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Mord zum Frühstück

Darina Lisle ermittelt

von Janet Laurence (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Darina Lisles Cateringunternehmen hat die Ehre, das jährliches Treffen der Gesellschaft für historische Kochkunst zu versorgen. Debatten und Präsentationen rund um das Thema Essen stehen auf dem Speiseplan, doch die Zusammenkunft bleibt nicht lange friedlich. Am nächsten Morgen wird Digby, der Vorsitzende des Vereins, mit einem Tranchiermesser in der Brust aufgefunden und Darina zur Ermittlerin wider Willen. Sie muss dabei nicht nur ihre Unschuld beweisen, sondern auch weitere Todesfälle verhindern …

Dies ist die Neuauflage des beliebten Darina Lisle-Krimis Mord extra scharf.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 1989
Überarbeitete Neuausgabe Februar 2020

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-080-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-052-7

Copyright © 1989 by Janet Laurence by Mac Millan London Ltd.
Titel des englischen Originals: A deep Coffyn

Copyright © 1995, ECON Verlag GmbH

Dies ist eine digitale Neuausgabe des bereits 1995 bei ECON Verlag GmbH, Düsseldorf und München erschienenen Titels Vorspeise Mord (ISBN: 978-3-61225-989-X).

Copyright © Oktober 2017, ECON Verlag GmbH, Düsseldorf und München
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Oktober 2017 bei ECON Verlag GmbH, Düsseldorf und München erschienenen Titels Mord extra scharf (ISBN: 978-3-96087-283-2).

Übersetzt von: Ullstein Buchverlage GmbH
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
stock.adobe.com: © Gail Johnson, © Mistervlad
shutterstock.com: © naKornCreate, © freedomnaruk

Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Vorwort

Dies ist nicht nur mein erster Kriminalroman, sondern auch das erste Buch, das ich je veröffentlicht habe. Was für ein Erfolg! Dieses Buch verkörpert meine beiden größten Leidenschaften: Kriminalgeschichten und gutes Essen.
Ich hatte an einem Kurs für kreatives Schreiben unter der Leitung von Maurice Callard teilgenommen, der meiner Meinung nach weitaus mehr Erfolg als Autor verdient hätte. Als Übung ließ er uns Romananfänge verfassen; einen für einen Liebesroman (wie ich es mir gewünscht hatte), und dann einen, der alles sein durfte, nur kein Liebesroman. Ich war zunächst völlig ratlos, was ich schreiben sollte.

Dann fielen mir all die großen Krimiklassiker ein, die ich verschlungen hatte. Ich habe es nie geschafft, den Mörder zu erraten, daher nahm ich an, dass ich selbst auch keine Mordfälle schreiben könnte. Aber ich hatte einmal einen Vortrag der großen P. D. James über das Schreiben von Kriminalromanen besucht, bei dem sie die Zuhörer ermutigte: Nur, weil man die Fälle in den Büchern anderer Autoren nicht durchschaut, solle man sich nicht vom Schreiben abhalten lassen. Es sei nämlich immer einfacher, sich die Geschichte selbst auszudenken!

Neuen Autoren wird geraten, über das zu schreiben, was sie kennen. Zu der Zeit schrieb ich eine wöchentliche Kochkolumne für den Daily Telegraph und nahm am Oxford Food Symposium teil. Die Wahl war offensichtlich!

Ich schrieb also die erste Seite eines Kriminalromans, der auf einem Wochenendsymposium der Gesellschaft für historische Kochkunst spielt (ich bedauere bis heute, dass eine solche Gesellschaft nicht tatsächlich existiert). Die Köchin Darina Lisle war die Hauptfigur. Diese erste Seite fanden die anderen Kursteilnehmer so spannend, dass ich bei den folgenden Schreibübungen dieses entstehende Buch immer weiter entwickelte.

Danach nahm ich an einem anderen Kurs für kreatives Schreiben von William Harwood teil. Wir sollten die ersten dreitausend Wörter eines angefangenen Projekts schreiben. Also setzte ich mich an Mord zum Frühstück. William ermutigte mich nicht nur, er machte mich auch mit seiner Schwester Susan Moody bekannt, der Kriminalschriftstellerin. Sie wurde mir bald zur lieben Freundin und schlug vor, Mord zum Frühstück bei Macmillan einzureichen, die auch ihre Penny-Wanawake-Serie veröffentlichten. Nun waren Susan und ich beim gleichen Verlag. Ich bin überglücklich, dass die Romane heute wieder erhältlich sind.

Janet Laurence

 

 

 

 

 

Für meinen Mann Keith mit all meiner Liebe

und für Bramble, der auf den folgenden

Seiten als »Bracken« in Erscheinung tritt.

Kapitel 1

Der Kopf blickte Darina unheilvoll an. Seine Ohren waren gespitzt, und zwischen den scharfen weißen Zähnen klemmte ein glänzender roter Apfel. Genauso könnte es ausgesehen haben, als Rotkäppchen im Maul des bösen Wolfes verschwand. Armes, wehrloses Schwein, dachte Darina. Ich habe dich so verkleidet und dein Aussehen so sehr verändert, dass niemand glauben wird, dass du nichts Schlimmeres getan hast, als in deinem Koben herumzuwühlen. Sie platzierte den fettglänzenden Kopf auf dem dafür vorgesehenen Ständer. Dann trat sie einen Schritt zurück, um ihre Arbeit zu begutachten.

Der lange Refektoriumstisch bog sich fast unter der Last der Speisen. Sie ging langsam um ihn herum und betrachtete das Festgelage.

Mittelalterliche Zwiebelkuchen aus Englands erstem Kochbuch standen neben Platten mit mariniertem Hering. Pepys hatte marinierten Hering geliebt. Das mit Kräutern und Gewürzen zubereitete Rindfleisch war ein altes Melton-Mowbray-Rezept, und Darina konnte schon fast hören, wie man sich später über die Zusammensetzung der Gewürze den Kopf zerbrechen würde. In der Küche stand noch das Lamm Monchelet, ein altes Eintopfrezept, das aus der gleichen Quelle wie der Zwiebelkuchen stammte. Kurz bevor das Fest begann, würde es zusammen mit einem Spanferkel und einer ganzen Rinderlende auf den Tisch kommen.

Die Yorkshire-Weihnachtspastete stand bereits auf ihrem Platz. Darina sah sie zärtlich an, denn dieses Gericht liebte sie ganz besonders. Ein Huhn war mit einer Taube gefüllt und dann in eine Ente gesteckt worden, welche wiederum eine Gans füllte, die in einen Truthahn passte. Das Geflügel steckte in einer Hülle aus Pastetenteig, der wundervoll geformt und dekoriert worden war.

Über den ganzen Tisch verstreut standen kleine Pasteten, Flammeris, in Butter gedünstete Orangen, Sillabubs und Fruchtcremes. In der Küche dampften Steak-, Nieren- und sonstige Ragouts. Die einzige große Aufgabe, die ihr jetzt noch bevorstand, war das Arrangement der Salmagundis, den feierlichen Salaten aus dem achtzehnten Jahrhundert, die an beiden Enden des langen Tisches einen hübschen Akzent setzen würden.

Vierzig Mitglieder der Gesellschaft für historische Kochkunst würden sich an diesem Wochenende hier zu ihrem zweiten jährlichen Treffen versammeln. Es würde Vorträge, Diskussionen und endlose Festessen geben. Ob man sich wohl von dem, was sie da aufgetischt hatte, beeindruckt zeigen würde? Und was noch wichtiger war: Würde es genug für alle sein? Diese Leute gehörten nicht zu denen, die ständig auf ihre Taille achteten und nur an den Speisen naschten – diese Gourmets besaßen die Aufnahmefähigkeit von Hausschweinen nach einer langen Hungerperiode. Immer wieder würde man zum Büffet gehen. Jedes Gericht würde probiert, in seine Bestandteile zerlegt werden – sowohl verbal als auch auf dem Teller. Man würde sich streiten, welche Zutaten benutzt worden waren, ob das Essen angemessen präsentiert wurde und ob man es schon einmal besser gegessen hatte. Wie würde wohl das letztendliche Urteil lauten?

Im letzten Jahr hatte Darina nur bei der Vorbereitung der Festessen geholfen. Verantwortlich war eine berühmte Köchin gewesen – der die Belastung fast zu viel geworden war, und Darina hatte damals mehr Zeit damit verbracht, das Selbstbewusstsein der Köchin zu stärken als mit dem Kochen. Nach der gründlichen Inquisition durch grimmige Experten musste die berühmte Köchin erst einmal mit erheblichen Mengen Malt-Whisky wiederbelebt werden. Nie wieder, hatte sie danach geschworen. Kein noch so großes Lob für ihr Essen konnte sie dazu bewegen, sich noch einmal solch bohrender Kritik auszusetzen. Wer fragte schon danach, ob das Mehl für feine Weißbrötchen sorgfältig aus Vollkornmehl zu vollendeter Weiße gesiebt worden war oder ob es aus einem Paket gebleichten Weißmehls stammte? Die Gesellschaft für historische Kochkunst tat es. Für sie waren Authentizität und Geschmack untrennbar miteinander verbunden.

Doch für Darina stellte es eine Herausforderung dar, die sich wohltuend von der Herstellung vollendeter kleiner Meisterwerke der Haute Cuisine unterschied, die immer stärker dem Einfluss der Nouvelle Cuisine unterlag, egal, ob es sich um eine Karotte oder um eine kalorienarme Sauce handelte. Und das alles nur für gelangweilte Gastgeberinnen in Mayfair oder stressgeplagte Direktoren, die wahrscheinlich sowieso lieber Lammkoteletts mit Kartoffelbrei gegessen hätten. Aber Essen war mittlerweile zum Statussymbol geworden, und deshalb konnte man Brotpudding seinen Gästen erst wieder anbieten, nachdem Anton Mosimann eine verfeinerte Variante davon im Dorchester serviert hatte. Nun galt Brotpudding als »chic«. Und ein gegrilltes Kotelett musste dadurch vor der Lächerlichkeit bewahrt werden, dass man es mit mehrfarbigen Saucen und einem sorgfältig akzentuierten Klecks frischen Frucht-Chutneys verzierte.

Aber dieses Essen hier, dachte Darina und blickte zufrieden über den Tisch, war richtiges Essen. Sie war auf Debatten über Zutaten, Methoden und Zubereitungsweise vorbereitet. Und sie war bereit, ihre Gerichte zu verteidigen. Eigentlich freute sie sich sogar auf Wortgefechte darüber, dass es doch eigentlich unmöglich war, die Zutaten und die Bedingungen zu schaffen, die für die Speisen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts erforderlich waren – ganz zu schweigen von den Gerichten des Mittelalters oder der Stuart-Zeit. Das gehörte alles zu den Freuden, die dieses Wochenende bieten sollte.

Die schwere Eichentür an einem Ende der Halle öffnete sich, und der Vorsitzende der Gesellschaft trat ein.

»Darina, Liebes!« Er umarmte sie herzlich und hielt sie dann auf Armeslänge von sich weg. Sie blieb regungslos stehen und ließ sich von Digby Cary ausführlich mustern.

»Ich weiß nicht, was ich zuerst vernaschen soll – dich oder dein Essen!« sagte er.

Darina seufzte. Sie machte sich keine Illusionen über ihr Aussehen. Zum einen war sie zu groß – fast eins achtzig. Ihre Mutter war eine zierliche, zerbrechliche Erscheinung mit blonden Haaren, Porzellanhaut und so zartem Körperbau, dass alle Männer herbeieilten, um sie vor den Stürmen des Lebens zu schützen. Niemand eilte herbei, um Darina zu beschützen – man bewunderte sie wahrscheinlich eher wegen ihrer Fähigkeit, einen Reifen zu wechseln oder einen schweren Einkaufskorb zu heben. Ihre Haare waren zwar blond, weigerten sich aber standhaft, sich zu locken. Wie oft hatte ihre Mutter geseufzt, wenn sie die Lockenwickler aus dem Haar ihrer Tochter nahm und die schweren Haare wieder glatt den Rücken herunterhingen. Inzwischen verzichtete Darina auf jeglichen Aufwand und hielt ihr Haar nur mit einer einfachen Spange ordentlich zurück, sodass es wie Sahne ihren Rücken hinabfloss.

Ihre Mutter sah auch in Darinas regelmäßigen Gesichtszügen keinerlei Vorteile. »Männer beten eine kleine Stupsnase oder Grübchen einfach an, Liebling. Aber deine Wangenknochen sind einfach zu kräftig, deine Nase ist zu gerade – und musst du dein Kinn immer so energisch vorstrecken? Zumindest ist deine Haut rein – man kann sie mit gutem Gewissen als Pfirsichhaut bezeichnen, aber leider sind graue Augen völlig unromantisch. Wenn du dich nur ab und zu ein bisschen mehr aufregen würdest – dann werden sie nämlich beinahe grün. Ein wenig mehr Temperament täte dir nur gut, Liebling.«

Aber Darina hatte aus nächster Nähe beobachten können, was Temperament den Menschen antun kann, die einem nahestehen. Sie hatte zugesehen, wie ihr Vater sich hinter einer Mauer aus Höflichkeit zurückzog und immer seltener zu Hause war – was nicht schwierig für einen vielbeschäftigten Landarzt ist. Nein, Temperament war nichts für sie.

Sie sah zu Digby auf – es gab nicht viele Männer, bei denen sie das tun konnte, aber der Vorsitzende der Gesellschaft war in jeder Hinsicht herausragend. Nur ein böswilliger Mensch würde Darinas gute Figur als ungeschlacht bezeichnen, aber niemand würde wohl je zögern, Digby riesig zu nennen. Mit seinen ein Meter neunzig und seinem Löwenkopf überragte er jeden. Durch das Fernsehen war sein Gesicht so bekannt wie das eines Filmstars – und er war ebenso attraktiv. Sein dauernder Kampf gegen sein Übergewicht war bis jetzt erfolgreich verlaufen, und seine Persönlichkeit war ebenso beeindruckend wie seine Körpergröße.

Das Lächeln, mit dem er jetzt auf Darina hinunterblickte, war charmant und voller Gutmütigkeit. Sein Gesicht legte sich in unzählige, tiefe Lachfältchen, und die hellgrünen Augen zwinkerten ihr herzlich zu. Sein Blick wurde allerdings etwas kühler, als sie sich aus seinen Armen wand und auf den Tisch deutete.

»Was meinst du, Vetter Digby, wird das Festmahl die Prüfung bestehen, wird es bei den Mitgliedern der Gesellschaft Begeisterung hervorrufen?«

Die Lachfältchen wurden zu Falten, als er die Stirn runzelte. Er weigerte sich, dem Büffet auch nur einen Blick zu schenken. »Warum nennst du mich Vetter Digby, Darina, Liebes?«

»Ich halte es für sehr passend – zumindest an diesem Wochenende. Es klingt so schön nach achtzehntem Jahrhundert. Und schließlich muss ich immer, wenn ich dich sehe, daran denken, dass ich deine einzige noch lebende Verwandte bin.«

»Nun ja, wenn du damit einverstanden wärest, dass Vetter und Cousine sich küssen, dann würde dieser Titel eines gewissen Charmes nicht entbehren!« Als sie ungeduldig einen weiteren Schritt zurückwich, hob er die Hand. »Ich weiß, ich habe versprochen, nicht wieder damit anzufangen, aber du siehst unwiderstehlich aus, wenn du Mehl auf der Nase hast.«

Er zog sein Taschentuch heraus und wischte ihr das Gesicht ab. Darina musste unwillkürlich lächeln, als er ihr mit dem Tuch einen zärtlichen Stups auf die Nase gab. »So ist es besser«, sagte er und ließ das Taschentuch wieder in seinem Ärmel verschwinden. Er sah ihr noch einen Augenblick lang tief in die Augen und wandte sich dann dem Tisch zu.

Die Yorkshire-Weihnachtspastete fiel ihm sofort ins Auge. »Das ist also dein Chef d’œvre? Ich muss dir ein Kompliment machen, meine Liebe – das ist ein Kunstwerk.« Der neckende Ton war aus seiner Stimme verschwunden, jetzt sprach er von Profi zu Profi. »Und dieser Eberkopf ist superb!«

Digby ging um den Tisch herum, begutachtete den marinierten Hering, schnitt sich ein winziges Stück von dem gewürzten Rindfleisch ab und prüfte den Geschmack mit der Sorgfalt eines Weinkenners, der einen Weißwein kostet. Mit dem Ausdruck höchster Anerkennung auf seinem Gesicht bewegte er sich auf die in Butter gedünsteten Orangen zu. »Es ist zu traurig, dass man all diesen süßen Kreationen abschwören muss. Ich sähe es lieber, wenn jeder dieses verführerische Gift links liegen lassen ließe, aber zweifellos wird das meiste einfach verspeist werden, ohne dass man den üblen Wirkungen auch nur einen Gedanken widmet.«

Darinas Körper war vor Nervosität ganz angespannt, während sie ihn beobachtete, wie er um den Tisch herumwanderte. Das war vor allem darauf zurückzuführen, dass sie Digbys Urteil ziemliches Gewicht beimaß. Schließlich richtete er sich auf. »Ich bin stolz auf dich, meine Liebe. Ich selbst hätte es nicht besser machen können.«

Darina entspannte sich – das war kein leeres Kompliment. Der Vorsitzende der Gesellschaft war nicht nur der Autor unzähliger Kochbücher – nein, er hatte auch für ein paar historische Fernsehserien das Essen zubereitet. »Ich wusste, dass ich recht hatte, als ich dich letztes Jahr engagierte und dieses Jahr darauf bestanden habe, dir allein die Verantwortung zu übertragen – obwohl man mich angefleht hat, doch jemanden zu wählen, der sich bereits einen Namen gemacht hat.«

Darina sonnte sich einen Augenblick lang in seinem Lob. »Es hat mir Spaß gemacht«, bekannte sie ehrlich. »Danke, dass du mir diese Chance gegeben hast.«

Als Digby weiter nur dastand und sie mit jenem Lächeln ansah, das die Zuschauer seiner Fernseh-Kochkurse so liebten, wich Darinas Befriedigung über sein Lob einem Gefühl des Unbehagens. »Komm und schau dir die Küche an«, schlug sie vor, drehte sich um, führte ihn aus dem Refektorium mit der hohen Decke aus dem fünfzehnten Jahrhundert, dann an dem Paravent aus durchbrochenem Holz vorbei und schließlich durch eine Ecktür. Ein kurzer Flur mündete in eine Treppe, von der ein weiterer Gang abging, an dessen Ende eine massive Holztür zu sehen war, die wiederum in die riesige Küche führte. Eine hohe vom Rauch der Jahrhunderte dunkle Decke und geräumige Regale, in denen Steingutgeschirr und Kochutensilien standen, erfreuten zwar das Herz eines jeden Menschen, der sich mit historischer Kochkunst befasste, brachten aber jeden modernen Koch zur Verzweiflung.

Aus den Tiefen eines riesigen Warmhalteofens zog Darina eine große Pfanne, die mit dampfendem Wasser gefüllt war. In der Pfanne standen die Steak- und Nierenragouts. Digby konnte ihre Anzahl nur schätzen. Aber er kreischte fast vor Entzücken, als sie das Spanferkel aus dem Ofen zog, dessen Schwarte gerade goldbraun wurde. Aus einem elektrischen Backofen daneben nahm Darina eine riesige Rinderlende und pinselte das rosige Fleisch und das cremige Fett mit heißer Butter ein. »Wundervoll!« rief er. »Es tut mir nur leid, dass wir kein offenes Feuer mit Spieß aufgetrieben haben. Wir müssen nächstes Jahr daran denken. Fleisch, das auf diese Weise geröstet wird, ist unvergleichlich.«

An einem großen Kieferntisch in der Mitte der Küche arbeitete Darinas Assistentin. Sie arrangierte gerade verschiedene kleingeschnittene Fleischstücke und Salatzutaten um einen Reisberg. Die wechselnden Farbschattierungen aus hellem und dunklem Grün, rosigem Braun und warmen Cremefarben verliefen bis zur Mitte des Reishügels, dessen Spitze eine Zitrone und ein großer Rosmarinzweig krönten. Zwei identische Schüsseln mit Salmagundi wurden auf ähnliche Weise arrangiert.

Digby sah zu, wie die geschickten Hände die vielfarbigen Ringe mit Ringelblumenblüten verzierten. Sein Blick ruhte auf dem ernsten Gesicht, den schwarzen Locken und den straffen Brüsten, die sich unter dem weißen Overall wölbten. »Was für ein kunstvolles Arrangement, meine Liebe«, flüsterte er in das rosige Ohr. Das Mädchen lief rot an und ließ eine Blüte fallen.

Digby wandte sich wieder Darina zu. »Ich sehe, dass für unser Fest alles in Ordnung ist. Aber wie steht es mit meinem Büro? Ist das bereits organisiert?«

Darina führte ihn aus der Küche, durch den Flur in einen Raum, der sonst das Zimmer der Haushälterin war. In Glasschränken standen Gläser mit Eingemachtem. Auf einem bemalten Schränkchen befanden sich ein paar Küchenutensilien: eine Gewürzmühle, eine altertümliche Eiscrememaschine und ein kleines Wunder viktorianischer Ingenieurskunst – eine Maschine, die Äpfel schälte. Auf den Regalen prangte eine Sammlung schimmernder Kupfertöpfe.

Vor einem hohen, schmalen Fenster stand ein Tisch. Darauf befanden sich eine Schreibmaschine, Kartons voller Bücher und Papiere und eine Ansammlung langer blauer Pappkästen unterschiedlicher Größe. Digby öffnete den kleinsten und packte sechs sehr scharfe Küchenmesser aus. Er zog eins heraus, schaute sich um und legte es dann auf einen kleinen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Das wiederholte er auch bei den anderen Schachteln, sodass schließlich ein halbes Dutzend Messer unterschiedlicher Größe auf dem Tisch lagen.

Darina nahm eines auf, prüfte, wie gut es in der Hand lag und fuhr dann mit dem Daumen über die Schneide. »Was für herrliche Messer!« rief sie.

Digby lächelte zufrieden. »Bester deutscher Edelstahl, meine Liebe, kalt gehärtet, mit einem guten Anteil Molybdän, pflegeleicht und wundervoll im Gebrauch.«

Darina musste grinsen. »Du klingst wie ein Werbespot.«

Er nahm ihr das Messer aus der Hand und legte es wieder zu den anderen. »Ich biete den Mitgliedern die einmalige Gelegenheit, diese Messer von hoher Qualität, die es nicht auf dem freien Markt zu kaufen gibt, zu erwerben, und das auch noch zu einem sehr vorteilhaften Preis. Sie sollten mir alle sehr dankbar sein.« Er drehte sich um, riss das Packpapier von einem großen Paket herunter und entnahm ihm ein paar Exemplare eines Buches mit glänzendem Einband. Eins reichte er Darina.

Das Schatzkästlein des Konditors lautete der Titel. Er war in schwarzen Lettern auf ein farbiges Titelbild gedruckt, auf dem reichgeschmückte Kuchenformen, kleine Pasteten und Torten zu sehen waren. In kleineren Buchstaben erklärte ein Untertitel, worum es sich bei dem Buch handelte, nämlich um Eine Geschichte der Kuchen und Torten in England vom Mittelalter bis zur Moderne. Darauf folgte in Großbuchstaben der Name des Autors.

»Mein neuestes Werk«, erklärte Digby unnötigerweise mit bescheiden gesenkter Stimme.

Darina blätterte das Buch durch. »Es sieht toll aus«, sagte sie ehrlich. »Es ist alles so detailliert. Woher in aller Welt nimmst du die Zeit für deine Forschungen? Bei deinen Fernsehserien, Zeitungskolumnen und den ganzen Vorführungen dürftest du eigentlich keine freie Minute mehr haben.«

»Ach, dafür interessiere ich mich doch schon ein Leben lang, ich musste es nur niederschreiben«, erwiderte Digby leichthin. Er nahm ihr das Buch ab, schrieb etwas auf das Deckblatt und gab es ihr wieder. »Für die liebste Darina von ihrem ergebenen Bewunderer Digby« stand jetzt darauf.

Darina wurde rot. »Danke«, sagte sie und sah dabei so aus, als hätte sie das Buch am liebsten wieder zurückgegeben. »Ich nehme an, du hoffst, die anderen Exemplare an die Mitglieder zu verkaufen?«

Digby legte ein paar aufgeschlagene Bücher auf die Bücherstapel, mit denen er die Messer umgeben hatte. »Mit einer Widmung des Autors sollten sie eigentlich weggehen wie warme Semmeln.« Er sah mit strahlendem Besitzerstolz auf den Tisch. »Ich werde die Mitglieder morgen hierherführen. Wenn sie positiv reagieren, könnte man daran denken, nächstes Jahr ein paar Stücke mehr anzubieten.«

»Es überrascht mich, dass du nie ein Fachgeschäft für Küchenzubehör aufgemacht hast«, erklärte Darina trocken.

Digby grinste. »Das wäre eine Überlegung wert, meine Liebe. Also – würdest du gerne als Teilhaberin in dieses Unternehmen einsteigen?« Er trat einen Schritt vor und legte seine großen gutgeformten Hände auf ihre Schultern. Dabei blickte er sie unsicher an, was völlig untypisch für ihn war. »Du weißt, was ich für dich empfinde, meine Liebe. Und da ich jetzt ein freier Mann ohne Bindungen bin – Gott schenke der Seele der armen Sarah Frieden –, warum sollte aus uns nicht ein Team werden? Stell dir nur vor, was wir zusammen erreichen könnten, was wir der Welt geben könnten!« Die grünen Augen tauchten tief in ihre grauen hinab. Dann neigte er den Kopf und küsste sie.

Darina stand steif und regungslos da, ihre Arme hingen schlaff herunter, ihre Lippen waren fest zusammengepresst. Nach einem Augenblick seufzte der große Mann und gab sie frei. Seine Lippen pressten sich zusammen, und seine Augen wurden schmal, als sie sofort zwei Schritte zurücktrat und sich so außer Reichweite begab.

»Es ist nicht nötig, so auf mich zu reagieren, meine Liebe«, meinte er leichthin, aber Darina überlief unwillkürlich ein Schauer, als sie den drohenden Unterton in seiner Stimme hörte. »Wir wollen doch nicht vergessen, wer dich bei der Gesellschaft für historische Kochkunst eingeführt und dich zu einer Größe auf der kulinarischen Landkarte gemacht hat. Denke dran – ich kann eine Reputation nicht nur schaffen, sondern auch zerstören.«

Darina reckte das Kinn und erwiderte seinen Blick kühl. »Ich weiß, wie einflussreich du bist, Digby, und ich habe auch gesehen, wie zersetzend die Kritik sein kann, die aus deiner Feder kommt – aber bisher nur denjenigen gegenüber, die deinen kulinarischen Ansprüchen nicht genügten. Aus purer Rachsucht hast du bis jetzt, soweit ich weiß, noch niemanden in die Pfanne gehauen. Schließlich hast du eben erst gesagt, dass das Essen deine Zustimmung findet.« In ihrer Stimme lag eine Spur Verachtung.

Er sah sie abschätzend an. Dann lächelte er plötzlich, ein strahlendes, treuherziges Lächeln voll verbindlichen Charmes. Es zerstreute die bedrohliche Atmosphäre, die in dem Zimmer entstanden war.

»Wie gut du mich doch kennst, meine Liebe. Dein Ruf ist für dieses Wochenende gesichert. Aber wer weiß, welche Gelegenheiten ich in Zukunft nutzen könnte oder nicht, um deinen Weg zu lenken.«

»Ach, Digby«, seufzte jetzt Darina, »glaub nicht, dass ich dir nicht dankbar für das bin, was du für mich getan hast. Oder dass ich dich nicht bewundere. Ich halte dich für einen der größten lebenden Kochbuchautoren unserer Zeit. Ich bin stolz darauf, dass wir miteinander verwandt sind, aber …« Sie hielt inne und suchte nach den passenden Worten.

»Ich weiß«, erwiderte er sanft, »du möchtest, dass wir gute Freunde bleiben, ja?«

Sie lächelte dankbar.

»Nun, meine Liebe, genau das werden wir sein. Und wer weiß – mit der Zeit wirst du vielleicht merken, dass aus der Freundschaft mehr geworden ist. Aber ich werde dir den nächsten Schritt überlassen.« Er drehte sich würdevoll um und begann, die Bücher und Messer neu zu arrangieren.

Darina sah, wie seine Hand leicht zitterte. Sie wollte noch irgendetwas sagen, aber ihr fiel nichts ein, also ging sie zur Tür.

»Ach, Darina«, vernahm sie Digbys Stimme, »ich hätte beinahe vergessen dir zu sagen, dass jede Minute ein Fernsehteam hier eintreffen wird.«

»Fernsehen?«

»Nur der Lokalsender, aber sie sind sehr daran interessiert, eine Sendung über dieses Wochenende zu machen. Ich hatte das Gefühl, dass es an der Zeit ist, der Gesellschaft noch etwas Profil zu verleihen, und vielleicht wird die Reportage ja auch landesweit ausgestrahlt.« Digby fuhr sich jetzt vollkommen ruhig mit einer Hand durch seine Löwenmähne.

»Und Nicholas hat zugestimmt?« fragte Darina erstaunt.

»Ach, Nicholas! Wir beide wissen doch, was unser guter Professor von jeder Art Publicity hält! Aber zurzeit bin ich der Vorsitzende, und ich habe diese Entscheidung getroffen. Ach ja«, fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu, »die Leute vom Fernsehen möchten vor dem Dinner ein paar Aufnahmen vom Tisch machen – du sorgst besser dafür, dass Nicholas Bescheid weiß.«

Digby wandte sich jetzt seinem Schreibtisch zu, spannte ein Blatt Papier in die Schreibmaschine, schlug einen Notizblock auf, setzte sich hin und fing an zu tippen. Das Gespräch war beendet.

Darina musste sich dazu zwingen, die Tür leise zu schließen. Am liebsten hätte sie sie laut zugeknallt, um der Mischung aus Verärgerung, Mitleid, Schuldgefühl und Abscheu, die Digby seit neuestem stets bei ihr erzeugte, Luft zu machen. So war es nicht immer gewesen. Als sie erwachsen wurde, war er für sie der glänzende, aufregende Held gewesen, dieser Vetter, der immer größeren Erfolg in jener Welt hatte, die immer anziehender für sie wurde, als sie selbst mit dem Kochen begann. Eine Zeit lang hatte sie ihn schwärmerisch geliebt, aber damals hatte er von seiner schlaksigen Cousine nur wenig Notiz genommen und sie nur mit ihren ersten Kochversuchen geneckt. Wann hatten sich ihre Gefühle ihm gegenüber gewandelt? Nach dem Tod ihres Vaters, als er seine Besuche sofort eingestellt hatte? Oder als sie ihn als Erwachsene in London wiedersah und er mit Sarah verheiratet war?

Während sie über den Flur an der Küche vorbei und die Treppe hinaufging, versuchte Darina zu analysieren, welche Gefühle sie für Digby hegte. Der Grund für ihre Abneigung lag sicher in der Art und Weise, wie er Sarah behandelt hatte. Aber warum hatte sie trotzdem Mitleid mit diesem Mann, der so viele Gesichter hatte und auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand? Dafür konnte sie keine logische Erklärung finden. Es konnte höchstens mit den Schuldgefühlen zusammenhängen, die sie empfand, weil sie ihre Teenagerliebe nicht wiederbeleben konnte. Aber sie war inzwischen neunundzwanzig und ein völlig anderer Mensch. Auch Digby hatte sich geändert. Mit vierzig traten die dunklen Facetten seines Charakters stärker zutage als zu der Zeit, als er mit seinem Onkel, der für ihn so etwas wie ein Ersatzvater gewesen war, über die Feldwege spaziert war. Ach, wenn Sarah doch nicht gestorben wäre, war Darinas letzter Gedanke, als sie durch das Refektorium ging, um Professor Turvey zu suchen.

Kapitel 2

In der Haupthalle des Konferenzzentrums der Abtei stand Professor Turvey und studierte seinen Klemmhefter. Obenauf lag eine Liste mit Namen, von denen die meisten ordentlich mit einem roten Stift durchgestrichen waren. Der rote Kugelschreiber klemmte daneben.

Der Mitbegründer der Gesellschaft für historische Kochkunst war extrem dünn. Nur die Tatsache, dass er auch extrem groß war, verhinderte es, dass die beiden leitenden Mitglieder der Gesellschaft den Anblick eines Komikerduos boten, wenn sie nebeneinanderstanden. Abgesehen von der Größe hatten sie keinerlei Ähnlichkeit miteinander. Während auf Digbys Kopf ein dichter Schopf wuchs, kämmte Nicholas einzelne Strähnen über die kahlen Stellen, in dem immer verzweifelteren Versuch, diese zu überdecken. Während die Falten Digby ein würdevolles Aussehen gaben, glich Nicholas eher einer Karikatur: Eine hohe Stirn verengte sich auf geradezu lächerliche Weise bis hin zu einem fliehenden Kinn. Der Kopf schien nur durch die abstehenden Ohren zusammengehalten zu werden. Die Wärme in seinen haselnussbraunen Augen gab ihm das Aussehen eines pfiffigen Streifenhörnchens. Doch viel zu häufig wich dieser Gesichtsausdruck einer Mischung aus Verblüffung und Zorn.

Als Darina aus dem Refektorium trat, erhellte sich das Gesicht des Professors. »Wie geht es mit dem Essen voran?« Die Kiefer des Streifenhörnchens mahlten voller Vorfreude.

»Alles unter Kontrolle. Was ist mit den Mitgliedern? Sind alle eingetroffen?«

Der Professor warf einen Blick auf den Klemmhefter. »Bis auf zwei sind alle da. Es ist so ärgerlich, dass sie zu spät kommen. Eigentlich sollte ich jetzt schon bei den Mitgliedern sein.« Unbewusst strich er mit einer Hand das Revers seiner samtenen grünen Smokingjacke glatt. Dann rückte er noch die gelbe Fliege in Paisleymuster gerade, ehe er wie ein herumirrender Schmetterling nach seinem roten Kugelschreiber griff.

Darina holte tief Luft und richtete ihm Digbys Botschaft über das Fernsehteam aus.

»Fernsehen?« Nicholas fuhr auf. Seine Nüstern bebten wie bei einem wilden Tier, das Gefahr wittert. »Welcher Sender?«

»Offenbar der lokale Fernsehsender, und Digby sagt, dass sie vor dem Essen Aufnahmen vom Tisch machen wollen. Wussten sie denn nicht, dass sie kommen?«

Der kleine Mund verzog sich, und zu beiden Seiten der scharfgeschnittenen Nase bildeten sich weiße Flecken. »Diese ganze Publicity ist so gefährlich. Erst gestern ist im Independent ein Artikel erschienen. Haben Sie ihn gelesen? Es war ein Interview mit Digby, das die Leser angeblich über unsere Gesellschaft und über dieses Wochenende informieren sollte. Aber wurde ich etwa darin erwähnt? Wurde etwa meine Arbeit erwähnt?« Nicholas presste die Lippen zusammen und holte tief Luft. Etwas ruhiger fuhr er fort: »Digby merkt anscheinend nicht, dass wir die Kontrolle über die Gesellschaft verlieren könnten, denn die unpassendsten Leute könnten auf einmal den Wunsch verspüren, Mitglied zu werden. Also wirklich, er hat nicht das Recht, so etwas zu organisieren und mir kein Wort davon zu sagen. Fernsehen – das ist die Höhe.«

Und ebenso war es die Höhe, dass Digby es ihr überlassen hatte, ihm diese Nachricht zu überbringen, dachte Darina. Er sollte seine Schmutzarbeit lieber selbst machen.

»Und zuzulassen, dass sie vor dem Essen filmen – ungeheuerlich! Das wird alles verzögern, und das Essen wird verderben!« Die schmalen Schultern krümmten sich, und der lange Körper verkrampfte sich.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, beruhigte ihn Darina. »Ich werde sehen, was wir tun können, um alles ein wenig zurückzuhalten. Und Sie können dem Filmteam ein zeitliches Limit setzen.«

»Guten Abend, Mr. Turvey«, erklang eine sanfte Stimme mit bäuerlichem Dialekt von der reichgeschnitzten Holztreppe. Eine kleine, untersetzte Gestalt erschien. Ihr braunes Haar mit den grauen Strähnen war zu einem hübschen Pagenkopf geschnitten, die bemerkenswert breiten Schultern steckten in einem Kleid in heidefarbenem Fischgrätmuster. Hinter einer Nickelbrille musterten selbstbewusste, braune Augen die große junge Frau und den noch größeren Mann. »Wie schön, Sie wiederzusehen. Ich bin sicher, dass dieses Wochenende ebenso schön wird wie das im letzten Jahr.«

Nicholas streckte die Hand aus, und ein herzliches Lächeln erhellte sein Gesicht. »Miss Makepeace! Haben Sie sich schon eingerichtet?«

»Es ist alles sehr hübsch, danke.« Miss Makepeace hielt inne, und ihre klaren Augen, die hinter den dicken Brillengläsern leuchteten, blickten an dem Professor vorbei. »Ist Mr. Cary in der Nähe?«

Nicholas Turvey presste die Lippen zusammen, und er verkrampfte sich wieder. Darina eilte ihm zu Hilfe. »Er arbeitet gerade in seinem Büro.«

Die breiten Schultern strafften sich, und einen Augenblick lang glaubte Darina, dass Miss Makepeace sie nach dem Weg dorthin fragen würde. Stattdessen machte sie ein energisches Gesicht, umfasste ihre große Lederhandtasche etwas fester und sagte vorsichtig: »Er wird bestimmt später Zeit für mich haben.«

»Warum gehen Sie nicht hinunter an die Bar?« schlug Darina ihr vor. »Ich bin sicher, dass Sie dort Freunde treffen werden, die sie noch vom letzten Jahr kennen. Die Bar ist da hinten«, fügte sie hinzu, als Miss Makepeace nicht zu wissen schien, in welche Richtung sie gehen sollte. Sie zögerte wieder einen Augenblick, doch dann wandte sich die untersetzte Frau energisch um und schritt zielbewusst zu der Tür, die Darina ihr gezeigt hatte. Die Tür befand sich am anderen Ende der Halle, und als sie sie öffnete, wehte das Lachen und Schwatzen der Menschen, die schon in der Bar waren, zu ihnen herüber.

»Die liebe Miss Makepeace«, murmelte der Professor, »man würde sie auf den ersten Blick gar nicht für eine Feinschmeckerin halten. Aber wie ernst sie alles nimmt! Das letzte Mal rannte sie ständig hinter Digby her und versuchte, ihn zu einer Diskussion über die mittelalterlichen Torten von Parys zu bewegen, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Schließlich konnte sie ihn bei seiner Abreise auf der Treppe festnageln. Ich frage mich, wie lange es ihm diesmal gelingen wird, ihr zu entwischen!« Dieser Gedanke erzeugte bei ihm eine gewisse Heiterkeit, die jedoch schnell wieder verflog, als sich die massive Eingangstür öffnete und ein paar Leute hereinkamen, bei denen es sich nur um das Fernsehteam handeln konnte.

Die Gruppe bestand aus vier oder fünf kräftigen, jungen Männern, die alle Jeans und Sweatshirts trugen und mit einer Ansammlung von Taschen, Kameras, Beleuchtungsutensilien und ein paar Aktenkoffern beladen waren, die zum Bersten voll zu sein schienen. Sie setzten alles in der Halle ab. Dann verschwanden sie wieder nach draußen. Ihre Bewegungen waren knapp und geschäftsmäßig. Nur eine Frau blieb in der Halle stehen. Sie hielt ein Klemmbrett in Händen, das mit so vielen Blättern bestückt war, dass das Blatt auf Nicholas Hefter dagegen wie ein Herbstblatt wirkte, das der kleinste Windstoß wegpusten konnte.

Sie ging auf ihn zu und streckte die Hand aus. »Ich bin Linda Stainmore, und Sie müssen Professor Turvey sein. Sehr erfreut, Sie kennenzulernen. Ich bin eine große Bewunderin Ihres Werkes Überblick über die archäologischen Fundstellen in England. Wenn ich reise, ist dieses Buch eine Art Bibel für mich.« Leicht vorstehende hellblaue Augen hielten seinen erschrockenen Haselnussaugen mit durchdringender Intensität stand. Ihre schwarzen Haare glänzten wie die einer Chinesin. Die Designerstrickjacke und die cremefarbenen Jeans unterstrichen, was allen bereits klar war – das war nicht die Produktionsassistentin, sondern die Produzentin.

Jemand stellte eine gummierte Reisetasche neben ihr auf den Boden. »Ich glaube, das ist Ihre Tasche, Linda.«

Sie warf einen kurzen Blick darauf und konzentrierte sich dann wieder ganz auf Nicholas. »Digby meinte, Sie wären so nett, mir ein Zimmer für das Wochenende zuzuweisen. Die Crew wird heute Abend filmen, dann wieder gehen und morgen wiederkommen, aber ich möchte das Flair des Symposiums mitbekommen.«

Nicholas geriet in Panik. Er schaute sich nach der entschlossenen Crew um, die immer noch Gerätschaften hineintrug. »Ein Zimmer?«, rief er. Er blickte zunächst auf seine Unterlagen und starrte dann wieder Linda an. »Ein Zimmer?«, wiederholte er etwas hysterisch. »Digby hat mir nichts davon gesagt. Es tut mir leid, aber es geht nicht, wir sind völlig ausgebucht!«

Linda schien das nicht zu beunruhigen. »Oh, sicher treiben Sie irgendwo ein kleines Mauseloch für mich auf! Wo steckt Digby? Er schien keinen Zweifel daran zu haben.« Ihre Stimme klang befehlend, aber irgendwann schien man Linda Stainmore einmal gesagt zu haben, dass man mit einem Lächeln mehr erreichen konnte. Sie besaß zwar den Charme eines speichelleckenden Vampirs, aber bei Nicholas schien das zu wirken. Er blickte auf die schmale Hand mit den rotlackierten Fingernägeln, die auf seinem Arm lag, und dann in die blauen Augen.

»Ja, also …« Seine Stimme quiekte etwas, und er räusperte sich und versuchte es noch einmal. »Dann wollen wir uns die Sache noch einmal anschauen.« Er studierte seine Unterlagen.

Linda wartet geduldig. Sie musterte Darina und sah in die Halle. Ihr Blick blieb an den Portraits an den Wänden hängen; die Gesichter unter dem dicken, alten Firnis wirkten anonym. Dann sah sie sich die Schnitzereien am Treppengeländer an und den schweren Eichentisch, auf dem eine mit Elefanten verzierte Kupferschale stand, die mit einer riesigen Aspidistra gefüllt war. Neben der Pflanze lag ein Stapel dünner Aktenordner, auf denen das Logo der Gesellschaft prangte – ein Rad schlagender Pfau auf einer großen Servierplatte.

Der rote Kugelschreiber machte ein paar Vermerke in der Anwesenheitsliste. »Da weder Charles Childe noch

Gray Wyndham bis jetzt eingetroffen sind, werde ich ihnen das Doppelzimmer zuweisen und ihnen das dadurch freigewordene Zimmer geben. Es ist zwar klein und hat leider kein Bad, aber Sie werden sich sicher darin wohlfühlen.«

»Wundervoll. Ich wusste, dass Sie es einrichten würden.« Linda sah ihm wieder tief in die Augen, und das Gesicht des Professors überzog eine leichte Röte.

»Okay«, verkündete Linda in geschäftsmäßigem Ton. Ihre gedehnte Sprechweise hatte etwas beinahe Affektiertes. »Das Zimmer kann warten. Ich würde jetzt gern die Festtafel sehen«.

»Natürlich«, Nicholas war jetzt sehr beflissen. »Das hier ist Darina Lisle, die Schöpferin der Versuchungen des heutigen Abends. Darina, meine Liebe, wären Sie wohl so freundlich, Miss Stainmore alles zu zeigen? Ich stoße zu Ihnen, sobald die beiden Nachzügler eingetroffen sind.«

Linda warf Darina einen flüchtigen Blick zu. »Okay, dann führen Sie mich zum Büffet. Und vielleicht kann jemand Digby Cary auftreiben. Ich brauche ihn, wenn wir die Einleitung zu unserem Feature aufnehmen.«

Nicholas fuhr herum. »Digby bereitet gerade seine Ansprache für morgen vor. Ich bin sicher, dass ich Ihnen helfen könnte …« Er brach fragend ab.

»Sie sind sehr freundlich.« Linda versuchte, hilflos dreinzuschauen, was ihr aber völlig misslang. »Aber ich glaube, es muss Digby sein. Der Name, wissen Sie.«

»Auch Professor Turveys Name ist sehr bekannt«, schaltete sich Darina ein.

»Natürlich, ja.« Linda betonte ihre Worte wie ein Kindermädchen, das versucht, einem etwas dümmlichen Kind Mut zu machen. »Aber ja. Aber wir brauchen die Verbindung zur Esskultur. In der Öffentlichkeit ist Digby Cary die Esskultur. Und wir sind am Essen interessiert und eigentlich nicht an dem historischen Aspekt. So interessant er auch sein mag«, fügte sie hastig hinzu.

Darina gab es auf und führte Linda in das Refektorium. Das Fernsehteam raffte die notwendigen Gerätschaften zusammen und folgte ihnen.

In der Empfangshalle versuchte Nicholas Turvey, den ungeheuren Zorn zu beherrschen, der in ihm aufstieg. Digby, Digby, immer ging es nur um Digby! Einen Moment lang hatte er geglaubt, die attraktive Produzentin würde ihn anziehend finden, und dann war Digbys Name gefallen und hatte ebenso gewirkt wie seine leibhaftige Gegenwart – wenn er dann wirklich zugegen war, würde der Eindruck, den er, Nicholas, auf sie gemacht hatte, dahinschmelzen wie Gelato in der italienischen Sonne. Einen Augenblick lang lichteten sich die Wolken der Eifersucht, und er fragte sich mit der tiefen Neugier des Akademikers, wann die Bewunderung, Achtung und Sympathie, die er einmal für Digby empfunden hatte, in diesen alles zersetzenden Neid und gelegentlich sogar in heftigen Abscheu umgeschlagen war. Was hatte der großgewachsene Mann ihm getan?

Alles Mögliche, schrie seine frustrierte Seele. Dieses Wochenendsymposium zum Beispiel. War es nicht ursprünglich Nicholas’ Idee gewesen? Und war das erste Wochenende nicht ein triumphaler Erfolg gewesen? Warum also sollten bei dieser zweiten Wochenendveranstaltung Digbys Beiträge höher gewürdigt werden als seine? Und seine ganze Publicity! Er konnte klar erkennen, wer hier als der leuchtende Stern in der Gesellschaft für historische Kochkunst und als einziger Ideengeber hingestellt werden sollte! Und das war einfach nicht fair. Nicholas zitterte vor Hass und eifersüchtiger Wut.

»’n Abend, Professor, weisen Sie uns unsere Zimmer zu? Entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, bin leider aufgehalten worden.« Ein großgewachsener Mann war durch die große Eingangstür aus Eiche eingetreten. Die Fernsehcrew hatte sie offengelassen, denn es war ein warmer Abend im Frühherbst.

Nicholas entspannte sich und ging ihm mit einem Lächeln entgegen, das nur einen winzigen Anflug von Boshaftigkeit hatte. »Wyndham, lieber Kollege, wie schön, dass Sie es noch geschafft haben. Zweifellos arbeiten Sie gerade hart an Ihrem Buch – wie geht es mit dem magnum opus voran?«

»Es wird«, erwiderte der Neuankömmling knapp.

»Und wer ist das?« Nicholas’ Stimme klang spielerisch, als er auf Wyndhams Knie hinunterblickte.

Ein Hund stand neben den langen Beinen. Für Uneingeweihte ähnelte er einem Bettvorleger in einem besonders attraktiven Rot. Er hatte einen intelligenten, schmalen Kopf mit schwarzumrandeten Schlappohren. Am anderen Ende des Bettvorlegers wedelte ein buschiger Schwanz, dessen Spitze ebenfalls schwarz war, während seine topasfarbenen Augen sich auf den Professor richteten.

Er streckte die Hand aus. Der Hund kam näher und beschnüffelte sie.

»Ach«, erwiderte sein Herr, »das ist Bracken. Ich hätte mich wohl kundig machen sollen, ob Hunde hier erlaubt sind, aber zur Not kann er im Auto schlafen. Er begleitet mich überallhin.«

»Ich bin sicher, dass wir einen passenden Schlafplatz für ihn finden können.« Der Hund hatte sofort Nicholas’ Herz erobert, indem er seinen Kopf an den Beinen des Professors rieb und ihn mit sanft bittenden Augen ansah. Doch dann fiel ihm ein, welche Änderungen er im Belegungsplan hatte vornehmen müssen. »Aber ich habe Sie leider mit einem anderen Teilnehmer zusammenlegen müssen.«

»Solange Sie ein Zimmer für meinen Freund hier auftreiben, stört es mich nicht, wo ich schlafe.« Er wollte noch etwas sagen, doch in diesem Augenblick ertönte von der Tür her eine Stimme, in der Verärgerung und Selbstmitleid mitschwangen, die jedoch auch voll jugendlichen Charmes war. »Dieser Ort war wohl der abgelegenste, den Sie auftreiben konnten!«

Vielleicht lag es an der plötzlichen Störung oder am schrillen Ton der Stimme, oder vielleicht war es auch die Art, wie der Koffer hineingeworfen wurde, bevor sein Besitzer mit einer Umhängetasche die Halle betrat. Jedenfalls fuhr Bracken herum, jeder Muskel angespannt, die Ohren gespitzt und den Schwanz steil aufgerichtet. Dann drang ein tiefes, drohendes Knurren aus seiner Kehle.

Der Eigentümer des Koffers wich zurück. »Er will auf mich losgehen, halten Sie ihn zurück, halten Sie ihn zurück!«, kreischte er in höchsten Tönen.

Der Hund kam ein paar Schritte näher und bleckte die Zähne. Das Knurren wurde drohender. Aber jede weitere aggressive Handlung wurde durch seinen Herrn unterbunden, der ihn am Nackenfell packte und ihn zurückhielt. »Entschuldigen Sie«, sagte er zu dem Mann, der sich ängstlich an die Eingangstür drückte. »Wenn Sie mir aus dem Weg gehen, werde ich ihn nach draußen ins Auto schaffen.«

Schnell wurde die Bahn freigemacht und der Hund hinausgeführt. Als er am Objekt seiner Aggression vorbeigezerrt wurde, gebärdete er sich wie ein Wilder und bellte wütend.

Nicholas trat etwas zittrig vor. »Sie müssen Charles Childe sein«, sagte er. »Bitte, kommen Sie doch herein.«

Mit einem nervösen Blick auf die Einfahrt, von der aus immer noch protestierendes Bellen ertönte, ergriff Charles Childe seinen Koffer und betrat mit angstgeweiteten Augen die Halle. Er stellte den Koffer hin und fuhr sich mit zitternder Hand durch seine zu langen, hellblonden Haare. Dann schloss er für einen Augenblick die Augen, wobei dunkle Wimpern einen Halbmond auf den Wangen bildeten. Während er darauf wartete, dass er sein inneres Gleichgewicht wiedererlangte, fragte sich Nicholas unsinnigerweise, ob die Wimpern wohl gefärbt waren. Dann hoben sie sich wieder, und ein ungemein charmantes Lächeln wurde ihm zuteil.

»Was für ein Untier! Wie konnte man ihn nur frei herumlaufen lassen? In aller Öffentlichkeit! Es gibt doch sicher ein Gesetz dagegen?«

»Der Zwischenfall tut mir unsagbar leid«, entschuldigte sich der Eigentümer, der gerade wieder hereinkam. »Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist, normalerweise greift er nie Menschen an.« Er betrachtete sich den immer noch etwas erschütterten Mann näher. »Hatten Sie schon einmal Ärger mit Hunden?«

»Wenn Sie damit meinen, dass ich das Opfer von sinnlosen Attacken war – o ja! Eigentlich kann ich Hunde nicht ausstehen, sie machen mir Angst, seit ich als Kind einmal von einem Schäferhund gebissen wurde.«

»Das ist es also. Hunde spüren das. Sie reagieren nur auf Ihre Unsicherheit, Ihre Angst und Ihre Abscheu.«

»Wollen Sie damit etwa sagen, dass es meine Schuld war?« Die Wut ließ seine Stimme noch schriller werden.

»Leider ja«, entgegnete der andere Mann leichthin, »aber machen Sie sich keine Gedanken, ich werde darauf achten, dass er nicht in Ihre Nähe kommt. Gray Wyndham«, stellte er sich vor und streckte die Hand aus.

Nach kurzem Zögern ergriff der andere sie mit schlaffem Druck. »Charles Childe«, erwiderte er.

»Hm, ja«, schaltete sich Nicholas ein, der diese unangenehme Aufgabe so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, »wie schön, dass Sie beide zusammen eingetroffen sind. Sie werden sich nämlich ein Zimmer teilen.«

Der blonde Mann blickte ihn entsetzt an. »Doch nicht mit dem Hund?«

»Nein, nein, mein Lieber«, verwahrte sich Nicholas hastig, »ich versichere Ihnen, dass wir für den Hund einen anderen Schlafplatz finden werden.«

Nervös musterte er die beiden Symposiumsteilnehmer. Die ganze Sache verlief höchst unglücklich. Was dieses Wochenende so attraktiv gemacht hatte, war die Aussicht gewesen, dass jeder der Teilnehmer ein Einzelzimmer bekommen sollte. Das war alles nur Digbys Schuld, dachte er voller Wut auf den Vorsitzenden der Gesellschaft. Wenn Digby der Fernsehproduzentin nicht ein Zimmer angeboten hätte, würde er diese beiden Männer nicht zusammenpferchen müssen. Auch wenn man von dem Zwischenfall mit dem Hund einmal absah, handelte es sich bei den beiden sicher nicht um die idealen Zimmergenossen.

Charles Childe war von mittlerer Statur und sehr adrett gekleidet. Er trug ein Tweedjackett, dessen unkonventioneller Schnitt von Giorgio Armani ersonnen war, was Nicholas natürlich nicht wusste, dazu eine cremefarbene Bundfaltenhose und ein lose fallendes, mokkafarbenes Seidenhemd mit einer gestrickten Seidenkrawatte. Er sah aus, als sei er einer Modezeitschrift entsprungen, denn sogar seine Gesichtszüge hatten den nichtssagenden, glatten Ausdruck eines Dressman.

Gray Wyndham hingegen war die Lässigkeit selbst. Obwohl er nicht ganz so groß war wie Nicholas, überragte er den anderen Mann um Längen. Wirre braune Haare umgaben seinen großen Kopf, und seine regelmäßigen Gesichtszüge wurden von einem Bart verdeckt, der – obwohl ordentlich zurechtgestutzt – sein unordentliches Erscheinungsbild nur noch unterstrich. Seine Nase war groß und leicht gekrümmt, und die braunen Augen unter dem wirren Haar waren von Tränensäcken umrandet. Sein schlanker Körper steckte in einem gut geschnittenen, aber alten, leichten Tweedjackett und Twillhosen, beides außerordentlich konventionelle Kleidungsstücke.

»Gut, dann werde ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen«, raffte sich Nicholas auf.

Beide Männer hoben ihr Gepäck auf und folgten ihm nach oben.

Den Kern des Konferenzzentrums bildete ein elisabethanisches Landhaus, das eigentlich eine umgebaute Abtei war. Vor über zwanzig Jahren war es nach einer buntbewegten Geschichte von den Eigentümern eines Firmenkonsortiums erworben worden und diente seither als Konferenzzentrum. Die großen Empfangsräume wurden umgebaut und dienten jetzt als Bar, Speisezimmer und Sitzungsräume. Zusätzliche Zimmer waren in einem diskreten Anbau untergebracht worden, der durch einen überdachten Gang mit dem Hauptgebäude verbunden war, und ein hervorragendes Personal sorgte für den nötigen Komfort.

Nicholas führte sie zu einem großen Zimmer, das im ersten Stock links des alten Hauses lag. Es war wirklich sehr groß. Zwei Einzelbetten klammerten sich aneinander wie zwei Kinder, die sich in der Wüste verirrt haben. An der gegenüberliegenden Wand stand ein moderner, furnierter Kleiderschrank. Meilenweit davon entfernt stand ein Ankleidetisch, der ähnlich aussah. Um einen spindelbeinigen Kaffeetisch am Fenster standen ein paar Sessel, die sehr unbequem aussahen. Aus einer großen Stuckrose an der Decke hing eine Lampe mit einem orangefarbenen Schirm.

Charles Childe schauderte zusammen. »Wer auch immer dieses Zimmer dekoriert hat, würde wahrscheinlich auch Wildlachs zu Fischfrikadellen verarbeiten!«

»Die Stuckarbeiten stammen aus dem siebzehnten Jahrhundert!« bemerkte Gray Wyndham.

Nicholas nickte glücklich. »Einer von Oliver Cromwells Mitstreitern hat in der Zeit des Commonwealth eine Menge Geld dafür ausgegeben.«

Grays Interesse war geweckt. »Ich freue mich darauf, den Rest des Hauses zu sehen. Wie geht es weiter? Wird es heute Abend noch Vorträge geben?«

»Aber nein! Heute Abend wird gegessen! Es wurde ein Büffet mit Gerichten aus verschiedenen Perioden der Geschichte vorbereitet. Wir wollen zunächst über jedes einzelne Gericht diskutieren und klären, welche Epoche es repräsentiert und aus welchen Bestandteilen es zusammengesetzt ist. Vielleicht kommentieren wir auch die Unterschiede, die es zwischen der damaligen und der heutigen Zubereitungsweise gibt. Erst morgen beginnen die Vorträge. Entschuldigen Sie, ich hätte Ihnen bei Ihrer Ankunft ein Programm geben müssen, aber durch den kleinen Zwischenfall ist es mir entfallen. Auf dem Tisch neben der Haupttreppe liegt ein kleiner Stapel. Nehmen Sie sich einfach eins herunter, wenn Sie nach unten kommen.«

Danach verließ Nicholas das Zimmer.

Gray Wyndham warf seine Tasche auf eines der Betten und zog den Reißverschluss auf. Charles Childe stellte seine Gepäckstücke vorsichtig auf den Boden und musterte seinen unverhofften Zimmergenossen. »Sie entsprechen nicht gerade meiner Vorstellung von einem Gourmet. Was also hat sie zu diesem Wochenende der Völlerei geführt?«

Sein Gegenüber sah ihn belustigt an. »Völlerei? Ich dachte, es sollte eine Reihe gelehrter Ausführungen über die Geschichte der Speisen geben!«

»Nach dem, was ich gehört habe, ist das nur eine Entschuldigung für das viele Essen. Genau deshalb bin ich auch gekommen. Mir gehört ein Restaurant«, fügte er hinzu, als er sich in einen Sessel setzte, die Knie überschlug und wartete, welche Reaktion seine Feststellung auslöste.

»Servieren Sie alte Gerichte?«, fragte Gray Wyndham, der gerade den bescheidenen Inhalt seiner Reisetasche sorgfältig einräumte.

»Nun, ich halte ein oder zwei traditionelle Gerichte, die an den modernen Geschmack angepasst sind, durchaus für eine gute Idee.« Charles wandte den Kopf, blickte aber nur auf Grays Rücken, weil dieser gerade Unterhosen und Socken in eine Schublade stopfte. »Ich denke, mit der nouvelle cuisine ist es langsam endgültig vorbei. Die Gäste wollen jetzt etwas für ihr Geld bekommen. Besonders meine. Viele davon sind nämlich Schauspieler, wissen Sie. Sie kommen nach der Vorstellung herein und sind buchstäblich am Verhungern. Ich war früher auch einmal Schauspieler, müssen Sie wissen.« Wieder machte er eine Pause, um die Reaktion seines Zuhörers abzuwarten.

»Ach ja?« Das war nicht gerade eine ermutigende Reaktion, und Charles fiel etwas in sich zusammen.

Gray Wyndham schloss die Schublade, prüfte nach, ob seine Reisetasche auch wirklich leer war, warf sie oben auf den Kleiderschrank, musterte dann die Gestalt im Sessel und gab nach. »Besitzen Sie Ihr Restaurant schon lange?«, fragte er.

Charles wurde sofort wieder munterer. »Erst seit ein paar

Monaten. Es ist so aufregend! Natürlich braucht man Zeit, um das Geschäft aufzubauen, aber vor ein paar Tagen war Digby Cary bei uns. Aus diesem Grund bin ich eigentlich hier – er hat mir nämlich alles über dieses Wochenende erzählt, und es klang so interessant. Also, wenn wir jetzt noch in seiner Restaurantkolumne gute Besprechungen von ihm bekommen, sind wir gemachte Leute.«

Endlich hatte er die ganze Aufmerksamkeit seines Gegenübers erregt.

»Digby Cary?«, sagte der andere Mann betont langsam. »Wollen Sie damit etwa sagen, dass er an diesem Fressgelage beteiligt ist?«

»Aber ja, wussten Sie das nicht? Er ist einer der Fixsterne hier.« Charles plapperte glücklich weiter, erklärte, welche Funktion der große Mann bekleidete und sprach über seine begnadeten Führungsqualitäten und seine Gelehrsamkeit. »Und er besitzt diese einmalige Fähigkeit, wirklich einflussreiche Menschen in seinen Bannkreis zu ziehen. Einige der wirklich wichtigen Leute in der Gastronomiebranche dürften an diesem Wochenende hier sein. Also, wenn ich nur ein paar von denen dazu bringen könnte, in mein Restaurant zu kommen …« Er brach ab, als er bemerkte, dass sein Gegenüber starr und unbeweglich dastand. »Stimmt etwas nicht?«, fragte er.

»Ich gehe hinunter und schaue nach meinem Hund«, entgegnete Gray kurz. »Bis später dann.« Ohne ein weiteres Wort zu sagen, stürmte er aus dem Zimmer.

»Mach, was du willst«, murmelte Charles vor sich hin, als die Tür zuknallte. Also, manche Menschen waren wirklich … Er stand auf, öffnete seine Reisetaschen, packte sorgfältig seine Sachen aus und widmete sich der genussreichen Frage, was er wohl zum Abendessen anziehen sollte.

Linda gab ihren Kameramännern im Refektorium Anweisungen. »Richtig, Derek, Großaufnahme vom Tisch, dann ein Schwenk von links nach rechts und eine Aufnahme des gesamten Festes. Darina, meine Liebe, was soll diese kahlen Stellen auf dem Tisch ausfüllen? Können wir die fehlenden Sachen nicht daraufstellen?«

Die hellblauen Augen blickten eindringlich in Darinas graue, während ihr der Zeitablauf des Essens erklärt wurde.

»Sie wollen damit wohl ausdrücken, dass wir das gesamte Essen erst kurz vor dem Dinner filmen können, ja? Okay.« Sie hob mit einer Hand den dicken Pony hoch – wobei sie eine überraschend niedrige Stirn entblößte – und schaute sich die Szenerie noch einmal an. Die andere Hand hatte sie in die Hüfte gestemmt. Darina wusste nicht, worauf sie neidischer sein sollte, auf die Designerjeans oder auf die schlanken Beine, die der Stoff hauteng einhüllte. Alles wartete.

»Eine Nahaufnahme von dieser Pastete da. Was ist darin, Darling?«

Der Inhalt der Pastete wurde ihr in allen Einzelheiten kundgetan. Linda quollen fast die Augen aus dem Kopf.

»Erstaunlich!«, verkündete sie schwach. »Hast du die Aufnahme, Derek? Jetzt auf dieses schreckliche Teil.« Sie deutete auf das gewürzte Rindfleisch. »Entschuldigen Sie, Darling«, sagte sie sorglos zu Darina, »es schmeckt sicher hervorragend, aber wenn man Vegetarier ist, versetzen einem solche Sachen einen ziemlichen Schlag.«

Sie ging nach vorne, legte eine Hand auf Dereks Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nickte und zog den Eberkopf näher heran, bis es so aussah, als würde er nach dem Fleisch schnappen. Dann richtete er seine Kamera darauf und schien schier endlose Aufnahmen zu machen.

Linda ging um den Tisch herum, rückte hier einen Teller genau zurecht und arrangierte dort einen Servierlöffel anders. Ihr Pagenkopf wippte dabei um das blasse Gesicht, und auf den hohen Wangenknochen spiegelte sich das Licht der starken Scheinwerfer wider, die man aufgestellt hatte. Sie murmelte unaufhörlich Anweisungen vor sich hin, die nur sie selbst hören konnte. Die Techniker standen mit den Kameras auf den Schultern da und warteten geduldig auf die nächste Aufnahme.

»Alles bereit? Wo steckt Digby? Darina, Darling, holen Sie diesen göttlichen Mann her, ich möchte mit ihm über das Essen sprechen. John – Aufnahme von Digby vor dem Büffet und mir daneben, während ich ihm Fragen stelle, ja?«

Als Darina gerade den Raum verlassen wollte, sah sie noch, wie Linda sich suchend umsah und sofort zum Spiegel ging, als sie ihn entdeckte. Die Hand mit den scharlachroten Nägeln richtete den Schal am Kragen ihrer Escada-Bluse, und die rosige Zunge befeuchtete die bereits glänzenden Lippen. Darina hoffte, dass Nicholas erst dann hereinkommen würde, wenn die Filmerei beendet war.

Im Zimmer der Haushälterin heftete Digby gerade ein paar maschinengeschriebene Manuskriptseiten zusammen. Als Darina eintrat, legte er das zuoberst liegende Exemplar neben seine Schreibmaschine und die Durchschläge in einen Ordner, den er unter einen Stapel aus Akten und Papieren schob.

»Digby, die Fernsehleute möchten, dass du kommst, um dir ein paar Fragen über das Essen zu stellen.«

Digby lächelte sie breit an. »Natürlich, meine liebste Darina. Ich werde wie der Blitz dort sein.« Er schaltete die Schreibmaschine aus und nahm seine Jacke von der Stuhllehne.

»Ist deine Rede fertig?«, fragte Darina, während er sich die untadelig geschnittene Leinenjacke überzog.

»Meine Rede?« In seinen Augen glitzerte es. Wie Sonnenschein, der sich auf dem Wasser spiegelt, verriet auch sein Blick nichts von dem, was in seinem Inneren vor sich ging. »Die habe ich mir für später aufgehoben. Gerade habe ich meine Restaurant-Kolumne geschrieben. Der Abgabetermin, weißt du, Liebes. Der Artikel muss morgen früh zur Post.«

Er grinste sie noch einmal an wie eine Katze, die Sahne geleckt hat und verließ das Zimmer. Darina folgte ihm langsam. Sie hatte eigentlich keine Lust, wieder in das überheizte Refektorium zurückzugehen und Digbys glattzüngigem Geschwätz über die Ziele, die man mit diesem Wochenende verfolgte, zu hören. Es war sowieso Zeit, einen Blick auf das Fleisch zu werfen.

Als sie die Küchentür öffnete, raste ein aufgeregter Hund den Korridor entlang, sprang an ihr hoch und bellte erfreut. Darina mochte Hunde. Sie hockte sich hin, kraulte das dicke Fell hinter den Ohren und stieß den Kopf weg, der versuchte, ihre intimsten Stellen zu beschnüffeln. Also versuchte er, stattdessen ihr Gesicht zu lecken.

»Bracken!«, erklang eine strenge Stimme. Der Hund stellte sich taub, aber Darina stand auf und wandte sich der bärtigen Gestalt zu, die sich ihnen näherte. »Entschuldigen Sie«, sagte er. »Er benimmt sich heute leider ziemlich daneben. Er war ein Streuner und ist zutiefst dankbar für Liebe und Aufmerksamkeit jeder Art. Meine armseligen Versuche, ihn zu disziplinieren, waren ein völliger Fehlschlag.«

»Er ist wunderbar! Ob er etwas zu fressen haben möchte? Was meinen Sie?«

»Das ist schon geklärt, danke. Ich habe sein Futter dabei.« Er deutete auf den großen Korb an seinem Arm, der mit Hundefutter und Schüsseln gefüllt war. »Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir einen Ort zeigen könnten, wo er schlafen könnte. Nicholas Turvey meinte, es könnte vielleicht hier unten eine Abstellkammer oder so etwas geben, wo wir auch seinen Korb hinstellen könnten.«

Darina dachte einen Augenblick nach und öffnete dann eine Tür gegenüber der Küche. Es war eine wunderbare Höhle voller seltsamer Kisten, alter Geräten, Vasen, Kunstblumen und einem riesigen Boiler. »Das ist zwar nicht gerade das Ritz, aber es ist warm, und hier stört ihn bestimmt niemand.«

Der Korb wurde auf den Boden gestellt, die Schüsseln und das Futter herausgenommen, seine Decke ausgeschüttelt und wieder hingelegt. Bracken schnüffelte herum, stieg in den Korb, drehte sich ein paarmal um die eigene Achse, ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf die Decke sinken, legte den Kopf auf die Umrandung und blickte seinen Herrn mit resignierten, braunen Augen an.

Darina sah sich die Dosen an. »Brauchen Sie einen Dosenöffner? Und wie ist es mit Wasser? Bringen Sie ihn doch mit in die Küche.«

Sie ging über den Flur voran, und Bracken folgte ihr mit freudiger Erregung. Als er erst einmal in der Küche war, gab es eine Menge Gerüche, denen er unbedingt nachgehen musste, und ein paar Leckerbissen, die er unbedingt vom Boden aufsammeln musste. Darina fand noch ein paar kleingeschnittene Fleischstücke, die von den Salmagundis übriggeblieben waren, und ließ ein paar in seine geöffnete Schnauze fallen.

Ihre Assistentin zog gerade das Spanferkel aus dem Ofen. »Es ist gar«, verkündete sie, »und die Lende habe ich in den Wärmeofen gestellt. Soll ich noch länger bleiben?«

»Danke, Frances, den Rest schaffe ich alleine. Zwei Angestellte des Konferenzzentrums werden mir beim Aufräumen helfen. Auf Wiedersehen bis morgen.«

Das Mädchen legte seinen Overall ab, lächelte zum Abschied und verließ die Küche. Darina füllte die Schüssel des Hundes mit Wasser und stellte sie unten neben den Tisch. Dann suchte sie nach einem Dosenöffner und reichte ihn dem Hundebesitzer, dessen fachkundige Hände von jahrelanger Übung im Dosenöffnen zeugten. Als sich der Deckel öffnete, blickte er auf. »Entschuldigen Sie, ich hätte mich längst vorstellen sollen. Gray Wyndham.« Er streckte die Hand aus. Darina trocknete sich hastig ihre Hände ab, ergriff seine Hand und schüttelte sie. Ihr gefiel, dass sie etwas zu ihm aufschauen musste. Seine Augen hatten fast die gleiche Farbe wie die seines Hundes. »Und Sie müssen Darina Lisle sein. Nicholas erzählte mir, dass sie die Köchin sind, die man für dieses Wochenende engagiert hat.«

Er schaute sich in der Küche um und erblickte das Spanferkel, das Darina schon zum Teil mit Karotten und jungen weißen Rüben garniert hatte, das riesige Stück Rindfleisch, das durch die Glastüren des Wärmeofens zu sehen war, und die unzähligen süßen Puddings, die im Wasserbad auf ihren Auftritt warteten. »Sind Sie etwa alleinverantwortlich für die Mahlzeiten hier und« – er wies mit der Dose in Richtung Refektorium – »für das erstaunliche Büffet, das da drinnen gerade gefilmt wird?«

»Frances hat mir dabei geholfen.« Darina blickte Gray an. Er schien Schwierigkeiten zu haben, das Futter aus der Dose zu bekommen. Er runzelte die Stirn, und seine Schultern waren geradezu lächerlich angespannt, während er sich abmühte, das Futter auf den Teller zu bekommen. Dann schoss plötzlich alles auf einmal aus der Dose. Er fügte Hundekuchen hinzu und stellte den Napf Bracken hin, der über das Fressen herfiel, als hätte er seit Tagen nichts mehr bekommen. Gray richtete seinen mageren Körper wieder auf, sah sich nach einem Abfalleimer für die leere Dose um, fand einen mit Schwingdeckel und musste den Deckel abnehmen, um die Dose hineinzudrücken, weil der Eimer bereits überfüllt war. Er stand da und starrte den Abfall an – Gemüseschalen, Kuchenverzierungen und Geflügelknochen. In seinem Gesicht arbeitete es. Dann brach es aus ihm heraus: »Das ist widerlich!«

Darina wurde rot. »Entschuldigen Sie«, sagte sie entschuldigend, »wir hatten noch keine Zeit, um ihn zu leeren.«

Gray stülpte aufgebracht den Deckel wieder über den Eimer. »Das meine ich nicht! Sondern all« – er machte eine ausladende Handbewegung – »dieses Essen!« »Essen« klang bei ihm wie das abscheulichste Schimpfwort überhaupt. »Solch einen obszönen Exzess habe ich noch nie gesehen. Wie viele Vielfraße haben sich denn für dieses Wochenende angemeldet?«

»Vierzig.« Diese Zahl hatte Darina während ihrer ganzen Kocherei ständig im Kopf gehabt.

»Vierzig!« Gray schloss die Augen. Er sah zornig aus. »Sie haben hier genug zu essen, um vierzig mal vierzig Leute abzufüttern!«

Darina protestierte gegen diese Übertreibung, aber Gray war in Fahrt gekommen.

»Wissen Sie, wieviel man braucht, um einen einzigen Äthiopier am Leben zu halten? Was ein Bangladeschi braucht, um weiter zu existieren? Wovon ein Obdachloser in London lebt?«

Darina sah ihn erstaunt an. »Warum zum Teufel sind Sie eigentlich hergekommen?«, frage sie.

Diese Frage brachte Gray etwas aus der Fassung. Er steckte die geballten Fäuste in die Hosentaschen (Darina fragte sich, ob er sich selbst daran hindern musste, sie zu erwürgen?), lehnte sich an die Spüle und blickte stumm auf seine Schuhe. Seine Schultern entspannten sich, und seine Wut verflog. Als er wieder aufsah, waren seine braunen Augen müde und leer. »Ich bin Schriftsteller«, sagte er und verstummte dann wieder, als wäre jede weitere Erklärung zu anstrengend.

Darina kramte in ihrem Gedächtnis. »Es tut mir leid, aber ich habe keines Ihrer Bücher gelesen, glaube ich«, sagte sie steif.

»Es würde mich sehr überraschen, wenn sie eins gelesen hätten«, erwiderte der Mann bitter. »Abgesehen von der ersten, hat keine meiner Biographien die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit oder der akademischen Welt erregt.« Er blickte wieder auf seine Schuhe. Als er wieder aufsah, war er wie ausgewechselt, schüchterner Stolz lugte unter dem Bart hervor, ähnlich wie bei einem Schuljungen, der einen Frosch gefangen hat, sich aber nicht sicher ist, ob man ihm für diese Leistung Beifall spenden wird. »Im Augenblick arbeite ich an etwas ganz anderem, an einem historischen Roman – ich glaube, die richtige Bezeichnung dafür ist Knüller. Die Handlung spielt gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts. Das ist zwar meine Spezialperiode, aber es gibt Gebiete, über die ich mich noch mehr informieren muss. Dazu gehören besonders die Mode und das Essen. Als ich Nicholas zufällig in der Universitätsbibliothek von Cambridge begegnete, meinte er, dass mir dieses Wochenende bei der kulinarischen Weiterbildung helfen könnte. Ich habe nämlich an seinem College Geschichte unterrichtet«, fügte er hinzu, als ob das alles erklären würde.

»Und Ihnen war nicht klar, dass Sie hier auch mitessen müssen?«, fragte Darina in scharfem Ton.

»Ich habe nie daran gedacht!« Er senkte wieder den Blick. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der gleichermaßen entsetzlich war. »Du meine Güte – jetzt erzählen Sie mir nicht auch noch, dass man sich zum Dinner umziehen muss!«

Sie musterte sein altes Jackett, die abgetragenen Hosen und das karierte Hemd. »Nun ja, schwarze Fliegen sind nicht gerade gefordert, aber die meisten werden im Anzug kommen.«

Sein Gesicht hellte sich auf. »Den habe ich mitgebracht. Obwohl ich nicht übel Lust hätte, so wie ich bin am Essen teilzunehmen. Irgendjemand muss diese ganze Völlerei doch ins richtige Licht rücken.« Er bückte sich, griff nach der Schüssel, die der Hund saubergeleckt hatte, nahm die Tüte mit dem Hundekuchen an sich und rief Bracken herbei, der sich nur sehr widerwillig von der verführerischen Duftquelle hinter dem Schrank löste und seinem Herrn gestattete, ihn nach draußen zu bringen. Als der Mann schon an der Tür war, drehte er sich noch einmal um. »Sie sollten eigentlich keine Hunde in die Küche lassen!«

Einen Augenblick lang glaubte Darina, dass er einen

Scherz machte, aber er verschwand ohne die Spur eines Lächelns, und sie blieb zurück und starrte fassungslos auf die geschlossene Tür.

Kapitel 3

Zwei Stunden später sah sich Darina zufrieden im Refektorium um. Das Essen war ein Erfolg gewesen. Die Speisen waren unglaublich schnell verschwunden, und wenn sie nicht gerade damit beschäftigt gewesen war, frische Steak- und Nierenpasteten und Ragout herbeizuschaffen oder die Weinsauce für die süßen Puddings zu servieren, hatte sie unzählige Fragen über Quellen, Rezepte und Zutaten der Gerichte beantworten müssen.

Jetzt saßen die satten Teilnehmer entspannt und glücklich bei Stilton und Portwein an zwei langen Tischen. Selbst das Fernsehteam hatte scheinbar aufgehört zu drehen, obwohl die Scheinwerfer noch immer den ganzen Raum in grelles Licht tauchten und jede Einzelheit beleuchteten.

Am Kopf des einen Tisches saß Digby. Er hatte sein Leinenjackett gegen eines aus Samt getauscht, und sein faltiges Gesicht sah über der leuchtendgrünen Fliege freundlich und distinguiert aus. Neben ihm saß eine Frau von überirdischer Schönheit. Sie war Schauspielerin und die Gattin eines prominenten Restaurantkritikers. Ihre lebhaften, blauen Augen beobachteten Digby dabei, wie er einen Apfel schälte.

Die Schale glitt über seine langen Finger und fiel in gleichmäßigen Ringeln auf seinen Teller nieder. Er legte die geschälte Frucht hin, schnitt sie in Viertel und entfernte dann aus jedem Stück das Kerngehäuse. Er nahm ein Viertel, blickte seiner Nachbarin tief in die Augen und bot es ihr an.

Die rosigen Lippen teilten sich, eine feuchte rosa Zunge schlängelte sich zierlich hinter den winzigen weißen Zähnen hervor, und Digby schob ihr die Frucht in den weichen Mund. Die kornblumenblauen Augen lachten ihn an, und die weißen Zähne bissen scharf in das knackige Obststück und verfehlten seine Finger nur um Millimeter. Die beiden beachteten niemand sonst in dem überfüllten Raum, sie waren offenbar so fasziniert voneinander, dass sie sich benahmen, als wären sie auf einer einsamen Insel.

Aber mindestens zwei Augenpaare beobachteten die kleine Szene mit ähnlicher Faszination.

Linda saß neben Nicholas, der seinen Platz am Kopf des anderen Tisches hatte. Die Produzentin schien das Dirigieren der Kameraleute keineswegs angestrengt zu haben. Sie sah noch genauso frisch aus wie bei ihrer Ankunft. Ihr schwarzes Haar schimmerte bläulich im Licht der Scheinwerfer. Vor ihr stand ein Teller, auf dem die wenigen Gemüsesorten, die das Büffet zu bieten hatte, dekorativ arrangiert worden waren. Ab und zu schob sie sich mit der Gabel ein Stück zwischen ihre scharlachrot geschminkten Lippen. Darina hatte ihr angeboten, ein Omelett zu machen, aber Linda hatte überschwänglich dankend abgelehnt und Darina dadurch sehr deutlich signalisiert, dass sie von solch einer Meisterin der fleischlichen Küche noch nicht einmal etwas annehmen würde, wenn sie dem Hungertod nahe wäre. Nicholas plauderte glücklich mit ihr und schien nicht zu merken, dass ihr Blick auf Digby fixiert war. Ihre Augen waren voller Begierde, die sie so verletzlich aussehen ließ, dass Darina den Blick abwenden musste. Dabei bemerkte sie, dass noch jemand ebenso eindringlich Digby und die Schönheit anstarrte.

Sie war immer noch sehr attraktiv, aber früher musste sie hinreißend gewesen sein. Jetzt, in mittleren Jahren, hatte ihre feine, mit Sommersprossen übersäte Haut ihre Frische verloren, und in den Hals und um die Augen herum hatten sich Fältchen eingegraben. Was früher einmal zerbrechlich gewirkt hatte, sah jetzt beinahe mager aus. Aber der Wolke aus rotem Haar hatte die Zeit nichts anhaben können – wie sprühendes Feuer lockte es sich zwanglos um das klassisch geschnittene Gesicht. Sie sah Digby mit einer Mischung aus Eifersucht und, wie Darina plötzlich voller Unbehagen bemerkte, blankem Hass an.

Ohne dass sie es wollte, richtete sich ihr Blick wieder auf die beiden Gestalten, die so viele Gefühle auslösten. Aus dem Duo war mittlerweile ein Trio geworden. Der Ehemann der Schauspielerin stand über sie gebeugt und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie neigte sich zu Digby, streichelte zart über den Samt seiner Jacke, sagte etwas zu ihm, stand dann auf und folgte ihrem Mann zum anderen Ende des Tisches, wo er sie dem Herausgeber einer Gourmet-Illustrierten vorstellte. Als sie sich an den Tisch setzten, bemerkte Darina, wie die Schauspielerin noch einmal den Kopf zu Digby umwandte und ihm einen bedauernden Blick zuwarf.

Digby erwiderte den Blick mit fragendem Gesicht. Darina kannte diesen Blick – er bedeutete, dass der Genießer einen neuen delikaten Happen im Visier hatte. Nun ja, das bedeutete, sie würde sich eine Weile keine Sorgen wegen weiterer Annäherungsversuche von ihm machen müssen, denn diese Jagd würde seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Darina verdrängte jeden Gedanken an ihn und musterte die anderen Dinnergäste. Miss Makepeace schrieb gerade etwas in ein kleines Notizbuch, das neben ihrem Teller lag. Sie hatte von jedem Gericht eine ausführliche Kostprobe zu sich genommen und von Zeit zu Zeit tiefgründige Fragen an die Köchin gestellt – besonders über die Yorkshire-Weihnachtspastete. Sie war die einzige gewesen, die gefragt hatte, ob die Vögel vor dem Backen überhaupt gekocht worden waren, und Darina hegte den bösen Verdacht, dass sie sich irgendwann einem strengen Verhör durch diese Dame unterziehen musste. Miss Makepeace nahm alles, was mit Essen zusammenhing, furchtbar ernst.

Darina kannte die Gesichter der Teilnehmer noch vom letzten Jahr. Es waren würdige Restaurantkritiker, Akademiker verschiedener Sparten und Hobby-Feinschmecker. Alle debattierten heiter über bestimmte Aspekte der verschiedenen Gerichte oder tauschten einfach nur Klatsch aus.

Unten an Nicholas’ Tisch saß Gray Wyndham, der inzwischen entspannt und beinahe glücklich aussah. Er schien seinen Abscheu vor so viel offener Völlerei vergessen zu haben. Darina hatte bemerkt, dass er beim Verzehr von mehreren Stücken Yorkshire-Pastete und mehreren Scheiben Roastbeef keinen Widerwillen gezeigt hatte – und schon gar nicht bei den süßen Puddings und einer in Butter gedünsteten Orange. Als er nach einer Bemerkung seines Nachbarn lächelte, bildeten sich rund um seine Augen attraktive Fältchen. Darina glaubte, seinen Tischnachbarn zu kennen und ging zu ihnen hinüber.

Gray stand auf. »Kommen Sie, und gönnen Sie Ihren Füßen etwas Ruhe. Sie haben sich den ganzen Abend kein einziges Mal hinsetzen können. Ich entschuldige mich für meinen Ausbruch von vorhin. Ich hätte auf keinen einzigen Bissen verzichten mögen – es hat alles großartig geschmeckt!«

Darina setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung neben ihn.

»Das ist Charles Childe«, fuhr Gray fort. »Ich glaube, er würde Sie gerne für sein Restaurant gewinnen.«

»Habe ich Sie doch erkannt. Haben Sie nicht diese Fernsehserie Alles, was ich kann gemacht?«

Charles Childe schien förmlich zu wachsen, und seine Augen glänzten. Seine schlanke Gestalt war jetzt in einen dunkelbraunen Seidenanzug gehüllt, und eine große, gestreifte Fliege prangte am Kragen seines Seidenhemdes. »Sie haben sie sich angesehen?« Er sah aus wie ein Kind, das für eine reife Leistung gelobt wird. »Es hat so viel Spaß gemacht. Und es ging alles mit rechten Dingen zu, müssen Sie wissen, wir haben nie so getan als ob, oder irgendetwas vorbereitet.«

Darina wandte sich an Gray. »Haben Sie nie eine Folge der Serie gesehen?« Gray schüttelte den Kopf. »Es war eine so nette Idee. Charles spielte den typischen Junggesellen, der nicht kochen kann. Jede Woche suchte er sich ein anderes Rezept aus, kochte es von Grund auf und gab dabei seine Kommentare darüber ab, was er nicht wusste und welche Zweifel und Probleme er hatte. Von Zeit zu Zeit mischte sich Digby ein, gab ihm einen Rat und kommentierte am Ende das fertige Resultat und beschrieb die verschiedenen Kochtechniken, die erforderlich waren.«

Über Charles’ Gesicht zog ein Schatten des Unmuts. »Manchmal fand ich, dass er ein bisschen hart mit mir umsprang, denn schließlich war ich wirklich ein Amateur.«

»Die Serie sollte den Zuschauern vermitteln, dass alles, was Charles kochen konnte, auch ihnen gelingen würde«, erklärte Darina Gray. »Vielleicht sogar besser, nachdem Digby ihnen seine Ratschläge gegeben hatte.« Sie wandte sich an Charles. »Sie waren wirklich gut, besonders im Verlauf der zweiten Staffel. Wahrscheinlich hat man die Serie schließlich deshalb abgesetzt, weil man sie nur noch schwerlich als Amateurkoch bezeichnen konnte.«

Charles strahlte. »Genau das sagten die Leute vom Fernsehen auch. Und auch ich hatte das Gefühl, dass Digby in den letzten Sendungen ziemlich wenig für sein Geld tun musste.« Er beugte sich vertraulich zu Darina. »Sagen Sie es keinem weiter, aber als wir die zweite Staffel drehten, habe ich nebenbei Stunden bei einem französischen Meisterkoch genommen.«

»Aber Sie haben den unerfahrenen Koch so clever dargestellt!«

»Nun ja, schließlich war ich Schauspieler. So konnte ich weiterhin den Eindruck erwecken, meine Zweifel zu haben, Fehler zu machen und amüsante Irrtümer zu begehen, ohne mich vor Digby völlig zum Narren zu machen. Manche der letzten Rezepte waren ziemlich kompliziert – natürlich stammten sie alle von ihm.«

»Und jetzt besitzen Sie also ein Restaurant. Wo?«

Charles Childe musste nicht noch groß ermuntert werden, um Darina alles über sein Unternehmen in Wandsworth zu erzählen. »Das ist das kommende Viertel. Viele Gäste kommen aus dem Medienbereich, und manche sind schon fast Stammgäste. Ich sagte gerade eben zu Gray, dass meiner Meinung nach ein paar alte englische Rezepte – die dem modernen Geschmack natürlich etwas angepasst werden müssten – großen Eindruck machen würden. Diese Geflügelpastete wäre einfach sensationell zum Lunch.«

»Natürlich zusammen mit einem Salmagundi serviert«, bemerkte Gray.

»Du liebe Güte«, rief Darina mit einem belustigten Funkeln in den Augen. »Sie haben sich ja sogar schon mit der Terminologie vertraut gemacht!«

»Das ist nicht schwer, wenn alles so herrlich schmeckt.« Er zwinkerte ihr zu, und sie fragte sich, wohin der streitsüchtige Mann aus der Küche verschwunden war.

Charles Childe stand auf. »Ich versuche einmal, mit Linda zu sprechen. Ich bin sicher, dass wir zusammen eine neue Kochserie machen können.« Aber gleich darauf setzte er sich enttäuscht wieder hin. »Es sieht so aus, als müsste ich mich bis später gedulden.«

Darina und Gray blickten zum Kopf ihres Tisches. Der Platz neben Nicholas war leer, und dieser blickte fassungslos auf die andere Seite des Raumes. Linda hatte sich neben Digby auf den Platz gesetzt, den die Schauspielerin geräumt hatte. Die Produzentin und der Vorsitzende hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich leise. Ihre blauen Augen blickten in sein Gesicht, während Digby auf seinen Teller schaute und seine ganze Aufmerksamkeit der Nuss widmete, die er gerade geknackt hatte. Ungeduldig pickten seine Finger Nussstücke aus der zerschmetterten Schale.

Darina sah wieder zu Nicholas hinüber. In seinem Gesicht stand nackte Wut, so intensiv und unverhüllt, dass sie sich zum zweiten Mal an diesem Abend wie eine Voyeurin fühlte. Sie wandte den Blick ab. Gray sah sie an.

»Unser Digby ist nicht gerade ein erfreulicher Zeitgenosse«, bemerkte er ruhig.

Was für eine ungewöhnliche Bemerkung, dachte sie. Nichts in dieser kleinen Szene hatte darauf hingewiesen, dass Digby auf irgendeine Weise die Produzentin von Nicholas weggelockt hatte. Zu ihrer eigenen Überraschung wollte sie gerade zu einer Verteidigung ihres Vetters ansetzen, aber noch ehe sie etwas sagen konnte, sagte eine klangvolle Stimme mit irischem Akzent: »Sie sind eine großartige Köchin, und ich möchte mich Ihnen vorstellen.«

Darina drehte sich um. Hinter ihr stand die rothaarige Frau, die eben noch Digby angestarrt hatte und auf deren Gesicht sich so widerstreitende Gefühle widergespiegelt hatten. Jetzt war davon keine Spur mehr zu sehen. Sie sah offen und freundlich aus und besaß ein gewinnendes Lächeln. Sie streckte die Hand aus. »Rita Moore«, stellte sie sich vor, »und Sie sind Darina Lisle?«

Darina schüttelte ihr die Hand und erwiderte das Lächeln voller Freude. »Wie schön, Sie kennenzulernen. Sie müssen nämlich wissen, dass Ihr Kochbuch eins der ersten war, die ich benutzt habe, und es gehört immer noch zu meinen Lieblingen.«

»Ach, das liegt schon ein paar Jahre zurück. Ich dachte, es wäre völlig in Vergessenheit geraten.«

»Arbeiten Sie an irgendwelchen neueren Büchern? Ich hätte so gern noch eins in dieser Art, Ihre Rezepte sind ungeheuer nützlich – nicht kompliziert, aber ein wenig anders.«

»Also, das ist Musik in meinen Ohren, und ich verstehe nicht, warum die Verleger diese Melodie nicht ebenfalls hören. Das ist übrigens ein Grund, warum ich Sie kennenlernen wollte: Ich beschäftige mich inzwischen mit dem historischen Aspekt der Kochkunst, und ich habe mich gefragt, ob Sie wohl bereit wären, mir zu sagen, aus welchen Quellen Ihre Rezepte stammen und wie Sie sie modernisiert haben.«

»Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns.« Darina rückte dichter an Gray heran und machte auf der Bank Platz für die Kochbuchautorin.

»Ich würde Ihnen gerne helfen, aber leider bin ich keine

Expertin. Ich habe nur ein paar der alten Kochbücher durchgelesen und mit ein paar Rezepten herumgespielt. Digby wäre da eine viel größere Hilfe für Sie.«

Rita Moore sah sie kläglich an. »Da der große Mann und ich seit einiger Zeit zerstritten sind, wäre eine Annäherung meinerseits genauso willkommen wie giftige Pilze bei einem Verhungernden.«

Darina musste sich zurücklehnen, als eine Hand an ihr vorbei auf die Irin zuschoss und Gray Wyndham sich vorstellte und dabei sagte: »Jeder, der Digby Cary verabscheut, ist mein Freund. Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Miss Moore oder sollte ich besser sagen Mrs.?«

»Mr. Moore hat sich vor ein paar Jahren aus dem Staub gemacht, und heute bin ich wieder eine Miss. Aber nennen Sie mich doch Rita. Sie sind also auch kein Freund von Digby?« Sie sah ihn neugierig an.

»Nein, und wenn ich gewusst hätte, dass er mit diesem Wochenende etwas zu tun hat, wäre ich nie hergekommen.«

Charles Childe klatschte in die Hände und rief aufgeregt: »Und ich habe gedacht, jeder würde den großen Mann anbeten! Nun ja, vielleicht sollten wir die Anti-Digby-Cary-Gesellschaft gründen. Nicht, dass ich das tue«, fügte er eilig an, »nicht richtig. Zumindest nicht, solange er über mein Restaurant keine wirklich vernichtende Kritik schreibt. Dann würde ich ihn umbringen.«

Sie lachten alle, und Gray sagte: »Ich werde Ihnen meine Pistole leihen.«

Rita fügte hinzu: »Und ich werde ein Gift entdecken, das genauso wenig Spuren hinterlässt wie Tau nach den ersten Strahlen der Morgensonne.«

Und Darina sagte: »Ich glaube, Nicholas könnte einen dieser berühmten stumpfen Gegenstände beisteuern.«

»Sie denken sich sicher nichts Böses dabei, aber solche Worte sind eine Beleidigung Gottes.«

Die wohllautenden, breiten Vokale, in denen das gesagt wurde, nahmen der Ermahnung den Stachel.

Darina drehte sich um und erblickte Miss Makepeace, die mit leicht gerötetem Gesicht hinter ihnen stand und ihr Notizbuch an die Brust drückte. Verlegenes Schweigen hatte dem Gelächter Platz gemacht, dann nahm Darina sich zusammen. »Wollen Sie sich nicht zu uns setzen, Miss Makepeace? Sie haben recht, man sollte über so etwas keine Witze machen. Wie hat Ihnen das Essen geschmeckt?«

Alle rückten noch enger zusammen, um dem ältlichen Fräulein Platz zu machen. Sie setzte sich zwischen Darina und Rita. »Sehr gut«, erwiderte sie einfach. »Sie sind wirklich eine begnadete Köchin, Miss Lisle, und Sie haben uns so viele interessante Gerichte serviert. Aber ich habe mich gewundert, warum so viele weihnachtliche Gerichte dabei waren.«

»Waren es wirklich so viele?«, fragte Darina überrascht. »Ja, sicher gab es Pasteten mit Minze, aber nur, weil ich es für eine hübsche Idee hielt, sie so zu servieren, wie es früher üblich war – mit Fleisch und getrockneten Früchten. Natürlich war da noch die Yorkshire-Weihnachtspastete, aber die wurde doch sicher auch bei anderen Gelegenheiten verzehrt, oder?«

»Sie haben uns auch einen Eberkopf aufgetischt. Bis vor kurzem gehörte der zu den wichtigsten Weihnachtsbräuchen.«

»Bis vor kurzem?«, fragte Rita mit leichtem Lächeln.

»Aber ja. Das hörte erst auf, als das Commonwealth im siebzehnten Jahrhundert die Weihnachtsfeierlichkeiten reglementierte.« Sie blickte ernst in die amüsierten Gesichter. »Ein Großteil der weihnachtlichen Mahlzeiten geht auf vorrömische Zeiten zurück. Sie müssen wissen, dass es eigentlich überhaupt kein christliches Fest ist, sondern eine Feier der alten Mächte.«

»Der alten Mächte?«, fragte Darina ganz sanft, denn Miss Makepeace nahm das alles sehr ernst.

»Nur die Kirche bietet uns Schutz vor ihnen«, erwiderte sie schlicht.

Das darauffolgende Schweigen wurde von Digby gebrochen, der aufstand und verkündete, dass der Kaffee jetzt in der Lounge serviert würde. Darina stand auf, empfahl sich und eilte in die Küche.

Kapitel 4

Nachdem der Kaffee serviert war, begann Darina aufzuräumen. Die Küchenhilfen hatten den Abwasch bereits zum Teil erledigt. Darina nahm ein Tablett, auf dem das saubere Silber lag, und trug es ins Refektorium. Der Besteckschrank befand sich hinter einem Wandschirm, und sie begann, das Besteck dort einzusortieren. Ihre Hände bewegten sich automatisch, und ihre Gedanken wanderten umher. Ihr kam zu Bewusstsein, wie erschöpft sie war. Sie fragte sich, wie lange das unvermeidliche Aufräumen wohl noch dauern würde.

Das Klicken der schweren Eichentür holte sie in die Gegenwart zurück. Als Darina durch die durchbrochene Holzwand spähte, sah sie Digby hereinkommen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, ihn im Augenblick nicht ertragen zu können. Sie verbarg sich hinter dem Wandschirm und wünschte sich, dass es einen Weg gäbe, ungesehen in die Küche flüchten zu können. Sie beobachtete, wie Digby sich dem langen Tisch näherte, auf dem immer noch die Überreste des Festmahls standen. Er sah sich um, nahm dann einen Löffel und fiel über eine in Butter gedünstete Orange her. Nachdem er diese eilends verschlungen hatte, widmete er sich einem Sillabub. Darina war schockiert. Sich nach all diesem Gerede über die Schädlichkeit von Süßigkeiten wie ein Schuljunge herumzuschleichen, der um Mitternacht die Speisekammer plünderte! Irgendwie hatte sie ein solches Verhalten bei Digby nicht erwartet.

»Mr. Cary«, erklang die sanfte Stimme von Deborah Makepeace.

Digby griff hastig nach einer Serviette und legte sie wie zufällig über den halbgegessenen Sillabub. Aber Miss Makepeace, die gerade die Tür zum Refektorium hinter sich schloss, hatte überhaupt nicht gemerkt, was er da gemacht hatte. Ihre rundlichen Wangen waren gerötet, und sie hielt ihre große Handtasche fest umklammert. Sie dachte wohl an etwas ganz anderes.

»Mr. Cary«, wiederholte sie entschlossen und ging auf ihn zu, »endlich treffe ich Sie einmal ganz allein. Ich glaube, Sie schulden mir eine Erklärung.« Sie stand ruhig und würdevoll vor ihm.

»Eine Erklärung, meine Liebe?« Digbys Stimme klang belustigt, aber Darina konnte auch leichtes Unbehagen darüber heraushören, dass man ihn beinahe bei einer Fressorgie erwischt hatte. Es geschah ihm ganz recht, jetzt von Miss Makepeace mit Fragen bombardiert zu werden.

»Ich habe gerade Das Schatzkästlein des Konditors gelesen.« Miss Makepeace zog das Buch aus der Tasche und zeigte es Digby.

Er streckte die Hände danach aus. »Darf ich es für Sie signieren?«, fragte er.

Das Buch wurde hastig wieder in die Handtasche gesteckt. »Mr. Cary, Sie wissen genau, über was ich rede. Das ist mein Buch.«

»Ihr Buch? Was meinen Sie damit?« Seine Stimme klang amüsiert und herablassend.

Darina wurde plötzlich bewusst, dass sie ungewollt lauschte. Sie machte einen Schritt auf den Wandschirm zu, aber noch ehe sie hervortreten konnte, sprach Miss Makepeace wieder, und tiefe Verärgerung machte ihre gewöhnlich so sanfte Stimme schärfer: »Mein Buch, Mr. Cary. Das Buch, an dem Sie so interessiert waren, als wir bei der Tagung im letzten Jahr miteinander sprachen. Erinnern Sie sich daran, dass Sie mich gebeten hatten, es Ihnen zu zeigen? Und dass ich es Ihnen schickte, damit Sie meine Forschungsarbeit begutachten konnten? Ich habe nie wieder etwas von Ihnen gehört, und jetzt las ich das hier.« Sie griff in ihre Tasche, zog das Buch wieder heraus und las vor: »Diese Geschichte der Kuchen und Torten in England vom Mittelalter bis zur Moderne.« Sie hielt einen Augenblick lang inne, und die braunen Augen blickten den großen Mann ruhig an. »Es ist mein Werk, Mr. Cary, alles mein Werk. Oh ja, Sie haben es anders ausgedrückt, es ist jetzt in Ihrem Stil geschrieben, der sich sehr von der sachlichen Art und Weise unterscheidet, in der ich es angelegt hatte, und es gibt auch ein paar zusätzliche Rezepte, die Sie aber samt und sonders bereits veröffentlicht hatten«, ihre Stimme war von nackter Wut erfüllt, »aber ansonsten handelt es sich um mein Werk.«

Einen Augenblick lang war es still. Darina konnte hinter Digbys unbeweglichem Rücken sehen, dass Deborah Makepeace so entschlossen dastand wie ein Wachsoldat, der seinen Posten unbedingt halten wollte, auch wenn die Übermacht überwältigend war.

»Ich habe es in der Buchhandlung meines Wohnortes gesehen«, die ruhige Stimme gewann immer mehr Kraft und Tiefe, »und es gekauft, weil es mich interessierte, wie Ihre Nachforschungen im Vergleich zu meinen wohl aussahen. Und dann habe ich es gelesen. Ein Rezept nach dem anderen war aus meinem Manuskript abgeschrieben worden. Ich habe nachgesehen, ob Sie meine Arbeit vielleicht irgendwo erwähnt haben, aber der einzige Dank in diesem Buch gilt Ihrem Verleger. Dann dachte ich, dass Sie vielleicht ein Wort der Erklärung für mich übrig hätten, als wir uns hier trafen, aber Sie scheinen mir aus dem Weg zu gehen, denn es war ziemlich schwer, an Sie heranzukommen.«

»Miss Makepeace«, unterbrach Digby sie. In seiner weltmännischen Stimme schwang ein drohender Unterton. »Sie irren sich. Das Buch ist ganz und gar mein Werk. Sie mögen ähnliche Forschungsergebnisse zutage gebracht haben …« Sein Ton wurde leichter, er ließ die Serviette los und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Denn ich weiß schließlich, wie fleißig Sie sind.« Er lachte herablassend – der gefeierte Autor ließ sich zu der ehrgeizigen Amateurin herab. Miss Makepeace erstarrte und wich zurück. Digby ließ seine Hand sinken und fuhr fort: »Es könnte sein, dass wir bei unseren Nachforschungen gleiche Wege gingen. Da ich Ihr Buch nie bekommen habe«, Miss Makepeace machte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf, und ihre Brillengläser blitzten auf, »kann ich das nicht beurteilen. Aber ich würde nie, niemals die Forschungsarbeit eines anderen für mich benutzen. Das steht ganz außer Frage.«

Deborah Makepeace starrte ihn ungläubig an.

»Des Weiteren«, Digbys Stimme klang jetzt wieder drohend, »werde ich Sie wegen Verleumdung verklagen, falls Sie diese Beschuldigungen öffentlich wiederholen sollten.«

Deborah Makepeace atmete tief durch, sie schien zu wachsen. Jetzt war sie keine unscheinbare Frau vom Lande mehr, irgendeine Kraft hatte von ihr Besitz ergriffen, und sie stand Digby jetzt als gleichberechtigter Partner gegenüber. Selbst ihr Akzent bekam mehr Kraft durch den festen Glauben an die Rechtmäßigkeit ihrer Sache. »Sie wissen, dass Sie mein einziges Exemplar hatten. Sie sagten mir, dass Sie gut darauf aufpassen würden. Und während ich das Buch schrieb, habe ich meine Notizen vernichtet. Für diese Notizen habe ich fünfzehn Jahre gebraucht … fünfzehn Jahre Forschung, in denen ich härter gearbeitet habe, als Sie es sich vorstellen können.

Und wer würde mir glauben, wenn Ihr Wort gegen meines stünde? O ja, darauf vertrauen Sie, und zweifellos glauben Sie, dass sie damit auch durchkommen werden. Aber es gibt noch eine Macht, die über uns beiden steht, Mr. Cary. Ich werde es ihr überlassen, Gerechtigkeit zu üben, und glauben Sie mir – Gerechtigkeit wird geübt werden.«

Ihre Stimme hatte einen prophetischen Klang. Digby wich zurück und hob die Hand, als wollte er eine Gefahr abwenden. Doch dann schob er sie in seine Jackentasche. »Wir haben einander nichts mehr zu sagen«, stellte er fest und verließ schnell das Zimmer.

Als sich die Tür hinter ihm schloss, schien Miss Makepeace die Kraft zu verlassen. Sie sackte zusammen und hielt sich am Tisch fest. Ungeachtet der Konsequenzen ließ Darina die Messer fallen, die sie immer noch in der Hand hielt, und ging in den Raum. Aber noch ehe sie etwas sagen konnte, lief Miss Makepeace hinaus.

Darina starrte auf den Tisch mit den vielen schmutzigen Tellern, aber sie sah nur immer wieder, wie Digbys Rücken immer steifer wurde, als Deborah Makepeace ihm ihre Anklage ins Gesicht schleuderte, und wie er die Serviette, mit der er seine Nascherei verbergen wollte, immer heftiger zerknüllte.

Diese Beschuldigung konnte doch unmöglich der Wahrheit entsprechen, oder? Digby würde doch sicher nie das Werk eines anderen kopieren, ohne in seinem Buch seine Anerkennung auszusprechen? Ganz gleich, wie lax seine sexuelle Moral auch sein mochte – sie hatte doch immer geglaubt, dass die berufliche Integrität ihres Vetters untadelig sei. Nein, Miss Makepeace hatte sich sicher geirrt.

Schließlich konnte es nicht allzu viele Quellen geben, wenn man die Geschichte der Kuchen und Torten erforschte, und wenn zwei Menschen sich gleichzeitig mit diesem Thema beschäftigten, dann war es unvermeidlich, dass sie auch die gleichen Informationen auswerteten. Dann erinnerte sich Darina daran, dass sie sich schon nach dem kurzen Blick, den sie auf das Buch geworfen hatte, darüber gewundert hatte, wie detailfreudig es war. Woher hatte Digby die Zeit für eine so mühevolle Forschungsarbeit gehabt? Vielleicht hatte er mit einem Assistenten zusammengearbeitet. Aber wenn das der Fall gewesen wäre, hätte er ihr das doch sicher gesagt, oder? Oder schämte er sich dafür, dass er auf einem Gebiet, das er ausdrücklich zu seiner Spezialität gemacht hatte, die Hilfe eines Mitarbeiters in Anspruch genommen hatte?

Unwillkürlich hatte sie wieder das Bild vor Augen, wie Digby die Süßigkeiten, die er vorgab zu verabscheuen, gierig verschlungen hatte. Mit einem leichten Schaudern wandte sie sich von diesen neuen Einblicken in den Charakter ihres Vetters ab – sie hatte weder die Zeit noch die Energie, sich mit dieser Art von Problemen abzugeben. Die Versorgung der Symposiumsteilnehmer war eine Aufgabe, die sie schließlich voll und ganz in Anspruch nahm. Für morgen musste sie noch eine Torte backen – ganz zu schweigen davon, dass sie die restlichen Aufräumarbeiten überwachen musste. Sie warf die Haare zurück, die ihr über die Schultern gefallen waren, hob den Eberkopf hoch und brachte ihn in die Küche.

Kapitel 5

Es war bereits nach Mitternacht, als der Tumult losbrach. Darina war es endlich gelungen, zu Bett zu gehen. Sie wollte gerade das Licht ausmachen, als wütendes Gebell und die verängstigten Schreie eines Menschen in ihr Schlafzimmer drangen.

Sie wartete einen Moment ab, und als der Lärm dann eher lauter als leiser wurde, stand sie auf, zog ihren Morgenrock über und öffnete die Tür.

Ihr Zimmer befand sich im zweiten Stock, gleich neben der Treppe, und der Lärm kam direkt aus der Halle. Als sie sich über das Treppengeländer beugte, konnte Darina nur undeutlich erkennen, was passierte, aber sie hatte den Eindruck, dass ein Hund einen oder zwei Männer anfiel. Sie rannte zurück in ihr Zimmer, schnappte sich den vollen Wasserkessel und lief die Treppe hinunter. Sie kam gerade unten an, als ein keuchender und sich wie wahnsinnig gebärdender Bracken durch seinen Herrn von dem hysterischen Charles Childe weggezerrt wurde. Aus Charles’ Hand tropfte reichlich Blut, und er stammelte unzusammenhängend vor sich hin und schluchzte vor Angst und Schmerz.

Gray Wyndham hatte seine Hand durch das Halsband des Hundes gesteckt und drehte es so zu, dass das Tier fast erstickte. Bracken versuchte immer noch, sein Opfer zu erreichen und stemmte sich gegen den würgenden Griff. Gray nahm Darinas Eintreffen erleichtert zur Kenntnis. »Gott sei Dank! Können Sie sich um Charles kümmern, während ich diesen unglücklichen Hund wegschaffe?«

Inzwischen hatte der Würgegriff am Halsband seinen Zweck erfüllt, denn Bracken hatte aufgehört zu kämpfen. Er stand jetzt zitternd da und versuchte, Luft in die Lungen zu bekommen. Er leistete keinen Widerstand, als Charles ihn durch das Refektorium wegführte.

Darina stellte den überflüssigen Wasserkessel ab und wandte sich Charles zu. Er war auf eine Treppenstufe niedergesunken, hielt sich seine Hand, schwankte hin und her und stöhnte leise. Blut strömte über sein Handgelenk und tropfte auf den braunen Anzug und die polierte Holztreppe. Darina griff suchend in die Tasche ihres Morgenmantels und förderte ein paar Papiertaschentücher zutage. Sie presste sie auf die verletzte Hand, wo sie sofort durchweicht wurden. »Versuchen Sie es einmal damit«, erklang eine Stimme, und ein riesiges Leinentaschentuch wurde ihr gereicht. Dankbar schlang Darina es fest um die verletzte Hand. Obwohl das gestärkte Leinen sofort blutrot wurde, hörte das Blut wenigstens auf zu tropfen.

»Was ist passiert, um Himmels willen?«, fragte Nicholas.

»Mein Gott«, rief eine andere Stimme, »was ist denn mit ihm los?«

Darina hielt die verletzte Hand fest und blickte hoch. Rita Moore kam gerade die Treppe herunter.

Sie trug einen hinreißenden roten Hausmantel, der mit einem goldenen Drachen bestickt war. Die Farben passten hervorragend zu ihren roten Haaren. Ihre Füße steckten in flachen, roten Pantoffeln in der gleichen Farbe.

Nicholas hatte sein Jackett gegen eine Strickjacke aus Kamelhaar getauscht und hatte einen Kugelschreiber in seiner Hand. Nachdem er sein Taschentuch geopfert hatte, schienen seine Kräfte erschöpft zu sein, und jetzt starrte er auf das Blut und wurde mit jeder Sekunde blasser.

Rita war viel besser zu gebrauchen. »Der arme Mann! Bringen Sie ihn hoch in mein Zimmer, dann werden wir nachsehen, wie schlimm die Verletzung ist.«

Darina beugte sich hinunter, umschlang Charles mit einem Arm und stellte ihn auf die Beine. Sein Gesicht war weiß wie ein Laken, und einen Augenblick lang befürchtete sie, er würde ohnmächtig werden. Nicholas stützte ihn von der anderen Seite, und ihnen beiden gelang es, ihn die Treppe hoch in Ritas Zimmer zu bugsieren, das sich ebenfalls direkt neben der Treppe befand. Obwohl es ziemlich klein war, standen dort ein bequemer Sessel, ein kleiner Schreibtisch, ein Schminktisch und ein Bett. Außerdem hatte der Raum ein eigenes Badezimmer. Sie setzten Charles auf den Rand der Badewanne, und Rita drehte den Kaltwasserhahn im Waschbecken auf. Dann nahm sie die verletzte Hand, wickelte das Taschentuch ab, entfernte die durchweichten Papiertücher und hielt die Wunde, aus der das Blut inzwischen langsamer floss, unter das fließende Wasser.

Als das Blut abgewaschen war, konnten sie erkennen, wo die Zähne des Hundes tief eingedrungen waren. Seitlich hatten sie ein Stück Fleisch aus der Hand herausgerissen. »Das muss leider genäht werden«, verkündete Rita.

Charles stöhnte. Er hatte den Kopf abgewandt, um die Wunde nicht anzusehen. Bis jetzt hatte er kein Wort gesagt. Die meiste Zeit hielt er die Augen geschlossen, und die unglaublich langen Wimpern bildeten einen dunklen Halbmond auf den blutleeren Wangen.

Rita wickelte Nicholas’ Taschentuch wieder um die Hand, drängte Charles dann aus dem Bad und führte ihn wieder ins Schlafzimmer. »Sie brauchen jetzt einen Brandy. Der wird Ihnen helfen«, sagte sie und setzte ihn in den Sessel. Sie nahm eine offene Flasche vom Tisch. »Wären Sie wohl so freundlich, mir ein Glas aus dem Bad zu holen, meine Liebe?« fragte sie Darina, die bemerkte, dass in dem Glas auf dem Tisch nur noch ein winziger Schluck war.

Darina holte das Glas, Rita goss reichlich Brandy hinein und hielt es an Charles’ Lippen. So todesbleich wie er war, sah er aus wie ein heruntergekommener Flüchtling – sein ruiniertes Anzugjackett stand offen, und auf seinem cremefarbenen Hemd waren Blutspritzer. Er nahm einen tiefen Schluck und seufzte.

Gray trat ins Zimmer. Er keuchte, als wäre er die Treppe hinaufgelaufen. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich diesen Vorfall bedauere. Ich wusste nicht, dass Sie noch auf waren, sonst hätte ich Bracken an die Leine genommen. Warum sind sie überhaupt zu nachtschlafender Zeit nach unten gekommen?« Das Schuldgefühl machte seine Stimme aggressiv, und die Frage klang barsch und anklagend.

Charles schloss einen Augenblick die Augen. Dann öffnete er sie wieder und sah Gray an. »Mir war plötzlich eingefallen, dass ich noch kein Programm hatte. Ich hatte Lust, mir vor dem Schlafen noch eines durchzulesen, um auf morgen vorbereitet zu sein.«

»Dafür bin ich dann wohl verantwortlich«, schaltete sich Nicholas ein und runzelte nervös die Stirn. »Wenn ich daran gedacht hätte, Ihnen ein Programmheft zu geben, als Sie ankamen, wäre das hier nie passiert.«

Charles griff mit seiner unverletzten Hand nach dem Glas, um den Brandy auszutrinken.

»Er muss in ein Krankenhaus«, sagte Rita und blickte Gray direkt in die Augen.

»Wo ist die nächste Unfallstation?« fragte er Nicholas, der hilflos die Achseln zuckte.

»Ich glaube, in Yeovil«, meinte Darina, der bewusst wurde, dass sie sich hier am besten auskannte. »Das ist bestimmt schneller zu erreichen als Bristol. Fahren Sie am Ende der Einfahrt rechts, und wenn Sie an der Hauptstraße sind, biegen Sie links ab. Dann folgen Sie einfach den Wegweisern. Wenn Sie erst einmal in der Stadt sind, ist das Krankenhaus gut ausgeschildert.«

»Ich fahre schnell das Auto vors Haus. Könnten Sie ihm die Treppe hinunterhelfen?«

Zehn Minuten später sahen Darina, Nicholas und Rita dem Wagen hinterher. Charles lehnte sich geschwächt an die Kopfstütze des Beifahrersitzes.

»Wir versuchen am besten, noch ein bisschen Schlaf zu bekommen, ehe die Nacht ganz vorbei ist«, meinte Rita. »Zumindest scheinen wir keinen aufgeweckt zu haben, obwohl ich nicht verstehen kann, wie Linda und Digby bei diesem Aufruhr weiterschlafen konnten. Charles hat genug Lärm gemacht, um einen Toten aufzuwecken. Du meine Güte, wo geht er denn jetzt hin?«

Nicholas stapfte düster entschlossen die Treppe hinauf. Oben wandte er sich nach links und drehte am Türknopf des Zimmers, das neben dem von Rita lag. Er blieb ein paar Sekunden stehen und drückte dann die Tür leise auf, lauschte und knipste das Licht an. »Er ist nicht da«, verkündete er.

Darina hatte ihren Wasserkessel genommen, war Rita nach oben gefolgt und stand inzwischen hinter ihm. Sie blickte über Nicholas’ Schulter. Bis auf einen halb ausgepackten Koffer, der auf dem Bett lag, war das Zimmer unbenutzt. Kein Anzeichen deutete darauf hin, dass hier jemand wohnte. Nicholas löschte das Licht und schloss die Tür. Er drehte sich um und blickte den Flur hinunter auf die hinterste Zimmertür. Die anderen folgten seinem Blick, dann legte Rita ihm die Hand auf den Arm. »Der Mann arbeitet wahrscheinlich noch, Nicholas, schließlich lag sein Pyjama noch im Koffer!«

Nicholas’ Gesicht erhellte sich einen Augenblick lang, verdüsterte sich dann aber wieder. »Das hat gar nichts zu bedeuten.«

»Soll ich es nachprüfen?«, fragte Darina.

Nicholas schüttelte niedergeschlagen den Kopf. »Ich denke nicht. Wir sollten lieber alle ins Bett gehen.« Er ging zu seinem Zimmer. Rita und Darina sahen ihm nach, wechselten einen bedeutungsvollen Blick und wünschten sich dann eine gute Nacht.

Kapitel 6

Darina ging in den zweiten Stock. Vor Müdigkeit tat ihr jeder einzelne Knochen weh. Zähe Ausdauer gehörte zu ihren Aktivposten als Köchin – den Leuten war nur selten die enorme körperliche Anstrengung bewusst, die es bedeutete, einen ganzen Tag lang konzentriert zu kochen –, aber es gab trotzdem Zeiten, wo sie sich fragte, ob sie genug Durchhaltevermögen besaß. Wie weit würde sie es in ihrem Beruf bringen? Ihr fiel eine Szene ein, die sich zwischen ihr und Digby abgespielt hatte, nachdem das Aufräumen beendet war.

Für eine Torte, die morgen zum Lunch serviert werden sollte, benötigte sie noch Muskatnuss. In ihrer kleinen Spezialreibe fand sich nur noch ein winziges Stück, weil das Essen unserer Vorfahren vor Muskatnuss nur so strotzte. In der Küche gab es lediglich Muskatnusspulver, aber Darina erinnerte sich an die Gewürzkiste im Zimmer der Haushälterin.

Als sie die kleinen Behälter in der großen Kiste öffnete, fand sie blasse Kardamomschoten, enggerollten Stangenzimt, leuchtendroten Chilipfeffer und braune Gewürznelken. Sie suchte weiter nach den kleinen, eiförmigen Muskatnüssen, als die Tür aufging, eine Hand sich schwer auf ihre Schulter legte und eine weinselige Stimme in ihr Ohr murmelte: »Ach, meine kleine Cousine!«

Darina fuhr erschrocken zusammen und ließ dabei die Gewürzkiste fallen. Der Inhalt ergoss sich über den Fußboden.

»Digby!«, rief sie verärgert.

»Da habe ich dir einen Schrecken eingejagt, nicht?«, fragte er. Er machte keine Anstalten, ihr beim Aufheben der Gewürze zu helfen, sondern ließ sich schwer in den Stuhl sinken, der vor der Schreibmaschine stand, drehte sich etwas und sah ihr zu, wie sie auf dem Boden knieend Schoten und Körner aufhob, sortierte und alles wieder in die kleinen Behälter füllte. Eine Zeitlang war es still, doch dann fragte er: »Bist du eigentlich ehrgeizig, Darina?«

Sie blickte hoch, aber in seinen Augen, die gewöhnlich nur milde funkelten, loderte es, und sie schlug sofort die Augen nieder. Sie hatte einen Blick auf Abgründe geworfen, von denen sie nichts geahnt hatte. Sie war so erschüttert, dass sie keinen Ton hervorbringen konnte.

»Bist du nicht daran interessiert, Karriere zu machen?« Seine Stimme war rau und drängend.

Vorsichtig ließ Darina Gewürznelken in die Kiste gleiten. »Ja, ich hätte gern Erfolg«, erwiderte sie schließlich.

»Aha. Aber mit welchem Ziel? Möchtest du einfach weiter diese reizende Darina Lisle bleiben? Sie ist ja so eine gute Köchin, meine Liebe, und hinterher räumt sie auch noch selbst alles auf.« Seine Imitation der Gastgeberinnen in Mayfair, die sie immer weiterempfahlen, war boshaft und treffend. »Oder willst du mehr erreichen und dich zu einer Kapazität auf dem Gebiet des Kochens entwickeln?«

Darina nahm sich eine Muskatnuss, stellte die Gewürzkiste wieder auf den Schrank, lehnte sich dann an das blasse Holz und dachte über seine Frage nach. »Was ich wirklich möchte, ist, ein Hotel zu leiten, in dem ich Menschen, die dem Alltag entfliehen wollen, eine schöne Atmosphäre, hervorragendes Essen und hübsche Zimmer bieten könnte.« Einen Augenblick lang vergaß sie den Stress des Wochenendes und hing ihrem Traum nach.

Digby sah sie neidisch an. »Du bist ja ein schöpferischer Geist, Darina, meine Liebe. Ich bin nur ein Kommentator, jemand, der von den Früchten der Arbeit anderer Leute zehrt.«

Darina sah ihn scharf an.

»Du hast völlig recht, dass du nichts mit mir zu tun haben willst, ich bin wertlos. Wenn du nur zehn Jahre älter gewesen wärest; wenn ich nur gemerkt hätte, was in dir steckt, ehe ich Sarah kennenlernte, dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Du hättest mich auf dem richtigen Kurs gehalten. Weißt du eigentlich, was dein Vater früher immer zu mir gesagt hat? Digby, dir fliegt alles zu leicht zu. Das könnte dein Verhängnis werden. Und er hatte recht. Ich habe nie hart an etwas arbeiten müssen. Ich habe die Gelegenheiten ergriffen, wie sie sich mir boten, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wo mich das hinführen würde. Wenn dein Vater länger gelebt hätte, hätte er mich vielleicht dazu bringen können, intensiver über meine Zukunft nachzudenken.«

»Hättest du denn auf ihn gehört?« Darina hatte langsam genug von seinem Selbstmitleid.

Digby gab ein raues Lachen von sich. »Du hast natürlich recht. Schon vor seinem Tod war ich längst zu groß für meine Schuhe geworden. Aber als er starb, verlor ich einen Rettungsanker. Diese Besuche in deinem Elternhaus bedeuteten mir sehr viel. Ich erinnere mich an dich als an ein langbeiniges, schlaksiges Mädchen mit blonden Zöpfen und einem bezaubernden Lächeln. Du hast mir das Gefühl gegeben, dass die Welt mir einmal zu Füßen liegen würde. Heute lächelst du mich nicht mehr so an.« Er machte eine Pause und blickte auf seine Hände, die er locker gefaltet hatte.

»Und schon damals hast du gern in der Küche gearbeitet – dein Essen war überraschend gut –, und du hast dich immer so gefreut, wenn man alles aufaß.« Er schwieg und knetete unruhig seine Finger.

»Mutter und ich waren immer noch da«, sagte Darina barsch. »Warum hast du uns nie besucht?«

Er sah sie traurig an. »Es war nicht das gleiche, und ich hatte sehr viel zu tun.« Er schlug die Augen unter Darinas strengem Blick nieder. Dann schenkte er ihr sein charmantestes Lächeln. »Was ist mit deinem Hotel, Liebes, wie sehen deine Pläne genau aus?«

Darina lachte. »Es ist doch bloß ein Traum, Digby. Ein Hotel aufzubauen erfordert Geld, und ich glaube nicht, dass ich jemals genügend Kapital haben werde. Selbst wenn ich jemanden fände, der mir das Geld leiht, bezweifle ich, dass die Art von Hotel, die mir vorschwebt, genügend Geld abwirft, um die Schulden zu bezahlen und genügend Gewinn zu machen. Nein, ich hoffe einfach, dass ich mir einen festen Kundenkreis schaffe, für den ich kochen kann – vielleicht wird irgendwann sogar ein richtiger Partyservice daraus … was mich daran erinnert, dass ich zurück an meine Torte muss. Ich bin nur hergekommen, um eine Muskatnuss zu suchen.«

Digby wandte sich seiner Schreibmaschine zu. »Und ich muss an meiner Rede für morgen arbeiten. Könntest du wohl Nicholas ausrichten, dass ich hier bin? Ich glaube, er ist in der Bar – er wollte mich aus irgendeinem Grund sprechen, und ich möchte mich gern so schnell wie möglich um die Laus kümmern, die ihm jetzt wieder über die Leber gelaufen ist.«

Als Darina in die Küche zurückging, empfand sie trotz allem, was an diesem Abend geschehen war, mehr Mitleid mit Digby als seit Jahren. Hinter der glänzenden Fassade war wieder der Mensch zum Vorschein gekommen.

Nachdem sie die Torte in den Ofen gestellt hatte, machte sie sich auf die Suche nach Nicholas. Als sie in die Halle kam, kamen gerade ein paar der Symposiumsteilnehmer aus der Bar, die dann durch die Tür zum Anbau verschwanden. Die Gesellschaft schien sich aufzulösen. In der Bar fand sie Nicholas im Gespräch mit Linda. Rita Moore plauderte mit Gray, und Charles saß leicht vorgebeugt in einem Sessel und hörte ihnen zu, bereit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Gespräch einzugreifen. Miss Makepeace hatte zwar ein dickes Buch auf dem Schoß liegen, aber sie starrte blicklos in den Kamin. Überall standen volle Aschenbecher und halbleere Gläser – das Bild einer gelungenen Party, die ihrem Ende entgegenging. Es saßen nur noch die da, die im Haupthaus wohnten und jetzt den Ausklang des Festes genossen, ehe sie zu Bett gingen. Es war schon seltsam, dass der kurze Weg vom Haupthaus zum Anbau die Gruppe so genau teilte.

Nicholas blickte auf, und Darina entschuldigte sich für die Unterbrechung und gab Digbys Nachricht weiter, aber er schien sie kaum aufzunehmen. Er blickte nur abwesend, ehe er sich wieder in das Gespräch mit Linda vertiefte.

»Sie arbeiten immer noch?«, fragte Gray, der in dem Augenblick, als Darina die Bar betrat, seine Unterhaltung mit Rita unterbrochen hatte.

»Es ist nicht mehr viel zu tun. Kann ich noch etwas bringen?« Niemand nahm das Angebot an, und sie ging zurück in die Küche, um noch ein paar Arbeiten zu erledigen, ehe sie die Torte aus dem Ofen nahm und hinauf in den zweiten Stock ging. Sie vermied es absichtlich, Digby noch gute Nacht zu sagen.

Erotische Anziehung ist doch etwas Merkwürdiges, schoss es ihr durch den Kopf, als sie im Bett lag und nicht einschlafen konnte, weil sie zu erschöpft war. Da war Digby, den die Frauen umschwirrten wie die Motten das Licht. Alle Frauen außer ihr selbst. War das der Grund, warum er sich zu ihr so hingezogen fühlte? Die Verlockung des Unerreichbaren. Und dann war da noch der arme Nicholas, der verzweifelt versuchte, Lindas Interesse wachzuhalten, die sich ihm wiederum anscheinend gerne widmete – aber nur, bis Digby auftauchte. Doch Digby schien sich nicht sonderlich für Linda zu interessieren.

Darina dachte einen Augenblick lang über Linda nach. Die Produzentin würde nie ganz ihr Fall sein, aber sie besaß einen seltsam einnehmenden Charme, und ihr Gesicht war unzweifelhaft faszinierend. Wenn sie ein Mann wäre, würde sie jedoch die offene und warmherzige Rita vorziehen, auch wenn sie ein paar Jahre älter war, dachte Darina.

  Und Gray schien sich mit ihr hervorragend zu verstehen. Einen Moment lang bedauerte es Darina, dass ihre Pflichten ihr so wenig Zeit ließen, mit den Teilnehmern des Symposiums zusammen zu sein. Es war lange her, seit sie einen Mann kennengelernt hatte, der sie so interessierte wie Gray. Nicht mehr seit Jack.

Sie spürte einen scharfen Stich in ihrem Inneren, wie immer, wenn sie an Jack dachte. Der witzige Jack, der sorglose Jack, der ihr junges Herz erobert und damit gespielt hatte wie ein Jazzvirtuose. Jack, der ihr beigebracht hatte, zu lachen und zu lieben und der versucht hatte, sie dazu zu bringen, ihr Leben genauso leicht zu nehmen wie er seines.

»Denk doch nur einmal an die Art und Weise, wie du mit Kuchenteig umgehst«, hatte er eines Morgens zu ihr gesagt, als sie im Bett lagen und miteinander stritten. Er wollte sie überreden, ein Büffet für eine alte Kundin nicht zu machen, weil er mit ihr nach Paris fliegen wollte, und sie hatte versucht, ihm den Ernst des Lebens näherzubringen. »Deine Hände scheinen das Mehl kaum zu berühren, und trotzdem nimmt es Gestalt an und geht mühelos auf. So sollte man mit allem umgehen.« Ehe sie noch protestieren konnte, hatte er sie in den Arm genommen. »Und Kuchenteig ist nicht das einzige, was du hochbringen kannst, du langbeinige Hexe.«

Sie hatte ihn geliebt, abgöttisch und leidenschaftlich. Und als er auf seine leichtlebige, lüsterne Art zu einem anderen Mädchen weitergezogen war, hatte sie den Männern abgeschworen, die Fäden ihres nicht allzu gut florierenden, kleinen Partyservice in die Hand genommen und sich darauf konzentriert, den Ruf einer verlässlichen, guten Köchin zu erwerben.

Nicht, dass es nach der Affäre mit Jack allzu viele Möglichkeiten gegeben hätte. Ob das an ihrer Körpergröße lag? An ihren unmöglichen Arbeitszeiten oder an der Tatsache, dass sie im Umgang mit Männern nie diese leichte Hand hatte, die sie im Umgang mit Teig auszeichnete? Sie brachte diese oberflächlichen, koketten Bemerkungen, die den Männern ihre Befangenheit nahmen und ihnen das Gefühl gaben, attraktiv und interessant zu sein, einfach nicht über die Lippen. Gray Wyndham schien ihr zu intelligent zu sein, um solche Annäherungsversuche nötig zu haben. Und wenn einem Menschen die Leichtigkeit im Umgang mit anderen fehlte, dann dem großen, schlampigen, widerborstigen Gray.

Aber vielleicht würde er auf eine kleine, feinsinnige Schmeichelei reagieren. Schließlich – hatten Digbys Annäherungsversuche nicht in ihr das warme Glühen entfacht, das sie auch während der Zeit mit Jack gespürt hatte? Sie hatten ihr das Gefühl gegeben, sehr weiblich, ja sogar verführerisch zu sein. Vielleicht öffneten Komplimente einem jede Tür. Ihre Gedanken wurden plötzlich wirr, und Darina fiel in einen unruhigen Schlaf.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968170800
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v517915
Schlagworte
cosy-crime Cosy-Krimi-nal-Roman weib-liche-er-mittler-in kulinarisch-er-krimi-roman hobby-detektiv-in Koch-in-ermittler-in Mord-im-restaurant

Autor

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    Janet Laurence (Autor)

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Titel: Mord zum Frühstück