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Highland Hearts

Liebe auf den zweiten Blick

von Gabriele Ketterl (Autor)

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Um ihre Eltern zu unterstützen, jobbt die Studentin Santana in einer Reiseagentur. Niemals hätte sie mit ihrem neuesten Auftrag gerechnet: Tyler Hawk“ Vaughn, das bestbezahlte und begehrteste Männermodel Amerikas, soll in den Highlands für eine Werbekampagne fotografiert und währenddessen von Santana betreut werden. Dabei machen ihr nicht nur ihre wichtigtuerische Chefin und die eifersüchtige Produzentin das Leben schwer, sondern auch Hawk selbst, der sich als egozentrisch und arrogant entpuppt. Santana würde am liebsten das Handtuch oder wenigstens irgendetwas nach diesem unverschämten Kerl werfen, denn er raubt ihr den letzten Nerv. Zumindest bis er sich bei einem Dreh in den Highlands von einer anderen Seite zeigt, die ihr Leben gehörig durcheinander wirbelt …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2019

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-875-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-016-9

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Sara Winter und © Jacob Lund
Lektorat: SL Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

„Wenn Sie sich wie ein Rockstar verhalten, werden Sie auch wie einer behandelt.“

Marilyn Manson

1. Katastrophentage

„Mum, wo ist meine rote Jacke, die Armeejacke?“

„Du willst allen Ernstes mit diesem Karnevalsteil in dein Seminar gehen? Santana!“

Santana schlüpfte in ihre groben, schwarzen Biker Boots und richtete sich ächzend wieder auf. „Mum, das ist eine Vintage-Jacke, sie kommt aus einem Theaterfundus und ich liege damit voll im aktuellen Trend.“

Ihre Mutter rümpfte die Nase. „Will ich wissen, was das für ein Trend ist?“

Santana musterte die kleine, leicht rundliche Frau, die ihr gerade einmal bis zum Kinn reichte, liebevoll. „Einigen wir uns einfach darauf, dass du – wie soll ich sagen – einen Hauch konservativer bist, als ich es bin, okay?“

„Ich könnte dir so hübsche Dinge schneidern, wenn du mich ließest.“

Keine gute Idee. Trägerröcke und Karoblusen lagen ihr nun einmal nicht.

„Danke, Mum, du bist ein Schatz. Aber ich denke, das lassen wir. Im Ernst, ich möchte gerne pünktlich in der Uni sein, wo hast du meine Jacke versteckt?“

Mit spitzen Fingern, so, als fürchtete sie, sich an dem Kleidungsstück zu verbrennen, reichte Erin Kinnear ihrer Tochter die Jacke. „Na gut, schließlich bist du alt genug, um zu wissen, was du tust.“

Aufatmend fuhr Santana in das ausgefallene Teil. „Ja, so ist es.“ Sie drehte ihre langen, kupferroten Haare zu einem dicken Dutt und steckte ihn geschickt fest. „Weißt du, ich finde, mein Stil passt perfekt zu meinem Namen.“

Erins leises Schnauben nahm sie amüsiert zur Kenntnis. Sie war sich bewusst, dass das ihr Killer-Argument war. Sie tat es ungern, aber ab und an musste sie es auffahren. Nachdem ihre Mutter sie vor zweiundzwanzig Jahren partout nach dem Ausnahmemusiker Carlos Santana benennen musste, war das eine willkommene Steilvorlage für Diskussionen, auf die sie keine Lust verspürte und die daher dringend abgekürzt werden sollten. Wobei sie ja noch von Glück reden konnte. Wäre sie ein Junge geworden, hieße sie jetzt Carlos … Carlos Kinnear, ganz toll!

Prüfend musterte sie sich im Flurspiegel. Ja, doch, so gefiel sie sich. Das Kleidungsstück, das Erin so unheimlich war, stand ihr sehr gut. Die rote Armeejacke harmonierte perfekt mit ihren hellblauen Augen, der knallengen, schwarzen Jeans und den Boots. Sie griff nach ihrer antiken Arzttasche, einer Errungenschaft vom letzten Flohmarkt, drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und öffnete die Haustür.

„Mum, ich bin um halb drei wieder zuhause. Soll ich auf dem Heimweg einkaufen?“

„Ja, vielleicht ein paar gängigere Kleidungsstücke?“

„Ich hab dich auch lieb, Mylady!“

 

Heute zog sich das Seminar wieder ganz besonders. So sehr sie die Geschichte ihrer Heimat liebte, so sehr verabscheute sie das endlose Auflisten von Jahreszahlen. Gelangweilt setzte sie Ziffer um Ziffer unter die nicht enden wollende Liste in ihrem Heft. Es half alles nichts, wenn sie ihren Traum wahr machen und historische Touren für Touristen anbieten wollte, dann musste sie auch das hier über sich ergehen lassen. Santana liebte Geschichte wirklich, vor allem die Geschichte ihres Landes, die sie immer sehr stolz machte. Das Lernen von Jahreszahlen aber war ihr ein Graus. Schade, denn ohne vernünftiges Grundwissen ging es nun einmal nicht.

Bannockburn, 23. und 24. Juni 1314.

Santanas Gedanken drifteten unweigerlich ab. Vor ihrem inneren Auge erschien ein riesiges Schlachtfeld. Zwei Armeen prallten aufeinander, Kampfgeschrei erklang, Schlachtrösser trugen stolze, mutige Ritter herbei. Schwerter wurden gezogen und Feinde erzitterten.

Nicht ganz so dramatisch, aber interessant und unterhaltsam sollten ihre Touren werden. Mit Statisten, nachgespielten Szenen der schottischen Geschichte, ein wenig Drama, gutem Essen und viel Schottland.

 

„Santana, bitte komm mit mir. Hörst du nicht? Du musst mitkommen.“

Der Wechsel von 1314 ins Jahr 2019 war nicht leicht zu vollziehen, trotzdem gelang es ihr, wenn auch leidlich. Ann, die dienstälteste Sekretärin der Fakultät, stand neben ihr und rüttelte sie leicht an der Schulter.

Verwirrt blickte sie zuerst Ann, dann ihren Professor an, der seinen Vortrag unterbrochen hatte und dessen Blick ebenso mitleidig auf ihr ruhte wie der von achtzehn Kommilitonen. Endlich fand sie ihre Sprache wieder.

„Verzeihung, ich war ein paar Jahrhunderte weit weg. Was ist denn los? Ihr habt alle so einen seltsamen Blick drauf.“

Ann legte mitfühlend ihren Arm um Santanas Schultern. „Meine Liebe, dein Vater hatte einen schweren Unfall, komm, du musst in die Klinik fahren.“

 

Wie sie es geschafft hatte, in den richtigen Bus zu steigen, würde wohl auf immer ein Geheimnis bleiben. Was genau passiert war, wusste Ann zwar nicht, aber zumindest, dass ihr Dad ins Western General in der Crewe Road gebracht worden war. Sie war jetzt auf dem Weg dorthin und hatte Angst, große Angst. Mason Kinnear war, seit Santana sich erinnern konnte, nicht einmal krank gewesen, und nun ein Unfall auf der Baustelle? Wie zum Henker konnte so etwas geschehen? Es gab doch Sicherheitsvorkehrungen. Sich das Hirn zu zermartern brachte allerdings wenig und daher konzentrierte sie sich darauf, wieder ruhiger zu werden. Sie konnte sich gut vorstellen, wie erschrocken und aufgeregt ihre Mutter sein musste. Eine von ihnen sollte folglich einen klaren Kopf bewahren, und aus langer Erfahrung wusste sie, dass das wohl sie sein würde.

Die beiden Damen an der Information des Krankenhauses wussten bereits Bescheid. „Mason Kinnear? Ihr Vater ist noch im OP, bitte gehen Sie nach oben, wir können derzeit noch nichts sagen. Ihre Mutter ist auch vor ein paar Minuten angekommen.“ Sie wiesen ihr den Weg und Santana beeilte sich, die ihr genannte Station zu finden. In einem langgezogenen, von hellen Lampen in weißes Licht getauchten Flur erblickte sie die zusammengesunkene Gestalt ihrer Mutter auf einem weißen Kunststoffstuhl.

„Mum, was um Himmels willen ist denn geschehen?“

Erst nach einer ganzen Weile gelang es Erin, sich so weit zu fassen, dass sie ihr verständlich antworten konnte.

Ihr Vater war auf dem Dachstuhl eines Hauses herumgeklettert, dessen morsche Balken ausgetauscht werden mussten, danach sollte das Haus neu eingedeckt werden. Nun war das für einen Zimmermann Routine, noch dazu für einen so erfahrenen wie ihren Vater. Alle Handwerker verließen sich auf ein Gutachten, das bescheinigte, dass die Hauptbalken massiv und nicht vom Verfall in Mitleidenschaft gezogen worden seien. Im Nachhinein stellte sich nun heraus, dass das Gutachten eine reine Gefälligkeit gegenüber dem Hausherrn gewesen war, um Geld zu sparen. Wie die Feuerwehr bei der ersten Inaugenscheinnahme feststellen konnte, war das komplette Dach dermaßen marode, dass alles wegmusste. Mason war, in gutem Glauben an die Aussagen des Sachverständigen und des Hausherrn, auf die als unbedenklich gekennzeichneten Balken gestiegen und mehrere Meter tief in das Dachgeschoss gestürzt.

Noch während ihre Mutter Santana stockend das erzählte, was die Retter ihr berichtet hatten, traf der Chef ihres Vaters ein. Clark Newton war sichtlich schockiert.

„Es ist fürchterlich. So etwas darf einfach nicht passieren. Unser Zeitplan war – wie so oft – viel zu eng gesteckt. Mason war immer vorsichtig, wenn wir nicht dermaßen unter Druck gewesen wären, hätte er sicher den Dachstuhl sorgfältiger untersucht.“ Clark hieb die Faust gegen die Wand und suchte sichtlich erregt nach Worten. „Wer denkt denn auch, dass dieser gewissenlose Vollidiot von Sachverständigem hier ein gekauftes Gutachten abgibt? Auf so etwas verlässt man sich doch, verdammt noch mal.“

Santana lag etwas ganz anderes auf dem Herzen. „Wie geht es Dad denn überhaupt? Wie schlimm ist er verletzt? Was sagen die Ärzte?“

Erin räusperte sich. „Seine Hüfte ist mehrmals gebrochen. Er kann seine Beine bewegen, das ist ein gutes Zeichen. Der rechte Arm ist am Ellbogen gebrochen, da er wohl versucht hat, sich abzufangen. Laut dem Röntgenfacharzt, dem Chirurgen und den Orthopäden muss das alles erst einmal ruhiggestellt werden, damit es richtig wieder zusammenwächst. Danach geht es sofort in die Reha und es dauert noch Wochen, ehe er wieder vernünftig laufen kann. Dazu kommt noch eine schwere Gehirnerschütterung.“

Das klang zwar besorgniserregend, war aber nichts, mit dem man nicht fertig werden konnte.

„Nur noch einmal zum besseren Verständnis: Es besteht keine Lebensgefahr?“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Sie waren sich nicht sicher, ob er innere Verletzungen hat, als sie ihn hergebracht haben. Das hat sich aber Gott sei Dank nicht bestätigt.“

Santana atmete auf. Der Stein, der ihr vom Herzen fiel, musste gigantische Ausmaße gehabt haben, denn sie konnte endlich wieder tief Luft holen.

Auch Clark schien erleichtert, der dunkle Schatten auf seinem Gesicht wollte aber nicht verschwinden. Santana kannte Clark, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Dass mit ihm etwas nicht stimmte, hätte allerdings jeder aufmerksame Beobachter bemerkt.

„Clark, kommst du mit? Ich möchte Mum und mir was zu trinken besorgen.“

Er willigte sofort ein und folgte ihr in den am anderen Ende des Flures liegenden Aufenthaltsraum der Notfallchirurgie. Santana warf fünfzig Cent in den Kaffeeautomaten und drückte auf Milchkaffee. Während der Automat das Gewünschte ausspuckte, wandte sie sich dem unruhigen Mann zu.

„Clark, ich kenne dich lange genug, um zu wissen, dass etwas im Argen liegt. Weihst du mich bitte ein, vor allem, wenn’s um meinen Dad geht?“

Clark ließ sich auf einen der an der Wand stehenden Stühle fallen und fuhr sich mit der Rechten durch den grauen Haarschopf. „Scheiße, dass das ausgerechnet jetzt passieren musste.“

Das half ihr nun nicht weiter. „Etwas expliziter, bitte.“

„Wenn es denn sein muss. Die Firma hat seit zwei Jahren Probleme. In Edinburgh sind Baustellen heiß begehrt und frag mich nicht, wie andere mit den Angeboten, die sie abgeben, ihre Leute bezahlen. Auf jeden Fall mussten wir mit harten Bandagen um viele Aufträge kämpfen. Gut, wir konnten weitermachen, mussten nicht aufgeben, wie einige andere, aber dafür musste ich Abstriche machen.“ Er hob den Kopf und sah Santana in die Augen. „Im Nachhinein gesehen war das eine richtig dumme Entscheidung.“

„Wenn du von Abstrichen sprichst, was genau muss ich mir darunter vorstellen?“ Sie mochte es nicht, wenn jemand in Rätseln sprach.

Er schwieg ihr einen Touch zu lange, daher wusste sie, dass sie eigentlich nicht hören wollte, was er sagen würde. Allerdings hatte sie wohl kaum eine Wahl.

„Santana, ich habe die Versicherungen auf ein Minimum runtergeschraubt, also gerade das, was man eben haben muss. Dazu gehört auch die geschäftliche Unfallversicherung.“

„Aha, und was willst du jetzt genau damit sagen?“

Er wand sich sichtlich. „Ich will sagen, dass Mason auf sein Krankengeld angewiesen sein wird. Und das beträgt nicht einmal die Hälfte dessen, was er sonst verdient. Vergiss all seine Zuschläge auf den Normallohn nicht. Die fallen aber bei Berechnung des Krankengeldes weg. Das heißt, in sechs Monaten habt ihr ein Problem.“

Santana angelte den dampfenden Becher aus dem Automatenfach. „Clark, wie lange zahlst du den Normallohn?“

„Sechs Monate eben, dann übernimmt die Versicherung. Vor drei Jahren hätte im Anschluss meine damalige Unfallversicherung auf den Normallohn aufgestockt. Mensch, Santana, es tut mir so leid.“

Sie wehrte müde ab. „Schon gut. Unterm Strich ist es ja nicht deine Schuld. Kann man den Sachverständigen verklagen? Ich meine, irgendwas muss man doch tun können?“

„Natürlich verklage ich ihn. Aber das dauert, falls wir ihm den Betrug nachweisen können, mindestens ein Jahr. Das hilft Mason im Augenblick gar nichts.“

Sie reichte ihm den Kaffeebecher. „Da, ich glaub, du brauchst das Koffein gerade dringender. Wichtig ist nur, dass Dad wieder gesund wird. Ich werde eine Lösung finden – wie auch immer.“

„Santana, ich hoffe, deine Eltern wissen, was sie da für ein Goldstück am Start haben.“

„Ich glaube schon.“

 

Erin Kinnear legte den Stift zur Seite und fuhr mit dem Zeigefinger die Zahlenkolonne auf dem Blatt entlang. Dann schüttelte sie entschlossen den Kopf. „Selbst, wenn ich täglich zehn Änderungsaufträge hätte, das Geld würde für den Kredit nie und nimmer genügen. Das wirft meine kleine Keller-Schneiderei nicht ab. Mindestens ein halbes Jahr, sagen die Ärzte, und dann ist noch nicht sicher, dass er wieder voll einsatzfähig ist. Das schaffen wir nie, uns fehlen im Monat mindestens fünfhundert Pfund. Stell dir vor, das geht ein Jahr so.“

Santana stellte ihre Teetasse behutsam beiseite und kraulte Pirat, das vierte Familienmitglied der Kinnears, hinter den Ohren. Der gerade einmal kniehohe, grau-weiß gefleckte Terriermischling schmiegte sich an ihr Bein. Fast schien es, als wüsste er, dass sie jetzt moralische Unterstützung brauchte. „Mum, komm runter. Es gibt eine Lösung und außerdem könnte es viel schlimmer sein. Dad wird wieder gesund und er soll dafür alle Zeit bekommen, die er braucht. Clark hält ihm seinen Job frei, das ist auch beruhigend. Und stell dir vor, er wäre so dumm gefallen, dass er jetzt querschnittsgelähmt wäre. Nein, wir bekommen das alles geregelt.“

Ihre Mutter schien nicht ganz so sicher zu sein. „Schatz, ich mag deinen Optimismus, aber kannst du mir sagen, woher wir die fünfhundert Pfund nehmen sollen?“

Santana zögerte nur kurz, dann straffte sie ihre Schultern. „Die verdiene so lange eben ich. Das Reisebüro in der Princess Street wollte mich nach meinem Praktikum damals ja schon weiterbeschäftigen. Ich lege das Studium für ein oder zwei Semester auf Eis und arbeite dort. Allan zahlt gut, außerdem macht der Job Spaß und ich kann beinahe das tun, was ich später eh einmal arbeiten möchte. Also ist das alles halb so schlimm.“

„Santana, damit verlierst du aber doch so viel Zeit. Willst du das wirklich tun?“ Erin hegte eindeutig ihre Zweifel.

Santana nahm ihre Tasse wieder auf und trank einen großen Schluck. „Ich will und ich muss, Mum. Oder hast du eine bessere Idee?“

Das Schweigen der Mutter war Antwort genug.

 

In dieser Nacht fand Santana wenig Schlaf. Natürlich war es ärgerlich, dass sie aussetzen musste, aber es war die einzige Lösung. Woher sonst sollte das Geld kommen? Gleich am nächsten Tag wollte sie in das Reisebüro fahren. Nach den Lobeshymnen auf sie war sie sich sicher, dass Allan ihr einen befristeten Job geben würde.

Weniger glücklich war sie in Bezug auf seine Frau. Evie war chaotisch, unstrukturiert und emotional eine dauernde Achterbahn. Allerdings war es ihr schon beim letzten Mal gelungen, nur wenig mit ihr arbeiten zu müssen. Sicher ließe sich das wieder so einrichten.

2. Warum eigentlich immer ich?

Allan war sichtlich begeistert. „Klar helfe ich dir, natürlich bekommst du eine Stelle. Du weißt, dass ich mich freue, dich wieder in meinem Team zu haben. Passt perfekt, Sandy bekommt Anfang November ihr Baby und verschwindet in zwei Wochen in den Mutterschutz. Im Oktober ist zwar nicht ganz so viel zu tun, aber du kannst Sandys Aufgabengebiet komplett übernehmen, da bist du beschäftigt.“ Er blickte sich um und entdeckte seine Frau. „Evie, hast du gehört? Unsere Probleme haben sich von selbst gelöst. Santana übernimmt Sandys Bereich. Was sagst du dazu?“

Evie, klein, schlank und den hellblonden Pagenkopf wie immer perfekt frisiert, stöckelte in ihren kupferfarbenen Highheels, die zum beigen Hosenanzug passten, herbei. „Wenn sie sich gut einarbeitet und den Ablauf nicht stört, soll es mir recht sein.“ Nach einem kurzen Nicken in Santanas Richtung stöckelte sie auch schon weiter.

Allan verdrehte theatralisch die Augen. „Ignorier sie, du weißt, sie meint es nicht so. Ab und an schlagen einfach die Chef-Gene durch. Sie weiß genau, dass du gut warst. Ich mach dir bis übermorgen deinen Vertrag fertig. Reicht dir das?“

Natürlich reichte es ihr und sie verließ erleichtert ihre zukünftige Wirkungsstätte.

 

Der Abend war zu ihrem Leidwesen verregnet und so wurde aus dem geplanten Spaziergang mit ihrer Freundin Jane und Pirat eines ihrer geliebten Endlostelefonate.

„Du wolltest doch nicht mehr mit Evie arbeiten. Warte, wie hast du sie genannt: Anna Wintour für Arme? Oder liege ich falsch?“

Santana ließ sich auf ihr Bett fallen, drehte sich zur Wand und stützte die langen Beine dort ab. „Nein, liegst du nicht. Aber das hilft alles nichts. Woher soll das Geld kommen? Was ich jetzt gleich verdiene, wird gespart, und wenn Dad nur noch Krankengeld bekommt, haben wir ein kleines Polster.“

„Stimmt schon. Pass trotzdem mit dieser Zicke auf. Die hätte dich bei deinem Praktikum schon gerne auflaufen lassen.“

Das hatte Jane sich also auch gemerkt.

„Keine Bange. Ich werde mich so weit wie möglich von ihr fernhalten. Sie betreut eh nur die Highclass-Kunden. Der Durchschnittstourist muss sich mit ihren Untergebenen herumschlagen.“ Santana rollte sich auf den Bauch. „Du wirst sehen, die paar Monate vergehen wie im Flug. Und was soll schon in den ruhigen Herbst- und Wintermonaten groß passieren?

 

Zwei Wochen später stand sie nachdenklich an ihrem neuen Schreibtisch. „Sandy, du wirst mir fehlen.“ Santana begutachtete grübelnd den stattlichen Leibesumfang der jungen Frau. „Allerdings denke ich, dass du langsam echt kürzertreten solltest.“

Sandy schmunzelte, während sie sich das Kreuz rieb. „Sag bloß! Im Ernst, ich freu mich auf mein Sofa, jede Menge Tee und Ruhe. In spätestens drei Wochen ist es damit endgültig vorbei.“

Santana legte Sandy beruhigend ihre Hand auf den Unterarm. „Aber doch nur für etwa zweiundzwanzig Jahre, dann hast du so ein Prachtexemplar wie mich, das eigenständig essen und aufs Klo gehen kann.“

Lachend umarmte Sandy sie. „Das hab ich gebraucht, da sehe ich doch alles gleich viel entspannter.“

Santana sah ihr nach, während Sandy sich von den anderen Kollegen verabschiedete. So wie Allan es vorausgesagt hatte, war es von Anfang an angenehm ruhig im Büro gewesen: ein paar Gruppen aus Asien, vor allem Korea und Japan, einige Amerikaner und eine Handvoll Deutscher, die sich eine Hikingtour durch die Highlands zusammenstellen ließen. Alles gut zu bewältigen. Evie war mit einem reichen, amerikanischen Ehepaar unterwegs, das es sich ein Vermögen kosten ließ, die Chefin persönlich als Begleitung zu haben. Hervorragende Arbeitsbedingungen. Das Glück schien ihr gewogen.

Den Spruch Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben kannte sie zwar, aber dass er ausgerechnet an diesem ruhigen Nachmittag zum Einsatz kommen würde, hätte sie nicht erwartet. Kurz vor sechs Uhr kehrte eine zufriedene Evie zurück ins Büro. Voller Elan warf sie ihre Louis-Vuitton-Umhängetasche, mit deren Inhalt sie jederzeit problemlos das Land hätte verlassen können, auf ihren Schreibtisch.

„Und wieder einmal zeigt sich, dass sich Erfahrung, Know-how und Professionalität auszahlen. Zufriedene, glückliche Kunden, die Schottland in bester Erinnerung behalten werden. Amerikaner sind anspruchsvoll und wollen hofiert werden. Ich denke, ich habe uns perfekt repräsentiert.“

Liam, der nette Kollege, der über den Schreibtisch gegenüber dem Santanas regierte, hüstelte dezent. „Super, tolle Leistung, wenn ich zwei von sich eingenommene und dabei so herrlich ahnungslose Texaner stundenlang mit einem Spezialbus durch die Gegend karre und für die Schlossbesichtigungen einen exzellenten Guide von Historic Scotland an der Seite habe.“

Santana verstand sein leises Brummeln sehr gut. „Im Ernst? Ich dachte, sie macht das?“

„Träum ruhig weiter. Evie gerät ja schon in Erklärungsnöte, wenn man sie fragt, wer Rob Roy war.“ Liam war lange genug im Unternehmen, um zu wissen, wovon er redete.

„Aha, Know-how und Professionalität.“

Liam reckte grinsend beide Daumen hoch. „Du hast es erfasst.“

Noch während Evie weiter über ihre Erfolge schwadronierte, läutete das Telefon in Allans Büro. Der nahm ab und schloss kurz darauf die Glastür, was selten vorkam. Da heute um sechs Uhr Feierabend war, beachtete Santana ihn nicht weiter. Sie wollte noch in die Klinik zu ihrem Vater und für ihre Mutter ein Abendkleid, das dringend einer Änderung bedurfte, bei einer Kundin abholen. Kaum stopfte sie Handy, Geldbörse und die mickrigen Reste ihrer Nussmischung, angeblich exzellente Nervennahrung, in ihren Rucksack, riss Allan seine Tür auf.

„Leute, Teammeeting! Alle!“ Da einige Finger noch unentschlossen über Laptops und Telefontastaturen schwebten, fügte er umgehend hinzu: „Sofort!“

Liam schraubte sich mit leicht angesäuerter Miene aus seinem Bürostuhl. „Lebewohl, o mein Pub! Es hätte so schön werden können mit uns beiden.“

„Mist, ich wollte meinen Dad besuchen.“ Santana war ebenso wenig begeistert wie er.

Zu einer Antwort kam Liam nicht mehr, denn auch Evie sah sich nun bemüßigt, die Chefin herauszukehren. „Habt ihr Allan nicht gehört? Los, los. Er macht das gewiss nicht zu seinem Vergnügen.“

Teammeeting bedeutete, dass man sich in der rückwärtigen Teeküche traf, in der ein wuchtiger, dunkelbrauner Holztisch und zehn bunt durcheinandergewürfelte Bistrostühle standen, die Allan hatte ergattern können, als ein renommiertes Teahouse schließen musste. Ansonsten gab es eine überdimensionierte Palme, die laut Beschreibung nur halb so groß hätte werden dürfen, einen nicht minder überdimensionierten Kühlschrank, zwei Wasserkessel, grob geschätzt fünfzig unterschiedliche Tassen, eine Sammlung von IKEA-Gläsern in allen Größen sowie einen antiken Gasherd. Der Rahmen des kleinen Fensters zum Hinterhof war mit ägyptischen Ornamenten bemalt worden und verlieh dem Ganzen ein künstlerisches Flair.

„Sorry für die späte Stunde, tut mir echt leid, aber das hier ist wichtig.“ Allan goss sich eine Tasse Tee ein und nahm am Kopfende Platz. „Setzt euch, ich verspreche, ich mache schnell. Der Anruf gerade kam aus Amerika, genauer gesagt aus Los Angeles. Wir arbeiten schon ewig mit einer Eventagentur zusammen, die uns immer wieder gute Kunden schickt. Der Einsatz der Agentur hört allerdings am Flughafen hier in Edinburgh auf, weil wir dann übernehmen. Bis heute war das alles kein Thema … wohlgemerkt: bis heute.“ Allan war sichtlich nervös.

So kannte Santana ihn nicht. Der Mann war sonst die Ruhe selbst. Neugierig hörte sie weiter zu.

„Der Auftrag, den wir übernehmen sollen, ist – sofern man es nüchtern betrachtet – ein Ding der Unmöglichkeit.“

Liam zuckte mit den Schultern. „Chef, warte, ich hol dir einen doppelten Whisky, dann relativiert sich das eventuell etwas. Also das mit dem nüchtern.“

Allan runzelte nur die Stirn. „Sehr witzig. Nein, in fünf Tagen soll ein Fotoshooting in den Highlands stattfinden. Es wird eine Woche dauern. Wir müssen die Genehmigungen einholen, die Hotels oder Apartments buchen, für den Transport sorgen. Das Catering muss bestellt werden und es soll immer jemand von uns dabei sein, da zusätzlich zu zwei Starfotografen ein Kameramann, ein Tontechniker und zwei Produzenten mit von der Partie sind. Das ist ein richtig aufwändiges Ding, die drehen gleichzeitig zu dem Shooting auch noch für eine Realityshow, die auf das Model zugeschnitten ist. Ich hätte echt gerne abgelehnt, vor allem, da es verdammt gewagt ist, im Oktober in den Highlands für eine Werbekampagne zu fotografieren. Aber die Argumente sind überzeugend, sehr überzeugend.“

„Klär uns auf. Welche Argumente? Im Ernst, Allan, du weißt, wie es da oben zu dieser Jahreszeit zugehen kann?“ Liam schien wenig begeistert.

„Und ob ich das weiß. Nur ist die Aussage, dass wir über ein – Achtung, jetzt kommts – enormes Budget bis zu fünfundsiebzigtausend Pfund verfügen dürfen, schon bemerkenswert. Ich hab das mal grob überschlagen und dabei schon hochgerechnet. Selbst wenn wir teure Hotels und hochwertigstes Catering sowie gute Fahrzeuge, einen Wohnwagen und so weiter einkalkulieren, bleiben uns um die zwanzigtausend Pfund. Na, was sagt ihr zu dem Argument?“

Steven, der kleine, schwarzhaarige Ire, Nummer drei im Bunde, Liam und auch Santana sahen Allan ungläubig an.

Santana fing sich als Erste. „Gar nicht so übel.“

Allan schob seine Nickelbrille etwas nach vorne und musterte sie über den Rand hinweg. „Nicht übel? Ich mag deinen Humor. Das ist richtig gut.“ Er wandte sich seiner Frau zu. „Evie, sag doch auch was. Soll ich akzeptieren? Wir könnten das stemmen, genug Erfahrung haben wir.“

Evie nickte nachdrücklich. „Gerade jetzt vor der Wintersaison brauchen wir das Geld.“ Sie deutete unbestimmt zur Seite. „Liam und Santana können das machen. Auf Steven kann ich nicht verzichten.“

Ehe Santana dazu kam, sich aufzuregen, antwortete Allan bereits. „Gut, ich denke, damit ist das geregelt. Dann rufe ich sofort zurück und sage zu. Die in Amerika warten.“

„Ähm, nur mal so am Rande gefragt: Was für eine Werbekampagne ist es eigentlich und wer ist dieses Model, von dem du gesprochen hast?“ Neugierig war Santana ja schon, um wen dieser ganze Wirbel veranstaltet wurde.

Allan blickte sehr ernst in die Runde. „Es ist der größte amerikanische Whiskyproduzent und schon klar, dass der echtes, schottisches Flair haben möchte. Tja, und das Model …“, er legte eine sehr gekonnte Kunstpause ein, „… das Model ist Tyler „Hawk“ Vaughn.“

„Bitte wer? Doch nicht der Hawk? Der Typ, der die neue Davidoff-Kampagne ziert und der auf sämtlichen Hochglanzmagazinen dieser Welt prangt?“

Allan nickte. „Eben jener, liebe Santana.“

Darauf hatte sie nun ja mal überhaupt keine Lust, aber wirklich gar keine. Der Kerl sah schon auf den Fotos dermaßen arrogant aus, dass ihr übel wurde. Ihr war bewusst, dass sie damit allein auf weiter Flur stand, denn der Rest der Welt küsste den Boden unter seinen Füßen. Okay, attraktiv war er, richtig attraktiv, aber das war’s auch schon.

Während sie sich noch den Kopf darüber zerbrach, wie sie aus dieser Nummer wieder herauskam, erklang Evies aufgeregte Stimme.

„Exzellent, einfach exzellent! Das wird die perfekte Werbung für uns. Hawk Vaughn! Ich denke, wir müssen nicht darüber diskutieren, dass in diesem Fall ich den Auftrag übernehme. Das ist Chefsache, so leid es mir tut. Wie bekannt sein dürfte, bin ich außerdem der Amerikaprofi in diesem Büro, das habe ich nun ja wohl oft genug bewiesen.“

Perfekt! Santana lehnte sich entspannt in ihrem Stuhl zurück. „Da kann ich Evie nur beipflichten. Sie ist und bleibt der Profi hier. Natürlich hätte ich die Herausforderung gern angenommen, aber ich finde sicher anderweitig genug zu tun.“

Sie wurde das dumme Gefühl nicht los, dass Allan nach dieser Feststellung einen Hauch zu lange schwieg. Sollte sie etwa zu dick aufgetragen haben? Als das Schweigen andauerte, verwandelte ihre ursprüngliche Entspannung sich unglücklicherweise in Anspannung.

Allan, sag etwas, flehte sie in Gedanken. Das tat er dann auch – leider!

„Evie, keine Frage, wenn du das persönlich übernehmen willst, dann ist das natürlich in Ordnung. Aber da steckt sehr viel Arbeit drin, du brauchst definitiv eine rechte Hand, die dich organisatorisch unterstützt.“ Mit einem sehr hintergründigen Lächeln wandte er sich Santana zu. „Santana, allein schon dein Studium prädestiniert dich für diesen Auftrag. Wenn du jetzt auch noch selbst anmerkst, dass du die Herausforderung gerne angenommen hättest, will ich dir nichts in den Weg legen. Ich möchte, dass Evie und du das Ding gemeinsam wuppt.“

Warum? Warum konnte sie nie im richtigen Moment einfach mal die Klappe halten?

„Oh, toll! Das freut mich wirklich. Danke für dein Vertrauen, Allan.“ Liams breites Grinsen bewies ihr, dass das gerade nicht wirklich aufrichtig geklungen hatte.

„Sehr schön! Dann rufe ich auf der Stelle zurück und sage zu. Nur, dass das klar ist: Wir – also vor allem du, Santana – müssen morgen sofort in die Vollen gehen. Ich lasse mir den Plan schicken und darum baust du …“, er warf einen sichtlich nervösen Seitenblick auf seine Frau und korrigierte sich umgehend, „… baut ihr bitte den kompletten organisatorischen Rahmen.“

Evie nickte huldvoll. „Meine leichteste Übung.“

Steven erhob sich, trat im Hinausgehen hinter Evie und erklärte mit fester Stimme: „Du bekommst das prima geregelt. Viel Spaß bei dieser Herausforderung.“ Dass er dabei Santana einen mitleidigen Blick zuwarf, bemerkte die sichtlich zufriedene Evie nicht.

Sie folgte Allan und Steven zurück ins Büro und Santana ließ ihre Stirn auf die Tischplatte knallen. Gerade so, dass es nur ein bisschen weh tat. „Warum eigentlich immer ich?“

Liam klopfte ihr beruhigend auf den Rücken. „Weil Allan nicht lebensmüde ist. Er liebt seine Frau, kennt sie aber auch gut genug, um zu wissen, dass sie bei der geringsten Gelegenheit eskaliert. Ohne dich wäre sie aufgeschmissen. Ich könnte wetten, sie käme mit der Gruppe nicht mal heil in den Highlands an. Also nimm es als Kompliment.“

Sie rieb sich ihre malträtierte Stirn. „Ich mag aber solche Typen nicht. Das ist so was von nicht meine Welt. Und was genau heißt überhaupt eskalieren?“

Hätte sie in diesem Augenblick geahnt, welch große Rolle dieses Wort innerhalb der nächsten Wochen spielen würde, sie hätte sich wohl eingehender mit der Bedeutung auseinandergesetzt.

3. Alles ein Kinderspiel

„Jane, warum muss ausgerechnet ich so etwas machen? Kann ich denn nicht eine nette, solide Gruppe Geschichtsstudenten aufs Auge gedrückt bekommen? Muss es dieser Hawk sein?“ Santana lag auf dem hellbraunen Sofa im elterlichen Wohnzimmer, hatte sich eins der zitronengelben Kissen in den Rücken gestopft und ließ die Beine über die Lehne baumeln. Das Telefon war auf Lautsprecher gestellt, da sie ihre Hände dringend brauchte, um eine Tasse heiße Schokolade mit Zimt und Schlagsahne festzuhalten. Nervennahrung.

„Du tust mir ja so leid. Da musst du armes Wesen tatsächlich mit dem derzeit wohl bestaussehenden Mann der westlichen Hemisphäre durch die stürmischen Highlands reisen. Arme kleine Maus.“ Janes Stimme klang leicht erstickt.

Sie runzelte nachdenklich die Stirn. „Sag mal, kann es sein, dass du mich nicht ganz ernst nimmst? Das ist wirklich ein Problem für mich. Diese Glamourwelt ist nicht so mein Ding.“

Sie konnte sich gut vorstellen, wie Jane nachsichtig den Kopf schüttelte. „Ja, meine Liebe, das hilft aber nichts. Die Welt besteht nicht nur aus vergangenen Schlachten, verfallenen Schlössern, Burgruinen und Helden, die längst tot sind. Jetzt hast du’s eben mit einem lebendigen Helden zu tun.“

„Ganz toll!“ Sie warf einen bedauernden Blick in die mittlerweile leere Tasse. „Was hat er schon geleistet, außer mit einem hübschen Gesicht geboren worden zu sein?“

„Lass mich nachdenken. Er hat schon mit achtzehn Top-Verträge an Land gezogen, in diversen Sitcoms mitgespielt und das echt gut, war zweimal hintereinander der Sexiest Man Alive, hat seinen College-Abschluss mit Bestnote gemacht. Tja, was fällt mir noch ein? Möglicherweise der vollkommen unbedeutende Umstand, dass er der Traum von Millionen Frauen weltweit ist? Mann, Santana, eine nicht allzu geringe Anzahl von denen würde töten, um ihm so nahe zu sein, wie du es bald bist.“

„Und ich könnte dankend auf diese fragwürdige Ehre verzichten.“

Jane schnaubte leise. „Nun urteile doch nicht so unbarmherzig. Sonst gibst du den Menschen doch auch eine Chance. Was ist denn nur los mit dir? Der Mann hat dir doch nichts getan.“

Das stimmte wohl, Hawk selbst nicht, ihr Problem ging tiefer. „Das nicht, also nicht er direkt. Aber dieser Hawk verkörpert die Sorte Mann, die Frauen wie mich mit einer Mischung aus dezentem Grauen und zoologischer Sensationslust betrachtet.“

Schweigen. Erst nach einer Weile reagierte Jane. „Du spinnst schon ein bisschen, oder? Was willst du denn damit sagen?“

„Ganz einfach. Solche Männer stehen auf dürre, durch und durch gestylte Kleiderständer mit Luxusfümmelchen und Highheels, die Influencern mit vier Millionen Followern an den Lippen hängen. Wenn ich hingegen ankomme mit meinen Boots, Jeans, Vintage-Jacken und Hippieblusen, treten sie automatisch einen Schritt zurück, um sich nicht anzustecken. Das ist für die so wie Zoofeeling. Oh, ein ungezähmtes Exemplar, du verstehst?“

„Du bist manchmal wirklich schräg drauf, Süße. Wart einfach mal ab. Vielleicht überrascht Hawk dich ja und steht auf starke, eigenwillige Frauen mit nicht alltäglichem Style.“

Santana schmunzelte zufrieden. „Das nehme ich dann mal als Kompliment, also das mit dem Style. Okay, ich verspreche, ich sehe ihn mir an und gebe ihm eine faire Chance. Zufrieden?“

„Schon besser. Das ist meine weltoffene Freundin! Ganz ehrlich, ich beneide dich. Ich finde den Typen schlicht unglaublich.“

„Nun, vielleicht triffst du ihn ja auch einmal.“

„Aber sicher doch. Hawk Vaughn taucht in meiner Konditorei auf und kauft Chocolate Cherry Brownies. Wenn das passiert, dann hast du hundert Kuchenwünsche frei.“

Santana kuschelte sich gemütlich in ihr Sofakissen. „Ich erinnere dich bei Gelegenheit daran.“

 

„Santana, endlich. Ich warte seit fast einer Stunde.“ Evie rauschte in ihrem dunkelblauen Hosenanzug und passenden Pumps an ihr vorüber. „Ich habe schon einiges vorbereitet. Wo warst du denn so lange?“

„Im Krankenhaus bei meinem Dad.“ Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre Armbanduhr. Gerade einmal kurz nach neun und damit bestenfalls zehn Minuten Verspätung. „Ich hab mich sowieso beeilt. Aber sehen wollte ich ihn unbedingt. Er braucht dringend Aufmunterung. Dafür kann ich heute Abend gern länger bleiben.“

„Das wirst du auch müssen, ich kann ja nun nicht alles alleine machen.“ Mit diesen Worten entschwand Evie in Richtung Allans Büro.

„Denk dir nichts. Sie ist erst vor zwanzig Minuten gekommen und hatte etwa ein Dutzend Magazine dabei, in denen etwas über dieses Model steht. Ich fürchte, ihre Vorbereitung besteht daraus, sich den Kerl genau anzusehen. Jeden Teil seines Sixpacks einzeln.“ Liam strich sich eine seiner dunklen Locken aus der Stirn und zuckte mit den Schultern. „So ist sie eben. Aber wenn ich du wäre, würde ich mich dringend um den Fuhrpark kümmern.“ Er stockte, suchte nach etwas auf seinem Schreibtisch und hielt es Santana entgegen. „Sie will, dass du in diesem Unternehmen die Fahrzeuge orderst. Hast du nun noch immer Fragen, warum Allan wollte, dass du dabei bist?“

„Äh, warum?“

Liam seufzte. „Nun wirf doch einmal einen Blick auf den Prospekt bitte, und dann frag nochmal.“

„Limousinen? In den Highlands? Ist sie denn verrückt geworden?“

„Jetzt hast du es verstanden. Also nimm alles in die eigenen Hände und tu das, was du als richtig empfindest. Du wirst den Kopf dafür hinhalten müssen, nicht Evie, vergiss das nicht.“

„Habe ich eine Wahl?“

Liam lächelte. „Wohl eher nicht.“

 

Santana holte sich den Plan der Amerikaner aus Allans Büro, fragte noch einmal explizit nach, wie lange man in den Highlands sein würde, und machte sich ans Werk. Zuerst zückte sie eine Landkarte und steckte die gewünschten Ziele ab. Spätestens ab Sterling wären sie mit Limousinen vollkommen aufgeschmissen. Ansonsten waren die Wunschziele der Fotografen und des Auftraggebers tatsächlich vernünftig und sinnvoll oder eben das, was man sich landläufig unter Schottland vorstellte.

Doune Castle, die Trossachs, der Loch Lomond, das Tal von Glencoe, das Ufer des Loch Ness, Urquhart Castle, die Cairngorms und schließlich die Gegend am Fuß des beeindruckenden Ben Nevis. Auf dem Weg zurück suchte man eine schöne Location mit weitläufigem Strand. Santana entschied sich rasch für den herrlichen Strand von Stonehaven, wo es bezaubernde, historische Unterkünfte gab, die gerade Gästen aus Amerika gefallen sollten. Nachdenklich betrachtete sie die abgesteckte Route, errechnete mit Google Maps die Entfernungen und erstellte einen angepassten Zeitplan. Sie ließ dabei nie außer Acht, dass das Wetter sicherlich nicht immer mitspielen würde. Daher suchte sie auch nach Möglichkeiten für Innenaufnahmen, obwohl die nicht explizit auf der Agenda standen.

Sie druckte sich die Route samt Entfernungen und Zeitaufwand aus und studierte sie genau. Ihr durfte kein Fehler unterlaufen.

Nach drei Stunden stand der Plan und sie konnte sich auf die Suche nach schönen Unterkünften machen. Viele, die sie bereits von ihrem letzten Praktikum im Büro kannte, hatte sie noch im Hinterkopf. Bei einigen machte ihr die Kurzfristigkeit oder die Anzahl der Gäste einen Strich durch die Rechnung, bei anderen war sie erfolgreich. Sie stellte die Anfragen und bat alle um Übermittlung eines schriftlichen Angebotes.

„Liam, was meinst du? Ich würde für die engen und teilweise nicht leicht zu befahrenden Straßen Geländewagen buchen. Kann ich diese Typen mit ihren hohen Ansprüchen in Range Rover setzen?“

„Natürlich. Im Ernst, eine Limousinen-Flotte, wie sie Evie vorschwebt, kannst du getrost vergessen. Allein nördlich von Fort William habt ihr damit Probleme. Mach du nur.“

Zufrieden wählte Santana die Nummer einer zuverlässigen, alteingesessenen Autovermietung, die auch Fahrer stellte, und bat sie um ein Angebot für fünf Range Rover, einen neuen Camper und einen Minibus für die Ausrüstung. Nachdem sie aufgelegt hatte, spähte sie neugierig zu Evies durch einen eleganten Paravent teils abgetrennten Schreibtisch. Die Chefin starrte geradezu verzückt auf den Bildschirm ihres Laptops. Was zur Hölle tat sie da eigentlich? Langsam machte sich Santana Sorgen. Es wäre fatal, wenn Evie ihrerseits planen und organisieren würde, wobei diese Möglichkeit, realistisch betrachtet, eher unwahrscheinlich war. Evie war Theoretikerin und gut war sie vor allem im Repräsentieren und im Menschen um den Finger wickeln – je oberflächlicher ihr Gegenüber, desto einfacher. Aber im Geschäft klappte das ganz gut: Allan war der bodenständige Macher und Evie gab die Großfürstin. Im Augenblick hätte Santana sich allerdings einen Hauch mehr Kommunikation gewünscht. Es hatte keinen Sinn, wenn sie organisierte und plante und Evie dann alles umwarf. Dazu fehlte ihnen schlicht die Zeit. Daher atmete sie zweimal tief durch und marschierte mit ihrem Routenplan zu Evie. In Ermangelung einer Tür tat sie das, was alle taten: Sie klopfte leicht an den Paravent.

„Evie, entschuldige bitte, ich will ja nicht stören, aber ich würde dir gerne zeigen, was alles schon steht. Hast du eine Minute, bitte?“

Mit leicht säuerlicher Miene lehnte Evie sich in ihrem ergonomisch geformten Chefsessel zurück. „Ich bin wirklich sehr beschäftigt, aber wenn es nicht warten kann. Bitte.“ Sie zeigte auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

Santana, geplagt von Neugierde auf das, was Evie so unglaublich faszinierte, umrundete zügig den Tisch. „Gleich, erst muss ich dir das hier zeigen und erklären.“ Sie breitete ihre Unterlagen vor Evie aus und warf dabei einen Blick auf den Bildschirm. Dort räkelte sich in einem Video besagter Hawk an einem Strand in der Sonne auf einem Liegestuhl und beantwortete die Fragen einer sichtlich aufgeregten Journalistin. Aha, so sahen also Evies Vorbereitungen aus. Worauf um Himmels willen wollte sie sich denn auf diese Weise vorbereiten? Santana verkniff sich eine entsprechende Bemerkung und erläuterte, was sie bisher getan hatte.

„Und meine Anweisung, den Gästen entsprechend vernünftige Limousinen zu buchen, wird also einfach ignoriert, ja?“ Oha, da war aber jemand angesäuert.

„Evie, ernsthaft. Natürlich denke ich nicht im Traum daran, deine Anweisung zu ignorieren. Aber bedenk doch bitte, dass wir teilweise sehr enge Straßen bewältigen müssen, die auch noch hügelig sind. Da bleibt doch eine Mercedes-Limousine alle naselang liegen. Wir handeln uns damit nur Ärger ein, wenn wir die Ziele nicht zu den festgelegten Zeiten erreichen.“

„Gut, und mit den großen Geländewagen haben wir dort also keine Probleme, oder was?“ Offenbar war Evie noch nicht bereit, sich von ihren Traumwagen zu verabschieden.

„Nein, die sind ja gerade darauf ausgelegt. Bitte, vertraue mir. Das sind die perfekten Fahrzeuge für das Hochland und repräsentativ sind sie auch noch.“

„Was ist repräsentativ?“ Allan konnte verflixt leise sein, wenn er nicht sofort bemerkt werden wollte.

„Ich lass mir gerade ein Angebot für fünf Range Rover, drei davon mit Fahrer, ausarbeiten. Hoffentlich ist das auch in deinem Sinn.“ Santana warf ihm einen hilfesuchenden Blick zu.

„Hervorragend. Gute Entscheidung, sehr gut sogar. Da die Fotografen selbst fahren wollen, ist das sehr sinnvoll. Das sind sicher Automatikwagen, damit kommen die Amis klar. Das hast du gut gemacht, Santana.“

In solchen Momenten mochte sie den besonnenen Allan besonders gerne. Er schob sich mit ernster Miene die Ärmel seines dunkelgrauen Rollkragenpullovers hoch und fuhr sich dann mit allen zehn Fingern durch den dichten, langsam ergrauenden Haarschopf. „Evie, konntest du schon einen Blick auf den vom Kunden gewünschten Ablaufplan werfen?“

„Ich bitte dich, natürlich. Abgesehen davon mache ich mich gerade ein wenig mit den Gästen vertraut. Wenigstens annähernd sollte ich schon wissen, wer demnächst unter meiner Obhut stehen wird.“

„Hm, okay.“ Allan drehte sich zu Santana um und lächelte sie aufmunternd an. „Solange du dich weiterhin um die banalen Kleinigkeiten wie Transport, Unterkünfte und Drehgenehmigungen kümmerst, bin ich beruhigt.“

 

Es war ein herrlicher Herbstabend und perfekt geeignet für einen Bummel in den Princess Gardens von Edinburgh. Santana war zwar hundemüde, aber auf ein letztes Treffen mit Jane, ehe am nächsten Tag die Gäste eintreffen würden, wollte sie auf keinen Fall verzichten. Pirat schien sich ebenso darüber zu freuen wie Jane, die in diesem Augenblick freudestrahlend auf sie zulief.

„Du ahnst ja nicht, wie ich mich freue, dich noch einmal zu sehen, ehe du in die Highlands entschwindest.“ Jane umarmte sie stürmisch.

Santana drückte die Freundin und schob sie dann etwas von sich. „Ist ja nicht so, als würde ich zu einem einjährigen Abenteuerurlaub aufbrechen. Schließlich ist es nur eine gute Woche.“

Jane rümpfte anklagend ihre Stupsnase. „Nur, sagt sie. Ich werde sterben vor Neugierde. Glaub mir, ich wäre so gerne dabei. Das wird ganz sicher ein unvergessliches Erlebnis.“

Santana entwirrte Pirats Leine und ließ sie lang, woraufhin er schwanzwedelnd in einem nahegelegenen Gebüsch verschwand. „Nein, das willst du nicht, vertrau mir. Das war die schlimmste Woche, die du dir vorstellen kannst. Ich könnte erst einmal einen Monat Urlaub gebrauchen, ernsthaft.“

Die Freundin hakte sich bei ihr unter und nun war der Blick unter der dichten, schwarzen Ponyfrisur eindeutig mitfühlend. „So schlimm? Aber sie sind doch noch gar nicht da.“

Sie hielten an einem Crêpestand und kauften sich zwei zuckersüße Schokoladen-Pfannkuchen. Damit setzten sie sich auf eine Bank neben der großen Rasenfläche und Santana biss herzhaft in die triefende Süßigkeit. „Ah, himmlisch! Zucker, das habe ich gebraucht.“ Sie rief den kreuz und quer über den Rasen flitzenden Pirat heran, belohnte ihn mit einem Leckerli und warf Jane einen müden Blick zu. „Erklär das bitte einmal Evie. Seit Tagen gibt es für sie nur noch ein Thema und das lautet Hawk. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es dürften grob geschätzt zwanzig Dokumentationen und an die dreißig Magazine sein, die sie sich zu Gemüte geführt hat. Liam und Steven feixen nur noch. Sie hat nichts, aber rein gar nichts dazu beigetragen, die Tour auf die Beine zu stellen. Mir mehrmals täglich an den Kopf zu werfen, dass ich das unprofessionell und für die – ich darf zitieren – anspruchsvolle amerikanische Klientel nicht angemessen organisiere, das hat sie allerdings nicht versäumt. Ich hab jetzt schon so einen Hals.“ Ihr Arm war kaum lang genug, um anzuzeigen, wie genervt sie war.

„Wenn Ihro Gnaden nicht mit deiner Leistung zufrieden ist, warum macht sie es dann nicht selbst?“ Jane kaute grübelnd ihren Crêpe.

„Weil sie es nicht kann und weil Allan mir fortwährend den Rücken stärkt. Er findet meine Entscheidungen richtig und sinnvoll. Evies Vorschlag war tatsächlich, dass wir nur große Luxushotels ansteuern. Das wären stundenlange Fahrten zwischen den Terminen geworden, vollkommen unlogisch. Noch dazu lieben die Amerikaner doch auch das schottische Flair mit alten Herrenhäusern und romantischen Cottages. Sie haben doch eh ihr ganz eigenes Bild von Schottland und dem komme ich weitestgehend entgegen. Allan war von der Auswahl meiner Unterkünfte begeistert. Evie hingegen war der Ansicht, sie entsprächen nicht den Bedürfnissen der hohen Gäste.“

Jane schüttelte unwirsch den Kopf. „Was führt sie sich denn so auf? Ihr erwartet doch schließlich nicht die königliche Familie oder den amerikanischen Präsidenten.“

Sie sahen sich kurz schweigend an und prusteten dann gleichzeitig lauthals los.

Santana beruhigte sich als Erste wieder. „Na Gott sei Dank. Der hätte mir ja gerade noch gefehlt. Der kann doch einen Apple Pie nicht von einem Fischbrötchen unterscheiden. Dann doch lieber diesen selbstverliebten Mr Universum.“

„Hörst du jetzt wohl auf? Du hast gesagt, dass du ihm eine Chance geben wirst. Bisher schwelgst du aber weiterhin in Vorurteilen gegen den armen Kerl.“

Sie zog eine ertappte Grimasse. „Erwischt. Schon gut, ich habe gesagt, ich werde es versuchen, und das tue ich auch. Morgen Nachmittag werde ich ja sehen, ob er meine Freundlichkeit und mein grenzenloses Verständnis verdient.“

Jane runzelte die Stirn und schlug ihr spielerisch gegen den Arm. „Veräppeln kann ich mich selbst. Erzähl mir lieber, wie deine Planung jetzt aussieht. Dann kann ich zumindest im Geiste dabei sein.“

Santana holte tief Luft. „Okay. Ich habe eine Range-Rover-Flotte gebucht, fünf neue Wagen, drei davon mit Fahrern. Für das Equipment haben wir einen Transporter, in den alles reinpasst. Zum Umziehen bei Fotosessions im Freien habe ich für Hawk einen Camper gechartert, damit der empfindliche Edelkörper nicht den bösen schottischen Wetterkapriolen ausgesetzt ist. Aua!“

„Ich kneif dich jetzt jedes Mal, wenn du ihn durch den Kakao ziehst, haben wir uns verstanden?“

„Haben wir.“ Santana rieb sich den schmerzenden Oberarm. „Also, weiter im Text. Wenn die morgen ankommen, landen sie auf der normalen Landebahn, fahren aber dann zum Hangar der Firma, von der sie den Learjet gemietet haben. Hörst du? Learjet! Von London nach Edinburgh, aber bitte, wer kann, der kann. Wenn sie ankommen, steht die Sonne schon ganz tief, und wehe sie scheint morgen nicht. Ich habe die West Highland Pipers angeheuert. Die kommen aus dem Hangar und gehen ganz langsam auf den Jet zu. Die Ankömmlinge werden mit Flower of Scotland und Amazing Grace begrüßt. Wenn das kein herrschaftlicher Empfang ist, weiß ich auch nicht mehr.“

Jane schniefte leise. „Und ob! Ich heule ja schon bei dem Gedanken daran vor lauter Rührung.“

Santana nickte zufrieden. „So hab ich mir das vorgestellt. Sie müssen auch nicht ins Flughafengebäude, da sie ja in London schon die Immigration und alles hinter sich gebracht haben. Sobald die Pipers fertig sind, werden die Gäste noch vor dem Hangar von den Geländewagen aufgesammelt und der Fahrer des Transporters kümmert sich mit einem Helfer um das Gepäck und Equipment. Danach werden sie direkt zum Prestonfield House gefahren. Also Schottland-Romantik pur. Wenn ihnen das nicht gefällt, weiß ich auch nicht weiter. Dort wird – nach einem Begrüßungscocktail –am Abend ein Vier-Gänge-Menü serviert und es gibt noch eine Gesangseinlage von einem sehr guten Duo. Gib es zu, das trieft doch fast schon vor Schottland at its best, oder?“

„Respekt! Das Prestonfield House ist der Hammer. Sag bloß, du schläfst auch dort?“ Jane schien nachhaltig beeindruckt.

„Mitnichten! Ich residiere im Kinnear House. Das ist mir sowieso lieber.“

Jane grinste. „Hab ich mir gedacht. Nur ja nicht unter einem Dach mit dem bösen Hawk, was?“

Sie verneinte schmunzelnd. „Nein, ich bin im Budget, solange wir noch in Edinburgh sind, nicht vorgesehen. Aber das ist vollkommen in Ordnung. Am nächsten Morgen um neun Uhr geht es los und dann bin ich denen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.“

„Das klingt alles wunderbar. Im Ernst, du hast wirklich ein Händchen für Events. Hatte Evie etwa auch etwas gegen Prestonfield House?“

„Nein, damit war sie gnädigerweise einverstanden.“ Sie blickte sich um und ertappte Pirat dabei, wie er einem kleinen Jungen einen Keks mopste. „Lass uns den frechen Rabauken einfangen und dann holen wir uns noch irgendwo Fish and Chips. Ich hab keine Ahnung, wann ich das wieder werde essen dürfen.“

„Keine Panik bitte. Egal wo ihr sein werdet, Schottland ist bei dir.“

Janes ernste Miene amüsierte sie. „Du willst sagen, ich werde nicht verhungern müssen?“

„Dumme Nuss! Vertrau mir, du wirst die Tage genießen und du wirst traurig sein, wenn Hawk wieder in das Flugzeug steigt. Hör auf meine Worte.“

„Pah! Das wird niemals passieren, hörst du? Niemals. Eher friert der Ärmelkanal zu.“

4. Problemkinder

Santana zupfte vorsichtig an ihrem weißen Rollkragenpullover, den sie heute zu einer schwarzen, fast neuen Jeans trug. Dazu hatte sie sich für eine schwarze Military-Jacke mit goldenen Knöpfen und martialischen Aufnähern entschieden, die sie bei der Versteigerung eines Filmfundus hatte ergattern können. Ihre langen Haare waren zu einem lockeren Zopf geflochten und sie trug edle, goldene Ohrstecker, an denen Münzen baumelten – passend zu den Knöpfen der Jacke. Sie fand das durchaus angemessen für den Empfang der wichtigen Gäste.

Evie lief ihr zwar in ihrem Business-Hosenanzug in einem dunklen, leicht glänzenden Kupferton sowie hochhackigen Pumps im selben Farbton in puncto Eleganz locker den Rang ab, dafür konnte sie mit ihren schwarzen, flachen Wildlederstiefeln wenigstens laufen, ohne Angst zu haben, sich bei nächster Gelegenheit beide Knöchel zu brechen. Ein nicht zu leugnender Vorteil.

Santana schwitzte trotz des kühlen Windes vor dem Hangar. Seit zwei Stunden jagte Evie sie kreuz und quer durch und über den Flughafen. Kein Wunder, dass ihr der Pulli am Leib klebte. Erneut zupfte sie ihn von der erhitzten Haut, um Luft zwischen Körper und Kleidung zu lassen.

„Santana, wissen die Pipers, wann sie beginnen müssen?“

„Ja, Evie, das sind Profis. Bitte glaub mir, die schaffen es, zwei ihrer Stücke fehlerfrei und pünktlich abzuliefern.“

Ihre Chefin warf ihr einen mahnenden Blick zu. „Nimm das nicht auf die leichte Schulter, junge Dame. Das alles muss perfekt klappen. Sonst habe ich und vor allem du ein Problem.“ Ihr Blick irrte hektisch über den Platz vor dem Hangar. „Die Autos. Sind sie alle gecheckt? Sind die Fahrer anständig gebrieft? Wissen die, wohin sie müssen?“

Santana fiel es sehr schwer, weiterhin ruhig zu antworten. „Ja, die Fahrzeuge sind neuwertig und selbstverständlich auf Herz und Nieren geprüft. Die Fahrer sind Profis und ja, haben alle einen punktgenauen Ablaufplan. Sie wissen haargenau, wohin sie müssen. Und ehe du zum vierten Mal fragst: Ja, in Prestonfield House erwartet man die Gruppe, die Zimmer sind fertig, auf jedem befindet sich ein Gastgeschenk. Auf dem Zimmer des Produzentenpaares warten zudem frische Blumen für die Dame. Die Hauptperson hat wunschgemäß einen großen Obstkorb samt Besteck, italienischem Mineralwasser und Ingwertee samt Honig auf seinem Zimmer. Und ja, für das Dinner gibt es eine Fleisch-, eine Fisch- und eine vegetarische Variante.“

„Was ist mit vegan? Hast du das etwa vergessen?“

Santana spürte, wie ihr die Galle langsam die Speiseröhre hochkroch. Wie immer, wenn sie wütend wurde, war ihr übel. „Evie! Das hier ist Schottland! Und außerdem stand nirgends in den Anforderungssheets, dass jemand aus der Truppe Veganer ist.“

„Santana, zügle deinen Ton. Schließlich fällt alles auf mich zurück.“

Aber sicher doch, weil du ja bis jetzt auch so enorm viel zu der Unternehmung beigetragen hast. Mal abgesehen davon, auf das Sixpack der Hauptperson zu starren.

Sie war klug genug, sich diese Bemerkung zu verkneifen. Stattdessen ließ sie den Blick über die Freifläche schweifen. Die Geländewagen standen in schöner Formation neben dem großen Rolltor, der Transporter wartete im Hintergrund. Der Campingbus war erst für die erste Fotosession vorgesehen und Santana hatte den Vermieter mehrmals genau instruiert. Alles würde gutgehen. Als sie genauer zum Rolltor blickte, musste sie unwillkürlich lachen. Der Chef der Highland Pipers, ein Baum von einem Kerl im traditionellen Kilt, spähte neugierig um die Ecke und der Wind fuhr ihm unter seinen Rock. Breit grinsend hielt er das hochflatternde Kleidungsstück fest. Es erinnerte sie schon sehr an die berühmte Szene mit Marilyn Monroe. Gut, die Beine sahen doch recht anders aus, aber durchaus ansehnlich.

Während sie sich noch Gedanken über behaarte Highlanderbeine machte, quiekte Evie plötzlich erschrocken auf. „Der Wagen für den Fotografen, hat der ein Navi?“

Santana gelang es gerade noch, sich nicht mit der Hand vor die Stirn zu schlagen. „Natürlich! Die sind so gut wie neu, die haben das aktuellste Navigationssystem Schottlands eingebaut, ich bitte dich.“

„Wer weiß, es hätte ja sein können, dass du es vergisst. Und außerdem, wer fährt denn den letzten Geländewagen?“

Santana grub ihre Nägel in die Handballen. „Den fahre ich, das war schon immer so abgesprochen, da ich sonst einen Platz weggenommen hätte und vor allem kenne ich die ganze Gegend auch ohne Navi.“

Wahrscheinlich wäre das endlos so weitergegangen, wenn nicht eine kleine Maschine am Himmel erschienen wäre, die sich rasch näherte.

„Oh, das müssen sie sein. Jetzt muss alles wie am Schnürchen laufen, exakt so, wie wir es geplant haben.“ Evie stöckelte einige Schritte nach vorne und beschattete ihre Augen mit der Hand. „Ja, das sind sie.“

Während ihre Chefin angespannt zum Himmel starrte, bemühte Santana sich, ihre angekratzte Laune wieder zurechtzubiegen. Nach mehrmals tief einatmen und bewusst wieder ausatmen fühlte sie sich etwas besser. Im Büro war Evie ja noch zu ertragen, da wurde sie von Allan immer wieder eingefangen, aber in freier Wildbahn war sie eine Zumutung.

Santana steckte zwei Finger zwischen die Lippen und stieß einen lauten Pfiff aus. Das Zeichen für die Dudelsackspieler, sich bereit zu machen. Sie wussten, sobald sich die Tür zum Jet öffnete und die Gäste das Flugzeug verließen, mussten sie losgehen.

Der Learjet landete, rollte aus und glitt dann langsam von der Rollbahn auf die Abzweigung, die zum Privathangar führte. Santana strahlte. Der Wettergott war ihr gewogen. Wo noch vor wenigen Minuten Wolken über den Himmel gefegt waren, zeigte sich nun ein leuchtendes Blau und die Nachmittagssonne schien auf sie herab. Herrlich, so und nicht anders hatte sie sich das vorgestellt.

Die Maschine verlangsamte ihre Fahrt noch weiter und kam schließlich zum Stehen. Sofort wurden Bremsklötze vor und hinter die Reifen gelegt und dienstbare Geister, die zur hiesigen Niederlassung gehörten, öffneten den Ausstieg. Santana suchte den Blickkontakt zu den Highlandern und hob den rechten Arm. Es dauerte nicht lange, bis auch schon der erste Ankömmling aus dem Flieger stieg. Ein großer, schlanker Mann mit Fliegerjacke, ausgewaschener Jeans und dunkelblonden Locken, in denen eine Sonnenbrille steckte. Ihm folgte eine junge Frau mit kurzen, schwarzen, stylisch-wirr frisierten Haaren, schwarzer Lederjacke und einer engen Jeans. Als eine weitere Frau und ein Mann aus dem Flugzeug kletterten, wusste Santana sofort, dass das die Produzenten der Fernsehshow sein mussten. Vor allem die superschlanke Platinblonde im beigen Kostümchen samt Highheels passte perfekt in das gängige Klischee. Ihr Partner wirkte mit seiner imposanten Leibesfülle, dem dichten, dunklen Haarschopf und einem wohlgestutzten Vollbart eher gemütlich. Seine Kleidung war mit grauer Stoffhose, dunklem Pullover und dunkelgrauer Wildlederjacke zwar leger, kam aber sichtlich nicht von der Stange. Es folgten zwei Männer in ausgebeulten Jeans, dicken Sweatern und passenden Jacken, die sich zu dem Paar gesellten und von denen einer sofort eine GoPro, eine dieser Allzeit-Bereit-Kameras, zur Hand nahm und den Ausgang der Maschine filmte. Dort purzelte allerdings erst einmal ein verschlafenes, rothaariges, männliches Wesen in Jeans, Turnschuhen und einem knallgrünen Strickpullover die Gangway hinunter, schaffte es gerade noch, sich zu fangen und beeilte sich, neben den Mann mit der Fliegerjacke zu gelangen, der ihn kopfschüttelnd betrachtete. Santana argwöhnte, dass sie diese beiden schon einmal mögen könnte.

 

Nun war der Zeitpunkt gekommen, um die Musiker auf den Weg zu schicken. Sie gab das Zeichen und die Truppe verließ das Gebäude. Es war genauso, wie sie es sich erhofft hatte, und tatsächlich erschien auf allen Gesichtern ein verklärter Ausdruck. Der Lockenkopf zückte sein Handy und sein Kollege richtete die GoPro nicht länger auf die Maschine, sondern filmte die Highland Pipers. Die Faszination der urtümlichen Instrumente und die herrlichen Melodien schienen die Gäste in ihren Bann zu ziehen.

So weit, so gut. Aber wo, verflixt noch einmal, steckte denn nun die Hauptperson? Die Musik verklang, die Damen und Herren applaudierten sichtlich begeistert und taten ihre Freude über den außergewöhnlichen Empfang laut kund.

Dieser Hawk hingegen war noch immer nicht zu sehen.

Evie begrüßte das Produzentenpaar überschwänglich und überschlug sich schier vor Ehrerbietung. Die stellten zuerst sich als Rita und Paul vor, dann ihren Kameramann – tatsächlich der mit der GoPro – und ihren Tontechniker. Santana hielt sich lieber im Hintergrund. Evie lag schon richtig, es gab einen Kundenkreis, bei dem sie exakt den passenden Ton traf. Vor allem zwischen ihr und Rita stimmte die Chemie offenbar von der ersten Minute an. Als Evie Santana ungeduldig an ihre Seite winkte, musste sie dem Ruf wohl oder übel Folge leisten.

„Darf ich Ihnen meine Assistentin Santana vorstellen? Sie wird dafür sorgen, dass Sie alles sofort bekommen, was Sie brauchen.“

Rita übersah Santanas Hand, die sie ihr zur Begrüßung entgegenstreckte, und maß sie mit abschätzendem Blick. „Gut, Sie sind sehr jung, ich kann nur hoffen, dass Sie über genügend Erfahrung mit anspruchsvoller Klientel verfügen.“

Abgesehen davon, dass ihr die Worte fehlten, wäre sie sowieso nicht zu einer Entgegnung gekommen, denn Evie sah sich wohl genötigt, für sie zu antworten. „Das wird kein Problem sein, da ich Ihr Ansprechpartner in allen Belangen sein werde.“

„Das ist schön zu hören, Evie, denn ich … oh, Darling, da bist du ja. Vorsicht mit den Stufen.“

Alle Augenpaare richteten sich umgehend auf die Maschine und siehe da, endlich gab sich der Star die Ehre. Dort stand er auf der obersten Stufe und sah sich langsam um.

Hawk war noch größer als Santana gedacht hatte. Sie schätzte ihn auf gut einen Meter neunzig. Sein blauschwarzes Haar trug er zu einem modischen Bun geschlungen und eine Ray Ban verdeckte seine Augenpartie. Ein enges, weißes Longsleeve betonte jeden Muskel seines Oberkörpers und die modisch zerfetzte, hellblaue Jeans ließ keinen Zweifel daran, dass auch die Beine absolut perfekt waren. Das Gesicht war, soweit man es trotz Brille erkennen konnte, tatsächlich so ebenmäßig und schön, wie man es von den Bildern kannte. Hohe Wangenknochen, samtig aussehende Haut mit einem leichten Kupferton, ein nicht zu kantiges Kinn und Lippen, die ebenso perfekt waren wie der Rest des Mannes. Zu Santanas Leidwesen zeigte dieses perfekte Gesicht allerdings keinerlei Regung. Mit der Rechten hatte sich Hawk eine hellbraune Wildlederjacke lässig über die Schulter gehängt. Breite Schultern, wie sie einem zweifelsohne nicht jeden Tag begegneten. Es stimmte: Tyler „Hawk“ Vaughn war tatsächlich der schönste Mann, der ihr jemals unter die Augen gekommen war.

Rita stöckelte in aberwitzigem Tempo auf ihn zu und streckte die Hand aus. „Darling, ich helfe dir.“

Hawk machte eine abwehrende Bewegung. „Verdammt Rita, ich bin in der Lage, eigenständig zu laufen. Lass den Unfug.“

„Darling, du weißt doch, ich bin nur besorgt um dein Wohlergehen.“

Hawk schnaubte. „Du bist besorgt um deine Einschaltquote, wenn ich mir etwas breche, sonst nichts.“

„Gut, dass ich weiß, dass du das nicht so meinst, mein Lieber. Sieh her, das ist Evie, sie wird uns dabei unterstützen, dir jeden Wunsch von den Augen abzulesen.“

Und schon kehrte Santanas Brechreiz zurück.

Hawk nickte lediglich, ohne Evie eines Blickes zu würdigen, und sah sich um. „Schon gut. Wo ist mein Wagen? Es macht wenig Sinn, wenn ich auf zugigen Flughäfen herumstehe. Wenn ich mir eine Erkältung einfange, könnte das teuer werden wie ihr wisst, also, darf ich bitten? Und wo zum Henker bleibt Ryan? Fuck, kann sich hier mal jemand beeilen?“

Ryan musste der bemitleidenswerte junge Kerl sein, der gerade, einen gigantischen Schminkkoffer schleppend, die Gangway herunter stolperte und zu Hawk aufschloss.

Während Evie mit leicht panischer Stimme rief: „Den Wagen für Mr Vaughn, sofort!“, hatte Santana bereits zwei der Rover samt Fahrern herbei gewunken und öffnete die Tür zur Rückbank des vorderen Wagens.

Sie vermied es, Hawk anzusehen, als er herbeistapfte, und brummelte lediglich: „Bitte sehr, Ihr Wagen. Der Fahrer weiß Bescheid.“

Sie erwartete keine Reaktion und war daher umso erstaunter über sein leise gemurmeltes „Danke“.

Ihr blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, denn natürlich wollten Rita und Paul ebenfalls sofort losfahren. Ganz besonders Rita. „Darling, kann ich noch bei euch reinhüpfen?“

„Vergiss es, zwei passen nicht mehr, nehmt den nächsten. Aber für Terry ist noch Platz.“ Hawk winkte den Typ mit der Kamera herbei und der beeilte sich, dem Ruf Folge zu leisten. Ehe Santana es sich´s versah, fuhr der Rover mit seiner kostbaren Fracht bereits in Richtung Ausfahrt des Privathangars. Rita, sichtlich angesäuert, kletterte mit Paul und Evie in den zweiten.

Aufatmend sah Santana den beiden Fahrzeugen nach.

Als sie sich umblickte, standen da noch immer der Blonde samt seinem rothaarigen Begleiter, der zweite Sweatjackenträger und die ratlos dreinblickende junge Frau. Der blonde Mann schien sich köstlich zu amüsieren. Auf jeden Fall schüttelte er lachend den Kopf und kam auf Santana zu.

„Der übliche Wahnsinn, einfach nicht darüber nachdenken.“ Er reichte ihr die Hand und musterte sie aus dunkelbraunen, freundlichen Augen. „Santana, nicht wahr? Ich bin Mike und der Fotograf hier. Rita und Paul vergessen sehr gerne, dass sie eigentlich nur die zweite Geige spielen, hat wohl was mit deren Egos zu tun.“ Er packte den Rothaarigen am Pullover und zog ihn kurzerhand neben sich. „Und hier haben wir meinen Kollegen Finn.“ Mike grinste schelmisch. „Mag ab und an scheinen, als sei er nicht von dieser Welt, aber er ist der beste Fotokünstler, den ich kenne – mal abgesehen von mir natürlich.“

„Natürlich!“ Finn schüttelte ihr mit stoischer Miene die Hand. „Nach vier Jahren unter seiner Fuchtel kann man gar nicht anders, da muss man gut sein.“

Mike war einer der Menschen, die man spontan sympathisch fand, was wahrscheinlich auch an dem festen Händedruck und seinem freundlichen Lächeln lag.

„Danke, Mike, ich muss zugeben, ich bin noch etwas durcheinander. Die Begrüßung gerade eben und der Auftritt der Hauptperson in diesem Schauspiel waren tatsächlich gewöhnungsbedürftig.“

Mike nickte. „Kann ich mir vorstellen. Aber das ist alles halb so wild. Insbesondere Hawk kann auch ganz anders, vor allem bei mir. Aber jetzt lass uns doch erst einmal das Equipment verstauen, dabei können wir gerne weiterplaudern.“ Sein Blick fiel auf die zwei verbliebenen, mittlerweile sichtlich genervten Crewmitglieder. Er winkte sie zu sich. „Die immer relativ verwirrt wirkende junge Dame hier ist Stacey. Sie ist für Hawks Haare und seine Klamotten zuständig. Der wortkarge Bengel ist Sam und fungiert als Ritas und Pauls Tontechniker.“

„Verwirrt lasse ich dir gerade noch so durchgehen.“ Stacey schüttelte, schon wesentlich entspannter, Santanas Hand. „Wann immer Rita zugegen ist, mutiert Hawk zum absoluten Ekel. Das nervt einfach. Ich kann mit sowas nicht umgehen. Sorry.“

Sam sah sich anscheinend genötigt, für seine Chefin in die Bresche zu springen. „Mann, sie versucht lediglich, ihm alles recht zu machen. Der Kerl ist absolut genial, aber hat eine Tendenz zur Diva.“

Mike brachte beide mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Das bringt uns keinen Schritt weiter. Wichtig ist, dass wir alles verstauen und dann losfahren. Je länger Hawk Gelegenheit hat, sich in irgendetwas hineinzusteigern, desto schwieriger wird es nachher, ihn wieder auf den Boden zu holen. Daher bitte ich nochmals darum, dass wir professionell bleiben, okay?“

Santana winkte den Transporter zum Flugzeug und zeigte auf die wartenden Helfer. „Alles vorbereitet. Die beiden Herren hier gehören zur Bodencrew der Gesellschaft. Ich hoffe, dass alles in den Transporter passt.“

Mike taxierte das Fahrzeug mit prüfendem Blick. „Das sollte klappen. Los geht’s.“

Während Finn darauf achtete, dass der Großteil ihrer Ausrüstung im Transporter verstaut wurde, fischte Mike einige Fotorucksäcke aus den Stapeln. „Die kommen bitte in den Rover, das sind meine Heiligtümer, die lasse ich nicht aus den Augen.“

Nach kurzer Zeit war alles ordentlich im Transporter verstaut und alle waren zufrieden. Santana schickte den Fahrer zum Hotel und bat Stacey und Sam, in den letzten Rover mit Chauffeur zu steigen.

„Wenn ihr alle so weit seid, könnten wir losfahren. Mike, erinnere ich mich richtig, dass du selbst fahren wolltest?“

Mike streckte sich. „Im Prinzip schon, aber ich muss zugeben, dass mir der Jetlag etwas zusetzt. Wenn ich gefahren werden könnte, wäre ich nicht böse. Du verstehst, Linksverkehr und Müdigkeit?“

Santana warf einen zweifelnden Blick auf die beiden verbliebenen Geländewagen. „Hm, dann müssen wir einen davon morgen holen.“

„Kein Problem, wenn ich euch hinterherfahren kann, dann schaffe ich das schon. Führerschein habe ich dabei.“ Finn schulterte eine Umhängetasche gigantischen Ausmaßes. „Welchen soll ich nehmen?“

 

Santana bog auf die A720 in Richtung Hotel ab und reihte sich in den nachmittäglichen Berufsverkehr ein, immer mit einem prüfenden Blick in den Rückspiegel auf den an ihrer Stoßstange klebenden Finn. Mike saß neben ihr und betrachtete interessiert die Umgebung.

„Immer wieder schön hier zu sein. Ein wunderbares Land.“ Er wandte sich ihr zu und lächelte sie an. „Und so nette Menschen.“

„Danke für die Blumen. Ich hoffe, ich kann die Nettigkeit aufrechterhalten.“

„Du meinst wegen Hawk und Rita? Bei Rita bin ich mir sicher, dass sie einfach eine überkandidelte Zicke ist. Hawk hingegen kann wirklich ganz anders sein als vorhin. Vor allem, wenn er mit mir zusammenarbeitet. Vertrau mir.“

„Ah, du meinst, er kann … nett sein?“

Mike zog eine schräge Grimasse. „Nett ist relativ. Der Junge hat seine ganz eigenen Probleme, mit denen er fortwährend kämpft. Aber wenn er unter meinem Kommando steht, ist er Profi durch und durch. Kein Herumgemeckere, kein Divengehabe und keine unflätigen Bemerkungen. Ich arbeite seit seinem ersten großen Auftrag mit ihm und er weiß, dass er bei mir damit nicht durchkommt. Vor allem aber ist er sich bewusst, was er mir zu verdanken hat. Das soll jetzt nicht großspurig klingen, aber ich bin nun einmal einer der Besten in meiner Branche und ich weiß ihn zu nehmen.“

Neugierig war sie ja nun schon. „Ich bin sowieso erstaunt. Ist es denn nicht so, dass man für solche Shootings dutzende Helfer braucht? Und tonnenweise Equipment, also Hintergründe, Gerüste, Licht und was weiß ich nicht alles?“

Mike lehnte sich zurück und sah zu ihr herüber. „Das mag für jemanden zutreffen, der nicht mit dem arbeiten kann, was die Natur oder die Umgebung ihm bietet. Ich kann mit dem sich verändernden Licht der Tageszeiten zaubern. Ich brauche kein künstliches Licht, außer für manche Innenaufnahmen. Aber wozu komme ich dann für die Kampagne nach Schottland und kann aus dem Vollen schöpfen? Nein, was ich brauche, das ist meine Kamera, meine Grundausstattung und Finns helfende Hände, wenn mal ein Aufheller ranmuss oder ein Stativ aufgebaut werden soll. Lass dich einfach überraschen.“

„Das klingt wirklich interessant. Ich bin neugierig auf das, was da kommt.“

„Wenn du etwas wissen willst, frag einfach. Und wenn sie dich ärgern, dann sag es mir auch. Unser Auftraggeber lässt sich das Shooting sehr viel Geld kosten. Rita, Paul und ihr Team drehen unabhängig von uns und – das mag unverschämt klingen – sind nur hier, weil sie Hawks Management ein Schweinegeld für diese dämliche Realityshow gezahlt haben.“

„Ihm selbst ja wohl auch.“

Mike runzelte die Stirn. „Davon kannst du ausgehen. Das geht in die Millionen und Rita verspricht sich davon astronomische Einschaltquoten. Damit liegt sie wahrscheinlich gar nicht so falsch. Er ist nun einmal derzeit der unangefochtene Shootingstar. Ob ihm das gut bekommt, sei dahingestellt.“

„Du meinst, er … hebt ab?“

Mike schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist es nicht. Hawk ist ein sehr kluger Kopf. Er grübelt viel. Wir haben schon oft nach den Shootings stundenlang irgendwo gesessen und über Gott und die Welt philosophiert. Das Modelbusiness und das, was dazugehört, scheinen ihn oft anzuöden. Ich glaube, dass er darum ab und an so seltsam reagiert. Beschwören kann ich es nicht, aber ich glaube wirklich, dass er einfach nur testet, wo seine Grenzen wären, wenn es denn welche für ihn gäbe.“

Santana lenkte den schweren Wagen nach links und fuhr auf die nächste Ausfahrt zu. Rasch kontrollierte sie, ob Finn ihr noch folgte. Ja, da war er. Sein roter Schopf leuchtete regelrecht durch die Frontscheibe.

„Du meinst, er kann tun und lassen, was er will?“, nahm sie das Gespräch wieder auf.

„Ja, so kann man es sagen. Du wirst es wohl oder übel mitbekommen. Allerdings muss ich zugeben, dass die Konversationen zwischen ihm und Rita sehr zu meiner Erheiterung beitragen. Sie ist …“, er grübelte eine Weile. „… ein nicht leicht zu ertragender Mensch.“ Mike schwieg erneut. „Trotzdem, sei vorsichtig mit ihr. Sie hat einen Haufen Geld in der Hinterhand und kann, sobald es um ihren absoluten Liebling geht, ganz schnell zur Furie werden. Rita ist niemand, mit dem man sich anlegen sollte, ehrlich.“

Santana zog die Schultern hoch, so wie sie es immer tat, wenn sie sich gegen etwas wappnete. „Das habe ich nicht vor. Alles, was ich möchte ist, dass diese Tour ein Erfolg wird, dass ihr perfekte Bilder machen könnt und der Auftraggeber zufrieden ist.“ Sie zögerte kurz, redete aber dann doch weiter. „Aber ihr wisst schon, dass das Wetter zu dieser Jahreszeit nicht unbedingt dazu angetan ist, Sommerbilder in den Highlands zu schießen?“

Mike verzog den Mund. „Allerdings. Aber ich werde den Teufel tun und einen dermaßen hoch dotierten Auftrag ablehnen, weil ich Angst davor habe, ab und an im Regen zu stehen. Hawk ist ebenfalls nicht aus Zucker. Und damit Werbung für einen guten, alten Whisky erfolgreich ist, müssen die Bilder ja nicht unbedingt frühlingshafte Romantik verströmen. Schließlich wird er einen traditionellen Kilt tragen und kein Tutu.“

Die Vorstellung des schönen Kaliforniers im rosa Tutu ließ Santana lauthals auflachen.

Mike klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter. „Siehst du, jetzt bist du tiefenentspannt. Lachen hilft immer.“

„Was noch zu beweisen wäre. Dort ist das Hotel, in dem ich euch untergebracht habe.“ Sie zeigte nach vorn und Mike blickte neugierig durch die Scheibe.

„Respekt, das hast du schon mal sehr gut ausgewählt. Ich fühle mich jetzt schon ein wenig wie in Downton Abbey. Das muss ich unbedingt morgen bei Sonnenaufgang fotografieren, die weißen Mauern mit den grauen Sprossenfenstern sind umwerfend.“

Die Begeisterung des erfahrenen Fotografen tat ihr gut. Bis jetzt schien alles perfekt zu laufen. Prestonfield House zeigte sich jedenfalls von seiner allerbesten Seite. Das alte Herrenhaus hob sich eindrucksvoll gegen den sich langsam verdunkelnden Himmel ab. Vor dem Portal waren Feuerschalen aufgestellt worden, und um die Gäste zu begrüßen, wartete ein stilecht gekleideter Portier am Eingang. Die anderen Rover entdeckte Santana ebenfalls, also waren alle gut angekommen.

Sie fuhr die breite, leicht geschwungene Auffahrt hinauf. „So, wir haben den Zielort erreicht. Die Sicherheitsgurte können geöffnet werden.“

Mike gurtete sich ab und streckte sich. „Was mich betrifft, kann ich nur sagen: bisher alles richtig gemacht.“

Santana atmete auf. „Vielen Dank, das ist mir wichtig. Als ich Starfotograf hörte, war mir schon schummrig. Ich habe ehrlich gesagt niemanden erwartet, der so … freundlich und nett ist, sondern eher mit Starallüren gerechnet.“

Mike, der gerade die Tür öffnete, wandte sich zu ihr um. „Das habe ich schlicht und ergreifend nicht nötig. Aber wie gesagt, pass bei Rita auf.“ Er stieg aus und streckte sich. „Wie geht’s denn jetzt weiter?“

„Ihr findet Ablaufpläne auf euren Zimmern. Es ist noch Zeit, um euch frisch zu machen, dann gibt es einen Begrüßungscocktail im Kaminzimmer und anschließend ein Menu mit drei Gängen im Stuart Room. Ich denke, das sollte allen gefallen und ist dem Anlass angemessen.“

„Stuart Room, bravo, jetzt hast du es geschafft. Ich bin wirklich neugierig. Ich check dann mal ein und sehe dich später.“

Der freundliche und so gar nicht furchteinflößende Starfotograf winkte ihr zu und betrat das von vier Säulen begrenzte Eingangsportal, wo ihm der Portier mit formvollendetem Diener die Tür öffnete.

Santana lehnte sich mit einem tiefen Seufzen zurück. Die erste Hürde war genommen. Sie bedeutete dem noch immer geduldig wartenden Finn, ihr zu den Parkplätzen zu folgen.

5. Schottisch für Anfänger

Dank einer eingespielten und hochprofessionellen Crew im Hotel waren alle nach wenigen Minuten auf ihren Zimmern oder auf dem Weg dorthin. Selbstverständlich bestand Evie darauf, Rita, Paul und auch Hawk persönlich auf ihre Zimmer zu begleiten.

„Ich darf doch annehmen, du hast die besten Zimmer für die Herrschaften ausgewählt?“

Santana nickte stoisch. „Selbstverständlich, Rita und Paul bewohnen die Prestonfield House Owner Suite und Mister Vaughn hat ein Luxury Twin Zimmer mit Blick auf den Park.“

„Owner Suite, Evie, ich fühle mich schon fast wie die Queen. Das haben Sie exzellent gemanagt.“ Rita tätschelte der erfreut strahlenden Evie die Hand. „Da bemerkt man doch sofort, wer etwas von seinem Job versteht.“

„Zum einen gibt es keinen Mister Vaughn, ich darf darum bitten, auch hier Hawk genannt zu werden. Außerdem möchte ich annehmen, ihr habt euch nun genug beweihräuchert. Könnten wir bitte gehen?“ Hawk erhob sich mit verkniffener Miene aus dem wuchtigen, antiken Sessel in der Lobby. „Es wäre wirklich scheißfreundlich, wenn ich vor dem Essen duschen könnte.“

Sofort kam Bewegung in Evie. „Natürlich.“ Sie drehte sich hektisch um die eigene Achse. „Santana, wo ist denn hier jemand, der die Herrschaften und mich begleiten kann?“

Direkt hinter dir, du dämliche Katastrophentussi. Alleine sich diese Bemerkung durch den Kopf gehen zu lassen, tat ihr gut. Ihre Wortwahl dagegen modifizierte sie etwas: „Die Dame, die mit den Schlüsseln in der Hand hinter dir steht, ist euch gewiss gerne behilflich.“

Hawk tat einen großen Schritt nach vorne und fauchte ungehalten. „Welcher ist meiner?“ Die junge Frau war gut geschult und behielt auch in dieser Situation die Ruhe. „Dieser hier, Sir. Ich werde Sie begleiten.“

Er schien das anders zu sehen. Mit einer flinken Bewegung rupfte er ihr den Schlüssel aus der Hand. „Nein, mir dauert das alles zu lange. Sie da bringt mich.“

Santana war sich dessen durchaus bewusst, dass Sie da zu gehorchen hatte, auch wenn Rita und Evie sie schier mit Blicken aufspießten. Sie zog den Kopf sicherheitshalber etwas zwischen die Schultern und nickte. „Selbstverständlich, wenn Sie es wünschen.“

„Ich wünsche es, und zwar flott.“

Sie ging voraus, und da sie sich im Haus auskannte, führte sie ihn so schnell sie konnte zu seinen edlen Räumen. Da er noch immer den Schlüssel in den Händen hielt, deutete sie auf die Tür. „Hier wären wir, bitte sehr.“

„Na also, geht doch.“ Der große Kerl schob sich an ihr vorbei, drehte den Schlüssel im Schloss um und kickte die Tür respektlos auf. Sie wandte sich bereits zum Gehen, als sie seine Stimme hörte. „Kitschig, aber ganz lustig. Wann gibt es Essen?“

„Im Prinzip wann immer Sie es wünschen. Ansonsten in einer halben Stunde.“

„Gute Antwort.“ Zu einem Danke konnte er sich anscheinend nicht mehr aufraffen, denn schon rumste es und die Tür zu seinem Zimmer fiel ins Schloss.

Santana atmete tief durch und ließ sich kurz auf einen der eleganten Stühle sinken, die im Flur standen. Nachdenklich musterte sie die opulent-aristokratische Einrichtung. In diesem Gebäude machte man, kaum dass man über die Schwelle trat, die reinste Zeitreise. Man fühlte sich wie in längst vergangenen Tagen, wenn man die Seidentapete betrachtete, die zahllosen Gemälde, alte, in teure Rahmen gefasste Fotos sowie Zeichnungen und Portraits an den Wänden, den gewiss wahnwitzig teuren Teppich und die geschmackvollen Blumenarrangements auf mit rotem Samt abgedeckten Tischen. Es war, als käme gleich die Dame des Hauses aus ihrem privaten Gemach, um sich zu Tisch zu begeben. Apropos! Zu Tisch, das war ihr Stichwort. Sie kam hurtig aus dem Jahr 1813 – Mr Darcy lässt grüßen! – zurück in die Gegenwart und erhob sich widerwillig. Ihre Vorfreude auf den Cocktailempfang hielt sich in Grenzen. Mochten Mike und Finn, ebenso Stacey und Sam wirklich nett oder zumindest freundlich sein, so sah sie sich in Sachen Hawk und Rita in ihren Vorurteilen bestätigt. Eigentlich hätte sie, im Hinblick auf die nächsten Tage, gerne Unrecht gehabt. Schade aber auch. Kaum erreichte sie die Rezeption, schon schoss Evie auf sie zu.

„Ist alles vorbereitet? Du weißt, dass du dich darum kümmern musst. Wir dürfen uns keinen Fehler erlauben.“

Ach, tatsächlich? Durften wir das nicht. Santana überlegte kurz, ob es sehr auffällig wäre, wenn sie in das Geländer der massiven Treppe biss. Sie beließ es bei einem beruhigenden „Ja, Evie, so hab doch Vertrauen. In diesem Haus beherbergt man selbst royale Gäste ohne Probleme und es gibt nur zufriedenes Feedback.“ Sie umrundete Evie kurzerhand und bedeutete ihr mitzukommen. Als sie das Kaminzimmer betraten, gelang es Evie nicht, ihre Bewunderung zu verbergen. „Oh, das ist aber sehr hübsch.“

Santana nickte nachdrücklich. „Ja, das ist es allerdings. Ich sagte doch, dass man hier sehr gut weiß, wie man Gäste begeistert.“

Die mit dunklem Holz getäfelten Wände, die mit blutrotem Samt überzogenen Sessel, silberne Kandelaber mit hohen, weißen Kerzen, herrliche Blumenarrangements und blitzende Gläser, in denen das Kerzenlicht funkelte, ließen selbst Evie verstummen.

„Und so sieht es nachher auch im Stuart Room aus, in dem das Dinner nach Wunsch serviert wird. Bitte komm mit, ich möchte, dass du es siehst.“

Santana klopfte sich innerlich auf die Schulter. Es war ihr tatsächlich gelungen, Evie zu beeindrucken. Auch die Tafel, die eines Fürstenempfangs würdig gewesen wäre, fand deren uneingeschränkte Bewunderung.

„So kann es weitergehen. So habe ich mir das vorgestellt. Du hast meine Ideen gut umgesetzt, das muss man dir lassen.“

Santana zog erneut das Treppengeländer in Betracht, entschied sich dann aber doch dafür, sich lieber in die Wange zu beißen und alle bösen Bemerkungen, die ihr bereits auf der Zunge lagen, hinunterzuschlucken. Nichts, aber auch rein gar nichts hatte Evie hierzu beigetragen. Ihre Ideen.

Als die Gäste der Reihe nach eintrudelten, war das Hallo groß. Mike und Finn waren sofort Feuer und Flamme. „Hey, Santana, denkst du, es wäre möglich, hier drin ein paar Fotos zu schießen? Also gleich morgen, sobald das Licht passt? Wenn wir die Fenster öffnen dürften, könnte ich sicher einige richtig gute Bilder bekommen.“

„Kein Problem, gar kein Problem. Sie können hier schalten und walten wie Sie es wünschen.“ Evie lächelte Mike huldvoll an.

Ihre Chefin, der Vollprofi. Ob sie jemals etwas von Genehmigungen gehört hatte? Allerdings war ihr selbst auch nicht in den Sinn gekommen, dass schon hier fotografiert werden sollte. Fragen konnte sie ja. „Ich kümmere mich sofort darum, Mike.“

Am Ausgang rannte sie beinahe in Rita und Paul, die sich beide sehr schick gemacht hatten. Immerhin schenkte Paul ihr ein freundliches Lächeln. „Eine gute Wahl, junge Lady, das Haus ist ein Gesamtkunstwerk.“

Sie bedankte sich höflich, ehe sie im Laufschritt zur Rezeption eilte. „Verzeihung, ist noch jemand vom Management da?“

Zu ihrer großen Freude war der Chef nicht nur anwesend, sondern erklärte sich auch sofort mit Aufnahmen im Kaminzimmer einverstanden. „Wenn wir schon einen solchen Superstar unter unserem Dach haben, dann ist es uns eine Ehre, wenn hier fotografiert wird.“

Okay, der Name Hawk Vaughn hatte offenbar selbst in diesen altehrwürdigen Mauern Gewicht.

„Läuft alles zu Ihrer Zufriedenheit?“

Santana beeilte sich, ihre Begeisterung über ihn und sein Team in passende Worte zu kleiden. „Es ist einfach perfekt. Der Empfang scheint sehr gut anzukommen und ich bin mir sicher, beim Dinner ist es ebenso. Vielen Dank für alles.“ Kaum hatte sie ausgesprochen, kam von der jungen Rezeptionistin hinter dem wuchtigen Tresen ein leiser Ausruf. „Oh, da ist er ja.“ Nachdem sowohl der Direktor als auch Santana sich ihr überrascht zuwandten, errötete die Ärmste heftig. Da sie kein weiteres Wort von sich gab, folgte Santana kurzerhand ihrem Blick. Kein Wunder, dass das arme Mädchen mit großen Augen und unfähig, sich vernünftig zu artikulieren, zur Treppe starrte. Auf der vorletzten Stufe stand Hawk, die Hände tief in den Taschen einer schwarzen Leinenhose vergraben. Das lange, glänzend schwarze Haar fiel ihm offen über die Schultern, der Rollkragenpulli war einem weißen Hemd gewichen und auf der Nase trug er noch immer die unvermeidliche Sonnenbrille. Gut, der Anblick hatte tatsächlich was. Der Typ war ein wandelndes Gesamtkunstwerk. Alles an ihm schien perfekt zu sein. Selbst seine Bewegungen, als er nun langsam die letzten beiden Stufen nach unten kam, waren beeindruckend, anders konnte man diesen geschmeidigen Gang einfach nicht beschreiben. Entweder war das einfach er, oder aber der Mann zog eine Dauershow ab.

Santana fing sich als Erste wieder, denn selbst der Direktor betrachtete Hawk mit sichtlicher Begeisterung.

„Guten Abend, Hawk. Darf ich Ihnen den Direktor von Prestonfield House vorstellen?“

Hawk kam tatsächlich näher und ergriff die ihm entgegengestreckte Hand. „Hi, freut mich. Das Haus ist wirklich schön. Ich dachte immer, so was gäbe es nur noch als Filmkulisse.“

Erfreut verbeugte sich der Chef des Hauses. „Vielen Dank, aber nein, wir legen größten Wert darauf, das alte, ursprüngliche Ambiente zu bewahren. Veränderungen oder Neuerungen würden den Gesamteindruck beeinflussen.“

Hawk nahm seine Brille ab und ließ seinen Blick durch die Lobby gleiten. „Lassen Sie alles so, wie es ist. Neu bedeutet nicht gleichzeitig gut. Wo finde ich das Kaminzimmer?“ Santana wollte ihn hinbringen, doch er lehnte ab.

„Im Ernst, ich bin durchaus in der Lage, einen Raum eigenständig zu finden. Ich kann tatsächlich denken, wissen Sie, Santiago?“

„Santana!“

„Ich weiß.“ Ohne die Spur eines Lächelns verschwand er.

„Ein schwieriger Charakter?“ Der Chef sah ihm mit einer Mischung aus Bewunderung und Respekt hinterher.

Sie zuckte die Schultern. „Wundert Sie das, wenn ihm ein jeder die Füße küsst?“

Er fuhr sich schmunzelnd über sein glatt rasiertes Kinn. „Da könnten Sie richtig liegen. Aber wieder zurück zu Ihrer Frage. Selbstverständlich steht das Kaminzimmer, ebenso wie alle anderen Räume, Ihnen für Aufnahmen zur Verfügung. Sie dürfen sich jederzeit auf mich berufen.“

Santana bedankte sich erleichtert. Hätte es mit der Genehmigung nicht geklappt, so wäre das Wasser auf Evies Mühlen gewesen.

Dass sie noch nicht ganz aus dem Schneider war, begriff sie spätestens, als sie zurück zum Cocktailempfang lief. Rasch teilte sie Mike und Finn mit, dass sie jederzeit fotografieren dürften. „Soll ich noch etwas für euch klarmachen? Braucht ihr irgendwelche Requisiten?“

Mike ergriff sie bei den Schultern und drehte sie sanft herum. „Schau dir das alles mal an, das sind mehr Requisiten, als ich brauche. Aber danke trotzdem. Sehr lieb von dir.“

„Super. Ganz toll. Kann mir jemand sagen, wie ich hier drehen soll? Das Licht ist unterirdisch. Evie!“ Ritas Stimme war prädestiniert, Tinnitus zu verursachen. Natürlich war Evie sofort an Ritas Seite.

„Was brauchst du denn? Ich kümmere mich darum.“

„Licht, helles Licht!“ Rita wedelte aufgeregt mit den Armen durch die Luft. „Hier ist ja wirklich alles sehr hübsch und authentisch, aber mit diesem miserablen Kerzenlicht kann ich nicht für die Show drehen.“

Santana zermarterte sich ihr Hirn und versuchte, sich an eine Stelle im Ablauf zu erinnern, an der festgelegt war, dass am ersten Abend bereits für die Show gefilmt werden sollte. Tatsächlich aber schleppte Terry bereits seine GoPro durch die Gegend. Schon winkte Evie sie zu sich.

„Warum denkst du denn nicht daran? Muss ich mich um alles selbst kümmern?“

Aber auch Santanas Geduld war nur bis zu einem gewissen Grad belastbar. „Ich bitte um Verzeihung. Nachdem ich den Ablauf auswendig gelernt habe, bin ich mir absolut sicher, dass für den Ankunftsabend keine Dreharbeiten angekündigt waren. Folglich habe ich mich darum auch nicht gekümmert. Hier Strahler aufstellen zu lassen würde die schöne Atmosphäre doch zerstören.“

„Das überlassen Sie bitte mal mir, junge Dame. Was irgendetwas zerstört oder nicht, entscheide immer noch ich. Ich will diese Räumlichkeiten so haben, dass man auf dem Film jedes Detail erkennt.“

„Ähm, Rita, ich denke, dass ich auch ohne zusätzliches Licht auskommen kann, wenn du gerne erste Eindrücke aufnehmen willst. Die Kamera schafft das schon.“ Terry klang ziemlich überzeugend.

Rita nippte mit gerunzelter Stirn an ihrem Champagner-Cocktail. „Das möchte immer noch ich entscheiden. Wer ist denn bitte der Profi?“

Terry zuckte gelangweilt die Schultern. „Wenn du so fragst, eigentlich ich.“

Rita reckte herausfordernd ihr spitzes Kinn in die Höhe. „Ich frage aber nicht.“

„Ruhe! Und zwar sofort, dass das klar ist. Terry, wenn du filmen willst, dann nutz das Licht, das zur Verfügung steht. Ich habe schon leichte Kopfschmerzen und keine Lust, mir jetzt noch Scheinwerferlicht ins Gesicht leuchten zu lassen. Rita, nimm, was du kriegen kannst. Wenn du jetzt nicht die Klappe hältst, bin ich weg, verstanden?“ Hawk klang ziemlich angesäuert.

„Aber Darling, so sag doch etwas. Ich lasse dir gleich Tabletten besorgen. Würde wohl sofort jemand los…“, weiter kam Rita nicht.

„Verdammt, welchen Teil von Klappe halten hast du nicht verstanden?“ Hawk hatte erneut die Sonnenbrille abgenommen und funkelte die Frau wütend an.

Ehe Rita antworten konnte, kam Mike wie aus dem Nichts, legte Hawk den Arm um die Schultern und zog ihn einfach mit sich. „Krieg dich wieder ein, mein Alter, du siehst jetzt zu, dass du etwas zwischen die Zähne bekommst, dann geht es dir gleich besser. Du scheinst etwas im Unterzucker zu sein.“ Santana mochte Mike von Stunde zu Stunde mehr.

Im Stuart Room war die lange Tafel eingedeckt, dass man hätte glauben können, man erwartete königliche Gäste. Die Speisekarten waren aus handgeschöpftem Büttenpapier, das extra für das Hotel hergestellt wurde. Die Speisenauswahl ließ ebenfalls keine Wünsche offen. Santana kümmerte sich darum, dass jeder seinen Platz fand und die Getränke schnell gebracht wurden. Erst, als alle zufrieden und angeregt plaudernd – gut, alle bis auf Hawk, der neben Mike sitzend kaum ein Wort redete – um die Tafel verteilt waren, ging sie zu Evie, beugte sich zu ihr hinunter und fragte sie leise, ob alles in Ordnung wäre. Selbst Evie war offenbar wunschlos glücklich, denn sie nickte huldvoll. „Ja, ich denke alles läuft gut. Du kannst dir dann auch etwas zu essen besorgen.“ Santana nickte dankbar, froh, sich eine Weile zurückziehen zu können, und wollte gerade gehen, als sie Hawks schneidende Stimme hörte. „Hey, wo willst du denn hin, Santiago? Traust du dem Essen hier nicht?“

Sie wandte sich ihm mit freundlichem Lächeln zu. „Doch schon, aber ich bin recht traditionell veranlagt. Ich hol mir in der Küche Fish and Chips.“

Der Gesichtsausdruck war unbeschreiblich. Sie hätte ihn gerne noch länger genossen, konnte es aber kaum erwarten, sich eine Weile zu verkrümeln. Daher schenkte sie ihm ein breites Grinsen und verließ den Raum. Das Letzte, das sie erkennen konnte, war Mikes amüsierter Gesichtsausdruck. Sie hatte zwar Hunger, aber eigentlich keine Lust, hier etwas zu essen. Schon vor Tagen hatte Evie ihr nachdrücklich klar gemacht, dass sie zum Dinner nicht einkalkuliert war und sich nur um den reibungslosen Ablauf zu kümmern hätte. Ihr war das nur recht. Worüber hätte sie auch mit den Leuten reden sollen? Nachdem sie Mike und Finn kennengelernt hatte, sah sie das zwar weniger eng, dennoch war es ihr so lieber. Santana bat an der Rezeption um ein großes Glas Tee mit Honig und setzte sich unter erleichtertem Stöhnen in einen Sessel, der zu einer Sitzgruppe ganz hinten im Raum gehörte. Hier war sie – hoffentlich – für die anderen unsichtbar. Man brachte ihr den Tee, und während sie dankbar das heiße Gebräu schlürfte, betrachtete sie die Wappen und Banner an der Wand. Sie sahen alt und beeindruckend aus. Auch die Zitate darauf waren schön und hätten auch gut in die heutige Zeit gepasst: „Stelle Liebe und Respekt über deine Wünsche“.

In solchen Momenten war sie froh, Gälisch gelernt zu haben.

„Mylady, ich darf Ihnen Ihr Dinner servieren.“

Überrascht blickte sie zu dem freundlichen Kellner auf.

„Aber ich habe doch gar nichts bestellt.“

Er stellte eine große, silberne Platte vor ihr ab, deren Inhalt von einer wuchtigen, silbernen Warmhaltehaube verdeckt wurde. Schwungvoll griff er nach dem goldenen Knauf an der Haube und hob sie an. Darunter erschien ein weißer Porzellanteller und darauf, sehr schön drapiert, eine riesige Portion Fish and Chips. Der Kellner verbeugte sich. „Mylady, Euer Wunsch war uns Befehl.“

Zuerst verblüfft, dann sehr amüsiert begutachtete sie ihren Teller. „Das nenne ich mal echten Service am Kunden.“

Lächelnd nahm der Kellner die Silberhaube unter den Arm, verbeugte sich erneut und flüsterte: „Nur für spezielle Gäste, wir tun das nicht für jeden.“

Santana erhob sich und verbeugte sich ihrerseits leicht. „Das weiß ich sehr zu schätzen, danke vielmals für die leckere, kalorienreiche Überraschung.“

Verflixt, war das gut. Die Chips waren herrlich kross und knusprig, ebenso die Panade, die den Fisch umhüllte, dazu eine himmlische hausgemachte Remoulade und – dass es so was hier überhaupt gab – Ketchup. So viel zu keinen Hunger. Sie ließ es sich schmecken. Es war noch etwa ein Drittel ihrer Mahlzeit übrig, als eine Hand über sie hinweglangte, schlanke, silberberingte Finger einen Kartoffelchip nahmen, in den Ketchup tunkten und sich wieder zurückzogen. „Gar nicht übel. Kann ich den Fisch auch versuchen?“

Sie war so perplex, dass sie sofort ein großes Stück des Fisches auf die Gabel spießte, etwas Remoulade darauf gab und es ihm reichte. Hawk griff danach, steckte es sich in den Mund und kaute andächtig. „Der Lachs vom Dinner war gar nicht übel, das hier ist aber auch okay.“ Er ging näher an die Banner an der Wand. Kauend las er sich die Zitate und Beschreibungen durch. „Das sieht schön aus, was steht da?“ Er zeigte auf ein blau-weißes Banner in einem dicken Silberrahmen.

„Da steht: Du kamst als Fremder und gehst als Freund. Wenn Sie mehr über unsere Geschichte wissen möchten, wenden Sie sich jederzeit vertrauensvoll an mich.“

Hawk drehte sich zu ihr um und kniff die Augen zusammen. „Guter Spruch, der mit dem Freund. Wollen wir mal abwarten.“ Ohne einen Gruß oder ein weiteres Wort ging er, die Hände wieder tief in den Hosentaschen versenkt, zur Treppe und verschwand nach oben.

Santana sah ihm lange nach. Erst als sie weiteressen wollte, kam ihr in den Sinn, dass sie – wäre sie der Typ dafür – ihre Gabel jetzt wahrscheinlich für ein Vermögen bei Ebay verscherbeln könnte. Kopfschüttelnd machte sie sich über den Rest ihres Abendessens her.

6. Kapriolen

Etwas war anders hier. Er konnte es fühlen. Soeben hatte er das große Doppelfenster weit geöffnet und stützte sich mit beiden Händen auf dem breiten Fensterbrett ab. Der Himmel war wolkenlos und man konnte zahllose Sterne sehen. Hier, etwas abseits der quirligen Großstadt, war es bis auf wenige hohe, sichtlich alte Lampen, die die gepflegten Kieswege in weiches Licht tauchten, dunkler, als er es sonst gewohnt war. Und noch etwas war durchaus angenehm: keine hupenden Autos, keine laute Musik, keine nervigen Menschen. Vorsichtig lehnte er sich weiter hinaus. Der Wind fuhr ihm in die langen Haare, wehte ihm eine Strähne ins Gesicht. Tief sog er die kühle Nachtluft ein. Auch sie war anders, klar und … rein. Hawk verglich viele Dinge gerne mit seinen geliebten Steinen. Müsste er die Luft hier mit der in Los Angeles vergleichen, so käme der Kristall ihr sicher am nächsten. Ja, durchaus. Hier funkelte die Luft. Gut, sie war wesentlich kühler, dafür aber sauber, und wenn er sich etwas anstrengte, konnte er den erdigen Geruch der frisch geharkten Beete im Park wahrnehmen. Er roch Gras und den letzten, schwachen Duft der wenigen Blumen, die noch nicht zur Gänze verblüht waren. Es war richtig gewesen, den Auftrag anzunehmen. Das wusste er schon jetzt. Allerdings wusste er auch, dass er sich von diesem angenehmen Gefühl nicht einlullen lassen durfte. Wenn er in sich hineinhorchte, lange genug, um die Barrieren in seinem Inneren zu überwinden, dann konnte er ihn fühlen, den Hass, den Zorn, der sich über so viele Jahre in ihm aufgebaut hatte. Ein Zorn, der ihm oft den Atem zu rauben drohte. Seine Finger gruben sich so fest in das Holz, dass es schmerzte. Die komplette Entourage durfte sich nicht in allzu großer Sicherheit wiegen. Er musste schließlich seinem Ruf gerecht werden, für den er viel Kraft aufwenden musste. Dennoch, das hier, das tat tatsächlich gut. Schon nach den wenigen Stunden konnte er es fühlen. Er schloss die Augen und genoss die Ruhe, das Rauschen der Blätter im Park. Irgendwo schrie ein Pfau, es klang, als weine ein Kind. Hawk wusste es besser. Unten öffnete sich das Eingangsportal und ein sanfter Lichtschein fiel auf den weißen Kies der Auffahrt. Sofort zog Hawk sich so weit zurück, dass man ihn nicht mehr sehen konnte. Die junge Frau, die mit gesenktem Kopf zum Parkplatz lief, die Hände in den Taschen ihrer ausgefallenen, schwarzen Jacke, hätte ihn aber wahrscheinlich sowieso nicht wahrgenommen. Sichtlich in ihre Gedanken versunken, ging sie auf einen der Rover zu, öffnete per Fernbedienung die Türen und stieg ein. Das laute Motorengeräusch durchschnitt unangenehm die Stille. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Konnte es sein, dass das gute Gefühl, das sich seiner zu bemächtigen drohte, auch von ihrer Gegenwart herrührte? Sie tat ihm jetzt schon leid. Rita war eine Furie, eine selbstsüchtige, von sich viel zu sehr überzeugte Furie, was es noch einmal schlimmer machte. Nachdenklich blickte er dem großen Wagen hinterher, bis er hinter einer Biegung verschwand. Gähnend streckte er sich. Zeit endlich zu schlafen, wenn er bei Mikes Probeaufnahmen morgen früh nicht allzu verknittert aussehen wollte. Ein letztes Mal ließ er seinen Blick langsam über den nun wieder in absoluter Stille liegenden Park des Herrenhauses schweifen. Ja, das könnte alles sehr interessant werden, er musste vorsichtig sein, sehr vorsichtig. Behutsam schloss er das Fenster und zog den schweren Samtvorhang zu.

 

„Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Glaubst du, ich bleibe so lange wach, um dann zu hören, dass alles ganz okay ist? Das kannst du getrost knicken, Lady.“ Jane war nicht leicht zufriedenzustellen.

Santana grinste amüsiert in sich hinein. „Es war wirklich okay. Dieser Hawk scheint kein ganz einfacher Charakter zu sein. Er ist tatsächlich nicht nur ein arroganter Arsch. Zum Hoteldirektor war er beinahe schon freundlich.“

Jane stöhnte am anderen Ende der Leitung theatralisch auf. „Ah! Nicht nur. Himmel noch eins, du wolltest ihm eine faire Chance einräumen. Erinnerst du dich? Wie sah er aus, was trug er, was hat er gesagt? Nun komm schon, ich sterbe vor Neugierde.“

Aus der Nummer würde sie wohl kaum ungeschoren herauskommen. Wenn Jane sich an etwas festgebissen hatte, dann ließ sie auch nicht so leicht locker. „Schon gut, ich erzähle ja. Aber die Kurzfassung, denn ich bin müde und muss pünktlich wieder in Prestonfield House erscheinen. Rita und Evie scheinen nur darauf zu warten, dass mir irgendein Fauxpas unterläuft.“ So informativ und umfassend wie möglich berichtete sie Jane von den Ereignissen des Tages. „So, nun kannst du dir eine erste Meinung bilden, hoffe ich wenigstens.“

„Hm, klingt nach einem leicht exzentrischen aber durchaus formbaren Kerl, wenn du mich fragst. Bedenke ich dann noch das Exterieur des Herrn … hach!“ Jane schnalzte genießerisch mit der Zunge.

„Formbar. Du machst mir Spaß, wirklich. So wie vor allem Rita und seine eigene Crew ihm dauernd katzbuckelnd hinterherwieseln, formt der sich nur in eine Richtung. Da kannst du abwarten, bis er komplett zur Diva mutiert.“ Santana legte ihr Handy auf die Ablage im Badezimmer und drückte einen Streifen Zahnpasta auf ihre Bürste. „Abgesehen davon solltest du dich auch langsam in die Waagrechte begeben. Irre ich mich oder musst du um sieben in der Früh aufsperren?“

„Korrekt! Und zuvor muss ich noch Schoko-Bananen-Muffins backen. Allerdings waren mir diese Neuigkeiten die wenigen Stündchen Schlafentzug wert. Und ehe ich es vergesse: Du bist dir schon darüber im Klaren, dass kein einziger Fernsehsender von der Ankunft unseres Wunderknaben berichtet hat?“

Santana senkte zum wiederholten Male seufzend ihre Zahnbürste. „Ja, Schätzelchen, was denkst du, was auf unserer Route los wäre, wenn die zahllosen Fan-Girlies Wind von der Aktion bekommen würden?“

„Ah, verstehe. Geheime Mission, wie cool ist das denn. Habe ich schon erwähnt, dass ich dich beneide?“

„Ich glaube, mich vage an etwas Derartiges zu erinnern. Und jetzt geh endlich ins Bett!“

Santana vernahm Janes Kichern durch den Lautsprecher. „Aye, und sei morgen lieb zu Hawk, hörst du?“

„Ich kann nichts versprechen.“ Kopfschüttelnd drückte sie Jane weg und putzte sich gewissenhaft die Zähne.

 

Mike kramte bereits im Kaminzimmer herum, als Hawk eintrat. „Hey, bin ich zu spät?“

Der Fotograf hob sichtlich überrascht den Kopf und musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. „Guten Morgen. Im Gegenteil, ich habe dich erst in einer halben Stunde erwartet. Aber gut, dass du da bist. Das Licht ist fantastisch.“

Hawk sah sich suchend um. „Kein Make-up?“

Mike machte eine wegwerfende Handbewegung. „Bei dem Licht und deinem Gesicht haben wir so was nicht nötig.“

Grinsend ließ Hawk sich in einen der wuchtigen, wahrscheinlich antiken und ganz sicher teuren Sessel plumpsen. „Danke für die Blumen, Mike.“

Der schraubte an seinem Stativ herum und zog prüfend die Vorhänge auf und wieder zu. „Kein Ding, du weißt, ich meine das ernst.“ Mike sah durch die Linse seiner Kamera und richtete sie auf Hawk. Nach einigen Augenblicken hob er den Kopf und sah ihn fragend an. „Was ist los? Schlecht geschlafen?“

Hawk fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und strich seine Haare aus der Stirn. „Du siehst auch alles, oder? Es ging sogar einigermaßen. Ich bin nur wieder viel zu früh wach geworden.“

Sein langjähriger Wegbegleiter schwieg eine Weile, ehe er fast schon beiläufig fragte: „Wieder diese Albträume?“

Er nickte zögerlich. „Hm, ich krieg das nicht in den Griff.“

Mike betrachtete ihn mit diesem mitfühlenden Blick, den er bei ihm bestens kannte. „Hawk, verdammt, du schaffst das auch nicht allein. Du gegen den Rest der Welt, das kann auf Dauer nicht gutgehen. Rede mit jemandem. Geh wenigstens zu einem Fachmann.“

Hawk lachte bitter auf. „Wie, zu einem Seelenklempner? Das habe ich schon hinter mir. Ich war vierzehn, als meine Mutter mich von einem zum anderen geschleppt hat. Es war einfach nur lächerlich. Immer die gleichen abgedroschenen Phrasen, der ganze Psychodreck, den ich eh schon kenne. Was ich am geilsten fand, waren die Psychopharmaka, die sie mir verschrieben haben. Eine neue Praxis, ein neues Medikament. Willst du wissen, was der Dreck hauptsächlich bewirkt? Du hörst auf, dein Hirn effektiv zu benutzen, fühlst dich, als seist du dauernd in einer Wattewolke. Ey, ernsthaft? Das bin ja so was von ich, oder?“

Ein breites Grinsen erschien auf Mikes Lippen. „Nicht wirklich. Andererseits, wie willst du es denn jemals in den Griff bekommen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Aber ich weiß auch, dass ich es eines Tages schaffen werde. Irgendwann kommt der Augenblick, in dem ich wirklich darüber reden kann, und vor allem, darüber reden will. Glaub mir, Mike, das wird einigen überhaupt nicht gefallen.“

„Kann ich mir lebhaft vorstellen.“ Mike widmete sich wieder seiner Kamera. „Ah, ich höre Finn. Also er ist eindeutig schon einmal keins eurer Stammesmitglieder.“

„Eher nicht.“ Schmunzelnd lauschte er auf die polternden Schritte, die sich ihnen näherten, sowie einem lauten, herzhaften Gähnen. Er mochte den talentierten, immer freundlichen Chaoten.

 

So leise sie konnte schlich sich Santana in die Küche. Es war gerade einmal sechs Uhr und nach schlappen viereinhalb Stunden Schlaf musste es ein richtig starker Kaffee sein. Immerhin konnte sie schlafen, was sie verwunderte. Nach dem gestrigen Tag wäre Schlaflosigkeit durchaus eine erwägenswerte Option gewesen. Die alte italienische Espressokanne auf dem Gasherd blubberte einladend und der unwiderstehliche Duft von frischem Kaffee stieg ihr in die Nase. Sie braute sich ihre Lieblingsmischung aus einem Drittel Kaffee und zwei Dritteln heißer Milch, kippte Zucker hinterher und füllte das Gemisch in eine kleine Thermoskanne. Diese bescheuerten Coffee-to-go-Becher hielten einfach nie dicht. Der Rest des Kaffees landete samt der übrigen heißen Milch in einer zweiten Thermoskanne. Sie kramte in der Küchenschublade nach Post-its, schrieb in ihrer schönsten Schrift eine Nachricht an ihre Mutter und stellte die Kanne gut sichtbar auf die Anrichte. Im Flur warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Schwarzer Rollkragenpulli, schwarze Jeans und hochgeschnürte, braune Stiefel mit guter Sohle. Es wäre sicher der Lacher des Tages, fiele sie mit Schuhen ohne Profil auf die Nase. So weit würde es nicht kommen. Dazu die grüne Uniformjacke, die sie im Winter auf dem Flohmarkt ergattern konnte, ziemlich fantasievoll, aber durchaus kleidsam. Sie zog ihren langen, straff sitzenden Pferdeschwanz noch einmal fest, ehe sie sich die Thermoskanne unter den Arm klemmte und nach ihrem Rollkoffer griff. Das Abenteuer konnte beginnen und sie war wild entschlossen, sich von niemandem kleinkriegen zu lassen.

 

„Guten Morgen. Schon jemand von unserer Gruppe wach?“ Sie schenkte dem Rezeptionisten ihr freundlichstes Lächeln. Um kurz vor sieben Uhr kostete sie das noch viel Anstrengung. Der junge Mann schien sich jedenfalls darüber zu freuen.

„Guten Morgen, Miss Kinnear. Ja, in der Tat. Mr Vaughn und die beiden Fotografen sind schon seit einer ganzen Weile im Kaminzimmer. Das Ehepaar Fields hat sich für sieben Uhr ein amerikanisches Frühstück auf die Suite bestellt. Der Rest dürfte dann hier unten frühstücken.“

Santana zog eine genervte Grimasse. „Amerikanisches Frühstück in Schottland? Wie doof muss man sein? Ernsthaft.“

Der Angestellte lächelte höflich. „Gewiss befinden sie sich noch in der Eingewöhnungsphase.“

Seufzend schulterte sie ihre gigantische Umhängetasche. „Ich befürchte, bei Rita ist das ganze Leben eine Art Eingewöhnungsphase.“ Sie winkte ihm noch einmal freundlich zu und machte sich auf den Weg zum Kaminzimmer. Die Tür war verschlossen und Santana war unsicher, ob sie stören durfte. Unentschlossen stand sie im Flur und wollte soeben wieder in Richtung Lobby gehen, als die Tür sich öffnete und Finns roter Haarschopf erschien. Da er fast in sie hineingelaufen wäre, sah er sie zuerst erschrocken, dann aber sehr freundlich an. „Hey, guten Morgen Santana, auch schon wach? Warum kommst du nicht rein?“

„Ich wollte nicht bei der Arbeit stören, nicht, dass ich euch eine Aufnahme ruiniere.“

Finn trat schmunzelnd beiseite. „Wir sind gerade fertig geworden. Geh ruhig rein, falls du nichts anderes zu tun hast.“

Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Ein paar Minuten hab ich noch, ehe der Ernst des Lebens über mich hereinbricht.“

„Na dann. Ich hol nur noch die Stativtasche. Frühstückst du später mit uns?“

Ihr spontanes Urteil vom vergangenen Tag bestätigte sich. Er war ein richtig netter Kerl. „Das ist lieb, aber dazu werde ich nicht kommen. Alles was ich brauche, um rund zu laufen, ist Kaffee, und den hatte ich schon.“

Finn trollte sich eilig zum Gepäckraum. Santana klopfte leise an und drückte die schwere Tür auf.

„Santana. Da bist du ja wieder. Schön dich zu sehen, dann kanns ja losgehen. Die ersten Bilder haben wir schon im Kasten. Du hast das Haus wirklich hervorragend gewählt.“ Mikes Laune schien ausgesprochen gut zu sein.

„Ich will hoffen, dass du dieses Urteil nicht demnächst revidieren musst. Freut mich, wenn es dir gefällt.“ Mutiger geworden, betrat sie das Kaminzimmer.

„Ja, Santiago, mit der Hoffnung bist du nicht allein. So geht es uns allen.“

Sie erkannte ihn inzwischen an seiner Stimme. Hawk saß in einem der Sessel, das schwarze Hemd offen, dazu eine ausgewaschene blaue Jeans, grobe schwarze Boots und die Haare wieder zu einem kunstvollen Bun gezwirbelt. Sie vermochte seinen seltsamen Blick nur schwer zu deuten. „Bitte glauben Sie mir, dass ich mein Möglichstes tue, um Ihren Aufenthalt zu einem Erfolg werden zu lassen.“

Er erhob sich in einer eleganten, fließenden Bewegung, was bei den weichen, tiefen Sesseln an ein artistisches Kunststück grenzte. „Gut, Santiago, dann fang doch gleich einmal damit an und sorge dafür, dass ich ein vernünftiges Frühstück bekomme.“

„Hawk, sei nett zu ihr. Du wirst noch lernen, dass man Fremdenführer gut behandeln sollte. Ab und an ist man auf sie angewiesen.“ Mikes Stimme besaß einen geringfügig drohenden Unterton.

Hawk jedoch grinste ihn nur herausfordernd an. „Ich bin die personifizierte Freundlichkeit, du kennst mich doch.“

„Darum ja. Und jetzt verschwinde zum Frühstück, ich räum hier nur noch auf und komm dann nach. Frühstückst du auf deinem Zimmer?“

Hawk drehte sich auf dem Absatz um und marschierte in Richtung Tür. „Nein, keinesfalls, ich möchte die hiesigen Eingeborenen studieren. Santiago, auf, auf! Bring mich zum Büfett.“

Santana warf Mike einen hilfesuchenden Blick zu. Der zuckte nur die Schultern und verdrehte die Augen. „Ignorier ihn einfach so gut wie möglich.“

„Ich kann euch hören, ihr wisst das, oder?“

„Hoffentlich!“

Sie schenkte Mike ein dankbares Lächeln und folgte Hawk auf den Flur. „Hier entlang, bitte.“

Er folgte ihr wortlos in den stilvollen, sonnendurchfluteten Frühstücksraum. Das Büfett war bereits aufgebaut und es duftete einladend nach frischem Backwerk, Eiern, gebratenem Speck und Kaffee. Rasch scannte sie den Raum. Am hintersten Ende saßen an einem Vierertisch am Fenster Stacey und Ryan, die beim Anblick ihres Chefs sofort aufsprangen. Hawk stieß lediglich ein unwilliges Knurren aus. „Mann, Leute bleibt sitzen und esst. Ich tu das jetzt auch. Sieht ja gar nicht so übel aus hier.“

„O Wunder, ein Kompliment.“ Die bissige Bemerkung kam ihr über die Lippen, ehe sie es verhindern konnte.

Hawk wandte sich ihr zu und betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Gut möglich, aber gewöhn dich lieber nicht dran, Santiago.“ In diesem Moment läutete sein Handy. Mit einer ärgerlichen Geste und ebensolchem Gesichtsausdruck fischte er es aus der Gesäßtasche seiner Jeans. „Ach Scheiße, verdammte! Kann die Frau einen nicht einmal in Ruhe frühstücken lassen?“ Er drückte den Anruf weg und stupste Santana gegen die Schulter. „Jetzt zeig einmal was du kannst, Santa. Halt mir Rita und Paul vom Hals, so lange ich hier frühstücke, sonst garantiere ich für nichts, klar?“

„Ich versuche es, garantieren kann ich es nicht. Ich kann mich ihnen ja schlecht einfach in den Weg werfen.“ Was bitteschön erwartete er von ihr?

Hawk zuckte mit ausdrucksloser Miene die Schultern. „Warum nicht? Ich fände das eine durchaus akzeptable Möglichkeit.“ Er steckte die Hände in die Hosentasche und schlurfte davon in Richtung Frühstücksbüfett.

Das Glück war ihr hold. Da das Produzentenpaar in seiner Suite frühstückte, blieb Hawk bis kurz vor der Abfahrt unbehelligt. Als Rita die Treppe herunterstöckelte, schien sie jedoch bereits wieder ungehalten zu sein. „Ah, da sind Sie ja. Darf ich fragen, wo Evie bleibt? Ich bin enttäuscht von diesem Frühstücksangebot. Wenn ich grünen Tee ordere, dann erwarte ich auch einen solchen. Außerdem möchte ich anmerken, dass ich Vegetarierin bin, was soll dann dieser Berg von Frühstücksspeck auf meinem Tablett? Unmöglich, einfach nur unmöglich.“

Santana räusperte sich und straffte ihre Schultern, ehe sie freundlich antwortete. „Rita, bitte verzeihen Sie, aber wenn ich richtig informiert bin, haben Sie sich explizit ein amerikanisches Frühstück bestellt. Ich setze in diesem Haus voraus, dass Sie genau das erhalten haben. Die Karte enthält mehrere vegetarische Varianten, bei denen alles geboten ist, was das Herz begehrt. Wenn Sie nicht zufrieden waren, lasse ich Ihnen sehr gerne noch ein vegetarisches Frühstück mit Früchten, Müsli und Käse servieren.“

Rita warf deutlich verärgert den Kopf in den Nacken. „Dazu ist es jetzt etwas zu spät. Wenn ich mich nicht irre, so wollten wir um Punkt acht Uhr aufbrechen. Es sei denn, es ist Ihnen nicht gelungen, den Ablauf einzuhalten.“

Santana schluckte so gut sie konnte die bösen Bemerkungen, die ihr inzwischen reihenweise auf der Zunge lagen, hinunter. „Nein, Mrs Fields, alles läuft nach Plan.“ Da just in diesem Moment Paul, Ritas Angetrauter, hinter ihr auftauchte und ihr die Hände auf die Schultern legte, schien sie sich etwas zu beruhigen.

Paul nickte Santana zu und zeigte auf die Lobby. „Eine gute Wahl, tatsächlich. Unser Kameramann konnte gestern Abend und letzte Nacht wirklich schöne Sequenzen einfangen.“

„Es freut mich, dass Sie zufrieden sind. Dafür zu sorgen ist der einfachste Teil meiner Aufgaben.“ Sieh einer an. Evie war tatsächlich auch schon vorzeigbar. Im Gegensatz zu ihr hatte Evie in Prestonfield House genächtigt. Für den Fall, dass jemand kompetente Hilfe benötigte. Sichtlich ausgeruht stand ihre Chefin jetzt neben ihr.

„Santana, ich hoffe, alles ist glatt gelaufen und wir können pünktlich aufbrechen?“

„Ja, Evie, alles läuft wie am Schnürchen. Unser Star hat seine ersten Aufnahmen bereits hinter sich und frühstückt mit seinen Leuten. Mike und Finn sind sicher auch bald fertig, und wenn es in Ordnung ist, lasse ich alles, was jetzt im Gepäckraum ist, wieder in die Fahrzeuge räumen.“ Ihr war noch immer schleierhaft, warum alles am letzten Abend aus den Autos und vor allem aus dem Transporter hatte geräumt werden müssen. Wahrscheinlich wähnten sich die Gäste noch immer in den Straßen von Chicago. Gut möglich, dass man dort keine wertvollen Ausrüstungen über Nacht im Auto lagern sollte. Hier sah das dann doch anders aus, Gangsterbanden im Park von Prestonfield House waren vergleichsweise selten.

„Was soll das heißen, er hat seine ersten Aufnahmen schon hinter sich? Davon wollten wir doch eine schöne Szene drehen! Unmöglich! Warum benachrichtigt mich denn niemand? Kann ich mich denn auf gar keinen mehr verlassen?“ Rita kam gerade so richtig in Fahrt, als Mike aus dem Restaurant kam.

„Morgen zusammen, wo drückt denn der Schuh schon wieder?“

„Na wo wohl? Trotz klarer Anweisung erhält mein Team keine Benachrichtigung. Du wusstest genau, dass ich vom ersten Shooting einige Szenen für die Show drehen wollte.“

„Und das wirst du auch, liebe Rita. Heute an unserer ersten Location wirst du perfekte Bedingungen vorfinden. Wir waren uns einig, dass wir bei den Outdoor Locations beginnen. Das hier war allein meine Idee, okay?“

Ritas Lippen wurden zu einem schmalen Strich. „Wenn du das so siehst. Ich darf zumindest hoffen, dass wir ab sofort vernünftig zusammenarbeiten.“ Ihr schnippischer Ton war nicht zu überhören.

„Rita, ich pflege mich an Abmachungen stets peinlich genau zu halten.“ Mike betonte das ich so explizit, dass Santana sich denken konnte, was hier alles im Argen lag.

Die Produzentin schnaubte ärgerlich und wandte sich an Evie. „Meine Liebe, würdest du nun bitte dafür sorgen, dass deine Assistentin endlich das tut, wofür sie bezahlt wird? Ich sehe noch immer nicht, dass unsere Ausrüstung verladen wird.“

Sofort schoss Evie zu Santana herum. „Rita hat recht. Was soll das, dass du hier herumstehst? Du gefährdest den reibungslosen Ablauf. Nun mach schon.“

Ehe sie antworten konnte, erklang eine vor Sarkasmus triefende Stimme. „Sieh einer an, Zickenkrieg. Ist ja entzückend. Ehe ihr euch aufs Schlammcatchen verlegt, sagt ihr mir aber Bescheid, ja?“

Schlagartig veränderte sich Ritas verkniffener Gesichtsausdruck. „Aber Hawk, Darling, wir alle wollen doch nur, dass dein Projekt perfekt wird. Wie du weißt, geht es mir immer nur um dein Wohlergehen.“ Sie trat einen Schritt nach vorne und tätschelte seinen Oberarm.

„Was du nicht sagst. Ich hole dann einmal mein Zeug und versuche herauszufinden, ob meine Tabletten auch gegen spontanen Brechreiz helfen.“ Ohne ein weiteres Wort stapfte Hawk die Treppe hinauf.

Santana half Terry und Sam, ihr Equipment so sinnvoll wie möglich im Transporter zu verstauen. Auch Mikes Ausrüstung landete wieder im Wagen und seine geheiligten Kameras wurden sorgsam im Kofferraum des Rovers verpackt, den er heute selbst fahren würde.

„Geht das auch wirklich klar für dich, also das mit dem Selbstfahren?“ Santana war noch nicht endgültig überzeugt.

Mike nickte schmunzelnd. „Zweifelt da jemand an meinen Fahrkünsten? Keine Bange, ich fahre nicht das erste Mal im Linksverkehr. Gestern war ich tatsächlich einfach nur müde.“

„Okay, dann fährst du deinen, ich fahr auch einen. Was denkst du, wie ist die beste Aufteilung, damit jeder zufrieden ist?“ Santana warf Mike einen bittenden Blick zu. Der kam allerdings nicht dazu, ihr zu antworten.

„Santiago, wichtig ist hier nur eins: dass ich zufrieden bin, verstanden? Darum packst du jetzt meine Sachen in dein Auto, während ich mich zu Mike und Finn verkrümle.“

Mike zog eine zweifelnde Grimasse. „Das wird Rita nicht gefallen, Hawk. Du solltest sie nicht komplett auf die Palme bringen.“

Hawk setzte sich seine Designer-Sonnenbrille auf die Nase. „Mike, sie sorgt schon dafür, dass sie bekommt, was sie will. Jetzt aber bitte ich darum, dass zuerst meine Wünsche umgesetzt werden.“ Er reichte Santana eine riesige Reisetasche, unter deren Last ihre Knie etwas nachgaben.

„Ganz schön schwer. Brauchen Sie nichts davon?“

Hawk schüttelte den Kopf. „Nein, und pass darauf auf, sonst könnte ich unangenehm werden.“

Sie verkniff sich die Antwort, nickte Mike und Finn kurz zu und beeilte sich, die Tasche in ihrem Rover zu verstauen.

7. Schottische Träume

Immerhin meinte das Wetter es gut mit ihnen. Weiße Schäfchenwolken zogen gemächlich über einen ozeanblauen Himmel und die Luft war für einen Herbsttag mild und sehr angenehm. Santana fuhr als Letzte im Konvoi, um sofort reagieren zu können, falls etwas passieren sollte. Vorerst jedoch lief alles gut. Die Fahrer waren perfekt instruiert, jeder hatte seinen Platz gefunden, und so ging es derzeit über die nicht allzu stark befahrene M9, vorbei an Linlithgow in Richtung Stirling.

Vor dem Schloss war für sie ein kompletter Teil des Parkplatzes abgesperrt und im Innenbereich genau die Rasenfläche, die Mike sich bereits im Vorfeld ausgesucht hatte. Santana beeilte sich, ihre Ansprechpartnerin zu finden, die, wie sich schnell herausstellte, bereits alles zu ihrer vollsten Zufriedenheit erledigt hatte. So war ein kleines Zelt aufgebaut worden, in dem man sich Erfrischungen, Tee und leckere Snacks holen konnte. Zwei umsichtige Kellner der Catering-Firma sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Der Trailer für Hawk durfte bis vor den Eingang, nicht aber ins Schloss und – o Wunder – er akzeptierte, ohne zu widersprechen. Weniger amused schien Rita, die von der Betreuerin höflich gebeten wurde, abgesperrte Bereiche zu respektieren. Santana hörte, wie sie sich umgehend bei Evie darüber beklagte.

Sie beschloss, Rita weitestgehend zu ignorieren, so lange von Evie keine spitze Bemerkung kam. Wichtig war, dass Mike perfekte Aufnahmen bekam und Stacey alles hatte, was sie benötigte. Die schien rundum glücklich mit einem großen Sonnenschirm und einem Tisch, auf dem sie ihre Köfferchen platzieren konnte, nachdem sie mit einem bereits perfekt geschminkten Hawk aus dem Trailer kam. Die Lichtverhältnisse erwiesen sich als exzellent und sogar Rita rang sich ein Lächeln ab, als sie Terry über die Schulter blickte und erste Probeaufnahmen zu Gesicht bekam. Zuerst wurde Hawk, der in einem traditionellen Kilt steckte und dazu ein grobes, wollweißes Leinenhemd trug, so auf einem Mauervorsprung platziert, dass sich hinter ihm die gigantische Fassade des Schlosses gen Himmel reckte. Da heute lediglich sanfte Windböen durch den Park und über das Gemäuer strichen, wehte Hawks offenes Haar so sanft im Wind, dass Mike regelrecht in Begeisterungsstürme ausbrach.

„Yeah, verdammt! So habe ich mir das vorgestellt. Cool! O yes, das ist es, perfekt!“

Terry und Sam sahen das wohl ähnlich, denn sie filmten mit breitem, zufriedenem Grinsen auf den Gesichtern. In einer Pause zeigte Terry Santana Auszüge von dem, was er hatte einfangen können. Santana war beeindruckt. Es war dem versierten Kameramann gelungen, einen Mix aus Gästen, Schloss, Park, Fotoshooting und der malerischen Umgebung auf Film zu bannen. „Das ist wirklich richtig gutes Material. Euer Land ist ein Füllhorn für jeden Kameramann, im Ernst. Allein das Schloss ist der Hammer.“ Er strahlte regelrecht.

„Wenn du das schon gut findest, dann wappne dich. Es kommt noch besser.“ Sie schenkte ihm ein vielsagendes Lächeln und wandte sich Evie zu, die schon wieder nervös von einem Bein aufs andere tretend hinter ihr wartete.

„Dir ist bewusst, dass wir in spätestens einer Stunde weitermüssen? Hast du das im Griff?“

Sie nickte mit Bedacht. „Ja, Evie, ich schon. Aber ich habe nicht die Kompetenz, die Crew oder irgendjemanden hier dazu zu nötigen, sich zu beeilen, das weißt du, oder?“

„Kompetenz habe dafür ich, kümmere du dich nur um den Rest.“

Santana holte tief Luft, stellte sich Evie kurzfristig lediglich in weiter Feinrippunterwäsche samt Gummistiefeln vor, was sehr entspannend war, und nickte lächelnd. „Selbstverständlich.“

Es war Mike, der ihr zu Hilfe kam, nachdem er einige Minuten lang gewissenhaft seine Ausbeute an Bildern begutachtet hatte. „Exzellent, Leute, das sieht wirklich gut aus. Aber wenn ich heute Nachmittag das Licht noch auf Doune nutzen möchte, sollten wir aufbrechen. Stirling kannte ich schon und wusste, was mich erwartet. Doune Castle ist auch für mich Neuland. Rita, möchtest du mit Hawk noch ein paar Szenen im Schloss einfangen?“ Er wandte sich an die freundliche Betreuerin der Schlossverwaltung. „Wir dürfen doch hier auch im Innern drehen, nicht wahr?“

Die zeigte einladend auf das riesige Portal, das zwischen zwei Türmen in den Innenbereich führte. „Jederzeit! Miss Kinnear hat eine Drehgenehmigung für alle Bereiche des Schlosses.“ Sie blickte zu Santana. „Sogar für die möblierten Räume, wobei dort nur in meinem Beisein gefilmt werden darf.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783960878759
ISBN (Buch)
9783968170169
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v508869
Schlagworte
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Autor

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    Gabriele Ketterl (Autor)

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Titel: Highland Hearts