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Der Uhrmacher

von Christian Reul (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

Über diese Kurzgeschichte

Der siebenjährige Benjamin liegt im Sterben und die Ärzte rechnen ihm keine Chancen aus zu überleben. Die Eltern sehen dem langsamen wie sicheren Tod ihres Sohnes tatenlos und verzweifelt zu – bis sich Benjamins Großvater George aufmacht, um das reparieren zu lassen, was er seinem Enkel zu seiner Geburt geschenkt hat. Und damit fordert er das Wunder zum einem Wettlauf gegen die Zeit auf ...

Über booksnacks

Kennst du das auch? Die Straßenbahn kommt mal wieder nicht, du stehst gerade an oder sitzt im Wartezimmer und langweilst dich? Wie toll wäre es, da etwas Kurzweiliges lesen zu können. booksnacks liefert dir die Lösung: Knackige Kurzgeschichten für unterwegs und zuhause!

booksnacks – Jede Woche eine neue Story!

Impressum

booksnacks.de

Erstausgabe Januar 2020

Copyright © 2020 booksnacks.de, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-885-8

Covergestaltung: Benedikt Arnold
unter Verwendung von Motiven von shutterstock: © Rudenkois
Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Der Uhrmacher

Die Uhr an der Wand tickte.

„Wir haben ihn wieder“, meinte der Arzt sachlich und drückte Frau Maiers Schulter, die irritiert versuchte, ihr braunes langes Haar in Ordnung zu bringen, das immer vor ihr verweintes, sonst so hübsches Gesicht fiel. Sie stand fassungslos in Tränen aufgelöst an ihren Mann gelehnt, der ebenso wie sie machtlos mitansehen musste, wie ihr kleiner geliebter Junge um sein Leben kämpfte. Bisher war es den Ärzten immer wieder gelungen, Benjamin zurückzuholen, aber mit jedem Mal wurde die Aussicht auf einen weiteren glücklichen Versuch geringer.

Der Arzt wies seine Mitarbeiter an, die zahllosen Verbindungen zu Benjamins kleinen, trotz Atemgerät schwer Luft holenden, Körper zu überprüfen. Ein halbes Dutzend Monitore gaben Auskunft über seinen biologischen Zustand. Doch nicht einer konnte sagen, wie es in Benjamin, dem kleinen, wie sein Vater blonden, fast siebenjährigen Jungen, aussah; ob er überhaupt noch da war oder sein Körper nur durch die fortschrittliche Medizin und deren Möglichkeiten noch mit Leben erfüllt wurde. Vielleicht war Benjamins Zeit schon längst gekommen und nur durch das hilflose Klammern einer Mutter, die ihr Kind, dem sie das Leben geschenkt hatte, war er nicht in der Lage, diese endgültige Bestimmung zu erfüllen.

Frau Maier hörte nicht zu, als der Arzt ihr unverständliche medizinische Dinge über Benjamin erklärte. Sie hatte schon vor Tagen aufgehört zuzuhören, als sie immer mehr zu dem Schluss kam, dass Benjamin für die Ärzte nicht mehr als ein weiterer hoffnungsloser Auftrag war. Benjamin war hier, um zu sterben und ihr weggenommen zu werden, nicht um bei ihr zu bleiben und wieder der Junge zu werden, der er einmal war. Warum musste so etwas passieren? So etwas durfte nicht passieren!

Auch die Ärzte hatten mit der Zeit bemerkt, dass sämtliche Mitteilungen ihrerseits an Frau Maier vorbeigingen, sie nichts mehr aufnahm, woraufhin sie sich an Herrn Maier wandten. Wie so oft lag es am Vater, die Verbindung zwischen Mutter und Klinikpersonal herzustellen. Darüberhinaus musste er Stärke zeigen, denn es war immer nur einem Elternteil gestattet, zusammenzubrechen, damit der reibungslose Verlauf gewährleistet werden konnte.

Herr Maier blieb stumm, hielt seine still weinende Frau im Arm, die ihren kleinen Jungen, ihr Baby, nicht aus den verständnislosen Augen ließ, und nahm die Informationen auf, die der Arzt ihm als Erklärung darbot. Auch seine Augen waren mit Tränen gefüllt, denn auch sein Junge, sein Baby, lag dort und kämpfte den Kampf seines Lebens, hier, in einem kalten, blaugekachelten, sterilen Raum. Doch einer musste stark bleiben, einer durfte nicht die so nötige Beherrschung verlieren, einer musste die Verbindung sein und Entscheidungen treffen. Aber Herr Maier wusste auch, dass er nicht mehr lange durchhalten würde, die Zeit seiner gespielten Stärke war auch langsam gezählt.

Herr Maier nickte, als der Arzt mit seinen Ausführungen endete und den Raum verließ. Wie gerne hätte er seiner Frau gesagt, dass alles gut werden würde, dass sie bald ihren Jungen, ihr Baby, wiederhaben würden, aber das würde nicht passieren. Er wusste es, sie wusste es auch, es war nur eine Frage der Zeit. Und Wunder, die gibt es nicht mehr.

„Wir tun, was wir können. Und solange Benjamin nicht aufgibt, tun wir es auch nicht“, meinte Thomas, ein junger, blonder Pfleger, der sich schon in den Tagen, als Benjamin noch nicht ins Koma gefallen war, rührend um ihn gekümmert hatte. Thomas war noch das Menschlichste in der kalten, so lebensfeindlichen Umgebung des Zimmers, erfüllte sie mit etwas Wärme, für die die Maiers sehr froh waren.

Als Thomas zur Tür hinauswollte, wurde diese schwungvoll aufgestoßen, so dass er mit einem Sprung nach hinten ausweichen musste, damit ihn die Tür nicht an die Wand gedrückt und wahrscheinlich seine Nase blutig geschlagen hätte. Mit dem Schwung der Tür kam ein in einem langen, braunen Mantel gekleideter Mann hinein, der einen großen, braunen Hut mit einer ausladenden Krempe trug, und aussah, als sei er der falschen Zeit entsprungen, denn auch der Rest der Kleidung unterstrich noch diesen Eindruck.

Bevor Thomas sich noch wundern konnte, half der Mann ihm auf.

„Entschuldigen Sie mein forsches Eindringen, aber ist das hier das Zimmer von Benjamin Maier?“, fragte der Mann und hielt den Pfleger an den Armen fest, als wollte er ihm klarmachen, dass er ihn erst gehen lassen würde, wenn er die Information bekam. Die blau-grauen Augen des Fremden, die unter dem Hut in einem unrasierten, alten Gesicht hell aufleuchteten, waren so eindringlich, dass der Pfleger kein Wort hervorbringen konnte, obwohl er nur zu gerne geantwortet hätte, würde ihn doch dies aus dieser ihm mehr als unangenehmen Situation befreien.

„Vater, Ben ist hier“, meldete sich Herr Maier.

Der Fremde, offensichtlich Herr Maiers Vater, drehte sich um und blickte zuerst auf seinen Sohn und dann auf Benjamin. Danach drehte er sich wieder zu Thomas um, sah ihn verwirrt an und ließ ihn dann los.

„Entschuldigen Sie, junger Freund. Dies ist mein geliebter Enkel, und …“

Thomas richtete sich wieder auf und beruhigte sich, da er nun wusste, dass er es nicht mit einem Verrückten, sondern mit einem ganz normal besorgten Verwandten zu tun hatte, und für solche Fälle war er ausgebildet worden.

„Schon gut“, meinte er, „ist ja nichts passiert. Gehen sie zu ihrem Enkel.“

Benjamins Großvater nickte und drehte sich um, nahm seinen Mantel und Hut ab und legte sie beiseite. Er betrachtete seinen Enkel lange, als schien er zu studieren, was mit ihm nicht stimmte. Je länger seine Blicke über den kleinen, vom Kampf ums Leben zerschundenen Körper glitten und dabei immer an den vielen Schläuchen und Dioden hängenblieben, desto besorgter wurde seine Miene.

Schließlich atmete er tief durch und ging zu seinem Sohn und dessen Frau, um beide zu umarmen. Frau Maier drückte ihr nasses Gesicht an seine breite Brust und übergoss sein dunkelbraunes Hemd mit Tränen.

„War schwierig dich zu finden. Moskau, wie ich hörte“, stellte sein Sohn wie beiläufig fest.

Sein Vater nickte. „Ich war dort in einem Kloster außerhalb der Stadt, um mich mit einem alten Mönch zu unterhalten, der eine Urschrift von Galilei gefunden und bearbeitet hatte.“

Herr Maier nickte wissend. „Wieder eine Recherche für ein Buch, das die Welt verändern wird.“

Sein Vater bemerkte, dass die Aussage weder vorwurfsvoll noch ironisch klang, so wie es früher der Fall gewesen war. Dinge ändern sich und verlieren ihre Bedeutung, wenn das eigene Kind im Sterben liegt.

„Ich war sehr lange dort, und das Kloster verfügt über kein Telefon. Die Flüge …“

„Ich weiß, Vater. Du hast bestimmt alles getan, umso schnell wie möglich hier zu sein. Ich wünschte nur, er hätte dich noch einmal gesehen.“ Hörbar war alle Hoffnung aus Herrn Maiers Stimme gewichen.

Dies bemerkte auch Frau Maier, drehte sich mit wütendem Blick herum und sah ihren Mann streng, fast hasserfüllt, an.

„Du redest, als sei dein Sohn schon tot“, fuhr sie ihn an. „Was gibt dir das Recht, so über ihn zu reden? Er liegt hier und kämpft um sein Leben, und du gibst ihn auf! Du gibst ihn auf!“

Herr Maier sagte nichts, sah seine Frau nur mit seinen von Tränen überfüllten Augen an, die diese nicht mehr halten konnten. Er hatte seine Stärke und Kraft verloren.

Frau Maier umarmte ihren Mann, und sie weinten beide, hielten sich in dieser hoffnungslosen Lage so fest es ging, weinten um ihren Sohn, weinten um sich.

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960878858
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514704
Schlagworte
spannend-e Kurz-geschichte Wettlauf gegen die Zeit Spannung Trauer Krank-heit Uhr-macher Familie-n-geschichte

Autor

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    Christian Reul (Autor)

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