Lade Inhalt...

Tödliche Nächte

von Sabine Strick (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Der französische Detektiv Dominique Demesy und seine Tochter Jennifer arbeiten für eine große renommierte Detektivagentur in New Delhi. Die Fälle, die sie zu lösen haben, führen sie quer durch die ganze Welt – auf der Suche nach gestohlenen Edelsteinen nach Thailand, in ein Luxushotel auf den Seychellen, in dem eine Erpresserbande ihr Unwesen treibt, und nach Shanghai, wo Dominique zwischen die Fronten zweier Geheimdienste gerät. Sein letzter Auftrag führt ihn nach Istanbul, wo Dominique in die Rolle eines Meisterdiebs schlüpft, um die Profidiebin Giuliana Capriani zu überführen. Dass er sich dabei unsterblich in sie verliebt, wirft ihn völlig aus der Bahn. Doch seine Identität wird aufgedeckt – und plötzlich schwebt Dominique in Lebensgefahr … 

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-989-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-051-0

Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © HarrisD, © ZRyzner, © Grisha Bruev, © WARUT PINAMKA und
depositphotos: © nexusseven
Lektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

Prolog

Istanbul, 1993

Letztes Abendlicht fiel durch das Zimmerfenster des Istanbuler Krankenhauses. Dominique Demesy versuchte sich ein wenig aufzurichten, um einen Blick nach draußen zu erhaschen. Er hatte das Zeitgefühl darüber verloren, wie lange er schon in diesem Krankenzimmer vor sich hinvegetierte, mal mit scheußlichen Schmerzen in der Brust und mal auf den angenehmen Wattewölkchen schwebend, die er dem Morphium verdankte.

Außerdem hatte er seit jener Nacht, in der jemand auf ihn geschossen und er anschließend eine schwere Gehirnerschütterung beim Aufprall auf den steinigen Boden erlitten hatte, teilweise sein Gedächtnis verloren. Zum Glück kehrte es allmählich Stück für Stück zurück, und das nahezu chronologisch. Jede Nacht fielen ihm erlebte Abenteuer und Anekdoten ein, aber was die Geschehnisse der letzten Wochen betraf, hatte er noch immer ein völliges Blackout.

Er wusste vom Krankenhauspersonal, dass er sich in Istanbul befand, hatte aber keine Ahnung, warum er dort gewesen war. Bestimmt ein Auftrag seiner Detektivagentur Stacy & Langmaster, für die er in New Delhi arbeitete. Aber was hatte es damit auf sich gehabt?

Immerhin erinnerte er sich daran, dass er in Irland geboren worden und in Paris bei Adoptiveltern aufgewachsen war, dass er jahrelang in der Übersee-Gendarmerie gearbeitet hatte, bis er vor über sieben Jahren in Indien sesshaft geworden war, als Privatermittler für eben jene große Agentur. Seit über zwei Jahren lebte seine einundzwanzigjährige Tochter Jennifer bei ihm und arbeitete als Assistentin bei Stacy & Langmaster, und nach einigen Anfangsschwierigkeiten miteinander standen sie sich nun sehr nahe. Wobei Jennifer sich nur zu gerne in seine Ermittlungen einmischte und ein Talent dafür hatte, dabei in Schwierigkeiten zu geraten.

Dominique seufzte und zuckte zusammen, als ein Schmerz seine Brust durchfuhr. Sein angeschossener Lungenflügel rebellierte noch immer, wenn er zu tief einatmete, husten musste oder sich bewegte. Er war immer sehr sportlich und aktiv gewesen, und es machte ihn verrückt, nun zu solcher Untätigkeit verdammt zu sein. Wenn er nur wüsste, wem er das zu verdanken hatte.

Die Einzige, die mit Sicherheit mehr darüber wusste, war Jennifer. Er erinnerte sich dunkel, dass sie ihn kurz nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus besucht hatte, als er noch auf der Intensivstation gelegen und auch sie erst auf den zweiten Blick erkannt hatte.

Kurz entschlossen klingelte er nach seiner Nachtschwester, die sich, seit er nicht mehr auf der Intensivstation war, liebevoll um ihn kümmerte und ihm geduldig zuhörte, wenn er ihr von seinen Erinnerungen erzählte. Sie stammte aus Istanbul, sprach aber dank einer französischen Mutter fließend Dominiques Muttersprache. Er hatte Französisch stets als seine Muttersprache betrachtet, zumal er erst im Alter von einundzwanzig Jahren erfahren hatte, dass er eigentlich irischer Herkunft war. An seine leibliche Mutter hatte er keine Erinnerung, auch nicht vor dieser Amnesie.

 

Als Gülay Dominiques Zimmer betrat, blickte er ihr erwartungsvoll entgegen.

„Gülay, was ist mit meiner Tochter? Warum kommt sie mich nicht mehr besuchen? Ist sie etwa abgereist?“

Die Krankenschwester biss sich auf die Lippen, als habe sie diese Frage befürchtet.

„Nein, sie ist nicht abgereist. Sie liegt selbst im Krankenhaus.“

„Was hat sie?“, fragte er erschrocken.

Gülay setzte sich an sein Bett, zögerte.

Dominique wurde blass. „Wie schlimm ist es? Ist sie in Lebensgefahr?“

„Nein, nicht mehr. Sie ... Sie hat versucht, sich umzubringen.“

„Sich umzubringen“, flüsterte er fassungslos. „Um Gottes Willen ... was hat sie ...?“

„Sie hat hier im Krankenhaus Schlaftabletten gestohlen. Aber sie ist über den Berg“, versicherte Gülay hastig. „Allerdings ... will sie Sie nicht sehen, Dominique.“

„Will mich nicht sehen“, wiederholte er tonlos. „Hat sie einen Brief ...?“

„Nein.“

„Schlaftabletten … Sicher war es ein Unfall. Sie hat nie Schlaftabletten genommen, sie muss die Dosis unterschätzt haben.“

Gülay schüttelte den Kopf. „Dafür waren es zu viele. Als sie Sie das letzte Mal besucht hat, war sie sehr durcheinander. Das war kurz vor ihrem Suizidversuch, da haben Sie noch auf der Intensivstation gelegen. Sie schien zu glauben, dass sie auf Sie geschossen hat.“

„Unsinn, sie war ja gar nicht dabei ...“ Dominique runzelte die Stirn.

„Erinnern Sie sich wieder an den Tag?“

„Nein, ich habe immer noch ein Black-out“, gab er zu.

„Wie können Sie dann so sicher sein?“

„Himmel, sind Sie von der Kriminalpolizei, Gülay?“

„Nein, aber die Polizei wird Sie in den kommenden Tagen befragen. Die waren schon zweimal da.“

„Was ist mit Fingerabdrücken auf der Waffe? War es meine eigene Pistole?“

„Keine Ahnung, das müssen Sie die Polizei fragen. Ich weiß nur, dass der Chirurg zwei Kugeln aus ihrer Brust geholt hat. Und den Gerüchten nach deutet alles auf diese Italienerin hin, die auf der Flucht ist. Aber wenn Ihre Tochter sich selbst beschuldigt, wird es sicher kompliziert.“

„Verdammt, wie kommt sie nur auf solch hirnrissige Ideen?“ Dominique schüttelte den Kopf. „Sie würde nie auf mich schießen, sie liebt mich.“

„Ihre Zimmernachbarn im Hotel wollen gehört haben, dass Sie beide einen heftigen Streit hatten. Seien Sie also auf unangenehme Fragen der Polizei gefasst“, warnte sie.

„Woher wissen Sie das alles?“

Gülay lächelte. „Ihre Geschichte war tagelang das Thema Nummer eins im Krankenhaus.“

„Ich muss zu Jennifer.“ Er richtete sich auf und versuchte, die Bettdecke zurückzuschlagen.

„Hey, lassen Sie das!“, rief sie erschrocken. „Es geht Ihnen noch nicht gut genug, um hier nach Belieben herumzuspazieren.“

„Irgendwann muss ich ja wieder damit anfangen.“

„Aber nicht heute Abend, und nicht ohne vorherige ärztliche Untersuchung.“

„Dann rufen Sie einen Arzt.“

„Nein. Hören Sie, Dominique, es ist schon neun Uhr abends, Jennifer wird bereits schlafen. Sie ist erschöpft, sie braucht Ruhe. Und überhaupt wissen Sie ja gar nicht, wo sie liegt.“

„Sie werden es mir sagen.“

„Und meinen Job verlieren, wenn Ihnen was passiert? Ich mache Ihnen einen Vorschlag: morgen früh lasse ich einen Pfleger kommen, der Sie im Rollstuhl zu Jennifer bringt. Einverstanden?“

„Habe ich eine Wahl?“, knurrte er.

„Kommen Sie, ruhen Sie sich weiter aus. Und ich gebe Ihnen eine Spritze, damit Sie gut schlafen.“

„Kein Morphium mehr, darüber waren wir uns doch einig.“

„Man darf es nicht abrupt absetzen. Sie könnten Entzugserscheinungen bekommen.“

„Das nehme ich in Kauf.“ Ächzend ließ er sich in die Kissen zurücksinken.

„Nun gut. Aber nehmen Sie wenigstens ein Schlafmittel.“

„Ich will jetzt nicht schlafen. Ich erfahre, dass meine Tochter versucht hat, sich umzubringen, weil sie sich einbildet, auf mich geschossen zu haben, und da soll ich schlafen, als ob nichts wäre? Kommt nicht in Frage.“

Gülay seufzte. Er war kein einfacher Patient, aber immerhin schien er auf dem Weg der Besserung zu sein.

„Dann erzählen Sie mir, wie es so weit gekommen ist mit Ihnen und Jennifer. Was ist passiert?“

„Einiges. Nach Jaclyns Tod hat unser Verhältnis eine eigenartige Form angenommen …“

„Jaclyn ist gestorben? Ihre Partnerin?“ Sie sah ihn mitfühlend an. „Was ist geschehen?“

„Ich werde es Ihnen erzählen. Aber es ist eine traurige Geschichte.“ Dominique starrte an die Decke und fröstelte, trotz der Wärme im Zimmer. So erleichtert er war, dass sein Gedächtnis zurückkehrte, quälte es ihn auch, denn manche Erinnerungen schmerzten mehr als die Schusswunde in seiner Brust.

Gülay warf einen raschen Blick zur Uhr. Sie hatte Einiges zu tun, aber das musste noch ein wenig warten – sie war viel zu gespannt auf die Fortsetzung seiner Geschichte.

1

New Delhi, 1992

Leise betrat Dominique Demesy die dunkle Wohnung. Es war ein Uhr nachts, und er hoffte, dass Jaclyn, seine Partnerin im Leben und im Beruf, bereits schlief. Er schlich ins Schlafzimmer und schlüpfte aus seiner Hose. Als er seine Socken auszog, wurde das Licht der Nachttischlampe angeknipst, und Jaclyn blinzelte ihm entgegen.

„Du bist noch wach?“, fragte er.

„Ich konnte nicht einschlafen.“ Sie hielt sich die Hand zum Schutz gegen das Licht über die Augen und musterte ihn prüfend. „War ja ein langer Tag für dich.“

„Das kann man wohl sagen.“ Dominique begann sein Hemd aufzuknöpfen. „Ich habe jemanden beschattet, zusammen mit Bikram Gupta, und das hat kein Ende genommen.“

„Trägt Gupta jetzt langes blondes Haar und Minirock?“, fragte sie spitz. „Oder war das die Zielperson, die du verfolgt hast?“

Er starrte sie schuldbewusst an. „Wie kommst du darauf?“

Jaclyn stieg aus dem Bett, trat langsam auf Dominique zu und griff prüfend nach seinem weißen Hemdkragen, auf dem sich eigenartige Flecken abzeichneten. „Make-up“, stellte sie mit gespielter Überraschung fest. „Und ich habe gedacht, das Mädchen hätte echte Sonnenbräune!“

„Ach, du meinst Pamela“, sagte Dominique mit erzwungener Nonchalance.

„So, so, das war also Pamela.“

„Ja, sie ist mal wieder auf Stippvisite in Delhi. Wir haben uns zufällig getroffen.“ Pamela war eine Flugbegleiterin der PAN AM, mit der er eine kurze Affäre gehabt hatte, bevor er Jaclyn kennengelernt hatte.

„Und vor lauter Freude über diesen Zufall hat sie sich dir an den Hals geworfen“, folgerte Jaclyn sarkastisch.

„Wir haben zusammen mit ihren Kollegen ein paar Drinks an der Hotelbar genommen“, gab Dominique zu. „Und sie hat mich zur Begrüßung und zum Abschied umarmt. Das ist alles, du wirst deswegen doch wohl nicht eifersüchtig werden oder mir eine Szene machen.“

„Ich mache keine Szene, ich treffe nur Feststellungen“, erwiderte sie kühl. „Und diese Feststellung ist, dass ihr nach den Drinks um 20.45 Uhr auf ihr Zimmer gegangen seid, und du erst jetzt nach Hause kommst. Natürlich kann man annehmen, dass sie dir lediglich gezeigt hat, wie hübsch die Zimmer des Hotels Taj Mahal sind, und ihr danach weiterhin um die Häuser gezogen seid“, fuhr sie ironisch fort. „War es so?“ Wie immer beherrschte sie sich gut, in ihren hübschen Gesichtszügen zeichneten sich weder Verletzung noch Verärgerung ab, aber gerade diese Selbstkontrolle machte Dominique wütend.

„Was soll ich davon halten, dass du mir jetzt nachspionierst?“, fragte er gereizt, ganz nach seiner Devise, dass Angriff die beste Verteidigung war.

„Ich habe dir nicht nachspioniert. Ich hatte heute Abend lange im Büro zu tun, und Mr Stacy suchte dich vorhin ganz dringend“, erklärte sie. „Du hast ja deinen Pieper im Büro liegen lassen. Gupta wusste, dass du ins Hotel Taj Mahal gefahren bist, nachdem ihr mit eurer Beschattung fertig wart. Da es auf meinem Nachhauseweg lag, habe ich angeboten, dir Bescheid zu sagen. Du bist gerade mit Blondie aus der Bar gekommen, und ich habe nur noch gesehen, wie sich die Aufzugtüren hinter euch geschlossen haben. Da ich nicht wusste, wie deine Begleitung hieß, konnte ich nicht an der Rezeption nach ihrer Zimmernummer fragen.“

„Was wollte Stacy?“, versuchte Dominique abzulenken.

„Es geht um eine brisante Entwicklung in deinem neuen Auftrag. Ich habe Stacy angerufen und ihm gesagt, dass ich dich nicht gefunden habe. Was tatsächlich der Fall gewesen wäre, wenn ich ein paar Minuten später gekommen wäre.“

„Es tut mir leid“, murmelte er unangenehm berührt.

„Mach dir nichts draus. Stacy war zwar ziemlich ungehalten, aber er beruhigt sich auch wieder. Er denkt jetzt über die Anschaffung von Mobiltelefonen nach. Ist der große Renner in den USA. Nützt natürlich auch nur, wenn du es nicht irgendwo liegen lässt.“

„Jaclyn, das mit Pamela hat keine Bedeutung.“

Sie lachte bitter auf. „Du betrügst mich, und es hat nicht einmal eine Bedeutung für dich, das höre ich gerne!“

„Du weißt genau, wie es gemeint war.“ Dominique zog das Hemd mit den verräterischen Spuren aus und warf es wütend auf einen Stuhl. „Es tut mir leid“, wiederholte er. „Ich hatte es nicht geplant, es ist einfach passiert. Es ist mit mir durchgegangen, das hat mit uns beiden nichts zu tun.“

Schweigend ging sie ins Bett zurück, zog sich die Decke bis zu den Ohren und drehte Dominique den Rücken zu. Er verschwand kurz im Bad, um sich die Zähne zu putzen. Geduscht hatte er bereits bei Pamela. Schließlich legte er sich neben Jaclyn und löschte das Licht, konnte jedoch nicht einschlafen. Er hörte Jaclyn leise weinen, zum ersten Mal, seit er sie kannte.

„Jacky, bitte“, murmelte er hilflos und legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter.

„Siehst du sie öfter?“, schluchzte sie.

„Nein. Es war das erste Mal, dass ich dich betrogen habe, und es wird auch das einzige Mal bleiben, das schwöre ich dir. Ich liebe dich, Jaclyn.“

„Nicht mehr so wie zu Anfang“, sagte sie leise. „Irgendwas hat sich zwischen uns verändert.“

Dominique leugnete nicht. „Ich weiß nicht, ob ich dafür geeignet bin, auf Dauer mit einer Frau zusammenzuleben“, gab er zu. „Ich bin wohl zu sehr an ein unabhängiges Single-Leben gewöhnt.“

Sie drehte sich zu ihm herum. „Hast du den Eindruck, dass ich dir deine Freiheit nehmen will?“

„Nein, eigentlich nicht. Unabhängiger als dich kann ich mir eine Frau kaum vorstellen.“

„Vielleicht willst du ja lieber ein Heimchen am Herd, das ständig für dich da ist?“

„Nein, bestimmt nicht. Aber bei dir habe ich das Gefühl, dass du mich im Grunde gar nicht brauchst.“

„Unsinn. Nur weil ich gut alleine klarkomme, heißt das nicht, dass ich dich nicht brauche. Aber vielleicht sind wir zu schnell zusammengezogen“, meinte sie nachdenklich. „Wir hatten keine Zeit, uns langsam aufeinander einzustellen.“

„Ja, schon möglich. Aber du hast dich in Delhi einsam gefühlt und ich hatte es satt, auf der Couch zu schlafen, während sich Jenni in meinem Schlafzimmer breitgemacht hat.“

„Ihr hättet ja tauschen können.“

„Wie du weißt, gab es mit Jennifer schon so genug Spannungen.“

„Du kannst nicht immer wegrennen, wenn nicht alles so unbeschwert ist, wie du es gerne hättest, Nick.“ Jaclyn griff nach einem Kleenex und putzte sich die Nase. „Du bist in deinem Gefühlsleben nicht richtig erwachsen – deswegen kannst du auch nicht dauerhaft mit einer Frau zusammenleben. Sobald es Probleme gibt, hast du keine Lust, sie zu lösen. Du machst einfach Schluss, stimmt’s?“

„Ach, hör auf, das führt doch zu nichts.“

„Vielleicht läuft es ja auch deswegen mit uns schief. Wir wissen beide, dass es zu nichts führt.“ Jaclyn stützte sich auf einen Unterarm und sah auf Dominique hinunter.

Er runzelte die Stirn. „Was meinst du?“

„Nächsten Monat kommt Peter wieder. Wir haben das Thema immer wieder aufgeschoben, aber jetzt sollten wir endlich mal ernsthaft darüber sprechen – auch wenn dir solche Art von Gespräch verhasst ist.“

„Du weißt, dass Rajiv gekündigt hat. Ich bin sicher, dass du seinen Platz einnehmen kannst, wenn Peter wieder da ist.“

„Ja. Mr Stacy hat es mir bereits angeboten. Er erwartet meine Entscheidung. Und Langmaster in London will auch wissen, ob ich nun im Oktober zurückkomme oder nicht.“

Jaclyn arbeitete eigentlich für das Londoner Büro der Detektivagentur und war lediglich für ein Jahr nach Indien versetzt worden, um Dominiques Kollegen Peter Hestersant zu vertreten, der sich hatte beurlauben lassen, um persönliche Angelegenheiten in den USA zu regeln.

„Und wie wirst du dich entscheiden?“

„Wenn du sagst, dass du mit mir nach London gehst, würde ich mich sofort für London entscheiden.“

„London? Ewiges Nieselwetter und steife britische Manieren … Nein, das kannst du nicht von mir verlangen“, sagte er ablehnend.

„Ich habe es nicht verlangt, ich habe es nur vorgeschlagen. Es regnet nicht ständig, und die meisten Leute sind sehr cool.“

„Trotzdem. Großbritannien liegt mir nicht. Ich habe seit unserem Gespräch im Juli immer wieder darüber nachgedacht. Allenfalls kann ich mir vorstellen, irgendwann nach Frankreich zurückzukehren und mir dort etwas aufzubauen. Am besten im sonnigen Süden. Wir könnten das zusammen tun.“

„Mein Französisch ist nicht gut genug, um dort als Detektivin zu arbeiten“, wandte sie ein.

„Es war gut genug, um ein Jahr in Frankreich zu leben. Du würdest dich sehr schnell wieder zurechtfinden.“

„Das ist lange her. Und ich muss gestehen, ich habe Heimweh nach England.“

Sie schwiegen beide.

„Willst du, dass wir Schluss machen?“, fragte Dominique schließlich gepresst. „Möchtest du lieber nach London in dein altes Leben zurückkehren – allein?“

„Ungern ohne dich.“

„Lass mir noch ein bisschen Zeit“, bat er. „Wir könnten zu Weihnachten nach London fliegen. Und wenn du wieder dort bist, wirst du vielleicht feststellen, dass du es gar nicht mehr so erstrebenswert findest, dort zu leben. Sag Stacy und Langmaster, du willst noch ein halbes Jahr hierbleiben. Nur ein halbes Jahr, bitte, Jacky.“

„Ach, was wird das schon ändern.“ Ein verärgerter Blick ihrer grünen Augen streifte ihn. „Du wirst dich in einem halben Jahr auch nicht entscheiden können.“

„Sag mir, dass du mich noch liebst“, murmelte er und zog sie in seine Arme.

„Es ist ein schlechter Zeitpunkt, mich das zu fragen, wenn du gerade aus dem Bett einer anderen Frau kommst“, knurrte sie. „Gerade hasse ich dich eher ein wenig!“

„Kannst du mir wenigstens verzeihen?“

Jaclyn verzog den Mund. „Dafür musst du mir schon ein bisschen Zeit lassen.“

Er seufzte. „Ich bin ein Idiot …“

Sie fuhr ihm grob durch das zerzauste dunkelbraune Haar. „Da sind wir endlich mal einer Meinung. Und jetzt ab auf die Couch, heute Nacht will ich dich nicht in meinem Bett haben!“

„Ach, Jacky …“, begann er, doch ihr ausgestreckter Zeigefinger wies unmissverständlich zur Tür.

Seufzend nahm er sein Kopfkissen und zog sich ins Wohnzimmer zurück.

2

„Mr Feather ist kaufmännischer Leiter der Delco India Ltd.“, stellte William Stacy vor. „Das ist eine Beteiligungsgesellschaft der Delco International Ltd., die kennen Sie ja sicher.“

Jaclyn, müde nach der fast schlaflosen Nacht, blinzelte angestrengt aus umschatteten Augen. „Sprechen Sie von der Multinationalen mit Sitz in London, die im Bereich von Telekommunikation und Haushaltsgeräten arbeitet?“

„Genau“, bestätigte Edward Feather, ein großer, zur Korpulenz neigender Brite, der einen maßgeschneiderten, grauen Anzug trug. „Aber Delco stellt noch so Einiges mehr her: unsere Beteiligungsgesellschaft hier in Indien produziert Mikroprozessoren, Verpackungsmaschinen und Elektrowerkzeuge.“

„Was führt Sie zu uns, Mr Feather?“, fragte Mr Stacy.

„Nun, die Sache ist etwas heikel und muss mit äußerster Diskretion behandelt werden …“

„Wir gewähren Ihnen absolute Diskretion“, versicherte Stacy.

Feather räusperte sich. „Ich habe den Verdacht, dass unser Geschäftsführer in Indien Gelder unterschlägt.“

„Wie kommen Sie auf diesen Verdacht?“

„Ich bin seit anderthalb Jahren kaufmännischer Leiter in Indien. Vorher war ich Leiter einer der Zentralabteilungen in London. Man hat mich unter anderem nach Indien geschickt, um der Tatsache abzuhelfen, dass Delco India nicht so viel Profit macht, wie es eigentlich sollte. Ich habe Nachforschungen angestellt und fand heraus, dass das Umsatzproblem nicht auf Vertriebsschwierigkeiten oder schlechtes Management zurückgeht, sondern dass immer wieder größere Summen verschwinden, und keiner weiß so recht, wohin. Die Spuren führten mich an die höchste Stelle. Mein Verdacht gegen Perry Melbrook, das ist unser Geschäftsführer, ist berechtigt, aber ich habe keine Beweise, die London überzeugen könnten. Sie können sich vorstellen, dass so ein Verdacht eine schlimme Sache ist. Man muss absolut sicher sein und es auch eindeutig beweisen können. Mir selbst ist es jedoch nicht möglich, diese Beweise gegen Melbrook zu sammeln, da in der Geschäftsführung äußerste Geheimhaltung besteht. Er setzt mich oft nicht in Kenntnis von seinem Tun. Leider sagt er mir nicht einmal Dinge, die ich unbedingt wissen müsste, sondern stellt mich oft vor vollendete Tatsachen. Unsere Sekretärinnen dürfen keinerlei vertrauliche Informationen miteinander austauschen, und unsere Chauffeure dürfen einander nicht sagen, wohin sie mit uns fahren.“ Er schüttelte missmutig den Kopf. „Die CIA ist nichts dagegen!“

„Sie suchen also eine Person, die das Vertrauen von Mr Melbrook gewinnen und Beweise für seine Unterschlagungen zusammentragen kann“, folgerte Jaclyn.

„Richtig. Und diese Person werden Sie sein, Mrs Holt.“

„Haben Sie bereits eine Idee, wie das am besten zu bewerkstelligen ist?“, erkundigte sie sich.

„Ja. Wir beabsichtigen seit einiger Zeit, Ihre Agentur mit diesen Nachforschungen zu beauftragen, doch das Wie erwies sich als Problem. Nun ist vorgestern etwas passiert, was zwar traurig für die Betroffene, aber für uns ein Geschenk des Himmels ist: Miss Borner, Melbrooks Sekretärin, hatte einen Unfall.“

Jaclyn und Mr Stacy tauschten einen raschen Blick. War dieser Unfall ein Zufall oder ein skrupelloses Komplott?

Stacy räusperte sich. „Was für einen Unfall?“

„Sie ist beim Reiten vom Pferd gefallen, das Pferd hat wohl vor irgendwas gescheut. Und das im Galopp, sie hat sich einen Arm und ein Bein gebrochen. Es wird eine Weile dauern, bis sie wieder einsatzfähig ist. Ich will Sie damit beauftragen, die Vertretung von Miss Borner zu übernehmen, Mrs Holt.“

„Aber ich habe keinerlei Referenzen für die Arbeit als Direktionsassistentin“, wandte Jaclyn ein. „Kein Personalchef würde mich einstellen.“

„Der Personalchef untersteht mir und wird tun, was ich ihm sage. Die Referenzen werden wir Ihnen besorgen. Können Sie tippen?“

„Ja, das habe ich bei Scotland Yard lange genug getan.“

„Und kennen Sie sich mit Textverarbeitung aus?“

„Auch das, ja.“

„Gut. Dann machen Sie sich um den Rest keine Sorgen. Außer mir und meiner Sekretärin darf selbstverständlich niemand etwas davon erfahren. Wir werden sagen, dass London Sie geschickt hat, um Miss Borner zu vertreten. Ihre mangelnde Erfahrung als Direktionssekretärin können wir damit erklären, dass Sie in London eher Sachbearbeitertätigkeit ausgeübt haben.“

„Das kann Mr Melbrook doch nachprüfen.“

„Natürlich kann er das. Aber ich werde die nötigen Vorkehrungen treffen. Die Geschäftsleitung in London weiß Bescheid, dass wir gewisse interne Probleme zu lösen versuchen und gezwungen sind, auf einen Detektiv zurückzugreifen.“

„Wie soll ich Mr Melbrook weismachen, dass ich bei Delco in London gearbeitet habe, wo ich die Firma gar nicht kenne? Wie soll ich glaubwürdig auftreten, wenn er mir Fragen stellt?“ Jaclyn spürte auf einmal, wie sie ins Schwitzen geriet und war nicht sicher, ob das an der Schwüle des Septembermorgens lag.

Feather öffnete seine schwarze Aktentasche, zog ein Bündel Papiere in Klarsichthüllen hervor und legte sie vor Jaclyn auf den Tisch. „Hier sind ein paar Informationen, die eine Sekretärin von Delco wissen sollte. Meine Sekretärin, Mrs Lansbury, hat früher auch bei Delco in London gearbeitet und kann Ihnen ebenfalls mit so Einigem helfen.“ Er schob Jaclyn eine Videokassette zu. „Und hier ist ein Präsentationsvideo der Aktivitäten unserer Beteiligungsgesellschaft, vorgestellt von Perry Melbrook. Damit Sie schon mal einen ersten Eindruck von Ihrem neuen Chef bekommen. Aber verlassen Sie sich nicht auf diesen Eindruck: Wenn er will, ist Mr Melbrook ein sehr einnehmender Mann mit viel Charisma, das kann man nicht abstreiten. Ich will ihm auch keineswegs seine Führungsqualitäten und sein Gespür für Management absprechen. Ohne das hätte er sich gar nicht so lange in dieser Position behaupten können. Aber nehmen Sie sich vor ihm in Acht: Dieser Mann lächelt Ihnen freundlich ins Gesicht und sticht Ihnen dann ein Messer in den Rücken.“

Das trug nicht gerade dazu bei, Jaclyn zu beruhigen. „Wird ein so gewiefter Geschäftsmann auf so eine Komödie hereinfallen?“, fragte sie zweifelnd. „Und wird er nicht seine eigene Vorstellung für die Vertretung seiner Sekretärin haben? Besonders, wenn er so auf Geheimhaltung bedacht ist, und vor allem, wenn er wirklich Dreck am Stecken hat? Er hat mich schließlich noch nie gesehen. Vertrauen kann man nur langsam erwerben, und bis dahin ist seine Sekretärin wieder genesen.“

„Er kann unmöglich länger als zwei Tage ohne Assistentin auskommen, und intern ist im Moment niemand verfügbar. Er war gestern und heute auf Geschäftsreise und wird froh sein, wenn ihm das Problem so schnell abgenommen wird.“

„Gut, versuchen wir es. Wann soll ich anfangen?“

„Morgen früh. Damit Mr Melbrook gar keine Zeit hat, sich nach einer anderen Vertretung umzusehen.“

„Okay. Ich brauche genaueste Informationen über die Ergebnisse Ihrer Nachforschungen.“ Jaclyn begann, die vor ihr liegenden Unterlagen durchzublättern.

„Die werden Sie sofort von mir bekommen.“ Feather warf einen Blick auf die Uhr. „Ich habe in einer Stunde einen Termin, aber das müsste reichen. Wenn Sie erst einmal offiziell für Melbrook arbeiten, können Sie nicht in mein Büro kommen, das wäre zu auffällig. Wir werden über Mrs Lansbury Kontakt halten. Aber im Sekretariat geht es manchmal wie im Taubenschlag zu, die Abteilungsleiter und einige andere Sekretärinnen gehen ständig ein und aus. Sie müssen vorsichtig sein, wenn Sie mir Informationen zukommen lassen.“

„Selbstverständlich.“

Auch Stacy konsultierte seine Armbanduhr. „Sie brauchen mich sicher nicht mehr“, sagte er. „Ich würde Sie bitten, ins Besprechungszimmer zu gehen, da sind Sie ungestört. Ich werde Ihnen Getränke bringen lassen.“ Mit einem Grinsen fügte er an Jaclyn gewandt hinzu: „Vielleicht sollten Sie das übernehmen, Jaclyn, damit Sie sich schon mal daran gewöhnen.“

Sie schnitt eine Grimasse und nahm die Aktenbündel und die Videokassette an sich. „Gehen wir, Mr Feather.“

3

„Was gibt es Neues in der Chefetage?“, fragte Dominique, als Jaclyn gegen acht Uhr abends nach Hause kam.

Seit seinem Fehltritt vor zwei Wochen verhielt er sich ihr gegenüber sehr aufmerksam und zuvorkommend, doch er konnte nichts daran ändern, dass sie immer noch distanziert war. Die Tatsache, dass Jaclyn ständig gestresst und erschöpft war, seit sie bei Delco arbeitete, trug nicht gerade dazu bei, ihre Beziehung wieder zu verbessern.

Sie stöhnte und schleuderte die hochhackigen Pumps von den Füßen.

„Ich hätte nie gedacht, dass es so anstrengend sein kann, ein Telefon zu bedienen, Termine abzustimmen und Eingangspost zu sortieren. Wenn ich als Detektivin mal untauglich werden sollte, erinnere mich bitte daran, dass ich mich nicht zur Sekretärin umschulen lasse.“

„Und was ist daran so anstrengend?“

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie pingelig und anspruchsvoll diese Direktoren sind. Diese Empfindlichkeiten, Spitzfindigkeiten und die ganze Etikette – dagegen ist das Protokoll der britischen Monarchie ein Klacks! Aber das ginge ja alles noch, wenn ich nicht außerdem noch meinen eigenen Chef ausspionieren müsste.“

„Und hast du schon Beweise gefunden?“

„Indizien, aber keinen konkreten Beweis. Rechnungen, die an Scheinfirmen bezahlt wurden, Überweisungen für Ware, die nie gekauft wurde, und Arbeiten, die nie durchgeführt wurden. Aber es gelingt mir nicht, eine Verbindung zu Melbrook herzustellen. Helen Forster telefoniert andauernd mit Firmen und Banken, die auf diesen Rechnungen stehen, aber der Name Perry Melbrook ist dort nie bekannt.“

„Er wird auch kaum solche Papiere im Büro aufbewahren. Kannst du dich nicht bei ihm zu Hause umsehen?“

„Glaubst du, er vertraut mir seinen Hausschlüssel an?“

„Vielleicht kannst du einen Vorwand finden, dich mal bei ihm umzusehen. Ist er verheiratet?“

„Ja, klar. Geschäftsmänner dieser Größenordnung sind doch immer verheiratet.“

„Und arbeitet seine Frau?“

„Ich glaube nicht. Ich jedenfalls würde nicht arbeiten, wenn mein Mann – schon auf legale Weise – runde siebzigtausend Dollar im Monat verdient.“

„Siebzigtausend Dollar!“, rief Dominique bestürzt.

„Ja. Und das ist nur ein Taschengeld für ihn. Sein Haus, natürlich mit Swimmingpool und Tennisplatz, gehört Delco, und er wohnt dort, ohne Miete zu zahlen. Und der Dienstwagen inklusive Chauffeur steht ihm auch privat zur Verfügung.“

Dominique schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, wie Menschen so gierig sein können, dann auch noch Gelder zu unterschlagen.“

„Das ist mir auch zu hoch. Und das sind dieselben Vorgesetzten, die sich schwertun, den Lohn eines Arbeiters oder einer Sekretärin mal um fünfzig Dollar zu erhöhen. Ich habe von Feathers Sekretärin Dinge über die Geschäftsleitung von Delco India erfahren, bei denen mir übel wird. Ich habe den Eindruck, ich sitze in einem Wespennest. Der kaufmännische Leiter, der vor Feather im Amt war, hatte eine Sekretärin, die ein unverschämt hohes Gehalt bezog. Dreimal so viel wie Nancy Lansbury, und die kann sich auch schon nicht beklagen. Dabei hat diese Dame nichts getan, um es zu verdienen. Jede andere mit ihrem Arbeitsstil wäre hinausgeworfen worden. Sie nicht, sie konnte sich alles erlauben. Und willst du wissen, warum?“

Dominique zuckte mit den Schultern. „Das liegt auf der Hand. Sie hatten was miteinander.“

„Nein, das wohl nicht. Aber der Vorgänger von Feather war trotz seines enormen Gehalts ständig pleite, weil er auf zu großem Fuß lebte, und pumpte seine Sekretärin regelmäßig um Geld an. Sie hatte immer welches. Inzwischen sind beide pensioniert, aber da er weiterhin einige spezielle Aufgaben als Berater erfüllt, fallen natürlich Spesen dafür an. Und noch heute muss seine ehemalige Sekretärin seine Spesenrechnungen erledigen – er hat Mrs Lansbury als nicht kompetent dafür erklärt. Dreimal darfst du raten, warum. Und die Buchhaltung rauft sich die Haare. So kann man sich seine Rente auch aufbessern.“

Dominique schüttelte den Kopf. „Es ist wohl Zeit, dass London mal seine Nase da reinsteckt. Und wie ist dein Chef so?“

„Kühl und distanziert. Einigermaßen höflich, aber ziemlich arrogant“, sagte Jaclyn mit einem Schulterzucken. „Hast du was zum Abendessen eingekauft?“

Er strahlte sie an. „Ich habe es sogar schon gekocht! Die erschöpfte Chefsekretärin braucht nur noch ihre Beine unterm Tisch auszustrecken.“

 

***

 

Jaclyn hatte nicht gelogen, als sie Perry Melbrook Dominique gegenüber als kühl und arrogant beschrieben hatte, doch sie hatte ihm wohlweislich die Anziehungskraft verschwiegen, die er trotz dieser Distanziertheit – oder vielleicht auch gerade deswegen – auf sie ausübte.

Perry Melbrook war ein gutaussehender Mann Mitte Fünfzig, schlank und mittelgroß. Von Weitem oder bei öffentlichen Auftritten von geschickten Kameraleuten ausgeleuchtet, ging er für zehn Jahre jünger durch. Doch sein dunkelblondes Haar begann schütter zu werden, und bei Tageslicht sah man, dass seine Haut von einem dichten Netz von Fältchen überzogen wurde. Sein gutgeschnittenes freundliches Gesicht mit den strahlend blauen Augen und den sinnlichen Lippen stand in einem verwirrenden Gegensatz zu seinem kühlen, etwas hochmütigen Auftreten. Zumindest Jaclyn war leicht verwirrt, so oft sich der intensive Blick seiner Augen auf sie richtete. In seiner Gegenwart fühlte sie sich trotz ihrer achtunddreißig Jahre wie ein linkisches Schulmädchen. Sie, deren Auftreten gewöhnlich so selbstsicher war, hatte das Gefühl, in seiner Gegenwart nie das Richtige zu sagen oder zu tun. Er hatte etwas an sich, das sie einschüchterte und zugleich anzog.

Ihr war klar, dass sie etwas tun musste, um die Distanz, die Perry Melbrook wahrte, zu überbrücken, sonst würde sie nie sein Vertrauen gewinnen, geschweige denn einen echten Beweis seiner Schuld erbringen. Und die Zeit drängte. Sie war nun schon über zwei Wochen in der Firma, Miss Borners Genesung machte gute Fortschritte und Mr Feather zeigte erste Anzeichen von Ungeduld.

Jacyln hatte sich ihren Platz in der männerdominierten Welt von Scotland Yard und privaten Ermittlungsdiensten hart erkämpft und es widerstrebte ihr, auf altbewährte, weibliche Tricks zurückgreifen zu müssen, aber es war das Einzige, das ihr nun noch einfiel. Sie begann, kürzere Röcke und figurbetonte, tief ausgeschnittene Shirts und Kleider anzuziehen.

Perry Melbrook schien diese Veränderung nicht zu entgehen. Sein Blick, der von nun an öfter auf ihr verweilte, verriet erstmals Interesse, und sein Verhalten ihr gegenüber lockerte sich.

„Ich möchte Sie um etwas bitten, Jaclyn“, sagte er zu Beginn der vierten Woche. „Ich gebe am kommenden Freitag einen geschäftlichen Empfang bei mir zu Hause. Meine Frau muss jedoch für die Hochzeit einer unserer Nichten nach London fliegen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, bei dieser Cocktailparty die Gastgeberin zu spielen? Ich habe natürlich Personal, das sich um alles kümmern wird, aber es wirkt besser, wenn eine elegante Dame dabei ist, die die Gäste empfängt und alles ein wenig koordiniert.“

Jaclyn frohlockte innerlich. Endlich eine Gelegenheit, sich in seinem Haus umsehen zu können. „Wenn Sie es wünschen, kann ich mich für diesen Abend freimachen, Mr Melbrook“, sagte sie mit angemessener Zurückhaltung.

„Ausgezeichnet.“ Sein Blick blieb an dem großen goldgefassten Opal hängen, den sie an einer Kette um den Hals trug. Es war ein prachtvoller blaugrüner Stein, aus dessen Tiefe orangefarbene und gelbe Sprenkel blitzten. Perry Melbrook griff vorsichtig danach und drehte den Anhänger ein wenig, um das Farbenspiel bei Lichteinwirkung zu betrachten. Seine Finger berührten dabei wie unbeabsichtigt Jaclyns Dekolleté.

„Wunderschön“, murmelte er.

Sie hielt den Atem an. Seine leichte Berührung schien ihre Haut zu verbrennen.

„Ein Erbstück meiner Mutter“, erklärte sie.

Er hob den Blick und sah ihr in die Augen. Jaclyn fühlte sich wie elektrisiert. Einen Moment lang glaubte sie, er würde sie küssen. Aber er lächelte nur, ließ den Opal los und ging ohne ein weiteres Wort in sein Büro zurück.

Jaclyn blieb mit glühenden Wangen zurück, atmete tief durch und wünschte, sie könnte eine kalte Dusche nehmen.

4

Der Cocktailempfang in der vornehmen Villa von Perry Melbrook war in vollem Gange. Jaclyn, die in einem eleganten schwarz-silbernen Cocktailkleid perfekt der Umgebung angepasst war, schritt auf hochhackigen Sandaletten und mit einem Glas in der Hand durch die Räume. Sie kannte keinen der Anwesenden und fühlte sich isoliert, aber sie hatte ohnehin Wichtigeres zu tun als Smalltalk zu machen.

Vorsichtshalber hatte sie sich von Melbrook bereits zwei Tage vor dem Empfang die Gästeliste geben lassen. Nicht auszudenken, wenn einer der Gäste sie und ihre wahre Identität gekannt hätte. Inzwischen lebte sie fast ein Jahr in Delhi und war so einigen VIPs der Wirtschafts- und Kulturszene begegnet.

Perry Melbrook stellte ihr einen graumelierten Herrn vor, der eine große Bank in Delhi leitete.

„Ich kann nicht lange bleiben“, entschuldigte sich der Bankier nach einigen Minuten unverbindlichem Geplauder. „Ich habe etwas für Sie, Perry …“

„Dann lassen Sie uns in mein Büro gehen. Entschuldigen Sie uns einen Augenblick, Jaclyn.“ Seine Hand glitt ihren halbnackten Rücken hinunter und verursachte ihr einen wohligen Schauer. Sie nickte lächelnd und beobachtete scharf die beiden Männer, die sich entfernten. Sie tat, als schlendere sie ziellos durch die Menge, während sie ihnen unauffällig hinterherging.

Sie bogen in einen kleinen Flur ein, in dem sich niemand aufhielt. Jaclyn blieb an der Ecke stehen, lehnte sich an die Wand, lauschte und riskierte einen Blick.

Sie sah, wie der Bankier Melbrook einen Umschlag reichte. „Alles wie gewünscht, Perry.“

Melbrook riss den Umschlag auf, zog ein kleines Blatt Papier hervor und überflog es. „Bestens. Wann wird das Geld auf meinem Konto sein?“

„Binnen zehn Tagen, wie immer.“

„Geht es nicht schneller?“

„Bei Überweisungen von hier nach Europa dauert es immer eine gewisse Zeit, besonders in die Schweiz. Ich habe das Verfahren bereits beschleunigen lassen. Für gewöhnlich dauert es zwei Wochen.“

„Nun gut, es genügt auch so. Wollen Sie noch einen Moment mit in mein Büro kommen?“

„Nein, tut mir leid, ich muss wirklich los. Der Schweizer Botschafter gibt heute Abend auch einen Empfang …“

„Dann bringe ich Sie zur Tür.“ Melbrook faltete das Papier zusammen und steckte es in die Innentasche seines Jacketts.

Jaclyn entfernte sich eilig. Ein Schweizer Konto also. Aber natürlich konnte es sich auch um eine private Transaktion handeln. Sie musste unbedingt einen Blick auf diesen Bankbeleg werfen.

Den Rest des Abends ließ sie Melbrook kaum aus den Augen, in der Hoffnung, er würde irgendwann sein Jackett ausziehen. Doch die Räume waren gut klimatisiert, und er behielt das Jackett an, ganz wie es die Etikette von einem Gentleman verlangte. Es gab wohl nur eine Möglichkeit …

 

Endlich waren die letzten Gäste gegangen, und auch das Personal hatte sich zurückgezogen. Die Reste des Cocktail-Empfangs würden früh am nächsten Morgen beseitigt werden. Jaclyn und Perry Melbrook blieben allein im Salon zurück.

Er griff nach einer angebrochenen Flasche Champagner, die in einem Eiskübel stand, schenkte zwei Gläser voll und reichte Jaclyn eines davon. Sie prosteten sich wortlos zu, und wieder einmal fühlte sich Jaclyn vom intensiven Blick seiner blauen Augen wie hypnotisiert. Melbrook stellte sein Glas ab, nahm Jaclyn dann ihres ab und zog sie behutsam an sich. Sanft berührten sich ihre Wangen, ihre Lippen. Dann löste er sich von ihr und griff nach ihrer Hand.

„Komm“, sagte er leise, und sie folgte ihm zur Treppe, die zum Schlafzimmer hinaufführte.

 

Eine Stunde später glitt Jaclyn lautlos aus dem breiten Bett mit den seidenen Laken. Melbrook war eingeschlafen. Im milden Schein der Nachttischlampe wirkten seine Züge jung und unschuldig.

Sie griff in die Innentasche seines Jacketts, das über einer Stuhllehne hing, und zog das zusammengefaltete Blatt hervor.

Es handelte sich um eine Transaktion der Delco India.

Jaclyn hatte den Vertrag im Büro gesehen. Melbrook hatte für achthunderttausend Dollar ein Grundstück der Delco India in Bhopal verkauft. Es trug von Delcos Seite aus allein seine Unterschrift und verstieß somit gegen das Vier-Augen-Prinzip. Bei dem Zahlungsbeleg, den sie in den Händen hielt und der die Referenzen dieser Transaktion trug, war die Verkaufssumme aufgegliedert. Siebenhunderttausend Dollar gingen an das Konto der Delco India. Die restlichen hunderttausend an ein Nummernkonto in der Schweiz. Und Jaclyn wusste genau, dass Delco kein Nummernkonto in der Schweiz besaß. Melbrook schon, davon war sie überzeugt. Außerdem hatte er „mein Konto“, gesagt. Mit Sicherheit würde er einen Weg finden, für die Buchhaltung eine Vertragskopie zu fälschen, auf der ein Verkaufspreis von nur siebenhunderttausend Dollar stehen würde.

Die Detektivin in ihr triumphierte, die Frau in ihr war enttäuscht, als sie nun endlich den endgültigen Beweis seiner Schuld in den Händen hielt. Sie ließ den Schein in die Tasche ihres Blazers gleiten, kleidete sich so leise wie möglich an und schlich in das benachbarte Büro. Mit Hilfe des Faxgerätes kopierte sie den Zahlungsbeleg. Sie kehrte ins Schlafzimmer zurück und wollte den Schein wieder in Melbrooks Jackentasche zurückstecken. Gerade noch rechtzeitig bemerkte sie, dass er inzwischen erwacht war.

„Warum bleibst du nicht bis morgen früh?“, murmelte er verschlafen und ließ seine Hand auf dem lavendelblauen Laken in ihre Richtung gleiten.

„Ich lebe nicht allein“, erklärte sie leise. Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn auf die Wange. „Wir sehen uns Montag im Büro.“

In Wirklichkeit wusste sie, dass sie ihn allenfalls vor Gericht wiedersehen würde.

Da Melbrook nicht sofort wieder einschlief, musste sie ihr Vorhaben, den Beleg zurückzustecken, aufgeben. Höchstwahrscheinlich würde er das Fehlen am nächsten Tag bemerken und darauf kommen, dass Jaclyn den Zettel entwendet hatte, doch das Risiko musste sie eingehen. Er wusste nicht, wo sie wohnte, und in vierundzwanzig Stunden würde sie bereits auf dem Weg nach London sein.

Mit gemischten Gefühlen verließ sie die Villa.

 

***

 

Dominique stand im Türrahmen des Schlafzimmers und beobachtete Jaclyn beim Kofferpacken. „Wieso dieser überstürzte Aufbruch?“, wunderte er sich. „Du wirst Sonntag früh in London ankommen, und zu Delco kannst du frühestens am Montag gehen. Hätte es nicht gereicht, wenn du den Flug morgen Abend genommen hättest?“

„Es ist mir lieber, nicht völlig übernächtigt nach einer Nacht im Flugzeug bei Delco zu erscheinen“, erklärte sie. „Außerdem habe ich so etwas Zeit, in London spazieren zu gehen, vielleicht Freunde zu besuchen.“

„Und deinen Mann?“

„Ja, das auch.“ Jaclyn verstaute sorgfältig die Unterlagenmappe, die das Beweismaterial für Perry Melbrooks Unterschlagungen enthielt, in ihrem Handgepäck. „Nick, sollte Melbrook anrufen oder vor der Tür stehen, weil es ihm gelungen ist, herauszufinden, wo wir wohnen, dann sag ihm nicht, dass ich nach London geflogen bin, hörst du? Erfinde irgendwas.“

Dominique runzelte die Stirn. „Du wirkst ganz schön nervös. Hast du Angst vor Melbrook?“

„Ach was.“ Hektisch zerrte sie am Reißverschluss ihres Kulturbeutels, der sich nicht schließen wollte.

„Dann ist es das Wiedersehen mit deinem Mann, das dich nervös macht.“

„Ich bin nicht nervös!“, fuhr sie ihn an.

Dominique betrachtete sie nachdenklich, sagte aber nichts mehr.

„Entschuldige.“ Jaclyn ging zu ihm, legte ihm die Arme um den Hals und schmiegte sich an ihn. „Es tut mir leid.“

Dominique, der nicht ahnte, welcher Natur ihre Gewissensbisse waren, hob erstaunt die Augenbrauen. „Keine Ursache. Ich bin nicht so empfindlich, das weißt du.“

„Ich liebe dich“, sagte sie leise. „Bitte denk daran, was immer auch geschehen wird.“

„Was soll denn geschehen?“

Sie antwortete nicht.

„Hast du etwa vor, dich mit deinem Mann zu versöhnen und nicht mehr nach Delhi zurückzukehren?“, fragte er argwöhnisch.

„Bestimmt nicht. Mit Andrew werde ich wohl eher über das Thema Scheidung sprechen. Ich treffe mich morgen mit ihm zum Mittagessen. Ich habe ihn vorhin angerufen.“

„Und wenn ihr feststellt, dass ihr euch nicht mehr scheiden lassen wollt? Wenn dir klar wird, dass du ab sofort wieder in London leben willst?“

„Wenn, wenn, wenn“, sagte Jaclyn ungeduldig. „Ich kann auch in London von einem Auto überfahren werden. Oder ich schaffe es gar nicht bis dorthin, weil mein Flugzeug abstürzt …“

„Sag so etwas nicht!“

Sie küsste ihn. „Hör auf, dir Gedanken zu machen, Nick. Lass uns lieber irgendwo nett zu Abend essen. Und dann bringst du mich zum Flughafen.“

„In Ordnung.“

 

Als sie später am Flughafen standen und warteten, hatte Dominique ein ungutes Vorgefühl. Dieser Abschied hatte etwas Eigenartiges. „Jaclyn, ich bereue es wirklich, dass ich dich betrogen habe.“

„Wir sind quitt. Ich habe dich auch betrogen“, sagte sie kühl.

Er starrte sie an. „Was? Wann hast du …?“

„Letzte Nacht.“

„Melbrook“, murmelte Dominique erschüttert. „Wolltest du dich an mir rächen?“

„Eigentlich nicht. Sagen wir, dass ich das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden und auf unorthodoxe Weise einen Fall vorangetrieben habe.“

Er schluckte. „Warum erzählst du mir davon?“

„Nun ja, vielleicht hilft es dir, dich weniger schuldig zu fühlen …“

„Tu nicht so, als ob es dir darum ginge, mir ein gutes Gefühl zu geben!“

„Stimmt, darum geht es mir nicht“, gab sie zu. „Aber das nächste Mal, wenn du an Pamela denkst, wirst du auch an Perry denken, und das geschieht dir recht.“

„Wenn Stacy davon erfährt, wirst du was zu hören kriegen. Ich glaube nicht, dass er solche Methoden schätzt.“

„Du bist es, der diese Methode nicht schätzt. Stacy ist das egal, Hauptsache der Fall ist gelöst und der Kunde zufrieden.“

Dominique hieb wütend auf den Papierkorb, neben dem er stand. „Ich kann nicht glauben, dass du dich für die Agentur prostituierst!“

„Ich habe nicht den Eindruck, mich prostituiert zu haben. Perry Melbrook ist ein äußerst attraktiver und charismatischer Mann, und es hat mir Spaß gemacht, mich von ihm verführen zu lassen.“

„Das beruhigt mich ungemein“, knurrte er. „Ich dachte, du liebst mich!“

„Ich hatte es nicht geplant, es ist einfach so passiert. Es ist mit mir durchgegangen, das hat mit uns beiden nichts zu tun“, zitierte Jaclyn Dominiques Worte.

Er gab sich geschlagen. „Ich gehe jetzt“, sagte er und wollte sich ohne ein weiteres Wort abwenden.

„Nick!“ Jaclyn legte die Hand auf seine Schulter und hielt ihn zurück. „Verzeih mir. Aber du hast mir wehgetan, und ich glaube schon, dass ich mich auf eine Art rächen wollte. Mal abgesehen davon, dass es einfach keine andere Möglichkeit gab, an diesen verdammten Bankbeleg zu kommen und endlich einen Beweis zu haben.“

„Na gut.“ Er atmete tief durch. „Lass uns neu anfangen, wenn du aus London zurückkommst, okay?“

„Wir sollten es versuchen, ja.“

Sie küssten sich flüchtig und halbherzig, dann schulterte Jaclyn ihre große Handtasche und verschwand in der Abfertigungszone. Dominique starrte ihr hinterher und wurde das Gefühl nicht los, dass etwas Unheilvolles in der Luft lag.

5

Perry Melbrooks erster Gedanke am nächsten Morgen galt dem Zahlungsbeleg, den er vernichten musste, sobald er sich davon überzeugt hatte, dass das Geld auf seinem Schweizer Konto angekommen war.

Er steckte eine Hand in die Jackentasche. Sie war leer. Melbrook erstarrte. Er war sicher, den Beleg in die Brusttasche seines Jacketts gesteckt zu haben, aber vorsichtshalber durchforstete er auch noch die beiden Seitentaschen. Nichts. Er konnte den Zettel nicht verloren haben, und er hatte sein Jackett den ganzen Abend über getragen. Es gab nur eine Person, die unbemerkt an die Innentasche herangekommen sein konnte: Jaclyn Holt. Melbrook atmete tief ein und hielt kurz die Luft an.

Was wusste er eigentlich über seine neue Sekretärin, abgesehen davon, dass sie eine reizvolle Frau war? Hatte London sie wirklich nur geschickt, um eine sofortige Vertretung für Miss Borner zu gewährleisten? Oder sollte sie ihn möglicherweise ausspionieren?

Er fuhr ins Büro und durchsuchte Jaclyns Schreibtisch, fand jedoch nichts Verdächtiges. Er musste sie schnellstens zur Rede stellen. Es konnte nicht bis Montag warten, zumal er Montag zu einer Geschäftsführersitzung in Paris erwartet wurde, der drei Tage intensives Sprachtraining folgen würden, um seine Französischkenntnisse aufzufrischen. Falls Jaclyn ihm tatsächlich hinterherspionierte, hatte sie die ganze Woche lang bequem Zeit dazu. Er musste sich sofort Gewissheit verschaffen. In welchem Hotel wohnte sie doch gleich? Er erinnerte sich, dass sie das Hyatt Regency erwähnt hatte. Er rief dort an und erfuhr, dass es keinen Gast namens Jaclyn Holt gab. Ihm fiel plötzlich die Bemerkung ein, die sie ihm in der letzten Nacht zugeflüstert hatte: Ich lebe nicht allein. Sie war seit nicht einmal vier Wochen in der Stadt und wohnte bereits nicht mehr allein? Irgendwas war da faul.

Er besorgte sich von der auch am Wochenende besetzten Telefonzentrale Delcos eine Liste aller von Jaclyns Telefon angewählten Nummern und stellte fest, dass eine innerstädtische Nummer bis zu zwei- oder dreimal täglich erschien. Er wählte diese Nummer, in der Hoffnung, dort etwas über Jaclyn herauszufinden.

Bikram Gupta meldete sich.

„Wo bin ich da bitte?“, fragte Melbrook irritiert.

„Stacy & Langmaster, Detektivagentur“, erläuterte Gupta. „Was kann ich für Sie tun?“

Melbrook schnappte nach Luft, hatte sich aber schnell wieder in der Gewalt. „Ich möchte Jaclyn Holt sprechen.“

„Sie ist heute nicht im Büro“, gab Gupta Auskunft. „Kann ich ihr eine Nachricht hinterlassen?“

„Es ist persönlich. Haben Sie ihre Privatnummer?“

„Bedaure, wir sind nicht befugt, Privatnummern herauszugeben.“

„Ich rufe nächste Woche wieder an“, knurrte Melbrook und knallte den Hörer auf die Gabel.

Eine Privatdetektivin! Diese Verräterin! Nun, das erklärte wenigstens, warum sie als Sekretärin so mittelmäßig war. Da Delco in London Jaclyns Identität bestätigt hatte, steckte die Londoner Geschäftsführung dahinter. Es war ein Komplott gegen ihn. Und Jaclyn hielt den kompromittierenden Zahlungsbeleg in den Händen! Weiß der Teufel, was sie sonst noch herausgefunden hatte. Wie hatte er ihr nur auf den Leim gehen und sich einbilden können, dass sie sich für ihn interessierte? Sie hatte einzig und allein aus Berechnung mit ihm geschlafen und ihm vorgespielt, dass sie sich tatsächlich von ihm angezogen fühlte. Wie ein Narr hatte er sich der Illusion hingegeben, noch einmal eine attraktive junge Frau zu verführen. Das würde sie ihm büßen!

Melbrook ließ seine guten Beziehungen zur Geschäftsleitung der British Airways in New Delhi spielen und erfuhr, dass Jaclyn Holt für den gleichen Abend auf der Passagierliste des Flugs nach London stand, in der Economy-Class. Er buchte sofort für sich selbst einen Flug, aber in der Business-Class. Sie sollte ihn nicht sehen. Noch nicht.

Er ließ den ursprünglich geplanten Delhi-Paris-Flug vom Sonntagabend stornieren und buchte stattdessen London-Paris für Montag früh.

Dann rief er seine Frau in London an. „Ich habe gute Neuigkeiten“, kündigte er ihr an. „Ich kann mich doch freimachen, um an Carolynes Hochzeit teilzunehmen. Ich komme morgen früh an.“

„Wie schön“, murmelte Frances Melbrook verschlafen. In London war es erst sechs Uhr früh. „Sie wird sich freuen.“

„Und ich mich erst", erwiderte er mit seiner üblichen unterkühlten Stimme. „Bis morgen.“ Er hängte ein.

6

Jaclyn schlenderte ziellos durch die Straßen von Chelsea. Sie hatte mit ihrem Mann in einem Restaurant zu Mittag gegessen und versucht, mit ihm über eine Scheidung zu reden. Wenn sie auch nicht genau wusste, wie ihre Beziehung zu Dominique weitergehen sollte, war sie zumindest sicher, dass sie nicht zu Andrew zurückkehren wollte. Es hatten sich im Laufe der Jahre zu viele Unstimmigkeiten zwischen ihnen angesammelt und sie hatten sich auseinandergelebt. Ihre Diskussion war in einen Streit ausgeartet, der die Aufmerksamkeit der Bedienung und der anderen Gäste erregt hatte.

Zum Schutz gegen den kühlen Abendwind schlug Jaclyn ihren Mantelkragen hoch und vergrub die Hände in den Taschen. An die ständige Wärme Indiens gewöhnt, fror sie. Daran mochte auch ihre Übermüdung schuld sein, denn sie hatte in der Nacht im Flugzeug nicht viel geschlafen. Die eleganten viktorianischen Häuserfassaden, nach deren Kulisse sie sich in New Delhi gesehnt hatte, wirkten steif und ungastlich auf sie. Ihr ging durch den Kopf, dass sie seit ihrer Ankunft allein für Taxi, Bus, einen Blumenstrauß für eine Freundin und einen schnell gekauften Schal so viel ausgegeben hatte, dass eine indische Familie davon einen Monat hätte leben können. Und vor allem vermisste sie Dominique an ihrer Seite. Wenn er sich doch nur überzeugen ließe, mit ihr nach London zu gehen! Andererseits: was verband sie eigentlich noch mit dieser Stadt – außer Erinnerungen, von denen die meisten eher schlecht waren? Sollte sie die Beziehung zu dem Mann, den sie liebte, opfern, nur um regelmäßig in Kunstausstellungen und ins Theater gehen zu können?

Einem Impuls folgend betrat Jaclyn eine Telefonzelle und wählte ihre Nummer in New Delhi.

„Habe ich dich geweckt?“, fragte sie lächelnd, als Dominique sich mit schläfriger Stimme meldete.

„Ich fing gerade an, vor dem Fernseher einzuschlafen. Wie geht es dir?“

„Na ja … Du hattest recht: es ist mieses Wetter hier und das Essen ist entsetzlich fade“, platzte sie heraus.

Er lachte. „Bei uns sind zweiunddreißig Grad und ich habe zum Abendessen Huhn mit Mandeln in Kokosnusssauce gegessen. Was hast du heute gemacht?“

„Mich mit Andrew beim Mittagessen gestritten. Und dann eine Freundin zum Tee besucht. Jetzt werde ich ins Hotel zurückgehen. Ich hoffe, dass ich morgen Abend wieder im Flugzeug nach Delhi sitze.“

„Sag nicht, dass du Sehnsucht nach Indien hast“, zog er sie auf.

„Nach Indien vielleicht nicht, aber nach dir, Darling. Du fehlst mir.“

„Du mir auch.“

Die Wärme in seiner dunklen Stimme traf sie wie ein wohltuender Sonnenstrahl. Jaclyn grub nervös die Fingernägel in den Handballen. „Es tut mir leid, was ich gestern am Flughafen gesagt habe. Das war gemein.“

„War es, aber ich habe ja angefangen“, räumte er ein. „Hast du mit deinem Mann über die Scheidung gesprochen?“

„Ja.“

„Und wie hat er reagiert?“

„Er ist einverstanden, aber das Gespräch ist trotzdem schlecht verlaufen. Die Tatsache, dass wir uns seit fast einem Jahr nicht gesehen haben, hat nichts daran geändert, dass wir uns noch immer nicht unterhalten können, ohne uns in die Haare zu kriegen.“

„Und meinst du, wir beide können das eines Tages wieder?“

„Ja, das möchte ich“, erwiderte Jaclyn ernsthaft. „Ich will, dass wir die letzten Monate vergessen und neu anfangen. Wir müssen es schaffen, einen Kompromiss zu finden.“

„Wir werden bei Stacy & Langmaster beantragen, im Sommer in London und im Winter in Indien zu arbeiten“, schlug er scherzhaft vor.

„Gute Idee. Ich muss Schluss machen, ich habe kaum noch Kleingeld.“

„Viel Erfolg morgen bei Delco. Schlaf gut.“

„Du auch. Ich ruf dich morgen wieder an.“

Als Jaclyn auf die Straße trat, um mit der U-Bahn in ihr Hotel zurückzukehren, war der Wind auf einmal nicht mehr ganz so kalt.

Sie nahm ein Bad, hüllte sich in den flauschigen weißen Bademantel des Hotels und beschloss, sich das Abendessen aufs Zimmer bringen zu lassen. Sie hatte keinen großen Hunger und bestellte nur eine Suppe und einen Salat. Kaum zehn Minuten später klopfte es. Jaclyn lobte insgeheim die Schnelligkeit der englischen Hotelangestellten und ging öffnen.

Vor ihr stand Perry Melbrook. Ein eisiger Schreck durchfuhr Jaclyn.

„Mr Melbrook, was tun Sie denn hier?“

Er lächelte sie an. „Darf ich einen Moment reinkommen?“

Siedend heiß fiel ihr ein, dass die Unterlagen, die sie am nächsten Tag dem Vorstand der Delco AG präsentieren wollte, auf dem Bett lagen.

„Lieber nicht, wie Sie sehen, bin ich nicht angezogen“, sagte sie hastig.

„Ich bitte dich, wir kennen uns doch seit unserer gemeinsamen Nacht ein bisschen besser“, sagte er und trat an ihr vorbei ins Zimmer. „Du kannst mich also durchaus beim Vornamen nennen.“ Er lächelte sie freundlich an und schloss die Tür. „Zumal ich ganz privat hier bin.“

„Wenn das eine Überraschung sein sollte, ist sie dir gelungen.“ Jaclyn nahm das große weiße Handtuch, das sie wie einen Turban um ihr frisch gewaschenes Haar gewickelt hatte, ab und warf es scheinbar achtlos aufs Bett über die dort verstreuten Papiere.

„Meine Nichte hat heute geheiratet, deswegen bin ich übers Wochenende in London“, erklärte Melbrook. „Ich habe mich gerade einen Moment von der Feier abgesetzt, um dich sehen zu können. Ich hatte nämlich große Lust, dich wiederzusehen.“ Er streckte eine Hand aus und streichelte zärtlich ihre Wange. Aber es hatte nicht die gleiche Wirkung auf Jaclyn wie zwei Nächte zuvor. Ihr Herz klopfte nun nicht mehr vor Erregung, sondern vor Furcht.

„Woher weißt du, dass ich in London bin?“, fragte sie beklommen.

Der Blick seiner blauen Augen war treuherzig, aber sie wusste inzwischen, dass sich darunter größte Verschlagenheit verbergen konnte. „Nun, ich war gestern Vormittag im Büro und habe einen Anruf des Personalchefs von Delco London erhalten. Er sagte mir, dass du ab Montag wieder hier gebraucht wirst. Du hast anscheinend am Freitag vergessen, mir davon zu erzählen.“

„Oh ja, natürlich“, murmelte sie. Natürlich wusste sie, dass er log. Verdammt, hätte sie nur nicht ihre Pistole in New Delhi gelassen. Aber sie hatte nicht damit gerechnet, sie in London zu brauchen.

„Bitte lass mich jetzt allein, Perry, ich bin müde“, sagte sie fest.

„Moment noch. Es ist gleich acht Uhr, ich möchte schnell einen Blick auf die Nachrichten werfen“, bat er.

Verblüfft betätigte Jaclyn die Fernbedienung. Werbung flimmerte über den Bildschirm.

„Kannst du lauter machen? Seit dem Landeanflug höre ich irgendwie nicht mehr richtig …“

Jaclyn suchte nach dem Knopf, der die Lautstärke regelte, trat dann aus Melbrooks unmittelbarer Nähe zurück und stemmte die Fäuste in die Taille. „Du bist doch sicher nicht gekommen, um bei mir die Nachrichten zu sehen. Also, was ist los?“

„Ich würde zu gerne nochmal mit dir schlafen, aber ich habe leider nicht viel Zeit“, murmelte er bedauernd und griff unter sein Jackett.

7

Schwüle Hitze lastete schwer auf New Delhi. Der Monsun war vorüber, und die Sonne brannte mit voller Kraft auf die Stadt.

Dominique und Jennifer hatten zusammen Mittagspause gemacht und kehrten nun in die wohltuend klimatisierte Detektivagentur zurück. Während Jennifer gleich die Treppe zu ihrem Büro hinaufstieg, ging Dominique noch in das Vorzimmer von William Stacy, um seiner Sekretärin eine Spesenabrechnung zu bringen.

„Sie sollen bitte sofort zu Mr Stacy kommen“, sagte Helen Forster mit so ernstem Gesicht, dass Dominique erstaunt die Augenbrauen hob. „Habe ich was ausgefressen?“

Sie schüttelte den Kopf und biss sich auf die Lippen.

Dominique klopfte an und betrat das Büro seines Chefs, einem hageren Mittfünfziger mit dünnen grauen Haaren und grauem Schnurrbart. Er fand, dass Stacy ein seltsames Gesicht machte. Selbst für einen Montag.

„Gibt es was Neues seit heute Morgen, Chef?“, fragte Dominique munter. Er war gutgelaunt seit Jaclyns Anruf vom Vorabend und freute sich darauf, sie bald wieder in die Arme zu schließen.

Stacy nickte knapp, und seine eisblauen Augen, die einen sonst so durchdringend fixierten, blickten ein wenig verloren drein.

„Ein brandeiliger Auftrag“, vermutete Dominique.

Stacy schüttelte den Kopf, immer noch mit dieser eigenartigen bekümmerten Miene, die sein strenges, knochiges Gesicht weicher wirken ließ. „Bitte setzen Sie sich, Nick.“ Es war selten, dass er ihn vertraulich Nick nannte.

Dominique zog die Augenbrauen zusammen. „Irgendeine schlechte Nachricht?“

„Allerdings.“

„Hat Peter gekündigt?“

„Wenn es nur das wäre“, sagte Stacy gepresst und seufzte tief auf. „Ich hatte einen Anruf aus London, von George Langmaster.“

„Ja, und?“

„Es geht um Jaclyn …“ Er verstummte.

„Ach, Sie spielen auf ihre neue Art und Weise an, Fälle zu lösen …“ Dominique lachte verlegen. „Nehmen Sie es ihr nicht übel, das lag auch an privaten Problemen zwischen uns beiden.“

„Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen, aber ich fürchte, das hat jetzt keine Bedeutung mehr.“

Dominique beschlich ein unbehagliches Gefühl. Es war nicht die Art des toughen Juristen, nicht sofort zur Sache zu kommen, und es sah ihm selbst nicht ähnlich, so leutselig zu sein. Die Szene hatte etwas Unwirkliches. Er runzelte die Stirn. „Spucken Sie’s aus, William.“

Stacy schluckte. „Sie hatte einen … Unfall.“

„Einen Unfall?“ Dominique erblasste. „Schlimm?“

Stacy nickte, dann holte er tief Luft. „Sie ist tot. Es tut mir so leid, Dominique.“

Dominique starrte ihn entsetzt und ungläubig an, während eine stählerne Hand sich in seine Brust zu bohren und sein Herz zu zerquetschen schien. „Was war das für ein Unfall?“, fragte er heiser.

„Nun, eigentlich war es kein Unfall. Sie wurde ermordet in ihrem Hotelzimmer aufgefunden. Erschossen.“ Stacy umklammerte eine Dose mit Büroklammern so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

„Das ist doch nicht möglich“, flüsterte Dominique. „Wer …?“

„Scotland Yard ermittelt. Es ist gestern Abend passiert.“

„Sie hat mich gestern Abend noch angerufen“, murmelte Dominique. Seine Gesichtszüge waren zu einer Maske erstarrt. Trotz der Hitze jagten kalte Schauer über seine Haut.

„Es tut mir entsetzlich leid, Dominique. Ich weiß, dass Sie und Jaclyn sich sehr nahe standen … Soll ich Jennifer rufen?“, fragte er etwas hilflos.

Dominique deutete ein Nicken an. „Sagen Sie es ihr bitte, ich kann nicht …“

Als Jennifer erfuhr, was geschehen war, wurde auch sie blass und legte sich entsetzt eine Hand vor den Mund.

Dominique saß noch immer wie versteinert in seinem Sessel und starrte blicklos vor sich hin. Jennifer trat hinter ihn und schlang die Arme um seinen Hals.

Stacy räusperte sich. „Fahren Sie nach Hause, Dominique. Ich gebe Ihnen für den Rest des Tages frei. Morgen auch, wenn Sie wollen. Aber Sie sollten sich nicht selbst ans Steuer setzen. Fahren Sie ihn, Jennifer.“

„Ich habe keinen Führerschein“, erinnerte sie ihn.

„Ach ja. Dann rufen Sie sich ein Taxi, Dominique. Sie können wieder an die Arbeit gehen, Jennifer.“

„Ich lasse meinen Vater in dieser Situation nicht allein“, protestierte sie.

Stacy seufzte. „Dann fahren Sie mit. Aber kommen Sie heute Nachmittag wieder, ich brauche Sie noch.“

„Und der Wagen? Wie kommt der nach Hause?“, erwiderte Jennifer gereizt.

„Herrgott, ich werde doch wohl noch in der Lage sein, selbst nach Hause zu fahren“, unterbrach Dominique ungehalten. Wie konnten sie sich um solche Lappalien streiten, wenn so etwas geschehen war? Er erhob sich schwerfällig und verließ ohne ein weiteres Wort das Büro.

Jennifer lief hinter ihm her. Als sie sein Büro im Erdgeschoss betrat, das er mit Jaclyn geteilt hatte, stand er vor dem Schreibtisch und zündete sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an.

„Die erste seit sechs Monaten“, murmelte er. Jaclyn zuliebe hatte er sich das Rauchen abgewöhnt, aber im hintersten Winkel seiner Schreibtischschublade hatte er ein Notfallpäckchen versteckt. Und dies war eindeutig ein Notfall. „Verdammt, wäre ich bloß mit ihr nach London geflogen. Sicher hätte ich es verhindern können …“

„Quäl dich nicht!“ Jennifer schlang die Arme um seine Taille und schmiegte sich an ihn.

Dominique legte seine Zigarette auf eine Untertasse, weil es keinen Aschenbecher mehr auf dem Schreibtisch gab, und zog seine Tochter haltsuchend an sich.

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid es mir tut“, flüsterte sie. „Sie war eine wunderbare Frau, ihr habt so gut zueinander gepasst …“

„Sei still“, sagte Dominique in ihr Haar, in das er sein Gesicht vergraben hatte.

„Wirst du nach Hause fahren?“

Er nickte.

„Ich werde mitkommen.“

„Nein. Ich möchte allein sein, Jennifer. Lass mich allein damit fertigwerden.“ Er streichelte ihr über die Haare.

„Aber …“, setzte sie an.

„Bitte, Jenni. Wir sehen uns heute Abend.“ Er löste sich von ihr und verließ den Raum.

 

Beklommen stieg Jennifer die Treppe in ihr Büro hinauf. Die obere Etage war wie ausgestorben. Ihr Ex-Freund Rajiv Mansâni hatte gekündigt, seinen Resturlaub genommen und war nicht mehr in der Agentur. Die Ermittler John Fischer und Bikram Gupta waren außer Haus. Jennifer fühlte sich einsam und war völlig durcheinander. Sie wusste später nicht mehr, wie sie es geschafft hatte, die dringenden Arbeiten, die auf ihrem Schreibtisch lagen, auszuführen. Ihre Gedanken kreisten unablässig um Dominique und Jaclyn. Sie empfand tiefstes Mitleid mit ihrem Vater und sorgte sich darum, wie er dieses schreckliche Ereignis verkraften würde. Und auch persönlich schmerzte sie der Verlust. Jaclyn war ihr eine gute Freundin gewesen. Sie sehnte sich nach Rajiv. Oder nach Peter, mit dem sie vor Rajiv eine Affäre gehabt hatte und der ihr gleichzeitig immer ein guter Freund gewesen war. Sie wollte sich in den Arm nehmen lassen, das Gesicht in einer Brust vergraben und sich trösten lassen. In der nächsten Zeit würde sie es sein, die ihren Vater trösten musste – und sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte.

Als sie eine Unterschriftenmappe in Helen Forsters Büro brachte, bot ihr diese eine Tasse Tee an und sagte ihr ein paar nette, mitfühlende Worte. Jennifer spürte, wie ihr bei dieser mütterlichen Fürsorge die Tränen kamen, und kehrte hastig in ihr Büro zurück.

Mehrmals war sie in Versuchung, Dominique anzurufen, ließ es aber jedes Mal. Was hätte sie auch sagen sollen?

Sie war erleichtert, als ihr deutscher Kollege John, der eigentlich Jochen hieß, ins Büro zurückkehrte. Mit zitternder Stimme berichtete sie, was geschehen war. Auch John hatte Jaclyn gemocht und war sehr betroffen.

„Ich fahre dich nach Hause“, sagte er schließlich. „Wollte Dominique zu euch nach Hause oder in Jaclyns Wohnung?“

„Ich weiß es nicht. Versuchen wir es erst mal bei uns, das liegt ja auf dem Weg.“

Dominique war vor einem Dreivierteljahr zu Jaclyn gezogen, die für die Dauer ihres Aufenthalts in Peters Apartment wohnte, und hatte seine eigene Wohnung Jennifer überlassen.

Vor der Haustür war von Dominiques Wagen nichts zu sehen.

„Lass uns trotzdem einen Moment hinaufgehen“, bat Jennifer und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem Gesicht. „Ich muss mich erst beruhigen. So bin ich meinem Vater keine Hilfe. Hast du Zeit?“

„Für dich immer“, versicherte John.

Als sie nebeneinander auf der Couch saßen, Cola tranken und von Jaclyn redeten, brach Jennifer in Tränen aus.

„Ich war immer ein bisschen eifersüchtig auf Jaclyn“, gestand sie schluchzend und vergrub das Gesicht in den Händen. „Nicht nur, weil sie so schön, klug und weltgewandt war, sondern vor allem, weil Dominique sie geliebt hat. Ich habe mir manchmal gewünscht, sie würden sich trennen, damit ich ihn wieder ganz für mich allein hätte. Aber so sollte es nicht geschehen. Nein, das habe ich nicht gewollt.“

John legte den Arm um ihre zuckenden Schultern. Da sie unwillkürlich in ihre Muttersprache gewechselt hatte, hatte er ihre Worte nicht verstanden. Und vielleicht war das auch besser so, dachte sie.

Jennifer kippte den Rest Cola hinunter, straffte ihre Schultern und wischte sich entschlossen die Tränen aus dem Gesicht. „Ich muss jetzt nach Papa sehen.“ Sie wollte aufstehen.

„Warte!“ Er zog ein sauberes Taschentuch aus seiner Hosentasche und säuberte vorsichtig, fast liebevoll, die Haut unter ihren Augen von zerflossener Wimperntusche und verschmiertem Lidstrich.

Dann fuhr er sie zu dem Apartmenthaus, in dem Peter Hestersants Wohnung lag. Vor der Tür stand Dominiques dunkelblauer Renault.

„Soll ich mitkommen?“, fragte er.

„Nein, danke. Es wird schon gehen.“

„Wenn irgendwas ist weißt du ja, wo ich wohne.“ Er zwinkerte ihr aufmunternd zu.

Jennifer nickte und gab ihm einen raschen Kuss auf die Wange. „Bis morgen.“ Sie stieg die Treppe hinauf und schloss die Wohnungstür auf.

Dominique saß auf der Couch und starrte ins Leere, in der einen Hand ein halbvolles Whiskyglas, in der anderen eine Zigarette.

Er blickte Jennifer an, als sie sich still zu ihm setzte. „Ich werde übermorgen nach London fliegen.“

„Zur Beerdigung?“

„Ja, falls die zeitnah genug stattfindet. Erst mal werde ich die Polizei dabei unterstützen, ihren Mörder zu finden. Ich werde dafür sorgen, dass der Kerl hinter Gitter kommt. Wenn ich ihn nicht vorher umbringe.“

Da war etwas in seinem Blick, das ihr eine Gänsehaut verursachte.

„Soll ich uns was zu essen machen?“, fragte sie hilflos.

Dominique schüttelte den Kopf. „Ich würde nichts runterkriegen.“

„Du wirst es versuchen.“ Jennifer ging in die Küche. Aus den Resten, die sie in Kühlschrank und Speisekammer fand, bereitete sie ein einfaches, kleines Gericht zu. Sie hatte Hunger, musste sich aber zum Essen zwingen. Dominique stocherte nur auf seinem Teller herum.

„Reservier mir morgen einen frühen Flug nach London und ein Zimmer im Hotel Marriott, in dem auch Jaclyn abgestiegen ist“, bat er, als sie später wieder auf der Couch saßen.

„Wie lange willst du wegbleiben?“

„Ich werde nicht wiederkommen, bevor Jaclyns Mörder nicht gefasst wurde.“

„Meinst du denn, Mr Stacy wird dich gehen lassen?“, zweifelte sie. „Peter ist noch nicht wieder da, Rajiv nicht mehr, Jaclyn nicht … John und Bikram können nicht allein …“

„Stacy wird mich gehen lassen.“ Es lag eine so kalte, gefährliche Entschlossenheit in seiner Stimme, dass Jennifer wusste, ihn würde nichts davon abhalten können. „Ich bin sicher, dass es mit Jaclyns letztem Fall zusammenhängt. Ich werde ihren Auftrag zu Ende bringen. Und den Mörder vor Gericht.“

„Solltest du das nicht lieber der Polizei überlassen?“

Er schüttelte den Kopf. „Wer auch immer sie umgebracht hat, er soll dafür büßen. Er wird nicht ungestraft davonkommen. Ich werde ihn kriegen – mit oder ohne Hilfe der Polizei.“

Jennifer legte die Arme um ihn und schmiegte sich an ihn. Haltsuchend umschlang er ihre Taille und lehnte den Kopf gegen ihren. Sie streichelte ihm über die Haare und das Gesicht, das binnen weniger Stunden schmaler und blasser geworden zu sein schien, und küsste ihn sacht auf die Stirn und die Wangen. Dominique gab sich ihren Zärtlichkeiten passiv hin. Sie betäubten ein wenig den bohrenden Schmerz.

Jennifer hingegen war nicht betäubt, sondern fühlte sich so verletzlich wie lange nicht. Sie vermisste Jaclyn, und sie vermisste Rajiv. Woher sollte sie die Kraft nehmen, ihren Vater zu trösten, wenn sie selbst Trost brauchte? Sie wusste, dass sie Dominique in diesem Zustand nicht im Stich lassen durfte, dass sie für ihn da sein musste, aber sie konnte es nicht. Sie musste hier raus.

Sie griff nach seinem Whiskyglas und nahm einen großen Schluck.

„Tut mir leid“, sagte sie dann, erhob sich und nahm ihre Schlüssel.

„Wo willst du hin?“, fragte er beunruhigt.

„Ich brauche frische Luft.“

Er griff nach ihrer Hand. „Kannst du nicht bei mir bleiben?“

Sie schüttelte den Kopf und entzog ihm ihre Hand. „Vorhin wolltest du noch unbedingt allein sein… Ich komme bald wieder. Ich will einfach nur ein bisschen raus, okay?“

8

Ziellos lief Jennifer durch die Straßen New Delhis. Es war inzwischen dunkel geworden. Sie war zu verwirrt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Sie fühlte sich ein wenig schuldig, weil sie Dominique allein gelassen hatte, aber gleichzeitig empfand sie auch Wut. Sie sollte für einen Vater da sein, der sie fast ihr ganzes Leben vernachlässigt hatte? Es spielte keine Rolle, dass sie mittlerweile ein gutes Verhältnis hatten. Und sie wusste, dass das, was sie fühlte, nicht mehr war als kindlicher Trotz, aber sie konnte nicht anders. Sie konnte ihm nicht helfen, nicht jetzt.

Sie stellte fest, dass sie vor dem Häuserblock angekommen war, in dem John wohnte. Hatte er ihr nicht noch zu Beginn des Abends angeboten, zu ihm zu kommen? Sie klingelte.

John hatte auf der Couch gelegen und ferngesehen. Er schien erfreut, Jennifer zu sehen.

„Möchtest du was trinken?“, fragte er. „Ein Glas Wein vielleicht?“

„Nein, danke. Mir schwirrt so schon der Kopf.“ Sie wischte sich mit der Hand über die Stirn.

„Wie geht es Dominique?“

„Er brütet über Racheplänen. Er will nach London fliegen und Jaclyns Mörder stellen.“

„Das habe ich mir gedacht.“

„Ich habe Angst um ihn, John. Er wird sich wieder mal in Gefahr bringen. Oder er bringt den Mann um, und dann wird er selbst hinter Gitter kommen.“ Jennifer sah ihn aus tränenschimmernden Augen an. „Was soll ich nur tun?“

„Ich glaube, wenn Dominique zu etwas entschlossen ist, dann kann niemand ihn davon abbringen“, sagte John zögerlich. „Du kannst nichts tun. Aber abgesehen davon bin ich überzeugt, dass er schon morgen wieder zur Vernunft kommen wird. Falls er den Mörder tatsächlich stellt, wird er ihn der Polizei übergeben, mehr nicht. Vielleicht wird er ihn verprügeln, aber er wird ihn schon nicht umbringen.“

„Nein, wahrscheinlich nicht, aber Jaclyns Mörder könnte auch ihn töten. Und … ach, John, er tut mir so leid. Und natürlich tut mir auch Jaclyn unendlich leid.“ Die Tränen begannen über ihre Wangen zu laufen, und John wischte sie ihr zärtlich ab.

„Du siehst völlig verstört aus“, sagte er mitfühlend, zog sie in die Arme und küsste ihre Stirn.

„Bitte nicht“, wehrte sie ab. „Das ist nicht der Moment.“

„Tut mir leid. Natürlich nicht.“ Er ließ sie los.

Jennifer sah ihn an. Jetzt war nun wirklich kein geeigneter Zeitpunkt, um sich in eine neue Affäre zu stürzen. Zumal sie kein bisschen in John verliebt war. Sie mochte ihn, und mit seiner kräftigen breitschultrigen Statur wirkte er stark und zuverlässig. Er war nur wenige Jahre älter als sie selbst und da er Deutscher war, hätte sie sicherlich nicht so sehr mit kulturellen Unterschieden zu kämpfen gehabt wie bei Rajiv. Aber John war für sie nie mehr gewesen als ein netter Kollege, ein Kumpeltyp, und sie spürte, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern würde. Und sie war noch immer nicht über die Beziehung zu Rajiv hinweg, die erst im vergangenen Monat geendet hatte.

Als hätte er ihre Gedanken erraten, fragte er: „Was wird jetzt aus dir und Rajiv, wo er die Agentur verlässt?“

Musste er den Dolch in der Wunde umdrehen?

„Es ist aus zwischen uns. Wir hätten uns schon lange trennen sollen, aber wir haben es nicht fertiggebracht, weil wir uns jeden Tag gesehen haben.“

„Es war echt mies, dass er nochmal geheiratet hat, obwohl ihr doch zusammen wart.“

„Seine Familie hat ihn unter Druck gesetzt. Seine erste Frau hat ihm keinen Sohn geboren, also musste eine zweite her. Aber es war klar, dass ich das nicht sein würde, als Ungläubige und unreine Weiße.“ Sie lachte bitter auf. „Das wäre für mich auch nicht infrage gekommen. Ich hatte schon Probleme damit, dass er eine Ehefrau hat. Mit einer zweiten hätte ich mich nicht arrangieren können. Und dann hat er mir noch Eifersuchtsszenen gemacht, wenn mein Ausschnitt zu tief war oder wenn ich dich mal auf die Wange geküsst habe …“

„Ja, ich erinnere mich. Er war ein echt netter Kollege, aber ihr beide habt einfach nicht zueinander gepasst.“

„Trotzdem haben wir uns geliebt“, murmelte sie. „Nur hat das nicht gereicht.“

John blickte sie unsicher an. „Kann ich dir irgendwie helfen?“

Sie machte eine Handbewegung in Richtung Fernseher. „Guck dir ruhig an, was du sehen wolltest. Ich will einfach nur ein Weilchen hier mit dir sitzen. Ist das okay?“

„Na klar.“ Er schaltete das Gerät wieder ein.

Jennifer schlüpfte aus ihren Sandaletten, kauerte sich auf der Couch zusammen und lehnte den Kopf haltsuchend an Johns Schulter. Während sie auf den Bildschirm starrte, ohne das Geringste von dem indischen Krimi mitzubekommen, kehrten ihre Gedanken immer wieder zu Dominique zurück. Das schlechte Gewissen, ihn allein gelassen zu haben, rang mit ihrer eigenen Trauer und Verzweiflung über Jaclyns und Rajivs Verlust.

Sobald der Abspann des Films über den Bildschirm flimmerte, richtete Jennifer sich auf. „Ich gehe jetzt nach Hause. Ich will nach Dominique sehen.“

„Ich werde dich bringen. Du solltest um diese Zeit nicht mehr allein durch die Straßen laufen.“

Im Wohnzimmer brannte noch Licht, als Jennifer Jaclyns Wohnung betrat.

Dominique lag schlafend auf der Couch, den Oberkörper so weit vorgeneigt, dass er jeden Moment hinunterzufallen drohte. Die Whiskyflasche vor ihm auf dem Tisch war leer, und der Aschenbecher quoll über vor Zigaretten.

Jennifer stiegen wieder die Tränen in die Augen, als sie ihn so sah. Sie wollte ihn auf die Couch zurückschieben, aber er war zu schwer. Sie versuchte, ihn zu wecken, doch er schlief den tiefen, schweren Schlaf der Betrunkenen.

„Bitte, Dominique, wach auf …“ Sie ließ den Kopf auf seine Schulter sinken und weinte.

Dominique erwachte schließlich und ließ sich von Jennifer ins Schlafzimmer bringen. Sie half ihm beim Ausziehen und sank erschöpft neben ihm in das breite Bett. Ohnehin war Peters Couch zu klein, um bequem darauf zu schlafen.

Dominique schlief sofort weiter. Jennifer wälzte sich unruhig neben ihm hin und her. Es war ein merkwürdiges Gefühl, jetzt mit ihm in dem Bett zu liegen, in dem sie sich früher so oft mit Peter geliebt und das Dominique später mit Jaclyn geteilt hatte.

 

***

 

Am nächsten Morgen stand Jennifer vor Jaclyns Kleiderschrank. Die Sachen, die sie am Vortag getragen hatte, waren verschwitzt und zerknittert, und sie hatte keine Lust, nach Hause zu fahren, um sich umzuziehen. Außerdem waren sie spät dran. Sie und Jaclyn hatten die gleiche Kleidergröße, und so beschloss sie, sich von Jaclyn etwas zum Anziehen auszuborgen. Sie schlüpfte in ein jadegrünes Sommerkleid und betrachtete sich im Spiegel. Bei ihrem Urlaub in Frankreich hatte sie sich die Haare auf Schulterlänge stutzen und leicht dauerwellen lassen. Da sie beim Aufstehen so elend ausgesehen hatte, blass und mit Schatten unter den Augen, hatte sie sich an Jaclyns Make-up bedient. Sie sah auf einmal sehr damenhaft aus, und war mit ihren braunen Haaren und den grünbraunen Augen Jaclyn vom Typ her recht ähnlich, stellte sie fest.

Dominique kam aus dem Bad ins Schlafzimmer. Als er Jennifer in dieser Aufmachung erblickte, starrte er sie an wie einen Geist.

Sie lächelte ihn an und wandte ihm den Rücken zu. „Könntest du mir bitte den Reißverschluss zumachen?“

„Zieh sofort Jaclyns Kleid aus“, sagte Dominique tonlos.

Jennifer hob die Augenbrauen. „Meinst du, dass sie was dagegen hätte?“

„Ich habe was dagegen! Ich will nicht, dass du als Kopie von ihr herumläufst.“

„Dann musst du mich nach Hause fahren. Mein Shirt von gestern ist total verschwitzt, das kann ich nicht noch mal anziehen.“

„Dann nimm dir eben irgendein Shirt von Jaclyn. Aber nicht dieses Kleid!“

Kopfschüttelnd nahm sie ein schlichtes weißes T-Shirt aus dem Schrank. „Was soll da schon der Unterschied sein?“

„Es erinnert mich zu sehr an sie.“

 

***

 

Schweißgebadet erwachte Jennifer mit einem leisen Schrei aus einem Alptraum. Als sie die Silhouette eines Mannes wahrnahm, der sich in der Dunkelheit vom Korridor her ihrem Bett näherte, stieß sie angsterfüllt einen zweiten Schrei aus.

„Psst, Jenni, was ist?“, raunte er und setzte sich auf ihre Bettkante. „Du hast nach mir gerufen.“

Jennifer richtete sich halb auf und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich habe etwas Scheußliches geträumt.“

Der Schock, den sie am Vortag bei der Nachricht von Jaclyns Tod bekommen hatte, war einem Entsetzen gewichen, das in der Stille und Dunkelheit ihres Schlafzimmers ins Maßlose ausuferte. Dominique war am Abend wieder in seine Wohnung zurückgekehrt und hatte sich wie früher die Couch zur Nacht zurechtgemacht. Jennifer war froh darüber.

„Oh, Papa, ich habe Angst!“ Sie schlang die Arme um seinen Hals. Ihre Wange, die sich an seine presste, war tränennass.

Daran, dass sie ihn Papa nannte, merkte er, wie verängstigt und verstört sie war. Normalerweise redete sie ihn seit über einem Jahr mit seinem Vornamen an.

„Wovor hast du Angst, Liebes?“ Er strich ihr beruhigend über den Rücken und fühlte, wie sie zitterte.

„Vor dem, was Jaclyn zugestoßen ist. Wer hat sie ermordet? Und weshalb? Das ist so unheimlich. Plötzlich fallen mir alle Krimis und Psychothriller ein, die ich je gesehen habe.“

Seine Fingerkuppen gruben sich ihr fast schmerzhaft in den Rücken. „Mir auch“, murmelte er. „Und deswegen muss ich morgen früh nach London fliegen und es herausfinden.“

„Bitte, flieg nicht!“, flehte Jennifer. Sie zögerte einen Moment. „Ich habe eben geträumt, dass dich jemand umgebracht hat.“

„Beschreibe mir, wie er aussah, damit ich gewarnt bin“, versuchte Dominique zu scherzen, aber es kam recht gepresst heraus.

„Er war etwa um die Fünfzig, schlank, dunkelblonde Haare, blaue Augen“, sagte sie.

Die Beschreibung passte auf das Foto von Perry Melbrook, das Dominique in Jaclyns Unterlagen gefunden hatte. Jennifer hatte es jedoch nicht gesehen.

„Ach, Jenni, du hast eine zu lebhafte Phantasie“, wehrte er ab. „Aber wenn wir schon mal dabei sind: wie hat er mich umgebracht?“

„Ich weiß nicht mehr … mit bloßen Händen, glaube ich.“

„So ein Unsinn. Und dann?“

„Dann wollte er mich erwürgen. Ich habe mich ohne dich so verlassen und verzweifelt gefühlt, dass ich mich nicht einmal gewehrt habe. Kannst du dir das vorstellen?“ Sie schluchzte auf und verbarg das Gesicht an Dominiques Schulter.

„Jenni, beruhige dich, es war nur ein dummer Alptraum.“ Er streichelte ihr über das weiche lockige Haar und küsste sie auf die Stirn. „Ich lebe ja noch. Komm jetzt, hör auf zu weinen und versuch, weiterzuschlafen.“ Er wollte sich von ihr lösen, doch sie klammerte sich an ihn.

„Bitte flieg nicht nach London! Lass mich nicht allein! Ich habe Angst, hier allein zu bleiben!“

„Jennifer, mach es mir nicht noch schwerer“, sagte Dominique mit beginnender Ungeduld. „Du hast die letzten Monate allein gelebt, und es hat dich nicht gestört. Du bist hier in Sicherheit. Wer auch immer Jaclyn umgebracht hat, er ist Tausende von Kilometern entfernt.“

„Aber ich sorge mich doch auch um dich!“

„Bis ich in London ankomme, hat die Polizei den Täter vielleicht schon geschnappt. Vielleicht sitzt er bereits in Untersuchungshaft. Aber ich muss hin, und sei es nur, um zu Jaclyns Beerdigung zu gehen. Das schulde ich ihr, und es ist mir auch ein Bedürfnis. Außerdem will Stacy, dass ich Delco die Beweise gegen Melbrook vorlege.“

„Das verstehe ich ja“, schniefte Jennifer. „Tut mir leid, ich will es dir nicht noch schwerer machen. Aber du kannst es mir auch nicht übelnehmen, dass ich um dich Angst habe, oder? Besonders nach so einem Traum! Und ich weiß, dass es dir egal ist, wenn du dich in Gefahr begibst. Ich habe ständig Angst um dich.“

„Rutsch mal zur Seite“, sagte er.

Jennifer machte ihm Platz, und er schlüpfte zu ihr ins Bett. Sie kuschelte sich in seine Arme. „Es tut mir leid wegen heute Morgen“, sagte sie. „Ich meine, wegen Jaclyns Kleid und so … Ich hätte einen Moment nachdenken sollen. Ich wollte dir nicht noch mehr Kummer machen.“

Er küsste sie auf die Nasenspitze. „Vergiss es. Es war nur ein Kleid.“

„Ich dachte immer, Männer achten sowieso nicht auf Kleider“, versuchte sie zu scherzen.

„Detektive schon. Wir sind schließlich darauf trainiert, auf jedes Detail zu achten.“

Aneinandergeschmiegt schliefen sie wieder ein und schöpften Trost aus der Nähe des jeweils anderen.

9

„Der Kellner vom Zimmerservice hat sie tot neben dem Bett liegend aufgefunden“, erklärte Detective Superintendant Colin Briggs, der die Ermittlungen im Mordfall Jaclyn Holt leitete, und zeigte auf die Kreidemarkierungen auf der nougatbraunen Auslegeware. „Es gibt keine Spuren eines Kampfes. Der Täter muss sie überrascht haben. Oder sie kannte ihn gut.“

„Hat sie sehr gelitten?“, fragte Dominique leise.

„Nein. Laut Rechtsmediziner ist der Schuss aus nächster Nähe abgegeben worden und das Herz wurde direkt getroffen. Sie muss sofort tot gewesen sein. Der Täter hat versucht, es nach Raubmord aussehen zu lassen. Man hat ihre Sachen durchwühlt, die Handtasche ausgeleert, und es gibt keine Spur von Portemonnaie, Kreditkarten und Schmuck in ihrem Zimmer.“

„Aber Sie glauben nicht an Raubmord?“

„Nein. Wenn es auf der Straße passiert wäre, dann vielleicht. Aber in ein Hotelzimmer einzudringen, das Risiko eingehen, gesehen zu werden und nicht flüchten zu können … Das war bestimmt kein Raubmord. Und warum gerade Mrs Holt? Hatte sie ungewöhnlich viel Geld bei sich? Teuren Schmuck?“

„Nicht, dass ich wüsste.“ Dominique starrte auf die Kreidekonturen einer Frauengestalt. „Hat in den benachbarten Zimmern niemand den Schuss gehört?“

"Nein. Der Gast im Zimmer links gab zu Protokoll, kurz vor acht Uhr abends plötzlich recht laut den Fernseher gehört zu haben. Er muss Geräusche aus diesem Zimmer übertönt haben.“

„Aber sicher nicht den Schuss. Vermutlich hat der Täter einen Schalldämpfer benutzt.“

„Höchstwahrscheinlich. Der Fernseher sollte wohl einen eventuellen Aufschrei übertönen. Da der Zimmerkellner den Raum gegen fünf nach acht betreten hat, nehme ich an, dass der Fernseher bereits in Anwesenheit des Täters eingeschaltet wurde. Was darauf hinweist, dass Mrs Holt ihn gut gekannt hat. Zumal sie im Bademantel aufgefunden wurde. Einen Unbekannten hätte sie so gewiss nicht hineingelassen, oder? Das reduziert die Anzahl der verdächtigen Personen erheblich.“

„Sie erwartete den Zimmerservice“, gab Dominique zu bedenken. „Sie könnte die Tür im Glauben geöffnet haben, es handle sich um den Kellner, und jemand anders könnte sich Zutritt verschafft haben. Kein Unbekannter, sondern jemand mit einem Motiv.“

„Ja, das glaube ich auch. Es ist nicht auszuschließen, dass Mrs Holt von ihrem Ehemann getötet wurde. Zeugen berichten, dass sie eine heftige Meinungsverschiedenheit in einem Restaurant hatten, wenige Stunden vor der Tat.“

Dominique schüttelte den Kopf. „Wieso sollte er sie umgebracht haben? Sie hat mich nach diesem Gespräch angerufen und mir gesagt, dass er mit einer Scheidung einverstanden sei. Ich habe einen besseren Verdächtigen für Sie, mit einem handfesten Motiv.“ Er zog einen zusammengefalteten Zeitungsausschnitt aus der Brusttasche seines Hemdes. Es war ein Artikel über Delco India mit einem Foto des freundlich lächelnden Perry Melbrook.

Der Kriminalkommissar studierte das Foto und die Bildunterschrift. „Wie kommen Sie darauf?“

Dominique erklärte ihm den Sachverhalt. „Mrs Holt sollte das Beweismaterial für die Unterschlagungen dieses Gentleman am Montag bei der Delco AG in London vorlegen. Melbrook wollte sie daran hindern, und ich gehe jede Wette ein, dass die Unterlagen aus diesem Zimmer hier verschwunden sind. Er riskiert mehrere Jahre Gefängnis und den Verlust von allem, was er sich – legal und illegal – im Laufe der Jahre erarbeitet hat. Wenn das kein ausreichendes Motiv ist.“

„Könnte sein“, gab Briggs zu. „Meine Kollegen von der Spurensicherung haben keine Akten gefunden. Wir werden Nachforschungen über Mr Melbrook anstellen.“

„Ich habe Kopien aller von Mrs Holt zusammengestellten Unterlagen dabei“, sagte Dominique. „Ich werde sie an ihrer Stelle morgen früh dem Vorstand der Delco AG vorlegen und versuchen, etwas über den Aufenthaltsort dieses Herren zu erfahren. In seinem Büro konnte mir niemand Auskunft darüber geben.“ Jaclyn war vermutlich die Einzige, die es gewusst hatte. Mrs Lansbury hatte lediglich in Erfahrung gebracht, dass Perry Melbrook die ganze Woche auf Geschäftsreise sein würde.

Jaclyns Koffer lag geöffnet und mit zerwühlter Kleidung auf dem unbenutzten Bett des Zimmers. Dominique streichelte mit erstarrter Miene über die weiche Seide einer Bluse.

„Soll ich Ihnen einen Kaffee bringen lassen?“, fragte Briggs mitfühlend.

„Nein, danke, es geht schon.“

„Meinen Sie, dass Mrs Holt Mr Melbrook gut genug gekannt hat, um ihn nur mit einem Bademantel bekleidet zu empfangen?“, erkundigte er sich vorsichtig.

Dominique verzog den Mund. „Ich fürchte ja. Was ist eigentlich mit Fingerabdrücken?“

„Fingerabdrücke gibt es jede Menge, wie in jedem Hotelzimmer. Das bringt uns nicht weiter.“

„Wo war Mr Holt zur Tatzeit?“

„Er hat kein Alibi. Er sagt, er war allein zu Hause.“

„Nicht sehr pfiffig, oder? Wenn man jemanden umbringen will, sorgt man doch als Erstes für ein handfestes Alibi.“

„Finden Sie es pfiffig von Mr Melbrook, sie mit einem so offensichtlichen Motiv umzubringen? Er kann sich ja denken, dass es Kopien von diesem Beweismaterial gibt.“

„Ich wette, er war zur Tatzeit offiziell nicht in London, sondern in New Delhi. Er könnte also meinen, dass man nicht so leicht auf ihn kommt. Außerdem bin ich sicher, dass dieser Mann ausgebufft genug ist, um sich ein gutes Alibi zu sichern.“

„Das werden wir sehen. Wir haben übrigens noch einen anderen Verdächtigen: Es gibt da einen Drogenhändler, den Mrs Holt in ihrer Scotland-Yard-Zeit zur Strecke gebracht hat. Er hatte ihr ewige Rache geschworen. Und wie der Zufall es will, ist er vor Kurzem aus dem Gefängnis entlassen worden. Wir können ihn nicht aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen, auch wenn es etwas weit hergeholt erscheint.“

Dominique zuckte mit den Schultern. „Nicht weiter hergeholt als Mr Holt zu verdächtigen.“

„Sie wissen anscheinend nicht, dass Mrs Holt vor Jahren eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, deren Bezugsberechtigter Mr Holt ist. Er hatte in der letzten Zeit finanzielle Probleme, scheint es – und plötzlich ist er um fünfzigtausend Pfund reicher. Gibt Ihnen das nicht zu denken?“

„Ja. Aber das erscheint mir viel zu offensichtlich. So dumm wird er nicht sein.“

„Geldgier lässt viele Menschen ihre Intelligenz vergessen, Mr Demesy.“

„Ich weiß. Hat im Hotel niemand jemanden gesehen, der in dieses Zimmer hineinging oder herauskam?“

„Nein. Das Hotel ist zu groß, um festzustellen, wer hier hingehört und wer nicht.“

„Gibt es Überwachungskameras am Eingang?“

„Nein.“

„Ich möchte mit Mr Holt sprechen“, sagte Dominique.

„Der sitzt bereits in Untersuchungshaft. Nur sein Anwalt darf zu ihm. Was wollen Sie von ihm?“

„Fragen, ob Jaclyn etwas über den Fall Melbrook erwähnt hat, während sie sich beim Mittagessen unterhalten haben.“

„Wir haben ihn natürlich bereits verhört. Aber sie hat wohl keine Details über den Auftrag genannt, der sie nach London geführt hat.“

„Wenn Mr Holt in Untersuchungshaft sitzt, wer kümmert sich dann um die Bestattung? Jaclyn hat keine Familie mehr in London, soviel ich weiß.“

„Eine ihr nahestehende Freundin hat angeboten, das zu übernehmen. Die Beerdigung wird bereits nächsten Dienstag stattfinden, habe ich gehört.“

„Das ist gut, dann kann ich hingehen. Hören Sie, ich würde trotzdem gerne mit Mr Holt sprechen. Vielleicht wird er mir mehr anvertrauen als Ihnen. Können Sie vielleicht versuchen, die Genehmigung des Untersuchungsrichters einzuholen?“

Superintendant Briggs legte Dominique die Hand auf die Schulter. „Sie hatten einen Schock, Mr Demesy. Dazu kommen der lange Flug und der Jetlag. Ruhen Sie sich aus, tragen Sie morgen Ihre Ergebnisse bei Delco vor und versuchen Sie, etwas über den Aufenthaltsort von diesem Perry Melbrook herauszubekommen. Den Rest überlassen Sie Scotland Yard.“

Dominique blieb nichts anderes übrig als sich zu fügen. Was ihn nicht daran hinderte, am gleichen Abend noch ein paar Nachforschungen im Hotel Marriott anzustellen.

 

***

 

„Sie können einen Haftbefehl gegen Perry Melbrook ausstellen lassen“, verkündete Dominique am nächsten Vormittag triumphierend, als er Detective Superintendant Briggs in seinem Büro gegenübersaß. „Wenn nicht wegen Mord, dann auf alle Fälle schon mal wegen Unterschlagung. Delco wird Anzeige gegen ihn erstatten. Ich habe gerade mit zwei Vorstandsmitgliedern und dem firmeneigenen Juristen gesprochen.“

„Ich habe inzwischen herausgefunden, dass Melbrook am Sonntag tatsächlich in London war“, bestätigte Briggs. „Aber er hat ein Alibi: Er war auf der Hochzeitsfeier seiner Nichte. Mindestens hundert Leute können das bestätigen.“

„Wie haben Sie das herausgekriegt?“

„Er stand auf der Passagierliste der British Airways in der Nacht zum Sonntag. Und er hat einen Wohnsitz in London. Ich habe dort seine Frau angetroffen. Sie hat mir von der Hochzeit erzählt.“

„Wo fand die Feier statt?“, erkundigte sich Dominique.

„Im Four Seasons in Mayfair.“

„Wie weit ist es von dort aus mit dem Auto zum Marriott?“

Briggs dachte kurz nach. „Am Sonntagabend etwa eine Viertelstunde.“

„Es hat ihn also kaum mehr als eine Dreiviertelstunde Zeit gekostet, die Feier heimlich zu verlassen, ins Marriott zu fahren, Jaclyn umzubringen und sich dann wieder unauffällig unter die Gäste zu mischen. Wenn über hundert Personen teilnehmen, fällt es doch überhaupt nicht auf, mal eben zu verschwinden.“

„Ich fürchte, das genügt nicht, um ihn zur Fahndung ausschreiben zu lassen. Im Übrigen hat Melbrook keinen Waffenschein und keine Schusswaffe ist auf seinen Namen registriert.“

„Das will doch nichts heißen.“

„Das stimmt, aber Mr Holt hingegen hat sehr wohl einen Waffenschein. Er hat mal bei einem Sicherheitsdienst gearbeitet. Einmal hat er eine Pistole als gestohlen gemeldet, eine 32er Smith & Wesson. Und Mrs Holt wurde mit einer Smith & Wesson gleichen Kalibers ermordet“, sagte Briggs triumphierend.

„Smith & Wesson ist ein sehr gängiger Pistolentyp – ich habe auch eine. Aber ein größeres Kaliber“, fügte er hastig hinzu, als er den Blick des Superindendant sah. „Übrigens habe ich Melbrooks Foto an der Rezeption des Marriot-Hotels gezeigt. Und eine der Angestellten erinnert sich, am Sonntagabend einen Mann gesehen zu haben, der ihm ähnlich sah. Eine andere hat am Nachmittag einen Anruf für Mrs Holt bekommen. Sie hat diesem Mann die Zimmernummer von Jaclyn mitgeteilt.“

„Ja, das weiß ich. Aber da sich der Mann natürlich nicht vorgestellt hat, haben wir keinen Anhaltspunkt dafür, seine Identität festzustellen. Oder hat Mr Melbrook eine stimmliche Eigenheit?“

„Nicht, dass ich wüsste. Aber wenn wir ihn schnappen wollen, müssen wir sofort nach Paris fliegen. Dort hält sich Melbrook nämlich gerade auf, wenn die Informationen von Delco stimmen. Noch bis heute Abend, dann fliegt er nach Delhi zurück. In Indien wird es weitaus schwieriger werden, ihn zu fassen, falls er untertaucht. Bitte kommen Sie mit nach Paris. Wenn nicht, werde ich es allein tun.“

„Ich kenne meinen Job, Mr Demesy“, entgegnete Briggs mit leichter Gereiztheit. „Und Sie sind Privatdetektiv, nicht Kriminalkommissar. Noch dazu standen Sie dem Opfer zu nahe, um objektiv sein zu können. Lassen Sie mich meinen Job tun. Ihrer endet hier.“

„Trotzdem fliege ich jetzt nach Paris, und sei es als Privatperson“, sagte Dominique unbeirrt. „Die nächste Maschine geht in knapp drei Stunden. Kommen Sie mit?“

Briggs warf ihm einen genervten und gleichzeitig resignierten Blick zu und erhob sich wortlos. „Dann kommen Sie schon. Vielleicht können Sie mir nützlich sein, und sei es nur als Dolmetscher.“

10

Sie trafen gegen 15.30 Uhr auf dem Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle ein und fuhren zunächst ins Hotel Sofitel an der Porte Maillot, in dem Melbrook abgestiegen war. Dominique nahm dort ebenfalls ein Zimmer, stellte seinen Koffer ab und dann fuhren sie weiter ins nahegelegene 17. Arrondissement, in dem Melbrooks Sprachschule lag. Als sie auf das Gebäude zugingen, verließ Melbrook es gerade. Sie erkannten den schlanken gutgekleideten Mann sofort, stellten sich ihm in den Weg, zogen ihre Ausweise und teilten ihm den Sachverhalt mit.

„Wir müssen Sie bitten, mit uns zur Vernehmung nach London zurückzufliegen“, sagte Briggs höflich, während Dominique finster den Mann anstarrte, mit dem Jaclyn ihn betrogen hatte, und der sie dann, da war er sicher, ermordet hatte.

„Das geht nicht“, lehnte Melbrook ab. „Ich muss morgen wieder in Delhi sein.“

„Sie haben nicht verstanden“, sagte Briggs. „Das war keine fakultative Einladung zu einem Wochenendausflug. Sie stehen unter Verdacht, ein Tötungsdelikt begangen zu haben!“

„Und die Firma Delco hat auch noch dringenden Gesprächsbedarf mit Ihnen“, fügte Dominique hinzu.

„Das mit Delco werde ich von Delhi aus klären – worum auch immer es sich handeln mag. Und was den sehr bedauerlichen Tod von Mrs Holt betrifft: wann genau ist sie umgebracht worden?“

„Sonntagabend, gegen acht.“

„Da war ich auf der Hochzeitsfeier meiner Nichte“, triumphierte Melbrook. „Es gibt dafür ungefähr hundert Zeugen.“

„Wahrscheinlich keinen einzigen für die Zeit von zwanzig vor acht bis halb neun. Aber wir werden das alles auf dem Kommissariat in London klären. Ich werde Sie vorläufig festnehmen.“ Briggs packte ihn am Arm.

„Lassen Sie den Unsinn! Ich muss meinen Flug kriegen.“ Melbrook riss sich los und rannte davon. Briggs und Dominique liefen hinterher.

Der Boulevard war sehr belebt, und mehrmals prallten sie gegen Passanten oder konnten ihnen nur in letzter Sekunde ausweichen. Melbrook, der sehr wendig war, hatte bereits einen Vorsprung gewonnen. Als Dominique der Atem knapp wurde, begann er die vielen Whisky und Zigaretten der letzten Tage zu bereuen. Wie eigenartig, unter diesen Umständen zum ersten Mal seit so langer Zeit wieder in seiner Heimatstadt zu sein.

Melbrook nutzte einen günstigen Moment, um die dicht befahrene Avenue zu überqueren. Dominique setzte kurz darauf waghalsig hinterher, brachte Autos zum Hupen und Bremsen. Briggs blieb auf der anderen Seite zurück.

Die Hetzjagd ging weiter. Langsam holte Dominique wieder auf. Melbrook bog in eine schmalere Seitenstraße ein, von der wiederum viele andere kleine Straßen abgingen. Er hoffte wohl, Dominique im Gassengewirr abhängen zu können. Doch des Ortes unkundig, bog er in eine Sackgasse ein und saß in einem verlassenen Hof in der Falle.

Dominique stürzte sich auf ihn und riss ihn mit sich zu Boden. „Das wirst du mir büßen, du Schwein!“

Melbrook versuchte sich zu befreien und schlug Dominique die Faust gegen das Kinn. Doch er war nicht erfahren im Nahkampf, seine feingliedrigen Hände waren eher daran gewöhnt, Montblanc-Kugelschreiber zu halten und damit millionenschwere Deals zu besiegeln. Dominique rappelte sich auf die Knie hoch, packte Melbrook an seiner seidenen Hermès-Krawatte und zwang ihn dazu, ebenfalls zu knien.

Dann zog er seine Pistole und hielt sie Melbrook drohend vors Gesicht. „Weißt du überhaupt, was für eine fantastische Frau du da ermordet hast?“

„Ich gebe zu, sie war bezaubernd“, keuchte Melbrook. „Aber ich habe sie nicht erschossen.“

„Woher weißt du, dass sie erschossen wurde? Davon war bisher nicht die Rede.“

Zu spät bemerkte Melbrook seinen Fehler. „Ich habe es am Montag in der Herald Tribune gelesen.“

„Ach ja? Stand da, dass eine fabelhafte Detektivin und Ex-Scotland-Yard-Polizistin von einem skrupellosen Geschäftsmann, dessen Millionenbetrug sie aufdeckte, in einem Londoner Hotelzimmer erschossen wurde, nachdem ihr Mörder sie zuvor in seiner Villa in New Delhi verführt hatte?“

„Oh, ich sehe, Sie beide hatten eine engere Beziehung“, höhnte Melbrook. „Zu Ihrer letzten Vermutung sage ich nichts: ein Gentleman genießt und schweigt.“

Dominique schlug ihm mit dem Pistolenlauf ins Gesicht. „Ich würde dich am liebsten auch umbringen“, fauchte er.

„Aus Eifersucht, wie ein gehörnter Ehemann?“, spottete Melbrook.

„Nein, aus Rache. Zerstörte Liebe ist ein besseres Motiv als Geldgier. So viel romantischer.“ Er entsicherte seine Pistole.

„Demesy!“, brüllte es von der Straße her, und Briggs kam um die Ecke gerannt.

Dominiques Aufmerksamkeit wurde für einen Augenblick abgelenkt. Melbrook nutzte diesen Moment, zog blitzschnell ein kleines Taschenmesser aus der Seitentasche seines dunkelblauen Sakkos und rammte Dominique die Klinge zwischen die Rippen. Als er den scharfen Schmerz fühlte und die Pistole sinken ließ, stieß Melbrook seine Hand zur Seite und wollte aufspringen. Doch Briggs eilte bereits auf sie zu, und im Hintergrund erklang eine nahe Polizeisirene. Der Kriminalkommissar hatte eine Streife zur Verstärkung gerufen, die zeitgleich mit ihm vor den beiden Männern stoppte.

Zwei Beamte sprangen heraus und wollten zuerst Dominique packen, da er die Pistole hielt.

„Nein, es ist der andere!“, rief der Superintendant. „Sie sind vorläufig festgenommen, Mr Melbrook.“

Kurz darauf wurden Melbrooks Handgelenke nicht nur von Armani und Cartier, sondern auch von soliden stählernen Handschellen geziert.

„Das ist alles ein Missverständnis“, rief er.

Dominique zog das blutige Taschenmesser aus seiner Kleidung und richtete sich auf, während er die Hand an seine blutende Seite presste. „Hier, nehmen Sie, das ist Melbrooks Messer. Er hat gerade versucht, mich damit zum Schweigen zu bringen.“

„Oh, Sie bluten ja“, sagte Briggs besorgt und half ihm hoch.

„Es ist nicht schlimm, glaube ich. Irgendwas in meinem Jackett hat das Messer gebremst.“ Er griff in die Innentasche seines Jacketts und zog die drei durchstochenen Visitenkarten seiner Gesprächspartner von Delco hervor.

„Die neuen Schutzheiligen“, sagte er mit Galgenhumor.

„Lassen Sie die Wunde trotzdem von einem Arzt ansehen“, empfahl Briggs.

„Ja. Übrigens hat unser Tatverdächtiger hier gewusst, dass Jaclyn erschossen worden ist, obwohl wir das nie erwähnt haben, oder? Er sagt, er habe es in der Herald Tribune vom Montag gelesen. Können Sie das nachprüfen?“

„Alles klar. Wäre gut, wenn wir die Tatwaffe fänden.“

„Die liegt mit Sicherheit schon längst auf dem Grund der Themse.“

Der Superintendant nickte. „Das ist zu befürchten.“

„Wie geht es jetzt weiter?“

„Würden Sie bitte Ihren Landsleuten erklären, worum es geht? Mein Französisch ist nicht sehr gut und ich bin nicht sicher, ob sie auf Englisch alles verstanden haben. Ich werde sie kurz auf die Wache begleiten, aber dann möchte ich in Begleitung dieses Gentleman den nächstmöglichen Flug zurück nach London nehmen.“

Dominique erklärte den Streifenpolizisten den genauen Sachverhalt. Unter dem Vorwand, seine Stichverletzung sofort versorgen lassen zu müssen, handelte er aus, dass er nicht mit zum Polizeipräsidium musste. Dann wandte er sich wieder an Briggs.

„Brauchen Sie meine Aussage sofort? Ich würde gerne übers Wochenende in Paris bleiben. Ich wäre ab Montagabend wieder in London, für die Beerdigung am Dienstag.“

„Dann reicht es Montagabend oder Dienstagfrüh. Melden Sie sich im Kommissariat. Und: danke, Dominique.“

„Keine Ursache, Colin.“

Briggs schob Melbrook vor sich her. Dominique warf einen letzten verächtlichen und hasserfüllten Blick auf ihn, bevor die Polizisten ihn in ihren Streifenwagen verfrachteten, dann wandte er sich ab und trat auf die Straße.

 

Ziellos streifte er durch die Gegend, über die Boulevards mit ihrem Verkehrslärm und den achtlosen Passanten. Es gab edle Auslagen in edlen Geschäften, feine Restaurants, gutgekleidete eilende oder flanierende Menschen, elegante Haussmannsche Häuserfassaden und auf dem Bürgersteig sitzende Bettler nahe der Metro.

Dominique nahm all das wahr, obwohl er sich wie betäubt fühlte. Er kannte es gut, das 17. Arrondissement. Cathérine hatte schon immer hier gelebt, und nach ihrer Heirat hatten sie zusammen dort gewohnt. Auch Jennifer war in dieser Gegend aufgewachsen.

Er lief die Avenue des Ternes hinauf, wo sich etwas preiswertere Modeboutiquen und Fastfood-Bistros aneinanderreihten, und wo der Strom der Passanten entsprechend dicht war. An einer Kreuzung sah er auf einmal den imposanten Arc de Triomphe in erreichbarer Nähe zwischen den Gebäuden auftauchen.

Wie ferngesteuert bog Dominique in stillere Straßen, wo die Boutiquen wieder teurer und die Bistros erlesener wurden. Dann stand er plötzlich vor einem Friseurgeschäft. Und da wusste er, dass er nicht rein zufällig in dieser Straße gelandet war. Zögernd betrat er den Salon.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte die elegante Dame an der Kasse geschäftig, ohne richtig aufzublicken.

„Ich bräuchte mal wieder einen Haarschnitt, Cathérine.“

Jetzt blickte sie auf, und ihre rotgeschminkten Lippen öffneten sich überrascht. „Dominique? Was machst du denn hier? Ich wusste nicht, dass du nach Paris kommst.“

„Ich wusste es bis vor drei Stunden selbst nicht.“

Ihr Blick fiel auf seine blutigen Hände und die Blutflecken auf seinem weißen Hemd und dem beigefarbenen Jackett. „Oh Gott! Ich glaube, du brauchst etwas anderes dringender als einen Haarschnitt! Bist du in Schwierigkeiten, Dominique?“

„Nein. Ich habe nur gerade der Polizei geholfen, einen Mörder dingfest zu machen, und er hat sich wehren wollen – mit einem Schweizer Taschenmesser.“

Cathérine warf einen Blick zur Uhr und rief dann eine ihrer Angestellten. „Elsa, ich muss jetzt gehen. Ich glaube nicht, dass ich heute noch wiederkomme. Ihr seid zu dritt, ihr schafft das schon. Würdest du nachher bitte die Kasse machen und alles abschließen?“

„Selbstverständlich, Madame.“

Unterdessen musterte Dominique unauffällig seine Exfrau, die er seit über sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Cathérine war mit Anfang vierzig noch immer eine bemerkenswert schöne Frau. Die Fältchen, die sich in ihrem ebenmäßigen, edel geschnittenen Gesicht angesiedelt hatten, machten es nur noch interessanter und weniger kühl als früher. Sie trug die dichten Haare nicht mehr lang und hellgoldblond, sondern knapp schulterlang und in einem natürlicheren, raffiniert gesträhnten Mittelblond. Der silbergraue Hosenanzug überspielte geschickt die paar Pfunde, die sie an den Hüften zugenommen hatte.

Ihre großen dunkelbraunen Augen richteten sich auf Dominique, und er fühlte sich wie ertappt. „Gehen wir?“

„Ja. Wohin?“

„Willst du etwa ins Moulin Rouge? Zu mir natürlich. Ich werde dich verarzten. Oder einen Arzt rufen, falls es schlimm ist.“

Cathérine wohnte gleich um die Ecke. Es war nicht die Wohnung, in der sie früher zusammengelebt hatten, sondern die ihrer Eltern, die sie zusammen mit dem Friseursalon geerbt hatte.

Cathérine ließ Dominique eintreten, schloss die Wohnungstür und betrachtete seine blutigen Hände und seinen verstörten Gesichtsausdruck.

„Du siehst aus, als ob du gerade jemanden umgebracht hast“, bemerkte sie ungerührt mit ihrer leisen Stimme, die stets recht kühl klang.

„Hätte ich auch fast“, bekannte Dominique. „Die Polizei ist gerade noch rechtzeitig dazwischen gegangen. Wo kann ich mir die Hände waschen?“

„Hier entlang.“ Sie geleitete ihn ins Badezimmer. „Dann hast du Jaclyns Mörder also gefunden“, sagte sie, während er sich die Hände wusch.

Verblüfft sah er sie an. „Woher weißt du …?“

„Jennifer hat mich gestern Abend angerufen. Sie war ziemlich durcheinander.“ Sie reichte ihm ein Handtuch.

„Ja, die letzten Tage waren für uns beide ziemlich schwer. Jenni hat an Jaclyn gehangen. Sie war wie eine mütterliche Freundin für sie.“

„Ich weiß, sie hat mir im Urlaub viel von ihr erzählt. Von euch, genauer gesagt. Gib mir deine Jacke.“

Dominique zog sich mit schmerzverzogenem Gesicht vorsichtig das Jackett aus und legte es auf den Badewannenrand.

„Und jetzt das Hemd.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass du mir noch mal beim Ausziehen zuschauen würdest“, sagte er, während er sich das Hemd aufknöpfte.

„Tja, das Leben hält so manche Überraschung für uns bereit.“ Sie musterte interessiert seinen gebräunten und gut proportionierten Oberkörper.

„Ich hoffe, dein Mann wird nicht ausgerechnet jetzt nach Hause kommen. Das könnte Anlass zu Missverständnissen geben."

„Er wird nicht kommen“, entgegnete sie ruhig. „Er ist mit seiner Geliebten übers Wochenende verreist.“

„Oh … Jennifer hat ihn nie leiden können, was?“

„Nein. Und sie hatte recht. Er ist ein streitsüchtiger und arroganter Blödmann.“ Ihre Stimme war genauso ausdruckslos wie ihre Miene. Früher hatte Dominique immer geglaubt, es sei eine angeborene Gefühllosigkeit, aber jetzt fragte er sich zum ersten Mal, ob seine Exfrau nicht eher eine gleichgültige Maske aufsetzte, um ihre Empfindsamkeit zu verbergen.

„Wirst du dich von ihm trennen?“, fragte er und stellte sich vor sie hin.

Cathérine wusch die kleine Wunde aus und betupfte sie dann mit Jod. Es brannte höllisch.

„Ich wette, du wartest seit fünfzehn Jahren auf diese Gelegenheit, dich an mir zu rächen“, sagte Dominique mit zusammengebissenen Zähnen.

„Natürlich. Seit unserer Scheidung denke ich an nichts anderes, als dass ich dir eines Tages eine Verletzung mit Jod einpinseln darf, um dich leiden zu sehen.“

„Wirst du dich von Jacques trennen?“, wiederholte er seine Frage.

„Ja. Bei unserem Urlaub im August hatte er seine letzte Chance. Jetzt hat er sie verspielt. Er wird sich nie ändern.“ Sie legte eine sterile Kompresse über die Wunde und befestigte sie mit einem großen Pflaster. „Ich weiß nicht, ob es genäht werden müsste. Vielleicht solltest du sicherheitshalber morgen mal bei einem Arzt vorbeischauen. Nebenan hat einer seine Praxis, und zwischen neun und zwölf können Patienten ohne Voranmeldung kommen.“

„Danke. Dein Talent zur Krankenschwester ist neu, oder?“

„Mein Lieber, ich habe so einige Talente, von denen du nie etwas mitbekommen hast“, gab sie zurück.

Er quittierte den versteckten Tadel mit einer kleinen Grimasse.

„Was ist mit deinen Sachen? Soll ich versuchen, sie auszuwaschen oder wirfst du sie weg? Ein Loch ist jetzt eh drin.“

„Darüber wird sich später irgendein indischer Kuli trotzdem furchtbar freuen.“

„Inklusive Blutflecken?“

„Nein, ich werde es auswaschen. Aber erst mal muss ich ins Hotel zurück, ich kann ja nicht hier sitzen bleiben, bis es wieder trocken ist.“

„Ich dachte, wir könnten zusammen zu Abend essen, was meinst du? Gleich um die Ecke ist ein guter Italiener. Ich gebe dir ein Hemd von Jacques, damit du salonfähig wirst.“

„Was das Hemd betrifft: von mir aus. Für das Restaurant: gerne. Auch wenn ich keinen besonderen Appetit habe.“

„Eben. Du siehst aus, als hättest du die letzten Tage nicht viel gegessen und geschlafen, dafür aber zu viel getrunken und geraucht.“

„Dir kann man auch nichts verheimlichen. Ich möchte übrigens kurz Jennifer anrufen, damit sie beruhigt ist.“

„Natürlich, komm mit ins Wohnzimmer.“

 

Wenig später saßen sie sich in dem kleinen italienischen Restaurant gegenüber.

„Es wird mir komisch vorkommen, allein zu leben, wenn Jacques auszieht“, sagte Cathérine und sah dem Rauch ihrer Zigarette nach. „Ich finde es ehrlich gesagt ein wenig beängstigend. Meinst du, dass Jennifer in absehbarer Zeit wieder nach Paris zurückkommen will?“

„Habt ihr euch im Urlaub nicht darüber unterhalten?“

„Doch. Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie Paris vermisst. Und ihr Job scheint ihr zu gefallen.“

„Ja. Sie macht sich recht gut. Aber eine Dauerlösung kann das nicht sein. Geben wir ihr noch ein Jahr oder so, dann sollte sie nach Paris zurück und etwas Richtiges lernen.“

„Noch ein Jahr“, murmelte Cathérine. „Das ist lang. Sie fehlt mir, weißt du. Und ich fühle mich schuldig, weil ich mich nicht mehr um sie kümmere.“

„Komm sie doch mal besuchen“, schlug er vor. „Du kannst bei uns wohnen, dann hast du keine Hotelkosten.“

„Würde dir das nichts ausmachen?“

„Wieso sollte es? Du bist schließlich ihre Mutter, du solltest ab und zu dein Besuchsrecht wahrnehmen“, fügte er ironisch hinzu, denn das hatte Cathérine ihm früher so oft in vorwurfsvollem Ton gesagt. „Außerdem“, sagte er nach einer kleinen Pause, „bin ich jetzt ja auch wieder alleinstehend …“

Cathérine legte kurz ihre Hand auf seine. „Es tut mir sehr leid, was passiert ist.“

Sie kannte ihren Exmann gut genug, um keine Fragen zu stellen.

Bei Spaghetti und einer Flasche Rotwein sprachen sie über Jennifer, über Cathérines Ehe und schließlich auch über Jaclyn. Dominique stellte fest, dass er mit Cathérine darüber reden konnte, ohne die Fassung zu verlieren. Ihre mitleidlose und gleichzeitig freundschaftlich-sanfte Art tat ihm gut. Sie redeten die halbe Nacht hindurch, bis das Restaurant zumachen wollte.

„Wenn wir nur früher so gut miteinander hätten reden können“, sagte sie bedauernd, als sie sich auf der Straße voneinander verabschiedeten.

„Wir haben uns beide verändert“, bemerkte er. „Damals waren wir jung und unreif.“

„Wie lange bleibst du in Paris?“

„Bis Montagnachmittag. Dienstag muss ich zur Beerdigung in London sein.“

„Das Angebot mit dem Haarschnitt steht noch. Komm vorbei, wenn du möchtest.“

„Okay.“

„Ich werde im Februar oder März versuchen, für zwei Wochen nach Indien zu kommen“, versprach Cathérine.

„Ich würde mich freuen“, erwiderte er aufrichtig. „Vielleicht kann ich ein paar Tage frei nehmen, dann könnten wir alle drei zusammen verreisen.“

„Das wäre schön.“

Er nahm sie in die Arme und küsste sie auf die Wangen. „Wir sehen uns noch.“

Als er zur Metro ging und ins Hotel fuhr, fühlte er sich etwas besser als vorher.

11

Am nächsten Morgen verließ Dominique das elegante, aber unpersönliche Sofitel am Kongresszentrum und zog in ein kleineres Hotel mit typisch französischem Charme nahe Saint-Germain-des-Prés. Wenn er schon mal wieder unverhofft zu einem Besuch in der alten Heimat kam, sollte alles stimmen.

Er brauchte für die Beerdigung einen dunklen Anzug, fand die Anzüge in den Herrenausstattern aber unverschämt teuer und fühlte sich wie verkleidet darin, trotz der Schreie des Entzückens, die die Verkäuferinnen ausstießen. Tatsache war, dass sich kaum jemand mit einem indischen Gehalt einen Anzug aus Paris leisten konnte, und sei es auch nur von der Stange. Aber er wollte nicht in hellgrau auf Jaclyns Beerdigung gehen.

Etwas weiter die Straße hinunter fand Dominique eine Filiale einer preiswerten Modekette. Dort probierte er schwarze Hosen aus feinem Jeansstoff an, eine dazu passende Jacke mit Silberknöpfen sowie ein seidig schimmerndes schwarzes Baumwollhemd. Er kaufte noch einmal das gleiche Hemd in Weiß, behielt es gleich an und ließ die obersten Knöpfe lässig offenstehen. Er legte sich ebenfalls eine tiefschwarze Ray-Ban-Brille zu und erstand im benachbarten Schuhgeschäft schwarze Boots. Damit war sein Paris-Budget so gut wie erschöpft. Aber er gefiel sich, als er sein Outfit im Spiegel des Hotelzimmers begutachtete. Nur seine blaugrünen Augen funkelten nicht wie früher, sondern wirkten verhangen und melancholisch.

Cathérine prallte zurück, als er am Nachmittag so in ihrem Frisiersalon erschien. „Ach, du bist es. Ich dachte, ich bekomme Besuch von einem Hollywoodstar.“

„Na, du kannst du mir ja einen Filmstar-Haarschnitt verpassen.“ Dominique nahm die Brille ab.

„Ganz neuer Look, wie?“

„Ich brauchte Kleidung für die Beerdigung. Aber ein normaler Anzug ist hier unbezahlbar. Außerdem würde ich den jahrelang nicht mehr tragen können. Dies hier kann ich wenigstens auch in Indien anziehen.“

„Du siehst gut aus“, sagte sie anerkennend. „Und mindestens fünf Jahre jünger als fast zweiundvierzig.“

„Das soll ja helfen, sich besser zu fühlen.“

„Und, hilft es?“

Er verzog das müde Gesicht. „Bis jetzt noch nicht.“

„Das kriegen wir schon wieder hin!“, sagte Cathérine in optimistischem Friseurinnenton, mit dem sie auch misslungene Heimdauerwellen, verschnippelte Ponyfransen und grünlich gewordene Intensivtönungen kommentierte. „Setz dich da hin, ich verpasse dir einen fantastischen Haarschnitt. Und wenn du willst, färbe ich dir auch diese kleinen grauen Strähnchen an den Schläfen raus. Danach kann Elsa dir die Nägel maniküren und dir eine entspannende Gesichtsmaske machen. Wir sind gerade dabei, die Herrenkosmetik in unserem Programm aufzunehmen.“

„Danke, Cathérine, aber ich fühle mich nicht so mies, dass ich eine Geschlechtsumwandlung in Betracht ziehe“, erwiderte er scherzend.

„Witzbold. Viele Männer kümmern sich jetzt sehr um ihr Äußeres und tun alles, um gut auszusehen. Das kriegst du in deinem fernen Indien natürlich nicht mit.“

„Nein, dort kümmern sich die Männer ausschließlich ums Überleben und haben damit schon genug zu tun. Die müssten vier Wochen hungern, um sich eines von deinen Cremetöpfchen leisten zu können. Vielleicht sogar vier Monate, ich kenne die Preise nicht so genau.“

„Apropos, mein Angebot ist natürlich ein Geschenk des Hauses“, sagte Cathérine unbeeindruckt. „Du kannst es ja mal versuchen, ich verspreche, es niemandem weiterzuerzählen.“

 

***

 

Als Dominique zwei Stunden später den Frisiersalon erfrischt und entspannt verließ, fuhr er zu seinen Eltern. Er hatte sich am frühen Nachmittag kurz telefonisch angemeldet.

Gilbert und Madeleine Demesy freuten sich sehr, ihn so unverhofft wiederzusehen.

„Ich hatte keine Zeit mehr, einkaufen zu gehen“, entschuldigte sich seine Mutter, als sie beim Aperitif saßen. „Es wird nur Reste zum Essen geben.“

Dominique winkte ab. „Ich habe sowieso keinen Appetit.“

„Wir werden morgen ein richtiges Abendessen mit der Familie machen, ja? Vielleicht können Pierre und Sonja auch vorbeikommen. Sie werden sich freuen, dich zu sehen.“

„Ja, schön“, murmelte er. „Wie geht es ihnen?“

Es klingelte an der Tür.

„Das kannst du Sonja gleich selber fragen. Das wird sie sein“, sagte Gilbert und erhob sich, um zu öffnen.

„Wieso?“, fragte Dominique alarmiert.

„Sie bringt uns Maxim für die Nacht. Pierre ist auf Geschäftsreise und kommt erst morgen wieder, und Sonja hat heute Abend eine Verabredung.“

Wenige Sekunden später stand seine Schwägerin im Wohnzimmer, noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte, zum Ausgehen angezogen und geschminkt, das kinnlange kupferrote Haar sorgfältig frisiert.

Sie erstarrte kurz, als sie Dominique erblickte, und wirkte erschreckt und erfreut zugleich. „Was machst du denn hier?“, fragte sie mit ihrem klangvollen russischen Akzent.

„Überraschung.“ Er ging lächelnd auf sie zu. „Schön, dich wiederzusehen.“

Unter den Augen von Dominiques Eltern küssten sie sich auf die Wangen und gaben sich alle Mühe, sich nicht durch zu vertrauliche Gesten zu verraten. Dominique musste den Impuls unterdrücken, sie fest an sich zu ziehen.

Sichtlich aufgewühlt beugte sich Sonja zu ihrem Sohn hinunter. „Maxim, kannst du dich noch an Onkel Dominique erinnern? Sag ihm bonjour.“

Dominique hockte sich vor den Sechsjährigen und küsste ihm die Stirn. „Hallo, junger Mann, du bist aber gewachsen.“

Maxim strahlte ihn an. „Wohnst du noch in Indien?“

„Ja. Ich bin nur wenige Tage hier.“

„Und wann fährst du wieder mit Mama nach Russland?“

„Oh … mal sehen.“ Er tauschte einen verlegenen Blick mit Sonja.

Vor einem Jahr hatte er Sonja geholfen, ihre Eltern aufzuspüren, die seit einem Aufenthalt in Westsibirien verschwunden waren. Dabei hatten sie sich ineinander verliebt und ihrem Verlangen schließlich nachgegeben, trotz ihrer anfänglichen moralischen Bedenken, weil Sonja mit Dominiques jüngerem Bruder Pierre verheiratet war. Aber dieser hatte sie auch bereits mehr als einmal betrogen.

„Hast du noch etwas Zeit, Sonja?“, fragte Gilbert. „Kann ich dir was zu trinken anbieten?“

„Ja, ein paar Minuten. Aber bitte was Alkoholfreies, es wird nachher noch hoch hergehen.“

„Was hast du vor?“, wollte Madeleine wissen.

„Ich bin mit russischen Freunden in einem russischen Restaurant verabredet.“

„Oh, das wird sicher ein netter Abend werden.“

Madeleine und Gilbert verließen gleichzeitig das Wohnzimmer, um etwas aus der Küche zu holen. Maxim rannte hinterher.

Sonja und Dominique setzten sich nebeneinander auf die Couch.

„Warum bist du hier?“, erkundigte sie sich.

„Meine Lebensgefährtin ist ermordet worden, und der Täter besaß so viel Mitgefühl, sich nach Paris abzusetzen, was mir nach seiner Ergreifung ein paar Tage Urlaub hier einbringt“, berichtete Dominique sarkastisch.

„Oh mein Gott, das ist ja schrecklich! Tut mir furchtbar leid …“ Sonja blickte ihn bestürzt an und legte ihre kleine ringgeschmückte Hand auf seine. „Jenni hatte mir vor einer Weile geschrieben, dass du mit jemandem lebst. Und glücklich bist mit ihr. Ich habe mich für dich gefreut.“

„Wirklich?“ Er verschränkte seine Finger in ihren.

„Na ja.“ Sie senkte den Blick. „Eigentlich hatte ich vor, im letzten Frühjahr einen Abstecher nach Indien zu machen. Von Sibirien aus ist das nicht weiter als Europa. Aber … das hatte sich dann wohl erübrigt.“

Er drückte ihre Hand und ließ sie schnell wieder los, als sein Vater mit einem Glas Orangensaft zur Tür hereinkam.

„Wie geht es deiner Mutter?“, wechselte Dominique hastig das Thema.

„Sie hat sich erholt. Vaters Tod allerdings hat ihr schwer zugesetzt, genauso wie Koljas Verrat natürlich.“

Während sie ihren Aperitif tranken, redeten sie mit Madeleine und Gilbert, die Dominique viele Fragen über sein Leben in Indien stellten. Er war seit sieben Jahren nicht mehr bei ihnen gewesen und hatte sich auch telefonisch nicht oft gemeldet. Briefe schreiben war noch weniger seine Sache.

„Ich muss los“, sagte Sonja dann. „Möchtest du nicht mitkommen?“, fragte sie Dominique.

„Ich kenne deine Freunde doch gar nicht.“

„Pierre kennt sie auch nicht“, erwiderte sie bedeutungsvoll. „Es sind sehr aufgeschlossene Leute, und du bist schließlich mein Schwager, warum sollte ich dich nicht mitbringen? Außerdem sind es zwei Pärchen, und ich würde mich wie das fünfte Rad am Wagen fühlen, wenn ich allein hingehe. Bitte, begleite mich.“

Dominique blickte seine Eltern an. „Wärt ihr enttäuscht?“

„Aber nein. Du hast ja gehört: es ist sowieso nichts Vernünftiges zu essen im Haus.“ Gilbert lächelte. „Und wir sehen uns morgen Abend.“

„Geh ruhig, es wird dir guttun, dich ein bisschen zu amüsieren und auf andere Gedanken zu kommen“, sagte Madeleine.

„Ich weiß nicht, ob ich mich amüsieren kann“, murmelte er. „Jaclyn ist noch nicht einmal eine Woche–“

„Es ist nur ein Abendessen, keine ausgelassene Party“, unterbrach ihn Sonja. „Natürlich wird irgendwann russische Musik gespielt werden, aber wir müssen ja nicht tanzen.“

„Na gut. Vater, könntest du mir ein bisschen Geld vorschießen? Mein Paris-Aufenthalt war nicht geplant und ich habe nicht mehr viel dabei …“

„Ich lade dich ein“, sagte Sonja sofort. „Ich habe dir vor einem Jahr in Moskau eine Einladung in ein russisches Restaurant versprochen, wenn du mal wieder in Paris bist, erinnerst du dich?“

„Ja. Bin ich denn gut genug angezogen?“, fragte er mit einem Blick auf ihr elegantes Outfit. Sie trug einen kniekurzen schwarzen Samtrock und ein glitzerndes, spitzenbesetztes Shirt, dazu eine Halskette und Ohrringe aus funkelndem Strass.

„Du siehst klasse aus“, versicherte sie. „Aber seit wann hast du so viele Einwände gegen alles und stellst so viele Überlegungen an?“

„Das muss Jaclyns Einfluss sein. Vielleicht bin ich erwachsen geworden.“

„Das wäre ja nicht zu früh“, kommentierte Gilbert mit mildem Spott.

„Komm, lass uns gehen.“ Sonja sprang auf. „Reicht es, wenn ich Maxim erst gegen Mittag wieder abhole?“

„Natürlich, kein Problem. Amüsiert euch gut.“

Sonja und Dominique verabschiedeten sich und verließen das kleine Einfamilienhaus in der Pariser Vorstadt. Kaum waren sie außer Sichtweite, blieben sie stehen und umarmten sich wortlos.

Es tat gut, Sonja in den Armen zu halten. Es weckte Erinnerungen an die Frische endloser grüner Wälder, heißen Sex in kalten Taiga-Nächten und ein Gefühl der Leichtigkeit.

„Deine Haut ist so zart“, flüsterte Sonja und rieb ihre Wange an seiner.

„Wie ein Kinderpopo.“ Dominique grinste. „Ich bin meiner Exfrau in die Hände gefallen, die mich als Versuchskaninchen für das neue Herrenpflegeprogramm in ihrem Salon benutzt hat.“

„Dein Haarschnitt ist sehr schön.“ Sie fuhr ihm zärtlich durch das gekonnt gestufte dunkle Haar.

„Ich musste wie ein Löwe darum kämpfen, meine ersten grauen Haare behalten zu dürfen. Soweit kommt es noch, dass ich mir die Haare färben lasse! Und sieh dir meine Fingernägel an! Beeindruckend, was?“ Er hielt ihr seine sorgfältig manikürten Hände hin.

„Ja, wenn man in einem Land mit sehr viel Armut lebt, kommt es einem seltsam vor, wofür die Leute hier Geld ausgeben“, stellte Sonja fest.

12

Einige Stunden später verließen sie das kleine russische Restaurant im 6. Arrondissement und bummelten durch die spätabendlich belebten Straßen. Es war ein milder Abend für Mitte Oktober. Die Leute saßen auf den beleuchteten Terrassen der Bistros. Verliebte Paare schlenderten Arm in Arm über die Bürgersteige.

„Hat es dir gefallen?“, fragte Sonja und griff nach Dominiques Hand.

„Ja, es war schön. Tut mir leid, dass ich als Erster gehen wollte, aber ich bin nicht in Stimmung für solche ausgedehnten fröhlichen Geselligkeiten. Auch wenn deine Freunde sehr nett sind. Du hättest ruhig noch bleiben können.“

„Nein, mir hat es auch gereicht. Die Balalaika-Musik fing an, mir auf die Nerven zu gehen. Und die Luft war so verraucht … Aber es ist ein gutes Lokal.“

„Ja, das Essen war köstlich. Danke nochmal für die Einladung. Soll ich dir ein Taxi rufen?“

„Wie kommst du ins Hotel zurück?“

„Zu Fuß. Es ist nicht weit.“

„Ich begleite dich noch ein Stück. Die frische Luft tut gut. Und ich brauche Bewegung nach all diesen Blinis und den anderen fetten Sachen.“

„Der Vorteil bei dieser Grundlage ist, dass man eine Menge trinken kann, ohne betrunken zu werden.“

„Wo ist da der Vorteil?“ Sie lachte, und er stimmte ein.

„Weißt du, dass wir uns so ziemlich genau vor einem Jahr kennengelernt haben?“, erinnerte sich Sonja.

„Ja. Und was ist in diesem Jahr alles geschehen …“

Als sie zehn Minuten später vor Dominiques Hotel ankamen, blieben sie unschlüssig stehen.

„Tja, also danke für den netten Abend“, sagte Dominique und zog Sonja kurz an sich. „Gute Nacht.“

Sie schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. „Ich habe dich vermisst. Wenn ich mich in Mariinsk an langen Abenden einsam gefühlt habe, habe ich nicht Pierre vermisst, sondern dich.“ Sie bedeckte seine Wangen mit Küssen, dann seinen Hals. „Diese zarte Haut ist zu verführerisch“, murmelte sie. „Kann ich mit raufkommen?“

Er zögerte. „Sonja, ich finde dich immer noch sehr anziehend, du bist schöner denn je, aber … Ich weiß nicht, ob ich … Jaclyn ist noch nicht mal eine Woche tot.“

„Ich verstehe das. Lass uns nur kurz allein sein, bitte. Ich will nur einen Moment in deinen Armen liegen, mehr nicht. Es sei denn …“

„Was?“

„Dass du nichts mehr für mich empfindest.“ Sie rückte von ihm ab und sah ihn an. „Dann sag es mir, und ich lasse dich in Ruhe.“

Dominique hätte nicht sagen können, was er noch für Sonja empfand. Und auf keinen Fall wollte er jetzt, in dieser Minute, darüber nachdenken und eine Entscheidung fällen müssen. Ach ja, diese dumme Sache mit zu treffenden Entscheidungen … Er lächelte gequält, als er an die diesbezüglichen Diskussionen mit Jaclyn dachte, und küsste Sonja auf die Stirn. „Gut, komm mit.“

Kurz darauf lagen sie engumschlungen in voller Bekleidung auf dem Hotelbett.

„Bist du müde?“, fragte sie.

„Todmüde. Aber ich kann sowieso nicht schlafen. Und wenn, habe ich Alpträume.“

„Du hast sie sehr geliebt, nicht?“, meinte Sonja leise und ein wenig beklommen.

„Es gab auch viele Zweifel“, sagte er ehrlich. „In den letzten Monaten vor ihrem Tod haben wir uns nicht mehr so gut verstanden, und das ist jetzt das Schlimmste. Wahrscheinlich habe ich sie nicht so geliebt, wie sie es verdient hätte. Und sie hat mich nicht akzeptiert wie ich bin. Ständig sollte ich anders sein.“

„Und wenn du dich geändert hättest, dann hätte sie dich nicht mehr gewollt, weil du nicht mehr der Mann gewesen wärst, in den sie sich verliebt hatte.“

„Mag sein. Ich dachte eine Zeitlang, wir wären füreinander geschaffen, aber vielleicht waren wir es eben doch nicht. Ich werde es nie erfahren. Und es wurmt mich, dass nicht ich der letzte Mann war, mit dem sie geschlafen hat, sondern dieser Perry Melbrook, der ihr gar nichts bedeutet hat.“

„Wer?“

Er berichtete ihr kurz von Jaclyns letztem Auftrag.

„Das war wirklich eine furchtbare Geschichte für euch beide“, sagte Sonja mitfühlend.

„Etwas wollte ich dich noch fragen“, wechselte Dominique das Thema. „Hat Pierre je von unserer Affäre erfahren?“

„Ich glaube, als ich damals aus Russland zurückkehrte, hat er etwas geahnt. Er machte manchmal so anzügliche Bemerkungen und sah mich oft recht sonderbar an. Aber er hat nie direkt gefragt. Er will es wohl gar nicht so genau wissen. Es wäre ja auch fehl am Platz, wenn ausgerechnet er mir Ehebruch vorwerfen würde.“

„Was hat er dazu gesagt, dass du den ganzen Sommer in Russland warst?“

„Es hat ihm natürlich nicht gepasst. Seine Frau hat für ihn da zu sein, wenn er nach Hause kommt. Allerdings hatte er auf diese Weise einen Sommer lang völlig freie Bahn für seine Abenteuer, und das hat ihm bestimmt gefallen.“ Sonjas Gesicht war gequält.

„Du liebst ihn noch, oder?“

„Ja. Ich habe daran gedacht, ihn zu verlassen – ich habe jetzt die Mittel, mir ein eigenes Leben aufzubauen. Aber ich hänge trotz allem sehr an Pierre. Und ich muss an Maxim denken.“

„Vielleicht könnt ihr euch irgendwie arrangieren“, sagte er nachdenklich. „So läuft es wohl in vielen Ehen.“

„Aber es ist wahr, was ich dir in Mariinsk gesagt habe – dass ich dich liebe.“ Sie stützte sich auf die Ellenbogen und sah ihm in die Augen. „Ich liebe euch beide. Klingt verrückt, nicht? Glaubst du mir, Dominique? Kann man zwei Männer gleichzeitig und gleichermaßen lieben?“

„Du liebst uns nicht beide. Du liebst Pierre, ihr habt ein gemeinsames Leben, ein Kind, er gibt dir Sicherheit … Das mit uns war nur ein spannendes Abenteuer, der Reiz des Neuen, und da du eine romantische junge Frau bist, hältst du es für Liebe.“

„Das stimmt nicht“, widersprach Sonja. „Manchmal glaube ich, dass wir beide mehr gemeinsam haben als ich es mit Pierre habe – in unserer Denkweise, meine ich. Er ist so kleinbürgerlich, so konventionell. Immer nur auf Sicherheit und Wohlstand bedacht …“

„Es ist leicht, über Wohlstand zu spotten, wenn man eine Diamantenmine besitzt“, zog er sie auf.

„Schön wär’s. Was glaubst du, was ich mit den russischen Behörden im letzten Jahr für Theater hatte wegen unserer Anteile? Dass die Mine auf unserem Land liegt, heißt ja nicht automatisch, dass sie auch uns gehört. Meiner Familie würden ungefähr fünf Prozent vom Gewinn zustehen. Der Staat will uns natürlich lieber das Grundstück abkaufen, und die Entscheidung darüber ist noch nicht ganz gefallen. Aber es stimmt schon, ich werde so oder so etwas wohlhabender sein als zuvor, wenn ich auch schon einen guten Teil in Anwalts- und Notarkosten investieren musste. Vorher war da nur ein halb verfallenes Herrenhaus in der Taiga …“

Dominique streichelte ihr Haar. „Es war schön mit uns in der Taiga.“

„Dominique, du brauchst nur ein Wort zu sagen, und ich trenne mich von Pierre und ziehe zu dir nach Indien“, sagte sie plötzlich.

Er seufzte. „Unsinn.“

„Das war nicht das richtige Wort.“

„Du weißt, dass das nicht geht.“

„Sind wir immer noch Gefangene eigener Moralvorstellungen?“, wiederholte sie das, was er ihr vor einem Jahr im Transsibirien-Express gesagt hatte.

„Ja, und das in mehr als einer Hinsicht, zumindest was mich betrifft. Was glaubst du wohl, warum ich sonst mit einer hinreißenden jungen Frau auf dem Bett liege und sie in den Armen halte wie eine Schwester?“

„Geht es dir um Pierre oder um Jaclyn?“

„Um beide. Ich werde Pierre morgen beim Abendessen sehen. Und ich will ihm in die Augen sehen können, ohne daran zu denken, dass ich in der Nacht zuvor mit seiner Frau geschlafen habe. Und Jaclyn: sie ist noch nicht einmal unter der Erde, und ich tröste mich schon mit einer anderen?“

„Das sagst du heute Abend schon zum dritten Mal! Sie ist tot, aber du lebst, Dominique“, sagte Sonja eindringlich. „Wie lange ist die Wartezeit bei so etwas? Willst du ein Jahr lang auf Liebe verzichten? So lange wart ihr nicht einmal zusammen. Wäre sie dir weggelaufen, hättest du wohl kaum Skrupel, dich mit einer anderen zu trösten. Aber nun gut, du beschließt zu warten. Sagen wir ein Jahr. Doch in einem Jahr ist niemand da, den du lieben könntest. Es folgt ein zweites Jahr, und dann ein drittes, weil du inzwischen ans Alleinsein gewöhnt bist. Und ehe du es dich versiehst, verbringst du den Rest deines Lebens ohne Liebe. Und wofür? Für Moralvorstellungen, für Prinzipien? Das ist ehrenhaft, aber es gibt dir keine Wärme, es macht nur einsam. Und das Leben ist zu kurz, um freiwillig auf Liebe zu verzichten!“ Sie hatte sich halb aufgerichtet und sah aus funkelnden blauen Augen auf ihn hinunter. Das ganze Feuer ihrer russischen Seele lag in diesem Blick. Wie hypnotisiert davon begann Dominique ihre Wangen zu streicheln.

„Vielleicht hast du recht“, murmelte er.

„Und überhaupt, diese neue vorsichtige und überlegte Lebensweise steht dir nicht! Du bist zum Abenteurer geschaffen und nicht zum Versicherungsvertreter!“

Er lachte ein wenig und ließ seine Hand behutsam über ihre Brust gleiten. „Na gut. Dann hilf einer desorientierten und gequälten Seele, wenigstens für eine Nacht Erlösung zu finden. Morgen ist ein anderer Tag.“

Sonja ließ sich nicht lange bitten und erlöste ihn mit Hingabe für einige Stunden von seinen Alpträumen, Zweifeln und Grübeleien.

13

In Delhi war es später Abend, als Dominique nach Hause kam.

Jennifer rannte ihm entgegen und fiel ihm um den Hals, kaum dass er die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Endlich! Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“

„Ich habe dich doch aus Paris angerufen.“

„Aber du warst so kurzangebunden am Telefon. Ich dachte, irgendetwas wäre nicht in Ordnung. Außerdem wolltest du schon heute früh zurückkommen.“

„Der Nachtflug war ausgebucht, und ich habe die letzte Nacht noch in London verbringen müssen“, erklärte er.

„Was ist passiert?“, fragte sie beklommen.

„Melbrook hat sie erschossen, um sie am Reden zu hindern. Wie ich es vermutet habe“, brachte Dominique mit rauer Stimme hervor. „Sie konnten ihn inzwischen überführen.“

„Wie war die Beerdigung?“

„Wie soll sie schon gewesen sein. Traurig. Und ich kannte dort keinen Menschen.“

Sie nahm ihm die schwarze Jeansjacke ab. „Hast du dich neu eingekleidet? Sieht spitze aus.“

„Ich hatte nichts Schwarzes für die Beerdigung.“

„Schöner Haarschnitt.“

„Hat deine Mutter gemacht. Sie lässt dich grüßen. Deine Großeltern auch.“

„Willst du einen Drink? Peter ist zurück und hat dir eine Flasche Bourbon mitgebracht.“

Dominique schüttelte den Kopf. „Ich habe schon im Flugzeug was getrunken. Es hilft nichts. Mir wird bloß übel davon.“

„Du solltest vielleicht mal was essen.“

„Mir wird auch übel vom Essen. Mir wird sogar übel, wenn ich nur denke …“

Jennifer sah ihn an. Trotz seiner jugendlichen Ausstattung wirkte er um Jahre gealtert. Daran mochte die momentane Erschöpfung schuld sein, dachte sie.

Sie küsste ihn herzhaft. „Ich bin froh, dass du wieder hier bist. Du hast mir gefehlt.“

„Ich war doch bloß eine Woche weg.“ Sein Blick glitt über ihre Gestalt. Sie trug ein Nachthemd von Jaclyn aus smaragdgrüner Seide mit elfenbeinfarbener Spitze, das nur von dünnen Trägern gehalten wurde.

„Ihre Sachen sind einfach zu schade für die Altkleidersammlung“, verteidigte sich Jennifer, bevor er etwas sagen konnte.

Dominique nickte müde. „Ich werde mich daran gewöhnen.“ Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich. „Peter ist also zurück?“

„Ja, seit vorgestern. Heute hat er wieder zu arbeiten angefangen. Wir haben deine und Jaclyns Sachen hierhergebracht, damit er wieder Platz in seiner Wohnung hat.“

„Wie geht es ihm?“

„Gut. Du wirst ihn ja morgen sehen.“

„Was gibt es sonst Neues?“

„Rajiv war hier. John hat ihm von Jaclyn erzählt. Er war total betroffen und lässt dich sehr herzlich grüßen.“

„So?“ Dominique warf seiner Tochter einen prüfenden Blick zu. „Und?“

„Er hat vor zwei Wochen seinen neuen Job angefangen.“ Sie presste kurz die Lippen aufeinander.

„Das meine ich nicht. Was ist mit euch?“

Jennifer schwieg mit ausdruckslosem Gesicht.

„Du hast recht, das geht mich nichts an.“ Er gähnte.

„Wir sind Freunde“, antwortete sie ausweichend und zündete sich eine Zigarette an. „Er wird bald wieder Vater“, sagte sie dann düster.

„Das war zu erwarten, deswegen hat er ja geheiratet.“

„Lass uns aufhören über Rajiv zu reden“, sagte sie ungehalten. „Das Thema ist für mich erledigt. Ich frage dich ja auch nicht, ob du in Paris Sonja gesehen hast.“

Dominique griff ebenfalls nach den Zigaretten.

„Hast du sie gesehen?“

„Ja.“

„Und?“

„Wir sind Freunde“, antwortete auch er.

„Mehr nicht?“

„Ein Gentleman genießt und schweigt“, erklärte er und grinste. Plötzlich fiel ihm ein, dass das genau Melbrooks Worte bezüglich Jaclyn gewesen waren, und das Lächeln verschwand von seinem Gesicht.

„Bist du noch in sie verliebt?“ Ein banger Unterton schwang in Jennifers Worten.

„Wie kannst du mich so etwas Schweres fragen, Jenni? Ich weiß ja kaum noch, wie ich heiße …“ Er gähnte wieder und strich sich müde über die Stirn.

„Du solltest ins Bett gehen. Du siehst aus, als hättest du eine Woche lang nicht geschlafen.“

„Habe ich auch nicht. Jedenfalls nie länger als eine Stunde am Stück.“

„Nimm das Bett, dort wirst du besser schlafen“, sagte sie sanft. „Ich mache mir die Couch zurecht.“

Kurz darauf kam sie zu ihm ins Schlafzimmer, um ihm gute Nacht zu wünschen. Dominique lag mit nacktem Oberkörper auf dem Bett, das Laken wegen der Wärme bis zu den Lenden hinuntergeschoben. „Jenni, du hattest recht mit deinem Alptraum.“

„Mit welchem? Ich habe zurzeit so einige.“ Sie setzte sich auf die Bettkante.

„Von dem Mann, der versucht hat, mich umzubringen. Deine Beschreibung passte genau auf Melbrook, und er hat mir ein Messer in die Rippen gerammt.“ Er tippte auf seine linke Seite.

Jennifer blickte erschrocken auf das Pflaster. „Ist es schlimm?“

„Nur ein kleiner Stich. Es war zum Glück kein großes Messer, und noch dazu wurde es von Visitenkarten in meiner Tasche abgebremst. Aber das gibt bestimmt eine Narbe, und ich werde auf ewig eine Erinnerung an den Kerl behalten.“

„Du würdest dich auch so an ihn erinnern.“ Jennifer legte vorsichtig ihre Hand auf seinen Bauch neben das Pflaster und ließ sie dann höher gleiten zu seiner Brust.

Dominique streichelte gedankenverloren ihre Hand und presste sie gegen sein Herz. „Bei der Vorstellung, dass er sie umgebracht hat, nur weil sie seine krummen Geschäfte aufgedeckt hat, bin ich fast durchgedreht. Ich war drauf und dran, ihn zu töten. Ich hatte die Pistole schon entsichert. Ich habe mir zwar gesagt, dass der Kerl es nicht wert ist, seinetwegen zwanzig Jahre hinter Gittern zu verbringen, aber wenn die Polizei nicht in diesem Moment gekommen wäre, weiß ich nicht, was passiert wäre.“

Jennifer glitt neben ihn zwischen die Laken. „Du hättest es nicht getan.“

„Ich weiß nicht. Ich war nicht mehr ich selbst. Zu wenig Schlaf, zu viel Anspannung. Kein klarer Kopf mehr.“ Er rutschte dicht an Jennifer heran und legte das Gesicht an ihre Schulter. „Ich bin fertig, ich kann nicht mehr“, murmelte er erschöpft.

Sie streichelte seinen Kopf und hielt ihn in den Armen, bis er endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

Istanbul 1993

„Ich habe gehört, dass da jemand ganz versessen darauf ist, sein Bett zu verlassen“, sagte Dr. Laura Sayoglu, als sie das Krankenzimmer betrat.

Dominique schreckte aus seinem Dämmerschlaf hoch. Die ersten Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer.

„Wo bin ich?“, murmelte er. Gerade hatte er sich noch von Sonja in Paris verführen und dann von Jennifer trösten lassen, und nun lag er allein in einem weißgestrichenen Zimmer. Der Schmerz in seiner Brust erinnerte ihn an das, was geschehen war. „Wo ist Gülay?“

„Ihre Nachtschicht ist beendet, sie ist nach Hause gegangen.“

„Sie hat mir versprochen …“

„Schon gut, ich weiß Bescheid. Ich finde es auch wichtig, dass Sie Ihre Tochter sehen. Wir können sie nur leider nicht zwingen, Sie zu besuchen, wenn sie nicht will. Aber wenn Sie Ihre Probleme miteinander bereinigen könnten, würde das Ihrer beider Genesung sehr förderlich sein“, erklärte die Ärztin.

„Wie geht es ihr?“

„Sie ist außer Lebensgefahr. Es geht ihr besser und der Facharzt hat davon abgesehen, sie in die Psychiatrie einzuweisen. Sie wird das Krankenhaus morgen verlassen können. Aber sie muss sich zu Hause unbedingt einer Therapie unterziehen, da nicht auszuschließen ist, dass sie es irgendwann erneut versucht.“

„Warum denn nur?“, fragte Dominique mit Verzweiflung in der Stimme.

„Darüber sollten Sie mit ihr reden. Sie wissen sicher, dass viele Suizidversuche nur Hilferufe sind. Jetzt werde ich aber erst mal Sie untersuchen. Danach schicke ich Ihnen eine Schwester, die Ihnen beim Waschen und Anziehen helfen wird. Ich komme dann mit einem Pfleger wieder, der Sie im Rollstuhl zu Ihrer Tochter fahren wird. Gehen können und sollten Sie vorerst nicht.“

 

Eine halbe Stunde später wurde Dominique in Jennifers Krankenzimmer gerollt, das sie mit zwei türkischen Frauen teilte. Sie lag matt in den Kissen, hatte einen gelblich-blassen Teint und strähnige Haare und blickte ihrem Vater aus umschatteten Augen ausdruckslos entgegen.

Der Pfleger schob Dominique dicht an das Kopfende von Jennifers Bett und zog sich zurück. Die türkischen Frauen beäugten die Szene neugierig.

„Jenni, chérie, du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt“, sagte Dominique und versuchte, es nicht vorwurfsvoll klingen zu lassen. „Warum hast du das getan?“

„Ich will nicht darüber reden“, sagte sie abweisend.

Er legte die Hand auf ihre, die kraftlos auf der weißen Bettdecke ruhte. „Ich habe gehört, du glaubst, du hättest auf mich geschossen. Was ist denn das für ein Unsinn?“

Jennifer kaute auf ihrer Unterlippe. „Bei unserem Streit, kurz bevor auf dich geschossen wurde, da habe ich dir an den Kopf geworfen, dass ich wünschte, du wärst tot“, antwortete sie widerstrebend. „Und dann bist du tatsächlich fast gestorben. Ich fühlte mich schuldbewusst. Als hätte ich dir das angehängt.“

„Du bist doch keine Hexe. Oder hast du etwa geheime Fähigkeiten, von denen ich nichts weiß?“, versuchte er sie zum Lächeln zu bringen. „Wenn durch bloßen Wunsch Menschen sterben würden, wäre die Menschheit ganz schön dezimiert. Aber abgesehen davon war es nicht sehr nett von dir, mir den Tod zu wünschen“, fügte er verletzt hinzu. „Was habe ich dir getan?“

„Erinnerst du dich nicht mehr an unseren Streit?“

„Nein. Mein Gedächtnis kehrt zwar langsam zurück, aber bei diesem letzten Tag bin ich noch nicht. Ich kann mich gerade mal an Jaclyns Tod und meine Reise nach London und Paris erinnern.“

„Dann erinnerst du dich also nicht mehr an das, was zwischen uns beiden geschehen ist?“

„Nein. Was ist zwischen uns beiden geschehen?“, fragte er alarmiert.

„Du erinnerst dich also nicht mehr. Dabei hat es dir so gut gefallen …“ Ein boshaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Er legte die Stirn in Falten. „Jenni, ich weiß, dass unsere Beziehung nach Jaclyns Tod ein wenig aus den Fugen geraten ist, aber was zum Teufel meinst du?“

Sie lachte verbittert. „Das sage ich dir nicht. Zermartere dir ruhig den Kopf. Vielleicht fällt es dir ja irgendwann wieder ein.“

„Nein, das ist unmöglich“, murmelte Dominique. „Habe ich dir etwas so Schlimmes angetan, dass du mir deswegen den Tod gewünscht hast? Oder vielleicht sogar wirklich auf mich geschossen hast? Selbst deswegen sterben wolltest?“

Das Entsetzen, das sich in seine Züge malte, löste Mitleid in ihr aus. Sie richtete sich auf und streichelte eine seiner eingefallenen Wangen. „Nein, Papa. Du hast dir keinen Vorwurf zu machen. Du nicht. Ich bin es, die wohl ziemlich durchgeknallt ist. Das, was in den letzten Wochen alles passiert ist, war einfach zu viel für mich.“

„Aber warum wolltest du mich nicht mehr sehen?“

„Ich brauche Abstand. Ich muss versuchen, dich zu vergessen.“

„Zu vergessen? Ich bin dein Vater, nicht irgendeine missglückte Liebschaft, die man zu vergessen versucht“, sagte er ratlos.

Jennifer sah ihn nur an, schweigend, mit Widerspruch in den Augen.

„Oh Gott, Jenni“, seufzte er und streckte den Arm nach ihr aus. „Komm her.“

Sie warf sich an seine Brust, was Dominique einen Schmerzensschrei entlockte, und brach in Tränen aus.

„Du brauchst Hilfe, Jenni.“

„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, schluchzte sie. „Ich fühle mich total verloren.“

„Wir werden eine Lösung finden, für was auch immer.“ Er streichelte über ihr Haar. „Aber versprich mir, dass du keinen Suizidversuch mehr machst. Das würde auch mich umbringen. Du bist die wichtigste Person in meinem Leben, weißt du das nicht?“

„Den Eindruck hatte ich in der letzten Zeit nicht.“

„So ein Unsinn. Willst du mir nicht mehr darüber erzählen?“

„Nein. Wenn du dich nicht erinnerst, ist es wohl besser so, auch für dich.“

Ihn beschlich erneut ein unbehagliches Gefühl. „Du machst mir Angst.“

„Wäre ja ganz was Neues, dass du Angst hast“, spottete sie. Sie küsste seine Wange und beruhigte sich langsam wieder. „Wie geht es dir eigentlich?“, fragte sie dann und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich habe gerade die erste Nacht ohne Morphium hinter mir und fühle mich, als ob mich ein Ochsenkarren überrollt hätte. Aber die Ärztin findet, dass meine Genesung gute Fortschritte macht. Anscheinend bin ich dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen, was?“

Sie nickte und schmiegte sich erneut an ihn. „Ich hatte solche Angst, dass du stirbst, dass ich auch nicht mehr leben wollte.“

Dr. Sayoglu trat ins Zimmer. Nachdenklich betrachtete sie Vater und Tochter, die sich zärtlich in den Armen hielten, und beobachtete, wie Jennifer Dominique küsste.

„Alles wieder in Ordnung?“, fragte sie leise.


1

Dominique und Peter saßen im Cockpit der Piper von Stacy & Langmaster und flogen über die bergige Dschungellandschaft von Myanmar. Sie hatten eine Zwischenlandung zum Auftanken in Kalkutta gemacht und setzen ihren Weg nun in Richtung Nordthailand fort. Peter war jahrelang Linienpilot bei der PAN AM gewesen, bevor er beschlossen hatte, auszusteigen, um künftig als Privatermittler zu arbeiten und seine Kollegen im agentureigenen Flugzeug durch die Lande zu fliegen.

Ihr neuer Auftrag kam von einem wohlhabenden Inder, der Mr Stacy am Vorabend in der Agentur aufgesucht hatte. Zwei Tage zuvor hatte Anil Faisal seinen Cousin Vijay Chopra in seinem Privatflugzeug nach Bangkok geschickt, um dort eine Handvoll Edelsteine aus Familienbesitz zu verkaufen. Das Flugzeug, eine kleine Cessna, wurde von Faisals thailändischer Privatpilotin, eine Frau namens Taikky Nakhon, gesteuert. Doch sie waren nie in Bangkok angekommen. Die thailändischen Behörden hatten ihn benachrichtigt, dass man sein Flugzeug unversehrt, aber leerstehend, in Nordthailand gefunden hatte, auf einer Lichtung im Waldgebiet nahe der Grenze zu Laos und Myanmar.

Von Faisals Cousin und der thailändischen Pilotin fehlte jede Spur. Faisal sorgte sich um ihren Verbleib – und um den seiner Edelsteine. Die Polizei wollte er nicht alarmieren, bevor er nicht wusste, was vorgefallen war. Die indische Polizei galt als langsam, bestechlich und brutal und war ausgesprochen unbeliebt. Die Detektive vermuteten, dass darüber hinaus gewisse Unklarheiten über die Herkunft der Edelsteine bestanden oder dass der geplante Edelsteinhandel vielleicht nicht legal war.

Dominique und Peter hatten sich am Morgen auf den Weg gemacht. Jennifer musste zu ihrem Leidwesen in Delhi bleiben. Helen hatte Urlaub, und somit war Jennifer für Mr Stacy im Sekretariat unentbehrlich.

„Auf ein neues Abenteuer.“ Peter warf einen Blick auf seine Bordinstrumente und korrigierte ein wenig den Kurs. „Es ist ja so Einiges los seit meiner Rückkehr.“

Dominique starrte missmutig auf den Dschungel unter ihnen. „Kann man wohl sagen.“

„Kaum aus New York zurück und gleich in die Mongolei geschickt werden – das war vielleicht ein Kontrastprogramm.“

„Kann ich mir vorstellen.“

Kurz nach Peters Rückkehr aus den USA hatten er und Dominique einen Auftrag erhalten, der in Peking begonnen und sie dann in die Einöde der nördlichen Mongolei geführt hatte. Eine harte und gefährliche Mission, die sie beide erschöpft und ausgelaugt wiederkehren ließ. Die nachfolgenden Aufträge waren weniger brisant, aber dennoch anstrengend gewesen, mit vielen nächtlichen Einsätzen. Stundenlanges Warten im Auto wurde von plötzlichen Verfolgungsjagden abgelöst, und scharfe Beobachtungen hatten ihre volle Konzentration erfordert.

„Noch dazu die ganze Action nach einem Jahr Auszeit … Aber weißt du was? Es hat mir gefehlt. Das Leben war mir zu ruhig ohne diesen Job.“

„Hm“, machte Dominique einsilbig.

„War es nicht aufregend, wie wir durch die mongolische Pampa gerast sind, und dabei von usbekischen Terroristen für Secret-Service-Leute gehalten wurden? Es war wie in einem James-Bond-Film. Nur die Girls haben gefehlt“, scherzte Peter.

„Und die Gewissheit eines Happy Ends“, ergänzte Dominique sarkastisch.

„Na, und die Sache mit den ständigen Blutspuren in diesem Kino … das war richtig spannend, oder?“

„Wenn du mich fragst, ich würde gerne ein paar Wochen Spannung und Action gegen etwas Müßiggang eintauschen. Ich habe das alles ziemlich satt.“

Peter warf seinem Partner einen kritischen Seitenblick zu. Dominique hatte sein lausbubenhaftes Lachen verloren und wirkte um Jahre gealtert. Die Fältchen in seinem Gesicht hatten sich vertieft. Seit seiner Rückkehr aus Paris hatte er sich einen Bart stehen lassen. Da er keinen sehr dichten Bartwuchs hatte, wirkte er stets wie ein magerer Fünf-Tage-Bart, aber er verstärkte den düster-melancholischen Ausdruck seiner Gesichtszüge. Immerhin hatte er in der Mongolei seine zarte Haut vor den eisigen Winden geschützt.

„Du siehst schlecht aus, Nick“, sagte Peter mitfühlend. „Du solltest Urlaub machen. Nimm Jenni und fahr mit ihr irgendwohin ans Meer.“

„Ja, das tun wir auch bald. Cathérine will uns Anfang nächsten Jahres besuchen kommen. Dann fliegen wir nach Sri Lanka. Da wollten wir alle drei schon immer mal hin.“

„Nehmt ihr euch einen Mietwagen?“

„Nein, wir machen eine organisierte Gruppenreise. Wir haben sogar schon gebucht. Jaclyn wäre stolz auf mich gewesen“, fügte er bitter hinzu. „Sie hat ja immer beanstandet, dass ich nie langfristig plane, nicht mal den Urlaub.“

Peter lachte auf. „Du und eine organisierte Gruppenreise? Wie kommst du denn auf so eine merkwürdige Idee?“

„Ich brauche Erholung und möchte mich einfach nur in einen Bus setzen und mich um nichts kümmern müssen. Und ich kenne Cathérine – sie mag keine Ungewissheiten und liebt ihre Bequemlichkeit. Und mir wird es auch guttun, dass meine einzige Aufgabe darin besteht, in den richtigen Bus einzusteigen und mich pünktlich bei Tisch einzufinden.“

„Das hat was“, stimmte Peter zu. „Genug Abenteuer und Ungewissheiten hast du ja im Alltag. Dann wird das also ein richtiger Familienurlaub?“

„Genau. Vater, Mutter, Kind. Das haben wir seit siebzehn Jahren nicht mehr gemacht. Hoffentlich stehen Cathérine und ich es durch, ohne uns an die Gurgel zu gehen. Aber unsere letzte Begegnung in Paris vor zwei Monaten ist sehr harmonisch verlaufen.“

„Was ist eigentlich mit Jennifer los?“, wollte Peter wissen. „Was hat sie?“

„Ach, die war bloß sauer, weil sie nicht mit nach Thailand darf. Du weißt, wie gerne sie die Abenteurerin spielt, und Helen im Sekretariat zu vertreten, kann sie schon gar nicht leiden.“

„Nein, ich meine allgemein. Seit ich aus den USA zurück bin, finde ich sie irgendwie komisch. Sie hat sich verändert in diesem letzten Jahr. Sie ist so ruhig und immer ein bisschen traurig. Gar nicht mehr so quirlig und fröhlich wie früher.“

Dominique dachte nach und musste sich eingestehen, dass Peter recht hatte – und dass es ihm kaum aufgefallen war. „Sie hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Diese Beziehung zu Rajiv hat ihr nicht gutgetan, ich glaube, sie hat sie immer noch nicht verwunden. Und Jaclyns Tod hat sie natürlich auch mitgenommen. Vielleicht fühlt sie sich einsam. Ich war in den letzten Wochen auch kaum zu Hause, es war so viel los, wie du ja gerade gesagt hast.“

„Ich wäre gerne wieder mit Jenni zusammen“, gestand Peter. „Aber sie ist nicht mehr daran interessiert.“

„Nimmst du das an oder hat sie es dir gesagt?“

„Hat sie mir klar und deutlich gesagt. Freundschaft ja, mehr nicht.“

„Schade. Es würde mich beruhigen, wenn sie mit dir zusammen wäre. Du hast ihr wenigstens nicht das Herz gebrochen.“ Dominique kaute mit finsterem Gesichtsausdruck auf seiner Unterlippe. „Ist es noch weit?“

Peter studierte die Instrumente. „Nein. In der nächsten halben Stunde müssten wir am Ziel sein. Wir sind gerade an Mandalay in Burma vorbeigeflogen. Sorry, ich meinte Myanmar. Hab mich noch nicht daran gewöhnt, dass die sich umbenannt haben.“

Dominique zuckte desinteressiert mit den Schultern. „Ist mir vollkommen egal, wie du es nennst. Hauptsache du findest hin.“

Das intensive Grün des dichten Dschungels unter ihnen lichtete sich, als sie die Grenze zu Thailand erreichten. Peter flog tiefer, und bald sahen sie auf einer Lichtung ein kleines Flugzeug stehen, das so ähnlich aussah wie das der Agentur.

„Das muss es sein“, bemerkte Dominique.

„Dann wollen wir unseren Vogel mal daneben setzen“, sagte Peter und drückte den Knüppel nach unten.

Die Landung war unsanft.

„Hey, Peter!“, rief Dominique und klammerte sich an seinem Griff fest. „Willst du die Kiste landen oder eine Bruchlandung hinlegen? Du hast doch nicht das Fliegen verlernt?“

„Da muss irgendwas auf der Piste gelegen haben, über das wir gerollt sind. Das kommt davon, wenn man nicht auf dafür vorgesehenen Landebahnen, sondern mitten in der Pampa landet.“

Als sie ausstiegen, untersuchte er das Fahrwerk und fluchte.

Dominique trat neben ihn. „Was ist?“

„Das Fahrwerk ist kaputt. Wahrscheinlich lag ein Stein im Weg, und der hat die Metallstangen verbogen und eines der Räder abgerissen.“

„Kannst du das reparieren?“

„Nein. Wir brauchen Ersatzteile, die wir nicht standardmäßig dabeihaben.“

„Heißt das, wir kommen hier nicht mehr weg?“

„So ist es.“

„Mist. Und was jetzt?“ Dominique blickte sich um. Ringsum nichts als Wald. Und ein anderes Flugzeug. „Hey, da steht schließlich noch Faisals Maschine. Wir könnten damit weiterfliegen und Hilfe holen.“

„Hast du den Schlüssel?“

„Kann man ein Flugzeug nicht genauso kurzschließen wie ein Auto?“

„Glaubst du, es würde noch dastehen, wenn man das könnte?“, fragte Peter sarkastisch.

„Vielleicht kann in dieser gottverlassenen Gegend einfach niemand fliegen“, gab Dominique zurück.

„Lass uns erst mal Faisals Maschine auf Schäden und nach den Edelsteinen untersuchen.“

Prüfend umkreisten sie die Cessna.

„Sieht nicht nach einer Notlandung aus“, stellte Peter fest. „Sie sind sauber runtergekommen.“

„Aber schau mal, wie zerwühlt die Erde dort drüben aussieht.“ Dominique zeigte auf eine etwa fünf Meter entfernte Stelle des sandigen Bodens. „Kann das von der Landung sein?“

Sie gingen hinüber und betrachteten die Spuren.

„Nein, das sieht eher aus wie verwischte Fußspuren. Aber kreuz und quer. Als ob …“

„Als ob zwei Leute hier gekämpft hätten“, ergänzte Dominique.

Mit einem Dietrich öffneten sie die Flugzeugkabine und setzten sich hinein. Während Peter das Instrumentenbord studierte, sah sich Dominique nach Hinweisen auf eventuell versteckte oder verlorengegangene Edelsteine um.

Sie entdeckten jedoch nichts Auffälliges.

„Logisch“, sagte Peter. „Die werden ja nicht die Kiste hier im Nirgendwo in den Sand setzen, um dann die teuren Klunker zurückzulassen.“

„Lass uns erst mal sehen, wie wir hier wieder wegkommen, bevor es dunkel wird. Hast du eine Ahnung, in welcher Richtung die nächstgrößere Stadt liegt?“

„Das ist Chiang Rai, Richtung Süden. Aber das sind mindestens dreißig Kilometer.“

„Mist. Dann werden wir uns mal um ein Quartier für die Nacht kümmern. Vielleicht hat ja hier in der Nähe jemand die Insassen des Flugzeugs gesehen.“

„Und du hast tatsächlich Hoffnung, dass wir uns mit den Leuten hier verständigen können?“

Dominique zuckte mit den Schultern. „Die Sprache von Dollarscheinen versteht jeder.“

„Ja, und um an die Scheine zu kommen, gibt jeder sich hilfsbereit, auch wenn er eigentlich gar nicht helfen kann“, sagte Peter trocken.

Sie holten ihr Gepäck aus der Piper und verschlossen sie sorgfältig.

„Chiang Rai liegt Richtung Süden, sagst du?“ Dominique blinzelte in die Spätnachmittagssonne, um sich an ihrem Stand zu orientieren. „Wenn wir diesem Pfad folgen, ist das dann richtig?“

Peter holte einen kleinen Kompass aus seinem Rucksack. „Der Pfad führt nach Südwesten, also ist das nicht ganz die richtige Richtung. Aber lass es uns versuchen. Es bringt sicher nichts, wenn wir uns nach Süden durch das Dickicht schlagen müssen.“

Sie betraten den schmalen Pfad, der von der Lichtung in einen Wald voller Teakbäume und Pinien hineinführte. Vögel schrien hoch über ihren Köpfen.

„Angenehm frisch ist es hier“, stellte Dominique fest.

„Weil wir in etwa tausend Meter Höhe sind. Warum die wohl ausgerechnet hier gelandet sind?“

„Möglicherweise gibt es in der Nähe einen Schwarzmarkt für Edelsteine. An der burmesischen Grenze blühen Schwarzmarktgeschäfte aller Art wie verrückt.“

„Aber bestimmt nicht ausgerechnet auf dieser Lichtung mitten im Nirgendwo. Oder glaubst du, hier wird an ungeraden Tagen ein Wochenmarkt aufgebaut?“, scherzte Peter.

„Das ist gar nicht so abwegig. Vielleicht finden Schwarzmarktgeschäfte in einem Dorf in der Nähe statt, wo man nicht landen kann. Oder sie wollten ihre Spuren verwischen, damit Faisal sie nicht so leicht findet.“

„Oder die thailändische Pilotin wollte hier Verwandte besuchen.“

Nach kaum zehn Minuten Fußmarsch lichtete sich der Wald erneut. Sie erblickten ein großes langgestrecktes, L-förmiges Gebäude aus Stein. Weiter hinten lagen ein paar schlichte kleine Holzhütten, an die Felder grenzten, auf denen Gemüse angebaut wurde.

Peter packte Dominique unvermittelt am Arm. „Nick, da steht ein Jeep!“

„Halleluja! Und sieh mal da, zwei Frauen.“

Vor dem Eingang des großen Gebäudes saß eine junge Einheimische auf einem Stuhl. Eine dunkelblonde Weiße hockte vor ihr und bandagierte ihren Fuß. Als sie die beiden sich nähernden Männer erblickte, ließ sie das Verbandzeug los, fuhr hoch, zog einen Revolver aus der Tasche ihres weißen Kittels und richtete ihn auf Dominique und Peter. „Keinen Schritt weiter!“

„Hey!“ Peter blieb stehen und hob die Hände. „Was ist das für eine Begrüßung? Ich dachte, Thailand wäre ein gastfreundliches Land!“

„In dieser Gegend kann man nicht vorsichtig genug sein. Und Sie sehen nicht aus wie Touristen.“

„Das sind wir auch nicht. Aber ich versichere Ihnen, dass wir keine bösen Absichten haben“, sagte Dominique.

Die hochgewachsene schlanke Frau, die in den Vierzigern sein mochte, musterte sie prüfend und ließ dann den Revolver sinken. „Entschuldigen Sie den unfreundlichen Empfang. Aber die Gegend hier ist nicht sehr sicher. Wer sind Sie und was machen Sie hier?“ Ihr Englisch hatte einen unverkennbar deutschen Akzent.

„Mein Name ist Dominique Demesy.“

„Und ich bin Peter Hestersant. Wir kommen mit einem Sportflugzeug aus New Delhi und mussten da hinten eine Art Notlandung machen. Wir benötigen einen Mechaniker, um unser Flugzeug wieder flott zu machen.“

„Ich fürchte, den werden Sie hier nicht finden. Das ist eine Krankenstation für Leprakranke und Opiumsüchtige. Und in den umliegenden Dörfern ist ein Fahrrad das Höchste an Technik, was die Leute je gesehen haben.“

„Die nächstgrößere Stadt ist Chiang Rai, ist das richtig?“, fragte Peter.

„Ja. Dort gibt es einen Flugplatz, Sie werden also kein Problem haben, einen Flugzeugmechaniker zu finden. Es sind rund dreißig Kilometer bis Chiang Rai.“

„Wäre es sehr unverschämt, Sie zu bitten, uns dorthin zu fahren? Gegen gutes Entgelt natürlich.“

„Nein, das ließe sich einrichten. Heute ist es allerdings zu spät dafür. Die Straßen sind sehr schlecht, für den Hin- und Rückweg braucht man etwa drei Stunden, und es wird bald dunkel.“ Sie hockte sich wieder neben die junge Einheimische und fuhr fort, den von der Lepra verstümmelten Fuß zu bandagieren. „Ich bin gleich fertig, dann können wir das in Ruhe besprechen.“

Kurz darauf saßen sie zu dritt an einem klapprigen Holztisch vor der Krankenstation und tranken mit Wasser verdünnten Orangensaft.

„Sind Sie die Ärztin hier?“, fragte Dominique.

„Ja.“

„Und haben Sie auch einen Namen?“

„Entschuldigung, ich habe in der Aufregung ganz vergessen, mich vorzustellen. Ich heiße Helga Behrmann. Was führt Sie hierher?“

Die Männer tauschten einen Blick. „Wir sind Privatermittler“, sagte Peter. „Und um genau zu sein, sind wir hier auch gar nicht notgelandet, sondern absichtlich.“

Helga hob überrascht und etwas skeptisch die Augenbrauen. „Warum?“

„Wissen Sie, dass vor zwei Tagen auf der Lichtung da hinten ein anderes Kleinflugzeug gelandet ist?“

„Ich habe davon gehört, ja.“

„Und haben Sie auch gehört, was aus den Insassen dieses Flugzeugs geworden ist?“

„Warum interessieren Sie sich für sie?“

„Das Flugzeug gehört unserem Mandanten, einem Inder aus New Delhi. Er hatte damit seine Pilotin und seinen Cousin nach Bangkok geschickt, aber sie sind nie angekommen. Stattdessen benachrichtigten ihn die Behörden, dass das Flugzeug hier gesehen wurde – ohne die beiden Insassen. Natürlich macht er sich jetzt Sorgen“, erklärte Peter. Er hielt es für besser, die Edelsteine nicht zu erwähnen.

„Ach, so ist das. Nun ja, vor zwei Tagen hat mein Assistent das Flugzeug in der Nähe kreisen und schließlich landen sehen. Er war neugierig und ging nachsehen, ob es eine Notlandung war und ob jemand Hilfe brauchte. Er fand eine junge Thailänderin neben dem unversehrten Flugzeug. Sie war bewusstlos, und anscheinend hatte jemand sie zusammengeschlagen. Sie war übel zugerichtet, und so brachte er sie her. Sicher handelt es sich um die gesuchte Pilotin. Von einem Mann hat mein Assistent aber nichts gesehen.“

Dominique zeigte ihr das Foto von Taikky Nakhon, der Pilotin. „Ist sie das?“

Helga nickte. „Ja.“

„Wie geht es ihr jetzt?“

„Wieder besser. Es waren zum Glück keine schweren Verletzungen. Sie will die Krankenstation morgen verlassen. Vielleicht kann sie Sie ja auch in Chiang Rai absetzen. Mit dem Flugzeug ist es ein Katzensprung.“

„Dürfen wir sie sehen?“

„Natürlich. Ich bringe Sie zu ihr.“

„Danke. Noch eine Bitte: Wenn wir erst morgen hier wegkommen, wäre es dann vielleicht möglich, hier zu übernachten?“

„Kein Problem. Ich habe noch eine freie Hütte. Es ist sehr spartanisch, aber sicher immer noch besser als eine Hängematte im Wald.“

„Mit Sicherheit. Vielen Dank.“

Sie begleiteten die deutsche Ärztin zu einer der Hütten.

„Vielleicht wäre es besser, wenn zunächst nur einer von Ihnen mit hineinkommt“, meinte sie. „Wir wollen sie ja nicht erschrecken.“

„Ich mach das.“ Dominique warf seinem Kollegen einen Blick zu. „Wartest du hier, Peter?“ Wieder an Helga Behrmann gewandt, fragte er: „Spricht sie Englisch, Doktor?“

„Ja, sehr gut sogar. Aber bitte, nennen Sie mich Helga. Das förmliche Doktor habe ich in der Uniklinik von Frankfurt zurückgelassen.“

Sie betraten die kleine, in Dämmerlicht getauchte Holzhütte. In einer Ecke stand ein rohgezimmerter Holztisch mit einem passenden Stuhl davor. Auf dem Tisch befand sich eine große Schüssel mit Wasser, daneben lagen ein paar verstreute Kosmetikartikel. Auf der anderen Seite der Hütte lagen Bambusmatten auf dem Boden ausgebreitet, die mit Laken und Kissen zu einem Bett hergerichtet waren. Die junge Frau, die dort gelegen hatte, richtete sich auf, als Helga und Dominique eintraten. Dabei glitten lange schwarze Haare nach hinten, und dunkle Mandelaugen musterten Dominique misstrauisch.

„Wer sind Sie?“

„Taikky, das ist Dominique Demesy aus New Delhi“, stellte Helga vor. „Er möchte dir ein paar Fragen stellen. Ich lasse euch allein, in Ordnung?“ Ohne eine Antwort abzuwarten zog sie sich zurück.

Die grazile Thailänderin erhob sich mit geschmeidigen Bewegungen und baute sich vor Dominique auf. „Aus New Delhi, so, so. Was führt Sie in diese Gegend?“

„Sie und Mr Chopra werden von Mr Faisal seit zwei Tagen vermisst, Miss Nakhon“, erklärte Dominique. „Ich bin froh, dass ich schon mal Sie unversehrt gefunden habe. Na ja, beinahe unversehrt.“

Ihr hübsches ovales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den vollen Lippen wurde von einer bläulichen Prellung unter dem rechten Auge verunstaltet.

„Wer hat Ihnen das angetan?“

„Sind Sie ein Schnüffler?“, fragte sie feindselig.

„Privatdetektiv gefällt mir als Begriff besser. Oder Privatermittler, wenn Sie mögen.“

„Aha. Von Faisal geschickt?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ja. Wissen Sie, wo Mr Chopra ist?“

„Nein.“

„Oder vielleicht, wo die Edelsteine sind?“

Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als sie ihn abschätzend musterte. „Chopra hat sie. Er hat mich gezwungen, in dieser Gegend zu landen, um mit den Steinen türmen zu können.“

„Und dann?“

„Weil ich ihn daran hindern wollte, hat er mich zusammengeschlagen.“

„Hm.“ Obwohl die Erklärung plausibel klang, war Dominique nicht überzeugt.

„Wer hatte die Edelsteine – er oder Sie?“

„Er.“

„Warum musste er Sie zusammenschlagen, wenn er sie bereits hatte? Hätte es nicht gereicht, Sie wegzustoßen? Oder haben Sie sich an sein Bein geklammert?“

Taikky gab ein leises, gereiztes Knurren von sich. Sie erinnerte Dominique an eine schöne gefährliche Raubkatze mit ihrem lauernden schrägen Blick, dem zierlichen, aber durchtrainierten Körper und dem seidig glänzenden Haar. Er schätzte sie auf Ende zwanzig oder Anfang dreißig.

„Was wollen Sie damit sagen?“, fragte sie verärgert. „Natürlich habe ich versucht, ihn aufzuhalten, und das hat ihn wütend gemacht, deshalb hat er mich geschlagen. Wenn ich mich an seine Fersen geheftet hätte, wäre er mich so schnell nicht losgeworden, also musste er wohl zu drastischeren Mitteln greifen.“

„Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht eher um den Besitz der Edelsteine geprügelt haben?“, fragte Dominique argwöhnisch.

„Das ist eine unverschämte Unterstellung“, fauchte Taikky.

„Warum haben Sie sich zwingen lassen, hier zu landen?“

„Weil er mir ein Messer an die Kehle gehalten hat. Wäre das für Sie kein überzeugendes Argument?“

„Doch, in der Tat. Kann Chopra eine Cessna fliegen?“

„Nein. Sonst hätte er mich ja gar nicht gebraucht.“

„Stimmt. Aber da er Sie nun mal brauchte, wäre es unklug gewesen, Sie mitten in der Luft zu töten, nicht?“

„Glauben Sie, dass ich mir in diesem Moment darüber so sachliche Gedanken gemacht habe? Vielleicht hätte er mich nicht gleich getötet, sondern nur so verletzt, dass ich es gerade noch zur Landung geschafft hätte. Was weiß ich? Es erschien mir weniger riskant, erst mal das zu tun, was er sagte.“

„Schon richtig. Wissen Sie, warum er gerade hier landen wollte?“

„Nein, keine Ahnung.“

„In welche Richtung ist er gegangen?“

„Das habe ich nicht gesehen, ich war bewusstlos.“

„Was sind jetzt Ihre Pläne?“

„Ist das ein Verhör?“, fragte sie gereizt.

„Nein.“ Dominique rang sich ein Lächeln ab. „Ich wollte bloß wissen, ob Sie mich morgen früh mit dem Flugzeug in Chiang Rai absetzen könnten.“

„Warum?“

„Mein Kollege und ich sind neben Ihrem Flugzeug gelandet. Leider ist dabei das Fahrwerk kaputt gegangen, und wir müssen nach Chiang Rai, um einen Mechaniker zu holen.“

Ihre Miene entspannte sich etwas. „Ach so. Ja, lässt sich einrichten.“

„Werden Sie nach Indien zurückfliegen?“

„Natürlich. Ich habe schließlich keinen Urlaub. Und nach Bangkok muss ich ohne die Edelsteine nicht mehr.“

„Hm. Fühlen Sie sich besser? Die Ärztin sagte, dass Chopra Sie übel zugerichtet hat.“

„Ja, es geht mir besser. Helga hat sich gut um mich gekümmert. Was für ein Glück, sich in der Nähe einer Krankenstation zusammenschlagen zu lassen“, sagte Taikky mit sarkastischem Unterton. „Und das im nordthailändischen Dschungel. Ein echter Glücksfall.“

„Ich würde Sie gern zum Abendessen einladen, aber leider muss ich mich selbst hier einladen.“

„Helga wird Sie schon nicht verhungern lassen. Woher kommen Sie? Und wie war doch gleich Ihr Name?“

„Dominique. Ich komme aus New Delhi.“

„Sie sehen nicht aus wie ein Inder.“

„Ich bin Franzose.“

„Ah … interessant.“

„Kommen Sie mit raus? Ich möchte Ihnen meinen Kollegen vorstellen.“

„Okay. Moment.“ Sie ging zum Stuhl und griff nach ihrer Jeansjacke, die über der Lehne hing.

„Ist Ihnen kalt?“, fragte er verwundert.

„Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es kühl hier in den Bergen, das werden Sie noch merken.“

Dominique stellte Taikky und Peter einander vor. Helga hatte gerade Feierabend gemacht und zeigte Dominique und Peter die freie Hütte, die genau wie die von Taikky eingerichtet war. Sie brachten ihr weniges Gepäck hinein und nahmen frische Laken und Kissen entgegen. Dann lud Helga sie auf die Veranda ihrer verhältnismäßig komfortabel ausgestatteten Hütte ein.

„Wie wäre es mit einem Aperitif?“, schlug sie vor und holte eine Flasche Whisky hervor. Sie hatte sogar Eiswürfel, aus dem Gefrierschrank der Krankenstation. Peter und Dominique bekamen leuchtende Augen. Auch Taikky war einem Drink nicht abgeneigt.

Während sie auf der Veranda saßen, beobachteten sie, wie die Sonne orangerot hinter den spitzen Bergen und den hohen Baumwipfeln versank. In der Luft mischte sich Blütenduft mit dem fauligen Gestank des Dschungels.

„Wie kommt es, dass eine Krankenstation so weit weg von allem errichtet wurde?“, fragte Peter schließlich. „Ist das nicht unpraktisch?“

„Es ist ja keine Unfallklinik. Leprakranke gelten in Asien leider als Abschaum der Menschheit, und man fürchtet sich vor Ansteckung. Daher schafft man sie so weit weg wie möglich. Mit den Opiumsüchtigen im Endstadium, die bis aufs Skelett abgemagert sind und sich die Lunge stückchenweise heraushusten, ist es genauso. Die werden nicht vom Volk gefürchtet, sondern von der Regierung. So was passt nicht ins Bild eines modernen Staates. Man will sie nicht in den Straßen der Städte haben, in die Touristen kommen. Und da das inzwischen fast überall der Fall ist, muss man sie eben sehr weit wegbringen. Und kann gleichzeitig sagen, dass man sie pflegt, statt sie in der Gosse verrecken zu lassen.“

„Was für eine Ironie, sie ausgerechnet hierher zu bringen, wo die Quelle ihres Übels ist“, kommentierte Taikky und wandte sich dann an Dominique und Peter. „Haben Sie beim Anflug diesen violetten Teppich aus Schlafmohnfeldern gesehen?“

Dominique nickte. „Ein schönes Bild. Und eine tödliche Ernte. Aber ich dachte, das wäre über Myanmar gewesen. Wird in Thailand noch Schlafmohn angebaut?“

„Offiziell nicht mehr. Die Mutter unseres Königs unterstützt seit Jahren das Projekt, auf den ehemaligen Mohnfeldern Erdbeeren, Gurken und Kohl anzubauen. Aber das bringt natürlich nur einen Bruchteil von dem ein, was man mit Roh-Opium erwirtschaftet, und deswegen ist es für die Bauern wenig attraktiv. Illegal wird immer noch Schlafmohn angebaut, bewacht durch die thailändische Polizei, die Bestechungsgelder der Opiumhändler erhält, was ihr bescheidenes Gehalt erheblich aufbessert. Einige der hier lebenden Bergvölker stellen auch nach wie vor Opium zum Eigenbedarf her. Anders ist das ärmliche Leben wahrscheinlich nur schwer zu ertragen.“

Alle vier schwiegen einen Moment lang betreten und ließen die Eiswürfel in ihren Gläsern kreisen.

„Wie hat es Sie hierher verschlagen?“, wandte sich Peter dann an Helga. „Ihr Deutschen seid zwar bekannt für soziales Engagement, aber ist es nicht übertrieben, seine besten Jahre in dieser Einöde zu verbringen?“

Helga lächelte traurig, ihre grauen Augen waren ausdruckslos. „Meine besten Jahre liegen hinter mir, glaube ich.“ Sie nippte an ihrem Whisky. „Mein Sohn ist vor zwei Jahren an einer Überdosis gestorben. Er war seit Jahren heroinabhängig. Und ich war so mit meinem Job als Unfallärztin beschäftigt, dass ich es nicht mal gemerkt habe. Das soll keine Entschuldigung sein“, fügte sie hastig hinzu. „Aber ständig Nachtschichten, immer wieder der Kampf um Leben und Tod … Sie können sich vorstellen, wie das an Nerven und Kräften zehrt.“

Die anderen nickten betroffen.

„Mein Exmann ist mit dem Tod unseres Sohnes nicht fertig geworden. Wir waren seit fünf Jahren geschieden. Seine neue Freundin hatte ihn kurz vor Saschas Tod verlassen. Noch dazu hatte er berufliche Probleme. Das alles war zu viel für ihn. Er hat sich das Leben genommen. Und mich hat dann nichts mehr in Deutschland gehalten. Ich brauchte unbedingt Abstand von all dem. Ich habe mir eine Auszeit vom Krankenhaus genommen, und als ich von diesem Job erfuhr, bin ich hergekommen.“

„Und jetzt pflegen Sie Opiumsüchtige, um wieder gutzumachen, was Sie meinen, bei Ihrem Sohn versäumt zu haben?“, fragte Dominique.

„Ja, Schuldgefühle spielen dabei natürlich eine große Rolle“, gab sie zu.

„Aber ist das nicht sehr einsam hier? Wie halten Sie das aus?“, fragte Peter.

„Ich hatte für eine Weile genug von der sogenannten westlichen Zivilisation, in der sich so manche zivilisierten Typen des Homo sapiens primitiver verhalten als eine Horde Primaten. Einsamkeit ist daher für mich nicht unbedingt ein negativer Begriff. Außerdem bin ich ja nicht völlig allein. Ich habe meinen Assistenzarzt Bhumibol aus Chiang Mai, zwei Pfleger, zwei Krankenschwestern und eine Köchin. Wir sind ein gutes Team. Es sind sehr herzliche Menschen, die dafür sorgen, dass ich mich weder einsam noch ausgeschlossen fühle. Und anders als in deutschen Krankenhäusern gibt es keinen Konkurrenzkampf und keine Hierarchie. Ich möchte sie Ihnen vorstellen. Wir werden alle zusammen essen, und es ist gleich so weit.“ Sie erhob sich. „Kommen Sie.“

Sie gingen die rund hundert Meter zum Eingang des Krankenhausgebäudes. Dominique verlangsamte seine Schritte und hielt Peter zurück, bis Taikky und Helga, die miteinander redeten, außer Hörweite waren.

„Verwickle Taikky nach dem Essen in ein Gespräch. Ich will mich in ihrer Hütte umsehen.“

„Traust du ihr nicht?“

„Nein, ganz und gar nicht. Ihre Geschichte klingt zwar plausibel, aber mein Instinkt sagt mir, dass da irgendwas faul ist.“

Sie nahmen das Abendessen zusammen mit dem Krankenhauspersonal in einem kleinen Speisesaal zu sich. Es gab Hühnercurry mit Gemüse und zum Nachtisch frische Ananas. Es war schlicht, aber lecker.

„Ich habe noch nie so leckere Ananas gegessen“, lobte Peter.

„Etwa zwei Kilometer von hier liegt eine Ananasplantage“, erklärte Helga. „Wir verarzten hin und wieder kostenlos die Leute der Plantage, und zum Dank bekommen wir oft körbeweise frische Ananas.“

Nach dem Essen setzten sie sich wieder zu viert auf Helgas Veranda, auf der eine Petroleumlampe brannte. Es war inzwischen stockdunkel geworden. Zwar gab es Strom, doch Petroleumlampen gaben ein viel angenehmeres Licht als die nackten Glühbirnen. Peter und Helga blieben bei Whisky. Taikky und Dominique zogen Kaffee vor, den Helga ihnen mit ihrer kleinen Kaffeemaschine zubereitete.

„Ohne meinen Kaffee bin ich morgens nicht ansprechbar“, sagte sie lächelnd. „So viel Luxus brauche ich selbst im Dschungel.“

Dominique trank hastig seinen Kaffee und warf Peter einen auffordernden Blick zu. Dieser begann daraufhin, Taikky in ein Gespräch über Thailands wirtschaftliche Lage zu verwickeln.

Dominique erhob sich. „Es ist kühl geworden. Ich werde meine Jacke holen.“ Er ging in seine Hütte und holte statt der Jacke eine Taschenlampe aus seinem Gepäck. Als er wieder herauskam, vergewisserte er sich, dass Taikky nicht in seine Richtung sah, schlug einen Haken und schlich sich in ihre Hütte hinein.

2

Schnell untersuchte Dominique im Schein seiner Taschenlampe die Reisetasche der Pilotin. Er fand nichts Verdächtiges. Es wäre auch unwahrscheinlich gewesen, dass sie Edelsteine von solchem Wert in einer unverschlossenen Hütte zurückgelassen hätte.

„Was tun Sie hier?“, fragte unvermittelt eine kalte, weibliche Stimme hinter ihm, und das elektrische Licht ging an.

Dominique drehte sich in aller Ruhe um. „Sie aus der Reserve locken. Ihr Gespräch mit Peter hat Sie nicht lange gefesselt, was?“

„Nein. Ich wusste, dass Sie gar nicht Ihre Jacke holen wollten. Ihnen war nicht kalt.“

„Und da Sie zweifellos clever sind, erscheint es Ihnen sicher logisch, dass ich mich in Ihrer Hütte umsehen musste“, ergänzte er.

Taikkys Mandelaugen waren zu schmalen Schlitzen verengt, die Nasenflügel ein wenig geweitet. Sie wirkte wie eine zum Sprung bereite Raubkatze, als sie mit geschmeidigen Schritten langsam auf ihn zuging.

Der schwarze Panther, dachte Dominique, und etwas begann in seinem Nacken zu prickeln.

„Ich mag es nicht, wenn man in meinen Sachen herumschnüffelt“, sagte sie. „Haben Sie wenigstens etwas Interessantes gefunden?“

Er grinste. „Ich finde es interessant, dass eine Frau wie Sie im tiefsten Dschungel eine Packung Kondome im Gepäck hat.“

„Man kann eben nie vorsichtig genug sein“, erwiderte sie ironisch.

Sein Blick fiel auf eine kleine Beule in der Brusttasche ihrer Jeansjacke, die ihm bereits vorher aufgefallen war. „Was ist da drin?“

Taikkys Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln, das ihre Augen jedoch nicht erreichte. „Ein Präservativ. Ich hatte vor, Sie im Wald zu überraschen.“

„Wie schmeichelhaft! Darf ich mal sehen?“

„Nein!“

Dominique griff nach den Aufschlägen ihrer Jacke und wollte sie daran zu sich heranziehen.

„Finger weg!“, fauchte Taikky und schlug ihm auf die Hand.

Mit einem Ruck hatte er ihr die Jacke bis zu Ellenbogen heruntergerissen, sodass sie ihre Arme fesselte. Schnell griff er in die nun auf dem Oberarm sitzende Brusttasche und fingerte den Inhalt heraus. Taikky wollte ihm das Knie zwischen die Beine rammen, doch Dominique sah es kommen und wich elegant wie ein Stierkämpfer aus. Gleichzeitig zwang er sie dabei mit einem Judogriff in die Knie, den er von Jaclyn gelernt hatte.

„Ich mag dominante Männer“, presste Taikky hervor und blickte spöttisch zu ihm auf. „Die meisten sind solche Waschlappen …“

Während Dominique sie mit der einen Hand festhielt, betrachtete er den Gegenstand in seiner anderen Hand. Ein abgerolltes Kondom mit einem Knoten am Ende, gefüllt mit drei kleinen runden Steinen, die rubinrot und saphirblau durch das Latex hindurchschimmerten.

„Ich sehe schon, es geht Ihnen nicht nur um gesundheitliche, sondern auch um materielle Sicherheit“, sagte Dominique trocken und ließ Taikky los, um den Inhalt des Kondoms näher untersuchen zu können.

Sie rappelte sich auf und rannte in Richtung Tür.

„Hier geblieben!“ Er setzte hinterher, erwischte sie am Arm und hielt sie fest.

Taikky schlug und trat auf ihn ein. Da Dominique sie nicht verletzen wollte, hatte er Mühe, mit ihr fertig zu werden. Sie rangen miteinander und landeten auf den am Boden ausgebreiteten Bambusmatten.

„Sie sind ein ganz schönes Energiebündel!“, keuchte er, als sie miteinander kämpften. „Kein Wunder, dass Chopra schwere Geschütze auffahren musste!“

Endlich gab sich die Thailänderin geschlagen und blieb ruhig unter ihm liegen, während Dominique ihre Hände auf den Boden presste.

„Kannst du dich jetzt mal wieder beruhigen?“, fragte sie mit kühler unbeteiligter Stimme.

„Ich mich beruhigen! Oh, aber ich bin ganz ruhig!“, sagte Dominique wütend. „Vielleicht erzählst du mir jetzt mal, wo der Rest der Steine ist!“

„Chopra hat sie.“

„Ihr seid also Komplizen.“

„Nein. Er hat mich gezwungen, hier zu landen, und wollte mit den Steinen verschwinden. Ich habe versucht, ihn daran zu hindern, deshalb hat er mich geschlagen. Das habe ich dir ja bereits gesagt, und es ist wahr. Diese drei Steine hat er mir als Schweigegeld gegeben. Ich sollte Faisal sagen, dass wir in dieser gefährlichen Gegend eine Notlandung machen mussten, und eine bewaffnete Bande uns die Steine abgenommen hat, während wir herumgeirrt sind.“

Obwohl es plausibel klang, war Dominique nicht überzeugt. „Und als loyale Angestellte hattest du vor, Faisal seine Steine zurückzugeben und ihm alles zu erklären?“

„Ja, natürlich.“

„Warum dann dieser Fluchtversuch? Warum hast du mir nicht schon vorher die Wahrheit gesagt?“

„Ich wusste nicht, ob ich dir trauen kann. Vielleicht bist du ja ein Komplize von Chopra, der mir die Steine wieder abnehmen und mich für immer am Reden hindern soll.“

„Ich werde dir meinen Detektivausweis zeigen.“

„Was beweist das schon. Ihr seid doch alle bestechlich.“

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960879893
ISBN (Buch)
9783968170510
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514709
Schlagworte
Krimi-nal-roman-e Frankreich-Krimi-nal-roman-e französisch-e-r-krimi-nal-roman-e polizei-detektiv-krimi-s-roman-e reise-urlaub-krimi-s spannung-s-roman-e privatdetektiv-roman-e-krimi-s

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Sabine Strick (Autor)

Zurück

Titel: Tödliche Nächte