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Die Chocolaterie der süßen Herzen

von Nadin Maari (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

In ihrer Chocolaterie zaubert Julie Tag für Tag hingebungsvoll Liebe zum Naschen. Mit Schokoladengedanken überzogen vernachlässigt sie dabei allerdings ihre eigene Liebe und die Planung ihrer Hochzeit mit Lukas. Schließlich brauchen der Sweet Table für die Hochzeit ihrer besten Freundin, der Schokoball im Schloss und ein Trüffelwettbewerb ebenso ihre Aufmerksamkeit. Leider deckt sich auch noch Julies geliebtes Haus quasi selbst ab und so versinkt ihr Leben völlig im Chaos und sie muss sich auf das besinnen, was sie am besten kann: aus süßer Schokolade Liebe erschaffen – Trüffel für Trüffel.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Januar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-535-2
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-009-1
E-Book-ISBN: 978-3-96087-840-7

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Jane Rix, © Ermolaev Alexander, © Cara-Foto
depositphotos.com: © dimdimich, © hydromet, © Ivankmit, © rvika, © anikakodydkova, © Jut_13
Lektorat: SL Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für meine wundervollen Omis

und all die anderen einzigartigen Großmütter.

 

♥♥♥

 

Lachend drehen wir uns umeinander, so leicht und unbeschwert wie früher, wie damals. Wie davor.

 

 

 

I never met a chocolate I didn’t like.

Deanna Troi

Kapitel 1

C wie Chocolaterie

Cappuccino-Trüffel

Cremig süßer Cappuccino, eingebettet in herbe, duftende Schokolade, umschmeichelt von einem Hauch Zimt, zart schmelzend und die Seele streichelnd.

Chocolat, Chocolate, Cioccolato, Czekolada, Choklad, Шоколад, Schoggi, Σοκολάτα, Chocolata, Çikolata, Čokolada, Chocola, Chokolade, Csokoládé, Čokoláda, Sjokolade.

Das sieht großartig aus! Appetitlich glänzt die dunkle Schokoschrift vor mir und der Duft des herben Trinitario-Kakaos verlangt geradezu, mir eine der grazil geschriebenen Köstlichkeiten auf der Zunge zergehen zu lassen. Jeder Buchstabe verspricht Aromen von Nelke und Zimt, Fichte und Pinie, darüber liegt ein Hauch Zitrus. Perfekt.

Aber nein! Ich bin nicht so maßlos und futtere meine eigene Dekoration auf. Schließlich sollen die hauchzarten Schokoladenwörter zwischen meinen Trüffeln und Pralinen, den Schokoladentafeln und dem Konfekt das i-Tüpfelchen der Auslage in der Chocolaterie sein.

Nur, langsam gehen mir die Sprachen aus. Davon muss es doch noch mehr geben. Platz hätte ich zur Genüge, vor allem in dem Regal gegenüber der Schokobar mit den Trinkschokoladen würden sich ein paar weitere Schokoschriften gut machen.

Gibt es eigentlich in jeder Sprache das Wort Schokolade? Wie viele Sprachen gibt es überhaupt?

»Google, bitte wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?«

Mein Handy erwacht in seiner porzellanenen Schokoladenhalterung zum Leben: »Weltweit gibt es heute etwa sechstausendfünfhundert Sprachen, die sich in fast dreihundert genetische Einheiten, einhundertachtzig eigentliche Sprachfamilien mit mehr als einer Sprache und einhundertzwanzig isolierte Sprachen einteilen lassen.«

Oh! Da ist ja noch Luft nach oben. Dann muss ich jetzt nur noch herausfinden, welche weiteren sechstausendvierhundertvierundachtzig Sprachen es für mein Schokoschriftprojekt gibt. Plus Elbisch.

Frank Sinatra unterbricht meine linguistischen Betrachtungen der Schokowelt und kündigt vibrierend meine Schwester an. Dank der Freisprecheinrichtung muss ich nicht einmal die Hände von meiner geliebten Schokolade lassen.

»Hey Schokofee, wie weit bis zu den Ellenbogen steckst du gerade in guter Schoki?« Mays Stimme klingt abgehackt und wird von starkem Rauschen begleitet.

»Hey Flugfee, wie hoch in den Wolken steckt gerade dein Kopf?«

Meine Schwester lacht ihr Tinkerbelllachen und ihr Charme rieselt wie Konfetti auf mich herab. »Ich bin auf dem Heimweg von San Francisco, aber wir haben noch ein paar Stündchen vor uns. Ich brauche dringend das großartigste Sorry-Schokorezept aus Gwenis altem Rezeptbuch.«

Ich halte inne und das Wort Choklad schwebt auf halber Höhe eingeklemmt in der Pinzette in meiner Hand über den Moltobeerentrüffeln. »Was hast du dem armen Ole denn dieses Mal zu beichten?«

»Ich sage nur Cookinseln«, haucht mir May so verführerisch ins Ohr, dass ich statt meiner entzückenden Chocolaterie glasklares, türkises Wasser vor mir sehe, das in sanften Wellen auf einen weißen Sandstrand trifft, während Palmen in einer Brise rascheln.

Damit mir nicht die Schokolade durch meinen Inseltagtraum schmilzt, kehre ich zurück in den dunkelgrauen Berliner Novembermorgen, nicht ohne wenigstens einmal kurz und mitleiderregend zu seufzen. Mein letzter Strandurlaub ist mindestens ein Jahrhundert her und schon eigentlich gar nicht mehr wahr. »Und was genau haben die Cookinseln mit deinem Ehemann zu tun, dass du dich bei ihm entschuldigen musst?«

Es knackst und rauscht sehr ohrunfreundlich und May ist kaum zu verstehen. »… Flug zu Cookinseln … Ole … Geburtstag … Piloten Clark und Brad … bye … muss mich kümmern …«

Zack, weg ist meine Schwester. Zurück irgendwo hoch oben in den Wolken zwischen hier und San Francisco, wo sie mit ihrer stets strahlenden Laune als Co-Pilotin die Passagiere auf dem langen Flug sicher durch die Lüfte navigiert.

May ist einfach so. Sie steht morgens singend auf, umarmt sich und die Welt und geht abends pfeifend schlafen. Dazu ist sie kein Kind von Traurigkeit und legt sich gern mal bei dem einen oder anderen Verehrer dazu – oder eher legte, denn seit sie mit Ole verheiratet ist, liegt sie nur noch bei diesem einem Mann – hoffe ich. So ist das Grüppchen ihrer Verflossenen doch recht beachtlich, wobei sowohl Clark als auch Brad dazugehören. Da ist es wohl eher das kleinere Problem, dass sie offensichtlich ausgerechnet zu Oles Geburtstag unterwegs sein wird.

Ach May, manche Prioritäten solltest du wirklich lieber anders setzen.

Da ich aber genau weiß, dass meine Gardinenpredigten bei ihr verpuffen wie Morgentau im Sonnenschein, mache ich lieber das, was ich am besten kann – erstklassige Schokolade und in diesem Fall eine schokoladige Überraschung für Ole, die ihn vergessen lassen wird, dass May mit Superman und Mister Universum auf die Cookinseln fliegt. An seinem Geburtstag.

Vorsichtig platziere ich das wundervolle Choklad vor die herbsüßen Moltobeerentrüffeln und greife nach einem der Blöcke mit Klebezetteln, die ich unter der Theke gestapelt habe. Ich notiere mir ein paar Stichworte zu Oles Sorry-Schokolade und skizziere sogleich eine mögliche Form dazu. Ein Surfbrett wäre cool, er liebt das Surfen. Oder besser nicht, das erinnert zu sehr an die Cookinseln. Wie auch immer, auf jeden Fall muss die Schokolade mindestens fünfundachtzig Prozent Kakaoanteil haben, Ole wird das Glück daraus brauchen.

Welche Sprache wird eigentlich auf den Cookinseln gesprochen? Cookisch? Wohl kaum. Aber Schokolade gibt es dort doch bestimmt, wie auch immer sie heißen mag. Ehe ich meine allwissende Freundin Google befragen kann, ertönt das charakteristische Knacken einer vollkommenen, hochprozentigen, tiefdunklen Tafel Schokolade, wenn das erste verheißungsvolle Stück abgebrochen wird. Ich liebe die Türglocke meiner Schokofee.

»Guten Morgen, meine liebe Julie, haben Sie denn schon geöffnet?«

»Für Sie doch immer, Herr Munzel.« Mein Blick wandert von seinem grauen Haarflaum zu der Kakaobohnenuhr über dem Durchgang, in dem er stehen geblieben ist. Zwar öffnet die Schokofee erst ab zehn Uhr ihre Pforten für die Gäste, aber irgendwo auf der Welt ist es jetzt garantiert schon zehn Uhr. »Setzen Sie sich gern an Ihren Lieblingsplatz im Wintergarten, ich bringen Ihnen gleich Ihre französische Schokoladenmilch.«

»Ich danke Ihnen aufs Herzlichste, meine Liebe.« Mit einem Nicken verbeugt sich Herr Munzel leicht vor mir und schlurft zurück in den Wintergarten, durch den er eben hereingekommen ist. In einem Sessel vor dem Panoramafenster in Richtung des Seeschlösschens Wannsee macht er es sich gemütlich und greift nach dem Tagesspiegel auf dem niedrigen Tisch vor sich. Umrahmt von prächtigen Kakaopflanzen, die saftig grün ihre Pracht zur Schau stellen, raschelt sich Herr Munzel durch die Seiten der Zeitung.

In die Milch, die ich bereits erwärmt habe, rühre ich mit einem Schneebesen delikate, edelbittere Schokolade aus ecuadorianischem Nacional-Kakao, bis sie geschmolzen ist und mich mit ihrem Duft nach trockenen Früchten und Sonne umhüllt. Während die Köstlichkeit ruht, verteile ich das slowenische Čokolada, zusammen mit dem norwegischen Sjokolade, zwischen den Himbeerpralinen.

Liebevoll rühre ich wieder die wundervolle Chocolat chaud à l’ancienne für Herrn Munzel um und gieße sie in eine altmodische Schokoladenkanne aus feinstem Tettau-Porzellan. In ein zweites Kännchen gieße ich den Rest und bestreue die Süßigkeit mit einer Prise Fleur de Sel, wohingegen Herrn Munzels Schokoladenmilch einen Hauch Zimt aufgestäubt bekommt.

Gerade als ich ihm seine Leibspeise serviere, öffnet sich ein zweites Mal an diesem Morgen die Tür zur Schokofee. Zusammen mit einem Schwall feuchtkalter, grauer Novemberluft schlüpft Herr Wester herein, grüßt mich formvollendet, reicht mir seinen Mantel und lässt sich gegenüber von Herrn Munzel in einen Sessel sinken. Genießerisch schnuppernd zieht er seine Spezialität zu sich heran. »Das duftet ja wieder ganz famos, Fräulein Blum.«

»Und es schmeckt noch viel famoser.«

»Apropos famos, Sie gestatten einem alten Mann zu sagen, wie famos auch Sie heute wieder aussehen?« Ein Lächeln, welches in den Fünfzigerjahren garantiert reihenweise Mädchenherzen zum Glühen gebracht hat, durchzieht Herrn Westers furchiges Gesicht, wobei mich seine silbergrauen Augen wohlwollend anstrahlen. Und noch heute, sechzig Jahre später, lässt er junge Frauen wie mich erröten und ich streiche mir lachend über die Taille meines blumenübersäten Kleides, das exakt dieselbe granatrote Farbe hat wie die Blüten der Kakaopflanzen rund um mich herum.

»Sie Charmeur, lassen Sie beide es sich bitte schmecken und wenn Sie noch etwas benötigen, rufen Sie mich.« Beschwingt gehe ich durch den bogenförmigen Durchgang aus dem Wintergarten zurück in die Chocolaterie und richte mir dabei das Tuch, das meine schokobraune Haarflut zumindest am Anfang des Tages halbwegs bändigt.

Kaum habe ich mir überlegt, wo ich das schweizer Schoggi drapieren soll, beginnt der Ansturm des Tages. Die Schokoladenknacktürklingel knackt in einem fort und ein Strom an schokoverliebten Kunden beehrt meine Chocolaterie. Liebevoll wähle ich für sie zart schmelzende Trüffeln aus, verpacke süße Geschenke und berate schokohungrige Gaumen. Für die Gäste, die es sich im Wintergarten bequem machen, schmelze ich je nach Vorliebe würzige dunkle oder aromatische helle Schokolade in warmer Milch, arrangiere köstliches Konfekt auf blütenweißen Tellern und reiche Törtchen, aus deren Inneren die noch warme, dickflüssige Schokolade quillt, wenn die Gabel sie zerteilt.

Trotz des grauen Tages funkelt die Schokofee, es duftet nach frisch gemahlenem Kakao, edler Vanille und einem Hauch Zimt. Gegen Mittag reißt eine schüchterne Sonne ein paar Lücken in die Wolkendecke und schickt ihre Strahlen durch die großen Panoramafenster der Chocolaterie. Warm glänzen die honigfarbenen Dielen im goldenen Licht. Es lässt die Maserung des Olivenholzes leuchten, aus dem die Schokoladenbar und die Regale geschreinert wurden. Verliebt fahre ich mit den Fingern eine geschwungene Struktur auf der Theke nach. Leon hat hier großartige Arbeit abgeliefert, die Oberfläche fühlt sich an wie Seide.

»Wenn Se dann mal fertig sind mit Ihre Träumerei, will ich zwee Marsriegel.«

Ich zucke zusammen und blicke auf. Der Mann vor mir sieht aus, als hätte er Erfahrung mit Unmengen an Marsriegeln. Der könnte glatt die zwei geforderten Riegel quer in seinen Mund schieben. Aber nicht mit mir! »Sie meinen, Sie möchten gern eine hervorragende Edelbitterschokolade aus Ecuador, die mit einer wundervollen Honigcreme gefüllt und von einer Lage goldgelben Karamells gekrönt ist?«

Ohne ihm die Chance auf ein Nein zu geben, hole ich von der Schokobar einen Riegel vollkommenen Glücks, schneide diesen auf, sodass sein goldenes Inneres zum Vorschein kommt, und reiche ihn dem Schokoladenfrevler. Der Duft der edlen Criollo-Kakaobohne, vermischt mit dem nuancenreichen Acahual-Honig, wirkt seinen Zauber und die Knopfaugen meines Kunden weiten sich. Ich sehe regelrecht den Appetit auf den Happen Purzelbäume in ihm schlagen. »Probieren Sie ruhig, der Erste geht aufs Haus.«

Mit spitzen Fingern greift er nach dem Schokotraum und schiebt ihn sich in den Mund, wo der Geschmack augenblicklich explodiert. Oh ja! Treffer und versenkt.

Er räuspert sich umständlich und schielt zur Schokobar. Unter einer Glashaube stapeln sich die Riegelköstlichkeiten und locken ihn. »Bei den Dings, bei den, Se-wissen-schon-Riegeln krich ich imma Zahnweh. Aber das hier …«

Ich lächele strahlend wie eine Prophylaxeschwester bei der Zahnreinigung. »Meine Riegel sind ja auch keine in Fett gebadeten Zuckernacktmulle.«

Wieder schielt er zur Schokobar.

»Wie viele darf ich Ihnen einpacken?«

Umständlich zuppelt er ein kariertes Taschentuch aus dem Ärmel und betupft sich damit die Stirn. »Ähm, alle.«

»Aber gern doch. Wünschen Sie sonst noch etwas?«

»Dat reicht. Für heute. Denke ich.« Er legt dreißig Euro in die Geldschale und greift nach der Packung mit den Riegeln. »Stimmt so.«

Oh ja, wie recht er hat, genauso stimmt meine Welt und ich hoffe, dass ich seine damit ein wenig köstlicher machen konnte. Und das nächste Mal zeige ich ihm, wie wundervoll die wirklich längste Praline der Welt mundet.

Apropos Welt, mir fehlen noch immer Sprachen für meine Schokoladendekoration. Wie wäre es mit Walisisch? Ich will eben zum Handy greifen und nach einer Übersetzung suchen, da stürmt Leander herein und rennt dabei fast eine meiner ältesten Kundinnen um, deren Namen ich noch immer nicht herausgefunden habe. Sie ist mindestens so zugeknöpft wie ihre hochgeschlossene Spitzenbluse von neunzehnhundertfünf. Ich kenne nur ihren Schokogeschmack und der badet in allem, was mehr als fünfzehn Volumenprozent beinhaltet.

»So passen Sie doch auf, junger Mann«, echauffiert sie sich auch sogleich und pikst ihn mit ihrem Mary-Poppins-Regenschirm. »Und ziehen Sie sich gefälligst anständige Beinkleider an!«

»Sorry, ich meine Entschuldigung, dass ich Sie nicht gesehen habe.« Leander entfernt sich mit erhobenen Händen aus der Reichweite des Regenschirmes und wendet sich mir zu. »Und sorry, dass ich so spät dran bin, mich hat die Polizei aufgehalten und ewig mein Bike inspiziert. Nur weil ich verkehrt in eine Einbahnstraße rein bin! Die alten Pingel, die sollen lieber mal die Autofahrer ins Visier nehmen …«

Ehe er sich weiter über die altbekannten Streitigkeiten zwischen Radfahrern und Autofahrern auslassen kann, halte ich ihm eine Chilitrüffel unter die Nase. »Hier, probiere mal, das müsste genau dein Geschmack sein.«

Ich bin wenig darüber erstaunt, dass er die Trüffel direkt aus meiner Hand futtert, anstatt danach zu greifen. Na, auch egal, Hauptsache nicht wieder die Straßenkampfgeschichten. Leander ist ja wirklich ein großartiger und zuverlässiger Kurier für meine Schokoladenbestellungen und ich weiß, dass alle Kreationen heil und sicher an ihren Bestimmungsorten ankommen, doch manchmal ist seine Meinung dann doch sehr meinungshaft.

Nur leider kommt mir seine Zuverlässigkeit heute ungelegen und das, obwohl er sogar zu spät ist, denn kochend heiß fällt mir ein, dass ich die Schokoladen für die mittwöchigen Pralinenabos noch nicht fertig habe. Eigentlich habe ich damit noch nicht einmal begonnen. Ich lächele ihn an und neige den Kopf, ganz so, wie die hübschen Damen im Film es immer so gut hinbekommen. »Magst du eine heiße Schokolade zur Stärkung? Gemütlich im Wintergarten und vielleicht ein Törtchen dazu? Und einen kleinen Spaziergang durch den Schlosspark? Gisela wäre bestimmt entzückt, dich mal wieder zu sehen.«

Leander stemmt die Hände in die knallgelbe Taille. »Ich war dort erst letzten Sonntag spazieren, genauso wie letzten Mittwoch und, wenn mich nicht alles täuscht, auch den Mittwoch davor.«

»Es tut mir leid, wirklich, aber ich habe so viel zu tun. Ich habe nicht auf die Zeit geachtet. Die Schokoladen sind alle fertig und wenn du nur ein klitzekleines bisschen warten magst, packe ich alles schnell zusammen.« Ich lächele ein Ehepaar an, das gerade die Chocolaterie betritt, und nicke einem Grüppchen Damen im Wintergarten zu.

Die rollenden Augen von Leander sind regelrecht zu hören. »Und das bevor oder nachdem du deine Kundschaft bedient hast?«

Ich greife nach zwei weiteren Chilitrüffeln von der Schokobar und drücke sie Leander in die Hand, während ich ihn sanft in Richtung Wintergarten schiebe. Leider sind dort alle Plätze belegt.

Ergeben schließt Leander den Reißverschluss seiner knallengen Jacke. »Du bist mir was schuldig, du Schokohexe. Ich habe in der Nähe noch einen Auftrag, den kann ich vorziehen, in einer Stunde bin ich wieder hier und dann …«

»… dann steht alles fix und fertig für dich bereit. Du bist der Größte!« Ich kreuze Zeige- und Mittelfinger beider Hände und nehme mir ganz fest vor, die Pralinenabobestellungen sofort zu verpacken. Nachdem ich das Whiskykonfekt der Namenlosen hübsch eingewickelt und abkassiert habe. Und nachdem ich das Ehepaar bei seiner Wahl der Schokolade der Woche beraten habe. Und nachdem ich noch gefühlte siebenhundert heiße Schokoladen für meine entspannt plaudernden Gäste geschmolzen und gerührt habe.

 

Weit nach vier Uhr kehrt wieder Stille in die Schokofee ein. Vielleicht habe ich heute nicht immer zur richtigen Zeit alles im Griff gehabt, doch am Ende gab es für jeden die richtige Schokolade – und darauf kommt es schließlich an.

Zufrieden richte ich die letzten Pralinen in der Theke gerade und fülle die Gläser der Schokobar mit ihren Köstlichkeiten auf. Da ich in den vergangenen Tagen gut vorgearbeitet habe, könnte ich mir heute einen frühen Feierabend gönnen. Vor ein paar Wochen habe ich das Reiten für mich entdeckt, also theoretisch. Gut, um das Buch Der Pferdeflüsterer zu lesen, habe ich rund ein halbes Jahr gebraucht, aber ich finde nur abends Zeit zum Lesen und dann schaffe ich höchstens zwölf Zeilen, ehe mir die Augen zufallen. Sorry, Herr Evans, an Ihrem Buch liegt es ganz sicher nicht. Wie auch immer, heute ist ein guter Tag, um mit dem Reiten zu beginnen, schließlich habe ich hier auf dem Schlossgrund ganz exklusiv einen Reitstall zur Verfügung.

Aber es ist schon ganz schön dunkel draußen.

Egal, in der Reithalle gibt es Licht.

Pfeifend hänge ich die Schürze an den Haken, schließe die Chocolaterie ab und wandere hinüber zum Schlosshof. Böiger Wind samt grauem Nieselregen tanzen um mich herum und ich vergrabe die Hände in den Taschen des Mantels. Das Wetter könnte wirklich mal angenehmer werden. Ich taste nach meinem Handy, um nach dem Wetterbericht zu schmulen, doch ich habe es nicht eingesteckt. Soll ich zurück gehen? Ach was, ich hole es später. Oder morgen.

Kapitel 2

H wie Hunde

Himbeer-Ganache

Gibt es etwas Sinnlicheres als in heißer Sahne gelöste Schokolade à la couleur?

Oh ja, das gibt es, nämlich wenn auf der sinnlich-sahnigen Schokoladencreme süße Himbeeren das Wunder vollenden.

Der Weg zwischen der Chocolaterie und dem Schloss ist gesäumt von blühendem Winterschneeball. Im Dämmerlicht lässt der Kontrast zwischen dem stahlgrauen Himmel und den lieblichen rosa Blüten das fiese Wetter gleich viel weniger ungemütlich erscheinen und ich atme tief den Honigduft der Sträucher ein.

Auch die weiße Fassade des Seeschlösschens mit seinem leuchtend roten Spitzdach, die von altmodischen Laternen golden beschienen wird, kämpft tapfer gegen die hundert Graunuancen an, die von dem Wannsee im Hintergrund ergänzt werden. Das Wasser wirkt heute so kalt und abweisend, dass ich mir nicht vorstellen kann, dort jemals wieder fröhlich zu planschen.

Verlassen liegt die bogenförmige Auffahrt da und der Kies knirscht laut unter den Sohlen meiner Stiefel.

Vielleicht sollte ich wieder umkehren in meine heimelige Chocolaterie und ein paar nette, wärmende Trüffeln herstellen. Doch da öffnet sich das imposante Eingangstor des Schlosses und innerhalb von Sekunden bin ich umgeben von bellenden, schwanzwedelnden Hunden, die mir alle auf einmal ihre Liebe schenken wollen. Allen voran Willi, der riesige Rottweiler, der meint, ein Schoßhündchen zu sein. In seiner Aufregung stolpert er über die Yorkshire-Dame Happy, die sich nach dem Aufrappeln kurz schüttelt und dann wieder ihren Luftsprüngen hingibt. Währenddessen läuft die scheue Erna ein paar Schritte auf mich zu und wieder rückwärts von mir weg. Sie würde so gern wollen, traut sich aber nicht.

»Ist ja gut, ihr Lieben, lasst mich heil.« Lachend verteile ich möglichst gerecht meine Streicheleinheiten, was gar nicht so einfach ist, wenn ein Sechzig-Kilo-Hund neben zwei Fünf-Kilo-Exemplaren um Aufmerksamkeit buhlt.

»Julie, wie schön, zu dir wollte ich gerade.« Gisela umarmt mich ähnlich stürmisch wie die Hunde, was ihren altmodischen Glockenhut beträchtlich in Schieflage geraten lässt. »Und ihr! Aus!«

Wow, wenn ich den Hunden das sage, kichern sie höchstens, doch bei Gisela wirkt es. Augenblicklich sitzen alle drei Racker brav auf ihren Hinterteilen, die Zungen bis zum Anschlag aus dem Maul hängend.

Gisela richtet den Hut auf ihrem Schopf, doch das Ergebnis sieht lediglich anders schief aus. »Bille hat sich gestern von den Gästen, die abgereist sind, unsere letzten Betthupferl aus dem Kreuz leiern lassen, jetzt haben wir keine mehr für die heute angereisten Gäste. Ich sage dir, dieses Mädel würde ungeniert ihre eigenen Rippen zum Abendessen servieren, wenn man sie darum bittet. Und sich dafür auch noch bedanken.«

»Meine Betthupferl sind ja auch die besten.« Kokett verneige ich mich vor Gisela. »Ich laufe schnell zurück und hole welche, ich habe ohnehin schon den ganzen Weg über mit mir gehadert, zurückzugehen, weil ich mein Handy liegen gelassen habe.«

Entsetzt schlägt Gisela die Hände vor der Lodenmantelbrust zusammen. »Oh du meine Güte! Das geht ja natürlich überhaupt gar nicht. Ihr jungen Leute ihr, ohne euer Handy! Lauf rasch, meine liebe Julie, nicht, dass diese Absenz einen bleibenden Schaden anrichtet.«

Betont langsam verschränke ich die Arme. »Und wer genau benötigt noch einmal meine Betthupferl für seine Gäste? Nicht auszudenken, wenn ich diese kleinen Köstlichkeiten nicht fände, wo ich doch sooo mit meinen Entzugserscheinungen zu kämpfen habe.«

Nonchalant gibt mir Gisela einen Nasenstüber. »Oh meine Liebe, ich kenne da eine herzensgute Chocolatière, die es gar nicht aushalten würde, wenn unsere Gäste ohne ihr berühmtes Schloss-Betthupferl zu Bett hupfen müssten.«

Pikiert hebe ich den alten Kater Nörgi auf den Arm, der mir um die Beine streicht, und drehe mich von Gisela weg. »Schokolade ist nun mal eine Berufung, und entweder gibt man sich ihr ganz hin oder gar nicht.«

»Aber selbstverständlich, deshalb bist du ja auch unser Goldstück.« Gisela klopft mir auf den Popo und pfeift die Hunde zu sich. »Bringst du die Schokolade bitte direkt zu Lotte, sie verteilt sie dann, wenn die neuen Hausgäste durch das Schloss geführt werden. Ich muss zum Flughafen, Holger abholen. Hab einen schönen Abend.«

Mit dem Kater auf dem Arm drehe ich mich zu Gisela zurück und winke ihr mit Nörgis Pfote zu. Ich bin vieles, aber nachtragend zu sein gehört definitiv nicht zu meinem Portfolio. Das ist mir viel zu anstrengend. »Du auch, und grüße Holger von mir. Ich freue mich, dass er wieder hier ist.«

»Und ich mich erst.« Wie ein junges Mädchen dreht sich Gisela einmal im Kreis, sodass der weite Rock zusammen mit ihrem Mantel schwingt. So verliebt wie die beiden noch nach so vielen Jahren sind, möchte ich auch gern sein. Es ist das pure Glück bei ihnen, selbst wenn es mal rappelt.

Apropos viele Jahre, begehen Gisela und Holger nicht dieses Jahr zu Weihnachten ihren vierzigsten Hochzeitstag? Das muss doch gebührend gefeiert werden!

Ich setze Nörgi auf die Bank vor der Schokofee, wo er mich mit zusammengekniffenen Katzenaugen ob meiner Unverfrorenheit anklagt. »Ich bin gleich wieder da, aber in die Chocolaterie darfst du nicht hinein, das weißt du doch. Selbst wenn du wie deine Brüder nicht dieses puschelige Perserfell hättest.«

Sein Maunzen lässt mich fast schwach werden, aber nur fast, und so schließe ich schnell die Tür hinter mir, eile durch den Wintergarten in die Schokoküche, wasche mir die Hände und hole aus der Kühlung die vorbereiteten Betthupferl. Bevor ich wieder hinausstürme, klebe ich noch einen weiteren Notizzettel an meine Erinnerungspinnwand: H + H = 40 ???

Ich will eben abschließen, da fällt mir mein Handy ein, also sause ich zurück und nehme es dieses Mal mit.

 

Im Schloss ist es angenehm warm und Nörgi windet sich träge aus meinem Arm, um seinen Lieblingsplatz auf dem Kaminsims im kleinen Salon einzunehmen. Dass er sich dort nicht seinen Pelz verbrennt, wundert mich immer wieder, aber vermutlich hat er so viel Fell, dass es gar nicht auffällt, wenn mal eine Schicht verloren geht.

Über die geschnitzte Freitreppe der Eingangshalle gehe ich in den ersten Stock und dort in den Südflügel, wo die drei Ferienwohnungen des Schlosses untergebracht sind und auch Lotte ihren Herrschaftsraum, ich meine ihr Büro, hat.

Ich atme tief durch, straffe die Schultern und klopfe zögerlich an. Es raschelt hinter der Tür, dann wird sie geöffnet und die gestrenge Hausdame mustert mich durch den Kneifer, der auf ihrer Nase klemmt. »So haben mich meine Ohren doch nicht getäuscht, bitte Frau Blum, wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass Sie gefälligst hörbar anklopfen sollen, wenn Sie Einlass begehren! Und stehen Sie bitte gerade, eine junge Dame wie Sie sollte keinen so krummen Rücken machen.«

»Jawohl, Fräulein Lotte.« Ich drücke meinen Rücken noch gerader, auch wenn es sich anfühlt, als hätte ich ein Bügelbrett vernascht. Aber Widerstand ist hier zwecklos, und davon mal abgesehen würde ich mich diesen gar nicht getrauen. »Ich habe hier die gewünschten Betthufperl für Sie.«

»Bitte Frau Blum, so beginnen Sie doch keine Sätze mit ich! Das schickt sich nicht. Und die Gute-Nacht-Grüße für unsere Gäste sind nicht für mich, sondern eben für die Gäste.« Die Hausdame streckt die Hände aus und ich lege den Karton mit den Süßigkeiten hinein. Nicht ohne dabei ein klein wenig zu zittern. Aber schon viel weniger als früher.

Froh, meinen Auftrag und meine Last endlich los zu sein, knickse ich vor ihr.

»Frau Blum, ich bitte Sie! Was legen Sie heute nur für ein seltsames Gebaren an den Tag.«

Oh, das frage ich mich auch gerade. Und wenn ich schon beim Fragen bin, wie komme ich jetzt hier halbwegs anständig so schnell wie möglich weg?

»Fräulein Lotte, Fräulein Lotte, es ist etwas Schreckliches passiert, der alte Enno, er hat … er hat nicht …« Die dreifache Rettung in Gestalt der jungen Schlossköchin kommt heftig atmend neben mir zum Stehen. Billes ohnehin immer roten Wangen leuchten intensiv und der Dutt unter ihrem Häubchen verdient den Namen nicht mehr, so zerrupft wie er aussieht.

Und schon geht es los. »Frau Viersturm, erstens schreien wir nicht! Zweitens verbitte ich mir, Herrn Boltenhagen als alten Enno zu bezeichnen, und drittens, wie sehen Sie überhaupt aus! Und bitte stehen Sie gerade!«

Froh, nicht mehr das Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein, entferne ich mich seitwärts mit kleinen Schritten.

»Sie bleiben, wo Sie sind, Frau Blum. Bitte.« Fräulein Lotte nimmt mich durch ihren Zwicker ins Visier, ehe sie sich wieder an Bille wendet. »Und Sie, Frau Viersturm, erzählen mir, was dieses ganze Tohuwabohu zu bedeuten hat, bitte.«

Bille knetet unbarmherzig ihre Schürze und ich befürchte, wenn wir hier fertig sind, wird es diese Schürze auch sein, für immer und ewig, denn diese Falten werden sich nie wieder glätten lassen. Andererseits kennen Billes Schürzen keine andere Behandlung von ihr, sobald sie ihr Allerheiligstes, die Schlossküche, verlässt. »Der alte, ich meine der Enno, also der Herr Boltenhagen, der hat keine Stimme mehr.«

Frau Lotte hebt die linke Augenbraue in einem perfekten Schwung. »Bitte, wo ist das Problem? Wenn er an einer Dysphonie leidet, so kochen Sie ihm doch bitte einen Salbeitee und lassen ihn damit gurgeln.«

»Das haben wir schon gemacht! Und er bekommt noch immer keinen Pieps heraus!« Der Stoffberg in Billes Händen nimmt ungeahnte Größe an und ich will ihr schon solidarisch meinen Mantel zum Zerknüllen anbieten, da zwingt Fräulein Lottes Blick sie dazu, das arme Stoffknäuel doch endlich loszulassen.

»Sie versuchen mir also mitzuteilen, dass Herr Boltenhagen die heutige Führung durch unser Seeschlösschen Wannsee nicht durchführen kann?« Frau Lotte tippt sich mit dem Zeigefinger auf die Nase, nimmt den Kneifer ab und zeigt damit auf mich. »Frau Blum, wenn Sie bitte so nett wären, die Führung zu übernehmen. In Anbetracht von Frau Viersturms überreiztem Gemüt fällt meine Wahl auf Sie.«

»Ich?« Entsetzt hebe ich die Hände. »Aber warum machen Sie nicht die Führung?«

»Bitte, Frau Blum, meine Aufgabe ist es, die Gäste am Ende der Schlossführung gebührend in Empfang zu nehmen und ihnen einen unvergesslichen ersten Abend zu bereiten.«

»Ich wollte reiten gehen.« Zugegeben, in meinem Kopf hört sich die Erklärung viel besser an.

»Seit wann bitte reiten Sie?« Fräulein Lottes Blick wandert an meinem Kleid nach unten zu meinen Wildlederstiefeln. »Mir dünkt, Sie sind eher für eine innerhäusliche Veranstaltung gekleidet.«

»Ich wollte heute mit meinem neuen Hobby anfangen.«

Frau Lotte schließt für einen Moment die Augen, wie um sich zu sammeln. »Ihre Hobbys wechseln in so regelmäßigen Abständen, dass selbst ich mit dem Zählen nicht nachkomme, und ich merke mir sonst alles. Also, wenn ich bitten dürfte, die Gäste warten. Und Gäste lassen wir nicht warten!«

Damit scheucht sie Bille und mich die Treppe nach unten. Schicksalsergeben wende ich mich dem Salon mit den wartenden Hausgästen zu, während Bille eilig in die Küche zurückhuscht.

Keine Panik, ich kann das. Ich kenne das Schloss, ich weiß, wo ich hinein- und wieder hinauskomme, ich weiß, wo die Küche ist und der kleine Salon und natürlich auch die Gästewohnungen.

Und wenn ich nicht gleich mehr weiß, wird dies eine ziemlich kurze Schlossführung werden.

Doch zum Glück bin ich mit Google befreundet. Ich ziehe das Handy aus der Manteltasche und diesen danach gleich aus. Mir ist jetzt definitiv warm und die Truhe neben der Salontür ein prima Mantelversteck.

Eine Nachricht von Lukas blinkt mir vom Display entgegen. Tief verschüttet zwischen all den Terminen in meinem Kopf – und meinem neuen Hobby – leuchtet plötzlich ein ganz besonderer Termin auf. Oh nein! Ich bin gerade jetzt mit Lukas verabredet! Wir wollten endlich unsere Hochzeit planen!

Da wir aber nicht unbedingt gleich heute oder morgen heiraten, hat Lukas bestimmt Verständnis, wenn ich unser Treffen absage oder besser verschiebe. Schnell tippe ich eine liebe Entschuldigung an meinen Verlobten und widme mich wieder der Recherche zum Schloss: »Google, erzähle mir bitte etwas zum Seeschlösschen Wannsee

Doch meine Freundin bleibt stumm und ich sehe dabei zu, wie das Display schwarz wird. Theorie eins: Meine Frage hat ihre Intelligenz beleidigt. Theorie zwei: Der Akku ist leer.

Als mir jemand auf die Schulter tippt, zucke ich zusammen und fahre herum. »Enno!«

Der Schlossmann-für-Alles verzieht entschuldigend das Gesicht und ruckelt an der Schiebermütze auf seinem Haupt. Dann zeigt er kopfschüttelnd auf seinen Mund.

»Noch nicht besser?«

Weiteres Kopfschütteln vernichtet meine aufgekeimte Hoffnung.

»Hast du ein Handy dabei?« Probehalber drücke ich den Startbutton an meinem Telefon, doch es bleibt aus.

Enno kräuselt die buschigen Augenbrauen und will etwas sagen, was jedoch in einem Hustenanfall mündet.

Ach, stimmt ja, Enno braucht solch einen Schnickschnack nicht, er hat schließlich sein Walkie-Talkie. Leider scheidet auch Bille aus mit ihrem Dinosaurier-Tastentelefon. Und über Frau Lottes mobile Vorlieben weiß ich nicht Bescheid, auch wenn hier alles möglich ist – von einem tragbaren Wählscheibenmodell bis hin zum neuesten iPhone. Außerdem traue ich mich ohnehin nicht, sie zu fragen.

Für einen Moment starre ich auf die verschlossene Salontür. Es gibt ein paar Dinge, die ich über das Schloss weiß, und ich würde sagen, dass diese nicht die uninteressantesten sind.

Ich wende mich wieder Enno zu. »Eine Frage nur, aus welcher Epoche stammt das Schloss?«

Er beugt sich zu mir und flüstert etwas durch seinen Pfirsichatem. Pfirsichbonbons sind die einzige Ausnahme in meiner Schokowelt, extra für Enno.

»Renaissance?«, frage ich nach.

Er nickt und gestikuliert wild mit den Armen. Doch ich kann nicht erraten, was es bedeutet.

Schließlich legt er die Hände gefaltet an seine Wange und schließt die Augen, um sie gleich wieder zu öffnen und heftig mit dem Kopf zu schütteln.

»Schlafen?«

Kopfschütteln.

»Nicht schlafen! Ah, ich verstehe, nicht abends, morgens, also früh. Frührenaissance!«

Enno nickt begeistert angesichts meiner historischen Meisterleistung und zeigt mir ein paar Ziffern mit den Fingern.

»Eins, fünf, fünf, null. Erbaut in 1550! Du bist ein Schatz.« Damit umarme ich ihn kurz, atme tief durch und gehe in den Salon, um bei der heutigen Schlossführung zu debütieren.

 

Verstohlen linse ich auf meine Armbanduhr. Eine Viertelstunde Herumführen im Schloss sollte reichen. »Liebe Gäste, wenn Sie mir nun bitte nach draußen folgen möchten. Nur ein paar Meter weiter erwartet Sie das Highlight unseres fabelhaften Seeschlösschens Wannsee

Ich geleite die zwei Frauen und vier Männer durch das Eingangstor und hinüber in die Chocolaterie. Bibbernd schließe ich die Schokofee auf und schalte das Licht an. Goldene Lampen funkeln zwischen den Kakaopflanzen und wohlige Wärme begrüßt uns im Wintergarten.

»Voilà, herzlich willkommen in der alten Gutsküche des Schlosses. Damals wie heute das Herzstück dieses wunderbaren Anwesens.«

Fröhlich miteinander plaudernd folgen mir die Schlossgäste durch den Wintergarten in die Chocolaterie. Auch hier tauchen kleine, versteckte Lampen den Raum in warmes Licht, doch so, dass die kühl gehaltene Schokolade nicht beeinträchtigt wird.

Ich drehe mich einmal um mich selbst. »Ebenso wie das Schloss stammt die ursprüngliche Gutsküche aus der Frührenaissance. Sie wurde auch noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts aktiv genutzt, jedoch in ein Bistro umgebaut, als das Schloss für Besucher geöffnet wurde. Mit der Idee der Gästewohnungen vor etwa zehn Jahren wurde die neue Küche im Nordtrakt des Schlosses so modernisiert, dass von dort aus die Gäste bewirtet werden können. Vor drei Jahren hatte ich das Glück, hier meine Vision eines Schokoladenparadieses zu erschaffen und mit meiner Schokofee ein Teil des Schlosses werden zu dürfen.«

Wohlwollend blicken sich die Gäste in dem alten Gebäude um, in dem so viel Geschichte lebt und Tag für Tag spürbar ist.

»So, und damit Sie nun selbst Teil dieser Geschichte werden, bitte ich Sie zu mir an die Schokotheke. Wir machen jetzt unsere eigene Schokolade.«

 

Zufrieden lösche ich drei Stunden später das Licht in der Schokofee. Unter viel Gelächter und noch mehr Kostproben haben wir zartschmelzende Schokoladen gerührt, die nun über Nacht in der Schokoküche fest werden dürfen, während die Schlossgäste sanft in ihren Himmelbetten schlummern. Intensiver Duft nach geschmolzener Criollo-Kakaobutter und das herbe Aroma von gemahlenen Trinitario-Kakaobohnen begleiten mich hinaus und glücklich schließe ich die Chocolaterie zu.

Kapitel 3

O wie Old

Orangen-Bonbon

Bonbons sind keine Schokolade.

Na gut, sie sind aber auch lecker. Vor allem, wenn süße Orangen auf unwiderstehlich karamellisierten, dickflüssigen Zuckersirup treffen.

Genauso glücklich öffne ich die Tür zu meinem Häuschen, das sich nicht weit von der Chocolaterie entfernt in eine Lichtung des Düppeler Forstes schmiegt. Es ist nicht abgeschlossen.

»Lukas?« In dem kleinen Flur steht ein Hocker unter einem Berg von Jacken begraben und von Stiefeln jeglicher Höhe umringt. Ich schäle mich aus dem Mantel und den Schuhen und packe alles einfach dazu.

Die alten Dielen knarzen, während ich erst einen Blick in die Küche werfe, aus der es herrlich nach Schnitzel duftet, und weiter in die Stube gehe, wo ich Lukas endlich finde.

Mit geschlossenen Augen sitzt er entspannt in Gwenis abgewetztem Ohrensessel, abgeschirmt vom Lärm der Welt durch riesige Kopfhörer. Wobei sich der Lärm rund um mein Häuschen auf Vogelgezwitscher und gelegentliches Grunzen von Wildschweinen beschränkt und das nicht unbedingt im November.

Langsam beuge ich mich zu ihm und küsse ihn sacht auf die Wange.

Lächelnd öffnet Lukas die Augen, legt die Kopfhörer zur Seite, schlingt die Arme um meine Taille und zieht mich auf seinen Schoß. »Wenn Träume wahr werden.« Zart küsst er sich an meinem Hals aufwärts, bis sich unsere Lippen treffen. Voller Lust küsse ich den Mann, den ich so sehr liebe, lasse mich in seine Umarmung fallen und genieße seine Hände auf meinem Körper, die mir geschickt aus dem Kleid helfen.

 

Feine Gänsehaut überzieht meine Haut, während ich eingekuschelt in Lukas’ Armen meinem pochenden Herzschlag nachfühle, der sich langsam beruhigt. Die Hitze unserer Liebe ist noch spürbar, doch nicht genug, um mich, nackt wie ich bin, ausreichend zu wärmen.

»Die Heizung macht schon wieder Probleme«, raunt Lukas schläfrig in meine Haare und zieht mich noch fester an sich.

»Oh, da weiß ich ein gutes Mittel.« Ich richte mich auf, sodass wir uns ansehen, und fasse nach Lukas’ Händen an meiner Taille.

»Heiße Schokolade?«

Langsam lege ich Lukas’ Hände auf meine Brüste und beuge mich ihm entgegen. »Danach …« Und wieder genieße ich das Spiel zwischen seinem Körper und meinem, werde eins mit ihm, lasse mich hinwegtragen von unserer Leidenschaft.

Schwitzend kommen wir schließlich zur Ruhe und genießen unter einer alten Patchworkdecke unsere Zweisamkeit.

»Es tut mir leid, dass ich dich vorhin versetzt habe.« Ich puste mir ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Lukas’ Brummen klingt nicht sonderlich verzeihend und ich richte mich ein wenig auf, um ihn anzusehen. »Ehrlich. Der Tag flog einfach dahin und dann kam mir noch die Schlossführung dazwischen und anschließend der spontane Schokokurs. Du weißt, wie wichtig mir die Schokofee ist. Also nicht, dass mir unsere Hochzeit nicht auch wichtig wäre, aber …«

»Aber?«

Ich räuspere mich. »Nichts aber. Sorry, das habe ich nur so dahingesagt.«

Lukas schweigt, doch sein Schweigen fühlt sich nicht behaglich an.

»Bitte sag etwas. Wenn du möchtest, reden wir jetzt gleich über unsere Hochzeit. Wann möchtest du heiraten?«

Sanft fährt Lukas mit einer Hand unter die Haare an meinem Nacken. »Jetzt, heute, morgen, nächste Woche. Wann immer du möchtest.«

Die Decke auf meinen Schultern ist ziemlich warm und ich ziehe die Arme darunter hervor. Mir ist ein wenig schwindelig, ich glaube, ich sollte unbedingt etwas essen. »Du Scherzkeks. Zuerst feiern wir ohnehin Viannes Hochzeit. Außerdem muss unsere Hochzeit wohl durchdacht und vorbereitet werden. Und obendrein kostet sie eine Menge Geld, das heißt, dass wir wohl kaum im kommenden Jahr heiraten werden.«

»Ich denke nicht, dass unsere Hochzeit so aufwendig werden muss, dass dafür monatelange Planungen notwendig sein werden. Und was die Kosten angeht, finden wir bestimmt auch eine Lösung, die uns nicht in den Ruin treibt.« Nachdenklich sieht mich Lukas an.

»Siehst du, da haben wir schon den Termin. Wir heiraten nächstes oder übernächstes Jahr. Das war doch einfach.« Ich rutsche ein wenig höher und küsse ihn so leidenschaftlich, dass er, wenn überhaupt, in diesem Augenblick nur an unsere Hochzeitsnacht denken kann.

»Bleibst du heute Nacht hier oder musst du noch nach Hause?«, flüstere ich in sein Ohr, nachdem ich mich schwer atmend von ihm gelöst habe.

Er lacht leise. »Wenn du mich schlafen lässt.«

»Herausforderung angenommen. Und wir werden noch sehen, wer hier wen nicht schlafen lässt.« Damit erhebe ich mich, lasse die Decke von mir gleiten und verlasse hüftwackelnd die Stube. Ich weiß, Lukas’ Blick klebt an meinem hübschen Po.

 

Heißhungrig verspeise ich mein buttriges Schnitzel, eingemummelt in einen Jumpsuit aus plüschigem, weißem Frottee. »Haben die Heizungsrohre vorhin doll gegurgelt, als du gekommen bist?«

Lukas schenkt mir dampfenden Pfefferminztee nach, ehe er sich seinem Schnitzel zuwendet. »Gurgeln ist untertrieben, die haben nach Hilfe geschrien. Julie, du musst dringend einen Heizungsinstallateur kommen lassen, unsere Basteleien reichen längst nicht mehr aus. Die Heizung wird bald völlig hinüber sein.«

»Das passt schon und der Winter ist auch bald rum. In gut vier Wochen ist Weihnachten, dann ist das Jahr vorbei und der Frühling beginnt. Und sollte die Heizung wirklich in die Knie gehen, habe ich ja immer noch den guten alten Kachelofen.«

»Schon klar, in der guten alten Stube. Und die restlichen Zimmer lässt du vereisen, oder was? Davon mal abgesehen, dass du dich mit dem alten Schornstein am Ofen in Nullkommanichts vergiftest.« Kopfschüttelnd hält Lukas beim Schnitzelschneiden inne. Sein lockiges, braunes Haar steht in alle Richtungen ab und passt hervorragend zu seinem empörten Gesichtsausdruck.

Ich zucke mit den Schultern. »Ich kann es gerade nicht ändern.«

»Du könntest zu mir ziehen.«

»Und Gwenis Haus verlassen? Niemals!« Mit einem Ruck stehe ich auf und hole mir ein Glas Leitungswasser. Ich will Lukas’ verletztes Gesicht nicht sehen, seine braunen Augen spiegeln so klar seine Emotionen wider.

Zittrig trinke ich ein paar Schlucke des bitteren Wassers und lächele ihn vorsichtig an. »Selbst, wenn ich zu dir ziehen würde, wäre dem Haus nicht geholfen. Ich habe einfach nicht die finanziellen Mittel, um es instand setzen zu lassen. Und nein, ich werde es nicht verkaufen. Und nein, ich werde kein Geld von dir annehmen.«

Lukas klappt den Mund wieder zu, da ich auf all seine Hilfsangebote ohnehin schon die Antworten habe. Ruhig steht er auf, nimmt meine Hand und geht mit mir nach draußen, nachdem er unsere Jacken aus dem Stapel im Flur gefischt hat.

In der Mitte des Vorgartens bleibt er stehen und leuchtet mit der Taschenlampe seines Handys auf das Dach des Hauses.

»Das Dach hat schon immer dazu geneigt, sich selbst abzudecken«, murmele ich beim Anblick der verschobenen alten, dunkelroten Dachziegel. Wenn ich könnte, würde ich höchstpersönlich wunderschöne, glänzende, neue Ziegel einzeln auf das Dach legen. Aber ich kann nun mal nicht. Handwerklich könnte ich vielleicht schon, aber nicht finanziell.

»Das ist nicht lustig, Julie.« Mit gerunzelter Stirn sieht mich Lukas im Schatten der Handylampe an. »Der Sturm letztes Wochenende hat ziemlichen Schaden angerichtet. Beim nächsten Sturm wirst du richtig Probleme bekommen.«

Energisch verschränke ich die Arme vor der Brust und stapfe zurück ins Haus. »Für den Sturmschaden müsste die Versicherung aufkommen. Ich kümmere mich morgen darum.«

 

Es ist kalt, als ich die Decke anhebe, um das Bett zu verlassen. Und dunkel. Schnell schlüpfe ich in die dicken gestrickten Socken, die neben dem Bett liegen, und wickele mich in eine alte Strickjacke von Gweni. Seufzend drücke ich den Rücken durch, dem die durchgelegene Matratze des handgedrechselten Bettes nicht gut bekommt. Auch darum wollte ich mich schon vor Monaten kümmern, irgendwo klebt sicher der Zettel mit der Erinnerung daran. Vermutlich sind es sogar mehrere Zettel in unterschiedlichen Farben, je nachdem wie dringend ich den Matratzenkauf zu jenem Zeitpunkt angesehen habe. Heute würde es ein knallpinker Zettel werden, quasi Prio eins.

Nach einer Katzenwäsche knarze ich die Treppe nach unten, von wo mir herrlicher Kaffeeduft entgegenweht. Lukas ist bereits angezogen und wie es aussieht auch schon mit dem Frühstück fertig.

Ich schmiege mich in seine Arme und genieße unseren Guten-Morgen-Kuss. »Du bist früh dran.«

»Demnächst findet das Adventskonzert der Musikschule statt. Ein paar Schüler hatten noch interessante Änderungsvorschläge, ich will vor dem Unterricht ausprobieren, was davon geht und was nicht.« Mit einem Kuss auf meine Stirn entlässt mich Lukas aus seiner Umarmung und reicht mir einen tiefschwarzen Kaffee in meiner Schokobohnen-Lieblingstasse. »Und du denkst bitte daran, mit deiner Versicherung zu reden. Heute! Ich habe dir einen Zettel auf dein Telefon geklebt. Und an die Haustür.«

Mit der warmen Tasse in den Händen schlumpere ich Lukas in den Flur hinterher und warte, während er seine Schuhe und Jacke anzieht. So sehr, wie ich das Nachhausekommen zu Lukas liebe, so sehr liebe ich auch unsere Abschiede. Nicht, weil er dann endlich weg ist, sondern weil es so schön ist. Vertraut und warmherzig, verliebt und geborgen.

Lukas streicht mir die Haare aus dem Gesicht, die ich heute noch nicht gebändigt habe, und nach einem Lächeln nur für mich küssen wir uns innig.

 

Mir bleibt noch ein wenig Zeit, ehe ich in die Schokofee muss, und so suche ich den Ordner mit den Versicherungsunterlagen. Diesen finde ich recht schnell in Gwenis altem Schreibtisch im Gästezimmer, doch was ich darin lesen muss, treibt mir für einen Moment den Puls in ungesunde Bereiche. Es klebt ein grellgelber Zettel in dem Ordner: Gebäudeversicherung abschließen – dringend!

Mist! Das hatte ich gleich erledigen wollen, als ich eingezogen bin.

Genau wie die Hausratversicherung! Mir ist so schlecht, der Kaffee in meinem Magen rumort und ein bitterer Geschmack macht sich in meinem Mund breit. Ob vielleicht eine der Versicherungen der Chocolaterie einspringen könnte?

Mir ist klar, dass die Versicherungswelt so nicht funktioniert, aber solch einen dürren Strohhalm habe ich gerade bitter nötig.

Seufzend rappele ich mich zusammen mit dem recht nutzlosen Ordner auf und mache mich für den Tag in der Chocolaterie fertig. Dort werde ich mir überlegen, wie es weitergeht oder mich wenigstens von der ganzen Hausmisere ablenken lassen.

Kräftig ziehe ich die widerborstige Haustür ins Schloss und schließe ab. Der altmodische Schlüssel zu diesem windschiefen Häuschen ist mein ganz eigener Zugang zu einer Welt, die ich verloren habe.

An den krummen Gartenzaun gelehnt sehe ich mir mein Häuschen seit Langem mal wieder genauer an. Über den blitzblauen Himmel jagen fette weiße Wolken und tauchen es abwechselnd in Licht und Schatten. So schlimm, wie Lukas meint, ist der Zustand des Daches gar nicht. Sicher, hier und dort müsste etwas daran gerichtet werden, wie am ganzen Häuschen, aber eines nach dem anderen. Ich müsste mich Reparatur für Reparatur vorarbeiten, die wichtigsten zuerst.

Ich habe von meiner Mutter mal ein Zeitmanagement-Seminar geschenkt bekommen, da wurde uns von einer Dingsbums-Methode erzählt, irgendetwas zum Priorisieren. Von irgendeinem amerikanischen Präsidenten oder so. Ich glaube, es ging darum, was wichtig ist und was unwichtig. Genau, und dazu, was dringend ist und was nicht.

Okay, mal sehen. Das Dach sieht wirklich nicht gut aus, wenn ich es noch länger schleifen lasse, wird der Schaden umso größer sein. Also, wichtig ist die Reparatur des Daches. Auch die meisten Fenster bereiten mir massiv Kummer, somit sind auch die Fenster wichtig. Der Schornstein bröckelt und funktioniert nicht mehr ganz so wie er soll – wichtig. Die Heizung selbstverständlich und auch das Warmwasser, doppel-wichtig.

»Guten Morgen, mein Schatz.«

Aufgescheucht drehe ich mich um. Meine Mutter – wichtig – strahlt mich über den Zaun hinweg an.

»Hey, guten Morgen, was machst du denn zu so früher Stunde hier?« Ich öffne das Gartentor mit dem verbeulten Briefkasten, um meine Mutter hereinzulassen.

»Ich habe dir doch eine Nachricht geschrieben, dass ich die Umzugskartons brauche.« Sie richtet sich die buntgeringelte Mütze auf ihrem schokobraunen Haar. Das sieht lecker aus, wie ein köstliches Tartufo di Pizzo mit einer bunten Zuckerhaube in Wirbeln darauf. Das muss ich nachher gleich mal versuchen.

Eine kalte Böe wirbelt Laub von der Eiche im Garten auf und lässt es im Sonnenlicht tanzen. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke weiter nach oben. Mein eingeschlafenes Handy habe ich total vergessen. »Mein Telefon hat sich gestern verabschiedet.«

»Und da hast du es bis heute nicht geschafft, es zu laden? Und im Übrigen habe ich dir schon vor einer Woche geschrieben.«

»Oh.«

»Na wie auch immer. Ich habe dich ja noch rechtzeitig erwischt.« Meine Mutter hakt sich bei mir unter und zieht mich in Richtung Kellereingang.

»Du bist wirklich wegen der Kartons hier? Sag nicht, dass du schon wieder umziehen willst!« Mit einem Ruck bleibe ich stehen und sehe auf meine Mutter hinunter, mit einem möglichst strengen Gesichtsausdruck, wie ich hoffe.

Sie ist davon völlig unbeeindruckt und lacht über das ganze Gesicht. »Ich habe endlich eine Wohnung im Prenzlauer Berg gefunden, in der Kastanienallee! Das Haus ist so cool! Über und über voll mit Stuck und roten Backsteinen zwischen den Sandsteinen. Und erst die Wohnung, ein Traum von einer Berliner Altbauwohnung, sage ich dir. Dort will ich wohnen!«

»Der wievielte Traum einer Berliner Altbauwohnung wäre das dann, bitte? Lass mich mal kurz nachzählen …«

Meine Mutter rüttelt grinsend an meinem Arm. »Aber nicht in der Kastanienallee, da habe ich noch nie gewohnt.«

Kopfschütteln ist die einzig angemessene Reaktion auf das Hobby meiner Mutter. »Wenn du sonst nichts zu tun hast als schon wieder umzuziehen.« Also mir wäre das ja ein Graus. Der Einzug in Gwenis Haus reicht mir für die nächsten zehn Jahre.

»Ich bin nun mal nicht so ein Nesthocker wie du und dein Vater. Und dein Bruder.«

»Nur gut, dass wenigstens May mit ihrer Reiserei nach dir kommt, wenn wir sonst schon nicht allzu viel gemeinsam haben in unserer Familie.«

Mit einem Ruck zieht meine Mutter ihren Arm aus meiner Armbeuge. »Ja, ja, ich weiß, du armes, armes Scheidungskind. Wie kannst du solch eine zerrüttete Familie dein Eigen nennen.«

»Ist doch wahr! Wir haben nicht einmal die gleichen Namen!« Ich weiß, ich weiß, ich bin erwachsene siebenundzwanzig Jahre alt, selbstständig und stehe mit beiden Beinen fest im Leben, und es ist nicht so, dass wir untereinander verkracht wären. Nein, es lebt halt nur jeder sein eigenes Leben, aber irgendwie zusammen, nur nicht gemeinsam.

»Dein Vater heißt Blum, genau wie du«, brummelt meine Mutter.

»Das war es dann aber auch schon«, brummele ich zurück.

»Ach Kind, komm drüber weg!« Damit steigen wir die steile Treppe zum Kellereingang hinunter. Wir halten uns am wackeligen Geländer fest, was die ganze Sache nicht unbedingt sicherer macht.

Der Schlüssel im Schloss der Kellertür knirscht und knarzt und ich würde mich nicht wundern, wenn er eher abbricht, als sein Werk des Türöffnens zu vollbringen. Doch schließlich springt die Tür auf und macht den Weg frei in ein dunkles Kellernichts. Ich trete zur Seite, damit meine Mutter hineingehen kann.

Die zieht die Augenbrauen hoch. »Deine Kellerangst war ja niedlich, als du fünf Jahre warst, aber heute ist sie gelinde gesagt merkwürdig.«

»Dieser Keller ist gruselig, das ist so ein richtiger Kellerkeller!«, verteidige ich mich. Und ich muss mich zusammenreißen, um mich nicht heftig zu schütteln. Schon allein der Gedanke an diese fiese, feuchte Dunkelheit und den modrigen Geruch lässt mich bibbern. Außerdem gibt es da unten Ecken, wo niemals Licht hinkommt, wer weiß, was da alles zum Leben erwacht ist. Oder zum Gegenteil. »Es kann ja nicht jede so eine toughe Horrorautorin sein wie du, Frau Selda Thorne!«

»Horrorthriller, mein Liebe!« Kopfschüttelnd geht meine Mutter an mir vorbei und schaltet das Licht an. Surrend flammen die Neonröhren auf und tauchen das alte Gemäuer in grelles, gelbes Licht. Kurz verschwindet meine Mutter in einem dunklen Nebengang, um kurz darauf mit einem Armvoll zusammengefalteter Kartons wiederaufzutauchen. Sie drückt sie mir in die Hände und macht sich noch einmal tapfer auf Kartonjagd.

Endlich ist sie zufrieden und ich kann den Kellerkeller wieder für lange Zeit abschließen. »Die Umzugskartons kannst du gern behalten. Ich brauche sie ohnehin nicht.«

»Das werden wir ja sehen.«

»Warum?« Die Kartons lassen sich blöd tragen und ich muss sie mehrfach richten, während ich die Treppe nach oben stiefele.

Wieder im Sonnenlicht bleibt meine Mutter vor mir stehen. »Du ziehst doch sicher bald zu Lukas, oder? Jetzt hast du ja lange genug hier gewohnt.«

Ich verstehe nicht, was sie sagt. »Ich ziehe nicht zu Lukas, ich bleibe hier. Immerhin möchte Gweni, dass ich auf das Haus aufpasse.«

»Julie, Gweni möchte schon lange …«

»Dies ist der einzige Ort, an dem ich immer zu Hause war. Ich bleibe hier!«

»Julie! Deine Oma …«

»Kein Wort mehr!« Damit drehe ich mich um und schleppe die Kartons zum Auto meiner Mutter.

Kapitel 4

C wie Cool

Chili-Schokolade

Süße, warme Schokolade geht eine Liaison ein mit scharfem, heißem Chili. Eine Beziehung voller Leidenschaft und Feuerwerken – auf der Zunge und für das Gemüt.

»Auf Wiedersehen, und grüßen Sie mir recht herzlich Ihren Mann.« Beschwingt öffne ich die Tür der Schokofee, um meine betagte Kundin hinaustreten zu lassen. Ein Schwall kalter Luft fährt mir dabei unter das knielange Kleid und bauscht es auf wie eine Hibiskusblüte.

Schnell schließe ich die Tür und eile durch den voll besetzten Wintergarten zurück in die Chocolaterie, wo mein Handy mir meinen Bruder ankündigt, in Form von Beethovens Große Fuge – sein Wunsch!

»Hey«, schnaufend komme ich hinter der Theke zum Stehen und lehne mich an das Fenster, die Sonne warm im Rücken.

»Julie, du musst mir unbedingt irgendeine von deinen Schokoladen für Orélie zusammenrühren!«

»Dir auch einen guten Tag, lieber Herr Bruder!«

»Sorry, Schwesterherz, ich bin in Panik.«

Seinem Tonfall nach scheint er nicht zu untertreiben. August ist ein in sich ruhender, distinguierter Rechtsanwalt, immer Herr der jeweiligen Situation, doch gerade klingt er wie ein gefällter Baum. »Was hast du denn angestellt?«

»Ähm«, hüstelt er mir ins Ohr. »Ich glaube, ich habe irgendwie meinen Hochzeitstag vergessen.«

»Wie bitte? Der war vor drei Wochen! Ich habe dir höchstpersönlich wundervolle Schokolade für Orélie vorbeigebracht! Ihre Lieblingstrüffeln! Dafür habe ich ein Date mit Lukas abgesagt! Wir wollten unsere Hochzeit planen!«

»Sorry«, flüstert er.

Nein, nein, nein, wenn mein Bruder so mit mir spricht, kann ich ihm nicht wie eine Furie die Leviten lesen. Der Hochzeitstagdrops ist ohnehin gelutscht. Jetzt heißt es Ruhe bewahren und die richtige Schokoladensorte finden. »Okay, ich denke mir etwas aus und du bist heute Abend pünktlich zum Ladenschluss hier, holst das Geschenk für deine tolle Frau und entschuldigst dich in aller Form! Und mit entschuldigen meine ich das ganze Programm, verstehst du mich!«

»Danke Julie, du bist die Beste. Allerdings muss ich heute Nachmittag noch einmal ins Gericht, eventuell wird es einen Tick später. Bye Schwesterlein.«

Tief durchatmend schließe ich für einen Moment die Augen. Meine Familie macht mich wahnsinnig! Ständig gerät einer von ihnen – oder alle auf einmal – mit seinem Partner aneinander. Dabei ist die Liebe doch so einfach. Sie brauchen es doch nur so zu machen wie Lukas und ich!

Da Augusts Anliegen dringend ist, wirbelt mir heute schon wieder alles durcheinander. Ich schmule in den Wintergarten. Dort haben es alle meine Gäste bequem und sehen gut versorgt aus. Leander würde erst zum Feierabend kommen, um die Freitagstrüffeln für meine Abokunden abzuholen, somit kann ich die Vorbereitungen darauf auf später verschieben. Und die Führung, die gerade im Schloss stattfindet, dauert noch mindestens eine Stunde. Die Kunden, die danach den Weg zu mir finden, kann ich locker nebenbei beraten.

Also kümmere ich mich erst einmal um Augusts Schokoladengeschenk für meine Schwägerin.

Besondere Missionen erfordern besondere Maßnahmen, und so hole ich das uralte Schokoladenrezeptbuch aus der Truhe neben der Schokobar. Es wird gemunkelt, es befände sich schon seit Generationen im Besitz unserer Familie und würde seit jeher von einer Chocolatière zur nächsten vererbt. In diesem Fall von meiner Gweni an mich.

Wie immer, wenn ich das Rezeptbuch in die Hände nehme, kriecht mir Gänsehaut den Rücken hinauf. Früher dachte ich, das käme daher, dass mich dieses alte Buch in Ehrfurcht erstarren ließe. Aber seitdem mir meine Freundin Sunny von den Legenden der Schokoladenhexen erzählt hat, die als Preis für einen Liebesfluch ihre Liebe für die beste Schokolade geopfert haben, ist meine Leidenschaft für das Buch ein wenig abgekühlt.

Wie auch immer, hier versammeln sich die besten Schokoladenrezepte, die ich kenne.

Orélie kennt sich als passionierte Zuckerbäckerin in der Welt der Confiserie bestens aus, was jedes Mal eine wundervolle Herausforderung ist. Sie liebt buttrigen Blätterkrokant und Marzipan und als Französin versteht sie es, einen hervorragenden Weinbrand zu genießen. Wie wäre es also für den Sorry-Schoko-Traum mit einem Duett aus zartestem Armagnac-Marzipan und pluderigem Blätterkrokant, umhüllt von vanuatuischer Zartbitterschokolade?

Beim Durchblättern des Buches finde ich ein köstlich klingendes Rezept zur Herstellung von Weinbrandmarzipan und auch eines für einen Blätterkrokant auf Basis von Macadamia. Wenn das nicht genau das ist, was ich suche.

Ich sammele die Zutaten zusammen und es dauert nicht lange, bis ich im Schokoflow glücklich vor mich hinwerkele. Das seidige Marzipan nimmt langsam Form an und betört mich mit seinem Armagnacduft nach Trauben und Orangen, vermischt mit holzigen Gewürzen und warmer Vanille. Dazu die karamellige Süße des Krokants und das herbbittere Aroma der tiefdunklen Vanuatu-Schokolade.

Bald trocknet ein Dutzend glänzende Köstlichkeiten in Herzform vor mir und ich bestreue sie zur Vollendung am rechten Rand mit rosasilbernem Zucker.

Gerade sinkt der letzte Zuckerkrümel in die noch weiche Schokolade, als ein gut gelaunter Holger zusammen mit den Besuchern des Schlosses die Schokofee betritt.

»Oh! Der rosa Zucker links auf den Pralinen sieht aber lecker aus. Darf ich?« Herzhaft beißt Holger in Orélies Geschenk und ich springe beherzt zwischen ihn und die anderen Leckerbissen, damit er sie nicht in seinem Überschwang verteilt.

 

Die nächsten Stunden wirbele ich zwischen der Schokobar, der Küche und dem Wintergarten umher. Zwischendurch bringt mir Bille ein Risotto vorbei, welches mich für eine Viertelstunde in einen köstlichen Italienurlaub schickt.

Gerade noch rechtzeitig fallen mir am späten Nachmittag Leander und die Lieferung ein, die ich noch für ihn fertig machen muss. Na gut, es ist nicht unbedingt gerade noch rechtzeitig, aber zumindest sehe ich ihn auf seinem Rad angebraust kommen und beginne, noch ehe er die Chocolaterie betritt, dunkelrote Schächtelchen mit den gewünschten Pralinen und Trüffeln zu füllen.

»Und? Alles klar auf Berlins Straßen?« Über die Theke hinweg lächele ich Leander zuvorkommend an, während meine Hände flink Haselnusstrüffeln, Himbeerpralinen und Marzipankonfekt in die Schachteln betten.

»Du bist wieder nicht fertig. Hast du ein Glück, dass ich so problemlos durchgekommen bin.« Leander streckt sich ausgiebig und schielt auf eine Schale voller Bruchschokolade mit Puffreis, die jedes Kinderherz höherschlagen lässt.

»Netter Hintern.«

Leander friert in seiner Bewegung ein und folgt Vianne, die soeben hinter ihm die Chocolaterie betreten hat, mit den Blicken, als sie augenzwinkernd an ihm vorbeigeht.

»Bediene dich«, helfe ich ihm aus seiner misslichen Lage und zeige auf die Puffreisschokolade.

»Und du benimm dich.« Kopfschüttelnd gehe ich um die Theke herum und umarme meine Freundin. »Er ist fast noch ein Kind«, flüstere ich ihr ins Ohr und unterdrücke ein Kichern.

»Netter Hintern bleibt netter Hintern.«

Leander stolpert bei dem Schritt zur Schokobar über seine eigenen Füße und stützt sich so unglücklich ab, dass er die Schale mit der Bruchschokolade umstößt. Seine Wangen nehmen einen so intensiven Rotton an, dass die Hitze bis zu mir strahlt. Ich stupse Vianne in die Seite, damit sie aufhört, den armen Kerl in Verlegenheit zu bringen.

Sie zuckt nur mit den Schultern. »Ich stehe doch nur hier.«

Im Grunde hat sie recht. Egal wo Vianne geht und steht, jedes männliche Wesen im Umkreis von drei Kilometern stolpert über seine Füße, reißt Dinge herunter und zerfließt vor ihr. Dafür kann sie nichts, ich glaube, sie wurde schon so geboren. Und wäre sie nicht meine beste Freundin, würde ich diese nordische Göttin bestimmt aus vollem Herzen hassen, so wunderschön, charmant und auch noch klug sie ist.

Um Leander aus Viannes Bann zu erlösen, schiebe ich ihn von der Schokobar weg in den Wintergarten und reiche ihm die Schale mit den Resten der Puffreisschokolade. Nach einem aufmunternden Klaps auf die Schulter lasse ich ihn dort sitzen und sich erholen.

Zurück in der Chocolaterie, wickelt Vianne derweil ein Pfirsichbonbon aus seiner knisternden Hülle und steckt es sich mit einem Seufzen in den Mund. »Du hast unseren Termin verschwitzt, richtig?«

Vehement schüttele ich den Kopf, während ich wieder hinter die Theke gehe, um die Lieferung für Leander weiter einzupacken. »Nein, natürlich nicht. Wir wollen endlich den Sweet Table für deine Hochzeit besprechen.« Ich räuspere mich kurz, ehe ich etwas leiser weiterspreche. »Nächste Woche.«

Vianne neigt den Kopf, dabei spielen silberne Reflexe in ihrem champagnerblonden Haar, das sie heute zu einer lässigen Hochsteckfrisur zusammengefasst hat. »Nope.«

»Übernächste Woche?«

»Oh nein.«

»Heute?«

»Oh ja.«

»Mist.«

»Das dachte ich mir schon. Aber was solls, ohne dein Zeitunmanagement wäre es echt langweilig in meinem Leben.« Vianne grinst mich an und klopft auf die Tasche an ihrer Schulter. »Vorausschauenderweise habe ich mir Arbeit mitgebracht. Ich warte im Wintergarten auf dich, einverstanden?«

Erleichtert atme ich aus. »Danke, ich beeile mich.«

»Nicht nötig, auf meinem Pad sind Designentwürfe für die nächsten zehn Jahre gespeichert, ich weiß mich zu beschäftigen. Und außerdem kann ich hier getrost mal mein Telefon auf lautlos stellen, denn es wäre ja unhöflich, die anderen Gäste durch Gespräche zu stören, nicht wahr?«

»Das ist sehr rücksichtsvoll von dir. Wie wäre es zur Belohnung mit einer Polkagris

»Mach zwei Zuckerstangen daraus und wir sind im Geschäft.« Damit wendet sie sich um und läuft zum Wintergarten.

»Ach Vianne!«, rufe ich ihr hinterher.

»Ja?«

»Bitte mache einen Bogen um Leander, der muss heute noch mit dem Rad fahren und das mit meinen guten Leckereien im Gepäck.«

 

»Wollen wir?« Dankbar lasse ich mich in einen Sessel Vianne gegenüber fallen. Die Pralinenabos sind mit Leander auf dem Weg, die Kunden bedient und die Gäste der Chocolaterie auf ihren Heimwegen. Für heute kehrt Ruhe ein in der Schokofee. Das gedämpfte Licht der Lampen sperrt die dunkle, kalte Nacht aus und ein duftendes Gesteck mit drei flackernden Kerzen auf dem Tisch lässt mich zum ersten Mal in diesem Jahr voller Erwartung an Weihnachten denken.

»Ich freue mich so sehr auf meine Hochzeit.« Entspannt streckt Vianne ihre Beine aus und blickt lächelnd in die Kerzenflammen.

»Eine Weihnachtshochzeit, wie ich dich beneide.«

Vianne sieht zu mir hin. »Das kannst du auch haben.«

Ich winke ab. »Das hat Zeit. Es gibt einfach viel zu viel zu tun. Wusstest du übrigens, dass Gisela und Holger dieses Jahr Weihnachten ihren vierzigsten Hochzeitstag feiern? Da muss ich mir unbedingt noch etwas Tolles ausdenken.«

Vianne schüttelt den Kopf. »Wie lange willst du denn noch warten? Lukas und du, ihr seid jetzt seit eineinhalb Jahren verlobt. Zeit genug, würde ich sagen.«

»Lukas und ich feiern lieber erst einmal deine Hochzeit, jetzt bist du dran.« Energisch greife ich nach dem Skizzenblock und einem Bleistift auf dem Tisch. »Also, es ist schon mal klar, dass wir für deine Riesenhochzeit einen riesigen Sweet Table brauchen. Es bleibt dabei, dass Miela ihre großartigen Macarons zaubert?«

»Ja, sie will sogar unsere Hochzeitstorte daraus basteln.« Vianne tippt auf ihrem Pad herum und zeigt es mir. »So ungefähr soll die Macarontorte aussehen.«

»Cool.« In der Skizze türmen sich bunte Macarons zu einem Kunstwerk auf. Das Ganze sieht so lecker aus, dass ich am liebsten in das Bild hineingreifen und eine Handvoll der süßen Leckereien herauspflücken möchte. »Aber nicht unbedingt die typische Hochzeitstorte.«

»Ich bin ja auch keine typische Braut.«

»Oh nein! Das bist du in der Tat nicht.« Mein Bruder schließt ordentlich die Eingangstür hinter sich, deutet eine Verbeugung vor Vianne an und küsst ihr formvollendet die Hand. Für mich hat er immerhin einen Gruß in Form eines diffusen Winkens übrig.

Aufrecht und mit übereinandergeschlagenen Beinen setzt er sich zu uns. Ich kenne keinen Mann außer ihm, der so sitzt. Er schmult auf die Notizen in meinen Händen. »Hochzeitsvorbereitungen? Da kannst du noch eine Menge von Vianne lernen, kleine Schwester.«

Ich stehe auf und sehe meinen Bruder auffordernd an. »Bist du nicht wegen etwas Anderem hier?«

»Orélie ist noch unterwegs, also keine Eile.«

»Du könntest die Zeit nutzen für, sagen wir mal, Ambiente schaffende Vorbereitungen.« Wie kann mein Bruder nur so die Ruhe weghaben? An seiner Stelle würde ich auf Knien zu Hause auf meine Frau warten.

»So schlimm ist es ja nun auch wieder nicht.« Gechillt verschränkt er die Hände hinter dem Kopf.

»Das hat sich vorhin aber ganz anders angehört.« Genervt wuschele ich ihm durch die Haare. Sehr zu seinem Leidwesen hat er genauso dickes, schokobraunes Haar wie alle in unserer Familie, und dieses lässt sich schlecht bis gar nicht bändigen. Für ihn der einzige Makel an seinem ansonsten makellosen Auftreten.

Da ich die Sache mit ihm und Orélie nicht ganz so entspannt sehe, hole ich das Geschenk für seine Frau und nötige ihn schließlich, aufzustehen, nach Hause zu fahren und einen netten Abend für die beiden vorzubereiten.

»Aber wir haben es nett zu Hause.« Mein Bruder sieht mich verständnislos an, als ich ihm die Tür öffne. »Orélie hat doch alles.«

»Ja, außer dich.« Dass ein intelligenter Mann wie mein Bruder nur so liebesdumm sein kann!

»Das ist unlogisch. Wir sind seit Jahren verheiratet.«

»Ja genau, und damit, dass du ihr einen Ring an den Finger gesteckt hast, endet deine Anwesenheitspflicht zu Hause nicht.«

Indigniert richtet er seine keineswegs schiefsitzende Krawatte. »Wir arbeiten nun mal alle sehr gern sehr viel. Das solltest du am besten wissen, oder warum bist du noch nicht zu Hause bei deinem Lukas, wenn doch die Chocolaterie schon längst geschlossen hat?«

»Das ist etwas völlig anderes!«

»Mit dieser Erklärung sollte mir mal einer vor Gericht kommen!« Schwungvoll drückt mir August einen Schmatzer auf die Stirn und hält das rote, herzförmige Geschenk hoch. »Danke dafür, du bist die Beste.«

»Nimm dir mal ausgiebig Zeit für deine Frau, das wird auch dir guttun.« Mit einem Winken schließe ich die Tür der Schokofee und husche fröstelnd zurück zu Vianne, die es sich mit hochgezogenen Beinen auf dem Sessel gemütlich gemacht hat und auf ihrem Pad malt. »So, und nun weiter mit deinem Sweet Table.«

Vianne dreht das Pad zu mir, ihre Augen funkeln. »So soll mein süßer Tisch für die Hochzeit aussehen.«

»Wow! Das sind aber drei Tische.«

»Keine Sorge, der eine Tisch ist für Mielas Macarontorte und der andere wird von Bille mit Puddings und Cremes gefüllt.« Vianne tippt mit dem Touchpen hier und dort auf die Skizze und die leeren Schüsseln füllen sich wie von Zauberhand mit Inhalten. Ich rieche regelrecht die süßen Desserts.

»Also darf ich den größten Tisch füllen.«

Vianne lässt den Stift sinken und sieht mich an. »Bitte Julie, wenn dir das alles zu viel ist, sage es. Ich möchte unbedingt, dass meine Hochzeit auch für dich eine tolle Feier wird. Ich will nicht, dass du dich für den Sweet Table zerreißt.«

Theatralisch lege ich mir die Hand auf die Brust. »Ich verspreche dir hoch und heilig, dass du mich ganz und in vollen Stücken auf deiner Hochzeit vorfinden wirst, und das zusammen mit dem großartigsten Sweet Table aller Zeiten. Auch wenn dieser süße Tisch alle üblichen Maße sprengt und größer ist als mein gemütliches Häuschen mit dem windschiefen Dach. Ahhh!« Entsetzt springe ich auf und sehe mich nach einer Uhr um, wohl wissend, dass es im Wintergarten keine gibt. »Wie spät ist es?«

Vianne schaut auf das Pad. »Kurz nach halb neun. Was hast du denn nun wieder vergessen?«

»Versicherungsmenschen sind jetzt vermutlich nicht mehr im Dienst, oder?« Ich kräusele die Nase. Vielleicht gibt es ja einen Spätdienst?

»Vermutlich nicht. Ist in deinem Haus nun endgültig das Licht ausgegangen?« Vianne schaltet das Pad aus und räumt die Unterlagen in ihre Tasche.

Ich weiß, der Spruch ist witzig gemeint, aber er trifft mich bitterernst. »Es kann ja nicht jede in einer sieben Trilliarden teuren Wannseevilla wohnen!«

»Jetzt verschätzt du dich aber, meine Liebe. Meine Villa ist mindestens zwölf Trilliarden wert.«

»Sorry«, murmele ich. »Aber manchmal wächst mir für einen Moment alles über den Kopf.«

Vianne steht auf und umarmt mich fest. »Das meinte ich vorhin mit dem Sweet Table. Ich weiß, du willst ihn von Herzen gern machen, aber ich weiß auch, wie viel Arbeit dich das kosten wird.«

»Das ist keine Arbeit«, murmele ich an ihrem duftenden Hals. Mmh, erdbeerig.

»Doch, das ist Arbeit, Julie. Und das solltest du schleunigst zur Kenntnis nehmen. Verstehe mich nicht falsch, ich freue mich, dass dir dein Job so viel Freude macht, aber am Ende des Tages ist es nur ein Job!«

Ihre Worte treffen mich und ich winde mich aus ihrer Umarmung. »Sagst du das deinen Angestellten auch?«

Ernst nickt Vianne. »Ja. Und vor allem sage ich es mir selbst.«

Kapitel 5

O wie Oh nein

Othello-Praline

Dicke, cremig geschmolzene, dunkle Schokolade vereint sich mit einem kräftigen Espresso, umhüllt von einem zartbitteren Schokoladengewand, bestäubt mit feinstem Kakao und Zimt.

»Sehen wir uns morgen?« Aufatmend lasse ich den schweren Rucksack von meiner Schulter auf den Boden der Eingangshalle des Schlosses gleiten. Mit dem Fuß schiebe ich ihn hinter die Säule mit dem Kopf irgendeines Vorvorfahrens von Gisela. Oder von Holger? Egal. Ich kenne ihn nicht persönlich und bin auch froh darüber, so grimmig, wie er in die Eingangshalle blickt. Ich wechsele mein Handy in die andere Hand, um mir die Schulter besser lockern zu können. »Sorry Lukas, was hast du gesagt?«

»Ich sagte, wir können uns jederzeit treffen. Das Wochenende gehört ganz uns. Außerdem sind wir ohnehin verabredet.«

»Oh! Der Spieleabend, richtig?« Ich verziehe den Mund, als hätte ich Zahnweh. Es fühlt sich auch wirklich ein bisschen danach an.

Lukas seufzt und ich kann seine ausgeprägten Stirnfalten dabei regelrecht vor mir sehen. »Du hast es vergessen.«

»Sorry«, piepse ich.

»Das sagtest du gerade schon. Die letzten beiden Male warst du leider auch nicht dabei, du verpasst echt was. Allein wie sich Sunny jedes Mal die Regeln zurechtbiegt hat großen Schauwert. Was Tom ihr natürlich nicht durchgehen lässt, was Claire daraufhin mit irgendeinem ihrer Frag-mich-nicht-Superkaffees zu schlichten versucht und Miela mit einer wilden Teemischung dagegenhält. Tobias, Henrik und ich haben uns beim letzten Mal gefühlt wie in der ersten Reihe eines Comedyclubs. Das war echt witzig.«

Oh ja, das kann ich mir gut vorstellen. »Samstagabend, richtig?«

»Jep.«

»Sorry, das schaffe ich nicht. Ich habe versprochen, Mama morgen bei ihrem Umzug zu helfen.«

»Selda zieht schon wieder um? Davon hast du mir gar nichts erzählt. Ich kann euch gern helfen.«

Katzengefauche lenkt meinen Blick weg von der Vorvorfahrenstatue und hin zu der Truhe neben dem Salon, wo Nörgi gerade einen bilderbuchreifen Katzenbuckel vollführt. Was seinen kleinen Bruder Piepsi wenig bis gar nicht interessiert, denn der angelt weiter begeistert nach dem buschigen Schwanz des Älteren. »Nörgi wird gerade wieder von Piepsi als Spielzeug zweckentfremdet.«

Lukas lacht dröhnend. »Dann geh mal lieber Streit schlichten. Ich muss jetzt ohnehin los, die ersten Schüler schlurfen schon rein. Und wie gesagt, meldet euch bitte, wenn ich beim Umzug mitanpacken kann. Wenn nicht, sehen wir uns Sonntag?«

»Genau. Und ich habe nicht vergessen, dass der Sonntag ganz unserer Hochzeit gehören wird!«

Demonstrativ hüstelt Lukas. »Feine Julie.«

Lachend stecke ich das Telefon in die hintere Jeanstasche und will eben zu Nörgis Rettung eilen, da schlappt Enno aus dem Salon und trennt die beiden Kater, indem er Piepsi auf den Arm nimmt und das rostrote Fell krault.

»Guten Morgen, Enno. Wie geht es deiner Stimme?« Ich streichele Nörgi über den Kopf, der sofort sein Schnurren anschmeißt und sich wieder in seine Schlafposition kringelt.

Enno winkt ab, was Piepsi als Gelegenheit zum Herunterspringen nutzt. Weg ist er. Auf zu neuen Schandtaten.

»Warst du mal beim Arzt?«

Nun winkt Enno mit beiden Händen ab und schlägt sich auf die Brust.

»Ah, ich verstehe, du bist natürlich nicht krank.« Schmunzelnd wackele ich mit dem Zeigefinger. »Verschlepp es nur nicht. Noch eine Führung möchte ich mir nicht aufbrummen lassen, ich habe genug zu tun.«

Enno deutet eine Verbeugung an, tippt sich an die Schiebermütze und geht zurück in den Salon. Dort dongt gerade tief und dröhnend die uralte Standuhr und macht mir mit ihren acht Schlägen Beine.

 

Mit überhöhter Geschwindigkeit schlittere ich in die Schlossküche. Bille wirbelt am Herd mit einem halben Dutzend Bratpfannen, aus denen mir ein Geruch entgegenweht, der meinen Bauch so richtig laut nach Futter brummen lässt.

Bille sieht auf und bedeutet mir mit einer Kopfbewegung hereinzukommen. »Hunger?«

»Und wie. Mein Kühlschrank ist leerer als die Kühlschränke in den Möbelhäusern. Guten Morgen übrigens.« Schnuppernd linse ich Bille über die Schulter. »Wie dieser Speck duftet.«

»Morgen, dir auch. Setz dich, ich bringe dir gleich einen Teller. Eier mit Speck und Toast?«

»Gern, ich nehme alles, was ich kriegen kann.«

Bille sieht mich mit gerunzelter Stirn an. »Oder möchtest du etwas anderes? Ich kann dir auch Spiegeleier braten oder einen strammen Max?«

»Och, mir reicht mein strammer Lukas zu Hause.«

Bille sieht jetzt ehrlich entsetzt aus, denn zu ihrer gefurchten Stirn zieht sie die Mundwinkel nach unten.

Entschuldigend hebe ich die Hände. Ich vergesse immer wieder, wie schüchtern sie ist. »Alles gut, Eier mit Speck und Toast wären großartig, danke.«

Bille starrt mich noch einen Moment an, während sie routiniert, ohne hinzusehen, weiter in den diversen Pfannen vor sich rührt.

»Ehrlich.«

Beim Anrichten meines Tellers murmelt Bille vor sich hin. Unsicher, ob sie sich von jedem Stück Essen einzeln verabschiedet, versuche ich, nicht allzu genau hinzuhören. Sonst würde es mir vermutlich nicht mehr schmecken, das wäre ja fast so, als würde ich ihre Kinder aufmampfen.

Doch als das saftige, goldene Rührei mit dem knusprigen Speck erst einmal vor mir steht, gibt es kein Halten mehr. Das ist so lecker. Und auch wenn Schokolade mein Grundnahrungsmittel ist, so kommt eine fluffige Eierspeise knapp dahinter.

»Aber bitte, Frau Blum, so schlingen Sie doch nicht so undamenhaft.« Pikiert klemmt sich Fräulein Lotte den Kneifer auf die Nase und betrachtet mich durch die tadellos polierten Gläser. »Und sitzen Sie gerade, bitte.«

Du meine Güte, hat sie sich soeben aus dem Nichts in dieser Küche materialisiert? Vor Schreck verschlucke ich mich an einem – zugegebenermaßen mehr als übergroßen – Happs mit Ei. Und Speck obendrauf.

Bille ihrerseits steht sogleich stramm, nachdem sie ihren Rührlöffel in eine Pfanne geschmissen hat. Nur sind nun leider ihre Hände frei und so muss die arme Schürze vor ihrem Bauch dran glauben.

Kopfschüttelnd lässt mich Fräulein Lotte husten und wendet sich an Bille. »Bitte Frau Viersturm, die Gäste warten auf ihr Rührei. Wenn Sie Ihre persönlichen Gustationen bitte zurückstellen könnten und endlich die Teller für unsere Gäste herrichten würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

Hektisch greift Bille nach einem Stapel Teller. »Ich bin schon dabei, das Ei aufzutun. Aber es muss doch perfekt sein.«

»Ich erwarte nichts anderes von Ihnen, Frau Viersturm, bitte.« Sagts und rauscht mit einem Seitenblick auf mich aus der Küche.

Bille und ich atmen hörbar aus und sacken in uns zusammen. Schnell futtere ich die letzten Reste von meinem Teller und stehe noch im Kauen auf. »Sorry, dass ich dich gestört habe, ich wusste nicht, dass Fräulein Lotte auf dich wartet.« Innerlich verdrehe ich die Augen. Wenn ich heute noch ein einziges Mal sorry sage, zwicke ich mich selbst, und zwar irgendwo, wo es wirklich wehtut.

Als wäre sie gerade nicht ein zitterndes Bündel gewesen, bereitet Bille flink die Teller vor. Und sie macht das so appetitlich, dass ich in Versuchung gerate, ihr einen davon abzuschwatzen. »Oh nein, Julie! Du brauchst gar nicht so zu schauen. Die hier sind für die Gäste. Aber ich brutzele dir gern noch einen Nachschlag.«

Ich winke ab. »Vielen Dank für das leckere Frühstück, ich muss rüber in die Schokofee. Und lass dich nicht von Lotte fressen.«

Mit geweiteten Augen sieht mich Bille an.

»Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken, war nur ein Spaß.« Ah! Beim nächsten Mal zwicke ich mich ganz bestimmt.

Bille schiebt mir den Servierwagen hin. »Nimmst du ihn gleich mit hoch zu Fräulein Lotte? Biiitte.«

Ehe ich mir eine halbplausible Ausrede überlegen kann, warum ich dies leider, leider nicht tun kann, klingelt mein Telefon. Ich reiße es mir aus der Tasche, hebe entschuldigend die Schultern und bin raus aus der Küche.

»Hey Lukas, du bist der perfekte Mann für mich.« Lachend sprinte ich durch den Flur zur Eingangshalle. »Einen besseren Zeitpunkt für deinen Anruf hättest du nicht wählen können.«

»Ich kanns halt. Will ich wissen, warum ich so perfekt bin und vor allem, warum du so außer Atem bist?«

»Och, nichts Besonderes. Nur mein Freitagslover und ich. Du weißt schon.« An der Säule des Vorvorfahren angekommen, suche ich nach meinem Rucksack. Vergeblich. Habe ich ihn woanders hingelegt?

»Na dann, aber bitte tut nichts, was wir nicht auch tun würden.« Ich höre Lukas’ Lächeln in seiner Stimme und fühle mich von ihm umarmt. »Eigentlich will ich dich nur ganz schnell daran erinnern, dass du bitte an die Liste von Julia denkst, die sie für unsere Hochzeit schon mal erstellt hat. Dann müssen wir nicht ganz bei Null anfangen.«

Nach der zweiten Umrundung der Säule bleibe ich stehen und sehe mich noch immer nach meinem Rucksack um. Eine dunkle Vorahnung bemächtigt sich meiner kleinen Seele. »Und die Liste habe ich noch einmal genau wo?«, frage ich vorsichtig bei Lukas nach. »Und verdrehe jetzt bloß nicht die Augen!«

Lukas schweigt für einen Moment, ich vermute, er sammelt Contenance. Ganz viel, extra für mich. Aber deswegen liebe ich ihn auch so sehr. »Du triffst dich morgen mit Julia im Hotel Calla wegen des Sweet Table einer ihrer Promikundinnen.«

»Ah ja, richtig. Das habe ich nicht vergessen.«

»Gewusst hast du es aber auch nicht mehr.«

»Tschüssi, hab dich lieb.«

»Und ich dich erst mal.«

Grinsend stecke ich das Telefon zurück in die Tasche. Doch das Grinsen vergeht mir ganz schnell. Aus dem Speisezimmer schreitet Fräulein Lotte, und als sie mich sieht, verwandelt sich ihr Gesicht in einen einzigen Vorwurf. »Frau Blum, bitte!« Mit einer kaum merkbaren Geste ihrer Hand zitiert sie mich zu sich heran und zeigt auf die Truhe, die an der Wand zwischen dem Speiseraum und dem Salon thront. »Was bitte meinen Sie, ist dieses edle Stück hier?«

Ist das eine Fangfrage? Muss ich jetzt wirklich antworten? »Eine Truhe?«, versuche ich es ganz allgemein.

»Dies Möbelstück datiert zurück auf das Jahr 1615! Es beinhaltete einst die Aussteuer Ihrer Durchlaucht Estelle Leonore Charlotte Adrienne.« Fräulein Lotte sieht mich über ihren Kneifer hinweg an. Sie hätte gut und gern auch Geschichtslehrerin werden können.

Gehorsam nicke ich. »Das ist furchtbar interessant, aber ich muss jetzt wirklich rüber in die Chocolaterie, Schokolade machen und so, Sie wissen schon.«

Fräulein Lotte hält mich mit erhobenem Zeigefinger zurück. »Nein, das weiß ich nicht. Und bitte unterlassen Sie das furchtbar vor dem interessant. Interessant genügt vollkommen. Anscheinend sind Sie sich nicht des ideellen Wertes dieses Möbelstückes bewusst.«

Damit klappt sie den Deckel der Truhe hoch und greift nach meinem Mantel, den ich letztens vor meiner Schlossführung dort hineingeschmissen hatte. Schön, dass er wieder da ist. Und auch meine rosa Bommelmütze kommt zum Vorschein, zusammen mit meinem selbst gestrickten, roten Lieblingsschal. Das war auch ein tolles Hobby letzten Winter!

Froh, meine schönen Sachen wiedergefunden zu haben, nehme ich sie Fräulein Lotte ab. »Sie haben nicht auch ganz zufällig meinen Rucksack gefunden?«

Offensichtlich bin ich keines Wortes mehr würdig, denn sie seufzt nur abgrundtief und bedeutet mir, ihr zu der Kammer hinter der Treppe zu folgen. Dort holt sie meinen Rucksack heraus. Und eine Glasschale, in der ich üblicherweise bunte Schokolinsen aufbewahre. Und ein Paar grasgrüne Gummistiefel. Stimmt! Die habe ich im Sommer getragen, als ich mich zusammen mit Enno meinem neuen Sommerhobby, der Gärtnerei, hingegeben habe.

»Die Säule mit seiner Durchlaucht Frederik ist keine Abstellgelegenheit für Rucksäcke, bitte! Nicht gestern, nicht heute und auch nicht in Zukunft! Genauso wie der Kaminsims nicht dazu gedacht ist, mit Glasschalen aus einer modernen Epoche verunziert zu werden!«

Und vermutlich gehören grasgrüne Gummistiefel auch nicht zum Trocknen vor den Kamin gestellt, es sei denn, sie sind mindestens vierhundertfünfzig Jahre alt.

Nun mehr als ausreichend bepackt trete ich schleunigst den Rückweg an. »Danke sehr, Fräulein Lotte. Das kommt alles nicht wieder vor. Versprochen.«

»Liebe Frau Blum, Sie sollten nichts versprechen, was Sie nicht halten können! Und nun entschuldigen Sie mich bitte.« Sie nickt mir huldvoll zu und schreitet von dannen, in Richtung der Schlossküche, wo vermutlich Bille mit den fertigen Tellern auf der Türschwelle kauert.

Schnellen Fußes durchquere ich die Halle, um endlich in die Schokofee zu gehen.

»Julie! Guten Morgen.«

Da ich die Stimme gut kenne, sie aber nicht hierhergehört, drehe ich mich mit einem Ruck um. Und tatsächlich schreitet gerade Orélie seelenruhig die Freitreppe herab.

»Was machst du denn hier?« Vor Schreck fällt einer der Gummistiefel auf den Steinboden. Noch immer vollbepackt, versuche ich abzuwinken, wodurch mir der Mantel vom Arm rutscht. »Nein! Sag es mir nicht, ich will es gar nicht wissen.«

Mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln grinst mich meine Schwägerin an, während sie auf mich zuläuft. »Dann kennst du die Antwort auf deine Frage anscheinend selbst.«

»August hats vermasselt, richtig?« Genervt lasse ich den Rest meiner wiedergefundenen Sachen auf den Boden fallen und stemme die Hände in die Taille.

Orélie zieht die Augenbrauen hoch, die im selben dunkelroten Ton schimmern wie ihre Haarpracht. »Wenn du unseren Abend gestern meinst, dann hat er es definitiv vermasselt. Wenn du unseren Hochzeitstag meinst, dann hat er auch diesen vermasselt. Und wenn ich hinzufügen darf, eigentlich hat er unsere ganze Ehe vermasselt.«

Ich schlucke schwer bei ihren harten Worten. Doch Orélie ist nicht unbedingt für ihre Sanftmut bekannt, das muss alles noch gar nichts heißen.

»Frau Blum! Ich muss doch wohl sehr bitten!« Fräulein Lotte rast quer durch die Halle auf mich und Orélie zu und zeigt mit beiden Händen auf den nicht unbeträchtlichen Haufen zu unseren Füßen. Bille nutzt die Gelegenheit und flitzt mit dem Servierwagen hinter der Hausdame in den Speiseraum.

»Ähm, sorry, die Sachen sind mir gerade runtergefallen.« Um Schadensbegrenzung bemüht, klaube ich sie hektisch vom Boden.

»Wenn unsere Schlossgäste diese Unordnung sehen! Das geht ja nun wirklich nicht!« Der Spitzenbesatz am Hals von Fräulein Lottes Bluse zittert heftig, als würde ihr Puls mächtig dagegen donnern.

Orélie hilft mir beim Aufheben. »Da ich gerade der einzige Gast bin, der diese Unordnung sieht, habe wir ja nun kein Drama hier!«

Fräulein Lotte schließt für einen Moment die Augen. »Wie Sie meinen, Frau Dupont. Wenn Sie mir bitte folgen mögen, das Frühstück wurde im Speisesalon serviert.«

Orélie schüttelt schwungvoll den Kopf. »Nein danke, ich helfe Julie beim Tragen und in der Chocolaterie findet sich sicherlich etwas Essbares für mich.«

Pikiert klemmt sich Fräulein Lotte den Kneifer auf die Nase und nickt Orélie huldvoll zu. »Wie Sie bitte meinen. Sie entschuldigen mich.«

Kopfschüttelnd sehen wir ihr hinterher, ehe wir uns schleunigst aus dem Schloss begeben.

»Allzu viel Frühstückssachen kann ich dir in der Schokofee leider nicht anbieten. Ich könnte aber Bille noch etwas abschwatzen.« Fröstelnd gehe ich schneller und stemme mich dabei gegen den fiesen Ostwind.

»Nicht nötig, danke, ich habe ohnehin keinen Appetit.« Orélie nimmt mir die Gummistiefel ab, damit ich die Chocolaterie aufschließen kann.

Süße, warme Luft empfängt uns und trotz der Sorgen um meine Schwägerin entspanne ich mich etwas. Schnell schließe ich die Tür hinter uns. »Setz dich bitte, ich bringe nur schnell die Sachen ins Büro. Was hältst du von einer heißen Schokolade und ein paar Rosencookies dazu?«

»Hört sich prima an, danke.« Damit drückt sie mir die Sachen, die sie getragen hat, in die Arme und setzt sich auf einen Sessel, von dem aus sie durch das große Fenster das Schloss anstarrt. Sie sieht klein aus, so allein da vor den Kakaopflanzen des Wintergartens.

Ich beeile mich, fürchte mich aber auch davor, was mir Orélie gleich erzählen wird. Es sieht ihr überhaupt nicht ähnlich, vor irgendetwas – oder irgendwem – davon zu laufen. Schon gar nicht vor meinem Bruder.

Mit zwei dampfenden Tassen voller Schokoglück gehe ich zurück zu ihr und setze mich ihr gegenüber auf die vorderste Kante des Sessels.

»Danke dir. Aber du musst dir meinetwegen bitte nicht so viele Umstände machen, du hast genug andere Dinge zu erledigen.« Mit einem zaghaften Lächeln auf den Lippen umschlingt sie die Tasse.

Ich tue es ihr gleich und genieße die angenehme Wärme, die durch das dickwandige Porzellan zu spüren ist. »Du machst mir keine Umstände und die anderen tausend Dinge können getrost warten. Mir ist noch nie eine Arbeit davongelaufen.« Aufmunternd sehe ich meine Schwägerin an. »An dieser Stelle solltest du jetzt wenigstens ein wenig lächeln. Komm schon, was immer es ist, wir lösen das mit einem guten Stück Schokolade.«

»Ich befürchte, dieses Mal reicht kein Stück Schokolade.« Orélie blickt von ihrer Tasse auf. »Ich lasse mich von August scheiden.«

Kapitel 6

L wie Lieber

Limetten-Schokolade

Fruchtige, frische, herbe Limette, eingebettet in eine zuckersüße Fondantcreme, umschlossen von feinster Zartbitterschokolade – perfekt für den Sommer zum Glücklichsein, perfekt für den Winter zum Träumen.

Heftig stelle ich meine Tasse zurück auf die Untertasse, die beiden Porzellanstücke klirren empört. Ich sehe an Orélie vorbei zur Schokobar, wo noch immer das alte Rezeptbuch aufgeschlagen liegt. Genauso, wie ich es gestern verlassen habe, nachdem ich Orélies Blätterkrokant-Marzipan-Trüffeln zubereitet habe.

Gänsehaut überzieht meine Arme und kriecht mir den Rücken hinunter. Kurz muss ich mich schütteln. So ein Blödsinn!

Ich zwinge mich zu lächeln. »Das meinst du doch nicht ernst! Aber damit wirst du August einen tüchtigen Schrecken einjagen. Gut so, das hat er verdient.«

Leicht schüttelt Orélie den Kopf. »Ich will ihm keinen Schrecken einjagen, Julie, ich will mich von ihm trennen.«

»Aber ihr liebt euch! Das ist doch nicht zu übersehen!« Vor Frust ruckele ich mit dem Sessel nach hinten und knalle gegen den Übertopf einer Kakaopflanze. Zum Glück gibt es keine Scherben. Oder wäre es eher Glück, wenn es Scherben geben würde?

Orélie dreht ihre Tasse in den Händen hin und her. »Seine Liebe ist nicht mehr meine Liebe. Irgendwie haben wir beide unseren gemeinsamen Weg aus den Augen verloren.«

»Dann schlagt ihr euch halt mal eine Weile durchs Gebüsch und sucht euch einen neuen Weg! Weißt du eigentlich, wie oft ich mich schon verlaufen habe?«

»Oh ja, das weiß ich nur zu gut. Deinetwegen sind wir damals in Salzburg am Busbahnhof gelandet statt am Hauptbahnhof. Unser Zug nach Wien war natürlich weg.« Orélie kräuselt die Nase und schaut an mir vorbei aus dem Fenster.

Grinsend folge ich ihrem Blick. Das war ein lustiger Trip. Orélie und ich, zusammen mit Lukas und August, hatten so viel Spaß. Das kann doch nicht einfach verpuffen. »Magst du mir erzählen, was gestern Abend bei euch los war?«

»Nichts war los! Wie immer!« Schwungvoll schmeißt Orélie die Arme in die Luft. »August hat mich mal wieder sitzen gelassen. Stundenlang saß ich im Jules Verne Berlin am Potsdamer Platz und habe auf ihn gewartet! Aber hat sich der Herr blicken lassen – jusque là, non ! Est ce que le type s’est montré ?? Non, bien sûr que non ! Je pensais vraiment que on passerait envore une belle soirèe ensemble, que nous irions dîner, seulement nous deux, plein d’attention l’un pour l’autre …«

»Ähm, Orélie«, bremse ich meine Schwägerin, »du hast gerade wieder ins Französische gewechselt. Du weißt ja, mein Französisch beschränkt sich auf oui und non …«

»Ô mon Dieu ! Dann lerne es halt endlich mal! Du hast doch sonst jede Woche ein neues Hobby.«

Pikiert presse ich die Lippen aufeinander und lehne mich mit verschränkten Armen im Sessel zurück.

»Pardon, Julie. Ich bin sauer auf August und nicht auf dich. Aber es ist so frustrierend. Seit wir verheiratet sind, geht alles andere vor. Ich habe in seinem Leben überhaupt keine Priorität mehr. Es ist, als hätte er mich mit unserer Hochzeit als sein Projekt abgestempelt und zu den Akten gelegt. Das ertrage ich nicht länger.« Orélies dunkelgrüne Augen glänzen, während sie mich traurig ansieht.

»Hast du ihm das mal gesagt?«

Orélie seufzt. »Mehrfach. Auf Deutsch und auf Französisch.«

»Vielleicht reicht Augusts Französisch in diesem besonderen Fall nicht aus.« Langsam lasse ich die Arme sinken und sehe Orélie eindringlich an. »Er liebt dich, das weiß ich genau. Und du bist ganz sicher nicht nur ein beendetes Projekt für meinen Bruder. Er ist halt nicht unbedingt der größte Romantiker auf der Erde.«

»Das bin ich doch auch nicht. Ich erwarte auch keine roten Rosen im Mondschein von ihm, doch ich erwarte, dass er mich sieht und hört. Und auf mein Hochzeitsgeschenk wenigstens reagiert und es nicht völlig ignoriert.«

Dagegen gibt es nichts zu sagen. Das Miteinander mit Lukas ist es auch, das unsere Beziehung so gut trägt. Nur neben ihm herzuleben wäre definitiv zu wenig. Ratlos sehe ich aus dem Fenster. Gisela läuft gerade mit den tobenden Hunden über den Schlossvorplatz, während der Wind ihr immer wieder die Kapuze des Lodenmantels vom Kopf pustet.

Ich darf nicht vergessen, heute nach Ladenschluss ins Schloss zu gehen, um die Planungen für den Weihnachtsball am dritten Advent anzugehen. Den Termin habe ich schon zweimal verschoben. Aber es ist ja noch Zeit, drei Wochen sind lang. Und von Weihnachten ist weit und breit nichts zu sehen. Jetzt ist erst einmal Orélie wichtig. Und die Schokobananen, die ich noch bis heute Nachmittag fertig machen muss.

Orélie erhebt sich und stellt unsere leeren Tassen auf ein Tablett. »Entschuldige, du hast zu tun. Ich will dich nicht länger aufhalten.«

Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich mit den Fingern unruhig auf meinen Beinen herumklopfe. Schnell springe ich auf und nehme Orélie das Tablett ab. »Nein, nein, alles gut. Ich überlege nur. Es tut mir so schrecklich leid für dich und August.«

»Es muss dir nicht leidtun, schließlich ist es August, der von mir erwartet hat, ihm einen Hahn im Wein zu servieren, anstatt mich mit ihm im Restaurant verwöhnen zu lassen.«

Hahn im Wein? Ich ziehe die Stirn kraus. »Was meinst du?«

»Coq au Vin.« Orélie blinzelt mich mit aufgerissenen Augen an und fuchtelt mit dem Zeigefinger vor meiner Brust herum. »Dein Herr Bruder war der überzeugten Meinung, ich hätte ihm gesagt, als wir uns verabredet haben, dass ich uns ein – ich zitiere – köstliches Coq au Vin kochen würde. Er war ganz und gar nicht der Meinung, dass ich gesagt hätte, dass wir uns ein köstliches Mahl im Jules Verne Berlin gönnen würden!«

Nachdenklich kräusele ich die Nase. »Und es kann nicht ganz zufällig sein, dass du in deinem Überschwang für köstliches französisches Essen vielleicht zu dem Zeitpunkt wieder Französisch gesprochen hast?«

»Bah !« Orélie zuckt mit den Schultern. »Quoi qu’il en soit.«

»Du sprichst ziemlich schnell Französisch …« Da kann Coq au Vin und Jules Verne schon mal verschmelzen. Zumindest in meiner Hörwelt. Und vermutlich auch in der meines Bruders, vor allem, wenn er nicht bei der Sache ist.

»Wie auch immer, Julie, so möchte ich nicht weiter in meiner Ehe leben. Ich habe es verdient, aufmerksam behandelt zu werden und …« Orélie unterbricht sich und umarmt mich hektisch. »Ich muss los. Wir sehen uns.«

Ich halte meine Schwägerin am Arm zurück und warte, dass sie mich ansieht. »Was und?«

»Ich weiß es auch nicht so genau. Es ist eigentlich nichts. Manchmal bin ich nur so eine rührselige Heulsuse und fühle mich irgendwie einsam.«

»Du hast Heimweh, oder?« Sanft umarme ich sie und spüre an meiner Wange, wie sie nickt.

 

Gefühlte tausend Schokobananen für einen bananenverrückten Kunden später schließe ich die Schokofee ab und laufe durch den dunklen Spätnachmittag zum Schloss. So ganz bei der Sache war ich heute nicht in meiner Chocolaterie. Es kommt selten vor, dass ich der Uhr über dem Durchgang viel Aufmerksamkeit widme, doch heute sind die Zeiger viel zu langsam umeinander geschlichen. Ein wenig besser wurde es, als ich das alte Schokorezeptbuch zugeklappt und zurück in die Truhe gesperrt habe.

Ich will nicht, dass sich Orélie und August scheiden lassen! Dann gäbe es in unserer Familie nur noch ein verheiratetes Paar und das wären May und Ole. Und meine Schwester benimmt sich aktuell nicht unbedingt eheschonend.

Ich muss handeln! Dringend! Wenn ich mich recht entsinne, kommt May dieses Wochenende nach Berlin und bis dahin muss ich mit der Schokoüberraschung für Ole fertig sein. Nicht, dass sich die beiden auch noch in die Haare kriegen.

Und dann muss ich mich um Orélie und August kümmern. Ich lasse nicht zu, dass sie auseinandergehen. In meinen Augen haben sie dazu absolut keinen Grund. Ich muss meinem Bruder nur gehörig den Kopf waschen. Und mir eine nette Idee ausdenken.

»Piepsi!« Mein Herz hämmert mir in der Brust, als ich zur Seite springe. Der Kater ist aus einem Busch neben dem Weg hervorgeschossen und wuselt mir nun vor den Füßen umher. »Was machst du denn noch hier draußen in der Kälte? Na komm, ich nehme dich mit rein.«

Doch die Absichten des Katers decken sich nicht mit meinen und mit großen Sprüngen verschwindet der rote Teufel unter dem nächsten Busch.

Dann eben nicht. Kopfschüttelnd lege ich die letzten Meter zum Eingangstor zurück und schlüpfe ins warme Schloss. Goldenes Licht erhellt die Eingangshalle und setzt die Freitreppe in Szene. Aus dem Salon flattern mir Stimmengemurmel und Lachen entgegen, doch ich gehe an der offenen Tür vorbei zum Ballsaal.

Das dezente Licht an den Seiten des Saales spiegelt sich in dem polierten Bodenparkett und verzaubert den großzügigen Raum. Die gegenüberliegende Seite besteht aus einer Fensterfront, hinter der eine Terrasse liegt und von wo aus man im Hellen über eine sanft abfallende Wiese den Wannsee sehen kann.

»Hi, sorry, dass ich zu spät bin.« Da ich damit rechnete, habe ich vorhin extra mehr Bananengelee angerührt und in saftige Schokobananen verwandelt. Mit einer Vollbremsung komme ich vor Gisela, Holger und Fräulein Lotte zum Stehen, öffne die Dose mit der Herrlichkeit und reiche sie herum. Mmh, wie die Nascherei duftet, fruchtig und süß und aromatisch nach ursprünglichem Lacandón-Kakao, wie es ihn nur im Süden Mexikos gibt. Genießerisch gönne ich mir selbst eine Schokobanane und sie zergeht mir auf der Zunge.

Gisela und Holger greifen beherzt zu und lassen sich nicht zweimal bitten, während Fräulein Lotte gediegen den Kopf schüttelt. »Bitte, Frau Blum, ich schlinge doch Ihre köstliche Schokolade nicht im Stehen herunter. Und so ganz ohne adäquaten Teller, nicht einmal eine Serviette bieten Sie mir an. So geht das nicht!«

Na, dann halt nicht. Gönne ich mir eben noch eine zweite Schokobanane. Und Gisela und Holger sich jeweils eine vierte und fünfte.

Zufrieden mit meiner Schokowelt stelle ich die Dose auf einen der Beistelltische, die in regelmäßigen Abständen an der Wand mit der cremefarbenen Seidentapete stehen. Fräulein Lotte setzt sich ihren Zwicker auf die Nase und mustert mich.

Entschuldigend hebe ich die Hände. »Ich nehme die Dose nachher mit. Versprochen.«

»Wie Sie meinen, Frau Blum.«

Gisela grinst hinter Fräulein Lotte und amüsiert sich offensichtlich über unseren Disput. Sie hat ja auch gut lachen, ist sie doch die Einzige, bei der es nicht heißt: Aber Frau Wessner, bitte hier! Und: Aber Frau Wessner, bitte dort!

Holger rettet mich schließlich, indem er Zettel an uns verteilt, auf denen die Details zum Ball stehen. »Wie ihr alle wisst, ist dies der hundertfünfzigste Weihnachtsball des Schlosses und somit ein besonderes Jubiläum. Wir erwarten in diesem Jahr an die zweihundert Gäste, was uns vor große Herausforderungen stellt. Auch ist die mediale Aufmerksamkeit groß und neben der Presse hat sich das Fernsehen unseres Schokoballs angenommen.« Holger zwinkert mir zu und ich kann nicht anders, als ihn breit anzulächeln.

Als ich vor drei Jahren mit der Schokofee begonnen habe, konnte ich den damaligen Weihnachtsball mit meinen Schokoladenkreationen so rocken, dass der Weihnachtsball des Seeschlösschens Wannsee seitdem fast nur noch unter dem Namen Schokoball in aller Munde ist. Meine Süßigkeiten sind das perfekte i-Tüpfelchen auf den Festen und ich liebe es.

So langsam prickelt nun doch die Vorfreude auf die Weihnachtszeit in mir. Vor mir schweben Visionen empor von weißem Nugat als zartschmelzende Schneeflockenköstlichkeiten und samtig roter Granatapfelganache auf tiefdunkler Bitterschokolade. Zwar macht mir die Menge ein wenig Sorgen, aber mit Billes tatkräftiger Hilfe sollte es eigentlich hinzukriegen sein. Und Lukas würde bestimmt auch gern helfen. Ach, wird schon. Schließlich ist dann Weihnachten und damit die magischste Zeit des Jahres.

»Soweit alles klar?«

Ich blinzele mich aus meinem Kopfballsaal zurück in den echten Ballsaal und nicke Holger unsicher zu, denn ich vermute, er hat weitergesprochen, während ich nicht mehr richtig zugehört habe. Zumindest blickt Fräulein Lotte mich streng über ihre Nase hinweg an. Nein, ich frage jetzt nicht nach. Alles Wichtige steht bestimmt auf dem Zettel in meiner Hand. Holger ist bei allem immer sehr genau. Ich nicke heftig und stimme ihm in allem zu.

»Sehr schön.« Er reibt sich zufrieden die Hände. »Ich würde sagen, wir treffen uns in einer Woche wieder und besprechen, wie weit wir mit unseren jeweiligen Aufgaben sind.«

Prima, das ging ja schneller, als ich erwartet habe. Da könnte ich eigentlich noch einmal zurück in die Schokofee hüpfen und mich an dem weißen Nugat für die Schneeflocken versuchen, die mir gerade vorschwebten.

Schwungvoll winke ich den Dreien zu. »Tschüss ihr Lieben, habt noch einen schönen Abend.« Habe ich gerade Fräulein Lotte in mein ihr Lieben miteinbezogen? Ups. Bevor sie mich dafür rügen kann, eile ich zur Tür hinaus. Doch ich bin nicht schnell genug.

»Frau Blum!«, tönt es hinter mir und ich drehe mich nach einem innerlichen Seufzen um. Fräulein Lotte hält mir meine leere Dose hin. »Wann genau bitte wollten Sie Ihre Dose wieder mitnehmen?«

Ich rümpfe die Nase und ärgere mich, dass ich nicht von allein daran gedacht habe. Das passiert mir aber auch nur in ihrer Gegenwart immer wieder. Ich gehe fast so weit zu sagen, dass es ihre Schuld sein könnte. Fester als nötig nehme ich die Dose entgegen. »Danke.«

»Bitte.«

 

In Gedanken ganz bei dem weißen Nugat, durchstöbere ich die Vorratskammer der Chocolaterie nach den Grundzutaten. Marcona-Mandeln habe ich da, auch die süßen Pistazien aus Italien finde ich in ausreichender Menge, genauso wie meinen heißgeliebten australischen Akazienhonig. Wundervoll, wie diese hellgoldene Masse im Licht funkelt! Und erst der zarte, süße Geschmack nach weißen Blüten. Nach drei Löffelchen Honigglück schraube ich das Glas schnell wieder zu. Ein wenig Selbstdisziplin muss schon sein.

Das Brummen meines Handys unterbricht den Schwung, mit dem ich in der Vorratskammer Leckereien zusammensuche. Wo habe ich das Telefon nur hingelegt?

Ich finde es schließlich auf dem Fensterbrett neben der Schokobar, wo ich heute Vormittag nach alten Mythen rund um Schokolade gegoogelt habe. Da die Ergebnisse leicht verstörend und nicht in meinem Sinne waren, habe ich relativ zügig Abstand zwischen mich und das Telefon gebracht.

Mittlerweile hat die Mailbox das Gespräch angenommen – und das zum siebten Mal.

Flink wähle ich Lukas’ Nummer, der prompt das Gespräch entgegennimmt. »Da bist du ja endlich. Ich bin heute zufällig mit dem Vater eines Schülers ins Gespräch gekommen und wir haben uns über dein Haus unterhalten. Er hat eine Baufirma, die auf solche Problemfälle wie deinen spezialisiert ist. Und wie es mir als Sonntagskind zusteht, hatte er vorhin einen Termin in der Nähe und so begutachtet er gerade dein Haus für einen ersten Kostenvoranschlag.«

»Gwenis Haus ist kein Problemfall!«

Lukas’ Schweigen lässt mich meinen Satz überdenken. Das war, glaube ich, ein wenig harsch. »Sorry, das meine ich nicht. Cool, danke, dass du so schnell einen Handwerker organisiert hast, aber das kann ich auch gut allein.« Ruckartig schiebe ich ein paar der Glasschälchen auf der Schokobar hin und her.

Lukas räuspert sich und ich höre ihn gedämpft mit jemandem flüstern, ehe es raschelt. »Dann soll ich ihn wieder wegschicken? Das wäre allerdings schade, wir sind gleich fertig. Ich hatte eher gehofft, du könntest dazukommen und ihn kennenlernen. Er hat ziemlich gute Ideen bezüglich der Reparaturen.«

Irgendwie wurmt es mich, dass sich Lukas in mein Hausprojekt einmischt. Ich weiß nur nicht warum. Vermutlich, weil ich nun nicht mehr zu meinen weißen Nugat-Schneeflocken komme. Eigentlich sollte ich froh sein, denn er nimmt mir einen Riesenpunkt von meiner To-do-Liste ab. Und die Tatsache, dass sich ein Handwerker die fraglichen Stellen ansieht, heißt ja noch nicht, dass ich an dem Haus etwas ändern muss. »Okay, sorry«, entschuldige ich mich schon wieder. »Ich komme hin. Bis gleich.«

 

Noch ehe ich die Haustür aufschließen kann, öffnet Lukas sie und begrüßt mich mit einem Kuss. Fröstelnd lasse ich mir aus der Jacke helfen und reibe meine kalten Hände aneinander. So richtig warm ist es im Flur leider nicht. Aber definitiv wärmer als draußen!

In der Küche, wo der alte Herd netterweise warm bullert, stellt Lukas mir den Handwerker namens Schild vor, der mich mit festem Händedruck begrüßt. »Juten Tach, Frau Blum. Ein wahres Schätzchen hamse hier!«

Oh ja, das habe ich. Vielleicht nicht das modernste und auch nicht das wärmste, aber das geliebteste. »Vielen Dank, dass Sie sich so kurzfristig Zeit nehmen, aber so eilig ist es nicht.«

Herr Schild runzelt die Stirn und kratzt sich den Kopf, den ein graues Zöpfchen ziert. »Na ja, ick wes nich. Da is schon einiges zum tun, wenn es nich noch schlimmer werden soll.«

Ich zeige auf die Küchenstühle und wir setzen uns. »Fakt ist aber, das Dach können wir nicht jetzt im Winter richten und auch auf die Heizung kann ich nicht verzichten. Also sind wir weit im Frühjahr mit den Reparaturen.«

»Ne, da muss ick widersprechen. Dit Dach müssen wir provisorisch schützen, die nächsten Stürme kommen bestimmt. Und och die Heizung muss geflickt werden, wenn se Ihnen nich janz um die Ohren fliegen soll. Von die Fenster und die Türen will ick gar nicht erst anfangen!«

Ich kann es nicht verhindern und kneife die Augen zusammen, um Lukas böse anzusehen. Das alles brockt er mir gerade ein!

Doch der Kerl tut so, als wäre ich die Liebenswürdigkeit in Person. »Herr Schild hat schon mal überschlagen, mit welchen Notmaßnahmen wir unbedingt rechnen müssen.«

»Jenau. Mit zehntausend sind Se schon jut bedient.«

Na super! Und die zehntausend Euro nehme ich bitte woher? Mein Erspartes ist damals in die Chocolaterie geflossen, und auch wenn es damit sehr gut läuft, fallen nebenbei keine Zehntausender für mich ab.

»Nu kieken Se nich so streng. Dit ist ja nich alles auf einmal fällig, nich wahr.«

Aufmunternd nickt mir Lukas zu. Ich weiß ja selbst, dass ich handeln muss. Aber das Geld und die Zeit und der Dreck … mein Tag hat auch nur vierundzwanzig Stunden, warum sieht er das nicht!

Herr Schild erhebt sich ächzend vom Stuhl, der ebenso ächzt. »Juti, ick schicke Ihnen wat Schriftliches und dann reden wa wieder.«

Fest schüttelt er mir die Hand und wird anschließend von Lukas nach draußen begleitet. Müde rücke ich einen Stuhl näher zum Herd und setze mich wieder.

Kapitel 7

A wie Ankommen

Ananas-Baiser

Die süßeste Königin der Südfrüchte, vereint mit dem französischsten aller Küsse, verschmilzt zu einem Baiser a l’ananas und lässt die Sinne in einem süßen Freudenrausch tanzen.

Am nächsten Morgen strahlt die goldene Herbstsonne vom königsblauen Himmel und lässt den Frost auf der Wiese und den Ästen der Bäume in meinem Vorgarten funkeln. Tief atme ich die frische, klare Luft ein und sehe der Glitzerwolke zu, die beim Ausatmen vor mir schwebt. Im weichen Licht der aufgehenden Sonne sieht Gwenis Haus überhaupt nicht so schäbig aus wie alle tun. Es hat Charme. Eine Art Patina von all der Liebe der Menschen, die hier gewohnt haben und noch wohnen. Das kleine Häuschen ist nun mal keine superglatte, gestylte Yuppie-Villa, genauso wenig wie ich.

Lukas macht sich eindeutig zu viele Sorgen. Gestern Abend hatte er mich so weit, dass ich mir selbst Sorgen gemacht habe, aber heute, im frühen Glanz des Tages, sind sie wieder verschwunden. Schade, dass er gestern kurz nach dem Handwerker ebenfalls gehen musste. Wenn er jetzt hier mit mir stehen würde, könnte auch er sehen, was ich sehe.

Übermütig winke ich dem Häuschen zu, ehe ich mich durch den kleinen Spalt quetsche, den mir das Gartentor zugesteht. Es ist ja auch wirklich lausig kalt heute, da darf man schon mal ein wenig quietschen und festhängen.

Pfeifend kratze ich die Scheiben meines Berlingos frei und düse los zu meiner Mutter. Ich hoffe, ich habe an alles gedacht, damit mich Gisela heute Vormittag entspannt in der Schokofee vertreten kann. Habe ich ihr eigentlich notiert, wem von meinen Stammgästen sie am besten die Zimt-Kirsch-Trüffeln anbieten sollte? Mmh, und die weihnachtliche Gewürzschokolade aus zartmilden Kakaobohnen aus Fidschi wäre perfekt für Herrn Munzel.

Ich könnte ganz kurz in der Chocolaterie vorbeifahren, sie liegt ja fast auf dem Weg und ich bin auch nur ganz wenig weit entfernt.

Doch ein Blick auf die Uhr am Armaturenbrett lässt mich mein Umkehrmanöver überdenken, denn eigentlich sollte ich ziemlich genau jetzt bei meiner Mutter sein.

Die Straßenverhältnisse werden bei meiner Hektik leider nicht besser. Ich staue mich durch einen Stau nach dem anderen und könnte jedes Mal vor Frust ins Lenkrad beißen. Was für eine grandiose Zeitverschwendung! Selbstverständlich ist mir auch das Parkplatzglück in der Kastanienallee in keiner Weise hold. Zwar ist mein Citroën im Alltag quadratisch, praktisch, gut – das gilt aber nur in den Randgebieten Berlins.

Schwer atmend komme ich schließlich an der Adresse an, die mir meine Mutter gegeben hat. Hoffentlich finde ich mein Auto nachher in dem Gewirr von Nebenstraßen wieder!

Von einem Umzugswagen ist weit und breit nichts zu sehen, womit ich also nicht die einzige Verspätete bin. Getröstet beginne ich den Aufstieg in die sechste Etage, denn einen Fahrstuhl suche ich vergebens.

Die Tür zur Wohnung ist angelehnt und ich betrete das neue Reich meiner Mutter. Das siebzehnte?

»Julchen! Grüß dich.« Jovial klopft mir mein Vater auf den Rücken. Er ist absolut und total immun gegen meine Versuche, ihm das Julchen abzugewöhnen.

»Papa«, zische ich deshalb nur kurz. Eigentlich bin ich ganz gern sein Julchen, ich finde nur, er müsste es nicht unbedingt laut aussprechen. »Wo ist Mama?«

»Hier.« Mit roten Wangen und strahlenden Augen betritt meine Mutter die Wohnung und wirft die Tür hinter sich mit einer Bewegung ihrer Schulter ins Schloss. Dabei reibt sie sich äußerst vergnügt die Hände. »So, das wars. Fertig. Der letzte Karton ist im Keller verstaut.«

»Wie, fertig?« Irritiert sehe ich mich im Flur um. Stimmt schon, der sieht nicht wie ein Flur aus, der zu einer Wohnung gehört, in die gerade jemand einzieht. Mit den Füßen streife ich mir die Turnschuhe ab, was mir einen tadelnden Blick meines Vaters einbringt. So vehement er beim Julchen verweilt, so vehement weigere ich mich, Schnürsenkel zu öffnen. Geht ja schließlich auch prima so.

Dominiert wird der Flur von einer geschnitzten Holzkommode, die fast seine gesamte Längsseite einnimmt. Unzählige Fächer laden zum Stöbern ein. So lange ich denken kann, zieht diese Kommode mit meiner Mutter um. Wie sie es immer wieder schafft, passende Wohnungen für das doch recht ausufernde Möbelstück zu finden, grenzt an Magie.

»Komm, ich zeige dir alles.« Schwungvoll hakt sich meine Mutter bei mir unter und zieht mich zu dem Zimmer am Ende des Flures. Dabei wendet sie sich zu meinem Vater um. »Und du Werner, sei bitte ein Schatz und koche uns einen Kaffee. Dann können wir es uns so richtig gemütlich machen.«

»Aber sehr gern.« Gehorsam zockelt mein Vater in Richtung Küche. Das Rätsel, warum sich meine Eltern einst getrennt haben, wird wohl ewig eines für mich bleiben.

»Hier ist mein Schlafzimmer.« Meine Mutter schiebt mich in den hellen Raum und augenblicklich versinken meine Füße in einem weißen Flauscheteppich. Ein Himmelbett steht gegenüber an der Wand, flankiert von zwei bodentiefen Fenstern.

»Wow! Wie in einem Luxushotel.« Das Bett mit seinen tausend Kissen sieht gemütlich aus und ich würde es am liebsten ausprobieren.

Meine Mutter stupst mich an und zeigt auf eine Tür links von mir. »Sieh dir erst einmal das Bad an.«

Bei dem Anblick des Bades kann ich verstehen, dass meine Mutter vor Stolz knapp zehn Zentimeter unter der Decke schwebt. Allein in die durch eine Glaswand abgetrennte, freie Dusche passt mein ganzes Bad hinein. »Oh ja, hier lässt es sich aushalten.«

»Nicht wahr, mein Schatz?« Die Augen meiner Mutter funkeln und ich schiebe das auf die Glückshormone, die sie immer in Massen ausschüttet, wenn sie mal wieder umzieht.

Die weitere Besichtigung umfasst das Arbeitszimmer, in dem meine Mutter ihre blutrünstigen Horrorthriller ausbrütet und wo sie mir freudestrahlend mitteilt, dass ihre nächste Lesereise sie nach Paris führt, die wundervolle Wohnküche samt Vorratskammer zum Niederknien sowie das Wohnzimmer mit Dachterrasse. Ich gebe mir schon gar keine Mühe mehr, meinen Mund zu schließen. Meine Mutter hat inmitten von Berlin das Wohnungsparadies gefunden.

Nur eines ist mir nicht klar. »Warum hast du mich eigentlich hergebeten, um zu helfen, wenn hier nichts mehr zu tun ist?«

Meine Mutter winkt ab. »Ach, Ralle und Smissi waren gestern mit dem Umzug ihres Kunden schneller fertig als erwartet und haben gleich mit meinem Umzug weitergemacht. Du weißt ja, wie die Jungs so sind. Was sie heute besorgen können, machen sie auch heute.«

»Du bist per Du mit den Leuten vom Umzugsunternehmen?« Ich kräusele die Stirn und glätte sie sogleich wieder. »Warum wundert mich das eigentlich.«

»Genau.« Ich bekomme einen Nasenstüber von meiner Mutter und eine Tasse Kaffee von meinem Vater.

Wir setzen uns auf das Ecksofa. Wohlig seufzend strecke ich die Beine von mir und kuschele mich in die Polster. So lässt es sich aushalten, auch wenn meine Aufgaben vom Rumsitzen nicht weniger werden. Das schlechte Gewissen puckert in mir und ich wippe mit einem Fuß.

»Nun entspann dich doch mal für ein Viertelstündchen. Sei lieber froh, dass ich solch eine Expertin in Sachen Umzugsmanagement bin.«

»Du hättest mir trotzdem Bescheid sagen können, dann hätte ich mir die Fahrerei gespart.« Und an die Fahrt zurück möchte ich gar nicht denken. Das liegt bestimmt an dem Sofa, das ist einfach zu bequem. Dazu dieser herrliche Blick auf die Dachterrasse, wo Bambus und Hortensien in Kübeln einen Hauch von Urlaub über den Dächern Berlins verbreiten.

Mein Vater schlürft in großen Schlucken seinen Kaffee und springt wieder auf. »Ich werde mal die Waschmaschine fertig anschließen.«

»Das kann ich nachher selbst machen. Bleib doch lieber noch ein wenig bei uns sitzen. Es ist so selten geworden, dass wir uns mal gemütlich unterhalten können.« Meine Mutter klopft auf den freien Platz neben sich, doch mein Vater reagiert nur mit gemurmelten Worten, die kein Mensch versteht. Dann ist er auch schon verschwunden.

»Dieser Mann hat keine Ruhe, mal fünf Minuten still zu sitzen.« Meine Mutter zieht einen Flunsch und wickelt sich ihren dicken, braunen Flechtzopf um die Finger.

»Na ja, eigentlich sind wir ja auch zum Helfen hier und nicht zum Rumsitzen«, wage ich sie darauf hinzuweisen. Obwohl Rumsitzen sich ganz schön anfühlt. Immer träger rutsche ich in die Polster des Sofas und liege schon fast mehr als ich sitze. Die Tasse mit dem aromatischen Kaffee in meinen Händen duftet herrlich und mein Blick schweift in den blitzblauen Herbsthimmel. Es ist kuschelig warm und gemütlich.

Schwungvoll wirft sich meine Mutter den Zopf über die Schulter. »Die Wohnung ist großartig, nicht wahr!«

Ich nicke und gähne. Ich muss aufpassen, dass ich nicht vor Wonne anfange zu schnurren.

Meine Mutter weist zu den riesigen Terrassenfenstern, durch die verschwenderisch viel Licht flutet. »Die Wohnung ist hell und hervorragend geschnitten. Im Winter gut zu heizen und im Sommer kühl. Die Zimmer sind bestens aufgeteilt und es gibt für alles genügend Stauraum. Die Heizung funktioniert auf Knopfdruck, Schlafzimmer und Bad sind Wellnessoasen. Und, wie du gesehen hast, ist die Küche ein Goldstück.«

Ich rappele mich hoch und kneife die Augen zusammen, um meine Mutter näher zu betrachten. »Du klingst wie eine Immobilientante, die mir eine Wohnung schmackhaft machen will.«

Tief seufzt meine Mutter. »Das will ich auch, mein Liebchen.« Na, wenigstens hat sie den Anstand rot zu werden.

»Ich ziehe nicht in die Kastanienallee. Warum auch, die Chocolaterie ist am Wannsee, genauso wie mein Häuschen.«

»Du sollst ja auch gar nicht in die Kastanienallee ziehen. Diese Wohnung ist meine Perle und ich bleibe hier bestimmt für eine Weile wohnen.«

Oh ja, bestimmt! Wir sprechen uns nächstes Jahr um diese Zeit wieder! Kalle und Dingsbums haben sich den Termin bestimmt schon rot im Kalender markiert.

Meine Mutter beugt sich vor und umfasst meine Hände, die noch immer die Kaffeetasse halten. »Warum ziehst du nicht zu Lukas oder suchst dir wenigstens mit ihm zusammen eine schöne, moderne Wohnung? Ihr seid jetzt schon so lange zusammen und du wohnst allein in dem alten, baufälligen Haus von Oma, das ist doch auf Dauer kein Zustand!«

Empört ziehe ich die Hände zurück und knalle die Kaffeetasse auf den Tisch. »Dafür der ganze Aufwand? Du veranstaltest extra einen Umzug, um mir eine Wohnung schmackhaft zu machen? Ich liebe Gwenis Haus und zu deiner Information, ich fühle mich darin sauwohl!«

Für einen Moment schweigt meine Mutter. Wie ungewöhnlich. Sicherheitshalber gehe ich in Habachtstellung.

»Wie lang genau bist du jetzt schon mit Lukas verlobt? Eineinhalb Jahre, richtig?«

Vorsichtig nicke ich.

Der Blick meiner Mutter fixiert mich intensiv. »Sag mal ehrlich, warum hast du Lukas’ Antrag damals angenommen? Hast du überhaupt vor, ihn zu heiraten?«

Die Stille, die sich nach ihren beiden Fragen zwischen uns ausbreitet, lässt mich meinen Herzschlag umso lauter hören. Er donnert in meiner Brust und das Blut rauscht mir in den Ohren. Meine Wangen brennen und mit einem Schlag ist mir knallheiß. »Darauf werde ich nicht antworten«, knurre ich.

Meine Mutter nickt. »Weil du keine Antwort darauf hast.«

Ich hasse es, wenn meine Mutter die Psychologin spielt! Soll sie dieses Hobby doch in ihren Romanen ausleben. Aber nicht an mir! »Natürlich habe ich eine Antwort darauf. Schließlich habe ich zu Lukas’ Heiratsantrag ja gesagt!«

»Das ist die Antwort auf Lukas’ Frage, aber nicht die Antwort auf meine Fragen.« Ruhig, als würde zwischen uns nicht gerade ein Streit hervorbrechen, spricht sie mit mir. Was mich noch unruhiger werden lässt.

Genervt stehe ich auf. »Ich muss los. Offensichtlich ist meine Hilfe ja hier nicht erwünscht. In meiner Schokofee jedoch schon! Gisela wartet auf mich.«

Meine Mutter steht ebenfalls auf und hält mich am Arm fest. »Julie, du trägst eindeutig zu viel Gepäck mit dir herum.«

Mit einem Ruck befreie ich meinen Arm und drehe mich zu ihr um. »Dann hättest du mich nicht als Scheidungskind aufwachsen lassen sollen!«

Meine Mutter macht einen Schritt auf mich zu und steht nun sehr nah vor mir. Die feinen Fältchen um ihre Augen vertiefen sich, als sie mich ins Visier nimmt. »Diese Ohrfeige gibst du mir seit zwanzig Jahren und ich muss zugeben, sie schmerzt dadurch nicht weniger, aber dennoch kannst du damit gern aufhören. Weder liegst du kaputt in der Gosse, noch zählst du Fliegen an der Wand in einer Zwangsjacke. Also sei bei diesem Thema endlich so erwachsen wie bei allen anderen auch und komme von deinem hohen Ross runter. Das Niveau für dein Jammern ist gefährlich hoch!«

Empört schnappe ich nach Luft.

Doch sie lässt mich nicht zu Wort kommen. »Im Übrigen meine ich dieses von dir ach so oft bejammerte Gepäck gar nicht, sondern dein finnsches Gepäck, meine liebe Tochter!«

Eine Bewegung an der Tür reißt mich aus meiner Starre. Mein Vater steht dort und sieht mich an. »Finn und du, das war …«

Doch ich rausche nur schweigend an ihm vorbei und verlasse hektisch und mit brennenden Augen die Wohnung.

 

Je näher ich meiner Chocolaterie komme, desto ruhiger werde ich. Die Tränen habe ich weggewischt und mein Herz schlägt langsamer, während sich meine Gedanken klären.

Dieses Gespräch zwischen mir und meiner Mutter ist nicht das erste dieser Art gewesen. Allerdings haben wir das Thema seit Jahren vermieden. Es war vermutlich einfach mal wieder Zeit dafür. Und es ist ja nur die mütterliche Fürsorge, die hier den Ton angegeben hat.

Also, alles gut. Meine Mutter ist glücklich in der Kastanienallee, mein Vater ist glücklich in seiner Segelschule und ich bin glücklich in Gwenis Haus. Basta.

Betont lässig parke ich quer auf dem Schlossparkplatz, neben dem kleinen Bach, der das Anwesen umgibt. Über eine Holzbrücke betrete ich das Schlossgelände und laufe schnellen Schrittes zur Chocolaterie. Ein Stück daneben auf der Wiese dösen Willi, Erna und Happy fest zusammengekuschelt in der Sonne. Ein schiefes Grinsen mit heraushängender Zunge des Rottweilers ist die einzige Begrüßung, die mir zuteilwird.

Warme Luft umfängt mich beim Betreten der Chocolaterie und der Duft nach Kakao und Vanille heißt mich willkommen. Genau hier bin ich zu Hause, egal wo ich wohne.

Der Wintergarten ist voll besetzt und ich werde herzlich begrüßt. Es dauert einen Moment, ehe ich mich an meinen Gästen vorbeigearbeitet habe, die mir freundlich von ihren geplanten Weihnachtsbesuchen und begeistert von ihren Silvesterplänen erzählen.

In der Chocolaterie mäandert eine Schlange an Kunden vor der Schokotheke und ich gehe mir schleunigst die Hände waschen, um Gisela zu helfen, die mit zerzausten Haaren Trüffeln auswählt, Pralinen in Geschenkboxen legt und schokoladige Kunstwerke wunderschön mit knallbunten Schleifen verpackt.

»Du bist ja schon wieder zurück.« Sie zuppelt an ihrer weißen Spitzenschürze und erreicht damit nur, dass sie noch schiefer sitzt. Was auch nicht verwunderlich ist, da die Träger am Oberteil unterschiedlich geknöpft sind. »Wenn ich an meinen letzten Umzug denke, da war ich tagelang beschäftigt.«

Ich nehme mir eines der Schälchen, die ich immer zum Abwiegen für die Trüffeln aus der Bar nutze, denn meine nächste Kundin steht mit leuchtenden Augen davor. »Meine Mutter ist ein Umzugsprofi. So wie ich im Schlaf Schokolade temperiere und du ein Pferd striegelst, so stemmt sie im Handumdrehen einen Umzug.« Nach einem Lächeln in Richtung Gisela widme ich mich den Kunden und arbeite Seite an Seite mit ihr deren Wünsche ab.

Es dauert eine ganze Weile, ehe es in der Schokofee ruhiger wird und Gisela und ich zum Durchatmen kommen. Lachend lehne ich mich gegen die Theke und schiebe ihr eine Tasse Cioccolata calda aus zartschmelzender italienischer Pistazienschokolade hin. »Vielen Dank für deine Hilfe, allein wäre ich heute echt ins Schwitzen gekommen. Die Weihnachtszeit wird jedes Jahr verrückter.«

Genießerisch schnuppert Gisela an ihrer Tasse, aus der süßer Dampf emporsteigt. »Immer wieder gern. Ich liebe es, hier mit dir zu wirbeln. Aber du solltest ernsthaft darüber nachdenken, ob du nicht doch eine Mitarbeiterin einstellen möchtest.«

Bedächtig wiege ich den Kopf. »Finanziell wäre es schwierig mit einer zusätzlichen Mitarbeiterin. Auch sind es nur einzelne Tage, an denen es so dermaßen drunter und drüber geht, dass meine eigenen Hände nicht ausreichen. An den normalen Tagen komme ich hervorragend allein zurecht – und die meisten Tage sind ja normal.«

»Wohl wahr, und für die nicht normalen Tage hast du ja mich oder auch mal Bille.«

»Solange sie für sich werkeln darf und keine Kunden bedienen muss.« Schmunzelnd sehe ich hinüber zum Schloss, wo Bille sicher gerade in der Küche herzhafte Delikatessen für die Gäste austüftelt. Hier in der Schokofee hat sie mir schon das eine oder andere Mal geholfen, jedoch stets hochrot die Flucht ergriffen, wenn ihre Meinung zu dieser oder jener Schokolade gefragt wurde.

Gisela schneidet eine Grimasse und trägt ihre leere Tasse zum Geschirrspüler in der Schokoküche. »Ich lasse dich dann mal wieder allein. Und mache nicht zu lange.«

Ich nehme Gisela die Schürze ab und komme in den vollen Genuss ihrer schiefgeknöpften, blasslila Bluse zu einem grasgrünen Rock, der weder kurz noch lang noch midi ist und irgendwo auf der Höhe ihrer Waden endet. Und irgendwie auf einer Seite länger ist als auf der anderen. »Bevor ich ins Calla fahre, muss ich noch unbedingt für meinen Schwager eine Schokolade basteln, May hat mich darum gebeten.«

Gisela zieht die Augenbrauen in die Höhe und grinst mich an. »Möchte ich wissen, warum nun das schon wieder?«

»Reichen die drei magischen Worte: Ex, Adonis und Südsee?«

Der Pfiff eines Profibauarbeiters entweicht Giselas Lippen und wir umarmen uns zum Abschied.

Kapitel 8

T wie Trueffel

die Trüffel; Genitiv: der Trüffel, Plural: die Trüffeln

kugelförmige Praline aus schokoladenartiger Masse

französisch truffle, Nebenform von: truffe, über das Italienische oder Altprovenzalische < vulgärlateinisch tufera < lateinisch tuber, eigentlich = Höcker, Beule, Geschwulst; Wurzelknolle

Quelle: www.duden.de/rechtschreibung/Trueffel

 

Trauben-Schokolade

Pralle, goldene Trauben, einen Sommer lang geküsst von der Sonne, werden umarmt von süßer, zart schmelzender Schokolade. So entsteht ein Gedicht zum Naschen.

Nachdem die letzten Gäste des Tages gegangen sind, entscheide ich mich, für Ole eine klassische Schokolade zu zaubern, mit einem Herz aus Cranberrycreme. Für die samtige, dunkle Schokolade wähle ich den herrlichen Porcelana-Kakao einer Farm südlich des Maracaibo-Sees im Westen von Venezuela. Intensiv kakaoig duftet es, als ich das feine Pulver mit der goldenen, geschmolzenen Kakaobutter verrühre. Erdig-würzige Aromen mit Anklängen an getrocknete Aprikosen umfangen mich, während sich die Creme in eine glänzend-dunkle Schokoladenmasse wandelt.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960875352
ISBN (Buch)
9783968170091
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511301
Schlagworte
Feel-Good-Liebe-s-Roman-ce Liebe-s-roman-e-café-chocolaterie weihnacht-en-liebe-s-roman-c-e Wholesome-Roman-c-e Hochzeit-heirat-en-liebe-s-roman-e Schokolade-n-praline-liebe-s-roman-e winter-liebe-s-roman-c-e

Autor

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    Nadin Maari (Autor)

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Titel: Die Chocolaterie der süßen Herzen