den Ort meiner Geburt anders vorgestellt. Verwunschener.

»Habibati, wo bleibst du?«, rief Hafidh mir mit deutlichem Ärger in der Stimme zu. »Wir werden abgeholt und es ist unhöflich, jemanden warten zu lassen!«

War mit jemand er gemeint oder der Fahrer?

Der Gedanke war schon fast lächerlich, da er gewöhnlich kein Problem damit hatte, seinen Fahrer warten zu lassen. Oder mich. Dennoch rätselte ich, warum ihm dieser Punkt plötzlich so wichtig war. Während des Fluges hatte er unentwegt SMS verschickt, was mich nicht weiter gewundert hatte, schließlich war mein Mobiltelefon auch mein bester Freund. Nun jedoch fragte ich mich im Nachhinein, mit wem er wohl geschrieben hatte und ob es etwas mit seinem Gedrängel zu tun hatte.

»Der Weg ist eine Schande«, gab ich zurück. Abgelenkt durch meine Gedanken übersah ich ein riesiges Loch im Asphalt und trat hinein. Ich strauchelte, verbiss mir den Aufschrei und fing mich wenig graziös wieder. Dabei flog mein Blick zufällig über meine drei Schatten. Paul grinste schadenfroh, während die anderen beiden professionell blieben und keine Miene verzogen. Ich konnte mir dennoch sicher sein, dass dieses Missgeschick in der Sendung landen würde, schließlich kannte ich das Trio mittlerweile gut genug. Paul nutzte jede Gelegenheit, meinen Glitter mit Teer zu beschmieren. Es blieb mir nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und weiterzustaksen. Trotz des schmerzenden Knöchels und unter den scharfen Blicken meiner Gegner.

»Hast du dich verletzt?«, rief Paul mir zu meiner immensen Verblüffung zu und holte mich ein. Seine blauen Augen verengten sich, als er mich musterte. »Das wäre eine Katastrophe!«

Natürlich machte er sich keine Sorgen um mein Wohl, sondern hatte nur die Show im Sinn. Schnaubend wendete ich mich ab, um Hafidh zu folgen, der bereits aus meinem Blickfeld entschwunden war.

»Wer weiß, ob es hier Krankenhäuser gibt …«

Jason lachte auf. »Komm schon, Paul. Wir befinden uns in der Wiege unserer Kultur. Die Krankenpflege wurde hier erfunden, die Elektrizität und das Telefon.«

»Ja«, murrte Paul irgendwo hinter meinem Rücken. »Und dann haben sie den Zug in die Zukunft verpasst.«

Ich mochte nicht einmal widersprechen, schließlich wirkte hier tatsächlich alles wie aus einem anderen Jahrhundert. Auch Jason ließ das Thema fallen. Er hastete, Lex den Tontechniker im Schlepptau, hinter uns her und richtete sein Augenmerk aufs Geschäft.

»Die Lichtverhältnisse sind bescheiden. Wir werden die Reflektoren brauchen.«

Auch das Gespräch fesselte nicht meine Aufmerksamkeit. Das beruhte auf der Tatsache, dass Hafidh und seine Sicherheitsleute nicht umgekehrt waren, um nach mir zu sehen. Erst als ich um die Ecke bog, bekam ich den Grund für seine Abtrünnigkeit zu Gesicht, die wider Erwarten nicht in einer weiblichen Person resultierte. Hafidh umarmte einen rötlich-blonden Anzugträger.

»Padraig, mein Freund!« Er schlug dem anderen Mann auf die Schulter und strahlte über das ganze Gesicht. Irritiert ließ ich meinen Blick über den Fremden wandern, der meinen Verlobten weit überragte. Sein rötlich-blondes Haar wehte in der steifen Brise, die auch an meinen Locken zerrte. »Wie überaus erfreulich, dich endlich wiederzusehen!«

»Hafidh, wie schön, dass du es einrichten konntest, in Schottland haltzumachen.« Sie umklammerten einander die Oberarme, ehe sie sich voneinander lösten.

Hafidh erinnerte sich wohl endlich an mich, denn er sah sich um, entdeckte mich, und machte einen Wink als Aufforderung, mich zu ihm zu gesellen. Auf dem Weg registrierte ich die beiden Limousinen, die bereitstanden und in deren Kofferraum Hassan meinen Trolley stopfte. Ich war in einem luxuriösen Umfeld aufgewachsen, aber das Gepäckstück gehörte zu den teuren Dingen, die ich mir von meinem sauer verdienten Geld geleistet hatte. Damit besaß es einen hohen Wert für mich. Es so rüde behandelt zu sehen, ließ mich zusammenzucken und hadern, ob ich vor dem Fremden eine Szene wegen eines Koffers heraufbeschwören sollte. Letztlich kam ich nicht aus meiner Haut. Ich bog ab, schubste Hassan zur Seite und zog meinen geschundenen Koffer aus dem Fond.

»Das ist kein Boxsack«, belehrte ich ihn dabei. »Und kein x-beliebiges Handgepäck. Behandle es anständig!« Die übrigen Taschen waren ungeordnet einfach in den Kofferraum geworfen worden, so dass es nicht verwunderlich war, dass mein Koffer keinen Platz mehr fand. Ein Umstand, der nicht lang benötigte, um korrigiert zu werden, also stellte ich meinen Trolley ab und begann, den Stauraum aufzuräumen.

»Habibati«, murrte Hafidh plötzlich an meiner Seite. Seine Berührung war fest und hatte den Zweck, mich abzulenken. Er hatte Erfolg, denn mit einem umklammerten Arm war die Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt. »Komm und begrüße meinen guten Freund Padraig McTiernan.«

»Das kann warten. Ich sortiere kurz …«

»Nein!«

Überrascht sah ich auf, schließlich war ich es von Hafidh nicht gewohnt, so hart angesprochen zu werden und sei es mit einem entschiedenen Nein. Sein Lächeln beruhigte mich nicht, galt es doch dem Mann, den ich unbedingt begrüßen sollte. Hafidh zog mich näher an sich, wodurch ich gegen ihn stolperte und keine Chance mehr hatte, mich um Koffer und Verstauung zu sorgen.

»Paddy, dies ist meine hinreißende Verlobte, Hailey McGregor.«

In seiner Stimme schwang Stolz mit, dies beruhigte mich dann doch. Er wollte wohl lediglich mit mir angeben. Der Eindruck verstärkte sich, als er mir den Arm umlegte. Er zog mich eng an sich und drückte mir sogar einen Kuss auf das Ohr. Etwas verunsichert, da er seine Zuneigung gewöhnlich nicht so öffentlich demonstrierte, schaute ich zur Seite, als ich die Hand ausstreckte, um die seines Freundes zu schütteln.

»Sehr erfreut«, murmelte ich dabei wackelig.

»Miss McGregor.« Sein Handschlag war bemerkenswert. Fest und zart zugleich. Da es unhöflich wäre, ihn nicht anzusehen, hob ich den Blick. Er hatte strahlend blaue Augen. Ich blinzelte, was sich anfühlte, als dauerte es eine Ewigkeit.

Seine Lippen bogen sich zu einem sinnlichen Grinsen. Gott konnte der lächeln! Es zog mich direkt in den Bann.

»Nun, wo hast du uns untergebracht?«, riss Hafidh mich aus meiner Selbstvergessenheit. Er drehte mich, wodurch der Handschlag unterbrochen wurde, und schob mich an Mr McTiernan vorbei. Der beeilte sich, mir die Tür der Limousine aufzuhalten. Mein Einstieg wurde zu einem verkappten Sturz und ich rutschte schnell tiefer, um meine Tollpatschigkeit zu verschleiern. Meinen Trolley hatte ich völlig vergessen, aber einmal im Wagen, wollte ich mit meinem Kleid auch nicht wieder hinauskriechen. So bequem, wie man sich eine Fahrt in einer Limousine vorstellte, war sie nämlich nicht. Die eine Tür wurde von Beinen schnell verstopft, das Luxusgefährt lag niedrig, wodurch man sich bücken musste und der Boden war nicht einmal eben.

Hafidh folgte mir und auch Mr McTiernan stieg ein. Damit war mein Schmuckstück auf sich allein gestellt und ich musste hoffen, genügend Platz freigeräumt zu haben, so dass Hassan den Trolley, ohne Schäden zu verursachen, hineinstellen konnte.

Innerhalb der schummrigen Limousine ging das Leben unaufhaltsam weiter. Mr McTiernan griff nach der Flasche, die vor ihm im Kübel lag, und hielt sie Hafidh entgegen, der mit einem Wink seine Zustimmung gab. Niemand fragte mich, also verweigerte ich die Annahme des Champagnerglases.

»Farquhar«, meinte Mr McTiernan, als er es sich in seinem Teil der Sitzbank bequem machte. Ich spürte seinen Blick auf mir, denn ich stellte das Glas unberührt ab, nachdem Hafidh es von seinem Freund übernommen und es mir in die Hand gedrückt hatte.

»Es ist ein kleines Jagdschloss in malerischer Umgebung, etwas außerhalb von Inverness. Es steht inmitten eines riesigen Privatgeländes, das bis vor wenigen Jahren zu den Liegenschaften des Duke of Skye gehörte. Es besitzt lediglich fünfzig Schlafzimmer, die aber zum größten Teil sehr luxuriös sind.«

Was mein Interesse einfing, war sicherlich nicht die Hintergrundgeschichte unserer Unterkunft. Was mich hellhörig machte, konnte ich aber auch nicht sagen. Die Sprachbarriere womöglich? Sein Akzent war, vom amerikanischen Standpunkt aus gesehen, fürchterlich. Hin und wieder bezweifelte ich auch, dass es tatsächlich englische Ausdrücke waren.

»Klingt … spartanisch«, wertete Hafidh. Er drehte sein Champagnerglas in der Hand und sah mit leicht verengten Augen zu seinem Freund hinüber. Seine unfassbar langen Wimpern weckten, wie jedes Mal, wenn ich sie bemerkte, puren Neid. Meine Wimpern waren, wie meine Brauen und all mein Haar rot, womit zumindest die zuerst genannten kaum sichtbar waren.

»Keine Sorge, all deine Erwartungen werden erfüllt werden und Miss McGregor wird das heimatliche Flair sicherlich zu schätzen wissen.« Ein Schauer huschte über mein Rückgrat, als er meinen Namen aussprach und mich dabei wieder in Augenschein nahm.

»Das Hotel ist erst in dieser Saison eröffnet worden und hat bereits erstklassige Bewertungen. Die Prinzen haben mit ihren Gattinnen und den Kindern einige Tage hier verbracht und sind gerade erst abgereist.«

Hafidh stoppte die Drehung seines Kelches. Für einen langen Moment starrte er in das prickelnde Getränk, dann hob er den Blick. Er hatte wahnsinnig volle Lippen, aber auch einen Hang, sie zu verziehen. Manchen Leuten konnte man die Gefühle von den Augen ablesen, ihm von der Haltung seines Mundes.

»Die königliche Familie, hm, und ihnen hat der Aufenthalt zugesagt? Nun, dann werden wir uns sicherlich auch wohlfühlen, nicht wahr, Habibati?«

»Es hat einen Spa-Bereich?«, fragte ich, um weniger versnobt zu wirken. »Und große Betten? Dann wird es mir sicherlich gefallen.«

»Tatsächlich ist das Hotel auf seinen Spa-Bereich ausgelegt. Die Betten habe ich allerdings nicht gesondert ausprobiert.« Mr McTiernan zwinkerte mir zu.

Hafidhs Hand legte sich schwer auf mein Knie und fing damit meine Aufmerksamkeit ein. Sein Griff wurde fester und lockerte sich wieder. Ebenso wie sein Kuss zuvor, war auch diese Berührung ungewöhnlich. Sie trug eine besitzergreifende Note, die mir Unbehagen bereitete. Warum musste Hafidh vor diesem Mann so dringlich sein Gesicht wahren?

»Du bist wie immer an den falschen Dingen interessiert, Habibati. Es wundert mich, dass du dennoch so erfolgreich bist.« Hafidh nahm die Hand von meinem Knie und schlang den Arm um meine Schulter, um mich an sich zu ziehen. Ich war verdammt froh, dass meine Crew in der anderen Limousine saß. Das war nicht ich und schon gar nicht das Bild, das ich in der Öffentlichkeit abgeben wollte. Warum also ließ ich zu, dass er mich dermaßen abwertend behandelte?

Nein, sogar herabsetzend, denn genau so verstand ich seine Worte. Als hätte ich nicht hart gearbeitet, hätte nicht Jahre investiert, um meinen Blog aufzubauen. Es mochte leicht aussehen, war es aber nicht. Manchmal machte ich ein Dutzend Takes für ein Video, ich testete Dinge, die schon mal schmerzten oder mich mit versengten Augenbrauen zurückließen. Ich hatte auch unglaublich viel Geld investieren müssen, bevor die Werbepakete endlich ins Haus flatterten.

»Ich finde die Erholungsmöglichkeiten wesentlich wichtiger, als dass irgendwelche Prinzen mal in dem Bett gelegen haben, in dem ich in der Nacht schlafen soll.« Ich zuckte die Achseln, wodurch Hafidhs Arm abrutschte. Genau das hatte ich auch bewirken wollen. »Unsere Prioritäten liegen in der Tat anders.«

Da ich nicht weiter diskutieren wollte, lächelte ich ihn an. »Was treibt uns eigentlich in dieses ungemütliche Klima?« Die Limousine war klimatisiert, was es aber nicht besser machte. Ich fröstelte und suchte doch wieder seine Nähe, um mich an seiner Wärme zu laben. Leider blieb er nicht ruhig. Hafidh reckte sich, damit Mr McTiernan sein Glas auffüllen konnte, streckte sich dann, und legte den Arm auf die Rückenlehne, damit konnte ich näherrutschen und mich an seine Brust kauern konnte, so wie er es mochte. Zu bestimmten Gelegenheiten hatte ich nichts dagegen einzuwenden, mich an meinen Partner oder sonst wen zu kuscheln. Beim Fernsehen zum Beispiel liebte ich es und auch beim Quatschen fand ich es häufig angenehmer, jemanden nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüberzusitzen. Allerdings war ich sonst eher der freiheitsliebende Typ. Nicht das Heimchen, das sich an die Seite eines Mannes flüchten musste, um sich wohlzufühlen. Mein Widerwille kämpfte mit meinem Bedürfnis nach Wärme und trug den Sieg davon. Ich rutschte über die Bank zum Fenster, lehnte mich an das kühle Leder und richtete den Blick hinaus.

Grüne Wiesen huschten an uns vorbei, das allein fand ich bereits faszinierend, schließlich war ein sattes Grün in Austin die Ausnahme. Dazu die Hügel, die sich nah und fern auftürmten und wieder abfielen. Holzzäune rahmten die Weideflächen ein, auf denen hier und dort ein Schaf graste. Ein recht malerisches Bild, auch wenn mir noch immer die strahlende Sonne fehlte.

»Was hat Schottland noch zu bieten?«

Meine Ohren spitzen sich automatisch. Da ich vom Beauty-Blog über Challenges bereits so einiges gemacht hatte, wollte ich mein Portfolio erweitern und da hatte ich an die Vorstellung von Reisezielen gedacht.

»Natur, Geschichte, Abenteuer«, zählte der Einheimische auf und tippte sich dabei bei jedem Punkt auf einen weiteren Finger. »Entspannung, Vergnügen …«

»Ist es das?« An meinem Fenster waren die Hügel abgefallen und einer Küstenlinie gewichen und in einiger Entfernung stand eine Burg auf hellgrünem Untergrund. Ich setzte mich auf, um besser sehen zu können, aber die Szenerie verschwand hinter der nächsten Wand aus Grün und Grau.

»Wir sollten in der nächsten halben Stunde ankommen, ich bin mir sicher, Miss McGregor, dass Ihnen Farquhar gefallen wird. Es ist ein sehr romantischer Ort.« Er fing meinen Blick auf. Seine blauen Augen hatten so einen Schimmer, der, gepaart mit seinem schiefen Grinsen, schelmisch wirkte.

»Romantisch«, wisperte ich, wobei ich mich von seinen Augen losreißen musste.

Draußen flog die schottische Landschaft nur so an mir vorbei. Mit Romantik verband ich einen abgeschiedenen Ort am Strand, Champagner, Rosenduft und leise Musik. Vielleicht noch ein Meer von Kissen und wallenden Vorhängen, die sich in der sanften Brise bewegten.

»Aye. Verträumt, abgeschieden und sinnlich.« Er klang belustig.

Ich prustete, ohne es zu wollen.

»Yeah! Bei den Witterungsverhältnissen ist Sinnlichkeit sicher der einzige Weg, um sich warmzuhalten.« Mein Spott traf auf wohlwollende Gelassenheit.

»Ich sagte bereits, ein sehr sinnlicher Ort.« Er zwinkerte. Meine Lippen bebten, aber ich verkniff mir das Grinsen. Es hatte so bereits eine zu tiefe Bedeutung, wenn man bedachte, dass dies hier gut und gern als Flirt betrachtet werden konnte. Und dafür war es bei weitem zu spät, woran mich Hafidhs Hand erinnerte, die sich wieder besitzergreifend auf mein Knie legte. Ein schneller Blick verriet, dass seine Laune sank.

Obwohl ich es albern fand, wollte ich seine Eifersucht auch nicht für nichts und wieder nichts anregen. Ich hatte eine hervorragende Position: Verlobte eines angesehenen Scheichs, ganz sicher eine zweite Saison meiner TV-Show und wenn alles gut lief, bald einen Agenten, der mich einen weiteren Schritt in Richtung meines Berufswunsches brachte. Ich wollte ins Showbiz und alles deutete darauf hin, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich ließ sicherlich nicht zu, dass ein unnötiger Flirt all meine sehnsüchtigen Ziele zerschmetterte!

Eine halbe Stunde später hielt die Limousine vor einem kleinen Schloss.

Hafidh stieg als Erster aus. Mr McTiernan bedeutete mir zu folgen. Zu gerne wäre ich auf meiner Seite ausgestiegen, nur leider war diese Tür ein Fake. Also rutschte ich mit sich hochschiebendem Kleid über die Bank und stieg ungelenk aus. Starrte er mir etwa auf den Hintern?

Ich versicherte mich dessen nicht, sondern huschte schnell um die Limousine herum, als könne Abstand meine merkwürdigen Empfindungen dämpfen. Die Umgebung nahm ich eher unbewusst auf. Eine breite Freitreppe führte zu einem zweiflügeligen Tor, über dem ein altertümliches Holzschild hing. Farquhar.

Es hatte tatsächlich ein gewisses Flair, das musste ich Mr McTiernan lassen. Der sah über das Dach der Limousine zu mir herüber. Wollte er meine Reaktion prüfen?

Diesbezüglich wurde er enttäuscht. Jahre vor der Kamera hatten mich gelehrt, meine innersten Ansichten zu verbergen. Ich ließ den Blick abschweifen, drehte mich um und gönnte mir ein Grinsen. Vor dem Haus gab es eine breite, gekieste Auffahrt, Rasen soweit man sah, und zur Rechten, ein Stück entfernt eine Hecke, die etwas einfasste. Da Chrom im schwachen Sonnenlicht glänzte, hielt ich es für eine Art Parkplatz.

Mein Kamerateam sortierte sich hinter dem zweiten Wagen. Paul redete mit den anderen beiden Männern, wobei er sich seiner großen Gesten bediente. Mit beiden Armen machte er einen allumfassenden Wink, deutete zur Tür, zum Turm und quer hinüber zum anderen Turm.

Mein Seufzen blieb ungehört, ganz so, wie es gedacht war. Die Heckklappe der Limousine versperrte mir den Blick, als sie geöffnet wurde.

»Habibati, kommst du?«, rief Hafidh mir ungeduldig zu. Er machte einen Wink, der mich heranbeordern sollte und den ich ignorierte. Zwar waren meine Schuhe auch für diesen Untergrund ungeeignet, aber zickig wie ich war, stakste ich dennoch zunächst in Richtung der Rasenfläche.

Es war Paul, der mich aufhielt.

»Hailey, wir machen ein Interview vor dem Haus. Zeig uns deine Begeisterung, okay? Bist du vorbereitet? Weißt du irgendetwas über das Hotel?«

Lässig winkte ich ab. Mr McTiernan hatte sich genügend über Farquhar ausgelassen, so dass ich sicherlich ein paar Details nennen konnte. »Klar.«

Lex und Jason traten zu mir, ohne mir Beachtung zu schenken. Sie beratschlagten, welches Equipment nötig wäre, um im Freien sowohl einen guten Ton einzufangen, als auch das Sonnenlicht sinnvoll zu nutzen. Derweil betrachtete ich das Schloss. Das, was ich als Türme bezeichnet hatte, waren eher vorgestellte Ecken von drei Metern Breite. Die Vorderfront erstreckte sich beidseitig auf gute zehn Meter und fasste drei Stockwerke plus Dach.

Lex zog seinem Mikrofon einen Windschutz über, der den Wind aus der Aufnahme halten sollte. Jason schraubte eine Linse vor seine Kamera und schulterte das schwere Gerät, um sich ein Bild von dem Ergebnis zu machen. Sobald die Linse in meine Richtung zeigte, lächelte ich übertrieben euphorisch.

»Wie sehe ich aus?« Geziert fuhr ich durch mein Haar, das zwar zu einem fluffigen Pferdeschwanz hochgesteckt war, aber durch seine Länge über meine Schulter fiel.

Jason schnaubte, schließlich hatte ich eben diese Frage im letzten Jahr tausendmal gestellt. »Ich bin nicht dein Spiegel, Hailey, wann merkst du dir das endlich?«

»Jason, Jason hinter den Linsen, sag, kann man mich ansehen?« Ich klimperte übertrieben mit den Wimpern, wobei ich die Augen so weit aufriss, wie es möglich war. Ein leichtes Absenken des Kinns intensivierte den Effekt. Ich wirkte wie die Unschuld vom Lande und sicherlich verdammt verführerisch.

Seine Lippen verzogen sich zu einem Schmunzeln, aber eine Antwort bekam ich wie üblich nicht. Stattdessen zählte er mich an. Dafür hob er die Hand, zeigte mir drei Finger, dann zwei … »Willkommen in Alba!«, rief ich, als sich seine Faust schloss, und machte eine Tada-Geste. »Jetzt seid ihr irritiert und fragt euch: Alba, was ist das?«

Ich zwinkerte übermütig in die Kamera. »Keine Sorge, es ist lediglich die gälische Bezeichnung für Schottland.«

Ich unterbrach mich, um den Infodump erträglicher zu gestalten. »Ich befinde mich vor meiner Residenz, dem Szene-Hotel Farquhar nahe Inverness, um mich von der Hektik der letzten Tage zu erholen.« Ich drehte mich, um auf das majestätische Gebäude in meinem Rücken zu deuten. »Dieses Jagdschlösschen soll bis vor kurzem dem Duke of Skye gehört haben, wer auch immer das ist.« Mein Schulterzucken wischte den Titel beiseite. »Es bietet Luxus auf dem neuesten Stand, da die Umbauarbeiten erst in diesem Jahr beendet worden sind. Dennoch haben bereits Prinzen dieses Resort besucht und sollen angetan gewesen sein.« Ich zwinkerte auffällig. »Fünfzig Zimmer, hauptsächlich Suiten, fasst dieses wundervolle Gebäude, das von außen eher Zweifel weckt, tatsächlich über Strom und fließend Wasser zu verfügen.« Ich lachte perlend auf. »Aber wir wollen unvoreingenommen wie stets diesem Halt unserer Reise begegnen.« Erneut wandte ich mich ab, wobei ich einen auffordernden Wink machte. »Kommt mit!«

Nach wenigen Schritten holte mich Jasons Ruf ein. »Cut!«

»Habibati, hat das nicht bis später Zeit?« Hafidh hatte ungeduldig vor dem Tor gewartet, Hassan und Mr McTiernan an seiner Seite, und schüttelte angespannt den Kopf. »Die Reise war anstrengend und ich möchte noch etwas Zeit mit dir genießen.«

Am Fuß der Treppe stockte ich, irritiert über seine Formulierung. »Wir werden nicht morgen schon wieder abreisen, oder? Dann haben wir doch genügend Zeit für uns.«

Natürlich war ich auch abgespannt. Wir hatten die Maschine schließlich am frühen Morgen bestiegen und hatten nach dreistündigem Flug weitere zwei Stunden in der Limousine zugebracht. Es war Zeit für etwas Entspannung. Eine Badewanne oder doch besser direkt der Whirlpool?

»Die eine Einstellung noch.«

Was ich für einen hervorragenden Kompromiss hielt, sah Hafidh als Konfrontation.

»Es reicht!«, beschied er fest. Seine dunklen Augen funkelten selbst in der Distanz verärgert. »Komm!«

Er gab Hassan einen Wink, der direkt die Stufen herabkam und nach meinem Arm griff.

»Finger weg«, spie ich leise, schließlich war nicht auszuschließen, dass Jason die Kamera bereits auf mich gerichtet hielt. Es wäre nur ein weiteres gefundenes Fressen für Paul und schlechte PR für mich, ließe ich es zu einer öffentlichen Auseinandersetzung kommen.

»Hafidh, du weißt, wie wichtig die Aufnahmen sind«, setzte ich auf die Vernunft meines Verlobten. Der gab aber nicht nach und befahl seinem Handlanger nicht, mich in Frieden zu lassen wie ich es erhofft hatte. Hassan abzuschütteln war nicht so einfach, wenn man kein großes Trara machen wollte, also gab ich widerstrebend nach und folgte seiner bestimmenden Führung die Stufen hinauf.

Es kochte in mir. Einerseits empfand ich es als demütigend, von diesem Hanswurst durch die Gegend gezerrt zu werden, dann jedoch richtete sich mein Zorn auch gegen mich selbst. Warum ließ ich es nur zu? Warum entriss ich mich seinen groben Händen nicht einfach, scheuerte ihm eine und machte deutlich, dass er mich nie wieder anzurühren hatte?

»Was soll das?«, knirschte ich, bei Hafidh angelangt.

»Darüber sprechen wir ein anderes Mal.« Er übernahm meinen Ellbogen und schob mich über die Schwelle, bevor ich auch nur ein weiteres Wort hervorbringen konnte.

Der Eingangsbereich war mit klug arrangierten, indirekten Lichtquellen hell ausgeleuchtet. Zur Rechten befand sich die Rezeption, zur Linken einige Sitzgelegenheiten. Auf beiden Seiten führte eine doppelflügelige Tür in einen Korridor, aber nur die auf der linken Seite war geöffnet.

»Willkommen auf Farquhar!«, wurden wir von einer Frau in den Dreißigern begrüßt, die um die Rezeption herumkam, um uns entgegenzutreten. Sie hielt mir die Hand hin, lächelte mich dabei herzlich an, bevor sie sich an Hafidh wandte. »Scheich Al-Abdil, es ist uns eine außerordentliche Ehre, Sie hier bei uns zu haben. Ich bin Caroline McDermitt, die Inhaberin. Darf ich Ihnen Ihre Suite zeigen?« Ihre Hand vollführte einen Bogen in Richtung des offenen Flurs, bevor sie selbst losging. In ihrem gediegenen Kostüm machte sie einen recht professionellen Eindruck, aber Hafidh verzog das Gesicht. Seine Nasenflügel bebten, als er tief den Atem einsog. Sein Griff um meinen Ellbogen verstärkte sich, dass es schon schmerzhaft wurde.

»Hafidh«, murmelte ich, während ich die Hand auf seine legte, um seine Finger zu lockern. »Lass los.«

Mrs McDermitt sah über die Schulter zurück. »Mr McTiernan hat alle Formalitäten bereits erledigt, damit bleibt mir nur noch, Ihnen das Haus zu zeigen. Im Erdgeschoss finden Sie den Speiseraum und den Spa-Bereich. Im Untergeschoss befindet sich zudem ein Fitnessbereich, der ganz zu Ihrer Verfügung steht. Weitere Informationen über unser Angebot finden Sie in der Broschüre. Wenn Sie Fragen haben, steht Ihnen rund um die Uhr jemand zur Verfügung. Die Rezeption ist mit einem Klick auf das Display zu erreichen.«

Mrs McDermitt stoppte vor einem Fahrstuhl, allerdings waren wir bereits zuvor an einem vorbeigekommen.

»Dies ist der Fahrstuhl, der exklusiv für die Suiten im zweiten und dritten Stock bereitsteht. Er funktioniert lediglich mittels eines Codes. Sie können das Gebäude durch den separaten Eingang betreten.« Sie drehte sich, um uns zur Ecke zu lotsen, von der aus man den rückwärtigen Ausgang sehen konnte. »Sie können Ihre Fahrer anweisen, um das Haus herumzufahren. Parken ist dort jedoch nicht erlaubt.«

Geschäftig kehrte sie um, rief den Aufzug und wandte sich uns wieder zu. »Bitte scheuen Sie sich nicht, Ihre Wünsche kundzutun. Wir sind darauf bedacht, unseren Gästen einen umfassend exquisiten Aufenthalt zu ermöglichen.«

Die Türen glitten geräuschlos auf und sie deutete hinein. »Nach Ihnen.«

Hafidh schob mich vor. Der Lift fasste laut Plakette zehn Menschen. Damit war er ausreichend groß, sorgte bei mir aber dennoch für Beklemmung, obwohl Mr McTiernan sich verabschiedete und damit nur Hassan, Hafidh, Mrs McDermitt und ich einstiegen.

Jeden Atemzug bewusst einziehend, beruhigte ich mich mit Gedanken an die Weite der Natur, die nur wenige Meter neben mir begann – hinter den Mauern von Farquhar, was mein Kopf nicht vergessen wollte. Die Fahrt dauerte nicht lange und als sich die Türen öffneten, drängte ich hinaus. Mein Keuchen unterdrückte ich gerade so, wobei ich mich eilig umsah, um Neugierde vorzutäuschen.

»In dieser Etage befinden sich die drei größten Suiten in unserem Haus. Ihre ist die gleich gegenüber. Damit haben Sie einen wundervollen Ausblick auf das wenige Meilen entfernte Meer und die ausgedehnte Gartenanlage, die selbstredend nur unseren Gästen zur Verfügung steht.«

Sie erreichte eine ebenfalls zweiflügelige Tür und öffnete sie mit einer Karte, die mittels einer Kordel direkt wieder unter ihrem Jackett verschwand. Mrs McDermitt öffnete die Tür mit Schwung und bedeutete uns voranzugehen. Wir betraten einen Raum, der größer war als mein Schlafzimmer daheim in Austin, aber unmögliche Ausmaße waren für mich nichts Neues. Auch das Hotel in Paris hatte uns Zimmer zur Verfügung gestellt, die darauf ausgelegt waren, sich in ihnen zu verlaufen.

In der Mitte standen diverse Couches um einen Tisch aus Eichenholz herum. Ein Breitbildfernseher hing an der Wand und nahm sie fast zur Gänze ein. Zu beiden Seiten schlossen sich Räume und Gänge an.

»Wünschen Sie eine Führung durch die Suite, Scheich Al-Abdil?«

»Wie viele Schlafzimmer?« Hafidh verschwendete keinen Blick auf die moderne Ausstattung um sich herum.

»Fünf.« Sie deutete in beide Gänge. »Zwei auf der Südseite, drei auf der Nordseite.«

Er ließ uns stehen und stürmte den Gang hinunter.

»Wir sind zu zweit«, wandte ich mich an die Besitzerin des heimeligen Hotels. Das rüde Verhalten meines Verlobten war mir peinlich und ich wollte es ausgleichen. »Ich werde wohl nie verstehen, warum da eine Suite mit fünf Schlafzimmern angemietet wird.« Ich schenkte ihr ein belustigtes Lächeln. »Wie viele weitere Gäste haben Sie derzeit noch?«

»Zurzeit sind sie die einzigen. Die nächsten Buchungen sind um den fünfzehnten herum, damit haben Sie drei Wochen völlige Abgeschiedenheit vor sich.«

»Wie bitte?« Zwar war ihr Akzent nicht schottisch und damit war sie leichter zu verstehen als Mr McTiernan, dennoch glaubte ich, nicht richtig verstanden zu haben. »Das ist ein Irrtum«, griff ich daher auf. »Wir machen nur einen schnellen Zwischenstopp, bevor …«

»Habibati!«, donnerte Hafidh. Einmal mehr bekam ich Zweifel an der Bedeutung des Wortes. »Sicherlich hat Mrs McDermitt Besseres zu tun, als mit dir zu tratschen.« Er nickte der Eignerin zu. »Sie können uns alleinlassen.« Es klang nicht nach einer Bitte, ganz und gar nicht.

»Selbstverständlich. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt.« Sie neigte den Kopf, lächelte, aber in ihren Augen meinte ich ein gewisses Ressentiment ausmachen zu können. Sie verließ die Suite und schloss lautlos die Doppeltür.

»Du beziehst eines der Zimmer im Norden, welches, ist mir gleich.« Hafidh löste seine Manschettenknöpfe und steckte sie sich in die Jacketttaschen. »Gestalte deinen Tag, wie du es möchtest, ich werde am Abend ausgehen.«

Da sein Blick unverwandt auf mich gerichtet war, sparte ich mir die Frage, ich schüttelte lediglich den Kopf.

»Padraig hat mich eingeladen. Wir haben uns seit unserer Studienzeit nicht mehr gesehen.« Seine strenge Miene lockerte sich und selbst seine Lippen verloren ihren steifen Zug. Hafidhs Charme trat zutage, sein dunkler Sex-Appeal, der mich seit unserem ersten Treffen so eigentümlich anzog. Ich mochte seine samtigen, dunklen Augen, seine wahnwitzig langen Wimpern, die stolze Nase, auch wenn sie eine Spur zu gebogen war oder vielleicht gerade deswegen?

»Wir sind hier allein. Hassan wird auf dich aufpassen.« Damit ließ er mich stehen. Er hatte tatsächlich eine unangenehme Art, Gespräche zu beenden, bevor sie eigentlich recht begannen. Er wollte sich in sein Zimmer zurückziehen, aber so einfach entkam man mir nicht.

»Hafidh.« Ich folgte ihm. »Warum kann ich dich nicht begleiten?« Auch wenn ich keine Männerabende crashen musste, um mich gut zu fühlen, war es die angenehmere Variante. »Was werdet ihr machen?«

»Habibati, ich werde allein gehen.« Er riss die Tür zu seinem Schlafzimmer auf. Von dem Gang, in dem ich mich noch befand, gingen vier weitere Türen ab, womit er den vom Eingang aus gesehen entferntesten Raum nutzte.

»Du lässt mich am ersten Abend nach unserer Verlobung allein? In einem fremden Land, an einem abgeschiedenen …«

Die Tür knallte hinter ihm zu. Es stoppte mich. Nicht nur meine Verfolgung oder die Tirade, nein, sein Verhalten brachte mich dazu nachzudenken. So wollte ich nicht sein und es machte mich wütend, dass er mich dazu brachte, ihm hinterherzulaufen und ihn mit Beschwerden zu überhäufen. Ich brauchte ihn sicherlich nicht, um mich zu amüsieren. Hassan auch nicht, also setzte ich meinen Weg fort. Noch in der Tür blieb ich stehen. Auch sein Schlafzimmer trotze vor Moderne. Irgendwie war ich enttäuscht. Das Flair eines Jagdschlosses ging deutlich verloren, wenn das Interieur durch Glas und Stahl glänzte und nicht mit Holz, edlen Stoffen und altertümlichen Gemälden daherkam.

»Fein.«

Hafidh drehte sich zu mir um. Er hatte sein Jackett abgelegt und knöpfte sich ungehalten das Hemd auf. »Kannst du anklopfen, bevor du mein Schlafzimmer stürmst?«

Den Atem ganz langsam auszustoßen und mich dabei zu beruhigen, war eine Mammutaufgabe.

»Entschuldige, aber du tendierst dazu, jeder Diskussion auszuweichen.«

»Nein, ich weiche nichts aus.«

Ein ersticktes Lachen entwich mir. »Hafidh, du bist soeben davongestürmt und hast die Tür vor meiner Nase zugeschlagen!«

»Padraig erwartet mich. Du wirst erlauben, dass ich pünktlich zu meinen Verabredungen erscheine«, gab mein Verlobter schnippisch zurück, was mich einen Moment lang sprachlos machte.

»Natürlich.« Ich räusperte mich, was er zum Anlass nahm, zu mir zu kommen und mich hinauszudrängen.

»Ich bin in Eile. Wir können morgen diskutieren.«

Mein Mund klappte zu, als sich die Tür erneut vor mir schloss.

Warum es mich immer noch verwunderte? Keine Ahnung, aber von diesem Urlaub hatte ich mir etwas ganz anderes versprochen: mehr Nähe, deutlich mehr Zweisamkeit und zwar besonders zwischen den Federn.

Kopfschüttelnd trat ich zurück. Um mich zu sammeln, schloss ich die Augen, zählte rückwärts bis null, wobei ich absichtlich bei fünfzig anfing, und atmete betont tief durch.

Hinter der Tür rumorte es. Hafidh sprach in seiner Muttersprache, wobei es nicht nach Fluchen klang. Also tippte ich innerlich auf ein Telefon. Mit wem hatte er so dringlich zu reden, nachdem er mich vor die Tür gesetzt hatte? Bei dreißig gab ich auf und trat den Rückweg an.

Im Wohnbereich begegnete mir Hassan. Seine dunklen Augen legten sich gleich mit üblicher Ablehnung auf mich. Mein Trolley stand an der Tür und ich schnappte ihn mir, um mein Zimmer auszusuchen. Das Entfernteste im Südtrakt.

3

Keine paradiesischen Zustände

Es rumpelte so laut, dass ich davon aufschreckte. Mein Herz polterte in meiner Brust und meine klammen Finger vergruben sich tief in meine Decke. Porzellan zerdepperte und ich sprang aus dem Bett, um nach der Ursache zu sehen. Die Furcht, die mich im Moment meines Erwachens in den Klauen zu zermalmen drohte, war gewichen. Wir residierten völlig allein in diesem riesigen Haus, demnach war der Randalierer kein Fremder. Ich bereute meine Zimmerwahl, denn ich musste den ganzen schmalen Korridor hinuntereilen, bevor ich das erleuchtete Wohnzimmer erreichte.

Hassan übernahm Hafidh von Mr McTiernan. Mein Verlobter grölte sturzbetrunken Dinge, die sicher nur seine Landsleute verstanden, wenn überhaupt. Für einen Moslem war er überraschend sternhagelvoll. Es war ein bissiger Gedanke, den ich sogleich unterdrückte. Ich war selbst kein Moralapostel und solange sich der Alkoholkonsum in Grenzen hielt, verdammte ich ihn auch nicht. Hafidh ebenfalls nicht, auch wenn er mich stets ermahnte, es bei einem Glas zu belassen. Ich verwarf den Gedanken und eilte auf das Trio zu.

»Hafidh hast du dich …«

Seine dunklen, glasigen Augen legten sich auf mich und seine sonst so starren Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Eines, das mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte.

»Habsbi«, nuschelte er. »Mein Weibsstück.«

Es stoppte mich und ließ meine Sorge um ihn sofort verpuffen. Geifer rann an seinem Kinn herab und nahm ihm jegliche Anziehungskraft. Allerdings bemerkte ich dies nur am Rande. Weibsstück! Es klang nicht wie eine respektvolle Ansprache, eher im Gegenteil, und die Art, wie er mich ansah, unterstrich dieses Gefühl noch.

Sein Blick glitt an mir herab, wobei sich sein Gesicht zunehmend rötete.

»Du bist nackt!«, spie er. »Und begibst dich in die Gesellschaft von Männern wie eine Hure!«

Er war mir nuschelnd lieber gewesen. Auch die anderen beiden Männer sahen nun wieder zu mir herüber. Beide hatten mein Kommen mit einem schnellen Blick registriert und hatten sich wieder der Aufgabe gewidmet, Hafidh aufrechtzuhalten und ins Bett zu bugsieren. Nun musterten sie mich. Hassan mit offenem Abscheu, Mr McTiernan mit unlesbarer Miene.

Urplötzlich begannen meine Wangen zu glühen und etwas kitzelte mich innerlich auf Magenhöhe. Schmetterlinge?

Lächerlich, aber es fühlte sich fast so an wie damals, als ich den romantischsten Moment meines ganzen Lebens verbracht hatte. Dabei war dies hier sicherlich der Peinlichste. Auch ohne selbst an mir herabzuschauen, wusste ich, was für einen Anblick ich bot. Ich trug ein Schlafshirt mit Aufdruck, das mir bis zu den Knien reichte. Daher konnte von nackt nicht die Rede sein, auch wenn ich keine Unterwäsche trug. Gut, vielleicht war ich doch ein klein wenig nackt – auf gewisse Weise. Irgendwie. Also presste ich die Lippen aufeinander, ballte die Fäuste und trat den Rückzug an.

»Dir geht es offenbar gut genug. Gute Nacht.«

»Du kommst nun zurecht?«, erkundigte sich die tiefe Stimme McTiernans nach Hafidh.

Mein Schritt verharrte. Da war es wieder, dieses Schlingern in meinem Unterbauch, das auch einen Effekt in meinen Knien hervorrief. Ich lehnte mich, den Atem anhaltend, damit ich ihn besser verstehen konnte, gegen die Wand. »Ich muss gestehen, diese Standfestigkeit habe ich dir nicht zugetraut.«

Hafidh brachte einen Laut hervor, den ich nicht beschreiben konnte, der allerdings gar nicht angenehm klang.

»Sie ist eine Hure, wie all die anderen«, nuschelte Hafidh polternd. Erstarrt rang ich nach Atem. Das hatte mein Verlobter nicht wirklich gesagt!

Jemand räusperte sich. »Ich sollte gehen. Wir sehen uns …«

»Es ist ein Fehler«, unterbrach ihn Hafidh. »Nicht wahr?«

Hassan begann auf seinen Landsmann einzureden, während sich der Schotte erneut gedehnt räusperte.

»Ich kenne Miss … McGregor nicht gut genug, um mir eine Meinung bilden zu können.«

»Sie ist eine Ungläubige!«, spie Hafidh. Etwas Scharfes folgte, was ich nicht verstand. Ein richtiger Wortschwall ergoss sich, den McTiernan mit einem Räuspern unterbrach.

»Hafidh, du bist betrunken. Schlaf dich aus. Du wirst deine Meinung über deine hinreißende Verlobte sicherlich ändern, wenn du …«

»Amerikanerin«, unterbrach Hafidh ihn. »Sie ist wie all die anderen ehrlosen Weiber.«

Die anschließende Stille war glasklar und ebenso schneidend. Ich presste mich an die Wand, um ja nicht aus Versehen ein Geräusch zu produzieren. Ich sollte mich entrüsten und nicht verstecken, das sagte mir mein Stolz. Aber irgendwie war ich zu verletzt, als dass ich mich diesem Kampf stellen konnte.

»Das ist ein harscher Vorwurf, Hafidh, und auch nicht haltbar. Wenn du mich fragst, ist Miss McGregor eine hübsche, junge Lady aus den Staaten, die sich sicherlich deiner würdig erweisen wird.«

Idiot. Meine Lippen pressten sich zusammen und ich ballte die Fäuste. Wie kam er darauf, ich müsse mich irgendjemandem würdig erweisen? Wie kam er dazu, für mich eine Lanze brechen zu wollen?

Seine Verteidigung machte die Herabwürdigung von einem Verlobten lediglich schlimmer. Hafidh mochte betrunken sein, aber rechtfertigte Trunkenheit schlechtes Benehmen?

Nein, definitiv nicht!

Verärgert verließ ich meinen Horchposten, um zurück in mein Zimmer zu stampfen. Die Tür warf ich zu, bevor mir in den Sinn kam, besser nicht zuzugeben, dass ich alles mitgehört hatte. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als es später aufs Tapet zu bringen. Natürlich musste ich es ansprechen, schließlich war es unfraglich daneben, so über mich herzuziehen. Oder über Amerikanerinnen im Allgemeinen.

Ich drehte mich und schlug auf mein Kissen ein, um es bequemer zu formen.

Ehrlos. Mein Schnauben wurde von der Bettdecke verschluckt. Ich besaß Ehre. Selbstverständlich! Und ehrlos war es höchstens, so abfällig über jemanden zu sprechen. Wer also sollte hier mit Tomaten beworfen werden? Hafidh oder ich? Immerhin zog ich weder öffentlich, noch im engeren Kreis einiger Freundinnen über ihn her.

Ich drehte mich und malträtierte erneut mein Kissen, aber was ich auch tat, es wurde nicht bequemer. Also gab ich den Versuch auf, wieder einzuschlafen und fischte nach meinem Handy. Es lag etwas außer Reichweite auf meinem Nachttisch, daher musste ich mich strecken. Zurückrutschend setzte ich mich auf und zog die Decke über meine nackten Beine. Ich googelte das Wort Ehre und stutzte. Der einzige Weg für eine Frau, Ehre zu erlangen und sie zu erhalten ist die Tugendhaftigkeit. Aus welchem Jahrhundert stammte der Quatsch? Warum sollte meine Ehre davon abhängig sein, ob ich Jungfrau war oder nicht?

Ich las weiter, aber besser wurde es nicht, als ich über einen Artikel stolperte, in dem ausführlich der Ehrbegriff in der Religion abgehandelt wurde. Meine Glieder befiel eine urtümliche Schwere. Meine Erziehung hatte mir eine andere Bedeutung von Ehre und Ehrgefühl vermittelt. Mit der Begrifflichkeit verband ich integres Verhalten, respektvollen Umgang mit anderen, Aufrichtigkeit und Fairness und ganz sicher nicht sexuelle Enthaltsamkeit.

Jedoch hatte ich dieses miese Gefühl, dass Hafidh das anders sah. Wir trafen uns seit einem Jahr und mehr als Küsse war zwischen uns nicht passiert. Zunächst hatte ich es noch als altmodischen Spleen abgetan, aber spätestens bei diesem Kurztrip, bei dem nichts so lief, wie ich es mir ausgemalt hatte, sollte mir der Haken aufgefallen sein.

Wie setzte sich Ehre in Hafidhs Vorstellung zusammen und wie beeinträchtigte diese unsere Zukunft?

Voller innerer Unruhe rutschte ich in meinem Bett herum, bis ich es nicht mehr aushielt. Ich brauchte Bewegung!

Auf leisen Sohlen schlich ich aus der Suite und stockte vor dem Lift. Zwar kannte ich den Code, aber allein die Vorstellung, in dem engen Raum gefangen zu sein und Stunden ausharren zu müssen, bevor jemandem meine Abwesenheit auffallen würde, ließ meine Kehle sich zuschnüren.

Es war absolut irrational und ich wusste natürlich, dass die Wände nicht anfangen würden auf mich einzustürzen, selbst wenn der Fahrstuhl stecken bliebe, aber es gab Momente, da kam ich gegen die Angst einfach nicht an.

Die Treppe zu finden war nicht schwer, obwohl die Notausgänge nicht so deutlich sichtbar waren wie in der Holzklasse. Überrascht blieb ich stehen, als ich die schwere Holztür aufzog und stieß ein Lachen aus. Blanke Steinwände grüßten mich, die die schmale, aber ebenfalls steinerne Treppe umgaben, eine steile Wendeltreppe mit Erkern und schmalen Fenstern. Sie führte in schwindelerregenden, engen Runden bis hinunter in den Keller, wo ich mühelos den Fitnessbereich fand, der nach Geschlechtern unterteilt war. Die technische Erklärung für das Laufband hing vor dem Gerät und war simpel. Daher stand ich wenige Minuten später bereits auf dem Gerät und ließ die Gedanken wandern. Die Aussicht – eine geweißte Wand mit der Gerätebedienung – war so eintönig, dass mir schnell langweilig wurde und dies nutzte mein Kopf stets, um zu planen. Allerdings war das so nicht gedacht gewesen. Ich wollte nicht länger über die Misere grübeln, in der ich steckte. Oder bereits einen Aktionsweg ersinnen, wie ich Hafidh mit unserer unterschiedlichen Einstellung konfrontieren sollte.

»Oh, guten Morgen.«

Beinahe wäre ich durch mein Zusammenzucken auf der Nase gelandet. Ich rettete mich gerade noch durch einen Sprung, der meine Füße wieder in Gleichtakt versetzte, und sah über die Schulter zurück. »Guten Morgen, Mrs McDermitt. Ich hoffe, ich störe nicht.«

»Dasselbe wollte ich soeben fragen.« Sie lächelte belustigt. Ebenso wie ich trug sie eine enge Leggings und ein Sporttop, das den Bauch frei ließ.

»Selbstverständlich steht Ihnen der Fitnessbereich wie jedem anderen stets zur Verfügung.«

»Wollten Sie auch trainieren? Bitte, leisten Sie mir doch Gesellschaft«, bat ich, weil ich nicht weiter grübeln wollte.

»Ich möchte Sie wirklich nicht stören.«

»Iwo.«

Da sie immer noch unentschlossen die Stirn runzelte, suchte ich nach einem Eisbrecher. »Sagen Sie, ich kann Ihren Akzent nicht einordnen. Sie sind keine Schottin, oder?«

Es funktionierte. Mrs McDermitt stellte ihre Tasche ab und nahm das Band neben mir.

»Nein, ich bin Deutsche.«

»Und haben einen Schotten geheiratet. Und nun gefällt es Ihnen hier?«

Ein gedehntes, tiefes Seufzen war die Antwort.

»Ja«, wurde sie dann doch deutlicher. »Langsam wird es zu meiner Heimat.«

»Darf ich fragen, wie lange Sie bereits hier sind?« Schweiß rann mir über den Rücken und kitzelte mich.

»Fast fünf Jahre.« Sie zuckte die Achseln. »Aber es ist alles so anders hier, dass es mir manches Mal immer noch schwerfällt, gelassen zu bleiben.«

»Bei Ihrem Mann?«, zog ich sie mit einer impertinenten Anspielung auf. Irgendwie spürte ich eine gewisse Verbundenheit mit dieser Fremden und es lag mir bereits auf den Lippen, sie um Rat zu bitten.

»Schotten sind unglaubliche Sturköpfe«, murrte Mrs McDermitt, wobei sie eine Schnute zog. »Und so unverschämt direkt, dass es wehtut.«

Da ich keinen Vergleich hatte - die einzige Person aus diesem Land, die ich wirklich kannte, war meine Mutter - bezog ich es auf meinen Kontext.

»Tja, noch keinem Texaner begegnet, hm?« Ich zwinkerte ihr zu, was sie zum Lachen brachte. Meine Stimmung hob es nicht, ganz im Gegenteil. Der Drang, mich anzuvertrauen, wurde immer stärker.

»Sicher, dass Sie nicht von ausgewanderten Schotten sprechen?« Sie hob die Brauen und brach in Gelächter aus. »Verzeihen Sie, aber ich glaube nicht, dass es schlimmere Ochsen gibt als die hier ansässigen.«

»Ich werde mir ein Bild machen, Mrs McDermitt, und Rücksprache mit Ihnen halten«, versprach ich.

Außer Puste stellte ich das Tempo des Laufbandes niedriger. »Bisher ist mir nur dieser eine begegnet. Mr McTiernan.«

Mein Achselzucken sollte die Erinnerung an ihn vertreiben. Dieses Land stürzte mich in ungeahnte Gefühlsaufruhr. Dabei wollte ich mich lediglich umschauen und Ideen für meinen Vlog sammeln, während meine Beziehung Fahrt aufnahm. Und nun geriet hier alles aus dem Ruder. Mein Puls beschleunigte sich und dies hatte nichts mit meiner körperlichen Anstrengung zu tun.

»Ah, ich kann Ihnen einige Pubs empfehlen, wo Sie auf die eingefleischten Ureinwohner dieses Landstriches stoßen werden. Wundern Sie sich aber nicht, wenn Sie schief angesehen werden. Ach, und Sie sollten sich auf Spielchen gefasst machen. Sie lassen Fremde gerne auflaufen.«

Ihr Lachen erdete mich, dennoch musste ich mein Band noch langsamer stellen. »Das klingt gemein.«

Sie zuckte die Achseln und grinste. »Menschen.«

Ja, Menschen konnten verteufelt gemein sein. Besonders jene, die man an sich heranließ. Verlobte. Stiefväter. Mütter …

Schnell riss ich mich von dem deprimierenden Gedanken los und suchte nach einem weniger emotionalen Gesprächsthema. Und vergriff mich.

»Kennen Sie sich mit Ehre aus?«

Verdutzt verpasste sie den nächsten Schritt und hopste ebenso unelegant wie ich zuvor auf dem Laufband herum, um ihren Takt wiederzufinden.

»Nun ja, das kommt auf den Kontext an.«

»Meiner Recherche nach gibt es da keinen Spielraum«, schnaubte ich verdrossen.

»Oh.« Sie sah mich an, als hielte sie Worte zurück.

»Dabei ist es ausgemachter Schwachsinn.« Mein durchdringender Blick forderte sie dazu auf, mir zuzustimmen. »Ich verstehe das Konzept einfach nicht.«

»Hm. Vielleicht sprechen Sie lieber mit Scheich Al-Abdil über dieses Thema?«

Was anderes übrig bliebe mir nicht, aber unvorbereitet wollte ich da auch nicht hineinschlingern. Ich musste vorher wissen, was mich erwartete.

»Kennen Sie …«

Eine Melodie unterbrach mich.

»Oh, das ist meines. Verzeihung.« Mrs McDermitt stellte ihr Band ab und lief zu ihrer Sporttasche. Während sie ihre Stirn mit einem Handtuch abtupfte, entsperrte sie ihr Handy. »Verflixt.« Sie sah bedauernd zu mir rüber. »Bitte entschuldigen Sie, aber ich muss Sie alleinlassen.«

Ich biss mir auf die Unterlippe.

»Bitte genießen Sie unser Angebot und … vielleicht findet sich ein anderer Moment für einen Plausch.« Mit einem Nicken schnappte sie sich ihre Sachen und entschwand.

Da erst merkte ich, wie verdammt einsam ich war. Ich verpasste wieder einen Schritt, stolperte, weil das Band unter mir gnadenlos weiterlief, und fing mich gerade noch. Schnell stoppte ich es und keuchte mit heftig klopfendem Herzen. Der Schreck hatte mir den Stich versetzt, nicht meine vermeintliche Einsamkeit. Ich war doch gar nicht allein. Ich hatte Hafidh. Und meine Mutter. Einige Freunde, mit denen ich hin und wieder etwas unternahm. Aber keiner von ihnen war nun für mich da.

Hafidhs Schnarchen vernahm ich bereits im Gang zu meinem Zimmer, aber nichts anderes war zu erwarten gewesen. Nach einer ausgedehnten Dusche fand ich mich im Frühstückszimmer ein. Allein. Es zerrte an meinen Nerven, denn neben der permanenten Einsamkeit konnte ich mich nicht dazu bringen, mein Problem für mehr als eine Minute beiseitezulassen. Wie sollte ich Hafidh begegnen? Wie sollte ich seinen Ehrbegriff erkunden, ohne dass es zu Streitigkeiten kam?

Herrje, ich war ein Pulverfass! Schon in alltäglichen Belangen verlor ich schnell die Geduld. Wie sollte ich mit Fingerspitzengefühl anmerken, dass er sich falsche Vorstellungen von mir machte?

Nervös sah ich mich um. Es gab zehn Tische, die sich in dem großen Raum verteilten. Die Fensterfront zeigte auf den bunten Garten und lockte mit einem Fensterplatz. Sonnenstrahlen tanzten auf der Tischdecke, spiegelten sich im bereitliegenden Besteck. Die kunstvoll zu einem Schwan gefaltete Stoffserviette stand auf dem glänzenden Porzellanteller. Dieser Raum war nicht zwanghaft modern gestaltet, sondern spiegelte die jahrhundertealte Historie des Gebäudes wider. Lediglich die Tischleinen mochten neu sein, die Tische, Stühle, ja selbst die Anrichte neben dem Eingang waren es sicher nicht.

Es knarrte leise, als ich mich auf dem Stuhl niederließ. Ein junges Mädchen eilte herbei, fragte mich nach meinen Wünschen und verschwand ebenso schnell wieder. Ich blieb in einem absolut stillen Raum erneut allein zurück. Mein Blick wanderte automatisch hinaus, wurde vom saftigen Grün des Rasens verschluckt, der in der Unendlichkeit verschwand. Nicht wirklich, denn aus dem Rasen wurde Gras und aus der ebenen Fläche eine hügelige Landschaft, dennoch wirkte es, als verschwände mein Blick in der Endlosigkeit.

»Guid mornin´.«

Ich schreckte auf, wobei ich zuckte und dem Schwan auf dem Teller vor mir einen Schlag gab, dass er ihm entgegensegelte. Mr McTiernan fing die Serviette auf und drehte sie grinsend.

»Hübsch.« Dabei zwinkerte er mir dermaßen vertraut zu, dass mir der Atem zu einer Erwiderung fehlte. Eine, die mir nicht einmal in den Sinn kommen wollte.

Er setzte sich, nachdem er den Schwan wieder auf meinem Teller platziert hatte, und schob seinen etwas höher, um die Ellbogen aufsetzen zu können. Er sah für eine durchzechte Nacht recht frisch aus, keine blutunterlaufenden Augen, keine tiefen Ringe unter ihnen und auch weder fahl noch sonst wie übernächtigt. Seine betont gute Laune machte ihn auch nicht erträglicher. Zumal er vor wenigen Stunden Hafidhs Tirade gehört hatte, die mir nun wieder in den Ohren nachhallte.

Zumindest vertrieb die Erinnerung meine Sprachlosigkeit.

»Guten Morgen«, sagte ich absichtlich in überdeutlichem Englisch. »Haben Sie gut geschlafen?«

»Nay.« Er winkte lässig ab. »A wee nap musste genügen.« Wieder zwinkerte er, was einen heißen Bolzen durch mich schießen ließ. Der Kerl war verflucht anziehend und ich verwettete meine Kamera darauf, dass er es genau wusste!

»Es wird sich sicher rächen, wenn …« Er brach ab, zuckte die Achseln und sah sich um. »Haben Sie bereits bestellt? Ansonsten schaue ich mal, wo die Bedienung bleibt.«

Wenn was? Oh, ich hasste es, wenn man mich im Dunkeln ließ. Besonders nach Anspielungen wie dieser.

»War ein wilder Ausflug letzte Nacht«, griff ich auf, als er sich mir nach seinem Rundumblick auf der Suche nach der Servicekraft wieder zuwandte. Für einen Sekundenbruchteil verschwand seine Fröhlichkeit, dann zuckte er wieder breit grinsend die Achseln.

»Ihr Verlobter verträgt lediglich keinen Alkohol, Miss McGregor.«

Seine Worte waren sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber irgendetwas sagte mir, dass es nicht die ganze Wahrheit war. Also intensivierte ich meinen Blick. Eine scharfe Musterung, wie sie mein Stiefvater gerne an mir erprobte, erbrachte aber lediglich eine Spur Nervosität.

»So wie in der letzten Nacht habe ich ihn noch nie erlebt.«

Vielleicht hätte ich es für mich behalten sollen, aber vor mir saß schließlich ein Freund von Hafidh. Jemand, der ihn länger und vermutlich besser kannte als ich und den er offenbar in seine Gedanken einweihte. »Er trinkt nicht oft und auch nie viel.«

»Scheint mir auch so.« Er tat es mit einem Achselzucken ab. Die Bedienung kam mit einem Tablett zu uns an den Tisch, um meine Bestellung abzuliefern und Mr McTiernans aufzunehmen. Erst als sie außer Hörweite war, nahm ich das Gespräch wieder auf, wobei ich mein Rührei verschmähte.

»Wie ist es zu diesem … Ausfall gekommen?«

»Nun …«, sagte er gedehnt. Er lehnte sich vor. Seine Unterarme lagen auf dem Tisch und er umfasste mit jeder Hand seinen Ellbogen des anderen Arms. Auch seine Augen verengten sich zu einem durchdringenden Blick. »Das gehört wohl zu den Geschichten, die man der Zukünftigen verschweigt.«

Offen gestanden kamen mir einige unschöne Ideen, aber zugleich sprang mir der Widersinn dieser Vorstellungen ins Auge. Hafidh betrat sicherlich weder einen Stripclub noch einen Spielsalon. Abgesehen davon, dass es sich nicht mit seinem Ehrbegriff vereinbaren ließe. Oder etwa doch?

Verflixt, ich benötigte dringend jemanden, mit dem ich darüber beratschlagen konnte!

»So?«

Eine neue Strategie musste her, also nahm ich bedacht langsam mein Besteck auf und schob das Ei auf dem Teller umher.

»Belassen wir es dabei, Lassie.«

»Ich werde Hafidh fragen«, stellte ich betont uninteressiert in Aussicht. Mein Heben der Achseln sollte nonchalant wirken, so als erwartete ich tatsächlich mehr zu erfahren, wenn ich meinen Verlobten fragte, was er in der letzten Nacht angestellt hatte. Sicher war ich mir jedoch nicht.

»Ist wohl besser so.«

Nach einigen Bissen ließ ich die Gabel wieder sinken. »Also, wo wart ihr? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier einen Ort gibt, an dem …« Ich brach mit einem Schulterzucken ab. »Hafidh hat strikte Sicherheitsregeln und sicher haben euch mindestens zwei seiner Leute begleitet. Ich kann mir nicht vorstellen …«

Er lachte auf. Zwar funkelten mich seine intensiv blauen Augen an, aber er schüttelte den Kopf. »Verzwickt, zugegeben.«

Die Servierkraft kam zurück, stellte einen dampfenden Teller und einen Milchkaffee vor ihm ab. Auch dieser Ansatz scheiterte also, aber aufgeben kam nicht infrage.

»Anscheinend werde ich hier in Schottland meinen Junggesellinnenabschied feiern, ich frage mich nur wo.« Seine Aufmerksamkeit hatte ich zurück, die kurzweilig auf seinem Rührei geruht hatte. Seine Brauen zogen sich leicht zusammen und zeigten einen Stich ins Rote. War er etwa beunruhigt?

»Bisher habe ich nur Landschaft zu sehen bekommen.«

Ich biss mir unbedarft auf die Unterlippe, eine Geste, die ihn direkt auf meine vollen Lippen aufmerksam machte. Dann seufzte ich herzzerreißend, aber leise genug, damit es nicht aufgesetzt wirkte. Meine Haltung brach ein. Meine Schultern senkten sich und ich beugte sie ein wenig vor. Dabei behielt ich ihn selbstredend im Auge, um seine Reaktion abschätzen zu können. Stieg er auf meine Masche ein? Konnte ich ihn dazu bringen, mir zu verraten, was ich wissen wollte?

Zugegeben, ich hasste mich dafür, dieses Spiel zu spielen. Auf Tricks zurückgreifen zu müssen, um Informationen oder Vorteile zu erhalten, aber so manches Mal sah ich mich einfach dazu gezwungen. Warum sagte mir der schottische Dickschädel nicht, was er mit meinem Verlobten in der letzten Nacht getrieben hatte?

»Darum werden sich Ihre Gefährtinnen doch kümmern«, tat er ab.

Er verputzte seine Mahlzeit mit wesentlich mehr Elan als ich. Allerdings verzehrte mich auch die Neugierde. Wann war aus meiner Sorge Ungeduld geworden?

Ganz gleich, was letzte Nacht vorgefallen war, es hatte sicherlich nicht zu Hafidhs Aussetzer in unserer Suite geführt. Oder?

Ich gab meine Pose auf, da ich zunehmend wütender wurde. Er aß in aller Seelenruhe, während ich vor Wissensdrang durchdrehte. Mein Blick fiel dabei von seinen strahlend blauen Augen zu seinem Mund ab. Seine Lippen besaßen einen ausgeprägten Amorbogen und eine Fülle, die sie weich erschienen ließen. Konnte man auch ihm seine Stimmung vom Mund ablesen, wie ich es bei Hafidh gelernt hatte?

Abgelenkt räusperte ich mich. Worüber sprachen wir noch gleich?

»Das wird … schwierig«, griff ich krächzend auf. Wie gut, dass eine Junggesellinnenparty nicht zur Debatte stand. Meine Freundinnen über den Atlantik zu karren sah ich nicht als Option und es bestand auch keinerlei Notwendigkeit dazu. Wir hatten uns verlobt, was nicht gleichbedeutend damit war, dass eine Hochzeit unmittelbar bevorstand. Ich brauchte mich zum Glück nicht um eine Party in der schottischen Einöde zu kümmern.

»Sie kennen sich hier auch nicht aus«, knirschte ich trotzdem.

Warum ging er nicht auf mich ein, so sehr ich mich auch bemühte? Mit meinen körperlichen Attributen konnte ich gewöhnlich immer punkten. Die Ausnahmen bildeten bisher mein Stiefvater und Paul, dem ich ein beständiger Dorn im Auge war. Eigentlich beiden, wenn ich es genau nahm. Aber McTiernan kannte meine hitzige Seite noch nicht. Er wusste nichts von meinen Abgründen oder hatte Hafidh geplaudert? Was mochte er erzählt haben?

Irritiert lehnte ich mich zurück. Mein Blick hing zwar noch auf seinem Mund, aber die vorherige Wärme bei dessen Betrachtung war verflogen. Dachte er an meine vermeintliche Ehrlosigkeit?

Ich spürte ein Prickeln. Seine blauen Augen lagen erneut auf mir, als ergründeten sie mein tiefstes Inneres. Wie schaffte er es nur, dass ich mich so entblättert und dennoch wohl in seiner Gegenwart fühlte?

»Was schwebt Ihnen vor?«

Wieder hatte er mich abgelenkt erwischt, weshalb ich nicht gleich antworten konnte. Um Zeit zu gewinnen, zuckte ich die Achseln und beschäftigte mich eingehender mit meinem Frühstück. »Zu Hause hätten wir uns eine Location gemietet.« Um der Wahrheit Ehre zu erweisen: Ich hatte nicht genügend Freunde und Bekannte, als dass sich ein üblicher Saal oder Raum gelohnt hätte. »Oder den VIP-Bereich eines Clubs reserviert.«

»Von wie vielen Personen sprechen wir?«

Verflixt! Zwar war es gut, dass er mir die Geschichte abkaufte, aber ich schaffte es einfach nicht, konzentriert dabeizubleiben. Sollte ich eine Junggesellinnenparty planen, wer erhielte eine Einladung?

Leider kamen mir mehr Personen in den Sinn, die ich aus- als einlüde. Ich senkte den Blick auf die Reste meiner Eier und schüttelte in meiner Verwirrung den Kopf. Obwohl ich mich mahnte, bei der Sache zu bleiben und ich versuchte, die Namen der Freunde aufzuzählen, die unbedingt dabei sein mussten, kamen mir andere Fragen dazwischen. Wie sähe sein Junggesellenabschied aus? Sollte ich fragen?

Mein Blick glitt über den Schwan, den er in die Mitte des Tisches gesetzt hatte, hinüber zu seinem. Sein Teller war leer und er legte das Besteck zusammen. Er trug sein Jackett offen, so dass mein Blick über ein blütenweißes Hemd und eine einfache, schwarze Krawatte glitt. Sein Kinn war kräftig und säuberlich rasiert. Wäre sein Bart blond oder dunkel? Seine Brauen gingen ins Rötliche. Oder besser orangefarbene …

Irgendwie blieb mein Blick stetig an ihm hängen, auch wenn meine Gedanken mit banalen Dingen beschäftigt waren. Unglücklicherweise brauchte ich dennoch ewig, um mich von eben jenen Banalitäten zu lösen und auf seine Fragen zu antworten.

»Ähm, schwer zu sagen.« Mühsam zählte ich die Personen ab, die ich einladen konnte, bevor ich mich besann. Ich wollte doch nur an Informationen kommen!

»Fünfzig vermutlich.« Ich streckte mein Kinn, um über meine Unsicherheit hinwegzugehen. »Womöglich mehr, vielleicht weniger.«

Mr McTiernans Mundwinkel zuckte, ansonsten blieb seine Miene freundlich, aber nichtssagend. »Nun, sicherlich böte Farquhar den nötigen Raum. Die McDermitts können Ihnen sicherlich Vorschläge unterbreiten.«

Machte er absichtlich diesen Eiertanz? Wollte er mir partout keinen Hinweis geben, wo er mit Hafidh in der letzten Nacht gewesen war?

Es brachte mich zum Kochen, dass all meine Verwirrung und Anstrengung, dieses Gespräch in die richtige Richtung zu lenken - und beim Thema zu bleiben - umsonst sein sollten.

»Dann gibt es in ganz England keinen Nachtclub, der zu empfehlen wäre?« Die Augen verdrehte ich mit offenkundiger Verachtung. »Unfassbar.«

McTiernan lachte auf. Der Klang umhüllte mich wie eine warme Decke.

»Zum einen, wir sind in Schottland, nicht in England, zum anderen gibt es tatsächlich einige Clubs, die ich empfehlen könnte. In Edinburgh.« Er nippte an seinem Kaffee, sah über den Rand der Tasse aber zu mir hinüber. »Glasgow hat auch eine beachtliche Nightlife-Szene.«

»Hört sich gut an«, murmelte ich in meinen Bohnenaufguss hinein. Er war deutlich abgekühlt und schmeckte daher nicht sonderlich.

»Ich sollte anmerken, dass Edinburgh und Glasgow gute drei Stunden entfernt liegen.« Er hob nonchalant die Achseln. »In Inverness gibt es The Den, für die Gegend eine recht gute Alternative.«

Hieß dies nun, dass sie in der letzten Nacht im The Den gewesen waren? Oder hatten sie den weiten Weg bis nach Edinburgh oder Glasgow auf sich genommen?

»Also The Den?« Zwar glaubte ich nicht, dass er tatsächlich noch mit Informationen herausrücken würde, aber aufgeben wollte ich auch noch nicht.

»Erzählen Sie mir mehr.«

Zunächst benötigte ich allerdings frischen Kaffee. Bevor ich den Blick der Bedienung auffangen konnte, winkte er sie bereits heran.

»Miss McGregor benötigt noch einen Kaffee.« Er sah mich an, als wartete er auf meine Zustimmung. »Oder ist es ein Milchkaffee?«

Beeindruckt von der Geste wischte ich sie dennoch mit Sarkasmus fort. Er wollte mich ablenken, nicht einen guten Eindruck hinterlassen. Als Hafidhs Freund hatte er deutlich seine Prioritäten und wo die lagen …

»Einen Latte Macchiato bitte«, bestellte ich direkt bei der jungen Frau in schwarzweißer Uniform. Ebenso wie ich fokussierte sie dann ihre Aufmerksamkeit auf den Herrn, der mich schmunzelnd betrachtete.

»Bringen Sie mir bitte noch einen Milchkaffee.« Endlich sah er auf, um sich bei der Bedienung zu bedanken. Die räumte noch schnell die Teller ab.

Sein Interesse ruhte wieder auf mir, ich spürte es, auch wenn ich meinen Blick hinausgerichtet ließ.

»Die wievielte Generation?«, fragte er schließlich. Obwohl ich mich nicht in ein Gespräch verwickeln lassen wollte, drehte ich den Kopf. Da ich nicht wusste, worauf er hinauswollte, hob ich die Brauen.

»Ausgewandert«, warf er mir einen Hinweis zu.

Er hielt meinen Blick mit fürchterlicher Intensität. Drehte er den Spieß um? Spielte er nun mit mir? Horchte mich aus? Warum? Was mochte er bezwecken?

Gefangen in meinen Befürchtungen wurde ich zunehmend fahrig und begann auf meinen Stuhl herumzurutschen. Ich sollte ihm ausweichen. Er war zu gefährlich, als dass wir unsere Bekanntschaft vertiefen sollten und doch drängte alles in mir danach, das Gespräch fortzuführen. Koste es, was es wolle.

»Texas«, murmelte ich, mit meinem Gewissen kämpfend.

Er war der Freund meines Verlobten! Ich durfte mich nicht zu ihm hingezogen fühlen und sollte daher Abstand wahren. Ganz abgesehen davon, dass ich niemals meine berufliche Zukunft für ein warmes Gefühl im Bauch gefährden würde! Mein Ziel war in Granit gemeißelt und ich ließe mich von nichts und niemandem davon abhalten, es zu erreichen. Schon gar nicht von einem sturen Schotten, der lieber den verschwiegenen Kumpel mimte, als auf meine Tricks hereinzufallen. Ich sollte gehen. Meine Finger bebten, als ich sie vom Tisch gleiten ließ, um den Stuhl zurückzuschieben. Soweit kam ich nicht.

»Und?« Er fing mich augenblicklich ein. Mit einem Wort. Mit einem UND!

Ich hob den Blick. Diese Augen machten es mir nicht leichter, meinen Plan umzusetzen. Ich wollte gar nicht gehen. Ich wollte bleiben. Mit ihm plaudern und vergessen, welche Schwierigkeiten auf mich warteten. Ich wollte nicht einmal an Hafidh denken!

»Ausgewandert«, brachte ich widerwillig hervor. Ich brauchte Abstand. Mit einem Achselzucken ließ ich es so stehen. Besser, ich behielt meine Lebensgeschichte für mich und brachte ihn dazu, mir zukünftig aus dem Weg zu gehen. Irgendwie zweifelte ich daran, dass ich diesen Entschluss befolgen würde.

Das Mädchen stellte frischen Kaffee vor uns ab und verschwand erneut. Mr McTiernan rutschte näher an den Tisch heran, legte die schlanken Finger um das Glas und legte den Kopf schief.

»Ihr Vater ist in der Ölbranche?«

»CEO, bei der American Gas Companie.« Beruhigt sackte ich etwas in mich zusammen. Nun wurde er unleidlich. Jedes Ansprechen meiner familiären Situation brachte mich unweigerlich dazu, mich in einen feuerspeienden Drachen zu verwandeln. Noch ein Wort über Sean und Mr McTiernan konnte mir gestohlen bleiben. Ärgerlicherweise plapperte ich los, bevor er seine Frage zu meinem Stiefvater stellen konnte.

»Wie verdienen Sie Ihre Brötchen?« Ich kopierte seine Haltung, setzte mich auf und ließ die kalten Hände von dem Heißgetränk aufwärmen. Bis mir in den Sinn kam, dass es ein Flirtverhalten war, die Körpersprache seines Gegenübers nachzuahmen. Schnell nippte ich an meinem kochend heißen Getränk und schob es dann weit von mir.

Sein Mundwinkel zuckte. »Öl und Erdgas«, gab er zu. Er zuckte die Achseln, wobei er den Blick senkte und damit eine Spur verlegen wirkte. »British Petrol Association.«

Mein Pfiff kam ungewollt über die Lippen. Hafidhs Familie handelte mit Erdöl, genau genommen hatte sie ihr Vermögen durch das schwarze Gold erwirtschaftet, damit war mein Verlobter in sehr guter Gesellschaft. Der Schwiegervater in spe leitete den mächtigsten Konzern der USA, der Freund arbeitete im britischen Pendant …

Ein Schelm, wer Böses dabei dachte …

»Das wird eine interessante Hochzeit«, stellte er in Aussicht. »Ihr Vater, Hafidhs Familie, die jeweils ausgedehnte Ölfelder ihr Eigen nennt …« Seine Augen verengten sich spekulativ, allerdings ließ er mich nicht an seinen Gedanken teilhaben.

»Ich habe nicht vor, ihn einzuladen.«

Natürlich wusste ich, dass ich ihn schlecht übergehen konnte. Er nahm seit geschlagenen sechzehn Jahren die Vaterrolle bei mir ein und meine Mutter ließe niemals zu, dass ich ihn so brüskierte. Dennoch gefiel mir der Gedanke, ihn einfach außen vor zu lassen.

Mr McTiernan starrte mich verblüfft an. »Sie wollen …«

Er fing sich, die Überraschung schwand aus seinem weichen Gesicht, das damit im Kontrast zu seiner Statur stand. »Damit ist Hafidh einverstanden?« Sein Ton trug deutliche Zurückhaltung zur Schau und auch seine Schultern beugten sich vor.

»Ich wüsste nicht, warum er einverstanden sein müsste«, spottete ich.

Mein Latte hatte eine perfekte Schaumkrone, die ich beim Nippen mit der Nasenspitze anstieß. Ich wischte sie mir schnell mit der Serviette ab. Die Beschäftigung verfolgte er intensiv.

»Ich bin mir sicher, dass … nun, Sie werden es sicherlich diskutiert haben.« Er zuckte die Achseln, was seine Spannung sofort lockerte. »Ich frage mich jedoch, wie es in Hafidhs traditionelles Familienbild passt, dass Sie Ihren Eltern die Achtung verwehren.« Wieder hob er die Schultern. »Vielleicht habe ich ihn auch falsch verstanden.« Er seufzte mehr für sich, hob den Blick mit einem unbekümmerten Grinsen und erhob sich. »Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich mich nun meinen Aufgaben widme. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, Ihnen etwas von Ihrer Heimat zu zeigen.« Er nickte, im Begriff, mich sitzenzulassen. Allerdings klingelten mir seine Worte in den Ohren wider. Achtung. Warum schlugen mir in diesem Land all die antiquierten Worte und Begrifflichkeiten gegen den Kopf, die längst ausgedient haben sollten?

»Ich achte meine Eltern«, hob ich an, obwohl ich mich sicherlich nicht vor ihm zu verteidigen brauchte. »Sean ist aber nicht mein Vater. Für ihn bin ich eine Investition, nichts weiter.«

Ich bereute meinen Ausbruch augenblicklich. Die Lippen zusammengepresst, kam ich auf die Füße, um nicht mehr zu ihm aufsehen zu müssen. Ärger brannte in meiner Brust, weil er mich dazu gebracht hatte, mich selbst bloßzustellen.

»Sean akzeptiert Hafidh nur aus einem Grund: Er denkt, er kann Geschäfte mit ihm machen, die deutlich zu seinen Gunsten gehen werden. Wenn er von der Verlobung hört …« Erneut presste ich die Lippen aufeinander, aber das Entscheidende hatte er bereits verstanden.

Seine Lippen formten ein Wort. Wow. »Romantisch.«

Es erübrigten sich weitere Worte. »Respekt ist schön und gut, aber man muss sich auch nicht alles gefallen lassen.« Und das Leben vorschreiben lassen auch nicht.

»Natürlich nicht«, murmelte McTiernan begütigend. »Bitte verzeihen Sie meine Neugierde.« Er räusperte sich. Zum ersten Mal wirkte er unsicher. Er trat von einem Fuß auf den anderen, sah zur Seite, nur um mir erneut einen schnellen Blick zuzuwerfen. »Ich wollte mich nicht in Familienzwistigkeiten einmischen.«

»Kein Zwist, nur ein Scharmützel.«

Es war Zeit, das peinliche Gespräch zu beenden. Immerhin endete es so unerfreulich, wie ich es erhofft hatte. Dumm nur, dass sich mein Herz zusammenzog und mir deutlich zum Heulen war. »Nun, ich habe auch noch zu tun. Guten Tag.«

Als ich an ihm vorbeikam, streckte er die Hand aus und seine Finger strichen über meinen Arm. »Vielleicht …«

Meine Füße machten sich selbstständig, ließen mich auf ihn zutreten. Wobei ich den Kopf in den Nacken legte. Erst meine Berührung seiner Brust brachte mich zur Besinnung. Anstatt mich an ihn zu schmiegen, stieß ich ihn fort.

»Hafidh irrt sich. Ich bin keine Schlampe und habe sicherlich kein Interesse an Ihnen!«

4

Stürmt es in den Highlands?

»Noch eine Einstellung«, rief Paul mir zu. Er kauerte sich unter das schmale Vordach der Hintertür und blieb als Einziger trocken. Lex, Jason und ich standen im Nieselregen.

Zwar trug ich einen Regenponcho, aber die Strähnen hingen mir dennoch eiskalt ins Gesicht.

»Ich bin durchfroren bis auf die Knochen«, maulte ich trotzig, wobei ich die Arme um meine Mitte schlang und mit den Füßen aufstampfte. In meinen sommerlichen Schuhen befanden sich Lachen von Brackwasser, das sich bereits meine Seidenstrümpfe emporhangelte. Mein Einteiler hatte sich nicht als gute Option erwiesen, obwohl ich kaum Kleidung bei mir führte, die für diese Witterungsverhältnisse besser geeignet wäre. Bei einem sommerlichen Kurztrip dachte ich nun mal an Sonne und Hitze, nicht an Eisregen und Hagelstürme.

»Stell dich nicht so an!«, beschied Paul knapp. »Es ist zu früh, um die Diva zu spielen, Hailey.« Er winkte den anderen beiden Männern zu, ihre Position einzunehmen. »Erzähl uns, wie aufregend du diesen Ort findest.«

Mein Blick sagte bereits alles, aber ich ließ es mir nicht nehmen, es auch verbal auszudrücken.

»Hier ist gar nichts aufregend, lediglich zum Aufregen. Da besteht ein Unterschied!«

Warum zum Teufel musste Hafidh einen Stopp in Schottland einplanen? Was wollte er hier? Sich mit seinem Freund McTiernan treffen? Während unseres Liebesurlaubs? Oder waren es wie in Paris die Geschäfte, die ihn herführten?

Nein, etwas lief hier nicht mit rechten Dingen ab und dieses in den Pfützen herumspringen, um meinen Aufnahmeleiter zufriedenzustellen, machte es keineswegs besser.

»Werd erwachsen, Kleine. Das Leben ist kein Süßigkeiten-Shop, sondern eine Kloake.« Paul schüttelte den Kopf. »Du bist frisch verlobt und befindest dich im Liebesurlaub. Das muss spannend genug sein. Was reizt dich an Schottland?«

Dummerweise kam mir Mr McTiernan in den Sinn. Es nahm mir die Fähigkeit, mich zu artikulieren und nur ein Krächzen verließ meine spröden Lippen.

»Dir wird doch was einfallen, was halbwegs erträglich ist!«, murrte Paul.

»Mach es uns nicht so schwer«, mischte sich nun auch Jason ein. »Mir macht das hier auch keinen Spaß.«

Lex nickte zustimmend. Sein kurzes Haar lag ebenso durchweicht an seinem Schädel wie mir meine Haarsträhnen im Gesicht und er erweckte mein Mitleid. Die beiden konnten sich nicht widersetzen. Es war ihr Job und Paul ihr Vorgesetzter. Bei mir sah es anders aus. Ich straffte mich und stapfte auf Paul zu, um ihn direkt zu konfrontieren.

»Du reizt mich.«

Pauls Augen wurden größer und er schluckte nervös.

»Allerdings habe ich nicht vor, einen Mord zu begehen, so reizvoll es auch wäre, dich eine der unzähligen Klippen hier herunterzuwerfen.«

Seine Aufregung verpuffte augenblicklich und Wut übernahm die Führung seiner Emotionen. Er verkniff die Lippen, ballte die Fäuste und beugte sich mir unbeeindruckt entgegen.

»Wenn du mal nicht die Erste bist, der man den Hals umdreht!«

»Es ist schweinekalt. Wir drei sind durchnässt und es gibt keinen Grund, warum wir eine weitere Szene bei diesen Witterungsbedingungen drehen sollten!«, fasste ich hart zusammen. »Zumindest nicht hier draußen. Ich erzähle dir gerne all meine Eindrücke zu diesem Höllenschlund … im Trockenen!«

Paul stieß den Atem durch die Nase aus. »Was schwebt dir vor?«

»Ich brauche eine heiße Badewanne.« Und Jason und Lex mindestens eine Dusche. Ich bedeutete ihnen näherzukommen, schließlich war diese Schlacht gewonnen. »Oder eine Sauna.«

Paul klatschte sich vor Begeisterung in die Hände. »Hervorragende Idee, wir begleiten dich!«

»Moment!«, hielt ich ihn auf, drehte er sich doch direkt um und stieß die Tür auf. »Du wirst mich sicherlich nicht nackt vor die Linse bekommen!«

Er sah zu mir zurück, sein Blick wanderte über meinen Körper, dann zuckte er die Achseln. »Als gäbe es an dir etwas, was ich sehen müsste …«

»Nach dem Mittagessen?«, schlug ich einen alternativen Drehtermin vor. »Oben in der Suite?«

Dann kam mir mein Dilemma in den Sinn. Hafidh sollte mittlerweile aufgewacht sein und das bedeutete, dass unsere Aussprache anstand. Für die ich noch immer nicht gerüstet war.

»Morgen«, korrigierte ich mich mit wackliger Stimme. »Im Flugzeug, wenn es sein muss.«

Da ich es hasste, unsicher zu sein, straffte ich mich. Sich hängenzulassen war keine Option, also stiefelte ich los.

»Du hast es selbst festgestellt, dies hier soll mein Liebesurlaub sein und einen solchen verbringe ich nicht mit dir!«

Mein Versuch, ihn stehenzulassen scheiterte, denn er folgte mir auf dem Fuß.

»Stopp!«

Ich musste mich wohl oder übel mit ihm auseinandersetzen, also drehte ich mich tief seufzend zu ihm um.

»Paul, wir haben sicherlich Zeit, mir einen Nachmittag Ruhe zu gönnen. Und euch auch. Ihr hetzt doch ebenfalls von Flug zu Flug, genau wie ich, ohne auch nur den Grund dafür erahnen zu können. Hafidh verschweigt mir einfach alles! Herrje, ich weiß nicht einmal, wie lange wir in Schottland sein werden!«

Meinen Ausbruch bedauerte ich gleich wieder. Jedes Wort stimmte, aber es ausgerechnet Paul zu offenbaren, konnte nur ein Fehler sein. Pauls Augen zuckten zur Seite, während sein Kinn leicht sank und sich seine Lippen verbissen, als hielte er Worte zurück. Er wusste mehr als ich. Der Gedanke war lächerlich und doch wusste ich instinktiv, dass ich richtig lag.

»Wie lange sind wir hier?«

»Ähm, äh … Vielleicht hast du recht und wir können uns einen Nachmittag freinehmen.« Er schob die Hände in seine Hosentaschen. »Kein Problem. Jason hat Zeit, die Aufnahmen zu sichten. Wir haben so viel Material, das wir uns für die besten Szenen entscheiden müssen …«

Plötzlich hatten wir genug zum Aussieben? »Du kennst den Reiseplan?«, nagelte ich ihn direkt fest. Als er meinem Blick begegnete, las ich Trotz aus ihm, aber auch Unbehagen.

Was zum Geier ging hier nur vor?

»Kein Problem, ich spreche Hafidh darauf an.« Meine Stimme hallte blechern in meinen Ohren wieder, aber es galt nun, das Gesicht zu wahren. Etwas stimmte hier nicht und es war Zeit, herauszufinden, worum es sich dabei handelte. So konnte es nicht weitergehen.

Langsam wandte ich mich ab und machte mich ebenso gemessen auf den Weg. Der Flur hinunter zur Wendeltreppe erschien endlos und die Enge im Aufgang machte es nicht leichter, den Atem in die Lungen zu ziehen. So zitterte ich bereits, nervlich völlig am Ende, als ich die Suite betrat.

»Hailey!«, hörte ich Hafidh nach mir rufen. Seine Stimme bebte vor Ärger, was mich die Lider schließen ließ. Das war eine bescheidene Ausgangsposition für die nötige Aussprache.

»Wo zum Teufel warst du schon wieder?«, herrschte er mich an.

Die Vibrationen seiner schweren Schritte auf dem Parkett kündigten ihn bereits an, bevor er um die Ecke kam. Dann riss er mich von der offenen Tür fort, die er zuknallte, bevor er mich tiefer in den Raum zerrte.

»Wo warst du?« Seine dunklen Augen bohrten sich zornig in mich.

Zunächst klappte ich lediglich den Mund auf, ohne ein Wort hervorzubringen, so sehr überraschte mich diese rüde Begrüßung.

»Paul wollte einige Aufnahmen …«, stotterte ich, bevor mir meine zugedachte Rolle auffiel. Warum sollte ich mich rechtfertigen?

»Dieser Hund sucht nach jeder Ausrede, um dich anzufassen! Du wirst dich nicht mehr allein mit ihm treffen, hast du verstanden?«

Das half mir nicht, meine Fassung zurückzuerlangen. Ganz im Gegenteil, fiel mir die Kinnlade doch direkt herab. Mühsam bändigte ich meine Emotionen, die über Schock, Überraschung und aufmüpfigen Zorn über eine erstaunliche Bandbreite verfügten. Sollte dieser Moment über meine Zukunft entscheiden? Sollte mein Zorn über sein unangebrachtes Verhalten meine Zukunftspläne zunichtemachen? Wofür? Weil er zu besitzergreifend war? Das war doch irgendwie charmant. Zweifel blieben, hielten mich aber beschäftigt genug, um nicht selbst meinem Ärger Luft zu machen.

Ganz sicher wollte ich unsere Beziehung nicht gefährden, so kontrovers sie momentan auch erscheinen mochte. Meine hochtrabenden Pläne involvierten ihn, konnte ich da nicht über kleine Fehler hinwegsehen?

Zumal ihn etwas offensichtlich belastete. Unsicherheit? Eifersucht? Vielleicht hatte er Probleme bei der Arbeit? Was wusste ich schon? Wenn wir vernünftig über seine Vorstellungen von Ehre und meinem Standpunkt dazu diskutierten, dann würden wir einen Konsens finden. Daran glaubte ich fest. Wir mussten uns nur beruhigen und reden.

»Hafidh«, krächzte ich, während ich abwehrend die Hände hob. »Du weißt, dass wir nicht allein sind und deine Befürchtungen treffen einfach nicht zu.«

Vorsichtig streckte ich die Finger nach ihm aus, um ihm mit meiner Berührung zu versichern, dass ich ihn verstand und mich ihm verbunden fühlte. Er wich mir aus, wandte sich ab und stapfte mit geballten Fäusten und verkrampften Schultern Richtung Fenster.

»Wir sind nicht allein, Hafidh«, wiederholte ich bemüht neutral. »Die Crew ist jedes Mal dabei.«

Er machte nicht den Eindruck, etwas auf meine Worte zu geben.

»Wir waren in freier Natur.« Er musste doch sehen, dass niemand mit Verstand bei dem schottischen Wetter im Freien ein Techtelmechtel begann. »Direkt hinterm Haus.«

Es beruhigte ihn nicht, also suchte ich nach einem anderen Weg, ihm die Absurdität seiner Vermutung vor Augen zu führen.

»Paul ist ungefähr so anziehend wie eine Kakerlake. Nicht einmal aus Versehen möchte ich von ihm berührt werden.«

Immerhin sah er über die Schulter zu mir zurück, auch wenn ich in seiner stürmischen Miene keine Neigung ablesen konnte. Er war übertrieben eifersüchtig.

Nervös rieb ich die Hände aneinander. »Du kannst mir vertrauen, Hafidh.«

Sollte ich nun die letzte Nacht ansprechen und das Gespräch über Ehrbegriffe ins Rollen bringen?

Unsicher befeuchtete ich meine Lippen. »Ich vertraue dir doch auch.«

Mit einem Mal umklammerte er meine Oberarme. »Wie bitte?«, knurrte er, während ich nur verdattert zu ihm aufsehen konnte. Was sollte das jetzt?

»Ich … ich …« Verärgert über mich selbst riss ich mich zusammen. »Ich halte dir doch auch nicht vor, mit anderen Frauen …«

Das war der falsche Weg. Er schüttelte mich, bevor er mich überraschend losließ. Durch die Bewegung verlor ich das Gleichgewicht und landete auf der Couch.

»Wag es nicht, mich infrage zu stellen, Hailey!«, blaffte er, über mir aufragend wie ein altgriechischer Rachegott.

Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Ich konnte gerade noch den Kopf schütteln. Es genügte, um ihn zu beruhigen. Er trat zurück und fuhr sich durch den tiefschwarzen Schopf.

»Du bist klatschnass.«

»Es regnet.«

»Zieh dich um.« Er stampfte davon.

Ich brauchte eine zusätzliche Minute, in der ich mir versicherte, dass er tatsächlich einfach gegangen war, bevor ich mich aufsetzen konnte. Der Ring an meinem Finger machte sich bemerkbar, denn sein Gewicht nahm rapide zu. Also hob ich die Hand, sah auf den dicken Stein herab, der mich anfunkelte, als wolle er mich verhöhnen. Zwei Tage galten wir nun als verlobt und irgendetwas hatte sich verändert. Ich konnte es nicht benennen, aber die Gewissheit steckte mir bereits in den Knochen. Was machte alles so kompliziert? Seine Unsicherheit über meine Treue?

Obwohl ich Eifersucht bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen konnte, ließ mich die soeben überstandene Episode völlig baff zurück. Resultierte sie aus seinen Zweifeln an mir? Hatte ich mit ähnlichen Ausbrüchen zu rechnen, wenn wir über den Knackpunkt unserer Beziehung sprachen?

Zugegeben, es schauderte mir bei der Aussicht. Dieses Gespräch war dringend nötig. Es eilte. Aber anstatt mich gleich dem Tsunami zu stellen, verkroch ich mich in mein Zimmer und stellte mich unter die erquickend heiße Dusche.

Es dauerte, bis die Kälte aus meinen Gliedern wich und ich mich einigermaßen imstande fühlte, das abgeschiedene Bad zu verlassen. Noch während ich mich anzog, meinte ich, aufgesetztes Gelächter zu vernehmen. Natürlich war es Unsinn. Wir waren allein und abgesehen von mir reiste Hafidh mit keiner Frau. Dennoch bestätigte sich mein Verdacht, als ich mein Zimmer verließ.

Geziertes Gelächter und Worte, die ich nicht verstand. Ich folgte den Geräuschen schlafwandlerisch. Im Wohnbereich saß eine schwarzhaarige Frau mit dem Rücken zu mir. Hafidh hielt ihre Hand und lächelte sie an. Seine Stimme war sanft und voller Versprechungen, auch wenn ich die Worte nicht verstand. Mir bliebe nichts anderes übrig, als die Sprache zu lernen, um mich nicht mehr ausgestoßen zu fühlen.

Strauchelnd sackte ich gegen die Türzarge. Furcht und Trauer übermannten mich beinahe und ich wusste genau warum. Ich hatte es verdrängt, aber nie vergessen. Die Einsamkeit meiner Kindheit, die Furcht vor dem Unbekannten, die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft. Letztlich hatte ich mich jedoch angepasst. Mein Stiefvater hatte mich die ersten Jahre zu Hause unterrichten lassen und schließlich auf eine Privatschule geschickt, aber tiefe Freundschaften hatte ich dennoch nicht geschlossen. Dafür war es wohl zu spät gewesen.

Allerdings plante ich nicht, in eine ebenso von Einsamkeit und Isolation geprägte Zukunft zu gehen. Ich trat vor, meine Knie waren wackelig, aber Furcht sollte mich nie wieder von etwas abhalten.

»Hallo.«

Hafidh sah auf und sein Strahlen verschwand. Er erhob sich, hielt seinem Gast dabei die Hand hin, um ihr ebenfalls auf die Füße zu helfen und fasste mich dann ins Auge. Eine Spur Ressentiment zeigte sich in seiner Miene.

»Aisha, darf ich dir Hailey McGregor vorstellen?«

Die Frau an seiner Seite hatte eine rudimentäre Ähnlichkeit mit ihm. Tiefschwarze Augen, schwarzes Haar und eine dunklere Hautfarbe als die meine. Selbst die Schwünge ihrer Nasen glichen einander. Allerdings bedeutete das wohl nicht viel, hatten sie doch denselben ethnischen Hintergrund. Vermutlich sahen mir sämtliche Bewohner der Insel, auf der ich mich zurzeit befand, auch grundsätzlich ähnlich.

»Aisha, heiße Hailey in der Familie willkommen, wie es sich gehört.«

Die Frau hatte die Hände vor dem Bauch zusammengelegt und sah nun zu ihm auf. Zweifel zeigten sich in dem Runzeln ihrer Stirn und der tonlosen Bewegung ihrer vollen Lippen. Dennoch setzte sie sich in Bewegung, trat zu mir, wofür sie den halben Raum durchqueren musste, und wrang bei jedem Schritt die Hände. Bei mir angekommen, hob sie die Hände an mein Gesicht, umschloss es und lehnte ihre Stirn an meine. Dazu musste sie mich zu sich hinabziehen, war sie doch gut einen Kopf kleiner als ich. Aisha murmelte einige Worte und drückte mir dann abwechselnd Küsse auf die Wangen. Ihre Hände fielen herab und sie ergriff meine, um sie zwischen uns mit den Handflächen zusammenzulegen.

»Aisha wird dich in unsere Kultur einweisen. Sie wird als Zeugin für unsere offizielle Verlobung fungieren und dir mit Rat und Tat zur Seite stehen«, führte Hafidh aus, als spräche er von seinem Tagesplan und nicht von einer Angelegenheit, in die wir beide verwickelt waren.

»Einen Moment«, bat ich daher. Ich wollte an Aisha vorbei, aber sie hielt mich auf.

»Ich weise dich in unsere Bräuche ein«, flüsterte sie. »Habibi muss nicht gestört werden.«

Hafidh sah nicht einmal zu uns, als er aus dem Wohnzimmer stapfte. Er konnte doch nicht schon wieder einfach verschwinden!

Ich wollte ihm folgen. »Haf …«

Aber die Araberin festigte ihren Griff um meine aufgenommenen Hände und riss mich dabei zurück. Ihre Augen glommen hart, als sie zu mir aufsah und jeglicher freundliche Anstrich verpuffte.

»Lerne …«, insistierte Aisha scharf, nun da wir allein waren. Ihr dunkler Blick wurde feurig. »Demut!«

Abgesehen von meinem Stiefvater hatte mich niemand je so respektlos angesprochen, daher brauchte ich eine Minute, um mich zu einer Reaktion durchzuringen. Grober als nötig schob ich sie von mir.

»Wie bitte???«

Die Situation wurde immer unmöglicher. Mein Verlobter mied mich und setzte mir eine Unbekannte vor, die mich unterrichten sollte? Zu allem Überfluss auch noch ein selbstgerechtes Miststück wie dieses.

»Ihr Amerikaner glaubt, euch gehört die ganze Welt und …«

Aha. Damit betrachtete ich unsere Beziehung bereits als definiert.

»Mir liegen echt amerikanische Worte auf den Lippen und ich halte sie nur mühsam zurück. Ich schlage vor, du beherzigst deinen eigenen Rat.«

Eine Freundin würde Aisha nicht, allerdings sollte sie wohl Familie werden, weshalb ich lernen musste, mit ihr umzugehen.

»Ich gehe jetzt essen. Wenn du dich beherrschen kannst, begleite mich, aber wenn du lieber weiter Gift versprühst, bleib mir lieber vom Hals, verstanden?«

In Aishas Miene arbeitete es, aber mir war ihre Reaktion auf meine Herausforderung auch nicht wichtig genug, um sie zu beobachten. Dieser Tag brachte mich an meine Grenzen und als geduldig bezeichnete ich mich nicht einmal an guten Tagen. Um keinen Eklat heraufzubeschwören, machte ich mich direkt auf den Weg. Die Tür schlug ich mit mehr Wucht als nötig hinter mir zu, aber der Knall war einfach zu befriedigend.

Die Stufen wurden mir beinahe zum Verhängnis, so eilig hastete ich die Wendeltreppe hinab. Erst auf Höhe des Speisezimmers änderte ich meine Meinung. Mit Aisha im Nacken wollte ich nicht länger im Unwissenden verweilen. Ich brauchte Informationen. Bisher hatte ich im Traum nicht daran gedacht, dass es kulturelle Schwierigkeiten zwischen uns geben könnte. Offenbar war ich etwas zu blauäugig an die Sache herangegangen. Schnell korrigierte ich mich. Ich machte lediglich aus einer Mücke einen Elefanten und brauchte einen Ratgeber mit ähnlichem ethnischem Hintergrund. Ich durchquerte die Halle und legte nervös die Hände auf der Theke der Rezeption ab.

Mrs McDermitt sah von ihren Papieren auf und lächelte mich an. »Miss McGregor, kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Das hoffe ich.« Ich musste mich räuspern und meinen Mut zusammenkratzen, befürchtete ich doch, nun rassistisch zu klingen. »Kennen Sie Araber?«

Die höfliche Miene bekam Risse. »Wie bitte?«

Wieder räusperte ich mich. »Es geht um kulturelle Unterschiede, über die ich mich informieren möchte.« Mein Lächeln schmerzte. »Ich plane eine Überraschung für meinen Verlobten und möchte keinen Eklat heraufbeschwören.«

»Oh.« Mrs McDermitt runzelte die Stirn. »Es sind Landsleute Scheich Al-Abdils angekommen. Womöglich …«

»Nein«, unterbrach ich schnell. »Die Überraschung soll sehr privater Natur sein.«

Hitze schoss mir in die Wangen, allerdings sah ich mich gezwungen, Mrs McDermitt zu involvieren und ihr diese abstruse Geschichte aufzutischen.

»Ich verstehe.« Wenn sie ihre Belustigung verstecken wollte, misslang es ihr absolut. »Ich kenne leider …« Sie unterbrach sich und fing meinen Blick ein. »Vielleicht kann ich Ihnen doch helfen. Einen Augenblick bitte.«

Sie fischte ihr Mobiltelefon unter den Papieren hervor und wählte, halb abgewendet.

Ich hielt den Atem an und drückte mir mit aller Kraft die Daumen. Mein Lauschen erübrigte sich, denn die Hausherrin verfiel in ihre Muttersprache. So musste ich gespannt ausharren, bis sie endlich auflegte. Dann wandte sich Mrs McDermitt mit einem aufgeräumten Ausdruck zu mir um, der mir keinen Hinweis gab. Es zerrte an meinen ohnehin abgenutzten Nerven.

»Tatsächlich kennt Sina eine ansässige Muslima. Sie ist allerdings gebürtige Ägypterin. Wäre sie nützlich?«

Ich entließ den angehaltenen Atem und mit ihm einen großen Teil meiner Anspannung. Endlich bekam ich meinen Fuß wieder auf den Boden und konnte mein Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Ich war nicht abhängig von Aisha, um zu lernen, was Hafidh mich gelehrt sehen wollte. Und ich brauchte auch Hafidh nicht, um zu erfahren, wie er Ehre genau definierte. Ich schlüge einfach allen ein Schnippchen!

»Ich denke schon«, frohlockte ich also. »Können Sie ein Treffen organisieren? Aber bitte nicht hier.«

Nach Mrs McDermitts Zustimmung wandte ich mich frohgelaunt um und entdeckte Hassan, der in der Nähe herumlungerte. Mein Grinsen verschwand umgehend. Was machte Hafidhs Bodyguard hier?

Mein Verlobter bog in Mr McTiernans Begleitung um die Ecke, ohne einen Blick auf das Drumherum zu verschwenden. Hassan eilte zu ihm, obwohl zwei weitere Sicherheitsleute den Männern folgten. Hafidh rief ihm Worte zu, die Hassan mit versteinerter Miene aufnahm. Sein Blick huschte zu mir und ich meinte zu wissen, welchen unliebsamen Auftrag er erhalten hatte.

Mein erster Impuls war, Hafidh ebenfalls zu folgen, aber nach einem Schritt stoppte ich mich. Ich brauchte Munition. Ich wollte nicht wieder wie ein Backfisch dastehen und den Mund nur zum Atmen aufbekommen. Nach meinem Gespräch mit der Ägypterin würde es kein Entkommen für ihn geben, nahm ich mir fest vor. Sobald ich wusste, was von mir erwartet wurde, bestünde ich auf ein klärendes Gespräch zwischen uns. Ganz gleich, wie schwierig es werden sollte.

Zunächst blieb mir nichts weiter übrig, als auch den Nachmittag ohne meinen Verlobten zu verbringen.

Irgendwie hatte ich mir mehr von diesem Trip versprochen. Mehr von Hafidh.

5

Kultur und andere Überraschungen

»Wie bitte?«

Meine Entgeisterung war mir anzuhören, aber ändern ließ es sich nicht. Paul hatte mich eiskalt erwischt. Nach einer unruhigen Nacht, infolge eines angespannten Abends in Einsamkeit, wünschte ich mir nichts weiter, als einen ruhigen Start in den Tag. Nach dem Frühstück wollte ich bei Mrs McDermitt vorbeischauen und nachhorchen, ob sie bereits Kontakt zu besagter Muslima hatte aufnehmen können. Natürlich standen auch Aufnahmen auf meinem Tagesprogramm, aber Paul zum Frühstück brauchte kein Mensch. Schon gar nicht, da ich Hassan im Nacken hatte. Er hielt sich im Hintergrund, aber ich hatte ihn gleich bemerkt, als ich die Suite verlassen hatte, und meinte, seinen Blick im Rücken zu spüren. Sicherlich bekam Hafidh brühwarm aufgetischt, dass ich mich mit meinem Aufnahmeleiter unterhielt und irgendwie befürchtete ich, dass es wieder zu Ärger führen würde.

Paul schob mir den Vertrag über den Tisch zu, wobei er breit grinste.

»Es ist eine grandiose Chance für dich«, versicherte er drängend. »Fünf Tage und es springt das Doppelte für dich raus als für die gesamte Doku!«

Er hatte offenbar nicht verstanden, dass es mir nicht um das Geld ging. Dennoch hob ich den Kontrakt auf.

»Mir war nicht einmal bewusst, dass die Hochzeit hier stattfinden soll.«

Obwohl ich es nur ungern eingestand, hielt ich es für sinnvoll, mit offenen Karten zu spielen. »Ich habe mit einigen Tagen Aufenthalt gerechnet, bevor wir weiter nach Abu Dhabi fliegen, nicht mit … dem hier!« Ich wedelte mit dem Papier. Mein Magen schwang, als säße er auf einer Schaukel. Warum wurde alles noch merkwürdiger, anstatt sich endlich aufzuklären?

»Wir werden mordsmäßige Einschaltquoten haben«, versicherte Paul feierlich. Zugegeben, eine Spur Aufregung ergriff mich bei der Aussicht.

Ich sah in sein gerötetes Gesicht. Selbst seine Augen strahlten, was ich bei ihm zuvor noch nie gesehen hatte. Schließlich war er ein missmutiger Pessimist. »Unterschreib.« Er schob mir einen Stift zu, den ich abgelenkt ergriff. Das hier war wirklich absurd.

»Hat Hafidh …«, hob ich nur an, um mir Zeit zu erkaufen, aber Paul lachte auf. Er klatschte sogar in die Hände und sah mich an, als wäre ich ganz das dumme Gänschen, für das er mich immer gehalten hatte. Er beugte sich vor.

»Es war seine Idee.«

Das glaubte ich nicht für eine Sekunde. Mein Blick fiel auf den Kontrakt. »Hafidh …« Es erschien so absurd, dass mir die Worte fehlten.

»Das kann er gar nicht vorgeschlagen haben«, wies ich die Vorstellung von mir, so übergangen worden zu sein.

Paul schnaubte. Sein verzogenes Gesicht ließ mich in meinem Widerspruch stocken. »Unterschreib, Mädchen. Es ist zu spät für Zweifel.«

So sollte er mir besser nicht kommen, wenn ich ohnehin schon am Rande meiner Geduld war. Ich schlug das Papier auf den Tisch und knallte den Stift daneben.

»Es ist nie zu spät!«, knirschte ich. »Außerdem geht es hier nicht um Zweifel an meinen Entscheidungen, sondern an deiner Aufrichtigkeit!« Dem Stapel Papier gab ich einen Schubs, damit er über den Tisch rutschte. Natürlich blieb die unterste Seite auf der zu rauen Oberfläche liegen. »Wir haben uns gerade erst verlobt. Der Hochzeitstermin steht nicht fest. Und bevor Hafidh nicht …«

Paul unterbrach mich. »Du warst doch fest entschlossen, einen Scheich einzufangen. Warum kein hübsches Sümmchen dafür abstauben?« Ich las die Verachtung in seinen Augen. So sah er mich also.

»Ist dir je der Gedanke gekommen, ich könnte ihn lieben?« Ärgerlicherweise kamen mir gleich selbst Zweifel. Alles entwickelte sich so ungeplant und schwierig, dass ich selbst nicht mehr wusste, was ich empfand. Die Gewissheit der letzten Woche, meinen Traummann gefunden zu haben, hatte sich gelegt. Derzeit entwickelten sich die Dinge so verrückt, dass ich meinen Gefühlen einfach nicht mehr trauen mochte.

Daher war ich es, die einknickte und die Seiten aufklaubte. »Ich werde mit Hafidh sprechen.«

»Mach das.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, wobei er mich nachdenklich betrachtete. »Bleibt es bei dem Interview in einer Stunde?«

Mir fehlte die Energie, um eine weitere Diskussion aufzuziehen, also nickte ich ergeben. Der Stuhl kippte, als ich aufstand, und wurde von Mr McTiernan abgefangen.

»Guid mornin´.«

Der hatte mir gerade noch gefehlt. Ich nickte ihm lediglich zu, als ich mich an ihm vorbeidrängte. Es gab so viele Dinge, die mich beschäftigten, da brauchte ich keinen Einheimischen, der mich zusätzlich durcheinanderbrachte.

»Bis später, Paul.«

Wie erwartet befand sich Hafidh noch in der Suite. Er schien sie lediglich zu verlassen, wenn er auf die Piste ging oder arbeitete und das war in Paris nicht groß anders gewesen. Dabei hatte ich mir riesige Pläne gemacht, was ich alles gesehen haben musste, wenn ich schon mal in der französischen Metropole war.

Immerhin hatte das Hotelzimmer Blick auf den Eiffelturm gehabt, sonst wäre ich abgereist, ohne irgendetwas Markantes in Paris gesehen zu haben.

Hafidh telefonierte aufgeregt, wanderte dabei im großen Wohnzimmer auf und ab. Aisha saß stiekum auf der Couch, die Hände auf dem Schoß gefaltet und den Blick auf sie gesenkt. Es war ein merkwürdiges, fast schon beängstigendes Bild und erinnerte mich in gewisser Weise an meine Eltern. Also an Sean und meine Mutter. An meinen leiblichen Vater konnte ich mich nicht erinnern. Wann immer Maria bei einer Maßregelung anwesend gewesen war, hatte sie ebenfalls still auf der Couch gesessen, die Hände gefaltet, den Blick gesenkt und lediglich genickt, um die Ansicht ihres Ehemannes zu bestärken. Dass ausgerechnet mein Verlobter mich in ähnlicher Haltung erwartete, brachte meinen Magen zum Wölben und mein Blut zum Sieden.

Aisha nahm es in ihrer Verachtung locker mit meiner Mutter auf. Allein ihre Haltung brachte mich zur Weißglut, aber ich bezähmte mich. Wartete, dass Hafidh auflegte und ich mit ihm über den Vertrag sprechen konnte oder genauer, den Grund dafür, dass mir einer vorgelegt worden war. Es zog sich.

Er hatte mich bemerkt, daran bestand für mich kein Zweifel. Unsere Blicke kreuzten sich mehrfach, aber sein Telefonat hielt an. Unruhig trat ich von einem Fuß auf den anderen, bis auch die Bewegung kein Ventil mehr war. Also blätterte ich durch den Kontrakt, damit ich ein volles Bild von dem erhielt, was ohne mein Wissen abgesprochen worden war. Lukrativ war es, keine Frage, und sicherlich wären die Einschaltquoten phänomenal. Eigentlich gab es keinen Grund, nicht zu unterschreiben, abgesehen davon, dass es viel zu schnell ging.

»Du weigerst dich, unsere Gebräuche zu erlernen?« Sein Schatten fiel über mich, aber es waren seine Worte, die mich aus dem Vertragswirrwarr rissen.

»Du verunglimpfst Aisha, die dir als Schwester beiseite stehen möchte?« Ein Sturm zog über seine Miene.

»Wie …« Ich durfte meine Frage nicht beenden, mein Verlobter spie einfach weiter.

»Du bist ungehorsam! Du bist störrisch und erweist weder mir noch sonst jemandem Respekt!«

Mein Herz sackte ab und traf sich mit meinem Magen zu einem Ringelreihen.

»Jetzt?« Zwar wollte ich eine Klärung unserer Ansichten, aber nun traf mich seine Anklage unvorbereitet. Meine Finger krampften sich um das Papier und mein Blick ließ sich nicht von der stürmischen Miene Hafidhs reißen. Dabei war das dringend nötig, um meine Gedanken zu sammeln und meine bisherigen Überlegungen zu diesem Thema aufzureihen.

»Hafidh, ich denke …«, krächzte ich eingeschüchtert und hasste mich dafür.

»Da haben wir es, du widersprichst schon wieder! Du hast unglaublich viel zu lernen, Hailey, und ich verlange von dir, dass du dich fügst! Haben wir uns verstanden?«

Mein Mund klappte laut klappernd zu. Ich war weder dumm noch taub, aber nicken konnte ich trotzdem nicht.

»Du wirst auf Aisha hören, verstanden? Sie kann dir alles Notwendige beibringen.«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960879022
ISBN (Buch)
9783960879572
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v508313
Schlagworte
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Autor

  • Katherine Collins (Autor)

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Titel: Ein Schotte zum Küssen?