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Brathering reloaded

von Mika Karhu (Autor)

null 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Sebastian Berger, angehender Buchautor, Finnlandliebhaber und leidenschaftlicher Karhu-Trinker, steckt in der Klemme. Obwohl er im Alltag weiterhin an der Beziehung mit Christina festhält, gehen ihm Anna und Lilja nicht aus dem Kopf. Während eines Auftrags, der ihn in eine Bratheringfabrik nach Polen verschlägt, wird Seb klar, dass er sein Leben neu sortieren und sich für eine der Frauen entscheiden muss. Eine Reise nach Finnland soll die nötigen Antworten liefern – doch dort tauchen auf einmal alle drei Frauen gleichzeitig auf ...

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Februar 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-077-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-063-3

Copyright © Januar 2019, Mika Karhu im Selfpublishing
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Januar 2019 bei Mika Karhu im Selfpublishing erschienenen Titels Brathering Reloaded (ISBN: 978-1-79200-437-7).

Covergestaltung: ARTC.ore
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Peter Versnel, © Good luck images,
© Alexiuz, © yukihipo
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

 

Das hat sie doch sonst nicht gemacht,

sagte der Zigeuner, als ihm die Frau starb.

Finnisches Sprichwort

Sicherheitshinweis

Dieses Buch ist nicht geeignet für Menschen mit schwachen Nerven oder Personen, die eine lustige Geschichte nicht von der Realität unterscheiden können.

Der Protagonist und andere Personen in dieser Erzählung frönen mitunter dem Laster des zügellosen Alkoholkonsums, es werden außerdem Zigarillos und andere Tabakwaren konsumiert. In diesem Buch geht es weder moralisch noch politisch korrekt zu.

Es wird sehr oft mehrsprachig geflucht, der Vorwurf der Tierquälerei ist gegenüber dem Protagonisten berechtigterweise möglich. Der Humor kann im Laufe des Buches abflachen oder auch unter die Gürtellinie fallen.

Alle beteiligten Personen waren zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches achtzehn Jahre alt oder älter – abgesehen vom Rentier und dem Chihuahua. Personen, die ein Fahrzeug geführt haben, waren im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis.

Gegendert wurde nicht, auch eine Freigabe der Kirche ist nicht erfolgt. Leider.

Das benutzte Toilettenpapier war FCKW-frei, chlorfrei gebleicht und wurde vorher noch nicht benutzt. Während des Schreibens standen für die Mitwirkenden rund um die Uhr Psychologen, Rettungssanitäter, Pfarrer und Mitarbeiter von „Alkoholiker ohne Grenzen“ zur Verfügung.

Gefährliche Szenen wurden von professionellen „Standleuten“ ausgeführt. Bei der Besetzung der Rollen wurde fair und schonend gerösteter Kaffee getrunken. Die Protagonisten wurden stets darauf hingewiesen, dass statt des alkoholischen auch alkoholfreies Bier gereicht werden kann.

Die Verwendung von Markennamen im Buch war mitunter Zufall, mitunter gewollt. Der im Buch verzehrte Brathering wurde vom Autor selbst gefangen und unter Beachtung der in Finnland geltenden Tierschutzgesetze getötet und für den Verzehr vor- und zubereitet.

Zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches wurde der Haushalt des Autors mit einem Strommix aus Kernenergie und Windkraft versorgt.

Keiner der Mitwirkenden gehörte zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches irgendeiner Partei oder politischen Organisation an. Außer Frau Kamenz, die war und ist in der Tierschutzpartei.

Für die Sinnhaftigkeit der Übersetzungen kann keine Garantie übernommen werden. Die Geschichte ist teilweise frei erfunden, teilweise wirklich passiert.

Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind möglich. Verklagt mich doch!

Sämtliche Charaktere wurden nach Tarif bezahlt und haben zu jeder Zeit freiwillig und ohne Zwang gehandelt. Abgesehen vom Rentier und dem Chihuahua. Die haben echt gelitten. Sorry dafür. Nein wirklich. Es tut mir leid.

Ich habe den Sicherheitshinweis gelesen und verstanden. Ich werde den Autor nicht verklagen und nur positiv über das Buch sprechen. Dafür stehe ich mit meinem Namen.

 

______ ____________________ __________

Datum Längen- und Breitengrad Unterschrift

Dies ist Teil zwei der Brathering-Trilogie.

Natürlich könnt ihr auch mit diesem Buch anfangen, aber dann fehlen euch möglicherweise ein paar Hintergrundinformationen.

Also besser zum Buchshop eures Vertrauens, Teil eins kaufen, lesen und dann mit diesem Buch weitermachen.

 

Euer Mika

Mein Dank gilt:

Tommy Jaud.

Esko und Maija-Liisa.

Meiner Lektorin Janina Klinck.

Meiner Autorenkollegin Kerstin Thimm.

Meinem Freund Bernd und meiner Frau Sandra.

Meinen Testlesern Carsten, Claudia, Kathleen, Kerstin, Nicole und Stefan.

  

In Erinnerung an mein literarisches Vorbild Arto Paasilinna (1942-2018)

Frühlingserwachen

Zwei Wochen später.

Ich saß auf der Terrasse und trank bei angenehmen fünfzehn Grad Celsius mein erstes „Draußenbier“ des noch jungen Jahres.

Interessiert euch nicht? Ihr wollt wissen, was im Schlafzimmer passiert ist, als Anna und ich in einer ausweglosen Situation waren, weil Christina vor der Tür stand? Verstehe ich voll und ganz, aber lasst mich vorher noch ein wenig ausholen.

Ich saß also auf der Terrasse, und von drinnen hörte ich eine vertraute Stimme.

„Ich putze jetzt die Fenster!“

„Tu dir keinen Zwang an!“, sagte ich lachend und zündete mir einen Zigarillo an.

Wie ein Windhund auf Koks putzte sie – mit verschiedenen Mittelchen, in mehreren Schritten und exakt definierter Reihenfolge – die Verglasung des Hauses.

„Soll ich dir was zum Mittagessen machen?“, vernahm ich, als sie bei den Terrassenfenstern angekommen war.

„Nein danke! Ich bin noch satt vom Frühstück.“

Doch sie gab nicht auf. „Bist du ganz sicher, dass du keinen Hunger hast?“

„Ja, Mutter, ich bin mir sicher!“

Meine werte Frau Mama war zu Besuch. Egal, welche Gründe ich mir im Vorfeld zurechtgelegt hatte, um dies zu verhindern, sie hatte es sich nicht ausreden lassen, uns zu besuchen und ihrem Fetisch zu frönen. Sie hatte diesen unbändigen Trieb, diesen beinahe krankhaften Wahn: Fenster putzen!

Da die Fenster in unserem Haus ausnahmslos bodentief waren, schien das ihrer Sucht mehr als nur entgegenzukommen. Selbst wenn ich die Fenster erst vor zehn Minuten geputzt hätte, in ihren Augen wären sie keimig, dreckig und bräuchten dringend eine Reinigung. Wenigstens einmal im Jahr stand sie bei uns auf der Matte und hechelte danach, ans Werk gehen zu dürfen.

Ich hatte mich nach dem schicksalhaften Morgen im Schlafzimmer aufgerafft und damit begonnen, ein Buch zu schreiben.

So viel war im vergangenen halben Jahr geschehen, dass ich wirklich der Ansicht war, es könnte jemanden interessieren. Bisher hatte ich außer Anna noch niemandem von dieser Idee erzählt, wollte erst einmal schauen, ob ich überhaupt in der Lage war, die Dinge zusammenzufassen und halbwegs interessant zu Papier zu bringen.

Dafür hatte ich mir eine Woche Urlaub genommen und im Zusammenspiel mit der Tatsache, dass meine Mutter da war, hatte ich auch keinerlei häusliche Pflichten, sondern konnte mich voll und ganz meiner angehenden Karriere als Autor widmen.

Während ich ewig über der perfekten Schriftart und dem Titel des Buches saß – Dinge, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich absolut unwichtig waren, mir aber den Eindruck vermittelten, produktiv zu sein –, ertönte aus meinem Telefon die finnische Nationalhymne. Bernd rief an.

„Terve, Barnie!“, grüßte ich, vernahm aber eine viel angenehmere Stimme.

„Hei, Rakastaja!“, trällerte Lilja ins Telefon.

„Hallo, mein finnischer Sonnenschein! Warum hast du Bernds Telefon?“

„Ich habe mein Handy zu Hause vergessen und bin bei den beiden toten Tauben“, gluckste sie.

„Tote Tauben?“ Ich versuchte zu ergründen, was sie meinte.

„Na, das sagt ihr doch so, wenn zwei Verliebte … …“

Darum bemüht, nicht zu lachen, fiel ich ihr ins Wort. „Lilja, das heißt Turteltauben!“

„Ah, okay. Das erklärt … ach, egal.“

Während ich mit Lilja telefonierte, arbeitete ich weiterhin fieberhaft an der Schriftart und dem Titel des Buches. So erfolgreich, wie Männer zwei Sachen eben gleichzeitig machen konnten.

Lilja fieberte ebenso wie alle anderen der Hochzeit von Bernd und Jaanika entgegen, und – sie machte keinen Hehl daraus – ebenso sehnsüchtig freute sie sich darauf, mich wiederzusehen.

„Du bist so abwesend“, vernahm ich aus dem Hörer.

„Sorry, ich schreib gerade an einem Buch.“

„Ein Buch?“

„Ja, ein Buch über die Dinge, die ich im letzten halben Jahr erlebt habe.“

„Komme ich auch darin vor?“, fragte sie freudig, und ich bejahte dies.

„Aber hoffentlich nichts Schmutziges!“

„Ich werde mich zusammenreißen“, versprach ich ihr.

Wir unterhielten uns noch eine Weile, bis Lilja sich verabschiedete – sie müsse zu einem Termin.

Ich hatte das Telefon noch nicht weggelegt, als es wieder klingelte. Eine mir unbekannte Telefonnummer aus Frankfurt wurde auf dem Display angezeigt.

„Berger. Hallo?“, sagte ich freundlich und vernahm eine angenehme Frauenstimme.

„Hallo, Herr Berger. Karin Wingert hier, vom Fischer Verlag.“

Ich überlegte kurz, hatte ich doch mein Buch noch gar keinem Verlag angeboten.

Ehe ich weitergrübeln konnte, sagte sie: „Es geht um Ihre Anfrage betreffend Herrn Jaud.“

Da fiel mir ein, dass ich die geniale Idee hatte, meine Begegnung mit ihm in meinem Buch zu verarbeiten, und fragte neugierig: „Ach so! Und? Was sagt er?“

Kurze Stille in der Leitung, dann: „Wir müssen Ihr Ansinnen leider ablehnen. Herr Jaud wünscht nicht, in Ihrem Buch genannt zu werden.“

Ich schluckte einen dicken Kloß herunter, war das doch ein von mir als Highlight geplantes Kapitel. „Warum möchte er nicht?“, fragte ich, um den Grund zu erfahren.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Tut mir leid.“

„Okay, danke“, sagte ich reserviert und legte auf.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Tut mir leid“, äffte ich die Dame laut nach, trank einen Schluck Bier und rief laut: „Scheiße!“

Umgehend tadelte meine Mutter mich, dass ich solche Wörter nicht von ihr gelernt hätte, sie ein wenig enttäuscht sei und was überhaupt los wäre.

„Nichts! Alles gut, Mama!“ Ich musste nachdenken.

Jaud hatte doch in Überman auch Jamie Oliver durch den Kakao gezogen. Ich bezweifelte, dass er ihn um Erlaubnis gefragt hatte.

Ein weiterer Schluck Bier brachte in zweierlei Hinsicht Klarheit. Die Flasche war alle und ich würde Tommy Jaud in meinem Buch einfach in Tony Jauch oder so umbenennen. Da konnte er toben, wie er wollte. Ich würde in meinem Buch über unsere Begegnung schreiben.

14:02 Uhr.

Sollte ich ein Gläschen Whisky riskieren?

Teufelchen auf meiner rechten Schulter nickte gierig, doch Engelchen auf meiner linken Schulter schüttelte mit dem Kopf.

Könnt ihr nicht einmal einer Meinung sein?, sagte ich im Stillen und holte mir ein neues Bier.

Immer noch unschlüssig über einen Titel für das Buch – ich hatte noch nicht eine Zeile geschrieben – fand ich auf einer Internetseite noch viel interessantere Fonts, als ich bisher gesehen hatte, und war unschlüssiger als je zuvor. Jaud ging mir nicht aus dem Kopf.

„Dieser Arsch!“, sagte ich laut, und meine Mutter tadelte mich erneut.

Plötzlich hatte ich, woher auch immer, einen Geistesblitz und beschloss, mein Buch Goldfisch in der Urne zu nennen. Keine Ahnung, warum und wieso, und was das, was ich schreiben wollte, mit einem Goldfisch oder einer Urne zu tun hatte, aber der Titel stand fest.

Es galt jetzt also erst einmal, ein zum Namen passendes Cover zu gestalten. Bücher schreiben war doch anstrengender, als ich gedacht hatte.

Meine Mutter kam nach draußen und setzte sich zu mir. „Was machst du da eigentlich?“, fragte sie nach einer Weile.

„Ich schreibe ein Buch.“

„Du schreibst ein Buch?“

„Ja, ich schreibe ein Buch.“

Sie schaute auf den Laptop, und ich wusste genau, dass sie eigentlich eine andere Frage auf dem Herzen hatte.

„Was?“, fragte ich nach einem Moment der Stille.

„Wann wollt ihr eigentlich heiraten?“, platzte es aus ihr heraus.

Ha! Ich wusste, dass ihr diese Frage schon seit Tagen auf den Lippen hing.

„Keine Ahnung. Vielleicht, wenn ich das Geld für die Scheidung zusammengespart habe?“

Meine Mutter schaute mich böse an.

„Ehrlich gesagt: Wir haben noch nicht darüber nachgedacht.“

Ich versuchte das Thema zu umgehen, aber sie schoss weiter scharf. „Und wie sieht es mit einem Enkelchen für mich aus?“

„Mutter, bitte!“, wehrte ich ab und rollte mit den Augen.

„Ihr seid jetzt schon so lange zusammen. Habt ihr noch nicht darüber nachgedacht?“

„Doch Mutter, haben wir“, erklärte ich genervt.

„Sag doch bitte nicht Mutter zu mir, das hört sich an, als wenn ich schon uralt wäre!“, mäkelte sie.

„Okay, Mutt–, äh … Mama. Sobald wir eine der beiden Sachen planen, bist du die Erste, die es erfährt. Versprochen.“

Vorerst hatte ich mich aus der Hochzeits-Baby-Falle gerettet.

Sie ging wieder hinein, und ich widmete mich erneut meiner Schreiberei.

Ein paar Minuten später wurden mir von hinten die Augen zugehalten. Ich sollte wahrscheinlich raten, wer da ist.

„Mutt– … Mama, bitte! Wie alt bist du noch mal?“, fragte ich und vernahm ein herzhaftes Lachen, das nicht meiner Mutter gehörte.

„Da fehlen mir, glaube ich, ein paar Jahre!“, flüsterte Anna fröhlich, nahm ihre Hände weg und ihre Haare kitzelten an meinem Hals.

„Hey, meine Hübsche!“

Während sie sich in eine der Sitzgelegenheiten von QVC sinken ließ und sich mein Bier griff, fragte sie: „Genießt du deinen Urlaub?“

„Ich versuche es zumindest. Ich schreibe an meinem Buch, komme aber nicht wirklich voran.“

„Wie weit bist du?“ Sie beugte sich nach vorn, um auf den Monitor zu schauen, und ich schielte frech in ihre Bluse.

„Sebastian, bitte!“, ermahnte sie mich und lehnte sich wieder zurück.

„Entschuldigung, aber wenn du so …“

„Hallo, Anna!", rief meine sich aus dem Nichts materialisierende Mutter plötzlich.

„Hallo, Frau Berger“, erwiderte Anna, und nachdem die beiden ein paar Worte gewechselt hatten, verschwand meine Mama wieder ins Haus.

„Also, was wolltest du sagen?“, fragte sie und nahm erneut einen Schluck von meinem Bier.

„Egal. Warum bist du eigentlich nicht in der Firma?“

„Bin krank.“

Ich zog die Augenbrauen hoch und musterte sie. „Macht auf mich nicht den Eindruck.“

„Okay, ich wollte dich sehen. Und da ich mit der Schmidtgen grad eh auf Kriegsfuß stehe, habe ich halt eine Erkältung und liege krank zu Hause“, erklärte sie.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte mein Bier zurückzuerobern, scheiterte aber.

Es klingelte an der Haustür, meine Mutter rief: „Ich gehe schon!“, und ich vernahm, wie sie sich mit jemandem unterhielt.

Die Haustür fiel kurz darauf ins Schloss und sie kam auf die Terrasse. „Ein Paket für dich. Ziemlich groß. Steht im Flur.“

„Danke!“, sagte ich artig.

„Hast du vielleicht Hunger?“, versuchte meine Mutter jetzt Anna zu überreden, etwas von ihren zubereiteten Köstlichkeiten zu probieren. Diese lehnte ebenfalls ab, ging aber hinein, um sich ein Wasser zu holen.

„Bringst du mir bitte ein Bier mit?“, rief ich ihr hinterher. Meine Mutter intervenierte. „Sebastian, das ist jetzt schon dein drittes!“

„Nein, das zweite, Anna hat mir das andere abgenommen!“, protestierte ich.

„Trotzdem, Sebastian!“, tadelte sie.

Anna kam mit einer Flasche Wasser und zwei Gläsern hinaus und stellte mir eins hin.

„Ich will etwas trinken und mich nicht waschen!“, sagte ich trotzig und schob das Glas beiseite.

Anna versuchte, Partei zu ergreifen. „Sie meint es doch nur gut.“

Ich griff nach der Schachtel Zigarillos, steckte mir einen in den Mund und griff nach den Streichhölzern. Mit einem flinken Griff schnappte Anna sich diese und schaute mich vorwurfsvoll an.

Was denn?“, zischte ich gereizt.

Sie schüttelte den Kopf, und ich sah sie verständnislos an, fragte mit resigniertem Unterton: „Darf ich hier überhaupt noch was?“

„Rauchen ist ungesund“, bemerkte sie, während sie die Streichhölzer wieder hinlegte.

„Das ist Fallschirmspringen auch, wenn der Schirm nicht aufgeht!“, blaffte ich.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass meine Mutter uns nicht sah, hauchte sie mir einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete sich.

„Du gehst jetzt aber nicht deswegen?“ Ich deutete auf die Zigarillos.

„Nein, ich muss noch zum Doktor, Krankschreibung abholen.“

Ich schaute ihr nach, bis sie um die Ecke des Hauses verschwunden war, zündete den Zigarillo an und starrte auf den Bildschirm des Laptops.

Die Erinnerung „DRINGEND: Pool kaufen!!!“ erschien auf dem Display.

Ich wählte „In einer Woche wieder erinnern“ und ging hinein, um mir ein Bier zu holen. So leise wie möglich schlich ich wieder auf die Terrasse, hörte aber sofort ein „Das habe ich gesehen!“ von meiner Mutter.

Das Festnetztelefon klingelte, daher drehte ich auf dem Absatz um, nahm es vom Küchentisch und hörte die Stimme meiner Oma.

„Sebastian, bist du das? Bist du zu Hause?“

Nein Oma, ich flieg gerade mit meinem Heißluftballon über die Stadt und habe Homezone, lag mir ein uralter Witz auf der Zunge, doch ich schluckte den Spruch herunter und antwortete brav: „Ja, Oma. Ich bin zu Hause. Was kann ich für dich tun?“

„Ist Kathrin noch bei dir? Ich erreiche sie zu Hause nicht“, beschwerte sie sich aufgeregt.

„Ja, Oma. Das habe ich dir doch gestern schon gesagt. Sie ist die ganze Woche hier“, erklärte ich ihr wie an den Tagen zuvor.

Zum Glück stand meine Mutter auch schon neben mir, und ich drückte ihr das Telefon in die Hand.

„Ich kann ja gar nicht zum Buchschreiben kommen, wenn ich ständig unterbrochen werde“, beschwerte ich mich. Froh, diese Ausrede für alles Mögliche gefunden zu haben, knackte ich hinter dem Kopf mit den Fingerknöcheln und öffnete dann mein Bier.

Paket, schoss es mir dabei in den Kopf, und ich sprang wieder auf und begab mich ins Haus, um selbiges in Augenschein zu nehmen.

Der Absender des voluminösen Kartons zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht, denn in ihm befand sich zweifelsohne mein neuer Schallplattenspieler.

Ich brachte den Karton ins Wohnzimmer, riss ihn auf, verteilte die Polsterung auf dem Fußboden, und dann, endlich, nach gefühlten fünfundzwanzig Umkartons und drei Kubikmetern Füllmaterial, hielt ich das Wunderwerk der Technik in meinen Händen. Ich stellte es neben seinen Vorgänger auf das Phono-Board.

Herrlich!

Die Verkabelung gestaltete sich einfach, und schon ein paar Minuten später dröhnte Motörhead durchs Haus, und meine Mutter schrie aus dem Flur, ob das Radio defekt sei.

„Wie? Defekt?“, fragte ich konsterniert und drehte die Lautstärke herunter.

„Das ist doch keine Musik!“, beschwerte sie sich.

„Ist Bernhard Brink auch nicht!“, konterte ich.

Inbrünstig erwiderte sie: „Ich mag ihn und –“

„Ja und du hast ihm auch schon mal die Hand geschüttelt, woraufhin er dich mit einer ehemaligen Mitschülerin verwechselt hat. Dann gab es Küsschen links und Küsschen rechts, du bist fast in Ohnmacht gefallen, er wollte deine Telefonnummer und Papa hätte ihm daraufhin fast eine geknallt. Wir alle kennen die Geschichte, Mutter, äh … Mama!“

Gegen 16:00 Uhr kam Christina gut gelaunt nach Hause, betrat die Küche und gab mir einen Kuss.

„So zeitig Feierabend?“, fragte ich und stand auf, um ihr einen Kaffee zu machen.

„Es war ausnahmsweise wenig los. Da bin ich lieber gegangen, bevor ich noch etwas Neues auf den Tisch bekomme.“

Wir tranken Kaffee, Christina bewunderte die blitzblank geputzten Fenster, bedankte sich bei meiner Mutter, nicht ohne zu betonen, dass das nicht notwendig gewesen wäre. Diese freute sich über das Lob und sagte, dass sie es doch gern gemacht hätte.

Da die Damen folgend in Themen abglitten, die mich nicht interessierten, ging ich ins Wohnzimmer und widmete mich dem Handbuch meines neuen Spielzeuges, legte eine Platte auf und genoss den Klang, der von Christina gern als „Krach“ bezeichnet wurde.

Ebendiese stand kurz darauf im Wohnzimmer und schaute verwirrt auf meine Neuanschaffung. „Ein Schallplattenspieler?!“

Ich grinste und wollte gerade anfangen, ihr die Funktionen zu erklären, als sie bemerkte: „Musste das sein?“

„Jaaa?!“, antwortete ich gedehnt. Als ich erneut anfangen wollte, die vielen phänomenalen Funktionen zu beschreiben, intervenierte sie erneut.

„Den Alten verkaufst du aber, oder?“

„Nein, den behalte ich, falls der hier mal kaputtgeht.“

Christina funkelte mich aus zusammengekniffenen Augen an und holte erneut aus: „Du räumst ihn aber wenigstens weg, oder?“

„Wen?“

„Den alten Schallplattenspieler natürlich!“

„Warum?“

„Ich bitte darum!“

„Ich möchte aber nicht!“

„Sebastian, hier müssen nicht zwei davon herumstehen!“

Mein flehender Hundeblick half mir nicht weiter. Christina drehte sich wortlos um und verließ das Zimmer.

Nachdem ich so ziemlich alle Funktionen meines neuen Spielzeuges getestet hatte, begab ich mich in die Küche, angelte mir eine Flasche Corona aus dem Kühlschrank, lehnte mich in den Türrahmen und versuchte mir einen guten Start für mein Buch zu überlegen.

Christina stand auf einmal neben mir und grinste mich an. „Ich habe eine Überraschung für dich … für uns.“

„Okay. Und die wäre?“

„Wir machen am Wochenende Kurzurlaub im Taunus!“

„Im Taunus?“

„Ja. Ich habe ein wenig im Internet gestöbert und ein hübsches Hotel in der Nähe vom Feldberg gefunden. Wir waren doch schon so lange nicht mehr wandern.“

„Wandern? Wann waren wir mal wandern?“

„Sebastian, bitte! Ich mache nächsten Freitag zeitig Feierabend und dann fahren wir los, dann sind wir zum Abendessen dort.“

Ich schaute sie aus großen Augen an, erinnerte mich, dass ich am Samstag eigentlich die Garage aufräumen und am Motorrad schrauben wollte, tat ihr zuliebe aber so, als wenn ich mich freuen würde.

 

PERKELE!

Was würde Jesus dazu sagen?

Also auf zu einem Kurzurlaub in den wunderschönen Taunus, in ein von Christina ausgesuchtes Hotel. Wir fuhren pünktlich um 15:30 Uhr los. Haha, nur Spaß – mir war klar, dass das mit Christina und ihren fünfzig Taschen nicht funktionieren würde. Gegen 17:00 Uhr verließen wir die Grundstückseinfahrt.

Christina hatte darauf gedrängt, mit ihrem Polo zu fahren, das wäre spritsparender.

Ich zeigte ihr imaginär einen Vogel und sagte: „Nicht, wenn ich am Steuer sitze.“

Daraufhin äußerte sie mit spitzer Zunge: „Du fährst aber nicht!“

Ich zuckte mit den Schultern, schmuggelte zwei Dosen Bier ins Auto, und in dem Moment, als sie die Grundstückseinfahrt verließ, öffnete ich eine davon mit lautem Zischen.

„Sebastian! Muss das wirklich sein?“, tadelte sie mich und fädelte sich in den Verkehr ein.

„Nö, aber es schmeckt!“

„Ich dachte, das finnische Bier wäre alle?“ Sie beäugte die Dose Karhu Olut mit einem Seitenblick.

Ich nickte leicht und flötete fröhlich: „Bernd hat neues geschickt.“

„Bernd hat dir Bier aus Finnland geschickt?“

„Jepp.“ Ich trank einen großen Schluck, drehte mich zu ihr und sagte: „Schatz. Ich freue mich auf …“, doch dann folgte ein inbrünstiger Rülpser, der den Innenspiegel vibrieren ließ. Eigentlich hatte ich „das Wochenende“ sagen wollen.

Christina rollte mit den Augen und schüttelte einfach nur den Kopf, sagte jedoch nichts.

Gegen 18:00 Uhr erreichten wir das verschlafene Örtchen, in dem wir unser Wochenende verbringen wollten. Einen Moment später sah ich bereits das Ortsausgangsschild an uns vorbeiziehen. Nach Ansicht des Navis waren wir aber immer noch nicht da.

Plötzlich bremste Christina entgegen ihrer normalerweise besonnenen Fahrweise schlagartig ab und bog in einen kleinen Waldweg ein.

Ich schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, hatte ich doch das Hinweisschild auf das Hotel an der Einmündung gesehen.

Eine enge Straße schlängelte sich am Berg entlang, Christina fuhr langsamer als langsam – es könnte ja Gegenverkehr kommen – und nach ein paar hundert Metern hielt sie den Wagen an, drehte sich zu mir und flüsterte freudig: „Wir sind da.“

Mit weit aufgerissenen Augen und beinahe ehrfürchtig fragte ich: „Schatz? Bist du sicher, dass wir richtig sind?“

„Ja logo. Ich erkenne es wieder!“

„Du warst schon mal hier?“

„Nein, aber ich habe doch die Fotos auf der Homepage gesehen.“

Ich überlegte, ob ich die zweite Dose Bier aufmachen sollte, um den Schreck zu verdauen, ließ das aber und wurde stattdessen von Christina mit ihren Taschen beladen und zur Rezeption geschickt.

„Hallo!“ flötend gesellte sie sich, nur ihre Handtasche tragend, zu mir an die Rezeption, während ich kurz davor war, ein letztes Mal „Iah“ zu rufen, um gleich darauf zusammenzubrechen.

„Ich hatte ein Zimmer gebucht, Lehmann mein Name“, zwitscherte Christina.

Die Dame hinter dem Tresen tippte auf ihrer Tastatur herum, reichte ihr einen Zimmerschlüssel und teilte monoton mit, dass es ab 18:30 Uhr Abendessen gäbe.

Ich schleppte Christinas Wackersteinsammlung die Treppe hinauf, und als ich etwa zwei Drittel hinter mir hatte, rief die Dame von der Rezeption: „Sie hätten auch den Fahrstuhl nehmen können!“

PERKELE!

Christina schloss die Zimmertür auf, schlüpfte hinein und ließ sich auf das Bett fallen. Ich zog ihr Gepäck hinter mir her, konnte damit perfekt den Durchgang zwischen Flur und Zimmer blockieren und setzte mich ebenfalls auf das Bett.

Irgendetwas stimmte hier nicht. Etwas war anders, als es normalerweise war, wenn ich mich in einem Hotelzimmer auf das Bett setzte. Es dauerte nur eine gefühlte Nanosekunde, bis ich feststellte: Es gab keinen Fernseher!

 

CHRISTIIINAAA!!! WAS FÜR EINE SCHEISSE HAST DU HIER GEBUCHT?, hallte es durch meinen Schädel.

 

Langsam drehte ich den Kopf in ihre Richtung, räusperte mich und fragte langsam und betont: „Fällt dir was auf?“

„Die Betten sind schön weich!“, bekam ich als Antwort.

Ich musste wohl deutlicher werden. „Schatz, was ist viereckig, nach dem Einschalten meist bunt und hell und macht Geräusche?“ Ich versuchte, es witzig zu verpacken, aber sie verstand es nicht.

„Christiiina“, holte ich langsam, leise, aber deutlich aus und fügte nach einem Moment hinzu: „Die haben hier keinen Fernseher!“

Sie kuschelte sich in die Bettwäsche und seufzte zufrieden. „Ist mir gar nicht aufgefallen.“

„Und nebenbei … weißt du, in was für einem Hotel wir gelandet sind?“

„Ein Hotel halt, es hatte sehr gute Bewertungen“, hörte ich sie zufrieden glucksen.

„Christina, das ist ein Tagungshotel der evangelischen Kirche!“

„Und?“, raunzte sie und schaute mich verständnislos an.

Ich drehte mich kopfschüttelnd in Richtung Schreibtisch, blickte mich erneut um und ging dann hinaus.

„Wo willst du hin?“, fragte sie besorgt, doch ich antwortete nicht, sondern begab mich zügig zur Rezeption.

„Hallo, Berger … äh … Lehmann. Wir sind gerade angekommen. Fehlt der Fernseher in unserem Zimmer, weil er defekt ist?“, versuchte ich in lustigem Ton das Fehlen desselben auf dem Zimmer zu thematisieren.

Die Dame am Empfang schaute mich freundlich, aber professionell regungslos an: „Wir haben keine Fernseher auf den Zimmern. Wir sind ein christliches Tagungshotel. Unsere Gäste suchen neben den angebotenen Seminaren Ruhe und Erquickung durch Zwiesprache mit Gott.“

Scheiße!, dachte ich und fragte flapsig: „WLAN?“, und erhielt ein Kärtchen mit Zugangsdaten. „Danke.“

Nachdem ich erneut zwei Drittel der Treppe hinter mir hatte, rief die Empfangsfachkraft: „Wenn sie mit zwei Geräten ins Internet wollen, brauchen sie noch eins.“

Ich drehte mich brummend um und stiefelte wieder nach unten, hielt wortlos meine Hand hin und erhielt einen zweiten Zettel.

„Bis später vielleicht!“, äußerte ich überfreundlich und schlurfte nach oben.

Christina, die offensichtlich den kompletten Inhalt ihrer Schränke mitgeschleppt hatte, verteilte diesen gerade im Zimmer.

„Wo warst du denn?“, fragte sie mit vorwurfsvollem Unterton.

„WLAN holen“, murmelte ich und legte die Voucher auf den Schreibtisch.

„Ist das nicht in der Luft?“, fragte Christina vorsichtig.

„Was ist in der Luft?“ Ich musterte sie mit großen Augen und hatte keinen Schimmer, was sie meinte.

„Ach nichts. Schon gut.“ Sie winkte ab und sortierte ihre Klamotten in den dafür viel zu kleinen Hotelschrank.

„Wenn ich jetzt losfahre und gut durchkomme, bin ich in einer Stunde wieder hier“, sagte ich nach einer Weile mehr zu mir selbst.

„Wo willst du denn hin?“

„Nach Hause, den Fernseher holen“, bemerkte ich bissig.

„Sebastian, du wirst doch wohl zwei Tage ohne Fernseher überleben“, wies sie mich zurecht „Lass uns runtergehen und zu Abend essen.“

Nachdem wir uns einen Weg durch Christinas Klamottenberge gebahnt hatten, verlangte Christina nach meiner Hand. Ich sah sie mit fragendem Blick von der Seite an, sagte aber nichts, reichte ihr mein Patschehändchen und wir gingen ins Erdgeschoss, um Essen zu fassen.

Das Buffet war übersichtlich, aber ansprechend. Ich füllte meinen Teller mit einer kleinen Auswahl der angebotenen Leckereien, begab mich zu unserem Tisch mit Namensschildchen (!) und stellte ihn ab. Dann schlich ich mich zum Getränkebereich und erblickte einen großen Kühlschrank mit Glasfront. Der Koch stand plötzlich neben mir und fragte, ob er mir helfen könne.

„Ich hätte gern ein Bier“, sagte ich höflich, bekam dieses nach Nennung der Zimmernummer und erblickte die Preisliste der Getränke.

Wie bitte?! Nicht euer Ernst, jauchzte und frohlockte ich innerlich, lobte und pries den Herrn, dankte für diese unverschämt günstigen Preise und lächelte selig vergnügt.

 

Auf der Getränkekarte stand:

 

Flasche Bier (Weizen/Pilsener) (0,5l) je 2,00 Euro

 

Ehe ich das verdaut hatte, teilte mir der Smutje mit, dass wenn ich später noch etwas trinken möchte, ich es mir einfach herausnehmen solle. Entweder sollte ich meine Zimmernummer und das Getränk in der Liste vermerken oder den Betrag in die Kasse legen.

Zwei Euro für ein Bier, Kasse des Vertrauens … Ich war schwer begeistert und begab mich selig lächelnd an den Tisch.

„Worüber freust du dich?“, fragte Christina, während sie versuchte, mein breites Lachen einzuordnen.

Ich atmete tief durch und sagte: „So langsam gefällt es mir hier.“

Der Speisesaal füllte sich mit verschiedenen Gruppen kirchlicher Vertreter, und ich stellte fest, dass wir die einzigen Privatgäste waren. Sei es drum. Wenigstens keine unerzogenen, lärmenden Kinder überforderter Eltern.

„Sprichst du das Tischgebet?“, fragte ich Christina, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute und dann mit dem Kopf schüttelte. „Dachte ich es mir. Gottlos bist du auch noch“, flüsterte ich ihr gespielt theatralisch zu.

Nach einem köstlichen Mahl und zwei Weizenbieren meinerseits gingen wir nach oben, und ich versuchte das Tablet dazu zu bewegen, den WLAN-Schlüssel anzunehmen, um eine TV-App zu installieren.

Christina verschwand ins Badezimmer, und während ich noch immer mit dem Fernsehempfang kämpfte, drapierte sie sich in einem unverschämt durchsichtigen Negligé auf dem Bett und schmachtete mich lüstern an.

In meinem Kopf entspann sich spontan folgender möglicher Dialog:

 

Christina: „Schatziii? Kommst du zu mir?“

Ich: „Hier? Im Hause des Herrn? Ringsum nur Nonnen, Priester und … keine Ahnung, was die sonst noch so für Personal haben. Wenn du in Fahrt bist, quiekst du wie ein Meerschwein auf Speed. Die Leute finden doch für Wochen nachts keine Ruhe mehr. Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“

Christina: „Wir können ja auch nur kuscheln.“

Ich: „Bäh! Geh weg.“

 

Ich sah Christina in die Augen und musste laut lachen. Sie bezog das auf sich, und ehe ich ihr erklären konnte, was da gerade in meinem Kopf passiert war, drehte sie sich um und begann zu schluchzen.

Suuuper hast du das wieder gemacht, lobte ich mich selbst.

Dann legte ich mich zu ihr, kuschelte mich an sie, und als ich sie etwa eine Stunde später soweit hatte, wieder mit mir zu reden, hörten wir aus dem Nachbarzimmer eindeutige Geräusche. Daraufhin vollzogen wir ebenfalls den Beischlaf.

Am nächsten Morgen standen wir nach ausgiebigem Frühstück um 09:30 Uhr an der Rezeption, gaben unseren Schlüssel ab und machten uns auf, den Feldberg zu erklimmen. Da fiel mir etwas ins Auge.

Neben dem eigentlichen Rezeptionstresen befand sich eine Auslage, auf der verschiedene Dinge zum Verkauf angeboten wurden, unter anderem ein Stempel mit dem Aufdruck:

 

Was würde Jesus dazu sagen …

 

Irgendwie vermittelte er mir den Eindruck, er müsse mit, und so kaufte ich ihn. „Man weiß ja nie, wozu man den mal gebrauchen kann“, teilte ich einer verwundert dreinblickenden Christina mit und steckte ihn in die Jackentasche.

Der Rest des Wochenendes bestand aus Wandern, Fernsehen auf dem Zehn-Zoll-Tablet, Lesen, Schlafen, miteinander Schlafen, gutem Essen und unverschämt günstigem Bier.

Sonntagvormittag.

Die Taschen waren im Auto verstaut, Christina bezahlte die Rechnung und ich saß schon ungeduldig auf dem Beifahrersitz. Als wir gerade losfahren wollten, fiel ihr ein, dass sie noch eine Flasche des hoteleigenen Weines mitnehmen wollte.

Sie sprang wieder aus dem Auto und eilte nach drinnen, während ich ebenfalls ausstieg, mir einen Zigarillo anzündete, und interessiert einen geparkten Opel Kadett C bewunderte.

In genau diesem Moment kam Christina nach draußen, ließ den Wein fallen und schrie. Ich drehte mich zu ihr, dann in die Richtung, in die sie zeigte, und sah, wie der Polo schon mal ohne uns losfuhr.

Langsam, ganz langsam, rollte er über den Parkplatz, auf die Straße, prallte an einem kleinen Felsbrocken ab und kam in einem Gebüsch zum Stehen.

„Puh!“, schnaufte ich.

Christina eilte zu mir und hielt sich an meinem Arm fest.

„Da hast du ja noch mal Glück gehabt“, bemerkte ich und wollte gerade fragen, ob sie denn die Handbremse nicht angezogen hätte, da verließen das Gebüsch die Kräfte und es entließ den Polo aus der zarten Umarmung.

Selbiger rollte – jetzt wieder auf der Straße – weiter, und da niemand im Auto saß, der lenkte, nahm er nicht die nächste Kurve, sondern den Abhang.

Es folgten Geräusche von berstenden jungen Bäumen und sich kalt verformendem Blech. Ein paar Vögel flatterten aufgeregt zwitschernd davon, dann war kurz Ruhe, bevor als Abschluss die Alarmanlage des VW Polo ertönte.

Christina stand erstarrt neben mir und schaute in die Richtung, wo der Polo ein letztes Mal zu sehen gewesen war.

Ich musste mir ein Kichern verkneifen, hatte doch die Alarmanlage an dem ollen Polo vorher nie funktioniert.

Als diese nach ein paar Augenblicken erstarb und neben mir ein Wehklagen der üblen Sorte anfing, sah ich in den Himmel und sagte mit inbrünstiger Stimme: „Amen!“

Als nach etwa einer Stunde der ADAC ankam, sah ich in die verwunderten Augen eines Mannes, der mit einem normalen Abschleppvorgang gerechnet hatte. Nachdem er zweimal versucht hatte, Christinas Auto mit einer Seilwinde den Berg hinaufzuziehen, das Seil zweimal riss und Christina beide Male einen erneuten Heulkrampf bekam – als wenn noch etwas am Auto hätte kaputt gehen können –, entließ uns der Gelbe Engel. Er wollte einen Kollegen mit einem Bergekran rufen, und Christina stellte ihm allen Ernstes die Frage, zu welcher Werkstatt er das Auto bringen würde.

Ich hielt einfach meinen Mund. Das war für mich mit Sicherheit die gesündeste Variante. Ein falsches Wort und sie hätte mich wahrscheinlich erwürgt.

Der Abschleppprofi teilte mit freundlicher Stimme mit, dass er sie diesbezüglich anrufen würde.

Nachdem ich anschließend die Ehre hatte, mehrfach den Berghang hinab und wieder hinaufzukraxeln, um das Gepäck zu holen, bahnten wir uns einen Weg durch die nun bereits stattliche Anzahl an Schaulustigen und traten mit einer bunten Mischung aus Taxi, S­‑Bahn und wieder Taxi den Heimweg an.

Zu Hause ließ ich die Taschen vor der Haustür fallen und hechtete zum Kühlschrank.

Und dann kam Murat

Montagmorgen, Büro.

Meinen ersten Kaffee hatte ich gerade intus, da klopfte es an der Tür.

„Ja bitte?“

Nichts passierte.

„Ja!“, sagte ich lauter, woraufhin sich die Klinke bewegte und die Tür aufging.

Vor mir stand, mit einer Aktentasche unter dem Arm, ein stämmiger Mitbürger mit Migrationshintergrund und stellte sich als Murat Nachnahme-bestehend-aus-einer-Buchstabenfolge-die-ich-nicht-aussprechen-konnte vor. Er war seiner Aussage nach unser neuer IT-Leiter.

Ich blickte auf, musterte ihn eingehend und sagte kurz angebunden: „Okay!“

Er überlegte entweder, ob er noch etwas sagen sollte, oder wartete darauf, dass ich noch etwas sagen würde, doch nichts davon geschah.

„Gut, dann … ich gehe mal an die Arbeit“, verabschiedete er sich schließlich und ging hinaus.

Ich starrte eine Weile auf die Tür und rief dann Petermann an. Bevor der auch nur ein Wort sagen konnte, plärrte ich ins Telefon: „Ein Türke, wirklich?“

Petermann atmete laut, überlegte scheinbar, worauf ich hinauswollte, und sagte dann: „Ach, der neue IT-Chef!“

„Ja, der neue IT-Chef!“, sagte ich aufgebracht.

„Habt ihr euch also schon kennengelernt“, plapperte er fröhlich.

„Ja, kam gerade auf seinem Teppich reingeflogen“, brummte ich.

„Auf einem Teppich?“

„Petermann, vergiss es!“ Ich legte auf.

Ich begab ich mich zu Franz-Peters Büro, klopfte, und noch ehe er „Herein“ rufen konnte, stand ich vor seinem Schreibtisch.

„Sebastian, was kann ich für dich tun?“, fragte er ein wenig erschrocken ob meines forschen Eintretens.

„Ein Türke, dessen Namen ich nicht aussprechen kann, hat sich mir gerade als unser neuer IT-Leiter vorgestellt“, beschwerte ich mich.

„Du meinst Herrn Nachname-bestehend-aus-einer-Buchstabenfolge-die-ich-nicht-aussprechen-konnte?“, verlautete FPJ und schaute mich zufrieden an.

„Wie auch immer. Muss das sein?“, hinterfragte ich seine Personalentscheidung.

„Die Stelle ist seit Monaten ausgeschrieben, es gab keine anderen Bewerber und er hat 1-A-Referenzen. Er kommt aus einer international agierenden Druckerei, die vor Kurzem in Insolvenz ging. Ehrlich gesagt, das hat gepasst wie die Faust aufs Auge.“

„Na gut, wenn du meinst“, gab ich resigniert auf.

„Brathering?“, fragte er in seine Schublade greifend.

Ich winkte kopfschüttelnd ab, ging in mein Büro und wählte Bernds Nummer.

„Ist was passiert?“, fragte der, da ich zu einer sehr ungewöhnlichen Zeit anrief.

„Du bist jetzt ein Türke!“, artikulierte ich mich aufgebracht.

„Wie bitte?“

„Ein Türke!“

„Sebastian, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Deine Stelle hier, die haben die neu besetzt. Mit Murat!“

Stille in der Leitung, dann: „Super, haben sie endlich jemanden gefunden!“

„Ja aber …?“

„Was hast du denn für ein Problem?“, unterbrach mich Bernd forsch.

Stimmt. Was hatte ich eigentlich für ein Problem? Weil er Türke war? Weil er Bernds Job übernahm? War ich ein Rassist? War es, weil ich irgendwie insgeheim gehofft hatte, dass Bernd vielleicht wiederkommen würde?

Ich verabschiedete mich von Bernd, legte auf, erledigte ein paar anfallende Arbeiten und begab mich dann zur Mittagszeit in die Kantine. Anna, die in der vergangenen Woche noch krank gemacht hatte, lag nun wirklich mit Grippe flach und würde eine weitere Woche nicht arbeiten kommen.

Mein Lieblingsküchenchef erblickte mich, und sofort gingen seine Mundwinkel nach unten. Gehässig und überspitzt fragte er, ob ich einen Hamburger möchte.

„Nein danke. Ich nehme den Nudelauflauf.“ Ich versuchte freundlich zu bleiben.

„Ist aber geröstet, nicht erwärmt“, knurrte er mit boshaftem Unterton in Anspielung auf unseren Burgerdisput im vergangenen Jahr und klatschte mir lieblos eine Portion auf den Teller. Der fing schon wieder an, mir auf den Sack zu gehen!

Ich nahm mein Tablett, setzte mich an einen freien Tisch und schaufelte mir die Nudeln in den Hals, als plötzlich Murat mit seinem Tablett vor mir stand und fragte, ob an meinem Tisch noch frei wäre.

Ich brummte mit vollem Mund „Ja“, und er setzte sich mir gegenüber. Ehe wir ins Gespräch kommen konnten, füllte sich der Tisch weiter, auch Magdalena setzte sich zu uns.

„Hallo, Sebastian, heute Nachmittag wieder Lieferung?“

Ich nickte und zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

Sie schaute zu Murat und lächelte. „Du neuer Mann für Computer?“

„Ja, ich bin … sozusagen … ja“, stammelte er, schnitt ein Stück von der gekochten Rinderbrust ab und steckte es sich in den Mund.

Magdalena erklärte ihm folgend in Kurzform alles, was er über die Firma wissen musste, und auch alles, was er ihrer Ansicht nach sonst noch wissen sollte.

Als sie damit fertig war, schlackerten Murat die Ohren, er schaute mich an, und ich sagte: „Halte dich an sie, dann kann dir hier nichts passieren!“

„Werde ich berücksichtigen“, dankte er für den Rat, und wir aßen weiter, während Magdalena sich ihrem Essen widmete.

Am Nachmittag desselben Tages saßen Murat und ich zwei Stunden bei mir im Büro, tranken Kaffee, besprachen sein Budget, schweiften ab, und stellten fest, dass wir zur selben Zeit an derselben Uni studiert, ja sogar gemeinsame Bekannte und Freunde hatten.

 

Das sollten Murat und ich auch noch werden, Freunde.

 

Aber dazu später.

Rache des Schicksals

Die Woche verging wie im Flug und am darauffolgenden Montag klopfte es kurz nach neun an meiner Bürotür. Anna betrat den Raum, schloss die Tür hinter sich, kam ein Stück näher und sah mich an, wie ich meine Mutter früher angeschaut hatte – na ja, eigentlich immer noch –, wenn ich etwas ausgefressen hatte.

„Guten Morgen, Sonnenschein!“, begrüßte ich sie überschwänglich, merkte aber schnell, dass etwas nicht stimmte.

„Hallo, Sebastian. Wir müssen reden!“

„Autsch, was habe ich verbrochen?“, fragte ich guter Dinge, und wir setzten uns an den Konferenztisch.

„Du nichts, ich.“

Ich wurde hellhörig und blickte sie gespannt, irgendwie auch nervös und Unheil erahnend an.

„Ich weiß nicht so recht, wie ich es sagen soll, weil … na ja … wir zwei und … das alles.“ Sie holte tief Luft, schaute mich an und machte ein ernstes Gesicht.

„Anna, was ist denn los?“

„Ich mache es kurz. Ich habe jemanden kennengelernt“, teilte sie mir mit und sah mich mit festem Blick an, erwartete mit zusammengekniffenen Lippen meine Reaktion.

„Okay, schön“, faselte ich, stand auf und stellte mich ans Fenster.

„Bist du sauer?“, fragte sie vorsichtig.

Ich drehte mich um, schluckte mehrfach und versuchte meine Gefühle zu kontrollieren. „Nein, warum sollte ich? Das mit uns ist doch … alles gut!“

Sie stammelte: „Es ist nur …“

Ich unterbrach sie. „Anna, du brauchst dich nicht zu rechtfertigen.“

Sie flüsterte: „Danke“, stand auf, gab mir einen Kuss auf die Wange, verschwand nach draußen, drehte sich noch einmal um und lächelte mich, in meiner Erinnerung wehmütig, an.

Langsam schlich ich zu meinem Schreibtisch, setzte mich und ließ ihre Worte auf mich wirken. Ich war mir nicht sicher, ob ich traurig, wütend, erleichtert oder etwas ganz anderes sein sollte, schloss die Augen und erinnerte mich mit einem Lächeln an unsere gemeinsamen Momente.

Nach einer gefühlten Ewigkeit stand ich auf, öffnete die Tür zu meinem Bunker und dort ein Bier. Dass es Montagvormittag und gerade einmal kurz vor halb zehn war, war mir scheißegal. Ich schaute in den Spiegel, erhob die Flasche und rief laut: „Prost, ihr Säcke!“

Danach prüfte ich meine E-Mails, und das Schicksal hatte einen Lauf, denn es dauerte nicht lange, bis die nächste Katastrophe folgte.

Einer E-Mail von Bernd nach hatte der März nicht nur in Annas Leben sogenannte Frühlingsgefühle gespült, nein, wenn dann gab es das Komplettprogramm, die Rache von dreizehn Milliarden Jahren Universum nur für mich allein. Und das innerhalb nicht einmal einer Stunde!

Lilja bändelte wohl auch hier und da mit Männern an, wie mir Bernd per E‑Mail geschrieben hatte. Genau genommen hatte Bernd sie und ihre Schwester zufällig belauscht.

Lilja hatte zu Jaanika gesagt, sie suche jetzt den einen, den, der sie glücklich macht, sie ergänzt und vervollständigt.

Zwar hatte sie eine ganze Weile gehofft, dass ich derjenige wäre, aber ich hatte mich ja aus der Affäre gezogen. Und jetzt, da ihr Ex, der frauenschlagende Aarne, im Knast saß, bräuchte sie auch keine Angst mehr zu haben.

Während ich die E‑Mail las, erschien auf dem Display eine Erinnerung: „DRINGEND: Pool kaufen!!!“ Ich klickte auf „In einer Woche wieder erinnern“ und drückte die Meldung weg.

Das zweite Bier war offen.

„FICKT EUCH DOCH ALLE!“, rief ich laut in den Bunker und meinte, eine Art Echo zu vernehmen.

Ich brauchte frische Luft, musste hier raus.

Gerade als ich überlegte, ob ich nach Hause fahren oder nur eine Runde spazieren gehen sollte, klingelte mein Handy.

„Hallo, Schatz!“, flötete Christina.

Entweder hatte sie im Lotto gewonnen – wobei wir diesem Glücksspiel nicht frönten – oder sie war auf Droge.

„Ich wollte es dir eigentlich erst heute Abend erzählen, aber ich bin so aufgeregt“, sagte sie, und die Wörter überschlugen sich förmlich.

„Was denn?“, fragte ich, bemüht, interessiert zu klingen.

„Ich glaube, ich bin schwanger!“

 

Stille.

 

„Bist du noch da?“, fragte sie nach einer gefühlten Ewigkeit.

„Ja, bin ich“, sagte ich mit monotoner Stimme und schaute, die Zimmerdecke, die Etage über mir und das Dach des Gebäudes missachtend, in die Mitte unseres schönen Universums.

„Sebastian?“, vernahm ich aus dem Telefon und log: „Ich kann leider nicht sprechen, bin in einem Meeting.“

„Oh, sorry. Dann bis später!“

„Ich versuche, mich nachher zu melden“, flüsterte ich und legte das Telefon auf den Schreibtisch.

Da war er, der Wink der kompletten Zaunpfahlindustrie unseres Planeten, der Hieb des Universums, die Rache des Schicksals.

Jetzt war es definitiv Zeit, nach Hause zu fahren!

Ich hatte das zweite Bier noch nicht angefangen, daher warf ich nur ein Pfefferminzbonbon ein und begab mich zum Parkplatz.

Erst jetzt sah ich – aber dies mit gehörigem Erstaunen – dass Petermanns Audi auf dem Parkplatz A4 stand.

„Was zur Hölle?“, entfuhr es mir und ich trat gegen den Kotflügel des Audi, woraufhin dessen Alarmanlage losging.

Ich stieg in mein Auto, fuhr schnell vom Parkplatz und fünfhundert Meter weiter in eine Polizeikontrolle.

„Das wird definitiv mein Tag!“, zischte ich hysterisch, während ich die Scheibe absenkte und von einem übereifrigen Polizeianwärter um meinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere gebeten wurde.

„Haben sie innerhalb der letzten zwölf Stunden Alkohol getrunken?“, wurde ich nach Sichtung meiner Papiere freundlich gefragt.

„Ja, eben im Büro ein Bier. Aber da ich mich gern hemmungslos besaufen will, weil meine Geliebte hier und meine Geliebte in Finnland Schluss gemacht haben, während meine eigentliche Freundin mir gerade eröffnet hat, dass sie schwanger ist, fahre ich jetzt nach Hause und besauf mich da. Und wissen Sie, was noch schlimmer ist? Petermann parkt jetzt auf A4!“

Der Polizist sah mich verwirrt an und ich erwiderte seinen Blick, ohne zu blinzeln. „Drogen … vielleicht?“, erkundigte er sich ganz vorsichtig.

Mit weiterhin starrem Blick und zusammengekniffenen Lippen schüttelte ich kaum sichtbar den Kopf. Er gab mir meine Papiere zurück und wünschte einen schönen Tag.

„Werde ich definitiv nicht haben. Aber danke!“

Zu Hause angekommen, öffnete ich sofort ein Bier und trank es auf Ex, ein zweites in drei Schlucken und dann legte ich „Queen – The Greatest Hits“ auf den Schallplattenspieler, warf meinen Körper auf die Couch, schloss die Augen und dachte darüber nach, womit ich das Schicksal in Rage gebracht hatte, dass es mich so bestrafte.

Wobei … eigentlich trat doch genau das ein, was zumindest bis zum vergangenen Juli der Masterplan gewesen war: keine Anna, keine Lilja, ein Baby mit Christina. Das war doch, was ich wollte. Und jetzt passierte es und es war mir auch wieder nicht recht? Was wollte ich eigentlich?

Aus unerfindlichen Gründen wurde der Klang der Musik immer schlechter, es fing an zu knacken und zu rauschen. Als ich mich in Richtung Schallplattenspieler drehte, stand mir das blanke Entsetzen im Gesicht, denn der Plattenspieler fabrizierte statt Musik grau wabernde Rauchkringel.

Ich sprang von der Couch, fegte die halbvolle Bierflasche um und auf Christinas Perserteppichimitat, rannte zum Phonoboard, schaltete alles aus und zog den Netzstecker. Nebenbei wedelte ich den Rauch beiseite und wollte gerade anfangen, laut loszuheulen, als der Rauchwarnmelder an der Decke diese Aufgabe übernahm.

Das infernalische Piepen erfüllte erst das Wohnzimmer und dank vernetzter Technologie der Geräte bald das ganze Haus.

Bei der Suche nach etwas, womit ich den Alarm abstellen konnte, fiel mir der Schürhaken des Kamins ins Auge und ich versuchte damit, den Resetknopf des Plagegeistes zu betätigen. Da das nicht klappte, und meine Ohren gefühlt schon bluteten, stieß ich einfach mit voller Wucht zu. Das Geräusch erstarb und der Schürhaken blieb im Rauchmelder stecken.

Mal sehen, was Christina dazu sagen würde.

Ich trocknete den Teppich, untersuchte den Schallplattenspieler, legte mich dann aber wieder hin, schlief ein und träumte ausnahmsweise einmal nichts.

Christina weckte mich gegen 17:00 Uhr und war verwundert über mein Schläfchen auf der Couch und die zwei Flaschen Bier auf dem Tisch vor mir.

Am allermeisten interessierte sie jedoch, warum es im Haus so komisch roch und der Schürhaken im Rauchmelder steckte. Bissig fragte sie: „Ein Selbstmordversuch war es wohl nicht, oder?“

Er hat damit angefangen!“ Ich zeigte auf das Corpus Delicti und richtete mich auf. Ohne weiter darauf einzugehen, ließ sie sich in den Sessel fallen und seufzte.

„Du bist also schwanger?“, frage ich neugierig.

Sie schaute mich an, schüttelte mit dem Kopf und sagte leise: „Weiß ich noch nicht genau.“

„Wie, du weißt es noch nicht?“

„Mein Gefühl und die Symptome sagen ja, aber … ich hol mir in der Apotheke noch einen Test. Nur, um ganz sicherzugehen.“

„Okay, dann warten wir ab“, versuchte ich erwartungsvoll zu klingen, und Christina nickte.

„Hast du die Flüge nach Finnland eigentlich schon gebucht?“, fragte sie auf dem Weg in die Küche, und ich verneinte, versprach aber, es am Abend zu tun.

Christina bestand übrigens darauf, neben den Tickets für die Luftgitarren-WM, die wir Bernd und Jaanika zur Hochzeit schenken wollten, noch ein Geschenk zu besorgen, welches etwas dauerhafter wäre.

Ich runzelte die Stirn. „Dauerhafter?“

„Ja, etwas Schönes für das Haus zum Beispiel“, sagte sie lächelnd und setzte sich mit dem Tablet an den Küchentisch. „Ich suche mal was raus. Machst du das Abendessen fertig?“

Ich nickte und musste an Anna denken. Was sie wohl gerade tat? Ob sie mit ihrem Freund zusammen war oder allein daheim, sich vielleicht gerade für ein Date mit ihm fertigmachte und singend im Bad vor dem Spiegel stand?

Das war mal wieder einer der Momente, in dem ich eigentlich gern allein sein wollte.

„Hier, was hältst du von einem Fußabtreter mit Namensgravur?“, unterbrach mich Christina.

„What the fuck!?“, entfuhr es mir, und sie blickte erschrocken auf.

„Alles klar bei dir? Warum sprichst du Englisch?“

„Keine Ahnung.“

Gefangen in dem Leben, das ich mir eigentlich gewünscht hatte. Gefangen in der Harmonie, die ich mir ersehnt hatte. Gefangen im vermeintlichen Glück. Ich musste hier raus, aber wie?

Schicksal, alter Gefährte, du hast mich heute so gestraft, jetzt sei mal lieb und verschaffe mir einen Ausweg, betete ich.

Nichts geschah.

Wir aßen zu Abend, gingen dann ins Wohnzimmer und letztendlich zu Bett. Ich lief im Notprogramm, konnte Christina aber den Eindruck vermitteln, normal zu funktionieren.

Als der nächste Morgen anbrach, war mein erster Gedanke nach dem Erwachen: Scheiße! Und genau dieser Gedanke wollte auch den ganzen Tag über nicht verschwinden.

Murat hatte Baklava mitgebracht, eine süße türkische Spezialität, die mir sehr gut schmeckte. Wir saßen in meinem Büro, um die Besprechung des vergangenen Tages fortzusetzen.

„Bist du verheiratet?“, fragte ich aus einer Laune heraus mitten in der Budgetplanung.

Murat schaute mich grinsend an und schüttelte den Kopf. „Nö, da muss erst noch die Richtige kommen“, verkündete er breit lachend, während ich erneut zum Baklava griff.

Es klopfte an der Tür.

Ich rief: „Ja bitte!“, und kurz darauf stand Anna im Zimmer.

Sie grüßte uns mit einem lapidaren: „Hallo. Bei Zimmermann gibt’s was Neues.“ Dann legte sie ohne ein weiteres Wort zwei Ordner auf den Tisch.

„Danke!“, sagte ich und legte all meine Sehnsucht nach ihr in den Blick, den ich nun an sie richtete.

Sie bemerkte es nicht, verabschiedete sich und ging wieder.

Ich teilte Murat mit, dass Zimmermann Vorrang habe, und verschob unser Gespräch auf die kommenden Tage. Dann war ich wieder allein – allerdings mit dem ganzen Blech Baklava.

Ich nahm die zwei Ordner, ging an den Schreibtisch, legte sie vor mich und grübelte darüber nach, wie ich Anna wieder in mein Büro locken konnte.

Ich wollte sie sehen, mit ihr reden, aber wie? Ich rief die Schmidtgen an und erbat die Akten zu „Frankfurt III“, um in Bezug auf Zimmermann etwas zu kontrollieren.

Kurze Zeit später klopfte es, und wie erhofft stand Anna mit den Unterlagen im Zimmer. Sie sah jetzt, dass ich litt, das war mir klar. Aber was würde sie tun?

Ehe ich mich’s versah, hing sie an meinem Hals und begann zu weinen. Erschrocken und gleichzeitig dankbar ließ ich es zu.

„Es ist auch für mich nicht einfach, glaub mir!“, sagte sie mit stockender Stimme und drückte sich fester an mich. „Aber das mit uns … es geht nicht! Das funktioniert nicht.“ Sie ließ mich los, schaute mir tief in die Augen und flüsterte: „Du musst mit Christina glücklich werden.“ Eine Träne rann über ihre Wange.

„Ich will nicht mit Christina glücklich werden!“, sagte ich trotzig.

Tapfer lächelnd flüsterte Anna: „Doch, willst du. Musst du!“ Dann drehte sie sich um.

„Anna, bitte!“, rief ich ihr hinterher, doch sie ging hinaus und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Nur Sternenstaub

Mal wieder verließ ich die Firma weit vor Feierabend, Mutilation Rites dröhnte durchs Auto und ich war einfach nur im Arsch – aber das mit voller Hingabe!

Zuhause legte ich auf dem wieder aus dem Keller geholten alten Schallplattenspieler eine noch ältere LP auf und ließ mich mit einer Flasche Whisky in meinen neuen „Musikhörsessel“ von QVC fallen. Ja, sorry, aber das Angebot war einfach unwiderstehlich.

Ich war so zerrissen, so kaputt, stand so circa drei Lichtsekunden neben mir und in einer Woche würde ich 33 Jahre alt werden.

Dreiunddreißig beschissene Jahre, schoss es mir durch den Kopf, bin ich schon auf diesem beschissenen Planeten, der mich scheinbar abgrundtief hasst.

Ich begann hemmungslos zu heulen und wünschte Anna zu mir, wünschte mich zurück an den Abend im vergangenen Juli, wollte sie bei mir haben, sie küssen, umarmen und festhalten.

Es würde nicht passieren, ich würde nicht in diesen Genuss kommen. Ich musste mich dem stellen, was mein Weg zu sein schien. Christina war womöglich schwanger, ich würde Papa werden und das war meine Bestimmung.

Ganz ehrlich, worüber beschwerte ich mich eigentlich?

Christina war hübsch anzusehen, verdiente gutes Geld, liebte mich (abgesehen von meinem Hang zu Zigarillos und Alkohol) und wir würden ohne große Reibungspunkte miteinander alt und glücklich werden. Das Blöde war nur, dass ich immer das wollte, was ich nicht hatte!

Ich lümmelte in meinem Sessel und hatte die Kopfhörer auf, da stand plötzlich Christina im Türrahmen des Wohnzimmers und schaute mich traurig an.

„Nicht schwanger“, flüsterte sie mit leiser Stimme, hielt einen Schwangerschaftstest in der Hand und schien kurz davor, zu weinen.

Ich sprang auf, nahm sie in den Arm und tröstete sie.

„Das ist so ungerecht!“ Sie fing an zu schluchzen an und legte ihren Kopf an meine Schulter.

Nach einer Weile schauten wir uns an, ich holte eine Flasche Wein und wir machten es uns auf der Couch gemütlich und schauten alte Fotos an.

Ich hatte, obwohl ich Fotos anschauen hasste, das Bedürfnis, sie ein wenig abzulenken. Dann tranken wir noch eine Flasche Wein, bestellten Pizza und schauten fern.

Christina schlief irgendwann ein, ich verfolgte die von ihr ausgewählte Doku über das Leben der Nacktmulle, schweifte mit den Gedanken aber hin zu der Tatsache, dass wir unter anderen Umständen womöglich bald zu dritt gewesen wären.

Ein Kind, dann Hochzeit. So wie es sich meine Mutter gewünscht hatte. Nur irgendwie konnte ich mich nicht dafür begeistern. Irgendwie war ich noch nicht soweit.

 

Am nächsten Morgen im Büro überkam mich wieder diese Traurigkeit, und ich war hin- und hergerissen dazwischen, Anna sehen zu wollen und sie weit weg zu wünschen, um den Schmerz nicht mehr ertragen zu müssen.

Es war ein ruhiger Tag, ich machte pünktlich Feierabend, fuhr nach Hause und erblickte ein mir nicht bekanntes Auto in unserer Einfahrt. Ich parkte vor meiner Garage und schlich dann um den hässlichen kleinen Peugeot herum.

„Vernünftige Autos bauen konnten die Franzosen noch nie“, murmelte ich, ging kopfschüttelnd ins Haus, wo ich in der Küche Christina antraf, die wie ein Honigkuchenpferd grinste.

„Haben wir Besuch?“, fragte ich neugierig und blickte mich um.

Christina schaute mich verwirrt an und sagte dann gedehnt: „Achsooo!“ Dann sah sie mich kurz verschwörerisch an und sagte: „Du meinst den Peugeot? Den habe ich mir heute gekauft.“

„Du hast was?“, brachte ich mit dünner Stimme hervor und mir entglitt das Gesicht.

„Mir ein neues Auto gekauft!“ Sie freute sie ungemein.

„Das ist kein Auto, das ist ein Peugeot!“ Ich schüttelte den Kopf und fügte hinzu: „Ich habe doch gesagt, dass ich dir ein neues Auto besorge.“

„Ja, aber der hat mir so gefallen und … er ist so sparsam im Verbrauch.“

„Christina, das Ding kommt mir vom Hof! Die Nachbarn denken noch, wir haben kein Geld oder so!“

„Ich behalte ihn. Mir egal, was du sagst“, teilte sie mir bestimmt mit, drehte sich trotzig um und ging nach oben.

„Wir kaufen keine französischen Autos!“, blaffte ich ihr laut hinterher.

Keine Antwort.

Ich nahm mein Telefon, folgte Christina nach oben und fragte scheinheilig: „Hast du eine Teilkaskoversicherung abgeschlossen?“

„Sogar Vollkasko.“

„Okaaay!“ Ich lachte hysterisch und ging wieder hinunter.

„Warum? Was hast du vor? SEBASTIAN?“

„Ich fahr das Ding auf die Straße und zünde es an!“, tönte ich und schwang mich ins Erdgeschoss.

„Sag mal, spinnst du?“, rief sie, und ich rannte die Treppe hinunter in die Küche. Sie hetzte hinter mir her und blockierte die Haustür. „Bist du noch bei Trost?“

„War nur Spaß!“, scherzte ich, drehte um, ging in die Küche und nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank.

Selbstverständlich konnte ich es mir den ganzen Abend über nicht verkneifen, dämliche Kommentare über ihren Neuerwerb zu machen. Erst als sie damit drohte, dass ich die kommenden Nächte gern im Gästezimmer verbringen könnte, gab ich Ruhe.

Mein Telefon piepte und ich nahm es aus der Hosentasche.

„DRINGEND: Pool kaufen!!!“

Ich schaute auf den Fernseher und dann wieder zu ihr, dann wieder zum Fernseher und dann kam mir Anna in den Sinn.

Ich seufzte wohl etwas zu laut, denn Christina ließ ihr Buch sinken und schaute mich wortlos von der Seite an. „Ist es wirklich so schlimm?“

Mein Herz rutschte in die Hose. Sie konnte doch keine Gedanken lesen? Ich schaute sie erschrocken an und stotterte: „Was … was meinst du?“

„Na wegen dem Auto“, ließ sie verlauten, und ich seufzte erneut – diesmal vor Erleichterung – sank nach hinten und bemerkte traurig: „Es ist nur … ich musste gerade an unseren Senior denken. Ob es wohl im Himmel Brathering gibt?“

Christina schüttelte den Kopf und vertiefte sich wieder in ihr Buch. Nach ein paar Minuten blickte sie auf, räusperte sich und wartete auf eine Reaktion.

„Ja, Schatz?“ zwitschernd drehte ich mich zu ihr.

Da warf sie in den Raum: „Hast du dir eigentlich schon einen Anzug für die Hochzeit besorgt?“

„Ich habe doch noch den Fetzen von der Tommy-Jaud-Veranstaltung?“, ließ ich sie wissen und runzelte die Stirn, denn mir war klar, dass ich damit nicht durchkommen würde, sie nun Blut geleckt hatte und ich mit ihr ein Einkaufszentrum ihrer Wahl aufsuchen musste. Schon bei dem Gedanken an die Massen von Menschen wurde mir übel, und ich zermarterte mir das Hirn, um eine Ausrede für ihren gleich folgenden Satz zu finden.

„Das ist aber kein Anzug für eine Hochzeit“, antwortete Christina, und ich versuchte eine La-Ola-Welle mit meinen Augenbrauen, was nicht gelang und so dämlich ausgesehen haben muss, dass sie zu lachen anfing.

„Wo wir gerade bei Jaud sind: Könnten wir bitte dieses Bild von der Wand nehmen?“, fragte ich bettelnd.

Dabei deutete ich auf ein in Postergröße über der Couch hängendes Bild, auf dem mein nackter Oberkörper mit der Widmung von Tommy Jaud zu sehen war. Ihr erinnert euch?

„Ich finde es großartig!“ Christina schnalzte mit der Zunge und grinste.

„Ich aber nicht“, protestierte ich wie so oft, wenn wir auf dieses Thema kamen.

Obwohl ich natürlich auch ein bisschen stolz an diesen Abend zurückdachte, der ohne Tommy Jauds nächtliche Krakelei auf meiner Hühnerbrust in einem Fiasko am folgenden Morgen geendet hätte.

„Also?“, warf sie ein.

„Also was?“, erwiderte ich.

„Anzug?“, parierte sie meinen Versuch, mich dumm und unwissend zu stellen, und ich gab schließlich nach und versprach ihr, mir einen neuen zu besorgen.

„Das können wir ja auch zusammen machen“, frohlockte sie, und ich kapitulierte, nickte und flüsterte: „Gern doch.“

Dabei warf ich einen Blick auf das Cover ihres Buchs. „Jaud?“, bemerkte ich beleidigt.

„Ja. Überman! Habe es bisher noch nicht geschafft, es zu lesen.“

„Mal abgesehen von dem Bild an der Wand … du kaufst Bücher von dem Mann, der meine großartige Schriftstellerkarriere bereits im Keim erstickt?“

Christina rollte mit den Augen und bemerkte spitz: „Wann kann ich dein Buch denn mal lesen … also, wie weit bist du eigentlich?“

Ich schaute sie an, und da wurde mir Vollidioten eins ganz klar: Bevor sie dieses Buch in die Hand bekam, es war ja noch nicht einmal fertig, mussten noch die Namen geändert, die Orte verfremdet und so ziemlich alles angepasst werden. Aktuell hatte ich einfach alles so geschrieben, wie es passiert war … mit sämtlichen Realnamen.

Wenn sie das Skript, so wie es jetzt war, in die Finger bekam, würde ich in ziemliche Erklärungsnot geraten.

Ich stand auf, goss mir Whisky nach, setzte mich wieder und beobachtete die goldene Flüssigkeit, die beim Bewegen des Tumblers in sanften Schlieren am Glas herablief. Seufzend hatte ich sie wieder vor meinem inneren Auge, Anna. Was sie wohl tat? Ob sie glücklich war? Ob sie mich vermisste?

Scheiße!

Ich zappte mich durch das Fernsehprogramm, um mich ein wenig abzulenken, Christina las weiter ihr Buch, und während ich meinen Gedanken nachhing, stand sie nach einer Weile auf und fragte, ob ich mit ins Bett käme.

Ich schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf und deutete auf den Fernseher. Sie warf mir einen Kussmund zu, den ich erwiderte, was bescheuert ausgesehen haben muss, dann starrte ich weiter auf das bunte Bild des Flimmerkastens.

Nicht dass mich interessierte, was da lief, nicht dass ich überhaupt wahrnahm, was gesendet wurde.

Ich brauchte Ablenkung, Zeit für mich.

 

Es galt, eine Entscheidung zu treffen.

Wenn einer eine Reise tut

Am nächsten Morgen kredenzte mir mein Kaffeebutler gerade heißes schwarzes Glück, als ich auf mein Mobiltelefon schaute und las:

Sobald du in der Firma bist, komme bitte gleich zu mir. F. P.

Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ich trank aus, zog mich an und machte mich auf den Weg.

Der Motor schnurrte, mein Unterwegs-Kaffee mit Karamellaroma im Thermobecher schmeckte und Herbert Grönemeyers „4630 Bochum“ sorgte für gute Laune.

Vor der Firma begrüßte ich Magdalena, nahm den Fahrstuhl nach oben und stand kurz darauf in Rengers Büro.

„Wie kann ich dir helfen?“, fragte ich frei heraus, und Franz-Peter deutete auf einen der Stühle. Ich setzte mich und versuchte seine Mimik zu ergründen.

Er blickte sich um, als wenn uns jemand belauschen könnte, und begann dann leise und geheimnisvoll zu sprechen. „Sebastian … du musst etwas für mich tun.“

„Gern doch, solange es nichts Illegales ist“, witzelte ich.

Rengers öffnete die Schublade seines Schreibtisches, und sogleich verschwanden Bratheringhappen in seinem Mund. „Du musst was für mich kaufen … also auf dem Papier.“

Ich schaute ihn fragend an. „Versteh ich nicht.“

„Eine Bratheringfabrik.“

„Eine Bratheringfabrik?“

„Ich möchte eine Fabrik für Bratheringkonserven kaufen, aber … sagen wir mal so … ich kann nicht.“

„Wo?“, fragte ich.

Rengers räusperte sich und sagte in perfekter Aussprache: „Prezembleszibiece.“

Was?

„Prezembleszibiece in Polen“, wiederholte er.

Mit weit aufgerissenen Augen bemerkte ich: „Ich brauch ’nen Schnaps!“

Eine Stunde später hatte ich zwei Whisky getrunken, war vollständig informiert, und begab mich zurück in mein Büro. Von hier aus rief ich Christina an und teilte ihr mit, dass ich in der kommenden Woche drei Tage nach Polen reisen würde, um etwas für F. P. zu erledigen.

Christina war ein wenig verwirrt. „Polen? Seit wann macht ihr Geschäfte in Polen?“

„Neue Geschäftsidee von Rengers, ich weiß auch nichts Genaues“, seufzte ich und legte auf.

Ich machte mir einen Kaffee, sortierte ein paar Unterlagen und bereitete mich innerlich auf meinen Trip nach Prezembleszibiece vor.

Dann setzte ich mich und schrieb weiter an meinem Buch.

Gegen 17:30 Uhr verließ ich das Büro und rannte im Flur buchstäblich in Magdalena hinein.

„Aber Herr Berger. So schnell. Haben eilig?“, tadelte sie mich, ich murmelte eine Entschuldigung und dann kam mir eine geniale Idee.

„Sag mal, hast du nächste Woche schon etwas vor?“

„Ich muss putzen wie immer und kontrollieren die Fensterreiniger.“

Ich fasste sie an den Schultern und fragte mit honigsüßer Stimme: „Hättest du Lust, mit mir nach Polen zu fliegen?“

Sie musterte mich, als wenn ich ihr gerade ein unmoralisches Angebot gemacht hätte. Ich zog sie in Rengers Büro, der von der Störung ein wenig überrumpelt war, doch nach zweieinhalb Stunden war der Plan geändert. Ich würde nicht mehr allein nach Brezelbleistift – oder wie das hieß – reisen. Magdalena würde als Käufer für die Fabrik auftreten, ich ihr pseudorechtlicher Beistand sein und Rengers lebenslang Bratheringnachschub aus eigener Produktion haben.

Tage später.

Der Flug war angenehm, die Gespräche mit Magdalena unterhaltsam und der Flug verging … wie im Fluge, wollte ich fast sagen.

Egal.

Am Warschauer Flughafen feilschte Magdalena mit einem Taxifahrer um den Preis, und ich schaute, nachdem wir losgefahren waren, gedankenverloren aus dem Fenster. Magdalena schien Freude daran zu haben, mal wieder ein Gespräch in ihrer Muttersprache führen zu können, und ich beobachtete die vorbeirauschenden Dörfer, Wälder und Städte.

Nach einer Stunde waren wir in Prezembleszibiece, und es sah noch trostloser aus, als ich es mir ausgemalt hatte.

Etwa fünfzig Häuser, eine Kirche, Feuerwehr und Rathaus. Das war es dann auch schon. Als wir das Ortsausgangsschild passiert hatten, bog das Taxi rechts ab, und nach zweihundert Metern kamen wir vor dem Tor der Fabrik zum Stehen.

„Oh mein Gott“, entfuhr es mir, und Magdalena drehte sich um.

„Alles gut?“, fragte sie mit besorgter Miene.

„Ja, schon … es ist nur … ach, vergiss es“, flüsterte ich, schüttelte den Kopf und stieg aus. Der Geruch von Fisch lag in der Luft und mir wurde flau im Magen. „Ich hasse Brathering“, sagte ich zu Magdalena und rümpfte die Nase, während wir das Pförtnerhäuschen passierten.

„Wir machen schnell Kauf und dann gehen in gute Restaurant in Dorf. Ich habe gefragt Taxifahrer, günstig und schmeckt.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, murmelte ich, dann betraten wir den Bürotrakt der Bratheringfabrik, der gefühlt seit den Siebzigerjahren keine Änderung erfahren hatte.

Magdalena hatte im Vorfeld viel telefoniert und dafür gesorgt, dass alle amtlichen Angelegenheiten direkt hier vor Ort abgeschlossen werden konnten. Nach knapp zwei Stunden war der Papierkram erledigt, und während Magdalena, hofiert von einer Abordnung der lokalen Prominenz – sprich Bürgermeister, Pfarrer und Werksleiter –, die Fabrik besichtigte, begab ich mich nach draußen und zündete mir einen Zigarillo an.

Der Pförtner trat aus seinem Häuschen, winkte mich zu sich und ich folgte seiner Bitte. Ich setzte mich neben ihm auf die Bank an der Schranke und nahm ein Glas Wodka in Empfang.

Wir prosteten uns zu und leerten unsere Gläser auf Ex. Es schüttelte mich, ich bekam kurzzeitig keine Luft und mein Mund brannte, als hätte ich einen großen Löffel Lava gegessen. „Was zur Hölle ist das?“, krächzte ich und schaute ihn fragend an.

Er überlegte kurz und sagte dann mit starkem Akzent: „Ist Wodka. Meine Frau und ich gemacht. Stark, aber gesund. Macht Körper sauber von Krankheit.“

Ich hustete, nickte und versuchte mittels einer universellen Geste meine Dankbarkeit auszudrücken.

Schon war mein Glas wieder voll und ich trank auch dieses tapfer aus. Die Sonne bahnte sich ihren Weg durch die Wolken und ich kniff meine Augen zusammen.

Nach einiger Zeit verließ Magdalena die heiligen Hallen, kam auf mich zu und forderte mich auf, ihr zu folgen. Der Bürgermeister höchstpersönlich fuhr uns zum Gasthaus des Ortes und bestand darauf, mit uns einen Wodka zu trinken, bevor wir unsere Zimmer in Augenschein nehmen konnten. Am Ende waren es drei Wodka, und ich brauchte dringend eine Pause.

Während Magdalena und der Bürgermeister neue Runden orderten, begab ich mich auf mein Zimmer und legte mich aufs Bett.

„Schlimmer als in Finnland“, sagte ich laut zu mir selbst, schloss die Augen und schlief bald darauf ein.

Plötzlich öffnete sich die Tür, Anna betrat den Raum, lächelte mich an und stellte eine kleine braune Handtasche auf den Tisch.

„Anna? Du hier?“, flüsterte ich und richtete mich auf.

„Pssst!“ Sie legte ihren Finger auf den Mund und öffnete die Tasche. Dann entledigte sie sich ihrer Hose und des Pullovers, setzte sich bekleidet mit quietschgelbem Slip und BH auf meine Bettkante und streichelte meinen Kopf.

„Oh, Anna. Wie habe ich dich vermisst“, seufzte ich und genoss die Berührung.

Plötzlich bewegte sich ihre Tasche, fiel zu Boden. Erschrocken sprang Anna auf und schrie auf Polnisch die Tasche an. Ehe ich fragen konnte, warum sie das tat, erschien Magdalenas Kopf in der Tasche, sie öffnete den Mund und lauter Bratheringe kamen daraus hervor. Anna schrie laut und stürzte aus dem Zimmer.

Ich wachte auf und atmete mehrfach tief ein und aus, blickte mich um und vergewisserte mich, dass ich wach war.

„Warum träume ich immer solch bescheuerte Dinge?“, fragte ich die Blumenvase auf dem Tisch.

Keine Antwort.

Ich duschte, zog frische Sachen an und ging nach unten in den Gastraum. Magdalena und der Bürgermeister saßen, nun ergänzt durch den Pfarrer und den Pförtner, am Stammtisch und becherten, was das Zeug hielt.

Ich begab mich zu der illustren Runde und bat Magdalena, mir einen Kaffee und etwas zu Essen zu ordern.

Ehe die Bestellung da war, stand schon wieder ein Glas Wodka vor mir.

„Ich will nicht“, sagte ich mit jämmerlicher Stimme zu Magdalena.

„Komm, trink! Muss feiern Fabrikkauf. Jetzt wichtig, bekommen Freunde mit wichtige Menschen in Dorf.“ Sie prostete mir zu, lachte und hob ihr Glas.

Das Unglück nahm seinen Lauf.

Mein Polnisch wurde immer besser und mein Alkoholpegel immer bedrohlicher.

Etwa eine Stunde später klingelte mein Telefon. Christina rief an. Sollte ich rangehen? Meine Zunge war schwer und sie würde sehr schnell erkennen, dass ich – es war gerade einmal 16:30 Uhr – betrunken war.

Ich ließ es einfach läuten und grinste, beschwipst wie ich war, dümmlich in die Runde. Als das Klingeln aufgehört hatte, nahm ich das Telefon und ließ die Übersetzungs-App blechern tönen: „Moje rozmowy żona!”

Schallendes Gelächter und eine neue Runde Wodka waren die Reaktion der Anwesenden.

Widerwillig leerte ich das Glas und bat Magdalena, noch etwas „Finger Food” zu bestellen, damit ich dem Wodka irgendetwas entgegensetzen konnte.

Die Bedienung, deren Schönheit ich bis dahin irgendwie missachtet hatte, stellte ein paar Happen auf den Tisch, und natürlich war auch Brathering dabei.

Erneut klingelte mein Telefon.

„Twoja żona dzwoni?”, fragte der Bürgermeister, und Magdalena übersetzte es mit: „Deine Frau ruft an.”

Ich entschuldigte mich, begab mich in eine ruhige Ecke und nahm das Gespräch an, darum bemüht, mich normal zu artikulieren. „Hallo, Christina Mäuschen.“

„Du bist betrunken!“ Sie hatte es sofort gemerkt.

„Jepp“, gab ich kichernd zu.

„Sebastian … so geht das nicht weiter!“

„Jawohl, Chef“, lallte ich.

„Ich meine das ernst“, hörte ich ihre erregte Stimme.

„Christina. Kommma wieda runta. Isch mach das nich freiwä–, freiwe–, na hier -willig. Hihi. Das ist hier nun mal so“, gluckste ich.

„Einfach mal Nein sagen?!“

„Habis ja, bringt nix. Ich glaub, die verstehen misch nisch“, versuchte ich mit schwerer Zunge zu erklären.

Christina legte ohne ein weiteres Wort auf.

„Du misch auch, Mausebärchen“, teilte ich dem Telefon trunken mit und kehrte zurück an den Tisch.

Die versammelte Gesellschaft schaute mich an, und ich ließ ein inbrünstiges „Kurwa Mać“ ertönen.

Alles grölte, und ich setzte mich wieder.

 

Nach und nach verabschiedeten sich der Bürgermeister, der Pförtner und auch der Pfarrer. Und auch Magdalena kam, nachdem sie eigentlich nur zur Toilette wollte, irgendwann nicht mehr zurück.

Ich saß vor einem vollen Glas Wodka, schob mir einen Brathering in den Mund und dachte über das Telefongespräch mit Christina nach, als sich die Bedienung zu mir setzte.

„Hallo. Ich bin Milena“, zwitscherte sie mit hinreißendem polnischem Akzent und schaute mich aus großen blauen Augen an.

„Hallo, Milena. Ich bin Sebastian … und betrunken.“

„Ich weiß. Es ist gar nicht so einfach, mitzuhalten“, bemerkte sie keck.

„Sprichst du wirklich so gut Deutsch oder bin ich so betrunken?“, fragte ich interessiert und trank einen Schluck.

Milena goss Wodka nach und musterte mich. „Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Und du so?“

„Ich? Ich … keine Ahnung … ich will nach Hause.“

Milena drückte mir das Wodkaglas in die Hand und nahm ihres ebenfalls. „Na zdrowie!”, flüsterte sie, leerte ihr Glas auf Ex und fuhr sich dann mit der Zunge über die Lippen.

„Prost”, gab ich zurück und nippte gedankenverloren an meinem Glas.

Milena rückte näher, legte ihre Hand auf meine und fragte, aus welcher Gegend ich stamme.

„Erzhausen, ein kleines Dorf bei Frankfurt”, sagte ich, schaute ihr in die Augen, und irgendwie erinnerte sie mich an Anna, obwohl sie blond und größer war.

Der Wodka wirkte.

Junge, lass es. Geh auf dein Zimmer und schlaf deinen Rausch aus, ermahnte mich mein Unterbewusstsein, doch ich hörte nicht zu. Und als Milena weiter meine Hand streichelte und mich bat, von mir zu erzählen, da tat ich das und schüttete ihr mein Herz aus.

Sie hörte geduldig zu, war teilweise sichtlich verwirrt, gerade wenn es um Anna und Lilja ging, lauschte aber weiter und lächelte mich liebevoll an. Vielleicht bildete ich mir das aber auch nur ein.

„Oh Mann. Und ich dachte, ich hätte Probleme”, entfuhr es ihr, als ich nach etwa einer Stunde mit meinem Monolog fertig war. Milena sah auf die Uhr, bat um Entschuldigung, ging zur Eingangstür und schloss diese ab. Dann begab sie sich in einen Nebenraum und kam nach fünf Minuten in Zivilkleidung wieder zu mir. „Heute kommt eh keiner mehr”, kommentierte sie ihr Tun und forderte mich auf, aufzustehen.

Ich schaute sie fragend an.

„Los. Kleiner Spaziergang. Tut dir bestimmt gut”, drängte sie, zog mich in die Senkrechte, und dann gingen wir durch die Küche nach draußen.

Die Sonne verschwand gerade hinter dem Horizont, während wir ein Stück durch das Dorf liefen, vorbei an der Bratheringfabrik und dann über einen Feldweg in Richtung des nahen Waldes.

Mein Kopf wurde klarer, die frische Luft tat gut, aber die Situation war so irreal. Ich spazierte mit einem Mädchen, welches ich nicht kannte, in einem Ort, den ich nicht aussprechen konnte, in die Abenddämmerung.

Milena erzählte von sich, ihrer Kindheit in Deutschland und dem krassen Schnitt in ihrem Leben, als ihre Mutter sich von ihrem Vater getrennt hatte und mit ihr wieder nach Polen gezogen war. Eigentlich wollte sie schon längst nach Deutschland zurückgekehrt sein, um zu studieren, doch stattdessen hing sie jetzt in diesem Kaff fest und arbeitete im Wirtshaus. Plötzlich blieb sie stehen, griff meine Hand und zog mich zu sich.

„Milena … Ich … ich kann nicht … also ich …”

„Was denn?”, fragte sie und brach in schallendes Gelächter aus. „Du hast doch nicht gedacht, dass ich …, dass ich … Ich bin nicht Anna oder Lilja, die du mit deinem Charme mal eben auf einem Feldweg beim Spazierengehen zum Erliegen bringst.”

„Was dann?”, fragte ich irritiert.

Sie grinste und bemerkte: „Du wärst fast in den Kuhfladen da getreten.” Dabei zeigte sie auf den kleinen Haufen auf dem Weg.

Ich lachte ebenfalls. „Sorry, ich wollte nicht …”

Wir standen uns gegenüber und sahen uns einen Moment lang stumm an. Dann küssten wir uns.

Am nächsten Morgen nahm ich gerade noch wahr, wie sie aus meinem Zimmer huschte.

Was bringt mich eigentlich immer wieder in solche Situationen?, tadelte ich mich selbst und stand auf.

Die folgende Dusche weckte meine Lebensgeister, und ich ging nach unten zum Frühstück.

Magdalena begrüßte mich mit einem verstohlenen Grinsen. Sie wusste scheinbar genau, dass ich heute Nacht nicht allein gewesen war, und auch, wer das Bett mit mir geteilt hatte.

„Na, Herr Berger? Gute Nacht gehabt?”, erkundigte sie sich nach meinem Befinden.

„Ich denke ja. Wann geht der Flug?”, erwiderte ich und setzte mich an den Tisch.

„Herr Berger fliegen um 14:35 Uhr, ich bleiben noch hier, hat Herr Rengers gesagt. Muss kümmern um Fabrik.”

Ich nickte und trank einen Schluck Kaffee. „Weißt du, wo Milena ist?”

„Milena sagt lieben Gruß, aber kommt heute nicht. Hat frei. Soll ich sagen, du bist netter Kerl. Bleiben wie du bist”, ließ mich Magdalena mit einem Augenzwinkern wissen.

Bleiben wie du bist, wiederholte ich stumm und hätte mich am liebsten dafür geohrfeigt, dass Milena mich für nett hielt, obwohl ich mit ihr aus einer Laune heraus in die Kiste gestiegen war, wohl wissend, dass wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen würden.

Was war ich eigentlich? Ein nach Harmonie suchender, hilfsbereiter, netter Kerl, der moralisch gesehen jedoch eine einzige Katastrophe darstellte. Wollte ich zu viel? Suchte ich nach dem Heiligen Gral?

Nackte & Tatsachen

Im Hausflur ließ ich meine Tasche fallen und ging in die Küche. Christina schien nicht da zu sein, was mir durchaus recht war. Die Kaffeemaschine hatte mich sehnsüchtig erwartet und produzierte freudig zischend das schwarze Glück.

Nach einer Tasse Kaffee und der Lektüre verschiedener Werbebroschüren ging ich nach oben, um meine Klamotten auszupacken und mich frisch zu machen. Als ich gerade an der Badezimmertür vorbeiging, öffnete sich diese, und nur mit einem Slip bekleidet stand plötzlich Anna vor mir.

Durchaus überrascht guckten wir einander an, hatte doch der eine den anderen nicht erwartet. Es dauerte einen Moment, bis der Groschen fiel.

„Sebastian?”

„Anna?”

Schnell verdeckte sie mit ihrem linken Arm ihre Brüste.

Ich rollte mit den Augen. „Habe ich schon gesehen. Find sie immer noch großartig.”

Anna drehte sich wortlos um, ging wieder ins Bad und schloss die Tür hinter sich. Nach wenigen Augenblicken kam sie mit einem T‑Shirt und einer Hose bekleidet wieder nach draußen. „Christina hat gesagt, dass du erst morgen zurückkommst. Sorry, falls ich dich erschreckt habe”, teilte sie monoton mit und ging nach unten.

Ich schaute ihr hinterher, schüttelte den Kopf, ging ins Bad, um mich kurz zu erfrischen, und begab mich dann auch nach unten.

Anna saß in der Küche am Tisch und kämmte ihre Haare.

„Ich würde ja eigentlich fragen, warum du halb nackt durch mein Haus läufst, aber … egal”, stichelte ich und setzte mich zu ihr.

„Ich habe nachher ein Date und wollte mich kurz frisch machen. Christina meinte, es wäre okay, wenn ich es hier mache. Geht schneller, als nach Hause zu fahren.”

Ich versuchte, meine Gefühle für sie zu verdrängen, musterte sie, erfreute mich an ihrer wundervollen, makellosen Erscheinung, doch ihre Worte fühlten sich an, als wenn sie mit einem Messer auf mich einstach. Ich stand seufzend auf, nahm meinen Kaffee und ging wortlos aus der Küche.

„Sebastian?”, rief sie mir nach, doch ich missachtete sie und ging nach oben.

Warum hat sie nicht einfach gelogen, mir irgendwas erzählt … egal was. Nein, sie muss mir gerade heraus, ehrlich mitteilen, was sie vorhat, krochen die Gedanken durch mein Hirn. Nach einer Weile des Grübelns wurde mir jedoch klar, dass sie eigentlich genau das Richtige getan hatte … es mir so gesagt, dass ich es auch begreife. Es war wohl der beste Weg. Ich versuchte mir nun genau das einzutrichtern, ließ mich in meinen Sessel fallen, schob mir die Kopfhörer auf die Ohren, schloss die Augen und ließ mich von Janis Joplin berieseln.

Nach einer Weile tippte mich jemand an.

Ich öffnete die Augen und schob die Kopfhörer nach unten. Anna stand vor mir. „Was denn?”, fragte ich ungehalten.

„Happy Birthday!” Sie reichte mir ein hübsch verpacktes kleines Geschenk.

„Danke”, stotterte ich und wollte noch etwas sagen, aber sie drehte sich bereits wieder um und ging hinaus.

Ich legte das Präsent auf den Tisch und schaute ihr sehnsüchtig nach. „Vorbei, der Mai!”, sagte ich zu mir selbst, stand auf, griff eine Flasche Whisky und goss mir ein Glas voll. „Happy Birthday, Arschloch!”, gratulierte ich mir laut selbst und leerte das Glas auf Ex.

Christina ließ auf sich warten. Da sie sich noch nicht gemeldet hatte, war sie definitiv immer noch sauer. Ich konnte es nicht ändern und es war mir irgendwie auch egal. Und genau das, dass es mir egal war, machte mir ein wenig Angst.

Das Telefon klingelte und riss mich aus meinen Gedanken.

Ich eilte nach unten, nahm ab und meine werte Frau Mama gratulierte mir zu meinem Ehrentag. Sie erzählte davon, was für ein süßes Baby ich doch gewesen sei, ihr ganzer Stolz und so weiter.

Nach einer halben Stunde verabschiedete sie sich und ich war wieder allein mit mir, meinem Geburtstag, meinen Gedanken und Annas halb nacktem Körper vor meinem inneren Auge.

 

PERKELE!

 

Irgendwann stand Christina in der Wohnzimmertür.

„Doch schon da?”, begrüßte sie mich kühl.

„Sieht so aus”, entgegnete ich mit dem Whiskyglas in der Hand.

„Schmeckt auch schon wieder?”, fuhr sie fort, und ich bekam Lust auf Konfrontation.

„Ja, wie immer!”, konterte ich patzig.

Christina verschwand, ich goss mir nach, wechselte zu Pink Floyd und schob mir die Kopfhörer wieder auf die Ohren. „Welcome to the Machine” durchflutete mein Hirn, und ich gab mich den Klängen hin, versank in Trance, sang leise mit, bis plötzlich etwas meinen Kopf streifte.

Ich öffnete erschrocken die Augen und vor mir stand eine wutentbrannte Christina, die mit Schaum vor dem Mund geiferte: „WER IST SIE?”

„Wer ist wer?”, fragte ich und schob den Kopfhörer nach unten.

„Sie!”

„Sie was?”

„Der Slip?!”

„Welcher Slip?”

„Auf deiner Schulter!”

 

Ich drehte meinen Kopf und erblickte tatsächlich einen weißen Slip, der am Körper einer Frau mehr gezeigt hätte, als er verdeckte, auf meiner Schulter.

„Wem gehört der?”, fragte ich unaufgeregt.

„Das will ich von dir wissen!”, empörte sich Christina.

Der angeschlagene Ton gefiel mir nicht, mein Hals schwoll an, mein gutes Benehmen krabbelte unter den Tisch, um sich zu verstecken, und es platzte aus mir heraus: „Keine Ahnung! Vielleicht Milena!? Wen interessiert’s?!”

Christina schaute mich erschrocken an. „Milena?”

„Ja, Milena! Die Bedienung aus dem Gasthof in Pritschelpitschepotsche, oder wie das hieß!”

Christinas Schnappatmung war durchaus interessant anzusehen, und ich musste grinsen.

„Sebastian, das ist nicht witzig!”, kommentiere sie scharf.

„Doch, ist es!”, ließ ich mutig verlauten.

Christina war kurz vorm Platzen, und ich genoss das aus irgendeinem Grund, wartete auf den Ausbruch, der folgen sollte, doch es passierte nichts dergleichen.

Christina drehte sich wortlos um und ging nach draußen.

Die Haustür krachte mit Schwung ins Schloss, sodass die Whiskygläser im Regal klirrten, dann war Ruhe.

Ich holte den Laptop und schrieb weiter an meinem Buch, schrieb und schrieb und schrieb.

Erschrocken blickte ich auf die Uhr. Es war mittlerweile 4:00 Uhr morgens.

Ich schickte FPJ eine E Mail, dass ich mit akutem Brechdurchfall auf dem Klo säße und nicht zur Arbeit kommen könnte. Dann legte ich mich auf die Couch, ließ die Gedanken schweifen, schlief ein und träumte merkwürdige Dinge, über die ich diesmal nicht berichten werde.

Gegen 11:00 Uhr wurde ich wach, Christina war nicht da und ich schrieb weiter. Die Poolerinnerung ploppte auf, ich drückte sie weg.

Mein Buch nahm langsam Form an.

Je nach Schriftformatierung war ich auf Seite vierzig oder fünfzig oder sechzig. Ein stolzes Lächeln huschte über mein Gesicht und ich machte mir einen Kaffee.

Um 14:00 Uhr, von Kaffee und Zigarillos am Leben erhalten, tippte ich immer noch wie ein Wilder auf der Tastatur herum, als sich plötzlich ein Schlüssel in der Haustür drehte und etwa eine Minute später ein kleines behaartes Etwas vor mir im Wohnzimmer stand und freudig hechelnd auf das Laminat pisste.

„Tipsi, bei Fuß!”, rief Christina nach dem hässlichen Fellknäuel, welches sich als Chihuahua entpuppte.

„Was zur Hölle!”, entfuhr es mir mit dröhnender Stimme, und der kleine Drecksköter kniff den Schwanz zwischen die Beine und verschwand nach draußen.

Christina kam auf mich zugestürmt und entschuldigte sich für den vergangenen Abend und ihre Vorwürfe. Sie hatte mit Anna telefoniert. Selbige stellte sich dabei als Besitzerin der Unterwäsche heraus. Sie hatte den Slip wohl im Bad vergessen. Abermals bat Christina um Verzeihung und warf sich mir an den Hals.

„Und warum der Hund?”, würgte ich ihre Versöhnungsversuche ab.

„Ich dachte … wenn es schon nicht mit einem Baby funktioniert. Er ist doch so niedlich. Oder?”

Das kleine Etwas wedelte zwischen Christinas Beinen mit seinem Schwanz und schaute mich grimmig an. Ich schüttelte mit dem Kopf.

„Das ist kein Hund. Das ist ein … was auch immer.”

„Es ist eine Sie”, teilte Christina stolz mit.

Ich atmete tief ein und wieder aus und bestimmte: „Abgelehnt!”

„Warum?”

„Darum!”

„Das kannst du nicht einfach so bestimmen!”

„Mein Haus!”

„Wir teilen uns die Kosten.”

„Argh!”

Tipsi schaute uns abwechselnd an und wartete wohl auf ein Leckerli. Christina ging nach unten, und das Fellknäuel folgte ihr auf den Fuß.

Na super!

Die Tage vergingen und die Fellwurst fühlte sich wohler und wohler im Haus, pisste überall hin, jaulte mitten in der Nacht herum und sorgte auch sonst dafür, dass ich keinerlei wohlwollende Gefühle für es entwickeln konnte. Tipsi hier, Tipsi da, Tipsi dort. Am besten war noch Christinas Bemerkung: „Guck mal. Tipsi kann so süß lächeln!”

„What the fuck? Hunde lächeln nicht, Christina!”

„Aber guck doch mal. Es sieht beinahe so aus als ob.”

Augenrollen meinerseits und ein Knurren des Hundes beendeten die Konversation.

Ich überlegte, wie ich ihr diese grottendämliche Töle wieder ausreden konnte, sann auch danach, entweder einen Papagei oder einen Leguan anzuschaffen, um einen Ausgleich herzustellen.

Zu meinem Glück endete das Kapitel Hund im Haus bereits zwei Wochen später.

Nachdem Tipsi unter anderem mehrere von Christinas Schuhen zerkaut, auf ihr Kopfkissen gepinkelt, einige meiner Schallplatten angefressen und mehrfach auf Christinas Perserteppichimitat gekackt hatte, gab sie den Hund entnervt zu ihrer Mutter, wo er sich merkwürdigerweise keinerlei solche Verfehlungen leistete.

Dass ich die entsprechenden Schuhe und die Schallplatten (welche aus einem Konvolut vom Flohmarkt stammten und ich eh nicht mochte) mit Speck eingerieben hatte, den Kopfkissenbezug neben meinem Haus an einen Baum gebunden hatte, damit der Nachbarshund ihn markiert, und Tipsi Abführmittel verabreicht und ihn dann zusammen mit dem Teppich in die Wäschekammer gesperrt hatte, bleibt bitte unter uns.

Finnland für Fortgeschrittene

Pünktlich um 11:35 Uhr hob der Airbus A 319 in Frankfurt ab. Ich gierte nach meinem ersten Karhu seit Wochen und beobachtete, nach dem Erlöschen des Anschnallzeichens, sehnsüchtig die Stewardessen, wie sie den Wagen für das Bordbistro fertig machten. Wir saßen relativ weit hinten, sodass der Wagen bis ganz nach vorn fahren würde und es mindestens eine halbe Stunde dauerte, bis ich mir ein Karhu in den Hals schütten konnte.

Dies war selbstredend inakzeptabel, und so wartete ich gespannt wie eine Gazelle darauf, die Stewardess in dem Moment abzupassen, in dem sie den Wagen an mir vorbeischob, um freundlich nach einem Bier zu fragen.

Während Christina den Start genoss und kurz davor war, die Kotztüte zu benutzen, ließ ich die Stewardess nicht aus den Augen. Hoffentlich verstand Christina das nicht falsch. Es ging mir ja nicht um die gutaussehende, stets lächelnde junge Dame im kurzen Rock. Ich wollte einfach nur ein Bier. Und zwar nicht irgendein Bier, sondern Karhu-Bier. Wenn ich ganz großes Glück hatte, gab es sogar das gute Karhu A und nicht nur das 4,6 prozentige Karhu III.

Während die Stewardess, nachdem wir die Reiseflughöhe erreicht hatten, damit begann, den Wagen durch den Gang zu schieben, bereitete ich mich darauf vor, ihr sanft und mit einem netten Lächeln an den Arm zu tippen. Doch als sie den Wagen an mir vorbeischob, verfehlte ich ihren Arm und drückte meinen Finger in ihre Pobacke.

PERKELE!

Ihr eiskalter Blick sagte mehr als tausend Worte, und ich traute mich nicht mehr, nach dem Bier zu fragen, auch wenn ich aufgrund meines Fauxpas plötzlich noch mehr Durst hatte.

Fünfunddreißig Minuten später hatte mir die junge Dame entweder verziehen oder tat einfach nur ihren Job. Und auch wenn es nur Karhu III war, es schmeckte wunderbar. Die Tatsache, dass ich gleich zwei Dosen geordert hatte, brachte Christina natürlich geringfügig in Diskussionsfreude, jedoch ließen die folgenden Turbulenzen sie zu meinem Glück wieder verstummen.

In Helsinki stiegen wir in die Propellermaschine um, was Christina zu einem entrüsteten: „Wir fliegen nicht wirklich mit so was?!“, animierte.

Schadenfroh zog ich sie aus dem Bus, wir liefen die hundert Meter über das Vorfeld und kletterten über die Hühnerleiter in das Heck der ATR.

Ich hatte uns vorausschauend Plätze in der letzten Reihe reserviert, was Christina aber auch wieder nicht recht war, da sich die Sitze nicht nach hinten klappen ließen.

Wie man es macht, dachte ich und fragte eine Flugbegleiterin auf Finnisch, ob denn auf diesem Flug Karhu A zu haben sei.

Christina beäugte mich argwöhnisch von der Seite und bemerkte: „Hast du nach Bier gefragt? Du hattest doch schon zwei?“

Karhu bedeutet auf Finnisch auch Bär und ich habe gefragt, ob sie wisse, ob Bären in Finnland auch Rentiere fressen“, log ich.

„Ich glaub dir kein Wort“, teilte mir Christina spitz mit und versuchte, es sich bequem zu machen.

Die Motoren starteten und Christina beschwerte sich über die Lautstärke.

„Rate mal, warum ich die Plätze hier hinten gebucht habe. Vorn ist es noch lauter. Aber ich habe an dich gedacht“, merkte ich an und reichte ihr Ohrstöpsel.

Sie schob sich den Schaumstoff in die Ohren, und als die Maschine losrollte, ergriff sie meine Hand. Ich verdrehte die Augen und schaute nach draußen, beobachtete andere ankommende Flugzeuge, dann hob der Flieger ab und zehn Minuten später war Christina dank eines überdosierten Beruhigungsmittels eingeschlafen.

Mit einem beinahe akzentfreien „Anteksi iksi olut“ orderte ich ein Bier, und diesmal war es tatsächlich ein Karhu A mit seinen geschmeidigen 5,9 Prozent.

 

Nebenbei ein Fun-Fact aus unserer beliebten Kategorie „Dinge, die man über Finnland unbedingt wissen sollte“:

Alkoholische Getränke unter 4,7 Prozent Alkohol sind in Finnland frei verkäuflich, alles darüber gibt es nur in speziellen Geschäften, die „ALKO“ heißen. Witziger Name, oder? Und natürlich ist der Biergenuss in Finnland auch eine Preisfrage. Kostet eine 0,33 Liter Dose Karhu III mit 4,6 Prozent im Supermarkt etwa 1,00 Euro, so schlägt die Karhu A Variante mit 5,9 Prozent gleich mal mit circa 2,50 Euro zu Buche.

Bekomme ich also im Flieger für immerhin 5,00 Euro pro Dose Karhu A, dann lacht das Herz.

 

Zurück zum Thema.

Während ich genüsslich mein Bier trank, schnarchte Christina leise vor sich hin und konnte mir das wenigstens nicht vorhalten. Die Maschine setzte in Kajaani auf, hob aber aufgrund von Windböen wieder ab und drehte eine Ehrenrunde. Christina wurde davon wach und fragte, was los sei.

Ich teilte ihr mit gespielt besorgter Miene mit, der Pilot habe den falschen Flughafen erwischt, was Christina ganz und gar nicht lustig fand. Kurze Zeit später gelang die Landung, und ich flüsterte ihr zu: „Immerhin. Zwei Landungen zum Preis von einer!“

Wir standen an der Gepäckausgabe, warteten auf unsere Koffer, und kurze Zeit später stürmte Bernd auf uns zu, der sich wie ein kleines Kind zu Weihnachten über unsere Ankunft freute.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
null
ISBN (eBook)
9783968170770
ISBN (Buch)
9783968170633
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v520147
Schlagworte
Humor-voll-er-roman-e Roman-tic-comedy Romanti-k-sch-e-komödie Lieb-es-geschicht-e Männer-roman-e Urlaub-s-lektür-e Lad-Lit

Autor

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    Mika Karhu (Autor)

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Titel: Brathering reloaded