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Verlieben ist die beste Therapie

von Fiona Winter (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nachdem die 30-jährige Psychotherapeutin Hanna im Vollrausch ihren Job gekündigt hat, stürzt sie in eine tiefe Krise und sitzt plötzlich selbst einem Therapeuten gegenüber. Sie ist alles andere als begeistert, doch René ist nicht nur unverschämt attraktiv und setzt alles daran setzt, der sich sträubenden Hanna zu helfen, sondern weckt zu allem Überfluss auch noch Gefühle in ihr, die niemand für seinen Therapeuten haben sollte. Widerwillig lässt Hanna sich auf die Therapie ein, bis sie mit einem Trauma konfrontiert wird, dem sie sich nicht stellen will. Kann René Hanna helfen – oder kommen ihnen die Gefühle dazwischen?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-988-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-970-1

Covergestaltung: Tina Köpke
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © All for you friend und © Ljupco Smokovski
Lektorat: Mona Dertinger

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Kapitel 1

Meine Hand zitterte, als ich sie nach dem Klingelknopf ausstreckte. Ein Summen ertönte zum Zeichen, dass sich die Eingangstür entriegelt hatte. Zögernd stemmte ich sie auf.

Im Flur blieb ich stehen und musterte die unterschiedlich gestalteten Metallschildchen, die mir mitteilten, dass sich zwei Hausärzte, ein Kinderarzt, eine Versicherungsgesellschaft und – ich schluckte – eine psychotherapeutische Praxis in dem Haus befanden.

Obwohl mein Ziel im dritten Stock lag, wählte ich statt des Aufzugs die Treppe, um das, was mich an diesem eigentlich stinknormalen Donnerstagabend erwartete, noch ein paar Minütchen hinauszuzögern. Das Resultat war lediglich, dass ich schnaufend wie meine eigene Oma oben ankam und unter meinem Herbstmantel unangenehm schwitzte. Oh Gott, hatte ich ein Deo dabei? Mein Selbstbewusstsein war heute ohnehin schon im Keller, auch ohne dass ich durch penetranten Schweißgeruch die falsche Art von Aufmerksamkeit auf mich zog.

Was würde er von mir denken?

Mangelnde Körperhygiene, schoss es mir sofort durch den Kopf. Verwahrlosung.

Bevor sich meine Gedankenspirale verselbstständigte, brachte ich sie mit einem energischen gedanklichen Stopp! zum Stillstand.

„Ich bin keine Patientin“, murmelte ich wie ein Mantra vor mich hin. Dann schlug ich mir entsetzt die Hand vor den Mund und schielte zu der mattierten Glastür, durch die ich in den nächsten fünf Minuten würde gehen müssen.

Was, wenn er mich gehört hatte?

Selbstgespräche, Einsamkeit, soziale Abschottung. Oder aber Stimmen im Kopf. Psychose!

Ich krallte meine zitternden Finger um das Treppengeländer und zwang mich, ruhig in den Bauch zu atmen, wie ich es meinen eigenen Patienten tausende Male geraten hatte.

Ein, aus. Ein, aus.

Ich bin keine Patientin, sagte ich mir – diesmal nur in Gedanken. Ich hätte nicht herkommen sollen. Nein, ich hatte hier absolut nichts verloren. Mir ging es gut. Oder zumindest nicht so schlecht, dass ich … ihn brauchte. Ich hätte gegenüber Mira standhaft bleiben sollen, müssen. Aber mit dominanten Persönlichkeiten hatte ich schon immer meine Probleme gehabt. Vielen Dank auch, Mama.

Mein Blick fiel auf das Praxisschild:

Psychotherapeutische Praxis am Dom.

Es war größer und wies detailliertere Informationen auf als das, welches unten im Erdgeschoss hing. Und es war blau. Wer, bitteschön, hatte ein blaues Praxisschild? Fast hätte ich gelacht, wäre es nicht zufällig genau diese Farbe, die mir seit Tagen den Schlaf raubte. Wann immer ich etwas Blaues sah, stellte sich dieses Gefühl ein, eine Ahnung, als ob ich etwas Wichtiges vergessen hätte. Das Schlimmste aber waren die Träume. An Albträume war ich gewöhnt, doch diese Träume waren ganz anders, nervtötender, denn sie ließen mich nicht schweißgebadet aus dem Schlaf schrecken, sondern hinterließen vielmehr eine Melancholie, die mich den ganzen Tag begleitete.

Jetzt nicht durchdrehen, sagte ich mir. Ich zwang mich, die alberne Farbe zu ignorieren, und studierte stattdessen, was auf dem Praxisschild stand, um noch ein paar Minuten zu gewinnen. Anscheinend teilten sich mehrere Psychotherapeuten diese Praxis. Er stand an dritter Stelle aufgelistet. Er, mit diesem Namen, der jeder Verhaltenstherapeutin einen Schauer über den Rücken jagte.

René Freud.

Unwillkürlich schüttelte ich mich.

Dahinter stand: Psychologischer Psychotherapeut. Kognitive Verhaltenstherapie.

Erleichtert stieß ich den Atem aus, den ich unbemerkt angehalten hatte. Ich war zu feige gewesen, Mira nach seiner Therapierichtung zu fragen, weil sie nicht denken sollte, dass ich es auch nur in Erwägung zog, diese in Anspruch zu nehmen. Trotzdem beruhigte es mich, dass ich in wenigen Minuten immerhin keinem freud’schen, von meiner Kindheit besessenen Analytiker gegenübersitzen würde, sondern einem Kollegen. Einem Verbündeten im Geiste. Genau. Ich grinste.

„Sie lachen über meinen Namen, richtig?“

Ich fuhr herum.

Ein Mann stand im Türrahmen, groß, schlank, gutaussehend, viel mehr fiel mir zu seiner Beschreibung nicht ein, dazu schlug mein Herz zu heftig. Wir starrten einander an und ich meinte, einen überraschten Ausdruck in seinem Gesicht zu sehen.

Schnell wandte ich den Blick ab.

Konnte ein Mann seines Berufsstandes seine Mimik nicht besser im Griff haben? Aber sicher, es machte Sinn. Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass Miras Freundin mit den psychischen Problemen auch äußerlich dem entsprach, was man sich allgemein so vorstellte: eine blasse, ungepflegte Depressive mit stumpfem Blick.

Mein Gott, was hatte Mira über mich erzählt?

„Ich“, brachte ich hervor und realisierte, dass ich wieder zu Schwitzen angefangen hatte. Wahrscheinlich war ich sogar rot geworden. In den Bauch atmen. Ich straffte die Schultern, hob das Kinn und lächelte, während meine Augen einen willkürlichen Punkt auf seinem beigen, halboffenen Hemd fixierten. „Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, die Wörter Freud und Verhaltenstherapie in derselben Zeile zu lesen“, drückte ich mich so gewählt wie möglich aus, damit er ja gleich wusste, dass er es mit jemandem zu tun hatte, der ihm in Sachen Intellekt und Bildung ebenbürtig war. Endlich traute ich mich auch, ihm wieder ins Gesicht zu sehen. Das war also René Freud. Miras Studienfreund, von Beruf Psychotherapeut. Er konnte nicht viel älter sein als ich, wahrscheinlich knapp über dreißig, mit dunklen Haaren, die ihm in die Stirn fielen, und einem kleinen Grübchen am Kinn. Attraktiv, keine Frage.

Und die Augen … waren blau.

Ich spürte, wie mir das Blut, das eben noch dumpf hinter meinen Schläfen gepocht hatte, aus dem Gesicht wich.

Es war genau dasselbe strahlende Himmelblau wie das des Praxisschilds. Und es war nicht nur die Farbe. René Freuds Augen kamen mir absurderweise unglaublich bekannt vor.

Wir starrten einander an, sein Gesichtsausdruck hatte von Überraschung zu Verwirrtheit gewechselt.

Dieser Mangel an Professionalität!

Andererseits verschaffte mir seine Sprachlosigkeit Zeit, meine eigene Verstörtheit zu überspielen. Ich musterte ihn ein zweites Mal, diesmal von Kopf bis Fuß. Unter dem geöffneten beigen Hemd trug er ein dunkles T-Shirt, dazu hellblaue Jeans. Ich kam zu demselben Urteil wie schon wenige Sekunde zuvor: ein attraktiver Mann.

„Haben wir uns schon mal irgendwo getroffen?“, fragte ich schließlich, wobei meine Stimme leicht zitterte. Dabei wusste ich, dass ich ihm noch nie begegnet war. Aber diese Augen …

„Nein“, sagte Freud langsam und nach kurzem Zögern. Er schien mich mit seinem Blick durchbohren zu wollen.

Doch ich hielt ihm stand, jetzt, wo ich wusste, dass diese verflixten Träume mir nur einen weiteren Streich gespielt hatten, und machte mir noch eine gedankliche Notiz zu dem Mann vor mir: Starrt neue Patientin an.

Dann gab er das Blickduell endlich auf. „Sie sind also Miras Freundin?“, fragte er mit einem Lächeln, das auch seine angenehm tiefe Stimme gleich viel freundlicher klingen ließ. Er streckte mir die Hand entgegen.

„Johanna Heinrich“, stellte ich mich vor. Seine Hand umschloss meine einen Augenblick zu lange und mein Herz setzte einen Schlag aus. Ärgerlich über mich selbst schürzte ich die Lippen.

„Kommen Sie rein.“

Er führte mich durch einen verlassenen Wartebereich in einen ebenso stillen Flur.

„Der Rest der Praxis ist um diese Zeit leer“, erklärte er.

Natürlich war er das. Genau deswegen hatte ich ja darauf bestanden, um 20 Uhr abends herzukommen.

„Es ist sehr … freundlich von Ihnen, mich außerhalb Ihrer Sprechstunde zu empfangen“, besann ich mich widerstrebend auf meine Manieren. In Wahrheit war das nur ein weiterer Grund, diesem René Freud ein gesundes Maß an Misstrauen entgegenzubringen. Welcher seriöse Therapeut traf sich schon nach Feierabend mit einer potenziellen Patientin – selbst wenn es sich dabei um die Freundin einer Freundin handelte und das Ganze somit ein Freundschaftsdienst war. Entweder litt der Kerl unter einem ungesund ausgeprägten Helfersyndrom oder … nein, ein anderer Grund fiel mir nicht ein.

„Hier, bitte.“ Er hielt die Tür für mich auf, sodass ich mich an ihm vorbeiquetschen musste, um in den Raum zu kommen. Durch das Fenster fiel gerade genug Dämmerlicht herein, um mich erkennen zu lassen, dass die Einrichtung aussah wie die der meisten Therapeuten-Sprechzimmer, die ich bisher gesehen hatte: zwei sich gegenüberstehende Sessel, bequem, aber nicht zu bequem, dazwischen ein kleines Tischchen, auf dem eine Karaffe Wasser sowie zwei Gläser und die obligatorische Packung Kleenex bereitstanden. Rechts ein Schreibtisch mit Laptop und Drucker, links ein Bücherregal mit Fachliteratur.

Während ich nahe der Tür stehengeblieben war, ging Freud sofort hinüber zu den Sesseln und schaltete die Stehlampe an, die daneben stand.

Der Raum wurde in warmes Licht getaucht und ich erstarrte. Mein fassungsloser Blick huschte von den Wänden zu den Sesseln, zum Beistelltischchen und zuletzt zum Blumentopf der Zimmerpalme, die am Fenster stand. Alles blau.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Freud mit sanfter Stimme.

Ich wollte antworten, brachte jedoch nur ein Krächzen zustande. Also schüttelte ich einfach den Kopf.

„Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.“

Wenn Gespenster blau wären, hätte er sich sicher auch eins in sein Sprechzimmer gestellt.

„Nein.“ Ich räusperte mich. „Alles in Ordnung.“

Um meinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, nahm ich in einem der blauen Sessel Platz. Während der Therapeut sich ebenfalls setzte, rasten meine Gedanken. Das hier würde auf keinen Fall funktionieren. Nur wie machte ich das Freud am besten klar, ohne dass es auf ihn wie der typische Widerstand einer psychisch labilen Patientin wirkte, die einfach nicht einsehen wollte, dass sie Hilfe brauchte?

Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und die Hände im Schoß gefaltet. Mit einem ermutigenden Lächeln sah er mich an. „Also, wieso sind Sie hier?“

Das wusste er natürlich ganz genau.

Es war typisch Therapeut, dass er mich mein Problem, das ich ja gar nicht hatte, in eigenen Worten zusammenfassen lassen wollte. Nicht, dass ich das nicht auch so machen würde, nur saß ich gerade leider auf der falschen Seite.

„Hören Sie …“, begann ich und hoffte beinahe, dass er mich unterbrechen würde, denn ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich sagen wollte.

Natürlich tat er nichts dergleichen.

Mein peinliches Schweigen füllte den Raum.

Freud hob die Augenbrauen und nickte mir lächelnd zu.

Ich stieß lautlos die Luft aus. „Eigentlich … Um ehrlich zu sein …“ Ich seufzte. „Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mich gleich für jemanden halten, der die Augen vor seinen Problemen verschließt: Das hier ist keine gute Idee.“

„Welche Probleme?“

„Was?“

„Sie sagten, ich könnte Sie für jemanden halten, der die Augen vor seinen Problemen verschließt. Welche Probleme haben Sie denn Ihrer Meinung nach?“

Verdammt, er war gut! Nach der Palette an Unprofessionalitäten, die er sich in den ersten fünf Minuten geleistet hatte, hätte ich ihm eine solche Raffinesse nicht zugetraut. „Nun, Sie werden mir sicherlich zustimmen, wenn ich sage, dass jeder Mensch so seine Probleme hat“, begann ich vorsichtig.

„Absolut.“

„Und nicht alle Probleme bedürfen der … nun, Behandlung durch einen Spezialisten.“

„Sie meinen einer Therapie.“

„Ja, genau“, sagte ich patzig. Natürlich musste er auf diesem Wort herumreiten.

Ich erhob mich. „Es tut mir außerordentlich leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe, Herr Freud.“ Ich streckte die Hand aus, doch anstatt ebenfalls aufzustehen, blieb er einfach sitzen, ignorierte meine Hand und sah mir offen ins Gesicht. Mit diesen furchtbar blauen Augen, vor denen ich einfach nur flüchten wollte.

„Wieso sind Sie überhaupt gekommen, wenn Sie das hier für einen Fehler halten?“

Ich ließ meine Hand sinken. „Sie kennen doch Mira.“ Dann stieß ich ein Lachen aus, das locker und beiläufig hatte klingen sollen, das sich aber einfach nur falsch und ein bisschen hysterisch anhörte.

„Sie kann sehr hartnäckig sein“, nickte Freud. Sein Lächeln war verschwunden. „Korrigieren Sie mich ruhig, aber Sie scheinen mir auch kein Mensch zu sein, der sich zu etwas überreden lässt, das Sie absolut nicht wollen.“

Bevor ich etwas dazu sagen konnte – und ich hatte eine Menge dazu zu sagen – fuhr er bereits fort: „Sie hatten doch bestimmt auch schon Patienten, die sich freiwillig zu einer Therapie entschlossen haben, aber beim Vorgespräch plötzlich sagten, dass sie eigentlich keine Hilfe bräuchten und wunderbar alleine zurechtkämen.“ Keine Frage, eine Feststellung.

Ich presste die Lippen aufeinander.

„Jetzt sind Sie wütend“, stellte er fest. Und lächelte. Lächelte!

„Überhaupt nicht“, log ich. „Sie schätzen mich nur völlig falsch ein.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich“, gab ich zurück und versuchte, nicht allzu unwirsch zu klingen. „Ich habe eine ziemlich autoritäre Mutter, wissen Sie. Und wenn eine dominante Person wie Mira mich drängt, etwas zu tun, und einfach nicht lockerlässt …“ Ich lächelte ebenfalls, entwaffnend, wie ich hoffte, denn mir war eine Idee gekommen. „… neige ich dazu, nachzugeben. Auch wenn ich eigentlich weiß, dass es falsch ist.“

„Wirklich?“ Sein Lächeln veränderte sich, wurde weicher.

Er hatte den Köder geschluckt, natürlich hatte er das. Therapeuten glaubten Patienten erst, wenn diese mit persönlichen Informationen, am besten solchen über Familie und/oder Kindheit um sich warfen.

Ich nickte und schaute gespielt peinlich berührt zu Boden. „Normalerweise spreche ich nicht darüber.“ Zu dick aufgetragen? Ich schielte in sein Gesicht, doch er blickte immer noch voller Wärme zu mir hoch. „Hören Sie, ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass Sie mir helfen wollen – und das auch noch außerhalb Ihrer Sprechzeiten. Es tut gut, zu wissen, dass es noch solche Menschen gibt. Und wer weiß, vielleicht komme ich eines Tages darauf zurück. Wenn ich tatsächlich mal Probleme habe, die einer … einer Therapie bedürfen.“

Da stand Freud endlich ebenfalls auf.

Ich musste meine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht triumphierend zu grinsen. Jetzt schnell die Hand schütteln und nichts wie raus hier. Da hatte ich gerade nochmal die Kurve gekriegt! Aber Therapeuten waren eben auch nur Menschen. Ein bisschen Geschmeichel hier, ein paar lobende Worte dort … Wenn ich es mir recht überlegte, war der Umgang mit einem Therapeuten dem mit einem Patienten erschreckend ähnlich.

„Es war schön, Sie kennenzulernen“, sagte ich herzlich und hielt ihm abermals meine Hand hin.

Diesmal ergriff er sie. Er lächelte mir ins Gesicht, während er sagte: „Und wenn Sie dann mit Ihrem Schauspiel fertig sind, wollen Sie mir vielleicht endlich erzählen, weshalb Sie wirklich hier sind?“

Ich starrte wie hypnotisiert in seine Augen. Und lief rot an, während ich ihm meine vor Scham zitternde Hand entriss.

„Frau Heinrich …“, sagte er sanft. „Sie wissen doch am besten, dass niemand Sie hierzu zwingen kann. Sie hätten sich jederzeit einfach umdrehen und die Praxis verlassen können. Aber da Sie trotz Ihres Widerwillens noch hier sind, drängt sich mir die Frage auf, ob Sie es tief in Ihrem Inneren nicht vielleicht doch versuchen wollen?“

Oh nein, bitte nicht diese Nummer. „Ich weiß genau, was Sie da tun“, presste ich hervor, ohne ihn anzusehen.

„Was tue ich denn?“

„Obwohl ich Sie verar… reinlegen wollte, geben Sie sich so übertrieben nett und hilfsbereit, dass ich gar nicht guten Gewissens gehen kann.“

„Dann hat es ja bestens funktioniert.“

Ich sah in sein belustigtes Gesicht und konnte nicht anders. Ich musste lächeln.

„Warum setzen Sie sich nicht wieder, ich mache uns einen Tee, und Sie erzählen mir alles von Anfang an?“

Tee, na klar.

„Hat Mira das nicht schon getan?“

„Nein, sie hat nur gesagt, dass es Ihnen nicht gut geht.“

Ich war tatsächlich geneigt, ihm zu glauben. Wie machte er das nur?

„Schön“, sagte ich. „Aber nur, wenn Sie statt des Tees auch einen Kaffee haben.“

„Natürlich“, sagte Freud, ohne mit der Wimper zu zucken, und verließ das Sprechzimmer.

Kapitel 2

Alles war in bester Ordnung gewesen, bis zu jenem verhängnisvollen Mittwochabend vor zwei Monaten.

Klassentreffen. Wer dachte sich so was überhaupt aus? Andererseits musste ich mein Leben nicht verstecken, im Gegenteil. Was die Beziehungsseite zu wünschen übrig ließ, machte mein Beruf spielend wett. Wie viele meiner Ex-Schulkameraden von sich wohl dasselbe behaupten konnten? Ich sah beklagenswerte Häufchen von Langzeitstudenten zusammensitzen, sich betrinken und über ihre harte Lebensgeschichte aus abgebrochenen Studiengängen und das Zusammenwohnen mit Mutti lamentieren. Mit diesen Bildern im Kopf stand ich um Punkt acht vor der Sporthalle, in der ich vor zwölf Jahren mein Abizeugnis überreicht bekommen hatte. Der Anblick dieser Halle, die sich in all der Zeit zumindest äußerlich kein bisschen verändert zu haben schien, schaffte es nicht, mir irgendeine emotionale Reaktion zu entlocken. Zu häufig war ich während der letzten Jahre auf dem Schulgelände gewesen, um meine Schwester abzuholen, die seit dem Abschluss ihres Studiums hier als Lehrerin arbeitete. Und die, warum auch immer, sowohl mit ihrer Berufswahl als auch mit ihrem Arbeitsplatz beneidenswert glücklich war.

Draußen an der Doppelglastür der Halle hing ein riesiges weißes Tuch, auf das mit roter Farbe Abijahrgang ’07 geschmiert worden war. Da fühlte man sich doch direkt in die gute alte Zeit zurückversetzt. Auf dem Schulhof hatte jemand ein paar Tische und Bänke platziert, an denen nun Leute in meinem Alter zusammensaßen und sich anscheinend wunderbar amüsierten. Hauptsächlich Raucher, wie mir auffiel, denn eigentlich war die Jahreszeit fürs Draußensitzen vorbei. Ich musterte die Männer in ihren Jeans und farbenfrohen Hemden, die Frauen in Röcken oder teilweise auch in Hosen und Sneakers. Auf den ersten Blick kam mir keiner von ihnen bekannt vor. In der Vorhalle hatte jemand Unmengen von Luftballons mit Schriftzügen wie Willkommen, Happy Reunion und Party! verteilt. Konfetti bedeckte den Boden und laute Musik und Stimmen schallten aus der Turnhalle. Ich öffnete meinen Mantel und schaute verzweifelt an mir hinunter. Ich war absolut overdressed in meinem schwarzen engen Kleid mit den dazu passenden Pumps. Meine hellbraunen, normalerweise glatten Haare hatte ich zu verspielten Wellen gedreht, sodass sie mir nun weich bis auf die Schultern fielen. Ein Aufreißerlook – und ja, verdammt, ich hatte es nötig. Aber wollte ich das ausgerechnet meinen ehemaligen Schulkameraden auf die Nasen binden?

Noch konnte ich einfach wieder gehen, noch hatte mich niemand erkannt. Durch die Glaswand, die die eigentliche Sporthalle vom Vorraum trennte, sah ich Tische mit Büffet und Getränken, und sogar eine Band spielte auf der kleinen Bühne. Auf dieser Bühne hatte ich auch mal gestanden. Das musste in der sechsten Klasse gewesen sein, bei einer Tanzaufführung. Ein eher wenig erinnerungswürdiges Ereignis. Zwar hatte ich die Aufführung ohne Patzer hinter mich gebracht, doch schon von der Bühne aus hatte ich den verkniffenen Ausdruck um den Mund meiner Mutter erspäht. Auf dem Heimweg hatten meine Eltern, wie so oft in jener Zeit, kein Wort miteinander gewechselt.

Ein Brummen begleitet von Vibrationen riss mich aus meiner Erinnerung. Ich verdrehte den Arm, um in meiner Handtasche, die an einem sehr kurzen Riemchen unter meiner Achsel baumelte, nach dem Smartphone zu wühlen, doch als ich es endlich hervorgeangelt hatte, war es natürlich längst wieder verstummt.

Ein Anruf in Abwesenheit. Von Lini, meiner Schwester.

Ich seufzte lautlos. Sie wusste, dass ich heute dieses Klassentreffen hatte. Die Tatsache, dass sie trotzdem anrief, konnte nur eins bedeuten: Stress mit Mama. Und nur weil Lini schon siebenundzwanzig war, hieß das nicht zwangsläufig, dass sie sich gegen Mutter durchsetzen konnte. Das verstand niemand besser als ich.

Mit dem Smartphone in der Hand strebte ich dem Ausgang zu. Sei’s drum, dieser Abend war ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen.

„Hanna?“

Gerade hatte ich die Rückruftaste drücken wollen. Ich fuhr herum und sah einen blonden Mann in meinem Alter in der offenen Tür zur Sporthalle stehen. Als er mein Gesicht sah, wurde sein Grinsen noch breiter. „Du bist es wirklich!“

Er kam auf mich zu, breitete die Arme aus und drückte mich an sich. Er roch nach einem zu süßen Parfüm und Partyschweiß.

Erst als er mich wieder losließ, fiel endlich der Groschen. Sascha! SMS-Beziehung in der neunten Klasse. Danach waren wir uns ein paar Jährchen beschämt aus dem Weg gegangen, bis wir in der Zwölften im selben Deutschleistungskurs gelandet waren und eines Nachts auf einer Party betrunken hinter der Sporthalle geknutscht hatten.

„Hi …“, sagte ich langgezogen und ließ mir Zeit für eine ausführliche Musterung. Die Jahre hatten Sascha nicht geschadet, im Gegenteil. Die damals zur Igelfrisur gegelten Haare trug er jetzt ein bisschen länger, sodass sie ihm sicherlich gewollt unordentlich ins Gesicht fielen. Um den Mund hatten sich ganz kleine, süße Lachfältchen gebildet. Statt Baggy-Hosen trug er jetzt normale Jeans und darüber ein rotes Poloshirt.

Ich lächelte ihn an. Damals, nach unserer Knutscherei, hatte er mir noch wochenlang Blicke zugeworfen, die ich geflissentlich ignoriert hatte. Was wäre wohl gewesen, wenn ich sie erwidert hätte? Wären wir ein Paar geworden? Vielleicht heute immer noch zusammen? Doch mein naives achtzehnjähriges Selbst hatte natürlich nicht ahnen können, dass ich dreizehn Jahre später noch immer nichts Besseres abbekommen hatte.

„Und? Wie geht’s so?“, fragte er.

„Gut, gut. Und selbst?“ Wenn er mir jetzt von seiner glücklichen Ehe und den drei Kindern vorschwärmte, würde ich mich umdrehen und heimfahren, vielleicht auf dem Weg noch irgendwo einen Liter Eiscreme kaufen und mich in mein Bett verkriechen.

„Ach, kann nicht klagen.“ Er machte eine kurze Pause und ein schelmisches Funkeln schlich sich in seine braunen Augen. „Du bist noch hübscher als früher, weißt du das?“

Als sich unsere Blicke trafen, flatterte es in meiner Magengegend.

„Komm mit rein, da sind ein paar aus unserem Deutsch-LK.“

Als ich ihm folgte, formte sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht. Vielleicht war es ja doch genau das Richtige gewesen, heute Abend hierherzukommen. Ich steckte mein Smartphone weg und ignorierte den Stich, den mein Gewissen mir verpasste.

 

Das alles ließ ich in meinem Kopf Revue passieren, während ich mich an der heißen Kaffeetasse festhielt, den erwartungsvollen Blick aus René Freuds blauen Augen ignorierend.

Wie vielversprechend der Abend begonnen hatte. Hätte Sascha mich doch bloß gar nicht erst durch die Glastür gesehen oder hätte ich doch nur auf mein schlechtes Gewissen gehört und Lini zurückgerufen, statt mich in die naive Hoffnung zu stürzen, dieser Abend könnte irgendwoanders als in einer totalen Katastrophe enden.

„Fangen Sie doch einfach am Anfang an“, ermunterte mich Freud, in der Hand ebenfalls eine dampfende Tasse, allerdings mit Pfefferminztee.

Schritt 1: Abklärung der Lebens- und Krankengeschichte. Den anderen Punkt, mit dem man in einer kognitiven Verhaltenstherapie, eigentlich in jeder Art von Therapie, begann, nämlich den Aufbau der therapeutischen Beziehung zum Patienten, hatten wir ja schon außerordentlich erfolgreich abgehakt.

Ich sah Freud an, sah direkt in diese blauen Augen, die mich einmal mehr aus dem Konzept brachten. Wie sollte ich gerade diesem Mann meine Geschichte erzählen?

Mit zittriger Hand zwirbelte ich eine Haarsträhne, dann schnappte ich mir meine Tasche und stand auf. „Tut mir leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe“, stammelte ich und flüchtete.

 

Was hatte sich Mira nur dabei gedacht? Das fragte ich mich noch immer, als ich wenig später meine Wohnungstür aufschloss. Das alles noch mal durchzukauen machte es doch auch nicht ungeschehen. Und dann ausgerechnet mit einem Mann, der viel eher auf das Titelblatt einer Zeitschrift passte als in ein Therapeuten-Sprechzimmer.

Jedenfalls bereute ich es kein bisschen, das Gespräch mit René Freud abgebrochen zu haben. Im Gegenteil, das war wahrscheinlich sogar die vernünftigste Entscheidung der letzten Wochen gewesen.

Kaum war die Tür hinter mir ins Schloss gefallen, empfing mich die Leere meiner Single-Wohnung, die gar nicht so sehr davon herrührte, dass ich allein lebte, sondern eher davon, dass ich mich in letzter Zeit viel zu oft hier aufgehalten hatte.

Nachdem ich meinen Mantel aufgehängt und die Handtasche ordentlich auf dem Beistelltisch an der Wohnungstür platziert hatte, ließ ich mich erschöpft aufs Sofa fallen. Mit den Händen fuhr ich über den beigen Stoff, suchte Halt, den ich nicht fand. Kraftlos ließ ich mich zur Seite fallen, den Kopf auf die Armlehne sinken und schloss die Augen. Wenn ich einfach einschlafen könnte, alles vergessen, einfach bis morgen Mittag durchschlafen, vielleicht sähe die Welt dann schon ganz anders aus. Doch Schlaf war mir in letzter Zeit viel zu selten vergönnt.

Seufzend raffte ich mich vom Sofa auf und ging ins Nebenzimmer, das in dieser Zweizimmerwohnung eigentlich als Schlafzimmer dienen sollte. Doch mein Bett stand mittlerweile im Wohnzimmer. Der Grund – oder vielmehr die dreizehn Gründe – dafür empfingen mich mit aufgeregtem Gequieke, als ich die Tür öffnete.

Ich bewegte mich routiniert durch das Labyrinth aus selbstgezimmerten Holzställen, kraulte ein Meerschweinchen hier und füllte dort etwas Heu auf. Dann ließ ich mich in der Mitte des Zimmers, von wo aus ich alle Ställe durch ein einfaches Ausstrecken der Hand erreichen konnte, auf den Boden sinken und gab mich ganz der Interaktion mit den Tieren hin. Dreizehn Meerschweinchen in drei Ställen.

Ich fragte mich, was René Freud wohl dazu sagen würde. Bestimmt, dass ich durch all die Haustiere irgendwas zu kompensieren versuchte.

Wahrscheinlich das Fehlen eines Partners, der Klassiker.

Oh, wie gut konnte ich mir diese blauen Augen vorstellen, eine Mischung aus Mitleid und väterlicher Strenge im Blick, während er mir mit seiner ruhigen Stimme erklärte, dass ich versuchte, die durch Einsamkeit verursachte Leere in meinem Inneren durch die Meerschweinchen zu füllen. Dabei war die Erklärung viel naheliegender und enttäuschend banal: Vor zwei Jahren hatte ich drei Meerschweinchen von einer Notfallstation aufgenommen. Damit hätte die Sache auch eigentlich schon erledigt sein sollen. Eine normale Anzahl Haustiere für eine normale, alleinstehende, berufstätige Frau.

Ein halbes Jahr später fragte die Notfallstation an, ob ich noch drei Meerschweinchen nehmen könnte, nur vorübergehend natürlich, weil sie nicht wussten, wohin mit den Tieren. Wer konnte da schon Nein sagen? Eins von den zwei Weibchen war anscheinend schon vorher schwanger gewesen, das zweite wurde von dem dritten im Bunde, einem Bock, in andere Umstände gebracht, noch bevor mich die Notfallstation ein paar Tage später unter tausend Entschuldigungen anrief, weil sie vergessen hatten, mir zu sagen, dass der Bock nicht kastriert und daher bitte von den Weibchen getrennt zu halten sei. Zwei Monate später waren die sechs erwachsenen Tieren durch die 7 Neugeborenen komplettiert worden. Mittlerweile waren alle Männchen kastriert und ausreichend große Gehege waren gebaut worden, doch eine Vermittlung durch die Notfallstation ließ noch immer auf sich warten. Ich hatte mich damit abgefunden, was blieb mir auch übrig? Und da ohnehin kein Partner in Sicht war …

Die Türklingel schellte und riss mich aus meinen Gedanken. Ich verfrachtete alle Meerschweinchen zurück in ihre Ställe und ging an die Sprechanlage.

„Ich bin’s!“, drang Miras energische Stimme aus dem Hörer und ich drückte auf den Türöffner, ohne etwas zu erwidern. Dann stieß ich einen abgrundtiefen Seufzer aus. Unangemeldete Besuche konnte ich schon aus Prinzip nicht leiden. Wofür gab es schließlich Handys, wenn nicht, um die Welt von der Peinlichkeit dreckigen Geschirrs in der Küche und eines unaufgeräumten Wohnzimmers im Angesicht unerwarteter Gäste zu bewahren?

Aber ausgerechnet Mira ausgerechnet heute setzte diesem unterirdischen Tag noch die Krone auf. Vielleicht sollte ich ihr einfach ins Gesicht sagen, dass ich wegen ihrer bescheuerten Idee mit René Freud gerade den schlimmsten Tag seit Langem gehabt hatte.

Gut, ich hätte mich von ihr nicht dazu überreden lassen müssen, sagte die Therapeutin in mir, der es so gar nicht gefiel, wenn jemand die Verantwortung für die eigenen Handlungen so rigoros auf andere abwälzte. Doch selbst dieser Teil von mir musste zugeben, dass gegen Mira kaum bis gar kein Ankommen war.

„Und? Wie war’s?“, trällerte sie, noch bevor sie einen Schritt über die Türschwelle gesetzt hatte.

„Kannst du bitte deine Schuhe ausziehen?“

Mira folgte meiner Aufforderung, ohne ihren durchdringenden Blick auch nur eine Sekunde von mir zu nehmen.

„Möchtest du einen Kaffee? Tee?“

„Pfefferminz, wenn du hast.“

Ich warf ihr einen spöttischen Blick zu, doch die Ungeduld in ihrem Gesicht ließ mich sofort wieder wegschauen. Gleich zwei Pfefferminzteetrinker an einem Tag. Wahrscheinlich hatten Mira und Freud sich so kennengelernt: In der Uni-Cafeteria, beim Pfefferminzteetrinken.

„Wie war’s?“, fragte Mira noch einmal, noch drängender.

Ich füllte gerade Wasser in den Wasserkocher und hatte dadurch zum Glück allen Grund, ihr den Rücken zuzudrehen.

„Super, wirklich.“ Das hatte eigentlich ironisch klingen sollen, doch nicht einmal dafür hatte ich die Kraft. So konnte meine Antwort durchaus als ernst gemeint durchgehen. Eine Lüge, zwar unbeabsichtigt, aber falls das Mira zufriedenstellte, warum nicht? Ich goss etwas Milch in meinen Kaffee und sog den köstlichen Geruch ein, wohl wissend, dass ich um diese Uhrzeit mit einer weiteren schlaflosen Nacht dafür bezahlen würde.

Ich hielt Mira ihren Tee hin, den sie wortlos entgegennahm. Ihre braunen Augen hatten sich nachdenklich verengt. „Es war ein Reinfall …“, sagte sie schließlich. „Nur verstehe ich nicht, wieso.“

Meine Hand, die die Kaffeetasse hielt, begann zu zittern. Hatte dieser unprofessionelle Mensch, der sich Psychotherapeut schimpfte, Mira tatsächlich alles erzählt! „Frag doch ihn“, presste ich hervor und nahm schnell einen Schluck Kaffee, bevor ich an meiner Wut erstickte.

Mira blinzelte mich überrascht an, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. Vor Schreck ließ ich fast meine Tasse fallen.

„Ach, Hanna, du bist mir ja eine! Da steht dir dick und fett auf die Stirn geschrieben, dass das heute komplett nach hinten losgegangen ist, und du denkst, René hätte es mir erzählt? Meinst du, der hat nichts Besseres zu tun, als mich sofort anzurufen und mir brühwarm von seinen Patienten zu berichten?“

„Ich bin keine Patientin“, nuschelte ich.

Mira ignorierte mich. „René nimmt seine berufliche Verantwortung ebenso ernst wie du und ich, Hanna. Klar tauscht man sich hin und wieder über Fälle aus, das kennst du bestimmt aus deiner Zeit in der Gemeinschaftspraxis. Aber er würde mir niemals etwas über eine Person erzählen, die ich kenne!“

Huch, war sie jetzt angefressen? So leidenschaftlich wie sie zur Rettung von Freuds beruflicher Ehre eilte … vielleicht war sie ja doch in ihn verschossen. Ich musterte Mira mit ihren seidig glatten schwarzen Haaren, der makellosen Haut und den großen Augen und stellte sie mir neben René Freud vor.

Orientalische Schönheit und Männermagazin-Model.

Aus irgendeinem Grund zog der Gedanke meine Laune noch tiefer in den Keller.

Mira schnalzte mit der Zunge. „So, und jetzt erzähl mir mal, was genau schiefgelaufen ist.“

„Ich bin wirklich müde und wollte eigentlich -“

„Du und ich, wir wissen beide, dass ich nicht gehe, bevor du mir alles erzählt hast“, fiel Mira mir ins Wort. „Es ist ja nur zu deinem Besten.“

Und während ich ihr natürlich doch von meinem Treffen mit Freud erzählte, war ich insgeheim dankbar, nur Miras Freundin und nicht eine ihrer Patientinnen zu sein.

Nachdem ich geendet hatte, schien Mira sprachlos, ein äußerst seltenes Phänomen bei ihr. Wahrscheinlich angesichts der Unprofessionalität ihres Studienfreundes, begann ich mir gerade einzureden, als Mira langsam den Kopf zu schütteln begann, ganz die enttäuschte Therapeutin, welcher der Sexsüchtige gerade erklärt hatte, dass seine Nacht wieder mal mit einem One-Night-Stand geendet hatte. „Ich muss sagen, ich hätte etwas mehr von dir erwartet.“

„Ich bin nicht deine Patientin, Mira.“

„Aber du führst dich auf, als wärst du’s. Ach was, eigentlich führst du dich noch viel, viel schlimmer auf! Nicht mal eine einzige Stunde, Hanna? Du weißt doch, dass man über Ärzte sagt, sie seien selbst die schlimmsten Patienten. Tja, anscheinend trifft das auch auf Psychotherapeuten zu.“

„Jetzt übertreibst du aber.“

„Ich übertreibe?“

Sie setzte zu einer weiteren Schimpftirade an, doch ich unterbrach sie: „Wieso regst du dich eigentlich so auf?“

Das schien sie einen Moment lang aus dem Konzept zu bringen. „Wieso ich mich so aufrege?“ Sie blinzelte mich verständnislos an. „Weil ich mir Sorgen um dich mache. Ich will dir helfen, verstehst du das denn nicht?“

Ich wollte etwas antworten, doch anscheinend erwartete Mira weder eine Antwort, noch wollte sie eine. „Schon klar, du brauchst meine Hilfe nicht, das wolltest du doch sagen, oder? Und schon gar nicht, wenn diese Hilfe darin besteht, dich dazu zu bringen, mit jemandem über deine Probleme zu sprechen. Aber meinst du nicht, das geht jedem einzelnen Patienten so, der zu uns kommt? Es ist verdammt noch mal nicht leicht, sich einer fremden Person zu öffnen und den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen, das solltest du eigentlich am besten wissen. Und trotzdem geht es den meisten Patienten hinterher besser. Weil sie sich zusammenreißen und Mühe geben, weil sie verstanden haben, dass es von selbst nicht besser wird. Dass sie etwas tun müssen, um sich besser zu fühlen.“

Während Miras Ansprache war ich immer kleiner geworden.

Ich wollte etwas entgegnen, etwas wie: Mir geht es aber gut, ich brauche wirklich keine Hilfe.

Aber das würde sie mir nicht glauben. Und das Schlimmste war: Für einen winzigen Moment lang war ich mir nicht sicher, ob ich mir selbst glaubte.

„Schön, dann ruf ihn halt an und mach mir einen neuen Termin, wenn du es für so wichtig hältst.“

Mira lächelte. „Oh nein, meine Liebe. Du weißt doch, was der erste Schritt ist, oder?“

Ich hoffte inständig, dass sie nicht meinte, was ich dachte, was sie meinte.

Doch Mira nickte bestätigend, als sie meine Miene sah. „Zuerst musst du dir selbst eingestehen, dass du Hilfe brauchst. Und dann rufst du René schön selbst an und bittest ihn um einen neuen Termin.“

Kapitel 3

Wieder nahm ich die Treppe statt des Aufzugs, wieder aus demselben Grund. Hätte ich gekonnt, wäre ich auch gern rückwärts auf Händen die Stufen hochgestiegen, nur um weitere anderthalb Minuten zu gewinnen.

Was Mira mir an jenem Tag verbal um die Ohren gehauen hatte, war mir vernünftig vorgekommen. Zumindest an dem darauffolgenden Wochenende, an dem ich antriebslos und voller negativer Gedanken, die sich zu allem Überfluss auch noch im Kreis drehten, in meiner Wohnung auf und ab marschiert war. Keine Entspannungs-, keine Atemtechnik hatte mich beruhigen können, und ich war kurz davor gewesen, es mit Yoga zu versuchen. Viele meiner Kollegen schworen darauf. Aber dazu hatte ich mich dann doch nicht aufraffen können.

Ein weiteres Gespräch mit René Freud, was sollte es schon schaden?

Und wer konnte es schon wissen, vielleicht half es mir ja wirklich?

Schon am Samstag hatte ich mehrmals zum Telefon gegriffen, nur um bei der Erinnerung an diese blauen Augen noch vor dem ersten Tuten wieder aufzulegen. Wenn mir jemand helfen konnte – wovon ich nicht überzeugt war -, dann doch nicht ausgerechnet er! Vielleicht sollte ich Mira fragen, ob sie mir nicht einen anderen befreundeten Therapeuten empfehlen konnte? Vorzugsweise weiblich oder zumindest einen, der nicht so jung und nicht so … – selbst in meinen eigenen Gedanken traute ich mich fast nicht, das Problem auf den Punkt zu bringen – … gutaussehend war. Schön, jetzt war es raus. René Freud gefiel mir. Rein äußerlich, versteht sich. Diese abnorme Engelsgeduld und das Mutter-Theresa-Gehabe waren komplett übertrieben. Andererseits waren das genau die Eigenschaften, dank derer er mir helfen wollte, ohne dass ich offiziell seine Patientin war. Unter der Hand gewissermaßen. Und es war mehr als fraglich, ob Mira noch jemanden kannte, der gewillt war, unentgeltlich etwas in seiner Freizeit zu tun, wofür er normalerweise bezahlt wurde. Der ein oder andere Kollege – mich selbst eingeschlossen – würde solch ein Verhalten sogar als unseriös bezeichnen.

Nein, ich wusste, es hieß entweder René Freud oder eine echte Therapie mit Diagnose, Brief an meine Krankenkasse, einer vorgeschriebenen Anzahl an Stunden. Was natürlich ohnehin nicht infrage kam, schließlich hatte ich nicht die Art von Problem, derer sich ein echter Therapeut annahm. Mein Leben war derzeit vielleicht etwas ins Schlingern geraten, eventuell könnte ich von einer Art Beratung profitieren, die mir dabei half, auf den richtigen Weg zurückzufinden. So gesehen war das, was René Freud mir anbot, eigentlich perfekt.

Also hatte ich ihn angerufen. Am Sonntag, wohl wissend, dass nur der Anrufbeantworter drangehen würde. Mit ruhiger Stimme hatte ich die vorher einstudierten Sätze vorgetragen. Und gewartet. Die Nacht von Sonntag auf Montag hatte ich an Schlaf nicht mal denken können.

Und dann war sie da gewesen, die E-Mail mit der Terminbestätigung. Professionell, kein Satz zu viel, eine Standard-E-Mail, die mich aus unerfindlichen Gründen ärgerte. Und ein Termin für Montagabend, noch am selben Tag! Ich war kurz davor, zurückzuschreiben und abzusagen. Wer vergab schon so kurzfristig Termine? Da hatte der Durchschnittsmensch doch schon was vor, oder hatte der liebe Herr Freud kein Privatleben?

Und doch war ich hier, pünktlich um fünf Minuten vor acht, und kämpfte mich die Stufen hoch. Oben ging ich vorbei an dem lächerlichen blauen Praxisschild, stellte mich vor die mattierte Glastür und drückte auf die Klingel. Während ich die Sekunden zählte, lauschte ich dem Wummern meines eigenen Herzschlags.

Die Tür wurde geöffnet und ich blickte direkt in René Freuds strahlendes, warmes Lächeln. Schnell wandte ich den Blick ab, bevor mich seine Augen wieder gefangen nahmen. Heute trug er einen dunkelroten Rollkragenpulli mit schwarzen Jeans und sah darin sogar noch besser aus als letzte Woche.

„Schön, dass Sie wieder da sind“, sagte er und hielt mir die Hand hin.

Ich nickte stumm und zögerte, bevor ich seine Hand für den Bruchteil einer Sekunde schüttelte und sie dann auf der Stelle wieder losließ. Trotzdem verursachte die kurze Berührung ein wohliges Kribbeln meinen ganzen Arm hinauf.

Freud schien das nicht aufzufallen. Er hielt mir die Praxistür auf und ließ mich im Wartezimmer stehen, während er in der Küche verschwand. „Kaffee mit Milch, aber ohne Zucker, richtig?“, rief er mir zu.

„Ähm, ja, richtig. Danke.“

Meine Güte, wer war dieses Mäuschen und was hatte es mit der selbstbewussten Frau gemacht, die normalerweise in diesem Körper steckte? Peinlich war gar kein Ausdruck dafür, wie ich mich hier aufführte, gerade so, als stünde ich als Sechzehnjährige meinem Schulschwarm gegenüber.

Der zufällig gleichzeitig mein Therapeut war.

Ich räusperte mich. „Danke, dass Sie mir so kurzfristig einen Termin gegeben haben“, sagte ich laut, damit Freud mich nebenan hörte. „Und entschuldigen Sie bitte, dass ich am Donnerstag einfach gegangen bin. Ich war wohl etwas überfordert mit der Situation.“ Sehr gut, das klang doch richtig erwachsen.

Freud kam mit zwei Tassen aus der Küche zurück und warf mir im Vorübergehen ein schnelles Lächeln zu. „Diese Situation wäre wohl für jeden eine Herausforderung.“

Ich folgte ihm durch den Flur in sein Sprechzimmer und grübelte über die Bedeutung seines Kommentars. Meinte er, der erste Therapeutenbesuch sei für jeden Patienten eine Herausforderung, und wollte mir damit durch die Blume sagen, dass ich mich nicht so anstellen sollte? Oder meinte er den Umstand, dass ich selbst Therapeutin war? Oder aber wollte er mich darauf hinweisen, dass diese Situation nicht nur für mich schwierig war, sondern für ihn selbst gleichermaßen?

„Setzen Sie sich doch.“

Wir waren im blauen Sprechzimmer angekommen, saßen uns genau wie beim letzten Mal gegenüber und hielten unsere Tassen in den Händen, ich meinen Kaffee und er seinen Pfefferminztee. Und genau wie beim letzten Mal hatte ich keine Ahnung, was ich sagen sollte.

„Lassen Sie sich Zeit“, sagte Freud sanft. Er nahm einen Schluck von seinem Tee.

Ich lachte trocken auf. „Sagen Sie das lieber nicht. Ich könnte hier ohne Probleme eine Stunde sitzen und einfach still meinen Kaffee trinken.“

„Und würde Ihnen das irgendwie weiterhelfen?“

Ich musterte ihn, unsicher, ob das eine Fangfrage oder ernst gemeint war. „Äh, nein?“

„Dann fangen Sie besser an zu erzählen.“

Sieh an, der konnte also auch anders. Oder er war nach dem letzten Mal einfach zu dem Schluss gelangt, dass er mit der sanften Tour bei mir nicht weiterkam.

„Schön“, knirschte ich. Sollte ich wirklich? Hatte ich denn eine Wahl? Auf keinen Fall konnte ich Mira noch einmal gegenübertreten, wenn ich das hier heute nicht hinbekam. Aber das war es gar nicht, was schlussendlich den Ausschlag gab. Es war dieser absurde Funke Hoffnung, dass sich hier und heute durch dieses Gespräch tatsächlich etwas ändern könnte.

Ich tat einen tiefen Atemzug. „Es begann alles mit diesem Klassentreffen.“

 

„Das sind Basti, Mira, Nelli, Alexandra und Mirko, aber du erinnerst dich eh noch an alle, oder? Das hier ist unsere liebe Hanna, die ich grad draußen aufgelesen hab.“

Sascha beendete die Vorstellung und ich nickte allen der Reihe nach zu. Ja, vage bekannt kamen sie mir vor und eventuell hätte ich mich unter anderen Umständen auch leidlich dafür interessiert, was aus meinen ehemaligen Mitschülern geworden war, aber mein Blick klebte an Sascha. Ich hätte ihn unter einem Vorwand nach draußen locken sollen, noch bevor er mich zu dieser Runde mitgeschleppt hatte. Was war nur los mit mir? Normalerweise schaltete ich doch schneller.

„Und? Was machst du so, Sascha?“, fragte ich, bevor er oder ich von einem der anderen in ein Gespräch verwickelt werden konnte.

Er warf mir einen wenig begeisterten Blick zu.

Schön, nicht die geistreichste Frage auf einem Klassentreffen, zugegeben, aber die Fronten wollten geklärt werden.

Sascha nuschelte etwas, doch im selben Moment stimmte die Band ein neues Lied an und ich verstand kein Wort.

„Was?“, hakte ich nach.

„Und was machst du so?“, fragte er mit einem charmanten Lächeln, das mich sein Ausweichmanöver fast vergessen ließ.

Fast.

„Hast du studiert?“, legte Sascha nach.

„Ja, Psychologie, und du?“

Sascha wandte sich der Gruppe zu, die in der Zwischenzeit wieder zu ihren eigenen Gesprächen zurückgefunden hatte, und rief: „Wie krass, Hanna hat dasselbe studiert wie Mira!“

Fragwürdig, ob das wirklich so krass war. Ich erinnerte mich vage, dass gefühlt der halbe Jahrgang damals Psychologie hatte studieren wollen.

Die mehr oder minder interessierten Blicke fünfer Augenpaare richteten sich auf mich.

Wollte Sascha mit diesem Schachzug nur von seiner eigenen, immer fragwürdiger erscheinenden beruflichen Laufbahn ablenken oder reichte sein Interesse an mir einfach nicht über den üblichen Smalltalk hinaus? Aber er hatte mich doch mehr als eindeutig angelächelt, als wir uns im Vorraum begegnet waren, hatte mir sogar ein Kompliment gemacht! Oder war ich jetzt schon so verzweifelt, dass ich die triviale Freundlichkeit eines alten Schulkameraden mit Flirterei verwechselte?

„Und? Hast du auch fertig studiert?“, fragte eine überhebliche Frauenstimme.

Mira, wenn ich mich richtig erinnerte. Dämliche, aufgeblasene Kuh. Die war schon damals in der Schule immer mit erhobener Nase herumstolziert, lange vor ihrem 1,1-Abischnitt.

Ich blickte in die abwartend dreinblickenden dunklen Augen, die von unnatürlich vollen Wimpern umrahmt waren und mit dem herzförmig geschnittenen Gesicht eine harmonische Einheit bildeten. Hässlicher war Mira in den letzten zwölf Jahren leider nicht geworden.

„Selbstverständlich. Und du?“

„Natürlich, danach Therapeutenausbildung und jetzt arbeite ich in einer Praxis.“

„Dasselbe bei mir.“ Ich warf einen Seitenblick auf Sascha, der sich mit einer der anderen Frauen – war es Nelli? – unterhielt. Ich hatte keine Zeit für diesen Ich-habe-seit-der-Schule-mehr-erreicht-als-du-Kinderkram, wenn gleichzeitig ein attraktiver Mann neben mir stand, dessen Aufmerksamkeit mir durch die Finger glitt.

„Wie ist deine Praxis so?“, fragte Mira und klang plötzlich viel freundlicher und ehrlich interessiert. „Hast du einen eigenen Kassensitz?“

Sie meinte die Zulassung, über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen zu dürfen. In letzter Zeit wurden im Umkreis kaum neue Kassensitze vergeben, man musste oft Jahre warten und dann horrende Preise zahlen, wenn man nicht nur Privatpatienten behandeln wollte.

„Nein, mein Kollege in der Praxis hat einen, wollte aber nur noch Teilzeit arbeiten und hat mich angestellt, um die andere Hälfte seines Kassensitzes zu füllen.“

„Seid ihr nur zu zweit in der Praxis?“

„Es gibt noch eine dritte, sie hat auch ihren eigenen Kassensitz.“

„Und sind sie nett? Deine Kollegen, meine ich.“

Fast hätte ich einfach Ja gesagt, doch eine Lüge kam mir dann doch nicht so einfach über die Lippen, auch wenn ich dieses Gespräch so schnell wie möglich abhaken wollte. Sicher, Betti war nett, und die Tatsache, dass sie ihr Psychologiestudium erst mit vierzig begonnen und darin tatsächlich ihre Berufung gefunden hatte, war bemerkenswert. Dass sie sich so sehr auf ihre Patienten einließ, dass sie sich nach jeder zweiten Therapiesitzung in der Toilette einschloss und zwanzig Minuten später mit verheulten Augen wieder herauskam, war es jedoch ebenfalls. Und Rufus … tja, säße der jemals als Patient vor mir, würde ich sagen: Ein Narzisst, wie er im Lehrbuch steht.

„Sie haben so ihre Macken.“

Mira nickte nur und blickte mich abwartend an.

Wollte sie, dass ich sie ebenfalls nach ihrer Praxis fragte? Vielleicht unter normalen Umständen, aber gerade hatte ich wirklich Wichtigeres zu tun.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, erschien plötzlich Sascha wieder neben mir und hielt mir eine Flasche Bier unter die Nase.

„Du sitzt ja total auf dem Trockenen“, grinste er.

Ich lächelte dankbar und wartete darauf, dass er mir ein Glas zu der Flasche reichte, doch vergebens. Lautlos seufzend trank ich einen Schluck.

„Meine kleine Hanna ist also Therapeutin geworden!“, polterte Sascha dann in einem Tonfall, als hätte ich meinen beruflichen Erfolg ihm zu verdanken. Außerdem lallte er ein bisschen, das war mir vorher gar nicht aufgefallen. Dabei hatte das Klassentreffen doch erst vor gut einer Stunde begonnen.

„Jetzt erzähl mir doch endlich mal was aus deinem Leben“, lockte ich mit schmeichelndem Lächeln, doch ich merkte selbst, dass es wohl etwas verkrampft ausfiel.

Sascha beugte sich zu mir und hauchte: „So als Therapeutin kannst du mich doch bestimmt lesen wie ein offenes Buch.“

Seine Alkoholfahne schlug mir ins Gesicht.

Ich wandte mich ab, brachte gerade so viel Abstand zwischen uns, dass ich wieder atmen konnte. „Auch Therapeuten sind keine Hellseher, sondern darauf angewiesen, dass Menschen mit ihnen reden“, erklärte ich eine Spur zu scharf und fing Miras spöttischen Blick auf.

Ich drehte ihr den Rücken zu, hakte mich bei Sascha unter und zog ihn ein Stückchen von den anderen weg. Nur nicht zu früh aufgeben, sagte ich mir, weil ich meine Geduld mit ihm rapide schwinden spürte. Du weißt nicht, ob er tatsächlich nichts aus seinem Leben gemacht hat, und selbst wenn, was sagt das schon über ihn als Menschen aus? Und die dummen Sprüche kamen ganz sicher vom Alkohol.

„Du trinkst ja gar nicht.“ Saschas Hand umschloss meine, die die Flasche hielt, und führte das Bier an meinen Mund.

Ich versuchte noch, mich zu wehren, da krachte der Glasrand schon gegen meine Zähne.

„Ups, sorry“, nuschelte Sascha, während ich entsetzt mit den Fingern nach meinen Schneidezähnen tastete. Doch es schienen noch alle dran zu sein.

Ich zwang mich zu einem Lächeln, blickte zu Sascha hoch und erinnerte mich plötzlich wieder.

„Hey, lass uns ein bisschen an die frische Luft gehn, was meinst du? Nur du und ich und vielleicht noch ein, zwei Bierflaschen.“ Sein Gesicht näherte sich meinem und diesmal hielt ich wohlweislich den Atem an. „Die dunkle Ecke hinter der Turnhalle, wo wir beide damals … du weißt schon.“ Er grinste vieldeutig. „Die gibt’s nämlich immer noch.“

Ich nickte resigniert. Gut, dass mir schon vor dem Spruch wieder eingefallen war, wieso ich es in der Zwölften trotz seines guten Aussehens nur zu einem betrunkenen Rumgeknutsche hatte kommen lassen. Weil seine geistlosen Sprüche in mir den Wunsch weckten, entweder seinen oder meinen Kopf gegen die nächste Wand zu schlagen, weil man keine annähernd normale Unterhaltung mit ihm führen konnte, weil er einfach langweilig war und – seien wir mal ehrlich – auch ein bisschen beschränkt.

„Wie schön.“ Ich lächelte liebenswürdig. „Aber leider werden deine ein, zwei Bierflaschen dir als Gesellschaft reichen müssen.“

Ich machte auf dem Absatz kehrt.

„Was? Ach Hannalein, komm schon …“ Er holte zu mir auf und legte mir kumpelhaft den Arm um die Schulter. „So wie du aussiehst, bist du doch heute nich’ hergekommen, um alte Schulanekdoten auszutauschen.“ Er grinste wissend, während sein anzüglicher Blick über mein Outfit wanderte.

Mir verschlug es die Sprache.

„Außerdem hat’s dir doch damals auch gefallen.“

„Dass du das denkst, obwohl ich dich danach bis zum Abi ignoriert habe, macht es nur noch trauriger.“ Ich riss mich von ihm los und marschierte auf die Tür zu. Diesmal folgte er mir nicht.

Im Vorraum blieb ich stehen, fuhr mir mit den Fingern durch die Haare, sah mich unentschlossen um und wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte. Ich zitterte vor Zorn und meine Wangen glühten. Kurzentschlossen trat ich hinaus auf den Schulhof, wo mir ebenfalls Musik und Gelächter entgegenschlugen. Ich ließ mich weitab von den Rauchergrüppchen auf einer freien Bank nieder und versuchte, das eben Vorgefallene zu verdauen. Wie hatte ich mich nur an so einen Mann heranmachen können? Das war inakzeptabel und wirklich, wirklich peinlich. Ich hätte nicht herkommen sollen. Spätestens als ich Linis Anruf gesehen hatte, hätte ich gehen müssen. Aber nein, ich stürzte mich ja lieber auf so einen ekligen Typen, als sicherzustellen, dass es meiner kleinen Schwester gut ging.

Ich kramte mein Smartphone aus der Handtasche hervor und drückte ohne Umschweife auf den Anrufbutton.

Im selben Moment sagte eine weibliche Stimme neben mir: „Du hast es ja ganz schön lange mit Sascha ausgehalten. Ich dachte schon, du kapierst nie, was das für einer ist.“

Während es an meinem Ohr tutete, sah ich zu Mira hoch, die sich mit einem breiten Lächeln neben mich auf die Bank setzte, in jeder Hand ein bis zum Rand gefülltes Glas Weißwein, wovon sie mir eins unter die Nase hielt.

Sieh an, es gab also doch Gläser auf diesem Klassentreffen. Mira nahm mir sanft das Smartphone aus der Hand und beendete den nicht zustande gekommenen Anruf. „Und jetzt musst du mir mal erklären, wieso eine Frau wie du es nötig hat, mehr als drei Wörter mit einem Typen wie Sascha zu wechseln.“

 

„Tja, so habe ich Mira wiedergetroffen“, sagte ich zu René Freud. „Und das war der Anfang vom Ende.“

Kapitel 4

Freud beugte sich vor, die Tasse mit dem Pfefferminztee ruhte vergessen in seinem Schoß. „Und dann?“

Ich zuckte mit den Achseln. „Dann kann ich mich an nicht mehr viel erinnern.“ Ich gab meiner Stimme einen beiläufigen Klang, doch meine Wangen glühten verräterisch.

„Wegen des Alkohols“, kam es von Freud wie aus der Pistole geschossen, was mich irritiert die Stirn runzeln ließ. War der Schluss wirklich so naheliegend, dass er nicht einmal nachhaken musste? Es gab doch sicherlich viele Gründe, wieso eine 31-jährige gestandene Frau, noch dazu Psychotherapeutin, einen Blackout erleiden konnte. Einen Sturz beispielsweise. Oder K.O.-Tropfen, von solchen Dingen hörte man ja immer wieder in den Nachrichten.

„Oder irre ich mich?“, fragte Freud, doch seine Stimme verriet, dass er selbst kein bisschen daran glaubte.

„Nein“, gab ich zähneknirschend zu.

„Und Sie erinnern sich wirklich an gar nichts mehr?“ Eindringlich blickten mich die blauen Augen an. Ein wenig zu eindringlich, wie ich fand.

„Ich weiß nur noch, dass Mira nach dem ersten Glas eine ganze Weinflasche aufgetrieben hat und dann noch eine und danach … na ja, ist alles sehr verschwommen.“ Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. In Wahrheit erinnerte ich mich an überhaupt nichts mehr.

„Wissen Sie noch, wie Sie nach Hause gekommen sind?“

Unsicher sah ich wieder zu Freud, der mich noch immer fixierte. Seltsam, diese Frage, schließlich saß ich ja hier, also war ich wohl irgendwie und mehr oder weniger unbeschadet heimgekommen. Und solche Details taten doch wirklich nichts zur Sache.

„Nein“, sagte ich kleinlaut.

Da stieß Freud den Atem aus und lehnte sich zurück. Er musterte mich mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten konnte. Glücklich schien er jedenfalls nicht.

„Normalerweise passiert mir so was nicht“, gab ich schließlich dem Drang nach, mich zu rechtfertigen. „So einen Blackout hatte ich das letzte Mal als Studentin, aber an jenem Abend … na ja, mir ging es eben nicht so gut. Das kann doch jedem mal passieren, oder?“

„Wegen dieses Stefans.“

„Sascha“, korrigierte ich. In meiner Erzählung hatte ich die besonders peinlichen Details ausgespart, im Grunde nur erwähnt, dass ich einen alten Schulschwarm getroffen und der sich als Idiot entpuppt hatte. Dass ich selbst diesen Flirt ganz vehement vorangetrieben und dabei absichtlich alle Warnsignale übersehen hatte, musste Freud nun wirklich nicht wissen.

„Richtig. Sascha. Gut, Sie hatten also ein enttäuschendes Zusammentreffen mit Ihrem Exfreund, haben daraufhin zu viel getrunken und hatten einen Blackout.“

„Exfreund ist nun wirklich das falsche Wort, aber … ja, Ihre Zusammenfassung bringt das ganze ziemlich genau auf den Punkt.“

Freud nickte, machte eine Pause und fragte: „Aber deswegen sind Sie doch nicht hier, oder?“

Ich seufzte. „Die Geschichte geht noch weiter.“

 

Als am nächsten Morgen mein Wecker klingelte, war mein erster Impuls, den Tag krankzumachen. Dann dachte ich an meine Patienten: An Jennifer Reus, Mutter von drei fast erwachsenen Kindern, die ihre Magersucht zwar mittlerweile bemerkenswert gut im Griff hatte, aber die trotzdem jederzeit einen Rückfall erleiden konnte. An Marco Dallinger mit seinen Aggressionsproblemen, die ihn seine Ehe gekostet hatten, und der so hart daran arbeite, sich zu ändern und seine Frau zurückzugewinnen. An die achtzehnjährige Saskia, die durch den Leistungsdruck ihrer Mutter mit einem Burnout zu kämpfen hatte und die neben der dadurch ausgelösten Depression jeden Tag aufs Neue daran arbeiten musste, ihre eigenen Bedürfnisse über die Erwartungen ihrer Mutter zu stellen, was ihr einfach nicht gelingen wollte.

Nur weil ich mich gestern bis zum Gedächtnisverlust hatte betrinken müssen, konnte ich diese Menschen nicht im Stich lassen. Ich musste da irgendwie durch.

Nach zwei Ibuprofen, einer heißen Dusche, einem Joghurt zum Frühstück und einer großen Tasse sehr starken Kaffees fühlte ich mich fast wieder wie ein Mensch und halbwegs bereit, es mit dem Tag, der vor mir lag, aufzunehmen. Trotzdem machte ich, kurz bevor ich die Gemeinschaftspraxis erreichte, kurz in meinem Lieblingscafé halt und gönnte mir noch einen Caffè Latte mit extra viel Milchschaum für den Weg. So näherte sich meine Laune gerade wieder dem Normalbereich, als ich um viertel vor neun durch die Praxistür trat. Vor allem die Aussicht auf einen dritten Kaffee, für den ich bis zu meiner ersten Patientin Jennifer Reus um neun Uhr genügend Zeit hatte, munterte mich noch ein Stückchen auf. Ich schlug direkt den Weg zur Küche ein, ohne auch nur meinen Mantel und meine Tasche abzulegen. Schon von Weitem hörte ich Rufus’ Stimme und machte beinahe wieder kehrt. Seit wann war der denn so sozial veranlagt, dass er sich länger als eine halbe Minute in der Küche aufhielt? Oder machte er mal wieder Betti runter? Sofort meldete sich mein Beschützerinstinkt, doch gleichzeitig seufzte ich lautlos auf. Für eine Auseinandersetzung mit Rufus fehlte mir heute wirklich die Energie. Ich blickte auf meine Smartphone-Uhr. Nur noch zwölf Minuten. Und die Kaffeemaschine stand nun mal in der Küche.

„Guten Morgen!“ Ich warf ein aufgesetztes Lächeln in die Runde. Und erstarrte, als ich sah, wer da mit Rufus in der Küche stand.

„Du?“ Ich musste mich am Türrahmen festhalten. Halluzinierte ich? Oder war ich in der Bahn eingeschlafen und träumte?

„Hanna! Gott sei Dank!“ Mira, die Mira, die ich gestern auf dem Klassentreffen zum ersten Mal nach über zehn Jahren wiedergetroffen hatte, die Mira, mit der ich mich haltlos betrunken hatte, kam nun in ihrem feschen Hosenanzug auf mich zu und strahlte mich mit einem Gesicht, das nicht die kleinsten Anzeichen von Müdigkeit oder einem Kater zeigte, an.

„Zum Glück lebst du noch! Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht, als du gestern einfach verschwunden bist. Ich habe drinnen alles abgesucht und jeden nach dir gefragt, aber niemand hat dich noch mal gesehen. Bist du einfach nach Hause gegangen oder was? Dann hättest du ruhig Bescheid sagen können, ich wäre nämlich mitgekommen. Als ich dich nicht mehr gefunden habe, hab ich mich auch auf den Heimweg gemacht – außer dir gab es dort ja keinen auch nur halbwegs normalen Gesprächspartner.“

„Dass Sie sich noch hierher trauen.“ Rufus trat neben Mira und blickte abschätzig auf mich herab. Sein dunkles Haar mit den grauen Strähnen war sorgfältig nach hinten gestylt und wie immer trug er Anzug mit Jackett, als würde er in einer Bank statt in einer psychotherapeutischen Praxis arbeiten. „Ich hatte schon damit gerechnet, dass Sie nach gestern gar nicht mehr kommen, aber ganz so verantwortungslos scheinen Sie ja doch nicht zu sein.“

Mir lagen eine Millionen Fragen auf der Zunge, aber weil ich nicht wusste, welche ich zuerst stellen sollte, brachte ich vorerst gar keine über die Lippen.

Mira und Rufus tauschten einen verwirrten und für meinen Geschmack viel zu vertrauten Blick.

„Ihr beide …“, brachte ich hervor, doch verbesserte mich schnell, als ich Rufus’ hochgezogene Augenbrauen sah. „Sie beide kennen sich?“

Wieder dieser Blicketausch.

Dann sagte Mira: „Seit gestern, seit wir am Telefon miteinander gesprochen haben.“ Sie zögerte. „Als du ihn angerufen und das Handy dann an mich weitergereicht hast?“

Ich schüttelte verständnislos den Kopf.

„Hanna, ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ich … ich erinnere mich an kein Telefonat.“

„Für solche Albernheiten habe ich wirklich keine Zeit, ich muss zu meinem ersten Patienten“, sagte da Rufus geschäftig. Er beugte sich zu Mira, flüsterte ihr etwas ins Ohr, das sie schmunzeln ließ, und schlenderte gut gelaunt von dannen.

Ich sah ebenfalls auf die Uhr. Punkt neun. Verdammt.

„Was ist gestern passiert?“ Ich musste es einfach wissen.

„Du kannst dich wirklich nicht erinnern?“

„Zumindest nicht an das, was du gerade erzählt hast. Ich weiß nichts von einem Telefonat.“

„Das gibt’s doch nicht“, murmelte Mira.

„Nun sag schon!“ Am liebsten hätte ich sie am Kragen gepackt und geschüttelt.

„Du hast mir erzählt, wie unglücklich du hier bist“, begann Mira zögernd. „Dass dir die Arbeit zum Hals raushängt, dass du am liebsten kündigen würdest und … na ja, das hast du dann auch getan.“

Ich streckte nach Halt suchend eine Hand nach einem der Barhocker aus, verfehlte ihn, verlor die Balance und wurde gerade noch von Mira aufgefangen.

„Weiter“, krächzte ich. „Erzähl weiter.“

„Als ich dir gesagt habe, dass ich wegen meines Exfreundes schon lange aus meiner Praxis weg will, meintest du, ich könnte ja deine Stelle haben.“ Sie ließ mich los, hielt jedoch vorsichtshalber die Hand ausgestreckt, wahrscheinlich, um mich zu Not erneut auffangen zu können. „Und ich sagte, dass ich das super fände und deine Stelle sofort übernehmen würde. Dann hast du Rufus angerufen und ihm dasselbe gesagt.“

„Ich … ich muss das wieder in Ordnung bringen“, hauchte ich tonlos.

„Bist du sicher? Gestern warst du so entschlossen und du sahst so glücklich aus, nachdem du gekündigt hattest.“

„Ich war betrunken!“

„Trotzdem, ich hatte den Eindruck -“

„Ich … muss jetzt zu meiner Patientin“, presste ich hervor. „Und danach werde ich mit Rufus sprechen und ihm sagen, dass das alles nur ein riesiges Missverständnis war. Tut mir leid, wenn ich dir etwas anderes versprochen habe, aber meine Stelle kannst du nicht haben.“

„Also hör mal, Hanna, ich hätte doch nie zugesagt, wenn ich nicht den Eindruck gehabt hätte, dass es das ist, was du selbst willst.“

„Das ist es aber nicht.“

Ich trat ins Wartezimmer und setzte beim Anblick von Jennifer Reus, die mich fragend ansah, eine freundliche Miene auf.

 

Allein die Erinnerung daran trieb mir wieder Tränen in die Augen, obwohl das Ganze jetzt schon zwei Monate her war.

„Sie haben Ihre Stelle nicht wiederbekommen, richtig?“

Freuds sanfte Stimme ließ mich beinahe losheulen.

Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe es mit Vernunft versucht, habe mich tausendmal entschuldigt, habe gebettelt, aber Rufus war wohl ganz froh, mich los zu sein. Wir sind nie gut miteinander ausgekommen, aber er war all die Jahre wohl einfach zu faul, sich jemand Neues zu suchen. Und ich blöde Kuh gebe ihm nicht nur die beste Gelegenheit, mich loszuwerden, sondern präsentiere ihm auch noch gleichzeitig Mira auf dem Silbertablett. Er ist hin und weg von ihr. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Patienten einen Monat später abzugeben, und seitdem …“

Freud lächelte mir aufmunternd zu.

Ich seufzte. „Seitdem geht es mir nicht so besonders. Aber ist das ein Wunder? Schließlich habe ich meine Arbeit verloren.“

„Ich finde auch, ein Stimmungstief nach dem Verlust der Arbeit ist ganz normal. Trotzdem sitzen Sie jetzt hier.“

„Weil Mira nicht versteht, dass es mein gutes Recht ist, mich für eine Weile schlecht zu fühlen.“

Freud erwiderte nichts.

Als ich aufsah, begegnete ich ungewollt seinem warmen, mitfühlenden Blick.

„Was?“, fragte ich misstrauisch.

Er seufzte, fast lautlos zwar, aber es war dennoch ein Seufzen.

„Ich höre?“ Sollte er es doch endlich sagen. Es stand ihm ja quer über die Stirn geschrieben, dass er sich Miras Meinung bereits angeschlossen hatte.

„Sie verstehen Ihren derzeitigen Gemütszustand also als ganz normale Reaktion auf Ihren Arbeitsverlust, richtig? Sie sind der Meinung, dass Sie sich von selbst wieder erholen werden?“

„Sie nicht?“

Freud lächelte. „Ich habe zuerst gefragt.“

„Ich denke nicht, dass ich eine Therapie brauche.“

„Was brauchen Sie dann?“

Tja, wenn ich das wüsste. „Zeit, das alles zu verarbeiten. Und mir darüber klarzuwerden, wie es weitergehen soll.“ Eigenlob stinkt zwar, aber das war ja wohl eine mustergültige Antwort. Ich blickte Freud triumphierend an.

„Und ist es das, was Sie tun, während Sie zu Hause sind? Darüber nachdenken, wie es weitergehen soll?“

Sicher tat ich das, wenn gerade mal der Fernseher aus war und ich mich nicht selbst bemitleidete. Ich nickte.

„Sicher?“

„Wollen Sie sagen, dass ich lüge?“ Schlechter Zug, Herr Therapeut.

„Kann ein Nicken eine Lüge sein?“

Ich warf ihm einen genervten Blick zu. Der Mann war ja anstrengender als der schwierigste Patient. Und ich hatte die leise Ahnung, dass Freud mich ebenfalls nicht gerade als unkompliziert empfand, denn sein Lächeln wirkte mittlerweile ziemlich gezwungen.

Wie spät war es eigentlich? Die Stunde musste doch fast rum sein. Ich hatte mich diesem Gespräch gestellt, hatte es wirklich versucht, und weder Mira noch mein Gewissen konnten etwas anderes behaupten.

„Vielleicht sollten wir einfach aufhören, uns das hier anzutun und -“ Ich brach ab, als es in meiner Handtasche vibrierte. Bevor Freud etwas sagen konnte, hatte ich schon mein Smartphone hervorgeholt und den Namen meiner Schwester auf dem Bildschirm erkannt.

„Entschuldigen Sie, aber das ist wichtig.“ Und das war ausnahmsweise mal keine Ausrede. Auch wenn mir dieser Anruf gerade jetzt zugegebenermaßen außerordentlich gut in den Kram passte. Wenn Freud jetzt anfing, von gegenseitigem Respekt zu schwafeln und davon, wie unhöflich es von mir sei, das Smartphone nicht aus- oder zumindest lautlos geschaltet zu haben, hätte ich einen hervorragenden Grund, die Therapeut-Patienten-Beziehung für gescheitert zu erklären, bevor sie überhaupt zustande gekommen war.

„Bitte. Gehen Sie ruhig ran.“

„Oh … okay.“ Ich war so baff, dass ich das Gespräch zwar annahm, aber komplett vergaß, etwas zu sagen.

„Hanna? Bist du dran?“, drang Linis Stimme aus dem Smartphone.

„Äh, ja, was gibt’s denn?“ Ich drehte mich demonstrativ zur Seite, doch spürte deutlich Freuds neugierigen Blick auf mir.

„Geht’s dir gut?“

„Ja, und ich sage dir schon seit Wochen, dass du damit aufhören kannst“, flüsterte ich, doch natürlich umsonst. Schließlich saß Freud kaum einen Meter von mir entfernt.

„Womit?“

Ich knirschte mit den Zähnen. „Du weißt schon.“ Und hoffte inständig, dass meine Schwester mich nicht in die unmögliche Situation brachte, das vor ihm aussprechen zu müssen.

Natürlich tat sie es doch. „Ich weiß wirklich nicht, was du meinst.“

Ich seufzte und ergab mich in mein Schicksal. „So zu tun, als müsste mich meine kleine Schwester jede Woche betrunken von einem Klassentreffen abholen“, zischte ich.

Anscheinend etwas zu leise, denn Lini fragte: „Was?“

Freud dagegen schien mich genau verstanden zu haben, denn er kritzelte mit einem schiefen Grinsen etwas auf seinen Block.

„Egal“, sagte ich. Würde ich ihr eben bei unserem nächsten Gespräch zum tausendsten Mal erklären, dass die Sache mit dem Klassentreffen ein einmaliger Ausrutscher gewesen war. Dass ich ihr zwar ewig dankbar sein würde, dass sie mich abgeholt hatte – denn allein nach Hause hätte ich es wohl beim besten Willen nicht mehr geschafft –, aber dass das nie, nie wieder vorkommen würde und sie jetzt wieder die kleine Schwester sein durfte, um die ich mich zu sorgen hatte und nicht umgekehrt.

„Also, wieso ich eigentlich anrufe … Mama steht unten.“ Den letzten Teil flüsterte sie, so als könnte unsere Mutter sie von vor der Haustüre über zwei Stockwerke Treppenhaus bis in Linis Wohnung hinein belauschen. Ja, diesen Effekt hatte unsere Mutter.

„Was will sie?“

„Ich bin nicht an die Sprechanlage gegangen, aber wir haben vorhin telefoniert und irgendwie hat sie wohl gespürt, dass da was ist – du kennst sie ja – und sie hat so lange gebohrt, bis ich es ihr erzählt hab …“ Sie brach erschöpft ab.

„Bis du ihr was erzählt hast?“, fragte ich ungeduldig, weil Freuds Stift nur so über das Papier flog und gar nicht mehr zur Ruhe kommen wollte.

„Dass ich da jemanden habe. Du weißt schon.“

Ich musste mir das Smartphone ans Ohr pressen, um Linis immer leiser werdende Stimme zu verstehen. Es dauerte einen Moment, bis die Erkenntnis durchsickerte.

Meine Schwester hatte einen Freund.

Ich spürte, wie ich unwillkürlich die Lippen aufeinanderpresste, und zwang mich, meine Gesichtszüge zu entspannen. Nein, ich würde nicht die missgünstige Ältere sein, die ihrer kleinen Schwester das Liebesglück nicht gönnte, nur weil sie selbst keinen abbekam. „Das ist doch wunderbar, Lini.“

Daraufhin schwieg sie einen Moment zu lange. „Ja“, sagte sie schließlich, doch etwas schwang in ihrer Stimme mit, etwas, das ich nicht deuten konnte.

Ich wollte gerade nachhaken, als sie sagte: „Aber du weißt ja, wie Mama ist. Was soll ich denn jetzt machen?“

„Was schon? Wenn du keine Lust hast, dich ihrem Verhör zu unterziehen, tust du eben so, als wärst du nicht da. Ich kann gar nicht glauben, dass du es ihr überhaupt erzählt hast. Gerade du solltest es doch besser wissen.“

„Schon, aber irgendwann hätte ich es ihr doch sowieso sagen müssen.“

„Also ist es was Ernstes?“, konnte ich mich nicht abhalten zu fragen.

Wieder diese Pause, bevor sie sagte: „Ich denke schon.“

Mein Blick traf den von Freud. Er hatte aufgehört zu schreiben und sah mich aufmerksam an, immer noch dieses bedeutungsvolle Lächeln auf den Lippen. Keine Frage, mein Telefonat war ein gefundenes Fressen für ihn.

„Tut mir leid, Lini, ich kann gerade nicht lange reden. Lass Mama nicht rein, und wenn sie anruft, nimm nur ab, wenn du dich dem Gespräch gewachsen fühlst, klar? Und wenn du das tust, lass dir deinen Freund auf keinen Fall von ihr ausreden. Ich ruf dich später zurück, okay?“ Eigentlich vergebene Liebesmüh, das wusste ich jetzt schon, denn Lini stellte ständig ihr Smartphone lautlos und wunderte sich dann, dass sie Anrufe verpasste. Aber wenigstens rief sie unverzüglich zurück, sobald sie es dann später bemerkte.

„Bis später“, verabschiedete ich mich von meiner Schwester, inständig hoffend, dass sie meinem Rat folgen und nicht in einer halben Stunde mit der nächsten Krise anrufen würde. Aber jetzt musste ich mich erst mal um mich selbst kümmern. „Was haben Sie da die ganze Zeit geschrieben?“, wollte ich von Freud wissen.

„Nur ein paar Notizen.“

„Ich will das lesen.“

Freud hob eine Augenbraue, hielt mir jedoch kommentarlos seinen Block hin. Ich überflog die ersten paar Stichwörter.

Jüng. Schwester, enges Verh., prob. Bez. zu Mutter (?), berät Schw. in Liebesdingen …

Ich reichte ihm den Block ebenso wortlos zurück. Das waren wirklich nur Fakten, die er durch das Telefonat mitangehört hatte. Keine Sondierung meines Geisteszustandes, keine ins Blaue geratene Diagnose.

„Sie meinen also, es geht Ihnen einfach schlecht, weil Sie betrunken eine Entscheidung getroffen haben, die Sie nun bereuen?“

Ich blinzelte verwirrt, als er ohne Umschweife wieder zum Thema zurückkehrte, und kämpfte darum, den Faden wiederzufinden. Hatte ich nicht gerade einmal mehr vorschlagen wollen, diese ganze Farce abzubrechen?

„Die Kündigung?“, half Freud nach.

„Oh ja, richtig. Nein, die bereue ich nicht.“

„Nicht?“

„Nein.“

„Eben sagten Sie noch, es gehe Ihnen derzeit wegen Ihres Jobverlustes so schlecht. Wie passt das zusammen?“

Ich seufzte ungeduldig.

„Sind Sie genervt von mir?“ Er sah mir so direkt in die Augen, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief. Gleichzeitig überkam mich ein heißer Schauer. Und inmitten dieser ganzen verwirrenden Empfindungen hatte ich, wie schon

bei unserem ersten Treffen, das eigenartige Gefühl, diese ausdrucksvollen Augen von irgendwoher zu kennen.

Ihn zu kennen.

Aber das konnte schließlich nicht sein, oder?

Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihm jemals zuvor begegnet zu sein.

Vielleicht wurde ich doch langsam verrückt.

Ich wandte den Blick ab. Mal wieder. „Mein Beruf war mir sehr wichtig und es fehlt mir, eine Aufgabe zu haben. Aber als Psychotherapeutin war ich schon lange nicht mehr wirklich glücklich“, legte ich ihm brav dar und ignorierte seine letzte Frage.

Er ließ es mir durchgehen. „Warum nicht?“

Ich versteifte mich unwillkürlich. Das war nun wirklich kein Thema, dass ich mit irgendwem einfach so bequatschen konnte. Schon gar nicht mit ihm.

„Gut, dann anders: Was genau, denken Sie, würde Ihnen jetzt guttun?“

Meine Patienten sehen, schoss es mir sofort durch den Kopf. Aber das konnte ich ja schlecht sagen, wo ich eben noch behauptet hatte, ich wäre froh, meinen Job los zu sein. Dann würde er mich wirklich für verrückt halten, zu recht. Also zuckte ich wieder mit den Achseln.

Freud seufzte, ganz leise nur, doch ich hörte es trotzdem. Minutenlang sahen wir einander schweigend an.

Ich konnte beinahe sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

War er mich endlich leid? Kam er gerade zu dem Schluss, dass er sich diese widerspenstige Kollegin, die sich mit beiden Händen gegen jegliche Mitarbeit sträubte, nicht antun musste?

Obwohl ein Teil von mir genau das die ganze Zeit gewollt hatte, versetzte der Gedanke mir einen Stich. Ich sah mich selbst, wie ich nach Hause ging, nachdem Freud mir erklärt hatte, dass er mir doch nicht helfen wollte. Ich kam wieder in meine leere Wohnung, legte mich aufs Sofa, ohne die geringste Ahnung, was ich mit meiner Zeit oder mit meinem Leben anfangen sollte. Wie ich das, was zurzeit bei mir schieflief, wieder kitten konnte. Wie ich mich auch nur dazu aufraffen sollte, eine Jobbörse im Internet aufzurufen, geschweige denn, mich zu bewerben.

„Auf die Gefahr hin, dass Sie mir gleich die Augen auskratzen“, sagte Freud plötzlich. „Ich glaube, dass es Ihnen guttun würde, offen mit jemandem zu sprechen.“

Ich nickte langsam. „Vielleicht. Aber deshalb brauche ich noch lange keine Therapie.“

„Wieso hängen Sie sich so an diesem Wort auf?“

Ich lächelte ironisch. Stellte er sich absichtlich dumm?

„Weil ein Therapeut einer Therapie im Normalfall nur zustimmt, wenn er das Gefühl hat, dass eine Erkrankung vorliegt? Aber wir befinden uns doch in einer ganz anderen Situation, bei Ihnen muss ich den Therapiebedarf nicht vor einer Krankenkasse rechtfertigen. Ich würde Ihnen einfach so zur Verfügung stehen, ganz inoffiziell, das ist Ihnen doch klar?“

Ich schluckte und schaffte es fast nicht, seinem mitfühlenden Blick standzuhalten. „Wieso tun Sie das? Nur weil Mira eine Freundin von Ihnen ist?“

Freud zögerte und mir kam ein Verdacht. Dass Mira ein bisschen für ihren alten Studienfreund schwärmte, war mir ja schon aufgefallen, aber was, wenn das auf Gegenseitigkeit beruhte? Fühlten die beiden mehr füreinander und hatten es bis jetzt nur nicht geschafft, es sich zu sagen? Sah Freud in dieser Situation, darin, mir eine unentgeltliche Therapie anzubieten, vielleicht die Möglichkeit, Miras Herz für sich zu gewinnen?

„Ich würde Ihnen einfach gerne helfen.“

Ich versank in diesen warmen, aufrichtigen Augen. Dann riss ich meinen Blick los. Da war etwas, etwas, dass er nicht sagte, daran gab es keinen Zweifel.

„Das ist nett von Ihnen und das meine ich wirklich aufrichtig. Aber selbst wenn ich Hilfe bräuchte …“ Ich räusperte mich, „weiß ich nicht, ob gerade Sie dafür der Richtige wären. Um ehrlich zu sein, sehe ich in dieser … Konstellation unheimlich viel Konfliktpotenzial.“

Freud lachte ein kurzes, unterdrücktes, höchst attraktives Lachen. „Irgendwie habe ich den Eindruck, dass es Ihnen da mit jedem so gehen würde.“

Da war ich anderer Meinung, denn irgendwas, ja irgendwas hatte dieser Mann an sich. Etwas, das mich sein Angebot annehmen lassen wollte und mich gleichzeitig so verunsicherte und herausforderte, dass ich mich schon wieder nicht zurückhalten konnte zu fragen: „Wollen Sie andeuten, dass ich einfach schwierig bin?“

„So schwierig, wie es nur geht.“ Er lächelte kurz, dann wurde er wieder ernst. „Sie wollen von mir nicht wie eine Patientin behandelt werden, also sage ich es Ihnen jetzt ganz direkt von Kollege zu Kollegin: Ich teile Miras Ansicht. Ich glaube, dass das, worunter Sie leiden, mehr ist als ein gewöhnliches Stimmungstief nach einem Jobverlust. Ich glaube, Sie brauchen Hilfe, aber Sie sind zu stolz, sie anzunehmen, selbst wenn sie Ihnen auf einem Silbertablett serviert wird. Eben weil Sie Therapeutin sind.“

Ich schwieg lange. Einfach weil mir die Worte fehlten. „Wollen Sie sagen, ich hätte eine Depression?“, brachte ich schließlich hervor, mit hoch erhobenem Kopf, obwohl meine Wangen gleichzeitig vor Scham über dieses Wort glühten.

„Ich würde mir nie anmaßen, Ihnen nach nur einer Stunde eine Diagnose aufkleben zu wollen.“

„Sehe ich Ihrer Meinung nach depressiv aus?“, bohrte ich weiter.

„Sie wissen genau so gut wie ich, dass es ganz verschiedene Arten von depressiven Verstimmungen gibt. Manche sind relativ offensichtlich, manche ungemein schwer zu erkennen, besonders bei Menschen, die daran gewöhnt sind, zu funktionieren. Ich habe schon Patienten erlebt, die ihrem Umfeld ganz normal erschienen und doch jahrelang mit einer Depression lebten. Manche Menschen wollen sich selbst einfach nicht eingestehen, dass es ihnen schlecht geht. Sie ignorieren ihre Probleme oder reden sich ein, dass doch alles gar nicht so schlimm sei.“

„Das ist ein Ja, nehme ich an.“

„Es ist das, was ich gesagt habe, nicht mehr und nicht weniger.“

Und es war doch ein Ja. Er wusste es und ich wusste es. Das Schlimmste war, dass ich es nicht mal abstreiten konnte. Egal, was ich auch sagte: Es würde klingen, als ob ich es nur nicht wahrhaben wollte.

„Warum nehmen Sie sich nicht ein paar Tage Zeit, schlafen drüber und treffen dann eine Entscheidung?“

Ich wollte das nicht. Ich wollte nicht darüber nachdenken, wollte jetzt und hier klare Verhältnisse schaffen. Ich wollte nicht wieder hierherkommen, ihm wieder gegenübersitzen, mir anhören müssen, dass er glaubte, dass ich Hilfe brauchte. Wollte nicht mehr von diesen Augen aus dem Konzept gebracht und daran erinnert werden, dass er das ohnehin alles nur für Mira tat. Aber ich wollte auch nicht zurück. Zurück in mein sinnfreies Leben, ohne die leiseste Ahnung, wie ich mir selbst helfen sollte.

Ich brachte meinen letzten Rest Energie auf und sagte: „In Ordnung. Ich denke darüber nach.“

Kapitel 5

Ich fiel.

Instinktiv krallte ich mich an meinem Kopfkissen fest, als ich aus dem Albtraum hochschreckte. Meine Finger gruben sich in den weichen Stoff, während ich tief ein- und ausatmete. Durch den Spalt zwischen den Vorhängen meines Wohnzimmerfensters schien nur das schwache Licht der Straßenlaternen herein. Es war noch dunkel draußen. Die leuchtenden Ziffern meines Weckers zeigten 7:11. Langsam wich die Anspannung aus meinem Körper. Ich rollte mich unter der Decke zusammen. Obwohl ich meine Augen geschlossen hielt und mich dazu zwang, weiter ruhig zu atmen, wusste ich, dass ich nie und nimmer wieder einschlafen würde. So gesehen konnte ich froh sein, am frühen Morgen und nicht mitten in der Nacht von meinem Albtraum heimgesucht worden zu sein.

So was nannte man wohl Glück im Unglück.

Als ich ein paar Stunden später in der Bahn saß, das Kinn in die Handfläche gestützt und vor Erschöpfung kaum fähig, die Augen offenzuhalten, versuchte ich, mich an den Inhalt des Traums zu erinnern. Wie jedes Mal, wenn ich voller Grauen aus dem Schlaf gerissen wurde. Und wie jedes Mal weigerte sich mein Verstand hartnäckig, auch nur das kleinste Detail preiszugeben. Seufzend gab ich auf und versuchte mir einzureden, dass es besser so war. Mit Traumdeutung und dem ganzen psychoanalytischen Humbug hatte ich schließlich wirklich nichts am Hut.

Was Freud wohl dazu zu sagen hätte?

Nicht Sigmund Freud, nein, der hätte mit Sicherheit ein paar neunmalkluge Diagnosen parat gehabt, die entweder mit meiner Mutter, meiner Sexualität oder beidem zusammenhingen.

René Freuds Ansicht dagegen interessierte mich tatsächlich, auch wenn es mir nicht leichtfiel, das zuzugeben.

Natürlich würde ich ihm nie, nie, niemals von den Träumen erzählen, selbst wenn ich mich dazu entscheiden sollte, sein Therapieangebot anzunehmen. Wovon ich ebenfalls meilenweit entfernt war. Nur wieso hatte dann mein Spiegelbild, das mir aus dem S-Bahn-Fenster entgegenblickte, allein beim Gedanken an ihn plötzlich so ein debiles Grinsen im Gesicht?

Als ich das Gebäude erreichte, in dem ich vor Kurzem noch gearbeitet hatte, wartete Mira schon vor dem Eingang auf mich.

„Ich hab mir extra zwei Stunden Mittagspause für dich freigehalten“, verkündete sie statt einer Begrüßung. „Italienisch?“

Als ich nickte, ging sie entschlossen voran, sodass ich nur nebenherlaufen musste. So sehr mich solch ein dominantes Verhalten früher genervt hätte, so erleichtert war ich jetzt darüber. Das Treffen von Entscheidungen gehörte in letzter Zeit absolut nicht zu meinen Stärken.

„Na frag schon“, grinste Mira, als wir uns wenig später mit unseren Pastatellern gegenübersaßen.

„Ich weiß nicht, was du meinst.“ Lustlos fädelte ich meine Spaghetti auf die Gabel.

„Du möchtest wissen, wie es deinen Patienten geht.“

Meine Hand mit der Gabel stoppte Zentimeter vor meinem Mund und ich starrte Mira an. Ich konnte nicht anders. Wie war es möglich, dass sie immer genau wusste, was ich dachte?

„Ach, komm“, lachte sie, „Du bist nicht tatsächlich überrascht, oder? Mal ehrlich, du bist ein offenes Buch für mich.“

„Für dich vielleicht“, maulte ich und schob mir endlich meine Spaghetti in den Mund. Sie schmeckten nach nichts.

Mira nahm ebenfalls einen Bissen und schloss genießerisch die Augen. Dann grinste sie mich an und sagte: „Für jeden, der ein bisschen Menschenkenntnis hat.“

Was sollte das denn heißen? Dass ich meine Emotionen nicht verbergen konnte? Und mir dann auch noch unterstellen, das würde jedem auffallen! Ich war kurz davor, sie zu fragen, ob sie so unsensibel auch mit meinen Patienten umsprang, doch wenn wir jetzt zu streiten anfingen, würde ich nie erfahren, wie es ebendiesen Patienten ging.

„Also?“ Es war mehr ein Knurren als eine Frage.

Komischerweise schien es Mira nicht zu merken. Oder es interessierte sie einfach nicht. Und als sie anfing zu erzählen, verpuffte mein Ärger augenblicklich.

„Danke“, sagte ich, als sie geendet hatte. Ich war den Tränen nah. Tränen der Trauer darüber, dass ich all diese Menschen, die ihren steinigen Weg zur Heilung gemeinsam mit mir angetreten hatten, nicht mehr begleiten durfte, und Tränen der Rührung, weil Mira mir diesen Einblick gewährte, diese Gewissheit, dass es ihnen allen den Umständen entsprechend gut ging und dass Mira sie in meinem Sinne weiterbehandelte.

„Kein Problem“, sagte sie leichthin.

„Wenn das jemand erfährt, könntest du Probleme bekommen.“

„Es erfährt aber niemand. Espresso?“

Ich nickte. „Danke.“

„Ist doch nur ein Espresso.“ Sie grinste und winkte den Kellner heran. Als sie bestellt hatte, musterte sie mich, plötzlich seltsam ernst. „Ich muss mich bei dir entschuldigen, Hanna.“ Sie seufzte, wich kurz meinem Blick aus, seufzte abermals und sah mich wieder an. „Ich dachte wirklich, du willst keine Therapeutin mehr sein, damals, auf dem Klassentreffen. Aber dann hast du so um deinen Job gekämpft und selbst jetzt kannst du ihn nicht hinter dir lassen …“

Tja, wie sollte ich ihr das erklären? Niemand außer mir selbst würde das verstehen. Ich hatte wirklich keine Therapeutin mehr sein wollen. Wie oft hatte ich davon geträumt, den Job einfach an den Nagel zu hängen? Bis ich es im Vollrausch einfach getan hatte. Und damit war meine komplette Welt zusammengebrochen. Ich konnte nicht schlafen, konnte an nichts anderes denken als daran, wie es meinen Patienten ging. Hatte keine Lust, mich zu irgendetwas aufzuraffen, geschweige denn, mir einen neuen Job zu suchen. Aber schon gar nicht wollte ich in einer anderen Praxis wieder als Therapeutin anfangen. Allein beim Gedanken daran stellten sich mir die Nackenhaare auf.

Mira holte tief Luft. „Ich habe das alles völlig falsch eingeschätzt. Dich dazu zu ermutigen, deine Arbeit zu kündigen, war ein schrecklicher Fehler. Du leidest so darunter und … ich bin es dir schuldig, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um dir da durch zu helfen. Wenn ich es schon nicht rückgängig machen konnte.“

„Du hast versucht, es rückgängig zu machen?“

„Natürlich. Gleich am Tag nach dem Klassentreffen, als du mir eröffnet hast, dass du dich an nichts mehr erinnern kannst. Ich habe Rufus bekniet, habe ihm gesagt, ich würde den Job doch nicht annehmen, aber er meinte einfach, dann würde er sich eine andere Therapeutin suchen. Verdammt harter Knochen. Und ich dachte, eine völlig Fremde deine Patienten weitertherapieren zu lassen, wäre sicher noch weniger in deinem Sinne. Deshalb bin ich geblieben.“

„Mira …“ Schon wieder war ich den Tränen nah. In letzter Zeit war ich wirklich zu nah am Wasser gebaut. „Danke.“

„Wie gesagt, ich habe einen Fehler gemacht. Und das tut mir ehrlich leid.“

„Es ist doch nicht deine Schuld, dass ich betrunken meinen Job gekündigt habe“, widersprach ich heftig und hielt dann inne, weil mir ein Gedanke kam: „Warte, bist du deshalb so hartnäckig hinterher, dass ich eine Therapie mache?“

„Ah, sehr gut, dass du davon anfängst, dann muss ich es nicht tun“, lächelte sie und ignorierte meine Frage komplett, was für mich Antwort genug war. Auch von ihrem ach so schlechten Gewissen war nichts mehr übrig. „Hast du dich entschieden?“

„Noch nicht.“ Dabei wollte ich es bewenden lassen, sah aber an Miras Miene, dass ich so leicht nicht davonkommen würde, und fügte hinzu: „Ich bin mir einfach nicht sicher, ob er mir helfen kann.“

„Wenn dir irgendjemand helfen kann, dann René. Außerdem: Was hast du zu verlieren? Davon, zuhause rumzusitzen oder mich über diene Patienten auszuquetschen, geht es dir jedenfalls nicht besser.“

„Dank dir für deine sensible Art, mir Mut zu machen.“

„Das letzte, was du brauchst, ist jemand, der dich mit Samthandschuhen anfasst. Und das weißt du selbst. Du brauchst jemanden, der dir die Wahrheit schonungslos ins Gesicht sagt und dir, so oft wie nötig, in den Hintern tritt. Und genau das wird René tun, wenn du ihn nur lässt.“

Daran hegte ich absolut keinen Zweifel. Nicht nur daran, dass Freud immer ehrlich und direkt zu mir sein würde, sondern auch an allem anderen, was Mira gesagt hatte. Es half mir nicht, mich zu Hause zu verkriechen und auch nicht, meinen Patienten hinterherzutrauern. Und nach dem Treffen am Montag hatte sich tatsächlich ein Funken Hoffnung in mir eingenistet – Hoffnung, dass Freud mir helfen konnte. Trotzdem hatte ich ihn in den drei Tagen, die unser letztes Gespräch inzwischen her war, noch nicht angerufen. Weil da eben nicht nur Hoffnung war, sondern noch etwas anderes, etwas, das Mira zum Glück nicht aus meinem Gesicht lesen konnte: René Freud verunsicherte mich. Nicht nur sein ansehnliches Äußeres, nein, es ging viel tiefer und sorgte dafür, dass es in meinem Bauch nervös zu flattern begann, wann immer ich mir auch nur vorstellte, in seine Praxis zurückzukehren.

Es war dieses verwirrende Gefühl, ihm schon einmal begegnet zu sein. Dieser Blick, mit dem er mich immer musterte, die Wärme in seinen Augen, die Geduld in seiner Stimme. Seine schnelle Auffassungsgabe, seine Fähigkeit, meine Lügen und Ausweichmanöver zu enttarnen, sein geradezu schmerzlich aufrichtiges Mitgefühl.

Es war peinlich. Unglaublich, unendlich peinlich, aber ja, irgendwie schwärmte ich wohl ein bisschen für ihn. Nicht absichtlich natürlich, nein, es war einfach irgendwie passiert. Und das war ja wohl die denkbar schlechteste Basis für eine Therapie.

Oder machte ich da aus einer Mücke einen Elefanten?

Einige meiner eigenen Patienten hatten schon für mich geschwärmt, einige hatten es mir offen gesagt, bei einigen hatte ich es angesprochen und bei manchen hatte ich es für besser gehalten, es zu ignorieren. Trotzdem war bei fast allen die Therapie dennoch erfolgreich verlaufen, und bei denjenigen, bei denen dies nicht der Fall gewesen war, hatte das Scheitern andere Gründe gehabt. Es kam gar nicht so selten vor, dass sich ein Patient zu seinem Therapeuten hingezogen fühlte, das lag ganz einfach in der Konstellation begründet: Im Idealfall war der Therapeut eine Person, die einem Empathie und bedingungslose Akzeptanz entgegenbrachte, der man sich öffnete, die einem emotional nahekam, auf die man sich einließ, der man vertraute, vor der man sein Innerstes nach außen kehrte. Solche Schwärmereien waren meist harmlos und konnten sogar zum Therapieerfolg beitragen. Viele Patienten legten die Verliebtheit noch während der Therapie wieder ab, spätestens aber zum Ende hin. Ganz bestimmt würde das bei mir und Freud genauso laufen. Klar, ich war verunsichert, weil ich mich zum ersten Mal auf der anderen Seite der Therapeut-Patient-Beziehung befand und, seien wir ehrlich, angenehmer war es als umschwärmte Therapeutin, nicht als schwärmende Patientin. Aber wer sich Besserung erhoffte, musste an sich arbeiten und auch die ein oder andere unangenehme Situation in Kauf nehmen, das ließ sich in einer Therapie nicht vermeiden. Nur musste ich vorsichtig, ach was, äußerst vorsichtig sein, damit Freud von meinem Zustand nichts merkte. Ich würde im Erdboden versinken, wenn er mich darauf anspräche. Allein bei der Vorstellung bekam ich Hitzewallungen. Zum Glück war ich im Allgemeinen recht gut darin, meine Emotionen und Gedanken vor anderen zu verbergen – auch wenn Mira so gerne etwas anderes behauptete – denn ja, auch das gehörte zum Beruf einer Therapeutin.

Ich würde mich Freud gegenüber bis zu einem gewissen Grad öffnen, das schon, denn das war unvermeidlich, würde aber genau abwägen, was und wie viel ich von mir preisgab. Ich würde …

Moment mal! Entsetzt starrte ich Mira an. „Ich glaube, ich habe mich gerade für eine Therapie bei deinem Freund entschieden.“ Ohne dass ich es selbst gemerkt hatte.

Auf Miras Gesicht ging die Sonne auf – sie strahlte, wie ich es noch nie bei ihr gesehen hatte. Dann stand sie auf und schloss mich in die Arme, während ich nur perplex dasaß, mit wild klopfendem Herzen, und vor Aufregung kaum Luft bekam. „Das freut mich so, Hanna.“

Selbst als Mira mich schon lange losgelassen und sich wieder auf ihren Stuhl gesetzt hatte, war ich noch zu baff, um zu sprechen.

Schließlich sagte ich mit rauer Stimme: „Das Absurde ist, dass ich mich auch freue.“ Ich freute mich darauf, Freud meine Entscheidung mitzuteilen, freute mich auf den nächsten Termin in seiner Praxis, darauf, wieder sein aufrichtiges Lächeln zu sehen, die klaren blauen Augen, wieder seine Hand zu schütteln … Gut, das war nicht allzu verwunderlich, denn da sprach ganz offensichtlich die schwärmende Patientin in mir. Aber ich freute mich auch noch auf einer anderen Ebene. Ich empfand tiefe Zufriedenheit, weil ich mein Problem endlich anging. Weil ich endlich etwas anderes tun würde, als mich zu Hause zu verstecken. Ich hatte angefangen zu kämpfen.

 

Meine Hand mit dem Smartphone zitterte, als ich dem gleichmäßigen Tuten lauschte. Halb wünschte ich mir, er würde einfach nicht abheben.

„Psychotherapeutische Praxis, Sie sprechen mit René Freud.“

„Ich … ähem …“ Meine Stimme versagte.

„Hallo?“

„Oh … ähem, hallo. Hier ist Johanna, ähem, Johanna Heinrich.“ Ich schloss entsetzt die Augen. Peinlich, peinlich, peinlich.

„Hallo, Frau Heinrich.“ Bildete ich es mir nur ein oder klang seine Stimme wirklich plötzlich so viel wärmer?

„Ja, hallo“, wiederholte ich mit einem seligen Grinsen.

„Was kann ich für Sie tun?“

Jetzt reiß dich mal zusammen!

„Ich rufe an, um Ihnen zu sagen … also …“ Mir selbst einzugestehen, dass ich diese Therapie wollte, war ja schon alles andere als leicht gewesen, aber es ihm zu sagen, stellte sich als beinahe unmöglich heraus.

Niemand hatte gesagt, dass das einfach werden würde. Das hier war nur die erste Herausforderung von vielen.

Ich räusperte mich und sagte dann entschlossen: „Ich würde Ihr Angebot gern annehmen. Das Angebot, eine … eine T-Therapie bei Ihnen zu machen.“ Ich stieß die Luft aus. Ich hatte es wirklich gesagt.

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen. Warum sagte er denn nichts? Ich schaute auf mein Smartphone, um sicherzugehen, dass die Verbindung nicht getrennt worden war.

Da hörte ich endlich wieder Freuds Stimme. „Das freut mich sehr.“ Er klang zwar aufrichtig, aber nicht so, wie ich es erwartet hatte. Nicht so herzlich, wie ich wusste, dass er es konnte.

„Gut, dann …“ Enttäuscht wollte ich auflegen. Wofür ich mich selbst schalt. Ich war eine Patientin für ihn, nicht mehr und nicht weniger. Dass er sich meiner annahm, war allein seiner Freundschaft zu Mira geschuldet. Und der Tatsache, dass er ein guter Mensch und wahrscheinlich ein noch besserer Therapeut war.

„Wie passt Ihnen montags?“

„Wie Sie wollen.“

„Wie gehabt um 20 Uhr?“

„Wenn Ihnen das passt.“

„Ihnen sollte es auch passen, wissen Sie.“

„Ja, das passt.“

„Dann sehen wir uns am Montag.“

„Auf Wiederhören.“

„Frau Heinrich?“

Ich hatte schon auflegen wollen und führte das Smartphone zurück zum Ohr. „Ja?“

„Ich bin wirklich sehr froh über Ihre Entscheidung und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit es Ihnen bald besser geht.“

Ich hielt vor Spannung die Luft an.

„Ich wollte einfach, dass Sie das wissen.“ Damit legte er auf.

Kapitel 6

„Es ist … na ja … ein bisschen kompliziert, weißt du.“

„Verstehe“, sagte ich abwesend und tat so, als würde ich nicht merken, wie meine Schwester knallrot anlief.

Verlegen nahm sie sich den Tee, den ich ihr bereits vor einer halben Stunde gekocht hatte und der sicher längst kalt war, von meinem Couchtisch und nippte daran. „Deshalb fände ich es auch besser, wenn Mama es nicht erfährt … zumindest vorerst.“

„Als ob ich ihr deine Geheimnisse erzähle.“ Oder irgendetwas anderes.

„Ich weiß. Auf dich kann ich mich verlassen.“

Ich zwang mich zu einem Lächeln, obwohl ich mir gar nicht sicher war, was sie gesagt hatte.

Ich wollte einfach, dass Sie das wissen.

Es hatte so vertraut geklungen wie etwas, das man vielleicht zu einem guten Freund sagte, aber zu einer Patientin?

„Hanna?“

Verwirrt sah ich auf, direkt in Linis besorgtes Gesicht.

„Ist irgendwas? Geht’s dir nicht gut?“

„Ach was, ich bin höchstens ein bisschen müde.“ Ich tat einen tiefen Atemzug und strahlte meine Schwester an. Es kostete mich meine ganze Energie. „Ich freue mich für dich, Lini. Und egal, ob es kompliziert ist oder nicht, solange dich dieser neue Mann glücklich macht, bin ich auf deiner Seite.“ Ich räusperte mich. „Nur so aus Neugier, was genau ist so kompliziert an der Sache?“

Wieso hatte ich das eigentlich nicht schon früher gefragt? Mit einem Mal kamen mir Unmengen höchst beunruhigender Möglichkeiten in den Sinn. Verheiratet. Vorbestraft. Drogendealer. Keine Aufenthaltserlaubnis. Verschuldet. Sektenmitglied. Rassist. Islamist.

„Er ist ein bisschen jünger als ich.“ Lini zögerte. „Und er wohnt noch bei seiner Mutter.“ Ihr Gesicht, das zwischenzeitlich wieder seine normale Farbe angenommen hatte, färbte sich abermals rot.

Ich lachte erleichtert auf. Meine Schwester war 26, und selbst in dem Alter gab es genug junge Männer, die noch zu Hause wohnten. Und wenn ihr Freund ein paar Jährchen jünger war, haute mich das Geständnis, dass er noch den Luxus von Mamas Koch- und Waschkünsten in Anspruch nahm, noch weniger vom Hocker.

„Es ist mir schon ein bisschen peinlich“, nuschelte Lini.

„Ach komm, ist doch fast schon Mode, sich einen jüngeren Mann zu suchen. Aber falls ihr irgendwann mal zusammenzieht, musst du aufpassen. Solche Jungs gehen manchmal davon aus, dass die Freundin dann direkt Muttis Rolle übernimmt, was die häusliche Versorgung angeht.“

„So ist er nicht“, eilte Lini sofort zur Rettung seiner Ehre. Ein Leuchten trat in ihre Augen und ein schwärmerisches Lächeln erhellte ihre Züge. „Er ist -“

In diesem Moment vibrierte mein Handy. „Oh, tut mir leid, Lini, warte kurz, ja?“ Ich nahm den Anruf an. „Du, Mira, gerade ist es schlecht, meine Schwester -“

„Keine Sorge, ich mach es kurz“, wurde ich von meiner Freundin unterbrochen. „Hast du René schon angerufen?“

Hätte ich mir ja denken können, dass sie nicht ruhig schlafen konnte, ohne das kontrolliert zu haben.

Ich nahm mein Smartphone vom Ohr und bedeutete Lini, dass ich mich in die Küche zurückziehen würde. „Es dauert aber nicht lange“, wisperte ich ihr zu. Als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, seufzte ich und nahm das Telefon wieder ans Ohr. „Ja, habe ich. Zufrieden?“

„Allerdings. Und ich bin mir sicher, dass du es nicht bereuen wirst“, sagte Mira. „René ist einer der besten Therapeuten, vielleicht sogar der beste, den ich kenne. Ich meine, das fachliche Know-How haben wir ja alle, aber er legt so eine Geduld und so ein aufrichtiges Mitgefühl an den Tag – um ehrlich zu sein, beneide ich ihn manchmal sogar ein bisschen darum. Die Patienten spüren das, sie fühlen sich geborgen und verstanden bei ihm. Und er macht das nicht einmal absichtlich, er ist einfach so, auch privat.“ Sie seufzte. „Was?“, fragte sie, als ich nicht antwortete.

„Du schwärmst ja richtig von ihm.“

„Ich habe ganz objektiv seine guten Seiten aufgezählt.“

„Wenn du meinst …“ Sollte ich nachhaken? Aber wollte ich die Antwort wirklich hören? Nicht heute, entschied ich. „Okay, wenn das alles war …“

„Tatsächlich wollte ich noch deine Meinung zu etwas hören.“

„Oh. Okay.“ Das kam derart unerwartet, dass ich meine Schwester, die auf mich wartete, für den Moment vollkommen vergaß. Wann hatte Mira, die Mira, die immer auf alles eine Antwort parat hatte, mich jemals um meine Meinung gebeten? Bisher jedenfalls noch nie.

„Es geht um meinen Exfreund Oliver, du erinnerst dich? Ich hab dir auf dem Klassentreffen von ihm erzählt.“

„Tja, weißt du, mit den Erinnerungen ans Klassentreffen ist das so eine Sache …“

„Immer noch Blackout?“ Sie seufzte. „Also dann nochmal die Kurzversion: Ich hab ihn damals kurz vor dem Abi kennengelernt. Er war ein Freund einer Freundin und auf einer anderen Schule. Wir haben dann zusammen Psychologie studiert und danach gemeinsam in einer Praxis gearbeitet, haben uns einen Kassensitz geteilt. Aber nach der Trennung schien mir das nicht mehr angemessen. Diese beruflich bedingte Nähe, nun, das hielt uns davon ab, uns auf andere potentielle intime Kontakte einzulassen. Wir sind zwar noch Freunde, aber er war ziemlich enttäuscht, als ich gegangen bin und deine Stelle übernommen habe. Und er ist mir wichtig als Mensch. Ich wünsche mir wirklich, dass wir unsere Freundschaft erhalten können. Selbst wenn ich, nun, eine neue Beziehung beginnen würde.“ Sie machte eine bedeutungsschwere Pause. Sprach sie da gerade von Freud? Der Gedanke lag nahe und ich fragte mich abermals, ob ich nachfragen sollte. Aber würde es wirklich einen Unterschied machen, sollte Mira mir bestätigen, dass sie tatsächlich an ihm interessiert war? Er war mein Therapeut. Und meine Schwärmerei für ihn war nichts, das ich selbst allzu ernstnehmen wollte oder durfte. Vielleicht würde es mir sogar guttun, klipp und klar zu hören, dass Mira in ihn verliebt war. Damit ich gar nicht erst auf dumme Gedanken kam. Doch ich konnte mich nicht dazu durchringen, die alles entscheidende Frage zu stellen. „Du hast gesagt, du willst meine Meinung zu etwas hören?“, hakte ich stattdessen kraftlos nach.

„Was kann ich tun, um meine Freundschaft mit meinem Ex aufrechtzuerhalten, selbst wenn ich einen neuen Freund hätte?“

„Hast du denn einen?“

„Noch nicht. Aber manchmal geht so was ja schneller als -“

„Das kommt ganz auf die Gefühle deines Ex an, würde ich sagen“, unterbrach ich sie. „Will er dich zurück?“

„Nun, eventuell.“

„Meinst du nicht, dann wäre es besser, den Kontakt komplett abzubrechen? Zumindest für eine Weile?“

„Nein, das muss auch anders gehen.“

„Tja, ich wüsste aber nicht, wie.“ Ich seufzte. „Mira, meine Schwester ist gerade hier und ich will sie nicht zu lange warten lassen. Ich mache mir mal Gedanken über dein Problem okay? Und dann -“

„Hat sie auch ein Problem? Deine Schwester, meine ich.“

„Wie kommst du darauf?“

„Du klingst so.“

„Jetzt brauchst du mich plötzlich nicht mal mehr zu sehen, um zu wissen, was ich denke?“

„Das ist eine Gabe, liebe Hanna, da kann ich nun wirklich nichts dafür. Also, was ist mit deiner Schwester? Geht es um einen Mann?“

„Wenn du es unbedingt wissen musst, ja“, flüsterte ich und schilderte Mira in aller Kürze, was ich selbst eben erst von Lini erfahren hatte.

„Du würdest ihren neuen Freund bestimmt gern mal kennenlernen, oder?“, fragte Mira, als ich geendet hatte.

„Ich … ähm … vermutlich. Wieso?“

„Ich verstehe dein Dilemma, wirklich. Du willst sie nicht direkt fragen, um ihr nicht das Gefühl zu geben, du würdest sie kontrollieren. Ist doch so, oder?“

„Um ehrlich zu sein, hatte ich noch gar nicht die Möglichkeit, darüber nachzudenken.“

„Das macht nichts, wenn du darüber nachdenkst, wirst du zu genau diesem Schluss kommen. Aber die gute Nachricht ist, ich habe da eine Idee. Eine Idee, die uns allen weiterhilft: Ein Dreierdate!“

„Ein was?“

„Das wird auch dir guttun. Ich meine, du hast mir auf dem Klassentreffen erzählt, wie du immer auf Männerfang gehst und, na ja, bei Sascha hab ich es ja mit eigenen Augen gesehen.“

Ich wollte protestieren, doch Mira ließ mich nicht zu Wort kommen. „Du wirst sehen, dass es dir guttut, Hanna. Und ich kenne zufälligerweise zwei tolle Männer, die bestimmt gerne mitkommen würden. Dann lädst du noch deine Schwester mit ihrem neuen Freund ein und hast zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Komm schon, du musst zugeben, dass das eine exzellente Idee ist.“

Ich zog es vor, das nicht zu kommentieren. „Und was springt für dich dabei raus?“

„Oh, für mich?“, flötete Mira und blieb mir eine Antwort schuldig.

Ich hatte eine Ahnung, eine ungute Ahnung, die ich jedoch nicht greifen konnte.

„Na, komm schon, Hanna. Oder fällt dir auch nur ein guter Grund ein, der dagegenspricht?“

„Ich habe keine Lust.“

„Willst du wirklich, dass ich dir erkläre, wie depressive Verstimmungen und Lustlosigkeit zusammenhängen? Und was die beste Therapie dagegen ist?“

Empört sog ich die Luft ein. Erstens hatte ich keine Depression und zweitens hätte ich die Andeutung, dass jemand mit einer depressiven Verstimmung sich nur zusammenreißen und den Hintern hochkriegen musste, vielleicht meiner Mutter zugetraut, aber keiner approbierten Psychotherapeutin.

Da hörte ich Miras glockenhelles Lachen.

Ein Scherz, natürlich.

„Ich frage meine Schwester, in Ordnung? Und wenn sie zusagt, stehe ich dem ganzen nicht im Wege.“ Sie würde ohnehin ablehnen, so wie sie mit ihrem neuen Freund vorhin rumgedruckst hatte.

„Super! Sag mir dann sofort Bescheid, ja? Ich denke, wir könnten das noch dieses Wochenende zustande bringen.“

„Du lädst aber nicht Rufus ein, oder?“, fragte ich, einer ebenso plötzlichen wie schrecklichen Eingebung folgend.

„Wie kommst du denn darauf?“ Mira lachte schallend.

„Weil er offensichtlich ein Auge auf dich geworfen hat?“

„Liebe Hanna, ich sage dir jetzt mal was: Ich bin bisher ein einziges Mal auf die Avancen eines Mannes eingegangen, ohne mir vorher richtig Gedanken darüber zu machen, ob wir eigentlich zusammenpassen oder nicht – und das war mit Oliver und hat zu wirklich nichts als Problemen geführt. Ab jetzt wird jeder Mann zuerst genauestens analysiert und dann mache ich den ersten Schritt. Das nennt man Vernunft und Fernblick.“

„Und was sagen deine Vernunft und dein Fernblick zu Rufus?“

„Oh bitte, Hanna, dass du da noch fragen musst …“

„Mit einem deutlichen nie und nimmer würde ich mich besser fühlen.“

„Nie und nimmer, liebe Hanna, nie und nimmer.“

Ich atmete erleichtert aus.

„Frag deine Schwester und sag mir dann sofort Bescheid“, wiederholte Mira eindringlich, bevor wir auflegten.

Ich fand Lini im Meerschweinchenzimmer.

„Tut mir wirklich leid, dass es so lange gedauert hat“, entschuldigte ich mich.

„War das deine neue Freundin? Diese Mira, die du auf dem Klassentreffen wiedergetroffen hast?“

„Ja, sie … brauchte einen Rat wegen ihres Exfreundes.“ Den Teil über René Freud ließ ich aus. Seit Lini mich vom Klassentreffen hatte abholen müssen, war sie ohnehin ungewöhnlich besorgt um mich, ein Umstand, mit dem ich mich alles andere als wohlfühlte. Dass ich eine Therapie anfangen würde, musste sie nun wirklich nicht wissen.

Sie kicherte. „Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die dich regelmäßig um Rat fragt.“

Einen Moment lang sah ich mich durch Linis Augen: die große Schwester, die immer auf alles eine Antwort parat hatte, die sie immer gegen die Mutter verteidigte, die sagte, was sie dachte, die Starke, die Unabhängige. Wie sehr ich es liebte, hier oben, auf dem Sockel, auf den Lini mich gestellt hatte. Dumm nur, dass dieser durch das dämliche Klassentreffen zu wackeln begonnen hatte.

„Ähm.“ Ich räusperte mich. „Mira hat mir gerade einen Vorschlag gemacht, also eigentlich uns beiden. Ein dummer Gedanke, wirklich, und zwar will sie ein Dreierdate veranstalten, mit dir, mir, ihr selbst, zwei Männern, die sie kennt, und deinem Freund. Ich hab ihr bereits gesagt, dass das eine alberne Idee ist, aber sie hat darauf bestanden, dass ich dich frage.“

„Oh …“ Meine Schwester vergaß, das Meerschweinchen auf ihrem Schoß zu streicheln.

„Mach dir nichts draus, Mira hat manchmal so komische Ideen. Dann muss man ihr einfach klipp und klar sagen, dass man anderer Meinung ist, und sie ist dann auch nicht nachtragend. Außerdem habe ich ihr ja schon gesagt, was ich davon halte und mir war klar, dass du auch -“

„Warum eigentlich nicht?“

„Lini, du musst das nicht sagen, wirklich.“

„Ich meine es aber ernst, Hanna.“ Sie hielt meinem ungläubigen Blick entschlossen stand.

„A-aber findest du den Gedanken, mit zwei fremden Männern, deiner großen Schwester und deren Freundin auf ein Date zu gehen, nicht total peinlich?“ Mir in ihrer Situation würde es jedenfalls so gehen.

„Vielleicht ist das genau die richtige Gelegenheit, um mit dem Versteckspiel aufzuhören. Um das mit Marvin und mir offiziell zu machen, verstehst du? Und wenn alles gut läuft, kann ich ihn als nächstes Mama vorstellen.“ Vor Aufregung bildeten sich rote Flecken auf ihren Wangen und ich wusste, dass ich verloren hatte.

 

Als ich später, nachdem Lini gegangen war, Mira schrieb und sie über die Entscheidung meiner Schwester in Kenntnis setzte, erhielt ich zunächst keine Antwort. Eine knappe Stunde später bekam ich eine Nachricht von ihr, die genau drei minimalistische Aussagen enthielt:

Samstag, 20:00. Bar Harlekin. Freu mich!

Und ich wusste, dass ich die nächsten zwei Nächte kein Auge zutun würde.

Kapitel 7

Es war Samstag, 18:30 Uhr und ich war kurz davor, die ganze Sache abzusagen.

Sollte mir Mira doch die Freundschaft kündigen.

Allerdings würde sie mir dann mit Sicherheit nichts mehr über meine Patienten verraten, und diese regelmäßigen Updates – immer wieder aufs Neue bestätigt zu bekommen, dass es allen gut ging – das waren die Lichtblicke in meinem Alltag.

Also schleppte ich mich ins Bad, legte ein dezentes Make-up auf … und plötzlich stellte sich so etwas wie … Vorfreude ein. Zwar ganz leicht nur, wie eine Brise, die meine Erschöpfung bei Weitem nicht wegzuwehen vermochte, mir aber immerhin einen Hauch von Auftrieb verlieh.

Das war doch mein Ding, mit dem Männerkennenlernen und Flirten kannte ich mich aus. Auch wenn sich das schrecklich anhörte und ich das nie und nimmer laut aussprechen würde, aber ja, es stimmte: Vor dem Klassentreffen, und genau genommen auch noch auf dem Klassentreffen, war der Männerfang, wie es Mira so taktvoll ausgedrückt hatte, so etwas wie mein Hobby gewesen. Natürlich nicht, um mir irgendeinen One-Night-Stand anzulachen, nein, ich betrieb das Ganze mit System und dem Ziel, einen Partner fürs Leben zu finden. Um eben nicht als die einsame und darum männerverachtende Karrierefrau zu enden, zu der meine Mutter mich machen wollte. Weil sie selbst alles für meinen Vater aufgegeben und nach der Scheidung vor dem Nichts gestanden hatte. Aber ein toller Job allein machte auch nicht glücklich, egal, wie erfolgreich man darin war. Man brauchte beides, Karriere und ein Privatleben mit Mann und Familie. Leider hatte ich bisher immer Pech mit Männern gehabt. Es war fast so, als hätte mich meine Mutter mit einem Fluch belegt, sodass ich mir immer die Falschen aussuchte und am Ende doch allein blieb. Aber ich hatte nicht aufgegeben, bis … bis mir die Geschehnisse auf dem Klassentreffen alle Energie geraubt hatten. Denn jetzt hatte ich ja nicht mal mehr meine Karriere, wo sollte ich da das Selbstbewusstsein zum Flirten hernehmen? Andererseits … konnte es nicht auch umgekehrt funktionieren? Erst einen Mann finden, der mir dann die Motivation zurückgab, mir einen neuen Job zu suchen?

Ich starrte mein seit Wochen zum ersten Mal wieder geschminktes Gesicht im Spiegel an und mein Mund formte ein überraschtes O. Ich sah ja gar nicht so schlecht aus. Keineswegs wie eine antriebslose Stubenhockerin ohne Job, sondern wie eine ganz normale Frau.

Selbstverständlich wusste ich, dass die Wahrscheinlichkeit, heute einen passablen Mann kennenzulernen, den ich mochte, der mich mochte und der außerdem mit einem Schlag alle meine Probleme aus der Welt räumte, gegen null ging. Aber das machte nichts. Die Hoffnung war da und allein das zählte. Und es hatte noch einen ganz anderen Vorteil, wenn ich wieder ins Flirten einstieg: Vielleicht würde das René Freud aus meinen Gedanken vertreiben.

Ich steckte mir die Haare hoch, doch auf dem Weg zum Kleiderschrank drohte mich meine gerade wiedergefundene Motivation zu verlassen.

Ich trank einen Kaffee, hielt mir selbst vor, dass ich es ja wenigstens versuchen könnte, und zog dann einen gepunkteten, knielangen Rock an und eine Bluse dazu, darüber eine kurze Jacke. Ich besah mich abermals im Spiegel und das Resultat entlockte mir ein kleines Lächeln. Der Aufwand hatte sich gelohnt.

Ich warf mir entschlossen meinen Mantel über, zog meine kniehohen Stiefel an und machte mich, zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich ein bisschen aufgekratzt, auf den Weg.

 

Fröstelnd zog ich meinen Mantel enger um mich und blickte suchend in alle Richtungen.

Es war Punkt acht.

Meine Schwester hatte mir geschrieben, dass sie und ihr Freund Marvin eine halbe Stunde später zu uns stoßen würden, weil sie die Bahn verpasst hatten. Von Mira hatte ich seit der knappen Nachricht vor zwei Tagen nichts mehr gehört.

Meine Aufgekratztheit war einem solchen Ausmaß an Nervosität gewichen, dass ich kaum eine Sekunde stillstehen konnte.

„Hallo! Hanna!“ Winkend kam Mira auf mich zu. Sie hatte sich richtig herausgeputzt. Die langen, eigentlich glatten dunklen Haare hatte sie in verspielte Locken verwandelt, die glänzend um ihr Gesicht fielen. Sie trug ein Kleid, in einem satten Dunkelrot, das ihren dunklen, orientalischen Typ unterstrich.

„Wow“, sagten wir beide gleichzeitig.

„Wow“, sagte eine dritte, männliche Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um. Ein gutaussehender, dunkelhaariger Mann grinste mich an. Der Bartansatz auf seinen Wangen verlieh ihm etwas Verwegenes und ich lächelte unwillkürlich zurück.

„Ah, Oliver, du bist ja pünktlich!“, lachte Mira mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme und umarmte den Mann. „Oliver, Hanna. Hanna, Oliver“, stellte sie uns vor.

Irgendwo hatte ich den Namen schon mal gehört.

„Ach Miralein, wann war ich jemals unpünktlich?“, gab Oliver mit einem unschuldigen Augenaufschlag zurück.

Und noch bevor Mira „Nenn mich nicht so!“ zischte, fiel mir auch ein, woher ich den Namen kannte.

„Du hast nicht wirklich …?“ Ich brach ab.

„Den Exfreund zu einem Verkupplungsabend eingeladen, um ihn der eigenen Freundin schmackhaft zu machen?“, antwortete Oliver an Miras Stelle. „Doch, hat sie.“

„Ach, ihr beiden“, winkte Mira ab. „Seht euch doch an. Eine attraktive, alleinstehende Frau und ein attraktiver, alleinstehender Mann. Wie geschaffen füreinander! Ich sehe wirklich nicht, was daran so schlimm sein soll.“

„Natürlich nicht.“ Oliver zwinkerte mir zu.

Mir fiel das seltsame Telefonat ein, bei dem Mira mich gefragt hatte, wie sie mit Oliver befreundet bleiben könnte, sollte sie selbst einen neuen Freund haben. Anscheinend war ihr selbst eine Antwort eingefallen.

„Ich lasse mich nicht mit deinem Ex verkuppeln!“, zischte ich und warf gleichzeitig Oliver einen entschuldigenden Blick zu. „Nichts für ungut.“

Oliver winkte ab.

„Jetzt hab dich nicht so, Hanna.“ Mira grinste gut gelaunt. „Es wird bestimmt ein toller Abend! Und du siehst wirklich, wirklich toll aus. Hatte ich das schon gesagt? Oder, Oliver?“

„Da hast du ausnahmsweise recht.“

Doch ich hörte nicht mehr zu, keinem von beiden.

Hinter Mira war ein weiterer Mann aufgetaucht. Er kam die Straße entlang, direkt auf uns zu. Ich konnte nur seine Silhouette erkennen, seine durchschnittliche Statur, aber irgendwie kam er mir bekannt vor.

Dann ging er plötzlich unter einer Straßenlaterne durch. Licht fiel auf sein Gesicht.

Mein Atem stockte. Das konnte nicht sein.

War es mit meiner Schwärmerei jetzt schon so weit gekommen, dass ich überall, wo ich hinging, ihn sah?

Ich blickte kurz zu Mira und Oliver, die sich immer noch kabbelten, und sah dann wieder die Straße entlang. Der Mann war stehengeblieben und starrte mich genauso entgeistert an wie ich ihn.

Er war es wirklich!

Ich hob meine Hand zum Gruß, da wurde mir bewusst, wie dämlich das aussehen musste, und ich strich mir stattdessen durchs Haar, hatte allerdings die Hochsteckfrisur vergessen und rupfte im Eifer des Gefechts ein paar Strähnen heraus.

Wie konnte ein einzelner Mensch so ein Pech haben?

Musste ausgerechnet René Freud ausgerechnet an diesem Samstagabend ausgerechnet um diese Uhrzeit ausgerechnet diese Straße entlanggehen?

Oder …

Mir kam ein noch viel schrecklicherer Gedanke. Wollte er etwa auch ins Harlekin?

„René!“, rief in diesem Moment Mira und rauschte an mir vorbei. „Pünktlich wie immer!“

„Bühne frei für den, den sie für sich selbst vorgesehen hat“, kommentierte Oliver neben mir.

Ich sah ihn an, dann wieder zu Mira und Freud. Letzterer schien seine alte Studienfreundin zuerst gar nicht wahrzunehmen, starrte immer noch zu mir, die Miene vollkommen unleserlich. Dann richteten sich seine Augen plötzlich auf Mira und er fing an, mit gedämpfter Stimme auf sie einzureden.

Und langsam, viel zu langsam, begann mir zu dämmern, was hier vor sich ging.

„Ich kann nicht glauben, dass sie das gemacht hat“, hauchte ich.

„Dann kennst du sie nicht gut genug.“

Oliver und ich tauschten einen Blick. Und obwohl er nicht wissen konnte, in welcher Beziehung Freud und ich zueinander standen – zumindest hoffte ich, dass Mira ihm das nicht erzählt hatte – hatte ich das Gefühl, dass er von seiner Ex-Freundin noch weitaus Schlimmeres gewohnt war.

„Du kennst ihn also, aber Mira hat dir nicht gesagt, dass sie ihn heute eingeladen hat?“ Oliver lächelte, doch es wirkte resigniert. „Sie meint das wirklich nicht böse. Sie ist auf diesem Ich-suche-mir-meine-Männer-ab-jetzt-selbst-aus-Trip und redet sich ein, dass René der perfekte Mann für sie ist.“

„Du kennst ihn?“

„Klar, die beiden sind doch alte Studienfreunde.“ Oliver warf einen Blick zu Mira und Freud, die immer noch diskutierten.

Mir fiel ein, was Mira über Oliver gesagt hatte – dass er sie zurückwollte. „Wieso bist du überhaupt gekommen, wenn du wusstest, dass Mira heute mit einem anderen flirten und dich mit mir verkuppeln will?“

Oliver grinste ertappt. „Man weiß vorher nie, was passiert, oder? Ich dachte, wenn ich nicht komme, frage ich mich die ganze Zeit, ob ich heute nicht die Chance gehabt hätte, ihr zu beweisen, dass ich am besten zu ihr passe.“

Mein Blick schweifte zu dem Mann, der jetzt offiziell mein Therapeut war. Er lauschte mit zusammengekniffenen Lippen wie Mira anscheinend ihr Verhalten, mit lebhaften Gesten unterstrichen, rechtfertigte. Die blauen Augen waren dunkel vor Wut.

Niemals würde er sich auf die Sache hier einlassen.

Und darüber sollte ich erleichtert sein. Doch gleichzeitig hatte ich plötzlich dieses Bild im Kopf, wie wir alle gemeinsam an einem Tisch im Harlekin saßen, Cocktails tranken und uns prächtig amüsierten.

Absurd.

Aber die Vorstellung hatte auch was, etwas, das mich verträumt wie ein Schulmädchen lächeln ließ. Was, wenn alles anders gelaufen wäre, wenn ich meinen Job nicht gekündigt hätte und Mira mich nicht zur Therapie bei René Freud geschickt hätte? Dann träfe ich ihn jetzt und hier zum ersten Mal und er wäre nur ein Freund einer Freundin. Mein Herzschlag beschleunigte sich, während ich mir ausmalte, wie wir uns einander vorstellten, uns tief in die Augen sahen, die Hände schüttelten. Wir wussten nichts voneinander, fanden aber im Gespräch heraus, dass wir beide denselben Beruf hatten und mussten aufgrund dieser Gemeinsamkeit lachen.

„Alles okay?“, fragte Oliver.

Und holte mich damit augenblicklich in die Realität zurück. Mein Lächeln fiel in sich zusammen. Selbst wenn René Freud nicht mein Therapeut wäre – er wäre noch immer der Mann, auf den es meine Freundin abgesehen hatte.

„Ich gehe“, sagte ich im selben Moment, in dem plötzlich Miras erregte Stimme zu uns herüber schallte: „Hanna ist doch nicht aus Zucker!“

Direkt gefolgt von René Freuds nun ebenfalls erhobener Stimme: „Es geht um die Therapeut-Patient-Beziehung, der Begriff sollte dir schon geläufig sein, Mira.“

Ich spürte Olivers neugierigen Blick auf mir, etwa zeitgleich begannen meine Wangen zu glühen.

Ich hätte einfach zu Hause auf meinem Sofa vor dem Fernseher bleiben sollen, in meine Kuscheldecke gewickelt. Vielleicht liefen ein paar Vorabend-Dokus.

„Ist ja schön, wie ernst du deinen Beruf nimmst, René, aber manchmal bist du echt zu verbissen. Hanna war selbst Therapeutin, die kann damit umgehen.“ Mira hatte Freud am Arm gepackt und ein paar Schritte in unsere Richtung gezerrt.

„Ich wäre euch wahnsinnig verbunden, wenn ihr aufhören könntet, über mich zu reden, als ob ich euch nicht hören könnte. Oder habt wenigstens den Anstand und sprecht so leise, dass wir euch wirklich nicht hören können.“ Ich funkelte Mira an, auch, damit ich einen Grund hatte, Freuds Blick auszuweichen.

„Wegen Oliver? Quatsch, der ist doch auch Therapeut.“

„Und wo genau macht das die Sache besser?“ Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich schreien oder heulen sollte. „Echt, Mira, was hast du dir nur dabei gedacht?“

Freud sah mich mit diesem warmen, mitfühlenden Blick an, der mich wirklich fast in selbstmitleidiges Schluchzen ausbrechen ließ.

Mira sagte plötzlich gar nichts mehr. Sie blickte von mir zu Freud zu Oliver und wieder zurück zu mir. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber etwas an meiner Miene brachte sie wohl zum Schweigen. Ihr Mund schloss sich wieder und kurz sah sie aus wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Meine Mundwinkel zuckten. Ich schlug mir eine Hand vor den Mund, doch es war zu spät. Das Lachen brach aus mir heraus, laut und schrill, und es war mir peinlich. Gleichzeitig konnte ich nichts tun, um es zu stoppen. Ich gab auf und ließ es zu. Lachte und lachte, so heftig, dass mir Tränen über die Wangen liefen.

„Hanna, alles in Ordnung?“, fragte Mira. Sie wirkte ehrlich besorgt.

Das löste den nächsten Lachanfall aus. Mira, die Mira, die ihren eigenen Exfreund und meinen Therapeuten zu einem Kuppelabend angeschleppt hatte, sorgte sich plötzlich um mich, weil ich lachte?

Ich spürte Freuds Blick auf mir. Irgendwie schaffte ich es, das Lachen zu einem Grinsen herunterzuschrauben, bevor ich seinen Augen begegnete. Ich wischte mir die Tränen vom Gesicht. Hoffentlich hatte ich meine Mascara nicht allzu sehr verschmiert.

„Hi“, sagte ich und grinste schief.

Freud blinzelte und sah kurz aus, als wüsste er nicht, was er tun oder sagen sollte. Dann lächelte er zurück. „Hi.“

„Sie hätten wohl nicht erwartet, mich so bald wiederzusehen.“ Meine Stimme zitterte leicht, doch ich ignorierte es und drehte mich zu Oliver um. „Bevor die ganze Sache noch peinlicher wird: Ja, er ist mein Therapeut. Zwar inoffiziell aber … tja, so ist es eben“, schloss ich wenig elegant. Das war immer noch besser als beschämtes Schweigen und verlegenes Zu-Boden-Gestarre.

Ich wandte mich an Mira. Die schien gar nicht mehr zu wissen, wohin mit sich, so verwirrt sah sie aus. „Hanna …“

„Wie konntest du auch nur für eine Sekunde glauben, das hier könnte funktionieren?“

„Aber … wieso denn nicht?“, rief sie und sah dabei für einen Moment genauso aus wie meine kleine Schwester, als sie mit sechs Jahren versucht hatte, den abgerissenen Arm ihres Teddys mit Nutella wieder anzukleben. Dieselbe Mischung aus Entschlossenheit und Verzweiflung.

„Er ist mein Therapeut, Mira“, sagte ich so ruhig wie möglich. „Dachtest du wirklich, wir klopfen uns auf die Schultern und plaudern bei einem Glas Wein über das Wetter?“

„Wieso denn nicht?“, fragte Mira abermals, klang aber um einiges kleinlauter.

„Ich verstehe dich einfach nicht. Erst setzt du alles daran, dass ich diese Therapie mache – und ich dachte wirklich, du machst dir ernsthaft Sorgen um mich – und jetzt setzt du das alles für ein blödes Date aufs Spiel?“

„Was? Nein! Wieso denn alles aufs Spiel setzen? Das heute hat doch nichts mit der Therapie zu tun! Ich meine, ihr seid doch beide … ich dachte … weil es doch inoffiziell ist und …“

„Du dachtest, weil es inoffiziell ist, würde es uns nichts ausmachen“, stellte Freud fest. „Tagsüber Therapeut und Patientin und sich abends gemeinsam betrinken?“

„Ich dachte … vielleicht merkt ihr ja, dass es euch sogar hilft. Wo Hanna doch so Probleme hat, sich zu öffnen.“ Ihre Stimme wurde immer leiser, sodass ich einen Schritt auf sie zu machen musste, um sie zu verstehen. „Ich dachte, vielleicht macht es die Sache für euch sogar leichter, euch mal in einem lockeren Rahmen zu begegnen.“

Ich sog hörbar die Luft ein. „Irgendwie kann ich deinen verqueren Gedankengang fast nachvollziehen, aber ehrlich, kein normaler Mensch käme je auf so eine Idee!“ Ich nickte zu Freud. „Hast du dich mal gefragt, wie es dir gehen würde, wenn jemand einen deiner Patienten zu einem Kuppeldate mitbringen würde? Ich will mir gar nicht ausmalen, wie peinlich das wäre.“ Ich hielt die Augen auf Mira gerichtet, wollte Freud in diesem Moment nicht ansehen. „Und von Oliver will ich gar nicht erst anfangen. Ein bisschen mehr Feingefühl hätte ich dir schon zugetraut, nicht viel, aber ein bisschen.“

Ich sah gerade rechtzeitig auf, um noch mitzubekommen, wie Freud und Oliver einen Blick tauschten.

„Was?“, fragte ich.

Es war Oliver, der antwortete. „Es ist ja total löblich, wie du dich hier für uns einsetzt, aber bist du nicht diejenige, die heute am meisten abbekommen hat?“

Weil ich nicht wusste, was ich darauf sagen sollte, fuhr ich mir mit der Hand befangen durchs Haar und rupfte eine weitere Strähne aus der Frisur. Das musste ja aussehen … „Ach, ist ja jetzt auch egal.“ Kurzerhand griff ich nach oben, löste die große Haarspange sowie die paar kleinen Klammern und meine Haare fielen mir lose über die Schultern. Sofort fühlte ich mich wohler.

Als ich wieder zu Freud sah, trafen sich unsere Blicke. Mir wurde überdeutlich bewusst, dass ich mich heute, im Gegensatz zu unseren beiden ersten Treffen, zurechtgemacht hatte, einen Rock trug und geschminkt war – ob ihm das auffiel? Ob es ihm gefiel?

„Ich habe den Eindruck, der Abend ist gelaufen, oder sieht das jemand anders?“, durchbrach Oliver plötzlich die Stille.

Ich spürte Olivers und Miras Augen auf mir und wusste, ich sollte etwas sagen, wusste, dass das Schweigen langsam peinlich wurde, aber ich konnte mich nicht von Freuds Augen losreißen.

Autor

  • Fiona Winter (Autor)

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Titel: Verlieben ist die beste Therapie