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Das wilde Herz des Westens

von Alexandra Fischer (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Baltimore, 1865: Seit ihrer Kindheit träumt die junge Phoebe Ann Harrington davon, einen Cowboy zu heiraten. Mit dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs sieht sie endlich ihre Chance gekommen und antwortet auf eine Heiratsannonce. Phoebe ist davon überzeugt, ihr großes Glück gefunden zu haben und überredet ihre Freundin Briana Magee sie nach Missouri zu begleiten. Doch Phoebes zukünftiger Ehemann Silas Kennedy und sein Bruder Jesse sind nicht das, wofür sie sich ausgeben und plötzlich beginnt eine Reise, die alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt. Denn nicht nur die Kennedy-Brüder haben etwas zu verbergen, sondern auch Phoebes Freundin Briana hütet ein Geheimnis, das alle in Gefahr bringt …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Februar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-916-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-044-2

Copyright © Januar 2019, Selfpublishing
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Januar 2019 bei Selfpublishing erschienenen Titels Das wilde Herz des Westens (ISBN: 978-3748103110).

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © ersler
shutterstock.com: © Galyna Andrushko, © mariait
periodimages.com: © Mary Chronis, VJ Dunraven Productions
Korrektorat: Katrin Gönnewig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Tonia – verliere nie dein Lachen

PROLOG

Blut, überall war Blut. Briana Magee starrte in die toten Augen ihres Onkels Caiden, der mit einem Loch in der Brust vor ihr auf dem Holzfußboden lag. Sein Blick wirkte überrascht, so als ob er nicht glauben könnte, was mit ihm geschehen war. Briana bekam kaum Luft. Sie roch den Tod. Das metallische Aroma des Blutes legte sich auf ihre Schleimhäute und sie würgte trocken.

»Geh Pilze sammeln«, hatte Caiden zu ihr gesagt. Sie war nur eine Stunde fort gewesen.

Langsam öffnete Briana die Haustür ein Stückchen weiter. Sie ahnte bereits, was sie als Nächstes sehen würde. Der Korb mit den Pilzen fiel zu Boden und die Champignons und Lacktrichterlinge rollten in die Blutlache zu ihren Füßen. Ein heiserer Schrei entrang sich ihrer Kehle. Biddy!

Ihre Tante saß in dem Schaukelstuhl, den sie so geliebt hatte, aber sie lächelte nicht dabei. Vielmehr hing ihr Kopf in einem eigenartigen Winkel zur Seite und die bleichen Lippen enthüllten ihre Zunge. Ihre Brust war ebenfalls zerfetzt, das Blut hinter ihr an der Wand verteilt. Briana ging zu ihr. Fassungslos berührte sie die roten Locken ihrer Tante und strich ihr über die schmalen Schultern. Biddys Herz schlug nicht mehr, und für eine Sekunde setzte auch Brianas aus. Sie krallte sich in Biddys grünes Leinenkleid. »Wach auf!«

Der Kopf ihrer Tante rollte herum und Briana sprang zurück. Panik erfasste sie. Biddy und Caiden hatten ihr versprochen, sie niemals zu verlassen. Sie hatten Briana versichert, dass in Amerika ein neues, besseres Leben auf sie wartete. Doch nach nur einem Jahr war dieses Leben vorbei. Ausgelöscht. Das Versprechen versickerte mit ihrem Blut im Holzfußboden und ließ sie einsam zurück. Briana zitterte. Sie zerrte an ihren Haaren, keuchte und spürte heiße Tränen auf ihren Wangen. Obwohl sie es nicht wollte, konnte sie nicht anders, als auf ihre toten Verwandten zu starren. Heute Morgen waren sie noch alle gemeinsam am Frühstückstisch gesessen. Tante Biddy hatte Pfannkuchen gemacht und Onkel Caiden geschimpft, weil er unanständige irische Lieder gesungen hatte. Briana lachte und weinte gleichzeitig bei der Erinnerung daran. Ihr Schluchzen wurde immer hysterischer. Sie schlug sich ins Gesicht und wusste nicht, warum sie das tat. Vielleicht, weil sie sich von dem tauben Gefühl in ihrem Inneren ablenken wollte, vielleicht aber auch nur, um etwas zu tun. Irgendetwas.

Ihre Wangen glühten von ihren eigenen Schlägen, als sie mit einem Mal Stimmen hörte.

»Warum hast du das getan?«, fragte eine aufgebrachte Männerstimme.

»Ich schwöre, dass er etwas mit den Überfällen auf die Züge zu tun hat. Er hat’s geleugnet, aber ich wusste, dass er lügt. Diese verdammten irischen Katholiken nehmen uns nicht nur unsere Jobs weg, sondern bestehlen auch noch unseren Arbeitgeber! Du bist der Bahnhofsvorsteher, Elkanah, du musst verstehen, dass mir keine Wahl blieb. Der Vorarbeiter hat ihn mit diesem blauäugigen Iren aus Boston gesehen, diesem Henricks. Der holt seine Landsleute schiffsweise hierher und setzt sie für seine Zwecke ein!«

Briana lugte aus dem rückwärtigen Fenster mit der gesprungenen Scheibe. Sie sah zwei Männer, die die Gleise entlanggingen und auf ihre Hütte zuhielten. Einer war klein und stämmig, sein Gesicht wirkte zornig. Der andere überragte seinen Kameraden um mindestens zwei Köpfe. Er rieb sich aufgebracht sein bärtiges Kinn.

»Und wenn schon!« Briana hörte die Besorgnis in der Stimme des größeren Mannes. »Das ist Selbstjustiz!«

»Genau das ist es!« Der Kleinere ballte seine Hände zu Fäusten. »Liest du keine Zeitung? New York leidet unter dem irischen Mob! Sie tyrannisieren die Bevölkerung. Raubüberfälle, Taschendiebstähle, Schlägereien mit rivalisierenden Gangs. All das geht auf das Konto der verfluchten Iren. Wir brauchen dieses Gesindel hier nicht, Elkanah. Wir wissen doch alle selbst kaum, wie wir in Ellicott’s Mills überleben sollen! Eine Sägemühle nach der anderen stellt ihren Betrieb ein.«

»Seit wir die Bahnstation haben, geht es uns besser.«

Der Riss in der Scheibe zog sich durch die zwei sich nähernden Männer. Er schien sie zu trennen und ihre unterschiedlichen Ansichten zu untermalen. Ängstlich trat Briana einen Schritt zurück.

»Es ging uns gut, bis die B&O Railroad damit begann, Iren einzustellen. Dieser Henricks bringt einen stinkenden Paddy nach dem anderen in den Verladestationen unter. Ich sage dir, Elkanah, der Mob wird diese Stadt eines Tages überrennen, und dann gnade uns Gott!«

Der Angesprochene blieb stehen und packte seinen Kameraden am Hemdkragen. »Und deshalb bringst du eine Einwandererfamilie um? Sie haben uns nichts getan! Die Frau war Wäscherin im Patapsco Hotel.«

»Sie war eine dreckige Irin! Und ihr feiner Ehemann trug die Anstecknadel des Mobs.« Angewidert hielt der Kleine seinem Begleiter etwas unter die Nase. »Die teuflischen Kartoffelfresser machen bei allem gemeinsame Sache. Glaubst du etwa, sie hätten nur eine Sekunde gezögert, uns dasselbe anzutun? Dieser Henricks ist eine hinterhältige Ratte. Ich schwöre dir, dass er Stokes und Vaughn auf dem Gewissen hat.«

»Niemand kann beweisen, dass Henricks etwas mit den verschwundenen Kohlelieferungen zu tun hat.«

»Unsere Kollegen wurden hinterhältig erschlagen! Wann begreifst du das endlich? Denkst du, es ist Zufall, dass nur die Züge überfallen werden, die von den Iren beladen wurden? Die verschließen die Türen nicht richtig. Ich schwöre dir, Elkanah, da ist etwas im Gange, und ich werde mir das nicht länger mitansehen!«

Der groß gewachsene Mann schüttelte unwirsch den Kopf. Er betrachtete den Gegenstand, der ihm vors Gesicht gehalten wurde, und erwiderte: »All das rechtfertigt keinen Mord, Dave!«

»Es war kein Mord! Ich habe unsere Stadt beschützt. Und unsere Familien.«

»Willst du das jetzt mit jedem Iren in Ellicott’s Mills tun?«

»Wenn’s sein muss.« Der Mann namens Dave spuckte aus und warf den Gegenstand ins Gras. »Und du wirst mir dabei helfen, Elkanah! Du bist mein Schwager, und ich erwarte, dass du alles daransetzt, um meine Schwester und das Kind zu beschützen, das ihr noch geblieben ist. Iren haben in Ellicott’s Mills nichts verloren. Ebenso wenig wie Nigger.«

Elkanah blickte zur Hütte und Briana duckte sich instinktiv. »Sie hatten eine Tochter, weißt du das?«, hörte sie seine Stimme.

»Ich habe kein Kind gesehen. Und jetzt hilf mir, die Leichen der Kartoffelfresser wegzuschaffen.« Die Schritte kamen näher.

Briana sah sich um. Würden die beiden ihr dasselbe antun wie Biddy und Caiden? Für einen Augenblick wusste sie nicht, was sie tun sollte. Die Hütte, in der sie lebte, war winzig. Sie bestand nur aus einem einzigen Raum und stand direkt an den Gleisen, die in Richtung Ellicott’s Mills führten. Es gab keine Versteckmöglichkeiten und die Männer kamen immer näher. Briana registrierte die offen stehende Haustür und hastete gerade noch rechtzeitig hinaus, bevor sie ins Blickfeld der beiden Fremden geriet. Mit eingezogenem Kopf rannte sie um die Ecke, blieb stehen und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand. Splitter der grob gezimmerten Holzbretter bohrten sich durch ihr Kleid. Briana lauschte.

»Allmächtiger!«, hörte sie den groß gewachsenen Mann aufstöhnen.

»Sie waren tot, ehe sie’s gemerkt haben.« Es klang, als wenn etwas über den Boden gezerrt wurde. »Der Kerl sieht dürr aus, aber er wiegt so viel wie eine gut genährte Sau. Pack mal mit an!«

Briana schloss die Augen. Das hatten Biddy und Caiden nicht verdient! Sie waren gute Menschen gewesen. Sie hatten ihr Hoffnung gegeben. Ein Heim. Etwas zu essen. Zwischen ihren Schmerz mischte sich Wut. Sie musste etwas tun! Bebend holte sie Atem, öffnete die Augen und stutzte. Ein Junge mit dreckigen Wangen pirschte um das Haus und blieb wie angewurzelt stehen, als er sie sah. In seinen hellen Haaren klebten Erdklumpen und er sah aus, als wäre er geradewegs aus einer Höhle gekrochen. Über seiner Schulter hing ein Gewehr, an dessen Kolben ein toter Hase baumelte. Misstrauisch sahen sie einander an.

»Wo willst du sie hinbringen?«, drang Elkanahs Stimme aus dem Inneren der Hütte.

»Wir legen sie auf die Gleise, Dummkopf. Der nächste Zug kommt in einer Viertelstunde. Der wird den Rest erledigen. Du als Bahnhofsvorsteher wirst ihren Selbstmord bezeugen. Bei dreckigen Iren wird keiner weiter nachfragen.«

Briana schüttelte den Kopf. Zögernd erst, dann immer heftiger. Das würde sie nicht zulassen!

In diesem Moment war der Junge auch schon bei ihr und hielt ihr die Hand vor den Mund. Er sprach kein Wort, aber seine braunen Augen sahen sie warnend an. Sie schüttelte weiterhin den Kopf und spürte, wie er sie mit sich fortzog. Sie wehrte sich, doch er war stark. Briana trat um sich, und als er die Hand von ihrem Mund nahm, schrie sie auf. Der Junge stieß ebenfalls einen erschreckten Laut aus und sie blieben stehen.

»Joseph!« Hinter ihnen waren die Männer aus der Hütte getreten. Briana drehte sich um und sah das Blut an ihren Händen.

»Mörder!«, rief sie, und die Tränen begannen erneut zu fließen.

Dave machte einen Schritt auf sie zu, doch Elkanah hielt ihn zurück. »Nicht das Kind!«, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

»Wir können sie nicht gehen lassen!«, zischte dieser. »Sie wird zu Henricks rennen und uns verpfeifen. Das ist unser verdammtes Ende!«

»Nicht das Kind«, wiederholte Elkanah.

Briana spürte Daves feindseligen Blick auf sich. Sie wagte nicht, ihn zu erwidern.

»Was geht hier vor, Vater?« Der Junge, dessen Hand sie noch immer hielt, klang verunsichert.

»Was denkst du?«, murrte Dave. »Wir räumen auf, mein Sohn. Diese Leute waren Verbrecher.«

»Das waren sie nicht!« Brianas Stimme war schrill. »Sie haben niemandem etwas getan.«

»Ich werde dir dein gottloses Maul stopfen.« Dave machte einen Satz nach vorne. Elkanah griff nach seinem Arm, während sich der Junge beinahe zeitgleich schützend vor Briana stellte. Sie wich nicht zurück. Es kümmerte sie nicht, was mit ihr geschah. In einer Viertelstunde würde der Zug aus Baltimore Biddy und Caiden zermalmen und sie würde mutterseelenallein in einem Land zurückbleiben, das ihr fremd war. Ein Land, das sie und ihre Landsleute hasste.

Dave warf die Arme in die Luft. »Dann mach mit ihr, was du willst.« Er ging zurück in die Hütte und rief: »Joseph! Hilf mir!«

Der Junge zögerte. Briana umklammerte seine Hand. Er war ihr einziger Halt inmitten des Schmerzes und sie spürte, dass sie ihm vertrauen konnte. »Lass nicht zu, dass er meinen Verwandten das antut«, flüsterte sie.

»Joseph!«

Der Junge zuckte zusammen, dann löste er sich von ihr. Ein letzter bekümmerter Blick, dann folgte er seinem Vater. Briana wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Trauer und Wut wurden von einem Gefühl der Leere abgelöst, und sie glaubte, diese Leere würde sie auffressen.

»Du brauchst keine Angst zu haben.« Elkanah sah sie an. Er hatte gütige Augen, aber er schien nicht zu verstehen, wie es in ihr aussah. Sie hatte keine Angst mehr. Sie kannte den Tod, war ihm selbst schon einmal näher gewesen als dem Leben, und bereits damals hatte sie ihn nicht gefürchtet. Im Gegenteil. Er wäre eine Erlösung gewesen. Ebenso wie in diesem Moment.

»Was ist jetzt?« Dave und sein Sohn zerrten Caiden aus der Hütte. Briana konnte nicht hinsehen.

»Ich werde das Mädchen mit nach Hause nehmen.«

Dave lachte spöttisch. »Du weißt, dass das eine dumme Idee ist.«

»Nicht dümmer als deine.« Elkanah wandte sich zum Gehen. »Ich werde kein Wort über die ganze Sache verlieren.«

»Das erwarte ich von dir. Sorg dafür, dass es diese Göre ebenfalls nicht tut.« Dave grunzte. »Du weißt, dass ich das einzig Richtige getan habe.«

»Schuldige zu richten obliegt allein Gott. Die Rache ist mein, sprach der Herr, ich will vergelten.« Elkanah ging auf Briana zu. »Ruf mich, wenn man die Leichen auf den Gleisen gefunden hat.«

»Was immer du sagst.« Dave wirkte amüsiert. »Tu was Gutes, lieber Schwager, aber wunder dich nicht, wenn du eines Tages am eigenen Leib erfährst, was Rache bedeutet.«

Elkanah ignorierte ihn und sah auf Briana hinunter. Vorsichtig nahm er ihre Hand und führte sie von der Hütte fort. Unfähig, sich zu wehren, stolperte sie hinter ihm her, den Blick weiterhin auf das Geschehen gerichtet. Der Junge hielt inne. Er wirkte betreten und ließ die Schultern hängen. Es war das Letzte, was Briana sah, bevor die Umrisse der Hütte verdeckten, was Schreckliches hinter ihr geschah.

»Hier.« Elkanah blieb stehen und hob etwas auf. »Das hat deinem Vater gehört, nicht wahr?« Er gab Briana die Anstecknadel mit der roten Hand. »Es war nicht richtig, was er getan hat. Daran soll dich dieses Symbol für immer erinnern.«

Sie presste die Lippen aufeinander, weil sie nicht verstand, weshalb es falsch war, eine Anstecknadel zu tragen. Alles an diesem Tag war unverständlich und schmerzhaft. Betäubt steckte sie die Nadel ein und folgte dem fremden Mann, der ihre Hand nicht losließ. Sie gingen die Schienen entlang, wichen nach einer Weile dem stampfenden Zug aus, der sie mit dem schrillen Pfeifton von den Gleisen scheuchte, und erreichten schließlich Ellicott’s Mills. Die kleine Stadt lag verschlafen in der herbstlichen Mittagssonne. Sägemühlen säumten den Patapsco River, und die Rauchschwaden, die noch in der Luft hingen, zeigten an, wo der Bahnhof lag. Pferdegespanne schleppten Baumstämme durch die Hauptstraße, die sich schnurgerade durch das Städtchen zog. Der Mann achtete darauf, dass sie ihnen auswichen, und Briana folgte ihm wie ein Hund an der Leine.

»Mein Name ist Elkanah Harrington«, brach er schließlich das Schweigen. Briana reagierte nicht. Die Leere in ihrem Inneren überlagerte ihr Denken, ihre Gefühle und ihre gesamte Wahrnehmung. »Ich habe eine Tochter, ihr Name ist Phoebe Ann und sie ist gerade erst acht Jahre alt geworden. Ihr werdet Freundinnen sein und du wirst ihr über den Verlust ihrer kleinen Schwester hinweghelfen.«

Briana sah auf ihre Schuhe, deren Spitzen abgeschabt waren. Weshalb dachte der Mann, dass ausgerechnet sie dazu geeignet war, Trost zu spenden?

»Wie ist dein Name, mein Kind?« Der Druck seiner Hand verstärkte sich. »Wenn ich dich meiner Tochter vorstelle, muss ich ihr deinen Namen nennen. Wie heißt du?«

»Briana«, erwiderte sie mechanisch, ohne ihn anzusehen. »Briana Magee.«

»Wie alt bist du?«

»Ich bin sieben, Sir.«

Sie gingen weiter, bis sie vor einem Haus standen, das sich versetzt hinter die vorderste Häuserreihe der Hauptstraße schmiegte. Es war weiß gestrichen und hatte graue Fensterläden, deren Farbe bei genauem Hinsehen abblätterte. Sie passierten den windschiefen Zaun, der das Grundstück umrahmte. Drei Stufen führten auf eine Veranda, auf der sich eine Schaukel in der leichten Vormittagsbrise bewegte. Sie stiegen hinauf und blieben vor der Haustür stehen.

»Ich werde mich um dich kümmern«, sagte Elkanah Harrington. »Ich werde dafür sorgen, dass es dir gut geht. Aber im Gegenzug musst du schweigen, versprichst du mir das? Du darfst niemals erwähnen, was heute geschehen ist. Nur dann werde ich mein Versprechen halten können.«

Briana konzentrierte sich darauf zu atmen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Sie schwieg. Der Mann hob ihr Kinn an und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Wir werden niemals wieder über deine Eltern reden, hast du verstanden?« Briana nickte. Das fiel ihr leicht. Biddy und Caiden waren nicht ihre Eltern gewesen. Elkanah schien erleichtert. »Du wirst in unserem Haushalt helfen und meiner Tochter eine Freundin sein. Dafür gebe ich dir ein Zuhause.« Als sie nicht reagierte, umfasste er ihr Kinn fester. Briana nickte erneut. Was blieb ihr schon für eine Wahl?

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. »Daddy!«

Briana erblickte ein Mädchen mit hellblonden Zöpfen und einem bonbonrosa Kleid. Sie hielt saure Drops in der Hand und machte Briana schlagartig bewusst, dass sie in einer anderen Welt angekommen war.

»Phoebe Ann.« Elkanahs Stimme veränderte sich merklich. Die Liebe, die er für seine Tochter empfand, war kaum zu überhören. »Ich habe dir eine Freundin mitgebracht. Ihr Name ist Briana. Sie wird ab heute bei uns wohnen und deiner Mutter im Haushalt zur Hand gehen.«

Phoebe musterte Briana ungeniert. Dann zog sie ihre Stupsnase kraus und schrie über ihre Schulter: »Mutter, komm schnell! Vater hat uns eine Hausangestellte mitgebracht.« Sie schob sich die Drops in den Mund und zog Briana mit sich. »Was für eine Freude an diesem langweiligen Sonntag!«

Ehe Briana sich’s versah, wurde sie ins obere Stockwerk gezerrt. Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit hielt sie jemand an der Hand. Sie kam sich wie eine hilflose Puppe vor, mit der umgesprungen wurde, wie es sich beliebte. Sie war gerade auf halbem Weg nach oben, als sie das erstaunte Gesicht einer blonden Frau erblickte. Ehe diese etwas sagen konnte, beugte sich Elkanah auch schon vertraulich zu ihr und die beiden verschwanden aus Brianas Blickfeld.

Phoebe Ann stieß eine Tür auf und ließ Brianas Hand los. Dieser blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Der Raum hatte Wandbespannung und Briana kam nicht umhin, die rosa-weiß gestreifte Tapete mit den Fingern zu berühren. Phoebe Ann wirbelte mit ausgestreckten Armen im Kreis herum. »Woher kommst du?«, rief sie und ließ sich auf den Stuhl neben ihrem Schreibtisch plumpsen.

Ein Schreibtisch. Briana wagte sich kaum zu bewegen. Ein Bett. Puppen, Malkreide, Vorhänge an den Fenstern, ein Glas voller Bonbons.

»Irland«, murmelte sie, bevor sie sich auf die Zunge biss. Elkanah hatte vergessen zu erwähnen, worüber sie außer dem heutigen Ereignis nicht sprechen durfte.

»Wie kamst du hierher?« Phoebes Augen leuchteten vor Neugier.

»Mit dem Schiff.«

»Über das Meer? Das war bestimmt aufregend.«

Briana nagte an ihrer Unterlippe. Sie nahm sich vor, nichts mehr zu sagen.

»Ich mag Cowboyromane.« Phoebe kicherte, sprang auf und zog einen Stapel Hefte unter ihrem Bett hervor. »Mutter und Vater mögen nicht, dass ich sie lese, aber mein Freund Toby bringt sie mir heimlich vorbei. Sie werden dir gefallen. Komm her!« Phoebe setzte sich auf ihr Bett und klopfte neben sich. »Ich lese dir vor.«

Immer noch überwältigt von dem Überfluss um sie herum, ging Briana zu ihr. Das Bett war weich. Es hatte eine richtige Matratze, und eine Patchwork-Decke schützte die empfindliche Bettwäsche. Briana strich sich den Schmutz aus ihrem Kleid.

»Nun setz dich endlich!« Phoebe schlug eines der Hefte auf.

Briana kletterte neben sie und Phoebe rutschte vertraulich zu ihr heran. Die plötzliche Nähe und die Freundlichkeit des Mädchens ließen Brianas Tränen erneut fließen.

»Oh!« Phoebe legte ihr den Arm um die Schulter. »Was grämt dich denn?«

Briana wollte es ihr erzählen. Sie wollte Phoebe anvertrauen, dass sie in einem Haus aufgewachsen war, das mit Grassoden anstatt mit Ziegeln gedeckt gewesen war. Dass sich alles klamm angefühlt hatte, weil Feuchtigkeit durch hastig aufeinandergeschichtete Steine drang. Sie wollte über den Schmutz und die Kälte reden, die ein schlecht gestampfter Boden mit sich brachte. Brianas Elternhaus war nichts weiter als eine bessere Hundehütte gewesen, ihr Vater nur der Pächter eines winzigen Stückes Land in der Provinz Connacht, auf dem er gerade so viel Getreide und Kartoffeln anbaute, dass seine Familie nicht verhungern musste. Sie besaßen vier Schafe und einige Hühner, die in kalten Nächten mit ihnen im Haus schliefen. Briana hatte sich das Bett mit ihren fünf älteren Brüdern teilen müssen. Alles, was sie kannte, war Hunger. Sie wuchs während der Missernten auf, als die Kartoffelfäule Tausende von Iren in die Hungersnot trieb. Viele starben, viele wanderten aus. Im Februar 1847, als mehr Schnee fiel als jemals zuvor, gingen alle von Brianas Brüdern nach Nordirland, um sich Arbeit zu suchen; auch Sean, der mit sieben Jahren der jüngste war. Briana sah keinen von ihnen je wieder. Sie blieb bei ihren Eltern und ihre letzte Erinnerung an sie waren ihre ausgemergelten Körper und eingefallenen Gesichter am Weihnachtstag 1849. Einen Tag später kam ihre Tante Biddy in einer Kutsche vorbei. Ein Wortgefecht entbrannte zwischen den Schwestern, an das sich Briana kaum noch erinnern konnte. Sie war zu schwach, zu ausgehungert.

»Gib wenigstens einem deiner Kinder eine Zukunft«, hatte Biddy gesagt. »Das Mädchen kann sich in seinem Zustand nicht einmal Arbeit suchen.«

»Du wirst schon sehen, was ihr davon habt, wenn ihr euch an Fremde verkauft«, hatte ihre Mutter entgegnet.

So war es weitergegangen, und am Ende war Briana mit Biddy und Caiden in die Kutsche gestiegen, während ihre Mutter bittere Tränen vergossen hatte. Es grenzte an ein Wunder, dass sie die mehrwöchige Überfahrt auf dem katastrophal ausgestatteten Emigrantenschiff überhaupt überlebte. ›Sargschiffe‹ nannten sie die Amerikaner, weil in ihnen mehr Leichen in New York anlegten als Immigranten. Doch Biddy und Caiden hatten sich um sie gekümmert. Sie waren für sie da gewesen. All das wollte Briana Phoebe anvertrauen, einschließlich der Leichen ihrer Verwandten, die sie vor gerade einmal einer Stunde gefunden hatte. Aber sie schwieg, und die Bitterkeit ihres Geheimnisses lag ihr schwer auf der Zunge.

»Alles wird gut, du hast jetzt ein Zuhause«, sagte Phoebe, doch Briana ahnte tief in ihrem verwundeten Herzen, dass sie in diesem feindseligen Land niemals wieder ein Zuhause finden würde.

Ellicott’s Mills, Maryland, 17. Juli 1864

»Sie gehört mir! Mit dem kleinen Schatz lässt sich eine Menge Geld verdienen.« Der Mann mit den eisblauen Augen griff nach ihr.

Briana wollte schreien, aber sie konnte es nicht. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Zum Glück war Elkanah Harrington zur Stelle und drängte den unheimlichen Kerl zurück. »Sie bleibt bei mir!«

»Das wird sie nicht. Ich habe für ihre verdammte Überfahrt bezahlt. Dafür schuldet sie mir was!«

Elkanah Harrington hob die Fäuste. »Verlassen Sie auf der Stelle mein Grundstück!« Sein Gegenüber lachte. Es klang übernatürlich laut in Brianas Ohren. Eine Tür schlug zu, dann hörte sie Glocken. Kirchenglocken. Sie sah einen geöffneten Sarg und erkannte die wächsernen Gesichtszüge ihres Retters. Phoebe kauerte neben ihm. Sie weinte. Ströme von Tränen ergossen sich auf ihren Vater, die schon bald den gesamten Sarg füllten. Elkanahs Kopf verschwand allmählich unter Wasser. Doch dann riss er plötzlich die Augen auf und Briana zuckte zusammen. Sie hatte geträumt.

»Ma’am!« Jemand rüttelte sie an der Schulter. »Ma’am, entschuldigen Sie, aber wir brauchen mehr Verbandszeug.«

Briana kam zu sich. Im Schein der Öllampe erkannte sie einen der Offiziere. Sie nickte benommen und setzte sich auf. Unbedacht fuhr sie sich mit der Hand über ihr Gesicht und bemerkte zu spät, dass diese völlig blutverschmiert war. Sie hasste diesen metallischen Geruch! Er brachte so viele Erinnerungen zurück.

»Ma’am, es ist wirklich dringend!«

»Ich beeile mich.« Briana erhob sich von der Fensterbank, auf der sie sich zusammengerollt hatte. Wo waren Phoebe und ihre Mutter? Sie wankte in die Küche, die zum Lagerraum umfunktioniert worden war. Seit Tagen befand sich Ellicott’s Mills im Ausnahmezustand. Die Schlacht von Monocacy hatte nun auch ihnen all das Leid gebracht, welches das Land schon seit drei Jahren zermürbte. Sie hatten es einzig Camp Johnson, das bereits zu Beginn des Krieges direkt neben dem Mädchenpensionat errichtet worden war, zu verdanken, dass es nicht eher zu Kampfhandlungen gekommen war. Dort war das 12. Regiment der New Jersey-Infanterie stationiert worden, um die Eisenbahnlinie zu schützen.

Ein Hoch auf die Eisenbahn, welch Glück sie doch für diese Region war, dachte Briana und verzog spöttisch den Mund. Seit dem Tod ihrer Verwandten konnte sie keine Züge mehr ansehen, ohne an den Tag zurückzudenken, an dem ihr alles genommen worden war. Eilig griff sie nach den zerschnittenen Bettlaken. Neben ihr ertönte ein Schluchzen.

»Phoebe?« Die Freundin hatte sich in dem Bereich verkrochen, den die Öllampen kaum ausleuchteten. Sie kauerte auf dem Fußboden, die Schultern zuckten und sie hatte den Kopf in den Händen vergraben. Briana hielt inne. »Was ist los, Phoebe?«

»Ich kann das nicht mehr. Dieses ganze Blut …« Sie sah auf. Ihr Gesicht war verquollen, die Lippen bebten.

»Willst du die Männer sterben lassen?« Briana wickelte die Bettlaken zusammen. »Sie haben alle für dieses Land gekämpft. Für uns.«

»Ich bekomme das Geräusch der Knochensäge nicht mehr aus meinem Kopf. Und wenn ich noch ein weiteres Operationsmesser abkochen und säubern muss, dann übergebe ich mich!«

»Dann tu es, wenn es dir hilft«, entgegnete Briana ungerührt.

Die Bilder der schrecklichen Verstümmelungen, der offenen Bauchverletzungen, aus denen Organe hervorblitzten, der blankliegenden Knochen und amputierten Gliedmaßen hatten sich auch in Brianas Gedächtnis gebrannt, aber sie bemühte sich, gefasst zu bleiben, auch wenn es ihr bisweilen schwerfiel. Am schlimmsten war das Geschrei der Verwundeten. Es endete niemals. Tag und Nacht hallte es durch das Haus.

Die Schlacht von Monocacy hatte den Konföderierten einen ungeahnten Sieg geschenkt und die Unionstruppen zurückgedrängt. Sie zogen sich bis nach Ellicott’s Mills zurück. Wegen der vielen Verwundeten wurden die meisten Häuser der Stadt, die Kirchen und das Pensionat zu Feldlagern für die Soldaten umfunktioniert. Jede Familie des Ortes half, wo sie nur konnte. Im Haus der Harringtons waren mindestens fünfzig Verletzte untergebracht, im angrenzenden Garten noch einmal so viele. Allerdings nur die aussichtslosen Fälle. Die, die Schusswunden am Kopf, im Bauch- oder Brustbereich aufwiesen. Sie wurden zum Sterben aussortiert.

Briana drückte Phoebe das Bündel mit den zerschnittenen Laken in die Hand. »Geh hinaus und gib das dem diensthabenden Offizier. Er weiß, was zu tun ist.«

»Ich kann nicht!«

»Doch, du kannst das. Ich muss mich waschen.« Briana ging zu ihrer Freundin, griff nach deren Arm und zog sie auf die Beine. Sofort klammerte sich Phoebe an sie. Ihr Schluchzen berührte Briana, doch sie vergoss keine Tränen. Seit jenem Tag im Herbst, als sie Biddys und Caidens Leichen gefunden hatte, weinte sie nicht mehr. Sie beklagte sich auch nicht mehr. Weder über die Ungerechtigkeit des Schicksals noch über den Verlust geliebter Menschen oder das Unbehagen, bei einer Familie zu leben, die ihr fremd geblieben war.

»Zwing mich nicht dazu, bitte! Was ist, wenn in einem der Betten auf einmal Joseph liegt?«

»Wenn er hier liegt, dann ist er zumindest nicht tot.« Briana schloss für einen kurzen Moment die Augen und drückte Phoebe an sich. Dann sammelte sie sich. »Geh jetzt!«, beharrte sie, schob die Freundin von sich und deutete auf die Tür.

Phoebe huschte hinaus und Briana stellte sich ans Fenster, um durchzuatmen. Sie hatte dieselben Ängste, auch wenn sie das niemals ausgesprochen hätte. Sie vermisste Joseph, seit er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte. All die Jahre war er der Einzige gewesen, dem sie vertraute. Jemand, der verstand, was in ihr vorging. Er war ein Mitwisser und ein Leidensgenosse, auch wenn sie niemals wieder über das schreckliche Ereignis gesprochen hatten, das sie verband. Es schwebte wie eine böse Gewitterwolke über ihren Leben und Briana erkannte jedes Mal die Scham in Josephs Augen, wenn er sie ansah. Wortlos teilten sie die Schmach darüber, sich tatenlos in ihr Schicksal gefügt zu haben. Es quälte sie, selbst wenn ihnen bewusst war, dass sie noch Kinder gewesen waren. Er hatte nie mehr ihre Hand gehalten, obwohl sie sich in den letzten Jahren oft gewünscht hatte, er würde es tun. Für sie war Joseph wie das Stroh, das man in ihrer Heimat Irland zwischen die Steine der Häuser gestopft hatte, um den eisigen Wind vom Eindringen abzuhalten. Doch nun war er fort. Briana fröstelte.

Die Morgendämmerung erhellte den Horizont und das spärliche Licht enthüllte die Schatten des Grauens. Briana erkannte Agathe Harrington, Phoebes Mutter. Sie schritt durch die Verwundeten, die im Garten am Boden lagen. Ab und an bückte sie sich, schloss starre Augen und verweilte kurz im stummen Gebet. Seit ihr Mann vor etwa sechs Jahren gestorben war, trug sie Trauerkleidung. Elkanah Harrington war an einem klaren Wintertag zum Fischen an den Patapsco River gegangen. Er kehrte nie wieder zurück. Man fand seine erstarrte Leiche eine Woche nach seinem Verschwinden sieben Meilen südwestlich am verschneiten Ufer. Vermutlich war er beim Fischen in den Fluss gefallen und ertrunken, sagte der Polizeibeamte. Briana glaubte nicht daran. Sie hatte diesen Mann namens Henricks im Verdacht, der eines Tages bei ihnen aufgetaucht war, um sie mitzunehmen. Doch wieder einmal wagte sie nicht, den Mund aufzumachen. Zum einen, um Phoebe und ihre Mutter vor der unliebsamen Wahrheit zu schützen, zum anderen, um den Hass auf ihre Landsleute nicht noch mehr zu schüren.

Die Magees waren für lange Zeit die letzten Iren, die man in Ellicott’s Mills sah. Immer häufiger tauchten Schilder an den Geschäften auf, die kundtaten, was die meisten dachten: ›Keine Arbeit für Iren! Ihr seid hier nicht willkommen!‹. Ihre Landsleute hatten keinen guten Stand im gelobten Amerika. Ebenso wenig wie die Schwarzen. Bereits vor dem Bürgerkrieg spürte man die Spaltung der Bevölkerung, selbst in einem Städtchen wie Ellicott’s Mills. Nachbarn begannen, sich wegen ihrer unterschiedlichen politischen Ansichten anzufeinden. Die Leute fingen an, einander zu misstrauen. Sie kamen Briana wie Hunde an der Kette vor, die sich über Jahre hinweg ankläfften und nur darauf warteten, bis man sie endlich losließ. Mit dem Ausbruch des Sezessionskrieges zerbrach der Ort. Die Männer gingen fort, um zu kämpfen. Ein Teil hielt zum Norden, die anderen standen dem Süden zur Seite. Obwohl Maryland sich bemühte, neutral zu bleiben, sagte es sich am Ende nicht von der Union los und einige Familien verließen Ellicott’s Mills für immer, um hinter der Grenze in Virginia unter der Flagge der Konföderierten ein neues Leben zu beginnen.

Briana lauschte dem Stöhnen und den Schmerzensschreien der Männer und fragte sich, ob deren Verwundungen sie nun eines Besseren belehrten. Verschwand ihr Hass im Angesicht des Todes? Erschauernd wandte sie sich ab und ging in den Garten hinaus. Sie stellte sich an die Schwengelpumpe und ließ sich das Wasser über Hände und Arme laufen. Dann wusch sie sich das Gesicht.

»Es werden immer mehr.« Agathe Harrington fand sich an ihrer Seite ein. »Es heißt, obwohl die Unionisten geschlagen wurden, hat die Schlacht General Early davon abgehalten, unsere Hauptstadt anzugreifen.« Ihr Blick schweifte fahrig über das Massenlager im Garten. »All diese Männer sind verwundet worden oder fielen, um Washington, D.C. zu schützen.«

Briana trocknete sich die Hände an der völlig verschmutzten Schürze ihres Kleides ab. »Vielleicht war das die entscheidende Wendung in diesem Krieg. Unsere Truppen haben inzwischen Verstärkung erhalten und die Konföderierten hinter den Potomac zurückgedrängt«, erwiderte sie. »Diese Niederlage war womöglich bedeutender als jeder Sieg.«

»Ich bete dafür. Die Kämpfe müssen endlich aufhören. Auf den Feldern vor Frederick sollen noch über tausend Tote und Verwundete liegen. Ich kann mir diese Zahl nicht einmal vorstellen.« Agathe Harrington sah so erschöpft aus, wie man nur aussehen konnte, wenn man seit einer Woche kaum geschlafen hatte. »Wir waren hier in Sicherheit. Ich habe nicht gewollt, dass meine Mädchen das miterleben müssen.«

»Es war ein Wunder, dass wir bisher verschont wurden. Machen Sie sich keine Sorgen um uns, wir stehen das durch.«

Agathe Harrington strich Briana über die Wange. »Du bist stark, meine kleine Irin.« Ein winziges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Dabei bist du nicht mehr klein. Du bist eine Frau, sieh dich nur an. Das seid ihr beide. Ich bin so froh, dass Phoebe in dir eine Schwester gefunden hat. Es war mir stets eine Freude, dich in unserem Haushalt zu haben.«

Briana trat einen Schritt zurück. »Ich werde sehen, ob ich drinnen gebraucht werde.« Kaum drehte sie sich um, schon stieß sie gegen Phoebe.

»Aus dem Weg!« Die Freundin stürzte an ihr vorbei, bevor sie sich vornüberbeugte und zu würgen begann.

»Was ist los, mein Kind?« Agathe Harrington war sofort zur Stelle und tätschelte ihrer Tochter fürsorglich den Rücken.

»Wieder einmal eine Amputation.« Phoebe rang nach Atem, bevor sie sich erneut übergab. »Ich kann das nicht mitansehen.«

Agathe Harrington warf Briana einen Blick zu und diese reagierte sofort. »Ich kümmere mich darum.« Eilig setzte sie ihren Weg fort.

Das Geschrei wies ihr die Richtung. Dr. George Otis, der wegen des ständigen Einsatzes der Knochensäge von allen nur Sawbones genannt wurde, ging routiniert seiner Arbeit nach. Briana stellte sich neben den wachhabenden Offizier, der zum einen darauf achtete, dass die verwundeten Soldaten der Konföderierten nicht flohen, und zum anderen dem Arzt assistierte, wenn niemand sonst zur Stelle war.

»Ihrer Schwester ist der Anblick nicht bekommen«, bemerkte er, ohne Briana anzusehen.

Sie unterließ es, ihn über das Verwandtschaftsverhältnis zu Phoebe aufzuklären, und fragte stattdessen: »Weshalb ist es nötig, ständig zu amputieren? Ist das nicht ein großes Risiko?«

»Ma’am«, der Offizier schien überrascht an ihrem Interesse, »das liegt an den Kugeln.« Briana runzelte die Stirn und er fuhr fort: »Die Kugeln der Bajonette, besonders das .58er Kaliber, sind aus Weichblei. Bis auf 1000 Yards sind sie eine tödliche Gefahr. Wenn diese Minié-Geschosse auf Knochen treffen, dehnen sie sich aus. Sie hinterlassen Löcher groß wie Flaschenböden. Treffen diese Geschosse auf Innereien, dann richten sie eine Schweinerei an, wie es die Rundkugeln der Musketen niemals verursachen würden.« Er wiegte betrübt den Kopf hin und her. »Zersplitterte Knochen, zerfetzte Muskeln und Arterien kann niemand mehr flicken. Deshalb ist es wichtig, die betroffenen Gliedmaßen zu entfernen, bevor es zu Wundbrand kommt.«

Briana beobachtete den Arzt. Sie kannte die Prozedur und hatte sich an den Anblick gewöhnt. Nachdem mit dem Skalpell durch Haut und Muskeln geschnitten worden war, legte man den Knochen frei. Seitlich wurden jeweils längere Hautlappen erhalten, die dazu dienten, den Stumpf zum Schluss ordentlich zu verdecken. Anschließend wurde der Knochen durchgesägt und die Arterien mit Pferdehaar abgebunden, bevor Dr. Sawbones das Ende des Knochens rund feilte, um zu verhindern, dass eine Spitze die Hautlappen durchstach. Zum Schluss wurde alles mit der überlappenden Haut bedeckt und bis auf eine Drainage-Öffnung gut vernäht und verbunden. Die meisten Patienten überlebten. Gefährlich wurde es nur dann, wenn auf der Wunde jener schwarze Fleck in der Größe eines Dimes auftauchte, der den gefürchteten Wundbrand kennzeichnete. Wenn es möglich war, wurde erneut amputiert, aber in den meisten Fällen bedeutete Wundbrand den Tod.

Briana fing den Blick des Arztes auf und nickte. Er war mit dem Vernähen des Beinstumpfs fertig, wusch seine Instrumente kurz in einer Schüssel mit kaltem Wasser aus und verlangte nach dem nächsten Patienten. Gemeinsam mit dem Offizier hievte sie den gerade Operierten auf eine Trage, um ihn zu seinem Lager auf dem Boden zu transportieren. Dort angekommen legten sie ihn ab und Briana machte sich daran, die Bandage anzulegen. Sie hatte in den letzten Tagen gelernt, das ordnungsgemäß zu tun.

»Kommen Sie zurecht, Ma’am?« Der Offizier berührte sie an der Schulter.

»Es geht mir gut«, versicherte Briana.

»Wenn Sie fertig sind, sehen Sie nach den anderen Patienten. Achten Sie auf Fieber und kontrollieren Sie die Wunden.«

»Das mache ich, Sir.« Sie hörte, dass er ging, und konzentrierte sich darauf, die Laken fest, aber nicht zu stramm zu wickeln.

»Werde ich sterben?« Der Patient stöhnte. Tränen hatten Spuren durch sein schmutziges Gesicht gezogen.

»Nein, das werden Sie nicht«, versicherte sie automatisch.

»Ich muss zu Claire. Wir wollten heiraten, wir …« Er verstummte und Briana sah auf. Die gnädige Ohnmacht hatte ihn endlich erlöst. Der Nachschub an Chloroform ließ auf sich warten, und die meisten Männer wurden nur mit der halben Dosis behandelt. So blieben einige während der Prozedur wach. Sie spürten nichts, merkten aber sehr wohl, was mit ihnen geschah. Manche durchlebten den Horror schweigend und bleich, gefangen im Schock des Augenblickes, andere schrien und riefen die Namen ihrer Liebsten.

In stillen Momenten fragte sich Briana, ob Joseph ebenfalls auf irgendeinem Behandlungstisch lag und schrie. Der Gedanke brachte sie beinahe um den Verstand, doch die Vorstellung, dass er dabei womöglich ihren Namen rief, machte den Kloß in ihrem Hals nur größer. Aus diesem Grund beschäftigte sie sich. Sie tat alles, was von ihr verlangt wurde, nur um nicht nachdenken zu müssen.

Erst am späten Nachmittag wusch sie sich erneut im Garten, bevor sie sich einige Aprikosen aus der Schüssel neben der Tür holte und sich erschöpft gegen den Zaun lehnte. Agathe Harrington kochte über offenem Feuer im Freien. Der Nachbar hatte ihr ein Stück Schinken gebracht und es sah aus, als hätte sie daraus einen Eintopf gemacht. Sicher enthielt er mehr Gemüse als Fleisch und wurde durch viel Wasser gestreckt, um all die Soldaten satt zu bekommen. Die Unionsarmee war so damit beschäftigt, die Konföderierten zurückzudrängen und ihre gesunden Soldaten zu versorgen, dass es um die Nahrungsmittellieferungen für die Verwundeten nicht gut bestellt war. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit halfen sich die Einwohner von Ellicott’s Mills wieder gegenseitig.

»Mrs Harrington!« Der bucklige Toby, der Postbote des Ortes, kam die Straße entlang und winkte. Niemand im Ort sah ihn momentan besonders gerne, denn für gewöhnlich überbrachte er während des Krieges ausschließlich Todesnachrichten. Briana beeilte sich, zu ihm zu gehen, um Agathe Harrington nicht zu beunruhigen.

»Hast du etwas für uns, Toby?« Nervös knetete sie ihre Hände.

»Ich habe hier die neueste Ausgabe von Beadles Groschenroman für Miss Phoebe.« Er grinste verschmitzt. »Das wird sie gewiss ablenken.«

Briana bemerkte, dass sie die Luft angehalten hatte, und bemühte sich um Entspannung. »Ich danke dir, Toby. Hoffentlich bekommst du deswegen keinen Ärger.« Sie nahm das Heft entgegen und lächelte ihn an. Er hatte von Geburt an ein verkrüppeltes Bein und einen krummen Rücken, weshalb er sich noch immer in der Stadt und nicht im Krieg befand. Toby verehrte Phoebe, doch sie beachtete ihn kaum.

»Nicht doch!« Das Grinsen des jungen Mannes wurde breiter. »Das fällt im Hotel seit Jahren niemandem auf. Es könnte auch ein Gast mit aufs Zimmer genommen haben.«

Tobys Mutter war die Köchin des Patapsco Hotels, in dem momentan hauptsächlich verwundete Offiziere und Generäle der Konföderierten untergebracht und als Gefangene verhört wurden.

»Gibt es Neuigkeiten von den Schlachtfeldern?«

»Es gibt weiterhin Kämpfe im Shenandoah Valley. Angeblich haben die Unionisten bei Purcellville einen Versorgungszug von General Early angegriffen. Ich glaube, dass die Südstaatler nicht mehr über den Potomac hinauskommen werden.«

»Das ist gut.« Briana stockte, bevor sie eine weitere Frage stellte: »Gibt es neue Todesnachrichten?«

»Ich habe ein Telegramm an Mrs Abraham zugestellt. Ihr Mann ist bei Fort Stevens gefallen.«

Briana schämte sich für die Erleichterung, die sie überkam, und fügte schnell hinzu: »Möchtest du Aprikosen, Toby?«

»Und ob!« Der Junge wartete am Zaun, bis sie mit den süßen Früchten zu ihm zurückkam.

»Lass es dir schmecken.«

»Danke, Miss Briana. Und richten Sie Miss Phoebe Grüße von mir aus.« Er biss in eine Aprikose, ignorierte den Saft, der ihm über das Kinn lief, und humpelte davon.

Briana sah ihm hinterher. Dann drehte sie sich um und ging ins Haus. Sie fand Phoebe in ihrem Zimmer. Sie lag im Bett, die Hände auf die Ohren gepresst.

»Toby hat dir etwas vorbeigebracht«, sagte Briana lauter als gewöhnlich. »Geht es dir gut?«

»Ich habe geschlafen«, gestand Phoebe und senkte die Arme. »Aber das Stöhnen und die Schreie haben mich geweckt.« Mit einem Leuchten in den Augen griff sie nach dem Heftchen. »Toby ist ein Schatz!«

Briana beobachtete sie. Obwohl Phoebe etwas älter als sie selbst war, kam ihr die Freundin oftmals wie ein Kind vor.

»Der Shawnee Spion«, las Phoebe vor und klatschte in die Hände. »Das klingt vielversprechend.«

Unter Phoebes Bett stapelten sich die monatlichen Ausgaben der sogenannten ›Dime Western‹, Heftchen für 5 Cent, die sie sich regelmäßig kaufte oder von Toby auslieh. Im Schein der Öllampe las sie jeden Abend daraus vor und mehr als einmal schlief Briana in ihrer Kammer ein, während sie Bilder von Revolver schwingenden Cowboys, ungezähmten Mustangs, niederträchtigen Rinderdieben und skalpierenden Indianern in ihre Träume begleiteten.

»Eines Tages«, murmelte Phoebe. »Eines Tages werde ich in den Westen gehen und einen Cowboy heiraten.«

»So ein Unsinn!« Briana schüttelte den Kopf. »Du solltest Toby heiraten. Er mag dich.«

Phoebe verzog den Mund. »Dasselbe sagt Mutter auch immer. Aber ich will keinen Mann mit einem missgestalteten Bein und einem Rücken krumm wie eine Banane.«

»Er hat die gleichen Interessen wie du.«

»Dann hättest du Joseph heiraten sollen. Vielleicht wäre ihm dadurch der Krieg erspart geblieben. Ihr hättet mich in den Westen begleiten können.«

Die Bemerkung gab Briana einen Stich. »Er wollte etwas Ehrenvolles tun«, antwortete sie, doch Phoebe schüttelte den Kopf.

»Was gibt es Ehrenvolleres, als ein fürsorglicher Ehemann zu sein?«

Die romantischen Gedanken ihrer Freundin konnte Briana nur schwer nachvollziehen. Dafür hatte ihr das Leben schon zu viel Realität beschert.

Phoebe deutete ihr Schweigen falsch. »Joseph wird zu dir zurückkehren, denn Onkel Dave ist bei ihm. Er passt auf ihn auf. Genauso, wie er immer auf unsere Familie aufgepasst hat. Ganz besonders nach Vaters Tod. Er ist ein guter Mensch.«

»Er kämpft für den Süden.«

»Seine Familie stammt von dort. Er ist der Tradition verpflichtet.«

Briana presste die Lippen aufeinander. Obwohl sie es besser wusste, war es nicht ihre Aufgabe, Phoebe über das wahre Gesicht ihres Onkels aufzuklären. Sie verachtete Dave Colbert, hasste ihn im selben Maß, wie sie ihn fürchtete. Aber sie schwieg. Jahrelang lebte sie nun im Haus der Harringtons. Sie trug Phoebes Kleider auf, kochte, putzte, machte die Wäsche und schlief in der winzigen Kammer unter dem Dach. Elkanah hatte sein Versprechen ihr gegenüber gehalten und sie wollte das ihre nicht brechen.

»Kannst du mich ablösen?«, fragte sie stattdessen. »Ich möchte mich vor dem Abendessen kurz hinlegen. Du solltest deiner Mutter helfen.«

Phoebe rollte mit den Augen. Ihr war anzusehen, dass sie am liebsten sofort mit dem Lesen begonnen hätte. »Ist das wirklich nötig?«, jammerte sie.

Briana spürte die Resignation, die sie oft überfiel, wenn sie mit der Freundin zusammen war. Phoebe tat die meiste Zeit, was ihr gefiel. Als Einzelkind wurden ihr niemals Grenzen gesetzt und seit dem Tod des Vaters war sie nur noch mehr verhätschelt worden. Briana hoffte manchmal, dass Phoebe eines Tages von selbst begriff, was ihre Pflichten waren, aber dem war nicht so.

»Ich bin müde«, beharrte Briana und Phoebe stand endlich auf.

»Ist ja gut«, murrte sie. »Ich gehe hinunter. Aber wenn dieser unheimliche Arzt wieder zur Säge greift, dann wecke ich dich.«

»In Ordnung.« Briana ging vor ihr zur Tür hinaus und stieg die Leiter ins oberste Stockwerk hinauf. Sie mochte ihre Kammer, auch wenn es hier im Winter eiskalt und im Sommer sengend heiß wurde. Aber der Raum bot ihr eine Rückzugsmöglichkeit und trennte sie von Phoebe und ihrer Mutter.

Erschöpft setzte sie sich auf ihr Bett und zog das lederne Notizbuch aus ihrem Nachtkästchen. Elkanah hatte es ihr einst geschenkt. Es war für Schreibübungen gedacht gewesen. Der Hausherr war der Ansicht, seine Tochter könnte Briana im Schreiben unterrichten, da sie wegen der Arbeit im Haushalt nicht zur Schule ging. Doch Phoebe fehlte dafür die Muße und so hatte Briana angefangen, darin zu zeichnen. Sie besaß Talent und verarbeitete seitdem ihre Erlebnisse in Bildern. Sanft strich sie über den abgewetzten Ledereinband. Das Buch war ihr Heiligtum. In ihm hielt sie alles fest, was ihr wichtig war. Momente, Menschen, Orte. Sie hatte vor vielen Jahren auch versucht, ihre Eltern und ihre Geschwister zu zeichnen, aber es waren eher Schattierungen als richtige Skizzen geworden. Sie muteten wie die Regenwolken über Irland an, real und doch Tausende Meilen entfernt.

Vorsichtig schlug sie es auf und nahm die Anstecknadel mit der roten Hand an sich. Sie war das einzige Erinnerungsstück an ihre Verwandten und sollte ihr bewusst machen, dass ihr Onkel etwas Böses getan hatte. Briana drehte die Nadel zwischen den Fingern, legte sie in das Buch zurück und blätterte um. Nachdenklich betrachtete sie die Skizzen von Biddy und Caiden. Das tat sie jeden Tag. Sie hatte Angst, die Erinnerungen an sie könnten ebenso verblassen wie jene an ihre Eltern in Connacht, von denen sie nicht einmal wusste, ob sie noch am Leben waren. Manchmal dachte sie darüber nach, mit Phoebes Hilfe einen Brief an ihre Familie aufzusetzen. Darin hätte sie jedoch erklären müssen, was mit ihrer Tante geschehen war und warum sie nicht nach Irland zurückkehrte, sondern jetzt bei fremden Menschen lebte. Diese Wahrheit wollte und konnte sie weder ihren Eltern noch Phoebe anvertrauen. Tief in ihrem Inneren verachtete sie sich dafür, dass sie an jenem Tag im Herbst nicht mutiger gewesen war. Denn am Ende hatte sie dabei geholfen, ein Verbrechen zu vertuschen. Ihre Selbstachtung erlag den Versuchungen von Malkreide, Puppen und regelmäßigen Mahlzeiten, während ihre irische Abstammung unter bonbonfarbenen Corsagenkleidern verschwand. All das waren Dinge, auf die sie nicht stolz war, die sie aber hatten überleben lassen.

Sie blätterte weiter nach hinten, dort, wo es noch leere Seiten gab, nahm einen Stift zur Hand und begann, den Berg von abgetrennten Gliedmaßen zu zeichnen, der sich im Laufe des Tages neben Dr. Sawbones ansammelte. Die Dinge, die sie sah, wurden für sie oft weniger schlimm, wenn sie sich vorstellte, wie sie sie am besten zu Papier bringen konnte. Ihre Gedanken lösten sich unter ihren Fingern auf und sie verlor sich in den Details der entsorgten Arme und Beine. Der Geruch des Blutes wurde von dem des Graphits überlagert und Briana genoss die Ruhe, die sie überkam. Zeichnen versetzte sie meist in einen tranceartigen Zustand, in dem sie keine Kälte und keine Hitze spürte, keinen Hunger und keinen Durst.

»Bri!« Phoebes Rufe hörte sie erst, als diese die Leiter hinaufstieg. Eilig legte sie Stift und Notizbuch zur Seite und sah auf. Phoebes Kopf lugte durch die Öffnung im Boden. »Du überhörst mich wohl mit Absicht«, empörte sich die Freundin.

»Was ist los?« Briana blinzelte sich in die Gegenwart zurück.

»Es kommen neue Verletzte. Ein ganzer Pferdewagen voller Soldaten steht vor unserem Haus. Der Arzt möchte, dass du die aussichtslosen Fälle aussortierst und in den Garten bringen lässt. Ich helfe Mutter derweil beim Verteilen des Abendessens.«

»Ich komme.« Briana strich sich die hochgesteckten Haare glatt und stieg hinter Phoebe die Leiter hinab. Im unteren Stockwerk angekommen, hörte sie bereits den Tumult vor dem Haus.

»Die schweren Arm- und Beinverletzungen sofort zu mir!«, rief Dr. Sawbones, und das übliche Geschrei der Verwundeten übertönte den Rest seiner Worte.

Phoebe schlenderte zurück in den Garten, während Briana sich für das wappnete, was sie gleich zu sehen bekam. Kaum trat sie aus der Haustür, schon stellte sich der diensthabende Offizier an ihre Seite. Inzwischen war es ein anderer als der, der sie am Morgen geweckt hatte. Sie kannte ihn von seinen früheren Einsätzen. Sein linker Arm steckte in einer Schlinge.

»Ich warte auf Ihre Anweisungen, Ma’am«, sagte er.

Briana wusste längst, dass es den Soldaten schwerfiel, ihre verwundeten Kameraden mit dem X zu versehen, das sie als chancenlosen Fall kennzeichnete. Aus diesem Grund überließen sie die Entscheidung nur zu gerne ihr, auch wenn sie lediglich eine Hilfskraft und keine ausgebildete Krankenschwester war.

»Gut, fangen wir an.« Sie nickte Dr. Sawbones zu, dessen Schürze blutbeschmierter als die eines Metzgers war. »In den Garten«, befahl sie beim Anblick des ersten Mannes, der schon halb von der Ladefläche gerollt war. »Ins Haus. Ins Haus. In den Garten.« Sie musste sich rasch entscheiden und die abgestellten Soldaten reagierten sofort. Dr. Sawbones folgte seinen Patienten nach drinnen und Briana drehte einen weiteren Verwundeten, der die Uniform eines Konföderierten trug, auf den Rücken.

»Heilige Maria!« Entsetzt sprang sie zurück.

»Erstaunt, mich zu sehen?« Dave Colbert, Phoebes Onkel, verzog seine blutverkrusteten Lippen zu einem Lächeln. »Was für ein Zufall, dass ich ausgerechnet in meinen verfluchten Heimatort gebracht werde und dann auch noch in das Haus meiner Schwester. Werde ich jetzt festgenommen?«

Brianas Herz überschlug sich beinahe und das altbekannte Gefühl des Hasses überkam sie.

»Ma’am, gibt es ein Problem?« Der Offizier an ihrer Seite sah sie an.

Briana zögerte. Ihr Blick flog über Daves Kleidung, suchte sie nach Einschusslöchern und den charakteristischen Haut- und Knochenfetzen ab, die eine schwere Verletzung von einem Streifschuss oder dem Blut, das von den Wunden der umliegenden Verletzten stammte, unterschied.

»Ma’am?«, wiederholte der Offizier.

»In den Garten«, erklärte Briana und wartete ab, bis Dave Colbert vom Wagen gehoben worden war.

 

Die Nacht hatte sich tiefschwarz über Ellicott’s Mills gesenkt, als Briana aus dem Haus schlich. Dr. Sawbones amputierte noch immer, aber Agathe Harrington hatte sie abgelöst. Sie war noch bleicher als sonst, seit sie wusste, dass ihr Bruder bei all den aussichtslosen Fällen lag.

Briana pirschte sich an den am Boden liegenden Soldaten vorbei. Die meisten lagen still, andere warfen sich im Fieberwahn umher und wurden von bereits genesenen Kameraden mit Wasser und Zuspruch versorgt. Manche beteten gemeinsam. Das Lagerfeuer ließ ihre Schatten tanzen, als wären sie Dämonen, die nach den Seelen der Todgeweihten griffen. Briana rieb unruhig die Handflächen aneinander. In der Nähe des Zauns kniff sie die Augen zusammen, um jenen Mann zu erkennen, dessen Ankunft sie völlig durcheinanderbrachte. Sie hatte beobachtet, wohin Dave Colbert gebracht worden war, aber in der Finsternis war es schwer, sich zu orientieren.

»Suchst du mich, Irin?« Die Stimme ließ sie innehalten. Phoebes Onkel lag keine fünf Schritte von ihr entfernt. Sie blieb stehen.

»Ich wette, das verschafft dir Genugtuung«, knurrte er und hustete. Soweit sie hatte erkennen können, war er im Bereich der Lunge getroffen worden. Es war unwahrscheinlich, dass er überlebte, und seit sie das wusste, wünschte sie sich, seinen Tod miterleben zu dürfen.

»Hier liegen die, die verrecken, nicht wahr?« Im Schein des Feuers blitzten seine Augen auf. »Du hast mich hergebracht, damit ich sterbe.« Dave röchelte. Mit seiner freien Hand versuchte er, nach ihr zu greifen, dann begann er zu fluchen. »Du verdammtes Miststück! Mit mir geht’s nicht zu Ende. Bring mich zu einem Arzt!«

Briana ging in sicherem Abstand zu ihm in die Hocke. Sie sah, dass eine Hand am Zaun festgekettet worden war. Eine Vorsichtsmaßnahme, um seine Flucht zu verhindern. »Es tut mir leid.« Sie war erstaunt, wie ruhig ihre Stimme klang. »Der Arzt ist beschäftigt. Er behandelt die schweren Wunden und führt Amputationen durch.«

Dave holte pfeifend Luft. »Ich bin schwer verwundet!« Er hustete erneut. »Geh schon! Hol Hilfe!«

»Ihnen kann niemand mehr helfen.«

»Das ist nicht wahr! Ich habe ein Recht auf einen Arzt, auch wenn ich für die Konföderierten gekämpft habe.«

»Für Sie gelten dieselben Rechte wie für alle anderen hier.« Sie senkte ihre Stimme: »Ich hoffe, Sie haben Schmerzen.«

Dave spuckte aus. »Ich hätte dich ebenfalls erschießen sollen. Deine Eltern waren Abschaum. Sie waren die Erde nicht wert, auf der sie liefen.«

Briana spürte, wie der Hass in ihrem Inneren brodelte. »Sie kannten uns gar nicht. Und die Überfälle, von denen Sie sprachen, hörten nur für kurze Zeit auf«, hielt sie ihm entgegen. »Sie waren im Unrecht!«

Dave Colbert ließ ein Glucksen hören. Es steigerte sich zu einem erstickten Lachen. »Ich war schon immer mein eigenes Gesetz, während ihr alle eure Augen verschlossen habt.« Seine freie Hand grub sich in die Erde, während er nach Atem rang. »Elkanah war ein Narr. Narren wart ihr alle!«

Der Ansturm ihrer Gefühle ließ Briana zittern. »Fahren Sie zur Hölle!«

»Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und wer weiß, vielleicht treffe ich dort deine Eltern?« Dave Colberts Lachen nahm zu. »Willst du gar nicht wissen, wo sich mein feiner Sohn Joseph aufhält? Hoffst du vielleicht auf seine Rückkehr und darauf, dass er dir einen Ring an deinen dreckigen irischen Finger steckt?« Briana schluckte einen weiteren Fluch hinunter. Bald würde es vorüber sein. Aber Dave ließ nicht locker und quälte sie mit seinen Worten. »Ich habe ihm gesagt, er soll dich vergessen. Dreckige Iren heiratet man nicht, habe ich gesagt. Und er hat auf mich gehört. Das hat er immer getan. Deshalb ist er mit mir in den Krieg gezogen. Hat ihm leider kein Glück gebracht.« Dave hielt inne. Kleine Blutblasen schimmerten auf seinen Lippen.

Die plötzliche Stille bescherte Briana eine Eiseskälte, die sich von ihrer Brust auf ihre Gliedmaßen ausdehnte. Daves Grinsen vertiefte sich angesichts ihrer Erkenntnis. »Ja, so ist es. Mein feiner Sohn ist tot. Hat sich den Kopf zu Brei schießen lassen.«

Der Satz sickerte in ihr Bewusstsein und Briana schwindelte. »Er ist tot?« Ihr Flüstern war kaum hörbar.

»Das ist er.«

»Es kam keine Todesnachricht.«

»Weil er erst vor zwei Tagen erschossen wurde.«

»Joseph lebt«, wisperte Briana.

»Du wünschst dir, dass ich dich belüge? Das ist zu einfach. Die Wahrheit hat ein hässliches Gesicht, Irin. Ich verrate dir alles darüber, wenn du mich endlich zu diesem Knochenflicker bringst.«

Sie zögerte, weil sie wusste, dass Dave ihr etwas verschwieg, und sie sich danach sehnte, zu erfahren, was hinter dem Tod von Biddy, Caiden und Elkanah steckte. Sie suchte nach dem Sinn in all diesen Tragödien. Doch gleichzeitig hatte sie Angst herauszufinden, dass es womöglich keinen gab. Dass ihr Tod einfach nur sinnlos gewesen war.

Dave fletschte seine blutverschmierten Zähne. »Deine Mutter hat um ihr Leben gefleht, wusstest du das? Hat gebettelt wie eine Katze vor ’nem Fischrestaurant. Das werde ich nicht tun, du Miststück! Elkanah hätte dich Henricks überlassen sollen, als er vor seiner Tür stand. Aber er wollte ja ebenso rechtschaffen sein wie mein Sohn. Ich war der Einzige in dieser Familie, der niemals ein Feigling war.«

Ohne darüber nachzudenken, warf sich Briana auf ihn und Dave hob abwehrend die Hand. Mit einem Mal sah er nicht mehr so selbstsicher aus. »Was hast du vor?« Sein lauernder Blick bohrte sich in den ihren. Sie hörte an seinem heftigen Atmen, dass das Blut in seiner Lunge ihn allmählich zu ersticken drohte. Sie musste sich beeilen.

Vorsichtig zog sie die Wolldecke von ihm und legte sie zusammen. Währenddessen sah sie sich um. Keiner der wachhabenden Soldaten befand sich in ihrer Nähe. »Ich werde sehen, ob Ihre Worte wahr sind«, flüsterte sie. Ihr Herzschlag pulsierte bis in ihre Ohren.

Dave wollte sich aufsetzen, doch er war zu schwach. Blut lief ihm aus dem Mundwinkel und er riss ruckartig an seiner Fessel. »Das wagst du nicht«, schnaufte er.

Briana fühlte sich wie in einem Rausch. Niemals zuvor war sie der Vergeltung so nahe gewesen wie in diesem Moment. Dennoch verharrte sie.

»Du hast Angst!«, rief Dave höhnisch und schlug nach ihr.

Briana wehrte ihn ab. Sie schloss die Augen, wühlte in ihren Erinnerungen und beschwor die Bilder herauf, die sie als Siebenjährige gebrochen hatten.

»Wenn ich könnte, würde ich euch Iren zertreten wie die Schaben, die durch mein Essen auf dem Schlachtfeld gekrochen sind!«

Der gewohnte Hass formierte sich in Briana und schenkte ihr ungeahnte Kraft. Sie öffnete die Augen, senkte die Wolldecke und legte sie auf Daves Gesicht. Er gab einen überraschten Laut von sich und versuchte durch eine panische Drehung seines Kopfes, ihr zu entkommen. Seine Beine bewegten sich, als wollte er davonrennen, eine Hand umklammerte ihren Arm. Briana drückte fester zu. Dave starb, das wusste sie, doch sie wollte ihn nicht dem gnädigen Tod überlassen. Sie wollte, dass er bettelte, so wie er ihre Tante hatte betteln lassen. Er sollte wissen, dass sie es war, Briana, und nicht der Sensenmann, der ihn besiegte. Eine Irin brachte ihm den Tod. Er hatte es verdient, denn er war nicht der nette Onkel, sondern ein Scheusal, der ihr so vieles mehr als nur ihre Verwandten genommen hatte.

»Hör auf!« Seine Stimme war kaum noch hörbar. »Ich erzähle dir die Wahrheit.«

Mit aller Kraft drückte Briana die Decke auf Daves Gesicht. Die Umklammerung seiner Hand ließ nach, seine Beine zuckten kraftlos. Sie wartete, sog die klare Nachtluft ein und genoss die aufkeimende Erleichterung, die sich in ihr ausbreitete. Es war vorüber.

Nach einer Weile nahm sie die Decke von Daves Gesicht. Seine Augen blickten starr und verwundert. Ganz so wie Caidens, als Briana ihn gefunden hatte.

»Erzähl deine Wahrheit dem Herrn«, raunte sie dem Toten zu. »Oder dem Teufel.«

Langsam faltete sie die Decke wieder auseinander und breitete sie über Dave Colberts Leichnam. Sie lauschte auf das Stöhnen der Verwundeten und die flüsternden Gebete. Niemand achtete auf sie. Briana stand auf, strich ihren Rock glatt und verschwand in der Dunkelheit.

Baltimore, Maryland, 21. April 1865

»Der Todeszug!« Phoebe sprang inmitten der Menschenmassen nahe der Baltimore Camden Station auf und ab. Es war zehn Uhr morgens, und in der Ferne konnte man bereits die schwarzen Rauchwolken erkennen, die der herannahenden Lokomotive entwichen. Ein Raunen ging durch die Menge und löste die gespenstische Stille ab, die über dem Bahnhof gelegen hatte.

»Ist das nicht aufregend?« Phoebe klatschte in die Hände und sah Briana an. Die Freundin schwieg. Wie üblich.

Phoebe studierte ihr Gesicht. An diesem Tag wirkte es so weiß wie die Spitze, die unter dem Webstoff von Brianas Kleid hervorlugte. Das Grau des Kostüms, eins von Phoebes abgelegten Modellen, unterstrich das hagere Äußere. Die züchtig hochgesteckten und unter einer Haube verborgenen Haare enthüllten einen langen Hals und die Ansätze knochiger Schlüsselbeine. Phoebe ertappte sich bei dem Gedanken, dass ihr das Kostüm deutlich besser gestanden hatte als Briana.

»Möchtest du weiter nach vorne gehen?« Sie gab nicht auf, doch Briana schüttelte den Kopf.

»Dann eben nicht«, murmelte sie und hob das Kinn, um nichts von dem Geschehen um sie herum zu verpassen. Obwohl es ihr nur nebensächlich um die Ankunft des Sonderzuges der B&O Railroad ging, war sie sich der Reichweite des Ereignisses bewusst. Neugierig stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Bis vor zwei Wochen hatten die Waggons noch die Soldaten an die Kriegsfront befördert, doch am heutigen Tag transportierten sie eine weitaus tragischere Fracht: den Leichnam von Abraham Lincoln.

Längs des Bahnsteigs warteten schon die Leutnants des Veteran Reserve Corps darauf, den Sarg in Empfang zu nehmen. Ihre Aufgabe war es, die sterblichen Überreste auf ihrem gesamten Weg durch die Stadt zu geleiten. Außerdem war es ihnen als Einzigen gestattet, den verstorbenen Präsidenten zu tragen. An der Straße stand die prächtige Kutsche bereit, die den Sarg in das Zollhaus von Baltimore bringen sollte, damit die Bevölkerung Abschied nehmen konnte. Vier Stunden lang würde der Leichnam in der Stadt aufgebahrt werden, bevor er seinen Weg fortsetzte. Entlang der Route, die Abraham Lincoln 1861 aus seiner Heimatstadt genommen hatte, um seine Wähler kennenzulernen, brachte ihn die B&O Railroad nun in umgekehrter Richtung wieder nach Hause. Baltimore war die erste Station nach Washington. Zehn weitere sollten folgen, bevor der bekannteste Sohn des Landes am 4. Mai in Springfield, Illinois, endlich seine letzte Ruhe finden würde.

Hunderte von Menschen waren an diesem Tag nach Baltimore gekommen, um Abschied zu nehmen. Auch Phoebe und ihre Familie waren bereits um fünf Uhr früh aufgestanden, um mit dem Zug um 7:35 Uhr von Ellicott’s Mills zur Camden Station zu fahren. Seit beinahe zwei Stunden warteten sie nun schon. Phoebe sah zu ihrer Tante Marian hinüber, die nur eine Armlänge von ihr entfernt stand. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, ebenso wie ihre Tochter Flora, die sich bei der Mutter untergehakt hatte. Man sah ihnen das Witwendasein an. Seit dem Tod von Onkel Dave und Floras Verlobtem lebten die beiden bei ihnen im Haus. Das beengte Phoebes Leben und sie war verärgert darüber, dass sie sich mit Flora das Zimmer teilen musste. Doch das war nicht alles, was ihr schlechte Laune bereitete. Sie verübelte ihrer Mutter, dass Dr. Sawbones die Familie nach Baltimore begleitete. Obwohl Agathe Harrington noch immer Trauerkleidung trug, bemerkte Phoebe die Blicke, die ihre Mutter und der Arzt einander zuwarfen. Das ging schon seit Monaten so und Phoebe vermutete, dass Dr. Sawbones nicht ohne Grund in Ellicott’s Mills geblieben war, nachdem sich die Armee zurückgezogen hatte. Er hatte dort eine Praxis gegründet und behandelte seitdem die alltäglichen Beschwerden der Bewohner. Die von ihrer Mutter behandelte er allerdings bevorzugt, was Phoebe nicht ertrug. Beim Anblick des Arztes verspürte sie Abscheu. Vermutlich würde es ihr nie gelingen, den Klang seiner widerlichen Knochensäge zu vergessen.

Ein hoher Pfeifton riss sie aus den Gedanken und sie drehte den Kopf. Die Frühlingssonne fing sich in der blankpolierten Messinglaterne der Lokomotive, die sich schnaufend dem Bahnhof näherte. Zwei blau-weiß-rote Flaggen flatterten rechts und links von ihrem mächtigen Schornstein. Marian Colbert begann zu weinen. In ihrem Schluchzen lag jene Verzweiflung, welche die gesamte Union lähmte. Erst am 9. April hatte die Nord-Virginia-Armee der Konföderierten bei Appomatox kapituliert und dem Land endlich Hoffnung auf den lang ersehnten Frieden gegeben. Aber bereits sechs Tage danach verbreitete sich eine neue Schreckensnachricht wie ein Lauffeuer von Washington über die einzelnen Staaten. Abraham Lincoln, der Mann, der bei seiner Wiederwahl ›Groll gegen niemanden‹ und ›Nächstenliebe für alle‹ versprochen hatte, war von einem Südstaaten-Sympathisanten ermordet worden. Phoebe erinnerte sich, dass alle bis auf Briana in Tränen ausgebrochen waren, als der bucklige Toby durch die Hauptstraße von Ellicott’s Mills gerannt war und die traurige Meldung verbreitet hatte. Wieder einmal überbrachte er eine Todesnachricht. Wie zuvor bereits bei Cyrus Jenkins, Floras Verlobtem, und Joseph, ihrem Cousin. Damit hatte der Sezessionskrieg alle verbliebenen Männer der Familie Harrington das Leben gekostet.

Das rhythmische Schnaufen des einfahrenden Zuges verlangsamte sich. Vorne schmückte die Lokomotive eine gerahmte Fotografie des verstorbenen Präsidenten. Ehe Phoebe sie genauer betrachten konnte, verschwand sie auch schon aus ihrem Blickfeld. Sie sah den gewaltigen Kuhfänger und die mannshohen Räder der schweren Dampflok an sich vorüberziehen. Bremsen quietschten, erneut ertönte ein hohes Signal. Wasserdampf aus dem Überdruckkessel senkte sich über die Anwesenden wie Trauerflor. Sie zählte neun Waggons, sah fremde, entrückte Gesichter hinter den Scheiben. Phoebes Blick blieb am Wagen des Präsidenten hängen, der komplett mit schwarzem Samt behängt war. Obwohl er die Trauer der ganzen Nation zum Ausdruck brachte, wirkte er elegant und stach durch seine Länge und Höhe deutlich aus den anderen Waggons heraus.

»Sein Sohn soll mit ihm im selben Sarg liegen. Schauerlich!«, bemerkte eine Frau in ihrer Nähe.

Phoebe schnaubte. Sie fand es weniger schauerlich als vielmehr tröstlich, dass Lincolns vor drei Jahren verstorbener Sohn Willie den Vater nun auf seiner letzten Reise begleitete. Natürlich in seinem eigenen Sarg, dessen war sich Phoebe sicher.

Einige Leute begannen zu beten, als der Zug vollständig zum Stillstand kam. Das Zischen des Dampfkessels durchbrach gelegentlich das Gemurmel und Phoebe sah die Soldaten des Veteran Reserve Corps aufmarschieren. Als eine der Ersten trat Mary Todd Lincoln, die Witwe des Präsidenten, mit ihren beiden Söhnen Horace und Tad auf den Bahnsteig. Schwarze Spitze fiel von der feinen Haube herunter und verdeckte ihr Gesicht. Zwei Männer stützten sie und blieben an ihrer Seite, während die Türen des Präsidentenwagens geöffnet wurden. Aus dem Spalier der Veteranen löste sich eine Gruppe von sechs, die mit geneigten Köpfen ins Innere traten. Kurze Zeit später trugen sie den Sarg von Abraham Lincoln heraus. Ein Raunen ging durch die Menschenmenge.

»Gott segne unseren Präsidenten!«, rief eine Stimme und weitere fielen ein: »Tod seinem Mörder!«

John Wilkes Booth, der Mann, der Lincoln von hinten in den Kopf geschossen hatte, galt immer noch als flüchtig. Eine Belohnung von 50.000 Dollar war für seine Ergreifung ausgesetzt worden. Sogar eine Frau sollte an der Verschwörung beteiligt gewesen sein, Mary Surratt. Das Foto ihres Sohnes John war auf den Flugblättern des Fahndungsaufrufes zu sehen, die überall aushingen. Phoebe verstand nicht, wie jemand eine so grausame Tat begehen konnte. Einem Menschen derart hinterhältig das Leben zu nehmen, war für sie ganz und gar verabscheuungswürdig und sie hoffte, dass die Täter bald gefasst wurden.

Gemessenen Schrittes setzte sich nun die Prozession, der sich allmählich alle Zuginsassen anschlossen, in Bewegung. Mindestens hundert Leute gingen gesenkten Hauptes hinter dem Sarg in Richtung der wartenden Kutsche her. Vier weiße Pferde mit schwarzen Gesichtshauben, die einzig ihre Augen frei ließen, traten ungeduldig auf der Stelle. Sie waren wunderschön anzusehen und muteten mit den nachtfarbenen Schmuckfedern auf ihrer Stirn mehr wie Fabelwesen an als die Trauerbegleitung, die sie waren. Phoebe musste unwillkürlich an den Cowboy aus ihren Träumen denken. Er schwang sich auf eines der Pferde und nahm sie mit sich. Gemeinsam ritten sie davon. Weit weg. Hinaus aus der Stadt, durch die grünen Laubwälder in Richtung der endlosen Ebenen. Jetzt, wo sie die Prozession beobachtete, fühlte sie sich selbst wie in einen Sarg gesperrt, nur mit dem Unterschied, dass sie noch lebte, atmete und ihr Herz spürte. Es schlug in ihr wie ein Uhrwerk, und endlich wusste Phoebe, für wen es das tat. Sie sehnte sich nach ihrem Cowboy und wollte zu ihm reisen!

Die Kapelle begann, den Trauermarsch zu spielen, während der Sarg auf die Kutsche geladen wurde. Die meisten Anwesenden würden der Prozession folgen, um sich später in das Kondolenzbuch einzutragen, doch Phoebe hatte andere Pläne.

»Lass uns gehen«, flüsterte sie Briana zu und musterte ihre Familie. Während ihre Tante und ihre Cousine versunken in ihren Kummer und die Szenerie vor ihren Augen waren, himmelte ihre Mutter Dr. Sawbones an. Niemand würde ihr Verschwinden bemerken.

»Das ist eine Trauerfeier. Wir sollten noch warten.«

Phoebe ignorierte Brianas Einwand. »Ich gehe vor«, sagte sie und zog die Freundin mit sich.

Worte der Entschuldigung murmelnd, zwängte sie sich durch die Menge. Sie wusste, dass sie für den Anlass nicht angemessen gekleidet war und zwischen all den dunklen Gewändern wie ein Schmetterling hervorstach. Doch das Corsagenkleid aus hellblauem Seidentwill mit eng anliegenden Ärmeln und einem üppigen Schößchen am Rückenteil hatte sie ganz bewusst gewählt. Phoebe fuhr über den wertvollen Stoff. Am Revers öffnete sich der Twill und ging in champagnerfarbenen Brokat über, der sich zur Taille hin wieder verengte, bevor er sich wie ein Wasserfall über den ausladenden Rock ergoss. An den Übergängen des Stoffes bauschten sich cremefarbene Rüschen, die sowohl Phoebes Hals als auch ihre Hände verdeckten. Jeder, den sie passierte, machte ihr Platz und betrachtete sie dabei von oben bis unten. Phoebe lächelte. Es schien, als wüssten alle, was sie vorhatte. Sie konnte es selbst kaum noch erwarten.

Etwas abseits des Trubels blieb Phoebe stehen und drehte sich zu Briana um. Die Freundin atmete tief durch. Ihre Gesichtsfarbe erschien endlich rosiger. »Bist du dir sicher, dass der Fotograf seinen Laden geöffnet hat? Ganz Baltimore ist auf dem Weg ins Zollhaus oder steht Spalier an den Straßen dorthin«, bemerkte sie.

Phoebe stieß sie mit dem Ellbogen in die Seite. »Sei nicht immer so negativ! Natürlich ist der Laden geöffnet.« Sie verharrte kurz, um sich zu orientieren. »Die Leute warten alle an der Howard Street, deshalb gehen wir über die South Eutaw bis zur West Baltimore.« Entschlossen setzte Phoebe ihren Weg fort, ohne sich noch einmal nach Briana umzudrehen. Sie wusste, die Freundin würde ihr folgen.

Wie zwei Lachse auf dem Weg zu ihren Laichgründen bewegten sie sich gegen den Strom der Menschen. Zum wiederholten Male entschuldigte sich Phoebe, weil sie aus Versehen jemanden anrempelte. Verständnislose Blicke und barsche Worte begleiteten ihr Vorankommen.

»Es tut mir leid«, murmelte sie erneut, als sie sich an einem Ehepaar vorbeizwängte, um auf den Gehsteig zu gelangen. Dort wartete sie, bis Briana zu ihr aufschloss. »Die Nebenstraße ist nicht mehr weit«, erklärte sie und hakte sich bei der Freundin unter. Gemeinsam schlängelten sie sich durch die Menschentrauben und erreichten schließlich die nächste Querstraße.

»Die Leute denken bestimmt, wir seien verrückt«, bemerkte Briana und brachte Phoebe damit zum Lachen.

»Was für ein Abenteuer! Das ist der erste Schritt in mein neues Leben. Ich kann es kaum noch erwarten.« Sie trieb ihre Freundin zum Laufschritt an und schwelgte in Fantasien.

 

Es hatte alles mit der Ankunft von Archer Benton vor einigen Monaten in Ellicott’s Mills begonnen. Im Dezember 1864 sah man auf einmal Anschläge in der Stadt, die sein Kommen und das seiner Brüder ankündigte. ›Ehefrauen für Oregon‹ prangte in dicken Buchstaben auf dem Papier. Etwas kleiner gedruckt war zu lesen, dass es eine Versammlung im Rathaus geben sollte, zu der alle ledigen Frauen, die ein einsames Herz und eine mutige Seele besaßen, eingeladen wurden. In der Stadt, die erst vor Kurzem den Schrecken des Krieges erlebt hatte, gab es schon bald kein anderes Gesprächsthema mehr und die wildesten Gerüchte über das Erscheinen der Benton-Brüder machten die Runde. Phoebe erschien der Besuch wie ein Wink des Schicksals. Jahrelang hatte sie davon geträumt, in den Westen zu gehen, und nun kam ein Stück des Westens zu ihr. Das bereitete ihr vor Aufregung schlaflose Nächte. Doch niemand schien ihre Begeisterung zu teilen. Sowohl ihre Mutter als auch Briana äußerten Bedenken.

»Das sind Heiratsvermittler! Die nehmen dich mit und geben dich an einen wildfremden Mann. Das ist unsittlich und nichts anderes als Sklaverei. Dein Vater hätte das niemals toleriert. Du solltest Toby heiraten, das habe ich dir schon immer gesagt.«

»Wie kann man einen Mann heiraten wollen, den man nicht einmal kennt?«

Phoebe rollte mit den Augen. Warum verstanden sie nicht, wonach sie sich sehnte? Ihre Erklärungsversuche stießen auf taube Ohren und es hatte sie einiges an Überredungskunst gekostet, damit Briana sie überhaupt zu dem Treffen begleitete. Am Ende hatte Phoebe gewonnen. Das tat sie immer. »Du bist die einzige Freundin, die ich habe«, bettelte sie. »Lass mich nicht allein, Bri, bitte!«

So kam es, dass sich Phoebe und Briana an einem Abend kurz vor Weihnachten davonstahlen und gemeinsam durch den Schnee stapften. Auf ihrem Weg sahen sie überall Frauen aus den Häusern huschen. Alle gingen in dieselbe Richtung. Ganz allmählich wurden sie zu einer großen Gruppe, die auf das Rathaus zuhielt. Während Briana zögerte, trat Phoebe selbstbewusst über die Schwelle. Sämtliche Damen aus Ellicott’s Mills schienen sich an diesem Abend zu der angekündigten Versammlung eingefunden zu haben. Aufgeregt tuschelten sie miteinander, bis Archer Benton die Bühne betrat. Er war ein imposanter, gut gebauter Mann mit dunklen Haaren und einem breiten Schnauzbart, der seinen Mund verbarg. Sein brauner Anzug sah neu aus und saß derart eng, dass Archer Benton ständig an ihm herumzupfte. Neben ihm standen, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, seine Brüder Thadeus und Samuel, beide offenbar ebenso nervös wie Archer selbst.

Nach mehrmaligem Räuspern lächelte dieser in die Runde und stellte zuerst sich und dann seine Begleiter vor. Phoebe bemerkte, dass das weibliche Publikum gebannt an seinen Lippen hing, als er von der friedlichen Landschaft Oregons sprach, mit ihren tiefgrünen Wäldern und dem endlosen blauen Himmel. Mehr als ein Seufzer entrang sich hingerissenen Mündern bei seinem Bericht über die ehrbaren Männer dieser Gegend, die das Land bewirtschafteten und es mit ihren starken Händen fruchtbar machten. Mit jedem weiteren Satz hörte Phoebe aus Archer Benton die Euphorie über sein Vorhaben heraus, interessierte Damen nach Oregon zu bringen, um sie dort den zahlreichen Heiratswilligen vorzustellen. Die Bentons selbst, so erzählte er, besaßen eine Sägemühle in Albany und waren von den ortsansässigen Junggesellen beauftragt worden, sich im Osten des Landes nach geeigneten Ehefrauen umzusehen. Kein schwieriges Unterfangen, wie man anhand des überfüllten Rathaussaals feststellen konnte. Phoebe wusste, dass sie nicht die Einzige war, die eine gewisse Sehnsucht im Herzen trug. Durch den Bürgerkrieg gab es kaum noch Männer in der Gegend. Die meisten befanden sich noch an der verbliebenen Front, viele von ihnen waren gefallen, der Rest in den Westen abgewandert. Der Gedanke, als alte Jungfer zu enden, weckte in den zurückgelassenen Frauen die Abenteuerlust. Unterdrückte Träume und aufkeimende Zukunftsängste erzeugten spontane Aufbruchstimmung.

»Wir unterschreiben den Vertrag!« Sofort nachdem Archer Benton seine Ansprache beendet hatte, sprang Phoebe auf, um loszustürmen. Mehr als die Hälfte der anwesenden Damen befand sich bereits auf dem Weg zur Bühne. Überrascht über den Andrang hob Benton die Hände.

»Nur die Ruhe, Ladies, eine nach der anderen. Immer der Reihe nach.«

»Das kannst du nicht tun!« Briana hielt Phoebe zurück. »Deine Mutter wird das niemals zulassen.«

»Das ist mir gleichgültig.«

»Du bist unmöglich, Phoebe Ann. Hör endlich auf, dich wie ein Kind zu benehmen.«

»Hast du nicht zugehört? Wir werden nicht einfach an einen Mann gegeben. Wir werden den Heiratswilligen in Oregon vorgestellt.«

»Glaubst du wirklich alles, was man dir erzählt?«

Phoebe blitzte die Freundin wütend an, doch bevor sie etwas erwidern konnte, war mit einem Mal Archer Benton zur Stelle. »Streiten Sie sich nicht, meine Damen. Es gibt Plätze für jede von Ihnen.«

»Wirklich?« Trotz der Kälte zog Phoebe ihren Fächer hervor und wedelte sich neckisch Luft zu. »Wie viele Einwohner hat Albany denn, Mr Benton?«

»Nun, Ma’am, die genaue Einwohnerzahl kann ich Ihnen nicht nennen, aber ich habe hier Unterschriften von über einhundertfünfzig Männern aus dem Willamette Valley, die sich eine Ehefrau wünschen.«

»Einhundertfünfzig?«, flüsterte Phoebe und Archer Benton schmunzelte in seinen Schnurrbart hinein.

»Sie sehen, Ma’am, jede von Ihnen wird ein neues Heim finden.« Er nickte ihr zu und ging weiter.

»Hast du das gehört?« Phoebe riss begeistert die Augen auf. »Dort warten gewiss einige Cowboys darauf, ehrbare Ehemänner zu werden.«

»Das ist die einfältigste Idee, die du je hattest.« Briana betonte jedes Wort.

»Du benimmst dich wie ein stures irisches Schaf. Weshalb bist du derart feige?«

»Ich versuche, vernünftig zu denken. Außerdem habe ich nicht vor, mich zu vermählen.«

»Hast du nicht zugehört, als ich dir aus Beadles Heften vorgelesen habe? Im Westen findet man das große Glück. Nicht umsonst sind all diese Männer dort.«

»Das waren doch bloß Geschichten!«

»Aber sie könnten wahr werden! Sehnst du dich gar nicht nach einer eigenen Familie? Danach, ein Heim zu haben?«

»Ganz gewiss nicht.«

Phoebe seufzte. »Ich verstehe, dass du noch um Joseph trauerst, auch wenn ich dich nie um ihn weinen sehe. Aber die Trauer wird vergehen. Du wirst wieder glücklich sein, Bri. So wie damals, als du zu uns gekommen bist.«

Briana erwiderte nichts und Phoebe senkte eindringlich ihre Stimme. »Ich werde auf keinen Fall Toby heiraten! Und ich werde auch nicht bei meiner Mutter bleiben und ihr dabei zusehen, wie Dr. Sawbones sie umgarnt. Das ist widerlich! Vater würde sich im Grab umdrehen. Außerdem ertrage ich meine Tante und meine Cousine nicht länger. Sie trauern tagein, tagaus um die Männer, die sie verloren haben. Es ist anstrengend! Jede Sekunde, die ich in unserem Haus verbringen muss, macht mich wahnsinnig! Die Blutspritzer an den Tapeten verursachen mir Übelkeit. Mutter sollte sie endlich entfernen lassen.« Sie rang nach Atem, weil ihr allein beim Gedanken daran schlecht wurde. »Joseph, mein Onkel Dave und Cyrus Jenkins sind wie tausend andere sinnlos in einem Krieg gestorben, der nur Leid über dieses Land gebracht hat. Zurückgelassen haben sie Witwen, Waisen und Mädchen wie uns, denen die Zukunft genommen wird. Ich bin einundzwanzig Jahre alt und habe nicht vor, das tatenlos hinzunehmen. Nichts hält uns hier und dieses Angebot ist unsere Chance auf ein sicheres, erfülltes Leben!«

»Ich werde ganz sicher nicht auf ein Schiff steigen und mich wie eine Ladung Vieh nach Oregon transportieren lassen, um dort als Ehefrau verschachert zu werden.« Zum ersten Mal gab Briana nicht nach und Phoebe war verdutzt. Die Umstehenden warfen ihnen neugierige Blicke zu. Ihre Auseinandersetzung blieb nicht unbeobachtet, und jede Dame in der Stadt war an diesem Abend besonders aufmerksam.

»Wir fallen auf«, flüsterte Phoebe und zwinkerte Briana zu. »Du bist zu ungezogen für ein irisches Hausmädchen. Deshalb werde ich dir befehlen müssen, mich zu begleiten.« Briana reagierte nicht und Phoebe verzog den Mund. »Du bist eine Spielverderberin! Du weißt, dass ich ohne dich nirgends hingehe.« Sie sank resigniert auf ihren Stuhl zurück und beobachtete, wie die Frauen auf der Bühne eine nach der anderen die Verträge unterschrieben, die die Benton-Brüder ihnen vorlegten.

»Eines Tages«, sagte Phoebe mit fester Stimme, »werde ich in den Westen aufbrechen und du wirst mich begleiten, Briana Magee!«

 

Diesen Vorsatz vergaß Phoebe nicht. Um ihn sich einzuhämmern und sich ihre verpasste Chance vor Augen zu führen, stand sie am Morgen des 16. Januar 1865 am Hafen von Baltimore und beobachtete das Ablegen des Schoners Osceolo. An Bord befanden sich über fünfzig junge Frauen, die, ob mit oder ohne die Zustimmung ihrer Eltern, in Begleitung der Benton-Brüder in ihre neue Heimat Oregon aufbrachen. Mit versteinertem Gesichtsausdruck verfolgte sie den tränenreichen Abschied der Mädchen. Äußerlich zeigte sie keinerlei Regung, aber tief drinnen spürte sie jenes fieberhafte Verlangen, das allmählich ihr Innerstes wundrieb. Etwas fehlte in ihrem Leben und setzte eine Unruhe in ihr frei, die sie beinahe um den Verstand brachte. Seit ihr Vater tot war, empfand sie ein schmerzliches Sehnen nach Stabilität. Der Krieg hatte dieses Gefühl nur verstärkt. Sie fühlte sich hilflos angesichts all des Leids um sie herum, sie vermisste Trost und Geborgenheit. Wenn sie inzwischen ihr Elternhaus betrat, kam es ihr jedes Mal vor, als ob jede Holzlatte, jede Schindel unter dem Leid vergangener Tage zu ächzen schien. Bisweilen glaubte sie sogar, die Schreie der verwundeten Soldaten zu hören. Sie vermischten sich mit Cousine Floras Klagen und Tante Marians Tränen. Manchmal wiegten sich die beiden im Bett vor und zurück und führten Gespräche mit sich selbst. Oder sie schwiegen. Und dieses Schweigen erschien Phoebe lauter als jeder Schrei.

Ihre Augen hefteten sich an den Zweimaster, der dem Horizont entgegensegelte. Je mehr das Schiff aus ihrem Blickfeld verschwand, desto stärker wurde die fiebrige Sehnsucht in ihrem Inneren und quälte sie mit einem Bedürfnis nach unbekannten, namenlosen Dingen. Die Mission der Benton-Brüder war eine Möglichkeit gewesen, die sie nun verpasst hatte. Es war ihr nicht vergönnt gewesen, nach Oregon zu gehen, aber sie würde ihren Traum von einem Neuanfang im Westen nicht aufgeben. Das würde sie niemals tun!

 

Die Shorey Fotogalerie befand sich in einem schmucklosen Backsteingebäude in der Baltimore Street. Von außen wies ein einfaches Blechschild darauf hin. Beinahe wären Phoebe und Briana daran vorbeigelaufen, doch dann öffnete sich die Tür. Ein kleiner Mann in einem dunkelgrauen Anzug mit roter Samtweste trat auf die Straße. Sein Haar legte sich schwarz glänzend an seinen Kopf, als sei es mit schwarzer Farbe darauf gemalt worden.

»Oh, Sir, entschuldigen Sie!« Phoebe ging auf ihn zu. »Ist das hier die Fotogalerie? Ich würde gerne eine Fotografie von mir anfertigen lassen.«

Sein Blick streifte sie kurz, dann schüttelte er den Kopf. »Es tut mir leid, ich bin spät dran.«

»Es geht gewiss ganz schnell.« Phoebe versperrte ihm den Weg und setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf.

»Fotografie geht niemals schnell, junges Fräulein. Fotografie braucht Zeit und die habe ich jetzt nicht.« Er setzte seinen Zylinder auf und tippte ihn zum Abschied an.

»Wollen Sie einer Dame in Not denn gar nicht helfen?«, rief sie ihm hinterher und er blieb stehen.

»Von welcher Not sprechen wir?« Er musterte sie nun eingehender. »Lassen Sie mich raten, Sie sind eine dieser Briefbräute, habe ich recht? Sie möchten einem einsamen Herrn an der Westküste ein Porträt von sich schicken, damit er ihnen das Geld für eine Zugfahrt zukommen lässt. Sie wollen alles hinter sich lassen, um dem bitteren Krieg und ihrer Familie, die ihnen nichts zu bieten hat, zu entkommen. Liege ich richtig?«

Phoebe biss sich auf die Unterlippe. Es kam nicht häufig vor, dass man sie derart schnell durchschaute. »Selbst wenn es so ist, haben Sie nicht das Recht dazu, mich zu verurteilen.« Sie wollte nicht aufgeben und stützte entschlossen die Hände in die Hüften. »Ich bin eine zahlende Kundin.«

Der Mann zögerte. Dann straffte er die Schultern und warf einen Blick auf seine Taschenuhr. »Entschuldigen Sie meine groben Worte. Ich werde Sie fotografieren, aber wir müssen uns beeilen.«

Phoebe nickte erleichtert und folgte ihm. Nachdem er die Tür wieder aufgeschlossen hatte, traten sie ein und stiegen in den ersten Stock hinauf. Offenbar befanden sich im unteren Teil die Privaträume von Mr Shorey. Während der Inhaber in einem Hinterzimmer verschwand, schlenderten Phoebe und Briana an den dunkel tapezierten Wänden des Ateliers entlang und bestaunten die Fotografien und Ferrotypien, die dort hingen. Es war, als würden sie in das Leben fremder Menschen eintauchen. Politiker mit autoritären Mienen und selbstgefälligen Posen blickten ihnen entgegen, ganze Familien, der Größe nach aufgereiht, feine Damen der Gesellschaft in opulenten Abendkleidern und junge Frauen mit ordentlich gemachten Haaren in ihrem Sonntagsgewand.

Briana blieb vor einer Fotografie stehen und Phoebe ging zu ihr. Beide starrten sie die Szenerie an. Sechs Burschen, vermutlich keiner von ihnen über zwanzig Jahre alt, waren darauf abgebildet. Sie trugen alle die Uniform der Unionsarmee. Der größte von ihnen stand im Hintergrund und hielt die gestreifte Flagge mit den 36 Sternen in die Höhe. Sie war zerrissen, ebenso wie die Kleidung der Männer. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte man den Schmutz in ihren Gesichtern und die gehetzten Blicke. Joseph, schoss es Phoebe plötzlich durch den Kopf und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Oh, Joseph! Sein Tod hatte sie schwer getroffen. Sie waren wie Bruder und Schwester gewesen und sie vermisste ihn schmerzlich. Als er sich zur Armee gemeldet hatte, wurde sie furchtbar wütend, denn sie wünschte sich, dass er Briana heiratete. Der Gedanke, dass die zwei liebsten Menschen in ihrem Leben einander zugetan waren, versetzte sie in romantische Euphorie. Umso mehr schmerzte sie sein Verlust. Hätte sie an jenem Tag am Bahnhof von Ellicott’s Mills gewusst, dass die B&O Railroad Joseph nicht nur in den Krieg, sondern für immer aus ihrem Leben transportieren würde, hätte sie sich ihm gegenüber nicht so abweisend verhalten.

»Wären die Damen so freundlich, mir nun in den Kameraraum zu folgen?«, übertönte die Stimme des Inhabers Phoebes Gedanken.

»Natürlich.« Sie riss sich von dem Anblick der Burschen los und folgte Mr Shorey ins Nebenzimmer. Hier gab es ein schräges Fenster im Dach, das den Raum einheitlich beleuchtete. Entlang der Wände standen fransenbesetzte Stühle sowie bespannte Wandschirme, auf denen farbenprächtige Landschaften, antike Säulen, Häuserfronten und Rosenspaliere abgebildet waren. Doch Mr Shorey rückte einen mannshohen Spiegel in die Mitte des Raumes, direkt neben einen üppigen Farn in einem Steinguttopf.

»Ein kleiner Trick«, erklärte er. »Auf diese Weise kann Ihr Zukünftiger Sie von vorne und von hinten bewundern.« Er räusperte sich. »Welche der jungen Damen möchte anfangen?«

»Nur ich werde fotografiert.« Phoebe sah ihre Freundin an, doch die gab sich unbeteiligt. Es war immer dasselbe. Briana mutete wie einer der Wandschirme in diesem Raum an. Sie trug eine schöne Fassade zur Schau, die niemand durchschauen konnte. Stets war sie beherrscht, stets auf eine oberflächliche Art freundlich. Als sie noch Kinder gewesen waren, hatte es Momente gegeben, in denen Briana aufgetaut war. Dann spielte sie hingebungsvoll mit Phoebes Puppen und benutzte ihre Malkreide. Manchmal hatte sie sogar gelacht. Doch diese Augenblicke waren so selten gewesen wie Schnee im Frühling von Maryland. Im Grunde hatten sie wenig gemeinsam. Phoebe schwärmte für Geschichten aus dem Wilden Westen und das Einzige, woran Briana Gefallen fand, war Zeichnen. Phoebe seufzte. Sie hatte sich an die eigentümliche Art ihrer Freundin gewöhnt, aber manchmal fragte sie sich, warum Briana so verschlossen war, obwohl sie schon so lange bei ihnen lebte. Doch auch nach all den Jahren wirkte die junge Frau wie der kalte irische Wind, von dem sie bisweilen sprach, wenngleich man ihr ansonsten nicht ansah, woher sie stammte. Ihr Haar war nicht rot, sondern beinahe schwarz, sie war nicht klein, sondern groß gewachsen, und sie besaß nicht diese typischen Apfelwangen, die man oft bei den Iren antraf. Einzig die Sommersprossen, die auf ihrer Nase tanzten, verrieten ein wenig von ihrer Herkunft, ebenso ihre Art zu sprechen. Den irischen Dialekt hatte sie nie ganz abgelegt.

»Gut.« Der Fotograf machte eine einladende Handbewegung. »Kommen Sie, Miss Harrington, seien Sie nicht schüchtern.«

Phoebe wusste, dass er es eilig hatte, und sputete sich, ihren Platz einzunehmen. Bevor sie sich in Position stellte, warf sie einen Blick auf ihr Spiegelbild. Sie wollte hübsch aussehen. Um die Fotografie bezahlen zu können, hatte sie Geld aus dem Sparstrumpf ihrer Tante entwendet. Sollte ihre Mutter das je erfahren, würde sie gewiss Ärger bekommen. Phoebe verengte prüfend die Augen. Ihre blonden Haare waren durch den Frühlingswind zerzaust, die Korkenzieherlocken fielen nicht mehr so geordnet wie noch vor einigen Stunden. Ich hätte einen Hut aufsetzen sollen, schimpfte sie mit sich selbst und zwickte sich in die Wangen. Dann zupfte sie ihr Kleid zurecht und drehte sich um.

Mr Shorey rückte sie an die richtige Stelle. »Nicht erschrecken.« Er holte einen Ständer und befestigte eine Stütze hinter ihrem Kopf, um ihr das Stillhalten zu erleichtern. »Wenn ich es sage, dann atmen Sie bitte tief ein und halten die Luft an.«

Phoebe nickte und wagte sich anschließend kaum noch zu bewegen, während der Fotograf die Kamera in Position brachte. Sie sah ihm dabei zu. Der Apparat sah nichtssagend aus und erinnerte sie an eine Quetschkommode, die auf eine einfache Schuhkiste montiert worden war. Auf den Rollen, die sich an den langen Füßen befanden, schob Mr Shorey das Gerät hin und her. Phoebe war begeistert. Das Wunder der Fotografie hatte sie schon immer fasziniert, selbst wenn sie nicht allzu oft damit in Kontakt geriet. In ihrem Elternhaus hing nur eine einzige Fotografie, ein Familienporträt. Es waren alle Harringtons darauf zu sehen, auch diejenigen, die es inzwischen nicht mehr gab. Phoebe erinnerte sich noch ganz genau an den Tag, an dem das Porträt entstanden war. Ein über Land fahrender Fotograf hatte in Ellicott’s Mills Station gemacht. Er hatte seinen Planwagen mit der Aufschrift ›Sam A. Cooley, reisender Fotograf der Vereinigten Staaten‹ auf der Wiese neben dem Marktplatz abgestellt und dort in seinem Liegestuhl auf Kundschaft gewartet. Am Sonntag nach der Kirche waren sie alle zu ihm gegangen: ihr Vater Elkanah in seinem dunklen Gehrock, ihre Mutter Agathe im feinen braun-weiß karierten Tartankleid mit dazu passendem Cape und sie selbst mit Haube und einem Kleid aus grobem Baumwollstoff. Was man nicht sah, war das Kind, das die Mutter zu dieser Zeit unter ihrem Herzen getragen hatte: ein kleines Mädchen, Bethania, das kurz nach der Geburt an einem Fieber starb. Phoebe sah ihre Familie deutlich vor sich. Sie war damals sechs Jahre alt, der Krieg lag noch in weiter Ferne und sie lächelten alle in die Kamera.

»Sind Sie bereit, Miss Harrington?« Der Fotograf wartete ihr Nicken ab, bevor er sich dünne Seidenhandschuhe überstreifte und hinter einem Vorhang verschwand. Kurze Zeit später rümpfte sie die Nase. Ein Geruch, der sie augenblicklich an den Ether von Dr. Sawbones denken ließ, wehte zu ihr herüber. Mr Shorey schob den Vorhang zurück. Er hielt ein plattes, quadratisches Holzkästchen in den Händen, das er vorsichtig von oben in die Kamera schob.

»Sehen Sie mich an, Miss Harrington«, sagte er. »Ja, so ist es gut. Das Kinn ein Stückchen höher. Ja, wunderbar. Die Schultern gerade, lächeln. Und jetzt einatmen!« Phoebe hörte ihn Luft holen und sah, dass er einen Schieber zurücklegte und die Kappe von der Linse nahm. »Anhalten, anhalten, anhalten! Sehr schön.« Schnell drückte er die Kappe zurück auf die Linse und nickte. »Sie haben es geschafft, Miss Harrington.« Er holte das Holzkästchen aus der Kamera. »Wenn Sie sich noch einige Minuten gedulden wollen, ich bin gleich wieder bei Ihnen.«

Phoebe trat von der Stütze weg und sah Briana an. »Was denkst du?«

»Das wird sicher ein hübsches Bild.«

»Hübsch genug für Silas Kennedy?«

Briana zuckte mit den Schultern. »Vermutlich.«

Phoebe überging die gleichgültige Bemerkung, doch sie war beunruhigt. Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne Briana in den Westen zu gehen. Seit ihr Vater dem irischen Waisenkind in seiner gütigen Art ein Zuhause geschenkt hatte, war sie Phoebes beste Freundin. Sie kam zu ihnen, als die ganze Familie um die kleine Bethania trauerte. Briana half Phoebe über das Erlebte hinweg, und obwohl sie nicht viel sprach, war sie da, wenn sie gebraucht wurde. Genau so sollte es weiterhin sein. Phoebe wollte ihre Freundin dabeihaben, wenn sie ihren Plan umsetzte: Sie würde nach Missouri gehen, um dort ihren zukünftigen Ehemann zu treffen!

 

Mitte Februar 1865, einige Wochen nachdem der Schoner mit den ›Benton-Bräuten‹, wie man jene Mädchen aus Ellicott’s Mills mittlerweile nannte, abgelegt hatte, hörte Phoebe beim Einkaufen einige Damen miteinander tuscheln.

»Habt ihr schon gehört? Der neuesten Ausgabe der Baltimore Gazette liegt ein Auszug der Missouri Matrimonial News bei«, erzählte die eine.

»Ist das nicht dieses Blatt mit den Heiratsannoncen?«

»Ganz genau! Und man sagt, es sei voll mit Anzeigen von Männern aus dem Westen.« Die Damen kicherten hinter vorgehaltener Hand.

»In Kalifornien soll eine Frau wertvoller sein als Gold!«

»Ich kann es nicht glauben! Wenn doch Constance endlich schreiben würde. Ich bin so gespannt, was sie aus Oregon berichten wird.«

Phoebe zog sich zurück. Mehr musste sie nicht hören. Sie drückte sich im Laden herum, bis die Frauen gegangen waren. Dann lief sie zur Kasse, bezahlte die wenigen Lebensmittel und fügte nebenbei hinzu: »Eine Baltimore Gazette, bitte.«

Emery Joiner, der Inhaber des Gemischtwarenladens, hob belustigt eine Augenbraue. »Was ist das nur heute mit dieser Zeitung? Sämtliche Damen des Ortes wollen sie haben.«

Phoebe zeigte sich überrascht, zählte die Cent-Stücke ab und legte sie auf den Tresen. »Haben Sie vielen Dank, Mr Joiner, und einen schönen Nachmittag.«

Sie musste sich bemühen, die Strecke bis zu ihrem Haus angemessenen Schrittes zurückzulegen und nicht zu rennen. Dort angekommen, wimmelte sie ihre Mutter ab, die hören wollte, welche Neuigkeiten Phoebe in der Stadt aufgeschnappt hatte, und lief auf ihr Zimmer. Hastig blätterte sie durch die dünnen Seiten der Zeitung, bis sie in der Mitte endlich auf die ordentlich zusammengefaltete Beilage stieß. Sie setzte sich auf ihr Bett und faltete das Papier andächtig auseinander. ›Missouri Matrimonial News‹ stand in verspielter Schrift auf der Vorderseite. Eilig begann Phoebe zu lesen und bereits der erste Satz ließ ihr Herz höherschlagen: ›Jede Frau braucht die starken Arme eines Mannes als Unterstützung in den harten Zeiten des Lebens. Ebenso wie jeder Mann die Liebe einer Frau braucht.‹ Es folgten durchnummerierte Annoncen von Heiratswilligen beiderlei Geschlechts aus der Region Missouri, die einen Partner suchten, wobei die Anzeigen der Männer eindeutig in der Überzahl waren. Bald schon war Phoebe versunken in die Worte auf dem Papier und die Träumereien in ihrem Kopf.

Ein Inserat tat es ihr besonders an. »Intelligenter, junger Kerl, 24 Jahre alt, sechs Fuß groß und 170 Pfund schwer, wünscht sich zum Zweck der Heirat eine abenteuerlustige Lady zwischen 18 und 22, die bereit ist, ihn nach Montana zu begleiten, um dort ein Heim und eine Familie zu gründen«, las sie sich selbst vor und ließ die Zeitung sinken. Vor ihrem inneren Auge sah sie einen Cowboy vor sich, ähnlich denen aus ihren geliebten Groschenromanen. Mit weiten Lederbeinlingen, einem Fransenhemd und einem um den Hals geknoteten Tuch. Seine Stiefel zierten silberne Sporen und er trug ein Lasso und ein Gewehr bei sich. »Ma’am«, sagte er, als er sie ansah und fasste sich an die Krempe des breiten Hutes, der seine Augen verdeckte. Phoebe seufzte.

Das war der Moment, in dem sie aufsprang, um ein Schreiben an den Verfasser der Annonce Nummer 236 aufzusetzen. Die Richtlinien besagten, dass Damen so viele Inserate beantworten durften, wie sie wollten, sie mussten sie nur ausreichend frankiert an das Büro in Missouri schicken und außen gut leserlich die Anzeigennummer notieren. Außerdem wurde darum gebeten, das äußere Erscheinungsbild ehrlich zu beschreiben. Phoebe überlegte nicht lange. ›Liebster Unbekannter‹, schrieb sie.

Ich lege große Hoffnungen in diesen Brief. Noch größere Erwartungen schürt mein ungeduldiges Wesen, denn ich wünsche mir so sehr eine Antwort von Ihnen. Mein Name ist Phoebe Ann Harrington, ich bin wohnhaft in Ellicott’s Mills, Maryland, 21 Jahre alt, ledig, fünfeinhalb Fuß groß und 130 Pfund schwer. Meine Haare sind hellblond und meine Augen blau. Ich stricke und lese gerne und sehne mich schon seit langem danach, den Westen des Landes kennenzulernen. Der Wunsch, ein eigenes Heim und eine Familie zu gründen, ist in den Tiefen meines Herzens verankert. Bitte antworten Sie mir so schnell wie möglich!

Noch am selben Tag brachte Phoebe den Brief zum Postamt. Anschließend wartete sie über sechs Wochen auf eine Antwort. Als eines Tages endlich ein Umschlag mit dem Absender Matrimonial News, Main Street, Kansas City, Mo. eintraf, war sie nicht mehr zu halten. Mit zitternden Fingern riss sie ihn auf und stürzte in den Garten, um den Inhalt ungestört lesen zu können. In krakeliger Handschrift stand dort geschrieben:

Sehr geehrte Miss Harrington, ich war hocherfreut über Ihre Nachricht. Mein Name ist Silas Kennedy und ich wohne in Memphis, Missouri. Obwohl ich Sie nicht kenne, bin ich anhand Ihrer Beschreibung der festen Überzeugung, dass Sie genau die Art Frau sind, die mich und meine Pläne zu unterstützen weiß. Ich lege Ihnen eine Fotografie von mir bei und hoffe auf baldige Antwort mit einer Fotografie Ihrerseits. Ich gedenke, noch im Mai nach Montana aufzubrechen und würde mich freuen, wenn Sie mich begleiten würden. Bitte schreiben Sie mir unter folgender Adresse …

Phoebe sah auf, jauchzte und hielt sich die Hand vor den Mund. Dann starrte sie die kleine, unscharfe Fotografie an. Ein junger Mann mit ernstem Gesicht blickte ihr entgegen. Er sah ein wenig anders aus als der Cowboy aus ihren Träumen, aber Phoebes Begeisterung tat das keinen Abbruch. Silas Kennedy besaß üppiges, dunkles Haar, das sich keinem Scheitel unterwerfen wollte. Er trug einen gepflegten Schnauzbart und seine Augen erschienen Phoebe trotz des ernsten Gesichtsausdrucks gütig und ein wenig spitzbübisch. Seine Nase war schmal, das Kinn zierte ein Grübchen und seine Ohren standen von seinem Kopf ab wie zwei Henkel einer Tasse. Alles an Silas erinnerte Phoebe an den Hund ihrer Nachbarn, einen struppigen Terrier, der immer freundlich und gut gelaunt war. Sie mochte Silas Kennedy auf Anhieb.

 

Briana stieß Phoebe in die Seite, nachdem sie auf Mr Shoreys Anrede nicht reagiert hatte.

»Entschuldigen Sie.« Phoebe blinzelte und drehte sich zu dem Fotografen um. Er hielt ihr die fertige Ferrotypie hin. »Oh …« Phoebe krauste die Stirn. »Ich sehe so verbissen aus.«

»Nicht minder reizend«, erwiderte Mr Shorey. »Ich packe sie Ihnen ein. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?«

»Natürlich.« Phoebe eilte hinter ihm her und bemerkte, dass Briana sich Zeit ließ. Gemächlich spazierte sie aus dem Kameraraum und verharrte erneut vor der Fotografie der sechs Burschen in Uniformen. Phoebe beobachtete sie und suchte in ihrem Gesicht nach der Trauer, die sie selbst empfand. Vergebens.

»Bri, kommst du?« Sie winkte Briana zu sich heran. »Lass uns gehen! Mr Shorey möchte nun endlich ins Zollhaus, um zu kondolieren.«

Briana nickte und wandte sich von der Fotografie ab. Sie lächelte dem Fotografen flüchtig zu, bevor sie vor ihm die Treppe hinunterstieg. Phoebe folgte ihr. Zurück auf der Straße, nachdem sie sich von Mr Shorey verabschiedet hatte, konnte sie ihre überschwängliche Laune nicht länger zurückhalten. Ausgelassen balancierte sie auf dem Randstein und strahlte Briana dabei an. »Gleich morgen werde ich Silas die Fotografie schicken.«

»Wie schön.«

»Was ist los, Bri? Ich kann es nicht ertragen, wenn du derart abweisend bist.«

»Ich finde dein Vorhaben noch immer absurd, das ist alles.«

»Hör auf, dich zu sorgen. Dazu gibt es keinen Grund.«

Briana zog unwirsch die Augenbrauen nach oben. »Ich sorge mich nicht annähernd so, wie du vielleicht annimmst. Aber ich stelle die Fragen, die du dir eigentlich stellen solltest. Und deshalb interessiert es mich, welche Intention dieser Silas Kennedy verfolgt. Er will bereits nächsten Monat nach Montana aufbrechen. Wieso hat er es dermaßen eilig?«

»Ich weiß es nicht, aber seine Worte erscheinen mir ehrenwert und aufrichtig.«

»Du kennst ihn doch gar nicht. Was ist, wenn er gelogen hat?«

Phoebe blieb stehen und musterte Briana. »Warum sollte er das tun?«

»Weil er üble Absichten hat.«

»Weshalb sollte jemand Geld für eine Anzeige ausgeben, wenn er etwas Böses im Schilde führt? Das könnte er auch einfacher haben.«

»Weil Menschen nun einmal so sind.«

Spontan griff Phoebe nach Brianas Hand. »Hör auf damit, Bri! Der Krieg ist vorüber und ab jetzt wird alles gut. Silas Kennedy wird mein Ehemann werden. Ich weiß, dass er ein rechtschaffener Mensch ist. Ich fühle es.«

Briana erwiderte den Druck ihrer Hand. »Was ist, wenn dem nicht so ist? Dann bist du verheiratet und einem fremden Mann ausgeliefert.«

»Meine liebste Bri«, seufzte Phoebe, »du bist der misstrauischste Mensch, den ich kenne. Hat dich die Tat meines Vaters nicht Vertrauen gelehrt? All die Jahre hattest du ein Zuhause und wurdest meine liebste Freundin. Du warst wie die Schwester, die ich verloren hatte. Aus diesem Grund werde ich dich nicht im Stich lassen. Wo immer ich hingehe, dort wirst auch du wieder ein Zuhause haben. Ich brauche dich, Bri, und deshalb will ich, dass du mich begleitest. Komm mit mir!«

Es dauerte eine Weile, bis Briana reagierte. Doch dann hob sie den Blick und zum ersten Mal erkannte Phoebe in ihm eine Gefühlsregung. Sie sah Empörung und einen Hauch von Aufbegehren.

»Ich werde dich begleiten«, erwiderte Briana bestimmt. »Aber ich tue es, weil ich es will!«

Memphis, Missouri, 10. Mai 1865

»Heiraten?« Jesse Kennedy ballte die Hände zu Fäusten. Er stand kurz davor, seinem Bruder einen Kinnhaken zu verpassen. Einzig Silas schwankende Haltung, die seiner Beinprothese geschuldet war, hielt ihn davon ab.

»Ja, ich möchte heiraten.« Es klang nun deutlich kleinlauter. »Sie heißt Phoebe Ann Harrington. Sieh nur, wie reizend sie ist.«

Silas hielt ihm eine Fotografie unter die Nase. Sie zeigte eine junge Frau, die vor einem Spiegel posierte. Nicht übel, schoss es Jesse durch den Kopf, und er entriss seinem Bruder das Bild, um es genauer zu betrachten. Sie war in der Tat ein hübsches Ding, wenn auch nicht sein Typ. Eindeutig von der Ostküste. Frauen wie sie fand man hier in Missouri nicht. Ihre Haare waren zu formvollendeten Locken gedreht, ihr Kleid sah elegant und teuer aus. Außerdem war sie über die Maßen anziehend. Ihr Gesicht war fein geschnitten, ihr voller Mund eine Sünde wert und obwohl man ihn unter all den feinen Rüschen nicht sah, war ihr Hals gewiss zum Anbeißen.

Jesse lachte. »Sie sieht zwar so steif und vornehm wie der Hemdkragen eines Pfaffen aus, aber in einem Bordell wäre sie gut aufgehoben. Mit ihrem Körper würde sie für dich ein Vermögen verdienen, das steht fest.« Er rieb sich den Bart. »Das könnte unser Vorhaben finanzieren. Gar keine schlechte Idee.«

»Sei still!« Silas entriss ihm das Foto und betrachtete es hingebungsvoll.

»Lass den Mist, Bruder, und werd endlich erwachsen. Da, wo wir hingehen, brauchen wir keine Ehefrauen.«

»Sie war die Erste, die auf meine Anzeige geantwortet hat. Und die Einzige, die mir eine Fotografie von sich geschickt hat. Sie ist es, ich weiß es.«

»Sag mal, hörst du mir nicht zu?« Jesse packte seinen Bruder ungestüm am Kragen und schüttelte ihn. »Ich verfluche den Tag, an dem du lesen und schreiben gelernt hast! Diese Anzeige war wieder einmal eine dumme Idee von dir. Eine sehr dumme, wenn ich das anmerken darf. Wir werden durch die Wildnis ziehen, über die Prärie und durch Indianerland. Da willst du so eine Frau mitschleppen? Wie die aussieht, überlebt sie nicht eine einzige Woche. Wenn du’s nötig hast, dann nimm dir doch ab und zu einen der Ochsen vor.«

Silas wehrte sich und als Jesse ihn losließ, wäre sein Bruder beinahe gestürzt. »Du bist ein Arschloch!«

»Ja, vermutlich«, brummelte Jesse. »Aber eines, das deinen Hintern schon so oft aus der Scheiße gezogen hat, dass ich es gar nicht mehr zählen kann.«

»Dieses Mal tue ich das richtige. Ich werde Phoebe Ann zu mir holen. Wir werden heiraten und sie wird uns begleiten. Ich werde in Zukunft ein ehrbares Leben führen«, erklärte Silas bestimmt.

»Du meinst, so ehrbar wie dein Entschluss, dich den Konföderierten anzuschließen und dich für den Süden in den Krieg zu stürzen? Das hat dich in der Schlacht am Wilson’s Creek dein Bein gekostet, wenn ich dich daran erinnern darf.« Jesse sah ihn scharf an. »Oder meinst du etwa so ehrbar, wie dein anschließendes Anheuern bei den Bushwhackern, um einen Partisanenkrieg gegen die Union zu führen? Die örtliche Miliz hat unseren Vater deswegen zu Tode gefoltert, weil er dein Versteck nicht preisgeben wollte.«

»Ich weiß das alles«, schrie Silas und warf Steine nach ihm wie einst zu Schulzeiten. »Hör auf damit!«

»Nein, das werde ich nicht.« Geschickt wich Jesse den Angriffen seines Bruders aus. »Du verdammter, ehrbarer Scheißkerl! Du hast unseren Vater auf dem Gewissen und hast dafür gesorgt, dass wir nun Gesetzlose sind.«

»Du hättest ja nicht aus deiner gottlosen Wildnis anreisen müssen, um mir zu helfen.«

»Ach, hätte ich nicht?« Jesse ging auf ihn zu und Silas trat auf einem Bein hopsend den Rückzug an. »Unsere Schwester hat mir in Mutters Auftrag geschrieben, dass Vater tot ist und du sicher der Nächste sein wirst, der am Galgen baumelt. Willst du mir sagen, du wärst nicht gekommen?« Wie zwei aggressive Büffel verharrten sie voreinander, schnaubend und kampfeslustig. Jesse bemerkte, dass sein Bruder nach seinem Revolver tastete. »Willst du mich erschießen?«, brüllte er ihn an. »Nur zu!« Er riss sich das Hemd auf und entblößte seine vernarbte Brust.

»Du dämlicher Bärenjäger!« Silas starrte auf die wulstigen Spuren, die Jesse mit Stolz trug. Sie stammten von den Krallen eines Grizzlybären, den er getötet hatte. »Soll mich das beeindrucken?«

»Beeindruckt dich denn überhaupt irgendwas?«, schoss Jesse zurück. »Du und diese hirnlosen Quantrill’s Raiders habt unbewaffnete Unionssoldaten hingerichtet. Ihr habt die armen Teufel skalpiert, als wärt ihr Rothäute.« Er spuckte vor seinem Bruder in den Sand. »Und du erzählst mir etwas von einem ehrbaren Leben?«

Silas atmete schwer, die Adern an seinem Hals waren deutlich angeschwollen, doch er nahm die Hand vom Revolver und verzog den Mund. »Wenn wir aus Missouri raus sind, wird alles anders«, beteuerte er, und in seinen Augen erkannte Jesse den kleinen Jungen, der immer um Aufmerksamkeit gebettelt hatte.

Sie waren im Dreck aufgewachsen, auf einer Farm unweit von Memphis. Zwölf Geschwister waren sie einst gewesen, von denen nur vier überlebt hatten. Margret, die älteste Schwester, war ihrem Mann nach Kalifornien gefolgt. Sie suchten dort nach Gold. Soweit Jesse wusste, bisher erfolglos. Dann gab es ihn und Silas und den kleinen Albert, der als einziger der vier Geschwister noch bei ihrer Mutter lebte. Alle anderen waren tot. Entweder durch Krankheiten, den Krieg oder unglückliche Zufälle. Jesse hatte nicht vor, weitere seiner Geschwister zu verlieren, auch nicht den Taugenichts, der vor ihm stand und sich seinen Bruder schimpfte.

»Ende des Monats packen wir Mutter und Albert auf die Wagen und brechen auf. Komme, was da wolle«, murmelte er.

»Dann gilt dein Versprechen noch?« Silas sah ihn verunsichert an.

»Wenn es nicht vorher Geld vom Himmel regnet, tut es das.« Jesse verfluchte sich im Stillen für seine Loyalität. Irgendwann würde er dafür in der Hölle schmoren.

»Die Postkutsche wird um zwei Uhr erwartet.«

»Weiß ich längst. Ich werde pünktlich sein.« Jesse drehte seinem Bruder den Rücken zu und ging davon. Es hielt ihn keine fünfzig Meter auf der staubigen Straße von Memphis, bevor er rechts in den Saloon abbog. Das Gespräch mit Silas hatte ihm zugesetzt und er brauchte Ablenkung, um nicht mehr darüber nachdenken zu müssen.

Verärgert stieß er die Schwingtüren auf und trat ein. So früh am Vormittag war in dem Gastraum nicht viel los. Gus, der Klavierspieler, lag auf den Tasten und schnarchte, und Sim, der kahlköpfige Barmann, war gerade dabei, Gläser zu polieren. Es roch nach abgestandenem Alkohol, schwerem Parfüm und Erbrochenem. Keine angenehme Kombination. Jesse lehnte sich gegen den Tresen und nahm den Hut vom Kopf.

»Was darf’s sein, Bärentöter?« Sim schlenderte zu ihm herüber.

»Bourbon. Oder habt ihr seit Neuestem eine größere Auswahl?« Jesse winkelte das Knie an und stellte einen Fuß auf die unterste Leiste. »Aber gib mir den aus dem Fass, nicht den billigen Fusel aus der Flasche.«

Sim grinste. »Bier und Wein mögen die Überlandfahrten und die Hitze nicht besonders. Whiskey ist dagegen ziemlich anspruchslos. Das solltest du wissen.« Er zog eine Flasche aus dem Regal, befüllte eines der Gläser und schob es zu Jesse. Dieser leerte es in einem Zug.

»So anspruchslos wie deine Kunden.«

»Was ist dir denn über die Leber gelaufen?«, erkundigte sich der Barmann und füllte unaufgefordert nach.

»Silas will in den Stand der Ehe treten. Er ist wild entschlossen.«

»Oh!« Sim legte die Stirn in Falten. »Welches Täubchen ist denn die Glückliche?«

»Keine von hier.« Jesse ließ den Blick schweifen, aber die Mädchen waren nicht zu sehen. Vermutlich schliefen sie noch. »Es ist eher ein Brieftäubchen.«

»Im Ernst?« Sim lachte laut auf. »Eine dieser Bräute, die man über Anzeigen bestellt? Das ist ja, als kaufe man die Katze im Sack.«

»Du sagst es.«

»Woher stammt sie?«

»Ich weiß es nicht. Irgendwo aus dem Osten. Vermutlich ist sie überzeugte Unionistin und trifft dann im ohnehin gespaltenen Missouri auf meinen Bruder, den enthusiastischen Konföderierten. Als hätten wir es nicht schon schwer genug.«

»Weil wir gerade beim Thema sind. Russell Henricks’ radikale Republikaner stellen Fragen. Sie prahlen damit, dass die Liga die Führung von Missouri übernehmen wird und alle Südstaaten-Sympathisanten vom Wahlrecht und der Übernahme öffentlicher Ämter ausgeschlossen werden.«

Jesse leerte sein Glas erneut. Der Whiskey brannte ihm die Speiseröhre aus, ein angenehmes Gefühl. »Endlich hat der miese Ostküsten-Ire einen Staat gefunden, der so kaputt ist, dass er tun und lassen kann, was er will. Haben seine Leute wieder Fragen über Silas gestellt?«

Sim schüttelte den Kopf. »Nicht konkret. Sie wollten wissen, ob ich die Verstecke der ehemaligen Partisanen im Umkreis von Memphis kenne.«

»Und?«

»Konnte mich an niemanden erinnern.«

»Was kostet mich dein Gedächtnisverlust?«

»Das Übliche.« Sim schenkte erneut nach. »Aber du solltest vorsichtig sein. Russell Henricks weitet seinen Einflussbereich aus. Er kommt immer öfter in die Stadt und hat seine Augen und Ohren überall. Ganz besonders in Etablissements, die er beliefert.«

Jesse wusste, wovon der Barmann sprach. Die meisten Mädchen, die im Saloon arbeiteten, kamen aus Irland. »Er verdient sich hier eine goldene Nase.«

»Worauf du einen lassen kannst. Willst du zu Frances?«

Jesse überlegte, doch nicht allzu lange. »Sorg dafür, dass sie gebadet ist.«

»Was immer du wünschst, Bärentöter.« Sim ließ die Flasche auf dem Tresen stehen und ging ins obere Stockwerk.

 

Eine Stunde später lag Jesse nackt und verschwitzt im Bett von Frances. Sie war das respektabelste der Saloon-Mädchen. Zum Glück keine Irin, sondern eine Südstaaten-Hure aus Charleston in South Carolina. Zumindest erzählte sie das. Ob sie ihren Akzent nur der zahlenden Kundschaft vorspielte oder tatsächlich auf einer Plantage geboren war, konnte Jesse nicht sagen. Fest stand aber, dass sie etwas von dem verstand, was sie tat. Rittlings saß sie auf ihm und bewegte sich so eifrig, dass es ihm schwerfiel, nicht sofort zu kommen. Doch für das Geld wollte er nicht zu schnell fertig sein. Er kannte Frances mittlerweile recht gut und mochte die kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, die er besonders heiß fand, wenn sie sich wie jetzt vor Ekstase über die Zähne leckte. Ihre geübte Muskulatur massierte und rieb ihn derart heftig, dass er die Pobacken zusammenkneifen musste, um sich unter Kontrolle zu bekommen.

»Bärentöter«, gurrte Frances nach einer Weile und beugte sich vor, damit er ihre Brustwarzen in den Mund nehmen konnte. Das schwarze Mieder drückte ihre Brüste derart nach oben, dass sie aussahen wie zwei pralle Melonen.

Jesse begann zu saugen, hörte ihr leises Stöhnen und griff rasch nach ihrem straffen Hintern, um sie daran zu hindern, sich weiter so aufreizend zu bewegen. »Langsam«, murmelte er und umkreiste mit der Zunge ihre steifen Nippel. »Du musst schon ein wenig mehr tun, wenn ich hier liege.«

Ihre braunen Augen weiteten sich und sie schnurrte wie eine Katze. »Habe ich dich je enttäuscht?«

»Nein.« Er spürte, dass sich seine Erregung etwas normalisierte und hielt sie weiter fest. »Aber du bist ein fleißiges Vögelchen. Ich wette, du verdienst mehr als alle anderen zusammen. Du verstehst dein Geschäft.«

Frances’ Lächeln vertiefte sich. Ihre Finger fuhren über die Narben auf seiner Brust. »Ich bin eine faire belle, mein Lieber. Ich mache mich schön, ich mache es dir schön und irgendwann werde ich aus diesem Nest fortgehen und dir in den Westen folgen.«

Jesse grinste. »Um was zu tun?«

Sie küsste ihn auf die Vertiefung an seinem Schlüsselbein. »Um dich glücklich zu machen.«

»Machst du das nicht gerade?«

»Ich könnte es immer tun.« Ihre Zunge wanderte seinen Hals hinauf und er spürte ihren heißen Atem an seinem Ohr. Ein Zucken ging durch seine Lenden.

»Dort, wo ich hingehe, ist kein Platz für eine Frau«, sagte er ernsthafter als beabsichtigt. Diese Art von Gespräch gefiel ihm nicht.

»Was tust du denn in all den einsamen Nächten oben in Montana? Stell dir nur vor, ich wäre bei dir, um das zu tun …« Sie biss ihm ins Ohrläppchen und er fühlte, dass ihre Hand seinen Bauch nach unten wanderte. »Oder das …« Sie spreizte ihre Beine noch ein wenig mehr und begann, sich zu streicheln. Jesses Atem beschleunigte sich. Wieso war er nur so berechenbar, verdammt?

»Oder das«, hauchte Frances und küsste ihn. Darauf war er nicht gefasst gewesen. Hastig drehte er den Kopf.

»Was soll das, zum Teufel?«

Sie drückte sich gegen ihn, nahm ihn noch tiefer in sich auf und begann, sich erneut zu bewegen. Das schlecht gehobelte Holz des Bettrahmens pikste ihn in den Rücken und er starrte auf ihren geöffneten Mund, die rosa Zunge, mit der sie ihre Lippen befeuchtete, und ihre vor Erregung geröteten Wangen.

»Sag, dass es dir nicht gefällt«, stöhnte sie und mit der Hand, mit der sie sich gerade noch selbst Lust verschafft hatte, streichelte sie nun seine Hoden. Sanft zuerst, dann etwas fester. Jesse ächzte wie ein Verwundeter.

»Natürlich tut es das«, presste er hervor. Seine Selbstbeherrschung schwand mit jeder ihrer Bewegungen.

»Mach mich zu einer freien Frau, Bärentöter.« Ihr Gesicht war nun ganz nah vor seinem. So nah, dass er helle Sprenkel in ihrer ansonsten tiefdunklen Iris erkennen konnte.

»Vergiss es«, flüsterte er, bevor er sie packte und mit Schwung neben sich aufs Bett schleuderte.

Seine rohe Art machte Frances jedoch nichts aus. Ganz im Gegenteil. Sie kicherte und spreizte einladend ihre Beine. »Wir machen es, wie du es befiehlst, Jesse Kennedy. Immer und immer wieder, bis du nicht mehr ohne mich leben willst.«

Er warf sich auf sie und drang hart in sie ein. Ihre Worte gingen ihm auf die Nerven, ganz besonders an diesem Tag, wo ihm sein Bruder schon von seinen Heiratsplänen erzählt hatte. Was sollte dieses ganze Gerede von Hochzeit? Silas bekam sein eigenes Leben kaum in den Griff. Wie sollte er sich da um eine Frau und womöglich um eine Schar Kinder kümmern? Wieder und wieder stieß Jesse zu. Frances’ verzückte Schreie hallten ihm in den Ohren.

»Ja, Bärentöter, besorg es mir so richtig«, keuchte sie. »Und dann erinner dich an mich, wenn du inmitten der Wildnis auf deinem lahmen Gaul sitzt und dir deine Klöten am Sattel wundscheuerst. Eine Nachricht von dir genügt und ich komme, um dich zu erlösen.«

Erlösung, dachte Jesse, das war genau das, was er nun brauchte. Er sah nach unten, betrachtete seine rhythmischen Bewegungen und die herrliche Röte zwischen Frances’ Beinen. Da war es auch schon um ihn geschehen. Er warf den Kopf zurück, zog zischend die Luft ein und ergab sich dem prickelnden Gefühl, das sich dieses Mal bis hinauf in seinen Rücken fortsetzte. Anschließend schüttelte er sich wie ein Hund und rollte von Frances herunter. Schwer atmend blieben sie nebeneinanderliegen.

»Du bist einer der Guten«, hörte er sie nach einer Weile sagen. »Und die Guten gehen immer fort von hier.«

»Red keinen Unsinn«, erwiderte er und setzte sich auf. »Es gibt noch genug ehrbare Männer in dieser Gegend.«

»Auch solche, die einer Hure helfen wollen?« Von hinten umfasste sie seine Schultern und massierte sie sanft.

»Du hast dir einen heiklen Beruf ausgesucht«, gab er zu Bedenken und wollte ihre Hände am liebsten abschütteln. Die plötzliche Vertrautheit zwischen ihnen gefiel ihm nicht. Bisher war er zu Frances gekommen, um Spaß zu haben. Dabei wollte er nicht nachdenken und gewiss wollte er nicht das Gefühl haben, bei einer Frau zu liegen, die in ihm etwas anderes sah als einen ihrer Kunden. Er war nicht bereit für diese ganze komplizierte Mann-Frau-Sache. Zu lange hatte er seinen Eltern dabei zugesehen, wie sie sich gegenseitig zerstört hatten. Seine Mutter war durch die vielen Geburten irgendwann völlig ausgezehrt gewesen, sein Vater frustriert durch die Arbeit auf dem Feld, das für eine derart große Familie nicht genug abwarf. Dazu kam der schwierige Boden, der eine Bewirtschaftung beinahe unmöglich machte. Entweder war die Erde so trocken und rissig, dass nichts auf ihr gedieh, oder der Regen verwandelte alles in Schlamm, den man hier Gumbo nannte. Er war grau und klebrig und roch nach Sümpfen und Wildnis. Diese Umstände hatten Jesses Vater jeden dritten Tag in den Saloon getrieben, wo er das wenige Geld vertrunken, verspielt und verhurt hatte, um anschließend wieder in das Bett seiner Frau zu steigen und ihr das nächste Kind zu machen. Jesse war nicht besonders traurig über den Tod seines Vaters, es war eher das Wie, das ihm sauer aufstieß.

»Missouri ist am Ende«, sagte Frances nun. »Das war es schon vor dem Bürgerkrieg, aber es wird immer schlimmer. Der Krieg hat diesem Land schrecklich zugesetzt, doch er scheint nicht aufzuhören. Jeder ist verbittert, Nachbarn sind zerstritten, und das alles nur wegen der Politik.«

»Meine Familie sympathisiert seit Generationen mit dem Süden. Keiner kann aus seiner Haut heraus.« Jesse wollte aufstehen, aber Frances hielt ihn zurück.

»Die Iren übernehmen hier allmählich die Macht. Russell Henricks und seine Republikanische Liga sind nicht zu unterschätzen. Ständig kommen neue Leute von ihm in der Stadt an. Die örtliche Miliz steht schon vollständig unter seinem Kommando. Das wird alles noch ein böses Ende nehmen …«

»Lass mich mit deinen Sorgen in Ruhe!«, unterbrach er sie, doch Frances hörte nicht auf.

»Du bist gegangen, als der Krieg ausbrach. Du wolltest neu anfangen. Du warst nicht einer von denen, der dazu beigetragen hat, dass es hierzulande nur noch Hass zwischen den Menschen gibt. In anderen Staaten mag es eine Grenze zwischen Nord und Süd geben, doch bei uns könntest du zwischen jeder Farm eine Grenze ziehen, so unterschiedlich denken die Leute hier. Und der Ire nutzt das aus.«

Jesse atmete tief durch und drehte sich zu Frances um. Nun, da die Leidenschaft aus ihrem Gesicht gewichen war, wirkte sie nicht mehr so attraktiv auf ihn. »Was willst du von mir?«, wollte er wissen.

»Nimm mich mit.«

»Auf keinen Fall!« Er stand auf und suchte auf dem Boden nach seiner Kleidung.

»Bärentöter!« Ihre Stimme veränderte sich, wurde bittender. Verzweifelter. Mit ihren Fingern kitzelte sie ihn an seinem nackten Hintern und er fuhr herum.

»Lass das!« Er angelte mit dem Fuß nach seiner Hose und wehrte Frances’ Hände ab. »Ich werde dich nicht mit nach Montana nehmen. Ende der Diskussion!«

»Ich habe besondere Vorzüge, wie du vielleicht schon bemerkt hast«, lockte sie und setzte sich breitbeinig zurück aufs Bett.

Jesse warf ihr den knallbunten Morgenmantel zu, der über dem Stuhl vor der Kommode hing. »Zieh dir was an!«, befahl er.

Bockig verschränkte sie die Arme vor der Brust, ohne jedoch ihre Blöße zu verdecken. »Wenn du mich nicht mitnimmst, dann verrate ich diesem irischen Perversen bei seinem nächsten Besuch, dass du und dein Bruder hinter den Überfällen auf die Postkutschen stecken. Wie lange wollt ihr das noch durchziehen?«

»Bis wir genug Geld zusammen haben, um diese beschissene Gegend zu verlassen«, murmelte er erbost. »Und wir müssen uns beeilen, denn der Winter wird nicht warten, bis wir in Montana ankommen.«

»Ich habe eine Stange Geld zurückgelegt, von der Henricks nichts weiß. Ich könnte mich an euren Kosten beteiligen und wir wären in der Lage, uns sofort aus dem Staub zu machen. Komm schon, Jesse, ich habe dich nie verraten. Dafür schuldest du mir was.«

»Einen Scheiß schulde ich dir! Das zwischen uns war ein Geschäft, Herrgott noch mal. Ziehst du diese Nummer bei jedem Kunden ab, der Missouri verlassen will?«

»Natürlich nicht.« Sie schob die Unterlippe vor. »Komm zu mir. Ich mach’s dir heute einmal umsonst.«

»Kein Bedarf.« Jesse schlüpfte in seine Hose.

»Ist meine Gesellschaft denn so schrecklich für dich?« Ihre Finger waren plötzlich überall und zu seinem Ärger begann Jesse, darauf zu reagieren.

»Du bist ja gar nicht müde«, gickelte Frances. »Der Held will erneut in den Kampf ziehen.« Ihre Hand verschwand in seiner Hose und er spürte, dass er anschwoll. »Soll ich aufhören?« Aufreizend sah sie zu ihm auf. Ihre Hand wanderte auf und ab. Auf und ab.

Sein Atem ging schneller. Er verachtete sich dafür, aber Frances hatte zu allem Unglück recht. Bald schon würde er wieder unterwegs nach Montana sein, in dieses Land, das er zugleich liebte und hasste. Dieses Land, das so wunderschön und ungezähmt und einsam war, dass es einem die Seele zerriss. Das Blut, das in seinen Ohren rauschte, erinnerte ihn an den Wind, der dort ständig wehte und einen in den Wahnsinn treiben konnte. Montana war entweder glutheiß oder bitterkalt. Im Winter hatte man oft das Gefühl, dass einem der Atem in der Lunge gefror. All diese Gegensätze faszinierten Jesse und rieben ihn gleichzeitig auf. Er war zum einen zu seinem Bruder zurückgekehrt, um ihm zu helfen, zum anderen aber auch, um der unendlichen Einsamkeit zu entkommen, die ihn manchmal beinahe um den Verstand brachte.

»Mach weiter, doch glaube nicht, dass ich dich dafür bezahlen werde«, sagte er heiser und sah ein Lächeln über Frances’ Gesicht huschen.

»Wenn wir fertig sind, Bärentöter, wirst du nicht mehr wollen, dass ich hier zurückbleibe.« Sie senkte den Kopf und die lackschwarzen Haare fielen ihr schwer über die Schultern.

Du verdammter Narr, war das Letzte, was Jesse dachte, bevor Frances’ Mund ihre Hand ablöste.

 

Silas und seine Kumpane warteten in der abgelegenen Scheune, etwa eine Meile nördlich von Memphis, auf Jesse. Sie hatten sich bereits die Halstücher über Mund und Nase gebunden und die breitkrempigen Hüte tief in die Stirn gezogen. In lässiger Haltung saßen sie auf ihren Pferden.

»Wo bleibt er denn?«, murrte Ruffus McGure und hob das Tuch an, um seinen Kautabak auszuspucken. »Wenn wir noch länger warten, ist die Kutsche zu nahe an Memphis und wir haben das Nachsehen.«

»Er kommt gleich«, versicherte Silas und rutschte unruhig auf seinem unscheinbaren Braunen herum. Sie nahmen stets andere Pferde, wenn sie eine Postkutsche überfielen, und verkauften sie anschließend sofort wieder. Bis auf Jesse, der zu sehr an seinem grauen Hengst hing. Das Tier habe ihn bis nach Montana und wieder zurück getragen, pflegte er zu sagen, und es sei ihm all die Jahre ein treuerer Freund gewesen als jeder Mann. Silas ließ ihm seinen Willen. Bisher waren ihre Überfälle einträglich gewesen und hatten keine Opfer gefordert. Niemand war ihnen auf die Schliche gekommen. Er meinte es ernst mit seinem Vorsatz, ein besserer Mensch zu werden.

»Dein Bruder ist ein Trottel«, bemerkte Barrett Warne in diesem Moment. »Der kann nicht einmal die Uhr lesen.«

Silas war selbst darüber erstaunt, wie schnell er seine Waffe zückte. Das Army-Modell war ihm so vertraut, dass es sich anfühlte, als sei es eine Verlängerung seines Arms. Er zielte damit genau zwischen Barretts Augen. »Was war das?«, zischte er.

»Nichts, Mann!« Barrett hob die Hände. »Man wird doch wohl einen Scherz machen dürfen.«

Silas biss sich derart auf die Zähne, dass seine Kieferknochen knackten. »Halt in Zukunft dein Maul«, knurrte er.

Schweigen breitete sich aus und man hörte nur noch das Schlagen der Schweife, mit dem die Pferde die lästigen Fliegen abwehrten. Silas starrte in die Ferne. Er hielt große Stücke auf seinen älteren Bruder. Das hatte er schon immer getan. Sein ganzes Leben hatte Jesse auf ihn aufgepasst, und Silas erinnerte sich nur zu gut an die Enttäuschung, die er empfunden hatte, als Jesse nach Montana aufgebrochen war. Drei lange Jahre war er verschwunden gewesen und Silas hatte seine Wut darüber an Unionssoldaten ausgelassen. Vielleicht war er dabei bisweilen über das Ziel hinausgeschossen, aber am Ende hatte es ihn abgelenkt. Doch dann war Jesse eines Tages wieder in der Stadt aufgetaucht und seitdem verging keine Minute, in der Silas seinem Bruder nicht beweisen wollte, dass er ein ebenso mutiger Kerl war wie er. Seine Mutter hatte das immer zu ihm gesagt. ›Sei so mutig wie Jesse, dann wird ein richtiger Mann aus dir‹, hatte sie gesagt. Silas verengte die Augen.

»Er kommt!«, rief er siegessicher in die Runde. Er wusste, dass er sich auf seinen Bruder verlassen konnte. Dieses Mal würde Jesse ihn mitnehmen und Silas würde endlich die Chance haben, ihm zu zeigen, was für ein Mann aus ihm geworden war.

In versammeltem Galopp hielt Jesse auf die Gruppe zu und Silas ritt ihm entgegen. »Wo warst du?«, fragte er leise und warf seinen Kumpanen einen kurzen Blick zu. »Die anderen sind schon nervös.«

»Weshalb?« Jesse zügelte sein Pferd. »Sind wir zu spät dran, um einen Raub zu begehen?«

Silas zog sein Tuch vom Gesicht und schnupperte. »Warst du etwa bei dieser Hure?«

»Was geht es dich an?«

»Du bist nicht besser als Vater.« Er spürte, wie die Wut ihn übermannte.

»Das sagt ausgerechnet derjenige, für den unser Vater sein Leben gelassen hat.«

»Sei still! Du warst nicht hier, als dieser Scheißkerl alles versoffen hat, was uns noch geblieben ist. Mutter hatte es schon schwer genug, aber am Ende arbeitete sie unter der sengenden Sonne auf dem Feld, während dieser Drecksack sich in den Betten der Saloondirnen rumgewälzt hat.«

Jesse hielt seinem zornigen Blick stand. »Ich bin nicht wie Vater«, erwiderte er gelassen.

»Wer sich mit einer Hure einlässt, der ist nichts weiter als Abschaum.«

»Lynchmord und Raubüberfälle sind dagegen sehr anständig.« Jesse fixierte ihn, bevor er einlenkte: »Haben wir nicht etwas zu tun?«

Silas blinzelte. Er verstand nicht, warum er sich von seinem Bruder jedes Mal aufs Neue provozieren ließ. Er hatte schließlich nur getan, was nötig war, damit sie die Farm nicht verloren. Auch wenn diese Mistkerle der Republikanischen Liga sie am Ende zwangsenteignet und seine Mutter sowie den kleinen Albert aus Missouri verbannt hatten. Sie warteten seitdem in Stilesville, Iowa, wo er und Jesse sie auf dem Weg nach Montana abholen wollten.

»Kümmern wir uns um das, was getan werden muss«, presste Silas hervor und zog sich das Tuch wieder über Mund und Nase. »Bist du bereit?« Jesse nickte und winkte den Männern, die noch immer im Schatten der Scheune warteten.

»Wurde auch Zeit«, murmelte Barrett Warne, als er an ihnen vorüberritt.

»Lasst uns Geld verdienen!« Silas gab seinem Pferd die Sporen und spürte, wie das Adrenalin augenblicklich seine Wut überlagerte. Sollte sein Bruder doch von ihm denken, was er wollte. Wenn er mit seiner zukünftigen Frau erst einmal in Montana war, wo ihn niemand kannte, würde auch Jesse endlich verstehen, dass ein Mann manchmal Dinge tun musste, die unrecht waren, um sein Leben zu verbessern.

In zügigem Tempo hielten die sechs Männer auf die östliche Straße zu, die nach Memphis hineinführte. Es war eine glückliche Fügung, dass die Postkutschen noch nicht auf den üblichen Strecken unterwegs waren. Durch den Bürgerkrieg war die Butterfield Overland Route, die weiter südlich durch Missouri geführt hatte, stillgelegt worden. Sie wurde von der Central Overland Route abgelöst, die ebenfalls weit von Memphis entfernt lag. Erst seit der Übernahme der Overland Stage Company durch Wells, Fargo & Co. hatten sich die Routen zu Silas’ Gunsten geändert und schlängelten sich nun durch das nördliche Missouri. Durch den voranschreitenden Bau der Eisenbahnstrecke und die inzwischen über das gesamte Land verteilten Telegrafenmasten, die Nachrichten schneller übermitteln konnten als der Pony-Express, experimentierten die Betreiber gerade, welche Strecke in Zukunft die günstigste Postverbindung zwischen der Ost- und der Westküste darstellte.

Achtmal hatten Silas und seine Männer die Kutschen von Wells Fargo bereits überfallen. Jedes Mal in einer anderen Gegend oder sogar in einem anderen Staat. Meist gab es nicht viel zu holen und sie mussten die Beute unter sich aufteilen, aber es war erträglicher, als sich Arbeit zu suchen. Seit dem Bürgerkrieg gab es kaum noch Jobs. Jeder in Missouri kämpfte auf seine Art darum, zu überleben. Sie taten nur, was sie tun mussten. Trotzdem galt es vorsichtig zu sein, denn wenn die Angriffe überhandnahmen, dann würde die Regierung die Route überwachen lassen. Und auf einen Haufen Unionssoldaten in seiner Heimatstadt hatte Silas nun wirklich keine Lust.

Auf einer Anhöhe hielten sie an und blickten auf die bewaldete Ebene hinunter. Dort wo sich die Laubwälder lichteten, konnte man die staubige Straße erkennen, die sich in Richtung Memphis wand. Silas zog den Hut noch weiter in die Stirn, um besser gegen die Sonne sehen zu können. »Da ist sie!«, rief er und deutete auf die charakteristische Kutsche mit dem roten Rahmen und den gelben Rädern. An diesem Tag wurde sie von vier Mulis gezogen anstatt von sechs, was bedeutete, dass eine Rast in der Stadt vonnöten war.

»Sie sind schon zu nahe an Memphis heran«, bemerkte Ruffus McGure. »Zu gefährlich.« Dabei starrte er Jesse an, und jeder der Anwesenden verstand den unausgesprochenen Vorwurf.

»Wir machen’s trotzdem.« Silas nahm die Zügel auf und sein Pferd scharrte mit den Hufen.

»Die Schüsse sind meilenweit zu hören.« Ruffus schnalzte nervös mit der Zunge. »So ein Risiko sind wir noch nie eingegangen. Wenn uns die Liga in die Finger bekommt, dann werden wir uns alle wünschen, einfach nur eine Kugel in den Kopf zu bekommen.«

»Was meinst du?« Silas sah seinen Bruder an, doch dem war keine Reaktion zu entlocken.

»Deine Entscheidung«, brummelte er unter seinem Tuch.

Silas schloss kurz die Augen. Er sah Phoebe Ann vor sich, jene unbekannte Schönheit aus Maryland, deren direkte Worte und reizende Fotografie ihn sofort fasziniert hatten. Sie mutete wie ein Licht in einer ansonsten dunklen Welt an. Je eher er genug Geld zusammen hatte, um Wagen, Vorräte und Ochsen kaufen zu können, desto eher konnten er und sein Bruder aufbrechen.

»Wir tun’s!«, rief er, öffnete die Augen und ließ sein Pferd den Abhang hinunterstürmen. Erst als er unten angelangt war, warf er einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass die anderen fünf ihm folgten. Sie taten es. Silas verlagerte sein Gewicht, um mehr Halt zu bekommen. Sein Stumpf schmerzte an diesem Tag nicht so, wie er es sonst tat. Im Sattel fühlte er sich wie ein richtiger Mann, während er ansonsten immer das Gefühl hatte, von allen angestarrt zu werden, wenn er die Straße entlanghumpelte.

Energisch schlug er mit den Enden der Zügel rechts und links gegen den Hals seines Pferdes, um es anzutreiben. Vielleicht erwischten sie die Kutsche noch, bevor sich die Eschenwälder endgültig lichteten. Dann blieben sie immerhin außer Sichtweite der Stadt. Aus den Augenwinkeln erkannte er Jesse auf seinem grauen Hengst, der unterdessen zu ihm aufgeholt hatte. Silas fühlte plötzliche Euphorie. Die Kennedy-Brüder. So müsste man sie auf den Flugblättern nennen, doch noch wusste niemand, wer die Überfälle beging. 250 Dollar pro Kopf waren inzwischen auf die Ergreifung der Postkutschenbanditen ausgesetzt worden. Tot oder lebendig. Er grinste in sich hinein. In Missouri scheuchte das niemanden aus dem Haus. Dafür gab es zu viele Benachteiligte in diesem Staat, die guthießen, was sie taten.

Noch einmal trieb er sein Pferd an und holte alles aus ihm heraus, was der Braune zu geben hatte. Durch den Sattel spürte Silas das harte Pochen des Pferdeherzens und fühlte sich eins mit dem Wallach. Es war so weit! Er griff nach seinem Revolver. Mit einem letzten Sprung über niedrige Sträucher landeten sie auf der Straße, genau vor der herannahenden Postkutsche. Die Mulis quiekten aufgebracht, Silas’ Brauner stieg und er erkannte das entsetzte Gesicht des Kutschers. Intuitiv zielte er auf ihn, bevor dieser nach seinem Gewehr greifen konnte, das, wie Silas wusste, unter dem Sitz befestigt war.

»Hände hoch, dann passiert dir nichts!«, brüllte er und bemühte sich, sein Pferd unter Kontrolle zu bekommen. Schon war seine Bande zur Stelle und umzingelte die Kutsche.

»Mieses Banditenpack!« Der Kutscher hatte alle Mühe, seine Mulis zu bändigen. Sie brachen nach rechts aus, verhedderten sich in den dichten Sträuchern und brachten die Kutsche endgültig zum Stillstand.

»Raus!« Jesse zielte auf die Fahrgäste. »Aber ein bisschen plötzlich!«

Ruffus McGure und Barrett Warne hielten den Kutscher in Schach, während die zwei anderen Bandenmitglieder bereits den schwarzen Ledersack, der auf der Rückseite angebracht war, inspizierten. Silas beobachtete die Umgebung. Noch war kein Schuss gefallen, es gab also keinen Grund zur Sorge. Mit schussbereitem Revolver ritt er zu seinem Bruder und überwachte, wie sich die Tür der Kutsche öffnete. Vier Männer in feinen Anzügen drängten heraus, panisch und mit erhobenen Händen.

»Waffen?«

Sie schüttelten die Köpfe, stellten sich an den Rand der Straße und wagten es nicht mehr, einem von ihnen in die Augen zu sehen. Silas spähte ins Innere. »Raus mit euch. Ihr alle!«, bellte er und verstummte sofort, als ein dünner Arm sichtbar wurde. Ein Wimmern erfüllte die Luft.

»Nicht … bitte!« Eine junge Frau stolperte aus der Kutsche, übersah die Trittstufen und fiel der Länge nach in den Staub. Silas war kurz davor, aus dem Sattel zu springen, um ihr zu helfen, doch sein Bruder schüttelte kaum merklich den Kopf. Silas wollte sich widersetzen, aber dann bemerkte er den grauen Haarschopf und einen Moment später durchbohrte ihn ein herrischer Blick aus zwei eisblauen Augen.

»Ihr feigen Hurensöhne«, zischte der Mann in breitem irischem Akzent. »Wer zum Teufel glaubt ihr, dass ihr seid?«

»Dein Tod, wenn du nicht den Mund hältst.« Silas richtete die Waffe auf ihn. »Hilf gefälligst der Lady!« Er hatte Russell Henricks, den Kopf der Republikanischen Liga, längst erkannt. Dafür brauchte er nicht einmal die Anstecknadel mit der roten Hand zu betrachten. Kurzzeitig brach ihm der kalte Schweiß aus den Poren.

Gemessenen Schrittes stieg Henricks aus der Kutsche und strich seine üppig verzierte Weste glatt, bevor er der Dame am Boden den Arm anbot. Diese ließ sich von ihm hochziehen und sah verängstigt von Silas zu Jesse und wieder zurück. »Werden die uns töten?«, flüsterte sie gerade laut genug, damit Silas sie verstehen konnte.

»Wenn sie das tun, dann werden sie am Galgen baumeln.«

»Du solltest aufpassen, was du sagst, Ire, sonst knüpfen wir dich zuerst auf.«

Silas sah die junge Frau hektisch blinzeln, während Russell Henricks auflachte. Er war breitschultrig und seine durch Kämpfe verschobene Nase verlieh ihm ein brutales Aussehen. Ein gestutzter, grauer Spitzbart umrandete seinen schmalen Mund, den er nun fest zusammenpresste.

»Deine Waffen«, bemerkte Silas. »Weg damit!«

Betont langsam hob der Angesprochene seine Jacke. Unterhalb der Weste blitzte ein blankpolierter Smith & Wesson-Colt hervor. Er nahm ihn mit zwei Fingern aus dem Holster, hielt ihn in die Höhe und ließ ihn zu Boden fallen.

»Was trägst du sonst noch bei dir?« Silas gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, sich umzudrehen.

Russell Henricks hob den Saum seiner Jacke höher und drehte sich einmal im Kreis. »Zufrieden?«, fragte er verächtlich.

Silas nickte und warf seinen Kumpanen einen Blick zu. Die hatten den anderen vier Passagieren bereits sämtliche Habseligkeiten abgenommen und den ledernen Postsack auf einem ihrer Pferde verschnürt. Jetzt bestiegen sie das Dach der Kutsche, um die Taschen, die dort befördert wurden, zu durchwühlen.

»Glaubt nicht, dass ihr davonkommt«, drohte Henricks. »Ratten wie ihr seid der Grund, weshalb Missouri derart gespalten ist.«

»Das denke ich nicht«, murmelte Jesse und zog damit sofort die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich.

»Ich werde herausfinden, wer ihr seid, und dann werde ich euch und euren Familien, egal ob Frauen und Kindern, zeigen, was es heißt, sich mit der Republikanischen Liga anzulegen.«

»Schwing keine Reden.« Jesse schob seinen Revolver nachdrücklich nach vorne. »Ich will den Inhalt deiner Taschen sehen, Ire. Die silberne Taschenuhr gefällt mir recht gut.« Russell Henricks schnaubte und wollte danach greifen, doch Jesse hielt ihn zurück. »Lass das deine Tochter machen.« An die junge Frau gewandt sagte er auffordernd: »Ma’am, wenn ich Sie bitten dürfte, Ihren Vater etwas zu erleichtern?«

»Das …«, ihre Stimme zitterte hörbar, »ist mein Mann.«

»Verflucht noch eins!«, rief Silas. »Ein hübsches Küken hast du dir da geholt, Ire.«

»Wir haben gerade erst geheiratet.« Die junge Frau plapperte drauflos, während sie die Taschenuhr aus der Weste ihres Gatten zog. »Ich bin aus Boston, aber meine Familie stammt ursprünglich aus Irland. Ich kam erst gestern in Keokuk an und …«

»Schweig!« Russell Henricks starrte sie an. »Wen interessiert das?«

Eine Briefbraut, schoss es Silas durch den Kopf, wie meine Phoebe! Er bekam Mitleid mit dem armen Geschöpf, denn bei genauerem Hinsehen waren sie sich gar nicht unähnlich. Blonde Locken und blaue Augen. Ihr mit Stoffblumen verzierter Hut war verrutscht und sie war schmutzig von ihrem Sturz aus der Kutsche. Völlig verstört beobachtete sie das Geschehen um sich herum.

»Wir werden Ihnen nichts tun«, versicherte Silas und sah, dass sich die junge Frau ein wenig entspannte. Vorsichtig reichte sie die Taschenuhr Jesse, der ihr gleich noch den funkelnden Ehering vom Finger zog.

»Ihr Mann kauft Ihnen gewiss einen neuen.« Er betrachtete den Ring genauer. »Einen schöneren«, fügte er hinzu.

Ein kleines Lächeln erhellte ihr Gesicht und sie sah ihren frischgebackenen Ehemann an, der sie bewusst ignorierte. Hasserfüllt nahm er Silas ins Visier. »Ihr seid die Kennedy-Brüder, habe ich recht?« Seine Augen verengten sich zu zwei Schlitzen. »Treibt ihr Scheißkerle euch immer noch hier rum? Ich dachte, die Tatsache, dass wir euch die Farm genommen haben, hätte euch Respekt eingeflößt.«

Silas ging nicht auf seine Provokation ein, obwohl es ihn beunruhigte, dass Henricks sie erkannt hatte. »Was haben wir da oben, Jungs?«, rief er seinen Kumpanen auf dem Dach der Kutsche zu, die die Taschen durchkämmten. Damenstrümpfe, Blusen und feine Spitzenunterwäsche fielen zu Boden.

Die junge Frau schrie auf. »Nein, nicht doch! Das ist meine gesamte Aussteuer.« Sie wollte sich bücken, um die Sachen aufzusammeln, doch Russell Henricks versetzte ihr einen Stoß. Erschrocken stöhnte sie auf und strauchelte. Er fasste sie am Arm, als wolle er ihr helfen, und ging dann unerwartet in die Knie. Silas stutzte. Ehe er sich versah, knickte die junge Frau vollständig ein und landete auf ihrem Gatten. Dieser griff blitzschnell nach dem Colt, den er vorher fallen gelassen hatte, und schoss. Silas’ Pferd scheute und brach seitlich aus. Er sah, dass alle die Köpfe einzogen. Wieder ein Schuss. Silas sah Blut spritzen, doch es war nicht seins. Mit einem heiseren Schmerzenslaut sackte das Pferd unter ihm zusammen. Es kam derart unerwartet, dass Silas sich nicht abrollen konnte. Hart schlug er auf dem Boden auf. Der Wallach strampelte, bevor er still lag. Weitere Schüsse folgten. Silas sah die vier Passagiere der Kutsche flüchten und einen seiner Männer vom Dach fallen. Dumpf schlug er neben ihm auf, und Silas blickte für einen kurzen Moment in tote Augen. Dann rappelte er sich auf. Sein steifes Bein behinderte ihn und er griff nach einem der Kutschenräder, um sich hochzuziehen. Die junge Frau stieß einen gellenden Schrei aus und Silas sah, dass Russell Henricks sie wie einen Schutzschild vor sich hielt. Zwischen ihren Rippen und ihrem Oberarm hatte er den Colt durchgeschoben und feuerte auf die Angreifer.

»Verdammt!« Silas spürte eine Kugel an seinem Kopf vorbeizischen und hechtete unter die Deichsel. Inzwischen schien auch der Kutscher nach seinem Gewehr gegriffen zu haben, denn es krachte ordentlich. Die Mulis zuckten zusammen und rissen sich vom Gebüsch los. Silas sah eines der Wagenräder auf sich zukommen und rollte gerade noch rechtzeitig zur Seite. Neben ihm spritzte Staub auf und er spuckte aus. Er wurde beschossen und hatte keine Deckung mehr. Nach einer weiteren Drehung war er aus der Gefahrenzone der Räder heraus, dafür lag er nun auf der anderen Seite der Kutsche mitten auf dem Weg. Barrett Warnes Pferd kam ihm gefährlich nahe, und Silas sah mit Schrecken, dass sein Reiter reglos im Sattel hing. Blut tropfte aus seinem Mund. Das war nicht gut. Das war gar nicht gut!

Hektisch versuchte sich Silas zu orientieren. Überall waren Schüsse zu hören. In diesem Moment fiel ein weiterer seiner Kumpane vom Dach der anfahrenden Kutsche. Er hörte das Knacken von Knochen, als er neben ihm landete. Silas duckte sich hinter den Toten und angelte nach dessen Revolver, den dieser immer noch umklammerte.

»Lasst uns abhauen!« Ruffus McGure trieb seine Stute an und sprang über Silas hinweg. Bereits der nächste Schuss traf ihn tödlich in den Rücken. Er sackte zur Seite und fiel in die Hartriegelbüsche, während das Pferd die Ohren anlegte und davonstürmte. Silas blieb keine Zeit zum Überlegen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine Bewegung auf dem Kutschbock und drückte den Abzug. Der Kutscher schrie auf und Silas erkannte, dass er ihm ein paar Finger weggeschossen hatte. Hektisch robbte er zwischen das Gestrüpp am Wegesrand, bevor er erneut schoss. Der Kutscher gab auf und trieb die Mulis an. Das Holpern der Räder überlagerte kurzzeitig das Kampfgeschehen. Dann wurde es still. Silas kroch tiefer in das Dickicht und ignorierte die Zweige, die ihm Gesicht und Arme zerkratzten.

»Kommt raus, ihr Kennedy-Schweine!« Russell Henricks’ Stimme zerschnitt die angespannte Ruhe.

Silas bezog Stellung in seinem Versteck und erkannte durch das Geäst, dass der Anführer der Republikanischen Liga seine junge Frau wie eine Geisel vor sich herschob. Wo zum Teufel steckte Jesse? Silas konnte seinen Bruder nirgends sehen. Ebenso wenig wie die übrigen Fahrgäste, die in der Kutsche gewesen waren.

»Seht ihr, was mit Verrätern wie euch passiert?« Henricks schoss Ruffus McGure ein weiteres Mal in den Rücken, doch dieser bewegte sich nicht mehr. Silas hörte die junge Frau jammern und fragte sich, wie viel Patronen Henricks noch in seiner Trommel hatte. Der Smith & Wesson fasste sechs Schuss. Allerdings war er mit seinen Metallpatronen um einiges schneller zu laden als sein Perkussionsrevolver.

»Kommt raus, ihr Feiglinge!« Wütend stapfte der Ire in Richtung Silas’ Versteck. Dieser hielt den Atem an, während er die Trommel des zweiten Revolvers beäugte. Ihm blieben nur zwei Schuss. Weglaufen kam für ihn nicht in Betracht. Das war nicht nur eine Frage seines Beins, sondern vor allem eine Frage der Ehre. Er war noch niemals davongelaufen. Diese Eigenschaft unterschied ihn definitiv von seinem Bruder.

»Wo bist du?« Henricks schoss nur wenige Fuß neben ihm ins Gebüsch. Silas legte an.

»Warum tust du das?« Die junge Frau begann sich plötzlich zu wehren und drängte sich genau ins Schussfeld. Silas fluchte innerlich.

»Sei still!« Henricks zerrte sie erneut zu sich heran. »Auf dich schießen sie nicht, du dummes Täubchen.«

»Und wenn doch?« Tränen liefen über ihre Wangen. »Ich bin hergekommen, um eine Familie zu gründen. Ich habe dir vertraut, mein Vater sagte, du seist aufrichtig und deine Briefe klangen so gebildet. Ich …« Sie verstummte abrupt, als der Ire ihr die Waffe an die Schläfe hielt.

»Noch ein Wort und deine Träume verschwinden für immer aus deinem naiven Kopf.« Ihre Augen weiteten sich in schierer Panik und ihr gesamter Körper versteifte sich. Henricks nahm die Waffe herunter und starrte ins Gebüsch. Silas kam es vor, als blicke er ihm direkt ins Gesicht. Er sah, dass sein Gegenüber den Colt auf ihn richtete und den Finger an den Abzug legte. Er musste handeln! Jetzt! Silas’ Schuss krachte zuerst und ließ Henricks zusammenzucken. Blut quoll aus dessen Oberarm.

»Drecksack!« Der Ire feuerte, doch Silas hatte sich längst zur Seite geworfen. Er legte erneut an, aber Henricks verschanzte sich ein weiteres Mal hinter seiner Frau und schob die Öffnung der Waffe über ihre Schulter. Als er abdrückte, zuckte sie zusammen und hielt sich instinktiv die Ohren zu.

»Aufhören!«, schrie sie hysterisch. »Hör auf!«

Silas spürte eine unerwartete Hitze an seinem Hals. Der Mistkerl hatte ihn getroffen! Er betastete die Wunde, registrierte das Blut und stellte fest, dass es nur ein Streifschuss gewesen war. Entschlossen schob Silas den Revolver durch das Gebüsch, doch alles, was er sah, waren die entsetzten Augen der jungen Frau. Sie schien zu wissen, wo er sich versteckte, und sah ihn flehentlich an. Aber ihr Mann kannte keine Gnade und schoss erneut. Dieses Mal traf er die Beinprothese. Beinahe hätte Silas aufgelacht, wenn er sich seiner Notlage nicht bewusst gewesen wäre. Er hatte keine Chance. Entweder nahm er den Tod der Frau in Kauf oder er verlor sein Leben. Er saß in der Falle und er hatte nur noch eine Kugel.

In diesem Moment krachte ein weiterer Schuss und Silas glaubte zunächst, er habe ihm gegolten. Doch dann sah er Henricks schwanken. Die junge Frau wurde zurückgerissen, als ihr Mann sich um seine eigene Achse drehte. Aus dem Gebüsch auf der gegenüberliegenden Seite kam Jesse. Silas unterdrückte einen Freudenschrei und robbte nach vorne.

»Da ist ja das andere Kennedy-Schwein«, keuchte Henricks. Offenbar hatte Jesse ihn getroffen. »Willst du zusehen, wie ich deinen Bruder töte?« Blitzschnell legte der Ire auf ihn an und Silas erstarrte. Gerade eben hatte er sich noch in Sicherheit gewogen und nun sah er dem Tod ins Auge. Fieberhaft versuchte er, sich wieder zurückzuziehen, in seinen Ohren rauschte es. Er wollte nicht sterben. Nicht so, nicht hier. Er hörte den Knall. Das war es. Sein Ende. Er roch den Pulverdampf und wartete. Es dauerte nicht lange, bis er realisierte, dass er noch lebte. Den Schuss, der dein Ende ist, hörst du nicht mehr, hatte sein Vater einst zu ihm gesagt. Doch er hatte ihn gehört. Er spannte die Muskeln an. Er war hier, er hatte Schmerzen und das war ein gutes Zeichen. Nervös blickte er auf und sah, dass Henricks am Boden lag. Seine Frau lag auf ihm und er versuchte energisch, sie zur Seite zu schieben. Jesse ging auf ihn zu, zielte mit dem Revolver auf Henricks’ Kopf.

»Ihr habt meine Ehefrau umgebracht!«, brüllte der. »Dafür werden meine Männer euch teeren, federn und vierteilen. Genau so wie sie es mit eurem verfluchten Vater getan haben.«

Silas konnte Jesses Gesicht nicht erkennen. Er fragte sich, ob sein Bruder den Anführer der Republikanischen Liga nun ebenfalls töten würde. »Du wirst in der Hölle schmoren. So oder so.« Jesse verharrte vor dem Iren und kickte dessen Colt zur Seite.

Das war der Moment, in dem Silas sich aus dem Gebüsch wagte. Stöhnend zog er sich auf die Beine und humpelte zu seinem Bruder. Der Anblick der toten Frau ließ ihn entsetzt innehalten. Jesses Kugel hatte ihre Halsschlagader zerfetzt. »Was zum Teufel …«, stammelte er.

Jesse ignorierte sein Unbehagen. »Lass uns gehen«, sagte er barsch.

»Willst du es nicht zu Ende bringen?« Silas sah auf Russell Henricks hinunter, der über und über mit Blut verschmiert war. Als er die Lippen hochzog und seine Zähne entblößte, wirkte er wie ein Wolf, der gerade ein Schaf gerissen hatte. Es war ein grotesker Anblick.

»Nein.« Jesse drehte sich um und ging.

Silas blieb unschlüssig stehen und Henricks begann zu lachen. »Ihr seid mir ein feines Banditenpack«, hustete er und spuckte aus. »Ich finde euch Kennedys! Jeden Einzelnen von euch!«

Silas zog den Revolver, doch der Anblick der toten Frau brachte ihn beinahe um den Verstand. »Du bist nicht besser als wir, du elender Kartoffelfresser.«

In seinem Rücken hörte er ein Wiehern. »Komm endlich!«, rief ihm sein Bruder zu.

Silas riss sich von dem erbärmlichen Anblick los und eilte zu Jesse. Dieser saß bereits auf seinem grauen Hengst und hielt das Pferd von Barrett Warne am Zügel. Geübt griff Silas nach dem Sattelknauf, sprang mit seinem gesunden linken Fuß in den Steigbügel und warf sein steifes rechtes Bein über den Rücken des Tieres. »Los!« Sie stoben davon. Im gestreckten Galopp ging es den Hügel hinauf, am Fluss entlang, durch die Wälder und schließlich über die Ebene mit dem Indianergras, bis sie die Scheune erreichten, von der sie vor etwas mehr als einer Stunde aufgebrochen waren. Dort stiegen sie von ihren verschwitzten Pferden.

Jesse riss sich den Hut herunter und zerrte an seinem Tuch. Kaum lag sein Gesicht frei, holte er Luft wie ein Ertrinkender. Silas nahm ihm den Hengst ab und führte ihn zur Tränke. Während die Pferde ihren Durst stillten, tauchte er seinen Kopf in das kühle Nass und betrachtete anschließend das hellrote Blut im Wasser. Die Wunde an seinem Hals pochte. Vielleicht musste sie genäht werden. Silas band sich das Halstuch eng um die Verletzung. Das würde vorerst genügen. Zurück in der Scheune blieb er stehen. Sein Bruder saß auf einem Heuballen, die Knie angewinkelt, die Hände locker darauf gestützt.

»Das war vielleicht ein Ding, was?« Silas rieb die Handflächen aneinander. »Damit habe ich nicht gerechnet. Nur schade, dass wir kaum etwas erbeutet haben.« Jesse antwortete nicht. Die Sonne stand bereits tief und warf seinen Schatten bis vor Silas’ Füße. »Beim nächsten Mal machen wir’s besser.« Silas sah, dass sein Bruder ihm bei diesen Worten den Kopf zuwandte. In seinem Blick lag so viel Verachtung, dass Silas verstummte.

»Das ist alles, woran du denkst?«, erwiderte Jesse gepresst. »Die Beute?« Geschmeidig stand er auf, und Silas schluckte. Sein Bruder war größer als er selbst und um einiges breiter und muskulöser. Er sah aus wie einer der Bären, die er oben in Montana jagte. Sein Bart war nicht gestutzt, sondern umrahmte ungezähmt sein Gesicht, und seine Augenbrauen waren zornig zusammengezogen. »Was ist mit Barrett Warne, Ruffus McGure und den anderen?«

»Sie wussten, worauf sie sich einlassen.« Silas beobachtete Jesses Näherkommen. Seine Wut lud die Scheune förmlich mit Energie auf und ließ Silas die Haare auf den Armen zu Berge stehen.

»Ach ja?« Jesse lachte hart auf. »Und was ist mit dem Mädchen?«

»Nun, für ihren Tod kann ich nichts, würde ich sagen. Allerdings hättest du diesen dreckigen Iren ebenfalls töten sollen.«

»Um die Drecksarbeit zu erledigen, zu der du nicht fähig warst?«

»Ich kann mich nicht immer um alles kümmern.« Die schnelle Reaktion seines Bruders hatte Silas nicht vorhergesehen. Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, war Jesse auch schon bei ihm und schlug ihm ins Gesicht. Die Wucht des Schlages traf ihn unvorbereitet und Silas taumelte. Der aufflammende Schmerz machte ihn aggressiv. »Was soll das?«, brüllte er seinen Bruder an und schmeckte Blut. Seine Lippe war aufgeplatzt.

Ehe er sich’s versah, stürzte sich Jesse auf ihn und er wurde zurückgeworfen. Sie stießen mit solch einem Knall gegen den Anbindebalken, dass die Pferde ihre Köpfe hochwarfen. Silas ballte die Hände zu Fäusten und versetzte seinem Bruder einen gezielten Schlag in die Magengrube. Dieser sog japsend die Luft ein, bevor er sie keuchend wieder ausstieß. Dann holte er aus und traf Silas seitlich am Kopf. Der Treffer riss ihm den Hut herunter. Erneut trieb Silas seine Faust zwischen Jesses Rippen, bis dieser ihn so fest umklammerte, dass er sich nicht mehr rühren konnte. Ächzend rangen sie miteinander, fielen beinahe in den Wassertrog und rammten die Scheunenwand. Das morsche Holz splitterte. Silas gelang es, sich zu befreien, und landete einen Schlag auf Jesses Auge. Er erkannte, dass sein Bruder kurzzeitig orientierungslos war. Dann fing er sich wieder und Silas traf der nächste Haken. Er spuckte Blut und Speichel. Schwer atmend, wie zwei Lokomotiven an einer Steigung, standen sie sich gegenüber.

»Was ist los mit dir, Mann?«, krächzte Silas. »Ich hab dir nicht befohlen, das Mädchen zu erschießen.« Jesse holte erneut aus und seine Faust traf ihn am Ohr. Ein hohes Pfeifen folgte. »Hör auf damit!« Silas trat den Rückzug an. In sicherer Entfernung blieb er stehen und sah seinen Bruder an, dessen Auge langsam zuschwoll.

»Du wärst tot, wenn ich nicht geschossen hätte.« Jesse fuhr sich durch die verschwitzten Haare.

»Ich weiß.« Silas zuckte mit den Schultern. »Du bist mein Bruder. Brüder tun das füreinander.«

Jesse schüttelte aufgebracht den Kopf. »So siehst du das? Das Leben ist keine Sanduhr, die man einfach umdreht, um die Augenblicke wie Körner erneut hindurchrieseln zu lassen. Alles bleibt, hörst du, Bruder? Auch das Blut an unseren Händen.«

»Das weiß ich. Deshalb will ich fort von hier. Wenn ich lange genug die Erde Montanas bearbeitet habe, dann wird das Blut eines Tages verschwinden.«

»Das wird es nicht.« Jesse betastete sein geschwollenes Auge. »Die verdammte Liga wird uns umbringen, bevor wir Missouri verlassen können. Immerhin kennen sie nun unsere Namen.«

»Wir brauchen nur noch zwei oder drei Überfälle, dann ist es vorbei.«

»Mach sie allein!« Jesse machte eine abwehrende Geste. »Ich bin raus.«

»Was?« Silas konnte es nicht glauben. »Wie sollen wir dann Mutter, Albert und meine Frau nach Montana bringen?«

»Nach all dem, was geschehen ist, willst du immer noch heiraten?«

»Und ob ich das will!«

»Obwohl dein Gesicht ab morgen auf Fahndungsaufrufen zu sehen sein wird?«

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass die auch im Osten aushängen.«

»Du bist ein Narr, kleiner Bruder.«

»Dann bin ich es eben, aber ich gebe nicht so schnell auf wie du.«

»Ach, so ist das.« Jesse rieb sich das Kinn. »Na, dann werde ich ebenfalls heiraten.«

»Wie bitte?« Silas konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Woher nimmst du auf einmal eine Frau?«

»Aus dem Saloon.« Jesse sah ihn herausfordernd an.

»Niemals! Nicht diese Hure!«

»Diese Hure hat Geld. Und es ist anständiger verdient als das, was wir tun. Ihr Beitrag wird meine Familie nach Montana bringen. Und dich ebenso.« Er spuckte angewidert aus. »Aber das wird verdammt noch mal das Letzte sein, das ich je tun werde, um deine Haut zu retten!« Mit einem abschätzigen Blick ging Jesse an ihm vorüber, bestieg sein Pferd und ritt davon.

Keokuk, Iowa, 3. Juni 1865

»Ist das die Kutsche in Richtung Memphis?« Briana sah zu dem grimmig dreinschauenden Mann auf, der breitbeinig auf dem Kutschbock hockte. Der warme Wind wehte ihm den langen Bart über die Schulter, und sie erkannte, dass in ihm Reste von Kautabak klebten.

»Ja, Ma’am«, erwiderte der Angesprochene in gedehntem Tonfall. »Wenn Sie Memphis in Missouri und nicht das in Tennessee meinen, dann sind Sie richtig.«

»Wann fahren Sie ab?«

»In fünfzehn Minuten, Ma’am.«

»Danke.« Briana winkte Phoebe zu sich heran, die verloren auf der Holzveranda wartete. Es war halb acht Uhr morgens und sie waren gerade erst von ihrer Unterkunft zur Wells-Fargo-Postkutschenstation gelaufen. Phoebe wirkte mitgenommen. Seit einer Woche waren sie bereits unterwegs. Zuerst mit dem Zug von Ellicott’s Mills nach Pittsburg, dann über Fort Wayne nach Springfield und von da nach Quincy am Mississippi River. Dort hatten sie einen Schaufelraddampfer bestiegen und waren flussaufwärts nach Keokuk in Iowa gefahren. Gestern Abend hatten sie die Stadt, die einst als Zentrum des Pelzhandels galt, erreicht. Zum Glück war es ihnen in der zunehmenden Dunkelheit rasch gelungen, im Estes House eine günstige Unterkunft zu finden. Das Gebäude lag direkt an der Hauptstraße, die vom Hafen in den Ort führte. Es war nicht zu übersehen, weil es die anderen Häuser überragte und als Einziges nicht aus Holz, sondern aus massiven, braunen Backsteinen bestand. 1862 war es zum Krankenhaus umfunktioniert worden, hatte ihnen Mrs Wittenmyer, die gute Seele des Hauses, erklärt. Zum Kriegsende wurde das Estes House allmählich wieder seiner ursprünglichen Funktion als Hotel zugeführt. Nur die untere Etage diente weiterhin als Krankenstation, während die oberen Zimmer nach und nach an Gäste vermietet wurden. Der Geruch nach Desinfektionsmittel und jenem säuerlichen Krankengeruch, den Briana verabscheute, war allgegenwärtig. Phoebe hatte protestiert. Sie wollte nicht im Estes House übernachten, doch Briana ließ der Freundin keine Wahl, denn ihre finanziellen Mittel waren beinahe aufgebraucht. In ihrer Euphorie war Phoebe einzig mit dem Geld, das ihr Silas geschickt hatte, aufgebrochen. Wenn ihr Zukünftiger am Ende dieser Reise nicht auf sie wartete, würde das eine bittere Enttäuschung werden, dessen war sich Briana sicher.

»Ist das die richtige Kutsche?« Phoebe ließ ihre Reisetasche zu Boden fallen, als wöge sie mehrere hundert Pfund. Dabei hatte sie außer den nötigsten Kleidungsstücken kaum etwas mitgenommen.

»Der Mann dort oben hat es mir versichert«, erwiderte Briana und warf dem Kutscher einen Blick zu. Der kaute bedächtig auf seinem Tabak herum und spuckte dann aus. Die braune Brühe landete genau vor Phoebes Füßen.

»Heiliger Jesus!« Angewidert trat diese zurück und strich ihr gelb-weiß gestreiftes Kleid glatt, das sie seit ihrer Abreise trug und dem man inzwischen ansah, dass es nicht mehr ganz frisch war. Auch ihre kunstvolle Frisur löste sich allmählich in Wohlgefallen auf. Die Samtschleifen sahen aus wie zerknitterte Falter, und die Haarnadeln fielen eine nach der anderen heraus.

Im Gegensatz zu ihrer Freundin war Briana vorausschauender gewesen und hatte schlichte Kleidung gewählt. Ihr brauner Ginghamrock war unempfindlich gegen Flecken, und ihre beigefarbene Bluse wurde durch ein schmuckloses, graubraunes Cape geschützt. Die Haare trug sie sittsam unter einer Haube, die sie vor Sonne und Wind schützten. Als sie an diesem Morgen in den Spiegel gesehen hatte, hatte sie erfreut festgestellt, dass sie noch immer aussah wie bei ihrer Abreise. Bis auf den allgegenwärtigen Staub, der sich überall festsetzte.

»Warte hier«, sagte Briana. »Ich hole unsere Fahrscheine.«

»Denk daran, welche bis Stilesville zu lösen«, erinnerte Phoebe sie und Briana nickte. Es war ihr ein Rätsel, warum sie bis in diese Stadt fahren mussten, obwohl Silas Kennedy aus Memphis in Missouri stammte. Sein gesamter Brief, den Phoebe ihr so oft vorgelesen hatte, dass sie ihn mittlerweile auswendig kannte, wirkte, als hätte er es eilig, aus der Gegend zu verschwinden. ›Meine liebste Phoebe Ann‹, stand darin. ›Deine Antwort zu lesen hat meinen Tag erhellt. Ich bin davon überzeugt, dass du die Richtige für mich bist. Anbei übersende ich dir Geld für die Reise. Ich hoffe, es ist ausreichend. Von Keokuk fährt eine Postkutsche bis nach Stilesville, Iowa. Dort werde ich bis zum 5. Juni auf dein Eintreffen warten, dann muss ich aufbrechen. Ich bete, dass du mein Sehnen erhörst. Mit bangem Herzen, dein Silas.‹

Natürlich war es nach diesen Worten um Phoebe geschehen gewesen. Zwei Tage später saßen sie im Zug. Phoebe hatte ihrer Mutter lediglich einen Brief hinterlassen, in dem sie ihr Verschwinden und das von Briana erklärte. Es war nicht der Abschied, den Briana sich gewünscht hatte. Sie kannte Agathe Harrington und wusste, dass sie vor Sorge um ihre einzige Tochter völlig außer sich sein musste. Aber wenn Phoebe sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann ließ sie sich durch nichts davon abhalten. Doch Briana hatte längst erkannt, dass Phoebe es ohne ihre Hilfe nicht einmal bis hierher geschafft hätte.

Sie betrat das Innere der Raststation. Alle starrten sie an. Das passierte ihr immer öfter, je weiter sie nach Westen kamen. Offenbar sah man hier nie Frauen, die ohne Begleitung eines Mannes reisten. Briana hob ihr Kinn und erwiderte die neugierigen Blicke. An den vier runden Tischen saßen Gäste, vermutlich Reisende wie sie selbst, die Kaffee tranken. Hinter dem Tresen, auf dem zwei Kuchen unter Hauben und Bonbons in Gläsern auf Käufer warteten, nickte ihr ein grauhaariger Mann zu. Er trug einen grünen Augenschirm und ein Monokel. Briana ging zu ihm.

»Zwei Fahrscheine nach Stilesville, Iowa, bitte.« Auf der Tafel neben dem Tresen waren die Preise zu lesen. Die Fahrt kostete einen Dollar pro Person. Briana entnahm das Geld zuerst aus Phoebes Börse, bevor sie nach ihrer eigenen griff. Seufzend zählte sie die Münzen ab. Ab jetzt belief sich Phoebes gesamtes Vermögen auf rund fünf Dollar. Damit würde sie sich gerade einmal zwei weitere Übernachtungen leisten können. Briana wackelte mit den Zehen und spürte die Geldscheine in ihrem Schuh. Sie hatte all ihre Ersparnisse mitgenommen, auch wenn Phoebe nichts davon wusste.

Der Herr hinter dem Tresen nahm ihr Geld, trennte zwei Tickets von einer der Papierrollen zu seiner Rechten ab und schob sie ihr hin. »Gute Reise, Ma’am, und passen Sie auf sich auf.«

Briana runzelte die Stirn. »Aufpassen?« Sie lächelte höflich.

»Die Strecke nach Memphis ist nicht die sicherste. Es gab einige Überfälle in den letzten Monaten. Allerdings nicht mehr, seit die Miliz der Republikanischen Liga ein Auge auf die Straße hat.« Er zwinkerte ihr zu. »Dort hinten an der Wand hängen unsere Benimm- und Notfallregeln für die Passagiere aus.«

»Oh!« Briana nahm die Fahrscheine entgegen. Das wurde ja immer besser. »Vielen Dank und Ihnen einen schönen Tag.« Sie bemühte sich, ihr Lächeln aufrechtzuerhalten, um ihre Verunsicherung zu überspielen.

»Ebenfalls.« Der Mann legte die Hand an seinen Augenschirm und es sah aus, als salutierte er vor ihr.

Auf dem Weg nach draußen blieb sie an der Holzwand stehen, an die verschiedene Anschläge genagelt worden waren. Sie musste sich konzentrieren, um die Worte zu entziffern. Phoebe hatte nie Lust verspürt, ihr das Schreiben beizubringen, doch beim Lesen war sie gewissenhafter gewesen und hatte Briana mithilfe ihrer Cowboyromane das Nötigste beigebracht. Dennoch fehlte Briana die Übung. Sie runzelte die Stirn und studierte eine große Landkarte. Endlich verstand sie, warum sie von Iowa durch Missouri fahren mussten, um schließlich wieder in Iowa zu landen. Es war schlichtweg der kürzeste Weg. Ihr Blick fiel auf diverse handschriftliche Notizen, die auf günstige Zimmer und eine Wäscherei hinwiesen sowie eine offizielle Werbung, die versprach, Passagiere innerhalb von sechs Tagen über die Overland Mail Route von Oregon nach Kalifornien zu befördern. Brianas Blick schweifte weiter und fand den Zettel, von dem der Ticketverkäufer gesprochen hatte.

›Stagecoach Decorum‹ war in verschnörkelter Schrift ganz oben zu lesen. Darunter stand: ›Wir bitten unsere Fahrgäste, folgende Regeln zu beachten: 1. Sollte die Kutsche stecken bleiben, ist jeder Insasse dazu verpflichtet, auszusteigen, zu helfen und einen gewissen Abschnitt der Strecke zu Fuß zurückzulegen. 2. Alkohol innerhalb der Kutsche ist erlaubt, aber bitte denken Sie daran, zu teilen. 3. Sehen Sie davon ab, zu fluchen oder auf der Schulter Ihres Nachbarn zu schlafen. 4. Reden Sie nicht über vergangene Überfälle, wenn feinfühlige Personen an Bord sind. 5. Sehen Sie davon ab, Ihre Haare vor der Fahrt zu ölen, da der Straßenstaub darin hängenbleibt. 6. Sollten Sie wider Erwarten überfallen werden, bleiben Sie ruhig und verlassen Sie mit erhobenen Händen das Gefährt. 7. Spucken und rauchen Sie nicht aus der Leeseite der Kutsche.‹

Briana musste sich ein Grinsen verkneifen. Wenn das die Benimm- und Notfallregeln waren, dann konnte sie sich ja auf einiges gefasst machen. Sie war im Begriff, zu gehen, als ein weiterer Anschlag ihre Aufmerksamkeit erregte. ›Tot oder lebendig‹, stand da. ›Die Kennedy-Brüder. Gesucht wegen Mordes und Überfällen auf Postkutschen der Wells, Fargo & Co. Ausgeschrieben in den Bundesstaaten Missouri, Iowa und Illinois. 500 Dollar Belohnung pro Kopf.‹ Ihr Herz begann heftig zu schlagen und sie beugte sich vor, um die Anzeige besser erkennen zu können. Unter dem Text in fetten Buchstaben waren zwei Zeichnungen zu sehen. ›Silas Kennedy‹ war unter der einen zu lesen, ›Jesse Kennedy‹ unter der anderen.

»Mein Gott!« Briana schlug sich die Hand vor den Mund. Obwohl die Darstellungen alles andere als detailgetreu waren, konnte man eine gewisse Ähnlichkeit zu der Fotografie erkennen, die Phoebe bei sich trug. Silas Kennedy und sein Bruder waren gesuchte Verbrecher! Sie spürte, wie ihr der Schweiß unter die Achseln schoss.

»Bri!« Phoebes Stimme klang schrill. »Beeil dich, die Kutsche fährt gleich ab.«

Briana winkte ihrer Freundin zu, die erwartungsvoll neben dem roten Wagen mit den großen gelben Rädern wartete. Der Kutscher stand auf dem Dach und ließ sich von den Passagieren das Gepäck hochreichen, während ein weiterer Helfer den vier angeschirrten Mulis die umgehängten Futtersäcke abnahm.

»Ich komme!«, rief Briana und sah sich um. In einem unbeobachteten Moment riss sie den Anschlag von der Wand, faltete ihn zusammen und steckte ihn ein.

»Hast du die Fahrscheine?«, fragte Phoebe, als Briana zu ihr trat.

»Hm.«

»Das ist wunderbar.« Die Freundin lachte unbekümmert. »Bald sind wir bei Silas. Ich bin so aufgeregt!«

Briana überlegte fieberhaft, was sie tun sollte, doch in diesem Moment brüllte der Kutscher auch schon: »Einsteigen! Nächster Halt ist Memphis, Missouri.«

»Es geht los!« Phoebe klatschte in die Hände. Ehe Briana sie zurückhalten konnte, bestieg sie die Kutsche. Ihr folgte ein junges Paar, das gemeinsam auf der Bank gegenüber von Phoebe Platz nahm. Beide waren ärmlich gekleidet und schienen die einzigen weiteren Fahrgäste zu sein.

»Warum steigst du nicht ein?«, fragte Phoebe verdutzt, als sie bemerkte, dass Briana keine Anstalten machte, ihr zu folgen.

»Ich komme.« Brianas Zögern dauerte nur kurz. Sie wollte ihrer Freundin nicht vor den fremden Fahrgästen mitteilen, dass ihr zukünftiger Gatte ein gesuchter Verbrecher war. Rasch erklomm sie die Stufen und setzte sich. Die Tür wurde zugeschlagen und die Kutsche fuhr mit einem Ruck an. Briana legte eine Hand an die Scheibe, als wolle sie um Hilfe rufen, doch ihr Mund blieb stumm. Wer hätte ihr auch helfen sollen?

»Mein Name ist Mary Sheehan«, stellte sich die junge Frau ihr gegenüber vor. Sie hatte kupferbraunes Haar und grüne Augen. »Das ist mein Ehemann Frank. Es freut mich sehr.«

»Wie schön, Sie kennenzulernen.« Phoebe stellte sich ebenfalls vor und schüttelte dabei überschwänglich ihre Hand. »Fahren Sie in den Westen?«

Marys Lächeln wurde breiter. »Ist das nicht bereits der Westen?«

Frank Sheehan lachte nun ebenfalls. Nachdem er den Hut abgesetzt hatte, sah er noch jünger aus als seine Frau. Die roten Haare standen ihm zu Berge. Er besaß kaum Bartwuchs und Briana glaubte, dass er gerade einmal volljährig sein musste. »Sie müssen Mary verzeihen«, sagte er. »Wir stammen aus Buffalo, New York, und alles, was sich westlich des Eriesees befindet, ist für uns Wildnis.«

»Wir sind auf dem Weg nach Stilesville. Und wohin geht Ihre Reise?«, erkundigte sich Phoebe neugierig und Briana erkannte sofort, dass Mary ebenso mitteilungsbedürftig war.

»Wir sind auf dem Weg nach Des Moines. Frank möchte versuchen, Arbeit in einer der Kohleminen zu finden.«

»In einer Kohlemine, wirklich? Ist das nicht furchtbar anstrengend?«

Frank wirkte amüsiert. »Als Ire hat man in diesem Land nicht viele Möglichkeiten.«

»Wir lebten in den Holzbaracken des First Ward«, fügte Mary hinzu. »Als Ire in Buffalo ist man nicht mehr wert als ein Hausschwein. Obwohl man uns dankbar sein sollte. Immerhin haben wir den Eriekanal gebaut. Mein Großvater war daran beteiligt.«

»Sie sind aus Irland?« Briana spürte Phoebes aufgeregten Blick auf sich gerichtet. »Was für ein wunderbarer Zufall! Meine Freundin stammt ebenfalls aus Irland.«

»Gibt es uns nicht überall?«, scherzte Frank und sie nickte artig.

»Woher kommen Sie?«, fragte Mary prompt.

»Aus Ellicott’s Mills in Maryland.«

»Unsinn!« Phoebe stieß sie an. »Du bist in Irland geboren.«

»Wirklich?« Marys Augen weiteten sich. »Erzählen Sie mir davon! Frank und ich kennen unsere Heimat nicht. Wir kamen beide in Buffalo zur Welt.«

»Ich kann mich an nichts erinnern«, log Briana und lächelte entschuldigend. »Ich war sechs, als ich Irland verließ.«

»Wie schade.« Mary seufzte. »Ich kenne nur all die Lieder und Gedichte. Es heißt, dass die Seele Irlands einen niemals verlässt.«

»Mag sein.« Briana sah aus dem Fenster. Ihr war nicht danach, Fremden ihre Lebensgeschichte anzuvertrauen, selbst wenn es Iren waren. Außerdem war sie mit ihren Gedanken woanders. Mit halbem Ohr lauschte sie dem fröhlichen Gespräch und betete innerlich, dass Phoebe nicht den Namen ihres zukünftigen Ehemannes erwähnen würde. Doch schon nach kurzer Zeit verstummte die Unterhaltung. Das heftige Rumpeln der Kutsche schlug allen auf die Stimmung.

Nach einer Stunde hatte Briana das Gefühl, als würde ihr Kopf immer tiefer auf ihre Wirbelsäule gehämmert werden. Jeder Knochen ihres Körpers schien haltlos in ihrem Inneren zu treiben und sie glaubte, sich allmählich zu verformen. Die Kutsche schwankte und polterte schwerfällig auf der von ausgeprägten Furchen durchzogenen Straße entlang. Die harten, mit Rosshaar gepolsterten Bänke boten keinerlei Schutz vor den heftigen Stößen. Die Insassen stöhnten gequält. Briana tastete nach dem zusammengefalteten Papier in ihrer Rocktasche und beobachtete Phoebe, die aussah, als müsste sie sich gleich übergeben. Der Fahndungsaufruf veränderte alles. Sie hatte ihre Freundin begleitet, um auf sie aufzupassen und dafür zu sorgen, dass sie keinen Betrüger, sondern einen ehrenwerten Gentleman heiratete. Das war das Letzte, was sie tun wollte, um ihre Schuldigkeit gegenüber Elkanah Harrington abzuleisten. Anschließend würde sie gehen. Ellicott’s Mills war all die Jahre wie ein Käfig für sie gewesen, begrenzt durch die Eisenbahnschienen und jene schlichten Grabsteine neben den Gleisen, die an das irische Ehepaar erinnern sollten, das sich das Leben genommen hatte. Josephs Tod mutete wie ein zusätzlicher Seitenhieb des Schicksals an, das Ende seines Vaters Dave wie ein Schlussstrich, den sie selbst gezogen hatte. Es war an der Zeit, zu vergessen und eigene Wege zu gehen. Das Geld, das sie bei sich hatte, würde ihr einen Neuanfang ermöglichen. Doch was war, wenn Phoebe nach Ellicott’s Mills zurückkehren wollte, sobald sie das Flugblatt sah? Briana wusste nicht, was sie dann tun sollte.

Nach zwei weiteren qualvollen Stunden hielten sie mitten in der Ödnis an.

»Was ist los?« Frank Sheehan sah aus dem Seitenfenster.

»Ich muss pissen«, hörte man den Kutscher schreien.

»Dürfen wir aussteigen?« Frank streckte den Kopf nun vollständig aus dem Fenster. Dann zog er ihn wieder ein und nickte den anderen zu. »Er ist einverstanden.«

Briana öffnete eilig die Tür. Ein heißer Wind umfing sie, während sie die Trittstufen hinunterstieg. Um sie herum war nichts außer flaches, grasbewachsenes Land. Kein Hügel erhob sich in der Ferne, kein Baum spendete Schatten. Die endlose Ebene hatte etwas Beruhigendes an sich. Briana drückte ihren schmerzenden Rücken durch.

»Mir ist schlecht.« Phoebe kam zu ihr und hielt sich die Körpermitte. »Diese Schaukelei schlägt mir auf den Magen.«

»Lass uns hinter die Kutsche gehen.« Briana gab den Weg vor. Die Freundin folgte ihr, bevor sie stehen blieb und sich umsah.

»Ich muss mich erleichtern«, gestand sie.

Briana bemerkte ihren verlegenen Blick. »Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als es hier zu tun.« Sie nahm ihr Cape von den Schultern und hielt es vor Phoebe, die sich hinhockte und ihre Notdurft verrichtete.

»Ich hätte nicht gedacht, dass diese Reise so beschwerlich wird.« Die Freundin erhob sich und strich ihr Kleid glatt.

Briana zog das Flugblatt aus der Tasche und entfaltete es. In ihr kämpften Vernunft und ein nie gekannter Freiheitsdrang miteinander. Erneut betrachtete sie die Zeichnungen, hoffte, einen Hinweis darauf zu finden, dass sie sich geirrt hatte, und hielt ihr Gesicht in den Wind. Er roch nach frischem Gras und würziger Erde und sie ertappte sich dabei, dass sie sich die Details der Landschaft einprägte, um sie später zeichnen zu können.

»Hast du schon wieder Bedenken?« Phoebe zupfte an sich herum. »Ich sehe allmählich wie eine Vogelscheuche aus. Ob Silas mich in diesem Aufzug überhaupt heiraten wird? Was meinst du?«

Briana reichte ihr den Steckbrief. »Ich habe nicht ohne Grund Bedenken. Das hing in der Postkutschenstation in Keokuk aus.«

Phoebe griff nach dem flatternden Stück Papier. »Was ist das?« Verständnislos warf sie einen Blick darauf. Ihr Ausdruck veränderte sich und sie riss die Augen auf. »Ist das wahr?«

»Fahndungsaufrufe sind selten ein Scherz.«

»Gewiss ist das ein Missverständnis. Auf der Fotografie sieht Silas vollkommen anders aus.«

»Ich denke nicht, dass er sich brav hingesetzt hat, um sich zeichnen zu lassen.«

»Bri, hör auf!« Die Freundin wirkte verstört. »Ich kann nicht glauben, dass er ein Verbrecher ist.«

Briana erwiderte nichts. Sie wollte Phoebe Zeit geben, um die Tatsache zu verarbeiten. Schon schimmerten Tränen in deren Augen. »Was sollen wir denn jetzt tun?«

»Wir könnten in Memphis aussteigen und wieder zurückfahren.«

»Haben wir denn noch genug Geld?«

Briana zögerte. Phoebe hatte sich bisher nicht um die Finanzen gekümmert, sondern es ihr überlassen, sämtliche Fahrten und Unterkünfte zu bezahlen. Sie hatte auch niemals gefragt, wovon Briana ihre Ausgaben bezahlte. Vielmehr schien sie davon auszugehen, dass alles in Ordnung war. So war sie aufgewachsen. Sie hatte nie gelernt, sich um Geld zu sorgen.

»Nein«, sagte Briana mit fester Stimme. »Fünf Dollar sind alles, was von dem Geld übrig ist, das Silas dir geschickt hat.«

Phoebe hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund. »Fünf Dollar? Bist du dir sicher?«

Briana zog die Geldbörse aus ihrem Rock und öffnete sie. Phoebe starrte die Münzen an. »Mein Gott«, murmelte sie. »Wieso hat er mir nur so wenig Geld geschickt?«

Briana verzog den Mund. »Wir könnten deiner Mutter telegrafieren«, schlug sie vor.

»Nach Hause zurückkehren? Niemals!« Phoebe schob die Unterlippe vor wie ein trotziges Kind. Sie wirkte wie eine seltene, gelbe Blume inmitten des dickblättrigen Grases. Eine Weile stand sie einfach so da, ohne etwas zu sagen. Dann zerknüllte sie das Flugblatt und ballte ihre Hände zu Fäusten. »Ich gebe nicht auf«, sagte sie energisch. »Wir fahren weiter. Bis nach Stilesville.«

Briana war hin- und hergerissen. Sie wollte auf keinen Fall nach Ellicott’s Mills zurückkehren, andererseits hatte sie auch nicht vor, sich einem Verbrecher auszuliefern.

»Ich möchte mit Silas sprechen. Er wird mir erklären, warum er gesucht wird.« Phoebe gab nicht nach.

»Was ist, wenn uns diese Banditen auflauern und verschleppen? Oder uns Schlimmeres antun? Was ist, wenn Silas gar nicht erst auftaucht, um dich abzuholen?«

»Er wird da sein, Bri. Silas wird in Stilesville auf mich warten. Ich weiß es.«

»Wir sind völlig auf uns allein gestellt. Dieses Land ist von solch ungeheurer Größe, wie ich es mir niemals vorzustellen gewagt habe.« Briana deutete auf den unendlichen Horizont. »Niemand weiß, wo wir sind.«

»Und doch sind wir bis hierher gekommen, Bri. Wir fahren weiter!«

»Bist du dir ganz sicher?«

Phoebes Tränen begannen zu fließen. »Bitte sag, dass du mich nicht im Stich lässt!«

»Ich lasse dich nicht im Stich.« Briana nahm die Freundin in die Arme.

»Ich schaffe das nicht ohne dich, Bri«, hörte sie das Schluchzen an ihrer Schulter. Als sie nicht reagierte, löste sich Phoebe von ihr und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Sag doch was!«

Brianas Blick schweifte über die Landschaft, saugte sich an den Mooskissen fest, die zwischen dem Gras hervorblitzten und die darauf schließen ließen, dass es hier nicht immer so trocken war wie in diesem Moment. Sie hörte Vögel, deren Gesang wie eine Sehnsuchtsmelodie über die Ebene hallte. Der heiße Wind zerstreute ihre Zweifel. »Wir fahren weiter«, erwiderte sie.

»Ich danke dir.« Phoebe ergriff ihre Hände und drückte sie. »Du wirst sehen, Silas wird uns nicht enttäuschen.«

»Das hoffe ich.« Briana hakte sich bei Phoebe unter und schlenderte mit ihr zur Kutsche zurück. Ab diesem Moment waren sie zwei Frauen aus dem Osten, die auf dem Weg zu einem gesuchten Banditen durch Missouri fuhren. Das war eine noch haarsträubendere Geschichte als jene aus den Groschenromanen. Und womöglich eine weitaus gefährlichere.

 

Drei Stunden später erreichten sie Memphis. Phoebe sah aus dem Fenster, erblickte die bescheidenen Holzhäuser, die links und rechts der staubigen Straße standen, und bemühte sich um Ruhe. Brianas Worte und der Steckbrief hatten sich in ihrem Kopf festgesetzt und sie hatte die gesamte Fahrt an nichts anderes mehr gedacht. Die Vorwürfe waren erdrückend. Silas und sein Bruder sollten Gesetzlose sein, Outlaws. Phoebe fiel es schwer, sich den freundlichen jungen Mann auf der Fotografie als Mörder vorzustellen. Sie hatte stets eine träumerische Vorstellung von ihm gehabt, die sich nun nicht mit der Realität vertrug. Er war ihr Retter, ihr Lichtstreif am Horizont, der ihr ein besseres Leben bieten sollte. Der Mann, der ihre Sehnsüchte stillen und ihr ein Zuhause schenken würde. Phoebe weigerte sich, in ihm ein Ungeheuer zu sehen. Gewiss gab es eine einfache Erklärung für sein Verhalten. Der Westen war ein wildes Land, das seine eigenen Gesetze hatte, und Phoebe hatte nicht vor, sich ihren Traum von einem glücklichen Leben zunichtemachen zu lassen. Vorsichtig schielte sie zu Briana, deren Gesicht so verschlossen wirkte wie eh und je. Sie war sich nicht sicher, was die Freundin von ihrem Vorhaben hielt und das verunsicherte sie. Vermutlich verstand Briana nicht, was wahre Gefühle bedeuteten. Diese Ahnung beschlich Phoebe nicht zum ersten Mal. Selbst Joseph gegenüber hatte sie sich stets kühl verhalten, obwohl Phoebe glaubte, in ihren Augen eine gewisse Zuneigung zu erkennen. Doch sie hatte ihm nie Hoffnungen gemacht, nicht einmal, als er verkündet hatte, in den Krieg zu ziehen.

»Brrr!« Die Stimme des Kutschers war nun, da sie das Tempo verlangsamten, deutlich hörbar.

»Endlich!« Mary Sheehan legte ihren Kopf in den Nacken. »Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, heute noch weiterzureisen.«

»Bis Stilesville sind es nur noch zwei Stunden, hat der Kutscher gesagt. Dort werden wir uns ein Zimmer suchen, meine Liebe. Und morgen geht es weiter nach Bloomfield und dann nach Ottumwa. Von dort können wir mit einem der Frachtdampfer bis Des Moines weiterfahren.« Frank ergriff tröstend die Hand seiner Frau. Diese sah ihn an und lächelte in tiefer Vertrautheit.

Phoebe beobachtete die beiden und spürte jenes unsagbare Ziehen in ihrer Brust, das immer stärker wurde, je weiter sie in dieses Land vordrang. Sie wollte ebenfalls geliebt werden und einen fürsorglichen Mann an ihrer Seite haben.

»Aussteigen!« Die Kutsche hielt an und von außen wurde die Tür aufgerissen. Ein zahnloser Kerl mit fettigen Haaren und einem ungepflegten Äußeren grinste zu ihnen hinein.

»Ihr seid ja noch am Leben«, witzelte er und bot Phoebe die Hand. Angewidert griff sie danach, ignorierte die schwarzen Fingernägel ihres Helfers und stieg die Stufen hinunter. Briana sprang selbstständig heraus und stellte sich neben sie.

»Was für hübsche Häschen ihr seid.« Der Mann entblößte seinen leeren Kiefer. »Seid ihr die Neuen für den Saloon?«

»Lassen Sie die Damen in Ruhe!« Frank eilte herbei, Mary an seinem Arm.

»Und wer bist du?« Der ungepflegte Kerl baute sich vor ihm auf und sie fixierten sich. Aus dem Saloon ganz in der Nähe drängten einige Schaulustige.

»Verschwinde, Alec!« Eine herrische Stimme unterbrach das Schauspiel.

Phoebe drehte den Kopf und erkannte einen stattlichen Mann die Straße herunterkommen. Er trug ein blütenweißes kragenloses Hemd mit ordentlich geknotetem Binder und darüber eine schwarze Weste, die von Silberfäden durchzogen wurde. Auf seinem grauen Haar saß ein runder Hut mit nach oben gebogener Krempe, und sie bemerkte einen blankpolierten Colt, der an seiner Hüfte baumelte. »Ma’am«, grüßte er und blieb vor ihr stehen. »Willkommen in Memphis.« Er musterte die Neuankömmlinge eingehend. »So viele fremde junge Damen auf einmal haben meine Männer in letzter Zeit nicht zu Gesicht bekommen. Hatten Sie eine angenehme Reise?«

»Sie verlief ohne Zwischenfälle«, antwortete Frank. »Wir legen hier nur eine kurze Rast ein.«

»Dem Dialekt nach zu urteilen sind Sie Ire«, stellte der Mann fest. »Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, mein Name ist Russell Henricks.« Er schüttelte dem misstrauisch dreinblickenden Frank die Hand, bevor er sich den Damen zuwandte. »Ladies.«

Phoebe war froh, als er weiterging, und bemerkte, dass Briana ihm hinterherstarrte. Ihr stets gefasstes Äußeres war verschwunden und wurde durch einen entsetzten Gesichtsausdruck verdrängt.

»Kennst du den Mann?«

»Nein.« Das Entsetzen verschwand so schnell aus Brianas Gesicht, als wäre es nie da gewesen.

»Ein unheimlicher Geselle, findest du nicht?«

»Hm.« Briana wandte ihre Aufmerksamkeit dem Kutscher zu, der damit beschäftigt war, die Maultiere auszuschirren. Eines nach dem anderen führte er sie in einen heruntergekommenen Stall, über den jemand mit weißer Farbe den inkorrekten Schriftzug ›Wels, Fago Co.‹ gepinselt hatte.

»Ist das wirklich ein ordnungsgemäßer Halt für Postkutschen?«, flüsterte Mary und sah sich um. Memphis war ein Städtchen im Nirgendwo, das nur aus einer menschenleeren Hauptstraße bestand, durch die der Wind vertrocknete Teile der Steppenhexe blies. Unschlüssig blieben sie auf der Straße stehen. Aus dem Saloon hallte fröhliche Klaviermusik zu ihnen herüber.

»Warten Sie dort drinnen«, rief ihnen der Kutscher zu, als er das nächste Mal an der Gruppe vorüberlief. »Ich tausche die Maultiere aus und hole Sie, wenn es weitergeht.«

»Da gehe ich auf keinen Fall rein«, sagte Mary und widersetzte sich ihrem Ehemann, der auf die Schwingtüren zuhielt.

»Ich brauche etwas zu trinken.« Frank sah sie bittend an. »Du weißt, dass ich kein Freund von solchen Etablissements bin, aber es sieht nicht danach aus, als hätten wir eine Wahl.«

Mary folgte ihm widerwillig, doch Phoebe zögerte. »Gehen wir mit ihnen?«, fragte sie die Freundin an ihrer Seite.

»Wir sollten zusammenbleiben.« Briana schloss sich den Sheehans an und Phoebe schlich hintendrein.

Vor den Türen des Saloons blieben sie stehen. Wie alle Häuser in der Stadt bestand auch dieses aus entrindeten Baumstämmen. Es hatte weiß gestrichene Rahmen um die Fenster, und Hirschgeweihe hingen über der Doppeltür. Phoebe schnupperte. Sie roch die Sünde, von der der Pfarrer daheim in Ellicott’s Mills immer gesprochen hatte. Doch ihre Neugier siegte. Hinter Frank, Mary und Briana betrat sie das Innere und spürte sofort die Blicke aller Anwesenden auf sich gerichtet. Überall am langen Tresen standen Männer in robuster Arbeitskleidung. Zwischen ihnen waren vereinzelte Frauen zu sehen, die aussahen, als trügen sie einzig ihre Unterwäsche unter den grellen Morgenmänteln. Sie waren allesamt auffällig geschminkt und hatten Federboas um ihre Schultern geschlungen.

Frank wählte einen freien Tisch neben der Tür und wartete, bis sich alle gesetzt hatten, bevor er einen weiteren Stuhl heranzog und ebenfalls Platz nahm.

»Sind das …« Phoebe wagte nicht, das Wort in den Mund zu nehmen.

»Huren?« Frank grinste. »In der Tat.«

Phoebe wusste nicht, was sie davon halten sollte. Verstohlen betrachtete sie die feuerroten Seidenstrümpfe der Mädchen sowie deren tief ausgeschnittene Corsagen, die mehr preisgaben, als sie verbargen.

»Darf ich Ihnen einen Drink ausgeben?« Russell Henricks schob sich in ihr Blickfeld und stellte eine Flasche Whiskey auf den Tisch.

»Nein, danke.« Frank winkte ab.

»Kommen Sie, lassen Sie uns auf Irland trinken.«

»Das ist nicht nötig.«

Henricks ignorierte ihn, zog mehrere kleine Gläser aus der Tasche seiner Weste und stellte sie auf den Tisch. »Suchen Sie Arbeit?«, fragte er unumwunden und sah in die Runde. »Ich bin überaus großzügig zu meinen Landsleuten. Ganz im Gegensatz zu den restlichen Bewohnern dieses Landes.« Phoebe fixierte die Anstecknadel an Henricks’ Revers, die eine rote Hand zierte. Das gesamte Auftreten des Mannes wirkte bedrohlich.

»Ich vertrete hier in der Region die Republikanische Liga«, fuhr er fort. »Wir sind gegen die Ideale der Südstaatler und wollen den Fortschritt in unsere Stadt bringen. Aus diesem Grund arbeite ich mit der Alexandria and Bloomfield Railroad Company zusammen. Wir werden die Eisenbahn zu uns holen. Die gesamte Strecke, die Sie nun so beschwerlich mit der Postkutsche zurückgelegt haben, werden Sie in Zukunft auf Schienen bereisen können.« Er entkorkte die Flasche mit den Zähnen und schenkte großzügig ein. »Jeder Ire, der dabei mithelfen möchte, ist herzlich willkommen.«

Phoebe bemerkte, dass Frank und Mary einander ansahen. »Wo möchten Sie hin?« Henricks schob Frank ein Glas hin. Dieser zögerte und entlockte damit seinem Gegenüber ein Lachen. »Ein Ire, der nicht trinkt? Das ist wahrlich eine Seltenheit.« Sein Blick heftete sich auf Phoebe. »Was ist mit Ihnen, Ma’am? Wohin geht Ihre Reise? Sie sehen nicht aus, als seien Sie als Ersatz für Frances hier.«

»Frances?«

»Eine der Huren. Sie ist mit meinem Geld abgehauen. Das wird sie noch bitter bereuen.«

»Oh.« Phoebe spürte, wie Hitze ihr Gesicht überzog. »Ich bin gewiss nicht ihr Ersatz.«

»Mein Fehler.« Henricks lächelte und entblößte dabei seine ausgeprägten Eckzähne. »Besuchen Sie Verwandte?«

»Nein.«

»Wohin wollen Sie dann?«

Ehe Phoebe reagieren konnte, ergriff Briana das Wort: »Wir fahren in den Westen.«

Henricks drehte langsam den Kopf wie eine Schlange, die sich ihr Opfer auswählte. »Noch eine Irin. Kennen wir uns?« Briana schüttelte den Kopf. »Wir Iren kennen uns immer.« Henricks leerte sein Glas in einem Zug und schenkte sich erneut ein. »Woher kommst du, vorwitziges Vögelchen?«

»Aus dem Osten.«

Er lachte auf. »Eine Irin aus dem Osten, die in den Westen will. Interessant. Dein irischer Dialekt ist verwaschen, daher denke ich, dass du in unserer Heimat geboren wurdest, aber hier aufgewachsen bist. Niemand täuscht mich. Du kommst mir bekannt vor.« Er wandte sich an Phoebe, die nicht anders konnte, als in ihrem Stuhl nach unten zu rutschen. »Sie ist Ihre Angestellte, habe ich recht, Ma’am? Woher stammt sie?«

»Das fragt man Angestellte für gewöhnlich nicht.«

Henricks kippte sein Glas nach hinten, bevor er sich zurücklehnte. »Bei uns in Missouri gilt es als unhöflich, nicht zu trinken, wenn man eingeladen wird.« Mit dem Kinn deutete er auf die gefüllten Gläser. »Sie sind meine Gäste, also trinken Sie!«

Phoebe sah zu Frank, der kaum merklich nickte, und griff nach dem Whiskey. Sie betrachtete die braune Flüssigkeit, deren Geruch ihr bereits auf die Entfernung unangenehm in die Nase stieg.

»Sláinte!«, sagte Henricks und trank, ohne das Gesicht zu verziehen.

»Sláinte!«, erwiderten Frank und Mary den irischen Trinkspruch und taten es ihm gleich. Auch Briana zeigte sich erstaunlich unerschrocken. Nur ein leichtes Räuspern entrang sich ihrer Kehle, nachdem sie ausgetrunken hatte.

Tapfer setzte Phoebe das Glas an ihre Lippen, hielt den Atem an und schluckte. Das anschließende Brennen ließ sie jedoch überrascht husten. Es fühlte sich an, als würde das Getränk ihr Innerstes verbrennen. Hektisch fächerte sie sich Luft zu. Der Alkohol ließ ihre Augen tränen. Verschwommen sah sie Henricks’ siegessicheres Grinsen.

»Eine Lady wie Sie ist nicht für den Westen gemacht«, sagte er. »Sie werden zerbrechen wie ein morscher Ast. Der Wind wird Sie um den Verstand bringen und die Indianer werden nach Ihrem blonden Skalp gieren. Fahren Sie besser wieder nach Hause.«

»Mein Mann wird auf mich achtgeben«, erklärte sie heiser.

Henricks nickte bedächtig. »So ist das also, Sie reisen zu Ihrem Mann. Hätte ich mir denken können. Aber glauben Sie mir, es wird nicht einfach sein, zu überleben. Ich spreche aus Erfahrung. Die Postkutschenbanditen trachten jedem nach dem Leben.« Phoebes Herz begann zu rasen, sie schluckte hektisch.

»Diese Banditen treiben sich also noch hier herum?« Frank fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und Henricks verneinte.

»Wir haben uns des Problems angenommen. Diese Mistkerle sollten schon längst am Galgen baumeln, aber der Sheriff der Gegend ist nicht gerade als Bluthund bekannt. Deshalb hoffe ich, wir kriegen sie zuerst.« Er grinste. »Haben Sie eine Waffe, Frank? Nein? Dann sollten Sie sich schleunigst eine besorgen. Der Westen dieses Landes ist kein sicheres Revier für Reisende.« Er legte den Kopf schief. »Sie wollen in die Kohleminen, habe ich recht? Dort werden Iren ausgebeutet. Man wird Sie so viele Schichten unter Tage schieben lassen, bis ihre Pisse schwarz ist. Am Ende verklebt ihnen der Staub die Lungen und Sie verrecken in einem Grubenschacht, während Ihrer Frau nichts anderes übrig bleiben wird, als ihren Körper zu verkaufen, um zu überleben.« Er blickte zu Mary. »Kennen Sie die Bordelle von Des Moines? Die sind schlimmer als die von Kansas City, und das will was heißen.«

Mary starrte auf die Tischplatte und Phoebes Herz klopfte immer schneller. Sie konnte es nicht leiden, wie dieser Henricks mit ihnen sprach. »Warum lassen Sie uns nicht in Ruhe?«, brach es aus ihr heraus. »Wir wollen einfach nur hier warten, bis wir weiterreisen können.«

»Was immer Sie sagen, Ma’am.« Henricks schnaubte und zeigte mit dem Finger auf Briana. »Ich weiß, dass ich dich kenne, Vögelchen. Und wenn es mir einfällt, werden wir uns einander so vorstellen, wie es sich gehört.« Dann sah er Phoebe erneut an. »Es war nicht mein Anliegen, Sie zu verängstigen, Ma’am, aber Sie sollten verstehen, wie es im Westen zugeht. Überleben oder sterben. Das sind Ihre Alternativen. Und es wird Tage geben, da wird Ihnen keine von beiden besondere Freude bereiten.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Ratschläge.« Phoebe bemühte sich, dem Blick seiner kalten, blauen Augen standzuhalten.

Henricks verzog den Mund und erhob sich. »Denken Sie darüber nach, Frank«, sagte er nachdrücklich. »Männer wie Sie können wir immer brauchen. Wenn Sie nicht beim Eisenbahnbau mithelfen wollen, dann gefällt es Ihnen vielleicht besser in unserer Miliz? Wir sorgen für Recht und Ordnung und dafür, dass Reisende wie Sie in Zukunft nicht mehr überfallen werden. Denken Sie an das Wohl Ihrer Frau, Frank.« Er legte zwei Finger an die Krempe seines Huts. »Auf Wiedersehen, die Herrschaften.«

Kaum war er außer Sichtweite, atmete Phoebe erleichtert aus und beugte sich zu ihren Reisegefährten vor. »Wer war das?«

»Vermutlich ein Mitglied des irischen Mobs«, antwortete Frank mit gedämpfter Stimme. »Sie mögen sich hier Republikanische Liga schimpfen, aber sie sind bestimmt nicht besser als die Gangs in New York, Chicago oder Buffalo.«

»Habt ihr die Anstecknadel gesehen?« Mary blinzelte nervös. »Sie zeigt die rote Hand von Ulster. Das ist eine irische Legende. Angeblich lagen zwei Clans miteinander im Streit um die Provinz Ulster. Eines Tages stachen sie zeitgleich in See, um das Land vom Meer aus zu erobern. Sie machten untereinander aus, dass Ulster demjenigen gehören sollte, der zuerst seine Hand auf das Land legt. Als das Boot einer Partei ins Hintertreffen geriet, hackte sich deren Clanchef eine Hand ab und schleuderte sie vorweg. Er gewann den Kampf um die Provinz und wurde ihr König.«

Phoebe schüttelte sich. »Das ist ja ekelhaft!«

»Das ist es, wenn auch nur eine Legende. Nichtsdestotrotz haben wir dieses Symbol schon häufiger beim irischen Mob gesehen. Wer gegen sie aufbegehrt, der bezahlt meist mit seinem Leben.«

Briana stöhnte auf. Alle Blicke richteten sich auf sie.

»Verzeih«, sagte Frank und tätschelte ihren Arm. »Mary ist manchmal etwas zu direkt.« Er sah seine Frau vorwurfsvoll an.

»Wir sollten besser wieder nach draußen gehen«, schlug Mary vor und erhob sich. »Vielleicht trinkst du einfach Wasser aus der Pferdetränke.«

»Es wird mir nichts anderes übrig bleiben.« Frank schob seinen Stuhl zurück.

Phoebe sprang ebenfalls auf und hakte sich bei Briana unter. »Was für ein unheimlicher Mann. Ich hoffe nur, er findet Silas nicht!«, flüsterte sie und bemerkte Brianas gequältes Lächeln. »Geht es dir nicht gut?« Die Sommersprossen der Freundin stachen unnatürlich aus ihrem bleichen Gesicht hervor.

»Ich habe Hunger, das ist alles.«

»Bald sind wir in Stilesville«, versuchte Phoebe sie aufzumuntern. »Dann wird alles gut.« Sie zog Briana mit sich auf die Straße. Was immer dieser Henricks auch gesagt hatte, er war im Unrecht. Sie würde sich vom Westen nicht in die Knie zwingen lassen, dessen war sich Phoebe sicher.

 

Am späten Nachmittag erreichte die Postkutsche Stilesville in Iowa, eine kleine Stadt kurz hinter der Grenze. Trotz des zermürbenden Geruckels, das einem in die Glieder fuhr, war Phoebe eingeschlafen und schrak hoch, als Briana sie an der Schulter rüttelte.

»Wir sind da«, sagte die Freundin und Phoebes Herz kam kurzfristig aus dem Takt. Es war so weit! Sie schob die speckigen Ledervorhänge ein Stück zur Seite. Durch die verdreckten Fenster, in denen sich die schräg stehende Sonne brach, betrachtete sie die Holzhäuser, die ebenso schäbig aussahen wie die in Memphis.

»Was für ein gottverlassenes Nest«, klagte Mary, doch für Phoebe fühlte es sich sofort wie ihr neues Zuhause an. Seit Wochen hatte sie diesem Tag entgegengefiebert. Jenem Tag, an dem sie ihren Bräutigam treffen würde. Silas Kennedy, der Cowboy ihrer Träume. Silas Kennedy, der Verbrecher. Für einen kurzen Moment bekam sie Angst vor dem, was sie erwarten würde, bevor sie sich wieder fing. Sie presste ihre Nase gegen die Scheibe, in der Hoffnung, ihn irgendwo zu sehen.

»Werdet ihr ebenfalls hier übernachten?«, erkundigte sich Frank.

»Ich weiß es noch nicht.« Phoebe bekam das glückliche Lächeln nicht mehr aus ihrem Gesicht. »Mein Zukünftiger lebt in der Gegend. Er wird mich abholen und …« Sie hatte keine Ahnung, was anschließend passieren würde. War es möglich, dass er sie bereits an diesem Abend heiraten und des Nachts zu seiner Frau machen würde? Phoebe konnte vor Aufregung kaum noch einen klaren Gedanken fassen.

»Wie schön!« Mary ergriff ihre Hände. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass du noch gar nicht verheiratet bist. Wie habt ihr euch kennengelernt?«

»Ich habe auf eine Anzeige der Missouri Matrimonial News geantwortet. Das war vor dreieinhalb Monaten.«

»Du hast ihn niemals zuvor gesehen?«

»Nein, ich habe nur eine Fotografie von ihm.«

»Zeig schon her!« Mary wedelte aufgeregt mit den Händen. »Kannst du das glauben, Frank? Das ist so mutig.«

Phoebe kramte in ihrer Handtasche, bis Briana sie in die Seite stieß. »Oh!« Sie hielt augenblicklich inne. »Ich bin gedankenverloren. Die Fotografie ist in meiner Reisetasche auf dem Dach.«

Mary winkte ab. »Das macht doch nichts. Ich freue mich ja so für dich, meine Liebe. Sieht er gut aus?«

Phoebe kicherte. »Er sieht beinahe aus wie die Cowboys aus den Groschenromanen.«

»Wirst du bei ihm in Stilesville leben?«

»Nein, wir gehen nach Montana.«

»Was für ein Abenteuer!« Mary warf Frank einen Seitenblick zu und fiel in das Gelächter ein. »Jeder sucht das Glück auf seine Weise. Ob wir ihn kennenlernen dürfen, was meinst du?«

Erneut bemerkte Phoebe Brianas Blick und zögerte. »Nun, ich bin mir nicht sicher, wann er kommt. Er weiß ja gar nicht, dass wir heute hier eintreffen.«

»Wir werden uns ein Zimmer suchen und dann mit dir gemeinsam auf ihn warten«, bot Frank an. »In diesen Städten weiß man nie, auf wen man trifft.«

»Das ist sehr freundlich.« Phoebe dachte an Russell Henricks und hoffte, dass die Leute in Stilesville liebenswürdiger zu ihnen waren. Doch kaum hielt die Kutsche an, bot sich ihr das vertraute Bild der Hauptstraße, die von den typischen verwitterten Blockhäusern mit den rostigen Blechdächern gesäumt wurde. Ein Schild mit der Aufschrift ›Saloon‹ stach ihr ins Auge. Doch dieser sah keineswegs einladender aus als der in Memphis, und die Männer, die davor herumlümmelten, ebenso wenig.

»Seht euch nur diese Schätzchen an«, rief einer von ihnen, als sie aus der Kutsche stiegen. »So etwas hatten wir bisher noch nie in unserem Saloon.«

»Gibt es in dieser Stadt eine sichere Unterkunft?«, fragte Frank den Kutscher.

Dieser spuckte eine ordentliche Ladung Kautabak in den Sand, bevor er mit den Schultern zuckte. »Ist doch sicher hier.« Er sah sich um. »Keiner schießt, richtig?«

»Ich meine etwas anderes als den Saloon. Werden hier Zimmer vermietet?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Der Kutscher begann, das vorderste Maultier abzuschirren. »Wenn Sie’s ruhig wollen, dann schlafen Sie im Stall bei den Tieren. So mache ich’s immer.«

Phoebe sah sich um. Außer den Männern vor dem Saloon sah sie niemanden. Sie spürte Sand, der sich wie eine feine Schicht über ihre Haare und ihre Kleidung gelegt hatte und zwischen ihren Zähnen knirschte. Sie war völlig verdreckt und roch ihren eigenen Schweiß.

»Was tun wir jetzt?« Mary klopfte sich ab, während Frank auf die Kutsche kletterte, um das Gepäck herunterzuholen.

»Ich würde eine Nacht im Stroh dieser Spelunke vorziehen.« Briana wischte sich ebenfalls den Schmutz aus dem Gesicht.

»Silas wird uns gewiss gleich abholen.« Phoebe wollte nicht daran denken, im Stroh schlafen zu müssen. Die Sonne stand bereits tief und sie fragte sich, ob sich ihr Cowboy in der Stadt aufhielt oder ob er außerhalb lebte. Erneut überfiel sie Verunsicherung. Was sollten sie tun, wenn er nicht kam? Sie hatte sich den Moment ihres Kennenlernens anders vorgestellt. Nicht an einem derart verlassenen Ort und mit jenem jämmerlichen Äußeren, das sie gerade zur Schau trug.

»Ich würde gerne ein Bad nehmen«, sagte sie.

»Nimm ein Sandbad, wie es die Hühner machen«, spottete Briana und wies auf eine Windhose hin, die den Staub bis hinauf zu den Dächern der Stadt blies.

Frank stellte das Gepäck auf den Boden. »Ich sehe mir den Stall an«, sagte er. »Wenn es dort sauberes Heu und Stroh gibt, dann spricht nichts dagegen, eine Nacht neben den Mulis zu verbringen.«

Phoebe behagte die Vorstellung nicht. Sie hatte Hunger und Durst und sehnte sich nach einem richtigen Bett. Seit über einer Woche hatte sie im Zug oder auf den Bahnhofsbänken fast ausschließlich im Sitzen geschlafen. Außer in der letzten Nacht, die sie in diesem schrecklichen Hotel gemeinsam mit den Kranken verbracht hatten. Dort war an Schlaf überhaupt nicht zu denken gewesen. Sie war erschöpft und ihre Aufregung wich der Ernüchterung, dass ihr Cowboy nicht da war, um sie in seine starken Arme zu schließen.

Frank ging davon, während am Ende der staubigen Hauptstraße die Sonne wie ein Feuerball den Horizont hinabkroch. So groß und glutrot hatte Phoebe sie niemals zuvor gesehen.

»Da kommt jemand!« Mary deutete in den Sonnenuntergang und Phoebe blinzelte gegen das grelle Licht an. Es war ein Mann auf einem Pferd. Man erkannte nichts außer seinen Umrissen. Leicht vornübergebeugt ritt er in die Stadt.

»Ist das Silas?« Phoebes Aufregung kehrte mit einem Schlag zurück. »Wie sehe ich aus?« Als Briana keine Anstalten machte, sie zu begutachten, legte Mary Hand an.

»Schmutz ist dein Zukünftiger sicher gewohnt«, sagte sie und zupfte Phoebes Haare zurecht. »Er weiß ja, was für eine beschwerliche Reise du hinter dir hast, um zu ihm zu kommen.« Sie nahm Abstand zu Phoebe, um sie zu betrachten. »Du bist hübsch. Daran können auch tausend Meilen Staub und Dreck nichts ändern. Und das Licht schmeichelt deinem Teint.«

Phoebe atmete erleichtert aus und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Reiter zu. Er näherte sich in flottem Trab und zügelte sein Pferd in einigem Abstand zu ihrer Gruppe. Einen Atemzug lang verharrte er, dann nahm er seinen Hut ab. »Phoebe Ann?« Seine Stimme klang brüchig. »Bist du es wirklich?«

Phoebe legte ihre Hand auf den Brustkorb, als könnte sie so verhindern, dass ihr das Herz heraushüpfte. Er sprach sie so vertraut an, dass sie seinem Beispiel folgte. »Silas?«

Der Mann stieg vom Pferd. Er wirkte steif, doch gegen das Sonnenlicht konnte Phoebe das nicht genau erkennen. Sie ließ Briana und Mary zurück und lief auf ihn zu, um ihn sich anzusehen. Atemlos blieb sie vor ihm stehen. Er war ebenso schmutzig wie sie selbst. Seine Weste und das einfache, kragenlose Hemd zierten Staubflecke.

»Ich dachte, du kommst nicht«, flüsterte sie, voller Staunen, dass er nun vor ihr stand. Sie hatte es gewusst!

»Dasselbe habe ich auch befürchtet. Ich bin jeden Abend in die Stadt geritten, um zu sehen, ob du endlich da bist.« Er starrte sie bewundernd an, und Phoebe wollte nach den Haarsträhnen greifen, die der Wind ihm ins Gesicht wehte. Sein Schnauzbart wirkte nicht mehr so gepflegt wie auf der Fotografie, und die Bartstoppeln auf Wangen und Kinn waren länger als es sich für einen Gentleman gehörte, aber Phoebe war hingerissen.

»Wir sind gerade erst angekommen.« Phoebe rieb sich vor Aufregung die Oberarme. »Ich bin so froh, dass du da bist! Wir hätten sonst nicht gewusst, wo wir die Nacht verbringen sollen.«

»Wir?« In sein Gesicht schlich sich Misstrauen.

»Oh, natürlich, das weißt du ja noch gar nicht. Ich hatte keine Zeit, um dir zu antworten, und ich kannte deine Adresse in Stilesville nicht. Meine Freundin Briana ist mit mir gereist …« Sie zögerte, denn Silas’ Stimmung verdüsterte sich merklich.

»Das war keine gute Idee«, raunte er ihr zu und ließ die Gruppe in ihrem Rücken nicht aus den Augen. »Wir haben nicht genug Platz für eine weitere Person.«

»Wen meinst du? Deinen Bruder und dich?«

»Woher weißt du von meinem Bruder?«

Phoebe konnte die Augen nicht von seinem zusammengekniffenen Mund abwenden. All die Monate hatte sie sich vorgestellt, wie es sein würde, ihren Cowboy zu küssen. Ihm so nahe zu sein, ließ ihr beinahe die Sinne schwinden. Doch sie riss sich zusammen. »Heißt dein Bruder Jesse?«, wollte sie wissen und registrierte, dass Silas die Augenbrauen hob. »Ich habe den Fahndungsaufruf gesehen. Er hing in Keokuk aus.«

Die Nachricht schien ihren Cowboy zu verunsichern. Unschlüssig drehte er den Hut in seinen Händen. Phoebe beobachtete ihn, registrierte den Revolver an seiner Hüfte und die frische Narbe an seinem Hals. »Werdet ihr uns etwas antun?«

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihm einen Schlag versetzt. Augenblicklich wurde sein Blick weicher und er hob eine Hand, um ihr über die Wange zu streichen. Seine Finger waren rau und kratzten, dennoch verursachte ihr die Berührung eine Gänsehaut. »Das würde ich niemals tun, Phoebe Ann.«

Sie spürte, wie ihr bei seinen Worten warm wurde. »Ich habe gewusst, dass du unschuldig bist.« Er war kein Verbrecher. Sie war sich ganz sicher. Was immer Silas Kennedy getan hatte, sein Antlitz prangte zu Unrecht auf dem Flugblatt.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Du bist genauso wunderbar, wie ich mir dich vorgestellt habe.« Sie versank in seinen Augen und kam erst wieder zu sich, als Briana neben ihr auftauchte.

»Das ist Briana Magee«, stellte sie die Freundin vor. »Und das ist Silas Kennedy, mein Bräutigam.« Sie ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen.

»Eine Irin?« Silas verzog abschätzig das Gesicht. »Bist du ebenfalls Irin?«

»Nein!« Phoebe sagte es zu schnell und registrierte, dass Briana sich versteifte. Sie stand aufrecht neben ihr, wie eine Statue, die man mitten in der Stadt errichtet hatte.

»Ich kann Iren nicht leiden!«

»Sie ist meine beste Freundin«, beteuerte Phoebe, als könnte sie seine Meinung damit ändern. Doch sein Gesicht blieb hart.

»Hast du ihn schon gefragt, ob er wirklich Postkutschen überfallen hat?«, erkundigte sich Briana in einem Tonfall, der klang, als wollte sie ihr eine Tasse Tee anbieten.

Phoebe wurde nervös. »Sag ihr, dass du unschuldig bist, Silas! Das bist du doch, oder?«

Er sah sich um. Dann senkte er vertraulich die Stimme. »Nun ja, ich will ehrlich sein«, brummte er. »Wir haben tatsächlich Postkutschen überfallen, um das Geld für unsere Reise in den Westen zusammenzubekommen.«

»Tatsächlich?«, wisperte Phoebe und registrierte, dass Silas ihr die Hand unters Kinn legte, um es anzuheben. Sie spürte die Hitze an der Stelle, an der er sie berührte.

»Hier in der Gegend hängt man unbequemen Männern gerne etwas an. Seit dem Krieg ist nichts mehr, wie es einmal war. Man hat uns unsere Farm genommen, unser Leben. Mein Vater wurde von diesen irischen Hurensöhnen der Republikanischen Liga zu Tode gefoltert …« Er stockte. »Wir hatten keine andere Wahl.«

»Ich weiß«, hauchte Phoebe. Sein Gesicht vor dem ihren brachte sie noch mehr durcheinander, als sie ohnehin schon war.

»Sie schwören also, dass sie bei den Überfällen niemanden getötet haben, so wie es in dem Fahndungsaufruf steht?«, hakte Briana nach.

»Nein, das habe ich nicht, Ma’am«, erwiderte Silas, ohne aufzusehen. Erleichterung durchflutete Phoebe, aber Briana ließ nicht locker.

»Sie humpeln. Wurden Sie bei den Überfällen verwundet?«

»Ich habe mein rechtes Bein im Krieg verloren. In der Schlacht am Wilson’s Creek.«

Phoebe zuckte zurück. »Davon hast du mir nichts geschrieben.«

»Wärst du zu mir gekommen, wenn du es gewusst hättest?«

Sie haderte mit sich selbst. Der Cowboy ihrer Träume hatte keine Behinderung. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an die Prothese dachte und den Stumpf, den er unter der Hose verbarg. Sie hatte nicht mehr an all das Blut und die Amputationen denken wollen, aber plötzlich wurden die Erinnerungen übermächtig. Doch Silas’ finsterer Blick ließ sie rasch antworten: »Natürlich wäre ich das. Du hast für die Union gekämpft. Das war sehr ehrenvoll.«

»Hm.« Silas setzte den Hut wieder auf. »Wir sollten aufbrechen.«

»Wohin gehen wir?« Briana ergriff Phoebes Hand und hielt sie fest.

»Wir reiten zu unserem Lagerplatz. Wir campen etwa zwei Meilen nordwestlich von hier.«

»Sie campen?«

»Ja, das tun wir. Mein älterer Bruder, seine Frau, meine Mutter und mein jüngster Bruder Albert. Wir reisen in zwei Planwagen.«

»Planwagen?«

»Sorge dich nicht.« Silas lächelte Phoebe aufmunternd zu. »Wir bringen dich sicher nach Montana. Du solltest nicht auf das Gerede der Leute hören. Wir sind eine anständige Familie.«

»Das würde ich an Ihrer Stelle auch sagen«, murmelte Briana, und seine Nasenflügel begannen zu beben.

»Ich bin hier, oder etwa nicht?«, empörte er sich. »Würde ich es wagen, mich als gesuchter Verbrecher in der Öffentlichkeit zu zeigen, wenn es mir nicht ernst mit meiner zukünftigen Ehefrau wäre?«

»Natürlich nicht«, versicherte Phoebe geschmeichelt und warf Briana einen warnenden Blick zu, doch die Freundin reagierte nicht. Sie deutete auf das Pferd.

»Wir sind seit einer Woche unterwegs. Dieses Tier kann unmöglich uns drei und das Gepäck tragen.«

»Ich habe nicht vor, Sie mitzunehmen.« Silas drückte Phoebe die Zügel in die Hand. »Welches ist deine Tasche, meine Liebste?«

»Moment …« Phoebe hielt ihn am Ärmel fest. »Wir haben kein Geld mehr, verstehst du? Wenn wir Briana hier zurücklassen, dann wird sie nicht wieder nach Hause fahren können.«

»Das ist nicht mein Problem. Du hättest sie nicht mitbringen dürfen.« Er ging einfach weiter.

»Sie beteuern, Sie hätten niemanden getötet, aber Russell Henricks behauptet etwas anderes.« Briana sagte es so leise, dass Phoebe sie kaum verstand. »Er erzählte uns, er sei auf der Suche nach den Postkutschenbanditen. Vielleicht interessiert es ihn ja, wo Sie sich aufhalten.« Ihr Kommentar ließ Silas für einen Moment innehalten. Er erwiderte nichts, doch an seiner Anspannung erkannte Phoebe, dass er besorgter war, als sie zunächst geglaubt hatte. Gemessenen Schrittes setzte er seinen Weg fort.

»Ma’am«, begrüßte er Mary, die ihm begeistert die Hand entgegenstreckte. »Welches ist das Gepäck der Ladies?«

Phoebe hielt das Pferd mit den gelben Zähnen krampfhaft auf Abstand zu sich und beobachtete, wie Silas nach den zwei Taschen griff, auf die Mary deutete. Dann drehte er sich um und kam wieder auf sie zu. Sein schwerfälliger Gang war nicht länger zu übersehen.

»Darf ich dir auf das Pferd helfen?«, fragte er, nachdem er wieder bei ihr war. Kaum nickte sie, hob er sie hoch, als wöge sie nicht mehr als eine Feder. Anschließend zurrte er die Taschen rechts und links vom Sattel fest, bevor er sich selbst hinaufschwang. Er setzte sich hinter Phoebe, umfasste mit einer Hand ihre Hüfte und wendete das Tier.

»Was ist mit Briana?«, fragte sie entsetzt.

Silas grunzte. »Sie hat zwei gesunde irische Beine. Sie kann laufen.«

Phoebe drehte den Kopf. Sie sah Mary, die die Hand zum Abschied hob und Briana, die ihnen mit starrem Gesichtsausdruck folgte.

Stilesville, Iowa, 4. Juni 1865

Ein Hahn krähte, und Frank Sheehan öffnete die Augen. Sie hatten im Heu bei den Mulis geschlafen, begleitet vom nicht enden wollenden Schnarchen des Kutschers, den Ausdünstungen der Tiere und dem Gegröle Betrunkener, die sich vor dem Saloon prügelten. Er sah sich um und gestand sich ein, dass es angenehmer gewesen war als sein Leben in Rogues’ Hollow. Schläfrig drehte er den Kopf und sah seine Frau an. Es erschien ihm wie ein Wunder, dass Mary mit ihm gegangen war. Ohne ihn wäre es ihr zweifellos besser ergangen. Trotzdem hatte sie ihn geheiratet und sich damit gegen ihre Familie gestellt.

Die Donovans waren nicht wie die meisten anderen aufgrund des großen Hungers aus Irland geflohen. Patrick, Marys Großvater, kam bereits 1820 als junger Mann nach Buffalo, um beim Bau des Eriekanals zu helfen. Er konnte lesen und schreiben und besaß eine Hütte bei Gelton’s Boat Yard in der Nähe des Kanals. Es war keine gute Gegend, aber doch um einiges besser als der First Ward, jener Stadtteil von Buffalo, der sich in der Hand der Iren befand. Hier lebten sie eingekesselt zwischen Eisenbahnschienen, den Docks und den Fabriken, einem Indianerreservat und dem Fluss, der diese Gegend so morastig machte. Die Einwohner Buffalos scherzten gerne, dass im First Ward sogar die Gänse Gummistiefel trugen. Niemand wusste genau, warum sich die irischen Einwanderer ausgerechnet dort niederließen. Vermutlich weckte der Buffalo River heimatliche Gefühle in ihnen. Nur diejenigen, die etwas erreicht hatten, zogen außerhalb der Grenzen des First Ward. Von den Donovans kehrte zunächst nur Marys Vater Mike zurück und gründete einen Gemischtwarenladen südlich der Ohio Street, in einem Gebiet, das sich Rogues’ Hollow nannte, einer der schlimmsten Ecken. Dort lernten sie sich kennen. Die gebildete Irin Mary und Frank, dessen Eltern das typische Klischee erfüllten.

Er kannte die Geschichte seiner Familie nur aus den Erzählungen seiner Mutter, wenn sie ihm als Kind davon berichtete, während sie Kartoffeln für das Abendessen schälte. Doch Irland war nicht Franks Welt. Seine Welt war die Nachbarschaft, in der er aufwuchs, und in der es selbst zwischen den Iren Unterschiede zu geben schien. Diejenigen aus den Provinzen Cork und Kerry lebten in den Flats, in der Nähe der Eisenbahnschienen. Sie waren ehemalige Farmer und verdingten sich in den Fabriken als Lohnarbeiter. Der Rücken eines Iren ist der billigste Lastkran, war ein Spruch, den er beinahe jeden Tag zu hören bekam. In Hakertown, dem Herzen des First Ward, lebten die ›Mehl-Iren‹, diejenigen, die für die Mühlen von Pillsbury, Washburn-Crosby oder Cargill arbeiteten. Etwas weiter südlich fand man die Flussratten und die Schlickenten, die in den Docks beschäftigt waren und deren schäbige Hütten ständig vom Fluss überflutet wurden. Rogues’ Hollow begann danach, dort, wo die Lastenkräne standen, welche die Schiffe mit dem Getreide entluden. Hier lebte, wer gar kein Geld besaß. In den matschigen Hinterhöfen züchteten die Leute Hühner, Gänse und Ziegen, um sich selbst zu versorgen und den Rest auf den Märkten oder in den Läden der Umgebung zu verkaufen. Rogues’ Hollow war die Heimat des Abschaums, all jener Iren, auf die selbst ihre eigenen Landsleute spuckten.

Mary bewegte sich in seinen Armen und Frank küsste sie auf die Nasenspitze. Er dachte an den Tag ihrer ersten Begegnung zurück. Damals war er neun Jahre alt gewesen, und seine Mutter schickte ihn eines Morgens zu Donovan’s Mercantile, um Käse, Butter und Eier zu verkaufen.

»Du bist jetzt alt genug«, erklärte sie. »Dein Bruder ist verschwunden, und deshalb ist es ab heute deine Pflicht, die Botengänge zu übernehmen.«

Frank war stolz, dass sie ihm diese Aufgabe übertrug. Er war stets eifersüchtig auf seinen Bruder John gewesen, der sich auf den Straßen herumtreiben durfte, anstatt, wie er, die Ställe ausmisten musste. Doch seit einigen Tagen war John nicht mehr nach Hause gekommen. Seine Mutter hoffte seitdem, dass er einen Job gefunden hatte, der ihn von zu Hause fernhielt. Die Dockarbeiter kehrten oft für eine ganze Woche nicht zurück, wenn die Getreidekähne anlegten. Seit die Farmer im Osten immer weniger Weizen anbauten, war Buffalo zum größten Umschlagplatz für Getreide aus dem mittleren Westen aufgestiegen. Zur Erntezeit kamen die Schiffe flottenweise über die großen Seen.

»Es wird kein leichter Weg bis dorthin«, fuhr seine Mutter fort. »Wir packen alles in einen alten Rucksack, damit die Gangs nicht sofort sehen, was du mit dir trägst.«

Frank wusste, wovon sie sprach. Die arbeitslosen Jugendlichen formierten sich in Banden. Sie beraubten angetrunkene Männer, belästigten Frauen und stahlen Kindern ihre Schuhe. Sie klauten alles, was sich zu Geld machen ließ, und waren besonders präsent, wenn Zahltag in den Fabriken war. Normalerweise bevorzugten sie andere Viertel, in denen sich mehr holen ließ als in Rogues’ Hollow, aber man konnte niemals sicher vor ihnen sein.

Frank half seiner Mutter, die wenigen Lebensmittel, die sie entbehren konnten, in die Tasche zu legen. Ihm war bewusst, wie wichtig dieses zusätzliche Einkommen war. Ganz besonders nach dem Tod seines Vaters, der vor zwei Jahren an den Docks bei der Explosion einer Dampfmaschine ums Leben gekommen war. Deshalb schwor er sich, diese Aufgabe so gewissenhaft zu erledigen wie sein Bruder John. Vielleicht gelang es ihm dann ebenfalls, eines Tages einen Job zu finden. Das war ein Traum, den jeder Junge in Rogues’ Hollow hatte. Geld zu verdienen, um diesem Sumpf zu entkommen.

»Ich zähle auf dich, Frank.« Seine Mutter blickte ihn aus ihren trüben Augen an. Ihre Sehkraft schwand mit jedem Tag. Der Arzt sagte, dass sie in einem Jahr vollkommen blind sein würde. Eine Tatsache, die seine Familie zusätzlich belastete.

»Ich werde dich nicht enttäuschen, Mam.« Er schulterte die Tasche und ging hinaus auf die Straße. Der Geruch des Uferschlamms, der tierischen und menschlichen Fäkalien und der dampfbetriebenen Lastenkräne legte sich schwer auf seine Lungen. Überall bedeckte feiner Kohlestaub die Blechdächer der Häuser und ließ den steinigen Weg in Verbindung mit dem Morgennebel schmierig werden. Beinahe wäre er ausgerutscht. Aufmerksam sah er sich um, registrierte das übliche Treiben der Nachbarn und sah dürre Ziegen auf der Suche nach Futter durch die abgezäunten Gärten streifen. Dann rannte er los. Das machten alle Kinder. In Rogues’ Hollow spazierte man nicht herum, sondern man spurtete durch die Gassen. Zu groß war die Gefahr, von Jugendlichen in die Mangel genommen oder von den Wachhunden der Fabrikbesitzer, die tagsüber durch die Straßen streunten, gestellt zu werden. Wie ein flinkes Wiesel huschte Frank um Ecken, wich Fuhrwerken aus, sprang über die Hinterlassenschaften der Zugtiere und entschied sich blitzschnell für einen anderen Weg, wenn ihm etwas merkwürdig vorkam.

Donovan’s Mercantile lag nur vier Querstraßen entfernt, doch der Weg dorthin führte ihn sogar durch Hinterhöfe, wenn es erforderlich war. Kurz bevor er den Laden erreichte, bremste er ab. Er atmete heftig. Nicht nur, weil er so schnell gelaufen war, sondern weil er Jimmy Sullivan erblickte, der mit seinen Jungs an der Ecke vor dem Geschäft abhing. Seine Mutter sagte, dass Jimmy nicht besser war als Jack O’Lantern, welcher einer irischen Legende nach Handel mit dem Teufel getrieben hatte. Jimmy war ebenso verschlagen. Anstatt sich Arbeit zu suchen, bestahl er die Leute, verlangte Schutzgelder von denen, die es sich leisten konnten, und verkaufte seine Schwester und ihre Freundinnen als vermeintliche Jungfrauen an die reichen Deutschen, die östlich des First Ward lebten. Jimmy Sullivan war wie eine Made, die sich immer weiter in die Eingeweide der Bewohner fraß.

»Sieh mal!« Einer von Jimmys Gang erkannte Frank und deutete mit dem Kinn auf ihn. Es war offensichtlich, dass sie ihn erwarteten.

»Hey, Sheehan, komm her!« Jimmy winkte ihn zu sich heran.

Frank zögerte. Er fragte sich, wie sein Bruder John sich in dieser Situation verhalten hätte.

»Sollen wir dich holen?«, knurrte einer der Jungs, doch Jimmy hielt ihn zurück. Bewusst gelangweilt schlenderte er auf Frank zu, die Schiebermütze tief in die Stirn gezogen. Frank spannte die Muskeln an und sah sich um.

»Hab gehört, John ist verschwunden«, säuselte Jimmy, während er auf einem Zahnstocher herumkaute. »Weißt du, wo er hin ist?«

»Er hat einen Job.« Frank machte einen Schritt rückwärts. Noch blieb ihm die Möglichkeit zur Flucht, aber er war seinem Ziel schon so nahe, dass er seine Position nicht aufgeben wollte.

Jimmy lachte übertrieben. »Der Mistkerl hat keinen Job. Der ist auf und davon.«

»Woher willst du das wissen?« Frank zog sich weiter zurück.

»Weil ich’s weiß.«

»Du lügst!«

»Wach auf, Sheehan, weshalb, denkst du, war John ständig unterwegs? Er hat für mich gearbeitet.«

»Das hat er nicht!« Frank konnte nicht glauben, was er hörte. John und der schmierige Jimmy Sullivan? Das hätte er ihrer Mutter niemals angetan.

»John war einer meiner Boten. Er hat Geld für mich eingetrieben, aber vor ein paar Tagen war er dann auf einmal spurlos verschwunden.« Frank sah ein Messer in Jimmys Hand aufblitzen. »Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mich beklaut. Vermutlich hat sich dieser Scheißkerl auf einen der Getreidekähne geschlichen und schippert jetzt als blinder Passagier über den See in Richtung Chicago. Oder auf dem Eriekanal nach New York.« Er spuckte aus, und Frank machte instinktiv einen Satz rückwärts.

»Ich kann nichts dafür, was mein Bruder getan hat.«

»Du bist ein Sheehan, oder nicht? Dein Blut für das deines Bruders.«

Frank wollte sich umdrehen und fliehen, doch in diesem Moment prallte etwas gegen Jimmys Kopf und riss ihm die Schiebermütze herunter. »Verflucht noch eins!« Jimmy drehte sich um und fasste sich an die Schläfe. Blut klebte an seinen Fingern. Ein weiteres Geschoss traf ihn. Er duckte sich brüllend vor Wut. Die Jungs seiner Gang zogen ebenfalls ihre Köpfe ein. Frank suchte Schutz hinter einem Zaun und versuchte, den Angreifer ausfindig zu machen. Dann sah er sie. Auf dem Dach von Donovan’s Mercantile saß ein Mädchen mit kupferroten Locken und beschoss Jimmys Gang mit einer Steinschleuder. Zu Franks Verwunderung war sie erstaunlich treffsicher.

»Scher dich zum Teufel, Jimmy!«, rief sie, nachdem sie den Anführer hinter ein Hauseck getrieben hatte. »Ihr habt hier nichts verloren!«

»Mary, du hässlicher Wechselbalg!«, hörte man Jimmy schreien. »Das wirst du mir büßen!« Mary schoss weitere Steine gegen die Hausmauer. Sie schlugen Putz heraus und Jimmy fluchte.

»Fass mich an und die Elfen werden dich mit in ihre finstere Unterwelt zerren!« Das Mädchen ließ sich nicht einschüchtern. Das Geschrei lockte Neugierige an. Überall sahen Anwohner aus den Fenstern, die Tür des Ladengeschäfts wurde aufgerissen. Mike Donovan trat auf die Straße. Er war ein eindrucksvoller Mann; stämmig, muskulös und mit Unterarmen dick wie Baumstämme.

»Was ist hier los?« Sein Blick fiel auf Frank, der hinter dem Zaun hervorlugte. »Wer bist du?«

»Frank Sheehan, Sir.«

»Bringst du Butter, Eier und Käse von deiner Familie?«

»Ja, Sir.«

»Dann komm!« Er stützte die Hände in die Hüften und fixierte die Umgebung. Frank huschte über die Straße in den Laden.

»Wenn ich euch Pisser hier noch einmal sehe, dann ertränke ich euch in meinem Brunnen. Habt ihr das verstanden?«, vernahm er die donnernde Stimme des Ladenbesitzers hinter sich. »Wer sich mit Mike anlegt, legt sich mit dem Donovan-Clan an. Geht das in eure löchrigen Schädel rein?«

Frank hörte rennende Schritte, die in der schmalen Gasse neben dem Laden widerhallten. Offensichtlich zogen Jimmy und seine Gang es vor, sich zurückzuziehen. Frank atmete aus.

»Gut.« Mike Donovan ging zurück in den Laden, trat hinter den Tresen, auf dem eine Waage, Gewichte und zwei Bonbongläser standen. »Zeig her, was du hast, Junge.«

Frank räumte seinen Rucksack aus. Nichts war zu Bruch gegangen, selbst die Eier hatten seinen Lauf überlebt.

»Wo ist dein Bruder?«, fragte Mike, während er die Eier zählte und die Butter abwog.

»Er ist weg.«

»Hat er einen Job?«

Frank schüttelte unglücklich den Kopf. »Jimmy sagte, er sei abgehauen.«

»Und wie geht’s deiner Mutter?«

»Sie weiß es nicht, Sir. Ansonsten ginge es ihr vermutlich schlechter als ohnehin schon.«

Frank hörte ein Geräusch und drehte den Kopf. Das Mädchen vom Dach schlich sich in den Laden. Mike klopfte unwirsch auf die Theke und sie legte die Steinschleuder mit gesenkten Lidern dorthin.

»Was habe ich dir gesagt, Mary?«, knurrte er.

»Dass ich nicht aufs Dach klettern soll, Pa.«

»Und was noch?«

»Dass ich nicht schießen soll.«

»Das ist richtig.«

»Aber, Pa, die wollten …«

»Ruhe!«, herrschte er sie an und Frank zuckte zusammen. Zum ersten Mal bemerkte er Marys grüne Augen. So musste das Gras in Irland aussehen, von dem seine Eltern immer sprachen, schoss es ihm durch den Kopf, und er konnte nicht aufhören, sie anzustarren.

»Brauchst du Arbeit?« Mike riss ihn aus seiner Trance und Frank nickte kaum merklich.

»Du kannst den Laden fegen. Jeden Morgen, bevor wir öffnen. Außerdem kannst du die Fische ausnehmen, die wir freitags geliefert bekommen.«

Frank wusste nicht, was er sagen sollte.

»Deine Mutter schickt uns regelmäßig gute Qualität. Der Job bei mir stellt dich unter den Schutz der Donovans.«

Frank verstand. Das Gesetz des Stärkeren galt besonders in Rogues’ Hollow. Die Donovans waren alteingesessene Iren, solche, mit denen man sich besser nicht anlegte, weil sie Geschäfte betrieben und Verbündete hatten, die in einer anderen Liga spielten als Jimmy und seine Gang.

»Das ist sehr freundlich, Sir.« Frank neigte den Kopf und Mike verpasste ihm eine spielerische Kopfnuss.

»Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem eine Frau zu Hilfe kommt.« Er grinste. »Sei nicht geknickt, Junge, Mary wird eines Tages schon noch lernen, wo ihr Platz ist.«

 

Doch das tat sie nicht. Zärtlich nahm Frank seine Frau in die Arme und genoss es, dass sie sich an ihn kuschelte. Er hoffte, dass seine Entscheidung richtig gewesen war, denn er wollte weg von den Gangs und dem zunehmenden Einfluss, den sie auf sein Leben gehabt hatten. Deshalb war er mit Mary in den Westen gegangen. Es sollte ein Neuanfang für sie werden, jenseits des First Ward und jener Stadt, die beinahe ihr Untergang gewesen wäre und sie auf ewig an ihren schmerzvollsten Verlust erinnert hätte.

»Was ist das für ein Geschrei?«, murmelte Mary und hob verschlafen den Kopf. Nun hörte Frank es ebenfalls. Zuerst glaubte er, es seien wieder die Betrunkenen, die bereits die ganze Nacht vor dem Saloon herumgepöbelt hatten, aber dann erkannte er die Stimme.

»Das ist dieser Henricks!« Frank robbte zur Bretterwand und sah durch die Ritze zwischen den Holzlatten. »Er und seine Männer treiben sich in der Stadt herum.«

»Warum?«, fragte Mary, bevor beide hörten, wessen Namen er rief.

»Er sucht nach uns.« Frank hastete zu seiner Frau und zog sie in die Höhe. Eilig rafften sie ihre Habseligkeiten zusammen und schoben die Mulis zur Seite, um ins Freie zu gelangen.

»Sie sind hier!« Einer von Henricks’ Männern versperrte ihnen den Ausgang. Frank tastete nach dem Messer in seiner Jackentasche.

»Das würde ich nicht tun.« Der große Kerl richtete einen Revolver auf sie. Aus den Augenwinkeln sah Frank, wie der Kutscher, der bis gerade eben noch in ihrer Nähe geschnarcht hatte, eilig das Weite suchte.

»Da sind ja meine irischen Freunde.« Henricks ritt heran und blickte auf Frank und Mary herab. »Wie war die Nachtruhe?«

»Was wollen Sie?«

»Ich habe nur einige Fragen.«

»Und weshalb haben Sie die nicht gestern gestellt?« Frank schob Mary hinter sich.

»Weil mir erst heute Nacht eingefallen ist, wer Ihre Begleitung war. Wo ist denn diese schwarzhaarige Irin?« Er spähte an ihnen vorbei ins Innere der Scheune.

»Die ist längst weitergereist«, erwiderte Mary und drängte sich zu Franks Entsetzen wieder nach vorne. »Was wollen Sie von ihr?«

»Es geht dich zwar nichts an, du rothaarige Hexe, aber dieses Magee-Miststück schuldet mir etwas.«

»Scheint nicht so wichtig zu sein, wenn Sie die ganze Nacht darüber nachdenken mussten.«

Henricks sprang mit einem Satz aus dem Sattel und packte Mary an den Haaren. Frank versuchte, sie zu schützen, wurde jedoch grob von dem Kerl mit dem Revolver zurückgedrängt.

»Wo ist sie hin?«, spie Henricks seiner Frau die Frage ins Gesicht.

»Ich weiß es nicht!« Mary starrte ihn feindselig an und Frank betete, dass sie keine Dummheit beging.

»Frauen plaudern gerne miteinander. Du weißt es, mein irisches Vögelchen.« Er verstärkte seinen Griff und Mary spuckte ihm ins Gesicht. Henricks schlug zu und Frank wollte sich auf ihn stürzen, zuckte aber zurück, als ein Schuss knallte. Der Revolver neben ihm rauchte und seine Ohren pfiffen.

»So wehrhaft, Frank?« Henricks schüttelte gespielt ungläubig den Kopf. »Sag mir einfach, was du weißt und du kannst deinen Weg unbehelligt fortsetzen, um dich in den Kohleminen zu Tode zu schuften.«

»Sag es ihm, Mary«, zischte Frank und erkannte an ihrem bockigen Gesichtsausdruck, dass sie nicht im Entferntesten daran dachte. Sie konnte so starrköpfig sein wie die Mulis, neben denen sie geschlafen hatten, deshalb wiederholte er seine Worte mit scharfem Unterton. »Sag es ihm!«

»Plauder mit mir, kleines Vögelchen«, flüsterte Henricks.

»Das habe ich bereits. Briana ist gestern Abend weitergereist.«

»Aber die Kutsche und die Mulis stehen noch hier.«

»Der Bräutigam ihrer Freundin hat sie abgeholt und beide mit sich genommen.«

»So ist das.« Henricks ließ sie los und rieb sich das Kinn. Einer seiner Männer kam angaloppiert, sprang ab und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Henricks’ Augen weiteten sich.

»Hast du den Mann gesehen?«, wandte er sich wieder an Mary. Die zögerte und wechselte einen Blick mit Frank. Er nickte ihr aufmunternd zu.

Henricks bemerkte es. »Die Postkutschenbanditen treiben sich in der Gegend herum. Ich hörte gerade, dass sie hier durchgezogen sind.« Er zog ein Stück Papier aus seiner Westentasche und entfaltete es. Dann hielt er es vor Marys Gesicht. »War einer dieser beiden Männer derjenige, der die Irin und die Ostküstenschönheit abgeholt hat?«

Frank sah seiner Frau an, dass sie mehr wusste, als sie preisgeben wollte. »Mary!«, ermahnte er sie. Sie hatten nicht all das auf sich genommen, um nun zu scheitern.

»Nein, er sah anders aus.«

Der Kerl neben ihm entsicherte den Revolver, und Frank spürte kaltes Eisen an seiner Schläfe.

»Ist das dein letztes Wort?« Henricks starrte Mary an, die bleich geworden war. »Du hast die Wahl. Entweder du sagst mir die Wahrheit und dein Mann lebt, oder du entscheidest dich dazu, die Irin zu schützen, und wir begraben ihn in dieser hässlichen Stadt, während du uns zurück in den Saloon nach Memphis begleitest. Was meinst du?«

Noch immer zögerte sie und Frank hätte sie am liebsten geschüttelt. Marys Gerechtigkeitssinn kannte keine Grenzen. Das hatte sie ihr ganzes Leben in Schwierigkeiten gebracht.

Henricks beugte sich vor, bis seine Lippen beinahe Marys Mund berührten. »Vielleicht hilft es dir ja zu wissen, dass diese Banditen meine Frau getötet haben. Haben ihr einfach in den Hals geschossen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was sie mit der Irin und ihrer Freundin tun werden.«

Mary schüttelte den Kopf, als wollte sie ihm nicht glauben. Dann wandte sie sich angeekelt ab und sah Frank in die Augen. »Silas Kennedy war der Mann, der die beiden Frauen abgeholt hat«, antwortete sie bestimmt.

Henricks legte den Kopf in den Nacken und lachte. Sein Gelächter scheuchte einige Tauben vom Dach, er konnte sich gar nicht mehr beruhigen. »Was für ein Coup!«, rief er und schlug sich amüsiert auf den Oberschenkel. »Ich kriege sie alle!« Mary wich vor ihm zurück, doch er ließ sie nicht entkommen. »Der andere«, erklärte er und wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln, »hat die Hure aus meinem Saloon mitgenommen. Die dachte, sie kann sich einfach mit meinem Geld davonstehlen, aber jetzt weiß ich, wo sie ist.« Ein erneuter Lachanfall schüttelte ihn, bevor er sich Frank zuwandte. »Ich bin heute großzügig, mein irischer Freund. Was hältst du von einem Job?«

»Kein Interesse.«

»Ich denke schon, dass du Interesse hast.« Henricks ergriff Marys Oberarm und übergab sie einem seiner Männer, der sie mit sich zerrte.

»Was soll das?« Frank schoss nach vorne, doch ein Schlag auf den Hinterkopf bremste ihn. Für kurze Zeit taumelte er orientierungslos, bevor er sich wieder fing. »Sie sind ein Schwein«, presste er hervor.

»Ich bin Ire und ich beschäftige Iren. Nenn mich ein Schwein und du bist selbst eins, Sheehan. Alles, was ich dir ersparen will, ist der Tod in einer Kohlemine.«

»Lassen Sie meine Frau los!« Frank boxte in die Luft, ohne jemanden zu treffen. Sein Kopf dröhnte.

»Sei mein Scout, Frank. Verfolg diese Banditen und verrat mir, wohin sie ziehen. Ich werde dir mit einigen meiner Männer folgen. Aber wehe, du warnst die Kennedys.«

»Was dann?«

Henricks deutete auf Mary. »Deine Frau ist mein Pfand. Sie bleibt bei mir. Wenn du etwas Unüberlegtes tust, dann siehst du sie nie wieder. Ansonsten trefft ihr euch beide im Westen wieder. Da wolltet ihr ja sowieso hin, nicht wahr?«

»Warum ich? Sie haben genügend Männer, die sofort losreiten könnten.« Frank rieb sich den Hinterkopf. Das alles kam ihm so unwirklich vor wie der Albtraum, dem er entfliehen wollte.

»Ich bezahle meine Männer nicht, um sie planlos durch die Prärie zu schicken. Weißt du, Sheehan, um einen zuverlässigen Scout zu haben, muss man ihm entweder bedingungslos vertrauen oder man kauft ihn sich. Ich vertraue niemandem, aber ich weiß, wie man einen Köder einsetzt. Deine Frau ist mein Köder, und ich bin mir sicher, dass du alles für sie tun würdest.« Er hob amüsiert eine Augenbraue. »Ich muss mich in den nächsten Tagen noch um einige Angelegenheiten in Memphis kümmern, doch dann mache ich mich mit deinem Frauchen auf den Weg. Sorg du nur dafür, dass du diese Mistkerle nicht aus den Augen verlierst.«

»Was ist, wenn ich sie nicht finde?«

»Das ist keine Option.«

Frank schluckte. »Wie soll ich Sie benachrichtigen?«

»Frag im Saloon von Osceola nach Kid Short. Sag ihm, welcher Route du folgst. Es führen nur zwei in den Westen. An jeder größeren Raststation wirst du mir Nachrichten mit Datum und deinem nächsten Ziel hinterlassen. Schreib nur das Nötigste.« Er rieb sich die Hände. »Ich bekomme meine Rache, lieber Freund.«

»Ich bin nicht Ihr Freund!«

»Glaub mir, Sheehan, du wirst mir eines Tages danken, dass ich dich vor Des Moines bewahrt habe. Wenn du deine Arbeit machst, werde ich dich belohnen. Nicht nur durch die Rückkehr in die liebenden Arme deines Frauchens. Du hast mein Wort.«

Frank spuckte aus. Er kannte die leeren Versprechungen der Gangs. Am Ende konnte er froh sein, wenn er überlebte.

»Was ist, Sheehan?«

Er sah zu Mary. Sie war alles, was er je gewollt hatte, und sie hatte ihm vertraut. Wie war es nur möglich, dass sie plötzlich in dieses Dilemma hineingeraten waren?

»Er sagt ja«, hörte er Marys Stimme. Energisch drängte sie zu ihm. Henricks stellte sich ihr in den Weg. »Wenn Sie mir meinen Mann schon nehmen, dann will ich ihn wenigstens ein letztes Mal umarmen«, fauchte sie. Er ließ sie durch.

Frank fing sie auf und sie hielten sich eng umschlungen. »Reite davon und schau nicht zurück«, flüsterte sie ihm zu. »Bring dich in Sicherheit. Tu bitte einmal das, was ich dir sage.«

»Du redest dummes Zeug«, murmelte er in ihre Haare hinein. »Ich werde dich bestimmt nicht hierlassen.«

»Ich komme zurecht, Frank. Das weißt du. Ich liebe dich. Seit dem ersten Tag, als du in unseren Laden kamst.«

»Ich liebe dich auch.«

Henricks riss sie auseinander. »Genug geturtelt. Das Pferd!«

Aufgewühlt hielt Frank die Hände seiner Frau. Er konnte nicht fassen, was gerade geschah.

»In den Satteltaschen befindet sich Proviant, Geld und eine Waffe. Munition findest du, wenn du Stilesville in nordwestlicher Richtung verlässt. Meine Männer haben sie an der Abzweigung nach Lancaster direkt unterhalb des Wegkreuzes vergraben. Denk nicht einmal daran, nach Memphis zurückzukehren, um den Helden zu spielen. Die gesamte Liga hat Anweisung, dich sofort von deinem Gaul zu schießen, wenn du auch nur in die Nähe der Stadt kommst.«

Der Kerl, der ihm den Schlag versetzt hatte, brachte einen Dunkelfuchs zu ihm. Es war ein kräftiges Tier, dessen gesunde Hufe darauf schließen ließen, dass es noch jung war. Mary drückte Franks Hände. »Pass auf dich auf«, sagte sie mit fester Stimme.

»Wenn Sie sie auch nur anrühren …«, drohte Frank, und Henricks lächelte verschlagen.

»Beeil dich, die Kennedys zu finden. Umso eher siehst du deine Frau wieder.« Er nahm Mary bei den Schultern und zog sie von Frank weg. Ihre Hände lösten sich voneinander.

Frank bemühte sich, gefasst zu wirken. Er zog seine Jacke über und bestieg den Dunkelfuchs. Mit einem letzten Blick auf Mary ritt er aus der Stadt. Erst nach zwei Meilen hielt er an und ließ sich auf den Pferdehals sinken. Die Verzweiflung fraß ihn auf. Leute wie Henricks waren der Grund gewesen, warum er Buffalo verlassen hatte, und nun steckte er wieder mittendrin.

Moravia, Iowa, 5. Juni 1865

»Unser Geld wird niemals ausreichen. Du bist wirklich dümmer als die Ochsen, die deinen Karren ziehen«, zischte Jesse seinem Bruder zu. Sie waren gerade dabei, ihr Lager außerhalb der Stadt Moravia aufzuschlagen, und es regnete in Strömen. Zwei Tage war es her, dass Silas mit seiner zukünftigen Frau und deren Freundin zu ihrer Gruppe gestoßen war, und seitdem lag Spannung in der Luft.

»Ich konnte doch nicht ahnen, dass sie jemanden mitbringt. Ich hätte diese Irin in Stilesville zurückgelassen, aber Phoebe hängt an ihr«, verteidigte sich Silas und befreite einen der Ochsen von seinem Kummet. »Sie hat gesagt, es sei ungehörig für eine Lady, diese weite Reise allein zu bewältigen.«

»Eine Lady?« Jesse schnaubte. »Du lässt dich also bereits vor deiner Ehe von dieser Brieftaube herumkommandieren?«

»Nein, meine Phoebe hat nichts damit zu tun. Diese Irin hat mir gedroht. Das ist der eigentliche Grund, warum ich sie mitgenommen habe.« Er sah bei diesen Worten aus wie ein Hund, der etwas Verbotenes angestellt hatte.

»Was?«

»Sie meinte, Russell Henricks könnte es interessieren, wo wir uns aufhalten. Sie hat unseren Steckbrief gesehen.«

»Wo?«

»Er hing in Keokuk aus. Die Irin hat ihn mitgenommen und Phoebe gezeigt, aber meine süße Phoebe wollte nicht glauben, dass wir Banditen sind, und ist trotzdem gekommen.« Silas grinste verzückt.

»Ach, verflucht noch eins!« Jesse gab seinem Bruder einen Schubs, und der landete im Matsch. »Weshalb erzählst du das erst jetzt?«

»Deshalb!« Silas schlug mit den Händen derart wütend in die aufgeweichte Erde, dass der Schlamm aufspritzte, doch Jesse ignorierte ihn. Nachdenklich rieb er sich die Stirn.

»Es gefällt mir nicht, dass die beiden wissen, was wir getan haben. Und es gefällt mir noch weniger, dass uns diese Irin erpresst. Woher kennt sie Russell Henricks?«

Silas zuckte die Schultern und rappelte sich wieder auf. Er sah aus wie ein Schwein, das sich gesuhlt hatte. »Mach dir keine Sorgen. Ich habe Phoebe erzählt, dass wir keine andere Wahl hatten und sie hat mir geglaubt. Die Kleine ist ein Engel, sie wird uns niemals verraten. Und für die Irin überlege ich mir etwas. Uns ist immer was eingefallen, nicht wahr, Bruder?«

»Was stellst du dir vor, verdammt? Dass wir sie an einen Baum fesseln und abhauen?«

»Keine schlechte Idee.«

Jesse schüttelte den Kopf. »Du bist ein Narr, Silas! Deine Hochzeitsidee war eine Dummheit, und jetzt auch noch das! Was willst du mit dieser durch und durch gestärkten Schönheit? Hoffst du, dass ihr Ostküstenschliff auf dich abfärbt?«

»Hör auf, so über Phoebe zu reden!«

»Durch sie haben wir noch mehr Scheiße am Hals, siehst du das nicht?«

»Ich regle das, versprochen.«

»Das kenne ich. Wenn du etwas regelst, hinterlässt du verbrannte Erde und unsere Gesichter landen auf Steckbriefen.«

Im Hintergrund muhte eine der Kühe und man hörte eine Frau Verwünschungen ausstoßen.

»Zu dämlich, um eine Kuh zu melken«, brummelte Esther, Jesses und Silas’ Mutter, im Vorübergehen. »Wenn ihr keiner von euch hilft, dann fällt das Abendessen heute aus.«

Jesse atmete tief durch und warf seinem Bruder einen warnenden Blick zu. »Du hältst die Füße still, verstanden? Ich behalte die Irin im Auge«, sagte er und stapfte durch den Schlamm zum hinteren Wagen.

Sie waren zu viele. Vor allem zu viele Frauen. Ständig gab es Streitereien. Frances fühlte sich von Esther herumkommandiert und behauptete, dass Jesses Mutter sie nicht leiden konnte. Esther ließ kein gutes Haar an Phoebe, nannte sie eine hochnäsige Ostküstentaube, und Phoebe wiederum war empört, dass eine ehemalige Hure sie auf ihrer Reise begleitete. Dann war da Briana, die er plötzlich in einem ganz anderen Licht sah. Bisher hatte sie sich unauffällig verhalten, doch das Gerede seines Bruders hatte ihn misstrauisch werden lassen. Jesse fluchte vor sich hin, bis er hörte, dass Briana ebenfalls schimpfte wie ein gewöhnlicher Gassenjunge. Er bog um die Ecke und beobachtete das Geschehen.

»Du verfluchtes Biest! Ich werde dich an den Hinterbeinen aufhängen und dich häuten wie einen Büffel.« Brianas Kleid war besudelt vom Matsch, in dem sie knöcheltief versank. Energisch wehrte sie die störrische Kuh ab, die gerade versuchte, sie gegen den Karren zu drängen. »Wenn du keine Milch geben würdest, würde ich einen Braten aus dir machen. Das wäre ein himmlisches Festmahl!« Als sie Jesse bemerkte, verstummte sie sofort.

»Probleme?« Er gab der Kuh einen kräftigen Klaps und erlöste Briana auf diese Weise aus der Situation. »Sie kennt dich nicht. Hab Geduld mit ihr, Magee.«

Briana sah ihn an, als ob sie ihn in Gedanken ebenso verfluchte wie die Kuh.

»Sie lässt mich nicht an ihr Euter.«

»Vielleicht bist du zu grob oder hast kalte Hände.«

»Soll das ein Scherz sein?«

»Nein.« Jesse schnappte sich den umgekippten Schemel und setzte sich neben das widerspenstige Rindvieh. Augenblicklich gruben sich die Beine des Schemels in die weiche Erde, aber er behielt die Balance. Während er beruhigend auf die Kuh einredete, blies er in seine Handflächen und rieb sie warm. »So, meine Hübsche, jetzt wollen wir mal. Du willst deine Milch doch auch loswerden, habe ich recht?« Er nahm den Eimer entgegen, den Briana ihm reichte, und stellte ihn in Position. Anschließend griff er nach den Zitzen. »Hast du schon mal eine Kuh gemolken?«

»Nein.«

»Gut, dann erkläre ich es dir. Am besten wählst du zwei Zitzen, die diagonal gegenüberliegen«, sagte er. »Spann die Zitze zwischen deinen ausgestreckten Daumen und den Zeigefinger ein, sodass sie deine Handfläche ausfüllt, wenn du zudrückst. Jetzt kannst du die Milch im wahrsten Sinne des Wortes herausdrücken, und zwar in einer fließenden Bewegung von oben nach unten, vom Zeigefinger angefangen bis unten zum kleinen Finger. Sei sanft, aber bestimmt. Ist ein bisschen wie beim …« Er verstummte abrupt. Ganz gewiss hatte das Mädchen keine Ahnung, wovon er sprach.

Briana beobachtete ihn konzentriert. Sie erinnerte ihn an diese Rothautweiber, die einen genau studierten, um einem in einer unbeobachteten Minute das Messer zwischen die Rippen zu rammen.

»Siehst du, was ich meine?«

»Natürlich«, erwiderte sie ungeduldig. Der Regen durchnässte ihre Kleidung, und die Haare, die unter ihrer Haube hervorschauten, klebten ihr an den Schläfen.

Jesse lehnte die Stirn gegen die warme Flanke der Kuh, die nun entspannt an den fetten Grashalmen kaute, und molk so lange, bis sich die Zitzen leer anfühlten und nicht mehr prall in seiner Hand lagen. Er erhob sich und nickte Briana zu. »Jetzt bist du an der Reihe.«

Briana nahm seinen Platz ein, ergriff die anderen beiden Zitzen und legte los. Nach anfänglichen Schwierigkeiten spritzte die Milch nur so in den Eimer. Jesse war überrascht. Er hatte nicht gedacht, dass Briana derart talentiert war. Silas’ Zukünftige wagte sich keine zehn Fuß an die Kühe heran. Sie weigerte sich auch, ein Pferd zu besteigen, und fuhr stattdessen lieber in den Ochsenkarren mit. Nicht, dass sich Jesse darüber gewundert hätte. Seit dem Moment, als er ihr Foto gesehen hatte, war ihm klar, dass Phoebe Probleme machen würde.

»Weiter so, Magee«, sagte er aufmunternd. »Die anderen Kühe müssen ebenfalls gemolken werden.« So war die Irin wenigstens zu etwas nütze, dachte er und entfernte sich.

Den Hut zum Schutz gegen den Regen tief ins Gesicht gezogen, schlenderte er zu seiner Familie zurück. Seine Mutter hatte darauf verzichtet, den Eisenofen in den Regen zu stellen, und hatte stattdessen ein Feuer entfacht, das sie mit einer einfachen Konstruktion aus drei Holzstecken und einem Kuhfell vor der Nässe schützte. Sein kleiner Bruder Albert blies in die Flammen, um sie anzuheizen, während Frances unter einem Regenschirm auf der Wagendeichsel saß und die Bemühungen aus der Ferne beobachtete. Der Rauch des Kochfeuers hatte sich bereits über den gesamten Rastplatz gelegt.

Sie reisten in zwei herkömmlichen Planwagen des Murphy-Typs, mit leicht ausgestellten Bügeln vorne und hinten. Beide waren aus robustem Hickory-Holz gefertigt. Eine Plane aus festem Canvasstoff, die mit Leinsamenöl getränkt war, um sie wasserdicht zu machen, spannte sich über die Rundbögen. Jeder Wagen wurde jeweils von einem Gespann aus zwei kräftigen braun-weiß gefleckten Ochsen gezogen. Sie waren günstiger in der Anschaffung als Mulis, wenn auch weitaus langsamer. Außerdem führten sie zwei weitere Ochsen als Ersatz mit, sechs Hühner in Käfigen, fünf Kühe und vier Reitpferde. Die Fracht hatten sie gleichmäßig auf die Wagen aufgeteilt, um das Gewicht optimal zu verteilen. Die schweren Sachen, wie Pflug, Bettgestelle, Kommoden, Ofen, Spinnrad, Ersatzachsen und Saatgut lagerten ganz unten. Sie waren sorgfältig verpackt und festgezurrt, damit sie sich durch das ständige Geruckel nicht verschoben. Obendrauf verwahrten sie leichtere Dinge wie Kleidung, Küchenutensilien sowie sämtliche Werkzeuge, die sie für eventuelle Reparaturen benötigten. Die letzte Schicht bildeten die Sachen, die sie jeden Tag brauchten. Dazu gehörten Mehl, Zucker, Salz, Kaffee, Speck sowie Vorräte in Büchsen, getrocknetes Obst, mehrere Wasserfässer, Pfannen, Töpfe, eine Axt für das Feuerholz, warme Decken und die Waffen. Zwei Fässer mit Maismehl beherbergten außerdem all die zerbrechlichen Dinge wie Geschirr und Eier, denen die Rüttelei Schaden zufügen konnte. An jeder Hinterachse hing ein Kübel, der eine Mischung aus Tierfett und Holzteer enthielt, um die Räder regelmäßig zu schmieren. In einem Wagen war ausreichend Platz gelassen worden, damit die vier Frauen dort einigermaßen bequem schlafen konnten, die Männer dagegen mussten draußen nächtigen. Jesse war sich bewusst, dass es eine lange Reise war, auf der es nötig sein würde, einige Dinge zurückzulassen, wenn die Wege zu schlammig wurden und die Ochsen nicht mehr durchhielten. Doch die ersten Tage waren sie gut vorangekommen.

Durch den Regenvorhang bemerkte er das schwache Licht einer Öllampe, die das Innere eines der Planwagen erhellte. Er erkannte zwei Schatten und hörte gedämpfte Stimmen.

»Ich werde auf keinen Fall mit deinem Bruder in diesem Wagen schlafen. Das ertrage ich nicht«, nörgelte Phoebe. »Sieh dich nur an. Du bist voller Dreck, weil er dich geschubst hat. Dein Bruder ist ein schrecklicher Mensch!«

»Wir hatten nur eine Meinungsverschiedenheit.«

»Das ist noch lange kein Grund, dich derart zu behandeln. Soll er sich doch heute Nacht in den Matsch legen, aber hier werde ich ihn nicht dulden. Es ist schlimm genug, dass diese …« Sie zögerte, als besänne sie sich auf ihre gute Erziehung. »… dass Frances hier bei uns schläft.«

»Es tut mir leid, meine Liebste.« Silas’ Stimme klang beruhigend. Jesse musste grinsen. Auf diese Art sprach er auch immer zu besonders bockigen Pferden. »Bei Regen müssen wir zusammenrücken. Vielleicht können wir Männer im zweiten Wagen schlafen.«

»Das wäre eine Erleichterung.«

»Ich weiß, dass diese Reise beschwerlich für dich ist. Umso mehr schätze ich, dass du all diese Unannehmlichkeiten auf dich nimmst. Ich schwöre, dass ich dir ein wunderschönes Heim bieten werde. Wenn wir erst einmal in Montana sind, wird alles besser.«

»Wie lange dauert das? Deine Mutter erwähnte, dass wir vermutlich bis in den Herbst unterwegs sein werden.«

Hörte er da ein Schluchzen? Jesse ging näher an den Wagen heran. Er gab die Hoffnung nicht auf, dass Phoebe sich bald wieder nach ihrem bequemen Zuhause an der Ostküste sehnte. Tatsächlich schien sie verzweifelt zu sein.

»Ich weiß nicht, ob ich das alles ertrage, Silas. Willst du mich denn überhaupt noch heiraten?«

»Natürlich will ich das, meine Liebste! Sobald wir Iowa verlassen haben, werden wir Mann und Frau. Ich habe dir erklärt, dass ich mich vor den Behörden in Acht nehmen muss. Das verstehst du doch?«

Phoebe schniefte. »Ich bemühe mich. Um deinetwillen. Aber ich begreife noch immer nicht, weshalb dein Bruder und diese Frau uns begleiten. Ich fühle mich unwohl in ihrer Nähe.«

»Wir geben uns gegenseitig Sicherheit. In manchen Gegenden geht es unzivilisiert zu. Wir werden es allein nicht schaffen.«

»Aber wenn diese Raubüberfälle doch Jesses Idee waren, dann ist es gefährlich, bei ihm zu bleiben. Du könntest den Behörden die Wahrheit sagen. Ich bin mir sicher, dass sie …«

»Scht!« Silas unterbrach sie, und Jesse sah, dass sich die beiden Schatten einander annäherten.

Er ballte seine Hände zu Fäusten. Diese Version der Geschichte passte zu seinem Bruder! Er spürte die Wut, die seinen Nacken emporkroch. Es war schon schlimm genug, dass Silas dieses Mädchen angeschleppt hatte und damit ihre gemeinsame Reise belastete. Aber nun hatten sie auch noch deren Freundin am Hals. Ein Maul mehr, das gestopft werden musste. Ein Maul mehr, das reden konnte, vielleicht sogar reden wollte. Jesse hatte keine Ahnung, wie sie es über die Prärie schaffen sollten, ohne zu verhungern oder geschnappt zu werden. Doch dass sein Bruder seiner Zukünftigen jetzt auch noch Lügen auftischte, um seine Weste reinzuwaschen, ging ihm zu weit. Er beobachtete die Schatten, die inzwischen nur noch wie einer anmuteten. Am liebsten hätte er den Wagen gestürmt und seinem Bruder eine verpasst. Aber er wusste, dass seine Mutter keine Schlägereien duldete.

»Die Milch.« Lautlos war Briana an seiner Seite aufgetaucht und Jesse versuchte, den Ärger hinunterzuschlucken. Es gelang ihm nicht. Grob nahm er ihr die beiden Eimer ab und erkannte, dass sie die Schatten im Inneren des Planwagens ebenfalls bemerkt hatte. Interessiert studierte er ihr Gesicht, aber sie zeigte keinerlei Reaktion. Er wurde nicht schlau aus ihr, und das gefiel ihm nicht.

»Was treibt dich in den Westen, Magee?«, fragte er ganz direkt. »Suchst du einen Mann?«

Ihr intensiver Blick richtete sich auf ihn. »Warum nennen Sie mich immer bei meinem Nachnamen?«

»Dieses Land ist grausam und brutal. Ich sehe nicht gerne, wie es Menschen, die ich kenne, in den Wahnsinn treibt.«

»Und wenn Sie mich Magee nennen, dann fällt es Ihnen leichter, mir dabei zuzusehen, wie ich verrückt werde?«

»So ist es.« Er sog die feuchte Luft ein. »Ich will ehrlich zu dir sein. Unsere Vorräte sind knapp und diese Reise wird erbarmungslos. Ich halte es für besser, wenn du wieder nach Hause fährst.«

»Ich habe kein Zuhause.«

»Keine Familie?«

»Nein.«

»Keine Eltern?«

»Nein.«

»Jeder hat Eltern.«

»Nicht, wenn sie gestorben sind.«

»Bei uns kannst du nicht bleiben. Such dir einen anderen Ort. Irgendwo. Nur nicht hier«, raunzte er.

»Das werde ich. Eines Tages, wenn Phoebe in Sicherheit ist.«

Jesse hob eine Augenbraue. »Du bist ’ne Hausangestellte, stimmt’s? Und jetzt bezahlt sie dich dafür, dass du ihre Anstandsdame spielst.«

Briana ließ die Schatten im Planwagen nicht aus den Augen. »Nein«, erwiderte sie ungerührt. »Ich passe auf Phoebe auf, weil ihr Vater auf mich aufgepasst hat.«

»Eine sehr rührige Geschichte, Magee. Allerdings ist sie mir egal. Ich will nur, dass du von hier verschwindest. Und nimm deine dir Anvertraute am besten gleich mit. Wir haben euch nichts zu bieten.«

Die Irin verschränkte die Arme vor der Brust. »Von welchem Geld, Mr Kennedy? Erwarten Sie von uns, dass wir ebenfalls Postkutschen überfallen, um wieder nach Hause zu reisen? Wollen Sie uns dabei vielleicht behilflich sein?«

Er war überrascht, dass sie es so offen aussprach, und knurrte: »Du solltest Russell Henricks um Hilfe bitten.« Kurzzeitig wirkte sie verunsichert und er starrte ihr ins Gesicht. »Seid ihr verwandt oder so was? Woher kennst du ihn?«

»Wer sagt, dass ich ihn kenne?«

»Er ist Ire so wie du.«

»Kennen Sie etwa jeden Einwohner von Missouri?«

Ihre aufsässige Art begann ihm auf die Nerven zu gehen. »Ich behalte dich im Auge, Magee«, drohte er ihr. »Wenn du uns zu sehr zur Last fällst, dann spanne ich dich neben den Ochsen ein und lasse dich einen der Wagen ziehen.«

Sie funkelte ihn wortlos an, bevor sie sich umdrehte und im Regen verschwand. Jesse schüttelte den Kopf. Von allen Frauen, die er je kennengelernt hatte, war das die seltsamste. Er würde auf sie aufpassen müssen, bevor sie etwas tat, was ihre Reise gefährdete. Wer in Not war, tat bisweilen die merkwürdigsten Dinge. Gemächlich ging er zu seiner Mutter, um ihr die Milch zu bringen.

Esther stellte die Eimer neben das Feuer. »Hol mir das Mehl«, forderte sie ihn auf. »Und ein paar Eier. Bei dem Wetter müssen wir uns mit Pfannkuchen begnügen.«

Jesse hörte, wie sein Magen knurrte. Das Reisen im Ochsenkarren war anstrengend, auch wenn er sich dabei kaum bewegte. Doch die Planwagen besaßen keinen Kutschbock so wie es bei den Postkutschen üblich war. Aus diesem Grund saß oder stand man im Inneren des Wagens oder stellte sich außen auf die Deichsel, um die Ochsen zu steuern. Jesse war nicht daran gewöhnt. Ihm schmerzten Arme und Rücken derart, dass er sich kaum noch bewegen konnte. An diesem Nachmittag war er zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch auf sein Pferd gestiegen, nachdem Albert ihm versichert hatte, dass er es schaffte, den Wagen selbstständig zu lenken. Er war stolz auf den kleinen Kerl. Obwohl sie erst seit zwei Tagen unterwegs waren, spürte er, wie Albert auftaute. Aus dem schüchternen, dürren Jungen, der es anfangs kaum gewagt hatte, ihm in die Augen zu sehen, wurde allmählich ein neugieriges Schlitzohr, das ihn nachzuahmen versuchte. Er erinnerte ihn an Silas, und Jesse hoffte, dass er auf seinen jüngsten Bruder einen besseren Einfluss hatte. Montana würde beiden guttun. Die Arbeit dort ging nie aus, und wer arbeitete, der kam nicht auf dumme Gedanken.

»Darf ich stören?« Er klopfte bewusst nicht vorher gegen die Seitenwand des Wagens, sondern streckte den Kopf direkt durch die Plane. Zufrieden sah er, dass Phoebe zusammenzuckte und ihn ansah, als sei er eine riesige, haarige Spinne.

»Was soll das, Bruder?« Silas rückte von seiner Braut ab.

»Ich brauche Mehl und Eier. Es sei denn, ihr habt keinen Hunger. Ansonsten gibt es keinen Grund, untätig rumzusitzen. Die Kühe, Hühner und Ochsen müssen gefüttert werden, Mutter braucht Hilfe beim Kochen und irgendwer sollte im zweiten Wagen aufräumen und Platz für unsere Betten schaffen, damit es für einige von uns heute Nacht nicht unerträglich wird.«

Phoebes Gesicht überzog eine flammende Röte und Jesse starrte sie so unverschämt an, wie es ihm nur möglich war. »Ich kümmere mich um die Betten«, murmelte sie und rutschte in den hinteren Bereich des Wagens, wo Jesse sie nicht mehr sehen konnte.

Mürrisch füllte Silas etwas Mehl in eine Schüssel und buddelte in dem Fass mit Maismehl nach Eiern. »Was gibt es zum Abendessen?«, brummelte er.

»Wonach sieht es denn aus?« Sie taxierten sich, bevor Jesse den Kopf zurückzog und mitsamt den Vorräten zurück zu seiner Mutter ging.

»Kann die mir nicht helfen?«, murrte Esther, nachdem sie alles unter dem Kuhfell verstaut hatte, damit es nicht nass wurde. Mit dem Kinn deutete sie auf Frances. »Anstatt dort herumzusitzen, könnte sie bei mir was lernen. Sie soll dir doch eines Tages deinen Haushalt führen, oder nicht?«

»Wir werden sehen.« Jesse sehnte sich danach, sich mit seiner Mundharmonika in eine Ecke zurückzuziehen, um seine Ruhe zu haben. Stattdessen wurde er permanent in all diese Dinge hineingezogen, die ihn nicht interessierten.

»Warum hast du sie überhaupt geheiratet?«, setzte seine Mutter noch eins drauf. »Schlimm genug, dass dein Bruder so ein hirnloses Rindvieh ist, aber du? Du warst stets der Vernünftigste von allen.«

»Das bin ich noch immer«, murmelte er.

Esther griff nach seiner Hand, eine seltene Geste für sie. Er sah auf und bemerkte, dass sie lächelte. »Du bist ein guter Junge, weißt du das? Ich bin froh, dass du überlebt hast und uns mit zu deiner Ranch nimmst. Albert wird dort ein besseres Leben haben als in Missouri, und Silas …« Sie seufzte. »Ich wünsche mir, dass er Frieden findet vor all den Geistern, die ihn verfolgen. Danke, dass du ihn nicht aufgibst.«

»Mache ich nur für dich, Ma.« Jesse küsste ihre Hand, bevor er sich umdrehte und ging. Die Verantwortung lastete schwer wie ein Fels auf seiner Brust. Ganz besonders wenn er daran dachte, was er seiner Familie nicht über ihre neue Heimat erzählt hatte.

So schön das Montana-Territorium war, so gefährlich war es auch. Jesse hatte es am eigenen Leib erfahren, als 1863 nahe des Alder Creek Gold gefunden wurde. Innerhalb von nur wenigen Wochen war etwa vierzehn Meilen südwestlich seiner Ranch die Stadt Virginia City entstanden. Sie zog nicht nur Glücksritter, sondern auch Banditen an wie Scheiße die Fliegen. Eine Zeitlang hatte die berüchtigte Plummer-Gang rund um den Sheriff von Bannack, Henry Plummer, dort ihr Unwesen getrieben. Sie überfielen und ermordeten Goldsucher und stahlen den Ranchern ihre Rinder. Am 10. Januar 1864 wurde Plummer schließlich in Bannack von der Bürgerwehr gehängt. Jesse beschleunigte seine Schritte, doch er konnte der Wahrheit nicht entkommen. Im Montana-Territorium verübte man Selbstjustiz. Dort fehlten die Gesetze, die es in den Bundesstaaten gab. Und genau dorthin brachte er nun seine Familie. Zum ersten Mal zweifelte er an seinem Vorhaben.

»Was tust du?«, wollte er wissen, als er zu Frances trat.

»Nichts Besonderes. Was soll ich denn tun, Bärentöter?«

»Du könntest Mutter helfen.«

»Ich kann vieles mit meinen Händen anstellen, wie du weißt. Kochen gehört nicht dazu.«

»Was sollen wir dann auf meiner Ranch essen?«

»Uns wird etwas einfallen.« Sie lachte ihr gurrendes Lachen und Jesse griff nach der Messinglaterne, die an der Seite des Planwagens hing, um sie zu entzünden. Die Dunkelheit brach früh herein an diesem Tag.

»Hat dein Bruder die blonde Heilige schon flachgelegt? So wie die ihn ansieht, sollte er leichtes Spiel bei ihr haben.«

»Woher soll ich das wissen?« Jesse setzte sich neben Frances auf die Deichsel, nahm ihr den Schirm ab und hielt ihn über sie beide.

»Würdest du sie gerne haben?«, bohrte sie nach. »Sie ist so rein und unverbraucht. Sieht in ihren hübschen Kleidchen aus wie ein Sahneklecks inmitten von Scheiße.«

Jesse lachte. »Das hast du treffend auf den Punkt gebracht.«

Frances’ Hand fuhr seinen Oberschenkel hinauf. »Erinnerst du dich an ihren Blick, als ich gesagt habe, ich komme aus dem Saloon in Memphis? Ich dachte, sie würde vor Entsetzen ersticken. Ich hätte es ihr nicht verraten sollen, während sie noch unter Schock wegen des Anblicks der Planwagen stand. Waren wohl zu viele schlechte Neuigkeiten an einem Tag.«

»Nun, wie es scheint, weiß sie auch, dass wir zwei gesuchte Banditen sind. Zusammen mit einer Hure sind wir nicht gerade die idealen Weggefährten.«

»Hat Silas das ausgeplaudert?«

»Nein, offenbar hat sie unseren Steckbrief gesehen und ist trotzdem gekommen. Ihre Verzweiflung, als alte Jungfer zu enden, ist wohl größer, als ich dachte.«

»Die Kleine wird aufgeben, Bärentöter, glaub mir. Diese Reise ist nichts für ein unschuldiges Ostküstenmädchen.«

»Ich hoffe, du behältst recht.«

»Was hältst du von ihrer Freundin, dieser Irin?«

»Keine Ahnung.« Jesse wiegte den Kopf hin und her. »Ich kann sie nicht einschätzen, aber ich werde mein Bestes geben, damit uns diese beiden Nervensägen bald wieder verlassen.«

»Kann ich dir dabei helfen?«

»Wenn du nicht noch irgendwo Geld versteckt hast, dann nicht«, erwiderte Jesse wahrheitsgemäß und Frances kuschelte sich an ihn.

»Ich werde dich auf andere Gedanken bringen.« Ihre Zunge kitzelte sein Ohr. »Ich wette, so etwas können diese unschuldigen Täubchen nicht.« Er zuckte kurz zusammen, als sie fand, wonach sie suchte, und bewunderte sie für ihre geschickten Finger, die ihn selbst auf der unbequemen Wagendeichsel zu erregen wussten. Ehe er sich versah, war sie in seiner Hose und umschloss ihn. Jesse musste sich beherrschen, um nicht laut aufzustöhnen. »Wir haben es seit drei Tagen nicht getan, Mr Kennedy. Ich muss darauf bestehen, dass Sie Ihre Pflichten erfüllen.«

Er glaubte zu explodieren und schielte zu Albert und seiner Mutter hinüber. »Nicht hier«, flüsterte er.

»Dann lass uns zu den Bäumen rübergehen.«

Sie brauchte ihn nicht lange zu überreden. Es mochte nicht eine seiner besten Ideen gewesen sein, Frances allein wegen ihres Geldes mitzunehmen, aber sie verstand es, ihn abzulenken. Er half ihr beim Aufstehen, hielt den Schirm über sie und geleitete sie zu der Baumgruppe in der Senke.

Kaum waren sie unter sich, lehnte sie sich gegen einen der Bäume und hob ihr Kleid. »Komm her, Bärentöter!«

Jesse warf den Schirm von sich, öffnete seine Hose und ging zu ihr. Spielerisch nahm sie ihm den Hut vom Kopf und setzte ihn sich auf.

»Nimm mich, Jesse«, hauchte sie und zog ihn zu sich heran.

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Ungestüm packte er ihre Hüften, hob sie an und drang in sie ein. All die Ärgernisse der letzten Tage verschwanden aus seinen Gedanken. In diesem Moment gab es nur noch Frances und den Regen, der sie beide durchnässte.

 

Silas wälzte sich unter der kratzigen Wolldecke herum. Er konnte nicht schlafen. Neben ihm schnarchten eingezwängt zwischen Kisten und Säcken Jesse und der kleine Albert. Doch es waren nicht die Geräusche der beiden, die ihn wachhielten. Es waren die Bilder in seinem Kopf. Jesse und diese Hure. Frances. Er hatte sie gesehen, wie sie inmitten der Bäume gevögelt hatten. Jesse hatte dieses Miststück wie den leibhaftigen Jesus gegen den Baum genagelt. Es glich einem Wunder, dass sie anschließend überhaupt noch hatte laufen können. Silas griff sich in den Schritt, um seine Hose zu lockern. Es ärgerte ihn, dass ihn dieses Ereignis derart erregte. Dabei verabscheute er Frances. Mädchen wie sie waren dafür verantwortlich, dass sein Vater tagelang nicht mehr nach Hause gekommen war. Es war eine Schande, dass Jesse diese Hure geheiratet hatte, auch wenn er zugeben musste, dass ihr Geld seiner Familie den Hals gerettet hatte. Sie allein hatte den zweiten Planwagen, das Ochsengespann und einen Großteil der Vorräte finanziert. Das waren beinahe 600 Dollar gewesen. Ohne sie wären sie niemals rechtzeitig aus Memphis rausgekommen. Russell Henricks hatte sich erstaunlich schnell erholt, und sein Hass war wie eine bösartige Gewitterwolke. Er hatte alles darangesetzt, um Jesse und ihn in die Finger zu bekommen. Glücklicherweise waren sie rasch über die Grenze geflohen, und da Henricks nicht wusste, wohin sie gegangen waren, war er auf die Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Doch in den winzigen Ortschaften, durch die sie kamen, hingen keine Fahndungsaufrufe. Die örtliche Verwaltung nahm es mit der Strafverfolgung nicht so genau. Silas war das nur recht. Je weiter sie sich von Missouri entfernten, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass man sie anhand ihres Äußeren oder ihrer Namen erkannte.

Er presste die Augen zu und versuchte, ruhig zu atmen. Dann stellte er sich Phoebe vor. Er sah sie vor sich, wie sie auf dem harten Schemel vor dem Wagen saß, als sei er ein Thron. Ihr blasses Gesicht war vom Wind gerötet, das feine Kleid voller Staub und Flecken. Ihr zerzaustes Haar war so hell wie das Morgenlicht und ihre Augen so blau wie der Himmel über ihnen. Alles an ihr war so zart und zerbrechlich wie chinesisches Porzellan. Sie passte ebenso wenig in diese Gegend wie ein Schoßhund. Doch gerade deswegen schnürte es Silas jedes Mal die Kehle zu, wenn er sie ansah. Er wollte sie beschützen, jede Grausamkeit von ihr fernhalten, aber Jesse hatte ihm von den Wintern in Montana erzählt, wo die Schneewehen höher wurden als das Dach eines Hauses. Es gab Blizzards, in denen man erfror, wenn man sich zu weit vom Schutz des Hauses entfernte. Silas fürchtete nicht nur die Gefahren der Reise, sondern dieses Land. Sein Bruder sagte, Montana könnte eine Frau zerquetschen wie Mühlsteine reifes Korn.

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960879169
ISBN (Buch)
9783968170442
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v515259
Schlagworte
Wild-er-West-e-n-roman-e Cow-boy-geschichte-n Familie-n-saga Liebe-s-roman Pionier-zeit-Amerika-roman mutig-e-Frau-en his-torisch-e-roman-e

Autor

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    Alexandra Fischer (Autor)

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Titel: Das wilde Herz des Westens