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Mord am East River

von Rhys Bowen (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nachdem Molly Murphy die Fälle ihres verstorbenen Mentors Paddy Reilly geerbt hat, sieht ihr Alltag plötzlich ganz anders aus. Als Privatdetektivin folgt sie betrügerischen Ehemännern, spürt entlaufene Debütantinnen auf und arbeitet sogar verdeckt in einem Geschäft, um herauszufinden, wer die Kleider entwendet. Keiner dieser Jobs scheint gefährlich zu sein … Als jedoch der Körper einer Frau aus dem East River gefischt wird, fürchtet Molly, dass das die vermisste Debütantin ist, von der alle sprechen. Eine weitere Leiche macht Mollys Chaos perfekt und plötzlich befindet sich die Privatdetektivin in einem Geflecht aus Leidenschaft und Gier, das sie sogar in die Unterwelt der New Yorker Banden führt. Schnell begreift Molly, dass sie dieses Mal mehr als ihren Charme braucht, um den Fall zu lösen – und lebend aus der Sache herauszukommen.

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Februar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-803-2

Copyright © Dezember 2003 by Rhys Bowen. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: For the Love of Mike

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Martin Spieß
Covergestaltung: Grit Bomhauer
unter Verwendung von Motiven von
Shutterstock.com: © Mariabo2015, © Agnes Kantaruk, © faestock und © Victor Moussa
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Dieses Buch ist dem Andenken an meine Großtante Sarah gewidmet, die so mutig war wie Molly und die Arbeit in einem Ausbeuterbetrieb überlebt hat, um schließlich Lehrerin und Literatin zu werden.

Eins

J. P. Riley and Associates, Notizen von M. Murphy: Montag, 14. Oktober 1901

Bin JBT von seinem Büro in der Wall Street 38 aus gefolgt. Habe beobachtet, wie er um etwa 19:40 Uhr in der East 12th Street das Haus mit der Nummer 135 betrat.

Tatsächlich hatte ich die Uhrzeit nur geraten. Ich hatte die Uhr der Grace Church gehört, die ein paar Blocks entfernt an der Ecke 10th und Broadway geschlagen hatte, aber in meinem Beruf war es nicht gut genug, nur zu raten. Ich würde mir eine Uhr besorgen müssen. Ich spürte, wie sich meine Mutter bei solchen Gedanken im Grab umdrehte. Niemand in Ballykillin hatte je eine Uhr besessen, abgesehen von der Familie im Herrenhaus, und die zählte nicht, weil es Engländer waren. Es war ein Jammer, dass ich Paddy Rileys Taschenuhr nicht in die Finger bekommen hatte, ehe die Polizei seine Leiche fortgeschafft hatte. Jetzt hing sie vermutlich an der Uhrenkette irgendeines Sergeants und würde von dort auch nicht mehr weichen. Und ich selbst verdiente nicht genug Geld, um mir Luxusartikel leisten zu können. Wenn Sie ein echtes Geständnis wollen: Ich verdiente gar kein Geld.

Als ich mich nach einem recht ereignisreichen Sommer ohne Arbeitgeber wiederfand, hatte ich entschieden, J. P. Riley and Associates (wobei ich die einzige Partnerin war) ohne J. P. Riley weiterzuführen, und einige Scheidungsfälle übernommen, die noch auf seiner Liste standen. Der erste war von den fraglichen Parteien beigelegt worden, die sich während eines romantischen, sommerlichen Zusammentreffens in Newport, Rhode Island, versöhnt hatten. Das erfuhr ich von der Ehefrau, die mir zehn Dollar schickte, „für meine Zeit und Mühen“. Da ich durch die ganze Stadt gelaufen war und die verschiedenen Schauspielerinnen und Bordelle ausfindig gemacht hatte, die der umherstreifende Mr. Pfitzer besucht hatte, deckten die zehn Dollar kaum meine Zeit und Mühen ab, aber es gab nicht viel, was ich hätte tun können. Die Leute aus der feinen Gesellschaft kannten einander, und ich würde wohl kaum weitere Klienten finden, wenn ich die wenigen, die ich hatte, verärgerte. Aber ihre Frechheit machte mir dennoch zu schaffen. Ich fragte mich, ob sie ihrem Arzt zehn Dollar für seine Zeit und Mühen schickte, wenn der Patient sich nach seiner Behandlung erholte!

Aber ich lernte dieser Tage, meinen Mund zu halten, wenn es nötig war, und schickte der guten Frau eine Quittung für ihre Spende. Die andere Ermittlung dauerte noch an, was der Grund dafür war, dass ich einen langen, eintönigen Abend auf dem Bürgersteig der East Twelfth verbrachte, zwischen University Place und Broadway, und das Stadthaus auf der anderen Straßenseite beobachtete. Ich hatte noch nicht herausgefunden, wer dort lebte, aber ich wusste, dass es eine Frau war. Ich hatte gehört, dass der Mann, dem ich folgte – Mr. John Baker Tomlinson III. –, das Dienstmädchen gefragt hatte, ob seine Herrin zu Hause sei. Seine Herrin, wohlgemerkt, ohne Erwähnung eines Herrn. Vielleicht war ich diesmal auf eine Goldgrube gestoßen. Ein Mann von Rang konnte nach Einbruch der Dunkelheit keine Frau besuchen, die allein zu Hause war, ohne ihren Ruf aufs Spiel zu setzen.

Gegen 23 Uhr war mein Verdächtiger noch nicht wiederaufgetaucht und ich begann mich zu fragen, ob er vorhatte, über Nacht zu bleiben. Kein schöner Gedanke für ihn, wenn er am nächsten Morgen einem wütenden Ehemann gegenübertreten musste, und auch für mich nicht. Gegen neun hatte es zu regnen angefangen und ich hatte meinen Regenschirm vergessen. Ich konnte spüren, wie meine Haube von Minute zu Minute mehr durchweichte. Mein Mantel begann nach nassem Schaf zu riechen.

Ich stampfte mit den Füßen auf und ging ein wenig auf und ab, ehe ich mich daran erinnerte, dass ich unsichtbar zu sein hatte. Mein verschiedener Arbeitgeber, Paddy Riley, hatte stundenlang regungslos verharren können, eins mit dem Schatten. Ich würde nie lernen, so geduldig zu sein wie er es gewesen war; tatsächlich begann ich zu bezweifeln, ob ich überhaupt für diese Branche gemacht war. Ich mochte die Aufregung, und es war besser, als achtzehn Stunden am Tag in einem Ausbeuterbetrieb zu arbeiten oder auf dem Fulton Street Fischmarkt Fische auszunehmen, was für ein irisches Mädchen, das gerade vom Schiff herunter war, die einzigen anderen Optionen zu sein schienen. Ich hatte eine Stelle als Gesellschaftsdame angetreten, aber wir werden nicht auf meine Gründe dafür eingehen, sie wieder aufzugeben. Es war immer noch zu schmerzlich, darüber nachzudenken. Selbst nach drei Monaten wollte der Schmerz nicht vergehen. Sagen wir einfach, die Hauptantriebsfeder für mein Verharren auf einem nassen, windigen Bürgersteig, während die meisten achtbaren Leute bereits in ihren Betten lagen, war der Wille zu beweisen, dass ich es auch ohne Daniel Sullivan schaffen konnte.

Im Schlafzimmer im Obergeschoss brannte Licht – ein schwaches Glimmen, das auf eine heruntergedrehte Gaslampe hindeutete, und nicht die harte Helligkeit einer neumodischen elektrischen Glühbirne, die in dieser Stadt der letzte Schrei zu sein schienen –, aber die Vorhänge waren zugezogen. War es zu viel verlangt, dass das sündhafte Paar ans Fenster trat und sich ihre Silhouetten in leidenschaftlicher Umarmung abzeichneten? Tatsächlich hatte ich es bisher nicht vermocht, Mr. Tomlinson bei irgendeiner Tat zu erwischen, die einen Grund für eine Scheidung bieten könnte. Ich hatte mich vor seinem Büro in der Wall Street herumgetrieben. Ich war ihm zum Mittagessen in seinem Club (nur Männer) und zu mehreren Abendessen in Restaurants gefolgt (mit achtbarer Begleitung), aber es gab bisher nicht einen Hinweis, der den Verdacht seiner Frau bestätigte, dass der glanzvolle Mr. Tomlinson eine verbotene Liebschaft unterhielt.

Und wenn ich jetzt beweisen könnte, dass Mr. T. fremdgegangen war? Was dann? Ich würde einen dicken, fetten Scheck verdienen und seine Frau würde Mr. Tomlinson vor die Tür setzen – was ein Jammer wäre, weil ich ihn irgendwie mochte. Die Beobachtung aus der Ferne hatte einen höflichen, zuvorkommenden und humorvollen Mann gezeigt. Wieder fragte ich mich, ob das Leben einer Privatdetektivin wirklich für mich gemacht war. Ich wollte keine Scheidungsfälle übernehmen, auch wenn Paddy behauptet hatte, sie seien sein Broterwerb. Und Brot hatte ich im Moment gewiss nötig.

Der Regen kam jetzt vom East River herüber und zwang mich, den kaum nennenswerten Schutz einer Treppe aufzusuchen, die zu einer Eingangstür hinaufführte. Den Rücken gegen das Mauerwerk des Hauses gepresst, versuchte ich, die Vorteile zu sehen. Wenigstens verhungerte ich nicht. Ich hatte eine herrliche Bleibe und die Möglichkeit, mir selbst einen richtigen Beruf zu erarbeiten, wenn ich nur den Elementen trotzen könnte!

Ich sah auf, als das Licht im Obergeschoss gelöscht wurde. Die Vorhänge blieben geschlossen. Ich beobachtete und wartete. Nichts rührte sich, keine Tür öffnete sich, kein umherstreifender Ehemann schlich aus Nummer 135 heraus. Ich war nicht sicher, was ich als Nächstes tun sollte. Musste ich wirklich bis zum Morgen hierbleiben? Angesichts der Tatsache, dass das Wetter von Minute zu Minute schlechter wurde, keine angenehme Aussicht. Glücklicherweise hatte sich Mr. Tomlinson für seine Tändelei meine Ecke der Stadt ausgesucht. Mein eigenes Zimmer war zu Fuß nur zehn Minuten entfernt, die 5th Avenue hinunter. Ich könnte nach Hause eilen, mich umziehen, ein Bad nehmen und schlafen, und wäre wieder in Position, ehe der Morgen anbrach, diesmal mit einem Regenschirm ausgestattet. Natürlich konnte Mr. Tomlinson das Haus in der Nacht zu jeder beliebigen Zeit verlassen und ich würde meine Gelegenheit verpassen. Wenn ich meinen Posten verließ, würde er ohne Zweifel herausschlüpfen während ich schlief, und dann würde ich eine weitere Nachtwache einlegen müssen. Abgesehen davon hätte Paddy nie seinen Posten verlassen, und ich versuchte, seinem Beispiel zu folgen.

Ich beschloss, es noch eine Weile auszuhalten. Wenn irgendjemand Wind und Regen erdulden konnte, dann gewiss ich – immerhin war ich an der wilden Westküste Irlands groß geworden, wo der Regen für gewöhnlich horizontal fiel und so hart peitschte, dass er stach wie ein Schwarm Bienen. Und damals hatte ich nicht mehr als ein Schultertuch, um es mir umzulegen! Nicht diesen langen, warmen Umhang, den ich von Paddy geerbt hatte. Ich zog ihn enger um mich und steckte die Hände in die Taschen, damit sie warm blieben.

Am anderen Ende des Blocks, am Broadway, war die Stadt noch wach. Ich hörte ein Hansom-Taxi vorbeitrappeln, das Klingeln eines Straßenbahnwagens, raues Gelächter, Rufe, rennende Schritte. In dieser Stadt war es nie lange still, aber wenigstens war sie lebendig, was ich von der Grafschaft Mayo nicht gerade behaupten kann.

Ich versteifte mich, als ich eine Polizei-Pfeife hörte, aber der Wind frischte auf und die Geräusche drangen nur noch gedämpft zu mir. Dann sah ich zwei Gestalten, die auf der 12th Street auf mich zukamen. Ich erstarrte, trat hinter die Treppe und hoffte, sie würden vorübergehen, ohne mich zu bemerken. Es waren Momente wie dieser, in denen ich erkannte, dass es ein entschiedener Nachteil war, eine Frau und allein zu sein. Obwohl ich mich immer noch in einem sehr achtbaren Viertel befand, nur einen Block von den Patriziern der 5th Avenue entfernt, ging es in der anderen Richtung schnell abwärts, und der Broadway war keine Straße, auf der ich nachts gern unterwegs war. Die Schritte kamen näher – schwere, verhaltene Schritte von Stiefeln. Ich hielt den Atem an und presste mich gegen das Geländer. Sie waren beinahe an mir vorbei, als sich einer von ihnen umdrehte. Ehe ich wusste, was geschah, streckten sich mir große Hände entgegen und packten mich.

„Na, schau an, was wir hier haben, Brendan!“, dröhnte eine tiefe, irische Stimme. „Eine von ihnen ist entkommen. Und sie ist eine Wildkatze, die Kleine!“ Die letzte Bemerkung machte er, als ich mich aus seinem Griff zu winden versuchte und in Richtung seiner Schienbeine trat.

„Lassen Sie mich augenblicklich los!“ Ich klang weniger verunsichert, als ich mich fühlte. „Ich rufe die Polizei. Ich habe eine Polizei-Pfeife gehört, nur den Block runter. Sie sind sofort hier.“

„Die Polizei rufen – der war gut, was, Brendan?“ Der große Mann, der meine Handgelenke festhielt, kicherte. Sein größerer, schlankerer Begleiter lachte auch – ein höheres Kichern, dem ein Schnauben durch die Nase folgte, das ich sehr lästig fand.

„Sie glauben nicht, dass die New Yorker Polizei mit Ihresgleichen fertig wird?“ Ich versuchte immer noch ruhig und hochmütig zu bleiben. „Jetzt lassen Sie mich auf der Stelle los.“

„Eine ziemliche Unruhestifterin, und außerdem Irin“, sagte der große Mann, als er versuchte, mir die Hände auf den Rücken zu drehen, während ich darauf aus war, ihm auf die Zehen zu treten. „Wir sind die Polizei, wie du sehr genau weißt.“

Erleichterung durchflutete mich, als ich unter ihren Regenmänteln die vertrauten Uniformen erblickte. „Dann machen Sie einen schrecklichen Fehler, Officers. Ich bin keine Kriminelle. Ich bin eine achtbare Bürgerin.“

Das verursachte weitere Heiterkeit. „Eine achtbare Bürgerin – und mein Vater ist der Papst in Rom! Du bist aus dem Hinterfenster getürmt, als mein Partner und ich vor ein paar Minuten eine Razzia in Tom Sharkeys Bar durchgeführt haben. Also, wo ist dein Liebhaber hin? Hat er dich zurückgelassen, damit du die Suppe allein auslöffelst, ja?“

Mir wurde gerade erst bewusst, dass sie dachten, ich sei eine Frau mit einem ganz anderen Beruf. „Jesus, Maria und Josef. Ich glaube, Sie zwei brauchen Sehhilfen“, sagte ich wütend. „Schauen Sie mich an. Sehe ich aus wie eine Straßenprostituierte?“

„Sie sieht irgendwie nachlässig aus und sie trägt nicht mal Rouge auf den Wangen“, kommentierte Brendan. „Vielleicht irren wir uns.“

Ich entschied, diese wenig schmeichelhafte Einschätzung meiner Reize zu ignorieren. „Natürlich irren Sie sich. Aber ich nehme Ihre Entschuldigung an, angesichts der Tatsache, dass das Licht hier so schlecht ist“, sagte ich.

„Also war sie vielleicht nicht das junge Mädchen, das aus dem Bordell entwischt ist“, gestand der größere Officer ein. „Aber sie führt trotzdem nichts Gutes im Schilde. Was sollte eine achtbare Frau um diese Zeit allein draußen machen?“

„Wenn Sie es wirklich wissen wollen, ich bin Privatdetektivin und ermittle in einem Fall“, sagte ich. „Ich observiere das Haus gegenüber.“

Wenn sie zuvor heiter gewesen waren, schwappte ihre Belustigung jetzt über. Sie stießen sich gegenseitig in die Seite und stolperten laut lachend herum, während ich Queen Victoria mimte, und nicht amüsiert war.

„Wenn Sie mir nicht glauben, ich habe meine Karte in der Handtasche“, sagte ich. „Ich bin Partnerin bei J. P. Riley and Associates. Sie haben Paddy Riley bestimmt schon mal getroffen.“

„Paddy Riley?“ Der große Constable sah mich mit skeptischem Blick an. „Paddy Riley? Sie erwarten doch nicht, dass ich glaube, er würde je mit einer Frau zusammenarbeiten, oder? Er hat Frauen gehasst. Konnte ihren Anblick nicht ertragen. Und außerdem ist Paddy Riley tot und begraben, für den Fall, dass Sie das nicht wussten.“

„Natürlich weiß ich das. Ich führe das Geschäft ohne ihn weiter, oder würde es tun, wenn Sie zwei Bauerntölpel mich in Frieden lassen würden.“

Er hielt noch immer meinen Arm gepackt und ich versuchte, mich zu befreien.

„Oh nein, Sie kommen mit uns, meine Liebe. Was immer Sie getan haben, ich wette, Sie hatten nichts Gutes im Sinn.“

„Sie sagt, sie hat das Haus gegenüber observiert“, sagte der Schlanke namens Brendan und wirkte selbstgefällig. „Glaubst du, sie arbeitet vielleicht mit den Dusters zusammen und kundschaftet aus, wo es sich einzubrechen lohnt?“

„Heilige Mutter Gottes! Natürlich kundschafte ich nicht aus, wo es sich einzubrechen lohnt. Wenn Sie mich nur losließen, könnte ich unzählige, achtbare Bürger nennen, die für mich bürgen würden. Tatsächlich fürchte ich, dass Sie sehr dumm aussehen werden, wenn Sie mich mit auf die Wache nehmen, denn ich bin zufälligerweise eine gute Freundin von–“ Ich biss mir auf die Zunge und ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen. Ich konnte es nicht erwarten, ihre Gesichter zu sehen, wenn ich ihnen sagte, dass Captain Daniel Sullivan für mich bürgen würde, aber ich wollte nicht jedes Mal, wenn ich in der Klemme saß, seinen Namen benutzen. Er wäre nur zu erfreut, mich wieder einmal daran zu erinnern, dass ich mit dem Feuer spielte und dass nichts Gutes bei dem Versuch herauskäme, Teil der Männerwelt zu werden.

„Ein guter Freund von wem, meine Liebe?“, fragte der große Officer. „Dem Bürgermeister, ja? Oder dem Gouverneur? Oder vielleicht unserem neuen Präsidenten Teddy höchst selbst?“ Er grinste den anderen Polizisten erneut an und stieß ihm in die Rippen.

„Sie werden sehen“, sagte ich, entschieden meine Würde nicht zu verlieren. Als sie mich bereits forttrugen, fügte ich hinzu: „Und bitte, lassen Sie mich runter. Ich bin kein Sack Kartoffeln. Ich habe zwei Füße und kann selbst gehen.“

„Nur solange Sie nicht zu türmen versuchen“, sagte der große Officer.

„Benutzen die Dusters jemals Frauen?“, fragte Brendan, als wir weitergingen. „Ich weiß, dass die alten Gophers einige schrecklich wilde Frauen hatten, die für sie arbeiteten, aber ich weiß nicht so viel über die Dusters.“

„Sie werden dieser Tage immer verschlagener. Keiner weiß, was sie als Nächstes versuchen“, sagte der andere Officer.

Der Regen hatte nachgelassen und das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich in den Pfützen.

„Wer sind die Dusters?“, fragte ich.

„Die Hudson Dusters? Sie haben nie von ihnen gehört?“ Brendan klang erstaunt. „Dies ist ihr Gebiet, westlich des Broadway bis zum Hudson.“

„Sind sie eine Art Gang?“

„Eine der größten – zusammen mit den Eastmans und den Five Pointers, natürlich.“

„Das ist genug, Brendan. Sie weiß sehr wohl, wer die Dusters sind. Ich wette, einer ihrer Verräter wird sie morgen früh identifizieren.“

Hinter uns die Straße hinunter hörte ich das Geräusch einer zuschlagenden Tür. Ich sah mich um und erkannte eine große Gestalt in langem Mantel und Zylinder, die in Richtung 5th Avenue davoneilte. Sie war Mr. Tomlinson ähnlich, aber jetzt hatte ich die Gelegenheit verpasst, ihn aus dem Haus kommen zu sehen. Da einer meiner Geiselnehmer gerne plauderte, konnte ich nicht widerstehen zu fragen: „Das Haus, das ich beobachtet habe, das mit den zwei eingetopften Lorbeerbäumen neben der Eingangstür – Sie wissen nicht zufällig, wem es gehört?“

Brendan schluckte den Köder sofort. „Das ist das Haus von Mrs. Tomlinson, würdest du nicht auch sagen, Brian?“

„Dein Mundwerk wird noch mal dein Tod sein, Junge“, blaffte der ältere Polizist. „Du solltest es besser wissen. Als Nächstes leihst du ihr deinen Schlagstock, damit sie damit einbrechen kann.“

„Ich hab doch nichts Schlimmes getan ...“

Ich bekam dieses Gespräch kaum mit. Mein Verstand versuchte immer noch zu verdauen, was Brendan gesagt hatte. „Mrs. Tomlinson?“, fragte ich und sah ihn flehend an. „Sie meinen doch nicht die Frau von John Baker Tomlinson, oder? Ich bin bei ihrem Haus gewesen. Es steht auf der Eastside der 52nd Street.“

„Nein, diese hier ist eine ältere Frau – eine Witwe. Vielleicht ist sie die Mutter des Mannes.“

Wunderbar, dachte ich, als wir die 6th Avenue hinunter durch die Nässe gingen, zur Polizeiwache am Jefferson Market. Ich hatte einen gesamten Abend damit verbracht, eine Lungenentzündung zu riskieren und war verhaftet worden, nur um Mr. John Baker Tomlinson III. dabei zuzusehen, wie er seine Mutter besuchte! Wie es schien, hatte ich als Detektivin noch einen weiten Weg vor mir.

Zwei

Die Polizeiwache am Jefferson Market befand sich in einem dreieckigen Komplex, in dem es außerdem eine Feuerwache, ein Gefängnis und den Markt selbst gab. Er war nur einen Steinwurf von meinem Haus am Patchin Place entfernt und ich blickte sehnsüchtig hinüber, als wir die 10th Street überquerten.

„Sehen Sie, Officers, ich lebe auf der anderen Straßenseite“, sagte ich. „Wenn Sie mich nach Hause bringen, können meine Freundinnen für mich bürgen.“

„Sie gehen bis morgen früh nirgendwo hin“, sagte der grobe Constable und drückte warnend meinen Arm. „Wir wurden angewiesen, alle verdächtigen Personen auf die Wache zu bringen. Und eine junge Frau, die nachts alleine draußen ist, ist meiner Meinung nach verdächtig.“

„Aber ich habe Ihnen erklärt, was ich getan habe.“

„Sie können das meinem Sergeant erklären.“ Ich wurde in die Polizeiwache hineingestoßen. „Wenn er morgen früh herkommt“, fügte er hinzu.

„Sie meinen, ich muss die ganze Nacht hierbleiben?“ Zum ersten Mal bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich war bereits im Gefängnis gewesen und hatte nicht vor, diese Erfahrung zu wiederholen. „Sie können eine unschuldige Person nicht ohne Grund einsperren.“

„Passen Sie auf, was Sie sagen, sonst kriege ich Sie dran, weil Sie sich gegen die Festnahme gewehrt haben“, sagte der Constable. „Los. Nach unten zu den Arrestzellen mit Ihnen.“

Oh, ich war versucht, den Namen von Captain Sullivan auszurufen. Ihre Gesichter zu sehen, wenn sie ihren Fehler eingestehen, wäre jede Standpauke wert, die Daniel mir halten mochte. Aber wie meine Mutter mir stets gesagt hatte, war ich mit zu viel Stolz geboren worden. Ich presste meine Lippen aufeinander und sagte nichts.

Ich wurde unsanft einen nasskalten, hallenden Flur hinuntergedrängt, der nach Urin und schalem Bier stank. Ich kam an einer Zelle voller dunkler Gestalten vorbei. Die Gestalten rührten sich, als wir vorübergingen, und männliche Stimmen riefen mir unanständige Kommentare hinterher.

„Ihr haltet die Klappe da drinnen.“ Der Constable ließ seinen Schlagstock an den Gitterstäben entlangklappern. Wir hielten vor der nächsten Zelle an. Auch ihre Vorderseite bestand aus Gitterstäben anstelle einer Mauer und sie war voller schemenhafter Gestalten. Mein Herz klopfte vor Furcht, ich könne mit Männern wie denen eingesperrt werden, an denen wir gerade vorbeigekommen waren. Ehe ich Zeit hatte, diese Furcht zum Ausdruck zu bringen, kam ein Schlüssel zum Vorschein, eine Tür mitten in den Gitterstäben schwang auf und ich wurde hineingestoßen. Ich stolperte halb und war dankbar, als ich einen zierlichen Fuß und einen Rock erblickte.

„Hier drüben, Liebchen“, sagte eine kratzige Stimme aus der Dunkelheit. „Beweg deinen Hintern, Flossie. Das arme Ding sieht aus, als würde sie gleich ohnmächtig.“

Ich war nicht wirklich die Sorte Frau, die ohnmächtig wurde, aber dies war nicht der Augenblick, um gegen meine offensichtliche Zerbrechlichkeit zu protestieren. Ich lächelte dankbar und setzte mich auf die paar Zoll einer hölzernen Pritsche, die mir angeboten worden waren. Als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, sah ich, dass meine Zellengenossinnen tatsächlich dem Beruf nachgingen, der mir unterstellt worden war. Sie waren zu fünft, trugen Rouge und Puder, hatten leuchtend rote Lippen und Haar, das sich zu lächerlichen Schmalzlocken auftürmte. Eine trug ein schwarzes, französisches Korsett, das ihre Brüste wie überreife Melonen anhob. Allerdings kein Kleid über dem Korsett – nur das Korsett und einen glänzenden, schwarzen Rock. Der Rock war hochgeschürzt, weil sie auf dem Boden saß, und entblößte schwarze Netzstrümpfe und hochhakige Stiefel. Flossie auf der Bank trug ein tief ausgeschnittenes Seidenkleid. Die andere Frau auf der Bank hatte ihr Schultertuch um sich gewickelt und versuchte zu schlafen. Im Gegensatz zu den anderen sah sie jung und unschuldig aus, abgesehen von den Rougekreisen auf ihren Wagen und den leuchtenden Lippen. Ich versuchte, nicht zu offensichtlich zu starren.

„Wofür bist du hier, Schätzchen?“, fragte die kratzige Stimme. Sie gehörte der großen Frau, die in der Ecke auf dem Boden saß und die Beine zu einer höchst unweiblichen Pose auseinandergespreizt hatte. Sie trug eine Straußenfeder im Haar und eine Federboa um den Hals.

Ich hielt es für weise, nicht zu sagen, dass ich eine Detektivin war. Das mochte mich zur Feindin machen, und ich musste eine ganze Nacht in ihrer Gegenwart verbringen. In den Monaten, seit ich aus Irland geflohen und nach New York gekommen war, hatte ich gelernt zu lügen, ohne mit der Wimper zu zucken. Als die Polizeibeamten mich aufgegriffen hatten, hatte ich ausnahmsweise einmal versucht die Wahrheit zu sagen, und sehen Sie, was es mir gebracht hat.

„Ich fürchte, die Officers haben einen schrecklichen Fehler gemacht“, sagte ich und versuchte, süß und zu sittsam klingen. „Weil sie mich fanden, als ich auf meinem Heimweg von einem Rendezvous mit einem jungen Mann vor dem Regen Zuflucht suchte, dachten sie, ich wäre – eine von euch.“

Das verursachte große Heiterkeit. „Dachten, du wärst eine von uns – der ist gut.“ Die Brüste der großen, ungepflegten hoben sich, als sie lachte. „So wie du angezogen bist, würdest du nicht viele Kunden kriegen, Liebchen.“

„Sie sollten sich die Augen untersuchen lassen“, stimmte die im Korsett zu. „Schau dich an. Jeder kann sehen, dass du eine anständige, junge Frau bist und kein Gesindel von der Straße.“

„Sie werden größenwahnsinnig, das ist das Problem mit den Polizisten in der Gegend“, warf Flossie im roten Kleid ein. „Ein Mädchen ist nicht in Sicherheit, selbst wenn sie ihr Schutzgeld gezahlt hat. Nur weil ein Tammany-Bürgermeister im Rathaus sitzt, denken die Polizisten, sie können tun, was sie verdammt noch mal wollen und niemand hält sie auf.“

„Sprache, Bessie, hier ist eine junge Dame anwesend“, ermahnte die Ungepflegte sie. Sie lehnte sich herüber und tätschelte mein Knie. „Mach dir keine Sorgen, Liebchen. Du bist morgen früh hier raus und all das wird wirken wie ein böser Traum.“

Ich sah mich in der Zelle um und stellte fest, dass das junge Mädchen wach war und mich anstarrte. Sie hatte große, dunkle Augen und sah mich mit einem so wehmütigen Ausdruck an, dass es mir beinahe das Herz brach. Dir wird es wie ein böser Traum vorkommen, sagte der Ausdruck. Für mich wird es morgen kein Erwachen geben.

Ich schloss die Augen, lehnte mich an die kalten Ziegel und versuchte zu schlafen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Jetzt, da ich meine ursprüngliche Furcht überwunden hatte, war ich so wütend, dass ich der Ungerechtigkeit der ganzen Sache wegen hätte in die Luft gehen können. Das alles wäre nie passiert, wäre ich ein Mann gewesen. Männer konnten sich in der Stadt bewegen, wann und wo sie wollten. Aber eine einsame Frau, nachts und ohne Begleitung, wurde augenblicklich verdächtigt, nichts Gutes im Schilde zu führen. Ich hatte bereits erkannt, dass es viele Dinge gab, die Paddy Riley tun konnte, ich aber nicht. Er hatte Kontakte zu Gangs und zur Polizei gehabt. Er hatte regelmäßig verschiedene Bars aufgesucht. Er hatte sich frei und unbemerkt durch die schlimmsten Viertel bewegen und sein Erscheinungsbild einfach mit einem Bart oder Schnurrbart ändern können. Ich hatte einmal versucht, mich als Junge zu verkleiden, und war über die Freiheiten erstaunt gewesen, die es mir verschafft hatte. Natürlich hatte Paddy das sofort durchschaut, aber vielleicht sollte ich darüber nachdenken, eine solche Verkleidung erneut zu verwenden, wenn ich weitere peinliche Zusammenstöße mit der Polizei vermeiden wollte.

Andererseits sollte ich vielleicht den Plan aufgeben, Paddys Geschäft weiterzuführen. Scheidungsfälle mochten Paddys Broterwerb gewesen sein, aber meine kurze Bekanntschaft mit ihnen hatte mich entscheiden lassen, dass sie nichts für mich waren. Ich empfand sie als unbedeutend, kleinlich und verkommen. Wenn ich diesen Beruf überhaupt weiter ausüben wollte, sollte ich meinen ursprünglichen Plan verfolgen – Einwanderer finden, die den Kontakt zu ihren Familien in Europa verloren hatten. Wenigstens würde ich dann etwas Positives tun.

Ich hätte diesen Gedankengang nie beginnen sollen. Meine Gedanken wanderten von den Einwanderern nach Ellis Island, zu meinen eigenen unerfreulichen Erfahrungen dort und dann zu der kleinen Familie, die ich mit mir gebracht hatte, weil ihre Mutter nicht mit ihnen reisen konnte. Ich wünschte, ich hätte diese besondere Sorge nicht wiederaufgewärmt. Ich hatte gedacht, meine Arbeit wäre getan, als ich die Kinder ihrem Vater übergeben hatte. Das war sie nicht. Der Vater, Seamus, hatte nicht arbeiten können, seit er bei einem Einsturz des neuen U-Bahn-Tunnels beinahe sein Leben verloren hatte. Sie waren aus der Wohnung geworfen worden, die ich für sie gefunden hatte, und das Letzte, was ich gehört hatte, war, dass sie wieder bei Verwandten in der Lower East Side lebten. Die Tatsache, dass ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind diese Verwandten an den Hals gewünscht hätte und dass ich die beiden Kleinen erstaunlich liebgewonnen hatte, nagte an meinem Gewissen. Ich wusste, dass ich etwas hätte tun müssen, um sie zu retten, aber ich wusste auch, dass das bedeutete, diese äußerst herrlichen Umstände zu verlassen, in denen ich gerade lebte. Mein großes Zimmer im Obergeschoss im Haus meiner Freunde am Patchin Place war fast wie der Himmel. Mit Künstlerinnen, Schriftstellerinnen und Denkerinnen in einem Haus zu leben hatte es sogar etwas besser gemacht als den Himmel.

Ich hatte es hinausgeschoben, irgendeine Entscheidung zu treffen, in der Hoffnung, dass Seamus bald gesund genug für die Arbeit sein und eine gute Wohnung für seine Familie finden würde. Jetzt schien es, als würde er nie wieder gesund genug sein, um schwere, körperliche Arbeit zu verrichten. Was bedeutete, dass es an mir war, sie aus dem Drecksloch in der Lower East Side und vor dem Drachen von einer Cousine zu retten. Ich seufzte schwer. Das Leben schien eine andauernde Achterbahnfahrt zu sein – in der einen Minute oben auf dem Hügel, während man in der nächsten eilig abwärts in die Tiefe rauschte.

Ich hätte auch nicht anfangen sollen, über Achterbahnen nachzudenken. Augenblicklich führten meine Gedanken mich zu glücklicheren Tagen, als Daniel Sullivan mit mir nach Coney Island gefahren war. Ich lächelte bei der Erinnerung daran. Daniel hatte erwartet, dass ich schreien, bewusstlos werden oder mich an ihn klammern würde, als wir in die Tiefe gerauscht waren. Stattdessen hatte ich laut gelacht. Als wir das nächste Mal eine Abfahrt begannen, hatte er mich geküsst und wir hatten es kaum mitbekommen, dass der Wagen unten angekommen war. Ich stellte diese Erinnerung eilig ab. Es würde nichts Gutes bringen, wenn ich mich mit diesem Teil meiner Vergangenheit befasste. Außerdem schien es verschwommen und wie in einem Traum, als wäre es etwas, das ich in einem Buch gelesen hatte.

Ich sah mich in der Zelle um. Es war still geworden. Das junge Mädchen neben mir schlief wie ein engelsgleiches Kind. Von der vollbusigen Frau am Boden drang heftiges Schnarchen herüber. Ich schloss die Augen und fiel in unruhigen Schlaf.

Das Klappern eines Schlagstocks weckte mich. Das erste graue Licht fiel durch ein hohes Fenster herein. Es war kalt und zugig in der Zelle. Die Tür wurde kurz geöffnet und ein Tablett voller Zinnkrüge mit dunkler, heißer Flüssigkeit wurde hereingeschoben. Ich nahm den Becher, der mir gereicht wurde. Es war Kaffee, wenigstens glaube ich das. Ich sehnte mich nach einem heißen Getränk, aber mein Blick fiel auf den Eimer in der Ecke, den eine der Frauen gerade geräuschvoll benutzte. Für nichts in der Welt würde ich ihrem Beispiel folgen. Ich stellte den Becher unangetastet ab und fragte mich, wie lange es dauern würde, bis der Sergeant käme und ich entlassen würde. Ich öffnete meine Handtasche, die ich die ganze Nacht umklammert hatte, und nahm meinen Kamm heraus. Wenigstens würde ich versuchen, achtbar auszusehen, wenn sie mich abholten.

Ein wenig später hörte ich tiefe Stimmen und das Geräusch schwerer Stiefel, die den Flur hinunterhallten.

„Das Haus hinter Tom Sharkeys Bar, sagen Sie. Sie arbeiten also für die Dusters, Harry?“, hörte ich eine Stimme sagen.

„Kann ich nicht sagen, Sir. Niemand hat sie bisher befragt. Sie können sie sich selbst ansehen und schauen, ob Sie eine von ihnen erkennen. Hier unten links.“

Die Schritte kamen näher. Ein kahl werdender, uniformierter Sergeant stand vor den Gitterstäben und hinter ihm ein größerer, schlankerer Mann mit widerspenstigen, dunklen Locken, die seiner Melone entkamen. Wenn ich die Zeit gehabt hätte, hätte ich mir meinen Mantel über den Kopf gezogen. Sein Blick fiel auf mich, als ich mich in die Ecke zurückzog und mir wünschte, irgendwo anders zu sein. „Heilige Mutter– Was ist mit der, Harry? Warum ist sie hier?“

„Nicht sicher, Sir. Wurde gefunden, als sie spät nachts auf der Straße herumlungerte, wie ich hörte. Konnte keine anständige Erklärung dafür geben. Meine Jungs dachten, sie stünde vielleicht für die Dusters Schmiere, angesichts ihres Aufenthaltsortes.“

„Dachten sie das? Nun, ist das nicht interessant?“ Die dunklen Augen des Mannes funkelten vor Vergnügen. „Bringen Sie sie raus, Harry. Ich werde sie selbst befragen.“

„Dann raus mit Ihnen.“ Der Sergeant bedeutete mir, zur Tür zu kommen. „Nicht ihr, Mädchen. Bleibt zurück oder ihr kriegt meinen Schlagstock auf die Knöchel.“

„Auf Wiedersehen, Liebchen. Viel Glück. Lass dir von dem Abschaum keine Angst machen.“

Die Wünsche hallten mir nach, als ich neben dem Sergeant den Flur hinunterging. Eine weitere Tür öffnete sich. Ich wurde hineingestoßen.

„Benehmen Sie sich und beantworten Sie die Fragen des Captains, dann wird Ihnen nichts geschehen.“

Die Tür schloss sich hinter uns und ich sah in das Gesicht des Captains hinauf.

„Sie haben es gehört“, sagte er und sein Blick hielt meinen. „Ihnen wird nichts geschehen, wenn Sie mir nur gehorchen.“

„Sehr witzig, Daniel“, sagte ich. „Ich schätze, du hältst es für überaus amüsant, dass ich die Nacht in einem Raum voller leichter Mädchen verbringen musste.“

Ich sah, wie er ein Kichern unterdrückte. „Nein, ich bin sicher, dass es für dich ganz und gar nicht komisch war. Du gerätst wirklich in die unmöglichsten Umstände, Molly. Was war es dieses Mal?“

„Ich habe mich um meine eigenen Angelegenheiten gekümmert und ein Haus in der East 12th Street observiert, als zwei deiner großen Bauerntölpel-Constables mich gepackt haben und andeuteten, ich sei eine geflohene Prostituierte.“

Dieses Mal lächelte Daniel Sullivan.

„Als ob ich aussehe wie ein leichtes Mädchen!“, blaffte ich. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich eine Ermittlerin bin und ein Haus observiere, aber sie wollten mir nicht glauben. Sie haben mich ausgelacht. Sie dachten, ich arbeite für irgendeine Gang und kundschafte ein Haus aus, das sich auszurauben lohnt, wenn du das glauben kannst. Ich wurde noch nie zuvor in meinem Leben so beleidigt.“

Daniel legte mir seine Hände auf die Schultern. „Immer mit der Ruhe, Molly. Sie haben ihre Befugnisse nicht überschritten. Sie hatten den Befehl, jede verdächtige Person festzunehmen, und ich bin mir sicher, du bist ihnen verdächtig erschienen.“

„Wäre ich Paddy gewesen, hätten sie weggeschaut und wären vorbeigegangen.“

„Natürlich. Jeder kannte Paddy.“

„Und er war ein Mann.“

„Auch das.“ Seine großen, beruhigenden Hände drückten meine Schultern. „Molly, wann gibst du diese dumme Idee auf? Frauen können einfach keine Ermittler sein. Du hast selbst gesehen, dass es nicht funktioniert. Gestern Nacht war es nur für dich peinlich. Das nächste Mal könnte es schlimmer sein – die Gerüchte über Sklavenhandel mit Weißen sind ganz und gar keine Übertreibung, weißt du. Prostituierte haben kein langes Leben, und Ersatz steht nicht gerade Schlange, um sich freiwillig zu melden. Eine junge Frau, die nachts allein auf der Straße ist, ist genau das, wonach sie suchen.“ Ein Bild von dem jungen Mädchen, das mich voller Traurigkeit und Sehnsucht angesehen hatte, blitzte in meinen Gedanken auf. Ich erschauderte. „Und dann sind da noch die Gangs“, fuhr Daniel fort. Er machte eine Pause, während er noch immer meine Schultern hielt und ernst zu mir herunterblickte. „Im Moment tobt ein Krieg zwischen zwei der schlimmsten Gangs der Stadt. Die Hudson Dusters und die Eastmans kämpfen um das Gebiet und die Kontrolle des Kokainhandels. Und die dritte Gang, die Five Pointers, hofft, ihre Unternehmungen auszuweiten, während die Rivalen sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Ein übles Geschäft. Letzte Nacht lagen zwei tote Männer in der Gasse hinter Tom Sharkeys Bar. Keine Gang gibt zu, einen von ihnen zu kennen. Sie hatten keine Ausweise dabei. Wenn kein Familienmitglied sie als vermisst meldet, werden sie auf dem Armenfriedhof begraben und wir erfahren nie ihre Namen. Vielleicht waren es Gangmitglieder, vielleicht auch unschuldige Männer, die zur falschen Zeit am falschen Ort ins Kreuzfeuer gerieten. Verstehst du, was ich dir sagen will?“

„Du meinst, dass ich nachts nicht alleine auf der Straße sein sollte.“

„Präzise. Und warum um Himmels willen hast du mich nicht rufen lassen, als sie dich letzte Nacht festnahmen? Ich hätte dich innerhalb von Sekunden freibekommen, und du hättest die Nacht nicht im Gefängnis verbringen müssen.“

„Weil ich meinen Stolz habe“, sagte ich. „Weil ich wusste, dass du dich genauso verhalten würdest, wie du es jetzt tust.“ Ich holte tief Luft. „Und weil ich dir nichts bedeute.“

„Mir nichts bedeuten – wie kannst du das sagen?“

Ich war die ganze Zeit über so stark gewesen. Jetzt war ich erschöpft, erleichtert, und Daniels Hände auf meinen Schultern verunsicherten mich. Ich hatte das schreckliche Gefühl, ich könnte jeden Augenblick zusammenbrechen und weinen. Ich rang um Beherrschung. „Ich habe noch nicht in der Times gelesen, dass Mrs. Norton ihre Verlobung gelöst hat“, sagte ich steif.

„Noch nicht, nein.“

„Dann kann ich dir nichts bedeuten, Daniel. Wir haben das bereits durchgekaut. Wenn du mich jetzt einfach loslassen würdest, ich möchte nach Hause.“

„Ich will dich nicht loslassen, Molly“, sagte er mit einem Blick, der mich nur noch unsicherer machte. „Das weißt du. Ich will, dass du Geduld hast, bis ich die Dinge geregelt habe.“

„Du wirst deine Verlobung nie lösen“, sagte ich kühl. „Nicht, solange deine Karriere auf dem Spiel steht.“

„Gib mir Zeit, Molly, ich flehe dich an. Ich liebe dich, weißt du.“

Ich hielt seinen Blick. „Nicht genug, Daniel.“

Seine Hände glitten von meinen Schultern. „Du darfst gehen“, sagte er.

Ich verließ das Zimmer ohne zurückzusehen.

Drei

Als ich die Vordertür von Patchin Place Nummer 9 schloss, rief eine Stimme: „Sie ist hier, Gus, sie ist hier!“, und Sid, die einen gletscherblauen Seidenpyjama trug, flog die Treppe hinunter auf mich zu, gefolgt von Gus, die in einen riesigen, chinesischen Morgenrock gehüllt war. Ihre Gesichter waren ein Bild von Erleichterung und Freude.

„Molly, wo bist du gewesen? Wir waren krank vor Sorge“, rief Gus über Sids Schulter hinweg. „Wir waren die halbe Nacht draußen, haben die Gegend durchstreift und nach dir gesucht.“

„Es tut mir leid, dass ich euch so viel Sorge bereitet habe“, sagte ich. „Ich hätte euch benachrichtigen lassen, wenn ich gekonnt hätte. Ich wurde verhaftet und habe die Nacht nur einen Steinwurf von hier verbracht, in der Polizeiwache am Jefferson Market.“

„Du wurdest verhaftet?“, fragte Sid und sah jetzt amüsiert aus, nicht entsetzt, wie es eine achtbarere Frau getan hätte. „Molly, meine Süße, was hast du getan?“

„Nichts. Das war das Ärgerliche daran. Ich ging meinen Geschäften nach, stand auf einer gewöhnlichen Straße und habe ein Wohnhaus observiert. Ich wurde von der Polizei aufgegriffen, weil keine anständige, junge Frau nachts alleine draußen sein sollte.“

„Was für eine Frechheit“, sagte Sid. Sie half mir aus dem Mantel, der immer noch feucht war und nach nassem Schaf roch. „Deine Kleider sind vollkommen durchnässt“, fügte sie hinzu, als sie ihn aufhängte. „Gus lässt dir besser ein Bad ein. Und ich gehe in die Küche und mache uns allen starken Kaffee. Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht, dass wir noch nicht einmal daran gedacht haben, in die Bäckerei zu gehen und Brötchen zu holen. Aber ich werde dem abhelfen, sobald ich den Kaffee aufgesetzt habe.“

„Komm, Molly, die Treppe rauf mit dir.“ Gus führte mich die Stufen hinauf, und als ich aus meinen nassen Sachen raus war und meinen Bademantel anhatte, stieg bereits Dampf aus der riesigen Badewanne mit Krallenfüßen auf, die der Stolz unseres Badezimmers war. „Ich lasse dich sogar meine Pariser Seife benutzen, damit du dir lieblich und dekadent vorkommst“, sagte Gus mit einem verruchten Grinsen, als sie die Tür schloss.

Ich ließ mich vorsichtig ins Wasser gleiten, lehnte mich zurück und dachte daran, was für ein Glück ich hatte, solche wunderbaren Freundinnen zu haben. Ihre Namen waren selbstverständlich nicht wirklich Sid und Gus. Sie hatten von ihren Eltern die konventionelleren Namen Elena Miriam Goldfarb und Augusta Mary Wolcott bekommen, aber in Greenwich Village, wo wir lebten, waren sie stets Sid und Gus. Sie waren außerdem im Grunde genommen ein Paar – etwas, dem ich in meinem behüteten irischen Leben nicht begegnet war. Zu Hause wären sie gesellschaftlich Ausgestoßene gewesen, über die hinter zugezogenen Vorhängen geflüstert worden wäre. In der Gesellschaft, in der Sid und Gus sich bewegten, gab es keine Regeln. Ich fand das höchst erfreulich und hatte sie beide sehr liebgewonnen. Sie wiederum behandelten mich wie ein vergöttertes Kind, das nichts falsch machen konnte.

Als das Wasser sich langsam abkühlte, fühlte ich mich entspannt, energiegeladen und wieder zu allem bereit. Ich kam die Treppe herunter, fand frische Brötchen von der französischen Bäckerei um die Ecke auf dem Küchentisch und roch das wundervolle Aroma von Sids türkischem Kaffee. Ich kann nicht sagen, dass ich türkischen Kaffee je so zu lieben gelernt hatte wie sie, aber in diesem Augenblick war er eindeutig ein Symbol dafür, zu Hause zu sein, wo alles wieder in Ordnung war.

„Also, erzähl, Molly. Wir sind recht gespannt“, sagte Sid, zog neben mir einen Stuhl heran und brach ein Brötchen auf. Sie hatte den Seidenpyjama abgelegt und trug eine dunkelgraue Hose und ein smaragdgrünes Smoking-Jackett für Männer, das ihr kurzes, schwarzes Haar wundervoll auffing.

„Nicht, ehe sie etwas gegessen hat, Sid. Das arme Ding hat eine Tortur hinter sich“, sagte Gus, nahm Sid den Brötchenkorb ab und reichte ihn mir. „Sie sind noch warm. Himmlisch.“ Sie trug immer noch ihren Morgenrock, ihre hellbraunen Locken fielen noch immer wild und ungezähmt um ihr elfengleiches Gesicht.

Ich trank einen Schluck von der sirupartigen Flüssigkeit und aß dann einen Bissen warmes Brötchen mit schmelzender Butter und Aprikosenmarmelade. Es fühlte sich gut an, wieder am Leben zu sein.

„Ihr erratet nie, warum sie mich überhaupt aufgegriffen haben“, sagte ich und blickte mit einem Grinsen von meinem Brötchen auf. „Sie dachten, ich sei eine Straßenprostituierte.“

„Du? Waren es besonders kurzsichtige Polizisten?“, fragte Sid.

„Es war dunkel und offenbar hatten sie in einem nahegelegenen Bordell gerade eine Razzia durchgeführt.“

„Warum haben sie dich dann nicht in dem Moment freigelassen, als klar war, dass du nicht diese Art Frau bist?“, fragte Gus.

„Sie entschieden, dass ich nichts Gutes im Schilde führen konnte, wenn ich allein mitten in der Nacht dort herumlungerte. Sie dachten, ich stünde vielleicht für eine Gang Schmiere.“

„Molly die Gangsterbraut! Das wird ja immer besser“, prustete Sid mit einem Mund voller Krümel.

„Ich bin sicher, für die arme Molly war es nicht sehr amüsant.“ Gus tätschelte meine Hand. „Eine Nacht in einer schrecklichen Gefängniszelle. Wie entsetzlich für dich, meine Süße.“

„Es war nicht allzu schlimm. Die Zelle war voller Prostituierter, aber sie hätten nicht freundlicher zu mir sein können. Sie wussten so gut wie ich, dass ich fälschlicherweise verhaftet worden war.“

„Also trat heute Morgen vermutlich jemand mit Verstand seinen Dienst an, hat einen Blick auf dich geworfen und erkannt, dass ein schrecklicher Fehler gemacht worden war.“ Sid streckte eine Hand aus und schenkte mir Kaffee nach, ohne dass ich sie danach gefragt hatte.

Ich schnitt eine Grimasse. „Der Mensch, der seinen Dienst antrat, war kein anderer als Daniel Sullivan – der letzte Mensch auf der Welt, den ich unter solchen Umständen hätte sehen wollen.“

„Sullivan der Schwindler, meinst du?“, fragte Gus. Sie waren sich meiner Geschichte nur allzu bewusst und hielten angesichts seiner Taten nicht viel von ihm. „Wieso hast du seinen Namen nicht benutzt, um letzte Nacht freigelassen zu werden? Das ist das Mindeste, was er für dich tun kann, nachdem er so leichtfertig mit deiner Zuneigung umgegangen ist.“

„Ich weigere mich, Daniel Sullivan um Hilfe zu bitten. Mein Stolz lässt das nicht zu. Und außerdem wusste ich, dass er nur sagen würde, dass er es mir ja gleich gesagt hätte – und genau das hat er getan.“

„Ich nehme also an, dass er seine Verlobung noch nicht gelöst hat?“

„Lasst uns nicht darüber reden“, sagte ich. Ich nahm mir ein weiteres Brötchen. „Und wollt ihr das absolute Ärgernis des Abends hören? Als die Polizei mich wegführte, fand ich heraus, dass ich meinem sündigen Ehemann zum Haus seiner Mutter gefolgt war, nicht zu dem seines Flittchens.“

Sie brachen beide in Gelächter aus.

„Du hast den Abend damit verbracht, ihm nachzuspionieren, während er seine Mutter besucht hat? Oh, das ist absurd.“

Ich musste auch lachen. „Woher sollte ich das wissen? Alles, was ich wusste, war, dass er eine Frau besucht. Es kam mir nie in den Sinn, dass die Frau seine Mutter sein könnte.“

„Arme, süße Molly“, sagte Gus immer noch lächelnd. „Ich wünschte, du würdest dieses hochgefährliche Leben aufgeben und etwas Vernünftiges werden, wie Schriftstellerin oder Malerin.“

„Ich habe mich gestern Nacht entschieden aufzuhören“, sagte ich. „Zumindest mit Scheidungsfällen. Ich stelle fest, dass sie einen schlechten Nachgeschmack hinterlassen. Ich weiß, sie waren Paddys Broterwerb, aber ...“

„Aber sie sind nicht dein Fall“, beendete Sid für mich und war über ihren eigenen Scharfsinn erfreut.

„Genau. Ich werde mich meiner ursprünglichen Absicht zuwenden und versuchen, Familien wiederzuvereinigen. Ich habe entschieden, eine Anzeige in den irischen Zeitungen zu schalten und zu schauen, ob mir das irgendwelche Kundschaft bringt. Wenn nicht, denke ich darüber nach, den Beruf zu wechseln.“

Sid sprang auf, als sie das Geräusch der Morgenpost hörte, die auf unserer Fußmatte landete. Sie kam mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zurück. „Schaut euch das an. Eine Postkarte von Ryan.“

Das war selbstverständlich unser Freund, der reizende, extravagante und verdrießliche irische Stückeschreiber Ryan O’Hare.

„Wo ist er?“ Gus sprang auf und spähte über Sids Schulter, um die Postkarte zu betrachten. „Der Poststempel ist aus Pittsburgh.“

„Das sagt er auch. Hört zu: ‚Grüße aus dem Land von Rauch und Dunst. Heute haben wir in Pittsburgh Premiere, aber der Gedanke daran, was diese Vulkanbewohner von einer boshaften, kultivierten Satire halten werden, lässt mich erschaudern. Nach Cleveland bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass ich recht hatte. Außerhalb von New York endet die Zivilisation. Die Luft hier kann man kaum atmen. Mein nächtlicher Husten kommt dem der Kameliendame gleich, vielleicht komme ich sogar schwindsüchtig zurück ... Euer schwer leidender und trübseliger Ryan O’Hare, Stückeschreiber der Extraklasse.‘“

Sid und Gus sahen sich an und lachten. „Typisch Ryan. Alles muss dramatisch sein“, sagte Gus. „Jetzt stirbt er schon an der Schwindsucht.“

„Natürlich fühle ich mit ihm“, sagte Sid. „Es war überaus bedauerlich, dass Präsident McKinley starb, kurz bevor sein Stück aufgeführt werden sollte. Es war nicht seine Schuld, dass alle Theater wegen Staatstrauer einen Monat lang geschlossen blieben. Es ergibt also Sinn, mit dem Stück auf Tour zu gehen, ehe man New York angeht, auch wenn diese Tour Pittsburgh einschließt.“

„Hoffen wir, dass er voller Triumph ins Daley Theater zurückkehrt, so wie er es geplant hat“, sagte Gus. „Was meinst du, Liebste, ist in der Kanne noch ein wenig Kaffee?“

Ich hörte zu, wie sie fröhlich plauderten, aber meine Gedanken bewegten sich anderswo hin. Etwas an Ryans Postkarte hatte mich mit einem unbehaglichen Gefühl zurückgelassen. Wir waren freilich zusammen gewesen, als der Präsident erschossen worden war. Das würde jeden Unbehagen verspüren lassen, aber es war vorbei. Der arme Präsident war tot und begraben und das Leben wieder zur Normalität zurückkehrt. Dann erkannte ich, was es war – Ryans Erwähnung der Schwindsucht. Mein nagendes Gewissen kam zu mir zurück. Die arme Kathleen O’Connor starb zu Hause in Irland an der Schwindsucht, während ich ihre Kinder mehr im Stich gelassen hatte, als ich sollte. Ich beschloss, sie an eben diesem Morgen zu besuchen. Wenn ihre Umstände nicht zufriedenstellend waren, würde ich etwas dagegen unternehmen, egal wie sehr ich es hassen würde, dieses wundervolle Leben voller unbürgerlicher Leichtigkeit zu verlassen.

Ich stand auf. „Ich sollte ausgehen“, sagte ich.

Sie waren augenblicklich an meiner Seite, die Postkarte von Ryan war vergessen. „Du wirst nichts dergleichen tun“, sagte Gus. Trotz ihres zierlichen Erscheinungsbilds konnte sie ziemlich kräftig sein. „Du hast gerade eine Nacht in feuchter Kleidung im Gefängnis verbracht. Du musst dich gut und lange ausruhen.“

Ich versuchte zu protestieren, aber Sid nahm meinen Arm. „Keine Widerrede. Nun hoch mit dir, wir werden dich zum Mittagessen wecken.“

Ich hielt es für das Beste, nicht weiter zu protestieren. Ich ging die beiden Treppen zu meinem Zimmer hinauf, öffnete die Fenster und legte mich aufs Bett. Herrlicher, herbstlicher Sonnenschein fiel durch das Fenster herein, zusammen mit dem Zirpen emsiger Spatzen draußen in den Büschen. Ich hätte mich Meilen von der Stadt entfernt wähnen können. Wie könnte ich das hier nur aufgeben? Ich versuchte zu schlafen, aber mein Verstand war aufgedrehter als eine aufgezogene Uhrfeder. Am Ende gab ich es auf, zog meinen Geschäftsanzug an – da mein dunkler Rock am Saum immer noch durchweicht war – und schlich wie ein ungezogenes Kind die Treppe hinunter. Ich verließ den Patchin Place und ging schräg über den Washington Square, bis ich die Bowery erreichte. Dann ging ich Richtung Süden in die Lower East Side, wo Seamus und seine Familie jetzt wieder lebten.

Ich hielt bei einem Schlachter an und kaufte ein Huhn und bei einem Gemüsehändler holte ich Weintrauben, weil ich mich daran erinnerte, dass Seamus sie gemocht hatte. Dann fügte ich an einem Straßenstand zwei Lutscher hinzu. Wenn Sie sich fragen, wo das Geld herkam, da ich ja noch keines verdiente: Ich zahlte mir einen bescheidenen Lohn von dem Geld, das Paddy im Geschäft gelassen hatte – oder zutreffender, das Geld, das ich versteckt unten in der Schublade eines Aktenschranks gefunden hatte. Ich war nicht so naiv gewesen, es der Polizei auszuhändigen, sondern hatte ein Bankkonto eröffnet, bis ein Angehöriger es beanspruchen würde. Bisher hatte kein Angehöriger es beansprucht.

Als ich weiterging, wurden die Straßen lauter, dreckiger und stinkender, die Gebäude wurden höher, standen dichtgedrängt, schlossen das Sonnenlicht aus und gaben mir das Gefühl eingeengt zu sein. Erinnerungen an meine Ankunft in New York und die ersten unangenehmen Tage auf diesen Straßen überfluteten mich. Wie lange das her zu sein schien. War es wirklich weniger als ein Jahr her, dass ich auf diesen Straßen unterwegs war, mittellos, ängstlich und ohne Bleibe? Ich zog Bilanz darüber, wie weit ich es gebracht hatte und fühlte mich sofort viel fröhlicher.

Als ich durchs jüdische Viertel kam, die Hester Street, dann Rivington und Delancey überquerte, waren die Straßen von Menschen verstopft – überall Handkarren, beladen mit allen Arten von Handelsgütern. Verkäufer priesen ihre Waren in Sprachen an, die ich nicht verstand. Hühner und Gänse hingen aufgereiht an ihren Hälsen. Seltsames Essen brutzelte auf provisorischen Kochstellen und verbreitete exotische, würzige Düfte. Voller Interesse sah ich zu einem Händler hinüber, der fette, grüne Essiggurken aus einem Fass hervorholte, wie ein Zauberkünstler Kaninchen aus einem Hut zaubern würde. Ich fragte mich, wie sie wohl schmeckten und war versucht, stehen zu bleiben und eine zu kaufen. Es gab so viele Dinge in der Welt, die mir noch fremd waren. Eines Tages sollte ich mir die Zeit nehmen, sie alle zu probieren. Aber die mir zugeworfenen, argwöhnischen Blicke von bärtigen Männer mit hohen, schwarzen Hüten und Frauen, die mit Körben in den Armen an mir vorbeikamen und ernste, dunkeläugige Kinder hinter sich herzogen, ließen mich deutlich wissen, dass ich eine Außenseiterin war, die in ihrem Territorium nichts verloren hatte. Mein leuchtend rotes Haar und irisches Aussehen waren für eine angehende Detektivin definitiv von Nachteil. Paddy konnte sich überall gut unters Volk mischen. Mir fiel es schwer, irgendwie nicht-irisch auszusehen.

Es war dasselbe, als ich den italienischen Teil im Süden betrat. Die Straßen hallten wider von den Stimmen der Männer, die sich angeregt unterhielten, über unseren Köpfen flatterte Wäsche, alte schwarzgekleidete Frauen saßen im morgendlichen Sonnenschein auf den Treppen vor Hauseingängen, Säuglinge schrien, Kinder spielten, ich sah weitere Handkarren mit verschiedenen Waren – Gläser mit Oliven, Gefäße mit Olivenöl, Krüge mit etwas, das aussah wie dünne Stangen, von denen ich annahm, dass es ungekochte Spaghetti waren – dazwischen ich, mit dem entschiedenen Gefühl, eine Außenseiterin zu sein.

Eine Gruppe Straßenkinder mit dunklen, kurzgeschnittenen Haaren kam an mir vorbeigerannt, die Stahlkappen ihrer Stiefel schlugen auf den Pflastersteinen Funken. Sie sprangen an mir hoch und zogen an meinem langen, roten Haar. „Hey, wo brennt’s denn, Lady?“, rief einer auf Englisch mit Akzent. Er packte nach meiner Haarschleife. Ich war mit Brüdern aufgewachsen. Ich reagierte unmittelbar, überrumpelte ihn und ließ ihn der Länge nach hinfallen. Sie belästigten mich nicht noch einmal.

Die Fulton Street erkannte ich sofort, als ich sie erreichte. Der Fischmarkt kündigte seine Anwesenheit an, lange bevor ich in seiner Nähe war. Der Geruch von Fisch hing schwer in der Luft und ließ mich mein Taschentuch hervorholen, um es mir vor die Nase zu halten. In der Gosse schwammen Fischschuppen und Männer eilten mit Handkarren vorüber, in denen sich Kisten voller Fisch stapelten. Ich ging am Markt vorbei und war froh, in die South Street einzubiegen, in der eine gute, starke Brise vom East River das Atmen wieder möglich machte. Von ganz New York City, wieso um alles in der Welt hatten sie entschieden, genau hier zu leben?

Natürlich, die Aussicht musste ich ihnen lassen. Über unseren Köpfen erhob sich majestätisch die Brooklyn Bridge und streckte sich an scheinbar schwächlichen Strängen hängend bis zum anderen Ufer aus. Der East River war übersät von Segeln, die von Schiffen mit hohen Masten von der anderen Seite des Ozeans bis zu gedrungenen Bargen mit viereckigen Segeln reichten, die den Fluss hinauffuhren. All das ergab ein entzückendes, lebhaftes Bild und ich wäre länger dortgeblieben, um es zu bewundern, wenn mich der Dufthauch des Fischmarkts nicht eingeholt hätte. Ich überquerte die South Street und kam an offenen Ladenfronten vorbei, in denen Segelmacher und Holzarbeiter ihr Handwerk ausübten, ehe ich in eine schmale Seitengasse einbog und das Gebäude fand, das ich suchte.

Es war ein weiteres, trostloses Mietshaus, womöglich noch schlimmer als mein erstes Zuhause in der Cherry Street. Das dunkle, schmale Treppenhaus stank nach Urin, gekochtem Kohl und Fisch. Ich ging nach oben, an Treppenabsätzen vorbei, die übersät waren von Kinderwagen und alten Kisten, hörte Säuglinge schreien, Stimmen, die sich wütend erhoben, und eine singende Frau. Ich erschrak, als etwas vor mir über den Boden huschte. Zu groß für eine Maus. Es musste eine Ratte gewesen sein.

Als ich das fünfte Stockwerk erreichte, war ich außer Atem und betete, dass Seamus zu Hause wäre. Wie schaffte er es mit seiner lädierten Lunge, so viele Stufen zu erklimmen? Ich klopfte an der Tür und betete, dass Nuala nicht zuhause wäre. Ich hatte keine Absicht, sie je wiederzusehen. Mein Gebet wurde nicht erhört. Nuala selbst öffnete die Tür, ihre aufgedunsene Gestalt verdunkelte alles Licht, das von hinter ihr hätte kommen können.

„Gott bewahre“, sagte sie. „Guck an, was die Katze vor unserer Türschwelle abgelegt hat.“

„Es ist auch schön, Sie wiederzusehen, Nuala.“ Ich versuchte, an ihr vorbei und in die Wohnung zu kommen, aber sie blockierte weiterhin die Türöffnung.

„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie noch mal auftauchen wie ein falscher Fuffziger. Also hat Ihr Liebhaber Sie endlich rausgeworfen, ja? Ich wusste, dass das am Ende passieren würde – habe ich es dir nicht gesagt, Seamus? Habe ich nicht gesagt, dass sie baden gehen würde, wegen all ihrer Allüren? Nun, Sie brauchen nicht zu glauben, dass Sie hier unterkommen – wir sind hier gepackt wie die Sardinen.“

„Ich habe absolut keinen Wunsch, bei Ihnen einzuziehen, Nuala“, sagte ich. „Ich habe ein sehr komfortables Apartment, das ich mir mit zwei Freundinnen teile, ein Liebhaber ist nicht in Sicht. Ich bin gekommen, um zu schauen, wie es Seamus geht.“

Widerwillig trat sie beiseite und ließ mich eintreten. Das Zimmer war ein Drecksloch ohne Fenster, lediglich von einer kraftlosen Lampe erhellt. Seamus saß im einzigen Sessel und das Licht der Lampe ließ ihn wie einen blassen Schatten seiner selbst aussehen.

„Molly, meine Liebe“, sagte er und erhob sich unbeholfen. „Es ist so gut, Sie zu sehen. Wie gütig von Ihnen, uns besuchen zu kommen.“

„Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht, Seamus. Ich habe gehört, dass Sie eine neue Wohnung gefunden haben, also dachte ich, ich komme vorbei und statte Ihnen einen Besuch ab.“

„Ja, nun, es ist nicht ganz das, was man gemütlich nennt, nicht wahr, aber für den Moment muss es reichen, bis ich wieder auf die Beine komme.“

„Wieso um alles in der Welt haben Sie entschieden, hier zu leben?“, platzte ich heraus, ehe ich erkannte, dass das nicht gerade eine taktvolle Bemerkung war.

„Bettler können nicht wählerisch sein, oder?“, antwortete Nuala für ihn. „Und da ich die einzige Brotverdienerin der Familie bin und hier auf dem Fischmarkt arbeite, riskiere ich nicht, mitten in der Nacht vorbei an all den betrunkenen Männern nach Hause zu gehen. Die Stadt ist für eine Frau nicht sicher.“

Im Stillen dachte ich, dass die Männer besonders betrunken sein müssten, wenn sie Nuala betreffend Absichten hegten, aber ich nickte zustimmend. „Also arbeitet Finbar nicht?“, fragte ich.

„Dieser faule, nichtsnutzige Knochensack? Wer würde ihn anstellen? Als er für die Bar gearbeitet hat, hat er mehr getrunken, als er verdiente. Ich habe versucht, ihm auf dem Markt eine Stelle als Gepäckträger zu besorgen, aber er konnte die Ladungen nicht anheben.“ Sie schnaufte voller Abscheu. „Er schläft im Nebenzimmer.“

„Das habe ich gehört“, ertönte Finbars Stimme. Der Mann erschien in der Tür und sah aus wie Marleys Geist in weißem Nachthemd und Schlafmütze, sein Gesicht war blass und grau wie der Stoff, den er trug. „Und ich habe es dir nicht nur einmal, sondern hundertmal gesagt, Frau, dass ich bei der Wahl eine Stelle in Aussicht habe.“ Er lächelte mich an und entblößte einen Mund, in dem Zähne fehlten.

„Die Wahl.“ Nuala schnaubte. „Das glauben wir, wenn wir es sehen.“

„Frag die Tammany-Jungs doch selbst“, beharrte Finbar. „Sie haben mir gesagt, sie bezahlen mich für jeden Mann, den ich ins Wahllokal führe, stoße oder zerre – wenn er sein Kreuz bei Shepherd macht, natürlich.“

„Sie bezahlen dich in Schnaps“, sagte Nuala. „Du trinkst dich dumm und dämlich und verlierst deine Arbeit wieder.“

Ich fühlte mich ob dieses aufkommenden Streits unbehaglich. „Und wo sind die Kinder – in der Schule?“ Ich wandte mich an Seamus.

„Wir haben sie noch nicht in der Schule angemeldet“, sagte Seamus. „Bridie ist draußen und macht Botengänge und die Jungs – nun, ich weiß nicht recht, wo sie sind.“

„Wo wir von Botengängen sprechen, ich habe auf dem Weg hierher angehalten und Ihnen ein Huhn und ein paar Weintrauben besorgt.“ Ich fand Platz auf dem Tisch, zwischen dreckigem Geschirr, dem New York Herald von gestern und einigen Socken, die Nuala gerade stopfte. „Ich dachte, Sie können etwas Nahrung gut gebrauchen.“

„Sehr gütig von Ihnen“, sagte Seamus. „Sie sind eine gute Frau, Molly Murphy.“

Ich beobachtete Nuala, die herbeischlängelte und meine Gaben rasch entfernte.

„Irgendwelche Neuigkeiten von Kathleen?“, fragte ich, kam Nuala bei den Weintrauben zuvor und reichte sie Seamus.

„Ja, aber keine guten. Sie wird schwächer, Molly. Sie macht gute Miene zum bösen Spiel, aber ich weiß, dass sie schwächer wird. Wenn ich nur bei ihr sein könnte. Es bricht mir das Herz. Ich sage Ihnen, Molly, es gibt Momente, in denen ich bereit bin, das Risiko einzugehen und mir das Geld für die Passage nach Hause zu borgen.“

„Es muss sehr schwer für Sie sein“, sagte ich, „aber Sie wissen, dass man Sie ins Gefängnis wirft oder hängt, wenn Sie nach Hause gehen. Denken Sie an die Kinder. Was würde es Ihnen bringen einen Vater zu haben, der im Gefängnis sitzt, und eine Mutter, die sterbenskrank ist?“

„Was bringe ich ihnen hier?“, fragte er. „Noch ein nutzloser Knochensack wie Finbar. Im Augenblick nicht in der Lage, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

Während er sprach, hörte ich das Geräusch leichter Schritte, die die Treppe heraufeilten. Die Tür schwang auf und Bridie stand da. Als sie mich sah, erhellte sich ihr Gesicht. „Molly. Sie sind zu uns zurückgekehrt. Am Sonntag habe ich in der Kirche dafür gebetet.“

Ich legte meine Arme um ihren kleinen, dünnen Körper. „Wie geht es dir? Und wie geht es deinem Bruder?“

Sie sah mit einem breiten Lächeln zu mir auf. „Er ist ein Junior-Eastman geworden.“

„Ein was?“

„Er und seine Cousins. Sie haben sich einer Gang angeschlossen. Sie werden Junior-Eastmans genannt, und sie ziehen herum und machen Dinge kaputt. Und manchmal besorgen sie Sachen für die richtigen, großen Gangmitglieder und die großen Kerle geben jedem von ihnen einen Quarter.“

„Seamus, haben Sie davon gewusst?“, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. „Das schadet nichts. Jungen bewegen sich immer in Gruppen, wie Ponys, oder nicht?“

Aber ich konnte diese Nachricht nicht so unbeschwert aufnehmen. Ich hatte vergangene Nacht genug über Gewalt und Schutzgelderpressung gehört, dass es mich glauben machte, dass es in der Tat schadete, wenn sich der junge Shamey mit einer Gang herumtrieb. Und ich wusste, dass es an mir war, ihn da herauszubekommen. Ich musste eine eigene Bleibe finden und sie bei mir wohnen lassen, zumindest bis Seamus wieder auf den Beinen war. Ich spürte, wie sich beim Gedanken daran, den kleinen Himmel am Patchin Place zu verlassen, tiefe Traurigkeit über mich ausbreitete, aber es musste getan werden. Ich war nur am Leben, weil die Mutter der Kinder mir eine Chance zur Flucht ermöglicht hatte. Ein paar Monate meines Lebens zu opfern, war das Mindeste, was ich im Gegenzug tun konnte.

Vier

Ich ging tief in Gedanken versunken mit schweren Schritten nach Hause. Wie sollte ich mir eine Wohnung leisten, die groß genug war, um Seamus und die Kinder aufzunehmen? Ich wollte nicht in einem Viertel wie diesem leben, ich wollte in Greenwich Village bleiben, wo ich Freunde gefunden hatte und den überschwänglichen Lebensstil genoss. Irgendwie musste ich Geld verdienen. Ich hatte die Mittel direkt vor meiner Nase – ich musste lediglich meine Abneigung überwinden und mit dem Scheidungsfall der Tomlinsons weitermachen –, sofern ich nicht jedes Mal verhaftet wurde, wenn ich Mr. T. folgte.

Ich seufzte schwer. Ich war nicht die Art Person, die ihren Prinzipien zuwiderhandelte, was der Grund dafür gewesen war, dass ich nicht bereit war, den beträchtlichen Geldbetrag auszugeben, den ich in Paddys Aktenschrank entdeckte hatte. Er befand sich auf der Bank und wartete darauf, dass ein Erbe ihn beanspruchen würde. Bisher hatte das aber niemand getan, was wahrscheinlich bedeutete, dass es mein Geld war. Doch ich konnte mich immer noch nicht dazu bringen, es für etwas anderes als geschäftliche Dinge auszugeben.

Ich trat eilig vom Bordstein zurück, als eine Kutsche vorüberfuhr, deren Räder sowie die Hufe der Pferde Dreck aus der Gosse emporwarfen. Ich schätzte, dass ich damit weitermachen musste, Mr. Tomlinson zu beschatten. Ich betete bloß, dass er nicht in der ganzen Stadt alte, weibliche Verwandte hatte. Das nächste Mal würde ich irgendeine Ausrede finden, um das Haus zu überprüfen, das er besuchte. Es war alles so kompliziert. Wieso konnte der elende Mann nicht einfach zustimmen, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und mir all diesen Ärger ersparen? Ich war beinahe versucht, zu seinem Büro zu gehen und ihn anzuflehen, ihrem Wunsch zu entsprechen, sodass mir alles Weitere dieser schäbigen Angelegenheit erspart blieb. Ich hielt an einer Straßenecke an, ein Fuß mitten in der Luft. Wieso nicht? Wieso musste es immer so verstohlen und schmutzig sein? Wir waren schließlich zivilisierte Menschen.

Mit dieser Entscheidung machte ich auf dem Absatz kehrt und statt die Straßenbahn den Broadway hinauf zu nehmen, ging ich in die andere Richtung, nach Süden, Richtung Wall Street. Ich wusste, wo Mr. Tomlinson arbeitete. Ich hatte oft genug draußen gestanden und auf ihn gewartet. Es war direkt neben den prachtvollen Säulen der Börse, wo ständig derart geschäftiges Treiben herrschte, dass ich mich gut unter die Menge mischen konnte. Dieses Mal lauerte ich nicht in den Schatten. Ich nahm die Vortreppe, ging durch die Eingangstür und eine marmorne Treppe hinauf. Ich kam an einem eindrucksvollen Spiegel vorbei und warf einen Blick auf mich selbst. Ich war froh, dass ich meine seriöse Kleidung ausgewählt hatte, einen beigefarbenen, maßgeschneiderten Geschäftsanzug, der für mich angefertigt worden war als ich entschieden hatte, Ermittlerin zu werden. Aber ich wünschte, ich hätte mir das Haar hochgesteckt. So, wie es mit der Schleife zurückgebunden war, sah ich lächerlich jung und unprofessionell aus. Ich trat in eine Nische und versuchte, es zu einem Knoten zusammenzudrehen. Wenn ich nur lernte, Hüte zu tragen wie andere Frauen, würde ich nicht so überrumpelt werden. Aber ich war aufgewachsen, ohne einen Hut zu tragen, und setzte nur dann einen auf, wenn es absolut notwendig war. Ich mochte das Gefühl, dass mein Kopf eingeengt wurde, genauso wenig wie das einengende Gefühl eines Korsetts an meinem Körper.

Das Büro von J. BAKER TOMLINSON III., BÖRSENMAKLER befand sich im zweiten Stock. Ein hohläugiger, junger Mann mit einem riesigen, gestärkten Kragen empfing mich und versuchte aus mir herauszubekommen, warum ich Mr. Tomlinson sehen wollte. Ich war angemessen mysteriös und kurz danach wurde ich in ein geschmackvoll möbliertes Büro mit Mahagonischreibtisch und einem dicken Teppich auf dem Boden geführt.

„Miss Murphy?“ Mr. Tomlinson winkte mich zu einem ledergepolsterten Sessel herüber. „Mein Sekretär hat nicht genau gesagt, was Ihr Anliegen ist. Sind Sie wegen eines finanziellen Rats hier?“ Ich sah, wie er die Qualität meiner Kleidung und meines Haars begutachtete, das wahrscheinlich bereits seinem behelfsmäßigen Dutt entkam.

„Ich bin wegen einer ganz anderen Angelegenheit hier, Mr. Tomlinson“, sagte ich. „Eine, die mir beträchtliche Peinlichkeit beschert.“

„Wirklich?“ Er sah interessiert aus, nicht schuldig. „Bitte fahren Sie fort. Ich bin recht neugierig.“

Ich reichte ihm meine Karte. „Meine Firma wurde von Ihrer Frau beauftragt.“ Ich begegnete seinem Blick. „Sie will, dass wir Beweise besorgen, sodass sie die Scheidung einreichen kann.“

Mr. Tomlinson lehnte sich mit Wucht in seinem Stuhl zurück. „Großer Gott.“ Ihm war nicht einmal bewusst, dass er in meiner Anwesenheit gotteslästerlich gesprochen hatte. „Lillian will die Scheidung? Ich kann es nicht glauben.“ Seine Augen verengten sich. „Wenn Sie also für meine Frau arbeiten, warum genau kommen Sie dann zu mir?“

„Weil es mir nicht gefällt, darum“, sagte ich. „Ich bin nicht die Art Mensch, die gerne nach schmutzigen Details schnüffelt. Ich habe Sie jetzt seit einigen Wochen beobachtet, und Sie erscheinen mir wie ein Gentleman. Das Gegenteil eines anderen Kerls, den ich beobachtete, der jede Nacht bei einem anderen leichten Mädchen war. Es erschien sinnvoll, Ihnen alles zu erklären. Wenn Ihre Frau die Scheidung will, wieso sich nicht wie ein Gentleman verhalten und einwilligen? Auf diese Weise wird uns allen eine Menge Peinlichkeit erspart.“

Er sah mich weiter durch verengte Augen an, dann begann er zu lachen. „Sie sind wirklich komisch, Miss Murphy. Ich muss zugeben, dass Sie mich vollkommen überrascht haben. Ich hatte keine Ahnung, dass Lillian die Scheidung will. Unsere Ehe ist seit einiger Zeit nicht gerade besonders glücklich, was natürlich an ihrer Krankheit liegt.“

„Mrs. Tomlinson ist krank?“

Er sog Luft durch seine Zähne ein, ehe er antwortete. „Sie glaubt, sie sei es. Sie zieht sich beim kleinsten Vorwand ins Bett zurück, und es gibt eine dauerhafte Prozession von Ärzten, die in unser Haus kommen. Ich weiß, sie glaubt, ich sei nicht mitfühlend genug, aber Gott weiß, dass ich es versucht habe. Sie beschwert sich, dass ich nie zu Hause sei, aber wer will bei einer Frau zu Hause sein, die den Abend damit verbringt, Arzneimittel zu nehmen, und dann um acht Uhr ins Bett geht?“ Er unterbrach sich unvermittelt, als sei ihm bewusst geworden, dass er zu viel gesagt hatte. „Ich habe es so lange ausgehalten, weil ich dazu erzogen wurde, das Richtige zu tun, aber bei Gott, wenn sie eine Scheidung will, bin ich glücklich damit, ihrem Wunsch zu entsprechen.“

„Gibt es irgendjemanden – eine andere Frau?“ Ich konnte der Frage nicht widerstehen. „Ich bin Ihnen gefolgt und habe bisher keine gefunden.“

„Jetzt soll ich Ihnen also Ihre Arbeit abnehmen?“ Ein verärgertes Zucken huschte über sein Gesicht, dann lachte er wieder. „Sie sind wirklich erfreulich erfrischend, Miss Murphy. Es heißt immer, dass Ihre Landsleute einen Hang zur Redegewandtheit haben, nicht wahr?“ Er ordnete einen Haufen Papiere auf seinem Schreibtisch, ehe er wieder aufsah. „Wenn Sie es wirklich wissen wollen, es gibt eine junge Frau, der ich mich angenähert hätte, wenn die Umstände andere gewesen wären. Aber wie gesagt wurde ich dazu erzogen, das Richtige zu tun. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt und Gedanken an andere Frauen beiseitegelegt.“

Ich verließ John Baker Tomlinsons Büro mit dem warmen Gefühl des Erfolgs. Jetzt würden beide Tomlinsons bekommen, was sie wollten. Lillian wäre von einem Ehemann befreit, der ihr keine Aufmerksamkeit schenkte, und ihr John wäre in der Lage, die Frau zu umwerben, die er verehrte. Ich hatte immer gewusst, dass die direkte Herangehensweise die Beste war. All die Zeit, die Paddy damit verschwendet hatte, in dunklen Gassen zu lauern und zu versuchen, belastende Fotos zu machen, während ich meinen ersten Scheidungsfall ohne Anstrengung zu einem zufriedenen Abschluss gebracht hatte!

Ich hielt auf dem Heimweg bei der Post an, um eine Briefmarke zu kaufen, sodass ich meine Anzeige nach Dublin schicken konnte. Ich wollte gerade gehen, als der Postbeamte, ein rotgesichtiger Mann mit Backenbart, mich zurückrief. „Sind Sie nicht die junge Frau, die für Paddy Riley gearbeitet hat?“

„Das ist richtig.“

„Hier ist gerade ein Brief für J. P. Riley and Associates angekommen“, sagte er und holte ihn hervor. Ich dankte ihm und steckte ihn in meine Handtasche, obwohl ich darauf brannte, ihn zu öffnen. Sobald ich sicher auf der Straße war, riss ich ihn auf.

Der Brief war mit der Maschine geschrieben. „Mr. Max Mostel bittet Sie, ihn wegen einer Angelegenheit, die größtes Feingefühl und Vertraulichkeit erfordert, umgehend aufzusuchen.“

Die Adresse war in der Canal Street – eine heruntergekommene Gegend, in der Handel getrieben wurde, und in der sich Fabriken und Bars befanden. Ein weiterer Scheidungsfall? Dann wäre das eine seltsame Adresse für einen Klienten. Aber er hatte es eine Angelegenheit genannt, die Feingefühl erforderte. Der Unterschied war, dass mir diesmal ein Mann geschrieben hatte. Und in all den anderen Scheidungsfällen in Paddys Akten waren die Klienten Frauen gewesen. Das für sich genommen machte es verlockend. Noch verlockender war die Möglichkeit, genug Geld zu verdienen, um eine Wohnung zu mieten.

Sid und Gus waren ausgegangen, als ich zum Patchin Place zurückkehrte, wahrscheinlich machten sie gegenüber auf dem Jefferson Market die morgendlichen Einkäufe. Ich eilte mit einem erleichterten Seufzer die Treppe hinauf, setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb einen Brief an die Dublin Times. „Haben Sie den Kontakt zu Ihren Angehörigen in Amerika verloren? Privatdetektiv stellt diskrete Ermittlung an. Familien wieder zu vereinen ist unsere Spezialität.“ Das Geschlecht des Ermittlers erwähnte ich nicht, und auch nicht, dass ich noch nie eine Familie wieder vereint hatte. Ich fragte, was es kostete, eine Anzeige für längere Zeit zu schalten und versprach, postwendend Geld zu schicken. Dann ging ich wieder nach unten und warf den Brief in den Briefkasten am Ende der Straße. Ich sah auf und erblickte Sid und Gus, die auf mich zukamen. Gus’ Arme waren voller Blumen. Sid trug zwei übervolle Körbe.

„Schau, Gus, sie ist wach und sieht so viel besser aus. Wir hatten so viel Spaß, Molly. Gus hat den ganzen Markt leergekauft.“

„Ich wollte Austern, aber Sid ließ mich nicht, obwohl ich ihr sagte, dass dieser Monat mit R geschrieben wird und es deshalb in Ordnung sein sollte.“

„Sie sahen in meinen Augen nicht gut aus, sie waren entschieden zu blass“, sagte Sid. „Ich hatte einen Onkel, der starb, weil er eine schlechte Auster gegessen hat. Ich gehe dich betreffend kein Risiko ein.“

„Also musste ich mich mit Hummer zufriedengeben. Selbst Sid musste zugeben, dass sie mit großer Kraft herumschwammen und ganz sicher Gesundheit ausstrahlten. Also mache ich heute Abend ein Festmahl mit echtem Bostoner Hummer. Wen sollen wir einladen?“

„Jemanden, dem es nichts ausmacht, die verdammten Dinger in kochendes Wasser zu werfen“, sagte Sid lachend.

Sie rissen mich fort, den Patchin Place entlang, eingenommen von der Aufregung leichtfertigen Lebens. Es waren Momente wie diese, die mich daran erinnerten, wie unglaublich schwer es sein würde, sie zu verlassen und in eine eigene Wohnung zu ziehen.

 

An diesem Nachmittag, während Sid und Gus aufgeregt das Hummer-Festmahl für den Abend vorbereiteten, sorgte ich dafür, dass ich achtbar und geschäftsmäßig aussah, sicherte mein Haar mit zwanzig oder mehr Nadeln in einem Dutt, setzte meinen seriösesten Hut darauf und machte mich auf den Weg zu Mr. Max Mostel. Als ich der Bowery Richtung Süden folgte und dann auf die Canal Street einbog, wuchsen meine Verwirrung und Neugierde. Das war keine anständige Wohngegend – sie war voller Fabriken, heruntergekommener Bars und vereinzelter, schäbiger Pensionen. Sicher nicht die Art Viertel, in dem ich erwartete, meine Klienten anzutreffen. Als ich Nummer 438 erreichte, war es ganz und gar kein Wohnhaus. Das Erdgeschoss war zum Bürgersteig halb offen und ich hörte von drinnen die Geräusche von Hämmern und Sägen. Ein neu gebauter Stuhl wurde gerade lackiert, kurz hinter der Türöffnung. Ich fragte nach Mr. Mostel und wurde um die Ecke und eine Treppe hinaufgeschickt. Ein Geschäft also, keine Wohnung. Ich ging das dunkle und schmale Treppenhaus hinauf, eine Treppe, zwei, dann eine dritte, bis ich zu einer Tür kam, an der ein Schild hing: MOSTEL AND KLEIN, DAMENBEKLEIDUNG. Ich klopfte und trat in einen Bereich, in dem verpackt wurde und die Ware rausging. Männer stolperten mit großen Kisten herum und stellten sie außerhalb eines Fensters an der Rückseite auf eine primitive Plattform, die zur Straße heruntergelassen werden konnte. Ich fragte nach Mr. Mostel.

„In seinem Büro. Zwei weitere Treppen rauf. Gehen Sie durch die Nähstube und am Ende sehen Sie die Treppe“, keuchte ein älterer Mann, als er innehielt und sich die Stirn abwischte.

Ich ging eine weitere Treppe hinauf, die vor einer verschlossenen Tür endete. Ich klopfte und wurde schließlich in einen langen, düsteren Raum eingelassen, der voller junger, nähender Frauen war, Reihe für Reihe, die Köpfe tief über ihre Arbeit gebeugt. Ich war schon zuvor in einem solchen Raum gewesen, als ich jede Arbeit ausprobiert hatte, die ich kriegen konnte. Ich hatte es damals nicht gemocht und ich mochte es auch jetzt nicht. Der Raum hallte vom Rattern der Maschinen wider. Hundert Paar Füße bearbeiteten die Tretkurbeln, während hundert Nadeln auf und nieder gingen. An den Wänden stapelten sich Stoffballen. Es war stickig und unter meinen Füßen lagen Flusen, die mich niesen ließen. Das ließ einige der Mädchen aufblicken und mich ansehen, dann kehrten sie wieder zu ihrer Näharbeit zurück, als bereuten sie die Sekunde, die sie verschwendet hatten. Niemand sagte ein Wort, als ich den Raum der Länge nach durchschritt, bis eine männliche Stimme brüllte: „Hey Sie – wo glauben Sie, gehen Sie hin?“

Ich nehme an, dass jeder Ausbeuterbetrieb mindestens einen männlichen Schläger beschäftigt, der den weiblichen Arbeitern Angst macht. Dieser hier – bleich, eingesunken, mit einem Gesicht, das einen ununterbrochenen, lüsternen Blick aufwies – war noch abstoßender als der, den ich zuvor getroffen hatte. Glücklicherweise war ich dieses Mal in einer anderen Situation. Ich beäugte ihn kühl.

„Ich bin auf dem Weg zu Mr. Mostel. Wären Sie so freundlich, herauszufinden, ob es gerade passt, dass er mich empfängt?“

„Sie wollen Mr. Mostel sehen? Miss Hochnäsig, was? Wenn es um eine Stelle geht, bin ich derjenige, mit dem Sie reden. Der Boss empfängt keine stinkenden Mädchen.“

„Glücklicherweise habe ich heute früh gebadet, ich bin also kein stinkendes Mädchen“, sagte ich und hörte das kichernde Lachen einiger der Arbeiterinnen, die Englisch verstanden. „Aber ich habe heute Morgen einen Brief von ihm erhalten, der mich bat, ihn umgehend aufzusuchen.“ Ich war drauf und dran, ihm meine Karte zu geben, als ich mich daran erinnerte, dass ich diskret und vertraulich sein sollte. Es gab keinen Grund, diesen schmierigen Mann oder irgendeines dieser Mädchen wissen zu lassen, wer den Boss aufsuchte. „Wenn Sie mir also bitte den Weg zu seinem Büro zeigen würden.“

„Folgen Sie mir“, sagte er, „und geben Sie mir keine Schuld, wenn Sie Ihren Kopf verlieren.“

Er führte mich eine weitere Treppe hinauf und wich dabei Kisten voller Garn und Besatz aus, die auf beinahe jeder Stufe standen. Er klopfte an die Tür und öffnete sie vorsichtig. „Hier ist eine junge Frau, Sir. Sagt, Sie hätten ihr einen Brief geschrieben.“

Ich trat an ihm vorbei in ein unordentliches Büro. Hier stapelten sich noch mehr Stoffballen und eine Schneiderpuppe präsentierte eine Rüschenbluse und einen schwarzen Rock. Max Mostel saß hinter einem chaotischen Schreibtisch. Er war ein großer, dicklicher Mann mit schweren Hängebacken, der in seinem Nadelstreifen-Dreiteiler schwitzte. In seinem Mundwinkel steckte eine Zigarre.

„Ja? Was wollen Sie?“

Ich reichte ihm meine Karte. „Sie haben mir geschrieben. Und da bin ich.“

Er betrachtete die Karte und sah zu seinem Vorarbeiter auf. „Was hängen Sie noch hier rum?“, knurrte er in Englisch mit schwerem Akzent. „Runter mit Ihnen, ehe sich eines der Mädchen ein paar Yards Schleife in ihre Bluse stopft. Los. Raus! Und schließen Sie die Tür hinter sich.“

Der Vorarbeiter ging hinaus und schloss die Tür nicht allzu sanft. Max Mostel sah mich weiterhin mit finsterem Blick an. „Ihnen habe ich geschrieben?“

Ich nickte. „Ich bin Miss Murphy. Juniorpartnerin. Es tut mir leid, wenn Sie einen Mann erwartet haben, aber ich versichere Ihnen, ich bin äußerst effizient und mache exzellente Arbeit.“

„Nein, ich habe keinen Mann erwartet“, sagte er. „Für diesen Auftrag brauche ich eine Frau. Ich habe mich umgehört und ein Vöglein hat mir gezwitschert, dass Sie diese Art Sachen machen. Habe ich recht?“

„Welche Art Sache wäre das, Mr. Mostel?“

„Herumschnüffeln. Ich brauche jemand, der für mich herumschnüffelt.“

„Ich verstehe. Würden Sie das etwas ausführen?“

Er lehnte sich über den Schreibtisch auf mich zu, obwohl die Tür geschlossen war und wir allein im Zimmer waren. „Wir haben einen Spitzel.“

Ich sah mich im Zimmer um, um dieses besondere Stück Stoff auszumachen.

„Spitze?“, fragte ich.

„Einen Spion in unserem Lager, Miss Murphy. Einen Verräter in unserer Mitte.“

Er sah sich im Raum um. „Sehen Sie diesen Entwurf–“ Er reichte mir eine Seite aus einem Katalog, auf dem ein geschmeidiges, langes Kleid mit hohem Kragen und schwungvollem Rock zu sehen war.

„Es ist sehr hübsch“, sagte ich.

„Und es hing eine Woche bevor unseres fertig war mit dem Etikett von Lowenstein auf den Verkaufsständern sämtlicher, großer Kaufhäuser. Mein Entwurf, wohlgemerkt. Mein Kleid. Mit seinem dreckigen Etikett darauf.“

„Sind Sie sicher, dass es nicht nur ein unglücklicher Zufall war?“

Er schüttelte den Kopf, sodass sein Doppelkinn zitterte. „Gestohlen, vor meinen eigenen Augen. Und es war nicht das erste Mal. Jemand in diesem Gebäude ist ein Spitzel, Miss Murphy, der heimlich für Lowenstein arbeitet. Kriegt meine jüngsten Entwürfe in seine schmutzigen, kleinen Finger und bringt sie auf die andere Seite der Stadt, damit er sie schnell kopieren kann.“

„Und Sie möchten, dass ich für Sie herausfinde, wer diese Person ist?“

„Genau. Hatten Sie je mit der Bekleidungsindustrie zu tun, Miss Murphy?“

„Nur sehr kurz.“

„Aber Sie wüssten, wie man eine Nähmaschine bedient?“

„Mit mäßigem Erfolg. Ich hatte nicht viel Übung.“

„Spielt keine Rolle. Wir stellen Sie hier an und bilden Sie aus, bis Sie wissen, wie es läuft. Dann will ich, dass Sie sich bei Lowenstein’s bewerben. Sperren Sie an beiden Orten die Ohren auf und schauen Sie, wer auftaucht, wo er oder sie nicht auftauchen sollte.“

Ich nickte. „Das kann ich tun. Wer hat Zugang zu Ihren Entwürfen?“

„Nicht viele Leute. Die Schneiderinnen und die Arbeiterinnen, die die Appretur vornehmen, wenn sie hergestellt werden, aber die Mädchen an den Maschinen – sie machen nur Stückwerk, egal, was man ihnen vorsetzt. Sie sind nur mit einem Ärmel, einer Tasche oder einem Kragen beschäftigt. Das fertige Kleidungsstück sehen sie nie.“ Er tippte sich seitlich an die Nase. „Was nicht heißt, dass ein kluges Mädchen nicht etwas herumschnüffeln könnte, wenn sie wollte, aber ich wüsste nicht, wie. Ich bin für gewöhnlich die meiste Zeit des Tages hier in meinem Büro. Die Entwürfe bewahre ich in dieser Schublade auf. Und wenn ich ausgehe, schließe ich mein Büro ab.“

„Sind Sie der Einzige, der hier ein Büro hat? Was ist mit Mr. Klein?“

„Mr. Klein?“ Er sah überrascht aus. „Tot, Miss Murphy. Ist vor zwei Jahren tot umgefallen – möge er in Frieden ruhen.“

„Es tut mir leid, das zu hören, Mr. Mostel. Also, wer könnte während eines Arbeitstages in Ihr Büro kommen?“

„Mein Vorarbeiter. Meine zwei Angestellten, die mir mit den Mustern helfen – die nebenbei bemerkt absolut vertrauenswürdig sind. Die Muster werden hier oben in einem kleinen Hinterzimmer gefertigt, hinter mir, also hat niemand eine Gelegenheit, die Kleidungsstücke zu sehen, ehe sie bereit sind, gezeigt zu werden. Abgesehen davon – für gewöhnlich gehe ich nach unten, wenn es ein Problem mit einer Angestellten gibt. Sie kommen nicht hier rauf.“

„Und Käufer?“

„Ich gehe zu ihnen, Miss Murphy. Käufer steigen keine fünf Treppen hoch.“

„Könnte irgendjemand hereingelangen, wenn nachts alle nach Hause gegangen sind?“

„Ich nehme die Entwürfe mit nach Hause.“

„Also muss es jemand sein, der tagsüber hier arbeitet.“

Er nickte. „Ein hübsches, kleines Problem haben wir da, hm? Also, werden Sie den Auftrag annehmen, Miss Murphy? Ich werde Sie dafür belohnen.“

„Das könnte mehrere Wochen Arbeit erfordern“, sagte ich. „Sagen wir hundert Dollar als Honorarpauschale, plus den Lohn, den ich verdienen würde, wenn ich hier angestellt wäre?“

Er legte sich eine Hand auf die Brust. „Hundert Dollar? Miss Murphy, ich habe Sie gebeten, mir zu helfen, nicht mich bankrott zu machen.“

„Ich versichere Ihnen, dass dies ein Honorar ist, das meine Klienten zu zahlen erwarten, Mr. Mostel. Wenn Sie glauben, dass Sie jemanden finden können, der den Auftrag billiger ausführt ...“ Ich erhob mich.

Er zuckte mit den Schultern. „Wenn es mir erlaubt, nachts tief und fest in meinem Bett zu schlafen, dann schätze ich, habe ich keine Wahl – selbst, wenn die Kinder für ein paar Monate von Roggenbrot und Kohlsuppe leben müssen.“

„Ich habe gehört, Kohlsuppe ist sehr gesund, wenn sie richtig zubereitet wird“, sagte ich und sah, wie ein Lächeln seine Zigarre auf und ab hüpfen ließ.

„Also abgemacht, Miss Murphy.“ Er streckte eine fleischige Hand aus. Ich schüttelte sie.

„Ich freue mich auf die Herausforderung, Mr. Mostel.“

Fünf

Ich kam nach Hause und sprudelte über vor Enthusiasmus. Das war ein richtiger Fall, einer, in den ich mich ohne Gewissensbisse verbeißen konnte, weil ich verbotene Paare erwischen musste. Es wäre leicht genug, als gewöhnliches Arbeitermädchen durchzugehen, da ich eines war. Nicht in so trostlosen Umständen wie die meisten, aber immer noch bemüht, in einem neuen Land meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Natürlich war es eine andere Sache, zu lernen, eine brauchbare Näherin zu werden. Geschick mit der Nadel war nie eine meiner Stärken gewesen.

Die Vordertür von Patchin Place Nummer 9 stand offen und offenbarte einen regelrechten Bienenstock des Enthusiasmus’ und der Geschäftigkeit. Exotische, würzige Düfte waberten aus der Küche den Flur hinunter auf mich zu. Gus studierte in der Küche ein gewaltiges Kochbuch, während Sid draußen im Garten Papierlaternen auf eine Schnur fädelte. Das Waschbecken in der Küche wimmelte vor krabbelnden Hummern. Ich hatte nicht mal die Zeit, um von meinem neuen Auftrag zu berichten, ehe Gus auf mich zusprang.

„Du kommst gerade rechtzeitig, Molly. Ich brauche jemanden, der Zwiebeln schneidet.“

Ich bekam eine Schürze und wurde in die hektischen Arbeiten hineingezerrt. Um acht Uhr war das Haus fertig und begann, sich mit Schriftstellern, Malern, Dichtern und Freidenkern zu füllen. Es waren viel mehr Gäste als Hummer, aber das schien keine Rolle zu spielen. Es gab eine Menge Wein und Ale, also hatten alle eine gute Zeit. Ich selbst war zufrieden damit, mich zurückzulehnen und alles in mich aufzunehmen. Ich war immer noch ein Neuling in der Welt der Künstler und Freidenker, sodass ich mir etwas unbeholfen vorkam, an ihren geistreichen Schlagabtäuschen teilzunehmen, aber ich saugte alles auf wie ein Schwamm. Die Unterhaltung bewegte sich von Frauenrechten über Geburtenkontrolle zu Anarchie. Dann kam das Gespräch auf New Yorker Politik und die anstehende Bürgermeisterwahl.

„Es scheint wirklich, als verliere Tammany den Halt“, sagte Lennie, ein befreundeter Maler, und wedelte mit einem Zuckermaiskolben – eine Delikatesse, die ich gerade erst entdeckt hatte. „Dieser Shepherd-Kerl wird nicht gerade geliebt. Alle sagen, dass Seth Low der Mann ist, der Charlie Murphys Korruption loswerden kann.“

„Ich sehe keinen Grund, über eine Wahl zu sprechen, bei der die Hälfte von uns nicht teilnehmen darf“, sagte Sid wütend. „Wer auch immer gewinnt, es wird das Gleiche sein – mehr Arbeit für die Jungs, mehr illegale Provisionen.“

„Und was sagen Sie, Mr. Clemens?“, fragte Gus einen älteren Gentleman mit buschigem, weißem Haar und einem hängenden Schnurrbart, der sich der Gruppe angeschlossen hatte. Er sah zu alt aus, um zu Sids und Gus’ künstlerischem Kreis zu gehören, und ich fragte mich, wie es zu seiner Einladung gekommen war.

Der alte Mann lächelte. „Es sollte offensichtlich sein, was zu tun ist. Man gebe Frauen das Wahlrecht. Das wird Tyrannen und Diktatoren augenblicklich aus dem Weg räumen. Frauen werden sich immer für vernünftig und mitfühlend und gegen kriegerisch und korrupt entscheiden.“

Der gesamte Raum applaudierte lautstark. Ich begann zu glauben, dass er irgendein Politiker sein musste. Ich stieß Gus an, die neben mir stand. „Wer ist dieser Mann?“

Sie sah mich voller Erstaunen an. „Hast du noch nie von Samuel Clemens gehört?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Er ist einer unserer hervorragendsten Schriftsteller. Er ist gerade aus Europa zurückgekehrt und hat sich entschieden, in unserer kleinen Ecke zu leben. Ist er nicht umwerfend?“

Ich musste zustimmen, dass er das war, und beschloss auszugehen und unverzüglich eines seiner Bücher zu kaufen. Jeder Mann, der ein Streiter für das Frauenwahlrecht war, war es definitiv wert, gelesen zu werden.

Als das Gespräch bis spät in die Nacht weiterging, ertappte ich mich dabei, dass ich philosophisch wurde. Diese Runde und die Fabrikarbeiterinnen, die ich gerade nur ein paar Blocks von hier gesehen hatte, waren so weit voneinander entfernt, dass sie sich um zwei verschiedene Sonnen zu drehen schienen. Ich wusste, dass auch einige dieser Leute hier ums Überleben kämpften. Der pummelige Maler in der Ecke aß nur, wenn er ein Bild verkauft hatte. Und doch war das Überleben nicht der Kern ihrer Existenz. Wenn sie sich zwischen Farbe und Essen entscheiden mussten, würden sie Ersteres wählen. Wohingegen diese Mädchen im Ausbeuterbetrieb ihr Leben damit zubrachten, unter diesen trostlosen Bedingungen zu arbeiten, um Essen und Miete bezahlen zu können, und womöglich glaubten, keine Wahl zu haben. Aber hatte nicht jeder von uns die Wahl darüber, was er tat? Dann entschied ich, dass es der ungewohnte Wein war, der mich so denken ließ.

Der letzte Feiernde ging erst in den frühen Morgenstunden. Wir brachen in unseren Betten zusammen, nur um beim ersten Licht des Tages geweckt zu werden, weil jemand an die Vordertür hämmerte. Ich hörte, wie Sids Pantoffeln die Treppe hinunter patschten, hörte eine Unterhaltung, dann wie sie wieder heraufkam und leise rief. „Molly, bist du wach? Da draußen ist ein Mann mit einer Nachricht für dich.“

Mein Kopf pochte von den Nachwirkungen des Alkohols. Ich griff nach meinem Morgenrock und eilte die Treppe hinunter. Ein Junge grinste über mein zerzaustes Erscheinungsbild. „Mit freundlichen Grüßen von Mrs. Tomlinson“, sagte er und reichte mir einen Brief. Ich musste wieder nach oben rennen, um ein Zehncentstück zu finden, das ich dem Jungen als Trinkgeld geben konnte, dann öffnete ich die Nachricht. Ich hoffte, sie würde ihren Scheck und erkenntlichen Dank enthalten. Stattdessen forderte sie mich auf, dass ich mich sobald wie möglich im Tomlinson-Haus einfinden solle. Offensichtlich wollte die gute Frau mich persönlich bezahlen und mir danken.

Also ging ich nach dem Frühstück in angemessen geschäftsmäßigem Aufzug auf die East Side. Ich wurde in ein Zimmer im Obergeschoss geführt, in dem Mrs. Tomlinson auf einer Liege ruhte. Sie sah blass und träge aus, setzte sich aber recht mühelos auf, als ich hereinkam.

„Miss Murphy“, sagte sie.

„Ich bin gekommen, sobald ich Ihre Nachricht erhielt, Mrs. Tomlinson.“

„Sie sind gestern zu meinem Ehemann gegangen–“

„Ich hielt das für beide Parteien am besten. Ihr Ehemann erschien mir wie ein Gentleman. Es hat sich für mich nicht richtig angefühlt, ihn bloßzustellen. Also stimmte er zu, sich auch wie ein Gentleman zu verhalten, nicht wahr? Das muss eine Erleichterung für Sie sein.“

„Eine Erleichterung? Sie dummes Mädchen! Ich habe Sie gebeten, Fakten zu finden, nicht sich einzumischen. Jetzt sehen Sie, was Sie angerichtet haben!“

„Er willigt nicht in die Scheidung ein?“ Ich war ratlos.

„Natürlich willigt er in die Scheidung ein.“ Sie spuckte die Worte aus. „Er kam gestern Nacht in mein Zimmer und sagte mir, dass er nur zu froh wäre, mich aus einer einschränkenden Ehe zu befreien.“

„Aber ist es nicht das, was Sie wollten?“

Sie blickte mich wütend an. „Das ist ganz und gar nicht das, was ich wollte. Ich hatte keine Absicht, tatsächlich die Scheidung einzureichen. Ich hoffte, dass mein Handeln meinen Ehemann dazu anspornen würde, mir mehr Aufmerksamkeit zu schenken und zu erkennen, wie schmählich er mich vernachlässigt hat. Aber jetzt ...“ Sie legte sich ihr Taschentuch vor den Mund schluchzte leise. „... jetzt betrachtet er eine Scheidung für uns beide als Befreiung. Ich habe meinen Ehemann verloren, Miss Murphy, nur Ihretwegen, wegen Ihrer Einmischung!“

„Es tut mir wirklich leid, Mrs. Tomlinson“, sagte ich, „aber der Auftrag lautete, Beweise für einen Scheidungsfall zu finden. Und wenn Sie es wirklich wissen wollen, ich habe keinen Makel im Charakter Ihres Mannes gefunden.“

Das ließ sie nur noch heftiger weinen.

„Wenn Sie ihm Ihr wahres Motiv verraten, gibt es vielleicht Hoffnung für eine Versöhnung“, schlug ich vor. Sie antwortete nicht. Ich hielt es für das Beste, mich zurückzuziehen, und ich hatte nicht das Herz, sie um mein Honorar zu bitten. Das war’s, entschied ich. Der letzte Scheidungsfall, den ich je in Angriff nehme. Ich beschloss, bessere Arbeit zu leisten, wenn ich zum Spionieren in die Fabrik ging.

 

Ein lautes, klirrendes Geräusch weckte mich. Ich setzte mich in der Dunkelheit auf, mein Herz pochte. Feuer. Es musste eine Feueralarmglocke sein. Ich musste hier raus. Dann berührte mein Fuß das alte Wachstuch und ich erinnerte mich daran, dass ich mir Sids Wecker geliehen hatte, um sicherzustellen, dass ich um sechs Uhr früh aufwachte. Ich musste um sieben bei Mostel and Klein antreten. Als ich die Treppe Richtung Badezimmer hinunterstieg, erinnerte ich mich daran, dass ich von einem Feuer geträumt hatte, ehe mich das Klingeln weckte.

Ich kam wieder nach oben, zitterte ob der morgendlichen Kälte und zog mir sorgfältig meine alte, weiße Bluse und den karierten Rock an; die Sachen, die ich getragen hatte, als ich aus Irland geflohen war. Ich band mein Haar zurück, statt es hochzustecken. Es musste aussehen, als wäre ich eine kürzlich angekommene Einwanderin. Ich musste außerdem meine Zunge hüten. Das letzte Mal, als ich in einem ähnlichen Ausbeuterbetrieb gearbeitet hatte, hatte ich dem Vorarbeiter gesagt, was ich von ihm hielt, was mir innerhalb einer Woche die Kündigung eingebracht hatte. Das, und die Tatsache, dass ich einen ganzen Stapel Ärmel verkehrt herum zusammengenäht hatte.

Ich ging auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, versuchte Sid und Gus nicht zu wecken und nahm mir etwas vom alten Brot von gestern und Marmelade. Als mich die Wirklichkeit dessen traf, was ich jetzt tat, begann ich den gestrigen Enthusiasmus zu hinterfragen. Altes Brot und zwölf Stunden mühevoller Arbeit vor mir statt eines geruhsamen Frühstücks mit frischen, warmen Brötchen und Sids starkem Kaffee – falls dies das Leben einer Ermittlerin war, sollte ich mir dann nicht einen zivilisierteren Beruf suchen?

Ich ging in den kalten, grauen Morgen hinaus. Der Jefferson Market war belebt, aber als ich den Washington Square überquerte, war er noch menschenleer. Es war zu früh für Künstler oder Studenten! Aber während ich der Bowery Richtung Süden folgte, erwachte die Stadt zum Leben – Straßenbahnen läuteten, als Fabrikarbeiter an ihnen vorbeieilten, um die Straße zu überqueren. Lieferwagen polterten vorüber, gezogen von riesigen, gedrungenen Pferden. Ich erreichte die Canal Street zehn Minuten vor sieben und hatte noch Zeit, meine Gedanken zu ordnen, ehe ich das Gebäude betrat. Mr. Mostel hatte mir Anweisungen gegeben. Niemand sollte wissen, dass ich keine gewöhnliche Arbeiterin war. Ich sollte mich einfügen und die Augen offenhalten. Aber nicht auf Kosten meiner Arbeit. Ich durfte nicht gesehen werden, wenn ich mich für anderer Leute Angelegenheiten interessierte. Und ich würde wie jedes andere Mädchen behandelt – keine angenehme Aussicht, wenn ich an den lüsternen Vorarbeiter dachte. Doch es war nur für ein paar Wochen. Das konnte ich so lange aushalten, oder nicht?

Eine Parade von Mädchen ging jetzt die Treppe hinauf. Ich schloss mich ihnen an und bekam einige seltsame Blicke ab. Ich lauschte den Unterhaltungen, die um mich herum geführt wurden, und stellte fest, dass ich kein Wort verstand. Die Mädchen vor mir sprachen Jiddisch, die hinter mir plapperten auf Italienisch. Plötzlich traf mich die Erkenntnis, dass mein Auftrag nicht leicht werden würde. Wenn es irgendeine Art Verschwörung gab, hätte ich keine Möglichkeit, geflüsterte Botschaften zu belauschen. Ich würde lediglich auf meine Augen und meinen Instinkt vertrauen müssen.

Die anderen Mädchen hängten ihre Hüte und Schultertücher an eine Reihe von Haken und nahmen dann an den Maschinen Platz. Ich stand da, sah mich um und wusste nicht, was ich als Nächstes tun sollte.

„Du bist neu, ya?“, fragte eines der Mädchen in gebrochenem Englisch.

Ich nickte schüchtern.

„Du musst warten, bis der Schäbige Sam hier ist“, sagte ein anderes Mädchen. Sie war groß, schlank und attraktiv, trug eine weiße Bluse und eine Kamee um den Hals. „Er wird dir sagen, wo du sitzt.“

„Der Schäbige Sam?“, fragte ich unschuldig.

Sie grinste. „So nennen wir Sam Walters, den Vorarbeiter. Nur lass ihn das nicht hören, sonst fliegst du achtkantig raus.“ Sie sah mich interessiert an. „Du bist keine Jüdin oder Italienerin – bist du Engländerin?“

„Nein, ich bin Irin.“

„Das ist sehr komisch.“

„Was ist komisch – Irin zu sein?“ Ich streckte mein Kinn vor und spürte, wie sich meine Fäuste ballten. Niemand machte sich über die Iren lustig, wenn ich in der Nähe war. „Entschuldige. Ich meine nicht lustig. Seltsam. Es ist seltsam. Die Mädchen, die gut Englisch sprechen können, bleiben nicht lange, und sie geben den Bossen Widerworte. Deswegen stellt Sam gern Anfänger wie uns an, die ihm keine Widerworte geben können. Ich bin Sadie. Sadie Blum.“

„Molly Murphy“, sagte ich und schüttelte höflich ihre Hand. „Freut mich, dich kennenzulernen. Du scheinst ziemlich gutes Englisch zu sprechen“, fügte ich hinzu.

„Ja, nun, ich bin jetzt seit zwei Jahren hier und ich lerne schnell.“

Etliche, andere Mädchen hatten sich dazugesellt und hörten dem Austausch zu. Eine von ihnen tippte mir auf die Schulter. „Warst du nicht neulich hier und hast den Boss besucht?“

Sie beäugte mich misstrauisch.

„Das stimmt. Ich habe ihm eine Nachricht eines alten Freundes aus Europa überbracht. Dann entschied ich, dass ich ihn genauso gut nach einer Stelle fragen könnte, wenn ich schon hier bin.“ Ich sah, wie zwei von ihnen einen Blick tauschten. „Oh, keine Sorge“, sagte ich. „Der Boss hat sehr deutlich gemacht, dass ich keine Sonderbehandlung erwarten dürfe, wenn ich hier arbeite, nur weil mein Großonkel ihn kannte.“

„Was ist los, hat man einen Feiertag ausgerufen, von dem ich nichts weiß?“, dröhnte eine laute, männliche Stimme und der Schäbige Sam betrat den Raum.

„Wenn es so wäre, würden wir nicht freikriegen“, murmelte mir Sadie ins Ohr.

„Ran an die Arbeit. Es ist bereits zehn nach sieben. An eure Maschinen, und es wird nicht geredet. Ihr kennt die Regeln!“ Dann sah er mich. „Und was haben wir hier?“

„Mein Name ist Molly Murphy. Mr. Mostel sagte, ich würde hier heute anfangen.“

„Ich erinnere mich an dich“, höhnte Sam. „All dieser Blödsinn, dass du dem Boss Briefe zustellst, und dabei hast du hier lediglich eine Stelle gesucht!“

„Das stimmt“, sagte ich. „Ich habe ihm eine Nachricht eines alten Freundes überbracht. Ich habe erst entschieden, ihn nach einer Stelle zu fragen, als ich mich mit ihm unterhielt.“

„Glaub nicht, dass du irgendwie anders als der Rest dieser Mädchen behandelt wirst“, sagte Sam mit seinem üblichen, lüsternen Blick.

„Warum sollte ich? Ich habe keine Verbindung zu Ihrem Boss, außer ihm eine Botschaft überbracht zu haben. Also, wo soll ich sitzen?“

„Welche Fähigkeiten hast du? Du weißt, wie man näht, oder nicht?“

„Ich kann eine Maschine bedienen, aber ich bin etwas aus der Übung. Mr. Mostel sagte, ich könnte mit etwas Einfachem anfangen, bis ich weiß, wie es läuft.“

„Also Kragen. Geh und setz dich neben Golda. Sie kümmert sich um unsere Lehrlinge. Sie zeigt dir, was du zu tun hast.“

Eine große Frau mittleren Alters in einem schwarzen Kleid mit hohem Kragen winkte und klopfte auf einen Stuhl neben ihr. „Setz deinen Hintern hier hin, dann fangen wir an“, sagte sie und lächelte mich freundlich an. „Hast du deine Nadel mitgebracht?“

„Nadel?“

„Oh ja, Mädchen müssen hier ihre eigenen Nähnadeln mitbringen. Und auch eigenen Faden. Du kannst mit meinen Sachen anfangen, aber in der Mittagspause flitzt du rüber zum Kurzwarenladen und besorgst dir eine mittelgroße Nadel und eine Spule weißes Garn.“

„Sie lassen uns unsere eigenen Nadeln und Faden kaufen?“, platzte ich heraus, ehe ich mich daran erinnerte, dass ich schüchtern und zurückgezogen sein und keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen sollte.

Golda sah schockiert aus. „Aber das machen sie überall. Wo hast du zuletzt gearbeitet?“

„In einem kleinen Laden in Irland“, sagte ich. „Da war es anders. Nur ein paar Mädchen. Freundliche Atmosphäre.“

„Wie schön“, sagte sie wehmütig. „Du wirst die Atmosphäre hier nicht allzu freundlich finden, dank dem Schäbigen Sam da drüben. Er sorgt dafür, dass wir uns stets miserabel fühlen. Wir sollen uns überhaupt nicht unterhalten. Wenn ein Mädchen beim Reden erwischt wird, zieht er ihr fünf Cent vom Lohn ab. Wir kommen jetzt damit davon, weil ich dir zeige, was du zu tun hast. Nun sieh aufmerksam zu.“ Sie nahm zwei Teile eines Kragens, legte sie aufeinander und die Maschine klapperte, während sie an drei Seiten am Rand entlangflog. „Glatte Seiten, die nach außen zeigen. Verstanden?“

Ich nickte und demonstrierte es für sie, aber langsamer.

„Ach ya, du wirst gut zurechtkommen“, sagte sie etwas später. „Sie lernt schnell, Sam. Sie ist bereit, alleine anzufangen.“

Sam bedeutete mir, mich auf einen leeren Platz neben Sadie zu setzen, die mich ermutigend angrinste. Ein großer Haufen vorgeschnittene Kragen wurde neben mich gelegt. Ich begann zu nähen. Wenn ich mit einem Stück fertig war, schoss ein kleines Mädchen mit einer großen Schere herüber, um die Enden abzuschneiden. So schnell der Haufen verschwand, so schnell war Sam mit einem weiteren, riesigen Haufen da. Es hörte nicht auf. Ich dachte, ich stellte mich gut an, bis er sagte: „Wenn du mit der Geschwindigkeit weitermachst, bist du die ganze Nacht hier. Leg einen Zahn zu, ja?“

Ich blickte zu meinen Kolleginnen hinüber. Ihre Nadeln flogen regelrecht auf und nieder. Wie sollte ich in der Lage sein, zu beobachten, wer hier herumschlich, wenn ich offensichtlich keinen Moment hatte, um Luft zu holen? Der Morgen zog sich hin. Niemand sprach, es sei denn Sam verließ den Raum, und auch dann gab es nur Geflüster. Ein Mädchen stand auf und ging den Raum hinunter Richtung Tür.

„Wo denkst du, gehst du hin?“, verlangte Sam zu wissen.

„Waschraum“, sagte das Mädchen. „Ich muss mal.“

„Du warst gestern schon den ganzen Tag rauf und runter“, beschwerte sich Sam. „Glaubst du, du hast einen Weg gefunden, um langsamer zu arbeiten? Tja, ich ziehe zehn Cent von deinem Lohn ein. Das wird dir eine Lehre sein.“

„Sei nachsichtig mit ihr, Sam“, sagte Sadie. „Sie ist schwanger. Jeder weiß, dass man öfter muss, wenn man in diesen Umständen ist.“

„Ihr Mädchen solltet mehr über eure Pflicht dem Boss gegenüber nachdenken, und weniger darüber, die Welt mit stinkenden Kindern zu bevölkern“, knurrte Sam. „Dann geh. Geh zum Waschraum, aber du bleibst länger, wenn du dein Pensum nicht schaffst. Es ist mir egal, wie viele Kinder nach dir schreien.“

Sadie sah mich an und schüttelte den Kopf.

Schließlich läutete eine Glocke und alle sprangen auf.

„Eine halbe Stunde, denkt dran“, rief Sam. „Keine stinkenden fünfunddreißig Minuten. Wir bezahlen euch nicht gutes Geld, damit ihr die Zeit des Bosses verschwendet.“

„Sie bezahlen uns kein gutes Geld, und das ist eine Tatsache.“ Sadie fasste neben mir Schritt, als sie nach ihrem Schultertuch griff.

„Redest du wieder, Sadie Blum?“ Sams Stimme hallte den Raum hinunter. „Pass besser auf, was du sagst, sonst schuldest du mir am Ende der Woche mehr, als du verdient hast. In Ordnung, stellt euch zur Inspektion auf, wenn ihr rausgehen wollt.“

„Was ist das hier, die Army?“, flüsterte ich Sadie zu.

„Er muss unsere Beutel und Taschen untersuchen, um sicherzustellen, dass wir nichts vom Besatz stehlen“, flüsterte sie zurück. „Manchmal schließen sie sogar die Türen ab, wenn wir an teuren Sachen arbeiten.“

Sam kam auf uns zu gerannt. „Manche Menschen lernen es nie, oder? Und jetzt bringst du dem neuen Mädchen schlechte Angewohnheiten bei. Ich ziehe euch jedem zehn Cent vom Lohn ab. Und wenn ihr das nächste Mal redet, wird es ein Quarter. Eure hochtrabenden Allüren nutzen euch hier nichts mehr.“

Er durchsuchte meine Handtasche, dann legte er mir seine Hände auf die Taille und ließ sie abwärts gleiten. „Hey, passen Sie auf!“, sagte ich und schlug seine Hände von mir. „Sie können meine Handtasche durchsuchen, wenn Sie wollen, mich aber berühren Sie nicht.“

„Ich durchsuche nur deine Taschen, Liebchen. Nichts, worüber du dich ärgern musst.“ Er grinste mich mit diesem beleidigend lüsternen Blick an. „Wenn ich dich wirklich begrabschen wollte, würde ich mich mehr anstrengen.“

Schließlich öffnete er die Tür und wir gingen im Gänsemarsch die Treppe hinunter. „Dieser Mann ist schrecklich“, flüsterte ich Sadie zu, als wir durch die Tür und die Stufen hinunter gingen. „Wieso unternimmt niemand etwas gegen ihn?“

„Was unternehmen? Wenn wir uns beschweren, werden wir gefeuert. Dem Boss ist es egal, wie man uns behandelt, solange die Arbeit gemacht wird. Und es gibt eine Menge Mädchen, die jeden Tag vom Schiff herunterkommen und darauf warten, unsere Plätze einzunehmen.“

„Und es ist besser als manche der anderen Betriebe“, kommentierte ein anderes Mädchen, das zu uns aufschloss, als wir in die frische Luft der Straße heraustraten. „Meine Schwester verdient pro Woche nur fünf Dollar, wenn sie Glück hat. Sie ziehen ihr die Nutzung des Stroms der Firma vom Lohn ab und weitere fünf Cent für die Benutzung von Spiegel und Handtuch im Waschraum. Sie sagt, der Spiegel sei so klein, dass man kaum etwas sehen kann, wenn man sich die Nase pudern will. Sie hat schon versucht, von zu Hause ihr eigenes Handtuch mitzubringen, aber sie haben ihr trotzdem die fünf Cent pro Woche abgezogen.“

„Keiner dieser Bosse kümmert sich um seine Arbeiterinnen, Sarah. Es geht nur ums Geld“, sagte Sadie. Sie wandte sich wieder an mich. „Mädchen werden immer wieder krank, weil nicht genug gelüftet wird und weil zu viele von uns in ein Zimmer gestopft werden, aber wir dürfen kein Fenster öffnen, nicht mal im Sommer.“

„Wieso bleibt ihr dann?“, fragte ich.

„Was können wir Anfängerinnen sonst tun?“, fragte Sarah, das zweite Mädchen, mit einem Schulterzucken. Im Gegensatz zu Sadie, die groß war und mit einer gewissen Anmut auftrat, war Sarah zerbrechlich und sah hohl aus, so als habe sie lange keine gute Mahlzeit gehabt oder wäre lange nicht mehr an der frischen Luft gewesen. „Niemand außer Ausbeuterbetrieben stellt ungelernte Einwanderer an.“

„Ich bin gebildet, aber das spielt keine Rolle“, sagte Sadie. „Zu Hause hatte ich ein gutes Leben. Ich nahm Klavierstunden und Französischunterricht. Ein Jammer, dass es kein Englischunterricht war. Jetzt schnappe ich lediglich Gossen-Englisch auf.“ Sie hakte sich bei mir unter. „Du sprichst gut. Du hilfst mir, gebildeter zu sprechen, in Ordnung?“

„Also warum seid ihr hier, wenn ihr ein so gutes Leben hattet?“, fragte ich.

Sadie und Sarah sahen sich an, als wäre ich geistig beschränkt. „Wenn es ein Pogrom gibt, ist es ihnen egal, welche Juden reich und welche arm sind. Sie haben unser Haus zerstört und niedergebrannt. Sie haben mein Klavier aus dem Fenster im Obergeschoss geworfen.“ Sie wandte sich ab und biss sich auf die Lippe. „Und was sie meiner großen Schwester angetan haben, war unaussprechlich. Meine Mutter dankte Gott, dass sie starb. Ich habe mich unter dem Stroh im Hühnerstall versteckt, aber wir konnten ihre Hilfeschreie hören.“ Sie presste die Lippen aufeinander und wandte ihr Gesicht von uns ab.

„Sie haben meinen Vater getötet“, fügte Sarah hinzu. „Sie haben ihn mit einem Bajonett durchbohrt, während wir zusahen. Meine Mama hat uns mit dem Geld, das sie in den Saum ihres Rocks eingenäht hatte, nach Amerika gebracht.“

Ich hatte keine Ahnung, dass solche Dinge in der Welt geschahen. Ich sah die große, elegante Sadie und die zerbrechliche, kleine Sarah an und war erstaunt, wie ruhig sie mir davon erzählten. Kein Wunder, dass diese Mädchen die schlechten Zustände in Amerika ertrugen. Wenigstens mussten sie nicht jeden Tag um ihr Leben fürchten.

Ich sollte etwas tun, um ihnen zu helfen, dachte ich. Ich spreche Englisch. Ich konnte dafür sorgen, dass die Bosse zuhörten. Dann erinnerte ich mich daran, dass dies nicht mein Kampf war. Ich war nur als Spionin hier. In wenigen Wochen wäre ich wieder fort.

Sechs

Als ich eine Woche in der Textilfabrik verbracht hatte, glaubte ich beinahe, wirklich dort zu arbeiten und dass dieses schreckliche Leben voller Schinderei alles wäre, was ich noch erwarten durfte. Meine Füße schmerzten vom Bedienen der Tretkurbel. Meine Finger waren von der Arbeit mit dem Stoff ganz rau. Ich betete, diesen Auftrag schnell hinter mich zu bringen, aber meine Näharbeit war immer noch nicht gut genug, um zu garantieren, dass eine andere Firma mich anstellen würde. Darüber hinaus würden die Entwürfe für die neue Frühjahrskollektion erst Mitte November fertig werden, und bis dahin waren es noch mindestens drei Wochen. Der Plan, den ich mit Max Mostel ausgeheckt hatte, lautete wie folgt: Ich sollte bei ihm arbeiten, bis ich den Bogen raushatte, was mir Zeit geben würde, seine Arbeiterinnen zu observieren. Ich würde mich dann mindestens eine Woche, bevor Max Mostel seine Entwürfe fertiggestellt und sie an die Angestellten weitergegeben hätte, die ihm mit den Mustern halfen, bei Lowenstein’s bewerben und dort arbeiten, sodass ich mit der Routine in der neuen Firma ausreichend vertraut war, um zu wissen wer dort arbeitete und wie die Abläufe waren. Das bedeutete, zwei weitere Wochen in diesem Drecksloch.

Ich glaube, es war der Mangel an frischer Luft, der mir am meisten zu schaffen machte. Das und der Mangel an Licht. Als das herbstliche Licht schwand und ein grauer Tag dem nächsten folgte, wurde es schwerer zu sehen, was wir nähten. Die Reihe der Mädchen, die den Fenstern am nächsten waren, hatten einen Vorteil, aber keinen großen, weil die Fenster klein waren und dringend geputzt werden mussten. Diejenigen von uns, die drei Reihen weiter saßen, mussten sich auf schwache Gaslampen verlassen. Kein Wunder, dass sich die Mädchen tiefer über ihre Arbeit beugten und einige von ihnen Brillen trugen.

Und natürlich war das Schwerste von allem, meinen Mund zu halten und zu verhindern, dass ich gefeuert wurde. Diese Mädchen waren so unterwürfig und eingeschüchtert, dass es meinen Kampfgeist anstachelte. Jedes Mal, wenn einer von ihnen der Lohn gekürzt wurde, weil sie zu oft zur Toilette ging oder zu spät vom Mittagessen zurückkam, juckte es mich, aufzuspringen und diesem anzüglich grinsenden Scheusal Sam zu sagen, was ich von ihm hielt. Am letzten Tag meines Auftrags würde ich es ihm geben! Ich verbrachte diese langen Stunden an der Maschine damit, mir ausgesuchte Ausdrücke einfallen zu lassen, die ich ihm an den Kopf werfen würde, wenn ich mit großer Geste abtrat.

Am Ende der Woche erhielt ich eine Lohntüte mit vier Dollar und neunzig Cent. Ein Dollar und fünf Cent waren mir für diverse Sünden abgezogen worden – zwei Mal war ich zu spät vom Mittagessen zurückgekommen, einmal hatte ich geflüstert, einmal war mir ein Kragen auf den Boden gefallen und einmal war ich aufgestanden, um mich zu strecken. Auf dem Heimweg dachte ich düster, dass ich nicht vorhergesehen hatte, wie schwer dieser Auftrag werden würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine dieser unterdrückten Frauen die Nerven hatte, die Treppe ins Büro des Bosses hinaufzuschleichen und direkt vor seiner Nase die Entwürfe zu stehlen, selbst wenn sie es an dem furchterregenden Vorarbeiter vorbei schafften.

Eine ganze Woche war vergangen und ich hatte mit meiner Ermittlung nicht einmal angefangen. Wenn das so weiterging, würden die neuen Entwürfe kommen und gehen und ich wäre immer noch damit beschäftigt, den Dreh bei den Kragen rauszubekommen! Ich sollte die anderen Mädchen mit clever gestellten Fragen aushorchen. Wenn Paddy doch nur hier wäre. Er hätte gewusst, was zu fragen wäre. Wieso musste er sterben, ehe ich die Gelegenheit gehabt hatte, von ihm zu lernen? Es gab so viel, was ich nicht wusste. Tatsächlich fühlte ich mich jedes Mal, wenn ich einen neuen Fall antrat, wie eine einsame Reisende, die durch einen Schneesturm stolperte.

Meine einzige Chance, mit den anderen Mädchen zu reden, war während der Mittagspause, wenn einige von ihnen in das kleine Café auf der anderen Straßenseite gingen und eine Schüssel Eintopf aßen oder zu ihrem Sandwich wenigstens einen Kaffee tranken.

„Also, was machen wir hier eigentlich?“, fragte ich wie die aufgeweckte Anfängerin, die ich war. „Ich sehe nur Kragen.“

„Gerade jetzt sind es Frauenkleider – neueste Mode für die großen Kaufhäuser“, sagte jemand.

„Neueste Mode, hm? Das klingt aufregend“, sagte ich. „Also bekomme ich Tipps, was ich anziehen muss, wenn ich sehe, was den Laden verlässt?“

„Du wirst das fertige Kleidungsstück nie sehen“, sagte Sadie. „Sie haben Angestellte, die die Stücke zusammenfügen.“

„Und wer entwirft diese neueste Mode? Kommt sie aus Paris oder so?“

„Hört euch die an! Paris? Was für eine Vorstellung.“

Ich lachte. „Nun, ich verstehe davon nichts. Ich bin neu. Ich dachte immer, Mode käme aus Paris.“

„Ich glaube, der alte Mostel entwirft selbst, oder nicht?“ Die Mädchen sahen einander an.

„Ja, und er hält sich für was Besonderes.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Frauenkleider entwirft.“ Ich grinste sie an. „Er sieht nicht aus wie die modische Sorte Mann.“

„Du solltest seine Familie sehen“, sagte Golda und lehnte sich vertraulich zu mir herüber. „Oy vey, aber sie leben wie die Könige. Er ist jeden Tag hier, arbeitet und stellt sicher, dass niemand einen Yard von seinen kostbaren Schleifen stiehlt, und seine Frau und Kinder geben sein Geld so schnell aus, wie er es verdient. Und wenn du sie siehst, gehen sie mit den Nasen in der Luft umher, als wären sie geborene Aristokraten und nicht wie der Rest von uns aus einem Schtetl.“

„Sie sind auch Einwanderer?“

Golda nickte. „Nur dass sie vor zwanzig Jahren hergekommen sind. Er traf mit nichts als der Nähmaschine aus der Schneiderei seines Vaters hier ein – schau dir an, was er aus sich gemacht hat. Dass muss man ihm lassen.“

„Aber auf wessen Rücken, Golda?“, fragte Sadie. „Dank unserem Schweiß und unserer Arbeit.“

„Still, Sadie, so solltest du nicht reden. Du weißt nicht, wer vielleicht zuhört“, sagte Golda.

„Du meinst, es gibt vielleicht Spione?“, fragte ich unschuldig und sah mich nach irgendeinem Gesicht um, das vielleicht Entsetzen oder Verlegenheit offenbart hatte. „Petzen, die dem Boss Bericht erstatten?“

Golda legte sich einen Finger an die Nase. „Das kann man nie sagen.“

Ich fragte mich, was das bedeutete, als wir zurück an die Arbeit gingen. Wusste sie, dass eines der anwesenden Mädchen eine Spionin für den Boss war – und wenn dem so war, hatte sie irgendeine Ahnung, ob eines der Mädchen vielleicht eine Spionin für jemand ganz anderen war? Ich musste mich mit Golda anfreunden und herausfinden, ob sie irgendwelche ihrer Geheimnisse preisgeben würde.

Zu Hause in meinem Zimmer machte ich an diesem Abend eine Liste: Mit Golda anfreunden. Die Angestellten kennenlernen, die mit den Mustern helfen. Sie haben die Mittel – sehen die Entwürfe als Erste. Aber Motiv? Alte Frauen. Rheuma. Eine ist Max’ Cousine.

Das Problem war, dass es Mut und Draufgängertum erforderte, die Entwürfe direkt vor Max’ Nase zu stehlen. Ich konnte mir keines dieser geknechteten Mädchen dabei vorstellen, so ein entsetzliches Risiko einzugehen. Selbstverständlich war der wahrscheinlichste Verdächtige unser Vorarbeiter, der Schäbige Sam. Er sah aus wie die Sorte Mann, die sich nicht zu gut für zwielichtiges Verhalten war, und er hatte Zugang zu Max’ Büro. Vielleicht würde ich meine Sandwiches in Zukunft an meiner Maschine essen, um ihn im Auge behalten zu können.

Der Ausbeuterbetrieb war so vollständig zu meinem Leben geworden, dass ich beinahe die Anzeige vergessen hatte, die ich in der irischen Zeitung geschaltet hatte. Ich war entsprechend fassungslos, als ich mitten in meiner zweiten Woche einen Brief aus Irland bekam.

Collingwood Hall

Castlebridge

Grafschaft Wexford, Irland

Sehr geehrter Herr,

ich habe Ihre Anzeige in der Dublin Times gesehen. Ich versuche, meine Tochter Katherine zu finden. Das närrische Kind ist mit einem der Arbeiter unseres Anwesens weggelaufen, ein lästiger, junger Mann namens Michael Kelly, und es scheint, als hätten sie ein Schiff nach New York genommen. Selbstverständlich will ich, dass sie gefunden und sobald wie möglich nach Hause gebracht wird, obwohl ich fürchte, dass es bereits zu spät ist, was ihren Ruf betrifft. Wie Sie sich vorstellen können, bricht diese Angelegenheit ihrer Mutter das Herz. Meine Frau ist bettlägerig und von sehr schwächlicher Verfassung. Ich kann sie nicht allein lassen, sonst hätte ich mich dieser Sache selbst angenommen. Bitte benachrichtigen Sie mich postwendend, ob Sie diesen Auftrag annehmen und welches Honorar Sie benötigen würden.

Hochachtungsvoll,

T.W. Faversham, Major, im Ruhestand

Das war genau die Art Auftrag, die ich mir vorgestellt hatte, als ich die absurde Entscheidung getroffen hatte, Ermittlerin zu werden. Ich schrieb Major Faversham unmittelbar zurück und teilte ihm mit, dass ich hocherfreut sei, seine Tochter für ihn zu finden, dass ich so viele Details und Fotos bräuchte, wie er mir schicken könnte, fragte, wie viel Geld sie mit sich genommen haben mochte, erbat die Namen etwaiger Freunde oder Verwandte, die sie in den Vereinigten Staaten kontaktieren könnte, und sagte, dass mein Honorar hundert Dollar plus Spesen betrage. Mein Gewissen übermannte mich und ich musste hinzufügen: „In besonders heiklen Angelegenheiten wie dieser übernimmt unsere Juniorpartnerin Miss Murphy für gewöhnlich den Fall mit der gebotenen Finesse und Diskretion.“

Erst als ich den Brief einwarf, hielt ich inne und fragte mich, wie ich es schaffen würde, diese zwei Aufträge zu jonglieren. Da ich mit Ausnahme der Sonntage jeden Tag von sieben bis sieben im Ausbeuterbetrieb war, blieb mir nicht viel Zeit, vermisste Erbinnen zu finden. Ich wusste nicht wirklich, ob sie eine Erbin war, aber die Engländer, die sich in Irland niedergelassen hatten, hatten sich größtenteils gut gemacht – anders als die Iren, die entweder verhungert oder während der Großen Hungersnot aus ihrer Heimat vertrieben worden waren.

Ich entschied, sofort Recherchen anzustellen. Es sollte möglich sein, herauszufinden, wann Mr. und Mrs. Michael Kelly in New York angekommen waren. Ich vermutete, dass sie behauptet hatten, verheiratet zu sein. Ich würde herausfinden müssen, ob die Aufzeichnungen auf Ellis Island aufbewahrt wurden und ob man mich dort hinließe, um sie mir anzusehen. Aber in der Zwischenzeit war mir ein Gedanke gekommen. Falls Miss Faversham irgendwelche Verbindungen zur New Yorker Gesellschaft hatte, musste meine Bekannte Miss van Woekem von ihr gehört haben. Ich beschloss, sie kommenden Sonntag zu besuchen und schickte ihr diesbezüglich eine Nachricht. Miss van Woekem schätzte es, wenn die Dinge korrekt gehandhabt wurden.

Am Sonntagmorgen, zu einer Uhrzeit, zu der gute Christen vom Sonntagsgottesdienst aus der Kirche zurückgekehrt wären und weniger gute Christen wie ich mit Kaffee und Gebäck in Fleischmann’s Vienna Bakery fertig waren, nahm ich die Straßenbahn den Broadway hinauf, stieg an der 20th Street aus und ging zu dem charmanten Stadthaus auf der Südseite des Gramercy Park. Falls Sie sich fragen, wie ein irisches Einwanderer-Mädchen wie ich Freunde haben konnte, die in solch gehobenen Teilen der Stadt wohnen – ich hatte kurz den Posten der Gesellschaftsdame bei Miss van Woekem inne. Ausnahmsweise einmal wurde ich nicht gefeuert, sondern gab meine Stelle aus persönlichen Gründen auf. Die alte Dame und ich hatten uns erhebliche Wortgefechte geliefert, aber einen gegenseitigen Respekt entwickelt. Sie bewunderte meine Entscheidung, eigene Wege zu gehen, und hatte mich eingeladen, von Zeit zu Zeit auf einen Besuch vorbeizuschauen.

Das Dienstmädchen führte mich in den Salon im ersten Stock mit Blick auf den Park. Miss van Woekem saß am Feuer in einem Sessel mit hoher Rücklehne.

„Ah, Miss Molly Murphy, welch entzückende Überraschung.“ Sie streckte mir eine Hand entgegen. „Welchem Umstand verdanke ich die Ehre dieses Besuchs? Du kommst nicht, um dich wieder auf die Stelle zu bewerben, fürchte ich. Meine aktuelle Gesellschaftsdame ist eine kraftlose, kleine Kreatur, die zusammenzuckt, wenn ich sie anfahre. Ganz und gar kein Spaß.“ Ihr schnabelförmiges, vogelartiges Gesicht verzog sich zu einem boshaften Grinsen. „Komm, setz dich. Ada wird uns Kaffee bringen. Oder bevorzugst du Tee?“

Ich setzte mich in den angezeigten Sessel auf der anderen Seite des Kamins. „Kaffee käme mir sehr gelegen, danke.“

Sie sah mich an, ihr Kopf in einer weiteren bemerkenswert vogelartigen Pose zur Seite geneigt. „Du siehst gut aus“, sagte sie. „Und ... etablierter. Du bist selbstsicherer als beim letzten Mal. Also erzähl, floriert das Detektiv-Geschäft?“

„Noch floriert es schwerlich, aber ich bin gerade mit zwei interessanten Fällen befasst.“

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl vor. „Erzähl mir davon – jedes Detail.“

Sie hörte mir aufmerksam zu, während ich von der Textilfabrik erzählte und Geräusche machte, die mein Missfallen ausdrückten, als ich die Zustände dort beschrieb. „Wenn jemand das in Ordnung bringen kann, dann du“, sagte sie. „Jetzt erzähl mir von dem vermissten Mädchen.“

„Sie heißt Katherine Faversham. Englischer, niederer Landadel, lebt in Irland. Ich dachte, dass Sie vielleicht davon gehört hätten, wenn sie irgendwo in der Stadt bei Freunden aus der feinen Gesellschaft wohnt.“

Der Kaffee kam und wurde eingeschenkt. Miss van Woekem trank einen Schluck, dann sah sie auf. „Faversham“, sagte sie nachdenklich. „Faversham. Bei dem Namen klingelt nichts. Wenn sie einen mittellosen Halunken geheiratet hat, will sie ihre Anwesenheit natürlich vor Freunden der Familie geheim halten. Obwohl ihre Familie vermutlich die Kontrolle über sie verloren hat und nichts tun kann, wenn sie verheiratet ist.“

„Mein Auftrag ist, sie aufzuspüren“, sagte ich. „Wie ihre Familie sie davon überzeugt, nach Hause zu kommen, ist nicht meine Angelegenheit. Wenn ich herausfinde, unter welchen finanziellen Umständen sie Irland verlassen hat, werde ich wissen, wo ich mit der Suche anfangen muss, aber in der Zwischenzeit habe ich entschieden, dass es nicht schaden kann, meine Spione an die Arbeit zu schicken.“

Miss van Woekem kicherte. „Deine Spione. Das gefällt mir. Ich habe mir immer gewünscht, Spionin zu sein. Wenn ich nicht als Frau zur Welt gekommen wäre, hätte ich womöglich der Regierung meine Dienste angeboten. Ich werde die Ohren aufsperren, meine Liebe, und mich dann bei dir zurückmelden.“

„Danke“, sagte ich. „Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Ich bin wirklich froh, dass–“

Ich unterbrach mich, als ich draußen im Flur Stimmen hörte. Ehe ich meinen Satz beenden konnte, wurde die Tür aufgestoßen und eine junge Frau in laut raschelnden Seidenkleidern platzte herein.

„Ich treffe dich zu Hause an, wie wundervoll!“ Sie stand mit offenen Armen da, ein Bild der Anmut in fliederfarbener Seide, mit einer weißen Pelzstola, die sie achtlos um die Schultern geworfen hatte, und einer hinreißenden, kleinen Haube, die ebenfalls mit Pelz verbrämt war. „Ich sollte dieses Wochenende eigentlich nicht in die Stadt kommen, aber Alicia Martin hat mich gestern Abend zu einem Konzert in die Carnegie Hall geschleppt und ich bin so froh, dass wir hingegangen sind, denn es war ein italienischer Tenor. Du weißt, was ich von italienischen Tenören halte, weil du mir versprochen hast, dass du mich zu Mr. Caruso mitnimmst, sobald er nach New York kommt – und dann haben wir die Nacht mit Alicias Tante in einem wirklich interessanten Apartment im Dakota verbracht. Ich habe immer gedacht, dass nur arme Leute in Apartments leben, aber Alicias Tante ist ganz und gar nicht arm, sie verbringt ihre Sommer in Paris. Heute Morgen wollten wir eigentlich im Central Park spazieren gehen, aber ich sagte, dass ich zuerst meine liebe Patentante überraschen müsste – bist du angemessen überrascht?“

„Oh ja“, sagte Miss van Woekem. „Überaus überrascht.“

„Du wirkst nicht überglücklich, mich zu sehen“, schmollte die junge Frau.

„Ich bin selbstverständlich sehr erfreut dich zu sehen, Arabella, aber wie dir vielleicht aufgefallen ist, habe ich bereits Gesellschaft.“

„Oh.“ Der Mund des Mädchens formte sich zu einem perfekten Kreis und sie schien mich zum ersten Mal zu bemerken. Ich sah, wie sie Schnitt und Qualität meiner Kleider begutachtete. „Oh, das habe ich nicht bemerkt. Bin ich mitten in ein Vorstellungsgespräch für eine Stelle in deinem Haushalt geplatzt? Das tut mir schrecklich leid.“

„Ich habe eine gute Freundin zu Gast“, sagte Miss van Woekem ruhig. „Erlaubt mir, euch vorzustellen. Miss Murphy, das ist meine Patentochter, Arabella Norton. Arabella, das ist Molly Murphy, eine berühmte Privatdetektivin, die tatsächlich diesen abscheulichen Mann zu ergreifen versuchte, just als er Präsident McKinley erschoss.“

„Wirklich? Wie unheimlich aufregend. Ich glaube, ich habe Sie schon einmal gesehen, oder nicht?“

„Vielleicht.“ Ich wusste genau, wo ich sie zuvor gesehen hatte, aber ich traute meinem Mund nicht, mehr als ein Wort von sich zu geben. Glücklicherweise plapperte sie weiter.

„Eine Detektivin – wie unglaublich interessant und mutig. Sie sollten meinen Zukünftigen kennenlernen. Sie beide hätten sich eine Menge zu erzählen, obwohl ich weiß, was er von einer Frau halten würde, die seine Arbeit macht.“

Dann drehte sie sich zu meinem Entsetzen zur Tür um. „Daniel, hör auf, da draußen zu schmollen und sag guten Tag. Ich habe dir versprochen, dass wir gleich spazieren gehen, aber du musst diese faszinierende Detektivin kennenlernen.“

Ich holte tief Luft, als Daniel Sullivan den Raum betrat. Er trug einen eleganten, schwarzweiß karierten Anzug, den ich noch nicht kannte, mit einer weißen Nelke im Knopfloch. Seine widerspenstigen, dunklen Locken waren an den Kopf geklatscht und in der Mitte gescheitelt. Seine Hände umklammerten seine Melone. Sein Gesicht sagte deutlich, dass auch er sich wünschte, in diesem Augenblick irgendwo anders zu sein, nur nicht hier. „Miss van Woekem“, sagte er und verbeugte sich leicht. „Ich will hoffen, es geht Ihnen gut.“

„Gegenwärtig in besserer Gesundheit als Sie, vermute ich, Daniel.“ Obwohl ich ihr nichts erzählt hatte, hatte die alte Dame die Situation sehr rasch erfasst, als ich ihre Dienste verlassen hatte. „Und dies ist Miss Murphy.“

„Miss Murphy.“ Daniels Blick begegnete meinem nicht, als er sich verbeugte.

„Und sie ist eine Detektivin, Daniel. Hast du je von so etwas gehört?“ Arabella hakte sich bei ihm unter und zog ihn nah an sich. „Ihr zwei müsst euch viel zu erzählen haben.“

„Arabella, wir stören eine private Unterhaltung“, sagte Daniel. „Ich glaube wirklich, dass wir gehen sollten.“

Ich erhob mich. „Nein, ich bin es, die gehen sollte. Wir hatten bereits eine hoch erfreuliche Kaffeestunde, und auf mich warten Freunde in einem Restaurant. Bitte entschuldigen Sie mich.“ Ich schüttelte die Hand der alten Dame. „Danke für den Kaffee und einen angenehmen Morgen.“

„Komm bald wieder, meine Liebe.“ Sie tätschelte meine Hand, eine Geste, die ihr ganz und gar nicht ähnlich sah. „Ich hoffe, dann habe ich Neuigkeiten für dich.“

Ich stolperte aus dem Zimmer, den Flur hinunter und aus der Vordertür, während Arabellas hohe, helle Stimme mir hinterherwehte. „Wo um alles in der Welt hast du sie kennengelernt, Tante Martha? Was für außergewöhnlich trostlose Kleider.“

Ich lief schnell, bis ich die Park Avenue erreichte, dann bog ich ab und lief Richtung Süden. Der Wind in meinem Gesicht war scharf, aber ich ging weiter. Wäre ich langsamer geworden, hätte ich nachdenken können, und das Ergebnis wäre nicht angenehm gewesen. Ich wusste, dass Daniel mit einer anderen Frau verlobt war, aber er hatte geschworen, dass er mich liebte und vorhatte, diese Verlobung so bald wie möglich zu lösen. Und so hatte ich mir in meinem Herzen Hoffnung bewahrt. Sie jetzt zusammen zu sehen zwang mich dazu, zuzugeben, dass diese Hoffnung unbegründet war.

Sieben

Ich erreichte die Vorhalle im Patchin Place und stellte fest, dass ein enormer Hutständer aus dem Geweih eines unbekannten Tiers den meisten Platz einnahm.

„Was um Himmels willen?“, fragte ich.

Sid steckte ihren Kopf mit den schwarzen, kurzgeschnitten Haaren zur Salon-Tür heraus. „Ist er nicht hinreißend?“, fragte sie. „Mrs. Herman von gegenüber wird zu ihrer Schwester nach South Carolina ziehen und hat sich von Sachen getrennt, die zu groß sind, um damit umzuziehen. Der hier war so wundervoll hässlich, dass wir ihn haben mussten. Gus wird ihren Arbeitskittel, den sie zum Malen anzieht, oben im Atelier daran aufhängen.“

Meine Gedanken hatten sich bereits von Arbeitskitteln entfernt. „Von gegenüber, sagst du?“

„Ja, die alte Dame aus Nummer zehn, weißt du? Mit den Katzen – die alle in Körben nach South Carolina reisen werden, wie du sicherlich erfreut bist, zu hören.“

„Also wird Nummer zehn leer stehen? Wird sie es verkaufen, weißt du das?“

„Ich glaube nicht, dass sie es besitzt. Gus wird das besser wissen als ich. Sie ist diejenige, die sich für die Nachbarn interessiert. Hilf mir, diese Monstrosität in ihr Atelier hinaufzutragen, dann kannst du sie fragen.“

Wir hoben den Hutständer an und hievten ihn die zwei Treppen hinauf.

„Schau, was deine ergebenen Dienerinnen für dich getan haben“, sagte Sid und stieß die Tür zum Atelier auf. „Wir haben Leib und Leben riskiert, weil wir diese Monstrosität für dich die Treppen hinaufgetragen haben. Ich hoffe, du bist angemessen dankbar.“

Gus blickte von ihrem Bild auf. Für mich waren es eine Menge roter Streifen und schwarzer Punkte, allerdings hatte ich noch nicht gelernt, die Feinheiten moderner Malerei zu würdigen. Sid ging hinüber und legte Gus einen Arm um die Schulter. „Das ist bisher eines deiner Besten, Gus, meine Liebe. Es spricht das Herz an. Eine wahrhaftige Darstellung der Kriegswirren.“

Ich lächelte und nickte zustimmend, ohne dass ich irgendetwas sagen musste.

„Weißt du, was mit dem Haus auf der anderen Straßenseite passiert, wenn Mrs. Herman auszieht?“, fragte ich, ehe ich in eine Unterhaltung bezüglich der Vorzüge des Bildes verstrickt werden konnte.

„Es wird an jemand anderen vermietet, schätze ich.“ Gus strich einen weiteren großen Klecks Rot über ihr Bild.

„Du weißt nicht zufällig, wer der Vermieter ist, oder?“

„Was wird das hier?“, lachte Gus. „Bist du unserer Gesellschaft müde geworden und versuchst zu entkommen?“

„Ich bin eurer Gesellschaft nicht müde geworden“, sagte ich. „Das könnte ich nie. Aber ich bin wegen der kleinen Familie, die ich aus Irland mitgebracht habe, von Gewissensbissen geplagt. Ich kann sie nicht länger in solch erbärmlichen Umständen leben lassen. Jetzt, da ich zwei Aufträge habe und auf gutem Weg bin, eine erfolgreiche Geschäftsfrau zu werden, könnte ich erwägen, eine eigene Bleibe zu mieten, wenn die Miete nicht zu hoch ist.“

„Wir würden es hassen, dich zu verlieren, Molly“, sagte Sid. „Aber die andere Straßenseite wäre besser als alles andere. Und ich bewundere deine menschenfreundliche Einstellung.“

„Die andere Straßenseite würde mir sehr gut passen“, sagte ich. „Es wäre tatsächlich perfekt. Ich könnte Gus zuwinken, wenn sie malt, und für Sids türkischen Kaffee herüberkommen.“

„Selbstverständlich könntest du das“, sagte Gus. „Und wir können dir dabei helfen, dich um diese zwei armen, lieben Kinder zu kümmern.“

Es klang von Minute zu Minute besser. Ich beschloss, augenblicklich dem Vermieter zu schreiben. Bisher hatte ich abgesehen von dem Hungerlohn, den ich für meine Arbeit im Ausbeuterbetrieb bekam, noch kein eigenes Geld, aber J. P. Riley and Associates hatte Geld auf der Bank, von dem ich mir einen Lohnvorschuss leihen konnte. Es wäre ein enormes Risiko, basierend auf der schwachen Aussicht auf ein zukünftiges Einkommen ein ganzes Haus zu mieten, aber wenn alle Stricke rissen, könnte ich immer noch Pensionsgäste aufnehmen oder sogar meine eigene kleine Schule aufmachen. Es gab keine Grenzen für die Dinge, die ich mit meinem Talent und Unternehmungsgeist tun könnte! Ich war entschlossen, mit meinem Leben ohne Daniel Sullivan voranzukommen, auf die eine oder andere Art.

Am Montagmorgen warf ich auf dem Weg zur Arbeit einen Brief ein und hatte direkt am nächsten Tag bei meiner Rückkehr nach Hause eine Antwort. Der Vermieter war bereit, das Haus für vierzig Dollar im Monat zu vermieten. Vierzig Dollar waren doppelt so viel, wie ich jetzt im Ausbeuterbetrieb verdiente. Obwohl ich am Ende meines Auftrages die Aussicht auf ein hübsches Honorar hatte, war ich zu der Erkenntnis gelangt, dass sich nicht alle Fälle erfolgreich aufklären ließen und dass nicht jeder bezahlte. In meinem Fall hatte bisher niemand bezahlt! Vierhundertachtzig Dollar im Jahr – bei diesem Gedanken wurde mir heiß und kalt. Meine Familie hatte nie so viel Geld besessen. Ich war überhaupt nicht sicher, ob ich in einem Jahr so viel verdienen konnte, aber ich würde mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich schrieb mit zitternden Fingern den Scheck, um die Kaution zu zahlen. Ich war in meinem Leben bereits einige ziemlich große Risiken eingegangen, und dies zählte dazu. Wie bei den meisten dieser Risiken, hatte ich kaum eine Wahl, wenn ich Seamus und seine Familie retten wollte. Danach war ich so aufgeregt und voller nervöser Energie, dass ich direkt in die Fulton Street ging, um die frohe Botschaft zu verkünden.

Nuala ließ mich widerwillig herein, ihre Augen blickten wild umher, um zu sehen, ob ich weitere Hühner oder Weintrauben mitgebracht hatte. Die Kinder hatten sich bereits zur Nacht hingelegt und lagen wie Welpen eingerollt auf einigen Kisten, die nach ihrer fischigen Herkunft rochen. Sie kletterten von ihrem Bett, als ich hereinkam, und Bridie rannte zu mir.

„Greenwich Village“, sagte Nuala mit einem Naserümpfen, als ich ihnen die Neuigkeiten mitteilte. „Kein achtbarer Mensch würde dort leben wollen – nach allem, was ich gehört habe, gibt es da eine Menge Studenten, Schläger, Farbige und Anarchisten.“

„Was mir sehr zupass kommt, denn Sie sind gewiss nicht willkommen, Nuala. Weder Sie, noch Ihre Kinder.“ Sie können sich nicht vorstellen, wie lange ich schon etwas in der Art zu ihr sagen wollte. Es verschaffte mir enorme Genugtuung. Ich sah Seamus an, der blass und weiß auf seinem Stuhl saß. „Also liegt es an Ihnen, Seamus. Wenn Sie in Ihr eigenes Zimmer ziehen wollen, mit Heizung und fließendem Wasser, biete ich Ihnen eine Bleibe an. Aber keine Verwandten. Nehmen Sie es oder lassen Sie es bleiben.“

Bridie packte meinen Rock. „Ich will bei Miss Molly leben“, sagte sie.

Seamus lächelte schwächlich. „Es wäre uns eine Ehre“, sagte er, dann wandte er sich hastig an seine Cousine. „Nichts für ungut, Nuala, aber ich muss tun, was das Beste für die Kinder ist.“

Nuala strich sich die Schürze über ihren breiten Hüften glatt. „Du siehst mich nicht Rotz und Wasser heulen, oder? Mit euch dreien waren wir eingepackt wie die Sardinen. Ich sehe euch am liebsten von hinten, und das ist die reine Wahrheit.“

Ich machte mich schnellstens aus dem Staub, ehe es zu einer hässlichen Szene kam.

Ich vereinbarte mit dem Vermieter, zum Ende der Woche einzuziehen. In der Zwischenzeit würden meine Tage mehr als voll davon sein, zwölf Stunden im Ausbeuterbetrieb zu arbeiten und hoffentlich noch genug Zeit und Energie zu haben, um erste Erkundigungen zum Aufenthaltsort von Katherine Faversham einzuholen. Ich war wirklich ziemlich verärgert darüber, in einem so langwierigen und anstrengenden Auftrag gefangen zu sein, wenn dieser irische Fall genau das war, wovon ich geträumt hatte, als ich entschieden hatte, Ermittlerin zu werden. Wie sollte ich New York durchkämmen, wenn ich bis zum Einbruch der Dunkelheit an eine Nähmaschine gekettet war?

Ich hatte noch nichts von Miss van Woekem gehört, also war mein erster Schritt, sicherzustellen, dass Katherine und Michael Kelly wirklich nach New York gekommen waren. Wenn sie Zugang zu Katherines Geld hatten, könnten sie den Atlantik in einer Kabine der zweiten oder dritten Klasse überquert haben, was bedeutete, dass sie mit nur wenigen oder gar keinen Formalitäten an Land gegangen waren und die Stadt womöglich bereits verlassen hatten. Falls sie andererseits mittellos waren, wären sie über Ellis Island eingereist und es gäbe Aufzeichnungen über ihre Ankunft.

Ich war nicht sicher, wie ich es anstellen sollte, die Aufzeichnungen auf Ellis Island zu prüfen. Ich wusste, dass eine Akte über jedes Schiff und seine Passagiere auf der Insel gelagert werden musste, aber ich glaubte nicht, dass man mir gestatten würde, sie einzusehen. Die Öffentlichkeit wurde von den Gebäuden der Insel ferngehalten. Verwandte, die kamen, um ihre Angehörigen zu treffen, musste am Kai warten. Wenn die Dinge mit Daniel anders gelegen hätten, hätte ich seinen Einfluss nutzen können, aber es hatte keinen Zweck, weiter an ihn zu denken.

Dann kam mir in den Sinn, dass mir Bestechung und Korruption aufgefallen waren, als ich nach Ellis Island gekommen war. Einer der Inspektoren oder Wachmänner könnte vielleicht für mich nachsehen, wenn ich ihn dafür bezahlte. Was der Grund dafür war, dass ich am nächsten Morgen lange vor Sonnenaufgang am Kai stand und auf die Regierungsbarkasse wartete, die um sechs Uhr die Tagesschicht auf die Insel und die Nachtwachen zurückbringen würde. Mehrere Wachmänner standen zusammen, und sahen in ihren blauen Uniformen beeindruckend aus. Ich zögerte, mich einer Gruppe wie dieser zu nähern. Je weniger Leute von meinem Plan wussten, desto besser. Dann fiel mir ein junger Inspektor auf, der einen schwarzen Anzug mit steifem, weißem Kragen trug, und alleine auf den Liegeplatz zusteuerte. Ich beeilte mich, um ihn abzufangen.

„Wenn ich kurz mit Ihnen sprechen dürfte, Sir?“

Er hielt an und betrachtete mich nervös. Ich konnte beobachten, wie er zu entscheiden versuchte, ob ich eine Kriminelle oder eine Prostituierte war, die versuchte, ihn zu belästigen. Ich schenkte ihm ein breites Lächeln. „Ich bin Molly Murphy, gerade aus Irland herübergekommen, und ich versuche, meine Cousine Katherine zu finden. Ich weiß, dass Sie ein Inspektor auf der Insel sind, und ich habe mich gefragt, ob Sie wissen, wie man in den Unterlagen nachschauen kann, ob Katherine wirklich hier angekommen ist.“

„Sie könnten dem Gouverneur einen Brief schreiben und um diese Information bitten“, sagte er steif. Wunderbar – von den all den korrupten Inspektoren auf der Insel hatte ich mir den einzigen redlichen ausgesucht.

„Das könnte ich natürlich tun, aber es würde lange dauern“, sagte ich, „und ich mache mir Sorgen um meine arme Cousine Katherine, die vielleicht ohne Geld in einem Armenviertel lebt, während ich ihr zu einem guten Start verhelfen könnte.“ Ich sah bittend zu ihm hinauf. „Wenn Sie bereit wären, sich Umstände zu machen, würde ich Sie bezahlen. Ich bin nicht reich, aber ich habe ein bisschen was gespart und meine Cousine bedeutet mir sehr viel.“

Ich sah, wie sein Adamsapfel auf und ab hüpfte. „Was genau müsste ich tun?“

„Nichts Verbotenes. Nur die Einträge der letzten paar Monate prüfen und nachsehen, ob Mr. und Mrs. Michael Kelly aus Wexford in New York angekommen sind. Sie ist mit diesem Mr. Kelly weggelaufen, wissen Sie, und die Verwandten zu Hause vermuten, dass sie nach Amerika gegangen sind.“ Ich berührte seinen Arm leicht. „Wenn Sie bereit sind, das für mich zu tun, habe ich fünf gesparte Dollar, die ich willens bin, Ihnen für Ihre Mühen zu geben.“

Ich sah, wie er sich umblickte. Andere Inspektoren eilten nun an uns vorbei Richtung Kai. Ich hörte, wie ein Boot ungeduldig tutete.

„Ich muss gehen“, sagte er. „Wie finde ich Sie wieder?“

„Ich treffe Sie hier, sagen wir Freitagmorgen, damit Sie genug Zeit haben. Und ich werde das Geld dabeihaben.“

Er warf den Männern, die gerade die Regierungsbarkasse bestiegen, einen Blick zu. „Ich weiß nicht ...“

„Tun Sie in jedem Fall Ihr Bestes“, sagte ich. „Ich werde es verstehen, wenn Sie es nicht fertigbringen, aber ich werde ewig in Ihrer Schuld stehen, wenn ich meine liebe Cousine finde. Michael und Katherine Kelly. Sie wären von Queenstown aus gefahren.“

Er nickte und musste rennen und aufs Boot springen, weil der Landungssteg bereits weggezogen wurde.

Am Freitagmorgen war ich vor dem Morgengrauen wach und wartete im Nebel auf den jungen Inspektor. Ich verfluchte mich dafür, nicht nach seinem Namen gefragt zu haben. Wenn er nicht vermocht hatte, das zu tun, worum ich ihn gebeten hatte, musste ich wieder von vorne anfangen oder dem Gouverneur schreiben und darauf warten, dass sich die Mühlen der Bürokratie in Bewegung setzten. Dann schließlich sah ich ihn, wie er durch den Nebel eilte.

„Miss Murphy?“, fragte er mit einer kleinen Verbeugung. „Das ist für Sie.“ Er reichte mir einen Umschlag.

„Herzlichen Dank. Und das ist für Sie.“ Ich reichte ihm meinerseits einen Umschlag. Keiner von uns prüfte seinen Umschlag, als wir getrennte Wege gingen. Sobald ich um die Ecke war, riss ich ihn auf.

Michael und Katherine Kelly. Gefahren mit der S.S. Britannic von Queenstown aus. Eingelassen in die Vereinigten Staaten am 18. August 1901.

Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich hatte einen Beamten bestochen, Geld übergeben und die Information erhalten, die ich brauchte. Ich wurde zu einer echten Ermittlerin!

Acht

An diesem Sonntag zog ich auf die andere Straßenseite in mein eigenes Haus. Obwohl die Häuser von außen gleich aussahen, hatte meine Bleibe nicht von Sids und Gus’ liebevoller und künstlerischer Fürsorge profitiert oder von irgendeiner ihrer Modernisierungen. Es gab keine wunderschöne Badewanne mit Krallenfüßen, und die Toilette befand sich in einem kleinen Raum außerhalb der Hintertür. Die alte Dame hatte dort dreißig Jahre lang gelebt, ohne irgendwo mit Farbe nachzubessern – oder Hausputz zu machen. Also verbrachte ich den Sonntag mit hochgekrempelten Ärmeln und schrubbte Linoleum, das so dreckig war, dass die Rosen darauf erst nach stundenlanger Arbeit zum Vorschein kamen. Seamus und die Kinder trafen am frühen Morgen ein und versuchten beim Saubermachen zu helfen, aber um ehrlich zu sein, hätte ich allein bessere Arbeit geleistet. Seamus war geschwächt, nachdem er ihre Habseligkeiten von der Lower East Side herübergeschleppt hatte, und die beiden Kleinen sahen eine Gelegenheit, mit Wasser zu spielen.

Nachdem wir meine mageren Besitztümer über die Straße getragen hatten, feierten wir eine spontane Party. Sid und Gus brachten Essen und Wein mit, und wir aßen bei Kerzenschein am Küchentisch. (Das Gas war bei Mrs. Hermans Auszug abgestellt worden.)

„Auf Mollys Wagnisse! Mögen deine Geschäfte florieren und du in einem Stück bleiben“, sagte Sid und erhob ihr Glas. Ich schloss mich dem voller Leidenschaft an. Falls meine gegenwärtigen Wagnisse nicht in einem Erfolg endeten, wäre ich nicht in der Lage, die Miete zu zahlen.

Jetzt, da ich gute Gründe hatte zu glauben, dass Katherine und Michael Kelly tatsächlich in New York City waren, hatte ich keine Ahnung, wo ich anfangen sollte, nach ihnen zu suchen. So viel zur Nadel im Heuhaufen! Wie viele Iren lebten allein in der Lower East Side, ganz zu schweigen von Hell’s Kitchen oder jedem anderen Stadtteil mit Mietshäusern? Und wie sollte ich im Dunkeln die Jagd auf sie beginnen, am Ende meines Arbeitstages? Ich hatte bereits herausgefunden, dass es als Frau nicht weise war, nach Einbruch der Dunkelheit allein draußen zu sein. Eine Frau, die alleine in heruntergekommenen Pensionen und Bars in den schlimmsten Armenvierteln der Stadt Fragen stellte, würde Ärger herausfordern. Ich hatte in meinem Leben bisher genug Ärger herausgefordert, aber ich hatte nie wirklich danach gefragt!

Natürlich konnte ich nichts tun, bis ich wusste, nach wem ich suchte. Ich musste darauf warten, dass ich von Katherines Vater detaillierte Beschreibungen bekam. In der Zwischenzeit würde ich lediglich geduldig sein und mich auf den vorliegenden Fall und Mostels Spion konzentrieren.

An diesem Dienstag war Wahltag in New York. Ich ging durch eine mit Wimpeln und Flaggen behangene Stadt zur Arbeit. Die Männer, an denen ich in den Straßen vorbeikam, trugen Rosetten mit dem Konterfei von Edward Shepherd oder dem Kandidaten der Fusionspartei Seth Low. Ich wusste wenig darüber, wer von ihnen wofür stand, und es kümmerte mich noch weniger. Wenn ich sie nicht wählen durfte, welche Rolle spielte es dann?

Als ich zwölf Stunden später aus der Textilfabrik kam, waren die Straßen voller betrunkener Männer, die sangen, lachten und miteinander kämpften. Es schien, dass beide Parteien Wähler auf ihre Seite gelockt hatten, indem sie ihnen Alkohol oder gar einen Dollar versprachen, der jetzt in die nächste Bar getragen worden war. Ich kam an einem Wahllokal vorbei, das noch immer geöffnet hatte. Es war mit amerikanischen Flaggen dekoriert und sah ziemlich anständig aus, aber der Bereich davor wurde von den zähesten Schlägern bewacht, die ich je gesehen hatte. Sie stolzierten herum, schwangen Totschläger und sprangen jeden arglosen Mann an, der an ihnen vorbeikam.

„Haste schon gewählt?“, hörte ich einen von ihnen einen dünnen, kleinen Kerl mit Melone anknurren.

„Spreche kein gutes Englisch“, antwortete der Kerl und streckte die Hände flehentlich von sich.

„Spielt keine Rolle. Geh da rein und mach dein Kreuz bei Shepherd, haste gehört? Der, der mit einem S anfängt – das isser. Und wenn du rauskommst, kriegst du einen ganzen Dollar. Wenn du für den Falschen wählst, hau ich dir ein Loch in den Schädel. Kapiert?“

Der kleine Kerl trippelte schnell hinein. Ich ging am Wahllokal vorbei, ohne es eines zweiten Blickes zu würdigen. Ich war eine Frau und ihnen deswegen nicht von Nutzen. Ich musste allerdings auf dem Weg zur Straßenbahn einige Annäherungsversuchte abwehren.

Am nächsten Morgen gab die New York Times bekannt, dass der Tammany-Kandidat verloren hatte, trotz der Einschüchterungs- und Bestechungstaktiken der Schläger. Der Leitartikel hoffte auf eine strahlende Zukunft, in einer Stadt frei von Korruption. Wenn sie nicht St. Patrick höchst selbst gewählt hatten, bezweifelte ich, dass das passieren würde. Die Gossen waren voller weggeworfener Rosetten und zertrampelter Wimpel.

Die Welt kehrte wieder zur Normalität zurück und die Arbeit bei Mostel and Klein ging weiter, ein Tag wurde verschwommen zum nächsten. Jeden Abend kam ich nach Hause und fragte mich, wie lange ich noch weitermachen konnte und warum zum Henker ich mich dieser Tortur aussetzte. Dann kam am darauffolgenden Montag ein zweiter Brief von Major Faversham (im Ruhestand). Es war ein dickes Päckchen, das eine Fotografie eines entzückenden Mädchens in einem Ballkleid enthielt. Das Foto war gefärbt, sodass das Kleid hellblau und ihr Haar von sanftem Hellbraun war. Das Kleid war tief ausgeschnitten, um den Hals trug sie ein Medaillon an einer Samtschleife und sie hielt einen Fächer in der Hand – jeder Zoll eine privilegierte Tochter. Ein weiteres Foto fiel aus dem Umschlag. Auf diesem war Katherine in Jagdtracht auf einem Pferd zu sehen. Der junge Mann, der die Zügel hielt, sah zu ihr herauf – ein gutaussehendes Beispiel eines Schwarzen Iren, Daniels Erscheinungsbild nicht unähnlich. Er war jünger, größer und schlanker als Daniel, hatte aber ähnlich widerspenstiges, dunkles Haar und ein markantes Kinn. Man musste kein Genie sein, um zu erraten, dass ich Michael Kelly vor mir hatte.

Ich las den beiliegenden Brief:

Ich habe zwei gute Bilder meiner Tochter beigelegt. Der Stallknecht ist selbstverständlich der Taugenichts Michael Kelly. Er ist ein überaus verwerflicher junger Mann. Als er beim Wildern auf meinem Anwesen erwischt wurde, hatte ich seiner Jugend wegen Mitleid und ließ ihn zur Arbeit in den Stallungen ausbilden. Er erwies sich als fähig im Umgang mit den Pferden und hätte etwas aus seinem Leben machen können, wenn er gelernt hätte, mit seinem Stand zufrieden zu sein. Stattdessen wurde er Aufrührer, ein sogenannter Freiheitskämpfer, und wurde verhaftet, weil er versucht hatte, die Statue von Queen Victoria in Dublin in die Luft zu sprengen. Wieder trat ich für ihn ein und hoffte, dass meine Strafpredigt dafür sorgte, dass er sich bessern würde. Das tat sie nicht. Wieder war er in Bürgerunruhen verwickelt, und nicht bereit, allein aus dem Land zu fliehen. Er überredete meine beeinflussbare Tochter, mit ihm zu fliehen. Weiß der Himmel, ob er vorhat, eine anständige Frau aus ihr zu machen, oder ob sie für immer ruiniert ist.

Sie können sehen, warum mein Fall so dringend ist. Wenn wir sie nach Hause bringen könnten und es schafften, diese ganze schmutzige Angelegenheit totzuschweigen, hätte sie noch immer die Chance auf ein normales Leben in der Gesellschaft. Sie ist erst neunzehn Jahre alt.

Ich kann nur vermuten, dass er sie in der Hoffnung mitgenommen hat, ihr Vermögen in die Finger zu bekommen. Sie wird in der Tat eine beträchtliche Summe erben, wenn sie einundzwanzig wird, aber gegenwärtig ist sie so mittellos wie er. Wenn sie irgendwelches Geld bei sich hat, dann stammt es aus dem Verkauf einiger unbedeutender Schmuckstücke, die sie mitgenommen hat.

Was Freunde in Amerika angeht – wir haben keine. Katherine hat den Großteil ihres Lebens in Indien verbracht, wo ich die Ehre hatte, Ihrer Majestät bei den Bengal Lancers zu dienen. Sie ist überhaupt nicht daran gewöhnt, sich selbst durchzuschlagen, und ich bin in großer Sorge um sie. Ich ersuche Sie, diesen Auftrag mit der ganzen Kraft Ihres Unternehmens auszuführen und unsere Tochter so schnell wie möglich zu finden.

In dieser Angelegenheit Ihr ergebener Diener,

Faversham

Voller Genugtuung las ich den Brief ein weiteres Mal. Endlich hatte ich etwas, in das ich mich verbeißen konnte. Katherine war ohne einen Penny nach New York gekommen. Das bedeutete, dass die Chance bestand, dass sie noch in der Stadt war. Jetzt, da ich Fotos hatte, würde ich damit anfangen, sie aufzuspüren. Mein Hauptproblem war das Wann. Wie sollte ich Katherine Faversham nachspüren, wenn ich meine Tage immer noch in einem trostlosen Ausbeuterbetrieb verbrachte, ohne dass ein Ende in Sicht war? Tatsächlich hatte Max Mostel die fraglichen Entwürfe noch gar nicht fertiggestellt, also gab es nichts zu stehlen. Und jeden Tag kochte mein Missmut hoch und war bereit zu explodieren. Ich war ganz und gar nicht sicher, ob ich noch lange den Mund halten konnte.

An eben diesem Tag hatte sich Paula Martino, die junge schwangere Frau, aus ihrem Stuhl erhoben und war Richtung Ausgang geschlichen, als der Schäbige Sam sie erblickt hatte. „Wo denkst du, gehst du jetzt wieder hin?“, wollte er wissen.

Sie zuckte mit den Schultern und lächelte ihn entschuldigend an. „Entschuldigung. Ich muss mal.“

„Du musst in der Tat, und zwar gehen“, bellte Sam. „Hol dein Zeug. Du bist gefeuert. Der Boss bezahlt stinkende Mädchen nicht dafür, dass sie seine Zeit damit verschwenden, sich die Nase zu pudern.“

„Nein, bitte“, flehte sie, ihr Gesicht weiß und angespannt. „Es tut mir leid. Es ist nur, bis das Kind– Es drückt so nach unten, dass ich nicht anders kann.“

„Hör zu, Kleine, ich tue dir einen Gefallen“, sagte Sam. „Es würde dir eh nicht erlaubt werden, einen schreienden Säugling mit herzubringen. Kauf dir eine Maschine und mach von zu Hause Stückarbeit.“

„Mir eine Maschine kaufen?“, fragte Paula, und ihr Gesicht war jetzt rot vor Wut. „Wie glauben Sie denn, soll ich mir eine Maschine leisten, hä? Glauben Sie, dass ich Gold unter meinem Bett versteckt habe, hä? Ich habe zwei Kinder und einen Ehemann zu ernähren, der keine Arbeit findet, und Sie sagen, ich solle mir eine Maschine kaufen?“

Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich sprang auf und packte Sams Ärmel. „Sie können sie nicht entlassen, nur weil sie auf die Toilette muss. Das ist einfach nicht fair. Und sie wird ja nicht pro Stunde bezahlt, also verschwendet sie Ihre Zeit auch nicht. Sie wird pro Stück bezahlt und bleibt länger, um mit ihrer Arbeit fertigzuwerden, wenn sie das muss.“

Sam schüttelte mich ab und beäugte mich mit einem widerlich lüsternen Blick. „Jetzt weiß ich wieder, warum wir keine Iren einstellen. Sie machen Ärger. Das hier geht dich nichts an. Setz dich wieder auf deinen Platz und mach mit deiner Arbeit weiter, wenn du ihr nicht aus der Tür folgen willst.“

Der Zusammenstoß hätte gut und gerne mit meiner Entlassung enden können, aber in diesem Moment gab es eine Ablenkung. Die Tür ging auf und ein junger Mann fegte in den Raum herein. Er trug einen Zylinder, einen seidengefütterten Umhang und einen Gehstock mit Silberspitze. Er sah unserem kleinen Streit voller Erheiterung zu.

„Tyrannisierst du wieder die Leute, Sam?“, fragte er. „Was hat das arme Mädchen diesmal getan – gewagt zu niesen, weil sie dreckige Flusen in die Nase bekommen hat?“

Sam bekam ein schwaches Lächeln hin. „Ich versuche nur dafür zu sorgen, dass sie nicht aus der Reihe tanzen, Mr. Benjamin. Stelle sicher, dass Sie weder Zeit, noch Geld Ihres Vaters verschwenden, das ist alles.“

„Mein Vater ist in seinem Büro, ja?“, fragte der junge Mann und sein amüsierter Blick schweifte durch den Raum, bis sein Blick auf mir ruhen blieb. Ich sah, dass ihn meine irischen Sommersprossen und das rote Haar überraschten. Als ich nicht sittsam den Blick senkte, wie es die meisten Mädchen hier getan hätten, zwinkerte er mir unverschämt zu. Glücklicherweise war ich auch ans Zwinkern gewöhnt. Ich lächelte höflich, nickte anmutig und errötete nicht. Als er auf die Türöffnung zulief, die zur Treppe führte, sah ich, wie er zu mir zurückblickte. „Ich hoffe, er hat gute Laune“ hörte ich ihn zu Sam sagen. „Das Automobil hatte gerade eine unglückliche Begegnung mit einer Straßenbahn und der vordere Kotflügel ist hin.“

Sam wandte sich zu uns. „Nun, worauf wartet ihr? Zurück an die Arbeit. Der Boss bezahlt euch nicht fürs Rumsitzen und Gaffen.“ Sein Kopf fuhr zu Paula herum. „Du, raus hier.“

Ich ging zu meiner Maschine zurück und fragte mich, was ich tun konnte. Der Sohn des Bosses schien Gefallen an mir zu finden. Könnte ich ihn ersuchen, die Entscheidung des Vorarbeiters aufzuheben? Dann musste ich mich daran gemahnen, dass ich nicht hier war, um Ärger zu stiften. Ich spielte nur eine Rolle. Ich würde niemandem helfen, wenn ich gefeuert würde. Als der Sohn des Bosses wieder herunterkam, nachdem er im Büro seines Vaters gewesen war, ging er an uns vorbei als existierten wir nicht.

„Ich schätze, er hat eine gute Abreibung von seinem alten Herrn bekommen, weil er das Automobil verbeult hat“, flüsterte Sadie mir zu.

„Das ist Mr. Mostels Sohn? Gehört er auch zum Geschäft?“, flüsterte ich zurück.

Sie schüttelte den Kopf. „Geht auf irgendeine ausgefallene Universität – er will Arzt werden.“ Ihr Blick bekam etwas Träumerisches. „Stell dir das vor – weniger als zwanzig Jahre in diesem Land und schon einen Sohn, der Arzt werden wird. Wir sollten alle so viel Glück haben.“

„Sadie Blum und Molly Murphy – fünf Cent abgezogen fürs Reden“, schallte die Stimme vom anderen Ende des Raumes herüber.

Ich saß da, betätigte zornig die Tretkurbel und schäumte vor Wut. Jemand sollte etwas für diese Mädchen tun. So sollten ihr Leben nicht aussehen. Am Ende des Tages nahmen wir unsere Umhänge von den Haken an der Wand und ich ging mit Sadie und Sarah die Treppen hinunter.

„Ich konnte es kaum erwarten, dass es sieben Uhr wird“, flüsterte Sarah, obwohl die Arbeitszeit offiziell vorüber war und wir uns unterhalten durften. „Ich war kurz davor zu platzen, aber ich hatte zu viel Angst zu fragen, ob ich auf die Toilette gehen darf, nach dem, was Paula passiert ist. In der Zukunft trinke ich in der Mittagspause einfach nichts.“

„Du würdest keine Probleme bekommen, Sarah.“ Sadie sah sie freundlich an. „Du bist still und schüchtern und du tust, was man dir sagt. Und du bist eine penible Arbeiterin. Es sind Mädchen wie du, die sie mögen.“

„Das ist mein Ziel“, sagte Sarah leise. „Unsichtbar zu bleiben und zu beten, dass ich durch den Tag komme.“

Beim Gedanken an die kleine Sarah, die zu ängstlich war, zu fragen, ob sie sich erleichtern durfte, kochte meine Verärgerung über.

„Es ist nicht recht“, sagte ich. „Wieso tut niemand etwas? Wenn ihr euch alle zusammentut, hättet ihr Macht.“

Sie sahen mich mitleidig an. „Glaubst du denn, das hätte noch niemand versucht?“, fragte Sadie. „Wir hatten Mädchen hier, die wie du Feuer und Flamme waren und versuchten, etwas zu ändern, und was ist passiert? Sie sind verschwunden. Einen Tag sind sie hier, am nächsten kommen sie nicht zur Arbeit. Und wenn wir uns alle zusammentun und bessere Behandlung verlangen würden, würde Mr. Mostel uns einfach alle feuern, Sam zu den Docks schicken und ihn neue Mädchen von den Schiffen einsammeln lassen. Wir sind am unteren Ende der Nahrungskette, Molly. Wir haben niemanden, der für uns eintritt. Wir arbeiten hier mit nur einem Gedanken im Kopf – dass es eines Tages etwas Besseres geben wird.“

Ich musste etwas tun, dachte ich. Ich könnte für diese Mädchen eintreten. Dann musste ich mich streng daran gemahnen, dass es sich gute Ermittlerinnen nicht erlauben durften, emotional in ihre Fälle involviert zu werden. Bisher war ich diesbezüglich nicht sehr erfolgreich gewesen. Mein Auftrag, für den ich bezahlt wurde, war einen Spion zu finden – was mich betraf, je eher, desto besser. Ich wollte aus verschiedenen Gründen, dass dieser Auftrag vorbei war. Dass er mir einen schlechten Nachgeschmack im Mund hinterließ, war nicht der letzte.

Aber es juckte mich außerdem, in meinem anderen Fall voranzukommen. Wie konnte ich Katherine Faversham und ihrem Taugenichts nachspüren, solange sie noch in der Stadt waren, wenn ich weder Zeit, noch Energie dafür hatte? Wie die Dinge standen, hatte ich nur die Sonntage, um mich der Suche nach Katherine und Michael zu widmen. Wenn ich sie nicht bald fand, wären sie vielleicht schon nicht mehr in der Stadt, sondern weit weg, und ich hätte sie für immer verloren.

Ich stand auf der kalten, feuchten Straße, als die anderen Mädchen sich ihre Schultertücher um die Köpfe schlangen und in den Abend verschwanden. Ich zögerte auf dem Bürgersteig. Das ist lächerlich, dachte ich. Der Katherine-Faversham-Fall war mir wichtig, und wichtig für meine gesamte Zukunft als Ermittlerin. Durfte ich das aus der Hand geben, weil ich den ganzen Tag Kragen nähte? Ich musste einfach ein paar Risiken eingehen und die Energie finden, nachts nach ihnen zu suchen. Ich wand mir mein Schultertuch um den Kopf und lief Richtung Docks.

Ich kam nur bis zur ersten Eckkneipe, dann ließ meine Entschlossenheit nach. Ein paar Betrunkene stolperten auf die Straße und grabschten nach mir. Ich wehrte sie recht mühelos ab und überquerte die Straße, während mir ihre unanständigen Kommentare und ihr Gelächter in den Ohren klingelten. Die nächste Straße war dunkel und ich hatte zu viel Angst, um sie zu betreten. Ich hasste es, zuzugeben, dass ich aufgeben musste, aber das hier würde offensichtlich nicht funktionieren. Widerwillig ging ich zurück Richtung Broadway und Straßenbahn, und versuchte, meine rasenden Gedanken zu ordnen. Warum genau schuftete ich den ganzen Tag an einer Nähmaschine? Ich war mittlerweile geschickt genug, was also konnte ich erreichen, bis Max’ Entwürfe fertig waren? Als ich bei der Straßenbahn eintraf, hatte ich eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Ich hatte genug Zeit damit verschwendet, für Max Mostel zu arbeiten. Ich würde mir ein paar Tage freinehmen.

Sobald ich zu Hause war, setzte ich mich an den Tisch und schrieb einen Brief.

Sehr geehrter Mr. Mostel,

ich bin jetzt seit etwas über drei Wochen in Ihrer Textilfabrik. Das hat mir reichlich Gelegenheit gegeben, Ihre Arbeiterinnen zu observieren und meine Fähigkeiten als Näherin zu verbessern. Ich habe jetzt vor, mich bei Lowenstein’s zu bewerben, sodass ich vollständig mit seinen Arbeiterinnen und seiner Operation vertraut bin, wenn Ihre Entwürfe fertig sind. Bitte halten Sie mich über den Status Ihrer Entwürfe auf dem Laufenden und schicken Sie mir eine Kopie davon per Kurier, sobald sie fertig sind. Sie können mir jederzeit eine Nachricht unter meiner neuen Adresse im Patchin Place Nummer 10 hinterlassen.

Bridie kam und sah mir über die Schulter. „Sie haben eine schöne Schrift“, sagte sie. „So geschwungen.“

„Du wirst auch lernen, so zu schreiben, wenn du in der Schule gut aufpasst“, sagte ich. „Euer Pa sollte euch diese Woche an einer neuen Schule anmelden – hier in der Nähe.“

„Ich geh auf keine Schule“, sagte Shamey, stand in der Tür und blickte mich finster an. „Schule ist was für Weicheier.“

„Du gehst, ob es dir gefällt oder nicht“, sagte ich. „Jeder muss lesen und schreiben lernen.“

„Ich kann schon lesen und schreiben“, sagte er. „Meine Cousins gehen nicht auf eine Weichei-Schule und sie verdienen Geld.“

„Durch Botengänge für eine Gang, Seamus? Ich glaube nicht, dass dein Vater das wollen würde.“

Er blickte mich wütend und trotzig an. „Ich will Geld verdienen, sodass ich für meinen Pa und meine Schwester sorgen kann.“

Ich sah in sein dünnes, junges Gesicht und erkannte, dass der Blick nicht trotzig, sondern sorgenvoll gewesen war. Er hatte entschieden, dass er die Pflichten des Familienoberhauptes übernehmen musste. Ich ging zu ihm hinüber und versuchte, ihm einen Arm um die Schulter zu legen. „Das ist ein sehr edler Gedanke, Seamus“, sagte ich, „aber du wirst viel besser in der Lage sein, für sie zu sorgen, wenn du dich vorher bildest.“

„Ich habe keine Zeit.“ Er schüttelte mich ab. „Ich kann sofort eine Stelle als Zeitungsjunge finden.“

„Natürlich hast du Zeit. Du hast eine Bleibe und genug zu essen.“

Er sah mich verächtlich an. „Nuala sagte, wir nähmen Almosen an.“

„Almosen? Selbstverständlich sind das keine Almosen.“

„Sie sind keine Verwandte. Nur Verwandte müssen einander helfen. Das hat Nuala gesagt.“

„Deine Nuala redet einen Menge Unsinn.“ Ich lächelte ihn an. „Aber ich sag dir was – wenn du jetzt Geld verdienen musst, stelle ich dich an. Versprich mir, dass du in die Schule gehst und dann kannst du für mich Nachrichten überbringen, wenn die Schule aus ist. Zufällig brauche ich morgen einen Boten.“

„Tun sie? Wo?“

„Dieser Brief muss zu einer Adresse in der Canal Street.“

„Ich weiß, wo das ist.“ Sein Gesicht erhellte sich.

„Gut. Dann bist du angestellt. Wenn du ihn übergibst, sorg dafür, dass er direkt an Mr. Mostel geht. Sag ihnen, es sei wichtig. Oh, und Shamey – sag ihnen nicht, dass der Brief von mir ist.“

Ich beendete den Brief und schrieb als Absender J. P. Riley and Associates auf den Briefumschlag. Als ich ihn Shamey am nächsten Morgen überreichte, verspürte ich große Freiheit und Erleichterung. Ein paar Tage kein Ausbeuterbetrieb. Ich war jetzt damit beschäftigt, eine vermisste Erbin zu finden!

Neun

Ich begann die Suche nach Katherine und Michael an der Spitze von Manhattan Island, dort wo die Fähre von Ellis Island neue Einwanderer an Land brachte. Wenn Sie mittellos waren und niemanden kannten, wäre es ihre erste Priorität, eine Bleibe zu finden. Ich erinnerte mich genau an meine eigene Ankunft von Ellis Island. Ich war mit Seamus zusammen gewesen, und er hatte mich direkt zu seiner Wohnung in der Cherry Street mitgenommen, aber wir hatten all die Kundenanwerber umgangen, die darauf warteten, Neuankömmlinge auszunehmen. Dieselben Kundenanwerber standen bereits in aller Frühe Schlange und warteten auf die erste Fähre von Ellis Island. Manche von ihnen umklammerten Schilder, manche trugen Reklametafeln: Die Botschaften darauf waren auf Italienisch, Jiddisch, Russisch und Gott weiß welchen Sprachen noch. Einige wenige aber waren auf Englisch: MRS. O’BRIEN’S PENSION, GÜNSTIG UND SAUBER, ZIMMER ZU VERMIETEN. GUTES, SICHERES VIERTEL genauso wie die ominösere PETER’S PFANDLEIHE, BOWERY NUMMER 38, ZAHLT GUTE PREISE FÜR IHRE WERTSACHEN. Einige Männer trugen keine Schilder. Sie lauerten in den Türen der nahegelegenen Bars, beobachteten und warteten. Vielleicht hofften sie darauf, unbegleitete junge Mädchen oder sogar Jungs anzutreffen, aber ein Blick reichte aus, um zu wissen, dass sie darauf warteten, Jagd auf die Schwachen und Wehrlosen zu machen.

Ich ging zwischen den Schildern hindurch und notierte mir die Adressen der verschiedenen Pensionen und Zimmer. Dann suchte ich sie der Reihe nach auf, beginnend bei der, die dem Fähranleger am nächsten war. Wenn sie spät am Tag angekommen und müde waren, hätten sie die nächstgelegene Pension gewählt.

Etliche Stunden später war ich müde, hatte wunde Füße und war nicht klüger als zuvor. Gott weiß, wie viele zu vermietende Zimmer es waren, und nirgendwo hatte man von Katherine und Michael Kelly gehört.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960878032
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v513762
Schlagworte
Ir-isch-e-r-land New York US-A-merika-n-er-in-isch Krimi-nal-roman-fall Spannung-s-roman klassisch-Who-done-it Tod-es-mord-fall-tat-ort-opfer-ermittlung-en-kommissar

Autor

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Mord am East River