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Mörderisch verspielt

von Kristin McFarland (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Autumn Sinclair hat alles, was sie sich wünscht: liebende Freunde, ein erfolgreiches Geschäft und eine Schar von Kunden, die ihr zu Füßen liegen. Ten Again ist der Hotspot für die Gaming-Community – zumindest bis einer ihrer Spieler auf mysteriöse Weise ermordet wird. Plötzlich scheint jeder Besucher in der Mall verdächtig.

Schnell machen Gerüchte die Runde, wodurch nicht nur Autumns Ruf und der ihres Gaming-Geschäfts auf dem Spiel stehen, sondern auch ihre Kunden in Gefahr geraten. Sie ist gezwungen zu handeln und selbst zu ermitteln! Kann Autumn das Blatt wenden oder sind die Würfel bereits gefallen?

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe März 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-003-9
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-086-2

Copyright © Mai 2019 by Kristin McFarland
Titel des englischen Originals: No Saving Throw

Übersetzt von: Antonia Groß
Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © Mizina, © fergregory
shutterstock.com: © PriceM, © khaffizzul hakim
Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

In liebevoller Erinnerung an meine Mutter,

Terry McFarland,

die selbst meine wildesten Träume unterstützte.

1

„Was bedeutet das, ein Vampir hat ihn getötet?“ An meiner Bürotür rannte kreischend ein Schwarm vom Zucker berauschter Kinder in Vorfreude auf das Wochenende vorbei wie Jawas auf dem Markt an Altmetall-Ausverkaufstagen.

Hohe Stimmen zwitscherten, Gelächter hallte als Echo von den Mauern zurück und eine aufgeregte, Stimmung lag in der Luft. Verärgert stand ich auf und schlug die Tür zu. Auf der anderen Seite sagte eine kindliche Stimme „uuuh“ und es entzündete sich ein weiterer Kicheranfall.

Am anderen Ende der Leitung jammerte Cody weiter, er sagte etwas über Aliens und Waffen und dass er keine Holzpflöcke habe und wie ungerecht alles sei.

Ich stapfte um meinen chaotischen Schreibtisch und ließ mich in meinen Bürostuhl fallen, doch etwas Spitzes stach durch den weichen Stoff meiner Hose. Ich sprang mit einem empörten Quietschen auf.

„Ich weiß!“, sagte Cody. Er war völlig neben der Spur.

„Nein, das ist nicht – ”

„Aber es ist dein Job, dafür zu sorgen, dass der Spielführer ein faires Spiel anleitet“, sagte er und tat so, als ob ich nichts gesagt hätte. „Ich habe sehr viel Zeit und Mühe in diese Figur investiert, und wenn er das so mir nichts dir nichts mit einer lausigen Nacht von schwachköpfigem Weltenbau zunichtemachen kann, dann muss er ausgetauscht werden.“

„Es tut mir leid, dass du dich so fühlst, aber ich habe keine Kontrolle über die Spiele samstagnachts.“ Ich beugte mich nach hinten und suchte nach der Ursache für meine Schmerzen am Hintern, nach einer jedenfalls, die andere winselte derzeit am Telefon. Etwas Leuchtendes ragte aus der Sitzfläche meines Stuhls. „Du musst das mit deiner Truppe klären, wenn du ein Problem hast.“ Ich grub meine Hand in den Stuhl und suchte herum bis ich meinen neuen Angstgegner herauszog. Es war ein winziges Zinnfigürchen, eine Frau in lächerlicher Rüstung. Sie hielt einen Speer, der so lang war wie ihr Körper, direkt in meine Po-Richtung. Ich blickte sie und ihre stolz zur Schau gestellten Möpse finster an, dann schleuderte ich sie mit einem mitleiderregenden metallischen Klirren in die nächste Ecke.

„Zu mir zu kommen bringt gar nichts. Ich bin nicht deine Mum.“ Er stotterte. „Aber dir gehört der Laden. Du rufst diese Spiele ins Leben –“

„Ich finanziere sie. Ich leite sie nicht. Du bist ein großer Junge. Du schaffst das.“ Ich legte verärgert auf, und ließ mich in meinen Stuhl fallen.

Ich verweilte dort nur kurz, bevor ich mich irritiert umsetzte. Ich trug immer noch den Anzug, den ich aus meinem Schrank zutage gefördert hatte, den, den ich für meinen Abschluss an der Wirtschaftshochschule gekauft und in der darauf folgenden Dekade nicht ausgetauscht hatte. Die Hose zog meine Unterhose so heftig nach oben, dass es weh tat, genau das, was ich nicht gebrauchen konnte, wo ich mich sowieso schon unwohl fühlte. Kleider aus meinen Zwanzigern zu tragen war auf jeden Fall ein Fehler. Zuzulassen, dass ein verwöhnter Spieler voller Komplexe mir auf die Nerven geht war ein noch größerer.

Vor meiner Bürotür hörte ich einen Chor pubertierender Stimmen zu einer Sinfonie von Erregung ansteigen – meine Angestellten, Hector und Bailey, hatten offenbar Gruppen für die Ziehung des Hexers gebildet. Die neuen Spielkarten waren heute Nachmittag eingetroffen, als ich frei hatte und so tat, als sei ich erwachsen. Die eingefleischten Fans waren vor mehr als einer Stunde eingetrudelt und warteten darauf, dass die Reihe an ihnen war, um irgendwelche Kartenstapel zu errichten und an einem Turnier teilzunehmen.

In der Zwischenzeit versuchte ich mich daran zu erinnern, warum ich jemals gedacht hatte, es sei eine gute Idee, um das große Geld im grünen Einkaufszentrum Independence Square, dem Gebäude, das meinen Laden Ten Again beheimatete, zu konkurrieren. „Schreibe einen detaillierten Antrag“, sagten sie. „Wir haben Geld, um unseren innerstädtischen Handel zu verbessern und wir wollen es dir geben.“

Es hatte damals alles so einfach geklungen, bevor mein Antrag zu einer Serie von Vertragsklauseln führte, die dann zu einer Präsentation vor dem kleinen Geschäftsausschuss der Stadt wurden und dann – tja, es war besser über den Rest nicht weiter nachzudenken.

Ich schaute auf meine gespannte Bluse hinunter, einfach um sicherzugehen, dass auch alles ordentlich weggeknöpft war. Alles war in Ordnung. Ich stieß einen Seufzer aus, eine Mischung aus Erleichterung gepaart mit Bedauern. Gewiss, jetzt wollte meine Garderobe funktionieren.

Einen Moment später vernahm ich einen dumpfen Schlag gegen meine Bürotür und hörte lautes Rufen, gefolgt von hektischem Klopfen und Hectors Stimme, die sagte: „Autumn, ich brauche dich hier draußen.“

Ich schloss kurz die Augen, dann zog ich meine Kostümjacke von der Stuhllehne. Der butterweiche Kaschmir und das kühle marineblaue Innenfutter in meinen Händen beruhigten meine überreizten Nerven. Ich nahm das teure Kleidungsstück, presste es auf meinen Mund und schrie. Das Jackett dämpfte meine Laute mit Erfolg und ich seufzte erleichtert auf. Ich schüttelte es aus und hängte es wieder über die Stuhllehne. Es wurde Zeit für die Tierfütterung.

Ich öffnete die Tür einen winzigen Spalt und linste vorsichtig hinaus.

Hector Tran, einer meiner Angestellten, drückte die Tür weiter auf, indem er einen Arm durch den Spalt schob wie eine im Badezimmer eingesperrte Katze. Misstrauisch machte ich einen Schritt zurück. „Was?“

„Hilf mir.” Er presste sein Gesicht an die Tür, seine Augen waren weit geöffnet und glasig. „Ich kann mit denen nicht mithalten.“

Ich öffnete die Tür ganz. „Wir schaffen das, Hector. Das sind doch nur Teenager.“

„Nicht alle.“ Hector sah so aus als wolle er sich an meine Schulter klammern und mich schütteln.

„Das sind erwachsene Männer da draußen. Einer trägt sogar eine Krawatte.“

„Ach, mit dem werden wir auch fertig.“

„Und Cody hat angerufen.“

„Ich weiß. Er hat auch mit mir gesprochen. Er sagt, du hättest seine Figur mit einem Vampir getötet. Im All gibt es keine Vampire, Hector.“

„Es war kein Vampir! Er gehörte einer Alienrasse an, die sich von menschlichen Körperflüssigkeiten wie dem Glaskörper ernähren und – “

„Igitt.“ Ich hielt meine Hand hoch. „Es ist mir egal. Aber es klingt, als ob du die Figur explizit erfunden hättest, um ihn sterben zu lassen. Ich weiß, er ist anstrengend, aber du kannst ihn nicht wie einen Aussätzigen behandeln, nur weil er nervt.“

„Ich? Die anderen Spieler baten mich, ihn rauszukicken. Und das war die beste Methode, die mir in den Sinn kam.“

Ich seufzte und machte verzweifelte Schießbewegungen mit meinen Händen. „Ehrlich, überleg dir etwas Besseres. Es gibt schließlich einen Grund dafür, dass du die Verantwortung trägst.“

„Zwing mich nicht, Bay für ihr Spiel einzusetzen.“

„Ha. Bay hätte ihn schon in der ersten Woche sterben lassen. Und nicht nur seine Rolle.“

„Ach ihr. Seid ihr bereit die Kisten zu öffnen?“

„Sie wurden schon geöffnet. Der Mann im Anzug hat sie mit einem Brieföffner geöffnet. Den hatte er in seiner Socke.“

Darüber schaute ich geschwind hinweg und behielt mein beherrschtes Boss-Auftreten.

„Also gut, seid ihr dann bereit, die Ziehung zu starten?“

„Sie haben sich wie Tiere um die Karten gestritten. Ich war mir nicht sicher, wo wir anfangen sollen.“

„Komm, geh jetzt, und mach es!“ Ich wedelte mit meinen Händen vor seinem Gesicht, um ihn zum Schweigen zu bringen. Er zog sich langsam aus meinem Büro zurück und ich sah, wie eine Horde Spieler ihn umzingelte wie Haie, die sich daran machten, einen Seelöwen zu verspeisen. Ich schloss die Tür vorsichtig nach Luft hechelnd wieder.

Die Notizen zu meiner Präsentation lagen auf einem verlassenen Stapel auf meinem Schreibtisch – all die sorgfältige Recherche über Solarkollektoren und geothermales Heizen, die Fallstudie eines anderen historischen Gebäudes in White Lake, das umgestaltet wurde, um seine Versorgungswirtschaft zu modernisieren, sogar der Vorschlag eines Vertragsunternehmens, eine stärkere Belüftung zu installieren. So viel Arbeit, und alles war vorbei, wie so viele Dinge, nicht mit einem Knall sondern mit einem nervösen Kichern. Aber bestimmt würden sie mich nicht von der Leitung meines Geschäfts abziehen. Nicht wegen so einer dummen Sache.

Erneut klopfte jemand an meine Tür.

Ich brummte, schnellte herum und riss sie mit einem Ruck auf.

„Was?” fauchte ich.

Meine seit mehr als zwanzig Jahren beste Freundin, Jordan Hansen, wich einen Schritt zurück, als sie mich sah. Ihr Schock verblasste schnell und wurde zu Verwirrung, als sie mein Aussehen bemerkte. Aus der Verwirrung wurde schnell Erheiterung. Sie grinste.

„Du siehst aus wie deine Mutter“, sagte sie.

„Nicht. Hilfreich.“ Ich nahm sie am Arm und zog sie ins Büro.

„Was ist los mit dir? Du hast ungefähr hundert Jugendliche da draußen stehen, einen gruseligen Typen im Anzug, und Bay sieht aus, als wolle sie Hector gleich eine runterhauen. Ich habe meine Kampfausrüstung nicht dabei, weißt du.“

Ich plumpste in den Stuhl vor meinem Schreibtisch und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. „Ich weiß, ich weiß. Auf das alles war ich gar nicht vorbereitet.“

Ich hörte ein Knarzen, als sie sich auf meinen Tisch setzte.

„Auf was vorbereitet?“

„Ach, ich hatte doch heute diese große Präsentation vor dem Wirtschaftsentwicklungsausschuss und den Fördermittelkoordinatoren, erinnerst du dich? Sie entscheiden sich diese Woche für den Finalisten der Fördergeldervergabe, deshalb mussten wir alle unsere Pläne darlegen.“

„Stimmt.“

Ich blickte kurz zu ihr auf. „Erinnerst du dich, als Angie Tavers in der sechsten Klasse deine Kleider aus dem Schließfach gestohlen hatte und du deine Rede vor der Schülerverwaltung in deinen Gymnastikshorts und meinem geliehenen Unterhemd halten musstest?“

„Du musstest deine Präsentation aber doch nicht mit heraushängendem Hinterteil halten?“

„Nein, aber … “ Ich schluckte, mir fehlten die Worte. Ich ließ meine Hände von meinem Gesicht sinken und machte eine Bewegung mit meinen Händen auf Jordan zu, so als ob ich ihr an ihre beiden Brüste fassen wollte.

„Nein.“

„Ja.“ Ich vergrub mein Gesicht wieder in meinen Händen. „Der mittlere Knopf meiner Bluse war aufgesprungen.“

„War er die ganze Zeit über offen?“

Ich nickte. „Die ganze Zeit, während ich sprach, störte mein Dekolleté. Die ganze Zeit!“

„Und keiner hat es dir gesagt?“

„Also, Alice war da, und ich dachte, Mann, fummelt die viel an ihrem Pulli herum, aber – nein. Ich habe es nicht bemerkt.“

Es war ein Zeichen unserer Freundschaft, dass Jordan nicht sofort in Lachen ausbrach. Sie blieb lange ruhig, schließlich schaute ich auf.

Hastig veränderte sie ihren Gesichtsausdruck, aber ich zeigte ihr ein halbherziges Lächeln.

„Ich weiß. Mach schon.“

Sie brach in Gekicher aus, lachte so heftig, dass ihre dunklen Augen tränten, und wäre beinahe von der Kante meines Tischs gerutscht.

Ich schüttelte kleinlaut den Kopf, wissend, dass sie den ersten Teil der Geschichte überstanden hatte aber noch durch Schlimmeres durchmüsste. Seit der vierten Klasse waren wir beste Freundinnen, zusammengeschweißtaus schützender Notwendigkeit: Sie war das einzige farbige Mädchen in unserer Schulklasse, und ich war das einzige Scheidungskind. Als mein Vater eine afroamerikanische Frau aus Detroit heiratete, war ich Gesprächsthema.

Jordan und ich hatten uns gegenseitig aufgefangen, und wir waren seitdem unzertrennlich. Heute war sie die erste farbige Frau der White Lake Polizeikräfte – und sie liebte es auf die Ironie dieses Titels hinzuweisen.

Aber sie war einfach die Diana Barry zu meiner Anne Shirley, die mich auf dem Boden hielt, wenn mich meine Phantasiereisen in einen tödlichen Sinkflug zu stürzen drohten.

Als sie sich vor Lachen auf ihren Schenkel schlug, musste ich auch über mein unfreiwilliges Blankziehen lachen.

„Ich kann nicht glauben, dass du deine gesamte Präsentation mit heraushängenden Brüsten gehalten hast.“

Ich zuckte mit den Achseln. „Es wird mich lehren meine Garderobe aufzurüsten. Ich muss mich nun beinahe nie mehr wie eine Erwachsene kleiden. Aber du kennst den schlimmsten Teil noch nicht.

„Es kommt noch schlimmer?“

„Meghan war da, um ihre Präsentation zu halten – und Craig ebenfalls.“

Sie sagte keinen Mucks mehr. „Das war er nicht.“

„Doch.“

Sie dachte für einen Moment darüber nach, dann tat sie es mit einem Achselzucken ab.

„Und? Meghan kann nur neidisch sein und Craig hat das alles vorher schon mal gesehen. Du hast dir möglicherweise selbst einen Gefallen getan.“

Das ließ mich kurz innehalten. „Nein. Was wenn – was wenn sie entscheiden, dass sie mich mögen, nur weil ich mich vor ihnen entblößt habe? Fünfundzwanzigtausend Dollar im Gegenzug für eine kleine Show?“

„Ach, komm. Sie werden dich mögen, weil du gut warst, und weil dein Plan millionenfach besser ist als der der hochnäsigen Meghan Zickengesicht Kountz.“

Zickengesicht. Ich kicherte besänftigt. Es war eine treffende Beschreibung.

„Schön. Du hast recht.“ Ich richtete mich in meinem Stuhl auf. „Aber es ist mir trotzdem gestattet beschämt zu sein. Und sag nicht Zickengesicht, wenn die Kinder dich hören können.“

„Schön und gut.“ Sie hopste von meinem Schreibtisch. „Jetzt hör auf dich zu bemitleiden – du musst eine Party schmeißen.“

Wir waren zwei Schritte aus meiner Tür, als die Katastrophe geschah.

Naja, kleine Katastrophe. Jemand ließ einen Satz Karten in einer farbenfrohen Kaskade von Monstern und Zaubersprüchen zu meinen Füßen fallen, und ein kraushaariges Mädchen stürzte auf mich zu. Jordan drängte sich übertrieben erschrocken gegen die Wand, während ich rotes Haar aus meinem Gesicht pustete.

„Autumn!“ Meine Angreiferin umarmte mich fest. „Das ist unglaublich!“

„Hallo, Paige.“ Sie gehörte zu meinen Stammgästen und besuchte meinen Laden, seit sie an der Universität von Wisconsin – White Lake zu studieren begonnen hatte. Ich sah, wie sie sich von einem schlaksigen Teenager zu einer superheißen jungen Frau im trinkfähigen Alter entwickelt hatte, der die Hälfte der männlichen Spieler wie dressierte Affen hinterherlief.

Zwei aus ihrer Gefolgschaft waren jetzt bei ihr und warfen sich über die verteilten Karten hinweg wütende Blicke zu. Paige strahlte erst mich und dann die beiden an.

„Was ist los mit denen?“, fragte ich sie, als der größere Junge, Nick – ihr aktueller Freund – sich schäumend vor Wut bückte, um die Karten aufzusammeln.

Wes, Paiges Ex-Freund und Nicks bester Freund, kehrte mit einem gekränkten Ausdruck im Gesicht an einen der nahegelegenen Spieltische zurück.

Paige zuckte mit den Schultern. „Das Übliche. Sie kämpfen um die Größe des Kartenstapels.“

Sie kicherte und ich warf ihr ein Lächeln zu. Nick und Paige hatten sich vor über einem Jahr bei einem von Hectors Rollenspielen kennengelernt – ein Spiel, zu dem Wes Paige bei einem ihrer Dates mitgebracht hatte, was mehr als ungeschickt gewesen war. Aber seitdem schien es, als ob die drei sich auf ein eigenartiges, freundliches Dreiergespann eingelassen hätten, und Paige organisierte nun die alle zwei Monate stattfindenden Live-Rollenspiele des Ladens in der Independence Square Mall.

„Es ist schön, euch heute Abend hier zu sehen. Ich wusste nicht, ob ihr kommen würdet, jetzt wo du und Nick beide ins Arbeitsleben eingetreten und zu wichtig geworden seid, um freitagabends zu den Spellcasters zu kommen.“

Paige streckte mir die Zunge heraus. „Wohl kaum. Wir spielen heute Abend – das ist der einzige Freitag in diesem Monat, an dem wir alle zusammen kommen konnten.“

„Wirklich?“ Ich runzelte die Stirn. „Ich hatte nicht die Gelegenheit es Donald zu sagen, der Sicherheitswachmann wird es auch nicht wissen – und ich strapaziere schon maximal meine Glaubwürdigkeit im Gebäude bei all diesen herumrennenden Kindern nach Geschäftsschluss.“

Sie öffnete ihren Mund, wahrscheinlich um mich zu beruhigen, aber ich entdeckte Hector auf der anderen Seite des Raums, der mir hektisch von der Kasse her zuwinkte.

Ich seufzte, entschuldigte mich und glitt durch die Menge, um zu ihm zu gelangen.

Als ich den Tresen erreichte, zog er mich zu sich und zischte: „Er ist hier.“

„Wer?“

„Cody!“ Hector nickte in Richtung der Hintertür, die ins Einkaufszentrum führte. Cody lehnte am Geländer der Treppen, die in das tiefer liegende Stockwerk führten, und blickte die glücklichen Kunden um ihn herum finster an. Mit seinem kahlrasierten Kopf und seinem runden Gesicht sah er aus wie das uneheliche Kind eines Kobolds und eines Kürbisgesichts zu Halloween, nur ohne jegliche Niedlichkeit oder Originalität. Er war in seinen frühen Zwanzigern, wie der Rest der Teilnehmer an den Live-Rollenspielen, aber sein unaufhörlich wütendes Benehmen ließ ihn älter erscheinen.

Er sah, wie wir zu ihm starrten, und Hector ergriff meinen Ellenbogen und drehte mich weg. „Schau ihn nicht an!“

Ich rollte mit den Augen. „Warum, weil er mich in Stein verwandeln kann?“

„Wie kam er so schnell hierher?“, murmelte Hector und warf einen dunklen Blick über meine Schulter. Ich drehte mich ebenfalls um, um den merkwürdigen Mann inmitten eines Sees glücklicher Kinder zu beobachten. „Und warum ist er überhaupt hier?“

„Ich weiß es nicht, aber er kommt gerade auf uns zu.“ Ich legte ein falsches Lächeln auf, als Cody sich seinen Weg durch die Menge bahnte, um uns an der Kasse zu treffen. „Glaubst du, wenn wir uns verstecken, wird er es bemerken?“

„Ich weiß es nicht, aber ich werde es versuchen – “

Ich erwischte Hectors Hemd, bevor er davonschleichen konnte. „Nein. Wir haben das im Griff. Hallo, Cody. Wir haben nicht erwartet, dich so früh zu sehen.“

„Ich musste mit ihm sprechen.“ Er zeigte auf Hector, sein Finger zitterte.

„Du musst es rückgängig machen. Die Session gestern Nacht. Was passiert ist, ist nicht akzeptabel.“

„Hör zu, Cody,“ beschwatzte ich ihn. „Hector hat erklärt, was geschehen ist, und ich denke – “

„Er hat meine Figur getötet, weil er mich nicht leiden kann.“

„Da bin ich nicht der Einzige,“ zischte Hector. Cody lief rot an, was ihn aussehen ließ, wie einen besonders schlecht geratenen Granatapfel.

Ich stieß Hector mit dem Ellenbogen an, konnte ihn aber nicht stoppen.

„Die wollen dich alle draußen haben, jeder – frag Wes. Er ist hier irgendwo. Sie baten mich, dich zu vernichten. Wenn dir nicht passt, was passiert ist, dann kannst du es mit denen aufnehmen.“

Cody öffnete seinen Mund und schloss ihn wieder, sein Gesicht jetzt ziegelrot.

In die beklemmende Stille hinein, die nun eingetreten war, sagte ich: „Nicht in allen Gruppen herrscht eine gute Chemie, Cody, und vielleicht hat diese es nicht gut hinbekommen, aber – “ Er drehte sich um und marschierte zurück in die Menge – um Wes zu finden, vermutete ich.

Ich wandte mich zu Hector um, eine Hand auf meiner Hüfte.

„Echt jetzt?“

Er war auch rot, Flecken zorniger Schamesröte färbten seine weißen Wangenknochen. „Haben es nicht gut hinbekommen? Viel, um mich zu unterstützen, Boss!“

Er sagte „Boss“ übermäßig gehässig, dachte ich, und ich fühlte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. Bevor ich ihn mir jedoch zur Brust nehmen konnte, stürmte er los und hinter Cody her.

Ich nahm einen tiefen Atemzug, zählte bis drei und lächelte den Kunden an, der gerade an der Kasse auf mich wartete. Ich nahm die Karten, die er mir gab und zwang mich, mich nach seinem Magier-Kartenspiel zu erkundigen.

Einen Spieleladen zu führen war gelegentlich wie einen Sack Flöhe zu hüten – oder besser Clowns. Triebgesteuerte Clowns im Teenageralter. Pubertierende Clowns, die überempfindlich waren und sich an ihren ausgelatschten Schuhen und leuchtend roten Nasen störten, und sich bisweilen wegen Schummelns Faustkämpfe lieferten.

Normalerweise verbrachte jeder seine Zeit damit Spaß zu haben und zu lachen, aber dann sagte eine Person das Falsche, tötete die falsche Figur, und plötzlich wurde es zu einem irren Horrorfilm mit Clowns, die drohten, sich gegenseitig umzubringen und die Stadtbewohner in Angst und Schrecken zu versetzen.

Als ich mit meinem Kunden fertig war, waren Hector und Cody zurück, Wes im Schlepptau, und herrschten einander zischelnd an. Ich verstand nur Bruchstücke, aber ich hörte Hector deutlich sagen, „Der Anwalt entscheidet“ und Cody sagte, „Anfängerstunde!“ Wes zuckte kleinlaut mit den Achseln.

Ich ließ sie weitermachen, bis der Kunde anfing zu starren, und in diesem Moment schlug ich den Miniaturgong, den wir neben der Kasse aufbewahrten und auf dem zu lesen war: „Nur vom Ladenbesitzer und Nervenhüter zu verwenden“. Er war zwar klein, aber laut genug, um sie mundtot zu machen. Sie starrten mich an. Ich lächelte ihnen süß zu. „Genug.“

„Aber – “

„Aber – “

Wes sah so aus, als wolle er weglaufen. Ein süßer Junge mit weichem braunen Haar und dunklen blauen Augen. Wes sah immer so aus, als wolle er weglaufen. Er war unglaublich gutherzig und ich bezweifelte, dass er irgendetwas mit der Entscheidung der Gruppe zu tun hatte, Cody rauszukicken – ich konnte auch sehen, wie er es schaffte, mit Paige und Nick befreundet zu bleiben. Der Junge machte den Eindruck eines Prügelknaben, wie Godric Gryffindor.

Ich warf ihm, dem schwächsten der Herde, meinen besten Das-ist-ernst-Blick zu.

„Wes, hat die Gruppe entschieden, Cody aus dem Spiel zu schmeißen?“

Er scharrte mit seinen Füßen und sah elendig aus. „Ja.“

„Haben sie Hector gebeten, Codys Figur zu vernichten?“

„Ja.“

Ich wandte mich an Cody. „Na, da haben wir es doch! Es tut mir leid, dass das passiert ist, und ich bedauere, dass es so dürftig gehandhabt wurde, aber du musst das mit den anderen Spielern klären, nicht mit mir. Hector hat getan, was sie wollten, Ende der Geschichte.“

Hector fing an zu grinsen, also war er nun an der Reihe.

„Hector, du hättest den anderen sagen sollen, dass sie sich Cody selbst entgegenstellen müssen. Du bist der Spielleiter, nicht der Vorsitzende des Beliebtheitsclubs, und als Repräsentant dieses Ladens hättest du es besser wissen müssen. Entschuldige dich und sag dem Rest der Gruppe, sie sollen dasselbe tun.“

Sein Gesicht war blutentleert, und ich konnte es ihm nicht verdenken. Ich spürte, wie sich ein Quäntchen Mitleid in mir regte, schob es aber schnell beiseite. Nun musste die Disziplin aufrecht erhalten werden, auch wenn ich es hasste so etwas zu tun und auch wenn das Opfer mit dem mürrischen Gesichtsausdruck meine Rechtsprechung nicht verdiente. Ich war mir sicher,dass die anderen eine Menge Gründe hatten, warum sie Cody aus ihrem Spiel haben wollten, und ich konnte sie kaum dafür verantwortlich machen, dass sie sich der Konfrontation mit ihm nicht stellen wollten.

Hector wandte sich an Cody, geballte Fäuste an seinen Seiten. „Ich … “ Er stockte, sah schlecht aus und schluckte. „Es tut mir leid. Ich hätte die Angelegenheit besser regeln sollen.“ Es verging eine ganze Weile, in der sich beide wortlos anstarrten. Langsam, als ob er sich durch Gelatine bewegte, hob Hector seine Hand und streckte sie Cody entgegen. Cody starrte sie an, als ob Hector ihm einen toten Fisch angeboten hätte und nicht einen Handschlag. Er ging einen Schritt zurück und dann noch einen.

Er hob einen Arm, machte eine Faust und zeigte dann mit einem Finger auf Hector. „Das ist noch nicht vorbei.“ Er drehte sich um und deutete dann auf Wes, der ganz erschrocken aussah, weil er plötzlich im Mittelpunkt stand.„Das. Ist nicht. Vorbei.“ Er wiederholte die Worte langsam, stieß jedes einzelne in einem dermaßen dramatischen Tempo aus, dass es fast schon witzig war, wäre es nicht so lächerlich gewesen. Er machte auf dem Absatz kehrt, marschierte zurück durch den Laden und verschwand durch den Eingang des Einkaufszentrums. Wir alle drehten uns gleichzeitig um, um ihm nachzusehen, und als die Tür zuschlug, sah ich, dass die Hälfte der anderen Kunden von ihren laufenden Spellcaster-Spielen aufsahen, um das merkwürdige Drama zu beobachten, das sich im Vorderbereich des Ladens abspielte.

Ich blinzelte und drehte mich dann zu Hector und Wes um.

Hectors Gesicht hatte eine grünliche Färbung angenommen und Wes’ Mund hing leicht geöffnet nach unten wie bei einem Kind, das sah, wie seine Eltern die Weihnachtsgeschenke herauslegten, die doch angeblich vom Weihnachtsmann kamen.

„Was um Himmels willen war denn das?“, sagte eine Stimme hinter mir.

Ich zuckte zusammen, drehte mich um und sah Bailey Adorno, meine andere Angestellte, die ein Tablett und eine Eieruhr vor sich hertrug, bereit, um mit der Ziehung zu starten.

Ihr asymmetrischer Bubikopf sah zerzaust aus, die blaue Strähne war verstrubbelt und ihre Wangen glänzten hellviolett.

„Das willst du nicht wissen“, sagte ich ihr. „Was ist los?“

„Nicht ausflippen“, sagte sie.

Mein Blutdruck schoss sofort in die Höhe. „Warum?“

„Schau mal, wer hier ist.“ Sie zeigte auf jemanden.

Ich drehte mich um und fluchte.

Hinter mir sagte Hector: „Das macht einen Dollar.“

Ich gab ihm einen Zwanziger und begann zu laufen, um unsere neuen Gäste zu begrüßen.

2

Craig MacLeod, mein Ex-Freund von der Highschool, und seine Freundin Meghan Kountz befanden sich in einem fröhlichen Gespräch mit Paige und einem unwohl dreinblickenden Nick. Meghan war früher Alphaweibchen an der White Lake High gewesen, ein klassisch fieses Mädchen, das mit Wimperntusche ins Fintnessstudio ging und nicht weniger als fünf Trainingsanzüge aus Veloursleder besaß. Obwohl es schon mehr als ein Dutzend Jahre her war, dass wir den Abschluss gemacht hatten, hasste ich sie mit der glühenden Feurigkeit tausender explodierender Sonnen. Wenn mein Hass körperliche Kraft hätte, würde er sie verbrennen, wo sie stand und ein winziges Häuflein Asche und das Stück tickender Stahl, das sie ein Herz nannte, würde übrigbleiben.

Leider hat sich meine Fähigkeit, Menschen mit Geisteskraft in Brand zu setzen, nie gezeigt, sonst hätte ich sie bereits bei lebendigem Leib in dem Sommer verbrannt, als wir beide achtzehn waren und sie mit Craig schlief, während ich weg war, um meine Mum in Madison zu besuchen. Es brach mir das Herz, vernichtete mein Selbstvertrauen und nahm mir einen meiner ältesten Freunde – und das alles auf einen Schlag.

Sie trug immer noch den eleganten, blassgrauen Anzug, den sie zu dem Treffen vorhin getragen hatte, ihr Haar war zu einem Dutt gedreht und ordentlich an ihrem fetten Hinterkopf festgesteckt. Sie sah so perfekt an Craigs Arm aus, während er Paige mit seinem Tausend-Watt-Lächeln anstrahlte, das ihn zu einem der erfolgreichsten Immobilienmakler der Stadt machte. Irgendwann einmal hatte ich in seinem Sandkasten gespielt. Er war mein erster Schwarm, mein erster Kuss, meine erste Liebe. Der erste Junge, um den ich geweint hatte.

Jetzt heiratete er, hatte ich gehört. Paige arbeitete für ihn, angestellt in Teilzeit als seine Assistentin, und sie berichtete mir und Jordan zu unserer Belustigung von Zeit zu Zeit von seinen Machenschaften. Vor Kurzem hatte er in einem Restaurant um Meghans Hand angehalten, der Ring lag in einem Glas mit Champagner. Es gab weiterhin ein Dutzend Rosen und eine Handvoll anderer Klischees, aber ich erwischte mich dabei, dass es mich nicht kümmerte. Absolut nicht kümmerte.

Seine zukünftige Braut hatte ebenfalls ein Geschäft in der Independence Square Mall, und bewarb sich für die gleiche Förderung für Kleinunternehmer wie ich. Ihr Plan war, den Zuschuss für die Renovierung der historischen Fassade des Gebäudes einzusetzen, sie mit Blumen und Büschen aufzuhübschen und wahrscheinlich mit einigem an Glitzer und Pailletten. Mein Vorhaben war, das Gebäude mit Solarpanelen und einem verbesserten Klimatisierungssystem effizienter zu machen.

Dafür hatte sich Craig nun für sein Leben entschieden: lieber ein schöner Schein als Substanz.

Und nun ist er wieder in meine Welt eingedrungen, und ich hasste mich selbst dafür, dass mich die Überlappung zwischen meinem Teenager-Ich und meinem Erwachsenen-Ich störte.

„Warum sind die hier?“, fragte Jordan, und gab der Frage, mit der mein Geist kämpfte, eine Stimme.

Ich zuckte die Achseln, weil ich lässig erscheinen wollte. „Ihr Geschäft ist im Obergeschoss. Und Craig war ja bereits in der Stadt wegen des Treffens.“

„Ja, aber sie sind hier. Ich bezweifele, dass Craig ein Spiel gemacht hat seit der Zeit, als du mit uns allen in der Unterstufe Shadowrun gespielt hast.“

Ich erinnerte mich an seinen Gesichtsausdruck, als er seine Charakterkarte bekam. Ich schnaubte. „Ja, das war nicht so gut. Dennoch konnten sie sich wohl die Chance nicht entgehen lassen, sich an meiner Peepshow zu weiden.“

„Dieser Kerl hat eine grausame Ader, sich mit dieser Frau hier zu zeigen“, sagte Jordan. „Ich habe es immer gesagt.“

Als ob er unsere Blicke spüren könnte, schaute Craig auf. Er lächelte und winkte mir zu, und ich seufzte. „Verdammt.“

„Lass Hector dich nicht hören“, sagte Jordan.

„Ich habe für mein Fluchen bereits im Voraus bezahlt.“ Ich ließ sie stehen und bahnte mir einen Weg durch die Menge, um Craig und Meghan zu begrüßen. Craig gab mir eine dieser ungeschickten Alte-Freunde-Umarmungen, auf so eine ganz lockere, Ich-klopfe-dir-auf-die-Schulter Art, wenn man die andere Person absolut nicht berühren möchte. „Großartige Party“, sagte er mit falscher Herzlichkeit in der Stimme.

„Danke“, sagte ich ebenso herzlich. „Und danke fürs Kommen!“

Fast unfreiwillig starrte ich auf Meghans linke Hand. Dort steckte ein funkelnder rechteckiger Diamantring auf ihrem Finger mit dem spitzgefeilten Nagel, und ich spürte, wie sich mein Magen umdrehte.

Mehr als ein Gerücht also. Und es kümmerte mich immer noch überhaupt nicht. Egal!

„Großartige Präsentation heute übrigens“, sagte Craig. Er klang beinahe aufrichtig.

„Wirklich?“

„Natürlich“, warf Meghan ein. Sie schaute mich an, als ob ich eine Sechstklässlerin wäre, die einen außergewöhnlich guten Job gemacht hat, indem sie Süßigkeiten für die Band verkauft hat.

„Besonders unter den Umständen. Ich finde, du bist so würdevoll damit umgegangen.“

Sie hatte diesen dämlich-süßen Bewunderungsblick aufgesetzt, so falsch, dass ich Sucralose schmeckte. Sie meinte mein gespieltes Lachen, als ich dann endlich meine missliche Lage bemerkt hatte. Ich hatte aus Jux mit meinen Brüsten gewackelt, sehr zum plumpen Vergnügen des gesamten Stadtrats.

„Oh, danke, wie nett, dass du das sagst.“

Ich begegnete ihren leeren Worthülsen mit ebenso leeren Worthülsen. „Ich fand deine Präsentation auch großartig.“

Tat ich nicht. Die historische Fassade der Independence Square Mall zu erhalten, indem man unechte Kalksteine an den neueren Teilen des Gebäudes anbrachte, würde bedeuten, dass Ten Again für Wochen, die die Renovierung dauern würde, für den Straßenverkehr nicht zugänglich wäre. Und natürlich würden die Baumaßnahmen Meghans Ladenfront nicht tangieren.

Hoffentlich erkannte der Fördermittelausschuss, wie sehr dies die Kleinunternehmen treffen würde, denen sie ja eigentlich helfen wollten.

Craig grinste uns beide an. „Donald sagte, die Dinge würden gut aussehen – natürlich, er ist ja so oder so der Gewinner!“

Donald Wolcott, der Besitzer des Gebäudekomplexes, saß ebenfalls im Fördermittelausschuss.

Das Wort „Interessenkonflikt“ stand nicht wirklich an oberster Stelle der Vokabelliste des Stadtrats von White Lake und Donald war ebenfalls Kopf der Handelskammer. Er meinte wohl, die Dinge würden gut aussehen, wenn er zweimal die Möglichkeit hätte, das Geld zu vergeben. Was mich jedoch überraschte, war, dass Craig und Donald über uns gesprochen hatten.

„Woher kennst du Donald?“, fragte ich.

„Er hat letztes Jahr meinem Boss ein Gebäude abgekauft. Wir lernten uns kennen, als ich die Verträge fertigmachte. In jedem Fall hat er Großes in der Immobilienentwicklung vor, und dieses Gebäude ist nur das erste dieser Vorhaben. Ich sagte, ich könne ihm ein paar andere Liegenschaften zeigen, bei denen solche Erneuerungen vorgenommen wurden, über die Meghan und du nachdenken – “

„Mit anderen Worten, du dachtest, du könntest ein großes Geschäft mit ihm machen.“ Jordan schaltete sich ein.

Craig war schon immer der ultimative Geschäftsmann gewesen. Mein Vater sagte immer, Craig könnte einem Blinden ein weißes Segel als Kunst verkaufen.

Craig schaute gekränkt drein. „Ach komm, ein Mann muss etwas zum Knabbern haben, und überhaupt, es ist in jedermanns Interesse, dass dieses alte Gebäude optimiert wird.“

„Ah ja.“ Jordan schaute ihn zweifelnd an.

Craig ignorierte sie. „Wie ich schon sagte, er ist interessiert daran, zu sehen, wie solche Sanierungen aussehen, die du vorschlägst. Ich denke, morgen schauen wir uns das renovierte Lagergebäude im Technologiepark an –“

„Das interessiert niemanden, Craig,“, sagte Jordan.

Ich erstarrte, hin- und hergerissen zwischen Lachen und Beschämung wegen Jordans Grobheit.

Craig nahm wieder einen gekränkten Ausdruck an, aber er hörte auf mit seiner Verkaufsmasche.

„Fakt ist, er mag es.“

„Danke, Craig“, sagte ich. „Das ist gut zu wissen.“

In Wirklichkeit war ich ziemlich überrascht. Mit seiner Technikerfahrung war Donald hier so etwas wie der Großvater des Hauses. Aber ich hatte Verständnis für den Gedanken.

Nicht zuletzt könnte er dahinterkommen, dass er – und ich vermute seine Pächter – jeden Monat einige Dollar sparen dürften.

Donald in Gestalt von Dagobert Duck sah plötzlich wie ein großzügiger Herr aus. Aber mein Vorhaben brachte wenigstens Geld ein im Vergleich zu Meghans Plan der historischen Erhaltung, der nichts zurück erwirtschaftete außer Rührseligkeit.

Meghan schaltete sich ein und tat so, als ob sie Frieden schließen wollte. „Donald hat nach dem Fördermittel-Treffen bei Chic vorbeigeschaut“, säuselte sie. „Ich arbeite mit ihm an ein paar anderen Vorhaben für das Gebäude und wir treffen uns recht regelmäßig.“

Natürlich taten sie das. Sie forderte mich praktisch heraus, nachzufragen, welche anderen Vorhaben das waren, aber ich schluckte meine Neugier hinunter.

„Das ist schön“, sagte ich. „Vielleicht schaut er später vorbei – er kommt gerne zu unseren Veranstaltungen.“

In Wahrheit hasste er diese Veranstaltungen, aber er hatte Lust sich zu zeigen, um alle daran zu erinnern, wer der Boss war. Er würde früher oder später erscheinen.

Das erinnerte mich jedoch daran, dass ich ihn sprechen musste.

„In der Tat, ich muss ihn anrufen“, sagte ich und unterbrach mich selbst.

Ich schaute über Craigs Schulter hinweg zu Paige und Nick. „Ich muss ihm Bescheid geben, dass ihr heute Nacht spielt oder er wird euch wieder Max auf den Hals hetzen.“

Paiges Augen weiteten sich. „Dieser alte Knacker! Was für ein Sicherheitsmann ist der überhaupt? Letztes Mal hat er gedroht, er würde die Bullen rufen, nur weil sich José über den Balkon gelehnt hat.“

„Also, ich werde ihn mit Sicherheit wissen lassen, dass wir heute Nacht einen Cop zur Verfügung haben.“ Ich stieß Jordan mit dem Ellenbogen an und alle lachten über meinen schlechten Scherz.

„Und wir“, sagte Paige und drehte sich zu Nick um, „sollten beginnen, bevor es sehr viel später wird.“

„Habt nicht zu viel Spaß“, rief ich ihnen hinterher.

Ich entschuldigte mich, bevor mich noch weitere mitleiderregende Versuche witzig sein zu wollen, zu einer dämlichen Glucke herabwürdigten. Jordan schnaubte und ging zum Eingangsbereich des Ladens zurück, um Hector mit der Sicherheitskontrolle zu helfen.

Zurück in meinem Büro wählte ich geschwind Donalds Nummer. Er und sein Miete-einen-Cop-Sicherheitsteam gingen gelassen mit den stundenlang im Gebäude herumrennenden Spielern um, die an den Live-Rollenspielen teilnahmen, aber sie mussten verständlicherweise im Vorfeld davon wissen, nicht dass ein wohlgesinnter und ahnungsloser Sicherheitsmann wegen einer Gruppe von Menschen in Fantasiekostümen die richtigen Bullen rief.

Wir hatten das am Anfang unserer Geschichte schon einmal erlebt und meine Eltern sind vor Verlegenheit fast gestorben, als der White Lake Courier vergnügt davon berichtete, dass Autumn Sinclair in Gestalt eines Werwolfs versehentlich wegen Hausfriedensbruch inhaftiert worden war.

Ich hatte keinen Bedarf, dieses Fiasko wieder aufleben zu lassen, zumal Max kürzlich wieder hinter den Live-Rollenspielern her war.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Donald an sein Handy ging, und ich trommelte verärgert mit meinen Fingern auf den Tisch, während ich wartete.

Als er endlich antwortete, klang er irritiert. „Autumn“, sagte er. „Wie kann ich dir helfen?“

„Donald, grüß dich“, sagte ich und legte meine süßeste Säuselstimme auf.

„Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass wir eine Planänderung hatten und heute Abend ein paar Rollenspieler im Haus unterwegs sein werden.“

„Aha.“ Er klang genervt. „Werden sie oben sein? Ich habe einen Termin und möchte nicht unterbrochen werden.“

„Oh!“ Seltsam. Donald ging normalerweise vor sieben nach Hause, und es war jetzt beinahe acht Uhr „Ach, wenn es ein Problem ist, kann ich sie bis zehn zurückhalten.“

„Nein, es ist kein Problem. Bitte sie nur, unten zu bleiben. Ich gebe dem Sicherheitspersonal Bescheid, wenn ich gehe.“

„Okay! Tut mir echt leid. Ich werde ihnen ausrichten, dass sie niemanden stören sollen.“

„Kein Problem. Ich werde es weitersagen.“

„Danke.“

„Bitteschön. Gute Nacht.“ Er legte auf.

Ich starrte überrascht auf mein Handy. Er reagierte nie gut auf unerwartete Dinge, und er veränderte niemals seine Routine. Wenn er heute spät hier war, dann war es etwas Wichtiges. Ich verspürte kurz Panik in mir aufsteigen, weil ich womöglich einen weiteren Pächtertermin verschwitzt hatte, aber die fanden niemals so spät statt.

 

Ein geheimes Treffen am Freitagabend – wie mysteriös.

Das hätte ich Donald niemals zugetraut.

Ich zuckte mit den Achseln und wählte dann die Rezeption, um das Sicherheitspersonal zu informieren. Max, der ältere Nachtwächter, antwortete. Ein kleiner Seufzer entrang sich meiner Brust.

„Hallo, Max.“

„Wer ist da?“, fragte er.

„Es ist Autumn. Vom Ten Again.“

„Oh, hallo, Autumn! Wie geht es dir, Schatz?“

Ich erhob meine Stimme. „Oh, gut, ich … “

„Ich habe erst heute Morgen an dich gedacht. Meine Frau schaute diese sonderbare Sendung mit Vampiren und Werwölfen und so eine Art Elfen und ich dachte mir ‚Also, das würde Autumn gefallen’ und als ich meine Frau nach dem Namen fragte, konnte sie sich nicht daran erinnern, und so dachte ich, ich frage vielleicht einfach einmal bei dir nach, und sieh an – “

Ich unterbrach ihn, als er gerade Luft holen wollte. „Das kann ich dir nicht sagen. Eigentlich rufe ich an, weil wir heute Abend lange geöffnet haben, und – “

„Gibt es einen Notfall?“

Ich rollte mit den Augen. „Äh, nein.“ Ich fühlte mich irgendwie sicherer, weil ich wusste, dass er unten war. „Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass heute Abend ein paar unserer Spieler im Gebäude unterwegs sein werden.“

„Oh, Spieler! Weißt du, meine Großnichte ist auch verrückt nach Spielen, aber ich vermute, sie ist eher ein Fan dieser Videospiele, diese mit den kleinen Kreaturen, die sich bekämpfen? Ist das das gleiche? Ich habe viele Spiele gesehen, die einander ähneln, und ich habe mich gefragt – “

„Äh, nein, nicht wirklich das gleiche.“ Ich war froh, dass ihn keiner meiner Angestellten hören konnte. „Diese Spiele sind mehr wie ein Theaterstück und die kostümierten Teilnehmer laufen im Gebäude herum!“

„Ja. Ich habe sie hier gesehen.“ Er sagte nichts mehr und ich konnte mir bildhaft vorstellen, wie er ein paar unglückselige Vampire anstarrte, die verzweifelt versuchten, in ihrer Rolle zu bleiben.

„Stören sie dich?“

„Nein! Ich wollte dich vorwarnen, damit du weißt, dass sie hier sind.“

„Ah, ich verstehe. Also, ich werde ein Auge auf sie werfen.“

Natürlich würde er das. Ich dankte ihm und legte auf.

Donald würde ihm die Situation auch erklären können und hoffentlich ließ Max die armen Rollenspieler in Ruhe. Es ist bestimmt nicht einfach, ein Spitzenraubtier zu mimen, das bei Mitternacht die Straßen einer von Vampiren kontrollierten Stadt belauert, wenn der Wachmann Max von den Hämorrhoiden seiner Frau erzählt.

Ich nutzte die Ruhe, um durchzuatmen. Bay hatte das Abrechnungsprogramm auf meinem Computer nicht geschlossen und ich starrte beeindruckt darauf. Unsere Verkäufe des heutigen Tages waren phänomenal, und die Zahlen des Kassencomputers waren seit den frühen Abendstunden nicht synchronisiert worden. Ich stieß einen leichten Pfeifton aus.Wir hatten mehr als das Doppelte verdient als am selben Tag im letzten Jahr und jetzt schon halb so viel mehr als bei der letzten Spellcasters Veröffentlichung.

Es war immer ein Lotteriespiel, große, kostspielige Veranstaltungen wie diese heute Abend abzuhalten, aber es schien, als hätte unsere Werbeaktion einen bedeutenden Unterschied ausgemacht.

Ich durfte nicht vergessen, beiden, Bay und Hector, dieses Jahr eine ordentliche Zulage zu geben.

Ich verbrachte die nächste Viertelstunde damit, mir den Warenbestand anzuschauen, ich verglich unsere Bestellungen mit dem, was wir verkauft hatten, und machte mir Notizen im Kopf für das demnächst erscheinende große Spellcaster-Erweiterungspaket.

Wenn sich die Dinge gut entwickelten und ich die Förderung „grüne Independence Square Mall“ bekommen würde, würde der daraus resultierende Sturm guter PR dem Laden noch mehr helfen. Und das Vertrauen der Führungsriege der Stadt zugesprochen zu bekommen, würde mehr als Verkaufszahlen bedeuten: Es würde dem Laden eine Legitimierung in der ortsansässigen Geschäftswelt geben, von der ich nie zu träumen gewagt hätte. Die flatterhafte Autumn, die mit ihrem MBA in der Tasche in ihre Heimatstadt zurückkehrte, entgegen jedermanns Rat, um einen Laden zu eröffnen, von dem niemand fand, dass ihn White Lake brauchte, würde ihre nerdige Bande zu einem ruhmreichen Sieg gegen die Schwarzmaler und geschwätzigen Zungen führen.

Und vielleicht, nur vielleicht, würden die Leute anfangen uns als eine Gemeinschaft, als politische Kraft und, naja, als Erwachsene ernst zu nehmen.

Ich hing noch eine kleine Weile länger meinen Träumereien nach und ignorierte dabei die lauter werdenden, überschäumenden Stimmen, die von draußen kamen.

Als mein Telefon klingelte, war es beinahe viertel vor neun. Ich hielt den Atem an, irritiert, dass ich Bay und die Party so lange vernachlässigt hatte. Ich war überrascht Paiges Nummer auf dem Display zu sehen, da sie normalerweise während eines Live-Rollenspiels streng in ihrer Rolle blieb.

„Paige?“

„Autumn.“ Sie hörte sich so an, als ob sie weinte.

„Paige, was ist passiert?“

„Ich – ich brauche deine Hilfe.“

„Was ist los? Wo bist du?“

„Unten.“ Sie schluchzte und legte auf.

Beunruhigt stand ich auf und bahnte mir meinen Weg durch das Party-Getümmel, aber ich kam nicht weit, weil mein Telefon ein zweites Mal klingelte. Auf dem Display stand wieder Paige, aber als ich das Gespräch annahm, war Nick dran. „Alles in Ordnung, Autumn“, sagte er außer Atem. „Du musst nicht kommen.“

„Was ist denn passiert?“

„Nichts. Nur – ein Missverständnis. Also, lass uns später sprechen.“

„Bist du sicher?“

Er hatte schon aufgelegt. Ich schaute stirnrunzelnd auf mein Telefon, aber es gab nichts mehr, was ich tun konnte. Ich wollte ihnen nicht hinterherlaufen, wenn doch alles in Ordnung war, und ich war noch nie daran interessiert, mich in private Dramen einzumischen. Sie würden es schon klären.

Dennoch, Paige war keine Spinnerin. Wenn sie in Schwierigkeiten steckte, dann waren es ernsthafte.

Andererseits war sie nicht allein. Nick konnte ihr helfen, was auch immer es war.

Bay erschien an meiner Seite, Jordan im Schlepptau. „Was ist los?“, fragte Jordan.

Ich schaute auf mein Telefon hinunter und erklärte mich: „Ich bin nicht sicher, ob ich nicht doch nach Ihnen schauen soll.“

„Wenn es dir bei deiner Entscheidung hilft, es ist Zeit anzufangen, die Meute in den anderen Raum zu bewegen für den Entwurf des Rollenspiels“, sagte Bay.

„Shit“, brummelte ich, als ich einen Blick auf die Zeit-Zonen-Uhr an der Wand warf.

Ein paar Vorpubertäre, die am benachbarten Tisch saßen, kicherten und ich streckte ihnen meine Zunge heraus. Zeit, noch einen weiteren Dollar in das Marmeladenglas zu stecken.

„Du hast recht. Okay. Warum sammelst du nicht alle ein, die Eintritt bezahlt haben, und ich hole die Kiste mit den Kartenspielen – “

„Ich werde nach den Rollenspielern schauen“, sagte Jordan.

Ich ging um sie herum.

„Ich danke dir!” Ich hätte sie küssen können, aber es wäre nur peinlich gewesen als beste Freundinnen und so.

Bay grinste und fing an, die Kids in den anderen Raum zu treiben und ich flitzte zur Kasse, wo wir ein paar Dutzend zusätzliche Kartenspiele für den Entwurf des Rollenspiels gebunkert hatten. Gott sei Dank würden wir heute Abend nicht spielen, , aber allein der Entwurf konnte Stunden dauern. Dann mussten wir auseinanderklauben, welches Kartenspiel welcher Person gehörte, mussten die Kartenspiele je nach Zeitfenster des Teilnehmers am nächsten Morgen ordnen und eintausend andere kleine Aufgaben verrichten, die ihren Höhepunkt in dem langen Wochenend-Turnier fanden.

Mein Gehirn schaltete auf Autopilot. Ich nahm die Schachteln und fing an, die Liste mit den Leuten, die ihre Eintrittsgebühr bezahlt hatten, zusammenzustellen. Um mich herum wirbelte der Strom der Spieler auf den hinteren Raum zu, da Hector und Bay die Menge aus dem Laden drängten.

Jordan bahnte sich mit den Ellenbogen ihren Weg zurück zur Kasse, als ich gerade meinen Cutter aufklappte. Ich schaute sie kurz gehetzt an und schnitt durch die Klebefolie auf der Schachtel.

„Sind alle in Ordnung?“

„Nein.“

Ihre Stimme stockte und ich drehte mich um. „Was ist? Was ist los?“

„Es hat einen – Unfall gegeben.“ Ihre Augen waren gerötet und weit geöffnet.

Ich ließ das Messer auf die Ladentheke fallen. „Einen Unfall? Oh mein Gott, was – “

„Ein Stockwerk tiefer. Der Notarzt ist da. Ich habe mit einem der diensthabenden Polizisten gesprochen.“ Sie schluckte. „Autumn, es sieht nicht gut aus. Ein Jugendlicher, Wes Bowen, wurde vor zwanzig Minuten tot aufgefunden.“

Ich hatte ein dumpfes Klingeln im Ohr. „Was?“ Ich hörte meine eigene Stimme wie aus der Ferne.

Zwanzig Minuten – hatte mich da nicht Paige angerufen?

„Es – “ Jordan stoppte, schluckte und versuchte es noch einmal. „Er hat Wunden am Hals, als ob ihn etwas gebissen hätte.“

„Ein Vampir hat ihn getötet?“ Meine Stimme klang schrill und drohte ins Hysterische zu kippen, als ich die absurden Worte ein zweites Mal an diesem Tag sagte. Ich sah, wie mich aus weiter Ferne einer der Eltern anblickte. Ich versuchte, mich unter Kontrolle zu kriegen.

„Das ist nicht möglich.“

„Doch ist es. Aber er ist auch vom Balkon gefallen, von dem innerhalb des Gebäudes. Sie wissen noch nicht, was ihn getötet hat, der Sturz oder die Wunden.“

„Mein Gott!“ Ich nahm eine Hand vor den Mund. Die Leute um mich herum starrten uns an. Bay trat zu uns und ich sah ihr blasses Gesicht verschwommen in meinem Augenwinkel.

„Jordan, was soll ich tun?“

„Ich denke, du solltest die Party vielleicht besser auflösen. Sie sind immer noch unten mit – also, du weißt schon. Und sie wollen sicher mit dir und deinen Angestellten sprechen.“

„Natürlich.“ Ich nickte. Meine Augen brannten. Jordan legte ihre Hand auf meine Schulter. Ich spürte, wie sie mich festhielt.

„Ich sollte auch für die anderen da sein.“

„Die anderen?“

„Die Rollenspieler.“

„Okay … “ Jordan hielt inne, als ob sie sich ein Ruck geben müsste.

„Autumn, es sieht nicht gut aus.“

„Was meinst du?“

„Alles, Liebes, denk mal darüber nach. Sie haben bei Nacht ein brutales Spiel gemimt, in der Öffentlichkeit … Ich denke, du solltest gut vorbereitet sein.“

„Auf was?“

„Auf … alles. Die Dinge werden für eine Weile nicht gut laufen.“

Mein Blick klärte sich und als der Nebel verblasste, wurden meine Gedanken kristallklar.

„Was sagst du da? Nicht gut für mich? Für die Spieler? Für den Laden?“

Sie zögerte erneut. „Ja.“

„Okay.“ Ich nickte und brachte mich wieder unter Kontrolle. Als ob es für die kommenden Stunden irgendeinen Unterschied machen würde.

„Ich verstehe.“

„Ich – ich sollte möglichst nicht mehr mit dir sprechen. Ich muss wieder runtergehen und mit den anderen Polizisten reden und mich dann auf zum Bahnhof machen.“

„Alles klar. Danke, dass – du es warst, die es mir gesagt hat.“

„Natürlich. Ich rufe dich später an.“

Sie bahnte sich ihren Weg durch die Menge und verschwand.

Die Party ging weiter. Eine Blase der Ruhe war um mich herum aufgestiegen, und ich fragte mich, wer was aufgeschnappt hatte. Bay ergriff meinen Arm.

„Ist das wahr?“ Ihre blauen Augen waren riesig. Sie hatte es also mitbekommen.

Ich drehte mich um. Hector war auch da. Er sprach, bevor ich es konnte.

„Polizisten laufen durch die Gänge. Feuerwehrautos stehen draußen und ein Rettungswagen und – “

„Es gibt – “ Ich schluckte. „Es hat einen Unfall gegeben“, sagte ich, indem ich Jordans höfliche Art der sprachlichen Beschönigung benutzte.

„Ich denke, wir sollten jetzt besser zusammenpacken.“ Ich lockerte meine Stimme, um mit meinen Angestellten zu sprechen.

„Die Rollenspieler. Ich erkläre es in einer Minute. Wir müssen alle rausschaffen, über den Laden, nicht über die Mall.“

„Alles klar“, sagte Bay. Sie drehte sich um und war schon dabei, die Menge zusammenzutrommeln.

„Ich kümmere mich um den anderen Raum.“ Hector folgte ihr.

Ich setzte mich langsam in Bewegung und fühlte mich dabei so, als ob mir jemand einen toten Vogel auf den Rücken gebunden hätte.

Wes Bowen, herzlich und liebenswürdig, befreundet mit Paige und Nick.

So zurückhaltend, dass ich ihn kaum wahrnahm, wenn er vor mir im Laden stand.

Ich hatte insgeheim über ihn gespottet, mich lustig gemacht über seine große Sanftmut, durch die er die Freundschaft zu Paige und Nick aufrechterhalten hatte. Es war sein freundliches Wesen, das ihn zu einem festen Stammkunden unseres Ladens gemacht hat. Wer wäre dazu in der Lage gewesen, ihn zu töten?

Ich fühlte einen Würgereiz. Ich zwang mich zu schlucken und gleichmäßig und langsam zu atmen.

Wenn ich diesen dünnen Faden jetzt verlieren würde, der mich mit meinem Verstand verband und dem Laden zu Seriosität verhalf , fände ich ihn niemals wieder. Meine Lippen verweigerten ein Lächeln, aber ich mäßigte meine Stimme, um so politisch neutral zu klingen, wie das Ladenbesitzer so tun.

„Es tut mir leid“, sagte ich zu der Person, die mir gegenüberstand. „Es gibt einen Notfall und wir müssen heute früher schließen.“

Ich sagte es wieder und wieder und wieder. Ich wehrte Fragen ab, äußerte Beschwichtigungen und versprach Dinge, für die ich nicht garantieren konnte.

Natürlich würde es einen neuen Termin geben. Ich sei ganz sicher, alles würde gut werden. Wir würden uns bald wiedersehen.

Bay schickte den letzten Spieler in die frühe Märznacht hinaus und verschloss die Tür hinter ihm. Dann drehte sie sich um und lehnte sich gegen das Glas.

Sie schluchzte.

Ich hörte, wie Hector die Tür zur Mall schloss und die Treppe zum Hauptverkaufsraum herunterkam. Er stellte sich neben mich. „Was ist passiert?“, fragte er.

„Wes ist tot.“ Meine Stimme hallte als Echo durch den leeren Laden.

Hector nahm einen zittrigen Atemzug und Bay ließ ihr Kinn auf ihre Brust fallen.

„Ich wusste – irgendjemand. Ich schaute aus dem Fenster und sah den Rettungswagen, aber ich wusste nicht wer – “

Ich nahm Hectors Hand, um ihn zu beruhigen.

Bay schaute auf. Sie starrte uns an, und wir starrten zurück.

„Was passiert jetzt?“ fragte sie.

„Ich weiß es nicht.“

Zum ersten Mal hatte ich in meinem Laden, in meinem kleinen Himmelreich, Angst. Mehr wusste ich nicht. Bald würde ich es.

3

Wie sich herausstellte, gab es als nächstes eine nicht enden wollende Hölle von Fragen auf der Polizeibehörde.

„Gehen wir noch einmal alles durch“, sagte Detective Keller. Ihr runzeliges Gesicht wurde faltig, als sie sich die Stirn rieb. Meine eigenen Augäpfel fühlten sich an wie von Sand überzogen.

„Um wieviel Uhr haben Sie ihn an diesem Abend in ihrem Laden gesehen?“

„Zwischen sieben und halb acht, meine ich.“

„Und er war in eine Art Auseinandersetzung involviert?“

„Nein, das habe ich nicht gesagt.“ Die Augen von Detective Keller blitzen auf, und ich bemühte mich, meinen Ton etwas herunterzufahren. „Ich sagte, dass er im Laden war, als sich einer meiner Mitarbeiter mit einem anderen Kunden herumstritt.“

„Aha. Und dieser andere Kunde war seinetwegen aufgebracht?“

Die Dinge sahen im Moment nicht gut aus für Cody. Und ich stolperte über meine zuvor gemachten Aussagen.

„Der andere Kunde war verärgert, aber nicht explizit wegen Wes …“

„Hat er Ihnen das gesagt?“

Ich wollte in Tränen ausbrechen. „Nein, hat er nicht.“

„Und Sie haben diesen anderen Kunden heute Nacht wiedergesehen, richtig?“

„Ja. Er war heute Abend auf der Release Party.“

„Zur selben Zeit spielte Wesley Bowen – äh – im Gebäude?“

„Ich nehme es an.“

„Sie nehmen es an, Madam, war er oder war er nicht in Ihrem Laden, als sich Wesley Bowen in der Independence Square Mall befand?“

„Ja.“

„Danke.“ Detective Keller machte sich ein paar Notizen, als ob sie meine Erklärungen nicht schon gehört hätte.

„Und jetzt sagen Sie mir noch einmal, was genau passierte, als Miss Harding Sie anrief.“

„Es war ungefähr viertel vor neun. Paige rief an und sagte, sie würde meine Hilfe brauchen.“

„Was genau hat sie gesagt, Miss Sinclair?“

Ich schloss die Augen. „Sie sagte, ‚Ich brauche deine Hilfe‘. Und als ich fragte, wo sie sei, sagte sie, ‚Unten‘. Und das wars.“

Als ich meine Augen wieder öffnete, kaute die Kommissarin auf dem Ende ihres Stiftes.

Sie nahm ihn von ihren Lippen und gestikulierte damit herum.

„Und Miss Harding klang verzweifelt?“

„Ja.“

„Und dann rief Mr. Lawlis an?“

„Ja. Er sagte, ‚Du brauchst nicht zu kommen‘ und dass es ein Missverständnis gegeben habe.“

„Ein Missverständnis?“

„Ja.“ Innerlich schrie ich. Sie tat so, als ob alles, was ich sagte, das Faszinierendste sei, das sie jemals gehört hatte. Und ich war mir ziemlich sicher, ich hatte Cody, Hector, Paige, und Nick auf ihre armselige Verdächtigenliste gesetzt. Sie wollte alles zu dem geschwätzigen Sicherheitsmann Max und seinem Misstrauen den Spielern gegenüber wissen. Ich fühlte mich wie der größte Verräter seit George Lucas – gut, es war jetzt nicht der Zeitpunkt für derartige Gleichnisse.

„Klang er aufgebracht?“

„Ah“, sagte ich. Ich zögerte. Er hatte nicht weinerlich geklungen wie Paige, aber verwirrt hatte er schon gewirkt. Und freundlich? Nachdem wir das alles bereits das zweite Mal in einer Nacht durchgegangen waren, begann ich, an meinen Erinnerungen zu zweifeln. Deshalb machten sie es auch – bald würde ich einbrechen und ihnen alles sagen, was auch immer sie hören wollten, auch wenn es erfunden war. Funktionierte so nicht auch Folter?

„Ich bin nicht sicher. Er klang nicht glücklich, aber er war nicht so aufgebracht wie Paige.“ Hier bitte, ziemlich neutral.

„Ihr Handy zeigt an, dass dieser Anruf um acht Uhr siebenundvierzig bei Ihnen ankam.“

„Richtig“, antwortete ich. Kommissarin Keller machte sich eine weitere Notiz.

Sie hatten noch keinen Todeszeitpunkt, das wusste ich. Alles, was sie hatten, war der Zeitpunkt des Notrufs.

Ich fröstelte und dachte an den armen Wes, wie er tot auf dem Boden des untersten Geschosses des Gebäudes lag. Fünf Balkongeschosse blickten hinab auf dieses Hauptgeschoss, das beeindruckendste Konstruktionsmerkmal des Gebäudes. In der Mitte gab es einen Springbrunnen und drum herum waren eine Reihe kleiner Tische und Stühle aufgestellt.

Wie tief war Wes gestürzt?

Wie war er zu den Einstichwunden an seinem Nacken gekommen?

Mein Verstand überschlug sich. Jordan sagte, dass die Ersthelfer nicht sagen konnten, ob es der Sturz war oder die Wunden am Nacken, die zu Wes’ Tod geführt hatten. Dachten sie wohl, dass meine Spieler ihm das angetan hatten? Der dumme, einfältige Cody mit seiner kleinlichen Entrüstung über seinen Rauswurf aus der anderen Rollenspielertruppe? Die zierliche Paige und der hübsche Nick, die die ständige Anwesenheit von Paiges trauriger Ex-Liebe nicht mehr ertrugen?

Beide Theorien schienen so fadenscheinig, so erbärmlich – aber Cody war da gewesen, lauernd und zwielichtig. Ich hatte ihn nicht mehr gesehen, nachdem er auf Hector losgegangen war. Und Paiges sonderbarer Anruf konnte nicht ungeschehen gemacht werden, da sie ihn getätigt hatte.

Die Tür zu dem kleinen Raum öffnete sich.

Es war mein Dad, eigentümlich gekleidet in Anzugshose und Fleecejacke mit Reißverschluss. Sein dünner werdendes Haar stand ab und er hatte vergessen, seinen Gürtel durch eine Schlaufe zu ziehen. Mir fiel die Kinnlade herunter angesichts dieser Nachlässigkeiten.

„Hallo, Liebes“, sagte er. „Es tut mir leid – es hat eine Ewigkeit gedauert, sie davon zu überzeugen, dass ich dein Anwalt bin. Und es gibt keinen Grund, dich hier so lange festzuhalten.“ Den letzten Teil sagte er mit wütendem Blick an Kommissarin Keller gerichtet, als wäre er ein erstklassiger Strafverteidiger und nicht ein alternder Steueranwalt.

„Ihre Tochter hat zugestimmt, mit uns zusammenzuarbeiten.“ Die Kommissarin schloss ihren Stift, wenn auch sie ihren verlorenen Posten erkannte, sobald sie ihn sah.

Ich stand auf, um meinem Dad einen Kuss auf die Wange zu geben. „Danke, dass du mich hier rausholst.“ Dann wandte ich mich an die Kommissarin. „Kann ich gehen?“

Sie nickte.

„Sie wissen, wo Sie mich erreichen können, wenn Sie noch weitere Fragen haben“, sagte ich. Ich fühlte mich ein klein wenig schlecht, sie nun so stehenzulassen – jahrelanges Höflichkeitstraining in der Grundschule war schwer ungeschehen zu machen. Ein Teil von mir fühlte sich immer noch, als ob Cops meine Freunde sein müssten. Himmel, einer der Cops von White Lake war meine beste Freundin und ich wusste dass die White Lake Polizeibehörde grundsätzlich nur das Beste für uns wollte.

Ich ließ mich von meinem Dad aus dem Raum scheuchen, seine kalten Finger streiften meinen Nacken.

Jordan stand mit einem Pokerface draußen vor der Tür. Ihr Ausdruck verschwand, als sie mich sah, und sie zog mich zu sich heran und umarmte mich.

„Oh, Autumn, es tut mir so so leid.“

Ich fing an zu weinen. Sie war die erste Person, bei der ich zusammenbrechen durfte. Und ich stand da unter dem Neonlicht und schluchzte an ihrer Schulter, während mein Dad unbeholfen meinen Rücken tätschelte.

„Er war ein so süßer Junge“, sagte ich. Meine Stimme versagte.

Ich trocknete meine Augen und wich zurück. „Es tut mir leid.“

„Du musst dich nicht entschuldigen.“ Jordans dunkle Augen glühten vor Mitgefühl.

„Richtig.“ Ich schaute hinauf zu meinem Vater. „Danke, dass ihr gekommen seid.“

„Natürlich.“ Er drückte meine Schulter. „Lasst uns jetzt gehen. Audrey ist ganz schlecht vor Sorge.“

Audrey, meine Stiefmutter. Ich war überrascht, dass sie nicht die Tür eingetreten hatte.

Sie wartete in der Lobby und als sie mich sah, stürmte sie auf mich zu und nahm mich in den Arm. Über ihre Schulter konnte ich sehen, dass die halbe Stadt da war – Bay und Hector, natürlich; Donald Wolcott, der Besitzer des Gebäudes, der aussah, als ob ihn eine Granate getroffen hatte; Paiges Eltern, Nicks Mutter; der Wachmann Max halb schlafend auf einem der glänzenden Vinylstühle.

Audrey ließ mich los und Bay und Hector kamen auf mich zu. Wir umklammerten uns in einer riesigen Gruppenumarmung, Hector und Bay und ich.

Als wir einander losließen, rannen Bay Tränen die Wangen hinunter und Hector wischte sich verstohlen die Nase. Ich drückte ihre Schultern.

„Danke, dass Ihr hier seid, Leute“, sagte ich.

Audrey nahm mein Gesicht und küsste es. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht.“

Irgendwie musste ich lachen, es klang wie halb geschlagen.

„Seid ihr bereit, nach Hause zu gehen?“ fragte mein Dad.

Überrascht sagte ich „Mein Auto ist in der Garage.“

„Wir dachten, du willst vielleicht bei uns bleiben.“

„Das ist wirklich lieb, aber ich muss den Laden zuschließen und ich möchte noch ein wenig mit Hector und Bay sprechen.“

Ich schaute sie an. Bay nickte – sie wollte auch sprechen. Hector wirkte zurückhaltend.

„Okay“, sagte Audrey. Sie warf meinem Dad diesen Lass-sie-ihr-eigenes-Leben-führen-Blick zu. „Also, bis morgen.“

Ich umarmte meinen Dad noch einmal. „Danke nochmal, dass du mich hier rausgeholt hast.“

„Gib uns Bescheid, wenn du deine Meinung änderst, und wir holen dich ab“, sagte er, als ob ich vierzehn Jahre alt wäre und bei neuen Freunden übernachten wollte. Dabei war ich dreiunddreißig und wollte in mein eigenes Zuhause.

Ich sammelte meine Leute ein und schleifte Jordan mit uns.

Auf dem Weg nach draußen zog Donald mich zur Seite. „Wir müssen sprechen. Bald. Lass uns morgen treffen.“ Ich nickte.

Zurück im Laden, der immer noch strahlend erleuchtet war in der ruhigen Dunkelheit, schloss ich die Tür zur Straße, während sich alle anderen um die Kasse setzen.

Die frühe Frühlingsnacht hing klar und sternenbedeckt über dem Marktplatz. Die Straßenlaternen draußen warfen ein altertümlich golden glänzendes Licht auf die historischen Ladenfassaden. Wenn ich hinausging und meinen Kopf reckte, würde ich die Straße hinaufsehen und das kahle weiße Gebäude des Rathauses erblicken, das ominös über den Rest des Platzes ragte, aber ich hatte kein Verlangen, zurück in die Kälte zu stapfen.

Es hätte eine wunderbare Nacht im Laden sein können, gemütlich und beschaulich, aber die Independence Square Mall war für den Abend geschlossen – aufgrund der fürchterlichen besonderen Umstände – während der Rest des Platzes so belebt war wie in jeder Freitagnacht.

Eine Gruppe von Collegestudenten ging an der Straßentür vorbei und lacht und plaudert. Wahrscheinlich hatten sie es auf eine der trendigen Bars in der Stadt abgesehen.

Eine Welle von Traurigkeit überkam mich. Wes, Nick und Paige hätten genau das heute Nacht tun sollen. Ich drehte mich um und ging schweren Herzens zurück in den Laden.

Bay saß auf dem Tresen, Jordan lehnte an der Wand und Hector und ich holten ein paar Stühle von einem der Spieltische. Jemand hatte ein kleines Superman-Sweatshirt auf einer Stuhllehne vergessen.

Ich fühlte einen Stich, als ich es sah, und faltete es zusammen. Bay nahm es an sich und legte es zu unseren Fundsachen. Alle schauten mich an.

„Was haben sie euch gefragt?“ fragte ich.

Bay und Hector öffneten beide den Mund, aber Jordan ergriff das Wort zuerst.

„Ihr solltet darüber wirklich nicht sprechen … “ Sie verstummte allmählich, als ich sie wütend anblickte. Verlegen zuckte sie mit den Achseln. „Entschuldige.“ Sie tat so, als würde sie einen Hut abnehmen und ihn zur Seite legen. „Polizeimütze jetzt abgenommen.“

„Gut. Danke. Was haben sie gefragt?“

Bay sprach als Erste. Sie hatten sie den Verlauf der Nacht aus ihrer Sicht nacherzählen lassen und dabei das Augenmerk auf Paige, Wes, Nick und die sechs anderen Spieler gelegt, die den Rest ihrer neuen Blutsbande bildeten. Sie hatten auch nach Cody gefragt, aber Bay war nicht Zeugin des früheren Streits gewesen.

„Ich habe ihn den ganzen Abend überhaupt nicht bei ihnen gesehen“, fügte sie hinzu.

„Er hatte seine Karten und saß in einer Ecke.“

„Ich habe ihn nicht gehen sehen“, sagte ich. „War er noch hier, als – wir den Anruf bekamen?“

Hector und Bay schauten sich nichtssagend an. „Ich habe ihn auch nicht gesehen.“

„Haben sie dich zu dem Streit befragt?“, fragte ich Hector.

Er nickte. „Sie haben mich in die Mangel genommen. Ich glaube, sie wollten, dass ich sage, ich sei sauer gewesen und hätte Wes umgebracht, weil Cody durch ihn zu dieser Nervensäge wurde, aber ich musste sie enttäuschen.“

Er sah zu Jordan. „Ungefähr ein Dutzend Kinder und ihre Eltern haben mich im Spielzimmer gesehen. Sie werden sich für mich verbürgen.“

Jordan streckte ihre Hände nach oben. „Hey, schau mich nicht so an. Ich habe damit nichts zu tun.“

Hector nickte überzeugt. „Hauptsächlich haben mich die Cops gefragt, warum Cody und Wes gestritten hatten. Sie wollten auch wissen, warum Wes ebenfalls zu der Rollenspielergruppe gehörte, wo Paige doch seine Ex-Freundin war. Daran bissen sie sich fest. Sie fanden es es wohl sehr seltsam, dass er mit dem Mädel, das er noch vor kurzem gedatet hat, und ihrem neuen Freund abhing.“

„Sie wissen aber, dass die keine Life-Rollenspieler sind?“, fragte ich. „Die Gruppe, die Cody rausgeschmissen hat?“

„Macht das einen Unterschied?“, fragte Jordan.

„Möglicherweise. Es ist … weniger bizarr für Außenstehende. Jedenfalls sind das komplett getrennte Gruppen, auch wenn einige Spieler Mitglieder in beiden sind.“

„Boah!“ Der Polizistenblick huschte erneut über Jordans Gesicht, als sie sich eine gedankliche Notiz machte. Ich tätschelte mir selbst den Rücken, dass ich dabei geholfen hatte.

„Sie haben mich auch über Paige und Nick befragt“, sagte Bay. „In welcher Stimmung sie waren und warum sie heute Abend an der Spielenacht teilgenommen hatten.“

„Warum wollten sie das wissen?“ fragte ich.

Bay hob ihre Hände. „Deine Einschätzung ist so gut wie meine. Alle von ihnen waren heute Abend hier, also passt es auch nicht, dass Paige und Nick ihr Spiel nur fingiert haben, um Wes loszuwerden.“

Wir starrten sie alle an und sie schlug sich die Hände vor den Mund.

„Oh Mann“, sagte sie durch ihre Finger hindurch. „Das war schrecklich, ich wollte nicht – “

Ich beruhigte sie. „Keine Sorge. Wir wissen es.“

„Wer hat ihn gefunden?“ fragte Hector.

Ich schüttelte den Kopf, und Bay hob ihre Hände mit einem Achselzucken in RichtungDecke.

Ich sah Jordan an.

„Ähm – “ Sie errötete. „Ich sollte das nicht sagen.“

Ich neigte den Kopf und schaute sie wütend an.

„Fein. Wie auch immer. Es war einer der Ladenbesitzer.“

„Welcher?“

„Das wirst du nicht gern hören.“

„War es Meghan?“

„Ja.“

„Shit.“ Hector zuckte reflexartig und ich fügte hinzu: „Dieses Mal werfe ich keinen Dollar insGlas.“

Alle schauten mich an, während ich an die Wand glotzte. Genau was ich brauchte – meine Erzfeindin findet eines meiner Kinder tot auf, während es ein Spiel namentlich unter meiner Aufsicht spielen sollte. Ich war geliefert.

„Hat sie den Anruf getätigt?“

„Ja. Sie war im Begriff nach Hause zu gehen, als sie ihn fand.“

„Was machte sie im Untergeschoss?“, fragte Hector. Er hatte recht – Meghans Laden befand sich im Erdgeschoss. Unser Laden war technisch gesehen im Keller, obgleich wir auch einen Straßenzugang hatten.

„Ich frage Craig“, sagte ich. „Er war hier. Wir finden das heraus.“

„Wir?“, fragte Jordan.

„Ja, wir. Wir müssen herausfinden, wer Wes umgebracht hat und warum. Er starb, während er sich unter meiner Aufsicht befand, Jordan.“

Ihr Blick war voller Mitgefühl. „Das war nicht deine Schuld. Du musst dafür nicht büßen oder so – “

„Ich büße für gar nichts. Aber das wird den Menschen Angst einjagen. Komm schon, ein Live-Rollenspieler starb mit Stichwunden in seinem Nacken? Während er ein Vampirspiel spielte? Wir können sehr froh sein, wenn wir nicht mit einem Dungeon-MasterSzenario in unseren Händen enden, oder noch schlimmer als das, weil es so aussieht, als hätte ihn jemand umgebracht.“

„Sie haben noch nicht bestätigt, dass es ein Mord war“, warf Jordan ein.

„Ach, komm“, sagte Bay, „sie hatte recht. Bestenfalls betrachteten die Menschen Rollenspieler als Witzfiguren, schlechtestenfalls bezeichneten sie sie als krank. Mit einem Toten, jemandem wie Wes, der lieb und harmlos war, schauen sie auf uns herab wie auf Geistesgestörte.“

Jordan zog eine Braue nach oben.

„Wir müssen tun, was wir können, um zu verhindern, dass eine totale Panik um den Laden und unsere kleine Familie entsteht“, sagte ich.

Hector sah grün um die Nase aus. „Ich glaube nur nicht, dass sie uns helfen lassen.“

Bay verdrehte die Augen. „Natürlich lassen sie uns nicht. Aber wir machen es einfach. Und Jordan wird uns helfen.“

„Wird sie?“, fragte Jordan.

„Ja, wirst du.“, versicherte ich ihr. „Es ist auch wichtig für dich. Erinnerst du dich, dass ich dir heimlich Fantasy Geschichten weitergegeben habe, weil deine Mutter dachte, sie wären Teufelswerk? Und als Bill vom Comicbuchladen sie beruhigen musste, als sie dein Versteck fand? Also, wir haben genau diesen Moment wieder. Ich bin nun an der Reihe, Bill zu sein.“

Jordan seufzte. „Fein. Wo willst du anfangen?“

Ich lächelte sie an. „Danke.“ Aber als ich zögerte, um über ihre Frage nachzudenken, wusste ich erst nichts zu antworten. Wir bräuchten Verdächtige, Motive, einen Zeitplan möglicherweise – Dinge, die plötzlich sehr real und unheimlich erschienen.

„Naja“, sagte ich. „Äh … wir wissen, dass Cody verdächtig ist, und Nick und Paige.“

„Wir wollen wissen, wie Meghan ihn fand“, sagte Hector.

„Richtig. Und wir müssen mit dem Rest der Truppe sprechen. Und … äh … Max? Der Wachmann?“

Bay schnaubte, aber sie nickte zustimmend. „Er hört vielleicht nicht viel mehr als seine eigene Stimme, aber er sieht recht viel.“

Ich blinzelte. „Wir … sollten vielleicht an den Witzeleien arbeiten.“

„Ja, okay.“ Sie ließ ihre Schultern sinken.

„Ich muss morgen früh mit Donald reden. Wer von euch ist dran, den Laden aufzumachen?“

„Ich wieder.“ Hector zog eine Grimasse.

„Also, komm nicht vor Mittag. Wir machen morgen später auf. Ich denke, das ist angemessen angesichts der Umstände.“

Er machte zunächst eine Bewegung, als ob er mir eine mitgeben wollte, sich aber eines Besseren besann und nur auf seinem Stuhl herumzuckte. „Danke.“

Ich nickte. „Also werden wir morgen Nachmittag herausfinden, was Nick und Paige dazu sagen, was die anderen aus der Truppe gesehen haben und wen Max im Gebäude beobachtet hat.“

„Was ist mit Cody?“ fragte Hector. „Und Meghan?“

„Ich kann mich um Meghan kümmern. Und Cody … “ Ich zögerte. Er schien das naheliegendste Subjekt zu sein, das die Cops verdächtigten, also wollte ich ihn nicht erschrecken oder die Bosse von Jordan verärgern.

„Ich finde über ihn heraus, was ich kann“, sagte Jordan schicksalsergeben.

„Ich kann euch zumindest berichten, was er den Kommissaren gesagt hat, die ihn befragt haben. Das heißt, solange sie ihn nicht tatsächlich inhaftieren wollen.In dem Fall sollte ich es wirklich nicht tun.“

„Sehr gut. Es ist auf jeden Fall ein Anfang.“

„Und du denkst wirklich, sie werden der Spielerei die Schuld geben?“, fragte Hector.

Ich wollte nein sagen. Ich wollte Beschwichtigungen und freundliche Worte erwidern, aber ich wusste, dass er zu schlau war, dies zu glauben. Auf der anderen Seite war er klug genug zu wissen, wann ich log, und er hätte sich vielleicht über die Geste gefreut.

„Ich bin sicher, alles wird gut werden“, sagte ich. Ich meinte es so.

Hector rang sich ein betrübtes Lächeln ab.

„Auf lange Sicht“, fügte Bay hinzu.

„Richtig.“ Ich stand da und schaute von Bay zu Hector.

„Die Dinge werden eine Weile unschön laufen, aber es wird besser werden. Ich verspreche es.“

Ich traf Jordans Blick. Sie schaute verhalten drein. Sie wusste, ich konnte diese Dinge nicht versprechen; sie wusste auch, dass ich keine andere Chance hatte, als es zu versuchen.

Sie nickte mir zu. Ich hatte zumindest eine Verbündete, die den Wetteinsatz kannte … und die wusste, wieviel ich zu verlieren hatte.

4

Die führende Überschrift in der Samstagsausgabe des White Lake Courier lautete: „Jugendlicher wird Opfer in bizarrem Spieleladenmord.“

Ich faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in meinen Rucksack bevor ich das Haus verließ. Sie durfte mich nicht von meinem Treffen mit Donald ablenken.

Meine Nerdklamotten, die ich sonst trug, ließ ich liegen und zog eine dunkle Jeans und einen hübschen Blazer an. Sogar mit ausreichend Make-up, um die dunklen Ringe unter meinen Augen zu verdecken, sah ich scheiße aus – aber gut auszusehen wäre an einem Tag wie heute vielleicht schlimmer.

Ich kam um kurz nach neun am Laden an und war neugierig, ob die anderen Geschäfte in der Mall geöffnet hatten. Die meisten der Lichter auf den oberen Stockwerken schienen an zu sein, aber das unterste Stockwerk war dunkel, Ten Again sah verlassen aus, wo es doch geschäftig sein sollte.

Mein selbstgemachtes Schild hing traurig schief an der Tür und erklärte unser spätes Öffnen.

Als ich den Gehweg entlanglief, sah ich, dass unsere Türstufe übersät war mit lauter Kleinigkeiten und Figürchen. Jemand hatte eine winzige Kerze aufgestellt, die heruntergebrannt war, daneben ein paar Blumen und ein Bild von Wes. Ein Miniaturritter stand neben einer Star-Wars-Figur und jemand hatte mit Kreide auf den Gehweg geschrieben „Wir lieben dich, Wes!“. Ein Haufen Spielwürfel war wie zu einem Steinmännchen aufgetürmt und einige Spellcaster-Karten lehnten an einer Seite. Mein Atem war dünn, so als ob ich ihn durch ein schmales Röhrchen einsog, und nicht genug, um meine Lungen zu füllen. Armer Wes. Im Leben übersehen und im Tode verehrt. Auch wenn es zu wenig und zu spät war – es war Balsam für meine verwundete Seele.

Ich rieb mir die Augen und griff in meine Tasche. Es gab nur eine Spielkarte, die ich für Wes von meinem eigenen Spellcaster-Kartenspiel dalassen wollte: Yanil, der unsterbliche Engel.

Eine meiner besseren Karten, aber ich hätte alles gegeben, um ihre Kraft Wirklichkeit werden zu lassen. Ich würde sie auch hier auf diesem Gehweg spielen, in der kalten, wirklichen Welt, um zu schauen, was passierte. Ich zog die Karte heraus und betastete sie.

Die kleinen Opfergaben blockierten die Eingangstür. Ich wollte sie liegen lassen, aber ich musste sie umsetzen.

Ich saß also da auf dem Gehweg, gleichgültig, ob mich jemand sah, und fing an, die Weihekerze und die Spielsachen zu verschieben, damit sie unter der Fensterauslage Platz fanden. Jemand hatte eine winzige Jungfrau Maria dazugestellt. Sie wirkte ziemlich verloren, aber als ich sie neben Han Solo setzte, wirkte sie schon etwas wohliger.

Etwas übersah ich beinahe. Als ich die Karten der anderen auffächerte, um meine dazuzulegen, fiel mir eine auf: Elyssa, der Geist des Herbstes. Eine wunderschöne Karte, aber keine seltene. Ich fragte mich, welche Bedeutung sie hatte, aber dann sah ich, dass jemand das Gesicht der Frau auf der Zeichnung zerkratzt hatte.

Ich erschauderte. Es war unheimlich. Sollte ich sie wegnehmen? Oder war es als eine Art Kommentar dazu gemeint, wie Wes, lieb aber nicht ungewöhnlich, in einem brutalen, sinnlosen Akt der Zerstörung aus der Welt geschnitten worden war?

Schließlich ließ ich sie liegen und entschied, dass es falsch sei, den Ausdruck der Trauer einer Person zum Verstummen zu bringen, wie seltsam ich es auch fand.

Ich stand auf, nahm meine Tasche, ging in den Laden und schloss die Tür hinter mir ab.

Ich ließ die Lichter im Hauptverkaufsraum aus, machte aber Licht in meinem Büro, bevor ich mich daran machte, in die Mall hinauszuschielen.

 

Ten Again befand sich im untersten Stockwerk. Man musste von der zentralen Eingangshalle im Erdgeschoss die Treppe hinabgehen. Die Büros und Läden im Inneren des Untergeschosses, wie mein zusätzlicher Spielraum, hatten keine Fenster, und auch wenn mein Hauptgeschäft einen Straßenzugang hatte, befand es sich um die Ecke des eigentlichen Platzes; die Räume waren hier billiger und das war auch der Grund, warum ich es mir leisten konnte, überhaupt am Platz direkt zu mieten. Außerdem war das Potenzial möglicher Lauscher hier geringer.

 

Als ich den Gang in Richtung des Springbrunnen-Geschosses, wo Wes gefunden worden war, hinuntersah, erblickte ich nichts und niemanden – die meisten der Räume, waren nicht an den Einzelhandel vermietet, und es war ruhig und dunkel an einem gewöhnlichen Samstag. Ich bezweifelte, dass einer der Läden am Atrium es gerne gehabt hätte, dass ich meine neugierige Nase so bald nach der Tragödie in ihre Türen steckte.

Aus einer plötzlichen makabren Laune heraus schloss ich die Tür zu Ten Again, verriegelte sie und beschritt den Flur durch das verlassene Atrium. Ich ging am trockenen Springbrunnen und am Café an der Ecke der Eingangshalle vorbei. Das winzige Restaurant hatte seine Bistrostühle hereingeholt. Sie lehnten an den Fensterscheiben. Es war geschlossen und dunkel, wie die meisten der Läden auf dieser Ebene. Die Verwaltung hatte den Springbrunnen ausgestellt, das Gebäude war still und jedes Geräusch hallte von den Wänden wider. Ich hielt vor dem Aufzug und drückte den Rufknopf. Ich streckte meine Hände, während ich wartete, und schaute über meine Schulter. Mein Rücken fühlte sich kalt und entblößt an. Als der Aufzug kam, drückte ich auf die leuchtende Nummer fünf und fuhr hoch zu dem leeren Stockwerk, von dem Wes möglicherweise gestürzt war, dem höchsten Punkt im Gebäude.

Sobald sich die Aufzugstüren öffneten, eilte ich zur Balustrade und schaute hinunter. Mehr als fünf Meter weiter unten leuchtete mir der gekachelte Boden des Eingangsbereiches im Kellergeschoss entgegen. Das gelbe Absperrband der Polizei umsäumte immer noch die Mitte des Raumes. Ist Wes auf diesen Boden hinuntergestürzt? Hat ihn jemand über die Brüstung gestoßen?

Ich berührte das polierte Holz, es reichte mir bis zur Brust. Ich war einen Meter siebenundsechzig groß.

Es würde Kraft brauchen, jemanden über diese Brüstung zu stoßen, und man müsste schon einiges anstellen, um von dort herunterfallen zu können. Nein, Wes’ Tod war kein Unfall gewesen und jemand musste seinen Tod gewollt haben, damit das passieren konnte. Ich bekam Gänsehaut. Wenn die Cops irgendjemanden im Glauben lassen wollten, dass es ein Unfall war, dann einfach nur, um Panik bei den Menschen zu verhindern, die sie aus dem Gebäude und aus meinem Laden gelenkt hatten. Aber das wäre sowieso passiert. Ungeachtet wer es getan hatte, Wes starb, während er beim Spielen war. Er war wegen dieses Spiels hier gewesen, und die Wahrscheinlichkeit war groß, dass sein Mörder auch deshalb hier war. Ich wollte es nicht glauben, aber wenn ich meinen Laden schützen wollte, musste ich meine Spieler, meine Leute, mit genau demselben Misstrauen be-trachten wie die Cops es taten. Und das bedeutete, sie alle für den möglichen Mörder zu halten. Der Aufzug klingelte, er wurde gerufen, und ich drehte mich um und stieg hinein, bevor er entschwinden konnte. Es war Zeit zu gehen.

Zurück in meinem Büro ließ ich mich in meinen Schreibtischstuhl fallen. Ich öffnete meinen Rucksack und fischte das zusammengefaltete Exemplar der Samstagszeitung heraus. Die Überschrift sprang mir praktisch entgegen. „Wes Bowen, 21, wurde gestern Nacht tot in der Independence Square Mall aufgefunden, berichtete die Polizei von White Lake“. Donald muss ganz aus dem Häuschen gewesen sein, dass seinem Gebäude der erste Satz galt; ich war es ganz bestimmt, den Namen meines Ladens im zweiten Satz zu lesen. „Nach den Informationen des für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Officers Michael Spitz nahm Bowen an einem live stattfindenden Rollenspiel teil, das von Ten Again, einem Tabletop-Spieleladen im Besitz der aus White Lake stammenden Autumn Sinclair, ausgerichtet wurde. Die Polizei erklärt den Tod als mysteriös, jedoch ist noch nicht von Mord die Rede.“

Keiner war da, der einen Dollar verlangen konnte. Ich fluchte so heftig, dass mir meine Mum den Mund mit Seife ausgewaschen hätte.

Der Beitrag ging weiter über Wes Tod, seine Eltern, seine Freunde, seine Verbindungen mit dem Laden und seine Liebe zum Spielen. Natürlich wurden Live-Rollenspiele auf eine Art besprochen, die sie aussehen ließen wie einen Ausweg für ängstliche, gewalttätige Erwachsene und nicht einfach ein erwachsenes Mimen–Spiel. Ich überlas das meiste davon, da ich die Details darüber, wie der Rest der Welt uns wahrnahm, nicht brauchte. Die kannte ich schon.

Ich zerknüllte die Zeitung und warf sie in den Hausmüll anstatt in die Wiederverwertung.

Es war schlimm, so schlimm. In einigen Stunden würde der Laden aufmachen und wir würden Trauernde und Aasgeier gleichermaßen begrüßen. Aber im Moment war ich allein mit den Karten und Würfeln, den Büchern und Figürchen. Ich war zu Hause, aber ich fühlte mich einsam und verängstigt.

Zuschussgelder und Solarpanele, Ex–Freunde und Spielturniere, alles erschien gering und in weiter Ferne. Der Zuschuss war mir im Moment egal, und ich bezweifelte, dass ich zum Teufel auch nur die geringste Chance hatte, ihn zu bekommen nach dem Zeitungsartikel von heute.

Ten Again wäre berüchtigt, das Zuhause von Mörderspielen, und die Independence Square Mall wäre beschmutzt durch die Verbindung zu uns.

Meghan würde mir dafür danken, wenn sie mich wiedersah.

Aber nichts davon war jetzt wichtig.

Wes Bowen war beim Spielen gestorben und die Welt würde dem Spiel die Schuld geben.

Ohne Rücksicht auf mein sorgfältig aufgetragenes Make-Up legte ich meinen Kopf auf den Tisch und weinte.

5

Ich verkroch mich die meiste Zeit des Tages in meinem Büro, erledigte Routinearbeiten und versuchte, eigene Gedanken und unerwünschte Besucher zu vermeiden. Als meine Bürotür am Nachmittag abrupt geöffnet wurde, schreckte ich auf.

„Sie sind alle hier“, sagte Bay. Sie neigte ihren Kopf und spähte durch die Bürotür.

„Alle, die gestern am Live-Rollenspiel teilgenommen haben. Sie sind hier.“

„Oh!“ Ich schaute auf die Uhr.

 

Ich hatte beinahe den ganzen Samstagnachmittag damit verbracht, den Bericht zum Energieverbrauch des Gebäudes aus dem letzten Jahr zu studieren – faszinierendes Zeug – um mich auf die letzte Präsentation vor dem Förderausschuss vorzubereiten, sollte ich die Möglichkeit erhalten, sie vorzutragen. Was nicht passieren würde. Sie würden die Finalisten aussuchen, und ich würde nicht unter ihnen sein.

Die Recherche zu betreiben war Ablenkung, nichts anderes, und alles, was es mir gebracht hatte, war erneut das Gefühl der Unabwendbarkeit der Dinge und ein quälender Spannungskopfschmerz. Wie würden diese Gefühle gedruckt auf einem T-Shirt aussehen?

Im zweiten Spielzimmer kam Wes’ Truppe in einem Stuhlkreis zusammen.

Es sah aus wie das Treffen einer Selbsthilfegruppe, und ich schätzte, es waren Überlebende, Trauernde und verängstigte Prügelknaben. Hoffentlich nicht vor allem Letztere – ich würde alles tun, um meine Leute vor emotionaler Verwahrlosung und den Händen böser Menschen zu schützen.

Aber zuerst musste ich mich davon überzeugen, dass sie keine Schuld traf.

Olivia und José, die anderen zwei Stammgäste, saßen sich gegenüber und schauten auf den Boden. Ich sah zu ihnen hinüber, aber meine Aufmerksamkeit wanderte schnell woanders hin: in die Richtung von Nick und Paige, die zusammensaßen und Händchen hielten. Paige starrte ins Leere und war kreidebleich.

Ohne ihr Strahlen sah sie aus wie eine andere Person, älter und ernster. Mir rutschte das Herz in die Hose, als ich sie sah. Die gestrige Nacht hatte sie verändert. Bekannte sie sich zur Schuld?

Oder schlimmer, fühlte sie sich schuldig für den Tod ihres Ex-Freunds?

Hatten etwa ihre zarten Finger dabei geholfen, Wes willenlose Gestalt über die Balustrade zu werfen?

Ich schluckte. „Hallo Leute“, sagte ich in einem zu ernsten Tonfall, der falsch klang.

Ich zog mir einen Stuhl heran und gesellte mich zu ihnen. Hector nickte mir vom anderen Ende des Raumes zu. Er saß ein wenig außerhalb der Gruppe, hinter Nick und Paige. Nicht wirklich undercover, aber ich stellte mir vor, ich hätte jedes Wort ihres Gesprächs belauscht, von dem Moment an, als sie den Raum betraten.

„Wie geht es euch allen?“, fragte ich.

Einige von ihnen zuckten mit den Achseln, Paige schniefte. Nick schaute mich an.

„Was denkst du, wie es uns geht, Autumn?“

Er befand sich in seinem männlichen Alphatier-Modus, aber ich konnte ihn dafür kaum verurteilen. Es war eine dumme, unsensible Frage von mir. „Ich weiß. Ich weiß, es ist furchtbar, und es wird in der nächsten Zeit nicht besser werden.“

„Was meinst du?“ Paiges Augen waren blutunterlaufen und so geschwollen, dass sie sie nur halb öffnen konnte.

„Nun, die Cops haben euch alle verhört, nicht wahr? Und sie sind noch nicht durch damit.“

„Ich weiß nicht warum“, sagte Nick. „Es war Cody. Du weißt, dass es Cody war.“

„Wovon sprichst du?“

„Er kam herunter und schrie uns an letzte Nacht, als wir gerade versuchten zu spielen. Er stürmte auf Wes zu und begann herumzubrüllen.“

„Warum speziell auf Wes?“

Nick zuckte mit den Achseln. „Wer weiß? Freak Show. Er sagte etwas darüber, kein Feigling zu sein.“

„Aber er ging direkt danach“, sagte Olivia. Sie war mir weniger vertraut als Paige und Nick.

„Er ging zurück nach oben, nachdem du ihn angeschrien hattest.“

„Ja nach oben. Und Wes stürzte.“

Olivia verstummte und starrte Nick an, sie sah eingeschüchtert aus.

Ich hielt eine Hand in die Höhe.

„Okay, Nick, lass uns keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Cody war verärgert, aber das hat nichts zu heißen. Ich denke, jetzt ist am wichtigsten, dass wir alle darin übereinstimmen, zusammenzuarbeiten und mit der Polizei zu kooperieren, so dass wer auch immer es tatsächlich getan hat, vor Gericht gebracht wird. Das ist kein Witz, Leute. Es ist keine Übertreibung und kein romantischer Aufruf zu den Waffen – das ist die Wirklichkeit, und jemand wird dafür ins Gefängnis gehen. Die Cops haben vielleicht noch nicht entschieden, dass Wes’ Tod ein Mord war, aber es sieht sehr schlecht aus. Ich brauche euch, Leute, um mir zu sagen, was euer Spiel gestern Nacht beinhaltet hat. So detailliert, wie es euch möglich ist.“

Sie sagten es mir, Wörter kamen der Reihe nach aus jedem von ihnen herausgesprudelt.

Es war eine verschachtelte Geschichte der Vampir-Mafia, die im Geheimen White Lake beherrschte und deren geheimnisvolle Präsenz hinter jedem Regierungsmitarbeiter lauerte, deren kalte Hände sich um den Nacken der rückständigen Gesellschaft schlossen. Es war keine schlechte Geschichte, aber sie schien im ländlichen White Lake fehl am Platz, dessen Anspruch auf Ruhm mit dem schnell wachsenden Ausbau der Universität von Wisconsin einherging. Und die meisten Städter von White Lake hassten das Universitätsvolk; die einzigen Vampire hier, würden manche sagen, waren die Vertreter einer gentrifizierenden Institution, die drohten, sogar die ruhigsten Viertel von White Lake, Wisconsin, mit einer Bevölkerungsdichte von 30.000 Menschen zu kommerzialisieren.

Aber in der Welt dieser live agierenden Rollenspieler war White Lake der Sitz einer Vampirkönigin, die so alt war, dass sie Rom in Flammen gesehen hatte.

Hector gähnte. Keiner außer mir konnte ihn sehen, und ich verkniff mir ein Lächeln.

Ein Teil von mir beneidete die Spieler. Ich vermisste das aktive Live-Rollenspiel.

Als ich davon sprach, dass ich einen Game Store eröffnen wollte, sagte mir niemand, dass Spielen von nun an mein Leben beherrschen würde, das mir aber null Zeit bleiben würde für – Spiele. Außer der gelegentlich erschlichenen Spellcaster-Runden verbrachte ich jetzt meine Zeit damit, den Laden zu managen und die Spiele zu überwachen. Selbst kam ich niemals zum Spielen.

Als sie fertig waren, atmete ich tief durch.

„Also … ihr seid alle Höflinge. Und ihr habt Kriegsparteien?“

„Richtig“, sagte Paige. Über das Spiel zu sprechen, hatte sie beruhigt. Sie schniefte, aber ihre Stimme war klarer als vorher. „Wes und Nick haben zusammengearbeitet, glaube ich.“ Ihre Stimme brach wieder. „Wir sollten das nicht wissen, weißt du?“

Nick legte einen Arm um ihre Schulter. „Ich dachte, Wes spionierte uns aus, um Olivia und José zu sagen, dass wir planten, die Königin zu stürzen.“

„Ich … verstehe. Und die Königin ist … ?“

„Eine nicht gespielte Rolle.“ Die arme Königin hatte niemals eine Chance. Ich wusste, wie sie sich im Moment fühlte.

„Natürlich.“

Ich fragte mich, wieviel sie in der Nacht gesehen hatten, in der Wes starb.

Während Meghan angeblich das arme Kind gefunden und den Notruf getätigt hatte, hatte das daraus resultierende Chaos sicherlich den Rest der Spieler runter in den Keller gelockt. Sie mussten über die Wunden am Nacken von Wes Bescheid wissen.

Ich räusperte mich. „Wisst ihr alle von den, ähm, Verletzungen, die Wes hatte?“

Olivia sah verunsichert aus. „Er stürzte – “

„Er hatte Einstichwunden an seinem Hals“, sagte Nick unverblümt.

Olivia schnappte nach Luft und hielt sich mit der Hand den Mund. Ihre Augen glänzten vor Tränen.

„Wer würde so etwas tun?“

„Jemand, der möchte, dass die Leute denken, es war einer von uns“, sagte Nick.

Seine Worte hingen bebend in der Luft, die Worte, die nicht hätten ausgesprochen werden müssen. Niemand wollte es hören, niemand wollte sich damit beschäftigen, niemand wollte Nick ins Gesicht sehen, nachdem er das gesagt hatte.

Schließlich ergriff Hector das Wort. „Warum sagst du das?“

Nick ging auf ihn los. „Hast du die Zeitung nicht gelesen? Die Menschen denken, wir sind Freaks, Versager, Außenseiter. Spiele sind gewalttätig, und die Gewalt verdirbt unseren Verstand.“

„Ich denke, es sind Videospiele gemeint“, warf ich ein. „Und trotzdem, es ist nicht notwendig, uns zu Vorboten des Todes zu machen.“

„Ist es nicht?“ sagte Nick. „Ich hatte gedacht, dass ausgerechnet du etwas weniger zuversichtlich sein würdest, dass wir in der Lage seien, da herauszukommen, ohne als Geächtete da zu stehen. Du hast mehr zu verlieren, und Gott weiß, du bist haftbarer – “

„Das ist genug“, sagte Hector. Nick verstummte, und sie blickten einander wütend an.

„Ich danke dir, Hector, aber ich kann auf mich selbst aufpassen.“

Ich schaute Nick an, blendete Paiges entsetzten Gesichtsausdruck aus ebenso wie Hectors Empörung und Olivias Kasteiung. „Wenn du denkst, ich würde das nicht ernst nehmen, Nick, dann musst du noch einmal nachdenken. Dieser Laden ist mein Leben. Die Menschen, die in diesem Laden spielen, sind meine Familie. Nichts liegt mir mehr am Herzen, als jeden einzelnen von euch zu beschützen.“

Meine Stimme zitterte. „Mein Ruf bedeutet verdammt gar nichts, wenn euch unter meiner Aufsicht etwas zustößt, da meine einzige Aufgabe auf dieser Welt darin besteht, danach zu schauen, dass ihr einen sicheren Platz habt, wo ihr ihr selbst sein dürft. Es ist mir egal, was die Leute über mich oder den Laden sagen. Es ist mir sogar egal, was sie über Spieler im Allgemeinen sagen. Alles, was mir wichtig ist, ist euch einen Raum zu geben. Und ich werden diesen Raum schützen.“

Nick blinzelte als erster. Ich hatte gewonnen. „Okay“, sagte er. „Es tut mir leid.“

„Danke.“ Meine Hände zitterten, aber ich wollte nicht, dass die anderen es sahen. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und verschränkte meine Arme vor der Brust. „In dem Fall müssen wir nachdenken. Jeder von euch muss sich überlegen, wann und wo ihr Wes zuletzt gesehen habt. Wer war bei ihm? Was hat er da gerade getan? Du – ich zeigte zuerst auf José, den Spieler, den ich am wenigsten kannte. Los.“

Wir gingen reihum, jeder der Spieler teilte kleine Einblicke in Wes’ letzte Stunden.

Alle hatten ihn mindestens eine halbe Stunde vor dem Notruf nicht mehr gesehen.

Seine und Olivias Wege hatten sich gegen acht Uhr getrennt, nachdem Olivia in ihrer Rolle versucht hatte Informationen aus ihm herauszupressen. Wes war zur Toilette gegangen, ich merkte mir das – Max’ Arbeitsplatz befand sich direkt gegenüber von den öffentlichen Toiletten im Eingangsbereich. Das war allerdings noch fünfundvierzig Minuten vor seinem Tod. Wohin war er gegangen? Und wie war er schließlich bis ins fünfte Stockwerk gelangt?

Ich brachte diese Fragen zum Ausdruck, und Paige räusperte sich. „Ich habe ihn danach noch gesehen. Einmal.“

Ich sah zu ihr auf. „Hast du?“

Nick sah ebenfalls überrascht aus. „Wann?“

„Etwas nach acht. Er war aufgebracht.“

Nick legte seinen Arm um ihre Schultern. „Baby … “, sagte er in ihr Ohr. Sie wich zurück, fuhr aber fort. „Er sagte, er müsse mit dir sprechen, Autumn.“

Alle Augen waren auf mich gerichtet. „Mit mir? Warum musste er mit mir sprechen?“

„Ich weiß nicht. Er wollte aus dem Spiel aussteigen, und ich bat ihn, es nicht zu tun.“ Sie schluchzte. „Wir stritten.“ Sie sah verzweifelt aus.

„Und Craighs Freundin, Meghan, die Frau mit dem Klamottenladen, sie hörte uns, ich weiss, dass sie es tat. Ich habe Angst, sie könnte denken, ich habe Wes umgebracht, weil er nicht weiterspielen wollte.“

Mir wurde bang ums Herz. Das war genau, was Meghan denken würde.

Sie hatte Craig vor langem davon überzeugt, dass Gaming nur etwas für Psychopathen sei. Und genau das würde ihr den perfekten Vorteil im Wettbewerb um den Finanzzuschuss schaffen. Sie würde Craig möglicherweise glauben machen, dass seine Assistentin ebenfalls ein Mörder sei. Während ich nicht glaubte, Meghan hätte den Mut – oder die Kraft – Wes selbst zu töten, hatte ich keinen Zweifel daran, dass sie versuchen würde, es einem meiner Leute anzuhängen, wenn auch sie die Nadel nicht tief genug pinnen würde, so dass Blut kam.

„Du hast das so der Polizei erzählt, richtig?“

Page nickte. Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. „Ja. Und ich weiß, was sie dachten.“

„Oh.“

„Sie denken, dass ich ihn umgebracht habe – niemand außer Nick hat mich danach gesehen, nicht bis Wes gefunden wurde.“ Sie legte ihre Hand auf Nicks Bein, und er nahm sie in seine.

Es schaute nicht gut aus. Wenn Paige allein gewesen wäre, hätte niemand geglaubt, dass sie es getan haben könnte. Jedoch mit Nicks Hilfe – dem großen, starken, gutaussehenden Nick, der Paige Wes gestohlen hatte – nun, es war alles zu glaubhaft.

Aber ich hatte schon einige Law & Order-Folgen gesehen, und ich war nicht der einzige Volltrottel, der einwerfen würde, dass alle Beweise nur Indizien waren. Und das Motiv hielt dem einfach nicht stand. Sie brachten Wes um, nachdem Paige ihn bereits sitzen gelassen hatte, weil er aus einem Spiel aussteigen wollte? Wenn alles, was jemand im Sinn hatte, ein Spiel der Verleumdung war, dann nehme ich an, das Argument würde greifen, aber das war ein langer Weg für ein kleines bisschen Eiscreme.

„Du musst dir keine Sorgen machen“, schwindelte ich. „Jedenfalls hast du mich gleich angerufen, als Wes starb – du konntest nicht sehr gut an zwei Orten gleichzeitig sein, oder?“ Paige wurde bleich um die Nase und Nick schaute mich mit wilden Augen an. Ich kam ins Stocken. „Ähm, sofern Du mich deshalb angerufen hast?“

Paige zwinkerte mit den Augen. „Ja. Ich hatte Angst.“

Die anderen schauten uns neugierig an, und ich konnte mir meinen verdatterten Gesichtsausdruck gut vorstellen. „Okay. Ja. Also, jedenfalls – “

„Du hast Autumn angerufen?“ fragte José misstrauisch.

Ich war ein bisschen erstaunt. Er kannte mich nicht mal, und nun war ich „Autumn“, und er war völlig schockiert, dass Menschen mich anriefen. Ich öffnete den Mund, aber Nick kam mir zu-vor. „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.“

„Du bist sehr schnell dabei, Cody zu beschuldigen – “

„Ich dachte, wir wollten zusammenarbeiten“, murmelte Olivia.

„Ja, kommt, Leute“, unterbrach ich. „Es ist nicht notwendig zu – “

Die Tür zum Gang öffnete sich und Bay erschien, sie war blass. „Ähm“, sagte sie. „Die Polizei ist hier.“ Ich öffnete meinen Mund, um zu fragen, ob sie einen Durchsuchungsbefehl hätten, aber jahrelanges Training durch Jordan hatte mich gelehrt, dass es niemandem half, streitlustig zu werden. Am besten war es, zunächst höflich zu sein.

„Oh? Also, willkommen“, sagte ich, als Detective Keller und ein Mann, den ich nicht wiedererkannte, eintraten. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Detective Keller schaute durch mich hindurch Nick an. „Mr. Lawlis? Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns hinaus in den Gang zu begleiten? Wir würden gerne kurz mit Ihnen sprechen.“

Wir alle drehten uns auf einmal zu Nick um und starrten ihn an. Er war grün um die Nase, aber seine Tapferkeit hatte ihn nicht verlassen. Er stand auf. Paige blieb dicht hinter ihm. „Wollen Sie mich festnehmen?“

Der Blick des Detective flackerte, als sie von Nick zu mir und wieder zu Nick sah.

„Nein. Aber wir würden es begrüßen, wenn du trotzdem mitkommen würdest, um mit uns zu sprechen.“ Nick öffnete seinen Mund, um zu protestieren, aber Detective Keller sprach weiter.

„Miss Harding, wenn Sie uns doch bitte auch begleiten würden.“

Die Gefahr für Paige – auch wenn er sie sich einbildete – war zu viel für Nick.

„Nein!“ schrie er. Explosionsartig kam er in Bewegung und schob Page vor sich her, als ob sie irgendwohin rennen müssten. Stattdessen stolperte sie über einen Stuhl, während er auf den anderen Cop stürzte. Paige und der Stuhl landeten auf dem Boden. Olivia schrie auf.

Der Cop bekam Nick leicht zu fassen und hielt ihn am Kragen wie ein ungezogenes Katzenjunges. Paige schluchzte und brachte Nick dazu, lauter zu brüllen. Detective Keller schrie ihrerseits Nick an. Die Truppe der Rollenspieler war mittlerweile auch aufgestanden, und Olivia sagte „Sie können ihn nicht mitnehmen! Sie haben keinen Haftbefehl!“

„Wir möchten lediglich mit dir reden, Junge“, sagte der Cop in Uniform zu Nick, der um sich schlug und versuchte, sich loszureißen.

Seufzend verschaffte ich mir mit meinen Ellenbogen einen Weg vorbei an dem kämpfenden Knäuel aus Nick und dem Cop und bückte mich zu Paige, um ihr wieder auf die Füße zu helfen.

Ich befreite sie vom Staub, schaute ihr fest in die Augen und sagte: „Ruf deine Mutter an. Jetzt.“

Sie nickte, als ob ich sie zur Vernunft gebracht hatte. Wie in Ekstase drehte sie sich um und schritt zur Tür. Bay legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie über den Gang.

Mittlerweile zerrten die Cops Nick auf den Boden.

Er hatte es geschafft, sich eine blutende Nase zu holen – oder sie sich selbst zu geben – während er sich sinnlos gewehrt hatte, und er sah ziemlich aus wie ein Schwerverbrecher, als er mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. „Autumn – “

„Tu es nicht“, sagte ich mit meiner bossigen Stimme.

„Du musst jetzt mit ihnen gehen, ob du es willst oder nicht. Sag nichts, und wenn ihr auf der Polizeistation seid, dann ruf deine Eltern an. Sie werden sich um einen Anwalt und alles weitere kümmern.“

Er nickte.

Ich fühlte mich wie eine alte Frau. Paige and Nick waren ein Jahrzehnt lang meine Junioren gewesen, aber ich konnte fühlen, wie mein Haar nun ergraute, eines nach dem anderen, und wie mich das auf meinem langsamen Weg in den Wahnsinn begleitete. Die anderen Spieler verließen nach Nick und den Cops den Raum und ließen Hector und mich in diesem Trümmerhaufen zurück.

„Wow“, sagte Hector.

„Amen.“

„Hast du Paige gesehen, als du sie auf diesen Anruf angesprochen hast? Wie ein Reh im Scheinwerferlicht.“

„Nein, habe ich nicht.“ Unsere Blicke trafen sich, Hectors Augen funkelten.

„Sie drückte Nicks Hand so fest, als ob seine Worte dadurch drinnen blieben.“

„Sie wollte den Anruf vor den anderen geheimhalten – “

„Ja, oder sie wollte etwas vor dir geheimhalten.“

„Zum Teufel.“

Hector streckte seine Hand aus, die Handfläche nach oben.

„Und zum Teufel mit dir“, sagte ich hinterher, und suchte nach meinem Geldbeutel.

6

Die anderen Rollenspieler verließen den Laden als ob sie von Dementoren begleitet würden und hinterließen eine Aura von Stille und Verzweiflung. Ein Geschnatter brach jedenfalls aus, sobald sie gegangen waren und ich wusste, dass die Neuigkeit von Nicks Inhaftierung über die Sonntagszeitung in der ganzen Stadt verbreitet werden würde. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, stieß Bay einen langen, tiefen Pfeifton aus.

„Nicht gut“, sagte sie.

„Nein.“ Ich wandte mich an sie. „Wie sind unsere Verkaufszahlen heute?“

Sie verzog ihr Gesicht. „Du wirst nicht zufrieden sein.“

Ich reckte meinen Hals, um auf den Kassenbildschirm zu schauen.

Als mir die heutigen Verkaufssummen angezeigt wurden, machte ich große Augen.

„So schlecht?“

„Ja. Nur ein paar wenige Spellcaster-Verkäufe. Jeder, der hereinkam, wollte entweder reden oder er brachte Sachen für – also du weißt schon.“ Sie nickte in Richtung des Gehwegs.

„Ein paar Reporter waren auch hier“, sagte Hector. Bay stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

Er rümpfte die Nase. „Sie muss es wissen.“

„Was?“

Bay seufzte. „Sie haben uns über dich befragt, über den Laden und über die Spiele. Sie sind vorbeigekommen, als die Polizei verkündet hatte, dass sie bezüglich Wes’ Tod nun offiziell einen Mordfall untersuchten. Ich hab’ nicht viel gesagt – ich bin ziemlich sicher, sie wollten, dass ich sage, dass die Spiele zu Satanismus und Okkultismus und zum Opfern von Babys führten.“

„Oh, das Übliche also.“

„Das Übliche.“

Ich zog mich auf den Tresen hinter der Kasse.

„Ich nehme an, du hast ihnen von der Gefriertruhe mit den toten Babys erzählt, die im Büro steht?“

„Natürlich nicht, aber ich habe ihnen ein Bein von der toten Ziege angeboten, die wir im Gang lagern.“

„Ihr seid nicht annähernd so lustig, wie ihr denkt“, sagte Hector. Er wandte sich an Bay. „Wenn du nicht wolltest, dass ich ihr davon erzähle, warum machst du Witze darüber?“

„Was sollen wir denn sonst tun? Sie kommen vorbei und

schreiben ihre Storys unabhängig davon, was wir tun oder sagen. Und trotzdem, es ist lustig. Sie wollen, dass wir grausam sind, dass wir Jugendliche korrumpieren und Babys schlachten, und sie haben nicht die leiseste Idee, was Nerdkultur überhaupt bedeutet.“

„Oh nein, fangt nicht wieder mit Nerdkultur an. Letztes Mal saßen wir hier eine Stunde lang.“

„Aber es ist wichtig, dass wir über unser Image nachdenken“, sagte Bay nachdrücklich.

Ich schaltete mich ein. „Okay, aber lasst uns über unser Image später nachdenken. Danke, dass ihr mir von den Reportern erzählt habt. Ich schätze es sehr, dass du mich schützen willst, Bay, aber ich muss über diese Art von Dingen Bescheid wissen. Habt ihr die Rundmail mit der Turnierabsage verschickt?“

Sie nickten.

„Gut. Lasst uns anfangen, über Wege nachzudenken, wie wir unser Geschäft wieder ankurbeln können. Wir können den Entwurf und das Turnier verschieben, vielleicht auf dann, wenn die ersten Erweiterungspakete erscheinen, aber ich denke, wir müssten schon früher etwas tun – “

„Wir sollten eine Gedenkfeier ausrichten“, sagte Bay.

„Was?“

„Eine Gedenkfeier für Wes. Es muss nicht supertraurig oder so etwas sein – eher eine Art Leichenschmaus. Die Leute können kommen, sie können ihre Geschichten zum Besten geben. Und wir spielen ein paar von den Spielen, die er mochte.“

„Du willst Geld aus der Trauer der Menschen schlagen?“, sagte Hector verdrossen.

Bay schaute erschrocken auf. Ich stärkte ihr den Rücken.

„Nein, nein, so ist es nicht. Es wird den Leuten einen sicheren Raum geben, um zu trauern, und es wird ihnen helfen, weiterhin Vertrauen in den Laden zu haben. Wenn sie ihn als einen Zufluchtsort sehen und nicht als eine Bedrohung, werden sie uns nicht verlassen. Und außerdem“, sagte ich und mein Verstand eilte mir voraus, „wir könnten jemanden von der Zeitung dazu einladen. Sie machen ein paar nette, traurige Fotos, die in der Zeitung erscheinen, und die Leute werden sehen, wie nett und normal wir alle sind.“

„Das ist genial“, sagte Bay.

„Ja, oder? Und nicht völlig eigennützig, da es für Wes sein wird.“

„Was ist mit Paige und Nick?“, fragte Hector.

Ich kaute an meinem Daumennagel. Sie waren der Knackpunkt. Paige, Nick und Cody.

Alle verdächtig, alle eng mit dem Laden verbunden. Ich wollte nicht herzlos erscheinen und sie einladen und dabei die Möglichkeit ignorieren, dass sie in den Tod des Jungen verwickelt sein könnten, um den wir alle trauern wollten. Auf der anderen Seite war es eine Tragödie für die gesamte Ten Again-Gemeinschaft, insbesondere für Wes’ Freunde.

Wir mussten Wes eine Ehre erweisen und wir durften unserer Paranoia nicht erlauben, dass wir uns gegen unsere Familie richteten.

Ich ließ meine Hand zurück in den Schoß fallen. „Wir werden sie nicht explizit einladen, aber wenn sie dazukommen möchten, werden wir damit umgehen. Ich glaube nicht, dass auch nur einer von ihnen eine Szene machen würde, aber es wäre auch nichts dabei, sie zu bitten zu gehen, wenn ihre Anwesenheit irgendjemanden stören würde.“

„So machen wir es dann also?“, fasste Hector zusammen.

„Naja, hast du eine andere schlaue Idee?“, fragte ich.

„Soweit ich weiß, ist keiner von ihnen in Haft. Wir können sie nicht einfach rauswerfen. Wes und Nick waren beste Freunde. Paige war früher die Freundin von Wes. Sie haben mehr als alle anderen das Recht, an seiner Gedenkfeier teilzunehmen.“

Es sei denn, sie haben Wes umgebracht. In diesem Fall wäre es ein ziemlich großer Fauxpas meinerseits, sie dazukommen zu lassen.

Die Ladentür zur Mall ging auf und Donald kam herein. Sein Gesicht glänzte unter seinem dünner werdenden Haar. Ihm auf den Fersen folgte Meghan, gleichmütig und gestylt wie immer. Sie trug eine dunkelviolette Bluse, einen schwarzen Rock und High Heels, von denen ich kaum glauben konnte, dass sie sie den ganzen Tag in ihrem dummen, modischen Laden trug. Ihre Mundwinkel hingen zornig nach unten, aber ihre Augen lächelten.

„Hallo“, sagte ich. Zeit für das Meeting, das Donald erbeten hatte, vermutete ich. Und schlimmer, er brachte Verstärkung mit. Dies würde der längste und schlimmste Samstag meines gesamten Lebens werden. Ich ließ mich vom Tresen gleiten und ging zu ihnen.

„Ich habe gerade erfahren, dass die Polizei den Tod des

jungen Mannes als Mord deklariert hat“, sagte Donald ohne Einleitung.

„Ja, ich habe es gehört.“ Ich schaute von Donald zu Meghan. Ich konnte verstehen, warum sich Donald mit mir treffen wollte, aber ich konnte nicht erkennen, welche Rolle Meghan hier zukam.

Donald sah, wie ich sie mit meinem Blick fixierte, und sagte: „Wir haben gesehen, wie die Polizei einen jungen Mann aus diesem Laden mitgenommen hat.“

Meghan neigte ihren Kopf, als ich sie anstarrte. „So erschütternd“, sagte sie.

„Ich war jedoch nicht zu überrascht. Ich habe gestern Nacht gehört, wie der Junge und seine Freundin mit dem Jungen gestritten haben, der gestorben ist. Es sieht nicht gut aus, oder?“

Augenblick, sie hatte gehört wie Nick und Wes stritten? „Bist du sicher, dass es das ist, was du gehört hast?“ fragte ich sie. „Weil er sagte – “

„Oh, du spielst Miss Marple, was?“ Sie schmunzelte. „Oder diese andere, das Mädchen, das Vampire bekämpft. Sie hatte so ein paar idiotische Freunde, die ihr halfen – “

„Buffy“, sagte Hector helfend.

Ich übernahm. „Was geht dich das überhaupt an, Meghan?“

„Naja, die Polizei wollte, dass ich mit ihnen spreche. Es scheint, als ob ich wohl die einzige Zeugin sei, die von den Geschehnissen der gestrigen Nacht so viel mitbekommen hatte. Und dann habe ich natürlich den armen Jungen gefunden – “ Sie brach ab und legte eine Hand auf ihren Mund, als ob die Emotion sie übermannt hätte. So gespielt.

Donald legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Tu nicht so, als ob es dich kümmern würde“, sagte ich.

Donalds Augen weiteten sich. „Autumn, das ist furchtbar. Meghan hatte einen Schock – so wie wir alle, und wir müssen uns gerade jetzt gegenseitig unterstützen.“

„Aha.“

Meghan hob ihren Kopf und betupfte kunstvoll ein Auge.

„Danke, Donald.“ Sie rückte einen Schritt von ihm weg.

„Ich wollte vertraulich mit dir reden, Autumn.“ Donald schaute

Bay und Hector an.

Vertraulich – mit Meghan. Ich hatte so ein Gefühl, dass ich dieses Gespräch nicht mögen würde.

„Natürlich“, sagte ich in einem erzwungen heiteren Ton.

„Lasst uns rübergehen.“ Ich führte sie die wenigen Treppenstufen hinauf und wieder zur Tür hinaus. Als ich den Raum verließ, drehte ich mich zu Hector und Bay um, die zusammen hinter der Kasse standen. Bay warf mir ein ermutigendes Lächeln zu, Hector schaute jedoch so aus als wolle er Donald eine auf seine gerötete Nase hauen.

Großartig. Selbst meine Angestellten dachten, ich wäre im Begriff durch den Reißwolf gedreht zu werden.

Im extern gelegenen Spielzimmer nahm ich drei der Stühle, die Nick während seines Fluchtmanövers im Weg gewesen waren und schob sie an einen Tisch in der Mitte des Raumes. Meghan und Donald setzten sich beide auf die Seite mir gegenüber wie Mitglieder einer Jury. Ich ahnte, dass ich keine faire Anhörung zu erwarten hatte, aber ich würde trotzdem etwas Nützliches aus Allem ziehen.

„Ich war überrascht, dich so spät gestern Abend auf der Polizeibehörde zu sehen“, sagte ich zu Donald.

„Wie? Oh, ja.“ Als ob er sich nicht erinnern könnte. Er blickte zur Seite, zu Meghan.

„Die Polizei befragte mich über die Sicherheit des Gebäudes und den Zugang. Solche Dinge.“

„Du warst auch lange hier gestern Abend.“ Ich hoffte, neugierig zu klingen und nicht anklagend.

„Ja. Die Polizei fragte sich, ob ich jemand Ungewöhnliches gesehen hatte, aber ich war natürlich in meinem Büro. Und um Viertel nach acht war ich sowieso weg. Craig MacLeod und ich gingen gemeinsam. Wir hatten gestern Abend eine Besprechung im Laden.“

Er machte eine komische Bewegung mit seinen Armen, halb ein Achselzucken und halb eine ausladende Geste und schaute dabei zu Meghan, die ihm ihr schmallippiges Lächeln zuwarf.

„Und ich erzählte ihnen von den Sicherheitsvorkehrungen des Gebäudes und von der Ausnahmeregelung, die deine Kunden unterschreiben, wenn sie das Gebäude für ihre Spiele nutzen, und all das.“

„Gut, gut“, sagte ich, als ob ich diese Diskussion bereits mit den Cops gehabt hätte.

„Hat Max jemanden gesehen? Du sagtest, du würdest mit ihm sprechen, bevor du gestern Abend gingst. Und er hat doch diese Sicherheitskameras … “

Donald rutschte auf seinem Stuhl herum. „Ah, ja, okay. Diese Kameras sind mehr eine Vorsichtsmaßnahme als etwas anderes.“

„Was soll das heißen?“ Ich schaute zu Meghan, aber sie reagierte nicht. Sie und Donald wirkten so vertraut, sie wusste bestimmt schon von den Kameras.

Er seufzte. „Sie sind nicht angeschlossen. Budgetkürzungen, du weißt schon – “

Er winkte mit einer Hand, dann legte er sie förmlich auf den Tisch und sah mir direkt in die Augen.

„Die Geschäfte laufen schlecht.“

„Das ist mir bekannt.“ Meine Stimme klang kleinlaut und steif.

Donald wandte mir sein ernstes, sympathisches Eigentümer-Gesicht zu.

„Autumn, wir müssen darüber reden, wie es in den nächsten Wochen weitergeht.“

„Was meinst du?“

„Nun ja, der Laden und das Gebäude erhalten bereits viel Aufmerksamkeit. Zunächst durch die Zuschussvergabe und jetzt mit alldem.Das öffentliche Interesse ist groß. Und nicht alles davon ist positiv. Ungeachtet, was man sagt, nicht alle Werbung ist gut.Und manche ist sogar sehr schlecht. Wir müssen sowohl die Interessen der Unternehmen im Gebäude als auch die Sicherheit der Kunden wahren. Und in der Zwischenzeit müssen wir alles Erdenkliche tun, um die Auswirkungen dieses Zwischenfalls zu minimieren.“

Mir fiel die Kinnlade durch diesen plötzlichen Themenwechsel herunter.

„Ein Junge ist gestorben und du bist um deinen Ruf besorgt?“

Meghan schaltete sich ein. „Du weißt, dass Donald das so nicht gesagt hat, Autumn. Aber der Laden und das Gebäude stehen nun unter großer Beobachtung. Und es ist so eine wichtige Zeit und die Zuschüsse stehen auf dem Spiel. Dieses Gebäude braucht die Aufmerksamkeit, ob es die Pläne zu seiner Erhaltung sind, für die ich stehe, oder auch deine Umgestaltung. Donald und ich haben uns unterhalten, und wir befürchten beide, dass das Gerede, das dein Laden im Moment anzieht, sich auf den Ruf des gesamten Gebäudes ausweiten wird.“

Ich wollte sprechen, aber mir kamen keine Worte in den Sinn. Ich starrte beide an, mein Herz klopfte. Donald wich zurück, als ob er sich in seine Schale verkriechen wollte, aber Meghan blieb selbstsicher und neutral. Zu neutral.

„Was soll ich eurer Meinung nach tun?“

„Wir finden, es wäre am besten, wenn du deinen Namen vom Bewerberpool um den Finanzzuschuss zurückziehen würdest.“

Da war es.

„Und was sollte meine Begründung dafür sein?“

„Du empfindest es angesichts der Lage als unpassend?“, schlug Meghan vor.

„Es ist ein triftiger Grund.“

Ich schloss die Augen und atmete tief und langsam durch.

„Seht, meine Vorhaben für den Zuschuss sind gut. Die ganze Werbung durch den Zuschuss ist gut. Ich verstehe, warum ihr besorgt seid, aber es tut niemandem von uns weh, das Geld zu bekommen, um das Gebäude ökologisch aufzuwerten. Es wird sogar helfen gegen die schlechte Presse – die Menschen werden sich durch die Aufrüstung an mich erinnern, an den Laden, an das Gebäude. Und sowieso werden sie die Finalisten am Montag bekanntgeben. Es spielt vielleicht nicht mal eine Rolle.“ Ich strengte mich sehr an, damit sich meine Stimme nicht flehend anhörte. Bis jetzt war mir nicht bewusst gewesen, wie sehr ich diesen Zuschuss wollte.

„Lasst mich einfach bis zur Bekanntgabe warten.“

Meghan schaute Donald an. „Sag wenigstens, dass du es dir überlegen wirst“, sagte er.

„Natürlich werde ich das. Wir sind alle immer noch erschüttert, aber ich habe Pläne, um die Gesamtsituation zu verbessern. Ich denke, wir werden nächste Woche eine Gedenkfeier für Wes ausrichten, und das wird allen Beteiligten nur guttun.“

Meine Worte überschlugen sich und sprudelten aus mir hinaus wie Sand aus einer zerbrochenen Sanduhr. Donald sah konsterniert aus.

„Autumn, ich weiß nicht – es wird alles in allem vielleicht besser sein, wenn du den Betrieb aussetzt, bis sie entscheiden, ob diese heute festgesetzten jungen Leute tatverdächtig sind.“

„Ihr wollt, dass ich den Laden schließe?“

„Nein, nein, das habe ich nicht gesagt. Aber es wäre vielleicht das Beste – es würde dir Zeit geben, über den Zuschuss nachzudenken, zu überlegen, ob du weiterhin das öffentliche Interesse auf dich ziehen möchtest. Vorübergehend zu schließen, würde allen etwas Abstand ermöglichen.“

„Das öffentliche Interesse auf mich ziehen? Denkst du, dass ich all diese Aufmerksamkeit will, dass ich es will, dass Reporter hier herumhängen und meine Angestellten ausfragen? Dass ich jede Woche mit dem Stadtrat ein Meeting haben will und dass es mir gefällt, all das zu tun, ohne die Zeit zu haben, mich um die Leitung meines Geschäfts zu kümmern, um meinen Spielern einen sicheren Ort zu schaffen?“

Ich hielt inne, außer Atem. Ich sah verschwommen, hatte aber keine Tränen in den Augen. Ich konnte praktisch das Blut sehen, das unter meiner Haut kochte.

„Hör dich an, Autumn“, sagte Meghan mit ruhiger Stimme.

„Es gefällt dir nicht mal, dich um die Fördergelder zu bemühen. Warum lässt du sie nicht ziehen und ersparst dir den Stress? Du bist schon am Kämpfen. Niemand würde es dir übelnehmen.“

„Du hast keine Ahnung, was zum Teufel du da sagst. Du hast kein Recht, mir zu sagen, was ich mit meinen Laden zu tun habe, Gerüchte zu verbreiten und dich zu benehmen, als ob du hier die Leitung innehättest.“ Ich fuhr sie an. „Nebenbei, mich aus dem Wettbewerb um die Fördergelder zurückzuziehen, hat nichts mit dem Schließen meines Ladens zu tun.“

„Nun, Ladies“, sagte Donald gereizt. „Streitet nicht. Autumn, wir wollen das Beste für dich und den Laden. Das ist der einzige Grund, warum wir vorschlagen, dass du etwas kürzertrittst.“

Falsch. Meghan wollte mich aus dem Rennen um die Zuschussgelder haben, um ihre Chance zu vergrößern. Donald wollte sein Bankkonto schützen. Ich stand auf.

„Ich werde darüber nachdenken. Aber ich schließe nicht – das ist keine Option. Zu schließen wäre so, als ob ich einräumte, dass der Laden und die Spiele eine gewisse Rolle bei Wes’ Tod gespielt haben und das ist einfach nur absurd. Und darüber hinaus sollte diese Woche eine der geschäftigsten des Jahres sein – wenn ich zumachte, würde ich viel verlieren. Den Laden jetzt dicht zu machen, würde auch dich treffen und es würde eine weitere Ladenfläche im Gebäude leer stehen. Wenn du dir solche Sorgen machst, wie Geld verdient werden kann, dann solltest du mir helfen, und nicht versuchen, mir den Laden dicht zu machen.“

Ich holte Luft und schaute zu Meghan.

„Und du hast recht. Ich mag die Aufmerksamkeit nicht und ich mag es auch nicht, die Präsentationen zu erstellen, nichts davon mag ich. Aber ich glaube fest an meine Bewerbung um den Zuschuss. Sollte ich jedoch entscheiden, dass es das beste sei, sie zurückzuziehen, dann werde ich es tun, aber ich werde es sicher nicht tun, um dir das Leben leichter zu machen.“

Beide starrten mich an. Meghan hatte immer noch ihre coole, neutrale Maske auf, aber Donalds Gesicht war rot geworden. Offenbar hatte ich diese Wirkung auf ihn. Er stand auf.

„Autumn, bitte sei vernünftig. Ich verstehe deine Lage, aber ich bitte dich, auch die Situation der anderen im Gebäude zu berücksichtigen. Du bist nicht die Einzige, die einen Ruf zu verlieren hat.“

„Nein, aber anscheinend bin ich die Einzige, die sich keine Sorgen darüber macht, inwieweit ein Todesfall ihre Verkaufszahlen beeinträchtigt.“

Ich war zu weit gegangen, und ich wusste es in dem Moment, als ich die Worte ausgesprochen hatte. „Es tut mir leid, Donald“, sagte ich. Ich würde mich nicht bei Meghan entschuldigen – Donald war wirklich besorgt, aber Meghan versuchte aus seinen berechtigten Ängsten Nutzen zu ziehen.

„Ich denke darüber nach. Ich schwöre es. Ich nehme mir einen Tag Zeit, um zu überlegen, und ich werde am Montag mit dem Ausschuss sprechen. Sollte es danach aussehen, dass ich aus dem Rennen bin, dann ist es in Ordnung, und wenn sie meinen, dass ich mich zurückziehen soll, dann werde ich es tun.“ Vielleicht. Ich wusste es nicht, in der Tat, aber ich musste mir etwas Zeit verschaffen. Wenn wir beweisen konnten, dass der Mord nichts mit den Spielen zu tun hatte, gab es keine Notwendigkeit, meine Bewerbung zurückzuziehen. Aber wie sollte ich einen Mordfall in einem Tag aufklären? Ich hatte keine Ahnung. Donald schien durch meine Entschuldigung besänftigt.

„Bitte denk darüber nach. Und lass mich wissen, was du bezüglich der Ladenaktivitäten vorhast.“

Er zögerte und fügte hinzu: „Wenn du dich für eine Gedenkfeier entscheidest, wäre ich gerne dabei.“

Eine sehr freundliche Geste. Ich lächelte. „Natürlich.“

Ich ging zur Seite, um sie beide aus dem Raum zu lassen. Mein Herz schlug immer noch wie wild von meinem kleinen rebellischen Auftritt. Ich mochte Konfrontationen nicht, noch nie. Ich rieb meine schwitzigen Hände an meiner Jeans, bevor ich Donald die Hand gab, um ihn zu verabschieden. Meghan schwänzelte hinter ihm her.

„Du machst einen Fehler“, sagte sie.

„Danke für deine Meinung.“

„Der Tod dieses Jungen kam genau zum falschen Zeitpunkt für dich, Autumn. Wenn du ein klein wenig Verstand hättest, würdest du nachgeben und tun, was Donald sagt, und die Publicity sich legen lassen. Indem du im Rennen um die Fördermittel bleibst, gibst du der Geschichte nur weiter Futter. Ich verspreche dir, es wird noch schlimmer für dich.“

„Ist das eine Drohung?“

Sie grinste. „Ach bitte. Ich beschreibe nur, was ich sehe.“

„Für jemanden, der kürzlich einen ‚Schock erlitten hat‘, bist du schrecklich scharfzüngig.“

„Ich bin zäher, als ich aussehe.“ Sie wandte sich zum Gehen. Ich ließ sie, denn ich hatte keinen Bedarf unseren kleinen Zwist auszuweiten. Sie war zäh – zäh wie Lackleder, glänzend und undurchdringlich.

Erschöpft ging ich zurück zum Laden. Es waren keine Kunden da. Bay und Hector sahen, wie ich hereinschlich und Bay reichte mir eine Tasse Kaffee, als ich auf den Stuhl hinter der Kasse sank. Ich erzählte ihnen, was Donald gesagt hatte, von Meghans Drohungen und meiner wilden Hoffnung, den Laden und die anderen Spieler verteidigen zu können, bevor man mich zwang, den Schwanz einzuziehen und mich unter dem Bett zu verstecken.

„So, nun muss ich einen Plan aushecken, wie ich in den nächsten sechsunddreißig Stunden einen Mordfall aufkläre. Oder ich muss mich am Ende aus dem Wettbewerb um die Fördermittel zurückziehen und alle Zeit und Mühe waren umsonst. Mich beschleicht das Gefühl, Donald wird seine Beziehungen spielen lassen und mich für ein paar Tage schließen lassen, wenn ich es nicht tue.“

„Das kann er nicht tun“, rief Bay aufgebracht.

„Warte – “, sagte Hector. „Du musst keinen Mordfall lösen.“

„Muss ich nicht?“

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    Kristin McFarland (Autor)

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Titel: Mörderisch verspielt