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Der Bestseller

Deine Geschichte gehört mir

von Nadine Stenglein (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Audrey Richards wird den Tag niemals vergessen, an dem ihr Vater bei einem Terroranschlag ums Leben kam. Der oder die Täter wurden nie gefasst. Als nach einigen Jahren plötzlich ein Roman auf dem Markt erscheint, dessen Geschichte Audrey bekannt vorkommt, fühlt sie sich in die Vergangenheit zurückversetzt: Denn kurz vor seinem Tod hat ihr Vater ihr eine seiner neuesten Ideen verraten, welche mit der Handlung dieses Romans übereinzustimmen scheint. Audrey glaubt nicht an einen Zufall – ist ihr Vater etwa noch am Leben? Zusammen mit Brian, einem jungen Lektor, begibt sie sich auf Spurensuche und zwischen den beiden entwickeln sich zarte Gefühle. Doch als sie den Autor, der unter einem Pseudonym veröffentlichte, ausfindig machen wollen, merkt Audrey zu spät, dass sie sich bereits in einem Netz aus Lügen und Intrigen befindet, die ihr selbst zum Verhängnis werden – und plötzlich befindet auch sie sich in Lebensgefahr …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Januar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-841-4
Taschenbuch-ISBN: 9783968170138

Covergestaltung: Grit Bomhauer
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Jason Sponseller, © Evgeny Drablenkov, © Jordan Gooch, © STILLFX, © nasidastudio, © Wilqkuku, © Ihnatovich Maryia
Lektorat: typo18

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Die Bloom-Affäre

„Er hat eine Bombe!“, rief einer der Gäste, die an der Rezeption des Pariser Hotels Avelaine standen.

Audrey hielt sich nur ein paar Schritte entfernt im Foyer auf, ein Kind auf dem Arm. Es war höchstens drei Jahre alt. Ein Junge! Sie hatte keine Ahnung, wie sie zu dem Kind gekommen war. Dennoch beschlich sie das Gefühl, es schon lange zu kennen. „Dad?“, rief sie und sah sich um. „Wo bist du?“

Sie musste ihren Vater da rausholen, bevor es zu spät war. Die Zeit wurde knapp. Das Adrenalin schoss durch ihre Adern. Sie hatte ihn vor wenigen Minuten ins Hotel gehen sehen. Er war hier irgendwo, davon war sie felsenfest überzeugt.

Der seltsame graubärtige Mann an der Rezeption wiederholte, diesmal eindringlicher: „Er hat eine Bombe!“ Sein Gesicht verzerrte sich, machte die Angst, die in ihm wühlte, sichtbar.

Die Augen des Kindes fixierten sie. Sie waren so hellblau wie die ihres Vaters.

„Ich glaube an ein Leben danach. Ich glaube daran, dass wir wiedergeboren werden“, hörte sie plötzlich die Stimme ihres Dads aus der Erinnerung. Da wusste sie, dass sie ihn nicht würde retten können. Dass sie das, was passiert war, nicht ungeschehen machen konnte. Dennoch versuchte sie es wieder, wie schon in zig Träumen zuvor. Sie presste das Kind an sich und rannte los. Ein junger Mann versperrte ihr den Weg. Sein Gesicht war konturlos, eine einzige dunkle Maske. „Es wird nicht wehtun, es geht schnell. Versprochen. Das weiß auch dein Vater.“

Was redete er da? „Nein, warten Sie. Sagen Sie mir, warum. Warum?“, rief Audrey.

„Schicksal. Man kann ihm nicht entrinnen“, antwortete der Mann und zog an etwas, das er unter seinem Mantel trug.

Audrey schloss die Augen. Sekunden später hörte sie einen dumpfen Knall, spürte Hitze um sich. Sie verband sich mit einem ungeheuren Druck, der ihren Körper zu zerreißen drohte.

In dem Moment wachte sie auf. Schweißnass und nach Luft ringend. Tränen rannen über ihre Wangen. Ihr Blick irrte durchs Zimmer, das nur von Sonnenstrahlen, die durch die Schlitze der Jalousien fielen, erhellt wurde. „Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen, Dad“, murmelte sie.

Sie war die einzige Tochter von Monty Richards. Sein Sonnenschein, wie er sie oft genannt hatte. Vor rund drei Jahren war er bei einem Terroranschlag in Paris ums Leben gekommen, in der Lobby des Hotels, in dem er für einige Tage eingecheckt hatte. Die Drahtzieher des Anschlags hatten flüchten können und blieben verschwunden, genau wie die Leiche ihres Vaters. Alles, was man Tage später von ihm gefunden hatte, waren einige Zähne, anhand derer man ihn identifiziert hatte. Audrey dachte an seine letzten Worte, die für sie im Nachhinein wie eine Vorahnung klangen.

„Pass gut auf deine Mutter auf, Audrey. Ich liebe euch. Egal, was passieren wird, das wird sich niemals ändern.“ Danach hatte er sie auf die Stirn geküsst, sie fest an sich gedrückt und seiner Frau gewunken, die, von einer Sommergrippe ans Haus gefesselt, am Fenster ihres Schlafzimmers gestanden und ihm eine Kusshand zugeworfen hatte.

 

***

 

Audrey legte den Strauß roter Rosen auf das leere Grab des Südfriedhofs am Rand von Fayes, Indiana und betrachtete das Foto mittig in dem hellgrauen Marmorgrabstein, von dem ihr Vater ihr mit seinem sanftmütigen Lächeln entgegenblickte. Die damalige Reise nach Paris hatte Recherchezwecken für seinen neuen Roman gedient. Wie er Audrey verraten hatte, hatte es ein Politthriller werden sollen. Zu gern hätte Audrey ihn begleitet. Doch sie hatte ihm versprechen müssen, sich um Lauren, ihre Mutter, zu kümmern. Der Gedanke, dass sie seinen Tod hätte voraussehen oder gar verhindern können, quälte Audrey täglich seit dieser Tragödie, bei der fünf weitere Menschen ihr Leben hatten lassen müssen.

„Ich hab dich lieb, Dad“, flüsterte Audrey und wünschte sich, er könnte ihr antworten. Milder Sommerwind spielte mit ihrem glatten blonden Haar, das ihr glänzend über die zierlichen Schultern fiel.

„Entschuldigung, sind Sie nicht …? Ja, Sie sind es. Monty Richards’ Tochter“, hörte sie plötzlich eine helle Stimme hinter sich und drehte sich abrupt um. Eine Frau mittleren Alters stand vor ihr und lächelte sie unsicher an. Der Wind blies ihr die braunen Locken in das volle, von der Wärme leicht gerötete Gesicht.

„Ja, die bin ich.“ Audrey wusste, was folgen würde. Sie musste lächeln, weil sie überzeugt war, dass ihr Vater es in diesem Moment auch getan hätte. Er hatte seine Leser geliebt, jeden einzelnen, und hatte keinerlei Berührungsängste gehabt, wenn es um Autogramme oder Fragen gegangen war. Vorausgesetzt, sie hielten sich im Rahmen. Nun, es gab durchaus Frauen, die ihn nicht nur wegen seiner Geschichten umschwärmt hatten. Er war ein großer, stattlicher Mann gewesen. Sportlich gekleidet, ergrautes Haar, markantes Gesicht und blaue Augen, einem Sommerhimmel gleich. Obwohl er zu den Ladys freundlich gewesen war, geflirtet hatte er immer nur mit einer – Lauren, seiner großen Liebe.

„Ihr Vater war ein Genie. Ich liebe seine Romane. Alle! Das Haus im Eis hab ich bereits fünfmal verschlungen. Ich hätte so gerne die Fortsetzung gelesen, die er schreiben wollte. Das hat er in einem seiner letzten Interviews verraten.“ Die Frau lenkte den Blick an Audrey vorbei zum Grab und seufzte tief. „Er ist sicher ein toller Mann gewesen. Schade, dass ich ihn nie persönlich kennengelernt habe.“

„Ja, das war er wirklich.“

Die Frau drückte kurz Audreys Hände. „Mein Gott, Sie haben die gleichen himmelblauen Augen wie er. Gott schütze Sie und Ihre Mutter“, sagte sie leise.

„Sie auch. Herzlichen Dank.“

Langsam entfernte sich die Fremde. Bevor sie den Friedhof verließ, warf sie Audrey einen Blick über die Schulter zu und schenkte ihr ein Lächeln zum Abschied. Audrey wandte sich wieder dem Grab zu. Noch heute verkauften sich die Bücher ihres Vaters fabelhaft. Der Großteil seines Erbes war an Audrey und ihre Mutter übergegangen, nachdem man ihn offiziell für tot erklärt hatte. Gewinnanteile einiger Romane flossen an eine Stiftung für krebskranke Kinder, die ihrem Dad sehr am Herzen gelegen hatte.

Sein Bruder Kaden war im Alter von vierzehn Jahren an einer seltenen Krebsart gestorben, die nach wie vor nicht erforscht war. Die Heilungschancen lagen auch heute bei null.

Obwohl Audrey die Geschichten ihres Vaters ebenso liebte, verspürte sie selbst keinerlei Ambitionen, einmal in seine Fußstapfen zu treten. Ruhm und Erfolg waren nicht wichtig. Das Schreiben an sich, das Gefühl, Welten zu erschaffen, mit seinen Figuren zu fühlen, das zählte für sie. Seit Dads Tod war sie von der Jungautorin zur reinen Leserin geworden. Ihr Vater hatte an ihr Talent geglaubt. Dennoch war da diese Blockade, die seit dem schrecklichen Anschlag jegliche Kreativität im Keim erstickt hatte. Bis vor Kurzem, als sie überraschend ein paar Ideen heimgesucht hatten. Vielleicht war es nur ein Strohfeuer.

Während sie mit einer Gießkanne Wasser aus dem alten Friedhofsbrunnen holte, um die kürzlich gepflanzten weißen Rosen zu versorgen, blitzten Szenen aus der Vergangenheit vor ihrem geistigen Auge auf. Blumenduft umgab sie. Die meisten Gräber lagen im Schatten alter Virginia-Eichen. Hier ruhten ebenfalls Audreys Großeltern väterlicherseits. Ihre Mutter stammte ursprünglich aus einer anderen Ecke Amerikas, dem Sonnenstaat Kalifornien. Ihre Eltern waren rund fünfundzwanzig Jahre verheiratet gewesen, Audrey ein Wunschkind. Sie war an einem schwülen Julitag geboren worden.

„Die Engel haben auf deine Geburt angestoßen“, erzählte ihre Mutter gerne, weil in genau jener Minute ein mächtiges Donnergrollen zu hören gewesen war.

„Du wirst die Welt und vor allem uns mächtig aufwirbeln. Das war mir sofort klar“, hatte ihr Vater meistens hinzugesetzt.

Audrey musste schmunzeln, als sie daran dachte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie je einen richtigen Streit mit ihren Eltern gehabt hatte, obwohl sie durchaus ein Wildfang gewesen war. Ein Charakterzug, den sie von ihrem Vater geerbt hatte. Wahrscheinlich hatten die Engel bei seiner Geburt ebenfalls mächtig die Korken knallen lassen. Er war immer derjenige gewesen, der seine Frau, eine ruhige Seele, mitgerissen hatte.

„In seiner Nähe konnte einem schwindelig werden. Das meine ich nicht negativ“, hatte ihre Mutter einmal verraten.

In der Erinnerung sah sich Audrey neben ihm im Garten. Sie saßen auf zwei Schaukeln. Nie würde sie seine tiefe und doch sanfte Stimme vergessen. Damals hatte er ihr, wie so oft, von seiner neuesten Romanidee erzählt. Sie musste an die gemeinsamen Reisen mit ihren Eltern denken. Die wohl schönste darunter war ein Trip nach Schweden gewesen. Die Polarlichter dort hatten sie sofort in ihren Bann gezogen. Ihr Vater hatte das Naturphänomen daraufhin in einen seiner Thriller eingebaut. Nur selten hatte er in einem anderen Genre geschrieben. Liebeskomödien etwa, mit schrägen Protagonisten, über die Audrey herzhaft lachen konnte. Eine dieser Komödien war vergangenen Sommer verfilmt worden und ins Kino gekommen. Ein Meilenstein, über den sich ihr Vater mit Sicherheit gefreut hätte. Der Film war so erfolgreich gewesen, dass er sogar inzwischen in den europäischen Kinos gezeigt wurde. Außerdem war im Gespräch, einen seiner Thriller zu verfilmen.

Die Sonne schob sich hinter eine bauschige Wolkenbank, langsam wurde es kühler und windiger. Audrey band sich das lange Haar mit einem Gummi zu einem Zopf, verließ den Friedhof und wandte sich Richtung Stadt, um ihre beste Freundin Grace Cleveland von der Arbeit abzuholen. Sie kam gerade rechtzeitig und lehnte sich gegen die gelb gestrichene Wand des Bücherladens. Sie wollte nicht aufdringlich sein und einfach hineinplatzen. Grace arbeitete erst seit drei Wochen hier. Ein paar Leute passierten ihren Weg. Fayes war eine ruhige Stadt mit rund zweitausend Einwohnern, zwanzig Meilen von Indianapolis entfernt und von Wiesen und Maisfeldern umgeben, in denen Audrey als Kind Verstecken gespielt hatte.

Der Rotschopf mit dem Sommersprossengesicht hatte sie bereits entdeckt, denn Grace zog die Tür auf und rief ihr entgegen: „In zehn Minuten bin ich bei dir.“

„Okay, kein Problem“, erwiderte Audrey und besah sich derweil die Bücher im Schaufenster genauer, die drapiert wie Schätze auf bunten Seidentüchern lagen oder mit Fäden befestigt von der Decke hingen. Darunter war ein Thriller ihres Vaters. Sie erinnerte sich, dass sie ihm geholfen hatte, signierte Bücher für Leser mit einem Geschenk, meist Lesezeichen oder Autogrammkarten, in Päckchen zu packen und zur Post zu bringen. Unterwegs hatte er ihr stets ein riesiges Eis spendiert. Später waren es so viele Signierwünsche geworden, dass er eine weitere Assistentin benötigt hatte. Nach ein paar Minuten stolperte Grace in ihre Arme.

„Hi. Das wäre fast schiefgegangen“, begrüßte Audrey ihre Freundin, die das kurze Haar schüttelte.

„Hi, Süße. Wir haben eine Bestellung beim Großhändler aufgegeben. Meine Güte. Ich sag dir, die Leute sind immer noch verrückt nach den Romanen deines Vaters. Erstaunlich, dass dieser Neuling ihm so schnell Konkurrenz machen konnte.“ Grace kramte einen Kaugummi aus ihrem Rucksack. „Auch einen?“

„Nein danke. Neuling?“

„Gene Hartman. Der neue Thrillerautor auf dem Markt. Sein Roman ist kürzlich bei Booksdome erschienen“, erzählte Grace und schob sich den Kaugummi in den Mund.

Booksdome – der Name war Audrey nicht unbekannt. Schließlich war das die Konkurrenz von Booksline, dem Verlag, bei dem ihr Vater unter Vertrag stand. Die Verlage gehörten zwei Brüdern, die sich zerstritten hatten. Sie selbst arbeitete als Büroangestellte in Indianapolis bei Booksline. Der Verlagschef, Winton Folder, wurde jedes Mal rot vor Wut, wenn der Name seines Bruders Noah fiel. Jeder, der das wusste, vermied es, ihn zu erwähnen. Wie es aus Insiderkreisen hieß, ging es bei dem Brüderstreit um persönliche Dinge und Erbsachen. Den Namen Gene Hartman hatte Audrey dagegen nie zuvor gehört. Wie hatte der unbemerkt an ihr vorüberziehen können? Sie interessierte sich für alle Neuerscheinungen.

„Um was geht es, Grace?“, fragte sie.

„Der Roman hat eingeschlagen wie eine Bombe. Das ist selten bei einem Debüt. Warte.“

Grace eilte in den Laden und kehrte eine Minute später mit einem dicken Wälzer zurück. Vorder- und Rückseite waren in Schwarz gehalten. Der Buchschnitt war grau eingefärbt. Umso klarer trat der silberfarbene Titel Im Nebel der Intrigen auf dem Cover und der ebenfalls silberfarbene Klappentext gespenstisch hervor. Audrey blätterte in dem Roman und stellte fest, dass er an die sechshundert Seiten umfasste.

Neugierig las sie die Zusammenfassung auf der Rückseite.

Ernest Bloom ist angehender Politiker, dessen Ansichten nicht jedem schmecken. Innerhalb seiner Kreise stößt er auf ein Netz intriganter Lügen, die er aufzudecken versucht. Was verheimlicht die Regierung dem Volk? Und was hat eine Sekte damit zu tun? Plötzlich wird Bloom gejagt und sein Sohn entführt. Die Schlinge um Blooms Hals zieht sich immer enger zusammen, und bald gibt es niemanden mehr, dem er trauen kann.

Audrey stockte der Atem.

Zufall! Missverständnis?, durchfuhr es sie. Sie ließ das Buch beinahe fallen.

„Was ist?“, fragte Grace und nahm es rasch wieder an sich.

„Seltsam.“

„Du bist ja ganz bleich. Willst du reinkommen und …?“

Audrey winkte ab. „Ich frag mich, ob es so viel Zufall tatsächlich geben kann“, murmelte sie.

„Sorry, aber ich verstehe kein Wort.“

„Entschuldige. Ich glaube, dass ich schon mal von der Geschichte gehört habe.“

Nun lachte Grace. „Kein Wunder. Der Roman ist in aller Munde, sozusagen. Vielleicht hast du nur den Titel vergessen. Oder im Verlag hat jemand …“

„Nein, nein. Ich meine, ich kenne die Geschichte bereits seit ein paar Jahren. Hast du den Roman schon gelesen?“

Grace schob die Unterlippe nach vorne und schüttelte den Kopf. „Brauch ich nicht mehr. Meine Chefin hat sich bereits mit so vielen Lesern darüber unterhalten, dass ich sogar weiß, wer der mächtige Drahtzieher hinter dem Ganzen ist.“

Sie hob eine Hand. „Moment. Ich glaube, das kann ich dir sagen. Jonathan selbst, Blooms Sohn.“

„Stimmt. Woher …?“, wolle Grace wissen.

Audrey hob den Blick und starrte ihre Freundin an, während ihr ein kalter Schauder über den Rücken lief. „Von meinem Vater.“

Notizen

Gedankenversunken blätterte Audreys Mutter in einem ihrer Erinnerungsalben und strich über ein Foto von ihrem Mann. Das Licht der Abendsonne fiel durch die hohen Rundbogenfenster des Wohnzimmers und ließ ihr blondes Haar golden schimmern, das Audrey von ihr geerbt hatte. Audrey erinnerte sich genau daran, wann der Schnappschuss entstanden war. Bei ihrem letzten Urlaub in Miami. Audrey presste die Lippen zusammen. Sie sah wieder ihren Vater vor sich, wie er ihre Mutter danach den Strand entlanggejagt hatte, weil es das bestimmt hundertste Foto gewesen war, das sie an diesem Tag von ihm gemacht hatte.

Ihre Mutter seufzte. „Damals sagte ich ihm, dass die Erinnerungen der wertvollste Schatz seien. Fotos gehören für mich dazu. Nun bin ich froh, dass ich sie habe“, sagte sie leise und verzog die schmalen, blassen Lippen zu einem schwermütigen Lächeln.

„Ach, Mom.“ Audrey ging zu ihr hinüber, setzte sich neben sie auf die graue Eckcouch und legte einen Arm um ihre dünnen Schultern. Ihre Mutter hatte in den letzten Tagen deutlich an Körpergewicht verloren.

„Soll ich uns einen Kaffee machen?“, schlug Audrey vor. „Und was hältst du von einem Stück Schokokuchen? Den hab ich gestern gebacken.“

Ihre Mutter atmete tief durch und lächelte verhalten. „Da sage ich nicht Nein, obwohl ich keinen Hunger habe, ehrlich gesagt. Aber Schokolade soll ja angeblich Glückshormone ausschütten.“

„Du hast nie Hunger, Mom. Und du trinkst zu viel Wodka.“ Ihre Mutter überging die Bemerkung.

Audrey beschloss, ihr nichts von ihrer seltsamen Entdeckung zu erzählen. Am Ende hätte sie sich nur aufgeregt. Bald würde sowieso die Kur beginnen, zu der ihr der Arzt dringend geraten hatte und die Audrey ebenfalls befürwortete. Ihre Mutter tat es nur, um Audrey zu beruhigen, da war sie sich sicher. Sie umschloss Audreys Gesicht mit ihren knochigen Händen und sah sie an. Audrey bemerkte, dass sich der Glanz in den Augen ihrer Mutter mit jedem Tag mehr verlor. Alles hätte sie getan, um das zu ändern, ihr das Lachen zurückzugeben, die Hoffnung. Ihre Mutter hätte längst aufgegeben, würde es sie nicht geben.

„Du bist ihm in so vielem ähnlich, Audrey. Damit meine ich nicht nur, dass du smart bist. Ein bisschen zu dünn vielleicht.“

Audrey gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Stirn. „Du bist auch zu dünn. Deswegen essen wir jetzt Kuchen, und danach ruhst du dich ein wenig aus, Mom. Keine Widerrede.“

„Okay, okay.“

Bevor Audrey den Raum verließ, kam ihr der Roman in den Sinn, den Grace ihr gezeigt hatte.

„Mom?“

„Ja?“

„Kann ich nachher mal in Dads Schreibzimmer gehen?“

Ihre Mutter runzelte die Stirn. „Natürlich. Aber warum fragst du extra? Das ist gar nicht nötig, Liebes.“

„Ich wollte nur nicht, dass du dich wunderst.“

„Nun ja. Was willst du denn dort?“

„Ich glaube einfach, es würde mir über den Schmerz hinweghelfen. Außerdem hat Dad mir vor … Er hat mir damals von seiner neuesten Romanidee erzählt. Ich wollte schauen, ob ich dazu Aufzeichnungen finde.“

„Möchtest du die Geschichte ausarbeiten? Meine Güte, darüber hätte er sich gefreut. Und ich würde es auch tun.“

Obwohl Audrey nicht daran glaubte, erwiderte sie: „Wer weiß, vielleicht springt der Funke über, wenn … Ach, ich weiß nicht.“

„Schau ruhig. Es stört mich nicht. Ihr habt so viele gemeinsame Stunden in dem Zimmer verbracht. Mir fällt es noch zu schwer, es zu betreten. Die Zeit heilt doch nicht alle Wunden.“

Audrey nickte. Leider musste sie ihr recht geben. Die Zeit machte die Trauer erträglicher, mehr nicht. Das Leben hatte sich seit jenem Tag von einer Sekunde auf die andere geändert. Seitdem erschienen Audrey sogar die Farben blasser.

 

***

 

Das Schreibzimmer befand sich im Dachgeschoss des Hauses, in dem sie mit ihrer Mutter am westlichen Rand von Fayes wohnte. Ausgestattet war es mit einem samtgrünen Sofa, einem Schreibtisch in der Mitte und vielen Kunstdrucken von Monet an den Wänden. Ein Bücherregal an einer Eichenholzwand beherbergte die Lieblingsbücher ihres Vaters, darunter eines von Audrey: Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry. Ein Wald grenzte an das Grundstück mit dem weißen Haus und dem großen Garten, der von einer hohen Buchshecke und einem Zaun mit Eisentor umgeben wurde. Vom Fenster aus hatte man einen herrlichen Blick auf einen Teil des Gartens und die mächtigen grünen Tannen dahinter. Früher hatte ihre Mutter es geliebt, ihn zu hegen und zu pflegen. Nach dem Tod ihres Mannes fehlte ihr dazu zunehmend die Kraft, sodass es nun Audrey und manchmal ein Gärtner übernahmen, sich um die Rosenbeete und all die anderen Blumen und Gewächse zu kümmern.

Audrey ging zu dem Eichenschreibtisch hinüber. In diesem Raum hatte ihr Vater, der große Monty Richards, oft geschrieben. An schönen Tagen hatte er den Garten oder das Seeufer, nicht unweit vom Anwesen, bevorzugt, wobei ihm ihre Anwesenheit oder die ihrer Mutter nie gestört hatte. Sie wusste, wo er seine Aufzeichnungen für neue Geschichten aufbewahrte. Dafür gab es nur einen Platz. Sein Notizbuch. Sie stellte ihren Laptop auf dem Tisch ab.

Das mit einem braunen Ledereinband versehene Buch lag in der obersten Schublade. Ein Kloß bildete sich in Audreys Kehle, als sie es herausnahm und hastig aufschlug. Es war seltsam, dass ihr Vater es nicht nach Paris mitgenommen hatte. Wahrscheinlich hatte er es vergessen. Sie fand allerlei Vermerke über bereits vollendete Romane, eine Liste mit möglichen Figurennamen und Schauplätzen. Darunter die Stadt, in der er gestorben war. Audrey musste schlucken. Tränen schossen ihr in die Augen.

Einer der letzten Einträge ließ sie innehalten. Ihr Blick heftete sich an den mit Kugelschreiber gekritzelten Titel: Die Bloom-Affäre. Der Roman, den Grace ihr gezeigt hatte, hieß zwar anders, doch dieser Name ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Also hatte sie sich richtig erinnert. Wie in Trance klappte sie ihren Laptop auf und gab den Titel, den Gene Hartman gewählt hatte, in die Suchmaschine ein. Sofort erschienen mehrere Einträge. Im ersten ein Porträt über den Autor, das dürftig ausfiel. Dort hieß es lediglich, dass sein Name ein Pseudonym sei, da der Verfasser unbekannt bleiben wollte. Das heizte das Interesse der Leserschaft und Medien erst recht an. Schlau? Oder war er ein Eigenbrötler? Vielleicht hatte er auch Angst.

„Das ist verrückt“, murmelte Audrey. Sie überflog eine Leseprobe der Geschichte, die auf einer Buchhandlungsseite abrufbar war, sowie Rezensionen, in denen zum Teil ausführlich gespoilert wurde, und danach erneut die Notizen ihres Vaters, während ihr abwechselnd heiß und kalt wurde. Kein Zweifel, die Aufzeichnungen ihres Vaters wiesen deutliche Parallelen auf. Außerdem das, was er ihr erzählt hatte. Der gleiche Plot. Besonders die letzte Bemerkung stach ihr ins Auge. Drahtzieher: Jonathan – Blooms Sohn.

Ihr wurde übel. So viele Zufälle konnte es nicht geben! Oder fantasierte sie sich da etwas zusammen? Ihr Blick fiel auf den Computer ihres Vaters. Sie setzte sich an den Eichenschreibtisch, legte das Büchlein auf den Schoß, stützte die Ellenbogen auf und massierte sich die Schläfen. Dann schaltete sie den PC ein und überflog die wenigen Dateien, die sich darauf befanden. Möglicherweise hatte ihr Vater bereits ein Exposé zu seiner Idee verfasst. Aber außer ein paar Aufstellungen zu seinen Finanzen und Listen über die Messdaten der Photovoltaikanlage, die vor ein paar Jahren auf der südlichen Dachseite des Hauses angebracht worden war, war nichts zu finden. Noch einmal suchte sie über ihren Laptop nach Gene Hartman. Aber natürlich gab es kein Foto von ihm. Nicht einmal von hinten. Er war ein Geist.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie hochschrecken. Eine Sekunde später steckte ihre Mutter den Kopf ins Zimmer. „Grace ist hier. Sie meinte, ihr seid verabredet.“

Das hatte Audrey ganz vergessen. Sie schaltete den Computer aus und klappte den Laptop zu. „Ich komme gleich.“

Ihre Mutter runzelte die Stirn. „Hast du gefunden, was du gesucht hast?“

Für einen Moment hielt Audrey die Luft an. Sollte sie ihr von dem Roman und den Notizen erzählen? Ihre innere Stimme riet ihr, es nicht zu tun. Sie wollte sie nicht unnötig aufregen.

„Ja, ich glaube schon.“

Langsam kam ihre Mutter auf sie zu. Sie sah ihr an, dass es ihr schwerfiel, den Raum zu betreten. Ihr Blick fiel auf das Büchlein in Audreys Schoß. Sie streckte die Hand danach aus. „Sind das seine Notizen?“

Audrey schluckte trocken. „Ja.“

Ihre Mutter beugte sich vor, strich mit den Fingern über den ledernen Umschlag und atmete stoßartig. „Mach was draus. Es wird dir helfen, glaube ich. Aber bitte, lass es hier. Du kannst ja immer wieder herkommen und es ansehen“, sagte sie tonlos und verließ das Zimmer fluchtartig. „Grace wartet“, hörte sie sie noch sagen.

Audrey sah ihr nach und dann auf das Büchlein. Sie wusste, dass ihrer Mutter alles, was ihr von ihrem Mann geblieben war, heilig war. Audrey wollte ihr Vertrauen nicht missbrauchen und legte das Notizbuch daher zurück an seinen Platz. Auf dem Weg nach unten kam ihr eine Idee.

Gedankenkarussell

„Du hast es tatsächlich vergessen?“ Grace bekam sich gar nicht mehr ein. „Mich, deine langjährige beste Freundin? Treulose Tomate.“

Audrey, die ihr in ihrem Lieblingsitaliener gegenüber am Tisch saß, verdrehte die Augen und lachte. „Ich war in Gedanken. Und wir hatten uns ja spontan verabredet.“

„Ah, dann lade ich dich in Zukunft schriftlich zum Essen ein. Vielleicht merkst du es dir dann besser.“

„Jetzt hör schon auf.“

„Also, wo warst du?“ Grace verschränkte ihre dünnen, langen Finger.

„Wo soll ich gewesen sein?“

„In Gedanken, meine ich. Bei einem Typen etwa?“ Grace zwinkerte ihr zu.

„Kein Typ“, wiegelte Audrey ab.

Ihre Freundin zog den roséfarbenen Lippenstift nach, der ihren geschwungenen Mund gut zur Geltung brachte, und legte die hohe Stirn in Falten. „Hat es etwas mit diesem Roman zu tun – Im Nebel der Intrigen? Du hast gesagt, du kennst die Geschichte bereits von deinem Vater. Was genau hast du damit gemeint?“

„Aber behalte es für dich, ja?“

Grace kreuzte zwei Finger, hielt sie hoch und beugte sich, ganz Ohr, über den Tisch.

Ihre Miene veränderte sich mit jedem Satz, den Audrey von sich gab. Sie wusste, dass sie Grace vertrauen konnte, und schätzte ihre Meinung in sämtlichen Lebenslagen. Sie kannten sich seit der Schule. Grace wohnte nur ein paar Straßen entfernt, im Dachgeschoss im Haus ihrer Eltern. Zwei nette, ältere Herrschaften. Beide waren schon über siebzig. Grace war wie Audrey fünfundzwanzig. Für ihre Eltern war sie ein „Spätzünder“ gewesen. Auf jeden Fall ein Wunschkind. Audreys Eltern und ihre waren früher öfter zusammen ausgegangen.

„Wow! Krass!“, stieß Grace hervor und schüttelte den Kopf. Sie tippte sich mit einem Finger an die Lippen. Dann fügte sie hinzu: „Aber das gibt es.“

„Was?“, wollte Audrey wissen.

„Dass zwei Leute nahezu die gleiche Idee haben.“

„Mit derartiger Namensgleichheit des Protagonisten und Antagonisten? Ernest und Jonathan Bloom?“

„Stimmt. Das ist merkwürdig.“ Grace verfiel in eine Starre, während sie ihre Gedanken arbeiten ließ. „Hinzu kommt“, nuschelte sie schließlich, nachdem ein junger Kellner ihnen zwei Gläser Weinschorle serviert hatte, „dass er anonym bleiben will.“

Audrey nahm ein Glas und stieß mit ihr an. Sie brauchte jetzt einen großen Schluck. „Eben! Mysteriös.“

„Und was hast du nun vor? Du könntest die Notizen als Beweis verwenden. Sicher ist belegbar, dass dein Vater sie geschrieben hat und …“

„Das muss ich mir noch überlegen. Als Erstes werde ich mit meinem Chef darüber reden und ihm die Notizen zeigen. Wahrscheinlich muss ich sie dafür doch entführen. Ich glaube nicht, dass er uns einen Besuch abstatten würde, so beschäftigt, wie er immer ist. Allenfalls liegt ihm ein Exposé vor, das eventuell in falsche Hände geraten ist. Für mich sieht es so aus, als hätte dieser Hartman den Plot geklaut. Vielleicht kannte er meinen Dad, und der hat ihm davon erzählt. Obwohl mein Vater immer versichert hat, dass er neue Ideen nur meiner Mom oder mir erzählen würde. Und ich kann da auch für meine Mutter sprechen.“

„Nicht mal mir hast du etwas gesagt, obwohl ich oft gebettelt habe.“ Grace war eine glühende Verehrerin von Monty Richards’ Werken.

„Wer ist Gene Hartman?“, sinnierte Audrey weiter.

„Sei bloß vorsichtig bei deinen Recherchen. Nicht, dass du in ein Wespennest stichst“, mahnte Grace und leerte ihr Glas mit einem Zug zur Hälfte.

„Ich pass schon auf.“

„Wenn du eine Komplizin brauchst, ich bin dabei.“

Das konnte und wollte Audrey ihrer Freundin nicht versprechen. Sie hätte nie gewollt, dass sie wegen ihr in Schwierigkeiten geriet. Einmal hatte gereicht. Kurz nachdem Grace ihren Führerschein gemacht hatte, hatte sie Audrey zu einer Spritztour überredet, um zum Konzert ihrer Lieblingsband zu fahren. Es war Winter gewesen und bitterkalt. Mary-Ann und Peter Cleveland hatten Grace verboten, allein mit dem Wagen zu fahren, bis sie sicherer war. Außerdem brauchte Graces Vater ihn für die Arbeit. Audrey war so verschossen in den Leader der High Five Grooves gewesen, dass sich ihr Verstand kurzweilig verabschiedet haben musste. Nur so konnte es sich Audrey heute erklären. Weit waren sie jedoch nicht gekommen. Es schneite wie verrückt. Nicht unweit von Fayes schien der Weg eins mit der Umgebung zu werden, sodass sie irgendwann im Straßengraben stecken blieben. Natürlich nahm Audrey alle Schuld auf sich, was die Strafe für Grace und sie nicht milder ausfallen ließ. Ihre Eltern verhängten eine einmonatige Kontaktsperre und Hausarrest an den Wochenenden für einen weiteren Monat. Dummerweise war Grace damals unsterblich verliebt gewesen. In einen Jungen aus der Stadt. Der Hausarrest tat der Beziehung nicht gut, was untertrieben war. Hobi machte eine Woche vor Ende der Strafe Schluss und zog mit einer anderen von dannen. Grace machte Audrey keine Vorwürfe. Für nichts. Dennoch spürte Audrey, dass ihre Freundin sehr gelitten hatte. Unter allem. Es hatte Audrey das Herz zerrissen.

Garrett Paiden fand Audrey immer noch toll. Er war der Inbegriff eines Traummanns für sie. Schwarzes, kurzes Haar, strahlend grünblaue Augen, volle Lippen, markantes Kinn mit Grübchen, halbbogenförmige Brauen, gerade Nase. Nicht zu groß, nicht zu klein, einen guten Kopf größer als sie mit ihren gut fünfeinhalb Fuß, sportliche Figur, gebräunte Haut.

„Träumst du, Audrey Richards?“, machte sich Grace bemerkbar.

„Ich habe gerade an Garrett gedacht. Hast du den neuen Song schon gehört?“

Grace zog die Augenbrauen zusammen. „Willst du vom Thema ablenken?“

„Von dir als Komplizin? Nein. Ja, ich sag Bescheid, falls sich was ergibt“, machte sie von einer Notlüge Gebrauch. Vielleicht hätte sie erst gar nichts erzählen sollen.

„Gut, das will ich hoffen. Und was den Song angeht: Ja, davon habe ich gehört. Findest du nicht, er sieht jemandem ähnlich, den du kennst?“

Der Kellner servierte ihnen eine Pizza Hawaii mit extra viel Käse und Ananasstücken und zwinkerte Audrey zu, bevor er weiterzog.

Grace lachte. „Der ist auch nicht von schlechten Eltern.“

„Ja, ganz süß. Aber ich glaube, ich bin allein glücklicher. Das hat mir die Beziehung mit Craig deutlich gezeigt.“

Grace teilte die Pizza und schob erst ihr und dann sich ein Stück auf die leeren Teller.

Audrey bedankte sich.

„Das mit Craig ist über ein Jahr her“, meinte Grace.

Craig war Audrey bei einem Sommerfest in Fayes in die Arme gestolpert. Sie waren erst ins Lachen, dann ins Gespräch gekommen, und schließlich hatte es nach dem dritten Date gefunkt, bis er nach sieben Monaten in die Arme einer anderen gestolpert war. Es hatte lange gedauert, bis Audrey diese Enttäuschung verarbeitet hatte. Die Narben blieben und hatten sie vorsichtiger werden lassen.

„Lass uns jetzt bitte nicht über das Thema reden. Also, wer ist deiner Meinung nach Garrett Paidens Doppelgänger? Ich bin gespannt.“ Obwohl Audrey nach wie vor die Notizen ihres Vaters und dieser Gene Hartman im Kopf herumspukten, war ihr jede Ablenkung willkommen.

„B-r-i-a-n“, buchstabierte Grace und ließ die Brauen wackeln.

Nicht ihr Ernst. „Mein Kollege?“

„Dein Kollege.“ Grace lächelte verschmitzt.

Brian Gomery arbeitete seit rund einem Jahr im Verlag. Er war Lektor. Audrey und er hatten bis vor Kurzem selten miteinander zu tun gehabt, da sie in einer anderen Abteilung arbeitete. Das hatte sich vor rund drei Monaten geändert, da sie überraschend an die Lektoratsfront versetzt worden war. Eine Beförderung, die sie von einem Tag zum anderen zur persönlichen Assistentin des Cheflektors gemacht hatte. Natürlich hatte sie sofort zugesagt. Warren Lee, halb Amerikaner, halb Japaner, war ein Urgestein des Verlags. Er war es gewesen, der ihren Vater entdeckt hatte. Für ihn zu arbeiten, machte ihr durchaus mehr Spaß, als in der Marketingabteilung zu sitzen. Insgeheim hatte sie immer auf diese Stelle gehofft. Es war allein interessant zu sehen, wie viele Manuskripte an einem einzigen Tag eintrudelten. Die meisten Autoren erhielten eine Absage. Sie selbst hatte noch nie etwas von sich angeboten. Bis jetzt war ja auch kein richtiger Roman dabei gewesen.

„Du träumst ja schon wieder. Erde an Audrey.“ Ihre Freundin wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. „Hab ich etwa ins Schwarze getroffen?“

Audrey verdrehte die Augen. „Vergiss es. Er ist nett, aber mehr ist da nicht. Außerdem hat er sicher schon eine Freundin.“

„Ich habe ihn erst dreimal gesehen, als ich dich abgeholt habe. Er ist echt der Hammer.“

„Dann tu dir keinen Zwang an.“

Grace schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich bin vergeben. So gut wie, jedenfalls.“

Das machte Audrey neugierig. „Hat Daniel endlich angebissen?“ Sie klatschte in die Hände wie ein euphorischer Teenager und lief rot an.

„Wir werden ausgehen.“

Daniel Chantler, Kurzvita: angehender Anwalt bei einer Kanzlei in der Nähe der Buchhandlung, liest gerne, Single, dreißig, blond, groß, schlank, graublaue Augen, trägt meist Anzug, sehr korrekt, aber äußerst charmant.

„Hast du ihn endlich gefragt? Nach, warte mal, wie vielen Anläufen?“

Grace winkte ab. „Nein, war nicht mehr nötig.“

„Warum?“

„Er hat gefragt. Wir sind ins Gespräch gekommen, da er neuen Lesestoff gesucht hat. Vor dem Schlafen und nach dem Fitnesstraining und Checken seiner Mails liest er immer noch eine Weile. Diesmal habe ich ihm Im Nebel der Intrigen empfohlen. Für meine gute Beratung will er mich morgen Abend zu einem Drink einladen. Süß, oder?“

„Süß!“

Grace atmete tief ein und starrte zur Decke, als wäre dort ein Porträt von ihm zu sehen. Sie war mehr als verknallt.

„Ich wünsche dir Glück.“

Grace nahm Audreys Hände, drückte sie und wisperte: „Danke schön.“ Dann seufzte sie theatralisch und kehrte langsam von ihrer Wolke zurück. „Du und Brian solltet auch mal etwas zusammen trinken gehen, einen Kaffee vielleicht. Vergiss Craig. Nicht jeder Typ ist so wie er. Ich hatte selbst schon ein paar Frösche.“

In der Zwischenzeit war ihre Pizza kalt geworden. Sie ließen sie einpacken und stießen noch einmal an.

„Brian und ich trinken jeden Tag zusammen Kaffee, wenn du willst. Nur jeder in seinem Büro. Wenn wir uns doch mal sehen, führen wir Smalltalk. Er ist ein ruhiger Typ.“

„Daniel ebenfalls. Ich denke, ich würde ihm guttun.“

„Ja, höchstwahrscheinlich würdest du seine Paragrafen vom Staub befreien.“

Grace lachte. „Stimmt, genau das braucht er. Ich habe es im Gefühl.“

Der Abend mit Grace hatte sie abgelenkt, obwohl am Ende wieder die Nachdenklichkeit zurückgekehrt war. Ihre Mutter war noch wach, als sie nach Hause kam. Erleichtert stellte Audrey fest, dass sie nicht getrunken hatte. Zumindest machte es nicht den Anschein. Sie strickte an einem weiß-blauen Schal. Eine Beschäftigungstherapie, die ihr die Psychologin ans Herz gelegt hatte.

Sobald Audrey das Zimmer betrat, sah ihre Mom auf und lächelte. „Na, wie war’s?“

„Ganz gut. Wenn du etwas essen möchtest, ich habe Pizza dabei.“

„Nein danke.“

Audrey ließ sich auf das graue Ecksofa neben ihrer Mutter nieder. „Sieht hübsch aus.“

„Danke. Es beruhigt mich. Und du kannst ihn im Winter tragen.“ Sie lächelte verhalten. „In einer Woche beginnt die Kur in der Health Clinic in Huntsville.“

„Es wird dir helfen.“

Ihre Mutter schluckte und nickte, ohne aufzusehen. Doch Audrey bemerkte, dass sie die Maschen enger strickte.

„Hast du Angst? Wegen … der Abgewöhnung?“, traute sich Audrey zu fragen.

Wie zu erwarten gewesen war, wollte ihre Mutter abwiegeln, hielt dann jedoch inne und nickte erneut. „Ich schäme mich dafür. Am meisten vor dir.“

Audrey ergriff ihre Hände.

Ihre Mutter blinzelte und lehnte den Kopf an Audreys Oberarm. „Dein Vater wäre enttäuscht von mir. Aber der Alkohol hat mir geholfen, den Schmerz zumindest für eine kurze Zeit zu betäuben, wenn ich geglaubt habe, es nicht mehr auszuhalten. Du bist anders. Stärker. Wie er. Aber ich weiß, dass ich das wieder werden will.“

„Dad hätte es verstanden, ich tue es ebenso. Es ist nur der falsche Weg. Und das siehst du ja nun ein. Das ist der erste Schritt. Ich bin stolz auf dich, Mom.“

„Danke, Schatz. Weißt du, als dein Vater gestorben ist, da ist auch ein großer Teil von mir gestorben. Der andere muss und will für dich da sein. Ich möchte keine Versagerin sein. So eine Mutter hast du nicht verdient.“

„Für mich bist du die beste Mom auf der ganzen Welt. Wir schaffen das. Gemeinsam. Ich könnte mitkommen.“

„Nein. Das muss ich allein schaffen. Ich vertraue da meiner Psychologin völlig. Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit dir nach meiner sogenannten Neugeburt wird mir ans Ziel helfen. Dein Vater hat dich so geliebt. Ich würde alles dafür tun, wenn ich nur noch eine Minute mit ihm erleben dürfte. Nur wir drei.“

Ihr entfuhr ein Schluchzen, und Audrey drückte sie fest an sich. Lange saßen sie einfach nur so da und hielten sich gegenseitig fest.

„Dafür würde ich auch alles tun“, flüsterte Audrey irgendwann.

Brian

Mit dem linken Fuß aufgestanden und über selbigen gestolpert, hinkte Audrey Montagfrüh gerade rechtzeitig in ihr neues Büro und legte ihren Rucksack ab. Durch die Glasfront vor sich konnte sie direkt in das Büro des Cheflektors Warren Lee blicken, dem Brian und seine Kolleginnen und Kollegen unterstellt waren. Er hob eine Hand zum Gruß und lächelte. Eliza Adams, seine vorherige Assistentin, hatte aus persönlichen Gründen gekündigt. Welche das waren, darüber wurde viel spekuliert. Dass es mit Lee zusammenhing, konnte Audrey nicht glauben. Soweit sie ihn kannte, war er ein ruhiger, netter Chef. Jeder im Haus mochte ihn. Und selbst Eliza hatte sich angeblich mit einer Umarmung von ihm verabschiedet. Dass man allerdings gerade sie, Audrey, intern als Ersatz vorgeschlagen hatte, damit hätte sie niemals gerechnet. Dennoch spürte sie seitdem eine gewisse Zurückhaltung, die ihr ein paar Mitarbeiter des Hauses entgegenbrachten. Sie konnte sich schon denken, was getuschelt wurde, versuchte jedoch, es zu ignorieren.

Als sie aus dem Haus gegangen war, hatte ihre Mutter noch geschlafen. Sie strich über das gerahmte Foto neben ihrem Computerbildschirm, das ihre Mom und ihren Vater zeigte, und war froh, dass sie sich ausgesprochen hatten. Nachdem sie die morgendlichen Aufgaben erledigt hatte, lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück. Sollte sie in der Pause tatsächlich zu Winton Folder gehen und ihn wegen des Exposés zu Die Bloom-Affäre fragen?

Die große Fensterfront zeigte auf die Skyline von Indianapolis mit seinen vielen Hochhäusern, Parks und dem White River. Das Büro selbst war, wie die meisten Räume des Verlags, die sich auf drei Stockwerke verteilten, in Schwarz-Weiß gehalten, wobei schwarze Möbel dominierten. Grünpflanzen in Töpfen hier und da sowie Fotos und Auszeichnungen an den Wänden verliehen dem Interieur eine persönliche Note. Ganz anders als sein Bruder mochte es Winton gediegener, schlichter und stilvoll. Audrey hatte ihrem Büro inzwischen eine persönliche Note verliehen, indem sie neben dem Foto violett blühende Orchideen auf den Schreibtisch gestellt hatte, wo sie nicht störten. Außerdem saß Bubbles, ihr Plüschkänguru, auf dem Fenstersims. Ein Mitbringsel ihres Vaters aus Australien, wo er für einen Thriller recherchiert hatte.

Audreys innere Stimme brachte sie zu einem Entschluss: Und ob du zu ihm gehen und ihn fragen solltest. Gleich in der Mittagspause!

Sie nahm ihren Rucksack und suchte nach dem Notizbuch, fand es jedoch nicht, sondern nur ihr eigenes.

Tatsächlich verspürte sie in den letzten Tagen immer häufiger den Drang zu schreiben. Ideen hatte sie genug. Aus einem Impuls heraus hatte sie begonnen, erst einmal die Geschichte, die ihr am meisten am Herzen lag, in Stichpunkten in das blaue Buch zu schreiben. Es war ein Geschenk ihres Vaters. In den Einband hatte er in weißer Schrift Für kreative Gedanken einprägen lassen. Sie legte es auf den Schreibtisch und kramte weiter. Nichts. Ihr schwante es. Sie hatte das Ideenbüchlein zwar aus dem Zimmer ihres Vaters geschmuggelt, es aber dann in der Eile auf ihrem Bett liegen lassen.

„So ein Mist“, schimpfte sie und legte den Rucksack schwungvoll an seinen Platz zurück.

„Auch einen wunderschönen guten Morgen. Was ist los, Miss Richards?“

Hektisch sah sie auf, direkt in das Gesicht von Brian Gomery, der ihr ein Lächeln schenkte, mit dem seine grünblauen Augen um die Wette strahlten.

Bei Gott, er sieht wirklich aus wie Garrett Paiden. „Guten Morgen. Hab nur was vergessen.“

„Ärgerlich. Hoffe, es ist nicht lebensnotwendig.“

„Na ja … Nein, ich denke nicht“, plapperte sie.

Gomery balancierte einen Stapel Manuskripte auf den Armen und nickte Richtung Glasfront, hinter der Lee gerade telefonierte. „Ich müsste zu ihm. Dringend! Da sind ein paar Schätze darunter, denke ich.“

„Schön. Sobald er das Gespräch beendet hat, frage ich, ob er Zeit hat.“

Warren Lee war zwar nett, doch er mochte es nicht, wenn jemand unangemeldet bei ihm auftauchte.

Gomery nickte. „Danke.“

„Ich mache nur meinen Job.“

Er lächelte, und sie bemerkte, dass er sie weiter anstarrte. Als sie zurückstarrte, schaute er sich um. „Schönes Büro.“

Seine Aufmerksamkeit streifte das Foto ihrer Eltern und zu guter Letzt Bubbles, ihr Glückskänguru. Der Ausdruck in seinen Augen war dabei so merkwürdig, dass sie lachen musste. Erst schien er irritiert, stimmte jedoch mit ein.

„Schreiben Sie auch?“, fragte er und deutete auf ihr Notizbuch. Neugierig war er ja überhaupt nicht.

Audrey stellte sich dumm. „Wie kommen Sie darauf?“

„Das Büchlein. Hat nicht jeder Autor oder Künstler so etwas? Und bei Ihnen liegt es ja nahe.“

Ah, er spielte darauf an, dass sie einen berühmten Vater hatte.

Räuspernd bat er um Entschuldigung, da sie schwieg und den Kopf senkte.

„Ich versuche es wieder“, sagte sie und schaute zu Warren, der nach wie vor telefonierte.

„Interessant.“

Diesmal lag etwas Grüblerisches in Gomerys Blick.

„Nun, wenn Sie mal eine objektive Meinung haben wollen, ich stelle mich gerne zur Verfügung.“ Er lächelte sogar wie Garrett.

Er machte sie verlegen. „Wer weiß, vielleicht komme ich darauf zurück. Die letzte Story, die ich geschrieben habe, liegt schon länger zurück. Bis jetzt waren es immer nur Kurzgeschichten. Aber nun habe ich eine Idee, die für einen Roman taugt.“

„Dann wünsche ich Ihnen frohes Schaffen. Darf ich erfahren, um welches Genre es sich handelt?“

„Thriller mit Romance.“

Ihre Blicke hielten aneinander fest. Audrey hatte Brian Gomery nie zuvor so intensiv angeschaut. Sie musste zugeben, dass er ihr aus der Nähe noch besser gefiel. Es waren vor allem diese Augen. Sie besaßen etwas Magisches.

„Oh, Mister Lee hat aufgelegt.“ Schon griff sie nach dem Telefonhörer und kündigte Gomery an, nachdem ihr Chef abgehoben hatte.

„Er soll reinkommen. Danke, Miss Richards.“

„In Ordnung, Mister Lee.“

Sie legte auf und winkte Gomery durch.

„Warum so förmlich? Nenn mich einfach Brian.“ Er zwinkerte ihr zu.

Was auch immer das zu bedeuten hatte, irgendwie brachte es sie zum Schmunzeln. „Okay.“

„Schön.“

Von hinten machte Brian ebenfalls eine gute Figur. Er trug schwarze Stoffhosen, die seinen knackigen Po zur Geltung brachten. Dazu ein hellblaues Hemd und schwarze Sneakers. Grace würde es einen lässig eleganten Stil nennen. Während des Gesprächs, das er mit Warren Lee führte, ertappte sich Audrey mehrfach dabei, Brian durch die Glasfront zu beobachten. Einmal trafen sich ihre Blicke, sodass sie schnell wegsah.

„Mist“, fluchte sie leise und zwang sich, sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Als Brian zurückkehrte, wirkte er angespannt. Seine gute Laune war verflogen.

„Ignorant“, murmelte er und schüttelte den Kopf.

Audrey verkniff sich, ihn zu fragen, was los war, da er ihr nur flüchtig einen schönen Tag wünschte und schnurstracks auf die Tür zusteuerte.

In der Mittagspause verließ sie das Gebäude, um im gegenüberliegenden Café einen Cappuccino zu trinken. Winton Folder war sowieso außer Haus und würde erst gegen Abend zurückkommen. Also konnte sie ihn erst dann auf das Exposé ansprechen. Bevor sie gegangen war, hatte Lee ihr die Manuskripte, die Brian ihm gegeben hatte, zurückgereicht, mit der Bitte, den Autoren die übliche Standardabsage zu schicken. Nur selten diktierte er etwas dazu.

Audrey liebte das Interieur des Seven im hippen Siebzigerjahrestil. Knallig bunte Farben und runde Kreise, die in einem kräftigen Orangeton gehalten waren, zierten die Wände. Die rotbraunen Sitzpolster der Bänke waren aus Cordsamt, die grünen Tische aus Kunststoff. Darunter lagen runde braungelbe Flokatis. Lavalampen und weiße Orchideen rundeten die Einrichtung ab.

Audrey versuchte, ein wenig abzuschalten, und kramte ihr Notizbuch hervor, um ein paar Stichpunkte zu ihrem Romanversuch hinzuzufügen. Das Kribbeln in den Fingern war ein gutes Zeichen. Das hatte auch ihr Vater immer gesagt.

„Die Wörter wollen fließen. Lassen wir sie raus“, hatte er erklärt.

Sie hätte es nicht mehr für möglich gehalten, dass dieses Gefühl irgendwann zu ihr zurückkehren würde. Das blaue Büchlein schien ihr zustimmend zuzulächeln. Als sie mit ihren Eintragungen fertig war, las sie sie durch und war mehr als zufrieden damit. Nach der Arbeit würde sie vielleicht schon den Anfang wagen.

Erneut kribbelten ihre Finger. „Ja, schon gut. Nicht nur vielleicht. Ich werde es tun“, sagte sie zu sich selbst und nippte an ihrem Cappuccino.

„Mit wem redest du?“

Erschrocken sah Audrey auf. Brian stand neben ihrem Tisch und lächelte ihr zu. Sie hatte ihn nicht kommen sehen, so versunken war sie gewesen.

„Ach n-nichts“, stotterte sie verlegen.

Brian zeigte auf den freien Platz an ihrem Tisch. „Darf ich?“

„Ja, wieso nicht?“

Er hatte sich ebenfalls einen Cappuccino bestellt, den er vorsichtig vor sich abstellte, bevor er sich auf der Bank niederließ.

„Bist du öfter hier?“, fragte er.

„Ja, es ist toll.“

Brian nickte. „Ja, nicht schlecht. Ich muss gestehen, dass ich erst das dritte Mal hier bin in all der Zeit, seit ich für den Verlag arbeite. Schade, dass ich deinen Vater nicht mehr persönlich kennengelernt habe.“

„Ja, schade“, erwiderte Audrey. Die Gedanken an Hartmans Roman und die Vergangenheit kehrten mit aller Macht zurück.

Brian bemerkte ihren Rückzug. „Tut mir leid. Das ist mir so herausgerutscht.“

„Nein, nein. Schon okay. Es macht mich nur immer traurig, wenn ich daran denke … Ich meine, er hätte noch so viel Zeit gehabt.“

„Ja, das Leben ist oft nicht fair.“

Sie nickte. Brians mitfühlender Blick entging ihr nicht.

„Und er hätte sicher noch so viele tolle Romane geschrieben. Bestimmt war er ein klasse Mensch“, fügte er hinzu.

„Allerdings, das war er. Es sollte mich nicht traurig stimmen, wenn jemand von ihm spricht. Das hätte er nicht gewollt. Er war ein so lebensbejahender Mensch. Und ein guter Dad. Er wollte immer, dass wir glücklich sind.“

„Wir?“

„Mom und ich.“

„Verstehe. Also bist du nicht sauer auf mich? Ich glaube, ich habe da so ein blödes Talent.“

Sie musterte ihn. „Und was ist das?“

„Ich trete gerne in Fettnäpfchen.“

Sie lächelte. „Oh, das kenne ich.“

„Ehrlich? Dann haben wir ja schon zwei Gemeinsamkeiten. Wir arbeiten im selben Laden und sind beide Fettnäpfchentreter.“

Audrey musste lachen, und Brian stimmte mit ein. Irgendwie seltsam, dass sie sich in seiner Nähe so fühlte, als würde sie ihn schon länger kennen und nicht nur vom Sehen.

„Darf ich noch einmal neugierig sein?“, fragte er.

Audrey spitzte die Lippen. „Kommt darauf an.“

„Welche Hobbys hast du außer dem Schreiben, von dem ich hoffentlich bald eine Leseprobe bekomme? Glaub nicht, dass ich das vergessen werde.“ Er stieß mit seiner Tasse gegen ihre, als würden sie keinen Cappuccino, sondern Bier trinken, und nahm einen großen Schluck. Milchschaum blieb an seiner Oberlippe hängen.

Ein süßer und frecher Fettnäpfchentreter.

„Meine sonstigen Hobbys? Nichts Ungewöhnliches. Lesen, Rollerblades fahren, Kino, spazieren gehen.“

„Lesen? Was liest du denn gerade?“

„Im Moment nichts. Ich habe vor, Gene Hartmans Im Nebel der Intrigen zu lesen. Kennst du es oder den mysteriösen Autor?“ Neugierig wartete Audrey auf seine Antwort. Hartman schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken.

„Er schreibt ganz gut. Ja, den Roman kenne ich. Aber er ist wohl ein Wichtigtuer, weil er seine Identität nicht preisgibt. Am Ende steckt ein glatzköpfiger Gartenzwerg dahinter.“

Audrey konnte nicht darüber lachen.

„War also nicht witzig, okay“, murmelte Brian. „Ich sehe dich gerne lachen oder wenigstens lächeln. Ein Versuch war es wert.“

Nun lächelte sie tatsächlich und wurde gleichzeitig rot. Warum eigentlich?

„Rollerblades fahren, sieh an. Ich glaube, da haben wir noch eine Gemeinsamkeit entdeckt. Darf ich dich mal zu einer Fahrt einladen?“, fügte er schnell hinzu.

Sie überlegte. Was sollte schon dagegen sprechen? Brian gefiel ihr, nicht nur äußerlich. Und vielleicht würden sie beide Freunde werden. Anders als ihre Mutter und Grace glaubte sie daran, dass Männlein und Weiblein durchaus für eine reine Freundschaftsbeziehung gemacht waren.

„Okay, abgemacht“, antwortete sie.

„Wann?“

„Freitagabend? Ich liebe Freitagabende. Da steht das Wochenende vor der Tür, man ist entspannter.“

„Stimmt. Dann Freitag. Gibt es eine schöne Strecke in Fayes?“

Er wollte sie also zu Hause abholen. Sie zögerte.

„Bedenken? Wir können uns auch in einem Park treffen. Aber ich schwöre, ich bin kein Serienmörder.“

„Na, dann bin ich ja beruhigt.“

Irgendwie war sie neugierig darauf, ihn näher kennenzulernen.

„Es gibt da eine hübsche Allee, die zu einem See führt.“

„Klingt gut. Ich darf dich also zu Hause abholen? Sagen wir, um sieben Uhr abends?“

„Okay, Brian.“

 

***

 

„Du hast tatsächlich ein Date mit dem Doppelgänger von Garrett Paiden? Das ging ja schnell. Obwohl, wenn man bedenkt, wie lange ihr schon in einem Verlag arbeitet. Aber ich freue mich“, flötete Grace durchs Telefon.

Warren Lee war zu einer Besprechung im Konferenzraum, sodass Audrey die Gunst der Stunde nutzte, um Grace viel Glück für ihr bevorstehendes Date mit Daniel zu wünschen und ihr die Neuigkeiten mitzuteilen.

„Ich kann es selbst kaum glauben, doch er ist wirklich – interessant.“

„Vielleicht wird es ja was mit euch.“

Audrey verdrehte die Augen. „Es ist erst ein Date.“

„Und schon einmal ein Anfang. Wie bei Daniel und mir. Hoffentlich wird es ein guter Anfang. Ich zittere schon.“

„Du?“

Grace war sonst die Coolness in Person. In Herzensangelegenheiten erreichte wohl offensichtlich auch sie den Schmelzpunkt.

„Was anderes. Hast du schon mit Folder gesprochen? Wegen des Exposés?“

Ein Blick auf die Uhr verriet Audrey, dass ihr Chef wahrscheinlich schon da war. „Ich mach mich gleich auf den Weg zu ihm.“

„Ruf mich später auf jeden Fall noch mal an. Ich will wissen, was er gesagt hat.“

„Das hättest du nicht extra zu erwähnen brauchen. Aber klar, ich ruf dich später noch mal an.“

Winton Folder saß tatsächlich in seinem Büro und wirkte trotz des geschäftlich ereignisreichen Tages ruhig und gelassen. Seine persönliche Sekretärin war bereits gegangen, weshalb Audrey an die milchige Glastür klopfte und mit pochendem Herzen auf ein Zeichen wartete. Zwei, drei Sekunden vernahm sie nichts, dann endlich erklang ein erstauntes „Ja, bitte?“.

Langsam öffnete Audrey die Tür und spähte durch den Spalt.

„Audrey, was verschafft mir die Ehre?“

Ein Lächeln legte sich auf das straffe Gesicht des Fünfundsechzigjährigen, der noch lange nicht an Ruhestand dachte, zumal sein Sohn nicht bereit war, die Nachfolge anzutreten. Wie es hieß, ließ sich Winton Folder Botox gegen die Falten spritzen und trieb regelmäßig Sport, um seiner langjährigen Frau weiterhin imponieren zu können. Sie war zehn Jahre jünger als er. Audrey wusste, dass ihr Vater Folder geschätzt hatte. „Winton hat das Herz am rechten Fleck“, hatte er einmal gesagt. „Manchmal ist er ein bisschen durchgeknallt. Aber ehrlich, sind wir das nicht alle? Die meisten verstecken es nur.“

Die beiden waren so etwas wie Freunde gewesen.

„Haben Sie eine Minute für mich?“, fragte Audrey und lächelte hoffnungsvoll.

Schon winkte er sie herein. „Für die Tochter meines besten Autors immer.“

Audrey trat an seinen massiven Schreibtisch.

„Nimm doch Platz.“ Folder deutete auf einen der schwarzen Ledersessel. Ein künstlicher Brunnen in der Nähe der Fensterfront sorgte mit seinem Plätschern für Entspannung.

Sobald sie saß, fragte Folder sie lächelnd: „Was kann ich für dich tun, Audrey?“

Sie räusperte sich. „Es geht um meinen Vater.“

Folder zog die Augenbrauen nach oben und faltete die Hände auf der Tischplatte. „Monty.“ Er schluckte. Seine grauen Augen nahmen einen bitteren Ausdruck an. „Er fehlt. Wirklich. War ein toller Kerl. Möchtest du über ihn reden?“

„Vielmehr geht es mir um eine Geschichte.“

Verdammt, sie hätte die Notizen nicht vergessen dürfen. Aber nun musste es auch so gehen. Nur, wie sollte sie am besten anfangen?

„Kennen Sie den neuen Roman von Gene Hartman, Sir?“

„Natürlich. Es ist in aller Munde. Ich wünschte, wir hätten es verlegen dürfen. Aber es wurde uns nicht einmal angeboten. Ich kann mir vorstellen, warum.“

Dachte er, sein Bruder steckte dahinter?

„Haben Sie es gelesen?“, fragte Audrey weiter.

Folder stutzte und schürzte die Lippen. „Ja, warum?“

„Wissen Sie, wer dieser Gene Hartman in Wirklichkeit ist?“

Jetzt lachte er. „Nein! Das weiß nicht einmal mein Bruder. Das habe ich aus sicherer Quelle erfahren. Es wurde ein Vertrag über einen Agenten ausgehandelt, der ebenfalls mysteriös ist. Doch mein Bruder hat zugeschlagen. Der Schreibstil, die Idee, klasse. Erinnert mich an deinen Vater, wenn ich ehrlich bin. Und die Leute lechzen nach wie vor nach seinen Romanen.“

Seine Worte trafen Audrey wie ein Schlag in die Magengrube. „Wie mein Vater“, murmelte sie.

„Du wirst ja ganz bleich. Alles in Ordnung?“

Ohne auf seine Frage einzugehen, stellte sie diejenige, die ihr auf den Nägeln brannte, seit sie von Hartman und seinem Bestseller erfahren hatte. „Kommt Ihnen die Geschichte nicht bekannt vor?“

„Wie meinst du das? Dass ich sie vorher schon gehört habe? Es gibt Romanideen, die in diese Richtung gehen. Natürlich. Aber nein, diese Konstellation des Plots war mir völlig neu.“

Audrey nickte und versank wieder in Gedanken.

„Willst du mir nicht endlich sagen, weshalb du hier bist, Audrey?“

Seine Stimme wurde sanft, fast väterlich. Er spürte wohl, dass sie etwas bedrückte. Ihre Blicke trafen sich, und schließlich konnte sie nicht anders und erzählte ihm von ihrer Entdeckung. Die Stirn des Verlagschefs furchte sich immer tiefer.

Er rieb sich übers Kinn. „Verrückt. Das stimmt. Ein Exposé zu dieser Geschichte hat dein Vater nie eingereicht, soweit ich weiß. Ich frage aber noch einmal bei seinen beiden Lektoren nach. Vielleicht wissen die etwas, das an mir vorbeigegangen ist.“

„Es könnte doch sein, dass dieser Hartman die Story gestohlen hat.“

Folder atmete tief durch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Bedächtig schüttelte er den Kopf. „Ein paar Stichpunkte, mehr hast du nicht. Es kann Zufall sein. Damit lässt sich nichts beweisen. Ein handfestes Exposé mit fünfzig Seiten Leseprobe, das wäre schon etwas anderes.“

„Die Notizen sagen so viel aus. Darf ich sie Ihnen morgen zeigen?“

Er nickte. „Ja sicher.“

Sie merkte, dass er einen Blick auf seine Uhr warf. Höchstwahrscheinlich wartete seine Frau bereits mit dem Abendessen auf ihn.

Wenigstens war das Thema noch nicht ganz abgehakt. „Danke fürs Zuhören und die Recherche.“

Gleichzeitig erhoben sie sich.

„Kein Problem. Merkwürdig ist es ja in der Tat.“ Folder kam um den Schreibtisch herum und legte einen Arm um sie. „Wir alle hier vermissen deinen Vater. Richte deiner Mutter liebe Grüße aus. Morgen reden wir weiter.“

Er brachte sie zur Tür und schenkte ihr ein Lächeln zum Abschied.

 

***

 

In der Nacht auf Donnerstag fand Audrey kaum Schlaf. Immer wieder wälzte sie sich von einer Seite zur anderen. Der Traum von der Hotellobby verfolgte sie. Auch diesmal endete er damit, dass sie aufwachte, nachdem die Bombe gezündet worden war. Tief atmend streckte sie die Beine aus dem Bett, stand auf, öffnete das Zimmerfenster und ließ den frischen Nachtwind die letzten Traumfetzen vertreiben.

„Dad, hilf mir, falls es da etwas gibt, das ich und die Welt wissen sollten“, flüsterte sie und blieb noch eine Weile stehen. Eine Gänsehaut überlief ihren Körper. Die Behörden hatten ihnen einen Seelsorger und eine Psychologin geschickt, die ihnen nach der schrecklichen Nachricht über die Explosion hatten helfen sollen. Wochenlang hatte sich Audrey, genau wie ihre Mutter, in einem Vakuum gefühlt, ausgeschlossen von der Welt.

Plötzlich spürte sie es wieder. Dieses Kribbeln in den Fingerkuppen. Sie hob die Hände und betrachtete sie, als könnte sie es sehen. Dann wanderte ihr Blick weiter zu ihrem Laptop. Der richtige Zeitpunkt war gekommen. Ihr Vater hatte immer gesagt, dass er sich ankündigen würde. Dabei waren Ort und Uhrzeit egal. Eigentlich! Audrey hatte vergessen, wie es sich anfühlte. Oder es war nie so intensiv gewesen. Kurzerhand warf sie den Laptop an und begann, die ersten Zeilen zu tippen. Es ging ganz leicht. Und – es fühlte sich gut an.

 

***

 

Eine Stunde vor Mittag suchte Audrey Winton Folder auf, dessen herbes Aftershave selbst im Vorzimmer seines Büros hing. Er hatte sie rufen lassen. Hoffentlich sah sie nicht mehr allzu müde aus. Sie hatte nahezu die ganze restliche Nacht damit verbracht, an ihrem Roman zu schreiben. Wie von selbst hatte sich ein Satz an den anderen gereiht.

Brian war sie seit dem Treffen im Café nicht mehr über den Weg gelaufen. Mit zwei frischen Tassen Kaffee betrat sie Folders Büro, nachdem seine Sekretärin grünes Licht gegeben hatte. Wie sie wusste, mochte der Verleger seinen Kaffee schwarz und nur lauwarm.

„Oh, vielen Dank. Wie aufmerksam, Audrey.“ Er bot ihr an sich zu setzen und prüfte den Knoten seiner weinroten Krawatte, die gut zu dem marineblauen Anzug mit dem weißen Hemd passte. Er war guter Laune, nippte an seinem Kaffee und nickte anerkennend. „Wie ich es mag. Oder ist das nur Zufall?“

„Kein Zufall.“

Er setzte sich und kam gleich zur Sache. „Also, ich habe mich bei den damals zuständigen Lektoren umgehört.“

Audrey glaubte, ihr Herzschlag würde für einen Moment aussetzen. Sie hatte schon geglaubt, er hätte es vergessen. „Und?“, rutschte es ihr heraus.

„Leider nichts.“

„Schade … Aber warten Sie.“ Sie zog das Notizbuch hervor, das sie beim Eintreten unter den Arm geklemmt hatte und schob es aufgeschlagen über den Tisch. „Rechte Seite.“

„Okay.“

Folder starrte eine gefühlte Ewigkeit darauf. Nervös rutschte Audrey hin und her und knetete ihre Hände.

„Und?“, fragte sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Folder schüttelte den Kopf und blickte endlich wieder auf. „Merkwürdig, ja. Aber was soll das beweisen? Es könnte Zufall sein. Nichts weiter. Man müsste schon den Autor selbst fragen.“

Audrey fixierte ihren Chef mit großen Augen, während sich ihre Gedanken überschlugen. Den Autor selbst fragen, durchfuhr es sie.

„Ich meine, ich könnte recherchieren lassen. Aber wenn mein Bruder davon Wind bekommen würde, dann würde er versuchen, mir einen Strick daraus zu drehen. Und am Ende ist es vielleicht wirklich nur heiße Luft.“ Er wand sich wie eine Schlange.

Audrey verstand. Er würde sich nicht weiter um die Sache kümmern.

„Doch wenn es kein Zufall ist, muss jemand den Inhalt dieses Büchleins kennen. Und Dad hat niemandem außer uns seine Ideen verraten. Da bin ich mir sicher. Oder er hat es jemandem erzählt und … Ich meine … Ich weiß auch nicht.“

Folder blinzelte und faltete die Hände, wie bei ihrem letzten Gespräch. „Es ist ärgerlich, wenn die Idee geklaut wurde. Wenn es so wäre, ja. Das zu beweisen, wird allerdings schwer mit nur ein paar Notizen, Audrey.“

„Er hat mir seine Idee erzählt. Ich …“

„Hast du den Roman überhaupt gelesen?“, wollte Folder wissen.

Audrey blinzelte. „Nein“, antwortete sie kleinlaut.

Er seufzte. „Dachte ich mir. Dann mach das erst einmal. Es gibt seltsame Zufälle, Audrey. Und falls es nicht so wäre, bräuchten wir mehr Beweise.“

Die er nicht zu liefern bereit war. Er wollte damit einfach nichts zu tun haben. Denn das würde bedeuten, dass er sich am Ende mit seinem Bruder würde auseinandersetzen müssen. Audrey konnte das verstehen. Sie musste es allein durchziehen.

Das Date

Vielleicht war es ganz gut, dass sich Grace meldete, während sie am Freitag auf Brian wartete. Ihre Mutter drückte ihr im Vorbeigehen eine Valium in die Hand und zwinkerte ihr zu. Audrey hatte ihr von Brian erzählt und dass er nur ein Arbeitskollege sei.

„Dennoch ist es so etwas wie ein Date.“ Darauf bestand Grace ebenfalls.

„Möglicherweise werden wir ja Freunde.“

„Oder mehr.“

„Jetzt hör schon auf, Grace.“

„Ich würde mich nur für dich freuen, wenn daraus mehr werden würde.“

„Im Moment beschäftigt mich anderes mehr“, rutschte es Audrey heraus.

„Ich weiß. Aber denk an dein Versprechen. Ich glaube, du interpretierst da zu viel hinein. Mir ist wieder etwas eingefallen. In einem der Buchhandlungszeitschriften stand ein Interview von Anastasia McDonalds, der Schnulzenqueen. Die erzählte, sie habe eine Buchidee aufgeben müssen, da sie festgestellt habe, dass es sie schon gebe. Sogar die Städte, in denen sie den Plot angesiedelt hat, stimmten mit dem Roman überein, der bereits veröffentlicht war. Die Welt ist nun mal verrückt.“

Etwas Ähnliches war Audrey schon zu Ohren gekommen. Dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, dass an der Sache etwas gehörig nicht stimmte.

„Wahrscheinlich hast du recht und es steckt nichts weiter dahinter als ein irrer Zufall. Meinte Folder auch“, spielte sie die Angelegenheit vor ihrer Freundin herunter. Sie wollte sie nicht weiter damit nerven. Es war ihr Sache.

„Hast du deiner Mutter schon davon erzählt, Audrey?“

„Nein, ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht. Wie du.“

„Ja, mach ich. Ich weiß ja, wie sehr du dir deinen Dad zurückwünschst. Gedankenknuddler.“

„Gebe ich gerne zurück. Ich muss jetzt Schluss machen, Grace. Wir hören uns bald wieder.“

„Und sehen uns hoffentlich.“

Bewaffnet mit ihren schneeweißen Rollerblades öffnete Audrey wenig später die Tür. Brian stand in schickem weißem Sportzeug vor ihr. Die kurze Hose, die weißen Turnschuhe und das ärmellose, eng anliegende Shirt brachten nicht nur seine gebräunte Haut zur Geltung, sondern auch seine Muskeln. Seine schwarzen Blades hatte er neben sich geparkt. In den Händen hielt er eine rote Papiertüte. Obwohl er lächelte, war er verkrampft. Doch da war er nicht allein.

„Guten Abend, Miss Richards.“

Wurde sie etwa rot? Ja, verdammt.

„Guten Abend, Mister Gomery.“

„Das ist für dich“, sagte er und reichte ihr die Tüte.

„Für mich?“

„Ich hoffe, du magst Überraschungen.“

Verlegen nahm Audrey das Geschenk entgegen und warf einen Blick hinein. Höhnisch lächelte ihr das Buch von Gene Hartman entgegen.

Sie schluckte. „Das ist tatsächlich eine Überraschung.“

Brian runzelte die Stirn. „Nicht gut?“

„Doch, doch.“

„Oder hast du es inzwischen schon?“

„Nein. Ich … Wow, danke. Ich muss es unbedingt lesen. Und ich steh jetzt mit leeren Händen da. Willst du reinkommen. Etwas trinken?“

Er überlegte kurz, dann stimmte er zu. Audrey ging voraus und hielt vor der offenen Wohnzimmertür inne.

„Darf ich dir meine Mom vorstellen?“, fragte sie Brian.

„Gerne“, antwortete er prompt.

Ihre Mutter erhob sich von der Eckcouch, auf der sie es sich mit ihrem Strickzeug bequem gemacht hatte, und reichte Brian lächelnd die Hand. Der wirkte plötzlich ein wenig steif.

„Das ist Brian Gomery, mein Arbeitskollege“, sagte Audrey, wobei sie das letzte Worte betonte. „Und das ist meine Mom.“

„Freut mich, Ma’am.“

Ihre Mutter lachte und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „O nein, das klingt, als wäre ich schon uralt. Nennen Sie mich Lauren.“

Brian wurde lockerer. „Dann von vorne. Freut mich, Lauren. Ich bin Brian.“

„Freut mich, Brian.“ Es war nicht zu übersehen, dass ihre Mutter ihn sympathisch fand. „Dann wünsche ich euch beiden viel Spaß. Was auch immer ihr vorhabt.“ Sie lachte.

Brian stimmte ein. „Werden wir sicher haben.“

Er sah sich in dem hellen, geräumigen Wohnzimmer um. Ihre Eltern liebten weite Räume und Pastellfarben. Etwas, das Audrey teilte.

„Was wir vorhaben, habe ich dir doch erzählt“, sagte Audrey und zog die Brauen hoch, um ihre Mutter so von weiteren zweideutigen Andeutungen abzuhalten. Hatte sie etwa wieder getrunken? Dann war sie meist redseliger. Oder lag es an Brian?

Ihre Mutter küsste sie auf die Wange. „Sei nicht streng. Sonst vergraulst du ihn noch.“ Wieder lachte sie.

Audrey fasste es nicht. Ihre Mutter war tatsächlich wieder dem Alkohol verfallen. Nun, da sie ihr intensiver in die Augen sah, bemerkte sie den verräterischen glasigen Ausdruck darin.

„Ich werde mich hinlegen. Bin müde“, raunte ihre Mutter Brian zu. „Seid leise, wenn ihr schlafen geht.“

Das reichte. Audrey hakte sich bei ihr unter und führte sie zur Tür. „Ich bringe dich ins Bett.“

„Nein, das kann ich allein. Lass Brian nicht warten.“ Sie wandte sich zu ihm um. „Entschuldige, Brian. Seit dem Tod ihres Vaters behandelt sie mich manchmal wie ein Kleinkind.“

Audrey konnte Brians Reaktion nicht sehen und zog ihre Mutter hinaus.

„Tut mir leid.“, murmelte sie.

Nachdem Audrey sie ins Bett gebracht hatte und sich sicher war, dass sie schlief, kehrte sie zu Brian zurück, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte.

„Sie schläft“, berichtete Audrey.

Sie sah ihm an, dass er nicht wusste, was er sagen sollte, also nickte er nur.

„Seit dem Tod meines Vaters geht es ihr nicht sonderlich. Ich hoffe, die Kur wird sie auf andere Gedanken bringen. Wenn ich es schon nicht schaffe.“

Er berührte sie sanft am Oberarm und sah sie mitfühlend an „Du gibst dein Bestes. Das habe ich bei meinem Dad auch versucht, nachdem meine Mutter an Krebs gestorben ist.“

Wie traurig! „Oh, das tut mir leid.“

Er senkte den Blick. „Er wollte meine Hilfe nicht, reist seitdem durch die Welt und verkriecht sich in seine Arbeit als Luxusimmobilienhai.“

Die Wut und Wehmut in seiner Stimme waren nicht zu überhören. „Deine Mutter braucht dich. Das habe ich ihr gleich angesehen. Eine freundliche Frau.“

„Ja, das ist sie. Gehen wir? Ich muss an die frische Luft.“

Er bot ihr seinen Arm an. „Darf ich bitten?“

„Aber gerne.“

Bevor sie sich in Bewegung setzten, erregte die aufgeschlagene Zeitung auf der Couch Audreys Aufmerksamkeit. Ihre Mutter musste sie gelesen haben. Ihr Blick blieb an einem Artikel hängen. Sie löste sich von Brian und nahm das Blatt an sich. Ihr Herz überschlug sich, während sie las.

In den Fußstapfen eines Genies – Gene Hartman wird bereits nach Erscheinen seines ersten Romans als Nachfolger des verstorbenen Monty Richards gefeiert. Sein Debüt schlug sofort ein wie eine Bombe. Exzellent geschrieben, bis ins kleinste Detail durchdacht, spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Die Leserschaft freut sich bereits auf Nachschub. Vielleicht lässt uns der Autor doch noch hinter die Kulissen blicken. Es ist nur bekannt, dass es ein Mann ist. Ein neuer Stern scheint am Thrillerhimmel aufgegangen zu sein.

Audrey ließ die Zeitung sinken. Sie hatte genug gelesen.

Brian hatte zu ihr aufgeschlossen. „Darf ich mal sehen?“

Sie nickte und konnte sich vorstellen, wie sich ihre Mutter fühlte. Es Schwarz auf Weiß zu lesen, dass ihr geliebter Mann langsam, aber sicher in Vergessenheit geriet. Solche Dinge machten seinen Tod umso endgültiger. Schweigend ging sie Brian voraus nach draußen. Ein Blick genügte und sie verzichteten in stillem Einvernehmen auf die Rollerblades. Schweigend liefen sie nebeneinander, vorbei an den weiß gestrichenen Häusern mit den Veranden in ihrer Straße und den gepflegten Gärten zu beiden Seiten. Am südlichen Ende blieben sie an einer Abzweigung stehen.

Audrey spürte Brians Blick auf sich. „Tut mir leid, dass die Stimmung gedrückt ist.“

„Du musst dich nicht entschuldigen.“

„Ich glaube, ich kann es immer noch nicht akzeptieren.“ Sie hob den Kopf und sah Brian an. „Dass er tot ist, meine ich. Ein Teil in mir will glauben, dass er lebt. Mom sagt es zwar nie, aber ich glaube, sie denkt genauso. Vielleicht hat er sein Gedächtnis verloren. Oder er wurde verschleppt.“

„Glaubst du das wirklich?“ Brian musterte sie. „Na ja, die Welt ist voller Verrückter. Möglich ist alles.“

„Eines steht fest: Ich werde jedem Funken Hoffnung nachgehen. Schon allein wegen Mom. Sie vermisst ihn schrecklich, ist krank darüber geworden. Ich bin ihr einziger Halt.“

Brian schluckte schwer. „Du bist eine starke Frau.“

Audrey lachte auf. „Nicht immer.“

„Und talentiert.“

„Das weißt du doch gar nicht.“

„Ich glaube daran. Du hast dieses Leuchten in den Augen, wenn es um Geschichten geht.“ Er lächelte, ohne den Blick von ihr zu wenden.

„Hast du eine Ahnung, wer dieser Gene Hartman sein könnte?“

Brian zuckte mit den Schultern. „Nein, absolut nicht.“

„Ich muss es herausfinden.“

„Wieso? Willst du ein Autogramm?“, fragte Brian.

„Nein, ich muss ihn etwas fragen. Etwas Wichtiges.“

„Hat es mit dem Funken Hoffnung zu tun?“

Audrey kaute auf der Unterlippe und überlegte. Sie mochte Brian, doch kannte sie ihn nicht gut genug, um zu wissen, ob sie ihm vertrauen konnte. „Vielleicht“, antwortete sie daher.

„Du bist also auch eine Geheimniskrämerin“, stellte er fest.

„Was hast du eigentlich für Hobbys außer dem Rollerbladen?“, versuchte sie, ihn abzulenken.

„Ich zeichne gerne mit Kreide.“ Er beugte sich zu ihr. „Aktmalerei.“

„Uh, sieh an. Und du findest immer wieder Models dafür, da bin ich mir sicher.“

„Nein, die brauche ich nicht.“

Kurz blieb ihr der Mund offen stehen.

Mit dem Zeigefinger tippte er sich gegen die Schläfe. „Alles da drin. In meiner Vorstellung sind die Frauen und Männer, die ich male, lebendiger als in Wirklichkeit.“

„Interessant. Und wie bist du gerade zu diesem Beruf gekommen? Da muss ja ein Bezug da sein, oder? Ich hoffe, ich bin nicht zu neugierig.“

„Neugierde ist eines meiner Laster.“

Sie hob eine Braue. „Die anderen interessieren mich ebenfalls.“

Er winkte ab. „O nein, ich schieße mich nicht selbst ins Aus.“

Das war interessant. „Wow, so viele also? Muss ich Angst haben?“

Er lachte. „Vor mir hatte noch niemand Angst. Und nein, es ist nichts Schlimmes. Fettnäpfchentretender, neugieriger, duschgieriger und ordnungsliebender Lektor. Das ist alles, glaube ich.“

„Ein Mann, der gerne duscht und Ordnung liebt, ist durchaus tragbar.“

Er atmete auf. „Gott sei Dank.“

Sie wechselten in eine Allee aus Laubbäumen.

„Ein Autor bin ich übrigens nicht. Als Single habe ich reichlich Zeit nach Feierabend. Meist zeichne ich oder fahre eine Runde Rollerblades, wenn es das Wetter zulässt. Manchmal lese ich an den Wochenenden.“

„Du wohnst also allein in Indianapolis?“ Er hatte keine Freundin. Dass ihr der Gedanke gefiel, machte ihr ein wenig Angst. Sie interessierte sich tatsächlich für ihn. Nicht nur als Kollege, sondern auch als Mann.

Brian ging dichter neben ihr, sodass sich ihre Oberarme manchmal berührten und in ihr kleine Stromschläge auslöste „Ja, ich bin gerade umgezogen, in eine eigene Wohnung. Liegt ganz oben, hat sogar einen Balkon. Die Aussicht ist phänomenal, besonders nachts.“

„Das kann ich mir vorstellen. Wo hast du denn vorher gewohnt?“

„Nicht wichtig. Die Loftwohnung ist genauso, wie ich mir mein Zuhause immer vorgestellt habe. Modern, großräumig. Ich zeige sie dir gerne mal. Wie wäre es, wenn ich dich zum Essen einlade? Sagen wir, morgen?“

Wow, das ging schnell. Hatte er etwa ein mehr als kollegiales Interesse an ihr? Ihr wurde warm ums Herz.

„Ich hoffe, das kommt nicht zu aufdringlich rüber“, fügte er hinzu, da sie nichts erwiderte.

Die Situation überforderte sie. Einerseits fühlte sie sich geschmeichelt, andererseits war sie noch nicht bereit für etwas Festes. Grace hätte sie sicher ausgelacht für diese Gedanken.

Audrey lächelte und schüttelte den Kopf. „Nächste Woche hätte ich mehr Zeit.“

„Ah, verstehe. Du willst an deinem Roman schreiben.“

„Das auch. Und ein Auge auf Mom haben. Mitte nächster Woche geht sie zur Kur. Danach bin ich entspannter, glaube ich. Weil ich weiß, dass sie dann in guten Händen ist. Aber ich werde sie so oft wie möglich besuchen.“

„Dann verschieben wir es auf nächste Woche. Ich freu mich schon.“

„Ich auch.“

„Hey, Audrey. Alles ganz entspannt sehen, okay?“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich versuche es zumindest.“

Sie lachten zusammen und bogen auf eine Wiese ab, an die ein Waldstück anschloss. „Dahinter liegt der See“, erklärte Audrey.

„Wie bist du zu dem Job gekommen?“, griff sie ihre Frage auf, nachdem sich ein paar Minuten Stille zwischen sie gelegt hatten.

„Meine Liebe zu Büchern war ausschlaggebend. Ich habe Literatur studiert, ein paar Praktika gemacht. Unter anderem in einem Verlag. Die Arbeit der Lektoren fand ich spannend. So viele Geschichten, die man lesen kann, Talente entdecken und dabei helfen dürfen, für manche Autoren einen Traum wahr werden zu lassen. Das ist meine Berufung.“ Seine Augen strahlten.

„Das hast du schön gesagt.“

„Mein Vater wollte, dass ich bei ihm in die Firma einsteige, sie später übernehme. Doch Immobilien sind nicht mein Ding. Das wird er mir wohl nie verzeihen. Für ihn bin ich ein Taugenichts. Aber ich komm gut klar, auch ohne ihn. Mit dem Job bei Booksline ging ein Traum in Erfüllung. Der kleine Verlag, in dem ich vorher gearbeitet habe, ist nicht damit zu vergleichen. Davon will Dad nichts hören.“ Brian kickte einen Ast zur Seite, der auf dem Weg lag.

„Jeder sollte das im Leben tun dürfen, wonach ihm der Sinn steht, und nicht nach den Wünschen eines anderen leben. Irgendwann wird er das einsehen. Jedenfalls wünsche ich es dir.“

Brian zuckte mit den Schultern. „Ist es noch weit?“

Sie merkte, dass er das Thema wechseln wollte. „Nein.“

Ein paar Schritte weiter tauchten sie in den Wald ein. Grillen zirpten, würziger Duft stieg aus dem feuchten Erdboden. Ein traumhafter Sommerabend. Kurz darauf erreichten sie die Lichtung und damit die Wiese mit dem See.

Audrey sah Brian von der Seite an. Ein Kribbeln breitete sich in ihrer Magengegend aus. Und als er sie anlächelte, wurde ihr schwindelig. Verdammt, er war genau ihr Typ.

„Wenn wir mit den Rollerblades gefahren wären, hätten wir auf dem geteerten Weg bleiben müssen“, sagte Audrey leise.

„Ach.“

Erst jetzt bemerkte sie, wie dumm und unpassend dieser Einwurf war. Brian brachte sie völlig durcheinander. Schnell starrte sie geradeaus.

„Ich wollte nur sagen, dass der Weg ebenfalls hierherführt. Er beschreibt ein langes U.“

„Die Abkürzung gefällt mir gut. Ich mag Frauen, mit denen man sich durchs Dickicht schlagen kann.“

Er lief weiter. Am Seeufer drehte er sich zu ihr um. „Du hast nicht zu viel versprochen. Es ist wunderschön hier.“

Audrey schloss zu ihm auf und setzte sich ins weiche Gras. Brian tat es ihr nach.

„Mein Vater hat die Stelle geliebt. Er hat hier gerne geschrieben.“

„Tatsächlich? Dann ist das ja sozusagen ein historischer Platz.“ Brian atmete die frische Luft tief ein und stützte sich auf die Unterarme. „Wie ist das bei dir? Wie kommst du zu einer Idee?“

Audrey legte sich rücklings ins Gras und blickte in den Abendhimmel. Ihre Hände ruhten auf ihrem Brustkorb. Das Herz hämmerte gegen ihre Rippen. „Die Ideen kommen eher zu mir.“ Sie spürte Brians Blick auf sich.

„Das musst du mir erklären.“

„Nun ja, oft fliegt mich eine Idee einfach an. Aus dem Nichts. Beim Hören eines Songs oder beim Spazierengehen. Dann notiere ich mir Stichpunkte, baue daraus ein Gerüst und schreibe es als Exposé nieder. Klingt wichtigtuerisch, denn ich habe bis jetzt ja nie einen richtigen Roman geschrieben, nur Kurzgeschichten.“

„Nur? In der Kürze liegt die Würze. Außerdem weiß ich, dass es nicht leicht ist, eine Kurzgeschichte zu schreiben und sie dennoch spannend und glaubwürdig zu halten. Hast du schon einen Titel für deinen Bestseller?“

Sie lachte auf und gab ihm einen spielerischen Stoß in die Rippen.

„He“, lachte er. „Also? Titel?“

Die Erben von Avalon.“

Brian schürzte die Lippen. „Wow, gefällt mir. Wovon handelt der Roman?“

„Das ist ein Geheimnis.“

„Du hast mir eine Leseprobe versprochen.“

„Ich weiß. Die bekommst du auch, wenn ich überarbeitet habe. Anders könnte ich es nicht. Das wurde mir beim Schreiben klar.“

Er wischte sich übers Gesicht. „Gott, ich hoffe nur, du bist nicht von der Sorte Autoren, die jahrelang an einem Roman arbeiten.“

Sie lachte leise. „Fettnäpfchen magst du wirklich, oder? Ich kann dich beruhigen, bin ich nicht.“

„Schön, dann werde ich es also noch erleben.“

Seine Direktheit war zwar gewöhnungsbedürftig, aber so wusste sie zumindest, woran sie war. „Na hoffentlich.“

Sie blieben eine Weile, bevor sie sich auf den Rückweg machten. Das Zwielicht, das durch die Baumkronen fiel, machte das Date noch aufregender.

„Ein wunderschönes Licht.“ Sie blieb neben einer Buche stehen.

Brian ließ den Blick wandern und verharrte auf ihrem Gesicht. „Wunderschön“, murmelte er.

Audrey musste schlucken und spürte, dass sich ihre Wangen erhitzten. Als sie den Kopf senkte, trat Brian dicht an sie heran. Unwillkürlich hielt sie den Atem an.

„Du steckst voller Geheimnisse, die du irgendwann in deine Geschichten einweben musst. Ich bin mir sicher, die Leute werden sie hören wollen“, sagte er leise.

„Meinst d-du?“, stammelte sie. Ihre Kehle fühlte sich plötzlich staubtrocken an.

Er nickte. Seine Mund öffnete sich leicht. Es passte kaum ein Blatt zwischen sie. Sie konnte seinen Atem spüren. „Lass es mich lesen. Schon eher. Bitte“, raunte er.

Das Kribbeln in ihr wurde zur Folter. „Ich weiß noch nicht.“

„Bitte“, wiederholte er und sah ihr tief in die Augen. Gott, sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er sie jetzt küsste. Und es war ihr egal, dass sie sich gerade erst richtig kennenlernten. Wie lange lag ihr letzter Kuss zurück?

„Wie ist deine Antwort?“, bohrte er nach, ein sinnliches Timbre in der Stimme.

„Ja, schon bald.“ Die Worte kamen ihr wie von selbst über die Lippen. Er streifte sie mit seinen und hauchte ihr einen Kuss auf den Mundwinkel, der sie elektrisierte. Dann wich er eine Armlänge zurück. „Danke, das bedeutet mir sehr viel.“

Ehrlich gesagt, war sie enttäuscht darüber, dass er sie nicht richtig geküsst hatte, andererseits bewunderte sie seine zurückhaltende Art. Irgendwie fühlte sie sich in ihre Teenagerzeit zurückversetzt. Er hatte recht. Es war schöner, wenn sie es langsam angehen ließen. Und eines stand fest: Brian Gomery brachte sie völlig durcheinander und ihre Grundsätze ins Wanken.

 

***

 

Noch lange lag Audrey nachts wach und dachte über Brian nach. Auch Gene Hartman und ihr Vater beschäftigten sie. Wenn ihre Gedanken drohten, aus dem Ruder zu laufen, schrieb sie an ihrem Roman weiter. Schlafen konnte sie nicht. Zum Glück war das bei ihrer Mutter anders. Als sie gleich nach ihrer Rückkehr nach ihr geschaut hatte, hatte sie gesehen, dass sie ruhig und fest eingemummelt in ihrem Bett lag.

Gegen drei Uhr morgens klappte Audrey den Laptop jedoch endgültig zu. „Genug für heute.“

Das nächste Kapitel war bereits geplant. Der Plot stand fest in seinem Fundament. Die Geschichte der Erben von Avalon handelte von zwei verfeindeten Familien, die an der Übernahme einer großen Firma interessiert waren. Eine junge Frau und ein junger Mann gerieten ins Kreuzfeuer des Streits, als sie sich verbotenerweise ineinander verliebten. Doch trotz aller Widrigkeiten hielten sie an ihrer Liebe fest. Audrey konnte nicht glauben, wie weit sie schon gekommen war. Fünfzig Normseiten waren nicht zu verachten und übertrafen ihre Kurzgeschichten um Längen.

Sie tappte nach unten in die Küche, holte sich ein Glas Wasser und nahm auf dem Rückweg Brians Geschenktüte und ihren Rucksack aus dem Flur mit. Wieder in ihrem Zimmer zog sie die Decke bis zum Bauchnabel und besah sich den Roman von Hartman, der auf ihrem Schoß ruhte. Langsam schlug sie das Buch auf und begann zu lesen. Die Geschichte sprang sofort mitten in die Handlung. Eine spannende Szene, in der sich der Leser gleich ein Bild von der Gefährlichkeit der Sekte und den politischen Kreisen machen konnte. Audrey ließ sich mitreißen. Verdammt, Hartman war wirklich gut. Dennoch kopierte er den Stil ihres Vaters an vielen Stellen regelrecht. Wut und Faszination wechselten sich ab. Audrey las bis in die Morgenstunden und schlief erst dann ein. Im Traum sah sie ihren Vater vor sich.

„Du bist wieder da. Bitte bleib!“

Sie streckte ihm eine Hand entgegen. Die Umgebung verschwamm. Ihr Vater blieb starr. Nur seine Pupillen wanderten hektisch hin und her, als wollte er ihr damit etwas sagen – und als hätte er Angst. Sie ergriff seine Hand, doch sofort entglitt sie ihr wieder.

„Dad, sag mir, was los ist“, flehte sie und versuchte, seine andere Hand zu fassen, griff aber ins Leere. „Dad!“, rief sie, während er an ihr vorbei in einem Tunnel verschwand. Sie wollte ihm folgen, kam jedoch nicht von der Stelle. Ihre Füße schienen einzementiert.

Als sie erwachte, sah sie in das bleiche Gesicht ihrer Mutter, die sich über sie beugte. Tageslicht fiel ins Zimmer. Hartmans Buch lag neben ihr. Sie konnte den kühlen Umschlag an ihren Fingern spüren.

„Mom?“

„Sch. Du hast geträumt.“

Audrey rieb sich die Augen und setzte sich auf. Ein paar Strähnen klebten ihr an der Stirn.

„Geht es dir gut, Mom?“, fragte sie.

Ihre Mutter nickte. „Ich mache mir mehr Sorgen um dich.“

Audrey konnte sehen, wie sie zum Roman schielte. „Nein, brauchst du nicht. Es war nur ein … dummer Traum.“

„Du kannst jederzeit mit Maisie Grey reden, Schatz.“

„Mit deiner Psychologin? Mom, nein. Ich komme klar. Es war nur …“

„Du hast den Namen deines Vaters geschrien. Es ist nicht das erste Mal“, unterbrach ihre Mutter sie mit ruhiger, aber bestimmter Stimme.

„Ich komme klar“, wiederholte Audrey.

Sie strich ihr über das feuchte Haar. „Ich wollte es dir nur noch einmal gesagt haben.“

„Ja, danke, Mom. Du meinst es nur gut.“

Ihre Mutter nickte. „Und du umgekehrt auch. Tut mir so leid wegen gestern. Das war peinlich und dumm. Ich weiß, dass ich etwas ändern muss. Möglicherweise ist diese Kur doch ganz gut.“

Es war das erste Mal, dass Audrey das aus dem Mund ihrer Mutter hörte. Und es machte sie glücklich. Sie kroch aus dem Bett und drückte ihre Mutter fest an sich. „Alles wird gut, Mom. Du wirst sehen. Wir schaffen das.“

„Ja, bestimmt. Wenn wir zusammenhalten. Wie früher. Das war deinem Dad immer ganz wichtig“, murmelte sie.

„Ja! Und das werden wir.“

„Brian … Ich meine, ich wollte dir das nicht vermiesen.“

Sie lösten sich voneinander.

„Hast du nicht“, versicherte Audrey und lächelte.

„Ist das Buch von ihm?“

„Ja, aber … Es ist unwichtig.“

„Deinem Vater war Konkurrenzdenken fremd, Schatz. Ich will nur nicht, dass man ihn vergisst. Seine wundervollen Geschichten. Nur weil er …“ Sie brach ab und unterdrückte ein Schluchzen.

Wieder nahm Audrey sie in die Arme. „In den Herzen der richtigen Menschen wird er immer weiterleben.“

Ihre Mutter nickte in ihre Schulter und ließ endlich die Tränen zu.

Erinnerungen

Brian und sie hatten ihre Handynummern ausgetauscht. Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen, als er ihr am nächsten Mittag eine Nachricht via WhatsApp sendete: Danke für den schönen Ausflug. Ich wünsche dir einen herrlichen Tag. P. S. Freu mich auf das erste Kapitel.

Kurzerhand antwortete sie: Dito. Liebe Grüße P. S. Kapitel in Überarbeitung für Exklusivbegutachtung.

Brians Erwiderung ließ nicht lange auf sich warten: Bin sehr gespannt. Liebe Grüße zurück.

Die virtuelle Rose hinter der Nachricht gefiel ihr. Zufrieden klappte sie den Laptop zu. Ein halbes neues Kapitel war geschrieben, das erste für Brian überarbeitet. Sie hoffte, es würde ihm tatsächlich gefallen. Schon jetzt war sie aufgeregt, was er dazu sagen würde. Schließlich war er vom Fach. Da auch an diesem Tag die Sonne auf Fayes herabschien, machte sich Audrey eine Himbeer-Zitronen-Limonade mit Eiswürfeln und Pfefferminzblättern und zog sich zusammen mit ihrer Mutter in den Garten unter einen der schattenspendenden Bäume zurück, unter dem sie eine roséfarbene Decke ausgebreitet hatten. Der Gärtner hatte den Rasen vor Kurzem gemäht und die Buchskugeln und Rosen geschnitten, sodass alles frisch roch. Wie nach einem Sommerregen. Audrey liebte diesen Duft und erinnerte sich, dass ihr Vater ihn ebenfalls gemocht hatte.

„Besser als Wodka oder Whisky.“ Ihre Mutter stieß mit ihr an. „Schön, dass du den Nachmittag mit mir verbringst.“

„Sehr gerne, Mom.“ Ihre Mutter war noch immer wie ausgewechselt und enthusiastisch, was Audrey freute, wenngleich sie Angst hatte, dass ihre Stimmung nicht lange anhalten würde.

„Aber bitte, ich will dich nicht von deinen Freunden abhalten. Grace und Brian.“

„Das tust du nicht. Ich bleibe lieber hier. Mit dir chillen, lesen, schreiben.“

„Schreibst du wieder eine Kurzgeschichte, oder versuchst du dich endlich an einem Roman?“ Ihre Augen funkelten vor Neugier.

„Einen Roman. Und es läuft ganz gut.“

Ihre Mutter drückte Audreys Hände. „Oh, das freut mich unheimlich. Ich darf ihn doch lesen, wenn er fertig ist.“

„Natürlich. Weißt du was, ich schicke dir für jeden Kurfortschritt ein überarbeitetes Kapitel.“

„Das klingt nach Erpressung“, bemerkte ihre Mutter und verzog die Mundwinkel. Dann aber lächelte sie. „Aber gut, abgemacht. Meine Güte, dein Dad hätte es kaum erwarten können, die ersten Zeilen zu lesen.“ Sie warf den Kopf in den Nacken. „Er hat mir so oft aus seinen Werken vorgelesen. Sein Blick hatte dabei einen ganz besonderen Ausdruck. Jede Geschichte war mit so viel Herzblut geschrieben.“

„Ja, Gefühl darf nicht fehlen.“

„Wenn man die Geschichte nicht fühlt, seine Protagonisten nicht kennt und versteht, braucht man erst gar nicht mit dem Schreiben anzufangen“, erklärte sie im Tonfall ihres Mannes.

„Das wäre reinste Zeitvergeudung und Folter für die Leser“, ergänzte Audrey.

Beide lachten.

Ihre Mutter seufzte. „Er hat seine Berufung sehr ernst genommen. Er war mein Held. Nicht nur, weil er göttlich schreiben konnte. Meine Güte, wenn ich an sein Gedicht denke …“

Audrey runzelte die Stirn. „Er hat Gedichte verfasst?“

Der Blick ihrer Mutter richtete sich auf einen Punkt in der Ferne. „Nur einmal. Für mich. Er hat gesagt, das Dichten sei nichts für ihn. Ich konnte das kaum glauben. Für mich hat er eine Ausnahme gemacht. Da kannten wir uns ein halbes Jahr. Ich war sauer auf ihn, weil er mich einmal versetzt hatte. Für ein Footballspiel.“

Audrey lachte. „Football war Dads Leidenschaft.“

„Daran brauchst du mich nicht zu erinnern. Mit dem Gedicht hat er alles wiedergutgemacht.“

„Davon hast du nie etwas erzählt.“

„Tja, jede Frau hat ihre Geheimnisse, Schatz.“

„Hast du es noch?“, wollte Audrey wissen und platzte vor Neugierde.

„Natürlich. Ich sag dir eine Zeile daraus.“

Audrey lehnte sich an sie und schloss die Augen, während sie lauschte.

„Egal wie weit die Wege sind, die uns getrennt, meine Liebe zu dir alle ihr Eigen nennt und Brücken schlägt, die nicht einmal der Tod kennt.“ Zitternd atmete ihre Mutter aus.

„Das ist wunderschön.“ Tränen stiegen in Audrey auf.

„Ich habe das Gedicht heute morgen in einem Buch wiedergefunden. Es war wie ein Zeichen von ihm. Als wollte er mir sagen, dass wir uns wiedersehen. Nicht einmal der Tod kann uns trennen.“

„Das sagt das Gedicht, ja.“

„Und was denkst du?“ Der Blick ihrer Mutter ruhte hoffnungsvoll auf ihr.

„Ich glaube das auch, Mom.“

Sie entspannte sich endlich. Eine ganze Weile saßen sie zusammen, dann ging ihre Mutter hinein, um sich eine ihrer Lieblingssendungen anzusehen. Ein gutes Zeichen, dachte Audrey. Schon lange hatte sie das nicht mehr gemacht. Nachdem sie die Limonadengläser aufgeräumt hatte, schrieb sie eine Weile und nahm sich danach wieder Im Nebel der Intrigen vor. Im nächsten Kapitel ging es um Bloom, der auf der verzweifelten Suche nach seinem Sohn war, was er die Welt in allen Einzelheiten wissen ließ. Jede Seite schlug Audrey auf den Magen. Immer wieder gingen ihr die Stichpunkte aus dem Notizbuch ihres Vaters durch den Kopf. Dazu die Frage, wer Gene Hartman wirklich war. Sie wurde das untrügliche Gefühl nicht los, dass er die Romanidee geklaut hatte. Außerdem fragte sie sich zum wiederholten Mal, ob er und ihr Vater sich gekannt hatten. Eine Dreistigkeit, hätte er sich seine Idee derart zu Nutzen gemacht. So etwas hatte kein Autor verdient. Sie dachte an ein gewisses Gedicht, das sie liebte und bei dem es ähnlich gewesen war. Jemand hatte es von der Autorin gehört, aufgeschrieben, vor ihr als Eigenwerk veröffentlicht und damit Ruhm und viel Geld verdient.

„Vielleicht habe ich etwas übersehen, Dad“, flüsterte Audrey und warf einen Blick zum Himmel.

Geheime Zeilen

Die Migräne, die Audrey den Rest des Wochenendes überfallen hatte, klang erst am Montagvormittag ab. Die Gedanken um den Roman setzten ihr auch körperlich zu. Für den Tag hatte sie sich frei genommen.

„Geht es dir besser?“, fragte ihre Mutter und spähte in ihr Zimmer.

Audrey war ohne schmerzhaftes Pochen bis zum Fenster gekommen und zog die Jalousie hoch. Zwar blendete sie das Tageslicht, ansonsten ging es ihr gut. Erleichtert atmete sie auf. „Ja.“

Ihre Mutter reichte ihr eine Tasse Kräutertee. „Trink den, ist gut für die Seele.“

„Danke, Mom.“

„Du bleibst doch zu Hause heute, oder? Schone dich noch.“

„Mach ich.“ Mit Schrecken dachte Audrey an die Migräneattacken, die sie in den ersten Monaten nach dem Unglück ihres Vaters malträtiert hatten. Dagegen war die letzte harmlos gewesen. Sie nippte an dem Tee und genoss die Wärme, die sich nach dem ersten Schluck in ihrem Magen ausbreitete. „Im Büro habe ich schon angerufen. Warren Lee hat es nett aufgenommen. Winton Folder ist auf Geschäftsreise und danach im Urlaub. Er bekommt es also gar nicht mit. Wusste gar nicht, dass er Ferien machen will.“

„Glaubst du, Folder hätte gesagt, du müsstest dennoch arbeiten? Dein Vater hat immer große Stücke auf ihn gehalten.“

„Ja, ich weiß. Und nein, das wollte ich damit nicht sagen.“

„Ruh dich noch etwas aus, und ich packe schon mal. Übermorgen geht meine Reise los. Und danach sollten wir beide einen gemeinsamen Urlaub planen. Was hältst du davon? Die Karibikinsel, auf der wir das letzte Mal mit deinem Dad gewesen sind, wäre wunderbar. Im Geiste nehmen wir ihn einfach mit.“

Audreys Finger krampfte sich um den Henkel der Tasse. Es war ein fantastischer Urlaub gewesen, der bereits zehn Jahre zurücklag. Ihre Eltern hatten sich die ganze Zeit wie Teenager verhalten. Damals hatte sie es nervig gefunden, im Nachhinein aber witzig. Sie hatten in einer einfachen Hütte gelebt, ganze drei Wochen lang, Fisch gegrillt und das Leben genossen. Am Lagerfeuer hatte ihr Vater ihnen oft Geschichten erzählt und mit ihnen die Sterne gezählt. Dass sie sich dabei immer wieder in die Quere gekommen waren, hatte sie Tränen lachen lassen.

„Ja, wir nehmen ihn einfach mit, Mom.“

Sie spürte, dass ihre Mutter ernsthaft an sich arbeiten wollte.

Ihre Augen wurden glasig, doch sie straffte die Schultern und nickte. „Zusammen schaffen wir es weiterzuleben. Das Leben wieder zu spüren, Audrey. Danke, dass du da bist.“

 

***

 

Audrey zog die unterste Schublade des Schreibtischs ihres Vaters auf, in der sie das letzte Mal nur flüchtig nachgesehen hatte. Jetzt wollte sie intensiver suchen. Nach dem Packen hatte es sich ihre Mutter auf einem Liegestuhl im Garten bequem gemacht und war eingeschlafen. Ihre Antidepressiva ließen sie schnell müde werden.

Der Geruch von altem Holz stieg Audrey in die Nase. Den Schreibtisch hatte ihr Vater einst von seinem Vater geerbt, ein Rechtsanwalt, der seinen Sohn bei seinem Traum, Schriftsteller zu werden, immer unterstützt hatte. Leider war er bereits mit einundfünfzig an einem Blutgerinnsel im Gehirn gestorben. Zehn Jahre später war ihm Audreys großherzige Grandma Virginia gefolgt.

Außer ein paar verblichenen Quittungen und alten Füllfederhaltern fand Audrey nichts. Noch einmal durchstöberte sie die Fächer. Nichts Ungewöhnliches. Als sie aufblickte, starrte sie ihr Vater von einem gerahmten Foto aus an, auf dem sie und ihre Mutter neben ihm zu sehen waren.

„Tut mir leid, Dad. Du weißt, warum ich das mache“, sagte Audrey. Dennoch blieb ein unwohles Gefühl in ihr zurück. Sie kam sich vor wie eine Schnüfflerin. „Moment, unter dem Schreibtisch gibt es ein Geheimfach“, fiel ihr ein.

So geheim war es auch wieder nicht. Ihr Vater hatte es ihr selbst gezeigt. Sein Dad hatte darin angeblich Zigarren versteckt. Seiner Frau hatte er versprechen müssen, mit dem Rauchen aufzuhören, nachdem ihm sein Arzt einen erhöhten Blutdruck diagnostiziert hatte.

Gespannt kroch Audrey unter den Tisch. In der Mitte war eine centgroße Scheibe eingelassen, die sie lediglich einmal um die eigene Achse drehen musste, um das unter dem Holz befindliche Schloss zu entriegeln und herunterzuklappen. Die Klappe hatte ungefähr die Größe eines durchschnittlichen Buchs. Sie griff hindurch, gelangte zu einem Hohlraum, der wiederum so groß war wie ein DIN-A3-Blatt. Tatsächlich konnte Audrey dort etwas tasten. Eindeutig Papier. Als sie es hervorzog, hielt sie ein paar Briefe in Händen. Warum hat er sie dort versteckt?

Sie kroch zurück und stieß sich dabei an der Tischkante den Kopf. „Autsch.“

Der dumpfe Schmerz war gleich vergessen, sobald sie den Absender der drei Briefe las. Allesamt stammten sie von einem Scott Emery aus Ohio. Der Name sagte Audrey nichts. Sie konnte sich auch nicht erinnern, dass ihr Vater ihn jemals erwähnt hatte. Sie ließ sich auf dem Schreibtischstuhl nieder, sortierte die Briefe dem Poststempel nach und zog den ältesten aus dem Kuvert. Das gelbe Briefpapier roch ein wenig modrig. Sie faltete es auseinander.

Sehr verehrter Mr. Richards,

ich schreibe Ihnen in der Hoffnung, dass Sie mir ein paar Schreibtipps geben können. Ich bin ein großer Fan Ihrer Thriller, und das seit dem ersten Roman. Da war ich gerade zehn. Meine Eltern haben es mir damals nicht erlaubt, einen Thriller zu lesen. Aber ich habe auf das Hardcover gespart, ihn heimlich gekauft und wie einen Schatz behandelt. Ich habe ihn immer noch. Zur nächsten Lesung bringe ich ihn mit und hoffe auf eine Widmung. Ich lege Ihnen einen Text bei. Es würde mich überglücklich machen, wenn Sie ihn lesen würden. Es ist das erste Kapitel meines Thrillers. Der halbe Roman ist bereits fertig. Nun habe ich eine Blockade. Kennen Sie das? Wenn ja, was tun Sie dagegen? Vielleicht wäre es auch möglich, Sie einmal privat zu treffen. Keine Angst, ich bin kein verrückter Fan oder dergleichen. Nur ein hoffnungsvoller, unbekannter Autor, der in Ihnen einen Mentor sieht. Danke fürs Lesen. Ich freue mich schon auf Ihre nächsten Werke.

Viele Grüße aus der Kleinstadt Port Clinton in Ohio

Ihr Scott Emery

Ein Brief wie viele, die ihren Vater erreicht hatten. Er hatte stets versucht, jeden einzelnen zu beantworten, bis es überhandnahm, sodass er jeden Tag mehrere Stunden dafür gebraucht hätte. Sofort zog sie Brief Nummer zwei aus dem Umschlag. Emerys Handschrift war klein und schnörkelig. Dennoch nutzte er das gesamte Blatt, was auf einen großzügigen Charakter deutete. Audrey hatte darüber einmal etwas gelesen. Die stark nach rechts geneigte Schrift bedeutete, dass Emery empfänglich für Reize von außen war, impulsiv und spontan, oft sehr leidenschaftlich, aber auch ziemlich reizbar und unbeherrscht. Mehr Deutungen kannte sie nicht, aber die, sollten sie stimmen, waren interessant. Den nächsten Brief hatte er drei Wochen nach dem ersten geschrieben.

Verehrter Mr. Richards,

dass Sie vorsichtig mit Fantreffen sind, kann ich Ihnen nicht verübeln. Dennoch vielen Dank für Ihr Antwortschreiben und die Einschätzung meines Textes. Es freut mich, dass er Ihnen gefallen hat. Die Anmerkungen werde ich beherzigen. Wenn sich die Gelegenheit bietet, können wir nach Ihrer nächsten Lesung einen Plausch halten. Die Blockade hat sich inzwischen gelöst. Danke für den Tipp mit der Musik. Außerdem haben Sie recht. Es schreibt sich wirklich viel besser, kurbelt gleich die kreative Seite des Gehirns an.

In Dankbarkeit

Ihr Scott Emery

Brief Nummer drei war vier Wochen darauf gefolgt.

Sehr geehrter Mr. Richards,

ich hoffe, Sie verzeihen, wenn ich Sie abermals mit meinem Text behellige. Könnten Sie ihn nun, da überarbeitet, noch einmal lesen, wenn Sie die Zeit dazu finden? Ich habe das erste Kapitel verbessert und die darauffolgenden neu geschrieben, da ich im Nachhinein nicht mehr zufrieden damit war. Ich bin mir nun jedoch nicht sicher, ob die Fortführung nicht zu künstlich wirkt. Gerne können Sie Anmerkungen hinterlassen. Das Ergebnis könnten Sie mir ja bei Ihrer Lesung in Chicago übergeben, wenn wir uns dort treffen sollten. Eine Eintrittskarte habe ich bereits. Ich freue mich sehr darauf. Damit bin ich bestimmt nicht allein.

Alles Gute und mit den besten Grüßen

Ihr Scott Emery

Ob sich ihr Vater und dieser Emery jemals getroffen hatten? Noch einmal kroch Audrey unter den Schreibtisch und tastete bis an den hinteren Rand des Fachs. Weitere Briefe schienen dort zu schlummern. Aber es waren nicht nur Kuverts, die sie an Land zog, sondern auch etwas Hartes. Audrey stockte der Atem, als sie auf die Waffe in ihrer Hand starrte. Sie war geladen. Ein heißkalter Schauder überlief ihren Rücken. Schnell legte sie die Pistole zurück, schob Emerys Briefe hinterher und hob die anderen vier Kuverts wieder auf, die sie hatte fallen lassen. Wie sie wusste, besaß ihr Vater nicht einmal einen Waffenschein. Er hasste Waffen. Dass er eine im Haus hatte, machte ihr deutlich, dass er wohl Angst gehabt hatte. Nur vor wem?

Sie besah sich die Kuverts in ihrem Schoß. Allesamt weiße Umschläge. Sie waren, wohl von ihrem Vater, nummeriert worden, von eins bis vier. Die Adresse ihres Vaters war mit blauer Tinte geschrieben worden. Die Kuverts waren bis auf das älteste, anders als diejenigen, die Emery geschickt hatte, unwirsch von ihrem Vater geöffnet worden, als hätte er Wut dabei empfunden. Außerdem trugen sie keinen Poststempel, mussten also abgegeben worden sein. Ein Absender fehlte.

Nachdenklich zog Audrey den ersten Brief heraus. Was ihr sofort auffiel, es war in etwa die gleiche Schrift wie die von Emery, nur dass die Buchstaben aufrechter standen und die Schnörkel beim S und T fehlten.

Hallo Mr. Richards,

ich bewundere Ihre Romane. Gott, das haben Sie bestimmt schon Tausende Male gehört. Aber es ist so. Ich bin ein glühender Fan. Verraten Sie mir Ihr Geheimnis. Ich behalte es auch für mich. Jetzt werden Sie lachen. Doch ich bin ein sehr loyaler Mensch, vorausgesetzt, man ist loyal zu mir. Das verstehen Sie sicher!

Audrey stutze. Diese Zeilen gefielen ihr nicht. Sie kaute auf der Unterlippe und las weiter.

Ich bin ein verdammt guter Autor. Wenn wir uns zusammentun, können wir etwas GROSSES erschaffen. Viel größer als das, was Sie bisher erreicht haben. Na, wie wäre es? Ich erwarte Ihre Antwort in Bälde. Senden Sie diese an die Postfachadresse auf der Rückseite.

Kollegialer Gruß

Ihr X

Da hielt sich jemand für etwas ganz Besonderes, schoss es Audrey durch den Kopf. Sie öffnete rasch den zweiten Brief. Auch auf diesem war kein Datum vermerkt.

Hallo Mr. Richards,

warum eine Absage? Sie haben also genug eigene Ideen, die Sie umsetzen wollen. Sie wollen ja nicht einmal wissen, welche ich habe. Sie sind mir einer. Sie schreiben, ich solle allein Großes erschaffen, und Sie wünschen mir Glück dabei und viel Erfolg. Ich müsse aber noch viel lernen. Heißt das, Sie halten mich für talentfrei? Wie herablassend. Ich möchte Sie treffen. Nur ein Gespräch. Dann erfahren Sie, wer ich bin.

Noch mit freundschaftlichen Grüßen

Ihr X

Lange starrte Audrey auf die Zeilen. Ihre Gedanken waren ein einziges Rauschen. Auf dem nächsten Kuvert hatte ihr Vater eine Anmerkung an den Rand geschrieben: Scott E. evtl. überprüfen lassen. Der Schrift nach hatte Emery den Brief nicht verfasst. Doch sie war eindeutig mit Absicht verändert worden. Mal war sie groß, dann klein, mal geschwungen, dann wieder steif.

Ihr Vater glaubte allem Anschein nach, dass Emery auch die anderen Briefe geschrieben hatte. Trotz des – gewollten – Schriftunterschieds. Ein Beweis? Oder steckte hinter X eine gespaltene Persönlichkeit. Ob er Emery je hatte überprüfen lassen? Und wenn ja, von wem? Sollte sie jede Detektei in Indianapolis und Umkreis befragen? Und was, wenn er auf eigene Faust ermittelt hatte? Audrey schluckte. Das Gedankenkarussell drehte sich immer schneller. Sie schüttelte den Kopf und kam ins Hier und Jetzt zurück, um den nächsten Brief zu lesen.

Mr. Richards,

Sie enttäuschen mich. Keine Antwort mehr! Ich war geduldig. Habe drei Monate gewartet. Sie sind mir ein Treffen schuldig. Ich bin Ihr Fan. Ohne Leute wie mich wären Sie nicht da, wo Sie jetzt sind. Vergessen Sie das nicht!!! Wissen Ihre schöne Frau und Ihre Tochter, wie eiskalt Sie sein können? Denken Sie darüber nach. Ein Termin, ein kurzes Treffen. Was ist schon dabei?

In Erwartung

Ihr X

Mit zitternden Fingern holte Audrey den letzten Brief aus dem Umschlag.

He Richards,

das werde ich Ihnen nie vergessen. Ich würde Sie am liebsten von Ihrem hohen Ross holen. Zeigen Sie die Briefe niemandem. Ich würde es wissen, und dann … Nun gut. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Adieu, Mr. Richards

X

Hatte er danach aufgegeben? Oder hatte er am Ende sogar etwas mit dem Attentat auf ihren Vater zu tun gehabt? Sollte sie die Briefe der Polizei übergeben? Oder interpretierte sie zu viel in die Zeilen eines Spinners und Möchtegernautors? Auf keinen Fall wollte sie, dass ihre Mutter davon erfuhr oder die Öffentlichkeit. Erst einmal wollte sie selbst versuchen herausfinden, was es mit X und Scott Emery auf sich hatte. Wer weiß, dachte sie, vielleicht hat er eine Antwort auf die Frage, wer Gene Hartman ist.

Recherche

„Nichts. Verdammt, wieder nichts.“

Sie steckte das Handy weg, als Brian ihr Büro betrat. Das weiße Hemd, das er zu seiner schwarzen Jeans trug, hatte er bis zum dritten Knopf von oben aufgeknöpft. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, die Augen funkelten. Er war wütend, versuchte jedoch, ein Lächeln für sie zustande zu bringen, was ihm ansatzweise gelang.

„Hallo, Audrey“, grüßte er im Vorbeigehen und steuerte direkt auf Lees Büro zu.

„Moment, warte mal. Ich muss dich erst …“, versuchte Audrey, ihn aufzuhalten.

Zu spät. Brian stürmte das Büro des Cheflektors, der ihn, wie Audrey durch die Glasfront deutlich erkennen konnte, mit großen Augen anvisierte. Was sollte das? Sein Verhalten war nicht angemessen. In der Hektik hatte Brian die Tür nur angelehnt, sodass Audrey das folgende Gespräch zwischen den beiden hören konnte. Außerdem sprachen sie nicht gerade leise. Warren Lee blieb hinter seinem Schreibtisch stehen, und Brian verzichtete darauf, davor Platz zu nehmen.

„Warum wird alles abgelehnt, was ich gut finde? Langsam ist es auffällig“, echauffierte sich Brian.

Der Cheflektor schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei sein rosafarbenes Hemd ein paar Falten warf. „Es war nun mal Schund. Nehmen Sie es nicht persönlich. Das, was Sie als gut erachten, brauche ich nicht einmal in der Konferenz vorzustellen. Und gut reicht nicht. Das müssten Sie langsam wissen, Mister Gomery.“

„Wortklauberei. Auf den Punkt gebracht: Sie scheinen wenig Vertrauen in meine Arbeit zu haben. Die anderen stellen oft Schund vor, finden Sie nicht?“

Audrey spitzte die Lippen und senkte den Kopf, als Lee einen Blick durch die Scheibe in ihr Büro warf. Ein paar Sekunden später hörte sie, dass die Glastür geschlossen wurde. Brian nahm anscheinend kein Blatt vor den Mund, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Sie riskierte noch einen Blick und sah, dass sich beide inzwischen gesetzt hatten und anscheinend ruhiger miteinander redeten. Also widmete sie sich wieder ihren Recherchen.

Die Arbeit an diesem Dienstag hielt sich in Grenzen, sodass sie die Auszeit, die sicher nicht lange dauern würde, nutzen wollte, um etwas über Scott Emery herauszufinden. Schon gestern war sie fleißig gewesen und hatte sämtliche Detekteien abtelefoniert. Doch niemand hatte je für ihren Vater gearbeitet. Und im Internet gab es keinen Scott Emery. Zumindest keinen aus Ohio, der einen Eintrag hatte. Vielleicht sollte sie noch einmal den Computer ihres Vaters durchforsten. Sie hatte die meisten Dateien nur überflogen. In ihrer Tasche kramte sie nach einer Kopfschmerztablette. Die letzte Nacht hatte sie kaum ein Auge zugetan, was eventuell auch am Vollmond gelegen hatte. Dazu schien das Wetter umzuschlagen. Für die nächsten Tage war Regen angesagt. Plötzlich tauchte Brian aus Lees Büro auf. Der hatte ihn zur Tür begleitet, die er nun geräuschvoll ins Schloss warf, um sich gleich darauf wieder hinter seinen Schreibtisch zu verziehen.

„Wichtigtuer“, schimpfte Brian, ohne sich umzudrehen. Vor ihrem Schreibtisch blieb er stehen und stützte sich mit den Händen an der Kante ab. „Ich hoffe, dein Morgen ist besser“, raunte er.

„Geht so. Was ist denn los?“

„Die Hälfte hast du sicher gehört, oder?“

Audrey verzog die Mundwinkel. „Na ja, ja.“

„Keine Entschuldigung. Wir waren ja laut genug. Reden wir in der Pause darüber? Lust auf eine Zeitreise und einen Kaffee?“

Sie verstand. Spontan stimmte sie zu, was Brian ein Lächeln entlockte. „Danke, Miss Richards. Jetzt geht es mir schon besser.“

„Mir ebenfalls“, rutschte es ihr heraus. Dass sie rot anlief, konnte sie nicht verstecken und verwandelte sein Lächeln in ein Grinsen. In Brian Gomery steckte wohl auch ein Macho.

 

***

 

Brian simste ihr, dass er sich zehn Minuten verspäten würde, weshalb Audrey voraus ins Café ging. Die Wartezeit verkürzte sie sich, indem sie sich ein paar Stichpunkte zu Die Erben von Avalon notierte. Kaum hatte sie das Notizbuch ausgepackt, klingelte ihr Handy und verkündete einen eingehenden Anruf von Grace.

„Na, was gibt es Neues? Privat und an der Recherchefront?“

„Dir auch einen schönen Tag“, wiegelte Audrey ab. Aber da hatte sie die Rechnung ohne ihre Freundin gemacht.

„Ich muss mir doch keine Sorgen machen?“, fragte Grace.

„Nein. Wieso?“

„Weil du ablenkst.“

Audrey seufzte und schob ihre Notizen beiseite. „Nein, alles gut.“

„Und Brian?“, wollte Grace wissen.

„Was soll mit ihm sein?“

„Ach komm. Seid ihr schon ein Stück näher gerückt?“

„Vielleicht. Und Daniel?“

Grace lachte. „Ein ganzes Stückchen näher“, antwortete sie vage.

„Oh, erzähl!“

„Wir waren ja einen Kaffee trinken.“

Da sie eine Pause einlegte, erwiderte Audrey: „Das habe ich nicht vergessen. Und weiter?“

„Es blieb nicht bei einem Kaffee.“

Dieser gewisse Unterton war eindeutig. „Wow!“

„Halt, nein, nicht, was du denkst, Audrey!“

„Was denn?“

„Er hat mich danach nur auf ein oder zwei Drinks in sein Haus am Rand von Indianapolis eingeladen. Ein Traum.“

„Das Haus?“

„Der Mann, das Haus, die Drinks.“

„Auch auf die Gefahr hin, dass ich langweilig klinge, Hauptsache ist doch, er ist charmant und aufmerksam.“

„Das ist er, in der Tat.“ Audrey hörte sie durchs Handy seufzen. „Wir sehen uns bald wieder. Er holt mich nachher von der Arbeit ab. Ach, was ich dir noch sagen wollte: Meine Chefin hat erfahren, dass Gene Hartman demnächst einen neuen Roman herausbringen will. Wieder einen Thriller.“

Audrey atmete hörbar aus.

„Audrey?“, fragte Grace, als sie nichts dazu sagte.

„Ja, ich bin noch dran.“

„Du glaubst wirklich, dass …?“

„Dass dieser Hartman die Idee von Dad geklaut hat? Nun, seine Notizen zu Die Bloom-Affäre haben mich eben stutzig gemacht. Aber keine Sorge, ich lass die Sache nun endgültig ruhen.“

„Ist vielleicht besser so. Und wenn nicht, dann nimm deine beste Freundin mit ins Boot. Du weißt ja, ich liebe Abenteuer. Hab dich lieb, Süße.“

Urplötzlich tauchte Brian auf und setzte sich ihr gegenüber. „Tut mir leid, dass ich zwanzig Minuten überfällig bin.“

„Kein Problem.“ Audrey lächelte ihn an. Er sah entspannter aus als heute Vormittag.

„Hast du dir schon etwas bestellt?“, fragte er und winkte nach einer Kellnerin.

Sie schüttelte den Kopf und deutete auf ihr Handy. „Grace? Brian ist hier. Bis bald mal wieder. Hab dich auch lieb.“

Als sie das Gespräch beendet hatte, bestellten sie zwei Cappuccino. Danach räumte sie die Notizen weg.

„Hast du Probleme, Audrey?“, fragte er ernst.

Erstaunt musterte sie ihn, während ihr immer noch Graces Worte durch den Kopf gingen. Hartman wollte also schon bald ein zweites Buch veröffentlichen. „Wie kommst du darauf?“

„Entschuldige, ich wollte nicht lauschen. Genauso wenig wie du wohl heute Vormittag.“

Wohl?, durchfuhr es sie. Die Kellnerin servierte ihre Getränke und lächelte ihnen freundlich zu, bevor sie wieder verschwand. Ein leiser ABBA-Song schlich sich durch das Café, durchbrochen vom Stimmenwirrwarr der Gäste.

„Was ist Die Bloom-Affäre?“, wollte Brian wissen.

„Eine längere Geschichte. Unwichtig.“ Audrey winkte ab.

„Okay, verstehe.“ Er schien ein wenig enttäuscht, wenn nicht gar frustriert.

„Vielleicht erzähle ich es dir irgendwann mal“, sagte sie daher.

Er presste die Lippen aufeinander und nickte. Nachdenklich begann er, in dem schaumigen Cappuccino zu rühren.

„Und bei dir? Alles okay?“ Eigentlich eine dumme Frage.

Brian wiegte den Kopf hin und her. „Warren Lee scheint mich hinauskicken zu wollen.“

Audrey, die gerade an ihrem Cappuccino nippte, verschluckte sich beinahe. „Was? Bist du dir sicher?“

„Du hast recht, Audrey.“

„Mit was?“

„Wir sollten nicht über Probleme reden. Für gewöhnlich halten die meisten Freundschaften und Beziehungen dann länger. Jeder trägt sein Säckchen allein und kümmert sich selbst um die faulen Kartoffeln darin.“

Das klang mehr als ironisch. „So war das vorhin nicht gemeint. Ich finde ja, Freundschaften und Beziehungen wachsen durch das gemeinsame Aussortieren von faulen Kartoffeln.“

Brians Blick bohrte sich in ihren, so klar war er. „Nicht böse sein, ist nicht mein Tag heute. War nicht so gemeint, du kennst mich ja kaum. Nur interessierst du mich. Als Mensch. Daher … ich meine, du sollst wissen, dass du wirklich mit jedem Problem zu mir kommen kannst.“

Sie lächelte warm. „Das ist lieb, Brian, danke. Dito.“

„Ich habe keine Geheimnisse. Ich finde, er schikaniert mich vor den anderen. Kann sein, dass er Angst hat, ich wolle seinen Posten übernehmen. Folder wollte mich schon einmal befördern und war eine ganze Weile nicht gut auf Lee zu sprechen. Warum, weiß ich nicht. Aber von Folder halte ich nicht mehr viel, seit er einen Rückzieher gemacht hat. Na ja.“

„Das mit Lee tut mir leid, und das mit der Beförderung.“

Brian seufzte. „Ja, mir ebenfalls.“

„Hast du Lee gegenüber deine Befürchtungen offen ausgesprochen?“

„Ja. Er tat es als lächerlich ab. Er sagte, er könne nichts dafür, wenn mich mein Geschmack im Stich lasse. Ja, ich finde, der Verlag sollte mal etwas wagen. Selbst völlig unbekannte Autoren mehr fördern anstatt welche, die schon einen Namen haben oder viele Follower in sozialen Netzwerken, berühmte Eltern oder Verwandte und Bekannte. Er hat alle Manuskripte abgelehnt, die ich in den letzten Wochen eingesehen und für gut befunden habe. Sie sind nicht mal eine Diskussion wert für ihn. Das ist unprofessionell, wenn du mich fragst.“

„Seltsam, normalerweise lässt Lee immer mit sich reden.“

„Offensichtlich nicht. Aber lassen wir das Thema. Die Pause ist bald vorbei, und jetzt haben wir doch nur über Probleme geredet, wenn auch nur über meine. Wer weiß, vielleicht überlegt es sich Lee anders.“

„Ich bin mir sicher, du hast ein gutes Gespür für Talente.“

„Allerdings. Manchmal erinnert mich Lee an meinen Vater.“ Brian trank von seinem Cappuccino und sah sie über den Rand der Tasse an, was sie ganz verlegen machte.

Der Regen riss auch am Abend nicht ab. Brian hatte sie den restlichen Arbeitstag über nicht mehr zu Gesicht bekommen und machte sich gleich nach Feierabend auf den Heimweg. Ihre Mutter saß am Kamin und beobachtete die Flammen, die um die Holzscheite züngelten und eine wohlige Wärme verbreiteten. Audrey ging neben ihr in die Knie und blickte lächelnd zu ihr auf. Dabei bemerkte sie den Schal, den ihre Mutter gestrickt hatte. Er lag in ihrem Schoß.

Sie berührte Audreys Hände, die auf der Lehne des Sessels ruhten. „Der Schal ist heute fertig geworden.“

Audrey streckte die Finger aus und ließ sie über die weiche Wolle fahren. „Wunderschön.“

„Ich habe mir neue Wolle eingepackt.“ Plötzlich schimmerten Tränen in den Augen ihrer Mom. „Ach, Kind, du wirst mir fehlen.“

Audrey erhob sich und umarmte ihre Mutter. „Wir schaffen das. Gemeinsam. Wir telefonieren oft und …“

„Alles gut. Mich machen Abschiede nur sentimental.“

Und wie viel Angst sie seit Dads Tod davor hatte, durchfuhr es Audrey.

Ihre Mutter sah sie eindringlich an. „Pass auf dich auf.“

„Das mache ich, Mom. Und falls etwas ist, gebe ich Grace Bescheid. Sie hat den schwarzen Gürtel.“

„Stimmt.“ Ihre Mutter lachte. Grace machte seit ihrer Kindheit Karate und hatte sogar zwei Wettbewerbe gewonnen, wollte den Kampfsport aber nicht weiter professionell betreiben.

Ihre Mutter legte ihr den Schal um.

Sie drückte ihn an sich. „Danke, Mom.“

„Danke dir. Wie war die Arbeit? Hast du Brian wiedergesehen?“

Augenblicklich stieg Audrey Hitze in die Wangen, was ihrer Mutter nicht entging. Zum Glück sagte sie nichts, sondern lächelte nur in sich hinein.

„Wenn ich zurück bin, wiederholen wir das Kennenlernen. Dann wird alles anders, versprochen!“

Nun lächelte auch Audrey. „Ich freue mich schon.“

 

***

 

„Nichts! So ein … Halt, Moment.“ Audrey ließ die Computermaus ihres Vaters ruhen, sodass der Cursor auf einer Unterdatei verharrte, die den Namen SE trug.

SE wie Scott Emery?“ Sie öffnete die Datei mit einem Klick. Nachdem ihre Mutter zu Bett gegangen war, hatte sie sich in das Arbeitszimmer ihres Vaters geschlichen. Ihr Herz begann, gegen die Rippen zu hämmern, als sich auf dem Bildschirm ein Brief öffnete, der von einer Detektei stammte.

„Volltreffer“, murmelte Audrey Laut Briefkopf mit der geschwungenen grünen Schrift stammte das Schreiben von einem Privatdetektiv namens Lance Miller aus Indianapolis.

Sehr geehrter Mr. Richards,

leider haben mich meine umfangreichen Recherchen nicht weitergebracht. Scott Emery, zuletzt wohnhaft in Port Clinton, Ohio, ist laut den Nachbarn unbekannt verzogen. Und das schon vor über einem Jahr. Bis dato wohnte er im Haus seiner Eltern an der Bricklane in der Nähe des Lake Erie (Fotos siehe Anhang). Seine Eltern sind vor drei Jahren bei einem Autounfall auf einem Highway ums Leben gekommen. Emery hat das Haus verkauft. Mr. und Mrs. Silver haben mir Zutritt gewährt. Aber Emery hat keine auffälligen Spuren hinterlassen. Er hat anscheinend niemandem gesagt, wo er hinziehen wird. Oder keiner, den ich befragt habe, wollte es mir sagen. Ich hoffe, da der letzte Brief schon eine Weile zurückliegt, dass er nun aufgegeben hat. Anscheinend wollte er einen absoluten Neubeginn machen und die Vergangenheit hinter sich lassen. Und damit auch die Gedanken an Sie. Ich kann natürlich weiter nachforschen, wenn Sie das wünschen. Rufen Sie mich diesbezüglich an oder kommen Sie vorbei.

Mit besten den Grüßen

Lance Miller

Audrey klickte aufgeregt auf den Foto-Ordner. Dort waren mehrere Aufnahmen zu finden, auf denen aus verschiedenen Perspektiven ein schlichtes weißes Bretterhaus mit vorderseitiger Veranda zu sehen war. Umgeben wurde das Haus von einem Garten mit Einfahrt und Carport. Ein weiteres Bild zeigte Scott Emery. Miller hatte dazu vermerkt, dass es vor sechs Jahren auf einer privaten Feier aufgenommen worden war. Audrey zoomte das Foto größer. Emery war ein sportlich aussehender junger Mann mit welligem, kurzem schwarzem Haar, tief liegenden dunkelgrünen Augen und markanten Zügen. Lässig saß er auf einem Baumstamm. Das weiße Hemd trug er offen über seinem braun gebrannten Oberkörper. Auf seinen Hüften saß eine eng anliegende Darkblue-Jeans. Grace würde ihn mit Sicherheit „heiß“ finden. Seine Brauen hatten die Form von geschwungenen Halbmonden. Nicht zu dick, nicht zu dünn. An seinem Hals besaß er ein ovales Muttermal. Ein Mann, der ihrem Vater offenbar große Angst gemacht hatte. Auf dem Foto wirkte er smart und sein Lächeln sympathisch. Seine Augen leuchteten. Vielleicht lag es an der Person hinter der Kamera.

„Wer bist du wirklich?“, fragte Audrey, als könnte er sie hören und ihr antworten. Sie druckte Foto und Brief aus, steckte beides in ein Kuvert und suchte anschließend im Internet nach der Homepage des Detektivs.

„Seltsam, kein Eintrag.“

Die angegebene Adresse schien es nicht mehr zu geben.

Obwohl es schon nach neun Uhr abends war, wählte sie Millers Nummer. Sekunden später meldete sich eine Frauenstimme, die verschlafen klang.

„Bei Miller.“

„Mrs. Miller?“

Kurze Pause. Dann ein seufzendes „Ja“.

Audrey presste das Handy dichter ans Ohr, da es in der Leitung rauschte. „Entschuldigen Sie die späte Störung. Ich wollte Ihren Mann nur etwas fragen.“

Wieder eine Pause, diesmal länger.

„Lance? Das geht nicht.“

Audrey schluckte trocken. „Warum? Es ist nur …“

„Hören Sie, mein Mann ist vor zweieinhalb Jahren gestorben. Bei einem Autounfall.“

Mit dieser Nachricht hatte Audrey nicht gerechnet. „Das … das tut mir leid.“

„Mir ebenfalls. Guten Abend.“

Nach diesen Worten legte Mrs. Miller auf. Was hätte sie auch sagen sollen?

Audrey ließ das Telefon geschockt sinken. Vor zweieinhalb Jahren, schoss es ihr durch den Kopf. Das war kurz nachdem ihr Vater ums Leben gekommen war. Zufall? Aufgewühlt massierte sich Audrey die Schläfen. Dann schaltete sie den Computer aus, nahm das Kuvert und packte es zusammen mit den Briefen von Scott und Mr. X in eine alte Schachtel. Die Pistole legte sie an ihren Platz zurück. Danach verzog sie sich in ihr Zimmer.

Dort besah sie sich noch einmal das Foto von Emery und Millers Brief. Das ungute Gefühl in ihr wuchs. Es lief in sämtliche Richtungen, dennoch konnte sie keine bestimmte ausmachen. Sie glaubte nur, sicher zu wissen, dass es da einiges gab, das im Zusammenhang mit dem Tod ihres Vaters vertuscht wurde.

Eine Weile später fiel ihr Blick auf Im Nebel der Intrigen. Der Titel passte perfekt zu ihrem jetzigen Leben. Ihr war, als würde ihr eine innere Stimme sagen, sie sollte weitersuchen. Doch je länger sie nachdachte, desto wirrer wurden ihre Gedankengänge. Irgendwann fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte wieder von jenem Tag, an dem ihr Vater angeblich in diesem Hotel ums Leben gekommen war und sie nicht rechtzeitig für ihn hatte da sein können. Der Traum endete wie jedes Mal. In purem Entsetzen.

Zeichen

Grace schwebte im siebten Himmel. Audrey hatte sich am Donnerstag nach der Arbeit mit ihr auf einen Drink in einer Bar in Fayes getroffen. Sichtlich verträumt schlürfte ihre beste Freundin an ihrem Sex-on-the-Beach-Cocktail. Der Anwalt hatte sie geküsst und wollte alsbald mit ihr ein Wellnesswochenende verbringen. Audrey freute sich für Grace, auch wenn das alles ein wenig zu schnell ging für ihren Geschmack.

„Wir könnten mal zu viert ausgehen. Zwei Pärchen, das …“, schlug Grace vor.

„Grace!“

Audrey schüttelte den Kopf, während ihre Freundin aus ihrer rosaroten Zuckerwattewolke auftauchte und sie mit großen Rehaugen anblinzelte. „Was?“

„Wir sind kein Paar.“

„Kann ja noch werden.“

Audrey war froh, dass sich ihre Wangen ruhig verhielten. Ein Blick aufs Handy zeigte, dass Brian und ihre Mutter ihr eine Nachricht geschrieben hatten. Zu Brians Erleichterung war Warren Lee für den Rest der Woche krankgeschrieben. Ihn hatte wohl eine Sommergrippe erwischt. Obwohl sie gespannt war, was er ihr mitzuteilen hatte, las sie die Nachricht ihrer Mutter aus der Klinik zuerst, in die sie sie gestern begleitet hatte. Hier ist alles so weit prima. Nur die Psychologin ist seltsam. Die scheint selbst ein Problem zu haben. Ich wechsle sie. Sonst komme ich prima klar. Mach dir also keine Sorgen, Kind. Es wird nicht immer leicht sein, aber ich will nach wie vor mein Ziel erreichen. Kuss, Mom.

Audrey antwortete: Kuss zurück. An die großartigste Mom der Welt. Ich bin so stolz auf dich.

Über Brians Nachricht errötete sie. Hi zukünftige Bestsellerautorin. Ich freu mich schon auf morgen Abend. Hole dich um sieben ab. Herzlichst, B.

Sie antwortete: Ich freu mich auch. Bin schon gespannt auf deine Wohnung.

„Simst du ihm gerade?“, fragte Grace und reckte den Kopf.

„Er hat nur geschrieben, dass er sich auf morgen freut. Und Mom, dass es ihr gut geht.“

„Schön.“ Sie grinste von einem Ohr zum anderen.

 

***

 

Wieder zu Hause, kehrten die Gedanken an diesen seltsamen Scott Emery und Mr. X zurück und begleiteten Audrey bis in den Schlaf, aus dem sie immer wieder aufschreckte.

Am darauffolgenden Morgen war es ruhig im Büro, sodass sich ihre Gedanken wieder mehr Raum verschaffen konnten. Audrey seufzte. Wurde sie langsam manisch? Vielleicht, beruhigte sie sich, hatte Miller ja recht und Mr. X hatte nach seinem letzten Schreiben tatsächlich aufgegeben. Besser, sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit, um nicht verrückt zu werden und später objektiver noch einmal in Ruhe über alles nachdenken zu können. Also machte sie sich daran, die letzten Anweisungen von Warren Lee abzuarbeiten.

Eileen Jackson, eine Lektorin, reichte ihr einen Stapel Manuskripte herein.

„Die sind für Lee, wenn er wieder da ist. Mit meiner besten Empfehlung für die nächste Konferenz.“ Sie zeigte Audrey ihr schönstes Zahnpastalächeln und warf die schwarzen Locken zurück, bevor sie sich umdrehte und wieder hinaus in den Flur stöckelte. Nach ein paar Sekunden kehrte sie jedoch noch einmal zurück und stellte sich vor Audreys Schreibtisch wie ein Model, das im Begriff war, auf den Laufsteg zu gehen. Ihre dunkler Teint schimmerte perfekt samtig, der kurze graue Rock betonte ihre langen Beine.

„Könnten Sie mir einen Gefallen tun?“, fragte sie verschwörerisch.

Audreys Antennen fuhren aus. Vorsicht war geboten. Eileen war eine derjenigen, die gerne lauschte, wenn es um sie ging. Das hatte sie schon zweimal gehört, aber nie etwas erwidert. Wieso nicht? Sie hatte nichts zu verbergen. Eileens Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Doppelte Vorsicht.

„Sie könnten Lee ja sagen, dass Sie ebenfalls einen Blick darauf geworfen haben und die Manuskripte gut finden.“

„Das ist nicht mein Fachgebiet. Außerdem …“, erwiderte Audrey.

Eileen schürzte die Lippen. „Aber Sie sind Richards’ Tochter. Lee gibt daher viel auf Ihre Meinung. Vererbte Gene und so. Sie würden den Autoren und mir einen großen Gefallen tun. Oder machen Sie das nur bei männlichen Kollegen? Was verspricht er Ihnen dafür? Einen Kuss oder mehr?“ Ihr Blick wurde dunkler.

Was sollte das? Spielte sie da gerade auf Brian an? „Ich mache so etwas grundsätzlich für niemanden. Und ich sitze hier, weil ich anscheinend gut in meinem Job bin. Jedenfalls gebe ich mein Bestes, Eileen. Wie Sie, nehme ich an. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich habe zu tun.“

Eileen wollte etwas erwidern, da steckte Brian den Kopf zur Tür herein.

„Auch einen Tee? Zur Abwechslung?“ Er lächelte, was Eileen die Augenbrauen hochziehen ließ, bevor sie sich hüftschwingend an ihm vorbei hinaus aus dem Büro schob.

Perplex schüttelte Audrey den Kopf.

Brians Lächeln verflog, da er ihren ernsten Gesichtsausdruck bemerkte. Rasch kam er zu ihr an den Schreibtisch und stellte den dampfenden Teebecher ab. „Alles okay?“

Audrey seufzte und nickte Richtung Tür, aus der Eileen entschwunden war. „Zickenalarm. Sie denkt, ich verschaffe dir Vorteile.“

Brian verschluckte sich an seinem Tee. „Wie bitte?“

„Ich wusste ja, dass mich hier manche nicht gerade mögen, weil sie denken, ich hätte Vorteile durch Dad, aber das war Hass“, sagte sie.

„Geh zu Folder und sag es ihm“, riet Brian ihr. „Die sollte abgemahnt werden.“

„Nein, so etwas würde ich nie tun. Ich versuche, die Sache zu vergessen.“

„Vergessen?“ Er zog die Manuskripte, die Eileen dagelassen hatte, zu sich heran. „Sind die von ihr?“

„Sie denkt allen Ernstes, ich würde für dich bei Lee ein gutes Wort einlegen, wenn ich dafür einen Kuss oder Sonstiges bekommen würde. Na klar. Ich bin käuflich und bekomme überall grünes Licht, nur weil ich die Tochter eines großen Autors bin. Wenn es nicht so traurig wäre und dreist, würde ich darüber lachen.“

„Einen Kuss kannst du sehr gerne und jederzeit umsonst haben.“

Stille legte sich zwischen sie. Audrey starrte ihn an. Diesmal war er es, der rot anlief.

„Sorry. Das war wieder mal ein Volltreffer in Sachen Fettnäpfchen.“

Sie wusste nicht genau, was sie darauf erwidern sollte. Dennoch gefiel ihr der Gedanke mit dem Kuss. Bloß nichts anmerken lassen, dachte sie und war froh, dass das Telefon klingelte. Sie lächelte und kam sich irgendwie bescheuert vor.

„Wir sehen uns heute Abend? In der Pause kann ich leider nicht. Meine Eltern wollen etwas mit mir besprechen“, sagte er schnell.

Sie nickte. „Dann bis heute Abend.“

Während er zur Tür lief und sie an den Apparat ging, ertappte sie sich dabei, einen Blick auf seinen Po zu werfen. Brian war wirklich gut gebaut. In jeder Hinsicht.

 

***

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960878414
ISBN (Buch)
9783968170138
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511295
Schlagworte
Spannung-Thriller-roman-e spannend-e-krimi-thriller-s spannend-e-frau-en-roman-e Frauen-thriller-krimi-s amerika-nische-thriller-krimi-s psycho-thriller-frauen entführung

Autor

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    Nadine Stenglein (Autor)

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