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Das Erbe von Kincaid Hall

von Florian Hilleberg (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Im Herzen der schottischen Lowlands liegt die altehrwürdige Kincaid-Destillerie. Verantwortlich für das florierende Familienunternehmen ist Lady Morag, das Oberhaupt des Kincaid-Clans. Mehrere Jahrzehnte hat sie der Destillerie allein vorgestanden, jetzt wird es Zeit für einen Nachfolger. Ihr Sohn Rowan soll das Unternehmen erben, der Playboy hegt allerdings keinerlei Ambitionen in die Fußstapfen seiner Mutter zu treten. Ganz im Gegensatz zu seiner Zwillingsschwester Shona – die ist zwar selbstbewusst, klug und motiviert, aber als alleinerziehende Mutter in Lady Morags Augen denkbar ungeeignet als Erbin. Doch als Shona einen dunklen Fleck in der Vergangenheit ihrer Mutter findet, zieht diese Entdeckung ungeahnte Folgen nach sich …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Februar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-987-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-004-6
Hörbuch-ISBN: 978-8-72652-402-4

Covergestaltung: Grit Bomhauer
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Evannovostro, © LiliGraphie, © Potapov Alexander, © 1000 Words, © Creative Nature Media, © David Falconer
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Prolog

Zum Brennen von Whisky braucht man vor allem zwei Tugenden: Sorgfalt und Geduld. Er wird schließlich nicht umsonst das flüssige Gold genannt. Es benötigt Jahrmillionen, um mithilfe von Druck und Hitze aus Kohlenstoff Diamanten zu formen. Und so wie ein Edelstein braucht auch der Whisky seine Zeit, um zu reifen. Wobei wir uns glücklich schätzen können, dass es keine Millionen Jahre dauert; uns reichen schon ein oder zwei Dekaden.

Sorgfalt hingegen ist bei der Auswahl der Zutaten unerlässlich. Die Qualität des Wassers ist nicht weniger von Bedeutung wie die der Gerste, der goldenen Verheißung. Nur kristallklares, naturreines Wasser aus den besten schottischen Quellen vermag das Bouquet eines fabelhaften Whiskys zu wecken.

Die Tropfen, die wir hier in den Lowlands brennen, sind bekannt für ihren milden Geschmack, der im Kontrast zu den fruchtig-würzigen Sorten der Highlands steht.

Es ist nicht nur eine Familientradition. Whisky zu brennen ist eine Leidenschaft, eine Berufung, auf die wir stolz sein können. Aber es ist auch ein Handwerk, das erlernt werden muss. Ich lernte es von meinem Vater, der mich mit in die Destillerie nahm, kaum dass ich laufen konnte.

Er zeigte mir nicht nur, wie man Whisky brennt, er lehrte mich auch, ihn zu lieben. Denn nur aus inniger Liebe zu dem, was wir tun, kann etwas wirklich Erhabenes entstehen. Ein vollkommener Whisky, intensiv im Geschmack, gebrannt aus den besten Zutaten.

Mein Vater war es, der das Stillhouse baute und die ersten kupfernen Brennblasen aufstellte. Damit begründete er nicht nur das Familienunternehmen, sondern vor allem unseren Wohlstand. Wir sind es ihm schuldig, sein Erbe in Ehren zu halten und die Tradition in seinem Sinne mit allem gebührenden Respekt fortzuführen. Auf dass noch in einhundert Jahren Menschen in der gesamten Welt unseren Whisky trinken können.

Kapitel 1

Die Fassade von Kincaid Hall mochte auf sensible Gemüter einschüchternd wirken.

Besonders jetzt, wo die Sonne hinter den Spitzgiebeln und den mit Fresken und Ornamenten verzierten Türmchen gen Horizont sank.

Lady Morag Kincaid seufzte, als Graham den Rolls Royce in den Schatten des Gemäuers fuhr. Auch wenn sie einem Schwätzchen mit ihrem Chauffeur für gewöhnlich nicht abgeneigt war, so hatte sie dieses Mal kein einziges Wort mit ihm gesprochen und die gesamte Strecke von Edinburgh bis nach Hause in schwermütigem Schweigen verbracht.

So einschüchternd Kincaid Hall auch sein mochte, auf sie selbst hatte das dunkelgraue, mit Efeu bewachsene Mauerwerk stets eine beruhigende Wirkung gehabt. Bis heute.

Warum war ihr früher nie aufgefallen, wie trostlos das pompöse Familienanwesen aussah?

Wie es in der von grünen Hügeln umsäumten Senke, inmitten der schottischen Lowlands, vor dem Panorama der Pentland Hills ruhte. Schwarz und drohend. Eine dicke, steinerne Spinne. Unablässig auf Beute lauernd, um sie in ihren Schlund zu ziehen und ihr das Leben auszusaugen.

So wie es mir das Leben ausgesaugt hat, dachte Lady Morag, als Graham die Limousine vor der Freitreppe stoppte. Das Familienoberhaupt des Kincaid-Clans wandte den Blick von dem Eingangsportal ab, das in dräuenden Schatten lag, und betrachtete versonnen den Springbrunnen in der Mitte des kiesumsäumten Rondells.

Die Strahlen der tiefstehenden Sonne, die sich ihren Weg kraftvoll zwischen den Giebeln und Zinnen hindurchbahnten, strichen sanft über das Haupt der bronzenen Nixe. Bäuchlings, mit durchgedrücktem Rücken, reckte sie ihr Gesicht gen Himmel und präsentierte dem Betrachter ihre wohlgerundeten Brüste. Ihr kupferfarbener Teint leuchtete im orangefarbenen Licht, in dem albernen Bestreben, der alternden Lady so etwas wie Hoffnung zu geben.

Ein Versuch, der von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Lady Morag erschrak, als der Wagenschlag geöffnet wurde. Graham Johnston stand stocksteif daneben und bedachte seine Dienstherrin, der er seit fünfundvierzig Jahren die Treue hielt, mit einem kummervollen Blick.

Müde schwang Lady Morag die Beine aus dem Rolls Royce. Er stammte noch aus dem Nachlass ihres verstorbenen Gatten Chester und hatte mehr als vierzig Jahre auf seinem chromblitzenden Buckel. Ein Zeichen für die Wertarbeit, die damals geleistet worden war. Dass er heute so tadellos in Schuss war wie am ersten Tag, verdankte er der gewissenhaften Pflege von Graham, dessen helfende Hand Lady Morag geflissentlich ignorierte.

Nicht, dass sie diese Geste nicht zu würdigen gewusst hätte, im Gegenteil, aber sie hatte sich noch nie beim Aussteigen helfen lassen und würde auch heute nicht damit anfangen.

Graham war das durchaus bewusst. Trotzdem erachtete er es als seine Pflicht, seiner Dienstherrin zu versichern, dass sie sich auf ihn verlassen konnte, komme was da wolle. Als ob sie das nicht gewusst hätte.

„Soll ich Sie ins Haus begleiten, Mylady?“

Lady Morag schnaubte. „Noch lebe ich und kann auf eigenen Beinen laufen.“

Sie richtete sich auf und raffte den Saum des hochgeschlossenen Kleides, damit es nicht über den Boden schleifte. Um ihrem Chauffeur zu beweisen, dass ihre Worte keineswegs nur leere Hülsen waren, schritt sie die steinernen Stufen der Freitreppe zügig und erhobenen Hauptes empor.

„Sie können den Wagen in die Garage fahren“, rief sie ihm vom oberen Absatz zu, als sie sah, dass er keine Anstalten traf einzusteigen. So als fürchtete er, dass sie, oben erst einmal angekommen, einen Ohnmachtsanfall erleiden und rücklings die Treppe hinunterstürzen könnte. Doch den Gefallen tat sie ihm nicht. Stattdessen öffnete sie das Eingangsportal und betrat das Vestibül, in dem sich die Düsternis und Tristheit der Fassade spiegelte, ausgelöst durch die hohen holzvertäfelten Wände.

Lady Morag eilte schnurstracks durch die Eingangshalle und begab sich schnellen Schrittes in das Arbeitszimmer.

Shona hob kaum den Blick, als ihre Mutter eintrat.

„Schon zurück?“, fragte sie abwesend, bevor sie sich wieder dem Laptop widmete, vor dem sie förmlich zusammengesunken war.

Lady Morag nickte, obwohl Shona es nicht sehen konnte, da sie den Kopf gesenkt hielt, um sich ihrer ursprünglichen Tätigkeit zu widmen.

„Ich wusste, dass ich dich hier finde! Warum arbeitest du noch? Wir haben Wochenende.“

„Wir haben Freitag, Mutter. Und diese Abrechnungen schreiben sich nun mal nicht von alleine.“

„Sicher, mein Schatz. Weißt du, wo sich dein Bruder aufhält?“

Shona zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich zeigt er Annabelle sein Schlafzimmer.“

Lady Morag entging die abfällige Betonung des Namens von Rowans neuester Eroberung keineswegs. Sie konnte es ihrer Tochter nicht einmal verübeln. Ihr Sohn, Shonas Zwillingsbruder, wechselte die Liebschaften so oft wie andere Leute die Unterwäsche.

Nichtsdestotrotz gab sie die Hoffnung nicht auf, dass es diesmal etwas Ernstes sein würde. Immerhin waren er und Annabelle seit mittlerweile zwei Monaten ein Paar. Ungeachtet der Tatsache, dass sie knapp zwanzig Jahre jünger war als er.

„Kannst du ihn bitte holen, Kind? Ich muss mit euch sprechen.“

Shona seufzte und klappte den Laptop zu. „Sicher, Mutter.“

Als sich ihre Tochter erhob, war es Lady Morag, als starre sie in einen Spiegel, der ein fünfundzwanzig Jahre jüngeres Abbild ihrer selbst zeigte. Ein schmales Gesicht mit einem blassen Teint, der typisch für ihre Familie war, sodass sich Shona geradezu genötigt sah, mit ein wenig Rouge nachzuhelfen. Der Kontrast wurde durch das lackschwarze Haar, das ihre Tochter als Pagenschnitt trug, noch verstärkt. In Lady Morags Augen wirkte Shona dadurch viel zu maskulin. Ein Eindruck, der durch ihre Vorliebe für dunkle Hosenanzüge bestätigt wurde.

Aber offenbar war das ja auch Shonas Absicht. Selbst jetzt hatte sie den Blazer nicht abgelegt, unter dem sie eine weiße Bluse trug, auf dem das Collier mit dem in Gold gefassten Lapislazuli leuchtete.

Shona verließ das Arbeitszimmer und machte sich auf die Suche nach ihrem Zwillingsbruder.

Lady Morag trat ans Fenster und warf einen Blick in den weitläufigen Park. Mücken führten über dem Karpfenteich zuckende Tänze auf, während Schmetterlinge und Bienen von Blüte zu Blüte huschten und sich am Nektar der Stockrosen, Narzissen und Rhododendronsträucher labten.

Wie gerne hatte sie dort die lauen Sommerabende verbracht.

Sie konnte sich noch gut an die Zeiten erinnern, als dort rauschende Feste gefeiert wurden und der nächtliche Park von Lampions und Fackeln erhellt worden war.

Doch diese Zeiten waren vorbei und würden auch nicht mehr wiederkehren. Beinahe wütend schüttelte Lady Morag den Kopf. Es brachte nichts, in der Vergangenheit zu schwelgen und der guten alten Zeit hinterherzutrauern. Es galt, hocherhobenen Hauptes in die Zukunft zu blicken. So trüb sie dieser Tage auch erscheinen mochte.

Schritte näherten sich der Tür und kurz darauf kehrte Shona in Begleitung ihres Bruders zurück, dem man sein Alter ebenso wenig ansah wie seiner Schwester. Sein Haar war länger als das von Shona und fiel bis auf die Schultern. Die Augen lagen tief in den Höhlen und verrieten, wie wenig Schlaf er letzte Nacht bekommen hatte, die er vermutlich mit Annabelle in irgendeinem Club in Edinburgh verbracht hatte.

„Was ist denn so dringend, dass es nicht bis zum Abendessen Zeit hat?“, wollte er wissen und versuchte gar nicht erst, aus seiner Langeweile einen Hehl zu machen.

„Setzt euch!“ Lady Morag spürte, dass sie ärgerlich wurde. Rowans offensichtliches Desinteresse machte ihr die folgende Ansprache weiß Gott nicht einfacher.

Herrisch deutete sie auf das lederbezogene Sofa zu ihrer Rechten unterhalb eines schmalen Fensters, hinter dem der Niedergang zum Keller lag. Sie selbst blieb vor der Panoramascheibe stehen, der sie den Rücken zuwandte, während sie die Hände auf die Lehne des halbhohen Schreibtischstuhls legte.

Ihr Blick streifte die deckenhohe Vitrine mit den dutzenden Whisky-Flaschen. Jede einzelne besaß ein anderes Etikett. Bei manchen waren die Unterschiede offensichtlicher als bei anderen, doch wer genau hinsah, der stellte fest, dass sie eine chronologische Abfolge der Firmen- und damit auch der Familiengeschichte darstellten. Angefangen bei den ersten bauchigen Flaschen aus dem Jahr 1884 bis zu den schlanken Ausführungen, wie sie heutzutage bevorzugt wurden. Das lag hauptsächlich daran, dass ein nicht geringer Anteil des Umsatzes aus Exportgeschäften stammte. Die Kincaid-Destillerie verkaufte ihre edlen Tropfen in die ganze Welt und eine schmale, längliche Flasche ließ sich sicherer und vor allen Dingen kostengünstiger transportieren.

Das war zumindest die Meinung ihrer Tochter und der Vertriebsangestellten, denen Lady Morag bedingungslos vertraute. Zu behaupten, dass die Globalisierung und der Siegeszug des Internets, inklusive der damit einhergehenden Veränderungen des weltweiten Handels, an ihr vorbeigegangen wären, wäre übertrieben gewesen. Allerdings nur geringfügig.

Ein Grund mehr, der ihr die folgende Entscheidung leichter machte.

Nach vorne schauen, Morag, ermahnte sich die Lady. Immer nur nach vorne schauen …

„Es ist an der Zeit, dass wir über die Zukunft der Kincaid-Destillerie sprechen!“

Sie legte eine Pause ein, in der sie ihre Worte wirken ließ. Sie genoss den kurzen Augenblick angespannter Erwartung. Immerhin hatte sie die Aufmerksamkeit ihrer Kinder erregt. Rowan beobachtete seine Mutter neugierig, während Shonas Gesichtsausdruck zwischen Hoffen und Bangen wechselte. Der Blick ihrer dunklen Augen flackerte leicht.

Oh mein armes Kind, es tut mir leid, dachte Lady Morag Kincaid und holte tief Luft, bevor sie weitersprach.

„Ich bin nun siebenundsechzig Jahre alt und es ist an der Zeit, dass ich zurücktrete und der nächsten Generation das Feld überlasse, in der Hoffnung, dass ihr euch der Verantwortung bewusst seid und das Unternehmen gleichermaßen mit Herz und Verstand in eine glorreiche Zukunft führen werdet.“

Obwohl sie versuchte, beide Kinder anzuschauen, konnte sie nicht verhindern, dass ihr Blick deutlich länger auf Rowan verharrte. Vor allem bei dem Wort „Verantwortung“.

„Du willst in den Ruhestand gehen?“, fragte Shona verblüfft.

Lady Morag nickte langsam. „Ja, was überrascht dich daran?“

Ihre Tochter schüttelte den Kopf. „Nichts, ich … ich hätte nur nicht so plötzlich damit gerechnet. Ist etwas vorgefallen? Ich meine …“

„Nein!“, erwiderte Lady Morag schärfer als beabsichtigt und biss sich sogleich auf die Unterlippe. „Ich werde euch natürlich auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen“, schob sie rasch hinterher. „Auch wenn das vermutlich nicht nötig sein wird.“

Zumindest nicht, was dich betrifft, fügte sie in Gedanken hinzu und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter, denn jetzt folgte der unangenehme Part.

„Obwohl ihr beide zu gleichen Teilen erbberechtigt seid, werde ich das Unternehmen auf Rowans Namen überschreiben lassen. Der …“

„Was?“, platzte Shona heraus, deren Kopf puterrot anlief, während Rowan aussah wie eine Katze, der der Kanarienvogel gerade von selbst in den aufgesperrten Rachen geflogen war.

„Bitte lass mich ausreden, mein Kind!“

Shona sprang von dem Ledersofa auf, als habe sie eben festgestellt, dass es vor Ungeziefer nur so wimmelte. Dazu passte auch ihre Miene, die Fassungslosigkeit und Empörung widerspiegelte. Fast hätte Lady Morag geschmunzelt. Nein, Shona war nie ein Kind gewesen, das schnell in Tränen ausgebrochen war. Sie besaß eine Kämpfernatur, die sie für den Posten der Geschäftsführung der Kincaid-Destillerie prädestinierte. Weitaus mehr als Rowan. So viel stand fest. Doch leider ging es nur in den seltensten Fällen darum, ob jemand für einen bestimmten Posten qualifiziert war oder nicht. Oft genug spielten andere Faktoren eine Rolle.

Shona würde das verstehen, sobald sie sich beruhigt hatte.

„Warum? Du hast doch schon alles gesagt! Ich reiß mir hier den Arsch auf, während unser Goldjüngelchen hier den Playboy spielt, und das ist der Dank?“

Nun erhob sich auch Rowan und trat auf die Vitrine zu. „Jetzt beruhig dich erst einmal, Schwesterherz.“ Er griff in eine der Auslagen und drehte sich mit einer Kincaid-Oak-Flasche um, die mit fünfzehn Jahren Reife zu den jüngeren Erzeugnissen zählte. Ob Shona das in der Kürze der Zeit, die sie benötigte, um herumzuwirbeln und ihm die Flasche aus der Hand zu schlagen, gesehen hatte oder es ihr schlicht und ergreifend egal war, konnte Lady Morag nicht mit Gewissheit sagen.

Die Flasche prallte mit einem dumpfen Laut auf den Teppich, blieb aber zum Glück unversehrt. Sie verfehlte Rowans Fuß nur um Haaresbreite, der mit einem kieksenden Schrei auf den Lippen zurückwich.

„Ich will mich nicht beruhigen!“, rief Shona aggressiv, sodass ihre Mutter fürchten musste, dass sie Rowan jeden Moment an die Kehle ging.

Er hob beide Arme und wich zurück. „Schon gut! Schon gut! Flipp nicht aus, wir …“

Lady Morag bezweifelte, dass Rowans jovialer Charme seine Schwester zu besänftigen vermochte. Eher würde das Gegenteil eintreten. Daher sah sie sich bemüßigt, einzugreifen.

„Es reicht!“, rief sie so laut, dass es ihr in der Kehle schmerzte. Aber sie hatte Erfolg, denn sowohl Shona als auch Rowan zuckten zusammen und starrten ihre Mutter aus geweiteten Augen an. Es lag schon lange zurück, dass sie ihre Stimme hatte erheben müssen. Vermutlich zeigte ihr Ruf auch nur deshalb Wirkung.

„Ihr benehmt euch wie die Kinder. Rowan, lass uns allein!“

„Aber …“

„Verschwinde!“, zischte Lady Morag und trat auf ihn zu.

Rowan verschwand so hastig, als hätte sich seine Mutter gerade vor seinen Augen in eine Walküre verwandelt, die mit blankem Schwert auf ihn loszugehen gedachte.

„Mutter, ich …“, begann Shona, wurde aber ebenso unterbrochen wie kurz zuvor ihr Bruder.

„Setz dich!“, verlangte Lady Morag, ging in die Knie und hob die Flasche auf. Saubere Gläser standen stets auf einem Sideboard für etwaige Verkostungen bereit. Sie nahm zwei davon mit zum Schreibtisch und registrierte zufrieden, dass Shona ihren Befehl befolgte. Halb hatte sie damit gerechnet, dass ihre Tochter wutschnaubend aus dem Büro stürmen würde. Aber sie war eben doch keine vierzehn mehr.

Lady Morag goss drei Fingerbreit der goldbraunen Flüssigkeit ein, stellte die Flasche ab und reichte Shona eines der Gläser.

„Trink!“

„Mutter …“

„Trink!“, beharrte diese, stieß mit ihrem eigenen Glas gegen das ihrer Tochter, sodass ein leises Klingeln den Raum erfüllte. Sekundenlang war es das einzige Geräusch. Bevor sie selbst einen Schluck von dem Whisky trank, umrundete sie den Schreibtisch und nahm auf dem Sessel Platz, auf dem Shona noch vor wenigen Minuten gesessen hatte.

Erst dann kostete sie von dem Whisky und genoss das milde, nach Getreide schmeckende Aroma, das im Nachgang eine leicht nussige Note besaß, als es über die Zunge in den Rachen floss.

„Sag mir, dass das eben nur ein Scherz war, bitte!“, flüsterte Shona und in ihren Augen glitzerte es verräterisch.

Lady Morag leerte das Glas und stellte es geräuschvoll neben den zugeklappten Laptop.

„Du machst es mir wahrhaft nicht leicht, Tochter.“

„Ich dir?“

„Ich muss an die Firma denken.“

„Und ich nicht, oder was? Was glaubst du denn, was ich hier jeden gottverdammten Tag mache? Solitär spielen?“

„Mir ist bewusst, was du für das Unternehmen geleistet hast. Und immer noch tust. Aber die Konkurrenz ist groß und in der heutigen Zeit schauen die Leute mehr denn je auf das Image der Firma. Hast du mir das nicht selbst vor einiger Zeit noch gepredigt? Dass wir unser Marketing auch auf die sozialen Netzwerke ausweiten müssen?“

Shona schüttelte den Kopf. „Worauf willst du eigentlich hinaus?“

Versonnen strich Lady Morag über den glatten Kunststoff des Laptops, als wäre er ein wertvoller Schrein, in dem sich sämtliche Antworten auf ihre Fragen befänden. Ach, wenn es doch nur so einfach wäre. „Ich denke, dass die Destillerie eine größere Chance hat zu überleben, wenn ein Mann an der Spitze steht.“

„Bitte was?“

„Ich weiß, dass du das nicht gerne hörst, aber Whisky wird nun einmal mit Männlichkeit assoziiert. Auch heute noch. Und …“

„Was redest du da für einen Bullshit? Du selbst leitest diesen Laden schon seit vierzig Jahren!“

„Ich bin Einzelkind. Und Witwe.“

„Oh, ich kann Rowan umbringen, wenn du willst.“

„Hör auf“, donnerte Lady Morag und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Was glaubst du, warum dein Großvater darauf bestanden hat, dass ich Chester heirate? Weil ich ihn so sehr geliebt habe?“

„Was soll das bedeuten?“

„Das bedeutet, dass Whisky von Männern gekauft wird. Und wenn er nicht von Männern gekauft wird, wird er von ihnen getrunken. Warum macht Mira Kuni sonst wohl Werbung für Johnny Walker?“

„Mila Kunis. Und es war Jim Beam.“

„Wie auch immer.“

„Rowan wird die Firma in den Ruin treiben!“

„Nicht, wenn du ihm hilfst.“

„Er wird sich nicht helfen lassen.“

„Natürlich wird er das. Er weiß, dass du dich mit den Geschäften besser auskennst als er.“

„Mag sein. Bei Annabelle bin ich mir da nicht so sicher.“

„Was hat die denn damit zu tun?“

Shona lachte auf. „Muss ich dir das wirklich noch erklären? Was glaubst du denn, warum sie sich ihm an den Hals geworfen hat? Weil er so gut im Bett ist?“

„Shona, bitte!“

„Vermutlich erzählt er ihr jetzt schon die tollen Neuigkeiten. Und unsere liebe kleine Annabelle wird sich mächtig ins Zeug legen, damit sie auch etwas von dem Kuchen abbekommt.“

„Unsinn. Sie ist nur eines seiner Betthäschen. Ein Wunder, dass du dir ihren Namen gemerkt hast.“

„Immerhin sind sie schon zwei Monate zusammen. Sie muss wirklich gut sein.“

„Schluss damit. Ich verlasse mich darauf, dass du Rowan mit Rat und Tat zur Seite stehst. Du weißt selbst, dass unsere Verkäufe rückläufig sind. In den letzten Jahren haben allein in den Lowlands drei weitere Brennereien ihren Betrieb aufgenommen. Das heißt, in ein paar Jahren wird sich die Konkurrenz verdoppeln. Hättest du dich nicht von Morgan scheiden lassen, dann …“

„Das kann nicht dein Ernst sein, Mutter. Morgan hatte es von Anfang an auf die Destillerie abgesehen und du willst sie ihm in den Rachen werfen?“

„Das allein ist es nicht. Auch als Geschwisterpaar könntet ihr die Brennerei vertreten. Wenn jedoch rauskommt, dass du am anderen Ufer …“

Sie bereute die Worte, kaum, dass sie ihr über die Lippen gekommen waren. Shonas Röte wich aus ihrem Gesicht, das eine aschfahle Farbe annahm.

Ruckartig stand sie auf, schritt auf den Schreibtisch zu und rammte das Glas wuchtig auf die Platte. „Du hast es nie akzeptieren können, stimmt’s?“

Lady Morag fühlte sich wie ein Ballon, aus dem sämtliche Luft mit einem Schlag entwich. „Shona, darum geht’s doch überhaupt nicht.“

„Worum geht es dann?“ Tränen standen in Shonas Augen. Sie war gekränkt und zutiefst verletzt.

„Shona, ich …“ Ein scharfer Schmerz zuckte durch Lady Morags Kopf.

„Es geht doch bloß darum, dass Rowan tun und lassen darf, was er will. Das durfte er doch schon immer. Egal wie viele Minderjährige er vögelt.“

„Shona, ich bitte dich.“ Eine glühende Nadel bohrte sich durch Lady Morags Schädeldecke, geradewegs in ihr Gehirn.

„Aber er ist ja der heterosexuelle Kerl. Du kannst froh sein, dass er nicht schwul ist. Wem hättest du die Brennerei dann überschrieben? Graham?“

„Shona, so versteh doch …“ Ein kribbelndes Gefühl breitete sich in ihrem Kopf aus. Ihre Handflächen wurden feucht, die Finger zitterten.

„Hast du eigentlich je daran gedacht, wie es Cybill damit geht? Oder hoffst du ernsthaft, dass Rowan noch einen Sohn zur Welt bringt? Was ist, wenn er nur Töchter bekommt, die alle lesbisch werden?“

Lady Morag schloss die Augen und drängte die aufkeimende Panik erfolgreich zurück. Zum Glück hatte sich ausreichend Wut in ihr aufgestaut, die ihr dabei half.

„Shona!“, sagte sie leise, aber mit genug Timbre in der Stimme, damit ihre Tochter zuhörte. Die Lider hielt sie weiterhin geschlossen. „Ich habe momentan nicht die Nerven, das mit dir auszudiskutieren. Mein Entschluss steht fest! Es bringt uns nicht weiter, wenn du überall Gespenster siehst und Intrigen witterst.“

Als sie die Augen wieder öffnete, konnte sie gerade noch sehen, wie Shona wutschnaubend aus dem Arbeitszimmer stürmte. Sie schlug die Tür so heftig hinter sich zu, dass die Flaschen in der Vitrine klirrten.

Mit zitternden Fingern ergriff Lady Morag Kincaid die Whiskyflasche und füllte ihr Glas nach, das sie in einem Zug leerte. Der Anfall ging so rasch vorüber, wie er gekommen war.

Wenn sie nur nicht so müde gewesen wäre.

Kapitel 2

Shona ballte die Hände zu Fäusten und versuchte, ihr heftig klopfendes Herz zu beruhigen, indem sie tief ein- und wieder ausatmete. Sie dachte an Siobhan, die sie in diesem Augenblick zu irgendeiner Yogaübung verdonnert hätte, und musste unwillkürlich schmunzeln.

Der Anflug von Heiterkeit verflog so schnell wie er gekommen war. Die Kränkung über die Brüskierung durch ihre Mutter wog einfach zu schwer.

Der Schlag der Standuhr verriet Shona, dass es bereits zwei Uhr nachmittags war. In spätestens einer Stunde würde Morgan auftauchen, um seine Tochter abzuholen. Dies war sein Wochenende.

„Mir bleibt auch nichts erspart“, murmelte sie.

Die Aussicht, ihrem Ex-Mann zu begegnen, erstickte den kläglichen Rest an guter Laune, der ihr geblieben war. Statt sich zu beruhigen, legte ihr Herz gleich noch ein paar Takte obendrauf. Shona eilte die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo ihr Cybill bereits auf dem Flur entgegenkam.

Ihre Tochter trug eng anliegende graue Reiterhosen, die an den Innenseiten der Schenkel mit Leder verstärkt waren. Der weit fallende Rollkragenpullover kaschierte ihre weiblichen Formen, die seit einigen Monaten deutlicher zutage traten.

Die dicken Strümpfe hatte sie über die Aufschläge der Hose gezogen, was Cybill nur dann tat, wenn sie vorhatte, ihre Reitstiefel anzuziehen. Im Gegensatz zu ihrer Mutter besaß sie blondes Haar, das im Licht der Sonne wie reifer Weizen leuchtete. An den Wangen sah man noch ein wenig kindlichen Speck, der ihr Gesicht runder machte als Cybill es gerne gehabt hätte. Sie mochte weder darauf angesprochen, geschweige denn dort berührt werden und reagierte auf Missachtung dieser ungeschriebenen Gesetze mit einer Hysterie, wie sie vierzehnjährigen Teenagern in der Pubertät vorbehalten war.

„Wo willst du hin?“, fragte Shona wider besseren Wissens.

Cybill wich ihrem Blick aus und verdrehte dabei leicht die Augen.

„Zu Kendra“, leierte sie und wollte an ihrer Mutter vorbei, die ihr jedoch mit einem schnellen Ausfallschritt den Weg abschnitt.

„Nicht so schnell, junges Fräulein. Du weißt genau, dass dein Vater in einer Stunde kommt, um dich abzuholen. Es ist sein Wochenende.“

Der Teenager wich von ihr ab und schaute sie fassungslos an. In Cybills blauen Augen leuchtete die Wut. „Sein Wochenende? Ich bin doch kein kleines Kind mehr!“

Shona blinzelte irritiert. Vor vierzehn Tagen hatte sie ihr Schicksal noch stillschweigend hingenommen. Widerwillig zwar, wie man ihr deutlich angesehen hatte, aber ohne Protest. Was war bloß in sie gefahren?

Die Pubertät, hätte Siobhan vermutlich gesagt und damit recht gehabt. Doch Shona war nicht in der Stimmung, um die Launen ihrer halbwüchsigen Tochter zu tolerieren oder ihnen gar nachzugeben.

„Du bist aber auch noch nicht volljährig! Und Morgan hat ein Recht darauf …“

„Ein Recht?“, rief Cybill. „Ich bin deine Tochter und kein Fass voller Whisky.“

„Ich diskutiere das hier bestimmt nicht mit dir aus“, presste Shona mit mühsam unterdrückter Wut zwischen den Lippen hervor. „Geh auf dein Zimmer, zieh dich um und pack deine Sachen!“

„Nein!“, rief Cybill regelrecht empört und mit schriller Stimme.

„Tu es!“, brüllte Shona.

Sie sah, wie ihre Tochter zusammenzuckte. Ihr Blick begann zu flackern, die Unterlippe bebte und selbst Shona spürte, wie ihr die Knie zitterten.

„Cybill“, flüsterte sie. „Es … tut mir leid!“

Ruckartig drehte sich ihre Tochter um und rannte zurück in ihr Zimmer. Der Knall, mit dem sie die Tür ins Schloss warf, hörte sich an wie ein Gewehrschuss.

Shona wollte ihr folgen, um mit ihr in Ruhe darüber zu reden. Sie hasste sich selbst dafür, doch das Gesetz stand auf Morgans Seite. Es hatte ihm ein vierzehntägiges Besuchsrecht gewährt, das er nur allzu gerne in Anspruch nahm. Weniger aus Liebe zu seiner Tochter – Shona war sich sicher, dass der Dreckskerl zu solchen Gefühlen nicht in der Lage war – sondern allein, um ihr eins auszuwischen.

Sie wusste, dass er nur auf eine derartige Gelegenheit wartete, um sie mit seinen Anwälten unter Druck zu setzen und fertigzumachen.

„Was ist denn los?“

Shona schloss für die Dauer einer Sekunde die Augen und atmete tief durch, ehe sie sich umdrehte. Annabelle Forbes stand vor ihr. Zweiundzwanzig Jahre jung, womit sie weniger Jahre von Cybill trennten als von ihr. Oder von Rowan.

Verflixt, sie könnte seine Tochter sein!

Nicht, dass das heutzutage etwas zu bedeuten hätte. Dennoch brauchte Shona niemand mit der großen Liebe zu kommen. Was hatten sich denn solch ein Küken, das kaum flügge geworden war und noch niemals in ihrem Leben für ihren Unterhalt hatte aufkommen müssen, und ein zweiundvierzigjähriger Mann, der ein Familienunternehmen zu leiten hatte, schon zu sagen?

Nun ja, allzu viel mit Sicherheit nicht. Rowan hatte Annabelle bestimmt nicht ihrer rhetorischen Fertigkeiten wegen als Freundin auserwählt. Andererseits entsprach er auch nicht den Erwartungen, die Shona gegenüber einem Geschäftsführer hatte.

Sie spürte, wie ihr das Blut zu Kopfe stieg.

„Ich denke, das geht dich einen feuchten Dreck an!“, zischte sie.

Annabelle hob die feingeschwungenen Augenbrauen und schüttelte leicht den Kopf, sodass ihr wasserstoffblondes Haar in Schwingungen geriet. Ihre Haut besaß die perfekte Bräune, die man sich nicht allein auf dem Sonnendeck der Aida holte.

„Sorry, hab nur gefragt.“

„Und ich habe geantwortet. Und jetzt …“

Shona unterbrach sich mitten im Satz, als es an der Tür schellte. Sie warf einen Blick über die Galerie hinweg ins Vestibül. Sie ahnte, wer vor der Tür stand und mit einem Mal fühlte sie sich unsagbar erschöpft.

Sie trat an das hölzerne Geländer und beobachtete, wie Emily, ihre Haushaltshilfe, auf die Tür zuschritt und öffnete. Es war tatsächlich Morgan Baxter, ihr geschiedener Gatte.

Er nickte Emily zu und schenkte ihr ein freundliches Lächeln, bei dessen Anblick sich Shona der Magen umdrehte. Es war so falsch wie das Schwarz seiner Haare. Die graumelierten Schläfen sollten vermutlich einen Eindruck von Weisheit vermitteln. Normalerweise würde er aussehen wie ein räudiger Straßenköter. Schmutzig-braun mit grauen Stellen. Doch das konnte er sich als Tanzlehrer, der die besten Jahre knapp hinter sich gelassen hatte, nun einmal nicht leisten.

Und der Erfolg gab ihm recht.

Die Pärchen rannten ihm zwar nicht die Tür ein, aber er hatte ein ordentliches Auskommen und sah gut genug aus, sodass es immer ein paar ledige Frauen gab, die sich unter seine Fittiche nehmen ließen. Wenn Morgan wollte, konnte er sehr charmant sein, zumal er ein wahrhaft begnadeter Tänzer war.

So hatte er letztendlich auch Shona herumgekriegt. Damals, kaum dass sie ihren sechsundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte und dank ihrer Mutter bereits unter Torschlusspanik litt.

Danke Mum, schoss es ihr durch den Kopf. Sie leistete der alten Dame aber noch im selben Augenblick Abbitte. Sie war alt genug gewesen, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

„Shona!“ Morgan hatte sie natürlich längst gesehen und breitete die Arme aus. „Willst du mich etwa einfach so hier stehen lassen?“

„Gott bewahre!“, murmelte sie und ging die Treppe hinunter, dicht gefolgt von Annabelle, die sich nicht abschütteln ließ. Herrgott, wo war Rowan, wenn man ihn mal brauchte?

Emily schloss die Tür und zog sich auf Shonas Wink hin diskret zurück. Diese trat auf Morgan zu, die Arme demonstrativ vor der Brust verschränkt.

„Wo ist Cybill?“, verlangte er zu wissen und sein Lächeln erlosch, als hätte er einen Schalter umgelegt.

„Du bist eine halbe Stunde zu früh, mein Lieber. Sie ist in ihrem Zimmer und zieht sich um.“

„So? Dann wird es dir ja sicherlich nichts ausmachen, mich in der Zwischenzeit deiner neuen Freundin vorzustellen.“

Er wandte den Kopf und warf Annabelle einen interessierten Blick zu. Und schon kehrte das Lächeln nicht nur zurück, es wurde auch erwidert. Shona hätte zu gerne die Augen verdreht und geseufzt, konnte sich aber beides erfolgreich verkneifen.

„Morgan, das ist Annabelle Forbes. Annabelle ist Rowans … Freundin. Annabelle, darf ich dir Cybills Vater Morgan Baxter vorstellen?“

„Sehr erfreut“, sagte dieser und ergriff Annabelles Hand. Er verbeugte sich sogar galant, was Rowans Liebchen mit einem mädchenhaften Kichern quittierte. Das wiederum veranlasste Shona nun doch, mit den Augen zu rollen.

„Ich werde Cybill holen“, sagte Shona und eilte die Treppe wieder hinauf, auf deren oberem Absatz sich endlich ihr Bruder blicken ließ.

„Beeil dich besser, bevor sich mein Ex an deine neue Spielkameradin heranschmeißt“, raunte sie ihm im Vorbeigehen zu. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zur Tür von Cybills Zimmer und klopfte.

„Hey Schatz! Bist du fertig?“

Sie seufzte, als sie keine Antwort erhielt. Offenbar schmollte Cybill noch. „Es tut mir leid, in Ordnung?“ Wie fast alle Teenager in diesem Alter, so reagierte auch Cybill empfindlich, wenn man unaufgefordert eintrat. „Ich komme jetzt rein.“ Shona öffnete und trat ein, während sie weitersprach. „Hör mal, ich weiß, wie schwer das für dich ist. Aber lass es uns einfach …“

Sie stockte, als sie bemerkte, dass sie mit sich selbst sprach. Das Zimmer war leer, Cybill verschwunden. Shonas Gedanken überschlugen sich. Ihre Wut, die im Angesicht ihres verhassten Ex einer beinahe konspirativen Verbundenheit mit ihrer Tochter gewichen war, kehrte mit einem Schlag zurück.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und riss die gegenüberliegende Badezimmertür auf. Auch auf die Gefahr hin, dass ihre Tochter gerade auf der Toilette saß und ihr eine Szene machte, die das ganze Haus unterhalten würde. Doch das Bad war ebenfalls leer.

Da wusste Shona, dass Cybill sich ihrer Anweisung widersetzt hatte. Sie brauchte gar nicht noch einmal in das Zimmer ihrer Tochter zurückzugehen, um zu wissen, dass sie sich keineswegs umgezogen hatte. Sie hatte lediglich abgewartet, bis die Luft rein war, um über den ehemaligen Dienstbotenaufgang am Ende des Flurs zu verschwinden.

In der Zwischenzeit hatte sie Devil vermutlich längst gesattelt und war auf dem Weg zu Kendra.

Shona knirschte vor Wut mit den Zähnen.

„Warte nur, bis du zurückkommst!“, murmelte sie und machte sich auf den Weg, um Morgan über die Flucht seiner Tochter in Kenntnis zu setzen.

 

„Sie ist … was?“

Morgans Stimme klang leise, wenn auch keineswegs ruhig. Shona kannte den Vater ihrer Tochter gut genug, um das schwache Vibrieren zu bemerken, das anzeigte, wie zornig er war. Er stand kurz vor einem Wutausbruch und allein die Anwesenheit von Annabelle hielt ihn davon ab, komplett aus der Haut zu fahren.

„Du hast mich verstanden“, erwiderte Shona gelassen. „Deine Tochter hat es vorgezogen, das Wochenende hierzubleiben.“

„Das war aber nicht abgesprochen.“

„Das weiß ich selbst. Und Cybill ebenso.“

„Und wieso ist sie dann weg?“

„Weil sie ein Teenager ist, verdammt noch mal! Deshalb!“

Morgan Baxter verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und warf Rowan und Annabelle einen abschätzigen Blick zu, bevor er auf Shona zutrat und ihr seinen nach Pfefferminz und Zigarettenrauch riechenden Atem ins Gesicht blies.

„Du hast sie nicht im Griff. Hattest du noch nie. Cybill fehlt die väterliche Strenge. Kein Wunder, dass sie so launisch ist. Also, wo steckt sie?“

Shona starrte ihren Ex-Mann für die Dauer mehrerer Herzschläge stumm an. Sie konnte sogar Rowan und Annabelle atmen hören. Morgan taxierte sie förmlich, doch Shona hielt seinem Blick stand.

„Ich – weiß – es – nicht!“, sagte sie schließlich langsam und betont.

Morgan richtete sich auf. „Du weißt, was das bedeutet! Wenn ich nicht alle vierzehn Tage …“

Die Eingangstür öffnete sich. Cybill stand in der Tür, zusammen mit Graham, der hinter ihr aufragte wie ein fleischgewordener Golem.

„Cybill!“ Morgan Baxter drehte sich um und rief den Namen seiner Tochter in einem Tonfall, mit dem er vermutlich sonst seine Schülerinnen zu empfangen pflegte. Cybill lächelte nicht, doch das tat sie eigentlich nie. Trotzig schaute sie an ihrem Vater vorbei auf Shona.

„Wo warst du?“, schnauzte diese sie vor Wut kochend an. Cybill war klug genug, um zu schweigen, sodass Graham die Antwort übernahm.

„Ich habe die junge Lady im Stall ertappt, wie sie Devil satteln wollte. Offenbar hatte sie vergessen, dass heute Freitag ist, beziehungsweise dass Sie, Mister Baxter, kommen würden, um sie abzuholen.“

„Ist das wahr?“, fragte Morgan.

Cybill nickte.

„Geh rauf und pack deine Sachen!“, zischte Shona ihr im Vorbeigehen zu. „Wir sprechen später darüber.“

Cybill zeigte keine Reaktion und stampfte wutentbrannt die Treppe hinauf.

„Komm, Annabelle! Es ist wohl besser, wenn wir gehen“, murmelte Rowan seiner Freundin zu, die ihm widerwillig gehorchte.

Sie folgten Cybill in das obere Stockwerk.

„Guter Mann“, wandte sich Morgan an Graham. „Es freut mich zu sehen, dass wenigstens auf Sie Verlass ist.“ Er klopfte dem Bediensteten jovial auf die Schulter, was dieser mit einem leicht indignierten Blick quittierte. Morgan bemerkte ihn zwar, ignorierte ihn aber geflissentlich.

Stattdessen drehte er sich zu Shona um. „Glück gehabt, Liebes. Bedank dich bei Graham. Daran kannst du erkennen, wie wichtig es ist, einen Mann im Haus zu haben.“

Shona schlug das Herz bis zum Hals. Sie presste die Kiefer aufeinander, im Geiste immer wieder dasselbe Mantra wiederholend: Lass dich nicht provozieren. Spiel ihm nicht in die Hände. Lass dich nicht provozieren. Spiel ihm nicht in die Hände.

„Ich warte im Wagen.“ Er grinste und schob sich an Graham vorbei nach draußen.

Shona warf dem Chauffeur einen kurzen Blick zu, dann stampfte sie wütend die Treppe hinauf und stürmte in Cybills Zimmer, die auf der Bettkante saß und das Handy verschwinden ließ.

„Verdammt, warum klopfst du …“

„Ruhe!“, schrie Shona und Cybill schrak zusammen. „Was sollte das werden?“

„Ich … ich …“

„Überlege dir gut, was du jetzt sagst.“

„Ich habe keinen Bock, das ganze Wochenende in Edinburgh zu verbringen!“

Shona runzelte die Stirn. „Wie jetzt? Ein junges Mädchen, das keine Lust hat, zwei Tage in der Stadt zu verbringen?“, fragte sie spöttisch. „Was ist los, wirst du krank?“

„Sehr witzig, Mum.“

„Was ist dann dein Problem?“ Sie trat näher, streifte mit dem Blick die gerahmten Pferdefotografien. Die meisten davon zeigten Devil, Cybills ganzen Stolz. Er war ein Araber, den sie ritt, seit er ein junger Hengst war.

Mit einem Anflug von Wehmut dachte sie daran, wie sie früher, in Cybills Alter, für Richard Grieco, Johnny Depp, The Cure und David Bowie geschwärmt hatte. Doch bis auf ein Poster von Pink, das an der Tür hing, sah Cybills Zimmer viel zu erwachsen für ein vierzehnjähriges Mädchen aus.

„Ist es wegen Dad?“, fügte Shona hinzu, als ihre Tochter es vorzog zu schweigen.

„Was? Nein! Ich meine … ja, schon irgendwie.“

Shona schluckte. Sie war nie gut in diesen Mutter-Tochter-Dingen gewesen, fühlte sich dabei stets unbeholfen. Aber irgendetwas sagte ihr, dass Cybill ihr etwas sagen wollte. Shona ging auf das Bett zu, um sich neben ihre Tochter zu setzen, die aufsprang und wahllos Zeug in ihre dunkelgrüne Sporttasche stopfte.

„Ist mit Oma alles in Ordnung?“, fragte sie rasch, bevor Shona dazu kam, nachzuhaken. Die wurde von dem plötzlichen Themenwechsel völlig überrumpelt.

„Was? Ja, ja. Es … ist nichts. Sie … wollte mit uns nur über das Geschäft reden.“

„Ist es was Ernstes?“

„Nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen müsstest, junge Dame!“, erwiderte Shona streng, aber auch mit einem Hauch Amüsement. Es war erschreckend, wie seriös Cybill bisweilen auftrat.

Sie wuchtete sich die Tasche über die Schulter und wollte gehen, als sie bemerkte, dass sie noch ihre Reithosen trug. Sie verdrehte die Augen, ließ die Tasche fallen und schaute ihre Mutter vorwurfsvoll an.

„Könntest du dann bitte gehen? Ich muss mich umziehen.“

Shona nickte und erhob sich. „Es gab mal eine Zeit, da hat dir das nichts ausgemacht.“

„Es gab auch eine Zeit, da hat es mir nichts ausgemacht, in die Hose zu pinkeln. Willst du, dass ich damit auch wieder anfange?“

„Schon gut, beruhig dich wieder. Ich will nur, dass du weißt, dass ich das nicht tue, um dich zu ärgern. Ich …“

„Bye, Mum!“

„Na schön. Ich … hab dich lieb!“ Shona drehte sich um und verließ fluchtartig das Zimmer ihrer Tochter.

Kapitel 3

„Du hast es ihnen nicht gesagt?“

Lady Morag Kincaid schreckte hoch.

„Graham!“, stieß sie hervor, irritiert und auch ein wenig verlegen. Da war sie doch glatt am Schreibtisch eingeschlafen. Den Kopf auf die angewinkelten Arme gelegt. „Was …?“

Sie schaute sich um. In der Zeit, die sie benötigte, um sich wieder im Hier und Jetzt zurechtzufinden, schloss Graham die Tür hinter sich. Er trat auf den Schreibtisch zu und nahm die Whiskyflasche zur Hand.

„Meinst du, das ist jetzt das Richtige für dich?“

Lady Morag zog die Augenbrauen über der Nasenwurzel zusammen. „Was erlaubst du dir, Graham? Ich bin alt genug und kann tun und lassen, was ich will.“

Er stellte die Flasche zurück und nahm auf einem der Besucherstühle Platz. „Ich mache mir bloß Sorgen.“

„Natürlich machst du dir Sorgen. Ich wäre enttäuscht, wenn es nicht so wäre.“ Sie lächelte schmallippig. „Doch du kannst dich beruhigen, noch lebe ich. Ich bin nur … müde.“

„Du solltest dich hinlegen.“

„Und du solltest mit mir anstoßen!“ Lady Morag griff nach der Whiskyflasche. „Es brechen neue Zeiten für die Kincaid-Destillerie an. Ich wünschte, ich könnte sie miterleben.“

Graham hob eine Augenbraue, als er beobachtete, wie die Hausherrin ihr Glas zur Hälfte füllte und nach einem zweiten griff, das am Rand der Schreibtischplatte stand. Sie runzelte die Stirn, als sie den leichten Abdruck des dunkelroten Lippenstifts darauf erkannte.

Shona hatte aus diesem Glas getrunken.

„Verzeihung“, murmelte sie und wollte aufstehen, um ein neues Glas zu holen, doch Graham kam ihr zuvor. Er hob die Hand und stand auf.

„Lass nur, ich mach das schon.“

Er nahm ein sauberes Glas vom Sideboard und stellte es vor Lady Morag ab. Sie nickte dankbar und schenkte ein. Graham blieb stehen und prostete seiner Dienstherrin zu. „Auf Sie, Lady Morag Kincaid.“

Sie beugte sich vor und stieß mit ihrem Glas leicht gegen das seine. Ein helles Klirren erklang und Lady Morag wartete, bis sich ihr Chauffeur und Butler wieder gesetzt hatte. Schweigend tranken sie einen Schluck, während sie den ziehenden Schmerz in ihrem Nacken zu ignorieren versuchte. Sicherlich nur eine Folge der verkrümmten Haltung, in der sie eingenickt war.

Graham war es schließlich, der die Stille unterbrach. „Warum hast du es ihnen nicht gesagt?“

Lady Morag stellte das Glas vor sich ab und betrachtete versonnen die goldbraune Flüssigkeit, die darin schwappte. „Ich weiß es nicht“, erwiderte sie mit monotoner Stimme und leerem Blick. „Ich denke, ich hatte einfach Angst.“

„Du und Angst? Ich kann es kaum glauben.“

Böse schaute sie ihn an. „Ich bin auch nur ein Mensch, verflucht. Aber sei unbesorgt. Ich werde es ihnen sagen. Zum richtigen Zeitpunkt.“ Sie leerte ihr Glas, während sie Graham aus dem Augenwinkel beobachtete. Halb erwartete sie, dass er nachfragen würde, wann denn der richtige Zeitpunkt wäre, doch er hielt sich zurück und dafür war sie ihm dankbar.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Sie hatte kaum zwanzig Minuten geschlafen. Power-Napping nannte ihre Enkelin das. Lady Morag musste lächeln.

„Ist Cybill schon fort?“

„Ja, sie wurde gerade abgeholt. Sie hat sich noch schnell verabschiedet, doch du hast sie nicht gehört. Ich habe sie übrigens bei Devil gefunden. Sie wollte ihn gerade satteln und sich aus dem Staub machen.“

Lady Morag drehte das Whiskyglas zwischen den Fingern. „Sie ist ein echter Wildfang, genau wie ihre Mutter.“

„Nicht ansatzweise. Gegen Miss Shona ist die junge Lady ein Ausbund an Tugend und Rechtschaffenheit.“

„So schlimm war sie auch wieder nicht.“

„Alleine nicht, aber zusammen mit ihrem Bruder …“

„Sonderbar, wie unterschiedlich sich beide entwickelt haben, nicht wahr? Vor dreißig Jahren hätte ich eine Wette darauf abgeschlossen, dass es einst Shona sein würde, um die wir uns Sorgen machen müssten.“

Sie seufzte schwer und wollte sich erheben, doch ihre Arme und Beine fühlte sich an, als wären sie mit Blei gefüllt. Kraftlos sackte sie zurück, die Welt um sie herum begann sich zu drehen.

„Mori!“, hörte sie ihren Namen. Ein Schatten erschien neben ihr und der Duft eines herben Rasierwassers kitzelte ihre Nase, ehe sich eine schwere Hand auf ihre Schulter legte.

„Nur … nur ein kleiner Anfall von Schwäche. Bitte, Chester. Hilf mir hoch, ja?“

Für einen kurzen Augenblick verharrte der Mann neben ihr. „Natürlich.“

Er griff unter ihre Achseln und half ihr, sich aufzurichten. Lady Morag schaute sich um und blinzelte verwirrt. Ihre Sicht, bis eben noch verschwommen, klärte sich. „Graham, es … es tut mir leid. Ich …“

„Schon gut. Ich bringe dich in dein Zimmer und verständige den Arzt.“

„Nein!“, rief sie hastig. „Nicht nötig. Ich brauche nur ein wenig Ruhe.“

„Du solltest etwas essen.“

„Nein!“, wiederholte sie schroff. „Ich sagte doch, es geht mir gut. Ich werde mich kurz hinlegen. Zum Abendessen bin ich wieder fit. Du wirst sehen.“

„Wie du meinst“, erwiderte Graham, doch der Klang seiner Stimme verriet ihr, dass er ihr kein Wort glaubte.

 

„Na, wie findest du es?“

Shona taxierte das Bild, das an der Stirnwand des schmalen Raumes hing und von zwei Punktstrahlern beleuchtet wurde, sodass der Betrachter jedes Detail erkennen konnte. Mit einer Mischung aus Unbehagen und offener Abscheu.

„Es ist … interessant.“

Siobhan McLeary fing schallend an zu lachen. „Interessant? Echt jetzt? Warum sagst du nicht gleich, dass du es nett findest?“

Ein Lächeln glitt über Shonas Lippen. „Dann hättest du mich gefragt, warum ich nicht gleich sage, dass ich es scheußlich finde.“

Ihre Freundin riss in gespielter Überraschung die Augen auf und presste sich die Hand auf die Brust. „Du … du findest es scheußlich?“ Siobhan schüttelte den Kopf. „Das hätte ich niemals von dir gedacht.“ Sie tat so, als wischte sie eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich dachte, du würdest es mögen.“

Für einen Moment war Shona verunsichert, ob ihre Freundin es nicht doch ernst meinte. Das Letzte, was sie wollte, war ihre Gefühle zu verletzen.

„Siobhan, ich …“

Die quirlige Galeristin wirbelte herum, sodass ihre rotbraunen Locken flogen. „Ha, erwischt! Du wolltest dich gerade entschuldigen, stimmt’s? Gib’s zu!“

„Du bist eben eine zu gute Schauspielerin. Obwohl ich nicht weiß, ob ich das gut finden soll.“

„Danke, Goldtröpfchen.“

„Jetzt willst du mich ärgern.“

„Nur ein bisschen.“ Siobhan zwinkerte ihrer Freundin zu. „Was genau missfällt dir denn an dem Bild?“

„Ach, das soll ein Bild sein? Ich dachte, da hätte jemand einem Kind einen Malkasten und einen Korken gegeben, damit es ein paar Stunden beschäftigt ist.“

„Das ist Kunst!“

„Es ist ein Albtraum.“ Shona biss sich auf die Unterlippe. „Findest du es schlimm, dass ich es nicht mag?“

„Hauptsache den Kunden gefällt es.“ Siobhan zuckte mit den Achseln. Dann drehte sie den Kopf und hauchte Shona einen Kuss auf die Wange. „Schön, dass du doch noch gekommen bist.“

„Unser freies Wochenende lass ich mir doch nicht nehmen.“

Shona nahm ihre Freundin in den Arm und küsste sie zärtlich auf die Lippen.

 

Kaum war Cybill mit ihrem Vater verschwunden, da hatte sich Shona unter die Dusche begeben und den Hosenanzug gegen Jeans und einen weit fallenden Pullover getauscht. Nur die Kette mit dem Lapislazuli hatte sie umgehängt gelassen und dazu passende Ohrringe angelegt.

Um halb fünf hatte sie sich auf den Weg nach Edinburgh gemacht. Den Luxus eines Chauffeurs gönnte sich nur ihre Mutter und so hatte sie das Steuer ihres Vauxhall Insignia selbst in die Hand genommen. Sie würde ohnehin erst am Sonntag wieder zurückfahren.

Morgen stand eine Vernissage an, bei der sie Siobhan versprochen hatte zu helfen, beziehungsweise ihr seelischen Beistand zu leisten.

„Hier haben wir uns kennengelernt, weißt du noch?“, hauchte ihr Siobhan ins Ohr, als sie sich voneinander lösten.

Shona nickte und schmunzelte. „Hättest du damals schon dieses Kunstwerk hier hängen gehabt, hätte ich vermutlich auf dem Absatz kehrtgemacht und die Flucht ergriffen.“

„Kann es sein, dass du vielleicht eine Spur zu konservativ bist?“ Siobhan musterte ihre Freundin prüfend, doch auch in ihren Augen blitzte der Schalk. „Dabei würde sich solch ein Meisterwerk bestimmt gut in deinem Arbeitszimmer machen.“

„Mutter würde der Schlag treffen“, rief Shona und fing an zu prusten.

„Das wollen wir natürlich nicht.“ Siobhan meinte das vollkommen ernst. Sie mochte Lady Morag Kincaid mit all ihrer verschrobenen Distinguiertheit, wie sie einmal ziemlich treffend bemerkt hatte.

Shona warf einen Blick auf die Uhr. „Sag, für wann hattest du einen Tisch gebucht?“

„Achtzehn Uhr“, antwortete Siobhan und knipste die Punktstrahler aus.

„Dann sollten wir uns sputen, es ist bereits Viertel vor.“

„Und das sagst du mir erst jetzt?“

„Ich hab selbst eben erst auf die Uhr geschaut. Wolltest du etwa noch mal nach Hause und dich umziehen?“

„Na, daraus wird wohl nichts mehr“, seufzte die Galeristin, die zuvor Schauspielerin gewesen war, ehe sie sich entschlossen hatte, der brotlosen Kunst Lebewohl zu sagen und sich dem Kunstgeschäft zu widmen.

„Du siehst perfekt aus“, stellte Shona fest.

„Ja“, schnaubte ihre Freundin. „Für das Pakora vielleicht, aber nicht für das Condita.“

„Worüber machst du dir Sorgen? Dass dich einer deiner Kunden dort entdeckt?“

„Man kann nie wissen, diese kunstvernarrte Bourgeoisie würde sich das Maul zerreißen.“

„Deine kunstvernarrte Bourgeoisie würde sich das Maul zerreißen, wenn du in einem Kartoffelsack dort erscheinen würdest. Und selbst dann sähest du noch hinreißend aus.“

Im gedämpften Schein der Deckenbeleuchtung konnte Shona sehen, wie ihre Freundin errötete.

Nur einer von vielen Gründen, warum sie sich in Siobhan verliebt hatte. Auf der einen Seite war sie so tough und selbstbewusst, um eine eigene Galerie im Herzen von Edinburgh zu eröffnen, auf der anderen so schüchtern wie ein frisch verknalltes Schulmädchen vor dem Abschlussball.

„Komm jetzt.“

Das ließ Siobhan sich nicht zweimal sagen. Sie löschte das Licht und verriegelte die Galerie gewissenhaft. Es war zwar noch nie etwas passiert, aber sie wollte auch kein Risiko eingehen. Sie wusste, wie pingelig die Versicherungen waren, wenn sie erfuhren, dass man die Räumlichkeiten nicht sorgfältig abgesichert oder an der Alarmanlage gespart hatte.

Mit Shonas Vauxhall fuhren sie in die Innenstadt zum Salisbury Place, wo das Restaurant Condita lag, das nicht nur mit einer gehobenen Küche, sondern auch mit einem exzellenten Service warb.

Siobhan hatte darauf bestanden, ihre Freundin zur Feier des Tages zu einem Acht-Gänge-Degustationsmenü einzuladen. Shona hatte sich schon die ganze Woche darauf gefreut. Bis heute Mittag. Genau genommen, bis Mutter von ihrer Stippvisite nach Edinburgh zurückgekehrt war und ihr eröffnet hatte, dass Rowan demnächst die Geschicke der Kincaid-Destillerie lenken würde.

Bis eben hatte Shona jeglichen Gedanken daran erfolgreich verdrängen können, doch jetzt kehrte er mit der Wucht eines Fausthiebes zurück, der sich ihr in den Magen bohrte. Ihr wurde übel und ihre Hände verkrampften sich um das Lenkrad.

Erst das laute Hupen der hinter ihr stehenden Fahrzeuge riss sie zurück in die Wirklichkeit.

„Grüner wird’s nicht“, konnte sich Siobhan eine entsprechende Bemerkung nicht verkneifen. Sorgenvoll musterte sie ihre Freundin, die vergeblich versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

„Ja doch“, knurrte Shona und legte einen regelrechten Kavalierstart hin.

„Du musst uns ja nicht gleich um die Ecke bringen“, murrte Siobhan leicht indigniert. Sie schwiegen den Rest der Fahrt über, bis Shona den Vauxhall auf dem restauranteigenen Parkplatz stoppte. Sie wollte bereits aussteigen, als ihr ihre Freundin die Hand auf den Unterarm legte.

„Was ist los?“

Verblüfft hielt Shona inne. „Was meinst du?“

„Komm schon, Shoni. Ich bin doch nicht blöd. Eben in der Galerie warst du noch vollkommen aufgekratzt und jetzt bist du …“ Sie zögerte.

„Bin ich was?“

„Irgendwie verändert. Ich will nicht sagen, am Boden zerstört, aber nachdenklich. Als würde dich etwas bedrücken.“

Sorgenvoll blickte Siobhan sie an, sodass Shona unwillkürlich schlucken musste. Im Schein der Innenbeleuchtung glänzten Siobhans grüne Katzenaugen wie Smaragde.

„Dir kann ich wirklich nichts vormachen, wie?“ Shona verzog die Lippen. „Dabei wollte ich nur, dass wir einen schönen, unbeschwerten Abend zu zweit verbringen. Das kommt selten genug vor.“

„Mag sein. Aber wir sind auch keine Teenager mehr, sondern erwachsene Menschen. Wie lange sind wir jetzt zusammen? Ein Jahr?“

„Fast.“ Shona nickte.

„Ich spüre doch, wenn du etwas vor mir verbirgst. Und ja, wir kommen selten dazu auszugehen, aber gerade dann sollten wir doch die Gelegenheit nutzen, um miteinander zu sprechen, findest du nicht?“

„Auch auf die Gefahr hin, uns die Stimmung kaputtzumachen?“

Siobhan zog die Augenbrauen zusammen, sodass sich über ihrer Nase eine steile Falte bildete. „Unsere Stimmung machen wir höchstens kaputt, indem wir nicht über den Elefanten sprechen, der irgendwo unterwegs eingestiegen sein muss.“

„Irrtum. Er ist nicht eingestiegen, er verfolgt mich schon die ganze Zeit.“

„Geht es um uns?“ Siobhans Augen weiteten sich erschrocken, selbst ihre Unterlippe begann zu zittern.

„Was? Quatsch, nein!“

„Was ist es dann?“

Shona biss sich auf die Unterlippe. „Lass uns drinnen darüber reden, ja?“

„Versprochen?“

„Versprochen.“

 

„Ah, Madam Kincaid. Welch unerwartete Freude, Sie hier zu sehen!“

Der Maître de Cuisine nahm seine Gäste in Empfang und würde auch persönlich die Verkostung des Acht-Gänge-Menüs beaufsichtigen. Er war ein Mann Mitte fünfzig, mit graumelierten Haaren und einem sorgfältig gestutzten Oberlippenbart.

Shona lächelte. „Die Überraschung ist mir offenbar gelungen, Mister Dunn.“

„Adair, bitte.“

„Sehr gerne.“

„Ich konnte doch nicht ahnen, dass Sie in Begleitung einer ebenso entzückenden wie charmanten Dame kommen. Bitte legen Sie ab, dann führe ich Sie persönlich an Ihren Tisch.“ Er gab der Garderobiere einen Wink.

Siobhan und Shona übergaben ihr ihre Mäntel, danach geleitete der Maître sie zu einem Separee, in dem ein runder Tisch mit blütenweißer Decke stand. Adair ließ es sich nicht nehmen, den Frauen persönlich die Stühle zurechtzurücken.

„Ich lasse Sie kurz allein, damit Sie sich in Ruhe akklimatisieren können, bevor wir mit dem ersten Gang beginnen. Hier können Sie derweil einsehen, was Sie heute Abend erwartet.“ Der Maître deutete auf die beiden Papierstreifen, die vor den Frauen auf ledernen Platzdecken ruhten. „Jedes dieser Piktogramme steht für eines der Gerichte, das Sie heute Abend genießen dürfen.“

Adair verbeugte sich und huschte lautlos davon, während der Oberkellner die weiße Kerze, die aus einem silbernen Ständer ragte, entzündete und sich dann gleichfalls diskret zurückzog.

„Du kennst den Küchenchef des Condita persönlich?“, fragte Siobhan, ohne aus ihrer Verblüffung einen Hehl zu machen.

Shona lächelte, während sie mit den Fingerkuppen über die Tischkante strich. „Wundert dich das? Wir haben bereits kurz nach der Eröffnung Anfragen für eine Whisky-Degustation bekommen. Seitdem gehört das Condita zu unseren Stammkunden.“

„Oh“, machte Siobhan und wirkte ein wenig enttäuscht. „Dabei wollte ich dich doch überraschen.“

„Aber das hast du doch! Ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass du hier einen Tisch bekommst.“

Sie machte eine kreisende Armbewegung, die das gesamte Etablissement umfasste. Es erstreckte sich auf zwei Ebenen, auf die sich die insgesamt sieben Tische verteilten. Die Einrichtung dagegen war erstaunlich innovativ und konnte ruhigen Gewissens als Vintage bezeichnet werden. Viele Möbel und Einrichtungsgegenstände, angefangen von den Stühlen bis hin zur Deckenbeleuchtung, atmeten das Flair der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

„Hoppla“, rief der Maître, der zwei Kelche, in denen Champagner prickelte, auf einem Tablett balancierte. „Da hätten Sie mich doch beinahe um diesen köstlichen Aperitif erleichtert.“ Adair lächelte, ehe er den Schaumwein galant vor den Damen platzierte.

„Zum Auftakt ein Glas Champagner und Muscheln. Und keine Bange, meine Damen. Die Schale dürfen Sie getrost mitessen.“ Der Kellner, ein sportlicher junger Mann, dem Hemd und Weste wie angegossen saßen, servierte ihnen den ersten Gang.

„Muscheln?“, fragte Shona entzückt. Dann runzelte sie die Stirn und schaute auf Siobhans Teller. „Und was bekommst du?“

„Madam McLeary informierte mich vorab, dass sie Vegetarierin ist. Daher habe ich mir für sie etwas Besonderes einfallen lassen“, erklärte der Maître. „Lasagne mit Auberginenscheiben statt Nudeln, gebratenen Pilzen, Zucchini und Tomate. Garniert mit Rucola.“

Shona lief bei dem Anblick des liebevoll arrangierten kulinarischen Genusses das Wasser im Munde zusammen. Obwohl sie für gewöhnlich der vegetarischen Küche kaum etwas abgewinnen konnte.

„Guten Appetit und wohl bekomms!“

Auch dieses Mal verzichtete Adair nicht auf seinen obligatorischen Bückling, als er sich entfernte.

Die Frauen hoben ihre Gläser. „Auf dich! Und eine erfolgreiche Vernissage“, sagte Shona.

„Auf uns!“, erwiderte Siobhan, bevor sie ihr Glas gegen das ihrer Freundin stieß.

Nach dem ersten Schluck widmeten sie sich ihren Speisen und obwohl Siobhan dankend auf eine Kostprobe der Muscheln verzichtete, probierte Shona ein wenig von der vegetarischen Lasagne. Sie kam nicht umhin, anerkennend zu nicken. „Das hätte mir auch gefallen.“

„Beim nächsten Mal“, entgegnete Siobhan und warf ihrer Gefährtin einen langen Blick zu. „Willst du mir erzählen, was los ist?“

„Puh, um ehrlich zu sein, habe ich gar keine rechte Lust dazu.“

„Aber vielleicht tut es dir gut, bevor es dich auffrisst und du alt und verbittert wirst.“

„Bin ich doch längst.“

„Zumindest an der Verbitterung können wir noch arbeiten“, antwortete Siobhan grinsend und schob sich den letzten Bissen in den Mund.

Shona war noch mit den Muscheln beschäftigt und wusste es zu schätzen, dass das Personal des Condita so feinfühlig war, um zu erkennen, wann die Gäste ungestört sein wollten. Auch Siobhan drang nicht weiter in ihre Freundin, die nach dem dritten Gang von selbst auf das Thema zu sprechen kam.

Siobhan hörte aufmerksam zu und unterbrach ihre Partnerin mit keiner einzigen Silbe. Je länger Shona sprach, desto betroffener wurde die Miene ihrer Freundin.

„Das tut mir leid“, sagte Siobhan abschließend und griff nach der Hand ihrer Geliebten. Shona spürte den wachsenden Druck hinter den Augen. Heute Nachmittag war sie einfach nur zornig gewesen, jetzt fühlte sie die grenzenlose Enttäuschung, die damit einherging. Trotzdem würde sie nicht anfangen zu weinen. Nicht hier.

Sie sah, wie der Blick ihrer Freundin über ihre Schulter glitt. „Ich glaube, Adair möchte uns den vierten Gang kredenzen“, flüsterte sie verschwörerisch.

„Dann wollen wir ihn nicht warten lassen.“

Shona bekam Hähnchenfilet mit Zitrone und Rosmarin und Siobhan durfte sich über eine exzellent zubereitete Zucchini-Quiche freuen. Beide Gerichte harmonierten perfekt mit dem trockenen Rotwein aus der Toskana.

„Weißt du, es ist einfach unfair. Rowan rührt nicht mal den kleinen Finger für das Familienunternehmen. Oh, er ist gewiss ein exzellenter und charmanter Gastgeber. Wenn es darum geht, unsere Geschäftspartner um den Finger zu wickeln, kann er bemerkenswert eloquent sein.“

„Aber die Destillerie wird doch euch beiden gehören, oder nicht?“

„Auf dem Papier schon. Aber die Geschäftsführung, die Liegenschaften sowie der Name Kincaid werden Rowan zufallen.“

„Das bedeutet …?“

„Das bedeutet, sollte ich jemals auf den Gedanken kommen, mich aus dem Familienunternehmen zu lösen, um meine eigene Destillerie zu eröffnen, dürfte ich den Whisky nicht unter meinem Namen verkaufen.“

„Aber das steht doch auch nicht zur Debatte, oder?“

Shona schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wirklich.“

„Und Rowan wäre schön blöd, wenn er nicht weiterhin auf deinen Rat hören würde.“

„Um Rowan mache ich mir dabei die geringsten Sorgen. Obwohl er einen beunruhigenden Hang zum Größenwahn hat und dazu neigt, das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinauszuschmeißen. Das könnte man vielleicht noch per Beschluss zum Wohle des Familienunternehmens unterbinden. Keine Ahnung, das müsste ich mit Mister Borthwick besprechen.“

„Du willst Rowan deinen Anwalt auf den Hals hetzen?“ Siobhan riss die Augen auf.

„Nur um uns vor dem Bankrott zu bewahren. Ich muss auch an Cybill denken. Und wie gesagt, es geht weniger um Rowan als vielmehr um Annabelle.“

„Ist das …?“

„Seine neue Flamme, ja. Kaum zehn Jahre älter als Cybill, nur mit deutlich weniger Grips.“

„Sei doch froh. Besser so, als anders herum.“

„Du meinst, wenn Cybill jetzt zweiundzwanzig wäre und so dämlich wie eine Scheibe Weißbrot?“

„Ja, zum Beispiel.“

„Dann wäre sie wenigstens aus dem Gröbsten heraus und könnte sich einen eigenen, wohlhabenden Geschäftsmann angeln.“

„Das ist doch nicht dein Ernst!“

„Hm, genau genommen wäre es mir vielleicht lieber, sie würde sich eine reiche Geschäftsfrau angeln.“

„Shona!“

„Ja, schon gut.“

„Du unterstellst dieser Annabelle also, dass sie es auf Rowans Vermögen abgesehen hat?“

„Ich bitte dich, Siobhan. Wieso sollte sie sich sonst einen zwanzig Jahre älteren Kerl schnappen?“

„Weil sie ihn liebt?“

Shona schnaubte verächtlich. „Ja klar.“

„Findest du das denn wirklich so abwegig? Zwischen uns liegen fast zehn Jahre, vergiss das nicht. Oder glaubst du, ich hätte es auch auf dein Geld abgesehen?“

„Wie bitte?“ Shona furchte die Stirn. „Das ist doch Unsinn.“

„Du magst das vielleicht so sehen. Ob das für deinen Bruder ebenfalls gilt, wage ich zu bezweifeln.“ Siobhan senkte den Kopf und stocherte in den Resten der Quiche herum. „Oder für deine Mutter“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass Mutter diese Entscheidung gefällt hat, weil sie dir misstraut? Sie …“

„… hat dir deutlich zu verstehen gegeben, dass du als lesbische Geschäftsführerin des Familienunternehmens nicht infrage kommst.“

„Außerdem bin ich geschieden und alleinerziehend“, fügte Shona hinzu.

„Mag sein. Aber es könnte genauso gut ein vorgeschobener Grund sein. Ich unterstelle deiner Mutter ja keine bösen Absichten. Manchmal reicht schon ein Funke Misstrauen.“ Siobhan blickte ihre Partnerin scharf an.

„Ich habe durchaus verstanden, worauf du hinauswillst. Aber bei Annabelle ist das was gänzlich anderes. Sie hat überhaupt nichts vorzuweisen. Das Einzige, was sie mit meinem Bruder verbindet, ist ihr Geltungsbedürfnis und ihre Affinität zu oberflächlichen Vergnügungen.“

„Als da wären?“, erkundigte sich Siobhan mit Unschuldsmiene, bevor sie sich den letzten Bissen Quiche in den Mund schob und die Gabel mit einem verführerischen Augenaufschlag zwischen den feucht glänzenden Lippen hervorzog.

„Das zeige ich dir nachher, wenn wir zu Hause sind …“

„Ich hatte gehofft, dass du das sagst. Aber ernsthaft, glaubst du wirklich, deine Mutter hat so entschieden, um dich zu verletzen?“

„Nein, gewiss nicht. Ihr geht es um die Zukunft der Destillerie, aber sie wäre nicht die Erste, die ein Unternehmen mit guten Absichten in den Ruin führt. Es heißt nicht umsonst, dass der Weg zur Hölle damit gepflastert ist.“

Der Oberkellner erschien, um abzuräumen, dicht gefolgt vom Maître mit dem fünften Gang: einem leichten Salat mit Walnüssen, Roter Bete, Fetakäse und einem Dressing zum Niederknien. Auch hierzu gab es Wein. Dieses Mal einen weißen Riesling aus Deutschland. Adair ließ noch ein charmantes Bonmot fallen und zog sich danach wieder diskret zurück.

Siobhan entschuldigte sich, um die Toilette aufzusuchen.

„Soll ich mitkommen?“, fragte Shona schmunzelnd.

„Danke, das schaffe ich schon alleine“, erwiderte Siobhan und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.

„Das meinte ich eigentlich nicht.“

„Ich weiß“, flüsterte ihre Freundin mit leicht kratziger Stimme. Ihre Augen glänzten. Siobhan vertrug keinen Alkohol, sodass Shona froh war, dass nur noch drei Gerichte vor ihnen lagen, inklusive des Desserts. Wenn sie nicht aufpasste, würde Siobhan bereits auf dem Heimweg einschlafen. Und das wäre gewiss nicht in ihrem Sinne.

Shona wartete der Höflichkeit halber auf ihre Freundin und checkte derweil ihr Handy. Cybill hatte ihr in der Zwischenzeit geschrieben.

Sry wg vorhin. HDL. Gehen morgen zum Springreiten.

„Na, das ist ja wundervoll“, murmelte Shona und schrieb zurück.

Wünsche dir viel Spaß. Hab dich auch lieb.

„Na, ist die Dynastie schon gestürzt?“, fragte Siobhan und setzte sich.

„Nein, das war Cybill.“

„Hat sie sich schon einen reichen Geschäftsmann, oh pardon, ich meinte eine reiche Geschäftsfrau, geangelt?“

„Viel schlimmer. Sie ist bei Morgan und er will mit ihr zum Springreiten.“

„Das ist doch nett.“

„Das ist ja der springende Punkt. Morgan tut nie etwas aus reiner Nettigkeit.“

„Shona, Herrgott, entspann dich endlich und hör auf, überall Gespenster zu sehen.“

„Gespenster? Du hättest ihn heute mal sehen sollen, als … ach, vergiss es. Das verstehst du ohnehin nicht.“

Im selben Moment, in dem sie das sagte, wusste sie, dass sie es bereuen würde. Sie konnte es Siobhan ansehen, wie tief sie diese Worte verletzt hatten.

„Weißt du, nicht alle Menschen in deiner Umgebung wollen dir Böses. Im Gegenteil, die meisten meinen es gut. Denk mal drüber nach.“

Shona schwieg.

Kapitel 4

„Nun, Annabelle, wie gefällt es Ihnen auf Kincaid-Hall?“

Lady Morag saß am Kopfende der langen Tafel, von der üblicherweise nur das erste Drittel eingedeckt wurde, und kostete einen Löffel von der Rindersuppe. Spontan hätte sie nicht zu sagen gewusst, wann zuletzt jeder Platz besetzt gewesen war.

„Oh, ganz ausgezeichnet, Lady Morag“, rief Annabelle mit schriller Stimme, als hätte sie nur darauf gewartet, angesprochen zu werden. „Rowie hat mir ja schon so viel davon erzählt“, plapperte sie weiter und legte dem neben ihr sitzenden Rowan eine Hand auf den Arm. „Aber es live zu erleben, ist ja noch mal was ganz anderes. Als ob man durch ein Museum spazieren würde.“

Lady Morag hegte ernsthafte Zweifel daran, dass Annabelle jemals ein Museum von innen gesehen hatte, dennoch lächelte sie. „Was sind Sie eigentlich von Beruf, Annabelle?“

Sie richtete sich auf und drehte sich auf ihrem Stuhl von einer Seite zur anderen, als würde sie für ein Hochglanzmagazin posieren. „Ich bin Schauspielerin und Fotomodell.“

Die Hausherrin seufzte lautlos. Na ja, dachte sie, wenigstens hat sie nicht Go-go-Girl oder Striptease-Tänzerin gesagt. Für Rowans Verhältnisse war das ein erheblicher Fortschritt. Sein Geschmack in puncto Frauen ließ sehr zu wünschen übrig.

Doch Lady Morag wollte Annabelle nicht Unrecht tun und sich kein vorschnelles Urteil bilden.

„Wo kann man Sie denn bewundern?“

„Hauptsächlich in Modekatalogen oder Reiseprospekten. Daher kann ich mir ja auch eine Kreuzfahrt auf der Aida leisten.“

Annabelle lächelte entwaffnend und Lady Morag begriff, dass die Kleine es faustdick hinter den Ohren hatte. Bislang vermochte sie jedoch nicht einzuschätzen, ob sie das begrüßenswert finden sollte oder nicht.

„Annie hat außerdem in einem Werbespot mitgespielt“, meldete sich Rowan zu Wort.

„Tatsächlich? Auch für die Kreuzfahrtgesellschaft?“

„Für die und für Hundefutter. Glänzendes Fell, gesunde Zähne, Sie wissen schon“, antwortete Annabelle.

Nein, eigentlich nicht, schoss es Lady Morag durch den Kopf, doch sie hütete sich davor, es laut auszusprechen, aus Furcht, Annabelle könnte sich dazu genötigt fühlen, ihr schauspielerisches Talent am Essenstisch vorzuführen. Rowan sah das offenbar ähnlich, hoffte sie zumindest. Jedenfalls beeilte er sich, hinzuzufügen: „Annie liebt Hunde. Nicht wahr, Annie?“

„O ja, je größer desto besser. Obwohl ein kleiner Mops auch irgendwie niedlich ist.“

Auf diesem Niveau ging es munter weiter. Spätestens als Annabelle vorschlug, die langen, mit Bordüren verzierten Vorhänge gegen eine kanariengelbe Variante auszutauschen, um das Raumklima aufzuhellen, kam Lady Morag nicht umhin, die Sorgen ihrer Tochter, bezogen auf Annabelles geistigen Horizont zu teilen.

Zumal es anscheinend tatsächlich etwas Ernstes war, denn viele von Rowans Eroberungen setzten nicht mal einen Fuß in Kincaid-Hall und Annabelle führte sich bereits auf, als ginge sie hier ein und aus.

Obwohl es zu keinem wirklichen Eklat gekommen war, war Lady Morag erleichtert, als sich Rowan und Annabelle nach dem Schokoladensoufflé empfahlen. Fraglos würden sie sich in das Edinburgher Nachtleben stürzen, was der Hausherrin nur recht sein konnte. Sie wollte die Zeit nutzen, um sich einer Pflicht zu widmen, die sie bereits viel zu lange vor sich hergeschoben hatte.

Der kurze Nachmittagsschlaf hatte eine erholsame Wirkung gehabt. Fast hätte Lady Morag glauben können, das Erlebte vom Vormittag sei nichts weiter als ein böser Traum gewesen.

Graham und Belinda, Emilys Gehilfin, erschienen auf ihr Läuten hin, um abzuräumen.

„Richten Sie Emily bitte mein Lob aus. Das Essen war wieder einmal vorzüglich.“

„Sehr wohl, Madam. Haben Sie noch einen Wunsch?“

„Ja, ich nehme einen Sherry. Aber bitte servieren Sie ihn mir in der Bibliothek, ich habe noch zu tun.“

„Selbstverständlich“, erwiderte Graham und gab dem Dienstmädchen einen Wink. Es machte einen Knicks und schob den Servierwagen hinaus.

„Schau mich nicht so mürrisch an, Graham..“

„Solltest du meinen Gesichtsausdruck als mürrisch empfunden haben, so vergewissere ich dir, dass das nicht in meiner Absicht lag. Ich bin besorgt.“

„Mein Gott, Graham. Du schaffst es noch, dass ich mir Annabelles Gesellschaft zurücksehne. Sie scheint die Einzige zu sein, die sich über gar nichts Sorgen macht.“

„In diesem Fall ziehe ich es vor zu schweigen.“ Er reichte ihr den Arm, um Lady Morag beim Aufstehen zu helfen. Sie ignorierte die Geste, wie immer.

„Wenn du schon mal hier bist, dann könntest du mir ja gleich mal den Weg zur Bibliothek zeigen.“

Verwundert richtete er sich auf und hob die Augenbrauen. „Zur Bibliothek?“

„Ja, ich bin mir nicht mehr sicher. Liegt sie im Ost- oder im Westflügel?“

„Du machst dich lustig über mich.“

„Du merkst auch alles.“ Lady Morag schmunzelte. „Und nun kümmere dich um meinen Sherry. Ich fürchte, Belinda könnte in Versuchung kommen, sich selbst einen Schluck zu genehmigen.“

„Mori, ich glaube kaum, dass …“

„Ein Scherz, Graham. Nur ein Scherz. Gott gib, dass ich noch lange genug durchhalte, um dir noch ein klein wenig Sinn für Humor beizubringen.“

 

Die Bibliothek befand sich im Westflügel und stellte für jeden Büchernarren ein wahres Eldorado dar. Nun ja, für fast alle jedenfalls. Cybill konnte mit dem Gros der alten Schinken nichts anfangen, was Lady Morag nur bis zu einem gewissen Grad bedauerte.

Es war ihr Großvater gewesen, der einen erheblichen Teil des Bibliotheksbestandes erworben hatte. Weniger weil ihn der Inhalt interessiert hatte, sondern allein des Ambientes wegen. Das wiederum konnte Lady Morag nur zu gut verstehen.

Sie liebte es, hier zu sitzen, umgeben von den alten, staubigen Folianten und ihre Korrespondenz zu erledigen. Shona dagegen hatte sich schon als Kind von den meterhohen, dunkelbraun gebeizten Regalen regelrecht erdrückt gefühlt.

Zwei Ohrensessel mit einem Beistelltisch dazwischen, ein kleiner Kamin sowie ein Sekretär nebst Stehpult bildeten die übrige Einrichtung, die tatsächlich etwas Museales hatte. Insofern musste Lady Morag Annabelle zustimmen.

Die Herrin von Kincaid Hall saß im Schein der Buchhalterlampe am Sekretär vor einem Stapel des feinen Büttenbriefpapiers, das sie sich extra hatte anfertigen lassen. Die Sonne war längst untergegangen und von den Pentland Hills kroch dichter Nebel ins Tal hinunter, wo er in Deckung der Bäume und Büsche des Parks auf das Anwesen zukroch, um es mit seinen geisterhaften Schleiern zu umfangen.

Lady Morags bleiches, eingefallenes Gesicht spiegelte sich in der Fensterscheibe. Die obere Hälfte lag im Schatten, die untere glich der einer Mumie. Es sah aus, als würde ihr Antlitz inmitten des Dunstes schweben. Ein Schauer rieselte ihr über den Rücken.

Die Finger ihrer rechten Hand krampften sich um den Füllfederhalter. Ihr Blick fiel auf die gerahmte Fotografie, auf der sie zusammen mit ihren beiden Kindern Shona und Rowan zu sehen war. Chester war kurz vor ihrer Geburt gestorben. Neben dem Foto stand ein schwarzweißes Bild, das einen jungen Mann in Uniform zeigte.

„Ach Dad, du kannst froh sein, dass du das alles nicht mehr mitansehen musst.“

Sie blinzelte gegen die aufsteigenden Tränen an. Hastig wischte sie sich über die Augen.

Das Klopfen an der Tür klang leise und zaghaft, dennoch schrak die ältere Frau zusammen. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, dann rief sie mit lauter Stimme: „Herein!“

Ohne sich umzudrehen, lauschte sie den näherkommenden Schritten. Unendlich langsam hob sie den Kopf, sah eine Gestalt in der Fensterscheibe an sie herantreten, in den Händen ein Tablett mit einem Glas Sherry. Lady Morag erstarrte. Sie kannte diese Art der Bewegung.

„Das ist unmöglich“, hauchte sie.

Ihr Herz schlug unwillkürlich schneller, sie begann zu schwitzen. Das Gesicht des Neuankömmlings lag im Schatten und doch wusste sie genau, wer gekommen war, um sie zu besuchen.

„Chester!“, rief sie aufgebracht und fuhr auf dem Stuhl herum.

„Mori, um Himmels willen! Ist alles in Ordnung? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!“

Lady Morag erwachte wie aus einem tiefen Traum und starrte Graham verständnislos an.

„Du? Aber …“

Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als er in die angstvoll geweiteten Augen der Herrin von Kincaid Hall blickte. Blankes Entsetzen spiegelte sich darin. Und das machte ihm Angst. Mehr noch, als er ihre geröteten Augen sah.

„Oh Graham, es … es ist schwerer als ich dachte.“

Er stellte das Tablett auf den Schreibtisch und reichte ihr das Glas mit dem Sherry. „Hier, trink!“

Lady Morag tat, wie ihr geheißen und stürzte ihn in einem Zug hinunter.

„Sehr gut“, sagte Graham. „Und jetzt komm. Es war ein langer Tag. Ich bring dich zu Bett.“

„Aber das …“ Sie deutete auf den Sekretär.

„Das hat bis morgen Zeit.“

„Und wenn nicht?“ Lady Morags Augen schwammen in Tränen. „Graham, ich … ich hab solche Angst.“ Sie lehnte sich an ihn. Zärtlich strich er über ihre Schulter, während er auf den Stapel Briefpapier schaute. Das oberste Blatt war leer.

Bis auf drei Worte, die mit schwungvoller Handschrift an den oberen Rand geschrieben waren:

Mein letzter Wille.

Kapitel 5

„Na sieh mal einer an.“

Siobhan stand mit ihrer Gehilfin Pia am Eingang. Die Studentin hakte die Gästeliste ab und kassierte das Eintrittsgeld. Sie trug ihr blau gefärbtes Haar kurz. Im Nacken, wo es zum Fasson geschnitten war, hatte sie es gebleicht.

Als Siobhan die Stimme in ihrem Rücken vernahm, unterhielt sie sich gerade mit einem Dozenten ihrer Schauspielschule. Sie entschuldigte sich, wünschte dem älteren Herrn nebst Gattin einen angenehmen Aufenthalt, dann drehte sie sich langsam um. Nicht, ohne zuvor nach Shona Ausschau gehalten zu haben, die sie aber auf die Schnelle nirgends finden konnte.

Sie würde ausflippen, wenn sie sah, wer hier eben in Begleitung einer jungen, attraktiven Frau seine Aufwartung machte.

„Rowan! Was …“ Sie räusperte sich und setzte ihr strahlendstes Lächeln auf, für das sie ihr Dozent an der Schauspielschule stets gelobt hatte. Und den konnte sie unmöglich enttäuschen. „Welch eine unerwartete Freude.“

„Nicht wahr?“, erwiderte Shonas Bruder jovial. „Die Überraschung ist mir offenbar gelungen.“

„Das kannst du laut sagen. Willst du mir nicht deine charmante Begleitung vorstellen?“ Siobhan reichte Rowan ein Glas Champagner.

„Aber sicher. Das hier ist Annabelle. Annabelle Forbes. Sie ist ebenfalls Schauspielerin.“

„Wirklich? Warst du auch an der MGA?“

„Äh nein, ich war in Glasgow.“

„Sag jetzt nicht, an der RCS.“

„Nein, an der Vivace Theatre School.“

„Oh, das ist sehr interessant. Ähm, Champagner oder Orangensaft?“

„Champagner bitte“, erwiderte Annabelle und bleckte ihre perlweißen Zähne. „Schließlich haben wir etwas zu feiern. Stimmt’s, Rowie?“

„Genau, mein Schatz.“ Er schob sich an Siobhan vorbei, schnappte sich einen zweiten Sektkelch und reichte ihn der Gastgeberin. Siobhan reagierte mehr aus Reflex. Wenn sie mit jedem Gast ein Glas Champagner tränke, wäre sie nach einer Stunde hackedicht, was bei einer Vernissage nicht gerade im Sinne des Erfinders war. Deshalb hielt sie sich meistens an Orangensaft und später an Wasser.

Hinzu kam, dass sie immer noch die Nachwirkungen des gestrigen Abends spürte. Dabei hatte sie die meisten Gläser nicht mal gänzlich geleert, so vorzüglich die einzelnen Weinsorten auch gewesen sein mochten.

Sie stießen zusammen an und während Siobhan und Annabelle die Kelche an ihre Lippen führten, hielt Rowan inne und sagte: „Vor dir siehst du die zukünftige Lady Rowan Kincaid.“

Um den Alkohol brauchte sich Siobhan keine weiteren Sorgen mehr zu machen. Der Champagner kam ihr zur Nase wieder heraus, als sie sich verschluckte.

„Rowan!“, zischte Shona, die durch Siobhans Hustenanfall auf die Szene aufmerksam geworden war. „Was zum Teufel tust du denn hier?“

„Wir besuchen eine Vernissage“, antwortete Annabelle anstelle ihres Begleiters.

„Offenkundig“, bemerkte Shona. „Seit wann interessierst du dich denn für moderne Kunst, Brüderchen?“

„Seit Annie mich auf den Geschmack gebracht hat.“

„So so, hat Annie das, ja?“

„Außerdem möchte ich doch wissen, mit wem meine zukünftige Schwägerin so verkehrt“, rief diese und brachte Shona damit aus der Fassung.

„Bitte was?“

„Shona, sei so gut und empfange doch bitte die Gäste“, würgte Siobhan unter tränenden Augen hervor. Sie zog sich auf die Toilette zurück, um ihr Make-up zu richten.

„Du wirst doch sicherlich zum Dinner morgen Abend zu Hause sein?“, fragte Rowan.

„Was soll das werden?“, fragte Shona verärgert.

„Das wirst du spätestens morgen erfahren. Jetzt solltest du dich um die Gäste kümmern.“

Rowan zwinkerte seiner Schwester zu und verschwand mit Annabelle im Getümmel. Shona gesellte sich zu Pia, dankbar über die Zerstreuung und in der Annahme, dass sich ihr Bruder und seine neue Flamme nur einen schlechten Scherz erlaubt hatten. So dämlich konnte doch nicht mal er sein.

Fünf Minuten später tauchte Siobhan wieder auf und entband sie von ihren Pflichten. Es wurde ein langer, anstrengender, aber auch erfolgreicher Tag. Zumindest für Siobhan, denn zu Shonas großem Erstaunen gab es gleich mehrere Interessenten für das hässliche Bild. Die Künstlerin, eine exzentrische Mittfünfzigerin, die ein wallendes Kleid mit solch schrillen Farben trug, dass Shona der bloße Anblick in den Augen schmerzte, war völlig aus dem Häuschen.

Shona hatte zwischenzeitlich das Gespräch mit ihr gesucht und herausgefunden, dass sie dreißig Jahre lang als Psychologin praktiziert hatte, ehe sie sich den bildenden Künsten zugewandt hatte.

Sie malte nicht nur, sondern schuf auch Skulpturen, die genauso abstrakt und scheußlich aussahen wie ihre Bilder. Da es jedoch als unhöflich galt, die Zeit des Künstlers länger als zehn Minuten zu beanspruchen, sofern man nicht beabsichtigte, eines seiner Werke zu erstehen, überließ Shona einem echten Interessenten das Feld. Und von denen gab es reichlich. Am Ende des Tages klebte nicht nur unter dem neuesten Kunstwerk ein roter Punkt, sondern auch auf sämtlichen Skulpturen.

Shona fragte sich, was die Leute damit taten. Wo stellte man so ein Ding hin? Sie hatte im Laufe des Tages mehr als genug Gelegenheiten gehabt, das eine oder andere Gespräch zu belauschen, in der Hoffnung, dass sich ihr der Sinn dieser Kunstrichtung irgendwann erschloss. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte.

Vielleicht hatte Siobhan ja recht. Vielleicht war sie tatsächlich zu bieder und konservativ, aber sie konnte dieser seltsamen Kunstform ums Verrecken nichts abgewinnen.

 

„Bist du zufrieden?“, fragte Shona ihre Freundin, als diese die Galerie abschloss. Sie waren die Letzten. Auch Pia und die Künstlerin waren längst gegangen.

„Oh ja! Es hätte gar nicht besser laufen können. Sogar Rowan hat etwas gekauft.“

„Bitte? Wie konntest du das zulassen?“

„Ich? Hör mal, der Knabe ist alt genug, der kann tun und lassen, was er will. Und ich werde ihm gewiss nicht vorschreiben, wofür er sein Geld ausgeben soll. Abgesehen davon, dass ich es mir schlichtweg nicht leisten kann, Kunden zu verprellen.“

„Schon gut. Ich will mich nicht schon wieder streiten. Es ist nur so … hast du gehört, was dieses Flittchen vorhin gesagt hat?“

„Shona, bitte!“

„Entschuldige, ich wollte nicht ausfallend werden. Hast du es nun gehört oder nicht?“

„Annie …“ Siobhan setzte den Spitznamen in imaginäre Gänsefüßchen, die sie mit Zeige- und Mittelfinger in die Luft malte, „… hat eine ganze Menge gesagt. Was genau meinst du?“

Shona kannte ihre Freundin lange genug, um das leichte Zittern in ihrer Stimme zu bemerken. „Komm schon, Siobhan. Du weißt genau, was ich meine. Sie hat es dir gesagt, nicht wahr?“

„Genau genommen war er es.“

„Es stimmt also? Der Idiot hat ihr tatsächlich einen Antrag gemacht? Ich … fasse es nicht.“

„Ich auch nicht. Die Kleine war nicht mal auf einer richtigen Schauspielschule. Hat als Kind vermutlich mal ein paar Sommer über Tanzunterricht gehabt, um ihren Eltern nicht auf den Zeiger zu gehen. Was glaubst du, weshalb er es mir zwischen Tür und Angel vor den Latz geknallt hat?“

„Warum wohl? Damit ich mich bis morgen beruhigen kann und bei Tisch nicht ausflippe, wenn er die Bombe platzen lässt.“

„Bist du dir sicher?“

„Ach, was weiß ich denn?“, rief Shona aufgebracht. „Aber eines kann ich dir versichern: So einfach lasse ich mich nicht ausbooten.“

„Was hast du denn vor?“

„Das wirst du schon sehen!“

„Bitte, mach nichts Unüberlegtes, ja?“

„Vertrau mir, Siobhan. Aber ich wäre dir dankbar, wenn du morgen Abend gemeinsam mit uns Essen würdest. Ich könnte ein wenig moralischen Beistand gebrauchen. Auch wenn ich verstehen kann, wenn du lieber hierbleiben wolltest.“

„Und mir diese Show entgehen lassen? Nie und nimmer! Außerdem sollte jemand anwesend sein, der dich im Zaum hält, damit du Annie nicht gleich bei Tisch den Hals umdrehst.“

 

Cybill lächelte glücklich, als Devil den fliegenden Wechsel vom Außengalopp in den Handgalopp spielerisch bewältigte. Sie spürte das schwache Zittern der Flanken an ihren Oberschenkeln und genoss den kühlen Wind, der über ihre erhitzte Haut strich und mit den Haarsträhnen spielte, die unter dem Reithelm hervorlugten.

Sie war froh, dass Dad nicht darauf bestanden hatte, bis zum Abend in Edinburgh zu bleiben. Sicher, die Stadt war schon ziemlich angesagt, aber nur wenn man mit Freunden dort war und nicht mit seinem langweiligen Vater und dessen neuer Freundin. Wenigstens das Springreitturnier war cool gewesen. Obwohl Gloria sie entsetzlich genervt hatte. Ständig hatte sie das Gespräch mit Cybill gesucht und einen auf Gut-Kumpel gemacht, so als wäre das alles nur eine bescheuerte Challenge, bei der sie am Ende beste Freundinnen ever sein würden.

Abgesehen davon war es ja nicht so, dass sie noch nie in Edinburgh gewesen war. Darüber hinaus war sie einfach nur froh gewesen, wieder bei Devil sein zu können. Sie liebte das Pferd heiß und innig. Vielleicht sogar mehr als ihre Eltern.

Cybill ließ die Pentland Hills hinter sich zurück und ritt schnurstracks auf das Gestüt der Lachlans zu, das den Eltern ihrer besten Freundin gehörte. Sie hatten sich bei den Ställen verabredet, wo Kendra bereits auf sie wartete. Natürlich nicht alleine. Bei ihr befand sich nicht nur Whiskey, der Irish Red Setter der Familie, die seit Jahren eng mit den Kincaids befreundet war, sondern auch ein Junge mit schwarzem Haar, dunklen Augen und breiten Schultern. Trotz der Kühle trug er nur ein T-Shirt, das sich eng an seine wohlgeformte Brust schmiegte.

Das Herz der Vierzehnjährigen schlug bei diesem Anblick unwillkürlich schneller. Allein der Gedanke an Keith Grant, den neuen Stallburschen der Lachlans, brachte Cybills Blut in Wallung.

Sie zügelte Devil und trabte auf den gepflasterten Hof.

Die Hufe erzeugte dabei ein hallendes Echo, das von den hohen Wänden des Stalls widerhallte. Whiskey begann aufgeregt mit dem Schwanz zu wedeln. Er lief auf Cybill und Devil zu, wobei er ausreichend Abstand zu den Hufen hielt. Angst zeigte der Hund indes keine, er war mit Pferden aufgewachsen. Außerdem kannte er Devil, seit dieser ein Fohlen war. Der Araberhengst war nämlich auf dem Gestüt von Kendras Eltern geboren worden.

Cybill stieg aus dem Sattel und begrüßte Whiskey überschwänglich.

„Hat dein Alter dich also tatsächlich früher gehen lassen?“, fragte Kendra.

„Ja, aber dafür musste ich ihm ganz schön die Ohren vollheulen.“ Cybill blies die Wangen auf. Sie zerzauste Whiskeys Fell und drückte ihn noch einmal fest an ihre Brust, dann richtete sie sich auf. „Ich glaub, er besteht auf diese Wochenenden nur, um Mum eins reinzuwürgen.“

„Shit, wie abgefuckt ist das denn?“

Cybill zuckte nur mit den Schultern, ehe sie sich dem Stallburschen zuwandte, der Devils Zügel ergriff. Ihr Herz schlug schneller und sie spürte, wie sie rot wurde. „Hi Keith.“

„Hallo Cybill.“ Er lächelte freundlich. „Soll ich Devil rasch striegeln, bevor ihr beide euch auf den Weg macht?“

Sie verzog das Gesicht und hüpfte auf der Stelle. „Oh Mann, es tut mir so leid, Kenny. Aber Mum hat drauf bestanden, dass ich gleich wieder zurückkomme. Sie ist immer noch sauer, dass ich am Freitag abhauen wollte.“

Kendra hob die Schultern. Sie war groß, gertenschlank und besaß langes dunkles Haar, um das sie Cybill beneidete. Ebenso wie um ihre hochstehenden Wangenknochen. Aristokratisch hatte Oma sie mal genannt. Kendra war ein dreiviertel Jahr älter als Cybill. Beide hatten bereits im Sandkasten miteinander gespielt.

„Ist doch kein Ding. Wieso hat sie dich überhaupt ziehen lassen?“

„Keine Ahnung. Vielleicht hat sie ein schlechtes Gewissen oder will die coole Mum raushängen lassen. Devil sollte nicht für den Mist leiden, den ich angerichtet habe, hat sie gesagt. Deshalb durfte ich noch mal mit ihm raus.“

„Das ist aber sehr nett von deiner Mum“, meinte Keith.

Cybill senkte den Kopf und beäugte ihre Stiefelspitzen. „Ja, vielleicht. Aber zum Abendessen muss ich auf jeden Fall wieder da sein. Onkel Rowan hat irgendwas zu verkünden.“

„Hört sich ja geheimnisvoll an.“

„Quatsch, vermutlich will er uns nur sagen, dass er seine neue Freundin heiraten will. Manchmal hab ich das Gefühl, meine Familie besteht nur aus Verrückten.“

„Auch deine Oma?“

„Oma ausgenommen. Die ist cool. So wie ich.“ Cybill grinste.

„Wie lange hat dir deine Mutter denn aufgebrummt?“, wollte Kendra wissen.

„Na ja, es ist ja kein richtiger Hausarrest. Sie hat nur von heute gesprochen.“

„Also hättest du morgen nach der Schule Zeit?“

„Ja, ich denke schon.“

„Prima, dann komm doch morgen Nachmittag einfach vorbei.“

„Mach ich. Sag mal, hast du Mathe schon fertig?“

„Klar, du etwa nicht?“

Cybill wand sich wie ein Wurm am Haken. „Hab's vergessen.“

„Dann hast du ja noch den ganzen Abend Zeit.“

„Oh Kenny, komm schon. Bitte. Ey, wenn meine Eltern nicht ständig so’n Stress machen würden, könnte ich mich viel besser konzentrieren.“

Kendra seufzte schwer und verdrehte die Augen. „Na schön, weil du es bist, Süße. Warte kurz.“

Sie verschwand in Richtung Haus. Cybill blieb mit Keith alleine zurück. Der Junge streichelte sanft Devils Nase, während er Cybill anlächelte. Augenblicklich wurde ihr warm ums Herz. Das hatte sie sich so sehr gewünscht und wenn sie ehrlich war, hatte sie nur aus diesem Grund ihre Hausaufgaben vergessen.

Jetzt sag endlich was, bevor es peinlich wird, ermahnte sie sich in Gedanken, doch mit einem Mal war ihre Kehle wie zugeschnürt. Das Herz hämmerte in der Brust, als wolle es herausspringen, ihr wurde schwindelig.

Das fehlte ihr gerade noch, dass sie ausgerechnet jetzt in Ohnmacht fiel. Obwohl … vielleicht würde er sie auffangen und eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchführen. Augenblicklich fing Cybills Magen an zu kribbeln.

„Wie lange kennt ihr euch?“

Cybill schrak zusammen und spürte im selben Augenblick etwas Kühles, Feuchtes an ihrer linken Hand. Whiskey verlangte nach weiteren Streicheleinheiten, die sie ihm nur zu gerne gewährte.

„Wir … äh … schon immer.“ Cybill biss sich auf die Unterlippe. Sie wollte das Gespräch am Laufen halten, doch was sollte sie bloß sagen? Ihn fragen, ob er eine Freundin hatte? Na prima! Dann konnte sie sich ihm ja gleich schmachtend an den Hals werfen.

„Ich hab gehört, deiner Familie gehört die größte Whiskybrennerei.“

„Wie? Ja … ja genau.“

Keith grinste verwegen. „Kincaid. So schmeckt Schottland“, zitierte er einen der Werbeslogans, die Cybill damals so peinlich gefunden hatte, als Mum ihn ihr präsentiert hatte. Aus Keith’ Mund hörte er sich plötzlich viel besser an.

„Kriegt man als Freund der Familie eigentlich Rabatt?“, erkundigte er sich unschuldig.

Cybill wusste nicht so recht, was sie darauf antworten sollte. So etwas hatte sie bisher noch niemand gefragt.

„Ja, aber umsonst ist er trotzdem nicht“, vernahm Cybill hinter sich Kendras Stimme.

Sie fuhr herum, halb erleichtert, halb enttäuscht. Erleichtert, weil Kenny sie aus dieser peinlichen Lage befreite, enttäuscht, weil sie jetzt nicht mehr allein mit Keith war.

Ihre Freundin hielt ihr ein Schulheft hin. „Versuch dieses Mal nicht einfach nur abzuschreiben, okay?“

„Kay!“, sagte Cybill peinlich berührt. Sie rollte das Heft zusammen und schob es sich in die Innentasche der dunkelgrünen, mit Daunen gefütterten Jacke. Dann ergriff sie Devils Zügel.

„Wir sehen uns morgen“, sagte Kendra und trat zurück. „Und lass dich nicht ärgern.“

Cybill nickte und schaute Keith schüchtern an.

„Keine Sorge, er wird auch da sein“, rief Kenny und lachte. Wieder fühlte die Vierzehnjährige, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Hastig zog sie Devil an den Zügeln herum und presste ihm die Hacken in die Flanken. Heftiger als sie eigentlich vorgehabt hatte. Er preschte vorwärts, sodass Cybill ihn mit leichtem Schenkeldruck bändigen musste.

Die Scham brannte wie Feuer in ihrem Herzen. Sie wagte nicht, sich noch einmal umzudrehen, aus Furcht, die feixenden Gesichter von Kendra und Keith zu sehen, die sie auslachten.

„Oh mein Gott, wie peinlich!“, murmelte sie an Devil gewandt, der den Kopf leicht in den Nacken warf. Endlich erreichten sie den unbefestigten Pfad, der durch die Feldmark zu Kincaid Hall führte. Mit einem Mal konnte sie gar nicht schnell genug wieder zu Hause sein.

Es dämmerte bereits, als sie die Stallungen erreichte. Sie hatte noch knapp eine Stunde Zeit. Nicht viel, wenn sie Devil versorgen und anschließend noch unter die Dusche schlüpfen wollte.

Das Dinner sollte um neunzehn Uhr serviert werden, aber es würde wohl auch keiner tot vom Stuhl kippen, wenn sie fünf Minuten später kam. Andererseits durfte sie es sich nicht mit Mum verscherzen.

„Hey, Cybill! Kann ich dir helfen?“

Der Teenager zuckte zusammen und presste sich vor Schreck die Hand auf die Brust. Im ersten Impuls wollte sie den Störenfried anpflaumen, bis sie erkannte, wer sie so erschreckt hatte.

„Siobhan!“, rief sie und rannte auf die ältere Frau zu, die das Mädchen in die Arme schloss.

Cybill mochte Siobhan, was vor allem deshalb bemerkenswert war, da sie eigentlich niemanden mochte, der über zwanzig war. Bis auf Oma und Graham, doch die gehörten zur Familie. Siobhan war zwar mit Mum zusammen, aber wie ernst es zwischen ihnen war, wusste Cybill nicht. Beide waren Workaholics, sodass sie sich nur selten sahen. Das betraf natürlich auch Cybill, die sich auf Anhieb mit Siobhan verstanden hatte. Umso glücklicher war sie darüber, sie so unverhofft wiederzusehen.

Es störte das Mädchen keineswegs, dass ihre Mutter mit einer anderen Frau zusammen war. Im Gegenteil, es war sogar ganz cool. So brauchte sie nicht zu befürchten, dass sich Siobhan wie ihr neuer Dad aufführen würde. Sie hatte mehr das Gefühl, eine große Schwester dazugewonnen zu haben.

„Was machst du hier?“, fragte Cybill aufgeregt.

„Deine Mum hat mich zum Essen eingeladen.“

„Das ist ja riesig. Seit wann bist du denn hier?“

Siobhan deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Gerade erst gekommen. Deine Mutter und ich sind getrennt gefahren. Ich muss morgen früh wieder pünktlich in der Galerie auf der Matte stehen.“

„Deine Vernissage! Wie ist es gelaufen?“

„Großartig. Du darfst eines der Werke bald bewundern.“

Cybill trat einen Schritt zurück. „Hat Mum etwa was gekauft?“

Siobhan schüttelte den Kopf und grinste breit. „Nein, wo denkst du hin? Dein Onkel Rowan hat sich breitschlagen lassen.“

„Onkel Rowan war auf der Vernissage? Mit Annabelle?“

„Jep!“

„Und er hat echt was gekauft?“

„Mhm. Aber wohl mehr auf Annabelles Drängen hin. Wie ist es jetzt, soll ich dir helfen?“

Cybill nahm den Reithelm ab, hängte ihn an einen Nagel neben der Stalltür und zog den Reißverschluss ihrer Jacke auf. „Na klar.“

Gemeinsam sattelten sie Devil ab und striegelten ihn. Währenddessen berichtete Siobhan ihr von der Vernissage und wie unwohl sich ihre Mutter dabei gefühlt hatte. Siobhan war eine witzige Erzählerin und Cybill vergaß darüber sogar ihre peinliche Begegnung mit Keith.

Aber sie war auch jemand, dem man seine Sorgen anvertrauen konnte. „Sag mal, was ist hier eigentlich los?“

Siobhan furchte die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Na, Mums schlechte Laune, Rowans geheimnisvolle Ankündigung. Will er Annabelle wirklich heiraten?“

„Woher …? Ich meine, wie kommst du denn da drauf?“

Cybill grinste freudlos. „Nur so. Was sollte es sonst sein? Dass er die Welt umsegelt oder auf die Malediven auswandert? Wohl kaum. Nicht Onkel Rowie. Außerdem wäre das nicht mal was Besonderes. Für ihn jetzt, mein ich.“

„Soso, darüber hast du dir also Gedanken gemacht, als du mit Devil ausgeritten bist.“

„Unter anderem.“

„Du überrascht mich wirklich immer wieder.“ Siobhan zupfte ein paar Haare aus der Bürste und ließ sie zu Boden fallen.

„Also stimmt es?“

„Stimmt was?“

„Na, dass Onkel Rowie und Annabelle heiraten und Mum deshalb stinksauer ist.“

„Leider ist das nur die halbe Wahrheit.“

„Ich wusste es!“ Cybill führte Devil in seine Box und bedeutete Siobhan, ihm etwas Heu zu geben. „Aber wieso halbe Wahrheit, was ist denn noch?“

Siobhan streichelte den Kopf des Pferdes, während es genüsslich sein Heu mampfte. „Hat eigentlich niemand mit dir darüber geredet?“

„Pfff, wer denn?“, Cybill verdrehte die Augen. „Mum? Dad? Oder vielleicht Graham? Ich bin hier doch bloß das Kind.“

„Ich weiß nicht, ob ich es sein sollte, der dir das sagt. Außerdem ist das mit Rowan und Annabelle ja nicht mal wirklich sicher. Kann sein, dass er sich nur einen dummen Scherz erlaubt hat, um deine Mum zu ärgern. Du weißt doch, wie er ist.“

Cybill nickte. „Klar. Aber ich bin doch nicht blöd. Ich weiß doch, was hier los ist. Dad ist auch schon ganz komisch. Aber wenn du es mir nicht sagen willst … schön, dann eben nicht.“

Sie schob den Riegel vor die Box, warf die Bürste in einen leeren Eimer und stapfte nach draußen. Sie hörte, wie Siobhan ihr hinterherrief, doch statt zu warten, lief sie nur schneller. Ihre Augen brannten. Sie wusste selbst nicht, wieso sie so harsch reagiert hatte. Siobhan hatte ihr nichts getan, im Gegenteil, sie war vermutlich die Einzige, die sie wie eine Erwachsene behandelte. Und wie hatte sie es ihr gedankt?

Cybill rannte geradewegs durch einen Nebeneingang in die Waschküche, wo sie Reitstiefel und Jacke auszog. Dabei bemerkte sie, dass sie den Helm im Stall vergessen hatte. Das Mädchen fluchte, hatte aber auch keine Lust, zurückzulaufen und ihn zu holen. Das konnte sie genauso gut nach dem Essen tun. Sie würde ohnehin noch einmal nach Devil schauen, bevor sie zu Bett ging.

Als Cybill die Jacke öffnete, rutschte Kendras Matheheft heraus und klatschte auf die Fliesen. Sie hob es auf und schluckte. Sie dachte an Keith und wie dämlich sie sich benommen hatte.

Cybill holte ihr iPhone hervor und schaute nach, ob es etwas Neues gab. Außer dem üblichen nichtssagenden Müll in der Hausaufgabengruppe, deren Name ohnehin nur Tarnung war, gab es noch zwei Nachrichten von Kendra.

Cybills Herz fing an zu klopfen. Möglicherweise ging es um Keith. Er hatte ihre Nummer ja nicht und vielleicht hatte er Kendra gefragt, ob sie sie ihm gab. Doch es war nur ein kitschiges Pic mit Einhorn, Regenbogen und Herz unter dem stand: Alles klar?

Obwohl sie sich auf der einen Seite freute, dass sich Kenny offenbar Sorgen machte, war sie trotzdem enttäuscht. Ja, sprechen später.

Die Message war kaum draußen, da folgte auch schon die Antwort: KK LY.

Love you too, tippte Cybill ein und schlich durch die Wirtschaftsräume ins Haupthaus. Wenn sie Glück hatte, gelangte sie in ihr Zimmer, ohne bemerkt zu werden. Das würde ihr eine Menge Unannehmlichkeiten ersparen. Aber natürlich hatte Cybill nicht so viel Glück.

Achtzig Zimmer hatte dieser Kasten, doch Mum stand anscheinend die ganze Zeit auf der Treppe oder im Flur, sofern sie nicht in ihrem Arbeitszimmer hockte. Fast wäre Cybill gegen sie geprallt, als sie um die Ecke bog und sich schon darauf vorbereitete, die Treppe hochzulaufen, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

„Cybill!“, rief Mum erschreckt. „Wo …? Sag nicht, dass du erst jetzt nach Hause kommst.“

„Nein“, erwiderte Cybill, verzweifelt darum bemüht, nicht allzu genervt zu klingen. „Ich war noch im Stall. Mit Siobhan. Wir haben Devil gestriegelt und gequatscht.“

„Sieh zu, dass du unter die Dusche kommst. In einer Viertelstunde essen wir.“

„Ja, Mum.“

„Okay.“ Sie trat beiseite, um Cybill durchzulassen. Sie hatte den oberen Absatz fast erreicht, als Mums Frage sie einholte. „Wie war es bei Dad?“

Cybill hob die Schultern. „Cool.“

„Geht das auch etwas präziser?“

„Was willst du denn hören?“

„Wo ihr gewesen seid, was ihr gemacht habt.“

„Das hab ich dir geschrieben. Und wenn du ihn unbedingt ausspionieren willst, engagier einen Privatdetektiv.“

Cybill drehte sich um und stapfte die letzten Stufen hinauf.

„He, so redest du nicht mir, Fräulein. Ist das klar?“

Sie breitete die Arme aus. „Ich denke, ich soll duschen?“

„Wir reden später darüber, verstanden?“

„Ja, ja“, leierte Cybill und lief in ihr Zimmer. Das Matheheft landete auf dem penibel aufgeräumten Schreibtisch. Bei so etwas war sie eigen. Dann zog sie sich aus und suchte sich frische Klamotten heraus. Allzu vornehm musste es ja wohl nicht sein. Jeans und Hoodie sollten reichen. Siobhan hatte jetzt auch nicht das feinste Abendkleid getragen. Andererseits sah Siobhan in allem gut aus.

Es tat Cybill leid, dass sie sie so angeblafft hatte und sie beschloss, sich zu entschuldigen.

Als sie ins gegenüberliegende Bad ging, weilten ihre Gedanken bei Keith. Den Blick in den Spiegel vermied Cybill.

Kapitel 6

„Ich freue mich, dass ihr alle gekommen seid. Der eine oder andere wird vielleicht schon ahnen, worum es geht. Oder sollte ich besser sagen, die eine oder andere?“ Rowans Blick streifte Siobhan. Annabelle kicherte verlegen, was Shona veranlasste, leise zu seufzen.

Lady Morag dagegen saß steif und ungerührt auf ihrem Platz am Kopfende der Tafel, flankiert von ihren beiden Kindern, die sich gegenübersaßen. Annabelle neben Rowan, Siobhan an Shonas Seite. Cybill saß neben der Freundin ihrer Mutter und sah aus wie das Leiden Christi. Sie war zusammengesunken und fläzte sich auf dem Stuhl, die Hände in den Taschen des Kapuzenpullovers.

Sie vermied absichtlich den Blickkontakt mit ihrer Großmutter, wohl wissend, dass diese es missbilligte, wenn man bei Tisch nicht gerade saß, die Hände auf der Platte. Siobhan dagegen bemerkte den Blick sehr wohl und stieß Cybill leicht mit dem Ellenbogen an. Diese seufzte, richtete sich auf und drückte den Rücken durch.

Lady Morag wandte zufrieden den Kopf ab. Ihre Mundwinkel zuckten, doch sie schaffte es nicht, sich zu einem Lächeln durchzuringen. Als ihre Tochter ihr damals Siobhan vorgestellt hatte, wollte sie nichts sehnlicher, als sie mit Verachtung zu strafen. Mehr noch, Lady Morag hatte sich fest vorgenommen, sie zu hassen. Umso verstörter war sie gewesen, als sie merkte, dass ihr das partout nicht gelingen wollte. Im Gegenteil, sie mochte Siobhan, auch wenn sie ihr das niemals zeigen würde.

Aber sie hatte einen guten Einfluss auf Cybill. Und alles, was ihre Enkelin aus ihrem Schneckenhaus pubertierender Introvertiertheit herauslockte, fand in Lady Morags Augen Wohlwollen und Respekt.

„Ich bin kein großer Redner …“

„Ach was …“, murmelte Shona und wieder musste Siobhans Ellenbogen in Aktion treten.

„… und deshalb möchte ich auch nicht lange um den heißen Brei herumreden.“ Rowan griff nach seinem Weinglas. „Annabelle und ich haben uns verlobt!“

Die folgende Stille war so vollkommen, dass man die berühmte Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können. Langsam begriff Lady Morag, dass es kein Scherz war und ein Blick auf ihre Tochter genügte, um zu erkennen, dass sie es gewusst hatte.

Shona presste die Zähne so fest aufeinander, dass die Wangenknochen scharf hervortraten.

Ein lautes Klatschen erklang, als Cybill demonstrativ applaudierte. In der für sie typischen Art, ohne eine Miene zu verziehen. Dieses Mal brauchte Siobhan nicht einzugreifen, ein scharfer Blick ihrer Großmutter genügte. Cybill nahm die Hände herunter und senkte den Kopf.

Lady Morag wusste, dass jeder im Prinzip darauf wartete, dass sie etwas sagte. Sie spürte, wie ihre Lippen zuckten und ihre Finger verkrampften sich um die Serviette.

„Siobhan, Annabelle, Cybill, würdet ihr uns bitte für einen Augenblick entschuldigen?“

„Sicher“, murmelte Siobhan, strich Shona noch einmal zärtlich über den Arm und schob ihren Stuhl zurück.

„Wieso muss ich jetzt auch gehen?“, fragte Cybill empört. Dieses Mal ließ sie sich selbst durch einen Blick nicht zur Räson bringen. Lady Morag hob bereits zu einer scharfen Zurechtweisung an, als sich Siobhan zu ihr herunterbeugte. „Komm mit. Glaub mir, es ist besser so.“

Lady Morag erwartete einen zickigen Kommentar, doch zu ihrer grenzenlosen Verblüffung gehorchte Cybill. Im Gegensatz zu Annabelle. Rowan hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt und hielt sie fest.

„Ich sehe nicht ein, weshalb Annabelle nicht dabei sein sollte. Sie gehört schließlich ab sofort zur Familie.“

„Und ich nicht, oder was?“, zischte Cybill, doch Siobhan schob sie einfach vor sich her aus dem Speisesaal.

„Wie du meinst“, erwiderte Lady Morag, nachdem Siobhan die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte. „Mein Junge, ich befürchte, deine Entscheidung ist ein wenig überstürzt.“

Shona schnaubte.

„Wie kannst du so etwas behaupten, Mutter?“, fragte Rowan, ohne sich zu setzen. „Ich heirate zum ersten Mal. Es ist ja nicht so, als wäre ich schon mal geschieden.“ Dabei schaute er vor allem Shona an, die so tat, als bemerke sie den Blick nicht.

„Stimmt. Wieso ausgerechnet jetzt?“, erkundigte sich Shona. „Und warum diese … Person, die du seit zwei Monaten kennst?“

Rowan öffnete den Mund, doch bevor er dazu kam, sich zu äußern, mischte sich bereits Annabelle ein. „Weil wir uns lieben!“

„Oh mein Gott“, kommentierte Shona.

„Das stimmt!“, stand Rowan seiner Verlobten bei. „Hast du damit ein Problem, Schwesterherz?“

„Ja, warum sollten wir warten, wo wir doch von Anfang an wussten, dass wir füreinander bestimmt sind?“ Hätten sie gekonnt, Annabelles Augen hätten Blitze geschleudert.

„Merkst du eigentlich nicht, dass sie dich nur ausnutzt?“, echauffierte sich Shona und ignorierte die junge Frau kurzerhand.

„Das Einzige, was ich merke ist, dass du offensichtlich eifersüchtig bist. Neidest du mir etwa mein Glück, Schwesterchen? Vielleicht ist es auch einfach nur Angst, dass hier bald ein anderer Wind weht.“

„Rowan!“ Lady Morag hielt es für an der Zeit einzuschreiten.

„Was denn? Es ist doch so. Ich bin ein erwachsener Mann und kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Du willst mir sogar das Unternehmen überschreiben. Ist es da nicht meine Pflicht, für einen Erben zu sorgen?“

„Wir haben bereits eine Erbin!“, platzte es aus Shona heraus.

„Cybill? Die interessiert sich doch gar nicht für die Brennerei.“

„Du etwa? Sie ist ein Teenager, welche Ausrede hast du denn?“

„Ich sagte ja schon, dass sich einiges ändern wird.“

„Du bist ein noch größerer Idiot als ich dachte, wenn du glaubst, dass du das Geschäft alleine führen kannst.“

„Du hast recht, Darling“, säuselte Annabelle. „Sie neidet dir dein Glück.“

Shona lief puterrot an. Wie ein Kastenteufel sprang sie von ihrem Stuhl auf, der bedrohlich wackelte und schließlich nach hinten kippte.

„Wie kannst du es wagen, du billiges Flittchen?“, brüllte sie. „Raus!“

Annabelle fuhr zusammen und starrte Shona aus geweiteten Augen an wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Kurz darauf verließ sie fluchtartig den Raum.

Rowan blickte seine Schwester entsetzt an, ehe er die Verfolgung aufnahm. An der Tür drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Das … wird dir noch leidtun!“

Shona schloss für Sekunden die Augen, dann wandte sie sich um, hob den Stuhl auf und setzte sich, den Kopf in beide Hände gestützt.

Lady Morag betrachtete ihre Tochter stumm.

„Komm schon, Mum“, flüsterte Shona. „Sag endlich, was du zu sagen hast, dann habe ich es hinter mir.“

„Das brauche ich nicht. Du hast schon alles gesagt, was es zu sagen gibt.“

Shona blickte überrascht auf.

„Schau mich nicht so an. Ich bin nicht senil. Du hast recht, Rowan ist ein Idiot, wenn er sie heiratet. Aber vielleicht irren wir uns ja, was Annabelle betrifft.“

„Das glaubst du doch selbst nicht! Zwei Monate, Mum. Zwei Monate kennen sie sich.“

„Das ist mir bekannt. Aber wenn du schon nicht Rowan vertraust, dann wenigstens mir. Ich werde nicht zusehen, wie dieses Unternehmen den Bach runtergeht. Ihr seid beide zu gleichen Teilen erbberechtigt.“

„Sicher, was die Einkünfte angeht. Aber das Anwesen und die Brennerei gehören Rowan. Nach alter Väter Sitte.“

„Ich werde mit ihm sprechen, Shona.“

„Viel Glück“, erwiderte sie und verließ den Raum.

Lady Morag blieb allein zurück. „Wenigstens haben wir schon gegessen“, murmelte sie.

 

„Warum durfte ich nicht bleiben?“, rief Cybill wütend. „Das war unfair.“

Siobhan schaute sich im Zimmer der Vierzehnjährigen um, ehe sie sich zu ihr auf das Bett setzte. „Du kannst froh und dankbar sein, dass du gehen durftest“, erwiderte sie. „Ich bin es jedenfalls. Außerdem werden wir so oder so erfahren, was passiert ist. Und wenn ich einen Tipp abgeben darf: Shona und Rowan haben sich angeschrien, während deine Großmutter geschwiegen hat.“

Cybill grinste. „Du kennst diese Familie schon ziemlich gut.“

Siobhan erwiderte das Grinsen. „Vor allem kenne ich deine Mutter.“

„Habt ihr mal drüber nachgedacht?“

„Worüber?“, fragte Siobhan verwirrt.

„Na ja, ans Heiraten. Das ist doch heutzutage kein Problem mehr für … ich meine, für Leute wie … wie …“

„Wie …?“, dehnte Siobhan und beugte sich zu Cybill hinüber.

„Na, du weißt schon. Wie euch halt.“

„Du meinst Lesben?“ Siobhan amüsierte sich darüber, wie Cybill rot anlief.

„Habt ihr nun drüber nachgedacht oder nicht?“

„Wir haben zumindest nicht miteinander darüber gesprochen. Wir arbeiten viel und sind beide zufrieden damit, so wie es ist.“ Siobhan schürzte die Unterlippe und zuckte mit den Achseln. „Aber wer weiß? Vielleicht eines nicht mehr ganz so fernen Tages …“ Sie schaute Cybill an. „Wie fändest du das?“

Cybill hob die Schultern. „Ich weiß nicht.“

„Stört es dich?“

Das Mädchen riss die Augen auf. „Nein! Wie kommst du darauf?“

„Na ja, es gibt noch immer eine Menge Leute da draußen, die Homosexualität anstößig finden. Oder sogar unnatürlich und verwerflich.“

„Ich nicht“, beeilte sich Cybill zu sagen. „Ich … fände es cool.“

Siobhan lächelte und legte dem Mädchen den Arm um die Schultern. „Danke“, hauchte sie in ihr Ohr und drückte ihr einen Kuss auf die Haare.

„Es tut mir leid“, murmelte Cybill leise vor sich hin.

„Was tut dir leid?“, fragte Siobhan, die Wange am Kopf des Mädchens.

„Dass ich vorhin so gemein zu dir war.“

„Schon vergessen.“

„Du bist cool!“

„Ich weiß! Was ist mit dir?“

„Was soll mit mir sein?“, fragte Cybill und bog den Oberkörper ein wenig zur Seite, um Siobhan anzugucken. Sie hatte das Gesicht verzogen, wie es nur Teenager konnten. Fragend und vorwurfsvoll in einem. Wie man es überhaupt wagen könne, ihr eine solche Frage zu stellen.

„Gibt es da jemanden?“

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Nein!“

Cybill lief rot an und strafte ihr Wort Lügen. Siobhan zog einen Mundwinkel in die Höhe. „Jaaa, da gibt es jemanden. Wer ist es?“

„Lass mich in Frieden.“

„Komm schon, mir kannst du es ruhig sagen.“

„Nein, ich … da gibt es überhaupt nichts zu erzählen.“

Bevor Cybill noch weiter in Verlegenheit geraten konnte, klopfte es an die Tür. „Herein“, rief sie hastig, offenkundig froh über die Störung.

Es war Shona. „Ich hoffe, ich störe euch beide nicht.“

„Überhaupt nicht“, rief Cybill und sprang vom Bett auf. „Wir … haben uns nur unterhalten.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960879879
ISBN (Buch)
9783968170046
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v519954
Schlagworte
Drama-tisch-e-r-liebe-s-roman Familie-n-saga-geheimnis Familie-n-dynastie spannend-e-r-liebe-s-roman-e love-and-landscape Familiengeschichten-Roman-e verbotene Liebe

Autor

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    Florian Hilleberg (Autor)

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Titel: Das Erbe von Kincaid Hall